Einleitung

Bei einer Betrachtung der Geschichte wird sonnenklar, dass die edlen Propheten stets die menschliche Gesellschaft neu geordnet haben. Sie riefen die Menschheit zu einem grundlegenden Ideal auf und verbanden diejenigen, die diesem Aufruf folgten, in einem neuen Band der Einheit. Die Menschengruppe, die in verschiedene Parteien, Stämme und Familien gespalten war, die untereinander blutdürstig und Feinde der Ehre des jeweils anderen gewesen waren – infolge dieses Aufrufs wurden sie zu Brüdern und zu Hütern der Ehre des jeweils anderen. Durch diese Einheit wurde eine neue Kraft entfesselt, und dieser Aufruf schuf die bedeutendste Geschichte der Welt und wurde zum Antrieb für die Gestaltung der großartigsten Kultur. Auf diese tiefgründige Wahrheit hat der Koran in seiner eigenen unvergleichlichen Ausdrucksweise hingewiesen:

واذكروا نعمة الله عليكم اذ كنتم اعداء فالَّف بيت قلوبكم فاصبحتم بنعمته اخوانا وَّ كنتم على شفاء حفرة من النار فانقذكم منها –

„Und gedenkt der Gunst Allahs, als ihr einander erbitterte Feinde wart und Er eure Herzen miteinander verband, sodass ihr durch Seine Gnade und Barmherzigkeit Brüder wurdet. Ihr standet wahrlich am Rand einer Feuergrube. Dann rettete Er euch daraus (und bewahrte euch vor der Vernichtung).“ Āl ʿImrān: 103

Die edlen Propheten riefen die Menschheit mit diesen Worten auf:

واعتصموا بحبل الله جميعا ولا تفرقوا –

„Haltet allesamt fest am Seil Allahs (werdet einig) und spaltet euch nicht voneinander.“

Diese Einheit des Islam ist nicht nur eine gesetzliche, äußerliche Einheit, sondern eine Einheit der Herzen. Der Islam betrachtet die bloße gesetzliche Einheit nicht als wahre Einheit; vielmehr will er das Fundament dieser äußeren Einheit in den Herzen der Menschen verankern. Ihre eigentliche Quelle ist die Einheit des Glaubens und der Weltanschauung, die Einheit der Hoffnungen und Wünsche sowie die Einheit der Entschlüsse und Herzensregungen. So wie er äußerlich alle in einem Band der Einheit miteinander verbindet, verbindet er sie auch innerlich durch eine Beziehung der „Uḫūwa“ oder Brüderlichkeit. Und es ist wahr: Erst wenn sich beide Merkmale vollständig zeigen, entsteht wahre Einheit. Denn eine künstliche Einheit ist niemals dauerhaft; Herzen voller Hass und Feindseligkeit können sich niemals verbinden. Eine Lüge kann niemals irgendeine Einheit schaffen. Eine auf Eigennutz beruhende Einheit bleibt lediglich eine Quelle der Spaltung und Uneinigkeit. Auch rein rechtliche Bindungen können keine Grundlage für echte Verbundenheit oder Freundschaft schaffen. Deshalb hat der Islam das Fundament der Einheit auf Iman, Liebe und Selbstaufopferung errichtet. Die auf diesem Fundament errichtete Beziehung wird zu einer derart starken Mauer, dass selbst gewaltige Stürme, wenn sie mit ihr zusammenprallen, nur ihr eigenes Haupt zerschmettern können, ihr aber keinen Schaden zufügen.

Darüber hinaus entwickelt sich in der Gesellschaftsordnung, die auf dieser Grundlage errichtet wird, anstelle von Streit und Konflikten eine Haltung der Zusammenarbeit und gegenseitigen Fürsorge. Dort ist jeder dem anderen eine Stütze, ein Förderer und ein Helfer. Dort lässt man denjenigen, der zu fallen droht, nicht fallen; vielmehr werden ihm zu seiner Unterstützung unzählige Hände entgegengestreckt. Dort lässt man denjenigen, der zurückgeblieben ist, nicht zurück, sondern hilft ihm in jeder Hinsicht und führt ihn voran. Diese Gesellschaft befähigt den Einzelnen, sich seinen Problemen zu stellen, und übernimmt die Aufgabe, denjenigen festzuhalten, der zu stürzen droht.

Für die Mitarbeiter der Islamischen Bewegung ist es eine unabdingbare Pflicht, die Grundlagen, auf denen der Islam seine sozialen Beziehungen aufbaut, gründlich zu verstehen und ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten dafür einzusetzen, dieses Ziel zu verwirklichen.

Unser verehrter Freund und lieber Bruder Khurram Jah Murad hat dieses Buch verfasst, um dieses grundlegende Bedürfnis der Mitarbeiter der Islamischen Bewegung zu erfüllen. Khurram Sahib gehört zu den wenigen jungen Menschen dieses Landes, die trotz einer westlichen Ausbildung besondere Anstrengungen unternommen haben, religiöses Wissen zu erwerben, und auf diesem Gebiet beträchtliche Leistungen erzielt haben. Wenn man tatsächlich eine Blume an ihrem Duft erkennen kann, dann wird auch dieses Werk dabei helfen, seine Gedankenwelt und seine Sichtweise zu verstehen. Das zur Diskussion stehende Thema hat in Wirklichkeit drei Aspekte:

Erstens: Welche grundlegenden Eigenschaften möchte der Islam im Charakter des Einzelnen verwirklicht sehen, um eine soziale und umfassende Lebensordnung aufzubauen und sie stabil zu erhalten?

Zweitens: Welche Dinge zerstören und schwächen diese Grundlagen, damit man sich vor ihnen hüten kann?

Drittens: Welche Eigenschaften stärken und vervollkommnen diese Grundlagen, damit man sie sich aneignen kann?

Der verehrte Verfasser hat diese drei Fragen äußerst ausführlich beantwortet. Ich glaube, dass die Mitarbeiter der Islamischen Bewegung ihr gesamtes Leben – wenn sie diese Antworten aufmerksam lesen und sich bemühen, nach ihnen zu handeln – mit den Blüten des Glaubens, der Liebe und der Selbstaufopferung, die den Blumengarten des Lebens zum Erblühen bringen, zum Blühen bringen können.

Im Hinblick darauf, aus dieser Schrift Nutzen zu ziehen, müssen die Mitarbeiter noch einen weiteren Punkt beachten. Der Mensch kann nicht alles über Nacht erlangen. Daher ist es unsere Pflicht, den gesamten Plan zur Charakterbildung zu verstehen, jede einzelne Sache tief im Herzen zu verankern, anschließend zu versuchen, sie anzunehmen und zu befolgen, und auf diese Weise erst die erste, dann die zweite und danach die dritte Sache anzunehmen.

Über Hazrat Abdallah ibn Umar (r.a.) wird überliefert, dass er die Sure al-Baqara in sieben oder acht Jahren gelesen hatte. Als er dazu um eine Erklärung gebeten wurde, sagte er: „Ich lese eine Sache, nehme sie an und schreite dann weiter voran.“ Für die Charakterbildung bedarf es tatsächlich einer solchen schrittweisen, kontinuierlichen und unermüdlichen Anstrengung. Bloßes Lesen genügt dafür nicht. Dieses Ziel kann nur durch fortgesetztes Bemühen und unablässige Anstrengung erreicht werden. Man muss sich auch sehr gut vor Augen halten, dass dies ein Weg über Höhen und Tiefen ist. Der Erfolg auf diesem Weg liegt in unablässigem Bemühen, verbunden mit Mut und Zuversicht. Auf diesem Weg wird es Misserfolge geben, doch man muss ihnen entschlossen entgegentreten. Probleme werden zum Kampf herausfordern, doch sie müssen besiegt werden. Krisen werden Hindernisse schaffen, doch sie müssen überwunden werden. Dies sind unvermeidliche Etappen dieses Weges. Werden wir angesichts dessen etwa verängstigt sein oder vom Weg zu unserem Ziel zurückweichen?

-Professor Khurshid Ahmad.

Erstens: Die Grundlage der gegenseitigen Beziehungen: ihre Bedeutung und Notwendigkeit

1. Grundlage und Stellenwert der Beziehung

Die Islamische Bewegung ist der Aufruf zu einer umfassenden und allumfassenden Revolution. Deshalb gehört es zu den wichtigsten grundlegenden Pflichten dieser revolutionären Bewegung, ihre Aktivisten im Allgemeinen mit allen Menschen und insbesondere miteinander auf der richtigen Grundlage zu verbinden. Um diese Pflicht zu erfüllen, hat der Islam jeden Aspekt dieser Beziehungen beleuchtet und alles festgelegt, von ihrer Grundlage bis hin zu den kleinsten Einzelheiten.

Zur Beschreibung der gegenseitigen Beziehungen wird im Koran eine äußerst knappe, aber eindrucksvolle Ausdrucksweise verwendet; es heißt:

انما المؤمنون اخواة –

„Die Gläubigen sind doch untereinander Brüder“ – al-Hudschurāt: 10

Auf den ersten Blick handelt es sich lediglich um eine kurze, aus drei Wörtern bestehende Formulierung. Tatsächlich reicht diese Formulierung jedoch aus, um die Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen, ihren ideologischen Rang sowie ihre Bedeutung und Tiefe für die islamische Bewegung zum Ausdruck zu bringen. In dieser Hinsicht kann ihr der Rang einer Charta der islamischen Bewegung beigemessen werden.

Daraus wird deutlich, dass die Beziehungen der Menschen in der islamischen Bewegung ideologischer Natur sind. Die Einheit von Ziel und Zweck legt dafür den Grund, und die Einheit des Glaubens an dasselbe Ideal verleiht ihnen ihre besondere Prägung. Zweitens ist diese Beziehung aufgrund ihres ideologischen Charakters keineswegs eine farblose oder oberflächliche Beziehung. Vielmehr lässt sich die Verbindung aus Beständigkeit, Tiefe und inniger Liebe, die in ihr entsteht, nur am Beispiel der Beziehung zwischen zwei Brüdern veranschaulichen. Eine solche Beziehung wird Ukhuwwat oder Brüderlichkeit genannt. Tatsächlich: Welches bessere Wort als Brüderlichkeit (Ukhuwwat) könnte den Widerhall jener Beständigkeit, Weite und Gefühlstiefe ausdrücken, die der Islam innerhalb einer ideologischen Beziehung hervorbringt?

2. Brüderlichkeit ist eine unausweichliche Forderung des Iman

In der islamischen Zivilisation besteht die Vorstellung vom Iman nicht bloß darin, einige übernatürliche Wahrheiten anzuerkennen und es damit bewenden zu lassen. Vielmehr handelt es sich um eine Überzeugung von umfassenderer Bedeutung, die Herz und Gemüt des Menschen erfüllt und wie Blut durch seine Adern und feineren Gefäße strömt. Sie ist ein Gefühl, das seine Brust aufwühlt und in Bewegung hält. Sie ist eine Denkkraft, die die Struktur seines Denkens und seines inneren Verstandes verändert. Vor allem aber ist sie die ausführende Kraft einer lebensnahen Ordnung, die sämtliche Glieder des Menschen ihrer Kontrolle unterstellt und sowohl in seinem persönlichen als auch in seinem gemeinschaftlichen Leben eine Revolution einleitet. Wie könnten die zwischenmenschlichen Beziehungen dem Zugriff eines derart umfassend wirksamen Iman entkommen? Zumal es eine unbestreitbare Wahrheit ist, dass sein gesamtes Leben – abgesehen von einem unbedeutenden Teil – eng mit seinen zwischenmenschlichen Beziehungen verflochten ist. Gerade deshalb weist der Iman seine Anhänger an, zu allen Menschen im Allgemeinen und zueinander im Besonderen Beziehungen aufzubauen. Darüber hinaus gestaltet er eine umfassende Lebensweise und Zivilisation, um diese Beziehungen auf Gerechtigkeit (Adl) und gutem Handeln (Ihsan) zu gründen. Andererseits verwandelt er die Grundlagen von Rechten und Würde in ein vollständiges Regelwerk, damit jeder es von seinem jeweiligen Platz aus befolgen kann. So sollen die Menschen, die durch den Iman miteinander verbunden sind, ebenso eng miteinander verbunden sein wie die Finger der einen Hand mit den Fingern der anderen Hand oder wie ein Bruder mit seinem Bruder. Dies ist eine unausweichliche Forderung des ideologischen Ranges des Iman. Ein solcher Iman wird von der menschlichen Natur gefordert, und gerade dies bezeugt das Gewissen des Menschen. Wenn diejenigen, die alle anderen Farben ablegen und allein in Allahs Farbe getaucht sind, jede andere Gefolgschaft zurückweisen und nur Allah Gehorsam leisten, sich von allem Falschen lossagen und allein mit der Wahrheit verbunden sind und sich ausschließlich Allah hingeben und auf Ihn ausrichten, nicht miteinander verbunden sind und keine Beziehung der Liebe zueinander aufbauen – wer sollte es dann tun? Welche größere Kraft als die Einheit der Zielausrichtung könnte Menschen miteinander verbinden? Jede Stufe dieser Zielausrichtung und des Weges der Wahrheit verwandelt diese Beziehung zunehmend in eine lebendige Wirklichkeit. Wer sich um der Wahrheit willen hingibt, ist ganz natürlich auf die Liebe, das Mitgefühl, den Trost und die Unterstützung jedes Wanderers auf diesem Weg angewiesen und bedürftig. Wenn er daher auf diesen Weg gelangt und nicht einmal diese Gunst erlangt, kann dieser große Mangel durch nichts ausgeglichen werden.

3. Brüderlichkeit ist für eine weltweite islamische Revolution unerlässlich

Das Hauptziel des Iman in dieser Welt – nämlich eine weltweite islamische Revolution herbeizuführen und die islamische Zivilisation zu errichten – verlangt von selbst nach einer äußerst festen, beständigen und brüderlichen Beziehung. Dieses Ziel zu erreichen ist keine leichte Aufgabe. Es kommt dem „Betreten der Nähe der Liebe“ gleich. Auf diesem Weg erheben sich bei jedem Schritt Stürme der Gefahr, und Prüfungen strömen heran. Offensichtlich ist die Freundschaft jedes Einzelnen für die Erfüllung einer derart schweren Verantwortung von unschätzbarem Wert. Ihr Fehlen kann durch keinerlei andere Mittel ausgeglichen werden. Gerade weil der Mangel an Unterstützern und Helfern auf diesem Weg eine natürliche Tatsache ist, kann eine solche Lücke auch keinen einzigen Augenblick lang hingenommen werden.

Darüber hinaus kann ohne eine geeinte und starke Jamaat keine umfassende Revolution stattfinden. Eine geschlossene und starke Jamaat entsteht genau dann, wenn die ihr angehörenden Personen eng miteinander verbunden sind. Zu diesem Zweck sollte man so geschlossen zusammenarbeiten, dass man sich ganz selbstverständlich in eine „Bleiwand“ verwandelt (بنيان مرصوص); in ihrem Inneren darf die Uneinigkeit keinen Weg finden. Tatsächlich kann nur ein derart geschlossenes Bemühen den Erfolg gewährleisten.

Allah, der Erhabene, hat den Verantwortlichen eines neu gegründeten islamischen Staates in der Sure Al-i Imran angewiesen, eine solche Beziehung aufzubauen:

يايها الذين امنوا اصبروا وصابروا ورابطوا واتقوا الله لعلكم تفلحون –

„O ihr Gläubigen! Seid geduldig und bleibt im Widerstand standhaft. Fürchtet Allah weiterhin, damit ihr euer Ziel erreichen könnt.“ (Āl ʿImrān: 200)

Gegen Ende der Sure al-Anfāl wird die gegenseitige Beziehung der Muslime als notwendige Voraussetzung für die Vollendung der islamischen Revolution dargestellt. Und es wird gesagt: Diejenigen, die an diese Religion glauben, für sie alles aufgeben und in dieser Bewegung ihr Hab und Gut sowie ihr Leben opfern werden, werden untereinander gewiss eine Beziehung der Freundschaft und Liebe haben. Für diese Beziehung wird hier das Wort „Freundschaft“ verwendet.

ان الذين امنوا وهاجروا وجاهدوا باموالهم وانفسهم فى سبيل الله والذين اواو ونصروا اولـــئك بعضهم اولــياء بعضٍ –

„Diejenigen, die geglaubt haben, ausgewandert sind und mit ihrem Leben und ihrem Besitz auf Allahs Weg gekämpft haben, sowie diejenigen, die ihnen Zuflucht gewährt und ihnen Hilfe und Unterstützung geleistet haben, sind untereinander Freunde.“ (al-Anfāl: 72)

Von hier aus wird, unter Hinweis auf die organisatorische Einheit der Ungläubigen und die Stärke ihrer Gruppierungen, weiter ausgeführt, dass der Wunsch nach einer weltweiten islamischen Revolution auf der Grundlage von Gerechtigkeit, Güte und Gottesverehrung niemals in der wirklichen Welt festen Fuß fassen kann, wenn die Muslime nicht eine solche Beziehung der Freundschaft aufbauen. Infolgedessen wird diese Welt Allahs mit Unruhe und Verderben erfüllt werden. Denn ohne diese freundschaftliche Beziehung ist es den Muslimen nicht möglich, den den Revolution entgegengesetzten Kräften entgegenzutreten.

والذين كفروا بعضهم اولـــياء بعضٍ – الا تفعلوه تكن فتنة فى الارض وفساد كبير –

„Und diejenigen, die ungläubig sind, sind untereinander Freunde und Verbündete. Wenn ihr, ihr Gläubigen, einander nicht zu Hilfe kommt, werden auf der Erde großes Unheil und schweres Verderben entstehen.“ (al-Anfāl: 73)

Und es ist offenkundig, dass gerade ein solcher Einsatz und ein solches Bemühen zur Errichtung der islamischen Zivilisation und zur Herbeiführung der islamischen Revolution der wahre Maßstab dafür ist, ob der Glaube echt oder unecht ist.

والذين امنوا وهاجروا وجاهدوا فى سبيل الله والذين اَوَاوْ ونصروا اولـــئك هم المؤمنون حقاً –

„Diejenigen, die gläubig geworden sind, ihre Häuser verlassen und auf Allahs Weg Dschihad betrieben haben, sowie diejenigen, die ihnen Unterkunft gewährt und Hilfe geleistet haben, sind die wahrhaft Gläubigen.“ (Al-Anfal: 74)

Schon etwas zuvor hatte Allah, der Erhabene, dem edlen Propheten im Zusammenhang mit der Gemeinschaft der Gläubigen angesichts der Widersacher gemeinsam mit der Verheißung Seiner Hilfe die frohe Botschaft überbracht, dass Er ihre Herzen eng miteinander verbunden habe und dass gerade sie der Schlüssel zum Erfolg der islamischen Revolution seien.

هو الذى ايدك بنصره وبالمؤمنين – والّف بين قلوبهم-

„Er ist es, der dich mit Seiner Hilfe und durch die Gläubigen unterstützt und die Herzen der Gläubigen miteinander verbunden hat.“ (Al-Anfal: 62–63)

4. Die Forderungen der Brüderlichkeit: ihre Bedeutung und ihre Folgen

In Wirklichkeit ist die gegenseitige Beziehung der Aufrufer zur islamischen Revolution eine Beziehung der Brüderlichkeit (Ukhuwwat), der Freundschaft, der Barmherzigkeit und der Liebe. Doch das Wort „Brüderlichkeit“ ist darin so umfassend und bedeutungsvoll, dass es die anderen guten Eigenschaften in sich aufnimmt. Das heißt: So wie zwei leibliche Brüder miteinander verbunden sind und zwischen ihnen weder Meinungsverschiedenheiten, Streit und Unfrieden noch Trennung und Zwietracht geduldet werden, sollten auch die Aktivisten der islamischen Bewegung miteinander verbunden sein. So wie zwei Brüder bereit sind, füreinander alles aufzugeben, einander wohlgesinnt sind, sich gegenseitig helfen und unterstützen und füreinander zu Helfern und Beschützern werden, so entsteht auch unter den Menschen, die den geraden Weg beschreiten – jenen, die ihr ganzes Leben um des Islams willen einsetzen –, eine ebenso innige Beziehung, die von heftiger Liebe und lebendiger Verbundenheit erfüllt ist. Kurz gesagt: Je tiefer jemand der islamischen Revolution anhängt, desto tiefer wird auch seine Beziehung zu seinem Mitstreiter und Bruder sein. Ebenso wird diese Beziehung demjenigen umso lieber sein, je lieber ihm dieses Ziel ist. Denn diese Beziehung besteht um Allahs willen und zwischen denjenigen, die auf Allahs Weg kämpfen. Wenn daher jemand ein Aktivist und Aufrufer der islamischen Revolution ist, seine Beziehung zu seinem Mitstreiter und Bruder jedoch während des gemeinsamen Weges der eines Fremden gleicht, sollte er über sich selbst nachdenken und prüfen, auf welchem Weg er voranschreitet. Wenn seine Beziehung zu seinen Gefährten und Mitstreitern dagegen so vergänglich ist wie Staub, den man vom Körper abschüttelt, dann muss er darüber nachdenken, welchen Wert das Ziel, dessen Liebe er zu beanspruchen behauptet, in seinem Herzen tatsächlich besitzt.

Gerade wegen dieser Beziehung der Brüderlichkeit hat der edle Prophet (S.) den Ausdruckحب الله (die Liebe um Allahs willen) als heiligen, umfassenden und wohlklingenden Begriff verwendet. „Liebe“ ist selbst ein überaus anziehender und wohlklingender Begriff. Zusammen mit den beiden Bestimmungen „auf Allahs Weg“ und „um Allahs willen“ hat sie ihn von jeder Niedrigkeit und Unreinheit zur höchsten Stufe der Erhabenheit emporgehoben. Auf diese Weise verleiht dieser Begriff Herz und Verstand zugleich einen so unfehlbaren Maßstab, anhand dessen jeder Mu’min seine Beziehung überprüfen kann.

Zwischen dem Glauben an Allah und der Liebe auf Seinem Weg besteht eine untrennbare Beziehung. Wo das eine vorhanden ist, wird auch das andere zu finden sein. Fehlt eines von beiden, wird das andere fragwürdig. Daher sagte der edle Prophet (S.):لا تؤمنوا حتى تحابوا

„Ihr werdet nicht gläubig sein, bis ihr einander liebt.“ (Muslim: Abu Huraira)

Daher wurde es als eine unerlässliche Bedingung für die Vollkommenheit des Glaubens bezeichnet, die gesamte Beziehung auf diese Grundlage zu stellen und Liebe wie Feindschaft ausschließlich um Allahs willen zu empfinden:

من احب لله وابغض لله واعطى لله ومنع لله فقد استكمل الايمان –

„Wer ausschließlich um Allahs willen liebt, um Allahs willen Feindschaft hegt, um Allahs willen jemandem etwas gibt und um Allahs willen jemandem etwas vorenthält, der hat seinen Glauben vervollkommnet.“

Freundschaft und Feindschaft üben im menschlichen Leben tatsächlich einen äußerst starken Einfluss aus. Daher ist es ganz natürlich und vernünftig, dass die Bestimmung eben dieser beiden Dinge ausschließlich um Allahs willen als unerlässliche Bedingung für die Vollkommenheit des Glaubens festgelegt wurde. Der Glaube hat zahlreiche Zweige und Verästelungen. Jeder einzelne dieser Zweige ist an seinem jeweiligen Platz wichtig. Angesichts dessen, wie notwendig die Liebe zu Allah ist, um eine geeinte Kraft an die Macht zu bringen, bezeichnete der edle Prophet (S.) sie als die vorzüglichste aller Taten. Hadhrat Abu Dharr (R.) überliefert:

خرج علينا رسول الله صلى الله عليه وسلم فقال أتد رون اىُّ الاعمال احب الى الله تعالى قال قائـــل الصلوة والزكوة وقال قائـــل الجهاد قال النبى صلى الله عليه وسلم ان احب الاعمال الى الله تعالى الحب لله والبغض لله –

„Einst kam der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu uns. Er fragte: Wisst ihr, welche Tat Allah, dem Erhabenen, am liebsten ist? Einer sagte: das Gebet und die Zakāt. Ein anderer sagte: der Dschihād. Der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) sagte: Nichts ist Allah von allen Taten lieber als die Liebe allein um Allahs willen und die Feindschaft allein um Allahs willen.“ (Ahmad, Abū Dāwūd, Abū Dharr)

Ein andermal fragte Muhammad (s.a.w.) den ehrwürdigen Abū Dharr (r.a.):

يا اباذرٍّ اىُّ عرى الايمان اوثق قال الله ورسوله اعلم قال

الموالاة فى الله والحب لله وابغض لله „O Abū Dharr! Welche Handlung des Glaubens ist die stärkste? Er antwortete: Allah und Sein Gesandter wissen es am besten. Der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) sagte: Es ist die Freundschaft auf Allahs Weg sowie Liebe und Feindschaft um Seinetwillen.“ (Bayhaqī, Ibn Abbās)

Das im Hadith erwähnte عرىbezeichnet auch ein Seil sowie den Ring oder Griff von Geschirr. Außerdem wird auch ein Baum, dessen Blätter selbst im Winter nicht abfallen, عرىgenannt. Das bedeutet: Die Liebe auf Allahs Weg ist ein derart festes Fundament, auf das sich der Mensch verlassen kann, um die Forderungen des Glaubens unbesorgt zu erfüllen. Ein solches Fundament bekommt niemals Risse und stürzt auch nicht ein.

Kurz gesagt: Der Glaube beansprucht das gesamte Leben des Menschen. Das heißt, jeder Augenblick des Lebens – solange im Körper unaufhörlich Atem ein- und ausströmt – sollte entsprechend den Forderungen des Glaubens verbracht werden. Doch solange nicht alle Beziehungen des Gläubigen zu Beziehungen der Liebe um Allahs willen geworden sind, kann im Leben nicht in diesem umfassenden Maß der Beginn guter Taten erfolgen. Denn Beziehungen machen einen gewaltigen Teil des menschlichen Lebens aus. Sie beeinflussen zwangsläufig sein Leben und werden gewissermaßen zum Maßstab für seine Freundschaften und seine Religion. Daher hat Allah, der Erhabene, den Muslimen befohlen, sich mit jenen zu verbinden, in deren Leben das Gedenken an Gott fest verwurzelt ist. Und damit sie auf dem geraden Weg geführt werden und sich nicht im Labyrinth des Glanzes, der Pracht und des Schmucks dieser Welt verirren, hat Er das Wort „Sabr“ verwendet:

واصبر نفسك مع الذين يدعون ربهم بالغدوت والعشى يريدون وجهه ولا تعد عيناك عنهم تريد زينة الحيوة الدنيا –

„Halte dich geduldig zu denen, die morgens und abends ihren Herrn anrufen und Sein Wohlgefallen suchen. Und deine Augen sollen sich nicht von ihnen abwenden und auf anderes gerichtet werden, im Verlangen nach dem Glanz des diesseitigen Lebens.“ – (Sure al-Kahf)

Andererseits hat der edle Prophet (s.a.w.) die Menschen davor gewarnt, das Schließen von Freundschaften nicht sehr wohlüberlegt anzugehen. Denn:

المرء على دين خليله فلينظر احدكم من يخالل – (احمد- ترمذى – ابو داود –بيهقى- ابو هريرة)

„Der Mensch folgt der Religion seines Freundes (Khalīl). Daher soll jeder von euch wohlüberlegt entscheiden, wen er zum Freund nimmt.“ (Überliefert von Abu Huraira (r.a.))

Das im Hadith erwähnte خليل Wort ist von خلت abgeleitet. Es bezeichnet eine solche Liebe und Aufrichtigkeit, die sich im Herzen fest verwurzelt. Im Hadith wird ein eindrucksvolles Beispiel für die Liebe und Gesellschaft guter und schlechter Menschen angeführt. Es heißt: Die Gesellschaft eines guten Menschen gleicht dem Sitzen bei einem Parfümhändler; selbst wenn man kein Parfüm erhält, werden Herz und Geist durch seinen Duft erfrischt. Sie gleicht dem Sitzen bei einem Parfümhändler; selbst wenn man kein Parfüm erhält, werden Herz und Geist durch seinen Duft erfrischt. Der Umgang mit einem schlechten Menschen dagegen gleicht dem Aufenthalt in einer Eisenschmiede; auch wenn die Kleidung nicht verbrennt, werden Ruß und Rauch die Stimmung gewiss verderben.

Wenn der Mensch eine bestimmte Stufe des Glaubens erreicht, verspürt er selbst eine besondere Art von Freude und Süße am Glauben und an der Erfüllung seiner praktischen Erfordernisse. Gerade aufgrund dieses freudigen Empfindens erwacht im Menschen der Antrieb zu guten Taten. Der edle Gesandte (s.a.w.) bezeichnete eben dies als حلاوت الايمان . Er nannte dafür drei Bedingungen. Eine davon ist folgende:

ان يحب المرء لا يحبه الا لله –

„Er wird andere Menschen lieben, und seine Liebe zu ihnen wird niemand anderem als Allah gelten.“ (Buchari, Muslim)

Wenn ein Sklave und Diener die Liebe seines Besitzers und Herrn erlangen kann, was könnte er dann im Austausch für diesen gewaltigen Schatz noch erhalten! Wahrlich, diese Liebe ist für den Muʾmin gleichsam seine Miʿrāj. Der edle Prophet (s.a.w.) sagte: „Nur diejenigen, die um Allahs willen freundschaftliche Beziehungen zueinander knüpfen, sind dieser gewaltigen Gnade würdig.“ Daher sagt der ehrenwerte Muʿādh ibn Jabal (r.a.):

سمعت رسول الله صلى الله عليه وسلم يقول قال الله تعالى وجبت محبتى للمتحابين فى المسجالسين فى المتزاورين فى والمتباذلين فى-

„Ich hörte Rasulullah (s.a.s.) sagen, dass Allah Ta’ala gesprochen hat: ‚Meine Liebe zu jenen, die einander um Meinetwillen lieben, um Meinetwillen gemeinsam zusammensitzen, einander um Meinetwillen besuchen und um Meinetwillen füreinander ihr Vermögen ausgeben, ist unvermeidlich.‘ – (Malik)

5. Der Nutzen der Brüderlichkeit im Jenseits

Die Liebe um Allahs willen bringt bereits im diesseitigen Leben ihre Früchte; doch im Jenseits, wenn jede gute Tat eines Menschen als wertvoll erachtet wird und sogar die Sadaqa einer einzigen Dattel sowie ein gutes Wort für ihn als kostbarer Gewinn gelten werden, wird diese Beziehung einen Mu’min mit einem äußerst hohen Rang krönen. Angesichts dessen, was wir über die Bedeutung dieser Beziehung für die Islamische Revolution wissen, ist dies in der Tat eine ganz natürliche und selbstverständliche Angelegenheit.

An jenem Tag wird niemand an jemand anderen denken. Der Mensch wird vor seinen Eltern, seinen Geschwistern, seiner Ehefrau sowie seinen Söhnen und Töchtern fliehen und alles zurücklassen. Um sich vor der Dschahannam zu retten, wird er sogar bereit sein, sie alle als Lösegeld anzubieten. An jenem Tag wird das ganze Geheimnis der Freundschaft enthüllt werden, und jener Freund, dessen Liebe man im diesseitigen Leben entgegengebracht und fest in Herz und Verstand verankert hatte, wird dort zum Feind werden. Doch die Freundschaft der wahrhaft Gottesfürchtigen wird dort bestehen bleiben. Denn an jenem Tag wird in diesem entscheidenden Augenblick unzweifelhaft erkannt und ihre Bedeutung richtig empfunden werden, was diese Freunde einander im diesseitigen Leben gegeben haben, das ihnen von Nutzen sein kann:

الا خلاء يومئذ بعضهم لبعض عدو الا المتقين ياعباد لا خوف عليكم اليوم ولا انتم تحزنون –

„Diejenigen, die miteinander befreundet waren, werden an jenem Tag einander zu Feinden werden, außer den Muttaqi. O Meine Diener! Heute gibt es für euch keine Furcht, und ihr werdet auch nicht traurig und erschrocken sein.“ – (Sure az-Zukhruf)

Auf diese Weise wird das Schicksal eines Menschen mit demjenigen verbunden sein, zu dem er eine Liebesbeziehung geknüpft hat. Selbst wenn von denjenigen, die einander um Allahs willen lieben, der eine im Osten und der andere im Westen ist, wird der erhabene Rabbul-‘Alamin Allah Ta’ala sie am Tag der Qiyamah zusammenführen und sagen: ‚Derjenige, den du um Meinetwillen geliebt hast – dieser Mann ist es.‘ Die Überlieferung des Hadith lautet folgendermaßen:

1) المرء مع من احبَّ

2) لو ان عبد ين تحابَّا فى الله عزَّ وجلَّ واحد فى المشرق واخر ى المغرب لجمع الله بينهما يوم القيامة يقول هذا الذى كنت تحبه فىَّ

1. „Der Mensch wird mit demjenigen vereint sein, den er liebt.“ (Buchari, Muslim; Ibn Mas’ud, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

2. „Selbst wenn sich zwei Menschen, die um Allahs willen Liebe füreinander hegen, einer im Osten und der andere im Westen befindet, wird Allah, der Herr der Welten, sie am Tag der Auferstehung zusammenführen und sagen: ‚Das ist derjenige, den du um Meinetwillen geliebt hast.‘ (Baihaqi; Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

An jenem Tag wird unter den Füßen der Menschen Feuer hervorbrechen, über ihren Köpfen werden Feuerwolken stehen, und aus ihnen werden Feuerfunken herabregnen. Rechts, links, vor und hinter ihm wird ihn nur Feuer umgeben, und es wird nur einen einzigen Schatten geben, unter dem er Zuflucht finden kann. Das ist der Schatten des göttlichen Thrones. An jenem Tag werden sieben Gruppen von Menschen in diesem Schatten Platz finden. Über sie sagte Allahs Gesandter (s.a.w.):

رجلان تحابَّا فى الله اجتمعا عليه وتفرق عليه –

„Unter ihnen werden sich zwei Menschen befinden, die einander um Allahs willen geliebt haben, sich um Seinetwillen versammelt haben und sich um Seinetwillen getrennt haben.“

Allahs Barmherzigkeit sei über ihm, der uns dieses Gebot von Ihm übermittelt hat:

ان الله تعالى يقول يوم القيامة اين المتحابون فىَّ بجلا لى اليوم اظلهم فى ظلى يوم لا ظلَّ الا ظلِّى –

„Allah, der Erhabene, wird am Tag der Auferstehung sagen: Wo sind heute diejenigen, die einander um meiner Erhabenheit willen liebten? Heute werde ich ihnen in meinem Schatten Zuflucht gewähren. Heute gibt es keinen anderen Schatten außer meinem Schatten.“ – (Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm)

Und für diejenigen, über die Allah, der Erhabene, die folgende Botschaft verkündet hat, muss dies wahrlich eine außerordentliche Auszeichnung sein:

المتحابون بجلالى لهم منابر من نور يغيطهم النبيون والشهداء –

„Für diejenigen, die einander um meiner Erhabenheit willen lieben, werden im Jenseits Kanzeln aus Licht errichtet werden, und die Propheten und Märtyrer werden sie beneiden.“ – (Tirmidhi – Muʿadh ibn Dschabal)

6. Die Bedeutung der gegenseitigen Beziehungen

Diese tiefe, beständige und von Liebe erfüllte Beziehung zueinander, die auf einem gemeinsamen Glauben um Allahs willen beruht, ist für die islamische Bewegung so bedeutsam, dass jede Entstellung dieser Beziehung mit größter Sorge betrachtet wurde. Die strenge Warnung vor dem Abbruch der gegenseitigen Beziehungen, die Zusicherung hinsichtlich der Versöhnung untereinander und des Herbeiführens einer solchen Versöhnung sowie alles, was über diejenigen gesagt wurde, die Beziehungen entstellen, werden später ausführlich erörtert werden. Hier ist jedoch festzuhalten, dass der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) die Entstellung von Beziehungen und das Hegen von Feindschaft mit einer Waffe verglichen hat, die die gesamte Religion vollständig auslöscht:

هى الحالقة لا اقول تحلق الشعر ولكن تحلق الدين – (احمد وترمذى- زبير)

Daraus wird ersichtlich, wie umfassend und weitreichend die Wirkung dieser Beziehung ist. Aus den Herzen derjenigen, die sich mit Aufrichtigkeit und innerer Hingabe diesem Dīn anschließen, wird fortwährend ein Strom der Liebe zu ihren Gefährten und Weggefährten hervorquellen. Diese Beziehung wird ihnen so kostbar sein, und in ihren Herzen wird ein so hoher Wert für sie entstehen, dass sie bereit sein werden, jeden anderen Verlust hinzunehmen; doch irgendeinen Schaden an ihr werden sie nicht dulden.

Allah hat gerade diese gegenseitige Liebe und Zuneigung unter den Mitarbeitern der islamischen Bewegung zu den erhabensten Seiner Gaben gezählt. Und über die islamische Gemeinschaft, die diesen unschätzbaren Schatz erlangt, werden sich Seine besondere Gnade und Sein Segen ergießen. Denn gerade diese Beziehung ist die Lebenskraft der islamischen Gemeinschaft und ein Zeichen ihrer Lebendigkeit. Diese Beziehung schafft für ihre Mitglieder ein Umfeld, in dem sie einander unterstützen und gemeinsam das Ziel des wahren Weges bestimmen; stets bemühen sie sich gegenseitig, einander auf den Weg der Frömmigkeit zu führen. Den gewaltigen Schatz an gegenseitiger Einheit, Liebe und Brüderlichkeit, den Allah der islamischen Gemeinschaft der ersten Zeit geschenkt hatte, erwähnt Er in der Sure Āl ʿImrān und bezeichnet ihn als Seine besondere Gnade:

واذكروا نعمة الله عليكم اذ كنتم اعداء فالف بين قلوبكم فاصبحتم بنعمته اخوانًا –

„Und erinnert euch an Allahs Gunst, als ihr einander feind wart; dann vereinte Er eure Herzen, und durch Seine Gnade wurdet ihr zu Brüdern.“ – (Āl ʿImrān 103)

Daraufhin wird in der Sure al-Anfāl, an den edlen Propheten (Friede sei mit ihm) gerichtet, gesagt, dass es selbst bei Aufwendung aller Güter der Welt für ihn nicht möglich gewesen wäre, die Herzen der Muslime durch eine Beziehung der Liebe, Zuneigung und Brüderlichkeit miteinander zu verbinden. Dies wurde nur durch Allahs Macht möglich – allein Er konnte dies bewirken. Er hat den Menschen eine Religion gegeben und ihnen die Fähigkeit verliehen, an sie zu glauben und sie zu lieben. Diese Liebe und Zuneigung ist deren unausweichliche Folge.

Zweitens: Die Notwendigkeit des Charakters und seine grundlegenden Eigenschaften

Um den Maßstab, den der Islam für die gegenseitigen Beziehungen festgelegt hat, zu verwirklichen und zu bewahren, haben Allah und Sein Gesandter (Allahs Segen und Friede seien mit ihm) auf der Grundlage gegenseitiger Rechte und Würde ein Regelwerk geschaffen. Durch die Befolgung dieses Regelwerks kann diese Beziehung ohne Schwierigkeiten auf den vom Dīn des Islam angestrebten Maßstab gehoben werden. Die Grundlage dieses Regelwerks beruht auf einigen grundlegenden Dingen. Wenn der Mensch sie in seinem sittlichen Leben annimmt und befolgt, werden alle mit jenen Rechten und jener Würde verbundenen Dinge als natürliche Folgen dieser grundlegenden Eigenschaften zum Vorschein kommen. Mit anderen Worten: Diese Eigenschaften werden den Menschen aus seinem Inneren heraus fortwährend dazu drängen und auffordern, jede einzelne Pflicht zu erfüllen und jede einzelne Würde zu erlangen. Infolgedessen wird nicht bei jedem Schritt ein guter Rat oder eine Warnung erforderlich sein. Unter diesen Eigenschaften ist die erste und wichtigste die Fürsorge um das Wohlergehen anderer.

1. Die Fürsorge um das Wohlergehen anderer

Im ehrwürdigen Hadith wird für das Wünschen des Guten das Wort „Nasihat (نصخت) verwendet. Dieses Wort ist von äußerst umfassender Bedeutung. Deshalb sagte der edle Prophet (s.): „Die Religion ist das aufrichtige Wünschen des Guten“الدين النصيحة (ثلاثا) (Diesen Satz sprach er unmittelbar dreimal aus.) – Muslim.

Anschließend werden zur näheren Erläuterung diejenigen genannt, denen man Gutes wünschen sollte. Dazu werden auch die gewöhnlichen Muslime gezählt. So nahm der erhabene Prophet (s.) einmal von einigen seiner Gefährten den Treueeid ab, den gewöhnlichen Muslimen Gutes zu wünschen (Nasihat). Der sprachlichen Bedeutung dieses Wortes zufolge besteht sein Sinn darin, dass in der Beziehung keinerlei Verfälschung oder Mangel zurückbleibt. Mit anderen Worten können wir diese Eigenschaft so bestimmen: Der Mensch lässt sich stets von dem Gedanken an das Wohlergehen und Glück seines Bruders leiten; er ist jeden Augenblick darum bemüht, dessen Wohl zu fördern, versucht mit allen Mitteln, ihm Nutzen zu bringen, und fügt ihm keinerlei Schaden oder Leid zu. Vielmehr bemüht er sich, ihm in jeder auf den Din oder das Diesseits bezogenen Angelegenheit zu helfen, soweit dies möglich ist. Der eigentliche Maßstab für dieses Wünschen des Guten besteht darin, dass der Mensch für seinen Bruder genau das wünscht, was er für sich selbst wünscht. Denn kein Mensch kann sich selbst jemals Böses wünschen. Vielmehr ist er stets bemüht, für sich selbst so viel Nutzen, Wohlergehen und Glück wie möglich zu erlangen. Wenn es um seine eigenen Rechte geht, kann er nicht den geringsten Schaden hinnehmen; für seinen eigenen Vorteil scheut er weder den Einsatz von Zeit noch von Geld; von seinem eigenen Schaden kann er nichts hören, und eine Demütigung seiner selbst kann er niemals ertragen. Im Gegenteil, er wünscht für sich selbst die größtmöglichen Vorteile und Erleichterungen. Das Wünschen des Guten bedeutet daher, dass die genannten Eigenschaften im menschlichen Charakter entstehen und dass der Mensch für seinen Bruder genau das wünscht, was er für sich selbst wünscht. Auf diese Weise wird sich sein Verhalten immer weiter entwickeln.

Diese charakterliche Eigenschaft des Gläubigen bezeichnete der edle Gesandte (s.) als eine notwendige Bedingung des Glaubens:

والذى نفسى بيده لا يؤمن عبد حتى يحب لاخيه ما يحب لنفسه –

„Bei dem, in dessen Hand meine Seele ist: Kein Diener kann ein Gläubiger sein, solange er nicht für seinen Bruder das wünscht, was er für sich selbst wünscht.“ (Buchari und Muslim – Anas)

So werden sechs wichtige Rechte des einen Muslims gegenüber dem anderen Muslim genannt; unter ihnen wird das Wünschen des Guten in einem Hadith folgendermaßen beschrieben:

وينصح له اذا غاب او شهد –

Das heißt: „Er wünscht seinem Bruder Gutes, ganz gleich, ob dieser anwesend oder abwesend ist.“ (Siyaghi-Buchari – Abu Huraira, r.a.)

In einem anderen Hadith wird hierzu gesagt, dass der Muslim gegenüber dem Muslim sechs Rechte hat; eines davon lautet:

ويحب له ما يخب لنفسه –

„Er wünscht ihm, was er sich selbst wünscht.“ (Tirmidhi, Fabisī-ʿAlī (r.a.))

Je weiter wir voranschreiten, desto mehr werden wir erkennen, wie viele Rechte und Vorzüge in dieser Eigenschaft des Wohlwollens liegen, die sich unmittelbar als deren notwendige Folge ergeben.

2. Selbstaufopferung (ايثار)

Wenn ein Muslim für seinen Bruder nicht nur dasselbe wünscht wie für sich selbst, sondern ihn sich selbst vorzieht, wird diese Eigenschaft genannt ايثر oder Selbstaufopferung. Dies ist die zweite grundlegende Eigenschaft. ايثارDas Wort اثرstammt von … ab. Es bedeutet, einen Schritt nach vorn zu machen oder den Vorrang zu geben. Das heißt, der Muslim wird dem Wohl und Nutzen seines Bruders Vorrang vor seinem eigenen Wohl und Nutzen geben. Er wird die Bedürfnisse anderer erfüllen, indem er seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Er wird selbst Mühsal auf sich nehmen, damit andere es bequem haben. Er wird selbst hungrig bleiben, um den Hunger anderer zu stillen. Wenn es für ihn selbst nötig ist, wird er Dinge hinnehmen, die seiner natürlichen Veranlagung widersprechen; doch wird er das Herz seines Bruders nach Möglichkeit vor unangenehmen Umständen bewahren.

In Wahrheit handelt es sich hierbei um eine hohe charakterliche Eigenschaft, die man nicht von jedem erwarten kann. Denn ihr liegt weder ein bestimmtes Recht noch eine bestimmte Pflicht zugrunde. Dennoch wird auf dieser Grundlage von einer unermesslichen charakterlichen Größe gesprochen.

Diese Selbstaufopferung sollte zunächst im Rahmen der notwendigen Bedürfnisse erfolgen, danach im Bereich von Bequemlichkeit und Luxus und zuletzt im Bereich der natürlichen Veranlagung. Dieser letzte Punkt ist besonders wichtig. Die Menschen sind von Natur aus unterschiedlich veranlagt; daher nehmen auch ihre Wünsche und Bedürfnisse verschiedene Formen an. Wenn unter diesen Umständen jeder Mensch unbeirrbar an den Forderungen seiner eigenen Veranlagung festhält, muss die menschliche Gesellschaft unweigerlich in Stücke zerbrechen. Wenn er hingegen lernt, den Geschmack, die Vorlieben und die Neigungen anderer vorzuziehen, können äußerst wunderbare und herzliche Beziehungen entstehen.

Die höhere Stufe dieser Selbstaufopferung besteht darin, dass man, obwohl man selbst in Bedürftigkeit, Not und schwierigen Verhältnissen lebt, die Bedürfnisse seines Bruders den eigenen Bedürfnissen vorzieht. Das Leben der Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) ist erfüllt von Ereignissen dieser Art. Auch im Koran wird diese Eigenschaft an ihnen gelobt:

ويوثرون على انفسهم ولو كان بهم خصاصة –

„Und sie geben anderen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie sich in Bedürftigkeit befinden.“ – (Sure al-Haschr 9)

Wie die Ansar trotz ihrer eigenen Bedürftigkeit und Not ihre Brüder, die Muhadschirun, empfingen und ihnen in ihrer Mitte Platz gewährten, ist zweifellos ein vorbildliches Beispiel für Selbstaufopferung. Als Anlass für die Offenbarung des oben genannten Verses wird ein Ereignis mit Abu Bakr Talha al-Ansari erwähnt. Aus diesem Ereignis lässt sich ein wunderbares Beispiel dafür gewinnen:

„Eines Tages kam ein hungriger Mann zum Gesandten Allahs (s.a.w.). In seinem Haus gab es damals keine Nahrung. Er sagte: ›Wer diesen Mann heute Nacht als Gast aufnehmen wird, dem wird Allah Barmherzigkeit erweisen.‹ Abu Talha nahm den Mann mit in sein Haus. Als er jedoch nach Hause kam, erfuhr er von seiner Frau, dass im Haus nur so viel Nahrung vorhanden war, dass der Gast davon satt werden konnte. Er sagte: ›Gib den Kindern zu essen und lösche dann die Lampe. Wir beide werden die ganze Nacht hungrig bleiben. Der Gast wird jedoch glauben, dass auch wir essen.‹ Schließlich taten sie genau das. Als sie sich am Morgen beim Gesandten Allahs (s.a.w.) einfanden, sagte er: ›Allah, der Erhabene, hat sich über dieses gute Verhalten von dir sehr gefreut‹, und trug ihnen zugleich diesen Vers vor.“ (Buchari und Muslim)

Dies ist ein Beispiel für Selbstaufopferung in finanzieller Not. Ein noch erstaunlicheres Ereignis ereignete sich jedoch bei einem Dschihad, das man als den Gipfel der Selbstaufopferung bezeichnen kann. Es geschah Folgendes:

„Auf dem Schlachtfeld wurde einem verwundeten Mann Wasser gebracht. Genau in diesem Augenblick war aus der Nähe das Stöhnen eines anderen Mannes zu hören. Der erste Mann sagte: ›Bringt es zuerst zu jenem Mann.‹ Als man den zweiten Mann erreichte, wiederholte sich dasselbe, und auch dieser Mann gab trotz seines Todeskampfes dem Bedürfnis seines Gefährten den Vorrang. So wiederholte sich derselbe Vorgang bis zum sechsten Mann, und jeder gab weiterhin das Bedürfnis des anderen seinem eigenen vor. Als man jedoch den sechsten Mann erreichte, stellte man fest, dass seine Lebenslampe bereits erloschen war. Auf dem Weg zurück zum ersten Mann starben schließlich einer nach dem anderen alle.“

Eine andere Bedeutung der Selbstaufopferung besteht darin, sich selbst mit einer vergleichsweise minderwertigen Sache zufriedenzugeben und seinem Gefährten die bessere Sache zu überlassen. Einmal ging der Gesandte Allahs (s.a.w.) durch einen Wald. Er schnitt zwei Miswaks ab; einer war gerade und der andere gebogen. Ein Gefährte war bei ihm. Den geraden Miswak gab er ihm und den gebogenen behielt er selbst. Der Gefährte sagte: ›O Gesandter Allahs, dieser ist besser und für dich geeigneter.‹ Er sagte: ›Wenn jemand auch nur eine Stunde lang mit einem anderen Umgang pflegt, wird er am Tag der Auferstehung gefragt werden, ob er während dieser Zeit die Rechte des Umgangs beachtet oder sie verletzt hat.‹ (Kimiyā-yi Saʿādat) Tatsächlich wird damit darauf hingewiesen, dass Selbstaufopferung ebenfalls zu den Rechten des Umgangs gehört.

3. ʿAdl (gerechte Behandlung)

Zwei wichtige grundlegende Charaktereigenschaften sind ʿAdl und Ihsan. Wenn ein Mu’min diese beiden Eigenschaften befolgt, wird nicht nur kein Grund für einen Abbruch der Beziehungen mehr sein Haupt erheben können, vielmehr werden die Beziehungen äußerst herzlich werden. Daher verkündete Allah, der Erhabene, hinsichtlich dieser beiden Eigenschaften in befehlender Form:

ان الله يأمر بالعدل والاحسان –

„Allah, der Erhabene, weist an, an ʿAdl und Ihsan festzuhalten.“ – (Sure an-Nahl 9)

Hier ist die Ausdrucksweise „Allah weist an“ besonders beachtenswert. Im Begriff des ʿAdl liegen zwei grundlegende Wahrheiten. Erstens muss bei den Rechten der Menschen Gleichheit und Ausgewogenheit gewahrt werden. Zweitens besteht der Anspruch eines jeden darin, dass die moralischen, sozialen, zivilisatorischen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen zustehenden Rechte jedes Menschen mit vollkommenem Glaubenseifer erfüllt werden müssen. Das heißt, ein Muslim wird alle Rechte erfüllen, die seinem Bruder gemäß der Scharia zustehen, wird sich nach dem Willen der Scharia verhalten und gemäß den Anweisungen der Scharia mit ihm umgehen. Denn in der Scharia sind sämtliche Bestimmungen des ʿAdl vollständig und auf schönste Weise enthalten:

وانزلنا معهم الكتاب والميزان ليقوم الناس بالقسط –

„Und Wir sandten mit ihnen (den Gesandten) das Buch und die Waage herab sowie die Gerechtigkeit, damit die Menschen die Gerechtigkeit verwirklichen können.“ – (al-Hadid 25)

Ebenso verlangt die Scharia, dass man, wenn man das Unrecht eines anderen vergilt, nur in dem Maß Vergeltung übt, in dem Unrecht begangen wurde. Wer darüber hinausgeht, handelt gegen den ʿAdl. Eine ausführliche Erklärung und ein umfassendes Verständnis des ʿAdl sind in einem Hadith des edlen Propheten (s.a.w.) dargelegt. In diesem Hadith werden neun von Allah angeordnete Dinge erwähnt. Eines davon lautet:

كلمة العدل فى الغضب والرضاء –

„Ob im Zustand des Zorns oder der Zufriedenheit – haltet unter allen Umständen am Gebot des Adl fest.“

Das grundlegende Kennzeichen eines vollkommenen Charakters besteht in Wahrheit darin, dass ein Mensch, wie auch immer es in seinem Inneren aussehen mag, nicht vom Weg des Adl abweicht. Er muss über eine solche Charakterstärke verfügen, dass er, wie groß auch immer die Unstimmigkeit oder Verstimmung zwischen ihm und seinem Bruder sein mag, seine Geschäfte sowie sein Verhalten nicht vom Maßstab der Scharia abweichen lässt. Das nächste, über den Adl hinausgehende Element ist der Ihsan. Er ist etwas, das über den Adl hinausgeht.

4. Ihsan (gutes Verhalten)

Im Bereich der gegenseitigen Beziehungen ist die Bedeutung des Ihsan noch größer als die des Adl. Wenn man den Adl als Grundlage einer Beziehung bezeichnen kann, dann ist der Ihsan ihre Schönheit und Vollkommenheit. Wenn der Adl eine Beziehung vor Unliebsamkeit und Bitterkeit schützt, schafft der Ihsan in ihr Süße und Eintracht. In Wahrheit wird jede Seite lediglich darauf achten, das Mindestmaß der Beziehung zu bemessen, und eine Beziehung, in der man bei den eigenen Ansprüchen ein wenig weniger erhält und bei den Ansprüchen des anderen ein wenig mehr gibt, kann nicht lange Bestand haben. Aufgrund einer solchen schlichten Beziehung kommt es vielleicht nicht zu Konflikten; doch wird man der Segnungen der Liebe, der Selbstaufopferung, der Moral und des Wohlwollens beraubt, die Freude und Süße im Leben schaffen. Denn diese Segnungen werden durch Eigenschaften wie Ihsan, also gutes Verhalten, freigebiges Handeln, Mitgefühl, Wohlwollen, gute Laune, Nachsicht, gegenseitige Höflichkeit, Zuvorkommenheit, anderen mehr zu geben, als ihnen zusteht, und sich selbst damit zufriedenzugeben, weniger zu nehmen, als einem zusteht, erworben.

Auch die Vorstellung des Ihsan macht in einem Hadith, der neun Dinge umfasst, drei Dinge vollständig und unmissverständlich deutlich:

ان اصل من قطعنى واعطى من حرمنى واعفو عمَّن ظلمنى –

„Wer sich von mir lossagt, mit dem werde ich die Verbindung aufrechterhalten; wer mich (meines Rechts) beraubt, dem werde ich (sein Recht) gewähren, und wer mich unterdrückt, dem werde ich vergeben.“ (Sure ar-Raʿd 22)

Das heißt, diese Charaktereigenschaft verlangt, dass der Mensch das Recht und die Tugend seines Bruders nicht nur mit noch größerem Recht und noch größerer Tugend vergelten soll, sondern selbst dann, wenn dieser Unrecht tut, mit Recht antwortet.

ويدرون بالحسنة السيّئة –

„Sie wehren Unrecht und Sünde durch Recht und Tugend ab.“ (Sure al-Qasas 54)

5. Barmherzigkeit

Nach diesen vier Eigenschaften werde ich für die fünfte Sache das Wort „Barmherzigkeit“ verwenden. Allerdings sind dafür noch viele andere Begriffe verwendet worden.

Ich verwende das Wort Barmherzigkeit deshalb, weil Allah, der Erhabene, selbst dieses Wort gewählt hat, um das Bild der gegenseitigen Beziehungen unter den Muslimen zu zeichnen. Dies weist auf die umfassende Bedeutung dieses Wortes hin:

محمد الرسول الله والذين معه أشداء على الكفار رحماء بينهم –

„Muhammad, der Gesandte Allahs, und seine Gefährten sind gegenüber den Ungläubigen streng und untereinander barmherzig.“ (Sure al-Fath 29)

Um diese Eigenschaft einfach zu verstehen, können wir sie als Sanftmut und Zartheit des Herzens bezeichnen. Dadurch zeigen sich im Verhalten eines Menschen gegenüber seinem Bruder tiefe Liebe, Zuneigung, Barmherzigkeit, Mitgefühl und innige Anteilnahme. Schon der Gedanke, dass sein Bruder durch ihn auch nur im geringsten Maß Kummer oder Verletzung erfahren könnte, ist für ihn schmerzlich. Die Eigenschaft der Barmherzigkeit macht einen Menschen beliebt und zieht die einfachen Leute zu ihm hin. Der Koran bezeichnet sie als eine der herausragenden Eigenschaften des Gesandten und führt mehrere Beispiele dafür im Bereich der Daʿwa und der Organisation an.

لقد جاءكم رسول من انفسكم عزيز عليكم ما عنتُّم حريص عليكم بالمؤمنين رؤف رَّحيم –

„Wahrlich, ein Gesandter ist aus eurer Mitte zu euch gekommen. Was euch auch immer an Leid trifft, bedrückt ihn. Er ist stets um euer Wohlergehen bemüht und gegenüber den Gläubigen überaus gütig und barmherzig.“ (Sure at-Tauba, 128)

In der Sure Āl ʿImrān wird gesagt, dass die Menschen niemals in deine Nähe gekommen wären, wenn dein Herz nicht sanft gewesen wäre. Und diese Sanftheit des Herzens ist allein die Barmherzigkeit Allahs.

فبما رحمة من الله لنت لهم ولو كنت فظا غليظ القلب لا نفضُّيوا حولك –

„Durch Allahs Barmherzigkeit bist du ihnen gegenüber sanftmütig und voller Mitgefühl geworden. Wärst du jähzornig und hartherzig gewesen, wären sie von dir fortgegangen.“ (Āl ʿImrān, 159)

Das natürliche Ergebnis des Glaubens sind Liebe und Zuneigung. Liebe und Zuneigung können niemals mit einem harten Herzen vereinigt sein. Wenn ein Gläubiger daher liebevoll ist, ist er von Natur aus sanftmütig. Andernfalls liegt in seinem Glauben kein Gutes. Auf diese Wahrheit hat der edle Gesandte (S) wie folgt hingewiesen:

المؤمن مالف ولا خير فيمن لا يألف ولا يولف – (احمد وبيهقى – ابو هريرة)

„Der Mu’min ist ein leuchtendes Sinnbild der Liebe und Zuneigung. In demjenigen, der niemanden liebt und den auch niemand liebt, liegt kein Gutes.“ (Ahmad, Baihaqi – von Abu Huraira, r.a.)

Und deshalb heißt es:

من يحرم الرفق يحرم الخير –

„Wem ein sanftes Wesen verwehrt ist, dem ist auch das Gute verwehrt.“ (Muslim)

Eine ausführliche Erläuterung eben dieser Aussage lautet:

من اعطى حظه من الرفق اعطى حظه من خير الدنيا والاخرة –

„Wem ein Anteil an einem nachsichtigen Wesen gegeben wurde, dem wurde auch ein Anteil am Guten dieser Welt und des Jenseits gegeben.“ (Scharh as-Sunna – von Aischa, r.a.)

Einmal erwähnte der große Prophet (s.a.w.) einen von drei Menschen, denen das Paradies bestimmt war. Dieser Mann war gegenüber seinen Verwandten und den gewöhnlichen Muslimen äußerst mitfühlend und voller Anteilnahme.

رحيم رفيق القلب لكل ذى قرب وَّ مسلم – (مسلم )

Wahrlich, niemand ist elender als derjenige, der den Menschen dieser Welt kein Erbarmen erweist. Denn im Jenseits wird er der Barmherzigkeit Gottes beraubt sein. Wer hingegen den Dienern Allahs Barmherzigkeit erweist, für den wird Allahs Barmherzigkeit unvermeidlich. Muhammad (s.) sagte daher:

لا تنزع الرحمة الا من شقىٍّ –

„Niemandem wird die Barmherzigkeit entzogen, außer dem Elenden.“

Er sagte ferner:

الرحيمون يرحمهم الرحمن – ارحم من فى الارض يرحمكم من فى السماء –

„Denjenigen, die Barmherzigkeit erweisen, erweist der Allerbarmer Barmherzigkeit. Erweist den Bewohnern der Erde Barmherzigkeit, damit die Bewohner des Himmels euch Barmherzigkeit erweisen.“ – (Abu Dawud, Tirmidhi – Ibn Umar (r.a.))

Diese Barmherzigkeit und Sanftmut zeigen sich in zwei unterschiedlichen Aspekten: in Zuneigung gegenüber den Jüngeren und in Achtung gegenüber den Älteren. Diese beiden Dinge werden mit den folgenden Worten erwähnt:

ليس منا من لم يرحم صغيرنا ولم يوقر كبيرنا –

„Wer unseren Jüngeren keine Barmherzigkeit (Zuneigung) erweist und unseren Älteren keinen Respekt entgegenbringt, gehört nicht zu uns.“ (Tirmidhi – Ibn Abbas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Ein Muslim ist im Umgang mit seinem Bruder von sanfter Wesensart und bemüht sich mit allen möglichen Mitteln nach Kräften darum, sein Herz zu erfreuen, ihm keinen Schmerz zuzufügen und jeden seiner berechtigten Ansprüche zu erfüllen. Der ehrwürdige Gesandte Allahs hat dies durch folgendes Beispiel veranschaulicht:

المؤمنون هينون لينون كلجمل ان قيد انقاد وان أنيخ على صخرة استنا خ –

„Der gläubige Mensch ist geduldig und gutherzig wie jenes Kamel, an dessen Nase ein Halfter befestigt ist: Zieht man es, lässt es sich ziehen, und setzt man es auf einen Stein, setzt es sich hin.“ – (Tirmidhi)

Der erhabene Koran hat dieses gesamte Thema äußerst knapp beschrieben:

اذلة على المؤمنين –

„Sie werden den Gläubigen gegenüber demütig und sanftmütig sein.“ – (Sure al-Māʾida 5:54)

Tatsächlich ist es gerade die Eigenschaft der Barmherzigkeit, die menschlichen Beziehungen neues Leben und Bewusstsein einhaucht und ihre Schönheit und Anmut zur Vollkommenheit bringt. Wenn ein Mensch einmal die Größe dieser Barmherzigkeit erkannt hat, ist es sehr schwer, sein Herz dazu zu bewegen, die Beziehung zu lösen, durch die er diese Gnade erlangt hat.

6. Vergebung (عفوٌّ)

Vergebung bedeutet, jemandem zu verzeihen. In diesem Begriff sind jedoch einzeln betrachtet viele Dinge enthalten, wie etwa die Beherrschung des Zorns, Geduld und Standhaftigkeit, Nachsicht und Ähnliches. Da diese Eigenschaften eng mit dieser Tugend verbunden sind, rechnen wir sie ebenfalls dazu. Wenn zwischen zwei Menschen eine Beziehung entsteht, geschieht es ganz natürlich, dass jeder von ihnen gelegentlich etwas tut, was für den anderen unangenehm, bitter, schmerzlich oder traurig ist. Manches davon erregt in ihm Zorn, anderes gibt ihm sogar das Recht auf rechtmäßige Vergeltung. Doch in solchen Situationen verlangt eine Liebesbeziehung zu ihrer Stabilität, dass die Liebe siegt, dass beide trotz der Möglichkeit zur Vergeltung davon absehen und dem Grundsatz der Vergebung und Nachsicht folgen. Dies war eine besondere Charaktereigenschaft des edlen Gesandten (s.a.s.). Deshalb hat Allah ihn an vielen Stellen ermahnt:خذ العفو –

„Befolge das Prinzip der Nachsicht und Vergebungsbereitschaft.“ – (Sure al-Aʿraf 199)

فاعف عنهم واستغفرلهم –

„Vergib ihnen und bitte für sie um Vergebung.“ – (Āl ʿImrān 159)

Beim Lehren der Muslime in den Eigenschaften der Taqwa heißt es außerdem:

والكاظمين الغيظ والعافين عن الناس –

„die ihren Zorn bezähmen und den Menschen vergeben.“ – (Āl ʿImrān 3:134)

Wenn ein Mensch verletzt wird oder ihm irgendein Schaden zugefügt wird, versucht zunächst der Zorn, seinen Geist und Verstand zu überwältigen. Und wenn der Zorn von seinem Gemüt und Verstand Besitz ergreifen kann, dann tut er, von Vergebung ganz zu schweigen, derart ungewöhnliche Dinge, dass jede Hoffnung auf eine künftig gesunde und normale Beziehung schwindet. Deshalb sollte jeder zuerst darüber nachdenken, seinen eigenen Zorn zu beherrschen. Wenn ein Mensch Gelegenheit erhält, diese Beziehung mit ruhigem Verstand zu betrachten, wird er, selbst wenn er anschließend nicht dem Grundsatz der Vergebung folgt, zumindest nicht die Grenzen der Gerechtigkeit überschreiten. Der edle Gesandte (s.a.s.) hat zu verschiedenen Zeiten vor den schädlichen Folgen des Zorns gewarnt und dazu aufgefordert, ihn zu bezwingen. Er sagte:

ان الغضب ليقسد الايمان كما يفسد الصبر العسل –

„Wahrlich, der Zorn zerstört den Iman ebenso, wie eine giftige Arznei den Honig zerstört.“ – (Bayhaqī – Ibn ʿUmar (r.a.))

ما تجرع عبد افضل عند الله عز وجل من جرعة غيظ يكظمها ابتغاء وجه الله تعالى –

„Keinen besseren Schluck schluckt ein Diener in Allahs Augen als den Zornesschluck, den er um Allahs Wohlgefallen willen hinunterschluckt.“ (Aḥmad – Ibn ʿUmar (r.a.))

Ebenso lehrte der edle Gesandte (s.a.s.) Geduld (Sabr) und sagte, dass es für den Menschen ein vorzüglicheres Verhalten sei, Leid und Kummer geduldig zu ertragen und miteinander verbunden zu bleiben, als die Beziehung abzubrechen. Er sagte:

المسلم خالط الناس ويصبر على اذاهم افضل من الذى لا يخالطهم ولا يصبر على اذاهم –

„Der Muslim, der mit den Menschen in Gemeinschaft lebt und angesichts der von ihnen verursachten Leiden und Schwierigkeiten Geduld übt, ist besser als derjenige, der den Umgang mit ihnen meidet und angesichts von Leiden und Schwierigkeiten keine Geduld übt.“ (Tirmidhi, Ibn Madscha – Ibn Umar, Allah sei mit ihm zufrieden.)

Einmal sagte er, als er dem ehrwürdigen Abu Bakr as-Siddiq, Allah sei mit ihm zufrieden, Ratschläge erteilte, unter anderem:

عبدا ظلم بظلمة فيغضى عنها لله عز وجل الا امر الله بنصره –

„Wenn einem Diener Unrecht zugefügt wird und er nur um Allahs Wohlgefallen willen schweigt, unterstützt Allah ihn in großartiger Weise.“ (Bayhaqi – Abu Huraira, Allah sei mit ihm zufrieden.)

Auf den Sabr folgt, dem eigenen Bruder frohen Herzens zu vergeben, obwohl man die Möglichkeit zur Vergeltung und Rache besitzt. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Der ehrwürdige Musa, Allahs Friede sei auf ihm, fragte Allah: „Wer unter Deinen Dienern ist Dir am liebsten?“ Darauf antwortete Allah, der Erhabene:

من اذا قدر عذر –

„Derjenige, der vergibt, obwohl er die Möglichkeit zur Vergeltung besitzt.“ (Bayhaqi – Abu Huraira, Allah sei mit ihm zufrieden.)

Ebenso hat der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, demjenigen eine schlimme Nachricht verkündet, der die Vergebung seines Bruders nicht annimmt:

من اعتذر الى اخيه فلم يعتذره او لم يقبل عذره كان عليه مثل خطيئة صاحب مكسٍ –

„Wer seinen Bruder wegen seines eigenen Unrechts um Verzeihung bittet, dieser ihm jedoch nicht verzeiht oder seine Entschuldigung nicht annimmt, dem wird eine ebenso große Sünde zugerechnet wie einem unrechtmäßigen Zolleinnehmer.“ (Tirmidhi – Sahl ibn Muʿadh)

Und wer seinem Bruder verzeiht, obwohl er zornig ist, für den gibt es auch im Jenseits den höchsten Lohn. Daher sagte der edle Prophet (s.a.w.):

من كظم غليظا وهو يقدر على ان ينقذه دعاه الله على رئوس الخلائق يوم القيامة حتى يخيره فى اى الحور شاء –

„Wer seinen Zorn unterdrückt, obwohl er die Macht hätte, ihn zu befriedigen, den wird Allah am Tag der Auferstehung vor allen Geschöpfen zu sich rufen und ihm die Wahl geben, jede Huri auszuwählen, die er möchte.“ (Tirmidhi – Sahl ibn Muʿadh)

Denjenigen, die im weltlichen Leben vergeben, wird Allah, der Erhabene, ihre Fehler und Mängel vergeben.

وليعفوا وليصفحوا الا تحبون ان يغفرالله لكم والله غفور رَّحيم –

„Sie sollten die Haltung der Vergebung und Nachsicht annehmen. Möchtet ihr nicht, dass Allah euch vergibt? Wahrlich, Allah ist voller Vergebung und Barmherzigkeit.“ (Sure an-Nur 22)

Natürlich kann ein Unrecht mit einem gleichartigen Unrecht vergolten werden; wer aber verzeiht, dessen Lohn liegt bei Allah. وجزاؤ اسيّئة سيّئة مّثلها – فمن عفا واصلح فاجره على الله انه لا يحب الظالمين –

„Die Vergeltung für ein Unrecht ist ein gleichartiges Unrecht. Wer aber verzeiht und Versöhnung stiftet, dessen Lohn ist bei Allah; Er liebt die Ungerechten nicht.“ (Sure asch-Schura 40)

Diese Eigenschaft der Vergebung zu erwerben, ist keine leichte Aufgabe. Es ist eine große Tat des Mutes.

ولمن صبر وغفر ان ذالك من عزم الامور-

„Wer geduldig standhaft blieb und verzieh, der vollbrachte wahrlich eine große Tat des Mutes.“ (Sure asch-Schura 43)

Doch gerade diese Eigenschaft schafft in einer Beziehung außerordentliche Erhabenheit und Reinheit. Deshalb ist sie eine äußerst wichtige Eigenschaft.

In diesem Zusammenhang halte ich es für notwendig, noch zwei weitere Eigenschaften zu erwähnen. Die eine ist gegenseitiges Vertrauen beziehungsweise Verlässlichkeit, die zweite die Wertschätzung.

7. Verlässlichkeit

Auch das Wort Freundschaft gehört zum umfassenden Begriff des Vertrauens. Darin liegt, was der Koran zur Bestimmung des gegenseitigen Verhältnisses der Muslime verwendet hat. Wahrhaftig wird derjenige als Freund bezeichnet, der vollkommen vertrauenswürdig ist und dem man alle seine Geheimnisse in völliger Sicherheit anvertrauen kann. Und dass der Mensch sich auf seinen Gefährten verlässt und ihn an allen Angelegenheiten des Lebens gleichermaßen beteiligt – genau das fordert die brüderliche Beziehung.

8. Das Bewusstsein für den Wert

Das Ziel dieses letzten Punktes besteht darin, dass der Mensch über die Bedeutung und Würde dieser Beziehung so weit informiert ist, dass er ihren wahren Wert erkennen kann. Das wird jedoch erst möglich sein, wenn der Mensch unter keinen Umständen bereit ist, diese Beziehung abzubrechen.

Drittens: Mittel zum Schutz der Beziehung vor Entstellung

Im Lichte dieser grundlegenden Prinzipien und Eigenschaften haben Allah und Sein Gesandter (s.a.w.) uns umfassende Rechtleitung gegeben, damit die Beziehung auf das angestrebte Niveau gehoben werden kann. Einige dieser Dinge sind negativer Art; sie schützen die Beziehung vor Schaden. Andere sind positiver Art; sie verleihen ihr größere Festigkeit und fördern die Zuneigung.

Das erste und wichtigste verbotene Verhalten ist der Eingriff in die Rechte.

1. Eingriff in die Rechte

In dieser Welt besitzt jeder Mensch irgendwelche Rechte. Diese Rechte beziehen sich sowohl auf die Dinge, die ein Mensch benutzt, als auch auf die Menschen, zu denen er in Beziehung steht. Ein Muslim muss streng darauf achten, dass er sich nicht dadurch schuldig macht, eines der beiden Arten von Rechten seines Bruders zu verletzen. Ebenso wenig, wie er seinem Bruder dessen Rechte an Geld, Vermögen oder materiellen Interessen vorenthalten darf, darf er davon ablassen, die ihm gegenüber bestehende Pflicht hinsichtlich seines Lebens und Eigentums, seiner Ehre und Würde sowie seiner Religion zu erfüllen. Über all diese Rechte hat der Koran ausführlich gesprochen. In jeder einzelnen Angelegenheit – Erbschaft, Ehe, Scheidung und anderen – hat Allah Seine Grenzen festgelegt und dadurch den Weg zu Eingriffen in diese Angelegenheiten versperrt. Die Einzelheiten hierzu sind in den Hadithen sehr deutlich dargelegt. Darüber hinaus wird an all den Stellen, an denen die diesbezüglichen Regeln und Bestimmungen erläutert werden, in äußerst strenger Sprache zu den Rechten und zur Gottesfurcht ermahnt und vor den schlimmen Folgen der Überschreitung der festgelegten Grenzen gewarnt.

تلك حدود الله فلا تعتدوها ومن يعتدَّ حدود الله فاولـــئك هم الظالمون –

„Dies sind Allahs festgelegte Grenzen. Überschreitet sie daher nicht. Wer Allahs Grenzen überschreitet, der ist ein Ungerechter.“ (Sure al-Baqara 229)

تلك حدود الله ومن يطع الله ورسوله يدخله جنات تجرى من تحتها الانهار خالدين فيها وذالك الفوز العظيم- ومن يعص الله ورسوله ويعتدَّ حدوده يدخله نارا خالدا فيها وله عذاب مُّهين –

„Dies sind Allahs festgelegte Grenzen. Wer Allah und Seinem Gesandten gehorcht, den wird Allah in Gärten eintreten lassen, unter denen Bäche fließen; darin wird er ewig verweilen. Das ist der größte Erfolg. Wer aber Allah und Seinem Gesandten (s.a.s.) den Gehorsam verweigert und Allahs festgelegte Grenzen überschreitet, den wird Allah in das Feuer der Hölle werfen; darin wird er ewig verweilen, und für ihn ist eine erniedrigende Strafe bestimmt.“ (Sure an-Nisa 13–14)

Der Heilige Prophet (s.a.s.) erklärte dies den Muslimen folgendermaßen:

من اقتع حق امرء مسلم بيمينه فقد اوجب الله له النار وحرَّم عليه الجنة –

„Wer durch einen Eid das Recht eines Muslims verletzt hat, dem hat Allah zweifellos die Hölle auferlegt und das Paradies verwehrt.

Jemand unter den Gefährten fragte:

وان كان شيئا يسيرا يا رسول الله ! فقال ان كان قضيبا من اراك –

„Wenn es sich um eine ganz unbedeutende Sache handelt?“ Der ehrwürdige Prophet (S) sagte: „Ja, selbst wenn es nur ein nutzloser und unbedeutender Zweig eines Pilu-Baumes wäre.“

Einmal erläuterte der Gesandte (S) diese Angelegenheit in äußerst ansprechender Weise und fragte die Sahaba:

أتدرون المفلس؟ قالوا المفلس فينا من لا درهم له ولا متاع فقال ان المفلس فى امتى من يأتى يوم القيامة بصلوة وصيام وزكوة وياتى قد شتم هذا وقذف هذا واكل مال هذا وسفك دم هذا وضرب هذا فيعطى هذا من حسناته وهذا من حسناته فان فنيت حسناته قبل ان يقضى ما عليه اخذ من خطاياهم فطرحت عليه ثم طرح فى النار –

„Wisst ihr, wer arm ist?“ Die Sahaba antworteten (im gewöhnlichen Sinne): „Arm ist, wer kein Hab und Gut besitzt.“ Der Gesandte (S) sagte: „Der wahrhaft Arme unter meiner Umma ist derjenige, der am Tag der Auferstehung mit Taten wie Gebet, Fasten und Zakat erscheinen wird, zugleich aber auch die Taten des Beschimpfens, der Verleumdung anderer, des Verzehrs des Eigentums anderer, des Vergießens des Blutes anderer und des Schlagens anderer mitbringen wird. Dann wird einem Unterdrückten von seinen guten Taten gegeben. Danach wird einem zweiten Unterdrückten von seinen guten Taten gegeben. Wenn seine guten Taten auf diese Weise vor dem endgültigen Urteil aufgebraucht sind, werden die Sünden der Anspruchsberechtigten genommen und ihm auferlegt; anschließend wird er ins Höllenfeuer geworfen werden.“ (Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Um die zwischenmenschlichen Beziehungen im diesseitigen Leben vor Verderbnis zu bewahren und der Strafe im Jenseits zu entgehen, ist ein vollständiger Schutz der Rechte erforderlich. Deshalb hat der ehrwürdige Gesandte (S) nachdrücklich dazu ermahnt, vor seinem Tod die muslimischen Brüder um Vergebung für die eigenen Fehler und Verfehlungen zu bitten.

Die wichtigste Grundlage für den Schutz der Rechte besteht darin, dass Leben, Eigentum und Ehre der Muslime vor der Hand und der Zunge ihres Bruders sicher sind. Ja, der ehrwürdige Gesandte hat dies sogar zu den notwendigen Eigenschaften gezählt. Er sagte:

المسلم من سلم المسلمون من لسانه ويده –

„Ein Muslim ist derjenige, vor dessen Zunge und Hand alle Muslime sicher sind.“ (Buchari und Muslim – Abdullah ibn Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

2. Die Sicherheit von Leib und Leben

Für jeden Muslim sind sein Leib und sein Leben das Liebste und Wertvollste. Wer sich in dieser Hinsicht ungerecht verhält, kann ihn niemals als seinen Bruder betrachten. Daher wurde den Muslimen das ungerechtfertigte Blutvergießen strengstens verboten:

ومن يقتل مؤمنا متعمدا فجزائه جهنم خالدا فيها وغضب الله عليه ولعنه واعدله عذابا عظيما –

„Wer einen Gläubigen vorsätzlich tötet, dessen Lohn ist die Hölle. Dort wird er ewig bleiben. Allah hat Seinen Zorn und Seinen Fluch über ihn verhängt und für ihn die härteste Strafe bestimmt.“ (Sure an-Nisa 4:93)

Während der Abschiedswallfahrt erklärte der Gesandte Allahs in äußerst eindringlichen Worten, dass das Leben, das Eigentum und die Ehre der Muslime einander gegenüber unverletzlich und zu achten seien, und sagte anschließend: „Seht zu, dass ihr nach mir nicht zu Ungläubigen werdet und nicht beginnt, euch gegenseitig die Kehlen durchzuschneiden.“

So sagte er einmal:

سباب المسلم فسوق وقتاله كفرً-

„Einen Muslim zu beschimpfen ist Frevel, und gegen ihn zu kämpfen ist Unglaube.“ (Buchari und Muslim)

Der Missbrauch des Mundes macht die gegenseitigen Beziehungen weitaus empfindlicher als der Missbrauch der Hand. Dadurch entstehen auf vielfältige Weise Unruhe und Zwietracht. Jede solche Unruhe ist derart komplex, dass ihre Beseitigung äußerst schwierig ist. Deshalb ist es besonders notwendig, solchen Formen der Unruhe von vornherein Hindernisse in den Weg zu legen. Daher haben Allah und Sein Gesandter (sallallahu alaihi wa sallam) einerseits sehr ausführlich vor einem unangemessenen Gebrauch des Mundes im zwischenmenschlichen Umgang gewarnt und andererseits jede Ursache von Entstellung und Zerrüttung innerhalb der Grenzen dieser Beziehungen aufgezeigt und Wege zu ihrer Verhinderung gewiesen.

Der Koran sagt den Muslimen:

ما يلفظ من قول الا لديه رقيب عتيد –

„Kein Wort spricht er aus, ohne dass bei ihm ein Aufzeichner anwesend ist.“ (Sure Qaf 18)

Eines Tages, nachdem der edle Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) Hadhrat Mu’adh (möge Allah mit ihm zufrieden sein) verschiedene Ermahnungen gegeben hatte, packte er seine Zunge und sagte:كف عليك هذاDeine Pflicht ist es, sie zurückzuhalten. Er fragte: „O Gesandter Allahs (sallallahu alaihi wa sallam)! Werden wir auch für das, was wir sagen, zur Rechenschaft gezogen?“ Er sagte:

هل يكبَّ الناس على وجوههم الا حصائد ألسنتهم –

„Was außer dem Ertrag der Zunge (das heißt der Sprache) würde den Menschen ins Feuer der Hölle werfen?“ (Tirmidhi – Mu’adh ibn Dschabal)

Sufyan ibn Abdullah fragte: „Was soll ich in Bezug auf mich selbst am meisten fürchten?“ Der Gesandte (s.a.s.) hielt seine eigene Zunge fest und sagte: „Diese.“

3. Grobe Rede und Beschimpfungen

Einen Bruder ins Gesicht zu beschimpfen, in grober Sprache mit ihm zu sprechen und ihn zu verspotten oder lächerlich zu machen, ist vollkommen unzulässig. Ebenso fällt es darunter, ihn mit entstellenden Namen anzureden. Darüber heißt es im Koran:

ولا تنابزوا بالالقاب بئس الاسم الفسوق بعد الايمان –

„Und verleumdet einander nicht mit Schimpfnamen; eine üble Benennung nach dem Glauben ist Frevel.“ (Sure al-Hudschurat 11)

Ebenso sagte der Gesandte (s.a.s.):

لا يدخل الجنة الجواط الجعظرى –

„Kein grob sprechender und schlechtmütiger Mensch wird ins Paradies eintreten.“ (Abu Dawud, al-Bayhaqi – Harith ibn Wahab)

ان ابغضكم الى وابغضكم منى عبسا يوم القيامة الثارثرون المتشدقون المتفيهقون –

„Am Tag der Auferstehung werden in meinen Augen die Schwätzer, die obszön Redenden, die falschen Anspruchsteller auf Wissen und die Hochmütigen am meisten verflucht sein und mir am fernsten stehen.“ (Tirmidhi – Dschābir, r.a.)

ليس المؤمن بالطّعّان ولا بالَّعان ولا الفاحش ولا البذى –

„Der Gläubige ist weder ein Spötter noch ein Fluchender, weder jemand, der obszön redet, noch ein Schwätzer.“ (Tirmidhi – Ibn Masʿūd, r.a.)

Kurz gesagt: Der Gläubige darf vor seinem Bruder keinerlei Angriff auf dessen Ansehen und Würde verüben.

4. Ghiba (üble Nachrede)

Ein weiteres Übel ist die Ghiba. Sie ist noch schwerwiegender als das Vorangegangene, denn dabei verleumdet ein Mensch seinen Bruder nicht in dessen Gegenwart, sondern sitzt hinter seinem Rücken und redet schlecht über ihn. Deshalb hat der Koran die Ghiba damit verglichen, das Fleisch seines verstorbenen Bruders zu essen:

لا يغتب بعضكم بعضا – أيحب أحدكم أن يأكل لحم اخيه ميتا فكرهتموه –

„Redet nicht schlecht übereinander. Würde einer von euch etwa gern das Fleisch seines verstorbenen Bruders essen? Das würdet ihr gewiss verabscheuen.“ (Sure al-Hudschurāt 12)

Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) einmal den Gefährten die Bedeutung der üblen Nachrede erklärte, fragte er sie: „Wisst ihr, was üble Nachrede ist?“

Die Gefährten sagten: „Allah und Sein Gesandter wissen es am besten.“ Er sagte:

ذكرك اخاك بما يكره فقيل ارايت ان كان فى اخى ما اقول قال ان كان فيه ما تقول فقد اغتبته وان لم يكن فيه ما تقول فقد بهته –

„Üble Nachrede bedeutet, über deinen Bruder in einer Weise zu sprechen, die er nicht gutheißen würde. Man fragte: Was ist, wenn die erwähnte schlechte Eigenschaft tatsächlich in meinem Bruder vorhanden ist? Der Gesandte (s.a.w.) sagte: Wenn ihr eine schlechte Eigenschaft erwähnt, die tatsächlich in ihm vorhanden ist, dann habt ihr üble Nachrede betrieben. Ist sie aber nicht in ihm vorhanden, dann habt ihr ihn verleumdet.“ (Muslim – Abū Huraira, r.a.)

Die Würde und Ehre eines muslimischen Bruders verlangt in der Tat, dass sein Bruder nicht hinter seinem Rücken schlecht über ihn redet.

5. Das Zutragen von Gerüchten

Eine Form der üblen Nachrede ist das Zutragen von Gerüchten. Der Edle Koran sagte zu dessen Verurteilung:

همَّازٍ مَّشّاء بنميم –

„die Menschen verspotten und üble Nachrede weitertragen.“ (Sure al-Qalam 11)

Hadhrat Hudhaifa (r.a.) sagte:

„Ich hörte den Gesandten Allahs (s.a.w.) sagen: Ein Zuträger wird nicht ins Paradies kommen.“

Der edle Gesandte (s.a.w.) ermahnte seine Gefährten besonders und sagte:

لا يبلغنى احد من اصابى شيئا فانى احبَّ ان اخرج اليكم وانا سليم الصدر –

„Niemand soll mir etwas Schlechtes über irgendeinen Menschen überbringen, denn wenn ich zu euch komme, möchte ich allen gegenüber ein reines Herz haben; das ist es, was ich bevorzuge.“ (Abu Dawud – Ibn Masʿud, r.a.)

Zur üblen Nachrede und zum Zutragen von Gerüchten gehört neben der Zunge auch schädigendes Verhalten mithilfe der Hände, Füße und Augen.

6. Beschämung

Eine besonders schwerwiegende und im menschlichen Herzen Hass und Feindseligkeit hervorrufende Form des Fehlverhaltens besteht darin, den eigenen Bruder wegen seiner Fehler und Mängel in seiner Gegenwart oder vor anderen Menschen zu beschämen und ihn auf diese Weise zu demütigen. Durch ein solches Verhalten wird sein Herz verletzt. Denn kein Mensch kann eine solche Demütigung ertragen.

Im Koran heißt es:

ولا تلمزوا انفسكم –

„Beschuldigt euren eigenen Bruder nicht.“ (Sure al-Hudschurat, 11)

In einem Hadith sagte der edle Gesandte (s.a.s.): Wer seinen Bruder wegen einer Sünde beschämt, wird nicht sterben, bevor er nicht selbst diese Sünde begangen hat.

من غيَّر اخاه بذنب لم يمت حتى يعمله –

In einem von Hazrat Ibn Umar (r.a.) überlieferten Hadith erwähnte der edle Gesandte (s.a.s.) einige Pflichten der Muslime. Darin sagte er: „Macht sie nicht wegen eines Fehlers oder einer Sünde zum Ziel und beschämt oder demütigt sie nicht. (Tirmidhi)

7. Nach Fehlern suchen

Neben dem Beschämen durch Vorwürfe gibt es noch eine weitere schlechte Handlung. Sie besteht darin, nach den Fehlern des eigenen Bruders zu suchen und seine Schwächen aufzuspüren. Denn derjenige, nach dessen Schwächen gesucht wird, fühlt sich bloßgestellt, und in seinem Herzen verfestigt sich eine ablehnende Haltung gegenüber demjenigen, dessen Fehler aufgedeckt werden. Da die Fehlersuche keinerlei verlässlicher Methode der Untersuchung folgt, besteht gewöhnlich eine größere Wahrscheinlichkeit, dass man sich auf schlechte Nachforschungsmethoden stützt und dadurch in das schwere Vergehen gerät, gegenüber dem eigenen Bruder eine ablehnende Haltung, ja sogar Misstrauen, zu hegen. Deshalb hat der Heilige Qur’an die Muslime unmittelbar im Zusammenhang mit einer ablehnenden Haltung gewarnt:

ولا تجسَّسوا

„Und forscht nicht nach Fehlern.“ (Sure al-Hudschurat 49:12)

Auch der edle Prophet (s.a.w.) sagte hierzu:

ولا تتَّبعوا عوراتهم فانه من يتَّبع عورة اخيه المسلم يتَّبع الله عورته ومن يتَّبع الله عورته يفضحه ولو فى جوف رحله –

„Sucht nicht nach den Fehlern der Muslime. Denn wer die verborgenen Fehler und Sünden seines muslimischen Bruders aufzuspüren versucht, dessen verborgene Fehler wird Allah aufzudecken beginnen. Und wen Allah bloßzustellen beginnt, den wird Er gewiss demütigen – selbst wenn er sich im Innersten seines Hauses verborgen hält.“ (at-Tirmidhi – überliefert von Abdullah ibn Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

8. Sich lustig machen

Unter den Verfehlungen der Zunge gibt es noch eine weitere schwere Verfehlung, die einen Bruder von einem anderen Bruder trennt: das Scherzen oder Verspotten. Das heißt, den eigenen Bruder auf eine Weise zu verspotten und zu verhöhnen, die einen Ton der Herabsetzung enthält. Vielmehr ist das Verspotten in den meisten Fällen die Folge davon, andere herabzusetzen und sich selbst für überlegen zu halten. Deshalb hat der Koran diesbezüglich mit den folgenden Worten eine Warnung ausgesprochen:

يايُّها الذين امنوا لا يسخر قوم من قوم عسى ان يَّكونوا خيرًا منهم ولا نساء من نساءٍ عسى ان يّكنًّ خيرًا منهنَّ-

„O ihr, die ihr glaubt! Keine Gemeinschaft soll eine andere Gemeinschaft verspotten; vielleicht ist diese besser als jene. Und keine Frau soll andere Frauen verspotten; vielleicht sind diese besser als jene.“ (Sure al-Hudschurat 49:11)

Über die schrecklichen Folgen im Jenseits für denjenigen, der seinen muslimischen Bruder verspottet, hat der edle Gesandte Allahs (s.) Folgendes berichtet:

انَّ المستهزئين بالناس يفتح لاحدهم فى الاخرة باب من الجنة فيقال له هلمَّ فيجئُّ بكربه وغمِّه فاذا جاءه اغلق دونه ثم يفتح له باب اخر فيقال له هلمَّ فيجئُّ بكربه وغمِّه فاذا جاءه اغلق دونه فما يزال كذالك حتى انَّ احدهم ليفتح له الباب من ابواب الجنة فيقال له هلمَّ فما يأتيه من الياس-

„Am Tag der Auferstehung wird für denjenigen, der Menschen verspottet, ein Tor des Paradieses geöffnet. Ihm wird gesagt werden: ‚Tritt ein.‘ Er wird sich mühsam dorthin begeben, doch sobald er das Tor erreicht, wird es vor ihm geschlossen werden. Danach wird ein zweites Tor geöffnet, und es wird gesagt werden: ‚Komm, tritt ein.‘ Wieder wird er sich mühsam dorthin begeben, doch kaum wird er sich nähern, wird das Tor geschlossen werden. So wird sich dieses Geschehen fortwährend wiederholen. Schließlich wird zu einer Zeit ein Tor des Paradieses für ihn geöffnet und ihm gesagt werden: ‚Komm.‘ Dann wird er aus Verzweiflung nicht einmal den Mut haben, dorthin zu gehen und das Paradies zu betreten.“ (al-Bayhaqi)

Eine Form des Verspottens besteht darin, die Fehler und Mängel anderer Menschen zu verhöhnen. Als Aischa (r.) einmal jemanden verspottete, zeigte der Gesandte Allahs (s.) großes Missfallen und sagte:

ما احب انى حكيت احدا وانَّ لى كذا وكذا –

„Ich missbillige es, jemanden zu verspotten – selbst wenn mir dafür dieses und jenes gegeben würde (das heißt, jede beliebige weltliche Gunst). (Tirmidhi – Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr)

9. Einen anderen geringschätzen

Was im Inneren verborgen bleibt und äußerlich durch Beschimpfen, Beschämen, üble Nachrede, Verleumdung und Spott zum Ausdruck kommt, ist, den eigenen Bruder als geringer als sich selbst zu betrachten. Tatsächlich wagt ein Mensch erst dann, sich seinem Bruder gegenüber auf diese Weise zu verhalten, wenn ein solches Gefühl der Überheblichkeit in ihm entstanden ist. Wer hingegen seinen eigenen Bruder für besser als sich selbst hält, kann niemals zu einem solchen Verhalten fähig sein. Deshalb weist der Koran, wenn er vom Spott abhält, darauf hin, dass ein Mensch seinen Bruder niemals verspotten würde, wenn er bedenkt, dass dieser besser sein könnte als er selbst.

عسى ان يَّكونوا خيرًا مِّنهم –

„Vielleicht ist er besser als derjenige, der spottet.“ (Sure al-Hudschurāt 11)

Jemand aus dem Kreis der Gefährten fragte: Mit Īmān und Taqwā sind es niemals vereinbar, einen gläubigen und muslimischen Bruder geringzuschätzen oder schlecht und verächtlich über ihn zu denken. Denn der Maßstab für die Würde und Ehre eines jeden Menschen ist die Taqwā, und die endgültige Entscheidung darüber wird im Jenseits vor Allahs Gericht fallen. Einen eigenen muslimischen Bruder in dieser Welt geringzuschätzen bedeutet daher, dass dieser Mensch den wahren Wert des Īmān noch nicht verstanden hat. Einst bezeichnete der edle Gesandte Allahs in einem äußerst bedeutungsvollen Hadith die Taqwā als eine Angelegenheit des Herzens und sagte:

يحسب امرء مِّن الَِّشرِّ ان يُّحقر اخاه المسلم –

„Für die Sündhaftigkeit eines Menschen genügt es bereits, dass er seinen muslimischen Bruder für gering erachtet.“ (Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

In einer anderen Überlieferung sagte der Gesandte (s.a.w.) folgendermaßen:

ولا يخذ له ولا يحقره –

„Kein Muslim soll einen anderen Muslim demütigen oder für gering erachten.“

Eines Tages sagte der Gesandte (s.a.w.), dass jemand, in dessen Herzen auch nur ein Körnchen Hochmutتعدist, nicht ins Paradies eingehen wird. Daraufhin erklärte er auf die Frage eines Mannes, was Hochmut bedeutet:

يطر الحقِّ وغمط النَّاس –

„Hochmut bedeutet, die Wahrheit zurückzuweisen und die Menschen für gering zu erachten.“ (Muslim – Ibn Masʿūd, r.a.)

In einem Hadith erwähnte Ḥusain Abū Huraira (r.a.) drei rettende und drei vernichtende Dinge und sagte:

اعجاب المرء بنفسه وهى اشدُّ هُنَّ –

„Etwas Zerstörerisches ist, sich selbst für fromm und überlegen zu halten; und dies ist die schlechteste Gewohnheit.“ (Bayhaqi – Abu Huraira, r.a.)

In der heutigen gesellschaftlichen Umgebung sollten die Mitarbeiter der islamischen Bewegung sich in dieser Hinsicht nicht nur im Umgang mit ihren eigenen Freunden und Kollegen, sondern auch im Umgang mit den gewöhnlichen Muslimen selbst disziplinieren.

10. Schlechte Vermutungen

Die Krankheit der Vermutungen ist eine ernsthafte Krankheit. Sie lässt die gegenseitigen Beziehungen von innen zerfressen und macht sie inhaltsleer. Im üblichen Sinne bezeichnet „Vermutung“ eine Vorstellung, hinter der keine eindeutigen Beweise oder unmittelbare Kenntnis stehen. Wenn eine solche Vorstellung jedoch schlechter Art ist, wird sie Verdacht genannt. Wenn ein Muslim beginnt, über seinen Bruder ohne unmittelbare Kenntnis Verdacht zu hegen, muss die Liebe und Zuneigung von dort weichen. Daher sagt der Edle Qur’an hierzu:

يايها الذين امنوا اجتـنبوا كثيرًا من الظَّنِّ انَّ بعض الظَّنِّ اثم –

„O ihr, die ihr glaubt! Hütet euch vor vielen Vermutungen; gewiss, manche Vermutungen sind Sünde.“ (Sure al-Hudschurat – 12)

Der Gesandte (s.a.w.s.) sagte zu seinen Gefährten mit den folgenden Worten:

ايّاكم والظّنِّ فانَّ الظَّنَّ اكذب الحديث –

„Meidet Vermutungen, denn Vermutungen sind die schlechtesten Lügen.“ (Buchari und Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Das wichtigste Mittel, sich vor Vermutungen und Misstrauen zu bewahren, besteht darin, dass man gegenüber der Absicht seines Bruders keine schlechte Meinung hegt und auch keine schlechten Bemerkungen über sie macht. Denn die Absicht ist etwas, worüber man keine klare oder unmittelbare Kenntnis erlangen kann. In dieser Angelegenheit muss man sich stets auf Vermutungen stützen. Wenn man sich in diesem Zusammenhang noch einige weitere Dinge vor Augen führt, wird es leicht möglich sein, dieses Übel zu heilen.

Das Erste ist, dass es zwar die unabdingbare Pflicht jedes Muslims ist, gegenüber seinem eigenen Bruder keine Vermutungen oder keinen Verdacht zu hegen; ebenso ist es aber seine Pflicht, anderen keinen Anlass zu geben, Verdacht gegen ihn zu hegen. Daher muss man alles, was Anlass zu Verdacht geben könnte, soweit wie möglich vermeiden. Man darf andere unter keinen Umständen einer Versuchung aussetzen. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat diesbezüglich selbst ein Beispiel gegeben. Einmal befand er sich im Iʿtikāf. Nachts kam eine seiner Frauen, um ihn zu besuchen. Auf dem Rückweg ging er mit, um sie zu begleiten. Zufällig begegnete er zwei Ansar. Als sie ihn mit einer Frau sahen, hielten sie ihren Besuch für unpassend und wollten umkehren. Da rief er sie sogleich und sagte: „Hört, das ist meine Frau Soundso.“ Die beiden Ansar sagten: „O Gesandter Allahs! Wenn wir überhaupt gegen jemanden Verdacht hätten hegen müssen, hätten wir dann gegen dich Verdacht gehegt?“ Er sagte: „Satan durchströmt den Menschen wie das Blut.“

Zweitens: Wenn trotz aller Bemühungen, dies zu vermeiden, dennoch ein Verdacht entsteht, darf man ihn nicht im Herzen unterdrücken. Denn einen Verdacht im Herzen zu verbergen, kommt einem Verrat gleich. Vielmehr soll man unverzüglich zu seinem Bruder gehen und ihn offen äußern, damit dieser ihn ausräumen kann. Umgekehrt darf derjenige, gegen den der Verdacht geäußert wird, nicht schweigend sitzen bleiben, sondern muss ihn sofort entkräften. Andernfalls kann ein großer Teil dieser Sünde auch auf seine eigenen Schultern fallen.

11. Verleumdung

Jemanden wissentlich für schuldig zu halten oder ihm eine Sünde anzulasten, die er nicht begangen hat, wird Verleumdung genannt. Dies ist eindeutig eine Form von Lüge und Verrat. Eine noch schlimmere Form dieser Verleumdung besteht darin, die eigene Sünde einem anderen anzulasten. Dazu sagt der Koran:

ومن يكسب خطيئة او اثما ثمَّ يرم به بريئًا فقد احتمل بهتانا وَّاثمًا مُّبينا –

„Wer eine Sünde oder einen Ungehorsam begangen und ihn dann einem Unschuldigen angelastet hat, der hat sich eine gewaltige Einbuße und eine offenkundige Sünde aufgeladen.“ (Sure an-Nisāʾ 112)

So heißt es über die falschen Anschuldigungen gegen Muslime:

والذين يؤذون المؤمنين والمؤمنات بغير ما اكتسبوا فقد احتملوا بهتانا وَّاثما مُّبينا –

„Diejenigen, die muslimische Männer und muslimische Frauen durch falsche Anschuldigungen verletzen, laden sich selbst Buhtān und eine offenkundige Sünde auf.“ (Sure al-Ahzāb 58)

Wie viel Raum kann ein solches Verhalten in einer von Liebe geprägten Beziehung überhaupt haben?

12. Schaden zufügen

Auch das Wort „Schaden“ ist von sehr weitreichender Bedeutung. Hier bedeutet es jedoch, dass man darauf achten soll, dass kein Muslim seinem Bruder irgendeinen Schaden zufügt. Dieser Schaden kann körperlicher oder seelischer Art sein. Darüber sagte der edle Gesandte (s.a.w.s.) in sehr eindringlichen Worten:

ملعون من ضارُّمؤمنا او مكربه-

„Wer einem Mu’min Schaden zufügt oder jemanden betrügt, ist verflucht.“ (Tirmidhi, Abu Bakr as-Siddiq (r.a.))

„Wer einem Muslim Schaden zufügt, dem wird Allah Schaden zufügen. Und wer einem Muslim Leid zufügt, dem wird Allah Leid zufügen.“ (Ibn Madscha, at-Tirmidhi)

13. Seelischer Schmerz

Für einen Muslim ist es zweifellos eine unerwünschte Handlung, seinem Bruder seelischen Schmerz zuzufügen. Eine solche Handlung sollte keinesfalls geduldet werden. Das Herz eines Bruders kann durch einen anderen Bruder aus mehreren Gründen verletzt werden. Neben den größeren diesbezüglichen Ursachen können auch die Stimmung und die Ausdrucksweise eines Menschen in den Kleinigkeiten des Lebens eine Ursache für seelischen Schmerz sein. Der Grundsatz in dieser Angelegenheit lautet: Jeder Muslim sollte sich bemühen, dass sein Bruder durch ihn keinen seelischen Schmerz erleidet und seine Gefühle nicht verletzt werden.

Auch ein so schwerwiegendes Vergehen wie die üble Nachrede hat hierin seine Grundlage. Daher lautet die Definition der üblen Nachrede, über jemanden in einer Weise zu sprechen, die ihm nicht gefällt oder ihm seelischen Schmerz bereiten kann.

Der edle Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: „Wenn drei Personen beisammensitzen, sollen zwei von ihnen nicht miteinander flüstern. Wenn jedoch viele Menschen versammelt sind, ist dies erlaubt.“ Der Grund für diese Anweisung wird folgendermaßen erklärt:

من اجل ان يَّحزنه –

„Aus Furcht, dass er sich Sorgen macht.“ (Muslim – Abu Abdallah Ibn Masʿud)

Wenn man diese vom Islam erlassenen Regeln betrachtet, wird deutlich, dass hinter ihnen als grundlegendes Prinzip die Vermeidung seelischen Schmerzes für einen muslimischen Bruder steht. Einen Muslim zu verletzen, ist auch aus religiöser Sicht äußerst ungerecht. Daher sagte der edle Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) diesbezüglich:

من اذى مسلما فقد اذى الله –

„Wer einem Muslim Leid zufügt, fügt Allah selbst Leid zu.“ (at-Tirmidhi – Anas, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Demgegenüber wird demjenigen eine frohe Botschaft verkündet, der etwas tut, um einen anderen Menschen glücklich zu machen:

من قضى لاحد من امَّتى حاجَّة يُّريد ان يُّسرَّه بها فقد سرَّنى ومن سرَّنى فقد سرَّالله ومن سرّالله ادخله الله الجنة –

„Wer das Bedürfnis eines Mitglieds meiner Umma erfüllt, um es glücklich zu machen, macht mich glücklich. Wer mich glücklich macht, macht Allah selbst glücklich. Und wer Allah glücklich macht, den wird Allah ins Paradies eintreten lassen.“ (al-Bayhaqi – Anas, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Hier ist auch dieses Wort des edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu bedenken: „Der Gläubige ist ein leuchtendes Sinnbild der Liebe und Zuneigung. In demjenigen, der niemanden liebt und von dem auch niemand geliebt wird, ist kein Gutes.“

Seelischer Kummer entsteht gewöhnlich dadurch, dass man jemanden durch Scherze und Späße belästigt. Das heißt, dass man so scherzt und spaßt, dass sich die andere Person unbehaglich fühlt und innerlich verletzt wird.

Einmal reisten die Gefährten mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Als die Karawane unterwegs an einem Ort übernachtete, nahm ein Mann das Seil eines anderen, schlafenden Gefährten weg und brachte ihn dadurch in Verlegenheit. Als der edle Gesandte Allahs davon erfuhr, sagte er:

لا يحلُّ للمسلم ان يَّروع مسلماً –

„Es ist für einen Muslim nicht erlaubt, einen anderen Muslim durch Spott und Scherze zu belästigen.“ (Ahmad, Abu Dawud, Tirmidhi – ʿAbdurrahman (r.a.))

In ähnlicher Weise ereignete sich einmal ein Vorfall, bei dem eine Waffe versteckt wurde; daraufhin untersagte der Gesandte (s.a.s.) dies mit den Worten:

ان يَّروع المؤمن او ان يُّؤخذ متاعه لا لعبا وَّلا جدَّا –

„Es ist nicht erlaubt, einen Gläubigen zu erschrecken, ihn zum Scherz zu belästigen oder tatsächlich irgendeinen Gegenstand von jemandem wegzunehmen.“

14. Täuschung

Den Muslimen wurde untersagt, den eigenen Bruder in Gesprächen oder im Geschäftsverkehr zu täuschen oder ihn anzulügen. Denn wo die eine Seite sich gegenüber der anderen auf diese Weise verhalten kann, kann keiner sich auf den anderen verlassen. Und wo die Worte eines Menschen für einen anderen nicht verlässlich sind, können Freundschaft, Liebe und gegenseitiges Vertrauen keinesfalls bestehen bleiben. Im edlen Hadith wird genau dies als „der niederträchtigste Verrat“ bezeichnet. Der Gesandte (s.a.s.) sagte:

قال كبرت خيانة ان تحدث اخاك حديثا هولك مصدق وانت به كاذبٌ –

„Der größte Verrat besteht darin, dass du deinem Bruder etwas sagst, woraufhin er dich für wahrhaftig hält, während du ihm eine Lüge erzählt hast.“ (Tirmidhi – Sufyan ibn Asad)

15. Neid

Neid oder Missgunst ist eine verabscheuungswürdige Krankheit. Wenn diese Krankheit einmal im Herzen eines Menschen Raum gewinnt, werden dadurch nicht nur aufrichtige Beziehungen zerrissen, sondern auch der Iman der Menschen gerät in Gefahr. Neid bedeutet, dass man eine Gabe, die Allah, der Erhabene, einem Menschen gewährt hat – etwa Reichtum, Wissen und Verstand oder Schönheit und Ebenmaß –, nicht billigt und aus tiefstem Herzen wünscht, dass ihm diese Gaben genommen werden. Beim Neid überwiegt gegenüber dem Wunsch, selbst eine Gabe zu erhalten, der Wunsch, sie dem anderen zu entreißen.

Neid hat manchmal seinen Ursprung in Feindseligkeit und Feindschaft, manchmal in persönlicher Selbstüberhebung und Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber anderen, manchmal im Antrieb, andere unterwürfig zu machen, manchmal im eigenen Scheitern und dem Erfolg anderer bei einer gemeinsamen Aufgabe und manchmal allein im Verlangen nach Ansehen und Ehre. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sprach über den Neid folgende Warnung aus:

ايَّاكم والحسد فانَّ الحسد يأكل الحسنات كما تأكل النّار الحطب –

„Hütet euch vor dem Neid. Denn ebenso wie das Feuer das Holz verzehrt, verzehrt der Neid die guten Taten und die Verdienste.“ (Abu Dawud – Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Und vor eben diesem hat der Koran jeden Muslim angewiesen, Zuflucht zu suchen:

من شرِّ حاسدٍ اذا حسد –

„Und (ich suche Zuflucht) vor dem Übel des Neiders, wenn er neidet.“ (Sure al-Falaq, 5)

In einem bedeutenden Hadith wies der edle Prophet auf einige für die brüderlichen Beziehungen unerlässliche Dinge hin. In einem Teil dieses Hadiths wurde das Thema des schlechten Argwohns erwähnt. Im übrigen Teil sagte der Gesandte:

ولا تجسَّسوا ولا تناجشوا ولا تحاسدوا ولا تباغضوا ولا تدابروا ولا تنافسوا وكونوا عباد الله اخوانا –

„Sucht nicht nach den Fehlern anderer, schädigt nicht den Handel anderer, hegt untereinander weder Neid noch Groll, bewahrt untereinander keine Feindschaft, brecht die Beziehungen zueinander nicht ab und seid einander nicht habgierig, sondern seid Allahs Diener und Brüder.“ (Bukhari und Muslim – Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Der berühmte Hadith-Kommentator Hafiz Ibn Hadschar al-Asqalani sagt in seiner Erläuterung: „Die Bedeutung davon ist, dass ihr ganz natürlich zu Brüdern werdet, wenn ihr diese verbotenen Handlungen unterlasst.“ Darüber hinaus sagte der Gesandte auch über diesen Neid und diese Feindschaft:

دبَّ اليكم داء الامم قيلكم الحسد والبغضاء هى الحالقة لا اقول تحلق الشَّعر ولكن تحلق الدين-

„Die Krankheit der früheren Völker ist in euch eingedrungen. Diese Krankheit ist Neid und Feindschaft, die alles kahl scheren. Ich meine damit nicht das Abscheren der Haare, sondern dass sie die Religion kahl scheren.“ (Ahmad, Tirmidhi)

Viertens: Wege zur Festigung der Beziehungen

Neben dem Verbot dieser Dinge, die Beziehungen verderben und Schaden verursachen, haben Allah und der Gesandte (s.) uns auch genau dargelegt, welche Dinge durch ihre Annahme und Befolgung die Beziehungen stärken und stabilisieren, Freundschaft und Liebe vermehren und dadurch zwischen zwei Herzen eine Nähe entstehen lassen, die der zwischen zwei Fingern einer Hand gleicht. Einige davon wurden als unerlässlich erklärt. Oder anders gesagt: Sie wurden als Rechte (Huqūq) dargelegt. Für andere wurde eine Ermahnung ausgesprochen. Diese gehören zur Stufe der Vorzüglichkeit und Erhabenheit. Die grundlegenden Charaktereigenschaften, die zuvor beschrieben wurden, sind in Wahrheit das Wesentliche der Rechte und der Vorzüglichkeit; dennoch muss jede einzelne davon gesondert betrachtet werden. Denn jede von ihnen ist von größter Bedeutung dafür, die Beziehung der Freundschaft und Liebe zu entfalten und mit Blüten und Früchten zu schmücken.

1. Schutz von Ehre und Ansehen

Das Wertvollste für einen Menschen sind seine Ehre und sein Ansehen. Er ist keineswegs bereit, seine Ehre und sein Ansehen zugrunde richten zu lassen. Deshalb wurde dem Muslim einerseits verboten, die Ehre seines Bruders anzugreifen; andererseits wurde ihm nachdrücklich aufgetragen, die Ehre seines Bruders zu schützen, und dies als eine höchste Pflicht bezeichnet. Wenn ein Bruder irgendwo beschimpft oder fälschlich verleumdet wird, ist es die Pflicht jedes Muslims, dies als einen Angriff auf die eigene Ehre zu betrachten und sich ihm entgegenzustellen. So wie er über den Verlust seiner eigenen Ehre Schmerz empfinden würde, sollte er auch in diesem Fall Schmerz empfinden. Wenn ein Muslim fest davon überzeugt ist, dass seine Ehre in den Händen seines muslimischen Bruders sicher ist, wird sich zwischen ihm und seinem Bruder gewiss eine aufrichtige Beziehung entwickeln. Wenn er darüber hinaus fest davon überzeugt ist, dass dieser sowohl in seiner Gegenwart als auch hinter seinem Rücken die Ehre des Bruders ebenso bewahrt wie seine eigene, kann man leicht ermessen, wie tiefe Liebe dadurch in seinem Herzen entstehen kann. Deshalb hat der edle Prophet (s.) in unzähligen Hadithen dazu angewiesen. Er sagte:

ما من امرء مُّسلم يخذل امرأ مسلما فى موضع ينتهك فيه حرمته وينتقص فيه من عرضه الا خذله الله فى موطن يحب فيه نصرته وما من امرى ينصر مسلما فى موضع ينتقص فيه من عرضه وينتهك فيه من حرمته الا نصره الله فى موطن يحب نصرته –

„Wenn irgendwo ein Muslim gedemütigt oder in seiner Ehre verletzt wird und ein Muslim es dort unterlässt, ihm zu helfen und beizustehen, dann hält Allah in einer ebenso schwierigen Lage Seine Hilfe von ihm zurück, obwohl Er möchte, dass jemand zu seiner Hilfe und Unterstützung vortritt. Wenn aber irgendwo ein Muslim beleidigt und in seiner Würde herabgesetzt wird und ein Muslim zu seiner Unterstützung aufsteht, dann hilft und unterstützt Allah ihn ebenfalls in einer solchen Lage, denn Er möchte, dass jemand ihm hilft. (Abū Dāwūd – Jābir, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)“

Allahs größte Hilfe besteht darin, dass Er ihn vor dem Feuer der Hölle bewahren wird. Deshalb sagte der Gesandte (s.):

ما من مسلم يردُّ عن عرض اخيه الا كان حقا على الله ان يَّردُّ عنه نار جهنَّم ثمَّ تلا هذه الاية وكان حقا علينا نصر المؤمنين –

„Wenn ein Muslim jemanden davon abhält, die Ehre seines muslimischen Bruders zu verletzen, dann obliegt es Allah als dessen Recht, ihn vom Feuer der Hölle fernzuhalten. Danach las der Gesandte (s.) folgenden Vers: ‚Den Muslimen zu helfen ist Uns gegenüber eine besondere Pflicht.‘“ (Scharḥ as-Sunna – Abū Dardāʾ)

Eine häufige Form der Ehrverletzung ist die üble Nachrede (Ghiba). Ihre Definition wurde bereits zuvor dargelegt.

Diesbezüglich sagte der Gesandte (s.a.s.):

من اغضب عنده اخوه المسلم وهو يقدر على نصره فنصره نصر الله فى الدنيا والاخرة فان لم ينصره وهو يقدر على نصره اخذه الله به فى الدنيا والاخرة –

„Wenn in Gegenwart eines Menschen üble Nachrede über seinen muslimischen Bruder geführt wird und er in der Lage ist, ihm zu helfen, und ihm hilft, dann wird Allah ihm im Diesseits und im Jenseits helfen. Wenn er aber trotz seiner Fähigkeit, ihm zu helfen, ihm nicht hilft, wird Allah ihn im Diesseits und im Jenseits zur Rechenschaft ziehen. (Scharh as-Sunna – Anas (r.a.))

Über den Schutz des eigenen Bruders vor dem Schaden anderer sagte der Gesandte (s.a.s.):

من حمى مؤمنا من منافقٍ ازاه قال بعث الله ملكا يحمى لحمه يوم القيامة من نَّار جهنَّم –

„Wer einen Mu’min vor dem Schaden eines Heuchlers schützt, dem wird Allah, der Erhabene, einen Engel zuweisen, der sein Fleisch am Tag der Auferstehung vor dem Feuer der Hölle bewahren wird.“ (Abu Dawud)

Einem Muslim werden hinsichtlich der Unterstützung seines Bruders zahlreiche Pflichten auferlegt: etwa finanzielle Hilfe, die Beseitigung von Schwierigkeiten, das Bemühen um die Lösung von Problemen sowie die Erfüllung unzähliger religiöser und weltlicher Bedürfnisse. Diese Dinge gehören außerhalb des gesetzlichen Rahmens zum Ihsan. Dennoch sind sie notwendig, und im Jenseits wird man darüber Rechenschaft ablegen müssen, auch wenn es nicht möglich ist, diesbezüglich Gesetze zu erlassen. Wenn ein Muslim einen anderen Muslim satt machen, seinen nackten Körper bedecken, ihm bei der Beseitigung seiner Gefahren und Bedrängnisse helfen, seine Bedürfnisse erfüllen und seine finanzielle Not lindern kann, dann sind eben diese Dinge die Rechte seines Bruders ihm gegenüber. Andernfalls wird Allah, der Erhabene, am Tag der Auferstehung jedes einzelne dieser Dinge als Sein eigenes Recht bezeichnen und Rechenschaft darüber verlangen, warum du dieses Recht nicht erfüllt hast. Der edle Prophet (s.a.s.) hat dies in äußerst eindrucksvollen Worten dargelegt: „Allah wird sagen: O Diener, Ich war hungrig – warum hast du Mir nichts zu essen gegeben? Ich war nackt – warum hast du Mir keine Kleidung gegeben? Ich war krank – warum hast du Mich nicht besucht und gepflegt? Doch der Diener wird darauf keine Antwort haben. (Muslim – Abu Huraira (r.a.))

In der Tat ist die Hilfe für einen Diener Allahs und muslimischen Bruder oder die Erfüllung seines Bedürfnisses eine so große gute Tat, dass keine andere gute Tat ihr gleichkommt. Ihr eigentlicher Geist besteht darin, dass man keine Gelegenheit ungenutzt verstreichen lassen sollte, einem muslimischen Bruder Erleichterung zu verschaffen oder sein Herz zu erfreuen.

Solange ein Mensch damit beschäftigt ist, seinem Bruder zu helfen, bleibt er der Hilfe Allahs würdig. Der edle Gesandte (s.a.w.s.) sagte:

والله فى عون عبده ما كان العبد فى عون اَخِيْهِ –

„Allah wird Seinem Diener so lange helfen, wie dieser Diener damit beschäftigt ist, seinem Bruder zu helfen.“ (Muslim, Tirmidhi – von Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

In diesem Hadith erläutert der edle Prophet (s.a.w.s.) die verschiedenen Formen der Hilfe und spricht über die Belohnung für jede einzelne:

من نفس عن مؤمن كربة من من كرب الدنيا نفس الله عنه كربة من كرب يوم القيامة من يَّسَّر على معسر يسَّر الله عليه فى الدنيا والاخرة ومن يستر مسلما ستره الله فى الدنيا والاخرة –

„Wer einem Gläubigen eine Schwierigkeit aus dem Diesseits nimmt, dem wird Allah eine Schwierigkeit am Tag der Auferstehung nehmen. Wer einem Bedürftigen Erleichterung verschafft, dem wird Allah im Diesseits und im Jenseits Erleichterung verschaffen. Und wer den Fehler eines Muslims verbirgt, dessen Fehler wird Allah im Diesseits und im Jenseits verbergen.“ (Muslim – von Abu Huraira)

Zu diesem Thema sagt er in einem weiteren Hadith:

المسلم اخو المسلم لا يظلمه ولا يسلمه ومن كان فى حاجة اخيه كان الله فى حاجته ومن فرج عن مسلم كربة فرج الله عنه كربة من كربات يوم القيامة –

„Der Muslim ist der Bruder des Muslims. Er wird ihm weder Unrecht tun noch ihm seine Hilfe verweigern und ihn dadurch dem Verderben preisgeben. Wer das Bedürfnis seines Bruders erfüllt, dessen Bedürfnis wird Allah erfüllen. Und wer die Not und das Unglück eines Muslims beseitigt, dessen Schwierigkeiten am Tag der Auferstehung wird Allah beseitigen.“ (Buchari und Muslim – von Ibn Umar, Allahs Wohlgefallen auf ihm)

Ein großer Teil der Hilfe und des guten Umgangs wird dem Vermögen auferlegt. Jeder Bedürftige, dem Allah diese Gunst gewährt hat, ist berechtigt, von ihm Hilfe zu erhalten:

وفى اموالهم حق للسَّائل والمحروم –

Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat diese Sache in einer äußerst erhabenen Ausdrucksweise dargelegt:

الخلق عيال الله فاحبُّ الخلق الى الله من احسن الى عياله –

„Die Geschöpfe sind gleichsam die Familie Allahs. Wer daher diese besondere Familie gut behandelt, ist bei Allah unter Seinen Geschöpfen der محبوبste.“ (Bayhaqi)

Der Koran hat nachdrücklich dazu aufgefordert, den Hungrigen zu speisen. In den frühen mekkanischen Suren finden sich dafür zahlreiche Beispiele. Als der edle Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nach Medina kam, wies er die Muslime in seiner ersten Predigt auf vier Dinge hin und sagte, dass sie danach ins Paradies eintreten könnten. Eine seiner Anweisungen lautete:واطعموا الطعام „Und gebt zu essen.“

Er sagte außerdem:

ليس المؤمن بالذى يشبع وجاره جائع الى جنيه –

„Wer selbst satt isst, während sein nächster Nachbar hungrig bleibt, ist kein Mu’min.“ (Bayhaqi – Ibn Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Ein Mann beklagte sich beim Gesandten (s.a.w.s.) über seine eigene Hartherzigkeit. Der Gesandte (s.a.w.s.) sagte zu ihm:

قال امسح رأس اليتيم واطعم المسكين –

„Streiche dem Waisen über den Kopf und gib dem Bedürftigen zu essen.“ (Ahmad – Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Auch die gerechte Behandlung eines Bittstellers ist ein besonderer Zweig dieser Hilfe. Daher sagte der Gesandte (s.a.w.s.):

من اغاث ملهو فا كتب الله ثلاثا وثبعين مغفرة وَّاحدة فيها صلاح امره كله واثنتان وسبعون له درجات يوم القيامة –

„Wer einem Bittsteller Gerechtigkeit widerfahren lässt, dem schreibt Allah 73 Belohnungen gut. Eine davon besteht in der Gewährleistung des Guten all seiner Taten. Die übrigen 72 Belohnungen werden seinen Rang am Tag der Auferstehung erhöhen.“ (Al-Bayhaqi)

Für einen Bedürftigen Fürsprache einzulegen, ist ebenfalls eine der wichtigsten Formen der Hilfe. Der Koran lobt gerechte und nutzbringende Fürsprache und sagt:

من يشفع شفاعة حسنة يكن لَّه نصيب منها –

„Wer Fürsprache für eine gute Tat einlegt, wird ebenfalls an ihrer Belohnung teilhaben.“ (Sure an-Nisa, 85)

Wenn jemand mit einem Anliegen zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) kam, sagte er zu den Gefährten:

قال اشفعوا فلتؤ جروا –

„Legt für ihn Fürsprache ein und habt dadurch Anteil an der Belohnung.“

Einst erläuterte der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) im Gespräch mit Abu Dharr al-Ghifari (möge Allah mit ihm zufrieden sein) die verschiedenen Stufen und Wege der Hilfe in außerordentlich klarer Weise. Dieser (al-Ghifari) sagte: „Sprechen Sie über Taten neben dem Glauben.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Du sollst anderen von dem geben, womit Allah dich versorgt hat.“ Er fragte: „O Gesandter Allahs! Was, wenn dieser Mann selbst arm ist?“ Er sagte: „Er soll mit seiner Zunge Gutes tun.“ Er fragte erneut: „Was, wenn seine Zunge dazu nicht fähig ist?“ Er sagte: „Er soll dem Schwachen helfen.“ Er fragte: „Was, wenn er selbst schwach ist und nicht die Kraft hat zu helfen?“ Er sagte: „Er soll die Arbeit für jemanden verrichten, der sie nicht selbst tun kann.“ Er fragte erneut: „Was, wenn er selbst völlig untätig ist?“ Er sagte: „Er soll davon ablassen, den Menschen Leid zuzufügen.“

Hier muss auch jener Hadith erneut erwähnt werden:

„Wer die religiösen und weltlichen Bedürfnisse eines Angehörigen meiner Umma erfüllt, um ihn zu erfreuen, der hat mich erfreut; wer mich erfreut, hat Allah erfreut, und wer Allah erfreut, den wird Allah ins Paradies eintreten lassen.“

In diesem Zusammenhang wird von ʿAbdullah ibn ʿUmar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) eine bemerkenswerte Überlieferung berichtet. Sie lautet: Eines Tages kam ein Mann zum Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und fragte: „Wer ist unter den Menschen Allah am liebsten?“ Der Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) antwortete:

احبَّ الناس الى الله انفعهم للنَّاس- احبَّ الاعمال الى الله عزَّ وجلَّ سرور تدخله تكشف عنه كربة او تقضى عنه دينا او تطرد عنه جوعا وان تمشى مع اخ فى حاجة احبَّ الىَّ من ان اعتكف فى هذا المسجد شهرًا ومن كظم غيظه ولو شاء ان يمضيه امضاه ملائه الله قلبه يوم القيامة رضاه ومن مَّشى مع اخيه فى حاجة حتى يقضيهاله ثبَّت الله قدميه يوم تزول الاقدام –

„Unter den Menschen ist Allah am liebsten, wer den Menschen am meisten nützt; und unter den Taten ist Allah am wohlgefälligsten, dass du einem Muslim sein Unglück und seine Not nimmst, seine Schuld begleichst oder seinen Hunger stillst und ihn dadurch erfreust. Wisse: Für mich ist es beliebter, zur Erfüllung des Bedürfnisses eines Bruders mit ihm zu gehen, als einen Monat lang in dieser Moschee im Iʿtikāf zu verbringen. Wer seinen Zorn unterdrückt, obwohl er ihn hätte ausleben können, dessen Herz wird Allah am Tag der Auferstehung mit Seinem Wohlgefallen erfüllen. Und wer zur Erfüllung des Bedürfnisses seines Bruders mit ihm geht und dieses Bedürfnis erfüllt, dem wird Allah an jenem Tag, an dem die Füße zittern werden – das heißt am Tag der Auferstehung –, seinen Füßen Standhaftigkeit verleihen.“

2. Anteilnahme an Leid und Kummer

Die Grundlage dafür, dem eigenen Bruder zu helfen, seine Bedürfnisse zu erfüllen und gut mit ihm umzugehen, besteht darin, dass der Kummer und Schmerz des einen zum Kummer und Schmerz des anderen wird. Wenn ein Mensch Leid empfindet, soll der andere es mit ebenso großer Intensität empfinden. So wie ein Körperteil am Schmerz aller übrigen Körperteile Anteil nimmt, soll auch ein Muslim am Leid und an den Schmerzen eines anderen Muslims Anteil nehmen.

Der edle Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) hat diese Angelegenheit durch mehrere Beispiele verdeutlicht. Er sagte:

ترى المؤمنين فى تراحمهم وتوادَّهم وتعاطفهم كمثل الجسد اذا اشتكى عضوا تداعى له سائر الجسد بالسهر والحمَّى –

„Ihr werdet die Gläubigen in ihrem gegenseitigen Mitgefühl, ihrer Freundschaft, Liebe und ihrem gegenseitigen Empfinden von Leid und Schmerz wie einen einzigen Körper vorfinden. Wenn ein Körperteil erkrankt, nimmt der ganze Körper daran teil, indem er Fieber bekommt und schlaflose Nächte verbringt.“ (Buchari und Muslim – Nuʿman ibn Baschir, r.a.)

In einer ähnlichen Überlieferung erklärte er dies und sagte, dass die Stellung eines Gläubigen in der Gesellschaft der des Kopfes im gesamten Körper gleicht. So wie der ganze Körper Schmerz empfindet, wenn der Kopf schmerzt, empfinden alle Gläubigen den Schmerz eines einzelnen Gläubigen. Der Gesandte Allahs veranschaulichte dies unmittelbar und sagte:

المؤمن للمؤمن كالبنيان يشدُّ بعضه بعضا ثم شبك بين اصابعه –

„Ein Muslim sollte für einen anderen Muslim wie ein Bauwerk sein, und sie sollten füreinander eine Quelle solcher Festigkeit und Stärke sein, wie es ein Baustein eines Bauwerks für den anderen ist.“ Danach verschränkte der Gesandte Allahs die Finger der einen Hand mit den Fingern der anderen Hand. (Buchari und Muslim – Abu Musa, r.a.)

3. Kritik und Ermahnung

Es ist die Pflicht eines Muslims, auf die Handlungen seines Bruders zu achten und, wenn er sieht, dass dieser vom rechten Weg abweicht, zu versuchen, ihn durch einen Rat zu verbessern. Dies ist eine besondere Pflicht eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim. Allerdings wird die Erfüllung dieser Pflicht häufig zu einer unangenehmen Angelegenheit. Dennoch ist unbestreitbar: Wenn ein Mensch sich der eigentlichen Erfolgsbedeutung im Jenseits und der gegenseitigen Hilfe beim Erlangen dieses Erfolgs voll bewusst ist und sich darüber im Klaren bleibt, dass die Kritik in dieser Welt besser ist als die Befragung im Jenseits, wird er seinem eigenen Bruder gewiss dafür dankbar sein, dass dieser ihm im diesseitigen Leben die Gelegenheit zur Besserung gegeben hat. Wenn außerdem der Kritiker und derjenige, der Fragen stellt, die hierfür erforderlichen Bedingungen beachten und diese Aufgabe mit Liebe, Aufrichtigkeit und Hingabe erfüllen, wird diese Dankbarkeit weiter wachsen und die gegenseitige Liebe, Freundschaft und Verbundenheit noch mehr bereichern und festigen. Denn dadurch wird der Kritiker als ein mitfühlender Mensch erkennbar. In dem Hadith, in dem der edle Prophet zur Kritik ermahnt hat, machte er die ganze Angelegenheit durch ein Beispiel deutlich. Er sagte:

انَّ احدكم مراة اخيه فان راى به اذًى فليمت عنه –

„Jeder von euch ist gleichsam der Spiegel seines Bruders. Wenn also jemand bei seinem Bruder etwas Schlechtes sieht, soll er es beseitigen.“ (Tirmidhi – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen auf ihm)

Die Überlieferung von Abu Dawud dazu lautet wie folgt:

المؤمن مرأة المؤمن والمؤمن اخوُّ المؤمن يكفُّ ضيعته او يحوطه من وَّرائه –

„Ein Mu’min ist für einen anderen Mu’min wie ein Spiegel, und ein Mu’min ist der Bruder eines anderen Mu’min; er wahrt dessen Rechte auch in dessen Abwesenheit.“

Im Licht dieses Gleichnisses lassen sich für Kritik und Nasīha folgende Grundsätze festlegen:

1. Man sollte nicht nach Schwachstellen suchen oder Fehler aufspüren. Denn ein Spiegel sucht niemals nach Schwachstellen. Erst wenn ein Mensch vor ihm steht, zeigt er dessen Gesicht.

2. Man darf nicht hinter dem Rücken kritisieren. Denn ein Spiegel gibt die Gestalt eines Menschen nicht wieder, wenn dieser ihm nicht gegenübersteht.

3. Bei der Kritik sollte es keinerlei Übertreibung geben. Denn ein Spiegel gibt das wirkliche Gesicht wieder, ohne es in irgendeiner Weise zu vergrößern oder zu verkleinern.

4. Bei der Kritik sollte man unparteiisch und völlig frei von jeglicher Eigennützigkeit und Hintergedanken sein, denn der Spiegel hegt keinen Groll gegen denjenigen, dessen Gesicht er widerspiegelt.

5. Nachdem man die betreffende Bemerkung gemacht hat, sollte man sie nicht weiter im Herzen bewahren, denn nachdem jemand aus seinem Blickfeld verschwunden ist, bewahrt der Spiegel dessen Gestalt nicht auf. Mit anderen Worten: Man sollte die Fehler anderer nicht weiterverbreiten.

6. Am wichtigsten ist, dass dabei höchste Aufrichtigkeit, Herzlichkeit, Mitgefühl und Liebe wirksam sein müssen, sodass der Unmut, der sich ganz natürlich im Herzen eines jeden Menschen erhebt, wenn er Kritik an sich selbst hört, augenblicklich verschwindet, sobald er diese Haltung des Kritikers erkennt. Deshalb wird im Hadith مرأة المسلم zusammen mit اخوُّ المسلم ebenfalls erwähnt. In Wahrheit kann solches Mitgefühl und solche Herzensgüte erst dann entstehen, wenn ein Mensch seine Fehler und Mängel als zerstörerisch für ihn selbst empfindet und sich zugleich nicht für größer als den anderen hält, sondern sich vielmehr als sündiger und schuldiger betrachtet.

4. Begegnungen

Zu den wichtigsten und grundlegenden Forderungen der Liebe gehört, dass ein Mensch denjenigen, den er liebt, wiederholt aufsucht oder trifft, seine Gesellschaft pflegt und sich zu ihm setzt, um mit ihm zu sprechen. Selbst ein Anfänger in der menschlichen Psychologie weiß, dass diese Dinge nicht nur grundlegende Forderungen der Liebe sind, sondern auch zu den wichtigsten wirksamen Mitteln gehören, ihre Entwicklung und ihr Wachstum zu fördern und die aufrichtige gegenseitige Verbundenheit zu festigen. Die Liebe verlangt, dass ein Mensch seinen Bruder aufsucht, wann immer sich ihm die Gelegenheit bietet. Durch solche Begegnungen wächst die gegenseitige Liebe ganz natürlich, und so beginnt ein unaufhörlicher Kreislauf. Wenn man bei Begegnungen die bereits erwähnten Grundsätze der Scharia im Gedächtnis behält und auch auf die vor ihm liegenden Dinge achtet, kann es unmöglich sein, dass das Treffen zweier Muslime nicht zur Verbesserung ihrer gegenseitigen Beziehung beiträgt und die beiden Brüder einander nicht näherbringt. Deshalb sehen wir, dass der edle Prophet (s.a.w.s.) dieser Sache im Hinblick auf die gegenseitige Liebe besondere Bedeutung beigemessen, dazu angewiesen und ihre unermessliche Vorzüglichkeit geschildert hat. In einem Hadith sagt er: „Gute Gesellschaft ist besser als Einsamkeit.“ (Bayhaqi – überliefert von Abu Dharr, möge Allah mit ihm zufrieden sein.)

Einmal sagte er zu Hazrat Abu Zarain:

هل شعرت انَّ الرجل اذا خرج من بيته زئرًا اخيه شيَّعه سبعون الف ملك كلُّهم يصلُّون عليه ويقلون ربَّنا انَّه وصل فيك فصيله فان استطعت ان تعمل جسدك فى ذالك فافعل –

„Weißt du, dass, wenn ein Muslim sein Haus verlässt, um seinen Bruder zu besuchen, siebzigtausend Engel hinter ihm sind, für ihn beten und sagen: O Herr, dieser Mann macht sich nur um Deinetwillen auf, um sich mit jemandem zu treffen; so führe ihn mit diesem zusammen. Wenn es dir möglich ist, diese Handlung des Besuchens mit deinem eigenen Körper zu vollbringen, dann tu es unbedingt.“ (Bayhaqi – Abu Zarain, möge Allah mit ihm zufrieden sein.)

In einem Hadith hat Rasulullah (s.a.w.) dieses Treffen in äußerst eindrucksvoller Weise beleuchtet:

قال انَّ رجلا زار اخالَّه فى قرية اخرى فارصد الله له على مدرجته ملكا فلما اتى عليه قال: اين تريد ؟ قال اريد اخالّى فى هذه القرية – قال هل لَّك عليه من نعمة تربُّها قال لا غير انِّى احببته فى الله قال فانِّى رسول الله اليك بانَّ الله قد احبَّك كما احببته فيه –

„Ein Mann machte sich auf, um einen seiner Brüder zu besuchen, der in einem anderen Dorf lebte. Allah, der Erhabene, setzte einen Engel auf seinem Weg ein. Der Engel fragte ihn: ‚Wohin gehen Sie?‘ Er antwortete: ‚Ich gehe in jenes Dorf, um meinen Bruder zu besuchen.‘ Der Engel fragte erneut: ‚Haben Sie bei ihm etwas ausstehen, das Sie dort einfordern wollen?‘ Er sagte: ‚Nein, ich liebe ihn nur um Allahs willen; einen anderen Grund gibt es nicht.‘ Der Engel sagte: ‚Allah hat mich zu Ihnen gesandt und Ihnen die frohe Botschaft überbracht, dass Er Sie ebenso liebt, wie Sie Ihren Freund um Seinetwillen lieben.‘ (Muslim – Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Ein Mann brachte seine Liebe zu Hazrat Muʿadh ibn Dschabal (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zum Ausdruck und sagte: ‚Ich liebe Sie um Allahs willen.‘ Darauf übermittelte er ihm diese frohe Botschaft des Gesandten Allahs (s.a.w.): ‚Allah, der Erhabene, sagt: Meine Liebe ist denjenigen gewiss, die sich um Meinetwillen zusammensetzen, einander um Meinetwillen besuchen und um Meinetwillen füreinander Geld ausgeben.‘

Auch von der Belohnung im Jenseits für die gegenseitige Liebe und die gegenseitigen Besuche um Allahs willen hat der edle Prophet (s.a.w.) in folgender Weise frohe Kunde verkündet:

انَّ فى الجنة لعمدا مِّن ياقوت عليها غرف مِّن زبرجدٍ لَّها ابواب مُّفتَّحة منه تضئ كما يضئ الكوكب الدَّرِّىُّ فقالوا يا رسول الله من يَّسكنها قال المتحابُّون فى الله والمتجالسون فى الله والمتلاقون فى الله –

„Im Paradies gibt es eine Säule aus Yafut und auf ihr einen Pavillon aus Jabrjad (einem grünen Edelstein). Seine Türen glänzen so prächtig, als würden die Sterne funkeln. Die Gefährten fragten: ‚O Gesandter Allahs, wer wird dort wohnen?‘ Er sagte: ‚Jene, die einander um Allahs willen lieben, sich zusammensetzen und einander besuchen.‘ (Bayhaqi – Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Die nachdrückliche Aufforderung zu gegenseitiger Liebe und gegenseitigen Besuchen sowie die frohe Botschaft von einer so großen Belohnung dafür erfolgen nicht nur deshalb, weil dies eine notwendige Forderung der Liebe ist oder weil dadurch die Liebe wächst und sich entfaltet. Ein weiterer Grund ist, dass der Mensch die Gesellschaft seiner engen Freunde benötigt, um auf dem rechten Weg standhaft zu bleiben. Diese Gesellschaft ist nur durch Besuche und Gespräche möglich. Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Grund: Im Allgemeinen besuchen sich die Menschen ohnehin, doch wenn jemand seinen Bruder in voller Erwartung von Lohn und Belohnung besucht und während dieses Besuchs Allah gedenkt, kann ein solcher Besuch eine gewaltige Rolle bei der Bildung und Entfaltung seines Lebens und Charakters spielen.

Im Hinblick auf die erwähnten Hadithe und Belege können wir sagen, dass ein Mu’min sich bemühen sollte, einen anderen Mu’min so oft wie möglich zu besuchen und mit ihm zusammenzutreffen. Dadurch wird nicht nur die gegenseitige Beziehung verbessert, sondern er wird auch der Fürsprache von siebzigtausend Engeln um Vergebung und der Liebe Allahs würdig. Wenn man außerdem während dieser Begegnungen die erwähnten Hadithe und Anweisungen vor Augen hält, wird das Gefühl, um Allahs willen zusammenzukommen, niemals aus dem Herzen schwinden.

5. Die Pflege des kranken Bruders (عيادت )

Eine besondere Form dieses Besuchs besteht darin, den eigenen kranken Bruder zu pflegen. Dies wird als eine besondere Pflicht eines muslimischen Bruders gegenüber einem anderen Muslim bezeichnet. Ein kranker Mensch ist aufgrund seiner körperlichen und psychischen Bedürfnisse auf die Fürsorge, Pflege und Anteilnahme anderer angewiesen. Wenn in dieser Zeit ein Bruder diese beiden Bedürfnisse erfüllen kann, beeinflusst dies sein Herz und Gemüt so tiefgreifend, dass es zur Festigung und Weiterentwicklung der gegenseitigen Beziehung in hohem Maße beitragen kann.

Unter der allgemeinen Pflege versteht man, sich nach dem Zustand des Kranken zu erkundigen. Tatsächlich ist dieses Erkundigen jedoch nur die mindeste Bedeutung davon. Andernfalls fallen auch das Bekunden von Mitgefühl, das Spenden von Trost, die Pflege und Betreuung sowie die Beschaffung von Medikamenten und entsprechender Nahrung darunter. Selbst wenn man annimmt, dass Pflege lediglich bedeutet, sich nach dem Kranken zu erkundigen, sollten wir unbedingt darüber nachdenken, welchen Rang dann erst das Bekunden von Mitgefühl, das Spenden von Trost, das Wünschen der Genesung sowie die Pflege und Betreuung haben müssen, wenn schon für das Erkundigen eine solche nachdrückliche Aufforderung und eine so große Belohnung vorgesehen ist.

In jedem der bekannten Hadithe über die Pflichten eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim, in denen fünf, sechs oder sogar sieben Angelegenheiten genannt werden, wird die Pflege des Kranken als eine besondere Pflicht nachdrücklich gefordert.

واذا مرض فعده –

„Wenn er erkrankt, dann pflege ihn.“ (Muslim – von Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

Der Gesandte Allahs hat die Pflichten und Rechte des Dieners auf höchst eindrucksvolle Weise erläutert. Einmal erklärte er dazu, dass diese Pflichten und Rechte im Grunde von Allah auferlegt worden sind. Am Tag der Auferstehung wird Allah selbst als Kläger danach fragen. Daher sagte der edle Prophet über die Pflege des Kranken, dass Allah fragen wird: „O Sohn Adams, Ich war krank, doch du hast Mich nicht gepflegt.“ Er wird sagen: „O mein Herr, Du bist der Herr der ganzen Welt. Wie hätte ich Dich pflegen können?“ Allah wird sagen: „Wusstest du denn nicht, dass Mein Diener krank geworden war? Doch du hast ihn nicht gepflegt. Wenn du es getan hättest, hättest du Mich bei ihm gefunden.“ Was könnte eine größere gute Ermahnung sein als die, dass ein Diener durch die Pflege eines Kranken auch die Nähe seines Herrn erlangt!

Über die Belohnung für die Pflege eines Kranken sagt der edle Prophet (s):

ان المسلم اذا عاد اخاه المسلم لم يزل فى حرفة الجنة حتى يرجع –

„Wenn ein Muslim seinen (kranken) muslimischen Bruder besucht, bleibt er, bis er zurückkehrt, damit beschäftigt, die Früchte des Paradieses auszuwählen.“ (Muslim – Thawban, r.a.)

ما من مسلم يعود مسلما غد وة الا صلىَّ عليه سبعون الف ملك حتى يمسى وان عاده عشيَّة الا صلىَّ عليه سبعون الف ملك حتى يصبح وكان له حريف فى الجنة –

„Wenn ein Muslim am Morgen einen anderen (kranken) Muslim besucht, bitten siebzigtausend Engel für ihn um Vergebung, und zwar bis zum Abend. Und wenn er ihn am Abend besucht, bitten siebzigtausend Engel für ihn um Vergebung, und zwar bis zum Morgen. Für ihn gibt es im Paradies einen Garten voller Früchte.“ (Tirmidhi, Abu Dawud – Ali, r.a.)

من عاد مريضا لَّم بزل يخوض الرحمة حتى يجلس واذا جلس اغتمس فيها –

„Wer einen Kranken besucht, betritt das Meer der Barmherzigkeit. Und wenn er sich beim Kranken niederlässt, versinkt er in der Barmherzigkeit.“

Der Gesandte (s) sagte ferner:

اتمام عيادت المريض انَّ يضع احدكم يده على جبهته او على يده فيساله كيف هو –

„Die Vollkommenheit der Krankenpflege besteht darin, dass der Pflegende seine Hand auf die Hand oder die Stirn des Kranken legt und ihn fragt, wie es ihm geht.“ (Ahmad, Tirmidhi – Abu Uthman, r.a.)

Für die Krankenpflege gibt es auch einige Regeln. Die wichtigste darunter ist, dem Kranken Trost zu spenden, seine Genesung zu wünschen und ihn zu pflegen. Der ehrwürdige Gesandte Gottes ordnete dies mit folgenden Worten an:

اذا دخلتم على مريض فنفسوا له فى اجله فانَّ ذالك لا يردَّ شيئا ويطيب بنفسه –

„Wenn ihr einen Kranken besucht, dann spendet ihm Trost. Dies kann zwar Gottes Bestimmung nicht abwenden, erfreut aber das Herz des Kranken.“ (Tirmidhi, Ibn Madscha – Abu Saʿid al-Chudri, r.a.)

Wenn der Gesandte selbst einen Kranken besuchte, legte er seine Hand auf dessen Stirn, spendete ihm Trost und sagte –لا بأس طهور انشاء اللهDanach fragte er ihn, wonach ihm besonders zumute sei. Auch den Gefährten sagte er, dass sie, wenn sie einen Kranken besuchten, ihre Hand auf dessen Hand oder Stirn legen, ihm Trost spenden und für seine Genesung beten sollten. (Abu Dawud – Sirat an-Nabi, s.a.w.)

Er untersagte jedoch, längere Zeit beim Kranken sitzen zu bleiben oder Lärm zu machen.

6. Der Ausdruck von Gefühlen

Wenn im Herzen eines Menschen die Regung der Liebe vorhanden ist, sucht sie von Natur aus nach einem Weg, sich auszudrücken. Aus dem Ausdruck von Gefühlen ergeben sich gewöhnlich zwei Vorteile. Erstens bleibt das Gefühl eines Menschen, der ihm Gelegenheit zur Äußerung gibt, stets frisch und lebendig und entwickelt sich zunehmend weiter. Wird das Gefühl jedoch im Inneren unterdrückt, so senkt sich nach und nach der Schatten des Todes über es; seine Entwicklung und sein Wachstum kommen zum Stillstand. Es wird seiner Lebendigkeit und Kraft beraubt und sinkt so allmählich dem Niedergang entgegen. Der zweite Vorteil der Gefühlsäußerung besteht darin, dass sie die gegenseitigen Beziehungen fester und stabiler macht. Wenn ein Mensch von der Herzensregung seines Bruders ihm gegenüber erfährt und erkennt, wie tiefe Liebe, Zuneigung, Brüderlichkeit und Freundschaft sein Bruder für ihn empfindet, wird dies ganz natürlich einen weitreichenden Einfluss auf sein Herz ausüben. In seinem Herzen erwacht Achtung vor dem Wert der Freundschaft und Liebe seines Bruders. Tatsächlich kann zwischen zwei Brüdern niemals eine feste und stabile Beziehung der Freundschaft und Liebe fortbestehen, wenn die Herzensregungen nicht zum Ausdruck kommen, selbst wenn sie einander wohlgesinnt sind.

Wenn ein muslimischer Bruder einen anderen Muslim liebt, hat dieser Bruder das volle Recht, von dieser inneren Haltung und Neigung zu erfahren. Denn so kann er als Antwort auf dieses Gefühl in seinem eigenen Herzen ein gleichwertiges Gefühl entwickeln und aus Unwissenheit keine Handlungsweise einschlagen, die der Liebe, die sein Bruder in seinem Herzen für ihn empfindet, widerspricht oder ihr entgegensteht.

Gerade deshalb ist es für die Entwicklung und Stärkung der gegenseitigen Liebe zweier muslimischer Brüder – und es wäre keineswegs übertrieben, dies zu sagen – in den meisten Fällen unbedingt notwendig, die Gefühle nicht zu verbergen, sondern ihnen zu erlauben, sich offen auszudrücken, um diese Beziehung vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Als Hauptursache eines solchen Zusammenbruchs zeigt sich, dass ein Mensch seinen Bruder liebt und diese Liebe auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringt. Wenn sein Bruder jedoch trotz der Liebe in seinem Herzen wie ein stiller Zuschauer schweigt, wird dies im Herzen des anderen durch den Ausdruck seiner Liebe zwangsläufig Misstrauen, Unglauben und Entfremdung hervorrufen.

Wenn die verborgene Liebe des Herzens sowie die Neigung zu Freundschaft und Harmonie nach außen zum Ausdruck kommen, geschieht dies auf vielfältige Weise. In einem solchen Fall zeigt sich die Zuneigung eines Menschen zu seinem Bruder in jeder seiner Handlungen und jedem seiner Schritte. Dieser Ausdruck erfolgt sowohl durch Taten als auch durch die Zunge. Tatsächlich bringt sich jene Neigung durch gutes Benehmen, die Erfüllung von Bedürfnissen, aufrichtige Kritik und das Bemühen um Besserung, Einladungen zum Essen, ein freundliches Gesicht, ein Lächeln, Umarmungen, die Anteilnahme an Leid und Not sowie gegenseitiges Vertrauen in persönlichen Angelegenheiten und Ähnliches zum Ausdruck. Einige dieser Dinge haben wir bereits erörtert; die übrigen werden später behandelt.

Die zweitwichtigste wirksame Kraft in diesem Zusammenhang ist die Zunge. Wie ein schmerzhaftes Wort, das der Zunge entweicht, wie ein Pfeil wirkt und seine Spur nur schwer zu tilgen ist, so kann ein freundliches Wort einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass es für einen anderen Menschen kaum abzuschätzen ist. Deshalb haben wir gesehen, dass Allahs Gesandter größte Wachsamkeit im Umgang mit der Zunge angeordnet hat. Ihr Missbrauch kann die gegenseitigen Beziehungen in den tiefsten Sumpf des Zerfalls und der Entstellung führen; ihr guter Gebrauch hingegen kann diese Beziehungen auf die höchsten Stufen von Liebe, Zuneigung und Freundschaft erheben. Nur sehr wenige Menschen sind sich dessen bewusst. Gewöhnlich vermag schon eine Verbindung weniger Worte, die dem anderen Freundschaft und liebevolle Gefühle bekundet, das menschliche Herz zutiefst zu erfreuen. Manchmal kann selbst eine große gute Tat damit nicht gleichkommen. Dennoch gibt es viele Menschen, die sogar mit einem guten Wort, einem ermutigenden Satz und einem erfreulichen Ausdruck geizen. Dadurch werden sie nicht nur um das Glück gebracht, dem Herzen ihres eigenen Bruders unermessliche Freude zu bereiten. (Es wurde bereits erwähnt, dass derjenige, der das Herz eines muslimischen Bruders erfreut, Allahs Gesandten erfreut; wer Allahs Gesandten erfreut, erfreut Allah selbst; und wer Allah erfreut, den wird Allah ins Paradies eintreten lassen.) Vielmehr verletzen sie bisweilen das Herz ihres Bruders, indem sie kein erfreuliches Wort sprechen. Ja, zuweilen scheuen sie sich nicht einmal vor unbedachten und verantwortungslosen Äußerungen. Dabei wurde diesbezüglich erklärt: „Wer einem Muslim Schmerz zufügt, fügt Allah Schmerz zu.“

Mit dem Ausdruck von Gefühlen durch die Zunge sind gewöhnlich der Ausdruck von Liebe, der Friedensgruß, Bittgebete, sanfte und freundliche Worte, das Bekunden von Mitgefühl, das Erkundigen nach dem Befinden und Ähnliches gemeint. Im Hinblick auf diese Bedeutung der Zunge legte der edle Prophet (s.a.w.) seinen Gefährten folgendes Bild vom Tag der Auferstehung vor: An jenem Tag wird die Umgebung des Menschen entweder nur von loderndem Feuer erfüllt sein oder von seinen Taten und guten Werken, und an jenem Tag wird Allah, der Erhabene, selbst unmittelbar die Abrechnung vornehmen. Danach wies er mit den Worten an: „Schützt euch vor diesem furchtbaren Feuer, und sei es auch nur mit einem Stückchen Dattel; wenn selbst das nicht möglich ist, dann sagt wenigstens ein gutes Wort.“

Wenn wir alle Beweise vor Augen haben und die Angelegenheit von allen Seiten betrachten und abwägen, können wir leicht verstehen, was Allahs Gesandter (s.a.w.) in dieser Sache angeordnet hat und warum er es angeordnet hat. Über den Ausdruck von Liebe sagte er:

اذا احبَّ الرَّجل اخاه فليخبره انه يحبه-

„Wenn jemand Liebe zu seinem Bruder empfindet, muss ihm mitgeteilt werden, dass er ihn liebt.“ (Tirmidhi, Abu Dawud)

So ging eines Tages ein Mann am ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vorbei. Da sagte einer derer, die bei ihm waren: „Ich liebe diesen Mann um Allahs willen.“ Der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) fragte ihn:

أعلمته قال لا قال قم فاعلمه فقام اليه فاعلمه فقال احبَّك الذى احببتنى له –

„Hast du ihn davon in Kenntnis gesetzt?“ Er sagte: „Nein.“ Er sagte: „Geh und teile ihm mit, dass du ihn um Allahs willen liebst.“ Daraufhin stand er auf, ging zu ihm und sagte es ihm. Der Mann sagte: „Möge Derjenige, um dessen Wohlgefallen willen du mich liebst, auch dich lieben.“ (al-Bayhaqi, Tirmidhi – Anas ibn Malik, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Abu Huraira (möge Allah mit ihm zufrieden sein) berichtete ein Ereignis und sagte: Der edle Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) küsste Hasan ibn Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein). Da saß Afra ibn Jalis (möge Allah mit ihm zufrieden sein) bei ihm. Als er den ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) küssen sah, sagte er: „Ich habe zehn Söhne, aber noch nie habe ich einen von ihnen geküsst.“ Der edle Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sah ihn an und sagte: „Wer keine Barmherzigkeit besitzt, dem wird keine Barmherzigkeit erwiesen.“

من لا يرحم لا يرحم –

In einem anderen Hadith wurde dies so ausgedrückt: „Was soll ich tun, wenn Allah dein Herz der Barmherzigkeit beraubt hat?“ (Bukhari und Muslim.)

Die beste Gelegenheit, Gefühle auszudrücken, ist die Begegnung. Über die Bedeutung und Notwendigkeit der Begegnung wurde bereits zuvor gesprochen. Nun wollen wir auch betrachten, wie eine Begegnung zum Ausdruck von Gefühlen gestaltet sein sollte.

7. Begegnungen mit Zuneigung und guter Laune

Nach einem guten Umgang ist die Begegnung das wirksamste Mittel zur Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass man dem anderen während der Begegnung einerseits nicht durch unangenehme Worte, Scherze, Spott, Hohn und Ähnliches seelischen Schmerz zufügt und andererseits die Begegnung so gestaltet, dass sich allein aus ihrer Art das Gefühl der Zuneigung erkennen lässt. Aus den ehrwürdigen Hadithen erhalten wir hierzu zahlreiche Anleitungen. Eine davon lautet, dass man sich bei einer Begegnung anstelle von Härte, Strenge, Geringschätzung, Gleichgültigkeit und ähnlichem schmerzlichem und herzzerreißendem Verhalten durch Sanftmut, Höflichkeit, Freundlichkeit und freundliche Worte auszeichnen soll. Über den sanftmütigen Menschen sagte der Gesandte Gottes (s.):

الا اخبركم بمن يحرم على النَّار وبمن تحرم النّار عليه على كلِّ هيِّن ليِّن قريب سهل –

„Ich werde euch von einem Menschen berichten, dem das Feuer der Dschahannam verwehrt ist und dem auch die Dschahannam verwehrt ist. Dieser Mensch ist von sanfter Gesinnung, sanftem Wesen und sanfter Rede.“ (Ahmad, Tirmidhi – Ibn Masʿūd (r.a.))

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, einander mit heiterem Gesicht zu begegnen und beim Anblick des anderen sogleich zu lächeln. Der edle Gesandte (s.) hat zu beidem ermahnt. Einmal sagte er:

لا تحفرنَّ من المعروف شيئا ولو ان تلقى اخاك بوجه طليقٍ –

„Haltet keine gute Tat für gering, selbst wenn sie nur darin besteht, eurem Bruder mit heiterem Gesicht zu begegnen.“ (Muslim – Abū Dharr (r.a.))

Anderswo heißt es: „Auch ein Lächeln, sobald man seinen Bruder erblickt, ist eine Sadaqa.“

Man soll einander nicht mit Geringschätzung und Gleichgültigkeit begegnen, sondern mit Interesse und Aufmerksamkeit; außerdem soll man dem anderen zu erkennen geben, dass diese Begegnung aus aufrichtiger Freude an ihr erfolgt.

Die Gefährten berichten über den edlen Propheten (s.), dass er, wenn er sich jemandem zuwandte, dies mit seinem ganzen Körper und Herzen tat. Al-Bayhaqi hat eine Begebenheit dieser Art überliefert. Sie lautet wie folgt: Eines Tages saß der edle Prophet (s.) in einer Versammlung in der Moschee. Währenddessen kam ein Mann dorthin, woraufhin der edle Prophet (s.) sich bewegte und ihm Platz machte. Der Mann sagte: „O Gesandter Allahs, es ist genügend Platz da.“ Er sagte:

انَّ للمسلم لحقاً اذا راه اخوه انْ يَّتزخزح له-

„Es gehört zu den Rechten eines Muslims, dass sein Bruder, sobald er ihn sieht, für ihn aufsteht.“ (Al-Bayhaqi – Wa’ila ibn Khattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein)

Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) berichtet, dass Zaid ibn Haritha (möge Allah mit ihm zufrieden sein), als er nach Medina kam und von draußen an die Tür klopfte, um den Gesandten Allahs zu treffen, der Gesandte Allahs (s.) herauskam, ohne seinen Umhang umzubinden, sondern ihn nur hinter sich herzog. Bei Allah, weder zuvor noch danach habe ich ihn jemals in einem solchen Zustand gesehen. In der Regung seiner Liebe legte er Zaid die Arme um den Hals und küsste ihn. Ebenso legte der Gesandte Allahs (s.), als Hadhrat Jaʿfar at-Tayyar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) aus Abessinien zurückkehrte, die Arme um seinen Hals und küsste ihn. Als Hadhrat Ikrima (möge Allah mit ihm zufrieden sein), der Sohn Abu Dschahls, zu ihm kam, sagte er: „Willkommen, ausgewanderter Reiter.“

8. Der Salam

Der Ausdruck von Zuneigung durch den Salam wurde als eine bestimmte Vorgehensweise bezeichnet und zugleich zu einer Pflicht und einem Recht eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim gemacht. Dadurch werden einerseits Zuneigung und andererseits ein Bittgebet für den eigenen Bruder, also der Ausdruck guter Wünsche, zum Ausdruck gebracht. In der ersten Predigt, die der edle Prophet (s.) nach seiner Ankunft in Medina hielt, wies er auf vier Dinge hin. Eines davon war:

وافشوا السَّلام بينكم –

Die größere Bedeutung davon, den Salam untereinander zu verbreiten, geht aus dem folgenden Hadith hervor:

لا تدخلون الجنَّة حتَّى تؤمنوا ولا تؤمنوا حتّى تحابُّوا الا ادلُّكم على شيئ اذا فعلتموه تحاببتم افشوا السلام بينكم –

„Ihr werdet niemals ins Paradies eintreten, solange ihr nicht gläubig seid. Und ihr werdet nicht gläubig sein, solange ihr einander nicht liebt. Soll ich euch nicht auf etwas hinweisen, durch dessen Befolgung ihr einander lieben werdet? Es ist dies: Verbreitet den Salam untereinander.“ (Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

Ein anderes Mal wies er auf die sechs Pflichten und Rechte hin, die ein Muslim gegenüber einem anderen Muslim hat, und sagte:

يسلِّم اذا لقيه –

„Wann immer du ihm begegnest, grüße ihn mit dem Salam.“ (an-Nasa’i – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm.)

In diesem Zusammenhang wurde insbesondere derjenige ermutigt, der den Salam beginnt und dabei den Vorrang hat. Der edle Gesandte Allahs sagte:

„Wer den Salam beginnt, bleibt vor Hochmut bewahrt.“

Er sagte ferner:

انَّ اولى النّاس بالله من بدء السلام –

„Derjenige, der den Salām einleitet, gehört zu den Menschen, die der Barmherzigkeit Allahs am nächsten sind.“ (Ahmad, Abū Dāwūd – Abū ʿUthmān (r.a.))

Offenkundig verlangt die Liebe, dass man seinem Bruder entgegengeht, für ihn betet und auf diese Weise seine Herzensgefühle zum Ausdruck bringt. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) leitete den Salām stets selbst ein, wenn er unterwegs war. Jeden, dem er auf dem Weg begegnete – Frauen, Männer und Kinder gleichermaßen –, grüßte er mit dem Salām. Den Kindern den Salām zu entbieten, kam er sogar in besonderer Weise zuvor. Über den Salām sagte er:

اذا لقى احدكم اخاه فليسلِّم عليه فان حالت بينهما شجَّرةٌ او جدارٌ او حجر ثمَّ لقييه فليسلِّم عليه –

„Wenn einer von euch seinem Bruder begegnet, soll er ihm den Salām entbieten. Wenn danach ein Baum, eine Mauer, ein Stein oder etwas anderes zwischen ihnen beiden einen Sichtschutz bildet und sie sich anschließend wieder begegnen, soll er ihm ebenfalls den Salām entbieten.“ (Abū Dāwūd – Abū Huraira (r.a.))

Insbesondere empfahl er, den Familienangehörigen den Salām zu entbieten, und sagte zu Ḥadhrat Anas (r.a.):

يا بنىَّ اذا دخلت على اهلك فسلِّم يكون بركة عليك وعلى اهل بيتك –

„Mein Sohn! Wenn du dein eigenes Haus betrittst, grüße alle mit dem Friedensgruß. Das wird für dich und die Angehörigen deiner Familie zum Guten gereichen.“ (Tirmidhi – Anas, r.a.)

Die Liebe kann durch den Friedensgruß nur dann zunehmen, wenn der Austausch des Friedensgrußes mit der richtigen inneren Haltung erfolgt, ein Bruder für den anderen Bruder um Frieden betet und dadurch die Tiefe seiner Liebe und guten Wünsche aus seinem Herzen zum Ausdruck bringt. Andernfalls können dadurch, dass aus Gewohnheit, wie beim herkömmlichen Islam, lediglich ein oder zwei Worte über die Lippen kommen, die gegenseitige Liebe zweifellos nicht zunehmen.

9. Musāfaha

Um bei einer Begegnung seine Liebe und seine Herzensregungen zum Ausdruck zu bringen, hat der edle Gesandte (s.a.w.) nach dem Friedensgruß als Zweites die Musāfaha, also den Händedruck, angeordnet. Hadhrat Anas (r.a.) wurde gefragt, ob unter den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) die Musāfaha üblich gewesen sei. Er antwortete: Ja.

In Wirklichkeit ist die Musāfaha die Vollendung beziehungsweise Vervollständigung des Friedensgrußes. Das heißt, durch sie wird die gesamte Bedeutung des Friedensgrußes vervollständigt. Der edle Gesandte (s.a.w.) hat dies selbst überliefert:

تمام تحيّاتكم بينكم المصافحة –

„Durch die Musāfaha wird euer gegenseitiger Friedensgruß vervollständigt.“ (Ahmad, Tirmidhi – Abu Umālahu, r.a.)

Über die Musāfaha sagte der edle Prophet (s.a.w.) ferner: „Übt die Musāfaha, denn dadurch wird die Feindschaft beseitigt.“

(تصافحوايذهب الغلَّ) Außerdem hat der Gesandte Allahs (s.a.w.) folgende frohe Botschaft über den Lohn des Handschlags verkündet:

ما من مسلمين يلتقيان فيصا فحان الاَّ غفرلهما قبل ان يَّتفرَّقا وفى رواية اخرى اذا التقى المسلمان فتصافحا وحمدا الله واستغفرا الله غفرلهما –

„Wenn zwei Muslime einander begegnen und sich die Hände reichen, werden ihnen ihre sämtlichen Verfehlungen vergeben, bevor sie sich wieder trennen. In einer anderen Überlieferung heißt es: Wenn zwei Muslime einander die Hände reichen, Allah preisen und Ihn um Vergebung bitten, wird ihnen vergeben.“ – (Ahmad, at-Tirmidhi, Ibn Madscha – Baya ibn Gharib, r.a.)

10. Mit einem vorzüglichen Namen anreden

Jeder, der die menschliche Natur kennt, möchte mit einem vorzüglichen Namen angesprochen werden. Das ist ein natürliches Verlangen des Menschen. Je liebevoller und gefühlvoller man ihn anspricht, desto stärker wird sein Herz von der Aufrichtigkeit und Liebe desjenigen, der ihn anspricht, beeinflusst. Daher sollte man in dieser Hinsicht nicht knausern. Vielmehr sollte man versuchen, seinen eigenen Bruder in einer Sprache und auf eine Weise anzusprechen, durch die die Liebe zu ihm vollständig zum Ausdruck kommt. In der Bewegung von Sayyid Ahmad Schahid (r.h.) sprach jeder seine gleichrangigen und älteren Mitstreiter an, indem er ihrem Namen das Wort „Bruder“ hinzufügte, während er die Jüngeren lediglich mit ihrem Namen anredete. Kurz gesagt: Die Anrede muss so gestaltet sein, dass die eigene Liebe vollkommen zum Ausdruck kommt und auch das Herz des anderen erfreut wird. Dass jemand seinen Bruder in einer Sprache anspricht, die dieser nicht mag, hat in einer liebevollen und aufrichtigen Beziehung keinerlei Platz. In dieser Angelegenheit ist der gesamte Hadith über die liebevolle Anrede maßgeblich. Als man Umar (r.a.) fragte, wodurch Freundschaft gefestigt werde, gab er eine überaus schöne Antwort. Er sagte: „Sprich deinen Freund mit einem vorzüglichen Namen an.“

11. Interesse an persönlichen Angelegenheiten

Eine der wesentlichen Forderungen aufrichtiger Liebe besteht darin, an den persönlichen Angelegenheiten seines Bruders ebenso interessiert zu sein wie an den eigenen. Wenn du deinem Bruder begegnest, sollst du dich nach seinen persönlichen Verhältnissen erkundigen und daran umfassendes Interesse zeigen. Auf diese Weise entsteht im Herzen des einen Bruders Vertrauen in die Aufrichtigkeit und das Wohlwollen des anderen, und die Herzensgefühle des einen werden dem anderen offenbart. Dadurch werden diese Dinge ihre Beziehung noch stabiler machen. Der edle Prophet (s.a.w.) hat im Zusammenhang mit seiner Anweisung an seine Gefährten, einander persönlich kennenzulernen, ebenfalls auf diesen Punkt hingewiesen. Er sagte:

اذا اخى الرَّجلُ الرَّجلَ فليسأله عن اسمه واسم ابيه وممَّن هو فانَّه او صل للمودَّة –

„Wenn jemand mit einem anderen Freundschaft schließt, soll er ihn nach seinem Namen, dem Namen seines Vaters und seiner Stammeszugehörigkeit fragen. Denn dadurch werden die Wurzeln der gegenseitigen Liebe noch stärker.“ (Tirmidhi – Yazid ibn Nuʿama, Allah möge mit ihm zufrieden sein)

Der eigene Name und Ähnliches gehören zu den persönlichen Angelegenheiten eines Menschen. Auf diese Weise weist der hier behandelte Hadith auf genau das von mir dargelegte Prinzip hin. Die Aussage „Außerdem werden die Wurzeln der Liebe gestärkt“ beleuchtet auch seine eigentliche Bedeutung.

12. Geschenke

Geschenke zu geben, um einem Glaubensbruder Liebe und Aufrichtigkeit zu zeigen, ist für die Festigung der Beziehungen äußerst förderlich. Tatsächlich sind gute Worte, jemanden mit einem vorzüglichen Namen anzusprechen, Liebe zu zeigen und dergleichen Geschenke der Zunge. Dadurch bringt ein Bruder seine Liebe und seine Herzensgefühle gegenüber dem anderen Bruder zum Ausdruck und bemüht sich, ihn für sich zu gewinnen. So wie diese Geschenke der Zunge das Herz erfreuen, Verbindungen zwischen verschiedenen Herzen schaffen und dabei helfen, einander füreinander zu gewinnen, verbinden auch materielle Geschenke das Herz des einen mit dem Herzen des anderen, wodurch die gegenseitige Liebe zunimmt. Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wies im Zusammenhang mit der Empfehlung, Geschenke zu geben, auch auf diesen Nutzen hin: Dadurch wird der Anflug von Trübung im Herzen fortgewaschen und es wird gereinigt. Er sagte:

تهادوا تحابُّوا وتذهب شحناؤكم – (او كما قال عليه السلام)

„Schenkt einander Geschenke; dadurch wird die gegenseitige Liebe zunehmen und die Entfremdung der Herzen sowie die Feindschaft werden verschwinden.“ (Muwatta Malik, Ata)

Der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beschenkte seine Gefährten selbst immer wieder, und seine Gefährten sandten ihm sowie einander Geschenke. Was wir uns in dieser Hinsicht merken sollten und welche Anleitung wir aus dem Leben des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erhalten, ist Folgendes:

1. Geschenke sollte man stets im Rahmen der eigenen Möglichkeiten geben, und man sollte nicht darauf verzichten, nur weil man nichts Wertvolles oder Besonderes schenken kann. Was tatsächlich eine Verbindung zwischen den Herzen schafft, ist nicht der Wert oder die Bedeutung des Geschenks, sondern die Aufrichtigkeit und Liebe des Gebenden.

2. Ein Geschenk, ganz gleich welcher Art, sollte stets mit Dankbarkeit angenommen werden.

3. Man sollte sich stets bemühen, ein Geschenk mit einem Geschenk zu erwidern. Es ist dabei keineswegs erforderlich, dass das Gegengeschenk denselben Wert hat; vielmehr soll jeder entsprechend seinen eigenen Möglichkeiten geben. Es war die Gewohnheit des edlen Propheten (s.a.w.s.), Geschenke stets zu erwidern. Als einmal jemand sich weigerte, ein Gegengeschenk anzunehmen, zeigte er darüber großes Missfallen.

4. Unter den Geschenken war der edle Gesandte (s.a.w.s.) besonders an Wohlgerüchen erfreut. Heutzutage können auch Bücher in diese Kategorie eingeordnet werden.

13. Dankbarkeit

Dankbarkeit ist ein vortrefflicher Weg, die Äußerung der eigenen liebevollen Gefühle und die Wahrnehmung der Liebe des anderen zum Ausdruck zu bringen. Wenn ein Mensch erkennt, dass sein Bruder die Bedeutung und den Wert der Handlungen, die dieser aus liebevollen Gefühlen und aus dem Antrieb der Liebe heraus für ihn vollbracht hat, richtig zu würdigen weiß, wird seine aufrichtige Liebe zu seinem Bruder zunehmen. Wenn dagegen jemand, der Liebe empfindet, erkennt, dass seine Aufrichtigkeit und Liebe keinerlei Wert haben, werden seine Herzensgefühle ganz natürlich allmählich erlöschen. Deshalb ist es die unbedingte Pflicht eines muslimischen Bruders, einem anderen muslimischen Bruder freudig seine Dankbarkeit auszudrücken, wenn er ihm hilft, ihn gut behandelt, ihm ein gutes Wort sagt oder ihm ein Geschenk macht. Auf diese Weise lässt er ihn wissen, dass er die Bedeutung seiner Aufrichtigkeit und Liebe vollkommen zu schätzen weiß. Über den edlen Propheten (s.a.w.s.) berichten die Gefährten, dass er, wenn jemand ihm etwas darbrachte, es dankbar annahm, und dass er sich dafür bedankte, wenn jemand etwas für ihn erledigte.

14. Gemeinsam zusammensitzen und essen

An Mahlzeiten miteinander teilzunehmen und den anderen zum Essen in das eigene Haus einzuladen, ist ebenfalls ein hervorragender Weg, Aufrichtigkeit und Liebe zum Ausdruck zu bringen. Dadurch erhält man nicht nur die Möglichkeit zu ungezwungenen Gesprächen; vielmehr entsteht im Herzen des Eingeladenen das Gefühl, dass sein Bruder tiefe Liebe für ihn empfindet, wenn ein Muslim seinen Bruder zum Essen in sein eigenes Haus einlädt. Und wenn ein solches Gefühl entsteht, wird die gegenseitige Beziehung gewiss enger und fester werden. Die Gefährten luden einander und auch den edlen Propheten (s.a.w.s.) häufig ein. Wenn der edle Prophet (s.a.w.s.) selbst etwas zu essen hatte oder etwas von anderswo erhielt, ließ er die gesamte Versammlung daran teilhaben. Die Dinge, die zuvor im Zusammenhang mit Geschenken genannt wurden, sollten auch bei Einladungen und beim gemeinsamen Essen berücksichtigt werden. Besonders bei Einladungen sollte man keinerlei Zurückhaltung aufkommen lassen; vielmehr soll jeder entsprechend seinen Möglichkeiten bewirten, selbst wenn es sich nur um die tägliche Mahlzeit handelt. Wenn es jedoch möglich ist, dafür etwas Besonderes vorzubereiten, hinterlässt dies im Herzen des Eingeladenen gewiss einen guten Eindruck. Was auch immer ihm vorgesetzt wird, es ist die Pflicht des Eingeladenen, es zufrieden und dankbar anzunehmen. Abschließend sei hierzu gesagt, dass man sich ebenso wie bei Geschenken bemühen sollte, auch Einladungen zu erwidern.

In diesem Zusammenhang sollte man auch wissen, dass die Muslime zu Beginn Bedenken und Zurückhaltung dabei empfanden, im Haus ihrer geliebten Menschen und Verwandten zu essen. Allah, der Erhabene, beseitigte diese Bedenken, indem Er hierzu einen Vers in der Sure an-Nur des Qur’an offenbarte.

15. Das Bittgebet

Das Bittgebet ist etwas, das einerseits zahlreiche der von uns erörterten Pflichten und Rechte in sich aufnimmt und andererseits die gegenseitige Freundschaft und Liebe stärkt. Durch das Bittgebet erfleht ein Muslim für seinen Bruder bei seinem eigenen Herrn Barmherzigkeit und Vergebung, bittet um dessen Wohlergehen und Segen und fleht um eine Verbesserung seiner Lage. Offenkundig ist es allein der Muslim, der davon überzeugt ist, dass der eigentliche Schlüssel zu Ursache und Wirkung in Allahs Hand liegt. Wenn er nun sieht, dass sein Bruder vor seinem eigenen Herrn die Hände zum Bittgebet für ihn erhebt, ist er zutiefst bewegt und beeindruckt.

Das Bittgebet kann sowohl im Verborgenen als auch von Angesicht zu Angesicht gesprochen werden. Eine seiner Formen ist der Salām, durch dessen vollständige Form ein Muslim für seinen Bruder Frieden, Barmherzigkeit und Segen erbittet. Eine weitere Pflicht eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim besteht darin, dass er, wenn dieser niest und „al-Hamdu lillāh“ sagt, für ihn um Barmherzigkeit bittet. Auch das Totengebet für den eigenen muslimischen Bruder zu verrichten, ist eine besondere Pflicht und ebenfalls eine Form des Bittgebets. Auch in der Fürsorge für den kranken Bruder, die bereits erwähnt wurde, liegt ein Bittgebet.

Wenn das Bittgebet von Angesicht zu Angesicht gesprochen wird oder die betreffende Person davon weiß, besteht sein erster Nutzen darin, dass sie von der aufrichtigen Fürsorge und Liebe ihres Bruders aus tiefstem Herzen überzeugt wird. Da das angestrebte Ziel beider die Barmherzigkeit Allahs ist, erkennt sie, dass ihr Bruder sich zu ihrem Wohl nicht nur um praktische Dinge bemüht, sondern ihre Hoffnungen und Wünsche ebenso wie seine eigenen vor Allah bringt. Obwohl er selbst von Kummer und Leid beunruhigt ist, erhebt er vor seinem Herrn die Hände, erfleht für die Fehler und Sünden seines Bruders ebenso Vergebung wie für seine eigenen und erwartet für ihn ebenso wie für sich selbst Allahs Wohlgefallen und Barmherzigkeit. Sie erkennt ferner, dass ihr Bruder so sehr auf sie achtet, dass er auch dann an sie denkt, wenn in der Abgeschiedenheit nur der Bruder und sein Allah gegenwärtig sind. Unter diesen Umständen entsteht in ihrem Herzen ganz natürlich Liebe zu dem Bruder, der für sie Bittgebete spricht. Auf diese Weise lassen sich durch das Bittgebet alle Vorteile des Ausdrucks innerer Anteilnahme erlangen.

Zweitens: Wenn derjenige, der das Bittgebet spricht, sich bemüht, den anderen in sein Bittgebet einzuschließen, vertieft sich die aufrichtige Beziehung zwischen beiden noch mehr, und zugleich zieht Reinheit in diese Beziehung ein.

Darüber hinaus ist empfohlen worden, neben Bittgebeten um Barmherzigkeit, Vergebung, die Erfüllung von Bedürfnissen und die Beseitigung von Schwierigkeiten auch für den eigenen Bruder um Standhaftigkeit auf dem rechten Weg und um die gegenseitige Freundschaft zu bitten.

اللّهمَّ الِّف بين قلوبنا واصلح ذات بيننا –

„O Allah! Verbinde unsere Herzen miteinander und beseitige unsere gegenseitige Entfremdung.“

So wird auch dazu geraten, dafür zu beten, dass Trübung, Feindseligkeit und dergleichen aus dem Herzen beseitigt werden. Denn Bitterkeit, Misshelligkeit oder Vorwürfe gegenüber anderen im Herzen zu hegen, ist eine äußerst schwere Krankheit. Zu ihrer Heilung sollte man daher demütig beten.

ربَّنا اغفرلنا ولاخواننا الَّذ ين سبقونا بالايمان ولا تجعل فى قلوبنا غلاًّ لّلَّذين امنوا ربَّنا انَّك رؤف الرَّحيم –

„O unser Herr! Vergib uns und unseren Brüdern, die vor uns den Glauben angenommen haben, und lege in unsere Herzen keinen Neid und keine Feindseligkeit gegenüber den Gläubigen. O unser Herr! Du bist wahrlich voll großer Huld und barmherzig.“ (Sure al-Haschr, 10)

Wenn man im Du’a den Namen seines Bruders erwähnt oder sich an ihn erinnert, stärkt dies die Beziehung noch mehr. Aus eigenem Antrieb für seinen Bruder um Barmherzigkeit zu bitten, Allah um seine Freundschaft und Liebe zu ersuchen und darum zu bitten, die Beziehung vor Verderbnis und Schaden zu bewahren, ist die Pflicht eines Muslims gegenüber einem anderen Muslim. Doch auch einander zu bitten, in das eigene Du’a eingeschlossen zu werden, und den Wunsch zu äußern, an diesem Du’a teilzuhaben, kann zur Verbesserung der gegenseitigen Beziehung beitragen. Als Beispiel sagte der edle Prophet: „Wenn du deinen kranken Bruder besuchst, damit du ihn pflegst, dann bitte ihn auch, für dich zu beten. Denn sein Du’a wird eher erhört.“

Als Hadhrat Umar sich einmal zur Hadsch aufmachte, sagte der edle Prophet einige Worte zu ihm. Über diese Worte sagte Umar selbst: „Dies ist das Kostbarste meines ganzen Lebens.“ Diese Worte lauteten: „O unser Bruder, gedenke unser in deinem Du’a.“

16. Auf schöne Weise antworten

Jeder Muslim sollte sich bemühen, auf die Aufrichtigkeit und Liebe seines muslimischen Bruders mit noch größerer Aufrichtigkeit und Liebe zu antworten. Denn keine Beziehung kann durch einseitige Liebe wachsen. Darüber hinaus bleibt dadurch das Herz des anderen Bruders in dem Bewusstsein beruhigt, dass seine Liebe weder verschwendet noch geringgeschätzt wird. Den Friedensgruß mit einem Friedensgruß zu erwidern, ein Geschenk mit einem Geschenk zu vergelten, auf ein gutes Wort mit einem guten Wort zu antworten und all dies auf schöne Weise zu tun – die entsprechende Anweisung weist auf eben dieses zuvor erwähnte Prinzip hin. In diesem Zusammenhang sollte man auch die folgende Aussage des edlen Gesandten Allahs im Gedächtnis behalten:

„Unter zwei Liebenden ist derjenige der Bessere, der seinem Bruder mehr Liebe entgegenbringt.“

Wenn es nicht möglich ist, auf die Liebe des eigenen Bruders mit einer noch besseren Antwort zu erwidern, sollte man ihr zumindest in gleichem Maß antworten; und wenn man dabei seine eigene Unfähigkeit eingesteht, wird dies das Herz des anderen gewiss berühren.

17. Versöhnung und Zurückweisung von Beschwerden

Nachdem man sich die Grundlage der Beziehung vor Augen gehalten hat, treten bei dem Bemühen, in ihr die Empfindungen von Freundschaft und Liebe zu wecken und geeignete Mittel zu ergreifen, um sie vor Entstellung und Schaden zu bewahren, naturgemäß allerlei Mängel und Unzulänglichkeiten zutage. Kein Mensch kann behaupten, dass ihm bei irgendeiner Sache niemals ein Fehler unterlaufen werde. Besonders weil diese Beziehung für die islamische Revolution aufgebaut wird, ist auch Satan in dieser Angelegenheit äußerst eifrig und sucht ständig nach einer Lücke, um die gegenseitige Beziehung zu entstellen und in ihr einen Riss zu erzeugen. Wenn man alles, was zuvor über die gegenseitige Beziehung besprochen wurde, richtig vor Augen hält, den eigenen Bruder weder durch die eigene Rede noch durch die eigenen Taten körperlich oder seelisch verletzt, sich mit allen möglichen Mitteln um seine religiöse und weltliche Unterstützung bemüht, die eigene Aufrichtigkeit und Liebe vollständig zum Ausdruck bringt, als Zeichen der Wertschätzung für die Aufrichtigkeit und Liebe des anderen noch größere Aufrichtigkeit und Liebe oder zumindest Aufrichtigkeit und Liebe gleichen Maßes zeigt und dergleichen Grundsätze befolgt, und wenn man sein eigenes Verhalten fortwährend an eben diesem Maßstab prüft, wird es für Satan sehr schwierig werden, in diese Beziehung einzudringen. Sollte sich dennoch eine Entstellung und ein Übel innerhalb der Beziehung zeigen, muss jeder muslimische Bruder einige Dinge unbedingt vor Augen haben. Wenn diese Dinge berücksichtigt werden, kann eine Entstellung selbst dann leicht beseitigt werden, wenn sie auftritt. Die allgemeine Grundlage für die Entstellung einer Beziehung besteht darin, dass im Herzen eines muslimischen Bruders ein anderer muslimischer Bruder Anlass zu einer Beschwerde gibt. Dafür kann es viele Gründe geben. Doch die in diesem Kapitel behandelten Dinge beseitigen all diese Gründe. In jeder Beschwerde lässt sich eine Gemeinsamkeit erkennen: Wenn ein Muslim durch irgendeine Äußerung oder Handlung seines Bruders seelisch verletzt wird, entsteht daraus eine Beschwerde. Ist die Angelegenheit schwerwiegend, genügt diese Beschwerde allein, um die Beziehung zu entstellen. Handelt es sich jedoch um eine Kleinigkeit, verbinden sich mehrere ähnliche Angelegenheiten miteinander und erzeugen ein heftiges Gefühl. Es ist wichtig, die in diesem Zusammenhang behandelten Punkte allen vor Augen zu halten.

Erstens: Ein Muslim soll einem anderen Muslim keinerlei Anlass zu einer Beschwerde geben. Er sollte sich stets darum bemühen, dass seinetwegen im Herzen seines Bruders kein Schmerz entsteht.

Zweitens: Jeder Muslim sollte seinem eigenen Bruder gegenüber großzügig sein. Er sollte die erhabenen moralischen Lehren des edlen Gesandten (s.a.w.s.) beachten und sein Möglichstes tun, damit gegen niemanden eine Beschwerde entsteht und, sollte doch eine entstehen, sie unverzüglich aus dem Herzen zu entfernen.

Drittens: Wenn trotz dieser Bemühungen eine Beschwerde entsteht und es nicht möglich ist, sie zu vergessen, sollte man sie nicht im Herzen hegen. Ob die Angelegenheit klein oder groß ist, man sollte sie unverzüglich seinem eigenen Bruder mitteilen. Gegenüber dem eigenen Bruder im Herzen Misstrauen und Befangenheit zu hegen und ihm mit dieser Befangenheit zu begegnen, ist ein Zeichen des schlechtestmöglichen Charakters. Deshalb sollte man ohne jede Verzögerung unverzüglich versuchen, diese Befangenheit des Herzens zu beseitigen.

Viertens: Derjenige, gegen den eine Beschwerde vorgebracht wird, sollte nicht ungehalten sein und deswegen auch nicht die Nase rümpfen. Vielmehr sollte man dem fürsorglichen Bruder dankbar sein, der, nachdem er nicht hinter seinem Rücken geredet und ihn dadurch verraten hat, sondern vor ihn getreten ist und die Beschwerde vorgebracht hat, die Beziehung als etwas äußerst Wertvolles betrachtet, sich daranmacht, selbst eine geringfügige Beschwerde zu beseitigen, und dadurch Gelegenheit zur Verbesserung gibt.

Fünftens: Sobald er erfährt, dass sein eigener Bruder eine Beschwerde gegen ihn hat, sollte er sich umgehend um Selbstverbesserung bemühen. Denn je mehr Zeit vergeht, desto stärker verwurzelt sich auch die Entstellung. Außerdem ist es umso besser, je schneller die Fitna an der Wurzel ausgerottet wird. Wenn tatsächlich ein Fehler von ihm begangen wurde, sollte er ihn offen eingestehen und dafür sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Wenn er für diesen Fehler eine Entschuldigung hat, sollte er sie ebenfalls vorbringen. Liegt jedoch kein Fehler vor, sondern ist ein Missverständnis entstanden oder besteht eine vernünftige Entschuldigung, sollte er sich bemühen, dieses Missverständnis auszuräumen. In dieser Hinsicht beleuchtet die folgende Aussage Jesu (a.s.) im Evangelium auf eindrucksvolle Weise die Pflicht eines Muslims, dieser Aufgabe nachzukommen:

„Wenn du zum Opferplatz gehst, um dein Opfer darzubringen, und dir dort einfällt, dass dein Bruder eine Beschwerde gegen dich hat, dann lass dein Opfer vor dem Opferplatz stehen, kehre zurück und versöhne dich mit deinem Bruder; erst danach darfst du dein Opfer darbringen.“

Hier wird etwas äußerst Bemerkenswertes gesagt. Wenn dein Bruder dir gegenüber feindselig eingestellt ist, ist es für dich schwierig, ein guter Mensch zu sein und deine Beziehung zu deinem Bruder auf Eintracht zu gründen. Tatsächlich wird der eigentliche Zweck der Anbetung erst dann erfüllt, wenn wir Allah zufriedenstellen können. Daher wird dazu geraten, vor der Darbringung des Opfers die Beschwerde des Bruders auszuräumen, sich um die Reinigung der eigenen Seele zu bemühen und in dieser Angelegenheit keinesfalls zu zögern.

Sechstens: Wenn ein muslimischer Bruder einen Fehler eingesteht, ist es Pflicht, ihm zu vergeben; in dieser Hinsicht darf man keinerlei Zurückhaltung zeigen. Wenn er eine Entschuldigung vorbringt, ist es Pflicht, ihn als entschuldigt zu betrachten und seine Entschuldigung anzunehmen. Wenn er darüber hinaus eine Erklärung abgibt, um ein Missverständnis auszuräumen, ist es ebenfalls Pflicht, seine Worte für wahr zu halten. In diesem Zusammenhang sollte man sich an die folgende Aussage des edlen Propheten (s.) erinnern:

„Wer seinem muslimischen Bruder wegen seines eigenen Fehlers eine Entschuldigung vorbringt, dieser ihn jedoch nicht als entschuldigt betrachtet und seine Entschuldigung nicht annimmt, auf dem lastet ebenso viel Sünde wie auf einem Steuereintreiber infolge der Unterdrückung durch das Erheben einer unrechtmäßigen Abgabe.“

Um diese Anweisungen richtig zu befolgen, muss man den Wert der zwischenmenschlichen Beziehungen sehr gut erkennen, im eigenen Herzen volle Achtung vor dem Bruder und den Gefühlen der Bruderliebe tragen und sich zugleich vollständig bewusst sein, welch große Sünde die Zerrüttung einer Beziehung darstellt. Das Erste lässt sich aus den Ausführungen des ersten Kapitels und aus dem zweiten Teil des gegenwärtigen Kapitels sehr gut erkennen. Über das Zweite wurde gesagt, dass der edle Prophet (s.), als er die Zerrüttung dieser Beziehung erläuterte, sprach: „Dies ist ein schneidendes Rasiermesser, das die gesamte Religion des Islam auslöscht.“ Wer also glaubt, dass der Erfolg im Jenseits der eigentliche Erfolg ist, wird seine Religion gewiss um jeden Preis bewahren; und wer seine Religion bewahren möchte, wird diese Beziehung nach besten Kräften niemals zerrütten lassen. Die Warnung, die der edle Prophet (s.) hinsichtlich gegenseitiger Unzufriedenheit und des Abbrechens der Beziehungen ausgesprochen hat, ist ebenso eindringlich wie streng. Er sagte:

لا يحلُّ للرَّجل ان يَّهجر اخاه فوق ثلاث ليالٍ يلتقيان فيعرض هذا ويعرض هذا وخيرهما الَّذى يبدأ بالسلام-

„Es ist keinem Muslim erlaubt, seinen Bruder aus Unzufriedenheit länger als drei Tage zu meiden und, wenn die beiden einander begegnen, sich voneinander abzuwenden. Derjenige von den beiden, der mit dem Salam beginnt – das heißt, der den Unmut ablegt und die Versöhnung einleitet –, ist der Bessere.“ (Buchari und Muslim – Abu Ayyub al-Ansari, r.)

Daraus geht die Vorzüglichkeit dessen hervor, der die Versöhnung einleitet. Wie mit zwei Muslimen dieser Art vor Allah verfahren wird, hat der edle Prophet (s.) ebenfalls gesagt:

تعرض اعمال النَّاس فى كلِّ جمعة مرَّتين يوم الاثنين ويوم الخميس فيغفر لكلِّ عبدٍ مُّؤمن الاَّ عبدأً بينه وبين اخيه شحناء فيقال اتركوا او اركوا هذين حتى يفيئا –

„An zwei Tagen der Woche, am Montag und am Donnerstag, werden die Taten der Menschen (vor Allah) vorgelegt, und jedem gläubigen Diener wird vergeben, außer demjenigen, der seinem muslimischen Bruder gegenüber Groll hegt. Es wird gesagt: Lasst diese beiden noch einige Tage, damit sie sich miteinander versöhnen können.“ (Muslim – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Über denjenigen, der seinen Bruder drei Tage lang meidet, sagte der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) außerdem:

لا يحلُّ لمسلم ان يَّهجر اخاه فوق ثلاث فمن هجر فوق ثلاث فمات دخل النَّار-

„Es ist keinem Muslim erlaubt, seinen Bruder länger als drei Tage zu meiden. Wer länger als drei Tage getrennt bleibt und in dieser Zeit stirbt, wird in der Hölle sein.“ (Ahmad, Abu Dawud – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Er sagte außerdem:

فمن هجر اخاه سنة فهو كسفك دمه –

„Wer seinen muslimischen Bruder ein Jahr lang meidet, ist, als hätte er sein Blut vergossen (das heißt, er hat eine ebenso große Sünde begangen).“ (Abu Dawud – Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Es kann allerdings auch eine Situation eintreten, in der eine Partei nach dem Versuch einer Versöhnung die Beziehungen abbricht oder in einem Streit auf der Seite der Wahrheit steht. In einem solchen Fall trifft sie nach Maßgabe von Vernunft und Scharia keinerlei Schuld. Doch auch unter solchen Umständen wird ihr empfohlen, großmütig zu handeln, ihrem Bruder zu vergeben und den Streit trotz des Festhaltens an der Wahrheit beizulegen. In einem Hadith sagte der edle Prophet (s.a.w.) im Zusammenhang mit der Empfehlung, einen Streit beizulegen:

من ترك المراء وهو على حقٍّ بنى له بيت فى وسط الجنة ومن حسن خلقه بنى له فى اعلاها-

„Für denjenigen, der den Streit aufgibt, wird in der Mitte des Paradieses ein Gebäude errichtet. Und für denjenigen, der seinen Charakter vervollkommnet, wird an der höchsten Stelle des Paradieses ein Palast errichtet.“ (Tirmidhi – Anas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm)

Offensichtlich ist die höchste Stufe des schönsten Charakters die Vergebung. Durch sie wird der Mensch würdig, seinen Platz in der höchsten Stufe des Paradieses zu erhalten.

Neben der Versöhnung ist es die Pflicht der anderen muslimischen Brüder und allgemein der muslimischen Gesellschaft, auf die Beziehung zwischen den beiden Brüdern zu achten und jedes Anzeichen einer Entstellung zu korrigieren, sobald es sich zeigt. Denn von dieser Korrektur hängt die Stabilität der gegenseitigen Beziehungen ab. Und diese Beziehungen sind das Leben und die Seele der Gesellschaft. Der Koran hat die Anordnung zu dieser Korrektur mit folgenden Worten erlassen:

انَّما المؤمنون اخوة فاصلحوا بين اخويكم –

„Die Gläubigen sind ja untereinander Brüder. So stiftet Frieden zwischen euren beiden Brüdern.“ (Sure al-Hudschurat 10)

Ja, es wurde sogar angeordnet, gegen denjenigen zu kämpfen, der in dieser Angelegenheit die Grenzen überschreitet.

Der ehrwürdige Gesandte (s.a.w.s.) fragte einmal die Gefährten: „Soll ich euch von einer Tat erzählen, deren Lohn an Wert größer ist als der des Gebets, des Fastens und der Almosen?“ Die Gefährten sagten: „Ja, o Gesandter Allahs! Sagt es uns unbedingt.“ Da sagte er:

اصلاح ذات البين – وفساد ذات البين الحالقة –

„Die Beziehungen zwischen den Menschen zu verbessern und unter ihnen Verderben in den Beziehungen zu stiften, bedeutet, die Religion kahlzuscheren.“ (Abu Dawud, at-Tirmidhi)

Hierzu sagte er ferner (obwohl die Haltung des Islam gegenüber der Lüge äußerst streng ist):

ليس الكذَّاب الَّذى يصلح بين النَّاس ويقول خيرًا فيمنى خيرًا او يقول خيرًا –

„Wer zwischen den Menschen Versöhnung stiftet, gute Worte spricht und gute Worte übermittelt, ist kein Lügner.“ (Al-Bukhari und Muslim – Umm Kulthum, möge Allah mit ihr zufrieden sein)

Das heißt, man vermittelt von einer Partei zur anderen eine solche gute Gesinnung, die in Wirklichkeit nicht zum Ausdruck gebracht wurde. Bei einer solchen Vermittlung, wenn sie zur Versöhnung erforderlich ist, sollte man zwar nicht lügen, aber in einer Weise sprechen, die die eine Partei darauf vertrauen lässt, dass die andere Partei ihr Liebe und Wohlwollen entgegenbringt.

Wenn ein Muslim im Lichte dieser Weisungen selbst keinen Anlass zu Beschwerden gibt, zugleich weiterhin um Versöhnung bemüht ist und die Gesellschaft wachsam bleibt, wird es für Satan sehr schwierig, seine Nase hineinzustecken.

18. Den Herrn um Tawfīq bitten

Eine von Freundschaft, Brüderlichkeit und Liebe geprägte Beziehung ist eine grundlegende Voraussetzung und deren unvermeidliche Forderung. Je lieber einem das eigene Ziel ist, desto tiefer wird auch die brüderliche Beziehung eines Bruders zu einem anderen Bruder sein. Wenn das Leid und die Bedrängnis des einen zum Leid und zur Bedrängnis des anderen und die Freude des einen zur Freude des anderen werden, erhebt sich die Beziehung in einer Hinsicht auf die ihr gebührende Ebene. Wenn sich damit auch Barmherzigkeit und aufrichtiges Wohlwollen verbinden, erreicht die Beziehung in jeder Hinsicht den höchsten Rang. Eine solche Beziehung kann tatsächlich innerhalb einer Jamaat und einer Bewegung jene Lebens- und Arbeitshaltung hervorbringen, die den Erfolg gewährleistet. Wo diese große Gnadengabe durch die Befolgung aller von Allah und dem Gesandten (s.a.w.) vorgeschriebenen Bedingungen und Vorgehensweisen erlangt wird, wird dafür auch Allahs Tawfīq notwendig. Denn dies ist eine besondere Gunst Allahs. Deshalb sollte man Ihn demütig darum bitten, dass der Herr der Welten diese heilige Beziehung vor Entstellung und Zerrüttung bewahrt und Freundschaft und Liebe in ihr ständig wachsen lässt.

ربَّنا اغفرلنا ولاخواننا الَّذ ين سبقون بالايمان ولاتجعل فى قلوبنا غلاًّ للَّذ ين امنوا ربَّنا انَّك رؤف الرَّحيم –

„Unser Herr! Vergib uns und unseren Brüdern, die vor uns den Glauben angenommen haben, und lasse in unseren Herzen keinen Groll und keine Feindseligkeit gegenüber den Gläubigen aufkommen. Unser Herr! Du bist wahrlich voller Güte und barmherzig.“ (Sure al-Haschr 10)

— Ende —