“Zwei Worte”

 

„Der Weg nach Mekka“ ist die Übersetzung des von dem berühmten Denker, Schriftsteller und Journalisten Muhammad Asad verfassten Werkes „The Road of Mecca“. Muhammad Asad war von seiner Herkunft her Jude. Doch schon im Jugendalter verlor er sein Interesse am Judentum. Mit zunehmendem Alter empfand er immer mehr Abneigung gegen die neuartige moderne Lebensweise des Westens und deren Lebensführung. Einerseits entfernte ihn der materialistische Hedonismus des Westens, andererseits die jenseitige, vom Körper losgelöste Spiritualität der Priester aus dem westlichen Umfeld und wandte ihn dem Osten zu. Er fühlte sich zum arabischen und gemäßigten islamischen Lebensideal hingezogen, das auf der Ausgewogenheit von Körper und Seele beruht. Im Jahr 1921 nahm er den Islam an und nahm den Namen Muhammad Asad an.

„The Road of Mecca“ oder „Der Weg nach Mekka“ ist Muhammad Asads spirituelle Autobiografie. Im Zusammenhang mit der Schilderung seiner vielfältigen Erfahrungen auf seinen Reisen durch verschiedene Länder erzählt er von seiner geistigen Entfaltung. In diesem Werk werden sowohl die vielfältigen Erfahrungen seines Reiselebens, die Lebensweise der arabischen Welt und deren vergleichende Besonderheiten im Verhältnis zu den Lebensweisen des Ostens und des Westens in erzählerischer Form dargestellt als auch die ergreifende Geschichte der Wahrheitsfindung eines unzufriedenen, nach Wahrheit suchenden Geistes geschildert.

Es versteht sich von selbst, dass dieses Buch von einem solch nachdenklichen Gelehrten unserer Zeit verfasst wurde, der kein gewöhnlicher, von irrationalen Gefühlen überwältigter Muslim nach seiner Konversion ist. Er ist ein außergewöhnlich begabter Mensch, der sich vor der Annahme der Religion bemüht hat, sie im Licht all seines Wissens und seiner Vernunft zu verstehen und ihr Wesen zu erfassen.

Die bengalische Übersetzung dieses äußerst anspruchsvollen und literarisch hochwertigen, fesselnden Werkes stammt von dem berühmten Erzähler und islamischen Denker Shahed Ali, dem ehemaligen Herausgeber von „Islami Foundation Patrika“ und „Sabuj Pata“. Es besteht kein Zweifel daran, dass seine zauberhafte Hand, die Sprache des Geschichtenerzählens zu führen, bei der Übersetzung der beschreibenden literarischen Sprache dieses Werkes höchst erfolgreich gewesen ist. Jeder Leser wird sich an seiner klaren, wohlklingenden Darstellungsweise erfreuen, und wir können mit Freude versichern, dass er auf der langen Reise durch die Seiten nicht ermüden wird. Aus diesem Grund veröffentlichen wir dieses Werk in einer erneuerten, neuen Gestalt als Geschenk für die Leser. „Der Weg nach Mekka“ lässt sich eher als eine Neuschöpfung denn als eine Übersetzung bezeichnen; in der bengalischen Literatur ist es eine neuartige Bereicherung.

Wir hoffen, dass die Leser durch die Lektüre dieses Werkes neue Denkanstöße zum Verständnis der religiösen Lehre des Islam erhalten und zu einem noch tieferen Glauben an den Islam erwachen werden.

– Sharif Hasan Tarfadar

Der Herausgeber

Vorwort

 

Die Nachricht, dass ein jüdischer Gelehrter namens Leopold Weiss den Islam angenommen hatte, hatte ich wahrscheinlich schon während meiner Schulzeit gehört; dass er jedoch Schriftsteller und ein außergewöhnlich begabter Denker war, erfuhr ich erst viel später. Sein muslimischer Name war Muhammad Asad. Obwohl er in meiner Erinnerung lebendig blieb, hatte ich damals noch nicht das Glück gehabt, eines seiner Werke zu lesen. Während der britischen Herrschaft hielt er sich in Indien auf; nach der Gründung Pakistans war er Direktor der Organisation für den islamischen Wiederaufbau der Regierung von Westpunjab, und er gab eine äußerst anspruchsvolle englische Zeitschrift namens „Arafat“ heraus. Mehr wusste ich über ihn nicht.

Eines Tages, wahrscheinlich um 1958, sagte der Barrister A. T. M. Mustafa, der später Minister in der pakistanischen Zentralregierung wurde, im Verlauf eines Gesprächs: „Bruder, haben Sie The Road of Mecca gelesen? Von all den Büchern, die ich in meinem Leben gelesen habe, ist dies das Buch.“

Bruder Mustafa war nicht nur ein berühmter Jurist, sondern auch ein unnachgiebiger, aktiver islamischer Kulturschaffender und ein belesener Mann; er war stets auf dem neuesten Stand darüber, wo auf der Welt welcher bedeutende Schriftsteller Bücher über den Islam verfasst hatte. Als ich aus seinem Mund die begeisterte Anerkennung von The Road of Mecca hörte, beeilte ich mich, das Buch zu beschaffen, und ließ mir einige Tage später ein Exemplar aus Lahore zuschicken. Nachdem ich das Buch in Händen hielt, versank ich darin. Als Gefährte Asads auf seiner langen, aufregenden geistigen Reise von der Kindheit bis zur Annahme des Islam wanderte auch ich durch verschiedene Länder Europas und Asiens, über Wege und durch entlegene Gegenden, über Märkte und durch Städtchen, in Städten und Häfen, auf dem Meer, und sah die Welt mit neuen Augen; allmählich entfaltete sich vor meinem Blick, Blütenblatt für Blütenblatt, die vollkommene Gestalt des Islam. Ich las The Road of Mecca immer wieder, und während des Lesens wurde mir im Innersten bewusst: Eine bengalische Übersetzung dieses Buches wird den bengalischsprachigen Leserinnen und Lesern einen neuen Horizont der islamischen Lebensanschauung eröffnen.

Trotz meiner begrenzten Möglichkeiten und des Mangels an Zeit machte ich mich an die Übersetzung des Buches und begann, sie in der von mir herausgegebenen Zeitschrift Islamic Academy fortlaufend zu veröffentlichen. Aufgrund des Themas und von Asads wunderbarer Schreibkunst fand selbst meine unzulängliche Übersetzung bei den Lesern großen Anklang; allein wegen dieser Übersetzung wurden viele Leser Abonnenten der Zeitschrift Islamic Academy und äußerten ihren Unmut, wenn deren Veröffentlichung gelegentlich unregelmäßig wurde.

The Road of Mecca oder Der Weg nach Mekka ist Muhammad Asads geistige Autobiografie. Asad hat die Geschichte seines Lebens in erzählerischer Form niedergeschrieben. Diese Geschichte, die anregender ist als ein Roman, wurde durch die Authentizität von Asads persönlichen Erfahrungen zu einer beispiellosen Darstellung des Islam für die Menschen unserer Zeit. Vom Anfang bis zum Ende ist das Buch von einem neuen Geschmack, einem ungewöhnlichen Zauber durchzogen, der den Leser nicht nur erfreut, sondern ihn auch durch eine zutiefst erfüllende Erfahrung bereichert; als Gefährte des Schriftstellers erreicht der Leser schließlich Mekka, das heißt den Wesenskern der islamischen Lebensanschauung, und seine lange Reise auf dem Weg des Islam findet ihre Vollendung – in Asads Worten: home-coming, die Rückkehr ins eigene Zuhause.

Muhammad Asad war Journalist, Denker und ein einzigartiger Erklärer des Islam – im Grunde jedoch war er ein schöpferisches Genie mit innerer Schau; The Road of Mecca ist eine seiner wunderbaren Schöpfungen. Er widmete das Buch seiner Frau Pola Hamida Asad. Bei der Übertragung dieses Werkes in die bengalische Sprache habe ich versucht, Asads aufregende Erfahrungen wiederzugeben und dabei, soweit wie möglich, den Rhythmus, den Satzbau und den Stil des Originals zu bewahren. Doch kein schöpferisches Werk lässt sich Wort für Wort übersetzen. Daher erhebe ich nicht den Anspruch, dieses unvergleichliche Werk Asads vollständig in meine eigene Sprache übertragen zu haben. Mein Trost besteht jedoch darin, dass hinter dieser Übersetzung vom Anfang bis zum Ende meine natürliche Liebe zum schöpferischen Schreiben und meine seit frühester Kindheit bestehende Liebe zur islamischen Lebensordnung wirksam waren. Indem ich die Übersetzung dieses Buches den bengalischsprachigen Leserinnen und Lesern übergeben konnte, habe ich eine mir selbst auferlegte Pflicht erfüllt; die Belohnung dafür gebührt bei dem überaus barmherzigen Allah Taala allein Muhammad Asad. Unzählige erwartungsvolle und interessierte Leser haben mich unablässig gedrängt, die Übersetzung abzuschließen und in Buchform zu veröffentlichen; wann immer wir uns trafen, brachten sie dieses Thema zur Sprache. Ihr sehnsüchtiges Warten hat nun ein Ende gefunden, ihre Forderung ist nun erfüllt: Daher fühle ich mich erleichtert und danke Allah Taala. Unter all diesen unzähligen Lesern darf ich Bruder Shah Abdul Hannan keinesfalls vergessen; sein aufrichtiges Interesse und sein Drängen haben mich jedes Mal, wenn meine Übersetzungsarbeit nachließ, aufs Neue ermutigt.

In der ersten Phase der Übersetzung des Buches haben Muhammad Azizur Islam und Sheikh Tofazzal Hossain von der ehemaligen Islamic Academy lange Zeit meine mündliche Übersetzung niedergeschrieben. In der zweiten Phase übernahm der Dichter Masud-ush-Shahid diese Aufgabe vollständig. Masud widmete dieser Arbeit mit großer Freude einen wertvollen Teil seines Alltags. Die Aufgabe des Korrekturlesens übernahm Abdul Mukit Chowdhury bereitwillig. Den Index des Buches erstellte Kalam Azad von der Islamic Foundation Press. Sie alle genießen meine Zuneigung; ich möchte den Wert ihrer aufrichtigen Unterstützung nicht durch ein bloßes Dankeswort schmälern.

Der Verlag Jnanakosh hat durch die Veröffentlichung der dritten Auflage dieses Buches die Dankbarkeit der gesamten bengalischsprachigen Leserschaft erworben.

Shahed Ali

Einige Worte über das dramatische Leben von Allama Muhammad Asad

Professor Shahed Ali

Im Jahr 1994 fiel der hellste Stern der Weisheit und Gelehrsamkeit vom Himmel der muslimischen Welt. In den Augen der westlichen Welt war das Licht dieses Sterns strahlend und blendend; deshalb tat sie fast ein Jahrhundert lang so, als sähe sie ihn nicht, obwohl er direkt vor ihren Augen stand. Dieser Gelehrte war im Westen, in einem europäischen Umfeld, geboren worden. Dennoch hatte er die gegenwärtige, in Wissenschaft und Erkenntnis fortgeschrittene westliche Zivilisation herausgefordert – er hatte der Welt die abgrundtiefe Leere enthüllt, die sich hinter dem äußeren Glanz verbarg. Deshalb versuchte die westliche Welt stets, ihn mit Widerwillen zu ignorieren. Die Nachricht von seinem Tod fand in den westlichen Medien keinerlei Verbreitung.

Wie ein nachtblinder Mensch weder Mond noch Sterne sieht und ein Blinder ebenso wenig die Sonne sieht, so wurde auch in den Augen der muslimischen Welt der Glanz der Strahlen dieses Sterns niemals vollständig widergespiegelt. Daher empfand die muslimische Welt keine Leere, als ihr hellster Stern vom Himmel fiel – für einen Blinden macht es keinen Unterschied, ob die Sonne oder ein Stern auf- oder untergeht. Sie besitzt auch keine eigenen Medien. Außerdem wurde diesem Tod selbst in den vorhandenen Medien keine besondere Bedeutung beigemessen. Angeblich hatte er verfügt, dass sein Grab in Mekka sein solle – dort, wo er lange gelebt, den Islam entdeckt, sich zu dessen bestem Erklärer und Vertreter entwickelt, den Islam angenommen und angesichts der ganzen Welt seine Überlegenheit herausgestellt hatte; dort hatte er ein Buch wie „Road to Mecca“ geschrieben, das in der Welt großes Aufsehen erregte. Doch sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Er starb in Spanien und wurde auch dort beigesetzt.

Muhammad Asad, der vor seiner Annahme des Islam Leopold Louis hieß, lebte etwa 26 oder 27 Jahre lang mit seiner Frau Pola Hamida Asad in der marokkanischen Stadt Tanger. Er hatte mit der Rabita al-Alami al-Islami einen Vertrag über die Anfertigung einer Übersetzung des Edlen Korans mit einem kurzen Tafsir abgeschlossen. Als der Tafsir zu den ersten zehn Dschuz veröffentlicht wurde, waren einige Gelehrte mit einigen seiner Auslegungen nicht einverstanden. Daraufhin brach Asad die Beziehungen zur Rabita ab und ging nach Marokko. Trotz finanzieller Schwierigkeiten beschloss er, allein, nur mit der Unterstützung seiner Frau und einiger Freunde, die Übersetzung und den Tafsir fertigzustellen und zu veröffentlichen. Nach zwanzig Jahren hingebungsvoller Arbeit veröffentlichte er seine Übersetzung und seinen Tafsir. Damit erfüllte er in der modernen Welt die Aufgabe, die modernste Übersetzung und Auslegung des Edlen Korans vorzulegen.

Leopold Louis wurde im Jahr 1900 in der heute zu Polen gehörenden Stadt Lemberg in eine jüdische Familie geboren. Sein Großvater war der letzte Rabbi einer über mehrere Generationen bestehenden jüdischen Rabbiner- oder Priesterfamilie. Obwohl sein Vater dazu erzogen worden war, ein traditioneller jüdischer Rabbi zu werden, gab er diese familiäre Tradition auf, studierte Rechtswissenschaften, wurde ein angesehener Anwalt und heiratete in eine Bankiersfamilie ein. Neben seiner allgemeinen Schulbildung lernte Louis, Hebräisch fließend zu sprechen und zu lesen, und wurde auch mit der aramäischen Sprache gut vertraut. Bereits in diesem Alter erlangte er umfassende Kenntnis des Originaltexts und der Kommentare zum Talmud. Viele Jahre später schrieb er darüber in seiner spirituellen Autobiografie „Road to Mecca“: „Mir schien, als sei Allah des Alten Testaments und des Talmud lediglich mit den Zeremonien beschäftigt, durch die Seine Anbeter Ihn verehren sollten. Außerdem hatte ich den Eindruck, als sei Allah schon seit jeher auf erstaunliche Weise mit dem Schicksal eines bestimmten Volkes beschäftigt. Die Struktur des Alten Testaments als Geschichte der Nachkommen Abrahams ist derart, dass Allah nicht als Schöpfer und Erhalter der gesamten Menschheit erscheint, sondern vielmehr als eine Stammesgottheit, die die gesamte Schöpfung mit den Bedürfnissen eines auserwählten Volkes in Einklang bringt.“

Obwohl Lewis vom jüdischen Gedankengut enttäuscht war, wandte er sich auf keinem anderen Weg der Suche nach spiritueller Wahrheit zu. Nach dem Ersten Weltkrieg schrieb er sich an der Universität Wien ein und widmete sich mit einiger Überheblichkeit dem Studium der Geschichte der Kunst und der Philosophie. Doch dieses akademische Leben vermochte seinen inneren Durst nach der Erforschung religiöser Bedeutung nicht zu stillen. Auch sein Verlangen nach Abenteuern wurde dadurch nicht befriedigt. Nach dem Ersten Weltkrieg war Wien verzweifelt darum bemüht, seine Eigenart und seine Identität wiederzugewinnen. Der Krieg und der Zusammenbruch der sechshundert Jahre alten Habsburgermonarchie hatten die Grundlagen der alten Werte und Traditionen zum Einsturz gebracht. Zuvor waren diese allerdings bereits zum Gegenstand des Angriffs von Kunstkennern und Intellektuellen geworden. Unter dem Einfluss einer skeptischen Familie wies Lewis, wie viele andere Jungen seines Alters, jede formelle Religion unmittelbar zurück. Sein Ziel waren damals Tätigkeit, abenteuerliche Unternehmungen und Aufregung. Von diesem Drang getrieben, wollte er unter einem Decknamen in die österreichischen Streitkräfte eintreten, da er noch keine achtzehn Jahre alt war. Damit scheiterte sein Traum. Vier Jahre später, als er rechtmäßig in die Armee eintreten durfte, war sein Traum vom militärischen Ruhm bereits zerbrochen. Denn wenige Wochen später brach die Revolution aus, das österreichische Kaiserreich zerfiel, und auch der Krieg ging zu Ende.

Doch das akademische Leben besaß für Lewis keinerlei Anziehungskraft. Er spürte in sich den Wunsch, sich tief mit dem Leben auseinanderzusetzen – den Wunsch, in das Leben einzutreten. Anstatt sich auf jene Schutzvorrichtungen zu stützen, die sicherheitsliebende Menschen um sich herum errichten, wollte Lewis in das Leben eintreten; er wollte selbst den Weg finden, um die geistige Ordnung und Disziplin hinter allen Dingen zu begreifen.

Ein besonderes Kennzeichen der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts war die geistige Leere. All jene Werte, an die Europa seit Jahrhunderten gewöhnt gewesen war, verloren durch die Ereignisse von 1914 bis 1918 ihre eigene Gestalt und wurden formlos und körperlos. Nirgends waren neue Werte zu erkennen, die diese Leere hätten ausfüllen können. Das Gefühl der Zerbrechlichkeit und Unsicherheit sowie die Vorahnung sozialer und seelischer Umwälzungen weckten im jungen Menschen den Verdacht, dass es im Denken und Streben der Menschen nichts Dauerhaftes gebe. Lewis und die jungen Menschen seiner Generation fanden für ihre geistige Unruhe nirgends Halt. Niemand konnte ihnen in Ermangelung eines verlässlichen Maßstabs der Moral befriedigende Antworten auf die Fragen geben, die sie ratlos machten. Lewis erkannte: „Die Wissenschaft sagt, Wissen sei alles; doch ohne ein moralisches Ziel kann Wissen nur Chaos hervorbringen.“ Zweifellos wollten die damaligen Gesellschaftsreformer, Revolutionäre und Kommunisten eine bessere und glücklichere Welt errichten. Doch Lewis’ scharfem Blick entging nicht, dass sie alles ausschließlich im Licht der äußeren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse betrachteten und zur Behebung der Mängel auf diesen Gebieten die materialistische Vorstellung zu einer neuen, gegen die Metaphysik gerichteten Metaphysik erhoben hatten. Sie sahen, dass vieles von dem, was sich in der Welt um sie herum ereignete, in starkem Widerspruch zu den ihr zugeschriebenen göttlichen Eigenschaften stand. Die Kräfte, welche das menschliche Schicksal lenkten, schienen sich deutlich von den Eigenschaften zu unterscheiden, die Allah zugeschrieben wurden. Daraus schlossen sie, dass es keinen Allah gebe. Die selbstgerechten Hüter der Religion hatten Allah ihre eigene Kleidung angelegt und ihn dadurch vom menschlichen Schicksal getrennt und beziehungslos gemacht. Doch damit war das Problem nicht gelöst. Diese Unsicherheit und Wandelbarkeit in der Frage, wie der Einzelne sein Leben führen sollte, konnte zu einem völligen Chaos führen und eine Geringschätzung von Bildung, Kultur und dem Schönheitssinn des Menschen hervorrufen. Aufgrund dieser unmittelbaren Einsicht blieb Lewis hier nicht stehen. Für ihn wurde der Aufbau eines edlen Lebens zu einem Anstoß, einen schöpferischen Weg zu suchen, der Hoffnung eröffnete. Von diesem Drang bewegt, schrieb er sich an der Universität Wien ein und wählte als Hauptfach die Geschichte der Kunst. Doch dieses Studienfach konnte Lewis nicht befriedigen. Er stellte fest, dass seine Lehrer – unter ihnen die berühmten und angesehenen Strzygowski und Dvořák – übermäßig damit beschäftigt waren, jene ästhetischen Regeln und Gesetze zu entdecken, durch die die Entstehung von Kunst gelenkt wird; nur sehr wenig hatten sie versucht, die geistige Wellenbewegung freizulegen, die ihrem innersten Wesen zugrunde liegt. Mit anderen Worten: Nach Lewis’ Auffassung war ihre Sicht auf die Kunst eng auf jene Formen und Gestalten beschränkt, durch die die Kunst ihre Ausdruckskraft gewinnt.

Obwohl Lewis sich in den Tagen seiner jugendlichen Verwirrung mit den Erkenntnissen vertraut machte, die das junge Fach der Psychoanalyse in Europa hervorgebracht hatte, fand er darin keine Befriedigung – keine Antwort auf seine Fragen, obwohl die psychoanalytische Theorie damals wie eine Revolution ersten Ranges erschienen war. Die Entdeckung der Rolle, welche die Wünsche und Begierden des Unbewussten bei der Bildung der menschlichen Persönlichkeit spielen, hatte zweifellos den Weg zu einer tieferen Selbsterkenntnis eröffnet; doch der junge Leopold Lewis hielt nicht lange an diesem Glauben fest. Für ihn war die Erregung, die vom freudianischen Denken ausging, ebenso stark wie die Berauschung durch Alkohol. In den Wiener Cafés lauschte er gebannt den leidenschaftlichen Debatten einiger Pioniere der frühen Psychoanalyse – Gelehrter wie Alfred Adler, Hermann Stekel und Otto Gross –, doch Lewis war vom intellektuellen Hochmut dieser neuen Wissenschaft beunruhigt. Denn seiner Ansicht nach „will diese Wissenschaft alle Geheimnisse der menschlichen Seele auf einige Nervenreaktionen reduzieren“. Er erkannte, dass die Erkenntnisse dieser neuen Disziplin nicht einmal die Fähigkeit besaßen, sich den letzten Wahrheiten zu nähern. Außerdem fand er in ihr keinen Hinweis auf einen neuen Weg zu einem edlen und höheren Leben. Nach dem Weltkrieg begann der allgemeine Zusammenbruch der bislang anerkannten Werte; im Zuge dieses Zerfalls lockerten sich auch viele der bestehenden Schranken in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern. Es war, als würde man aus einem Zustand in seinen vollkommenen Gegensatz geschleudert, in dem alles zum Gegenstand der Debatte geworden war. Die Lage war also folgende: Aus dem Glauben und Vertrauen an den unaufhaltsamen, aufwärts gerichteten Fortschritt der Menschheit wurde der Mensch in die bittere Verzweiflung Spenglers, in Nietzsches moralischen Relativismus und in die von der Psychoanalyse geschaffene geistige Leere geschleudert. Unter jungen Männern und Frauen, die den Begierden des Körpers folgten, waren sexuelle Beziehungen wahllos, zufällig und ungehemmt. Leopold Lewis erschien dies als nichts anderes als eine Rebellion gegen leere Konventionen. Er glaubte, dass vielleicht durch die Vereinigung von Mann und Frau jene furchtbare Einsamkeit überwunden werden könnte, die einen Menschen vom anderen getrennt hatte. Inmitten dieser seelischen Unruhe und Erregung war es ihm nicht mehr möglich, sein Universitätsstudium fortzusetzen. Sein Vater wollte aus ihm einen Gelehrten und einen Doktor der Philosophie machen. Doch Lewis gab dies auf und wählte gegen den Willen seines Vaters das Leben eines Journalisten – er wollte Schriftsteller werden, und das Schreiben sollte sein Beruf sein. Von Wien gelangte er nach Prag, wo er in einem alten Café, dem The Westend, einen magischen Kreis von Künstlern und Literaten kennenlernte. Einige Zeit später erfuhr sein Vater davon und schrieb ihm einen Brief: „Jetzt sehe ich deutlich, dass du als umherziehender Taugenichts sterben und am Straßenrand in der Gosse liegen wirst.“ Der äußerst selbstbewusste und eigensinnige junge Lewis antwortete: „Nein.“ Er hatte erkannt, dass er Schriftsteller werden wollte; in ihm war der Glaube erwacht, dass die Welt der Literaten sehnsüchtig auf ihn wartete und ihm beide Arme weit entgegenstreckte.

Doch damals war es schwierig, Zugang zu einer bekannten Zeitung zu bekommen. Tag für Tag wanderte er durch die Straßen Berlins, ohne das Geld für die U-Bahn oder ein Taxi zu haben. Viele Wochen lang lebte er ausschließlich von Tee und den zwei Stückchen Brot, die ihm die Hauswirtin morgens gab. Das Schicksal jener Tage war für ihn völliges Fasten. Und seine nächtlichen Träume waren angefüllt mit frischen, dicken, mit Butter bestrichenen Brotscheiben.

Inmitten dieser äußersten finanziellen Not verbrachte er einige Zeit damit, als Assistent eines Filmproduzenten zu arbeiten, später für seinen Wiener Freund Eston Kuh ein Filmszenario zu schreiben und danach noch ein weiteres Szenario zu verfassen, womit er etwas Geld verdiente. Anschließend arbeitete er ein weiteres Jahr lang in verschiedenen Städten Mitteleuropas in allerlei vorübergehenden Beschäftigungen, bis er schließlich 1921 in die Welt der Zeitungen eintrat. Dr. Demart, ein wohlhabendes Mitglied der Deutschen Zentrumspartei und eine bedeutende Persönlichkeit der deutschen Politik, war im Begriff, mit Unterstützung der United Press of America eine Nachrichtenagentur namens United Telegraph zu gründen. Auf eine Bewerbung um eine Stelle als Assistent in seiner Einrichtung erhielt er die Arbeit eines Telefonisten. Für seine ehrgeizigen Bestrebungen war dies eine äußerst enttäuschende Tätigkeit. Doch Lewis hatte keine andere Möglichkeit, als die Arbeit anzunehmen. Nachdem er einen Monat lang so gearbeitet hatte, gelang es ihm, in Berlin heimlich Madame Maxim Gorki zu treffen, die während der schweren Hungersnot in Russland im Jahr 1921 hierhergekommen war, um in den mitteleuropäischen Hauptstädten öffentliche Unterstützung für wirksame Hilfe und Rettungsmaßnahmen zu mobilisieren. Durch dieses Interview mit ihr wurde der Telefonist Leopold Lewis zum Reporter. Er wurde Journalist.

Leopold Lewis war damals ein zweiundzwanzigjähriger, ungestümer junger Mann. Lewis und die jungen Menschen seines Alters waren zu jener Zeit von dem Wunsch beseelt, die Gesellschaft zu verändern und sie von Grund auf neu zu gestalten. Wie sollte die Gesellschaft aufgebaut sein, damit die Menschen ein wahrhaft erfülltes Leben führen konnten? Wie sollten ihre Beziehungen gestaltet werden, damit alle die Einsamkeit und Verlassenheit, die jeden Menschen umgibt, zerbrechen und hinter sich lassen konnten, um ihr Leben in wahrer gegenseitiger Freundschaft und Zusammenarbeit zu verbringen? Was ist gut, was ist böse, was ist Schicksal – oder, anders ausgedrückt: Was muss der Mensch tun, damit er im eigentlichen Sinne nicht nur mit seinen Worten, sondern mit seinem Leben eins werden und sagen kann: Ich und mein Schicksal sind nicht voneinander getrennt – wir sind ein und dasselbe!

Die überall herrschende Atmosphäre moralischer und sozialer Unsicherheit brachte einen rücksichtslosen Optimismus hervor. Dieser zeigte sich einerseits in den kühnen Experimenten, die man damals in Musik, Malerei und Theater wagte, andererseits in den häufig revolutionären Versuchen, sich tastend und blind an die Struktur und die Umrisse der Kultur heranzuarbeiten. Doch neben diesem gewaltsam am Leben erhaltenen Optimismus herrschte zugleich eine geistige Leere. Ein unbestimmter, hochmütiger Relativismus war inmitten eines zunehmenden Pessimismus entstanden. In der von hochgespannter Leidenschaft, Leid, Unzufriedenheit und Erregung erfüllten europäischen Welt nach dem Zweiten Weltkrieg verlief nichts mehr so natürlich und geordnet wie zuvor. Lewis erkannte, dass der eigentliche Gott der westlichen Welt nichts Geistiges war. Ihre einzige Gottheit war der Komfort, das behagliche und bequeme Leben. Für einen Europäer, ganz gleich, ob er Demokrat, Kommunist, Arbeiter oder Intellektueller war, bestand der sinnvolle Glaube in der Verehrung des materiellen Fortschritts; denn außer darin, das Leben immer leichter zu machen, konnte es kein anderes Ziel des Lebens geben. Mit den Worten der damaligen Zeit bestand der einzige Zweck des Lebens darin, den Menschen aus der Gewalt der Natur zu befreien. Die Tempel dieser neuen Religion waren riesige Fabriken, Kinos, chemische Forschungslaboratorien, Tanzsäle und zoologische Einrichtungen. Und die Priester dieser Art von Tempeln waren Bankiers, Ingenieure, Politiker, Filmstars, Statistiker, Bildungsdirektoren, Rekordproduzenten, Flieger und Kommissare. In der allgemeinen Uneinigkeit über die Begriffe von Gut und Böse und in der Zuflucht zum Opportunismus bei allen sozialen und wirtschaftlichen Fragen zeigte sich ein moralisches Versagen – ein Opportunismus, der mit einer Straßenhure vergleichbar war, die jedem, von dem und wann immer sie begehrt wird, ihren Körper hingibt. Schon in jenem Alter sah Lewis, dass die unstillbare Gier nach Macht und Glück die westliche Welt zwangsläufig in verschiedene, einander widerstrebende Lager gespalten hatte. Jedes dieser Lager war mit tödlichen Waffen ausgerüstet, und sobald seine gegenseitigen Interessen verletzt wurden, war es verzweifelt darauf aus, die anderen zu vernichten. Der höchste Maßstab für Recht und Unrecht war damals der praktische Nutzen, der weltliche Erfolg. Über seinen damaligen Zustand sagte Lewis: „Ich sah, wie unglücklich und verwirrt das Leben geworden war. Wie gering die Verbindung zwischen Mensch und Mensch war, obwohl mit ohrenbetäubendem, wahnsinnigem Geschrei auf Gesellschaft und Nationen pochte. Wie weit wir uns von der Welt unserer natürlichen Gefühle entfernt hatten. Und wie eng und leuchtend unsere Seelen geworden waren. Damals war Europa Anfang und Ende all unserer Gedanken.“

Lewis sagt: „Doch meine Unfähigkeit, an den vielfältigen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hoffnungen und Wünschen der Menschen in meiner Umgebung oder irgendeiner ihrer Gruppierungen teilzuhaben, nahm in mir allmählich die Gestalt einer unbestimmten Vorstellung an: dass ich keiner von ihnen war, dass mich nichts mit ihnen verband. Zugleich entstand in mir der Wunsch, unbedingt jemandem angehören zu müssen – aber wem? Teil von etwas sein zu müssen – aber wovon?“ Mit dieser tiefen Sehnsucht und Unruhe im Herzen machte er sich im Jahr 1922, im Alter von zweiundzwanzig Jahren, dem Ruf des Korans folgend auf den Weg nach Jerusalem. Durch seinen langjährigen Umgang mit den Arabern fand er die Antwort – wem er angehören und wovon er ein Teil sein sollte. Als Korrespondent der weltberühmten Zeitung Frankfurter Zeitung kam er nach Jerusalem und bereiste einige Jahre später Palästina, Transjordanien, den Irak, Persien und Afghanistan. Während seines Aufenthalts in Jerusalem kam er erstmals mit dem Islam in Berührung und fühlte sich von der Lebensweise der Araber angezogen. Nach seinem vertrauten Umgang mit ihnen entdeckte er, dass in der traditionellen muslimischen Gesellschaft eine natürliche Harmonie von Geist und Sinnen herrschte – etwas, das Europa verloren hatte. Er entdeckte in ihnen die Gewissheit des Herzens und die Befreiung vom Selbstzweifel, eine Befreiung, die den Europäern nicht einmal im Traum zugänglich war. Schließlich erhielt Leopold Lewis die Antwort auf seine Frage, wovon er ein Teil sein sollte, und kehrte 1926 nach Europa zurück, wo er gemeinsam mit seiner Frau den Islam annahm. Sein muslimischer Name wurde Muhammad Asad. In Asads Autobiografie Der Weg nach Mekka wird die Annahme des Islam als „Rückkehr in die Heimat“ bezeichnet. Nach seinem Eintritt in den Islam lebte Asad etwa sechs Jahre in Arabien und erlangte eine tiefe Vertrautheit mit dem arabischen Leben und der arabischen Sprache. Er wurde ein enger Vertrauter König Ibn Sauds. Danach verließ er Arabien und ging nach Indien, wo er den großen muslimischen Dichter und Philosophen Allama Iqbal kennenlernte. Auf dessen Rat gab Asad seine Pläne für Reisen nach Ostturkestan, China und Indonesien auf und blieb in Indien, um die geistigen Grundlagen des islamischen Staates zu erläutern und zu untersuchen. Der islamische Staat war damals lediglich der Traum eines träumerischen Dichters, der seine sehnsüchtige Seele bewegte. In den Worten Muhammad Asads: „Für mich war es, wie für Iqbal, ein Traum – der Weg, ja eigentlich der einzige Weg, alle schlafenden Seelen des Islam wiederzubeleben: die politische Existenz eines Volkes zu schaffen, dessen Zusammenhalt nicht auf demselben Blut und Fleisch, sondern auf der gemeinsamen Treue zu einem Ideal beruht. Viele Jahre widmete ich diesem Ziel mein Studium, meine Schriften und meine Vorträge und erlangte schließlich als Ausleger des islamischen Rechts einen gewissen Ruf.“ Doch dieser Erfolg war nicht nur ein gewisser; tatsächlich erlangte er weltweiten Ruhm.

Als Pakistan 1947 gegründet wurde, lud die Regierung dieses Staates Muhammad Asad ein, eine Institution namens Abteilung für Islamischen Wiederaufbau aufzubauen und zu leiten. Ihr Ziel war es, die idealistischen islamischen Vorstellungen über Staat und Gesellschaft ausführlich darzustellen, auf die sich die neugeborene politische Organisation bei ihrer ideologischen Ausrichtung stützen konnte. Nachdem Muhammad Asad diese äußerst anregende Aufgabe zwei Jahre lang fortgeführt hatte, trat er in den pakistanischen Auswärtigen Dienst ein. Im pakistanischen Außenministerium wurde er zum Leiter der Abteilung für den Nahen Osten ernannt. Muhammad Asad lieferte sämtliche historischen Informationen und dokumentarischen Belege zur Unterstützung des erfolgreichen argumentativen und faktischen Kampfes, den Pakistan in den Vereinten Nationen zugunsten der Palästinenser gegen den Zionismus führte. Im Außenministerium widmete er sich der Festigung der Beziehungen zwischen Pakistan und der muslimischen Welt. In dieser Zeit wurde Muhammad Asad zum bevollmächtigten Minister der pakistanischen Mission bei den Vereinten Nationen ernannt. Gegen Ende des Jahres 1952 trat er von diesem Amt zurück und widmete sich der Abfassung seines unsterblichen Werkes „Der Weg nach Mekka“.

Die Geschichte der Geschichte

Die Geschichte, die ich in diesem Buch erzählen werde, ist nicht die Autobiografie eines bedeutenden Menschen aufgrund seiner Rolle in Staatsangelegenheiten; sie ist auch keine erzählerische Darstellung abenteuerlicher Unternehmungen – denn obwohl sich in meinem Leben viele erstaunliche Abenteuer ereignet haben, waren sie lediglich Begleiterscheinungen dessen, was sich in meinem Inneren abspielte, und niemals mehr. Ebenso wenig ist sie die Geschichte eines bewussten Bemühens um die Suche nach religiösem Glauben – denn dieser Glaube trat im Laufe vieler Jahre in mein Leben, ohne dass ich von meiner Seite aus versucht hätte, ihn zu erlangen. Meine Geschichte ist die schlichte Geschichte von der Entdeckung des Islam durch einen Europäer und seinem Aufgehen in der muslimischen Gesellschaft.

Ich habe nie daran gedacht, dieses Buch zu schreiben. Denn mir war nie der Gedanke gekommen, dass mein Leben für irgendjemanden außer mir selbst von besonderem Interesse sein könnte. Doch als ich Anfang 1952 nach fünfundzwanzig Jahren außerhalb der westlichen Welt nach Paris und von dort nach New York kam, war ich gezwungen, meine Ansicht zu ändern. Da ich damals als bevollmächtigter Minister Pakistans bei den Vereinten Nationen tätig war, richteten sich natürlich aller Augen auf mich; unter meinen europäischen und amerikanischen Freunden und Bekannten wurde ich zum Gegenstand großer Neugier. Zunächst hatten sie angenommen, meine Aufgabe bestehe darin, ein europäischer „Experte“ zu sein, den die Regierung eines östlichen Landes zu einem besonderen Zweck eingestellt hatte und der sich aus eigenem Vorteil an die Lebensweise des Volkes angepasst hatte, in dessen Dienst er stand. Doch als meine Tätigkeit bei den Vereinten Nationen deutlich wurde und sie erkannten, dass ich mich nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern auch emotional und intellektuell mit den politischen und kulturellen Zielen der muslimischen Welt im Allgemeinen identifiziert hatte, waren sie einigermaßen erstaunt und verwirrt. Je mehr Zeit verging, desto mehr Menschen begannen, nach meinen früheren Erfahrungen zu fragen. Sie erfuhren, dass ich schon ganz am Anfang meines Lebens als Auslandskorrespondent für kontinentale Zeitungen gearbeitet hatte und nach mehreren Jahren ausgedehnter Reisen durch den Nahen Osten 1926 Muslim geworden war; dass ich nach meinem Übertritt zum Islam etwa sechs Jahre in Arabien gelebt und die Freundschaft König Ibn Sauds gewonnen hatte; dass ich anschließend Arabien verlassen und nach Indien gegangen war, wo ich dem geistigen Vater der Pakistan-Idee – und großen muslimischen Dichter und Philosophen – Muhammad Iqbal begegnet war. Er hatte mich in kurzer Zeit überzeugt, meine geplante Reise nach Ostturkestan, China und Indonesien aufzugeben und in Indien zu bleiben, um die geistigen Grundlagen des künftigen islamischen Staates zu erläutern und zu analysieren, der damals nicht mehr als ein Traum in Iqbals träumerischem Geist war. Für mich war dieser Traum, ebenso wie für Iqbal, ein Sinnbild für einen Weg – ja, in Wahrheit den einzigen Weg –, alle schlummernden Hoffnungen des Islam wiederzubeleben: die Schaffung einer politischen Einheit eines Volkes, deren Zusammenhalt nicht auf gemeinsamer Abstammung, sondern auf gemeinsamer Treue zu einem Ideal beruhte. Viele Jahre widmete ich mich diesem Ziel durch Studium, Schreiben und Vorträge, und mit der Zeit erlangte ich als Ausleger des islamischen Rechts und der islamischen Zivilisation einigen Ruhm. Als Pakistan 1947 gegründet wurde, lud mich die Regierung dieses Staates ein, eine Abteilung namens „Abteilung für Islamischen Wiederaufbau“ aufzubauen und zu leiten; ihr Zweck war es, die idealistischen islamischen Vorstellungen über Staat und Gesellschaft ausführlich darzustellen, auf die sich die neugeborene politische Organisation bei ihrer ideologischen Ausrichtung stützen konnte. Nachdem ich diese äußerst anregende Aufgabe zwei Jahre lang fortgeführt hatte, trat ich in den pakistanischen Auswärtigen Dienst ein. Im pakistanischen Außenministerium wurde ich zum Leiter der Abteilung für den Nahen Osten ernannt. Dort widmete ich mich der Festigung der Bande und Beziehungen zwischen Pakistan und der übrigen muslimischen Welt; und in dieser Zeit wurde ich schließlich bei der pakistanischen Mission bei den Vereinten Nationen in New York eingesetzt.

All dies deutet auf etwas weit Tieferes hin als auf die bloß äußerliche Anpassung eines Europäers an die muslimische Gesellschaft, in der er im Laufe der Ereignisse lebt: Es bedeutet vielmehr, dass er seine Verbundenheit mit einer kulturellen Familie bewusst und von ganzem Herzen zurückzieht und seine Verbundenheit mit einem völlig anderen kulturellen Umfeld bekundet. Für viele meiner westlichen Freunde war dies äußerst erstaunlich. Sie konnten sich nicht vorstellen, wie ein Mensch, der in der westlichen Welt geboren, aufgewachsen und erzogen worden war, sich so vollständig und äußerlich, ohne irgendetwas in seinem Inneren zu verbergen, mit der muslimischen Welt identifizieren konnte; wie es ihm möglich gewesen war, anstelle des westlichen kulturellen Erbes das islamische kulturelle Erbe anzunehmen, und was ihn dazu bewogen hatte, ein religiös-soziales Ideal anzunehmen, das sie als selbstverständlich für derart weit unterlegen gegenüber sämtlichen europäischen Vorstellungen hielten, dass es ihnen schien, ich könne mich nur mit ihm identifiziert haben.

Doch warum, begann ich mich zu fragen, hielten meine westlichen Freunde diese Angelegenheit für eine solche Selbstverständlichkeit? Hatten sie jemals wirklich das Bedürfnis verspürt, unmittelbar zum Wesen des Islam vorzudringen? Oder beruhten ihre Ansichten auf den verzerrten Vorstellungen, die von früheren Generationen überliefert worden waren, und auf einigen festgefahrenen Redensarten? Konnte es sein, dass die Denkweise der alten Griechen und Römer, die Welt in zwei Teile zu teilen – auf der einen Seite Griechen und Römer und auf der anderen Seite die Barbaren –, sich im westlichen Bewusstsein noch immer so vollständig festgesetzt hatte, dass es grundsätzlich unfähig war anzuerkennen, dass irgendetwas außerhalb seiner eigenen kulturellen Umlaufbahn einen klaren und bestimmten Wert besaß?

Seit der Zeit der Griechen und Römer waren europäische Denker und Historiker geneigt und bereit, die Weltgeschichte ausschließlich im Licht und im Sinne der europäischen Geschichte und der westlichen Kulturerfahrung zu begreifen. In diesem Bild treten außereuropäische Zivilisationen nur dann in Erscheinung, wenn ihre Existenz oder bestimmte aus ihnen hervorgegangene Bewegungen das Schicksal der Menschen im Westen unmittelbar beeinflusst haben oder beeinflussen; und deshalb ist die Weltgeschichte mit ihren verschiedenen Kulturen aus westlicher Sicht letztlich nichts weiter als eine erweiterte Geschichte des Westens!

Natürlich führt eine derart enge Perspektive zu einem verzerrten Bild. Da die Menschen im Westen vor allem mit Schriften vertraut sind, die ihre eigene Kultur darstellen oder die Probleme ihrer eigenen Zivilisation in allen Einzelheiten und in leuchtenden Farben erörtern, und da sie gegenüber der übrigen Welt kaum mehr tun, als sich hier und da umzudrehen und gelegentlich einen Blick auf sie zu werfen, wird der durchschnittliche Europäer oder Amerikaner leicht zum Opfer der irrigen Vorstellung, die kulturelle Erfahrung des Westens sei nicht nur der kulturellen Erfahrung der übrigen Welt überlegen, sondern auch von einem solchen Umfang, dass zwischen beiden überhaupt kein Vergleich möglich sei; und deshalb sei die westliche Lebensweise der einzig annehmbare Maßstab, anhand dessen allein andere Lebensweisen beurteilt werden könnten. Damit wird natürlich behauptet, dass jede geistige Vorstellung, jede gesellschaftliche Einrichtung oder jede moralische Wertung, die nicht mit diesem westlichen Ideal oder Muster übereinstimmt, in Wirklichkeit zu einer minderwertigen Lebensform gehört. In den Fußstapfen der Griechen und Römer folgt die westliche Welt gern dem Gedanken, all diese verschiedenen Zivilisationen, die einst bestanden oder heute bestehen, seien lediglich einige Experimente, die dem Weg des Fortschritts im Wege stünden, den der Westen unbeirrbar beschreitet; oder, bestenfalls, man könne sagen – wie im Falle jener Zivilisationen, die sich unmittelbar vor der modernen westlichen Zivilisation auf derselben Linie entwickelt hatten –, sie seien nur einige aufeinanderfolgende Kapitel desselben Buches, wobei die Zivilisation selbstverständlich das letzte Kapitel sei.

Als ich einem meiner amerikanischen Freunde diese meine Ansicht darlegte – der Freund war auf intellektuellem Gebiet sehr begabt und konnte seiner geistigen Ausrichtung nach als Gelehrter gelten –, äußerte er zunächst einige Zweifel.

„Einverstanden“, sagte er, „die alten Griechen und Römer zeigten bei der Beurteilung fremder Zivilisationen eine begrenzte Sichtweise; aber war diese Beschränkung nicht die unvermeidliche Folge der Schwierigkeiten, die sie bei der Verbindung mit der übrigen Welt hatten? Und sind diese Schwierigkeiten in der Neuzeit nicht weitgehend überwunden worden? Jedenfalls halten wir Westler heutzutage durchaus Kontakt zu dem, was außerhalb unserer eigenen kulturellen Umlaufbahn geschieht. Vergessen Sie etwa die zahlreichen Bücher, die im vergangenen Vierteljahrhundert in Europa und Amerika über die östliche Kunst und Philosophie sowie über jene politischen Ideen veröffentlicht worden sind, die den Geist der verschiedenen Völker des Ostens bewegen? Es wäre gewiss nicht gerecht, das Verlangen der Westler zu ignorieren, zu verstehen, was andere Kulturen zu geben haben könnten!“

„Vielleicht haben Sie teilweise recht“, erwiderte ich. „Es besteht kein Zweifel, dass jene ursprüngliche griechisch-römische Sichtweise heutzutage nicht mehr vollständig wirksam ist. Ihre Strenge hat viel von ihrer Schärfe verloren, und zwar aus keinem anderen Grund als dem, dass unter den westlichen Denkern diejenigen, die über die reifste Urteilskraft verfügen, gegenüber vielen Aspekten ihrer eigenen Zivilisation enttäuscht und misstrauisch geworden sind. Bei einigen von ihnen beginnt sich die Einsicht zu regen, dass es in der Geschichte des menschlichen Fortschritts vielleicht nicht nur ein einziges Buch und eine einzige Erzählung geben muss, sondern viele Bücher und viele Erzählungen möglich sind: einfach deshalb, weil die Menschheit im historischen Sinne keine homogene Einheit ist, sondern ein vielfältiges Zusammenspiel verschiedener Gruppen, zwischen denen hinsichtlich der Bedeutung und des Ziels des menschlichen Lebens weit auseinanderliegende Vorstellungen bestehen. Dennoch glaube ich nicht, dass die westliche Welt begonnen hat, gegenüber fremden Kulturen eine weniger gönnerhafte Haltung einzunehmen als die Griechen und Römer; man kann vielmehr sagen, dass der Westen lediglich toleranter geworden ist. Aber bedenken Sie: Diese Toleranz gilt nicht dem Islam, sondern nur einigen bestimmten östlichen Kulturen, die den vom spirituellen Hunger geplagten Menschen des Westens eine Art geistiger Anziehungskraft bieten und zugleich der westlichen Weltanschauung so fernstehen, dass sie nicht als wirkliche Herausforderung ihrer Werte gelten.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Sehen Sie“, erwiderte ich, „wenn ein Westler beispielsweise über den Hinduismus oder den Buddhismus spricht, ist er sich ausnahmslos der grundlegenden Unterschiede zwischen diesen Lehren und seinen eigenen Vorstellungen bewusst. Einzelne Aspekte dieser Lehren mögen seine Anerkennung finden, doch selbstverständlich wird er niemals bereit sein, die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, sie anstelle seiner eigenen Denkweise anzunehmen. Weil er diese Unmöglichkeit von vornherein anerkennt, kann er über diese fremden Kulturen mit innerer Gelassenheit und oft mit verständnisvoller Sympathie nachdenken. Wenn es jedoch um den Islam geht, der den westlichen Werten keineswegs so entgegengesetzt ist wie die hinduistische oder buddhistische Philosophie, gerät diese westliche Gelassenheit fast immer und zwangsläufig durch emotionale Voreingenommenheit ins Wanken. Liegt der Grund vielleicht darin – so frage ich mich manchmal verwundert –, dass die islamischen Werte den westlichen Werten so nahe stehen und gerade deshalb eine verborgene Herausforderung an viele westliche Vorstellungen vom geistigen und gesellschaftlichen Leben darstellen?“

Und ich begann, ihm von einer Theorie zu erzählen, die mir einige Jahre zuvor in den Sinn gekommen war; einer Theorie, die meiner Ansicht nach auch dazu beitragen könnte, den tief verwurzelten Widerwillen gegen den Islam, der in der westlichen Literatur und im zeitgenössischen Denken häufig anzutreffen ist, deutlicher zu verstehen.

„Wenn Sie eine wirklich überzeugende Erklärung für diesen Hass finden wollen“, sagte ich, „müssen Sie weit zurückblicken, in das Innere der Geschichte, und versuchen, den psychologischen Hintergrund der frühen Beziehungen zwischen dem Westen und der muslimischen Welt zu verstehen. Die Wurzeln dessen, was die Menschen im Westen heute über den Islam denken und empfinden, liegen in den tiefen Einwirkungen und den Spuren jener Erinnerungen, die während der Kreuzzüge entstanden sind.“

„Die Kreuzzüge!“ rief mein Freund erstaunt aus. „Sie wollen doch nicht etwa sagen, dass etwas, das vor beinahe tausend Jahren geschah, noch heute, auf die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts, Einfluss ausüben kann?“

„Aber genau das tut es. Ich weiß, dass es unglaublich klingen wird. Erinnern Sie sich jedoch nicht daran, mit welchem Unglauben die ersten Entdeckungen der Psychoanalytiker aufgenommen wurden, als sie nachzuweisen versuchten, dass ein großer Teil der Gefühlswelt eines Erwachsenen – und beinahe alle scheinbar grundlosen Neigungen, Vorlieben und Eigenheiten, die in dem Wort ‚Idiosynkrasien‘ oder ‚besondere Stimmung und Gemütsart‘ enthalten sind – auf die verschiedenen Erfahrungen seiner frühen Kindheit, der prägendsten Zeit seines Lebens, zurückgeführt werden kann? Nun, sind Völker und Zivilisationen etwas anderes als kollektive Individuen? Auch ihre Entwicklung ist untrennbar mit ihren frühen Kindheitserfahrungen verbunden. Wie bei Kindern können diese Erfahrungen angenehm oder schmerzhaft gewesen sein; sie können völlig vernünftig sein oder aber das Ergebnis einer kindlich einfachen Fehlinterpretation eines Ereignisses. Die Fähigkeit jeder einzelnen dieser Erfahrungen, Geist und Gemüt zu verändern, hängt vor allem von der anfänglichen Intensität der Erfahrung ab. Das Jahrhundert unmittelbar vor den Kreuzzügen, also die Zeit am Ende des ersten Jahrtausends der christlichen Zeitrechnung, lässt sich ohne Weiteres als die frühe Kindheit der westlichen Zivilisation bezeichnen …“

Ich erinnere meinen Freund daran – er ist selbst Historiker –, dass dies die Epoche war, in der Europa nach den dunklen Jahrhunderten, die auf den Zerfall des Römischen Reiches folgten, zum ersten Mal begann, seinen eigenen kulturellen Weg zu erkennen. Unabhängig von der fast vergessenen römischen Tradition begann gerade damals in den verschiedenen Volkssprachen Europas neue Literatur zu entstehen; nachdem die geistige Erschöpfung überwunden war, die durch das kriegerische Umherziehen der Goten, Hunnen und Awaren von Ort zu Ort verursacht worden war, erwachte die bildende Kunst unter dem Einfluss der religiösen Erfahrung des westlichen Christentums allmählich zu neuem Leben. Aus dem unreifen Zustand des frühen Mittelalters entstand eine neue kulturelle Welt. Genau an diesem Wendepunkt, in dem äußerst empfindlichen und gefühlsbetonten Augenblick seiner Selbstentwicklung, erlitt Europa durch die Kreuzzüge den gewaltigsten Schlag seines Lebens – das, was man in moderner Sprache ein ‚Trauma‘ oder einen seelischen Schock nennt und was zur Ursache einer psychischen Erkrankung werden kann …

Die Kreuzzüge waren ein gewaltiger kollektiver Druck auf eine Zivilisation, die gerade erst begonnen hatte, sich ihrer selbst bewusst zu werden. Historisch gesehen waren die Kreuzzüge Europas erster und vollständig erfolgreicher Versuch, sich im Licht kultureller Einheit zu betrachten. Weder zuvor noch danach hat Europa eine Erfahrung gemacht, die mit der Begeisterung und Erregung vergleichbar wäre, welche der Erste Kreuzzug hervorrief. Eine gewaltige Welle des Wahnsinns ging über den europäischen Kontinent hinweg – eine solche Freude und Begeisterung, die zum ersten Mal alle Schranken zwischen den verschiedenen Staaten, Stämmen und Klassen überwand. Zuvor hatte es dort Franken, Sachsen, Germanen, Burgunder, Sizilier, Normannen und Langobarden gegeben – ein Durcheinander verschiedener Stämme und Völker, die kaum etwas gemeinsam hatten, außer einem einzigen Umstand: Fast alle ihre feudalen Königreiche und Provinzen waren Überreste des Römischen Reiches, und sie alle waren Christen. Doch in den Kreuzzügen und durch diese Kriege wurde dieses religiöse Band auf eine neue Ebene gehoben: auf die gemeinsame Zielvorstellung aller Europäer, die staatsreligiöse Idee eines ‚christlichen Königreichs‘. Daraus entstand schließlich das auf Europa gegründete kulturelle Bewusstsein. Als Papst Urban II. im November 1095 in seiner berühmten Rede von Clermont die Christen zum Krieg gegen das ‚heidnische Volk‘ aufrief, das das Heilige Land besetzt hielt, verkündete er wahrscheinlich, ohne es selbst zu wissen, die Charta oder Gründungsurkunde der westlichen Zivilisation.

Die Erfahrung des gewaltigen seelischen Schocks, den die Kreuzzüge verursachten, verlieh Europa sein kulturelles Bewusstsein und seine Einheit; doch schließlich begann eben diese Erfahrung, jenem falschen Anstrich aufzutragen, in dessen Farbe der Islam den Menschen im Westen später erschien – und zwar nicht nur deshalb, weil die Kreuzzüge Krieg und Blutvergießen bedeuteten. Wie viele Kriege sind doch zwischen verschiedenen Völkern geführt worden, an die diese Völker später völlig vergessen haben, und wie viele Feindschaften und Gegensätze, die den Betroffenen unüberwindlich erschienen, haben sich später in Freundschaft verwandelt! Der Schaden, der durch die verschiedenen Kreuzzüge entstand, beschränkte sich nicht auf das Klirren der Waffen. In erster Linie war er seelischer Art: Durch eine vorsätzliche Fehlinterpretation der Lehren und Ideale des Islam wurde der westliche Geist gegen die muslimische Welt vergiftet. Denn wenn die Berechtigung des Aufrufs zu den Kreuzzügen aufrechterhalten werden sollte, musste der Prophet der Muslime zwangsläufig als der Antichrist bezeichnet und seine Religion in den abscheulichsten Worten als Quelle von Ausschweifung und perverser Geschmacklosigkeit dargestellt werden. Die lächerliche Vorstellung, der Islam sei eine Religion bloßer Sinnlichkeit und brutaler Gewalt, nicht aber der Läuterung des Herzens, eine Religion von Ritualen, drang gerade zur Zeit der Kreuzzüge in den westlichen Geist ein und ist dort seither geblieben. Damals verwandelten die Europäer den Namen des Propheten Mohammed – eben jenes Mohammed, der seine Gemeinschaft angewiesen hatte, die Propheten anderer Religionen zu achten – in einem Ausdruck des Hasses und der Verachtung in ‚Mahound‘. Das Zeitalter, in dem in Europa die freie Forschung einsetzen sollte, lag damals noch in ferner Zukunft. Für die damals herrschenden Kräfte war es sehr leicht, gegen eine Religion und Zivilisation, die sich von der westlichen Religion und Zivilisation völlig unterschied, die schwarzen Samen von Hass und Feindschaft zu säen. Daher ist es kein Zufall, dass das glühende ‚Chanson de Roland‘, in dem der sagenhafte Sieg des christlichen Königreichs über die muslimischen Ungläubigen Südfrankreichs geschildert wird, nicht während dieser Kriege entstand, sondern drei Jahrhunderte später – genauer gesagt kurz vor dem Ersten Kreuzzug – und sogleich zu Europas ‚Nationalhymne‘ wurde. Ebenso wenig ist es ein Zufall, dass das Epos über diese Kriege den Anfang einer ‚europäischen‘ Literatur bildet, die sich deutlich von der früheren regionalen Literatur unterscheidet: Denn auf der Kindheit der europäischen Zivilisation beruht ein erbitterter Hass auf den Islam.

Es scheint eine Ironie eben dieser Geschichte zu sein, dass die im Abendland über Jahrhunderte gehegte Feindschaft gegen den Islam, die ursprünglich religiös war, noch heute im Unterbewusstsein fortbesteht – und zwar in einer Zeit, in der die Religion ihre Herrschaft über die Vorstellungskraft des westlichen Menschen beinahe vollständig verloren hat. Freilich ist das im Grunde nicht erstaunlich. Wir wissen, dass die religiösen Überzeugungen, die man in seiner Kindheit annimmt, einen Menschen lebenslang – „Und genau dies“, schließe ich meine Ausführungen, „ist jener kollektiven Persönlichkeit, dem Leben der westlichen Zivilisation, widerfahren. Der Schatten der Kreuzzüge erstreckt sich bis heute über die westliche Zivilisation; und in all ihren Reaktionen auf den Islam und die muslimische Welt finden sich deutliche Spuren jenes unsterblichen Gespenstes …“

Mein Freund blieb eine Weile schweigsam. Noch immer sehe ich den großen, schlanken Mann im Abteil auf und ab gehen. Beide Hände hatte er in den Taschen seines Mantels, er schüttelte den Kopf, als sei er einigermaßen verwirrt, und schließlich sagte er:

„Was Sie sagen, mag einiges für sich haben – wirklich, vielleicht hat es das –, obwohl ich im Augenblick nicht in der Lage bin, Ihre Theorie zu beurteilen; dazu bin ich nicht imstande. Wie dem auch sei, Ihr Leben, das Ihnen so schlicht und frei von Komplikationen erscheint, muss den Menschen im Westen gewiss äußerst erstaunlich und ungewöhnlich vorkommen. Warum schreiben Sie nicht Ihre Autobiografie? Ich bin sicher, es würde ein höchst aufregendes und fesselndes Buch werden.“

Laut lachend erwidere ich: Ja, vielleicht könnte ich mich dazu durchringen, den Foreign Service aufzugeben, um ein solches Buch zu schreiben. Im Grunde ist das Schreiben doch mein eigentlicher Beruf …

Die scherzhafte Antwort, die ich gegeben hatte, verblasste in den folgenden Wochen und Monaten allmählich, ohne dass ich es bemerkte. Ich begann ernsthaft darüber nachzudenken, die Geschichte meines Lebens niederzuschreiben und dadurch, und sei es auch nur in geringstem Maße, dazu beizutragen, den dichten Schleier zu lüften, der den Islam und seine Kultur vor dem westlichen Geist verborgen hält. Mein Eintritt in den Islam war in vieler Hinsicht etwas Einzigartiges und Unvergleichliches: Ich wurde nicht deshalb Muslim, weil ich lange unter Muslimen gelebt hatte; vielmehr entschloss ich mich, unter ihnen zu leben, weil ich den Islam angenommen hatte. Könnte ich nicht, indem ich den westlichen Lesern meine ganz persönlichen Erfahrungen nahebrächte, mehr zum gegenseitigen Verständnis zwischen der islamischen und der westlichen Welt beitragen als in jenem diplomatischen Amt, das ebenso gut von anderen Landsleuten ausgefüllt werden könnte? Kurz gesagt: Jeder intelligente Mensch kann im Völkerbund Minister Pakistans werden – aber wie viele Menschen sind in der Lage, mit den Menschen im Westen so über den Islam zu sprechen, wie ich es kann? Ich bin Muslim, doch zugleich ist es wahr, dass ich in der westlichen Welt geboren wurde: Daher kann ich in der Sprache der gebildeten Menschen beider Welten, der islamischen wie der westlichen, sprechen …

Und aus diesem Grund trat ich gegen Ende des Jahres 1952 aus dem pakistanischen Foreign Service zurück und begann, dieses Buch zu schreiben. Ob es zu dem „fesselnden Buch“ geworden ist, das sich mein amerikanischer Freund vorgestellt hatte, kann ich nicht sagen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mithilfe einiger alter Notizen, vereinzelter Tagebücher und einiger Artikel, die ich damals für Zeitungen geschrieben hatte, aus dem Gedächtnis den verschlungenen Linien einer Entwicklung und Wandlung zurück in die Vergangenheit zu folgen – einer Entwicklung und Wandlung, die sich über viele Jahre und eine gewaltige geografische Ausdehnung hinweg vollzogen hatte.

Und dies ist die Geschichte: nicht die Geschichte meines gesamten Lebens, sondern nur die Geschichte jener Jahre, der Jahre vor meinem Aufbruch aus Arabien auf dem Weg nach Indien – jener aufregenden Jahre, die ich auf Reisen durch beinahe alle Länder zwischen der libyschen Wüste und den schneebedeckten Gipfeln des Pamirplateaus sowie zwischen dem Bosporus und dem Arabischen Meer verbrachte. Diese Geschichte wird vor einem bestimmten Hintergrund erzählt – und man muss sich vergegenwärtigen, dass sie vor dem Hintergrund meiner letzten Wüstenreise spielt, meiner Reise aus dem Inneren Arabiens nach Mekka gegen Ende des Sommers 1932; denn innerhalb dieser dreiundzwanzig Tage wurde das Muster meines Lebens für mich vollkommen deutlich.

Das Arabien, das auf den folgenden Seiten beschrieben wird, gibt es heute nicht mehr. Seine Einsamkeit und Geschlossenheit sind unter dem plötzlichen, gewaltigen Schlag des mit ungeheurer Wucht emporgeschleuderten Erdöls und unter dem Druck des Goldes, das das Erdöl gebracht hat, zusammengebrochen. Seine erhabene Schlichtheit ist verlorengegangen, und mit ihr auch jener einzigartige menschliche Aspekt. Wenn ein Mensch Schmerz über etwas Kostbares empfindet, das für immer verloren ist und niemals wiedergefunden werden kann, denke ich in diesem Schmerz an jene letzte lange Reise durch die Wüste zurück – als wir beide, unsere Reittiere lenkend, weiterzogen; weiterzogen, wir beide auf je einem Kamel, durch das dahintreibende Licht …

 

Durst

Ein

Wir beide auf je einem Kamel, immer weiterziehend; über unseren Köpfen brennt die Sonne, überall flimmert und glitzert das Licht, sengt uns, zugleich Einsamkeit und Sonne – eine sengende Stille, und mitten hindurch ziehen wir zwei Menschen, auf zwei Kamelen – schaukelnd in jenem Rhythmus und jener Bewegung des Voranschreitens, die den Menschen schläfrig macht und ihn die Tage vergessen lässt, die Sonne, den warmen Wind und den langen Weg. Auf den Kämmen der Dünen hier und da Büschel gelben Grases und da und dort Sträucher der knorrigen Hamd-Ranke, die sich wie riesige Pythons auf dem Sand ringeln. Die Sinne scheinen eingeschlafen zu sein. Ich schaukle im Sattel. Ich nehme nichts wahr außer dem Geräusch des unter den Füßen der Kamele zermahlenen Sandes und dem Scheuern des Holznagels, mit dem der Sattel befestigt ist, an der Innenseite des Knies. Um mein Gesicht vor Sonne und Wind zu schützen, halte ich es mit einem Zipfel meines Turbans bedeckt. Mir war, als durchquere ich meine eigene Einsamkeit, als wäre sie ein greifbarer Gegenstand, eine körperliche Substanz, ja, genau durch sie hindurch, auf dem Weg zu den Brunnen von Tayma … zu jenen tiefen Brunnen von Tayma, die den Durstigen Wasser spenden … geradewegs durch den Nufud nach Tayma – da hörte ich eine Stimme; ich weiß nicht, ob es eine im Traum gehörte Stimme war oder die Stimme meines Gefährten:

– »Hast du etwas gesagt, Zayd?«

– »Ich habe gesagt«, antwortete mein Gefährte, »dass nur sehr wenige den Mut aufbringen würden, den Nufud geradewegs zu durchqueren, um die Brunnen von Tayma zu sehen.«

Zayd und ich waren auf Ersuchen von König Ibn Saud in Qasr Asaymin an der Grenze zwischen Nadschd und dem Irak gewesen. Von dort kehrten wir beide zurück. Nachdem ich meine Arbeit beendet hatte, verfügte ich über reichlich freie Zeit. Daher beschloss ich, die weit entfernte und uralte Oase Tayma, die etwa zweihundert Meilen südwestlich lag, einmal zu besuchen. Es war jenes »Tema« des Alten Testaments – über dieses hatte Jesaja gesagt: »Die Bewohner von Tema bringen den Durstigen Wasser.« Taymas Wasserfülle und seine großen Brunnen sind in ganz Arabien nirgends ihresgleichen. Wegen dieses Wassers und seiner Brunnen war Tayma in vorislamischer Zeit zu einem bedeutenden Zentrum des Karawanenhandels und zu einer Hochburg der alten arabischen Zivilisation geworden. Seit Langem schon wollte ich diesen Ort sehen. Anstatt daher den Umwegen zu folgen, auf denen die Wüstenkarawanen ziehen, drangen wir von Qasr Asaymin aus geradewegs in den gewaltigen Nufud ein. Zwischen den Hochländern Zentralarabiens und der Syrischen Wüste erstreckt sich der rötliche Sand-Nufud; seine Ausdehnung ist gewaltig. In diesem Teil dieser schrecklich einsamen Gegend gibt es keine Fußspur, keinen Weg. Der Wind scheint dafür zu sorgen, dass kein Schritt eines Menschen oder Tieres in dem weichen, nachgebenden, rieselnden Sand eine dauerhafte Spur hinterlassen kann und kein Merkmal des Geländes lange genug bestehen bleibt, um dem Reisenden den Weg zu weisen! Unter den Stößen des Windes verändern die Dünen unablässig ihre Umrisse; langsam, in einer so sanften, kaum wahrnehmbaren Bewegung, strömen sie dahin und nehmen Gestalt um Gestalt an. Berge verwandeln sich in Täler, Täler nehmen eine neue Gestalt an und lassen ein leises Murmeln erklingen. Selbst im Maul des Kamels schmeckt dieses Gras bitter wie Asche!

Viele Male bin ich diese Wüste auf verschiedenen Wegen durchquert. Dennoch habe ich nicht den Mut, ohne fremde Hilfe eigenständig einen Weg durch sie zu finden. Deshalb bin ich überaus froh, Zayd bei mir zu haben. Zayd stammt aus dieser Gegend des Landes. Sein Stamm heißt Schammar; an der südlichen und östlichen Grenze des Nufud liegen die Siedlungen des Stammes Schammar. Wenn die Dünen sich nach den Regenfällen plötzlich in dichtgrüne Weiden verwandeln, treiben sie mehrere Monate im Jahr mitten im Nufud ihre Kamele. Zayds Beziehung zur wechselhaften Stimmung der Wüste ist eine des Blutes; im gleichen Rhythmus wie sie schlägt auch Zayds Herz.

Von allen Menschen, die ich bis heute kennengelernt habe, scheint mir Zayd der schönste zu sein. Seine Stirn ist breit, sein Körper schlank, seine Gestalt von mittlerer Größe und wohlgebaut, seine Kraft gewaltig, sein Kiefer gut geformt und kräftig, und sein schmal geschnittenes, weizenfarbenes Gesicht trägt einen zugleich harten und sinnlichen Ausdruck – darin liegt jene erwartete Würde, die ein besonderes Merkmal der Bewohner der Wüsten Arabiens ist: neben dem Ehrgefühl eine aufrichtige, gütige Selbstbeherrschung. Er ist eine schöne Verbindung aus reinem Beduinenblut und dem Leben in einer Stadt des Nadschd; obwohl er sich von den Fehlern beduinesker Überschwänglichkeit freigehalten hat, bewahrt er in sich die Sicherheit des einfachen beduinischen Instinkts, und ohne der materiellen Künstlichkeit der Stadtleute zum Opfer zu fallen, hat er deren Weltkenntnis erworben. Wie mein eigenes ist auch sein Leben ein Abenteuerleben voller Ereignisse und Aufregung. Während des Großen Krieges hatte die türkische Regierung für einen Feldzug auf der Sinai-Halbinsel ein irreguläres Kamelreiterkorps aufgestellt; als Junge war Zayd einer seiner Soldaten. Außerdem kämpfte er, um die Siedlungsgebiete seines Stammes Schammar gegen die Angriffe Ibn Sauds zu verteidigen. Eine Zeit lang schmuggelte er auch Waffen im Persischen Golf. In vielen Gegenden der arabischen Welt liebte er leidenschaftlich viele Frauen. Natürlich war er mit jeder von ihnen irgendwann rechtmäßig verheiratet und ließ sich danach gemäß dem Gesetz auch von ihnen scheiden. In Ägypten betrieb er einige Zeit Pferdehandel. Im Irak war er ein glücksuchender Soldat; schließlich ist er seit beinahe fünf Jahren mein Begleiter im arabischen Land. Und nun, gegen Ende des Sommers 1932, ziehen wir beide wie schon so oft auf Kamelen dahin, auf einsamen Wegen zwischen den Dünen; bei manchen Brunnen mit breiten Plätzen machen wir Halt und ruhen nachts unter dem sternenfunkelnden Himmel. Auf dem heißen Sand ist das leise Schwisch-Schwisch der Kamelhufe zu hören; bisweilen stimmt Zayd unterwegs, im Takt mit den Hufschlägen, mit matter Stimme ein Lied an. Nachts schlagen wir unser Zelt auf, kochen Kaffee, bereiten Reis und garen bisweilen das Fleisch von erlegten wilden Tieren. Wenn wir nachts auf dem Sand liegen, streicht ein kühler Hauch über uns. Die Sonne geht über den Dünen auf; die rötliche Sonne zerbirst in einer gewaltigen Explosion wie ein Feuerwerk, und manchmal sehen wir, wie heute, dass sich im Gras und den Kräutern plötzlich, nachdem sie Wasser erhalten haben, das wundersame Aufblühen des Lebens ereignet hat.

Wir haben für das Zuhr-Gebet angehalten, und ich wasche mir mit Wasser aus einem Wasserschlauch Hände, Gesicht und Füße. Ein paar Tropfen Wasser rinnen auf ein trockenes Büschel Gras neben meinen Füßen – ein hilfloses, winziges Grasbüschel, das unter der erbarmungslosen Hitze der Sonne gelb geworden ist und welk und leblos auf dem Sand liegt. Doch kaum fallen ein paar Tropfen auf es, da läuft ein wunderbares Zittern durch seine gekräuselten Blätter; deutlich kann ich vor meinen Augen sehen, wie sie sich entfalten. Noch ein paar Tropfen … Die kleinen Blätter bewegen sich, krümmen sich, und dann richten sie sich langsam, gleichsam schüchtern erschauernd, wieder auf. Mit angehaltenem Atem gieße ich noch etwas Wasser über das Büschel. Immer schneller und heftiger bewegt es sich, als würde eine unsichtbare Kraft es aus dem Todesschlaf stoßen und zum Leben erwecken. Und seine Blätter – welch ein beglückender Anblick! Sie beginnen sich wie die Arme von Fischen zusammenzuziehen und auszudehnen, als wäre es in einem wahrhaft kurzen Ausbruch sinnlicher Freude überwältigt, in schüchterner und doch unbezwingbarer Erregung. Was noch vor kurzem beinahe tot war, hat so sein Leben wiedererlangt – offen und kraftvoll –, ein Leben, vor dem der Tod kapituliert und dessen Reichtum der menschliche Verstand nicht zu ermessen vermag.

In der Wüste werden Sie das Leben stets in seiner königlichen Gestalt erfahren. Weil es so mühsam, so schwer ist, das Leben zu erhalten, wirkt es in der Wüste immer wie eine Gnade, ein Schatz, ein Wunder. Und die Wüste ist für den Menschen immer wieder erstaunlich. Selbst wenn man sie seit vielen Jahren kennt, lässt sie stets Raum für Staunen. Manchmal, wenn es scheint, als läge die Wüste mit all ihrer Härte und Leere vor unseren Augen, erwacht sie gleichsam aus ihrem Traum und beginnt zu atmen; wo gestern nichts als Sand und verstreute Steine waren, sehen wir plötzlich zartes, blasses grünes Gras sprießen. Wieder beginnt der Atem der Wüste zu wehen, und ein Schwarm kleiner Vögel fliegt mit dem Geräusch ihrer Flügel durch die Luft. Woher sind diese schmalen, langflügeligen, smaragdgrünen Vögel gekommen, und wohin werden sie fliegen? Oder vielleicht erhebt sich plötzlich ein Schwarm Heuschrecken mit großer Geschwindigkeit und lautem Summen in den Himmel, grau und hungrig, grausam und endlos wie eine Kriegerschar …

Die Erscheinung des Lebens in seiner königlichen Gestalt: Gerade weil das Leben in der Wüste selten ist, ist seine königliche Gestalt stets erstaunlich, immer wieder überwältigend; und hierin liegt der ganze namenlose Duft Arabiens, seiner Sandwüsten und all seiner anderen wechselnden Landschaften!

Manchmal führt der Weg über Lavaboden – schwarz und uneben –, manchmal über Dünen, die kein Ende nehmen. Zwischen zwei felsigen Bergen liegt ein mit Dornengestrüpp bedecktes Wadi oder Tal, und bisweilen springt ein plötzlich aufgeschrecktes, ängstliches Kaninchen aus diesem Gestrüpp von einer Seite unseres Weges auf die andere. Manchmal stoßen wir auf lockeren Sand mit den Spuren von Gazellen und auf zwei oder drei vom Feuer schwarz gewordene Steine, auf denen vor langer, längst vergessener Zeit Reisende an einem vergessenen Tag ihr Essen gekocht haben. Mitunter erblicken wir ein Dorf im Schatten einer Palmenallee; über dem Brunnen drehen sich hölzerne Räder und bringen eine eigentümliche Musik hervor … Die Reisenden hören diese eintönige Musik. Manchmal finden wir mitten in einem Wüstental einen Brunnen, um den sich Beduinenhirten drängen, um ihre durstigen Schafe und Kamele zu tränken. Sie singen im Chor, während sie mit großen Lederschläuchen Wasser schöpfen, und sobald sie das Wasser mit einem Rauschen in Ledergefäße gießen, erreicht die Erregung der Tiere ihren Höhepunkt. Darüber liegt die Einsamkeit der Steppe, überwältigt von der unnachgiebigen Sonne; gelbes Gras hier und dort und dicht belaubte Büsche, die sich wie Schlangen mit ihren Zweigen über den Boden schlängeln, machen manche Stellen zu willkommenen Weideplätzen für Kamele. Vielleicht steht ein einsamer Akazienbaum da und breitet seine Äste unter dem stahlblauen Himmel aus. Zwischen Erdhaufen und Steinen kommt eine goldene Eidechse hervor, während sie den Blick nach rechts und links schweifen lässt, und verschwindet dann wieder wie ein Schatten, wie etwas Gespenstisches. Die Leute glauben, dass diese goldene Eidechse niemals Wasser trinkt. In einer abgesunkenen Senke stehen die schwarzen, aus Ziegenhaar gewebten Zelte! Gegen Abend wird vielleicht eine Kamelherde nach Hause getrieben, und die Hirten reiten auf den nackten Rücken junger Kamele. Wenn sie ihre Tiere rufen, scheint die Stille der Wüste ihre Stimmen schlürfend aufzusaugen; ohne ein Echo hervorzurufen, verliert sich die Stimme in dieser Stille.

Manchmal sieht man am fernen Horizont leicht leuchtende Schatten – sind das Wolken? Sie schweben tief dahin. Ihre Farbe und ihre Lage verändern sich ständig. In diesem Augenblick mögen sie wie graubraune Berge aussehen – freilich ein wenig über dem leeren Horizont –, und im nächsten nehmen sie vor aller Welt die Gestalt einer schattigen Allee aus steinernen Zedern an – doch in der Leere. Dann sinken sie langsam tiefer, verwandeln sich in Seen und dahinströmende Flüsse, und in ihrem lockenden Wasser beginnen sich die Spiegelbilder von Bergen und Bäumen zu kräuseln; da erkennen Sie plötzlich, was sie sind! Es sind die Lockrufe der Dschinn – jene Fata Morgana, die immer wieder falsche Hoffnung in den Herzen der Reisenden geweckt und sie dadurch ins Verderben gelockt hat, sodass die Hand des Reisenden unwillkürlich nach dem Wasserschlauch auf dem Sattel greift …

Manche Nächte sind wiederum von einer ganz anderen Gefahr erfüllt. Zwischen den verschiedenen Stämmen herrschen dann die Spannung und die Unruhe des Krieges; der Reisende schlägt sein Zelt auf, entzündet aber kein Feuer, damit ihn niemand aus der Ferne sehen kann. Mit einem Gewehr zwischen den Knien bleiben sie Stunde um Stunde wach. Und dann gibt es jene friedlichen Tage, an denen ein Reisender, der den einsamen langen Weg entlangzieht, auf eine Karawane trifft und am Abend den sonnenverbrannten, ernsten Männern lauscht, die rings um das Feuer ihres Zeltes sitzen. Sie sprechen über die einfachen und großen Dinge des Lebens und des Todes, des Hungers und der Sättigung, des Stolzes, der Liebe und des Hasses, des Verlangens des Körpers und seiner Befriedigung, des Krieges und der Palmenhaine fern gelegener Dörfer; und niemals werden Sie hören, dass sie törichtes Zeug reden, denn in der Wüste kann niemand törichtes Zeug reden …

Und den Anspruch des Lebens werden Sie an jenen Tagen des Durstes erkennen, wenn die Zunge wie ein trockenes Stück Holz am Gaumen klebt und keine Botschaft der Erlösung vom Horizont kommt, sondern stattdessen der sengende Wüsten-Simum und wirbelnde Sandstürme. An ganz anderen Tagen sind Sie vielleicht Gast in einem Beduinenzelt; die Männer bringen Ihnen Gefäße voller Milch, die Milch wohlgenährter Kamelstuten zu Beginn des Frühlings, wenn Steppe und Dünen nach den Regengüssen grün wie Gärten werden und die Euter der Tiere rund und schwer sind. Von der anderen Seite des Zeltes hören Sie, wie die Frauen zu Ihren Ehren Hammelfleisch über offenem Feuer braten und laut lachen.

Die Sonne verschwindet wie rötliches Metall hinter den Bergen. Hier ist der nächtliche Himmel mit seinen funkelnden Sternen höher als an jedem anderen Ort der Erde, und unter diesen Sternen schlafen Sie tief und traumlos; die Morgen sind blassgrau und mild kühl, und in den kalten Winternächten peitscht der knochendurchdringende Wind gegen das Feuer des Zeltes, um das Sie und Ihre Gefährten dicht gedrängt sitzen, um ein wenig Wärme zu erlangen. Und die Sommertage sind feuerheiß, wenn Sie auf dem Rücken Ihres schwankend dahinschreitenden Kamels sitzen und Stunde um Stunde, als währte es eine Ewigkeit, weiterziehen; hoch über Ihrem Kopf kreist ein Raubvogel, der sich im Kreis dreht, um dem sengenden Wind zu entgehen.. .

Zwei

Langsam zieht der Nachmittag mit seinen Dünen, seiner Stille und seiner Einsamkeit dahin. Nach einiger Zeit wird die Einsamkeit von einer Gruppe Beduinen durchbrochen. Es sind vier oder fünf Männer und zwei Frauen. Alle reiten auf Kamelen. Auf dem Rücken eines Lasttiers liegen ihre zusammengefalteten schwarzen Zelte, ihr Geschirr und all die anderen Gerätschaften des Beduinenlebens. Auf einem Haufen der Habseligkeiten sitzen zwei Kinder. Die Gruppe überquerte unseren Weg. Als sie ganz in unsere Nähe gekommen sind, ziehen sie die Zügel ihrer Tiere an und sagen:

– „As-salamu alaikum – Friede sei mit euch.“ Wir antworten: „Und auch mit euch sei Friede, und sein Segen sei mit euch.“

– „Wohin geht ihr, Reisende?“

– „Inschallah, nach Tayma.“

– „Woher kommt ihr?“

– „Aus Qasr – aus Asaimin“, antworte ich. Danach herrscht völlige Stille. Einer von ihnen ist ein älterer Mann, mager, mit einem scharf geschnittenen, markanten Gesicht und einem schwarzen, spitzen Bart. Zweifellos ist er ihr Anführer. Sein Blick wird noch schärfer und durchdringender, als er von Zayed herüberwandert und misstrauisch auf mir ruht – einem hellhäutigen Ausländer. Plötzlich bin ich in dieser weg- und wasserlosen Einöde aus dem Nichts aufgetaucht, völlig unerwartet – ich komme aus dem britisch besetzten Irak. Vielleicht bin ich ein (die Hand des scharfgesichtigen Mannes spielt wie benommen am vorderen Teil seines Sattels. Inzwischen warten seine Gefährten in einem lockeren Kreis um uns herum. Als Anführer der Gruppe wird natürlich er sprechen. Nach einigen Augenblicken schien er diese Stille nicht länger ertragen zu können; er fragte mich:

– „Aus welchem arabischen Stamm stammst du?“ – Das heißt, er wollte wissen, welchem Stamm oder welcher Gegend ich angehörte. Doch noch bevor ich antworten konnte, erkannte er mich, und sein Gesicht erstrahlte plötzlich in einem breiten Lächeln.

– „Oh, jetzt erkenne ich dich wieder. Ich habe dich mit Abdul Aziz gesehen. Aber das ist lange her – volle vier Jahre, nicht wahr?“

Er streckte mir freundschaftlich die Hand entgegen. Dann sprach er von jener Zeit, als ich im königlichen Palast von Riad lebte und er mit einer Abordnung von Anführern aus dem Stamm der Schammar gekommen war, um dem Stamm Ibn Sauds seine Aufwartung zu machen. Die Beduinen nennen Ibn Saud stets bei seinem Vornamen „Abdul Aziz“. Sie fügen seinem Namen keinen offiziellen Ehrentitel hinzu, denn die Beduinen sind freie Menschen. Den König betrachten sie einfach als einen Menschen – gewiss als einen, der Achtung verdient, aber nicht mehr, als einem Menschen gebührt. So erweckten wir eine Weile jene verlorenen Tage durch unsere Erinnerungen wieder zum Leben und sprachen bald über dieses, bald über jenes. Er erzählte eine Geschichte über Riad, und ich eine andere – über jenes Riad, in dem innerhalb und außerhalb der Stadt täglich tausend Gäste auf Kosten des Königs wohnen und bei ihrer Abreise je nach ihrer Würde Geschenke erhalten: von einer Handvoll Silbermünzen oder einer Abaya bis hin zu mit Goldmünzen gefüllten Beuteln, Pferden oder Kamelen, die der König den Anführern häufig schenkt.

Doch die Großzügigkeit des Königs entspringt weit mehr seinem Herzen als seinem Reichtum. Vielleicht lieben ihn alle in seiner Umgebung – und auch ich liebe ihn – vor allem wegen dieser Wärme seines Mitgefühls.

In den Jahren, die ich in Arabien verbrachte, lag die Freundschaft Ibn Sauds stets wie der Glanz eines warmen Lichtes über meinem Leben. Er nennt mich seinen Freund, obwohl er ein König und ich nur ein Journalist bin. Ich liebe ihn nicht bloß deshalb, weil ich während der Jahre, die ich in seinem Reich verbrachte, seine Freundschaft stets in reichem Maße genoss. Denn seine Freundschaft schenkt er vielen Menschen. Ich nenne ihn meinen Freund, weil er, wie er vor vielen Menschen seinen Geldbeutel öffnet, sich mir bisweilen auch mit seinem Herzen öffnet. Ich nenne ihn gern meinen Freund, weil er trotz all seiner Fehler – und wer hätte denn keine? – ein außerordentlich großer Mensch ist; nicht eigentlich „gütig“, denn Güte kann zuweilen für sich allein zu einer billigen Sache werden. Wenn man ein altes Damaskusschwert betrachtet und mit bewunderndem Staunen sagt: Ja, das ist wahrhaft eine „hervorragende“ Waffe, denn sie besitzt alles, was man sich von einer solchen Waffe wünschen kann, dann empfinde ich Ibn Saud ebenso als einen großen Menschen. Er ist in sich selbst versunken und geht stets seinen eigenen Weg; und wenn er in seinem Handeln auch oft Fehler macht, so liegt das daran, dass er niemals etwas anderes sein will als das, was er selbst ist.

Meine erste Begegnung mit König Abdul Aziz fand Anfang 1927 in Mekka statt, wenige Monate nachdem ich den Islam angenommen hatte.

Der kürzliche plötzliche Tod meiner Frau – sie hatte mich auf meiner ersten Hadsch-Reise nach Mekka begleitet – hatte mich in tiefe Trauer gestürzt; ich war menschenscheu geworden. Mit aller Kraft versuchte ich, der Finsternis und der äußersten Verzweiflung zu entrinnen. Die meiste Zeit verbrachte ich in meinem Zimmer. Damals hatte ich nur mit wenigen Menschen Umgang und mied schon seit einigen Wochen sogar die üblichen Höflichkeitsbesuche beim König. Dann erfuhr ich eines Tages, als ich einen ausländischen Gast König Ibn Sauds, den indonesischen Haji Agus Salim, besuchte, dass mein Name auf Befehl des Königs ebenfalls in die Liste seiner Gäste aufgenommen worden war. Offenbar hatte er den Grund meines Schweigens erkannt und es mit stillem Mitgefühl hingenommen. So kam ich als Gast – als ein Gast, dem es bis dahin nicht ein einziges Mal vergönnt gewesen war, das Gesicht seines Gastgebers zu sehen – in einem schönen Haus am südlichen Rand von Mekka nahe einer felsigen Bergschlucht an. Durch diese Schlucht führte die Straße in Richtung Jemen. Vom Hof aus konnte ich einen großen Teil der Stadt sehen: die Minarette der Masjidul Kubra, Reihen über Reihen von Tausenden Häusern mit Dächern aus bunten Ziegeln und die leblosen Wüstenberge, über denen sich der Himmel wie eine Kuppel wölbte – ein Himmel, der wie flüssiges Metall flimmerte.

Dennoch hätte ich meine Begegnung mit dem König vielleicht weiterhin aufgeschoben, wenn ich nicht zufällig in einer Buchhandlung auf der Veranda der Masjidul Kubra dessen zweiten Sohn, Amir Faisal, getroffen hätte. In dem langen, schmalen Raum zu sitzen, umgeben von alten arabischen, persischen und türkischen Büchern und Handschriften, war ein Vergnügen; die Reglosigkeit und Dunkelheit des Raumes erfüllten mich mit einem wunderbaren Frieden. Eines Tages jedoch wurde diese natürliche Stille durch die geräuschvolle Ankunft einer Gruppe von Menschen unterbrochen. Bewaffnete Leibwächter gingen der Gruppe voraus. Amir Faisal durchquerte mit seinem Gefolge die Buchhandlung auf dem Weg zur Kaaba. Er war groß und schlaksig und besaß weit mehr Würde, als sein Alter und sein bartloses Gesicht vermuten ließen. Obwohl er noch jung war, hatte sein Vater ihn unmittelbar nach der Eroberung des Hedschas zwei Jahre zuvor mit dem verantwortungsvollen Amt des königlichen Stellvertreters im Hedschas betraut (in Nadschd war Faisals älterer Bruder Prinz Saud der Stellvertreter des Königs – obwohl der König selbst die eine Hälfte des Jahres in der Hauptstadt des Hedschas, Mekka, und die übrige Zeit in der Hauptstadt Nadschds, Riad, verbrachte).

Der Leiter der Buchhandlung war ein junger Gelehrter aus Mekka. Seit einiger Zeit verband mich Freundschaft mit ihm. Er stellte mich dem Prinzen vor.

Faisal schüttelte mir die Hand, und als ich den Kopf vor ihm neigte, schob er meinen Kopf mit den Fingerspitzen sanft ein wenig nach hinten; sein Gesicht erstrahlte in einem herzlichen Lächeln.

Er sagte: „Wir Menschen aus Nadschd glauben nicht, dass ein Mensch sich vor einem anderen verneigen soll! Nur vor Allah soll er im Gebet sein Haupt neigen.

Der Prinz erschien mir gütig, verträumt und zugleich etwas ernst und schüchtern. In den letzten Jahren unserer Bekanntschaft wurde dieser Eindruck von ihm noch fester. Die Vornehmheit seiner Haltung war nicht künstlich; sie schien aus seinem Inneren hervorzuströmen und sich auszustrahlen. An jenem Tag, als wir beide miteinander sprachen, verspürte ich plötzlich den brennenden Wunsch, dem Vater dieses Sohnes zu begegnen.

„Der König wird sich freuen, Sie zu sehen“, sagte Emir Faisal, „warum gehen Sie ihm aus dem Weg?“

Am nächsten Tag brachte mich der Sekretär des Emirs in einem Wagen zum Palast des Königs. Wir fuhren langsam durch die Straße zum Markt von al-Maʿālā, mitten durch das Gedränge und den Lärm von Kamelen, Beduinen und Auktionatoren. Die Auktionatoren verkauften alles, was die Beduinen brauchten: Kamelsättel, Abāyas, Teppiche, mit Silber verzierte Schwerter, Zelte und Kaffeekannen aus Messing. Wir ließen sie hinter uns und gelangten auf eine breitere, stillere und offenere Straße; schließlich erreichten wir den gewaltigen Palast, in dem der König wohnte. Der freie Platz vor dem Palast wimmelte von gesattelten Kamelen. Einige Bewaffnete saßen in einem von Bögen überspannten Raum, dessen Boden mit billigen Teppichen bedeckt war; an den Wänden entlang standen lange, mit khakifarbenem Stoff bedeckte Diwans, und durch die Fensterlücken waren grüne Blätter zu sehen: der Anfang eines Gartens, der dem Boden von Mekka unter großen Mühen abgerungen wurde.

Ein schwarzer Diener kam und meldete: „Der König hat Sie eingeladen.“

Ich betrat einen Raum, der demjenigen glich, den ich gerade verlassen hatte. Der Unterschied bestand darin, dass dieser Raum kleiner und heller war, allerdings eine Seite vollständig zum Garten hin offenstand. Der Boden war mit kostbaren persischen Teppichen bedeckt; auf einem Diwan an einem zum Garten geöffneten Gitterfenster saß der König, die Beine übereinandergeschlagen. Direkt zu seinen Füßen saß der Sekretär auf dem Boden und nahm sein Diktat auf. Als ich eintrat, erhob sich der König, streckte dann beide Hände aus und sagte: „Ahlan wa sahlan“ – „Dies ist Ihr eigenes Haus, fühlen Sie sich ungezwungen.“

Diese Begrüßung bedeutet: „Sie sind nun in Ihre eigene Familie eingetreten; möge Ihr Sitz nun auf einem bequemen Platz stehen können.“ Diese Ausdrucksform des Willkommens ist die älteste und schönste arabische Sitte.

Einen Augenblick lang blickte ich voller Staunen auf die gewaltige Größe König Ibn Sauds. Als ich ihm – inzwischen mit der nadschdischen Sitte vertraut – sanft die Nasenspitze und die Stirn küsste, musste ich mich trotz meiner Körpergröße von sechs Fuß auf die Zehenspitzen stellen, während der König sich mit gesenktem Kopf zu mir hinunterbeugen musste. Dann warf er seinem Sekretär einen erklärenden Blick zu, setzte sich in den Diwan und ließ mich neben sich Platz nehmen:

– „Einen Augenblick, ich bin gleich mit dem Brief fertig.“

Während er ruhig diktierte, begann er zugleich ein Gespräch mit mir – und doch geriet kein einziges Mal eines der beiden Dinge mit dem anderen durcheinander. Nach einigen förmlichen Sätzen gab ich ihm ein Empfehlungsschreiben. Er las es, das heißt, er verrichtete gleichzeitig drei Tätigkeiten, und dann befahl er, ohne das Diktat zu unterbrechen oder sich nicht weiter nach meinem Befinden zu erkundigen, Kaffee zu bringen.

Inzwischen erhielt ich Gelegenheit, ihn eingehender zu betrachten. Sein Körper war so wohlproportioniert und die Glieder so ausgewogen, dass seine gewaltige Gestalt – er musste mindestens sechseinhalb Fuß groß sein – erst auffiel, wenn er stand. Sein von der traditionellen blau-weiß karierten Kुफiya umrahmtes und von einem goldbestickten Igal bedecktes Gesicht war von ausgeprägter Männlichkeit. Nach nadschdischer Mode hielt er Bart und Schnurrbart kurz geschnitten. Seine Stirn war breit, seine Nase kräftig und hoch, wie der Schnabel eines Adlers; sein volles Gesicht wirkte trotz seiner Weichheit bisweilen in einer sinnlich bedingten Schüchternheit geradezu weiblich. Wenn er sprach, wurde sein Gesicht durch die ungewöhnliche Beweglichkeit seiner Gesichtsmuskeln lebendig; wenn er jedoch schwieg, wirkte sein Gesicht irgendwie traurig – als wäre er in die Einsamkeit seines Inneren zurückgekehrt. Die tiefe Lage seiner beiden Augen könnte dafür teilweise verantwortlich sein. Das verschwommene Sehen seines linken Auges beeinträchtigte die vollkommene Schönheit seines Gesichts ein wenig. Über dem Auge des Königs lag ein Schleier. Später erfuhr ich die Geschichte dieses Leidens, obwohl die meisten Leute unwissentlich sagten, das linke Auge des Königs sei von selbst so geworden; tatsächlich war es jedoch unter traurigen Umständen dazu gekommen.

Vor einigen Jahren hatte eine seiner Frauen auf Anstiftung der Familie Ibn Raschids, des Rivalen des Königs, mit der offenkundigen Absicht, den König zu töten, ein Räuchergefäß mit Gift gefüllt. Räuchergefäße dieser Art aus Messing werden im formellen Beisammensein in Nadschd verwendet. Der Sitte gemäß wird das Räuchergefäß dem König zuerst gereicht, bevor man es vor seine Gäste stellt. Schon beim ersten Riechen bemerkte Ibn Saud, dass der Geruch irgendwie seltsam war – sofort schleuderte er das Räuchergefäß auf den Boden. Durch seine Wachsamkeit blieb sein Leben gerettet, doch zuvor war sein linkes Auge verletzt und teilweise erblindet. Viele Könige hätten unter solchen Umständen gewiss Vergeltung geübt; Ibn Saud jedoch vergab der verräterischen Frau, statt sich an ihr zu rächen – denn er war fest davon überzeugt, dass sie unter dem unvermeidlichen Einfluss ihrer eigenen Familie gehandelt hatte, da ihre Familie mit der Familie Raschids verbunden war. Er ließ sich lediglich von ihr scheiden und schickte sie anschließend mit reichlich Gold, Silber und Geschenken nach „Hail“, in ihr eigenes Haus.

Nach jener ersten Begegnung ließ der König mich fast täglich zu sich rufen. Eines Morgens ging ich mit einem Wunsch zu ihm. Ich hatte nicht viel Hoffnung, dass er bewilligt würde, denn ich hatte um die Erlaubnis gebeten, innerhalb des Landes zu reisen, während der König gewöhnlichen Ausländern keine Genehmigung für eine Reise nach Nadschd erteilte. Wie dem auch sei, gerade als ich meinen Vorschlag vorbrachte, warf der König mir plötzlich einen kurzen, aber eindringlichen Blick zu; es war ein Blick, der mir in den innersten Kern meiner unausgesprochenen Gedanken einzudringen schien. Der König lächelte und sagte dann: „O Muhammad, willst du nicht mit mir nach Nadschd kommen und einige Monate in Riad bleiben?“

Ich war völlig verblüfft, und auch die anderen Anwesenden schienen sich genau in demselben Zustand wie ich zu befinden. Eine derart spontane Einladung an einen Ausländer war nahezu unerhört.

Er fuhr fort: „Ich möchte, dass du im kommenden Monat mit mir im Wagen reist.

Ich holte tief Atem und sagte dann: „O Imam, möge Allah Ihnen ein langes Leben schenken. Aber welchen Nutzen hätte es für mich, mit dem Wagen zu reisen? Was hätte ich davon, in fünf oder sechs Tagen von Mekka nach Riad zu rasen, wenn ich nichts von Ihrem Land zu sehen bekäme … außer Wüste, einigen Dünen und irgendwo am Horizont ein paar Menschen, schattenhaften Menschen? Möge Allah Ihnen ein langes Leben schenken, für mich wäre ein einziges Kamel nützlicher als all Ihre Wagen!

Ibn Saud lachte: „Hast du also Lust bekommen, meinen Beduinen Auge in Auge gegenüberzutreten? Ich warne dich schon jetzt: Sie sind sehr unentwickelt. Und mein Nadschd ist Wüste, ohne jeden Reiz; auf dieser Reise wird der Kamelsattel hart sein, und Nahrung wird knapp sein; außer Reis, Datteln und gelegentlich Fleisch wirst du nichts bekommen. Wie dem auch sei, wenn du unbedingt auf einem Kamel reisen willst, soll es so geschehen, und am Ende kann es sogar sein, dass du es nicht bereuen wirst, mein Volk kennenzulernen: Sie sind arm, sie wissen nichts, sie sind nichts, aber ihre Herzen sind von schlichtem Glauben erfüllt.“

Und wenige Wochen später brach ich auf einem Umweg nach Riad auf; als Reiseausrüstung gab mir der König ein Kamel, Vorräte, ein Zelt und einen Hadi oder Wegführer. Mehr als zwei Monate brauchte ich, um Riad zu erreichen. Dies war meine erste Reise ins Innere Arabiens – die erste von vielen Reisen. Denn die wenigen Monate, von denen der König gesprochen hatte, zogen sich hin und wurden zu einigen Jahren; wie leicht waren doch einige Jahre vergangen – Jahre, in denen ich nicht nur Riad, sondern beinahe jede Gegend Arabiens durchstreift hatte und der Kamelsattel mir nun nicht mehr hart vorkam!

„Möge Allah Abdul Aziz ein langes Leben schenken“, sagte der scharfgesichtige Mann, „er liebt die Beduinen, und die Beduinen lieben ihn!“ Und warum sollten sie ihn auch nicht lieben?, fragte ich mich. Der König ist gegenüber den Beduinen des Nadschd freigebig, und diese Unterstützung ist ein dauerhaftes Merkmal seiner Herrschaft. Vielleicht kein besonders lobenswertes Merkmal, denn dadurch, dass der König den Häuptlingen der verschiedenen Stämme und ihren Gefolgsleuten regelmäßig Geldgeschenke verteilt, sind sie so abhängig von den Gaben des Königs geworden, dass sie den Willen verloren haben, aus eigener Anstrengung ihre Lebensumstände zu verbessern, und nach und nach zu Almosenempfängern, Unwissenden und Menschen geworden sind, die zufrieden damit sind, faul zu bleiben.

Während meines gesamten Gesprächs mit dem scharfgesichtigen Mann bemerkte ich, dass Zaid etwas ungeduldig zu werden schien. Wenn er mit einem von ihnen sprach, ließ er seinen Blick immer wieder auf mir ruhen, als wolle er mich daran erinnern: Noch lag ein langer Weg vor uns, und das Schwelgen in alten Erinnerungen und Gedanken an die Vergangenheit beschleunigte den Gang der Kamele nicht. Wir verabschiedeten uns. Die Schammar-Beduinen trieben ihre Kamele nach Osten und verschwanden schon bald hinter den Dünen. Von unserem Standort aus konnten wir hören, wie einer von ihnen eine nomadische Melodie anstimmte – ein Lied, das man singt, um das Kamel zu einem schnelleren Schritt zu bringen und die Eintönigkeit des Reitens zu vertreiben. Als Zaid und ich wieder unseren Weg nach Westen in Richtung des fernen Tayma einschlugen, verklang die Melodie allmählich hinter uns, und die Stille kehrte zurück.

Drei

–„Sehen Sie, sehen Sie“, durchbrach Zaids Stimme die Stille, „ein Hase!

Ich blicke auf das graufellige Bündel, das gerade aus einem Busch hervorgesprungen ist, und Zayed gleitet von seinem Sattel, wobei er den Holzstab löst, der vom vorderen Ende des Sattels herabhängt. Er springt dem Kaninchen nach und will gerade werfen, als sein Fuß an der Wurzel einer „Hamde“ hängen bleibt. Er stolpert und fällt mit dem Gesicht voran zu Boden – und das Kaninchen verschwindet aus den Augen.

– „Da haben wir ein wunderbares Mahl verloren“, sage ich und lächle Zayed an. Zayed rappelt sich auf und steht wieder auf, während er den Stock in seiner eigenen Hand mit einem reuevollen Blick betrachtet.

– „Aber gräm dich deswegen nicht, Zayed. Das Kaninchen war nun einmal nicht für uns bestimmt.“

– „Nein, es war nicht für uns bestimmt“, erwidert er etwas geistesabwesend. Dann sehe ich, dass auch er etwas hinkt.

– „Hast du dich verletzt, Zayed?“

– „Ach, überhaupt nicht. Nur mein Knöchel ist verstaucht. In kurzer Zeit wird es wieder gut sein.“

Doch tatsächlich wurde es nicht wieder gut. Nachdem wir noch etwa eine Stunde auf den Sätteln weitergeritten waren, bemerkte ich etwas Schweiß auf Zayeds Gesicht, und als ich einmal auf seinen Fuß blickte, sah ich, dass sein Knöchel völlig verstaucht und furchtbar angeschwollen war.

– „Es hat keinen Sinn, so weiterzugehen, Zayed. Komm, wir schlagen unser Zelt für heute hier auf. Nach einer Nacht Ruhe wirst du wieder gesund sein.“

Zaid windet sich die ganze Nacht vor Schmerzen. Lange vor dem Morgengrauen steht er auf, und seine plötzliche Unruhe weckt auch mich aus meinem unbehaglichen Schlaf.

„Ich kann nur ein einziges Kamel sehen“, sagt er. Dann blicken wir uns um und stellen fest, dass eines der beiden Tiere – Zaids Kamel – verschwunden ist. Zaid will auf meinem Kamel aufbrechen, um nach seinem zu suchen, doch wegen der Verletzung an seinem Fuß fällt ihm schon das Stehen schwer; vom Gehen, Auf- oder Absteigen ganz zu schweigen.

„Du ruhst dich lieber aus, Zaid. Ich gehe an deiner Stelle; den Weg, den ich nehmen werde, kann ich ohne Schwierigkeiten wieder zurückverfolgen.“

Bei Sonnenaufgang breche ich auf meinem Kamel auf und folge den Spuren des verlorenen Tieres. Die Fußabdrücke ziehen sich in gewundenen Linien durch das Sandtal, dann verlieren sie sich hinter einer Düne.

Ich reite eine Stunde, dann noch eine und noch eine; doch die Spuren des verlorenen Tieres ziehen sich weit dahin, als ich für eine Weile vom Kamel steige, ein paar Datteln esse und etwas Wasser aus dem am Kamel festgebundenen Wasserschlauch trinke. Die Sonne steht hoch. Doch aus irgendeinem Grund besitzt ihr blendender Glanz nicht mehr seine frühere Strahlkraft. Zu dieser Jahreszeit höchst ungewöhnlich, schweben gelbliche Wolken reglos unter dem Himmel; eine erstaunlich dichte und schwere Luft lastet über der Wüste und lässt die Umrisse der Dünen viel weicher erscheinen, als sie es gewöhnlich sind.

Eine seltsame Bewegung auf dem Gipfel einer hohen Sanddüne vor mir zieht meine Aufmerksamkeit auf sich – ist es ein Tier? Vielleicht das verlorene Kamel! Doch als ich genauer hinsehe, erkenne ich, dass die Bewegung nicht auf dem Gipfel, sondern in ihm selbst liegt. Der Gipfel setzt sich sehr langsam in Bewegung, gleitet unaufhaltsam und leicht dahin, wirft undeutliche, wellenförmige Wogen nach vorn – dann scheint er den Hang hinab auf mich zuzurollen, wie der Kamm einer Welle, die sich langsam heranwälzt. Hinter der Düne kriecht eine tiefrote Färbung zum Himmel empor. Darunter verlieren die Linien der Dünen ihre Schärfe und werden undeutlich, als wäre plötzlich ein Vorhang dazwischengezogen worden; ein rötlich blasser Schein der Morgendämmerung breitet sich rasch über die Wüste aus. Sandwolken beginnen um mein Gesicht und rings um mich zu wirbeln, und plötzlich durchschneidet ein heftiger Windstoß das Tal, zerreißt es und lässt von allen Seiten ein Dröhnen aufbranden. Wie der erste Dünenkamm beginnen nun auch alle Sanddünen in meinem Blickfeld, Körnchen um Körnchen abzubröckeln und herabzurollen. Innerhalb weniger Minuten nimmt der Himmel eine tiefe, rostrote Färbung an, und die Luft füllt sich mit wirbelnden Sandkörnern, die wie ein rötlicher, dichter Nebel sowohl die Sonne als auch den Tag verhüllen. Kein Zweifel: Das ist ein Sandsturm!

Das auf den Knien sitzende Kamel versucht erschrocken aufzustehen. Der Wind hat sich inzwischen zu einem Sturm entwickelt. Ich bemühe mich, mich im Wind aufrecht zu halten, binde dem Kamel ein Seil um den Hals und bringe es dazu, sich hinzusetzen; die beiden Vorderbeine binde ich mit dem Seil zusammen und zur größeren Sicherheit auch eines seiner Hinterbeine. Dann lege ich mich selbst flach auf den Boden und ziehe meine Abaya über den Kopf. Damit ich in dem aufgewirbelten Sand nicht ersticke, presse ich mein Gesicht an die Achsel des Kamels. Ich spüre zweifellos, dass auch das Tier sein Gesicht auf meine Schulter gedrückt hat; deshalb merke ich, dass sich auf der Seite, auf der der Körper des Kamels mich nicht abschirmt, der Sand über mir anhäuft. Damit ich nicht völlig unter dem Sand begraben werde, muss ich von Zeit zu Zeit die Lage wechseln.

Meine Sorge ist nicht unbegründet, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich in der Wüste unvermittelt in einen Sandsturm gerate. Eng in meine eigene Abaya gehüllt, bleibe ich ausgestreckt auf dem Boden liegen.

Ich warte darauf, dass der Sturm sich legt. Außer dem Brüllen des Windes und dem Flattern meiner Kleidung habe ich nichts zu tun; es klingt wie das Flattern eines losgelassenen Segels – oder wie das Geräusch einer im Wind wehenden Fahne –, wie das Flattern der Stammesfahnen an den langen Stangen in den Händen einer marschierenden Beduinenarmee, so wie die Fahnen vor beinahe fünf Jahren über den Beduinenreitern aus Nadschd getanzt und geflattert hatten; sie waren mehrere Tausend, und auch ich war unter ihnen. Nach der Hadsch kehrten wir von Arafat nach Mekka zurück! Dies war meine zweite Pilgerfahrt zur Hadsch. Nachdem ich ein Jahr im Inneren der Arabischen Halbinsel verbracht hatte, war ich gerade noch rechtzeitig nach Mekka zurückgekehrt, um mich zur Hadschzeit der Versammlung der Pilger auf der Ebene von Arafat östlich der Heiligen Stadt anzuschließen – ich sah mich unter einer gewaltigen Menge weiß gekleideter Beduinen aus Nadschd –, um mich zur Hadschzeit der Versammlung der Pilger auf dem staubigen Feld anzuschließen. Und auf dem Rückweg von Arafat sah ich – ich war unter einer gewaltigen Menge weiß gekleideter Beduinen aus Nadschd –, wie sie über die Staubebene in dichtem Schritt und raschem Tempo ihre Kamele vorantrieben; ein Meer weiß gekleideter Menschen, jeder auf einem honigfarbenen, gelblichen Kamel; Tausende von Kamelen bewegten sich tanzend und springend in lautem, die Erde erschütterndem Tempo vorwärts, als stürme eine unaufhaltsame Welle nach vorn. Stammesfahnen brüllten im Wind, und Stammesrufe, mit denen sie die ruhmreichen Taten ihrer verschiedenen Stämme und ihrer Vorfahren verkündeten, erhoben sich aus jeder Gruppe in Wellen. Tatsächlich entspringen für die Bewohner Nadschds, also für die Bewohner der Hochländer Zentralarabiens, Krieg und Hadsch derselben Quelle … Und die zahllosen Pilger aus anderen Ländern – aus Ägypten, dem Indischen Subkontinent, Nordafrika und Java –, die an solche Raserei nicht gewöhnt waren, zerstreuten sich voller Schrecken nach allen Seiten vor uns; denn jeder, der nahe am Weg dieser brüllenden Armee stand, wusste, dass niemand überleben konnte, ebenso wie für jeden Reiter der Tod gewiss war, wenn er inmitten Tausender dahinstürmender Kamele vom Rücken seines Kamels glitt.

So wahnsinnig diese damalige Fahrt auf dem Kamelrücken auch gewesen sein mochte, ich hatte an diesem Wahnsinn teilgenommen, und in meinem Inneren war eine wilde Freude, ein summendes, zischendes Geräusch; ich hatte mich jenem besonderen Augenblick hingegeben, der Geschwindigkeit und dem Brüllen – und der Wind, der über mein Gesicht strich, schien zu singen: „Du wirst nie wieder ein Fremder sein – unter meinem Volk wirst du nie wieder als Fremder gelten.“

Als wir unter der flatternden „Abaya“ auf dem Sand lagen, hörte ich, wie aus dem Brüllen des Sandsturms ein Echo aufzusteigen schien: „Du wirst nie wieder ein Fremder sein.“

Ich bin kein Fremder. Arabien ist zu meiner Heimat geworden. Meine westliche Vergangenheit erscheint wie ein Traum, den ich vor langer Zeit gesehen habe – nicht so unwirklich, dass ich ihn vergessen könnte, und nicht so wirklich, dass er Teil meiner Gegenwart werden könnte. Es geht nicht darum, dass ich zu einem trägen Träumer geworden wäre – vielmehr werde ich unruhig, sobald ich einige Monate in einer Stadt verbringe –, etwa in Medina, wo eine arabische Ehefrau und ein kleiner Sohn von mir leben und wo es eine Bibliothek voller Bücher über die frühe Geschichte des Islam gibt – und ich sehne mich nach Tätigkeit und Bewegung, danach, dass die Wüste wieder lebendig wird, nach dem Geruch der Kamele und der Berührung des Kamelsattels. Das Erstaunliche ist, dass der Drang zum Umherziehen, der mich während des größten Teils meines Lebens – ich bin jetzt etwas über zweiunddreißig – so unruhig gemacht und mich immer wieder dazu verführt hat, allen möglichen Risiken und Gefahren entgegenzutreten, nicht so sehr aus der Sucht nach Abenteuern stammt, sondern vielmehr aus dem Wunsch, auf der Welt einen Ort des Trostes für mich zu finden, einen Punkt zu erreichen, an dem das, was ich denke, fühle und begehre, mit jenem Ort übereinstimmt. Und wenn ich mich recht verstehe, hat mich in diesen Jahren gerade dieser Wunsch nach einer inneren Entdeckung aus allem herausgedrängt, was meine europäische Geburt und meine Erziehung in einer europäischen Umgebung für mein Schicksal bestimmt zu haben schienen, hinein in eine neue Welt, die sich sowohl in ihren Gedanken als auch in ihrer äußeren Gestalt völlig davon unterschied.

Als der Sturm völlig nachließ, schüttelte ich den Körper frei und kam aus den Sandhaufen hervor, die sich rings um mich angesammelt hatten. Auch mein Kamel war halb im Sand versunken, aber als Erfahrung war es deshalb nicht besonders schlimm, denn eine solche Erfahrung hatte es in seinem Leben gewiss schon oft gemacht. Auf den ersten Blick schien der Sturm uns keinen großen Schaden zugefügt zu haben, abgesehen davon, dass er mein Gesicht, meine Ohren und meine Nase mit Sand gefüllt und das Schaffell von meinem Sattel geweht hatte. Doch schon bald erkannte ich meinen Irrtum.

Die Umrisse aller Dünen rings um mich hatten sich völlig verändert. Die Spuren des verlorenen Kamels und meiner Füße waren vom Sturm ausgelöscht worden. Ich stand auf einem vollkommen neuen Gelände. Nun blieb nichts anderes übrig, als zum Zelt zurückzukehren oder wenigstens den Versuch dazu zu unternehmen; als Hilfe hatte ich nur die Sonne und eine allgemeine Vorstellung von den Himmelsrichtungen, jenes beinahe angeborene Gefühl, das jeder besitzt, der an Reisen durch die Wüste gewöhnt ist. Doch in diesem Fall waren auch diese beiden Hilfen keineswegs vollkommen zuverlässig; denn wegen der Dünen kann man nicht auf geradem Weg vorankommen – man kann nicht in die Richtung gehen, der man folgen möchte.

Durch den Sturm war ich furchtbar durstig geworden, aber in der Zuversicht, nicht länger als ein paar Stunden vom Zelt entfernt bleiben zu müssen, hatte ich den letzten Schluck Wasser aus meinem kleinen Wasserschlauch schon vor langer Zeit getrunken. Jedenfalls war ich sicher, nicht weit vom Zelt abgekommen zu sein, und mein Kamel war, obwohl es seit unserem letzten Halt am Brunnen vor zwei Tagen kein Wasser mehr getrunken hatte, ein erfahrener Reisender; es würde mich zweifellos zum Zelt tragen können. Ich richtete den Kopf meines Kamels in die Richtung, in der das Zelt meiner Meinung nach lag, und brach dann schnellen Schrittes auf.

Eine Stunde verging, dann eine weitere, dann noch eine, doch es gab weder ein Zeichen von Zayed noch von dem Ort, an dem unser Zelt gestanden hatte. Keiner der orangefarbenen Berge hatte mehr ein vertrautes Aussehen. Selbst wenn es den Sturm nicht gegeben hätte, wäre es zwischen diesen Bergen wirklich sehr schwer gewesen, etwas Vertrautes wiederzuerkennen.

Gegen Ende des Nachmittags erreiche ich einige Granitfelsen, die aus dem Sand hervorragen; in dieser Weite aus Sand trifft man nur selten auf solche Felsen. Sobald ich sie sehe, erkenne ich sie wieder. Zayed und ich waren gestern Nachmittag an ihnen vorbeigekommen, nicht lange bevor wir das Zelt für die Nacht aufschlugen. Ich atme erleichtert auf, denn es besteht kein Zweifel, dass ich weit von dem Ort entfernt bin, an dem ich Zayed zu finden hoffte; ich muss nur wie gestern geradewegs nach Südwesten weitergehen, dann dürfte es nicht allzu schwer sein, ihn zu erreichen.

Ich erinnere mich, dass zwischen diesen Felsen und unserem Nachtlager drei Stunden Weg lagen; doch nun, da ich das Kamel weitere drei Stunden vorangetrieben habe und weder das Zelt noch irgendeine Spur von Zayed finden konnte, habe ich ihn etwa wieder verloren? Ich gehe weiter, immer weiter nach Südwesten, wobei ich den Lauf der Sonne am Himmel sorgfältig beobachte. Als die Nacht hereinbricht, beschließe ich, dass weiteres Vorankommen völlig sinnlos ist. Besser, ich ruhe mich ein wenig aus und warte auf das Licht des Morgens! Ich steige vom Kamel, binde es fest und versuche, einige Datteln zu kauen, doch, offen gesagt, ich bin schrecklich durstig; deshalb lege ich die Datteln vor das Kamel, lege den Kopf an seinen Körper und mich nieder.

Von Zeit zu Zeit überkommt mich ein Schläfchen – weder wirklicher Schlaf noch wirkliches Wachsein, sondern eine Folge von Traumzuständen, deren Grund die Erschöpfung ist. Immer wieder wird dieses Schläfchen durch den Durst unterbrochen, der zunehmend quälender und furchtbarer wird. Außerdem liegt irgendwo in den tiefsten Regionen meines Inneren, die der Mensch nicht einmal vor sich selbst offenlegen will, jene blanke Ehrlichkeit der Angst, ein sich windendes Weichtier – was soll aus mir werden, wenn ich den Weg zu Zayed und unseren Wasserschläuchen nicht wiederfinde? Denn ganz gleich, in welche Richtung ich von hier aus aufbreche: Selbst nach tagelanger Reise werde ich weder eine Siedlung noch Wasser finden.

Bei Tagesanbruch breche ich wieder auf. Nach reiflicher Überlegung in der Nacht gelange ich zu dem Schluss, dass ich gewiss weit nach Süden gelangt bin. Also müsste Zayeds Zelt von dem Ort, an dem ich die Nacht verbracht habe, irgendwo im Norden oder Nordosten liegen. Daher ziehen wir nach Norden und Nordosten, durch die Wellen des Sandes, von einem Tal ins nächste, wobei wir uns bald um die Sandhügel zu unserer Rechten, bald um jene zu unserer Linken winden. Mittags ruhen wir. Meine Zunge klebt am Gaumen und fühlt sich an wie altes, rissiges, dickes Leder. Mein Hals ist wund geworden und meine Augen brennen. Ich ziehe meine Abaya über den Kopf und versuche, für eine Weile eng an den Bauch des Kamels geschmiegt zu schlafen, doch es gelingt mir nicht. Am Nachmittag brechen wir wieder auf, diesmal jedoch weiter nach Osten, denn inzwischen habe ich begriffen, dass wir weit nach Westen gezogen sind; doch seltsam, noch immer gibt es keine Spur von Zayed oder dem Zelt.

So bricht eine weitere Nacht herein. Der Durst wird zur Qual, und das Verlangen nach Wasser wird zum einzigen unbezwingbaren Gedanken meines Geistes, der nicht mehr fähig ist, geordnet zu denken. Doch sobald die Morgensonne ihr gleichmäßiges Licht verbreitet, richte ich mich wieder auf dem Rücken meines Kamels auf; der Morgen vergeht, der Mittag vergeht, und der Nachmittag eines weiteren Tages kommt; ich treibe das Kamel weiter und weiter. Nichts als Dünen, und kein Ende. Oder ist dies etwa das Ende – das Ende all meiner Wege, das Ende all dessen, was ich ersehnt und erlangt habe? Mein Ende unter denen, unter denen ich niemals wieder als Fremder gelten werde …? „O Allah“, flehe ich verzweifelt, „lass nicht zu, dass ich auf diese Weise zugrunde gehe …“

Am Nachmittag besteige ich eine hohe Düne, in der Hoffnung, die Landschaft ringsum besser überblicken zu können. Als ich im Osten, weit entfernt, etwas erblicke, das wie ein schwarzer Punkt aussieht, möchte ich vor Freude aufschreien, doch nicht einmal dazu habe ich die Kraft. Ich habe keinen Zweifel, dass dieser schwarze Fleck nichts anderes ist als Zayeds Zelt und die beiden Wasserschläuche – zwei gewaltige, mit Wasser gefüllte Wasserschläuche! Als ich wieder auf das Kamel steige, beginnen meine Knie heftig zu zittern. Langsam und vorsichtig bewegen wir uns auf den schwarzen Fleck zu – dass es Zayeds Zelt ist, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Damit ich diesmal nicht wieder die Richtung verliere, lasse ich äußerste Vorsicht walten. Ich gehe in gerader Linie weiter – bald steige ich auf einen Sandhügel, bald hinab in ein Sandtal, wodurch sich unsere Mühsal verdoppelt und verdreifacht. Nur diese Hoffnung treibt mich an: dass ich in kurzer Zeit, höchstens in ein oder zwei Stunden, mein Ziel erreichen werde. Schließlich, nachdem ich den Kamm der letzten Düne überschritten habe, tritt mein Ziel deutlich vor meine Augen; ich ziehe die Zügel am Kopf des Kamels an und starre auf den schwarzen Fleck, der etwa eine halbe Meile entfernt liegt. Mir ist, als sei mein Herzschlag stehen geblieben, denn was ich vor mir sehe, sind nichts anderes als jene schwarzen Granitfelsen, die ich vor drei Tagen gemeinsam mit Zayed und vor zwei Tagen allein erneut passiert habe …

Seit zwei Tagen drehe ich mich im Kreis.

Vier

Als ich aus dem Sattel stieg, war ich völlig erschöpft und hatte nicht die geringste Kraft mehr. Ich achtete nicht einmal darauf, die Beine des Kamels festzubinden. Um die Wahrheit zu sagen, war auch das Tier so erschöpft, dass es nicht einmal den Wunsch hatte davonzulaufen. Mir war zum Weinen zumute, doch aus meinen trockenen, geschwollenen Augen kam kein einziger Tropfen.

Wie viel Zeit war vergangen, seit ich geweint hatte! … Aber wie dem auch sei: War nicht alles eine Sache der fernen Vergangenheit? Alles gehörte der Vergangenheit an, und eine Gegenwart gab es überhaupt nicht! Es gab nur Durst … und Hitze … und Qual.

Seit fast drei Tagen hatte ich kein Wasser mehr getrunken. Und mein Kamel hatte zuletzt vor fünf Tagen Wasser getrunken. So konnte es vielleicht noch einen Tag, höchstens zwei, weitermachen. Aber ich wusste, dass ich bis dahin nicht mehr weitergehen konnte. Vielleicht würde ich vor meinem Tod noch den Verstand verlieren, denn der Schmerz in meinem Körper war mit der Angst in meinem Geist verbunden; das eine gebar das andere – brennend, qualvoll, zerreißend! …

Ich wollte mich ausruhen, mich entspannen, doch zugleich wusste ich, dass ich, wenn ich mich jetzt ausruhte, nie wieder aufstehen würde. Mit letzter Kraft schleppte ich mich wieder hinauf in den Sattel, schlug das Kamel und zwang es mit Fußtritten aufzustehen. Ich wäre beinahe aus dem Sattel gefallen, als das Kamel sich beim Aufstehen auf die Hinterbeine nach vorn beugte – und dann, als es die beiden Vorderbeine streckte, nach hinten schwankte. Wir setzten uns langsam und unter Qualen nach Westen in Bewegung. Nach Westen: Was für ein Hohn! Aber ich wollte leben, und deshalb gingen wir weiter, immer weiter.

Mit den letzten Kräften, die uns geblieben waren, stapften wir die ganze Nacht weiter. Als ich aus dem Sattel fiel, musste es bereits heller Morgen sein. Ich fiel nicht auf etwas Hartes; der Sand war sehr weich und bequem; es war, als umfinge er uns liebevoll. Eine Weile blieb das Kamel reglos stehen. Dann ließ es sich mit einem langen Seufzer erst auf die Knie und danach auf die Hinterbeine nieder, streckte den Hals in den Sand und legte sich neben mir zusammengekauert hin.

Auch ich legte mich im schmalen Schatten meines Kamels auf den Sand. Ich hüllte mich in meine Abaya, um mich vor der Hitze der Wüste außerhalb und vor dem Schmerz, dem Durst und der Angst in meinem Inneren zu schützen. Ich hatte nicht mehr die Kraft zu denken. Ich konnte meine Augen nicht schließen. Sobald sich die Lider auch nur ein wenig bewegten, war es, als würde glühendes Metall über die Augäpfel gleiten. Durst und Hitze … Durst und eine verderbenbringende Stille – eine heiße, trockene Stille, die mich mit dem Leichentuch ihrer Einsamkeit und Verwüstung bedeckte; das Rauschen des Blutes in meinen Ohren ließ den gelegentlichen Seufzer des Kamels furchtbar erscheinen – als wären dies die letzten Geräusche auf der Erde und wir beide, ein Mensch und ein Tier, die unglückseligen letzten Lebewesen auf Erden, deren Untergang unausweichlich war!

Hoch über uns kreiste in der flüssigen Hitze ein Geier, ohne ein einziges Mal innezuhalten, wie ein Nadelkopf vor dem verblassten Hintergrund des Himmels, frei über allen Horizonten fliegend …

Meine Kehle war angeschwollen – die ausgetrocknete Luftröhre beinahe verschlossen –, und jeder Atemzug schien tausend Nadeln am Ansatz meiner Zunge einzustechen, dieser großen, erhabenen Zunge, die sich nicht bewegen sollte und doch nicht einen Augenblick stillhalten konnte, ohne sich zu bewegen. Alles in mir brannte, alles hatte sich in eine unaufhörliche Qual verwandelt. Für einige Sekunden leuchtete der stahlähnliche Himmel vor meinen weit aufgerissenen Augen auf!

Meine Hand streckt sich wie von selbst aus und berührt den harten Kolben des kleinen Gewehrs, das am Sattelknauf hängt. Sofort bleibt sie dort, und mit plötzlicher Klarheit erkennt mein Geist fünf frische Patronen im Magazin und alles, was geschehen könnte, wenn ich nur ein wenig den Abzug drücke – etwas in meinem Inneren flüstert: Beeil dich, nimm das Gewehr, bevor du wieder unfähig wirst weiterzugehen.

In diesem Augenblick spürte ich, wie sich meine Lippen bewegten und den lautlosen Worten Gestalt gaben, die aus den tiefsten Höhlen meines Inneren kamen: »Ich werde euch prüfen … gewiss, ich werde euch prüfen.« Und die verschwommenen, undeutlichen Worte nahmen langsam Gestalt an und wurden wie ein Vers aus dem Koran: »Und gewiss werden Wir euch mit etwas Angst, Hunger und Mangel an Besitz, Leben und Früchten prüfen. Doch verkünde den Geduldigen frohe Botschaft, die, wenn sie ein Unglück trifft, sagen: Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.«

Alles ist heiß und düster. Inmitten dieser brennenden Düsternis spüre ich in der Luft einen lebensspendenden Atemzug und höre sein sanftes Säuseln, als striche der Wind mit einem Rascheln durch die Bäume – über Wasser hinweg; und dieses Wasser ist ein schmaler Strom, der langsam zwischen zwei von grünem Gras bedeckten Ufern dahinfließt, nahe dem Haus meiner Kindheit. Ich liege am Flussufer – ein kleiner Junge von neun oder zehn Jahren, kaue auf einem Grashalm und blicke zu den weißen Kühen hinüber. Die Kühe grasen ganz in der Nähe, mit ihren großen, trüben Augen weit geöffnet und in zufriedener Einfalt. In der Ferne arbeiten Bäuerinnen auf den Feldern. Eine trägt ein rotes Kopftuch und einen blauen Rock mit breiten roten Streifen. Weiße Enten spritzen mit ihren Füßen das Wasser auf. Und die sanfte Brise streicht mit einem Laut über mein Gesicht, wie der Atem eines Tieres. Ja, genau – der Atem eines Tieres. Die große weiße Kuh, deren Beine von kupferfarbenen Flecken im Weiß übersät sind, ist ganz nah herangekommen und stößt mich nun an, während sie laut durch die Nüstern schnaubt. Neben mir spüre ich die Bewegung ihrer Beine.

Ich öffne die Augen; ich höre das Wiehern meines Kamels und spüre neben mir die Bewegung seiner Beine. Das Kamel steht halb auf seinen Hinterbeinen, Hals und Kopf nach oben gereckt, die Nüstern gebläht – als hätte es in der Mittagsluft plötzlich einen guten Duft wahrgenommen. Wieder höre ich, wie es laut durch die Nüstern schnaubt – seine Erregung scheint in Wellen den Hals hinabzufließen, über die Schultern zu rollen und sich in seinem halb aufgerichteten, gewaltigen Körper auszubreiten. So schnaubt und schnauft ein Kamel, wenn es nach einer langen Reise durch die Wüste Wasser riecht und wittert – ich habe es schon früher erlebt. Aber hier … hier gibt es doch kein Wasser. … Oder etwa doch? Ich richte den Kopf auf und schaue mit weit geöffneten Augen in die Richtung, in die das Kamel den Kopf gewandt hat. Es blickt auf die nächstgelegene Düne – einen niedrigen Gipfel vor der stählernen Leere des Himmels. Dort bewegt sich nichts, und kein Laut ist zu hören – nur ein undeutliches Geräusch, wie das Schwingen einer Saite einer alten Leier, ganz sanft und zerbrechlich, schrill: Dieser schrille, hohe und zerbrechliche Laut kommt aus der Kehle eines Beduinen, der ein Kamel antreibt und dabei im Rhythmus seiner Schritte singt. Der Mann ist, gemessen an der Entfernung, unmittelbar hinter dem Dünenkamm; doch im Bruchteil eines Augenblicks begreife ich, dass dieser Ort weit außerhalb meiner Reichweite liegt und meine Stimme ihn niemals erreichen wird. Gewiss sind dort Menschen, doch ich habe keinerlei Kraft, zu ihnen zu gelangen. Ich bin sogar so schwach, dass ich nicht einmal aufstehen kann. Ich versuche zu schreien – doch aus meiner Kehle kommt nichts außer einem heiseren Stöhnen. Da fällt meine Hand von selbst auf den harten Kolben meines kleinen Gewehrs, das am Sattel hängt … und vor meinem geistigen Auge sehe ich fünf frische Patronen im Magazin!

Mit äußerster Anstrengung gelang es mir, das Gewehr vom Sattelknauf zu lösen. Vom Sattel aus Patronen in das Gewehr zu laden, kam mir so schwer vor, als müsste ich einen Berg über den Kopf heben; dennoch schaffte ich es schließlich. Dann stellte ich das Gewehr auf den Kolben, richtete den Lauf gerade zum Himmel und zog den Abzug. Die Kugel zischte in die Leere davon und verschwand kläglich mit einem kaum hörbaren Laut. Wieder brach ich den Lauf, lud eine Patrone ein, schoss und lauschte. Das Lied, das wie der Klang einer Leier gewesen war, verstummte. Einen Augenblick blieb nur die Stille, nichts sonst. Plötzlich erschien über dem Dünenkamm ein menschlicher Kopf, dann eine Schulter und neben diesem Mann noch ein weiterer. Einige Augenblicke lang blickten sie nach unten, dann wandten sie sich um und schrien ihren unsichtbaren Gefährten etwas zu. Danach krochen sie über den Dünenkamm und kamen auf mich zugestürzt, halb laufend, halb den Abhang hinabrutschend.

Um mich herum herrscht gewaltige Aufregung: zwei oder drei Menschen – nach dieser einsamen Öde welch riesige Menschenmenge! Sie versuchen, mich aufzurichten; ihre Bewegungen, das wirre Zucken ihrer Hände und Füße, bilden ein höchst verwirrendes Schauspiel. Ich spüre etwas wie brennendes Eis und Feuer auf meinen Lippen und sehe das Gesicht eines bärtigen Beduinen über mich gebeugt; seine Hand schiebt mir ein schmutziges, nasses Tuch in den Mund. In der anderen Hand hält der Mann einen geöffneten Wasserschlauch. Unwillkürlich strecke ich die Hand nach dem Schlauch aus, doch der Beduine stößt meine Hand zurück. Er taucht das Tuch ins Wasser, wringt wieder einige Tropfen daraus und träufelt sie auf meine Lippen. Damit das Wasser nicht in meinen Mund läuft und meine Kehle verbrennt, presse ich die Zähne zusammen. Doch der Beduine gibt mir, ohne meine Zähne auseinanderzudrücken, erneut einige Tropfen Wasser in den Mund. Das ist kein Wasser, sondern geschmolzenes Blei. Warum behandeln sie mich so? Ich will vor ihrer Grausamkeit fliehen und mein Leben retten. Doch sie halten mich fest. Allesamt Teufel! Meine Haut brennt; mein ganzer Körper steht in Flammen. Wollen sie mich etwa töten? Wenn ich doch nur die Kraft hätte, das Gewehr zu ergreifen und mich zu verteidigen! Doch sie zwingen mich, den Mund zu öffnen, und geben mir einige Tropfen Wasser. Mir bleibt nichts anderes, als dieses Wasser hinunterzuschlucken. Merkwürdig! Es brennt nicht mehr so heftig wie noch vor kurzem; das nasse Tuch auf meinem Kopf fühlt sich angenehm an, und als sie Wasser über meinen Körper gießen, durchläuft mich beim Kontakt mit dem nassen Stoff ein freudiger Schauder …

Danach wird alles schwarz; ich sinke in einen tiefen Brunnen hinab – so schnell, dass die Luft heulend an meinen Ohren vorbeischießt, zischend und pfeifend, und dieses Zischen verwandelt sich in ein Dröhnen – in eine grollende Schwärze … Schwarz, schwarz …

Fünf

Schwarz … schwarz … ein weiches, sanftes Schwarz, das keinen Laut von sich gibt – eine erhabene, gütige Dunkelheit, die mich wie eine warme Decke umfängt und in mir den Wunsch weckt, für immer so bleiben zu können: auf wunderbarste Weise erschöpft, schläfrig und träge. Es besteht keinerlei Notwendigkeit, meine Augen zu öffnen oder meine Arme zu bewegen; dennoch bewege ich meine Arme und öffne die Augen, nur um über meinem Kopf die Dunkelheit zu sehen – die wollige Dunkelheit des Beduinenzeltes aus schwarzem Ziegenhaar, an dessen Vorderseite sich eine schmale Öffnung befindet, durch die ich ein Stück des sternenfunkelnden Nachthimmels und darunter, im Sternenlicht, die sanfte Rundung einer glitzernden Düne sehen kann. … Dann – dann wird diese Öffnung im Zelt dunkel, und eine menschliche Gestalt tritt in sie – das Muster seines herabhängenden Gewandes scheint in den Himmel eingraviert. Und ich höre den Schrei Zayeds: „Er ist wach, er ist wach!“ Danach beugt sich sein streng beherrschtes Gesicht beinahe über meines; Zayed legt seine Hand auf meine Schulter. Ein anderer Mann betritt das Zelt. Ich kann ihn nicht deutlich sehen. Doch als er mit leiser, gewichtiger Stimme zu sprechen beginnt, erkenne ich sofort, dass er ein Beduine aus dem Stamm der Schammar ist.

Wieder spüre ich einen brennenden, äußersten Durst und ergreife mit aller Kraft die Schale Milch, die Zayed mir hinhält. Doch als ich sie hinunterschlucke, ist jeder Schmerz verschwunden. Während ich die Milch trinke, erzählt Zayed weiter, wie diese kleine Gruppe von Beduinen in der Nähe, wo der Sandsturm begonnen hatte, ihr Zelt aufschlug; wie besorgt er gewesen war, als das verlorene Kamel in der Nacht von selbst zurückgekehrt war, und wie alle gemeinsam aufgebrochen waren, um mich zu suchen; wie sie, nachdem sie fast drei Tage später jede Hoffnung beinahe aufgegeben hatten, hinter den Dünen hervor den Schuss aus meiner Waffe gehört hatten …

Danach schlugen sie über mir ein Zelt auf, und mir wurde befohlen, diese Nacht und den morgigen Tag im Zelt liegen zu bleiben. Unsere Beduinenfreunde haben es nicht eilig; ihre Wasserschläuche sind gefüllt, und sie gaben meinem Kamel sogar volle drei Eimer Wasser, denn sie wissen, dass sie, wenn sie einen Tagesmarsch nach Süden gehen, ebenso wie wir eine Oase erreichen werden, in der es reichlich Nahrung gibt – Hamd-Sträucher.

Nach einer Weile holt Zayed mich aus dem Zelt und breitet dann eine Decke auf dem Sand aus. Ich liege unter dem sternenübersäten Himmel.

Einige Stunden später wache ich vom Klirren von Zayeds Kaffeekanne auf – der Duft frischen Kaffees ist wie die warme Umarmung einer Frau!

„Zayed!“, rufe ich; erstaunt stelle ich fest, dass meine Stimme zwar noch müde, aber nicht mehr heiser ist. „Gibst du mir etwas Kaffee?“

„Bei Allah, Onkel, selbstverständlich“, antwortet Zayed nach altem arabischem Brauch. Die Araber sprechen jemanden auf diese Weise an, wenn sie ihm ihren Respekt zeigen wollen, ganz gleich, ob er älter oder jünger ist als der Sprecher (wie in unserem Fall – ich bin einige Jahre jünger als Zayed). „Sie werden so viel Kaffee bekommen, wie Ihr Herz begehrt.“

Ich trinke Kaffee und grinse Zayed ins freundliche Gesicht. „Na, Bruder, sag: Warum stürzen wir uns in eine solche Gefahr, anstatt wie vernünftige Menschen zu Hause zu bleiben?“

–Denn Zaid grinst mich jetzt mit gebleckten Zähnen an: Für Menschen wie Sie und mich ist es unmöglich, zu Hause sitzen zu bleiben, bis Hände und Füße steif geworden sind und wir hinfällig werden! Außerdem: Sterben die Menschen nicht in ihren eigenen Häusern? Trägt der Mensch sein Schicksal nicht auf seinen Schultern mit sich, ganz gleich, wo er sich befindet?

Zaid verwendet das Wort „Kisma“ im Sinne von „Schicksal“ – „Kism“ bedeutet „das, was im Schicksal bestimmt ist“. Dieses Wort ist in seiner türkischen Form „Kismet“ im Westen wohlbekannt. Während ich noch eine weitere Schale Kif trank, kam mir der Gedanke, dass dieses arabische Wort auch eine tiefere Bedeutung besitzt: „Das, woran der Mensch Anteil hat – das also ist Kismet.“

Das, woran der Mensch Anteil hat, eben das …

Die Worte rufen in meiner Erinnerung einen schwachen, verhallenden Klang hervor, und zugleich schwebt vor mir das Bild eines gequälten Lächelns … Wessen Lächeln? Eine Wolke aus Rauch, beißender Rauch, wie Haschischrauch, und dahinter ein gequältes Lächeln. Ja, es war der Rauch von Haschisch, und das Lächeln gehörte dem sonderbarsten Menschen, mit dem ich bis dahin Umgang gehabt hatte. Nach einem merkwürdigen Erlebnis in meinem Leben war ich ihm begegnet! Einer Gefahr … die mir … ja, nur bevorzustehen schien; um dieser Gefahr zu entkommen, stürmte ich, ohne es zu wissen, einer anderen Gefahr entgegen, und diese Gefahr war weitaus wirklicher, weitaus unmittelbarer als jene, der ich zu entgehen versucht hatte … Diese beiden Gefahren, die unwirkliche und die wirkliche, hatten mich gemeinsam auf eine neue Art der Freiheit zugedrängt.

Das Ereignis hatte sich acht Jahre zuvor zugetragen. Ich ritt mit meinem tatarischen Diener Ibrahim von Schibaz aus in Richtung Kerman, einer dünn besiedelten, wegelosen Gegend im südlichen Iran, nahe dem Nairis-See. Es war Winter, und in dieser Jahreszeit war die Gegend zu einer besonders zähen, schlammigen Steppe geworden; weit und breit gab es kein Dorf. Im Süden berührte das von Kuh-i-Guschnegan, dem „Berg der Hungrigen“, eingeschlossene Sumpfland den Rand des Sees. Als wir am Nachmittag gemächlich einen niedrigen Hügel umrundeten, fiel unser Blick plötzlich auf den See – eine stille grüne Ebene ohne jede Bewegung, jeden Laut oder jedes Leben, denn sein Wasser war so salzig, dass kein Fisch darin leben konnte. Abgesehen von einigen kümmerlichen Bäumen und etwas Wüstengras wuchs auf dem salzigen Boden am Ufer keinerlei Pflanze. Der Boden war von einer dünnen Schicht mit Schlamm vermischten Schnees bedeckt, und landeinwärts führte vom Ufer aus, etwa zweihundert Yards weit, ein schmaler, kaum sichtbarer Pfad.

Es war Abend geworden; Khan-i-Khet, unser heutiges Nachtquartier – die Herberge –, war noch immer nirgendwo zu sehen. Doch um jeden Preis mussten wir dorthin gelangen. In weiter Ferne gab es keine andere Ansiedlung, und da das Sumpfland nahe war, wurde unser Vorankommen in der Dunkelheit äußerst gefährlich. Tatsächlich hatte man uns schon am Morgen davor gewarnt, allein weiterzureiten, denn ein einziger Fehltritt konnte einen leichten und plötzlichen Tod zur Folge haben. Außerdem waren unsere Pferde nach einem langen Tag über den nassen, zähen Boden völlig erschöpft – auch sie brauchten jetzt Ruhe und Futter.

Mit Einbruch der Nacht setzte strömender Regen ein. Nass bis auf die Haut ritten wir bedrückt und schweigend dahin und verließen uns mehr auf den angeborenen Instinkt der Pferde als auf unsere eigenen nutzlosen Augen. Stunde um Stunde verging … doch wo war die Herberge? Kein Zeichen von ihr! Vielleicht hatten wir sie in der Dunkelheit nicht erkannt und hinter uns gelassen; dann mussten wir die Nacht womöglich im Freien verbringen – unter dem Regen, der immer heftiger und stärker wurde! Die Hufe unserer Pferde schlugen ins Wasser und spritzten es ringsum auf, unsere nassen Kleider klebten wie schwere Lasten an unseren Körpern. Unter dem Vorhang emporschnellenden Wassers hing die schwarze, undurchdringliche Nacht rings um uns. Wir zitterten vor Kälte bis in die Knochen – doch das Wissen, dass das Sumpfland ganz in unserer Nähe lag, erfüllte uns mit noch größerer Angst. Wenn die Pferde auch nur ein einziges Mal den festen Boden verfehlten, möge Allah sich unser erbarmen! Davor hatte man uns am Morgen gewarnt.

Ich ritt voraus, Ibrahim hinter mir, vielleicht zehn Schritte entfernt. Immer wieder drängte sich mir diese schreckliche Frage auf: Hatten wir Khan-i-Khet in der Dunkelheit hinter uns gelassen? Eine Nacht im kalten Regen zu verbringen – welch unheilvolle Aussicht! Doch wenn wir bereits weit darüber hinausgeritten waren, wo war dann das Sumpfland geblieben?

Plötzlich höre ich unter den Hufen meines Pferdes ein weiches, schmatzendes Geräusch. Ich spüre, wie das Tier im Schlamm versinkt – ein wenig sinkt es ein, ein wenig ist es bereits eingesunken, dann hebt es verzweifelt ein Bein und versinkt wieder. Mit einem Mal durchbohrt dieser Gedanke meinen Geist: Sind wir etwa in ein Sumpfgebiet geraten? Ich reiße kräftig an den Zügeln und trete mit beiden Füßen wuchtig gegen die Seiten des Pferdes. Es hebt den Kopf nach oben und beginnt wild um sich zu schlagen. Kalter Schweiß bricht aus meiner Haut hervor. Die Nacht ist so schwarz, dass ich nicht einmal meine eigenen Hände sehen kann; doch daran, wie sich der Körper des Pferdes mit jedem Atemzug hebt und senkt, erkenne ich, wie verzweifelt es sich bemüht, der Umklammerung des Schlamms zu entkommen. Fast ohne nachzudenken, nehme ich die Pferdepeitsche zur Hand, die gewöhnlich unbenutzt an meinem Handgelenk hängt, und schlage mit aller Kraft auf das Hinterteil des Pferdes. Ich will es dadurch dazu bringen, seine letzten Kräfte einzusetzen; denn wenn es in diesem Augenblick reglos stehen bleibt, wird es versinken, und ich mit ihm in diesem Schlamm, immer tiefer und tiefer. Das unglückliche Tier, das an solche Schläge nicht gewöhnt ist – der Kashgai Tatu, ein Pferd von außergewöhnlicher Schnelligkeit und Kraft –, richtet sich auf die Hinterbeine auf und beginnt dann wieder, mit allen vier Hufen auf dem Boden herumzuschlagen. Verzweifelt bemüht es sich, durch häufiges Schnauben dem Schlamm zu entkommen, springt, wirft sich wieder nach vorn, rutscht erneut aus und stürzt – und ohne innezuhalten, schlagen seine Hufe immer wieder auf den weichen Schlamm.

Ein geheimnisvoller Gegenstand saust mit einem zischenden Geräusch über meinen Kopf hinweg. Sofort hebe ich den Kopf, und ein harter, unbegreiflicher Schlag trifft mich. Aber woher kam er? Zeit und Gedanken stürzen übereinander und geraten völlig durcheinander.

Für einen Augenblick kommt es mir vor, als dauere er Stunden und Stunden. Zwischen dem Spritzen des Regens und dem Keuchen des Pferdes meine ich, jenes Geräusch zu hören, wie der Sumpf uns schlürfend verschlingt. Unser letzter Augenblick steht gewiss unmittelbar bevor. Ich entspanne meine beiden Füße in den Steigbügeln und mache mich dann bereit, vom Sattel zu springen und allein mein Glück zu versuchen … vielleicht kann ich mich retten, wenn ich flach auf dem Schlamm liegen bleibe. Gerade als ich mich in diesem Zustand befinde, schlägt mein Pferd plötzlich, auf unglaublich wirkungsvolle Weise, einmal … zweimal … mit voller Wucht auf sehr festen, harten Boden. Und ich, vor Freude aufschluchzend, ergreife die Zügel, halte das zitternde Tier an und bringe es zum Stehen. Wir waren gerettet.

In diesem Augenblick fällt mir plötzlich mein Gefährte ein, und ich stoße, vor Angst wie benommen, einen Schrei aus … „Ibrahim!“ Doch es kommt keine Antwort. Mein Herz erstarrt.

„Ibrahim!“ Doch mich umgeben nur die dunkle Nacht und der Regen. Hat er sich etwa nicht retten können? Mit heiserer Stimme rufe ich erneut: „Ibrahim!“

Und dann, kaum vorstellbar, dringt aus großer Entfernung undeutlich der Ruf herüber: „Hier … ich bin hier.“

Nun bin ich an der Reihe, völlig den Verstand zu verlieren! Und wie konnten wir dadurch so weit voneinander getrennt werden?

– „Ibrahim!“

–Hier … hier!–

Und ich folgte diesem Geräusch, führte mein Pferd am Zügel und prüfte mit den Füßen jeden Zentimeter des Bodens, während ich mich sehr langsam und äußerst vorsichtig auf jene ferne Stimme zubewegte: Ibrahim … Ibrahim saß ruhig im Sattel seines Pferdes.

–Was ist mit dir geschehen, Ibrahim? Bist auch du versehentlich in den Sumpf geraten?–

–Sumpf? Nein. Ich weiß nicht, warum, aber als Sie plötzlich davonritten und verschwanden, rührte ich mich nicht von der Stelle – ich bewegte mich kein bisschen und blieb genau dort stehen, wo ich war.–

–Davongeritten und verschwunden!– Jetzt war das Rätsel gelöst! Dieser Versuch, dem Sumpf zu entkommen, war also nur ein Produkt meiner Einbildung. Mein Pferd war gewiss auf einen schlammigen Weg geraten, und ich hatte geglaubt, dass mein Pferd und ich im Sumpf versänken; deshalb hatte ich es wie ein Verrückter mit der Peitsche angetrieben! Von der Dunkelheit getäuscht, hatte ich den Vorwärtsdrang meines Pferdes, sein dahinstürmendes Laufen, fälschlich für einen verzweifelten Versuch gehalten, den Fängen des Sumpfes zu entkommen, und war die ganze Nacht weitergeritten, ohne zu wissen, dass überall auf dem Feld zahlreiche knorrige Pflanzen wuchsen. Nicht der Sumpf, sondern diese Pflanzen waren die drohende und wirkliche Gefahr: Der Zweig, der meine Hand getroffen hatte, hätte statt eines kleinen auch ein viel größerer sein können, der meinen Schädel zertrümmert hätte – und so wäre meine Reise in Süd-Iran endgültig zu Ende gewesen.

Ich wurde wütend auf mich selbst – und auch deshalb, weil wir jede Orientierung verloren hatten und kein einziges Zeichen des Weges mehr zu finden war. Wir würden den Karawanserei nicht wiederfinden.

Doch wieder irrte ich mich.

Ibrahim hielt das Pferd an und stieg ab, um mit den Händen die Beschaffenheit des Bodens zu ertasten und vielleicht auf diese Weise den Weg neu zu finden. Während er so umherkroch, stieß sein Kopf plötzlich gegen eine Wand – gegen die schwarze Mauer der Karawanserei Khan-i-Ket!

Wenn ich nicht den eingebildeten Fehler begangen hätte, in das Sumpfgebiet einzudringen, wären wir vielleicht einfach weitergeritten, hätten vielleicht das Gasthaus weit hinter uns gelassen und wären dann womöglich tatsächlich in diesem Sumpfgebiet verloren gegangen, denn später erfuhren wir, dass der Sumpf weniger als zweihundert Yards vor uns begann.

Dieses Gasthaus ist eine der vielen Ruinen aus der Zeit des großen Schah Abbas. Unter den Bögen langer Reihen stabiler Gebäude verlaufen Wege, die Ein- und Ausgänge ermöglichen; überall klaffen offene Türen, und eingestürzte Öfen liegen herum. Hier und dort entdeckte ich auf den Stürzen und den rissigen Majolikafliesen einige Spuren alter Schnitzereien. In den unbewohnbaren Kammern lagen altes Stroh und Pferdemist verstreut. Ibrahim und ich betraten den großen Hauptraum und sahen den Aufseher des Gasthauses neben einem offenen Feuer auf dem nackten Boden sitzen; neben ihm stand ein weiterer Mann, barfuß, von zwergenhafter Gestalt und in zerlumpter Kleidung. Sobald wir eintraten, standen beide auf. Der zwergenhafte Mann verbeugte sich ernst und in einer vollkommen, beinahe theatralischen Haltung zur Begrüßung, wobei er die rechte Hand auf die Brust legte. Sein abgetragenes Gewand war mit unzähligen Flicken in allen möglichen Farben übersät; der Mann war schmutzig, völlig ungepflegt und zerzaust, doch seine Augen glänzten und sein Gesicht war ruhig und sanft.

Der Aufseher ging einmal aus der Kammer, um nach unseren Pferden zu sehen. Ich warf meine nassen Kleider ab, und Ibrahim setzte ohne zu zögern Wasser für Tee auf das offene Feuer. Der Zwerg nahm die ihm von Ibrahim entgegengestreckte Teeschale mit der anmutigen Haltung eines vornehmen Lehnsherrn entgegen, der gegenüber Menschen unter seinem Stand höflich bleibt, ohne seine Würde einzubüßen.

Ohne auch nur die geringste ungewöhnliche Neugier zu zeigen, sah er mich an, als wolle er lediglich ein geselliges Gespräch beginnen: „Janab-e Ali, sind Sie Engländer?“

– „Nein, ich bin Österreicher.“

– „Wäre es ungehörig, wenn ich fragte, ob Sie aus geschäftlichen Gründen hierhergekommen sind?“

– „Ich bin Schriftsteller für eine Zeitung“, antworte ich. „Ich reise durch euer Land, um meinem Volk von eurem Land zu berichten. Mein Volk liebt es zu erfahren, wie andere Menschen leben.“

Mit einem zustimmenden, leisen Lächeln nickte er, dann verstummte er. Nach einiger Zeit zog er aus den Falten seines Gewandes eine Tonpfeife und einen Bambusstab hervor; den Bambusstab befestigte er an dem Tongefäß. Dann begann er, in seinen beiden Handflächen etwas zu zerreiben, das wie Tabak aussah; anschließend legte er die kostbare Substanz behutsam, als wäre sie teurer als Gold, in den Pfeifenkopf und bedeckte sie mit glühender Kohle. Er befestigte den Bambusstab an dem Tongefäß; dann verstummte er. Nach einiger Zeit zog er aus den Falten seines Gewandes eine Tonpfeife und einen Bambusstab hervor; den Bambusstab befestigte er an dem Tongefäß. Dann begann er, in seinen beiden Handflächen etwas zu zerreiben, das wie Tabak aussah; anschließend legte er die kostbare Substanz behutsam, als wäre sie teurer als Gold, in den Pfeifenkopf und bedeckte sie mit glühender Kohle. Er nahm die Bambusröhre in den Mund und begann, ziemlich kräftig daran zu ziehen. Dabei musste er heftig husten und räusperte sich auf diese Weise. Im Inneren der Tonpfeife begann das Wasser zu blubbern, und allmählich erfüllte ein stechender Geruch die Kammer. Nun begriff ich: Das war indischer Hanf, „Haschisch“. Jetzt wurde auch die Bedeutung seiner seltsamen Sitten und Gebärden klar: Er war ein Haschischraucher, ein Kiffer! Anders als bei den Opiumrauchern waren seine Augen nicht verschleiert; sie glänzten in einer Art unbeteiligter, unpersönlicher Tiefe. Sein Blick war weit entfernt, so weit von der wirklichen Welt in seiner Umgebung, dass diese Entfernung unermesslich war.

Ich sehe ihn schweigend an. Nachdem er zu Ende geraucht hat, fragt er mich: »Wollen Sie es einmal versuchen?«

Ich lehne das Angebot dankend ab. Ein- oder zweimal im Leben habe ich Opium probiert (freilich habe ich dabei keinerlei Vergnügen empfunden; doch auch der Versuch, Haschisch zu rauchen, erscheint mir äußerst mühsam, ja sogar widerwärtig). Der Haschischraucher lächelt schweigend und lässt seinen schrägen Blick mit freundlicher Ironie über mich gleiten:

»Ich weiß, mein verehrter Freund, was Sie denken. Sie denken, Haschisch zu nehmen sei das Werk des Teufels, und Sie fürchten es. Völliger Unsinn. Haschisch ist eine Gabe, eine Barmherzigkeit Allahs. Etwas ganz Wunderbares … besonders für den Geist. Herr, hören Sie zu, ich will es Ihnen erklären. Opium ist schlecht – daran besteht kein Zweifel –, denn Opium weckt im Menschen das Verlangen nach Dingen, die nicht zu erlangen sind. Opium macht die Träume des Menschen gierig, ganz wie die Begierden eines Tieres. Haschisch aber beruhigt alle Menschen und macht sie gegenüber allem in der Welt gleichgültig. Ja, genau. Haschisch schenkt dem Menschen Zufriedenheit. Sie können einem Haschischraucher einen Maund Gold vorlegen, nicht nur während er Haschisch raucht, sondern zu jeder Zeit – der Haschischraucher würde nicht einmal einen Finger nach diesem Gold ausstrecken. Opium macht den Menschen schwach und feige, aber Haschisch … Haschisch nimmt alle Furcht und macht den Menschen mutig wie einen Löwen. Wenn Sie einem Haschischraucher mitten im Winter befehlen würden, in einen eisigen Strom zu springen, würde er geradewegs hineinspringen und lachen … denn er hat erkannt: Wer keine Gier kennt, kennt keine Furcht; und wenn der Mensch die Furcht besiegen kann, besiegt er auch die Gefahr, denn er weiß, dass alles, was in seinem Leben geschehen ist, ein Teil von ihm ist, ein Teil von allem, was in der Schöpfung geschieht …«

Wieder lacht er – dieses kurze, wogende, lautlose Lachen, das weder Spott noch Wohlwollen genannt werden kann, sondern irgendwo dazwischenliegt. Dann verstummt sein Lachen; hinter den kringelnden Rauchschwaden leuchten nur noch seine Zähne auf, und sein strahlender Blick richtet sich auf eine feste, unbewegliche Ferne.

»Mein Anteil an allem, was geschieht …« Unter dem Sternbild des freundlichen arabischen Himmels liegend, denke ich bei mir: Ich … dieses Bündel aus Knochen und Fleisch, Empfindungen und Wahrnehmungen – ich bin in die Kammer des Weltenherrschers gelegt worden, und in allem, was geschieht, bin ich gegenwärtig. »Gefahr« – das ist doch nur eine Einbildung; sie kann mich niemals »besiegen«, denn alles, was in meinem Leben geschieht, ist ein Teil jenes allgegenwärtigen Stromes – eines Stromes, dessen Teil ich selbst bin. Es mag auch sein, dass Gefahr und Sicherheit, Tod und Freude, Schicksal und Erfüllung allesamt nur verschiedene Seiten dieses kleinen und doch würdevollen »Bündels« sind, das ich bin. Welche unermessliche Freiheit, o Allah, hast du dem Menschen geschenkt!«

Der Schmerz der Freude an diesem Gedanken ist so heftig und scharf, dass ich gezwungen bin, die Augen zu schließen; und die sanfte Brise, die über mein Gesicht streicht, scheint mich aus der Ferne schweigend mit den Flügeln der Befreiung zu berühren.

Sechs

Inzwischen spüre ich genug Kraft, um mich aufzusetzen. Damit ich mich angelehnt hinsetzen kann, kommt Zaid mit einem der Sättel unserer Kamele zu mir.

– Onkel, ruh dich aus; ich habe um dich getrauert, weil ich dich für tot hielt, und heute bin ich unendlich glücklich, dich wohlbehalten vor mir zu sehen!

– Ich habe dich immer als einen innigsten Freund erlebt! Wenn du nicht auf meinen Ruf hin zu mir geeilt wärst, wie hätte ich all die Jahre ohne dich überstehen sollen, sag mir?

– Onkel, ich habe es nie bereut, diese Jahre mit dir verbracht zu haben. Noch immer erinnere ich mich an den Tag vor fünf Jahren, an dem ich deinen Brief erhielt. In diesem Brief hattest du mich nach Mekka gerufen. Der Gedanke, dich wiederzusehen, war mir lieb und teuer. Dafür gab es auch einen besonderen Grund – inzwischen warst du mit dem Segen des Islam begnadet worden. Genau zu dieser Zeit hatte ich ein jungfräuliches Mädchen aus den Muntafiq geheiratet; an ihrer Liebe fand ich grenzenlose Freude. Die irakischen Mädchen haben eine sehr schmale Taille und feste, harte Brüste, genau wie diese hier – bei der Erinnerung an die vergangene Szene lächelte er leise und drückte seinen Zeigefinger auf die harte Spitze des Dolches, an dem ich lehnte – „und es ist sehr schwer, sich aus ihrer Umarmung zu lösen.“ Daher sagte ich mir: „Ich werde gehen, aber nicht gleich. Ich muss noch ein paar Wochen warten.“ Doch Woche um Woche verging … Monate vergingen, und obwohl ich die Frau – dieses Hurenkind, das ihren Cousin mit einem verliebten Blick angesehen hatte – schon nach wenigen Tagen verstoßen hatte, konnte ich mich von meinen irakischen Agayel nicht trennen, konnte meinen Freunden und Gefährten, den Vergnügungen und Freuden von Bagdad und Basra nicht den Rücken kehren; immer wieder sagte ich mir: „Nicht jetzt, erst später.“ Doch eines Tages ritt ich mit meinem Lohn von unserem Zelt fort und überlegte, bei welchem Freund ich die Nacht verbringen würde, als ich plötzlich an dich dachte. Ich erinnerte mich daran, dass du in deinem Brief vom Tod deiner geliebten Gattin, deiner Rafīqa, geschrieben hattest – möge Allah ihr barmherzig sein –, und ich dachte daran, wie einsam du dich nach ihrem Verlust fühlen musstest. Da begriff ich sofort, dass ich nicht länger warten durfte: Ich musste auf der Stelle und unverzüglich zu dir eilen. Ich riss den Stern von meinem irakischen Iqāl und warf ihn fort; dann ging ich nicht einmal nach Hause, um meine Kleidung zu holen. Ich wandte den Kopf meines Kamels dem Nufud zu … dem Nadschd, und brach auf. Nur im nächsten Dorf hielt ich einmal an, um einen Wasserschlauch und etwas Nahrung zu kaufen … dann trieb ich mein Kamel Tag um Tag weiter, bis ich dich vier Wochen später in Mekka traf …

– Und erinnerst du dich, Zayd, an unsere allererste Reise ins Innere, gen Süden, zu den Dattelgärten und den Weizenfeldern von Wadi Bishah und von dort zu den Sandweiten von Raniya, die zuvor noch kein Nichtaraber durchquert hatte!

– Wie deutlich ich mich daran erinnere, Onkel. Wie begierig du warst, jenes leere Gebiet 1Rub al-Chali – eine gewaltige, unbewohnte Sandwüste, die die–ArabischeHalbinsel zu–einem Viertelbedeckt,।]zu sehen, wo die Sandmassen unter der Sonne durch den Einfluss der Dschinn singen. Und erinnerst du dich an die Bedu, die am Rand dieses Gebietes lebten? Sie hatten in ihrem ganzen Leben noch keine Brille gesehen und glaubten, deine Brille sei aus gefrorenem Wasser gemacht. Sie selbst waren wie Dschinn; wie andere Menschen Bücher lasen, lasen sie die Spuren der Wege im Sand und erkannten aus Himmel und Wind das Herannahen eines Sandsturms – viele Stunden, bevor er losbrach. Und Onkel, erinnerst du dich an den Führer, den wir in Raniya angeheuert hatten – an jenen Teufel von Beduinen –, den du erschießen wolltest, weil er uns mitten in der Wüste zurücklassen und fortgehen wollte? Wie wütend er doch auf das Gerät war, mit dem du fotografiert hast!

Wir beide lachten über jenes Abenteuer, das wir weit hinter uns gelassen hatten. Doch damals war uns ganz und gar nicht zum Lachen zumute. Wir waren sechs oder sieben Tagesreisen südlich von Riad entfernt, als jener Führer, ein grober Beduine aus der „Ikhwan“-Siedlung von Rain, in Wut geriet, weil ich ihm den Zweck der Kamera erklärte. Er war sogleich bereit, uns an Ort und Stelle zurückzulassen und fortzugehen, denn durch das Aufnehmen solcher törichten Bilder sei seine Seele in Gefahr. Ich hätte nichts dagegen gehabt, mich aus seinen Händen zu befreien, wenn nicht die Befürchtung bestanden hätte, dass wir inzwischen in ein Gebiet gelangt waren, mit dem weder ich noch Zaid vertraut waren – und dass wir, wenn man uns dort allein zurückließe, gewiss die Orientierung verlieren würden. Zuerst versuchte ich, unseren „Beduinenteufel“ mit Argumenten umzustimmen. Doch es nützte überhaupt nichts. Er wollte unter keinen Umständen verstehen. Stattdessen wendete er das Kamel wieder in Richtung Rania. Da machte ich ihm unmissverständlich klar, dass er, wenn er uns auf diese Weise dem nahezu sicheren Tod durch Durst auslieferte, keinesfalls mit dem Leben davonkommen würde. Trotz dieser Warnung begann er, sein Kamel anzutreiben. Ich richtete daraufhin mein Gewehr auf ihn und machte mich bereit, ihn zu erschießen – ich hatte durchaus die Absicht zu schießen; und es schien, als seien dadurch schließlich all die Sorgen unseres Freundes um seine Seele zum Schweigen gebracht worden. Nachdem er eine Weile vor sich hin gemurmelt hatte, erklärte er sich bereit, uns bis zur nächsten Siedlung zu führen, die drei Tagesreisen entfernt lag – dorthin, wo wir unsere strittige Angelegenheit dem Qadi zur Entscheidung vorlegen konnten. Zaid und ich nahmen ihm seine Waffen ab und hielten danach abwechselnd Wache, damit er sich nicht davonmachen konnte. Einige Tage später, als wir beim „Qadi“ von Qubaiya um ein Urteil baten, entschied er zunächst zugunsten unseres Führers. „Denn“, sagte er, gestützt auf eine falsche Auslegung eines Hadith des Gesandten, „das Abbilden lebender Wesen ist eine verwerfliche Handlung.“ Doch obwohl bis in die Gegenwart unter vielen Muslimen der starke Glaube besteht, das Abbilden lebender Wesen sei verboten, gibt es dafür im islamischen Recht keine entsprechende Bestimmung. Daraufhin breitete ich vor dem „Qadi“ den offenen Brief des Königs aus, der an „alle Emire des Landes und jeden gerichtet war, der ihn lesen würde“ – und während er ihn las, wurde das Gesicht des „Qadi“ immer länger: „Muhammad Asad ist mein Gast, mein Freund und mein Geliebter; wer ihm freundlich begegnet, begegnet damit mir selbst, und wer ihm feindselig begegnet, gilt als mein eigener Feind …“ Ibn Sauds Worte und sein Siegel wirkten auf den strengen Qadi wie Zauberei. Schließlich verkündete er, dass das Fotografieren „unter bestimmten Umständen“ erlaubt werden könne. … Nach diesem Urteil ließen wir unseren Führer frei und stellten einen neuen Führer an, der uns in Richtung Riad bringen sollte.

„Onkel, erinnerst du dich an jene Tage in Riad, als wir Gäste des Königs waren und du so betrübt warst, als du sahst, dass der alte königliche Stall mit glänzenden Motorwagen vollgestellt war? … Und erinnerst du dich an die Güte des Königs dir gegenüber?“

„Und erinnerst du dich, Zaid, wie der König uns ausgesandt hatte, das Geheimnis des Beduinenaufstands aufzudecken, und wie wir Nacht für Nacht unterwegs waren und heimlich nach Kuwait eindrangen – bis wir schließlich das wahre Geheimnis der glänzenden neuen Riyal und der Waffen herausfanden, die über das Meer zu den Aufständischen gelangten …?“

„Und Onkel, erinnerst du dich an jene Mission von uns, zu der Sayyid Ahmad – möge Allah sein Leben verlängern – uns in die Kyrenaika geschickt hatte, und wie wir heimlich auf einer Dhau das Meer überquerten und nach Ägypten gelangten, und wie wir, Allah möge sie verfluchen, den Italienern auswichen, in den Dschabal al-Achdar eindrangen und uns unter der Führung von Umar al-Muchtar den Mudschahedin anschlossen? Wie aufregend das war!“

In der Stille der von Sternenlicht erhellten Wüstennacht, wenn eine zarte, laue Brise kleine Wellen im Sand entstehen lässt, verflechten sich die Bilder der Vergangenheit und der Gegenwart immer wieder miteinander und lösen sich wieder voneinander; und mit einem erstaunlichen Klang, der die Erinnerung lebendig erhält, rufen sie einander rückwärts, über viele Jahre hinweg, zu den Anfängen meiner arabischen Jahre, zu meiner ersten Hadsch in Mekka und zu der Dunkelheit, die jene frühen Tage überschattet hatte: zum Tod jener Frau, die ich so geliebt hatte wie später keine andere Frau, die nun unter der Erde von Mekka ruht. Ein schlichter Stein ohne jede Inschrift steht an ihrem Kopfende; er bezeichnet das Ende ihres Weges und den Beginn eines neuen Weges für mich, ein Ende und einen Anfang, einen Ruf und ein Echo in den felsigen Tälern von Mekka, auf wundersame Weise miteinander und mit den Träumen des jeweils anderen verflochten.

„Zaid, darf es noch etwas Kaffee sein?“

„Zu Euren Diensten, Onkel!“, antwortet Zaid. Ohne die geringste Hast erhebt er sich, in der linken Hand die lange, schlanke Kaffeekanne. Dann klirren nach ein oder zwei Minuten die henkellosen Tassen in seiner rechten Hand – eine für mich und eine für ihn selbst. Er gießt zuerst etwas Kaffee in die eine Tasse und reicht sie mir. Unter dem Schatten der rot und weiß karierten Kufiya beobachten mich seine beiden Augen mit tiefer Konzentration, als wäre diese Bekundung von Achtung weitaus wichtiger als die kleine Tasse Kaffee! Diese beiden langen, von Wimpern umgebenen, tiefen, beherrschten und ruhigen Augen, die zugleich traurig und vor übergroßer Freude strahlend aufleuchten, erzählen von dem Leben vieler Generationen in der Freiheit der Steppe: Es sind die Augen eines Menschen, dessen Vorfahren niemals unterdrückt und auch niemals andere unterdrückt haben. Doch am schönsten sind seine Bewegungen: gelassen, sich des eigenen Rhythmus jeder Bewegung bewusst, niemals hastig – und niemals zögernd; so vollkommen und frei von Überflüssigem, dass sie einen an das Zusammenspiel der einzelnen Instrumente in der Harmonie eines wohlgeordneten Orchesters erinnert. Unter den Beduinen kann man solche Bewegungen häufig beobachten; die Schlichtheit der Wüste spiegelt sich in ihnen wider. Denn abgesehen von einigen wenigen Städten und Dörfern hat das menschliche Leben in Arabien nur in sehr geringem Maße die Formung durch Menschenhand erfahren, sodass die Natur den Menschen durch ihre strengen Gesetze gezwungen hat, jede Zerstreutheit in seinem Benehmen abzulegen und all seine Handlungen, die er aus eigenem Willen oder aus Notwendigkeit vollzieht, in wenige, ganz bestimmte, grundlegende Formen zu verwandeln – Formen, die über unzählige Generationen hinweg gleich geblieben sind und im Laufe der Zeit kristallene, glatte Klarheit gewonnen haben. Diese durch Vererbung erworbene Schlichtheit sehen wir nun ebenso in den Bewegungen des echten Arabers wie in seiner Haltung gegenüber dem Leben.

„Zaid, sag mir, wohin gehen wir morgen?“

Zayed blickt mich mit einem verschmitzten Lächeln an: „Warum, Onkel? Wir gehen doch in Richtung Tayma …?“

„Nein, Bruder, natürlich wollte ich nach Tayma! Aber jetzt will ich das nicht mehr. Wir gehen nach Mekka …“

Beginn des Weges

Eins

Einige Tage, nachdem wir der Durstqual anheimgefallen waren, wurde es bereits Abend, als Zayed und ich eine kleine, verlassene Oase erreichten und beschlossen, die Nacht dort zu verbringen. Unter den Strahlen der sinkenden Sonne funkelten die östlichen Sandberge wie vielfarbige Blöcke aus Achat, in einem ununterbrochenen Wandel farbiger, kreideartiger Schatten und gedämpfter Lichtreflexe – und dieser Wandel der Farben war so zart, dass es schien, als folge das Auge einem kaum wahrnehmbaren Schattenstrom, der sich auf das Grau der dichter werdenden Dämmerung zubewegte, und ihm dadurch beinahe Gewalt antat. Noch immer konnte man die Wipfel der Palmen deutlich erkennen, wie mit Federn geschmückte Kronen, und dahinter, halb verborgen, die niedrigen Lehmhäuser und Gartenmauern! Über dem Brunnen sangen noch immer die hölzernen Räder.

Etwas außerhalb des Dorfes ließen wir unsere Kamele unter dem Palmengarten niederknien. Dann luden wir ihre schweren Säcke ab und nahmen die Sättel von den heißen Rücken der Kamele. Als einige ungestüme Kinder, die uns als Fremde erkannt hatten, sich um uns versammelten, sagte ein Junge mit großen Augen und zerrissener Kleidung zu Zayed, er werde ihm zeigen, wo man Brennholz finden könne. Während die beiden sich auf die Suche nach Holz machten, ging ich mit den Kamelen zum Teich. Ich ließ meinen Eimer hinab und schöpfte Wasser; gerade als ich ihn heraufzog, kamen einige Mädchen aus dem Dorf, um Wasser zu holen, mit Kupfergefäßen und Tonkrügen. Mühelos trugen sie die Gefäße auf dem Kopf, die beiden Hände seitlich herabhängend; um den Takt mit der Last zu halten, beugten sie sich leicht nach vorn und hielten mit beiden Händen die herabhängenden Enden ihrer Burkas wie flatternde Fächer hoch.

„As-salamu alaikum, Friede sei mit euch, o Reisende.“

Und ich antworte: „Auch über euch seien Frieden und Allahs Gnade.“

Ihre Kleidung ist schwarz, und ihre Gesichter sind unverschleiert – wie es in dieser Gegend Arabiens bei fast allen Bäuerinnen und Beduinenfrauen der Fall ist –, sodass man ihre großen, schwarzen Augen leicht sehen kann. Obwohl sie seit vielen Generationen in einer Oase sesshaft sind, haben sie nichts von der inneren Haltung des Nomadenlebens ihrer Vorfahren verloren. Ihr Auftreten ist klar und bestimmt; ihre Zurückhaltung beim Sprechen ist völlig frei von Scham und Verlegenheit. Als ich sah, wie sie schweigend das Seil des Eimers aus meiner Hand nahmen und Wasser für meine Kamele schöpften, musste ich an genau das denken, was jene Frau vor viertausend Jahren an einem Wasserbecken für den Diener Ibrahims getan hatte, als dieser von Kanaan nach „Paddan-Aram“ zu den Verwandten seines Herrn gekommen war, um für dessen Sohn Isaak eine Braut zu finden.

„Am Abend ließ er außerhalb der Stadt, bei einem Wasserbecken, seine Kamele niederknien.

Und er sprach: O mein Herr, Gott Ibrahims, ich bitte dich: Lass mich heute Erfolg haben und erweise meinem Herrn Ibrahim deine Gnade. Sieh, hier stehe ich bei einem Wasserbecken, und die Töchter der Stadtbewohner kommen, um Wasser zu schöpfen. Möge es geschehen, dass ich zu dem jungen Mädchen sage: Ich bitte dich, senke deinen Krug herab, damit ich Wasser bekommen kann, und dass sie sagt: Trink, und auch deine Kamele will ich tränken. Sie soll das Mädchen sein, das du für deinen Diener Isaak bestimmt hast; daran werde ich erkennen, dass du meinem Herrn deine Gnade erwiesen hast.“

Und siehe, noch bevor er zu Ende gesprochen hatte, geschah es, dass Rebekka herbeikam – ihren Krug auf der Schulter. Das junge Mädchen war überaus schön und eine Jungfrau, die noch kein Mann berührt hatte. Sie stieg in den Brunnen hinab, füllte ihren Krug und kam wieder herauf.

Der Diener lief zu ihr und sagte: „Ich bitte dich, lass mich aus deinem Krug trinken.“ Sie sagte: „Trinkt, mein Herr.“ Und rasch ließ sie den Krug in seine Hand hinab und gab ihm zu trinken. Nachdem er getrunken hatte, sagte das junge Mädchen: „Auch für die Kamele will ich Wasser schöpfen, bis ihr Durst gestillt ist.“ Ohne zu zögern, leerte sie ihren Krug in die Tränke, aus der die Kamele trinken würden, und lief wieder zum Brunnen, um für alle Kamele Wasser zu schöpfen …“

Inmitten der gewaltigen Sanddünen des Nufud stehe ich mit meinen beiden Kamelen an einem Brunnen in einer kleinen Oase und blicke auf das Mädchen, das das Seil des Eimers aus meiner Hand in die eigene genommen hat und für meine Tiere Wasser schöpft – während jene biblische Geschichte in meinem Bewusstsein vorüberzieht. Das Land namens „Paddan-Aram“ und die Zeit Ibrahims liegen unendlich weit zurück; doch dank der würdevollen Bewegungen dieser Frauen, die jene Erinnerung wachgerufen haben, sind alle Entfernungen des Ortes ausgelöscht, und angesichts der Zeitspanne scheinen viertausend lange Jahre wie nichts!

– Liebe Schwestern, möge Allah eure Hände segnen und beschützen.

– Und o Reisender, mögest auch du unter Allahs Schutz bleiben, antworten sie; dann wenden sie sich wieder ihren Schalen und Krügen zu, um sie zu füllen und Wasser nach Hause zu bringen.

Als ich zu unserem Zeltplatz zurückkehre, lasse ich meine Kamele niederknien und fessele ihre Vorderbeine, damit sie in der Nacht nicht fortlaufen können. Zayd hat inzwischen ein Feuer angezündet und macht sich daran, Kaffee zuzubereiten. Eine langhalsige, gebogene Kanne brodelt; ein weiteres kleines Kaffeekännchen von gleicher Form steht neben Zayds Ellbogen bereit. In der linken Hand hält er einen flachen, gewaltigen eisernen Löffel mit einem zwei Fuß langen Stiel; auf diesem Löffel röstet er über dem schwachen Feuer eine Handvoll Kaffeebohnen, denn in Arabien wird der Kaffee für jede Kanne frisch geröstet. Sobald die Bohnen etwas kupferfarben geworden sind, legt Zayd sie in einen bronzenen Mörser und zermahlt sie. Danach gießt er etwas kochendes Wasser aus der großen Kanne in die kleine, schüttet den gemahlenen Kaffee hinein und stellt die Kanne nahe ans Feuer, damit das Wasser langsam kochen kann. Als das Getränk beinahe fertig ist, gibt Zayd einige Kardamomkörner hinein, um es kräftiger zu machen; denn in Arabien sagt man, guter Kaffee müsse so stark wie der Tod und so würzig und heiß wie die Liebe sein.

Doch bin ich noch nicht bereit, in Ruhe Kaffee zu trinken. Nach den ermüdenden, langen, heißen Stunden im Sattel, verschwitzt, während die Kleidung an meiner Haut klebt, sehnt sich mein ganzer Körper natürlich nach einem Bad; daher kehre ich langsam zu dem Brunnen unter den Dattelpalmen zurück.

Inzwischen ist die Dunkelheit dichter geworden. Alle sind aus dem Palmenhain nach Hause zurückgekehrt. Nur in der Ferne, dort, wo die Häuser stehen, bellt ein Hund. Ich ziehe meine Kleider aus und steige in den Brunnen hinab, wobei ich Hände und Füße auf die Vorsprünge und Vertiefungen in der Brunnenwand setze und mich an einigen Seilen festhalte, an denen die Wasserschläuche hängen. Ich steige bis zum dunklen Wasser hinab und dann hinein. Das Wasser ist sehr kalt und reicht mir bis zur Brust. Im Dunkeln stehen neben mir die Seile zum Heraufziehen des Wassers, nun durch das Gewicht der großen, im Wasser versunkenen Schläuche straff aufgerichtet. Tagsüber werden diese Schläuche benutzt, um die Felder zu bewässern. Unter meinen Füßen spüre ich einen dünnen, schwachen Wasserstrom, der aus einer Quelle unter der Erde tröpfchenweise nach oben steigt und den Brunnen durch seinen langsamen, immer neuen, ununterbrochenen Zufluss frisch hält.

Über mir heult der Wind über der Öffnung des Brunnens und erzeugt in seinem Innern ein schwaches Echo, wie das Geräusch in einer Meeresschnecke, die man ans Ohr hält – einer großen, rauschenden Meeresschnecke, die ich im Haus meines Vaters, vor vielen, vielen Jahren, als Kind gern ans Ohr hielt, als ich gerade eben groß genug war, um über den Tisch zu schauen. Ich hielt mir die Schnecke ans Ohr und fragte mich verwundert: Entsteht dieses Geräusch immer in ihrem Innern, oder erklingt es erst, wenn ich sie ans Ohr halte? Hat es überhaupt etwas mit mir zu tun? Spielt diese Musik von selbst? Oder erklingt sie erst, wenn ich zuhören will? Oft versuchte ich, die Schnecke auszutricksen, indem ich sie von mir weglegte, damit das Rauschen verstummte – und sie dann plötzlich wieder ans Ohr presste. Wieder diese Musik, dieses Geräusch! Ich konnte dieses Rätsel nie lösen: ob diese Musik in der Schnecke auch dann weiterspielte, wenn ich versuchte, ihr zuzuhören!

Natürlich konnte ich damals noch nicht begreifen, dass mein Verstand sich an einer Frage verwirrte, die seit unzähligen Zeitaltern Menschen, die weit weiser waren als ich, ratlos gemacht hatte: ob es eine von unserem Geist unabhängige „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ gibt oder ob unsere unmittelbare Wahrnehmung sie erst erschafft. Wenn ich jedoch auf die vergangenen Tage zurückblicke, scheint mir, dass dieses Problem mich nicht nur in meiner Kindheit verfolgt hat, sondern auch später – wie es zu irgendeiner Zeit, bewusst oder unbewusst, jeden denkenden Menschen verfolgen muss. Denn wie auch immer die vom Einzelnen unabhängige Wahrheit beschaffen sein mag, die Welt offenbart sich uns in der Gestalt und in dem Maße, wie sie sich in unserem Geist widerspiegelt. Daher kann jeder von uns die „Wahrheit“ nur im Zusammenhang mit seiner eigenen Erfahrung erfassen. Hier findet sich vielleicht eine vernünftige Erklärung sowohl für den allerersten Ursprung des menschlichen Bewusstseins als auch für den ewigen Glauben des Menschen an sein Weiterleben nach dem Tod – eines Glaubens, der so tief und bei allen Völkern und zu allen Zeiten so weit verbreitet ist, dass man ihn nicht einfach als eine bloße Laune abtun kann. Es wäre vielleicht keine Übertreibung zu sagen, dass dieser Glaube aufgrund der besonderen Beschaffenheit des menschlichen Geistes zwangsläufig und unvermeidlich entstanden ist. Im abstrakten, theoretischen Sinn mag es für den Menschen nicht schwer sein, den eigenen Tod als endgültige Auslöschung zu denken; doch diese Auslöschung anschaulich zu machen, ist unmöglich. Denn das würde bedeuten, dass der Mensch die Auslöschung jedes wirklichen Gegenstandes wahrnehmen könnte. Mit anderen Worten: Er müsste sich das Nichts vorstellen können – eine Vorstellung, zu der kein menschlicher Geist fähig ist.

Die Philosophen und die Propheten haben uns nicht neu gelehrt, an die Existenz eines Lebens nach dem Tod zu glauben – sie haben lediglich einem ebenso alten und angeborenen Gedanken, wie es das Auftreten des Menschen auf der Erde ist, Gestalt gegeben und ihn mit geistiger Bedeutung erfüllt.

Ich kann mir ein inneres Lächeln angesichts des Widerspruchs zwischen solchen tiefen Überlegungen und einer rein weltlichen Tätigkeit wie dem Abwaschen des Staubs und Schweißes einer ganztägigen Reise nicht verkneifen. Gibt es irgendeine sichtbare oder verstandesmäßig erfassbare Grenze zwischen der weltlichen und der tiefgründigen Seite des Lebens? Was könnte beispielsweise weltlicher sein, als sich auf die Suche nach einem verlorenen Kamel zu machen? Und was könnte tiefgründiger und rätselhafter sein als der beinahe tödliche Durst?

Vielleicht war es gerade der Schock jener Erfahrung, der meine Sinne geschärft und zugespitzt und das Bedürfnis nach einer Erklärung für mich selbst unvermeidlich gemacht hat. Dieses Bedürfnis besteht darin, den Verlauf meines eigenen Lebens umfassender zu begreifen, als ich ihn zuvor begriffen hatte. Aber kann der Mensch, wie ich mich selbst erinnere, solange er lebt wirklich den Sinn seines eigenen Lebens erfassen?

Vielleicht hat gerade der Schock jener Erfahrung meine Sinne geschärft und die Notwendigkeit, mir selbst etwas zu erklären, unabweisbar gemacht. Es ist die Notwendigkeit, den Verlauf meines eigenen Lebens vollständiger zu begreifen, als ich ihn bisher begriffen habe. Aber damit, erinnere ich mich, kann ein Mensch, solange er lebt, wirklich den Sinn seines eigenen Lebens erfassen? Was in unserem Leben in diesem Augenblick oder zu irgendeiner anderen Zeit geschehen ist, wissen wir bisweilen; doch unser Ziel, unser Schicksal, lässt sich nicht so leicht verstehen oder erkennen. Denn das Schicksal ist die Gesamtsumme der Vergangenheit und der Gegenwart, all dessen, was in uns geschehen ist und uns gelenkt hat, und all dessen, was künftig in uns geschehen und uns lenken wird. Deshalb kann es seine vollständige Gestalt erst ganz am Ende unserer Reise zeigen, und solange wir unterwegs sind, werden wir es immer missverstehen oder nur halb verstehen.

Wie kann ich in meinem zweiunddreißigsten Lebensjahr sagen, was mein Schicksal gewesen ist oder was es ist?

Wenn ich auf mein vergangenes Leben zurückblicke, habe ich manchmal das Gefühl, als sähe ich das Leben zweier Menschen. Doch sooft ich darüber nachdenke, erhebt sich die Frage: Sind diese beiden Teile meines Lebens tatsächlich so voneinander verschieden – oder gab es trotz all der äußerlichen Unterschiede in Form und Art unter der Oberfläche doch immer eine Übereinstimmung der Empfindungen und dasselbe Ziel in beiden Teilen meines Lebens?

Ich hebe den Kopf und sehe über dem runden Rand des Brunnens einen kreisförmigen Ausschnitt des Himmels und die Sterne. Lange stehe ich reglos da; und mir ist, als sähe ich, wie sie sich langsam bewegen, um den Zyklus von Millionen und Abermillionen Jahren zu vollenden, der niemals enden wird. Und dann muss ich, obwohl ich es nicht will, an die wenigen Jahre denken, die ich durchmessen habe – an jene verschwommenen Jahre, die ich in der warmen Geborgenheit meines Elternhauses verbrachte, in einer Stadt, deren jede Gasse mir vertraut war … Dann an die Tage in den großen Städten, den von Aufregung und Hoffnung erfüllten Städten, wie nur ein Jugendlicher sie empfinden kann … Danach an eine neue Welt, in der mir die Gesichter der Menschen zunächst fremd erschienen, die mir aber mit der Zeit eine neue Vertrautheit und ein neues Gefühl der Heimkehr vermittelte. Dann … fremde, noch fremdere Umgebungen; Tage in Städten, die ebenso alt waren wie der Menschengeist, in den endlosen Steppen, in Bergen und Gebirgen, deren Ursprünglichkeit einen an die wilde Ursprünglichkeit des menschlichen Herzens erinnert … Und in der einsamen, heißen Abgeschiedenheit der Wüste begannen die Tage langsam neue Wahrheiten hervorzubringen – Wahrheiten, die für mich neu waren … Und dann hatte eines Tages, nach einem langen Gespräch, ein afghanischer Freund im Schnee des Hindukusch erstaunt ausgerufen: »Aber Sie sind doch Muslim; Sie wissen es nur selbst nicht.« … Und an einem anderen Tag, einige Monate später, als ich es selbst erkannt hatte. Danach meine erste Haddsch nach Mekka, der Tod meiner Frau und die darauf folgende Verzweiflung; und seither all diese Augenblicke – endlose Augenblicke –, die ich unter den Arabern verbrachte, und die Jahre, in denen ich zwischen Wüste und Steppe umherzog und unter den arabischen Beduinen, die dort in Kriege verwickelt waren, unter Gefahren reiste, am libyschen Freiheitskampf teilnahm und lange in Medina blieb … wo ich in der Prophetenmoschee danach strebte, mein Wissen über den Islam zu vervollständigen; danach wiederholte Haddsch; Heiraten mit Beduinenmädchen und später Scheidungen; herzliche Beziehungen zu Menschen und die öden Tage der Einsamkeit … Gelehrte Gespräche mit gebildeten Muslimen aus allen Teilen der Welt, Reisen durch unbekannte, unerforschte Gebiete: diese Jahre des Eintauchens in Welten, die von den Vorstellungen und Zielen des westlichen Lebens weit entfernt waren.

Was für ein langer Zug von Jahren! In diesem Augenblick sind all diese versunkenen Jahre wieder aufgetaucht, haben den Schleier von ihren Gesichtern gehoben und begonnen, mich mit vielen Stimmen zu rufen, und plötzlich, in einem jähen Ruck meines Herzens, sah ich, wie lang, wie endlos mein Weg gewesen war! »Du bist immer nur weitergezogen, immer weiter«, sage ich mir, »du hast deinem eigenen Leben noch keine Gestalt geben können, die ein Mensch mit den Händen greifen könnte, und du hast nie die Frage ›Wohin?‹ beantworten können … Du bist immer nur weitergezogen, immer weiter … als Reisender, durch viele Länder, als Gast in vielen Häusern; doch die Sehnsucht deiner Reise ist noch immer nicht erfüllt, und obwohl du kein Fremder mehr bist, hast du noch immer keine Wurzeln geschlagen.«

Ich habe mir unter einer Menschengruppe einen Platz geschaffen – so, dass sie glauben, ich teile ihren Glauben und ihre Überzeugungen –, und dennoch habe ich noch keine Wurzeln geschlagen. Warum?

Als ich vor zwei Jahren in Medina eine Araberin heiratete, war es doch mein Wunsch gewesen, dass sie mir einen Sohn schenken würde. Durch ihren Sohn Talal, der erst vor einigen Monaten in unserem Haus geboren wurde, habe ich zu empfinden begonnen, dass die Araber zugleich meine Verwandten und meine geistigen Brüder sind. Ich möchte, dass Talal tief im Inneren dieses Landes Wurzeln schlägt und im Bewusstsein des großen Erbes an Blut und Kultur aufwächst, das ihm zu eigen ist. Mir scheint, dies sollte genügen, jeden Menschen nach einer festen Niederlassung irgendwo und nach der Begründung eines dauerhaften Heims für seine Familie verlangen zu lassen. Warum also hat mein Umherziehen noch immer kein Ende gefunden, warum muss ich noch immer meinen Weg weitergehen? Warum vermag das Leben, das ich selbst für mich gewählt habe, mich noch immer nicht ganz zufriedenzustellen? Was fehlt mir in dieser Umgebung? Es ist gewiss nicht die geistige Neugier Europas. Ich habe all das hinter mir gelassen. Nicht, dass ich dadurch besonders viel verloren hätte. Im Gegenteil, ich bin diesen Dingen so fern gerückt, dass es mir von Tag zu Tag schwerer fällt, Beiträge für jene europäischen Zeitungen zu verfassen, die mir meinen Lebensunterhalt sichern. Wann immer ich einen Artikel abschicke, kommt es mir vor, als würfe ich einen Stein in einen abgrundtiefen Brunnen: Der Stein verschwindet in der dunklen Leere, und nicht einmal ein schwaches Echo erreicht mich, das mir sagen könnte, dass der Stein sein Ziel erreicht hat.

Während ich so nachdachte, halb eingetaucht im dunklen Wasser eines Brunnens in einer arabischen Oase, in Unruhe und Verwirrung, hörte ich plötzlich aus dem Hintergrund meiner Erinnerung eine Stimme … die Stimme eines alten kurdischen Nomaden: »Wenn das Wasser in einem stehenden Tümpel seine Bewegung verliert, wird es abgestanden, trübe und schmutzig; wenn es sich jedoch bewegt und fließt, wird es klar und rein. So ist es auch mit dem unaufhörlich umherziehenden, ständig wandernden Menschen.« Danach war es mir, als hätte ein Zauberspruch all meine Unruhe gebannt. Ich begann, mit weit geöffneten Augen auf mein Leben zu blicken, so wie ich auf die Seite eines Buches blicke, um eine Geschichte daraus zu lesen, und ich begann zu verstehen, dass der Verlauf meines Lebens kein anderer hätte sein können; denn als ich mich fragte: »Was ist die Summe meines Lebens?«, antwortete etwas in mir: »Du bist aus einer Welt aufgebrochen, um eine andere Welt zu finden – um eine neue Welt zu gewinnen anstelle einer alten Welt, deren wahrer Besitzer du niemals gewesen bist.« Und in einem Augenblick vollkommener Klarheit begriff ich, dass ein solches Bemühen tatsächlich eines ganzen Lebens bedürfen kann.

Ich komme aus dem Brunnen, ziehe die saubere, lange Kurta an, die ich mitgebracht habe, und kehre zu Said in der Nähe des Feuers, zu den Kamelen, zurück. Ich trinke den starken Kaffee, den Said mir reicht, und lege mich dann ausgestreckt auf den Boden neben dem Feuer, erfrischt und voller Leben.

Zwei

Meine beiden Hände liegen quer unter meinem Nacken, und ich blicke in diese arabische Nacht, die dunkle, sternenbesäte Nacht, die sich wie ein Bogen über mir wölbt. Ein Meteor schießt in Gestalt eines elektrischen Bogens dahin, und da ist noch einer, und dann noch einer: Lichtbögen durchbohren das Herz der Finsternis! Sind dies etwa nur Bruchstücke auseinandergebrochener Planeten, Überreste irgendeiner kosmischen Katastrophe, die nun ziellos durch die unermesslichen Weiten des Universums rasen? Oh nein! Wenn Sie Said fragen, wird er Ihnen sagen: Das sind Feuerspeere, mit denen die Engel den Satan vertreiben, der in manchen Nächten heimlich zum Himmel aufsteigt, um Allahs Geheimnisse zu stehlen und zu erfahren … Ist es dann etwa Iblis selbst, der König der Satane, auf den soeben im östlichen Himmel mit gewaltiger Geschwindigkeit ein Feuerpfeil geschleudert worden ist …?

Diese Erzählungen über den Himmel und seine Sterne sind mir vertrauter – aus dem Haus meiner Kindheit …

Wie hätte es auch anders sein können? Seit ich nach Arabien gekommen bin, habe ich wie ein Araber gelebt, nur arabische Kleidung getragen, nur Arabisch gesprochen und sogar auf Arabisch geträumt; die Sitten und der Bilderreichtum Arabiens haben meine Gedanken beinahe unmerklich geprägt. Ich bin nie durch jene Beschränkung des Geistes behindert worden, die es einem Fremden gewöhnlich unmöglich macht, wie geschickt er auch in den Bräuchen und der Sprache eines Landes sein mag, den wirklichen Zugang zu den Gefühlen der Menschen eines fremden Landes zu finden und ihre Welt zur eigenen zu machen.

Plötzlich breche ich in ein Lachen des Glücks und der Befreiung aus – ich lache so laut, dass Said mich mit erstaunt aufgerissenen Augen ansieht und mein Kamel den Kopf in einer langsamen, undeutlich hochmütigen Bewegung zu mir wendet; denn in diesem Augenblick sehe ich meinen Weg vor mir: Trotz seiner gewaltigen Länge ist er so einfach und gerade – dieser Weg aus einer Welt, die nicht die meine war, in meine ganz eigene Welt.

Ist meine Ankunft in diesem Land nicht tatsächlich eine Rückkehr in mein eigenes Zuhause? Die Heimkehr eines Herzens, das nach tausend und abertausend Umwegen sein eigenes Zuhause gesucht und nun diesen Himmel – meinen Himmel – mit schmerzhafter Freude wiedererkannt hat? Denn der Himmel Arabiens ist so tiefdunkel, so hoch und viel festlicher mit Sternen geschmückt als der Himmel irgendeines anderen Landes. Dieser Himmel war gleich einem Baldachin über dem Weg meiner Vorfahren, jener umherziehenden Hirtenkrieger, die vor Tausenden von Jahren, in der allerfrühesten Morgendämmerung ihrer Macht, von der Gier nach Land und Beute geblendet, aus den fruchtbaren Gebieten Chaldäas in Richtung einer unbekannten Zukunft aufgebrochen waren: jenes kleine Nomadenvolk der Juden – der Stammvater jener Menschen, der später in dem bei den „Chaldäern“ gelegenen Ort „Ur“ geboren wurde.

Der Mann, dessen Name Ibrahim war, war kein Bewohner der Gegend von „Ur“. Sein Stamm war einer unter den vielen Stämmen Arabiens. Diese arabischen Stämme waren zu der einen oder anderen Zeit aus der hungrigen Wüste der Halbinsel in gewundenem Zug nach Norden aufgebrochen, in Richtung jenes Traumlandes, von dem sie glaubten, dass es von Milch und Honig überfloss. Die fruchtbaren, bebauten Gebiete des Fruchtbaren Halbmonds – Syrien und Mesopotamien – waren jene Regionen. Manchmal besiegten diese Stämme die dortigen Bewohner, setzten sich an ihre Stelle und errichteten sich dort als Herrscher; allmählich vermischten sie sich mit den Besiegten und gingen mit ihnen in einem neuen Volk auf, wie die Assyrer und die Babylonier, die ihre Reiche auf den Ruinen der früheren sumerischen Zivilisation errichteten; oder wie die Chaldäer, die in Babylon mächtig wurden; oder wie die Amoriter, die später in Palästina als Kanaaniter und an der syrischen Küste als Phönizier bekannt wurden. Mitunter waren die eindringenden nomadischen Hirten jedoch so schwach, dass sie nicht die Kraft besaßen, jene zu besiegen, die vor ihnen gekommen waren; schließlich gingen sie in den früheren Bewohnern auf, oder die sesshaften Bauern drängten die Nomaden in Richtung Wüste zurück und zwangen sie dadurch, neue Weidegründe zu suchen und vielleicht ein anderes Gebiet zu erobern. Ibrahims ursprünglicher Name war der Tora zufolge „Ab-Ram“, was in der alten arabischen Sprache „der Hochstrebende“ bedeutet. Offensichtlich gehörte Ibrahims Stamm zu den schwächeren Stämmen. Die biblische Erzählung über ihre Ansiedlung in der öden Gegend am Rand der Wüste berichtet von jener Zeit, als sie erkannten, dass es ihnen nicht gelungen war, in der Region am Tigris ein neues Zuhause für sich zu finden, und als sie sich anschickten, am Euphrat entlang nach Nordwesten in Richtung Harran und von dort nach Syrien aufzubrechen.

„Jener, der ehrgeizig ist“ – mein Urahne, den Allah in unbekannte, fremde Gegenden gestoßen hatte, damit er auf diese Weise sein eigenes Wesen entdecke –, er musste gewiss, sehr wohl, verstehen, warum ich hierhergekommen bin; denn auch er hatte durch viele Länder hasten und umherziehen müssen, ehe er seinem Leben eine Gestalt geben konnte, die man mit den Händen greifen und berühren kann; auch er war vor dem Schlagen fester Wurzeln an einem bestimmten Ort der Gast vieler Häuser gewesen. Angesichts jener zugleich ehrfurchtgebietenden und Furcht einflößenden Erfahrungen musste ihm meine unbedeutende Verwirrung wie kein Problem erscheinen. Er verstand, wie ich jetzt zu verstehen beginne, dass der Sinn meines Umherwanderns in einem verborgenen Wunsch liegt, durch die Begegnung mit einer solchen Welt mich selbst kennenzulernen – einer Welt, die zu den tiefsten Fragen des Lebens und zum Wesen der Wahrheit hinführt und völlig anders ist als alles, womit ich in meiner Kindheit und Jugend vertraut war und woran ich mich gewöhnt hatte.

Drei

Welch langer Weg führt von meiner Kindheit und Jugend in Mitteleuropa bis zu meinem heutigen Leben in Arabien! Und doch ist es so beglückend, sich an diese vergangenen Tage des Lebens zu erinnern.

Diese ersten Tage meiner Kindheit verbrachte ich in einem Haus in Lemberg, damals noch unter österreichischer Herrschaft, einem Haus, das ebenso still und würdevoll war wie die Straße, an der es stand. Eine lange Straße, etwas staubig, doch sauber, auf beiden Seiten von Reihen von Kastanienbäumen gesäumt; mit ihren dicken Holzbohlen dämpfte sie das Klappern der Pferdehufe und verwandelte jeden Augenblick des Tages in einen trägen Nachmittag. Ich liebte diese schöne Straße mit einem seltsamen Bewusstsein ihrer Verbundenheit mit den Städten meiner Kindheit – nicht nur, weil sie die Straße meines Hauses war; vielmehr glaube ich, dass ich sie wirklich liebte, weil sie in einer Atmosphäre erhabener Ruhe vom lebhaften Zentrum der fröhlich ausgelassenen Stadt zur Stille der Wälder am Stadtrand und zu dem gewaltigen, in diesen Wäldern verborgenen Friedhof führte. Bisweilen schienen prächtige Kutschen auf lautlosen Rädern davonzufliegen, im Takt des schnellen Klipp-klapp-klipp-klapp der Hufe der dahinstürmenden Pferde; und wenn Winter war, die Straße unter einem Fuß tiefen Schnee begraben lag, Schlitten über sie dahinglitten, Dampf aus den Nüstern der Pferde quoll und ihre Glöckchen in der nebelbeladenen Luft klingelten, und wenn du selbst in einem Schlitten saßest und spürtest, wie der Nebel an dir vorüberraste und seine eisige Berührung dein Gesicht traf, dann würde dein kindliches Herz begreifen, dass die dahinstürmenden Pferde dich einem Glück entgegentrugen, das weder Anfang noch Ende hat.

Dann jene Sommermonate auf dem Land, wo mein wohlhabender Bankier-Großvater für die Freude seiner großen Familie ein großes Gut besaß. Ein kleiner, träge dahinfließender Fluss zog sich dahin, an dessen beiden Ufern Reihen von Weiden standen; dazu die Scheunen, gefüllt mit friedlichem Vieh – und jenes Halbdunkel, das auf geheimnisvolle Weise vom Geruch der Tiere und des Heus und vom Lachen der ruthenischen Bauernmädchen erfüllt war, die abends mit dem Melken der Kühe beschäftigt waren. Du konntest die warme, schaumige Milch unmittelbar aus dem Eimer trinken, nicht nur, weil du durstig warst, sondern weil es aufregend war, etwas zu trinken, das seinem tierischen Ursprung noch so nahe war. Jene Augusttage, die ich auf den Feldern mit den Männern verbrachte, die den Weizen ernteten, und mit den Mädchen, die ihn sammelten und zu Garben banden: junge Frauen, schön anzusehen, von kräftiger Gestalt, mit vollen Brüsten und festen, lebendigen Armen, deren Stärke ich spürte, wenn sie mich mittags spielerisch über die Weizenhaufen rollten; freilich war ich damals so jung, dass ihre fröhlichen Umarmungen für mich keine andere Bedeutung haben konnten.

Und dann die Reisen mit Vater und Mutter nach Wien und Berlin, in die Alpen und die Wälder Böhmens, an die Nordsee und die Ostsee; die Orte lagen so weit voneinander entfernt, dass jeder von ihnen wie eine neue Welt erschien. Wann immer ich zu einer solchen Reise aufbrach, schien mein Herz bei der Vorstellung der neuen Wunder, die sich uns mit dem ersten Pfiff der Lokomotive und dem ersten Ruck ihrer Räder eröffnen würden, stillzustehen!

Außerdem viele Spielgefährten – Jungen und Mädchen –, einen Bruder und eine Schwester sowie zahlreiche Cousins und Cousinen; und nach den eintönigen Schultagen der Woche jene strahlenden, freien Sonntage, die keineswegs unangenehm waren … das Herumstreifen auf dem Land, meine ersten heimlichen Begegnungen mit hübschen Mädchen meines Alters und das Erröten vor einer seltsamen Erregung, von der ich mich erst nach Stunden erholte …

Diese Kindheit war glücklich – obwohl sie vergangen war, war sie erfüllend. Das Leben von Vater und Mutter war ein Leben des Wohlstands und der Behaglichkeit; man kann sagen, dass sie nur für ihre Kinder lebten. Dass ich mich in den späteren Jahren so leicht an das Unbekannte und bisweilen Widrige anpassen konnte, mag zum Teil auf den Einfluss der Ruhe und unerschütterlichen Stille meiner Mutter zurückzuführen sein – andererseits hat sich die geistige Unruhe meines Vaters vielleicht in meinem unsteten Wesen widergespiegelt …

Wenn ich meinen Vater beschreiben soll, würde ich sagen, dass dieser schöne, schlanke, mittelgroße, dunkelhäutige Mann – dessen Augen schwarz und eifrig waren – nicht recht zu seiner Umgebung passte. In seiner frühen Jugend träumte er davon, Wissenschaft zu betreiben, insbesondere sich der Physik zu widmen. Doch dieser Traum erfüllte sich in seinem Leben nicht. Er war gezwungen, sich damit zufriedenzugeben, Barrister zu werden. In diesem Beruf war er allerdings recht erfolgreich, denn für seinen scharfen und eifrigen Verstand war er vielleicht eine Art Herausforderung. Dennoch konnte Vater diese Rolle niemals innerlich und von ganzem Herzen annehmen. Die Einsamkeit, die sich um ihn herum verdichtet hatte, wurzelte vielleicht in dem stets gegenwärtigen Bewusstsein, dass sein wahrer Beruf ihn getäuscht hatte.

Der Vater meines Vaters war ein strenggläubiger Rabbiner, ein jüdischer Geistlicher, in Czernowitz, der Hauptstadt der damaligen österreichischen Provinz Bukowina. Ich erinnere mich noch an ihn – der Alte war sehr stattlich; seine Hände waren weich, zart und lang, und sein ausdrucksvolles, wissbegieriges Gesicht war von einem Rahmen aus langem, weißem Bart umgeben. In seiner Freizeit beschäftigte er sich sein ganzes Leben lang mit Mathematik und Astronomie; für diese beiden Disziplinen empfand er eine tiefe Leidenschaft. Außerdem war er der beste Schachspieler der Gegend – und das war vielleicht die Grundlage seiner langjährigen Freundschaft mit dem strenggläubigen griechischen Erzbischof, denn auch der Erzbischof war ein berühmter Schachspieler. Abend für Abend saßen die beiden Alten über dem Schachbrett; ihre Zusammenkünfte endeten mit Gesprächen über die erhabenen Glaubenssätze ihrer jeweiligen Religionen. Man könnte meinen, angesichts einer solchen geistigen Neigung wäre es für meinen Großvater selbstverständlich gewesen, die wissenschaftlichen Interessen meines Vaters zu begrüßen. Doch insgeheim hatte er von Anfang an beschlossen, dass sein erstgeborener Sohn der Tradition des jüdischen Rabbiners folgen sollte, einer alten Tradition, die seit mehreren Generationen in ihrer Familie bestand. Er war nicht einmal bereit, für meinen Vater einen anderen Beruf in Betracht zu ziehen. Dieser Entschluss war vielleicht noch durch ein beschämendes Skelett im Familienschrank gefestigt worden: die Erinnerung an einen seiner Onkel, also an den Bruder meines Urgroßvaters, der die Familientradition auf höchst ungewöhnliche Weise gebrochen und sogar die Religion seiner Vorfahren aufgegeben hatte.

Es scheint, dass jener beinahe legendäre Bruder meines Urgroßvaters – dessen Name in der Familie niemals laut ausgesprochen wurde – innerhalb derselben Familientradition aufgewachsen war. In sehr jungen Jahren wurde er ein voll ausgebildeter Rabbiner, und noch in diesem Alter verheiratete man ihn mit einer Frau, die er offenbar nicht liebte. Damals war das Einkommen eines Rabbiners nicht besonders hoch. Deshalb handelte er zusätzlich mit Pelzen, und dafür musste er jedes Jahr nach Leipzig reisen, dem zentralen Pelzmarkt Europas. Als er etwa fünfundzwanzig Jahre alt war, brach er in einer Kutsche zu einer solchen langen Reise auf. Das war in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts; auch diesmal fuhr er nach Leipzig und verkaufte dort seine Pelze, kehrte jedoch nicht nach Hause zurück, sondern verkaufte sowohl seine Kutsche als auch seine Pferde. Dann rasierte er sich Bart und Schläfenlocken ab, ließ die Frau, die er nicht liebte, hinter sich und ging nach England. Eine Zeit lang verdiente er seinen Lebensunterhalt mit körperlicher Arbeit; abends studierte er Astronomie und Mathematik. Offenbar erkannte einer seiner Gönner seine Begabung und ermöglichte ihm, sein Studium in Oxford fortzusetzen! Einige Jahre später verließ der Bruder meines Urgroßvaters Oxford als vielversprechender Gelehrter und Konvertit zum Christentum. Kurz nachdem er seiner jüdischen Frau die Scheidungspapiere geschickt hatte, heiratete er ein nichtjüdisches Mädchen. Über sein späteres Leben wusste unsere Familie kaum etwas – man wusste nur, dass er als Astronom einigen Ruhm erlangte und als Ritter starb.

Es scheint, dass gerade dieses schreckliche Beispiel die Haltung meines Großvaters gegenüber dem Interesse meines Vaters am Studium weltlicher Wissenschaften so unerbittlich machte. Er musste Rabbiner werden – und damit basta! Natürlich war mein Vater nicht bereit, so leicht aufzugeben. Tagsüber studierte er den „Talmud“, nachts aber las er heimlich – ohne die Hilfe irgendeines Lehrers – den „humanistischen Sekundarschullehrplan“. Später vertraute er sich seiner Mutter an. Vielleicht hatte sie unter dem heimlichen Studium ihres Sohnes gelitten; doch dank ihres edlen Wesens erkannte sie, dass es äußerst grausam wäre, ihrem Sohn die Möglichkeit zu nehmen, nach dem Wunsch seines Herzens zu leben. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren absolvierte mein Vater den achtjährigen Sekundarschulkurs in vier Jahren, bereitete sich auf die B.-A.-Prüfung vor und bestand sie mit Auszeichnung. Mit diesem Abschluss fassten er und seine Mutter den Mut, meinem Großvater die schreckliche Nachricht zu eröffnen. Ich kann mir die dramatische Szene vorstellen, die sich daraus ergab. Doch am Ende wurde mein Großvater nachgiebig und erklärte sich damit einverstanden, dass mein Vater nicht länger Rabbinatsstudien betreiben, sondern stattdessen die Universität besuchen sollte. Allerdings waren die wirtschaftlichen Verhältnisse der Familie nicht so, dass er sein Lieblingsfach, die Physik, studieren konnte. Deshalb ergriff er einen einträglicheren Beruf – den des Juristen – und wurde schließlich Barrister. Einige Jahre später ließ er sich in Lemberg in Ostgalizien nieder und heiratete dort meine Mutter, eine von vier Töchtern eines wohlhabenden örtlichen Bankiers. Dort wurde ich im Sommer des Jahres 1900 als zweites von drei Kindern geboren.

Der Ausdruck der unerfüllten Wünsche meines Vaters zeigte sich in seinem umfassenden Studium der Naturwissenschaften und vielleicht in seiner seltsamen, wenn auch sehr zurückhaltenden Parteilichkeit für seinen zweiten Sohn – also für mich. Ich scheint ebenfalls gerade jene Dinge besonders geliebt zu haben, die keinen Bezug zu unmittelbarem Gelderwerb und einer erfolgreichen beruflichen Laufbahn hatten. Dennoch bestand keinerlei Möglichkeit, dass sich sein Traum, mich zu einem Wissenschaftler zu machen, erfüllen würde. Obwohl ich nicht dumm war, war ich als Schüler äußerst gleichgültig. Mathematik und die Naturwissenschaften waren mir langweilig. Unermessliche Freude bereitete es mir, Sienkiewicz’ aufregende historische Romane, die fantastischen Geschichten Jules Vernes, die Erzählungen von James Fenimore Cooper und Karl May über die Roten Indianer und später Rilkes Gedichte sowie den in tiefem, erhabenem Rhythmus verfassten „Also sprach Zarathustra“ zu lesen. Die Geheimnisse der Schwerkraft und der Elektrizität begeisterten mich ebenso wenig wie die lateinische und griechische Grammatik. Daher wurde ich jedes Mal versetzt, obwohl ich die Prüfungen nicht bestand. Für meinen Vater muss dies gewiss eine bittere Enttäuschung gewesen sein. Doch wahrscheinlich fand er in dem Gedanken Trost, dass meine Lehrer angesichts meiner Neigung zur polnischen und deutschen Literatur und Geschichte sehr zufrieden mit mir waren.

Der Überlieferung meiner Familie folgend, erwarb ich zu Hause bei einem Lehrer gründliche Kenntnisse der hebräischen Religion. Der Grund dafür war nicht die offenkundige Frömmigkeit meines Vaters und meiner Mutter. Sie waren Menschen aus einer Zeit, in der man gegenüber dem einen oder anderen der religiösen Glaubenssätze, die das Leben der Vorfahren geprägt hatten, lediglich mündliche Loyalität bekundete; niemand bemühte sich auch nur im Geringsten darum, sein praktisches, ja selbst sein ethisches Denken nach den Lehren dieser Religion zu formen. Die einen klammerten sich in der freudlosen, leblosen Förmlichkeit solcher Menschen, die dies lediglich aus Gewohnheit, nur aus Gewohnheit taten, an ihr religiöses Erbe – oder vielmehr in der hochmütigen Gleichgültigkeit der „aufgeklärteren“ Menschen, die Religion für einen verfallenen Aberglauben hielten, an den man sich äußerlich gelegentlich anpassen konnte, dessen man sich innerlich jedoch schämte, weil man ihn mit dem Verstand nicht zu rechtfertigen vermochte. In jeder Hinsicht gehörten mein Vater und meine Mutter zur erstgenannten Gruppe. Doch bisweilen regte sich in mir der schwache Verdacht, dass mein Vater zumindest zur zweiten Gruppe neigte. Dennoch bestand er, um seinen Vater und seinen Schwiegervater zufriedenzustellen, darauf, dass ich mich lange Zeit mit den religiösen Büchern beschäftigen musste. So lernte ich im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren nicht nur sehr schnell Hebräisch zu lesen, sondern erwarb auch die Fähigkeit, mich mühelos auf Hebräisch zu unterhalten. Außerdem bekam ich eine gewisse Vertrautheit mit dem Aramäischen. Vielleicht konnte ich später gerade deshalb so leicht Arabisch erlernen. Ich las das „Alte Testament“ in seiner ursprünglichen Sprache. Auf diese Weise lernte ich auch die „Mischna“ und die „Gemara“ kennen – das heißt, den Grundtext des Talmud und seine Auslegung. Mit einiger Selbstsicherheit konnte ich über die Unterschiede zwischen dem Jerusalemer und dem babylonischen Talmud sprechen. In den Feinheiten des „Targum“, also der Bibelkommentare, verlor ich mich derart, dass mir das Leben eines „Rabbiners“ geradezu vorbestimmt schien!

Trotz all dieser neuen religiösen Kenntnisse – oder vielleicht gerade ihretwegen – begann ich schon bald, gegenüber vielen Grundsätzen des Judentums eine hochmütige Haltung einzunehmen. Es stimmt, dass ich mit der starken Betonung sittlicher Rechtschaffenheit, die sich überall in den jüdischen Schriften findet, nicht uneins war, ebenso wenig mit dem großen göttlichen Bewusstsein der jüdischen Propheten. Doch mir schien, der „Allah“ des Alten Testaments und des Talmud sei unnötig damit beschäftigt, die Rituale festzulegen, in denen seine Verehrer ihn anzubeten hätten. Außerdem schien mir Allah von Anfang an auf geradezu erstaunliche Weise mit dem Schicksal eines bestimmten Volkes, nämlich der Juden, beschäftigt zu sein. Schon die Struktur des Alten Testaments als Geschichte der Nachkommen Abrahams lässt den Eindruck entstehen, Allah sei nicht der Schöpfer und Erhalter der gesamten Menschheit, sondern vielmehr eine Stammesgottheit, die für die Bedürfnisse eines auserwählten Volkes innerhalb der gesamten Schöpfung sorgt: Wenn sie gute Taten vollbringen, belohnt er sie mit der Eroberung von Ländern, und sobald sie von dem für sie bestimmten Weg abweichen, zwingt er sie durch die Hände der Ungläubigen, Leid und Demütigung zu erdulden. Im Licht dieser grundlegenden Mängel betrachtet, scheint selbst die sittliche Begeisterung späterer Propheten wie Jesaja und Jeremia keine universelle Botschaft zu enthalten.

Doch obwohl das Ergebnis meiner frühen Studien dem Erwarteten entgegengesetzt war – denn sie hatten mich nicht zur Religion meiner Vorväter hingezogen, sondern mich vielmehr von ihr fortgetrieben –, halfen sie mir später, den grundlegenden Zweck jeder Religion zu verstehen, wie immer ihre Gestalt auch sein mag, denke ich manchmal. Obwohl mich das Judentum enttäuscht hatte, unternahm ich damals keinen Versuch, irgendwo anders nach geistiger Wahrheit zu suchen. Unter dem Einfluss einer skeptischen Umgebung lehnte ich, wie viele andere Jungen meines Alters, kurzerhand jede formale Religion ab. Da Religion mir nie mehr als ein großes System von Verboten und Vorschriften zu sein schien, hatte ich, nachdem ich mich von ihr abgewandt hatte, tatsächlich keinen weiteren Bezug zu ihr. Was ich wollte, war nicht wesentlich etwas anderes als das, was beinahe alle Jungen wollen – ich wollte handeln, ich wollte Abenteuer und Aufregung!

Um das Jahr neunzehnhundertvierzehn, als der Große Krieg bereits begonnen hatte, schien mir die erste große Gelegenheit, meine kindlichen Träume zu verwirklichen, zum Greifen nahe. Mit vierzehn Jahren lief ich von der Schule fort und trat unter falschem Namen in die österreichische Armee ein. Im Verhältnis zu meinem Alter war ich sehr groß; mühelos konnte ich als Achtzehnjähriger durchgehen, und achtzehn war das Mindestalter für die Aufnahme ins Heer. Doch offensichtlich besaß ich keinerlei soldatische Eigenschaften. Etwa eine Woche später spürte mein Vater mich mithilfe der Polizei auf. Danach wurde ich auf beschämende Weise nach Wien gebracht, wo meine Familie einige Zeit zuvor zu leben begonnen hatte. Fast vier Jahre später wurde ich tatsächlich und rechtlich in die österreichischen Streitkräfte aufgenommen, doch schon vorher war mein Traum vom militärischen Ruhm erloschen; ich suchte nun auf anderem Wege nach meiner Erfüllung. Wie dem auch sei, wenige Wochen nachdem ich in die Armee eingetreten war, brach die Revolution aus, das österreichische Kaiserreich zerfiel, und auch der Krieg ging zu Ende.

Nach dem Ersten Weltkrieg studierte ich etwa zwei Jahre lang mehr oder weniger planlos Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Wien. Mein Herz hing nicht an diesen Studien. Das ruhige akademische Leben besaß für mich keinerlei Anziehungskraft. Ich spürte das Verlangen, mich tiefer mit dem Leben auseinanderzusetzen, den Wunsch, in das Leben einzutreten. Ohne mich auf die künstlichen Schutzvorrichtungen zu stützen, die sicherheitsliebende Menschen um sich herum errichten, wollte ich in das Leben eintreten – ich wollte selbst den Weg finden, um die geistige Ordnung hinter allen Dingen zu begreifen, von deren Existenz ich gewiss wusste, die ich damals jedoch noch nicht deutlich erkennen konnte.

Es ist überhaupt nicht leicht, in Worte zu fassen, was ich damals unter geistiger Ordnung verstand. Gewiss dachte ich über diese Frage nicht im gewöhnlichen religiösen Sinn nach; vielmehr könnte man sagen: in überhaupt keinem bestimmten Sinn. Wenn ich mir selbst gerecht werden will, muss ich sagen, dass diese Unklarheit, diese Unbestimmtheit nicht von mir selbst geschaffen war – sie war in Wahrheit die Unklarheit und Unbestimmtheit eines ganzen Zeitalters.

Ein Kennzeichen der ersten Jahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts war die geistige Leere. All die moralischen Werte, an die Europa sich im Laufe vieler Jahrhunderte gewöhnt hatte, verloren unter dem furchtbaren Druck dessen, was sich zwischen 1914 und 1918 ereignete, ihre klaren Umrisse und wurden formlos. Und an ihre Stelle war noch nirgends ein neues Gefüge von Werten getreten. Jeder verspürte ein Gefühl der Vergänglichkeit und Ungewissheit, eine Vorahnung gesellschaftlicher und seelischer Umwälzungen, die den Menschen daran zweifeln ließ, ob es in menschlichem Denken und menschlichem Streben jemals wieder so etwas wie Beständigkeit geben könne. Alles schien in einer formlosen, gestaltlosen Flut dahinzutreiben. Und die geistige Unruhe der Jugend fand nirgends Halt. Da es keinen zuverlässigen Maßstab der Moral gab, konnte niemand uns jungen Menschen befriedigende Antworten auf all die Fragen geben, vor denen wir ratlos standen. Die Wissenschaft hatte verkündet: »Wissen ist alles« – und hatte dabei übersehen, dass Wissen ohne ein sittliches Ziel nur Verwirrung hervorbringen kann. Sozialreformer, Revolutionäre und Kommunisten – ohne Zweifel wollten sie alle eine bessere und glücklichere Welt schaffen –, doch jeder von ihnen dachte nur im Licht der äußeren gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse; um die Missstände zu beheben, erhoben sie ihre materialistische Auffassung der Geschichte zu einer neuen Metaphysik – einer antim metaphysischen Metaphysik. Die gewöhnlichen Gläubigen wussten indessen nichts Besseres, als Gott jene Eigenschaften zuzuschreiben, die sie aus ihrer eigenen Denkweise gewonnen hatten und die schon lange starr und bedeutungslos geworden waren. Und als wir Jungen sahen, dass das, was in der Welt um uns geschah, häufig in krassem Widerspruch zu den eingebildeten göttlichen Eigenschaften stand, sagten wir uns: »Die Eigenschaften, die Gott zugeschrieben werden, unterscheiden sich offensichtlich von den bestimmenden Kräften des menschlichen Schicksals und sind von ihnen unabhängig. Also gibt es keinen Gott.« Nur sehr wenige von uns kamen auf den Gedanken, dass der Grund für all diese Verwirrung vielleicht in den launenhaften Gemütsbewegungen der selbstherrlichen Hüter der Religion lag – jener Menschen, die beanspruchten, das Recht zu haben, »Gott zu definieren«, und die Gott dadurch, dass sie ihm ihr eigenes Gewand anzogen, von den Menschen und ihrem Schicksal getrennt hatten.

Diese Ungewissheit und Wandelbarkeit hinsichtlich der Frage, wie man im persönlichen Leben handeln solle, kann zu einem tiefen moralischen Chaos und zu Geringschätzung für die Kunst, die Schönheit und die Kultur des Menschen führen; andererseits kann sie auch die Suche nach einem schöpferischen, persönlichen Weg zu dem fördern, was ein edles Leben ausmacht.

Indirekt war diese intuitive Erkenntnis vielleicht der Grund dafür, dass ich an der Universität als Hauptfach die Geschichte der Kunst gewählt hatte. Mir schien, die eigentliche Aufgabe der Kunst bestehe darin, in unserem Geist ein Muster der Vereinigung einer harmonischen Vielfalt sichtbar zu machen, die gewiss unter all den bruchstückhaften Bildern liegt, die unsere Wahrnehmung uns aus den Geschehnissen enthüllt – ein Muster, das nur durch die Hilfe imaginativen Denkens vollständig zum Ausdruck gebracht werden kann. Es versteht sich von selbst, dass mein Studienfach mich nicht zufriedenstellte. Mir schien, meine Professoren – unter ihnen etwa Strzygowski und Dvořák, die auf ihren jeweiligen Forschungsgebieten herausragend waren – seien allzu sehr damit beschäftigt, in der Ästhetik jene Regeln und Gesetzmäßigkeiten zu entdecken, durch die die Schöpfung von Kunst gelenkt wird; nur sehr wenig versuchten sie, die geistigen Schwingungen zu enthüllen, die ihrem innersten Wesen zugrunde liegen. Mit anderen Worten: Ihrer Auffassung von Kunst waren meiner Meinung nach allzu enge Grenzen gesetzt; sie beschränkte sich auf jene Formen und Stilmittel, durch die die Kunst Ausdruck findet.

Auch mit den Schlussfolgerungen der Psychoanalyse, mit denen ich in jenen Tagen jugendlicher Verwirrung bekannt wurde, blieb ich – vielleicht aus etwas anderen Gründen – gleichermaßen unzufrieden. Zweifellos erschien die Psychoanalyse damals als eine erstklassige psychologische Revolution. Ich spürte zutiefst: Indem sie die bislang verschlossenen, nun aber neu geöffneten Tore des Wissens und der Erkenntnis aufstieß, würde sie die Vorstellungen des Menschen von sich selbst und von der Gesellschaft tiefgreifend beeinflussen, vielleicht sogar völlig verändern; die Entdeckung der Rolle, die die Wünsche und Begierden des Unbewussten bei der Bildung der menschlichen Persönlichkeit spielen, hatte zweifellos den Weg zu einer tieferen Selbsterkenntnis freigemacht, den uns die früheren psychologischen Theorien nicht hatten weisen können. All dies war ich bereit anzuerkennen – ja, die Faszination des Freud’schen Denkens war für mich so stark wie die berauschende Wirkung von Wein. Viele Abende hörte ich in den Wiener Cafés den erregten Gesprächen einiger Wegbereiter der Psychoanalyse in ihren Anfängen zu, etwa Alfred Adler, Herman Stekel und Otto Gross. Doch die Grundlagen ihrer Analyse beunruhigten mich, denn diese Wissenschaft wollte alle Geheimnisse der menschlichen Seele auf einige nervöse Reaktionen und Gegenreaktionen reduzieren. Die philosophischen Schlussfolgerungen, zu denen der Begründer dieser Lehre und seine Anhänger gelangten, erschienen mir aus irgendeinem Grund allzu subtil, allzu gewiss und allzu vereinfachend; daher schien mir, dass diese Schlussfolgerungen nicht die Fähigkeit besaßen, der absoluten Wahrheit näher zu kommen; außerdem enthielten sie gewiss keinen Hinweis auf einen neuen Weg zu einem höheren Leben.

Obwohl diese Probleme meinen Geist häufig beschäftigten, empfand ich sie keineswegs als besonders bedrückend. Für das Nachdenken über übersinnliche Dinge oder für die bewusste Suche nach Wahrheiten, die nur als Vorstellungen existieren, hatte ich mich nie sonderlich interessiert. Meine Aufmerksamkeit galt allem, was man sehen und fühlen konnte, der Bevölkerung, ihrem Tun und ihren vielfältigen Beziehungen. Und genau zu dieser Zeit begann ich, Beziehungen zu Frauen zu entdecken.

Unmittelbar nach dem Großen Krieg begann der weitreichende Zerfall der allgemein anerkannten Werte; im Zuge dieses Zerfalls lockerten sich auch viele der Schranken und Verbote, die in den Beziehungen zwischen Frauen und Männern bestanden hatten. Meiner Ansicht nach war dies weniger eine Rebellion gegen die enge Engstirnigkeit des neunzehnten Jahrhunderts als vielmehr ein unwillkürliches Hineingeschleudertwerden aus einem Zustand in sein völliges Gegenteil – aus einem Zustand, in dem bestimmte moralische Grundsätze als ewig und unantastbar galten, in einen anderen, in dem alles zum Gegenstand der Erörterung geworden war. Es war die Rückkehr des Pendels vom Glauben an den unaufhaltsamen aufwärts gerichteten Fortschritt der Menschheit zu Spenglers bitterem Pessimismus, zu Nietzsches moralischem Relativismus und zu der durch die Psychoanalyse hervorgerufenen geistigen Leere. Wenn man auf die frühen Jahre der Nachkriegszeit zurückblickt, scheint es, als seien die jungen Männer und Frauen, die so begeistert über die »Befreiung des Körpers« sprachen und schrieben, von der zutiefst erregenden Inspiration jenes Gottes, des Pan, zu dem sie bei jeder Gelegenheit Zuflucht nahmen, weit entfernt gewesen. Ihre Gefühlswelt war allzu behaglich, als dass sie Revolutionäre hätten sein können. Gewöhnlich kam es zwischen ihnen unvermittelt und ohne Überlegung zum Geschlechtsverkehr; eine solche stumpfe, teilnahmslose Lethargie endete häufig in ungehemmtem Geschlechtsverkehr.

Selbst wenn ich mich der Herrschaft dessen unterworfen hätte, was von der herkömmlichen Moral noch übrig war, wäre es äußerst schwierig gewesen, mich vor dem Wind zu schützen, der so weit verbreitet und so mächtig geworden war. Vielmehr empfand ich, wie viele andere meiner Generation, gerade auf das, was als Auflehnung gegen die hohlen Normen galt, einen gewissen Stolz. Ein Liebesspiel wurde leicht zu einer Liebesbeziehung, und manche Liebesbeziehung nahm die Gestalt leidenschaftlicher Begierde an. Ich behaupte keineswegs, dass ich ein Wüstling war, denn selbst in meinen jugendlichen Liebschaften, so belanglos und vergänglich sie auch gewesen sein mögen, schwang stets ein undeutliches, doch starkes Hoffnungsflüstern mit: Vielleicht konnte jene schreckliche Einsamkeit, die einen Mann so offenkundig von einem anderen Mann trennte, durch die Vereinigung eines Mannes und einer Frau überwunden werden.

… … .      ..                  .. ………….                     … .                    …  … … .      ..

Meine Unruhe nahm immer weiter zu. Daher wurde es für mich zunehmend schwieriger, mein Universitätsstudium fortzusetzen. Schließlich beschloss ich, das Studium ganz aufzugeben und mein Glück im Journalismus zu versuchen. Doch mein Vater stellte sich dem vehement entgegen. Für seinen Widerspruch führte er wohl noch stärkere Gründe an, als ich damals bereit gewesen wäre zu akzeptieren. Er sagte, bevor ich das Schreiben zu meinem Beruf machte, müsse ich wenigstens mir selbst beweisen, dass ich schreiben könne. Nach einer heftigen Diskussion schloss er seine Ausführungen mit den Worten: „Wie dem auch sei, es ist bisher nicht bekannt, dass ein Doktorgrad jemanden daran gehindert hätte, ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden.“ Seine Argumentation war makellos und unanfechtbar. Doch ich war völlig unerfahren, überaus zuversichtlich und äußerst ungestüm. Als ich erkannte, dass er seine Meinung unter keinen Umständen ändern würde, blieb mir nichts anderes übrig, als mein Leben nach meinen eigenen Vorstellungen zu beginnen. Ohne jemandem meine Absichten mitzuteilen, verließ ich eines Sommertages im Jahr 1920 Wien und bestieg einen Personenzug nach Prag.

Abgesehen von meinen persönlichen Sachen besaß ich nichts außer einem Diamantring. Den Ring hatte ich von meiner Mutter bekommen. Meine Mutter war ein Jahr zuvor in den Himmel eingegangen. In Prag war ein Café der wichtigste Treffpunkt der Literaten; mithilfe eines Kellners dieses Cafés verkaufte ich den Ring. Höchstwahrscheinlich wurde ich dabei gründlich übervorteilt; dennoch erschien mir das Geld, das ich erhielt, wie der Schatz von sieben Königen. Mit diesem Vermögen in der Tasche kam ich nach Berlin. Dort stellte mich ein paar Wiener Freunden zufolge jemand dem magischen Kreis von Künstlern und Literaten im alten Café des Westens vor.

Ich erkannte, dass ich von nun an ohne die Hilfe anderer meinen eigenen Weg gehen musste. Von meiner Familie würde ich keine finanzielle Unterstützung mehr erwarten oder annehmen. Einige Wochen später, als der Zorn meines Vaters etwas nachgelassen hatte, schrieb er mir: „Jetzt kann ich deutlich vor mir sehen, wie du eines Tages als vagabundierender Landstreicher am Straßenrand in einer Gosse tot daliegst.“ Ich antwortete umgehend: „Nein, für mich gibt es keine Gosse am Straßenrand – Sie werden sehen, ich werde ganz nach oben gelangen.“ Wie ich den Gipfel erreichen sollte, war mir damals keineswegs klar; doch ich wusste, dass ich schreiben, Schriftsteller werden wollte – und ich hatte auch den Glauben gewonnen, dass die Welt der Literaten sehnsüchtig auf mich wartete, die Arme weit und großzügig ausgebreitet.

Einige Monate später war mein Bargeld aufgebraucht; nun machte ich mich eifrig auf die Suche nach einer Arbeit. Für einen jungen Mann, der den ehrgeizigen Wunsch hatte, Journalist zu werden, lag es nahe, eine Anstellung bei einer der berühmten Tageszeitungen zu suchen. Doch ich musste feststellen, dass sie mich nicht mochten; freilich begriff ich das nicht sofort. Um dies zu erkennen, musste ich wochenlang über die Berliner Bürgersteige auf und ab gehen, und wie quälend dieses Umhergehen war – denn selbst das Geld für die U-Bahn oder ein Taxi aufzubringen, war damals schon ein Problem. Außerdem kam ich nach unzähligen demütigenden Vorstellungsgesprächen mit Chefredakteuren, Nachrichtenredakteuren und stellvertretenden Redakteuren zu demselben Schluss: Ohne ein Wunder hatte kein junger Mann, der nicht eine einzige Zeile vorzuweisen hatte, auch nur die geringste Chance.

Für mich geschah kein Wunder. In seinem Gefolge lernte ich den Hunger kennen, und viele Wochen lang lebte ich von nichts anderem als den beiden Stückchen Brot, die mir meine Vermieterin jeden Morgen gab. Auch die literarischen Freunde, deren Bekanntschaft ich im Café des Westens machte, konnten für einen rohen, unerfahrenen angehenden Schriftsteller wie mich nicht viel tun. So vergingen die Tage, während sie selbst am äußersten Rand des Nichts saßen und mit größter Mühe versuchten, wenigstens das Kinn über Wasser zu halten. Bisweilen kam es durch glückliche Fügung zu einem plötzlichen Anflug von Wohlstand, wenn jemand einen guten Text oder ein Bild verkaufen konnte; dann gab der eine oder andere eine Bier-und-Frankfurter-Party und forderte mich auf, an diesem unverhofften Glück teilzuhaben. Manchmal lud uns auch irgendein aufdringlicher, von Minderwertigkeitsgefühlen geplagter Neureicher in seine Wohnung ein und starrte uns mit einer Mischung aus Furcht und Ehrfurcht an, während wir unsere leeren Mägen mit Kaviar, Canapés und Champagner füllten und die Freundlichkeit unseres Gastgebers mit unseren „Einblicken in das böhmische Leben“ vergolten. Doch solche Ereignisse waren die Ausnahme. Die allgemeine Regel jener Tage waren strenges Fasten, und meine nächtlichen Träume waren voll von frischen, dicken, mit Butter bestrichenen Brotscheiben. Mehrmals wollte ich meinem Vater schreiben und ihn um Hilfe bitten. Sicher hätte er dies nicht abgelehnt. Doch jedes Mal hinderte mich meine Würde daran; statt um Hilfe zu bitten, schrieb ich ihm lieber, ich hätte eine ausgezeichnete Stelle ergattert und bezöge ein hohes Gehalt.

Schließlich kam dank eines glücklichen Geschicks eine Veränderung. Ich lernte F. W. Murnau kennen. Er hatte gerade als aufstrebender Filmproduzent die Schwelle zum Ruhm betreten. (Ich lernte ihn wenige Jahre kennen, bevor er nach Hollywood ging. Dort erlangte er noch größeren Ruhm und starb schließlich vorzeitig auf tragische Weise.) Murnau war von einer launenhaften Rücksichtslosigkeit, und gerade deshalb war er bei all seinen Freunden äußerst beliebt. Auf den ersten Blick fühlte er sich zu diesem jungen Mann hingezogen, der trotz all dieser Widrigkeiten voller Zuversicht und gespannt auf die Zukunft blickte. Er fragte mich, ob ich bereit sei, bei dem neuen Film, den er gerade zu beginnen gedachte, als sein Assistent zu arbeiten. Obwohl die Arbeit nur sehr vorübergehend sein würde, kam es mir vor, als öffneten sich vor mir die Tore des Paradieses, als ich stammelnd sagte: „Ja – ja, ich bin bereit.“

Zwei glänzende Monate – frei von Geldsorgen! Vollständig versunken in einer Art wunderbarer, fremdartiger Erfahrungen, wie ich sie in meinem Leben noch nie gemacht hatte, arbeitete ich weiter als Marnos Assistent. Mein Selbstvertrauen wuchs gewaltig; und dieses Selbstvertrauen wurde gewiss nicht dadurch geschmälert, dass die Hauptdarstellerin des Films – eine berühmte und schöne Filmschauspielerin – sich durch das Liebesspiel des jungen Assistenten des Regisseurs nicht bedroht fühlte. Nachdem die Arbeit an dem Film beendet war und Marno sich anschickte, mit einem neuen Auftrag ins Ausland zu reisen, verabschiedete ich mich von ihm in dem Glauben, dass die schlimmsten Tage meines Lebens vorüber seien.

Kurz darauf bat mich ein Wiener Journalistenfreund, der sich damals in Berlin als Theaterkritiker einen Namen gemacht hatte – er hieß Anton Kuh –, ihm beim Verfassen eines Drehbuchs für einen Film zu helfen. Mir war die Aufgabe übertragen worden, das Drehbuch zu schreiben. Ich sagte mit ungeheurem Enthusiasmus zu. Ich glaube, dass ich mich für dieses Werk furchtbar angestrengt hatte. Wie dem auch sei, der Regisseur war zufrieden und zahlte uns das versprochene Honorar; Anton und ich teilten das Geld unter uns zu gleichen Teilen. Um unseren Eintritt in die Filmwelt unvergesslich zu machen, veranstalteten wir in Berlins elegantestem Restaurant eine Party. Als wir die Rechnung verlangten, um die Kosten des Restaurants zu begleichen, stellten wir fest, dass unser gesamtes Geld für Hummer, Kaviar und französischen Wein draufging. Doch das Glück war uns hold. Sofort machten wir uns daran, ein weiteres Drehbuch zu schreiben, diesmal über Balzac – einen völlig frei erfundenen Film, der auf einem seiner seltsamen, ebenfalls frei erfundenen Erlebnisse beruhte! Nicht nur das: Noch am Tag, an dem wir das Werk vollendeten, fanden wir auch einen Käufer dafür. Diesmal veranstalteten wir zu unserem Erfolg kein „Festmahl“. Stattdessen brachen wir zu einem mehrwöchigen Erholungsaufenthalt in den bayerischen Landen auf.

Dann folgte ein weiteres Jahr – ein Jahr voller tollkühner Erfolge und Misserfolge. Nachdem ich in verschiedenen Städten Mitteleuropas die unterschiedlichsten vorübergehenden Arbeiten verrichtet hatte, gelang es mir, in die Welt der Zeitungen einzutreten.

Dieser Durchbruch erfolgte im Herbst 1921, nach einer weiteren kurzen Zeit finanzieller Schwierigkeiten. Eines Tages saß ich im Café des Westens, müde und trostlos. Da kam ein Freund und setzte sich an meinen Tisch. Als ich ihm von meinen Schwierigkeiten erzählte, gab er mir folgenden Rat:

„Für dich könnte sich eine Gelegenheit ergeben. Dr. Damart ist gerade dabei, mit Unterstützung der United Press of America eine Nachrichtenagentur zu gründen. Diese Agentur wird United Telegraph heißen. Ich glaube, er wird zahlreiche Redakteure brauchen. Wenn du möchtest, kann ich dich mit ihm bekannt machen.“

Um die zwanziger Jahre war Dr. Damart in den politischen Kreisen Deutschlands eine bekannte Persönlichkeit. Unter den Mitgliedern der Katholischen Zentrumspartei war er wirklich herausragend. Die Vorstellung, als sein Assistent arbeiten zu können, erschien mir verlockend.

Am nächsten Tag brachte mich mein Freund in das Büro von Dr. Damart. Der sympathische Mann mittleren Alters bat uns in höflichem und freundschaftlichem Ton, Platz zu nehmen.

„Herr Fingal. (So hieß mein Freund.) Er hat mir von Ihnen erzählt; haben Sie schon einmal als Journalist gearbeitet?“

–Nein, Sir«, antworte ich. »Aber ich habe reichlich andere Erfahrungen. Sie können sagen, dass ich ein Spezialist für die osteuropäischen Länder bin und viele Sprachen beherrsche. (In Wirklichkeit konnte ich nur eine einzige osteuropäische Sprache sprechen, nämlich Polnisch, und hatte nur eine äußerst vage Vorstellung davon, was sich damals in jener Region ereignete. Dennoch war ich fest entschlossen. Durch unnötige Bescheidenheit würde ich meine Chance nicht verspielen.)

–Ach, tatsächlich? Ausgezeichnet!«, bemerkte Dr. Damart mit einem weiteren Lachen. »Ich mag Spezialisten sehr. Aber leider kann ich dich im Augenblick für keine Arbeit in osteuropäischen Angelegenheiten einsetzen.«

Offenbar hatte er den Schatten der Enttäuschung auf meinem Gesicht bemerkt, denn er sagte sofort: »Trotzdem habe ich eine Arbeit für dich – allerdings ist sie vielleicht nicht ganz deiner Würde angemessen …«

–Was für eine Arbeit, Sir?«, fragte ich, da ich daran dachte, dass ich meine Miete noch immer nicht bezahlen konnte.

–Sieh mal, ich brauche noch ein paar Telefonisten – nein, nein, mach dir keine Sorgen, keine Telefonvermittler. Ich brauche Telefonisten, die den Provinzzeitungen Meldungen durchgeben …«

Für meine Ambitionen war dieser Vorschlag beleidigend. Ich sah Dr. Damart an, und er sah mich an. Als ich bemerkte, wie sich die heiteren, humorvollen Fältchen um seine Augen zusammenzogen, begriff ich, dass mein hochmütiges Spiel gescheitert war.

–Ich werde es tun, Sir«, erwiderte ich mit einem Seufzer und einem Lächeln.

In der folgenden Woche begann ich meine neue Arbeit. Sie war äußerst eintönig und ermüdend. Mit dem journalistischen Leben, von dem ich geträumt hatte, hatte sie nur wenig zu tun. Meine Aufgabe bestand darin, mehrmals am Tag kurze Meldungen per Telefon an die Zeitungen unserer Nachrichtenagentur in den verschiedenen Regionen des Landes zu übermitteln. Allerdings war ich ein ausgezeichneter Telefonist, und mein Gehalt war ebenfalls ausgezeichnet!

Einen Monat lang arbeitete ich auf diese Weise. Die Arbeit war äußerst eintönig und ermüdend. Mit den Träumen vom Journalistenleben, die ich gehegt hatte, hatte sie nur wenig zu tun. Meine Aufgabe bestand darin, mehrmals täglich mithilfe des Telefons kurze Meldungen an die Zeitungen unserer Nachrichtenagentur in den verschiedenen Landesteilen zu übermitteln. Doch ich war ein ausgezeichneter Telefonist, und mein Gehalt war ebenfalls ausgezeichnet!

Einen Monat lang arbeitete ich auf diese Weise. Am Ende des Monats bot sich mir eine völlig unerwartete Gelegenheit.

Im Jahr 1921 brach in Russland eine Hungersnot aus, deren Ausmaß beispiellos grausam war. Dutzende Millionen Menschen hungerten, und Hunderttausende starben. Die Zeitungen in ganz Europa wetteiferten in ihren erschütternden Schilderungen dieser Lage. Mehrere Pläne zur Entsendung ausländischer Hilfsgüter wurden ausgearbeitet; einen davon leitete Herbert Hoover, der nach dem Weltkrieg umfangreiche Hilfe für Mitteleuropa geleistet hatte. In Russland selbst führte Maxim Gorki eine groß angelegte Hilfsaktion an. Seine dramatischen Appelle um Hilfe erschütterten die ganze Welt, und es wurde eifrig gemunkelt, seine Frau werde schon bald die Hauptstädte Mitteleuropas bereisen, um für wirksamere Hilfe öffentliche Unterstützung zu gewinnen.

Ich war lediglich ein Telefonist. Daher hatte ich mit der Berichterstattung über dieses aufregende Ereignis unmittelbar nichts zu tun, doch schließlich wurde ich durch eine beiläufige Bemerkung eines zufälligen Bekannten ganz unerwartet darin verwickelt. (Solche zufälligen Bekannten hatte ich an den ungewöhnlichsten Orten viele.) In diesem Fall war mein Bekannter der Nachtportier des Hotels Esplanade, einer der gerissensten Männer Berlins, und er sagte: „Sehen Sie, Madame Gorki ist eine wunderbare Frau – niemand käme je auf den Gedanken, dass sie eine Bolschewikin ist!“

– „Madame Gorki? Wo hast du sie gesehen?“

Der Informant senkt die Stimme und flüstert: „Sie ist in unserem Hotel. Sie ist erst gestern angekommen, hat sich jedoch unter einem anderen Namen in das Hotelbuch eingetragen. Nur der Manager weiß, wer sie ist. Sie will nicht, dass Reporter sie belagern.“

– „Aber woher weißt du das?“

– „Wir Portiers wissen alles, was im Hotel vor sich geht“, sagt er mit einem breiten Grinsen. „Glauben Sie, unser Job würde lange bestehen, wenn wir nicht einmal das wüssten?“

Was für eine großartige Sache wäre es, eine Verbindung zu Madame Gorki herzustellen, ein exklusives Interview mit ihr zu bekommen! Zumal in den Zeitungen bisher kein einziges Wort darüber gedruckt worden war, dass sie sich in Berlin aufhielt. Augenblicklich begann meine Fantasie Feuer zu fangen.

– Kannst du irgendwie dafür sorgen, dass ich sie treffe? fragte ich meinen Freund.

– Ich weiß nicht, ob ich das kann – Madame Gorki ist äußerst darauf bedacht, dass niemand etwas über sie erfährt. Aber ja, vielleicht kann ich etwas tun. Wenn du abends in der Lobby sitzt, kann ich sie dir vielleicht durch ein Zeichen zeigen.

Das war die Abmachung mit ihm. Ich eilte zu meinem Büro bei United Telegraph. Fast alle waren bereits gegangen, aber glücklicherweise saß der Nachrichtenredakteur noch an seinem Schreibtisch und arbeitete. Ich setzte ihn unter Druck: Wenn ich Ihnen verspreche, eine sensationelle Geschichte zu beschaffen, geben Sie mir dann einen Presseausweis?

– Was für eine Geschichte? fragte er misstrauisch.

– Geben Sie mir den Presseausweis, und ich werde Ihnen die Geschichte liefern. Wenn ich das nicht tue, können Sie den Ausweis jederzeit zurückverlangen.

Schließlich ließ sich der alte, nachrichtenbesessene Mann von mir überzeugen. Ich verließ das Büro mit einem Ausweis – als stolzer Besitzer eines Dokuments, dank dessen ich mich nun als Vertreter von United Telegraph ausweisen konnte.

Die nächsten Stunden verbrachte ich in der Lobby des Esplanade (im Eingangsbereich). Um neun Uhr kam mein Freund zur Arbeit. Er blieb in der Tür stehen und gab mir ein Zeichen mit den Augen; dann verschwand er hinter dem Empfangstresen und kam einige Minuten später zurück, um mir zu sagen, dass Madame Gorki nicht in ihrem Zimmer sei, sondern ausgegangen.

– „Wenn du geduldig lange genug sitzen bleibst, wirst du sie ganz gewiss sehen, sobald sie kommt.“

Gegen elf Uhr erhielt ich das Zeichen meines Freundes. Heimlich deutete er auf eine Frau, die gerade durch die Drehtür hereinkam: eine schöne, etwa vierzig- bis fünfundvierzigjährige Frau von kleiner Gestalt, bekleidet mit einem schwarzen, äußerst elegant geschnittenen Kleid und einem weiten, ärmellosen Überwurf, der hinter ihr über den Boden schleifte, während sie ging. In ihrem Auftreten war sie derart vornehm und ausgesprochen aristokratisch, dass es wirklich schwerfiel, sie sich als die Frau des „Dichters der Kulis und Arbeiter“ vorzustellen, und noch schwerer, sie sich als Bürgerin der Sowjetunion vorzustellen. Ich versperrte ihr den Weg, verbeugte mich zur Begrüßung und setzte dann meine Stimme so gewinnend wie möglich ein, um sie anzusprechen: „Madame Gorki …“

Einen Augenblick lang stand sie in verblüfftem Erstaunen wie erstarrt da. Allmählich leuchteten ihre schönen schwarzen Augen in einem leisen Lächeln auf. Dann antwortete sie in einem so ausgezeichneten Deutsch, dass nur eine ganz leichte slawische Färbung zu erkennen war: „Ich bin nicht Madame Gorki – du hast dich geirrt. Ich heiße soundso“ (sie nannte einen Namen, der wie ein russischer Name klang, den ich jedoch vergessen habe).

– „Nein, Madame Gorki“, beharrte ich, „ich weiß, dass ich mich nicht geirrt habe. Ich weiß auch, dass Sie nicht von uns Reportern belästigt werden wollen – aber wenn Sie mir die Gelegenheit geben, ein paar Minuten mit Ihnen zu sprechen, wäre das für mich genug – ja, für mich wäre es genug. Diese Gelegenheit ist die erste meines Lebens, die Gelegenheit, mich zu behaupten. Ich bin sicher, dass Sie mir diese Gelegenheit nicht verderben werden.“ Danach zeigte ich ihr meine Pressekarte: „Ich habe sie erst heute bekommen – und wenn ich keinen Bericht über mein Gespräch mit Madame Gorki liefern kann, muss ich diese Karte zurückgeben.“

Auf dem Gesicht der vornehmen Dame lag noch immer dasselbe leise Lächeln. „Aber wenn ich schwöre, dass ich nicht Madame Gorki bin, wirst du mir dann glauben?“

– „Was immer Sie beschwören, werde ich glauben.“

Die Frau brach in Lachen aus. „Du bist ja ein ganz prächtiger Bursche.“ (Ob ihr schöner Kopf überhaupt bis zu meiner Schulter reichte, ist fraglich.) „Ich werde dich nicht belügen. Du hast gewonnen. Aber den restlichen Abend können wir nicht in der Lobby verbringen. Bist du bereit, mir in meinem Zimmer beim Tee Gesellschaft zu leisten und mich ein wenig zu erfreuen?“

So kam ich in den Genuss, in Madame Gorkis Zimmer Tee zu trinken. Fast eine Stunde lang schilderte sie die Schrecken der Hungersnot genau so, wie sie sich zugetragen hatten. Als ich mich dann um Mitternacht von ihr verabschiedete, nahm ich viele Seiten mit, auf denen ich zahlreiche Notizen gemacht hatte.

Als die mit mir Nachtdienst habenden Redakteure im Büro von United Telegraph mich zu dieser ungewöhnlichen Stunde dort sahen, weiteten sich ihre Augen vor Staunen. Doch ich hielt es nicht für nötig, irgendeine Erklärung abzugeben. Denn ich hatte dringende Arbeit zu erledigen. Kaum hatte ich den Bericht über mein Interview niedergeschrieben, buchte ich, ohne auf den Redakteur zu warten, für jede Zeitung unserer Kunden einen dringenden Press Call.

Am nächsten Morgen explodierte die Bombe. In keiner der berühmten Berliner Tageszeitungen war auch nur ein Wort über Madame Gorkis Anwesenheit erschienen, während jede Provinzzeitung unter den Kunden unserer Nachrichtenagentur auf der ersten Seite ihren eigenen Bericht über das Interview des Sonderkorrespondenten von United Telegraph mit Madame Gorki veröffentlichte. Der Telefonist hatte einen erstklassigen Bericht verfasst!

Am Nachmittag fand im Büro von Dr. Damart eine Besprechung der Redakteure statt. Ich wurde dorthin gerufen, und anschließend hielt man mir einen Vortrag darüber, dass wichtige Nachrichten niemals ohne die Genehmigung des Nachrichtenredakteurs verbreitet werden dürften. Nach diesem einleitenden Vortrag wurde mir mitgeteilt, dass ich zum Reporter befördert worden war.

Endlich war ich ein Journalist geworden.

Vier

Leise, sanfte Schritte im Sand: Zayed kommt vom Brunnen zurück und trägt einen mit Wasser gefüllten Wasserschlauch. Mit einem dumpfen Plumps lässt er den Wasserschlauch auf den Boden fallen, dann widmet er sich wieder dem Kochen unseres Mittagessens: Reis und ein kleines Stück Hammelfleisch, das er am Vorabend im Dorf gekauft hatte. Ein letztes Mal rührt er mit dem Schöpflöffel darin, und nachdem aus dem Topf gurgelnd Dampf aufgestiegen ist, wendet er sich mir zu:

„Werden Sie jetzt essen, Onkel?“ Ohne meine Antwort abzuwarten – denn er weiß, dass meine Antwort nur Ja lauten kann –, häuft er das Essen aus dem Topf auf eine große Platte und stellt sie vor mich; dann füllt er einen Messingkrug mit Wasser und hält ihn mir hin, damit ich mir die Hände wasche:

„Bismillah, möge Allah uns ein langes Leben schenken.“ Dann setzen wir uns einander gegenüber im Lotussitz hin und beginnen, mit den Fingern der rechten Hand zu essen.

Wir aßen schweigend. Keiner von uns beiden verstand sich darauf, viel zu reden; außerdem war mein Geist inzwischen, wie dem auch sei, in das Reich alter Erinnerungen versunken. Ich dachte an meine früheren Tage im arabischen Land, an die Zeit, als ich Zaid noch nicht einmal begegnet war. Daher konnte ich nicht klar sprechen; ich redete nur in Gedanken mit mir selbst weiter und vermischte den Geschmack und den Duft der Stimmungen vergangener Augenblicke mit meiner gegenwärtigen Stimmung.

Nachdem wir gegessen hatten, lehnte ich mich an den Sattel meines Kamels zurück. Meine Finger spielten mit dem Sand, während ich zu den Sternen am stillen, schweigenden Himmel Arabiens emporblickte. Mir kam der Gedanke, wie wunderbar es wäre, jemanden an meiner Seite zu haben, dem ich alles, was in jenen fernen Jahren meines Lebens geschehen war, mit offenem Herzen erzählen könnte! Doch außer Zaid war niemand bei mir. Zaid war ein wunderbarer und treuer Mensch – in vielen einsamen Augenblicken meines Lebens hatte ich ihn als Gefährten an meiner Seite gehabt. Zaid war äußerst scharfsinnig; selbst die feinsten Dinge entgingen ihm nicht, und sein Wissen um den menschlichen Charakter war tief. Doch wenn ich ihn mit seitwärts geneigtem Kopf verstohlen betrachtete – sein wohlgeformtes, reines Gesicht, eingerahmt von langen Locken, war gerade über die Kaffeetasse gebeugt, als hätte er alles vergessen, und im nächsten Augenblick wandte Zaid den Kopf und blickte zu den Kamelen, die ganz in unserer Nähe auf dem Boden saßen und friedlich wiederkäuten –, dann begriff ich, dass ich einen ganz anderen Zuhörer wollte; jemanden, der nicht nur mit jener fernen Vergangenheit verbunden war, sondern auch weit entfernt von den Bildern, Geräuschen und Gerüchen meiner gegenwärtigen Tage und Nächte stand, vor dem ich die Knoten meiner Erinnerungen einen nach dem anderen lösen konnte, damit seine Augen sie sehen konnten und später auch meine Augen sie von Neuem sehen konnten – jemanden, der mir auf diese Weise helfen würde, mein eigenes vergangenes Leben im Netz meiner Worte einzufangen.

Doch hier war niemand außer Zaid. Und Zaid war ja die verkörperte Gegenwart.

 

Der Wind

Eins

Wir zogen weiter und weiter – zwei Menschen auf zwei Kamelen –, und der Morgen verging und zog an uns vorbei.

„Das ist höchst merkwürdig – höchst erstaunlich“, erklang Zaids Stimme in der Stille.

„Was ist so erstaunlich, Zaid?“

–Ist das nicht eine erstaunliche Sache, Onkel? Noch vor wenigen Tagen waren wir nach Tayma unterwegs, aber jetzt sind unsere Kamele Mekka zugewandt. Ich glaube, dass auch Sie vor jener Nacht selbst nicht wussten, wohin es ging. Sie sind ein Wanderer wie Baddu … genau wie ich! Onkel, war es etwa ein Dschinn, der vor vier Jahren plötzlich in mir den Wunsch erweckte, Sie in Mekka zu treffen, und nun in Ihnen den Entschluss entstehen ließ, nach Mekka zu gehen? Treiben wir also vom Wind getragen dahin, weil wir nicht wissen, was wir wollen?“

–Nein, Zayd, du und ich – wir treiben freiwillig auf dem Wind dahin, denn wir wissen, was wir wollen; unser Herz weiß es, auch wenn unser Denken bisweilen etwas länger braucht, um es zu begreifen. Doch schließlich folgt unser Denken dem Takt unseres Herzens, und dann glauben wir, zu einer Entscheidung gelangt zu sein …!

.. .                        .. .                        …                            .. .             .. .                …

Vielleicht wusste mein Herz es auch an jenem Tag vor zehn Jahren noch nicht, als ich an Deck eines Schiffes stand. Das Schiff brachte mich auf meiner ersten Reise in den Nahen Osten, südwärts, durch das Schwarze Meer, durch die trübe Undurchsichtigkeit einer grauen, grenzenlosen, nebligen Nacht, und nach einem nebelverhangenen Morgengrauen dem Bosporus entgegen. Das Meer schien aus Blei zu sein; bisweilen spritzte Gischt über das Deck, und die Schläge der Maschine glichen Herzschlägen!

Ich stand am Geländer und blickte in die fahle Düsternis. Hätte mich damals jemand gefragt, worüber ich in jenem Augenblick nachdachte oder mit welchen Erwartungen ich zu meiner ersten Reise in den Orient aufgebrochen war, hätte ich nur sehr schwer eine klare Antwort geben können. Neugier vielleicht, aber keine heftige Neugier, und offenbar galt sie Dingen, die keine besondere Bedeutung besaßen. Der Nebel meines Unbehagens, der irgendwie mit dem über dem Meer dichter werdenden Nebel zusammenzuhängen schien, richtete sich nicht auf fremde Länder oder die Menschen der kommenden Tage, auf die Bilder der nahen Zukunft, die seltsamen Städte und Häfen und die Gesichter, auf die fremde Kleidung und die fremden Sitten, die schon bald vor meinen Augen auftauchen sollten; in meinen Gedanken nahmen sie nur sehr wenig Raum ein. Die Reise erschien mir in gewisser Weise als etwas Zufälliges. Ich nahm sie als eine angenehme, wenn auch nicht besonders wichtige Unterbrechung meiner langen Reise an. Damals war mein Geist von Gedanken an die Vergangenheit beunruhigt und zerstreut!

Die Vergangenheit? Habe ich wirklich eine Vergangenheit? Ich war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Doch Menschen meines Alters – Menschen, die zu Beginn dieses Jahrhunderts geboren worden waren – waren vermutlich sehr viel schneller erwachsen geworden als die Menschen irgendeines früheren Zeitalters; in kurzer Zeit hatten sie die Erfahrung eines viel längeren Lebens gesammelt, und mir war, als blickte ich mit weit geöffneten Augen auf die lange Ausdehnung der Zeit zurück. All die Hindernisse und Abenteuer jener Jahre, all jene Hoffnungen und Wünsche, die Versuche und Misserfolge, all jene Frauen und meine ersten ungestümen Angriffe auf das Leben – alles wurde vor meinen Augen lebendig. Da waren jene endlosen Nächte unter einem funkelnden Himmel, in denen ich nicht genau wusste, was ich wollte, und mit einem Freund durch menschenleere Straßen ging, über metaphysische Dinge redend – wobei ich völlig vergaß, wie leer meine Taschen waren und wie ungewiss der kommende Tag für mich; eine beglückende Unzufriedenheit, wie nur ein junger Mensch sie empfinden kann, verbunden mit dem Wunsch, die Welt zu verändern und neu zu erschaffen – die Gesellschaft so zu ordnen, dass jeder aus der Einsamkeit, die ihn umschließt, hervorbrechen und sein Leben in echter gegenseitiger Zusammenarbeit und Freundschaft verbringen könnte. Was ist gut und was ist böse, was ist Schicksal – oder, anders ausgedrückt: Was sollte der Mensch tun, damit er wirklich und nicht nur in Worten mit seinem Leben eins sein und sagen kann: „Ich und mein Schicksal sind nicht voneinander getrennt, wir sind eins“ – solche Gespräche, die niemals enden wollten. Die literarischen Cafés von Wien und Berlin, in denen unaufhörlich über „Form“, „Stil“ und „Ausdrucksweise“, über die Bedeutung politischer Freiheit und über das Verhältnis zwischen Frauen und Männern gestritten wurde … der Hunger nach Erkenntnis und bisweilen auch der Hunger im Bauch … und die Nächte, die man in ungezügelter Sinneslust verbrachte: Im Morgengrauen lag das Bett schmutzig und unordentlich da, während die Erregung der Nacht abebbte und alles allmählich grau, hart und freudlos wurde. Doch wenn der Morgen kam, vergaß ich die leeren Überreste des Morgengrauens, begann schwankend wieder weiterzugehen und spürte, wie die Erde unter meinen Füßen vor Freude bebte … die Erregung, ein neues Gesicht zu sehen oder ein neues Buch in die Hand zu nehmen … die Suche nach Antworten auf Fragen und das Finden halber Antworten – und jene äußerst seltenen Augenblicke, in denen es schien, als sei die Welt plötzlich für einige Sekunden stillgestanden, erhellt vom flüchtigen Licht einer Erkenntnis – einer Erkenntnis, die einen Hinweis auf etwas gab, das noch niemand zuvor zu enthüllen vermocht hatte: eine einzige Antwort auf alle Fragen …

Jene Jahre zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts waren seltsam und erstaunlich. Überall herrschte damals eine Atmosphäre sozialer und moralischer Ungewissheit; eben sie brachte einen maßlosen Optimismus hervor, der sich einerseits in wagemutigen Experimenten in Musik, Malerei und Theater äußerte, andererseits in tastenden, oft revolutionären Erkundungen der Umrisse und Strukturen der Kultur. Doch neben diesem gewaltsam am Leben erhaltenen Optimismus bestand zugleich eine geistige Leere, ein undeutlicher, hochmütiger Relativismus, der aus einer wachsenden Verzweiflung über das Schicksal des Menschen entstanden war.

Trotz meiner Jugend war mir nicht verborgen geblieben, dass in der von Angst gezeichneten, unzufriedenen, von Gefühlen gequälten, aufgewühlten und hochgespannten europäischen Welt nach der Zerstörung des Großen Krieges nichts mehr so recht wie früher funktionierte. Ich erkannte, dass ihr wahrer Gott nichts Geistiges mehr war; ihr einziger Gott hieß „Komfort“, Bequemlichkeit und Wohlleben. Zweifellos gab es damals noch viele Menschen, deren Gefühle und Gedanken von religiöser Bedeutung bestimmt wurden und die verzweifelt darum bemüht waren, ihre moralischen Überzeugungen mit dem Wesenskern ihrer Zivilisation in Einklang zu bringen. Doch sie waren seltene Ausnahmen.

Der durchschnittliche Europäer, ob Demokrat oder Kommunist, Arbeiter oder Intellektueller, schien nur einen einzigen ernsthaften Glauben zu haben: die Verehrung des materiellen Fortschritts – den Glauben, dass es im Leben kein anderes Ziel geben könne, als es immer leichter zu machen, oder, wie es in der modernen Terminologie heißt, dass der einzige Zweck des Lebens darin bestehe, es „aus den Klauen der Natur zu befreien“. Der Tempel dieser Religion sind die riesigen Fabriken, die Kinos, die chemischen und wissenschaftlichen Forschungsanstalten, die Tanzsäle und Wasserkraftwerke; und die Priester solcher Tempel sind Banker, Ingenieure, Politiker, Filmschauspieler, Statistiker, Bildungsdirektoren, Rekordflieger und Kommissare! In der allgemeinen Uneinigkeit über Gut und Böse und in der Zuflucht zum Opportunismus in allen sozialen und wirtschaftlichen Fragen offenbarte sich ein moralisches Versagen – jener Opportunismus, der mit der Dirne einer weiß gekalkten Straße vergleichbar ist, die sich jedem, der sie begehrt, jederzeit hingibt. Die unersättliche Gier nach Macht und Glück hatte die westliche Gesellschaft unausweichlich in verschiedene einander feindliche Gruppen gespalten; jede von ihnen war mit Waffen aller Art ausgerüstet und fest entschlossen, die anderen zu vernichten, wann immer und wo immer ihre gegenseitigen Interessen aufeinanderprallten. Das Ergebnis war auf dem Gebiet der Zivilisation die Hervorbringung eines Menschentyps, für den die praktische Zweckmäßigkeit offenbar der einzige Maßstab der Moral und der weltliche Erfolg das höchste Kriterium für Recht und Unrecht war.

Ich erkannte, wie unglücklich und verwirrt unser Leben geworden war und wie gering die wirkliche Verbindung zwischen den Menschen war, obwohl Gesellschaft und Nation mit ohrenbetäubendem, beinahe wahnsinnigem Geschrei beschworen wurden. Wie weit wir uns von der Welt unserer angeborenen Empfindungen entfernt hatten und wie eng und gereizt unsere Seelen geworden waren. All das sah ich. Doch aus irgendeinem Grund kam mir nie der Gedanke, dass eine teilweise Lösung vielleicht irgendwo außerhalb der eigenen kulturellen Erfahrung Europas liegen könnte; ebenso wenig kam mir je der Gedanke, dass sie in meiner unmittelbaren Umgebung liegen könnte. Anfang und Ende all unseres Denkens war Europa. Und auch die Entdeckung Laozis im Alter von siebzehn Jahren oder ungefähr in diesem Alter vermochte meine Haltung in dieser Hinsicht nicht zu verändern.

  . ..                                        …                                                  …

Das war eine echte Entdeckung. Zuvor hatte ich den Namen Laozi noch nie gehört und nicht die geringste Vorstellung von seiner Philosophie gehabt; da fand ich eines Tages plötzlich auf dem Ladentisch einer Wiener Buchhandlung eine deutsche Übersetzung des Tao-te-King. Der seltsame Titel des Buches weckte meine Neugier. Beim wahllosen Durchblättern fiel mein Blick plötzlich auf eines der kurzen, bedeutungsvollen Kapitel, und ich empfand eine unvermittelte Romantik, einen plötzlichen Schauer, wie einen Stich des Glücks. So vergaß ich meine Umgebung völlig und blieb, das Buch in der Hand, wie gebannt und reglos dort stehen, wo ich stand; denn in diesem Buch erblickte ich das Leben in seiner vollkommen sanften und reinen Gestalt, in jener friedlichen, bescheidenen Freude, die von allen Rissen und Konflikten frei ist und nach oben strebt, einer Freude, für die im menschlichen Herzen immer Raum ist, wenn der Mensch darauf bedacht ist, seine eigene Freiheit gut zu gebrauchen. … Dass dies wahr war, wusste ich: eine Wahrheit, die immer wahr gewesen war, obwohl wir sie vergessen hatten; und in diesem Augenblick erkannte ich diese Wahrheit mit derselben Freude, mit der ein Mensch in sein seit Langem verlorenes Zuhause zurückkehrt …

Einige Jahre lang war Laozi für mich ein besonderes Fenster, durch dessen Spalt ich auf die kristallklaren Bereiche des Lebens blickte – eines Lebens, das fern von aller Enge und den selbstgeschaffenen Ängsten des Menschen war, frei von jener kindischen Laune, die uns zwang, von Augenblick zu Augenblick, ständig und um jeden Preis, durch materiellen Fortschritt die Sicherheit unserer Existenz aufs Neue zu gewährleisten. Nicht dass mir „materieller Fortschritt“ ungerecht oder überflüssig erschienen wäre – vielmehr hielt ich ihn auch damals für nützlich und notwendig. Zugleich aber war in mir die Überzeugung gereift, dass „materieller Fortschritt“ sein eigentliches Ziel, die Vermehrung des allgemeinen Glücks der Menschen, niemals erreichen könne, wenn dieser Fortschritt nicht von einer Neugestaltung unserer geistigen Haltung und einem neuen, von allem anderen unabhängigen Glauben an die höchsten Werte begleitet werde. Doch wie diese Neugestaltung möglich sein sollte und welcher Art diese neue Wertvorstellung sein würde, war mir keineswegs klar.

Der Mensch sollte sich, statt sich krampfhaft an das Leben zu klammern und es zu tyrannisieren, dem Leben anvertrauen – doch die Erwartung, der Mensch werde sein Lebensziel ändern und damit die Richtung seiner Bemühungen und seines Strebens ändern, sobald jemand anfinge, eine solche Lehre wie diese besondere Lehre Laozis zu verkünden, wäre nichts anderes als müßige Phantasie gewesen. Bloße Verkündigung, bloßes intellektuelles Verstehen war überhaupt nicht imstande, die geistige Haltung der europäischen Gesellschaft zu verändern. Nötig war ein neuer Glaube des Herzens, eine neue Religion – die Hingabe an jene Werte, beseelt vom Feuer des Glaubens, in denen es keinen Raum für ein „Wenn“ und „Aber“ gibt. Doch wo sollte diese Religion zu finden sein …?

Aus irgendeinem Grund kam mir nicht der Gedanke, dass Laozi sich gerade gegen die vorübergehende und daher wandelbare intellektuelle Haltung mit solcher Entschiedenheit gewandt hatte. Seine Herausforderung richtete sich vielmehr gegen die grundlegende Vorstellung, aus der diese Haltung hervorgeht. Hätte ich das gewusst, wäre ich zwangsläufig zu dem Schluss gekommen, dass Europa niemals jene unbeschwerte Ruhe der Seele erreichen könne, von der Laozi gesprochen hatte, wenn es nicht den Mut aufbrächte, seine eigenen geistigen und moralischen Grundlagen infrage zu stellen. Natürlich war ich damals noch viel zu jung, um bewusst zu einer solchen Schlussfolgerung zu gelangen. Ich war noch nicht alt genug, die volle Bedeutung und den ganzen Reichtum des Protests dieses chinesischen Weisen zu begreifen. Wahr ist, dass seine Botschaft mein innerstes Wesen erschüttert hatte – sie offenbarte mir eine solche Gestalt des Lebens, in der der Mensch sich mit seinem Schicksal und dadurch mit sich selbst eins fühlen kann. Doch ich konnte nicht erkennen, wie eine solche Philosophie die Grenzen rein geistiger Betrachtung überschreiten und vor dem Hintergrund des europäischen Lebens Wirklichkeit werden konnte. Daher begann ich allmählich zu bezweifeln, ob ihre Verwirklichung überhaupt möglich sei. Ich war damals allerdings noch nicht an den Punkt gelangt, an dem ich mich selbst fragen konnte: Wenn die europäische Lebensweise im Licht seiner Grundsätze beurteilt wird, ist sie dann wirklich die einzig mögliche Lebensweise? Mit anderen Worten: Wie alle anderen in meiner Umgebung war ich völlig von Europas selbstbezogener kultureller Sichtweise befangen.

Daher verstummte Laotses Stimme zwar nie völlig, doch rückte sie allmählich in den Hintergrund meiner nachdenklichen Vorstellungen und wurde mit der Zeit zu nichts weiter als zum Träger schöner Gedichte. Ich las sie noch immer von Zeit zu Zeit und wurde von der Klinge einer beglückenden Erwartung verwundet. Jedes Mal jedoch legte ich das Buch mit dem tiefen Bedauern beiseite, dass es nichts weiter sei als der traumhafte Ruf zu einem Elfenbeinturm und dass ich, obwohl ich mit der missklangvollen, bitteren und gierigen Welt, deren Teil ich war, nicht Schritt halten konnte, dennoch nicht in einem Elfenbeinturm leben wollte.

Dennoch verspürte ich keinerlei Begeisterung für die Ziele und Bestrebungen, die damals unablässig durch das geistige Klima Europas gingen und Europas Literatur, Kunst und Politik mit dem Summen lebhafter Debatten erfüllten; denn so widersprüchlich die meisten dieser Ziele und Bestrebungen auch untereinander waren, hatten sie doch alle eines gemeinsam: die schlichte Vorstellung, dass es tatsächlich möglich sei, das Leben aus seiner gegenwärtigen Verwirrung herauszuführen und es zu „verbessern“, wenn man nur die äußeren wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse verbesserte. Schon damals empfand ich sehr deutlich, dass bloßer materieller Fortschritt keine Lösung war, und obwohl ich nicht mit Gewissheit wusste, wo die Lösung zu finden sein mochte, fand ich in mir niemals einen eindeutigen Beweis für jene Begeisterung und Erregung, die meine Zeitgenossen im Namen des „Fortschritts“ empfanden.

Es stimmt nicht, dass ich unglücklich war. Ich war nie ein nach innen gekehrter Mensch gewesen. Und gerade zu jener Zeit genoss ich in meinem praktischen Leben einen nahezu außergewöhnlichen Erfolg. Obwohl ich nur wenig geneigt war, den Journalismus als Beruf besonders ernst zu nehmen, schien mir meine Arbeit bei United Telegraph viele Wege in die weitere Welt zu eröffnen – denn da ich mehrere Sprachen beherrschte, war ich inzwischen zum stellvertretenden Redakteur befördert worden und hatte die Aufgabe erhalten, die Zeitungen der skandinavischen Länder mit Nachrichten zu versorgen. Das Café de Westens und sein geistiger Erbe, das Romanische Café, waren gewissermaßen die geistige Heimat meines Wesens: An beiden Orten versammelten sich fast alle berühmten Schriftsteller, Künstler, Journalisten, Schauspieler und Filmregisseure jener Zeit. Zu diesen bekannten Menschen unterhielt ich freundschaftliche und bisweilen auch vertraute Beziehungen, und ich betrachtete mich selbst als einen der Ihren – was meine innere Haltung betraf, wenn auch nicht meinen Ruhm. Ich genoss sowohl tiefe Freundschaften als auch flüchtige Liebesbeziehungen. Das Leben war für mich aufregend, voller Verheißungen und Erwartungen und reich an vielfältigen Empfindungen; denn ich wusste nicht, was ich wirklich wollte, obwohl neben der lächerlichen Überheblichkeit der Jugend zugleich die Überzeugung in mir erwuchs, dass ich es eines Tages gewiss wissen würde. So schwang ich zwischen Befriedigung und Unbefriedigung meines Herzens hin und her, ebenso wie viele junge Menschen in jenen erstaunlichen Jahren – denn keiner von uns war wirklich unglücklich; ebenso wahr aber ist, dass damals nur sehr wenige sich bewusst glücklich fühlten.

Ich war nicht unglücklich, doch meine Unfähigkeit, an den unterschiedlichen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Hoffnungen und Bestrebungen der Menschen um mich herum oder irgendeiner ihrer Gruppierungen teilzunehmen, nahm allmählich die Gestalt eines vagen Gefühls an, dass ich wirklich keiner von ihnen sei, dass ich nicht zu ihnen gehöre; zugleich erwuchs in mir undeutlich der Wunsch, irgendwo dazugehören zu müssen – aber wohin? Ich musste Teil von etwas sein – doch wovon?

 …                         …                                             …                                       …

Dann erhielt ich eines Tages im Frühjahr 1922 einen Brief von meinem Onkel Dorian.

Dorian war der jüngste Bruder meiner Mutter. Zwischen uns bestand nicht das gewöhnliche Verhältnis von Onkel und Neffe, sondern eine Freundschaft. Er war Psychoanalytiker und einer der frühen Schüler Freuds; damals leitete er eine psychiatrische Klinik in Jerusalem. Da er selbst kein Zionist war und dem Zionismus auch nicht besonders wohlwollend gegenüberstand, fühlte er sich im Gegenteil zu den Arabern hingezogen, die ihm nichts weiter zu geben hatten. Mein Onkel war unverheiratet, und so konnte dieser junge Neffe ihm in seiner Einsamkeit Gesellschaft leisten. In seinem Brief erinnerte er an jene aufregenden Tage in Wien, als er mich in die neue Welt der Psychoanalyse eingeführt hatte, und schloss mit den Worten: „Komm hierher und bleib ein paar Monate bei mir. Ich übernehme die Kosten für deine Hin- und Rückreise. Du kannst nach Berlin zurückkehren, wann immer du willst. Hier wirst du in einem äußerst angenehmen alten arabischen Steinhaus wohnen, das an heißen Tagen ein wenig kühl ist (und im Winter schrecklich kalt). Wir werden unsere Zeit gemeinsam verbringen. Ich habe sehr viele Bücher; wenn du vom Anblick der seltsam reizvollen Landschaft ringsum müde wirst, kannst du so viel lesen, wie du willst …“

Ich fasste ohne Zögern meinen Entschluss. Diese Entschlossenheit war freilich stets ein Kennzeichen der großen Entscheidungen meines Lebens gewesen. Gleich am nächsten Morgen teilte ich Dr. Damart im Büro von United Telegraph mit: „Ich muss wegen einer dringenden Angelegenheit in den Nahen Osten reisen; deshalb verlasse ich die Agentur innerhalb einer Woche.“

Hätte damals jemand zu mir gesagt, dass meine erste Begegnung mit der islamischen Welt nicht auf ein bloßes Ferienerlebnis beschränkt bleiben, sondern weitreichende Folgen haben und sogar meinem Leben eine andere Richtung geben würde, hätte ich seine Vorstellung als völlig unrealistisch und absurd lachend von mir gewiesen. Es stimmt auch nicht, dass ich – wie die meisten Europäer – frei gewesen wäre von der Faszination jener Länder, mit denen sich mein Geist in der romantischen Atmosphäre der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht verbunden hatte. Natürlich erwartete ich eine Fülle von Farben, ungezügelte Sitten und ungewöhnliche Begegnungen. Doch niemals war mir in den Sinn gekommen, dass ich auch in der Welt des Geistes neue Abenteuer erwarten könnte. Auf dieser neuen Reise schien für mich kein besonderes persönliches Versprechen zu liegen. Die Einsichten, die ich bis dahin in meinem Leben gewonnen hatte, hatte ich ohne Weiteres mit der westlichen Weltanschauung in Einklang gebracht und gehofft, auf diese Weise innerhalb des einzigen mir vertrauten kulturellen Umfelds zu einem weiteren Feld von Empfindungen und Vorstellungen vorzudringen. Und wenn Sie darüber nachdenken, wie hätte ich zu einer anderen Auffassung gelangen können? Ich war ein sehr, sehr junger Europäer und in dem Glauben aufgewachsen, dass der Islam und alles, wofür er steht, nichts weiter seien als ein romantischer Seitenweg der Menschheitsgeschichte; daher sei es schon unangebracht, ihn neben den beiden einzigen Religionen zu erwähnen, die der europäische Westen einer ernsthaften Betrachtung für würdig hält – dem Christentum und dem Judentum –, von einem Vergleich ganz zu schweigen.

Mit dieser vagen europäischen Abneigung gegen islamische Inhalte – nicht jedoch gegen die romantisierte äußere Erscheinung des muslimischen Lebens – trat ich im Sommer 1922 meine Reise an. Um mir selbst gerecht zu werden, kann ich zwar nicht sagen, dass ich in irgendeiner persönlichen Bedeutung versunken gewesen wäre; dennoch war ich unbewusst zutiefst in jene selbstbezogene, kulturell selbstzentrierte Geisteshaltung verstrickt, die zu allen Zeiten ein Merkmal des Westens gewesen ist.

…                                            …                                           …

Und nun bin ich auf dem Weg in den Osten und stehe auf dem Deck eines Schiffes. Eine langsame Reise hat mich nach Constanța gebracht und von dort in dieses neblige Gefilde.

Hinter dem Schleier des Nebels tauchte vor meinen Augen eine rote Mandel auf, dann glitt sie dicht am Schiff vorbei. Da ich die Mandel sehen konnte, begriff ich, dass die Sonne im Begriff war, den Nebel zu durchbrechen und aufzugehen. Einige bleiche Gestalten schienen eine gewisse metallische Härte zu besitzen. Unter ihrem Druck lagerte sich der milchig weiße, dichte Nebel langsam, doch breitete er sich dabei immer weiter aus, auf dem Wasser ab; dann krümmten sich die Nebelmassen und lösten sich in Kreisen voneinander, bis sie sich schließlich zu beiden Seiten der Sonnenstrahlen wie breite, schwebende Blutlachen fächerförmig nach oben erhoben.

„Guten Morgen.“ Eine tiefe, volle Stimme war zu hören. Ich drehte mich um und erkannte den schwarzen Umhang meines Begleiters vom Vorabend. Ich erkannte auch das freundliche, glatte Lächeln auf seinem Gesicht, das ich schon innerhalb unserer wenigen Stunden währenden Bekanntschaft lieb gewonnen hatte. Der Jesuitenpater war halb Pole, halb Franzose und unterrichtete an einem College in Alexandria. Nach seinem Urlaub kehrte er nun an seine Arbeitsstätte zurück. Nachdem wir an Bord gegangen waren, hatten wir den Abend in vertrautem Gespräch verbracht. Obwohl ich bald erkannte, dass unsere Ansichten in vielen Dingen weit auseinandergingen, stimmten wir in vielem auch überein; und ich war damals alt genug, um zu erkennen, dass vor mir ein Mann stand, der einen wunderbaren, ernsthaften und doch humorvollen Geist besaß …

„Guten Morgen, Pater Felix, schauen Sie ein wenig aufs Meer.“

Mit dem Sonnenaufgang erschienen Tageslicht und Farben. Wir standen am Bug des Schiffes, dem Wind des Morgens zugewandt. Gebannt vom Unmöglichen versuchte ich selbst, die Bewegung der Farben im Auf und Ab der Wellen zu bestimmen. Blau? Grün? Grau? Die Farbe hätte blau sein können, doch zugleich glitt ein leuchtender, blutroter Glanz, der flackerte und nichts anderes als ein Widerschein der Sonne war, über die schrägen Täler der Wellen; währenddessen brach der Wellenkamm in schneeweiße Schaummassen zusammen, über die sich etwas stahlgrau, zerfetzt und zerknittert wie Stoff hinwegbewegte. Was noch vor einem Augenblick ein Berg aus Wellen gewesen war, wurde nun zu einer pulsierenden Bewegung – verwandelte sich in tausend winzigste, voneinander getrennte Wirbel; und in den schattigen Vertiefungen dieser Wirbel wandelte sich das blutrote Leuchten in ein dunkles, glattes Grün. Dann stieg dieses Grün nach oben und verwandelte sich in ein zitterndes, pulsierendes Violett, das sich abwärts bewegte und rot wie der erste Wein wurde; doch schon im nächsten Augenblick schoss es wieder mit großer Geschwindigkeit aufwärts, in ein himmelblaues Blau, wurde zum Wellenkamm, brach zusammen, und wieder spannte der weiße Schaum sein Netz über die dahinrollenden Wasserberge, trotzig … Und so ging dieses endlose Spiel weiter.

Die Erkenntnis, dass ich dieses Spiel der Farben und seinen von Augenblick zu Augenblick wechselnden Rhythmus niemals würde erfassen können, erfüllte mich mit einer Unruhe, die beinahe einem körperlichen Gefühl gleichkam. Als ich, könnte man sagen, mit dem Augenwinkel eher beiläufig zu ihm hinüberblickte, schien es mir für einen Augenblick, als ließe sich das Ganze vielleicht in einem einzigen Bild erfassen; doch als ich mich aufmerksam und bewusst konzentrierte – einer besonderen Gewohnheit folgend, eine isolierte Vorstellung mit der nächsten zu verbinden –, erhielt ich nur einige zerbrochene, voneinander getrennte Bilder, nichts weiter. Doch aus dieser Krise, aus dieser eigentümlichen, quälenden Verwirrung heraus, ging mir plötzlich ein äußerst klarer Gedanke auf – oder vielmehr schien es mir in jenem Augenblick genau so –, und ich sagte beinahe unwillkürlich laut vor mich hin:

– „Wer all dies mit seinen Sinnen wahrzunehmen vermag, der wird sein Schicksal beherrschen können.“

– „Ich weiß, was du sagen willst“, antwortete Pater Felix, „aber warum sollte der Mensch sein Schicksal beherrschen wollen? Um dem Leid zu entgehen? Ist es nicht besser, sich vom Schicksal zu befreien?“

– „Sie sprechen ja beinahe wie ein Buddhist, Pater Felix! Sind auch Sie der Meinung, dass das Nirwana das Ziel aller Lebewesen ist?“

– „Nein, nein, gewiss nicht – wir Christen wollen nicht die Vernichtung des Lebens und der Empfindung; wir wollen das Leben lediglich aus dem Bereich der Materie und der Sinne in die Welt des Geistes erheben.“

– „Aber ist das nicht Entsagung?“

– „Das ist keine Entsagung, junger Freund, keine Entsagung! Dies ist der einzige Weg zum wirklichen Leben … zum Frieden …“

Die Straße des Bosporus öffnete sich vor uns – ein breiter Wasserweg, an dessen beiden Ufern sich aus Fels gebildete Berge erhoben. Hier und dort sah ich luftige Gebäude, die auf Pfeilern errichtet waren, Gärten mit Höfen, Zypressenhaine, die sich zu geheimnisvollen Höhen erhoben, und alte Janitscharenfestungen, dicht aufeinandergeschichtete Felsen, die wie die Nester von Raubvögeln über dem Wasser hingen. Es war, als dringe Pater Felix’ Stimme aus weiter Ferne zu uns:

-Denke darüber nach – das tiefste Symbol aller menschlichen Wünsche ist das Symbol des Paradieses. Du wirst es immer sehen, wenn auch stets in verschiedenen Bildern; seine Bedeutung bleibt jedoch immer dieselbe: Der Mensch möchte sich aus den Händen des Schicksals befreien. Im Paradies gibt es für den Menschen kein Schicksal; das Schicksal kam erst, als der Mensch sich den Verlockungen des Körpers und der Natur ergab und so jene Sünde beging, die wir die Erbsünde nennen. Was ist diese Erbsünde? Der Fall der Seele durch die Verführung des Körpers, die sich dem Weg des Menschen entgegenstellt; und diese Verführungen sind in Wahrheit das im Wesen des Menschen zurückgebliebene tierische Naturelement. Das Wesentliche am Menschen, sein menschlicher und sein menschlich-göttlicher Anteil, ist allein seine Seele. Die Reise der Seele führt zum Licht. Doch wegen der Erbsünde wird ihr Weg stets durch Hindernisse versperrt, die aus den Knochen und der nichtgöttlichen Beschaffenheit des Körpers sowie aus seinen Verführungen hervorgehen. Daher besteht das Ziel des Christentums in der Befreiung des Menschen von der vergänglichen tierischen Seite des Lebens und in seiner Rückkehr zu seinem geistigen Erbe!“

Ich sah die berühmte alte Festung Rumili von Duminar. Eine ihrer Mauern – in der sich unzählige Öffnungen befanden, durch die man aus dem Inneren der Festung den Feind angreifen konnte – reichte beinahe bis zum Rand des Ufers hinab. Am Ufer, innerhalb des von den Festungsmauern gebildeten Halbkreises, lag ein kleiner türkischer Friedhof, dessen Grabsteine umgestürzt dalagen, als würden sie im Liegen träumen.

-„Das mag sein, Vater Felix, aber ich glaube – und viele andere in meinem Alter denken ebenso –, dass irgendwo ein Fehler darin liegt, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem in der Beschaffenheit des Körpers zu unterscheiden und Körper und Seele voneinander zu trennen. Kurz gesagt, ich kann Ihnen nicht zustimmen, dass in den Ansprüchen des Körpers, in Blut und Fleisch und im irdischen Schicksal nichts Edles und Heiliges liege – das Ziel meines Verlangens liegt anderswo! Ich träume von einer Gestalt des Lebens, obwohl ich zugebe, dass ich sie hier noch nicht ganz klar erkennen kann –, in der der ganze Mensch, der Mensch aus Körper und Seele, sich um eine immer tiefere Vollkommenheit seines Wesens bemüht, sodass Seele und Sinne nicht länger Feinde voneinander sind; in der der Mensch ebenso die Einheit in seinem eigenen Inneren wie die Einheit mit der Bedeutung seines Schicksals erkennt, sodass er, wenn er den Gipfel seines Lebens erreicht hat, sagen kann: ‚Ich bin mein Schicksal.‘“

-„Das ist ein hellenischer Traum.“ Vater Felix erwiderte: „Aber welches Ende nahm dieser Traum? Zuerst in den orphischen und dionysischen Mysterien, dann in den Gedankengängen Platons und Plotins und schließlich auch in der Erkenntnis, dass Körper und Seele einander widersprechen … Die Befreiung der Seele von der Herrschaft des Körpers – das ist die Bedeutung der christlichen Erlösung, die Bedeutung unseres Glaubens an die Selbstaufopferung unseres Herrn am Kreuz …“ Hier hielt er inne; dann warf er mir einen kurzen Blick zu und sagte: „Siehst du, ich bin nicht immer ein Missionar … Wenn ich dir von meinem Glauben erzähle, verzeih mir, denn es ist nicht dein Glaube …“

-„Aber ich habe überhaupt keinen Glauben“, versichere ich ihm.

-„Ja“, sagt Vater Felix, „das weiß ich. Der Mangel an Glauben – richtiger gesagt, die Unfähigkeit zu glauben – ist die eigentliche Krankheit unserer Zeit. Du lebst, wie viele andere auch, in einer Verwirrung, die tausend Jahre alt ist. Diese Verwirrung besteht darin, dass der Verstand nur die Seite der menschlichen Anstrengung und Bemühung erkennen kann. Der Verstand selbst kann jedoch nicht bis zur geistigen Erkenntnis gelangen, weil er ganz und gar mit der Erreichung weltlicher Ziele beschäftigt ist. Der Glaube – nur der Glaube – kann uns aus dieser Verblendung befreien.“

-„Glaube?“, frage ich. „Sie haben dieses Wort wieder erwähnt. Eine Sache kann ich nicht verstehen: Sie haben gesagt, dass Wissen und ein rechtschaffenes Leben allein durch den Verstand nicht möglich seien; dass man den Glauben brauche – das haben Sie gesagt. Ich stimme Ihnen vollkommen zu. Aber wie soll jemand, der keinen Glauben hat, Glauben erlangen? Gibt es dafür einen Weg, also einen Weg, der unserem Willen offensteht?“

-„Der bloße Wille genügt nicht, lieber Freund. Dieser Weg führt nur durch Allahs Barmherzigkeit zum Ziel. Doch er steht immer nur dem offen, der aus tiefstem Herzen um Licht und Führung betet.“

–Betet er? Aber, Pater Felix, wenn ein Mensch beten kann, besitzt er doch bereits Glauben. Sie führen mich im Kreis herum – denn wenn ein Mensch betet, steht seine Überzeugung von der Existenz dessen, zu dem er betet, doch schon vorher fest. Wie ist diese Überzeugung in ihn gelangt? Durch seinen Verstand? Bedeutet das nicht, dass es unmöglich ist, durch den Verstand Glauben zu erlangen? Und abgesehen davon: Welche Bedeutung kann Gnade für jemanden haben, der keinerlei Erfahrung dieser Art besitzt?

Der Priester zuckte, wie mir schien, reuevoll mit den Schultern. Wer Gott nicht selbst erfahren hat, sollte bereit sein, sich durch die Erfahrungen anderer führen zu lassen – durch die Erfahrungen jener, die Ihn erfahren haben …

……                    .. .                  .. .

Einige Tage später stiegen wir in Alexandria aus, und noch am selben Nachmittag brach ich nach Palästina auf.

Den ganzen Nachmittag über raste der Zug pfeilschnell dahin und durchquerte die sanft-feuchte Landschaft des Deltas. Unterwegs kamen die Kanäle, die vom Nil abzweigten – Städte, die im Schatten zahlreicher Feluken und Mandelbäume lagen. Während ich hinsah, verschwanden hinter uns unzählige kleine Städte; Reihen staubbedeckter, grauer Häuser und schlanker Minarette. Dorf um Dorf, aus erdfarbenen, kastenförmigen Hütten erbaut, eilte rückwärts davon. Abgeerntete Baumwollfelder, Zuckerrohrfelder mit jungen Trieben; schwere, plump gebaute Büffel kehrten nun ohne Hirten nach Hause zurück, nachdem sie den ganzen Tag in schlammgefüllten Tümpeln gelegen hatten – unzählige solche Bilder tauchten vor meinen Augen auf und verschwanden wieder hinter uns. In der Ferne sah ich Menschen in langen Gewändern – es schien, als schwebten sie dahin. So klar und durchsichtig war die Luft unter dem hoch aufragenden blauen, gläsern wirkenden Himmel. An den Ufern der Kanäle beugten sich Schilf und Binsen unter dem Druck des Windes; Frauen in schwarzen, feinen Seidengewändern füllten ihre irdenen Krüge mit Wasser: wunderbar schöne Frauen, schlank und hochgewachsen, langgliedrig; ihr Gang erinnerte an Bäume mit langen, weit ausladenden Ästen, die sich sanft im Wind bewegen und doch fest und stark sind! Junge Frauen und Mütter – alle gingen sie, als schwebten sie dahin.

Der Abend rückt näher, dann zieht er dahin wie der Atem eines gewaltigen Tieres, das sich ausruht. Die schlank gebauten Männer gingen von ihren Feldern nach Hause, und es schien, als bewegten sie sich mit jeweils einem gewaltigen Schritt vorwärts – zugleich hatte ich das Gefühl, als seien sie dem langsam schwindenden Tag entnommen worden. Jeder ihrer Schritte schien eine eigene Existenz zu besitzen – ein in sich selbst vollkommener Schritt, ewig; und im Ewigen gibt es immer nur diesen einen Schritt. Dieses Gefühl sanfter Ruhe – vielleicht lag ihm das berauschende Abendlicht des Nildeltas zugrunde, vielleicht auch nur unsere eigene Unruhe nach all den neuen Eindrücken. Doch was immer der Grund sein mochte, plötzlich spürte ich in meinem Inneren die Last Europas: die Last der absichtsvollen Zielgerichtetheit all unseres Tuns. Ich dachte bei mir: Wie schwer ist es für uns, der Wahrheit zu begegnen! Immer versuchen wir, sie in unserer Hand festzuhalten … doch die Wahrheit lässt sich nicht in der Hand halten. Nur dort, wo die Wahrheit den Menschen überwältigt, ergibt sie sich ihm.

Der Schritt des ägyptischen Feldarbeiters, der inzwischen in der Ferne, in der Dunkelheit, verschwunden war, schwang in meinem Inneren weiter wie eine Musik, die alles Große preist.

Wir erreichen den Sueskanal, biegen plötzlich im rechten Winkel ab und fahren eine Weile nach Norden, am grauschwarzen Ufer entlang, wie eine langgezogene Melodie. Im Mondlicht hat sich der Kanal in eine wirkliche und doch traumhafte breite Straße verwandelt – wie eine glänzende, dunkle Spange aus Metall! Der satte, erschöpfte Boden des Blauen Tals hat mit erstaunlicher Geschwindigkeit Dünen um Dünen Platz gemacht. Diese Dünen umschließen beide Ufer des Kanals mit einer Unbestimmtheit und Schärfe, wie man sie in anderen nächtlichen Landschaften nur selten sieht. In der versunkenen Stille stehen hier die Skelette einzelner Bagger. Drüben, am anderen Ufer, jagt ein Kameltreiber dahin, beinahe unsichtbar, und schon hat ihn die Nacht verschlungen … Was für ein gewaltig einfacher Strom: vom Roten Meer durch die Bitterseen bis zum Mittelmeer … geradewegs durch eine Wüste, damit der Indische Ozean an Europas Anlegestellen branden kann …

Nach einer kurzen Zugfahrt in Kastara bringt eine träge, langsame Fähre die Reisenden hinüber, über einen stillen, reglosen Kanal. Bis zur Abfahrt des Zuges nach Palästina ist noch fast eine Stunde Zeit. Ich setze mich vor das Stationsgebäude. Bis zum Einsetzen der Hitze ist noch fast eine Stunde Zeit. Ich setze mich vor das Stationsgebäude. Die Luft ist heiß und trocken. Rechts von mir liegt die Wüste, links die Wüste – eine ununterbrochene, flimmernde graue Weite, hier und da von Streifen durchzogen und vom vereinzelten Ruf eines Tieres unterbrochen – entweder der Ruf eines Fuchses oder eines Hundes. Ein Beduine steigt mit schweren Säcken aus leuchtendem Teppichstoff von der Fähre und geht auf eine Gruppe in der Ferne zu – und erst jetzt sehe ich, dass sie aus einigen reglosen Menschen und mehreren auf die Knie gesunkenen Kamelen besteht, die mit Lasten beladen und zum Aufbruch bereit sind. Es scheint, als hätten sie auf die Ankunft des Beduinen gewartet. Der Beduine legt seine Säcke mit einem dumpfen Plumps auf den Rücken eines Kamels; ein paar Worte werden gewechselt, dann richten sich die Reiter auf den Vorderbeinen auf, zuerst auf den Hinterbeinen und dann auf den Vorderbeinen, und die Reiter schwanken vor und zurück – dann treiben sie die Kamele mit sanft schmatzenden Lauten davon, und eine Weile folgt mein Blick ihnen: den schwankenden, hellfarbenen Körpern der verschwindenden Tiere und den weiten, braun-weiß gestreiften Gewändern der Beduinen.

Ein Eisenbahner kam auf mich zu. Er trug einen blauen Mantel, und es schien, als sei der Mann lahm. Er zündete seine eigene Zigarette an meiner an und fragte mich in gebrochenem Französisch: „Fahren Sie nach Jerusalem?“ Als ich „Ja“ sagte, fragte er wieder: „Zum ersten Mal?“

Ich bejahe es mit einem Kopfnicken. Er wollte gerade gehen, setzte sich dann aber wieder zu mir: „Haben Sie dort die große Karawane gesehen, die aus der Sinaiwüste gekommen ist? Haben Sie sie nicht gesehen? Dann kommen Sie mit mir, wir gehen zu ihr. Sie haben noch Zeit.“

Durch eine stille Leere gehen wir auf einem schmalen, viel benutzten Weg weiter. Unsere Schuhsohlen sinken in den Sand. Der Weg führt bis zu den Dünen. In der Dunkelheit bellt ein Hund. Während wir uns durch das kleine Dornengestrüpp stolpernd vorwärtsbewegen, dringen viele Stimmen an mein Ohr – undeutlich, wirr, gedämpft, wie die Stimmen vieler Menschen; und mit der trockenen Wüstenluft mischt sich der scharfe und doch sanfte Geruch vieler ruhender Tiere. Plötzlich steigt, wie wir es bisweilen in nebligen Nächten in Städten und Häfen sehen, am Rand des Weges das Flackern des Lichts einer noch unsichtbaren Lampe auf, das nur den Nebel zum Leuchten bringt – eine schmale Flamme steigt von unten nach oben, als käme sie aus der Erde und stiege geradewegs durch die dunkle Luft empor. Es ist der Schein eines Feuers, der aus der tiefen Senke zwischen zwei Dünen aufsteigt; der Weg ist so dicht von Dornen überwuchert, dass ich seinen Grund nicht sehen kann. Jetzt höre ich nur noch die Stimmen der Menschen. Doch die, die sprechen, kann ich noch immer nicht sehen. Ich höre das Schnauben der Kamele und das Geräusch, wie sie sich auf diesem schmalen Weg aneinanderreiben. Der gewaltige schwarze Schatten eines Menschen fällt über das Licht, eilt den Hang auf der gegenüberliegenden Seite hinauf und kommt dann wieder nach unten. Nach einigen weiteren Schritten sehe ich alles: Viele Kamele sitzen mit geknickten Knien in einem großen Kreis auf dem Boden, hier und da liegen neben den Sätteln aufgetürmte Säcke und Bündel – und dazwischen einige menschliche Gestalten! Der Geruch der Tiere ist süß und schwer wie Wein. Von Zeit zu Zeit bewegt eines seine Gestalt, die wegen der Dunkelheit ringsum nicht zu erkennen ist; dann hebt es den Hals und atmet mit einem Laut durch die Nüstern die Nachtluft ein. Es scheint, als seufze es: So höre ich zum ersten Mal in meinem Leben das Seufzen eines Kamels. Ein Schaf blökt leise, ein Hund knurrt, und außerhalb dieses schmalen Weges ist die Nacht überall dunkel und sternenlos.

Inzwischen ist es spät geworden. Ich muss zur Station zurück. Doch ich gehe sehr langsam den Weg zurück, auf dem wir gekommen sind – benommen und auf wundersame Weise erschüttert –, als hätte mich eine derart geheimnisvolle Erfahrung benommen und erschüttert, die eine Ecke meines Herzens ergriffen hat und mich nicht mehr fortgehen lassen wird! Der Zug bringt mich durch die Sinaiwüste. Die Kälte der Wüstennacht und das Stoßen und Rütteln des Wagens auf den Schienen, die auf losem Sand liegen, machen mich müde und schlaflos. Mir gegenüber sitzt ein Beduine in einem gewaltigen kupferfarbenen Abaya. Auch er erstarrt vor Kälte – mit dem Stoff seines Turbans hat er sein Gesicht bedeckt. Mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt er im Schneidersitz auf der Bank, und auf seinem Schoß liegt ein gebogenes Schwert in einer mit Silber verzierten Scheide. Es ist beinahe Morgen. Draußen kann ich die Umrisse der Dünen und der Kaktuswälder erkennen.

Noch immer erinnere ich mich daran, wie an jenem Tag der Morgen anbrach – indem er ein grauschwarzes Bild zeichnete, langsam die Umrisse nachzog – und wie er die Dünen aus der Dunkelheit hob und zu einigen festen, gewaltigen und harmonischen Massen formte. Im allmählich heller werdenden Halbdunkel sah ich einige Zelte; während ich hinsah, verschwanden auch sie hinter uns, und darunter sah ich Fischernetze, wie im Wind ausgespannte Nebelnetze, an weit voneinander entfernt eingeschlagenen Pfählen befestigt und zum Trocknen über dem Boden aufgehängt: Fischernetze in der Wüste, die im Morgenwind schwankten, wie der durchsichtige, unwirkliche Vorhang eines Traums zwischen Tag und Nacht.

Rechts die Wüste – links das Meer. An der Meeresküste sah ich einen einsamen Kameltreiber. Wahrscheinlich hatte er die ganze Nacht auf dem Kamel gesessen. Es schien, als sei er nun eingeschlafen, an den Sattel gelehnt – und die beiden, der Kameltreiber und das Kamel, schwankten im gleichen Rhythmus. Wieder tauchten die schwarzen Zelte der Beduinen auf; die Frauen waren bereits aus den Zelten gekommen, um mit den Tonkrügen auf dem Kopf zum Brunnen zu gehen. Das Halbdunkel wird immer klarer, und in diesem Licht erwacht eine deutliche Welt, als würde sie von einem unsichtbaren Drängen bewegt – als gingen all diese Einfachheit und dieses Wunder daraus hervor, und als hätten sie kein Ende!

Die Sonne breitet sich in immer kräftigeren Strahlen über die Sandmassen aus, und das Grau des Morgens explodiert zu einem Feuerwerk in Orange und Gold. Wir rasen durch die Oase namens Al-Arish. Zu beiden Seiten stehen Reihen von Palmen; die Palmzweige ragen wie Tausende feiner Speere empor, und zwischen Licht und Schatten ist gleichsam ein braun-grünes Gitter entstanden: Mittendurch rasen wir. Ich sah ein Mädchen, das mit einem vollen Krug auf dem Kopf vom Brunnen zurückkam und dann auf einem Weg unter den Palmen weiterging. Das Mädchen trug ein rot-blau gemischtes Kleid mit lang herabhängendem Saum – es schien mir, als sei sie eine vornehme Frau aus einem Märchen!

Die Palmenhaine von al-Arisch tauchten ebenso unvermittelt vor unseren Augen auf, wie sie sogleich wieder aus ihnen verschwanden. Nun reisen wir durch ein schalenfarbenes Licht. Durch die zitternden Fensterscheiben des Wagens liegt jenseits eine solche Stille, wie ich sie niemals für möglich gehalten hätte. Welche Formen und Bewegungen auch immer ins Auge fielen, es schien, als besäße keine von ihnen ein Gestern oder ein Morgen; sie schienen dort in absichtsvoller Einzigartigkeit erstarrt zu sein. Ich sah weichen, zarten Sand, den der Wind in sanfte Dünen verwandelt hatte, die unter der Sonne wie sehr altes Pergament in einem gebrannten Orangeton leuchteten – nur etwas weicher als Pergament und an ihren Brüchen und Biegungen weniger spröde. Auf den Gipfeln der Dünen schlug der Wind, wie die scharfen, präzisen Schläge auf einem Saiteninstrument; die Flanken der Dünen waren von unendlicher Zartheit, und in ihren seichten Mulden und Falten lagen durchsichtige Aquarellschatten – purpurrot, hellblau, karminrot und ein rostähnliches blasses Rot. Milchig leuchtende weiße Wolken, hier und da Kakteenbüsche und zuweilen hartes Gras mit langen Zweigen kamen in Sicht. Ein- oder zweimal sah ich schlanke, barfüßige Beduinen und eine mit Palmzweigen beladene Kamelkarawane, die sie von einem Ort zum anderen führten. Die großartige Landschaft überwältigte mich!

Mehrmals halten wir an kleinen Stationen, die gewöhnlich aus nichts weiter als einigen aus Holz und Blech errichteten Baracken bestehen. Kupferbraune Jungen in zerrissenen Kleidern laufen mit Körben umher und preisen Oliven, hart gekochte Eier und Fisch sowie flaches Brot aus Mehl zum Verkauf an. Der Beduine, der mir gegenübersaß, nahm seinen Turban ab und öffnete das Fenster. Sein Gesicht war schmal, braun und scharf – das Gesicht eines Falken, der stets aufmerksam geradeaus blickt. Er kauft einen Kuchen und will sich wieder umdrehen und hinsetzen; da fällt sein Blick auf mich, und ohne ein Wort zu sagen, bricht er den Kuchen in zwei Stücke und reicht mir die Hälfte. Als er jedoch sah, dass ich zögerte und verwundert war, lachte er, und ich konnte sehen, wie wunderbar dieses sanfte Lächeln zu seinem Gesicht und zu der eben noch darin liegenden Versunkenheit passte. Mit diesem sanften Lächeln sprach er ein Wort aus, das ich damals nicht verstand, jetzt aber verstehe: Er sagte „Tafaddal“ – „Erweisen Sie mir die Ehre, es anzunehmen.“ Ich nahm das Stück Kuchen und dankte ihm mit einem Kopfnicken. Ein anderer Reisender, der eine rote Fes-Mütze trug, während seine übrige Kleidung ganz europäisch war, schien ein kleiner Händler zu sein und übernahm unaufgefordert die Aufgabe des Dolmetschers. In gebrochenem Englisch sagte er:

– „Er sagt, du bist ein Reisender, und auch er ist ein Reisender. Sein Weg und dein Weg sind derselbe.“

Wenn ich heute an diesen kleinen Vorfall denke, scheint mir, dass vielleicht sein Einfluss am Grunde all meiner späteren Liebe zum arabischen Charakter lag. Denn darin, dass dieser Beduine trotz all der Hindernisse der Fremdheit in einem zufälligen Mitreisenden Freundschaft erkannt hatte – und das Brot mit ihm teilen wollte –, muss ich in seinem Verhalten bereits den Glauben und den Schritt zu einer von Lasten befreiten Menschlichkeit gespürt haben!

Kurz darauf lag die alte Stadt Gaza an unserem Weg, gleich einer Lehmfestung, die ihr weit ausgedehntes Leben auf einem Sandhügel zwischen Mauern aus Feigenkakteen verbringt. Mein Beduinengefährte legte seine Bündeltaschen ab, grüßte mich mit ernstem Lächeln und stieg dann aus dem Wagen, wobei er mit dem Saum seines über den Boden geschleiften Gewandes den Sand fegte. Draußen auf dem Bahnsteig standen noch zwei Beduinen. Sie schüttelten ihm die Hand, küssten ihn auf beide Wangen und hießen ihn herzlich willkommen.

Der englisch sprechende Händler legte mir die Hand auf den Arm und sagte: „Kommen Sie mit mir. Wir haben hier fünfzehn Minuten Zeit.“

Auf der anderen Seite des Stationsgebäudes hatte eine Karawane ihre Zelte aufgeschlagen. Mein Begleiter erklärte mir, sie seien Beduinen aus dem nördlichen Hedschas; ihre Gesichter seien braun, staubbedeckt und von wilder Leidenschaft erhitzt. Unser Freund trat in ihre Mitte. Es schien, als sei er eine einigermaßen angesehene Persönlichkeit, denn alle stellten sich halbkreisförmig um ihn und begannen, seine Fragen zu beantworten. Der Händler sprach mit ihnen. Darauf wandten sie sich uns zu. Im Gedanken an das Leben in unseren Städten blickten sie uns mit freundlichen Augen an … Mir schien, als betrachteten sie uns mit einer gewissen stolzen Zerstreutheit. Sie waren von einer Atmosphäre der Freiheit, einer freien Luft, umgeben. In mir erwachte ein heftiges Verlangen, ihr Leben zu verstehen. Die Luft war trocken und erregend; es schien, als dringe sie durch meinen Körper in mein Inneres. In dieser Atmosphäre lösten sich gleichsam alle Knoten der Härte, alle Gedanken wurden wirr, träge und reglos! Darin lag eine solche Zeitlosigkeit, dass jede Szene, jeder Laut, jede Szene, jeder Laut, jeder Geruch eine bestimmte eigene Wertigkeit annahm. Allmählich wurde mir klar: Die Beduinen, die in der Wüstenwelt leben, sehen und empfinden das Leben gewiss völlig anders als die Menschen aller anderen Gegenden; von jenen Obsessionen und Träumen, die den Bewohnern kühlerer und wohlhabenderer Regionen eigen sind, sind sie gewiss frei – vielleicht auch von vielen Träumen und gewiss auch von vielen ihrer Brote! Da sie sich innerlicher auf ihre eigenen Empfindungen verlassen, setzen diese Wüstenbewohner für alle Dinge der Welt gewiss einen völlig anderen Wert fest.

Vielleicht war dies ein Vorzeichen der späteren Umwälzung in meinem eigenen Leben – die mich an jenem ersten Tag in einem arabischen Land beim Anblick der Beduinen überwältigte –, ein Vorzeichen einer Welt, die sich nicht durch eine Grenze definieren lässt und dennoch nicht formlos ist: einer Welt, die in sich selbst vollständig und trotzdem nach allen Seiten offen ist; einer Welt, die schon bald meine eigene Welt werden sollte! Es stimmt nicht, dass ich damals gewusst hätte, was die Zukunft für mich bereithielt; gewiss nicht. Es war vielmehr jenes Gefühl, das man hat, wenn man zum ersten Mal in seinem Leben ein fremdes Haus betritt und einem auf halbem Weg ein unbestimmter Geruch einen undeutlichen Vorgeschmack auf alles gibt, was in diesem Haus geschehen wird – was sich um einen selbst drehen wird –, und wenn es freudige Ereignisse sind, wird man spüren, wie das Herz vom Messer einer plötzlichen Freude durchbohrt wird. Und noch lange, lange nachdem diese Ereignisse vorüber sind, wird man sich daran erinnern und im Stillen sagen: Schon lange zuvor, genau so – und nicht in irgendeiner anderen Gestalt – hatte ich einen Vorgeschmack auf all dies erhalten, in jener Halle, in jenem ersten Augenblick – in jenem ersten Augenblick!

Zwei

Ein heftiger Wind weht über die Wüste, und einen Augenblick lang glaubt Zayed, dass wir einem weiteren Sandsturm entgegengehen. Zwar kam kein Sandsturm, doch der Wind verschonte uns nicht – er folgte uns in regelmäßigen Böen, und als wir in ein Sandtal hinabstiegen, vereinigten sich die Windstöße zu einem ununterbrochenen Zischen. In der Mitte des Tals liegt ein von Palmen erfülltes Dorf mit mehreren voneinander getrennten Siedlungen, von denen jede von Lehmwänden umgeben ist; das Dorf ist vom Staub und Sand, den der Wirbelwind aufwirbelt, beinahe vollständig bedeckt.

Diese Gegend gleicht einer Höhle des Windes: Jeden Tag, vom Morgen bis zum Abend, schlägt die Luft hier unaufhörlich mit ihren kräftigen Flügeln zu, schweigt während der Nacht und erwacht am nächsten Tag mit neuer Kraft. Unter diesen unablässigen Schlägen des Windes können die gebeugten Palmen nicht die Höhe erreichen, die ihnen eigentlich zukäme; sie bleiben verkümmert und breiten ihre Äste ringsum nahe am Boden aus. Für diese Palmen besteht ständig die Gefahr, dass die Dünen von allen Seiten vorrücken. Hätten die Bewohner nicht um jeden Obstgarten Reihen von Tamarisken gepflanzt, wäre das Dorf längst im Sand versunken. Diese hohen Bäume sind widerstandsfähiger als die Palmen. Mit ihren kräftigen Stämmen und ihren immergrünen, raschelnden Zweigen bilden sie rings um die Siedlungen eine lebendige Mauer und gewähren ihnen eine unsichere Sicherheit.

Wir steigen bei dem Lehmhaus des Dorfes Amir ab – offenbar werden wir in dieser Nachmittagshitze hier ein wenig ausruhen. Das für den Empfang der Gäste bestimmte „Kahwa“ ist offen und trägt die Zeichen der Armut. Vor dem steinernen Herd, auf dem der Kaffee gekocht wird, liegt nur eine Strohmatte. Doch selbstverständlich muss jede Armut vor der arabischen Gastfreundschaft zurückweichen: Kaum haben wir uns auf der Matte niedergelassen, werden Zweige in den Herd gesteckt und angezündet; das Klirren der frisch gerösteten Kaffeebohnen, die in einem kupfernen Mörser zerstoßen werden, verleiht dem Raum einen wohnlichen Charakter; und die hellbraunen Datteln, die auf einer großen Schale aufgeschichtet sind, vertreiben den Hunger der Reisenden.

Unser Gastgeber, ein kleiner, schmächtiger alter Mann mit gekrümmtem Rücken und blinzelnden Augen, nur mit einem Baumwolltuch bekleidet und einen Turban auf dem Kopf, fordert uns auf, daran teilzunehmen:

– „Möge Allah euch ein langes Leben schenken. Dieses Haus ist euer Haus. Esst im Namen Allahs. Das ist alles, was wir haben“ – und er macht mit der Hand eine entschuldigende Geste, nur eine einzige Geste; die ganze Last seines Schicksals liegt in jener aufrichtigen Kraft, mit der er die Menschen anspricht, einer Kraft, die den Völkern eigen ist, die in enger Verbundenheit mit einfachen Gefühlen ihr Leben führen – doch die Datteln sind nicht schlecht, esst, ihr Reisenden, mehr können wir euch nicht geben …“

Wahrhaftig, zu den besten Datteln, die ich je in meinem Leben gegessen habe, gehören auch diese, und unser Gastgeber ist ganz offensichtlich glücklich über unseren Hunger, den zu stillen er vermag! Er fährt fort:

– „Der Wind … der Wind … er macht unser Leben hart und beschwerlich; doch es ist Allahs Wille! Der Wind zerstört unsere Bäume und Pflanzen. Wir müssen ständig kämpfen, damit sie nicht vom Sand bedeckt werden. Freilich war es nicht immer so. Früher gab es hier nicht so viel Wind, und damals war das Dorf größer und wohlhabender. Doch jetzt ist das Dorf kleiner geworden. Viele unserer jungen Männer ziehen von hier fort – denn nicht jeder ist fähig, ein solches Leben zu ertragen. Tag für Tag umschließt der Sand uns immer mehr von allen Seiten. Es dauert nicht mehr lange, dann wird für diese Palmen kein Platz mehr bleiben. Dieser Wind … doch wir beklagen uns nicht. Ihr wisst, der Prophet – Allahs Barmherzigkeit sei über ihm – hat uns gesagt: ‚Allah spricht: Tadelt nicht das Schicksal, denn wisst, ich bin das Schicksal …‘

Sehr wahrscheinlich war ich zusammengezuckt – denn der Alte unterbrach seine Worte und sah mich aufmerksam an. Als hätte er verstanden, warum ich zusammengezuckt war, lächelte er leicht. Es war beinahe das Lächeln einer Frau; dieses Lächeln auf dem müden, vom Alter gezeichneten Gesicht zu sehen, wirkte seltsam. Der Alte sagte mit leiser, beinahe einladender Stimme wieder:

„Wisse, ich selbst bin das Schicksal.“ Die Art, wie er bei diesen Worten den Kopf bewegte, brachte seine stolze Anerkennung seiner eigenen Stellung im Leben zum Ausdruck. Niemals zuvor hatte ich eine solche Anerkennung der Wirklichkeit mit so viel Gelassenheit und Gewissheit erlebt, nicht einmal bei glücklichen Menschen. Er beschrieb mit weit ausgebreiteten Armen undeutlich einen leeren Kreis; ihre Bewegung schien beinahe ein Ausdruck von Sinnlichkeit zu sein.

Er zeichnete mit ausgestreckten Armen einen solchen Kreis, in den alles fiel, was mit dem menschlichen Leben hier verbunden war: das ärmliche, dunkle Haus, der Wind und sein ewiges Tosen, das unaufhaltsame Vorrücken des Sandes, das Verlangen nach Glück und die Hingabe an das Unveränderliche; eine mit Datteln gefüllte Schale, der Kampf der Obstgärten ums Überleben hinter den Mauern immergrüner Tamarisken; das Feuer im Herd und irgendwo auf der anderen Seite des Hofes das Lachen eines jungen Mädchens. Und in alledem, in den Gesten und Zeichen, die dies alles belebt und miteinander verbunden hatten, vernahm ich die Harmonie einer kraftvollen Seele, die keine Lage als Hindernis anerkannte und in sich selbst ruhig war.

Ich kehrte weit in die Vergangenheit zurück, zehn Jahre zuvor, nach Jerusalem, zu jenem Herbsttag, an dem ein anderer alter Mann mir von der Hingabe an Allah erzählt hatte – von der Hingabe, durch die der Mensch allein eine friedvolle Beziehung zu Allah und dadurch auch zu seinem eigenen Schicksal herstellen kann.

In jenem Herbst war ich im Haus meines Onkels Dorian, genau im Herzen der alten Stadt Jerusalem. Fast jeden Tag regnete es, sodass ich nicht viel nach draußen gehen konnte. Oft saß ich am Fenster; es ging auf einen riesigen Hof hinter dem Haus hinaus. Der Hof gehörte einem alten Araber, den die Leute „Hadschi“ nannten, weil er den Haddsch nach Mekka unternommen hatte. Er vermietete Esel zum Reiten und zum Transport von Lasten. So war sein Hof zu einer Art Karawanserei geworden.

Jeden Morgen, noch vor Sonnenaufgang, wurden aus den umliegenden Dörfern mit Gemüse und Früchten beladene Kamele herbeigeführt; anschließend lud man die Waren auf Esel und schickte sie durch die engen Gassen zu den Märkten der Stadt. Tagsüber sah ich die gewaltigen, schweren Körper der Kamele auf dem Boden ruhen; ständig waren die Leute damit beschäftigt, die Kamele und Esel zu versorgen und nach ihnen zu sehen. Wenn jedoch ein wolkenbruchartiger Regen einsetzte, mussten sie in den Stall flüchten. Diese Kamel- und Eseltreiber waren arme Leute, und ihre Kleidung war zerrissen; doch in ihrem Auftreten und Benehmen konnte man sie mit freien, unabhängigen Königen vergleichen. Wenn sie sich gemeinsam auf den Boden setzten und flaches Brot aus Mehl mit etwas Käse oder zwei, drei Oliven aßen, konnte ich nicht umhin, die Vornehmheit und Ungezwungenheit ihres Benehmens sowie die Ruhe ihrer Herzen zu bewundern. Deutlich sah ich, dass sie sich selbst achteten und auch alle Dinge ehrten, die zum täglichen Leben nötig waren. Der Hadschi ging auf einen Stock gestützt auf und ab, denn er litt an Rheumatismus und seine Knie waren angeschwollen; unter ihnen war er gewissermaßen der Anführer. Ich sah, wie sie ihm ohne jeden Widerspruch gehorchten. Mehrmals am Tag versammelte er sie zum Salat, und wenn es nicht regnete, verrichteten sie den Salat im Freien. Alle stellten sich in einer einzigen langen Reihe auf, und er trat als ihr Imam vor sie. In der vollkommenen Ausführung der Bewegungen beim Salat wirkten sie wie Soldaten: Gemeinsam wandten sie sich mit gesenktem Kopf nach Mekka, richteten sich wieder auf, knieten nieder und berührten mit der Stirn den Boden. Es schien, als folgten sie den unhörbaren Worten aus dem Mund des Imams – des Imams, der barfuß auf dem Gebetsteppich stand, nachdem er sich aus der Niederwerfung erhoben hatte und bevor er sich erneut niederwarf, die Augen geschlossen, die Hände vor der Brust gefaltet und lautlos die Lippen bewegend; offensichtlich war er in tiefer Versenkung. Ich sah, dass er mit seiner ganzen Seele betete!

Der Anblick eines solchen wahrhaftigen Gebets verbunden mit den beinahe mechanischen Körperbewegungen machte mich etwas verlegen, und eines Tages fragte ich den Hadschi, der etwas Englisch verstand:

„Glauben Sie wirklich, dass Allah möchte, dass Sie sich immer wieder vor Ihm beugen, niederknien und sich niederwerfen, um Ihm Ihre Frömmigkeit zu zeigen? Ist es nicht besser, sich selbst zu betrachten und Ihn in der Abgeschiedenheit des eigenen Herzens anzubeten? Was ist der Grund für diese Art von Körperbewegungen?“

Sobald die Worte meinen Mund verlassen hatten, bereute ich sie, denn ich hatte nicht die Absicht gehabt, die religiösen Gefühle dieses alten Mannes zu verletzen. Doch der „Hadschi“ schien keineswegs gekränkt. Auf seinem zahnlosen Gesicht erschien ein Lächeln, und er sagte:

– „Wie sollten wir sonst Allah verehren? Hat Er nicht Körper und Seele zugleich erschaffen? Hören Sie, ich will es Ihnen sagen: Wir Muslime beten nur so, wie wir beten, und nicht anders. Wir stehen mit dem Gesicht zur Kaaba, zum heiligen Haus Allahs in Mekka, im Bewusstsein dessen, dass die Gesichter aller Muslime auf der ganzen Welt – ganz gleich, wo sie sich befinden – im Gebet diesem Haus zugewandt sind; und dass wir alle zusammen einen einzigen Körper bilden und Allah das Zentrum unserer Gedanken und Vorstellungen ist. Zuerst stehen wir aufrecht und rezitieren aus dem Heiligen Koran, eingedenk dessen, dass dies Sein Wort ist, dem Menschen gegeben, damit er im Leben aufrichtig, gerecht und standhaft sein kann. Danach sagen wir: Allah ist groß, der Allergrößte. Damit erinnern wir uns daran, dass es außer Allah niemanden gibt, der unser Gott sein kann. Nach diesen Worten beugen wir uns tief, weil wir Ihn über alles ehren und Seine Macht und Herrlichkeit preisen. Dann werfen wir uns zur Niederwerfung nieder und berühren mit der Stirn die Erde, weil wir erkennen, dass wir vor Ihm nur Staubkörnchen und nichts sind – und dass Er unser Schöpfer und unser Erhalter ist. Danach heben wir den Kopf von der Erde und sitzen still da und beten, dass Er uns unsere Sünden vergeben, Seine Barmherzigkeit über uns ausgießen und uns auf den geraden Weg führen möge; und dass Er uns Gesundheit und Lebensunterhalt geben möge. Dann gehen wir erneut in die Niederwerfung und legen unsere Stirn im Staub vor der Herrlichkeit des einen Allah nieder. Danach setzen wir uns wieder aufrecht hin und beten, dass Er dem Propheten Muhammad, der uns Allahs Botschaft gebracht hat, Barmherzigkeit erweisen möge, so wie Er den früheren Propheten und Gesandten Barmherzigkeit erwiesen hat. Wir beten, dass Er uns und allen, die dem wahren Weg folgen, Barmherzigkeit erweisen möge; wir bitten Ihn, uns sowohl das Gute dieser Welt als auch das Gute des Jenseits zu schenken. Zuletzt wenden wir den Kopf nach rechts und nach links und sagen: Allahs Frieden und Barmherzigkeit seien mit euch allen. Auf diese Weise grüßen wir alle Rechtschaffenen, wo immer sie sich befinden.“

So verrichtete unser Gesandter (s) das Gebet, und so lehrte er seine Umma zu allen Zeiten, das Gebet zu verrichten, damit sie sich freiwillig Allah ergeben könne; und genau das bedeutet Islam. Auf diese Weise kann sie eine friedvolle Beziehung zu Ihm und auch zu ihrem eigenen Schicksal herstellen.

Natürlich hatte der alte Mann nicht genau diese Worte gebraucht – doch das war der Sinn dessen, was er gesagt hatte, und so erinnere ich mich daran. Einige Jahre später begriff ich, dass der „Hadschi“ mir durch diese Erklärung zum ersten Mal die Tür zum Islam geöffnet hatte. Dennoch begann ich schon lange bevor der Gedanke in mir aufkam, dass der Islam meine eigene Religion werden könnte, Demut zu empfinden – wann immer ich sah, wie ich es oft sah, einen Mann, der barfuß auf seinem Gebetsteppich oder einer Strohmatte stand, die beiden Hände vor der Brust gefaltet, den Kopf gesenkt, völlig in sich versunken und vollkommen vergessend, was um ihn herum geschah – ganz gleich, ob er sich in einer Moschee oder auf dem Gehweg einer geschäftigen Straße befand: ein Mensch, der keinerlei Klage über sich selbst hatte – ruhig und zufrieden!

*         *            *          *          *          *

Das „arabische Steinhaus“, von dem mir Onkel Dorian geschrieben hatte, war wirklich entzückend. Das Haus lag am Rand der „Altstadt“, nahe dem „Jaffa-Tor“. Seine weiten Räume mit den hohen Decken schienen von den Erinnerungen an die Adligen beschwert, die hier in vergangenen Zeiten gewohnt hatten – und seine Mauern vibrierten vom lebendigen Puls der Gegenwart, die von dem nahegelegenen Markt herüberströmte. Und all diese Anblicke, Geräusche und Gerüche waren von einer Art, für die es in meinen bisherigen Erfahrungen nicht die geringste Entsprechung gab.

Als ich auf der Dachterrasse stehen blieb, sah ich das deutlich abgegrenzte Gebiet der Altstadt mit ihren unregelmäßigen, netzartig verzweigten Straßen und den in den Stein geschnittenen Gassen. Am anderen Ende lag, gemessen an seiner gewaltigen Ausdehnung, ganz nahe der Moscheebezirk Salomos; an seinem äußersten Rand befand sich die al-Aqsa-Moschee, die nach Mekka und Medina als die heiligste gilt, und genau in seiner Mitte erhob sich der „Felsendom“. Dahinter erstreckten sich die Mauern der alten Heiligen Stadt in Richtung Kidrontal, und jenseits des Tals erhoben sich sanfte, glatte, von jedem Bewuchs entblößte Berge – nur ihre Hänge waren hier und da durch Olivenbäume gekennzeichnet. Im Osten waren etwas mehr Anzeichen von Fruchtbarkeit zu erkennen; dort sah ich einen Garten, der sich an einem Hang zur Straße hinabzog, dunkelgrün und von Mauern umgeben. Dies war der „Garten Gethsemane“. Aus seiner Mitte glänzten zwischen Olivenbäumen auf der einen und Zypressen auf der anderen Seite die goldenen, zwiebelförmigen Kuppeln einer russischen Kirche.

Es war wie eine klare und doch unbeschreibliche, in tausend Farben schillernde geschmolzene Flüssigkeit, die im Gefäß eines Alchemisten bewegt und erschüttert wurde – jenseits aller Worte, ja sogar jenseits dessen, was der Gedanke zu erfassen vermag. So erschien mir der Anblick vom Ölberg über das Jordantal bis zum Toten Meer. Die welligen Berge schienen vor einem milchig-weißen, leuchtenden Hintergrund wie in einem angehaltenen Atemzug gezeichnet; dazu die dunkelblaue Linie des Jordan, in der Ferne die kreisenden Wirbel des Toten Meeres und noch weiter entfernt, gleichsam eine ganz eigene Welt, die im Zwielicht versunkene Bergkette Moabs – ein so unglaubliches, vielfältiges und formvollendetes Bild der Schönheit, dass mein Herz vor Erregung zu zittern begann.

Für mich war Jerusalem eine völlig neue Welt. Von jedem Ort der „Altstadt“ stiegen so viele historische Erinnerungen auf: jene Straßen, die Jesaja predigen gehört hatten, jene Pflastersteine, über die der heilige Jesus (a.) gegangen war, jene Mauern, die alt geworden waren, als die schweren Schritte römischer Soldaten von ihnen widerhallten, und der Torbogen über dem Eingang, in den eine Inschrift mit den Worten Saladin­s eingemeißelt war. Der Himmel war tiefblau – für jene, die andere Mittelmeerländer kannten, vielleicht nichts Neues. Doch für mich, der ich in einem weit weniger freundlichen Klima aufgewachsen war, war dieses Blau zugleich ein Ruf und ein Versprechen. Häuser und Straßen schienen in ein zitterndes, sanftes Leuchten gehüllt, und die Bewegungen und das Auftreten der Menschen waren ungezwungen, frei von Steifheit, ihre Gesten würdevoll und vornehm – und mit den Menschen sind die Araber dieses Landes gemeint, denn sie hatten sich mir von Anfang an als die Menschen dieses Landes eingeprägt; sie waren aus eben dieser Erde und Geschichte hervorgegangen und mit dem Licht und der Luft hier eins geworden. Ihre Kleidung war vielfältig und farbenprächtig, von einer Länge und Weite, die an biblische Beschreibungen erinnerte; ob Fellach oder Beduine – denn oft sah ich Beduinen zum Kauf und Verkauf von Waren in die Stadt kommen –, jeder trug seine Kleidung auf eigene Weise, stets ein wenig anders als die anderen, als hätte er aus einem Augenblicksimpuls heraus eine ganz eigene Mode erfunden.

Unmittelbar vor Dorians Haus, vielleicht vierzig Ellen entfernt, erhoben sich die dunklen, verwitterten Mauern von Davids Burg – diese Burg war ein Teil der Ruinen der Altstadt; sie war eine echte mittelalterliche arabische Stadtfestung und vermutlich auf den Grundmauern aus der Zeit Herodes’ errichtet worden; ihr Wachtturm war wie ein Minarett hoch und schmal. (Obwohl sie keinen unmittelbaren Bezug zu König David hatte, haben die Juden sie stets so genannt, denn es heißt, dass sich hier auf dem Berg Zion der alte Königspalast befunden habe.) Zur „Altstadt“ hin lag ein niedriges, breites Gebäude, durch das der Eingang führte; unmittelbar vor dem Tor überspannte ein steinerner, bogenförmiger Torbau – eine Brücke – den alten Graben. Wenn die Beduinen in die Stadt kamen, benutzten sie diesen Weg regelmäßig als Treffpunkt. Eines Tages sah ich dort einen hochgewachsenen Beduinen reglos stehen, eine Gestalt vor dem Hintergrund des silbergrauen Himmels, wie eine Figur aus einer alten Sage. Sein scharfes Kinn wurde von einem kurzen, rotbraunen Bart umrahmt, und sein Gesicht trug den Ausdruck tiefer Ernsthaftigkeit: ein trauriges, verblichenes Gesicht, als erwarte er etwas, ohne sich vorstellen zu können, dass es wirklich geschehen werde. Sein breiter braun-weiß gestreifter Umhang war abgetragen und zerrissen! Und plötzlich kam mir – ich weiß nicht, warum –, der Umhang liege seit vielen Monaten auf den Schultern dieses Mannes, seit vielen Monaten voller Gefahren und auf der Flucht. War er vielleicht einer jener wenigen Krieger, die David gefolgt waren? Vielleicht schlief David gerade irgendwo in einer Höhle an den Hängen des Judäischen Gebirges, und dieser treue, tapfere Freund war mit einem Gefährten heimlich in diese Hauptstadt gekommen, um herauszufinden, was „Saul“ über ihren Anführer dachte und ob es sicher war, für ihn zurückzukehren. Und jetzt, in diesem Augenblick, wartete Davids Freund hier auf seinen Gefährten, in der bangen Erwartung großen Unheils: Vielleicht würden sie David keine guten Nachrichten bringen können …

Plötzlich setzte sich der Beduine in Bewegung und begann, den Abhang hinunterzugehen, und meine Traumvorstellung zerbrach. Da fiel mir unvermittelt ein: Dieser Mann war ein Araber, jene Gestalten aus der Bibel aber waren Juden gewesen. Doch mein Erstaunen dauerte nur einen Augenblick, denn plötzlich begriff ich mit jener Klarheit, die bisweilen wie ein Blitz in unserem Inneren aufleuchtet und die Welt für die Dauer eines einzigen Herzschlags erhellt – mit dieser Klarheit begriff ich, dass David und die Menschen aus Davids Zeit ihren arabischen Ursprüngen ebenso nahe waren wie Abraham und die Menschen aus Abrahams Zeit und dass sie deshalb den heutigen Beduinen näherstanden als den heutigen Juden, die sich für Nachkommen Davids und Abrahams halten …

Oft saß ich unter dem Jaffa-Tor auf dem steinernen, spitz zulaufenden Pfeiler und sah zu, wie Scharen von Menschen in die Altstadt hinein- und wieder herausströmten, wobei sie sich aneinander rieben und sich gegenseitig mit den Ellbogen anstießen – Araber und Juden aller möglichen Arten. Da waren die kräftigknochigen Fellachen mit braunen Tüchern oder orangefarbenen Turbanen auf dem Kopf; daneben die Beduinen, deren Gesichter scharf, klar und fast immer hager waren. Sie trugen ihre Umhänge mit einer erstaunlichen Selbstsicherheit, oft beide Hände auf die Hüften gestützt und die Ellbogen ausgestellt, als seien sie sicher, dass jeder ihnen Platz machen werde. Unter ihnen sah ich auch Bäuerinnen: Sie trugen schwarze oder blaue Baumwollgewänder, auf der Brust mit weißen Fäden bestickt; häufig hatten sie einen Kopfschmuck auf und bewegten sich in einem bescheidenen, einfachen und schönen Rhythmus. Von hinten betrachtet, wirkten viele sechzigjährige Frauen noch wie Mädchen. Ihr Blick erschien klar und frei vom Einfluss des Alters – es sei denn, sie waren von Trachom befallen, einer unheilbaren ägyptischen Augenkrankheit, die für alle Länder am östlichen Mittelmeer eine besondere Plage darstellt.

Und ich sah auch die Juden: einheimische Juden, die den „Tarbusch“ und weite, großzügige Umhänge trugen und deren Gesichtszüge eine große Ähnlichkeit mit denen der Araber aufwiesen; Juden, die aus Polen und Russland gekommen waren und so viel Kleinlichkeit und Engstirnigkeit ihres früheren europäischen Lebens mitgebracht hatten, dass es erstaunlich war, wenn sie behaupteten, mit den stolzen, mit weißen Burnussen bekleideten Juden Marokkos und Tunesiens demselben Volk anzugehören. Dennoch waren es die europäischen Juden, die, obwohl sie in dem sie umgebenden Bild deutlich fehl am Platz wirkten, den Ton und die Stimmung des jüdischen Lebens und der jüdischen Politik bestimmten; und deshalb waren sie für die beinahe sichtbare Spannung zwischen Arabern und Juden verantwortlich.

Wie viel wusste ein gewöhnlicher Europäer damals über die Araber? Eigentlich gar nichts. Wenn er in den Nahen Osten kam, brachte er romantische und irrige Vorstellungen mit sich; und wenn er guten Willen besaß und intellektuell ehrlich war, musste er zugeben, dass er überhaupt nichts über die Araber wusste. Bevor ich nach Palästina kam, hatte ich dieses Land nie als ein arabisches Land betrachtet. Zwar hatte ich die vage Vorstellung, dass hier auch „einige“ Araber lebten – doch stellte ich sie mir lediglich als Nomaden vor, als Bewohner von Wüstenzelten und üppigen Oasen. Alles, was ich zuvor über Palästina gelesen hatte, war von Zionisten geschrieben worden; naturgemäß schrieben sie ausschließlich aus ihrer eigenen Sicht. Daher hatte ich nicht verstanden, dass auch die Städte voller Araber waren; ich hatte nicht verstanden, dass es in Palästina noch 1922 auf jeden Juden fünf Araber gab und dass Palästina deshalb bei weitem, um ein Vielfaches mehr ein arabisches als ein jüdisches Land war!

Als ich dies gegenüber Herrn Ussischkin, dem Vorsitzenden des Zionistischen Aktionskomitees, bemerkte, hatte ich den Eindruck, dass die Zionisten nicht einmal bereit waren, die Tatsache der arabischen Mehrheit in Betracht zu ziehen. Sie waren offenbar nicht gewillt, dem arabischen Widerstand gegen den Zionismus irgendeine Bedeutung beizumessen. Die Reaktion Herrn Ussischkins schien mir nichts anderes als Hass und Verachtung gegenüber den Arabern zu sein:

– „In diesem Land gibt es überhaupt keine wirkliche Bewegung der Araber gegen uns – das heißt, keine Bewegung, die in der Bevölkerung verwurzelt ist. Was Sie für Widerstand halten, ist in Wirklichkeit nur das Geschrei einiger unzufriedener Agitatoren. Von selbst wird es in wenigen Monaten – höchstens in einigen Jahren – zusammenbrechen.“

Seine Argumentation erschien mir überhaupt nicht überzeugend. Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass die ganze Idee der jüdischen Besiedlung Palästinas künstlich und unrealistisch war und – was noch gefährlicher war –, dass dadurch sämtliche Verwicklungen und unlösbaren Probleme des europäischen Lebens in ein Land eingeführt zu werden drohten, das vielleicht glücklicher leben könnte, wenn es von all dem verschont bliebe. Die Juden kamen tatsächlich nicht in einer Weise nach Palästina, die man als Rückkehr bezeichnen konnte; vielmehr waren sie entschlossen, Palästina nach europäischen Zielen und nach europäischem Muster in ihre Heimat zu verwandeln. Kurz gesagt, waren sie Fremde, die durch die Tür eingedrungen waren. Daher konnte ich in der entschiedenen arabischen Opposition gegen die Vorstellung einer jüdischen Heimat in ihrer Mitte nichts Anstößiges finden. Im Gegenteil, ich begriff bald, dass der Versuch unternommen wurde, einen jüdischen Staat gewaltsam aufzuzwingen, und dass die Araber mit gutem Grund dagegen kämpften.

In der Balfour-Erklärung von 1917 wurde ein jüdisches „nationales Zuhause“ in Palästina versprochen. In dieser Erklärung erkannte ich einen ausgeklügelten politischen Schachzug, zu dem alle Kolonialmächte zu greifen pflegen. Es war das uralte Prinzip, ein Land durch Teile und Herrsche zu regieren. Im Falle Palästinas war dieses Prinzip noch unverhohlener. Denn 1916 hatten die Engländer dem damaligen Herrscher von Mekka, Scharif Hussein, als Gegenleistung für seine Hilfe für England gegen die Türkei die Errichtung eines unabhängigen arabischen Staates versprochen. Dieser Staat sollte aus sämtlichen Ländern zwischen dem Mittelmeer und dem Persischen Golf bestehen. Die Engländer brachen dieses Versprechen nicht nur schon ein Jahr später durch das Sykes-Picot-Abkommen mit Frankreich, durch das die französische Vorherrschaft über Libanon und Syrien errichtet wurde, sondern Palästina wurde faktisch auch aus dem Verantwortungsbereich ausgeschlossen, den sie in der arabischen Frage übernommen hatten.

Obwohl ich selbst aus einer jüdischen Familie stammte, empfand ich von Anfang an einen heftigen Widerwillen gegen den Zionismus. Abgesehen von meiner persönlichen Sympathie für die Araber erschien es mir als zutiefst unmoralisch, dass Außenseiter mit Hilfe ausländischer Großmächte von außen in dieses Land kommen würden, mit dem offenkundigen Ziel, eine zahlenmäßige Überlegenheit zu erlangen, und auf diese Weise ein Volk aus seinem Land vertreiben würden – aus einem Land, das seit Menschengedenken stets sein Land gewesen war. Daher ergriff ich instinktiv Partei für die Araber, sobald die arabisch-jüdische Frage zur Sprache kam. Und über diese Frage wurde häufig gesprochen. Fast alle Juden, mit denen ich in diesen Monaten in Kontakt kam, waren unfähig, meine Haltung zu verstehen. Sie konnten nicht verstehen, was ich unter den Arabern gesehen hatte. Ihrer Ansicht nach waren die Araber nichts weiter als ein rückständiges Volk. Mit einer Haltung blickten sie auf die Araber, die sich kaum von der Haltung der europäischen Siedler in Zentralafrika unterschied. Es kümmerte sie überhaupt nicht, was die Araber dachten. Fast keiner von ihnen unternahm den Versuch, Arabisch zu lernen, und alle hatten bedenkenlos den Gemeinplatz übernommen, Palästina sei das rechtmäßige Erbe der Juden.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich noch immer an das kurze Gespräch, das ich mit Chaim Weizmann, dem unbestrittenen Führer der zionistischen Bewegung, führte. Er war auf einer seiner regelmäßigen Reisen nach Palästina hierhergekommen. (Soweit ich weiß, befand sich sein ständiger Wohnsitz in Lugano.) Ich begegnete ihm im Haus eines jüdischen Freundes. Ich konnte nicht umhin, von der ungeheuren Lebenskraft dieses Mannes beeindruckt zu sein – einer Lebenskraft, die sich auch in seinen körperlichen Bewegungen und seinen langen, federnden Schritten ausdrückte, während er so im Zimmer auf und ab ging. Auch der Glanz des Verstandes, der auf seiner breiten Stirn hervortrat, und der durchdringende Blick seiner Augen konnten mich nicht unbeeindruckt lassen.

Er sprach von den finanziellen Schwierigkeiten, die der Verwirklichung des Traums von einem jüdischen nationalen Zuhause im Wege standen, und von der geringen Resonanz, die dieser Traum bei den Juden im Ausland fand. Dabei gewann ich einen ärgerlichen Eindruck:

Auch Weizmann war, wie beinahe alle anderen Juden, eifrig bemüht, die moralische Verantwortung für alles, was sich in Palästina ereignete, auf die „Außenwelt“ abzuwälzen. Daher sah ich mich gezwungen, das ehrerbietige Schweigen zu brechen, mit dem alle Anwesenden seinen Worten lauschten. Ich fragte:

– „Aber was ist mit den Arabern?“

Ich hatte sicherlich einen solchen unpassenden Ton in das Gespräch gebracht und damit einen „Fehler“ gemacht, denn Weizmann wandte mir langsam das Gesicht zu, stellte die Tasse, die er in der Hand hielt, ab und wiederholte die Worte:

– „Und was ist mit den Arabern?“

– „Wie können Sie angesichts des heftigen Widerstands der Araber hoffen, Palästina zu Ihrer eigenen Heimat zu machen? Schließlich sind doch die Araber hier in der Mehrheit.“

Der zionistische Führer zuckte mit den Schultern und sagte: „Wir hoffen, dass sie schon in wenigen Jahren nicht mehr die Mehrheit sein werden.“

– „Vielleicht ist es so! Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dieser Frage und verstehen die Lage gewiss besser als ich. Aber abgesehen von all den politischen Hindernissen, die die Araber Ihnen bereiten können – oder vielleicht auch nicht –, bedrückt Sie die moralische Seite dieses Problems denn überhaupt nicht? Finden Sie nicht, dass es Unrecht von Ihnen wäre, diejenigen zu vertreiben, die seit jeher in diesem Land gelebt haben?“

– „Aber dieses Land gehört doch uns“, erwiderte Dr. Weizmann und hob die Brauen, „wir tun doch nichts weiter, als zurückzunehmen, was uns zu Unrecht vorenthalten wurde.“

– „Aber Sie sind seit beinahe zweitausend Jahren von Palästina entfernt. Zuvor haben Sie dieses Land beherrscht, aber niemals das ganze Land – weniger als fünfhundert Jahre lang. Finden Sie nicht, dass die Araber nach derselben Logik Spanien beanspruchen könnten? Schließlich herrschten auch sie etwa siebenhundert Jahre lang über Spanien und verloren es vor ungefähr fünfhundert Jahren vollständig.“

Ich bemerkte, dass Dr. Weizmann ungeduldig geworden war:

– „Unsinn! Die Araber hatten Spanien doch nur ‚erobert‘; dieses Land war niemals ihre ursprüngliche Heimat. Deshalb war es nur recht und billig, dass die Spanier sie schließlich von dort vertrieben.“

– „Verzeihen Sie“, erwiderte ich, „ich glaube, dass darin einige historische Ungenauigkeiten enthalten sind. Auch die Hebräer kamen schließlich als Eroberer nach Palästina. Lange vor ihnen lebten hier zahlreiche semitische und nichtsemitische Stämme – etwa Amoriter, Edomiter, Philister, Moabiter und Hethiter. Auch während der Königreiche Israel und Juda lebten diese Stämme hier. Als die Römer unsere Vorfahren von hier vertrieben, lebten jene Stämme noch immer hier. Und sie leben noch heute hier. Die Araber, die im siebten Jahrhundert diese Region eroberten und sich in Syrien und Palästina niederließen, waren stets nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung. Die übrigen Menschen, die wir heute als palästinensische oder syrische ‚Araber‘ bezeichnen, sind in Wirklichkeit lediglich die arabisierten ursprünglichen Bewohner dieses Landes. Im Laufe vieler Jahrhunderte sind viele von ihnen Muslime geworden. Andere sind Christen geblieben. Die Muslime verheiraten ihre Kinder naturgemäß mit Glaubensgenossen, die aus Arabien stammen. Aber können Sie leugnen, dass die Mehrheit der Menschen in Palästina, die Arabisch sprechen – ob sie nun Muslime oder Christen sind –, unmittelbar von den ursprünglichen Bewohnern dieses Landes abstammt; ursprünglich in dem Sinne, dass sie bereits viele Jahrhunderte vor der Ankunft der Hebräer hier lebten?“

Bei meinem Ausbruch wurde Dr. Weizmann von einem höflichen Lächeln besänftigt und lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema.

Mit dem Ergebnis meiner Einmischung war ich nicht glücklich. Natürlich hatte ich nicht erwartet, dass irgendjemand unter den Anwesenden – schon gar nicht Dr. Weizmann – mir darin zustimmen würde, dass das zionistische Ideal unter moralischen Gesichtspunkten äußerst schwach und hohl sei. Aber ich hatte Folgendes erwartet: Meine Unterstützung für die Ziele der Araber würde, wenn schon nichts anderes, zumindest unter der zionistischen Führung ein gewisses Unbehagen hervorrufen – ein Unbehagen, das sie zu größerer Selbstbesinnung hätte veranlassen und sie vielleicht seelisch stärker darauf hätte vorbereiten können, Folgendes anzuerkennen: Im arabischen Widerstand gegen den Zionismus lag möglicherweise ein moralischer Anspruch. Doch nichts davon geschah. Stattdessen sah ich eine leere Wand, die gleichsam mit hervorgetretenen Augen in meine Richtung starrte: einen von Vorwürfen erfüllten Protest gegen meine Unbesonnenheit – gegen jene Unbesonnenheit, die es gewagt hatte, die unbestreitbaren Rechte der Juden im Land ihrer Vorfahren infrage zu stellen!

Immer wieder dachte ich voller Verwunderung darüber nach, wie es Juden von solch schöpferischer Intelligenz möglich war, den zionistisch-arabischen Konflikt ausschließlich aus der jüdischen Perspektive zu betrachten! Hatten sie nicht begriffen, dass die Lösung des jüdischen Problems in Palästina letztlich nur durch freundschaftliche Zusammenarbeit mit den Arabern möglich sein konnte? Waren sie wirklich so blind gegenüber der Tatsache, dass ihre Politik unausweichlich eine schmerzhafte Zukunft heraufbeschwören würde? Besaßen sie wirklich keinerlei Weitsicht, um zu erkennen, dass diese kleine Insel in Gestalt eines jüdischen Staates, selbst wenn sie militärisch stark wäre, inmitten eines feindseligen arabischen Meeres für immer Konflikten, Hass und Verbitterung ausgesetzt sein würde?

Und wie erstaunlich, dachte ich, dass ein Volk, das in seiner langen und schmerzvollen Geschichte immer wieder ungerechter Gewalt und Unterdrückung zum Opfer gefallen war, nun in seinem verzweifelten Bemühen, seine eigenen Ziele zu verwirklichen, im Begriff war, ein anderes Volk schwer zu unterdrücken – und dass dieses Volk zudem eines war, das an den vergangenen Leiden und Nöten der Juden völlig unschuldig war! Ich wusste, dass sich ein solches Geschehen in der Geschichte noch nie ereignet hatte; dennoch war mein Schmerz grenzenlos, als ich sah, dass es sich vor meinen Augen zu ereignen drohte.

Im Mittelpunkt meiner unablässigen Gedanken über die politische Lage Palästinas stand damals nicht nur mein Mitgefühl für die Araber und meine Sorge über das zionistische Experiment – auch meine journalistische Neugier war dabei wirksam. Denn ich war damals Sonderkorrespondent der „Frankfurter Zeitung“, einer der bedeutendsten Zeitungen Europas. Diese Gelegenheit hatte ich eher zufällig erhalten.

Eines Abends sortierte ich die alten Papiere, die in einen meiner Koffer gestopft waren. Beim Durchsehen fand ich die Karte, die man mir ein Jahr zuvor in Berlin als Vertreter der United Telegraph gegeben hatte. Ich war gerade im Begriff, sie zu zerreißen, als Onkel Dorian meine Hand festhielt und scherzhaft ausrief: „Zerreiß sie nicht. Wenn du diese Karte im Büro der Hochkommission vorzeigst, bekommst du innerhalb weniger Tage eine Einladung zu einem Essen im Regierungsgebäude. Journalisten sind in diesem Land sehr willkommene Geschöpfe.“

Obwohl ich die überflüssige Karte zerrissen hatte, löste der Spott meines Onkels eine Reaktion in mir aus. Gewiss war ich keineswegs begierig auf eine Einladung zu einem Essen in einem Regierungsgebäude – aber warum sollte ich diese seltene Gelegenheit, zu einer solchen Zeit im Nahen Osten zu sein, nicht nutzen, da ich doch sah, dass nur sehr wenige Journalisten aus Mitteleuropa die Möglichkeit bekamen, hierher zu reisen? Warum sollte ich nicht wieder meine journalistische Arbeit aufnehmen? Allerdings nicht als Vertreter von „United Telegraph“, sondern als Korrespondent einer angesehenen Tageszeitung. Und ebenso plötzlich, wie ich in allen wichtigen Angelegenheiten meine Entscheidungen zu treffen pflegte, fasste ich den Entschluss: Ich würde in die Welt des „wirklichen“ Journalismus eintreten!

Obwohl ich ein Jahr lang für „United Telegraph“ gearbeitet hatte, unterhielt ich zu keiner bedeutenden Zeitung direkte Beziehungen. Außerdem war mein Name in der Zeitungswelt noch völlig unbekannt, da bis dahin noch nichts unter meinem eigenen Namen veröffentlicht worden war. Das entmutigte mich jedoch nicht. Ich schrieb einen Artikel über meine Ansichten zu Palästina und schickte Kopien davon an zehn deutsche Zeitungen. Zugleich bot ich an, regelmäßig Artikel über den Nahen Osten zu schreiben.

Es waren die letzten Monate des Jahres 1922 – damals herrschte in Deutschland eine verheerende Hyperinflation. Für die deutschen Zeitungen war es schwierig geworden, sich über Wasser zu halten. Nur sehr wenige Zeitungen konnten ihre Auslandskorrespondenten in einer stabilen Währung bezahlen. Daher war es keineswegs überraschend, dass die zehn Zeitungen, denen ich meinen Probeartikel geschickt hatte, mir eine nach der anderen, in mehr oder weniger höflichen Worten, ihre Ablehnung mitteilten. Von den zehn Zeitungen nahm nur eine meinen Vorschlag an und ernannte mich, offenbar weil ihr gefiel, was ich geschrieben hatte, zu ihrem Sonderkorrespondenten auf Reisen im Nahen Osten. Zugleich schickte sie mir einen Vertrag, nach dem ich bei meiner Rückkehr ein Buch für sie schreiben sollte. Diese Zeitung war die „Frankfurter Zeitung“. Ich war beinahe überwältigt, als ich erkannte, dass ich nicht nur eine Verbindung zu einer einzigen Zeitung – und was für einer! – hergestellt hatte, sondern bereits beim ersten Versuch eine Stellung errungen hatte, die den Neid vieler erfahrener Journalisten hätte wecken können!

Allerdings hatte die Sache auch einen Haken. Wegen der Inflation war die „Frankfurter Zeitung“ nicht in der Lage, mir mein Gehalt in bar auszuzahlen. Höflich erklärten sie, meine Vergütung werde in deutschen Mark berechnet; ebenso wie sie wusste auch ich, dass es damit schwierig sein würde, sogar die Kosten für die Briefmarken auf den Umschlägen aufzubringen, mit denen ich meine Artikel verschicken musste. Doch die Ehre, Sonderkorrespondent der „Frankfurter Zeitung“ zu sein, erschien mir trotz der vorübergehenden Schwierigkeit, als Korrespondent kein Geld zu erhalten, sehr viel wertvoller. Ich begann, Artikel über Palästina zu schreiben, in der Hoffnung, dass ich dank einer glücklichen Wendung des Schicksals, früher oder später, eines Tages vielleicht in der Lage sein würde, den gesamten Nahen Osten zu bereisen.

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In Palästina habe ich inzwischen viele Freunde – sowohl Juden als auch Araber.

Es stimmt, dass die Zionisten mich wegen meiner in den Artikeln der „Frankfurter Zeitung“ deutlich zum Ausdruck gebrachten Sympathie für die Araber mit einer gewissen Verwunderung und zugleich mit Misstrauen betrachteten. Offensichtlich konnten sie sich nicht entscheiden, ob ich von den Arabern „gekauft“ worden war (denn die Zionisten waren daran gewöhnt, fast alles in Begriffen des Geldes zu erklären) oder ob ich einfach ein sonderbarer Intellektueller war, der alles Fremde liebte. Doch nicht alle Juden, die damals in Palästina lebten, waren Zionisten. Einige von ihnen waren nicht aus politischen Gründen nach Palästina gekommen, sondern aus religiöser Hingabe an das Heilige Land und an die damit verbundenen biblischen Erinnerungen und Vorstellungen.

Zu dieser Gruppe gehörte mein niederländischer Freund Jakob de Haan – klein und rundlich, mit einem goldblonden Bart und etwa fünfundvierzig Jahre alt. Bevor ich hierherkam, war er Professor für Recht an einer bedeutenden Universität in Holland gewesen. Nun war er Sonderkorrespondent des Amsterdamer „Handelsblad“ und des Londoner „Daily Express“. Sein religiöser Glaube war tief und ebenso strenggläubig wie der eines jeden Juden aus Osteuropa – doch er unterstützte die zionistische Denkweise nicht, weil er glaubte, dass sie auf die Ankunft des Messias warten müssten, damit ihr Volk in das Gelobte Land zurückkehren könne.

–„Wir Juden“, sagte er mir mehr als einmal, „wir wurden aus dem Heiligen Land vertrieben und über die ganze Welt zerstreut, weil wir die Aufgabe, die Allah uns auferlegt hatte, nicht erfüllt haben. Er hatte uns dazu auserwählt, Sein Wort zu verkünden, aber in unserem überheblichen Hochmut begannen wir zu glauben, Er habe uns bloß aus Gefälligkeit zum ‚auserwählten Volk‘ gemacht – und so haben wir Ihn verraten. Jetzt bleibt uns nichts anderes, als Buße zu tun und unsere Herzen zu läutern. Und wenn wir wieder würdig sein werden, Sein Wort zu hören, wird Er einen Messias senden, um Seine Diener wieder in das verheißene Land zu führen.“

–„Aber“, fragte ich, „liegt nicht auch der Gedanke an einen Messias dem Zionismus zugrunde? Sie wissen, dass ich ihn nicht unterstütze; aber ist es nicht der natürliche Wunsch jedes Volkes, ein eigenes Heimatland zu besitzen?“

Dr. de Haan sah mich mit einem leicht spöttischen Blick an. –„Glauben Sie, die Geschichte sei lediglich eine Abfolge von Ereignissen? Das glaube ich nicht. Dass Allah uns gezwungen hat, unser Land zu verlieren, und uns über verschiedene Länder zerstreut hat, geschah nicht ohne Grund. Aber die Zionisten selbst wollen das nicht anerkennen; sie leiden an eben jener geistigen Blindheit, die für unseren Niedergang verantwortlich war. Zweitausend Jahre des Exils sowie Leid und Not haben die Juden nichts gelehrt. Statt zu versuchen, die eigentliche Ursache unseres Leidens zu verstehen, bemühen sie sich nun, ihm auszuweichen; man könnte sagen, sie errichten auf den von der Politik der westlichen Mächte geschaffenen Grundlagen ein ‚nationales Heim‘ – und bei diesem Versuch, ein nationales Heimatland zu schaffen, begehen sie fortwährend das Verbrechen, ein anderes Volk seiner eigenen Heimat zu berauben!“

Natürlich machten Jakob de Haans politische Ansichten ihn unter den Zionisten höchst unbeliebt (tatsächlich war ich zutiefst erschüttert, als ich wenige Tage nach meinem Verlassen Palästinas erfuhr, dass Terroristen ihn eines Nachts erschossen hatten). Als ich ihn kennenlernte, beschränkte sich sein gesellschaftlicher Umgang auf die wenigen Juden, die seine Ansichten teilten – einige von ihnen waren Europäer, andere Araber. Er schien großes Mitgefühl für die Araber zu empfinden, und auch die Araber hatten eine sehr hohe Meinung von ihm. Sie luden ihn häufig zu sich nach Hause ein. Damals waren die Araber noch nicht dazu übergegangen, Juden schlechthin zu hassen, nur weil sie Juden waren. Erst nach der Balfour-Deklaration – trotz jahrhundertelangen friedlichen Zusammenlebens Seite an Seite und eines Bewusstseins ethnischer Verbundenheit – begannen die Araber, die Juden als politische Feinde zu betrachten. Doch selbst unter den veränderten Umständen zu Beginn des zweiten Jahrzehnts unterschieden die Araber deutlich zwischen Zionisten und freundschaftlich gesinnten Juden wie Dr. de Haan.

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Diese frühen, vom Schicksal bestimmten Monate meiner Reise unter den Arabern schienen einen Strom von Gefühlen und Bewusstseinsreflexionen in Gang zu setzen. Um es zu sagen: Einige unausgesprochene Hoffnungen und Wünsche persönlicher Art begannen in meinem Bewusstsein Raum zu fordern.

Ich begegnete einer Lebensauffassung, die für mich völlig neu war. Es schien, als ströme aus dem Blut dieser Menschen ein warmer, glühender, menschlicher Atem in ihre Gedanken und ihre Gebärden – jene schmerzhaften Risse in der Seele, jene Gespenster der Angst, des Grolls und der seelischen Hemmungen, die das Leben in Europa hässlicher und im Hinblick auf seine Verheißungen so armselig gemacht hatten … Unter diesen Arabern gab es nichts davon. Ohne es selbst zu wissen, begann ich bei den Arabern etwas von dem zu finden, wonach ich mich seit Langem gesehnt hatte: eine gefühlsmäßige Haltung, die es erlaubt, allen Fragen des Lebens mit Leichtigkeit zu begegnen. Man könnte sagen: ein großartiger gesunder Menschenverstand in Gefühlsdingen.

Mit der Zeit wurde es für mich zur wichtigsten Angelegenheit, das innerste Wesen dieses muslimischen Volkes zu verstehen. Nicht, weil mich seine Religion angezogen hätte (denn damals wusste ich noch sehr wenig darüber). Vielmehr wurde es für mich deshalb so wichtig, weil ich unter ihnen eine natürliche Harmonie von Geist und Sinnen wahrnahm, die Europa verloren hatte. Könnte ein eingehenderes Verständnis des Lebens der Araber uns nicht helfen, die verborgene Beziehung zwischen dem Leid und den Qualen unserer westlichen Welt, ihrem zerstörerischen Mangel an menschlicher Verbundenheit und den Ursachen dieses Leids und dieser Qualen zu entdecken? Was hat uns, die Menschen des Westens, gelehrt, vor jener höchsten Freiheit des Lebens zu fliehen, deren diese Araber selbst in diesem Zeitalter ihres geistigen und politischen Niedergangs teilhaftig sind – und deren wir vielleicht irgendwann in der Vergangenheit ebenfalls teilhaftig waren? Wenn es nicht so wäre, wie hätten wir dann die großen Kunstwerke unserer Vergangenheit, die vollendeten Kirchen des Mittelalters, den rauschhaften Überschwang der Renaissance, das Spiel von Licht und Schatten in Rembrandts Gemälden, Bachs musikalische Verzückung, Mozarts zarten, sanften Traum, den Glanz eines Pfauenschweifs in der Malerei unserer Bauern und Beethovens donnernden, hoffnungsvollen Flug zu undeutlichen, fast unschätzbaren Gipfelhöhen erschaffen können, von denen aus der Mensch sagen kann: ‚Ich und mein Schicksal sind eins.

Da wir nicht wissen, worin Wesen und Eigenart der geistigen Kräfte bestehen, ist es uns nicht mehr möglich, sie wirklich zu nutzen. Unter uns wird es niemals wieder einen Beethoven oder einen Rembrandt geben! Stattdessen erleben wir heute in der Kunst, den Sozialwissenschaften und der Staatswissenschaft lediglich erbitterte Auseinandersetzungen über immer neue Ausdrucksformen, unablässig einander widersprechende Parolen und heftige Kämpfe um fein ausgearbeitete, geplante Doktrinen. All unsere Maschinen und himmelhohen Gebäude haben nichts dazu beitragen können, die Ganzheit unserer Seele wiederherzustellen. Und dennoch … Ist jener verlorene geistige Glanz der Vergangenheit Europas tatsächlich für immer verloren? Können wir nicht, wenn wir erkennen, worin wir uns geirrt haben, einen Teil dieses geistigen Glanzes zurückgewinnen?

Was zunächst nur mein Mitgefühl für die politischen Ziele der Araber, für die äußere Gestalt des arabischen Lebens und für jene emotionale Gewissheit gewesen war, die ich unter den Menschen dieses Volkes wahrgenommen hatte, verwandelte sich allmählich und mir unbewusst in etwas, das einer persönlichen Suche gleichkam. Allmählich wurde ich mir eines überwältigenden, ekstatischen Verlangens bewusst – des Verlangens zu erfahren, worauf ihre emotionale Sicherheit und Zuversicht gründeten und was jenes war, das das Leben der Araber so sehr vom westlichen Leben unterschied. Und es schien, als sei dieses Verlangen auf geheimnisvolle Weise mit meinen eigenen tiefsten Problemen verbunden. Ich begann nach einem Weg zu suchen, der mir einen tieferen Einblick in den Charakter und die Vorstellungen der Araber geben würde – in jenen Charakter und jene Vorstellungen, die ihrem Leben eine besondere Gestalt verliehen und sie geistig so deutlich von den Europäern unterschieden. Ich begann, eingehend über ihre Geschichte, ihre Kultur und ihre Religion zu studieren. Und in diesem Drang, das zu entdecken, was ihre Herzen beseelt und erfüllt und ihnen den Weg gewiesen hatte, meinte ich einen Hinweis auf eine Inspiration zu erkennen: auf die Entdeckung einer verborgenen Kraft, die mich beseelen und erfüllen und mir Orientierung versprechen würde.

 

Die Stimme

Eins

Wir reisen auf Kamelen, und Zayd singt. Die Dünen sind jetzt noch breiter als zuvor. Hier und dort macht der Sand Platz für Lager aus Geröll und für verstreute Basaltbrocken, und weit vor uns, im tiefen Süden, erheben sich die schattenhaften Umrisse eines Gebirgszuges: das Jabal-Schammar-Gebirge.

Die Verse aus Zayds Lied dringen, ineinander verschwimmend, durch meine Schläfrigkeit – doch gerade so, dass ausgerechnet die Worte, die mir entgehen, eine umfassendere, tiefere Bedeutung annehmen, die mit ihrem äußeren Sinn überhaupt nichts zu tun hat!

Dies ist eines jener Lieder der Kamelreiter, die man im arabischen Land häufig hören kann – ein Lied, das die Menschen singen, um den Schritt ihrer Tiere gleichmäßig und schnell zu halten und sich selbst vor dem Einschlafen zu bewahren –, die Melodie der Wüstenmenschen, die ihr Leben an einem Ort ohne Grenzen und ohne Echo verbringen: eine Melodie, die stets auf dem Grundton, auf derselben Tonhöhe, angestimmt wird, locker und ein wenig rau, direkt oben aus der Kehle hervorkommt und langsam in der trockenen Luft verschwindet – als sei der Atem der Wüste in einer menschlichen Stimme eingefangen. Wer je durch die Wüste gereist ist, wird diese Stimme niemals vergessen können. Diese Stimme ist überall dieselbe, wo der Boden unfruchtbar, die Luft heiß, alles ringsum offen und grenzenlos und das Leben hart ist.

Wir reisen auf Kamelen, und Zayd singt weiter, wie vor ihm gewiss schon sein Vater und alle anderen Menschen seines Stammes sowie die Menschen vieler weiterer Stämme gesungen haben, seit Tausenden von Jahren; denn es hat Tausende von Jahren gebraucht, um diese tiefen, eintönigen Melodien zu gestalten und ihnen ihre endgültige Form zu geben. Die vielstimmige, melodische westliche Musik bringt fast immer irgendein persönliches Gefühl zum Ausdruck, doch diese arabischen Melodien – deren gleiche Klangfarbe unzählige Male angestimmt worden ist – sind gleichsam nur die klangvollen Symbole einer aus der Erfahrung gewonnenen Erkenntnis, die viele Menschen erfahren haben und deren Zweck nicht darin besteht, irgendein Gefühl zu wecken, sondern Sie an Ihre eigene geistige Erfahrung zu erinnern. Diese Melodien wurden vor sehr langer Zeit geboren: aus dem Klima der Wüste, dem Wind und dem Rhythmus des Nomadenlebens, dem Gefühl der Weite der riesigen Ebenen und der Betrachtung einer ewigen Gegenwart; und ebenso wie die grundlegenden Dinge des Lebens immer gleich bleiben, sind auch diese Melodien jenseits der Zeit, jenseits des Wandels.

Von einer solchen Melodie kann sich im Westen kaum jemand eine Vorstellung machen. Im Westen sind die einzelnen Melodien nicht nur eine Seite der Musik, sondern auch eine Seite ihrer Gefühle und Wünsche. Das kalte Klima, die dahinströmenden Flüsse und Bäche, die vier aufeinanderfolgenden Jahreszeiten – all diese Elemente verleihen dem Leben eine so vielfältige Bedeutung und weisen ihm so viele Richtungen, dass der westliche Mensch ganz selbstverständlich von zahlreichen Wünschen und Begierden geplagt wird und schließlich von einem heftigen Verlangen – einem Verlangen, zu handeln, nur um des Handelns willen. Er muss immerzu erschaffen, bauen und siegen, um in den verschiedenen Formen seines eigenen Lebens seine Existenz immer wieder zu erfahren; und diese unablässig wechselnde Komplexität spiegelt sich auch in seiner Musik wider. Auch in der wogenden, erhabenen westlichen Musik kommt der Klang aus dem Innersten, und das Erhabene steigt und fällt stets in wechselnden Rhythmen; in dieser Musik spricht jene „faustische Natur“, unter deren Einfluss die Menschen des Westens weit mehr träumen, weit mehr begehren und weit heftiger um den Sieg kämpfen – aber vielleicht verlieren sie mit ihr auch weit mehr, und sie verlieren es auf schmerzlichere Weise! Denn die Welt des westlichen Menschen ist die Welt der Geschichte: ein ständiges Werden, Geschehen und Vergangenwerden; ihr fehlt die stille Gelassenheit des Verweilens. Die Zeit ist ein Feind, den man stets mit Argwohn betrachten muss; und das Wort „Jetzt“ trägt niemals einen Hinweis auf die Ewigkeit in sich …

Dagegen führt die natürliche Landschaft den Araber der Wüste und der Steppe nicht in eine traumhafte, zauberhafte Welt; diese Landschaft ist für ihn eine ebenso harte Wirklichkeit wie der Tag selbst, und sie lässt keinen Raum für ein Spiel von Licht und Schatten der Empfindung. Außen und Innen, Ich und Welt sind für ihn keine gegensätzlichen und einander widersprechenden Wesenheiten, sondern verschiedene Seiten einer unveränderlichen Gegenwart. Verborgene Angst beherrscht sein Leben nicht, und wenn er etwas tut, tut er es aus äußerer Notwendigkeit, nicht aus dem Verlangen nach seelischer Sicherheit. Zwar konnte er im materiellen Bereich nicht so schnell wie die Westler „Erfolg“ erringen, doch er konnte seine Seele bewahren.

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… „Wie lange noch?“ – frage ich mich mit einem beinahe körperlichen Schauder –, werden Zayd und die Menschen aus Zayds Volk ihre Seelen gegen die Gefahr bewahren können, die sie von allen Seiten mit solcher Feinheit und erbarmungsloser Härte umzingelt? Wir leben in einer Zeit, in der der Osten gegenüber dem vordringenden Westen nicht länger untätig bleiben kann. Tausend politische, soziale und wirtschaftliche Kräfte schlagen an die Türen der muslimischen Welt. Wird die muslimische Welt unter dem Druck des westlichen zwanzigsten Jahrhunderts überwältigt werden und dabei nicht nur ihre eigenen überlieferten Formen, sondern auch ihre geistigen Grundlagen verlieren?

Zwei

Während der Jahre, die ich von 1922 bis 1926 im Nahen Osten verbrachte – zunächst als verständnisvoller Außenstehender und danach als Muslim, der an den Hoffnungen, Wünschen und Zielen der islamischen Gemeinschaft Anteil hatte –, beobachtete ich, wie die Europäer allmählich und unaufhaltsam das moderne Leben und die politische Freiheit der Muslime verschlangen. Und überall dort, wo muslimische Völker versuchten, sich gegen dieses Eindringen zu schützen, bezeichnete die öffentliche Meinung Europas ihren Widerstand stets als „Xenophobie“ – in der Haltung, ihr schlichtes Vertrauen sei verletzt worden.

Europa ist seit langem daran gewöhnt, alles, was im Nahen Osten geschieht, auf diese grobe Weise zu vereinfachen und die gegenwärtige Geschichte des Nahen Ostens lediglich als ein Gebiet europäischer Interessen zu betrachten. Obwohl die öffentliche Meinung im Westen überall – außer in Großbritannien – der irischen Freiheitsbewegung oder – außerhalb Russlands und Deutschlands – dem nationalen Erwachen Polens stets großes Mitgefühl entgegengebracht hat, ist dieses Mitgefühl niemals auf die entsprechenden Hoffnungen, Wünsche und Träume der Muslime ausgedehnt worden. Die wichtigste Rechtfertigung des Westens lautet, dass der Nahe Osten politisch zerfallen und wirtschaftlich rückständig sei; und das Ziel jeder aktiven westlichen Einmischung besteht nach Ansicht ihrer Urheber – die dies unter dem Anschein lauterster Absichten behaupten – nicht nur darin, die „rechtmäßigen“ Interessen des Westens zu wahren, sondern auch darin, den Einheimischen zu ihrem eigenen Fortschritt zu verhelfen!

Dass jede direkte, selbst wohlwollende Einmischung von außen die Entwicklung eines Landes lediglich behindert, vergessen die westlichen Kenner der Angelegenheiten des Nahen Ostens völlig; sie sind stets bereit, Behauptungen dieser Art zu schlucken! Sie sehen nur die neuen Eisenbahnstrecken, die von den Kolonialmächten gebaut wurden; die Zerstörung der sozialen Struktur eines Landes entgeht ihrer Aufmerksamkeit. Sie zählen die neuen Kilowatt an Elektrizität, aber nicht den Schlag, der dem Selbstwertgefühl eines Volkes versetzt wird.

Diejenigen, die die von Österreich vorgebrachte „Mission, den Balkan zu zivilisieren“ niemals als vernünftige Rechtfertigung für Österreichs Einmischung auf dem Balkan akzeptieren würden, nehmen jedoch bereitwillig ganz ähnliche Rechtfertigungen hin, wenn es um Großbritannien in Ägypten, Russland in Zentralasien, Frankreich in Marokko und Italien in Libyen geht; und niemals kommt ihnen der Gedanke, dass viele der sozialen und wirtschaftlichen Krankheiten, unter denen der Nahe Osten leidet, unmittelbare Folgen dieser westlichen Interessen sind. Ebenso wenig kommt ihnen der Gedanke, dass das unausweichliche Ziel westlicher Einmischung darin besteht, die bereits entstandene innere Zerrüttung zu verfestigen und auszuweiten und dadurch die betroffenen Völker daran zu hindern, zu sich selbst zu finden.

Zum ersten Mal begann ich dies im Jahr 1922 zu erkennen, als ich die Doppelrolle der britischen Machthaber im Konflikt zwischen Arabern und Zionisten bemerkte. Anfang 1923 wurde es mir noch vollkommener klar, als ich nach mehreren Monaten, die ich in Palästina umherreisend verbracht hatte, nach Ägypten kam. Ägypten befand sich damals in einer nahezu ununterbrochenen revolutionären Bewegung gegen das britische Protektorat. Überall dort, wo britische Soldaten häufig hinkamen, wurden Bomben geworfen – und darauf wurde mit den verschiedensten repressiven Maßnahmen geantwortet: Militärherrschaft, politische Verhaftungen, Verbannung von Führern, Schließung von Zeitungen und dergleichen. Doch so hart diese Maßnahmen auch waren, keine von ihnen vermochte den Freiheitswillen der Bevölkerung zu unterdrücken. Durch die gesamte ägyptische Nation ging etwas wie eine Welle eines angstvollen, unterdrückten Aufschreis – nicht aus Verzweiflung, sondern ein Schrei fieberhafter Begeisterung, ein Aufschrei in der Erregung über die Entdeckung der Quelle der eigenen inneren Kraft!

In jenen Tagen waren nur die reichen Paschas, die Besitzer riesiger Landgüter, gegenüber der britischen Herrschaft zu Kompromissen bereit. Die unzähligen übrigen Menschen, darunter die unglücklichen Fellachen, für die ein einziger Acker als ein segensreicher Besitz für eine ganze Familie galt, unterstützten allesamt die Freiheitsbewegung. Eines Tages hörte man vielleicht die Zeitungsverkäufer durch die Straßen rufen: „Alle Führer der Wafd-Partei vom Militärgouverneur verhaftet!“ Doch schon am nächsten Tag wurden ihre Plätze von neuen Führern eingenommen – und so wuchsen sowohl der Hunger nach Freiheit als auch der Hass. Die Europäer hatten dafür nur ein einziges Wort: „Xenophobie“.

Der eigentliche Grund für meine damalige Reise nach Ägypten war ein Wunsch: Ich wollte meinen Tätigkeitsbereich für die „Frankfurter Zeitung“ über Palästina hinaus auf andere Länder ausdehnen. Onkel Dorian war finanziell nicht so gestellt, dass er mich großzügig hätte unterstützen können; dennoch ergriff er selbst die Initiative und gab mir etwas Geld im Voraus, damit es wenigstens für die Zugfahrt von Jerusalem nach Kairo und zurück sowie für fünfzehn Tage Aufenthalt dort reichte.

In Kairo fand ich eine Unterkunft in einer engen Gasse, in der vor allem arabische Kunsthandwerker und griechische Ladenbesitzer lebten. Meine Vermieterin war eine alte Frau aus Triest, groß gewachsen, schwerfällig, zerzaust und weißhaarig. Vom Morgen bis zum Abend schüttete sie starken griechischen Schnaps hinunter und stolperte von einer Stimmung in die nächste. Ihre Stimmung war äußerst heftig und intensiv, und es schien, als verstünde sie nie ihr eigenes Wesen. Doch mir gegenüber war sie freundlich, und ihre Anwesenheit tat mir gut.

Etwa eine Woche später war mein Bargeld fast aufgebraucht. Ich wollte nicht so bald in die Sicherheit des Hauses meines Onkels in Palästina zurückkehren. Daher begann ich, nach einer anderen Möglichkeit zu suchen, meinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Mein Jerusalemer Freund Dr. Jacob de Haan hatte einem Kaufmann in Kairo einen Brief gegeben, in dem er mich vorstellte. Ich ging zu ihm, um seinen Rat einzuholen. Er war Holländer; ich stellte fest, dass er äußerst großzügig und herzlich war und dass seine geistige Neugier und sein geistiges Interesse weit über sein eigenes Arbeitsgebiet hinausreichten. Aus Jacob de Haans Brief erfuhr er, dass ich Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ war. Auf seine Bitte zeigte ich ihm einige meiner soeben gedruckten Artikel, worauf sich seine Augenbrauen vor Erstaunen bis zur Stirn hoben:

– „Sagen Sie, wie alt sind Sie?“

– „Zweiundzwanzig Jahre.“

– „Dann erzählen Sie mir bitte etwas anderes. Wer hat Ihnen bei diesen Artikeln geholfen? – Dya Han?“

Ich lachte. „Natürlich nicht, ich habe sie selbst geschrieben! Ich erledige meine Arbeit immer selbst. Aber warum sind Sie misstrauisch?“

Er schüttelte wie völlig verblüfft den Kopf. „Aber es kommt mir wirklich höchst erstaunlich vor … Woher haben Sie die Reife, solche Artikel zu schreiben? Wie gelingt es Ihnen, selbst Dingen, die in einem halben Satz ganz gewöhnlich erscheinen, eine beinahe mystische Bedeutung zu verleihen?“

Die darin verborgene Achtung erfüllte mich mit einem Stolz, der sich nicht in Worte fassen lässt. Dadurch wuchs mein Selbstwertgefühl beträchtlich. Im Gespräch mit meinem neuen Bekannten stellte sich heraus, dass es in seinem eigenen Geschäft keine Möglichkeit einer Anstellung gab; doch er glaubte, vielleicht eine Stelle für mich in einem ägyptischen Handelsunternehmen beschaffen zu können, mit dem er selbst Geschäftsbeziehungen unterhielt.

Das Büro, das er mir zeigte, lag in einem der ältesten Viertel Kairos. Es war nicht weit von meiner Wohnung entfernt: eine enge Gasse, an deren beiden Seiten ehemalige Patrizierhäuser standen, die nun in Büros und billige Wohnungen umgewandelt worden waren. Mein künftiger Arbeitgeber war ein älterer, glatzköpfiger ägyptischer Geschäftsmann, dessen Gesicht dem eines wettergegerbten Geiers glich. Er brauchte einen Teilzeitangestellten, der für ihn den französischen Briefwechsel führte. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass ich diese Aufgabe erfüllen würde, obwohl ich überhaupt keine Geschäftserfahrung hatte. Ich musste nur drei Stunden arbeiten. Dementsprechend war auch der Lohn gering, doch er reichte aus, um meine Miete zu bezahlen und mich auf unabsehbare Zeit mit Brot, Milch und Oliven zufriedenzustellen.

Zwischen meiner Wohnung und dem Büro lag Kairos Rotlichtviertel. Es war ein besonders verwirrendes Labyrinth, in dem vornehme und gewöhnliche Prostituierte ihre Tage und Nächte verbrachten. Wenn ich am Nachmittag zur Arbeit ging, fand ich die Gassen leer und still. Im Schatten eines Fensters mit Jalousien mochte eine Frau träge ihren Körper ausgestreckt haben; vor diesem oder jenem Haus saßen Mädchen an kleinen Tischen neben bärtigen Männern mit ernsten Gesichtern und tranken ruhig Kaffee, sodass sie weit entfernt von körperlicher Ausschweifung zu sein schienen.

Doch wenn ich am Abend nach Hause zurückkehrte, stellte ich fest, dass das Viertel lebhafter war als jedes andere. Das Viertel vibrierte vom sanften, weichen Klang arabischer Flöten, vom Trommeln und vom Lachen der Frauen. Wenn man unter dem Licht zahlreicher elektrischer Lampen und bunter Laternen hindurchging, legte sich bei jedem Schritt ein weicher Arm um den Hals; der Arm konnte braun oder weiß sein, doch stets klirrten daran Ketten und Armreifen aus Gold und Silber, und stets verströmte er den Geruch von Moschus, Weihrauchharz und warmem Tierfell. Man musste sehr standhaft sein, sich von all diesen lächelnden Umarmungen und den Rufen „Ya habibi“, „mein lieber Sa’adatak“, „Mögest du glücklich sein“ freizuhalten. Man musste sich einen Weg durch wogende Glieder bahnen, von denen die meisten einen durch ihre schlichten, schönen und ausdrucksvollen Körperlinien betörten. Ganz Ägypten schien über einen hereinzubrechen, Marokko und Algerien, der Sudan und Nubien, Arabien, Armenien, Syrien und Iran – an den Wänden entlang standen Bänke, auf denen dicht nebeneinander Männer in langen Seidengewändern saßen, ausgelassen vor Freude … Sie lachten, riefen den Mädchen zu oder rauchten schweigend Wasserpfeifen aus Kokosnüssen. Doch nicht alle waren hier „Kunden“ … Viele waren gekommen, um ein oder zwei Stunden in der fröhlichen, von den üblichen Konventionen freien Atmosphäre dieses Viertels zu verbringen … Mitunter musste man vor einem Derwisch aus dem Sudan zurückweichen, der in zerlumpter Kleidung mit entrücktem Gesicht um Almosen sang und dabei beide unbeweglichen Hände ausstreckte. Der Weihrauchrauch aus dem schwingenden Räuchergefäß des Parfümhändlers bürstete einem in spiralförmigen Wolken übers Gesicht! Oft hörte man Gesang aus vereinten Stimmen, und allmählich begann man die Bedeutung mancher der zischenden, sanften arabischen Laute zu verstehen. … Und immer wieder hörte man sanfte, plätschernde, glückselige Äußerungen … die animalische Lust jener Mädchen – denn zweifellos genossen sie sich selbst –, die hellblaue, gelbe, rote, grüne, weiße und schimmernd goldene Kleider trugen, aus feiner Seide, zartem, netzartig gewobenem dünnem Tüll, Voile oder gemustertem Stoff gefertigt; und ihr Lachen schien wie eine Katze lautlos über den kiesbestreuten Gehweg zu huschen – dieses Lachen, bald überschäumend, bald abebbend, und im nächsten Augenblick schon wieder von den Lippen anderer hervorsprudelnd …

Diese Ägypter – wie war es ihnen nur möglich, so zu lachen? Mit welcher Freude und Fröhlichkeit sie doch, ohne Tag und Nacht zu unterscheiden, durch die Straßen Kairos zogen, mit wiegendem Gang und weit ausholenden Schritten, bekleidet mit ihren langen, hemdartigen Galabijas, die Streifen in allen Farben des Regenbogens trugen! Leichten Herzens und freien Geistes gingen sie dahin, sodass man den Eindruck gewann, die Menschen nähmen Armut, Unzufriedenheit und politische Unruhen, die das menschliche Leben zermalmen, nur in einem relativen Sinne ernst. In der gewaltigen, explosionsbereiten Erregung dieser Menschen war stets Raum für völlige Ruhe, ja sogar für eine gewisse Trägheit, ohne dass sich äußerlich irgendeine Veränderung zeigte – als wäre niemals etwas geschehen und nichts verlorengegangen. Deshalb hielten die meisten Europäer (und vielleicht halten sie es noch immer) die Araber als Menschen für leicht und oberflächlich. Doch schon in jenen frühen Tagen begriff ich, dass die westliche Geringschätzung der Araber in der Neigung wurzelt, allen Gefühlen, die „tief“ erscheinen, übermäßige Bedeutung beizumessen und alles zu verurteilen, was „leicht“, oberflächlich, hell, luftig und unbeschwert ist. Ich erkannte, dass die Araber von all den seelischen Zwiespälten, Konflikten und Spannungen frei sind, die für den Westen kennzeichnend sind. Wie können wir also unsere Maßstäbe auf sie anwenden? Wenn sie uns „leicht“ und oberflächlich erscheinen, liegt das vielleicht daran, dass ihre Gefühle in ihrem Verhalten ungehindert dahinströmen, ohne sich mit Zwiespalt und Konflikt auseinandersetzen zu müssen. Vielleicht werden auch sie unter dem Druck der „Verwestlichung“ allmählich diese natürliche Eigenschaft verlieren, in unmittelbarer Verbindung mit der Wirklichkeit zu stehen. Denn obwohl der westliche Einfluss auf das zeitgenössische arabische Denken in vielerlei Hinsicht ein anregender und fruchtbarer Faktor ist, schafft er unter den Arabern zwangsläufig eben jene verhängnisvollen Probleme, unter denen das geistige und gesellschaftliche Leben des Westens leidet und bedrängt ist.

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Unmittelbar gegenüber meinem Zimmer – und so nahe, dass ich beinahe hinübergreifen und es erreichen kann – steht eine kleine Moschee mit einem schmalen Minarett, von dem aus täglich fünfmal zum Salāt gerufen wird. Ein Mann mit weißem Turban steigt auf das Minarett, hebt beide Hände und singt melodisch: „Allah ist der Größte“ – und: „Ich bezeuge, dass Muhammad Allahs Gesandter ist …“ Während er sich langsam nach allen Seiten wendet, steigt der Klang seiner Stimme empor; in der klaren Luft wird er immer heller und schwingt, getragen von den tiefen, aus der Kehle kommenden Lauten der arabischen Sprache, bald vorwärts-, bald zurückweichend. Seine Stimme ist dunkel, volltönend, weich und fest zugleich, mit viel Raum für Auf- und Abstieg. Doch ich erkenne, dass erst die glühende Leidenschaft ihre Schönheit hervorbringt, nicht die Kunst des Vortrags!

Diese Melodie des Muezzins war in Kairo die Grundmusik meiner Tage und Abende – ebenso wie sie für mich in der alten Stadt Jerusalem die Grundmusik gewesen war und später auf jeder meiner Reisen in muslimische Länder überall als meine einzige Musik gegenwärtig blieb. Trotz der Unterschiede zwischen den Dialekten und den Abweichungen in der Aussprache, die im alltäglichen Gespräch der verschiedenen Gesellschaften deutlich werden, wird der Adhān überall auf dieselbe Weise verkündet. Aus dieser Einheit des Wortes erkannte ich schon während jener Tage in Kairo, wie tief die Einheit des Herzens unter allen Muslimen ist und wie künstlich und bedeutungslos die Trennlinien zwischen ihnen sind. Ihre Denkweise ist dieselbe; bei der Unterscheidung zwischen Gut und Böse, zwischen dem Aufrichtigen und dem Verderbten, sind alle Muslime einer Meinung, und auch ihre Vorstellung von den Bestandteilen eines edlen Lebens ist einheitlich.

Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, auf ein Volk gestoßen zu sein, in dem die Verbundenheit der Menschen untereinander weder auf der zufälligen Zugehörigkeit zu demselben Blut und derselben Abstammung noch auf wirtschaftlichen Interessen beruhte, sondern auf etwas weitaus Tieferem und Beständigerem. Die Quelle dieser Verbundenheit war eine gemeinsame Sichtweise – eine Sichtweise, die sämtliche Hindernisse beseitigt, die aus der Entfremdung zwischen den Menschen entstehen.

Im Sommer 1923 kehrte ich, bereichert um ein klareres Bild vom Leben und von der Politik des Nahen Ostens, nach Jerusalem zurück.

Durch die Hilfe meines Freundes Jakob de Haan lernte ich den Emir Abdullah von Transjordanien, dem angrenzenden Gebiet, kennen. Er lud mich in sein Land ein. Hier sah ich zum ersten Mal ein wirkliches Beduinenland. Die Hauptstadt Amman war damals eine kleine Stadt, erbaut auf den Ruinen der griechischen Kolonie Philadelphia, die von Ptolemaios Philadelphos gegründet worden war. Ihre Einwohnerzahl betrug nicht mehr als sechstausend. Die Straßen waren voller Beduinen – echter Beduinen aus den offenen Steppen, wie man sie in Palästina nur selten zu Gesicht bekam*: unabhängige Krieger und Kamelzüchter! Tscherkessische Ochsenkarren (denn die Stadt war ursprünglich von Tscherkessen besiedelt worden, die im neunzehnten Jahrhundert hierherkamen und sich niederließen, nachdem ihre russischen Landsleute ihre Heimat erobert hatten) bewegten sich langsam und mühsam durch den Markt. Der Markt war zwar groß, doch der Lärm und die Aufregung, die dort herrschten, hätten eher zu einer weit größeren Stadt gepasst.

In der Stadt gab es nur wenige Gebäude; deshalb lebte Emir Abdullah damals in einem auf dem Berg errichteten Zeltlager, von wo aus der Berg gleichsam auf Amman hinunterblickte. Sein Zelt war etwas größer als die übrigen; es enthielt mehrere durch Segeltuch abgeteilte Räume. In seiner äußersten Schlichtheit unterschied es sich von allen anderen Zelten. In einem dieser Räume war in einer Ecke auf dem Erdboden ein Bett ausgebreitet, das aus dem Fell eines schwarzen Bären bestand. Im Empfangsraum lag für diejenigen, die auf dem Teppich saßen, ein schönes Paar Kamelzäume mit silberverzierten Enden bereit, auf denen sie ihre Arme abstützen konnten.

Als ich das Zelt des wichtigsten Beraters des Emirs, Dr. Riza Tawfiq Bey, betrat, war dort nur ein Schwarzer, der prächtige Brokatkleider trug und einen goldenen Dolch im Gürtel hatte. Riza Tawfiq Bey war Türke, früher Universitätslehrer und vor Kemal Atatürk drei Jahre lang Mitglied des türkischen Kabinetts gewesen. Er sagte mir, der Emir werde binnen weniger Minuten zurückkehren. Im Augenblick besprach er mit einigen Beduinenhäuptlingen den jüngsten Überfall der Nadschdi im südlichen Transjordanien. Diese Nadschdi-Wahhabiten, erklärte mir Dr. Riza, hätten innerhalb des Islams eine Rolle übernommen, die sich nicht von derjenigen der orthodoxen Reformatoren in der christlichen Welt unterscheide, da sie die Verehrung von Scheichs und Derwischen ebenso entschieden ablehnten wie all jene mystischen Aberglaubensvorstellungen, die im Laufe vieler Jahrhunderte in den Islam eingedrungen seien. Außerdem seien sie unerbittliche Feinde der scharifischen Familie, deren Oberhaupt der Vater des Emirs, König Hussein vom Hedschas, sei. Nach Riza Tawfiq Beys Ansicht konnten die religiösen Auffassungen der Wahhabiten nicht einfach zurückgewiesen werden; tatsächlich stünden ihre Ansichten dem Sinn des Koran weit näher als die Vorstellungen, die unter der Bevölkerung anderer muslimischer Staaten verbreitet seien. Zudem könnten sie auf die kulturelle Entwicklung des Islams einen wohltätigen Einfluss ausüben. Ihre übermäßige Strenge habe es anderen Muslimen allerdings etwas erschwert, die wahhabitische Bewegung vollständig zu verstehen; und dieser Mangel, sagte er, sei in gewissen Kreisen vielleicht nicht unerwünscht, da man dort die mögliche Wiedervereinigung der arabischen Völker als eine äußerst gefährliche Aussicht betrachte.

Nach einiger Zeit trat der Emir ein. Er war etwa vierzig Jahre alt, von mittlerer Größe, hatte einen kurzen goldblonden Bart und trug schwarze Lackledersandalen. Mit leisen Schritten kam er in einem weiten, strahlend weißen arabischen Seidengewand herein, über dem eine beinahe durchsichtige weiße Baumwoll-‘Abaya lag. Er sagte:

– „Ahlan wa sahlan“ – „Hier ist Ihr eigenes Haus, fühlen Sie sich unbefangen“; zum ersten Mal hörte ich diesen schönen arabischen Gruß!

In der Persönlichkeit von Emir Abdullah lag etwas Anziehendes, etwas, das die Menschen geradezu gewaltsam für sich gewann – und das war sein ausgeprägter Sinn für Humor, seine gefühlvolle, befriedigte Art zu sprechen und sein schlagfertiger Geist. Es war nicht schwer zu verstehen, warum er damals bei seinen Leuten so beliebt war. Allerdings waren viele Araber mit der Rolle, die er in der von den Briten angestifteten scharifischen Revolte gegen die Türken übernommen hatte, nicht zufrieden. Sie betrachteten diese Rolle als Verrat eines Muslims an den Muslimen. Dennoch gewann er einiges an Ansehen, weil er die Führung bei der Verteidigung der arabischen Interessen gegen den Zionismus übernahm. Die Zeit war noch nicht gekommen, in der die Irrwege seiner Politik seinen Namen in der gesamten arabischen Welt verhasst machen würden.

Während wir den Kaffee tranken, den der habeschische Diener in kleinen Tassen serviert hatte, unterhielten wir uns. Gelegentlich half uns Dr. Riza, der ausgezeichnet Französisch sprach. Wir sprachen über die Schwierigkeiten bei der Regierung dieses neuen Landes, Transjordanien. Dort trug jeder Mann eine Waffe und war nur daran gewöhnt, die Gesetze und Bräuche seines eigenen Stammes zu befolgen. „Aber“, sagte der Emir, „der gesunde Menschenverstand der Araber ist ausgezeichnet. Selbst die Beduinen beginnen zu verstehen, dass sie ihre alte Gewohnheit, nach Belieben zu handeln, unbedingt aufgeben müssen, wenn sie sich von fremder Herrschaft befreien wollen. Die Streitigkeiten und Feindseligkeiten zwischen den verschiedenen Stämmen, von denen Sie gewiss gehört haben, beginnen nun allmählich abzunehmen.“

Dann fuhr er fort, die ungezügelten, ungestümen Beduinen zu beschreiben: Sie kämpften bei der geringsten Gelegenheit gegeneinander. Ihre Familienfeindschaften dauerten häufig über viele Generationen an und wurden manchmal vom Vater auf den Sohn weitergegeben, ja sogar über Jahrhunderte hinweg – sodass immer neue Morde, Blutvergießen und neue Verbitterung die Folge waren, selbst wenn die ursprüngliche Ursache beinahe vollständig im Vergessen versunken war. Es gab nur einen Weg zu einer friedlichen Lösung: Wenn ein junger Mann aus dem Stamm und Clan des zuerst Getöteten ein Mädchen aus dem Stamm und Clan des Täters entführte und heiratete, galt das Blut in der Hochzeitsnacht – das Blut aus dem Clan des Mörders – als symbolische und endgültige Vergeltung für das Blutvergießen, das bei der Tötung stattgefunden hatte. Manchmal waren die Angehörigen beider Stämme der Feindschaft, die über viele Generationen bestanden hatte, überdrüssig geworden, weil sie die Kräfte beider Seiten erschöpfte. In solchen Fällen wurde die Entführung häufig von einem Vermittler aus einem dritten Stamm arrangiert.

„Ich habe es noch besser gemacht“, sagte der Emir zu mir. „Ich habe eine regelrechte Kommission für Familienfeindschaften gegründet; sie besteht aus vertrauenswürdigen Männern. Sie ziehen durch das ganze Land und arrangieren zwischen verfeindeten Stämmen solche symbolischen Entführungen und Eheschließungen. Aber“, sagte er mit einem Aufblitzen in den Augen, „ich versuche den Mitgliedern der Kommission stets einzuschärfen, bei der Auswahl der Mädchen vorsichtig vorzugehen; denn ich möchte nicht, dass wegen einer möglichen Enttäuschung des Bräutigams innerhalb der Familie erneut Feindschaft entsteht.“

Hinter dem Vorhang kam ein Junge hervor, etwa zwölf Jahre alt. Er eilte lautlos und mit großer Geschwindigkeit durch den vom Abenddunkel erfüllten Raum des Zeltes, sprang auf den außerhalb des Zeltes bereitstehenden Rücken eines Pferdes und schwang sich hinauf, ohne den Fuß in den Steigbügel zu setzen; ein Diener hatte das Pferd festgehalten – es war für ihn bereitgestellt worden. Der Junge war niemand anderes als der älteste Sohn des Emirs, Tala. In seinem leichten Körper, in seinem Sprung auf den Pferderücken, in seinem leuchtenden Blick bemerkte ich wieder jenes Etwas: die traumlose, unmittelbare Verbindung mit dem eigenen Leben, die Arabien in einen so weiten Abstand von allem gerückt hat, was ich in Europa kennenzulernen Gelegenheit gehabt hatte!

Als der »Amir« meinen deutlich anerkennenden Blick auf seinen Sohn bemerkte, sagte er: »Wie jedes andere arabische Kind ist er mit nur einem einzigen Gedanken im Herzen aufgewachsen: Freiheit, Azadi.« Wir Araber behaupten nicht, dass wir keine Fehler hätten oder von Fehlern frei wären. Doch wir wollen unsere Fehler selbst machen und auf diese Weise lernen, wie man sie vermeidet. Ganz so, wie ein Baum im Wachsen lernt, wie er wachsen muss, oder wie ein Strom, während er fließt, seinen eigenen richtigen Lauf findet. Wir wollen nicht, dass jene Menschen uns den Weg zur Weisheit weisen, die selbst keinerlei Weisheit besitzen, sondern nur Macht, Gewehre und Reichtum und lediglich wissen, wie man die Freunde verliert, die man so leicht hätte behalten können! [Damals (1923) ahnte niemand, dass später eine heftige Feindschaft das Verhältnis zwischen Amir Abdullah und seinem Sohn Talal zerstören würde – der Sohn verabscheute die nachgiebige Haltung seines Vaters gegenüber der britischen Politik in der arabischen Welt, während der Vater seine Missbilligung über dessen scharfzüngige, unverblümte Reden zum Ausdruck brachte. Weder damals noch später bemerkte ich bei Talal jemals Anzeichen einer Geisteskrankheit – jener Krankheit, die später als Vorwand diente, ihn 1952 zur Abdankung vom jordanischen Thron zu zwingen.]

Ich hatte nicht die Absicht, auf unbestimmte Zeit in Palästina zu bleiben. Jakob de Haan kam mir erneut zu Hilfe. Sein Ruf als Journalist war fest begründet, und in ganz Europa unterhielt er Beziehungen zu zahlreichen Personen und Institutionen. Dank seiner Empfehlung konnte ich mit zwei kleinen Zeitungen Verträge über eine Reihe von Artikeln abschließen; die eine Zeitung kam aus England, die andere aus der Schweiz. Vereinbart wurde, dass die beiden Zeitungen mein Honorar in niederländischen Gulden beziehungsweise in Schweizer Franken zahlen würden. Es waren Zeitungen provinziellen Charakters, und besonders angesehen waren sie auch nicht. Sie waren nicht in der Lage, ein hohes Gehalt zu zahlen. Doch da ich einfach lebte, schien mir das Geld, das ich von ihnen erhielt, für die Kosten meiner geplanten Reise von einem Ende des Nahen Ostens zum anderen ausreichend zu sein.

Ich hatte vor, zunächst nach Syrien zu reisen. Doch die französischen Behörden, die ihre Herrschaft gerade erst inmitten einer feindseligen Bevölkerung gefestigt hatten, waren nicht bereit, einem ehemaligen österreichischen feindlichen Soldaten eine Einreisegenehmigung zu erteilen. Dieser Schlag war grausam; aber ich konnte nichts dagegen tun. Also beschloss ich, nach Haifa zu gehen und dort ein Schiff nach Istanbul zu nehmen. Selbstverständlich war auch dies Teil meines Plans.

Auf der Zugfahrt von Jerusalem nach Haifa geriet ich in Schwierigkeiten. Mein Mantel ging unterwegs verloren; darin befanden sich mein Passierschein und ein kleines Täschchen. Mir blieben nur ein paar Silbermünzen in der Tasche meiner Hose. Somit kam eine Reise nach Istanbul vorerst nicht infrage: Ich hatte weder einen Pass noch Geld. Mir blieb nichts anderes übrig, als mit dem Bus nach Jerusalem zurückzufahren. Den Fahrpreis musste ich nach meiner Ankunft dort bezahlen, wie gewöhnlich mit einem Darlehen von Onkel Dorian. In Jerusalem würde ich einige Wochen auf einen Passierschein vom österreichischen Konsulat in Kairo warten müssen (denn damals gab es in Palästina kein Konsulat) und außerdem auf weiteres Geld aus Holland und der Schweiz.

So fand ich mich am nächsten Morgen in einem Busbüro am Stadtrand von Haifa ein. Die Gespräche über den Fahrpreis waren abgeschlossen. Bis zur Abfahrt des Busses blieb noch eine Stunde. Um die Zeit totzuschlagen, begann ich auf der Straße auf und ab zu gehen; dabei empfand ich eine grenzenlose Abneigung gegen mich selbst – eine Abneigung gegen mein Schicksal, das mich zwang, mich im Lebenskampf auf so unwürdige Weise zurückzuziehen. Trampen ist immer unangenehm – und der Gedanke, dass mein Plan für die Rückkehr nach Jerusalem gescheitert war, dieses Gefühl der Niederlage, war am bittersten, umso mehr, als Dorian stets bezweifelt hatte, dass ich meinen Plan mit so wenig Geld würde verwirklichen können. Außerdem würde ich Syrien nicht bereisen können, und Allah allein wusste, ob ich jemals wieder in diesen Teil der Welt kommen würde. Es bestand zwar die Möglichkeit, dass die »Frankfurter Zeitung« zu einem späteren Zeitpunkt die Kosten einer weiteren Reise von mir in den Nahen Osten übernehmen könnte und dass die französische Regierung eines Tages ihre Beschränkungen gegenüber ehemaligen feindlichen Ausländern aufheben würde. Doch sicher war das nicht, und inzwischen blieb mir diesmal das Glück einer Reise nach Damaskus versagt … »Warum«, fragte ich mich bitter, »ist Damaskus für mich verboten?«

Aber war das tatsächlich wahr? Gewiss, ich hatte weder einen Pass noch Geld. Doch waren ein Pass und Geld wirklich unbedingt notwendig …?

Als ich in meinen Überlegungen so weit gekommen war, hielt ich plötzlich inne. Wenn ich nur genügend Mut aufbrachte, konnte ich zu Fuß reisen und auf die arabischen Dorfbewohner vertrauen. Und vielleicht konnte ich die Grenze irgendwie heimlich überqueren, ohne mich um Pass und Einreisegenehmigung zu kümmern …

Noch bevor ich mir dessen vollständig bewusst war, stand meine Entscheidung fest: Ich würde nach Damaskus gehen. Ich änderte meine Meinung erneut, und es dauerte nur ein paar Minuten, um den Busfahrern begreiflich zu machen, dass ich nun doch nicht nach Jerusalem fuhr. Noch einige Minuten brauchte ich, um einen blauen Overall und eine arabische »Kufiya« zu beschaffen … (das ist wohl der beste mögliche Schutz vor der sengenden Sonne Arabiens), einige notwendige Dinge in ein Täschchen zu packen und meinen Koffer an Dorian, C. & D., zu schicken. Danach brach ich zu dem langen Fußmarsch nach Damaskus auf.

Das unbezwingbare Freiheitsgefühl, das mich ergriffen hatte, ließ sich nicht von meinem Glück trennen. In meiner Tasche hatte ich nur ein paar Kleingeldstücke. Ich war im Begriff, das Risiko einer gesetzwidrigen Handlung einzugehen, die dazu führen konnte, dass ich ins Gefängnis geworfen wurde. Unklar und unsicher lag das Problem des Grenzübertritts vor mir. Die Erkenntnis, dass ich allein auf meinen Einfallsreichtum gesetzt hatte, war der Grund für mein Glück; heute war ich glücklich.

Ich begann, den Weg durch Galiläa entlangzugehen. Gegen Nachmittag lag die Ebene von „Jesreel“ zu meiner Rechten. Sie lag tiefer als der Weg, auf dem ich ging; hier und dort war sie von Licht und Schatten in Stücke zerteilt. Ich ging durch Nazareth weiter und erreichte noch vor Einbruch der Nacht ein arabisches Dorf, eine Siedlung im Schatten von Zimt- und Zypressenbäumen. An der Tür des ersten Hauses saßen drei oder vier Männer und Frauen. Ich fragte von dort aus, ob dieses Dorf „ar-Raina“ sei. Als ich hörte, dass es so war, wollte ich mich wieder auf den Weg machen. Da rief mich eine der Frauen: „Ya Sidi, wollen Sie sich nicht ein wenig erfrischen?“ Dann reichte sie mir, als hätte sie meinen Durst verstanden, einen Krug mit kaltem Wasser.

Als ich getrunken und mich abgekühlt hatte, fragte mich einer der Männer, selbstverständlich der Ehemann jener Frau:

„Würden Sie uns nicht die Ehre erweisen, mit uns zu essen? Und würden Sie die Nacht nicht in unserem Haus verbringen?“

Sie fragten mich nicht, wer ich sei, wohin ich unterwegs sei oder was mein Vorhaben sei! Ich verbrachte die Nacht dort als ihr Gast.

Gast eines Arabers zu sein – davon hören selbst die Schülerinnen und Schüler europäischer Schulen allerlei Geschichten. Gast eines Arabers zu sein bedeutet, für einige Stunden, für eine kurze Weile, wahrhaftig und vollständig in das Leben von Menschen einzutreten, die dein Bruder oder deine Schwester sein wollen. Der Grund für die derart überwältigende, von Herzen kommende Gastfreundschaft der Araber ist nicht nur eine edle Tradition; ihr eigentlicher Grund ist die Freiheit ihres Inneren. Sie sind so frei von Misstrauen gegenüber sich selbst, dass sie ihr Herz dem anderen ohne Weiteres öffnen können. Keine der scheinbar schönen Mauern, die in den westlichen Ländern jeder Mensch zwischen sich und seinem Nächsten errichtet, ist für diese Araber nötig.

Wir aßen alle gemeinsam, Frauen und Männer, um eine riesige Schüssel herum, mit übergeschlagenen Beinen auf einer Matte sitzend. Die Schüssel war mit „Porridge“ gefüllt, der aus grob geschrotetem Weizen und Milch zubereitet war. Meine Gastgeber rissen kleine Stücke von den großen, papierdünnen Fladenbroten ab und hoben damit das Porridge so geschickt auf, dass ihre Finger das Porridge nie berührten. Sie gaben mir einen Löffel; doch ich nahm ihn nicht, sondern versuchte, und zwar mit Erfolg, ihre einfache, saubere und ausgezeichnete Art zu essen nachzuahmen, worüber meine Freunde sichtlich erfreut waren.

Als wir uns niederlegten – fast ein Dutzend Menschen in demselben Raum –, blickte ich zu den Deckenbalken hinauf, von denen Reihen getrockneter Chilischoten und Auberginenpflanzen herabhingen, blickte zu den Wandbrettern voller kupferner und steinerner Haushaltsgegenstände und zu den Körpern der schlafenden Frauen und Männer, und fragte mich selbst: Hätte mir mein eigenes Haus jemals vertrauter vorkommen können als dieses?

In den folgenden Tagen kamen, als die schmutzig braune Färbung des Judäischen Gebirges mit seinen bläulich-grauen und violetten Schatten allmählich hinter mir zurückblieb, die freundlicheren und fruchtbareren Berge Galiläas in Sicht. Zahlreiche Quellen und Bäche traten unerwartet zutage. Das Pflanzen- und Rankenwerk wurde immer dichter. Ich sah Reihen um Reihen von Olivenbäumen mit dichtem Laub und hohen, dunklen Zypressen; die Blumen des vergangenen Sommers waren an den Berghängen noch immer zu sehen.

Bisweilen gehe ich ein Stück des Weges neben dem Kameltreiber her und genieße für kurze Zeit die Wärme ihrer arglosen Herzen. Wir trinken alle Wasser aus meiner Feldflasche und rauchen gemeinsam dieselbe Zigarette; dann gehe ich allein weiter, verbringe die Nächte in den Häusern der Araber und sitze mit ihnen zusammen, während ich ihr Brot esse. Tag für Tag gehe ich durch die heiße, niedrige Gegend, die sich am Ufer des Sees von Galiläa entlangzieht, und durch die sanfte, milde Kühle der Gegend am Hula-See. Der See gleicht einem metallenen Spiegel, über dem silberner Nebel liegt und der im letzten Schein der Abendsonne, die über dem Wasser hängt, ein wenig rötlich schimmert. In der Nähe der Küste leben arabische Fischer in Hütten aus Schilfmatten, die notdürftig über ein aus Ästen und Zweigen errichtetes Gerüst gespannt sind. Sie sind sehr arm, doch in ihren luftigen Hütten, mit einigen verblichenen, farblosen Kleidungsstücken am Leib, ein paar Handvoll Weizen zum Brotbacken und den Fischen, die sie mit eigenen Händen gefangen haben, scheinen sie nichts weiter zu brauchen; und immer scheint es, als besäßen sie eine überreiche Einladung, den Reisenden in ihre Häuser zu rufen und mit ihm gemeinsam zu essen.

Der nördlichste Ort Palästinas ist die jüdische Kolonie Metula; später erfuhr ich, dass Metula ein schmaler, unbesetzter Streifen zwischen dem britisch verwalteten Palästina und dem französisch besetzten Syrien war. Aufgrund eines Abkommens zwischen den beiden Regierungen wurden Metula und zwei weitere benachbarte Kolonien kurze Zeit später Palästina einverleibt. Während dieser wenigen Übergangswochen besaß keine der beiden Regierungen eine wirksame Herrschaft über Metula. Daher war es ein vortrefflicher Ort, von dem aus man sehr leicht nach Syrien gelangen konnte. Ich hatte verstanden, dass man von da an auf den großen Straßen von den Reisenden Ausweispapiere verlangte. Angeblich war die syrische Kontrolle die strengere. Tatsächlich war es unmöglich, weit vorzudringen. Die Polizei zwang jeden Reisenden, anzuhalten. Damals galt Metula noch als Teil Syriens. Daher musste jeder Einwohner hier, wie die Bewohner der übrigen Landesteile, einen von den französischen Behörden ausgestellten Ausweis bei sich tragen. Einen solchen Ausweis zu beschaffen, wurde für mich besonders dringend.

Ich erkundigte mich in dieser Angelegenheit äußerst vorsichtig. Schließlich brachte man mich zu einem Mann, der mir vielleicht gegen einen gewissen Gewinn seinen eigenen Ausweis überlassen konnte. Er war ein gewaltiger Mann, etwa vierzig Jahre alt; auch in dem gefalteten, fettigen Dokument, das er aus seiner Brusttasche zog, war er so beschrieben. Da das Dokument jedoch kein Foto enthielt, schien das Problem nicht unlösbar.

– „Wie viel verlangen Sie dafür?“, fragte ich.

– „Drei Pfund.“

Ich holte alle Münzen aus meiner Tasche und begann, sie zu zählen; ich stellte fest, dass ich fünfundfünfzig Piaster hatte – also insgesamt etwas mehr als ein halbes Pfund.

– „Das ist alles, was ich habe“, sagte ich, „davon muss ich unbedingt noch etwas für den Rest meiner Reise zurückbehalten. Mehr als zwanzig Piaster kann ich Ihnen nicht geben (das heißt, ich bin nicht in der Lage, mehr als genau ein Fünftel Ihrer Forderung zu zahlen).“

Nach einigen Minuten des Feilschens wurde vereinbart, dass fünfunddreißig „Piaster“ gezahlt werden sollten. Das Dokument war nun in meiner Hand. Eine seiner Seiten war bedruckt und enthielt zwei Spalten – eine auf Französisch und die andere auf Arabisch. Die erforderlichen Angaben waren mit Tinte auf gepunktete Linien geschrieben. Über die darin enthaltene Personenbeschreibung musste ich mir nicht allzu viele Gedanken machen, denn sie entsprach dem, was bei solchen Beschreibungen gewöhnlich herauskommt; mit anderen Worten: eine erstaunlich unklare und verschwommene Beschreibung. Doch als Alter war darin neununddreißig angegeben, obwohl ich erst dreiundzwanzig war und wie zwanzig aussah. Selbst einem unaufmerksamen Polizeibeamten würde diese Abweichung leicht auffallen; daher wurde es dringend notwendig, die Altersangabe im Dokument zu ändern. Wäre das Alter nur an einer Stelle genannt gewesen, hätte diese Änderung keine großen Schwierigkeiten bereitet, aber zu meinem Unglück war es sowohl auf Französisch als auch auf Arabisch eingetragen. Mit größter Vorsicht benutzte ich einen Stift, um diese Zahl zu ändern; doch was dabei herauskam, schien nicht besonders geeignet, Vertrauen in die Fälschung zu erwecken. Jeder, der Augen im Kopf hatte, würde erkennen, dass die Zahl mit beiden Stiften verändert worden war. Aber mir blieb nichts anderes zu tun. Ich musste mich auf mein Glück und die Unaufmerksamkeit der Polizei verlassen.

Früh am Morgen nahm mich mein Kaufmannsfreund mit in eine Gasse hinter dem Dorf und deutete auf einige Hügel, die etwa eine halbe Meile entfernt waren, indem er sagte: „Dort ist Syrien.“

Ich ging durch die Gasse. Obwohl es noch Morgen war, war es bereits sehr heiß, und auch die alte Araberin, die unter einem Baum nahe den Hügeln saß – jenen Hügeln, hinter denen Syrien lag –, musste sicher unter der Hitze leiden, denn mit trockener, brüchiger Stimme rief sie mich zu sich und sagte:

„Würdest du dieser alten Frau etwas Wasser geben, mein Sohn?“

Ich nahm meine soeben gefüllte Feldflasche von der Schulter und reichte sie ihr. Die Alte trank gierig und schluckend daraus und gab mir die Feldflasche zurück, während sie sagte:

„Möge Allah sich deiner erbarmen; möge Er dich sicher bewahren und dich zu deinem ersehnten Ziel gelangen lassen.“

„Danke, Mutter, ich wünsche mir nichts weiter.“ Als ich mich zu ihr umdrehte und ihr ins Gesicht sah, zitterten die Lippen der Alten im Gebet – sie bewegten sich; ich empfand eine seltsame Freude.

Ich erreichte die Hügel und ließ sie hinter mir. Nun war ich in Syrien. Vor mir lag eine weite, unfruchtbare Ebene. Weit entfernt, nahe am Horizont, sah ich etwas, das wie Bäume aussah, und etwas anderes, das einem Haus ähnelte. Zweifellos war dies die Stadt Banias. Diese Ebene gefiel mir nicht, denn es gab dort keine Bäume und kein Buschwerk, hinter dem man sich verstecken konnte – etwas, das angesichts der Nähe der Soldaten notwendig werden konnte. Doch es gab keinen anderen Weg. Wenn jemand im Traum nackt durch eine belebte Straße geht, empfindet er in seinem Traum wohl dasselbe wie ich jetzt.

Es war schon beinahe Mittag, als ich an einen kleinen Kanal gelangte, der den Felsen in zwei Teile teilte. Ich saß da und versuchte, Schuhe und Socken auszuziehen, als ich in der Ferne vier Reiter auf mich zukommen sah. Ihre Gewehre lagen quer über den Sätteln, sodass sie wie furchterregend aussehende Militärpolizisten wirkten. Tatsächlich waren sie Militärpolizisten. Daher wäre jeder Fluchtversuch völlig sinnlos gewesen. Ich versuchte, mich mit dem Gedanken zu trösten, dass geschehen würde, was geschehen sollte. Wenn ich jetzt festgenommen wurde, würde ich vielleicht nicht mehr als ein paar Schläge mit dem Gewehr bekommen, und sie würden mich wieder nach Metula bringen.

Ich überquerte den Kanal, setzte mich weiter oben hin und begann ganz langsam, meine Füße zu trocknen, während ich darauf wartete, dass die Militärpolizisten näher kamen. Sie kamen heran und betrachteten mich misstrauisch; denn obwohl ich einen arabischen Turban trug, bestand kein Zweifel daran, dass ich Europäer war.

–„Woher?“ fragte mich einer von ihnen mit scharfer Stimme auf Arabisch.

–„Aus Metula.“

–„Wohin geht die Reise?“

–„Nach Damaskus.“

–„Zu welchem Zweck?“

–„Oh, nichts Besonderes, eine Vergnügungsreise!“

-„Haben Sie irgendwelche Papiere?“

-„Natürlich.“

Sogleich kam mein „Amr“-Ausweis aus meiner Tasche zum Vorschein, und mit ihm stieg mein Herz bis in meinen Mund. Der Militärpolizist entfaltete das Papier und betrachtete es. Mein Herz rutschte wieder an seinen Platz zurück und begann zu schlagen. Denn ich sah, dass er die obere Seite des Papiers nach unten hielt; es war nicht schwer zu erkennen, dass er nicht lesen konnte. Mit zwei oder drei großen staatlichen Stempeln war er zufrieden, denn nachdem er offenbar eine Weile nachgedacht hatte, faltete er das Papier wieder zusammen und gab es mir zurück:

-„Ja, alles ist in Ordnung, Sie können gehen.“

Einen Augenblick lang hatte ich den Wunsch, ihm die Hand zu schütteln, doch dann dachte ich, es sei besser, unsere Beziehung ganz und gar auf eine amtliche zu beschränken; die vier Männer wendeten ihre Pferde und verschwanden im Schritt in der Ferne, während ich meine Reise auf meinem eigenen Weg fortsetzte.

In der Nähe von Banyas verlor ich den Weg. Was auf meiner Karte als „für Wagen und Fuhrwerke geeignete Straße“ beschrieben war, erwies sich als kaum mehr als ein unsichtbarer Pfad, der sich über Steppe, Sümpfe und kleine Flüsse und Bäche dahinschlängelte und schließlich bei einigen mit großen Steinen übersäten Hügeln völlig endete. Mehrere Stunden wanderte ich ziellos über diese Hügel, über Steigungen und Abhänge hinweg, und so begegnete ich am Nachmittag zwei Arabern; sie brachten auf Eseln Trauben und Käse nach Banyas. Bis zum Ende des Weges gingen wir gemeinsam. Sie gaben mir saftige Trauben zu essen. Als wir die Gärten vor der Stadt erreichten, gingen wir jeder unseres Weges. Am Wegesrand sprudelte ein klarer, schmaler, schnell fließender Bach! Ich legte mich mit Brust und Bauch auf die Erde, tauchte den Kopf bis zu den Ohren in das eiskalte Wasser und trank und trank.

Ich war zwar sehr erschöpft und sehr müde, hatte aber nicht den Wunsch, in Banyas zu bleiben – denn ich befürchtete, dass es hier, da dies der erste Posten auf der syrischen Seite war, gewiss einen Polizeiposten gab. Meine Begegnung mit der Militärpolizei hatte mich in Bezug auf die gewöhnlichen syrischen Soldaten einigermaßen beruhigt – denn man konnte davon ausgehen, dass die meisten von ihnen Analphabeten und daher unfähig waren, meinen Betrug zu durchschauen. Bei einem Polizeiposten jedoch, an dem sich ein Offizier befand, war die Sache anders. Deshalb begann ich schnellen Schrittes durch die Gassen zu gehen und die große Marktstraße zu meiden, da sich der Polizeiposten höchstwahrscheinlich dort befand. In einer Gasse hörte ich den Klang einer Bambusflöte und den Gesang eines Mannes, begleitet von Händeklatschen. Davon angezogen, ging ich um die Ecke und blieb völlig sprachlos und reglos stehen. Genau mir gegenüber, vielleicht zehn Schritte entfernt, befand sich eine Tür, in die zwei Worte eingemeißelt waren: „Polizeiposten“. Dort waren einige syrische Polizisten, unter ihnen ein Offizier. Sie genossen am Nachmittag in der Sonne, auf Hockern sitzend, den Gesang eines Kameraden. Jetzt gab es kein Zurück mehr; denn sie hatten mich bereits gesehen, und der Offizier, offenbar ebenfalls ein Syrer, rief mir zu: -„He, komm her!“

Mir blieb nichts anderes übrig, als dem Befehl Folge zu leisten. Langsam ging ich auf ihn zu, als mir plötzlich ein Gedanke kam. Mit der Kamera in der Hand begrüßte ich den Offizier auf Französisch und begann, ohne seine Frage abzuwarten:

– „Ich komme aus Metula und bin zu einem kurzen Besuch in diese Stadt gekommen. Aber ich werde nicht von hier abreisen, ohne ein Foto von Ihnen und von dem Freund zu bekommen, dessen Gesang mich so sehr bezaubert hat.“

Araber mögen Schmeicheleien. Außerdem haben sie Freude daran, sich fotografieren zu lassen. Daher stimmte der Offizier meinem Vorschlag mit einem milden Lächeln zu und bat mich, ihm sein Foto nach der Entwicklung und dem Abzug zu schicken (was ich ihm mit meinem Dank auch tat). Er dachte nicht mehr daran, nach meinem Ausweis zu fragen. Stattdessen bewirtete er mich mit süßem Tee. Und als ich schließlich aufstand, um nach Metula zurückzukehren, wünschte er mir eine gute Reise. Ich ging auf dem Weg zurück, auf dem ich gekommen war, umrundete die Stadt und schlug so wieder den Weg nach Damaskus ein.

Genau zwei Wochen nach meinem Aufbruch aus Haifa kam ich in ein ziemlich großes Dorf, das man wohl eher eine Stadt nennen konnte, namens Majdal asch-Schams. In diesem Dorf lebten überwiegend Drusen und einige Christen. Ich wählte ein Haus aus; es schien das Haus eines wohlhabenden Mannes zu sein. Kaum hatte ich angeklopft, kam durch die einen Spaltbreit geöffnete Tür ein Seemann heraus. Ich sagte ihm, dass ich für die Nacht sehr dankbar wäre, wenn er mir Unterkunft gewährte. Mit dem üblichen Gruß „Ahlan wa sahlan“ öffnete sich die Tür vollständig, und schon wenige Minuten später stellte ich fest, dass ich in dieser kleinen Familie herzlich aufgenommen worden war.

Ich befinde mich jetzt tief im Inneren Syriens. Von hier ist es noch ein weiter Weg bis Damaskus. Deshalb beschließe ich, meinem drusischen Gastgeber zu vertrauen und ihn um Rat zu bitten. Ich wusste, dass kein Araber seinem Gast gegenüber untreu oder verräterisch sein kann. Also erzählte ich ihm alles, sogar, dass ich mit einem gefälschten Ausweis reiste. Daraufhin sagte mein Gastgeber, es wäre für mich äußerst gefährlich, die große Straße zu nehmen. Denn von hier an werde die gesamte Strecke von französischer Militärpolizei bewacht; sie würde mich nicht so leicht gehen lassen wie die syrische Polizei.

– „Ich denke darüber nach, meinen Sohn mit dir zu schicken“, sagte mein Gastgeber und deutete auf den Seemann, der mir die Tür geöffnet hatte. „Er wird dich durch die Berge führen und dir helfen, die großen Straßen zu meiden.“

Nach dem Abendessen setzten wir uns auf den freien Platz vor dem Haus und berieten, welchen Weg wir am nächsten Morgen einschlagen sollten. Auf meinen Knien lag eine kleine, in Deutschland hergestellte Karte von Palästina und Syrien. Ich hatte sie aus Jerusalem mitgebracht. Auf dieser Karte versuchte ich, dem von meinem drusischen Freund beschriebenen Weg zu folgen. Während wir in dieses Gespräch vertieft waren, erschien auf dem Dorfweg ein Mann in der Uniform eines Polizeioffiziers; offensichtlich war er ein Syrer. Der Mann tauchte so plötzlich aus dem Verborgenen auf, dass ich nicht einmal Zeit hatte, die Karte zusammenzufalten, geschweige denn, sie vor seinem Blick zu verbergen. Der Offizier erkannte, dass ich ein Fremder war, denn nachdem er meinem Gastgeber leicht zugenickt hatte, überquerte er den Platz und kam langsam auf uns zu.

– „Wer sind Sie?“, fragte er mich auf Französisch, in einem Ton, der mir nicht besonders unbarmherzig erschien.

Wie es meiner alten Gewohnheit entsprach, hielt ich eine lange, weitschweifige Rede und erklärte immer wieder, dass ich ein Kolonialbewohner aus Metula sei und eine Vergnügungsreise unternehme. Als er mich dennoch aufforderte, meinen Ausweis vorzuzeigen, konnte ich nicht anders, als ihn ihm auszuhändigen. Er betrachtete das Dokument aufmerksam, und seine Lippen verzogen sich zu einem trockenen Lächeln. – „Aber was haben Sie da in der Hand?“, fragte er mich und deutete auf die deutsche Karte.

–„Das ist nichts besonders Wichtiges“, sage ich; doch der Offizier besteht darauf, es sich anzusehen, entfaltet die Karte mit den geschickten Fingern eines Menschen, der an das Betrachten von Karten gewöhnt ist, schaut einige Sekunden darauf, faltet sie dann sorgfältig wieder zusammen und reicht sie mir mit einem leisen Lächeln zurück. Dann sagt er in gebrochenem Deutsch:

–„Während des Krieges habe ich in der türkischen Armee an der Seite der Deutschen gedient.“ –Nachdem er dies gesagt hat, salutiert er militärisch vor mir, lacht mit gebleckten Zähnen noch einmal und geht dann fort.

–„Er hat verstanden, dass du ein ‚Alemani‘ bist – also ein Deutscher; er liebt die Deutschen und hasst die Franzosen. Er wird dich nicht mehr belästigen.“

Am nächsten Morgen machte ich mich mit meinem jungen drusischen Gefährten auf den Weg. Sehr wahrscheinlich war dies die beschwerlichste Reise meines Lebens. Mit einer kurzen Pause von etwa zwanzig Minuten am Mittag waren wir mehr als elf Stunden unterwegs: über felsige Berge hinweg, zwischen großen Felsbrocken hindurch, vorsichtig über scharfkantige Kiesel tretend, über Abhänge hinauf und hinunter, hinauf und wieder hinunter – bis ich merkte, dass ich keine Kraft zum Gehen mehr hatte. Als wir am Nachmittag die Stadt al-Qatana in der Ebene von Damaskus erreichten, war ich völlig erschöpft; meine Zehen waren wundgerissen, und beide Füße waren angeschwollen. Ich wollte die Nacht hier verbringen, doch mein junger Freund widersetzte sich entschieden. Überall gab es französische Polizisten, und da dies keine Ortschaft, sondern eine Stadt war, würde es keineswegs leicht sein, hier Unterkunft zu finden, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Der einzige Ausweg bestand darin, in eines der Fahrzeuge zu steigen, die von hier nach Damaskus fuhren. Ich hatte noch zwanzig Piaster bei mir (seit Haifa hatte ich während meiner gesamten Reise keinen einzigen Penny ausgeben müssen). Und der Fahrpreis von hier nach Damaskus betrug ebenfalls zwanzig Piaster.

Im baufälligen Büro des Transportunternehmers am Hauptplatz der Stadt erfuhr ich, dass ich hier etwa eine halbe Stunde warten musste, bis das nächste Fahrzeug abfuhr. Ich verabschiedete mich von meinem Freund Rahnuma; er umarmte mich wie einen leiblichen Bruder und machte sich dann ohne weitere Verzögerung auf den Weg nach Hause. Ich stellte den Rucksack neben mich an die Tür des Buchungsbüros und döste in der milden Sonne des späten Nachmittags. Plötzlich wurde mein Schlaf von einem Mann beendet, der mich an der Schulter packte und heftig schüttelte; der Mann war ein syrischer Militärpolizist. Ich beantwortete die üblichen Fragen und gab die üblichen Antworten. Doch es schien, als sei der Mann mit meinen Antworten nicht zufrieden.

–„Kommen Sie mit mir zur Polizeiwache“, sagte er, „und sprechen Sie mit dem diensthabenden Offizier.“

Ich war so erschöpft, dass es für mich überhaupt keine Rolle mehr spielte, ob ich festgenommen wurde oder nicht.

Der im hinteren Teil des Wachraums sitzende ‚Offizier‘ war ein großer, breitschultriger, kräftig gebauter französischer Sergeant; direkt vor ihm standen auf dem Schreibtisch eine leere Arakflasche und ein schmutziges Glas. Er war völlig betrunken und wütend; mit blutunterlaufenen Augen richtete er einen grotesken Blick auf den Polizisten, der mich hierhergebracht hatte.

-„Was ist es jetzt wieder?“

Der Polizist erklärt ihm auf Arabisch, dass er mich, einen Fremden, auf dem Hauptplatz sitzen gesehen habe. Ich meinerseits erkläre ihm auf Französisch, dass ich kein Fremder, sondern ein treuer Bürger sei.

-„Ein treuer Bürger?“ schreit der Sergeant auf. „Ihr seid Taugenichtse, Landstreicher. Ihr streift im Land umher – nur, um uns zu belästigen. Wo sind eure Papiere?“

Völlig hilflos taste ich mit steifen, ausgestreckten Fingern in meinen Taschen nach meinem Ausweis, als er mit geballter Faust auf den Tisch schlägt und wie ein Sturm losbrüllt:

-„Lass es, nicht nötig, geh von hier!“ Und als ich hinausgehe und hinter mir die Tür schließe, sehe ich, wie er wieder Glas und Flasche zur Hand nimmt.

Nach der langen, beschwerlichen Wanderung fahre ich von al-Qatana aus auf der Koshada-Landstraße in die von Obst- und Blumengärten bedeckte Ebene von Damaskus – welche Befreiung, welch eine Erholung, in einem Wagen zu fahren! Nein, als schwebte man furchtsam durch die Luft! Am Horizont liegt mein Ziel: ein endloses Meer, gebildet aus den Wipfeln dicht gedrängter Bäume; vor dem Hintergrund des Himmels sind einige Kuppeln und Minarette nur undeutlich zu erkennen. In großer Entfernung, etwas rechts, ragt der Gipfel des nackten, unbedeckten Berges empor, noch immer im Sonnenschein gebadet, obwohl an seinem Fuß bereits weiche Schatten emporzukriechen beginnen. Über diesem Berg hängt nur eine Wolke – schmal, lang, zerzaust, schwärzlich; in der Ferne breitet sich ein hellblauer Himmel aus, ganz gerade, und über der weiten Ebene liegt vor dem Hintergrund der Berge zu unserer Rechten und Linken ein taubengrauer, goldener Schimmer. Und die Luft – wie leicht sie ist!

Dann liegen am Weg hohe Blumengärten, von Lehmwänden umgeben; allerlei Reittiere, Schubkarren, von Tieren gezogene Wagen, Soldaten (französische Soldaten) – was es alles gibt! Die Dämmerung wurde grün wie Wasser. Ein Offizier rast auf einem Motorrad mit gewaltigem Lärm an uns vorbei; vor den Augen trägt er eine riesige Schutzbrille, die wie ein Fisch aus der Tiefsee aussieht. Dann – zuerst liegt das Haus neben uns. Dann – unmittelbar darauf Damaskus, nach der Stille der offenen Ebene wie eine von Lärm aufgewühlte, emporspritzende Schaumkrone. In den Fenstern und auf den Straßen sind bereits alle ersten Lichter des Abends entzündet. Mein ganzes Wesen jubelte in einem solchen Glücksgefühl, wie ich es nicht in Erinnerung hatte.

Doch meine Freude, mein Glück zerbrach plötzlich in Stücke, als der Wagen am Stadtrand nahe dem Polizeirevier anhielt.

– „Was ist los?“, frage ich den neben mir sitzenden Fahrer.

– „Oh, nichts. Jedes Fahrzeug, das von außerhalb kommt, muss sich hier nach seiner Ankunft bei der Polizei melden.“

Aus der Station kommt ein syrischer Polizist heraus:

– „Woher kommen Sie?“

– „Nur aus Al-Qatana“, antwortet der Fahrer.

– „Gut, dann können Sie weiterfahren (denn dies ist lediglich eine örtliche Fahrt).“ Der Fahrer lässt mit knirschenden Zähnen den Motor an. Wir setzen uns in Bewegung und atmen erleichtert auf. Doch in diesem Augenblick ruft wieder jemand von der Straße: „Das Dach hat sich gelockert!“ Wenige Schritte hinter der „Polizeiwache“ hält der Fahrer sein klappriges Fahrzeug an, um das offene Dach zu reparieren, das inzwischen auf einer Seite herabhing. Während der Fahrer damit beschäftigt ist, kommt der Polizist langsam wieder auf uns zu – offenbar gilt sein Interesse nichts anderem als der mechanischen Panne des Fahrers. Schließlich fällt sein Blick jedoch auf mich. Ich sehe es, und augenblicklich versteift sich mein ganzer Körper; seine Augen werden wachsam und aufmerksam; er mustert mich von Kopf bis Fuß. Als er näher kommt, blickt er schräg auf den Boden des Wagens, wo mein Rucksack liegt.

– „Wer sind Sie?“, fragt er mich mit misstrauischer Stimme.

– „Aus Metulla“, beginne ich; doch ich sehe, wie der Polizist zweifelnd den Kopf schüttelt. Dann spricht er flüsternd mit dem Fahrer. Ich kann die Worte verstehen: „Englischer Soldat, Deserteur.“ Und da wird mir zum ersten Mal bewusst, dass mein blauer Übermantel, meine braune, mit Stickereien verzierte und vom ʿiqāl niedergehaltene Kufiya sowie mein militärisch wirkender Rucksack (den ich in Jerusalem in einem Trödelladen gekauft hatte) allesamt der Kleidung irischer Constables ähneln, die damals von der palästinensischen Regierung eingestellt worden waren. Auch fällt mir wieder ein, dass zwischen der französischen und der britischen Regierung ein Abkommen geschlossen worden ist, wonach beide ihre jeweiligen Deserteure aus dem Land ausweisen würden.

Ich versuche, dem Polizisten in meinem gebrochenen Arabisch zu erklären, dass ich kein Deserteur bin, doch er nimmt meine Erklärung nicht an und sagt:

– „Erklären Sie alles dem Herrn Inspektor.“

Und so musste ich wohl oder übel zur Polizeiwache gehen. Der Fahrer murmelte, er könne nicht auf mich warten; dann ließ er tatsächlich den Wagen an und verschwand aus meinem Blickfeld. Der Inspektor war zu diesem Zeitpunkt nicht auf der Wache; man sagte mir jedoch, er könne jeden Augenblick zurückkehren. Ich musste in einem Raum warten. Darin stand nur eine einzige Bank zum Sitzen, und außer dem Haupteingang gab es zwei weitere Türen. In die eine waren die beiden Wörter „Gefängniswärter“ eingraviert, auf der anderen stand das Wort „Gefängnis“. In dieser bedrückenden Umgebung musste ich mehr als eine halbe Stunde warten, und mit jedem Augenblick wurde meine Überzeugung stärker, dass meine Reise hier zu Ende war; denn das Wort „Inspektor“ erschien mir weitaus unheilvoller als das Wort „Beamter“. Wenn ich jetzt festgenommen würde, müsste ich einige Tage, vielleicht einige Wochen, als Untersuchungshäftling im Gefängnis verbringen; danach würde man mir gemäß der üblichen Vorschrift eine dreimonatige Strafe auferlegen. Nach diesen drei Monaten im Gefängnis müsste ich mich wieder zu Fuß auf den Weg machen – unter der Bewachung berittener Militärpolizei, erneut in Richtung der Städte Palästinas; und vor allem würde man mich wegen eines Verstoßes gegen das Passgesetz vielleicht aus Palästina ausweisen. Die Trübsal im Warteraum war nichts im Vergleich zu meiner eigenen Niedergeschlagenheit.

Plötzlich hörte ich das Geräusch eines Wagens. Der Wagen fuhr auf das Polizeirevier und hielt direkt vor dem Weg; einen Augenblick später stieg ein Mann in Zivil aus, der einen „Tarbusch“ auf dem Kopf trug. Hinter ihm stieg ein Polizist aus, der dem Zivilisten aufgeregt etwas zu erklären versuchte. Offensichtlich war der Inspektor äußerst beschäftigt.

Was danach geschah und wie genau es geschah, weiß ich nicht. Was ich in diesem kritischen Augenblick tat, war vielleicht das Ergebnis jenes seltenen, plötzlichen Aufblitzens von Genialität, das unter verschiedenen Umständen und bei verschiedenen Menschen jeweils Ereignisse hervorbringt, die den Lauf der Geschichte verändern. Mit einem Sprung stand ich unmittelbar vor dem Inspektor und schleuderte ihm, ohne seine Fragen abzuwarten, eine Flut ununterbrochener Beschwerden auf Französisch entgegen – über das beleidigende und widerwärtige Verhalten des Polizisten, der einen unschuldigen Bürger wie mich für einen Deserteur gehalten und mich dadurch den Wagen in die Stadt hatte verpassen lassen! Der Inspektor versuchte mehrmals, mich zum Schweigen zu bringen, doch ich gab ihm kein einziges Mal Gelegenheit dazu. Mit einem ununterbrochenen Wortschwall überschüttete ich ihn, von dem er offenbar nicht einmal ein Zehntel verstand, außer den beiden Namen „Metulla“ und „Damaskus“, die ich in meiner Rede unzählige Male erwähnte. Es war zu erkennen, dass ich in meiner Rede erwähnt hatte, dass er von einer dringenden Arbeit abgehalten wurde. Offenbar war es ihm unangenehm, dass ich ihn von einer dringenden Aufgabe abhielt. Doch ich ließ ihn kein einziges Wort sagen; ohne auch nur zum Atemholen innezuhalten, setzte ich mein verbales Trommelfeuer unablässig fort. Schließlich schleuderte er genervt die Hände in die Luft und rief:

– „Hören Sie auf, hören Sie auf, um Allahs willen, hören Sie auf. Haben Sie irgendwelche Papiere?“

Meine Hand fuhr wie von selbst in meine Brusttasche, und während ich noch immer unaufhörlich Wort um Wort hervorbrachte, drückte ich ihm meinen gefälschten Ausweis in die Hand. Der hilflose Mann hatte vielleicht das Gefühl, unterzugehen, denn er faltete das Papier rasch, betrachtete eine Ecke, sah den staatlichen Stempel und warf es mir dann zu.

– „In Ordnung, ja, alles in Ordnung, gehen Sie jetzt, bitte gehen Sie einfach.“ Ich wartete nicht darauf, dass er seine Bitte wiederholte.

Vor einigen Monaten begegnete ich in Jerusalem einem Lehrer aus Damaskus. Er hatte mich eingeladen, bei meinem Eintreffen in Damaskus sein Gast zu sein. Ich machte mich auf die Suche nach seinem Haus. Ein kleiner Junge erklärte sich bereit, mein Führer zu sein. Er nahm meine Hand und führte mich zu dem Haus, das ich suchte.

Tiefe Abenddämmerung, die alte Stadt. Die Straßen sind eng; die Fenster der über den schmalen Gassen hängenden Häuser haben die Straßen noch dunkler gemacht, als die Nacht es vermag. Hier und da sehe ich im gelben Schein von Petroleumlampen den Laden irgendeines Obsthändlers, vor dem sich aufgetürmte Wassermelonen und mit Trauben gefüllte Körbe befinden. Die Menschen wirken wie Schattenfiguren. Bisweilen dringt von jenseits eines Fensterladens die dröhnende Stimme einer Frau herüber. Dann rief der kleine Junge plötzlich: „Da ist das Haus.“

Ich klopfe an eine Tür. Jemand antwortet von innen. Ich öffne den Riegel und betrete einen gepflasterten Innenhof. Selbst in der Dunkelheit konnte ich die unter der Last ihrer Früchte gebeugten Weinstöcke und ein steinernes Becken sehen, aus dem ein Springbrunnen emporstieg. Jemand rief von oben:

„Tafaddal, ya sidi, bitte treten Sie ein!“ Ich stieg nun eine schmale Treppe hinauf, die an der Außenwand des Hauses entlangführte, überquerte einen offenen Hof und fiel geradewegs in die ausgebreiteten Arme meines Freundes.

Ich war damals müde und erschöpft, völlig entkräftet. Deshalb ließ ich mich auf das Bett fallen, das man mir bereitgestellt hatte. Ich hörte das Rascheln des Windes in den Bäumen des Hofes vor mir und in den Pflanzen des Gartens hinter dem Haus. Aus der Ferne drangen viele gedämpfte Geräusche herüber: die Geräusche einer großen arabischen Stadt, die sich darauf vorbereitete, einzuschlafen!

Mit der Aufregung einer neuen Erkenntnis und mit offenen Augen für all die Dinge und Sachverhalte, von denen ich zuvor nicht die geringste Vorstellung gehabt hatte, streifte ich in jenen Sommertagen durch die Gassen des alten Marktes von Damaskus. Und ich spürte die wunderbare Ruhe, die das Leben seiner Bewohner umgab. Dieses Gefühl der Sicherheit in ihrem Inneren bemerkte ich in ihrem Umgang miteinander, in der gefühlvollen, warmen Achtung, mit der sie einander begegneten oder voneinander Abschied nahmen, in der Art, wie zwei Menschen, die einander nur deshalb als Freunde betrachteten, weil sie sich für Freunde hielten, wie Kinder Hand in Hand nebeneinanderhergingen – und im Verhalten der Händler zueinander. Bei den Geschäftsleuten in den kleinen Läden, die gewiss die Vorübergehenden lautstark hereinrufen würden, hatte ich nicht den Eindruck, dass diese hartnäckigen Händler irgendeine verborgene Angst hegten oder dass unter ihnen Neid herrschte. Das Vertrauen ging so weit, dass ein Ladenbesitzer, wenn er für kurze Zeit hinausmusste, seinen Laden ohne Zögern der Obhut seines Nachbarn und Konkurrenten überließ. Oft sah ich, wie ein wirklicher Kunde vor einem auf diese Weise verlassenen Laden stehen blieb; offensichtlich überlegte er bei sich, ob er auf die Rückkehr des Händlers warten oder im benachbarten Laden einkaufen sollte. Und jedes Mal kam dann der benachbarte Händler, der ja der Konkurrent des abwesenden Händlers war, auf ihn zu, fragte, was der Kunde wünsche, und verkaufte ihm die benötigten Waren aus dem Laden des abwesenden Händlers – nicht seine eigenen Waren, sondern die seines abwesenden Nachbarn. Das Geld legte er auf die Bank seines Nachbarn. Wer hat je in Europa einen solchen Handel gesehen, wann und wo?

An manchen Stellen des Marktes scharen sich kräftige, starke, arbeitsame Beduinen zusammen, gekleidet in weite, lange, herabhängende Gewänder. Es sind Menschen von solcher Art, dass man beim Anblick meint, sie trügen ihr eigenes Leben selbst mit sich und gingen stets ihren eigenen Weg. Die hochgewachsenen Männer mit ihren tiefen, leuchtenden Augen stehen in Gruppen vor den Läden oder setzen sich dort nieder. Sie sprechen nicht sehr viel miteinander – ein Wort oder ein kurzer, aufmerksam gesprochener und aufmerksam angehörter Satz genügt für ein langes Gespräch. Ich begriff, dass diese Beduinengruppe nicht nutzlos daherzureden wusste. Daherzureden bedeutet, Worte ohne Gegenstand zu machen, ohne jedes Risiko; es ist ein besonderes Zeichen einer erschöpften Seele. Und ich erinnerte mich an jene Worte des Koran, in denen das Leben im Paradies beschrieben wird: „Und du wirst dort kein leeres Gerede hören.“ Mir schien: Schweigsamkeit ist eine Eigenschaft der Beduinen. Sie hüllen sich in weite braune, weiße oder schwarze Gewänder und schweigen. Wenn sie an einem vorübergehen, sehen sie einen mit dem schweigsamen Blick eines Kindes an – stolz, bescheiden und wachsam. Wenn man sie in ihrer Sprache anspricht, erstrahlt plötzlich ein Lächeln in den Pupillen ihrer schwarzen Augen! Denn sie sind nicht in sich selbst versunken und wünschen, dass Fremde sie verstehen. Sie sind „Adlige … Scharif“ … völlig schweigsam und doch allen Dingen des Lebens gegenüber offenen Herzens.

Am Freitag, dem Ruhetag der Muslime, bemerkte ich im Leben von Damaskus einen Wechsel des Rhythmus, ein wenig heitere Erregung, einen Ruck und zugleich einen Ernst der Stimmung. Ich erinnerte mich an unsere Sonntage in Europa – an die menschenleeren Straßen der Städte und die geschlossenen Läden, an jene sinnlosen, hohlen Tage und an die Leere, die eine unerträgliche Qual mit sich brachte. Doch die Frage ist: Warum sollte es so sein? Nach und nach begann ich zu begreifen: Der Grund ist, dass für fast alle Menschen des Westens ihr tägliches Leben eine Last ist, von der allein die Sonntage sie befreien können. Der Sonntag ist kein Ruhetag mehr, sondern zu einem Mittel geworden, in eine unwirkliche Welt, in eine selbstbetrügerische Vergessenheit zu fliehen, hinter der die vergangenen Wochentage doppelt schwer und furchterregend hervorlugen.

Für die Araber ist der Freitag hingegen keine Gelegenheit, die übrigen Tage der Woche zu vergessen; das bedeutet nicht, dass ihnen die Früchte des Lebens mühelos und ohne Anstrengung in den Schoß fallen. Vielmehr bedeutet es ganz einfach, dass ihre Arbeit, so hart sie auch sein mag, nicht mit ihren persönlichen Wünschen und Bestrebungen in Konflikt gerät. Routine um der Routine willen gibt es in ihrem Leben nicht. Stattdessen besteht eine enge, aufrichtige Verbindung zwischen dem arbeitenden Menschen und seiner Arbeit. Daher brauchen sie in ihrem Leben nur dann Ruhe, wenn sie Müdigkeit verspüren. Die Übereinstimmung zwischen dem Menschen und seiner Arbeit, diese Harmonie, betrachtet der Islam gewiss als den natürlichen Zustand; deshalb wurde für den Freitag keine verpflichtende Ruhezeit eingerichtet. Die Handwerker und die Händler des Damaszener Marktes arbeiten einige Stunden, lassen ihre Geschäfte für einige Stunden zurück und gehen in die Moschee, um das Dschumʿa-Gebet zu verrichten. Danach setzen sie sich in ein Café und treffen Freunde und Bekannte. Anschließend kehren sie wieder zu ihren Geschäften und ihrer jeweiligen Arbeit zurück. Noch einige Stunden arbeiten sie dann mit Freude und Frohsinn, unbeschwerten Herzens und jeder nach seinem eigenen Wunsch. Ich sah nur wenige Geschäfte geschlossen, und auch das nur während des Gebets, wenn die Menschen sich in der Moschee versammelten. Während der übrigen Zeit war in den Straßen ebenso viel Betrieb und geschäftiges Treiben wie an den anderen Wochentagen.

An einem Freitag ging ich mit einem Freund, bei dem ich zu Gast war, in die Umayyadenmoschee. Die Kuppel der Moschee ruht auf zahlreichen Säulen; das durch die Fenster hereinfallende Licht lässt sie erstrahlen. Der Duft von Moschus lag in der Luft. Der Boden der Moschee war mit roten und blauen Teppichen bedeckt. In langen, geraden Reihen standen die Menschen hinter dem Imam. Sie senkten den Kopf, knieten nieder, berührten mit der Stirn den Boden und standen wieder auf; alle in einer geordneten Einheit, wie Soldaten. Alles war vollkommen still und ruhig. Als die Menschen zum Gemeinschaftsgebet aufstanden, befand ich mich weit entfernt. Aus dem Inneren der gewaltigen Moschee konnte ich die Stimme des alten Imams hören. Er rezitierte Verse aus dem Koran. Wenn er den Kopf neigte oder sich zur Niederwerfung begab, folgte ihm die gesamte Gemeinschaft wie eine einzige Person. Sie senkten vor Allah den Kopf und warfen sich nieder, als stünde Allah vor ihren Augen.

In genau diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie nah und vertraut ihnen Allah und die Religion waren!

„Wie erstaunlich! Wie wunderbar!“, sagte ich zu meinem Freund, als wir die Moschee verließen. „Ihr empfindet Allah als euch so nahe! Ich wünschte, ich könnte selbst genau dasselbe empfinden.“

„Aber Bruder, wie könnte es denn anders sein? Wie unser heiliges Buch sagt: ,Ist Allah euch nicht näher als eure Halsader?‘“

Aufgewühlt von dieser neuen Erkenntnis verbrachte ich in Damaskus viel Zeit damit, jedes Buch über den Islam zu lesen, das mir in die Hände fiel. Meine Beherrschung der arabischen Sprache reichte zwar für Gespräche aus, war damals aber noch völlig unzureichend, um den Koran im Original zu lesen. Daher griff ich auf zwei Übersetzungen zurück – eine französische und eine deutsche. Die Übersetzungen hatte ich aus einer Bibliothek beschafft; für alles Übrige musste ich mich auf die Bücher europäischer Orientalisten und auf die Erläuterungen und Auslegungen meines Freundes verlassen.

So bruchstückhaft und voneinander losgelöst diese Lektüre und diese Gespräche auch waren, für mich waren sie wie das Heben eines Vorhangs: Ich begann, eine Welt des Denkens zu erkennen, von der ich bis dahin völlig unwissend gewesen war.

Es schien mir, dass der Islam nicht das war, was die Menschen im Allgemeinen unter Religion verstehen – vielmehr war er eine Lebensordnung, und weit mehr als nur ein System religiöser Vorschriften; er war ein Programm für das persönliche und gesellschaftliche Verhalten, dessen Grundlage die Erkenntnis Allahs bildete. Nirgends im Koran fand ich einen Hinweis auf die Notwendigkeit der „Erlösung“. Zwischen dem Menschen und seinem Schicksal steht keine angeborene Erbsünde; denn der Mensch wird nichts anderes erhalten als das, wonach er strebt.“ Es bedarf keiner Askese oder klösterlichen Abgeschiedenheit, um ein geheimes Tor zur Reinheit zu öffnen – und Sünde ist nichts anderes als die Abweichung von jenen natürlichen guten Eigenschaften, mit denen Allah jeden Menschen erschaffen hat. Sünde ist nichts weiter als das. Bei der Beurteilung der menschlichen Natur lässt der Islam keinen Raum für Dualismus. Der Islam betrachtet Körper und Seele als eine ungeteilte Einheit.

Zunächst war ich erstaunt über das Interesse des Korans nicht nur an geistigen Dingen, sondern auch an dem, was dem Anschein nach belanglose und materielle Angelegenheiten des Lebens sind. Doch allmählich begann ich zu verstehen: Wenn der Mensch, wie der Islam behauptet, eine unteilbare Einheit aus Körper und Seele ist, dann kann kein Aspekt des Lebens so belanglos sein, dass er außerhalb der religiösen Zuständigkeit läge. Gerade unter Berücksichtigung all dessen lässt der Koran seine Anhänger nie vergessen, dass dieses irdische Leben des Menschen nur eine Stufe auf dem Weg zu seinem höheren Leben ist und dass sein endgültiges Ziel geistiger Natur ist. Materieller Fortschritt und Wohlstand sind wünschenswert, aber sie sind nicht das Ziel. Deshalb müssen die menschlichen Bedürfnisse nach Hunger und Durst, obwohl sie ihre eigene Berechtigung haben, durch das moralische Bewusstsein unbedingt gezügelt und kontrolliert werden. Dieses Bewusstsein steht nicht nur in Beziehung zum Verhältnis des Menschen zu Allah, sondern auch zu seinem Verhältnis zu den Mitmenschen; es bezieht sich auch auf sein Verhältnis zur Schöpfung, das der geistigen Entwicklung aller förderlich sein soll, damit alle Menschen ein erfülltes Leben führen können.

All dies war, in geistiger und moralischer Hinsicht, weitaus ehrwürdiger als alles, was ich zuvor über den Islam gehört und gelesen hatte. Die Sicht des Islam auf die Probleme der geistigen Welt erschien mir weit tiefer als die des Alten Testaments. Darüber hinaus fehlt ihr auch die im Alten Testament erkennbare Parteilichkeit gegenüber einer bestimmten Nation. Ihre Haltung gegenüber den biologischen Problemen ist zudem völlig anders als die des Neuen Testaments und ausgesprochen positiv. Das Verhältnis von Seele und Körper, jeder mit seinen eigenen Eigenschaften, ist nichts anderes als die zweifache Seite des von Allah geschaffenen menschlichen Lebens.

– Ist diese Lehre vielleicht«, fragte ich mich, »nicht verantwortlich für die Gewissheit des Gefühls, das ich so lange unter den Arabern wahrgenommen habe?«

Eines Abends lud mich mein Gastgeber ein, ihn zum Essen in das Haus eines reichen Freundes in Damaskus zu begleiten. Der Freund feierte die Geburt eines seiner Söhne.

Wir gingen zu zweit durch die gewundenen Gassen der inneren Stadt. Die Gasse war so eng, dass die Fenster und die mit Gittern versehenen Balkone, die aus den Wänden der Häuser zu beiden Seiten über die Straße hinausragten, beinahe aneinanderstießen. Zwischen den alten Häusern aus Stein lagen tiefe Schatten und eine weite Stille; gelegentlich ging ein Mädchen im schwarzen Burka mit schnellen, kleinen Schritten an uns vorbei. Einmal sah ich einen bärtigen Mann in einem langen Kaftan, der aus einer Biegung der Straße kam und langsam an einer anderen Biegung verschwand. Überall waren die Straßenbiegungen und unregelmäßigen Winkel von derselben Art; dieselben engen Gassen, die einander in alle Richtungen kreuzten, stets mit dem Versprechen, dass gleich vor uns eine wundersame Entdeckung liege – und die jedes Mal in eine weitere gleichartige Gasse mündeten!

Doch die Entdeckung kam ganz am Ende. Mein Freund und mein Führer blieben vor einer schlichten, mit Lehm verputzten Mauer stehen, in der sich eine namen- und nummernlose Holztür befand. Er klopfte mit geballter Faust an die Tür und rief: »Da sind wir!«

Die Tür öffnete sich mit einem knarrenden Geräusch. Ein sehr alter Mann hieß uns mit seinem zahnlosen Mund willkommen und sagte: »Ahlan wa sahlan.« Dann gingen wir durch einen kleinen Korridor mit zwei rechtwinkligen Biegungen in den Hof des Hauses, der von außen kaum mehr als eine erdfarbene Hülle zu sein schien.

Der Hof war weit und luftig. Sein Boden war mit weißen und schwarzen Marmorstücken ausgelegt. Er sah aus wie ein riesiges Schachbrett. In der Mitte sprudelte aus einem niedrigen achteckigen Becken ein Springbrunnen und versprühte feine Wassertropfen. In den Marmorplatten des Bodens befanden sich in regelmäßigen Abständen kleine Öffnungen. In ihnen gepflanzte Zitronenbäume und Oleanderbüsche neigten sich unter ihren Blüten und Früchten und breiteten ihre Äste über den ganzen Hof und entlang der inneren Hausmauern aus. Diese Mauern waren vom Boden bis zum Dach mit fein gearbeiteten Alabasterreliefs bedeckt, die komplizierte geometrische Muster und Arabesken aus Ranken und Blättern zeigten. Eine Ausnahme bildeten nur die Fenster, in die breite Rahmen mit durchbrochenem Gitterwerk aus Marmor eingesetzt waren. An einer Seite des Hofes wölbten sich die Mauern und bildeten, etwa drei Fuß über dem Boden, eine tiefe Nische von der Größe eines großen Zimmers. Zu ihr führten breite Marmorstufen hinauf. Diese Nische, die man Liwan nennt, war an ihren drei Wänden mit niedrigen, gemusterten Diwanen ausgestattet; auf dem Boden lag ein sehr kostbarer Teppich. An den Wänden der Nische hingen große Spiegel, von denen jeder etwa fünfzehn Fuß hoch war. Der ganze Hof mit seinen Pflanzen, seinem schwarz-weißen Boden, seinem Alabaster, seinen Reliefs, den Marmorgittern der Fenster und der geschnitzten Tür zum Inneren des Hauses sowie der farbenprächtigen Menge von Gästen – einige saßen auf den Diwanen, andere gingen um das Wasserbecken herum – spiegelte sich in den Spiegeln des Liwans. Als ich sie betrachtete, entdeckte ich, dass auch die gegenüberliegende Mauer des Hofes vollständig mit solchen Spiegeln bedeckt war. Dadurch wurde die ganze Szenerie zweimal, viermal, ja vierhundertmal widergespiegelt und verwandelte sich so in eine Zauberwelt: Marmor, Alabaster, Springbrunnen, unzählige Menschen, Zitronenbaumgruppen und Oleanderbüsche in endlosen Spiegelungen – ein endloser Traumpalast, der unter dem Abendhimmel schimmerte, dessen Farbe im unaufhörlichen Sonnenlicht noch immer rosig war.

Ein solches Haus, zur Straße hin schlicht, im Innern prunkvoll und anmutig, war für mich etwas völlig Neues. Mit der Zeit jedoch erfuhr ich, dass dies das traditionelle Wohnhaus wohlhabender Menschen nicht nur in Syrien und im Irak, sondern auch im Iran ist. In früheren Zeiten kümmerte sich weder ein Araber noch ein Iraner um die Fassade seines Hauses. Für sie war ein Haus zum Wohnen da, und seine Zweckmäßigkeit blieb auf das Innere beschränkt. Wie anders ist dies doch von den zahllosen Bemühungen der modernen westlichen Architektur, gewaltsam eine „Zweckmäßigkeit“ zu schaffen. Die westlichen Menschen von heute, gefangen im Netz einer verdrehten Romantik und unsicher in Bezug auf ihre eigenen Empfindungen, schaffen beim Entwerfen von Häusern Probleme; die Araber und Iraner aber schaffen Häuser – oder schufen sie zumindest noch gestern.

Mein Gastgeber ließ mich zu seiner Rechten an der Wand Platz nehmen. Ein barfüßiger Diener servierte Kaffee auf einem kleinen Messingtablett; aus der gurgelnden Wasserpfeife, der „Narghile“, stieg Rauch auf, vermischte sich mit der nach Rosenwasser duftenden Luft im „Liwan“ und schwebte in Spiralen zu den gläsern überdachten Kerzen hinüber, die eine nach der anderen entlang der Wände und zwischen dem dichten Grün der Pflanzen angezündet wurden.

Alle Anwesenden waren Männer, und sie waren von höchst unterschiedlicher Art. Viele trugen gestreifte, grobe Damaszenerseide oder Kaftane aus dickem chinesischem Seidenstoff von elfenbeinfarbener Tönung oder weite „Dschubbas“ aus feiner, bläulicher Wolle. Auf dem Kopf trugen sie weiße Turbane mit Goldstickerei über roten „Tarbuschen“. Einige waren europäisch gekleidet, saßen darin jedoch, wie deutlich zu erkennen war, ganz behaglich auf den Diwanen, die Beine unter den Körper geschlagen. Manche Beduinenhäuptlinge waren mit ihren Gefolgsleuten aus der Steppe gekommen; ihre Augen leuchteten, und auf den mageren braunen Gesichtern saßen kurze schwarze Bärte. Bei jeder ihrer Bewegungen raschelten die neuen Kleider; jeder von ihnen trug ein Schwert in einer silberbeschlagenen Scheide. Ihre Haltung war träge und vollkommen sorglos: Sie waren wahre Aristokraten – nur bestand der Unterschied zu den europäischen Aristokraten darin, dass sie keine sanft strahlende Rasse waren, hervorgebracht durch die aufrichtige Fürsorge vieler Generationen und ein kultiviertes Leben, sondern eher einem heißen Feuer glichen, das aus der Gewissheit ihrer eigenen Empfindungen hervorgegangen war. Eine angenehme Luft, ein trockenes, klares Klima umgab sie. Dieselbe Art von Atmosphäre umgab alle, durch ihre Reinheit, doch nicht aufdringlich. Diese Menschen schienen Freunde aus der Ferne, vorübergehende Reisende an diesem Ort: Ihr freies, zielloses Leben wartete anderswo auf sie.

Ein tanzendes Mädchen trat durch eine Tür heraus und stieg mit leichten Schritten die Treppe zum „Liwan“ hinauf. Sie war noch sehr jung, gewiss nicht älter als zwanzig, und von außerordentlicher Schönheit. Sie trug eine raschelnde, wallende Seidenhose, deren Farbe sich bei jeder Veränderung ihrer Haltung wandelte, ein Paar goldbestickte Pantoffeln und ein mit Perlen besetztes Mieder, das ihre hoch aufragenden Brüste eher betonte, als sie zu bedecken. Sie trat vor, verströmte die sinnliche Schönheit einer jungen Frau, die daran gewöhnt ist, bewundert und begehrt zu werden, und ich glaubte, die Welle des Entzückens zu hören, die durch die Versammlung ging beim Anblick ihrer weichen, geschmeidigen Glieder und ihrer straffen, elfenbeinartig weißen Haut.

Das Mädchen begann zu den Schlägen auf der Tabla des Mannes mittleren Alters, der mit ihr in den „Liwan“ gekommen war, jene traditionelle, erotische Art von Tanz zu tanzen, die im Orient so beliebt ist und deren Zweck darin besteht, schlummernde Wünsche zu wecken und die Erfüllung ungestümer Begierden zu versprechen.

„Oh, wie wunderbar du bist! Oh, wie prächtig du bist!“, murmelte mein Gastgeber, klopfte mir dann sanft auf das Knie und sagte: „Ist das Mädchen nicht wie eine sanfte, kühlende Salbe auf einer Wunde?“

So schnell, wie die Tänzerin gekommen war, ging sie auch wieder fort – nichts von ihr blieb zurück außer einem undeutlichen Flimmern in den Augen der meisten Männer. Auf dem Teppich des „Liwan“ hatten nun vier Sänger den Platz der Tänzerin eingenommen. Einer der Gäste sagte zu mir: „Einige von ihnen sind die besten Sänger Syriens.“ Einer hielt eine Bambusflöte mit langem Hals in der Hand. Ein anderer hielt eine flache, einseitige Trommel, die einer Tambura ohne Schellen ähnelte; der dritte hatte ein Instrument, das wie eine Gitarre aussah, und der vierte hielt eine ägyptische „Tambura“, die einer sehr breiten Messingflasche glich, deren Boden mit Trommelfell bespannt war.

Zuerst entlockten sie ihren Instrumenten spielerisch feine Töne, schlugen auf die Trommel, ohne eine klar wahrnehmbare Melodie oder einen erkennbaren Rhythmus; als sei jeder mit sich selbst beschäftigt, als stimmten sie ihre Instrumente für den Aufbau eines gemeinsamen, aufsteigenden Taktes. Der Mann mit der Gitarre strich mehrmals mit den Fingerspitzen von oben nach unten über die Saiten und erzeugte so den Eindruck eines gezügelten Saitenklangs. Der Tambura-Spieler spielte sanft auf seiner „Tambura“, hielt inne und spielte wieder. Der Flötenspieler schlug, wie unermüdlich, rasch nacheinander auf einige tiefe, scharfe Saiten – auf Saiten, die sich, wie es schien, plötzlich mit dem trockenen, eintönigen, wiederholten Schlagen eines Tamburins verbanden und die „Tambura“ zögerten, bald auf den heftigen Klang der Flöte, bald auf das Dröhnen der Gitarrensaiten zu antworten. Noch ehe ich mir dessen bewusst wurde, band ein gemeinsamer Rhythmus die vier Instrumente zusammen und verwandelte sie in einen Einklang. Ein Einklang? Ich kann es nicht sagen; mir schien, als würde ich weniger einem musikalischen Vortrag lauschen, als vielmehr ein aufregendes Geschehen beobachten. Aus den unverständlichen, scharfen Tönen der Instrumente entstand ein neuer Rhythmus, der sich in die Höhe schraubte, gleich einer dunklen, spiralförmig gewundenen Linie, und dann plötzlich bis in die tiefste Lage hinabfiel, wie das rhythmische Heben und Senken eines Metallgegenstands: bald schnell, bald langsam, bald sanft, bald heftig. Durch diese unbeteiligte Beharrlichkeit und die endlose Wandlung wuchs dieses unaufhaltsame Geschehen, dieses akustische Ereignis, das in einer gleichmäßigen Trance bebte, nahm gewaltig zu, breitete sich aus und drang in mein Bewusstsein ein. Und als schließlich, in einer Musik, die in immer höhere Lagen eilte, plötzlich – ach, wie schnell, wie überaus schnell sie wieder verstummte! – begriff ich: Ich war gefangen. Die Erregung dieser Musik hatte mich, ohne dass ich es merkte, in ihren Bann gezogen; ich war gleichsam in dieses Reich der Töne entführt worden, deren äußerliche Eintönigkeit an die ewige Wiederholung aller Dinge erinnert. Sie klopften an die Türen meiner Empfindungen und brachten Schritt für Schritt alles ans Licht, was in mir, ohne mein Wissen, wirksam war; sie enthüllten und stellten etwas vor mich hin, das immer dagewesen war und nun mit einer solchen glühenden Klarheit vor mir lag, dass mein Herz heftig zu pochen begann.

Mit westlicher Musik bin ich vertraut. In jedem einzelnen Ton dieser Musik wird der gesamte emotionale Hintergrund ihres Komponisten entfaltet, und jede Stimmung spiegelt alle anderen möglichen Stimmungen wider. Doch diese arabische Musik schien aus derselben Ebene des Bewusstseins hervorzuströmen, aus einem einzigen zarten Zustand – einem Zustand, der nichts anderes war als Zartheit – und gerade deshalb vermochte sie die persönlichen Stimmungen im Empfinden jedes einzelnen Zuhörers aufzunehmen ….

Nach einigen Sekunden der Stille erklang die Tambura in einem tiefen, gedämpften, gewichtigen Ton, und die übrigen Instrumente folgten ihr. Diese Melodie war weit weiblicher als die vorherige; ihre Ausdehnung war viel sanfter, und die einzelnen Stimmen fügten sich eng ineinander, umschlangen einander mit emotionaler Wärme und wurden, als wären sie durch einen Zauberspruch miteinander verbunden, immer erregender. Sie stießen einander, strömten in sanft gewellten Linien umeinander, die zunächst einige Male mit dem schnellen Rhythmus der Tambura zusammenprallten, als stießen sie gegen ein hartes Hindernis. Doch allmählich wurden sie angriffiger, besiegten die Tambura und nahmen sie gefangen, zerrten sie mit sich hinauf in die Höhenlage einer gemeinsamen, sich spiralförmig windenden Melodie; und obwohl die Tambura sich zunächst sträubte, fiel sie bald der allgemeinen Verzückung anheim und schloss sich, trunken vor Rausch, den anderen an. Die gewellte Linie verlor ihre weibliche Anmut und stürmte mit wachsender Gewalt dahin, immer schneller, höher und schärfer – in einer kalten Wut bewussten Triebes, eines Triebes, der alle Fesseln der Selbstbeherrschung zerrissen hatte! Dieselbe gewellte Linie verwandelte sich nun in einen betrunken-verzückten Aufwärtssturm zu unsichtbaren Gipfeln von Macht und Souveränität; aus dem soeben noch umeinander kreisenden Strömen entstand in der Harmonie der Töne ein gewaltiger Wirbel, Kreise, die von Ewigkeit zu Ewigkeit dahinjagten, ohne Maß, ohne Grenze, ohne Ziel – als rase ein atemloser, tollkühner Akrobat auf einem über einem Abgrund gespannten Seil über eine messerscharfe Kante hinweg, durch die Mitte einer ewigen Gegenwart, auf eine Erfahrung zu, die man Befreiung und Kraft nennen könnte und die jenseits allen Denkens liegt. Plötzlich, mitten in einer aufwärtsstrebenden Ausdehnung, eine Unterbrechung, die Stille des Todes – erbarmungslos! Ehrlich. Durchsichtig.

Wie das Rascheln von Blättern kehrte der Atem unter den Zuhörern und Zuschauern zurück, und aus ihrer Mitte erhob sich ein lang anhaltendes Murmeln: „Ya Allah, Ya Allah.“ Sie waren wie ungewöhnlich verständige Kinder, die in Spielen versunken sind, mit denen sie bestens vertraut sind und die sie immer wieder verlocken. Glücklich und zufrieden lächelten sie still vor sich hin.

Drei

Wir treiben unsere Kamele voran, und Zayd singt; stets im selben Takt, stets in derselben eintönigen Melodie. Denn der Geist des Arabers ist eintönig; doch das bedeutet nicht, dass er arm an Vorstellungskraft wäre. An Vorstellungskraft fehlt es ihm nicht. Aber sein angeborenes Empfinden ist nicht, wie das des westlichen Menschen, von Weite, dem dreidimensionalen Raum und den zahlreichen feinen Wandlungen der Gefühle zugleich erfüllt. Durch die arabische Musik spricht jedes Mal nur ein einziges Verlangen, das darauf aus ist, eine einzige emotionale Erfahrung bis an den äußersten Rand ihrer Grenze zu führen. In dieser reinen Monotonie, in diesem beinahe sinnlichen Verlangen, das Gefühl als eine ununterbrochen aufsteigende Linie zu verdichten, liegen sowohl die Stärke als auch der Fehler des arabischen Charakters. Sein Fehler: Er möchte diese Welt zuerst auch in ihrer irdischen Dimension erfahren. Seine Stärke: Der Glaube an die Möglichkeit, dass die emotionale Erkenntnis auf einer unendlichen Linie emporsteigen kann, vermag den Menschen in der geistigen Welt zur Erkenntnis Allahs zu führen, und nirgendwo sonst. Nur auf dem Fundament dieser angeborenen Neigung, die eine erstaunliche Eigenschaft der Wüstenbewohner ist, konnten die Entstehung des Tawhid oder Monotheismus der alten Juden und seine erfolgreiche Vollendung in der Religion Muhammads möglich werden. Hinter beiden steht die Wüste, einer Mutter gleich.

 

Seele und Körper

Eins

Die Tage verstreichen, und die Nächte sind kurz. Und wir beide ziehen schnellen Schrittes nach Süden. Unsere Kamele sind jetzt sehr gesund und kräftig. Vor kurzem sind sie gefüttert worden, und in den vergangenen ein oder zwei Tagen hat man sie auf den Weideplätzen reichlich Gras fressen lassen. Zwischen Mekka und diesem Ort liegen noch vierzehn Tagesreisen, vielleicht sogar mehr, wenn wir einige Zeit in Hail und Medina verbringen – was sehr wahrscheinlich ist –, denn die beiden Städte liegen an unserer Route.

Eine ungewöhnliche Ungeduld hat von mir Besitz ergriffen – ein Drang, für den ich keine Erklärung kenne. Bis dahin war ich nach Herzenslust gereist, ohne jede Eile; nie hatte ich ein besonderes Bedürfnis verspürt, schnell an mein Ziel zu gelangen. Die Vollendung der Reise und das Erreichen des Zielortes waren mir stets nebensächlich erschienen. Doch nun begann ich etwas zu begreifen, was ich während meiner vielen Jahre in Arabien nie begriffen hatte: die Ungeduld, das Ende des Weges zu erreichen. Was ist das Ende des Weges? Mekka zu sehen? Ich bin so oft in dieser heiligen Stadt gewesen und kenne diese Lebensweise so genau, dass Mekka mir keine neue Entdeckung mehr verspricht – oder vielleicht doch eine neue Entdeckung, die ich erwarte? Gewiss muss es so sein. Denn ich fühle mich von einer seltsamen persönlichen Erwartung nach Mekka gezogen. Dieses geistige Zentrum der muslimischen Welt, mit seiner Versammlung von Menschen vieler Völker aus allen Gegenden der Erde, scheint ein Zugang zu einer weiteren Welt zu sein, einer Welt, die größer ist als die, in der ich jetzt lebe. Nicht etwa, dass ich des arabischen Landes müde geworden wäre; nein, ich liebe die arabische Wüste, ihre Städte und die Lebensweise ihrer Bewohner, so wie ich die arabische Wüste, ihre Städte und die Lebensweise ihrer Bewohner immer geliebt habe. Seit ich vor beinahe zehn Jahren in der Sinaiwüste den ersten flüchtigen Eindruck vom arabischen Leben gewonnen hatte, war sie mir niemals ein Anlass zur Enttäuschung gewesen, und die folgenden Jahre hatten lediglich meine erste Erwartung gefestigt. Doch seit jener Nacht, die ich vor zwei Tagen in der Nähe von Idara verbracht hatte, war in mir die Überzeugung entstanden, dass das arabische Land mir alles, was es mir zu geben hatte, restlos gegeben hatte.

Ich bin kräftig, jung und gesund. Stundenlang kann ich ohne unnötige Ermüdung ununterbrochen ein Kamel treiben. Ich kann reisen, und seit vielen Jahren reise ich wie ein Beduine, ohne Zelt und ohne jene kleinen Annehmlichkeiten, die nach Ansicht der Stadtbewohner des Nadschd auf langen Reisen unerlässlich sind. Mit allen möglichen kleinen Fertigkeiten des Beduinenlebens bin ich vertraut, und beinahe ohne es zu merken, habe ich die Sitten und Gebräuche des Nadschd übernommen. Aber ist dies alles, was möglich ist? Habe ich all diese Jahre im arabischen Land gelebt, nur um ein Araber zu werden? Oder war es eine Vorbereitung auf etwas, das noch nicht geschehen ist?

…..     ……      …..      ……

Die Erregung, die ich jetzt empfinde, gleicht weitgehend jener heftigen Ungeduld, die ich nach meiner ersten Reise in den Nahen Osten bei meiner Rückkehr nach Europa verspürt hatte: dem plötzlichen Gefühl, unmittelbar vor einer gewaltigen Entdeckung stehen geblieben zu sein – einer Entdeckung, die in meinem Leben hätte geschehen können, wenn mir nur etwas mehr Zeit zur Verfügung gestanden hätte.

Und der erste Schock, jene Welt zu verlassen und wieder nach Europa einzutreten, war etwas schwächer geworden, weil ich nach meiner Abreise aus Syrien im Herbst 1923 einige Monate in der Türkei verbracht hatte. Das Türkische Reich Mustafa Kemals befand sich damals noch in der Anfangsphase seiner reformistischen Nachahmung. Der Türkei war ihrem Lebensstil und ihren Traditionen nach noch immer wahrhaft türkisch; und deshalb war sie durch das Band des Islams noch immer mit dem allgemeinen Strom des arabischen Lebens verbunden. Doch der innere Konflikt der Türkei ließ sie mir etwas schwerfällig, weniger durchsichtig, weniger leicht und weit orientalischer erscheinen. Als ich auf dem Landweg von Istanbul nach Sofia und Belgrad reiste, erschien mir der Übergang vom Maschrik zum Maghreb nicht wie ein plötzlicher Einschnitt; die Bilder veränderten sich langsam und allmählich, eine Umgebung nach der anderen – die Zahl der Minarette nahm fortwährend ab, und anstelle der langen Kaftane der Männer sah man die mit einem Gürtel zusammengehaltenen Hemden der Bauern. Als Anatoliens verstreute Bäume und Haine in den serbischen Tannenwäldern verschwanden, sah ich plötzlich an der italienischen Grenze: Ich war wieder nach Europa zurückgekehrt.

Ich fahre mit dem Zug von Triest nach Wien. Während der Fahrt verblasste die Lebendigkeit all der Eindrücke, die die Türkei meinem Geist eingeprägt hatte, und als einzige Wirklichkeit blieb nur die Zeit bestehen, die ich in den arabischen Ländern verbracht hatte – achtzehn Monate. Es kam mir wie ein Peitschenhieb vor, als ich begriff, dass ich die einst so vertrauten europäischen Landschaften mit den Augen eines Fremden betrachtete. Die Menschen erschienen mir entsetzlich hässlich, ihre Bewegungen grob und unbeholfen; zu dem, was sie tatsächlich fühlten und wollten, standen sie in keinerlei unmittelbarer Beziehung; und plötzlich begriff ich blitzartig, dass sie, obwohl alles, was sie taten, äußerlich den Anschein eines Zweckes hatte, ohne es zu wissen in einer Welt der Täuschung lebten … Durch den Umgang mit den Arabern hatte sich meine Einstellung zu dem, was ich im Leben für wesentlich und grundlegend hielt, inzwischen völlig klar und unumkehrbar verändert. Mit einiger Verwunderung erinnerte ich mich daran, dass schon viele Europäer vor mir Erfahrungen mit dem arabischen Lebensstil gemacht hatten; wie war es also möglich, dass sie nicht von dem Schock jener Entdeckung getroffen worden waren, die mich so erschüttert hatte? Oder hatte er auch sie getroffen? Waren auch einige von ihnen in den Tiefen ihres Wesens erschüttert worden, so wie ich es jetzt war?

Die Antwort auf diese Frage erhielt ich einige Jahre später im arabischen Land. Sie kam in Dschidda von dem damaligen niederländischen Minister Dr. van der Meulen. Er war ein großzügiger, vielseitig gebildeter Mann. An seinem eigenen Glauben, dem Christentum, hielt er mit einer Leidenschaft und Hingabe fest, die unter den westlichen Menschen von heute äußerst selten sind. Daher war er, verständlicherweise, kein Freund des Islam als Religion. Dennoch gestand er mir, dass er das arabische Land nun mehr liebte als jedes einzelne der Länder, mit denen er im Leben bekannt geworden war – sogar mehr als sein eigenes Land. Als seine Amtszeit im Hedschas beinahe zu Ende war, sagte er einmal zu mir: „Ich glaube, kein wirklich feinfühliger Mensch kann sich jemals dem Zauber des arabischen Lebens entziehen; nachdem er einige Zeit unter den Arabern verbracht hat, kann er diesen Einfluss niemals aus seinem Herzen reißen. Wenn jemand dieses Land verlässt, wird er dennoch für immer den Wind dieser Wüste in seinem Herzen tragen und sich stets sehnsüchtig umblicken, selbst wenn sein eigenes Zuhause in einer weit reicheren und noch schöneren Gegend liegt … dennoch.“

Ich blieb einige Wochen in Wien und versöhnte mich mit meinem Vater. Seinen Zorn über meinen Abbruch des Universitätsstudiums und über die Unhöflichkeit, mit der ich sein Haus verlassen hatte, hatte er inzwischen überwunden. Wie dem auch sei, ich war nun Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ – ein Name, der damals in Mitteleuropa mit beinahe scheuer Ehrfurcht ausgesprochen wurde. Als Korrespondent dieser Zeitung würde ich über allen anderen stehen: Diese selbstgefällige Behauptung von mir hatte ich nun als berechtigt erwiesen.

Von Wien reiste ich direkt nach Frankfurt, um persönlich im Büro jener Zeitung vorstellig zu werden, für die ich seit mehr als einem Jahr schrieb. Dort erschien ich mit großem Selbstvertrauen, denn aus den Briefen, die ich aus Frankfurt erhalten hatte, war mir klar geworden, dass man mit meiner Arbeit sehr zufrieden war. Tatsächlich war ich dort „vorgestellig geworden“. Mit diesem Bewusstsein betrat ich den würdevollen, altmodischen Palast der „Frankfurter Zeitung“. Kaum eingetreten, ließ ich dem Chefredakteur, dem weltberühmten Dr. Hainbish Simon, meine Karte schicken.

Als ich sein Zimmer betrat, starrte er mich einen Augenblick lang sprachlos erstaunt an; er hatte sogar vergessen, sich von seinem Schreibtisch zu erheben. Doch bald gewann er seine Fassung zurück, stand auf und schüttelte mir die Hand.

„Setzen Sie sich, setzen Sie sich. Ich habe auf Sie gewartet.“ Er sah mich anhaltend an, ohne ein weiteres Wort zu sagen. Dadurch begann ich mich unbehaglich zu fühlen.

„Ist etwas nicht in Ordnung, Dr. Simon?“

„Nein, nein, es ist nichts nicht in Ordnung. Oder besser gesagt: Alles ist ein Irrtum …“ Dann brach er in schallendes Gelächter aus und sagte: „Wie dem auch sei, ich hatte erwartet, einem Mann mittleren Alters zu begegnen, der eine Brille mit goldener Fassung trägt; und nun sehe ich einen Jungen vor mir … Oh, verzeihen Sie mir – wenn Sie nichts dagegen haben: Wie alt sind Sie?“

Plötzlich musste ich an den lebenslustigen holländischen Händler in Kairouan denken; auch er hatte mir vor einem Jahr dieselbe Frage gestellt. Ich brach in lautes Lachen aus: „Ich bin etwas über dreiundzwanzig, mein Herr, beinahe vierundzwanzig.“ Dann fügte ich hinzu: „Meinen Sie, dieses Alter sei für die ‚Frankfurter Zeitung‘ zu jung?“

„Nein“, antwortete Simon langsam, „nicht für die ‚Frankfurter Zeitung‘, sondern für Ihre Aufsätze. Ich hatte angenommen, dass nur ein wesentlich älterer Mensch den natürlichen Wunsch nach Selbstdarstellung überwinden und seine Persönlichkeit vollständig hinter dem Geschriebenen verbergen könne, wie ich es in Ihren Texten bemerkt habe. Sie wissen, das ist das Geheimnis reifer journalistischer Arbeit: objektiv über das zu schreiben, was man gesehen, gehört und gedacht hat, ohne all diese Erfahrungen mit den eigenen, ganz ‚persönlichen‘ Erlebnissen zu vermischen … Wenn ich jedoch jetzt darüber nachdenke, kommt mir der Gedanke: Nur ein sehr junger Mensch konnte mit so viel Interesse und Begeisterung schreiben, mit so gewaltiger – wie soll ich es nur ausdrücken – mit so gewaltiger Erregung und Spannung …“

Dann seufzte er: „Ich hoffe nur, dass dies nicht nachlässt. Und dass Sie nicht, wie alle anderen, selbstzufrieden, stumpf und schwerfällig werden.“

Ich glaube, gerade diese Entdeckung aus meiner frühen Jugend bestärkte Dr. Simon noch mehr in seinem Glauben, in mir einen äußerst vielversprechenden Journalisten gefunden zu haben. Er stimmte vollkommen darin überein, dass ich so bald wie möglich in den Nahen Osten zurückkehren sollte. Je früher ich zurückkehrte, desto besser. Von finanzieller Seite stand einem solchen Vorhaben nichts mehr im Wege. Denn schließlich war es gelungen, die deutsche Inflation unter Kontrolle zu bringen, und als Folge der Stabilisierung des Geldwertes war beinahe augenblicklich eine Flut des Wohlstands eingetreten. Die „Frankfurter Zeitung“ war wieder in der Lage, die Reisekosten ihrer Sonderkorrespondenten zu tragen. Bevor ich mich allerdings erneut auf den Weg in den Nahen Osten machte, musste ich das Buch fertig schreiben und abliefern, zu dessen Verfassung ich mich ursprünglich gegenüber dieser Zeitung verpflichtet hatte. Außerdem wurde vereinbart, dass ich während dieser Zeit mit der Redaktion verbunden bleiben sollte, damit ich die Einzelheiten der Arbeit in einer großen Zeitung kennenlernen konnte.

Trotz meiner Ungeduld, wieder ins Ausland zu gehen, waren jene Monate in Frankfurt außerordentlich anregend. Die „Frankfurter Zeitung“ war nicht nur eine große Zeitung, sondern geradezu ein Forschungszentrum. Diese Zeitung hatte fünfundvierzig vollamtliche Redakteure. Die zahlreichen stellvertretenden Redakteure und Assistenten, die im Nachrichtenraum arbeiteten, sind dabei noch gar nicht mitgerechnet. Die redaktionelle Arbeit war in besonderem Maße eine Arbeit für Fachleute. Jede Region der Welt und jedes politische oder wirtschaftliche Thema war einem Redakteur anvertraut, der auf seinem Gebiet ein herausragender Spezialist war. Dies entsprach der alten Tradition, dass die Beiträge und Nachrichten der „Frankfurter Zeitung“ nicht bloß eine flüchtige Widerspiegelung der laufenden Ereignisse sein sollten, sondern eine Art maßgeblicher Zeugenschaft, auf die sich Politiker und Historiker verlassen konnten. Jeder wusste, dass die Leitartikel und politischen Kommentare der „Frankfurter Zeitung“ im Berliner Auswärtigen Amt zu den Akten genommen wurden, ebenso ehrerbietig, wie man die „Korrespondenzen“ ausländischer Regierungen zu den Akten nahm. Tatsächlich hatte Bismarck über den damaligen Leiter des Berliner Büros dieser Zeitung gesagt: „Dr. Stein ist der Botschafter der Frankfurter Zeitung am Berliner Hof.“ Mitglied einer solchen Institution zu sein, war für einen jungen Mann meines Alters wahrhaft eine Ehre und eine Freude. Diese Freude empfand ich umso stärker, weil die Redakteure den Ansichten, die ich zögernd über den Nahen Osten vorgetragen hatte, große Aufmerksamkeit schenkten und sie häufig Gegenstand der täglichen Redaktionsbesprechungen wurden. Mein endgültiger Erfolg kam jedoch erst an dem Tag, an dem man mich aufforderte, einen Leitartikel über die aktuellen Probleme des Nahen Ostens zu schreiben.

Die Aufgabe, die man mir bei der „Frankfurter Zeitung“ übertrug, gab meinem bewussten Denken einen gewaltigen Anstoß. Mit weit größerer Klarheit als je zuvor begann ich, meine Erfahrungen im Orient mit dem Westen in Beziehung zu setzen, dessen Teil ich wieder geworden war. So wie ich einige Monate zuvor einen Zusammenhang zwischen dem Sicherheitsgefühl im Herzen der Araber und der von ihnen praktizierten Religion entdeckt hatte, kam es mir nun vor, als liege der Grund für Europas fehlenden geistigen Zusammenhalt und die in seiner Moral herrschende Anarchie vielleicht in seinem Bruch mit jenem religiösen Glauben, der einst die westliche Zivilisation geprägt hatte.

Hier sah ich eine Gesellschaft, die nach der Aufgabe Allahs auf der Suche nach einem neuen geistigen Weg war; doch nur sehr wenige Menschen im Westen hatten offenbar erkannt, worin das Ziel dieser Gesellschaft bestand. Bewusst oder unbewusst schienen die meisten Menschen im Westen mehr oder weniger in etwa so zu denken: „Da unsere Vernunft, unsere wissenschaftlichen Untersuchungen und unsere Berechnungen uns nichts Sicheres über den Ursprung des menschlichen Lebens und sein Schicksal nach dem körperlichen Tod sagen, sollten wir all unsere Kräfte darauf verwenden, unsere materiellen und geistigen Möglichkeiten zu entfalten; wir sollten uns nicht durch eine übersinnliche Ethik und selbstverständliche Vorstellungen fesseln lassen, die sich nicht um wissenschaftliche Beweise scheren.“ Daher hatte die westliche Gesellschaft, obwohl sie Allah nicht offen verleugnete, Ihm in ihrer intellektuellen Lebensordnung keinen Platz mehr gelassen.

Als ich einige Jahre zuvor von der Religion meiner Vorfahren enttäuscht war, hatte ich über das Christentum nachgedacht. In meinen Augen war die christliche Vorstellung von Allah weitaus edler als die Vorstellung des Alten Testaments, weil diese Religion die Vorstellung von Allah nicht auf irgendeine Menschengruppe beschränkte, sondern den Gedanken hervorgebracht hatte, dass Er der Vater der gesamten Menschheit sei. Allerdings enthält der christliche Glaube ein Element, das von der umfassenden Sichtweise dieser Religion abweicht; dieses Element ist die in der christlichen Weltanschauung bestehende Unterscheidung zwischen Körper und Seele sowie die Trennung und Verschiedenheit zwischen der Welt des Glaubens und der wirklichen materiellen Welt.

Da sich das Christentum von Anfang an von all jenen Strömungen losgelöst hatte, die das Leben und das weltliche Streben als wirklich anerkennen wollten, schien es mir, als habe es schon vor langer Zeit die Kraft und Fähigkeit verloren, der westlichen Zivilisation einen moralischen Antrieb zu geben. Die Anhänger des Christentums gewöhnten sich an die Vorstellung, es sei nicht die Aufgabe der Religion, sich in das praktische Leben der Menschen einzumischen. Sie begnügten sich damit, den religiösen Glauben als eine beruhigende Institution zu betrachten, deren Zweck in nichts anderem bestehe als in der Pflege eines vagen persönlichen Moralgefühls zwischen Männern und Frauen, insbesondere einer Moral in sexuellen Fragen. Mit Hilfe einer uralten Auffassung der Kirche haben sie auf diese Weise den gesamten Bereich des sozialen und wirtschaftlichen Handelns außerhalb ihrer eigenen Zuständigkeit gelassen. Diese Auffassung der Kirche lautet: „Gebt Allah, was Allah zusteht, und dem Kaiser, was dem Kaiser zusteht“ – diese Trennung. Dadurch, dass sie den Bereich des sozialen und wirtschaftlichen Handelns außerhalb ihrer Zuständigkeit ließen, entwickelte sich die christliche Staatskunst und der Handel auf einem Weg, der sich völlig von dem von Jesus gedachten Weg unterschied. Da die Religion, der die westliche Welt folgt, ihren Anhängern keine praktische Richtung in weltlichen Angelegenheiten weisen konnte, ist sie meiner Ansicht nach am eigentlichen Ziel Jesu und, man kann sagen, am eigentlichen Ziel jeder Religion gescheitert. Was ist dieses Ziel? Nicht nur zu zeigen, wie der Mensch empfinden soll, sondern ihm auch zu zeigen, wie er richtig leben soll – das ist dieses Ziel. Aufgrund des angeborenen Gefühls, dass die eigene Religion ihn auf die eine oder andere Weise enttäuscht und im Stich gelassen hatte, verlor der westliche Mensch im Laufe der vergangenen Jahrhunderte jeden Glauben an das Christentum. Mit diesem Glaubensverlust verlor er auch die Überzeugung, dass das Weltall der Ausdruck eines einzigen planenden Geistes und deshalb ein harmonisch gefügtes Ganzes sei. Gerade weil er diese Überzeugung verloren hat, lebt er nun in einer geistigen und moralischen Leere. Dass der Westen sich allmählich vom Christentum entfernt hat, erschien mir als eine starke Rebellion gegen jenen Hass des heiligen Paulus auf dieses Leben, der von Anfang an und vollständig die Lehre Jesu unverständlich gemacht hatte. Wie kann die westliche Gesellschaft also noch behaupten, eine christliche Gesellschaft zu sein? Und wie könnte sie ohne einen wirklichen Glauben hoffen, die gegenwärtige moralische Anarchie zu überwinden?

Eine Welt, aus ihrer eigenen Verankerung gerissen, auf den Kopf gestellt, emporgeschleudert und zerrüttet: Das war unsere westliche Welt. Blutvergießen in beispiellosem Ausmaß, Verwüstung, gewaltsame Auseinandersetzungen, der Zerfall zahlreicher gesellschaftlicher Sitten und Ordnungen, der Kampf der Ideale, erbitterte, umfassende Kämpfe für neue Lebensformen – das waren die Kennzeichen unserer Zeit. Aus dem Rauch und der Verwüstung eines Weltkriegs, aus unzähligen kleinen Kriegen und aus zahlreichen Revolutionen und Gegenrevolutionen, aus einer alle bis dahin verzeichneten Ereignisse übertreffenden wirtschaftlichen Katastrophe – kurz, aus all diesen furchtbaren Geschehnissen – trat eine Wahrheit hervor: Die gegenwärtige, ausschließliche Abhängigkeit des Westens vom materiellen und technischen Fortschritt ist keineswegs imstande, die heutige Anarchie und Unordnung zu beseitigen und Einheit und Ordnung zu schaffen. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Meine instinktive jugendliche Überzeugung verdichtete sich zu der intellektuellen Einsicht, dass die Verehrung des „Fortschritts“, der die Menschen gegenwärtig huldigten, nichts anderes sei als ein schwaches, verschwommenes Gegenbild zu dem unbedingten Glauben an absolute Werte früherer Zeiten – und dass diesen falschen Glauben eben jene Menschen erfunden hatten, die jede innere Fähigkeit verloren hatten, an unbedingte, absolute Werte zu glauben, und sich nun mit der Vorstellung täuschten, der Mensch werde seine gegenwärtigen Hindernisse und Schwierigkeiten irgendwie allein durch den Drang der Evolution überwinden. Ich konnte nicht erkennen, wie irgendeines der neuen Wirtschaftssysteme, die aus diesem launenhaften Glauben hervorgegangen waren, mehr sein sollte als ein vorübergehendes Heilmittel für das Elend der westlichen Gesellschaft. Diese Systeme konnten bestenfalls irgendein Symptom behandeln, niemals jedoch die eigentliche Ursache der Krankheit.

……   ……      …….   ……..

Als ich in der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“ arbeitete, fuhr ich häufig nach Berlin, wo sich fast alle meine Freunde und Bekannten aufhielten, und während eines solchen Aufenthalts in Berlin lernte ich jene Frau kennen, die später meine Ehefrau werden sollte.

In dem lebhaften Gedränge des Romanischen Cafés fühlte ich mich von dem Augenblick an, in dem man mich Elsa vorstellte, außerordentlich zu ihr hingezogen. Diese Anziehung beruhte nicht nur auf der zarten Schönheit ihres Gesichts, auf ihrem schmalen, wohlgeformten, knochigen Antlitz mit den ausdrucksvollen tiefblauen Augen und dem empfindsamen zarten Mund, der Humor und Güte erkennen ließ – sondern noch mehr auf jener instinktiven, unmittelbar aus dem Herzen kommenden Fähigkeit, mit der sie Menschen und Dinge aufnahm. Elsa war Malerin. Später erfuhr ich, dass ihre Kunstwerke zwar nicht von herausragender Qualität waren, doch trugen auch sie den Stempel jener sanften, leuchtenden Tiefe, die in all ihren Worten und Gesten zum Ausdruck kam. Obwohl sie fünfzehn Jahre älter war als ich, also damals über fünfunddreißig, wirkte sie wegen ihres glatten Gesichts und ihres schlanken, geschmeidigen Körpers viel jünger. Von allen Menschen rein nordischer Abstammung, die ich in meinem Leben gesehen habe, war Elsa wahrscheinlich die schönste Vertreterin. Alles, was das Gesicht eines Menschen rein nordischer Abstammung an Klarheit und Schärfe besitzt, fand sich auch in ihr; doch von der Unnachgiebigkeit und Gefühllosigkeit, die sich bei Angehörigen dieser Rasse so häufig findet, war Elsa völlig frei. Elsa stammte aus einer jener alten holsteinischen Familien, die man als das norddeutsche Gegenstück zur englischen „Gentry“ bezeichnen könnte. Doch die unvoreingenommene Freiheit in ihrem Auftreten und Verhalten verlieh ihr anstelle der Gentry-haften Sachlichkeit eine ganz un-nordische Wärme und natürliche Klugheit. Elsa war Witwe und hatte einen sechsjährigen Sohn, den sie sehr liebte.

Gewiss war diese Anziehung von Anfang an gegenseitig, denn nach unserer ersten Begegnung begannen wir, einander häufig zu sehen. Die jüngsten Eindrücke aus der arabischen Welt erfüllten meinen Geist so sehr, dass ich Elsa ganz selbstverständlich davon erzählte; und gegenüber den starken, wenn auch noch unzusammenhängenden Gefühlen und Gedanken, die diese Eindrücke in mir hervorgerufen hatten, zeigte sie ein außergewöhnliches Verständnis und Mitgefühl, das sie deutlich von den meisten meiner Freunde unterschied. Ich hatte ein so tiefes Bedürfnis, Elsa all dies mitzuteilen, dass ich beim Schreiben eines Vorworts zu dem Buch, das ich über meine Reise in den Nahen Osten verfasste, das Gefühl bekam, als spräche ich unmittelbar zu Elsa:

Wenn ein Europäer in ein Land Europas reist, das er noch nie zuvor gesehen hat, bewegt er sich, wenn auch in etwas erweitertem Rahmen, weiterhin innerhalb seiner eigenen Umwelt und kann ohne Mühe den Unterschied zwischen den Dingen erkennen, mit denen die Gewohnheit ihn vertraut gemacht hat, und dem Neuen, dem er auf seiner Reise begegnet; denn ob wir Deutsche oder Engländer sind und ganz gleich, ob wir durch Frankreich, Italien oder Ungarn reisen – der Geist und das Bewusstsein Europas verbinden uns alle in einem Band der Einheit. Da wir innerhalb eines bestimmten Umkreises vielfältiger Zusammenhänge leben, sind wir durch diese Zusammenhänge ebenso wie durch eine gemeinsame Sprache dazu fähig, einander zu verstehen und uns dem anderen verständlich zu machen. Wir nennen dies kulturelle Verbundenheit. Ihre Existenz ist gewiss ein Vorteil, ein Gewinn. Doch wie alle Vorteile, die aus der Gewohnheit erwachsen, kann auch sie sich bisweilen als Nachteil erweisen; denn manchmal stellen wir fest, dass wir in diesem universalen Bewusstsein gleichsam von weicher Wolle umhüllt sind. Wir erkennen, dass die Gewohnheit uns einschläferte und in unsere Herzen Trägheit einziehen ließ; sie hat uns den Drang vergessen lassen, den gefährlichen Weg unserer früheren, schöpferischeren Zeiten zu beschreiten, den Versuch, jene unberührbare Wahrheit zu finden. In jenen früheren Zeitaltern hätte man dies vielleicht unberührbare Möglichkeiten genannt, und wer immer sich auf ihre Suche machte – Entdecker, Abenteurer oder Künstler –, suchte stets nach den tiefsten Quellen seines eigenen Lebens. Auch wir, die wir später gekommen sind, suchen nach unserem eigenen Leben; doch noch bevor unser eigenes Leben sich von selbst, Blütenblatt um Blütenblatt, entfalten konnte, sind wir von dem Wunsch besessen, es zu erlangen, und ahnen undeutlich die Sünde, die sich hinter einem solchen Unterfangen verbirgt. Viele Europäer beginnen heute zu erkennen: die furchtbare Gefahr, der Gefahr auszuweichen!

In diesem Buch beschreibe ich meine Reise durch ein Gebiet, dessen Unterschied zu Europa so gewaltig ist, dass sich zwischen beiden nicht ohne Weiteres eine Brücke schlagen lässt; und man kann sagen, dass dieser Unterschied in gewisser Hinsicht selbst eine Gefahr darstellt. Wir lassen die Sicherheit einer allzu gleichförmigen Umwelt hinter uns, in der es kaum etwas Unbekanntes und nichts Erstaunliches gibt – und betreten die erstaunliche, unerhörte Vielfalt einer anderen Welt.

Täuschen wir uns nicht selbst: In jener anderen Welt werden uns auf unserem Weg viele farbenprächtige Bilder begegnen, und vielleicht vermögen wir den Sinn dieses oder jenes von ihnen zu erfassen; doch so bewusst, wie wir in einem westlichen Land den Sinn des Gesamtbildes verstehen können, wird uns dies in jener fremden Welt niemals möglich sein. Was uns von den Menschen dieser anderen Welt trennt, ist nicht nur der Ort, sondern noch etwas über den Ort hinaus. Wie kann ein Austausch von Gedanken mit ihnen stattfinden? Es genügt nicht, lediglich ihre Sprache sprechen zu können. Wer verstehen will, wie sie ihr Leben wahrnehmen, muss sich völlig vorurteilsfrei in ihre Umgebung begeben und beginnen, im Kreis ihrer Beziehungen und Zusammenhänge zu leben. Ist das möglich? Und wäre es wünschenswert? Vielleicht würde es sich am Ende als schädlich erweisen, wenn wir anstelle unserer alten, vertrauten Denkgewohnheiten fremde und unbekannte Denkgewohnheiten übernähmen.

Aber gehören wir wirklich nicht zu jener Welt? Das glaube ich nicht. Der Hauptgrund dafür, dass wir uns als Außenstehende empfinden, liegt darin, dass unsere westliche Denkweise auf einem eigenen Irrtum beruht. Wir sind daran gewöhnt, fremde, unbekannte schöpferische Werte geringzuschätzen, und stets versucht, sie zu verletzen, sie nach unseren eigenen Bedingungen zu vereinnahmen und sie in unsere eigene geistige Umgebung aufzunehmen. Doch ich glaube, dass in unserem Zeitalter der Angst für derartige überhebliche Bemühungen kein Raum mehr ist. Viele von uns beginnen zu erkennen, dass kulturelle Unterschiede nicht durch geistige Vergewaltigung, sondern auf andere Weise überwunden werden können und überwunden werden sollten. Vielleicht lassen sie sich überwinden, indem wir uns ihnen mit unseren Sinnen ganz hingeben. Da diese unbekannte Welt sich von allem, was Sie in Ihrer Heimat kennengelernt haben, so völlig unterscheidet, da es in ihr so vieles gibt, das in Gestalt und Klang auf erstaunliche Weise neuartig und fremdartig ist, wird sie, wenn Sie aufmerksam sind, Sie bisweilen mit einer flüchtigen Erinnerung an Dinge streifen, mit denen Sie in ferner Vergangenheit vertraut waren und die in der tiefen Vergangenheit hinter dem Schleier des Vergessens verschwunden sind – an jene unfassbaren Wirklichkeiten Ihres eigenen Lebens. Und wenn dieser Atem der Erinnerung Sie über die Kluft hinweg erreicht, die Ihre Welt von jener anderen, jener unbekannten Welt trennt, fragen Sie sich selbst: Liegt vielleicht hier – und nur hier – der Sinn aller Reisen, allen Umherstreifens? Welcher Sinn? Nein: wach zu werden für die unbekannte, unerkannte Vielfalt der Welt um Sie herum und dadurch Ihre eigene persönliche, vergessene Wirklichkeit aufs Neue zu erwecken …

Und als Elsa mit ihrem angeborenen Gefühl erfasste, was ich mit diesen stockenden Worten, gleich einem Menschen, der sich im Dunkeln seinen Weg ertastet, so vergeblich auszudrücken versucht hatte, spürte ich mit aller Schärfe, dass Elsa – und nur Elsa – verstehen konnte, wonach ich gesucht hatte, und dass nur Elsa mir bei dieser Suche helfen konnte.

Zwei

Ein weiterer Tag unserer langen, ziellosen Reise ist zu Ende gegangen. Schweigen in mir und Schweigen in der Nacht rings um mich. Der Wind streicht langsam über die Dünen, berührt sie sanft und lässt im Sand an ihren Hängen Wellen spielen wie gekräuselte Fäden. In dem engen Kreis des Feuers, das entzündet worden ist, sehe ich Zayeds Gestalt; er ist mit seinen Gefäßen und Kesseln beschäftigt. Die Säcke unseres Lebens liegen ganz in der Nähe, dort, wohin wir sie beim Aufschlagen des Zeltes für die Nacht geworfen haben – ebenso unsere Sättel mit den hohen hölzernen Griffen. Etwas weiter entfernt verschwinden bereits die beiden hingestreckten Körper der Kamele in der Dunkelheit; von der langen Reise sind sie müde, ihre Hälse liegen im Sand, sichtbar und doch so nah wie Ihr Herzschlag – die leere Wüste.

Auf der Erde gibt es viele schönere Landschaften als diese, aber keine, so glaube ich, vermag die Seele des Menschen mit einer solchen endgültigen Kraft zu formen. Die Wüste löscht durch ihre Härte und ihre nahezu unbewohnte, pflanzenlose Weite alle Täuschungen aus unserem Verlangen nach einem Verständnis des Sinns unseres Lebens – sie löscht jene vielfältigen Fallen der Verblendung aus, in die eine gütigere Natur den Menschen locken und ihn dadurch zwingen kann, seine eigene Vorstellung auf die Welt rings um ihn zu übertragen. Die Wüste ist nackt und rein – sie kennt keinen Kompromiss. Die angenehmen Einfälle, die als Masken einer willkürlichen Gedankenwelt dienen könnten, fegt die Wüste aus dem Herzen des Menschen hinweg und befreit ihn so dazu, sich einem Absoluten hinzugeben, das keine Gestalt besitzt: ferner als alles Ferne und doch näher als alles, was nahe ist.

Seit der Mensch zu denken gelernt hat, ist die Wüste die Wiege all seines Glaubens an den einen Gott. Es stimmt, dass der Mensch auch in milderen Umgebungen und unter günstigeren klimatischen Bedingungen immer wieder Spuren Seiner Existenz und Einheit gefunden hat – etwa in der Vorstellung der alten Griechen von der „Moira“: Die Moira ist eine nicht wählbare Macht, die Quelle der Macht aller Götter des Olymps und außerhalb ihrer Verfügung. Doch derartige Vorstellungen waren nie mehr als das Ergebnis eines unbestimmten Gefühls, einer spekulativen Erkenntnis; sie waren nicht das Ergebnis sicherer Weisheit, bis dieses Wissen den Menschen der Wüste mit überwältigender Gewissheit aufleuchtete – aus der Wüste selbst. Aus einem brennenden Dornbusch in der Wüste Midians erklang Allahs Wort zu Moses; in der Einöde der jüdischen Wüste empfing Jesus die Botschaft vom Reich Allahs, und in der Höhle Hira in den Wüstenbergen nahe Mekka wurde dem arabischen Propheten Muhammad (s) erstmals die Offenbarung zuteil.

Zu ihm kam sie in jener engen, trockenen Schlucht zwischen felsigen Bergen, in jenem sonnenverbrannten, kahlen Tal der Wüste. Was war diese Botschaft? Nein, die umfassende Bejahung jenes Lebens, das aus der Vereinigung von Körper und Seele besteht: Das Ergebnis dieser Botschaft war, einem formlosen, religionslosen Volk aus verschiedenen Stämmen eine bestimmte Gestalt und ein bestimmtes Ziel zu geben und es dadurch binnen weniger Jahrzehnte wie eine Flamme und wie ein Versprechen bis zum Atlantischen Ozean im Westen und zur Chinesischen Mauer im Osten auszubreiten. Sein Schicksal war es, auch nach mehr als dreizehn Jahrhunderten, nachdem es jeden politischen Verfall überstanden hatte und sogar nachdem die große Zivilisation, die diese Botschaft hervorgebracht hatte, vergangen war, bis heute als eine große geistige Kraft fortzubestehen – jene Botschaft, die zum arabischen Propheten gekommen war …

….      …..        …..      …..

Meine Zeit vergeht im Schlafen und Wachen. Ich denke an jene Tage, die vergangen, aber noch nicht tot sind. Ich schlafe ein und träume, dann werde ich wieder wach, setze mich erneut auf. Die Träume und Erinnerungen meines Erwachens, halb Licht, halb Schatten, ziehen gemeinsam und voller Zartheit dahin.

Die Nacht nähert sich nun der Morgendämmerung. Das Feuer ist völlig erloschen. Zayed schläft in seine Decke gehüllt. Unsere beiden Kamele liegen reglos da, wie zwei Erdhügel. Noch sind die Sterne am Himmel zu sehen, und man könnte meinen, es sei noch Zeit zum Schlafen. Doch im Osten erscheint unter dem Himmel ein matter Lichtstrahl, der blass die Dunkelheit durchbricht, über einem noch dunkleren Schleier, der sich über den Horizont ausbreitet: die beiden Herolde der Morgendämmerung, zur Zeit des Fajr-Gebets.

Über mir sehe ich schräg den Morgenstern, den die Araber az-Zohra nennen, den leuchtenden Stern. Wenn Sie sie danach fragen, werden sie Ihnen sagen, dass dieser strahlende Stern einst eine Frau war …

Einst gab es zwei Engel namens Harut und Marut. Obwohl Demut und Bescheidenheit Engeln wohl anstehen, vergaßen diese beiden Engel sich und bildeten sich ein, ihre Reinheit sei unvergänglich und unüberwindbar. Wir sind aus Licht erschaffen – wir stehen über den Schwächen der Menschen, die aus dem Samen eines Mannes geboren sind! Doch sie hatten vergessen, dass sie nur deshalb rein waren, weil sie keinerlei Verlangen kannten und niemals dazu aufgefordert worden waren, ihr Verlangen zu bezwingen. Allah war über ihren Hochmut erzürnt und sagte zu ihnen: „Geht auf die Erde hinab und stellt euch dort eurer Prüfung.“ Die hochmütigen Engel stiegen auf die Erde hinab und wandelten in menschlichen Körpern unter den Menschen umher – und schon in der ersten Nacht begegneten sie einer Frau, deren Schönheit so erstaunlich war, dass die Menschen sie az-Zohra nannten … die strahlende Frau. Als die beiden Engel in diesem Augenblick mit menschlichen Augen und menschlichen Empfindungen zu Zohra blickten, geriet ihr Verstand durcheinander, und weil sie nun wie Menschenkinder waren, erwachte in ihnen ein unbezähmbares Verlangen nach Zohra. Beide sagten zu Zohra: „Gib dich mir hin.“ Doch Zohra antwortete: „Ich gehöre einem anderen Mann. Wenn du mich begehrst, musst du mich zuerst aus seiner Hand befreien.“ Daraufhin töteten Harut und Marut den Mann und stillten mit blutbefleckten Händen – mit dem Blut, das sie ungerechterweise vergossen hatten – ihr brennendes Verlangen an jener Frau. Doch in dem Augenblick, da ihr Verlangen erloschen war, kamen die beiden Engel, die noch kurz zuvor bei vollem Bewusstsein gewesen waren, wieder zur Besinnung und erkannten, dass sie bereits in ihrer ersten Nacht auf der Erde zwei Sünden begangen hatten: Mord und Unzucht – und dass ihr Hochmut keinerlei Sinn hatte! Da sagte Allah: „Wählt eines von beidem: die Strafe auf Erden oder die Strafe im Jenseits.“ Die beiden von heftiger Reue ergriffenen Engel wählten die Strafe auf dieser Erde. Darauf befahl Allah, sie zwischen Himmel und Erde in Ketten aufzuhängen; und so sollten sie bis zum Tag der Auferstehung hängen – als Ermahnung für Engel und Menschen, dass jede Tugend von selbst zugrunde geht, wenn ihr Demut und Bescheidenheit fehlen. Da jedoch kein menschliches Auge die Engel zu sehen vermag, verwandelte Allah az-Zohra in einen Stern und hängte sie an den Himmel, damit die Menschen sie stets sehen und sich beim Erinnern an ihre Geschichte an das Unglück von Harut und Marut erinnern konnten. Die Grundzüge dieser Geschichte scheinen viel, viel älter zu sein als der Islam. Sie entstammt vermutlich einer der Sagen, die die alten Semiten um ihre Göttin Ishtar rankten – jene Göttin, die später zur Aphrodite der Griechen wurde. Dieser Planet, den wir Venus nennen, und diese beiden Göttinnen wurden als ein und dasselbe erkannt. Doch in der Gestalt, in der ich diese Geschichte gehört hatte, ist die Geschichte von Harut und Marut eine eigenständige Schöpfung des muslimischen Geistes. Diese Geschichte veranschaulicht die Vorstellung, dass eine von der Materie unabhängige Reinheit keinerlei sittliche Bedeutung besitzt, solange sie darauf beruht, dass man kein Verlangen kennt. Denn ist nicht gerade die immer wiederkehrende Notwendigkeit, zwischen Gut und Böse zu wählen, die Grundlage aller Moral?

Die armen Harut und Marut wussten das nicht. Da sie als Engel niemals einer Versuchung ausgesetzt gewesen waren, hielten sie sich für rein und dem Menschen sittlich überlegen. Sie begriffen nicht, dass die indirekte Bedeutung der Leugnung der Berechtigung körperlicher Bedürfnisse in der Leugnung aller sittlichen Werte im menschlichen Handeln liegen würde. Denn allein das Vorhandensein all dieser Triebe, Versuchungen und Konflikte … „die Möglichkeit zu wählen macht den Menschen – und nur den Menschen, niemand anderen – zu einem sittlichen Wesen, das eine Seele besitzt“.

Auf dieser Vorstellung beruht es, dass der Islam unter allen höheren Religionen als einzige die Seele als einen Aspekt der menschlichen Persönlichkeit betrachtet und sie nicht als etwas an sich völlig Unabhängiges ansieht. Folglich ist aus muslimischer Sicht die Entwicklung der menschlichen Seele untrennbar mit sämtlichen Seiten seiner Natur verbunden. Die körperlichen Wünsche und Begierden sind ein untrennbarer Bestandteil dieser Natur. Sie sind nicht die Folge einer „Erbsünde“, sondern wirkliche, von Allah verliehene Kräfte, die man anerkennen und entsprechend vernünftig gebrauchen muss. Selbstverständlich ist schon die Vorstellung der Erbsünde der islamischen Ethik völlig fremd; daher besteht das Problem des Menschen nicht darin, wie er die Bedürfnisse des Körpers unterdrücken kann, sondern darin, wie er sie mit den Bedürfnissen seiner Seele in Einklang bringen kann, sodass das Leben vollkommen und tugendhaft wird.

Die Grundlage dieser beinahe ganzheitlichen Bejahung des Lebens findet sich in der islamischen Auffassung, dass die ursprüngliche Fitra des Menschen im Wesentlichen gut ist. Im Gegensatz zur christlichen Vorstellung, dass der Mensch von Geburt an sündig sei, oder zur hinduistischen Lehre, dass er von Geburt an niedrig und unrein sei und sich durch viele Leben hindurch auf erbärmliche und leidvolle Weise tastend seinen Weg zur Erlösung suchen müsse, sagt der Koran: „Wahrlich, Wir erschufen den Menschen in der schönsten Gestalt – in einem Zustand der Reinheit –, (einer Reinheit, die nur durch späteres Fehlverhalten verlorengehen kann); danach machen Wir ihn zum Niedrigsten der Niedrigen, außer jenen, die glauben und gute Werke tun.“

Drei

Vor uns liegen die Palmengärten von Ha’il.

Wir machten neben einem alten, verfallenen Wachturm Halt, um uns auf unseren Einzug in die Stadt vorzubereiten. Denn eine alte arabische Sitte, die stets mit persönlichem Geschmack und Sinn für Schönheit verbunden ist, verlangt, dass ein Reisender, wenn er eine Stadt betritt, seine beste Kleidung trägt und frisch und sauber in die Stadt einzieht, als sei er gerade erst von seinem Kamel gestiegen. Daher verbrauchten wir unser restliches Wasser, um Hände und Gesicht zu waschen, stutzten unsere vernachlässigten Bärte und zogen die strahlendsten Hemden hervor, die unter unseren Sätteln lagen. Wir bürsteten mehrere Wochen angesammelten Wüstensand von unseren ‘Abayas’ und den leuchtend gefärbten Quasten, die von den Sätteln herabhingen, und schmückten unsere Kamele mit ihrem schönsten Geschirr.

Und nun waren wir bereit, uns in der Stadt Ha’il vorzustellen. Diese Stadt ist ihrem Wesen nach weit arabischer als etwa Bagdad oder Medina. Kein Element irgendeines nichtarabischen Landes oder Volkes findet sich hier – die Stadt ist rein und unverfälscht wie eine Schale frisch gemolkener Milch. Auf dem Markt sieht man keine fremde Kleidung, sondern nur die weiten arabischen ‘Abayas’, ‘Kufiyas’ und ‘Igals’. Ihre Straßen sind weitaus sauberer als die jeder anderen Straße im Nahen Osten – ja sogar als die jeder Stadt im Nadschd, das für seine orientalische Sauberkeit berühmt ist (wahrscheinlich, weil die Menschen dieses Landes seit jeher ‘frei’ gewesen sind und daher mehr Selbstachtung bewahrt haben als die Bewohner jedes anderen Ortes im Osten). Die Häuser hier bestehen aus festgestampften Lehmklumpen, die man übereinandergelegt hat; sie sind schön instand gehalten. Eine Ausnahme bilden nur die zerstörten Mauern der Stadt, die noch immer Zeugnis von den vergangenen Kriegen zwischen den Familien Ibn Sauds und Ibn Raschids sowie von der Eroberung der Stadt im Jahr 1921 durch Ibn Saud selbst ablegen.

Die Hämmer der Kupferschmiede schlagen unablässig auf sie ein und fertigen Gefäße aller Art, die Sägen der Zimmerleute kreischen, während sie sich in das Holz fressen, und die Schuhmacher bringen Sohlen an Sandalen an. Kamele drängen sich durch die Menge; einige tragen Lasten aus Brennholz, während all die übrigen, die die Beduinen zum Verkauf hergebracht haben, mit ihren mit Butter gefüllten Lederschläuchen die Luft mit ihrem Brüllen erfüllen. Erfahrene Hände prüfen die glänzenden Satteltaschen aus al-Ahsa, indem sie sie mit den Fingern betasten. Die Auktionatoren ziehen, ihre Waren zum Verkauf ausrufend, von einem Ende des Marktes zum anderen und kehren dabei immer wieder zu den festgesetzten Zeiten zurück. Solche Versteigerungen sind ein ständiges Merkmal jeder arabischen Stadt. Hier und dort sieht man Jagdfalken auf ihren hölzernen Ständern auf und ab hüpfen, die Beine mit schmalen Lederstreifen festgebunden. Honigfarbene Saluki-Windhunde liegen da und strecken ihre schönen Glieder träge in der Sonne aus. Dürre Beduinen in abgetragenen ‘Abayas’, prächtig gekleidete Diener und die Leibwächter des Emirs – fast alle aus den südlichen Provinzen – mischen sich unter die Händler aus Bagdad, Basra und Kuwait sowie die Einwohner von Ha’il. Diese Einheimischen, also die Männer – denn von den Frauen sieht man kaum mehr als ihre schwarzen ‘Abayas’, die sie vom Kopf bis zu den Füßen bedecken –, gehören zu einem der schönsten Völker der Welt. Alles, was die arabische Rasse bisher an Schönheit und Ebenmaß von Gesicht und Gestalt hervorgebracht hat, scheint in diesem Stamm der Schammar verkörpert zu sein, von dem ein Dichter aus vorislamischer Zeit sang: Auf den Hochebenen leben Männer, zäh wie Stahl, und stolze, keusche Frauen.

Als wir vor der Festung des Emirs ankamen, wo wir beschlossen hatten, die nächsten zwei Tage zu bleiben, sahen wir, dass unsere Gastgeber außerhalb des Festungstores im Freien einen Hofstaat eingerichtet hatten. Emir Ibn Musa’ad gehört dem Dschiluwi-Zweig der Familie Ibn Sauds an und ist ein Schwager des Königs. Er ist einer der mächtigsten Gouverneure des Königs. Man nennt ihn den ‘Emir des Nordens’, weil er nicht nur über die Provinz Dschabal Schammar herrscht, sondern über den gesamten nördlichen Nadschd bis zu den Grenzen Syriens und des Irak – ein Gebiet von annähernd der Größe Frankreichs.

Der Emir, ein alter Freund von mir, und ein beduinischer Scheich aus der Steppenregion sitzen auf einer langen, schmalen Ziegelbank, die an der Festungsmauer entlang errichtet wurde. In einer langen Reihe sitzen ihnen zu Füßen Ibn Musa’ads ‘Rajazil’ – bewaffnete Wächter mit Gewehren und Schwertern in silbernen Scheiden –, die ihn tagsüber niemals verlassen, weniger zu seinem Schutz als aus Rücksicht auf seine Würde. Hinter ihnen befinden sich die Falkner, die ihre Vögel auf den behandschuhten Fäusten halten; danach kommen die Diener niederen Ranges, die Beduinen, eine Schar von Gefolgsleuten und selbst die Stallknechte der kleinen und großen Ställe – alle achten einander als Menschen gleich, trotz der Unterschiede ihrer Stellung. Und wie könnte es in diesem Land auch anders sein, wo man niemanden mit ‘mein Herr’ anredet, außer Allah im Gebet? Ihnen gegenüber sitzen Beduinen und Städter in einem großen Halbkreis und tragen dem Emir ihre Klagen und Streitigkeiten zur Entscheidung vor.

Wir ließen unsere Kamele außerhalb dieses Kreises niederknien. Wir überließen sie der Obhut der beiden Gefolgsleute, die uns entgegengelaufen waren, und gingen auf den Emir zu. Er erhob sich, und auch diejenigen, die neben ihm auf der Bank und vor ihm auf dem Boden gesessen hatten, standen gemeinsam mit ihm auf. Er streckte mir die Hand entgegen und sagte: ‘Ahlan wa sahlan’ – ‘Kommt, setzt euch; möge Allah euer Leben verlängern.’

Ich küsse den Emir auf die Nasenspitze und auf die Stirn, und er küsst mich auf beide Wangen; dann zieht er mich neben sich auf die Bank. Zayd nimmt seinen Platz unter den Rajazil ein.

Ibn Musa’d stellte mich seinen Gästen vor. Einige von ihnen waren mir völlig neu, andere kannte ich schon seit mehreren Jahren. Zu ihnen gehörte Ghadban ibn Rimal, der oberste Scheich der Sijara-Schammar. Diesen fröhlichen alten Krieger nenne ich stets Onkel. Angesichts seines beinahe völlig verfallenen Äußeren würde niemand vermuten, dass er der gefürchtetste Anführer der nördlichen Gebiete ist; seine junge Frau hat er mit so viel Gold und Edelsteinen behängt, dass man allgemein glaubt, sie müsse, wenn sie ihr riesiges, auf sechzehn Pfosten errichtetes Zelt verlassen will, zwei Sklavinnen haben, die ihr die Last am Leib abnehmen.

Seine beiden Augen funkelten, als er mich umarmte und mir ins Ohr flüsterte:

– „Hast du noch immer keine neue Frau?“

Ich antworte darauf nur mit einem leisen Lächeln und einem Achselzucken.

Emir Ibn Musa’d muss diesen Scherz gehört haben, denn er lachte laut und sagte:

– „Ein müder Reisender braucht keine Frau, sondern Kaffee.“ Dann rief er:

„Qahwa“

– „Qahwa“ –, wiederholt der Diener, der dem Emir am nächsten steht, und auch der Diener am Ende der Reihe nimmt diesen Ruf auf und sagt: „Qahwa“. So geht es weiter, bis der förmliche Befehl das Burgtor erreicht und von dort aus im Inneren widerhallt. Augenblicke später erscheint ein Diener, in der linken Hand die traditionelle Kaffeekanne aus Messing, in der rechten mehrere kleine Tassen. Zuerst schenkt er dem Emir Kaffee ein, zum zweiten Mal mir, und danach reicht er den übrigen Gästen den Kaffee entsprechend ihrem Rang. Ein- oder zweimal werden die Tassen nachgefüllt; sobald ein Gast zu verstehen gibt, dass er keinen weiteren möchte, wird die Tasse wieder gefüllt und dem nächsten Gast gereicht.

Offenbar ist der Emir begierig, das Ergebnis meiner Reise an die irakische Grenze zu erfahren. Doch seine Neugier zeigt sich nur in diesen kleinen Fragen danach, was mir unterwegs widerfahren ist; die ausführlichere Erkundigung verschiebt er auf den Zeitpunkt, an dem wir beide allein sein werden. Danach nahm er die Gerichtsverhandlung wieder auf, die in unserer Gegenwart unterbrochen worden war.

Im Westen wäre ein derart schlichtes, von jeder Kompliziertheit freies Gericht unvorstellbar; selbstverständlich gebührt dem Emir als Herrscher und Richter jede Ehre. Doch in dem Respekt, den die Beduinen ihm erweisen, findet sich nicht die geringste Spur einer sklavischen Gesinnung. Kläger und Beklagter stehen gleichermaßen stolz im Bewusstsein, als Menschen frei zu sein. Ihre Haltung zeigt keine Unsicherheit oder Befangenheit, ihre Stimmen sind oft laut und entschieden, und jeder spricht vor dem Emir so, als spräche er mit einem älteren Bruder – selbst den König ruft er nach der unter den Beduinen üblichen Sitte bei seinem Vornamen und nicht bei seinem Titel. Im Adel Ibn Musads findet sich nicht die geringste Spur von Wildheit. Sein schönes, von einem kurzen schwarzen Bart umrahmtes Gesicht und sein mittelgroßer, etwas gedrungener Körper verkörpern jene angeborene Selbstbeherrschung und schlichte Würde, die in Arabien so oft neben unumschränkter Macht besteht. Ibn Musad ist sehr ernst; mit äußerst kurzen, treffenden Sätzen entscheidet er ohne Verzögerung über die einfachen Fälle, während er die etwas komplizierteren Fälle, für die rechtswissenschaftliche Kenntnisse erforderlich sind, an den Qadi der betreffenden Gegend verweist.

Es ist nicht leicht, in einem großen Beduinengebiet die höchste Macht zu innehaben. Um in der leidenschaftlich verwickelten Klage eines Beduinen das richtige Urteil zu finden, bedarf es einer tiefen Kenntnis aller Beduinenstämme, der Beziehungen zwischen den verschiedenen Familien, der führenden Persönlichkeiten, der Weidegebiete der Stämme, ihrer vergangenen Geschichte und ihrer gegenwärtigen Stimmung und Verfassung. Hier ist neben scharfem Verstand ebenso die Klugheit des Herzens erforderlich, und beide müssen gemeinsam mit nadelspitzer, feinster Genauigkeit wirken, um Fehler zu vermeiden. Denn so wenig die Beduinen jemals eine ihnen erwiesene Gunst vergessen, so wenig vergessen sie ein Urteil, das sie für ungerecht halten. Dagegen nehmen diejenigen, gegen die ein gerechtes Urteil ergangen ist, dieses fast immer mit einem Lächeln hin. Vielleicht steht Ibn Musad, was die Erfüllung all dieser Voraussetzungen betrifft, über allen anderen Emiren Ibn Sauds. Er ist so gesammelt, so schweigsam und so frei von inneren Konflikten, dass sein angeborenes Gefühl ihm fast immer den richtigen Weg weist, sobald sein Urteilsvermögen an seine äußerste Grenze gelangt. Er ist ein Schwimmer im Strom des Lebens. Er lässt sich von der Strömung tragen, passt sich ihr an und beherrscht sie.

In diesem Augenblick tragen zwei Beduinen in abgetragenen Kleidern mit erregten Worten und Gesten den Gegenstand ihres Streits vor. Im Allgemeinen ist es schwierig, bei den Beduinen etwas festzulegen; immer ist in ihnen etwas Unberechenbares – die Möglichkeit einer plötzlich und spontan aufflammenden Erregung, die keinen Vergleich kennt –, und stets scheinen Paradies und Hölle einander nahe zu sein. Doch nun sehe ich, wie Ibn Musad sie aus ihrem lodernden Zorn voneinander trennt und sie durch seine unaufgeregten Worte beruhigt. Man könnte meinen, er werde, während der eine für sein Recht plädiert, dem anderen befehlen zu schweigen; doch nein, das tut er nicht. Stattdessen lässt er beide zugleich sprechen und einander im Geschrei überbieten, während er sich nur gelegentlich zwischen sie stellt, hier ein Wort, dort eine Frage einwirft und im nächsten Augenblick in ihre hitzige Auseinandersetzung eintaucht. Er gibt nach und scheint sich zurückzuziehen, nur um kurz darauf mit einer weiteren passenden Bemerkung wieder zwischen ihnen aufzutauchen. Es ist faszinierend zu sehen, wie der Richter seinen Geist der Wirklichkeit anpasst – einer Wirklichkeit, die von zwei zornigen Männern völlig gegensätzlich ausgelegt wird. Dieses Bemühen um Anpassung ist weniger eine Suche nach Wahrheit im juristischen Sinne als vielmehr die allmähliche Enthüllung einer verborgenen sachlichen Wahrheit. Der Emir schreitet auf dieses Ziel zögernd und in Etappen zu und zieht die Wahrheit hervor, gleichsam mithilfe eines feinen Fadens, langsam und mit äußerster Geduld, den beiden Parteien nahezu unbemerkt … bis sie plötzlich verstummen, einander mit erstaunten, verwirrten Blicken ansehen und begreifen: Das Urteil ist gefällt, und es ist so offensichtlich gerecht, dass es keiner weiteren Erklärung bedarf … Darauf erhebt sich einer der beiden zögernd; seine Abaya hängt lang herab, und er ergreift die Hand seines soeben noch bestehenden Gegners und zieht ihn beinahe freundschaftlich kräftig zu sich: „Komm.“ Gemeinsam verlassen sie den Gerichtshof, noch immer etwas benommen und zugleich erleichtert, während sie dem Emir mit gedämpfter Stimme Frieden wünschen.

Die Szene ist großartig – geradezu eine vollendete Kunst: Sie scheint ein Beispiel jener fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Rechtswissenschaft und Gerechtigkeit zu sein, die in den Gerichten und Gesetzgebungen des Westens noch in den Kinderschuhen steckt; doch hier ist sie in ihrer ganzen Vollkommenheit auf dem staubbedeckten Marktplatz vor der Festung eines arabischen Emir zum Ausdruck gekommen!

Ibn Musad lehnt sich lässig an die Lehmwand und nimmt den nächsten Fall zur Verhandlung entgegen. Sein gebildetes, entschlossenes Gesicht und darin die beiden tief liegenden Augen mit ihrem lebhaften, durchdringenden Blick – dieses Gesicht ist das Gesicht eines wahrhaftigen Führers, das vollendetste Sinnbild der edelsten Eigenschaften seines Volkes. Und welche ist diese edelste Eigenschaft? Die schlichte Weisheit des Herzens.

Einige weitere Anwesende bringen öffentlich ihre anerkennende Bewunderung zum Ausdruck. Ein Beduine aus dem Stamm der Harb, der angeblich zur Leibwache des Emir gehört, saß mir gegenüber auf dem Boden; er reckte den Hals in meine Richtung, ließ sein Gesicht in einem leisen Lächeln erstrahlen und sagte:

„Ist er nicht wie jener Sultan, von dem al-Mutanabbi sagt:

»Ich begegnete ihm, als sein augenblendendes Schwert noch in der Scheide steckte,

ich sah ihn, als jenes Schwert blutbefleckt war,

und stets fand ich ihn

in seiner edelsten menschlichen Gestalt,

doch am edelsten in ihm war dennoch sein großes Herz …?“

Dass ich einen ungebildeten Beduinen Gedichte eines großen arabischen Dichters zitieren hörte, der im zehnten Jahrhundert lebte, erschien mir keineswegs unpassend – so unpassend, wie es mir erschienen wäre, einen Bauern irgendwo in Berberien Goethes Gedichte aufsagen zu hören oder einen englischen Matrosen William Blake oder Shelley rezitieren zu sehen. Denn trotz der größeren Verbreitung der Kunst unter der westlichen Bevölkerung hat der Durchschnittseuropäer oder -amerikaner an den größten Schätzen der westlichen Kultur eigentlich keinen Anteil; demgegenüber nimmt ein großer Teil der ungebildeten, ja bisweilen sogar der unlesenen Muslime täglich und bewusst an ihrem vergangenen kulturellen Erbe teil. So wie dieser Beduine aus al-Mutanabbi eine passende Verszeile anzuführen vermochte, um eine von ihm selbst beobachtete Situation zu veranschaulichen, so tragen viele zerlumpt gekleidete Iraner, die nie eine Schule besucht haben – vielleicht ein Wasserträger, ein Lastenträger auf dem Markt oder ein Soldat an einem Grenzposten –, unzählige Gedichte von Hafis, Dschami oder Firdausi in ihrem Gedächtnis und verweben sie in das Geflecht ihrer alltäglichen Rede. Obwohl diese muslimischen Völker einen großen Teil jener schöpferischen Kraft verloren haben, die ihr kulturelles Erbe so groß gemacht hatte, bewahren sie bis heute eine unmittelbare, lebendige Verbindung zu den höchsten Gipfeln dieses Erbes, zu seinen größten Schätzen.

……. ………       ………… …………

Noch heute erinnere ich mich an den Tag, an dem ich diese Entdeckung auf dem Markt von Damaskus machte. In meinen Händen hielt ich ein Gefäß, eine große, aus gebranntem Ton gefertigte Schüssel. Ihre Gestalt war von einer eigentümlichen Würde: groß und rund, wie eine an einer Seite abgeflachte Kugel, deren Proportionen sich beinahe genau mit musikalischen Proportionen vergleichen ließen; vom runden oberen Rand des Gefäßes, dessen Zartheit so sanft war wie die Wange einer Frau, bogen sich zwei Henkel vollkommen geformt nach außen und hätten einer griechischen „Amphora“ zur Ehre gereichen können. Ich konnte den Abdruck seiner Finger im Lehm sehen; um die nach innen gewendete Wölbung des Gefäßes hatte er mit den raschen, sicheren Schnitten seines Meißels ein so feines Rankenmuster hervorgebracht, dass es den Eindruck eines Gartens voller blühender Rosen erweckte. Der Töpfer arbeitete schnell, beinahe gleichgültig, während er diese erstaunliche Schlichtheit schuf, die in den Museen Europas die ganze Pracht der so geliebten und bewunderten seldschukischen und iranischen Keramik in Erinnerung ruft: Dieser Töpfer hatte keinerlei Absicht, ein Kunstwerk zu schaffen. Was er herstellte, war ein Kochtopf, nichts weiter, einfach nur ein Kochtopf, den irgendein Fellache oder Beduine an irgendeinem Tag auf irgendeinem Markt für ein paar Kupfermünzen kaufen konnte.

Ich weiß, dass die Griechen eine ebenso große oder noch größere Vollkommenheit erreicht hatten, vielleicht sogar bei Kochgefäßen; denn auch sie – die Wasserträger und Marktträger, die Soldaten und die Töpfer, jeder Einzelne von ihnen – waren wirkliche Teilhaber an einer Kultur, die nicht auf dem schöpferischen Eifer einiger weniger Auserwählter beruhte, nicht auf einigen wenigen hohen Gipfeln, die nur Genies erreichen konnten, sondern eine Kultur war, die allen gemeinsam gehörte. Die schönen Dinge, die Bestandteil dieser Kultur waren, empfanden sie als Teil ihrer alltäglichen Tätigkeit: eine ununterbrochene Teilhabe am gemeinsamen, lebendigen Besitz aller.

Während ich dieses Gefäß mit beiden Händen hielt, wurde mir bewusst: Gesegnet seien jene Menschen, die ihre täglichen Mahlzeiten aus solchen Gefäßen essen; gesegnet seien jene Menschen, deren Anspruch auf das Erbe einer Kultur nicht bloß leerer Hochmut ist, sondern weit mehr.

Vier

„Muhammad, willst du mir jetzt die Ehre erweisen, dich zu mir zum Essen zu setzen?“ Bei der Stimme Ibn Musa’ads reißt der Faden meiner Vorstellung ab; ich öffne die Augen und Damaskus versinkt wieder in der Vergangenheit, an den Ort, an den es gehört; und ich sehe mich wieder auf der Bank sitzen, neben dem „Emir des Nordens“. Die Gerichtssitzung ist für den Augenblick beendet. Die Prozessparteien verabschieden sich eine nach der anderen. Ibn Musa’ad erhebt sich von der Bank, und mit ihm stehen seine Gäste und seine Wachen auf.

Die Gruppe teilt sich und macht uns den Weg frei. Nachdem wir das innere Tor durchschritten haben, sammelt sie sich wieder und folgt uns in den Burghof.

Kurz darauf sitzen Emir Ghadban ibn Rimar und ich gemeinsam an einer sehr großen Tafel. Auf dem Reis liegt ein ganzes gebratenes Schaf. Außer uns befinden sich zwei Begleiter des Emirs und ein Paar goldfarbener Saluki-Hunde im Raum.

Der alte Ghadban legt mir die Hand auf die Schulter und sagt: „Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet – hast du noch keine neue Frau bekommen?“

Ich lache über sein Beharren: „Sie wissen doch, dass ich in Medina eine Frau habe – warum sollte ich mir noch eine zweite Frau suchen?“

– „Warum? Allah bewahre mich – eine einzige Frau, und du bist noch ein junger Mann! Als ich in deinem Alter war …“

– „Ich habe gehört, Scheich Ghadban“, fällt Amir ibn Musa’d ihm ins Wort, „dass Sie noch immer nicht hinter früher zurückstehen!“

– „O Amir, ich bin inzwischen nur noch ein verfallener Trümmerhaufen. Möge Allah Ihr Leben verlängern, doch manchmal sehne ich mich nach der Nähe eines warmen Frauenkörpers, um meine morschen Knochen wieder aufzuwärmen … Aber sag du“, Ghadban wendet sich mir zu, „was ist aus dem Mutairi-Mädchen geworden, das du vor zwei Jahren geheiratet hast? Was hast du mit ihr gemacht?“

– „Nun – nichts; und das ist meine Antwort“, sage ich.

– „Gar nichts …?“ Der Alte wiederholt es mit weit aufgerissenen Augen. „War sie denn so hässlich?“

– „Nein, im Gegenteil, sie war ausgesprochen schön.“

– „Was ist geschehen?“, fragt ibn Musa’d. „Von welchem heiratsfähigen Mutairi-Mädchen sprecht ihr? Klär mich auf, Muhammad.“

Ich versuche, Amir über jene misslungene Ehe zu informieren.

Damals lebte ich in Medina, ohne Ehefrau, allein. Ein Beduine aus dem Stamm der Mutair, der Fahad hieß, verbrachte täglich Stunden in meiner Kaffeerunde und erzählte mir von all den unglaublichen Abenteuern, die er während des Zweiten Weltkriegs unter Lawrences Führung erlebt hatte. Eines Tages sagte er zu mir: „Kein Mann sollte sein Leben allein verbringen; denn sonst wird das Blut in deinen Adern und Venen gerinnen und Klumpen bilden: Du solltest heiraten.“ Und als ich ihm scherzhaft sagte, er solle mir doch eine Braut bringen, erwiderte er: „Das ist ganz einfach. Die Tochter meines Schwagers Mutarik ist jetzt im heiratsfähigen Alter, und als ihr Onkel mütterlicherseits kann ich dir sagen, dass sie außerordentlich schön ist.“

Wiederum sagte ich ihm scherzhaft, er solle sich erkundigen, ob ihr Vater einverstanden wäre. Welch eine Überraschung! Am nächsten Tag erschien Mutarik persönlich bei mir! Nachdem er sichtlich verlegen einige Tassen Kaffee ausgetrunken, ein wenig gehustet und sich etwas geziert hatte, sagte er schließlich zu mir, Fahad habe ihm erzählt, dass ich angeblich seine Tochter heiraten wolle. „Es wäre mir eine Ehre, dich als Schwiegersohn zu bekommen; aber Rokeya ist noch ein Kind, sie ist erst elf.“

Als Fahad erfuhr, dass Mutarik hier gewesen war, geriet er vor Wut völlig außer sich: „Schuft! Ein verlogener Schuft, das Mädchen ist jetzt fünfzehn! In Wahrheit will er seine Tochter keinem Araber aus dem Dorf zur Frau geben. Andererseits weiß er, wie eng deine Verbindung zu Ibn Saud ist. Deshalb will er dich nicht verletzen, indem er den Antrag direkt ablehnt. Darum tut er so, als sei seine Tochter noch ein Kind. Aber ich sage dir, ihre beiden Brüste sind so“ – und mit den Händen beschrieb er eine Brust, deren Form und Größe höchst verführerisch waren – „gerade wie eine reife Dattel, zum Abbeißen.“

Bei dieser Beschreibung begannen die Augen des alten Gadbān zu funkeln: „Fünfzehn, schön und Jungfrau …“ Dann sagte er trotzdem: „Überhaupt nichts! Was hättest du dir denn noch mehr wünschen können?“

– „Nun, wartet, bis ich den Rest der Geschichte erzählt habe … Ich muss zugeben, dass mein Interesse immer weiter wuchs, vielleicht wurde es durch Mutariks Einwände noch ein wenig angestachelt. Ich gab Fahad zehn Goldmünzen als Mahr. Fahad tat sein Möglichstes, um die Eltern der Braut in meinem Namen zur Zustimmung zu bewegen. Ein entsprechendes Geschenk wurde auch der Mutter der Braut, Fahads Schwester, geschickt. Was in ihrem Haus tatsächlich geschah, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass es den beiden schließlich gelang, Mutarik zu dieser Ehe zu bewegen.“

– „Dieser Fahad scheint mir“, sagte Ibn Musaʿd, „ein äußerst gerissener Mann zu sein. Offensichtlich hatten er und seine Schwester von dir ein noch größeres Geschenk erwartet! Aber was geschah dann?“

Ich erzählte ihnen weiter, wie die Hochzeit einige Tage später ordnungsgemäß in Abwesenheit der Braut vollzogen wurde. Nach dem Brauch vertrat ihr Vater die Braut als deren Wali und Wakil; gemeinsam mit dem Wakil der Braut bezeugten zwei Zeugen die Gültigkeit der Eheschließung. Danach wurde anlässlich der Hochzeit ein kostspieliges, köstliches Mahl aufgetragen. Dazu kamen die üblichen Geschenke für die Braut, die ich bis dahin kein einziges Mal gesehen hatte, für ihre Eltern und für einige weitere nahe Verwandte, unter denen selbstverständlich Fahad den höchsten Rang einnahm. Noch am selben Abend brachte die Mutter der Braut meine Frau zusammen mit einigen verschleierten Mädchen zu mir nach Hause, während die Frauen von den Dächern der Nachbarhäuser aus, zur Trommel der Daf, Hochzeitslieder sangen.

Zur verabredeten Zeit betrete ich das Zimmer, in dem meine Frau und ihre Mutter auf mich warten. Ich konnte keinen Unterschied zwischen den beiden erkennen. Denn ich konnte keinen Unterschied zwischen den beiden erkennen. Denn beide waren vom Kopf bis zu den Füßen in Burkas gehüllt. Doch als ich, wie es der Brauch verlangte, die Worte „Sie können jetzt gehen“ aussprach, erhob sich eine der verschleierten Frauen und verließ langsam das Zimmer; auf diese Weise erfuhr ich, dass die Frau, die zurückblieb, meine Ehefrau war.

„Und dann, Vater … was geschah dann?“, fragt Ibn Rimal, als ich an dieser Stelle meiner Erzählung kurz innehalte. Der Amir blickte mich mit einem amüsierten Ausdruck an.

„Dann … das arme Mädchen saß da; ich konnte deutlich erkennen, dass sie furchtbar verängstigt war, weil man sie einem völlig fremden Mann ausgeliefert hatte. Und als ich sie mit aller mir bekannten Höflichkeit und Sanftmut aufforderte, den Gesichtsschleier zu heben, wickelte sie ihre Abaya noch fester um den Körper.“

„So machen sie es immer“, sagt Ibn Rimal mit lauter Stimme. „Zu Beginn der Hochzeitsnacht sind sie stets derart verängstigt. Außerdem ziemt es sich für ein junges Mädchen durchaus, schüchtern zu sein. Aber später sind sie gewöhnlich ganz glücklich … War deine Frau nicht glücklich?“

„Nein, sie war keineswegs glücklich. Ich musste selbst den Gesichtsschleier von ihrem Gesicht nehmen, und als ich ihn entfernte, sah ich ein äußerst schönes Mädchen, dessen Teint die Farbe reifen Weizens hatte, dessen Gesicht oval geformt war und dessen Augen riesig waren; ihr langes, üppiges Haar fiel auf das Kissen herab, auf dem sie saß. Doch in Wahrheit war es das Gesicht eines Kindes – sie konnte unmöglich älter als elf Jahre sein –, genau wie ihr Vater gesagt hatte. Nur die Habgier Fahads und seiner Schwester hatte sie mir als dem Alter nach heiratsfähig vorgestellt. Der arme Mutrik hatte kein einziges Wort gelogen.“

„Aber was machte das schon?“, fragt Ibn Rimal, als hätte er nicht verstanden, worauf ich hinauswollte. „Was ist an elf Jahren auszusetzen? Ein Mädchen wächst doch – wie, wächst es etwa nicht? Und im Bett des Ehemanns wächst es noch schneller …“

Doch der Amir Ibn Musa’d sagt: „Nein, Scheich Gadban, so ist es nicht; sie ist kein Nadschdi wie du. Sie hat mehr Verstand im Kopf!“ Dann wendet er sich mir zu, lächelt absichtlich und sagt: „Muhammad, hör nicht auf Gadban. Er ist ein Nadschdi, und bei fast allen Nadschdis sitzt der Verstand“ – dabei deutet er mit der Hand auf seinen Kopf – „nicht dort, sondern hier“, sagt er und zeigt auf einen völlig anderen Körperteil!

Wir brechen alle in Gelächter aus, und Gadban murmelt in seinen Bart: „Dann habe ich, Amir, gewiss mehr Verstand als Ihr!“

Unter ihrem Drängen erzähle ich die Geschichte weiter und teile ihnen mit, dass mir, was den alten Gadban auch immer betrifft, das ausgesprochen zarte Alter meiner kindlichen Braut keineswegs als zusätzlicher Vorteil erschienen war. Das Mädchen war dem niederträchtigen Trick ihres Onkels zum Opfer gefallen. Ich empfand ihr gegenüber nichts als Mitleid. Ich behandelte sie so, wie man ein Kind behandelt. Ich versicherte ihr, dass sie von mir nichts zu befürchten habe. Doch sie sagte kein Wort; vielmehr verriet die Art, wie sie zitterte, nur allzu deutlich ihre Angst. Ich suchte auf einem Regal gründlich herum und fand ein Stück Schokolade; ich bot ihr die Schokolade an. Doch da sie in ihrem Leben noch nie Schokolade gesehen hatte, lehnte sie sie mit heftigem Kopfschütteln ab. Darauf versuchte ich, sie mit einer amüsanten Geschichte aus „Tausendundeiner Nacht“ zu beruhigen. Aber es schien nicht, als verstünde sie etwas davon. Dass sie die Geschichte amüsant gefunden hätte, konnte ohnehin keine Rede sein; schließlich brachte sie diese ersten wenigen Worte hervor: „Ich habe Kopfschmerzen“ … Ich drückte ihr einige Aspirintabletten in die Hand und gab ihr dazu ein Glas Wasser; doch dadurch zeigte sich ihre Angst noch viel heftiger (später erfuhr ich, dass eine ihrer Freundinnen ihr erzählt hatte, dass diese fremden, unbekannten Männer aus dem Ausland ihren Frauen in der Hochzeitsnacht manchmal ohne Weiteres solche Medikamente gäben, um sie leichter vergewaltigen zu können!). Es dauerte gut zwei Stunden oder beinahe so lange, bis ich ihr begreiflich machen konnte, dass ich keinerlei Absicht hatte, sie zu solcher Gewalt zu zwingen. Schließlich schlief sie wie ein Kind ihres Alters ein, während ich mir in einer Ecke des Zimmers auf dem Teppich ein Bett herrichtete.

Am nächsten Morgen schickte ich nach ihrer Mutter und verlangte, dass sie ihre Tochter zu sich nach Hause holen solle. Die Frau war vor Staunen völlig fassungslos! Dass irgendein Mann ein solch köstliches Häppchen, eine elfjährige Jungfrau, zurückweisen könnte – so etwas hatte meine Schwiegermutter in ihrem ganzen Leben offenbar noch nie gehört. Sie muss wohl geglaubt haben, dass mit mir etwas Grundlegendes nicht stimmte!

– „Und dann?“, fragte Gadban.

– „Nichts. Ich ließ mich von dem Mädchen scheiden und schickte sie genau in dem Zustand zurück, in dem sie zu mir gekommen war. Für ihre Familie war das Geschäft nicht schlecht ausgegangen, denn sie bekam das Mädchen zurück, ebenso den Brautpreis, den ich gezahlt hatte, samt allen Hochzeitsgeschenken. Und über mich verbreitete sich überall das Gerücht, ich sei kein richtiger Mann, impotent; einige meiner Wohlmeinenden versuchten mir einzureden, vielleicht habe jemand oder eine meiner früheren Frauen mich verhext und ich könne mich von diesem Zauber nur mithilfe eines weiteren Gegenzaubers befreien …“

– „Muhammad, wenn ich an deine spätere Heirat und deinen Sohn in Medina denke“, sagte Amir lachend, „besteht kein Zweifel, dass du tatsächlich einen ziemlich großen Zauber gewirkt hast …“

Fünf

Am folgenden Abend, als ich mich in das für mich freigelassene Zimmer zum Schlafen begeben wollte, bemerkte ich, dass Zayed heute noch schweigsamer war als sonst, da er ohnehin ein stiller Mensch war. Er kam zur Tür und blieb dort stehen, offensichtlich in irgendeinem fernen Gedanken verloren. Sein Kinn ruhte auf seiner Brust, und sein Blick war auf die blauen und moosgrünen, runden Muster des khorasanischen Teppichs gerichtet, der auf dem Boden lag.

– „Wie fühlt es sich für dich an, nach so langer Zeit in die Stadt deiner Jugend zurückzukehren, Zayed?“, fragte ich ihn, denn jedes Mal, wenn ich in der Vergangenheit nach Ha’il gekommen war, hatte Zayed sich geweigert, diese Stadt zu betreten.

– „Ich kann es nicht genau sagen, Onkel“, antwortet er langsam. „Elf Jahre – elf Jahre sind vergangen, seit ich das letzte Mal hier war. Du weißt, dass ich schon vorher nicht hierherkommen konnte, weil mein Herz sich mit nichts dazu bereitfinden konnte. Denn sobald ich hierherkam, sah ich die Menschen aus dem Süden im Palast Ibn Raschids herrschen; das konnte ich nicht ertragen. Doch jedenfalls sage ich es jetzt selbst in den Worten des Buches: ‚O Allah, Besitzer der Herrschaft, Du verleihst die Herrschaft, wem Du willst, und Du entziehst die Herrschaft, wem Du willst. Du ehrst, wen Du willst, und erniedrigst, wen Du willst. In Deiner Hand liegt alles Gute, und Deine Macht umfasst alle Dinge.‘ Wahrlich, Allah hatte dem Hause Ibn Raschid das Sultanat gegeben, doch sie wussten nicht, wie man diese Macht richtig ausübt. Ihrem Volk gegenüber waren sie großzügig, gegenüber ihren Verwandten jedoch hart, grausam und zügellos in ihrem Hochmut. Sie haben einander umgebracht, Bruder hat Bruder getötet, und deshalb hat Allah ihnen die Macht aus den Händen genommen und sie Ibn Saud zurückgegeben. Ich glaube, ich sollte darüber nicht länger traurig sein; denn steht nicht im Buch geschrieben: ‚Manchmal liebt ihr etwas, obwohl es für euch höchst schädlich sein kann, und manchmal hasst ihr etwas, obwohl es für euch gut sein kann?‘“

In Zayeds Stimme lag ein süßer, sanfter Ton der Ergebung – eine Ergebung, die nichts anderes bedeutete als die Anerkennung dessen, was bereits geschehen und deshalb nicht mehr zu ändern war. Diese stille Zustimmung des muslimischen Herzens zu der unumstößlichen Wirklichkeit der Vergangenheit, also die Anerkennung, dass alles, was geschehen ist, genau so geschehen musste und auf keine andere Weise hätte geschehen können – diese Ergebung des muslimischen Herzens in das Schicksal wird von den Menschen im Westen immer wieder fälschlich als eine Art „Fatalismus“ betrachtet, der der islamischen Weltanschauung innewohne. Doch die Ergebung der Muslime in das Schicksal bezieht sich auf die Vergangenheit, nicht auf die Zukunft; diese Anerkennung bedeutet weder die Ablehnung des Handelns noch das Aufgeben der Hoffnung oder den Verzicht auf das Bestreben, sich selbst zu verbessern, sondern die Weigerung, die wirkliche Vergangenheit als etwas anderes denn als Allahs Wirken zu betrachten.

– „Und außerdem“, fährt Zayed fort, „hat Ibn Saud den Schammar nichts Böses getan. Auch sie wissen das, denn als vor etwa drei Jahren Kutta ad-Dawisch gegen ihn rebellierte, haben sie ihn da nicht mit dem Schwert unterstützt?“

Das hatten sie tatsächlich getan, und zwar mit jener Männlichkeit der Besiegten, die reine Araber in den großartigsten Augenblicken ihres Lebens zu zeigen pflegen. Sie taten es in jenem schrecklichen Jahr 1929, als der furchtbare Beduinenaufstand unter der Führung von Faisal ad-Dawisch die Grundfesten der Herrschaft Ibn Sauds erschütterte. Damals stellten sich alle Schammar-Stämme des Nadschd, ihre einstige Feindschaft gegen den König vergessend, hinter ihn. Zu dem späteren Sieg des Königs über die Aufständischen leisteten sie einen bedeutenden Beitrag. Diese Aussöhnung ist in der Tat bemerkenswert, denn erst wenige Jahre zuvor hatte Ibn Saud Hail mit Waffengewalt erobert und auf diese Weise die Herrschaft des Südens über die nördliche Region wiederhergestellt. Noch bemerkenswerter ist, dass Ibn Saud selbst einer der Nadschdis ist, zwischen dem Hause Schammar und den Menschen des südlichen Nadschd jedoch seit jeher ein gegenseitiger Hass besteht. Dieser Hass ist viel tiefer als der Machtkampf zwischen zwei Dynastien. Zum großen Teil ist dieser Hass – den auch die jüngste Aussöhnung nicht vollständig auslöschen konnte – Ausdruck der uralten Auseinandersetzung zwischen Süden und Norden, die sich durch die gesamte Geschichte der Araber zieht und deren Beispiel sich auch in der Geschichte vieler anderer Völker findet. Denn oft zeigt sich, dass die Feindschaft, die ethnische Fremdheit zwischen völlig verschiedenen benachbarten Völkern hervorbringen kann, geringer ist als die Feindschaft, die selbst unter eng verwandten Stämmen durch den kleinsten Unterschied im inneren Rhythmus und Takt des Lebens entstehen kann.

Neben der politischen Rivalität spielt noch ein anderer Faktor eine bedeutende Rolle für den emotionalen Gegensatz zwischen den nördlichen und südlichen Gebieten Arabiens. Südlich des Nadschd, in der Gegend von Riad, war vor etwa zweihundert Jahren der puritanische Reformer Muhammad ibn Abd al-Wahhab aufgetreten und hatte verschiedene Stämme – die damals nur dem Namen nach Muslime waren – mit einer neuen religiösen Begeisterung erfüllt. Im damals unbedeutenden Hause Ibn Sauds, dessen Oberhaupt der Anführer der kleinen Stadt ad-Dirʿiyya war, fand diese Reform den eisernen Arm, der ihrer inspirierenden Botschaft Tatkraft verlieh und innerhalb weniger Jahrzehnte einen großen Teil der Arabischen Halbinsel unter der Bewegung dieses glühenden, kompromisslosen Glaubens vereinte, die in der Welt als Wahhabismus bekannt ist. In allen wahhabitischen Kriegen und Siegen der vergangenen hundertfünfzig Jahre haben diese Menschen des Südens stets das Banner des Puritanismus hochgehalten, während die Menschen des Nordens sich ihnen nur halbherzig anschlossen. Denn obwohl der Stamm der Schammar in dogmatischer Hinsicht mit der wahhabitischen Lehre übereinstimmte, waren ihre Herzen der glühenden, unbeugsamen religiösen Leidenschaft des Südens stets fern. Da der Stamm der Schammar in der Nähe der Grenzländer Syrien und Irak lebt und seit jeher Handelsbeziehungen zu ihnen unterhält, hat er im Laufe der Jahrhunderte eine milde Gleichgültigkeit und eine Bereitschaft zum Kompromiss entwickelt, die den viel abgeschiedener lebenden Menschen des Südens unbekannt ist. Die Menschen des Südens kennen nur die Extreme, und während der vergangenen hundertfünfzig Jahre haben sie an nichts anderes gedacht, als von einem Traum des Dschihad zu träumen. Diese stolzen, hochmütigen Menschen glauben, dass allein sie die wahren Vertreter des Islam seien und alle anderen muslimischen Völker Charidschiten seien.

Trotz alledem sind die Wahhabiten keineswegs eine eigene Sekte. Sobald von einer „Sekte“ die Rede ist, muss man darunter das Vorhandensein bestimmter voneinander verschiedener Anschauungen verstehen, die die Anhänger einer Sekte von allen anderen Anhängern derselben Religion unterscheiden. Die wahhabitische Lehre enthält jedoch keinen gesonderten Glauben; vielmehr wollte diese Bewegung zu den grundlegenden Lehren des Gesandten Allahs zurückkehren, indem sie die Schichten entfernte, die sich im Laufe vieler Jahrhunderte um die grundlegenden Lehren des Islam gelegt hatten, sowie die Grundsätze und Glaubensvorstellungen, die dem Islam auferlegt worden waren. In ihrer kompromisslosen Klarheit lag in dieser Bewegung zweifellos ein Ansatz, der den Islam mit der Zeit von dem Aberglauben hätte befreien können, der die Lehren des Islam überwuchert hatte. Es versteht sich von selbst, dass die Quelle aller islamischen Erneuerungsbewegungen der Neuzeit – der Ahl-e-Hadith-Bewegung in Indien, der Senussi-Bewegung in Nordafrika und sämtlicher Bestrebungen von Jamaluddin Afghani und Muhammad Abduh in Ägypten – unmittelbar in dem geistigen Impuls zu finden ist, den Muhammad ibn Abd al-Wahhab im achtzehnten Jahrhundert ins Leben gerufen hatte. Doch die Folgen, die seine Lehre in Nadschd hatte, weisen zwei Mängel auf, weshalb diese Bewegung nicht zu einer Kraft geistiger Entwicklung werden konnte. Der eine Mangel ist die Engstirnigkeit, mit der diese Bewegung fast alle religiösen Bestrebungen im wörtlichen Befolgen religiöser Gebote und Verbote zu beschränken sucht und die Notwendigkeit vernachlässigt, die äußere Hülle zu durchdringen und zum geistigen Kern vorzudringen. Der andere Mangel liegt im arabischen Charakter selbst – in jenem übereifrigen, frömmelnden Gefühl „Nur wir sind rechtgeleitet“, das niemandem das Recht zugestehen will, eine andere Meinung zu vertreten. Diese Haltung ist ebenso ein Merkmal des echten Semiten wie ihr genaues Gegenteil – völlige Gleichgültigkeit in religiösen Dingen. Es ist eine bedauerliche Eigenschaft der Araber, dass sie stets zwischen zwei Polen schwanken müssen und niemals imstande sind, einen Mittelweg zu finden. Einst, vor ungefähr zweihundert Jahren, waren die Araber von Nadschd dem Islam im Herzen ferner als jede andere Bevölkerungsgruppe der muslimischen Welt; seit Muhammad ibn Abd al-Wahhab jedoch betrachten sie sich nicht nur als Streiter für die Religion, sondern auch als deren beinahe alleinige Herren und Verfügungsberechtigte.

Der Versuch einer inneren Erneuerung der muslimischen Gesellschaft – das ist die geistige Bedeutung der wahhabitischen Lehre. Doch diese Bedeutung wurde genau in dem Augenblick entstellt, als das äußere Ziel dieser Lehre – die Erlangung gesellschaftlicher und staatlicher Macht – gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit der Gründung des saudischen Staates und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mit dessen Ausdehnung über den größeren Teil Arabiens erreicht war. Sobald die Anhänger Muhammad ibn Abd al-Wahhabs an die Macht gelangten, verwandelte sich sein Gedankengut in eine sorgfältig bewahrte Mumie, denn der Geist kann nicht der Sklave der Macht sein, und die Macht will auch nicht der Sklave des Geistes sein.

Die Geschichte der Wahhabiten von Nadschd ist die Geschichte einer religiösen Geisteshaltung, die zunächst auf den Flügeln von Begeisterung und Hoffnung zum Himmel aufstieg und später in das Tiefland des Hochmuts „Nur ich bin auf dem rechten Weg“ stürzte; denn jede Tugend zerstört sich von selbst, wenn ihr Hoffnung und Demut fehlen – Harut! Marut!

 

Traum

Eins

Der Freund und Gast eines großen arabischen „Emirs“ zu sein bedeutet, von all seinen Bediensteten, von allen „Rajajil“, von sämtlichen Ladenbesitzern der Hauptstadt und sogar von allen Beduinen unter seiner Herrschaft als Freund und Gast betrachtet zu werden. Kaum äußert ein Gast einen Wunsch, wird er auch schon erfüllt, sofern dies möglich ist; Stunde um Stunde ist er von einer gefühlvollen, warmherzigen und unbefangenen Herzlichkeit überwältigt, die ihn umgibt – ebenso in den weiten Sälen und Korridoren der Festung wie auf den Märkten der Stadt, keinen Deut weniger.

Was sich früher so oft ereignet hatte, geschah auch diesmal bei mir während meines zweitägigen Aufenthalts in Ha’il. Sobald ich Kaffee trinken wollte, erklang unverzüglich im Empfangsraum meiner privaten Gemächer der melodische Klang eines Messingmörsers. Ich erwähnte Zayed gegenüber den schönen Sattel, den ich kurz zuvor auf dem Markt gesehen hatte; einer der Diener des Emirs hörte es, und am Nachmittag wurde der Gegenstand zu meinen Füßen niedergelegt. Mehrmals am Tag traf jeweils ein Geschenk ein: ein langer Kaschmir-Wollmantel mit einem Muster von Aamer, eine bestickte Kufiya, ein gebogenes Nadschdi-Dolchmesser für den Sattel, mit dem Fell eines weißen Bagdader Schafs oder mit einem silbernen Griff … Und ich, ich, der Herumtreiber, konnte Ibn Musa dafür nichts schenken außer einer großen englischen Karte der arabischen Länder. Er war sehr erfreut, als er sah, dass ich diese Karte mühsam mit verschiedenen arabischen Namen beschriftet hatte.

Die Großzügigkeit der Ibn Musas weist eine starke Ähnlichkeit mit dem Verhalten König Ibn Sauds auf. Angesichts ihrer engen Beziehung wird sich darüber natürlich niemand wundern. Sie waren nicht nur miteinander verwandt; schon seit der Zeit, als Ibn Saud noch jung und Ibn Musa noch ein Knabe war, waren sie bei fast allen Gefahren, Widrigkeiten, Katastrophen und Träumen aus der frühen Zeit der Herrschaft des Königs Gefährten gewesen. Außerdem wurde ihre persönliche Beziehung vor vielen Jahren durch Ibn Sauds Heirat mit der Schwester Ibn Musas, Jawhara, noch enger. Diese Frau genoss bei ihm ein höheres Ansehen als alle Frauen, die der König vor oder nach ihr geheiratet hatte.

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Obwohl viele Menschen seine Freundschaft genossen hatten, hatten doch nur sehr wenige Gelegenheit, die innigste und vielleicht bedeutendste Seite von Ibn Sauds Wesen zu beobachten. Welche Seite war das? Seine gewaltige Fähigkeit zur Liebe – hätte man ihr erlaubt, sich zu entfalten und fortzubestehen, wäre er vielleicht zu einer noch größeren Höhe gelangt, als zu jener, die er tatsächlich erreichte. Der großen Zahl von Frauen, die er geheiratet und von denen er sich scheiden lassen hatte, ist so viel Bedeutung beigemessen worden, dass viele Außenstehende ihn für einen Wüstling halten, für einen besonders sinnlichen Mann, der in der endlosen Suche nach täglichem Vergnügen versunken ist; und selbst wenn es tatsächlich einen solchen Menschen gegeben hätte, waren sich doch nur sehr wenige darüber im Klaren, dass – abgesehen von den Ehen, die aus politischen Gründen geschlossen worden waren – jede andere Ehe Ibn Sauds aus dem unklaren, unstillbaren Verlangen hervorgegangen war, einen Teil einer verlorenen Liebe zurückzugewinnen.

Die Mutter seiner beiden Söhne Muhammad und Khalid war Ibn Sauds überaus geliebte, verherrlichte Geliebte. Noch dreizehn Jahre nach ihrem Tod wird die Stimme des Königs jedes Mal schwer, wenn er von ihr spricht.

Gewiss, sie war eine außergewöhnliche Frau – nicht nur sehr schön (denn der König hatte während seines äußerst bewegten Ehelebens Gelegenheit gehabt, viele schöne Frauen kennenzulernen und zu besitzen), sondern auch mit jener angeborenen weiblichen Intuition begabt, die eine Brücke zwischen der Freude der Seele und der Freude des Körpers schlägt. Ibn Saud ließ seine Gefühle nur selten tief mit seinen Beziehungen zu Frauen verflochten werden. Und wahrscheinlich war dies der Grund, weshalb er so leicht heiratete und sich ebenso leicht scheiden ließ. Doch Jawharas Fall war etwas ganz anderes; offenbar fand er in ihr eine Befriedigung seiner Sehnsucht, wie er sie niemals zuvor oder danach erlebte. Obwohl er auch zu Jawharas Lebzeiten noch weitere Frauen hatte, schrieb er für sie, an sie gerichtet, Liebesgedichte; und einmal sagte er mir in einem seiner besonders offenen Augenblicke: »Wenn die Welt finster geworden war und ich keinen Ausweg aus den Gefahren und Widrigkeiten finden konnte, die mir den Weg versperrten, setzte ich mich hin und verfasste ein Lied für Jawhara. Sobald das Lied vollendet war, wurde die Welt plötzlich wieder licht und klar, und ich wusste, was meine Pflicht war.«

Doch Jawhara starb 1919, als die Influenza epidemische Ausmaße annahm. An derselben Krankheit starb auch Ibn Sauds erstes Kind und liebster Sohn, Turki. Diese beiden Verluste hinterließen in seinem Leben eine Wunde, die niemals heilte.

Nicht nur vermochte er sein Herz seiner Frau und seinen Söhnen so vollständig zu schenken; er liebte auch seinen Vater, wie nur sehr wenige Menschen ihren Vater lieben. Sein Vater Abd ar-Rahman, mit dem ich während meiner ersten Jahre in Riad bekannt geworden war, war zwar ein gütiger und frommer Mensch, besaß jedoch gewiss nicht die außergewöhnliche Persönlichkeit seines Sohnes. Auch spielte er während seines langen Lebens keine besonders bedeutende Rolle. Obwohl Ibn Saud aus eigener Kraft ein Königreich errungen hatte und der unumschränkte Herrscher des Landes geworden war, war er im Umgang mit seinem Vater so bescheiden und demütig, dass er, wenn Abd ar-Rahman in einem Raum der Festung wohnte, nicht einmal den Raum über ihm betreten wollte. »Denn«, sagte er, »wie könnte ich es zulassen, dass ich über dem Kopf meines Vaters gehe?« Er setzte sich niemals in Gegenwart seines Vaters nieder, wenn dieser ihn nicht ausdrücklich dazu aufforderte. Noch heute erinnere ich mich daran, wie befangen mich diese königliche Demut einmal machte. (Meines Erachtens geschah es im Dezember 1927.) Wie schon so oft war ich in der königlichen Festung nach alter Sitte in das Gemach des Vaters des Königs gegangen, um ihn zu besuchen; der alte Mann erklärte mir gerade eine religiöse Frage, die ihm besonders am Herzen lag. Plötzlich kam ein Diener in das Zimmer und rief: »Die Scheiche kommen!« Im nächsten Augenblick stand Ibn Saud in der Tür. Natürlich wollte ich aufstehen; doch der alte Abd ar-Rahman packte mich am Handgelenk und zog mich wieder auf meinen Platz, als wolle er sagen: »Du bist mein Gast.« Während der König aus einiger Entfernung seinen Vater grüßte und in der Tür stehen blieb – offensichtlich wartete er auf die Erlaubnis seines Vaters, den Raum zu betreten –, musste ich reglos sitzen bleiben. Wie verlegen ich mich dabei fühlte, lässt sich nicht in Worte fassen. Doch der König war offenbar mit solchen Launen seines Vaters vertraut, denn er zwinkerte mir mit einem leisen Lächeln zu, um meine Verlegenheit zu vertreiben und mich zu beruhigen. Der alte Abd ar-Rahman setzte unterdessen seine Unterhaltung fort, als wäre sie nicht im Geringsten unterbrochen worden. Nach einigen Minuten hob er den Kopf, sah zu seinem Sohn hinüber und nickte ihm zu; dann sagte er: »Komm näher, mein Junge, setz dich.« Der König muss damals siebenundvierzig oder achtundvierzig Jahre alt gewesen sein!

Einige Monate später – wir befanden uns damals in Mekka – erreichte den König die Nachricht, dass sein Vater in Riad verstorben war. Ich werde niemals den Ausdruck unbegreiflichen, starren Blicks vergessen, mit dem er einige Sekunden lang den Boten ansah; ebenso wenig werde ich vergessen, wie die Verzweiflung allmählich und sichtbar sein gewöhnlich so sanftes, beherrschtes Gesicht überschattete. Wie könnte man vergessen, wie er mit einem gewaltigen Aufschrei emporsprang: »Mein Vater ist nicht mehr! Mein Vater ist nicht mehr!«, aus dem Gemach hinausstürmte, mit langen Schritten, während hinter ihm etwas über den Boden schleifte, und wie er, über die erschrockenen Gesichter seiner Leibwächter hinweg, die Treppe hinaufsprang und immer wieder schrie: »Mein Vater ist gestorben! Mein Vater ist nicht mehr!« Zwei Tage lang empfing er niemanden, aß und trank nichts und verbrachte Tag und Nacht im Gebet.

Wie viele Söhne mittleren Alters – und dazu Könige, die aus eigener Kraft ein Reich errungen hatten – hätten beim Tod eines Vaters, der friedlich im hohen Alter verstorben war, auf diese Weise trauern können!

zwei

Denn Abdul Aziz ibn Saud hatte dieses gewaltige Reich ausschließlich durch seine eigenen Anstrengungen errichtet. Als er noch ein Kind war, verlor seine Dynastie in Zentralarabien auch den letzten Rest ihrer Macht, und die Familie Ibn Raschids von Hail, einst Vasallen dieses Königshauses, trat an ihre Stelle. Diese Tage waren für Abdul Aziz äußerst grausam und schmerzvoll. Der stolze, wortkarge Junge sah, dass tatsächlich ein Fremder im Namen des „Emirs“ Ibn Raschid seine väterliche Stadt Riad regierte. Denn nun war die Familie Ibn Sauds, einst Herrscher über fast ganz Arabien, nur noch von Ibn Raschid abhängige Empfänger von Zuwendungen, die man duldete, vor denen man sich aber nicht mehr fürchtete. Schließlich wurde dies seinem friedliebenden Vater Abdur Rahman unerträglich. Gemeinsam mit seiner gesamten Familie verließ er Riad in der Hoffnung, den Rest seiner Tage im Hause seines alten Freundes, des Sultans von Kuwait, verbringen zu können. Doch er wusste nicht, welche Zukunft ihn erwartete – denn er ahnte nicht, was im Herzen seines Sohnes vorging und was sein Sohn dachte!

Von allen Familienmitgliedern wusste nur einer mehr darüber, was in diesem aufgewühlten Herzen vorging; ich weiß nur, dass der König, wenn er von den Tagen seiner Jugend spricht, ihn stets mit tiefer Zärtlichkeit erwähnt.

– „Ich glaube, er liebte mich mehr als seine eigenen Kinder. Wenn niemand sonst da war, rief er mich zu sich, setzte mich auf seinen Schoß und erzählte mir, welche großen Dinge ich tun müsse, wenn ich groß geworden wäre: ‚Du musst den Ruhm und die Ehre des Hauses Ibn Saud wiederherstellen.‘“ Das sagte er mir immer wieder, und seine Worte waren so sanft und zärtlich wie eine liebevolle Berührung.

– „Aber, Aziz – dieser Name ist eine Kurzform von Abdul Aziz; aus Zuneigung wurde er so genannt –, ich möchte, dass du Folgendes weißt“, sagte er. „Auch der Ruhm und die Ehre des Hauses Ibn Saud dürfen keineswegs das höchste Ziel deiner Anstrengungen und deines Einsatzes sein. Du musst für den Ruhm des Islam kämpfen. Dein Volk strebt mit großer Entschlossenheit auf den Weg zu, und du wirst dieser Führer sein. Diese Worte sind in meinem Herzen immer lebendig geblieben.“

Ist es wirklich so gewesen?

Ibn Saud sprach sein ganzes Leben lang gern so über den Islam, als sei dieser eine ihm auferlegte heilige Pflicht. Selbst in späteren Jahren, als längst deutlich geworden war, dass die königliche Macht für ihn weit wichtiger war als die Führung eines Ideals, dem er einige Zeit zuvor angehangen hatte, ließ seine außergewöhnliche Beredsamkeit bei vielen Menschen, ja sogar beim König selbst, die Überzeugung entstehen, jenes Ideal sei noch immer sein Ziel.

Solche Erinnerungen an seine Kindheit wurden in Riad häufig in den Zusammenkünften der Vertrauten wachgerufen, die gewöhnlich nach dem ʿIschāʾ-Gebet stattfanden. Sobald das Gebet in der Moschee der Festung beendet war, setzten wir uns in einem der kleineren Räume im Kreis um den König und hörten eine Stunde lang Lesungen aus den Hadithen des Gesandten oder aus einer Koranauslegung. Danach bat der König zwei oder drei von uns, mit ihm in eines der privaten Gemächer zu gehen. Eines Abends, so erinnere ich mich, verließ ich gemeinsam mit dem König den Audienzsaal und war aufs Neue von seiner majestätischen Größe beeindruckt. Durch seine Körpergröße ragte sein Haupt über alle Menschen in seiner Umgebung empor. Gewiss hatte er meinen ehrfürchtigen Blick bemerkt, denn er lächelte mit jener unaussprechlichen Sanftmut, nahm meine Hand und sagte:

– „O Muhammad! Warum siehst du mich so an?“

– „Ich dachte gerade, o langlebiger Mann: Dass Sie der König sind, kann kein Mensch übersehen, wenn er sieht, dass Ihr Kopf so weit über die Köpfe der Menge hinausragt.“

Ibn Saud lächelte; noch immer hielt er meine Hand. Er forderte mich auf, langsam mit ihm durch den Korridor zu gehen, und sagte: „Ja, groß zu sein hat seine Freuden; aber einmal hat mir meine Größe nur Kummer bereitet. Das ist lange her. Ich war damals ein Junge und lebte in Kuwait in der Festung von Scheich Mubarak. Ich war sehr dürr und für mein Alter ungewöhnlich groß; die Jungen in der Festung – sowohl aus der Familie des Scheichs als auch aus meiner eigenen – machten mich zum Gegenstand ihres Spottes und ihrer Scherze, als wäre ich eine seltsame Laune der Natur. Ich schämte mich so sehr für meine Größe, dass ich, wenn ich durch die Räume des königlichen Obergeschosses oder durch die Straßen von Kuwait ging, den Kopf senkte und die Schultern krümmte, um kleiner zu wirken.“

Inzwischen waren wir im Zimmer des Königs angekommen. Sein ältester Sohn, Prinz Saud, wartete dort auf seinen Vater; der Prinz war etwa in meinem Alter und von stattlicher Erscheinung, wenn auch nicht so groß wie sein Vater. Seine Gesichtszüge waren viel härter und rauer als die seines Vaters, und nichts von der Sanftheit und Lebendigkeit des Gesichts des Königs lag in ihnen; dennoch war er freundlich und galt nach allgemeiner Ansicht als ein guter Mensch.

Der König setzte sich auf die an der Wand ausgelegten Polster und bedeutete uns allen, Platz zu nehmen. Dann gab er den Befehl: „Qahwa!“ Der bewaffnete Diener, der an der Tür stand, wandte sich dem Korridor zu und rief: „Qahwa!“ Daraufhin wurde das Wort im ganzen Korridor von einem Diener zum nächsten weitergerufen: „Qahwa“ – „Qahwa“! So gelangte der Befehl des Königs in einer fröhlichen Zeremonie der Wiederholung bis zum einige Räume entfernten Kaffeeraum des Königs. Schon bald erschien ein Diener mit einem Dolch in goldener Scheide am Gürtel, in der einen Hand eine Kaffeekanne aus Messing und in der anderen kleine Kaffeetassen. Die erste Tasse nahm der König selbst entgegen, die übrigen wurden den Gästen in der Reihenfolge ihrer Plätze gereicht. In einer so häuslichen Atmosphäre sprach Ibn Saud frei über alles, was ihm in den Sinn kam – über Ereignisse in den fernsten Gegenden der Welt und über erstaunliche neue Erfindungen, auf die seine Aufmerksamkeit gelenkt worden war. Auch äußerte er unbefangen, was ihm über die verschiedenen Völker und ihre Sitten, Bräuche und Einrichtungen in den Sinn kam. Am liebsten aber sprach er über seine eigenen Erfahrungen und ermunterte auch die anderen, sich an der Unterhaltung zu beteiligen. An jenem besonderen Abend leitete Prinz Saud eine neue Erzählung ein, als er sich lächelnd zu mir wandte und sagte:

– „Muhammad! Heute hat jemand einen Verdacht gegen dich geäußert. Er sagte, er könne überhaupt nicht sicher sein, ob du nicht ein englischer Spion in muslimischer Verkleidung seist … Wie dem auch sei, mach dir darüber keine Gedanken. Ich konnte ihn davon überzeugen, dass du tatsächlich Muslim bist.“

Da ich ein trockenes Lächeln nicht verbergen konnte, sagte ich: „O Emir, das ist Ihre Güte! Möge Allah Ihr Leben verlängern. Aber wie konnten Sie in dieser Sache so sicher sein? Ist es nicht wahr, dass allein Allah weiß, was sich im Herzen eines Menschen befindet?“

„Das stimmt“, erwiderte der Emir, „doch in dieser Angelegenheit wurde mir eine besondere Einsicht geschenkt. Diese Einsicht verdanke ich einem Traum aus der vergangenen Nacht … Ich sah mich vor einer Moschee stehen und zum Minarett hinaufblicken. Plötzlich erschien auf der Treppe des Minaretts ein Mann, der beide Hände vor dem Mund wie einen Trichter hielt und den Gebetsruf anzustimmen begann: ‚Allahu akbar‘ – Allah ist erhaben, Allah ist der Größte. Und schließlich fuhr er mit dem Gebetsruf fort: ‚La ilaha illallah‘ – Es gibt keinen Gott außer Allah. Als ich genauer hinsah, erkannte ich, dass du dieser Mann warst! Als ich erwachte, wusste ich mit Gewissheit – obwohl ich zuvor nie daran gezweifelt hatte –, dass du ein aufrichtiger Muslim bist; ein Traum, in dem der Name Allahs ausgerufen wird, kann nicht falsch sein.“

Die unaufgefordert mit großer Entschiedenheit vorgetragene Erklärung des Prinzen über meine Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit und die Herzlichkeit, mit der der König durch sein Nicken die erstaunliche Schilderung von Emir Saud bestätigte, bewegten mich zutiefst. Ibn Saud griff den Faden des Gesprächs auf und sagte:

„Oft geschieht es, dass Allah unsere Herzen durch Träume erleuchtet – dieser Traum kündigt die Zukunft an und macht bisweilen auch die Gegenwart klar. O Muhammad! Hast du selbst jemals eine solche Traumerfahrung gemacht?“

–„O Imam, gewiss habe ich eine solche Erfahrung gemacht, und zwar vor langer Zeit, lange bevor ich überhaupt daran dachte, Muslim zu werden – sogar bevor ich je ein muslimisches Land betreten hatte. Ich war damals fast neunzehn Jahre alt und lebte in Wien im Haus meines Vaters. Ich fühlte mich von der Wissenschaft vom Innenleben des Menschen angezogen (so hatte ich dem König die nächstliegende Definition der ‚Psychologie‘ gegeben), und ich pflegte Papier und Bleistift neben mein Bett zu legen, damit ich meine Träume unmittelbar nach dem Erwachen aufschreiben konnte. Dank dieser Gewohnheit stellte ich fest, dass ich mich auf unbestimmte Zeit an meine Träume erinnern konnte, auch wenn ich nicht ständig über sie nachdachte. In jenem besonderen Traum sah ich, dass ich in Berlin war und mit der dort unterirdisch verlaufenden Eisenbahn fuhr – der Wagen fuhr manchmal durch Tunnel unter der Erde und manchmal über Brücken oberhalb der Straßen. Das Abteil war voll von Menschen – so voll, dass kein Platz zum Sitzen frei war. Im Abteil brannte nur ein einziges schwaches Licht. Nach einiger Zeit kam der Zug aus dem Tunnel heraus, fuhr aber nicht auf eine dieser hohen Brücken, sondern gelangte auf eine weite, menschenleere Lehmfläche. Die Räder des Wagens blieben im Schlamm stecken, und der Zug blieb stehen; er konnte sich weder vorwärts noch rückwärts bewegen.“

–„Alle Fahrgäste, mich eingeschlossen, stiegen aus dem Zug und blickten sich um. Die Ebene rings um uns war grenzenlos, leer und öde. Es gab dort kein Gebüsch, keine Häuser, nicht einmal einen Stein. Eine furchtbare Unruhe erfüllte unsere Herzen, als wir erkannten, dass wir hier festsaßen: Wie sollten wir den Weg zurück zu den Orten finden, an denen andere Menschen lebten? Über der gewaltigen Ebene lag ein Licht wie jener graue Schimmer, der bei Tagesanbruch sichtbar wird.“

–„Doch irgendwie konnte ich an der Not der anderen nicht vollständig teilhaben. Ich trat aus der Gruppe heraus und sah, etwa zehn Ellen entfernt, ein Kamel auf der Erde knien und liegen. Auf seinem Rücken lag ein vollständig befestigter Sattel – ‚O Imam, genau so, wie ich später in Ihrem Land die Sättel auf Kamelen gesehen habe‘ –, und auf diesem Sattel saß ein Mann in einer weiß-braun gestreiften Abaya mit kurzen Ärmeln. Seine Kufija war über sein Gesicht gezogen, sodass ich seine Gesichtszüge nicht erkennen konnte. Plötzlich wurde mir im Herzen bewusst, dass das Kamel auf mich wartete und dass der reglose Reiter mein Hadi oder Rahmuna sein würde. Deshalb sprang ich, ohne ein Wort zu sagen, hinter ihm auf den Sattel und auf den Rücken des Kamels, so wie in den arabischen Ländern ein Radif, ein hinterer Reiter, auf einem Kamel sitzt. Im nächsten Augenblick erhob sich das Kamel und setzte sich in einer langen, gleichmäßigen Bewegung vorwärts. Ich spürte, wie in mir ein namenloses Glück aufquoll. In dieser schnellen, sanften Gangart reisten wir zunächst scheinbar einige Stunden, dann einige Tage, danach einige Monate; schließlich verlor ich jedes Zeitgefühl. Mit jedem Schritt des Kamels wuchs mein Glück, bis ich schließlich das Gefühl hatte, im leeren Raum, durch die Luft zu schwimmen. Endlich färbte sich der Horizont zu unserer Rechten im Licht der aufgehenden Sonne rot. Doch vor uns, am fernen Horizont, sah ich ein weiteres Licht. Es kam von zwei blendend weißen Lichtern; es war nicht rot wie die Sonne, die zu unserer Rechten aufging, sondern ein kühles Licht, das umso heller wurde, je weiter wir vorankamen, und die Freude meines Herzens auf unaussprechliche Weise über mein ganzes Bewusstsein ausbreitete. Während wir so weiterreisten, näherten wir uns einem Eingang und seinem Licht. Da hörte ich eine durchdringende Stimme, die irgendwoher verkündete: ‚Dies ist die westlichste Stadt.‘ Und ich erwachte aus meinem Schlaf.“

–„Subhanallah“ – „Allah ist groß und heilig!“, rief Ibn Saud erstaunt aus, als ich meine Erzählung beendet hatte. „Und hat dir dieser Traum nicht gezeigt, dass du für den Islam auserwählt warst?“

Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Nein, langlebiger Mann; wie hätte ich das wissen können? Ich hatte nie über den Islam nachgedacht und hatte nicht einmal Bekanntschaft mit einem Muslim gemacht … Sieben Jahre später, lange nachdem ich den Traum vergessen hatte, nahm ich den Islam an. Erst vor wenigen Tagen fand ich ihn unter meinen Papieren – genau so, wie ich ihn in jener Nacht nach dem Erwachen aufgezeichnet hatte.“

–„Aber mein Sohn, was Allah dir in diesem Traum gezeigt hatte, war in Wirklichkeit dein Schicksal. Kannst du das nicht klar erkennen? Du bist mit dieser Menschenmenge und gemeinsam mit ihr in einer wegzeichenlosen Ebene angekommen; war ihre Verwirrung nicht genau der Zustand jener Menschen, die der Koran in der Sure al-Fatiha als ‚die Irregegangenen‘ bezeichnet? Und war das Kamel, das mit seinem Reiter auf dich wartete, nicht eben das, was der Koran immer wieder Hidaya, Rechtleitung, nennt? Und wer sonst könnte der Reiter gewesen sein, der nicht mit dir sprach und dessen Gesicht du nicht sehen konntest, wenn nicht der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm? Er trug gern Gewänder mit kurzen Ärmeln … Und wissen wir nicht aus unseren zahlreichen Büchern, dass sein Gesicht stets verhüllt ist, wenn er im Traum einem Nichtmuslim oder jemandem erscheint, der noch kein Muslim geworden ist? Und dann jenes kühle, sanfte Licht über dem Horizont: Was könnte es anderes sein als die Verheißung jenes Lichts des Iman, das erleuchtet, auch wenn es noch nicht entzündet ist? Du konntest in deinem Traum nicht dorthin gelangen, weil du, wie du uns erzählt hast, erst viele Jahre später den Islam in seiner eigentlichen Wahrheit kennenlernen solltest …“

– „O Scheich, Ihre Auffassung mag richtig sein … aber welche war jene ,westlichste Stadt‘, zu der mich das Tor am Horizont führen wollte? Denn wie dem auch sei: Meine Annahme des Islam hat mich nicht in den Westen geführt. Im Gegenteil, sie hat mich weit vom Westen fortgeführt.“

Ibn Saud schwieg einen Augenblick und versank in Gedanken. Dann richtete er den Kopf auf und sagte mit jenem süßen Lächeln, das ich so sehr an ihm liebte: „O Muhammad, könnte das nicht bedeuten, dass deine Annahme des Islam der ,westlichste‘ Punkt deines Lebens sein würde und du danach kein westliches Leben mehr führen würdest?“

Nach einer Weile sprach der König wieder: „Niemand außer Allah kennt die Zukunft, doch bisweilen gibt Er uns durch Träume einen Hinweis darauf, was in unserem Leben künftig geschehen wird. Ich selbst habe zwei- oder dreimal solche Träume gehabt, und jedes Mal gingen sie in Erfüllung. Um die Wahrheit zu sagen: Auch das, was aus mir geworden ist, verdanke ich einem Traum … Damals war ich siebzehn Jahre alt. Wir führten in Kuwait ein Leben im Exil, doch der Gedanke, dass die Familie Ibn Raschids über meine Heimat herrschen sollte, war für mich unerträglich. Oft flehte ich meinen Vater an – Allah möge ihm Barmherzigkeit erweisen –: ,Kämpfe, Vater, und vertreibe die Familie Ibn Raschid! Niemand hat einen größeren Anspruch auf den Thron von Riad als du, Vater.‘ Doch mein Vater tat meine leidenschaftlichen Forderungen als törichte Einbildungen ab und erinnerte mich daran, dass Muhammad Ibn Raschid unter den Herrschern der arabischen Länder der mächtigste sei; sein Reich erstrecke sich von der syrischen Wüste im Norden bis zu den Sanddünen der Leere im Süden – vor seiner eisernen Faust zitterten alle Beduinenstämme vor Furcht. Eines Nachts jedoch hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich sah mich bei Nacht in einer einsamen Steppe zu Pferd sitzen, während vor mir der alte Muhammad Ibn Raschid auf seinem Pferd saß, der Räuber der Herrschaft meiner Familie. Wir beide waren unbewaffnet, doch Ibn Raschid hielt eine große, hell leuchtende Laterne empor. Als er sah, dass ich auf ihn zukam, und erkannte, dass ich sein Feind war, wandte er sich plötzlich um, gab seinem Pferd die Sporen und ließ es davongaloppieren. Doch auch ich setzte ihm nach; während ich ihn verfolgte, ergriff ich einen Zipfel seines Gewandes, dann seinen Arm und schließlich löschte ich seine Laterne aus. Als ich aus dem Schlaf erwachte und mich aufsetzte, war ich fest davon überzeugt, dass ich der Familie Ibn Raschid eines Tages die Herrschaft entreißen würde.“

Im Jahr 1897, dem Jahr jenes Traumes, starb Muhammad Ibn Raschid. Abd al-Aziz Ibn Saud dachte, dies sei der geeignete Augenblick zum Zuschlagen! Doch sein Vater Abd ar-Rahman war nicht bereit, durch das Wagnis eines solchen unsicheren Unternehmens das friedliche, unbeschwerte Leben in Kuwait aufs Spiel zu setzen. Aber der Eifer des Sohnes war stärker als die Untätigkeit des Vaters. Schließlich gab der Vater nach. Mit der Hilfe seines Freundes, des Scheichs Mubarak von Kuwait, stellte er aus den wenigen Beduinenstämmen, die seiner Familie noch immer die Treue hielten, ein Heer auf. Nach alter arabischer Sitte zog er mit Kamelen und Pferden ins Feld, die Banner der einzelnen Stämme voran, um gegen die Familie Ibn Raschid zu kämpfen. Schon nach kurzer Zeit wurde er jedoch von einer überlegenen feindlichen Streitmacht verfolgt und kehrte nach Kuwait zurück – vielleicht in den Tiefen seines Herzens weit mehr erleichtert als enttäuscht. Er gelobte, den Abend seines Lebens nie wieder durch ein waghalsiges Unternehmen wie einen Krieg zu stören.

Doch der Sohn war nicht bereit, so leicht aufzugeben. Stets erinnerte er sich an seinen seit Kindertagen gehegten Traum vom Sieg über Muhammad Ibn Raschid; und als sein Vater alle Ansprüche auf die Herrschaft über Nadschd aufgab, trieb dieser Traum den jungen Abd al-Aziz zu seinem unbezwingbaren Streben nach der Macht an. Einige wenige Freunde schlossen sich ihm an, darunter sein Cousin Abdallah Ibn Dschiluwi und Ibn Musa’id. Durch Trommelschläge gewann er noch einige Beduinen hinzu. So wuchs ihre Zahl auf vierzig an. Wie Räuber brachen sie heimlich von Kuwait auf, ohne Banner zu hissen, Trommeln zu schlagen oder Lieder zu singen. Sie mieden die Straßen, auf denen die Karawanen am häufigsten unterwegs waren, und hielten sich tagsüber verborgen. Schließlich erreichten sie die Umgebung von Riad und schlugen in einem abgelegenen Tal ihr Lager auf. Noch am selben Tag wählte Abd al-Aziz aus den vierzig Gefährten fünf aus und sagte zu den übrigen:

– „Wir sechs haben unser Schicksal nun vollständig in Allahs Hand gelegt. Wir ziehen nach Riad; entweder werden wir Riad erobern oder es für immer verlieren. Wenn ihr aus der Stadt Lärm aus Richtung der Wüste hört, kommt uns zu Hilfe. Wenn ihr jedoch bis morgen Abend nichts hört, dann nehmt an, dass wir tot sind, und möge Allah unser Gebet erhören. Sollte es so kommen, kehrt ihr alle so schnell wie möglich nach Kuwait zurück.“

Und die sechs Männer machten sich zu Fuß auf den Weg. In der ersten Hälfte der Nacht erreichten sie die Stadt und gelangten durch eine der Breschen in die Stadt, die Ibn Raschid einige Jahre zuvor in die Mauern der eroberten Stadt hatte schlagen lassen, um ihre Bewohner zu demütigen. Sie verbargen ihre Waffen unter ihren Gewändern und drangen geradewegs in das Gemach des Gouverneurs des raschidischen ,Emirs‘ ein. Der Raum war verschlossen, denn aus Furcht vor der feindseligen Bevölkerung verbrachte er die Nächte gewöhnlich in der gegenüberliegenden Festung. Abd al-Aziz und seine Gefährten klopften an die Tür. Ein Sklave öffnete, doch sogleich wurde er in das Zelt gebracht, gefesselt und ihm wurden Augen und Mund mit einem Tuch verbunden. Dasselbe geschah mit jedem anderen, der sich in dem Raum befand: Zu jener Zeit waren dort nur einige Diener und Frauen. Die sechs Angreifer nahmen einige Datteln aus dem Vorrat des ,Emirs‘, aßen sie und verbrachten die Nacht damit, abwechselnd den Koran zu rezitieren.

Am Morgen wurde das Tor der Festung geöffnet, und der Emir kam heraus, umgeben von bewaffneten Leibwächtern und Dienern. „O Allah, Ibn Saud ist Dir anvertraut!“, rief Abd al-Aziz aus und stürzte sich mit seinen fünf Gefährten auf den überraschten und bestürzten Feind. Abdullah ibn Dschiluwi schleuderte seinen Speer nach dem Emir; doch dieser duckte sich im letzten Augenblick. So zitterte der Schaft des Speers, und der Speer bohrte sich in die Lehmwand der Festung, wo man ihn noch heute sehen kann. Der Emir wich erschrocken zurück und gelangte durch den Eingang hinein. Während Abdullah den Emir allein verfolgte, griffen Abd al-Aziz und die übrigen vier Gefährten im Inneren der Festung die Leibwächter an. Obwohl sie zahlenmäßig überlegen waren, waren sie so völlig verwirrt, dass sie sich nicht wirksam verteidigen konnten. Augenblicke später erschien der Emir, von Abdullah ibn Dschiluwi verfolgt, auf dem flachen Dach. Er flehte um Gnade, doch sein Flehen wurde nicht erhört. Als er auf das Dach stürzte und tödliche Schwerthiebe auf ihn niedergingen, rief Abd al-Aziz genau in diesem Augenblick von unten: „Kommt, ihr Leute von Riad, kommt! Hier bin ich, Abd ar-Rahmans Sohn aus dem Hause Abd al-Aziz ibn Saud – euer rechtmäßiger Herrscher!“ Die Einwohner Riads, die ihre tyrannischen Unterdrücker aus dem Norden hassten, eilten mit ihren Waffen ihrem Fürsten zu Hilfe, und seine fünfunddreißig Gefährten spornten ihre Kamele an und stürmten durch die Stadttore, alle Hindernisse vor sich hinwegfegend wie ein Wirbelwind. Innerhalb einer Stunde war Abd al-Aziz ibn Saud zum unangefochtenen Herrscher der Stadt geworden.

Dies geschah im Jahr 1901. Damals war er einundzwanzig Jahre alt. Die Jugendzeit seines Lebens war nun vorüber, und er trat in seine zweite Lebensphase ein – in das Alter des reifen Mannes und des Herrschers.

Indem Ibn Saud nach und nach eine Provinz nach der anderen eroberte, entriss er schließlich das gesamte Land Nadschd der Familie Ibn Raschid und drängte sie in ihre Heimat Dschabal Schammar mit ihrer Hauptstadt Ha’il zurück. Obwohl Ibn Saud keinen Generalstab hatte und vielleicht in seinem ganzen Leben nie einen Blick auf eine Landkarte geworfen hatte, vollzog sich diese Ausweitung seines Reiches so umsichtig, als wäre sie von einem Generalstab geplant worden, der sich auf Karten, militärische Strategie und geopolitische Vorstellungen stützte. Von Riad als dauerhaftem Zentrum aus bewegten sich seine Eroberungszüge in spiralförmigen Kreisen voran; nie rückte er in ein neues Gebiet vor, ohne zuvor die bereits eroberten Regionen vollständig zu unterwerfen und seine Herrschaft dort fest zu verankern. Zuerst eroberte er die Bezirke östlich und nördlich von Riad und dehnte sein Reich anschließend über die Wüsten im Westen aus. Im Norden kam sein Vormarsch nur langsam voran. Denn die Familie Ibn Raschid verfügte noch immer über beträchtliche Stärke; außerdem stand hinter ihr die Unterstützung der Türken, mit denen die Familie Ibn Raschid im Laufe der vergangenen Jahrzehnte ein festes Bündnis aufgebaut hatte. Ein weiteres Hindernis für Ibn Saud war seine Armut. Mit den Einnahmen aus den südlichen Gebieten Nadschds konnte man nicht einmal für kurze Zeit große Heere in Scharen in den Krieg schicken.

„Einmal“, erzählte er mir, „war ich so arm, dass ich sogar das mit Edelsteinen besetzte Schwert, das Scheich Mubarak mir geschenkt hatte, in Kuwait bei einem jüdischen Geldverleiher verpfänden musste. Ich war nicht einmal in der Lage, einen Teppich für meinen Sattel zu beschaffen – und doch musste ich mich damit begnügen, unter das Schaffell leere Säcke zu legen.“

Außerdem gab es noch ein weiteres Problem, durch das Ibn Sauds frühes Leben äußerst schwierig wurde. Dieses Problem betraf die Haltung der Beduinenstämme.

Zentralarabien war trotz all seiner Städte und Dörfer vorwiegend ein Gebiet der Beduinen. Ihre Unterstützung oder ihre Gegnerschaft bestimmte in beinahe jeder Phase des Krieges zwischen Ibn Saud und Ibn Raschid den Ausgang. Die Beduinen waren äußerst wankelmütig, änderten leicht ihre Meinung und schlossen sich gewöhnlich in dem Augenblick der Seite an, die den Sieg davonzutragen schien oder größere Beute versprach. Der herausragendste Vertreter dieses doppelzüngigen Verhaltens war Faisal ad-Dawisch, der oberste Anführer des mächtigen Mutair-Stammes. Von seiner Loyalität hing ständig ab, welche der beiden rivalisierenden Herrscherfamilien siegen und welche unterliegen würde! Wenn er nach Ha’il kam, überschüttete Ibn Raschid ihn mit Geschenken. Er verließ Ibn Raschid und kam nach Riad, um Ibn Saud die Treue zu schwören, und kaum war ein Monat vergangen, brach er erneut sein Wort; niemandem hielt er die Treue. Kühn und gerissen, war er vom maßlosen Verlangen nach Macht besessen. Wegen ihm musste Ibn Saud viele schlaflose Nächte verbringen.

Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, dachte Ibn Saud einen Plan aus. Anfangs war dieser Plan vielleicht nicht mehr als das Programm einer politischen Partei, doch schließlich nahm er die Gestalt einer so großartigen Idee an, dass sie die gesamte Halbinsel zu verändern vermochte: Worin bestand dieser Plan? Für die Nomadenstämme sollten dauerhafte Siedlungen gegründet werden. Es bestand kein Zweifel, dass die Beduinen, sobald sie sich dauerhaft niedergelassen hatten, ihr doppeltes Spiel zwischen den verschiedenen kriegerischen Parteien aufgeben mussten. Als Nomaden fiel es ihnen leicht, auf einen Augenblicksbefehl ihre Zelte abzubrechen und mit ihren Tieren von Ort zu Ort zu ziehen, eine Gruppe zu verlassen und sich einer anderen anzuschließen. Doch wenn sie sich dauerhaft niederließen und ihren Lebensunterhalt dort verdienten, war dies nicht mehr möglich. Denn wenn sie ihre Loyalität aufkündigten und dem Feind die Treue schworen, mussten sie fürchten, ihre Häuser und Gärten zu verlieren; und für einen Beduinen gab es nichts, was so wertvoll war wie sein eigener Besitz!

In seinem Programm legte Ibn Saud den größten Nachdruck auf die dauerhafte Ansiedlung der Beduinen. Dabei erhielt er reichlich Unterstützung aus den Lehren des Islam. Der Islam hatte wiederholt die Überlegenheit des sesshaften Lebens gegenüber dem Nomadenleben betont. Der König sandte Prediger zu den verschiedenen Stämmen. Sie lehrten diese Stämme die Religion und verkündeten ihnen neue Gedanken; das Ergebnis war unerwartet. Allmählich entstand die Organisation der „Ikhwan“ (Bruderschaft) – so begannen die dauerhaft sesshaft gewordenen Beduinen, sich selbst zu nennen. Die erste Ikhwan-Siedlung war die Siedlung von al-Dawischs Stamm, den Mutair, in al-Awja. Ihre Siedlung Artawija wurde innerhalb weniger Jahre zu einer Stadt mit dreißigtausend Einwohnern. Viele weitere Stämme folgten demselben Weg.

Der religiöse Eifer der Ikhwan und ihr kriegerisches Potenzial wurden in Ibn Sauds Händen zu mächtigen Waffen. Von da an nahmen seine Kriege eine neue Gestalt an: Die unter dem religiösen Eifer der Ikhwan geführten Kriege überschritten den Charakter der früheren Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Herrscherhäusern und nahmen die Gestalt eines religiösen Dschihad an. Für die Ikhwan war diese Wiedergeburt der Religion allerdings nicht auf eine persönliche Bedeutung beschränkt. Angesichts ihrer kompromisslosen Treue zu den Lehren des großen Mujaddid des achtzehnten Jahrhunderts, Muhammad ibn Abd al-Wahhab, waren die Ikhwan häufig von einem übersteigerten Glauben an ihre eigene persönliche Rechtschaffenheit erfüllt. Doch was die meisten von ihnen anstrebten, war nicht bloß persönliche Rechtschaffenheit; ihr Ziel war die Errichtung einer Gesellschaft, die zu Recht als islamische Gesellschaft bezeichnet werden konnte. Das Ziel der Lehren Muhammad ibn Abd al-Wahhabs war es, den Islam in seiner ursprünglichen, von allen späteren Ausschmückungen befreiten Reinheit wiederherzustellen; diese Lehre wies alle späteren Bidʿa, das heißt alle neu hinzugekommenen Zusätze, zurück. Es stimmt, dass viele Vorstellungen der Ikhwan ausgesprochen primitiv waren und ihr Eifer häufig an blinden Fanatismus grenzte. Doch bei angemessener Führung und Bildung hätte ihre tiefe Frömmigkeit sie vielleicht befähigt, ihren Horizont zu erweitern, und mit der Zeit hätte sie zum Mittelpunkt einer echten sozialen und geistigen Wiedergeburt ganz Arabiens werden können. Unglücklicherweise erkannte Ibn Saud die gewaltige Bedeutung einer solchen Entwicklung nicht. Er beließ es dabei, den Ikhwan nur die elementarsten Grundlagen religiöser und weltlicher Bildung zu vermitteln. Tatsächlich gab er ihnen nur so viel Unterricht, wie er für nötig hielt, um ihren fanatischen Eifer am Leben zu erhalten. Mit anderen Worten: Ibn Saud betrachtete die Ikhwan-Bewegung lediglich als ein Werkzeug der Macht. In den folgenden Jahren wurden seine eigenen verschiedenen politischen Maßnahmen Opfer dieses Versagens, und schließlich gefährdete es die Existenz des von ihm geschaffenen Reiches selbst. Vielleicht zeigte sich darin zum ersten Mal, dass Ibn Saud die Größe des Herzens fehlte, die seine Nation von ihm erwartete. Doch die Enttäuschung der Ikhwan über den König und die Enttäuschung des Königs über die Ikhwan hatten schon lange zuvor begonnen …

Als Ibn Saud 1913 über die für einen gewaltigen Angriff bereiten Ikhwan verfügte, kam er schließlich zu dem Schluss, dass er nun stark genug war, die am Persischen Golf gelegene Provinz al-Hasa zu erobern. Obwohl al-Hasa zu Nadschd gehörte, hatten die Türken das Gebiet fünfzehn Jahre zuvor besetzt.

Die Erfahrung, gegen die Türken Krieg zu führen, war für Ibn Saud nichts Neues. Oft hatte er sich den türkischen Truppen entgegengestellt, insbesondere der Feldartillerie innerhalb der Armee Ibn Raschids. Doch ein Angriff auf al-Hasa, das unter der unmittelbaren Herrschaft der Türken stand, war etwas völlig anderes: Er würde eine unmittelbare Konfrontation mit einer Großmacht bedeuten. Für Ibn Saud gab es jedoch keinen anderen Ausweg. Wenn es ihm nicht gelang, al-Hasa und seine Häfen unter seine Kontrolle zu bringen, würde er für immer von der Außenwelt abgeschnitten bleiben und könnte die dringend benötigten Waffen, Munition und viele lebensnotwendige Güter nicht beschaffen. Die Notwendigkeit rechtfertigte dieses Wagnis. Doch das Risiko war so gewaltig, dass er lange zögerte, bevor er al-Hasa und seine Hauptstadt al-Hufuf angriff. Noch heute erinnert er sich gern daran, unter welchen Umständen die endgültige Entscheidung getroffen wurde:

– „Wir waren bereits in Sichtweite von al-Hufuf gelangt. Von der Düne, auf der ich saß, konnte ich die starken Mauern der Festung deutlich erkennen; die Festung schien auf die Stadt hinabzublicken. Als ich Nutzen und Gefahren meines Vorhabens abwog, geriet ich in schreckliche Unentschlossenheit. Ich fühlte mich sehr müde; mein Herz sehnte sich nach Frieden und nach meinem Zuhause. Und sobald ich an mein Zuhause dachte, erschien das Gesicht meiner Frau Jawhara vor meinen Augen. Wieder dachte ich an all die Gedichte, die ich ihr vorzutragen pflegte, wenn sie an meiner Seite war, und noch ehe ich es bemerkte, begann ich, für sie ein Gedicht zu verfassen – während ich völlig vergaß, wo ich mich befand und welche gefährliche Entscheidung ich treffen musste! Sobald das Gedicht in meinem Geist Gestalt annahm, schrieb ich es nieder, versiegelte es, rief einen meiner Boten und befahl ihm: Nimm die beiden schnellsten Kamele. Treibe sie ohne irgendwo anzuhalten nach Riad und übergib dies der Mutter Muhammads. Als der Bote hinter einer Staubwolke verschwand, erkannte ich plötzlich, dass mein Geist eine Entscheidung über den Krieg getroffen hatte: Ich würde al-Hufuf angreifen, und Allah würde mir gewiss den Erfolg schenken.“

Sein Vertrauen erwies sich als berechtigt. In einem gewagten Angriff nahmen die Soldaten die Festung ein. Die türkischen Truppen ergaben sich; man erlaubte ihnen, die Festung mit ihren Waffen und ihrer Ausrüstung zu verlassen und sich an die Küste zurückzuziehen. Von dort aus brachen sie per Schiff nach Basra auf. Die osmanische Regierung war allerdings nicht bereit, so leicht auf ihre Besitzungen zu verzichten. In Istanbul wurde beschlossen, eine Strafexpedition gegen Ibn Saud zu entsenden. Doch noch bevor diese Expedition aufbrechen konnte, brach der Große Krieg aus, wodurch die Türken gezwungen wurden, ihre gesamten Streitkräfte anderswo zusammenzuziehen. Nach dem Ende des Krieges bestand das Osmanische Reich nicht mehr.

Da Ibn Raschid der türkischen Unterstützung beraubt und im Norden nun von Gebieten umgeben war, die von Großbritannien und Frankreich beherrscht wurden, konnte er keine wirksamen Maßnahmen mehr ergreifen, um den Feind abzuwehren. Faisal ad-Dawisch war inzwischen einer der tapfersten Vasallenkrieger König Ibn Sauds. Unter seiner Führung eroberten die Truppen des Königs 1921 Hail, und dadurch verlor Ibn Raschid auch seine letzte starke Bastion.

Ibn Sauds Reichsexpansion erreichte 1924/25 ihren Höhepunkt, als er den Hedschas einschließlich Mekka, Medina und Dschidda eroberte und die Scharifische Dynastie aus dem Hedschas vertrieb, die dort an die Macht gelangt war, nachdem Scharif Hussein 1916 mit britischer Unterstützung und Hilfe gegen die Türken rebelliert hatte. Erst nach der Eroberung dieses heiligen Landes des Islam – Ibn Saud war nun fünfundvierzig Jahre alt – trat er vor den Augen der Außenwelt in seiner ganzen Größe hervor.

Gerade zu jener Zeit, als fast alle Länder des Nahen Ostens unter den Füßen des westlichen Imperialismus niedergetreten wurden, weckte Ibn Sauds beispielloser Sieg in der ganzen arabischen Welt große Hoffnung: die Hoffnung, dass endlich ein Führer unter ihnen erschienen sei, der die gesamte arabische Nation aus der Knechtschaft befreien würde. Darüber hinaus blickten, abgesehen von den Arabern, viele weitere muslimische Bevölkerungen erwartungsvoll auf ihn in der Hoffnung, dass er durch die Errichtung eines Staates die islamischen Ideale in ihrer ganzen Bedeutung wiederbeleben würde – eines Staates, in dem der tiefste Sinn des Korans das höchste Gesetz des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens wäre. Doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht; sie blieben unerfüllt. Als seine Macht gewachsen und gefestigt war, wurde deutlich, dass Ibn Saud nichts anderes als ein König war – ein König, der kein höheres Ziel besaß als viele der despotischen Herrscher vor ihm in den Ländern des Orients.

Im persönlichen Leben edel und gerecht, seinen Freunden und Unterstützern treu und seinen Feinden gegenüber großmütig, verfügt König Ibn Saud über weit mehr Verstand als fast alle seine Anhänger. Dennoch konnte er weder jene Weite des Blicks noch jene inspirierende Führung erkennen lassen, die die Menschen von ihm erwartet hatten. Es stimmt, dass er im Leben der Bevölkerung seines riesigen Reiches eine Sicherheit geschaffen hat, für die es in den arabischen Ländern seit den frühen Kalifen vor tausend Jahren kein vergleichbares Beispiel gibt; doch anders als jene Kalifen brachte er diese Sicherheit durch strenge Gesetze und Strafmaßnahmen hervor, nicht dadurch, dass er in seinem Volk ein Bewusstsein für bürgerliche Pflichten weckte. Er schickte einige junge Männer ins Ausland, um Medizin und Funktelegrafie zu studieren; doch er tat nichts, um seine ganze Nation zur Bildung anzuspornen und sie so aus der Unwissenheit emporzuheben, in der sie seit vielen Jahrhunderten versunken war. Er spricht stets von der Schönheit und dem Reichtum der islamischen Lebensordnung und redet dabei mit allen Anzeichen von Selbstvertrauen; doch er hat nichts unternommen, um eine ausgewogene, fortschrittliche Gesellschaft aufzubauen, in der diese Lebensordnung eine kulturelle Gestalt hätte annehmen können.

Er ist schlicht, bescheiden und arbeitsam; dennoch gibt er sich selbst in äußerstem Maß unnötigen Ausgaben und sinnlosem Luxus hin, und er nimmt keinen Anstoß daran, wenn die Menschen in seiner Umgebung sich ebenfalls solchen Ausgaben und solchem Luxus hingeben. Er ist zutiefst religiös und befolgt jede formale Vorschrift des islamischen Rechts buchstabengetreu; doch nur sehr selten scheint er über den geistigen Sinn und Zweck dieser Vorschriften nachzudenken. Er verrichtet die fünf täglichen Pflichtgebete äußerst regelmäßig und verbringt nachts Stunden in tiefer Meditation. Doch offenbar ist ihm nie der Gedanke gekommen, dass das Gebet nur ein Mittel und nicht selbst das Ziel ist. Er spricht gern über die Pflichten eines Herrschers gegenüber seinen Untertanen und zitiert häufig den Ausspruch des Gesandten (S): „Jeder Mensch ist ein Hirte, dem die Verantwortung für seine Herde anvertraut ist“; dennoch hat er sogar die Erziehung seiner eigenen Kinder vernachlässigt und sie daher nur unzureichend auf die vor ihnen liegenden Pflichten vorbereitet. Einmal wurde er gefragt, warum er seinen Staat nicht weniger persönlich geprägt und großzügiger organisiert habe, damit seine Söhne eine geordnete Verwaltungsstruktur vorfinden könnten. Er antwortete: „Ich habe mein Königreich mit meinem eigenen Schwert und durch meine eigenen Anstrengungen erobert. Nach mir sollen meine Söhne ihre eigenen Unternehmungen in Angriff nehmen.“

Ich erinnere mich an ein Gespräch mit dem König, das seine Kurzsichtigkeit und seinen Mangel an administrativem Weitblick sehr deutlich erkennen ließ. Dieses Gespräch fand gegen Ende des Jahres 1928 in Mekka statt, als der berühmte Führer der syrischen Unabhängigkeitsbewegung, Emir Shakib Arslan, den König besuchte. Ibn Saud stellte mich mit den Worten vor: „Das ist Muhammad Asad, mein Sohn, der heute aus den südlichen Gebieten zurückgekehrt ist. Er reist gern unter meinen Beduinen.“

Emir Shakib war nicht nur ein politischer Führer; seine Interessen waren vielfältig, und er war ein großer Gelehrter. Als er hörte, dass ich Europäer war und den Islam angenommen hatte, wurde er sogleich neugierig auf meine Erfahrungen. Ich schilderte ihm meine Erlebnisse in den südlichen Gebieten, in denen vor mir noch kein Europäer gereist war. Das gewaltige landwirtschaftliche Potenzial dieser Region, ihre Wasservorkommen und ihr fruchtbarer Boden erschienen mir äußerst vielversprechend, und im Zusammenhang mit dieser Schilderung sagte ich zum König:

„O Imam, ich bin vollkommen überzeugt, dass Wadi Bisha leicht zur Kornkammer des gesamten Hedschas werden könnte, wenn das Gebiet wissenschaftlich vermessen und entwickelt würde.“

Bei meinen Worten wurde der König aufmerksam, denn ein beträchtlicher Teil der Staatseinnahmen wurde für den Import von Weizen in den Hedschas ausgegeben, und das Haushaltsdefizit war Ibn Sauds stets größte Sorge gewesen.

„Wie lange würde es dauern, Wadi Bisha auf diese Weise zu entwickeln?“, fragte er mich.

Ich war kein Fachmann und konnte daher keine klare Antwort geben. Ich schlug vor, eine Kommission aus ausländischen technischen Fachleuten zu bilden, deren Aufgabe es sein sollte, das Gebiet zu vermessen und einen realistischen Entwicklungsplan vorzulegen. Ich wagte zu sagen, dass es höchstens fünf bis zehn Jahre dauern würde, bis man aus dem Gebiet eine vollständige Ernte erhielte.

– „Zehn Jahre!““, ruft Ibn Saud erstaunt aus, „zehn Jahre sind eine sehr lange Zeit! Wir Beduinen kennen nur eines: Was immer wir in die Hände bekommen, stecken wir in den Mund und essen es. Für zehn Jahre im Voraus zu planen – das ist für uns eine ungeheuer lange Zeit!“

Bei dieser erstaunlichen Bemerkung starrte Amir Schakib mich mit offenem Mund an, als könne er seinen eigenen Ohren nicht trauen; und auch ich blickte als Antwort mit reglos geweiteten Augen zu ihm hinüber ….

Und in diesem Augenblick begann ich mich zu fragen: War Ibn Saud ein großer Mann, den Bequemlichkeit und Königsherrschaft von seiner Größe abgebracht hatten, oder war er lediglich ein außerordentlich mutiger und sehr kluger Mann, der nichts anderes wollte als persönliche Macht?

Bis heute ist es mir nicht möglich, auf diese Frage eine befriedigende Antwort zu geben. Obwohl ich ihn seit vielen Jahren kenne und ihn gut kenne, ist mir eine Seite von Ibn Sauds Charakter noch immer unverständlich. Es liegt nicht daran, dass er seine Gefühle gewöhnlich auf irgendeine Weise vor anderen verbirgt; er spricht offen über sich selbst und erzählt häufig von seinen Erfahrungen. Doch sein Charakter hat so viele Seiten, dass er nur schwer zu verstehen ist, und hinter dem Bild seiner Einfachheit, das sich von außen zeigt, verbirgt sich ein Herz, das ebenso bewegt ist wie das Meer, und hinsichtlich seiner Stimmungen und inneren Widersprüche ebenso reich wie das Meer. Seine persönliche Autorität ist gewaltig; doch sie beruht weit weniger auf tatsächlicher Macht als auf der Stärke seines Charakters. In seiner Rede und seinem Auftreten findet sich nicht die geringste Spur von Hochmut. Sein wahrhaft demokratischer Geist hilft ihm, mit den Beduinen zu sprechen, die in schmutziger, zerrissener und geflickter Kleidung zu ihm kommen, als wäre er einer von ihnen. Und eben dieser Geist befähigte ihn, ihnen das Recht zu geben, ihn bei seinem Vornamen „Abdul Aziz“ anzureden. Andererseits kann er gegenüber hochgestellten Beamten grob und feindselig werden, wenn er in ihnen eine knechtische Haltung erkennt; jede Art von vornehmer Attitüde verabscheut er. Ich erinnere mich an einen Vorfall in Mekka. Wir aßen im Königspalast, als der Oberste eines der vornehmsten Familien des Nadschd angesichts des ungehobelten beduinischen Benehmens einiger eingetroffener Nadschdis die Nase rümpfte. Sie schlangen mit sichtlichem Vergnügen große, handvollweise Portionen Reis hinunter; während jener vornehme Mann aus Mekka, um seinen feinen Geschmack zu beweisen, sein Essen mit den Fingerspitzen aufnahm und aß, ertönte plötzlich die Stimme des Königs: „Ihr geschmackvollen Leute, warum geht ihr so vorsichtig mit eurem Essen um? Liegt es daran, dass ihr es gewohnt seid, mit euren Fingern im Schmutz zu wühlen? Wir Leute aus dem Nadschd haben keine Angst vor unseren Händen – unsere Hände sind sauber und rein, und deshalb essen wir zufrieden und handvollweise.“

Manchmal, wenn er völlig entspannt daliegt, breitet sich ein Lächeln über Ibn Sauds Gesicht und dessen Schönheit aus und verleiht ihm beinahe etwas Spirituelles. Ich bin fest davon überzeugt, dass Ibn Saud sich durch Musik ausgedrückt hätte, wenn Musik nach der orthodoxen wahhabitischen Lehre, der er folgt, nicht als verwerflich gelten würde. Tatsächlich zeigt sich seine Musikalität jedoch in seinen kurzen Gedichten, in seinen farbenprächtigen Schilderungen von Erlebnissen und in seinen Liedern über Krieg und Liebe, die sich im ganzen Nadschd verbreitet haben; die Männer singen sie, während sie auf Kamelen durch die Wüsten ziehen, und die Frauen singen sie in der Abgeschiedenheit ihrer eigenen Häuser. Der Ausdruck seiner Musikalität liegt in dem regelmäßigen und zugleich geschmeidigen Rhythmus, dem sein tägliches Leben im Einklang mit den Pflichten eines Königs folgt. Wie Julius Caesar besitzt er in hohem Maße die Fähigkeit, mehrere Gedankengänge gleichzeitig und zur selben Zeit zu verfolgen, und er kann dies tun, ohne auch nur im Geringsten die Intensität zu beeinträchtigen, mit der er jedes Problem angeht. Dank dieser charakteristischen angeborenen Gabe ist er in der Lage, alle Angelegenheiten seines gewaltigen Reiches persönlich zu lenken, ohne in Verwirrung zu geraten oder unter übermäßiger Anstrengung zusammenzubrechen, und dennoch Zeit und Interesse zu bewahren, um sich in solch kostspieligem Luxus der Gesellschaft von Frauen hinzugeben. Die Feinheit seiner Empfindungen ist bisweilen geradezu unheimlich und erschreckend. Er besitzt eine nahezu unfehlbare intuitive Einsicht, die bis zum innersten Kern der seelischen Vorgänge jener Menschen vordringt, mit denen er zu tun hat – wie ich selbst häufig zu beobachten Gelegenheit hatte. Noch bevor ein Mensch seine Gedanken oder Gefühle in Worte fasst, scheint er sie bereits zu verstehen, und sobald jemand einen Raum betritt, scheint er sofort zu spüren, welche Haltung dieser Mensch ihm gegenüber einnimmt. Dank dieser Fähigkeit konnte Ibn Saud mehrere äußerst sorgfältig geplante Anschläge auf sein Leben vereiteln und mitten im politischen Geschehen glückliche Entscheidungen treffen.

Kurz gesagt: Viele der Eigenschaften, durch die ein Mensch groß werden kann, besaß Ibn Saud; doch um Größe zu erlangen, hat er niemals einen wirklichen Versuch unternommen. Da er seinem Wesen nach nicht introspektiv ist, verfügt er über eine gewaltige Fähigkeit zu vernunftgeleitetem Urteil und dazu, angesichts all der offenkundigen Fehler und Mängel die Überzeugung zu entwickeln, dass er selbst auf dem richtigen Weg sei. Deshalb entgeht er mühelos jeder Art von Selbstprüfung. Die Menschen, die ihn umgeben – seine Höflinge und die zahllosen Bittsteller, die von seiner Freigebigkeit abhängen –, haben gewiss nichts getan, um diese unglückliche Neigung von ihm aufzuhalten.

Indem er das gewaltige Versprechen seiner Jugendjahre, als er ihnen als Träumer aufregender Träume erschienen war, Lügen strafte, hat er vielleicht, ohne es selbst zu wissen, das Herz eines Volkes gebrochen, das in hohen Tonlagen gestimmt war und ihn gern für einen von Allah gesandten Führer halten wollte. Ihre Erwartungen an ihn waren so groß, dass es ihnen schwerfiel, die Enttäuschung gleichmütig hinzunehmen; viele der Besten unter den Bewohnern des Nadschd sprechen heute in äußerst bitteren Worten gegen den Verrat, der ihrer Ansicht nach an ihrem Glauben begangen worden ist.

Nie werde ich das Bild von Elend und Verzweiflung vergessen, das ich auf dem Gesicht eines Freundes aus dem Nadschd sah, der einst zutiefst an Ibn Sauds Führung geglaubt hatte und den König in den schwierigsten Jahren seines königlichen Lebens in Freud und Leid, in Gefahr und Not begleitet hatte, als er eines Tages über den König sprach und zu mir sagte:

–»In jenen frühen Jahren, als wir gemeinsam mit Ibn Saud gegen Ibn Raschid auf Kamelen in den Feldzug zogen und als wir unter dem Banner mit der Aufschrift ›La ilaha illallah – es gibt keinen Gott außer Allah‹ gegen jenen Scharif Hussein ausritten, den Verräter am Islam, da erschien uns Ibn Saud wie ein neuer Moses, der sein Volk aus den Fesseln der Dschāhilīya und des Verfalls in das verheißene Land des Islam führen würde. Doch als er sein Volk und seine Zukunft vergaß und sich mit seinem neu gewonnenen Wohlstand, seinem Komfort und seiner Verschwendungssucht niederließ, sahen wir schaudernd vor Angst, dass er ein Pharao war …«.

Freilich war mein Freund in seiner Verurteilung Ibn Sauds äußerst … übermäßig grob, ja sogar ungerecht; denn er ist kein Pharao und kein Tyrann; er ist ein barmherziger Mensch, und ich habe keinen Zweifel daran, dass er sein Volk liebt. Aber deshalb ist er noch lange kein Moses. Sein Versagen liegt vielmehr darin, dass er nicht die Größe erreichte, die sein Volk sich von ihm vorgestellt hatte – und dass er nicht zu dem wurde, was er vielleicht hätte werden können, wenn er dem Trompetenruf seiner Jugend gefolgt wäre. Er gleicht einem Adler, der niemals seine Flügel zum Himmel ausgebreitet hat.

Er ist in viel … viel größerem Maßstab nichts weiter als ein großmütiger Stammeshäuptling geblieben … . [Einige Zeit nach der Fertigstellung dieses Buches (1935) starb Ibn Saud im Alter von 73 Jahren, und mit seinem Tod ging in der arabischen Geschichte zugleich eine Epoche zu Ende. Als ich ihn im Herbst 1951 zum letzten Mal sah – anlässlich eines offiziellen Besuchs in Saudi-Arabien im Auftrag der pakistanischen Regierung –, hatte ich den Eindruck, dass er sich schließlich des tragischen Verlusts seines Lebens bewusst geworden war. Sein einst so entschlossenes und lebendiges Gesicht war bitter und teilnahmslos geworden. Er sprach über sich selbst – es schien, als spräche er über etwas, das bereits gestorben und begraben war und nicht zurückgebracht werden konnte! ]

Drei

An dem Morgen, an dem ich Hail verließ, erwachte ich inmitten einer hochgestimmten Musik, die durch das offene Fenster meiner Festungskammer hereindrang: ein Gesang, ein Zwitschern, ein solch ungeordnetes und unbeholfenes Spiel, als würden Hunderte von Harfen und Flöten gestimmt, bevor eine prachtvolle Oper beginnt; kurze, misstönende Takte voneinander unabhängiger Melodien mit zahlreichen Tonarten, die – gerade weil es so viele waren und sie so geordnet wirkten – eine geheimnisvolle, beinahe gespenstische Harmonie hervorzubringen schienen. … Doch gewiss war es ein gewaltiges Orchester, und eben deshalb waren die Schallwellen, die daraus emporstiegen, so mächtig …

Als ich zum Fenster ging und hinaussah – über den menschenleeren Markt hinweg und darüber hinaus auf das Grau der Morgendämmerung, das sich allmählich über den erdgrauen Häusern der Stadt entfaltete, und hinunter zu den Ausläufern der Berge, wo Tamarisken und Reihen von Dattelpalmen wachsen –, da begriff ich, dass dies die Musik der Wasserheberäder in den Gärten war: Hunderte mochten es sein, die gerade ihre Arbeit für den Tag aufnahmen. Die Kamele zogen die gewaltigen Wasserschläuche langsam empor; die Seile, mit denen das Wasser heraufgezogen wurde, liefen über grob gefertigte hölzerne Rollen, und jede Rolle rieb sich an ihrer hölzernen Achse. Sie sangen, pfiffen, knarrten und zischten in zahlreichen hohen und tiefen Tönen, bis die Windung des Seils sich vollständig gelöst hatte und die Rolle stehen blieb; sogleich erhob sich ein gewaltiger Laut, einem Schrei gleich, und dieser Schrei verklang allmählich im Seufzen der Seile, in das sich nun machtvoll das schnelle Strömen des Wassers zum hölzernen Trog mischte. Dann wandte das Kamel sich wieder um und kehrte gemächlich zum Brunnen zurück, und aufs Neue setzte die Rolle ihre Musik fort, während die Seile über sie hinabrollten und der Wasserschlauch in den Brunnen hinuntertauchte.

Weil es so viele Wasserheberäder gibt, verstummt diese Musik keinen Augenblick; die verschiedenen Stimmen vereinen sich manchmal zu einem Klang und trennen sich dann wieder; wenn einige Melodien mit neuer Begeisterung einsetzen, verklingen alle anderen langsam. Ganze Fontänen unverständlicher Rhythmen scheinen gleichzeitig hervorzuströmen und voneinander getrennt zu grollen, knarrende Laute hervorzubringen, zu pfeifen und zu singen – wie wunderbar! Was für ein großartiges Orchester! Diese Harmonie ist nicht durch menschliche Planung entstanden, und gerade deshalb kommt ihre Erhabenheit und Größe beinahe an die Erhabenheit und Größe der Natur heran – jener Natur, deren Wille unergründlich und undurchdringlich ist.

 

Der Mittelweg

Eins

Wir haben Ha’il verlassen und sind auf Kamelen in Richtung Medina aufgebrochen; nun sind wir zu dritt, denn einer von Ibn Musas Männern, Mansur al-Assaf, begleitet uns auf einem Teil unseres Weges mit einem Befehl des Emirs.

Mansur ist so schön, dass in den Straßen irgendeiner westlichen Stadt alle Frauen unruhig würden, nur um ihn zu sehen. Er ist sehr groß, hat ein kräftiges, männliches Gesicht und auffallend glatte Züge. Seine Haut ist von einem hellen Braun, was unter den Arabern ein untrügliches Zeichen edler Abstammung ist; seine beiden schwarzen Augen sind wohlgeformt und betrachten die Welt aufmerksam unter seinen zusammengewachsenen Brauen. Ihm fehlt sowohl Zayeds Anmut als auch dessen gelassene Gleichgültigkeit; die Linien seines Gesichts verraten, dass Mansur von heftigen, doch beherrschten Leidenschaften erfüllt ist, und sie verleihen seinem Antlitz eine Schwermut, die sich völlig von der sanften Ernsthaftigkeit meines schammarischen Freundes unterscheidet. Doch wie Zayed hat auch Mansur viel von der Welt gesehen, und seine Gesellschaft ist wahrhaft angenehm.

In dem grauen und gelblichen Geröllgebiet, in das wir nun aus der sandigen Gegend des Nufud gelangt sind, sehen wir allerlei kleine Lebewesen, die den Ort geradezu bevölkern: Winzige graue Eidechsen huschen mit unglaublicher Geschwindigkeit im Zickzack zwischen den Beinen unserer Kamele hindurch und suchen Schutz unter einem Dornbusch; während wir an ihnen vorbeiziehen, starren sie uns mit glühenden Augen an. Wir sehen kleine, graue, rundliche Feldmäuse mit dicken Schwänzen, die ein wenig wie Eichhörnchen aussehen, und ihre Artgenossen, die Murmeltiere, deren Fleisch bei den Beduinen des Nadschd sehr beliebt ist; von all den außergewöhnlich zarten und köstlichen Speisen, die ich bisher gekostet habe, gehört ihr Fleisch zu den besten. Außerdem gibt es ein etwa dreißig Zentimeter langes, halal geltendes Reptil namens „Dabb“ – dieses Tier lebt von den Wurzeln der Pflanzen und sein Fleisch schmeckt irgendwo zwischen Huhn und Fisch. Wir sehen winzige vierbeinige Mistkäfer von der Größe eines Hühnereis, die mit rührender Geduld eine Kugel trockenen Kamelmists fortrollen; sie stützen ihr Gewicht auf die Vorderbeine und schieben die Kugel mit ihren kräftigen hinteren, kamelartigen Beinen von hinten voran. So bringen sie den kostbaren Fund unter größter Mühe zu ihrer Behausung, und sobald ein Kiesel ihren Weg versperrt, fallen sie rücklings zu Boden und richten sich erst nach großer Anstrengung wieder auf. Dann rollen sie das ihnen anvertraute Gut noch einige Zentimeter weiter, fallen wieder auf den Rücken, stehen wieder auf und machen sich erneut an die Arbeit – unermüdlich, rastlos … Bisweilen setzt auch ein grauer Hase unter grauem Gestrüpp hervor und springt mit langen Sätzen vorwärts. Einmal sahen wir einige Gazellen, doch sie waren so weit entfernt, dass wir nicht schießen konnten; sie verschwanden im blaugrauen Schatten zwischen zwei Bergen.

„Muhammad, erzählen Sie mir“, fragt Mansur, „wie haben Sie sich unter den Arabern eingelebt? Und wie kam es, dass Sie den Islam annahmen?“

„Wie es dazu kam, will ich erzählen“, fällt Zayed ein. „Zuerst verliebte er sich in die Araber, und indem er sie liebte, begann er auch ihre Religion zu lieben. Onkel, habe ich das nicht richtig gesagt?“

„Was Zayed gesagt hat, ist wahr, Mansur. Als ich vor vielen Jahren ins Arabische Land kam, fühlte ich mich von eurer Lebensweise angezogen. Und als ich mich zu fragen begann, was ihr denkt und woran ihr glaubt, erfuhr ich, was der Islam ist!“

„Aber, Muhammad, haben Sie plötzlich erkannt, dass der Islam das wahre Wort Allahs ist?“

-„Nein, das ist nicht so; so früh wurde mir das nicht klar. Damals glaubte ich nicht einmal, dass Allah unmittelbar zu den Menschen gesprochen habe oder dass die Bücher, die die Menschen als Sein Wort bezeichnen, etwas anderes seien als Bücher weiser Menschen …“.

Mansur blickt mich mit äußerstem Unglauben an: „Wie kann das sein, Muhammad? Haben Sie etwa nie an das Buch geglaubt, das Moses gebracht hatte, oder an die Lehren des heiligen Jesus? Ich habe jedoch immer gedacht, dass die Menschen im Westen, was immer sonst auch gelten mag, an diese Dinge glauben.“

-„Manche tun es, Mansur, andere nicht, und ich gehörte zu diesen anderen …“.

Und ich erkläre ihm, dass viele Menschen im Westen seit langer Zeit weder ihre eigenen Bücher noch irgendeine andere religiöse Schrift als Allahs wahre Offenbarung betrachten. Vielmehr sehen sie darin die Geschichte der religiösen Hoffnungen und Sehnsüchte der Menschen, die sich im Verlauf vieler Zeitalter entwickelt haben.

-„Doch sobald ich mit dem Islam ein wenig vertraut wurde, erlitt diese meine Sichtweise einen gewaltigen Stoß“, fahre ich in meinen Ausführungen fort. „Diese Bekanntschaft machte ich, als ich erkannte, dass die Lebensweise der Muslime völlig anders ist als das, was Europäer für die angemessene Lebensweise des Menschen halten; und jedes Mal, wenn ich mehr über die Lehren des Islam zu erfahren begann, hatte ich das Gefühl, etwas entdeckt zu haben, das ich, ohne es zu wissen, schon immer gewusst hatte …“.

Und so erzählte ich Mansur weiter von meiner ersten Reise in den Nahen Osten—wie ich in der Sinai-Wüste von den Arabern  meine ersten Vorstellungen gewonnen hatte, davon; in Palästina, in Ägypten, in Transjordanien und Syrien, was ich sah, und empfand, die Geschichte davon; wie’ich in Damaskus zum ersten Mal die Vorahnung gewann, dass, der Weg zu einer damals noch unvorstellbaren Wahrheit, sich allmählich vor mir enthüllte und wie ich nach meiner Reise durch die Türkei nach Europa zurückkehrte und begriff, dass es für mich schwierig war, erneut in der westlichen Welt zu leben; denn einerseits…war ich begierig, die tiefere Bedeutung der erstaunlichen Unruhe zu erfassen, die meine erste Begegnung mit den arabischen Völkern und ihrer Kultur in mir hervorgerufen hatte, in der Hoffnung, dass, dies mir helfen würde, besser zu verstehen, was ich selbst vom Leben erwarte, andererseits, war ich damals an einen Punkt gelangt, an dem mir die Wahrheit  immer deutlicher geworden war, dass ich, die Hoffnungen der westlichen Gesellschaft–und ihre Bestrebungen und Ziele niemals als mit mir selbst vereinbar ansehen können würde.

Im Frühjahr 1924 die ‘Frankfurter Zeitung’ schickte mich ‍ zum zweiten Mal in den Nahen Osten. Nachdem ich begonnen hatte, ein Buch über meine früheren Reisen zu schreiben, war es schließlich  vollendet worden. (Wenige Monate nachdem ich zum Nahen Osten aufgebrochen war, wurde es unter dem Titel Unromantisches Morgenland– veröffentlicht. Mit dieser Bezeichnung wollte ich zum Ausdruck bringen, dass , das Buch kein romantisches exotisches Bild der äußeren Erscheinung des muslimischen Orients war, , sondern vielmehr ein Versuch, zum Kern der realen Wahrheiten seines Alltagslebens vorzudringen. Obwohl die antizionistische–Haltung des Buches und seine ungewöhnliche Sympathie für die Araber in den deutschen Zeitungen einiges Aufsehen erregt hatten, , so bin ich dennoch der Ansicht, , dass sich das Buch nicht besonders gut verkauft hat.

Wieder überquerte ich das Mittelmeer. Vor mir sah ich die Küstenregion Ägyptens–. Die Zugfahrt von Port Said nach Kairo kam mir vor wie das Umblättern in den Seiten eines Einführungsbuchs. Zwischen dem Suezkanal und dem Manzala-See hatte der ägyptische Nachmittag sein Wesen enthüllt. Wildgänse schwammen im Wasser, und die Tamarisken bewegten ihre schönen, halbkreisförmigen Zweigbüschel.  Eine Ortschaft nach der anderen tauchte in der Ebene auf–, zunächst sandig, anderswo mit Gräsern und Schlingpflanzen bedeckt. Durch die Frühlingsfelder zog der Pflug langsam dahin, in langen, weiten Schritten, mit einem Kopftuch auf dem Kopf, die Hände, an’beiden’Seiten herabhängen lassend, , da sagte ich mir: Nichts auf der ganzen Welt –—weder das vollkommenste Automobil, noch das prächtigste Schwimmbecken, noch irgendein tiefsinniges Buch ––vermag den Platz jener Schönheit des im Westen verlorenen und bereits gefährdeten Orients einzunehmen, die–nichts anderes als den Ausdruck des wahren Wesens  des Menschen und einer zauberhaften Harmonie zwischen ihm und der Welt um ihn herum darstellt ……।

Diesmal reiste ich in der ersten Klasse. Außer mir befanden sich in meinem Abteil nur noch zwei’Personen:, ein griechischer Händler aus Alexandria,–der die unter allen Bewohnern der östlichen Mittelmeerküste verbreitete Fähigkeit besaß, leicht ein Gespräch anzuknüpfen, und mich daher binnen kürzester Zeit in eine angeregte  Diskussion verwickelte;, dabei machte er über alles, was wir sahen, fortwährend witzige Bemerkungen; und ein ägyptischer ‘Umda’, das heißt, ein dörflicher  Anführer ––anhand seines teuren seidenen Kaftans und der dicken goldenen Uhrenkette, die aus seinem Schal hervorsah,  offensichtlich für einen wohlhabenden Mann gehalten werden konnte,, wie sich herausstellte,, war geradezu froh darüber, ein völliger Dummkopf zu sein!! Offen gesagt,, obwohl er sich unserem Gespräch anschloss, bewies auch er im Verlauf der Diskussion seinen scharfen Verstand und zeigte im Streit mit dem griechischen Händler– immer wieder sein Geschick.

Ich erinnere mich,, dass wir über einige’gesellschaftliche Grundsätze des Islam sprachen, die zu jener –Zeit mein Denken stark beherrscht hatten. Mit meiner ehrfürchtigen Bewunderung für die soziale Gerechtigkeit des islamischen Rechts konnte mein griechischer Reisegefährte jedoch keineswegs vollständig übereinstimmen.

–‘So gerecht, wie Sie es halten, ist es in Wirklichkeit nicht, mein Freund!’ –Wir hatten bereits begonnen, Französisch zu sprechen. Um unserem ägyptischen Mitreisenden zuliebe wieder ins Arabische zurückzukehren, wandte sich der griechische Freund an mich und sagte, ‘Ihr sagt, eure Religion sei eine sehr gerechte Religion. Du kannst also’erklären, warum der Islam einem muslimischen Mann erlaubt, ein christliches oder jüdisches Mädchen zu heiraten, sich jedoch weigert, eure Mädchen und Schwestern einem christlichen oder jüdischen Mann zur Ehe zu geben? Willst du das gerecht nennen, hä?

–‘Gewiss’, sagt der prächtig gekleidete–Verrückte, ohne einen Augenblick zu zögern, ‘Hör zu! ich sage es dir, warum diese Regelung in unseren religiösen Vorschriften besteht. Wir, Muslime, glauben nicht, dass, Isa–möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen–der Sohn Allahs war. Wir sind jedoch der Ansicht, dass. Er ein wahrer Prophet Allahs war. Ebenso glauben wir an Musa, Ibrahim und all die anderen in der Bibel erwähnten Propheten. So wie der letzte Prophet, Hazrat Muhammad, gesandt wurde, auf dieselbe Weise wurden auch alle Propheten gesandt, ebenso wurden alle Propheten zur Menschheit gesandt. Daher, wenn ein jüdisches oder christliches Mädchen einen muslimischen Mann heiratet, kann sie sich sicher sein, dass bei ihm all jene Menschen–die ihm heilig sind, in ihrer neuen Familie niemand von ihnen mit irgendeiner respektlosen Äußerung bedacht wird; doch eines ist gewiss, wenn ein muslimisches Mädchen einen Nichtmuslim heiratet, dann wird sie denjenigen beleidigen, an den sie als Allahs Gesandten glaubt…sogar ihre eigenen Kinder könnten ihn beleidigen, denn es stimmt nicht, dass, Kinder gewöhnlich der Religion des Vaters folgen! Glaubst du, dass es gerecht wäre, ein muslimisches Mädchen solchem Leid und solcher Erniedrigung auszusetzen?’

Als der griechische Alte hilflos mit den Schultern zuckte;; doch fand er keine Antwort. Mir schien,, dass dieser schlichte, ungebildete ‘Narr’ , dessen eigenes Volk über einen besonderen gesunden Menschenverstand verfügt,–mit dessen Hilfe den Kern einer äußerst wichtigen Frage berührt hatte, und zum zweiten Mal glaubte ich, wie es bereits bei jenem alten ‘Hadschi’ in Jerusalem geschehen war,, zu erkennen,, dass sich für mich gleichsam eine neue Tür zum Islam öffnete.

Infolge meiner veränderten finanziellen Lage konnte ich nun in Kairo in einem Stil–leben,, der noch vor wenigen Monaten für mich unvorstellbar gewesen war. Nun musste ich keine Viertel–– und Achtelpiaster mehr zählen. Während meines ersten Aufenthalts in dieser Stadt, als ich von Brot, Oliven und Milch leben musste,, hatte ich jene Zeit  ‍vergessen. In einer Hinsicht jedoch hielt ich an meiner früheren ‘Tradition’ fest: Statt in einem vornehmen Viertel Kairos zu wohnen, mietete ich einige Zimmer im Haus meiner alten Freundin,, dieser beleibten Frau aus Triest. Als die Frau mich sah, nahm sie mich mit beiden’Armen auf und küsste mich mütterlich auf beide Wangen.

Am dritten Tag nach meiner Ankunft hier, als die Sonne unterging,, hörte ich den gedämpften Kanonendonner aus der Zitadelle. In diesem Augenblick sprang in der höchsten Galerie der Moschee der Zitadelle an den beiden’Seiten zum Himmel emporragenden–zwei’Minarette ein Lichtring auf, und die Minarette sämtlicher Moscheen der Stadt wurden mit Girlanden aus gleichartigem Licht geschmückt’und auf jedem Minarett erschien ein ebenso gearteter Lichtring, und durch das alte Kairo floss eine erstaunliche Bewegung–und Aufregung–Die Schritte der Stadtbewohner wurden schneller und zugleich freudiger–und lebhafter, und die vielen unterschiedlichen Geräusche der Straßen wurden lauter: Überall spüren und beinahe hören Sie das Wogen einer neuen Welle der Erregung!!

 Und all dies geschah aus dem Grund,, dass der Mond zum zweiten Mal die Ankunft eines neuen Monats verkündet hatte ((denn der islamische Kalender richtet sich nach Mondmonaten und Mondjahren)) und dieser Monat der Ramadan war,, der ernsteste und wichtigste Monat des islamischen Jahres. Dieser Monat erinnert an jene Zeit vor mehr als dreizehn Jahrhunderten, als der Überlieferung zufolge, der Gesandte Allahs die erste Offenbarung des–Korans empfing. Jeder Muslim soll in diesem Monat streng das Fasten einhalten–das ist die Vorschrift;; für alle Frauen und Männer außer den Kranken–ist die Einnahme von Speisen und Getränken (sogar das Rauchen) verboten,, vom Augenblick an, in dem vor der Morgendämmerung der Lichtstreifen am östlichen Horizont sichtbar wird, bis zum Sonnenuntergang, volle dreißig Tage lang. Während dieser dreißig Tage gehen die Menschen Kairos mit einem solchen Glanz in den Augen umher, dass, es scheint, als seien sie in ein heiliges Gebiet erhoben worden. Dreißig Nächte lang werden Sie Kanonenschüsse hören,, Musik und freudigen Lärm,, während die Moscheen bis zum Anbruch des Tages im Licht erstrahlen.

Ich erfuhr, dass der Zweck dieses Monats Ramadan in zwei’Dingen besteht: Sie müssen auf Nahrung und Wasser verzichten, damit, auch Sie an Ihrem eigenen Leib erfahren können, was die Armen und Hungernden empfinden. Auf diese Weise wird im Bewusstsein der Menschen ein Gefühl sozialer Verantwortung auf der Grundlage eines religiösen Grundprinzips geschaffen.

Das Fasten im Monat Ramadan hat außerdem den Zweck, sich im Leben an selbst auferlegte Disziplin zu gewöhnen–was ein Aspekt rationaler Ethik ist, einer Ethik, der in sämtlichen Lehren des Islam besondere Bedeutung beigemessen wird (wie etwa, bei der vollständigen Verbannung aller Arten von Rauschmitteln, denn der Islam betrachtet Rauschmittel als einen äußerst einfachen Weg, sich Bewusstsein und Verantwortungsgefühl zu entziehen). Diese beiden’Bestandteile  – nämlich die Brüderlichkeit der Menschen und die selbst–auferlegte Disziplin des Einzelnen – begannen mir allmählich die Umrisse der ethischen Sichtweise des Islam deutlich zu werden.

Was ist die wahre Bedeutung des Islam, und was will der Islam, – in dem Bemühen, ein vollständigeres Bild davon zu gewinnen, wurde ich, durch die Erklärungen und Analysen, die mir einige muslimische Freunde in Kairo geben konnten, sehr bereichert. Unter ihnen nahm Scheich Mustafa al-Maraghi, einer der bedeutendsten islamischen Gelehrten jener Zeit und zweifellos–unter den‘ʿulamāʾ der al-Azhar-Universität’der begabteste (war. Einige Jahre später war er–Rektor von al-Azhar). Vermutlich war er damals zwischen vierzig und fünfzig Jahre alt, doch in seinem kräftigen, muskulösen Körper steckten die Tatkraft und Lebensenergie eines Zwanzigjährigen. Trotz seiner Gelehrsamkeit und Würde verlor er nicht einen Augenblick lang je seinen Sinn für Humor. Er war ein Schüler des großen ägyptischen Reformers Muhammad Abduh und fand in seiner Jugend–seine Inspirationsquelle in, dem feurigen Mann Jamaluddin al-Afghani; Scheich al-–Maraghi selbst, der dessen Gesellschaft zu genießen das Glück hatte, war ebenfalls ein scharfsinniger Denker mit klarem Urteilsvermögen. Er versäumte nie zu betonen, dass, die Muslime der jüngsten Zeit sich in Wahrheit weit von den Idealen ihrer Religion entfernt haben und dass es nichts Wichtigeres geben kann, als die Möglichkeiten der Lehren Muhammads am Maßstab des Lebens und Denkens der heutigen Muslime zu messen.

‘So wie, es falsch wäre,, ‘pflegte er zu sagen,, ‘in dem lieblosen Verhalten der Christen zueinander eine Leugnung der Liebesbotschaft des Propheten Jesus zu sehen ……।

Mit dieser Warnung machte Scheich al-–Maraghi mich mit al-Azhar bekannt.

Aus dem Gedränge und Lärm der Mouki Street, des ältesten Marktes Kairos, gelangten wir auf einen kleinen, abgelegenen, stillen Platz–an dessen einer Seite sich, al-–Azhar,, die schlichte, breite Vorderfront der Moschee, befand. Durch ein zweiflügeliges Tor und einen schattigen–überdachten Hof betraten wir den eigentlichen Moscheehof. Ein großes Viereck, das von vielen alten Mihrab-Arkaden umgeben war. Mit Turbanen auf dem Kopf,, in lange schwarze‘Dschubbas’gehüllt,, saßen die Studenten auf Matten und lasen mit leiser Stimme ihre Bücher und Manuskripte. Vor ihnen, unter dem großen Dach der Moschee–wurde in der überdachten Halle ein Vortrag gehalten. Einige Ustadhs saßen ebenfalls auf Strohmatten, unter den Säulen,, in langen Reihen, die den Saal durchquerten,, und vor jedem Ustadh kniete halbkreisförmig eine Gruppe von Studenten. Der Professor erhob seine Stimme kein einziges Mal,, daher, war große Aufmerksamkeit und Konzentration nötig, damit man kein einziges von ihm gesprochenes Wort verpasste. Für jeden war der Gedanke naheliegend, dass, eine solche Konzentration nur echter Gelehrsamkeit förderlich sein konnte. Doch Scheich al-—Maraghi zerstörte diese meine irrige Vorstellung schon bald völlig.

–‘Sehen Sie jene ‘„Gelehrten“’ dort?? fragt er mich., ‘Sie sind wie jene heiligen Kühe Indiens, die Kühe,, von denen ich gehört habe, dass sie auf der Straße bedrucktes Papier finden, und alles auffressen.…Ja,, die bedruckten Seiten all jener Bücher, die vor Hunderten von Jahren geschrieben wurden, verschlingen sie gierig, doch niemals verdauen sie sie. Sie denken heute nicht mehr selbst. Sie lesen und wiederholen, lesen und wiederholen immer weiter,, Generation um Generation.’

‘Aber Scheich Mustafa,’werfe ich dazwischen ein,, ‘was auch–immer, sein mag, al-Azhar ist doch das wichtigste Zentrum islamischer Bildung und die älteste Universität der Welt. Auf beinahe jeder Seite der Kulturgeschichte der Muslime stoße ich auf ihren Namen. Was sagen Sie über die Denker, die diese Universität in den vergangenen zehn Jahrhunderten hervorgebracht hat,, Theologen,, Historiker,, Philosophen und Mathematiker??

–‘Aber seit mehreren Jahrhunderten bringt Al-–Azhar keine solchen Gelehrten mehr hervor’. Der Scheich sagt traurig, ‘Das–ist vielleicht nicht ganz richtig; Auch in jüngerer Zeit sind aus Al-–Azhar gelegentlich einige unabhängige Denker hervorgegangen. Doch im Großen und Ganzen ist es wahr, dass, die gesamte muslimische –Welt unter dieser Unfruchtbarkeit leidet; auch Al-—Azhar ist von dieser Unfruchtbarkeit betroffen, und von seiner einstigen Initiative und Inspiration heute nichts als Erloschenheit übrig ist. Die alten muslimischen Denker, die Sie erwähnt haben, hätten sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass, ihre Denktradition nach vielen Jahrhunderten weder bewahrt noch weiterentwickelt, sondern lediglich immer wieder aufs Neue wiederholt werden würde, als wären sie absolute und unfehlbare Wahrheiten! Wenn wir eine Veränderung zum Besseren wollen, dann’müssen wir statt unserer gegenwärtigen Nachahmung des Denkens ‘das eigenständige Denken fördern….।

Die– Al-Azhar betreffende scharfe Bemerkung von Scheich al-—Maraghi, hilft mir, eine der tiefsten Ursachen des kulturellen Niedergangs zu verstehen, dem Sie überall in der muslimischen Welt begegnen werden. Ist die Erstarrung dieser alten Universität auf dem Gebiet des Wissens nicht– in unterschiedlichem Maße in der gegenwärtigen sozialen Unfruchtbarkeit der Muslime widergespiegelt?? Sehen wir nicht eine weitere Form dieser geistigen Erstarrung, darin, dass wir beinahe untätig jene unnötige Armut hinnehmen, in der viele Muslime leben,? und darin, dass wir die sozialen Ungerechtigkeiten, die ihnen widerfahren, schweigend ertragen?

Und ist es dann wirklich so erstaunlich, frage ich mich, dass im Westen so viele falsche Vorstellungen entstanden sind, nachdem man durch so viele konkrete Beweise für den Verfall der Muslime bestärkt worden war? Was die westliche Öffentlichkeit–gegenüber dem Islam für eine Sichtweise hat, lässt sich kurz so beschreiben: Die Hauptursache für den Niedergang der Muslime ist der Islam selbst, der, weit davon entfernt, ein mit dem Christentum oder Judentum vergleichbares religiöses Ideal zu sein, vielmehr ein zusammengebrautes Gemisch ist, aus wüstenhafter Blindheit, grober Sinnlichkeit, Aberglauben und stummem Fatalismus, das die Anhänger des Islam daran hindert, sich am Fortschritt der Menschheit zu besseren und edleren gesellschaftlichen Verhältnissen zu beteiligen; Der Islam befreit den menschlichen–Geist keineswegs von seinem Widerstand gegen Reformen oder Nachfragen–sondern, verstärkt diesen Widerstand noch. Daher werden die muslimischen Völker, je schneller sie sich von der Knechtschaft des islamischen Glaubens und der sozialen Bräuche–befreit haben und bereit sein werden, die westliche Lebens–weise anzunehmen, desto besser ist es für sie–und ebenso für den Rest der Welt ……।

Bis dahin hatte sich mir aus meinen eigenen Beobachtungen die Überzeugung gebildet, dass, die Vorstellung des durchschnittlichen Westlers vom Islam völlig verzerrt ist. Was ich Seite für Seite im Koran vorfand, war keineswegs eine „‘plump materialistische’ Vorstellung, sondern vielmehr ein tiefes, inniges Bewusstsein von Allah,, das seinen Ausdruck darin fand, die von Allah–geschaffene gesamte Natur vernünftig anzunehmen,–sowie ein schönes Gleichgewicht zwischen intellektuellen und sinnlichen Regungen,, spirituellen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Erfordernissen!! Es wurde mir sonnenklar: Nicht die Mängel des Islam sind für den Niedergang der Muslime–und seine Abweichungen verantwortlich,, sondern unser Versagen, ein Leben–nach den Idealen des Islam zu führen, ist dafür verantwortlich.

Denn, es ist doch wahr, dass, allein der Islam die frühen Muslime auf dem Gebiet der Zivilisation zu den goldenen Gipfeln der Höhe geführt hat, indem er ihre Tatkraft auf bewusstes Denken lenkte;Dieses bewusste Denken ist doch das einzige Mittel, die Natur von Allahs Schöpfung sowie Seinen Willen zu verstehen. Es wurde von den Muslimen nicht verlangt, an ein unverständliches, ja sogar dem Verstand unzugängliches ‘Dogma’ zu glauben; Tatsächlich gibt es in der Lehre des Propheten keinen Platz für irgendeine Art blinden Glaubens. Und gerade deshalb musste die Wissbegier, die die frühe muslimische Geschichte kennzeichnete, anders als in anderen Regionen der Welt, sich nicht durch einen schmerzhaften Kampf gegen die überlieferten religiösen Überzeugungen behaupten. Vielmehr kann man sagen, dass sie gerade aus jener Religion hervorgegangen ist. Der Prophet Arabiens verkündet: Die Suche nach Wissen ist für jeden muslimischen Mann–und jede muslimische Frau die heiligste Pflicht’; Und in seiner Umma war der Glaube geschaffen worden, dass, nur durch den Erwerb von Wissen die vollständige Anbetung Allahs möglich ist. Allah erschafft keine Krankheit, ohne auch ihr Heilmittel zu erschaffen,’so lautet es’, –Als sie tief über diese Worte des erhabenen Propheten nachdachten, wurde ihnen bewusst, dass, sie auf der Suche nach unbekannten Heilmitteln’dazu beitragen konnten, Allahs Willen auf Erden zu erfüllen, und so wurde die medizinische Forschung für sie mit der Heiligkeit einer religiösen Pflicht gekrönt. Sie lasen folgenden Vers aus dem —Koran:‘Ich erschaffe jedes Lebewesen aus Wasser –und während sie die Bedeutung dieser Worte ergründeten, begannen sie, die Lebewesen und ihre Entwicklung zu studieren, und auf diese Weise legten sie die Grundlagen der Bio–logie. Auf die Harmonie der Sterne und ihrer Bewegungen weist der —Koran als Zeichen der Herrlichkeit des Schöpfers hin, und so wandten sich die Muslime der Astronomie und der Mathematik mit einer Begeisterung zu–und einem Eifer, der in anderen Religionen auf das Gebiet des Gebets beschränkt blieb. Kopernikus’ –Methode, die die Rotation der Erde um ihre eigene Achse und den Umlauf der Planeten um die Sonne beweist, entwickelte sich in Europa erst zu Beginn des sechzehnten Jahrhunderts (und die Theologen bekämpften sie mit heftiger Wut, weil sie darin einen Widerspruch zur wörtlichen Lehre der Bibel zu erkennen glaubten) doch die Grundlagen dieser Methode waren bereits sechshundert Jahre zuvor gelegt worden, in den muslimischen Ländern –denn schon im neunten und zehnten Jahrhundert waren muslimische Astronomen zu dem Schluss gelangt, dass die Erde kugelförmig ist und sich um ihre eigene Achse dreht. Sie waren in der Lage, Breitengrade und Längengrade genau zu berechnen, und viele von ihnen behaupteten, dass sich die Erde um die Sonne drehe, und wegen dieser Behauptung wurden sie nicht der Ketzerei  beschuldigt. Auf diese Weise betrieben sie Physik, sowie Chemie und Physiologie  und widmeten sich auch der Erforschung anderer Wissenschaften. Es versteht sich von selbst, dass das muslimische Genie gerade auf diesen Gebieten seine dauerhaftesten Denkmäler hinterlassen hat. Beim Errichten all dieser Denkmäler folgten sie nur den Ratschlägen ihres erhabenen Propheten, und taten nichts weiter. Der Rat des erhabenen Propheten lautet: Wenn jemand aufbricht, um Wissen zu suchen, erleichtert Allah ihm den Weg ins Paradies’, ‘Der Gelehrte wandelt wahrlich auf Allahs Weg’ ‘Der Wert der Tinte der Feder ist heiliger als das Blut des Märtyrers.

Während der gesamten schöpferischen Epoche der muslimischen Geschichte, also in den ersten fünfhundert Jahren nach dem Propheten,, gab es keinen größeren Förderer, von Wissen,–von Wissenschaft und Bildung als die muslimische Zivilisation;; außer in den Ländern,–in denen der Islam die höchste Macht innehatte,–gab es nirgendwo einen sichereren Zufluchtsort.

Ebenso wurde das gesellschaftliche Leben von den Lehren des Korans beeinflusst, während das christliche Europa bei jeder Seuche glaubte, es handle sich um Allahs Zorn, dem sich die Menschen ohne jede andere Möglichkeit zu unterwerfen hätten. Damals und schon lange zuvor, folgten die Muslime der Anweisung ihres Propheten, dass, zur Verhütung von Seuchen die von der Seuche heimgesuchten Städte und Gebiete von den gesunden Gebieten getrennt werden müssten –und als, die Könige der christlichen Welt–und selbst ihre Adligen das Baden als nahezu vulgäre Verschwendung betrachteten, gab es selbst damals, sogar im ärmsten muslimischen Haushalt mindestens ein Badehaus, und in jeder muslimischen Stadt Badehäuser mit vollständigen Einrichtungen für die Allgemeinheit (beispielsweise gab es allein im Córdoba des neunten Jahrhunderts dreihundert solcher’ Badehäuser). Und all dies geschah, um eine Lehre des Propheten wirksam werden zu lassen: ‘Reinlichkeit–ist ein Bestandteil des Glaubens’. Wenn ein Muslim die schönen Dinge des diesseitigen Lebens genoss, geriet er nicht in einen Konflikt mit den Erfordernissen des geistlichen Lebens, denn nach den Lehren des Gesandten Allahs ((saw))-zufolge ‘liebt Allah es, die Zeichen Seines Reichtums im Leben Seiner Diener zu sehen.’

Kurz gesagt, gab der Islam einen starken Antrieb, zu kulturellen Leistungen–die eine der glanzvollsten Seiten der Menschheitsgeschichte füllen, und der Islam schafft diesen Antrieb, indem er Wachstum anerkennt und den Agnostizismus ablehnt. Das bedeutet nicht Untätigkeit, sondern Aktivismus; nicht Askese, sondern Lebensbejahung. Daher ist es kaum verwunderlich, dass, Sobald der Islam die Grenzen Arabiens überschritt, gewann er rasch neue Anhänger. Das von Paulus und Augustinus verkündete Christentum hegte gegenüber dem irdischen Leben einen Hass–und eine Verachtung; die Menschen Syriens und Nordafrikas, die in diesem Geist aufgewachsen waren, und wenig später, die Menschen des westgotischen Spanien sahen sich plötzlich einem Ideal gegenüber, das, ‘die Erbsünde’als blinden Glauben ablehnt und die der irdischen Existenz des Menschen innewohnende Würde betont; und aus diesem Grund in ständig wachsender Zahl herbeiströmten, zu diesem Lebensideal–das sie lehrte–dass der Mensch Allahs Stellvertreter auf Erden ist. Dies–ist die Erklärung, für den wunderbaren Sieg des Islam im glanzvollen Morgengrauen seiner Geschichte, nicht das Märchen, Menschen durch die Macht des Schwertes zum Islam bekehrt zu haben.’

Die Muslime haben dem Islam keine Größe verliehen, der Islam selbst hatte den Muslimen Größe verliehen. Doch in dem Augenblick, in dem ihr Glaube zu einem Gegenstand ihrer Gewohnheit wurde,, blieb er kein Programm ihres Lebens mehr, kein Programm mehr,, das bewusst befolgt werden sollte,, da , begann der schöpferische Impuls, der dem Fundament ihrer Zivilisation innewohnte, zu schwinden und führte allmählich zu Untätigkeit,, Unfruchtbarkeit und kulturellem Niedergang.

Die neue Einsicht, die ich gewonnen hatte, und die Fortschritte, die ich in der arabischen Sprache machte, ((ich hatte einen Studenten der al-–Azhar-Universität für tägliche Lesestunden eingestellt)) ließen mich glauben,, dass ich nun  im Besitz von etwas war, das man als Schlüssel zum muslimischen Geist bezeichnen könnte. Erst vor einigen’Monaten hatte ich in meinem Buch geschrieben: „‘Kein Europäer kann sich bewusst ein Bild vom Ganzen machen“’ , — diesbezüglich konnte ich mich nun nicht mehr so sicher fühlen; denn , wenn sich diese muslimische Welt jetzt teilweise von den vollständigen, durch westliche Vorstellungen geprägten Denkgewohnheiten befreien und die Möglichkeit anerkennen kann, dass, diese Denkgewohnheiten vielleicht nicht die einzig akzeptablen Denkgewohnheiten sind,, dann könnte auch die einst so fremde muslimische Welt verständlich werden.…।

Doch obwohl ich feststellte,, dass vieles im Islam meinen Verstand und mein angeborenes Empfinden ansprach,, hielt ich es dennoch nicht für wünschenswert, dass, dieses System nicht aus einer eigens erdachten Lehre hervorgegangen sei, sondern, dass die Gesamtheit der Gedanken eines intelligenten Menschen sein ganzes Leben lang mit etwas Derartigem–innerhalb seiner Lebensanschauung in Einklang gebracht werden sollte.

–‘Sagen Sie mir,, Scheich Mustafa,, einst sagte ich zu meinem gelehrten Freund al-—Maraghi:, Warum sollte man sich auf eine bestimmte Lehre, einige besondere Lehren und einige besondere Anweisungen beschränken müssen?? Wäre es nicht besser, alle moralischen Impulse der inneren Stimme zu unterstellen??

–“Junger Freund, was Sie mich fragen, ist im Grunde dies:, Wozu braucht man eine formelle Religion?? Die Antwort ist sehr einfach. Nur sehr wenige Menschen–nämlich nur die Propheten,–besitzen die wirkliche Fähigkeit zu verstehen, was die innere Stimme ihnen im Herzen sagt. Die meisten von uns  sind in den Netzen des Eigeninteresses und der Wünsche–gefangen, und wenn jeder von uns dem folgt, was sein Herz sagt,, würden wir alle dem folgen, dann  würden wir einem umfassenden moralischen Chaos gegenüberstehen und uns in Fragen irgendeiner Verhaltensweise–nicht einigen können. Sie könnten natürlich fragen,, ob es eine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel gibt: Erleuchtete Menschen meinen,, dass sie in der Frage, was sie für gut oder böse halten sollen, nicht von anderen‘geleitet’werden müssen. Aber auch dann frage ich Sie:–Würden nicht viele Menschen,–ja sehr viele Menschen, dieses besondere Recht für sich selbst beanspruchen? und was wären die Folgen davon?”

…. ….. …… …     .            ….       …   

         

Ich bin seit fast sechs’Wochen in Kairo. In dieser Zeit litt ich wieder an Malaria. Im Jahr zuvor war ich in Palästina bereits einmal schwer an Malaria erkrankt. Mit Kopfschmerzen, Schwindel und Schmerzen am ganzen Körper setzte das Fieber ein, und  am Ende des Tages musste ich mich ausgestreckt ins Bett legen; Ich war nicht einmal mehr imstande, die Arme zu heben. Meine Vermieterin, Signora Vitelli, war so geschäftig–und eilte so rastlos um mich herum, dass, es mir vorkam, als genösse sie meine Hilflosigkeit beinahe! In Wahrheit aber war ihre Sorge um mich aufrichtig, und völlig uneigennützig. Sie gab mir heiße Milch zu trinken, und legte mir kalte Wasserkompressen auf den Kopf; Doch als ich ihr sagte, es wäre wohl ratsam, einen Arzt zu rufen, entflammte sie in Wut und Ekel geradezu:

–“Doktor? Doktor? Von wegen!! Was wissen diese Schlächter schon über Malaria? Ich weiß mehr darüber als jeder von ihnen. Mein verstorbener zweiter Ehemann starb in Albanien an dieser Krankheit. Wir lebten einige Jahre in Durazzo. Der Ärmste litt oft unter weit größeren Schmerzen als du–aber er hatte immer Vertrauen in mich…

Ich war so erschöpft, dass, ich keinerlei Kraft zum Widersprechen hatte. Also nahm ich nach ihrem Willen eine scharfe Mischung aus griechischem Pulver und Chinin zu mir–keine mit Zucker überzogenen Pillen, sondern ganz reines Pulver, dessen Bitterkeit mich stärker schaudern ließ als das Fieber. Doch wie dem auch sei, so erstaunlich es vielleicht klingen mag, hatte ich volles Vertrauen in Signora Vitelli, trotz der Erwähnung’ihres verstorbenen zweiten Ehemanns, so unheilvoll sie auch war.

In jener Nacht, als mein ganzer Körper vom Fieber brannte,hörte ich plötzlich eine sanfte,, tiefe Musik von der Straße her–das Spiel einer‘Drehorgel’.

Diese Orgel ist keine jener gewöhnlichen Drehorgeln mit einem ziehbaren Blasebalg und einer durchlöcherten Walze, vielmehr erinnert sie mich an ein altes Clavichord, das gebrochene Töne hervorbringt–das wegen seiner feinen Variationen so zart und zugleich so begrenzt ist, dass Europa es schon vor langer Zeit aufgegeben hat. Auch früher hatte ich in Kairo eine solche Drehorgel gesehen: Ein Mann trug den Kasten auf dem Rücken, und ein Junge folgte ihm und drehte die Kurbel. Daraus stiegen die Töne empor, jeder einzelne für sich, kurz und klar; als durchbohrten sie wie Pfeile ihr Ziel, indem sie den Zwischenraum übersprangen, und dabei einen gläsernen Klingklang erzeugten; Die Töne waren so sehr voneinander verschieden, so eigenständig, dass es dem Zuhörer ganz unmöglich war, die Bedeutung des ganzen Musikstücks zu erfassen. Stattdessen zog diese Musik ihn durch sanfte, dunkle Momente hindurch, während sie ihn erschütterte. Sie waren wie ein verborgenes Geheimnis, das man zu enthüllen versucht, es aber nicht vermag; und die ganze Nacht hindurch kreisten diese Töne immer wieder in meinem Kopf und bereiteten mir Qualen, wie ein sich drehender Kreis, aus dem es für mich kein Entrinnen gab – ebenso wie bei den wirbelnden Derwischen, die ich in Skutari gesehen hatte–wie bei jenem Tanz– War das erst vor einigen Monaten gewesen, oder vor einigen Jahren, als ich die tiefsten Zypressenwälder der Welt durchquerte…।

Dies ist ein höchst ungewöhnlicher Hain,, der Friedhof von Scutari,, der sich von Istanbul aus genau durch die Mitte des Bosporus erstreckt: zwischen unzähligen Zedern liegen Gassen und Wege und unter all diesen Bäumen, unzählige aufrecht stehende und mit dem Gesicht nach unten umgestürzte Stein-–gräber, in die vom Wind und–Wasser verwitterte arabische Inschriften eingemeißelt sind. Der Friedhof war schon vor langer Zeit aufgegeben worden; all die–hier ruhenden Toten starben vor vielen–vielen, vielen Zeiten. Aus ihren Körpern sind die Stämme gewaltiger Bäume hervorgegangen, manche sechzig Fuß,, manche achtzig Fuß hoch. Im Wechsel der Jahreszeiten sind diese Gewächse herangewachsen, in einer unbeweglichen Stille–und in diesem Hain ist diese Stille so umfassend und tief,, dass der Mensch dort nicht einmal Gelegenheit hat, melancholisch zu werden. Dass die Toten schlafen können, habe ich niemals so tief empfunden,, so eindringlich, und nirgendwo sonst empfunden. Diese Toten waren Menschen, Bewohner einer solchen Welt, in der das Leben–ungestört friedlich war,; Sie sind die toten Kinder einer Menschheit ohne Eile.

Nach einem kurzen Rundgang auf dem Friedhof, kam ich durch die engen Gassen von Skutari zu einer Moschee. Dass es eine Moschee war, erkannte ich nur an der kunstvoll gearbeiteten arabischen Inschrift über ihrem Tor. Die Tür stand halb offen. Durch diese Tür trat ich in einen Raum, der in halbes Licht und halben Schatten gehüllt war. Dort saßen auf einem Teppich nur wenige Männer im Kreis um einen–sehr alten– Mann, den nur wenige’Männer  umringt saßen. Jeder von ihnen trug ein langes Gewand und einen hohen, kupferfarbenen, randlosen Strohhut. Der alte ‘Imam’ rezitierte aus dem –Koran einen Vers in eintönigem Ton. An einer Wand saßen einige Musiker: Trommler,, Flötenspieler und ‘Kamanja-’spieler,,mit ihren langhalsigen, geigenähnlichen Musikinstrumenten.

Plötzlich dachte ich, an all die ‘tanzenden Derwische’von denen ich im Laufe der Zeit so viel gehört hatte,, diese seltsame Versammlung musste ihnen gehören: jene mystische Methode,, die in einem bestimmten Rhythmus, durch eine Reihe wiederholt ausgeführter Bewegungen in zunehmend schnellerem Tempo bei einem darin erfahrenen Menschen eine Ekstase hervorzurufen sucht,, die ihm die Fähigkeit verleiht, Allah unmittelbar und persönlich zu erfahren.

‘Imam’s Lesung sank die Stille, die danach eintrat, plötzlich in Stücke zerbrochen durch einen feinen, doch–hoch und rein gestimmten Flötenklang; und die Musik begann, in eintöniger, ununterbrochener Melodie,, gleichsam in einer klagenden Weise. Es schien mir,, als wären die Derwische mit einer einzigen Bewegung aufgestanden,, ihre Dschubbas abgeworfen und in ihren weißen, wallenden Kurtas dagestanden,, die ihnen bis zu den Knien reichten,; diese mit einem geknoteten Tuch um die Hüften gebundenen Kurtas.; Dann drehte sich jeder von ihnen ein gutes Stück herum,, sodass, sie, im Kreis stehend, jeweils zu zweit’einander gegenüberstanden. Dann legten sie die Hände über der Brust über Kreuz, und verneigten voreinander mit tiefer Aufrichtigkeit den Nacken, (und sogleich musste ich denken, an die Duettmusik der alten Zeiten und an die Ritter in allerlei kunstvoll–gearbeiteten Mänteln, die sich vor den Damen ehrerbietig verneigten.) Im nächsten Augenblick breiteten alle Derwische ihre Ar’me zu beiden Seiten aus,, drehten die rechte Handfläche nach oben und die linke Handfläche nach unten. Wie ein Flüs-–tern kam aus ihren Lippen ein Wort: ‘Huwa’–– Er ((das heißt Allah).)Mit diesem sanft ausgesprochenen Laut auf den Lippen begannen sie alle langsam auf ihrer eigenen Achse zu kreisen,, ihren Körper im Takt dieser Musik zu bewe’gten,, als käme sie’aus großer..großer Ferne. Sie senkten ihre Häupter,. bogen den Nacken nach hinten,, ihre Augen schlossen sich, und eine sanfte Starre breitete sich aus;, breit, während die aus, reichlich Stoff gefertigten Kurtas im Wind aufblähten und um die kreisenden Männer einen gewaltigen Kreis bildeten,, wie ein weißer, kreisförmig wirbelnder Strudel im Meer. Auf ihren Gesichtern lag der Ausdruck tiefer Versunkenheit;..die kreisende Bewegung nahm in wirbelnder Drehung die Gestalt einer Art Verzückung an,, und überschwängliche Freude trat bei ihnen allen deutlich hervor. Aus ihren halb geöffneten Lippen kamen zahllos, und unzählige Male nur ein einziges Wort:‘Huwa..… Huwa..… Huwa …’-; Ihre Körper drehten sich unaufhörlich im Kreis, und es schien, als würden, die Musik sie in Richtung ihres gedämpften,, wirbelnden–, eintönigen Gleichklangs ziehen,, dessen Melodie sich eintönig in hoher Tonlage erhob, und mir war, als würde ich selbst unaufhaltsam von diesem Wirbel nach oben gezogen,, als stiege ich unter dem Sog dieses Wirbels aufwärts, eine steil aufwärts wirbelnde,, schwindelerregende Treppe hinauf,, auf einer endlos höher führenden, sich ständig drehenden Treppe weiter empor,, einem unverständlichen, unergründlichen Ziel entgegen...Bis die großzügige, freundschaftliche Hand Madame Vitellis meine Stirn berührte und der Wirbel völlig zum Stillstand kam, und meine Verzückung zerbrach und mich aus Skutari wieder in die sanfte Kühle eines steinernen Zimmers in Kairo zurückbrachte.…।

Wie’dem auch sei,, Signora Vitelli hatte sich nicht geirrt. Unter ihrem Rat erholte ich mich von der Malaria, wenn auch nicht so schnell,, wie mein Hausarzt gebraucht hätte, um mich zu heilen, so doch jedenfalls innerhalb dieser Zeit. Nach zwei’Tagen war mein Fieber vollständig verschwunden, und am dritten Tag verließ ich das Bett und setzte mich in einen bequemen Sessel. Dennoch hatte ich überhaupt nicht die Kraft, mich fortzubewegen. Die Zeit verging sehr langsam, und wurde immer beschwerlicher. Zwei’mal kam mein Lehrer-–schüler aus al-–Azhar, um mich zu besuchen,, und brachte mir einige Bücher mit.

die Erinnerung an die wirbelnden Derwische von Buchara, wie dem auch sei,, brachte mich zum Nachdenken. Unerwartet nahm diese Angelegenheit für mich eine so geheimnisvolle Bedeutung an, die in meiner ursprünglichen Erfahrung keineswegs deutlich gewesen war. Die geheimen Riten dieser Tariqa ––und Zeremonien–der verschiedenen muslimischen Länder, in denen ich  Tariqas gesehen hatte, , diese Tariqa eingeschlossen,–schienen mit dem Bild des Islams, das sich in meinem Denken allmählich herausbildete, nicht übereinzustimmen. Ich bat meinen aus al-Azhar stammenden Freund, mir zu diesem Thema einige orientalische Bücher zu besorgen. Und nachdem ich diese Bücher–zur Hand genommen hatte,, wurde mein instinktiver Verdacht bestätigt, dass derartige esoterische Bräuche aus nichtmuslimischen Quellen in den Islam eingedrungen waren., Die muslimischen Mystiker,, die‘Sufis’genannt werden,, bringen in ihren Lehren den Einfluss–der griechischen Gnostiker,, der Inder, und sogar bisweilen der Christen zum Ausdruck; daran besteht kein Zweifel.; Infolge dieses Einflusses wurden asketische Vorstellungen–und Praktiken–eingeführt, die mit der Botschaft des großen Propheten Arabiens nichts zu tun haben. In seiner Botschaft wurde‘die Vernunft’als der einzige Weg zur Erlangung des Glaubens hervorgehoben. Auch wenn in seiner Sichtweise die Möglichkeit mystischer Erfahrung nicht unbedingt als völlig unreal und daher jeder Betrachtung unwürdig galt,,war der Islam im Grunde eine rational begründete Lehre, und keine rein emotionale Angelegenheit. Obwohl der Islam ganz selbstverständlich unter seinen Anhängern eine außerordentlich überschwängliche Hingabe hervorruft,, wurde doch in den Lehren des Propheten Muhammad, dem religiösen‘Erleben’der Überschwang lediglich als Überschwang, keine eigenständige Rolle eingeräumt. Denn, wie tief der Überschwang auch sein mag,, ist er viel stärker von subjektiven Wünschen und Ängsten beeinflussbar, als die Vernunft–von Irrtümern,  wie viel Raum für Irrtum es innerhalb der Vernunft auch geben mag.

…             …                 …           …         ..

–‘Verstehst du, Mansur, auf diese Weise, durch solche bruchstückhaften, voneinander losgelösten Ereignisse, offenbarte sich mir der Islam; durch Gespräche, durch das Lesen von Büchern oder durch Beobachtung, hier ein Schimmer, dort ein Aufblitzen—auf diese Weise, allmählich, fast ohne mein Wissen…।

 

Zwei

Als wir für die Nacht das Zelt aufschlagen, setzt sich Zaid hin, um für uns Brot zu backen. Er vermischt grobes Weizenmehl mit Wasser und formt zunächst einen Teigballen,, dann ein flaches, rundes Brot, von einem Zoll Dicke. Dann gräbt er im Sand eine Grube und steckt trockene Zweige hinein–und entzündet sie. Als das Feuer plötzlich aufflammt und wieder erlischt,, legt er das Brot auf die glühende Kohle, bedeckt es mit heißer Asche und schichtet darüber Zweige–und entzündet sie. Nach einer Weile entfernt er die Glut und Zweige von der Oberseite des Brotes,–dreht es um, bedeckt es wieder wie zuvor und entzündet darüber erneut ein Feuer. Eine weitere halbe Stunde später gräbt er das gebackene Brot unter der Glut hervor und schlägt wiederholt mit einem Stock darauf, um den restlichen Staub und die Asche abzuschütteln. Wir essen dieses Brot, mit reiner Butter bestrichen,, mit Datteln. Selbstverständlich ist nirgendwo ein schmackhafteres Brot zu finden!!

Auch Mansurs Hunger war, wie der meine und Zaids, gestillt,, seine Neugier jedoch nicht. Während wir um das Feuer herum lagen,, stellte er mir eine Frage nach der anderen:– wie ich schließlich Muslim geworden sei, und als ich ihm dies zu erklären versuchte,, war ich geradezu verblüfft,, wie schwer es doch ist, meine lange Reise auf dem Weg des Islam in Worte zu fassen.!

–‘Denn, mein lieber Mansur, Islam kam zu mir wie ein Räuber, der nachts in ein Menschenhaus eindringt, heimlich, ohne ein Geräusch oder Aufsehen zu erregen; Der Unterschied besteht darin, dass Islam nicht tat, was Räuber tun, Islam trat für immer in mein Haus ein, nicht, um wieder fortzugehen. Doch es vergingen viele Jahre, bis ich entdeckte, dass ich Muslim werden musste..।’

Wenn ich an jene Tage meiner zweiten Reise  in den Nahen Osten zurückdenke–als Islam mit großer Macht begann, von meinem Geist Besitz zu ergreifen–kommt es mir vor, als sei ich mir damals bereits bewusst gewesen, dass ich aufgebrochen war, um eine Entdeckung zu suchen. Jeden Tag erwachten in meinem Inneren neue Fragen, und von außen kamen neue Antworten—All dies ließ das Echo von etwas erwachen, das irgendwo im Hintergrund meines Geistes verborgen gewesen war. Und je klarer mein Wissen über den Islam wurde, wurde mir immer wieder bewusst, dass ich eine Wahrheit stets gekannt hatte, ohne mir dessen bewusst zu sein, und die sich daher nach und nach enthüllte, oder, kann man sagen, bewiesen wurde

1924–Zu Beginn des Sommers, brach ich von Kairo zu einer langen Reise auf, die den größten Teil von zwei’Jahren in Anspruch nahm. Fast zwei’Jahre lang zog ich durch Länder und–ferne Länder, durch Länder, die hinsichtlich der Weisheit ihrer Überlieferungen uralt, in ihrer Wirkung auf mein Gemüt jedoch ewig neu waren. Meine Reise verlief ohne jede Eile; und an jedem Ort blieb ich lange. Zum zweiten Mal reiste ich nach Transjordanien und verbrachte mit Emir Abdallah einige’Tage–in der warmen Lebenskraft dieses Beduinenreiches, lärmend und ausgelassen–feiernd’—, das sich damals noch nicht dem Strom westlicher Einflüsse–anzupassen gezwungen war. Damals hatte die Frankfurter Zeitung für mich ein französisches Visum besorgt‘die Frankfurter Zeitung’; und so erhielt ich wieder Gelegenheit, Syrien zu bereisen. In Damaskus blieb ich nicht lange; Die alte Stadt blieb schon bald hinter mir auf meinem Weg. Die libanesische Lebendigkeit Beiruts umfing mich eine Zeit lang, doch bald vergaß ich sie wieder, in der öden Schläfrigkeit des syrischen Tripolis, in seiner stillen Gelassenheit. Im offenen Hafen tanzten die kleinen Boote mit ihren Mandeln an Bord an den zerrenden Ankern, und die lateinischen Masten knarrten leise. Vor einem Kaffeehaus am Kai saßen die Bürger von Tripolis auf Hockern in der Nachmittagssonne und genossen –ihren Kaffee und‘zogen an der Wasserpfeife’. Überall herrschten Frieden und Zufriedenheit, und es schien, als hätten sie Lebensmittel im Überfluss! Selbst, der Bettler genoss offenbar die behagliche, lauwarme Sonne. als wollte er sagen, Ach, wie schön es doch ist, in Tripolis ein Bettler zu sein! Ich kam nach Aleppo. Seine Straßen und Gebäude–erinnerten mich an Jerusalem. Alte Steinhäuser, die aus dem Erdboden emporgewachsen zu sein schienen, und Straßen mit dunklen, bogenförmig gekrümmten Torbögen–geschmückt, mit einsamen, stillen Märkten und Plätzen und geschnitzten–Fenstern. Allerdings, war das innere Leben Aleppos im Vergleich zu Jerusalem  völlig anders. Die starke Stimmung Jerusalems war seltsam, wie ein schmerzhafter Krampf zwischen einander widersprechenden nationalen Strömungen. Nach den Betrachtungen und der tiefen religiösen Ergriffenheit–hatte sich dort wie eine giftige Wolke dauerhaft ein nahezu unergründlicher Hass auf Menschen und Dinge niedergelassen. Aleppo dagegen–war trotz seiner Mischung aus Arabien und dem Libanon und trotz des leichten Einflusses des nahen türkischen Landes, frei von inneren–Widersprüchen und sanft, und friedlich. Mit ihren hölzernen Balkonen und steinernen Fassaden, waren die Häuser selbst in ihrer Unbewegtheit voller Leben. Auf dem alten Markt herrschte die schweigsame Betriebsamkeit der Handwerker, auf den Höfen der alten Karawansereien, über denen Dächer lagen und an deren beiden’Seiten sich Reihen von Läden erstreckten, die mit den verschiedensten Waren beladen waren. Sparsamkeit und zugleich eine gewisse leichte–Sinnlichkeit–— beide frei von jeder Art von Neid; keine Spur von Geschäftigkeit, und sogleich umfing eine solche Muße auch den–‘Fremden’und weckte auch in ihm den Wunsch, dass, sein eigenes Leben in ungestörter Muße Wurzeln schlagen und zur Ruhe kommen möge. All dies strömte dahin, in einem einzigen, überaus bezaubernden Rhythmus.

Von Aleppo fuhr ich mit dem Auto in eine Stadt ganz im Norden Syriens – –Deir– ez –-Zor. Ich hatte vor, von dort die Straße nach Bagdad zu nehmen, und nach Bagdad zu fahren, das an der alten, schmalen Karawanenroute parallel zum Euphrat liegt. Auf dieser Reise begegnete ich zum ersten Mal Zaid.

Auf der Straße von Bagdad– nach Damaskus fuhren seit’ einigen Jahren Motorwagen. Doch die parallel zum Euphrat verlaufende Straße war dort nur wenig bekannt. Genau genommen, war vor mir nur ein einziges Auto   gefahren’ einige Monate zuvor. Selbst , mein armenischer Fahrer hatte zuvor noch nie Deir– ez–-Zor durchquert, obwohl sein Selbstvertrauen groß war, und er den Weg irgendwie finden würde. Trotzdem kam ihm der Gedanke, dass wir noch praktischere und verlässlichere Informationen brauchten. Deshalb gingen wir beide gemeinsam auf dem Markt umher’um Informationen zu suchen.

Die Marktstraße–von Deir ez-Zor–zog sich der Länge nach durch die ganze Stadt. Man könnte sie als Mischung aus einer syrischen Provinzstadt und einer Beduinenhauptstadt bezeichnen–obwohl der beduinische Einfluss auf ihr überwog. Hier trafen zwei’Welten in einer seltsamen Harmonie aufeinander. In einem Laden wurden moderne Postkarten mit gedruckten Bildern verkauft, während gleich daneben, einige Beduinen über den Regen in der Wüste sprachen, und über den jüngsten Streit zwischen dem syrischen Stamm der Bishr-Anaza und dem irakischen Stamm der Schammar. Einer erwähnte, den Najdi-Beduinenscheich Faysal ad-–Dawisch und den waghalsigen Feldzug, den er vor einiger Zeit im Südirak unternommen hatte, und sprach davon; Immer wieder fiel aus seinem Mund der Name des angesehenen Arabers Ibn Saud. Lange, mit Silber verzierte–alte Vorderlader mit kunstvoll gearbeiteten Griffen– kaufte heute niemand mehr, weil moderne Gewehre weitaus wirksamer waren–führten ein traumverlorenes, staubgraues–Dasein weiter: alte Uniformstoffe aus drei Kontinenten, najdische Kamelsättel, Goodyear-Reifen, Leipziger Kronleuchter und aus al-Dschauf stammende dunkelbraune Beduinenmäntel. Freilich, erschienen die westlichen Waren unter den veralteten Dingen nicht als unerwünschte Eindringlinge; Ihre Brauchbarkeit räumte ihnen ganz selbstverständlich ihren eigenen Platz ein’und verschaffte ihnen diesen. Der Wirklichkeitssinn der Beduinen war wach und umfassend; und deshalb schien mir, dass–sie all die Dinge, die noch am Vortag weit entfernt von den Herbergen ihrer Wüstenkarawanen gewesen waren, leicht angenommen hatten und  sie zu ihren eigenen gemacht hatten, ohne ihr altes Wesen aufzugeben’Diese innere Beständigkeit, so dachte ich, hatte ihnen vielleicht jene Kraft verliehen, mit der sie der Flut der neuen Zeit begegnen konnten, und vielleicht, hatte sie ihnen auch die Fähigkeit gegeben, sich ihr nicht zu beugen, denn für diese Menschen begann die neue Zeit nun sehr nahe zu rücken. –Und wie waren diese Menschen?? Noch wenige Tage zuvor waren sie von der Außenwelt abgeschnitten gewesen, und ganz in sich selbst versunken. Doch deshalb, war das Klopfen an ihrer Tür kein feindliches Pochen; Mit unschuldiger Neugier nahmen sie all diese Neuerungen auf, so könnte man sagen,als prüften sie sie von allen Seiten mit den Fingern und dächten über ihre möglichen Verwendungen nach–Wie wenig ich damals begriffen hatte, welchen Schaden westliche‘Neuerungen diesen schlichten, ungebildeten Beduinen zufügen konnten…।

Als mein armenischer Fahrer gerade eine Gruppe Beduinen nach dem Weg fragte–bekam mein Ärmel genau in diesem Augenblick plötzlich einen kräftigen Ruck. Sofort blieb ich stehen–und sah:, Vor mir stand ein schöner, über dreißigjähriger, schlanker Araber–ohne jede überflüssige Körperfülle.

–‘ Mit Ihrer Erlaubnis, o ‘Afend’ , sagte er mit etwas gedämpfter, rauer Stimme:, ‘Ich habe gehört, dass Sie mit dem Auto unterwegs sind, aber Ihrer Route nicht sicher sind. Nehmen Sie mich mit, vielleicht kann ich Ihnen behilflich sein.’

Ich fasste sofort Gefallen an dem Mann und fragte ihn, wer er sei?

–‘Ich bin Zaid ibn Ghanim,’antwortete er, ‘Ich diene bei den irakischen ‘Agayel.

Sofort bemerkte ich– die Khaki-‘farbe seines Kaftan’s und  den siebenstrahligen Stern, das Abzeichen eines irakischen Wüstenkonstablers,, auf seinem schwarzen ‘Igas’– . Eine solche Truppe nennen die Araber  „‘Agayel’“. Sie besteht seit der Zeit der Türken. Diese Truppe wird aus denen gebildet, die freiwillig diesen Beruf ergreifen –– die ausschließlich aus Arabern rekrutiert werden –– deren Heimat die Wüstensteppe und deren Freunde die Kamele sind. Ihr wagemutiges Blut hat sie aus ihrer rauen,, luxuslosen Heimat fortgetrieben und in eine Welt geführt, in der es mehr Geld gibt,, mehr Bewegung und Aufregung und in der der Wandel von heute  auf morgen größer ist.

Zayed sagte mir,, er sei in einer Angelegenheit bezüglich der Verwaltung der syrisch-irakischen Grenze–mit einem seiner Offiziere nach Deir–ez-Zor gekommen.–Obwohl der Offizier in den Irak zurückgekehrt war, war er wegen einer persönlichen Angelegenheit zurückgeblieben, und statt über Damaskus, einen noch abschüssigeren, aber viel gewundeneren Weg zu nehmen, zog er es vor, mit mir zurückzukehren. Er gestand mir offen, dass er bis heute nie die gesamte Strecke entlang des Euphrat bereist habe und ebenso wie ich wisse,, dass der Fluss zahlreiche Nebenarme–und Verzweigungen sowie Windungen hat, sodass wir nicht immer mithilfe des Flusses den Weg finden würden,, –aber, Zayed sagt:, ‘„Die Wüste bleibt die Wüste, und Sonne und Sterne geben keinen Grund zur Sorge;, so Gott will, werden wir den Weg schon finden’.“ Sein tiefes Selbstvertrauen erfreute mich, und ich erklärte mich gern bereit, ihn mitzunehmen.

Am nächsten Morgen brachen wir von Deir–ez–-Zor auf. Die Räder unseres „Model T‘Model T ‘Ford’“-Wagens rollten über Fels–geröll, über eine endlose,ebene Fläche, manchmal glatt und eben wie Asphalt, manchmal wellen–förmig ausgebreitet, bis zum Horizont. Bisweilen lag der Euphrat zu unserer linken–Seite–schlammig,ruhig und mit niedrigem Ufer–man hätte den Eindruck, gehabt, er sei ein stiller See,bis ein treibendes Stück Holz oder ein Boot ins Blickfeld geriet und dadurch die starke Strömung erkennbar wurde. Der Euphrat ist ein breiter Fluss, sein Wesen ist königlich; er erzeugt kein Geräusch, der Fluss ist nicht verspielt, er stürmt nicht dahin,schaumgekrönte –Wellen–brechen nicht an ihm zusammen, und er spritzt kein Wasser um sich. Der Euphrat fließt langsam, –in ruhigem Lauf,breitet sich wie ein breites Band aus, , ein ungebundener Fluss, der selbst seinen königlichen Weg bestimmt, den spürbaren Abhang der Wüste hinab, in unzähligen Windungen, wobei er das Gleichgewicht mit der Wüste wahrt, stolz wie die Wüste. Denn, wie der Fluss ist die Wüste weitläufig, ebenso mächtig und ruhig.

Unser neuer Begleiter Zayd sitzt neben dem Fahrer,, ein Knie angezogen und ein Bein aus der Wagentür hängen lassend. Er trägt glänzende rote Stiefel aus marokkanischem Leder, die er vorgestern auf dem Markt von Deir– ez-–Zor–gekauft hat.

Bisweilen begegnen wir Kamelreitern, als wären sie plötzlich aus dem Nichts mitten in der Wüste aufgetaucht, für einen Augenblick reglos  stehen bleiben, auf unser Auto gerichtet , dann ihre Reittiere antreiben und im Nichts verschwinden. Offenkundig sind sie Hirten, Die Sonne hat ihre Gesichter dunkel kupferbraun gebrannt. Bisweilen halten wir uns kurze Zeit in heruntergekommenen Karawansereien auf, dann beginnt die endlose Weite der Wüste. Der Euphrat verschwindet jenseits des Horizonts. Vom Wind zusammengetriebener Sand,Felsen–und Geröll bedecken einzelne Landstriche, und hier und da erblickt man Büschel von Gras oder Dornengestrüpp–Auf unserer rechten Seite, erhebt sich plötzlich, unter der sengenden Sonne, eine niedrige, zerklüftete und von Rissen durchzogene Bergkette, kahl von jedem Bewuchs, und verdeckt die Endlosigkeit der Wüste. Was liegt jenseits dieser schmalen Felsenkette? frage ich mich voller Staunen. Und ich weiß, dass jenseits davon dieselbe ebene oder bergige Wüste liegt, derselbe Sand und dasselbe harte Geröll unter der Sonne in seiner jungfräulichen Härte glühen, und doch scheint der Atem eines unerklärlichen Geheimnisses durch die Luft zu schweben.‘Was mag dort sein’? In meiner Umgebung gibt es darauf weder eine Antwort noch ein Echo; in der zitternden Stille des Nachmittags regt sich kein Laut, außer dem Brummen unseres Motors und dem Rauschen der Reifen, die über Felsen und Geröll rollen. Ist dort der Rand der Erde in einen urzeitlichen, abgrundtiefen Schlund versunken? Da ich es nicht weiß, muss dort etwas Unbekanntes sein, und da ich es vielleicht niemals erfahren werde, ist es unergründlich, unbekannt!

Am Nachmittag entdeckte unser Fahrer, dass er vergessen hatte, aus der hinter uns liegenden Wüstenherberge Wasser für den Motor mitzubringen. Der Fluss war weit entfernt; und im Umkreis vieler Meilen gab es keinen Brunnen. Um uns herum erstreckte sich bis zum–wogenden Horizont eine leere,weiße, glühend heiße, lehmartige Ebene, Auf ihr spielte eine sanfte, weiche, warme Brise,-als käme sie aus dem Nichts und kehrte auch zum Nichts zurück, die keinen Anfang, und kein Ende hatte–als wäre seit Anbeginn der Zeit ein gedämpftes Murmeln aufgeklungen – ein–Klang!!

Der Fahrer,der, wie alle Libanesen, nichts von äußerlicher Förmlichkeit hielt (Diese Eigenschaft bewunderte ich–allerdings nicht gerade in diesem Augenblick), sagte, –‘Ach so,, soll  es sein,, trotzdem können wir die nächste Wüsten-–herberge erreichen.

 Doch da schien es, als könnten, wir vielleicht trotzdem nicht dorthin gelangen–könnten. Die Sonne brennt, und das Wasser im Kühler kocht brodelnd wie das Wasser in einem Teekessel.–Wieder treffen wir auf Viehhirten. Wasser! Nein, so weit ein Kamel in fünfzehn Stunden kommen kann, gibt es auf dieser Strecke , in fünfzehn Kamel–stunden nirgends Wasser.

–‘Und dann, was trinkt ihr? fragt der Armenier verzweifelt.

–Sie lachen auf:, ‘„Wir trinken Kamelmilch.“’।

Als sie sahen, dass die seltsamen Leute in diesem schnell dahinjagenden Teufelswagen fragten, wo es Wasser gebe, waren sie gewiss innerlich sehr erstaunt. Denn, selbst jedes Beduinenkind kann ihnen sagen, dass es in dieser Gegend nirgends Wasser gibt.

Eine schrecklich unangenehme Situation. Wegen des Motorausfalls, hier in der Wüste festzusitzen, kein Wasser, kein Essen, in diesem Zustand zu warten, bis ein anderes Fahrzeug unseren Weg kreuzt–Vielleicht kommt es heute,oder übermorgen–oder vielleicht erst nächsten Monat….।

Allmählich verschwindet der Ausdruck heiterer Gleichgültigkeit aus dem Gesicht des Fahrers. Er hält den Wagen an und öffnet den Kühlerdeckel; Eine weiße, dichte Rauch–wolke entweicht zischend. Im Kühler hatte ich in meiner Feldflasche noch etwas Wasser, also opfere ich es dem Motor. Der Armenier fügt etwas Öl hinzu, und der tapfere Ford bringt uns noch ein Stück weiter.

–‘Ich glaube, sagt der Optimist, ‘dass wir dort zu unserer Rechten vielleicht Wasser finden könnten. Sehen Sie, wie grün jene Berge aussehen–es scheint, dort gibt es frisches Gras. Und wo zu dieser Jahreszeit Gras wächst, wenn es überhaupt nicht regnet, dort muss es gewiss Wasser geben. Und wenn es Wasser gibt, warum sollten wir nicht mit dem Wagen hinauffahren und Wasser holen?

In der Logik liegt stets eine zwingende Kraft, und auch hier ist diese Kraft vorhanden, obwohl es schien,, dass die Argumentation des Armeniers auf Krücken ging,, humpelnd. Wir verlassen den Weg und fahren mit rumpelndem Geräusch einige Meilen auf die Berge zu. Aber es gibt kein Wasser…Die Hänge der Berge sind bedeckt, nicht mit Gras,, sondern mit grünem Gestein.

Der Motor gab ein zischendes Geräusch von sich, die Kolben schlugen grob weiter, durch die Spalten in den Fugen der Motorhaube drang Rauch heraus, in Form weißer Schwaden. Noch ein paar Minuten.. und dann , würde irgendwo etwas reißen, die Kurbelwelle würde brechen–oder etwas Derartiges** irgendetwas anderes. Doch inzwischen waren wir weit vom Weg der Karawane abgekommen. Wenn jetzt etwas geschah, mussten wir uns verzweifelt an diesem verlassenen Ort niederlassen. Fast unser gesamter Ölvorrat war in den Kühler gefüllt worden. Der Armenier begann beinahe den Verstand zu verlieren, er ‘war auf der Suche nach Wasser’, lenkte das Auto nach links und dann nach rechts, wie ein Akrobat im Zirkus nach rechts–nach links die Geschwindigkeit wechselnd, sich im Kreis drehend, ebenso, . Doch trotzdem war keine Aussicht auf Wasser zu erkennen. Und die teure französische Weinflasche, die–ich seufzend hingab, sie–war zu nichts anderem nütze, als uns mit alkoholischen Dämpfen zu umhüllen, während sie auf dem heißen Kühler stand; und infolgedessen Zayed (der keinen Alkohol getrunken hatte) sich beinahe übergab.

Die steinerne Teilnahmslosigkeit, in der Zaid bis zu diesem letzten Experiment versunken gewesen war, zerbrach in Stücke. Mit einer zornigen Geste zog er seine ‘Kufija’ über die Augen, beugte sich über den heißen Rand des Wagens und blickte immer wieder zur Wüste–mit jener unfehlbaren,, wachsamen Konzentration,, die ein Merkmal derer ist, die den größten Teil ihres Lebens unter freiem Himmel verbringen,, und, daran gewöhnt sind, sich auf ihre Sinne zu verlassen. Wir warten besorgt–ohne große Hoffnung–denn, er hatte uns bereits gesagt, dass er in seinem Leben nie in diesen Teil des Landes gekommen war. Doch er hebt die Hand, weist nach Norden und ruft–

–‘„Da!“’!

Nicht etwa ein Wort, als wäre es ein Befehl, ein Befehl!! Der Fahrer ist überaus froh, dass jemand gefunden wurde, der ihn ablösen kann. Ohne eine Frage zu stellen, führt er den Befehl sofort aus. Ächzend und keuchend bringt uns der Motor in Richtung Norden. Doch plötzlich richtet Zaid sich ein wenig auf, legt seine Hand auf die Schulter des Fahrers und bedeutet ihm anzuhalten. Eine Weile sitzt er da, den Kopf leicht nach vorn geneigt, und schnuppert wie ein Hund, der eine Beute wittert. Um seine zusammengepressten Lippen zittert leicht eine beinahe spürbare, Erregung.

–‘Nein, dorthin fahren’, ruft er und deutet nach Nord–osten.

–‘Schnell.’ Der Fahrer befolgt erneut seinen Befehl, ohne ein Wort zu sagen. Einige Minuten später kommt wieder ein Befehl aus Zayeds Mund–‘Halt!!’ und er springt leichtfüßig aus dem Wagen, , rafft seine lange Dschubba zusammen und nimmt sie in beide’Hände und rennt geradeaus weiter, , bleibt stehen und schaut sich mehrmals um, , als suche er etwas oder lausche aufmerksam, und eine lange Weile lang vergesse ich den Motor, , meine eigene Not vergesse ich, ; so gebannt bin ich vom Anblick eines Menschen, , der mit all seinen Sinnen und Nerven versucht, eine innige Verbindung zur Natur herzustellen. …Und plötzlich beginnt er, mit langen Schritten zu rennen, , und verschwindet in einer Lücke zwischen zwei Geröllhaufen. Einen Augenblick später taucht sein Kopf wieder auf, und seine beiden Hände beginnen zu winken:

–‘Wasser!!’

Wir eilen zu ihm. Ja, das’ist es tatsächlich. In einer von–überhängenden Felsen vor der Sonne, geschützten Mulde glitzert ein kleines Wasserbecken, ein Rest des Regens vom vergangenen Winter, gelblich–braun, mit Schlamm vermischt, und doch Wasser…Wasser!! Eine unbegreifliche Wüstenintuition hatte dem Mann aus Nadschd die Existenz dieses Wassers offenbart..

und während der armenische Fahrer und ich das Wasser in leere Benzinkanister schöpfen und in den arg strapazierten Motor gießen, wird Zaid von einem sanften Lächeln erhellt–wie ein stummer Held– geht er einmal an der Vorderseite des Wagens entlang, und dann wieder an seiner Rückseite.

.. .. .. … … … …       …                    …                    ….

 

Am dritten Tag gegen Mittag erreichten wir das am Euphrat gelegene irakische Dorf ‘Ana’ und fuhren durch seine Palmenhaine und zwischen seinen Lehmwänden hindurch, mehrere Stunden lang. Dort sahen wir, wie Zayed gesagt hatte, viele ‘Aga’il’ zu sehen, von denen; die meisten aus seinem eigenen Stamm waren. Unter den schlanken, glänzenden Pferden schritten sie im Schatten der Palmen mit weit ausholenden Schritten dahin, ; auf den Pferden spiegelten sich der Sonnenschein und das durch das Grün gefilterte Licht, wie bei einem jeden von ihnen ein Fürst– – voller Anmut und Vornehmheit und höflich gegenüber den Untergebenen. Während des Gehens neigte Zayed vor einigen von ihnen ehrerbietig leicht den Kopf, und zu beiden Seiten seines Gesichts’ schüttelte sich  sein langes Haar. Obwohl Zayed unter der von Wüste und Stadt versengenden Hitze ein hartes Leben –führte, war er so empfindsam, dass, er selbst bei unserer schnellen Fahrt auf den Dorfstraßen seinen Turban um den Kopf wickelte und über dem Gesicht festband, damit ihm kein Staub ins Gesicht drang, , den– wir, selbst als verdorbene Stadtmenschen nicht besonders unangenehm empfanden. Als wir wieder über steinigen Boden fuhren und auf dem Weg kein– Staub und Sand mehr lag,, schob Zayed in einer beinahe ganz mädchenhaften, lieblichen Bewegung seine ‘Kufiya’ nach hinten  und begann zu singen. Plötzlich öffnete er den Mund und begann zu singen –– ein aus der Ebene plötzlich nach oben geschleuderter Berg –– mit der jähen Wirkung einer Felswand, eine najdische ‘Qasida’, , eine Art Ghazal-Lied,, in einem ununterbrochenen, eintönigen Rhythmus,, eine Bewegung der langgezogenen Melodie,, der Wüste– wie der Wind dahinströmend,, ohne Anfang,, ohne Ende. Als wir das nächste Dorf erreichten, bat Zayed den Fahrer anzuhalten. Dann sprang er aus dem Wagen, legte sich das Gewehr auf den Rücken, dankte ihm dafür, dass er ihn ein Stück mitgenommen hatte, und verschwand zwischen den Palmenhainen; . Im Wagen blieb ein Duft zurück, der keinen Namen hatte,, der ganz in sich der Wohlgeruch der Menschlichkeit war,, die schlichte, reine Unschuld der Seele, weit– ausgedehnt , oder niemals vergessen,, eine solche widerhallende Erinnerung an die Vergangenheit.

‘In Ana’ dachte ich an jenem Tag nicht, dass, ich Zayed jemals wiedersehen würde. Doch es geschah, was ich nicht wusste.

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Am nächsten Tag erreichte ich ‘Hit’, ein kleines Städtchen, das; an einer Stelle am Euphrat liegt,; wo die alte Karawanenstraße von Damaskus nach Bagdad– allmählich aus der Wüste hervortritt. Die Stadt liegt auf dem Gipfel eines Berges,, mit Mauern und einer Festung, gleichsam ein uraltes, halb-– vergessenes Festungswerk. Die Häuser innerhalb und außerhalb scheinen sich in die Stadt–mauer hineinzuschieben. Die Häuser haben keine Fenster,, sondern nur einige Schlitze oder Spalten,, ähnlich den Öffnungen, die in Festungs–mauern für den Gebrauch von Waffen aus dem Inneren der Festung angebracht werden. Aus dem Inneren der Stadt ragt ein Minarett mit erhobenem Haupt zum Himmel empor.

Am Ufer des Flusses in einer Karawanserei–lege ich eine Rast ein, um dort die Nacht zu verbringen. Während das Abendessen für den Fahrer und mich zubereitet wird, gehe ich zu dem Brunnen im Hof und wasche mir Hände und Gesicht. Ich hocke auf dem Boden, da kommt ein Mann,, der den langhalsigen–Wasserkrug, den ich dort hingestellt hatte, aufhebt ‍und langsam Wasser über meine Hände gießt. Ich hebe den Kopf und sehe vor mir–einen grobknochigen Mann mit dunklem Gesicht,, der eine Pelzmütze trägt. Unaufgefordert und ungefragt hilft er mir beim Waschen von Händen und Gesicht. Es war deutlich zu erkennen, dass er kein Araber war. Als ich ihn fragte, wer er sei,, antwortete er in gebrochenem Arabisch:–‘»Ich bin ein Tatar,, aus Aserbaidschan.«’Seine Augen waren warm und herzlich wie die eines Hundes, und  seine einstige Militäruniform war beinahe zerrissen, und abgetragen.!

Ich begann, mit ihm zu sprechen,, teils auf Arabisch und teils in bruchstückhaftem Persisch,, das ich in Kairo von einem iranischen Studenten gelernt hatte. Ich erfuhr,, dass der Tatar Ibrahim hieß. Fast sein ganzes Leben –—er war jetzt etwa vierzig—–hatte er auf den Wegen Irans–und seinen Straßen verbracht;; jahrelang hatte er Frachtwagen von Tabriz nach Teheran gefahren,, von Maschhad nach Birjand,, von Teheran nach Isfahan und Schiras, und einmal eine Gruppe von hundert Reitern  als seine eigene Truppe geführt;; einmal hatte er in der iranischen Kavallerie als Sepoy gedient,, und als persönlicher Leibwächter eines turkmenischen Häuptlings gearbeitet;; eine Zeit lang war er auch Stallknecht in den Karawansereien von Isfahan gewesen. Doch diesmal, nachdem er nach Karbala–als Maultiertreiber mit einer Karawane iranischer Pilger in den Irak gekommen war,, geriet er mit dem Karawanenführer in Streit, verlor dadurch seine Arbeit und saß so mittellos in einem fremden Land fest.

Später in jener Nacht, im palmenbestandenen Hof der Karawanserei,, ließ ich mich auf einer Holzbank nieder, um zu schlafen. Die Hitze war unerträglich–– und Mückenschwärme–– wie Wolken–– Schwärme gewaltiger, vom Menschenblut prall aufgeblähter Mücken. Wenige’Laternen verbreiteten ihr mitleiderregendes, trübes Licht in der Dunkelheit. Einige Pferde, gehörten vermutlich dem Besitzer der Herberge,, waren an einer Mauer angebunden. Der Tatar Ibrahim bürstete gerade eines von ihnen. Wie er das Pferd bürstete, zeigte, dass er Pferde nicht nur kannte,, sondern sie auch liebte. Seine Finger klopften so  auf die steif aufgerichtete Mähne des Pferdes, wie ein Liebhaber die Haare seiner Geliebten streichelt.

Da kam mir plötzlich ein Gedanke. Ich war auf meiner Reise durch Iran unterwegs, und vor mir lag eine viele Monate dauernde Reise auf dem Rücken eines Pferdes. Warum sollte ich diesen Mann nicht mitnehmen? Ich fand, der Mann war tüchtig und ziemlich schweigsam. Und einen solchen Mann würde ich gewiss brauchen,, der beinahe jeden Weg–und Pfad im Iran kannte, und jede Karawanserei–– mit der er vertraut war, wie mit seinem eigenen Zuhause.

Am nächsten Morgen, als ich ihm sagte, dass ich ihn zu meinem Diener machen könne,, brach er beim Danken beinahe in Tränen aus und sagte auf Persisch zu mir:‘Hazrat,, Sie werden dies niemals bereuen!!’

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Es war am Mittag des fünften Tages meiner Autofahrt von Aleppo,, als ich zum ersten Mal den Anblick der weiten Oase Bagdads erblickte. Durch die Lücken zwischen den Wipfeln unzähliger Palmen glänzten die goldverzierten Kuppeln der Moscheen und die–hohen Minarette, die zum Himmel emporragten, funkelten. Auf beiden’Seiten der Straße erstreckte sich ein riesiger alter Friedhof,–dessen zerfallende Gräber aus Fels–grau,, verwittert und verlassen waren. Feiner grauer Staub stand unbeweglich über dem Friedhof,; und in der glühenden Mittagssonne schien diese staubige–Graue wie ein durchsichtiger, dünner, silberbestickter Schleier–— eine feine, nebelhafte Wand gleichsam zwischen der toten Welt der Vergangenheit und der lebendigen Gegenwart. Ja,, so muss es sein,, denke ich immer bei mir,,  wenn man sich einer solchen Stadt nähert, die so völlig anders ist,, dass der Geist diesen Unterschied überhaupt nicht zu erfassen vermag …….

Und dann tauchten wir in eine Palmen-–allee ein–— Meile um Meile gewaltige Baumstämme und gekrümmte Blätter —–bis der Palm-–hain plötzlich am Ufer des Tigris endete. Der Fluss war von anderer Art als der Euphrat. Schlammig grünlich gefärbt, und schwerfällig–strömte er murmelnd dahin–und wirkte angesichts des stillen königlichen Stroms jenes anderen Flusses genau wie ein unbekannter Fremder, !!’Und als wir den Tigris mit einem Boot überquerten, über eine schwankende–Brücke hinweg, ergoss sich die glühende Hitze des Persischen Golfs über uns.

Der einstige Glanz Bagdads–und seine Pracht sind restlos verschwunden. Durch die wiederholten Angriffe der Mongolen im Mittelalter wurde diese Stadt so gründlich zerstört, dass, Harun–ar-–Raschids alte Hauptstadt nichts zurückblieb, was an sie erinnerte. Vor uns stand eine Stadt aus wahllos aus Ziegeln errichteten Häusern–— eine Stadt aus Häusern–; es schien, als sei sie, eine vorläufige Anordnung im Hinblick auf mögliche Veränderungen. Tatsächlich hatte eine solche Veränderung in Gestalt einer neuen politischen Wirklichkeit bereits begonnen. In der Stadt regte sich wieder Leben; ; neue Gebäude–und Bauten erhoben sich; — aus einem schlafenden türkischen Provinzhauptquartier entstand allmählich eine arabische Hauptstadt.

Die drückende Hitze liegt über allem und hat jede Bewegung verlangsamt. Die Menschen gehen mit langsamen Schritten durch die Straßen. Es scheint, als sei ihr Blut sehr dickflüssig und als fehle ihnen jeder Rhythmus und jede Anmut. Unter den weiß-–schwarz karierten Turbanen wirken ihre Gesichter überaus ernst und unfreundlich. Wann immer ich ein schönes arabisches Gesicht sah, das von stolzer, in sich gekehrter Würde erfüllt war,, sah ich auf seinem Kopf eine rote, oder weiße ‘Kufija’–was bedeutet,, dass der Mann nicht von hier ist,, sondern aus dem Norden gekommen ist,, oder aus der syrischen Wüste oder aus Zentralarabien stammt.

Doch in diesen Menschen leuchtet eine gewaltige Kraft–die Kraft des Hasses–des Hasses gegen die ausländische Macht, die ihnen ihre Freiheit geraubt hat. Wie –Dämonen sind die Menschen Bagdads stets vom Verlangen nach Freiheit besessen. Vielleicht liegt der schwarze, tiefe Schatten dieses Dämons auf ihren Gesichtern  Vielleicht nehmen all diese Gesichter ein völlig anderes Aussehen an, wenn sie sich in den engen Gassen und  von Mauern–umgebenen Höfen mit ihren eigenen Leuten treffen. Denn wenn Sie sie etwas aufmerksamer betrachten, werden Sie erkennen,  dass ihre Gesichter keineswegs völlig ohne Anmut sind–Nicht selten verstehen sie es, wie andere Araber auch,  zu lächeln. Manchmal schleppen sie, wie andere Araber auch, ihre Gewänder mit vornehmer Geringschätzung hinter sich her über den Staub; als gingen sie über den mosaikverzierten Fußboden eines Palastes aus Marmor!! Sie lassen  ihre Frauen träge auf der Straße spazieren gehen, in prächtige, farbenprächtige Brokatdecken gehüllt; Burka–tragende, kostbare Frauengestalten, in rotem–schwarzem und blauem–sowie silbernem und bordeauxrotem Brokat, die mit ihren lautlosen Schritten allmählich goldene Spuren hinterlassen…।

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Einige Wochen nachdem wir in Bagdad angekommen waren, ging ich auf dem großen Basar spazieren, mit tonnengewölbten Dächern–versehenen, leicht düsteren Gassen–als plötzlich aus einer von ihnen ein Schrei widerhallte. Aus einer Ecke rannte ein Mann davon, dann ein anderer, dann noch ein dritter. Auch die Leute auf dem Basar begannen zu rennen–getrieben von einer solchen Panik’deren Ursache ich nicht kannte, sie allein wussten es. Das Klappern von Pferdehufen: Ein Reiter mit angstverzerrtem Gesicht trieb sein Pferd–in Richtung der Menge, die vor ihm auseinanderbrach und sich in alle Richtungen–zerstreute. Weitere Menschen rannten, alle kamen aus derselben Richtung, und mit ihnen rannten die Händler des Basars. Stoß um Stoß, ruckend und schwankend drängte die ganze Gruppe mit großer Geschwindigkeit vorwärts. Die Ladenbesitzer, erschrocken–und verängstigt, stellten vor ihren jeweiligen Läden Holzbretter auf. Niemand  sprach,  niemand rief dem anderen zu. Nur hin und wieder hörte ich die Schreie stürzender Menschen, und ein Kind stieß einen herzzerreißenden Schrei aus..।

Was ist geschehen?? Keine Antwort. Wohin ich auch blicke, sehe ich bedrückte Gesichter. Ein schwerer Wagen–– zur Hälfte mit Bündeln beladen ––rast ohne Fahrer durch die enge Gasse,, von einem galoppierenden Pferd gezogen. In der Ferne ist ein Stapel irdenes Geschirr zerbrochen.–und ich konnte deutlich hören,, wie die Scherben zerbrochener Töpfe–und Gefäße über den Boden rollten. Abgesehen von all diesen Geräuschen und dem Stampfen der Menschen und ihren Atemzügen–liegt überall eine tiefe, gedämpfte Stille,, liegt überall eine tiefe, gedämpfte Stille–genau wie sie bisweilen vor einem Erdbeben–aufkommt. Zu hören ist, nur das wiederholte Stampfen eilender Menschen; bisweilen der verzweifelte Schrei einer Frau oder eines Kindes, das aus der dahinströmenden Menge herausgeschleudert wurde. Wieder waren einige–Reiter zu sehen. Furcht,, Flucht und Stille!! Überdachte–Straßen, wo sie einander kreuzten, bildeten ein wahnsinniges Gedränge,, ein betrunkenes Getöse!!

An einer dieser–Kreuzungen  war ein Aufruhr ausgebrochen, und ich geriet darin in eine Lage, in der ich nicht vorankam, und nicht zurückkonnte, und, um die Wahrheit zu sagen,, wohin ich gehen sollte,, wusste ich nicht.–Genau in diesem Augenblick spürte ich, jemanden, der meinen Arm packte,, und niemand anders als Zayd war es,, der mich zu sich zog,, zwischen zwei Läden,…hinter einer aus Fässern errichteten Barrikade.

–‘Bewegen Sie sich nicht,’, sagt er flüsternd.

Etwas  zischte an uns vorbei;; ein Gewehrgeschoss?? Unmöglich—–

Weit entfernt, irgendwo inmitten des Basars, drang das gedämpfte Grollen vieler Stimmen herüber. Wieder zischte etwas  vorbei, Diesmal besteht kein Zweifel mehr: das Geräusch von Kugeln–in der Ferne, ein undeutliches Reiben, als streue jemand Erbsen auf einen trockenen, harten Boden. Langsam kommt das Geräusch näher und wird immer lauter–dieses häufige Geräusch, das sich in regelmäßigen Abständen wiederholt–und ich begriff, was es war: Maschinengewehre, Kanonenfeuer ……..

 Wie schon zuvor  so war es auch diesmal, hatte Bagdad erneut’von Neuem aufbegehrt, am Vortag–dem 29.–Mai 1924. Das irakische Parlament ratifizierte gegen den Willen des Volkes einen Freundschaftsvertrag mit Groß–britannien. Und in diesem Augenblick versucht eine verzweifelte Nation, sich zu verteidigen–gegen die Freundschaft einer großen europäischen Macht..

Und später erfuhr ich, dass die britischen Truppen alle Zugänge zum Basar abgeriegelt hatten, um’den Aufstand zu unterdrücken.  An jenem Tag auf dem Basar, kamen bei wahllosem Gewehrfeuer viele Menschen ums Leben. Hätte Zayed mich nicht aufgehalten, wäre auch ich vielleicht geradewegs dem Kanonenfeuer entgegengelaufen.

Und dies war der eigentliche Beginn unserer Freundschaft. Zayeds verständige, wortkarge Männlichkeit–zog mich außerordentlich an. Von seiner Seite aus betrachtet,, hatte–auch er sich offensichtlich in den jungen Europäer verliebt,, der gegen die Araber und ihre–Lebensweise keinerlei Vorurteile hatte. Er erzählte mir die schlichte Geschichte seines Lebens. Wie er zuvor, ebenso wie sein Vater,  im Dienst der Herrscher von Hail aufgewachsen war,, unter dem Schammar-Clan Ibn Raschids,; wie Ibn Saud 1921 Hail eroberte und der letzte‘Emir’Ibn Sauds gefangen genommen wurde,, woraufhin viele Angehörige des Schammar-Stammes und mit ihnen auch Zayed,, statt sich den neuen Herrschern zu ergeben, eine ungewisse Zukunft wählten und ins Exil’gingen. Und nun ist er hier,, mit seinem‘Agal,’auf dem ein siebenzackiger irakischer Stern’prangt,, und im Herzen eine sehnsüchtige Liebe zu seiner Heimat aus den Tagen seiner Jugend.

In den Wochen meiner Reise im Irak hatten wir Gelegenheit, viel voneinander zu erfahren, und in den folgenden Jahren hielten wir engen Kontakt. Manchmal schrieb ich ihm Briefe– und schickte ihm ein- oder zweimal im Jahr’ ein kleines Geschenk, das ich auf irgendeinem Markt im Iran oder in Afghanistan gekauft hatte. Jedes Mal antwortete er in seiner unordentlichen, fast– unleserlichen, hässlichen Handschrift und erinnerte an die Tage, an denen wir gemeinsam zu Pferd am Euphrat entlangritten, und, oder inmitten der Ruinen Babylons geflügelte Löwen besichtigen gingen. Schließlich, ich 1927 nach Arabien kam, bat ich ihn, sich mir anzuschließen;; schon im folgenden Jahr kam Zaid zu mir. Und seitdem ist er mein Begleiter, – weniger als ein Nafar denn vielmehr als mein Kamerad.

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Auch zu Beginn des dritten Jahrzehnts waren Kraftfahrzeuge im Iran verhältnismäßig selten; In den größeren Zentren verkehrten einige wenige als Mietwagen. Wenn man abseits der drei oder vier Fernstraßen reisen wollte, war man auf Pferde–wagen angewiesen. Und auch diese gelangten nicht überall hin; denn in vielen Teilen Irans gab es damals überhaupt keine Straßen–und Wege. Für einen Mann wie mich ––der–darauf erpicht war, mit den Menschen jedes Landes unter ihren eigenen Bedingungen Umgang zu pflegen–war das Reisen zu Pferd ein unmissverständliches Zeichen; und deshalb, gingen wir in unserer letzten Woche in Bagdad jeden Morgen mit Ibrahim hinaus zum Pferdemarkt. Nach einigen Tagen des Feilschens–kaufte ich für mich ein Pferd und für Ibrahim ein Maultier. Mein Reittier war ein ausgesprochen schönes, aus Süd-–iranisches, äußerst schönes Asli-, rot-–braunes Pony, und das Maultier war offensichtlich ein aus der Türkei stammendes, lebhaftes, mageres, störrisches Tier, dessen Muskeln unter der grauen Samthaut wie dicke Stränge aus Stahl wirkten; Es trug mühelos außer seinem Reiter auch meine großen Säcke, in denen ich alles Notwendige aufbewahrte.

Auf meinem Pferd reitend und das Maultier an einem Strick führend, brach Ibrahim eines Morgens an der iranischen Grenze in Richtung, der letzten Stadt Iraks,  Khanikin, auf. Die Stadt ist eine Station an einer Nebenstrecke der Bagdadbahn. Zwei’Tage später brach ich mit dem Zug auf, um dort mit Ibrahim zusammenzutreffen

Wir haben Khanikin und die arabische Welt–hinter uns gelassen. Vor uns erhebt sich eine Bergkette, die–wie ein Wächter vor immer höheren Gebirgszügen steht ––das Gebirge des iranischen Hochlands,, eine neue und erwartungsvolle Welt. Der Grenzposten ist ein einsames kleines Gebäude, , auf dem eine verblichene Flagge aufgezogen ist ––grün,–weiß und rot –,, auf der sich das Emblem eines Löwen mit Schwert und aufgehender Sonne befindet. Einige w’enige Zoll-–beamte, , deren Haare schwarz sind,, deren Hautfarbe hell ist,, die schmutzige Uniformen und Pantoffeln tragen,, prüfen mein bescheidenes Gepäck geradezu in freundschaftlich scherzhafter Weise. Dann spricht einer von ihnen mich an und sagt:

–‘Alles ist in Ordnung,, ‘Janab–-i-–Ali,’, die Stellung Eurer Hoheit liegt weit über unseren Fähigkeiten und Möglichkeiten. Würden Sie uns die Ehre erweisen, mit uns Tee zu trinken??”

Und als ich über die durch diese Ausdrucksweise bekundete seltsame  und altmodische Höflichkeit staunte, kam mir plötzlich der Gedanke:, wie sehr sich die persische Sprache trotz ihrer vielen arabischen Wörter von der arabischen Sprache unterscheidet, wie anders sie ist.! Sie besitzt eine bedeutungsvolle, kultivierte Anmut,, und nach der warmen Konsonantensprache der Araber, klang der weiche, freie Laut der persischen Vokale erstaunlicherweise nach‘westlicher’Art.

Nicht nur ich war als Reisender unterwegs. Mehrere schwere, mit Leinwand bedeckte Wagen, von vier Pferden gezogen, standen vor dem Zollamt, und ganz in der Nähe hatte eine Karawane ihre Zelte aufgeschlagen. An einem Feuer im offenen Zelt kochten die Leute ihr Essen. ‍Obwohl es damals erst früher Nachmittag war,, schien es doch,, als dächten sie überhaupt nicht daran, weiterzuziehen, und auch wir , ich weiß nicht,, warum,, fassten denselben Entschluss. Wir verbrachten die Nacht im Freien, indem wir auf dem Boden Decken ausbreiteten.

In den frühen Morgenstunden, setzten einige Wagen und die Karawane sich wieder in Richtung der kahlen Bergkette in Bewegung; auch wir brachen auf und ritten auf unseren jeweiligen Reittieren mit ihnen. Die Straße wand sich bergauf, deshalb ließen wir beide’bald die langsamen Wagen hinter uns, und dann drangen wir, unsere Reittiere antreibend, immer tiefer in das Bergland der Kurden vor–der hochgewachsenen, hellhäutigen Hirten.

Ich sah den Ersten von ihnen, als er an einer Straßenbiegung aus einer Hütte aus Zweigen und Schilf, mit raschelnden Geräuschen hervortrat und uns wortlos  eine bis zum Rand mit Milch gefüllte Holzschale hinhielt. Er war vermutlich siebzehn; barfuß, struppig–zerzaust, und schien nicht gebadet zu haben; Hände und Füße halb-–gewaschen, und schmutzig;Der Rest eines Sola-Hutes zierte seinen zerzausten Kopf. Ich trank jene dünne, leicht gesalzene–und erstaunlich kalte Milch und sah über den Rand der Schale hinweg zwei blaue Augen, — zwei Augen, unverwandt auf mich gerichtet. Diese zarte, feuchte, süße, dunstige Benommenheit, die über neugeborenen Tieren liegt, — eine ursprüngliche Schläfrigkeit, die noch nicht ganz gewichen war, schien sich in seinen beiden Augen verdichtet zu haben!

Am Nachmittag erreichen wir ein kurdisches Dorf aus Zelten, , das still zwischen den Berghängen liegt, mit dicht an dicht stehenden  Zelten. Diese Zelte sehen aus wie die Zelte halb-–nomadischer Beduinen Syriens oder des Irak. Aus Ziegen-–haar gewebtes, grobes schwarzes Tuch ist über Strohmatten ausgebreitet. In der Nähe fließt ein Bach,, an dessen beiden’Ufern sich Reihen von Pappeln ausbreiten; Auf einem aus dem Bach ragenden Felsen hackt ein Kranichpaar aufgeregt mit den Schnäbeln aufeinander ein, erzeugt dabei Laute und schlägt mit den Flügeln; Indigo-–blaue Jacke tragend, geht ein Mann mit langen, doch leichten Schritten auf das Zelt zu; Sein erdverbundener, doch äußerst gelöster Gang–scheint von uraltem Beduinenblut zu künden! Ein herabhängendes, rot-–blau gemischtes Tuch schleift hinter ihr über den Boden, während eine Frau mit einem langen irdenen Gefäß auf der Schulter langsam auf den Bach zugeht, Ihre beiden Schenkel zeichnen sich deutlich durch den feinen Stoff ihres  Gewandes ab: lange und gespannte Linien wie die Saiten einer Violine! Am Wasser angekommen, kniet sie nieder und beugt sich über das Wasser, um den Krug zu füllen. Ihr turbanähnliches Kopftuch  fällt herab und wie ein Blut-  strom berührt es die glitzernde Wasseroberfläche, doch nur für einen Augenblick; Sie hebt das Tuch auf und wickelt es wieder um ihren Kopf, in einer einzigen vergehenden Bewegung,, die noch immer wie ein Teil ihres Niederkniens und derselben Bewegung innewohnend ist.

Ein wenig später setze ich mich mit vier jungen Frauen und einem alten Mann ans Ufer des Baches. In allen vieren liegt eine unverfälschte Anmut und Natürlichkeit, die aus einem freien, unabhängigen Leben stammt: Schönheit , die sich ihrer selbst bewusst, doch ehrlich und unverdorben ist, die sich nicht zu verbergen weiß, und sich doch kaum von Schüchternheit und Bescheidenheit trennen lässt. Die Schönste unter ihnen trägt den Namen eines Singvogels–‘„Tu-–Tu“’ ( (der Vokal wird wie im Persischen ausgesprochen)). Bis zu den zarten Augenbrauen  war ihre ganze Stirn von einem tiefen Rot mit einem bläulichen Schimmer–und von einem Schal bedeckt; Ihre Augenlider waren mit Surma geschwärzt; Unter dem Schal quollen’braune Lockenbüschel hervor, in die dünne–silberne Ketten wie Fäden eingedreht und eingeflochten waren. Bei jedem Kopfnicken klirrten sie, wenn sie gegen die zarten, grübchen–besetzten Wangenlinien–stießen.

Wir alle genießen unser Gespräch, und unsere Unterhaltung,–obwohl meine persischen Sprachkenntnisse damals noch nicht ausgereift waren, ((das Kurdische ist mit dem Persischen verwandt)). Diese jungen Mädchen,, die nie über die strengen Grenzen ihres Stammes hinausgekommen sind und weder lesen–noch schreiben können,, sind in Wirklichkeit jedoch sehr klug. Sie verstehen mühelos meine stockend–vorgebrachten Worte und wählen oft genau das Wort aus, nach dem ich im Dunkeln taste, und legen es mir mit geradezu praktischer Gewissheit in den Mund. Was sie tun,, frage ich sie,, antworten sie,, indem sie eine Liste der zahlreichen kleinen, aber bedeutenden Tätigkeiten entfalten, mit denen die Tage einer Nomadenfrau angefüllt sind: Getreide zwischen zwei flachen Steinen mahlen,, Brot auf glühenden Kohlen backen, , Schafe melken,, in einem Ledersack Joghurt schütteln, um Butter zu gewinnen,, an einem handbetriebenen Webstuhl aus Schafwolle Garn spinnen,, Teppiche mit allerlei Mustern weben sowie‘Kelims’ weben,  die ebenso alt und urtümlich sind wie ihr Volk,; und Kinder empfangen sowie ihren Männern Ruhe und Liebe schenken..

Ein solches Leben, ohne jede Veränderung. Heute, gestern und morgen. Für diese Viehhirten gibt es keine Zeit–außer dem Wechsel von Tag–und Nacht und dem Lauf der Jahreszeiten. Die Nacht ist zur Dunkelheit gemacht, zum Schlafen; der Tag ist dazu da, die für ein lichtvolles Leben nötigen Dinge zu beschaffen; Der Winter hält Einzug, während die Kälte zunimmt und es in den Bergen an Weideland mangelt; Deshalb ziehen sie mit ihren Herden und Zelten umher und gelangen in die warmen Ebenen, nach Mesopotamien und an den Tigris; Wenn später der Sommer immer heißer wird, mit Hitze und heißen Winden, kehren sie wieder in die Bergregionen zurück, hier, oder dort, irgendwo unter den traditionellen Lagerplätzen des Stammes.

–‘Haben Sie  nie den Wunsch, in einem Haus aus Stein zu leben? frage ich den alten Mann, der bisher kaum ein Wort gesagt hatte und unserem Gespräch mit einem leisen Lächeln zuhörte; Haben Sie nie den Wunsch, dass, Sie selbst Eigentümer eines Feldes werden?

 Der alte Mann schüttelt den Kopf und sagt: ‘Nein, …,…wenn Wasser in einem Teich reglos steht, wird es abgestanden, und schlammig; ; wenn das Wasser fließt, fließt es dahin, nur dann bleibt es klar und sauber…।’

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Mit der Zeit blieb Kurdistan hinter mir zurück. Fast achtzehn Monate lang durchstreifte ich Iran, dieses unter allen Ländern wohl sonderbarste Land, von einem Ende zum anderen. Dadurch lernte ich ein Volk kennen:, in dem sich die Weisheit einer dreitausendjährigen Kultur mit der kindlichen Unruhe und Ungewissheit–— ein Volk, –das, sich selbst und alles, was um es herum geschah, mit einer langsamen, trägen  Überheblichkeit betrachtet, und im nächsten Augenblick in fieberhafte Erregung und die ungestüme Leidenschaft eines Vulkans ausbrechen kann. Den Städten–— den kultivierten Komfort–und die Annehmlichkeiten genoss ich, und daneben genoss ich den scharfen Wind der Steppe, der die Seele mit Freude erfüllte. Ich schlief in den Palästen der Provinzgouverneure, während ein Dutzend Diener–bereitstand, meine Befehle auszuführen, und ebenso schlief ich in halb verfallenen–Karawansereien, wo ich nachts wachsam bleiben musste  und sie töten musste, bevor sie mich stachen. Als Gast der Bakhtiari- und Kaschgai-Stämme aß ich ganze gebratene Schafe und in den Speisesälen reicher Kaufleute aß ich gebratenen Truthahn, der mit Aprikosen–gefüllt war. Ich beobachtete die Opfer und die blut– berauschte Raserei des Muharram, ich hörte Hafis’ zarte Lieder–— Gedichte, die die Erben Irans vergangener Größe zur Flötenmelodie singen. Ich wanderte unter den Pappelalleen Isfahans umher und war von den goldüberzogenen Kuppeln der gewaltigen Moscheen , ihren hängenden Toren und kostbaren Fassaden überwältigt. Auch die persische Sprache wurde mir ebenso vertraut wie das Arabische. In den Städten–und Häfen sprach ich mit gebildeten Menschen  und ebenso, unterhielt ich mich mit Soldaten und Nomaden, mit Händlern auf dem Basar, mit Ministern und religiösen Führern, mit umherziehenden Derwischen und mit gelehrten Opiumrauchern in den Herbergen am Straßenrand. Ich lebte auch in Städten, und auch auf dem Land, Mit meinem Hab und Gut  reiste ich durch Wüsten und gefährliche, salzige Sumpfgebiete. Ich verlor mich völlig in der zerfallenen– wundersamen, sonderbaren, zeit–losen  Atmosphäre. Zusammen mit den Iranern, und ihrem Leben und Denken wurde ich so eng vertraut, dass, ich geradezu unter ihnen geboren zu sein schien. Doch dieses Land, und dieses Leben–waren wie ein alter Edelstein, der nach allen Seiten ein trübes Licht ausstrahlt–und mir niemals so nahekommen konnten wie die glasklare Welt der Araber.

Mehr als sechs Monate lang ritt ich durch die Wälder Afghanistans, seine Gebirgsketten und Steppengebiete: Ja, sechs’Monate lang eilte ich durch eine Welt, in der jeder Mensch eine Waffe bei sich trug–nicht als Schmuck;in der man jedes Wort, jeden Schritt mit größter Vorsicht beachten musste, damit nicht eine Kugel singend durch die Luft herbeigeschossen kam! Mehrmals mussten Ibrahim, und unsere vorübergehenden Weggefährten und ich unser Leben–retten, indem wir mit Räubern kämpften  Afghanistan wimmelte damals von Banditen–Doch freitags gab es vonseiten der Räuber keinen Grund zur Furcht, denn Rabb al-‘ʿālamīns Anbetung gewidmeten Tag jemanden zu töten oder jemandem etwas zu rauben, betrachtete man als schändlich  Eines Tages entging ich nahe Kandahar nur knapp den Kugeln , weil ich unwillkürlich meinen Blick auf das unbedeckte Gesicht einer solchen schönen Bäuerin gerichtet hatte, die auf dem Feld arbeitete, obwohl es mir in den hohen Pässen des Hindukusch unter den Mongolen, den Nachkommen der Soldaten–und Krieger von Dschingis Khan, in einem Raum, auf dem Boden einer Laubhütte zusammen mit der jungen Frau und den Schwestern des Gastgebers zu schlafen  nicht ungewöhnlich erschien. Einige Wochen verbrachte ich als Gast von König Amanullah Khan in seiner Hauptstadt Kabul; Nacht für Nacht saß ich mit seinen ʿulamā und Gelehrten zusammen und sprach über die Lehren des Korans. Viele weitere Nächte verbrachte ich, in den schwarzen Zelten der Paschtunen-Khane sitzend–im Gespräch darüber, wie man jene von den inneren Konflikten zahlreicher Stämme heimgesuchten Gebiete bereisen konnte.

Und mit dem Anbruch jedes einzelnen Tages jener zwei Jahre’im Iran und in Afghanistan begann in mir die Gewissheit zu wachsen, dass, ich offenbar auf eine endgültige Entscheidung zusteuerte!

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‘Denn die Sache verhielt sich so, Mansur:, Je besser ich verstand, wie Muslime leben, desto mehr vertiefte sich mein Wissen über den Islam von Tag zu Tag. In meinem Herzen hatte der Islam stets den höchsten Platz eingenommen..’

–‘Die Zeit des’ʿIschāʾ  -Gebets ist gekommen’, “, sagt Zaid, nachdem er einen kurzen Blick zum nächtlichen Himmel geworfen hat.

Wir stellen uns für das letzte Gebet des Tages in einer Reihe auf, wir drei, mit dem Gesicht nach Mekka. Zaid und Mansur stehen nebeneinander, und ich stelle mich vor sie, als Imam des gemeinsamen Gebets ((denn der Gesandte Allahs hat jede Versammlung von zwei oder mehr Personen als gemeinsames Gebet bezeichnet)), Ich hebe beide Hände nach oben und beginne mit‘„Allāhu akbar“’– ‘– „Nur Allah ist groß“’ und  dann rezitiere auch ich, wie die Muslime es immer tun, die Sure al-Fātiha aus dem Koran:

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Alles Lob gebührt Allah

dem Herrn der Welten,

 dem Allerbarmer, dem Barmherzigen,

dem Herrscher am Tag des Gerichts.

Dir allein dienen wir.

Und Dich allein bitten wir um Hilfe,

Zeige uns den einfachen–geraden Weg,

ihren Weg, derjenigen, denen Du Gnade erwiesen hast,

nicht den Weg, derjenigen, die Deinen Zorn auf sich gezogen haben,

nicht den Weg, derjenigen, die irregegangen sind.

Danach rezitieren wir die einhundert’’zwölfte Sure:

Der Barmherzige, Allah ist einzig, ungeteilt,

Er ist frei von Bedürftigkeit, auf den alle Dinge angewiesen sind,

Er zeugt nicht, und ist nicht gezeugt worden,

und niemand ist Ihm gleich.

Wenn es überhaupt welche gibt,, gibt es doch nur sehr wenige Dinge, die Menschen durch gemeinsame Anbetung einander so nahe, so nahe bringen, davon bin ich überzeugt,, und ich glaube, dass dies für jede Religion gilt, ganz besonders aber für den Islam, denn der Islam beruht auf dem Glauben, dass, zwischen Allah und dem Menschen kein Vermittler nötig ist und dies in Wahrheit auch nicht möglich ist. Da es im Islam keinerlei Priestertum, keine Geistlichkeit und auch keine organisierte ‘„Kirche“’ gibt,, empfindet jeder Muslim, dass, er, wenn er das Salat-Gebet in der Gemeinschaft verrichtet, an einem ‘gemeinsamen’  Gottesdienst wahrhaftig teilnimmt, und nicht bloß anwesend ist. Da es im Islam keine Initiation gibt,, kann jeder erwachsene und geistig gesunde Muslim–jede religiöse Zeremonie vollziehen,, sei es, dass er das Gebet in der Gemeinschaft leitet,, eine Hochzeitsfeier durchführt,, oder die Bestattung eines Verstorbenen leitet. Für die Anbetung Allahs muss niemand ‘besonders dazu auserwählt’sein: Die religiösen Lehrer und Führer der muslimischen Gemeinschaft sind einfache, schlichte Menschen, (die teils zu Recht und teils auch ohne ausreichende Eignung ) wegen ihrer Gelehrsamkeit in Theologie und Fiqh einen guten Ruf genießen.

 

Drei

 

Mein ‍ Schlaf endet mit dem Sonnenaufgang; doch meine Augenlider sind noch vom Schlaf beschwert. Ein leises, summendes Geräusch erzeugend, zieht der Wind über mein Gesicht, von der schwindenden Nacht in den anbrechenden Tag.

Um mir das Gesicht zu waschen und den Schlaf daraus zu vertreiben, stehe ich auf. Das kalte Wasser ist wie die Berührung einer fernen Landschaft ––mit von dunklen Baumgruppen bedeckten Bergen und Flüssen–die sich hindurchschlängeln und dahinfließen und immer bleiben, klar und sauber wie jener Morgen!.. Ich setze mich auf meine Oberschenkel und drücke den Kopf nach hinten!..und drücke den Kopf nach hinten, damit mein Gesicht lange feucht bleiben kann; Der Wind streicht sanft über die Feuchtigkeit meines Gesichts, er streicht  mit den zarten Erinnerungen an all die kalten Tage – viele–viele–Wintertage von vor langer Zeit, an Berge–an Gebirge und die dahinstürmenden, angeschwollenen Flüsse.. . an das Reiten durch Schnee und blendendes Weiß.. . an die Helligkeit jenes Tages vor vielen Jahren, als ich über die unwegsamen ‍verschneiten Berge Irans ritt, während ich das Pferd langsam vorwärtstrieb, und jeder Schritt des Pferdes bedeutete ‍dass sein Fuß im Schnee versank, und es dann nur unter großer Mühe wieder herauszuziehen.. .।

An jenem Nachmittag, erinnere ich mich, rasteten wir in einem Dorf, dessen Bewohner wie Nomaden aussahen. In der Erde befanden sich zehn oder zwölf Gruben, darüber Dächer aus Schilf,–Ranken und Lehm, niedrige kuppelförmige Dächer, gaben der einsamen Siedlung das Aussehen einer Stadt von Maulwürfen! südöstlichen– Iran, in der Provinz Kerman. Wie die Bewohner einer Märchen-Unterwelt kriechen die Menschen noch heute heraus und blicken erstaunt zu den Fremden. Auf einer solchen Lehmkuppel sitzt eine junge Frau und kämmt ihr lang, schwarzes, zerzaustes Haar. Ihr oliv-–braunes Gesicht , ist mit geschlossenen Augen der blassen Nachmittagssonne zugewandt, und sie singt leise ein Lied, in einer seltsamen Sprache; metallene Armreifen klirren an ihren Handgelenken–die schmal und kräftig sind , wie der Huf’und das Fuß-’gelenk eines wilden Tieres aus einem Urwald.

die ermatteten Glieder–zu beleben, trinke ich weiter Tee und Arak, und zwar reichlich, zusammen mit dem bewaffneten Polizisten, der als unser Begleiter mit Ibrahim und mir gekommen ist. Als ich wieder auf mein Pferd stieg, und, nachdem ich reichlich Tee und Arak getrunken hatte, im flotten Trab aufbrach, breitete sich plötzlich die ganze Welt vor mir weit und klar aus, wie nie zuvor. Ich erblickte ihre ewige Gestalt und spürte ihren Her*z–schlag in der grauen Einsamkeit, in strahlend weißer Einsamkeit, und alles, was mir noch vor einem Augenblick geheim,und verborgen, gewesen war, sehe ich nun unmittelbar, Wann werden sich Allahs verborgene Geheimnisse uns von selbst offenbaren – wenn eben diese Geheimnisse unablässig darauf warten, dass wir uns ihnen öffnen und uns vor ihnen entfalten.. .।

Vor uns erschien eine hochgelegene Ebene; und ich, trieb meinem Pferd in den Bauch; das unter den Hufschlägen zerstiebende Eis wurde rings um mich emporgewirbelt wie eine blendend helle Hülle unzähliger Funken! die Hufe meines Pferdes donnerten auf dem Eis des gefrorenen Stroms.. .

Ich glaube, dass ich damals jene unverdiente Gnade erkenne, von der–obwohl ich selbst sie damals noch nicht vollständig verstanden hatte–mir Pater Felix vor vielen–vielen Jahren erzählt hatte, als ich jene Reise anzutreten im Begriff war, die später mein ganzes Leben veränderte: Erleuchtung durch Gnade–die einem Menschen sagt–Du selbst.. ‘„Du selbst“’bist  die erwartete Person.. Zwischen meinem wahnsinnigen Ritt mit jenem Pferd über den Schnee und meiner Annahme des Islam lag etwas mehr als ein Jahr. Doch noch immer ritt ich weiter, wie ein Pfeil, ohne es zu wissen, geradewegs auf Mekka zu..।

.. .              .. .              .. .             …  .. .

Und nun ist mein Gesicht trocken, und jene iranischen Wintertage von vor mehr als sieben Jahren fallen wieder hinter mich zurück; fallen wieder hinter mich zurück, aber sie gehen nicht verloren. Denn jene Vergangenheit ist ein Teil dieser Gegenwart!

Ein sanfter kühler Wind, der Atem des nahenden Morgens,, bewegt die dornigen Büsche. Die Sterne sind verblasst. Zayd,Mansur! Steht auf.. . steht auf. ihr. Wieder entfachen wir  das Feuer und erhitzen unseren Kaffee. Danach, satteln wir unsere Kamele und ziehen durch einen weiteren Tag, durch jene Wüste, die mit ausgebreiteten’Armen auf uns wartet.

 

 

Der Sattel

Eins

Die Sonne war gerade im Untergehen. Plötzlich rollte sich eine dicke schwarze Schlange–in Windungen über unseren Weg; Die Schlange war etwa so dick wie der Arm eines Kindes und ungefähr eine Elle lang. Sie hielt an und hob den Kopf zu uns. Fast automatisch stieg ich rückwärts  vom Sattel hinunter, nahm das leichte Gewehr von meiner Schulter, kniete nieder und zielte, und in diesem Augenblick hörte ich hinter mir eine menschliche Stimme–

–‘Schießen Sie nicht.. . Schießen Sie nicht!’Aber ich hatte den Abzug bereits betätigt; Die Schlange zuckte, rollte sich.. . Dann war alles vorbei!

Mansur hebt sein missmutiges Gesicht zu mir und sagt: Sie hätten die Schlange nicht töten sollen.. . und jedenfalls–nicht zur Zeit des Sonnenuntergangs; denn , zu dieser Zeit kommen die Dschinn aus der Erde hervor, und oft nehmen sie die Gestalt von Schlangen an!

Ich muss über seine Worte lachen und sage, ‘Mansur, glaubst du wirklich an all die Geschichten über schlangengestaltige Dschinn, die–die Frauen von damals erzählten, glaubst du das wirklich??

–‘Natürlich glaube ich an die Dschinn. Werden sie nicht im Buch Allahs erwähnt? Doch in welchen Gestalten sie manchmal zu uns kommen, weiß ich nicht.. aber ich habe gehört, dass sie äußerst erstaunliche und unerwartete Gestalten annehmen können.. .

Du könntest recht haben, Mansur,, sage ich mir,, denn jenseits all dessen, was unsere fünf Sinne an Wirklichkeit wahrnehmen können,–gibt es doch noch allerlei Wesenheiten, die unseren Sinnen verborgen sind,, diese–Vorstellung wirklich so weit hergeholt?? Ist das nicht eine Art intellektueller Hochmut,, der den modernen Menschen lehrt, außer dem, was er selbst sehen und messen kann, keine andere Art von Lebens-–wesen für möglich zu halten?? Was die Dschinn auch immer–sein mögen,, ihre Existenz lässt sich nicht wissenschaftlich beweisen;, doch deshalb kann die Wissenschaft die Möglichkeit der Existenz solcher Lebe-–wesen nicht ausschließen,, deren Lebensregeln und–-gesetze so völlig anders sein können, dass, unsere eigenen Sinne nur unter äußerst seltenen Umständen mit ihnen in Verbindung treten können. Ist es nicht möglich, dass, zwischen diesen unbekannten Welten und der unseren bisweilen solche Kreuzungen stattfinden, bei denen seltsame Erscheinungen auftreten,, die die primitive Phantasie als, Gespenster,–Geister,, Dämonen–und ähnliche andere übernatürliche Erscheinungen erklärt hat??

Als ich wieder auf mein Kamel steige,, während ich diese Fragen im Geiste wiederhole, lächle ich halb ungläubig wie ein Mensch, dessen Umfeld und seine Bildung–und Erziehung, ihn gegenüber jenen, die der Natur stets ganz nah sind,, abgestumpft haben.!Zayd sagt mir mit ernstem Gesicht, es sei nicht richtig gewesen, die Schlange zu töten. Einst, vor langer Zeit, nachdem Ibn Saud Hail erobert hatte und ich jene Stadt verlassen hatte,, hatte ich auf dem Weg in den Irak eine solche Schlange erschossen. Die Sonne ging gerade unter. Kurz darauf, als wir zum Maghrib-Gebet kamen,, spürte ich plötzlich, wie meine beiden Füße’schwer wie Blei wurden,, und in meinem Kopf brannte es;; es begann wie herabstürzendes Wasser aus großer Höhe zu tosen,  und meine Glieder–wurden zu Feuer.; Ich konnte nicht aufrecht stehen,, sondern fiel wie ein leerer Sack mit einem dumpfen Schlag zu Boden.; Alles um mich herum wurde dunkel. Ich weiß nicht,, wie lange ich in dieser Dunkelheit versunken war,, doch ich erinnere mich,, dass ich schließlich wieder auf meinen Füßen  stand. Ein unbekannter Mann stand zu meiner Rechten,, ein anderer zu meiner Linken, und sie brachten mich in einen riesigen, von Licht–und Schatten erfüllten geheimnisvollen Saal.–Dort war er voller Menschen, die unruhig hin und her gingen und miteinander sprachen. Nach einer Weile begriff ich,–dass sie zwei’völlig getrennte Gruppen waren,, wie es vor Gericht üblich ist. Im Hintergrund saß auf einer etwas über dem Boden erhöhten Bühne ein sehr kleiner alter Mann. Es schien mir,, dass er ein Richter oder ein Anführer oder irgendetwas dergleichen war,–und im nächsten Augenblick wurde mir klar,, dass ich selbst der Angeklagte war.

Einer sagte,-‘Er hat ihn vor Sonnenuntergang mit einem Gewehrschuss getötet, er ist schuldig.’Einer aus der Verteidigung erwiderte, ‘Aber er wusste nicht, wen er tötete, und als er den Abzug des Gewehrs betätigte, hatte er den Namen Allahs ausgesprochen.‘Doch da schrie die Anklage auf,-‘Nein,er hat ihn nicht ausgesprochen.’ –Darauf riefen alle aus der Verteidigung gemeinsam im Chor, ‘Er hatte ihn ausgesprochen–er hatte den Namen Allahs ausgesprochen’ und  so ging es eine Weile weiter, die eine Seite rückte vor, die andere wich zurück, Anklage und Widerlegung wechselten sich ab, und schließlich schien es, als würden die Unterstützer der Angeklagten zu gewinnen beginnen. Der hinten sitzende Richter verkündete nun sein Urteil: ‘Er wusste nicht, wen  er tötete und dabei Allahs Lob–pries: Bringt ihn dorthin zurück, von wo ihr ihn hergebracht habt.’

Und die’beiden Männer, die mich  in den Gerichtssaal gebracht hatten, drückten mich wieder unter ihre Arme,, und führten mich auf demselben Weg zurück in jene gewaltige Dunkelheit, aus der ich gekommen war. Sie legten mich auf den Boden. Ich öffne meine’beiden Augen und sehe, zu beiden’Seiten von mir, zwischen mehreren aufgestapelten Getreidesäcken, liegen, und über den Säcken ist  ein Stück Zeltstoff ausgebreitet,, um mich vor den Sonnenstrahlen zu schützen. Es schien der frühe Vormittag zu sein, und meine Gefährten hatten hier Halt gemacht. In der Ferne sah ich unsere Kamele an einem Berghang grasen. Ich versuche, die Hand zu heben,, aber meine–Glieder waren völlig erschöpft. Als einer meiner Gefährten sein Gesicht über mich beugte,, sagte ich:, ‘»Kaffee …«,.. .’, denn ich konnte ganz in der Nähe das Geräusch hören, wie Kaffee gemahlen wurde.

Mein Freund sprang auf:, ‘»Er spricht ….. Er spricht ….. . Er ist zurückgekehrt!«! –Und sie brachten mir frischen, heißen Kaffee.

Ich frage, ob ich die ganze Nacht bewusstlos gewesen sei, und sie   antworteten:, ‘„Die ganze Nacht!! Vier volle Tage hast du dich überhaupt nicht bewegt!! Nur an einem Tag haben wir dich wie einen Sack auf ein Kamel geladen, und nachts wieder vom Kamel abgeladen. Und wir hatten bereits angenommen, dass wir dich genau hier begraben müssten. Doch Preis sei Ihm, der Leben gibt und nimmt–dem Ewiglebenden, der nicht stirbt... .

–‘Daher sehen Sie, Onkel, dass man am Abend keine Schlange töten sollte.

Und obwohl in Zayeds Erzählung die eine Hälfte meines Gemüts noch immer lachte, schien die andere Hälfte meines Gemüts, im hereinbrechenden Abend das Netz unsichtbarer Kräfte–beim Weben zu beobachten, – ein feiner Laut, ein schaudererregendes Getöse, das für das Ohr nicht wahrnehmbar war, während wir ringsum in der Luft einen feindseligen Atem wahrnahmen; und ich empfand ein vages Gefühl der Reue darüber, die Schlange bei Sonnenuntergang getötet zu haben...।

Zwei

‘Hail’Am Nachmittag des dritten Tages, nachdem wir Hail verlassen hatten, brachten wir unsere Kamele zum Tränken zum Brunnen von Arjar, in ein beinahe kreisrundes, von niedrigen Hügeln umgebenes Tal; Die beiden großen, mit Süßwasser gefüllten Brunnen’liegen genau in der Mitte des Tals. Jeder der beiden’Brunnen  ist Gemeinschaftsbesitz eines Stammes–Der westliche gehört zum Stamm‘Harb’und der östliche den Mutair. Der Boden ringsum ist so kahl wie eine Handfläche; denn jeden Nachmittag werden Hunderte von Kamelen und Schafen von den weit entfernten Weideplätzen hierhergetrieben, um sie zu tränken, und jedes junge Gräschen, das auf diesem Boden sprießt, findet nicht einmal Zeit zum Aufatmen, bevor  sie es mit einem sanften Biss herausrupfen und restlos auffressen.

Als wir ankamen, sahen wir, dass das ganze Tal vor Tieren–wimmelte,– und zwischen den sonnenbeschienenen Bergen–Herde um Herde Schafe und beladene Kamele auftauchten. Um die Brunnen herrschten dichter Andrang, Unruhe und Lärm;; denn, so viele Tiere zu tränken, ist keine leichte Aufgabe. Die Hirten schöpfen mit langen Seilen Wasser in ausgefransten Lederschläuchen und singen dabei eine Art Lied, während sie am Seil ziehen,, um ihre einzelnen Züge aufeinander abzustimmen und im Gleichmaß zu halten; denn die Eimer sind sehr groß und werden, sobald sie mit Wasser gefüllt sind, so schwer,, dass viele Hände nötig sind, um sie vom Grund des Brunnens heraufzuziehen.

Der Brunnen, der uns am nächsten liegt–der zum Stamm der Mutair gehört–höre ich von dort, wie sie den Kamelen vorsingen–

‘Singt und lasst kein Wasser übrig,

 Dieser Brunnen ist voller Barmherzigkeit, er hat keinen Grund!!

Die eine Hälfte der Leute singt die erste Zeile, die andere Hälfte die zweite–beide tragen sie im schnellen Takt vor, bis der Eimer über den Rand des Brunnens emporsteigt; Danach sind die Frauen an der Reihe; Sie gießen das Wasser in die ledernen Tröge. Viele Kamele drängen sich gleichzeitig vor und beugen sich nach vorn, brüllend und laut schnaubend, vor Aufregung zitternd, um die–Tröge herum, und es scheint, der beruhigende Ruf der Menschen–‘Hu wih–Hu wih’könne sie nicht beruhigen.  Jedes einzelne Kamel schiebt seinen langen, biegsamen Hals zwischen oder über seine Gefährten hinweg nach vorn, um seinen Durst so schnell wie möglich zu stillen; hellbraune, dunkel-–braune, gelb-–weiße, schwarz-–braune und honig-–farbene Körper schwanken hin und her, drängen sich, geraten in Bewegung,, ballen sich zusammen und erfüllen die Luft mit dem scharfen, widerwärtigen Geruch von Tierschweiß und Urin. Inzwischen ist der Eimer wieder gefüllt worden, und noch ein weiteres ‍Zweizeilengedicht ist vorgetragen, da ziehen die Wasserträger den Eimer herauf:

‘Nichts kann den Durst des Kamels stillen

 außer Allahs Barmherzigkeit und der Mühe des Hirten.

Und überall beginnt wieder das geschäftige Treiben, das Schauspiel des Trinkens, Rufe–und das Summen der Lieder.

Ein alter Mann steht am Rand des Brunnens, breitet uns die Arme entgegen und ruft:‘Ihr Reisenden,, Allah, möge euer Leben verlängern. Nehmt unsere Gastfreundschaft an.’–Danach kommen aus der Menge rings um den Brunnen  einige Männer auf uns zugelaufen. Einer von ihnen ergreift den Zügel meines Kamels und lässt es auf die Knie niedergehen,, damit ich bequem von meinem Reittier absteigen kann. Mit großer  Schnelligkeit wird ein Weg gebahnt, damit unsere Kamele die Wassertröge erreichen können, und die Frauen beginnen, für die Kamele Wasser hineinzuschütten; denn wir sind Reisende, und deshalb haben unsere Ansprüche Vorrang!

sagt Zayed fast zu sich selbst, als wolle er nur sich selbst zuhören: , ‘Nachdem die Clans der Harb und der Mutair gegeneinander Krieg geführt haben, leben sie nun in welch wunderbarem Frieden!!  (Denn , es sind erst drei Jahre seit dem Aufstand des Stammes der Mutair vergangen, als der Stamm der Harb einer der treuesten Unterstützer des Königs war) . Erinnern Sie sich, Onkel,, an das letzte Mal, als wir hier waren,–wie wir nachts die Arja nach vielen Umwegen durchquert hatten,, in einem Kreis,, ohne den Mut zu haben, uns diesen Brunnen zu nähern,–weil wir nicht wussten, ob hier Freunde oder Feinde, waren …?..?

Zaid erinnert sich an 1928– –29, an den gewaltigen beduinischen  Aufstand–– auf dem Höhepunkt eines politischen Dramas ––in dessen Folge, sogar die Grundfesten des Reiches Ibn Sauds erschüttert wurden und auch ich mich eine Zeit lang darin verstrickte.

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Als sich 1927 der Vorhang hob,, herrschte in den weiten Gebieten Saudi-Arabiens Frieden;, der Kampf König Ibn Sauds um die Macht war beendet. Keine rivalisierende Königsfamilie erhob in Nadschd mehr Anspruch auf seine Herrschaft. Hail und das Gebiet der Schammar gehörten nun ihm, und nach der Vertreibung der Scharifischen Familie aus dem Hedschas im Jahr 1925 gehörte ihm nun auch der Hedschas. In den früheren Jahren des Königs war er für den König zu einem großen Grund zur Sorge geworden. Als Mitarbeiter des Königs hatte ad-–Dawisch sich einen eigenen Ruf erworben. Immer wieder bewies er seine Loyalität: 1921 eroberte er Hail für den König;; 1924 führte er einen waghalsigen Feldzug ins Innere des Irak,, von wo aus die Scharifische Familie unter britischem Schutz gegen Ibn Saud Verschwörungen betrieb. 1925 eroberte er Medina und spielte bei der Eroberung von Dschidda eine entscheidende Rolle. Und nun, ruhte er im Sommer 1927, mit all diesen Siegen als Siegeskranz,–in der Ikhwan-Kolonie von Artawiya,, die nicht weit von der irakischen Grenze entfernt lag.

Viele Jahre lang war diese Grenze Schauplatz nahezu ununterbrochener Beduinenüberfälle. Verübt wurden diese Überfälle von Menschen verschiedener Stämme und Clans, die auf der Suche nach Weidegründen und Wasser aufgebrochen waren. Durch eine Reihe aufeinanderfolgender Abkommen zwischen Ibn Saud und den Briten, die als Mandatsmacht für den Irak verantwortlich waren, wurde vereinbart: Solche unvermeidlichen Wanderungen durften nicht behindert werden. Außerdem durfte auf keiner Seite der Nadschd–-Irak-Grenze eine Mauer oder ein Fort errichtet werden. Dennoch errichtete die irakische Regierung im Sommer 1927 nahe den Brunnen an der Grenze von Bisyaya ein Fort und stationierte dort Soldaten  und verkündete offiziell ihre Entscheidung, entlang der Grenze weitere Forts zu errichten  . Daraufhin  breitete sich unter den verschiedenen Clans im nördlichen Nadschd eine Welle der Unruhe aus. Es war abzusehen, dass ihre Existenz selbst bedroht war ;, denn sie waren von den Brunnen abgeschnitten worden, von denen sie vollständig abhängig waren. Ibn Saud protestierte offen gegen diesen Vertragsbruch, , erhielt dafür jedoch einige Monate später vom britischen Hochkommissar im Irak lediglich eine ausweichende Antwort.

Der stets tatkräftige und unermüdliche Faisal ad-Dawisch dachte bei sich: Für den König mag es nicht vorteilhaft sein, einen Streit mit den Briten anzufangen. Aber das werde‘ich selbst tun’. Und 1927–zog er in den letzten Tagen des Oktobers als Anführer seiner ‘Ikhwan’los, , griff das Fort von Bisyaya an und zerstörte es, . Die irakische Garnison des Forts ließ er völlig unbeachtet. Über dem Ort tauchten britische Flugzeuge auf, begutachteten die Lage und kehrten zurück, — entgegen ihrer Gewohnheit, , ohne auch nur eine Bombe abzuwerfen. Es wäre für sie einfach gewesen, den Angriff abzuwehren. (Dieses Recht hatten sie dank ihres Vertrags mit Ibn Saud) und hätten später durch diplomatische Gespräche– das Problem der Forts lösen können. Die britisch-–irakische Regierung — war sie wirklich an einer schnellen und friedlichen Lösung des Konflikts interessiert?!

Eine Abordnung aus den Stämmen des nördlichen Nadschd kam zu Ibn Saud mit der Forderung, einen Feldzug gegen den Irak zu unternehmen. Ibn Saud wies alle derartigen Forderungen entschieden zurück, ad-–Dabisch zum Grenzverletzer erklärte und dem Emir von Hail befahl, die Grenzgebiete streng zu überwachen. Der König‘Emir’zu befehlen. Der König hatte den meisten Mitgliedern des ‘Ikhwan’s finanzielle Beihilfen gewährt; Unter ihnen stellte er nun vorübergehend die Beihilfen der Mitglieder der von ad-–Dabisch kontrollierten Stämme ein. Dem eigentlichen ad-–Dabisch wurde befohlen, in Artawiya auf die Entscheidung des Königs zu warten. Die irakische Regierung wurde über all diese Maßnahmen offiziell unterrichtet, und man teilte ihr mit, dass, ad-–Dabisch streng bestraft werden würde. Außerdem forderte Ibn Saud, dass, die Grenzabkommen mit dem Irak künftig noch strikter eingehalten werden müssten.

So hätte dieser neue Konflikt leicht beendet werden können, doch als die Ereignisse dieses Stadium erreicht hatten, teilte der britische Hochkommissar Ibn Saud mit, er werde ad-–Dabischs ‘Ikhwan’zu bestrafen (die längst in ihre eigenen Gebiete zurückgekehrt waren) und sie ihrem König gegenüber zur Loyalität zu zwingen, entsende er ein Flugzeuggeschwader. Zu jener Zeit gab es in Riad kein Telegrafenamt. Daher schickte König Ibn Saud eilig einen Boten nach Bahrain, und von dort wurde ein Telegramm nach Bagdad gesandt, mit Protest gegen die geplanten Maßnahmen und unter Hinweis auf den Vertrag, in dem beiden Seiten untersagt worden war, die Grenze zu überschreiten und Gesetzesbrecher zu verfolgen. Er betonte, ad-–Dabisch mit Gewalt seine Herrschaft aufzuzwingen, britische Hilfe benötige  er nicht, und schließlich warnte er–im Falle eines Luftangriffs auf das Gebiet Nadschds werde es unter den Ikhwan zu heftigen Reaktionen kommen; denn. die Mitglieder der Ikhwan seien bereits äußerst erregt und aufgebracht!

Diese Warnung wurde ignoriert. Ende Januar 1928, drei Monate nach dem Vorfall von Bisaya, überquerte ein Geschwader britischer Flugzeuge die Grenze, warf Bomben auf das Gebiet Nadschds, zerstörte die Siedlungen der Beduinen der Mutayebi und tötete Frauen–und Männer sowie Haustiere–wahllos. Infolgedessen begannen alle Ikhwan in der nördlichen Region, sich auf Vergeltung gegen den Irak vorzubereiten. Nur Ibn Sauds enormes Ansehen und seine Ehre unter den verschiedenen Stämmen bewirkten, dass dieser Feldzug rechtzeitig aufgehalten und auf einige kleinere–Grenzgefechte beschränkt wurde.

Inzwischen ließ die britische Regierung die zerstörte Festung von Bisaya heimlich wiederaufbauen, und im irakischen Grenzgebiet wurden weitere neue Festungen errichtet.

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Als Faisal ad-–Dabisch nach Riad gerufen wurde, weigerte er sich, nach Riad zu kommen, um die Rechtmäßigkeit seines Handelns zu beweisen–weil, seiner Meinung nach, das, was er  getan hatte, im Interesse des Königs getan hatte. Seine Verbitterung nahm noch zu – aus persönlichem Groll. Faisal ad-–Dabisch, der dem König so treu und vortrefflich gedient hatte,, war doch der von Artawiya ‘Emir’ – trotz seiner großen Bevölkerung im Grunde nicht mehr als ein aufstrebendes Dorf. Unter seiner Führung wurde der Sieg über Hail endgültig errungen. Doch nicht er,, sondern der Cousin des Königs, Ibn Musad, wurde zum Emir von Hail ernannt –‘Emir’।  Während des Feldzugs im Hedschas hatte ad-—Dabisch Medina monatelang belagert und schließlich zur Kapitulation gezwungen; doch er wurde nicht zu ihrem ‘Emir’ ernannt. Sein brennender Ehrgeiz nach Macht machte ihn unruhig. Er sagte sich, ‘Ibn Saud gehört zum Stamm der Anaza Kabira, und mein Stamm ist die Mutair-– Sippe, dem Adel nach sind wir einander ebenbürtig; warum sollte ich die Überlegenheit Ibn Sauds anerkennen?

Diese Art von Gedanken –und Argumenten ist seit jeher ein Fluch der arabischen Geschichte gewesen: Niemand wird anerkennen, dass , jemand anderer   ihm überlegen ist.

Einer nach dem anderen begannen die übrigen unzufriedenen Ikhwan-Führer zu vergessen, wie viel sie Ibn   Saud schuldeten. ! Zu ihnen gehörten der Scheich des mächtigen Stammes der Atayba und der Emir von Ghatghat, einer der größten Ikhwan-Siedlungen der Region Nadschd, Sultan ibn ‍Bujad. Dieser Sultan errang 1918 in der Schlacht von Taraba einen Sieg über die Truppen Scharif Husseins. 1924 eroberte er Taif und Mekka. Warum sollte er sich damit begnügen, lediglich   Emir von Ghatghat‘ zu sein’? Warum wurde er nicht wenigstens zum Emir von ? Taif ‘ernannt’? ? Wie Faisal ad-–Dabisch hatte auch er das Gefühl, , dass man ihn um das gebracht hatte, was ihm seiner Ansicht nach zustand. Und da Sultan ibn Bujad der Schwager von ad-–Dabisch war, , erschien es den beiden durchaus vernünftig, sich gegen Ibn Saud zu einigen und gemeinsam gegen ihn aufzutreten.

Im Herbst 1928 –wurden diese Streitigkeiten–und Auseinandersetzungen zur Beilegung in Riad eine Konferenz einberufen, zu der die Stammesführer und ‘„Ulama“’ –kamen; fast alle Stammesführer waren erschienen, außer Ibn Bujad und ad-–Dawish. Die in ihrer Opposition radikalen–und unnachgiebigen Ibn Bujad und ad-—Dawish erklärten, Ibn Saud sei ein Ketzer, und ein Abweichler von der überlieferten Religionslehre; denn hatte er nicht Verträge mit den Ungläubigen geschlossen? und hatte er nicht im Land der Araber solche satanischen Gerätschaften wie Motor-–wagen, Telefone, Rundfunkgeräte–und Flugzeuge eingeführt? In Riad ‘kamen die „Ulama“’ zusammen, Sie  erklärten einstimmig: Diese neuen technischen Geräte sind nicht nur der Genehmigung würdig, sondern auch aus religiöser Sicht höchst wünschenswert, denn, durch sie erweitert sich der Wissenshorizont der Muslime und ihre Fähigkeiten nehmen zu. Unter Berufung auf den Propheten des Islam erklärten sie ferner, dass Verträge mit nichtmuslimischen Mächten ebenso wünschenswert seien–wenn sie den Muslimen Frieden und Freiheit bringen.

Doch die beiden rebellischen Stammesführer setzten ihre Verunglimpfungen fort, und bei den einfältigen Ikhwan, die nicht genügend Wissen besaßen, um in den verschiedenen Maßnahmen Ibn Sauds etwas anderes als die Einflüsterung des Teufels zu erkennen,, fanden sie bereitwilligen Anklang. Dass Ibn Saud es zuvor nicht vermocht hatte, die Ikhwan’zu erziehen und ihren religiösen Eifer auf ein bestimmtes Ziel zu lenken, begann nun seine tragischen Folgen zu zeigen–

Najds Steppenregionen begannen wie ein Bienenstock zu summen. Geheimnisvolle Spione begannen, auf dem Rücken schnell dahineilender Kamelstuten von einem Stamm zum anderen zu eilen; An den entfernten Brunnen hielten die Stammesführer geheime Beratungen ab. Schließlich brach die Bewegung gegen den König in offenen Aufstand aus–und außer den Stämmen Mutair und Atayeb wurden noch viele weitere Stämme hineingezogen. Der König jedoch blieb unbeirrt, Er versuchte, alles mit Verständnis  zu begreifen. Er sandte Boten zu den Anführern der rebellischen Stämme–und versuchte, sie mit Argumenten zu überzeugen; Doch das hatte keinerlei Wirkung. Zentral- und Nordarabien wurden zum Schauplatz eines ausgedehnten Guerillakrieges. Die Sicherheit, die einst im Land beinahe sprichwörtlich gewesen war, verschwand, und in Nadschd breitete sich völlige ‍Unordnung aus; Gruppenweise zogen die rebellischen Ikhwan durch dieses Gebiet, griffen die Dörfer, Karawanen und Stämme an, die dem König treu ergeben waren,, und bewegten sich dabei wie ein Sturm in alle Richtungen.

Nach zahlreichen lokalen kleinen Zusammenstößen zwischen den rebellischen und den loyalen Stämmen,1929–wurde im Frühjahr auf der Sibila-Ebene im zentralen Nadschd in einer Schlacht die endgültige Entscheidung herbeigeführt. Auf der einen Seite stand der König mit seinem gewaltigen Heer, auf der anderen die Stämme Mutair  und Atayba, unterstützt von kleinen Abteilungen der Stämme. In dieser Schlacht siegte der König. Ibn Bujad ergab sich bedingungslos. In Ketten wurde er nach Riad gebracht–ad-–Dabisch wurde schwer verwundet. Es hieß, ad-–Dabisch werde nicht überleben. Ibn Saud, der sanftmütigste und mildeste unter den Königen Arabiens, schickte seinen persönlichen Arzt zu ihm, und der junge syrische Arzt stellte bei der Untersuchung eine schwere Verletzung der Leber fest. Er sagte,  ad-–Dabisch könne höchstens eine  Woche leben. Nachdem der König dies aus dem Mund des Arztes gehört hatte, beschloss er: Wir wollen, dass, sein Tod in Frieden erfolgt, Er hat seine gerechte Strafe von Allah erhalten. Er befahl, den verwundeten Feind zu seiner Familie nach Artawiya zu bringen.

Doch ad-–Dabischs Tod zeigte sich keineswegs an. Die Verletzung war bei Weitem nicht so schwer, wie der junge Arzt angenommen hatte. Innerhalb weniger Wochen war er weitgehend genesen und floh aus Artawiya, mit dem noch entschlosseneren Vorsatz, Rache zu nehmen, als je zuvor.

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 Von Artawiya aus verlieh die Revolte von al-–Dawisch neuen Auftrieb. Es hieß, er selbst halte sich irgendwo nahe der kuwaitischen Grenze auf,, von wo aus er unter den Stämmen neue Verbündete für seine eigene Mutair-Truppe gewinnt,, die noch immer beträchtliches Gewicht besitzt. Als Erste schloss sich ihm eine kleine, aber gefürchtete  Qaum ‘Ajman’–an, deren Siedlungen in der Nähe des Persischen Golfs  in der Provinz al-Hasa lagen. Ihr ‘Scheich’ Ibn Hadschlayen war der Onkel mütterlicherseits von Faisal al-–Dawisch. Abgesehen davon blieb das Einvernehmen zwischen Ibn Saud und der Qaum Ajman ungetrübt. Einige Jahre zuvor hatten sie Saad, den jüngeren Bruder des Königs, getötet, und aus Furcht, dass er Rache nehmen könnte,, verließen sie ihre Häuser und zogen nach Kuwait. Später vergab Ibn Saud ihnen und erlaubte ihnen die Rückkehr in ihre angestammte Heimat. Dennoch wuchs der alte Groll weiter. Er zeigte sich in offener Feindschaft,, aus Furcht davor verließen sie ihre–Häuser und zogen nach Kuwait. Später vergab Ibn Saud ihnen und erlaubte ihnen die Rückkehr in ihre angestammte Heimat. Dennoch wuchs der alte Groll weiter. Er zeigte sich in offener Feindschaft,, als während der Vergleichsverhandlungen ein Verwandter Ibn Sauds, der Emir von, al-–Hasa, im Zelt seines’ältesten Sohnes, wurden, der Anführer der Ajman und einige seiner Anhänger durch Verrat ermordet.

Das Bündnis zwischen den Stämmen der Ajman und der Mutair –entfachte unter den Atayba-Stämmen des Nadschd einen neuen Funken. Ihre ‘Emir’ Ibn Bujad gefangen genommen worden war, sammelten sie sich erneut unter der Führung eines neuen Anführers. Wieder erhoben sie sich gegen den König.  Deshalb zog er fast alle seine Truppen aus dem nördlichen Nadschd ab und versammelte sie im zentralen Nadschd. Es kam zu heftigen Kämpfen,, doch allmählich ging Ibn Saud als Sieger hervor. Er besiegte die verschiedenen Gruppen der Atayba eine nach der anderen,, doch schließlich schickten sie das Angebot,–sich zu ergeben. In einem Dorf auf halbem Weg zwischen Riad und Mekka ‘schworen die Scheichs’ dem König den Treueid, und der König verzieh ihnen, in der Hoffnung, dass, er danach gegen Ad-–Dabisch und alle übrigen Rebellen des Nordens jede–beliebige Maßnahme ergreifen konnte. Doch kaum war er nach Riad zurückgekehrt, brach der Stamm der Atayba zum zweiten Mal sein Versprechen und nahm den Kampf wieder auf. Dieser Krieg war der letzte, Kampf zur Auslöschung des Feindes. Zum dritten–Mal unterlagen die Atayba, und fast ein–Zehntel ihrer Leute kam dabei um. So wurde durch die vollständige Zerstörung der in Ghatghat gelegenen, an Größe Riad übertreffenden ‘Ikhwan-’Siedlung die Herrschaft des Königs im zentralen Nadschd wiederhergestellt.

Im nördlichen Gebiet dauerte der Kampf jedoch noch an. Faisal–ad-–Dawisch und seine Verbündeten hatten nahe Sarhad Gräben ausgehoben und sich verschanzt. Im Namen des Königs führte der Emir von Ha’il‘’Emir’Ibn Musad Angriff um Angriff gegen sie. Zweimal ging das Gerücht um,, ad-–Dawisch sei getötet worden, und jedes Mal erwies sich diese Nachricht als falsch. Er blieb am Leben; Ich werde den Kopf nicht senken,, ich werde keinen Kompromiss eingehen,, mit dieser Verbissenheit. Sein ältester Sohn und siebenhundert Krieger wurden auf dem Schlachtfeld getötet. Dennoch setzte er den Kampf fort. Da stellte sich die Frage:, Woher bekam ad-–Dawisch sein Geld–?,Es war selbst in einem Land wie Arabien unerlässlich, um den Krieg fortzusetzen. Woher kamen seine Waffen und seine Munition??

Es verbreitete sich dieser unbestätigte Bericht, dass, der–Rebell, der einst die verschiedenen Verträge Ibn Sauds mit den Ungläubigen scharf kritisiert hatte, nun ein geheimes Bündnis–mit den Briten eingegangen sei. Das Gerücht ging um:, Er reise häufig nach Kuwait: War das für ihn überhaupt möglich,, fragten die Leute,, ohne Wissen der britischen Behörden?? Oder war es nicht vielmehr möglich, dass, eine Rebellion im Land Ibn Sauds–und die Unordnung dort ihnen sehr gelegen kamen, um ihre Ziele zu erreichen.

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In Riad 1929–legte ich mich an einem Sommerabend am Morgen schlafen;Während ich, bevor ich einschlief, die Seiten eines alten Buches über die verschiedenen Falkenrassen Omans umblätterte und versuchte, mich abzulenken, kam Zayed ganz unerwartet in mein Zimmer: Ein Mann von den Scheichs ist hierhergekommen, und möchte Sie sprechen.

Ich zog mich hastig an und begab mich zur Festung. Ibn Saud erwartete mich in seinem privaten Gemach; Er saß auf einem Diwan, die Beine übereinandergeschlagen. Um ihn herum lagen arabische Zeitungen aufgestapelt, und in seiner Hand hielt er eine Zeitung aus Kairo. Er erwiderte meinen Gruß knapp und bedeutete mir, ohne seine Lektüre zu unterbrechen, neben ihm auf dem Diwan Platz zu nehmen. Nach einer Weile hob er den Blick von der Zeitung und blickte zur Tür  wo der Sklave stand, und deutete mit einer Handbewegung an–dass er eine Weile mit mir allein sein wolle. Als der Sklave beim Hinausgehen die Tür schloss, legte der König die Zeitung aus der Hand und betrachtete mich eine Weile durch seine glänzende Brille hindurch, als hätte er mich seit vielen Tagen nicht gesehen (obwohl ich erst an diesem Morgen einige Stunden mit ihm verbracht hatte)।

–‘Mit dem Schreiben beschäftigt!’

–‘Nein, langlebiger Sultan! Seit vielen Wochen habe ich nichts geschrieben.’

–‘Die Aufsätze, die du über unser Grenzproblem mit dem Irak geschrieben hast, waren ausgezeichnet.’

Offenbar fast zwei’Monate zuvor bezog er sich auf die aufeinanderfolgenden Berichte, die ich für meine kontinentale Nachrichtenagentur schrieb. Einige davon waren in einer Zeitung in Kairo abgedruckt worden, wo–ich, wie ich mit Stolz sagen darf,–diese Berichte zur Lösung einer äußerst schwierigen Lage beigetragen hatten. Da ich den König kannte, war ich sicher, dass, der König nicht planlos redete,, sondern einen bestimmten Gedanken ausführen würde. Tatsächlich setzte er seine Ausführungen fort.

–‘Vielleicht über das, was sich in Nadschd ereignet hat,, über diesen Aufstand und seinen segensreichen Einfluss,, möchtest du noch mehr schreiben.’Ein Anflug von etwas zeigte sich in seiner Stimme, als er sagte:, ‘Die Scharif-Familie hasst mich;; die Söhne Husseins, die jetzt im Irak  und in Trans-–jordanien herrschen,, werden mich immer hassen,, denn sie können nicht vergessen, dass ich ihnen den Hedschas entrissen habe. Sie wollen, dass mein Reich zerfällt und in Stücke zerbrochen wird,, denn nur dann könnten sie in den Hedschas zurückkehren.. . und ihre Freunde,, die nur so tun, als wären sie meine Freunde,, würden das vielleicht nicht missbilligen... . Sie haben diese Forts nicht ohne Grund errichtet: Sie ‘wollten’mich beunruhigen und von ihren Grenzen fernhalten.. .।

Hinter den von Ibn Sauds Stimme–ausgesprochenen Worten hörte ich verworrene geisterhafte Laute.. . das Rattern und Dröhnen eines Zuges, der zwar noch imaginär war, aber schon morgen leicht Wirklichkeit werden konnte  : das Phantom einer britischen Eisenbahnlinie von Haifa bis Basra.

Ein solcher Plan ist seit mehreren Jahren im Umlauf. Es ist weithin bekannt, dass, Großbritannien eifrig bemüht war,‘eine Landverbindung bis nach  Indien’zu errichten ––und die Mandate, die sie über Palästina, Trans–jordanien und den Irak hatten, bedeuteten im Grunde genau das. Eine Eisenbahnverbindung vom Mittelmeer  bis zum Persischen Golf wäre für das britische Kommunikationsnetz nicht nur eine neue und wertvolle Verbindung,, sondern würde auch einen besseren Schutz für die Ölleitung gewährleisten, die von Irak quer durch die syrische Wüste bis Haifa verlegt werden sollte.–Darüber hinaus, würde eine direkte Eisenbahnverbindung zwischen Haifa und Basra quer durch die genannten östlichen Provinzen Ibn Sauds verlaufen, würde eine Eisenbahnverbindung quer durch die genannten östlichen Provinzen Ibn Sauds verlaufen–und der König kann eine solche Andeutung keinesfalls hinnehmen. Ist es nicht möglich, dass, der Bau von Festung um Festung entlang der irakisch-–Nadschd-Grenze, unter offener Missachtung aller geltenden Abkommen, um in diesem Krisengebiet genügend Unruhe zu stiften, die erste Phase einer ‍wohlüberlegten Verschwörung war,, mit der sich die Berechtigung für die Errichtung eines‘kleinen halb unabhängigen Puffer-’–staates zugunsten einer Nachgiebigkeit gegenüber Großbritannien rechtfertigen ließe?? Faisal ad-–Dawish könnte diesem ‍Zweck dienlich sein,, und in dieser Hinsicht sogar mehr helfen als irgendein Mitglied der Scharif-Familie,;denn unter den Nadschdis und‘den Ikhwan’hat er  eine starke Gruppe von Anhängern. Doch jedem, der mit seiner Vergangenheit vertraut war, war sonnenklar, dass, jedem, der mit seiner Vergangenheit vertraut war,–sonnenklar war, dass, die ihm zugeschriebene–Übertreibung religiöser Gefühle, nur eine Maske war. In Wirklichkeit war Macht allein sein Ziel. Es besteht kein Zweifel, dass, es ihm allein, ohne Helfer, unmöglich gewesen wäre, so lange gegen Ibn Saud  standzuhalten. Ist er wirklich allein??

Nach längerem Schweigen fuhr der König wieder fort: Wie jeder andere frage auch ich mich, woher die Waffen und Munition, die sich in den Händen von, Ad-–Dabīsh offenbar befinden,, stammen., Ich habe erfahren, dass er all dies in großen Mengen besitzt–und auch eine große Menge Geld–Ich meine:, Ad-–Dabīsh an Waffen und Munition erhält,–weißt du etwas über ihre geheimnisvollen Quellen–aber ich will, dass, du, soweit du kannst,, selbst herausfindest,, denn ich kann mich auch irren.

Die Sache verhält sich also so:, Obwohl der König in einer sehr anspruchslosen, gleichgültigen und gesprächigen Art sprach,,sprach er doch jedes einzelne Wort ganz bewusst aus. Ich sah ihn mit einem scharfen, prüfenden Blick an. Sein Gesicht, das noch einen Augenblick zuvor so ernst gewesen war,–erstrahlte nun in einem großzügigen Lächeln. Er legte seine Hand auf meine und schüttelte sie, während er sagte:,‘Mein Junge,, ich möchte, dass du selbst herausfindest,–ich sage es noch einmal:, Finde selbst heraus, woher Ad-Dabish seine Gewehre bekommt,, seine Munition–und sein Geld,, die er so freigiebig verteilt, und ausgibt!! Meiner Ansicht nach , besteht in dieser Hinsicht so gut wie kein Zweifel. Aber ich möchte, dass jemand wie du,, der nicht unmittelbar beteiligt ist,, der Welt von Ad-, Dabish berichtet–und ihr die verborgene Wahrheit hinter seiner Rebellion enthüllt.. . Ich glaube, du wirst die eigentliche Sache aufdecken können.’

Ibn Saud wusste, was er zu tun beabsichtigte und, welche Bedeutung es hatte. Er hat schon –immer gewusst  dass ich ihn liebe, obwohl ich in Bezug auf seine Politik häufig anderer Meinung bin als er und meinen Widerspruch niemals verberge. Dennoch hat er nie sein Vertrauen in mich verloren; und nimmt meinen Rat häufig an. Ich glaube,, dass er mir umso mehr vertraut, weil ich von ihm keinen persönlichen Vorteil erwarte,, das weiß er nur zu gut; Er ist sich sehr bewusst, dass, ich nicht einmal eine Stelle in seiner Regierung annehmen werde,– weil ich frei und unabhängig bleiben möchte. Deshalb, im Sommer 1929,–äußerte er an jenem denkwürdigen Abend ruhig seinen Wunsch, dass ich mich aufmachen sollte, um das hinter dem Aufstand der ‘Ikhwan’liegende politische Verschwörungs-–netz aufzudecken. Dies war eine Aufgabe, die eine große persönliche Gefahr in sich barg und nur unter Aufbietung letzter Kräfte erfüllt werden konnte.

Doch ‘der Scheich’war von meiner Reaktion nicht enttäuscht. Abgesehen davon, dass ich ihn und sein Land liebe,,erschien mir die Aufgabe, mit der er mich betraute,, voller Möglichkeiten für ein äußerst aufregendes Abenteuer ––ganz zu schweigen von der Aussicht auf eine–sensationelle journalistische Reportage.

–‘O langlebiger Mann’, ich  antworte ohne zu zögern, ‘meine Augen, mein Haupt steht Ihrem Befehl zu Diensten. Gewiss werde ich tun, was ich kann!!

–‘Daran habe ich keinerlei Zweifel, Muhammad; und ich möchte, dass, du diese deine Mission geheim hältst. Sie könnte Gefahren bergen. Nun, wie steht es um deine Frau??’

Meine Frau ist ein Mädchen aus Riad, das ich im Vorjahr geheiratet hatte. Ich konnte dem König diesbezüglich versichern:

‘Sie wird nicht weinen, o Imam; Noch heute hatte ich vor, mich von ihr scheiden zu lassen. Wir scheinen nicht zueinander zu passen.’

Ibn Saud lächelt wissend, denn die Scheidung von einer Ehefrau ist ihm nicht unbekannt.

–‘Aber was ist mit den anderen, deinen Verwandten–deiner Sippe??

–‘Ich glaube, es gibt niemanden, der um mich trauern würde, falls mir etwas zustößt; nur bei Zaid ist es anders–er würde unter allen Umständen bei mir bleiben, und was immer mir geschieht, würde auch Zaid geschehen.’

–‘Gut so’, sagte der König, ‘Ach,ich vergesse am Ende noch: Für diese Arbeit wirst du etwas Geld–brauchen,’und hinter sich, unter dem Kissen hervor, holte er einen Beutel heraus und drückte ihn mir in die Hand, An seinem Gewicht erkannte ich sofort, dass der Beutel mit Goldmünzen gefüllt war. Ich erinnere mich, ich dachte bei mir: Wie sicher er doch war, dass ich diesen seinen Auftrag annehmen würde, noch bevor er mich dazu befragt hatte... .

.. .               .. .              .. .              .. .

Nachdem ich in mein Quartier zurückgekehrt war, rief ich Zaid. Zaid hatte auf meine Rückkehr gewartet.

–‘Nun, Zaid,, wenn ich dich bitten würde, mich bei einer Unternehmung zu begleiten, die sich letztlich als gefährlich erweisen könnte,, würdest du mit mir gehen??’

‘Zaid antwortete:, Onkel, meinen Sie etwa,, ich würde Sie allein gehen lassen,, ganz gleich, welche Gefahr es auch–sein mag?? Doch wohin gehen wir??’

–‘Wir gehen, um–herauszufinden, woher ad-Dabisch seine Waffen und sein Geld bekommt,, doch was wir auf Befehl des Königs tun,, darf niemand erfahren, solange es nicht abgeschlossen ist;, du musst also vorsichtig sein.’

Zaid unternahm nicht einmal den Versuch, mir Mut zu machen. Stattdessen warf er die praktischere Frage auf: ‘In dieser Angelegenheit können wir ad-Dabisch–oder seine Leute gewiss nicht befragen. Wie sollen wir dann bei dieser Sache vorgehen??

Auf dem Rückweg von der Festung dachte auch ich immer wieder über das Problem nach. Ich kam zu dem Schluss,, dass es am sinnvollsten wäre, in einer der Städte des mittleren Nadschd zu beginnen, in denen es viele Kaufleute und Händler gab,, die enge Beziehungen zum Irak und zu Kuwait unterhielten. Schließlich wählte ich die Stadt Schakra,, die Hauptstadt der Provinz Washm,, etwa drei Tagesreisen von Riad entfernt,, wo mir vielleicht mein Freund Abd ar-Rahman as-Sibai helfen konnte.

Am folgenden Tag waren wir mit den Vorbereitungen für unsere Reise beschäftigt. Ich wollte nicht, dass die Leute unseren Bewegungen allzu viel Aufmerksamkeit schenkten. Deshalb warnte ich Zaid, wie es unserer üblichen Gepflogenheit entsprach,, keine Vorräte aus den Lagerräumen des Königs zu nehmen und auf dem Markt  alles Nötige einzukaufen. Noch vor Abend hatte er fast zehn Seer Reis besorgt, sowie die gleiche Menge Mehl zum Brotbacken,, ein kleines Ledersäckchen voller Butterschmalz,, Datteln,, Kaffeebohnen und Salz. Außerdem kaufte er zwei neue Wasserschläuche,, einen ledernen Eimer und einen langen, aus Ziegen-–haar gefertigten Schöpfsack, der bis auf den Grund sehr tiefer Brunnen reichte. In den Sack stopften wir unsere beiden’Personen  jeweils zwei’Garnituren Kleidung und beide zogen wir schwere ‘Abayas’, an, die in kalten Nächten zusammen mit den auf dem Sattel liegenden, Decken als Bedeckung dienen würden. Unsere Kamelstuten hatten mehrere Wochen auf der Weide verbracht und waren für das Reiten sehr geeignet geworden.  Das Kamel, das ich Zaid vor Kurzem gegeben hatte, war ein Rennkamel aus Oman,, das sich mit sehr hoher Geschwindigkeit bewegte,, während ich eine schöne ältere Kamelstute aus dem nördlichen Asir bestieg,, deren einstiger Besitzer ein Rashidi-‘Emir von Hail gewesen war’. Sie wurde mir von Ibn Saud geschenkt.

Nach Einbruch der Nacht ritten wir von Riad los. Gegen Morgen erreichten wir Wadi Hanifa,, ein tiefes, ödes Flussbett zwischen zwei steilen Bergen,, wo vor mehr als vierzehn’hundert Jahren ein entscheidender Kampf stattgefunden hatte ––zwischen dem muslimischen Heer von Abu Bakr, dem Nachfolger des Propheten und ersten Kalifen des Islam, und dem Heer‘des „falschen Propheten“’, Musailamas, eines erbitterten Gegners der Muslime seit vielen Jahren. Dieser Kampf leitete den endgültigen Sieg des Islam in Zentralarabien ein. Viele der wahren Gefährten des Gesandten Allahs fanden in dieser Schlacht den Märtyrertod;; ‘an den felsigen Hängen des Wadis’sind ihre Gräber noch heute zu sehen.

Vor Mittag durchquerten wir die zerstörte Stadt ʿUyayna;Einst war diese Stadt eine große, dicht bevölkerte Siedlung, die sich an beiden Ufern des Wadi Hanifa erstreckte. Reihen von Mauern, der wacklige Bogen einer Moschee, oder die Ruinen der einst hier stehenden gewaltigen Paläste. All dies zeugt von einer weitaus kunstvolleren Architektur als die schlichten Lehmgebäude–des heutigen Nadschd. Man sagt, hundertfünfzig’bis zweihundert’Jahre zuvor habe sich von Darʿiyya aus (der ersten Hauptstadt der Ibn-Saud-Dynastie) bis nach ʿUyayna, über eine Strecke von etwa fünfzehn Meilen, entlang des gesamten Verlaufs des Wadi Hanifa eine einzige Stadt erstreckt, und wenn dem‘Emir  von Darʿiyya ein Sohn geboren wurde, sei die Nachricht innerhalb weniger Minuten bis ans Ende von ʿUyayna von Dach zu Dach weitergetragen worden, von den Frauen von Mund  zu Mund. Die Geschichte vom Niedergang ʿUyaynas ist derart von Legenden überwuchert, dass, es wirklich schwierig ist, die historischen Tatsachen herauszufinden. Sehr wahrscheinlich, ließ der erste saudische Herrscher die Stadt zerstören, weil ihre Bewohner sich weigerten, die Lehren und Auslegungen Muhammad ibn Abd al-Wahhabs anzunehmen. Doch die wahhabitische Legende erzählt es anders. Ihrer Auffassung nach trockneten als Zeichen von Allahs Zorn sämtliche Brunnen Arabiens  innerhalb einer einzigen Nacht aus, sodass ihre Bewohner gezwungen waren, die Stadt zu verlassen.

Am Mittag des dritten Tages erblickten wir die Lehmwände, die Festung und die hohen Palm-–bäume,, die über den–Häusern emporragten. Wir trieben unsere Kamele weiter durch die leeren Gärten und die leeren Straßen, und erst da kam uns plötzlich der Gedanke:, Heute ist ja Freitag,, sicher sind alle in die Moschee gegangen. Von Zeit zu Zeit begegnete uns eine Frau,, von Kopf bis Fuß in eine schwarze ‘Abaya’ gehüllt ‍,’die beim Anblick der Fremden erschrak und in einer schnellen, schüchternen Geste den Niqab über ihr Gesicht zog. Hin und wieder spielten Kinder im Schatten der Häuser,, über den Wipfeln der Dattelpalmen  lastete eine drückende Hitze.

Wir gelangten geradewegs zum Haus unseres lieben Freundes Abdur Rahman as-Sibai. Damals war er für das‘Bayt al-Mal’ oder Schatzamt der Provinz zuständig. Vor dem offenen Tor stiegen wir von unseren Reittieren, und aus dem Haus kam ein Dienerjunge gelaufen,, während Zaid sogleich verkündete:, ‘„Die Gäste sind da.“’।

Zaid und Schelechi laden im Hof vom Rücken der Reittiere die Sättel und das Gepäck ab, und ich sitze in Abd ar-Rahmans ‘Kaffeehaus’ bequem wie zu Hause. Ein anderer Diener entzündete unverzüglich das Feuer unter dem Messinggefäß, das auf dem Kaffeekocher stand. Kaum hatte ich den ersten Löffel Kaffee geschluckt, da waren Stimmen aus dem Hof zu hören, Fragen und Antworten. Der Hausherr war zurückgekehrt. Von der Treppe aus–war er noch nicht zu sehen–rief er mir seinen Willkom–mensgruß zu, Dann trat er an den Türrahmen und stand dort mit beiden’Armen ausgestreckt: ein kleiner–gewachsener, zart gebauter, leicht–gebauter Mann, mit hellbraunem Bart und einem Paar dunkler, tief liegender, schelmisch funkelnder Augen, und einem von einem sanften Lächeln–erhellten Gesicht; Trotz der Hitze trug er unter seiner ‘Abaya’einen pelzgefütterten Ledermantel, den er für seinen wertvollsten Besitz hielt. Denen, die seine Geschichte nicht kannten, wurde er nicht müde zu erzählen, dass dieser Mantel dem ehemaligen König des Hedschas, Scharif Hussein, gehört hatte und nach der Eroberung Mekkas im Jahr 1924 in seinen Besitz gelangt war, – das heißt in den Besitz Abd ar-Rahmans. Ich kann mich nicht erinnern, ihn je ohne diesen Mantel gesehen zu haben.

Er umarmte mich herzlich und stellte sich auf die Zehenspitzen, um mich auf beide’Wangen zu küssen:‘Ahlan wa sahlan wa marhaban, mein Bruder. In dieser bescheidenen Behausung  heiße ich Sie herzlich willkommen. Dieser glückliche Augenblick, hat Sie hierhergeführt.

Dann begann das übliche Verhör: Woher sind Sie gekommen, wohin werden Sie gehen, wie geht es dem König, hat es unterwegs geregnet oder zumindest, haben Sie vom Regen  ‍gehört??-– die vollständige Wiederholung des–gesamten arabischen Brauchs des Nachrichtenaustauschs!! Ich sagte ihm,, mein Ziel sei Anaiza im mittleren Nadschd, obwohl diese Aussage nicht ganz der Wahrheit entsprach, – sie hätte’jedoch auch wahr sein können.

In früheren Jahren hatte Abd ar-Rahman zwischen Nadschd und Irak allerlei Handelsgeschäfte betrieben;; er kannte die Pulsader von Basra und Kuwait–und wusste über ihre kleinsten Einzelheiten Bescheid. Ihn zum Reden über diese Orte zu ermuntern und ihn beiläufig nach den Leuten zu fragen, die sich in letzter Zeit dort niedergelassen haben könnten,   war überhaupt keine schwierige Aufgabe-(denn ich hatte den Eindruck,, dass Faisal ad-–Dawish sich so nahe an der kuwaitischen Grenze aufhielt. Daher könnte sich vielleicht ein Hinweis darauf ergeben, woher er seine Versorgung bezog–aus dieser Gegend oder aus Basra–.)Ich erfuhr,, dass ein Angehöriger der berühmten–Familie al-Bassam aus Unaiza,–den ich seit vielen Jahren kannte,–kürzlich auf seiner Rückreise aus Basra nach Kuwait gereist war und, statt sich der Gefahr einer Reise durch das von Rebellen beherrschte–Gebiet auszusetzen, über Bahrain nach Nadschd zurückgekehrt war. Gegenwärtig hielt er sich in Schakra auf, und wenn ich wollte, würde Abd ar-Rahman jemanden schicken, um ihn zu holen. Denn nach altem arabischem Brauch, muss man dem neu eingetroffenen Gast selbst einen Besuch abstatten,, nicht der Gast den Besuch machen. Kurz darauf schloss sich uns in Abd ar-Rahmans‘Kaffeehaus an–Abdullah al-–Bassam.

Obwohl Abdallah aus der vielleicht angesehensten Händlerfamilie Nadschds stammte,, war er selbst nicht reich. Sein ganzes ‘Leben war eine Geschichte von Aufstieg und Fall, größtenteils jedoch vom Fall geprägt ––nicht nur in Nadschd, , sondern auch in Kairo , , Basra, , Kuwait, , Bahrain und Bombay hatte er diese Erfahrung gemacht. Jeden der dortigen einflussreichen Männer kannte er, und er trug einen Schatz an Informationen über alles, was sich in den arabischen Ländern ereignete, , in seinem klugen Verstand. Ich sagte ihm:, ein deutsches Handelsunternehmen–habe mich gebeten, zu prüfen,, ob sich landwirtschaftliche Maschinen nach Kuwait und Basra importieren ließen,, und da diese Firma mir eine recht großzügige Provision zahlen wollte, war ich eifrig bemüht herauszufinden, welche örtlichen Händler in diesen beiden Städten einen solchen Vorschlag annehmen könnten. Al –Bassam  nannte einige Namen und sagte-,

–‘Ich glaube,, jemand aus Kuwait könnte an Ihrem Projekt interessiert sein. Sie importieren ständig ausländische Waren–und heutzutage scheint das Geschäft äußerst lebhaft zu sein–so lebhaft, dass, fast jeden Tag große Mengen an Silber-‘Rial’eintreffen  – direkt aus der Münzprägestätte in Triest.’

Die Erwähnung des Silber-‘Riyal’s  erschüttert mich zutiefst. Diese besondere Art von ‘Riyal,’, die den Namen ‘Maria-Theresien-Taler– trug, galt neben den offiziellen Währungen Arabiens, als die wichtigste Handelswährung der gesamten Halbinsel. Sie wurde in Triest hergestellt und mit einem geringen Aufschlag auf ihren Silberwert für die Prägekosten an verschiedene Regierungen sowie auch an einige bekannte Händler verkauft– die unter den Beduinen umfangreichen– Handel betrieben,, denn die Beduinen akzeptierten kein Papiergeld,, sondern nur Gold- und Silbermünzen,, wobei sie unter diesen die Münze namens Maria-Theresien-Taler bevorzugten. Die umfangreiche Einfuhr dieser Münzen durch kuwaitische Händler ließ darauf schließen, dass er mit den Beduinen ein florierendes Handelsgeschäft betrieb.

–‘Warum,,’ fragte ich Al-–Bassam,, importieren die kuwaitischen Kaufleute gerade jetzt ‘Riyal’??’

–‘Ich weiß es nicht’Bassam antwortet. In seiner Stimme liegt ein Anflug von Ratlosigkeit, –‘Sie sagen, sie kaufen bei den Beduinen in der Umgebung von Kuwait Kamele, um sie in den Irak zu bringen und dort als Fleisch zu verkaufen. Angeblich sind die Preise im Irak heutzutage sehr hoch–obwohl mir nicht ganz verständlich ist, wie sie in diesen schweren Zeiten in den Steppengebieten um Kuwait überhaupt Kamele erwarten können? .. .‘Ich glaube eher’, fügt er  mit einem Lächeln hinzu, ‘dass es weitaus gewinnbringender wäre, im Irak Reitkamele zu kaufen und sie an ad-–Dabisch und seine Leute zu verkaufen. Doch, das Problem ist, dass sie nicht das nötige Geld–aufbringen können, um sie zu bezahlen, ad-–Dabisch.. .’

–‘Nicht können, wirklich?

Bevor ich in jener Nacht in dem Zimmer schlafen ging, das unser Gastgeber für uns vorbereitet hatte, nahm ich Zaid beiseite und sagte:

‘–Wir reisen nach Kuwait.

–‘Das wird überhaupt nicht leicht sein, Onkel– antwortet Zaid; doch das Aufblitzen seiner Augen verriet noch deutlicher als seine Worte, dass er zu einer solchen Unternehmung bereit war, die nicht nur schwierig, sondern geradezu lebensgefährlich war! Natürlich wäre die Reise durch die Gebiete unter der Herrschaft der dem König treuen Truppen und verschiedenen Stämme ein Kinderspiel. Doch bevor wir die Grenze Kuwaits erreichen, müssen wir mindestens etwa ein’hundert Meilen zurücklegen, völlig auf uns selbst angewiesen,’im,Feindesgebiet,, durch das die Angehörigen der rebellischen Stämme der Mutair und der Ajman unaufhörlich ziehen. Natürlich hätten wir auf dem Seeweg über Bahrain nach Kuwait gelangen können, doch dafür hätten wir von den britischen Behörden eine Genehmigung benötigt. Dadurch wären unsere Bewegungen den allzu neugierigen und wachsamen Augen verraten worden. Auch bei einer Reise über Al-Dschauf und die syrische Wüste in den Irak und von dort weiter nach Kuwait würde derselbe Einwand gelten, denn es wäre aussichtslos, sich durch die zahlreichen Kontrollposten im Irak hindurchzuschleichen. Somit blieb uns kein anderer Weg als der direkte Landweg nach Kuwait. Wie man sich hineinschleichen und in die Stadt selbst gelangen  könnte,, war eine Frage, auf die es in diesem Augenblick keine einfache Antwort gab; also überließen wir sie der Zukunft,, vertrauten auf unser Glück und hofften auf ungeahnte Gelegenheiten und Möglichkeiten.

Abd ar-Rahman as-–Siba’i bat darum, dass ich einige Tage bei ihm bliebe. Als ich jedoch dringende Geschäfte als Entschuldigung anführte,, ließ er uns am nächsten Morgen ziehen;; zu der Ration, die wir bei uns hatten, gab er uns eine große Menge getrocknetes Kamelfleisch. Eine schmackhafte Ergänzung zu der eintönigen Nahrung, die uns in den kommenden Tagen erwartete. Nachdrücklich bat er mich,, ihn auf dem Rückweg zu besuchen, worauf ich nur sagen konnte: Inschallah,  , so Allah will.

Von Schakra aus reisten wir vier Tage lang in nord–östlicher Richtung, ohne etwas Ungewöhnliches–anzutreffen. Einmal waren wir gezwungen, auf Anweisung der loyalen Beduinen der Awazim anzuhalten,; die zu Ibn Musas Armee gehörten. Doch mein offener Brief vom König beruhigte sie augenblicklich, und nachdem wir wie üblich Nachrichten über die Wüste ausgetauscht hatten,–setzten wir unseren Weg wieder fort.

Noch vor Sonnenaufgang am fünften Tag erreichten wir ein Gebiet, über das sich Ibn Sauds Hand nicht mehr erstreckte. Von nun an kam eine Reise bei Tag überhaupt nicht mehr infrage;; unsere einzige Sicherheit lag darin, uns im Dunkeln und heimlich voranzubewegen.

Wadi ar-–Rumma schlugen wir unser Lager in einer günstigen Schlucht auf, nicht weit vom Hauptlauf des gewaltigen Wadi ar-Rumma entfernt. Das Wadi ar-Rumma ist ein uraltes trockenes Flussbett,, das durch Nordarabien bis zur Spitze des Persischen Golfs verläuft. Über der Schlucht hing dichtes ‘ʿArfaj-’gestrüpp, das uns als Deckung dienen würde,, solange wir dicht am nahezu senkrechten Ufer blieben. Wir banden unsere Kamele fest an und gaben ihnen grobes Gerstenmehl, mit Dattelsteinen vermischt,; und ersparten uns so die Notwendigkeit, sie auf ihrer eigenen Weide grasen zu lassen. Danach saßen wir still da und warteten auf die Nacht. Ein Feuer zu entzünden, wagten wir nicht,–denn selbst am Tag hätte sein Rauch unseren verborgenen Aufenthaltsort verraten können. So mussten wir uns mit Datteln und Wasser begnügen.

Wie gründlich und umsichtig unsere Vorsicht gewesen war, wurde gegen Ende des Nachmittags deutlich,, als plötzlich der Gesang eines Beduinen-–Kamelreiters an unser Ohr drang. Hastig nahmen wir die Zügel der Kamele auf, damit sie nicht laut schnaubten. Dann stellten wir uns mit Gewehren in den Händen dicht an den wallartigen Hang der Schlucht,  den Rücken gegen ihn gepresst.

Die unbekannten  Kamelreiter kommen immer näher, und der Ton ihres Gesangs wird immer kräftiger; Wir konnten bereits deutlich die folgenden Worte verstehen:  ‘La ilaha illallah –  La ilaha illallah’ –Kein Gott außer Allah, Kein Gott außer Allah. Dies ist ‘unkultivierten’Beduinen  weltlicheren Weidegesangs–den die Ikhwan anstelle dessen–als natürlichen Gesang übernommen haben. Es besteht kein Zweifel, dass, sie ‘Ikhwan’, sind, und in dieser Gegend bedeutet Ikhwan ausschließlich feindselige Ikhwan. Kurz darauf erschienen gerade über dem Rand der Schlucht auf dem Gipfel eines Hügels acht –bis zehn Reiter in einer Gruppe, Sie bewegten sich langsam in einer einzigen Reihe vorwärts–deutlich vor dem Hintergrund des Abendhimmels. Jeder trug auf dem Kopf eine rot-weiß karierte ‘Kufiya’und darüber ‘den Ikhwan-’weißen Turban , zwei quer über der Brust verlaufende Patronengurte, und hinter ihnen war am Sattelknauf ein Gewehr festgebunden: Eine ernste, furchterregende Prozession von Kamelreitern zog dahin, die sich einmal nach vorn beugten und dann nach hinten zurücksanken. So schwankten sie vor und zurück–und bewegten sich im Takt des Gangs der Kamelstuten und im Einklang mit den großen, aber gegenwärtig–missbrauchten’Worte ‘„La ilaha illallah“’folgend. Die Szene war äußerst feierlich und zugleich auch traurig. Es waren Menschen, für die die Religion offensichtlich weit mehr wert war als alles andere im Leben. Sie glaubten, für die Reinheit der Religion und die größere Herrlichkeit Allahs Dschihad zu führen, doch sie wussten nicht, dass, ihr Eifer, ihre Begeisterung und ihre Sehnsüchte dazu eingesetzt wurden, die Kamelbesessenheit eines gewissenlosen Führers zu befriedigen, dessen Ziel die persönliche Macht war.. .

Von unserer Seite aus gesehen befanden sie sich am südlichen Rand der Schlucht. Denn hätten sie den Weg auf der gegenüberliegenden Seite genommen, hätten sie uns ganz deutlich sehen können, so wie wir sie jetzt von unterhalb des über uns herabhängenden–als Deckung dienenden Gebüschs sehen können. Als sie, während sie ihre religiöse–Musik summten, unserem Blick am Berghang entschwanden, atmeten wir erleichtert auf.

–‘Sie sind wie Dschinn,’, flüsterte Zayed, ‘, ja, wie Dschinn–die nichts von den Freuden des Lebens wissen, und keine Todesfurcht kennen.. . Sie sind mutig, , ihr Iman ist unerschütterlich, , niemand  kann das leugnen. Doch sie träumen nur von Mord, , Tod und dem Paradies.. .

und gewissermaßen im Gegensatz zur‘melancholischen Strenggläubigkeit der Ikhwan’beginnt er, gewissermaßen‘mit leiser Stimme’gedankenverloren  ein sehr weltliches syrisches Liebeslied zu singen– ‘O du goldblonde, braunhäutige, schlanke Jungfrau ….. .

Sobald es ziemlich dunkel geworden ist, setzen wir unsere geheime Reise, in Richtung des fernen Kuwait fort.

–‘Sehen Sie, sehen Sie, Onkel,’ruft Zaid plötzlich aus, ‘Feuer!!

Dieses Feuer ist viel zu klein für ein Beduinenzelt! Vielleicht ist dort ein einsamer Hirte, aber welcher Hirte hätte den Mut, hier ein Feuer anzuzünden, wenn er nicht zu den Aufständischen gehört? Was mag also vor sich gehen, Das sollten wir herausfinden, dachte ich. Wenn dort nur ein einziger Mann ist, können wir ihn leicht überwältigen und vielleicht wertvolle Informationen über die Bewegungen des Feindes  in dieser Gegend zusammentragen.

Der Boden hier ist sandig, und während wir vorsichtig auf das Feuer zugehen, geben die Füße unserer Kamele keinen Laut von sich. Im Schein des Feuers zeichnete sich nun deutlich die Gestalt des einsamen–Beduinen ab, der auf den Knien saß. Es schien, als spähte er aus der Dunkelheit zu uns herüber, und dann, erhob er sich, offenbar zufrieden mit dem, was er gesehen hatte, ganz langsam, und legte die Arme quer über die Brust, vielleicht, um zu zeigen, dass er unbewaffnet war, und wartete ruhig , ohne die geringste Furcht zu zeigen, auf unser Herankommen.

–‘Wer ‍ bist du??’ fragt Zayed scharf,, den in zerrissene, geflickte– Kleidung– gekleideten   Fremden mit erhobenem Gewehr bedrohend,’ hält er es auf ihn gerichtet.

Der Beduine lächelt ruhig und leicht und sagt mit tiefer, bedeutungsvoller Stimme:, ‘ Ich bin ein Sulubbi ….. .।

Der Grund für seine Ruhe wurde nun klar. Er war Angehöriger jenes merkwürdigen, nomadenähnlichen –Stammes ( (oder, genauer gesagt,, einer Gruppe von Stämmen),) der an den beinahe endlosen Kriegen– und Fehden der Beduinen nie teilgenommen hatte;; Sie sind niemandes Feinde,, niemand greift sie an.

Der Stamm der Sulubba ((im Singular Sulubbi)) ist für die Forscher noch immer ein völlig undurchschaubares Rätsel. Niemand weiß etwas über ihre Herkunft. Dass sie keine Araber sind, steht fest; Wenn man ihre von der Sonne gebräunte Haut betrachtet, könnte man hinsichtlich ihrer Herkunft meinen, ihre blauen Augen und ihr hellbraunes Haar geben jedoch einen anderen Hinweis und tragen die Erinnerung an noch nördlichere Gegenden in sich. Die alten arabischen Historiker sagen, Sie seien Nachkommen jener Kreuzfahrer, die Saladin gefangen genommen und nach Arabien gebracht habe. Dort seien sie später Muslime geworden. Und tatsächlich , der Name Sulubba und ‘das Wort „Salīb“’ haben dieselbe Wurzel, nämlich ‘„Kreuz“’, und ‘„Sulubbi“’ bedeutet ‘„Kreuzfahrer“’. Es ist schwer zu sagen, ob diese Erklärung richtig ist. Wie– dem auch sei, Die Beduinen halten die Sulubba für–Nichtaraber– und behandeln sie mit einer gewissen großzügigen Verachtung. Diese Verachtung, die ganz offensichtlich dem menschlichen Gleichheitsgefühl direkt widerspricht, erklären sie damit, dass, diese Menschen, so betonen die Beduinen,, in religiöser Hinsicht eigentlich keine Muslime sind, und nicht wie Muslime leben. Sie sagen, Die Sulubba heiraten nicht. Sie seien an‘hemmungslosem Geschlechtsverkehr wie Hunde gewöhnt’;ja sogar, dabei nähmen sie nicht einmal nahe–Blutsverwandtschaften ernst. Außerdem äßen sie Aas, was nach Ansicht der Muslime unrein ist, und schmutzig. Nach dem Geschehenen könnte dies auch der Versuch sein, dessen  Vernünftigkeit zu rechtfertigen. Mir scheint vielmehr, dass das Bewusstsein der Beduinen von der ethnischen Fremdheit der Sulubba äußerst sippen–bewusst, die Beduinen dazu zwingt, einen magischen Kreis der Verachtung um sie zu ziehen, und dies ist eine angeborene Abwehr der Beduinen gegen die Vermischung ihres Blutes–mit dem Blut anderer Völker, die im Falle der Sulubba gewiss  sehr verlockend war; denn, sie sind beinahe ausnahmslos ein schönes Volk, größer gewachsen als alle anderen Araber, und ihre Glieder sind von bemerkenswerter Ebenmäßigkeit; besonders, ihre Frauen sind von außerordentlicher Anmut, und bezaubern durch körperliche Schönheit und die Anmut ihrer Bewegungen.

Doch aus welchem Grund auch immer,, gerade die Geringschätzung der Beduinen gegenüber den Sulubba hat ihnen Sicherheit verschafft,; denn , wer auch immer sie–angreift, oder wer ihnen auch immer Schaden zufügt,, der–gilt in den Augen der Angehörigen seines Stammes als jemand, der sein Ansehen–und seine Ehre verloren hat. Darüber hinaus, genießen die Sulubba bei allen Wüstenbewohnern hohes Ansehen–als Tierärzte,, als Sattelhersteller,, als Zinngießer und Schmiede. Obwohl die Beduinen selbst das Handwerk–und handwerkliche Arbeit zutiefst verachten, brauchen auch sie diese Dinge,; und um ihnen bei diesem Bedarf zu helfen, gibt es die Sulubba. Außerdem sind sie auch als Viehhirten geschickt,, und vor allem, sind sie zweifellos Meister der Jagd. Ihre Fähigkeit, Wegzeichen zu erkennen, grenzt beinahe an eine Legende,;und auf diesem Gebiet sind die einzigen, die ihnen gleichkommen, die al-–Murra-Beduinen, die am Rand des nördlichen Teils desEmpty Quarterwohnen.

Als wir erfuhren, dass unser neuer Bekannter ein Sulubbi war, waren wir erleichtert. Ich sagte ihm offen, dass, wir zu Ibn Sauds Leuten gehörten. Wir baten ihn, sein Feuer zu löschen. Diese Art, uns zu erkennen zu geben, war ziemlich sicher. Denn diese Leute betrachten ihre Vorgesetzten mit großem Respekt. Danach setzten wir uns auf den Boden und begannen ein langes Gespräch.

Ad-–Dabishs Truppenaufstellung konnte er nicht viel sagen. „‘Denn’, “, sagte er, „, ‘sie sind ständig unterwegs, immer in Bewegung wie Dschinn, und bleiben nie lange an einem Ort.’Immerhin ließ sich feststellen, dass sich genau in diesem Augenblick in unserer unmittelbaren Nähe kein feindliches Ikhwan-–lager größeren Ausmaßes befand,, obwohl ständig kleine Gruppen die Wüste in verschiedene Richtungen durchquerten. Plötzlich kam mir ein Gedanke: Könnten wir nicht die angeborene Fähigkeit des Sulubbi zur Jagd und zur Orientierung nutzen, damit er uns den Weg nach Kuwait zeigt??

–‘Bist du jemals nach Kuwait gereist??’ fragte ich ihn. Der Sulubbi lachte– ‘Viele Male. Dort habe ich Hirschfelle verkauft und Butter  und Kamelhaar gereinigt. Warum,, ich bin doch erst vor zehn Tagen von dort zurückgekehrt.’

–‘Dann kannst du uns also den Weg nach Kuwait zeigen und uns führen?? –Das heißt, du kannst uns so führen, dass wir unterwegs ‘den Ikhwan’umgehen und Kuwait erreichen können.

Sulubbi dachte einige Augenblicke über meine Frage nach.  Dann sagte er zögernd:, ‘Vielleicht kann ich es,, aber wenn ich mit Ihnen ‘in die Hände der Ikhwan gerate, wäre das sehr gefährlich. Ja, ich kann es durchaus,,.. . aber für Sie wird das sehr teuer.’

–‘Wie viel??’

–‘Nun gut,’, und ich konnte in seiner Stimme das Pochen der Gier erkennen,, ‘gut, mein Herr,, wenn Sie mir hundert’Riyal geben,, kann ich Sie und Ihren Freund so nach Kuwait bringen, dass, außer den Vögeln am Himmel niemand unseren Weg bemerken wird.

Hundert\’Riyal entsprechen zehn Ashrafi;, gemessen an seiner Bedeutung für uns war diese Summe lächerlich gering. Doch Sulubbi hatte vielleicht noch nie ‍in seinem Leben so viel Bargeld in den eigenen Händen gesehen.

–Ich werde dir hundert’Riyal geben, — zwanzig Riyal sofort und den Rest, sobald wir Kuwait erreicht haben.’

Unser Führer hatte wohl nicht erwartet, dass seine Forderung so leicht bewilligt werden würde. Vielleicht, bereute er, nicht eine höhere Summe verlangt zu haben. Nach kurzem Nachdenken sagte er:–‘„Aber was wird aus meinem Kamel?? Wenn ich mein Kamel bis nach Kuwait führe und wieder zurückkomme,, wird das arme Tier völlig zugrunde gehen,, und ich habe doch nur dieses eine Kamel.“’

Um das Gespräch nicht noch länger werden zu lassen, antworte ich rasch:‘„Ich kaufe dein Kamel. Du wirst auf diesem Kamel nach Kuwait reiten, und dort werde ich es dir schenken. Doch du musst uns auch auf dem Rückweg führen und mit uns zurückkommen.“

Das überstieg seine kühnsten Hoffnungen. Überglücklich sprang er ohne zu zögern auf und verschwand in der Dunkelheit. Einige Minuten später kehrte er zurück und zog an einem Seil ein älteres, doch schönes,, offensichtlich kräftiges–Tier hinter sich her. Nach einer Weile des Feilschens–legten wir  seinen Preis auf einhundertfünfzig Riyal fest. Die Bedingung war:,  „Ich zahle ihm jetzt fünfzig Riyal, und der Rest wird ihm zusammen mit seinem Lohn in Kuwait ausgezahlt.“ Aus der neben unserem Sattel hängenden Tasche holte Zayed einen mit Riyal–gefüllten Beutel, und ich ließ die Münzen, eine nach der anderen, in Sulubbis Schoß fallen. Er zog unter dem aus einem Bettlaken gefertigten Kleidungsstück ein Stück Stoff hervor,, in das sein Geld eingebunden war, und als er begann, meine Riyal zu seinem Vorrat hinzuzufügen, blitzte vor meinen Augen der Glanz einer neuen Münze auf.

–‘Halt,’ – Ich lege meine Hand auf seine Hand und rufe fast schreiend aus, ‘Lass mich diesen glänzenden Riyal sehen.’

Mit einer leicht zögernden Geste, als sei er aus Angst vor dem geplünderten Habr in Panik geraten, legte Sulubbi seine Münze ganz vorsichtig und äußerst sanft in meine Handfläche. Der Rand der Münze fühlte sich ziemlich scharf an, ganz wie bei einer neuen Münze. Trotzdem zündete ich ein Streichholz an und betrachtete die Münze aufmerksam, um sicherzugehen. Ja, dies war zweifellos eine neue ‘Maria-Theresien-’Münze, als wäre sie gerade aus der Münzstätte gekommen. Und indem ich das Streichholz über die übrigen Münzen Sulubbis hielt, sah ich noch fünf–oder sechs Münzen, die ebenso  erstaunlich neu waren.

–‘Wo hast du diese Riyal gefunden?’

–‘Ich .. . ich schwöre, Herr , ich habe sie auf rechtmäßige Weise bekommen... . Ich habe sie nicht gestohlen. Vor einigen Wochen gab mir ein Mutairi in Kuwait diese. Er  hatte bei mir einen neuen Kamelsattel gekauft, weil sein Sattel kaputtgegangen war.’

–‘Ein Mutairi?? Sagst du wirklich die Wahrheit??’

–‘Ich sage wirklich die Wahrheit, Herr!! Wenn ich lüge,, möge Allah mich hinwegnehmen. Er war einer von Ad-Dabischs Leuten, ein Mitglied jener Gruppe,–die zu den Leuten Ad-Dabischs gehörte und zu jener Gruppe zählte,, die kürzlich gegen den ‘Emir’von Hail kämpfte. Von ihm Geld für den Sattel anzunehmen, war gewiss kein Unrecht. Ich konnte nicht Nein sagen, und ich glaube,‘der Schuyukh’ – – möge Allah sein Leben verlängern – –wird das verstehen.

Ich versichere ihm erneut, indem ich ihm sage, dass Sulumbi viele  solcher Münzen von–verschiedenen Leuten auf der Seite Ad-Dabischs erhalten hatte, im Austausch gegen Dinge–oder kleine Arbeiten... .

Unser Sulumbi  bewies tatsächlich, dass er, als Wegführer außergewöhnlich war. Drei Nächte lang’führte er uns mitten durch das Gebiet der Aufständischen, in halsbrecherischem Tempo , durch–wegloses Gelände und  führte uns–durch Gegenden, die selbst Zaid nie zuvor gesehen hatte, obwohl Zaid das Land sehr gut kannte. Die Tage vergingen jedoch, während wir uns versteckten, und verborgen hielten. Um unverdächtige Orte zu finden, an denen wir uns verbergen konnten, war Sulumbi ein wahrer Meister. Eines Tages führte er uns zu einer Wasserstelle, die selbst den Beduinen dieser Gegend unbekannt war, sagte Sulumbi uns. In ihrem etwas salzigen, braunen Wasser stillten unsere Kamele ihren Durst, und auch wir konnten unsere Wasserschläuche wieder mit Wasser zu füllen  konnten. Nur zwei’Mal sahen wir‘die’einige Gruppen der Ikhwan, doch kein einziges Mal, wurde ihnen eine solche Gelegenheit ‍gegeben.

Am Vormittag des vierten Tages nach unserer Begegnung mit Sulumbi erreichten wir einen Ort, von dem aus man die Stadt Kuwait sehen konnte. Wir taten nicht das, was für Reisende aus Nadschd gewöhnlich gewesen wäre; Südwesten–zu betreten, sondern näherten uns ihr von Westen, entlang der Straße aus Basra, damit jeder, der uns begegnete, uns für irakische Händler halten würde.

Kaum waren wir in Kuwait angekommen, setzten wir uns beruhigt im Hof eines Kaufmanns nieder. Zayed kannte diesen Kaufmann bereits aus der Zeit, als er bei der irakischen Polizei gedient hatte.

Auf den staubbedeckten Straßen und den–Häusern aus sonnengebrannten Lehmziegeln lag eine feuchte, drückende Hitze; Überwältigt von der freien Steppe Nadschds war ich im Nu völlig schweißgebadet. Doch es war keine Zeit, sich auszuruhen. Wir ließen die Kamele unter Sulumbis Aufsicht zurück, und Zayed und ich gingen zum Markt, um die ersten Informationen über unser Vorhaben–einzuholen. Sulumbi gab ich den strengen Befehl– niemandem zu sagen, woher wir gekommen waren und warum wir hier waren.

Da ich Kuwait nicht kannte und auch nicht wollte, dass Zayed durch meine Anwesenheit die Aufmerksamkeit der Leute, auf sich zog, hielt ich mich deshalb etwa eine Stunde in einem Kaffeehaus auf, und trank dort Kaffee, während ich an einer Kokosnuss-‘Wasserpfeife’zog. Als Zayed schließlich wieder auftauchte und sein Gesicht einen Ausdruck des Erfolgs zeigte, verstand ich, dass er gewiss etwas Wichtiges entdeckt hatte.

–‘Onkel, Lass uns hinausgehen. Auf dem Markt lässt sich leichter über Dinge sprechen, die niemand hören soll. Und übrigens, habe ich etwas für dich mitgebracht–und auch etwas für mich.’Während er dies sagte, holte er unter seiner ‘Abaya’ hervor zwei aus Tasch-–gewebtem mandelfarbenem Wollstoff gefertigte irakische Iqals. ‘Damit wird man uns für Iraker halten’.’

Durch vorsichtige Befragung hatte Zayd sich vergewissert, , dass einer seiner ehemaligen Geschäftspartner –– der während jener Tage seines Schmuggelgeschäfts am Persischen Golf sein Gefährte gewesen war ––nun in Kuwait lebte, und offenbar noch immer seinem alten, vertrauten Geschäft nachging.

–‘Wenn jemand in dieser Stadt etwas über den Schmuggel von Waffenimporten sagen kann, dann ist es dieser Bandar: Bandar stammt wie ich aus dem Stamm der Mammar, einer dieser eigensinnigen jungen Männer,, die sich der Herrschaft Ibn Sauds nicht vollständig unterwerfen konnten. Keinesfalls darf man ihm sagen,  dass wir  ‘für die Scheichs’arbeiten. Nicht einmal,, glaube ich,, woher wir gekommen sind,, das’darf man ihm sagen. Denn, Bandar ist keineswegs dumm  Er ist äußerst gerissen,–um es genau zu sagen,–er hat mich in der Vergangenheit so oft betrogen, dass, ich jetzt Angst habe, ihm überhaupt zu vertrauen.’

Schließlich fanden wir Bandar in der Nähe des großen Basars,, in einem Haus in einer engen Gasse. Der Mann war hochgewachsen und hager,, schlank und mager,, etwa vierzig Jahre alt;, seine Augen waren dunkel und tief, und sein Gesicht zeigte Bitterkeit und die Spuren von Verdauungsbeschwerden. Doch sobald er Zayd erblickte, leuchteten die Züge seines Gesichts in aufrichtiger Freude auf. Wegen meines hellen Teints stellte man mich als Türken vor; ich lebe in Bagdad und betreibe den Export arabischer Vollblutpferde von Basra nach Bombay.

–‘Aber heutzutage lohnt es sich nicht mehr, Pferde nach Bombay zu exportieren’, fügt Zaid hinzu, ‘Die Händler aus Unaiza und Buraida haben den dortigen Markt vollständig an sich gerissen.’

–‘Ich weiß’, antwortet Bandar, ‘diese Halunken aus dem Süden Ibn Sauds sind nicht damit zufrieden, unser Land zu erobern; uns unseren Lebensunterhalt–zu nehmen!

–‘Aber Bandar, was sagst du zum Waffengeschäft?’ –fragt Zaid, ‘angesichts dessen, dass die Männer des Mutair- und des Ajman-Stammes Ibn Saud das Genick brechen wollen, müsste dieses Geschäft doch sehr florieren, was meinst du??’

–‘Ja. Das Geschäft war hier sehr rege’, sagt Bandar und zuckt mit den Schultern,, ‘Vor ein paar Monaten habe ich ein nettes’Sümmchen verdient, indem ich in Trans-– jordanien Gewehre kaufte,, und sie später an die Leute von Ad-–Dabisch verkaufte. Aber jetzt ist alles völlig ruiniert, , völlig vorbei!! Diese Gewehre wirst du auch nicht mehr verkaufen können.’

–‘Wie soll das’denn gehen?? Ich glaube jedenfalls,, dass sie für Ad-–Dabisch viel nützlicher sind als früher.’

–‘Ja,’ ‘antwortet Bandar, ‘Er braucht sie sicherlich. Aber zu einem solchen Preis bekommt er sie, zu dem weder du noch ich sie verkaufen können. .. . Er bekommt sie kistenweise von jenseits des Meeres, fast neue englische Gewehre und zwei’hundert Patronen –samt einem Gewehr zahlt er zehn Riyal.’

–‘Alhamdulillah!!’  ruft Zaid mit aufrichtigem Erstaunen aus, zwei’hundert Patronen samt einem fast neuen Gewehr für zehn Riyal! Aber das ist unmöglich.. .।

In Wirklichkeit schien es tatsächlich unmöglich– denn zu jener Zeit kostete ein ‍altes Lee-–Enfield-Gewehr in Nadschd ohne Patronen dreißig bis fünfunddreißig Riyal, und selbst wenn man in Betracht zog, dass die Preise in Kuwait niedriger sein konnten als in Nadschd  war der Grund für den enormen Unterschied noch immer nicht zu verstehen.

Bandar verzieht das Gesicht und lächelt,, ‘„Ja,, es scheint, dass Ad-Dabish mächtige–Freunde hat ––sehr mächtige Freunde.–Manche sagen:  Eines Tages wird er sich als unabhängiger‘Amīr’im nördlichen Nadschd etablieren.“’

–‘Bandar,, was du sagst,’, sage ich dazwischen,, ‘ist sehr gut,, sehr richtig. Ad-–Dabish wird vielleicht tatsächlich seine Unabhängigkeit außerhalb des Machtbereichs von Ibn Saud errichten. Aber die Sache ist:, Er hat kein Geld,, und ohne Geld war es nicht einmal dem welterobernden Alexander möglich, ein Königreich zu errichten.

Bandar bricht in lautes Gelächter aus: Geld– und Münzen?? Ad-–Dabisch hat reichlich–reichlich neue Riyal, die ebenso wie Gewehre kisten–weise beladen von jenseits des Meeres zu ihm kommen.’

–‘Kistenweise Riyal?? Äußerst erstaunlich!! Woher sollte ein Beduine kistenweise neue Riyal bekommen??’

–‘Das weiß ich nicht ’– antwortet Bandar, ‘aber das weiß ich, einige seiner Leute nehmen beinahe täglich Lieferungen neuer Riyal entgegen, die ihnen durch verschiedene Händler in der Stadt zugestellt werden. Warum, erst gestern sah ich doch, wie Farhan ibn Maschhur im Hafen die Entladung solcher Kisten beaufsichtigte.’

Das war eine Nachricht, die diesen Namen verdiente. Ich kenne Farhan sehr gut. Er ist der Neffe des berühmten syrischen Beduinenführers Nuri asch-–Schalans. Dieser Nuri kämpfte einst gemeinsam mit Lawrence gegen die Türken. Ich traf den jungen Farhan erstmals 1924 in Damaskus–;; dort war er an allen zweifelhaften Vergnügungs-–orten wegen seiner Trunksucht berüchtigt. Einige Zeit später geriet er mit dem Vater seines älteren Onkels in Streit. Daraufhin zog er mit seinem Stamm und einigen Leuten aus Rubala nach Nadschd, und wurde dort plötzlich ‘religiös’ und schloss sich den ‘Ikhwan’ an.  Ich sah ihn 1927 wieder, in der Festung Ibn Musaads in Hail. Damals hatte er begonnen, als Symbol seiner neu erworbenen Religion die ‘weiße, riesige’ Turban der Ikhwan zu tragen und die finanziellen Gunstbezeugungen des Königs zu genießen. Als ich ihn an unsere frühere Begegnung in Bagdad erinnerte–wechselte er unvermittelt das Thema. Der Mann war einfältig und ehrgeizig, und deshalb sah er in Ad-–Dabischs Aufstand in der weitläufigen, öden Nufud-Wüste nördlich davon eine Oase und– die Gelegenheit,–sich als unabhängiger Emir von al-Dschauf zu etablieren; denn , wie in anderen Ländern pflegen auch die Aufständischen in Arabien der alten Sitte zu folgen, das Löwenfell untereinander aufzuteilen, noch bevor sie den Löwen erlegt haben.

–‘Dann‘ist Farhan also hier—, wo in Kuwait hält er sich auf?? frage ich Bandar.

–‘Gewiss. Wie ad-–Dabish kommt er häufig hierher und ‘dank der Gunst des Scheichs ’frei ein und aus. Die Leute sagen, der Scheich liebe ihn sehr.’

–‘Aber in Kuwait, wenn ad-–Dabish und Farhan eintreffen, erhebt die britische Regierung dagegen keinen Einwand,? wenn ich mich recht erinnere,, hatten sie ’vor einigen Monaten einmal verkündet, dass sie ad-–Dabish oder seine Leute in diese Gegend nicht hereinlassen würden …? .. .?

Bandar bricht wieder in schallendes Gelächter aus –Ja, das–haben sie getan, genau das–habt ihr getan!! Aber ich habe dir doch gesagt, dass ad-–Dabish sehr einflussreiche Freunde–und Verbündete hat .. . Ob er sich in diesem Augenblick in der Stadt aufhält, weiß ich nicht;aber Farhan ist hier. Er geht jeden Abend ‘zum Maghrib-’Gebet in die Große Moschee. Wenn du mir nicht glaubst, kannst du ihn hier mit eigenen Augen sehen .. .।

Und tatsächlich sahen wir ihn. Nachdem wir diesen Hinweis von Bandar erhalten hatten, gingen Zayed und ich am frühen Abend in der Nähe der Großen Moschee spazieren, als wir beinahe mit einer Gruppe Beduinen zusammenstießen! Diese Beduinen, zweifellos Najdis, kamen gerade aus einer Straßenecke hervor. An ihrer Spitze befand sich ein vierunddreißig-–fünfunddreißigjähriger Mann,der–etwas kleiner war als die hochgewachsenen Beduinen, die ihn umringten und ihm folgten, und sein schönes Gesicht zierte ein kurzer schwarzer Bart. Ich erkannte ihn sofort. Allerdings weiß ich bis heute nicht, ob er mich erkannt hatte. Sein Blick blieb für einen Augenblick auf meinen Augen haften; dann ließ er seine Augen für einen Moment mit einem verwirrten Blick über mich gleiten, als versuchte er, eine verschwommene, undeutliche Erinnerung zurückzurufen. Dann wandte er das Gesicht ab. Augenblicke später war er in der Menge der Menschen verschwunden, die zur Moschee strömten, und auch  seine Gefährten waren verschwunden.

Wir beschlossen, dass wir unseren geheimen Aufenthalt in Kuwait nicht in der Hoffnung auf eine Gelegenheit verlängern konnten, Ad-–Dawisch zu sehen. Das, was Bandar uns mitgeteilt hatte, wurde durch Zayeds geschickte Nachforschungen bei weiteren bekannten Einwohnern der Stadt noch  weiter erhärtet. Ad-–Dawisch erhielt–die geheimnisvollen Lieferungen an Lee-Enfield-Gewehren,, die öffentlich als‘„Käufe“’ausgegeben wurden, um die Leute zu täuschen,,deutlich von einem kuwaitischen Kaufmann. Dieser Kaufmann war in dieser Gegend stets für den Waffenimport bekannt, und bei den großen Mengen frisch geprägter Maria-Theresien-Taler, die auf den Märkten von Kuwait im Umlauf waren,, zeigte sich in beinahe jedem Fall,, dass sie von Ad-–Dawisch und seinen Leuten stammten. Abgesehen davon, dass es praktisch unmöglich war, seine tatsächlichen Depots zu besichtigen und die Versandpapiere zu prüfen,–fanden wir während unseres Gesprächs mit dem König reichliche Belege –  für all die Zweifel, die der König–während unseres Gesprächs geäußert hatte; für deren Richtigkeit fanden wir reichlich–Beweise.

Meine Mission war erfüllt. Und in der folgenden Nacht, brachen wir ebenso heimlich aus Kuwait auf, wie wir es betreten hatten. Während Zaid und ich auf den Märkten Nachforschungen–anstellten, konnte unser Sulumbi herausfinden–dass es zu diesem Zeitpunkt südlich von Kuwait keine Rebellengruppe gab. Deshalb machten wir uns nach Süden auf, in Richtung der Provinz al-Hasa,, die vollständig unter der uneingeschränkten Kontrolle des Königs stand. Nach zwei Nächten einer anstrengenden und erlebnisreichen Reise trafen wir nahe der Küste auf eine Gruppe von Beduinen der Banu Hajar,, die Emir al-–Hasan geschickt hatte, um geheime Informationen über die jüngsten Stellungen der Rebellen einzuholen;; und mit ihnen betraten wir wieder das dem König loyale Gebiet.

Nachdem wir das Gebiet Ibn Sauds sicher erreicht hatten, verabschiedeten wir uns von unserem Führer Sulumbi. Er steckte seine selbst verdiente Belohnung in die Tasche,, ich schenkte ihm das Kamel, und er trieb es, gen Westen davon,, während wir nach Süden,, in Richtung Riad, weiterzogen.

Später schrieb ich eine Artikelserie, in der–zum ersten Mal klar wurde, dass, eine Großmacht Europas die Rebellen unterstützte. In den Artikeln wurde gezeigt,,dass das Hauptziel dieser Verschwörungen darin bestand, die Grenzen des Reiches Ibn Sauds nach Süden zu verschieben und letztlich, seine nördlichste Provinz durch das Gebiet zwischen Saudi-Arabien und dem Irak in eine ‘„unabhängige’ von einem Stammesführer regierte Region zu verwandeln, wodurch Großbritannien die Möglichkeit erhalten würde, durch dieses Gebiet eine Eisenbahnlinie zu bauen. Außerdem, hatte ad-–Dabischs Aufstand eine solche gewaltige Verwirrung im Reich Ibn Sauds verursacht, dass, es König Ibn Saud nicht mehr möglich sein würde, sich den Forderungen Großbritanniens nach zwei wichtigen Konzessionen zu widersetzen,, denen er sich bis dahin stets widersetzt hatte: Eine dieser Konzessionen war die Verpachtung des nördlich von Dschidda gelegenen Roten–Meerhafens Rabigh an Großbritannien,, wo Großbritannien seit Langem eine Basis für seine Marine errichten wollte;; die andere war die Kontrolle über den Abschnitt der Damaskus-–Medina-Bahn, der–im saudischen Gebiet lag. Wenn ad-–Dabisch Ibn Saud besiegt hätte, wären diese Pläne durchaus zu einer realen Möglichkeit geworden.

Meine Artikel in europäischen und arabischen ((hauptsächlich ägyptischen)) Zeitungen lösten unmittelbar nach ihrem Erscheinen plötzlich eine gewaltige Aufregung aus. Es ist auch sehr gut möglich, dass, die frühzeitige Aufdeckung der geheimen Verschwörung vielleicht einer der Hauptgründe für ihr späteres Scheitern war. Wie dem auch sei,, der Plan Großbritanniens, eine Eisenbahnstrecke von Haifa bis Basra zu bauen, verschwand allmählich im Dunkel der Vergessenheit. Trotz der gewaltigen Summe, die für die vorläufige Vermessung ausgegeben worden war, hörte man später nie wieder etwas von diesem Plan.

Was danach geschah, gehört ganz der Geschichte an: Im Sommer jenes Jahres 1929 protestierte Ibn Saud bei Großbritannien gegen die Freiheit, die Ad-–Dabisch zum Kauf von Waffen und Munition in Kuwait gewährt worden war. Da er keinen stichhaltigen Beweis dafür besaß, dass eine ausländische Macht diese Waffen geliefert hatte,, war es dem König nicht möglich, gegen einen solchen Verkauf Einspruch zu erheben. Die britischen Behörden erklärten daraufhin,, dass die Händler Kuwaits selbst die Rebellen mit Waffen versorgten und Großbritannien nichts tun könne, um dies zu unterbinden,, –denn, Großbritannien habe gemäß dem Vertrag von Dschidda aus dem Jahr 1927 sein Verbot der Waffeneinfuhr nach Arabien aufgehoben. Wenn Ibn Saud wolle,, so sagten sie,, könne auch er über Kuwait Waffen einführen … .. . Als Ibn Saud dagegen einwandte,, dass Großbritannien und Saudi-Arabien gemäß demselben Vertrag  in ihren jeweiligen Gebieten jede Handlung gegen die Sicherheit des anderen  einzustellen verpflichtet seien,, erhielt er seinerseits  folgende Antwort:–Kuwait könne nicht als britisches Gebiet bezeichnet werden,, da es ein unabhängiges Scheichtum sei,, zu dem Großbritannien durch einen Vertrag–– über ein Vertragsverhältnis hinaus –  keinerlei weitere Beziehung unterhalte. . . .।

Und deshalb setzte sich der Bürgerkrieg bis gegen Ende des Herbstes 1929 unvermindert fort. Ibn Saud selbst trat auf den Schauplatz; Dieses Mal war er fest entschlossen: Er würde ad-–Dabisch verfolgen, selbst innerhalb Kuwaits, falls–– wie es in der Vergangenheit stets geschehen war ––es den Rebellen weiterhin als freies Zufluchtsgebiet und als Stützpunkt für neue Operationen diente. Angesichts dieser ‍entschlossenen Haltung, die Ibn Saud den britischen Behörden unmissverständlich mitteilen würde,, schienen sie zu erkennen, dass, es äußerst gefährlich wäre, in ihrem Spiel noch weiter voranzuschreiten. Um zu verhindern, dass ad-–Dabisch sich zurückzog und erneut in kuwaitisches Gebiet eindrang, wurden britische Kriegs-–flugzeuge und Panzerwagen entsandt. Der Rebell erkannte, dass sein Vorhaben gescheitert war. In einem offenen Krieg würde er den König niemals mehr aufhalten können. Die Bedingungen des Königs waren kurz und klar:  Die rebellischen Stämme mussten unbedingt  sich ergeben;; Ihre Waffen,, ihre Pferde und Kamele würden ihnen abgenommen; ad-–Dabischs Leben würde verschont werden. Doch er musste den Rest seines Lebens in Riad verbringen.

Ad-–Dabisch,, der jeden Augenblick aktiv und voller Tatkraft war,, konnte sich mit einer solchen Untätigkeit und Bewegungslosigkeit nicht abfinden. Er wies den Vorschlag des Königs zurück. Er kämpfte bis zuletzt gegen das gewaltige Heer des Königs. Im Kampf gegen das gewaltige Heer des Königs wurden die Rebellen vollständig besiegt;; Ad-–Dabisch und einige weitere Anführer,– unter ihnen Farhan ibn Mashhur und der Anführer des Ajman-Stammes, Naik Abu Kilab, flohen in den Irak.

Ibn Saud–forderte die Ausweisung von ad-Dabisch. Einige Tage lang schien es, als würde der König des Irak, Faisal, seine Forderung vielleicht zurückweisen, indem er auf die alte arabische Regel der Gastfreundschaft und des Schutzgewährens verwies. Doch schließlich stimmte er zu. Anfang 1930–war der schwer erkrankte ad-–Dabisch dem König übergeben und nach Riad gebracht worden. Einige Wochen später, als deutlich geworden war, dass, es sich tatsächlich um ad-–Dabischs unmittelbar bevorstehenden Tod handelte,, schickte König Ibn Saud ihn mit seiner gewohnten Großmut nach Artawiya zurück,, zu seiner Familie–und seinen Angehörigen. Damit endete ein stürmisches, bewegtes Leben. Und im Reich Ibn Sauds kehrte wieder Frieden ein... .

.. .              …          .. .             .. .        

Und erneut kehrte Frieden rings um die Brunnen von Arja ein.

‘‘O ihr Reisenden,, Allah schenke euch Leben. Nehmt an unserer Großzügigkeit teil. –rief der alte Mutaybi-Beduine mit lauter Stimme, während seine Leute uns halfen, unsere Kamele zu tränken. Von all dem Hass und der Feindschaft, die noch vor kurzer Zeit geherrscht hatten, war nichts mehr vorhanden.

Denn, diese Beduinen sind ein erstaunliches Volk. Selbst, bei einer eingebildeten Provokation können sie augenblicklich in unbezähmbarem Zorn und Grimm aufflammen,, ebenso aber im selben Augenblick in den rhythmischen Strom jenes Schicksals des Lebens zurückkehren–in dem Sanftmut und Zuneigung herrschen: Dschanna und Dschahannam,, stets nebeneinander,, in unmittelbarer Nähe.

Und die Mutaybi-Kamel–hirten schöpften mit ihren großen Ledereimern Wasser für unsere Kamele und sangen im Chor:

Trinkt, und lasst kein Wasser übrig,,

Dieses von Barmherzigkeit erfüllte Gebäude hat keinen Grund.

 

Drei

In der fünften Nacht, nachdem wir Hail verlassen hatten, erreichten wir die Ebene von Medina und erblickten die dunklen Umrisse des Berges Uhud. Unsere Kamele schritten müde voran. Seit dem frühen Morgen bis zu dieser Nachtstunde hatten wir einen langen Weg hinter uns gelassen. Zaid und Mansur schwiegen, auch ich war still. Im Mondlicht erschien Medina mit seinen von engen Wegen durchzogenen Mauern  und den schlanken, geraden Minaretten der Moschee des Propheten vor uns ‍und erstrahlte.

Wir kamen vor dem inneren Tor an, das wegen seiner Lage im Norden als Syrisches Tor bekannt ist. Im Schatten der schweren Säulen dieses Tores standen die Kamele etwas steif und scheu; daher, benutzten wir unsere Peitschen, um sie zum Hineingehen durch das Tor zu zwingen.

Jetzt, bin ich in diesem Augenblick wieder in der Stadt des Propheten, nachdem ich lange Zeit an vielen Orten umhergezogen bin  und von Haus zu Haus zurückgekehrt bin; denn diese Stadt ist seit mehreren Jahren mein Zuhause–Eine tiefe, vertraute Ruhe liegt über den schlafenden, einsamen Straßen von Medina. Beim Geräusch der Kamelhufe sind hier–und dort Hunde träge aufgestanden. Ein junger Mann geht singend vorüber; seine Stimme, von einem sanften Rhythmus getragen, verklingt langsam in einer benachbarten Gasse. Die kunstvoll gemeißelten Balkone und die über die Straße hinausragenden Fenster der Häuser hängen wie Dunkelheit über uns, schweigend. So mild wie frisch gemolkene Milch ist die vom Mondlicht–getränkte Luft. Und hier ist mein Zuhause.

Mansur verabschiedete sich von uns, um seine Freunde zu treffen. Und wir beide’ließen unsere Kamele niederknien. Ohne ein Wort anzuhören, legte Zaid ihnen Fesseln an die Beine und begann, die Sättel abzunehmen. Ich klopfte an die Tür. Nach einer Weile hörte ich im Inneren menschliche Stimmen und Schritte. Durch die wie ein Fächer geöffnete Fensteröffnung fiel der Schein einer Laterne, der Riegel zum Schließen der Tür wurde vorgeschoben, und meine alte Dienerin Amina stieß jubelnde Rufe aus:

–‘Oho, mein Herr ist nach Hause zurückgekehrt!!’


Briefe aus Persien

Ein

Jetzt ist Nachmittag. Direkt außerhalb des südlichen Eingangstors von Medina sitze ich mit einem Freund in seinem Palmen’garten. Die Stämme der unzähligen Palmen’bäume im Hintergrund des Gartens haben ein graugrünes Licht-–dunkel geschaffen, , sodass es scheint, als hätte es kein Ende. Die Bäume sind noch jung und niedrig.; Das Sonnenlicht tanzt auf ihren Stämmen und über dem zarten Gewölbe, das ihre ineinander verschlungenen Zweige bilden. Wegen der Staubstürme, die um diese Jahreszeit beinahe täglich auftreten, ist das Grün der Palmen im Garten etwas staubbedeckt. Nur der dichte Teppich aus Luzerne unter den Palmen hat sein leuchtendes, makelloses Grün bewahrt.

Direkt vor mir –– nicht sehr weit entfernt – –tauchen die Stadtmauern auf, alt,, aus grauem Fels und Lehmziegeln erbaut ––hier –und dort ragen Festungsanlagen–über die Stadtmauer hin-’aus.  Hinter den Mauern ragen in der Stadt empor, die rasch wachsenden Palmen eines weiteren Gartens–und Wohn-–häuser,, deren Tür- und Fensterläden von der Sonne braun gebrannt sind, und deren umfriedete Balkone; zum Teil mitten in der Stadtmauer errichtet wurden und so zu ihrem Bestandteil geworden sind. In einiger Entfernung sehe ich, die fünf Minarette der Prophetenmoschee,, hoch und zart wie Flötenklänge,, ich sehe, jene prächtige grüne Kuppel, die wie ein Dach über dem kleinen Gemach des Gesandten Allahs liegt und es verbirgt,, das–zu seinen Lebzeiten seine Wohnstätte und nach seinem Tod sein Grab war;; weiter entfernt, jenseits der Stadt, taucht vor meinen Augen die unbedeckte, felsige Bergkette Uhud auf – wie, ein vor den weißen Minaretten der Prophetenmoschee, den Wipfeln der Palmen und den vielen Häusern–der Stadt aufgehängter, kupfer-–roter gemalter Vorhang.

Der von der sengenden Nachmittagssonne erhellte Himmel hängt über milchig weißen, hell leuchtenden Wolkenmassen, dieser glashell durchsichtige Himmel, und die Stadt scheint wie gebadet in einem von Blau, Gold und–Grün durchzogenen Licht. Hoch oben spielt der Wind um die weichen Wolken, ein Wind, der sich in Arabien als überaus trügerisch erwiesen hat! Hier kann man niemals sagen:, ‘„Jetzt ist der Himmel bewölkt, , bald wird es regnen.“’Denn wenn die Wolken sich zusammenballen,, sturm-–geschwängerte Wolke,, geschieht es gerade dann oft,, dass plötzlich ein Dröhnen des Windes aus der Wüste heranstürmt, die dichten Wolken vor sich herjagt und sie restlos vertreibt;; und die Menschen, die auf Regen gewartet haben, wenden in stiller Ergebung ihre Gesichter vom Himmel ab und beginnen zu murmeln: „‘Niemand außer Allah verfügt über Macht,, über Kraft’ –“, während der Himmel wieder aufs Neue erbarmungslos in harter blauer Klarheit brennt.

Ich verabschiede mich von meinem Freund und beginne wieder, in Richtung des Eingangstors außerhalb der Stadt zu gehen. Ein Mann zieht an mir vorbei,, der zwei mit Lursan-Gras beladene Esel vor sich hertreibt und  selbst auf einem dritten Esel reitet. Zum Gruß hebt er seinen Stock hoch und sagt, „As-salāmu alaikum.“ Auch ich erwidere diesen Gruß. Danach kommt eine junge Beduinin,, deren schwarze Dschubba hinter ihr herschleift,, während der untere Teil ihres Gesichts von einem Niqab bedeckt ist. Ihre leuchtenden Augen sind so schwarz, dass, das Weiß ihrer Augen und die schwarzen Pupillen zu einem einzigen Ganzen verschmolzen sind,; und ihr Gang ist ebenso zögernd wie die schwankende Bewegung eines jungen Tieres in der Steppe.!

Ich betrete die Stadt und überquere den weiten, offenen Platz von al-–Manḫar, bis ich bei der inneren Stadtmauer ankomme,, unter dem schweren Torbogen des ägyptischen Eingangstors,, wo die Geldwechsler sitzen und ihr Gold und  ihre Silbermünzen klimpern lassen. Ich betrete den Hauptbasar,, eine höchstens vierundzwanzig Fuß breite Straße,, vollgestopft mit Läden,–dicht an dicht,, um die herum ein kleines, doch leidenschaftlich bewegtes Leben pulsiert.

Die Verkäufer sind ausgelassen;; sie preisen ihre Waren durch Gesang an. Prächtige Turbane, Seidenschals und gemusterte Kaschmirschals ziehen die Blicke der Passanten auf sich. Die Silberschmiede hocken hinter–mit Beduinenschmuck gefüllten Glasvitrinen ––Armreifen und Fußreifen,, Halsketten und Ohrringe ––all diese Schmuckstücke. Die Duftverkäufer zeigen ihre mit Henna gefüllten Gefäße,, kleine rote Päckchen voller Surma zum Färben der Wimpern,, zahlreiche Fläschchen mit Öl und Parfüm in vielen–Farben sowie Gewürz-–haufen. Die Händler aus Nadschd verkaufen Beduinenkleidung,, ost-– arabische Kamelsättel und von den Sätteln herabhängende Taschen mit langen Seidenfransen. Ein Auktionator läuft durch die Straße,, während er mit möglichst lauter Stimme schreit ––auf seiner Schulter trägt er einen persischen Teppich und eine aus Kamelhaar gefertigte  ‘Abaya’und unter dem Arm einen Messing-Samowar. Beiderseits wogt eine Menschenmenge,, Menschen aus Medina und aus den übrigen Regionen Arabiens,, aus allen Ländern zwischen den Steppen-–gebieten Senegals und den Steppen-–gebieten Kirgisistans,, Ost-–indiens und des Atlantischen Ozeans sowie aus allen Ländern zwischen Astrachan und Sansibar; denn die Hadsch ist erst vor wenigen Tagen zu Ende gegangen. Doch trotz dieser Menschenmenge und der Enge der Straße herrscht hier keinerlei fieberhafte Hast,, niemand stößt den anderen an,, niemand fällt dem anderen in den Weg,, denn in Medina breitet die Zeit keine Flügel aus, wenn es darum geht, etwas zu ergreifen oder zu erlangen.!

Aber  noch erstaunlicher erscheint mir, dass in den Gesichtern und Gestalten der hier dicht gedrängten Menschen und in ihrer Kleidung–trotz der großen Vielfalt und Verschiedenheit auf den Straßen Medinas kein fremdes ‘Misch-–masch’entstanden zu sein scheint. Nur den Augen derer, die sie analysieren wollen, wird diese Vielfalt der Gesichter auffallen. Ich glaube, dass alle, die in dieser Stadt leben, selbst diejenigen, die nur vorübergehend für einige Tage hierherkommen, kann man sagen,  auch sie verlieren sich schon bald in einer gemeinsamen Gemüts-–verfassung, und so werden ihre Bewegungen und ihr–Verhalten, ja selbst ihre Gesichtszüge einander gleich: Denn sie alle sind unter den unwiderstehlichen Einfluss des Propheten geraten–dessen Stadt diese einst war und dessen Gäste sie nun sind.. .

Auch nach 1.300 Jahren ist seine geistige Gegenwart hier ebenso lebendig wie damals. Allein durch ihn wurden einige verstreut liegende Dörfer, hier und da, die man Yathrib nannte, zu einer Stadt, und bis  heute hat sie von allen Muslimen eine so tiefe Liebe erfahren, wie die Menschen keiner Stadt irgendeines anderen Landes entgegengebracht haben. Diese Stadt hat nicht einmal einen eigenen Namen, Seit mehr als dreizehnhundert Jahren wird sie jeweils „‘Madinat an-Nabi’ –‘Stadt des Propheten’“ genannt. Seit mehr als dreizehnhundert’ Jahren haben sich hier so viel Liebe  und Zuneigung versammelt, dass, alle Formen– und Bewegungen eine familiäre Ähnlichkeit angenommen haben und alle Unterschiede der Gesichter sich in eine gemeinsame, Ähnlichkeit verwandelt haben,, wie in einer harmonischen Einheit verschiedener Melodien.

Das ist jene Freude–schaffende Harmonie, diese Symphonie,, die die Menschen hier jeden Augenblick wahrnehmen. Obwohl der Gesandte Allahs ((s.a.w.)) nur eine formale und weit entfernte Beziehung zu dem hat, was er sich gewünscht hatte, zum heutigen Leben in Medina,, obwohl hier, wie in anderen Regionen der muslimischen Welt, das geistige Bewusstsein des Islam verbilligt worden ist, bleibt dennoch stets eine unaussprechlich gefühlvolle Beziehung zu seiner großen geistigen Vergangenheit lebendig. Nie hat man eine Stadt wegen eines einzigen Menschen so sehr geliebt,;  und keinen Menschen,, der vor dreizehnhundert Jahren verstorben ist,, der unter dieser großen grünen Kuppel begraben liegt,, hat man je so sehr als einen der Seinen empfunden und in so großer Zahl geliebt.

Dennoch hat er nie behauptet, etwas anderes als ein sterblicher Mensch zu sein, und die Muslime haben ihm niemals Göttlichkeit zugeschrieben, wie es die zahlreichen Anhänger anderer Propheten–nach dem Tod jener Propheten getan haben., Selbstverständlich, finden sich schon im Koran zahlreiche Aussagen, in denen die Menschlichkeit Muhammads betont wird:‘„Muhammad ist nur ein Prophet. Vor ihm sind alle Propheten vergangen; Wenn er stirbt oder getötet wird, werdet ihr  etwa den Rückzug antreten?“?’Vor der Größe Allahs wird seine völlige Demut im Koran folgendermaßen verkündet: ‘„Sag, o Muhammad,, ihr habt keine Macht, euch Schaden oder Nutzen zuzufügen,, nicht einmal über mein eigenes Wohl und Wehe, außer was Allah will., Wenn ich Kenntnis vom Verborgenen hätte, würde ich gewiss überreichen Gewinn erlangen, und kein Unheil könnte mich berühren. Ich bin nur ein Warner und ein Verkünder froher Botschaft für die gläubige Gemeinschaft.“.. ..।’

Gerade weil er nur ein Mensch war, weil er wie andere Menschen lebte und dabei die Freuden des menschlichen Lebens genoss und dessen Kummer und Leiden erfuhr, konnten diejenigen, die ihn umgaben, ihn mit so viel Zuneigung und Liebe auf diese Weise umgeben.

Diese Liebe lebt auch nach seinem Tod weiter und ist in den Herzen seiner Anhänger noch heute wach, wie die grundlegende Inspiration einer aus dem Zusammenklang vieler Melodien entstandenen Raga. Diese Liebe ist in Medina noch immer lebendig. Aus jedem Stein der alten Stadt wird diese Liebe zu Ihnen sprechen. Sie können sie mit Ihrer Hand beinahe berühren, aber nicht in Worte bannen …

Zwei

Als ich durch den Markt zur Großen Moschee gehe, grüßen mich viele alte Bekannte im Vorübergehen. Mal neige ich den Kopf ein wenig zu diesem Händler, mal zu jenem, um ihn zu begrüßen. Schließlich zieht mich mein Freund Az-Zughaibi mit sich und bringt mich zu dem kleinen Podium, auf dem er sitzt und den Beduinen Stoffe verkauft.

„Wann bist du zurückgekommen, Muhammad, und woher kommst du überhaupt? Du warst doch hier – das ist erst ein paar Monate her!“

„Ich komme aus Hail – ich komme aus dem Nufud.“

„Wirst du nicht ein paar Tage zu Hause bleiben?“

-„Nein, Bruder, ich reise übermorgen nach Mekka ab.“

Az-Zughaibi ruft den Jungen, der auf der anderen Straßenseite im Kaffeehaus arbeitet, laut herbei, und schon nach kurzer Zeit hören wir das Klirren der kleinen Tassen.

-„Aber warum, Muhammad? Warum gehst du gerade jetzt nach Mekka? Die Hadsch-Saison ist doch vorbei …“

-„Ich reise nicht aus dem Wunsch nach einer Hadsch nach Mekka. Übrigens, habe ich nicht fünfmal die Hadsch vollzogen? Aber aus irgendeinem Grund habe ich das Gefühl, dass ich nicht mehr lange im arabischen Land bleiben werde. Deshalb möchte ich jene Stadt noch einmal sehen, in der mein Leben in diesem Land begonnen hat …“ Dann füge ich mit lautem Lachen hinzu: „Aber Bruder, ich will dir die Wahrheit sagen: Eigentlich weiß ich selbst nicht, warum ich nach Mekka gehe; aber ich weiß, dass ich gehen muss …“

Az-Zughaibi schüttelt verzweifelt den Kopf. -„Wie konntest du sagen, dass du dieses Land und deine Brüder verlassen wirst?“

Ein Bekannter geht mit langen, müden Schritten an mir vorbei – der Mann ist Zayd und sucht gewiss jemanden.

-„Zayd, wohin gehst du?“

Plötzlich hält er inne und blickt mich neugierig an. -„Ich habe gerade dich gesucht, Onkel. Auf der Post lag ein ganzer Stapel Briefe für dich. Hier, nimm die Briefe. Und Scheich az-Zughaibi, as-salamu alaikum – Friede sei mit dir.“

Vor dem Laden von Az-Zughaibi sitze ich mit überschlagenen Beinen und öffne einen Umschlag nach dem anderen: Mehrere Briefe sind von Freunden aus Mekka eingetroffen; einer stammt vom Herausgeber der Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung“, für die ich seit sechs Jahren als Korrespondent tätig bin. Ein Brief kommt aus Indien und fordert mich auf, dorthin zu reisen, um die größte einzelne muslimische Gemeinschaft der Welt kennenzulernen. Einige Briefe wurden aus verschiedenen Gegenden des Nahen Ostens geschrieben. Auf einem weiteren befindet sich der Stempel des Teheraner Postamts. Der Brief stammt von meinem engen Freund Ali Agha, von dem ich seit mehr als einem Jahr keine Nachricht erhalten habe. Ich öffne ihn und überfliege die Seiten, die in Ali Aghas schöner, sauberer Schikasta-Schrift¹[wörtlich „gebrochen“: eine persische Form der arabischen Schrift, die zum schnellen Schreiben verwendet wird,] geschrieben sind:

An meinen geliebtesten Freund und Bruder, das Licht meines Herzens, den zutiefst Verehrten, Asad Agha – möge Allah sein Leben verlängern und ihn auf jedem Schritt behüten. Amin!

As-salamu alaikum – Frieden sei mit Ihnen, und Allahs Barmherzigkeit sei allezeit mit Ihnen. Ich bete zu Allah, dass Er Ihnen Gesundheit und Glück schenke; und da ich weiß, dass Sie sich darüber freuen werden, teile ich Ihnen auch mit, dass ich mich bester Gesundheit erfreue – Lob sei Allah.

Ich habe Ihnen lange Zeit nicht geschrieben, weil mein Leben in den vergangenen Monaten unordentlich und chaotisch verlaufen ist. Mein Vater, Allah erbarme sich seiner, ist vor einem Jahr verstorben, und da ich der Älteste unter seinen Söhnen bin, musste ich viel Zeit und Sorge darauf verwenden, unsere Familienangelegenheiten zu ordnen. Und es ist Allahs Wille, dass in das Leben dieses unwürdigen Dieners unverhoffter Wohlstand eingezogen ist, denn die Regierung hat ihn zum Oberstleutnant befördert. Außerdem hoffe ich, bald den Bund der Ehe einzugehen – mit meiner schönen, anmutigen Cousine Shiri; und so nähert sich das Ende meiner alten, ungeordneten Tage. Ihrem freundschaftlichen Herzen ist wohlbekannt, dass ich in der Vergangenheit nicht frei von Sünden und Fehlern war; doch was sagt Hafis:

„O Allah, du hast mitten ins Meer ein Brett geworfen – kannst du da erwarten, dass das Brett trocken bleibt?“

So wird der ältere Ali Agha schließlich sesshaft werden und ein angesehener Mann werden. Als ich ihn vor einigen Jahren, vor sieben Jahren, in der Stadt Bam kennenlernte, war er noch nicht so angesehen. Ali Agha war in diese Stadt verbannt worden. Damals war er erst sechsundzwanzig Jahre alt. Dennoch waren seine vergangenen Tage voller Aufregung und Tatkraft. Vor Reza Khans Machtergreifung beteiligte er sich an verschiedenen politischen Bewegungen. In Teheran hätte er eine bedeutende Rolle spielen können, wenn er sich nicht allzu sehr den Vergnügungen hingegeben hätte. Sein besorgter und einflussreicher Vater hatte ihn in die abgelegene Stadt Bam in der südöstlichsten Region Irans gebracht, in der Hoffnung, dass er sich bessern würde, wenn man ihn weit von den Vergnügungen Teherans entfernte. Doch in Bam scheint Ali Agha Ersatz in den süßen Giften der Frauen, des Weins und des Opiums gefunden zu haben. Es versteht sich von selbst, dass Ali Agha diesen Dingen zutiefst verfallen war.

Im Jahr 1925 war Ali Agha Kommandeur der Bezirksmilitärpolizei. Sein Rang war der eines Leutnants. Als ich die Wüste Bilal Dasht-e Lut durchqueren wollte, suchte ich ihn mit einem Empfehlungsschreiben an den Gouverneur der Provinz Kerman auf. Dieses Empfehlungsschreiben beruhte auf einem Brief des Ministerpräsidenten und Diktators Reza Khan. Ich fand ihn in einem schattigen Garten mit Orangenbäumen, Oleandern und Palmen, in den das Sonnenlicht zwischen den Torbögen aus scharfen Palmblättern hindurchfiel. Er trug ein langärmeliges Hemd. Auf dem Rasen lag ein Teppich, und auf diesem Teppich lag ein langärmeliges Hemd. Auf dem Rasen lag ein Teppich, und auf diesem Teppich standen Schalen und eine halb geleerte Flasche Arak. In den Schalen befanden sich noch Speisen. Ali Agha entschuldigte sich höflich: „In diesem verfluchten Loch ist es unmöglich, Wein zu trinken“, und zwang mich dann, einheimischen Arak zu trinken – ein so starkes Zeug, dass es mir wie ein Faustschlag ins Gehirn fuhr. Mit den durchdringenden Augen eines Mannes aus Nordpersien überflog er den Brief aus Kerman; dann legte er ihn mit einem leichten Klopfen beiseite und sagte: „Selbst wenn Sie ohne Empfehlungsschreiben gekommen wären, hätte ich Sie auf dieser Reise unbedingt mit zehn Männern begleitet. Sie sind mein Gast. Niemals hätte ich Sie allein durch die Belutschistan-Wüste reiten lassen.“

Eine junge Frau saß noch immer im Schatten eines Baumes verborgen. Langsam erhob sie sich; sie trug eine knielange, hellhimmelblaue Seiden-Kurta und eine gewaltige weiße belutschische Salwar. Ihr Gesicht war ein Sinnbild sinnlicher Begierde und schien von innen heraus zu glühen; ihre wohlgeformten Lippen waren rot und schön, doch ihre Augen waren auf erstaunliche Weise trüb und ausdruckslos, die Lider mit Khol geschwärzt.

–Das Mädchen ist blind, flüstert mir Ali Aga auf Französisch zu, „aber sie singt wunderbar, ganz erstaunlich!“

Ich kann nicht umhin, die außerordentliche Bescheidenheit und Achtung zu bewundern, mit der Ali Aga das Mädchen behandelte. Das Mädchen war eine Berufssängerin und gehörte zu jener Klasse iranischer Frauen, die mehr oder weniger den Prostituierten gleichgestellt werden. Und doch hätte er selbst einer vornehmen Dame aus Teheran keine bessere Behandlung zuteilwerden lassen können.

Wir drei setzten uns auf den Teppich, und während Ali Aga damit beschäftigt war, seine Wasserpfeife und seine Opiumspfeife zu rauchen, unterhielt ich mich mit dem belutschischen Mädchen. Trotz ihrer Blindheit konnte das Mädchen auf eine Weise lachen, wie nur jene lachen können, die in den Tiefen ihres Herzens voller Freude leben; und zwischen ihren Worten machte sie so kluge und geistreiche Bemerkungen, dass keine vornehme Frau dieser weiten Welt Grund gehabt hätte, sich ihrer zu schämen. Nachdem Ali Aga seine Pfeife zu Ende geraucht hatte, nahm er sanft ihre Hand in die seine und sagte: „Der Fremde, der hier sitzt, ist ein Österreicher. Er würde gewiss gern eines deiner Lieder hören. Bis jetzt hat er noch nie ein belutschisches Lied gehört.“

Auf ihrem blinden Gesicht lag der Ausdruck eines fernen, träumerischen Traumes, als sie die Flöte nahm, die Ali Aga ihr gegeben hatte, und mit den Fingern über ihre Löcher strich. Mit tiefer, gebrochener Stimme sang sie ein belutschisches Lied, dessen Melodie von ihren von Gefühl durchwärmten Lippen wie ein Echo des Lebens selbst emporzusteigen schien.

Ich kehre zu dem Brief zurück:

Mein Bruder und verehrter Freund, ich weiß nicht, ob Sie sich noch daran erinnern, wie wir beide in jenen alten Tagen gemeinsam durch das Dasht-e Lut reisten und wie wir gegen jene belutschischen Räuber kämpfen mussten, um unser Leben zu retten …?

Erinnere ich mich daran? Bei dieser zusammenhanglosen Frage Ali Agas lächle ich innerlich und sehe mich und Ali Aga in der menschenleeren, kahlen Wüste des Dasht-e Lut, die ihre gewaltige Leere weit über Belutschistan hinaus bis tief in die Mitte Irans ausdehnt. Ich bereitete mich darauf vor, diese Wüste zu durchqueren, um über Sistan, Irans östlichste Provinz, von dort nach Afghanistan zu gelangen. Da ich aus Kerman kam, gab es für mich keinen anderen Weg. Wir hielten uns mit den belutschischen Polizisten, die uns als Führer begleiteten, in einer grünen Oase am Rand der Wüste auf, um Kamele zu mieten und Verpflegung für den langen Weg zu kaufen, der vor uns lag. Das Stationshaus des indo-europäischen Telegraphen war unser vorläufiges Hauptquartier. Der hochgewachsene, grobknochige Stationsmeister mit dem scharfen Blick wollte mich keinen Augenblick aus den Augen lassen. Es schien, als versuche er, sich durch seinen Blick ein Bild von meiner Lage zu machen.

–„Seien Sie vorsichtig mit ihm“, flüsterte mir Ali Aga zu. „Er ist ein Räuber, ich kenne ihn. Und er weiß, dass ich ihn kenne. Vor einigen Jahren war er ein echter Bandit. Aber inzwischen hat er viel Geld gemacht und ist ein angesehener Mann geworden. Jetzt verdient er noch viel mehr Geld, indem er seine früheren Gefährten mit Waffen versorgt. Ich warte auf eine Gelegenheit, ihn auf frischer Tat zu ertappen; aber der Mann ist gerissen, und irgendetwas zu beweisen ist wirklich schwierig. Als er hörte, dass Sie aus Österreich stammen, geriet er furchtbar in Aufregung. Während des Weltkriegs versuchten einige österreichische und deutsche Agenten, die Stämme dieser Gegend gegen die Briten aufzuwiegeln. Sie hatten Säcke voller Goldmünzen bei sich; und unser Freund hier glaubt, jeder Deutsche und jeder Österreicher sei auf dieselbe Weise ausgestattet.“

Doch wir profitierten von der Findigkeit des Stationsvorstehers, denn es gelang ihm, für mich zwei der besten Reitkamele der Gegend aufzutreiben. Den Rest des Tages verbrachten wir mit dem Feilschen um Wasserschläuche, Seil aus Kamelhaar, Reis, reine Butter und allerlei andere für die Wüstenreise notwendige Dinge.

Am folgenden Nachmittag brachen wir auf. Ali Agha beschloss, mit vier Polizisten vor uns herzuziehen und einen Platz für das nächtliche Aufschlagen des Zeltes vorzubereiten. Ihre Kamele verschwanden, kaum dass man ihre langgestreckte Reihe noch erkennen konnte, hinter dem Horizont. Wir – Ibrahim, ich und der fünfte Polizist – folgten ihnen in verhältnismäßig langsamem Tempo.

Wir schwankten und wiegten uns hin und her (wie neu das damals doch für mich war), während die leichten, schlanken Kamele in ihrem eigenartig wippenden Schritt dahinzogen – zunächst durch gelbliche Dünen, hier und da in der Ferne von Büscheln Gras markiert, dann immer tiefer, immer weiter hinein in die Ebene – eine endlose, graue Ebene, flach und leer –, so leer, dass es schien, als fließe sie nicht dahin, sondern breche zum Horizont hin ab; denn vor unseren Augen gab es nichts, worauf der Blick hätte ruhen können – keine Erhebung auf dem Boden, keinen Stein, kein Gebüsch, nicht einmal eine Grashalmspitze. Kein Laut eines Tieres, kein Zwitschern eines Vogels und kein Summen eines Mistkäfers durchbrach diese ungeheure Stille; selbst der Wind, da ihm vor uns kein Hindernis entgegenstand, strich lautlos niedrig über das Leere dahin – nein, nicht so, er stürzte in das Leere, wie ein Stein in eine bodenlose Grube … Dies war nicht die Stille des Todes, sondern die Stille dessen, was noch nicht geboren war, die Reglosigkeit von etwas, das bis jetzt niemals geboren worden war – die vor dem U rlaut liegende Urtstille.

Und dann geschah es. Die Stille zerbrach. Eine menschliche Stimme traf, so sanft wie ein Vogelgesang, die Luft und schien dort im Leeren hängen zu bleiben, und mir war, als hörte ich sie nicht nur, sondern sähe sie – so einsam und unverborgen schwebte sie über die Wüste dahin. Es war unser baludschischer Soldat. Er sang ein Lied aus dem Leben der Nomaden, zur Hälfte melodisch gesungen und zur Hälfte in raschem Rhythmus rezitiert, abwechselnd – eine seltsame Musik aus leidenschaftlichen und zarten Worten, die ich nicht verstehen konnte. Seine Stimme erklang in wenigen Tonarten, auf einer einzigen Ebene ohne jede Steigerung oder Senkung, und er sang so ununterbrochen weiter, dass sie sich allmählich in eine Art leuchtenden Glanz verwandelte, als sie die bruchstückhafte Melodie mit den begleitenden Spielen der Kehllaute überdeckte und durch die immer wiederholte und abgewandelte Behandlung desselben Themas den unerwarteten Reichtum ihrer ebenen Melodie enthüllte – eben und grenzenlos wie das Land, in dem dieses Lied geboren worden war …

Das Gebiet, durch das wir die Wüste durchquerten, wird die „Wüste der Glocken Ahmads“ genannt. Vor vielen Jahren verirrte sich eine Karawane unter der Führung eines Mannes namens Ahmad und gelangte hierher; alle, Menschen wie Tiere, starben vor Durst. Noch heute, so erzählt man, hören Reisende bisweilen den Klang der Glöckchen, die Ahmads Kamele um den Hals trugen – ein Laut wie ein gespenstisches Weinen, der den unachtsamen Wanderer verzaubert, ihn weit von seinem Weg abführt und dem Tod in der Wüste entgegentreibt.

Kurz nach Sonnenuntergang holten wir Ali Agha und die Vorhut ein und schlugen unser Zelt im Gras von „Kahur“ auf – zum letzten Mal für einige Tage sollten wir dieses Gras sehen. Mit trockenem Reisig wurde ein Feuer entzündet, und der unvermeidliche Tee wurde bereitet, während Ali Agha wie gewohnt an seiner Opiumpfeife zog. Die Kamele wurden mit zubereitetem Gerstenfutter gefüttert und rings um uns auf die Knie niedergebracht. Drei Polizisten wurden als Wachen außerhalb des Lagers auf den Dünen postiert, denn das Gebiet, in das wir an jenem Tag vorgedrungen waren, war damals der Tummelplatz der furchtbaren Wüstenräuber – der aus dem Süden kommenden Überfälle verübenden Balutschenstämme.

Ali Agha hatte gerade seine Pfeife und seinen Tee beendet und trank allein Arak – mir war nicht danach, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Plötzlich zerriss der Schuss eines Gewehrs die nächtliche Stille. Ein zweiter Schuss aus dem Gewehr unserer Wachen antwortete ihm, und gleich darauf war irgendwo in der Dunkelheit ein Schrei zu hören. Ibrahim bewies eine hervorragende Geistesgegenwart und warf Sand auf das Feuer. Von allen Seiten begannen weitere Gewehrschüsse aufzusteigen. Die Wachen waren nun nicht mehr zu sehen. Doch wir hörten, wie sie einander zuriefen. Wir konnten nicht feststellen, wie viele Angreifer es waren, denn sie bewahrten Stillschweigen – ein gespenstisches Schweigen –, nur bisweilen verriet ein undeutlicher Lichtblitz aus einem Gewehr, der die Dunkelheit wie ein Messer durchbohrte, ihre Anwesenheit, und ein- oder zweimal sahen wir undeutlich einige weiß gekleidete Gestalten lautlos durch die Finsternis eilen. Einige Kugeln, die auf niedriger Höhe abgefeuert worden waren, pfiffen dicht über unseren Köpfen hinweg; doch keine traf einen von uns. Allmählich legte sich die Unruhe und Spannung. Noch einige Schüsse fielen, und die Nacht sog ihren Klang auf; die Angreifer aber, offensichtlich von unserer Wachsamkeit enttäuscht, verschwanden ebenso lautlos, wie sie gekommen waren.

Nachdem Ali Agha die Wachen gerufen hatte, setzten wir uns zu einer kurzen Beratung zusammen. Zunächst hatten wir beschlossen, die Nacht hier zu verbringen. Da wir jedoch keine Vorstellung davon hatten, wie stark diese Gruppe von Angreifern war, und auch nicht wussten, ob sie mit weiteren Männern zurückkehren würde, beschlossen wir, sofort das Zelt abzubrechen und aufzubrechen.

Die heutige Nacht ist schwarz wie Pech. Dichte, tief hängende Wolken haben Mond und Sterne verhüllt. Im Sommer ist es gewöhnlich besser, nachts durch die Wüste zu reisen. Unter normalen Umständen hätten wir jedoch nicht gewagt, in einer solchen Dunkelheit weiterzuziehen. Denn dabei besteht die Gefahr, den Weg zu verlieren – die harten Kieselsteine des Dascht-e Lut bewahren keinerlei Wegspuren. In alter Zeit ließen die Schahs von Iran in Wüsten dieser Art aus Ziegeln Wegweiser errichten, um die Karawanenstraßen zu kennzeichnen; doch wie so vieles Gute aus jener Zeit sind diese Zeichen schon vor langer Zeit verschwunden. Eigentlich werden sie heute auch nicht mehr gebraucht. Die indo-europäische Telegraphenlinie, die die britische Regierung zu Beginn dieses Jahrhunderts von der indischen Grenze durch den Dascht-e Lut bis nach Kerman gelegt hat, erfüllt dieselbe Aufgabe ebenso gut – ja, man kann sagen, sogar besser – als die Wegweiser; doch in der Nacht konnten wir weder den Draht noch die Telegraphenmasten sehen.

Mit Entsetzen stellten wir dies fest, als der Polizist, der uns als Führer vorausritt und sein Kamel lenkte, nach etwa einer halben Stunde plötzlich die Zügel seines Kamels anzog und Ali Agha mit beschämter Miene meldete:

„Hazrat, ich kann den Telegraphendraht nicht mehr sehen …“

Einen Augenblick lang waren wir alle wie gelähmt. Wir wussten, dass es entlang der von der Telegraphenlinie gekennzeichneten Straße nur Brunnen gab und dass die Brunnen weit voneinander entfernt lagen. Hier den Weg zu verlieren bedeutete, für immer zu verschwinden – wie die Karawane in Ahmeds Geschichte …

Daraufhin sprach Ali Agha in einer Weise, die sich völlig von seiner gewöhnlichen Art zu reden unterschied. Man durfte mit gutem Grund annehmen, dass Arak und Opium dafür verantwortlich waren. Er zog seine Pistole und brüllte:

„Wo ist der Draht? Ihr Hundesöhne, sagt, warum habt ihr ihn verloren? Ja, ich weiß, dass ihr euch mit diesen Räubern verbündet habt und uns in die Irre führen wollt, damit wir aus Wassermangel sterben und zu einer leichten Beute für eure Plünderungen werden.“

Dieser Vorwurf war tatsächlich ungerecht; denn ein Balutsche, der einmal mit jemandem zusammengesessen und Salz und Brot gegessen hat, würde niemals dessen Vertrauen verraten. Unsere Polizisten waren durch die Anschuldigung ihres Leutnants sichtlich verletzt und versicherten uns, dass sie keine Schuld trügen, doch Ali Agha schrie erneut:

„Schweigt! Sucht sofort den Telegraphendraht und findet ihn; sonst werde ich jeden Einzelnen von euch erschießen und erledigen – habt ihr verstanden, ihr Söhne der Hölle!“

In der Dunkelheit konnte ich ihre Gesichter nicht sehen. Doch ich konnte verstehen, wie tief diese freien Belutschen durch diese Beleidigung getroffen worden waren! Sie sahen nicht einmal mehr die Notwendigkeit, darauf zu antworten. Dann trat plötzlich einer von ihnen – eben noch unser Führer – aus der Gruppe heraus, schlug seinem Kamel die Peitsche auf den Leib und verschwand mit einem Sprung in der Dunkelheit.

„Wohin geht er?“, rief Ali Agha, und als Antwort hörte er einige undeutliche Worte. Ein paar Sekunden lang war das sanfte, gedämpfte Geräusch von Kamelhufen zu hören. Dann versank das Geräusch in der Nacht.

Obwohl wir noch kurz zuvor überzeugt gewesen waren, dass der Belutsch-Polizist keine Schuld trug, ging mir dennoch der beunruhigende Gedanke durch den Kopf: Jetzt ist er zu den Räubern gegangen! Wie dem auch sei, Ali Aghas Vermutung war richtig … Ich hörte, wie Ali Agha seine Pistole aus dem Holster zog, und tat es ihm gleich. Ibrahim nahm langsam seine Schleuder in die Hand. Wir saßen reglos und schweigend auf unseren Sätteln. Einer der Polizisten stieß leise ein Grunzen aus; ein anderer rammte den Kolben seines Gewehrs gegen einen Sattel. Lange Minuten vergingen. Die Stille war so vollkommen, dass man beinahe den Atem aller Menschen hören konnte. Dann kam plötzlich, abgerissen, ein Laut aus großer Ferne. Mir schien, als sei es nur ein Ton: „O-o-o.“ Doch die Belutschen kannten seine Bedeutung, und einer von ihnen formte beide Hände schalenförmig vor den Mund und rief aufgeregt etwas in der Brahui-Sprache. Wieder erscholl der ferne Ruf. Einer der Polizisten wandte sich nun an Ali Agha und sagte auf Persisch:

„Der Draht, Herr, er hat den Draht gefunden!“

Nun löste sich die angestaute Spannung. Wir alle atmeten erleichtert auf und folgten der Stimme unseres unsichtbaren Führers, der uns von Zeit zu Zeit den Weg wies. Als wir bei ihm ankamen, erhob er sich auf seinem Sattel, deutete in die Dunkelheit und sagte:

„Da ist der Telegraphendraht!“

Und tatsächlich entgingen wir nur wenige Minuten später knapp dem Zusammenstoß mit einem Telegraphenmast. Das Erste, was Ali Agha tat, war ganz bezeichnend für ihn. Er packte den Soldaten am Gürtel, zog ihn zu sich heran, beugte sich über den Sattel und küsste ihn auf beide Wangen:

„Brüderchen, du bist es nicht, ich bin der Hundesohn. Vergib mir!“

Später stellte sich heraus, dass dieser Belutschen-Soldat, ein Kind der Wüste, sein Kamel im Zickzack vorantrieb, bald nach rechts, bald nach links. Dann vernahm er eines Tages aus einer Entfernung von einer halben Meile das Zischen des Windes, der gegen die Drähte schlug – ein Geräusch, das selbst in dem Augenblick, als ich gerade unter ihnen hindurchging, für mein europäisches Ohr kaum wahrnehmbar war!

Wir bewegten uns langsam und vorsichtig durch die von Dunkelheit verhüllte Nacht, von einem unsichtbaren Telegraphenmast zum nächsten. Einer der Polizisten ging stets vor uns. Und sobald seine Hand einen Mast berührte, rief er uns zu, dass er ihn gefunden hatte. Wir hatten unseren Weg gefunden und waren fest entschlossen, ihn nicht wieder zu verlieren. Ich erwachte aus meinem Traum und kehrte zu Alis Brief zurück:

Nach meiner Beförderung zum Oberstleutnant wurde dieser Unwürdige in den Generalstab der Armee berufen; und diese Aufgabe, mein Freund und Bruder, spricht mich weit mehr an als das Leben in der Garnison einer Provinzstadt.

Von dieser Neigung bin ich überzeugt; Ali Aga hat stets ein natürliches Verständnis für das Leben in der Hauptstadt und ihre Intrigen, insbesondere ihre politischen Intrigen. Tatsächlich beschreibt er in seinem Brief das politische Klima Teherans – die endlosen Auseinandersetzungen unter der glatten Oberfläche, jene komplizierten Schachzüge, mit denen die ausländischen Mächte den Iran so lange in einem Zustand der Unruhe gehalten haben, dass diese erstaunlich begabte Nation sich nicht in ihrer eigenen Gestalt entfalten kann.

Gerade jetzt werden wir von der englischen Ölgesellschaft bedrängt. Auf unsere Regierung wird ein ungeheurer Druck ausgeübt, die Konzession noch weiter auszudehnen und unsere Versklavung noch länger fortzusetzen. Auf den Märkten kann man vor lauter Gerüchten sein eigenes Wort nicht hören; Allah allein weiß, wie all dies enden wird! …

In den politischen Leben der Länder des Orients spielt der Basar stets eine sehr wichtige Rolle; für den Basar von Teheran gilt dies ganz besonders: In diesem Basar schlägt unaufhörlich das verborgene Herz des Iran, allen Formen des nationalen Niedergangs und allen Fortschritten der Zeit zum Trotz. Während ich Alis Brief las, erschien dieser gewaltige Basar, der selbst einer Stadt gleicht, wieder so deutlich vor meinen Augen, als hätte ich ihn erst gestern gesehen: ein Labyrinth aus zahlreichen geheimnisvollen Hallen, in denen Licht und Schatten durch große, gitterartige Öffnungen fallen, und aus verschiedenen Durchgängen, über denen sich spitz zulaufende Bögen von beiden Seiten her treffen und ein Dach bilden. Hinter den dunklen kleinen Läden, die mit billigen, wertlosen Waren gefüllt sind, liegen an der Hauptstraße überdachte Höfe, deren Dächer Glasfenster für den Lichteinfall besitzen; darin befinden sich einzelne Geschäfte, in denen die kostbarsten Seidenstoffe Europas und Asiens verkauft werden; gleich hinter den Werkstätten der Seilmacher stehen die Glasvitrinen der Silberschmiede, kunstvoll verziert mit feinen Gold- und Silberfransen; die verschiedenfarbigen Baumwollstoffe aus Buchara und Indien vermischen sich mit seltenen persischen Teppichen und Teppichen mit Jagdszenen; neben den Nähmaschinen liegen Halsketten aus Glasperlen und automatische Feuerzeuge, während die schwarzen, unglückseligen Regenschirme neben den Schaffellmänteln aus Chorasan stehen, deren Ränder gelb bestickt sind; all dies hat sich in dieser langen Halle zusammengefunden, wie im Schaufenster eines großen und etwas nachlässig geordneten Ladens.

In den unzähligen kleinen, ineinander verschlungenen Gassen dieses Handwerks- und Handelsviertels sind die Läden nach Gewerben geordnet. Hier sehen Sie eine lange Reihe von Sattlern und Gerbern; als vorherrschende Farbe begegnet Ihnen das Rot des gefärbten Leders, dazu der etwas säuerliche Geruch des Leders, der sich in der Luft verbreitet. Da sind die Schneider – von dem für jeden bestimmten erhöhten Platz aus hören Sie das ununterbrochene Geräusch der geschickten Nähmaschinen. Für jeden Ladenbesitzer gibt es auf einer drei bis vier Quadratfuß großen erhöhten Fläche einen eigenen Laden; lange Gewänder hängen zum Verkauf aus, immer dieselben Gewänder, sodass Sie beim Gehen bisweilen meinen, reglos zu stehen. Auch in vielen anderen Teilen des Basars werden Sie dasselbe Gefühl haben. Dennoch hat diese ungeheure Ähnlichkeit in keinem einzelnen Fall etwas mit Eintönigkeit zu tun. Unter Fremden wirkt diese Gleichförmigkeit berauschend und erfüllt ihr Herz mit einer beunruhigenden Befriedigung. Selbst wenn Sie hundertmal hierherkämen, würden Sie stets dieselbe Stimmung und Atmosphäre um sich sehen, als hätte sich nichts verändert; doch diese Stimmung und Atmosphäre ist die unerschöpfliche, widerhallende Unveränderlichkeit der Meereswellen, die unablässig ihre Gestalt wandeln, während sie ihr Wesen unverändert bewahren.

Und dann der Basar der Kupferschmiede: eine Harmonie vieler Bronzeglocken unter den Schlägen schwingender Hämmer. Diese Hämmer treiben Kupfer, Bronze und Messing in die verschiedensten Formen und verwandeln formlose Metallplatten in Schüsseln, Waschbecken und große Gefäße. Mit welch sicherem Gefühl für den Klang setzen die Hammerschläge sich fort, heben und senken den Rhythmus, vom einen Ende des Basars bis zum anderen; jeder folgt beim Zuschlagen dem Rhythmus des anderen, damit für das Ohr nichts unpassend oder verstimmt klingt. Vielleicht schwingen hundert Handwerker in verschiedenen Läden ihre Hämmer auf verschiedenen Metallen – und doch ist im ganzen Basar nur eine einzige Musik zu hören, eine einzige Melodie … In diesem tiefen, beinahe sozialen Verlangen, eine Harmonie zu finden – etwas, das tiefer reicht als bloße Musik –, wird die verborgene Süße der iranischen Seele offenbar.

Danach der Gewürzmarkt: stille Gassen, an deren beiden Seiten weiße Zuckerhüte, Säcke mit Reis, Haufen von Mandeln und Pistazien, Haselnüsse und Melonenkerne, Körbe voller getrockneter Aprikosen und Ingwer, Messingschalen mit Zimt, Kurkuma, Pfeffer, Safran und Mohn, dazu zahlreiche Gefäße voller Fenchel, Vanille, Kreuzkümmel, Nelken und unzähliger anderer Kräuter und Wurzeln aufgereiht sind; aus diesen Gewürzen steigt ein schwerer, überwältigender Duft auf. Wie Buddha im Lotussitz sitzen die Besitzer dieser wundersamen Waren, über ihre glänzenden Waagen aus Messing gebeugt, und rufen bisweilen mit leiser Stimme einen Vorübergehenden und fragen ihn, was er wünscht. Hier bedeutet Sprechen ein undeutliches Geräusch, ein Flüstern, denn wenn Zucker langsam aus dem Sack auf die Waage geschüttet wird, kann niemand Lärm machen – wenn gerade gewogen wird … Thymian oder Kreuzkümmel … nichts anderes; jene Fähigkeit, die Gemütsverfassung den Werkzeugen in der Hand anzupassen, dank derer die Iraner aus unzähligen verschiedenfarbigen Wollfäden durch Verknoten prächtige Teppiche weben können – Faden für Faden, Bruchteile eines Zolls an Bruchteile eines Zolls fügend –, bis der ganze Teppich in seiner spielerischen Vollkommenheit Gestalt angenommen hat. Dass es auf der Welt keinen Teppich gibt, der dem iranischen gleichkommt, ist kein Zufall. Wo sonst finden Sie diese tiefe Stille bei der Arbeit der eigenen Hände, diese Versunkenheit, dieses völlige Aufgehen in sich selbst? – Wo sonst finden Sie diese Augen, diese tiefe Unergründlichkeit, für die die Zeit und ihr Lauf so geringfügig sind?

In den Nischenregalen, die größer als gewöhnliche Regale sind, sitzen die Maler bei der Arbeit und fertigen kleine Bilder an. Sie kopieren diese Miniaturen aus alten, vor langer Zeit zerfetzten Handschriften und verleihen den großen Themen des Lebens Gestalt in Linien und Farben, fein wie der Atem: Bilder von Krieg und Jagd, von Liebe, Glück und Leid. Ihre Pinsel sind fein und zart wie das Nervensystem; winzige Striche und Punkte werden damit angefertigt und auf den Fingern ihrer linken Hand vermischt. Auf vollkommen weißen, neuen Blättern gewinnen die alten Bilder Strich um Strich, Schattierung um Schattierung neues Leben. Neben den Schichten des goldenen Hintergrunds des Originals treten die Kopien allmählich hervor: ein leuchtender Hintergrund. Die in einem königlichen Park verblassten Orangenbäume erblühen aufs Neue im Gewand eines neuen Frühlings. Die schlanken Frauen in Seiden- und Wollkleidern werden in ihren bezaubernden Bewegungen wieder lebendig; über dem Polospiel jener alten heldenhaften Krieger geht eine neue Sonne auf … Strich um Strich, Schattierung um Schattierung … Stumme Menschen folgen dem kraftvollen schöpferischen Bemühen eines verstorbenen Künstlers, und in diesem verstorbenen Künstler lag ebenso viel Zauber wie Liebe in ihnen liegt; und diese Liebe lässt Sie die Unvollkommenheit der Arbeit beinahe vergessen …

Die Zeit schreitet voran; die Maler arbeiten mit gesenktem Kopf weiter und haben keinen Anteil am Tag. Die Zeit schreitet voran; die Straßen nahe dem westlichen Teil des Basars dringen langsam, immer weiter, zwischen die Läden vor; aus Chicago importierte Petroleumlampen, bedruckte Stoffe aus Manchester und Teegeschirr aus der Tschechoslowakei rücken im Gewand von Siegern heran. Doch die Maler sitzen im Lotussitz auf ihren abgenutzten Strohmatten und lassen ihre zarten Augen und Fingerspitzen in die vollkommen glückselige Melodie vergangener Zeiten eintreten; Tag für Tag schenken sie ihren königlichen Jagdszenen und ihren verzückten Liebenden neues Leben …

Im Basar wimmelt es von Menschen – unzähligen; darunter gibt es Herren in europäischer Kleidung und häufig auch in europäischer oder halb europäischer Kleidung, die über ihrem europäischen oder halb europäischen Anzug eine bis zum Boden herabhängende arabische „Abaya“ tragen, konservative Städter in langen „Kaftanen“ mit einem Seidenband um die Taille sowie Bauern und Kunsthandwerker in blauen oder erdfarbenen Jacken. Sie werden die edlen Bettlersänger und Derwische Irans sehen, in ihren weißen, weiten, langen Gewändern, bisweilen mit einem Leopardenfell über der Schulter, mit lockigem Haar auf dem Kopf; und alle haben einen prächtigen Körperbau. Die Frauen der Mittelschicht tragen, ihren Möglichkeiten entsprechend, teils Seide, teils Baumwollstoff. Doch die Kleidung ist immer schwarz, und über jedes Gesicht hängt der traditionelle kurze Teheraner Nikab. Die Armen tragen helle, geblümte Baumwolltücher. Die Mullahs vergangener Zeiten bewegen sich prunkvoll auf Eseln oder Maultieren, die mit kunstvoll bestickten Stoffen bedeckt sind, und wenn sie einen Fremden sehen, werfen sie ihm einen so fanatischen Blick zu, dass es scheint, als fragten sie: Was tust du hier? Bist du etwa einer von denen, die daran arbeiten, unser Land zu zerstören?

Die lange Erfahrung mit westlichen Verschwörungen hat die Iraner misstrauisch gemacht. Kein Iraner erwartet im Grunde, dass die Fremden seinem Land irgendeinen Nutzen bringen könnten. Doch Ali Agha scheint auch kein unnötiger Pessimist zu sein:

Der Iran ist alt geworden, aber gewiss ist der Iran noch nicht bereit zu sterben. Wir sind wiederholt unterdrückt worden. Viele Völker sind wie eine Flut über uns hinweggegangen, und sie alle sind gestorben; doch wir sind noch da. Der Grund ist, dass wir Iraner immer unseren eigenen Weg gehen. Wie oft hat die Außenwelt versucht, uns neue Lebensweisen aufzuzwingen, und jedes Mal ist sie gescheitert. Wir treten äußeren Mächten nicht mit Gewalt entgegen, weshalb es manchmal scheinen mag, als hätten wir uns ihnen ergeben. Doch wir sind Menschen aus dem Geschlecht der „Mabiyun“, jenes kleinen Ungeziefers, das unter Mauern lebt. Sie, mein Licht des Herzens, haben doch gewiss schon einmal im Iran gesehen, wie ein festes Gebäude mit starken Mauern plötzlich ohne jeden sichtbaren Grund einstürzt. Was ist der Grund? Nichts anderes als diese kleinen Ameisen, die jahrelang unermüdlich Wege und Höhlungen in das Fundament des Gebäudes graben; stets dringen sie um Haaresbreite, langsam, geduldig und in alle Richtungen vor! Schließlich verliert die Hauswand ihr Gleichgewicht und stürzt krachend ein. Wir Iraner sind solche Ameisen. Wir treten keiner Macht der Welt mit lautem, sinnlosem Kraftaufwand entgegen. Vielmehr lassen wir ihnen die Möglichkeit, nach Kräften Unrecht und Unterdrückung zu verüben, und graben schweigend unsere Wege und Höhlungen weiter, bis eines Tages ihr Gebäude plötzlich einstürzt.

Und haben Sie nicht gesehen, was geschieht, wenn ein Stein ins Wasser fällt? Der Stein versinkt; auf der Wasseroberfläche sind einige Kreise zu sehen. Die Kreise breiten sich nach allen Seiten aus und verschwinden langsam. Schließlich wird das Wasser wieder so reglos, wie es zu Beginn war.

Und der Schah – möge Allah sein Leben verlängern – muss eine schwere Last tragen, an deren einer Seite die Engländer und an deren anderer Seite die Russen stehen. Doch wir haben keinen Zweifel daran, dass er mit Allahs Gnade den Weg finden wird, den Iran zu retten …

Alī Āgās fester Glaube an Reza Schah scheint äußerlich kein Glaube an den Unwürdigen zu sein. Unter den dynamischen Persönlichkeiten der muslimischen Welt, mit denen ich Bekanntschaft zu schließen Gelegenheit hatte, ist der Schah zweifellos eine der bedeutendsten, und unter den Königen, die ich kenne, kann nur Ibn Saud mit ihm verglichen werden.

Die Geschichte von Reza Schahs Aufstieg zur Macht gleicht einem märchenhaften, erfundenen Märchen, wie es nur in der östlichen Welt möglich ist, wo bisweilen der Mut und die starke Willenskraft eines Einzelnen einen Menschen aus der Verborgenheit der Unbekanntheit und Bedeutungslosigkeit an die höchste Spitze der Führung emporheben können. Als ich während meines ersten Aufenthalts im Iran, in den Sommertagen des Jahres 1924, zum ersten Mal Gelegenheit hatte, ihn kennenzulernen, war er Ministerpräsident und der unangefochtene Diktator Irans. Doch die Erschütterung, die das Volk erlebt hatte, als es ihn so plötzlich und so unerwartet die Geschicke des Landes lenken sah, hatte es noch immer nicht vollständig überwunden. Ich erinnere mich noch daran, wie mir eines Tages ein alter iranischer Schreiber in der deutschen Gesandtschaft in Teheran höchst erstaunt sagte: „Wissen Sie, es ist noch gar nicht so lange her, erst zehn Jahre, da stand unser heutiger Ministerpräsident als einfacher Soldat am Tor dieser Gesandtschaft Wache, und ich selbst gab ihm gelegentlich einen Brief, den er zum Außenministerium bringen sollte, und schimpfte ihn aus: ‚Du Hundesohn, lauf zum Markt und vertrödle deine Zeit nicht mit unnützem Zeug …!‘“

Ja, es ist noch gar nicht so viele Jahre her, dass der berittene Polizist Reza als Wachtposten vor den Gesandtschaften und Regierungsgebäuden Teherans Dienst tat. In meiner Vorstellung sehe ich ihn vor mir, wie er in der schäbigen Uniform der iranischen Kosakenbrigade dastand, an sein Gewehr gelehnt, und die Geschäftigkeit beobachtete, die sich ringsum in den verschiedenen Straßen entfaltete; wie Iraner vor seinen Augen traumwandlerisch umhergingen oder sich in der Kühle des Nachmittags am Wasserkanal niederließen, so wie ich sie selbst dabei gesehen habe. Und er hörte hinter seinem Rücken aus der Bank der Engländer das eigentümliche Klappern der Schreibmaschinen, das Stimmengewirr der geschäftigen Menschen, all das undeutliche Rauschen der Betriebsamkeit, das aus dem fernen Europa in jenen Palast Teherans gelangt war, dessen Fassade mit Stücken blauer Keramik verkleidet war. Vielleicht erwachte damals zum ersten Mal – niemand hat mir das erzählt, aber aus irgendeinem Grund scheint es mir, als müsse es genau so gewesen sein – in dem ungebildeten Kopf des Soldaten Reza dieser staunende, fragende Gedanke: Muss es denn so sein? … Ja, muss es unvermeidlich so sein, dass unser Leben wie ein Traum dahintreibt, während die Angehörigen anderer Völker arbeiten und sich anstrengen?“

Und vielleicht begann in seinem Geist in jenem Augenblick der Wunsch nach Veränderung aufzuleuchten – jener Wunsch, der allen großen Taten, Erfindungen und Revolutionen das Leben schenkt – und stumm nach Ausdruck zu verlangen …

Zu anderen Zeiten stand er vielleicht als Wachtposten vor dem Garten am inneren Tor eines großen europäischen Gesandtschaftsgebäudes. Die sorgsam gepflegten Bäume bewegten sich im Wind, und die mit Kies bestreuten Wege knirschten unter den Schritten der Iraner, die durch das Tor hinausgingen; jeder von ihnen war dabei ängstlich und selbstbewusst zugleich und fühlte sich gezwungen, seine Kleidung und sein Gewand in die Länge zu ziehen und seine Hände unbeholfen und fahrig werden zu lassen. Bisweilen kam eine schöne, makellose Kutsche, und aus ihrem Inneren stiegen iranische Politiker. Soldat Reza erkannte viele von ihnen vom Sehen: Dieser hier war der Außenminister, jener der Finanzminister. Wenn sie durch jenes Tor eintraten, lag stets Aufregung und Sorge auf ihren Gesichtern; wenn sie die Gesandtschaft verließen, strahlten ihre Gesichter, als sei ein gewaltiger Gnadenbeweis über sie ausgeschüttet worden; manchmal aber wirkten sie niedergeschlagen und verzweifelt, als sei soeben ein Todesurteil über sie verhängt worden. Die geheimnisvollen Männer im Inneren des Palastes hatten dieses Urteil verkündet. Soldat Reza dachte verwundert: Muss es denn unvermeidlich so sein …?“

Manchmal geschah es, dass ein iranischer Schreiber aus dem Bürogebäude stürmte, das Reza bewachte, ihm einen Brief in die Hand drückte und sagte: „Bring das sofort zu diesem oder jenem. Du Hundesohn, lauf, sonst wird der Gesandte wütend.“ An solche Anreden war Reza gewöhnt, denn auch seine eigenen Offiziere waren im Gebrauch von Schimpfwörtern nicht weniger geübt. Doch wahrscheinlich – wie soll ich es anders sagen – verletzten ihn die Worte „Hundesohn“ fast mit Sicherheit wie ein Messer, weil er wusste, dass er kein Hundesohn war; er war der Sohn eines großen Volkes, das Namen wie Rustam, Darius, Nuschirwan, Kai Chosrau, Schah Abbas und Nadir Schah als die seinen verehrte. Doch was wussten die Menschen, die in diesem Palast lebten, davon? Welche Kräfte strömten durch die Brust dieses vierzigjährigen Soldaten wie ein dunkler, stummer Strom, der bisweilen unter seinem Druck die Fesseln seiner Rippen zu sprengen drohte und ihn in der Verzweiflung des Unvermögens zwang, sich selbst in die Hand zu beißen – ach, wenn ich nur …?“

Und der Wunsch nach Selbstbehauptung, der im Herzen jedes Iraners unter Tränen wohnt, erwachte bisweilen mit einer schmerzhaften, unerwarteten Heftigkeit in der Brust des Soldaten Reza und machte seinen Geist klar, sodass er plötzlich ein erstaunliches Muster zu erkennen vermochte, das sich – was auch immer ihm ins Auge fiel – in allem zeigte …

Der Große Krieg war vorüber. Nach der bolschewistischen Revolution zogen sich die russischen Truppen aus den nördlichen Gebieten Irans zurück, die sie zuvor besetzt hatten. Doch bald darauf erhoben sich in der iranischen Provinz Gilan an der Küste des Kaspischen Meeres unter der Führung des einflussreichen Kuchuk Khan und mit Unterstützung regulärer russischer Land- und Seestreitkräfte die Kommunisten zum Aufstand. Die Regierung entsandte Truppen gegen die Aufständischen, doch den iranischen Soldaten fehlte es an Disziplin, und auch ihre Bewaffnung war äußerst mangelhaft, sodass sie immer wieder Niederlagen erlitten. Dasselbe Schicksal ereilte auch jenes Bataillon, in dem damals Sergeant Reza diente – er war ungefähr fünfzig Jahre alt. Als seine Einheit jedoch nach einem unglücklichen Angriff einmal im Begriff war zu fliehen, konnte Reza sich nicht beherrschen. Er trat aus seiner zerfallenen Truppe hervor, stellte sich abseits hin und rief so laut, dass jeder ihn hören konnte: „Warum flieht ihr, Iraner? Hört, Iraner, warum flieht ihr?“ Damals muss er in den Tiefen seines Bewusstseins wohl dasselbe empfunden haben wie Karl XII. von Schweden, als dieser verwundet auf dem Schlachtfeld von Poltawa lag, seine Soldaten taub und ziellos an sich vorbeistürmen sah und ihnen mit verzweifelter Stimme zurief: „Warum flieht ihr, Schweden? He, Schweden!“ Der Unterschied jedoch war, dass König Karl, von Schlag auf Schlag verwundet, am ganzen Körper blutete. Soldat Reza dagegen war unverletzt; in seiner Hand hielt er eine mit Kugeln geladene Mauserpistole, und seine Stimme klang fest und furchterregend, als er seine Gefährten warnte: „Wer flieht, den werde ich erschießen – selbst wenn er mein Bruder ist.“

Für die iranischen Soldaten war eine solche Explosion etwas völlig Neues. Ihre Ratlosigkeit wich dem Staunen. Sie wurden neugierig und fragten: Was ging in diesem Mann vor? Einige Offiziere protestierten und erklärten, ihre Lage sei völlig aussichtslos, worauf einer von ihnen spöttisch ausrief: „Dann wirst ausgerechnet du für uns den Sieg erringen!“ In diesem Augenblick war Reza vielleicht von all den Enttäuschungen seiner früheren Lebensjahre befreit, und all seine stummen Hoffnungen waren vielleicht plötzlich aufgelebt. Vor sich sah er das Ende eines Zauberseils; er ergriff es mit der Hand. „Ja, ich übernehme die Verantwortung!“, schrie er und wandte sich an die Soldaten: „Werdet ihr mich als euren Anführer anerkennen?

Bei keinem Volk ist die Neigung zur Heldenverehrung so tief verwurzelt wie bei den Iranern; und in diesem Augenblick erschien ihnen dieser Mann als ein Held! Die Soldaten vergaßen ihren Schrecken und ihre Flucht und brüllten begeistert: „Du wirst unser Anführer sein.“ „So sei es“, sagte Reza, „ich werde euch führen, und jeden, der zu fliehen versucht, werde ich töten.“ Doch niemand dachte ans Fliehen. Sie warfen ihre schweren Rucksäcke ab und befestigten die Bajonette an ihren Gewehren. Dann machte das ganze Bataillon unter Rezas Führung kehrt, griff plötzlich einen russischen Stützpunkt an und nahm ihn ein; gemeinsam mit anderen iranischen Einheiten schlug es den Feind vernichtend, und innerhalb weniger Stunden war die Schlacht zugunsten der Iraner entschieden.

Einige Tage später wurde Reza durch ein aus Teheran gesandtes Telegramm zum Hauptmann befördert. Nun konnte er seinem Namen den Titel „Khan“ hinzufügen.

Er packte das Ende des Seils und sprang auf das Seil. Plötzlich wurde sein Name berühmt. In rascher Folge stieg er zum Major, vom Major zum Oberst und vom Oberst zum Brigadier auf. 1921 ergriff er gemeinsam mit dem jungen Journalisten Seyyed Ziauddin und drei weiteren Offizieren die Macht, verhaftete die Mitglieder des korrupten Kabinetts und zwang mit Hilfe seiner loyalen Brigade den schwachen und unbedeutenden jungen Schah Ahmad, eine neue Regierung zu bilden: Seyyed Ziauddin wurde Premierminister und Reza Khan Kriegsminister. Er konnte weder lesen noch schreiben, doch in seinem Streben nach Macht war er wie ein Dämon; bei seiner Armee und seinem Volk wurde er zum Gegenstand uneingeschränkter Achtung und Verehrung, denn diese sahen nach vielen Zeitaltern zum ersten Mal einen Menschen vor sich: einen Anführer!

In der politischen Geschichte Irans wechselte die Szene rasch. Seyyed Ziauddin verschwand von der Bühne und tauchte in Europa als Verbannter wieder auf. Reza Khan blieb Premierminister. In jenen Tagen ging in Teheran das Gerücht um, Reza Khan, Seyyed Ziauddin und der jüngere Bruder des Schahs, der Kronprinz, verschworen sich, um den Schah vom Thron zu verdrängen. Es wurde getuschelt – bis heute weiß niemand, ob es wahr war –, dass Reza Khan im letzten Augenblick seinen Freunden den Schah verraten hatte, um seine eigene Zukunft vor einem solchen unsicheren Unternehmen zu bewahren. Doch ob wahr oder falsch: Kurz darauf begleitete Premierminister Reza Khan den jungen Schah Ahmad mit großem Pomp auf einer Vergnügungsreise bis zur irakischen Grenze, und angeblich sagte er zum Schah: „Wenn Eure Majestät jemals nach Iran zurückkehrt, könnt Ihr sagen, dass Reza Khan von dieser Welt überhaupt nichts versteht.“

Er hatte es nicht nötig, die Macht mit irgendjemandem zu teilen; dem Namen nach vielleicht nicht, in Wirklichkeit aber war er zum unumschränkten Herrscher Irans geworden. Wie ein hungriger Wolf stürzte er sich auf seine Aufgabe. Der gesamte Iran musste von Grund auf reformiert werden. Die bisherige lockere Verwaltung war zentralisiert gewesen; er schaffte die alte Praxis ab, die Provinzen einzeln an den Meistbietenden zu verpachten; die Gouverneure blieben keine Provinzverwalter mehr, sondern wurden von nun an Beamte. Das Militär, das Lieblingskind des Diktators, wurde nach westlichem Vorbild neu organisiert. Gegen die widerspenstigen Stammesführer, die sich früher als kleine Könige betrachtet und sich häufig geweigert hatten, der Regierung in Teheran zu gehorchen, begann Reza Khan Feldzüge; die Räuber, die das Land seit Jahrhunderten in Angst versetzt hatten, unterwarf er mit großer Härte. Mit Hilfe eines amerikanischen Beraters brachte er ein gewisses Maß an Ordnung in die Finanzen des Landes; Steuern und Zölle gingen nun regelmäßig ein. Das Chaos wurde beseitigt und durch Ordnung ersetzt.

Es scheint, als sei die Idee einer Republik im Iran im Widerhall von Mustafa Kemal Paschas Bewegung in der Türkei erwacht – zunächst als Gerücht, dann als Forderung der fortschrittlicheren Bevölkerungsschichten und schließlich als offenkundiges Ziel des Diktators selbst. Doch hier scheint Reza Khan sich in seinem Urteil geirrt zu haben: Aus dem iranischen Volk erhob sich ein machtvoller Schrei des Widerspruchs.

Der Grund für den Widerstand des Volkes gegen die republikanische Tendenz war nicht seine Liebe zum herrschenden Königshaus, denn niemand im Iran empfand irgendeine Zuneigung zur Kadscharendynastie. Da diese Familie ihrer Abstammung nach turkmenisch war, hatte man sie stets als fremd betrachtet; ebenso wenig lag es daran, dass die Iraner wegen des rundlichen, kindlichen Gesichts Schah Ahmads irgendeine gefühlsmäßige Vorliebe für ihn empfunden hätten. Der wahre Grund war ein ganz anderer: Im Kern stand die Angst des Volkes, seine eigene Religion zu verlieren, so wie die Türken ihre Religion nach Atatürks Revolution verloren hatten. Aus Unwissenheit begriffen die Iraner in jenem Augenblick nicht, dass eine republikanische Staatsordnung dem islamischen Lebensplan weit ähnlicher ist als eine monarchische Staatsordnung. Unter dem Einfluss der Konservatismus ihrer religiösen Führer – und vielleicht verständlicherweise erschreckt durch Reza Khans offenkundiges Lob für Kemal Atatürk – sahen die Iraner in dem republikanischen Vorschlag lediglich eine Gefahr für den Islam, die einflussreichste Kraft in ihrem Land.

Eine heftige Erregung ergriff die Stadtbewohner, besonders jene, die in Teheran lebten. Ein wütender Mob, mit Knüppeln und Steinen bewaffnet, versammelte sich vor dem Bürogebäude von Reza Khan und begann, den Mann zu verfluchen und zu bedrohen, der noch am Vortag beinahe als ein Gott verehrt worden war. Reza Khans Leibwächter beschworen ihn eindringlich, das Gebäude nicht zu verlassen, bevor diese Erregung abgeklungen sei. Doch er stieß sie beiseite, nahm nur einen einzigen Ordonnanzsoldaten mit und verließ völlig unbewaffnet den Bürohof. Er ergriff die Zügel eines von einer Kutsche mit Verdecktüren gespannten Pferdegespanns und brachte die Pferde zum Stehen. Einige von ihnen zerbrachen die Wagentür und schrien: „Zieht ihn heraus – zieht ihn auf die Straße!“ Doch inzwischen begann er mit der Peitsche auf die Köpfe und Schultern derer einzuschlagen, die um ihn herumstanden: „Ihr Hundesöhne, haut ab, verschwindet von hier! Wie könnt ihr es wagen! Ich bin Reza Khan. Geht zurück zu euren Huren, geht zurück in eure Betten!“ Und der wütende Mob, der ihn noch wenige Minuten zuvor bedroht hatte, wich zurück, zerstreute sich einer nach dem anderen und verschwand in den Gassen von Pamer. Ein großer Führer hatte wieder zu seiner Nation gesprochen; er hatte im Zorn gesprochen, und dadurch hatte er sie bezwungen. Vielleicht war in diesem Augenblick, mitten in der Liebe, die Reza Khan für seine Nation empfand, ein Gefühl des Hasses und der Verachtung entstanden; und vielleicht überschattete es deshalb für immer seine Liebe zu seinen Landsleuten.

Doch trotz Reza Khans glorreichem Erfolg wurde die Republik niemals Wirklichkeit. Das völlige Scheitern dieses Vorhabens machte deutlich, dass es der militärischen Macht allein nicht möglich war, gegen den Widerstand des Volkes eine „Reformbewegung“ zu schaffen. Es war nicht so, dass die Iraner Reformen an sich ablehnten. Doch sie hatten instinktiv erkannt, dass die Folge importierter westlicher politischer Doktrinen das Ende jeder Hoffnung auf eine gesunde Entwicklung innerhalb ihres eigenen kulturellen und religiösen Hintergrunds sein würde.

Weder damals noch später erkannte Reza Khan dies, und so verlor er den Kontakt zu den Menschen seines Landes. Ihre Liebe zu ihm schwand, und allmählich trat an ihre Stelle ein furchtbarer Hass und Groll. Sie begannen, sich selbst zu fragen: Was hatte dieser große Held eigentlich für seine Nation erreicht? Sie zählten Reza Khans Erfolge einen nach dem anderen auf: die Neuorganisierung der Armee – doch dafür war ein schrecklicher Preis zu zahlen gewesen: Einer ohnehin halbtoten Nation war eine Steuerlast auferlegt worden, die ihr das Rückgrat brach. Die Unterdrückung der Stammesaufstände? Doch zugleich war auch der patriotische Teil des Landes unterdrückt worden. In Teheran wurde eine demonstrative Bautätigkeit entfaltet; in den ländlichen Gebieten aber nahm das Elend der Bauernschaft nur weiter zu. Die Menschen erinnerten sich daran, dass Reza Khan noch wenige Jahre zuvor ein armer Soldat gewesen war, jetzt aber der reichste Mann Irans war und niemand wusste, wie viele Hektar Land auf seinen eigenen Namen eingetragen waren. Waren dies etwa die Reformen, die so groß angekündigt worden waren? Waren die wenigen glänzenden Bürogebäude, die unter dem Einfluss des Diktators in Teheran errichtet worden waren, und die wenigen Luxushotels, die hier und dort gebaut wurden, etwa ein Beweis für die Verbesserung des Schicksals der Bevölkerung?

Genau in dieser Phase seines Lebens lernte ich Reza Khan kennen. Was auch immer über seinen persönlichen Ehrgeiz und die Vorwürfe der Selbstsucht, die gegen ihn erhoben wurden, für Gerüchte kursieren mochten – in dem Augenblick, als er mich in seinem Büro im „Kriegsministerium“ willkommen hieß, entging mir die Größe dieses Mannes nicht. Vielleicht war dies das schlichteste Büro, das je irgendwo von einem Ministerpräsidenten benutzt worden war: In dem Raum befanden sich außer einem Schreibtisch, einem mit schwarzem Wachstuch bezogenen Sofa, zwei Stühlen, einem kleinen Bücherregal und einem hellen, wenn auch billigen Teppich auf dem Boden keinerlei weitere Ausstattung. Der hochgewachsene, kräftig gebaute Mann, der zwischen fünfzig und sechzig Jahre alt war und sich langsam hinter dem Schreibtisch erhob, trug eine schlichte khakifarbene Uniform, an der sich keinerlei Rangabzeichen, Ordensbänder oder Abzeichen befanden.

Vorgestellt wurde ich mir vom deutschen Botschafter, Graf von der Schulenburg (denn ich selbst war Österreicher und Vertreter einer berühmten deutschen Zeitung). Schon während dieses ersten förmlichen Gesprächs wurde ich mir der ernsten, kraftvollen Dynamik von Reza Khans Wesen bewusst. Unter seinen dichten, grauen, struppigen Augenbrauen blickte ein Paar scharfer brauner Augen auf mich – die Augen eines echten Persers, die gewöhnlich unter den Lidern verborgen liegen: eine eigentümliche Mischung aus Schwermut und Entschlossenheit! Die tiefen Linien um seine Nase und seinen Mund verliehen ihm einen Ausdruck der Verbitterung; doch aus den Zügen seines auf kräftigen Knochen ruhenden Gesichts sprach eine außergewöhnliche Willenskraft, die seine Lippen fest zusammenpresste und seinen Kiefer verhärtete. Wenn man ihm aufmerksam zuhörte, wie er mit leiser Stimme und in gewählten Worten sprach – mit der Stimme eines Mannes, der daran gewöhnt ist, wichtige Gedanken zu äußern und jedes Wort auf der Zunge abzuwägen, bevor er es zu Worten werden lässt –, hatte man das Gefühl, mit einem Mann zu sprechen, hinter dem dreißig Jahre als Stabsoffizier und hoher Militär standen. Es war schwer zu glauben, dass Reza Khan erst sechs Jahre zuvor Sergeant gewesen war und erst drei Jahre zuvor lesen und schreiben gelernt hatte!

Er hatte meine Ungeduld, zu ihm zu kommen, und vielleicht auch meine Zuneigung zu seiner Nation erkannt. Denn er bestand beinahe darauf, dass dieses Treffen nicht enden solle, und bat sowohl mich als auch Schulenburg, in der folgenden Woche mit ihm in seiner Sommerresidenz im schönen Gartenort Shemran, einige Meilen von Teheran entfernt, Tee zu trinken.

Mit Schulenburg vereinbarte ich, zuerst zu ihm zu kommen (wie die meisten ausländischen Gesandten verbrachte auch er den Sommer in Shemran), und gemeinsam wollten wir uns zum Wohnsitz des Ministerpräsidenten begeben. Tatsächlich gelang es mir jedoch nicht, rechtzeitig einzutreffen. Einige Tage zuvor hatte ich ein kleines vierrädriges Gefährt mit zwei feurigen Pferden zum Reiten gekauft. Wie temperamentvoll die Pferde waren, zeigte sich vollständig einige Meilen außerhalb von Teheran, als sie aus irgendeiner Laune heraus derart starrsinnig ausscherten, dass sie sich keinen Schritt vorwärts bewegen wollten, sondern darauf bestanden, nach Hause zurückzukehren. Fast zwanzig Minuten lang kämpfte ich mit ihnen. Schließlich wies ich Ibrahim an, Pferde und Wagen nach Hause zurückzubringen, und machte mich zu Fuß auf den Weg, um nach einem anderen Transportmittel zu suchen. Nach etwa zwei Meilen Fußmarsch kam ich in ein Dorf; dort fand ich glücklicherweise eine „Droschke“, einen niedrigen, offenen, vierrädrigen Pferdewagen. Doch als ich bei der deutschen Gesandtschaft eintraf, war ich fast anderthalb Stunden zu spät. Ich sah Schulenburg wie ein wütender Tiger auf und ab gehen; von seiner gewohnten Sanftmut war in seinem Gesicht nichts zu erkennen. Nach seinem preußischen Botschafterverständnis und seinem Sinn für Disziplin war die Sünde, die Zeit nicht einzuhalten, kaum weniger als ein Sakrileg. Sobald er mich sah, brach er zornig los: „Das kannst du nicht tun, so etwas kannst du einem Ministerpräsidenten nicht antun! Du hast vergessen, dass Reza Khan ein Diktator ist und wie alle Diktatoren überaus empfindlich?“

– „Graf Schulenberg, offenbar haben meine Pferde diesen feinen Punkt nicht bemerkt.“ – Eine andere Antwort fiel mir nicht ein: „Selbst wenn ich der Kaiser von China wäre, hätte ich nicht früher hier eintreffen können.“

Da kehrte der Humor des Grafen zurück, und er brach in schallendes Gelächter aus:

– „Bei Allah! So etwas ist mir in meinem Leben noch nie passiert. Also los, gehen wir – sofern die Infanteriewachen uns nicht die Tür vor der Nase zuschlagen …“

Das taten sie nicht. Lange bevor wir den Palast von Reza Khan erreichten, war die Teegesellschaft bereits beendet, und alle übrigen Gäste waren gegangen. Doch Reza Khan nahm es mir keineswegs übel, dass ich gegen das Protokoll verstoßen hatte. Als er den Grund für unsere Verspätung hörte, rief er laut:

– „Ausgezeichnet! Ich möchte mir deine Pferde ansehen. Ich nehme an, sie gehören natürlich der Opposition. Ich weiß nicht, ob es klug wäre, sie unter Polizeiaufsicht zu stellen!“

Mein unangekündigtes Erscheinen hatte sich nicht als Hindernis, sondern vielmehr als Hilfe erwiesen, eine unkomplizierte, von jeder Förmlichkeit freie Beziehung zwischen dem allmächtigen Premierminister Irans und einem jungen Journalisten zu begründen. In der Folge konnte ich später überall im Land mit einer Freiheit umherreisen, die den meisten Ausländern nicht zugestanden wurde.

Doch in Ali Agas Brief findet sich kein Hinweis auf den Reza Khan jener frühen Tage, der ein derart schlichtes Leben führte, dass dies den ausstellungsfreudigen Iranern beinahe unglaublich erschien: Der Brief handelt von Reza Schah Pahlawi, der 1925 den Pfauenthron bestieg. Er handelt von einem König, der jeden Anschein von Bescheidenheit und Demut abgeworfen hatte und nun, in Nachahmung Kemal Atatürks, in seinem alten orientalischen Land ein prunkvolles, hochmütiges westliches Antlitz schaffen wollte …

Ich komme nun zu den letzten Worten des Briefes:

–Mein lieber Freund, obwohl Sie sich jetzt im heiligen Madīnat an-Nabī befinden, glaube ich doch, dass Sie diesen untauglichen Freund von Ihnen und sein Land nicht vergessen haben und niemals vergessen werden.“

O Ali Agha, Freund aus den Tagen meiner Jugend – vielleicht hätten Sie selbst in eben dieser Redewendung gesagt: »Licht meines Herzens«, Ihr Brief, Ihr Brief hat mich in Erinnerungen berauscht; denn ich war geradezu persienberauscht, als ich begann, Ihr Land kennenzulernen, jenes alte, matte Juwel, eingefasst in das Gold der Vorzeit, in gesprungenen Marmor, Staub und Schatten, im Schattenbild aller Tage und Nächte Ihres schwermütigen Landes, in den tiefschwarzen, träumerischen Augen Ihres Volkes …

Ich erinnere mich an Kermanshah, die erste iranische Stadt, die ich sah, nachdem ich die Berge Kurdistans hinter mir gelassen hatte. Eine seltsam matte, undurchsichtige Atmosphäre umgab die Stadt, als wäre sie verhüllt und niedergedrückt – von Verfallenheit und Verwahrlosung ganz zu schweigen. Zweifellos liegt die Armut in jeder Stadt des Orients unmittelbar an der sichtbaren Oberfläche. Hier fällt sie weit stärker ins Auge als in jeder europäischen Stadt. Daran war ich jedoch bereits gewöhnt. Was sich mir so eindringlich offenbarte, war nicht Armut im wirtschaftlichen Sinne; denn Kermanshah gilt als wohlhabende Stadt. Vielmehr war es eine Art Verzweiflung, die sie unmittelbar bedrückte und offenbar mit ihren wirtschaftlichen Verhältnissen nichts zu tun hatte.

Alle Menschen hier haben große, schwarze Augen. Unter dichten schwarzen Brauen, die über dem Nasenansatz zusammenlaufen, liegen diese Augen hinter schweren Lidern wie von einem Schleier verborgen. Die meisten von ihnen sind schlank – ich kann mich nicht erinnern, im Iran einen dicken Menschen gesehen zu haben. Sie lachen niemals laut, und ihr lautloses Lächeln trägt einen undeutlichen Hohn in sich, der weit mehr verrät, als er verbirgt. In ihren Gesichtern ist keine Bewegung, kein Versuch, sich durch Gesten auszudrücken; nur schweigsame, maßvolle Bewegungen und Gebärden – es scheint, als trügen sie alle Masken.

Wie in allen Städten des Orients ist auch hier der Basar das Zentrum des städtischen Lebens. Für einen Fremden erscheint der Basar als eine gedämpfte Mischung aus Braun, Goldbraun und Teppichrot – dazwischen vereinzelt funkelnde Kupferteller und -schüsseln und vielleicht das Hellblau der Fayencen, die über dem Tor einer Karawanserei abgebildet sind, mit Bildern schwarzäugiger Krieger und geflügelter Drachen. Wenn man etwas aufmerksamer hinsieht, entdeckt man im Basar alle Farben der Welt – doch keine dieser seltsamen Farben zieht alles andere an sich und vereint es. Die bogenförmig gewölbten Decken sind in regelmäßigen Abständen durchbrochen, damit das Tageslicht durch winzige Öffnungen hereindringen kann. Durch diese Öffnungen wird es zu einer festen Substanz und erscheint wie undurchsichtige, schräge Lichtbündel; es scheint nicht, dass die Menschen durch sie hindurchgehen, sondern vielmehr, dass diese leuchtenden Säulen durch die Schattenmenschen hindurch voranschreiten …

Denn die Menschen in diesem Basar sind höflich und still wie Schatten. Wenn ein Händler einen Vorübergehenden mit leiser Stimme anruft, schreit oder singt niemand, um die Vorzüge seiner Waren anzupreisen, wie man es auf den Märkten Arabiens tut. Der Gang des Lebens ist hier lautlos und sanft. Die Menschen bahnen sich ihren Weg nicht, indem sie andere mit dem Ellbogen stoßen oder beiseitedrängen. Sie sind äußerst höflich, und diese Höflichkeit scheint sich in Demut vor Ihnen zu beugen; tatsächlich aber hält sie Sie auf eine Armeslänge Abstand. Offenkundig sind sie als Menschen sehr klug und haben nichts dagegen, mit Fremden zu sprechen; doch sprechen nur ihre Lippen. Ihr Inneres steht anderswo im Hintergrund – steht da und wartet, wägt unbeteiligt ab …

In einem Teehaus sitzen einige Angehörige der Arbeiterklasse auf Strohmatten – vielleicht Handwerker, Tagelöhner, Treiber von Kamelen oder Pferden aus einer Karawane – dicht gedrängt rings um ein eisernes Becken voller glühender Kohlen. Zwei lange Pfeifen und dazu Porzellanköpfe werden ihnen gereicht; die Luft des Raumes ist erfüllt vom süßlichen Geruch des Opiums. Ohne ein Wort zu sagen, ziehen sie schweigend an den Pfeifen; jeder nimmt einen langen Zug und reicht sie dann seinem Nachbarn. Dabei sah ich etwas, das ich zuvor noch nie gesehen hatte. Viele, sehr viele Menschen rauchten Opium, manche ganz offen, andere etwas weniger offen; der Ladenbesitzer saß in seinem höhlenartigen Laden; unter dem torbogenförmigen Eingang der Karawanserei saß irgendein herumstreifender Müßiggänger; ein Kupferschmied gönnte sich in seiner Werkstatt einen Augenblick der Ruhe. Sie alle zogen nun an den Pfeifen. Mit denselben gleichgültigen, etwas müden Gesichtern blickten sie mit matten Augen in eine grenzenlose, haltlose Leere …

Überall im Basar verkaufen Händler frische grüne Mohnsamen in großen Körben, und offenbar essen die Menschen sie auf dieselbe Weise. Dies ist eine weitere, mildere Form des Opiumkonsums. So kommt es, dass sogar die Jungen an Türen und Ecken, im Stehen oder Sitzen, Mohnsamen kauen. Zu zweit oder zu dritt teilen sie die sonderbare Speise untereinander, mit jener Nachsicht älterer Menschen füreinander, ohne kindischen Eigennutz zu zeigen – aber auch ohne kindliche Freude oder Begeisterung zu äußern. Doch wie hätten sie anders sein können? Gleich zu Beginn ihres Lebens, wenn sie weinten und ihre Eltern störten, bekamen sie ein starkes Getränk aus Mohnsamen zu trinken. Wenn sie heranwuchsen und zu beginnen drohten, auf der Straße umherzulaufen, waren in ihnen die Grenzen zwischen Ruhe, Schwäche und Mitleid bereits verschwommen.

Und da verstand ich, was mich so tief erschüttert hatte, als ich zum ersten Mal die müden, traurigen Augen der Iraner gesehen hatte. Ich spürte unter ihnen das Zeichen eines erbarmungslosen Schicksals, so wie das traurige Lächeln des Kummers auf dem Gesicht eines Unterdrückten haftet; ebenso war das Opium mit ihnen verbunden, mit ihrer Demut und der Müdigkeit ihrer Herzen; ja, selbst mit ihrer großen Armut und ihrer edlen Genügsamkeit stand es in Zusammenhang. Vielleicht erschien es mir weniger als eine Sünde denn als ein Ausdruck und vielleicht sogar als eine Hilfe! Eine Hilfe wogegen? Eine erstaunliche Welt voller Fragen.

Meine Gedanken wanderten noch immer durch die Erinnerungen und Bilder jener ersten iranischen Stadt, mit der ich bekannt wurde: Kerman. Denn diese Bilder waren vielfältig, standen mir aber stets im Wesentlichen unverändert vor Augen. Vom Anfang bis zum Ende meiner anderthalb Jahre im Iran lag überall eine sanfte, allgegenwärtige Schwermut. In Dörfern und Städten, im täglichen Leben der Menschen und in ihren verschiedenen religiösen Überzeugungen war eine tiefe Färbung von Trauer und Schmerz zu erkennen: die Klage über die tragischen Ereignisse, die sich vor 1300 Jahren zugetragen hatten, und die Trauer um den stillen Schwiegersohn Ali sowie um den Tod von Alis beiden Söhnen Hasan und Hussein schienen ihnen wichtiger zu sein als das Ziel des Islam und der Weg, auf dem der Islam das menschliche Leben führen will …

An vielen Abenden sah ich in vielen Städten verschiedene Gruppen von Frauen und Männern auf einer Straße versammelt, um einen wandernden Derwisch, einen religiösen heiligen Mann, der weiße Gewänder trug, auf dem Rücken ein Leopardenfell, in der rechten Hand eine Axt mit langem Stiel und in der linken eine Bettelschale aus einer Kokosnussschale. Halb singend, halb sprechend, trug er eine Ballade über den Kampf um das Kalifat vor, der nach dem Tod des Gesandten Allahs im siebten Jahrhundert begonnen hatte – eine traurige Geschichte von Glauben, Blut und Tod; und stets nahm sie ungefähr folgende Gestalt an:

Hört, ihr Menschen, hört die Geschichte dessen, was denen widerfuhr, die Allah auserwählt hatte, und wie das Blut der Nachkommen des Propheten über die Erde vergossen wurde:

Einst lebte ein Prophet, den Allah mit einer Stadt des Wissens verglichen hatte, und das Tor zu dieser Stadt des Wissens war der treueste und größte Held unter seinen Gefährten, sein Schwiegersohn Ali – das Licht der Erde, Teilhaber an der Botschaft des Propheten –, den man den „Löwen Allahs“ nannte.

Als der Prophet starb, war der Löwe Allahs sein wahrer Erbe; doch böse Menschen raubten diesem Löwen sein von Allah bestimmtes Recht und machten einen anderen zum Kalifen des Propheten. Nach dem Tod des ersten unrechtmäßigen Usurpators wurde er von einem ebenso bösen Nachfolger abgelöst und danach von noch einem weiteren.

Und erst nach der Vernichtung dieses dritten Usurpators wurde Allahs Wille offenbar, und der Löwe Allahs nahm als Amir al-Mu’minin seinen rechtmäßigen Platz ein.

Doch Alis Feinde und die Feinde Allahs waren zahlreich, und eines Tages, als er sich im Gebet vor seinem Herrn niederwarf, wurde er durch den Schwertstreich eines Mörders getötet. Bei dieser furchtbaren Sünde erbebte die Erde vor Schmerz, die Berge und Felsen weinten und vergossen Tränen aus Stein:

O Allah, lass deinen Fluch auf den Ungerechten lasten, und möge ewige Qual sie verschlingen.

Wieder erhob sich ein ruchloser Tyrann und beraubte Hasan und Husain, die Söhne Alis, des Löwen Gottes, und die beiden Söhne der ehrwürdigen Fatima, ihres rechtmäßigen Erbes auf dem Thron des Propheten. Hasan wurde durch eine Verschwörung vergiftet und getötet, und als Husain sich zum Schutz der Religion erhob, wurde die Lampe seines überaus schönen Lebens auf der Ebene von Kerbela ausgelöscht, als er sich nach der Schlacht an einem Wasserbecken niederkniete, um seinen Durst zu stillen. Wehe, Allahs Fluch komme über die Ruchlosen! Und Rasulullah, dessen Antlitz einst von den Tränen der Engel geküsst worden war, wurde erbarmungslos zerstückelt, und seine kopflose Leiche wurde zu seinen weinenden Kindern gebracht, die auf die Rückkehr ihres Vaters gewartet hatten.

Und seither flehen die Gläubigen Allahs Fluch auf die Tyrannen herab und halten die Trauer um den Tod Alis, Hasans und Husains. O ihr Gläubigen, beklagt ihren Tod mit lauter Stimme, denn Allah vergibt denen, die um die Nachkommen des Propheten weinen …

Und so weckt die gesungene Ballade unter den Frauen, die ihr zuhören, ein heftiges Weinen, während Tränen lautlos über die Gesichter der bärtigen Männer rinnen …

In Wahrheit hat diese übermäßige Trauer überhaupt keinen Bezug zum wirklichen historischen Bild jener Ereignisse, die in der Frühzeit jene Wunde verursacht haben, die in der islamischen Welt niemals geheilt ist. Was ist diese Wunde? Die muslimische Gemeinschaft ist in zwei Rechtsschulen gespalten – in Sunniten und Schiiten. Die Sunniten, aus denen die Mehrheit der muslimischen Völker besteht, halten unbeirrt am Prinzip der Wahl für das Amt des Kalifen fest; die Schiiten behaupten, Rasulullah habe seinen Schwiegersohn, den ehrwürdigen Ali, zu seinem rechtmäßigen Erben und Kalifen bestimmt. Tatsächlich aber starb Rasulullah, ohne irgendeinen Kalifen zu bestimmen; deshalb wurde sein ältester und treuester Gefährte, der ehrwürdige Abu Bakr, von der überwältigenden Mehrheit der muslimischen Umma zum „Kalifen“ gewählt. Nach Abu Bakr wurde Umar Kalif und nach Umar Uthman. Erst nach Uthmans Tod wurde Ali zum Kalifen gewählt. Während meiner damaligen Tage im Iran konnte ich nichts Schlechtes oder Verwerfliches über Alis drei Vorgänger als Kalifen finden. Zweifellos waren sie nach Rasulullah die bedeutendsten Menschen des Islam, und viele Jahre lang waren sie seine engsten Gefährten. Die muslimische Umma hatte sie frei gewählt, indem sie das Recht ausübte, das der Islam den Menschen verliehen hatte. Sie waren keine Usurpatoren. Der spätere Machtkampf begann nicht etwa mit der Machtübernahme durch diese drei Kalifen, sondern damit, dass Ali und seine Anhänger die Ergebnisse dieser Wahlen nicht aus ganzem Herzen anzuerkennen bereit waren. Ali wurde getötet, und unter der Führung des fünften Kalifen, Muawiya, wandelte sich der im Wesentlichen republikanische islamische Staat in eine Erbmonarchie; sein endgültiges Ergebnis fand seinen Ausdruck im Märtyrertod Husains auf dem Feld von Kerbela.

Ja, all das wusste ich bereits, bevor ich in den Iran kam; doch ich war erstaunt darüber, dass die Erwähnung der Namen Ali, Hasan und Husain unter den Iranern noch heute, dreizehn Jahrhunderte später, jene alte tragische Geschichte mit einer unermesslichen Gefühlsgewalt erfüllt. Voller Verwunderung fragte ich mich immer wieder: Umarmen sie die schiitische Lehre so aus ganzem Herzen, weil die Iraner von Natur aus schwermütig sind und einen Sinn für das Dramatische haben? Oder hat gerade der tragische Charakter, der der Entstehung der schiitischen Lehre innewohnt, diese tiefe Schwermut der Iraner hervorgebracht?

Im Laufe vieler Monate nahm eine verblüffende Antwort darauf in meinem Geist allmählich klare Gestalt an.

Als die Armee Umars in der Mitte des siebten Jahrhunderts das alte Sassanidenreich eroberte und das islamische Lebensideal mit sich brachte, war die zoroastrische Lehre im Iran schon lange zuvor zu einem starren Ritualismus erstarrt; deshalb konnte sie der gewaltigen neuen Gedankenflut, die aus Arabien kam, keinen wirksamen Widerstand leisten. Doch in dem Augenblick, als die arabische Eroberung im Herzen Irans explodierte, durchlebte Iran gerade ein Zeitalter sozialer und geistiger Unruhe, in dem sich ein Versprechen nationaler Wiedergeburt abzeichnete. Durch den arabischen Feldzug wurde diese Hoffnung auf eine geistige und organisatorische Wiedergeburt zerschmettert, und von da an passten die Iraner sich der eigenen Vorstellung ihrer Entwicklung an.

Wie in vielen anderen Ländern war auch in Iran das Aufkommen des Islam ein Zeichen eines erstaunlichen sozialen Fortschritts. Unter seinem Anstoß wurde Irans traditionelles Kastensystem zerschlagen. An seine Stelle trat der Islam als Geburtshelfer dieser neuen Gemeinschaft freier und gleicher Menschen. Den kulturellen Kräften, die lange Zeit verborgen und unausgesprochen gewesen waren, eröffnete der unausgesprochene Islam neue Kanäle. Dennoch konnten die stolzen Nachkommen des Darius und des Xerxes nie vergessen, dass in ihrem nationalen Leben die historische Kontinuität, die grundlegende Verbindung zwischen ihrem Gestern und ihrem Heute, plötzlich abgerissen war. Dieselbe Nation, die im eigentümlichen Dualismus der zoroastrischen Religion und in der beinahe pantheistischen Verehrung der vier Elemente آب, Feuer, Erde und Luft den Ausdruck ihres innersten nationalen Charakters gefunden hatte, sah sich nun dem strengen, kompromisslosen Tauhid des Islam und seiner Leidenschaft für die absolute Wahrheit gegenüber. Für die Iraner war der Übergang, ihre tief verwurzelte nationale Gesinnung der Vorstellung unterzuordnen, dass der Islam das nationale Bewusstsein übersteigt, überaus plötzlich und schmerzhaft. Obwohl sie diese neue Religion sehr schnell und scheinbar freiwillig annahmen, begannen sie in ihrem Unterbewusstsein, diesen Sieg der islamischen Ideologie als die Niederlage Irans als Nation zu betrachten; und die Erkenntnis – trotz aller Unklarheit eine tiefgreifende Erkenntnis –, dass sie besiegt und für immer aus dem Hintergrund ihres alten kulturellen Erbes herausgerissen worden waren, wurde in den folgenden Jahrhunderten zum Grund für den Verfall ihres nationalen Selbstvertrauens. Für viele andere Völker war die unmittelbare Folge der Annahme des Islam ein äußerst positiver Anstoß zur kulturellen Entwicklung. Bei den Iranern jedoch war die erste und, in gewisser Hinsicht, wohl dauerhafteste Reaktion ein tiefes Gefühl der Erniedrigung und unterdrückter Groll.

Diesen Groll musste man in den Falten des Unbewussten verborgen halten, denn inzwischen war der Islam zu Irans eigener Religion geworden. Doch aus ihrem Hass auf die arabische Eroberung griffen die Iraner instinktiv zu dem, was die Psychologie „Überkompensation“ nennt: Sie begannen zu glauben, dass die Religion, die ihre arabischen Eroberer ihnen gebracht hatten, ausschließlich die eigene Religion der Araber sei. Zu diesem Zweck gaben sie der auf Vernunft gegründeten, von mystischen Geheimnissen freien Gottesauffassung der Araber ganz behutsam eine völlig entgegengesetzte Gestalt: mystische Engstirnigkeit und schwermütige Gefühlsbetontheit. Was für die Araber eine gegenwärtige, wirkliche Religion und eine Quelle der Standhaftigkeit und Freiheit gewesen war, nahm im Denken der Iraner die Gestalt des Übernatürlichen und eines verborgenen Aufschreis der Symbole an. Der islamische Grundsatz, dass Allah über allem steht und seine alles überragende Größe jenseits menschlicher Vorstellungskraft liegt, wurde in die mystische Lehre umgewandelt, Allah offenbare sich leibhaftig durch besonders auserwählte Menschen (eine Lehre, von der es im vorislamischen Iran viele Varianten gegeben hatte). Nach dieser Lehre offenbart Allah sich durch auserwählte Menschen zu dem Zweck, dass diese den Kern dieser göttlichen Wahrheit ihren Nachkommen überliefern. Wo eine solche Neigung vorhanden war, wurde die Unterstützung der schiitischen Lehre zu einem besonders annehmbaren Weg. Denn es besteht kein Zweifel, dass in der Verehrung, die die Schiiten Ali und seinen Nachkommen entgegenbringen – man könnte sagen, dass sie ihnen beinahe Göttlichkeit zuschreiben –, der Keim der Vorstellung verborgen liegt, Allah habe in Menschengestalt körperlich Gestalt angenommen und sei fortwährend immer wieder herabgestiegen. Und dies ist eine Vorstellung, die dem Islam völlig fremd, dem iranischen Herzen jedoch zutiefst vertraut ist.

Es ist kein Zufall, dass der Prophet Muhammad starb, ohne jemanden zu seinem Nachfolger zu ernennen, und dass er sogar die Ernennung verweigerte, als man ihm kurz vor seinem Tod geraten hatte, jemanden zu bestimmen. Durch seine Haltung wollte er erstens deutlich machen, dass der geistige Aspekt des Prophetentums nichts ist, was man erben kann, und zweitens, dass die künftige Führung der Umma das Ergebnis einer freien Wahl durch das Volk und nicht das Ergebnis einer Anweisung des Propheten sein würde. (Hätte er einen Nachfolger eingesetzt, wäre dies natürlich die naheliegende Bedeutung gewesen.) Auf diese Weise verwarf er bewusst die Vorstellung, dass die Führung der Umma jemals etwas anderes als säkular sein könne oder dass es so etwas wie die von Allah durch den Gesandten übermittelte Inspiration zur Ernennung eines Nachfolgers geben könne. Doch genau dies ist das eigentliche Ziel der schiitischen Lehre. Mit einer Sichtweise, die den grundlegenden Lehren des Islam völlig entgegengesetzt ist, betonte diese Lehre nicht nur die Nachfolge des Gesandten, sondern behielt auch das Recht auf seine Nachfolge ausschließlich der „Familie des Propheten“ vor: Nur Ali, sein Cousin und Schwiegersohn, sowie seine Nachkommen könnten seine Nachfolger werden; auch dieses Recht reservierte sie der Familie des Propheten.

Dies steht in vollkommenem Einklang mit der mystischen Neigung der Iraner. Doch als diejenigen, die behaupteten, die geistige Wesenheit des Gesandten Allahs lebe in Ali und seinen nachfolgenden Nachkommen fort, sich anschlossen, erfüllten die Iraner nicht nur mit übergroßem Eifer einen mystischen Wunsch; hinter ihrer Entscheidung wirkte auch ein weiteres unbewusstes Motiv. Wenn Ali tatsächlich der rechtmäßige Erbe und Nachfolger des Gesandten Allahs gewesen war, dann waren die drei anderen Kalifen zweifellos unrechtmäßige Machthaber, und unter ihnen war Umar – eben jener Umar, der Iran erobert hatte. Der nationale Hass gegen den Eroberer, der das Sasanidenreich besiegt hatte, konnte nun religiös gedeutet werden, denn die Religion war zu Irans Religion geworden. Umar hatte Ali und seine Söhne Hasan und Husain ihres göttlich bestimmten Rechts beraubt, Kalifen des Islam zu sein, und damit dem Willen Allahs widersprochen – folglich musste man aus Gehorsam gegenüber Allahs Willen die Partei Alis unterstützen. So entstand aus nationalem Widerstand eine Lehre.

Darin, dass die Iraner die schiitische Lehre auf diese Weise auf dem Thron ihres Herzens willkommen hießen, sah ich einen stummen Protest der Iraner gegen die Eroberung Irans durch die Araber. Nun verstand ich, warum die Iraner Umar mit weit größerem Hass verfluchen als die beiden anderen „Usurpatoren“, Abu Bakr und Uthman. Nach der Logik der Lehre hätte der erste Kalif, Abu Bakr, als der größte Übertreter gelten müssen – doch Umar hatte Iran erobert …

Das also ist der Grund für die erstaunliche Tiefe der Verehrung, die der Familie Alis in Iran entgegengebracht wird! Dieser Kult Irans ist ein Symbol für die iranische Vergeltung am Islam der Araber (jenem Islam, der sich so kompromisslos dagegen stellte, irgendeinem Menschen, auch Muhammad, Göttlichkeit zuzuschreiben). Es stimmt, dass die schiitische Lehre nicht in Iran entstanden ist; auch in anderen muslimischen Ländern gibt es verschiedene schiitische Gruppen. Doch nirgendwo sonst konnte diese Lehre einen so vollständigen Einfluss auf die Gefühle und die Vorstellungskraft aller Menschen gewinnen.

Wenn die Iraner um den Tod Alis, Hasans und Husains trauern, weinen sie nicht nur über die Vernichtung der Familie Alis – sie weinen auch um sich selbst und um den Verlust ihres vergangenen Ruhms …

Diese Iraner – sie sind ein von Schwermut erfülltes Volk. Ihre Melancholie spiegelt sich in der iranischen Landschaft und Szenerie wider: in der endlosen Weite des ausgedörrten Landes, in den einsamen Bergstraßen und Landwegen, in den weit verstreut liegenden Dörfern mit ihren Lehmhäusern, in den Schafherden, die man gegen Abend zu den Brunnen treibt, Welle um Welle wie graubraune Wogen. In den Städten und Hafenorten rinnt das Leben langsam dahin, ohne jeden Versuch von Anstrengung oder Überschwang, in unaufhörlichen Tropfen – es scheint, als sei alles mit dem Schleier eines Traumes bedeckt, und auf jedem Gesicht liegt der Ausdruck einer trägen Erwartung. Auf den Straßen war niemals Musik zu hören. Wenn am Abend irgendein tatarischer Stallknecht in einer Schenke plötzlich aus voller Kehle zu singen begann, lauschten die Zuhörer unwillkürlich erstaunt. Öffentlich sangen nur die zahlreichen Derwische; und immer stimmten sie dieselben alten, tragischen Lieder über Ali, Hasan und Husain an. Um diese Lieder wob sich ein Netz aus Tod und Tränen, und sie drangen wie sehr starker Wein in die Köpfe der Zuhörer ein. Es schien, als läge eine Furcht vor dem Leid über den Menschen – einem Leid, das sie freiwillig, beinahe mit Gier, auf sich nahmen.

An Sommerabenden in Iran sah man Frauen und Männer reglos auf der Erde sitzen. Sie saßen an den Ufern der Kanäle, die zu beiden Seiten der Straße unter dem Schatten gewaltiger Ulmen dahinflossen, und blickten versunken auf das strömende Wasser. Sie sprachen nicht miteinander. Sie hörten nur das Plätschern des Wassers und das Rascheln der Blätter, das über ihren Köpfen dahinstrich. Wann immer ich sie sah, musste ich an die Worte aus Davids Psalmen denken:

An den Flüssen Babylons, dort saßen wir und weinten …

Sie saßen an den Ufern der Kanäle wie gewaltige, stumme, dunkle Vögel, als seien sie in der stillen Versenkung des fließenden Wassers verloren. Woran mochten sie denken – an jene seit langem gehegte Vorstellung, die nur ihnen gehörte? Warteten sie? … Worauf?

Und David sang: Wir hängten unsere Lieder an die Weiden, an die Zweige der Weiden …

Drei

»Komm, Zaid, wir gehen.« Damit stecke ich den Brief von Ali Agha in meine Tasche und erhebe mich, um mich von az-Zughaibi zu verabschieden.

Doch er schüttelt den Kopf und sagt: »Nein, Bruder, lass Zaid noch eine Weile bei mir bleiben. Wenn du dich bisher sehr zurückgehalten hast, von allem zu erzählen, was in den vergangenen Monaten in deinem Leben geschehen ist, dann soll Zaid die Geschichte an deiner Stelle erzählen. Glaubst du etwa, deine Freunde seien nicht neugierig auf das, was in deinem Leben geschieht?«

 

Der Daddschal

Eins

Ich betrete auf einem gewundenen Weg den ältesten Teil Medinas. Im Schatten stehen die aus Stein errichteten Hauswände, tief verwurzelt; über den Gassen hängen Fenster mit hölzernen Gittern und Balkone … Die Gassen sehen wie Schluchten aus, und an manchen Stellen sind sie so eng, dass selbst zwei Menschen kaum aneinander vorbeikommen können. Einmal fand ich mich auf diesem Hof vor der Fassade einer aus grauem Stein erbauten Bibliothek wieder, die etwa ein Jahr zuvor von einem türkischen Gelehrten gegründet worden war. Hinter dem schmiedebronzenen Gitter lag eine solche Stille – als wäre sie eine Einladung! Ich überquerte den gepflasterten Hof. In seiner Mitte stand ein einsamer Baum reglos neben Reihen von Vitrinen mit Tausenden handgeschriebenen Büchern – und unter ihnen befanden sich einige der seltenen Manuskripte, die der islamischen Welt bekannt sind. Solche Bücher und Schriften hatten der islamischen Zivilisation Ruhm verliehen, der nun verloren ist, als wäre er erst gestern vergangen!

Als ich diese Bücher betrachtete, deren Einbände mit maschinell bearbeitetem Leder bezogen waren, traf mich der Widerspruch zwischen der Vergangenheit der Muslime und ihrer Gegenwart wie ein schmerzhafter Faustschlag …

–»Was bedrückt dich denn, mein Sohn? Warum liegt dieser bittere Ausdruck auf deinem Gesicht, sag schon?«

Ich wandte mich zu dieser Stimme um und sah meinen alten Freund, den klein gewachsenen Scheich Abdullah Bulaikhad, inmitten eines vergitterten Fensters auf einem Teppich sitzen, einen Folianten auf den Knien. Seine beiden scharfen, schelmischen Augen begrüßten mich mit einem vertrauten Aufleuchten, als ich seine Stirn küsste und mich neben ihn setzte. Er ist der größte Gelehrte des Nadschd und gehört trotz der Engstirnigkeit, die mit der sektiererischen Haltung der wahhabitischen Sichtweise verbunden ist, zu den außergewöhnlich scharfsinnigen Menschen, denen ich in den muslimischen Ländern bis heute begegnet bin. Seine Freundschaft zu mir hat viel dazu beigetragen, mein Leben in Arabien leichter und erfreulicher zu machen. Denn unter der Herrschaft Ibn Sauds haben seine Worte mehr Gewicht als die Worte jedes anderen Menschen außer dem König selbst. Rasch schloss er sein Buch, zog mich zu sich heran und sah mich fragend an.

–»Scheich, ich dachte gerade darüber nach, wie weit wir Muslime uns davon entfernt haben« – und ich deutete auf die Bücher, die dort lagen – »von unserem gegenwärtigen Elend und unserem Niedergang!«

–»Mein Sohn«, erwiderte der Alte, »wir ernten, was wir gesät haben. Einst waren wir groß. Der Islam hatte uns groß gemacht. Wir waren Träger einer Botschaft. Solange wir dieser Botschaft treu blieben, waren unsere Herzen beseelt und inspiriert und unsere Gedanken erleuchtet und hell. Doch sobald wir vergaßen, zu welchem Zweck Allah uns auserwählt hatte, begann unser Niedergang. Wir haben uns weit davon entfernt« – und der Scheich wiederholte dabei meine eigene Geste zu den Büchern – »denn wir haben uns weit, sehr weit von dem entfernt, was der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, uns vor dreizehnhundert Jahren gelehrt hat …«

–Und übrigens, wie läuft deine Arbeit?“, fragt er nach einer kurzen Pause, denn er weiß, dass ich mich mit dem Studium der frühen Geschichte des Islam beschäftige.

–Ich muss zugeben, Scheich, dass die Arbeit nicht besonders gut vorankommt. Ich finde in meinem Inneren keinen Frieden und weiß nicht, woran das liegt. Deshalb habe ich wieder angefangen, durch die Wüste zu streifen.“

Ibn Bulayhid sieht mich mit schräg gestellten, von einem leisen Lächeln erhellten Augen an – mit diesen von Verstand strahlenden, durchdringenden Augen –, und während er mit den Fingern an seinem hennagefärbten Bart dreht, sagt er: „Der Geist bekommt, was ihm gebührt, und der Körper, was ihm gebührt … Du solltest jetzt heiraten …“

Natürlich weiß ich, dass man in Nadschd beinahe jede Art von Sorge mit dem Wort „Heirat“ als gelöst betrachtet. Ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken.

–Aber Scheich, Sie wissen doch genau, dass ich erst vor zwei Jahren wieder geheiratet habe und dieses Jahr sogar einen Sohn bekommen habe.

Der Alte zuckt mit den Schultern und sagt: „Wenn ein Mann bei seiner Frau Ruhe findet, bleibt er so viel wie möglich zu Hause. Du verbringst ja nicht einmal zu Hause Zeit … Außerdem ist noch kein Mann durch die Heirat einer zweiten Frau zu Schaden gekommen.“ (Derzeit hat er selbst drei Frauen, obwohl er siebzig Jahre alt ist, und ich habe gehört, dass seine jüngste Frau, die er erst vor etwa zwei Monaten geheiratet hat, höchstens sechzehn Jahre alt ist.)

–Das mag sein“, erwidere ich, „vielleicht leidet ein Mann nicht darunter, eine zweite Frau zu nehmen, aber was ist mit der Hauptsache? Muss ihr Leid nicht berücksichtigt werden?

–Junge, wenn eine Frau das ganze Herz ihres Mannes besitzt, wird er nicht daran denken, wieder zu heiraten, und er wird keine weitere Heirat brauchen. Aber wenn das Herz des Ehemannes nicht ganz bei seiner Frau ist, welchen Nutzen hat diese Frau davon, einen ihr gegenüber gleichgültigen Mann nur für sich festzuhalten?

Gewiss, darauf gibt es keine Antwort. Sicher ist, dass der Islam zu einer Ehe rät, dem Mann jedoch unter besonderen Umständen erlaubt, bis zu vier Ehen einzugehen. Man könnte fragen, warum dieses Recht nicht auch der Frau gegeben wurde. Die Antwort ist einfach. Trotz des geistigen Elements der Liebe, das im Verlauf der Entwicklung und des Fortschritts der Menschheit in das menschliche Leben eingedrungen ist, besteht die der sexuellen Begierde von Frau und Mann zugrunde liegende biologische Logik in der Fortpflanzung; und während eine Frau jeweils nur von einem einzigen Mann ein Kind empfangen kann und es neun Monate in ihrem Leib tragen muss, bevor sie erneut schwanger werden kann, ist der Mann so geschaffen, dass er jedes Mal, wenn er eine Frau umarmt, ein Kind zeugen kann. Daher wäre der angeborene Trieb der Frau zur Polyandrie für die Natur lediglich Verschwendung, während die unbestreitbare Neigung des Mannes zum Verkehr mit mehreren Frauen vom Standpunkt der Natur aus biologisch vernünftig ist. Natürlich ist ganz klar, dass der biologische Vorgang nur eine der vielen Seiten der Liebe darstellt und keineswegs ihre wichtigste Seite ist. Dennoch ist er ein grundlegendes Element. Aufgrund der Weisheit, mit der der Islam die menschliche Natur beurteilt, schützt das islamische Recht die soziale und biologische Funktion der Ehe – mehr tut es nicht (dazu gehört freilich auch die Fürsorge für die Kinder). Deshalb erlaubt es dem Mann mehrere Ehen und verweigert zugleich der Frau die Erlaubnis, mehrere Ehemänner zu nehmen. Da die geistige Seite der Ehe unbegreiflich und außerhalb der Zuständigkeit des Gesetzes liegt, wird sie dem Ehemann überlassen. Die Frage, ob ein Ehemann wieder heiraten darf, stellt sich natürlich nicht. Wenn der Ehemann seine Frau von ganzem Herzen liebt und nicht bereit ist, seine Liebe mit einer anderen zu teilen, und wenn die Ehefrau damit nicht einverstanden ist, kann sie sich scheiden lassen und später frei wieder heiraten. In jedem Fall können beide Ehepartner die Scheidung in Anspruch nehmen, da die islamische Ehe keine heilige Angelegenheit, sondern ein sozialer Vertrag ist. Dafür gibt es einen besonderen Grund. Das Stigma, das andernorts mehr oder weniger mit der Scheidung verbunden ist, existiert in der muslimischen Gesellschaft nicht (die einzige mögliche Ausnahme bilden die indischen Muslime, die durch ihre jahrhundertelangen Beziehungen zur hinduistischen Gesellschaft in dieser Hinsicht beeinflusst worden sind, denn in der hinduistischen Gesellschaft ist die Scheidung völlig verboten).

Gerade die Freiheit, die das islamische Recht sowohl Männern als auch Frauen beim Eingehen einer Ehe und bei ihrer Auflösung gewährt, erklärt, warum der Ehebruch im Islam als das abscheulichste Verbrechen gilt. Denn wo eine solche Freiheit besteht, können emotionale oder sinnliche Beziehungen nicht als Entschuldigung anerkannt werden. Es trifft zu, dass sich die gesellschaftlichen Bräuche im Verlauf einiger Jahrhunderte des Niedergangs der Muslime so entwickelt haben, dass es für Frauen nahezu unmöglich geworden ist, das Recht auf freie Scheidung so auszuüben, wie es der Gesetzgeber beabsichtigt hatte. Dafür ist jedoch nicht der Islam verantwortlich, sondern der Brauch – ebenso wie nicht das islamische Recht, sondern der Brauch dafür verantwortlich ist, dass Frauen so lange in vielen muslimischen Ländern hinter dem Schleier eingeschlossen gehalten wurden; denn weder im Koran noch in der Sunna des Propheten findet sich irgendetwas zur Unterstützung dieses Brauchs, der aus Byzanz in die muslimische Gesellschaft eingedrungen ist.

Scheich Ibn Bulaïhid unterbrach meine inneren Überlegungen, indem er mich ansah, als wisse er alles. »Du musst keine übereilte Entscheidung treffen, mein Sohn. Wenn die Zeit für die Entscheidung gekommen ist, wird sie ganz von selbst zu dir kommen.«

Zwei

Die Bibliothek liegt in vollkommener Stille; nur der alte Scheich und ich befinden uns in dem Kuppelraum. Aus einer kleinen Moschee in der Nähe ertönt der Gebetsruf zum Maghrib, und im nächsten Augenblick hallt derselbe Ruf von den fünf Minaretten der Prophetenmoschee wider. Die Prophetenmoschee ist für uns in diesem Augenblick unsichtbar und scheint mit gewaltiger Feierlichkeit und süßem Stolz auf ihre grüne Kuppel zu blicken. Von einem der Minarette ruft der Muezzin: »Allahu akbar« … Tief, dunkel und in tiefer Tonlage steigt und fällt die Melodie langsam, wie ein langer Kreis aus Klang. »Allah ist der Größte« … »Allah ist der Größte« … Noch bevor er seine Phrase beendet hat, beginnt der Muezzin vom uns am nächsten gelegenen Minarett in etwas höherer Tonlage: »Der Größte«, »Allah ist der Größte«; und während dieselbe Melodie vom dritten Minarett allmählich in noch höherer Tonlage ansteigt, hat der erste Muezzin bereits die erste Phrase beendet und mit dem zweiten Vers begonnen. Die Klänge der ersten Phrase, die von den vierten und fünften Minaretten aufsteigen, vermischen sich mit einer fernen harmonischen Resonanz: »Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt«, während die Stimmen vom ersten, zweiten und danach dritten Minarett, getragen von sanften Schwingen, herabsinken: »Und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.« So wiederholt jeder der fünf Muezzine jeden Vers zweimal, und der Gebetsruf schreitet fort: »Kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, eilt zum immerwährenden Glück.« Jede Stimme scheint die anderen zu wecken und alle Stimmen an einem Ort zu vereinen, als bestünde ihr einziger Zweck darin, ihren Platz zu verlassen, an einen anderen Punkt weiterzuziehen, dort die Melodie wieder aufzunehmen und sie so bis zum letzten Vers weiterzutragen: »Allah ist der Größte, Allah ist der Größte, es gibt keinen Gott außer Allah.«

Dieses Aufsteigen, tiefe Umfangen, Auseinanderweichen, Einswerden und Sich-wieder-Trennen der menschlichen Stimmen gleicht keiner anderen menschlichen Melodie. Während mein Herz vor wahnsinniger Liebe zu dieser Stadt und ihren Stimmen bis zu meiner Kehle pocht, beginne ich zu spüren, dass all meine Reisen und mein Umherstreifen nur eine einzige Bedeutung hatten: immer die Bedeutung dieses Rufs zu begreifen …

»Komm«, sagt Scheich Ibn Bulaïhid zu mir, »gehen wir in die Moschee und verrichten das Maghrib-Gebet …«

Die heilige Moschee von Medina, der Haram, erhielt ihre heutige Gestalt in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Einige ihrer Teile sind jedoch sehr alt – manche wurden während der Herrschaft der mamlukischen Dynastie in Ägypten errichtet, andere sogar noch früher. Die zentrale Halle, in der sich das Grab des Propheten befindet, wurde genau über der Stelle errichtet, an der der dritte Kalif, Uthman, im siebten Jahrhundert das Gebäude hatte errichten lassen. Über ihr erhebt sich eine große grüne Kuppel, deren Innenseite mit kunstvollen, vielfarbigen Bildern von außergewöhnlicher Schönheit geschmückt ist. Das Dach ruht auf vielen dicken Reihen von Marmorsäulen, die den Innenraum in zahlreiche, zueinander passende Abteilungen gliedern. Auf dem Marmorboden liegen kostbare Teppiche. Zu beiden Seiten jedes der drei Mihrābs hängen kunstvoll gearbeitete bronzene Kronleuchter. Die Mihrābs gleichen halbkreisförmigen Nischen, die zur Kaaba in Mekka ausgerichtet sind; sie sind mit blau-weißen Porzellanfliesen verziert. Einer von ihnen ist stets dem Imam vorbehalten, der das gemeinschaftliche Gebet, die Salāt, leitet. Hunderte durchsichtige Glaskugeln hängen an langen Kupferketten; nachts werden in ihnen kleine Lampen entzündet, die mit Olivenöl gespeist werden, und verbreiten über den Reihen der Betenden ein sanftes, mildes Funkeln. Am Tag erfüllt ein grünliches Halbdunkel die Moschee, und es scheint, als befände man sich auf dem Grund eines Sees, als schwämmen die menschlichen Gestalten durch das Wasser, barfuß über Teppiche und auf dem Marmor; als dringe, von Wasserwänden abgeschirmt, während des Gebets die Stimme des Imams vom anderen Ende der großen Halle gedämpft herüber, ohne ein Echo hervorzurufen.

Das Grab des Gesandten ist nicht zu sehen, denn es ist mit schwerem, herabhängendem Brokat verhüllt und von einem bronzenen Gitter umgeben. Der mamlukische Sultan Qaitbay von Ägypten ließ dieses Gitter im fünfzehnten Jahrhundert anfertigen. Tatsächlich gibt es hier keine Struktur, die einem Grab gleicht, denn der Prophet wurde unter dem Lehmboden des kleinen Zimmers bestattet, in dem er gewohnt hatte und in dem er verstorben war. Später wurde um dieses Haus eine fensterlose, türlose Mauer errichtet, und so wurde das Grab dem Blick von außen vollständig entzogen. Zu Lebzeiten des Gesandten lag die Moschee unmittelbar an seinem Wohnraum. Im Laufe mehrerer Jahrhunderte wurde die Moschee über das Grab hinaus und um das Grab herum erweitert.

Im Inneren der Moschee liegen auf dem offenen, mit Steinplatten ausgelegten Viereck des Bodens lange Reihen von Decken. Reihenweise sitzen Menschen darauf, auf den Knien, lesen im Koran, sprechen miteinander, meditieren oder verbringen einfach müßig die Zeit, während sie auf das Maghrib-Gebet warten. Ibn Mulayhid scheint in einem lautlosen Gebet versunken zu sein.

Wie immer vor dem Maghrib-Gebet dringt aus der Ferne eine Stimme herüber, der Klang des Vortrags eines Abschnitts aus dem Koran. Heute wird die 96. Sure rezitiert – die erste, die Muhammad offenbart wurde – und sie beginnt mit den Worten: »Lies im Namen deines Herrn – im Namen des Erhalters.« Mit diesen Worten erreichte Allahs Ruf Muhammad zum ersten Mal in der Höhle Hira nahe Mekka.

Wie so oft betete er in der Einsamkeit und meditierte auf der Suche nach Licht und Wahrheit, als plötzlich ein Engel vor ihm erschien und ihm befahl: »Lies!« Muhammad – der, wie fast alle Menschen in seiner Umgebung, nie lesen gelernt hatte – und vor allem nicht wusste, was er lesen sollte, antwortete ihm: »Ich kann nicht lesen.« Als der Engel dies hörte, umarmte er ihn so fest, dass Muhammad meinte, alle Kraft sei aus seinem Körper gewichen. Dann ließ der Engel ihn los und wiederholte seinen Befehl: »Lies, rezitiere!« Wieder antwortete Muhammad: »Ich kann nicht lesen.« Da presste der Engel ihn erneut mit großer Kraft an sich, woraufhin Muhammad schließlich erschlaffte und meinte, sein Tod stehe unmittelbar bevor. Wieder ertönte eine Stimme in donnerndem Ton: »Lies!«, und als Muhammad zum dritten Mal mit schmerzerfülltem Herzen flüsterte: »Ich kann doch nicht lesen …«, ließ der Engel ihn los und sagte:

Lies im Namen deines Herrn –

der erschaffen hat –

den Menschen aus einem Tropfen erschaffen hat

Lies, dein Herr ist der Erhabene

Er lehrte den Menschen durch den Gebrauch der Feder

Er lehrte den Menschen, was er nicht wusste …

Und so begann der Koran herabgesandt zu werden, als Hinweis auf das menschliche Bewusstsein, den Verstand und das Wissen; ein Vorgang, der sich über dreiundzwanzig lange Jahre bis zum Tod des Gesandten in Medina im Alter von dreiundsechzig Jahren erstreckte.

Die Geschichte seiner ersten Erfahrung der göttlichen Offenbarung erinnert uns auf gewisse Weise an den Kampf Jakobs mit dem Engel im Buch Genesis der Bibel. Doch während Jakob Widerstand geleistet hatte, überließ sich Muhammad dort in von Ehrfurcht und Schmerz durchdrungener Furcht der Umarmung des Engels; infolgedessen schwand all seine Kraft dahin, und in ihm blieb nichts zurück außer der Fähigkeit, eine Stimme zu hören – es war nicht länger möglich, in Bezug auf diese Stimme zu fragen oder zu sagen: Kam sie von innen oder von außen? Damals wusste er noch nicht, dass er fortan zugleich ein voller und ein leerer Mensch sein musste: ein Mensch, in dem menschliche Wünsche und das Bewusstsein für das eigene Leben vollkommen vorhanden waren und der zugleich ein passives Leiden beim Empfang einer Botschaft darstellte. Vor seinem Herzen wurde das unsichtbare Gewebe der ewigen Wahrheit ausgebreitet – jener Wahrheit, die allein allen wahrnehmbaren Dingen und Ereignissen Bedeutung verleiht –, in der Erwartung, dass er deren Sinn verstehen würde. Und ihm wurde gesagt, er solle aus jenem Buch „lesen“ und es der Welt verkünden, damit die Menschen erkennen könnten, was sie nicht wissen und was sie in Wahrheit aus eigener Kraft nicht zu erkennen vermögen.

Die überwältigende Bedeutung dieser göttlichen Erscheinung überwältigte Muhammad. Wie Moses vor dem brennenden Busch hielt auch er sich der erhabenen Würde des Prophetentums für unwürdig und begann bei dem Gedanken zu zittern, dass Allah ihn möglicherweise auserwählt hatte. Wir wissen, dass er danach in seine Heimatstadt und in sein Haus zurückkehrte und zu seiner Frau Chadidscha sagte: „Bedecke mich mit einer Decke.“ Denn er zitterte wie ein Ast im Sturm. Chadidscha deckte ihn mit einer Decke zu, und allmählich hörte sein Zittern auf. Danach erzählte er Chadidscha, was ihm widerfahren war, und sagte: „Wahrlich, ich habe Angst um mich selbst!“

Doch mit jenem klaren Blick, den allein die Liebe verleihen kann, erkannte Chadidscha sofort, dass Muhammad angesichts der Größe der vor ihm liegenden Aufgabe von Furcht erfüllt war, und antwortete: „Nein, bei Allah! Er wird dir niemals eine Last auferlegen, die du nicht zu tragen vermagst, und Er wird dich niemals beschämen; denn alle wissen, dass du als Mensch vortrefflich bist, deine Pflichten gegenüber deinen Verwandten erfüllst, den Schwachen hilfst, den Bedürftigen Gutes tust und deinen Gästen großzügige Gastfreundschaft erweist; und denen, die wahrhaft in Not sind, hilfst du.“ Um ihn zu trösten, brachte Chadidscha ihn zu Waraqa, einem gebildeten Cousin. Waraqa hatte viele Jahre lang das Christentum praktiziert, und der Überlieferung zufolge konnte er die Bibel auf Hebräisch lesen. Zu jener Zeit war Waraqa alt und blind. Chadidscha sagte zu ihm: „O Sohn meines Onkels, schenke diesem deinen Verwandten deine Aufmerksamkeit.“ Und als Muhammad erneut von seiner Erfahrung berichtete, hob Waraqa voller furchtgebietender Ehrfurcht den Blick und sagte: „Das ist der Engel der Offenbarung, den Allah zu den früheren Propheten gesandt hat. Ach, wenn ich doch jung wäre! Wenn ich dann noch lebte und dir helfen könnte, wenn dein Volk dich aus deinem Land vertreiben wird!“ Als er dies hörte, fragte der erstaunte Muhammad: „Warum, warum sollten sie mich aus dem Land vertreiben?“ Und der weise Waraqa antwortete: „Ja, sie werden dich vertreiben. Bis heute ist kein Mensch wie du zu seinem Volk gekommen und hat ihm das gebracht, was du gebracht hast, ohne verfolgt zu werden!“

Ja, dreizehn lange Jahre lang verfolgten sie ihn mit ihrem Unrecht, sodass er eines Tages gezwungen war, Mekka zu verlassen und nach Medina zu gelangen. Denn die Menschen von Mekka waren schon immer hartherzig …

Doch ist es wirklich so schwer zu verstehen, warum die meisten Menschen in Mekka nach Muhammads erster Daʿwa eine solche Härte des Herzens zeigten? In ihnen gab es keinen geistlichen Durst; sie kannten nur konkrete, praktische Bestrebungen. Denn sie glaubten, dass sich der Lebensbereich nur dadurch erweitern lasse, dass man diejenigen Mittel ausbaut, mit deren Hilfe sich der äußerliche Komfort vermehren lässt. Für diese Menschen muss der Gedanke, sich einer moralischen Forderung kompromisslos zu unterwerfen, tatsächlich unerträglich gewesen sein – denn das Wort Islam bedeutet wörtlich ja „Hingabe an Allah“. Außerdem waren den Menschen von Mekka ihre etablierte Ordnung und ihre Stammesbräuche überaus lieb; durch Muhammads Lehre geriet all dies in Gefahr. Als er begann, die Einheit Allahs zu verkünden, und offen die Götzenverehrung als die größte Sünde zu verurteilen, sahen sie darin nicht nur einen Angriff auf ihre überlieferten Glaubensvorstellungen, sondern erkannten auch, dass dadurch versucht wurde, das gesamte gesellschaftliche Muster ihres Lebens zu zerstören. Besonders galt dies für jene Dinge, die sie außerhalb der Zuständigkeit der Religion als bloß „weltliche“ Angelegenheiten betrachteten – etwa die Wirtschaft, die Fragen der sozialen Gleichheit und Gerechtigkeit und überhaupt alles, was mit ihren geschäftlichen Gewohnheiten, ihrer ungezügelten sexuellen Lebensweise und ihrer Auffassung vom Wohl des Stammes zusammenhing; in diese Bereiche griff seine Botschaft in einer Weise ein, die ihnen ganz und gar nicht behagte. Für sie war Religion eine private Angelegenheit – eine Sache der inneren Haltung, nicht des Verhaltens.

Und das war genau das Gegenteil von dem, was der arabische Prophet im Sinn hatte, wenn er von Religion sprach. Seiner Auffassung nach gehörten gesellschaftliche Sitten und Verhaltensweisen sowie Institutionen zweifellos in den Bereich der Religion, und er wäre sicherlich erstaunt gewesen, wenn jemand ihm gesagt hätte, Religion sei ausschließlich eine Angelegenheit des persönlichen Gewissens und habe keinerlei Beziehung zum gesellschaftlichen Verhalten. Mehr als alles andere machte gerade diese Seite seiner Botschaft sie für die Ungläubigen von Mekka so anstößig. Hätte er sich nicht in gesellschaftliche Angelegenheiten eingemischt, wäre ihre Unzufriedenheit mit dem Propheten vielleicht weit weniger heftig gewesen. Zweifellos erregte der Islam ihren Unwillen, weil seine Theologie mit ihren eigenen religiösen Vorstellungen kollidierte. Doch wahrscheinlich hätten sie sich nach anfänglichem Widerstand damit abgefunden – so wie sie sich einige Zeit zuvor mit den vereinzelten Verkündigungen des Christentums abgefunden hatten –, wenn der Gesandte Allahs lediglich dem Beispiel der christlichen Priester gefolgt wäre und seine Verkündigung auf einige wenige Dinge beschränkt hätte: die Menschen zum Glauben an Allah anzuhalten, Ihn um Erlösung zu bitten und sich in ihren persönlichen Angelegenheiten gut zu verhalten. Doch er folgte nicht dem christlichen Beispiel und beschränkte sich nicht auf Glauben, religiöse Zeremonien und persönliche Moral. Wie hätte er das auch tun können? Hatte sein Allah ihm nicht befohlen, dieses Gebet zu sprechen: „Unser Herr, gib uns Gutes in dieser Welt und Gutes im Jenseits.“

Im Aufbau dieses Koranverses steht „das Gute in dieser Welt“ vor „dem Guten im Jenseits“ – erstens, weil die Gegenwart der Zukunft vorausgeht und ihr vorangeht, und zweitens, weil der Mensch so geschaffen ist, dass er zunächst versuchen muss, seine körperlichen und irdischen Bedürfnisse zu befriedigen, wenn er dem Ruf der Seele folgen und das Gute des zukünftigen Lebens erstreben will. In Muhammads Botschaft gibt es keine Vorstellung von einer Spiritualität, die ohne Beziehung zum körperlichen Leben wäre oder ihm widerspräche. Diese Botschaft beruht ganz und gar auf der Vorstellung, dass Körper und Seele zwei verschiedene Seiten derselben Wirklichkeit sind; und was ist diese Wirklichkeit? Das menschliche Leben. Daher konnte er sich verständlicherweise nicht damit zufriedengeben, im einzelnen Menschen lediglich eine moralische Haltung zu fördern. Vielmehr wollte er diese Haltung in ein bestimmtes gesellschaftliches System umwandeln, das jedem Einzelnen in der Gesellschaft das größtmögliche Maß an körperlichem und materiellem Wohlbefinden gewährleisten und auf diese Weise auch die größtmögliche Möglichkeit zur geistigen Entwicklung sichern würde.

Er begann seine Verkündigung mit der Aussage: „Taten oder Werke sind ein Teil des Glaubens.“ Denn Allah berücksichtigt nicht nur den persönlichen Glauben; Er sieht auch die Taten jedes Mannes und jeder Frau, insbesondere jene Taten, deren Auswirkungen über das Leben des Einzelnen hinaus andere Menschen erreichen. Mit den feurigen Worten, die Allah ihm verliehen hatte, verkündete er den Kampf gegen die Unterdrückung der Schwachen durch die Starken. Er brachte die bis dahin unerhörte Argumentation vor, dass Frau und Mann vor Allah gleich seien und dass dies gleichermaßen für beide in Bezug auf alle religiösen Pflichten und Hoffnungen gelte. Der Schrecken aller einfältigen Götzendiener von Mekka kannte keine Grenzen, als er sogar erklärte, dass die Frau aufgrund ihres eigenen Rechts eine eigenständige Person sei und nicht nur durch ihre Beziehung zum Mann als Mutter, Schwester, Ehefrau oder Tochter eine gesonderte Person darstelle; deshalb habe die Frau das Recht, Eigentum zu besitzen, ihre eigenen Geschäfte zu führen und sich in der Ehe frei einem anderen anzuvertrauen! Er erklärte jede Art von Glücksspiel und alle Arten berauschender Mittel für verwerflich, denn in den Worten des Korans: „In ihnen liegt viel Übel und nur geringer Nutzen. Doch das Schädliche ist größer als der Nutzen.“ Vor allem stellte er sich gegen die generationenlange Unterdrückung, die Menschen anderen Menschen zufügen, gegen den Gewinn aus verzinslichen Darlehen, ganz gleich, wie hoch der Zinssatz sei, gegen persönliche Monopole1() und das „Cornering“2() sowie gegen das Glücksspiel mit den möglichen Bedürfnissen anderer Menschen – das, was wir heute „Spekulation“ nennen –, gegen die Beurteilung von Gut und Böse nach dem Gesichtspunkt des stammesbezogenen Gruppengefühls, das in moderner Terminologie „Nationalismus“ genannt wird. Tatsächlich erkannte er den stammesbezogenen Einstellungen und Urteilen keinerlei moralische Gültigkeit zu. Seiner Ansicht nach kann die einzige legitime, das heißt moralische Grundlage einer gemeinschaftsbezogenen Gruppe nur die freie und bewusste Anerkennung eines gemeinsamen Maßstabs moralischer Werte sein – nicht der zufällige Umstand, von derselben Abstammung zu sein.

Tatsächlich drängte er auf eine umfassende Korrektur jeder einzelnen sozialen Vorstellung, die bis dahin als unantastbar gegolten hatte, und so brachte er – wie die Menschen unserer Zeit zu sagen pflegen – die Religion in die „Politik“. Es versteht sich von selbst, dass dies für jene Zeit eine geradezu revolutionäre Veränderung war.

Wie fast alle Völker aller Zeiten glaubten auch die heidnischen Machthaber von Mekka, dass die sozialen Sitten, Denkweisen und Bräuche, in denen sie aufgewachsen waren, die besten seien und man sich nichts Besseres vorstellen könne. Daher empörten sie sich natürlich über den Versuch des Propheten, die Religion in die Politik einzuführen, das heißt, die Erkenntnis Allahs zum Ausgangspunkt gesellschaftlicher Veränderungen zu machen, und verurteilten dies als sittenwidrig, aufrührerisch und als einen Verstoß gegen alle Vorstellungen von Recht und Unrecht. Und als ihnen klar wurde, dass Muhammad nicht bloß ein Träumer war, sondern in den Menschen einen Antrieb zum Handeln wecken konnte, ergriffen die Verteidiger der bestehenden Gesellschaftsordnung eine gewaltige Gegenmaßnahme und begannen, ihn und seine Gefährten zu verfolgen …

Tatsächlich haben alle Propheten auf die eine oder andere Weise die bestehende Gesellschaftsordnung ihrer jeweiligen Zeit herausgefordert. Ist es daher wirklich so verwunderlich, dass fast alle von ihrem eigenen Volk bedrängt und verspottet wurden und dass Muhammad, der als Letzter unter ihnen kam, in der westlichen Welt noch heute verspottet wird?

Drei

Unmittelbar nach dem Ende des Maghrib-Gebets wurde Scheich Ibn Bulayhid zum Mittelpunkt eines neugierigen Kreises aus Najdi-Beduinen und Stadtbewohnern, denn sie wollten aus seiner Gelehrsamkeit und seiner weltlichen Weisheit Nutzen ziehen. Auch er war begierig, von ihren Erfahrungen zu hören und zu erfahren, was sie ihm über ihre Reisen in ferne Länder erzählen konnten. Lange Reisen sind unter den Najdis keineswegs ungewöhnlich; sie nennen sich „Ahl asch-Schidad“ – „Leute, die auf dem Sattel eines Kamels reiten“ – und für viele von ihnen ist der Kamelsattel weit vertrauter als das Bett zu Hause. Für den jungen Beduinen vom Stamm Harb, der dem Scheich gerade von seinen Erfahrungen während seiner jüngsten Reise im Irak berichtet hatte, galt dies gewiss in besonderem Maße. Auf dieser Reise sah er zum ersten Mal in seinem Leben einen Firingi, das heißt einen Europäer (die Araber bezeichneten die Europäer damals so, als sie während der Kreuzzüge mit den Franken in Berührung kamen).

– „Sagt mir, Scheich: Warum tragen die Firingis immer Hüte, die ihre Augen bedecken? Wie können sie damit den Himmel sehen?“

– „Sie wollen dieses Ding nicht sehen“, antwortete der Scheich, ohne mit den Augen zu blinzeln und mich dabei anzusehen. „Vielleicht fürchten sie, der Anblick des Himmels könnte sie an Allah erinnern; sie wollen nicht, dass ihnen an den Wochentagen jemand Allah ins Gedächtnis ruft …“

Wir alle brachen in Gelächter aus. Doch der junge Beduine war auf der Suche nach Wissen geradezu hartnäckig. – „Warum ist Allah dann so gütig zu ihnen und gibt ihnen Reichtümer, die er den Gläubigen nicht gibt?“

– „Ach, das ist doch ganz einfach, mein Junge: Sie beten Gold und Silber an. Deshalb tragen sie ihre Götter in den Taschen … Aber dieser mein Freund“, sagt er und legt seine Hand auf mein Knie, „weiß über die Frangi viel mehr als ich, denn er ist aus ihrer Mitte gekommen. Allah – erhaben sei Sein Name – hat ihn aus der Finsternis in das Licht des Islam geführt.“

– „Ist das wirklich so, Bruder?“, fragt der neugierige Beduine. „Stimmt es, dass du selbst einmal ein Frangi warst?“ Als ich nicke, flüstert er: „Alles Lob gebührt Allah, der, wen Er will, auf den rechten Weg führt. Sag mir, Bruder: Warum sind die Frangi Allah gegenüber so gleichgültig?“

– „Das ist eine lange Geschichte“, antworte ich. „In wenigen Worten lässt sie sich nicht erklären. Was ich dir im Augenblick sagen kann, ist dies: Die Welt der Frangi ist zur Welt des Dajjal geworden – zur Welt des blendenden Betrügers. Hast du niemals von der Prophezeiung unseres Propheten gehört, dass am Ende der Zeiten die meisten Menschen Anhänger des Dajjal werden, in dem Glauben, er selbst sei Allah?“

Als er mich mit fragendem Blick ansah, schilderte ich mit der Zustimmung von Scheich Ibn Bulaheid die im letzten Buch der Bibel erwähnte Prophezeiung über das Erscheinen des Dajjal – eines Wesens, das auf einem Auge blind sein wird, aber über geheimnisvolle, von Allah verliehene Kräfte verfügt. Mit seinen Ohren wird er hören können, was in den entlegensten Gegenden der Erde gesagt wird, und mit seinem einen Auge wird er sehen können, was sich in unermesslicher Entfernung ereignet. Er wird um die Erde fliegen und innerhalb weniger Tage wieder zurückkehren; aus dem Erdinneren wird er plötzlich Schätze aus Gold und Silber hervorholen. Auf seinen Befehl wird es regnen und die Pflanzen werden sprießen. Er wird Menschen töten und behaupten, selbst Allah zu sein, und sie werden sich in Verehrung vor ihm niederwerfen. Doch diejenigen, deren Glaube fest ist, werden lesen können, was in feurigen Buchstaben auf seiner Stirn geschrieben steht: „Leugner Allahs.“ So werden sie erkennen, dass der Dajjal nichts als eine Täuschung ist, um den Glauben der Menschen zu prüfen …

Und als mein Beduinenfreund mich mit weit aufgerissenen Augen ansah und murmelte: „Ich suche Zuflucht bei Allah“, wandte ich mich an Ibn Bulaheid und sagte:

– „O Scheich, ist diese allegorische Geschichte nicht eine treffende Beschreibung der modernen technischen Zivilisation? Diese Zivilisation ist einäugig: Sie betrachtet nur eine Seite des Lebens, blickt auf dessen materiellen Fortschritt und ist sich der geistigen Seite des Lebens nicht bewusst. Durch ihre technischen Zaubereien hat sie den Menschen die Fähigkeit verliehen, weit entfernte Dinge zu sehen und ferne Geräusche zu hören – weit jenseits seiner natürlichen Fähigkeiten –, und sie hat ihm ermöglicht, mit unvorstellbarer Geschwindigkeit unermessliche Entfernungen zu überwinden. Durch das wissenschaftliche Wissen dieser Zivilisation wird Regen ‚herabgesandt‘, werden Pflanzen hervorgebracht und unerwartete Schätze aus dem Erdinneren ans Licht gebracht. Die Medikamente dieser Wissenschaft schenken demjenigen Leben, dessen Tod unausweichlich scheint; andererseits vernichten ihre Kriege und ihre wissenschaftlichen Zerstörungswerke das Leben. Dieser materielle Fortschritt ist so gewaltig und so blendend, dass Menschen mit schwachem Glauben zu glauben beginnen, er sei aus eigener Macht ein ‚Gott‘. Doch diejenigen, die sich ihres Schöpfers bewusst sind, erkennen deutlich, dass die Anbetung des Dajjal die Leugnung Allahs bedeutet …“

– „Du hast recht, Muhammad, du hast recht!“, ruft Bulaheid aufgeregt aus und schlägt dabei mit der Hand auf mein Knie. „So habe ich noch nie über die Prophezeiung vom Dajjal nachgedacht, aber du hast recht! Ohne zu erkennen, dass der Fortschritt der Menschen und die Entwicklung der Wissenschaft eine Barmherzigkeit unseres Allahs sind, beginnen immer mehr Menschen aus Unwissenheit zu glauben, diese Gottheit selbst sei ein Ziel und würdig, angebetet zu werden.“

Ja, denke ich bei mir, die Menschen im Westen haben sich tatsächlich der Anbetung des Dajjal ausgeliefert. Schon vor langer Zeit hat der Mensch im Westen all seine Unschuld und jede innere Verbundenheit mit der Natur verloren. Für ihn ist das Leben zu einer Belästigung geworden. Er ist skeptisch und deshalb von seinem Bruder getrennt und in seinem Inneren einsam. Damit er in dieser Einsamkeit nicht zugrunde geht, muss er versuchen, durch äußere Mittel die Herrschaft über das Leben zu erlangen – das bloße Gefühl, „ich lebe“, kann ihm keine innere Sicherheit mehr geben. Von Augenblick zu Augenblick muss er sich ständig unter Schmerzen mit dem Leben abmühen, denn er hat jede Art von transzendenter Fragestellung verloren und beschlossen, ohne sie auszukommen. Deshalb muss er fortwährend mechanische Verbündete für sich erfinden und entdecken. So begann sein wahnsinniges, rücksichts- und hemmungsloses Streben auf dem Gebiet der Technik. Jeden Tag erfindet er neue Maschinen und gibt jeder von ihnen einen Teil seiner Seele, damit sie für seine Existenz kämpfen. Das tun die Maschinen gewiss, doch zugleich schaffen sie für ihn ständig neue Bedürfnisse, neue Gefahren, neue Ängste und einen unstillbaren Durst nach immer neuen, noch künstlicheren Verbündeten. Seine Seele verliert sich im Kreislauf der immer mächtiger, immer grotesker und immer gewaltiger werdenden Räder der produktiven Maschine. Und auch die Maschine verliert ihren eigentlichen Zweck – das menschliche Leben zu bewahren und zu bereichern – und wird selbst zu einer Gottheit, einem alles verschlingenden Ungeheuer aus Stahl. Die Priester und Prediger dieser unersättlichen Gottheit scheinen sich nicht bewusst zu sein, dass die Geschwindigkeit des technischen Fortschritts der modernen Zeit nicht nur das Ergebnis der sicheren Entwicklung von Wissen und Wissenschaft ist, sondern auch der geistigen Verzweiflung. Und die atemberaubenden materiellen Fortschritte, durch deren Licht der Mensch im Westen seinen Willen zur Herrschaft über die Natur verkündet, sind ihrem innersten Sinn nach defensiver Art: Hinter ihren strahlenden Gesichtern lauert die Angst vor dem Unbekannten.

Die westliche Zivilisation ist daran gescheitert, ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den Bedürfnissen von Mensch und Gesellschaft und den Forderungen ihrer Seele herzustellen. Diese Zivilisation hat die religiöse Ethik ihrer jüngeren Vergangenheit verworfen, konnte aber aus sich selbst kein anderes moralisches System hervorbringen, das, wie theoretisch es auch sein mochte, vernünftig begründbar wäre. Trotz ihrer großen Fortschritte im Bildungswesen konnte die westliche Zivilisation die törichte Bereitschaft der Menschen nicht überwinden, sich von den noch so absurden Losungen verführen zu lassen, die gewiefte, volksverführende Redner zu erfinden für nötig halten. Diese Zivilisation hat die Kunst der Organisation zu einer hohen Kunst entwickelt; dennoch beweisen die westlichen Nationen täglich ihre völlige Unfähigkeit, die Kräfte zu kontrollieren, welche die westlichen Wissenschaftler hervorgebracht haben. Und nun ist sie an einem Punkt angelangt, an dem äußerlich grenzenlose wissenschaftliche Möglichkeiten und weltweites Chaos nebeneinander voranschreiten, Hand in Hand. Aus dem Licht des Wissens, das ihre Wissenschaft ausstrahlt – einem Licht, das zweifellos großartig ist –, können die Westler, die jeder religiösen Ausrichtung beraubt sind, heute keinen moralischen Nutzen mehr ziehen. Auf sie treffen die Worte des Korans zu:

Ihr Gleichnis ist das Gleichnis eines Volkes, das ein Feuer entzündet hat; doch als es sie in einer Dunkelheit zurückließ, in der sie nicht sehen können – stumm, taub und blind –, kehren sie dennoch nicht um.

Und dennoch sind die Menschen des Westens in ihrer blinden Überheblichkeit davon überzeugt, dass nichts anderes als ihre Zivilisation der Welt Licht und Glück und Frieden bringen werde. Im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert wollten sie die Wahrheit des Christentums in der ganzen Welt verbreiten; doch nun, da ihr religiöser Eifer so sehr abgekühlt ist, dass sie in der Religion nicht mehr als Hintergrundmusik sehen – etwas, das im „wirklichen“ Leben als Begleiter zugelassen wird, dem aber kein Einfluss darauf gestattet ist –, begannen sie, anstelle des Christentums die materialistische Lehre der „westlichen Lebensweise“ zu propagieren. Worin besteht diese Lehre? In dem Glauben, dass alle Probleme des Menschen in Fabriken, Laboratorien und auf den Tischen der Statistiker gelöst werden können.

Und so ist der „Daddschal“ in seiner wahren Gestalt erschienen …

Vier

Lange lastet die Stille. Dann sagt der „Scheich“ wieder: Wieder sagt er: „Mein Sohn, war es diese Erkenntnis dessen, was mit dem ‚Daddschal‘ gemeint ist, die dich dazu gebracht hat, den Islam anzunehmen?

– „In gewisser Hinsicht, glaube ich, ist es so gewesen, doch es war nur der letzte Schritt.“

– „Der letzte Schritt … ja, du hast mir einmal die Geschichte erzählt, wie du den Weg des Islam eingeschlagen hast. Aber wann genau und wie kam dir zum ersten Mal der Gedanke, dass der Islam dein angestrebtes Ziel sein könnte?“

– „Wann? Lassen Sie mich ein wenig nachdenken … Ich glaube, es geschah in Afghanistan, an einem Wintertag, als mein Pferd ein Hufeisen verloren hatte und ich deshalb in einem Dorf einen Schmied suchen musste. Das Dorf lag ziemlich weit abseits meines Weges. Dort sagte ein Mann zu mir: Aber Sie sind doch Muslim; nur wissen Sie es selbst nicht, das ist alles … Das war acht Monate, bevor ich den Islam annahm … Ich war von Herat nach Kabul unterwegs …“

Ich reiste zu Pferd von Herat aus auf dem Weg nach Kabul. Bei mir waren Ibrahim und ein afghanischer Soldat. Wir zogen durch die schneebedeckten Bergtäler Zentralafghanistans und über die Gebirgspässe des Hindukusch, die Pferde antreibend. Damals herrschte eine furchtbare Kälte; der Schnee glitzerte, und rings um uns standen schwarz-weiße, steil aufragende hohe Berge.

An jenem Tag lag eine Traurigkeit in meinem Herzen, und zugleich empfand ich ein erstaunliches Glück. Ich war traurig, weil eine dicke, undurchsichtige Wand, wie mir schien, die Menschen, mit denen ich in den vergangenen Monaten zusammengelebt hatte, von dem Licht, der Kraft und der Erkenntnis fernhielt, die ihr Glaube ihnen hätte geben können; und ich war glücklich, weil das Licht, die Kraft und die Erkenntnis dieses Glaubens bei mir waren, nahe bei den schwarz-weißen Bergen, so nahe, dass ich sie mit der Hand berühren konnte.

Mein Pferd begann zu lahmen, und irgendetwas klirrte an seinem Huf: Ein Hufeisen hatte sich gelockert und hing nur noch an zwei Nägeln.

– „Gibt es hier in der Nähe ein Dorf, in dem ich einen Schmied finden kann?“, fragte ich unsere afghanischen Gefährten.

– „Etwas weniger als eine League von hier entfernt liegt ein Dorf namens Deh-Jangi. Dort gibt es einen Schmied und außerdem eine Festung des Hakim von Hazarajat.“

Also ritten wir über den glitzernden Schnee nach Deh-Jangi, in etwas langsamerem Tempo, damit mein Pferd nicht ermüdete.

Der Hakim oder Bezirksverwalter war ein kleiner, untersetzter, fröhlicher junger Mann. Dieser freundliche Mann freute sich, in seiner kleinen, abgelegenen Einsamkeit einen ausländischen Gast zu empfangen. Von allen Afghanen, denen ich bis dahin begegnet war und denen ich später begegnen sollte, war dieser junge Mann der schlichteste und bescheidenste, obwohl er ein naher Verwandter von König Amanullah war. Er nötigte mich, zwei Tage dort zu bleiben.

Am Abend des zweiten Tages saßen wir wie gewöhnlich bei einem üppigen Mahl. Danach bewirtete uns ein bäuerlicher Mann, indem er zur Sitar ein Lied sang. Er sang auf Paschtu – einer Sprache, die ich nicht verstehe –, doch einige persische Wörter aus seinem Lied schienen deutlich vor dem Hintergrund des mäßig warmen, teppichgeschmückten Zimmers und des kalten Glanzes hervorzuspringen, der durch die Fensterlücke vom Schnee hereindrang. Ich erinnere mich, dass er von Davids Kampf gegen Goliath sang – vom Kampf des Glaubens gegen die tierische Kraft. Obwohl ich den Worten des Liedes kaum folgen konnte, wurde seine Aussage für mich deutlich, als es mit einer sanften, weichen Melodie begann und sich dann in einem gewaltigen Ausbruch der Gefühle zu einem aufsteigenden Höhepunkt erhob, zu einem freudigen Schrei des endgültigen Sieges!

Als das Lied verstummte, bemerkte Hakim: „David war klein, aber sein Glaube war groß …“

Ich konnte nicht umhin, hinzuzufügen: „Und ihr seid zahlreich, aber euer Glaube ist gering.“

Mein Gastgeber sah mich erstaunt an, und da ich über das, was ich beinahe unwillkürlich gesagt hatte, verlegen war, begann ich hastig, meine Worte zu erklären. Meine Erklärung nahm die Form eines heftigen Stroms von Fragen an.

„Wie ist es dazu gekommen, dass ihr Muslime euer Selbstvertrauen verloren habt, obwohl eure Vorfahren einst in weniger als hundert Jahren eure Religion von Arabien aus nach Westen bis zum fernen Atlantik und nach Osten bis ins Innere des großen China verbreitet hatten, und dass ihr euch jetzt so leicht und schwach den Gedanken und Bräuchen des Westens unterwerft? Warum könnt ihr – deren Vorfahren einst die Welt mit dem Licht von Wissen, Wissenschaft und Kunst erhellten, zu einer Zeit, als Europa in äußerster Barbarei und Unwissenheit versunken war – jetzt nicht den Mut aufbringen, zu eurem eigenen fortschrittlichen und strahlenden religiösen Ideal zurückzukehren? Wie konnte es geschehen, dass Atatürk, dieser unbedeutende maskierte Mann, der nicht einmal anerkennt, dass der Islam irgendeinen Wert besitzt, für euch Muslime zum ‚Symbol der muslimischen Wiedergeburt‘ geworden ist?“

Mein Gastgeber war erstarrt und sprachlos. Draußen fiel inzwischen Schnee. Kurz vor der Ankunft in Deh Jangi empfand ich wieder jene Welle aus Trauer und Freude, die ich zuvor verspürt hatte. Ich erkannte den einst realen Ruhm der Vergangenheit – und die Scham, die die späteren Nachkommen einer großen Zivilisation in ihrer Erniedrigung verhüllte!

„Sagt mir: Wie konnte es geschehen, dass die Religion eures Propheten mit all ihrer Einfachheit und Klarheit unter dem Unrat der unfruchtbaren Vorstellungen und Spitzfindigkeiten eurer Gelehrten begraben wurde? Wie konnte es geschehen, dass eure Könige, Herrscher und großen Grundbesitzer sich in Reichtum, Wohlstand und Luxus vergnügen und berauschen, während eine gewaltige Zahl ihrer muslimischen Brüder unter unbeschreiblicher Armut und in schmutzigen Verhältnissen kaum ihr Leben fristet – obwohl euer Prophet lehrte: ‚Kein Mensch kann behaupten, gläubig zu sein, wenn er sich selbst satt isst, während sein Nachbar hungrig bleibt‘? Könnt ihr mir erklären, warum ihr die Frauen an den Rand des Lebens gedrängt habt, obwohl die Frauen, die den Propheten und seine Gefährten umgaben, in großem Maße am Leben ihrer Männer teilnahmen? Wie konnte es geschehen, dass es unter euch Muslimen so viele Unwissende und nur so wenige Menschen gibt, die lernen und lesen können – obwohl euer Prophet verkündete: ‚Das Streben nach Wissen ist für jeden muslimischen Mann und jede muslimische Frau eine verpflichtende heilige Pflicht‘, und obwohl er sagte: ‚Der Vorrang des Wissenden vor dem bloß Frommen gleicht dem Vorrang des Vollmonds vor allen übrigen Sternen‘?“

Noch immer sah mich mein Gastgeber schweigend und mit unentwegtem Blick an, und ich begann zu denken, dass mein Ausbruch ihn vielleicht tief in seinem Inneren verletzt hatte. Der Sitarspieler, der nicht genügend Persisch verstand, um mir folgen zu können, starrte voller Verwunderung auf den Fremden, der mit solcher Leidenschaft mit dem „Hakim“ gesprochen hatte. Schließlich hüllte sich der „Hakim“ in seinen breiten gelben Schafspelzumhang, als fröre er. Dann sagte er flüsternd:

„Aber … Sie sind doch Muslim …“

Ich breche in lautes Gelächter aus und sage: Nein, ich bin kein Muslim. Aber ich habe im Islam so viel Schönheit gefunden, dass ich bisweilen zornig werde, wenn ich sehe, wie Sie sie vergeuden … Wenn ich sehr grob gesprochen habe, vergeben Sie mir. Ich habe nicht als Feind gesprochen.“

Sie sind Muslim; Sie selbst wissen es nur nicht, das ist alles … Warum sagen Sie hier und jetzt nicht: „La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah – es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist Sein Gesandter“? Und warum werden Sie nicht tatsächlich Muslim, so wie Sie es in Ihrem Herzen bereits sind? Sagen Sie es, Bruder, sprechen Sie diese Worte jetzt aus. Morgen werde ich Sie mit nach Kabul nehmen und Sie zum Amir bringen, der Sie mit ausgebreiteten Armen empfangen wird. Er wird Ihnen ein Haus, Gärten und Kühe und Kälber geben, und wir alle werden Sie lieben. Sagen Sie es, lieber Bruder …

–„Wenn ich diese Worte jemals ausspreche, dann deshalb, weil mein Herz Frieden gefunden hat – nicht wegen der Häuser und Gärten des Amirs.“

Doch er beharrte: „Sie wissen jetzt schon weit mehr über den Islam, als die meisten von uns wissen. Was ist es, das Sie noch nicht verstanden haben?“

–„Es geht nicht darum, es zu verstehen, sondern darum, frei von jedem Zweifel daran zu glauben: überzeugt davon zu sein, dass der Koran das wirkliche Wort Allahs und nicht bloß die erstaunliche Schöpfung eines großen Menschen ist …“

Doch in den folgenden Monaten konnte ich die Worte meines afghanischen Freundes niemals aus meinem Herzen verbannen.

Von Kabul aus reiste ich mehrere Wochen zu Pferd durch Südafghanistan, über die alte Stadt Ghazni. Von Ghazni war der große Mahmud etwa tausend Jahre zuvor aufgebrochen, um Indien zu erobern. Ich zog durch Kandahar, das wie eine fremde Stadt wirkt und wo man auf einige der furchterregendsten Kriegerstämme der Welt trifft. Ich durchquerte die Wüsten im Südwesten Afghanistans und kehrte dann nach Herat zurück, von wo aus die Reise zu Fuß durch Afghanistan begonnen hatte.

Es war das Jahr 1926. Gegen Ende des Winters verließ ich Herat – in der ersten Etappe meiner langen Reise zurück in die Heimat fuhr ich mit dem Zug von der afghanischen Grenze nach Merv im russischen Turkestan, von dort nach Samarkand, von Samarkand nach Buchara und Taschkent, und von dort durch die turkmenische Steppe weiter zum Ural und nach Moskau.

Der erste und dauerhafteste Eindruck, den Sowjetrussland in meinem Bewusstsein hinterließ, war ein riesiges, sehr schön gestaltetes Plakat am Bahnhof von Merv. Darauf war zu sehen, wie ein junger Proletarier in einem locker sitzenden blauen Hemd einem lächerlichen, weißbärtigen Herrn im Gewand mit seinen Stiefeln einen Tritt versetzte und ihn aus dem wolkenverhangenen Himmel hinabstürzte. Unter dem Plakat stand diese russische Legende: So haben die Arbeiter der Sowjetunion Gott mit einem Fußtritt aus dem Himmel vertrieben. Herausgegeben von der „Bezbožniki“-Gesellschaft (Atheisten) der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken.

Wohin ich auch kam, überall sprangen mir solche staatlich gebilligten antireligiösen Kampagnen geradezu ins Auge: an öffentlichen Gebäuden, an den Straßen und absichtlich in der Umgebung jedes Gotteshauses. In Turkestan waren die meisten dieser Gotteshäuser natürlich Moscheen. Obwohl das öffentliche Salāt-Gebet in der Gemeinschaft nicht verboten war, unternahmen die Behörden alles, um die Menschen an der Teilnahme an der Gemeinschaft zu hindern. Ich hörte fast überall, besonders in Buchara und Taschkent, dass Polizeispitzel den Namen jedes Menschen notierten, der eine Moschee betrat; die Exemplare des Korans wurden an einem Ort gesammelt und vernichtet. Und ein beliebtes Spiel der jungen Bezbožniki bestand darin, Schweineköpfe in die Moscheen zu werfen. Wahrlich, eine wunderbare Sitte, muss man sagen.

Nachdem ich mehrere Wochen durch das asiatische und europäische Russland gereist war und die polnische Grenze überschritten hatte, atmete ich erleichtert auf. Ich fuhr direkt nach Frankfurt und fand mich wieder in dem mir seit Langem vertrauten Umfeld meiner Zeitung. Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, dass mein Name während meiner Abwesenheit sehr berühmt geworden war und man mich nun für einen der bekanntesten unter den Auslandskorrespondenten in Mitteleuropa hielt. Einige meiner Artikel – besonders jene über die komplizierte religiöse Psychologie der Iraner – hatten die Aufmerksamkeit berühmter Orientalisten erregt, und die Anerkennung, die sie gefunden hatten, war keineswegs gering. Dank dieses Erfolgs wurde ich eingeladen, an der Berliner Akademie für Geopolitik mehrere Vorträge zu halten. Dort sagte man mir, dass einem Mann meines Alters – ich war damals noch keine sechsundzwanzig – eine solche Auszeichnung noch nie zuvor zuteilgeworden sei. Viele andere Zeitungen druckten die für die breite Öffentlichkeit besonders geeigneten Artikel mit Genehmigung der Frankfurter Zeitung nach. Ich erfuhr, dass einer meiner Artikel fast dreißigmal nachgedruckt worden war. Alles in allem war meine Reise in den Iran sehr erfolgreich gewesen.

.. . …. …               .. ..         ..           .. .          Zu dieser Zeit heiratete ich Elsa. Die zwei Jahre, die ich fern von Europa verbracht hatte, hatten unsere Liebe nicht geschwächt, sondern sie noch stärker gemacht; und mit einer Heiterkeit und Freude, wie ich sie zuvor in meinem Leben noch nie empfunden hatte, wischte ich ihre Bedenken wegen des großen Altersunterschieds zwischen uns beiseite.

–Aber wie kannst du mich heiraten?«, wandte Elsa ein. »Du bist jetzt noch keine sechsundzwanzig, und ich bin über vierzig. Denk doch einmal nach: Wenn du dreißig bist, werde ich fünfundvierzig sein, und wenn du vierzig erreichst, bin ich doch schon eine alte Frau …«

Ich brach in lautes Lachen aus: »Was macht das schon? Ohne dich kann ich mir meine Zukunft überhaupt nicht vorstellen.«

Und schließlich gab Elsa nach.

Ich habe nicht übertrieben, als ich sagte, dass ich mir eine Zukunft ohne Elsa nicht vorstellen konnte. Ihre Schönheit und ihre angeborene Anmut machten sie für mich so unwiderstehlich, dass ich keine andere Frau ansehen konnte. Ihr feines Verständnis dafür, was ich vom Leben wollte, erhellte meine Hoffnungen und Wünsche und machte sie konkreter und bestimmter – konkreter und bestimmter, als es meine eigenen Überlegungen je vermocht hätten.

Einmal – wahrscheinlich etwa eine Woche nach unserer Hochzeit – bemerkte Elsa: Wie erstaunlich, dass gerade du unter allen Menschen den Mystizismus in der Religion verachtest … Du selbst bist doch ein Mystiker – durch sinnlich gewonnene Erkenntnis eine Art Mystiker; du gehst auf das Leben um dich herum zu, indem du alles mit deinen Fingerspitzen berührst, und siehst in jedem Ding ein feines, kompliziertes mystisches Muster – in vielem, was anderen Menschen äußerst unbedeutend und gewöhnlich erscheint … Doch sobald du die Religion betrachtest, bist du ganz und gar verstandesmäßig orientiert. Bei fast allen anderen Menschen wäre es doch eher umgekehrt …

Doch Elsa war keineswegs verwirrt. Wenn ich mit ihr über den Islam sprach, wusste sie, wonach ich suchte. Auch wenn sie vielleicht nicht denselben dringenden Antrieb empfand wie ich, machte ihre Liebe zu mir sie doch zu meiner Teilhaberin an dieser Suche.

Oft lasen wir gemeinsam den Qur’an und sprachen miteinander über seine verschiedenen Gedanken. Und auch Elsa war wie ich zunehmend davon beeindruckt, welch innige Verbindung zwischen seinen moralischen Lehren und seinen praktischen Anweisungen bestand. Nach dem Al-Qur’an verlangt Allah vom Menschen keinen blinden Gehorsam, sondern wendet sich an seinen Verstand; Er steht nicht fern vom Schicksal des Menschen, vielmehr ist Er ihm „näher als seine Halsader“. Er hat keine Trennlinie zwischen Religion und gesellschaftlichem Verhalten gezogen. Und vielleicht am wichtigsten ist, dass Allah nicht von dem Axiom ausgeht, das Leben sei ganz und gar mit dem Konflikt zwischen Materie und Geist belastet und der Geist müsse von den Fesseln des Körpers befreit werden, um den Weg zum Licht zu finden. Die Verneinung des Lebens und die Selbstkasteiung, welcher Art auch immer, hat der Gesandte mit Worten dieser Art verurteilt: „Wisset, Askese ist nichts für mich“ und „Im Islam gibt es kein Mönchtum“. Der Wille des Menschen zu leben wurde nicht nur als ein positiver und fruchtbarer Trieb anerkannt, sondern auch mit der Heiligkeit eines moralischen Axioms bekleidet. Tatsächlich wurde der Mensch gelehrt: Du darfst dein Leben nicht nur voll und ganz nutzen, du bist sogar dazu verpflichtet.

Eine zusammenhängende Gestalt des Islam begann mit einer solchen Endgültigkeit und Gewissheit klar hervorzutreten, dass ich bisweilen vor Staunen wie benommen war. Sie nahm in einem Prozess Gestalt an, den man als eine Art geistige Osmose beschreiben könnte: Ohne bewusst den Versuch zu unternehmen, die bruchstückhaften Erkenntnisse, die ich in den vergangenen vier Jahren auf meinem Lebensweg gewonnen hatte, zusammenzufügen und zu „systematisieren“, formte sie sich allmählich. Ich sah vor mir etwas, das einem vollkommenen architektonischen Kunstwerk glich, dessen sämtliche Bestandteile in einer solchen Harmonie zusammengehalten wurden, dass jedes das andere ergänzte und unterstützte, ohne Überflüssiges und ohne irgendeinen Mangel – eine solche Ausgewogenheit und Geschlossenheit, dass im Menschen die Vorstellung entsteht, in der islamischen Sichtweise und ihren Axiomen habe jedes Ding seinen „richtigen Platz“.

Vor dreizehnhundert Jahren stand ein Mensch auf und verkündete: Ich bin nur ein sterblicher Mensch; doch Er, der dieses Universum erschaffen hat, hat mir befohlen, euch Seine Botschaft zu überbringen. Damit ihr euer Leben in Übereinstimmung mit Seinem Plan und Seiner Absicht führen könnt, hat Er mir befohlen, euch an Seine Existenz, Seine Allmacht und Seine Allwissenheit zu „erinnern“ und euch ein Programm für euer Handeln vorzulegen. Wenn ihr meinen Aufruf und dieses Programm annehmt, dann folgt mir. Dies war der Kern der Prophetenschaft Muhammads (saw.).

Die von ihm angenommene gesellschaftliche Ordnung ist der Entwurf eines einfachen Lebens, das nur mit wahrer Größe Hand in Hand geht. Sie geht von dem Grundsatz aus, dass der Mensch ein biologisches Wesen mit biologischen Bedürfnissen ist und dass der Schöpfer die menschliche Natur so geschaffen hat, dass die Menschen in Gruppen leben müssen, um ihre körperlichen, seelischen und geistigen Bedürfnisse vollständig zu befriedigen: Kurz gesagt, die Menschen sind voneinander „abhängig“. Ob ein Mensch auf dem Weg zu geistiger Größe – dem eigentlichen Ziel aller Religionen – beständig voranschreitet, hängt davon ab, ob er von den Menschen in seiner Umgebung Hilfe, Ermutigung und Schutz erfahren hat; selbstverständlich erwarten auch diese von ihm die gleiche Unterstützung. Diese gegenseitige Abhängigkeit der Menschen ist der Grund, weshalb die Religion des Islam nicht von Wirtschaft und Politik getrennt werden konnte. Auf dem Weg zur Entfaltung der wirklichen Persönlichkeit des Menschen sollen möglichst wenige Hindernisse bestehen und möglichst viel Ermutigung gegeben werden. Das – und nichts anderes – ist die islamische Vorstellung von der wahren Aufgabe der Gesellschaft! Daher war es ganz selbstverständlich, dass das System, das der Prophet Muhammad während der dreiundzwanzig Jahre seiner Gesandtschaft ausformte, nicht nur die geistigen Angelegenheiten betraf, sondern auch einen Rahmen für alle Arten persönlicher und gesellschaftlicher Tätigkeiten enthielt. In diesem System wurde nicht nur die Vorstellung persönlichen guten Verhaltens hervorgehoben, sondern auch der Vorstellung, dass als Ergebnis dieses guten Verhaltens eine ausgewogene Gesellschaft entstehen sollte, die gebührende Bedeutung beigemessen. Es enthält lediglich den Umriss einer politischen Gemeinschaft – nur einen Umriss, denn die Einzelheiten der politischen Bedürfnisse des Menschen sind durch die Zeit begrenzt und daher veränderlich – sowie einen Plan persönlicher Rechte und gesellschaftlicher Pflichten, in dem die Wirklichkeit der historischen Entwicklung zutreffend vorweggenommen wurde. Die islamische Lebensweise umfasst alle Bereiche des Lebens – das sittliche und das körperliche, das persönliche und das gesellschaftliche. In der Lehre des Gesandten wurden den Problemen des Körpers und des Geistes sowie den sexuellen und wirtschaftlichen Fragen neben den Fragen der Theologie und der Anbetung ihr gebührender Platz eingeräumt. Nichts, was mit dem Leben zusammenhängt, wurde jemals als so unbedeutend betrachtet, dass es nicht in den Kreis religiösen Denkens aufgenommen werden könnte – nicht einmal so ausgesprochen weltliche Fragen wie Handel und Gewerbe, Erbschaft, Eigentumsrechte oder Landbesitz wurden als zu geringfügig angesehen!

Alle Bestimmungen des islamischen Rechts wurden mit dem Ziel erlassen, allen Mitgliedern der Gesellschaft gleiche Chancen, gleiche Vergünstigungen und Wohlergehen zu gewährleisten, ohne Unterschied von Geburt, Herkunft oder Geschlecht und unabhängig von gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Für den Gründer dieser Gesellschaft oder seine Nachkommen waren keinerlei besondere Vergünstigungen oder Vorrechte vorgesehen. Auch die Vorstellung von Klassen existierte nicht. Alle Rechte, Pflichten und Vergünstigungen galten in gleicher Weise für alle, die an den Islam glaubten. Keinerlei Priester sind nötig, um zwischen Allah und den Menschen zu vermitteln, denn Er weiß, was vor ihnen liegt und was sie hinter ihrem Rücken verbergen. Gehorsam gebührt allein Allah und Seinem Gesandten, den eigenen Eltern und jener Gesellschaft, deren Ziel es ist, Allahs Reich auf Erden zu errichten. Der Islam erkennt darüber hinaus keinerlei Gehorsam gegenüber irgendjemandem an und lässt keinen Raum für eine solche Art von Loyalität, wie sie in den Aussagen zum Ausdruck kommt: „Mein Land, ob es gut oder schlecht ist“, oder: „Meine Nation hat immer recht.“ Bei der Erläuterung dieses Grundsatzes sagte der Prophet wiederholt mit größter Klarheit: „Nicht zu meiner Umma gehört, wer ein Stammesziel verkündet; nicht zu meiner Umma gehört, wer für die Interessen eines Stammes kämpft; und nicht zu meiner Umma gehört, wer aus Stammesloyalität stirbt.“

Vor dem Islam waren alle politischen Organisationen – selbst jene, die auf theokratischen oder halbtheokratischen Grundlagen beruhten – durch die enge Vorstellung von Stamm und stammesmäßiger Gleichartigkeit begrenzt. So dachten die Götterkönige des alten Ägypten an nichts jenseits der Grenzen des Niltals und seiner Bewohner; und selbst im frühen theokratischen Staat der Hebräer, als man glaubte, Allah regiere das Reich, war Allah zwangsläufig der Allah der Kinder Israels! Im Rahmen des koranischen Denkens hingegen gibt es keinen Platz für die Loyalität gegenüber Geburt oder Stamm. Der Islam entwirft die Vorstellung einer in sich geschlossenen staatlichen Gesellschaft, die die herkömmliche Einteilung in Stämme und Nationen zurückweist. In dieser Hinsicht haben Islam und Christentum dasselbe Ziel; man kann sagen: Beide wollen eine internationale Gemeinschaft schaffen, die auf ihrer gemeinsamen Bindung an ein gemeinsames Ideal beruht. Während sich das Christentum jedoch darauf beschränkte, diesen Grundsatz lediglich moralisch zu vertreten, und seine Anhänger dazu aufforderte, dem Cäsar zu geben, was ihm gebührt, und dadurch seine weltumspannende Berufung auf den geistlichen Bereich begrenzte, stellte der Islam der Welt den Entwurf einer politischen Ordnung vor Augen, in der das Bewusstsein des Göttlichen der wichtigste Schlüssel zum praktischen Verhalten der Menschen und die alleinige Grundlage aller gesellschaftlichen Einrichtungen sein sollte.

So vervollständigte der Islam, was das Christentum unvollendet gelassen hatte, und fügte der Entwicklung der Menschheit ein neues Kapitel hinzu: nämlich das erste Beispiel einer freien, auf einem Ideal beruhenden Gesellschaft, im Gegensatz zu den abgeschlossenen Gesellschaften der Vergangenheit, die durch Rasse oder Geografie begrenzt waren.

Der Islam entwirft und begründet eine Zivilisation, in der Nationalismus keinen Platz hat, ebenso wenig wie etablierte Sonderinteressen, Klassenteilung, eine kirchliche Priesterordnung oder erblicher Adel. Tatsächlich gibt es im Islam keinerlei erbliche Standeszugehörigkeit. Das Ziel war, eine auf Allah ausgerichtete Theokratie und eine Demokratie unter den Menschen zu errichten. Das wichtigste Merkmal dieser neuen Zivilisation – das den Islam in der Geschichte der Menschheit völlig von allen anderen Bewegungen unterscheidet – war die Tatsache, dass man sich vorstellte, sie werde auf der freiwilligen Zustimmung der betroffenen Bevölkerung beruhen; tatsächlich entstand sie auch aus freiwilliger Zustimmung. In allen anderen Gemeinschaften und Zivilisationen, die die Geschichte kennt, gingen gesellschaftlicher Fortschritt und die Entwicklung der Gesellschaft aus dem Druck einander widerstreitender Interessen und den daraus entstehenden Gegenkräften hervor – im Islam jedoch nicht. Hier ist der gesellschaftliche Fortschritt ein untrennbarer Bestandteil einer grundlegenden Verfassung; mit anderen Worten: Von Anfang an besteht ein wahrer Gesellschaftsvertrag – nicht nur in dem Sinne, in dem spätere Machthaber sich einer rhetorischen Formel bedienten, um ihre Vorrechte zu schützen, sondern als die tatsächliche historische Quelle der islamischen Zivilisation. Der Koran sagt:

Seht, Allah hat den Gläubigen ihr Leben und ihr Vermögen abgekauft und ihnen dafür das Paradies versprochen. So freut euch über das, was ihr verkauft habt, denn dies ist wahrlich ein großartiger Erfolg.

Ich wusste, dass dieser großartige Erfolg – das einzige in der Geschichte überlieferte Beispiel eines wirklichen Gesellschaftsvertrags – nur für eine gewisse Zeit in der Wirklichkeit verwirklicht worden war. Oder man kann auch sagen, dass nur für eine begrenzte Zeit in großem Maßstab versucht worden war, ihn in die Wirklichkeit umzusetzen. Innerhalb von weniger als hundert Jahren nach dem Tod des Gesandten begann die ursprüngliche staatliche Gestalt des Islam verdorben zu werden, und in den folgenden Jahrhunderten wurde das ursprüngliche Programm allmählich in den Hintergrund gedrängt. An die Stelle der freien Zustimmung freier Männer und Frauen trat der erbliche Machtkampf. Die Erbmonarchie, die den religiösen Vorstellungen des Islam ebenso entschieden widerspricht wie der Polytheismus, und die den politischen Vorstellungen des Islam gleichermaßen entgegensteht, nahm bald die Bühne ein; mit ihr kamen Konflikte und Verschwörungen zwischen verschiedenen Dynastien, stammesbezogene Loyalitäten und Vorstellungen von Gut und Böse, Gewalt und Unterdrückung sowie der allgemeine Verfall der Religion zu einer Dienerin der politischen Macht. Kurz gesagt: Die gesamte, in der Geschichte wohlbekannte Schar der „Vertreter etablierter Interessen“ erschien auf der Bildfläche. Eine Zeit lang bemühten sich große islamische Denker, das wahre Ideal des Islam vor der Entstellung zu bewahren und es hochzuhalten. Doch diejenigen, die nach ihnen kamen und ihnen an Begabung unterlegen waren, verschwanden zwei oder drei Jahrhunderte später im stagnierenden Sumpf gewöhnlicher intellektueller Bräuche und Konventionen. Sie gaben die Verantwortung des eigenen Denkens auf und begnügten sich damit, die toten Redewendungen früherer Zeitalter zu wiederholen. Sie vergaßen, dass jede menschliche „Meinung“ durch die Zeit begrenzt ist, dass ihr Irrtum anhaften kann und dass sie deshalb immer wieder neu gestaltet werden muss. Der ursprüngliche Impuls des Islam war anfangs so stark und gewaltig, dass er für eine gewisse Zeit ausreichte, das Muslimische Commonwealth zu gewaltigen kulturellen Höhen zu führen – in jene strahlende Welt wissenschaftlicher, literarischer und künstlerischer Leistungen, die Historiker als das Goldene Zeitalter des Islam bezeichnen. Doch schon nach einigen weiteren Jahrhunderten starben auch dieser Elan und dieser Impuls aus Mangel an geistiger Nahrung ab, und die muslimische Zivilisation wurde zunehmend stagnierend und ihrer schöpferischen Kraft beraubt.

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Über den gegenwärtigen Zustand der muslimischen Welt war ich mir völlig im Klaren. In den vier Jahren, die ich in jenen Ländern verbracht hatte, hatte ich gesehen, dass der Islam zwar noch lebendig war – sichtbar in der besonderen Art und Weise, wie seine Anhänger die Welt betrachteten, und in ihrer stillschweigenden Anerkennung der islamischen Grundsätze sittlicher Pflichten –, dass sie selbst jedoch ebenso wenig imstande waren, den islamischen Plan zu verwirklichen, wie die heutigen Muslime. Mehr als von diesem Versagen war ich von der Kraft und den Möglichkeiten angezogen, die in diesem Plan selbst lagen. Für mich genügte schon das Wissen, dass zu Beginn der islamischen Geschichte, wenn auch nur für kurze Zeit, ein erfolgreicher Versuch unternommen worden war, diesen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Und was einst möglich erschienen war, konnte vielleicht auch zu einer anderen Zeit möglich werden. Ich sagte mir: Was macht es schon, wenn die Muslime von den ursprünglichen Lehren abgewichen und in Trägheit und Unwissenheit versunken sind? Und was macht es schon, wenn sie nicht nach dem Ideal leben, das der Prophet Arabiens ihnen vor dreizehnhundert Jahren vor Augen gestellt hatte – sofern eben dieses Ideal noch immer allen offensteht, die aufrichtig bereit sind, seine Botschaft anzuhören?

Und vielleicht, dachte ich weiter, ist diese Botschaft für die später Gekommenen sogar noch notwendiger – notwendiger als für die Menschen zu Muhammads Zeiten. Sie lebten in einer weitaus einfacheren Umwelt als wir und konnten deshalb ihre Probleme und Schwierigkeiten viel leichter lösen. Die Welt, in der ich lebe, ist in ihrer Gesamtheit unsicher; denn weder in geistiger Hinsicht noch folglich in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht besteht Einigkeit darüber, was gut und was böse ist. Ich glaubte nicht, dass der einzelne Mensch der „Erlösung“ bedürfe; doch ich war überzeugt, dass die moderne Gesellschaft der Erlösung bedarf. Mit wachsender Gewissheit spürte ich, stärker als je zuvor, dass unser Zeitalter für einen neuen Gesellschaftsvertrag einer philosophischen Grundlage bedarf: Es braucht einen Glauben, der uns die Leere eines materiellen Fortschritts um des Fortschritts willen offenbart und dem Leben auf dieser Welt dennoch sein gerechtes Maß zugesteht; einen Glauben, der uns lehrt, wie wir zwischen geistigen und körperlichen Bedürfnissen ein Gleichgewicht herstellen können und uns so vor der Katastrophe bewahrt, auf die wir blindlings zueilen.

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Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass in dieser Zeit meines Lebens das Problem des Islam – damals war es für mich tatsächlich ein Problem – meinen Geist beherrschte und alles andere überschattete. Meine völlige Versunkenheit hatte zunächst nur seinen frühen Entwicklungsstufen gegolten, als es sich lediglich um eine intellektuelle Anziehung zu einem unbekannten, vielleicht faszinierenden Ideal und einer Kultur gehandelt hatte. Doch nun war daraus eine leidenschaftliche Suche nach der Wahrheit geworden. Im Vergleich zu dieser Suche verblasste sogar die Aufregung der abenteuerlichen Reisen der vergangenen zwei Jahre zu Bedeutungslosigkeit. Die Folge war, dass es mir schwerfiel, mich auf das neue Buch zu konzentrieren, das der Herausgeber der Frankfurter Zeitung zu Recht von mir erwartete.

Dr. Simon hatte meine offensichtliche Verzögerung bei der Abfassung des Buches zunächst nachsichtig hingenommen. Schließlich war ich gerade von einer langen Reise zurückgekehrt und hatte mir irgendeine Art von Urlaub verdient. Auch meine kürzlich geschlossene Ehe machte eine gewisse Unterbrechung meiner Schreibroutine notwendig. Doch als dieser Urlaub und diese Unterbrechung länger dauerten, als Dr. Simon für vertretbar hielt, sagte er, ich müsse nun in die Welt der Sterblichen zurückkehren. Im Rückblick erscheint er mir als sehr vernünftig; damals jedoch kam er mir ganz anders vor. Seine häufigen und dringlichen Fragen nach „dem Buch“ bewirkten das Gegenteil von dem, was er erhofft hatte: Mir war, als hätte man mir eine Last auferlegt. Infolgedessen begann ich mich jedes Mal zu ärgern, wenn ich an das Buch dachte. Ich war noch immer weit mehr damit beschäftigt, was ich zu entdecken hatte, als damit, zu beschreiben, was ich bisher gesehen hatte.

Schließlich bemerkte Dr. Simon gereizt und schroff: „Ich glaube nicht, dass dieses Buch jemals von dir geschrieben werden wird. Du leidest doch an ‚horror libri‘.“

Etwas verletzt erwiderte ich: „Meine Krankheit könnte noch etwas Ernsteres sein. Vielleicht leide ich an ‚horror scribendi‘.“

„Gut, wenn du an diesem Leiden erkrankt bist“, gab er mir sofort ins Gesicht zurück, „hältst du dann die Frankfurter Zeitung für den richtigen Ort für dich?“ Ein Wort gab das andere, und unsere Meinungsverschiedenheit verwandelte sich allmählich in einen Streit. Noch am selben Tag kündigte ich bei der Frankfurter Zeitung, und eine Woche später machte ich mich mit Elsa auf den Weg nach Berlin.

Allerdings hatte ich nicht die Absicht, den Journalismus aufzugeben. Denn abgesehen von dem angenehmen Lebensunterhalt und der Freude, die mir das Schreiben verschafft hatte (und die jenes „Buch“ vorübergehend zunichtegemacht hatte), war es mein einziges Mittel, wieder in die muslimische Welt zurückzukehren. Und in die muslimische Welt wollte ich um jeden Preis zurück. Doch angesichts des Ansehens, das ich in den vergangenen vier Jahren gewonnen hatte, war es für mich nicht schwierig, neue Verbindungen zu Zeitungen zu knüpfen. Nachdem meine Beziehung zur Frankfurter Zeitung abgebrochen war, schloss ich mit drei anderen Zeitungen äußerst zufriedenstellende Verträge: Es waren die Zürcher „Neue Zürcher Zeitung“, der Amsterdamer „Telegraaf“ und die Kölner „Kölnische Zeitung“. Von nun an sollten meine Aufsätze über den Nahen Osten gleichzeitig in diesen drei Zeitungen erscheinen. Obwohl diese Zeitungen nicht mit der Frankfurter Zeitung vergleichbar waren, gehörten sie zu den bedeutendsten Zeitungen Europas.

Vorübergehend mieteten Elsa und ich eine Wohnung in Berlin. Dort wollte ich meine Vortragsreihe an der „Akademie für Geopolitik“ abschließen und meine Studien über den Islam fortsetzen; das war mein Vorhaben.

Meine früheren literarischen Freunde freuten sich, mich wiederzusehen. Doch als ich in den Nahen Osten ging, war es aus irgendeinem Grund nicht mehr leicht, unsere Beziehung genau an dem Punkt wieder aufzunehmen, an dem wir die Fäden unserer früheren Verbindung zurückgelassen hatten. Wir waren einander fremd geworden; wir sprachen nicht mehr in dieser intellektuellen Sprache. Besonders zu dem Islam, der mich ganz in Anspruch nahm, fand ich bei keinem meiner Freunde ein wohlwollendes Verständnis. Als ich ihnen zu erklären versuchte, dass der Islam als intellektuelle und gesellschaftliche Idee allen anderen Ideologien überlegen sei, schüttelten sie ausnahmslos, könnte man sagen, mit Verwunderung und Bestürzung den Kopf. Auch wenn sie bisweilen die Vernünftigkeit irgendeiner islamischen Lehre anerkannten, war die Ansicht der meisten von ihnen: Die alten Religionen gehörten der Vergangenheit an, und die Forderung unserer Zeit sei eine neue „humanistische“ Sichtweise. Selbst diejenigen, die die gesamte Legitimität der institutionalisierten Religion nicht mit einem einzigen Wort abtaten, waren keineswegs bereit, diese Haltung der westlichen Öffentlichkeit aufzugeben: dass jener „Transzendentalismus“, den der Mensch von der Religion zu erwarten berechtigt sei, im Islam fehle, weil dieser offen mit weltlichen Angelegenheiten verbunden sei.

Umso mehr erstaunte mich die Entdeckung, dass gerade jener Aspekt des Islam, der mich so stark angezogen hatte – nämlich die körperliche und die geistige Wahrheit nicht als voneinander getrennte Wahrheiten aufzufassen und für den Erwerb des Glaubens auf der Vernunft zu bestehen –, in den Herzen jener Intellektuellen nur sehr wenig Anklang fand, die sonst gewohnt waren zu behaupten, das Leben werde in höchstem Maße von der Vernunft bestimmt. Erst im religiösen Bereich wichen sie ganz selbstverständlich von ihrer so vertrauten rationalistischen und realistischen Haltung zurück. In dieser Hinsicht konnte ich keinen Unterschied zwischen den wenigen meiner Freunde, die der Religion zugetan waren, und jenen erkennen, die nicht bereit waren, in der Religion mehr als eine überlebte Tradition zu sehen.

Mit der Zeit verstand ich freilich, worin ihr Dilemma lag. Ich begann zu erkennen, dass Menschen, die in einer christlich geprägten Umgebung aufgewachsen waren – in einer Denkweise, die davon ausging, dass jede echte religiöse Erfahrung im „Übernatürlichen“ liege –, in einer stark rationalistischen Auffassung von Religion eine Abweichung vom geistigen Wert der Religion sahen. Diese Haltung war nicht auf gläubige Christen beschränkt: Infolge der jahrhundertelangen Koexistenz Europas mit dem Christentum, ohne mit irgendeiner anderen Religion in Berührung zu kommen, hatten selbst die skeptischen Europäer unbewusst begonnen, jede religiöse Erfahrung durch die Linse christlicher Vorstellungen zu betrachten. Und nur dann erkannten sie eine religiöse Erfahrung als „wahr“ an, wenn sie von einem Schauer ehrfürchtiger Gottesverehrung vor etwas Geheimnisvollem und für die Vernunft Unerkennbarem begleitet war. Der Islam erfüllt dieses Bedürfnis nicht: Er betont die Vereinigung der körperlichen und geistigen Seiten des Lebens auf einer vollkommen natürlichen Ebene. Tatsächlich unterscheidet sich das islamische Weltbild so sehr vom christlichen Weltbild, dass die Annahme der Wahrheit des einen zwangsläufig Fragen nach der Wahrheit des anderen aufwerfen muss, denn auf dem christlichen Weltbild beruhen nahezu alle moralischen Vorstellungen des Westens.

Was mich betraf, so spürte ich, dass ich zum Islam gedrängt wurde. Doch ein letzter Zweifel zwang mich, den endgültigen, unwiderruflichen Schritt aufzuschieben. Der Gedanke, den Islam anzunehmen, erschien mir wie der Versuch, eine Brücke zu betreten, die über der Leere zwischen zwei verschiedenen Welten stand: eine so lange Brücke, dass man einen Punkt erreichen musste, von dem es kein Zurück mehr gab, bevor das andere Ende der Brücke sichtbar wurde. Ich wusste sehr genau: Wenn ich Muslim würde, müsste ich alle Beziehungen zu der Welt abbrechen, in der ich aufgewachsen war. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Es war unmöglich, die Botschaft Muhammads wirklich zu befolgen und zugleich eine innere Verbundenheit mit einer Gesellschaft aufrechtzuerhalten, die von völlig entgegengesetzten Vorstellungen beherrscht wurde. Aber war der Islam tatsächlich eine von Allah kommende Botschaft – oder lediglich die Weisheit eines großen, doch fehlbaren Menschen …?

Eines Tages, im September 1926, fuhren Elsa und ich mit der Berliner Untergrundbahn. Es war ein Abteil erster Klasse. Mein zielloser Blick fiel auf einen gut gekleideten Mann, der mir direkt gegenübersaß: Offenbar war er ein wohlhabender Geschäftsmann; auf seinem Schoß lag eine elegante Aktentasche, und an der rechten Hand trug er einen großen Diamantring. Der müßige Gedanke kam mir, wie ausgezeichnet das Gesicht dieses korpulenten Mannes in das Bild des Wohlstands passte, das man damals überall in Mitteleuropa sah – eines Wohlstands, der umso auffälliger war, als er auf einige Jahre anhaltender Inflation folgte, während das gesamte Wirtschaftsleben aus den Fugen geraten und sein hässliches Gesicht überall sichtbar geworden war. Nun trugen fast alle Menschen gute Kleidung und hatten reichlich zu essen, und deshalb erschien mir der Mann gegenüber nicht als Ausnahme. Doch als ich ihm ins Gesicht sah, kam es mir vor, als blickte ich in ein glückliches Gesicht. Der Mann schien beunruhigt zu sein – und nicht nur beunruhigt, sondern zutiefst unglücklich; seine Augen blickten mit leerem Ausdruck geradeaus, und seine Mundwinkel waren wie unter Qual verzogen, allerdings nicht unter körperlichen Schmerzen. Ich wollte nicht unhöflich sein. Daher wandte ich den Blick ab, und unmittelbar danach sah ich eine Frau, recht anmutig und schön. Auch auf ihrem Gesicht lag ein seltsamer Ausdruck des Unglücks, als dächte sie an etwas oder erlebte etwas, das ihr Schmerzen bereitete. Trotzdem blieb ihr Gesicht unbewegt, gleichsam in einem festen Lächeln; ich zweifelte nicht daran, dass dies für sie ein vertrauter Zustand war. Dann wandte ich mich um und begann, die Gesichter aller anderen Fahrgäste im Abteil zu betrachten – ausnahmslos die Gesichter von Menschen in kostbarer Kleidung, die reichlich zu essen hatten; bei fast allen entdeckte ich einen Ausdruck des Kummers, so verborgen, dass der Besitzer des Gesichts davon völlig unbewusst zu sein schien.

Wahrhaftig, ich finde es höchst merkwürdig. Noch nie zuvor hatte ich um mich herum so viele unglückliche Gesichter gesehen; vielleicht hatte ich auch nie zuvor nach dem gesucht, was sich in diesem Augenblick so machtvoll aus ihnen heraus ausdrückte. Der Gedanke wurde so eindringlich, dass ich Elsa davon erzählte. Auch sie begann sich umzusehen – mit den wachen Augen einer Malerin, die daran gewöhnt ist, die Gesichter der Menschen zu lesen. Dann wandte sie sich erstaunt mir zu und sagte: „Du hast recht, sie alle sehen aus, als litten sie die Qualen der Hölle. Ich frage mich voller Staunen: Wissen sie selbst, was in ihnen vorgeht?“

Ich weiß, dass sie es nicht wissen. Wenn sie es wüssten, könnten sie ihr Leben nicht auf diese Weise vergeuden. Sie könnten ihr Leben nicht so zugrunde richten, indem sie an zwingende Wahrheiten glauben, keinen anderen Lebenszweck kennen als den Wunsch, ihren Lebensstandard zu verbessern, und außer der Hoffnung auf immer mehr materielle Bequemlichkeiten, immer ausgefeiltere Geräte (Gadgets) und vielleicht noch mehr Macht keinerlei andere Hoffnung hegen –

Als wir nach Hause zurückkehrten, fiel mein Blick plötzlich auf meinen Schreibtisch, auf dem ein Exemplar des Korans lag, in dem ich zuvor gelesen hatte. Mechanisch nahm ich den Koran in die Hand, um ihn wegzulegen. Doch als ich ihn schließen wollte, fiel mein Blick auf die aufgeschlagene Seite vor mir, und ich begann zu lesen:

– Ihr seid vom Verlangen nach immer mehr, nach immer noch mehr besessen, bis ihr eure Gräber erreicht. Nein, das ist nicht richtig – ihr werdet es wissen. Nein, das ist nicht richtig – ihr werdet es gewiss wissen. Wenn ihr es mit sicherem Wissen wüsstet, würdet ihr gewiss die Hölle sehen, in der ihr euch befindet. Dann werdet ihr sie wahrlich mit sicherem Blick sehen, und an jenem Tag werdet ihr gefragt werden, was ihr mit den Gnaden getan habt, die euch zuteilwurden.

Einen Augenblick lang war ich sprachlos; kein Wort kam über meine Lippen. Mir war, als zittere das Buch in meiner Hand. Dann reichte ich es Elsa – lies das: Ist es nicht die Antwort auf das, was wir in der U-Bahn gesehen hatten?

Ja, es war die Antwort – eine so endgültige Antwort, dass plötzlich alle Zweifel zertrümmert wurden. Nun erkannte ich zweifelsfrei: Das Buch, das ich in meinen Händen hielt, war ein von Gott offenbartes Buch. Denn obwohl es den Menschen vor mehr als dreizehn Jahrhunderten vorgelegt worden war, enthielt es eine Vorwegnahme von etwas, das erst in unserem komplizierten, mechanischen und von irrealen Fantasien beherrschten Zeitalter wahr werden konnte.

Die Gier hat es beim Menschen immer gegeben; doch nie zuvor war sie über ein bloßes Verlangen, Dinge anzuhäufen, hinausgewachsen und zu einer Besessenheit geworden, die den Blick für alles andere trübt: ein unbezähmbares Verlangen, mehr zu bekommen, mehr zu erwerben, mehr Pläne auszuhecken, heute mehr zu haben als gestern und morgen mehr als heute. Ein Ungeheuer hatte sich auf die Schultern der Menschen gesetzt und trieb sie mit Peitschenhieben in ihren Herzen auf Ziele zu, die in der Ferne verführerisch glitzerten und, sobald man sie erreichte, spöttisch in belangloser Leere verschwanden. Immer versprach es: Vor uns liegen neue Ziele – noch strahlendere, noch verlockendere Ziele –, bis auch sie am Horizont standen; und jener Hunger, jener unstillbare Hunger nach immer neuen Zielen, fraß die Seelen der Menschen auf. Nein, wenn ihr es wüsstet, würdet ihr die Hölle sehen, in der ihr euch befindet –

Ich erkannte, dass dies nicht bloß die menschliche Weisheit irgendeines Menschen aus der fernen Vergangenheit Arabiens war. So weise er auch gewesen sein mochte, es war für einen Menschen dieser Art unmöglich, aus eigener Kraft die spezifischen Qualen des zwanzigsten Jahrhunderts vorauszusehen. Aus dem Koran erklang eine Stimme, die aus der noch größeren, erhabeneren Stimme Muhammads hervorging …

fünf

Dunkelheit ist über den Hof der Moschee des Propheten herabgesunken, in der hier und da nur ein wenig Licht von den Öllampen aufscheint, die an langen Ketten zwischen den Säulen der Arkaden hängen. Scheich Abdallah Bulayhid sitzt mit gesenktem Kopf auf der Brust und geschlossenen Augen da. Wer ihn nicht kennt, könnte meinen, er sei eingeschlafen; aber ich weiß, dass er meiner Schilderung mit tiefer Anteilnahme zuhört und versucht, sie mit dem Muster seiner gewaltigen eigenen Erfahrung mit den Menschen und ihren Herzen zu vergleichen. Nach langer Zeit hebt er den Kopf, öffnet die Augen und blickt mich an:

– Und dann? Was hast du dann getan?

– Das Natürliche und Unvermeidliche, Scheich. Ich suchte einen muslimischen Freund auf. Er war Inder und damals das Oberhaupt der kleinen muslimischen Gemeinde Berlins. Ich sagte zu ihm: Ich möchte den Islam annehmen. Er streckte mir seine rechte Hand entgegen, und ich legte meine rechte Hand in die seine; in Gegenwart zweier Zeugen erklärte ich: La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah – ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad Sein Gesandter ist. 1[Dieses Glaubensbekenntnis ist im Islam die einzige notwendige religiöse Handlung, um Muslim zu werden. Bei den bedeutendsten Propheten, die jeweils eine neue Botschaft überbrachten, wie Muhammad, Isa, Musa und Ibrahim, können die beiden Begriffe Gesandter und Prophet im Islam füreinander verwendet werden.]Einige Wochen später nahm auch meine Frau den Islam an.

– „Und was sagten deine Leute damals?“

– „Ja, sie waren nicht erfreut darüber. Als ich meinem Vater mitteilte, dass ich Muslim geworden war, antwortete er nicht einmal auf meinen Brief. Einige Monate später schrieb mir meine Schwester, mein Vater betrachte mich als tot … Daraufhin schrieb ich ihm einen weiteren Brief und versicherte ihm, dass meine Annahme des Islam nichts an meiner Haltung ihm gegenüber oder an meiner Liebe zu ihm geändert habe. Im Gegenteil, der Islam lehrt mich, meinen Vater und meine Mutter mehr als alle anderen zu lieben und zu ehren. Doch auch auf diesen Brief erhielt ich keine Antwort.“

– Dein Vater war seiner Religion sicherlich sehr ergeben …“

– „Nein, Scheich, das war er nicht, und gerade das ist der erstaunlichste Aspekt dieser Geschichte. Ich glaube, er hält mich für einen Renegaten – einen Abtrünnigen –, nicht so sehr von seiner Religion (denn die Religion hatte ihn nie besonders stark gebunden) als vielmehr von jener Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist, und von jener Tradition, der er verbunden ist.“

– „Und bist du ihm danach nicht mehr begegnet?“

– „Nein, unmittelbar nachdem wir den Islam angenommen hatten, verließen meine Frau und ich Europa. Wir konnten dort nicht länger bleiben. Ich bin nie wieder zurückgekehrt“ …2[Im Jahr 1935 lebte unsere Beziehung wieder auf, als mein Vater schließlich die Gründe für meine Annahme des Islam verstand und sie sogar würdigen konnte, obwohl wir uns nie wieder trafen oder sahen.। 1942 hielten wir bis zum Jahr regelmäßigen Briefkontakt auf; in jenem Jahr deportierten die Nazis meinen Vater und meine Schwester aus Wien, und später starben sie in nationalsozialistischen Konzentrationslagern।

 

 

Dschihad

Eins

Als ich die Moschee des Propheten verließ, ergriff eine Hand meine Hand; ich drehte den Kopf und begegnete den gütigen, greisen Augen des Senussi-Führers Sidi Muhammad az-Zubay.

– „Vater, wie glücklich bin ich, dich nach so vielen Monaten wiederzusehen! Möge Allah deine Schritte in dieser vom Propheten gesegneten Stadt mit Seinem Segen überschütten …

Auf dem mit Kies bestreuten Weg, der von der Moschee zum Hauptmarkt führt, gehen wir langsam Hand in Hand. Sidi Muhammad, der die von den Arabern und Berbern Nordafrikas getragene, von einem Turban gekrönte Dschubba trägt, ist in Medina eine bekannte Persönlichkeit. Seit mehreren Jahren lebt er hier. Während wir voranschreiten, halten viele Menschen auf unserem Weg an, um ihn zu begrüßen. Diese Begrüßungen gelten nicht nur als Zeichen der Ehrerbietung vor seinem Alter von siebzig Jahren, sondern auch vor seinem Ruf als Führer des heldenhaften libyschen Freiheitskampfes.

– „Vater, ich möchte dir sagen, dass sich Sayyid Ahmad in Medina aufhält. Seine Gesundheit ist nicht gut. Er wird sich sehr freuen, dich zu sehen. Wie lange wirst du hier bleiben?“

– „Nur bis übermorgen“, antworte ich, „aber ohne Sayyid Ahmad gesehen zu haben, werde ich gewiss nicht abreisen. Kommen Sie, gehen wir sofort zu ihm.“

– Es gibt in ganz Arabien keinen Menschen, den ich mehr liebe als Sayyid Ahmad; denn keinen Menschen findet man, der sich so vollständig und so selbstlos einem Ideal geopfert hätte wie er. Er ist ein Gelehrter und ein Krieger. Sein ganzes Leben hat er der geistigen Wiederbelebung der muslimischen Gemeinschaft und ihrem Kampf um politische Freiheit gewidmet – denn er weiß nur zu gut, dass man das eine nicht ohne das andere schaffen kann. Wie deutlich erinnere ich mich noch an meine erste Begegnung mit Sayyid Ahmad in Mekka vor vielen Jahren …

Nördlich der Heiligen Stadt erhebt sich der Berg Abu Qubais, ein Zentrum uralter Mythen und Legenden. Von dort, wo eine kleine, weiß gekalkte Moschee mit zwei niedrigen, einer Krone gleichenden Minaretten steht, bietet sich beim Blick hinab ein prachtvoller Anblick des Tals von Mekka: Tief unten liegt die quadratische Moschee der Kaaba, und ringsum verstreut stehen prächtige, theaterkulissenartige Häuser, die an allen Seiten die kahlen, felsigen Berghänge emporzusteigen scheinen. Unmittelbar unterhalb des Gipfels des Berges Abu Qubais befindet sich eine Reihe steinerner Gebäude, die wie ein Bündel Adlerhorste über einer schmalen, ebenen Schlucht hängt: das mekkanische Zentrum der Senussi-Bruderschaft. Der alte Mann, mit dem ich hier zusammentreffe, ist in der ganzen muslimischen Welt berühmt: der große Senussi, Sayyid Ahmad. Hier ist er ein Verbannter. Nach einem dreißigjährigen Kampf und sieben Jahren rastlosen Umherziehens zwischen dem Schwarzen Meer und den Bergen des Jemen sind ihm alle Wege zur Rückkehr in seine Heimat Kyrenaika versperrt worden. Kein anderer Name hat den Kolonialherren Nordafrikas so viele schlaflose Nächte bereitet – nicht einmal der Name des großen Abd al-Qadir im Algerien des neunzehnten Jahrhunderts oder der Abd al-Karims aus Marokko, der den französischen Machthabern in jüngerer Zeit wie ein gewaltiger Dorn im Fleisch saß. So unvergesslich diese Namen den Muslimen auch sein mögen, ihre Bedeutung war doch lediglich politischer Art. Die Führung Sayyid Ahmads und seine Tariqa hingegen haben viele Jahre lang als eine gewaltige geistige Kraft gewirkt.

Mit ihm stellte mich mein javanischer Freund, Hadschi Ojos Salim, bekannt. Hadschi Salim hatte in dem in Indonesien geführten Kampf um politische Freiheit den Rang eines Anführers. Er war zur Hadsch nach Mekka gekommen. Als Sayyid Ahmad hörte, dass ich erst kürzlich den Islam angenommen hatte, streckte er mir die Hand entgegen und sagte mit sanfter Stimme:

– „Mein junger Bruder, sei willkommen unter deinen Brüdern …“

Der unnachgiebige Kämpfer für Religion und Freiheit, der dem Alter entgegenschritt, trug auf seinen schönen Brauen die tief eingeprägten Spuren von Leid und Schmerz. Das Gesicht von Sa’id Ahmad, mit seinem kurzen weißen Bart und den tiefen, von Schmerzen gezeichneten Furchen, war das eines müden Mannes mit sinnlich klugen Zügen. Die Lider hingen schwer über seinen Augen, sodass sie schläfrig zu sein schienen. Auch der Klang seiner Stimme war von Trauer und Schmerz ebenso sanft und bedrückt. Doch bisweilen erwachte plötzlich Begeisterung in ihm; dann begannen seine Augen zu leuchten, und in seiner scharfen Stimme breiteten sich allmählich Würde und musikalischer Klang aus, während sich aus den Falten seines weißen Gewandes ein Arm erhob – wie der Flügel eines Adlers!

Er war der Erbe einer Ideologie, einer Mission, deren Verwirklichung vielleicht eine Wiederbelebung des modernen Islam bewirkt hätte. Trotz seines Alters und seiner Krankheit und obwohl der Zweck seines Lebens vereitelt worden war, hatte dieser große Held Nordafrikas seinen strahlenden Glanz nicht verloren. Er besaß das Recht, nicht zu verzweifeln. Er wusste, dass der Wunsch nach einer religiösen und politischen Wiederbelebung im Einklang mit dem wahren Wesen des Islam – das Ziel der Senussi-Bewegung – niemals aus den Herzen der muslimischen Völker getilgt werden kann.

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Der Großvater von Saʿīd Aḥmad war der große algerische Gelehrte Muḥammad ibn ʿAlī as-Sanūsī (der Beiname war vom Stamm der Banū Sanūsī übernommen, in dem er geboren worden war), der in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts von einer islamischen Bruderschaft träumte, die eines Tages den Weg zur Errichtung eines wahrhaft islamischen Gemeinwesens ebnen sollte. Nach vielen Jahren des Reisens und Studierens in zahlreichen arabischen Ländern errichtete Muḥammad ibn ʿAlī as-Sanūsī in Mekka auf dem Berg Abū Qubais die erste Zāwiya oder Niederlassung des Sanūsī-Ordens, und schon bald gewann er unter den Beduinen des Hedschas eine große Zahl von Anhängern. Doch er blieb nicht in Mekka, sondern kehrte nach Nordafrika zurück und ließ sich schließlich dauerhaft in der Oase al-Dschaghbūb nieder, die in der Wüste zwischen der Kyrenaika und Ägypten liegt. Von dort aus verbreitete sich seine Botschaft wie ein Blitz über ganz Libyen und darüber hinaus. Als er 1859 starb, stand unter der Kontrolle der Sanūsī (so wurden alle Angehörigen dieses Ordens bekannt) ein gewaltiges Staatsgebiet – von der Mittelmeerküste bis tief in das äquatoriale Afrika und bis zum Gebiet der Tuareg in der algerischen Sahara.

Freilich beschreibt das Wort „Staat“ diese einzigartige Schöpfung nicht genau, denn der große Sanūsī wollte niemals für sich selbst oder seine Nachkommen eine persönliche Herrschaft errichten; sein Ziel war es, eine organisatorische Grundlage für die moralische, soziale und politische Wiederbelebung des Islam zu schaffen. Im Interesse dieses Zieles unternahm er nichts, um die herkömmliche Stammesstruktur dieser Gegend zu zerstören. Ebenso wenig stellte er die nominelle Oberhoheit des türkischen Sultanats über Libyen infrage – den türkischen Sultan erkannte er weiterhin als Kalifen des Islam an. Er widmete all seine Anstrengungen vielmehr der Aufgabe, die Beduinen in den grundlegenden Lehren des Islam zu unterweisen, von denen sie sich in der Vergangenheit entfernt hatten, und in ihnen jenes Bewusstsein der Brüderlichkeit zu wecken, das dem Ziel des Korans entsprach, jedoch durch jahrhundertelange Stammesfehden und -kämpfe weitgehend verlorengegangen war. Überall in Nordafrika entstanden zahlreiche Zāwiyas; von ihnen aus trug der Sanūsī-Orden seine Botschaft zu den Stämmen der weitläufigsten Gebiete und bewirkte innerhalb weniger Jahrzehnte eine geradezu unglaubliche Veränderung unter Arabern und Berbern gleichermaßen. Allmählich endete die zwischenstammesbezogene Anarchie der Vergangenheit, und die einst zügellosen Krieger der Wüste wurden von einer aufrichtigen Bereitschaft zu gegenseitiger Hilfe beseelt, die ihnen bis dahin unbekannt gewesen war. In den Zāwiyas erhielten ihre Kinder Unterricht – nicht nur in islamischer Lehre, sondern auch in zahlreichen praktischen Fertigkeiten und Handwerken, die die kriegerischen Nomaden zuvor verachtet hatten. In Gebieten, die jahrhundertelang unfruchtbar gewesen waren, wurden sie dazu ermutigt, zahlreichere und bessere Brunnen anzulegen, und unter der Leitung der Sanūsī entstanden in der grauen Wüste, weit voneinander entfernt und wie einzelne Punkte verstreut, wohlhabende Siedlungen. Der Handel wurde gefördert, und dank des Friedens und der Ordnung, die das Sanūsī-System brachte, wurde auch in Gegenden das Reisen möglich, in die früher keine Karawane gelangen konnte, ohne geplündert zu werden. Kurz gesagt, der Einfluss dieses Ordens wurde zu einem mächtigen Antrieb für Zivilisation und Fortschritt; zugleich erhob seine unerschütterliche Frömmigkeit den sittlichen Maßstab dieser neuen Gesellschaft weit über alles, was die Bewohner dieses Teils der Welt in der Vergangenheit erlebt hatten. Fast jeder Einzelne, jeder Stamm und die Stammeshäuptlinge unterwarfen sich freiwillig der geistlichen Führung des großen Sanūsī; selbst die türkischen Behörden in den Küstenstädten Libyens erkannten, dass die moralische Führung dieses Ordens es ihnen nun sehr viel leichter machte, mit den einst „furchterregenden“ Beduinenstämmen umzugehen.

Auf diese Weise konzentrierte der Orden seine Anstrengungen einerseits darauf, und andererseits wurde es nahezu unmöglich, ihn von der Führung der einheimischen Bevölkerung zu trennen. Die Grundlage dieser Macht des Sanūsī-Ordens war seine Fähigkeit, die schlichten Beduinen und die Tuareg Nordafrikas aus einer erst kurze Zeit zurückliegenden, unfruchtbaren Ritualfrömmigkeit zu befreien und zu erwecken, ihre Herzen ganz mit dem Wunsch zu erfüllen, in wahrer Übereinstimmung mit der Botschaft des Islam zu leben, und in ihnen das Bewusstsein zu schaffen, dass sie alle für Freiheit, menschliche Würde und Brüderlichkeit wirkten. Seit der Zeit des Gesandten war in der muslimischen Welt nirgends eine Bewegung von solcher Ausdehnung zu sehen gewesen, die der islamischen Lebensweise so nahegekommen wäre wie diese Sanūsī-Bewegung!

Dieses friedliche Zeitalter zerbrach im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts, als Frankreich begann, von Algerien aus nach Süden in Richtung des äquatorialen Afrika vorzurücken und Schritt für Schritt jene Gebiete zu besetzen, die zuvor unter der Führung dieses Ordens unabhängig gewesen waren. Um ihre Freiheit zu verteidigen, war der Sohn und Nachfolger des Gründers der Bewegung, Muḥammad al-Mahdī, gezwungen, zum Schwert zu greifen – und er konnte es nie wieder in die Scheide stecken. Dieser lange Kampf war ein wahrhaftiger islamischer „Dschihad“, ein Krieg zur Selbstverteidigung, wie er im Koran beschrieben wird:

„Kämpft auf dem Weg Allahs gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen; doch seid nicht selbst die Angreifer, denn Allah liebt gewiss die Angreifer nicht. Kämpft gegen sie, bis die Unterdrückung beseitigt ist und alle Menschen Allah frei anbeten können. Wenn sie jedoch davon ablassen, muss jede Feindseligkeit beendet werden.“

Doch die Franzosen ließen nicht ab. Mit ihren Bajonetten an der Spitze trugen sie ihre dreifarbige Fahne immer tiefer hinein – in die muslimischen Länder.

Als Muḥammad al-Mahdī 1902 starb, übernahm sein Neffe Sayyid Aḥmad an seiner Stelle die Führung dieses Ordens. Seit seinem neunzehnten Lebensjahr hatte er, zunächst zu Lebzeiten seines Onkels und später, als er selbst der große Sanūsī geworden war, ununterbrochen gegen das französische Vordringen in jenem Gebiet gekämpft, das heute Französisch-Äquatorialafrika genannt wird. Als die Italiener 1911 Tripolitanien und die Kyrenaika angriffen, musste er an zwei Fronten Krieg führen. Dieser neue und noch größere Druck zwang ihn, seine Hauptaufmerksamkeit nach Norden zu richten. Seite an Seite mit den Türken und später, nachdem die Türken Libyen aufgegeben hatten, allein führten Sayyid Aḥmad und seine Sanūsī-Mudschāhidūn – so nannten sich diese Kämpfer selbst – erfolgreich Krieg gegen die Eindringlinge. Trotz ihrer überlegenen Waffen und ihrer weit größeren Zahl gelang es den Italienern nur, in einigen wenigen Küstenstädten notdürftig Fuß zu fassen!

Die britische Macht hatte sich damals in Ägypten fest etabliert! Offenbar waren die Briten keineswegs sonderlich beunruhigt darüber, dass die Italiener ihre Macht im Inneren Nordafrikas ausweiteten. Aus diesem Grund waren die Briten zu jener Zeit den Senussi nicht feindlich gesinnt. Diese neutrale Haltung war für den Senussi-Orden von größter Bedeutung, denn sämtliche Vorräte der Mudschahidin kamen aus Ägypten, wo fast die gesamte Bevölkerung ihnen wohlgesinnt war. Es erscheint sehr wahrscheinlich, dass die Senussi dank dieser britischen Neutralität die Italiener schließlich vollständig aus der Cyrenaika hätten vertreiben können. Doch 1915 trat die Türkei im Weltkrieg auf Deutschlands Seite ein, und der osmanische Sultan rief als Kalif des Islams den großen Senussi dazu auf, die britische Macht in Ägypten anzugreifen und den Türken zu Hilfe zu kommen. Da die britische Regierung damals naturgemäß mehr als je zuvor um die Sicherheit ihres Hinterlandes in Ägypten besorgt war, bat sie Sayyid Ahmad, neutral zu bleiben. Im Gegenzug für diese Neutralität waren die Briten bereit, den Senussi-Orden in Libyen politisch anzuerkennen; sogar einige ägyptische Oasen in der westlichen Wüste wollten sie den Senussi überlassen.

Wenn Sayyid Ahmad diesen Vorschlag angenommen hätte, hätte er lediglich dem gefolgt, was der gesunde Menschenverstand eindeutig gebot. Eine besondere Loyalität gegenüber der Türkei empfand er nicht; denn eben diese Türkei hatte Libyen einige Jahre zuvor an Italien ausgeliefert, sodass allein der Senussi sich dem Kampf gegen Italien hatte stellen müssen. Die britische Macht hatte keinerlei feindselige Handlung gegen den Senussi unternommen, sondern ihnen vielmehr ermöglicht, aus Ägypten Nachschub zu erhalten, und Ägypten war ihre einzige Möglichkeit, Nachschub zu bekommen. Außerdem erfüllte der vom Berliner Ministerium unterstützte Dschihad, den der osmanische Sultan ausgerufen hatte, gewiss nicht die im Koran niedergelegten Bedingungen. Die Türken kämpften nicht zur Selbstverteidigung, sondern hatten sich mit einer nichtmuslimischen Macht zu einem Angriffskrieg verbündet. Daher wiesen sowohl religiöse als auch politische Erwägungen dem großen Senussi eindeutig nur einen einzigen Schritt: sich von einem Krieg fernzuhalten, der nicht sein eigener war. Einige der einflussreichsten Führer der Senussi – mein Freund Sidi Muhammad al-Azzubair war einer von ihnen – hatten Sayyid Ahmad geraten, neutral zu bleiben. Doch der hochfliegende, wenn auch unrealistische Wunsch, den schwachen Kalifen des Islams zu schützen, setzte sich über die Stimme der Vernunft hinweg und veranlasste ihn zu einer falschen Entscheidung. Er erklärte sich für die Türkei und griff die britische Macht in der westlichen Wüste an.

Dieser Gewissenskonflikt und seine Folgen im weiteren Verlauf der Ereignisse wurden für Sayyid Ahmad noch tragischer – denn in seinem Fall ging es nicht bloß um persönlichen Gewinn oder Verlust; vielmehr wurde dadurch wahrscheinlich das große Ziel seines gesamten Lebens, des Lebens seiner beiden vorausgegangenen Generationen und aller Senussi, unwiederbringlich geschädigt. Da ich ihn kenne, habe ich nicht den geringsten Zweifel, dass das Motiv hinter seinem Handeln vollkommen uneigennützig war – sein Ziel war allein der Wunsch, die Einheit der muslimischen Welt zu bewahren. Doch ebenso wenig zweifle ich daran, dass er aus politischer Sicht niemals eine schlechtere Entscheidung hätte treffen können. Indem er den Dschihad gegen die britische Macht ausrief, opferte er – ohne dies damals vollständig zu erkennen – die gesamte Zukunft des Senussi-Ordens.

Dadurch war er gezwungen, den Krieg an drei Fronten fortzuführen: im Norden gegen die Italiener, im Südwesten gegen die Perser und im Osten gegen die Briten. Zu Beginn errang er einige Erfolge. Als die britische Macht angesichts des deutsch-türkischen Vormarsches in Richtung Suezkanal aus den Oasen der westlichen Wüste zurückwich, nahm Sayyid Ahmad diese umgehend in Besitz. Unter dem Kommando von Muhammad az-Zubair (der sich aufgrund seiner Weisheit so heftig gegen dieses Unternehmen ausgesprochen hatte) drangen verschiedene Formationen berittener Kameltruppen bis in die unmittelbare Umgebung Kairos vor. Doch genau in diesem Augenblick änderte sich der Kriegsverlauf plötzlich: Der rasche Vormarsch der deutsch-türkischen Truppen wurde im Sinai aufgehalten, und der Vormarsch verwandelte sich in einen Rückzug. Bald darauf griffen die Briten in der westlichen Wüste die Senussi-Truppen an, besetzten die Oasen und Brunnen im Grenzgebiet und schnitten auf diese Weise den einzigen Nachschubweg der Mudschahidin ab. Das Innere der Cyrenaika war allein nicht in der Lage, die in einem Kampf auf Leben und Tod stehende Bevölkerung durch Versorgung am Leben zu erhalten, und die wenigen deutschen und österreichischen U-Boote, die Waffen und Munition herbeibrachten, leisteten kaum mehr als eine nur nominelle Hilfe.

1917 reiste Sayyid Ahmad auf Anraten seiner türkischen Berater mit einem U-Boot nach Istanbul, um wirksamere Hilfe und Unterstützung zu organisieren. Doch vor seiner Abreise übertrug er in der Cyrenaika die Führung des Ordens seinem Cousin Sayyid Muhammad al-Idris. *[seit 1952 König von Libyen] Idris, der seinem Wesen nach kompromissbereiter war als Sayyid Ahmad, bemühte sich unverzüglich um einen Friedensschluss mit den Briten und den Italienern. Die Briten hatten diesen Konflikt mit den Senussi von Anfang an missbilligt. Daher zögerten sie nicht, Frieden zu schließen, und die italienische Regierung erkannte Sayyid Idris offiziell als „Emir der Senussi“ an. Idris konnte bis 1922 im Inneren der Cyrenaika eine schwankende Halbunabhängigkeit bewahren. Als jedoch deutlich wurde, dass die Italiener ihre Vereinbarung in Wirklichkeit nicht einhalten wollten, sondern entschlossen waren, das gesamte Land ihrer Herrschaft zu unterwerfen, verließ Sayyid Idris Anfang 1923 Ägypten aus Protest dagegen und übertrug die Führung der Senussi einem treuen, langjährigen Gefolgsmann, Umar al-Mukhtar. Unmittelbar danach kam es zum erwarteten Bruch des Friedens, und der Krieg in der Cyrenaika begann von neuem.

Unterdessen sah sich Sayyid Ahmad in der Türkei einer Enttäuschung nach der anderen gegenüber. Sein Wunsch war gewesen, nach Cyrenaika zurückzukehren, sobald er sein Ziel erreicht hätte. Doch dieses Ziel wurde niemals erreicht, denn kaum war er in Istanbul eingetroffen, begannen allerlei seltsame Intrigen, infolge derer er gezwungen war, seine Rückkehr Woche um Woche, Monat um Monat aufzuschieben. Allmählich wurde ihm beinahe klar: Die Männer, die den Sultan umgaben, wollten in Wahrheit nicht, dass die Senussi Erfolg hätten und siegreich wären. Die Türken hegten seit jeher die Befürchtung, die wiedererwachten Araber könnten versuchen, ihre Führung in der muslimischen Welt erneut zu errichten! Der Sieg der Senussi würde unweigerlich eine solche nationale Wiedergeburt verkünden und den Großen Senussi – dessen Ruhm auch in der Türkei beinahe sagenhaft war – zum unbestrittenen Erben des Kalifats machen. Dass er selbst keinerlei derartige Ambitionen hegte, vermochte den höchsten Machthabern der Türkei ihren Verdacht nicht zu nehmen; und obwohl man ihm alle nur denkbaren, seiner Würde angemessenen Ehren erwies, wurde Sayyid Ahmad in der Türkei höflich, doch wirksam festgehalten. Als 1918 das osmanische Kalifat zusammenbrach und die Alliierten anschließend Istanbul besetzten, erklang der Totenglockenschlag für seine trügerische Hoffnung, und zugleich schlossen sich für ihn alle Tore nach Cyrenaika.

Doch der leidenschaftliche Antrieb zur muslimischen Einheit ließ Sayyid Ahmad nicht untätig bleiben. Als die Alliierten in Istanbul landeten, überschritt er die Grenze und gelangte nach Kleinasien, um sich Kemal Atatürk anzuschließen, der damals noch ausschließlich unter dem Namen Mustafa Kemal bekannt war und gerade erst begonnen hatte, im Inneren Anatoliens den türkischen Widerstand aufzubauen.

Man muss sich vor Augen halten, dass Kemals Kampf für die Türkei zu Beginn noch die Züge eines islamischen Kampfes trug; und in jenen furchtbaren Tagen war es allein die religiöse Begeisterung, die der türkischen Nation die Kraft verlieh, gegen die um ein Vielfaches stärkeren griechischen Streitkräfte zu kämpfen, die von den Alliierten mit all ihren Hilfs- und Versorgungsgütern unterstützt wurden.

Um das Ziel der Türken zu erreichen, setzte Sayyid Ahmad seine großen geistigen und moralischen Kräfte ein und eilte unermüdlich durch die verschiedenen Städte und Dörfer Anatoliens; er rief die Bevölkerung dazu auf, Mustafa Kemal zu unterstützen, den „Gazi“ oder Beschützer der Religion. Zum Erfolg der kemalistischen Bewegung unter den einfachen Bauern Anatoliens trugen das Wirken des Großen Senussi und mit ihm der Glanz und die Strahlkraft seines Namens in unermesslichem Maße bei; denn für diese einfachen Bauern hatten nationalistische Parolen keinerlei Bedeutung, während sie seit Generationen geglaubt hatten, es sei für sie eine Ehre, ihr Leben für den Islam zu opfern.

Doch auch hier irrte sich der Große Senussi in seinem Urteil – allerdings nicht im Hinblick auf das türkische Volk, denn dessen religiöse Begeisterung hatte es gegen einen Feind siegreich gemacht, der um ein Vielfaches stärker war als es selbst. Senussi irrte sich hinsichtlich der Absichten des Führers des türkischen Volkes. Denn sobald der „Gazi“ den Sieg errungen hatte, wurde ihm deutlich, dass zwischen dessen wahren Absichten und den Erwartungen, die in seinem Volk geweckt worden waren, ein gewaltiger Unterschied bestand. Atatürk gründete seine soziale Revolution unnötigerweise auf den wiederbelebten und mit neuer Lebenskraft erfüllten Islam – unnötig sogar nach Atatürks eigener Auffassung. Denn er hätte die gewaltige religiöse Begeisterung seines Volkes leicht bündeln und zur Schaffung eines aktiven, fortschrittsorientierten Vorhabens nutzen können. Dazu hätte er nicht alles, was seiner Kultur Gestalt gegeben und sie zu einer großen Nation gemacht hatte, vollständig ausrotten müssen.

Aufgrund seiner tiefen Enttäuschung über Atatürks verschiedene islamfeindliche Reformen zog sich Sayyid Ahmad aus allen politischen Aktivitäten in der Türkei zurück und ging schließlich 1923 nach Damaskus. Obwohl er dort gegen verschiedene innenpolitische Maßnahmen Atatürks eingestellt war, versuchte er erneut, die Syrer davon zu überzeugen, sich im Streben nach muslimischer Einheit mit der Türkei zu verbinden. Natürlich begann die französische Mandatsregierung, ihn mit äußerstem Misstrauen zu betrachten. Als seine Freunde um 1924 erfuhren, dass seine Verhaftung bevorstand, durchquerte er in einem Motorwagen die Wüste und gelangte an die Grenze des Nadschd; von dort reiste er nach Mekka weiter, wo König Ibn Saud ihn aufrichtig willkommen hieß.

Zwei

– „Und wie steht es um die Tätigkeit der ‚Mudschahedin‘, Sidi Muhammad?“ frage ich, denn seit fast einem Jahr habe ich keine Nachricht aus Cyrenaika erhalten.

Das von einem runden weißen Bart geschmückte Gesicht von Sidi Muhammad al-Zubay verdunkelt sich: »Die Nachricht ist nicht gut, mein Sohn. Der Krieg ist vor einigen Monaten zu Ende gegangen. Die Mujahidin sind zusammengebrochen. Ihre letzte Kugel ist verschossen. Jetzt steht zwischen unserer unglücklichen Nation und dem Zorn ihrer Unterdrücker nur noch Allahs Barmherzigkeit …«

– »Und was ist mit Sayyid Idris?«

– »Sayyid Idris?«, antwortet Sidi Muhammad seufzend. »Sayyid Idris ist noch immer in Ägypten und wartet kraftlos – worauf wartet er? Er ist ein sehr guter Mensch, möge Allah sich seiner erbarmen, aber kein Krieger. Er lebte zwischen seinen Büchern – ein Schwert passt nicht gut in seine Hand …«

– »Aber Umar al-Mukhtar – er hat sich doch gewiss nicht ergeben? Ist er nach Ägypten gegangen?«

Sidi Muhammad bleibt mitten auf seinem Weg stehen und blickt mich erstaunt und ohne zu blinzeln an: »Umar …? Dann hast du auch das … nicht gehört?«

– »Was habe ich nicht gehört?«

– »Mein Sohn«, sagt er sanft, »Sidi Umar, möge Allah sich seiner erbarmen, ist vor fast einem Jahr gestorben …«

Umar al-Mukhtar ist tot … Der Löwe von Cyrenaika, der bis zum letzten Augenblick für die Freiheit seines Landes kämpfte, obwohl er über siebzig Jahre alt war … Er ist tot … Zehn lange Jahre … zehn schreckliche Jahre lang war er die Seele des Widerstands seines Volkes, sein Geist im Kampf gegen Hindernisse, deren Überwindung aussichtslos schien, gegen italienische Truppen, die zehnmal so stark waren wie seine Armee … jene italienische Armee, ausgerüstet mit modernsten Waffen, gepanzerten Fahrzeugen, Flugzeugen und Kanonen – während Umar und seine halb verhungerten Mujahidin nichts besaßen außer Gewehren und einigen Pferden, mit denen er in einem Land einen verzweifelten Guerillakrieg führen musste, das sich in ein gewaltiges Gefangenenlager verwandelt hatte …

Meine eigene Stimme wird mir kaum glaubhaft, als ich sage: „Seit meiner Rückkehr aus der Cyrenaika wusste ich während der vergangenen anderthalb Jahre in jedem Augenblick, dass seine Vernichtung und die seiner Anhänger unausweichlich war. Wie sehr hatte ich ihn doch gedrängt, mit den Überlebenden unter seinen Mudschahidin nach Ägypten auszuweichen, damit er unter seinem eigenen Volk weiterleben könne … Und wie ruhig hatte er meine Bemühungen abgewehrt, ihn davon zu überzeugen, obwohl er genau wusste, dass in der Cyrenaika nichts anderes als der Tod auf ihn wartete. Und nun, nach hundert Schlachten, hatte der seit Langem erwartete Tod ihn schließlich ereilt … Aber sagen Sie mir: Wann ist er gefallen?“

Muhammad az-Zubai schüttelt langsam den Kopf, und als wir aus der engen Marktgasse auf den offenen, dunklen Platz von al-Manakha treten, sagt er zu mir:

– „Er starb nicht im Kampf. Er wurde gefangen genommen, als er noch lebte, und unmittelbar danach von den Italienern getötet. Sie hängten ihn wie einen gewöhnlichen Dieb auf …“

– „Aber wie konnten sie das tun?“, frage ich mit ungläubiger Stimme. „Nicht einmal Graziani hätte es gewagt, eine solch schreckliche Tat zu begehen!“

– „Aber er hat es getan, er hat es getan“, erwidert er mit einem spöttischen Lächeln. „General Graziani selbst gab den Befehl, ihn hängen zu lassen. Sidi Umar und etwa fünfundzwanzig seiner Gefährten befanden sich tief im von Italien besetzten Gebiet, als sie beschlossen, zum Mausoleum des Gefährten des Gesandten, Sidi Rafi, zu gehen, um dort die Ziyara zu vollziehen. Das Mausoleum lag ganz in der Nähe. Auf irgendeine Weise erfuhren die Italiener von seiner Anwesenheit und riegelten mit zahlreichen Männern beide Seiten des Tals ab. Es gab keinen Fluchtweg mehr. Sidi Umar und die Mudschahidin kämpften zur Selbstverteidigung, bis schließlich nur noch er und zwei seiner Gefährten am Leben waren. Endlich wurde das Pferd, auf dem er ritt, von den Kugeln des Feindes getötet, und als das Pferd stürzte, rollte auch er zu Boden. Doch der alte Löwe hielt noch immer sein Gewehr im Anschlag und schoss weiter. Schließlich zerschmetterte eine Kugel einen seiner Arme; da schoss er mit der anderen Hand weiter, bis ihm irgendwann auch die Munition ausging. Dann überwältigten sie ihn, fesselten ihn und brachten ihn nach Suluq. Dort wurde er vor General Graziani geführt. Dieser fragte ihn: ‚Was würdest du sagen, wenn die italienische Regierung dir aus ihrer großen Gnade erlaubte, am Leben zu bleiben? Bist du bereit zu versprechen, dass du den Rest deines Lebens friedlich verbringen wirst?‘ Doch Sidi Umar antwortete: ‚Ich werde den Krieg gegen dich, deine Leute und deine Regierung nicht einstellen, solange ihr das Land nicht verlassen habt oder ich aus diesem Leben geschieden bin. Bei demjenigen, der weiß, was in den Herzen der Menschen ist, schwöre ich dir: Wenn meine beiden Hände jetzt nicht gefesselt wären, würde ich mit bloßen Händen gegen dich kämpfen, obwohl ich alt und erschöpft bin …‘

Darauf brach General Graziani in schallendes Gelächter aus und befahl, Sidi Umar auf dem Markt von Suluq zu hängen und zu töten. Sie führten den Befehl aus. Tausende muslimische Männer und Frauen, die in verschiedenen Zelten gefangen gehalten wurden, trieben sie wie Viehherden zusammen und zwangen sie, zum Galgen zu kommen und den Tod ihres Anführers mitanzusehen …1[Diese heldenhafte Tat der Italiener ereignete sich am 16. September 1931 nach christlicher Zeitrechnung।]

 

Drei

Dann gingen Muhammad az-Zubai und ich Hand in Hand zur Senussi-Zawiya, also zur religiösen Stätte. Über den weiten Platz hatte sich die Dunkelheit gelegt. Den Lärm des Marktes hatten wir hinter uns gelassen. Unter unseren Sandalen gab der Sand nach. Hier und dort sah man einzelne Gruppen von Lastkamelen ruhen; weit entfernt, am Rand des Platzes, zeichnete sich vor dem Hintergrund des wolkenverhangenen Nachthimmels undeutlich eine Reihe von Häusern ab. Diese Szene erinnert mich an den Rand eines fernen Waldes, an jene Wacholderwälder im Hochland der Cyrenaika, wo ich Sidi Umar al-Muchtar zum ersten Mal begegnet war. Und die Erinnerung an jene vergebliche Reise wallt in meiner Brust auf, erfüllt von all der düsteren Stimmung von Dunkelheit, Gefahr und Tod. Ich sehe das ernst-traurige Gesicht Sidi Umars über ein kleines, flackerndes Feuer gebeugt und höre seine gebrochene, ernste Stimme: ‚Für unsere Religion und unsere Freiheit müssen wir kämpfen, bis wir die Eindringlinge vertrieben haben oder selbst gestorben sind … Wir haben keine andere Wahl …‘“

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Es war eine ungewöhnliche Mission, die mich Ende Januar 1931 nach Cyrenaika führte. Einige Monate zuvor – genauer gesagt im Herbst 1930 – war der Große Senussi nach Medina gekommen. Stundenlang saß ich in seiner und Muhammad az-Zubais Gesellschaft und sprach über die verzweifelte Lage der Mudschahedin, die unter der Führung Umar al-Muchtars in Cyrenaika weiterkämpften. Es war klar geworden, dass sie nicht mehr lange durchhalten würden, wenn sie nicht schnell und wirksam Hilfe aus der Außenwelt erhielten.

Die Lage in Cyrenaika war ungefähr folgende: Alle Städte an der Küste sowie einige Orte im nördlichen Teil des Dschabal al-Achdar – des sogenannten „Grünen Gebirges“ von Zentral-Cyrenaika – standen unter der strengen Kontrolle der Italiener. In den Zwischenräumen dieser befestigten Orte patrouillierten ununterbrochen Panzerwagen und eine beträchtliche Zahl von Infanteristen, von denen die meisten eritreische Askaris oder Hilfstruppen waren. Zu ihrer Unterstützung kreiste häufig eine Staffel Flugzeuge über dem ländlichen Gebiet. Für die Beduinen, die den Kern der Senussi-Widerstandstruppen bildeten, war es praktisch unmöglich, sich zu bewegen, ohne sofort vom Feind entdeckt und aus der Luft angegriffen zu werden. Häufig geschah es, dass ein Aufklärungsflugzeug per Funk dem nächstgelegenen Posten die Existenz der Zelte eines Beduinenstammes meldete. Während die Maschinengewehre des Flugzeugs die Menschen daran hinderten, sich zu zerstreuen, rasten einige Panzerwagen geradewegs durch die Zelte, Kamele und Menschen hindurch und töteten unterschiedslos alles, was in ihre Reichweite kam – Frauen, Männer, Kinder und Tiere. Die wenigen Menschen und Tiere, die am Leben blieben, wurden wie eine Herde Rinder und Schafe an einem Ort zusammengetrieben und nach Norden in eine große Stacheldrahtumzäunung verschleppt, welche die Italiener an der Küste errichtet hatten. Gegen Ende des Jahres 1930 hatten sie dort etwa achtzigtausend Beduinen sowie mehrere hunderttausend Rinder, Schafe und Kamele auf engstem Raum wie eine Tierherde zusammengepfercht – an einem Ort, an dem nicht einmal für ein Viertel dieser Zahl genügend Versorgung vorhanden war. Infolgedessen war die Sterblichkeitsrate unter Menschen und Tieren entsetzlich. Darüber hinaus errichteten die Italiener von der Meeresküste südwärts in Richtung Dschaghbub entlang der ägyptischen Grenze eine Stacheldrahtsperre. Doch der tapfere Stamm der Maghariba leistete unter der Führung seines unbesiegbaren Anführers al-Ataybis – des rechten Arms Umar al-Muchtars – nahe der Westküste Cyrenaikas weiterhin unerschütterlich Widerstand gegen den Feind. Die meisten Stämme hatten jedoch angesichts der überwältigenden zahlenmäßigen Überlegenheit und der besseren Waffen der Italiener bereits kapituliert. Weiter südlich, tief im Landesinneren, führte der Stamm der Zuwaiya unter der Führung des neunzigjährigen Abu Qaraim noch immer einen Kampf auf Leben und Tod – selbst nachdem er seine Stammeszentrale, die Oase Dschalu, verloren hatte. Im Landesinneren starben die Beduinen in großer Zahl an Hunger und Krankheiten.

Für den Kampf bei Sidi Umar konnten höchstens etwas mehr als tausend Mann auf einmal zusammengezogen werden. Natürlich lag das nicht an einem Mangel an Menschen. Bei der Art des Guerillakrieges, den die Mudschahedin führten, war es nicht zweckmäßig, in großen Gruppen zu operieren. Vielmehr beruhte diese Kriegsführung auf der Schnelligkeit und Beweglichkeit kleiner Gruppen, die zu einem Angriff fähig waren, plötzlich aus dem Nichts auftauchten und über eine italienische Stellung oder einen abgelegenen Stützpunkt herfielen, um deren Waffen zu erbeuten. Danach verschwanden sie spurlos in den dichten Wacholderwäldern des cyrenaikanischen Hochlands und den zerklüfteten, ausgetrockneten Flusstälern. So wagemutig sie auch sein mochten und so sehr sie Leben und Tod als ihre Diener betrachteten, war doch offensichtlich, dass solche kleinen Gruppen niemals einen sicheren Sieg über einen Feind erringen konnten, der hinsichtlich Bevölkerung und Waffen über nahezu unerschöpfliche Ressourcen verfügte. Die Frage lautete daher, wie die Stärke der Mudschahedin vergrößert werden konnte, damit sie den Eindringlingen nicht nur durch vereinzelte Angriffe Schaden zufügen, sondern auch die Stellungen, in denen der Feind sich festgesetzt hatte, erobern und sie gegen neue Angriffe in ihrem Besitz halten konnten.

Eine solche Verstärkung der Senussi-Kräfte hing von mehreren Dingen ab: von der Einrichtung einer regelmäßigen Versorgung mit dringend benötigten Lebensmitteln aus Ägypten; von Waffen, insbesondere Panzerabwehrgewehren und schweren Geschützen, um der verheerenden Zerstörung durch Flugzeuge und Panzerwagen entgegenzutreten; von technisch ausgebildetem Personal für den Einsatz dieser Waffen sowie von der Ausbildung der Mudschahedin in ihrer Anwendung; und schließlich vom Aufbau eines zuverlässigen Funknetzes zwischen den verschiedenen Mudschahedin-Gruppen in Cyrenaika und geheimer Versorgungslager im ägyptischen Gebiet!

Fast eine Woche lang saßen der Große Senussi, Sidi Muhammad, und ich Abend für Abend zusammen und berieten, was getan werden konnte. Sidi Muhammad sagte, dass es das Problem nicht lösen würde, wenn man die Kräfte der Mudschahedin in Cyrenaika von Zeit zu Zeit etwas verstärkte. Seiner Überzeugung nach musste die Oase Kufra, weit im Süden der libyschen Wüste, wieder zum Mittelpunkt aller künftigen Kämpfe gemacht werden. Denn Kufra lag noch immer weit außerhalb der Reichweite der italienischen Armee. Außerdem befand sich dort unter der Führung von Sayyid Ahmad das Hauptquartier des Senussi-Ordens. Kufra lag an einer direkten, wenn auch langen und schwierigen Karawanenroute zu den ägyptischen Oasen Bahariya und Farafra, und deshalb konnte man diesen Ort wirksamer als jeden anderen im Land mit Nachschub versorgen. Darüber hinaus konnte es für die vielen Tausend cyrenaikanischen Auswanderer, die in verschiedenen Lagern Ägyptens lebten, zu einem neuen Sammelzentrum gemacht werden. Auf diese Weise konnte es für die Guerillatruppe von Sidi Umar im Norden zu einem regelmäßigen Reservoir an Menschen werden. Wenn Kufra richtig ausgebildet und mit modernen Waffen ausgerüstet wurde, konnte es Angriffe von niedrig fliegenden Flugzeugen und Artilleriebeschuss abwehren. Wurden dagegen Bomben aus großer Höhe abgeworfen, bestand für die in so großen Abständen voneinander liegenden Zelte nur eine geringe tatsächliche Gefahr.

Der Große Senussi sagte: Wenn es möglich sei, die Methoden des Kampfes auf diese Weise neu zu gestalten, werde er selbst nach Kufra zurückkehren, um von dort aus alle künftigen Operationen zu leiten. Für Sayyid Ahmad sei es unerlässlich, die freundschaftlichen Beziehungen zur britischen Regierung wiederherzustellen. Es versteht sich von selbst, dass Sayyid Ahmad die britische Regierung durch seinen Angriff auf die britischen Streitkräfte im Jahre 1915 völlig grundlos zu einem erbitterten Feind gemacht hatte. Eine solche Verbesserung der Beziehungen war vielleicht nicht unmöglich, denn Großbritannien war über Italiens expansionistische Haltung keineswegs erfreut – insbesondere jetzt, da Mussolini der Welt lautstark verkündete, dass er die „Wiederherstellung des Römischen Reiches“ an beiden Ufern des Mittelmeers beabsichtigte, und seine gierigen Blicke auch auf Ägypten richtete. Mein tiefes Interesse am Schicksal der Senussi entsprang nicht nur meiner Bewunderung für äußersten Heldenmut im Dienste eines gerechten Ziels; noch mehr beunruhigte mich die mögliche Wirkung eines Sieges der Senussi auf die gesamte arabische Welt. Wie viele Muslime hatte auch ich viele Jahre lang meine Hoffnung auf Ibn Saud als einen möglichen Führer der islamischen Erneuerung gesetzt. Doch nun, da sich diese Hoffnung als trügerisch erwiesen hatte, sah ich in der gesamten muslimischen Welt nur noch eine Bewegung, die sich ernsthaft um die Verwirklichung der Ideale der islamischen Gesellschaft bemühte: die Senussi-Bewegung, die sich in diesem Augenblick in einem verzweifelten Dschihad auf Leben und Tod befand, um zu überleben.

Und Sayyid Ahmad wusste, dass meine Gefühle und meine Leidenschaft eng und tief mit den Zielen der Senussi-Bewegung verbunden waren. Deshalb wandte er sich mir zu, sah mir geradewegs in die Augen und sagte:

„Muhammad, kannst du an unserer Stelle nach Cyrenaika gehen und herausfinden, was für die Mudschahedin getan werden kann? Vielleicht bist gerade du in der Lage, alles klarer zu sehen als meine eigenen Leute …“

Ich sah ihn an und nickte schweigend, obwohl ich mir seines Vertrauens in mich bewusst war. Daher war ich von seinem Vorschlag nicht völlig überrascht. Dennoch stockte mir der Atem. Die Aussicht auf ein derart großes Abenteuer überwältigte mich so sehr, dass es sich nicht in Worte fassen lässt. Doch noch mehr erregte mich der Gedanke, dass auch ich vielleicht etwas für dasselbe Ideal tun konnte, für das so viele Menschen sich geopfert hatten!

Sayyid Ahmad streckte die Hand nach einem Fach über seinem Kopf aus und nahm ein in Seide eingeschlagenes Exemplar des Korans. Er legte es auf seine Knie, nahm meine rechte Hand zwischen seine beiden Hände und legte sie auf den Koran:

„Schwöre, Muhammad, bei Ihm, der weiß, was in den Herzen der Menschen ist, dass du stets das Vertrauen der Mudschahedin bewahren wirst …“

Ich legte den Schwur ab – und nie in meinem Leben war ich mir so sicher wie in jenem Augenblick, was für einen Eid ich geschworen hatte.

Für die Aufgabe, die Sayyid Ahmad mir übertragen hatte, war äußerste Geheimhaltung unerlässlich; denn meine Beziehung zum Großen Senussi war weithin bekannt, und es war unmöglich, sie vor den Augen der diplomatischen Vertretungen in Dschidda zu verbergen. Daher wäre es nicht klug gewesen, offen nach Ägypten zu reisen und das Risiko einzugehen, gefasst zu werden. Die Verschwörung hinter dem Aufstand von Faisal al-Dawish, die ich erst kürzlich aufgedeckt hatte, hatte meinen Ruf in den Augen der britischen Regierung gewiss nicht verbessert. Im Gegenteil, es war sehr wahrscheinlich, dass sie meine Bewegungen von dem Augenblick an scharf überwachen würden, in dem ich ägyptischen Boden betrat. Deshalb beschlossen wir, auch meine Reise nach Ägypten geheim zu halten. Ich sollte auf irgendeinem arabischen Segelschiff das Rote Meer überqueren und mich ohne Pass und Visum heimlich an einem abgelegenen Ort in Oberägypten an Land setzen. In Ägypten würde ich mich frei bewegen können, verkleidet als ein Mann aus dem Hedschas, denn die Menschen in den verschiedenen Städten und Dörfern Ägyptens waren es gewohnt, die zahlreichen Leute aus Mekka und Medina zu sehen, die zum Handel oder auf der Suche nach möglichen Haddsch-Pilgern dorthin kamen. Da ich außerdem die Hedschasi-Dialektvariante vollkommen mühelos sprechen konnte, würde ich mich überall ohne Schwierigkeiten als Bewohner einer dieser beiden heiligen Städte ausgeben können.

Um die Vorbereitungen abzuschließen, waren einige Wochen erforderlich. Zu diesen Vorbereitungen gehörte die Einrichtung eines geheimen Briefwechsels mit Sidi Umar in der Kyrenaika sowie mit jenen in Ägypten, die Beziehungen zu den Senussi unterhielten. Und so verließen Zayed und ich in der ersten Januarwoche 1931 die Hafenstadt Yanbu im Hedschas und gelangten zu einem Küstenabschnitt, an dem nur selten Menschen unterwegs waren. Am Himmel stand kein Mond; es war eine Nacht der abnehmenden Mondhälfte, und auf dem Sandweg in Sandalen zu gehen war äußerst beschwerlich. Als ich einmal stolperte, traf mich der Kolben der Luger-Pistole, die unter meinem hidsch asischen Mantel steckte, in die Rippen. Dadurch wurde mir die furchtbare Natur des abenteuerlichen Unternehmens, zu dem ich aufgebrochen war, unmittelbar bewusst.

Hier bin ich unterwegs zu einem bestimmten Ort, zusammen mit einem unbekannten arabischen Seemann, der mich in seinem Segelboot über das Meer bringen und irgendwo an der ägyptischen Küste heimlich an Land setzen wird. Ich besaß keinerlei Papiere, die meine Identität hätten ausweisen können. Sollte ich also in Ägypten festgenommen werden, wäre es nicht leicht zu beweisen, wer ich war! Doch verglichen mit der Gefahr, die vor mir lag, bedeutete selbst die Gefahr, einige Wochen in einem ägyptischen Gefängnis zu verbringen, für mich nichts. Ich musste die gesamte westliche Wüste ihrer Breite nach durchqueren, so, dass italienische Aufklärungsflugzeuge mich nicht entdecken konnten und vermutlich auch den Blicken der Patrouillen gepanzerter Fahrzeuge entging, und das Herz eines Landes erreichen, in dem niemand eine andere Sprache als die des Schwertes kannte. Warum tat ich das? Diese Frage stellte ich mir.

Obwohl Gefahr mir nicht fremd ist, habe ich sie nie lediglich aus Abenteuerlust gesucht. Wann immer ich in Gefahr geriet, lag dem stets die Reaktion auf einen bewussten oder unbewussten inneren Drang zugrunde, der in ganz persönlicher Weise mit meinem eigenen Leben verbunden war. Welche Bedeutung hatte also mein gegenwärtiges Vorhaben? Glaubte ich wirklich, dass mein Eingreifen die Wende zugunsten der Mudschahedin herbeiführen würde? Ich wollte es glauben; doch tief in meinem Inneren wusste ich, dass ich mit einer unrealistischen, rein phantasiegeleiteten Mission aufgebrochen war. Setzte ich also, bei Allah, auf diese Weise mein Leben einer Gefahr aus, wie ich es nie zuvor getan hatte, obwohl vor mir nur ein so geringes Versprechen lag?

Doch noch bevor sich die Frage bewusst in mir formte, lag ihre Antwort klar vor mir.

Als ich mit dem Islam bekannt wurde und ihn als meine Lebensordnung annahm, hatte ich das Gefühl, all meine Fragen und all mein Suchen seien zu Ende. Doch allmählich, sehr langsam, wurde mir bewusst, dass dies nicht das Ende war: Denn eine Lebensordnung als verbindlich anzunehmen, ist zumindest für mich untrennbar mit dem Wunsch verbunden, sie unter Menschen gleichen Glaubens zu befolgen. Nicht nur in einem rein persönlichen Sinn, sondern der Islam war für mich ein Weg, kein Ziel, und Umar al-Mukhtars tollkühne Guerillakämpfer kämpften mit ihrem Leben und ihrem Blut für die Freiheit, diesen Weg zu beschreiten, genau wie es die edlen Gefährten dreizehnhundert Jahre zuvor getan hatten. Wie ungewiss das Ergebnis auch sein mochte, ihnen in diesem harten und erbitterten Kampf zu helfen, war für mich persönlich ebenso unerlässlich wie das Salat-Gebet.

Und unmittelbar danach kam die Küste in Sicht. Auf den sanft anschwellenden kleinen Wellen, die an den Kieselstrand schlugen, schaukelte ein Ruderboot, das uns zu dem weiter draußen in der Dunkelheit vor Anker liegenden Schiff bringen würde. Als der alleinige Ruderer im wartenden Boot aufstand, wandte ich mich Zayed zu und sagte:

„Bruder Zayed, weißt du, dass wir zu einem so abenteuerlichen Unternehmen aufgebrochen sind, dass es sich für dich und mich als gefährlicher erweisen könnte als alle vereinten Ikhwan von ad-Dabish? Hast du nicht den Wunsch, zum Frieden Medinas und zu deinen Freunden zurückzukehren?“

„Onkel, dein Weg ist mein Weg“, antwortete Zayed. „Hast du mir nicht selbst gesagt, dass Wasser, das nicht strömt, abgestanden und schmutzig wird? Lasst uns weitergehen – dann wird das Wasser, während es fließt, klar.“

Das Schiff ist eines jener großen, grotesken Segelschiffe, die an der arabischen Küste entlang verkehren: Es ist vollständig aus Holz gebaut und erfüllt vom Geruch getrockneten Fisches und von Meeresalgen. Am Heck des Schiffes befindet sich ein erhöhtes Deck, zwei Masten zum Segeln nach lateinischer Takelart und zwischen den beiden Masten eine große Kabine mit niedriger Decke. Der „Rais“, also der Schiffsführer, ist ein alter, erfahrener Araber aus Maskat. Unter einem riesigen, vielfarbigen Turban blickten zwei kleine, halb geschlossene Augen, kleinen Tasbih-Perlen gleich, auf mich; darin erkannte ich einen wachsamen Ausdruck, geprägt von vielen Jahren, in denen er das Risiko illegaler Unternehmungen auf sich genommen und an illegalen Expeditionen teilgenommen hatte. Und der gekrümmte Dolch in seiner silberbeschlagenen Scheide, der in seinem Gürtel steckte, wirkte keineswegs wie ein bloßer Schmuck.

„Marhaba, haya marhaba, Freunde“, rief er und hieß uns willkommen, sobald wir das Schiff betraten. „Dies ist gewiss ein glückverheißender Augenblick!“

Wie oft, denke ich bei mir, mag er arme Hadschis ebenso aufrichtig willkommen geheißen haben, die er heimlich in Ägypten an Bord genommen und ohne den geringsten weiteren Gedanken an ihr Wohlergehen an der Küste des Hedschas wieder abgesetzt hatte, damit sie die hohe Hadsch-Steuer umgehen konnten, welche die saudische Regierung all jenen auferlegt hatte, die zum Hadsch zum Hause Allahs reisen! Und wie oft mag er genau diese Worte zu Sklavenhändlern gesagt haben, die unter vollständiger Missachtung des islamischen Rechts irgendeinen unglücklichen Abessinier gefangen genommen hatten, um ihn auf dem Sklavenmarkt im Jemen zu verkaufen! Trotzdem tröste ich mich mit dem Gedanken, dass uns die Erfahrung unseres Rais, so anstößig die Umstände auch sein mögen, unter denen er sie erworben hat, unbedingt von Nutzen sein wird. Denn nur wenige Seeleute verfügen über seine Erfahrung mit den Wegen des Roten Meeres. Deshalb können wir uns darauf verlassen, dass er uns an einer sicheren Küste absetzen kann.

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Und tatsächlich setzte man uns vier Nächte nach unserer Einschiffung in einem kleinen Ruderboot an der Küste Oberägyptens ab, nördlich vom Hafen Quseir. Wir waren völlig verblüfft, denn der Rais wollte für die Überfahrt keinerlei Fahrgeld annehmen. „Denn“, sagte er mit breitem Grinsen, „mein Herr hat meine Rechnung beglichen! Möge Allah Ihnen beistehen.“

Wie ich erwartet hatte, fiel es uns nicht schwer, uns in Quseir zu bewegen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, denn die Bewohner dieser Stadt waren daran gewöhnt, Menschen in Hedschasi-Kleidung zu sehen. Am Morgen nach unserer Ankunft reservierten wir Plätze in einem klapprigen Bus nach Asyut am Ufer des Nils. Eingezwängt zwischen einer furchtbar dicken Frau, die einen Korb voller Hühner auf ihrem gewaltigen Schoß hielt, und einem alten „Bauern“, der beim Anblick unseres Aussehens sogleich begann, sich an seinen Hadsch zehn Jahre zuvor zu erinnern, machten Zaid und ich uns auf die erste Etappe unserer Afrikareise.

Ich habe stets geglaubt, dass jeder, der das Risiko eines geheimen und gefährlichen Unternehmens auf sich nimmt, unausweichlich zu der Erkenntnis gelangt, dass jeder, dem er begegnet, ihn verdächtigen und seine Verkleidung leicht durchschauen könnte. Doch erstaunlicherweise kam mir dieser Gedanke in diesem Augenblick nicht! Während der Jahre, die ich in Arabien verbracht hatte, war ich so vollständig in das Leben seiner Bewohner eingedrungen, dass ich offenbar nie auf den Gedanken kam, jemand anderes als einer von ihnen zu sein. Und obwohl ich niemals an der ausgesprochen kaufmännischen Gesinnung der Menschen von Mekka und Medina teilgehabt hatte, fühlte ich mich in diesem Augenblick so vollkommen in meiner Rolle als Pilger heimisch, dass ich mich ohne jede Verzögerung mit einigen anderen Reisenden in eine beinahe fachkundige Erörterung über die Vorzüge des Hadsch verwickelte. Zaid beteiligte sich mit ungeheurem Eifer an diesem Spiel, und so vergingen einige Stunden unserer Reise in lebhafter Unterhaltung.

In Asyut stiegen wir in den Zug und gelangten schließlich in die kleine Stadt Beni Suef. Von dort gingen wir direkt zum Haus unseres Senussi-Freundes Ismail ad-Dhibi. Er war ein kleiner, stämmiger, fröhlicher Mann und sprach das wohlklingende Arabisch Oberägyptens. Da er lediglich ein gewöhnlicher Tuchhändler war, zählte er nicht zu den angesehenen Männern der Stadt; doch seine Treue zur Senussi-Bruderschaft war vielfach erwiesen, und seine persönliche Zuneigung zu Sayyid Ahmad machte ihn doppelt vertrauenswürdig. Es war zwar schon sehr spät, trotzdem weckte er einen seiner Diener und wies ihn an, uns Essen zuzubereiten. Während wir darauf warteten, begann er, uns nach und nach von den Vorkehrungen zu berichten, die er getroffen hatte.

Zunächst nahm er unmittelbar nach Erhalt von Sayyid Ahmads Botschaft Kontakt zu einer berühmten Persönlichkeit der ägyptischen Königsfamilie auf. Dieser Mann war seit vielen Jahren ein überzeugter und aktiver Anhänger der Senussi-Ideale. Der Prinz wurde vollständig über den Zweck meiner Mission informiert. Er erklärte sich ohne Weiteres bereit, mir das benötigte Geld zu geben. Für unsere Wüstenreise bis zur Grenze der Cyrenaika besorgte er außerdem Reittiere und zwei vertrauenswürdige Führer. Unser Gastgeber teilte uns mit, dass sie in diesem Augenblick außerhalb von Beni Suef in irgendeinem Palmenhain auf uns warteten.

Nun legten Zaid und ich unsere Kleidung aus dem Hedschas ab, denn diese Kleidung konnte auf den westlichen Wüstenwegen großes Aufsehen erregen. Stattdessen gab man uns Baumwollhosen nordafrikanischer Machart und eng anliegende Hemden sowie eine Art Wollgewand – mit einer kopfbedeckenden Kapuze –, wie es die einfachen Leute im westlichen Ägypten und in Libyen tragen. Unter dem Fundament seines Hauses holte Ismail zwei kleine Gewehre italienischer Bauart hervor, die für berittene Soldaten geeignet waren, denn, wie er sagte, „für euch wird es unter den Mudschahidin leichter sein, für Gewehre dieser Art erneut Munition und Schießpulver zu beschaffen“.

Schon in der folgenden Nacht brachen wir nach den Anweisungen unseres Gastgebers auf und verließen die Stadt. Die beiden Führer, die man uns mitgab, erwiesen sich als Beduinen aus dem ägyptischen Stamm der Awlad Ali, unter denen sich viele Anhänger der Senussi befanden. Einer von ihnen hieß Abdullah, ein lebhafter, tatkräftiger junger Mann, der ein Jahr zuvor am Krieg in der Cyrenaika teilgenommen hatte. Es fiel ihm leicht, uns ausführlich darüber zu informieren, was wir dort zu erwarten hatten. Den Namen des anderen habe ich vergessen. Er war hager, schwermütig und sprach nur selten. Dennoch war er nicht weniger vertrauenswürdig als Abdullah, der von ansehnlicherer Gestalt war. Die vier Kamele, die sie bei sich hatten – kräftige, robuste und schnelle Kamelstuten der Bisharin-Rasse –, waren offensichtlich wegen ihrer guten Eigenschaften ausgewählt worden. Die Sättel, die man ihnen auflegte, unterschieden sich kaum von denen, die ich in Arabien zu benutzen gewohnt war. Da wir schnell vorankommen und nirgends lange anhalten mussten, kam eine unterwegs zubereitete Mahlzeit nicht infrage. Unsere Vorräte waren daher einfacher Art: ein großer, mit Datteln gefüllter Sack, ein weiterer kleiner Sack, so prall mit Süßigkeiten aus grobem Weizenmehl und Datteln gefüllt, dass er beinahe platzte, und drei an den Kamelen befestigte lederne Wasserschläuche.

Kurz vor Mitternacht umarmte uns Ismail und erflehte Allahs Barmherzigkeit für unser Unternehmen. Ich sah, dass Ismail äußerst beunruhigt war. Unter Abdullahs Führung ließen wir den Palmenhain hinter uns und zogen bald darauf im hellen Mondlicht in raschem Schritt über die kiesige Wüstenebene nach Nordwesten.

Für uns war es notwendig, den Beamten der ägyptischen Grenzverwaltung aus dem Weg zu gehen. Wir wussten, dass ihre Kraftfahrzeuge und berittenen Polizisten diesen Teil der westlichen Wüste patrouillieren konnten. Deshalb achteten wir darauf, uns so weit wie möglich von den großen Wegen fernzuhalten, auf denen die Karawanen verkehren. Da jedoch sämtlicher Verkehr zwischen Bahariya und dem Niltal bis in die weit entfernten nördlichen Gebiete über den Fayyum führte, bestand darin kein allzu großes Risiko.

In der ersten Nacht legten wir dreißig Meilen zurück und verbrachten den Tag in einem Tamariskenhain. In der folgenden Nacht und in den Nächten danach kamen wir noch viel weiter, sodass wir am vierten Tag bei Tagesanbruch den Rand jener tiefen Senke erreichten, in der sich die Oase Bahariya befindet.

Außerhalb der Oase schlugen wir hinter einigen großen Felsen unser Zelt auf. Die Oase besteht aus mehreren voneinander getrennten Siedlungen und Farmen, von denen das Dorf Bawiti die größte ist. Während wir das Zelt aufstellten, stieg Abdullah zu Fuß durch eine steile, tiefe Felsschlucht hinab in die von Palmen beschattete Senke, um unseren Verbindungsmann in Bawiti ausfindig zu machen; vor dem Abend konnte er nicht zurückkehren. Daher legten wir uns im Schatten der Felsen zum Schlafen nieder. Wie angenehm und wohltuend diese Ruhe nach der körperlichen Anstrengung des nächtelangen Kamelritts und nach der Kälte war! Trotzdem schlief ich nicht viel, denn allerlei Gedanken hatten von meinem Geist Besitz ergriffen.

Während ich über unseren Plan nachdachte, kam mir der Gedanke, dass es nicht allzu schwierig sein würde, eine dauerhafte Verbindung zwischen Beni Suef und Bahariya aufrechtzuerhalten. Ich war fest davon überzeugt, dass bei angemessener Vorsicht sogar große Karawanen zwischen diesen beiden Orten verkehren könnten, ohne jemandem aufzufallen. Obwohl sich in Bawiti ein Kontrollposten der Grenzverwaltung befand (von unserem Versteck aus konnten wir seine Gebäude durch die Wüste hindurch sehen), müsste es möglich sein, in irgendeinem noch abgelegeneren Dorf südlich von Bahariya ein verborgenes Funkgerät aufzustellen. Einige Stunden später versicherten mir Abdullah und unser Verbindungsmann, ein alter Berber, der mit ihm gekommen war, dies erneut. Es zeigte sich, dass die Regierung über diese Oase nur eine recht lockere Herrschaft ausübte; noch wichtiger aber war, dass ihre Bewohner zu einem großen Teil Anhänger der Senussi-Tradition waren.

Fünf qualvolle Nächte auf dem Rücken von Kamelen: zunächst über Felsen, Geröll und unebenes Gelände, später über flache Sanddünen hinweg, vorbei an der unbewohnten Oase Sitra und ihrem leblosen, dunkelblauen See, dessen Ufer von Schilf und wilden Palmenbüschen gesäumt sind; über das unterhalb der Ebene gelegene Gebiet von Adsch, wo sich erstaunlich unregelmäßige Lehmsteinfelsen erheben, die im Mondlicht ein gespenstisches, überirdisches Aussehen angenommen haben, und in der Morgendämmerung der fünften Nacht tauchte vor meinen Augen erstmals das Bild der Oase Siwa auf.

Einer meiner über viele Jahre sorgfältig gehegten Wünsche war es gewesen, diese ferne Oase einmal zu sehen, die einst der Standort eines Tempels und das Wirkungsfeld eines in der ganzen Welt berühmten Orakels gewesen war. Doch aus welchem Grund auch immer, war dieser Wunsch mir bisher niemals erfüllt worden. Und nun, beim Aufgang der Morgendämmerung, lag diese Oase vor mir: Ein weitläufiger steinerner Gürtel umgab einen einsamen Berg; auf diesem Berg stiegen die Häuser der Stadt – ihre Fundamente lagen wie die von Höhlenwohnungen tief im Fels verborgen – Schicht um Schicht empor, einer hohen, kantigen Minarette entgegen, die auf der flachen Gipfelplatte des Berges stand; ein solch wunderbares Durcheinander zerfallenen Mauerwerks, wie es der Mensch nur im Traum erblickt … Ein heftiger Wunsch ergriff mich: die geheimnisvollen Mauern zu durchdringen, hineinzudringen und durch jene Gassen zu streifen, die noch die Zeit der Pharaonen erlebt hatten; und die Ruinen jenes Tempels zu sehen, in dem das Orakel dem lydischen König Krösus den Untergang vorausgesagt und Alexander von Makedonien die Kunde von seinem Weltsieg verkündet hatte.

Doch auch diesmal blieb mein Wunsch unerfüllt. Obwohl sie so nahe war, würde die Stadt Siwa für mich verschlossen bleiben – ein Ort, den kein Unbekannter oder Fremder jemals besucht. Denn jeder Neuankömmling würde sofort die Aufmerksamkeit aller auf sich ziehen. Einen so weit von der Außenwelt entfernten Ort zu besuchen, wäre wahrlich töricht gewesen. Da er beinahe an der Grenze zu Libyen liegt, wird er von der ägyptischen Grenzverwaltung besonders streng überwacht. Und zweifellos ist dieser Ort voller von Italien bezahlter Spione. Daher war mir der Besuch Siwas auf dieser Reise nicht bestimmt. Traurig tröstete ich mich selbst und verbannte den Gedanken an Siwa aus meinem Herzen.

Wir umrundeten die Stadt auf einem weiten Bogen und schlugen schließlich unser Zelt unter einem wilden Dornengestrüpp auf. Wir wollten nicht länger als unbedingt nötig so nahe an der Grenze verweilen. Deshalb trieb Abdallah, ohne sich auszuruhen, sein Kamel rasch an und eilte zu einem nahe gelegenen Dorf, um einen Mann zu suchen, den Sayyid Ahmad beauftragt hatte, uns nach dem Grenzübertritt zu treffen. Einige Stunden später kehrte er mit zwei neuen Führern zurück und brachte vier frische, junge Kamele mit, die uns weitertragen sollten. Diese Führer gehörten zum Beduinenstamm der Barasa aus dem Jabal Akhdar; sie waren eigene Männer Umar al-Muchtars. Er hatte sie eigens ausgesandt, um uns durch das unbewohnte Gebiet zwischen den von den Italienern besetzten Oasen Dschaghbub und Dschalu zu führen und bis zum Hochland der Kyrenaika zu bringen. Dort sollte ich Umar treffen.

Abdallah und sein Freund verabschiedeten sich von uns, um zu ihren Häusern in ihren Dörfern in Ägypten zurückzukehren. Unter der Führung der beiden Mudschahedin Khalil und Abdurrahman brachen wir zu einer einwöchigen Reise durch eine nahezu wasserlose Wüstensteppe auf, die sich allmählich zum Jabal Akhdar hin erhob. Von allen Wüstenreisen meines Lebens war dies die schwierigste; zwar war die Gefahr, den italienischen Wachen aufzufallen, nicht allzu groß, wenn wir uns tagsüber vorsichtig verborgen hielten und nur nachts weiterzogen. Doch die Notwendigkeit, die weit voneinander entfernten Brunnen zu meiden, machte diese lange Reise zu einem Albtraum. Nur ein einziges Mal konnten wir unsere Kamele an einem verlassenen Brunnen im Wadi al-Mrar tränken und unsere Wasserschläuche wieder füllen. Und selbst das brachte uns beinahe an den Rand des Zusammenbruchs.

Wir erreichten den Brunnen später, als wir gehofft hatten. Als wir nämlich begannen, für eure Tiere Wasser zu schöpfen, zeigte sich bereits der erste Schimmer der Sonne am östlichen Himmel, und als wir damit fertig waren, stand die Sonne schon über dem Horizont am westlichen Himmel. Nach Khalils Worten mussten wir noch volle zwei Stunden verstreichen lassen, um jene niedrige, felsige Stelle zu erreichen, die uns tagsüber als Versteck dienen sollte. Doch kaum hatten wir unsere Reise begonnen, zerriss das unheilvolle Brummen eines Flugzeugs die Stille der Wüste. Wenige Minuten später erschien ein kleines, einsitziges Flugzeug über unseren Köpfen, sank geradewegs herab und kreiste in immer niedriger werdenden Runden. Es gab keinen Ort, an dem wir uns verbergen konnten. Deshalb sprangen wir von den Kamelen und stoben auseinander – und genau in diesem Augenblick begann der Pilot, mit seiner Kanone auf uns zu schießen.

– Legt euch hin, legt euch auf den Boden!, schrie ich. – Bewegt euch kein bisschen – bleibt liegen, als wärt ihr tot.

Doch Khalil, der in seinen vielen Jahren bei den Mudschahedin gewiss schon oft Erfahrungen mit solchen Gefechten gesammelt hatte, blieb nicht liegen und stellte sich tot. Er legte sich mit dem Kopf auf einen Stein auf den Rücken, stützte sein Gewehr auf ein hoch aufgestelltes Knie und begann, auf das herannahende Flugzeug zu schießen – nicht wahllos, sondern vor jedem Schuss sorgfältig zielend, als übe er, ein bestimmtes Ziel zu treffen. Es war eine furchtbar waghalsige Tat. Denn das Flugzeug kam im flachen Sturzflug geradewegs auf ihn zu und streute dabei Kugeln über den Sand. Doch Khalils Schüsse müssen das Flugzeug getroffen haben. Denn es bäumte sich für einen Augenblick auf, richtete seine Nase zum Himmel und stieg rasch empor. Der Pilot hatte vielleicht erkannt, dass es sich nicht lohnte, für die eigene Sicherheit vier Männer zu erschießen. Er kreiste noch ein- oder zweimal über uns und verschwand dann ostwärts in Richtung Dschaghbub.

„Diese italienischen Hundesöhne sind feige Feiglinge“, sagt Khalil ruhig, als wir uns wieder versammeln. „Sie wollen töten – aber nicht, dass auch nur ein Kratzer ihre eigene Haut trifft.“

Keiner von uns war verwundet. Doch Abd ar-Rahmans Kamel war tot. Wir luden seinen Sattel und seinen Sack auf Yazids Kamel, und von nun an ritt er hinter Yazid auf einem leichten Sattel.

Drei Tage später drangen wir in die Wacholderwälder des Dschabal al-Achdar ein und tauschten dankbar unsere erschöpften Kamele gegen die Pferde ein, die eine Gruppe Mudschahedin an einem geheimen Ort für uns in Obhut gehalten hatte. Von nun an lag die Wüste hinter uns. Wir ließen unsere Pferde über ein felsiges Bergplateau galoppieren. Das Plateau war von zahllosen trockenen Wasserläufen netzartig durchzogen, und dort standen Wacholderbäume, die an manchen Stellen beinahe undurchdringliche Wälder bildeten. In den von den Italienern besetzten Gebieten war dieses wegelose Waldland das Jagdgebiet der Mudschahedin.

….             ..        ..               ..     ..

Weitere vier Nächte Reise brachten uns zu einem Ort namens Wadi at-Taʿaban. Der Ort trägt seinen Namen mit gutem Recht, denn er bedeutet „Tal der völlig Erschöpften“. Hier sollten wir uns mit Umar al-Muchtar treffen. Sicher verborgen in einer von tiefem Wald bedeckten Schlucht, fesselten wir unsere Pferde hinter einem Felsen an den Vorderbeinen und warteten auf das Erscheinen des Löwen des Dschabal al-Achdar. Diese Nacht war bitterkalt, sternenlos und von einer Stille erfüllt, in der jedes Rascheln widerhallte!

Es würde noch einige Stunden dauern, bis Sidi Umar eintraf; und da die Nacht tief und undurchdringlich dunkel war, sahen unsere beiden Freunde keinen vernünftigen Grund, warum wir in dieser Zeit unsere Wasserschläuche nicht an den Brunnen von Bu Safaya, einige Meilen östlich, wieder auffüllen sollten! Tatsächlich lag weniger als eine Meile von Bu Safaya entfernt ein gut gesicherter italienischer Außenposten –

„Aber“, sagte Khalil, „diese räudigen Hunde werden sich in einer derart stockfinsteren Nacht nicht trauen, ihre Mauern zu verlassen.“

So brach Khalil mit Zaid an seiner Seite zu Pferd auf, zwei leere Wasserschläuche bei sich. Damit sie auf dem felsigen Weg kein Geräusch machten, umwickelten sie die Hufe ihrer Pferde mit zerrissenen Stofffetzen und banden sie fest. Als die beiden in der Dunkelheit verschwunden waren, setzten Abd ar-Rahman und ich uns dicht aneinandergedrängt an einen niedrigen Felsen gelehnt hin, um uns zu wärmen. Ein Feuer anzuzünden, wäre äußerst gefährlich gewesen.

Nach etwa einer Stunde raschelten einige Zweige zwischen den Wacholderbäumen, und auf den Steinen war das leise Geräusch eines sich nähernden Menschen zu hören. Augenblicklich stand mein wachsamer Gefährte mit dem Gewehr in der Hand für einen Moment kerzengerade da und blickte scharf in die Dunkelheit. Aus dem Wald ertönte ein leiser Ruf, der sich nicht von dem Heulen eines Fuchses unterschied. Abdur Rahman formte die Hände vor seinem Mund zu einer Schale und erwiderte ihn mit demselben Laut. Vor uns tauchten die Umrisse zweier Menschen auf. Sie waren zu Fuß und trugen Gewehre. Als sie näher kamen, sagte einer von ihnen: »Fi sabilillah« – »Auf Allahs Weg«. Darauf antwortete Abdur Rahman: »La hawla wa la quwwata illa billah« – »Außer Allah hat niemand Macht und niemand Kraft«, was mir wie ein Kennwort vorkam.

Beide dieser beiden Neuankömmlinge trugen die Umhänge der libyschen Beduinen, zerlumpte Dschards. Einer von ihnen schien Abdur Rahman zu kennen, denn Abdur Rahman ergriff seine beiden Hände und begrüßte ihn herzlich. Die beiden Mudschahedin wurden mir nacheinander vorgestellt, indem jeder auf dieselbe Weise meine Hand ergriff. Einer von ihnen sagte: »Fi amanillah. Möge Allah Ihnen beistehen. Sidi Umar kommt.«

Wir standen lauschend da. Vielleicht zehn Minuten später raschelten erneut die Blätter im Wacholdergebüsch … Dann traten aus drei Richtungen drei weitere Männer aus dem Schatten hervor, hoben ihre schussbereiten Gewehre und standen plötzlich direkt vor uns. Als sie begriffen, dass sie auf unser Treffen gewartet hatten, verteilten sie sich sofort wieder in verschiedene Richtungen im Gebüsch. Offensichtlich hatten sie sich auf diese Weise im Gebüsch verteilt, um die Sicherheit ihres Anführers aufmerksam zu überwachen.

Und dann kam er … Er kam auf einem kleinen Pferd geritten, dessen Hufe mit Stoff umwickelt waren. Zu beiden Seiten gingen je zwei Männer zu Fuß, und hinter ihm folgten noch einige weitere. Als er die Felsen erreichte, an die wir uns gelehnt auf ihn gewartet hatten, half ihm einer seiner Männer vom Pferd, und ich sah, dass ihm das Gehen schwerfiel (später erfuhr ich, dass er erst zehn Tage zuvor bei einem Überraschungsangriff verwundet worden war). Im Licht des aufgehenden Mondes konnte ich ihn deutlich sehen: ein mittelgroßer Mann mit kräftigen Knochen; sein kurzer, schneeweißer Bart umrahmte sein von tiefen Furchen gezeichnetes Gesicht. Seine Augen lagen tief in den Höhlen verborgen; die Falten um sie herum ließen vermuten, dass sie unter anderen Umständen leicht zu einem Lächeln aufgeleuchtet hätten. Doch jetzt lag in diesen Augen nichts außer dunklem Schmerz und Himmat.

»Khush amadeed, mein Sohn«, sagte er; während er sprach, musterten seine Augen mich scharf von den Füßen bis zum Kopf, als würde er mich prüfen – die Augen eines Mannes, dessen ständiger Begleiter die Gefahr war!

Einer seiner Männer breitete eine Decke auf dem Boden aus, und Sidi Umar ließ sich dort nieder, wobei er sein ganzes Gewicht auf seinen Körper sinken ließ. Abdur Rahman beugte sich hinab und küsste seine Hand; nachdem er die Erlaubnis des Anführers erhalten hatte, setzte er sich unter das überhängende Felsdach, um ein kleines Feuer anzuzünden. Im matten Schein dieses Feuers las Sidi Umar den Brief, den ich von Sayyid Ahmad mitgebracht hatte. Er las den Brief sorgfältig, faltete ihn dann zusammen und legte ihn für einen Augenblick über seinen Kopf – in einer Haltung der Verehrung und Hingabe, wie man sie, genau genommen, in Arabien niemals, in Nordafrika jedoch häufig sieht. Dann wandte er sich mit einem leisen Lächeln mir zu:

»Sayyid Ahmad, möge Allah sein Leben verlängern, hat viel Gutes über dich gesagt. Du möchtest uns helfen. Aber ich weiß nicht, woher Hilfe kommen kann, außer von Allah, dem Allmächtigen und Barmherzigen! Um es offen zu sagen: Wir sind fast am äußersten Rand der Zeit angelangt, die uns zugemessen ist!«

»Aber könnte dieser Plan, den Sayyid Ahmad entwickelt hat«, warf ich mitten in seine Rede ein, »nicht ein neuer Anfang sein? Wenn eine regelmäßige Versorgung eingerichtet und Kufra zum Ausgangspunkt künftiger Unternehmungen gemacht werden könnte, wäre es dann nicht möglich, die Italiener zurückzuschlagen?«

Noch nie in meinem Leben hatte ich ein so bitteres und hilfloses Lächeln gesehen wie das, mit dem Sidi Umar mir antwortete: »Kufra …? Wir haben es verloren. Vor etwa fünfzehn Tagen haben es die Italiener besetzt …«

Die Nachricht ließ mich wie erstarrt zurück. All diese vergangenen Monate hatten Sayyid Ahmad und ich unsere Pläne auf der Annahme aufgebaut, dass Kufra das Zentrum einer erneuten Sammlung für einen entschlossenen Widerstand sein könnte. Nun, da Kufra den Senusis aus den Händen geglitten war, blieb ihnen nichts als das bedrängte Hochland des Jabal al-Akhdar – nichts, gewiss nichts außer dem Fluch der sich immer enger zusammenziehenden italienischen Besetzung: der Verlust eines Ortes nach dem anderen, ein langsames und unausweichliches Erdrosselt- und Ersticktwerden, ohne dass der Druck auch nur für einen Augenblick nachließ!

»Wie kam es zum Fall Kufras?«

Mit müder Geste winkte Sidi Umar einen seiner Männer näher zu sich: »Dieser Mann wird dir die Geschichte erzählen … Er ist einer von den wenigen, die aus Kufra entkommen konnten. Er ist erst gestern angekommen.«

Der Mann aus Kufra ließ sich direkt vor mir auf seinem Hinterteil nieder und zog seinen zerrissenen, geflickten Burnus um sich. Er sprach langsam, ohne das geringste Zittern der Erregung in seiner Stimme, doch die unermesslichen Qualen und das Unglück, die er erlebt hatte, schienen sich auf seinem unbeugsamen Gesicht widerzuspiegeln.

»Sie griffen uns von drei Seiten an, in drei Formationen, mit zahlreichen gepanzerten Fahrzeugen und schwerer Artillerie. Ihre Flugzeuge gingen bis dicht über den Boden hinunter und warfen Bomben auf die Häuser, auf die Moschee und auf die Palmenhaine. Unter uns gab es nur einige Hundert Männer, die Waffen tragen konnten. Die übrigen waren Frauen, Kinder und die Schwachen. Wir kämpften Haus für Haus, um jedes einzelne zu retten. Ihnen gegenüber waren wir weit unterlegen. Schließlich blieb nur noch das Dorf al-Hawari in unserer Hand. Gegen ihre gepanzerten Fahrzeuge wurden unsere Gewehre nutzlos, und sie besiegten uns. Nur wenige von uns überlebten. Ich versteckte mich im Palmenhain und wartete auf eine Gelegenheit, durch eine Lücke in der italienischen Formation zu entkommen. Die ganze Nacht hörte ich die qualvollen Schreie der Frauen, denn italienische Soldaten und eritreische Askari hatten sie vergewaltigt. Am nächsten Tag brachte mir eine alte Frau etwas Wasser und Brot an den Ort, an dem ich mich verborgen hielt. Sie erzählte mir: Der italienische General versammelte alle Überlebenden am Grab von Sayyid Muhammad al-Mahdi, riss vor ihren Augen einen Koran in Stücke, warf sie zu Boden, setzte seinen Stiefel darauf und schrie: ›Möge euer Beduinenprophet euch jetzt helfen, wenn er dazu imstande ist.‹ Danach befahl er, alle Palmen der Oase zu fällen, die Brunnen zu zerstören und sämtliche Bücher aus Sayyid Ahmads Bibliothek zu verbrennen. Am nächsten Tag befahl er, einige unserer Ältesten und Ulama in ein Flugzeug zu bringen – und man warf sie aus großer Höhe aus dem Flugzeug auf den Boden, damit sie zerschmettert starben … Auch in der folgenden Nacht hörte ich den ganzen Tag von meinem Versteck aus die Schreie der Frauen, das schallende Gelächter der Soldaten und Gewehrschüsse … Schließlich kroch ich in jener dunklen Nacht in die Wüste hinaus. Dort fand ich ein kleines Kamel, bestieg es und verschwand …«

Als der Mann aus Kufra seine schreckliche Geschichte beendet hatte, zog Sidi Umar ihn liebevoll und sanft an sich und wiederholte: »So, mein Sohn, du siehst, dass wir tatsächlich an den Rand der uns zugemessenen Zeit gelangt sind.« Und als Antwort auf die unausgesprochene Frage in meinen Augen fügte er hinzu: »Wir kämpfen, weil wir für unsere Religion und unsere Freiheit kämpfen müssen, bis wir den Eindringlingen zum Opfer fallen. Es gibt für uns keine andere Möglichkeit – ›Innā li-Llāhi wa-innā ilayhi rājiʿūn‹ – wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück. Wir haben unsere Frauen und Kinder nach Ägypten geschickt, damit wir uns keine Sorgen um ihre Sicherheit machen müssen, wenn Allah unseren Tod bestimmt.«

Ein gedämpftes Brummen wurde irgendwo am dunklen Himmel allmählich hörbar; ohne bewusst darüber nachzudenken, streute einer von Sidi Umars Männern wie von selbst Sand auf das Feuer. Vor dem Hintergrund der vom Mond erhellten Wolken erschien das Flugzeug nur als undeutliche Gestalt; es flog sehr niedrig über unsere Köpfe hinweg nach Osten, und das Geräusch seiner Motoren verklang allmählich.

–Aber Sidi Umar“, sage ich, „nun, da Ihnen und Ihren Mudschahedin ein Weg offensteht – wäre es nicht besser, sich nach Ägypten zurückzuziehen? Denn in Ägypten könnte es vielleicht möglich sein, viele aus der Kyrenaika stammende Muhadschirin zu sammeln und eine weitaus schlagkräftigere Armee aufzubauen. Der Kampf hier sollte für eine gewisse Zeit ausgesetzt werden, damit die Menschen ihre Kräfte wenigstens teilweise wiedererlangen können … Ich weiß, dass die britische Macht in Ägypten – angesichts der starken italienischen Truppen, die an ihren beiden Seiten stationiert sind – über diesen Gedanken nicht sehr glücklich gewesen sein dürfte. Allah weiß, wenn es Ihnen gelingt, ihnen begreiflich zu machen, dass Sie sie nicht als Feinde betrachten, dann werden sie sich vielleicht nicht um Ihre Vorbereitungen kümmern …“

–Nein, mein Sohn, das ist nicht mehr möglich; es ist viel zu spät. Was du gesagt hast, wäre vor fünfzehn oder sechzehn Jahren möglich gewesen, bevor wir beschlossen, die Briten anzugreifen, um Sayyid Ahmad den Türken zu helfen. Die Türken haben uns allerdings nicht geholfen … Es ist zu spät; jetzt ist es nicht mehr möglich. Großbritannien wird nicht einmal den kleinen Finger rühren, um unser Schicksal zu erleichtern, und die Italiener sind fest entschlossen, uns auszurotten. Sie haben geschworen, jede Möglichkeit künftigen Widerstands zunichtezumachen. Wenn meine Anhänger und ich jetzt nach Ägypten gehen, werden wir niemals zurückkehren können. Und sag selbst: Wie könnten wir unser Volk im Stich lassen und es führerlos zurücklassen, damit es von den Feinden Allahs vernichtet wird?“

–Was sagt Sayyid Idris? Teilt auch er Ihre Ansicht, Sidi Umar?

–Sayyid Idris ist der verständige Sohn eines edlen Vaters, ein guter Mensch.

Aber Allah hat ihm nicht den Mut gegeben, einen solchen Kampf zu ertragen …

In Sidi Umars Stimme lag keine Verzweiflung, sondern ein tiefes Interesse, als er auf diese Weise mit mir über das unvermeidliche Ende seines langen Freiheitskampfes sprach. Er wusste, dass nichts außer dem Tod auf ihn wartete. Er fürchtete den Tod nicht, doch er hatte ihn nicht gesucht. Aber er hatte auch nicht versucht, dem Tod auszuweichen, und ich bin sicher, dass er selbst dann, wenn er gewusst hätte, welche Art von Tod ihn erwartete, nicht versucht hätte, ihm zu entgehen. Es schien, als sei ihm in jedem Atom seines Körpers und seines Geistes bewusst, dass jeder Mensch sein Schicksal mit sich trägt – wohin er auch geht und was immer er tut.

Im Gebüsch wurde eine leise Bewegung hörbar, so leise, dass man sie unter normalen Umständen nicht bemerkt hätte; doch die damaligen Umstände waren keineswegs normal. Während ich aus Furcht vor jeder möglichen Gefahr aus einem unerwarteten Gebiet meine Ohren gespitzt hielt, begriff ich deutlich, dass die leisen Schritte plötzlich verstummt waren und ihr undeutliches Geräusch wenige Minuten später wieder einsetzte. Das Gebüsch teilte sich, und aus ihm kamen Zaid und Khalil hervor. Bei ihnen waren zwei Reiter. Die wenigen Pferde, die sie hinter sich hergeführt hatten, trugen beladene Wasserschläuche auf dem Rücken. Die Schläuche waren so vollständig mit Wasser gefüllt, dass sie sich kugelrund aufgebläht hatten. Als Khalil Sidi Umar erblickte, eilte er vor, um den Anführer zu küssen, während ich Zaid vorstellte. Sidi Umar ließ seinen scharfen Blick mit deutlicher Anerkennung über Zaids asketisches Gesicht und seinen hageren, schmucklosen Körper gleiten. Er legte Zaid die Hand auf die Schulter und sagte:

– „Bruder, der aus dem Land meiner Vorväter kommt, willkommen. Welchem arabischen Stamm gehörst du?“ – Und als Zaid sagte, der Name seines Stammes sei Schammar, nickte Umar lächelnd und sagte: „Ah, dann gehörst du also zum Stamm jenes Hatim at-Tai, der unter den Menschen der Großzügigste war …“1(Dieser arabische Krieger und Dichter aus vorislamischer Zeit war für seine Großzügigkeit und Freigebigkeit berühmt। Sein Name wird nun zum Synonym für diese Eigenschaft, der die Araber höchste Bedeutung beimessen। Zaid gehörte dem Stamm Schammar an। Die Schammar beanspruchen, Hatims Volk zu sein– und behaupten, von ihm abzustammen।)

Ein Mann von Sidi Umar legte einige in ein Stück Stoff gebundene Datteln vor uns. Er selbst lud uns zu dieser bescheidenen Mahlzeit ein. Nachdem wir gegessen hatten, erhob sich der alte Krieger:

– „Brüder, jetzt ist es Zeit, von hier aufzubrechen. Wir befinden uns ganz in der Nähe des italienischen Stützpunkts von Bu-Sfaiya. Bis zum Sonnenaufgang hierzubleiben, wäre gefährlich.“

Wir packen unser armseliges Lager zusammen, besteigen die Pferde und folgen Sidi Umar. Seine übrigen Männer folgen uns zu Fuß. Kaum waren wir aus der Schlucht heraus, sah ich, dass Sidis Umars Gruppe weit größer war, als ich angenommen hatte: Einer nach dem anderen schossen schwarze Schatten hinter den Hügeln und aus dem Schutz der Bäume hervor, schnell wie Pfeile, und reihten sich in unsere Kolonne ein, während einige weitere Männer weit rechts und links postiert worden waren, um Wache zu halten. Kein gewöhnlicher Beobachter hätte ahnen können, dass sich etwa dreißig Männer um uns herum befanden; denn jeder von ihnen bewegte sich lautlos wie ein Kundschafter der amerikanischen Ureinwohner.

Vor Sonnenaufgang erreichten wir das Hauptzelt von Umar al-Mukhtars eigener Dawwar oder Guerillatruppe. Damals bestand diese Truppe aus etwas über zweihundert Mann. Die Zelte waren in einer tiefen, engen Schlucht aufgeschlagen, und auf den darüberhängenden Felsvorsprüngen brannten kleine Feuer. Einige Männer schliefen auf dem Boden. Andere, die im grauen Licht der Morgendämmerung wie undeutliche Schatten wirkten, waren mit den verschiedensten Aufgaben im Lager beschäftigt: Sie reinigten ihre Waffen, holten Wasser, kochten Essen oder kümmerten sich um die wenigen Pferde, die hier und dort an Bäume gebunden waren. Fast alle trugen zerrissene und geflickte Kleidung. Damals oder später sah ich in dieser ganzen Gruppe weder ein vollständiges Jird 1(ein deckenartiger Wollumhang, den die Menschen in Ägypten und Libyen tragen) noch einen Barnus 2(ein den Kopf bedeckendes Kleidungsstück, das auch die Araber Nordafrikas tragen) Ich bemerkte an vielen Männern Verbände, die von ihren jüngsten Kämpfen mit dem Feind zeugten. Zu meiner Überraschung sah ich in diesem Zelt zwei Frauen: eine alte und eine junge. Sie saßen an einem Feuer und reparierten hingebungsvoll mit dicken, stumpfen Nadeln einen zerrissenen Sattel.

„Diese beiden Schwestern von uns ziehen überallhin mit uns“, erklärte Sidi Umar als Antwort auf mein sprachloses Erstaunen. „Sie wollten nicht zusammen mit unseren Frauen in Ägypten Zuflucht suchen; sie sind Mutter und Tochter. Alle Männer ihrer Familie sind im Kampf gefallen.“

Zwei Tage und eine Nacht lang – während die Zelte abgebrochen und an einer anderen Stelle in einer Schlucht des Hochlands und im Dschungel wieder aufgeschlagen wurden – erörterten und überdachten Sidi Umar und ich jede Möglichkeit, wie die Mujahidin regelmäßig mit Vorräten versorgt werden könnten. Noch immer trafen gelegentlich Vorräte aus Ägypten ein. Es schien, als seien die britischen Behörden seit dem Zeitpunkt, an dem Sayyid Idris während seines Friedensvertrags mit den Italienern zu einer Verständigung mit Großbritannien gelangt war, bereit, die Aktivitäten der Senussi im Inneren Ägyptens wieder mit einer gewissen Toleranz zu betrachten – natürlich nur, solange sie auf örtliche Bewegungen beschränkt blieben. Insbesondere sahen die britischen Behörden offiziell davon ab, die kleinen Gruppen von Kämpfern zu beachten, die die italienischen Linien durchbrachen und in die dem Meer nächstgelegene ägyptische Stadt Sallum kamen, um ihre Beute zu verkaufen, die größtenteils aus italienischen Maultieren bestand, und dafür dringend benötigte Lebensmittel zu erwerben. Tatsächlich waren solche Unternehmungen für die Mujahidin äußerst gefährlich und wären kaum möglich gewesen, vor allem weil die Italiener entlang der ägyptischen Grenze sehr schnell Stacheldrahtzäune errichtet hatten. Sidi Umar stimmte mir zu, dass die einzige Möglichkeit darin bestehen könnte, den Weg, auf dem ich gekommen war, als Versorgungsroute zu benutzen und in den ägyptischen Oasen Bahariya, Farafra und Siwa geheime Depots anzulegen. Er war jedoch sehr skeptisch, ob dieser Plan lange den wachsamen Blicken der Italiener entgehen konnte.

Es erwies sich, dass Umars Befürchtung sehr realistisch gewesen war. Einige Monate später erreichte tatsächlich eine Karawane mit solchen Vorräten die Mujahidin; doch als sie durch den Zwischenraum zwischen Jaghbub und Jalu vorrückte, wurde sie von den Italienern entdeckt. Kurz darauf errichteten die Italiener in Bir Tarfawi, genau auf halbem Weg zwischen den beiden Oasen und von beiden gleich weit entfernt, einen starken Kontrollposten; zusammen mit nahezu ununterbrochener Überwachung aus der Luft machte dieser Kontrollposten derartige Unternehmungen erneut äußerst gefährlich.

Nun dachte ich an meine Rückkehr. Ich verspürte wenig Lust, auf dem langen, beschwerlichen Weg zurückzukehren, den ich auf meiner Reise nach Westen genommen hatte. Daher fragte ich Sidi Umar, ob es nicht einen kürzeren Weg gebe. Er sagte, einen solchen Weg gebe es zwar, doch sei er gefährlich: durch den Stacheldraht nach Sallum zu gelangen. Damals war eine Gruppe von Mujahidin bereit, zu einem solchen Unternehmen aufzubrechen, um Mehl aus Sallum zu holen; wenn ich wolle, könne ich mich ihnen anschließen. Ich beschloss, genau das zu tun.

Zayd und ich verabschiedeten uns ein letztes Mal von Umar al-Mukhtar. Ich sollte ihn nie wiedersehen: Weniger als acht Monate später nahmen die Italiener Umar gefangen und hängten ihn.

Nachdem unsere zwanzigköpfige Gruppe fast eine Woche lang nur nachts über hügeliges Gelände und durch die Wacholderwälder des östlichen Jabal al-Akhdar gezogen war, erreichten wir an der ägyptisch-syrischen Grenze jene Stelle, an der wir den Stacheldraht durchdringen und ins Land gelangen wollten. Diese Stelle war nicht zufällig ausgewählt worden. Obwohl der größte Teil der Grenze bereits mit Stacheldrahtzäunen versehen war, war der Zaun noch nicht vollständig fertiggestellt. An manchen Stellen, wie hier, bestand die Anlage lediglich aus einem acht Fuß hohen und vier Fuß breiten Stacheldrahtzaun; darin waren jedoch drei getrennte Reihen Stacheldraht angebracht, die mit dicken, schweren Drähten fest an auf einem soliden Fundament verankerten Pfosten befestigt waren. Der befestigte Kontrollposten lag etwa eine halbe Meile von der Stelle entfernt, die wir ausgewählt hatten. Wir wussten auch, dass sich dort ein gepanzertes Fahrzeug befand. Doch dies war eine von zwei Möglichkeiten: entweder dieser Abschnitt oder ein anderer, der vielleicht weniger gut bewacht war, dafür aber möglicherweise einen zwei- oder dreifachen Stacheldrahtzaun aufwies.

Es war im Voraus vereinbart worden, dass uns einige Meilen innerhalb des ägyptischen Gebiets Anhänger des Senussi-Ordens mit Reit- und Lasttieren entgegenkommen würden. Daher bestand kein Grund, unsere Pferde in Gefahr zu bringen. Wir übergaben sie der Obhut einiger Mujahidin und schickten sie zurück, während wir anderen – Zayd und ich eingeschlossen – kurz vor Mitternacht zu Fuß den Draht erreichten. Die Dunkelheit bot uns Deckung, denn die Italiener hatten alle Bäume und Büsche abgeholzt.

Im Norden und Süden, mehrere hundert Yards voneinander entfernt, postieren wir Wachen. Unsere sechs Männer kriechen, mit Werkzeugen zum Durchschneiden des Stacheldrahts und den dicken Lederhandschuhen ausgerüstet, die sie bei früheren Überfällen auf italienische Arbeiter erbeutet hatten, vorsichtig vorwärts. Während sie vorrückten, gaben wir ihnen mit unseren Gewehren Deckung. Es war ein spannungsgeladener Augenblick. Ich lauschte auf das leiseste Geräusch. Ich hörte nur das Knirschen des Kieses unter dem Gewicht der vorrückenden Körper und bisweilen den Ruf eines nachtaktiven Vogels. Dann erklang das Knacken der Drahtschere, die sich zum ersten Mal in den Stacheldraht biss. Es war, als wäre in meinem Ohr eine Explosion losgegangen, und unmittelbar darauf folgte das gedämpfte, einzelne Geräusch des durchtrennten Metalldrahts … rasch, rasch, rasch … während sie sich immer tiefer in den Stacheldraht hineinschnitten …

Wieder ertönte ein Vogelruf am nächtlichen Himmel; diesmal war es jedoch kein Vogelruf, sondern ein Signal: Es kam von einem unserer Wächter im Norden – ein Signal für drohende Gefahr … Genau in diesem Augenblick hörte ich das Brummen eines Motors, der auf uns zukam. Ein Suchscheinwerfer strahlte schräg über den Himmel. Wir warfen uns alle wie ein Mann zu Boden, bis auf die Männer am Stacheldraht; sie setzten ihre Arbeit nun verzweifelt und hastig fort. An heimliches Arbeiten dachten sie nicht mehr. Vielmehr schnitten sie wie Besessene mit den Scheren weiter und lockerten den durchtrennten Stacheldraht mit den Kolben ihrer Gewehre. Wenige Sekunden später war ein Gewehrschuss zu hören: das Signal unseres Wächters im Norden. Der Fahrer des Panzerwagens musste ihn entdeckt haben, denn der Lichtstrahl des Suchscheinwerfers schoss plötzlich nach unten, und wir hörten das unheilvolle Rattern eines Maschinengewehrs. Das Dröhnen des Motors wurde lauter, sein schwarzer Schatten glitt über unsere Körper hinweg, und das Licht seiner Scheinwerfer fiel geradewegs auf den Boden. Dann ging ein Maschinengewehrstoß auf uns nieder. Offenbar hatte der Schütze viel zu hoch gezielt. Ich hörte das Zischen der Kugeln, die über unsere Köpfe hinwegflogen. Flach auf dem Boden liegend, erwiderten wir das Feuer mit unseren Gewehren.

„Suchscheinwerfer! Suchscheinwerfer!“, rief jemand. „Schießt auf den Suchscheinwerfer!“ Wenige Augenblicke später erlosch er. Zweifellos war er von den Kugeln unserer treffsicheren Gewehrschützen zertrümmert worden. Der Panzerwagen blieb stehen. Doch sein Maschinengewehr feuerte blindlings weiter. Genau in diesem Augenblick ließ ein Aufschrei vor uns erkennen, dass der Stacheldrahtzaun durchschnitten und ein Durchgang geschaffen worden war. Einer nach dem anderen zwängten wir uns durch die schmale Öffnung auf die andere Seite des Zauns; dabei zerrissen die Stacheldrähte unsere Kleidung und Haut. Dann hörten wir heranstürmende Menschen – und zwei weitere Gestalten in Dschellabas sprangen durch die Lücke im Stacheldrahtzaun. Unsere Gefährten schlossen sich uns wieder an. Offenbar waren die Italiener nicht bereit, ihren Wagen aufzugeben und uns im Nahkampf gegenüberzutreten … Danach standen wir auf ägyptischem Boden – oder besser gesagt: Wir rannten weiter, duckten uns hinter Felsen, Sandhaufen und vereinzelten Büschen, denn von jenseits der Grenze schossen sie von Zeit zu Zeit hinter uns her.

Bei Tagesanbruch waren wir in ägyptisches Gebiet eingedrungen. Nun waren wir außer Gefahr. Von unseren etwa zwanzig Männern hatten wir fünf verloren. Wahrscheinlich waren sie tot; vier weitere waren verwundet, jedoch nicht schwer.

„Allah hat sich unser erbarmt“, sagte einer der verwundeten Mudschaheddin. „Beim Überqueren des Stacheldrahtzauns verlieren wir bisweilen die Hälfte unserer Männer; doch Allah ist groß, und niemand stirbt, dessen Tod Allah nicht will … Sagt der Heilige Koran nicht: ‚Nennt nicht diejenigen tot, die auf Allahs Weg getötet wurden; denn sie sind lebendig, sie leben‘ …?“

Zwei Wochen später kehrten wir über Marsa Matruh und Alexandria zurück. Wir erreichten Oberägypten, und von dort kehrten Zaid und ich, wie zuvor vereinbart, mit dem Schiff über Yanbu wieder nach Medina zurück. Die gesamte Unternehmung hatte zwei Monate gedauert … Es schien, als hätte im Hedschas überhaupt niemand unsere Abwesenheit bemerkt …

.. .   ..                     ..                .. .         ..

Als ich in Medina gemeinsam mit Sidi Muhammad al-Zubair die Schwelle jenes alten Senussi-Sitzes überschritt, wurden all jene undeutlichen Widerhall von Tod und Verzweiflung in meinem Bewusstsein lebendig; der Duft der Wacholderbäume und das Geräusch der über unsere Köpfe hinwegfliegenden Kugeln ließen mein Herz wieder heftig pochen. Der Schmerz jener Unternehmung, in der es weder Hoffnung noch Zuversicht gegeben hatte, erwachte erneut in meiner Brust; dann verblasste allmählich die Erinnerung an meine kyrenaische Unternehmung. Nur ihr Schmerz blieb zurück!

Vier

Wieder stehe ich vor dem großen Senussi und blicke in das müde Gesicht des alten Kriegers. Wieder küsse ich die Hand, die so lange ein Schwert gehalten hat, dass sie nun nicht mehr die Kraft besitzt, ein Schwert zu tragen.

– Möge Allah sich deiner erbarmen, Vater, setz dich bequem hin … Es ist mehr als ein Jahr her, seit wir uns gesehen haben, und mit diesem Jahr ist auch unsere Hoffnung erloschen. Aber Lob sei Allah; Er tut, was Er will …

Gewiss, das Jahr war für Sayyid Ahmad voller Leid. Die Linien in seinem Gesicht sind tiefer geworden, und seine Stimme ist sehr leise geworden, wie sie es zuvor nie gewesen war. Der müde Adler ist zusammengebrochen. Gekauert sitzt er auf dem Teppich. Sein weißer Burnus ist eng um seinen Körper gebunden – als solle er ihn wärmen –, und er blickt stumm und schweigend in die unendliche Leere.

– Wenn wir Umar al-Mukhtar doch nur hätten retten können, flüstert er. Wenn wir ihn nur hätten dazu bringen können, rechtzeitig zu fliehen und nach Ägypten zu kommen …

– Niemand hätte Sidi Umar retten können, tröste ich ihn. Er selbst wollte nicht gerettet werden. Er wollte sterben, wenn er nicht siegen konnte; das begriff ich, als ich mich von ihm verabschiedete. O Sidi Ahmad!

Sayyid Ahmad schüttelt heftig den Kopf. – Ja, auch ich wusste das … auch ich … wusste es, aber ich erkannte es zu spät. Manchmal denke ich, dass es ein Fehler von mir war, vor siebzehn Jahren dem Ruf aus Istanbul zu folgen … Und war das vielleicht nicht der Beginn des Todes, nicht nur Umars, sondern aller Senussis?

Auf diese Frage habe ich keine Antwort. Denn ich hatte immer wieder das Gefühl, dass Sayyid Ahmads Entscheidung, einen unnötigen Krieg gegen die britische Macht zu führen, der schwerwiegendste Fehler seines Lebens war.

„Aber“, sagt Sayyid Ahmad wieder, „als der Kalif des Islam mich um Hilfe bat, wie hätte ich da eine andere Entscheidung treffen können? Habe ich richtig gehandelt oder wie ein Narr? Doch wer außer Allah kann sagen, ob ein Mensch richtig oder falsch gehandelt hat, wenn er dem Ruf seines Gewissens folgt?“

„Wer kann das wirklich sagen?“

Der große Senussi schüttelt vor Schmerz und Verwirrung den Kopf hin und her. Hinter den herabhängenden Lidern verborgen, liegen seine Augen, und plötzlich begreife ich mit unerschütterlicher Gewissheit, dass diese Augen niemals wieder im Feuer der Hoffnung aufleuchten werden.1[Sayyid Ahmad starb im folgenden Jahr (1933) in Medina]

 

 

Das Ende des Weges

I

Tief in der Nacht verlassen wir Medina auf dem östlichen Weg, auf dem der Gesandte Allahs einige Monate vor seinem Tod nach Mekka gereist war, um seine Abschiedswallfahrt zu vollziehen.

Den Rest der Nacht ziehen wir durch die hereinbrechende Morgendämmerung weiter. Wir reiten auf unseren Kamelen; nach einer kurzen Pause für das Fadschr-Gebet treten wir in den Tag ein – einen grauen, wolkenverhangenen Tag. Vor Mittag beginnt es zu regnen, und bald sehen wir sie und beschließen, in einem ihrer schwarzen Zelte Schutz zu suchen.

Das Zelt ist klein. Es ist das Zelt des Beduinen Harb. Als sie uns sehen, begrüßen sie uns laut: „O Reisende, möge Allah euch ein langes Leben schenken. Willkommen!“ Im Zelt des Scheichs breite ich meine Decke auf einer Matte aus Ziegenhaar aus, und die Frau des Scheichs, deren Gesicht wie das fast aller Beduinenfrauen in dieser Gegend unbedeckt ist, wiederholt den schönen Gruß ihres Mannes. Nach der schlaflosen Nacht überkommt mich rasch der Schlaf, begleitet vom gedämpften Trommeln des Regens auf dem Zeltdach. Als ich einige Stunden später aus dem Schlaf erwache, trommelt der Regen noch immer. Die Dunkelheit der Nacht bedeckt mich – nein, das ist ja keine Nacht, sondern nur das tiefschwarze Zelttuch; und sein Geruch gleicht dem von nasser Wolle. Ich strecke beide Arme aus, und meine Hand berührt einen Kamelsattel, der hinter mir auf dem Boden liegt. Es ist angenehm, die Glätte seines alten Holzes zu ertasten. Wie wohltuend ist es, mit den Fingern darüberzufahren, bis sie den erhöhten Vorderteil des Sattels erreichen und auf die eisenharte, scharfe Kamelhaut treffen, mit der der Sattel zusammengenäht ist. Außer mir ist niemand im Zelt.

Nach einer Weile stehe ich auf und trete in den offenen Teil des Zeltes. Der Regen scheint den Sand zu zerhämmern und Löcher hineinzuschlagen … Millionen winziger Löcher, die in diesem Augenblick sichtbar werden und gleich wieder verschwinden, um neuen Löchern Platz zu machen. Dann drehe ich mich um: Zu meiner Rechten sprüht und verstreut sich das Wasser über blaugraue Granitblöcke. Ich sehe niemanden, denn um diese Tageszeit sind sie gewiss hinausgegangen, um nach ihren Kamelen zu sehen. Unten in der Senke stehen nahe den Akazien viele schwarze Zelte reglos in der Stille des regennassen Nachmittags. Aus einem von ihnen steigt eine graue Rauchspirale auf … ein Zeichen für das Abendessen. Der Rauch ist so dünn und zart, dass er dem Regen nicht standhalten kann … und kriecht am Rand entlang, hilflos zitternd, im starken Wind wie das Haar einer Frau. Hinter dem beweglichen Vorhang silbergrauer Wasserfäden scheinen die Hügel zu schwanken; die Luft ist schwer vom Geruch wilder Akazien und des feuchten Ziegenhaars der Zelte.

Allmählich hören das Spritzen des Wassers und der tröpfelnde Regen auf, und unter den Strahlen der Abendsonne beginnen die Wolkenfetzen auseinanderzubrechen und davonzuziehen. Ich gehe auf einen niedrigen Granitblock zu. Auf diesem Stein befindet sich eine Mulde, so groß wie ein Trog, in der man an Festtagen den Gästen ganze gebratene Schafe und Reis serviert. Jetzt ist sie mit Regenwasser gefüllt. Als ich beide Arme hineinhalte, reicht mir das Wasser bis zu den Ellbogen: lauwarm, von erstaunlich zärtlicher Berührung. Und als ich meine Arme im Wasser bewege, kommt es mir vor, als würde meine Haut das Wasser trinken! Aus einem Zelt tritt eine Frau, einen großen Kupfertopf auf dem Kopf. Offenbar ist sie herausgekommen, um ihren Topf aus einer der vielen Vertiefungen in den Felsen und Steinen zu füllen, in denen sich durch den Regen Wasser gesammelt hat. Bald streckt sie beide Arme nach vorn, bald zur Seite oder nach oben; mit beiden Händen hält sie den Saum ihres weiten roten Kleides wie einen Fächer, und leicht hin und her schwingend geht sie weiter. Wie das Wasser schwankt, wenn es langsam über den Felsen hinabfließt, so bewegt sich auch die Frau schwankend vorwärts. Ich sage mir: Diese Frau ist so schön wie das Wasser … Aus der Ferne höre ich die Rufe der zurückkehrenden Kamele. Und da tauchen sie hinter den Hügeln auf, wie eine zerstreute Schar; die Hirten schreiten würdevoll und mit entspannten Schritten dahin und treiben sie mit scharfen, kurzen Zurufen ins Tal. Dann stoßen sie einen besonderen Laut aus: »G-r-r … G-r-r …« Die Tiere scheinen auf die Knie zu sinken; viele Kamele senken in einem wogenden Rhythmus ihre braunen Rücken zur Erde. Als der Abend dichter wird, legen die Männer den Kamelen Fesseln um die beiden Vorderbeine und zerstreuen sich in ihre Zelte. Und nun ist die Nacht gekommen, mit ihrer sanften Dunkelheit und ihrer milden Kühle. Vor den meisten Zelten brennen Feuer; das Klirren der Kochtöpfe und Pfannen und das Lachen der Frauen vermischen sich mit den plötzlichen Rufen der Männer und ihren abgerissenen Gesprächsfetzen, die der Wind zu mir herüberträgt. Nach den Kamelen sind die Schafe und Ziegen zurückgekehrt; auch sie blöken eine Weile, und manchmal heulen die Hunde auf, wie sie es jede Nacht in jedem Zelt Arabiens tun.

Zaid ist nirgends zu sehen. Vielleicht hat er sich in einem der Zelte hingelegt. Langsam gehe ich zu den bequem ausgestreckt liegenden Kamelen. Mit ihren gewaltigen Körpern haben sie sich Mulden in den Sand gegraben und liegen behaglich darin. Einige wiederkäuen, andere haben ihre langen Hälse auf dem Boden ausgestreckt. Manche heben den Kopf und schnauben durch die Nüstern, wenn ich an ihnen vorbeigehe und spielerisch ihre dicken Höcker berühre. Ein junges Kamel liegt dicht an seine Mutter geschmiegt. Bei der Berührung meiner Hand springt es auf, während seine Mutter den Kopf dreht, mich ansieht und mit weit geöffnetem Maul einen sanften Laut ausstößt. Ich schlinge beide Arme um den Hals des Kameljungen, drücke es an mich und vergrabe mein Gesicht in seinem warmen Fell am Rücken; plötzlich steht es still und reglos da – als wäre alle Furcht von ihm gewichen. Die Wärme des jungen Tierkörpers dringt durch mein Gesicht und meine Brust; ich spüre, wie das Blut unter meiner Handfläche durch die Adern seines Halses pulsiert und sich mit dem Schlag meines eigenen Blutes vermischt – und in mir ein alles überwältigendes Gefühl erweckt: das Gefühl innigster Nähe zum Leben selbst, die Sehnsucht, mich ganz inmitten des Lebens hinzugeben.

Zwei

Wir reiten auf Kamelen, und jeder ihrer Schritte bringt uns dem Ende unseres Weges näher, wo immer es liegen mag. So ziehen wir Tag um Tag durch die sonnenhelle Steppe. Nachts schlafen wir unter den Sternen, und in der sanften Kühle des Morgens erwachen wir; langsam gehe ich weiter auf das Ende meines Weges zu.

Für mich gab es nie einen anderen Weg als diesen, auch wenn ich das viele Jahre lang nicht wusste. Lange bevor mein Bewusstsein sich Mekka zuwandte, hatte er mich mit einer mächtigen Stimme gerufen: »Mein Reich ist in dieser Welt, mein Reich ist auch in der kommenden Welt. Mein Reich wartet auf den Leib und die Seele des Menschen, auf beide, und es erstreckt sich über alles, was der Mensch denkt, fühlt und tut – über seinen Handel und Wandel, seine Anbetung, sein Schlafgemach, seine Politik, über alles. Mein Reich hat kein Ende, keine Grenze.« Und als mir einige Jahre später all dies klar geworden war, erkannte ich, wo mein Platz war: Ich erkannte, dass die islamische Bruderschaft seit meiner Geburt auf mich gewartet hatte, und ich nahm den Islam an. Der Wunsch meiner frühen Jugend, eine bestimmte Bahn für meine Gedanken und Sehnsüchte zu finden, ein untrennbarer Teil einer brüderlichen Gemeinschaft zu werden – all das ging nun endlich in Erfüllung.

Es ist höchst erstaunlich – oder vielleicht gar nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, worin das Ziel des Islam besteht –, dass meine erste Erfahrung als Muslim unter Muslimen die Bruderschaft war …

In den ersten Januartagen des Jahres 1927 brach ich erneut in den Nahen Osten auf. Diesmal waren Elsa und ihr kleiner Sohn bei mir, und diesmal spürte ich, dass dies meine letzte Reise sein würde.

Seit einigen Tagen reisen wir auf dem Meer durch das Mittelmeer, durch einen schimmernden Kreis aus Meer und Himmel. Manchmal werden wir von einer fernen Küste und dem Rauch der Schiffe begrüßt, die rasch an uns vorüberziehen; Europa ist weit hinter uns zurückgeblieben, und ich habe es beinahe vergessen.

Oft verlasse ich den behaglichen Komfort unseres Kabinendecks und gehe hinunter in den heruntergekommenen Bereich des Schiffes mit dem niedrigsten Fahrpreis, wo eiserne Kojen übereinanderliegen. Das Schiff fuhr in den Fernen Osten, und so waren die meisten Deckpassagiere Chinesen, kleine Handwerker und Händler, die nach vielen Jahren harter Arbeit in Europa in ihre Heimat zurückkehrten. Außerdem gab es eine kleine Gruppe jemenitischer Araber, die in Marseille an Bord gegangen waren. Auch sie kehrten in ihre Heimat zurück. Der Klang und der Geruch der westlichen Häfen hafteten noch an ihnen. Noch lebten sie in der Abendröte ihrer Tage, als ihre braunen Hände auf englischen, amerikanischen und holländischen Schiffen Kohle schaufelten; noch unterhielten sie sich über die seltsamen Häfen fremder Städte – New York, Buenos Aires, Hamburg. Eines Tages hatten sie sich, von einem plötzlichen Verlangen nach dem leuchtenden Unbekannten getrieben, im Hafen von Aden als Heizer und Kohlen1[zum Beschicken des Schiffskessels mit Kohle eingesetzt] angeheuert. Sie waren aus ihrer vertrauten Welt herausgetreten und in die unbegreifliche, erstaunliche Vielfalt der Erde eingetaucht; sie würden über sich selbst hinauswachsen. Doch schon bald würde das Schiff im Hafen von Aden anlegen, und diese Tage ihres Lebens würden in der Vergangenheit verschwinden. Anstelle der westlichen Hüte würden sie Turbane oder eine „Kufija“ tragen, die vergangenen Tage nur als Erinnerung bewahren, und jeder, der mit sich selbst beschäftigt war, würde in den Jemen zurückkehren, in sein Dorf, in sein Haus. Würden sie, so wie sie einst von zu Hause aufgebrochen waren, als genau dieselben Menschen heimkehren – oder als Menschen, die sich verändert hatten? Hatte die westliche Welt ihre Seelen in Besitz genommen – oder nur ihre Sinne gestreichelt?

Das Problem dieser Menschen verdichtete sich in meinem Geist zu einem Problem von weit größerer Tragweite.

Ich begriff, dass der Islam und die westliche Welt einander in der Vergangenheit niemals so nahegekommen waren wie heute. Diese Nähe war ein Kampf – sichtbar und unsichtbar zugleich. Unter dem Druck der westlichen Kultur schrumpften die Seelen vieler muslimischer Frauen und Männer immer mehr zusammen.

Die Verbesserung des Lebensstandards sollte ein Mittel sein, den Menschen geistig zu heben – doch indem sie von diesem früheren Glauben abwichen, ließen sie sich auf einen anderen Weg führen. Sie wandten sich jenem Götzendienst namens Fortschritt zu, dem sich die westliche Welt ergeben hatte, nachdem sie die Religion irgendwo im Hintergrund der Ereignisse in nichts weiter als ein wohlklingendes Klimpern verwandelt hatte. Und deshalb machten sich diese muslimischen Männer und Frauen allmählich kleiner, statt größer zu werden; denn jede kulturelle Nachahmung steht der schöpferischen Kraft entgegen und erniedrigt daher zwangsläufig jede Nation oder jedes Volk …

Es geht nicht darum, dass die Muslime vom Westen nichts zu lernen hätten, besonders auf technischem Gebiet. Doch wissenschaftliche Vorstellungen und Methoden zu erwerben, ist in Wahrheit keine Nachahmung – und ganz gewiss nicht für ein Volk, dessen Religion es anweist, nach Wissen zu suchen, wo immer es zu finden ist. Die Wissenschaft gehört weder dem Westen noch dem Osten; denn alle wissenschaftlichen Entdeckungen sind nur einige wenige Glieder in der endlosen Kette geistiger Anstrengungen des Menschen, die die gesamte Menschheit umfasst. Jeder Wissenschaftler baut auf dem Fundament, das seine Vorgänger gelegt haben, ganz gleich, ob sie seinem eigenen Volk oder einem anderen Volk angehörten. Dieser Prozess des Aufbaus, der Korrektur und der Weiterentwicklung setzt sich von Mensch zu Mensch, von Zeitalter zu Zeitalter und von Zivilisation zu Zivilisation fort – weshalb der wissenschaftliche Erfolg eines bestimmten Zeitalters oder einer bestimmten Zivilisation niemals als deren eigenes Verdienst betrachtet werden kann. In manchen Epochen vermag eine lebhaftere und tatkräftigere Nation als andere einen größeren Beitrag zum gemeinsamen Schatz der Wissenschaft zu leisten; doch letztlich nehmen alle an diesem Prozess teil, und zwar zu Recht. Es gab eine Zeit, in der die Zivilisation der Muslime weit kraftvoller war als die Zivilisation Europas. Diese Zivilisation brachte Europa viele technische Erfindungen revolutionärer Art und noch mehr: die eigenen grundlegenden Prinzipien der „wissenschaftlichen Methode“, auf denen die moderne Zivilisation aufgebaut ist. Dennoch machte die ursprüngliche Entdeckung von Dschābir ibn Hayyān die Chemie nicht zu einer arabischen Wissenschaft; ebenso wenig kann man Algebra und Trigonometrie als muslimische Wissenschaft bezeichnen, obwohl die eine von al-Chwarizmi entwickelt wurde und der andere al-Battani als Erfinder gilt – und obwohl beide Muslime waren. Genauso können wir nicht von einer „englischen Gravitationstheorie“ sprechen, obwohl der Mann, der dieser Theorie ihre Gestalt gab, ein Engländer war. Alle derartigen Leistungen sind ein gemeinsames Gut der Menschheit. Wenn die Muslime daher moderne Methoden in Wissenschaft und Technik übernehmen – was sie unbedingt tun sollten –, dann folgen sie lediglich jener evolutionären Anlage des Menschen, durch die er sich die Erfahrungen anderer Menschen zu eigen macht; sie folgen lediglich jener evolutionären Anlage des Menschen, durch die er sich die Erfahrungen anderer Menschen zu eigen macht – mehr nicht.

Wenn sie jedoch die äußere Gestalt des westlichen Lebens, seine Sitten, Gebräuche und sozialen Vorstellungen übernehmen – wozu sie keineswegs verpflichtet sind –, werden sie niemals einen Gewinn davon haben. Denn was der Westen ihnen in diesem Bereich geben kann, wird keineswegs besser sein als das, was ihre eigene Kultur ihnen gegeben hat und worauf ihr eigener Glaube sie hinweist. Wenn die Muslime einen kühlen Kopf bewahren und den Fortschritt als Mittel, nicht als Ziel annehmen, werden sie nicht nur ihre innere Freiheit bewahren können; vielleicht werden sie auch imstande sein, den Menschen des Westens jenes verlorengegangene Geheimnis der Süße des Lebens zu enthüllen …

.. .           .. .          .. .             .. .           ..

Unter den Jemeniten an Bord war ein schmächtiger, kleinwüchsiger Mann, dessen Nase einem Adlerschnabel glich und dessen Gesicht so markant war, dass es geradezu zu brennen schien; doch seine Bewegungen waren äußerst ruhig und beherrscht. Als er hörte, dass ich ein Neumuslim war, begann er, mir besondere Zuneigung zu zeigen. Stunden um Stunden saßen wir beide gemeinsam an Deck, während er mir von seinem Bergdorf im Jemen erzählte. Sein Name war Muhammad Salih.

Eines Abends ging ich hinunter und traf ihn an Deck. Einer seiner Freunde lag fieberkrank auf einer eisernen Koje. Man sagte mir, der Schiffsarzt werde es überhaupt nicht für nötig halten, an Deck herunterzukommen. Der Mann litt an Malaria. Deshalb gab ich ihm Chinin. Während ich mich um ihn kümmerte, versammelten sich die anderen Jemeniten in einer Ecke um den kleinen Muhammad Salih. Sie warfen mir schräge Blicke zu und folgten dem Rat, den Muhammad Salih ihnen zuflüsterte. Schließlich trat einer von ihnen vor. Der Mann war hochgewachsen, hatte einen olivbraunen Teint und glühend schwarze Augen. Er bot mir ein Bündel zerknitterter und verdrehter französischer Banknoten an:

–„Wir haben sie unter uns zusammengelegt. Leider ist es nicht besonders viel. Erweisen Sie uns die Gunst und nehmen Sie dieses Geld an.“

Ich wich erschrocken zurück und erklärte ihnen, dass ich ihrem Freund die Medizin nicht für Geld gegeben hatte.

– Nein, nein, wir wissen das; trotzdem, bitte, nehmen Sie dieses Geld an. Wir geben es Ihnen nicht als Bezahlung für irgendeine Leistung – dieses Geld ist ein Geschenk, eine Gabe von Ihren Brüdern. Wir sind sehr glücklich, Sie getroffen zu haben, und gerade deshalb geben wir Ihnen dieses Geld. Sie sind ein Muslim und unser Bruder. Mehr noch: Sie sind besser als wir. Denn wir wurden als Muslime geboren; unsere Väter waren Muslime und ebenso unsere Großväter. Sie aber haben den Islam mit Ihrem eigenen Herzen erkannt … Bruder, nehmen Sie dieses Geld um des Gesandten Allahs willen.

Doch noch war ich in den Fesseln meiner europäischen Sitten und Gebräuche gefangen; zu meiner Rechtfertigung sagte ich: „Es ist mir nicht möglich, für ein wenig Dienst an einem kranken Freund ein Geschenk anzunehmen … Außerdem besitze ich genug Geld. Ihr braucht es gewiss nötiger als ich. Wenn ihr trotzdem dieses Geld spenden wollt, dann gebt es in Port Said den Armen.“

„Nein“, sagte der Jemenit wieder, „nehmen Sie dieses Geld von uns – und wenn Sie es nicht behalten wollen, dann geben Sie es mit Ihren eigenen Händen den Armen.“

Und als sie weiter in mich drangen und, von meiner Ablehnung bestürzt, traurig und schweigend dastanden, begriff ich plötzlich: Dort, woher ich komme, sind die Menschen daran gewöhnt, zwischen ‚mein‘ und ‚dein‘ eine Mauer zu errichten; doch diese Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der es keine solche Mauer gibt …

– Gebt mir das Geld, Brüder, ich nehme es an – und ich danke euch.

Drei

– Morgen, Inschallah, werden wir in Mekka sein. Das Feuer, das du dort entzündest, Zaid, wird das letzte sein; unsere Reise neigt sich dem Ende zu!

– Aber gewiss, Onkel, wir werden wieder ein Feuer entzünden müssen, und vor dir und mir wird immer eine weitere Reise liegen.

– Das mag sein, mein Bruder Zaid! Aber irgendwie spüre ich, dass es in diesem Land keine solchen Reisen mehr geben wird. Ich bin so lange in Arabien umhergezogen, dass es sich mit meinem Blut vermischt hat, und ich fürchte, wenn ich jetzt nicht aufbreche, werde ich nie mehr fortgehen können … Doch Zaid, ich muss fort. Erinnerst du dich nicht an das Sprichwort: Wenn das Wasser klar bleiben soll, muss es sich bewegen, muss es fließen! Solange ich noch jung bin, möchte ich sehen, wie unsere muslimischen Brüder in anderen Teilen der Welt leben – in Indien, China, Java …

– Aber Onkel, erwidert Zaid mit erstaunt-entsetzter Stimme, gewiss ist deine Liebe zu Arabien noch nicht erloschen.

– Nein, Zaid, ich liebe es noch immer so, wie ich es immer geliebt habe; ja, vielleicht liebe ich es sogar noch mehr. Ich liebe es so sehr, dass es mir schwerfällt, auch nur daran zu denken, was die Zukunft für dieses Land bereithält! Ich habe gehört, der König plane angeblich, sein Land für die Franken zu öffnen, damit sie ihm Geld einbringen können! Er werde ihnen erlauben, in Al-Hasa nach Erdöl und im Hedschas nach Gold im Boden zu suchen, und nur Allah weiß, welche Folgen das für die Beduinen haben wird! Dieses Land wird nie wieder so sein …

Aus der lautlosen Stille der Wüstennacht erhebt sich der hüpfende, dahineilende Hufschlag eines Kamels. Ein einsamer Kamelreiter kommt aus der Dunkelheit in den Schein unseres Lagerfeuers geritten, lässt die Fransen des Sattels flattern und die Abaya wehen; plötzlich bringt er sein Kamel zum Stehen und springt vom Sattel, ohne abzuwarten, bis das Tier niederkniet. Mit einem kurzen „As-salamu alaikum“ – „Friede sei mit euch“ – beginnt er, ohne ein weiteres Wort zu sagen, den Sattel vom Rücken des Tieres zu nehmen, wirft die daran befestigten Säcke neben das Lagerfeuer und setzt sich dann auf den Boden – noch immer schweigend, das Gesicht abgewandt.

–»Möge Allah Ihnen ein langes Leben schenken, Abu Sayyid«, sagt Zayd. Denn es wurde klar, dass er den Neuankömmling kannte. Doch der Mann blieb noch immer stumm. Daher wandte Zayd sein Gesicht mir zu und sagte: »Das ist einer von Ibn Sauds Rajazil – ein Teufel!«

Der düstere Abu Sayyid ist von tiefschwarzer Hautfarbe; seine dicken Lippen und sein lockiges Haar, das sorgfältig gescheitelt und in zwei Hälften geteilt ist – der Dolch, der in seinem Hüftgurt steckt, ist höchstwahrscheinlich ein Geschenk des Königs, in einer goldenen Scheide; und sein Reittier ist eine prächtige, honigfarbene Kamelstute aus der nordischen Kamelrasse. Seine Glieder sind schlank und frei von jedem überflüssigen Fleisch – sein Kopf ist schmal, seine Schultern und sein Gesäß dagegen kräftig und muskulös.

–»Was ist mit dir, Abu Sayyid? Warum sprichst du nicht mit deinen Freunden? Hat dich etwa ein Dschinn besessen?«

»Nura …«, flüsterte Abu Sayyid. Und nachdem der heiße Kaffee, kurze Zeit später, die Schwerfälligkeit seiner Zunge gelöst hatte, begann er, uns von Nura zu erzählen: Nura, ein Mädchen aus der Stadt Arras in Nadschd (er nannte auch den Namen des Vaters des Mädchens; und es stellte sich heraus, dass ich ihn sehr gut kannte). Als Nura mit den anderen Mädchen Wasser schöpfte, beobachtete Abu Sayyid sie heimlich über die Gartenmauer hinweg, »und ich spürte, als wäre eine glühende Kohle in mein Herz gefallen. Ich liebe sie, aber ihr Vater, dieser Hund, will mir seine Tochter um keinen Preis zur Frau geben – einem Bettler! – und behauptet, Nura habe Angst vor mir! Ich hatte ihr als Morgengabe viel Geld angeboten, sogar ein Stück Land von mir; doch stets wies sie mich zurück, und schließlich verheiratete er sie mit ihrem Cousin. Allahs Fluch komme über ihn – und über Nura!«

Eine Seite seines kräftigen, tiefschwarzen Gesichts wird vom Licht des Lagerfeuers erhellt, und der Schatten, der über sein Gesicht tanzt, gleicht dem Schatten einer Hölle voller Qualen. Er kann nicht lange sitzen bleiben; von Unruhe gepeinigt, springt er auf. Einen Augenblick legt er beide Hände auf den Sattel, kehrt zum Feuer zurück und stürzt dann plötzlich hinaus in die Dunkelheit der leeren Nacht. Wir hören, wie er in einem weiten Kreis um den Platz rennt, an dem wir unser Zelt aufgeschlagen haben, und schreit – schreit:

–»Nuras Feuer verbrennt mich und verzehrt mich! In meiner Brust brennt Nuras Feuer!« – und wieder begann er schluchzend zu weinen: »Nura, Nura!«

Wieder kommt er auf das Lagerfeuer zu und beginnt, im Kreis um es herumzulaufen; dabei flattert sein Kaftan, wie ein gespenstischer Nachtvogel im flackernden Licht des tanzenden Feuers und in der Dunkelheit.

War er verrückt? Das glaubte ich nicht. Doch vielleicht waren aus den tiefsten, dunklen Abgründen seines Inneren seelische Regungen erwacht, die mit den Erinnerungen der Urväter verbunden waren – mit den Erinnerungen an die Urväter in den Wäldern Afrikas –, mit den Erinnerungen jener Menschen, die inmitten von Geistern, Dämonen und übernatürlichen Geheimnissen lebten, noch in unmittelbarer Nähe zu jener Zeit, als der göttliche Funke des Bewusstseins das Tier in einen Menschen verwandelt hatte; und jener Funke war noch nicht stark genug, um die zügellosen Triebe zusammenzubinden und sie in eine höhere Leidenschaft zu verwandeln … Einen Augenblick lang meinte ich, Abu Sayyids Herz wirklich vor mir zu sehen: ein Klumpen aus Blut und Fleisch, der im Feuer der Begierde brannte, als stünde er tatsächlich in Flammen. Und aus irgendeinem Grund erschien es mir ganz natürlich, dass er auf so entsetzliche Weise weinte, weinte und in Kreis um Kreis wie ein Wahnsinniger weiterlief, bis die angeketteten Kamele sich vor Angst auf drei Beine erhoben …

Dann kehrt er zu uns zurück und lässt sich mit einem dumpfen Plumps auf dem Boden nieder. Den Ausdruck des Unwillens, der bei diesem Anblick eines solchen unbeherrschten Ausbruchs auf Zaids Gesicht tritt, kann ich deutlich erkennen. Denn für einen echten Araber von vornehmer Gesinnung gibt es nichts Abstoßenderes als eine derart zügellose Gefühlsäußerung. Doch Zaids edles Herz fasst sich schon nach kurzer Zeit wieder. Er packt Abu Saiyid am Ärmel und zieht kräftig daran, und als Abu Saiyid den Kopf hebt und Zaid mit leerem Blick ansieht, zieht Zaid ihn sanft zu sich heran:

– O Abu Saiyid, wie kannst du dich nur so vergessen? Abu Saiyid, du bist doch ein Krieger … Du hast viele Menschen getötet und bist selbst oft nur knapp dem Tod durch Menschenhand entkommen! Und jetzt sollst du durch den Schlag einer Frau zu Boden gehen? Auf der Welt gibt es außer Nura noch andere Frauen … O Abu Saiyid, Krieger, Narr …

Während der Afrikaner leise schluchzt und sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt, fährt Zaid fort:

– Schweig, Abu Saiyid … Heb den Kopf und sieh: Kannst du den leuchtenden Weg am Himmel erkennen?

Abu Saiyid blickt voller Verwunderung zum Himmel empor, und ohne es zu merken, folge auch ich automatisch Zaids ausgestrecktem Zeigefinger und richte meinen Blick auf den blassen, unebenen Weg, der sich durch den Himmel von einem Horizont bis zum anderen zieht. Ihr würdet ihn die Milchstraße nennen; doch die Beduinen wissen in ihrer Wüstenweisheit, dass er nichts anderes ist als jener Weg des Schafes, das zu Ibrahim gesandt wurde, als er aus Gehorsam gegenüber Allah und in der Verzweiflung seines Herzens das Messer erhob, um seinen erstgeborenen Sohn zu opfern. Dieser Weg des Schafes ist für immer am Himmel sichtbar geblieben – als Zeichen von Barmherzigkeit und Erbarmen, zum Andenken an die Befreiung, die gesandt wurde, um den Schmerz eines menschlichen Herzens zu lindern. Und deshalb ist er auch ein Trost für jene, die später, in der Zukunft, kommen werden: für jene, die allein oder orientierungslos durch die Wüste irren, und für jene, die durch die Wüste ihres eigenen Lebens wandern, weinend, einsam und verlassen, schwankend und stolpernd!

Und Zaid hebt die Hand zum Himmel und spricht mit Ernst, ohne jede Spur von Hochmut, wie es nur ein Araber vermag:

– Dies ist jener Weg des Schafes, das Allah zu unserem Vorvater Ibrahim sandte, als er im Begriff war, sein erstgeborenes Kind zu opfern. Auf diese Weise erwies Allah seinem Diener Barmherzigkeit … Glaubst du, Allah vergisst dich? Bei Zaids bewegenden Worten wird Abu Saiyids schwarzes Gesicht in kindlichem Staunen weich; ein Ausdruck größerer Gelassenheit tritt darauf. Und wie ein Schüler, der seinem Lehrer folgt, blickt er aufmerksam zum Himmel empor und versucht, dort eine Entscheidung für seine Verzweiflung zu finden …

Vier

Ibrahim und sein himmlischer Widder: Solche Bilder entstehen im Geist der Menschen dieses Landes ganz von selbst. Die Erinnerung an jenen alten Stammesfürsten ist unter uns so klar und lebendig, dass sie bei den Christen des Westens bei weitem nicht so lebendig ist. Was die Christen auch sein mögen – für ihre religiösen Vorstellungen stützen sie sich zunächst auf die Thora; doch für die Araber ist diese Erinnerung sogar weitaus heller und lebendiger als für die Juden, obwohl die Thora in den Augen der Juden Allahs erstes und letztes Wort an die Menschen ist. Ibrahims geistige Gegenwart wird in Arabien jeden Augenblick empfunden, ebenso wie in der gesamten muslimischen Welt – nicht nur darin, dass muslimische Jungen häufig nach ihm benannt werden (in seiner arabischen Namensform Ibrahim), sondern auch darin, dass er im Koran und im täglichen Gebet der Muslime immer wieder gegenwärtig ist; in beiden Fällen durch die Erinnerung an die Rolle des Stammesfürsten als des ersten bewussten Verkünders der Einheit Allahs. Darin liegt die Erklärung dafür, warum der Islam der jährlichen Pilgerfahrt nach Mekka eine so außerordentliche Bedeutung beimisst. Denn die Geschichte Ibrahims ist seit Urzeiten eng mit Mekka verbunden. Viele Menschen im Westen glauben irrtümlich, Ibrahim sei nur deshalb in den Mittelpunkt des muslimischen Denkens gelangt, weil Muhammad (Friede sei mit ihm) versucht habe, Stoff aus den jüdischen Religionsgeschichten zu „entlehnen“. Historisch ist jedoch erwiesen, dass die Araber Ibrahim als Person schon lange vor dem Aufstieg des Islam sehr wohl kannten. Jede Erwähnung dieses Stammesfürsten im Koran ist in einer Weise formuliert, die keinen Zweifel daran lässt, dass er schon viele Zeitalter vor der Zeit Muhammads (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) vor dem inneren Auge der Araber lebendig war. Sein Name und die Grundzüge seines Lebens werden stets ohne irgendeine Einleitung oder Erklärung erwähnt – ein Umstand, mit dem gewiss schon die allerersten Hörer des Korans vertraut waren. Tatsächlich nimmt Ibrahim schon in den vorislamischen arabischen Genealogien durch Ismail, den Sohn Hagars, einen herausragenden Platz als Stammvater der arabischen Stämme des Nordens ein; dieser Stammesverband umfasst heute mehr als die Hälfte der gesamten arabischen Bevölkerung.

Zu diesem Stammesverband gehörte auch Muhammads Stamm, die Quraisch. In der Thora wird von der Geschichte Ismails und seiner Mutter nur ihr Anfang erwähnt. Denn zu deren späterem Verlauf besteht kein unmittelbarer Zusammenhang mit dem Schicksal des hebräischen Volkes, und die Hebräer haben hierzu ihre eigene Überlieferung.

Der Überlieferung zufolge ließ Ibrahim Hadschar und Ismail dort zurück, wo heute Mekka liegt. Die Geschichte, wie sie überliefert wird, ist keineswegs unmöglich, wenn wir bedenken, dass eine Reise von dreißig oder mehr Tagen für einen nomadischen Kamelreiter durchaus nichts Ungewöhnliches war und auch heute nicht wäre. Wie dem auch sei, die arabische Überlieferung berichtet, Ibrahim habe Hadschar und ihr Kind gerade in dieses Tal gebracht – in diese Schlucht zwischen den nackten, vom Morgenlicht überstrahlten Felsbergen unter der Sonne Arabiens, über die der Wüstenwind wie die lodernden Flammen eines Feuers hinwegfegt und die selbst die Raubvögel meiden! Selbst heute, da das Tal von Mekka voller Häuser, Straßen und Menschen aus vielen Sprachen und Völkern ist, schreit die Einsamkeit der Wüste noch immer aus den stillen, reglosen Berghängen ringsum hervor. Über den zahllosen Männern und Frauen, die vor der Kaaba im Gebet niederfallen, schwebt die körperlose Gegenwart vieler Jahrtausende einer fernen Vergangenheit; eine ununterbrochene, leblose Stille hängt über dem leeren Tal.

Für jene ägyptische Frau, die zweite Ehefrau, Bibi Hadschar, war dies eine geeignete Umgebung für Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sie hatte ihrem Mann einen Sohn geboren und war deshalb zum Gegenstand eines solchen Hasses seiner ersten Frau geworden, dass sie und ihr Sohn Ismail ins Exil geschickt werden mussten. Der Stammesfürst Ibrahim muss im Herzen gelitten haben, als er dies tun musste, um den Willen seiner unbeugsamen Frau zu erfüllen. Doch wir müssen bedenken, dass er Allah besonders nahe stand und fest daran glaubte, dass Allahs Barmherzigkeit keine Grenzen kennt. Im Schöpfungsbuch der Thora erfahren wir, dass Allah ihn auf diese Weise tröstete: „Es soll dir nicht leid tun wegen des Knaben und wegen deiner Magd … Aus ihrem Sohn werde ich ein Volk entstehen lassen, denn er ist dein Nachkomme.“ Und so ließ Ibrahim jene weinende Frau und ihren Sohn in diesem Tal zurück; er gab ihnen einen Wasserschlauch und einen mit Datteln gefüllten Lederbeutel, während er selbst über Mada’in in Richtung Kanaan weiterzog.

In jenem Tal stand nur ein einziger wilder Baum. In seinem Schatten saß Hadschar mit dem Kind auf dem Schoß. Um sie herum gab es nichts außer dem blendenden Licht über dem wogenden heißen Sand und den Hängen der felsigen Geröllberge. Wie herrlich war der Schatten dieses Baumes … Doch diese Stille – eine furchtbare Stille, in der nicht einmal der Atem eines Lebewesens zu hören war! Der Tag neigte sich dem Ende zu. Nach und nach dachte Hadschar: Wenn doch nur irgendein Lebewesen hierherkäme – ein Vogel, ein Tier, ja … sogar ein Raubtier! Oh, welche Freude wäre das gewesen! Doch nichts kam außer der Nacht. Die Nacht kam mit der Erquickung der Wüstennacht, als breite sie die Kühle der Dunkelheit und des Himmels wie ein Dach aus, wodurch die Bitterkeit ihrer Verzweiflung gemildert wurde. In Hadschar keimte neuer Mut. Sie gab ihrem kleinen Sohn einige Datteln und beide tranken Wasser aus dem Wasserschlauch.

Die Nacht ging zu Ende, und ein weiterer Tag kam, dann eine weitere Nacht. Doch als der dritte Tag mit seinem feurigen Atem anbrach, war kein einziger Tropfen Wasser mehr im Schlauch; und die Verzweiflung überwältigte alle Kraft, während die Hoffnung wie ein zerbrochenes Gefäß dalag. Als das Kind vergeblich nach Wasser zu weinen begann, schrie Hadschar mit immer schwächer werdender Stimme zu Allah. Vom Leid des Kindes überwältigt, hob sie beide Hände zum Himmel und begann, im Tal hin und her zu laufen. In Erinnerung an ihre verzweifelten Rufe laufen die Pilger, die heute nach Mekka kommen, siebenmal zwischen diesen beiden Hügeln hin und her und rufen dabei, wie Hadschar einst in ihrer Not schrie: „O Barmherziger, o Gnädiger, wer wird sich unser erbarmen, wenn nicht du?“

Und da kam die Antwort: Sieh, eine Wasserquelle ist hervorgebrochen und beginnt über den Sand zu fließen! Hadschar stieß einen Freudenschrei aus und hielt den Mund des Kindes an die kostbare Flüssigkeit, damit es trinken konnte; auch sie trank mit ihm, zwischen den Atemzügen in betender Weise „Zammi, Zammi“ sagend – ein Wort ohne eigene Bedeutung, offenbar als Nachahmung des Geräuschs des Wassers, das aus der Erde hervorquoll, als wollte sie sagen: „Quell hervor, quell hervor.“ Damit das Wasser nicht versiegte und unter der Erde verschwand, häufte Hadschar rings um die Quelle Sand auf und errichtete eine kleine Mauer. Dadurch kam der Wasserstrom zum Stillstand und wurde zu einem Brunnen. Seit jener Zeit ist er als der Zamzam-Brunnen bekannt und besteht bis heute fort.

Die beiden waren nun vor dem Verdursten gerettet, und die Datteln reichten noch einige Zeit. Einige Tage später zog zufällig eine Gruppe Beduinen durch den Eingang dieses Tals; sie waren mit ihren Familien und Herden aus ihrer Heimat im Süden Arabiens aufgebrochen und suchten neue Weidegründe. Als sie sahen, wie Schwärme von Vögeln über dem Tal kreisten, schlossen sie daraus, dass es hier gewiss Wasser geben müsse. Einige von ihnen trieben ihre Kamele ins Tal, um nachzusehen, was es dort gab, und fanden eine einsame Frau mit einem Kind, die am Rand eines bis zum Rand gefüllten Brunnens saß. Die Männer waren von ruhigem Wesen. Daher baten sie Hadschar um Erlaubnis, sich in ihrem Tal niederzulassen. Hadschar stimmte unter einer Bedingung zu: Der Brunnen Zamzam sollte für immer das Eigentum Ismails und seiner Nachkommen bleiben.

Was nun Ibrahim betrifft, so berichtet die Überlieferung, dass er einige Zeit später in dieses Tal zurückkehrte und dort, wie Allah es versprochen hatte, Hadschar und ihren Sohn lebend vorfand. Von da an kam er häufig zu ihnen; vor seinen Augen wurde Ismail zu einem erwachsenen Mann und heiratete ein Mädchen aus einem südarabischen Stamm. Einige Jahre später erhielt der Stammesfürst Ibrahim im Traum den Auftrag, für seinen Herrn nahe dem Brunnen Zamzam ein Gebetshaus zu errichten. Mit der Hilfe seines Sohnes errichtete er daraufhin in Mekka das erste Modell jenes Gotteshauses, das noch heute besteht und als Kaaba bekannt ist. Als sie die Steine für jenes Haus bearbeiteten, das später als das erste für die Anbetung des einen Allah errichtete Haus gelten sollte, hob Ibrahim sein Gesicht zum Himmel und rief mit bewegter Stimme: „Labbaika! Allahumma labbaika.“ „Für Dich bin ich bereit, o Allah, für Dich bin ich bereit.“ Deshalb erheben die Muslime, wenn sie zur Pilgerfahrt zu jenem ersten, in Mekka dem einen Allah geweihten Gotteshaus aufbrechen und sich der Heiligen Stadt nähern, denselben Ruf: „Labbaika! Allahumma labbaika.“

Fünf

‘Labbaika! Allahumma labbaika।…

Wie oft habe ich diesen Ruf während meiner fünf Pilgerfahrten nach Mekka gehört! Es schien mir, als hörte ich ihn noch immer, während ich am Feuer lag, bei Zayd und Abu Sa’id.

Ich schließe die Augen, und der Mond und die Sterne verschwinden vor meinem Blick. Ich lege meinen Arm über mein Gesicht, und selbst das Licht des Feuers vermag meine Augenlider nicht mehr zu durchdringen. Alle Geräusche und Laute der Wüste versanken. Ich hörte nichts mehr außer dem Ruf „Labbaika“ in meinem Innern und dem undeutlichen Murmeln und Pochen des Blutes in meinen Ohren. Das Blut gab einen unbestimmten Laut von sich, pochte und schlug gegen die Wände, wie die Wellen des Meeres gegen den Schiffsrumpf schlagen, und wie das Rattern des Motors. Ich hörte das Rattern des Motors, spürte unter mir das Zittern der Schiffsplanken, roch den Rauch und das Öl des Schiffes und hörte jenen Ruf: „Labbaika! Allahumma labbaika.“ So hatte er aus Hunderten von Kehlen auf jenem Schiff widerhallt, das mich sechs Jahre zuvor auf meiner ersten Pilgerfahrt von Ägypten nach Arabien über ein Meer getragen hatte, das Rotes Meer heißt und von dem niemand weiß, warum es so genannt wird. Denn wir fuhren mit dem Schiff durch den Sueskanal; zu seiner Rechten lagen einige Berge Afrikas, zu seiner Linken die Bergketten des Sinai-Tals – zwei nackte, unbedeckte, felsige Gebirge ohne jeden Pflanzenwuchs. Mit dem Vorankommen des Schiffes rückten sie immer weiter zurück, bis wir in eine weitere nebelgraue Ferne gelangten, beinahe außerhalb des Blickfelds, von wo aus das Land nur noch zu spüren, nicht aber mit den Sinnen zu sehen war. Auf der ganzen Strecke durch den Sueskanal sah das Wasser, das wir erblickten, nicht rot, sondern grau aus. Und als wir am späten Nachmittag in das offene, weite Rote Meer hinausfuhren, zeigte sich, dass auch das Rote Meer unter der sanften Berührung einer milden Brise ebenso blau war wie das Mittelmeer.

Auf dem Schiff befinden sich ausschließlich Pilger, und ihrer sind so viele, dass man kaum sagen kann, das Schiff sei überhaupt in der Lage, all diese Menschen zu befördern. Die von der Aussicht auf Gewinne während der kurzen Hadsch-Saison besessene, gierige Schifffahrtsgesellschaft überlädt das Schiff buchstäblich bis zum Rand, ohne auf den Komfort der Passagiere zu achten. Auf dem Deck, in den Kabinen, in den Gängen, auf jeder Treppe, in den Speisesälen der ersten und zweiten Klasse und in den Laderäumen, die für die Beförderung von Passagieren geleert und mit Leitern versehen wurden, ist jeder freie Platz und jeder Winkel auf qualvolle Weise mit Menschen vollgestopft. Fast alle sind Pilger aus Ägypten und Nordafrika. Mit äußerster Demut und ausschließlich das Ziel dieser Reise vor Augen ertragen sie diese unnötigen Leiden, ohne zu protestieren oder sich zu beklagen. Wie sie – Frauen, Männer und Kinder – in dicht zusammengedrängten Gruppen wie Tiere auf den Deckplanken liegen und unter größten Mühen ihr Haushaltsgeschirr scheuern und reinigen; wie sie kochen (denn die Gesellschaft stellt keinerlei Nahrung bereit); wie sie ständig, sich gegenseitig drängend, mit Blechbechern oder mit Segeltuch umwickelten Wassergefäßen auf der Suche nach Wasser hin und her eilen – jeden Augenblick eine Qual in diesem Gedränge von Menschen; wie sie sich fünfmal am Tag um die Wasserhähne versammeln, weil für so viele Menschen nur sehr wenige Zapfstellen zur Waschung vor dem Salat vorhanden sind. Wie sie in der erstickenden Luft der tiefen Schiffsräume leiden, in den Laderäumen zwei Decks unterhalb des Decks, in denen sonst nur Ballen und Kisten mit Waren befördert werden – wer dies sieht, wird die Stärke des Glaubens, die Kraft der Überzeugung erkennen, durch die diese Pilger stark sind; denn in Gedanken an Mekka sind sie so versunken, so völlig hingegeben, dass es scheint, als empfänden sie ihre Leiden tatsächlich überhaupt nicht. Auf ihren Lippen ist nur vom Hadsch die Rede, und die Erregung, mit der sie ihrer nahen Zukunft entgegensehen, lässt ihre Herzen aufleuchten. Die Frauen singen oft im Chor Lieder von der heiligen Stadt, und immer wieder erschallt der Ruf: „Labbaik! Allahumma labbaik!“

Gegen Mittag des zweiten Tages ertönt die Schiffssirene: Das ist das Zeichen, dass wir den Breitengrad von Rabigh erreicht haben. Rabigh ist ein kleiner Hafen nördlich von Dschidda, wo männliche Pilger aus den nördlichen Regionen einer alten Überlieferung gemäß ihre Alltagskleidung ablegen und den Ihram, die Kleidung der Hadsch-Pilger, anlegen müssen. Diese Kleidung besteht aus zwei ungenähten Stücken weißer Wolle oder Baumwolle; das eine wird um die Hüften gewickelt und reicht bis unter die Knie, während das andere lose über eine Schulter hängt und der Kopf unbedeckt bleibt. Der Sinn dieser Kleidung, die auf einem Vorbild aus der Vergangenheit des Gesandten beruht, ist folgender: Die Gläubigen, die zur Zeit des Hadsch aus allen Teilen der Welt kommen, um das Haus Allahs zu besuchen, sollen einander nicht als Fremde empfinden; zwischen Völkern und Nationen, zwischen Reichen und Armen oder zwischen Höher- und Niedriggestellten soll es keinen Unterschied geben, damit sie alle wissen: Sie sind Brüder, vor Allah und den Menschen gleich. Und ehe man sich versieht, sind alle farbenprächtigen Gewänder der Männer von unserem Schiff verschwunden! Nun sieht man weder den roten Tarbusch von Tunis noch den prächtigen, kostbaren Burnus der Marokkaner oder die geschmacklose Galabija der Ägypter; überall um uns herum sind nun die Körper der Pilger zu sehen, die sich, offensichtlich tief von dieser Veränderung und dem Zweck des Hadsch bewegt, mit größerer Würde bewegen. Da der Ihram einen großen Teil des Körpers der Frauen freilegen würde, behalten die Pilgerinnen ihre gewöhnliche Kleidung. Doch wie wir auf unserem Schiff sehen konnten, ist ihre Kleidung entweder ganz schwarz oder ganz weiß – schwarze Gewänder an den ägyptischen Frauen und weiße an den Frauen Nordafrikas – und ihre Kleidung verleiht dem Gesamtbild nicht den geringsten Farbtupfer.

Am frühen Morgen des dritten Tages wirft das Schiff den Anker. Fast alle stehen wir an der Reling, der arabischen Küste zugewandt, und blicken zum Land hinüber, das allmählich aus dem Morgennebel hervortritt.

In alle Richtungen sehen wir die Schattenrisse anderer Pilgerschiffe und zwischen diesen Schiffen und dem Land Streifen aus verblasstem Gelb und Smaragdgrün im Wasser: unterseeische Riffe, ein Teil jener langen, hinderlichen Riffkette vor der Ostküste des Roten Meeres. Weit im Osten zeichnet sich etwas Niedriges ab, das wie Berge aussieht und im Zwielicht verborgen liegt; doch als hinter ihm plötzlich die Sonne aufgeht, ist es kein Berg mehr, sondern eine Stadt am Meer, die sich vom Ufer stufenweise aufwärts bis zu ihrer Mitte erstreckt, mit Häusern, die immer höher hinaufsteigen – ein kleines, zart wirkendes Bauwerk aus rosafarbenem und gelblich-grauem Korallenstein: der Hafen von Dschidda. Nach und nach erkennen wir deutlicher die vorspringenden, mit Fransen verzierten Fenster und die Balkone, deren Verstecke und Winkel die feuchte Witterung vieler Jahre mit demselben grauen Farbton überzogen hat. In der Mitte ragt ein Minarett gen Himmel, weiß und gerade, wie eine aufrecht emporgehobene Traube.

Wieder ertönt der Ruf: „Labbaik! Allahumma labbaik!“ – ein freudiger Ruf der Hingabe und Begeisterung, der aus der Mitte der erregten Hadsch-Pilger in weißen Gewändern an Bord aufsteigt und über das Wasser dem Land ihrer höchsten Hoffnungen und Träume entgegeneilt!

Ihre Hoffnung – und auch die unsere: Denn für mich ist dieser Anblick der arabischen Küste der krönende Abschluss meiner jahrelangen Suche. Ich blicke zu meiner Frau Elsa, die mich auf dieser Hadsch-Reise begleitet, und lese in ihren Augen dasselbe Gefühl …

Und dann sehen wir vom Festland her einen Schwarm weißer Flügel mit großer Geschwindigkeit auf uns zukommen: Die Küstenboote Arabiens, mit hoch aufgerichteten Lateinsegeln, gleiten über die schräg daliegende Meeresfläche, lautlos in sanftem Rhythmus, sich windend und krümmend, als kämen sie durch die Lücke zwischen zwei unsichtbaren Korallenriffen – die ersten von Arabien gesandten Boten, bereit, uns willkommen zu heißen. Langsam kommen die Boote immer näher, bis sie schließlich alle zusammen an der Seite des Schiffes liegen, die Masten geneigt und schwankend. Ihre Segel werden eines nach dem anderen mit großer Geschäftigkeit eingeholt, wobei sie zischende Geräusche von sich geben und die Segel mit flatternden Schlägen antworten – als sei ein Schwarm riesiger Kraniche auf der Suche nach Nahrung niedergegangen. Aus der Stille, die noch vor einem Augenblick geherrscht hat, erhebt sich unter ihnen plötzlich ein raues Stimmengewirr und Geschrei: Es sind die Rufe der Bootsleute, die nun von einem Boot ins andere springen und die Treppe des Schiffes stürmen, um die Bündel, Kisten und Gepäckstücke der Pilger zu ergreifen. Vom Anblick des Heiligen Landes sind die Pilger so überwältigt und erregt, dass sie nicht einmal versuchen, sich zu schützen, sondern alles über sich ergehen lassen, was man ihnen antut!

Die Boote sind schwer und breit; ihre ungepflegte, holprige Rumpfform passt erstaunlich wenig zu der Schönheit und der schlanken Gestalt ihrer hohen Masten und Segel. Gewiss war es auf einem solchen Boot, vielleicht auf einem etwas größeren Fahrzeug dieser Art, dass der kühne Meeresbezwinger Sindbad aufbrach – zu all den Abenteuern, um die ihn niemand gebeten hatte –, und auf einer Insel landete, die in Wirklichkeit … oh, der Rücken eines furchtbaren Wals war … Und auf Schiffen dieser Art setzten auch die vielen Phönizier Sindbads durch das Rote Meer die Segel, fuhren nach Süden und setzten ihre Reise über das Arabische Meer fort … auf der Suche nach scharfen Gewürzen, Agarholz, Weihrauch und den Edelsteinschätzen von Ophir …

Und nun fahren wir, die kümmerlichen zwergenhaften Erben jener kühnen und heldenhaften Seefahrer, in einem Boot durch das Korallenmeer, in weitem Bogen den unter der Wasseroberfläche versunkenen Korallenriffen ausweichend: lauter Pilger, in weiße Tücher gekleidet, eine stumme Menschenmenge, dicht gedrängt zwischen Koffern, Kisten, Truhen und Bündeln … Unsere Herzen beben vor Erwartung, wir erschauern!

Auch ich war voller Erwartung. Doch als ich am Bug des Bootes saß und die Hand meiner Frau in meiner hielt – wie hätte ich damals voraussehen können, dass dieser so bescheidene Versuch einer Pilgerfahrt unser Leben so tief, so vollständig verändern würde? Wieder muss ich an die Geschichte Sindbads denken. Als er die Küste seines Landes verließ und sich aufs Meer hinauswagte, hatte auch er, genau wie ich, keine Vorstellung davon, was die Zukunft für ihn bereithielt; die seltsamen Abenteuer, die später in seinem Leben geschehen sollten, sah er nicht voraus, und er hatte auch nicht den Wunsch, sie vorauszusehen; er wollte lediglich Handel treiben und Geld verdienen. Ich wollte nichts anderes, als die Pilgerfahrt zu vollziehen; doch als das, was in seinem und meinem Leben geschehen sollte, tatsächlich geschah, war keiner von uns beiden mehr imstande, die Welt mit den Augen von einst zu betrachten.

Zwar widerfuhr mir nichts von jener wunderlichen, der Fantasie entsprungenen Art, wie sie Sindbads Seefahrer erleben mussten – Dschinns, verzauberte Frauen oder gewaltige Rochvögel –, doch trotz alledem konnte keine Summe all ihrer Seereisen in ihrem Leben eine Wirkung entfalten, die meine erste Pilgerfahrt in der Tiefe meines Lebens entfaltete. Der Tod wartete vor Elsa, und wie nahe er bereits war, davon hatten wir beide kein Vorzeichen erhalten. Was sie und mich selbst betraf, so hatte ich begriffen, dass ich die westliche Welt verlassen hatte, um unter Muslimen zu leben; doch ich wusste nicht, dass ich meine ganze Vergangenheit hinter mir ließ. Ohne jede Warnung ging meine alte Welt für mich zu Ende: jene Welt westlicher Vorstellungen und Empfindungen, von Bemühungen und geistigen Bildern! Hinter mir schloss sich langsam eine Tür, so leise und so heimlich, dass ich dessen nicht einmal bewusst war; doch dass sich der Tag vollständig verändern würde und mit ihm auch das Ziel aller Wünsche und Begierden – das war das Schicksal!

Bis dahin hatte ich den Osten schon vielfach gesehen. Ich kannte Iran und Ägypten weit besser als irgendeinen Teil Europas. Kabul war mir seit Langem nicht mehr fremd; die Märkte von Damaskus und Isfahan waren mir vertraut. Deshalb konnte ich nicht einfach denken, dies alles sei „so unbedeutend und gewöhnlich“, als ich nun zum ersten Mal durch einen Markt in Dschidda ging und eine chaotische, gestaltlose Wiederholung dessen erblickte, was man anderswo im Osten in weitaus vollkommenerer Form sehen konnte!

Der Markt ist mit Holzbrettern und Matten aus Bast bedeckt, um die glühende Sonne abzuhalten; durch ihre Ritzen und Löcher dringen gezähmte Sonnenstrahlen, die Licht spenden und das Halbdunkel mit einem goldenen Schimmer schmücken. Hier und dort stehen im Freien Kochstellen, vor denen schwarze Jungen kleine Fleischstücke auf Spießen über glühenden Kohlen braten. Daneben gibt es Kaffeehäuser mit lackierten Messinggefäßen und Sitzen aus Palmblättern; überall fallen Läden ins Auge, die mit europäischer und orientalischer Ware gefüllt sind! Überall herrschen drückende, unerträgliche Hitze, Fischgeruch und Korallenstaub. Überall drängen sich Menschen: unzählige weiß gekleidete Pilger und die wohlhabenden, häuslichen Bürger Dschiddas, in deren Gesichtern, Kleidung und Benehmen sich die Länder der gesamten muslimischen Welt miteinander vermischt haben. Vielleicht ist der Vater ein Hindustani – sein Name deutet darauf hin –, er selbst vielleicht eine Mischung aus Malaie und Araber, und er hat eine Frau geheiratet, die väterlicherseits von Usbeken und mütterlicherseits vermutlich aus einer somalischen Familie abstammt: Dies ist ein lebendiges Zeugnis vieler Jahrhunderte der Pilgerfahrt und des islamischen Umfelds, in dem Unterschiede der Hautfarbe oder der Kaste keinen Raum haben. Abgesehen von der Vermischung des Blutes, das Einheimische und Pilger mit sich gebracht hatten, war Dschidda im Hedschas damals (1927) der einzige Ort, an dem Nichtmuslime leben durften. Mitunter sieht man Ladenschilder in europäischen Sprachen sowie Menschen in weißer Tropenkleidung und mit sonnenabweisenden Helmen oder Hüten; über den Konsulaten flattern ausländische Flaggen.

All dies scheint noch nicht stärker mit dem Land als mit dem Meer verbunden zu sein: mit den Geräuschen und Gerüchen des Hafens, mit einer Welt, in der Schiffe jenseits der schwach geschwungenen Korallenlinie vor Anker liegen und Fischerboote mit dreieckigen Schampasegeln fahren, einer Welt, die sich vom Mittelmeer kaum unterscheidet. Doch schon zeichnet sich etwas Fremdes ab: die Häuser, die sanfte Brise, deren prächtige Fassaden aus schön geformtem, kunstvoll bearbeitetem Holz bestehen, und die Balkone, die mit äußerst dünnen, zierlichen Holzgittern verkleidet sind – durch die Zwischenräume dieser Schirme können die Bewohner alles im Freien ungehindert sehen, während der Passant nicht erkennen kann, was sich im Inneren befindet. Diese Holzarbeiten sind wie graugrüne Bänder in die Wände aus rosafarbenem Korallengestein eingelassen, zart und von vollendeter Harmonie. Dies ist nicht mehr das Mittelmeer und auch nicht ganz Arabien; es ist die Küstenwelt des Roten Meeres, an dessen beiden Ufern man eine solche Architektur findet.

Freilich verkündete Arabien schon jetzt seine Eigenart am stählernen Himmel, in den Bergen aus nacktem Fels und in den Dünen im Osten, ebenso wie in jenem Atem der Größe und jener unbedeckten Kargheit, die sich in der Landschaft Arabiens stets auf so erstaunliche Weise miteinander verschlingen.

Am nächsten Nachmittag setzt unsere Karawane ihren Weg nach Mekka fort, sich schlängelnd durch das Gedränge von beduinischen Pilgern, Kamelen mit oder ohne Howdah auf dem Rücken, Reitkamelen und Eseln, deren Rücken mit prächtigen bunten Tüchern bedeckt sind, zum östlichen Stadttor hin. Oft rasen Motorwagen an uns vorbei – einige der allerersten Motorwagen in Saudi-Arabien –, voll beladen mit Pilgern und unablässig hupend. Es scheint, als verstünden die Kamele, dass diese neuen Ungeheuer ihre Feinde sind. Denn sobald ein Motorwagen sich ihnen nähert, ziehen sie sich zusammen und stürzen mit aller Kraft zur Mauer am Weg, während sie ihre langen Hälse hin und her bewegen – bestürzte, hilflose Geschöpfe. Auf erschreckende Weise bricht für diese langleibigen, geduldigen Tiere eine neue Zeit an, und Furcht und die Vorzeichen völligen Verschwindens machen sie panisch. Bald lassen wir die weißen Mauern der Stadt hinter uns, und plötzlich finden wir uns in einer Wüste wieder – in einer weiten, graubraunen, menschenleeren Ebene, hier und da mit Dornengestrüpp und Büscheln von Steppengras, aus der sich niedrige, vereinzelte Berge erheben wie Inselgruppen im Meer; an ihrer Ostseite stehen wie eine Mauer etwas höhere, felsige Berge, blaugrau, zerklüftet und ohne jedes Zeichen von Leben. Überall in dieser schrecklichen Ebene sind Karawanen unterwegs, viele von ihnen in langen Zügen – Hunderte, Tausende von Kamelen, die Tiere hintereinander, beladen mit Howdahs, Pilgern und Bündeln –, die bald hinter den Bergen verschwinden und dann wieder vor unseren Augen auftauchen. Nach und nach vereinigen sich alle Wege zu einem einzigen staubgrauen Pfad, geschaffen durch die über Jahrhunderte hinweg hinterlassenen Fußspuren gleichartiger Karawanen.

In der Stille der Wüste, die nicht durch das Klatschen der Kamelhufe, die gelegentlichen Rufe der beduinischen Kameltreiber und hier und da den leisen Gesang eines Pilgers gebrochen, sondern nur noch tiefer wird, werde ich plötzlich von einem gewaltigen, das Blut erstarren lassenden Gefühl überwältigt. Dieses allumfassende Gefühl verwirrt mich so sehr, dass man sagen könnte, es sei eine göttliche Schöpfung: Ich sehe mich auf einer Brücke hängen, die über einem unsichtbaren Abgrund schwebt; sie ist so lang, dass das Ufer, von dem ich gekommen bin, bereits in einer fernen, undeutlichen Weite verschwunden ist, während das andere Ende noch nicht einmal in meinen Augen aufgetaucht ist. Ich stehe in der Mitte, und mein Herz zieht sich vor Entsetzen zusammen, als ich mich so zwischen den beiden Enden einer Brücke sehe – schon unendlich weit von einem Ende entfernt und dem anderen noch immer nicht nahe –, und einige lange Sekunden lang habe ich das Gefühl, dass ich für immer so zwischen den beiden Enden bleiben müsse, stets über dem grollenden Abgrund …

– als eine Ägypterin auf dem Kamel vor mir plötzlich den uralten Ruf der Pilger anstimmt: „Labbaika, Allahumma labbaika“ –, und mein Traum in Stücke zerbricht!

Von allen Seiten höre ich die Menschen im Chor rufen: „Labbaika, Allahumma labbaika“ – oder eine ägyptische „Bäuerin“ singt zu Ehren des Gesandten Allahs, worauf eine andere Frau mit einer „Ghatrafa“ antwortet, jenem freudigen Jubelruf der arabischen Frauen, den sie bei allen Festen ausstoßen – bei Hochzeiten, bei der Geburt eines Kindes, bei Beschneidungen und bei religiösen Umzügen aller Art, ganz besonders auch bei der Pilgerprozession. Im Arabien der alten Heldentage, als die Töchter der Stammesführer auf den Rücken ihrer Reittiere stiegen und mit den Männern ihres Stammes in den Krieg zogen, um sie zu noch heldenhafteren Taten anzuspornen und zu erregen (denn es galt als äußerste Schande, wenn eine dieser Frauen getötet wurde, und als noch größere Schande, wenn sie vom Feind gefangen genommen wurde), war diese „Ghatrafa“ auf dem Schlachtfeld häufig zu hören.

Fast alle Pilger reisen in Howdahs – zwei Howdahs auf dem Rücken eines jeden Kamels. Das stetige Schwanken der Howdahs macht den Reiter allmählich geistig erschöpft und verwirrt und bereitet seinen Nerven durch die unaufhörliche Bewegung und das Schaukeln entsetzliche Qualen. Für kurze Zeit sitzt der Reiter, aller Kraft beraubt, benommen da, schreckt plötzlich durch einen Ruck auf, schläft wieder ein und erwacht erneut. Die Kameltreiber, die zu Fuß neben der Karawane hergehen, rufen ihre Kamele von Zeit zu Zeit mit einem Zuruf an. Einige von ihnen stimmen gelegentlich einen Gesang im Rhythmus der ausgreifenden Schritte der Kamele an.

Gegen Morgen erreichen wir Bahba. Dort macht die Karawane für den Tag halt, denn die Hitze ist so groß, dass man nur nachts reisen kann.

Dieses Dorf – eigentlich nichts weiter als zwei Reihen aus ungeordneten Laubhütten, Kaffeestuben, einigen Hütten aus Palmblättern und einer kleinen Moschee – liegt genau auf halbem Weg zwischen Dschidda und Mekka, an einem Ort, an dem Karawanen seit langer Zeit für den Tag Halt machen. Die Landschaft hier ist dieselbe, die wir auf dem ganzen Weg gesehen haben, seit wir die Küste hinter uns gelassen haben: eine Wüste mit vereinzelten Bergen hier und da, und im Osten weitere, höhere und niedrigere Gebirgsketten, die das Tiefland der Küste vom Hochland Zentralarabiens trennen. Doch jetzt kommt uns die ganze Wüste rings um uns wie ein riesiges Heerlager vor, mit zahllosen Zelten, Kamelen, Howdahs, Bündeln und einem Zusammentreffen vieler Sprachen – Arabisch, Hindustani, Malaiisch, Persisch, Somali, Türkisch, Paschtu, Amharisch und Allah weiß, wie viele weitere! Tatsächlich ist dies eine wahrhaftige Versammlung der Völker, ein großes Treffen. Doch weil jeder den „Ihram“ trägt, der alle gleich aussehen lässt, ist kaum zu erkennen, welcher Mensch welchem Stamm oder welcher Nation angehört, und alle Völker erscheinen zusammen wie ein einziges Volk!

Nach der ganzen Nacht des Reisens sind die Pilger erschöpft. Doch nur wenige unter ihnen wissen, dass man auch die Ruhezeit nutzen kann. Für fast alle ist die Reise vermutlich ein höchst ungewöhnliches Unternehmen, und für viele ist es die erste Reise ihres Lebens – eine neue Reise zu einem so großen Ziel. Natürlich haben sie allen Grund, unruhig zu sein: Sie müssen hierhin und dorthin laufen und ihre Hände nach etwas ausstrecken, das sie tun können, und sei es nur, ihre Taschen, Säcke und Bündel zu öffnen und wieder zu verschnüren. Andernfalls würde ihre Verbindung zur Welt abreißen, und sie würden sich völlig in einem überirdischen Glück verlieren, so wie ein Mensch sich im Meer verliert …

Mir schien, dass dies bei der Familie im Zelt unmittelbar neben meinem der Fall war; offenbar waren es Pilger, die aus irgendeinem Dorf in Bangladesch stammten. Sie sprachen nur selten; sie saßen mit überschlagenen Beinen auf dem Boden und richteten ihren unbeirrten Blick nach Osten, in Richtung Mekka, in das Innere der Wüste – in das Innere der Wüste, die in flimmernder Hitze glühte. Auf ihren Gesichtern lag eine so tiefe Ruhe, dass mir schien, sie befänden sich bereits vor dem Haus Allahs und fast schon in Seiner Gegenwart. Die Schönheit der Männer fiel ins Auge: schlanke, zierliche Gestalten, bis zu den Schultern herabhängendes Haar und tiefschwarze, ölig glänzende, glatte Bärte.

Einer von ihnen lag krank auf einer Decke; neben ihm knieten zwei junge Frauen. In ihren weit geschnittenen Salwars in Rot und Blau, den silberbestickten Gewändern und den dichten, tiefschwarzen Haarmassen, die ihnen über den Rücken fielen, wirkten sie wie zwei kleine, vielfarbige Vögel. Die jüngere von ihnen trug in einem ihrer Nasenlöcher einen goldenen Ring.

Am Nachmittag starb der kranke Mann. Die Mädchen veranstalteten keine der Trauerklagen, wie sie Frauen in den Ländern des Ostens gewöhnlich anstimmen; denn dieser Mann war auf dem Weg zur Hadsch gestorben, im heiligen Land, und deshalb war er gesegnet. Die Männer wuschen den Leichnam und hüllten ihn in dasselbe Tuch, das der Verstorbene als Kleidung getragen hatte. Dann trat einer von ihnen vor das Zelt, formte mit beiden Händen eine Schale vor dem Mund und rief mit lauter Stimme den Adhan: „Allahu akbar“, „Allahu akbar“ – „Allah ist groß“, „Allah ist groß“ –, „La ilaha illallahu Muhammadu rasulullah“ – „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist Sein Gesandter!“ … … Ein Gebet für den Verstorbenen! Allah erbarme sich euer aller. Aus allen Richtungen eilten die Männer in Ihram herbei und versammelten sich; hinter dem Imam stellten sie sich Reihe um Reihe auf, wie die Soldaten eines gewaltigen Heeres. Nach dem Salat des Totengebets hoben sie ein Grab aus. Ein alter Mann rezitierte einige Verse aus dem Koran, und dann warfen sie Erde auf den verstorbenen Pilger, der auf der Seite lag, das Gesicht nach Mekka gewandt …

Am Morgen des zweiten Tages, noch vor Sonnenaufgang, wurde die staubige Ebene immer enger; die Berge rückten näher aneinander heran und schlossen sich zusammen. Wir durchquerten eine Schlucht, und im blassen Licht der Morgendämmerung tauchten die ersten Gebäude Mekkas vor unseren Augen auf. Dann, als die Sonne am Himmel emporstieg, betraten wir die Straßen der heiligen Stadt.

Die Häuser hier ähnelten denen in Dschidda; Fenster mit demselben verzierten vorspringenden Rahmen und überdachte Balkone. Doch der Stein, der zu ihrem Bau verwendet worden war, schien schwerer und massiver als der helle Korallenstein Dschiddas. Es war noch sehr früh; dennoch begann die drückende, allgegenwärtige Hitze bereits stetig zuzunehmen. Vor vielen Häusern standen Bänke, auf denen erschöpfte, müde Menschen schliefen. Die unbefestigten Straßen, auf denen unsere schwankende Karawane zum Zentrum der Stadt weiterzog, wurden immer enger. Bis zum Hadschfest waren es nur noch wenige Tage. Deshalb herrschte auf den Straßen ein ungeheures Gedränge. Unzählige Pilger trugen das weiße Ihram, während viele andere vorübergehend ihr Ihram abgelegt und ihre Alltagskleidung angezogen hatten – die Kleidung aller Länder der muslimischen Welt. Wasserträger beugten sich unter der Last schwerer Wasserschläuche oder unter dem Joch, von dem zu beiden Seiten mit Wasser gefüllte Benzinkanister wie Eimer herabhingen. Eselskarrenführer und Reitesel zogen dahin, ihre Halsglocken läutend, den Rücken mit leuchtend bunten Tüchern bedeckt. Und als ob diese große Versammlung erst vollendet werden sollte, kamen von der anderen Seite Kamele heran, mit leeren Howdahs auf dem Rücken, und stießen Rufe in verschiedensten Tönen aus. In den engen Straßen herrschte ein solcher Lärm und Tumult, dass man hätte meinen können, der Hadsch sei nichts, was seit vielen Jahrhunderten alljährlich stattfindet, sondern ein plötzlicher Schock, ein Wunder, auf das die Menschen nicht vorbereitet gewesen waren! Schließlich war unsere Karawane keine Karawane mehr, sondern ein chaotisches Durcheinander aus Kamelen, Gepäckbündeln, Pilgern, Kamelführern und Lärm.

Ich hatte bei einem berühmten Mutawwif oder Führer namens Hasan Abid eine Unterkunft besorgt. Inmitten dieses Durcheinanders schien es nun sehr unwahrscheinlich, ihn oder sein Haus ausfindig zu machen. Doch plötzlich rief jemand: „Hasan Abid! Die Pilger von Hasan Abid! Wo seid ihr?“ Und wie ein Dschinn, der aus einer Flasche hervorkommt, tauchte unvermittelt ein junger Mann vor uns auf. Er verbeugte den Kopf tief und bat uns, ihm zu folgen. Hasan Abid hatte ihn geschickt, damit er uns den Weg zeige und zu seinem Haus bringe. Nachdem wir im Haus des Mutawwifs ausreichend gefrühstückt hatten, ging ich mit demselben jungen Mann, der mich zuvor empfangen hatte, zur Heiligen Moschee. Wir gingen zu Fuß durch die von Menschen wimmelnden Straßen, vorbei an den Metzgerläden, die sie säumten. Schwitzend bahnten wir uns unseren Weg durch Schwärme von Fliegen, den Geruch von Gemüse und Kräutern und den Staub. Dann durchquerten wir einen schmalen, nach oben überdachten Basar, in dem es nur Läden der Tuchhändler gab – ein Fest der Farben. Wie auf den Märkten anderer Orte in Westasien und Nordafrika bestanden die Läden hier lediglich aus einigen Regalen, die einen Meter über dem Boden standen. Darauf saß der Händler mit überschlagenen Beinen, rings um ihn herum lagen Waren und Stoffballen in allen Farben, während über seinem Kopf Reihen von Stoffen für jede Art von Kleidung herabhingen – für alle Völker der muslimischen Welt.

Außerdem waren Menschen aller Völker in den verschiedensten Trachten zu sehen: Einige trugen Turbane, andere hatten den Kopf unbedeckt; manche gingen schweigend und mit gesenktem Kopf, vielleicht mit einer Gebetskette in der Hand. Andere liefen schnellen Schrittes durch die Menge. Die geschmeidigen braunen Körper der Somalier schimmerten zwischen den Falten ihrer weiten, wollenen Gewänder kupferfarben. Die Menschen aus den Hochländern Zentralarabiens waren schlank, mit schmalen, fein geschnittenen Gesichtern und stolzem Gang. Die Usbeken mit ihren schweren, kräftigen Körpern unter der Burka trugen trotz der Hitze in Mekka wattierte Kaftane und knöchelhohe Lederstiefel. Die Frauen aus Java trugen Sarongs, ihre Gesichter waren unverschleiert und ihre Augen mandelförmig. Die Marokkaner bewegten sich langsam und würdevoll in weißen Burnussen. Die Einwohner Mekkas trugen weiße Baumwollkleidung und auf dem Kopf lächerlich kleine, runde Mützen, die ihre Handflächen bedeckten. Auf den Gesichtern der ägyptischen Fellachen lag Aufregung. Weiß gekleidete Inder mit schwarzen Augen blickten unter ihren gewaltigen, schneeweißen Turbanen hervor. Die indischen Frauen waren in ihre weißen Burkas so undurchdringlich eingehüllt, dass sie wie wandelnde Zelte aussahen. Auch die riesigen Schwarzen aus Timbuktu oder Dahmir waren hier, in blauen, weiten Gewändern und mit roten, die Handflächen bedeckenden Mützen. Und die kleinen, zierlichen Chinesinnen gingen, bunten Schmetterlingen gleich, mit leichten, gemessenen Schritten, die an die Hufe einer Gazelle erinnerten. Überall herrschten Geschrei und die vom Gedränge erzeugte aufgeregte Unruhe, sodass mir schien, ich befände mich mitten in einer brandenden Woge, von der ich nur einzelne Einzelheiten erfassen konnte, niemals jedoch ein zusammenhängendes Bild. Alles trieb dahin, in einem Murmeln unzähliger Sprachen, in leidenschaftlichen Gesten und Erregung. Und so fanden wir uns schließlich vor einem Eingang zur Heiligen Moschee al-Haram wieder.

Dies ist ein Eingang mit drei Bögen; eine mit Steinen gepflasterte Treppe steigt Stufe um Stufe bis zum Eingang empor. Auf der Schwelle sitzt ein halbnackter indischer Bettler und streckt uns seine beiden dürren, skelettartigen Hände entgegen. Und sogleich erblickte ich zum ersten Mal den quadratisch wirkenden Raum im Inneren des Heiligen Hauses, der weit unter dem Straßenniveau liegt, noch viel tiefer als die Schwelle des Eingangs, und deshalb vor meinen Augen wie eine Schale erschien: ein großes Viereck, umgeben von zahlreichen halbkreisförmigen Bögen, die auf vielen Säulen ruhen, und in dessen Mitte ein vierzig Fuß hohes, quadratisches Gebäude mit sechs gleich großen Seiten steht, mit einem schwarzen Tuch bedeckt; um dieses Tuch läuft ein breiter Streifen, auf dem in goldgestickten Buchstaben Koranverse geschrieben sind, die den oberen Teil des Kiswa umschlingen: das Kaaba-Haus …

Also, dies ist die Kaaba, das Ziel der Sehnsucht unzähliger Millionen Menschen seit vielen, vielen Jahrhunderten! Welche gewaltigen Opfer haben zahllose Pilger über die Zeitalter hinweg gebracht, um dieses Ziel zu erreichen! Viele sind schon unterwegs dem Tod erlegen, viele andere gelangten erst nach gewaltigen Mühen und Opfern hierher; und doch war dieses kleine, quadratische Gebäude für sie alle der Gipfel ihrer Sehnsucht, und hierher gelangen zu können bedeutete Erfüllung, Vollendung. Hier steht ein nahezu vollkommener Würfel (was der etymologischen Bedeutung seines arabischen Namens – also Kaaba – entspricht), vollständig mit einem schwarzen Tuch bedeckt, wie eine Insel der Ruhe genau in der Mitte des gewaltigen Vierecks der Moschee: weitaus ruhiger und anmutiger als jedes andere Bauwerk an irgendeinem anderen Ort der Welt. Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke auf, dass derjenige, der das Kaaba-Haus zuerst errichtete – denn Ibrahims ursprüngliches Gebäude wurde mehrmals in derselben Form wiederaufgebaut –, eine sinnbildliche Darstellung der Demut und Kleinheit des Menschen vor Allah schaffen wollte. Der Erbauer der Kaaba wusste, dass keine Schönheit im Rhythmus eines Bauwerks, keine Vollkommenheit seiner Linien – wie großartig und kraftvoll sie auch sein mochte – der Vorstellung von Allah jemals gerecht werden konnte; deshalb beschränkte er sich auf den einfachsten dreidimensionalen Entwurf, den man sich vorstellen konnte: ein aus Stein errichtetes Gebäude in Form eines Würfels mit sechs gleich großen Seiten.

Ich habe viele muslimische Moscheen auf der Welt gesehen, in deren Innerem die Hände großer Künstler inspirierte Kunstwerke geschaffen haben. Ich habe in Nordafrika Moscheen gesehen, prächtige Gotteshäuser aus Marmor und weißem Alabaster; ich habe in Jerusalem die al-Aqsa-Moschee gesehen, eine überwältigend vollkommene Kuppel auf einem zarten Gerüst, ein Traum davon, Leichtes und Schweres ohne jeden Widerspruch miteinander zu verbinden; und in Istanbul die erhabenen Paläste – etwa die Süleymaniye-, die Yeni-Valide- und die Beyazıt-Moschee –, außerdem die Moscheen von Bursa in Kleinasien und die Moscheen aus der Safawidenzeit im Iran: eine königliche, harmonische Zusammenstellung aus Stein, vielfarbigen Majolikafliesen, Mosaiken, großen Stalaktitenbögen über silbergetriebenen Türen, weißen Steinen und schlanken Minaretten mit türkisblauen Galerien, marmorverkleideten Vierecken mit Springbrunnen und alten Bananenbäumen; und in Samarkand die Moscheen Timur Lengs, großartige Ruinen – selbst in ihrem Verfall noch wunderbar!

All das habe ich gesehen – doch nie in meinem Leben habe ich so gewaltig wie in diesem Augenblick vor der Kaaba empfunden, dass die Hand des Erbauers so unmittelbar herangereicht hat, so eng an sein religiöses Bewusstsein. In der äußersten Einfachheit eines Würfels, unter dem vollständigen Verzicht auf jede Schönheit der Linienführung, wird folgender Gedanke ausgesprochen: Welche Schönheit der Mensch auch immer mit seinen eigenen Händen zu schaffen vermag – sie für Allah angemessen zu halten, wäre gänzlich sinnlose Selbstgefälligkeit; denn gerade die einfachste Vorstellung, zu der der Mensch fähig ist, bringt Allahs Erhabenheit am großartigsten zum Ausdruck. Eine ähnliche Empfindung muss wohl der Vorstellung zugrunde liegen, die Menschen angesichts der mathematischen Einfachheit der Pyramiden Ägyptens empfinden; doch dort fand ich in den gewaltigen Ausmaßen, in denen der Mensch seine Bauwerke errichtet hatte, auch ein gewisses Maß an menschlicher Selbstgefälligkeit und deren Ausdruck. Hier aber verkündet die Gestalt der Kaaba selbst die Selbstaufopferung und Hingabe des Menschen. Auf der ganzen Welt gibt es nichts, was sich mit der stolzen Demut dieses kleinen Gebäudes vergleichen ließe.

Es gibt nur einen einzigen Zugang zur Kaaba: eine mit Silber beschlagene Tür an der Nordostseite, etwa sieben Fuß über dem Boden. Daher kann man sie nur über eine solche hölzerne Treppe erreichen, die von einem Ort zum anderen gebracht und an wenigen Tagen im Jahr vor dieser Tür aufgestellt wird. Das Innere, das gewöhnlich verschlossen bleibt (ich habe es später einige Male gesehen), ist sehr schlicht: Der Fußboden besteht aus Marmor, auf dem nur wenige Teppiche liegen, und von einer Decke hängen Bronze- und Silberlampen, die von einigen schweren Holzbalken getragen wird. Tatsächlich besitzt das Innere der Kaaba keinen besonderen eigenen Rang, denn die Heiligkeit der Kaaba ist mit dem gesamten Bauwerk verbunden, das für die gesamte muslimische Welt die „Qibla“, also die Gebetsrichtung, darstellt. Dieser Ikone der Einheit Allahs wenden sich die Millionen Muslime der Welt fünfmal täglich zu.

In der Ostwand des Gebäudes ist ein tiefschwarzer Stein eingelassen und unbedeckt sichtbar; ihn umgibt ein breiter silberner Rahmen. Dieser schwarze Stein, der durch die Küsse der Pilger über Generationen hinweg ausgehöhlt worden ist, hat unter Nichtmuslimen zu vielen Missverständnissen geführt. Sie glauben, es handle sich um ein übernatürliches Symbol, das Muhammad den Ungläubigen von Mekka zuliebe als Zugeständnis anerkannt habe. Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ebenso wie die Kaaba Gegenstand der Verehrung, nicht der Anbetung ist, verhält es sich auch mit diesem schwarzen Stein. Man erweist ihm Ehre als dem einzigen verbliebenen Stein jenes ersten Gebäudes, das der Prophet Ibrahim errichtet hatte; und weil die Lippen des Gesandten Allahs diesen Stein während der Abschiedswallfahrt berührt hatten, haben alle Pilger ihn seither aus eben diesem Grund geküsst. Der Prophet wusste sehr wohl, dass die Gläubigen späterer Zeiten seinem Beispiel stets folgen würden. Als er diesen Stein küsste, wusste er, dass die Lippen aller Pilger künftiger Zeiten hierherkommen und für immer dem Andenken an seine Lippen begegnen würden! Das Andenken an seine heiligen Lippen – in Gestalt einer symbolischen Umarmung, die er für seine gesamte Umma hinterlassen hat, einer zeit- und todüberdauernden Umarmung –, jedes Mal, wenn ihre heiligen Lippen den schwarzen Stein berühren. Und wenn die Pilger den schwarzen Stein küssen, empfinden sie, dass sie den Gesandten Allahs umarmen und zugleich all jene Muslime umarmen, die vor ihnen hierhergekommen sind und nach ihnen hierherkommen werden!

Kein Muslim wird leugnen, dass die Kaaba schon lange vor dem Gesandten Allahs existierte. Ihre Bedeutung liegt gerade in dieser Tatsache. Der Gesandte Allahs behauptete nicht, der Begründer einer neuen Religion zu sein. Im Gegenteil: Nach der Aussage des Korans ist die „Hingabe an Allah“, das heißt der „Islam“, seit dem Erwachen des menschlichen Bewusstseins als natürliche Neigung im Menschen vorhanden. Hadrat Ibrahim, Musa, Isa und alle anderen Propheten Allahs haben eben dies gelehrt; der Koran ist die letzte der göttlichen Offenbarungen. Die Muslime leugnen auch nicht, dass dieses heilige Haus vor Muhammad mit Götzen und materiellen Symbolen angefüllt war, bevor er sie zertrümmerte, ebenso wie Musa am Sinai das goldene Kalb zerschmettert hatte; denn schon lange bevor diese Götzen im Hause der Kaaba aufgestellt wurden, wurde hier der wahre Allah verehrt. Was Muhammad tat, war daher nichts anderes, als Ibrahims Moschee wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen.

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Und hier stehe ich vor dem Gebetshaus des Hadrat Ibrahim und schaue, ohne jeden Gedanken (denn Gedanken und Betrachtung kamen erst viel später), zu diesem wundersamen Bauwerk hinauf, und aus irgendeinem verborgenen, freudigen Samen in meinem Inneren wächst allmählich ein stolzer Jubel empor, wie ein Lied.

Der Boden ist mit glatten Marmorplatten bedeckt, auf denen die Spiegelungen der Sonnenstrahlen tanzen, und auf diesen Marmorplatten schreiten rings um die Kaaba zahlreiche Menschen, Frauen und Männer, immer wieder um das von einem schwarzen Tuch bedeckte Haus Allahs herum. Einige von ihnen weinen, einige rufen Allah im Gebet laut an, und viele haben kein Wort auf den Lippen und keine Tränen in den Augen; sie gehen lediglich mit gesenktem Kopf weiter.

Die Kaaba siebenmal zu Fuß zu umkreisen, der Tawaf, ist ein Bestandteil der Hadsch: Sein Ziel ist nicht nur, dieser zentralen heiligen Stätte des Islam Ehre zu erweisen, sondern jeden daran zu erinnern, worin die grundlegende Forderung der islamischen Lebensordnung besteht. Die Kaaba ist das Symbol für die Einheit Allahs, und das körperliche Umkreisen der Kaaba ist ein Ausdruck, der menschliches Handeln symbolisiert. Das bedeutet, dass nicht nur unsere Gedanken und Gefühle, die im Begriff „Innenleben“ enthalten sind, Allah zum Mittelpunkt machen müssen, sondern ebenso unser aktives äußeres Leben, unser Handeln und unsere konkreten Initiativen und Anstrengungen.

Und auch ich werde allmählich zu einem Teil davon; hin und wieder werde ich mir eines Mannes oder einer Frau in meiner Nähe bewusst. Vor meinen Augen tauchen zahlreiche lose, rasch vorüberziehende Bilder auf und verschwinden wieder. Ich sah einen riesenhaften Schwarzen im weißen Ihram; an seinem kräftigen schwarzen Handgelenk war ein hölzerner Rosenkranz wie eine Kette gewickelt. Ein gebrechlicher Malaie ging eine Weile neben mir mit kleinen, vorsichtigen Schritten; seine beiden Arme hingen hilflos und orientierungslos an den Seiten seines Batik-Sarongs herab. Wessen Augen waren diese grauen Augen unter den dichten, stolzen Brauen? Und in diesem Augenblick waren sie in der Menge verschwunden. Vor diesem schwarzen Stein befand sich unter den vielen Menschen ein junges indisches Mädchen; offensichtlich war es krank. Auf ihrem schmalen, zarten Gesicht lag ein erstaunlich offen sichtbares Verlangen, das den Betrachtern so deutlich vor Augen stand wie Fische und Algen auf dem Grund eines klaren, durchsichtigen Teichs. Sie hielt die Handflächen ihrer beiden bleichen Hände zur Kaaba hin empor, und ihre Finger zitterten, als bewegten sie sich im Takt eines stummen Gebets.

Ich gehe weiter; Minute um Minute vergeht, und alles Kleine und Bittere in meinem Herzen beginnt, mein Herz zu verlassen. Ich werde Teil einer kreisenden Strömung – oh, ist das, was wir hier tun, etwa dessen Bedeutung: bewusst zu werden, zu erkennen, dass jeder von uns Teil einer Bewegung, einer Umlaufbahn, einer Bewegung ist? Ist dies vielleicht das Ende allen Verirrens, aller Verwirrung? Und die Augenblicke vergingen, die Zeit stand schweigend still – und dies hier ist das Zentrum des Universums!

Neun Tage später starb Elsa.

Er starb plötzlich, nachdem er weniger als eine Woche krank gewesen war. Zunächst hatte es so ausgesehen, als sei es nicht mehr als eine leichte Erkrankung infolge der Hitze und ungeeigneter Nahrung. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine unbekannte Tropenkrankheit handelte, der gegenüber die syrischen Ärzte im Krankenhaus von Mekka völlig ratlos waren. Dunkelheit und tiefste Verzweiflung senkten sich um mich herab.

Er wurde auf dem staubigen Friedhof von Mekka begraben. Auf seinem Grab wurde ein Stein aufgestellt. Ich brachte es nicht über mich, eine Inschrift in diesen Felsblock meißeln zu lassen; denn mir schien, über eine Inschrift nachzudenken, bedeute zugleich, über die Zukunft nachzudenken, und in diesem Augenblick konnte ich mir meine eigene Zukunft nicht einmal vorstellen.

Elsas kleiner Sohn Ahmad war seit mehr als einem Jahr mit mir im Inneren Arabiens. Er war mein Begleiter – ein mutiger Gefährte von zehn Jahren. Doch nach einiger Zeit musste ich auch von ihm Abschied nehmen. Denn die Familie seiner Mutter konnte mich schließlich davon überzeugen, dass Ahmad unbedingt in Europa zur Schule gehen müsse. Danach blieb mir von Elsa nichts als die Erinnerung an sie und ein Stein auf dem Friedhof von Mekka sowie eine große Dunkelheit, die erst viel später wich, nachdem ich mich der ewigen Umarmung Arabiens überlassen hatte. Die Nacht war weit fortgeschritten, doch wir saßen noch immer um das matte Lagerfeuer. Abu Saïd hatte inzwischen den gewaltigen Sturm seiner Begierde überstanden; seine Augen wirkten nun traurig und ein wenig müde. Über Nura begann er mit uns so zu sprechen, wie man von einem geliebten Menschen spricht, der vor langer Zeit gestorben ist.

– „Sie wissen doch, dass sie nicht schön war, aber ich liebte sie.“

Über unseren Köpfen stand der Vollmond – seine Fülle glich der eines lebendigen Wesens. Ist es da verwunderlich, dass die Araber vor dem Islam den Mond für eine Tochter Allahs hielten? – für die langhaarige Göttin al-Lat, die ihre geheimnisvolle Fruchtbarkeit hervorbrachte. Zu ihren Ehren feierten die jungen Männer und Frauen des alten Mekka und Taif die Vollmondnächte unter freiem Himmel, in zügelloser Trunkenheit, mit Liebesspielen und Dichterwettbewerben. Aus Tonkrügen und Lederflaschen strömte blutroter Wein, und weil er so überaus rot und so überaus berauschend war, verglichen ihn die Dichter in ihren ausschweifenden, dem Gott der Liebe geweihten Gedichten mit dem Blut einer Frau. Diese stolzen, leidenschaftlichen Jünglinge ergossen den Überschwang ihrer Herzen in den Schoß al-Lats, „deren Schönheit dem Mondlicht gleicht, wenn der Mond in seiner vollen Pracht steht, und deren Erhabenheit dem Flug eines Schwarms schwarzer Kraniche gleicht, die ihre Flügel am Himmel ausbreiten“ – diese jugendliche, machtvolle Göttin der alten Zeit, deren Flügel sich von Südarabien nach Norden und bis ins ferne Hellas erstreckten, gleich der Gestalt Letos.

Von dieser allumfassenden, verschwommenen Naturverehrung al-Lats und der Verehrung einer ganzen Schar weiterer Götter und Göttinnen bis zur erhabenen Vorstellung des einen Gottes im Koran war es für die Araber ein langer und beschwerlicher Weg. Wie dem auch sei: Die Menschen haben es stets geliebt, weite Reisen auf dem Weg ihrer Seele zu unternehmen – auch hier in Arabien nicht weniger als in den übrigen Ländern der Welt. Sie liebten die lange Reise so sehr, dass sich ihre gesamte Geschichte als Geschichte ihrer Suche nach Religion beschreiben lässt.

Für die Araber war diese Suche stets eine Suche nach dem Absoluten. Selbst in ihrer frühesten Zeit, als sie die Welt um sich herum mit unzähligen Göttern und Dämonen angefüllt hatten, waren sie sich immer jenes Absoluten Einen bewusst, der in seiner vollkommenen Wahrheit und Erhabenheit über allen Göttern und Göttinnen steht: eine unsichtbare, unbegreifliche, allmächtige Kraft, weit über alles hinaus, was der Mensch sich vorstellen kann, die ewige Ursache allen Geschehens. Für sie waren die Göttin al-Lat und ihre göttlichen Schwestern Manat und al-Uzza nichts weiter als Töchter Allahs, die eine Verbindung zwischen dem unerkennbaren Einen und der sichtbaren Welt herstellten. Sie waren Symbole für die unbegreiflichen Kräfte, die das menschliche Dasein umgaben; doch tief im Hintergrund des arabischen Denkens war stets das Wissen um das „Eine“ gegenwärtig, bereit, in jedem Augenblick zu einem bewussten, lebendigen Glauben aufzuleuchten. Wie hätte es auch anders sein können? Sie waren ein Volk, das sich zwischen einem harten Himmel und einer harten Erde in Stille und Einsamkeit entwickelt hatte. In diesem strengen, schlichten, endlosen Raum war ihr Leben wahrhaft schwer. Daher konnten sie sich nicht von der Sehnsucht nach einer Kraft freimachen, die alle Wesen und die gesamte Schöpfung mit unfehlbarer Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, mit Strenge und Weisheit umfassen würde: Allah … der erhabene Allah. Er besteht in alle Ewigkeit und erhellt die Unendlichkeit, indem er Licht ausstrahlt; doch da du innerhalb der Sphäre seines Wirkens bist, ist er dir näher – „als deine Halsschlagader …“

…                            …                                                          …                                   …

Das Lagerfeuer ist erloschen. Zaid und Abu Saiyid schlafen, und ganz in der Nähe liegen unsere drei Kamelstuten im Mondlicht auf dem weißen Sand und wiederkäuen mit einem leisen, knirschenden Geräusch, immer wieder innehaltend. Wundervolle Tiere … Hin und wieder verändert eines von ihnen seine Haltung und reibt seinen hornartigen Höcker an der flachen Erde; manchmal gibt es durch die Nüstern einen Laut von sich, als hätte es geseufzt. Wundervoll, klar umrissen. Ja, unter all den Tieren, die der Mensch benutzt, sind diese Geschöpfe von all diesen Landschaften verschieden und abgehoben: Wesen ohne irgendeinen bestimmten Ausdruck, die in einem Widerspruch schaukeln, schwermütig und dennoch unermesslich sanft und bescheiden.

Ich kann nicht schlafen, und deshalb gehe ich aus dem Zelt und steige, während ich weiterwandere, auf einen nahe gelegenen Hügel. Tief am westlichen Horizont hängt der Mond am Himmel und beleuchtet die niedrigen Felsberge, die sich wie Geister aus der toten Einöde erheben. Von hier aus ziehen sich die Küstentiefländer des Hedschas nach Westen, ganz allmählich abfallend: eine Reihe von Tälern, durchzogen von zahlreichen gewundenen, ausgetrockneten Flussbetten, in denen kein Zeichen von Leben zu finden ist, ohne Dörfer, ohne Häuser, ohne Pflanzen – diese Täler, unbeweglich in der Nacktheit des Mondlichts. Und doch entsprang gerade aus diesem öden, leblosen Land, gerade zwischen diesen sandigen Tälern und kahlen Bergen, wie aus einer Quelle jene Religion, die in der Geschichte der Menschheit dem Leben die höchste Bejahung gab …

Warm und reglos ist diese Nacht. Wegen des halben Lichts und der Entfernung scheinen die Berge sich zu bewegen, zu wogen. Unter dem Mondlicht pulsiert ein fahles, blaues, mattes Leuchten. Und durch dieses glanzlose Blau zieht langsam der Anschein eines milchig weißen Lichtes, wie die geisterhafte Erinnerung an alle Farben der Erde; doch dieses überirdische Blau lässt alle Farben verblassen, ohne zu schmelzen und sich in den Horizont zu verwandeln – und es ist wie ein mächtiger Ruf an das Unerreichbare, Unerkennbare!

Nicht weit von hier, meinen Augen verborgen, liegt zwischen diesen leblosen, öden Tälern und Bergen die Ebene von Arafat – jene Ebene, auf der sich alle Hadschpilger, die nach Mekka kommen, einmal im Jahr versammeln, zum Gedenken an den Tag der Auferstehung, an dem jeder Mensch seinem Schöpfer Rechenschaft ablegen muss. Ich stehe dort mit unbedecktem Haupt, im weißen Gewand des Hadschpilgers, zwischen unzähligen weiß gekleideten Hadschpilgern, die aus drei Kontinenten gekommen sind. Unsere aller Gesichter sind dem „Dschabal ar-Rahma“ zugewandt – dem „Berg der Barmherzigkeit“, der sich mitten aus der weiten Ebene erhebt. Stehend und betend ist der Mittag vergangen, ist der Tag vergangen, während wir an jenen unvermeidlichen Tag denken: „Wenn ihr vor den Blicken offengelegt werdet und nichts von euch verborgen bleiben wird …“

Und als ich auf den Gipfel des Berges steige und hinabblicke, auf das mondlichtüberflutete Blau der unsichtbaren Ebene von Arafat in der Landschaft vor mir, wird sie, die noch vor einem Augenblick völlig leblos war, plötzlich lebendig – erfüllt von den Lebensströmen all jener, durch die der Strom menschlichen Lebens geflossen ist, und von den geheimnisvollen Stimmen all der Millionen Männer und Frauen, die zwischen Mekka und Medina zu Fuß gegangen und auf Kamelen geritten sind: mehr als dreizehnhundert Hadschfeiern, Millionen von Hadschpilgern in weißen Gewändern über dreizehn Jahrhunderte hinweg. Ich höre die Geräusche und Klänge ihrer vergangenen Tage, jene Flügel des Glaubens, die sie beschützt und in dieses Land aus Fels und Sand geführt haben; und die scheinbare Leblosigkeit schlägt erneut mit der Wärme des Lebens ihre Flügel über die Weite vieler Jahrhunderte. Dieses mächtige Flügelschlagen zieht mich in seine Umlaufbahn hinein, bringt meine vergangenen Tage in die Gegenwart zurück, und wieder treibe ich mein Kamel über die Ebene.

– Ich treibe mein Kamel an, über die Ebene, unter dem Donnern der Hufe der dahinstürmenden Kamele, und gemeinsam mit Tausenden von Beduinen im Ihram bin ich von Arafat nach Mekka zurückgekehrt – ein winziges Teilchen jener donnernden, die Erde erschütternden, unaufhaltsamen Welle unzähliger dahinstürmender Kamelstuten und Menschen. In den Händen halten die Männer an hohen Stangen die Banner ihrer jeweiligen Stämme, die im Wind wie Trommeln schlagen, während ihre Stammeskriegsschreie die Luft zerreißen: „Ya Rauga, ya Rauga“ – der Ruf der Männer des Stammes Ataiba, die ihren Vorfahren anrufen; darauf antwortet der Stamm Harb mit dem Ruf „Ya Auf, ya Auf“, und beinahe unmittelbar ertönt vom Banner ganz rechts in der Reihe der Widerhall: „Shammar, ya Shammar“.

Wir treiben unsere Kamele an und rasen, fliegen über die Ebene dahin, und mir ist, als flögen wir getragen vom Wind; in einer Freude, deren Ende das Grenzenlose ist, haben wir uns selbst verloren … Und der Wind verkündet in meinen Ohren mit heller Stimme einen wahnsinnigen Jubel der Freude: Du wirst niemals mehr fremd und ausgeschlossen sein – niemals, niemals!

Zu meiner Rechten sind meine Brüder und zu meiner Linken sind Brüder; sie alle kenne ich nicht, doch keiner von ihnen ist mir fremd, keiner ein Außenstehender: In diesem gewaltigen Jubel unseres Strebens auf unser Ziel zu sind wir eine einzige Gemeinschaft, auf der Suche nach demselben Ziel! Die weite Erde liegt vor uns, und in unseren Herzen flackert ein Funke jener Flamme, die im Herzen der Gefährten des großen Propheten brannte. Die Brüder zu meiner Rechten und die Brüder zu meiner Linken – sie wissen, dass sie hinter dem zurückgeblieben sind, was von ihnen erwartet wurde, und dass ihre Herzen im Lauf vieler Jahrhunderte klein und eng geworden sind; und doch ist ihnen, uns, das Versprechen des Erfolgs nicht entzogen worden …!

Aus der wogenden Menge, die einem Meer gleicht, erhebt jemand statt seines Stammesgeschreis den Ruf des Glaubens: Wir sind Brüder dessen, der sich Allah hingibt. Und ein anderer stimmt mit ihm ein: „Allahu akbar“ – Allah ist groß.

Und jede einzelne Gruppe der Stämme stimmt in denselben Ruf ein. In diesem Augenblick sind sie keine von Stammesstolz berauschten Beduinen mehr: Sie sind Menschen, die wissen, dass Allahs Geheimnis wahrhaftig auf sie wartet … auf uns. Zwischen dem Stampfen Tausender dahinstürmender Kamele und dem Flattern Hunderter Banner verwandelt sich ihr Geschrei allmählich in das gewaltige Dröhnen des Sieges: Allahu akbar.

Dieses Dröhnen strömt in Gestalt gewaltiger, mächtiger Wellen über die Tausenden von Menschen hinweg, die auf den Rücken der Kamele dahinstürmen, über die weite, ausgedehnte Ebene hinweg, bis zu jedem Rand der Erde: Allahu akbar! Diese Menschen haben ihr kleines, unbedeutendes Leben hinter sich gelassen und sind groß geworden, und ihr Glaube trägt sie nun vorwärts, zur Einheit hin, auf Horizonte zu, die noch niemand vermessen hat … Das Verlangen wird nicht länger klein und verborgen bleiben; es ist erwacht – der blendende Sonnenaufgang des Sieges! Der Mensch schreitet in diesem Sieg mit langen Schritten voran, in all der Herrlichkeit und dem Glanz, die Allah schenkt; in seinem Schritt liegt sein Jubel, in seinem Wissen seine Befreiung, und seine Welt ist eine Sphäre ohne Grenzen …

Der Geruch von Kameldung, ihr Atem und ihr Wiehern, der Donner ihrer unzähligen Hufschläge, die Schreie der Menschen, das Klirren der Gewehre, die an den Sattelknäufen hängen, Staub und Schweiß – all das birgt eine freudige, beglückende Ruhe.

Ich wende mich auf meinem Sattel um und sehe hinter mir Tausende von Kamelreitern in weißen Gewändern, eine verworrene Menge, die in Welle um Welle zusammenbricht, und dahinter jene Brücke, über die ich gekommen bin: Ihr Ende liegt unmittelbar hinter mir, während ihr Anfang bereits im Nebel der Ferne verschwunden ist.