Widmung

Allen hingebungsvollen, reinen Seelen – jenen, die auf dem Weg, die Zufriedenheit des Schöpfers zu erlangen, bei der Erfüllung ihrer heiligsten Pflicht den Märtyrertod erlitten haben.

Dem heiligen Blut jener – das dahingeströmt ist, als aufgewühlte Wellen auf den Seiten der Geschichte –, um die kommenden Generationen für ihre höchste Pflicht zu sensibilisieren. Jenen tapferen Märtyrern, die auf Geheiß des erhabenen Schöpfers nicht gezögert haben, im Kampf für die Verwirklichung islamischer Ideale ihr teuerstes Leben zu opfern: Wahrlich, sie waren ihrem Herrn wahrhaft gehorsam und werden auch im Jenseits erfolgreich sein. Jenen Menschen, die zu ihren Gefährten gesagt haben: „Vereinigt euch,“

Fürchtet Allah, festigt den Glauben und bleibt seiner Gemeinschaft zugehörig. Jenen tapferen jungen Menschen, die auf dem Weg der Wahrheit angesichts hundertfacher Krisen und Schwierigkeiten nicht erschrocken sind. Kein widriger Sturm konnte ihren unaufhaltsamen Lauf verlangsamen. Meinem Ehemann – der bis zum letzten schwierigen Augenblick meines Lebens mein Unterstützer und Helfer war. Selbst am schwierigsten Wendepunkt des Lebens hat er mich nicht verlassen; ja, auf der gemeinsamen Reise zur Verwirklichung desselben Ziels übergab er sein Leben dem Schöpfer. Jenen muslimischen Brüdern und Schwestern im Osten und Westen, die meine Autobiografie gelesen haben. Ich bete darum, dass Allah mein Bemühen erfolgreich macht und es für alle nützlich und segensreich werden lässt. (Amin)

 

Einleitung

Nachdem ich dem geliebten Propheten Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm), dem Befreier der gesamten Menschheit, unzählige Segenswünsche und Friedensgrüße entboten habe, verspüre ich die Notwendigkeit, einleitend einige Worte vorzubringen.

Viele Male habe ich daran gedacht, die vielfältigen Ereignisse meines Lebens niederzuschreiben; da sie für mich persönlich jedoch keine besondere Bedeutung hatten, konnte ich diese Gedanken nicht in die Tat umsetzen. Doch als meine Brüder und Schwestern sowie meine Söhne und Töchter, die mit der islamischen Bewegung verbunden sind, wiederholt die Notwendigkeit betonten, diese Ereignisse als eine der religiösen Pflichten niederzuschreiben, konnte ich ihnen in dieser Angelegenheit nicht widersprechen.

Die gottfeindlichen und nichtigen Mächte des Ostens und des Westens hatten beschlossen, nicht nur die islamische Bewegung, sondern auch die Anführer, die das Banner der Wahrheit trugen, und die revolutionären Kämpfer des Islam vollständig auszurotten, denn die engagierten Aktivisten der islamischen Bewegung hatten beschlossen, Allahs Koran und die Sunna des ehrwürdigen Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zu verwirklichen. Sie sagten: Allahs Koran und die Sunna des Gesandten sind nicht dazu gekommen, aufgeschoben zu bleiben, sondern dazu, Buchstabe für Buchstabe verwirklicht zu werden. Tatsächlich müssen durch die Lehre und Erziehung im tauhidischen Ideal sowie durch die Herstellung einer wahrhaftigen Beziehung zu Allah alle törichten Aberglauben und Bräuche beseitigt werden, die die muslimische Gemeinschaft daran hindern, ihre volle von ihrem Schöpfer verliehene Befähigung zu entfalten. Auf diese Weise wird die Herrschaft gottfeindlicher und tyrannischer Menschen aus der Welt mit der Wurzel ausgerottet. Die Versklavung des Menschen durch den Menschen wird enden. Erst dann wird, gleich der Gesellschaft der Gefährten im goldenen Zeitalter, die wahre Gestalt des Lebens mit ihrer wirklichen Existenz wiederhergestellt werden.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der wirkliche Erfolg und das wahre Wohlergehen unserer Erde und der Milliarden von Menschen, die auf ihr leben, vom Erfolg der islamischen Bewegung abhängen.

Die teuflische und unmenschliche Folter in den finsteren Zellen des Gefängnisses sowie die Grausamkeit brutaler Henker und Peitschen schwingender Schergen haben die Geduld, den Mut und die Kraft der wagemutigen und ergebenen Mitarbeiter der islamischen Bewegung noch weiter gestärkt.

Auch jene, die vor uns zu allen Zeiten den Weg der Wahrheit beschritten und für sie Partei ergriffen haben, mussten sich solchen Widrigkeiten und Prüfungen stellen. Doch selbst die mächtigen Kräfte ihrer Zeit, wie Nimrod und der Pharao, konnten sie nicht vom Weg der Wahrheit abbringen. Im Vergleich dazu sind die Strafen und Gefängnisqualen unserer heutigen Zeit wahrlich völlig unbedeutend!

Argumente lassen sich mit Argumenten, Meinungen mit Meinungen und Diskussionen durch Diskussionen begegnen. Doch die machtbesessenen Kräfte des Falschen halten es für einen Beweis ihrer Stärke, statt dieser positiven Methoden Verrückten Peitschen in die Hand zu geben und sie auf die Anhänger der Wahrheit loszulassen. Diese Anhänger des Falschen, ungerechten Unterdrücker und selbsternannten Herren aus dem Wirrwarr von Verblendung und Unwissenheit auf den Weg der Rechtleitung zu führen, ist wahrlich schwierig.

Es gibt nur einen Weg der Wahrheit, und das ist der Weg Allahs, Seiner Propheten und Gesandten sowie ihrer Anhänger. Jeder entgegengesetzte Weg ist der Weg der Lüge und des Falschen. Auf Schritt und Tritt lauert der Feind der Wahrheit – der Satan. Satan zieht den Menschen äußerst heimlich auf den Weg des Verderbens und des Irrtums.

„Und dies ist Mein gerader Weg. So folgt ihm; und folgt nicht den verschiedenen Wegen, damit sie euch nicht von Seinem Weg abbringen.“ (Der Koran) Nur durch die Befolgung der islamischen Lebensordnung, das heißt durch das Beschreiten des Weges Allahs sowie die Befolgung von Koran und Sunna, kann die heutige Menschheit aus den Fängen des Kraken der Verwirrung befreit werden.

In unserer Zeit sehe ich Anzeichen dafür, dass die muslimische Umma durch vereinte Anstrengungen Erfolg haben und den gottfeindlichen Kräften entgegentreten wird. Ich bin zuversichtlich, dass wir schon bald den Anblick erleben werden, wie das Siegesbanner der Wahrheit auf der Pyramide der falschen Ideologien weht. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Nation ihre ideologische Verantwortung richtig erfüllen wird. Denn die muslimische Nation ist entstanden, um das Banner des Tauhid und der Risala hochzuhalten.

Natürlich glaube ich nicht, dass es für den Erfolg der islamischen Bewegung einer überstürzten Festlegung einer zeitlichen oder jahresbezogenen Frist bedarf. Im Leben einer idealistischen Nation hat dies auch keine große Bedeutung. Entscheidend ist vielmehr, darauf zu achten, ob wir uns vor Fehlern und Irrtümern bewahren und unseren unablässigen Vormarsch auf dem Weg zur Erreichung unseres Ziels fortsetzen.

Wir glauben, dass wir uns auf dem Weg der Wahrheit befinden, und jeder, der sich unserer Karawane anschließt, wird zur Errichtung des islamischen Emirats einen weiteren Baustein beitragen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass bei der Arbeit der Bewegung unter keinen Umständen Nachlässigkeit zugelassen werden darf, dass ihr Tempo keinesfalls verlangsamt werden darf und dass ein Rückzug nicht infrage kommt. Wir sind der Ansicht, dass unser Erleiden von Gefangenschaft und Folter eine historische Tatsache ist – ja, genau das ist der Lohn derer, die kompromisslos gegen das Falsche kämpfen!

Es versteht sich von selbst, dass ich gerade im Hinblick auf die Bedeutung all dessen, dem Wunsch meiner Brüder und Schwestern entgegenzukommen, den Versuch unternommen habe, meine Lebensgeschichte niederzuschreiben; dabei bitte ich Allah, den Erhabenen, um Hilfe.

Beim Niederschreiben meiner Lebensgeschichte musste ich immer wieder Ereignisse erwähnen, bei deren bloßer Vorstellung die Seele erzittert. In Wahrheit ist Dschahannam der Name des Übungsfeldes für die Abscheulichkeit und Grausamkeit der Strafe sowie für Henker und Spezialisten der Bestrafung. Diejenigen, die aus diesem Feuerofen der Dschahannam hervorgekommen sind, haben mit erhobener Stimme erneut verkündet: O Menschen der Welt! Islam ist nicht die Bezeichnung für eine Abstammung oder ein Verhältnis, sondern das ewige Lebensideal einer Ordnung und ihrer Verwirklichung.

Ich glaube, dass Allah mir dabei helfen wird, die vielfältigen Ereignisse meines Gefängnislebens niederzuschreiben, und dass dies den Gläubigen ein Leuchtfeuer sein wird. Der Name unseres Weges ist Sirat al-Mustaqim, und es ist immer wieder hervorzuheben, dass die endgültige Vollendung der Botschaften der Wahrheit, die die Propheten und Gesandten im Laufe der Zeitalter überbracht haben, Scharia Muhammadiya (s.a.w.) heißt

„Wer will, soll glauben, und wer will, soll leugnen.“ Diejenigen, die bereit sind, auf dem Weg Allahs Gefahren und Drangsale zu ertragen, finden sich durch Allahs Willen unter dem Banner von Koran und Sunna vereint.

Mit dieser Erkenntnis haben wir uns der islamischen Bewegung angeschlossen: Ganz gleich, welcher Prüfung von Allah wir begegnen, wir werden ihr mit einem Lächeln entgegentreten. Denn wir wissen, dass Allah den Gläubigen ihr Leben und ihren Besitz im Tausch gegen das Paradies abgekauft hat. Dies deshalb, weil sie auf Allahs Weg Dschihad führen und auf diesem Weg sogar als Märtyrer sterben werden. Durch die Tora, das Evangelium und den Koran hat Allah dieses Versprechen gegeben.

Liebevolle und ehrerbietige Grüße an jene Märtyrer, die vor uns Bewohner des Paradieses geworden sind. Ohne jeden Zweifel sind wir Reisende auf dem Weg der Wahrheit. Auch ihnen Grüße, in deren Herzen, wenn auch nur in geringem Maße, das Licht des Glaubens erstrahlt. Vielleicht wird Allah, der Erhabene, auch sie mit dem Glück der Rechtleitung beschenken. Zainab al-Ghazali

 

Worte des Übersetzers

Mit dem festen Schwur, Millionen entrechtete und unterdrückte Menschenkinder Adams aus der grausamen Unterdrückung, Ausbeutung und Verschwörung der westlichen kapitalistisch-imperialistischen Kreise sowie der imperialistischen roten imperialistischen Gruppierungen zu befreien und sie zum goldenen Ziel von Frieden und Wohlstand zu führen, sind heute überall auf der Welt die revolutionären Aktivisten der Islamischen Bewegung in einem kompromisslosen Kampf tätig. Nicht nur in der muslimischen Welt, sondern sogar die Grundfesten der zentralen Burgen der weißen und roten imperialistischen Gruppierungen erzittern heute unter dem Donnergrollen dieser revolutionären jungen Männer. Sie sind fest entschlossen, in Allahs Welt Allahs Religion zu errichten und die grundlegenden Rechte der gesamten Menschheit sowie einen dauerhaften Frieden zu verwirklichen.

Während in der revolutionären Karawane der Islamischen Bewegung die bewussten kämpferischen Jugendlichen einerseits unter dem Gesang von Dschihad-Liedern voranschreiten, kommen andererseits auch die Schwestern, die Töchter der Wahrheit, mit dem erweckenden Klang tawhidischer Melodien voran. Eine solche revolutionäre Schwester ist die verehrte Zaynab al-Ghazali, die berühmte Vorsitzende der Islamischen Frauenbewegung Ägyptens.

Als Präsident Nasser als Strohmann der eigennützigen Kreise der arabischen Welt und als Spielball der imperialistischen Kreise mit der Dampfwalze der Unterdrückung über das freiheitsliebende ägyptische Volk hinwegfuhr und in Terror und Barbarei die schlimmsten Beispiele setzte, gehörte Zaynab al-Ghazali zu jenen gläubigen Männern, die ihre Stimme für Recht und Wahrheit und gegen das Falsche erhoben. Angesichts der gewaltigen Volksbewegung unter der Führung Zaynab al-Ghazalis geriet Präsident Nasser aus dem Gleichgewicht. Unterdessen übte die Sowjetregierung Druck auf Präsident Nasser aus, diese beispiellose Bewegung in Ägypten unverzüglich zu zerschlagen. Doch Nasser war über den aufwallenden Zorn des ägyptischen Volkes und die eigentliche Kraft der Bewegung informiert. Daher spannte er zunächst die Falle einer Verschwörung. Er bot Zaynab al-Ghazali ein wichtiges Ministeramt und eine Beteiligung an der Macht an. Doch Zaynab al-Ghazali wies diese Angebote zurück und forderte entsprechend den Forderungen des Volkes die unverzügliche Errichtung einer islamischen Gesellschaftsordnung im Land.

Als Nasser es auf keine Weise schaffte, diese große Führerin der Islamischen Revolution in die Falle seiner Verschwörung zu locken, wurde beschlossen, sie zu töten. Zur Umsetzung dieses Beschlusses wurde ein spektakulärer Verkehrsunfall inszeniert. Doch durch Allahs Gnade entging sie sogar dem sicheren Tod. Schließlich sah Präsident Nasser keinen anderen Ausweg und konnte erleichtert aufatmen, nachdem er die Vorsitzende Zaynab al-Ghazali hinter die eisernen Gitter des Gefängnisses geworfen hatte. Die Chronik der verschiedenen erschütternden Ereignisse ihres Gefängnislebens bildet den Inhalt ihrer autobiografischen Schrift. Angesichts der unglaublichen Popularität, die das Buch in der ganzen Welt erlangt hat, hielten wir es für notwendig, seine bengalische Übersetzung den bengalischsprachigen Brüdern und Schwestern vorzulegen. Wenn der kompromisslose revolutionäre Charakter Zaynab al-Ghazalis die Herzen der bengalischsprachigen Brüder und Schwestern erreicht, werden wir unsere Arbeit als erfolgreich betrachten.

Erstes Kapitel

Jamal Nassers persönlicher Groll gegen mich

An einem angenehmen Februarnachmittag des Jahres 1964 war ich in meinem Wagen auf dem Heimweg. Plötzlich kam aus der entgegengesetzten Richtung ein anderer Wagen mit großer Geschwindigkeit heran, prallte gegen meinen Wagen, und augenblicklich überschlug sich mein Wagen. Bei diesem völlig unerwarteten Unfall wurde ich schwer verletzt und verlor durch die Heftigkeit der Schmerzen beinahe das Bewusstsein. Damals war ich nicht in der Lage, auch nur zu vermuten, wer am Unfallort und in dessen Umgebung welche Tätigkeiten ausübte. Allerdings hatte ich das Gefühl, dass mich jemand immer wieder rief.

Als ich wieder zu mir kam, stellte ich fest, dass ich in einem Bett des Polizeikrankenhauses lag. Zu meiner einen Seite standen mein geliebter Ehemann und enge Verwandte, zur anderen Seite einige einflussreiche Aktivisten der Islamischen Bewegung. Auf den Gesichtern jedes Einzelnen waren Angst und Sorge deutlich zu erkennen. Ich dankte Allah dafür, dass ich am Leben geblieben war, und als ich ihnen einige Fragen nach der Ursache des Unfalls stellen wollte, verlor ich erneut das Bewusstsein.

Als ich wieder zu Bewusstsein kam, sah ich, dass eine Ärztin mit ihren Helferinnen gekommen war, um mich auf die Röntgenstation zu bringen. Da kamen mir nach und nach alle Ereignisse, die sich zuvor und danach zugetragen hatten, wieder in den Sinn. Mein Mann dankte Allah noch immer mit vor Rührung bebender Stimme dafür, dass ich dem sicheren Tod entkommen war. Als ich nach dem Fahrer meines Wagens fragte, teilte er mir mit: „Der Fahrer ist wohlauf. Er befindet sich wegen leichter Verletzungen zur Behandlung im Krankenhaus.“ Später erfuhr ich, dass er Verletzungen am Kopf und am Gehirn erlitten hatte. Der Röntgenbefund zeigte, dass mein Oberschenkelknochen gebrochen war. Daher wurde ich zur Operation in das Krankenhaus „Mazhar Ashur“ gebracht. Dort führte der bekannte Chirurg Mohammad Abdullah an mir, während ich bewusstlos war, eine dreieinhalb Stunden dauernde Operation durch und brachte mich außer Gefahr.

Nachdem einige gefahrvolle Tage vergangen waren, erfuhr ich aus zuverlässiger Quelle, dass der Geheimdienst von Präsident Gamal Nasser den Plan gefasst hatte, mich zu ermorden. Die späteren Ereignisse bestätigten dies noch deutlicher. Selbst in jenen verhängnisvollen Tagen des staatlichen Terrors kamen die revolutionären Aktivisten der islamischen Bewegung regelmäßig ins Krankenhaus, um sich nach meinem Zustand zu erkundigen. Außerhalb des Krankenhauses waren Angehörige des staatlichen Geheimdienstes postiert. Nachdem ich ausführlich über die schwierige Lage im Land informiert worden war, untersagte ich den Aktivisten im Interesse des Volkes und der Bewegung insgesamt, durch ihren geliebten Führer, Bruder Abd al-Fattah Abdou Ismail, den Märtyrer, ins Krankenhaus zu kommen, um mich zu besuchen. Doch ich war erstaunt zu sehen, dass die Aktivisten nicht bereit waren, sich irgendeinem Druck durch widrige Umstände zu beugen. Einige Tage später erschien der Sekretär der staatlichen Verwaltung mit einer wichtigen Akte im Krankenhaus, um mit meiner Genehmigung meine Unterschrift dafür einzuholen. Selbstverständlich war es normal, dass er zu mir kam, da ich die Vorsitzende der Organisation war. Doch sobald mein Mann den Sekretär sah, stand er auf, nahm ihm die Akte aus der Hand und verließ mit ihm das Zimmer. Aus ihrem Gespräch ging hervor, dass man dem Sekretär schon einmal zuvor nicht erlaubt hatte, mich zu treffen. Das gefiel mir nicht. Als ich meinen Mann danach fragte, sagte er kurz nur: „Ich befolge lediglich die Anweisung des Arztes.“

Später kam der Arzt, untersuchte meine Wunde und riet mir, jede Art von Arbeit zu vermeiden. Bei dieser Gelegenheit teilte er mir außerdem mit, dass sich in der Akte verschiedene Schriftstücke und Informationen befänden. Doch es sei verboten, diese zu mir gelangen zu lassen. Sofort widersprach ich ihm und sagte, diese Schriftstücke seien doch keineswegs so gefährlich, dass man sie mir nicht zukommen lassen dürfe. Tatsächlich müssten diese Dokumente mir zur Unterschrift vorgelegt werden. Doch er weigerte sich, mir die Akte zu geben. Einige Tage später bat ich darum, im Bett sitzend einen Teil der Arbeit der Organisation fortsetzen zu dürfen. Doch auch dies wurde abgelehnt. Aufgrund dessen, was ich sah und hörte, verwandelte sich mein Verdacht in Gewissheit, dass sich zweifellos etwas Wichtiges ereignet hatte, das sie absichtlich vor mir zu verbergen versuchten. Aus manchen Gesprächen meines Mannes, meiner Privatsekretärin und sogar der Generalsekretärin des Exekutivrats der Versammlung war ebenfalls zu erkennen, dass sie alle versuchten, ein bestimmtes Ereignis vor mir geheim zu halten.

Was ich befürchtet hatte, trat schließlich ein. Am folgenden Nachmittag kam die Sekretärin des staatlichen Sekretariats direkt auf mich zu und ignorierte dabei die Anwesenheit meines Mannes völlig. Bevor sie mir den wahren Sachverhalt eröffnete, riet sie mir, mich innerlich darauf vorzubereiten, alles mit Geduld und Mut anzuhören. Danach schlug sie ohne das geringste Zögern die Akte vor mir auf. Ich sah, dass die äußerst wichtige Angelegenheit, die man vor mir zu verbergen versucht hatte, nichts anderes war als ein staatlicher Erlass zum Verbot unserer Frauenorganisation.

Die Sekretärin der Regierung sagte, um mich vorübergehend zu trösten: „Natürlich müssen Sie darüber sehr traurig sein.“ „Allah sei unendlich gedankt, aber woher nahm die Regierung irgendeine Begründung oder verfassungsmäßige Befugnis, ein Verbot über die Frauenorganisation zu verhängen?“, fragte ich. Doch die Lage war inzwischen so, dass niemand mehr frei war, um der Regierung diese Frage zu stellen. Wir haben auf unserer Ebene unser Möglichstes versucht, aber Gamal Nasser ist fest entschlossen, die islamische Frauenorganisation zu verbieten. Persönlich ist er Ihnen äußerst feindlich gesinnt; ja, sogar Ihren Namen aus dem Mund eines anderen zu hören, ist für ihn unerträglich. Wenn jemand Ihren Namen unabsichtlich erwähnt, zeigt er eine derart heftige Reaktion, dass sie sich kaum beschreiben lässt. Es scheint, als hätten Ihre Persönlichkeit und Ihre Bewegung ihm jede Ruhe genommen.“ Nachdem ich die Worte der Regierungssekretärin gehört hatte, sagte ich: „Allah sei Dank, dass Nasser mich und die Partei nur deshalb fürchtet, weil wir für die soziale, wirtschaftliche und politische Befreiung der Menschen die Bewegung zur Errichtung einer islamischen Gesellschaft führen. Der Hauptgrund für meine Unzufriedenheit mit Nasser ist, dass er die islamischen Forderungen des Volkes missachtet und den ausländischen imperialistischen Kreisen die Füße leckt. Jedenfalls wird er schon sehr bald erkennen, dass es unmöglich ist, die islamische Bewegung durch ein staatliches Verbot, durch unsere Tötung oder durch unsere Inhaftierung zum Schweigen zu bringen. Die islamische Bewegung wird ihren natürlichen Weg weitergehen. Keine Macht der Welt wird sich dieser Bewegung lange entgegenstellen können. Vor dem unaufhaltsamen Vorstoß der Mujahidin für Allahs Religion werden diese sogenannten Mächte zwangsläufig wie Spreu im Wind davonfliegen. Allah hat uns befohlen, aufbauende und schöpferische Arbeit zu leisten, und uns angewiesen, uns der Zerstörung und Verfälschung entgegenzustellen.“

Nachdem sie mir zugehört hatte, sagte die Sekretärin des Sekretariats äußerst höflich: „Verehrte Vorsitzende! Ich hoffe wirklich, dass das Verbot Ihrer Partei aufgehoben wird.“ Danach blickte sie sich um und sagte mit leicht gedämpfter Stimme: „Ich fürchte, dass hier irgendwo ein verstecktes Mikrofon angebracht ist. Sie wissen ja, auch die Wände haben Ohren.“ Nun zog die Sekretärin des staatlichen Sekretariats heimlich ein Blatt Papier aus ihrer Tasche und sagte, während sie äußerst vorsichtig in die Umgebung blickte: „Hochverehrte Vorsitzende! Ich habe eine dringende Bitte an Sie: Bitte unterschreiben Sie dieses Papier. Sobald Sie es unterschrieben haben, wird die Entscheidung, ein staatliches Verbot über Ihre Partei zu verhängen, aufgehoben.“

Als ich das Blatt zum Lesen in die Hand nahm, waren meiner Empörung und meinem Erstaunen keine Grenzen gesetzt: Es handelte sich um einen Antrag auf Beitritt zur regierenden staatlichen sozialistischen Partei.

Einige Augenblicke lang blieb ich wie versteinert. Dann schluckte ich all meine Verbitterung hinunter und sagte zu Jamal Nassers Sekretärin:

Sekretärin, wenn du eine gute Tat findest, dann geh und vollbringe sie. Merke dir das und richte es Nasser aus: Selbst wenn meine Hand verbrennen, verkohlen und schmelzen sollte, bevor ich eine Unterschrift zur Unterstützung eines tyrannischen Herrschers wie ihm setze, wäre mir das noch lieber. Jamal Nasser ist in ungerechte Machenschaften gegen Allah und den Islam verstrickt. Er ist ein Feind des Volkes; seine schändlichen Hände sind zumindest mit dem Blut des Volksführers Abdul Qader Audah und zahlloser revolutionärer Muslime befleckt. Die Auflösung meiner Partei hinzunehmen, ist mir lieber, als einen so grausamen und ungerechten Gewaltherrscher zu unterstützen.

Danach küsste die Sekretärin des staatlichen Sekretariats meine Hand und sagte:

Mutter, können Sie mich als Ihre Tochter annehmen?

Warum nicht?, sagte ich.

Dann lassen Sie jenes Thema beiseite, vielmehr …

Nein, selbst im Austausch für ein noch größeres Opfer ist es unmöglich, eine Unterschrift zur Unterstützung der tyrannischen Herrschaft Jamal Nassers zu leisten. Ein Bündnis zwischen der Wahrheit und der Lüge ist undenkbar. Du kannst kommen, Sekretärin!

Nachdem ich allmählich wieder gesund geworden war, gingen die Tage im Krankenhaus zu Ende. Ich kehrte nach Hause zurück.

Ich und die sozialistische Union

Danach kam die Sekretärin, von der ich sprach, fast täglich zu mir ins Sekretariat. Eines Tages kam sie und sagte:

:Eine gute Nachricht, Madame! Die Entscheidung, ein Verbot über Ihre Organisation zu verhängen, wurde ausgesetzt.

Ich war erstaunt, als ich das hörte, und fragte:

:Warum?

:Ich weiß nichts Genaues. Doch ich habe den Eindruck, dass möglicherweise der Weg für eine offizielle Kontaktaufnahme und Gespräche mit Ihnen geebnet wird. Auf diese Weise brachte die Sekretärin der staatlichen Verwaltung weiterhin verschiedene Informationen zu mir, und auch ich führte von meiner Wohnung aus die Arbeit und Aktivitäten der Partei weiter. Einige Tage später erfuhr ich, als ich ins Krankenhaus ging, um den Gips abnehmen zu lassen, von der Freilassung des Volksführers, Herrn Sayyid Qutb. Obwohl er noch im Gefängnis war, erfuhr er von meinem Verkehrsunfall und eilte unmittelbar nach seiner Freilassung ins Krankenhaus, um mich zu besuchen.

Einige Tage später erhielt ich auf Aufforderung der Regierung eine eingeschriebene Karte. Die Angaben auf der Karte lauteten genau so:

Arabische Sozialistische Union –

Freiheit – Sozialismus – Solidarität –

Name – Zeinat al-Ghazali al-Jubaili.

Alias – Zeinat al-Ghazali.

Amt/Beruf – Vorsitzende der Islamischen Frauenvereinigung.

Einheit – Al-Basayeen-Al-Maza.

Abteilung – Neuägypten.

Bezirk – Kairo.

Mit dieser Karte traf mit derselben Post noch ein ausführlicheres Dokument ein. Dieses Dokument war ein Beleg für die ägyptisch-sowjetischen Beziehungen im Jahr 1964.

Danach trafen weiterhin regelmäßig Briefe und Einladungsschreiben seitens der Regierungspartei ein. Auch zur Teilnahme an deren verschiedenen Versammlungen und Konferenzen wurde ich eingeladen. Ich hatte jedoch beschlossen, auf keinerlei derartige Briefe zu antworten. Nachdem ich inzwischen vollständig genesen war, erlaubte mir der Arzt, mich ganz der Parteiarbeit zu widmen.

Eines Tages teilte mir meine persönliche Sekretärin im Hauptquartier der Islamischen Frauenorganisation mit, dass jemand von der Sozialistischen Union mit mir sprechen wolle. Ich nahm den Hörer ab und sagte: „Assalamu alaikum.“ Vom anderen Ende kam die Antwort:

„Wa alaikumus salam.“

„Mit wem spreche ich? Wen wünschen Sie, und warum?“ Gleichzeitig stellte ich drei Fragen und verlangte eine Antwort.

„Wenn Sie Muhatarama Jinat Ghazali sind, möchte ich Sie im Namen der Sozialistischen Union bitten: Wir wären sehr erfreut, wenn die Schwestern der Islamischen Frauenorganisation unter Ihrer Führung zum Flughafen kämen, um Präsident Gamal Nasser willkommen zu heißen.“

Als ich schwieg, sagte die Stimme am anderen Ende erneut:

„Auf Ihre Anweisung hin werden wir ein Auto schicken, das Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen wird.“

„Nein, danke“, sagte ich und legte den Hörer auf. Zwei oder drei Tage später kam erneut ein Anruf von der Sozialistischen Union. Diesmal wollte eine Dame wissen:

„Warum sind Sie nicht zum Flughafen gekommen, um den Präsidenten willkommen zu heißen?“

Ich sagte: „Auch die Mitarbeiterinnen unserer Organisation sind völlig frei darin, irgendwohin zu gehen oder nicht zu gehen. Außerdem folgen wir den islamischen Lehren. Es ist uns nicht möglich, irgendwohin zu gehen, wo Fragen von Ehre und Sittsamkeit eine Rolle spielen ………

Es scheint, dass Sie nicht bereit sind, uns zu unterstützen. Nun gut, Sie selbst sind nicht gekommen, aber haben Sie nicht den anderen Frauen befohlen, zum Flughafen zu kommen?

: Nein, wenn ich etwas für mich selbst als unangebracht erachte, kommt es überhaupt nicht infrage, jemand anderem diesbezüglich einen Befehl zu erteilen.

: Das bedeutet, dass Sie unter keinen Umständen mit uns zusammenarbeiten werden.

: Doch, das werde ich – aber nur auf dem Weg des Islam. Wenn Sie dem von Allah gewiesenen Weg folgen, werden Sie bei jedem Schritt unsere Unterstützung erhalten; andernfalls wird der Konflikt zwischen Wahrheit und Unwahrheit weitergehen.

: Können Sie zu unserem Büro kommen, um mit uns zu verhandeln?

: Nein, ich bin noch nicht vollständig genesen. Wenn es Ihnen jedoch möglich ist, können Sie zu mir nach Hause kommen – ich lege jetzt den Hörer auf. Etwa eine Woche nach diesem Telefongespräch wurde ein auf den 15.9.1964 datierter Einschreibebrief an mich geschickt. Darin befand sich ein ministerieller Beschluss vom 6.2.1964. Seine Nummer lautete 132. Aufgrund dieses Beschlusses wurde die Islamische Frauenorganisation zum zweiten Mal verboten, und diese Nachricht wurde per Einschreiben übermittelt.

Nicht für Gottesrebellen

Am 15. September 1964 fand als Reaktion auf die Entscheidung der Regierung, die Islamische Frauenorganisation zu verbieten, eine Dringlichkeitssitzung der Organisation statt. Auf der Sitzung wurde einstimmig beschlossen, die Regierungsentscheidung nicht anzuerkennen und die Übergabe der Parteikasse an die Regierung oder eine bestimmte Partei abzulehnen. Außerdem wurde beschlossen, innerhalb von 24 Stunden eine weitere außerordentliche Dringlichkeitssitzung abzuhalten. Auf dieser Sitzung wurde entschieden, der Regierungsentscheidung nicht Folge zu leisten und diese rechtswidrige Entscheidung der Regierung vor Gericht anzufechten.

Um die Organisation in dem Verfahren zu vertreten, beauftragten wir die angesehenen Rechtsanwälte Jawab Abdullah und Rischwan als Prozessbevollmächtigte und sandten unverzüglich ausführliche Darstellungen hierzu an den Präsidenten, den Innenminister, den stellvertretenden Innenminister sowie an die Zeitungen und Zeitschriften. In diesen Schreiben erklärten wir unmissverständlich, dass das Hauptziel der 1936 gegründeten Islamischen Frauenorganisation darin besteht, die islamischen Ideale zu verkünden und zu verbreiten sowie die muslimischen Frauen im größeren Interesse des Landes und der Bevölkerung unter dem Banner des Islam zu vereinen. Die Regierung oder das Innenministerium sind nicht die Träger unserer Organisation und haben daher kein Recht, sie zu verbieten, um irgendwelche rechtswidrigen Ziele zu verwirklichen. Wir sind nicht verpflichtet, irgendeine derartige Entscheidung oder Erklärung der Regierung anzuerkennen. Vielmehr wiederholen wir unseren Appell an die Regierung, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um das von Allah gegebene Lebenssystem in Allahs Welt zu verwirklichen – dieses große Ziel. In dieser Angelegenheit sind wir bereit, jede erdenkliche Unterstützung zu leisten.

Doch Jamal Nasser war derart vom Rausch der Macht und von seiner Feindschaft gegenüber dem Islam besessen, dass er nicht bereit war, irgendeine Gerechtigkeit oder Wahrheit überhaupt als beachtenswert anzusehen. Wegen seiner feindseligen Haltung mir gegenüber erklärte er die Islamische Organisation überstürzt für rechtswidrig und ließ ebenso die unter meiner Herausgeberschaft erscheinende Zeitschrift auf unbestimmte Zeit schließen. Bei diesen rechtswidrigen Maßnahmen scheute er auch nicht davor zurück, militärische Gewalt einzusetzen. Plötzlich drangen sie unbefugt in den Hauptsitz der Organisation ein und bemächtigten sich der Büroräume und sämtlicher Einrichtungsgegenstände. Sie stießen sogar die unschuldigen armen Kinder des angrenzenden Waisenhauses, das unter der Schirmherrschaft der Organisation betrieben wurde, hinaus. Für die Besetzung wählten sie einen Zeitpunkt, zu dem sich keine unserer Mitarbeiterinnen im Hauptsitz befand. Nur die stellvertretende Büroleiterin arbeitete dort gerade. Die staatlichen Besatzer behaupteten, ihr die Verfügungsgewalt entzogen zu haben. Am folgenden Tag gab ich die nachstehende Erklärung zur Veröffentlichung in den Zeitungen und Zeitschriften ab.

„Die 1936 gegründete Islamische Frauenorganisation ist eine regelgebundene islamische Organisation. Ihr Hauptziel besteht darin, das von Allah gegebene Lebenssystem, den Islam, vollständig zu verwirklichen, um für sämtliche Probleme der Menschen eine angemessene und dauerhafte Lösung zu erreichen. In Wahrheit ist Allah der alleinige Besitzer aller Macht, und Allah ist unser Herr. Wir betrachten die Tendenz, eine persönliche Herrschaft über die Bevölkerung zu errichten, als verwerflich.

Wir verurteilen die staatliche Entscheidung, ein Verbot über die Islamische Frauenorganisation zu verhängen, unmissverständlich und weigern uns, sie anzuerkennen. Ebenso möchten wir unmissverständlich feststellen, dass der aus dem Nichts aufgetauchte und sich an die Macht gesetzte Jamal Nasser keinerlei moralisches Recht hat, über das muslimische Volk zu herrschen. Sowohl sein Amt als auch sein Ministerrat sind rechtswidrig.

Wir möchten ferner unmissverständlich erklären, dass der Vormarsch der islamischen Bewegung weder durch Gewalt und Unterdrückung noch durch Tyrannei und Verschwörungen aufgehalten werden kann. Die islamische Bewegung wird auch ohne Büros, Finanzmittel oder Einrichtungsgegenstände jeglicher Art fortbestehen. Keine Macht der Welt kann uns unseren Glauben, die Quelle unserer starken Inspiration, entreißen. Unser unerschütterliches Vertrauen in Allah und Seinen Gesandten Muhammad (s.a.w.s.) sowie die weltumspannende islamische Brüderlichkeit werden unseren Fortschritt unaufhaltsam machen. Der unablässige Dschihad auf dem Weg der Wahrheit ist unser Handlungsprogramm. Diese Bewegung wird fortbestehen, bis das große Ziel der islamischen Revolution erreicht ist.“

Was sollen wir tun?

Nachdem der Staat den Hauptsitz der Islamischen Frauenorganisation besetzt hatte, kamen verschiedene Frauendelegationen zu mir, um sich über das weitere Vorgehen beraten zu lassen und nach Orientierung zu fragen.

Das Jahr 1964 kann wohl als das Jahr des Höhepunkts des Aufstiegs des Nasser-Regimes bezeichnet werden. Die Lage war inzwischen derart, dass bereits die geringste Äußerung gegen seine Diktatur als regelrechte Auflehnung galt. Unterdessen wurden fast alle großen und kleinen Führer der berühmten islamischen Bewegung Muslim Brotherhood, der Muslimbruderschaft beziehungsweise Ikhwan al-Muslimun, unter verschiedenen falschen oder erfundenen Anschuldigungen verhaftet. Somit war niemand übrig geblieben, der die volksfeindlichen Aktivitäten der Regierung hätte kritisieren können. Andererseits nutzten opportunistische und eigennützige Politiker die günstige Gelegenheit zur Verwirklichung ihrer Interessen, indem sie Nasser schmeichelten. Selbst einige religiöse Führer und manche religiöse Zeitschriften hielten es damals für vergleichsweise vorteilhaft, das Nasser-Regime zu preisen. Auch in der berühmten arabischen Zeitschrift Al-Azhar erschienen Beiträge und Artikel, die als ein Versuch gelten konnten, die schändliche Rolle der tyrannischen Herrscherclique mit scheinbar vernünftigen Argumenten zu rechtfertigen. Und die Zeitschriften mit ihren maskierten Gesichtern waren unablässig damit beschäftigt, gegen diejenigen, die der islamischen Bewegung mit Leib und Seele ergeben waren, eine Flut von Verleumdungen zu schleudern. Selbst unter solch entsetzlichen Bedingungen von Unterdrückung und Schrecken hielten die furchtlosen Mujahidin der islamischen Bewegung das Banner der Wahrheit hoch. Trotz zahlloser Verfolgungen und Unterdrückungen war ihr Kampfgeist nicht gebrochen; ihre Aktivitäten ließen nicht im Geringsten nach, und das süße Lächeln auf ihren Gesichtern verblasste nicht.

Auch die muslimischen Frauen spielten hierbei eine äußerst wichtige Rolle. Statt nach weltlichen Interessen zu streben, nahmen sie auf dem Weg zur Erlangung der Zufriedenheit Allahs Leid mit einem Lächeln auf sich. Sie überwanden die Gebirgskette aus Angst, Einschüchterung und Hindernissen und kamen regelmäßig mit neuer Begeisterung und neuem Elan zu mir. Selbst in diesen schweren Zeiten organisierten sie in ihren jeweiligen Gegenden häusliche Treffen und allgemeine Versammlungen. Damals nahmen wir ein Programm zur Ausbildung weiblicher Rednerinnen in Angriff. Auf diese Weise wurden die ausgebildeten Frauen in alle Teile des Landes entsandt, um die Bewegung zu propagieren und die Frauen zu organisieren. Doch schon bald mussten wir diesen Plan infolge der harten Unterdrückungspolitik der Regierung vorerst aussetzen. Danach beschränkte sich die Tätigkeit der Bewegung auf die persönliche Ebene.

Ausflüchte und Täuschung

Einige Zeit später suchten mehrere Beamte aus Jamal Nassers Geheimdienst mich auf und unterbreiteten verschiedene Vorschläge und Bedingungen zur Wiederbelebung der Islamischen Frauenorganisation. Sie boten mir an, die Organisation unter der Bedingung wiederzubeleben, dass man mir auch meine Zeitschrift zurückgeben würde. Außerdem boten sie mir eine monatliche Unterstützung von dreihundert ägyptischen Pfund an. Im Gegenzug dafür verlangten sie jedoch, dass ich mich von der islamischen Bewegung fernhielt.

Ich sagte zu ihnen:

:Im Austausch für die Erlangung der Zufriedenheit Allahs halte ich alle Reichtümer und alle Macht der Welt für äußerst gering. Ich lehne diese Verlockungen und an Bedingungen geknüpften Vorschläge von Ihnen ab.

Trotz meiner eindeutigen Zurückweisung sagten die Beamten des Geheimdienstes erneut zu mir:

„Sehen Sie, wenn Ihre Organisation als unterstützende Gruppierung der Regierungspartei auf den Plan treten will, wird sie schon sehr bald wiederbelebt, und man wird Ihnen auch Ihr Hauptquartier zurückgeben, einschließlich einer besonderen jährlichen Unterstützung von zwanzigtausend Pfund.“

Darauf antwortete ich ihnen:

„Sie wiederholen immer wieder denselben Irrtum. Ihr solltet wissen, dass weder Gier noch Furcht uns vom Weg des Islam abbringen können. Wir gehören nicht zu denen, die mit der Religion Geschäfte machen. So wenig wir selbst irregeleitet sind, so wenig können wir daran denken, irgendjemanden anderen irrezuführen. Wir glauben nicht an irgendwelche Winkelzüge oder Unklarheiten. Ihr könnt kommen.“ Dennoch unterbreiteten sie weiterhin verschiedene zielgerichtete Vorschläge und versuchten, mich auf irgendeine Weise zu einem Kompromiss zu bewegen. Über ihre lächerlichen Bemühungen war ich erstaunt und vermutete, dass es sich dabei lediglich um die Probe zu einem neuen Regierungsdrama handelte. Tatsächlich erwies sich meine Vermutung schon bald als richtig. All ihre Bemühungen waren nur der Auftakt zu einer späteren Verschwörung.

Der Nachtkauz

Eines Tages am späten Nachmittag kamen drei Männer zu meinem Haus und baten um ein Gespräch mit mir. Als ich in den für den Empfang von Gästen bestimmten Raum ging, sah ich, dass alle drei arabische Kleidung trugen. Nach dem Austausch des Friedensgrußes fragte ich sie nach dem Grund ihres Besuchs bei mir. Einer von ihnen sagte:

„Wir sind syrische Staatsbürger. Gegenwärtig sind wir von Saudi-Arabien aus für einen kurzen Urlaub nach Kairo gekommen. Wir haben uns mit den Ikhwan-Führern in Saudi-Arabien getroffen: Said Ramadan, Scheich Mustafa Alam, Kamel Scharif, Muhammad Usmavi und Fathi Choli. (Bemerkenswert ist, dass diese Führer angesichts der von Dschamal Nasser verübten Verfolgung gezwungen waren, nach Saudi-Arabien ins Exil zu gehen.) Sie haben der ägyptischen Bevölkerung Grüße und gute Wünsche übermittelt und um das unerschütterliche Vertrauen der Menschen in die Bewegung gebeten.“

Danach begannen die drei Herren von sich aus über die Ikhwan und Dschamal Nasser zu sprechen. Nachdem sie ausführlich über die von Nasser gegen die Ikhwan verübte Unterdrückung und Verfolgung, die Ereignisse von 1954 sowie das Märtyrertum von Abd al-Qadir Audah und seinen Gefährten gesprochen hatten, erklärten sie mir, dass sie bereit seien, im Land einen Aufstand zu entfachen und Nasser zu töten, und dass die im Exil lebenden Ikhwan-Führer damit einverstanden seien. Danach sahen sie mich fragend an. Bis dahin hatte ich schweigend dasaß und lediglich ihren Worten zugehört. Nun sagte ich: „Das von euch beschriebene Vorhaben erscheint mir völlig neu und fremd. Ich weiß nichts darüber und will auch nichts darüber wissen.“

Als sie das hörten, sagten sie: „Dann werden wir später wieder zu Ihnen kommen, um die Meinung des Murschid al-ʿAmm und der Partei zu erfahren.“

Ich sagte: „Ich weiß nichts von einer Geheimorganisation der Ikhwan. Außerdem hat die Regierung die Ikhwan als politische Partei verboten. Ich bin nicht in der Lage, mit dem Murschid darüber irgendein Gespräch zu führen. Denn unsere Beziehung beruht auch auf islamischer Brüderlichkeit und familiärer Verbundenheit. Meiner Ansicht nach denkt kein Muslim daran, Dschamal Nasser zu töten. Persönlich kann ich Ihnen keinen anderen Dienst erweisen, als Ihnen zu raten, in Ihr eigenes Land zurückzukehren und dort Läuterung zu erlangen.“

Nachdem ich geendet hatte, sagte einer von ihnen:

„Sie sind vermutlich unzufrieden mit uns. Aber sagen Sie: Hat Nasser das Land nicht zugrunde gerichtet?“

„Aber die Ikhwan haben nicht vor, Nasser zu töten.“

Daraufhin fragte ich sie nach ihren Namen. Als sie ihre Namen nennen sollten, gerieten alle drei offenbar ins Stocken. Nach einigem Zögern sagte einer, er heiße Abdusch-Schafi Abd al-Haqq, der andere Abd al-Dschalil Isa und der dritte Abd ar-Rahman Chalil. Als ich hörte, wie sie ihre Namen nannten und jedem von ihnen ein „Abd“ vorangestellt war, konnte ich mein Lachen nicht länger zurückhalten. Nachdem ich verstanden hatte, was es zu verstehen gab, sagte ich zu ihnen:

„Meine Brüder, es wäre besser für Sie, unverzüglich in Ihre Heimat zurückzukehren, bevor Sie in die Hände von Nassers Geheimdienst geraten und von ihm übel zugerichtet werden.“

Darauf erwiderte einer: „Apa Dschinat! Sie haben selbstverständlich das Recht, uns zu misstrauen. Doch schon bald werden Sie erfahren, wer wir sind!“ Danach gingen sie.

Als Abd al-Fattah Ismail später zu mir kam, um mich zu besuchen, erzählte ich ihm die Geschichte dieser nur zum Schein harmlosen Bürger.

Alle sind Ahmad Rasekh

Noch waren keine zwei Wochen vergangen, da kam eines Tages ein Herr namens Ahmad Rasekh zu mir. Als er sich vorstellte, erklärte der Herr, dass er dem Geheimdienst angehöre. Nachdem er einige Augenblicke schweigend verharrt hatte, fragte er, worüber ich zwei Wochen zuvor mit jenen drei syrischen Bürgern gesprochen hatte.

Gleichgültig sagte ich:

„Soweit ich glaube, sind jene drei Herren überhaupt keine syrischen Bürger. In Wirklichkeit kamen sie nur, weil sie mich für dumm hielten, mit dem Ziel, mich noch weiter zum Narren zu halten. Ich bin wirklich nicht in der Lage zu verstehen, warum die Verwaltung solche theatralischen Manöver aufführt, obwohl sie mir bereits meine Zeitung und mein Hauptquartier weggenommen hat. Was ist eigentlich das Ziel der Regierung?“ Danach wechselte der Herr vom Geheimdienst das Thema und fragte:

:Was denken Sie über Jamaluf und Jamalufa?

:Sie alle sind fehlgeleitete Atheisten. In ungerechten und illegalen Aktivitäten sind sie wahre Meister. Der Herr reagierte auf meine Worte und sagte:

:Sehen Sie, Schwester, auch wir sind Muslime.

:Nur weil jemand einen muslimisch klingenden Namen trägt, ist er noch kein Muslim; vielmehr zeigt sich durch die Taten, wer Muslim und wer Nichtmuslim ist – sagte ich.

„Wir sind nicht bereit, dem Ruf zu folgen, mit dem Sie zum Islam einladen. Und wir sind auch nicht in der Lage, Ihre Einladung überhaupt zu erwägen. Tun Sie also Ihre Arbeit und lassen Sie uns mit unserer beschäftigt sein.“ Während er dies sagte, erhob sich der Herr. Ich sagte zu ihm:

:Möge Allah alle rechtleiten und uns alle auf den Weg der Gerechtigkeit und Wahrheit führen.“

Zwei Tage nach diesem Treffen hielt ein staatlicher Wagen im Hof meines Hauses. Ein junger Mann in einem grauen Anzug stieg aus, grüßte mich und sagte:

„Ich bin Ahmad Rasekh, ein Offizier des Nachrichtendienstes.“ Ich musterte den jungen Mann von Kopf bis Fuß und suchte nach einer Ähnlichkeit mit jenem Ahmad Rasekh aus dem Innenministerium, der mich zuvor ins Innenministerium hatte kommen lassen. Auch auf dem Namensschild an der Außenseite seines Büros hatte derselbe Name, „Ahmad Rasekh“, gestanden. Als der junge Offizier bemerkte, dass ich schwieg, sagte er:

„Noch vor zwei Tagen war ein gewisser Ahmad Rasekh bei Ihnen zu Besuch. Und nun steht der dritte Ahmad Rasekh vor Ihnen.“

Als ich das hörte, wollte ich ihn noch eingehender mustern. Drei hochrangige Offiziere mit demselben Namen in derselben Abteilung erschienen mir wie ein schlechter Scherz. Als der junge Offizier bemerkte, dass ich ihn schweigend musterte, sagte er verlegen:

:„Warum sehen Sie mich mit solchem Erstaunen schweigend an? Sind Sie etwa verärgert, weil ich zu einer unpassenden Zeit gekommen bin?“

Mit einem leichten Lächeln ging ich auf seine Worte nicht ein und sagte:

:Die Tür dieses Zimmers steht stets offen, um Gäste willkommen zu heißen. Wie dem auch sei, ich möchte dir eine amüsante Geschichte erzählen. Hör zu. Die Geschichte war vermutlich in der Zeitung Al-Ahram veröffentlicht worden. Sie ging ungefähr so: „Das ist einige Jahre her. Die Königin der Niederlande und ihr Ehemann waren auf Einladung des Königs von England nach London gereist. Eines Tages, während einer Unterhaltung, erhob sich die Königin der Niederlande plötzlich von ihrem Stuhl, ging zu einem speziell ausgebildeten Hund, der im Empfangszimmer eingesetzt war, und betrachtete ihn eine Weile eingehend. Dann hob sie den Hund beinahe wie von Sinnen auf den Arm und begann, ihn zu küssen. Anschließend übergab sie den Hund ihrem Ehemann und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Daraufhin begann auch ihr Ehemann, den Hund beinahe wie von Sinnen zu küssen. Der König und die Königin von England beobachteten diese Vorgänge zutiefst erstaunt. Ihr Erstaunen kannte keine Grenzen mehr, als sie sahen, dass der Königin der Niederlande Tränen in den Augen standen, als sie den Hund von ihrem Ehemann zurücknahm. Sie drückte den Hund an ihre Brust, ganz so, als wäre er ihr eigenes Kind. Einige Zeit später sah man sie sogar während des königlichen Banketts, wie sie den Hund ununterbrochen auf dem Schoß hielt.“

Nun wandte sich die Königin von England an die hochverehrte Gästin und sagte:

„Die Besitzerin des Hundes, den Sie so sehr verwöhnen, ist die Prinzessin; auch sie liebt den Hund sehr. Andernfalls wären wir sehr erfreut gewesen, wenn wir Ihnen den Hund hätten schenken können.“

Die Königin der Niederlande glaubte an die Lehre von der Wiedergeburt der Seele. Sie sagte:

„Vor einigen Jahren verlor ich meinen einzigen Sohn. Ich glaube, dass die Seele meines Sohnes in diesen Hund eingegangen ist. Sehen Sie nur, die Augen des Hundes sind haargenau wie die Augen meines Sohnes.“

Als die Königin von England dies hörte, brachte sie die Prinzessin dazu, sich damit einverstanden zu erklären, den Hund dem niederländischen Königspaar zu schenken. Selbstverständlich schenkte die Prinzessin den Hund dem König und der Königin der Niederlande. Nachdem ich dem jungen Mann den Vorfall geschildert hatte, sagte ich:

: Nun, Herr Rashek, diejenigen, die an die Wiedergeburt der Seele glauben, sehen in irgendeinem Tier das Ebenbild eines verstorbenen Angehörigen. Aber ich bin erstaunt, dass die drei Personen des ägyptischen Geheimdienstes, denen ich begegnet bin, allesamt Ahmed Rashek heißen! Zwischen ihren Körpern, Gesichtern und ihrer Hautfarbe gibt es jedoch nicht die geringste Ähnlichkeit, ja nicht einmal in ihrem Auftreten und ihren Gesten besteht irgendeine Übereinstimmung. Hat also Ihr Präsident etwa eine neue Lehre über die Wiedergeburt der Seele entdeckt? Wahrscheinlich verlangt man von mir, dieser neuen Lehre zu folgen; was meinen Sie, ist es etwa so etwas? Als er meine Worte hörte, schien sich seine Gesichtsfarbe zu verändern. Er versuchte, wieder zu seiner normalen Haltung zurückzufinden, und sagte:

: Sehen Sie, Madame! Wir sind keine gewöhnlichen Leute. Auch wir stammen aus angesehenen Familien. Es ist nicht unsere Absicht, Ihnen Schmerz zuzufügen. Wir versuchen lediglich, zu einer Einigung mit Ihnen zu kommen. In Wirklichkeit bin ich der echte Ahmed Rashek.

: Aber aus welchem Grund soll ich glauben, dass du der Echte und die anderen Fälschungen sind! Außerdem, was brauche ich schon all das! Könnt ihr mir klar sagen, was ihr von mir wollt?

:Die Sache ist die, dass die Regierung an einer Verständigung mit Ihnen interessiert ist. Wir glauben, dass die Muslimbruderschaft Sie in die Irre führt. Diese Leute glauben an Anarchie. Deshalb möchten wir Ihnen lediglich ein wenig Unannehmlichkeit bereiten: Nennen Sie uns einfach die Namen derjenigen, die bei der Muslimbruderschaft aktiv sind. Im Gegenzug wird der Präsident persönlich Ihre Sicherheit gewährleisten, und all Ihre Bedürfnisse werden erfüllt werden. Wir hoffen, dass Sie uns innerhalb der nächsten Tage eine Liste mit den Namen der Terroristen der Muslimbruderschaft geben werden. Wir waren erstaunt, dass eine allseits verehrte und kluge Führerin wie Sie zum Opfer der Verschwörung der Muslimbrüder werden konnte!

Er fuhr fort:

„Große Führer der Muslimbruderschaft wie Imam Hudaybi und Sayyid Qutb versuchen jetzt, zu einer Verständigung mit dem Präsidenten zu gelangen. Doch da der Präsident mit ihnen nicht zufrieden ist, geht er auf ihr Bestreben nicht ein. Wenn Sie tatsächlich wüssten, welche Propaganda die Muslimbruderschaft über Sie verbreitet, würden Sie sich sofort mit uns verständigen und augenblicklich alle Beziehungen zur Muslimbruderschaft abbrechen.“

Bis dahin hatte ich, anstatt meinen Unmut über die Lügen und haltlosen Äußerungen dieses jungen Geheimdienstoffiziers zu zeigen, nur gelächelt und sagte:

:Mein Sohn, ich sehe keinerlei Notwendigkeit darin, herauszufinden, wer oder was du beim Geheimdienst bist, oder deine Aussagen, deinen Namen, dein Gesicht und deine Herkunft zu überprüfen. Ich hoffe, dass diese wenigen Worte von mir für dich ausreichen. Doch als Junge möchte ich dir noch etwas sagen. Versuche, das islamische Ideal wirklich kennenzulernen, zu verstehen und ihm zu folgen. Laufe nicht blind hinter irgendeinem aus dem Westen oder Osten übernommenen -ismus oder irgendeiner fremden Ideologie her. Warum, ist es dir etwa unmöglich, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden? Warum ruft ihr dann, obwohl ihr Muslime seid, die Parolen des Sozialismus? Und warum vergeudet ihr euer Leben, indem ihr nach der Pfeife ausländischer Mächte tanzt? Ich warte auf den Tag, an dem junge Menschen wie ihr, befreit aus dem Strudel von Zweifel und Krise, sich unter dem Schatten der islamischen Fahne vereinen werden.“

Um mir zu beweisen, dass er ein guter Muslim sei, sagte er zu mir:

:Madam, bei Allah, ich verrichte regelmäßig das Freitagsgebet. Außerdem die anderen Gebete und die Fard- und Wajib-Pflichten und so weiter……… Mein Vater nahm mich schon seit meiner Kindheit zum Freitagsgebet mit, deshalb bin ich nur daran gewöhnt.

:Hast du deinen Vater jemals gefragt, warum er nur das Freitagsgebet verrichtet?

:Sagen Sie, reicht es nicht aus, zu bezeugen: La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah, um Muslim zu sein?

:Aber wenn du dein Leben nicht gemäß dem Bekenntnis zu diesem Glaubenssatz führst, wird sich das Gegenteil zum Guten ergeben. Werden deine islamischen Pflichten nicht noch größer, nachdem du das Glaubensbekenntnis gesprochen hast?

:Man sollte den Herrschern folgen und ihnen gehorchen.

:Na gut, dann mach dich bereit, am Tag des Jüngsten Gerichts mit diesen armen Herrschern in einer Reihe zu stehen.

:Sehen Sie, ich bin mit einem Vorschlag zur Verständigung zu Ihnen gekommen.

:Doch wisse, dass es zwischen der wahren Lehre der Propheten und Gesandten und der satanischen Lüge niemals eine Verständigung gegeben hat und auch künftig nicht geben wird. Wir sind entschlossen, auf dem Weg des Islam standhaft zu bleiben; mit dem Falschen kann es keinerlei Kompromiss geben. Solange ihr und eure Regierung nicht zu Anhängern der wahren Religion werdet, wird der Konflikt zwischen uns und euch andauern.

Als der junge Geheimdienstoffizier das hörte, sagte er sehr wütend:

:Ich werde nie wieder zu Ihnen kommen. Wenn Sie Kontakt aufnehmen wollen, hier ist meine Telefonnummer … . Ich sagte lächelnd:

:Danke, das werde ich niemals brauchen.

Gegen Ende Juli 1965 beunruhigten mich die Nachrichten über die massenhaften Verhaftungen der Führer der Ikhwan zutiefst. Denn ich unterhalte seit Langem eine äußerst enge Beziehung zur großen Bewegung der Ikhwan.

Zweites Kapitel

Der Treueschwur

Wie ich bereits gesagt habe, ist meine Beziehung zu den Ikhwan al-Muslimun ebenso tief wie alt. Die Regierungsbeamten jedoch glaubten, meine Beziehung zu den Ikhwan habe gerade erst begonnen. Tatsächlich bin ich seit 1937 mit den Ikhwan verbunden. Die Islamische Frauenorganisation wurde im Jahr 1358 nach der Hidschra gegründet. Etwa sechs Monate später begegnete ich eines Tages zum ersten Mal Imam Hasan al-Banna. Unmittelbar nachdem ich bei einer Versammlung für Frauen im Hauptquartier der Ikhwan einen Vortrag gehalten hatte, gewährte mir Imam al-Banna eine Audienz. Damals wollte er eine Frauenabteilung der Ikhwan gründen. Während unseres Gesprächs betonte er die Bedeutung einer gemeinsamen Rolle der Muslime auf allen Ebenen. Danach stimmte ich nahezu jedem seiner Vorschläge und jeder seiner Ansichten zu. Schließlich forderte er mich auf, die Verantwortung als Vorsitzende der Frauenabteilung der Ikhwan zu übernehmen. Tatsächlich war diese Frauengruppe ein Zweig der Ikhwan. Ich besprach den Vorschlag Imam al-Bannas mit den Leiterinnen meiner Gruppe. Sie stimmten alle dem Vorschlag einer gemeinsamen Rolle beider Gruppen auf breiterer Ebene sowie gegenseitiger Hilfe und Zusammenarbeit in allen Bereichen zu; sie lehnten jedoch meinen Beitritt zu den Ikhwan als Vorsitzende eines ihrer Zweige ab. Natürlich setzten unsere regelmäßigen Treffen und Gespräche auch danach fort. Jede von uns maß den Ansichten Imam Hasan al-Bannas größte Bedeutung bei und verehrte und liebte den Imam aufrichtig.

Letztlich blieben wir getrennte Gruppen. Doch unsere Beziehungen wurden von Tag zu Tag stärker. Bei der letzten Versammlung im zentralen Hauptquartier der Organisation schwor ich Imam al-Banna, dass meine Gruppe trotz ihrer eigenständigen Existenz jedem Ruf der Ikhwan folgen und weiterhin Schulter an Schulter mit ihnen arbeiten werde, um dasselbe Ziel zu erreichen.

Doch damit konnte Imam al-Banna sich nicht vollständig zufriedengeben. Er wollte, dass ich mich der Leitung des Frauenzweigs der Ikhwan widmete.

Wie dem auch sei, die Lage begann sich danach rasch zu verändern. Nach dem Vorfall von 1948 wurden die Ikhwan al-Muslimun plötzlich verboten und sämtliche Gelder der Ikhwan beschlagnahmt. Alle Büros der Ikhwan wurden versiegelt, und die Führer und Mitglieder der Ikhwan wurden rücksichtslos verhaftet und eingekerkert. Während dieser unerwarteten und plötzlichen Krise spielten die Frauen der Islamischen Bewegung eine äußerst mutige und furchtlose Rolle. Durch meine Schwägerin und Cousine Tahia Dschubaili beschaffte ich die notwendigen Informationen und erkannte bald, dass ich den Vorschlag Imam al-Bannas vollständig hätte annehmen sollen. Ich bereute, den Vorschlag des Imams nicht angenommen zu haben.

Schon am Tag nach dem Verbot der Muslimbruderschaft begab ich mich in mein bestimmtes Zimmer im Zentralbüro der Organisation. Dies war jenes Zimmer, in dem ich mit Imam al-Banna gesprochen hatte. Noch immer glaubte ich, im Zimmer die erhabene Gegenwart des verehrten al-Banna zu spüren! Mein Herz brannte damals vor Schmerz und Reue. Heiße Tränen strömten unaufhörlich aus meinen beiden Augen. Ich sagte immer wieder zu mir selbst:

„Imam al-Banna war wahrhaftig ein Mann der Wahrheit. Es ist die Pflicht jedes Muslims, dem Imam zu folgen, auf dem Weg der Wahrheit voranzuschreiten und das Banner des Dschihad zu entfalten. Außer dem Weg, auf den der Imam zur Durchsetzung der Rechte der Menschen gerufen hat, gibt es keinen anderen Weg zu Befreiung und Frieden. Nur eine weise, weitblickende und furchtlose Führung wie die Hasan al-Bannas kann die muslimische Gemeinschaft zu ihrem ersehnten Ziel führen.“

Unmittelbar danach schickte ich meine Privatsekretärin, um Bruder Abd al-Hafiz al-Saifi zu holen. Über ihn tauschte ich mit Imam al-Banna nicht schriftlich festgehaltene Informationen aus. Durch ihn erinnerte ich den Imam daran, dass wir uns gemäß dem zuvor festgelegten Plan zu einem Gespräch treffen sollten. Als Bruder Abd al-Hafiz dem Imam die Nachricht überbracht, dessen Zustimmung erhalten und zurückgekehrt war, schickte ich Imam al-Banna durch meinen Bruder Muhammad al-Ghazali und dessen Ehefrau den folgenden kurzen Brief:

„Verehrter Imam Hasan al-Banna!

Um Allahs Wohlgefallen zu erlangen und dem Islam zu dienen, bin ich begierig darauf, alle anderen Beschäftigungen meines Lebens aufzugeben und vor Ihnen zu erscheinen. Sie allein sind die Persönlichkeit, deren Führung und Unterstützung ich mir von ganzem Herzen wünsche. Was immer Sie mir im Dienst an Allahs Religion auftragen werden, buchstabengetreu auszuführen, wird das edelste Anliegen meines Lebens sein! Verehrter Imam! Ungeduldig erwarte ich Ihre Anweisungen – Allahs Dienerin.“ – Zaynab al-Ghazali.

Als geeigneter Ort für ein unverzügliches Treffen mit Imam al-Banna wurde daraufhin das Zentralbüro der Muslimischen Jugendorganisation bestimmt. Für das Treffen wurde jedoch weder eine Uhrzeit noch ein Datum festgelegt. Man beschloss, sich bei passender Gelegenheit unvermittelt zu treffen.

Eines Tages war ich auf dem Weg zu einer im Zentralbüro der Muslimischen Jugendorganisation veranstalteten Konferenz, um dort eine Rede zu halten, als ich plötzlich bereits am Fuß der Treppe den hochverehrten Imam erblickte. Über seine schlichte und anspruchslose Erscheinung war ich äußerst erstaunt und wurde von Rührung und Freude überwältigt. Noch bevor wir zu einer förmlichen Besprechung Platz genommen hatten, begann ich bereits beim Hinaufsteigen der Treppe ein Gespräch mit dem verehrten Imam al-Banna.

Als Erstes sagte ich zu ihm:

„Verehrter Imam, mein Murshid! Ich schwöre bei Allah, dass ich bereit bin, Sie bei Ihrem großartigen Bemühen um die Errichtung einer islamischen Gesellschaftsordnung und einer islamischen Regierung uneingeschränkt zu unterstützen und auf diesem Weg vor keinem Opfer, ja nicht einmal vor der Hingabe meines Lebens, zurückschrecken werde. Ich gelobe, von ganzem Herzen Ihre Gebote und Verbote zu befolgen.“ Der Imam zeigte sich über meine Worte und mein Gelöbnis außerordentlich erfreut. Er sagte: „Die Islamische Frauenorganisation soll vorerst so weiterarbeiten, wie sie bisher gearbeitet hat.“

Meinem Bruder wurde die Aufgabe übertragen, den Kontakt zwischen mir und Imam al-Banna aufrechtzuerhalten. Imam al-Banna betraute mich mit der Aufgabe, zwischen Nahhas und der Ikhwan zu vermitteln. Damals befanden sich Rafʿat und Mustafa Pascha an-Nuhas im Ausland. Sie übertrugen dem verstorbenen Amin Khalili die Aufgabe, eine Kampagne zur Beseitigung der Verwirrung zu führen. Imam al-Banna war damit ebenfalls einverstanden. Auch mir wurde die Aufgabe übertragen, den Kontakt aufrechtzuerhalten.

In einer Nacht im Februar 1949 kam Herr Amin Khalili zu mir. Die Sorge war in seinem Gesicht deutlich zu erkennen. Er sagte: „Die Behörden planen, Imam al-Banna zu ermorden. Wir müssen ihn so schnell wie möglich aus Kairo fortbringen.“

Doch da mein Bruder bereits verhaftet worden war, gab es niemanden mehr, über den man direkten Kontakt zum Imam hätte aufnehmen können. Deshalb machte ich mich selbst auf den Weg, um den Imam zu treffen. Doch welch ein Unglück! Es war mein Unglück, das Unglück meiner Nation und der gesamten Menschheit, dass ich auf halbem Weg die Nachricht vom tragischen Märtyrertod des verehrten Imams erhielt. Die Feinde der Menschheit ermordeten den großen revolutionären Helden des Jahrhunderts auf grausame Weise. Durch diesen grausamsten Mord wurde die ganze Nation von Zorn und Trauer überwältigt. Überall wurde heftiger Hass gegen die Mörder zum Ausdruck gebracht. Ich verurteilte öffentlich aufs Schärfste diesen barbarischen Mord der Regierung und brachte meine aufrichtige Empörung darüber zum Ausdruck. Danach wurde im Land eine Koalitionsregierung gebildet, und die neue Regierung erklärte die Islamische Frauenorganisation unverzüglich für illegal.

Ich focht die Erklärung der Regierung an und reichte Klage bei Gericht ein. Im Jahr 1950, während der Amtszeit von Herrn Hussein Sirri Pascha, entschied das Gericht zu unseren Gunsten, und die Aktivitäten der Islamischen Frauenorganisation wurden wieder in vollem Umfang aufgenommen. In diesem historischen Verfahren war der renommierte Jurist Herr Abd al-Fattah Hasan Pascha unser Prozessbevollmächtigter.

Danach wurde eine Regierung der Wafd-Partei gebildet, und unter der Führung von Herrn Imam Hasan al-Hudaybi nahm die Ikhwan al-Muslimun ihre Tätigkeit wieder auf. Bereits am ersten Tag der Eröffnung der Zentrale der Ikhwan al-Muslimun erklärte ich öffentlich meine umfassende Verbundenheit mit der Ikhwan und widmete den größten und am besten ausgestatteten Saal meines Hauses der Nutzung als persönliches Büro des Herrn Hudaybi, des Murshid al-ʿAm.

Der Bruder der Ikhwan, Abd al-Qadir Audah, stattete mir deshalb persönlich einen Besuch ab, um mir zu danken, und sagte:

„Ihre öffentliche Erklärung über die Herstellung direkter Beziehungen zur Ikhwan al-Muslimun ist wirklich lobenswert und für uns äußerst erfreulich. Tatsächlich müssen wir dies als unser großes Glück bezeichnen.“

Ich sagte demütig: Für das Geschehene sei Allah unendlicher Dank. Es versteht sich von selbst, dass ich mit der Muslimbruderschaft äußerst zufriedenstellend zusammenarbeitete. Inzwischen kam es unter der Führung General Nadschibs zu einer militärischen Revolution. Einige Tage vor der Revolution besuchte General Nadschib mich zusammen mit Amir Abdullah Faisal. Die Muslimbruderschaft und die Frauenorganisation empfanden für diese Revolution ein gewisses Maß an Sympathie.

Doch schon nach wenigen Tagen zeigte sich eine Unvereinbarkeit zwischen den Erklärungen über die Versprechen der Revolutionsregierung und ihrem tatsächlichen Handeln. In einem Gespräch mit den Führern der Muslimbruderschaft äußerte ich meine Meinung dazu. Als die Regierung Nadschib später einigen Mitgliedern der Muslimbruderschaft anbot, als Minister an der Macht teilzunehmen, lehnte ich das Angebot über meine Zeitschrift mit folgenden Worten ab: „Da sich zeigt, dass die Revolutionsregierung nicht aufrichtig dem islamischen Lebensideal folgt, darf kein Mitglied der Muslimbruderschaft auch nur daran denken, ein Bündnis mit einer solchen Regierung einzugehen oder unter ihr ein Amt zu übernehmen. Sollte jemand dies tun, müsste er aus der Muslimbruderschaft ausgeschlossen werden. Tatsächlich muss die Muslimbruderschaft an ihrer Haltung und ihren Grundsätzen festhalten, bis die wahren Ziele der Revolutionsregierung eindeutig erkennbar sind.“

Nachdem meine Stellungnahme in der Zeitschrift veröffentlicht worden war, besuchte mich Herr Abdul Qader Audah und bat mich, die Veröffentlichung solcher Äußerungen vorerst auszusetzen. In den beiden folgenden Ausgaben schrieb ich nichts zu diesem Thema. Später begann ich jedoch wieder darüber zu schreiben. Daraufhin brachte Herr Abdul Qader Audah ein Anweisungsschreiben von Herrn Hudaybi mit. Darin wurde mir untersagt, zu diesem Thema etwas zu schreiben. Selbstverständlich befolgte ich diese Anweisung. Es war nicht möglich, den Anweisungen des Führers zuwiderzuhandeln. In dieser Zeit richtete ich mich in allen Angelegenheiten nach den Anweisungen und Verboten Imam Hudaybis. Sogar an der Friedenskonferenz nahm ich nur mit seiner Erlaubnis teil.

Die Maske fällt

Die Zeit schritt in ihrem vorbestimmten Lauf durch den Hintergrund der Geschichte voran. Schließlich überschatteten die schrecklichen Ereignisse des Jahres 1945 den Himmel über dem Schicksal des Landes. Gamal Abdel Nasser ließ seine Maske fallen und zeigte sich in seiner wahren, teuflischen Gestalt. Er begann offen gegen den Islam vorzugehen und gelobte, die islamische Bewegung zum Schweigen zu bringen. Ausländische Mächte und ihre einheimischen Agenten versicherten ihm dabei ihre uneingeschränkte Unterstützung. Ohne Zeit zu verlieren, erließ Nasser den schändlichen Befehl, die Führer der islamischen Bewegung zu hängen.

Große Helden des Freiheitskampfes und international bekannte Führer wie Herr Abdul Qader Audah und Scheich Mohammad Farghali wurden allein deshalb gehängt, weil sie zur umfassenden Entwicklung des Landes und zur Befreiung und zum Wohlstand des Volkes die Errichtung einer islamischen Gesellschaftsordnung gefordert hatten. Nasser befahl auch, den allseits verehrten alten Führer Imam Hudaybi zu hängen. Doch nachdem er plötzlich an einem Herzleiden erkrankt war, erklärten die Ärzte ihn für nicht hinrichtungsfähig. Sie sagten außerdem, dass dieser alte Mann ohnehin nicht länger als einige Stunden leben werde. Daher sei es nicht nötig, ihn zu hängen. In demselben Gedanken erließ Gamal Nasser für Herrn Hudaybi eine Begnadigung des Todesurteils.

Doch wen Allah beschützt, den kann niemand töten. Imam Hudaybi wurde bald wieder gesund und führte die islamische Bewegung mit doppeltem Eifer und neuer Begeisterung weiter, wobei er Nassers Unterdrückung, Misshandlung und drohenden Blicken trotzte. Als die islamische Bewegung durch seine furchtlosen Schritte und seine entschlossene Führung erstarkte, wurde die Regierung wütend, verhaftete ihn und warf ihn in ein Militärgefängnis. Die unmenschlichen Folterungen, denen er dort ausgesetzt war, hätten selbst die Augen eines völlig unbarmherzigen Menschen zu Tränen gerührt. Doch Imam Hudaybi ertrug alle Qualen und wurde zum Sinnbild äußerster Geduld und Standhaftigkeit.

Schließlich erlebte dieser alte Führer noch zu seinen Lebzeiten den Tod und den Untergang Nassers und seiner Gefolgsleute. Als unter der diktatorischen Herrschaft Präsident Nassers viele Menschen angesichts der unerträglichen Verfolgung zu Imam Hudaybi kamen und um die Erlaubnis baten, sich vorerst still und untätig zu verhalten, zeigte der alte Imam Hudaybi die Begeisterung eines jungen Revolutionärs und sagte:

„Ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, wer von euch aktiv bleiben und wer sich zurückziehen möchte. Doch eines möchte ich euch in Erinnerung rufen: Schaut in die Geschichte und seht, dass diejenigen, die in gefahrvollen Situationen nach einem sicheren Zufluchtsort gesucht haben, niemals der Islamischen Bewegung dienen konnten. Für feige, ängstliche und opportunistische Menschen gibt es in der Islamischen Bewegung keinen Platz.“ Diese Worte sprach er, als er im Gefängnis misshandelt wurde; damals war er achtzig Jahre alt. Nach dem Tod des berüchtigten Nasser wurde er als Letzter aus dem Gefängnis freigelassen.

Der Aufruf, Verantwortung zu übernehmen

Im Jahr 1955 erlitten Tausende Aktivisten der Islamischen Bewegung unter der unerträglichen Unterdrückung der despotischen Regierung und durch willkürliche Todesurteile den Märtyrertod. Der erbarmungswürdige Zustand der unschuldigen Kinder und Witwen unserer als Märtyrer gefallenen Brüder erschütterte mich zutiefst. Das herzzerreißende Weinen dieser Waisen und Witwen, ihr unbeschreibliches Leid und ihre völlig mittellose Hilflosigkeit erfüllten mich mit tiefem Schmerz. Um ihre angemessene Wiedereingliederung zu gewährleisten und mit doppeltem Eifer auf dem vom Blut der Märtyrer getränkten Weg voranzuschreiten, verpflichtete ich mich aufs Neue. Ich beschloss, in eine direkte Konfrontation mit der Regierung einzutreten.

Als ich meine Arbeit wieder aufnahm, sah ich, dass im ganzen Land Mangel und Not herrschten und die Menschen unter dem Druck des Hungers unruhig waren. Millionen von Adamskindern irrten auf der Suche nach illegalen Einkommensquellen umher, weil es ihnen sogar an zwei Handvoll Nahrung zum Überleben und an einem Stück Stoff fehlte, mit dem sie ihre Blöße bedecken konnten. Der Hunger hatte den Charakter und die Moral der Menschen zugrunde gerichtet.

An Hochschulen und Universitäten nahm die Unzufriedenheit der Studenten und in Fabriken und Betrieben die Unzufriedenheit der Arbeiter in geometrischem Maße zu. Die eigennützigen Kreise, die ihre etablierten Interessen verteidigten, sowie die Eigentümer und Händler nutzten die Gelegenheit und setzten immer neue Pläne zur Ausbeutung der Bevölkerung um.

Unterdessen sahen sich diejenigen, die nach einer langjährigen Haft wieder freikamen, einer Situation gegenüber, die noch schrecklicher war als das Gefängnis. Kein einziger Weg, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, stand ihnen offen. Trotzdem wagten es die einfachen Menschen nicht, ihre Stimme für ihre Rechte zu erheben. Jeder war von der Angst erfüllt, dass die Regierung schon beim leisesten Widerspruch ohne Zögern aufgrund irgendeiner erfundenen Anschuldigung einen Hinrichtungsbefehl erlassen würde. Besonders für alle, die über den Islam und das Muslimsein sprachen, war eine harte Bestrafung unausweichlich.

In solch einer finsteren Zeit schienen all unsere Bemühungen äußerst unbedeutend. Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Es war, als würde eine endlose Welle von Problemen durch einen aufgewühlten Ozean strömen und uns den Weg versperren. Als kein Weg zur Befreiung in Sicht war, wandte ich mich in der Hoffnung auf eine Wegweisung an den hochverehrten Professor Scheich Muhammad al-Udun von der al-Azhar-Universität. Aufgrund seiner Weisheit, seiner Denkweise und seiner Beziehung zu Imam al-Banna hegte er vollständige Sympathie für die Bewegung. Sowohl vor als auch nach dem Märtyrertod Imam al-Bannas tauschte ich mich mit ihm wiederholt über wichtige Angelegenheiten aus.

Vor Professor al-Udun schilderte ich das tatsächliche Gesamtbild der Lage im Land. Er hörte mir geduldig zu und ließ still Tränen über seine Wangen laufen.

Ich sagte zu ihm:

„Das einzige Vergehen dieser unschuldigen Kinder und Witwen besteht darin, dass ihre Väter und Ehemänner versucht haben, Allahs Din auf Allahs Erde zu errichten.“

Als er meine Worte hörte, begann er laut zu weinen und forderte mich mit erstickter Stimme auf, unverzagt mit den Hilfsmaßnahmen zu beginnen. Weiter sagte er:

„Sorge wenigstens dafür, dass die Märtyrerfamilien unverzüglich Hilfe erhalten. Allah wird dir Mut und Beistand gewähren. Ich persönlich bin bereit, dich zu unterstützen. Denke daran: In der gegenwärtigen Zeit besteht die größte Pflicht darin, die Drohungen der Falschheit zu missachten und unbeirrt in der Arbeit der Islamischen Bewegung standhaft zu bleiben. Und es besteht kein Zweifel daran, dass gerade die Ikhwan, die Opfer staatlicher Verfolgung geworden sind, die wahren Mujahidin auf Allahs Weg sind. Sie werden die Menschen an die Schwelle wahrer Freiheit und echten Wohlstands führen. Ihr Erfolg ist unausweichlich.“

Danach gab er mir einige Ratschläge. Auf Grundlage dieser Ratschläge entwarf ich die Struktur der Hilfsaktion. Unter strengster Geheimhaltung begann ich, Hilfsgüter an die Familien der Märtyrer und der inhaftierten Mujahidin zu schicken. Dabei unterstützten mich einige vertrauenswürdige und fähige Mitarbeiter. Mit voller Verantwortung und Sachkunde schickten sie die Hilfsgüter weiterhin an die festgelegten Orte.

Noch bevor die Hilfsmaßnahmen anliefen, widmeten sich bereits viele Frauen dieser großartigen Aufgabe, selbstverständlich unter vollständiger Wahrung der Geheimhaltung. Unter diesen edlen Frauen sind besonders die Ehefrau von Imam Huzaibi, die Frauenführerin Amal Usmabi, die Professorin Moniruddoula, Muhtarema Amina Qutb und Hamida Qutb, Fathia Bakr, Amina Johari, Aliya und Tahia Zubaili zu nennen. Durch die gemeinsame Arbeit nahm unser Kontakt weiter zu. Ich selbst traf mich mit Muhtarema Khalida Huzaibi sowie Amina und Hamida Qutb und legte konkrete Vorgehensweisen fest. „Unendlicher Dank gebührt Allah, dass wir in der Lage waren, die Familien unserer Märtyrer- und Mujahid-Brüder mit der nötigen Hilfe zu versorgen. Um ein Lächeln auf die Gesichter der kleinen, unschuldigen Waisen und der hilflosen verwitweten Schwestern zu zaubern, werfen wir uns vor dem Herrn, dem lebensunterhaltspendenden Rahman und Rahim, in der Niederwerfung nieder.“

 

Auf dem Weg zur Hadsch mit Abdul Fattah Ismail

An einem Morgen im Jahr 1957 begegnete ich Herrn Fattah zum ersten Mal im Hafen von Suez. Ich war dort als Vorsitzende der Delegation der Frauen für die Hadsch anwesend. Unter den Menschen, die gekommen waren, um uns zu verabschieden, befand sich auch mein Bruder Muhammad al-Ghazali. Er ging offenbar für kurze Zeit irgendwohin. Dann kehrte er zurück und brachte einen älteren, ehrwürdigen Mann von heiterer Ausstrahlung mit sich. Er kam direkt auf mich zu. Der Blick des alten Mannes war zu Boden gerichtet. Eine ungewöhnliche Ruhe und ein strahlender Glanz in seinem Gesicht verliehen seiner edlen Persönlichkeit eine besondere Ausstrahlung. Als mein Bruder ihn vorstellte, sagte er:

„Dies ist Bruder Abd al-Fattah Ismail. In seiner Jugend war er unter den jungen Ichwan ein besonders geliebter Schüler von Imam Hasan al-Banna. Imam al-Banna liebte ihn nicht nur außerordentlich, sondern hegte auch unerschütterliches Vertrauen in ihn. ……… Als er hörte, dass Sie auf demselben Schiff zur Hadsch reisen, kam er sogleich zu Ihnen, um Sie kennenzulernen.“ Danach grüßte Herr Fattah und sagte:

„So Allah will, werde ich Sie auf dem Schiff treffen.“ Ich dankte ihm, und er ging zurück. Kurz darauf brach unser Schiff nach Dschidda auf. Ehe man sich versah, hatte es die Küste verlassen und fuhr hinaus auf das offene Meer. Ich machte mich daran, mich um die verschiedenen Bedürfnisse der weiblichen Hadsch-Delegation zu kümmern. Nach dem Mittagessen wollte ich mich in meiner Kabine ein wenig ausruhen und legte mich gerade hin, als ich ein Klopfen an der Tür hörte. Ich stand auf und bat den Gast hereinzukommen. Doch niemand kam herein. Kurz darauf klopfte es erneut. Ich dachte, der Ankommende habe meine Stimme vielleicht nicht gehört. Daher bat ich ihn mit etwas lauterer Stimme, hereinzukommen. Diesmal öffnete der ehrwürdige alte Mann, der sich im Hafen von Sues durch meinen Bruder vorgestellt worden war, leise die Tür und trat ein. Wie es seiner Gewohnheit entsprach, richtete er den Blick zu Boden, grüßte mich und sagte:

„Unendlicher Dank sei Allah. Obwohl Sie lange Zeit Meinungsverschiedenheiten mit dem Märtyrer-Imam hatten, haben Sie schließlich den Treueeid geleistet.“

Ich fragte sogleich:

„Wie haben Sie davon erfahren?“ Er antwortete kurz:

„Der Imam selbst hat es mitgeteilt.“

Als ich nach seiner Absicht fragte, sagte er:

„Wir werden uns im Haus Allahs treffen, um allein Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Ich werde über genau die Angelegenheiten sprechen, die Imam Hasan al-Banna mit Ihnen besprechen wollte.“

Er deutete in Richtung Mekka und sagte:

„Inschallah werden wir dort darüber sprechen.“ Seine Art zu sprechen war äußerst schlicht und klar. Doch in der natürlichen Aussprache seiner Worte wirkte eine gewaltige Kraft der Aufrichtigkeit, Verantwortungsbewusstheit und Ernsthaftigkeit. Dies ließ keinen Raum für Überlegungen. Ich sagte zu ihm:

„So Allah will, wird unser Gespräch in Mekka oder im Zentrum für muslimische Frauen in Dschidda stattfinden.“ Als er nach meiner Adresse fragte, gab ich ihm die Adresse meiner beiden in Dschidda lebenden Brüder, Scheich Usmabi und Mustafa Alam, und sagte:

„Diese beiden werden Sie in Mekka und Dschidda bis zu meiner Wohnung bringen.“ Er sagte, dass er die beiden sehr gut kenne. Danach entbot er den Friedensgruß und verabschiedete sich für den Augenblick. In einer Nacht des Monats Dhulhiddscha traf ich gemäß dem vorgesehenen Programm nach dem Nachtgebet den verstorbenen Imam Muhammad ibn Ibrahim, den Großmufti von Saudi-Arabien.

Mit dem verstorbenen Großmufti besprach ich das Memorandum, das ich König Saud vorgelegt hatte und in dem ich auf die Notwendigkeit geeigneter Einrichtungen für die Bildung von Mädchen im Land hingewiesen hatte. In dem Memorandum wurde gefordert, die Maßnahmen zur Frauenbildung im Interesse des Landes unverzüglich umzusetzen. Dieses Memorandum war dem Großmufti zur Prüfung vorgelegt worden. Zur Erörterung dieser Angelegenheit ließ mich der Großmufti zu sich rufen. Ich besprach sie bis zu zwei Stunden lang mit ihm. Auf dem Rückweg nahm ich zum Zweck des Tawaf um die heilige Kaaba den Weg durch das Bab as-Salam-Tor des Heiligtums. Da rief mich plötzlich jemand von hinten beim Namen; als ich mich umdrehte, sah ich Herrn Abd al-Fattah Ismail. Als er den Zweck meines Tawaf erfuhr, vollzog auch er gemeinsam mit mir den Tawaf um das Haus Gottes. Nachdem wir den Sunna-Tawaf verrichtet hatten, setzten wir uns mit dem Gesicht zum Multazam, und Herr Abd al-Fattah Ismail begann gemäß dem vorgesehenen Zeitplan das Gespräch. Zunächst fragte er mich nach meiner Meinung zum Regierungsverbot gegen die Ikhwan al-Muslimun. Ich sagte zu ihm:

„Aus der Sicht der Scharia ist dies eine falsche Entscheidung.“

Er sagte:

„Eigentlich möchte ich genau diese Angelegenheit mit Ihnen besprechen.“ Als ich ihm vorschlug, uns zu diesem Gespräch im Wafd-Gebäude zu treffen, sagte er:

:Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich an solchen Orten Angehörige von Nassers Geheimdienst befinden. Daher sind sie für Gespräche nicht sicher.

Danach einigten wir uns darauf, uns im Büro für die Bauangelegenheiten des Heiligen Haram im Zimmer von Herrn Scheich Saleh Kazaz zu einem Treffen zusammenzufinden. Doch als wir dort ankamen, sagte er mir mit gedämpfter Stimme:

:Nein, auch hier nicht; wir sollten lieber in den Heiligen Haram gehen und dort sprechen.

Wir legten hinter dem Maqām Ibrāhīm einen Zeitpunkt für unser Treffen fest. Nachdem wir den Tawāf und den Sunnat-Tawāf vollzogen hatten, setzten wir uns neben dem Maqām Ibrāhīm hinter das Gebäude über dem Zamzam-Brunnen und begannen darüber zu sprechen, die Entscheidung der Regierung, die Muslimbruderschaft mit einem Verbot zu belegen, zurückzuweisen, die Organisation der Muslimbruderschaft neu aufzubauen und ihre intensive Tätigkeit wieder aufzunehmen. Im Gespräch kamen wir überein, nach unserer Rückkehr von der Hadsch den Murshid-e-Am, Imam Hudaybi, aufzusuchen und ihn um die Erlaubnis zu bitten, unsere Arbeit wieder aufzunehmen. Als wir nach der Hadsch in unsere Heimat zurückreisen wollten, sagte er:

:Wir müssen Allah gegenüber geloben, dass wir bis zum Wiederaufbau der Muslimbruderschaft auf Allahs Weg den Dschihad führen und keinesfalls untätig herumsitzen werden. Und diejenigen, die sich diesem edlen Werk widersetzen – ganz gleich, welches Amt sie bekleiden oder welche Macht sie aufgrund ihrer Stärke und ihrer Mittel besitzen –, werden wir meiden. Wir beide schworen vor Allah, für die Sache des Islam das Martyrium zu suchen und unablässig Dschihad zu führen. Danach kehrten wir nach Ägypten zurück.

 

Erlaubnis zur Arbeit

Anfang 1958 traf ich Herrn Abd al-Fattah Ismail wiederholt im Hauptquartier der Islamischen Frauenorganisation und in meinem Wohnhaus. Wir erörterten und prüften die Probleme der Muslime und bemühten uns, eine Vorgehensweise für den Dienst am Islam zu bestimmen, durch die die Nation sich ihrer Würde und ihrer Lebensordnung wieder bewusst und wachsam werden konnte. Wir entwickelten nach dem Vorbild des Lebens des edlen Gesandten, der Gefährten und späterer muslimischer Gelehrter ein Programm und eine Satzung, deren Grundlage der Koran und die Sunna sein sollten. Gemäß dem Plan mussten alle Menschen, die bereit waren, im Interesse des Islam zu arbeiten, zusammengebracht werden, damit sie uns trafen. Doch all dies waren lediglich Gespräche und Beratungen zur Festlegung der Vorgehensweise vor Beginn der Arbeit. Als wir jedoch die endgültige Entscheidung trafen, mit der Arbeit zu beginnen, sahen wir es als notwendig an, die Meinung Imam Hudaybis als eines älteren Führers und Murshids der Muslimbruderschaft einzuholen. Denn nach unserem Studium der Rechtsfragen war klar geworden, dass die Entscheidung, die Muslimbruderschaft mit einem Verbot zu belegen, rechtswidrig war. Dschamal Nasser hatte nämlich keinerlei rechtmäßige Befugnis, die Führung über die Muslime auszuüben. Da er persönlich dem Islam feindlich gegenüberstand, war kein Muslim verpflichtet, ihm Gehorsam zu leisten. Außerdem kümmerte er sich bei seinen Entscheidungen nicht um die Vorschriften des Korans und der Sunna.

Ich suchte Imam Hudaybi auf, um in meinem Namen und im Namen von Herrn Abd al-Fattah Ismail die Erlaubnis zur Aufnahme organisatorischer Arbeit zu erhalten. Nachdem wir uns mehrmals zu Gesprächen getroffen hatten, prüfte er unsere Pläne und die Grundzüge unserer Vorgehensweise eingehend und erteilte uns die Erlaubnis, mit der Arbeit zu beginnen.

Danach begab sich Herr Abd al-Fattah Ismail als unseren ersten Schritt mit dem Ziel, Informationen zu sammeln, zunächst Menschen für die Organisation zu gewinnen, ausführlich herauszufinden, wer bereit war, mit uns zu arbeiten, und welche Aufgaben ihnen entsprechend ihren Fähigkeiten übertragen werden konnten, auf eine Reise durch ganz Ägypten – durch Bezirke, Städte und Dörfer. Ehemalige Mitglieder der Muslimbruderschaft wurden zu diesem Zweck vorrangig berücksichtigt, damit sie die erste Reihe der Bewegung bilden konnten.

Herr Abd al-Fattah Ismail nahm zunächst Kontakt zu den erst kürzlich aus der Haft entlassenen Mitgliedern der Muslimbruderschaft auf, um ihren Arbeitseifer zu prüfen. Er untersuchte auch vor Ort, ob der Enthusiasmus, der Mut und die Entschlossenheit derjenigen, die bereits Haftstrafen verbüßt hatten, ungebrochen waren. Hatten die lange Haft, die Misshandlungen und die Folter diese Mitglieder etwa von der islamischen Bewegung entfernt? Waren sie noch immer in der Lage, im Kampf auf dem Weg zu Allahs Religion denselben Tatendrang wie früher zu zeigen? Waren sie noch immer zu jedem Opfer und jeder Entbehrung bereit? Besaßen sie noch die nötige Standhaftigkeit, um Gefahren und Unglück mit einem Lächeln entgegenzutreten? Um Antworten auf diese Fragen zu erhalten, war es unerlässlich, den Zustand und die Ansichten der Mitglieder aus den vergleichsweise stärker betroffenen Gebieten kennenzulernen. Auf dieser Grundlage sollten neue Schritte unternommen werden.

Nachdem ich jeden von Herrn Abd al-Fattah Ismail übersandten Bericht geprüft hatte, traf ich mich mit dem Murshid al-Am und unterrichtete ihn über die allgemein festgestellten Sachverhalte und Probleme. Als ich meine Zweifel und Befürchtungen hinsichtlich verschiedener Schwierigkeiten und Probleme äußerte, sagte er:

„Geht unablässig voran. Blickt nicht zurück und kümmert euch auch nicht darum, wer welches Amt bekleidet oder was irgendeine bekannte Persönlichkeit gesagt hat. Denkt daran: Ihr seid dabei, ein vollständiges Gebäude zu errichten.“

In manchen Fragen stimmte er uns vollkommen zu, in anderen erteilte er uns Anweisungen und Ratschläge. Einer seiner wichtigsten Ratschläge war, dass wir bei unseren Gesprächen und Beratungen Imam Ibn Hazms al-Muhalla vor uns liegen haben sollten.

1949 waren unsere Forschungsarbeiten zur Ausarbeitung eines Programms zur inneren Läuterung abgeschlossen. Allah ist Zeuge: Unser Programm enthielt nichts anderes als Maßnahmen zur Ausbildung der Muslime. Unser Ziel war, dass sie sich als Araber ihrer Pflichten und Verantwortlichkeiten beim Aufbau einer islamischen Gesellschaft bewusst und tatkräftig würden.

Da die Aktivitäten der Muslimbruderschaft infolge des 1954 verkündeten Verbots eingestellt worden waren, beschlossen wir, unsere neuen Aktivitäten geheim zu halten.

Offene Gespräche mit meinem Ehemann

Neben meiner Teilnahme an diesen Aktivitäten übermittelte ich weiterhin regelmäßig Nachrichten an die Zentrale der Islamischen Frauenorganisation und erfüllte auch meine familiären Pflichten ordnungsgemäß.

Mein Mann Mohammad Saleh bemerkte, dass Bruder Abdul Fattah Ismail und andere Mitarbeiterbrüder wiederholt unsere Wohnung aufsuchten. Daher fragte er mich eines Tages:

Das Kommen und Gehen von Leuten der Ikhwan, ihre Gespräche und dergleichen deuten hier auf ihre Aktivitäten hin. Ist die Sache tatsächlich so?

Ich antwortete:

Ja, gewiss!

Als er anschließend nach der Art dieser Aktivitäten fragte, sagte ich:

Ich möchte die Ikhwan wiederaufbauen.

Als er darüber noch mehr Einzelheiten erfahren wollte, erinnerte ich ihn an unseren Ehevertrag und sagte:

Mein Liebster, erinnern Sie sich bitte daran, was ich Ihnen vor unserer Zustimmung zur Heirat gesagt hatte?

Er antwortete:

„Ja, du hattest einige Bedingungen gestellt. Aber heute habe ich Angst, dass die tyrannische Regierung dich womöglich verhaften lässt.“ Damit senkte er den Kopf und schwieg. Ich erinnerte ihn an die Vergangenheit und sagte:

„Ich erinnere mich ganz deutlich, dass ich Ihnen gesagt hatte: Es gibt viele Verpflichtungen in meinem Leben, die mit Ihnen besprochen werden müssen, denn Sie werden mein Lebenspartner. Wenn Sie also nicht versuchen, diese in allen Einzelheiten kennenzulernen, möchte ich Sie über diese Verpflichtungen informieren. Außerdem werde ich Ihnen einige Bedingungen stellen.

In Wahrheit bin ich die Vorsitzende der Muslimischen Frauenorganisation. Viele Menschen glauben jedoch, dass ich an die politischen Grundsätze der Wafd-Partei glaube. Das ist aber nicht wahr. Tatsächlich vertraue ich auf die Grundsätze der Muslimbruderschaft. Mein Kontakt zu Mustafa an-Nahhas entstand aufgrund persönlicher Freundschaft und gemeinsamer Überzeugungen. Doch Imam Hasan al-Banna leistete ich den Treueid, auf Allahs Weg Dschihad zu führen. Andernfalls könnte ich nicht einmal an einen Schritt denken, der mich vom von Gott gewiesenen Weg abbringen würde. Vielmehr werde ich diesen Weg unaufhörlich weitergehen. Tag und Nacht träume ich davon und hege diese Hoffnung. Wenn ich eines Tages das Gefühl bekomme, dass Ihre persönlichen Interessen und Ihre wirtschaftlichen Tätigkeiten mit meiner islamischen Arbeit unvereinbar sind, und wenn ich erkenne, dass unser Eheleben dem Weg der islamischen Bewegung im Wege steht, werden wir uns trennen.“ An jenem Tag waren Ihre Augen voller Tränen, als Sie auf meine Worte antworteten, und Sie sagten:

„Warum stellen Sie keine Forderungen hinsichtlich Ihrer materiellen Bedürfnisse und der Festlegung der Brautgabe? Und was die Bedingung betrifft, die Sie stellen, damit ich Sie nicht an Ihrer Arbeit für den Islam hindere: Über Ihre Beziehung zu Imam Hasan al-Banna weiß ich überhaupt nichts. Soweit ich weiß, sind Sie lediglich uneins darüber, die Verantwortung für die Frauensektion der Muslimbruderschaft zu übernehmen.“

Ich sagte:

„Doch Gott sei Dank gelangte ich in dieser Angelegenheit noch vor dem Märtyrertod von Imam al-Banna, während der Katastrophe von 1948, mit ihm zu einer Übereinstimmung und beschloss, mich vollständig an der islamischen Bewegung zu beteiligen. Ich konnte von Ihnen zwar nicht verlangen, dass auch Sie sich mir in diesem Dschihad anschließen; doch habe ich das Recht, Sie darum zu bitten, mich nicht daran zu hindern, mich diesem Dschihad auf Allahs Weg anzuschließen. Und wenn es notwendig wird, dass ich mich in die Reihen der Mudschahedin begebe, dann sollen Sie mich nicht fragen, wohin und warum ich gehe.“ Der Mann sollte vollkommen davon überzeugt sein, dass die Frau, die er zu heiraten beabsichtigt, sich bereits in der ersten Phase ihrer Jugend dem Ziel gewidmet hat, einen islamischen Staat zu errichten und Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Sollte diese Ehe dennoch zu einem Hindernis auf dem Weg der islamischen Bewegung werden, wird sie aufgelöst, und von meiner Existenz wird nur das für die islamische Bewegung übrig bleiben.“

Nach kurzem Schweigen fragte ich ihn:

:Erinnern Sie sich an diese Dinge aus der Zeit vor unserer Hochzeit?

Er sagte: Ja ………

Darauf erwiderte ich:

„Dann werden Sie gemäß Ihrem Versprechen nicht fragen, mit wem ich mich treffe oder wohin ich gehe. Bitten Sie einfach nur Allah darum, dass Er den Lohn meines Dschihad zu einem Band zwischen uns beiden macht und mein Wirken annimmt. Ich weiß sehr wohl, dass Sie das uneingeschränkte Recht haben, mir Gebote und Verbote aufzuerlegen, und dass ich als Ihre Ehefrau verpflichtet bin, Ihren Anweisungen zu gehorchen. Doch in der gegenwärtigen heiklen Lage ist es weitaus dringlicher, sich der Arbeit der islamischen Bewegung zu widmen, als unsere gegenseitigen Pflichten zu erfüllen.“ Als er meine Worte hörte, sagte er:

„Meine Liebste! Ich schäme mich, dich verhört zu haben. Ich bete darum, dass Allah dir Mut und Begeisterung schenkt, damit du in diesem erhabenen Werk standhaft bleibst. Wie glücklich wäre ich, wenn ich zu meinen Lebzeiten noch den Erfolg der Ikhwan erleben dürfte. Möge Gott durch eure Bemühungen einen islamischen Staat errichten. Ach, wäre ich doch noch jung, damit ich Schulter an Schulter mit euch arbeiten könnte!“

Danach nahm unsere Tätigkeit in hohem Maße zu. Tag und Nacht herrschte in unserem Haus reger Betrieb durch das Kommen und Gehen sowie die Aktivitäten der Mitarbeiter. Selbst wenn jemand mitten in der Nacht an die Tür klopfte, stand mein Mann auf, öffnete den Ankommenden die Tür, führte sie in das Empfangszimmer, weckte anschließend die Haushälterin und wies sie an, Tee und einen Imbiss zuzubereiten. Dann weckte er mich äußerst vorsichtig und sagte:

„Deine Söhne sind gekommen. Die Zeichen der Erschöpfung sind deutlich in ihren Gesichtern und Augen zu erkennen.“

Ich stehe auf und heiße sie willkommen. Bevor mein Mann schlafen geht, sagt er: „Wenn ihr das Fadschr-Gebet in der Gemeinschaft verrichtet, weckt mich bitte ebenfalls, damit ich mich der Gemeinschaft anschließen kann.“

Seinem Wunsch entsprechend wecke ich ihn zur rechten Zeit. Nach dem Gebet spricht er so liebevoll und fürsorglich mit den Gästen, als wären sie seine liebsten Kinder. Danach verabschiedet er sich mit Salam und Du’a und geht in sein Zimmer.

 

Begegnung mit Sayyid Qutb

Im Jahr 1962 suchte ich mit der Erlaubnis des Vorsitzenden der Ichwan al-Muslimun, Professor Hasan al-Hudaybi, und mit dem Einverständnis des Bruders Abd al-Fattah Ismail zunächst die nahen Angehörigen des berühmten Denkers und revolutionären Führers Imam Sayyid Qutb auf, um ihn im Gefängnis zu besuchen. Mein Hauptziel bei diesem Gefängnisbesuch war, seine Ansichten zu verschiedenen wissenschaftlichen Themen einzuholen und von seinen Ratschlägen und Empfehlungen zu profitieren.

Zunächst schilderte ich Schwester Hamida Qutb mein Anliegen und bat sie, Bruder Sayyid Qutb meinen Salam zu übermitteln. Besonders wies ich darauf hin, dass das Team zur Überprüfung des islamischen Lehrplans an seiner Meinung interessiert sei.

Ich legte Schwester Hamida Qutb unsere Leseliste vor. Sie umfasste den Tafsir von Ibn Kathir, Ibn Hazms al-Muhalla, Imam asch-Schafi’is Kitab al-Umm, Ibn Abd al-Wahhabs Kitab at-Tawhid und Sayyid Qutbs Fi Zilal al-Qur’an. Wenig später kam Hamida zurück und empfahl mir, die zweite Ausgabe der Sure al-An’am zu lesen. Außerdem zeigte sie mir ein Manuskript und sagte, Sayyid Qutb habe dieses Buch im Gefängnis verfasst und ihm den Titel Ma’alim fi at-Tariq – Meilensteine – gegeben; es werde bald veröffentlicht. „Wenn du diese wenigen Seiten gelesen hast, bringe ich dir auch die übrigen Kapitel.“

Mir wurde mitgeteilt, dass der Murshid al-‘Am dieses Manuskript noch einmal durchgesehen und seine sofortige Veröffentlichung angeordnet hatte. Als ich den Murshid al-‘Am später danach fragte, sagte er:

„Das ist wahrlich Allahs Barmherzigkeit! Nachdem ich dieses Buch gelesen hatte, setzte ich große Hoffnungen in Sayyid Qutb. Ich habe das Buch zweimal aufmerksam gelesen.“

Zweifellos ist Sayyid Qutb gegenwärtig der Mittelpunkt unserer Hoffnungen und Wünsche. Der Murshid al-ʿAmm ließ mich das gesamte Manuskript lesen. Ich setzte mich mit dem Manuskript in einen verschlossenen Raum und begann zu lesen. Nachdem ich das Manuskript von „Maʿālim fī t-Tarīq“ vollständig gelesen hatte, verließ ich den Raum. Danach berieten wir darüber, jedes einzelne Kapitel gesondert in Form kleiner Broschüren zu veröffentlichen, damit sie unter den Brüdern verteilt werden konnten. In dieser Angelegenheit ergriffen wir einstimmig entsprechende Maßnahmen. Imam Sayyid Qutb schickte weiterhin aus dem Gefängnis verschiedene Broschüren zu wichtigen Themen, und wir sorgten für ihre gemeinsame Lektüre sowie für ihre umfassende Veröffentlichung und Verbreitung.

Die Jugendlichen begannen, sich zum Studium des Korans zu versammeln, und ihre Zahl nahm von Tag zu Tag zu. Es ist schwer, in Worte zu fassen, welch schöne und heilige Gefühle der Anblick dieser gemeinsamen Studienkreise der Jugendlichen hervorrief. Unsere gemeinsame Lektüre verlief folgendermaßen: Zunächst wurden zehn Verse des edlen Korans rezitiert, ihre wörtliche und terminologische Bedeutung erklärt, ihre Zielsetzung und Tragweite erläutert und anschließend praxisbezogen darüber gesprochen, wie sie im persönlichen und gemeinschaftlichen Leben der Muslime verwirklicht werden konnten.

Auf diese Weise wurden nach dem Vorbild der Gefährten zunächst zehn Verse gelesen und verstanden, bevor man sich der Rezitation und dem Verständnis der nächsten zehn Verse zuwandte. So versammelten wir uns im Schatten der Barmherzigkeit Allahs zum Lesen und Verstehen des Korans, arbeiteten am Aufbau unserer Persönlichkeit und übermittelten anderen den islamischen Aufruf, um sie für die Bewegung vorzubereiten. Die Jugendlichen waren von der wahrhaft islamischen Bewegung sehr begeistert. Um die künftigen Generationen darauf vorzubereiten, sich mit aufrichtiger Hingabe der islamischen Bewegung zu widmen, legten die Jugendlichen besonderen Wert darauf, die islamische Bewegung fest zu verankern.

Mit der Erlaubnis von Imam Hudaybi und im Lichte des Rates von Imam Sayyid Qutb beschlossen wir, die Ausbildung und Organisierung der Muslime fortzusetzen, damit sie ihre tawḥīdische Glaubensüberzeugung auf rationale Weise begründen konnten. Wir stellten klar, dass es keinen islamischen Staat geben und der Islam nicht als etabliert gelten könne, solange keine Regelung getroffen werde, nach dem islamischen Recht, das heißt auf Grundlage des Korans und der Sunna, zu entscheiden. Das Recht der Sunna muss im gemeinschaftlichen Leben der Muslime etabliert werden. Daher nahmen auch wir, in Anlehnung an die dreizehnjährige anfängliche Verkündigungsarbeit des Gesandten Gottes in Mekka, ein auf dreizehn Jahre angelegtes Sonderprogramm in Angriff. Zu diesem Zweck wurde zunächst den Ikhwan-Mitgliedern selbst besondere Bedeutung beigemessen: Sie sollten das islamische Ideal in ihrem eigenen Leben vollständig verwirklichen und dem Imam Gehorsam leisten. Die Anwendung der Hudud, also der im islamischen Recht vorgesehenen Strafbestimmungen, sollte jedoch bis zur Errichtung eines islamischen Staates aufgeschoben werden. (Natürlich würden die Bemühungen um ihre mögliche Anwendung und ihren Schutz fortgesetzt.)

Wir wussten auch, dass Menschen mit Eigenschaften wie jene der Muslime zur Zeit des Propheten und seiner Gefährten in der heutigen Welt selten sind. Deshalb ist es die unabdingbare Pflicht jeder islamischen Organisation, den Dschihad unablässig fortzuführen, und dieser Kampf muss weitergehen, bis die gesamte muslimische Gemeinschaft unter das islamische Ideal gelangt. Dieser Kampf darf nicht nur durch Parolen, sondern muss vielmehr wirksam geführt werden.

Nach einer eingehenden Analyse der Lage wurde deutlich, dass die gegenwärtige Regierung vollständig nichtislamisch ist, obwohl sie mehrfach erklärt hatte, sie habe Allahs Gesetz eingeführt. Nach dieser Prüfung sollte nach Ablauf der festgelegten dreizehnjährigen Ausbildungszeit für alle – Jugendliche und junge Frauen, Frauen und Männer gleichermaßen – eine landesweite Untersuchung durchgeführt werden. Wenn wir danach fünfundsiebzig Prozent der Bevölkerung als Mitstreiter gewinnen würden – jene, die mit uns darin übereinstimmen, dass Islam und Politik keine getrennten Angelegenheiten sind und Politik für die Verwirklichung des Islam unerlässlich ist –, würden wir die Errichtung einer wahrhaft islamischen Herrschaft im Land fordern. Wenn jedoch auch nach den ersten dreizehn Jahren die Mehrheit der Bevölkerung dem Islam fernbliebe, würden wir uns im folgenden Jahrzehnt erneut darauf konzentrieren, die Menschen im Lichte der islamischen Lehre auszubilden. Unsere Arbeit würde fortgesetzt werden, bis die Gegner des Islam vollständig beseitigt und das islamische Ideal vollkommen verwirklicht wäre. Wir schworen, lebenslang für diese Mission der islamischen Bewegung tätig zu bleiben. Sollte sich auf diese Weise der Augenblick unseres Todes nähern, würden wir das Banner des Islam den nachfolgenden Generationen übergeben. Auf Wunsch des Murshid al-ʿAmm und gemäß Imam Hudaybis Willen hielt ich meine Verbindung zu Imam Sayyid Qutb aufrecht. Auch er kam in meine in Neuägypten gelegene Wohnung, um die verschiedenen Fragen der Jugendlichen zu beantworten und ihnen Rat zu erteilen. Die jungen Männer stellten ihm zu den unterschiedlichsten Themen eine Frage nach der anderen, und er gab geduldig auf jede einzelne Frage eine ausführliche und zufriedenstellende Antwort.

Drittes Kapitel

Die Verschwörung

Wie ich bereits eingangs erwähnt habe, wurde einige Monate vor der Freilassung von Imam Sayyid Qutb ein vergeblicher Versuch unternommen, mich zu ermorden. Aus zuverlässiger Quelle erfuhren wir, dass Imam Sayyid Qutb diesmal freigelassen werden sollte, um ihn auf einfachere Weise zu töten. Zur Durchführung dieses Mordes hatte der Geheimdienst bereits den endgültigen Entwurf seines Komplotts ausgearbeitet. Auf der Liste der Mordoperationen des Geheimdienstes stand auch der Name von Bruder ʿAbd al-Fattāḥ Ismāʿīl. Doch selbst nachdem wir diese Nachrichten gehört hatten, setzten wir unsere Arbeit völlig unbeeindruckt fort und vertrauten auf Allah. Keiner von uns konnte zulassen, dass die Arbeit der Bewegung auch nur im Geringsten nachließ. Selbstverständlich besprachen und prüften wir die Tricks und Drohungen der Tyrannenherrschaft sowie ihre Verschwörungen. Tatsächlich glaubten sie, unsere Bewegung sei eine ideologische Bewegung. Sie werde von dem inhaftierten Führer, Herrn Sayyid Qutb, geleitet, während ʿAbd al-Fattāḥ Ismāʿīl und Zaynab al-Ghazālī sie außerhalb des Gefängnisses praktisch umsetzten.

Zu jener Zeit erhielten wir aus äußerst zuverlässiger Quelle die Information, dass die amerikanischen und sowjetischen Geheimdienste Präsident Nasser einen Bericht übergeben hatten, um die Muslimbruderschaft und all ihre Aktivitäten unverzüglich zu beseitigen. In dem Bericht äußerten sie ihre Befürchtung, dass alles, was die Militärregierung erreicht hatte, um die Bevölkerung von islamischen Vorstellungen fernzuhalten und sie hinsichtlich der durch den Islam möglichen Reform und Erziehung in einen hoffnungslosen Zustand zu versetzen, zunichtegemacht würde, wenn die Muslimbruderschaft nicht sofort zum Schweigen gebracht werde. Daher müsse die Regierung alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um die Muslimbruderschaft, ihr Gedankengut und ihre Bewegung mit der Wurzel auszurotten. Aufgrund des von den amerikanischen und sowjetischen Geheimdiensten erhaltenen Berichts erkannte Präsident Nasser, dass die Existenz der islamischen Bewegung das größte Hindernis für seine diktatorische Herrschaft darstellte.

Anfang August 1965 erfuhr ich, dass die Liste derjenigen, die unverzüglich verhaftet werden sollten, endgültig fertiggestellt worden war. Auf dieser Liste standen insbesondere folgende Namen: Imam Sayyid Qutb, Zaynab al-Ghazālī, ʿAbd al-Fattāḥ Ismāʿīl und Muḥammad Yūsuf Hawwāsch.

Am 15. August erhielt ich eine Nachricht. Ich unterhielt mich gerade mit einigen Schwestern, als ein Telefonanruf kam. Am Telefon wurde mir mitgeteilt, dass das Haus von Sayyid Qutb durchsucht worden sei und auch seine Person gründlich durchsucht worden sei. Einige Tage zuvor war auch sein Bruder Muḥammad Qutb festgenommen worden. Mein Mann hielt sich zu jener Zeit in Ras al-Barr auf. Ich rief ihn an und bat ihn, mir zufriedenstellende Informationen über Sayyid Qutb zu übermitteln. Etwa eine Stunde später teilte er mir telefonisch mit, dass die zuvor erhaltene Nachricht wahr sei. Sofort vertagte ich die Versammlung der Schwestern und wandte mich der weiteren Entwicklung zu. Die Nachricht von Sayyid Qutbs Verhaftung löste unter den Jugendlichen große Unruhe und Aufregung aus. Dasselbe gilt selbstverständlich auch für uns.

Imam al-Hudaybi hatte die gesamte Verantwortung für die Bewegung Sayyid Qutb übertragen. Auf Anweisung von Herrn al-Hudaybi hielten wir Kontakt zu ihm. Nach der Verhaftung Sayyid Qutbs trafen wir uns mit unserem Murshid al-ʿĀmm, Imam al-Hudaybi, um zu erfahren, wer danach die Verantwortung übernehmen würde.

Abdel Fattah Ismail und ich hatten bereits fünf Tage vor den Verhaftungen befürchtet, dass sich dieses Unglück ereignen würde. Wie dem auch sei, nach diesem Unglück traf ʿAbd al-Fattāḥ sich mit mir und wies mich an, nach Alexandria zu reisen, um den Murshid al-ʿĀmm zu treffen. Er stellte mich außerdem einem jungen Mann vor und sagte:

„Wenn ich verhaftet werde, wird er diese Verbindung aufrechterhalten.“

Einige Stunden später rief er mich an, befahl mir, in meiner Wohnung zu bleiben, und bat mich, die Reise nach Alexandria aufzuschieben. Doch ich hatte bereits Kontakt zum Murshid al-ʿĀmm aufgenommen. Auch die Ehefrau des Murshid al-ʿĀmm war aus Alexandria eingetroffen. Wir beschlossen, regelmäßig mit Herrn al-Hudaybi in Verbindung zu bleiben. Diesmal wurde Bruder Mustafa Mursi mit der Aufrechterhaltung des Kontakts zwischen uns betraut.

Danach traf ich mich mit dem Murshid al-ʿAmm, unterrichtete ihn über alle Angelegenheiten und erläuterte unser Programm. Er stimmte ihm zu. Über die Verhaftungen, insbesondere die Verhaftung Sayyid Qutbs, brachte er tiefes Bedauern und große Besorgnis zum Ausdruck.

Danach wurde die Verhaftungsaktion unaufhörlich fortgesetzt. Im Handumdrehen wurden mehrere tausend Ikhwan eingekerkert. Nach meiner Verhaftung schwor Shams Badran Präsident Nasser, dass innerhalb von zwanzig Tagen hunderttausend Mitglieder der Ikhwan verhaftet und damit die Militärgefängnisse, die Gefängnisse der Festungen, das Abu-Zawal-Gefängnis, die Gefängnisse von Alexandria und Tanta sowie viele weitere Gefängnisse gefüllt worden seien.

Am neunzehnten August erfuhr ich, dass auch die fünfundachtzigjährige Fazela, genannt Umm Ahmad, verhaftet worden war. Sie hatte uns von Anfang an in der islamischen Bewegung begleitet. Sie war eine aufrichtige Anhängerin Imam Hasan al-Bannas und hatte eine bedeutende Rolle bei der Betreuung und Unterstützung der Familien der inhaftierten Ikhwan gespielt. Die schlimme Nachricht von der Verhaftung dieser großen, über achtzigjährigen Frau erschütterte mich zutiefst. Nachdem ich einige Augenblicke geschwiegen hatte, wandte ich mich an ihren Neffen, den Boten, und sagte:

„Es ist unser Glück, dass selbst eine fünfundachtzigjährige Frau auf Allahs Weg in den Dschihad zieht, die unerträglichen Qualen des Gefängnisses mit einem Lächeln auf sich nimmt, sich aber vor der gottfeindlichen, nichtigen Herrschaft nicht verbeugt hat. Möge Allahs Barmherzigkeit auf ihr herabkommen und möge Allah mit ihrem Werk zufrieden sein.“

Ich rief meine Adoptivtochter Gada Ammar zu mir und sagte:

„Auch die berühmte Mujahida von Shibla, Fazela, genannt Umm Ahmad, ist verhaftet worden … Den Fonds, den ich bei dir zur Finanzierung der Propagandaarbeit der islamischen Bewegung und der Ausgaben für die Familien der Verhafteten aufbewahre, wirst du, falls ich verhaftet werde, vollständig dem Murshid al-ʿAmm oder einem Angehörigen der Familie Qutb übergeben.“ Damit übergab ich Gada den Geldbeutel. Dieses Geld war aus den Beiträgen der Mitglieder gesammelt worden. Später erfuhr ich im Gefängnis, dass Gada dieses Geld meiner anderen Adoptivtochter Fatema Isa übergeben hatte. Als jedoch auch sie verhaftet wurde, raubten die Agenten der tyrannischen Herrschaft das Geld ebenfalls. Dabei war dieses Geld für die unschuldigen Menschen bestimmt, für deren Nahrung, Wohnungsmiete, Medikamente und Ausbildungskosten; ihre Väter waren einzig deshalb verhaftet worden, weil sie den Boden für eine islamische Wiedergeburt bereiteten und eine neue Geschichte schrieben.

Gada Ammar und Aliya Huzaybi kamen zu mir ins Gefängnis, und nachdem sie mich besucht hatten, berichteten sie mir ausführlich alles. Ich sagte zu ihnen:

„Es gibt keinen Grund zur Sorge; Allah genügt uns. Er ist der beste Lenker aller Angelegenheiten. Unsere wahre Heimat liegt im Jenseits … Und diese Welt ist doch vergänglich …“

Bis zu meiner Verhaftung drangen die Nachrichten über die massenhaften Verhaftungen der Ichwan unaufhörlich wie Pfeile in mein Herz. Inzwischen kam ein Bote und überbrachte mir die Nachricht, ich solle mit dem Murshid-e-Am nach Alexandria reisen und ihn dort treffen. Als ich mich am 19. August gerade zur Abreise bereitmachte, kam ein zweiter Bote und ließ mir ausrichten, ich solle die Abreise vorerst verschieben.

 

Nun bin ich an der Reihe

Am Freitag, dem 20. August, stürmten die Soldaten des tyrannischen Regimes im Morgengrauen, zur Zeit des Fadschr-Gebets, plötzlich meine Wohnung. Als ich sie aufforderte, mir den Durchsuchungsbefehl zu zeigen, sagten sie: „Durchsuchungsbefehl? Was für ein Durchsuchungsbefehl? Wessen Durchsuchungsbefehl? Bist du etwa verrückt? Weißt du nicht, dass dies die Ära Nassers ist? Wisse: Wir werden tun, was uns beliebt.“ Unter schallendem Gelächter, wie von einem Hysteriker, sagten sie weiter:

„Die Ichwan sind wirklich verrückt. In der Ära von Gamal Nasser verlangen sie von uns einen Durchsuchungsbefehl, um ein Haus zu betreten.“ Danach begannen sie, alles Mobiliar, das ihnen in den Weg kam, wahllos zu zertrümmern und zu zerschlagen; kein einziger Gegenstand blieb von ihren verfluchten Klauen verschont. Obwohl ich dieses abscheuliche Vorgehen mit ansehen musste, konnte ich nur hilflos schweigend zuschauen. Nachdem sie alles im Haus verwüstet hatten, verhafteten sie meinen Neffen. Er war Student am Lehrerseminar und wohnte in unserem Haus, um dort zu studieren. Danach sagten sie: „Du darfst das Haus nirgendwohin verlassen.“ Ich fragte:

„Soll ich daraus verstehen, dass ich unter Hausarrest stehe?“ Sie antworteten: „Bis ein zweiter Befehl ergeht, liegt deine Überwachung in unseren Händen. Wenn du versuchst, das Haus zu verlassen, wirst du verhaftet.“ Ich dachte, dass meine Angelegenheit wahrscheinlich auf den Hausarrest beschränkt bleiben würde. Dennoch traf ich aus Angst vor einer Verhaftung die nötigen dringenden Vorbereitungen. Da kamen der Ehemann meiner Nachbarin und ihre Kinder, um mich zu besuchen. Aus Furcht, man könnte auch den Herrn verhaften, bat ich ihn sofort, das Haus zu verlassen. Schließlich hatten sie auch meinen Neffen verhaftet. Doch trotz all meiner Bitten war er nicht bereit, mich zu verlassen.

Pünktlich zur Mittagsmahlzeit drangen Nassers tyrannische Soldaten in mein Zimmer ein und begannen, die gesamte verbliebene Einrichtung zu zerstören. Sie zerstörten die Hälfte der Gegenstände in meinem Büro und beschlagnahmten die Truhe. So schnell konnte ich die äußerst wichtigen Bücher meiner Privatbibliothek nicht mehr wegbringen, insbesondere die Werke über Tafsir, Hadith, Fiqh und Geschichte. Außerdem konnte ich die Entwürfe der Manuskripte für drei Sonderausgaben einer Zeitung, die 1958 für illegal erklärt worden war, nicht mehr fortschaffen. Die Unmenschen zerstörten rücksichtslos alles, was ihnen beliebte, und beschlagnahmten oder verwüsteten, was sie wollten. Wegen des Schlüssels zur Truhe geriet ich mit ihnen in Streit. Tatsächlich stand die Truhe unter der Obhut meines Mannes. Darin waren einige meiner Sachen aufbewahrt. Als die Soldaten den Schlüssel zur Truhe von mir verlangten, teilte ich ihnen mit, dass mein Mann ihn habe. Er sei in den Sommerferien verreist. Als sie das hörten, begannen sie einen Aufruhr zu veranstalten. Sie befahlen einem von ihnen, das Schloss zu öffnen. Der Mann nahm einen Schlüsselbund und probierte nacheinander alle Schlüssel aus, konnte das Schloss jedoch nicht öffnen. Daraufhin verlangte ich von ihnen eine Quittung für die beschlagnahmten Gegenstände und die Einrichtungsgegenstände. Als sie mich hörten, brachen sie in Gelächter aus und sagten:

„Eine Quittung? Du verlangst für all das eine Quittung? Komm, ich gebe dir eine Quittung!“ Damit stießen sie mich hinaus und setzten mich in ihr Fahrzeug. Mein Neffe saß seit jenem Morgen gefesselt darin. Ich fragte ihn: „Wie geht es dir, Muhammad?“ Doch er antwortete nicht. Ich begriff, dass man ihm verboten hatte zu sprechen. Kurz zuvor hatte man ihn nur zu ihrem eigenen Vorteil festgenommen. Wohlgemerkt: Die Soldaten, die diesmal gekommen waren, gehörten zu einer anderen Einheit als die Soldaten vom frühen Morgen.

Das Fahrzeug setzte sich mit uns in Bewegung. Erst als ich am Haupttor des Gefängnisses das Schild las, erfuhr ich, dass dies das berüchtigte, abscheuliche Militärgefängnis war. Nachdem wir das Gefängnis betreten hatten, ließ man mich aus dem Fahrzeug steigen. Danach brachte mich ein furchterregend aussehender Mann in einen Raum. Dort begann ein wartender Mann, mich zu befragen. Anschließend wurde ich in einen anderen Raum gebracht. Als mich dort ein weiterer dunkelhäutiger Mann nach meinem Namen fragte, nannte ihm der furchterregende Mann, der mich begleitet hatte, meinen Namen unter hässlichen Beschimpfungen.

Darauf blickte mich der dunkelhäutige Mann mit blutunterlaufenen Augen an und fragte mit schroffer Stimme:

Wer bist du? Ich antwortete ruhig und gelassen:

„Zainab al-Ghazali al-Jubaili …“ Kaum hatte ich diese wenigen Worte ausgesprochen, begann er mit seinem abscheulich entstellten Gesicht eine derart vulgäre Schimpftirade, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so widerwärtige Sprache gehört hatte. Der furchterregende Mann, der mich begleitet hatte, geriet vor Wut außer sich und sagte unter Beschimpfungen:

„Du elende Unglückliche, antworte demjenigen, vor dem du stehst, höflich.“ Darauf sagte ich:

„Ihr habt mich verhaftet und meine Sachen, Ausrüstungsgegenstände, mein Geld und meine Bücher beschlagnahmt. Ihr solltet mir eine Liste all dieser Dinge und eine Quittung aushändigen, damit ich nach meiner Freilassung alles zurückerhalten kann.“ Als der sogenannte Regierungsanwalt Shams Badran das hörte, sagte er mit äußerster Verachtung:

„Wir werden dich schon in einer Stunde töten, und du verlangst da noch eine Quittung für deine Bücher, dein Geld, deine Sachen und deine Ausrüstung! Na, du edle Dame!“ Zugleich stieß er weitere vulgäre Beschimpfungen aus und sagte:

„So wie wir vor dir bereits unzählige deiner Gefährten hier begraben haben, wirst auch du hier begraben werden.“

Damit lachte er laut dröhnend und redete alles daher, was ihm gerade in den Mund kam. Kein zivilisierter Mensch kann sich eine derart schmutzige, barbarische und unhöfliche Umgebung auch nur vorstellen. Daher hielt ich es für besser, zu schweigen, anstatt etwas zu sagen. In dieser Situation befahl der Anwalt Shams Badran dem furchterregenden Soldaten:

: Bringt sie von hier weg.

Er fragte:

: Wohin?

Der Anwalt sagte mit einem Zeichen:

: Sie wissen es.

Darauf zerrte mich der furchterregende Mann unter Beschimpfungen erbarmungslos in einen anderen Raum. Ich sah, dass dort im Dunkel des Rauchs ein riesiger, einem Dämon gleichender Mann stand, der mich fluchend bei meinem Namen rief. Als ich sein grausames Gesicht sah, bat ich Allah um Hilfe, damit Er mich vor seiner Teufelei bewahre, und sagte:

: O heiliger Herr und Erhalter! Schenke mir Trost und gib mir auch im Augenblick der äußersten Prüfung die Kraft zur Geduld. Halte mich damit beschäftigt, Deinen heiligen Namen zu sprechen, und lass mich auf dem Weg Deiner alleinigen Zufriedenheit unerschütterlich bleiben.

Der furchterregende Mann, der mich begleitet hatte, blieb an der Tür stehen und sagte zu dem neuen Teufel:

: Nehmen Sie, mein Herr……

Der riesenhafte Satan sagte:

„Bringt ihn in Zimmer Nummer 24.“ Danach wurde ich in ein Zimmer gebracht. Es sah wie ein Büro aus. Dort saßen zwei Männer. Einer von ihnen hielt ein Tagebuch in der Hand. Schon beim Anblick des Tagebuchs erkannte ich, dass es sich um das besondere Tagebuch von Herrn Abdul Fattah Ismail handelte, das er beim Halten seines Qur’an-Unterrichts hervorholte, um darin wichtige Notizen zu machen. Dadurch verstand ich, dass er und seine Gefährten ebenfalls verhaftet worden waren. Denn zu jener Zeit sollte dort eine Versammlung stattfinden. Bei dem Gedanken, dass die Satane sie gerade während der Versammlung verhaftet hatten, begann ich zu zittern.

Inzwischen war der Gebetsruf zum Asr-Gebet zu hören. Ich bereitete mich auf das Gebet vor. Kaum hatte ich das Gebet beendet, kam dieser furchterregende Satan wie ein wildes Tier auf mich zu.

 

Der Weg zu Zimmer Nummer vierundzwanzig

Diesmal wurden mir beide Hände auf den Rücken gefesselt, und zusammen mit zwei weiteren dunkelhäutigen Männern wurde ich durch verschiedene Bereiche des Militärgefängnisses geführt. In ihren Händen hielten sie dünne schwarze Peitschen. In den verschiedenen Teilen des Gefängnisses sah ich entsetzliche Bilder der Folter und Misshandlung der Ikhwan und schrak davor zurück. Man hatte sie entkleidet, fest an Pfosten gebunden und schonungslos ausgepeitscht. Durch die Peitschenhiebe war ihre Haut aufgerissen, und Blut strömte in hundert Rinnsalen hervor. Man schlug manche Ikhwan auch mit der Hunterpeitsche und hetzte hungrige Jagdhunde auf sie. Durch die giftigen Bisse der Hunde wurden ihre Körper zerfleischt. Viele Ikhwan waren vor der körperlichen Folter mit dem Gesicht zur Wand gefesselt worden. Viele der jungen Aktivisten darunter kannte ich persönlich. Sie waren mir so lieb wie meine eigenen Kinder. Diese gebildeten, menschenfreundlichen und gottesfürchtigen jungen Männer waren hingebungsvolle Mujahidin auf Allahs Weg. Ihre Tage vergingen mit der Arbeit für die islamische Bewegung, und in der Dunkelheit der Nacht waren sie in Allahs Dhikr vertieft. Diese jungen Männer, die die künftigen Führer der Nation und die Lieblinge des Volkes waren, einer solchen erbarmungslosen Folter und grausamen Barbarei auszusetzen, dazu sind nur die abscheulichsten Feinde des Islam fähig! Doch selbst nach dieser unsagbaren Unterdrückung und Verfolgung war ich angesichts des natürlichen Glanzes, der Geduld und der Standhaftigkeit in ihren Gesichtern sprachlos vor Staunen! Als ich an ihnen ein lebendiges Beispiel ihrer Opferbereitschaft und ihrer Furchtlosigkeit angesichts der Folter sah, empfand ich ihnen gegenüber geradezu Neid. Auf diese jungen Männer, Symbole der Geduld und von beispiellosem Mut, war ich stolz. Ich sah, dass sich unter diesen Gefolterten und Misshandelten einerseits junge, reife und alte Menschen befanden. Andererseits waren darunter alle, von kleinen Jungen und Mädchen bis hin zu Achtzig- und Neunzigjährigen. Alle waren in derselben Lage, alle hatten dasselbe Schicksal.

Ihr ganzer Körper war blutüberströmt, ihre Rücken von den Hieben der Hunterpeitsche zerfleischt, ihre Gesichter von blutigen Kratzspuren gezeichnet, und sie trugen nur ein einziges, zerrissenes Kleidungsstück. Über die Stirn, die sich außer vor Gott niemals vor jemandem geneigt hatte, rann in Strömen warmes Blut. Doch wie erstaunlich! Ihre Augen und Gesichter leuchteten in einem seltsamen Glanz. Selbst am Pfahl sangen sie mit friedvollen Gesichtern Loblieder auf Allah. Man hatte sie vom Dach kopfüber herabhängen lassen, doch auch dadurch waren ihre Geduld und Wahrhaftigkeit nicht im Geringsten beeinträchtigt worden. Aber ich hatte nicht mehr die Kraft, diese herzzerreißenden Szenen anzusehen. Unerträglich…… unerträglich…… unerträglich!

Plötzlich bemerkte mich ein junger Mann, der an einem Pfahl aufgehängt war. Noch vom Pfahl aus schrie er mich laut an und sagte:

: O Mutter! Unsere Mutter! Möge Allah Sie auf dem Weg der Wahrheit standhaft bleiben lassen.

: Möge Allah auch dich standhaft bleiben lassen; möge Allah dir Geduld und Mut schenken …, sagte ich.

Ich sah, wie sich das Blut aus seinem von Wunden übersäten Körper an einer Stelle sammelte. Aus diesem geronnenen Blut ging ein eigenartiger, strahlender Lichtschein hervor. Ich betete:

„O Herr der Welten, schenke den Mudschahidin Deiner Religion Geduld, Kraft, Mut und inneren Frieden! Lass Deine Barmherzigkeit herabregnen, o Gott …!“

Ich wandte mich den unterdrückten, heldenhaften Mudschahidin zu und sagte:

„Meine geliebten Kinder, ihr Nachkommen des Gesandten! Verliert weder eure Geduld noch euren Mut. Allah steht euch bei. Euer Ziel ist das Paradies.“ Der Henker, der mich herumführte, hörte, wie ich in Allahs Gegenwart Bittgebete sprach. Daraufhin hob er seine gewaltigen, schweren Hände und schlug mir mit aller Kraft mit den Fäusten gegen die Schläfen. Durch die Heftigkeit des Schlags wurde ich taub, und für eine Weile verlor ich auch mein Augenlicht. Es war, als hätte ein plötzlicher Blitzschlag mich benommen gemacht. Außerdem hatte ich das Gefühl, als würden mir die Glieder vom Körper gerissen und als strahle aus meinem ganzen Körper ein ungewöhnliches Licht hervor. Trotz der unerträglichen Schmerzen, unter denen ich mich wand, sagte ich:

„O Gott, auf dem Weg zu Deiner Zufriedenheit werde ich alles ertragen.“ Da hatte ich das Gefühl, als würden einige Worte direkt aus dem Paradies herüberwehen: „O Herr! Schenke uns Selbstvertrauen; o Gott, bewahre die Gläubigen vor der Unterdrückung des Tyrannen.“

„Wenn Du nicht unser Herr wärest, hätten wir keine Rechtleitung erhalten, keine Sadaqa gegeben und kein Gebet verrichtet; in Not und Bedrängnis schenke uns Selbstvertrauen.“ – Hadith

Das Knallen der Peitsche und des Hunters wurde immer lauter, doch die Stimme des Glaubens war noch deutlicher und kraftvoller. Plötzlich hörte ich eine weitere Stimme, die aus dem Paradies herüberzuschweben schien.

„Es gibt keinen Herrn außer Allah; Er ist einzig und unvergleichlich.“ Das sagte ich erneut –

„Habt Geduld, meine Kinder, habt Geduld. Das Paradies erwartet euch.“

Die harten Faustschläge der Gefängniswärter des Tyrannen hagelten wie strömender Regen auf meinen Rücken nieder. Ich sagte –

Allahu Akbar, und Allah gebührt alles Lob – Allah ist allmächtig. Jegliches Lob gebührt Allah allein … O Allah! Mit Geduld und Zufriedenheit danke ich Dir für all Deine Gaben, die Du uns in Gestalt des Islam, des Glaubens und des Dschihad geschenkt hast.

Danach öffnete der Henker die Tür eines dunklen Raumes, setzte mich hinein, schloss die Tür von außen und ging fort.

 

Im Raum Nummer vierundzwanzig

Mit dem Wort Bismillah betrat ich diesen völlig finsteren Raum. Sobald die Tür des Raumes geschlossen war, blendete mich plötzlich ein grelles elektrisches Licht. Ich begriff, dass meine zweite Art der Bestrafung begonnen hatte. Ich sah, dass der ganze Raum voller Hunde war. An wie viele Hunde es genau waren, kann ich mich nicht erinnern. Beim Anblick all dieser wilden Hunde schloss ich aus Angst die Augen. Über meinen ganzen Körper hinweg wurde ich von unzähligen Hunden unerträglich gebissen. Es kam mir vor, als würden mein Kopf, meine Hände, meine Brust, mein Rücken und meine Füße – kurz gesagt, mein ganzer Körper – überall von Hundebissen zerfleischt. Sobald ich die Augen öffnete, um dieses schreckliche Schauspiel zu sehen, musste ich sie wieder schließen. In meiner ausweglosen Lage begann ich, die Namen Allahs, Asma al-Husna, zu rezitieren. Ich vergaß die giftigen Bisse der Hunde und vertiefte mich in den Dhikr Allahs. Ich sagte –

„O reiner Herr und Erhalter! Ich löse meine Bindung an alles auf der Welt und bewahre nur meine Beziehung zu Dir. Mein Erfolg besteht allein darin, dass Du mit mir zufrieden bist … Um Deiner Nähe willen wünsche ich nichts anderes, selbst wenn ich dafür mein Leben und alles auf der Welt hingeben müsste. Gewähre mir einen Platz am Hof Deiner Barmherzigkeit … Schenke mir auf dem Weg Deiner Religion Liebe, Zufriedenheit und den Tod als Märtyrer und verleihe jedem Menschen, der an den Tauhid glaubt, eine starke Selbstgewissheit.“

So vergingen mehrere Stunden zwischen den Bissen der Hunde und meinem Gebet. Plötzlich wurde die Tür der Zelle geöffnet, und man brachte mich in den Raum.

Ich war fest davon überzeugt, dass mein weißes Gewand blutrot geworden war. Doch welch ein Wunder! Mein Gewand war noch genauso makellos weiß wie zuvor, und an meinem Körper war nicht die geringste Spur eines Hundebisses zu finden. Was für ein Wunder! Welch verborgene Barmherzigkeit des erhabenen Allah! O Gott, bin ich einer solchen Gnade von Dir würdig? … Alles Lob gebührt Dir, mein Herr! … Das sagte ich in Gedanken vor mich hin. Da fragte mich der Henker des Gefängnisses:

: „Was ist los, dich hat der Hund nicht gebissen? Aber warum? Was für eine unglaubliche Sache …“ Dabei richtete er seinen Blick auf seine Peitsche. Auch der zweite Mann, der mit ihm gekommen war, schwenkte seinen Stock in der Hand und schien über irgendetwas nachzudenken.

Im westlichen Himmel verblasste die letzte Abendröte. Es war Zeit für das Maghrib-Gebet. Unter Tränen dankte ich Allah dafür, dass Er mich, nachdem ich mehr als drei Stunden zwischen den wilden Hunden verbracht hatte, völlig unversehrt herausbringen ließ.

Nach dem Gebet führte mich ein Gefängnisangestellter über einen langen Weg und ließ mich vor einer verschlossenen Tür stehen. Als die Tür geöffnet wurde, sah ich vor mir ein schreckliches, verlassenes Feld. Wir überquerten das Feld und gingen durch einen langen dunklen Korridor weiter. Auf beiden Seiten des Korridors befanden sich unzählige verschlossene Türen. Nur durch eine einzige Tür drang Licht hervor. Bei einem schnellen Blick erkannte ich, dass es die Tür von Zelle Nummer zwei war und dass dort ein hochrangiger Offizier namens Mohammad Rasad Muhna saß. Einst war er ein Prinz von Ägypten gewesen. Die Regierung war in Bezug auf ihn zu der irrigen Annahme gelangt, dass die Muslimbrüder wahrscheinlich gerade ihn zum Präsidenten Ägyptens machen würden. Deshalb wurde auch er verhaftet.

 

In Zelle Nummer drei

Die Tür von Zelle Nummer drei wurde geöffnet, und man stieß mich hinein. Sobald die Tür geschlossen war, ging eine an der Decke hängende elektrische Lampe mit grellem Licht an. Das Licht war so stark, dass es fast unmöglich war, die Augen offen zu halten. Ich begriff, dass dieses blendende Spiel mit dem Licht ebenfalls ein Teil meiner Bestrafung war!

Eine Weile später klopfte ich von innen an die Tür, um sie öffnen zu lassen. Da öffnete ein furchterregender Abessinier die Tür und stellte sich vor mich. Als ich ihn bat, mir Wasser für die Gebetswaschung zu bringen, verzog er mit rauer Stimme das Gesicht und sagte:

„Weißt du nicht, dass es hier verboten ist, an die Tür zu klopfen, nach Wasser zu verlangen, die Gebetswaschung zu vollziehen und Wasser zu trinken …?“ Damit schwang er die Peitsche durch die Luft und sagte erneut:

„Nimm dich in Acht! Wenn ich noch einmal höre, dass du an deine Tür klopfst, werde ich dir mit dieser Peitsche die Haut vom Leib ziehen.“

In der Zelle befand sich überhaupt nichts. Außerdem war ich bereits völlig erschöpft – körperlich und seelisch –, nachdem ich bis zu drei Stunden in Zelle Nummer vierundzwanzig mit den Hunden verbracht hatte. Also vollzog ich auf dem Boden das Tayammum, breitete mein Tuch aus und verrichtete das Nachtgebet. Danach versuchte ich, mich ein wenig auszuruhen. Doch ich krümmte mich vor den heftigen Schmerzen, die bis in die Knochen drangen. Trotzdem versuchte ich, mich hinzulegen und die beiden Schuhe unter meinen Kopf zu legen. Doch die Feinde der Menschlichkeit begannen mit solchen Schikanen, dass ich jeden Gedanken an Ruhe vergaß.

Das Lüftungsfenster meiner Zelle war sehr groß. Durch das Lüftungsfenster konnte man den Gefängnishof deutlich sehen. Genau vor diesem Lüftungsfenster stellten sie einen Folterpfahl auf. Dann begannen sie, junge Aktivisten der Islamischen Bewegung daran festzubinden und immer neue Methoden der Folter an ihnen zu erproben. Ihre Körper wurden von den Schlägen der Peitsche zerschunden. Doch jene tapferen jungen Männer auf Allahs Weg ertrugen alles mit größter Geduld. Außer dem Namen Allahs war kein einziges Wort aus ihrem Mund zu hören. Bei jedem Peitschenhieb kam nur ein „Ya Allah!“ von ihren Lippen, sonst nichts.

Während dieser abscheulichen, unmenschlichen Folter fragte der mörderische Henker sie in äußerst vulgärer Sprache …

: „Sag, du Hundesohn, wann bist du hierhergekommen?“

Wenn sie darauf antworteten, fragte er:

:Wann warst du zuletzt bei Zaynab al-Ghazali?

Wenn ein junger Mann auf diese Frage geantwortet hätte, dass er es nicht wisse oder sich nicht erinnere, stürzten sich all diese niederträchtigen, barbarischen Bestien gemeinsam auf ihn und sagten ihm, während sie ihn mit Peitschen und Riemen schlugen, er solle mich mit obszönen Worten beschimpfen. Doch diese charaktervollen, gebildeten jungen Männer, unter denen einige Ärzte, andere Ingenieure, Professoren, Intellektuelle oder Rechtsanwälte waren, konnten, solange sie Muslime waren und lebten, nicht einmal daran denken, mich zu beschimpfen. Sie sagten:

„Sie ist doch wie unsere Mutter, eine gottesfürchtige, erhabene Frau.“ Wenn die jungen Männer sich weigerten, obszöne Beschimpfungen auszusprechen, geriet der Henker in Wut und steigerte die Misshandlungen. Doch auf keine Weise gelang es, die jungen Männer moralisch zu Fall zu bringen. Unzählige Lobpreisungen gebühren jenen heldenhaften jungen Männern, die selbst angesichts des Todes keinen Kompromiss mit der Lüge und dem Falschen eingingen und trotz unzähliger Gefahren und Heimsuchungen nicht im Geringsten vom Weg der Wahrheit abwichen.

Als ich mitansehen musste, wie Berge ungerechter Qualen über diesen jungen Männern von edlem Charakter und starker Persönlichkeit zusammenbrachen, lässt sich nicht in Worte fassen, wie sehr mein Herz und meine Seele sich quälten. Ich betete nur zu Allah ………

„O Allah, der du der Rahman und der Rahim bist, nimm diese unschuldigen jungen Männer von ihrer Strafe frei, indem du sie auf meine Schultern legst.“

Ich wollte, dass die jungen Männer freikamen, indem sie den Worten der Unterdrücker zustimmten, und dass ich an ihrer Stelle alle Qualen ertrug. Doch dazu kam es nicht.

Sie erduldeten eine Folter nach der anderen. Sie riefen Allah an, gaben aber den Weg der Wahrheit nicht auf. Als ich ihr ganzes Leid und ihre Schmerzen sah, vergaß ich meine eigenen Schmerzen und mein eigenes Leid. Angesichts ihrer Qualen erschienen mir die Misshandlungen, die man mir zugefügt hatte, sehr gering. Nun empfand ich Schmerz nur noch wegen ihrer Schmerzen. Für sie erbat ich von Allah nichts als Barmherzigkeit.

Der Traum

In diesem Zustand bemerkte ich überhaupt nicht, wann ich einschlief. Wahrscheinlich lag darin Allahs Barmherzigkeit. In den Tagen meiner Not hatte ich den geliebten Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bereits dreimal im Traum gesehen; und heute wurde mir zum vierten Mal dieses Glück zuteil.

Ich sah im Traum eine weite Wüste mit zahlreichen Kamelen. Auf den Rücken dieser Kamele waren hell erstrahlende Sitze hergerichtet, und auf jedem Kamel saßen jeweils vier Reisende von friedvoller, sanfter Ausstrahlung. Soweit das Auge reichte, erstreckte sich über die ganze Wüste eine bis zum Horizont reichende Karawane von Kamelen. Inmitten dessen fand ich mich vor einem großen Mann stehen, dessen ernstes und zugleich lächelndes Gesicht strahlte. Ich sah unzählige Kamele, die über die ganze Wüste hinweg umherwanderten; die Zügel eines jeden von ihnen hielt er in seiner Hand.

Mit äußerster Bescheidenheit und Demut fragte ich ihn:

„Ist der geliebte Prophet hier?“ Er blickte mich friedvoll an und sagte:

„Zainab! Du befindest dich auf genau dem Weg, dem Allahs Gesandter und Sein Diener Muhammad gefolgt ist.“

Von Freude überwältigt fragte ich erneut:

„Gehe ich wirklich auf dem von Allahs Gesandtem und Seinem Diener gewiesenen Weg?“

„Ja, o Zainab, o Ghazali, du befindest dich auf dem von Allahs Diener und Seinem Gesandten gewiesenen Weg.“ Wieder fragte ich dasselbe:

:O mein geliebter Prophet, o Gesandter Allahs! Folge ich als Dienerin Allahs dem von Seinem Gesandten gewiesenen Weg?

:Der geliebte Prophet sagte:

:O Zaynab, du bist auf dem Weg der Wahrheit; o Zaynab! Du bist Allahs Dienerin und befindest dich auf dem Weg, dem Sein Gesandter Muhammad gefolgt ist.

Als ich erwachte, verspürte ich in mir eine wundersame Kraft und Ruhe. Dieser Traum ließ mich gegenüber den Gedanken an all die gegenwärtige Tyrannei und Qual gleichgültig und unberührt werden. Die Hiebe des Hunters oder die Grausamkeiten, die im Hof vor meiner Zelle am Ikhwan verübt wurden … nichts davon erschien mir mehr besonders traurig. Ich sah, dass der Pfahl aus dem Hof vor meiner Zelle entfernt worden war. Nun drangen die Geräusche von Schlägen erst aus einiger Entfernung zu mir herüber.

Ich war erstaunt bei dem Gedanken, dass der geliebte Prophet mich im Traum mit meinem eigentlichen Familiennamen angesprochen hatte. Mein eigentlicher Familienname lautet Zaynab Ghazali. Doch die Öffentlichkeit kennt mich als Zaynab al-Ghazali.

Um Allah für diesen glückseligen Traum zu danken, vollzog ich sofort Tayammum und stellte mich zum Gebet auf. In der Niederwerfung sagte ich mit tränenerstickter Stimme zu Allah:

:Mein Herr! Wie soll ich dir meinen Dank erweisen? Mir fehlt sogar die Kraft, dir zu danken. ……O Herr der Welten! Ich weihe mich auf dem Weg zu deinem Wohlgefallen dem Märtyrertod. ……O Parwardegar! Möge wegen mir niemand in Kummer und Not geraten …… O Herr! …… Halte mich unbeirrbar auf dem geraden und schönen Weg zu deinem Wohlgefallen ………

Auch nachdem ich das Gebet verrichtet hatte, wiederholte ich noch lange dasselbe Bittgebet. Dabei empfand ich eine solche Ruhe und Freude, als wäre ich in einer neuen Welt angekommen und wanderte dort umher. Ich schreckte auf, als ich auf dem Weg und im Hof außerhalb der Zelle die Geräusche zahlreicher Fahrzeuge und die hastigen Bewegungen von Menschen hörte. Später erfuhr ich, dass dies der Zeitpunkt des Schichtwechsels der Henker gewesen war. Die alten Henker waren gegangen, und neue Henker waren mit frischem Eifer zur Folter gekommen.

Als ich den Adhān zum Fadschr-Gebet hörte, vollzog ich Tayammum, wiederholte immer wieder die Worte des Gebetsrufs und verrichtete das Gebet. Unter diesen Umständen blieb ich vom 20. bis zum 26. August, insgesamt sechs Tage lang, ununterbrochen in demselben Raum eingeschlossen. Kein einziges Mal wurde die Tür des Raumes geöffnet, kein Tropfen Wasser und keinerlei Nahrung wurde mir gegeben. Ich hatte auch keinerlei Kontakt oder Gespräch mit jemandem außerhalb. Kein Wasser, keine Nahrung, kein Gespräch – sechs Tage oder sechs Nächte dieses einsame Leben in einem dunklen Raum; stellen Sie sich das einmal vor! Auf Essen und Trinken hätte man vielleicht verzichten können, aber wie kann jemand einem Menschen die Erfüllung seiner natürlichen Bedürfnisse verweigern?

Wie würden Sie jene Menschen nennen, die behaupten, Menschen zu sein, deren Taten jedoch sogar den Satan beschämen? Diese tyrannischen Herrscher hielten sich offenbar für eine übermenschliche Schöpfung und glaubten, von allen Grundsätzen der Menschlichkeit befreit zu sein.

Vielleicht wundern auch Sie sich, wie ein Mensch sechs Tage lang ohne Essen und Trinken und sogar ohne seine natürlichen Bedürfnisse verrichten zu können, am Leben bleiben kann. Dieselbe Verwunderung hatte auch der Henker empfunden, der vor meiner Zelle Wache stand. Als er die Tür öffnete und mich gesund und ruhig dasitzen sah, stieß er einen widerlichen Fluch aus und fragte:

: Was ist los, du bist wohl immer noch nicht tot! Du lebst noch? Wie ich unter solch anormalen und unglaublichen Umständen nach so langer Zeit noch am Leben und gesund bin, erzähle ich Ihnen jetzt; hören Sie zu!

Erstens: der unerschütterliche Glaube an Allah und das Vertrauen auf Ihn. Denn der Islam verleiht seinen wahrhaftigen Anhängern eine solche Kraft, dass der Gläubige jede Art von Leid und Unglück überwinden kann, ganz gleich, wie grausam die Unterdrückung und Misshandlung auch sein mag. Durch Allahs Gnade wird der Mumin mit einer solchen Leidensfähigkeit ausgestattet, dass selbst eine noch so schwere Gefahr ihn weder in Schrecken versetzen noch aus der Fassung bringen kann. Die tyrannischen Unterdrücker sind vom Hochmut über ihre äußerliche Macht berauscht, doch gegenüber der geistigen Kraft des Gläubigen erweist sich jede andere Macht als unbedeutend. Der Mumin ist fähig, ein Leben frei von jeder Art von Furcht, Angst, Habgier und Begierden zu führen. Zweitens: jener heilige Traum, der von Allah ausging und für mich der Verleihung eines wahren Lebens und des Erfolgs gleichkam. Dadurch erhielt ich die Kraft, unter Missachtung des Einflusses meiner Umgebung weiterzuleben. Dieser Traum verlieh mir die Kraft, selbst unter größtem Leid und in größter Gefahr auszuharren und dennoch ein unbeschwertes Leben zu führen.

Am siebten Tag meiner einsamen Gefangenschaft ohne Essen und Trinken betrat jener Henker meine Zelle. Er brachte vier schmutzige, verdorbene und übel riechende Fladenbrote sowie ein Stück Butter, warf alles vor mir auf den Boden und sagte:

: Solange du noch lebst, iss das alles auf………

Natürlich stieß er zugleich aus seinem hässlichen Mund seine widerlichen Flüche aus. Ich rührte weder das Brot noch die Butter an. Doch ich nahm das Gefäß mit Wasser. Aber sowohl das Gefäß als auch das Wasser waren so schmutzig und übel riechend, dass man es nicht an den Mund führen konnte. Dennoch schloss ich Augen und Nase und trank das Wasser mit den Worten:

„Im Namen des erhabenen Allah, durch dessen Namenssegen mir nichts im Himmel und auf der Erde schaden kann. Allah hört und weiß alles. O Allah, verwandle dieses Wasser für mich in die für meine Gesundheit notwendige Nahrung.“

Nachdem ich das Wasser getrunken hatte, wurde die Tür wieder geschlossen. Dann kam der Henker bei Sonnenuntergang erneut, öffnete die Tür und sagte unter seinen gewohnten unflätigen Beschimpfungen:

:Komm heraus, verrichte deine Notdurft und komm wieder zurück.

Als ich hinausging, drohte ich wegen meiner körperlichen Schwäche zu Boden zu stürzen. Als der Henker das sah, stützte er mich und brachte mich bis zur Latrine. Als ich die Tür der Toilette schließen wollte, sagte er:

Es ist verboten, deren Tür zu schließen. Als ich das hörte, kam ich heraus und sagte zu ihm:

:Bring mich zurück in meine Zelle. Ich brauche nichts.

Nachdem er diese Worte gehört hatte, sagte er mit äußerster Grausamkeit und Schamlosigkeit:

:Ich stehe hier und warte auf dich. Geh und verrichte deine Notdurft!

Denken Sie einmal nach: Kann man ein solches Beispiel für Bestialität überhaupt finden? Kann selbst der niederträchtigste Mensch so gemein, so abscheulich sein? Doch auf Nาสers Befehl übertrafen diese Henker in Barbarei und teuflischer Grausamkeit sogar die Tiere.

Als ich in meine Zelle zurückkehrte, sagte ich voller Bedauern:

Der Tod wäre besser als das. Wenigstens wäre ich vor dem Anblick eines solchen unzivilisierten Barbaren bewahrt geblieben. Ich wäre nicht gezwungen gewesen, mit diesem Teufel bis zum Wasserhahn zu gehen. Nachdem der Henker die Zellentür geschlossen hatte und gegangen war, vollzog ich das Tayammum und verrichtete das Maghrib-Gebet. Kaum hatte ich das Gebet beendet, wurde die Tür geöffnet, und mehrere Personen kamen in die Zelle. Unter ihnen sah ich auch jenen brutalen Teufel, der mich drei Stunden lang gezwungen hatte, unter unzähligen Hunden zu bleiben. Ich lag gerade auf dem Boden. Dieser Teufel sagte offenbar zu jemandem:

Komm, Doktor, sieh ihn dir an!

Nachdem der Arzt mich untersucht hatte, sagte er:

: „Es ist überhaupt nichts passiert. Sein Herz ist noch in Ordnung.“

Doch was weiß der Arzt davon, dass ich durch die Folter dem Tod nahe war! Danach schlossen sie die Tür und gingen alle fort. Einige Minuten später wurde die Tür geöffnet, und man brachte mich in einen anderen dunklen Raum, wo man mich zwei Stunden lang an die Wand band. Sie verboten mir sogar, mich zu bewegen. Sie schlossen die Tür und sagten unter Beschimpfungen:

: „He, du Hundesohn, dein Todestag rückt näher!“

Ich ignorierte ihre Worte und sagte mit aller Kraft zu Allah:

„O Herr, möge mein Tod auf dem Weg des Iman und des Islam sein.“ Danach begann ich, die Suren al-Fātiha und al-Baqara zu rezitieren. Es kam mir vor, als würde ich im Leben zum ersten Mal den Koran rezitieren. Ich war mit geschlossenen Augen in die Koranrezitation vertieft, als mir plötzlich jemand mit großer Wucht ins Gesicht schlug. Sofort wurde das Licht eingeschaltet. Ich sah, dass ein riesiger Henker mit einer Peitsche vor mir stand. Er begann, mich erbarmungslos mit der Peitsche zu schlagen. Danach legte er drei weiße Blätter vor mich und sagte:

: Du wirst alles, was wir dir sagen, darauf niederschreiben ……

Plötzlich kam einer von ihnen, packte mich mit seiner kräftigen Hand fest und schleuderte mich mit großer Wucht gegen die Wand. Danach hob mich der zweite Mann vom Boden auf, schüttelte mich und schleuderte mich mit voller Wucht zu Boden; dann befahl er einem Soldaten:

: Tritt ihn mit deinen Stiefeln, so fest du kannst.

Nach dieser lang andauernden, brutalen Folter setzte er mich auf einen Stuhl, gab mir die drei Blätter in die Hand und sagte:

„Schreib hier die Namen aller Menschen auf, deren Namen du kennst, ganz gleich, ob sich diese Personen in Saudi-Arabien, Syrien, Sudan, Libanon oder irgendwo sonst auf der Welt befinden! Wenn du nicht nach unserem Befehl schreibst, wirst du hier und jetzt erschossen. Und noch etwas: Du wirst auch alle Informationen, die du über die Ichwan kennst, sowie alles über deine Beziehung zu ihnen ausführlich niederschreiben. Hier, nimm diesen Stift.“

Danach schlossen sie die Tür und gingen fort.

Obwohl ich von unbeschreiblichen Schmerzen gequält wurde, setzte ich mich mit Papier und Stift hin –

Ich begann zu schreiben –

„In vielen Ländern leben Brüder und Schwestern, die mich durch die islamische Bewegung kennen. Das Ziel unserer Bewegung ist es, Allahs Din zu errichten. Bei Gott, zu uns kommen nur diejenigen, die fähig sind, den rechten Weg zu wählen. Und dieser rechte Weg ist der Weg, dem der geliebte Prophet Hazrat Muhammad (Friede sei mit ihm) und die Sahaba gefolgt sind.

Unser Ziel ist es, Allahs Din zu verkünden und die Menschen dazu aufzurufen, die Herrschaft gemäß den Geboten des Din zu führen. Und im Namen Allahs rufe ich auch euch dazu auf: Verlasst den Weg der Unwissenheit und der Unterdrückung, kommt auf den Weg des Islam, folgt dem Tawhid und der Risalat und unterwerft euch Allah. Der giftige Dunst der Lüge und des Unrechts, der durch euren Weg auf dem falschen Pfad in eure Herzen und Köpfe eingedrungen ist, wird sich auf Allahs Weg auflösen, und Allah wird euch aus der Finsternis ins Licht führen.“

„Lasst auch den Präsidenten des Landes meine Worte erreichen. Vielleicht wird er bereuen und auf den Weg des Islam zurückkehren. Wenn er eure Daʿwa ablehnt, wird er selbst dafür Rechenschaft ablegen müssen. Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Hazrat Muhammad (Friede sei mit ihm) Allahs Diener und Gesandter ist.“

„O Allah, sei Zeuge, dass ich meine Pflicht erfülle.

Wenn diese nun bereuen, dann nimm ihre Reue an. Wenn sie jedoch in der Finsternis der Ẓulumāt bleiben wollen, dann weißt nur Du alles, und nur Du bist der beste Richter. O Allah! Lass uns auf dem Weg der Wahrheit standhaft bleiben. Schenke uns den Märtyrertod.“

Ich schrieb all dies in dem Bewusstsein, dass es meine religiöse Pflicht war, und nachdem ich fertiggeschrieben hatte, begann ich erneut, den Koran zu rezitieren.

Nach einiger Zeit kam Safwat Ruby, nahm die von mir beschriebenen Blätter mit und ließ mich an diesem einsamen Ort zurück. Kaum waren einige Augenblicke vergangen, öffnete sich plötzlich die Tür, und vier Militärangehörige aus Safwats Gefolge drangen ein; sie beschimpften mich mit jedem Schimpfwort aus ihrem gesamten Repertoire und sagten:

Was für einen Unsinn hast du da auf die Blätter geschrieben?

Danach rief er von der Tür aus:

Achtung! Achtung! Der Direktor des Militärgefängnisses, Hamza Pascha Bassiuni, kommt.

Der Direktor betrat den Raum und begann, derart obszöne und widerwärtige Schimpfworte auszustoßen, dass kein gewöhnlicher Mensch sich so etwas auch nur vorstellen könnte. Ich blickte ihn voller Abscheu an. Er nahm den Männern einige meiner beschriebenen Blätter ab und sagte:

Alles, was du geschrieben hast, ist gelogen.

Mit diesen Worten zerriss er die Blätter in winzige Stücke.

Sie erwähnten Safwat und sagten:

:Das soll alles nur Spott und Hohn sein? Deine schriftlichen Dummheiten haben ihn gequält, sagte Basyuni.

:Haltet ihn fest!, sagte er, ging hinaus und kehrte nach einigen Augenblicken mit einem Soldaten zurück. Der Soldat hob mich äußerst grausam hoch und schleuderte mich mit voller Wucht zu Boden. Sobald ich auf dem Boden aufschlug, verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, sah ich, dass man mich kopfüber an einem Holzgestell festgebunden hatte, so wie ein Metzger ein geschlachtetes Tier aufhängt. Danach hagelte es Schläge mit der Peitsche. Was für eine abscheuliche, bestialische Misshandlung! Ich meine mich selbst – aber kein Mensch hätte das ertragen können! Während ich den Namen Allahs aussprach, verlor ich erneut das Bewusstsein.

Als ich wieder zu mir kam, sah ich, dass ich auf einer Bahre im Krankenhaus lag. Damals hatte ich nicht einmal die geringste Kraft, zu sprechen oder mich zu bewegen. Allerdings hörte ich die Gespräche um mich herum.

Nach kurzer Zeit brachte man mich wieder in meine Gefängniszelle. Noch immer rann überall Blut aus meinem Körper. Unter unerträglichen Schmerzen rüttelte ich an der Tür und bat den Wärter, einen Arzt und Verbandsmaterial zu rufen. Doch als Antwort erhielt ich nichts außer üblen Beschimpfungen. In meiner völligen Hilflosigkeit betete ich zu Allah, meine Schmerzen und die Blutungen zu beenden. Allah erhörte mein Gebet. Die Blutungen aus den verschiedenen Teilen meines Körpers hörten auf. Die Schmerzen jedoch blieben bestehen. Um davon befreit zu werden, begann ich, den Namen Allahs zu wiederholen. Dadurch empfand ich die Schmerzen und Qualen als deutlich erträglicher. Da erinnerte ich mich an einen Hadith des geliebten Propheten. Der geliebte Prophet sagte:

„Hütet euch vor dem Flehen des Unterdrückten. Denn zwischen dem Unterdrückten und Allah gibt es keinen Schleier.“

In diesem unerträglichen Zustand vergingen mehrere Nächte. Von irgendwelchen Medikamenten oder einer Behandlung war keine Rede. Nur jener furchterregende, dunkelhäutige Wärter öffnete täglich zur festgesetzten Zeit die Tür und warf etwas Butter und einige Stücke altbackenes Brot hinein. Da diese Dinge jedoch ungenießbar waren, rührte ich sie nicht einmal an. So nahm er sie genau so wieder auf, wie er sie hingeworfen hatte. Der Gestank dieser Brote und der Butter war nur äußerst schwer zu ertragen.

 

Allah ist ihr Beistand

Eines Tages hörte ich draußen vor der Tür die gedämpften Schritte eines Menschen und ging von einem seltsamen Gefühl erfasst zur Tür. Durch die kleine Öffnung in der Tür, durch die der Wärter nach mir sah, blickte ich hinaus und sah vor mir den Murshid-e Aam, Imam Huzaibi. War auch er verhaftet worden? Ich legte meinen Mund an diese Öffnung und rezitierte den folgenden heiligen Vers:

„Wenn Sie verwundet worden sind, dann ist auch die Nation auf diese Weise verwundet worden; zeigen Sie keine Schwäche und seien Sie nicht traurig. Wenn Sie am Glauben festhalten, werden Sie Erfolg haben.“

Mein Blick küsste seine heiligen Füße, und ich rezitierte immer wieder jenen Vers aus dem Koran. Er antwortete mit Handzeichen auf eine Weise, dass der wie ein Schatten dastehende Wächter nichts verstehen konnte. Die Nähe von Imam Huzaybi ließ mich meine Trauer und meinen Schmerz vergessen.

In Wahrheit schließen die Gläubigen auf Allahs Weg brüderliche Beziehungen miteinander. Im Islam gibt es keine Unterscheidung oder Diskriminierung zwischen Klein und Groß. Im Islam arbeitet jeder um Allahs Wohlgefallen willen. Daher gibt es keinen Unterschied zwischen einem Anführer und seinen Anhängern oder zwischen einem Befehlshaber und gewöhnlichen Soldaten. Jeder arbeitet in seinem jeweiligen Bereich um Allahs Wohlgefallen willen, und jeder ist für den anderen wie ein eigener Bruder. Diese idealistischen Gedanken bringen eine kühle Ruhe in mein Herz.

 

Die Dampfwalze der Unterdrückung und Misshandlung

Diese Ruhe währte nicht lange. Eines Nachmittags wurde plötzlich die Tür meiner Zelle geöffnet, und Safwat erschien. Während er mit der Peitsche in seiner Hand gegen die Wände schlug, packte er mich, schleifte mich zum Büro des Gefängnisses und setzte mich auf einen Stuhl, bevor er wieder ging. Wenige Augenblicke später kam ein Mann und fragte mich:

: Bist du Zaynab al-Ghazali?

Nachdem er eine bejahende Antwort erhalten hatte, ging er fort. Nun kamen drei riesenhafte, furchterregende Soldaten. Es war, als wären sie geradewegs aus der Hölle emporgestiegen. Auf ihren Gesichtern waren deutliche Zeichen der Grausamkeit zu erkennen. Dann kam ein weiterer Mann und fragte sie:

: Haben sie mich erkannt?

Darauf antworteten sie alle:

: Ja, er hat ihn durchaus erkannt. Der Augenblick seines Todes ist nahe.

Danach sah ich, wie sie hinausgingen und Bruder Faruk Mansabi auspeitschten. Er war bereits an einem hohen Holzgestell aufgehängt worden. Während sie ihn auspeitschten, fragten sie Bruder Faruk:

„Wie oft hast du dich mit Zainab Ghazali getroffen?“ Zugleich befahlen sie ihm, mich mit obszönen Worten zu beschimpfen. Doch als dieser Diener Allahs sich weigerte, ihnen zu gehorchen, steigerten sie die Schläge noch weiter. Als ich ihn in diesem Zustand sah, schien es, als strömte aus meinen Augen statt Tränen Blut. Nach der schweren Misshandlung wurde Bruder Faruk zu Boden geworfen. Sein Zustand ließ vermuten, dass seine Seele jeden Augenblick seinen Körper verlassen würde. Doch durch Allahs Barmherzigkeit überlebte er. Schließlich wurde unter dem Vorwand eines Gerichtsverfahrens eine Farce veranstaltet und er zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt. Selbst im Gefängnis verkündete dieser Soldat Allahs unter den Gefangenen den Islam und ermutigte sie zur islamischen Bewegung. Schließlich brachten ihn die Feinde des Islam in das Gefängnis von Limantara und ermordeten ihn grausam (Inna lillahi ………). Bis zum letzten Augenblick seines Lebens blieb er auf dem Weg zu Allahs Wohlgefallen standhaft und erlangte das Glück des Märtyrertums.

Die Frevler quälten nicht nur Bruder Faruk auf diese Weise. Danach hängten sie einen anderen Bruder an ein Holzgestell, stellten ihm dieselben Fragen und befahlen ihm, mich zu beschimpfen. Als der Bruder sich weigerte, mich zu beleidigen, schlugen sie ihn so grausam, dass er bewusstlos wurde. Da sie glaubten, er sei in diesem Zustand gestorben, legten sie ihn auf eine Trage und brachten ihn an einen unbekannten Ort. Tatsächlich hatten die Frevler geglaubt, ich würde angesichts all dessen bereit sein, nach ihrem Willen eine falsche Aussage zu machen. Zu diesem Zweck schickten sie einen Mann zu mir. Dieser Mann kam zu mir und versuchte, sich als äußerst höflich und als mein wohlmeinender Freund darzustellen.

Er grüßte mich, stellte sich vor und sagte:

„Ich bin der Rechtsanwalt Omar Isa.“

Später erfuhr ich, dass seine Aussage eine Lüge war. In Wirklichkeit war auch er einer jener Teufel. Zu Beginn seiner Ausführungen sagte er:

„Zainab, ich bin an einer Verständigung mit dir interessiert. Es ist mein Ziel, dich aus der Gefahr zu befreien, in die du dich selbst gestürzt hast … Du bist eine angesehene Frau. Denk doch ein wenig darüber nach! Selbst Leute wie Huzaybi haben alles gestanden und Dinge über dich offengelegt, für die du sogar zum Tode verurteilt werden könntest. Sie haben sich selbst gerettet, dich aber in noch größere Gefahr gebracht. Meiner Ansicht nach kannst du deine Ehre noch immer wahren, solange Zeit ist, und alles sagen. Sag, was war ihr Ziel? Und teile auch deine eigene Meinung ausführlich mit. Ich glaube, dass gerade deine Meinung zutreffend sein wird.“

Auch nachdem ich dieses ganze Gerede von ihm gehört hatte, blieb ich schweigend. Als er keine Antwort erhielt, sagte er erneut:

„Zainab, antworte nach gründlicher Überlegung. In Wirklichkeit möchte ich die Wahrheit erfahren.“

Diesmal sagte ich:

„Soweit ich weiß, hat die Muslimbruderschaft nichts getan, was bei einem aufrichtigen Menschen Anlass zu Zorn geben könnte. Auch ich gehöre der Muslimbruderschaft an. Was für ein Verbrechen haben wir denn begangen? Wir lehren die Menschen den Islam – ist das etwa ein Verbrechen?“

Als ich dies gesagt hatte und schwieg, sagte er:

„Doch daraus geht hervor, dass sie in zahlreiche Verschwörungen verwickelt waren, darunter auch die Verschwörung zur Ermordung von Gamal Abdunnasser und zur Schaffung von Chaos im Land. Und du hast sie dabei unterstützt. Sieh, ich bin Anwalt; über die Tatsachen informiert zu sein, ist meine Aufgabe.“ Ich sagte:

„Die Ermordung Abdunnassers oder die Schaffung von Chaos im Land kann niemals das Ziel der Muslimbruderschaft gewesen sein. Vielmehr hat Gamal Nasser selbst das Land zugrunde gerichtet. Tatsächlich ist es eine unumstößliche Wahrheit, dass unser Ziel weit höher und konstruktiv ist. Wir wollen den von Allah erwählten Lebensweg auf der Grundlage eines vollkommenen Tawhid, der Ibadah sowie des Qurans und der Sunna errichten. Wenn wir dieses edle Ziel erreicht haben, wird der Thron der falschen Finsternis von selbst verschwinden. Alle erfundenen Geschichten werden zugrunde gehen. Denk daran: Unser Ziel ist Reform und Wiederaufbau. Nicht Zerstörung, sondern Aufbau und Fortschritt sind unser Streben.“

Daraufhin sagte er lachend:

„In Wirklichkeit habt ihr gegen Gamal Nasser und seine Regierung konspiriert. Das geht aus deinen eigenen Worten hervor.“

Ich sagte:

„Sieh, im Islam gibt es keinen Raum für Verschwörungen und Intrigen. Wir wissen nichts von solchen Dingen. Im Gegenteil, wir erheben unsere Stimme gegen jede Art von Unrecht. Wir zeigen den Menschen das Wesen zweier Wege auf. Der eine ist der von Allah gewiesene Weg, der andere der Weg des Satans. Diejenigen, die dem Weg des Satans folgen, betrachten wir als irregeführte Kranke. Diesen Menschen verabreichen wir mit größter Zuneigung die Medizin der Wahrheit. Und das ist Allahs Scharia – Allahs Religion.“

„Wir haben den Koran herabgesandt; er ist Barmherzigkeit und Erlösung für die Gläubigen, den Ungerechten jedoch bringt er nichts als Schaden.“

Nun änderte sich die Redeweise jenes Satans, der sich als Anwalt ausgegeben hatte. In Wirklichkeit war er Saeed Abudl Karim. Mit diesen Worten ging er hinaus:

„Ich wollte dir helfen. Aber es scheint, dass du immer noch dem Einfluss der Ikhwan-Ideologie erliegst.“

Danach kam Safwat Ruby und stellte mich mit dem Gesicht zur Wand. So ließ er mich mehrere Stunden lang regungslos stehen und vor meinen Augen unerträgliche, unmenschliche Folter an den Ikhwan verüben. Beim Anblick all dessen gefror mir schlicht das Blut in den Adern. Viele von ihnen kenne ich gut. Zum Beispiel Sarsi Mustafa, Faruq al-Asadi und Taher Abd al-Aziz Salem. Sie sind bedeutende Aktivisten der Bewegung. Nach einiger Zeit kehrten der sogenannte Anwalt, Hamza Bisiuby, und Safwat Ruby zurück. Hamza sagte:

„Warum willst du dich nicht mit dem Anwalt einigen? Wir versuchen doch, dich aus dieser Gefahr zu retten. Soweit ich deinen Ehemann kenne, ist er ein sehr guter Mann. Aber du bist einem Betrug zum Opfer gefallen. Hasan al-Hudaybi hat alles erzählt.“

fragte ich in sarkastischem Ton.

„Haben die Ichwan wirklich alles erzählt? Und deshalb foltert ihr sie immer noch auf unmenschliche Weise? Ihr hängt sie am Galgen auf und peitscht sie aus! ……… Wisse, dass ich niemals gegen die Ichwan oder gegen mich selbst lügen kann. Wir sind Muslime. All unser Streben und Bemühen gilt dem Islam. Das ist unser Tun und Handeln.“

Hinter ihnen standen vier Henker. Die Peitschen und Riemen in ihren Händen hatten die Ichwan noch vor wenigen Augenblicken bluten lassen.

Ich lenkte den Blick des sogenannten Anwalts dorthin und sagte in tadelndem Ton:

„Herr Anwalt! Waren diese Peitschen und Riemen etwa auch Bestandteil des Lehrplans eurer juristischen Hochschule? Noch bevor wir unseren Satz beendet hatten, verpasste mir Hamza Bisyuni eine gewaltige Ohrfeige und sagte:

„Du hältst uns wohl alle für verrückt, was? Heute werde ich dich so begraben, wie ich jeden Tag zehn Ichwan begrabe.“

Ich wandte mich ein zweites Mal an den sogenannten Anwalt und sagte:

Wenn du wirklich ein Rechtsanwalt bist, warum hältst du dann nicht alle diese Folterungen in deinem ständig geführten Tagebuch fest? … Außerdem: Welchen Beweis gibt es dafür, dass du ein Rechtsanwalt bist …?

Als Hamza Bishuni das hörte, sagte er:

„Genug, geht und kümmert euch um eure jeweiligen Aufgaben. Ich wollte ihm doch nur helfen. Aber er will das nicht.“

Unmittelbar danach begannen Safwat und seine Gefährten, die Henker, wahllos mit Peitschen auf mich einzuschlagen. Um meine Augen zu schützen, bedeckte ich sie mit beiden Händen. Mein gesamter übriger Körper wurde von den Peitschenschlägen zugerichtet. Um das Gefühl dieser unerträglichen Folter zu lindern, sprach ich ein Bittgebet zu Allah und wiederholte bei jedem Peitschenschlag die Worte: „Ya Rabb, Ya Allah.“

Nachdem Safwat und seine Gefährten so viele Peitschenhiebe ausgeteilt hatten, dass sie beinahe erschöpft waren, fesselten sie mich und hängten mich an der Wand auf. Sie zogen meine beiden Hände so weit wie möglich nach oben, banden sie dort fest und gingen. In diesem Zustand war das einzige Mittel, das mir Frieden und Erleichterung verschaffte, das Gedenken an Allah. Daher gedachte ich weiterhin Allahs und sprach zu Ihm Bittgebete.

Nachdem ich mehrere Stunden so dagestanden hatte, kam Safwat mit einem Schwarzen namens Sambo zu mir. Kaum waren sie angekommen, begannen beide, mich unaufhörlich mit Tritten, Faustschlägen und Ohrfeigen zu traktieren. Danach brachten sie mich in eine Zelle und sperrten mich ein.

Nachdem sie gegangen waren, drang aus dem Minarett einer weit entfernten Moschee der Ruf zum Fadschr-Gebet herüber. Ich vergaß all meine Schmerzen, verrichtete zunächst das Gebet, hob dann beide Hände und sagte zu Allah: „O Herr der Welten, wenn Du nicht über mich erzürnt bist, dann kümmere ich mich um keine Qual dieser Welt. Deine Gnade und Barmherzigkeit genügen mir. Ich bitte Dich um Dein Licht, das diese Welt und das Jenseits erhellt, und um Befreiung von Deinem Missfallen und Deinem Zorn. O Allah, ich bin vor Dich getreten – o Herr, sei mit mir zufrieden; gewiss, Du bist der Besitzer aller Dinge und der Allmächtige.“

 

Der Vertreter von Präsident Nasser

Nachdem man mich drei Tage hintereinander in der Zelle eingesperrt gehalten hatte, wurde ich ins Büro gebracht. Dort saß ein großer, breitschultriger weißhäutiger Mann und wartete auf mich. Kaum war ich im Büro angekommen, sagte der Herr:

„Setz dich, Zainab! Wir wissen, dass sie dich durch Schläge und Misshandlungen völlig erschöpft haben. Ich kenne dich persönlich. …… Ich komme direkt aus dem Büro des Präsidenten. Ich möchte mit dir zu einer Einigung kommen. Das ganze Volk liebt dich, und auch wir achten dich. …… Aber du hast uns von dir gestoßen und stellst dich weiterhin gegen uns. …… Ich weiß nicht, warum du nicht bereit bist, mit uns zu einer Verständigung zu kommen. Ich schwöre bei Gott: Wenn du dich mit uns einigst, wirst du noch heute aus dem Militärgefängnis freigelassen. Wir alle wissen, dass du kein Mensch bist, der ins Gefängnis gehört. Wir versprechen dir nicht nur deine Freilassung aus dem Gefängnis, sondern garantieren dir auch, dass du anstelle von Hikmat Abu Zayid das Amt des Ministers für soziale Angelegenheiten übernehmen wirst.“

Nachdem ich seine Worte gehört hatte, fragte ich:

„Haben Sie Hikmat Abu Zayid etwa, bevor Sie ihn zum Minister machten, ordentlich auspeitschen lassen und ihn unter wilde Hunde geworfen?“

: Warum sollte das so sein? Warum sollte das so sein? Ich sage dir ehrlich: Wir wollten nicht, dass du hier deine Strafe absitzt und leidest.

: Was wollen Sie also von mir?“, fragte ich. Er sagte:

„Sieh mal, jedes einzelne Mitglied der Muslimbruderschaft hat Anklage gegen dich erhoben …… Auch Herr Huzaybi hat in dieser Angelegenheit alles ausführlich dargelegt. Abdul Fattah Ismail und Sayyid Qutb haben ebenfalls alles erklärt und ausgesagt. Wir aber glauben, dass sie das alles nur gesagt haben, um ihre eigene Freiheit zu erlangen und dich zu belasten. Deshalb bin ich auf Anweisung von Präsident Nasser persönlich hierhergekommen, um mit dir zu einer Einigung zu kommen. Wenn du dich einigst, wirst du sofort freigelassen, und ich selbst werde dich in meinem eigenen Wagen nach Hause bringen. Nebenbei muss ich dir sagen, dass aus den Aussagen der Muslimbrüder eindeutig hervorgeht, dass sie versucht haben, die Macht zu ergreifen, und dass du einen Plan zur Ermordung von Präsident Nasser und seinen vier Ministern ausgearbeitet hast. Dazu wollen wir von dir eine ausführliche Aussage über die Rolle von Herrn Huzaybi und Sayyid Qutb. Und wer waren überhaupt die vier Minister, deren Ermordung geplant wurde? Gib bitte eine ausführliche Erklärung ab.“

Ohne einen Augenblick zu zögern, sagte ich:

Das Wichtigste ist zunächst, dass die Ikhwan al-Muslimun niemals einen Plan ausgearbeitet hat, die Macht zu ergreifen oder die sogenannten vier Minister beziehungsweise irgendeine andere Person zu ermorden. In Wirklichkeit bestand die Aufgabe der Ikhwan darin, ein umfassendes Wissen über den Islam zu erwerben, die Ursachen der Armut und des Niedergangs der Muslime zu ermitteln und die Gesamtlage auf realitätsbezogener Grundlage zu überprüfen; darin errang die Ikhwan Erfolg.

Der Herr unterbrach mich und sagte: „Zainab, sie haben bereits alles ausgesagt.“

Ich sagte:

:„Das haben sie wohl! Was die Henker sie zu sagen gezwungen haben, werden sie vielleicht trotz ihres Widerwillens gesagt haben. Man zwingt sie durch Gewalt und Misshandlungen dazu, zuzugeben, dass etwas geschehen sei, was nicht geschehen ist. Doch ein solches erzwungenes Geständnis hat keinerlei Bedeutung. Die Wahrheit ist vielmehr, dass wir lediglich die Lehren des Islam verkündeten und die junge Generation so ausbildeten, dass sie den Islam richtig verstehen und in die Praxis umsetzen kann. Wenn dies in Ihren Augen ein Verbrechen ist, bleibt uns für die Erlangung von Gerechtigkeit keine andere Möglichkeit, als uns an Allah zu wenden.“

Der Vertreter des Präsidenten sagte nun unter einem Schwur bei Gott in mitfühlendem Ton:

„Ich wünsche dir alles Gute. Ich bin gekommen, um deine Freilassung zu erwirken.“

„Ich dankte ihm und sagte:

„Sehen Sie, der Wunsch, ein hochrangiger Regierungsbeamter oder Minister zu werden, ist in meinem Herzen niemals aufgekommen. Mein ganzes Leben habe ich dem Dienst an der Religion des Islam gewidmet. Für Reichtum, eine führende Stellung oder ein Ministeramt hege ich nicht das geringste Interesse. Meine erste und letzte Aufgabe besteht einzig darin, mich dem Dienst am Islam zu widmen.“

Als ich danach die Zelle verlassen wollte, sagte der Vertreter des Präsidenten empört:

„Ich bin doch gekommen, um dir zu dienen und dich freizubekommen – aber du lehnst das ab, du weist es zurück.“

Etwa eine Stunde nachdem der Vertreter des Präsidenten gegangen war, kamen Riyad und Safwat zu mir. Zuvor hatte Riyad mich schon mehrmals bedroht und gesagt, man werde mich töten, wenn ich nicht genau die von ihnen gewünschte Erklärung abgäbe.

Unmittelbar danach wurde ich, wie schon drei Tage zuvor, brutal verprügelt. Nachdem sie meinen ganzen Körper verwundet und blutig geschlagen hatten, sperrten sie mich wieder in die Zelle ein und gingen fort.

 

Viele Gesichter in meiner Zelle

Am Nachmittag des zweiten Tages in der Zelle, zur Zeit des Asr-Gebets, drangen einige vertraute Stimmen an mein Ohr. Mit Mühe stand ich auf, ging zur Tür und versuchte, durch die für den Wächter bestimmte Öffnung die Lage draußen zu erkennen. Doch ich konnte nichts sehen, weil Hamza, Safwat und seine Gefährten unmittelbar vor der Öffnung standen. Ich wartete jedoch weiter. Nach einer Weile wichen sie ein wenig zur Seite, und vor mir waren nun die strahlenden, friedvollen Gesichter der verehrten Alia Huzaybi und der Ghada Ammar zu sehen. Ich verbarg mich so gut wie möglich vor den scharfen Blicken der Henker und betrachtete ihre reinen, geheiligten Gesichter. Weil ich sie so nahe sehen konnte, vergaß ich sogar meine Schmerzen und Qualen. Dabei konnte ich nicht einmal stehen, ja nicht einmal im Liegen oder Sitzen Ruhe finden. Doch nun war ich, als hätte mich die Berührung eines unbekannten Zaubers völlig geheilt. Ich sah sie an und betete: O reiner Herrscher, beschütze diese meine Schwestern und Töchter vor der Grausamkeit und den Misshandlungen der Unterdrücker. Ich dachte: Alia würde bald erwachsen werden, während Ghada Ammar, könnte man sagen, noch ein gestilltes Kind war. Doch die Feinde der Wahrheit hatten nicht gezögert, selbst ein so unschuldiges kleines Mädchen festzunehmen. Wie grausam diese Unterdrücker sind! Ich weiß nicht, an welchem Wettstreit um Heldentum auf der Bühne der Welt diese erbarmungslosen Feiglinge teilnehmen wollen, die vom Rausch der Macht berauscht sind und solche abscheulichen Misshandlungen an hilflosen, unschuldigen Mädchen und Frauen verüben. Tatsächlich scheuen diese selbsternannten diktatorischen Herrscher, sobald sie in ihrer wahren bestialischen Gestalt zum Vorschein kommen, nicht davor zurück, die schrecklichste und niederträchtigste Gesinnung der Welt zu zeigen. Von Gewissen und Vernunft ist bei ihnen nichts mehr übrig. Dann legen sie sich wie ein Fluch über die gewöhnlichen Bürger des Landes. Die friedliebenden Menschen des Landes werden durch ihre Tyrannei und Unterdrückung bis zur Erschöpfung gequält. Nasser und seine Gefolgsleute waren genau solche verfluchten Herrscher.

„O du tyrannischer Nasser, mögest du zugrunde gehen! Ich flehe Gott um deinen Tod an. Indem du die Nation betrogen hast, in welch schreckliche Lage hast du sie nur hineingezogen!“ Von der Übermacht meiner Gefühle überwältigt, brach ich zusammen. Kurz darauf wurde die Tür meiner Zelle geöffnet, und jener dunkelhäutige Wächter legte eine Decke und ein Kissen hinein. Ich war erstaunt! Achtzehn Tage lang hatte ich auf dem Boden gelegen – warum diese plötzliche Gnade heute?

Danach kam der Wächter und legte noch zwei Decken und zwei Kissen hinein. Wenig später kamen Safwat und Hamza Basyuni mit Alia Huzaybi und Ghada Ammar herein. Sie ließen die beiden Frauen drinnen zurück, schlossen die Tür und gingen wieder fort.

Sobald Alia den Raum betrat, umarmte sie mich und brach in heftiges Weinen aus. Ich vergaß damals meinen eigenen Zustand und die ganze Welt und fragte mit zutiefst bedrücktem Gesicht nur:

:Alia …… meine Alia ……! Geht es dir gut?

Dann blickte ich zu Gada Ammar und sah, wie der dürre Boden unter ihr durch die heißen Tränen aus ihren beiden Augen feucht geworden war. Ich umarmte sie und sagte:

:Gada, meine Tochter! Erkennst du mich nicht? Sie sagte:

:Nein, …… nein, Alhajja! Du hast dich völlig verändert, Mutter. Dein Körper ist zu einem Skelett abgemagert. Und dein Gesicht erinnert mich an deinen Bruder Sa’duddin ……“ Ich tröstete sie und sagte:

:Unter den Umständen, in denen wir uns befinden, ist es nur natürlich, dass es so gekommen ist. Wir atmen in einer schrecklichen Umgebung. Außerdem, weißt du, bekomme ich in den vierundzwanzig Stunden von Tag und Nacht als Nahrung nur einen Löffel Salat. Den bringt mir ein Soldat heimlich. Wenn er dabei erwischt wird, ist er verloren.

Danach breiteten sie eine Decke und ein Kissen aus und fragten mich nach dem Dars al-Qur’an. Sie hatten gedacht, dass ich wenigstens die Möglichkeit gehabt hätte, den edlen Qur’an aufzubewahren und darin zu lesen. Sie wussten nicht, dass diejenigen, bei denen ich mich befand, Feinde des Qur’an und der Menschlichkeit waren. Als ich ihnen alles ausführlich erzählte, wurden sie vor Empörung und Trauer von Gefühlen überwältigt. Wenig später reichten Alia und Gada Ammar mir jeweils ihren eigenen edlen Qur’an. Als ich nach so langer Zeit den Qur’an vor meinen Augen sah, traten mir Freudentränen in beide Augen.

Als ich wenig später mein verletztes Bein ausstreckte, um die Schmerzen zu lindern, erschraken sie beim Anblick der klaffenden Wunden von den Hieben des Lederriemens. In den Augen beider standen Tränen. Ich rezitierte ihnen die Verse des edlen Qur’an über die Ashab al-Ukhdud. Gada Ammar weinte still weiter, während Alia mit erstaunter Stimme eine willkommene Frage stellte.

:Wie konnte man auch Frauen gegenüber derart grausam und brutal vorgehen? Was für Zeugnisse wilder Grausamkeit sind das ………

Doch Alia hatte sich vielleicht nicht vorstellen können, dass die Feinde des Islam und der Menschlichkeit, die Jamal Nassers, in ihrer Feindschaft gegenüber Allah und Seinem Gesandten noch tiefer sinken könnten als dies.

 

Der Tod von Rafaat Mustafa Nuhas

Alia lenkte das Gespräch in eine andere Richtung und begann, mich über die Außenwelt zu informieren. Zuerst berichtete sie mir vom Tod Mustafa Nuhas’.

„O Rahman, o Barmherziger! Du bist auf niemanden angewiesen, vielmehr sind alle auf Deine Barmherzigkeit und Deine Gnade angewiesen. Erbarme Dich seiner.“ Alia berichtete mir, dass er bereits zwei oder drei Tage nach meiner Verhaftung gestorben war. Tausende Menschen nahmen an seinem Totengebet teil. Zu dieser Zeit demonstrierten die Menschen gegen die Regierung. Die Bevölkerung zog mit seinem Leichnam bis zur Hussein-Moschee. Der Himmel und die Luft erzitterten unter den Sprechchören. Angesichts dieser aufgebrachten Menschenmenge geriet die Regierung völlig außer Kontrolle. Kurz gesagt: Bei der Versammlung zum Totengebet für Mustafa Nuhas nutzte die Bevölkerung die Gelegenheit, ihre Stimme gegen die Unterdrückung und Korruption der Regierung zu erheben. ……… Auch über die Berichte und Analysen in den Zeitungen und anderen Medien im In- und Ausland informierte Alia mich ausführlich.

Nach dem Tod Mustafa Nuhas’ begannen die Menschen, die Regierung offen zu kritisieren. Sie sagten auch, dass es nach Nuhas keinen einzigen Führer mehr gebe. Die Bürger begannen, ihre Meinung zu äußern. Der aufgestaute Schmerz in ihren Herzen brach in den lautstarken Sprechchören der Demonstration hervor. Ihre Parolen lauteten: „Nieder mit der Herrschaft der Lüge; überall habe ich heute gehört, dass Nasser ein Betrüger geworden ist!“ „Nimm sie ab, nimm sie ab, reißt ihnen die Masken herunter!“ „Nasser-Herrschaft, Tyrannenherrschaft, geh zugrunde, geh zugrunde!“ und vieles andere mehr.

Ich sprach zu Ehren des Andenkens an Mustafa Nuhas:

:O Freund des Volkes! Jene betrügerischen Heuchler, denen du die Macht übergeben hattest, griffen nach ihrer Machterlangung zu Unrecht und Korruption. Und du hast ihre Regierung anerkannt. Die gegenwärtige Regierung hält sich durch Propaganda und durch die Macht ihrer gekauften Schriftsteller und Schläger. ……… Auch diese hölzernen Löwen werden eines Tages verbrennen und zu einem Haufen Asche werden ………

Alia berichtete weiter: Unter den Menschen, die zum Totengebet erschienen waren, wurden zwanzigtausend Personen verhaftet. Auch dagegen erhob die Bevölkerung ihren Unmut. Tatsächlich brach beim Totengebet für Mustafa Nuhas der unterdrückte Zorn der Bevölkerung hervor. Mit lauter Stimme bekundeten sie ihre Unterstützung für die Wahrheit. Im Gespräch erinnerte ich mich an Mustafa Nuhas. Er war ein äußerst schlichter und bescheidener Mann. Selbst gegenüber seinen erbittertsten Feinden hegte er keinen Groll. Und er besaß den aufrichtigen Mut, seine eigenen Fehler öffentlich einzugestehen. In jeder Hinsicht war er der nationale Führer Ägyptens.

Danach fragte ich Alia, ob auch mein Bruder Saif al-Ghazali verhaftet worden sei. Ohne darauf mit Ja oder Nein zu antworten, legte Alia mir die Hand auf die Schulter und sagte zögernd:

:O Al-Hajja! Für alles ist eine bestimmte Zeit festgesetzt. Da begriff ich, dass das eingetreten war, was ich im Hinblick auf meinen Bruder befürchtet hatte.

Alia berichtete, dass die Informationsabteilung der Regierung alles Menschenmögliche versucht hatte, um die Menschen daran zu hindern, am Totengebet meines Bruders teilzunehmen. Doch trotz alledem war die Versammlung unvorstellbar groß. Alia zufolge sind nun die Masken derjenigen gefallen, die das Volk für seine Schicksalslenker gehalten hatte. Das Volk wird sich nicht mehr lange zum Narren halten lassen.

Die Regierung verteilt Ministerposten an gewissenlose, eigennützige Menschen als Gegenleistung für ihre Aktivitäten gegen den Islam und die Muslime. Man versucht sogar, das Gewissen der Nation zu kaufen. Es ist beängstigend, sich vorzustellen, welche bitteren Folgen das, was die Regierung Nasser auf diese Weise tut, für das Land und die Nation haben wird.

Nachdem ich Alias Einschätzung angehört hatte, wandte ich mich an Gada Ammar und erkundigte mich nach dem Wohlergehen ihres Mannes, ihrer Kinder sowie ihrer Eltern. Weinend sagte sie:

„Ihr Mann war gezwungen, in den Sudan zu fliehen, nachdem er den staatlichen Repressionen entkommen war. Ihre Mutter ist sehr krank; wenn sie ihre beiden Kinder nicht bei sich hätte, wäre sie vielleicht am Leben selbst verzweifelt.

Ich tröstete sie und betete bei Allah für das Wohlergehen aller.

Danach fragte ich nach Zia Tuhis Hochzeit. Sie berichteten, dass man sie direkt aus der Hochzeitsfeier in ihren Hochzeitskleidern festgenommen und abgeführt hatte. Sowohl der Bräutigam als auch die Braut befinden sich jetzt im Gefängnis. Außerdem wurden ihre Schwester Molly und auch ihr Bruder, der Arzt, im Gefängnis festgehalten.“

Solche wahllosen Verhaftungen, insbesondere die Verhaftung unschuldiger Frauen, erschütterten mich zutiefst.

:Warum? Ist es etwa ein Verbrechen, ein Bruder, eine Schwester oder ein Verwandter der Muslimbruderschaft zu sein, dass man alle zu Unrecht ins Gefängnis steckt? Auf meine Frage antwortete Alia:

:Allerdings; außerdem verhaftet die Regierung jeden, den sie beim Beten sieht.

Ghada berichtete ausführlich, wie viele unschuldige Menschen auf diese Weise verhaftet worden waren. Die Häuser all jener, die man für Muslime hielt, wurden durchsucht, und allein aufgrund bloßen Verdachts wurden unzählige Menschen festgenommen. Als ich dies hörte, bemerkte ich:

„Meiner Meinung nach haben selbst die mongolischen tatarischen Räuber nicht solche Abscheulichkeiten begangen, wie sie Jamal Nasser verübt. Vor der islamischen Revolution in Ägypten haben selbst die Römer niemals eine solche Verfolgung betrieben. In Wahrheit hat Jamal Abdun Nasser in Sachen Verbrechen sogar die abscheulichsten Verbrecher der Menschheitsgeschichte übertroffen. Ich bezweifle, dass auf der Welt je ein derart gewissenloser, verblendeter und sündiger Mensch wie Nasser geboren wurde. Beim Klang der Worte Islam, Wahrheit und Gerechtigkeit geriet er in Wut. Dass ein niederträchtiger und ehrloser Mensch wie er Frauen festnehmen und mit der Peitsche schlagen ließ, ist keineswegs verwunderlich. Unschuldige Menschen zu schikanieren, Frauen zu Witwen zu machen, zu morden und Menschen sogar lebendig zu begraben – dazu ist nur jemand wie Nasser fähig. Mit dem Leben, dem Besitz und der Ehre seiner politischen Gegner sowie mit dem Leben ihrer Frauen und Kinder zu spielen, war seine liebste Gewohnheit. So bitter es auch ist: Das ist die Wahrheit.“

Nach diesen bitteren und erregten Gesprächen wandte Alia ihre Aufmerksamkeit der Reinigung meiner Fußwunde und dem Anlegen eines Verbandes zu. Besorgt sagte sie:

:„Nun scheinen wir wohl zur Beute der Peitsche werden zu müssen“, sagte ich.

„Möge Allah alle vor der Tyrannei der Unterdrücker bewahren.“

Während Ga’da nach einem Verband suchte, fragte sie:

„Wo ist Ihr Kleiderbeutel, Alhajja?“ Trotz der unerträglichen Schmerzen lächelte ich leicht und sagte:

„Seit achtzehn Tagen trage ich dieses blutbefleckte Kleid, meine Tochter.“ Sie blickte auf das blutige, zerrissene Gewand, das ich trug, und brach in herzzerreißendes Weinen aus. Als sie mir anschließend zum Kleiderwechsel das Kleid anhoben, schrien und weinten beide beim Anblick der zahlreichen Hiebe mit der Peitsche auf meinem Körper. Eine solche erbarmungslose Grausamkeit gegenüber einer Frau hatten sie sich niemals vorstellen können.

Um ihre Gefühle zu beruhigen, begann ich, über das Lob Allahs und die Notwendigkeit von Opferbereitschaft und Standhaftigkeit auf dem Weg des Islam zu sprechen. Ich sagte:

„Seht, diese weltliche Strafe trifft mich nicht wegen irgendeines irdischen Vorteils, sondern weil ich auf dem Weg Allahs voranschreite. Was gibt es daran zu beklagen? … Dank sei Allah, dass Er uns den Islam, den Tauhid und die Risala geschenkt und uns im Schatten des guten Glaubensbekenntnisses La ilaha illallah Muhammadur Rasulullah Zuflucht gewährt hat.“ Alia wechselte das Thema und sagte:

„Wissen Sie, Muhtarema, Khalida Hujaybi hat gesagt: Wenn Schwester Zainab bei mir ist, werde ich kein Leid im Gefängnis beachten.“

Als ich das hörte, freute ich mich. Doch wenn Khalida jetzt meinen von Wunden übersäten, blutgetränkten Körper hätte sehen können, weiß ich nicht, ob sie noch so gedacht hätte. Ich flehe Allah inständig an, alle muslimischen Brüder und Schwestern vor der Tyrannei der Unterdrücker zu bewahren.

 

Nahrungsaufnahme ist dem Gottesdienst gleichwertig

Plötzlich wurde die Tür geöffnet, und unser Gespräch kam dadurch zum Verstummen. Der dunkelhäutige, teuflische Wärter kehrte zurück, in der einen Hand drei Fladenbrote und in der anderen einen Teller mit gekochten Fadennudeln. Nachdem der Wärter gegangen war, schloss Aliya die Tür. Ich konnte den abgestandenen Geruch dieser Art von Nahrung nicht ertragen; zugleich war ich vor Hunger beinahe dem Tod nahe. Aliya war äußerst besorgt um mich. Als sie mir das Essen brachte, sagte sie höflich:

„Bitte, Alhajja! Das Essen scheint einigermaßen gut zu sein.“ Damit teilte sie die drei Fladenbrote unter uns dreien auf. Wir drei waren völlig ohne jede andere Möglichkeit und gezwungen, davon zu essen. Während des Essens sagte Aliya, man müsse wenigstens um des ungeborenen Gastes willen etwas essen. Sie deutete damit auf das mögliche Kind hin. Als sie jedoch sah, dass ich aufhörte zu essen, tat sie es ebenfalls. Auch Gada legte das Essen beiseite. Nun wandte sich Aliya an mich und sagte: „Sehen Sie, Alhajj, Sie sind durch das ständige Nichtessen auf diese Größe zusammengeschrumpft. In diesem Zustand ist die Nahrungsaufnahme doch dem Gottesdienst gleichwertig. Haben Sie darüber nachgedacht, was geschehen wird, wenn Sie so weiterfasten?“ Die Tyrannen würden sich freuen, wenn sie sähen, dass Zaynab al-Ghazali auf irgendeine Weise stirbt. Genau das wollen sie ja. Ich sagte zu ihr: „Um irgendwie am Leben zu bleiben, esse ich doch ein wenig. Schon ein Löffel Salat gibt mir durch Allah die Kraft zum Weiterleben.“ Doch als sie wiederholt auf meiner Nahrungsaufnahme bestanden, erklärte ich mich schließlich bereit zu essen. Nur Allah weiß, mit welcher Mühe ich diese Nahrung zu mir nahm. Am Morgen des zweiten Tages traf ich in Anwesenheit von Aliya und Gada Ammar wie gewöhnlich durch die Öffnung in der Tür den Murshid Am, Herrn Huzaybi. Auch Aliya und Gada ermöglichte ich diese Gelegenheit. Nach dem Treffen mit Murshid Am empfand ich eine wunderbare Ruhe. Auch Aliya konnte ihren Vater regelmäßig sehen. Selbstverständlich war Aliya die Tochter von Murshid Am Huzaybi. Auf dem Weg vor unserer Zelle, wenn sie zum Badehaus gingen oder von dort zurückkamen, konnten sie mich bei Murshid sehen. Gada Ammar erzählte nach und nach von ihrer eigenen Verhaftung, ihrem Treffen mit Hamida Qutb und den Ereignissen rund um die Verhaftung der gesamten Familie Qutb. Dadurch erfuhr ich viele neue Einzelheiten. Die Zeit verging äußerst langsam. Um der Unruhe zu entkommen, organisierten wir das gemeinschaftliche Gebet und den Koranunterricht.

 

Die Nacht des Unheils

Nach dem Nachtgebet betrat der Henker Safwat Ruba’i zusammen mit einem Soldaten die Zelle. Sie brachten mich ins Büro. Es sei erwähnt, dass ich zuvor bereits zweimal in demselben Büro gewesen war. Im Büroraum saß bereits ein Mann. Ich grüßte ihn mit dem Friedensgruß. Doch statt den Gruß zu erwidern, fragte er mit äußerst barscher Stimme:

„Bist du Zaynab al-Ghazali?“

„Ja, das bin ich“, antwortete ich. Er deutete auf den Stuhl vor ihm und sagte:

„Also bist du Zaynab Ghazali ………! Sag, warum hast du freiwillig einen derart schrecklichen Ort gewählt ………? Warum erträgst du all dieses Leid und diese Qualen nur um der Muslimbruderschaft willen? ……… Sie alle zappeln nach ihrer Freiheit und schieben dir die gesamte Schuld zu. … Und du bringst uns dadurch in Schwierigkeiten. Ich bin jedoch mit dem festen Vorsatz hierhergekommen, dich freizulassen und in einigen Angelegenheiten eine Einigung mit dir zu erzielen. Danach wirst du nach Hause gehen. Und nicht nur das. Wenn du klug handelst, verspreche ich dir im Namen von Präsident Nasser, dass man dir unverzüglich den Hauptsitz der Islamischen Frauenorganisation zurückgeben wird. ……… Das Verbot deiner Zeitschrift wird aufgehoben, und du wirst für die Zeitschrift eine monatliche Unterstützung von zweitausend ägyptischen Pfund erhalten. Wenn du zu einer Einigung kommst, wird man dir helfen, deine Organisation weiter auszubauen. Wenn du jetzt sofort der Einigung zustimmst, lasse ich deine gesamte Kleidung holen und arrangiere innerhalb einer Stunde ein Treffen mit dem Präsidenten. Die Muslimbrüder haben dich wirklich sehr betrogen. Möge Allah ihnen vergeben. Auch du hast uns in eine äußerst schwierige Lage gebracht. Wie dem auch sei, unser Präsident ist ein sehr großzügiger Mann.“

Er redete ununterbrochen weiter, während ich schweigend zuhörte. Als er sah, dass ich durchweg schwieg, fragte er:

: „Was ist los, warum sagst du nichts? Sieh, Zainab, versuche, meine Worte zu verstehen. Ich schwöre bei Allah, sie werden Präsident Abu Said absetzen und dich an seiner Stelle zur Ministerin ernennen. Wir hoffen auf deine Unterstützung. Bitte öffne dein Herz und sag die ganze Wahrheit. Du wirst an meinen Taten erkennen, dass ich mich als dein Bruder und aufrichtiger Freund erweisen werde. Du weißt, wie viele Menschen außerhalb des Gefängnisses dich lieben und verehren. Sie sind bereit, alles für dich zu tun. Sie lieben und verehren dich, und für dich würden sie alles tun.“

Nun sagte ich mit ruhiger Stimme:

: „Von der Annahme des Ministeramtes ganz zu schweigen – ich bin nicht bereit, auch nur einen Gedanken daran zuzulassen. Was die Islamische Frauenorganisation und die Zeitschrift betrifft, will ich nur sagen, dass ich sie Allah anvertraut habe. Außerdem ist es für Muslime nicht erforderlich, einer bestimmten Organisation oder Zeitschrift zu folgen; vielmehr ist es für jeden verpflichtend, sich unter dem Banner von ‚La ilaha illallah‘ zu vereinen und zu wirken.“ Zwischendurch fragte er:

: „Warum hast du dann, Zainab, versucht, die Muslimbruderschaft wiederzugründen?“ Ich sagte:

„Meine Vorgehensweise ist tatsächlich eine andere. So bin ich der Ansicht, dass die 1937 gegründete Islamische Frauenorganisation niemals aufgelöst worden ist. Dagegen glaubte Dschamal Nasser, er habe die Organisation wirksam zerstört, indem er all ihr Eigentum und ihren Hauptsitz beschlagnahmte. Das ist eine irrige Vorstellung. In Wahrheit hängen unser Erfolg und unser Scheitern allein von Allahs Willen ab. Du kennst gewiss das Sprichwort: ‚Wenn Gott schützt, wer kann dann schaden?‘ Auf diese Weise sind weder die Muslimbruderschaft noch die muslimische Frauenorganisation zerbrochen. Ihre Arbeit im Dienst an Allahs Religion wird auf ihrem eigenen Weg ganz natürlich fortgesetzt. Die Wahrheit wird immer Bestand haben. Die Regierung und die Macht Dschamal Nassers sind vergänglich, Allahs Religion und Allahs Herrschaft jedoch sind ewig. Wir werden auf unserem Weg schließlich den Tod finden. Doch die Regierung wird wegen ihrer illegalen Handlungen schon bald bitteren Konsequenzen gegenüberstehen.“

„Zweifellos wird Allahs Religion Bestand haben, und niemand ist in der Lage, den hingebungsvollen Mujahidin in ihrem Dienst den Weg zu versperren; inzwischen wird Allahs Entscheidung Wirklichkeit werden. Ich bete zu Allah, dass Er mich auf die Seite der Wahrheit und gegen die Lüge stellt und mich zu den Menschen der Wahrheit zählen lässt. Indem sie für Gerechtigkeit und Wahrheit und gegen das Falsche und die Lüge kämpfen, sind sie die wahrhaftigen Stellvertreter des Gesandten. Und sie sind die neuen Träger des Islam. Ihr sollt wissen, dass Hasan al-Banna die Grundlage der Muslimbruderschaft nicht ohne gründliche Überlegung gelegt hat. Vielmehr entwickelte er dadurch ein weitsichtiges Programm zur Etablierung der Religion, das heißt zur Errichtung der Herrschaft Allahs. Außerdem: Wer hat Dschamal Nasser die Befugnis gegeben, eine solche große Bewegung mit Beschränkungen zu belegen?“

Damit schwieg ich. Er sagte:

:Wirklich, du kannst hervorragende Reden halten. Aber ich bin jetzt nicht zu dir gekommen, damit du mir einen Vortrag über die Ichwan hältst. Ich bin nicht zu dir gekommen, um ein Mitglied der Ichwan zu werden, sondern um zu versuchen, eine gegenseitige Einigung zu erzielen, durch die ich dich von den Qualen des Gefängnisses befreien kann. Alle Ichwan machen dich schuldig. Abd al-Fattah Ismail sagt, dass du ihn aufgewiegelt und bewaffnet hast; auch Herr Hudaybi hat, um sich selbst zu retten, alle Schuld auf deine Schultern geladen. Er hat gesagt, dass du das Fundament der neuen Organisation gelegt hast. Auch Sayyid Qutb ist davongekommen, indem er dir die Schuld zuschob. Bist du nun bei Verstand oder bist du verrückt geworden? Gamal Nasser selbst will dich retten. Heute liegt das ganze Land in Gamal Nassers Hand. Gamal Nasser ist bereit, dir deine Vergangenheit zu vergeben und ein neues Kapitel in eurer Beziehung aufzuschlagen. Er weiß sehr genau, was für eine große Rednerin du bist und wie sehr die Bevölkerung dich liebt. ……… Zainab, jetzt liegt der Schlüssel zu Gewinn und Verlust in deiner Hand. Sag mir: Gibt es im heutigen Ägypten irgendeinen Menschen, mit dem Gamal Nasser selbst eng verbunden sein möchte und der das ablehnen würde? Ich glaube wirklich, dass du verrückt geworden bist. – Ich sage dir all das offen, weil ich dir wohlgesinnt bin. Nach deiner Freilassung könntest du dein ganzes Leben damit verbringen, Waisen und Witwen zu helfen und andere gute Werke zu tun.

– Handle vernünftig, Zainab! Denk an die Ehre deiner Familie und stimme meinem Vorschlag zu.–

Schließlich sagte ich zu ihm–

„Bist du mit allem fertig?“ Er sagte–

Sieh, sag mir nur so viel: Welche Mitglieder der Ichwan gingen bei dir zu Hause ein und aus, und wie wollten sie Nasser töten? Und noch etwas: Wann hast du von Hudaybi den Befehl erhalten, den Präsidenten zu töten? Ich möchte auch Sayyid Qutbs Meinung erfahren. Wie wurde der Plan ausgearbeitet, und wie lautet sein ausführlicher Inhalt? Ich schwöre dir noch einmal beim Haupt Gamal Abd al-Nassers, dass du noch heute Nacht aus dem Gefängnis entlassen und schon bald zum Minister im Sozialministerium ernannt wirst. Lass diese Gelegenheit nicht verstreichen. Ich habe dir bei der Würde meines Präsidenten geschworen; handle also vernünftig und denk an deine eigenen Interessen. Alle Ichwan sind jetzt nur noch um ihre eigenen Interessen besorgt.“ Währenddessen kam ein großer Mann herein und sagte–

Herr Oberst! Wir haben alle Kassetten aus Zainabs Wohnung in Neuägypten beschlagnahmt und hergebracht. Wenn Sie es erlauben, können wir sie abspielen lassen.

„Der Oberst sagte dem Mann, er solle hinausgehen; später werde er darüber sprechen. Danach wandte er sich an mich und begann wieder zu sagen–

Sieh, Zainab, ich weiß, dass dein Ehemann eine angesehene Persönlichkeit ist. Auch ich bringe ihm deinetwegen großen Respekt entgegen. Außerdem ist dein Bruder ein enger Freund von mir! ……… Glaub mir, sowohl ich als auch der Präsident selbst sind daran interessiert, freundschaftliche Beziehungen zu dir aufzubauen ……… Ich schwöre, dass ich in dem Augenblick, in dem wir zu einer Einigung kommen, all diese Kassetten eigenhändig verbrennen werde. ……… Wir wollen dich aus der Gefahr befreien, in die die Ichwan dich gestoßen haben. Bei Allah, auch wir sind gute Muslime. Was ist der Islam? Die Lehre des Islam lautet, dass ein Mensch seinem Bruder keinen Schaden zufügen darf.“

Ich winkte seine Worte lachend ab und fragte:

„Sag mir bei dem Gott, den du als Zeugen anrufst: Haben eure Brüder und die anderen Menschen infolge eurer Unterdrückung keinen Schaden erlitten?“

Er versuchte, dieser Angelegenheit auszuweichen, und sagte:

„In Wahrheit sind auch wir gute Menschen! Wenn du mit uns eine Vereinbarung triffst, wirst du selbst sehen, wie gut wir sind.“

Ich sagte:

„Ich bete zu Allah, dass Er euch die Tawfīq zur Reue gewährt und euch zu wahrhaftigen Muslimen werden lässt.“

Danach nahm er Papier und einen Stift aus seiner Tasche und fragte:

„Zainab, wirst du mir jetzt sagen, welche Personen bei dir ein- und ausgingen?“ Ich sagte:

:An den Namen einer bestimmten Person erinnere ich mich nicht. Eigentlich kann ich mir die Namen der Leute nicht merken, und es liegt nicht in meiner Gewohnheit, nach dem Namen irgendjemandes zu fragen.

:Gut, dann sprechen wir vorerst nicht darüber. Komm, lass uns über Herrn Hudaybi und Sayyid Qutb sprechen, sagte er.

Ich fragte:

:Was ist das nun wieder für eine Angelegenheit? Er sagte, es handle sich um den Versuch, durch die Ermordung Gamal Nassers die Regierung an sich zu reißen.

Ich sagte:

:Sehen Sie, mein Herr! Abdun Nasser zu töten, wäre eine ausgesprochen törichte Tat. Kein Muslim kann auch nur daran denken, eine solche törichte Tat zu begehen. Das eigentliche Problem betrifft in Wahrheit den Islam. In unserem Land ist der Islam nicht etabliert. Deshalb haben wir die Initiative ergriffen, die islamischen Ideale zu verwirklichen und zu diesem Zweck die jüngeren Generationen auszubilden. Doch Gamal Nasser und seine Leute haben den Krieg gegen den Islam begonnen. Er weigert sich, die Regierung nach den Grundsätzen des Islam zu führen. Und er verkündet offen, der Islam sei veraltet, und beschuldigt diejenigen, die vom Islam sprechen, des Sektierertums. Entsteht in euch angesichts dieses törichten Geredes Nassers etwa keine Reaktion?

Als er das hörte, sagte er:

:Du bist tatsächlich verrückt! Weißt du, selbst wenn ich dich töte und hier begrabe, würde niemand davon erfahren; vielmehr hast du genau das verdient. Wenn ich dich jetzt sofort freilasse, wirst du innerhalb einer Stunde getötet werden.

Ich sagte ruhig:

Allah tut, was Er will …… Kaum hatte ich diesen Satz beendet, geriet er in rasende Wut und begann, mich zu beschimpfen, und winkte einem Soldaten zu, Riyad Ibrahim zu holen. Als Riyad kam, wurde ihm gesagt:

:Bewahre diese Tonbänder und Kassetten auf, um sie dem Gericht vorzulegen.

……Sie ist völlig verrückt. ……Ihr werdet eure Pflicht in Bezug auf sie erfüllen. Holt Saad her, damit wir darüber sprechen können. Wenige Augenblicke später kam Saad, salutierte vor ihm und blieb stehen. Er sagte zu Saad:

:Bring sie wieder zur Vernunft, Saad.

:Wie viele Peitschenhiebe soll ich ihr geben, Pascha? fragte Saad ihn.

:Fünfhundert Peitschenhiebe. Ich komme gleich zurück.

Sobald Saad den Befehl erhalten hatte, begann er, mich zu peitschen. Als er müde wurde, nachdem er meinen ganzen Körper mit der Peitsche bearbeitet hatte, stellte er mich in diesem Zustand mit dem Gesicht zur Wand und ging für kurze Zeit hinaus. Dann begann er wieder mit neuer Energie, auf mich einzuschlagen. Danach ließ er einige junge Aktivisten der Ikhwan herbeiholen, begann, sie brutal zu verprügeln, und forderte sie auf, mich übel zu beschimpfen. Als es den Ikhwan, den Soldaten der Wahrheit, jedoch nicht möglich war, auch nur ein Schimpfwort über ihre Lippen zu bringen, wurden sie noch heftiger geschlagen. Zu diesen jungen Aktivisten gehörte auch der ägyptische Flugzeugpilot Zia Tuwaiji. Man hatte ihn noch in Hochzeitskleidung direkt von der Hochzeitsfeier weg verhaftet und hergebracht.

 

Nun ist Hamza an der Reihe

Nachdem man mich und die jungen Mitglieder der Ikhwan schwer misshandelt hatte, wurde ich wieder ins Gefängnis gebracht. Sa’d führte mich in die Nähe der vorgesehenen Zelle und ließ mich bis zu einer Stunde mit dem Gesicht zur Wand stehen. Damals herrschte bitterste Kälte; im Freien ließ der eisige Wind meinen ganzen Körper erstarren, als würde er zu Eis werden. Dazu kamen die Schmerzen durch die Peitschenhiebe. Das aus den Wunden strömende Blut gerann und wurde hart. In diesem unerträglichen Zustand kam Hamza BSIUBI gemeinsam mit Riyaz dorthin. Kaum war Riyaz angekommen, sagte er:

„Mädchen! Handle vernünftig und überlegt. Denk selbst an dein eigenes Wohl. Das ist nur zu deinem Besten … Hamza Pascha, rede ihr gut zu.“ Nun begann Hamza mit seiner Ansprache:

„Zaynab! Gebrauch deinen Verstand. Stell dich nicht dumm. Warum gestehst auch du nicht wie alle anderen Ikhwan deinen Fehler ein?

Ich fragte ihn:

„Welchen Fehler habe ich begangen, den ich gestehen sollte? Sieh: Wir hatten uns organisiert, um die Lehre des Tauhid unter der jungen Generation zu verbreiten.“

Als Hamza meine Worte hörte, blickte er zu Safwat. Safwat war bereits hinter ihn getreten. Er sagte zu Safwat:

„Bring zwei Stühle, einen für mich und einen für sie. Ihr Mann ist mein Freund. Deshalb bemühe ich mich so sehr, sie zu überzeugen.“ Als die Stühle gebracht worden waren, forderte er mich auf, mich zu setzen.

Er überlegte, wie er das Gespräch beginnen sollte. Nun versuchte er, eine erfundene Geschichte über seine Freundschaft mit meinem Ehemann zu erzählen und dadurch sein Mitgefühl für mich zum Ausdruck zu bringen. Ich wollte mich gerade setzen. Doch wegen des Zustands meines Körpers nach den Peitschenhieben konnte ich mich überhaupt nicht hinsetzen. Ich hatte große Schmerzen.

Hamza forderte mich erneut auf, mich zu setzen. Ich sagte zu ihm:

„Ich kann mich jetzt nicht hinsetzen. Lass mich im Stehen sprechen und zuhören.“

Er begann folgendermaßen zu sprechen:

„Du hast dir selbst Unrecht getan. Dein Gesicht ist eingefallen und blass geworden. Deine beiden Füße sehen aus wie die Füße eines Wilden. Wie schrecklich traurig wäre dein Ehemann, wenn er dich in diesem Zustand sähe. Wenn man dich ansieht, könnte man meinen, du seist eine sechzigjährige alte Frau. Dein Ehemann ist mein Freund. Es tut mir sehr leid, dich in diesem Zustand zu sehen. Schau dir doch deine beiden Hände an … sie sehen aus wie die Hände einer Arbeiterin.“

Safwat spottete von hinten:

„Pascha! Du sagst, sie sei eine sechzigjährige alte Frau, aber mir kommt sie wie eine hundertzwanzigjährige alte Frau vor. Sieh nur, sogar ihre Gesichtszüge sind völlig entstellt. Ihr Ehemann beschimpft sie heutzutage schon, sobald er nur ihren Namen hört, und bald wird er sie verlassen und ihr von irgendwoher die Scheidungsurkunde per Post schicken.

Ohne diese Worte zu kommentieren, wandte sich Hamza an mich und sagte:

„Du hast mir eine Herausforderung gestellt. Ich will dich aus deiner gegenwärtigen Notlage befreien. Glaub mir, ich bin dein wohlmeinender Freund.“

Ich blieb schweigend stehen und sah ihn mit einem von Hass erfüllten Blick an. Ich weiß nicht, ob er meinen stillen Ausdruck des Hasses verstand. Meiner Meinung nach war er jedoch der größte Feigling überhaupt.

Wenn er mich anschrie, hatte ich den Eindruck, dass er nur versuchte, seine eigene Angst zu verbergen, indem er mir Angst einjagte. Tatsächlich waren sie angesichts meiner Unerschütterlichkeit in Angst geraten.

Plötzlich brüllte er wie ein wildes Tier und befahl Safwa, mich zu züchtigen. Sofort stellte ich mich mit dem Gesicht zur Wand und hob beide Hände an der Wand hoch. Dann begann die Peitsche in Safwats Hand auf meinem bereits von Wunden übersäten Rücken zu tanzen. Er rief einen weiteren Soldaten namens Sa’d herbei und ließ ihn neben mir Aufstellung nehmen. Auch dieser hielt eine Peitsche in der Hand. Ein weiterer Soldat brachte ein Gefäß mit in Olivenöl getränkten Peitschen und stellte es vor mich. Der grausame Sa’d lenkte meinen Blick auf diese in heißem Olivenöl gekochten Peitschen. Danach kamen noch etwa ein Dutzend Soldaten, jeder mit einer in heißem Öl gekochten Peitsche in der Hand, schwenkten sie in der Luft und begannen, mich mit obszönen Beschimpfungen zu überschütten.

Doch ich schenkte ihnen nicht die geringste Beachtung, maß ihnen keinerlei Bedeutung bei und war in Allahs Gedenken vertieft. Immer wieder rezitierte ich eben jenen Vers aus dem Heiligen Qur’an:

(Wahre Gläubige sind jene,) denen gesagt wird: „Die Menschen haben sich gegen euch zusammengeschlossen; fürchtet sie daher nicht.“ Als sie dies hörten, nahm ihr Glaube zu, und sie riefen aus: „Hasbunallahu wa ni’mal-wakil“ – „Allah genügt uns, und Er ist der beste Beschützer.“

Kurz darauf kam der erbarmungslose Rubi und sagte prahlerisch:

„Ihr alle … geht hinaus, wartet … Ich verschiebe seine Tötung auf heute Nacht.“

Danach ergriffen sie meine Hand und zerrten mich zur Zelle.

 

Rückkehr in die Zelle

Als die Tür geöffnet wurde und ich die Zelle betrat, sah ich, dass Alia und Ghada schliefen. Als sie das Geräusch meiner Ankunft hörten, wachten beide auf und gerieten in große Panik, als sie sahen, wie Blut an meinem Bein hinunterlief. Ich sagte ihnen, sie sollten wieder einschlafen, und begann selbst, jenen Hadith des geliebten Propheten zu rezitieren:

„Ich beginne im Namen Allahs. Bei Allahs großer Erhabenheit und unendlicher Macht suche ich auf Sein Geheiß Zuflucht vor dem Übel all dessen, was vor mir und hinter mir ist.“

So vergingen zwei Nächte. Doch die Schmerzen ließen nicht nach. Um die Spuren der Peitschenhiebe vor Alia und Ghadа zu verbergen, bedeckte ich meinen ganzen Körper. Sie drängten mich, ihnen von den Ereignissen jener Nacht zu erzählen. Als Ghada am zweiten Tag danach fragte, brachte Alia sie zum Schweigen. Da ich in Ghadаs Frage einen Hinweis auf einen neuen Vorschlag erkannte, schwieg auch ich.

 

Die zweite Nacht

Nach dem ʿIschāʾ-Gebet wurde die Tür der Zelle geöffnet, und Safwat trat mit seinem furchterregenden Auftreten ein. Mit seiner gewohnten Härte sagte er:

„Du, Mädchen, Zainab“, sagte er, ergriff dabei meine Hand und zerrte mich mit sich: „Komm!“ Er ging weiter und stieß mich dabei immer wieder. Unterwegs begegneten wir einem Mann. Er sagte:

„Safwat, Khalil wartet auf dich.“ Safwat beschimpfte mich und sagte:

„Ich bringe sie doch gerade zu ihm.“

Der Mann fragte:

„Ist das etwa Zaynab al-Ghazali?“

Safwat fluchte und sagte:

„Ja, das ist Zaynab al-Ghazali.“ Kurz darauf wurde ich in einen Raum gebracht. Auf der anderen Seite des Tisches saß ein Mann mit einem schrecklichen Gesicht. Kaum hatte er mich gesehen, sprang er beinahe wie ein Besessener auf und erhob sich. Dann ging er im Raum auf und ab und sagte zu Safwat:

„Geh und hol ihn her.“

Safwat kam mit einem Mann herein. Kaum war dieser eingetreten, setzte er sich auf einen Stuhl und fragte mich:

Du alte Frau! Wer bist du?

: Zaynab al-Ghazali – antwortete ich.

Er fragte –

: Warum bist du hier?

: Was weiß ich über ihn – sagte ich……

Er sagte –

: Du solltest wissen, dass du heute hier bist, weil du gemeinsam mit al-Hudaybi, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah Ismail die Ermordung von Präsident Nasser geplant hattest –

Ich protestierte entschieden und sagte –

:Das sind nichts weiter als falsche Anschuldigungen.

Er sagte:

:Wähle deine Worte sorgfältig. Heute Nacht gibt es kein weiteres Prügeln, sondern gleich Mord … Weißt du nicht, wer ich bin? Ich bin das Biest des Militärgefängnisses, verstanden?

Ich sagte:

:Bis zu meiner Ankunft im Gefängnis bin ich keinem Menschen begegnet, nur Bestien und Hunden. Von den misshandelten Ikhwan abgesehen. Die vom Volk geliebten Anführer werden hier von Bestien und Hunden grausam gedemütigt und misshandelt.

Der Mann sprang plötzlich auf, trat mich kräftig und stieß mich mit beiden Händen so heftig zu Boden, dass er danach unaufhörlich auf mich eintrat. Durch diesen überraschenden Angriff wurde ich beinahe bewusstlos. Auch er keuchte. Er warf mir einen scharfen Blick zu und sagte:

:Ich will kein philosophisches Gerede hören – du wirst ordentlich sprechen. Damit versetzte er mir eine kräftige Ohrfeige.

Safwat packte mich mit beiden Händen und setzte mich auf einen Stuhl. Danach schloss er die Tür und ging.

Nach einer Weile kam ein zweiter Mann herein und sagte:

:Zaynab, was tust du da? Du beleidigst und verhöhnst die Leute? Weißt du, der Präsident ist ein sehr großzügiger Mann. Er will nur dein Bestes. Wir wollen dich im Prozess zum Kronzeugen machen. Die Anschuldigung, dass du gemeinsam mit der Muslimbruderschaft diesen Plan ausgearbeitet hast, werden wir gegen dich fallen lassen.

Ich sagte:

:Das Verbrechen liegt weder bei der Muslimbruderschaft noch bei mir. Vielmehr seid ihr die Verbrecher. Ihr seid schuldig, weil ihr ein muslimisches Land gewaltsam beherrscht.

Er sagte:

:Entweder bist du verrückt – oder vielleicht leidest du an einer psychischen Störung. Wie dem auch sei, ich lasse dich jetzt allein. Aber ich werde jemanden schicken, der sehr genau weiß, wie man mit dir zu einer Einigung gelangt.

Nachdem er gegangen war, dankte ich Allah. Er hatte mich nicht gezwungen, stehen zu bleiben.

Ich fühlte mich äußerst erschöpft.

Kurz darauf kam ein Mann mit einer Peitsche in der Hand herein, forderte mich auf aufzustehen und fragte mich nach meinem Namen. Ich antwortete ganz ruhig:

:Zainab al-Ghazali.

Er sagte

:Du elendes Mädchen! Heute ist die letzte Nacht deines Lebens. Bis zu deinem letzten Augenblick werde ich hierbleiben.

Da kam ein anderer Mann herein und sagte zum ersten:

:Geh du. Ich bleibe eine Weile bei ihr. Dieses Mädchen hat in ihrem Leben viele gute Taten vollbracht. Doch heute ist sie schließlich durch ihren Anschluss an die Ikhwan in eine derart große Gefahr geraten.

Der erste sagte erstaunt:

:Wirklich? Hat sie in ihrem Leben auch Gutes getan?

Aber wie dem auch sei, von seinem Leben bleibt nur noch sehr wenig Zeit übrig. In Kürze wird er getötet werden.

Der zweite Mann sagte –

:Geh du nur. Ich will sehen, ob ich mit ihm zu einer Einigung kommen kann! Was erhofft ihr euch eigentlich von ihm?

Der erste Mann sagte –

:Sowohl der Präsident als auch sein Berater wünschen, dass er in dem Fall Kronzeuge wird und gegen die Ikhwan aussagt. Die Ikhwan haben ihre Schuld bereits gestanden. Damit ging der erste Mann fort.

Nun äußerte der zweite Mann mir gegenüber geheucheltes Mitgefühl und sagte –

:Zainab, warum tust du dir selbst Unrecht? Deine Kleidung ist zerrissen und in Fetzen aufgelöst.

Danach setzte er sich auf den Tisch und sagte –

Nimm all deinen Verstand zusammen, hör mir zu und beantworte jede einzelne meiner Fragen.

Als er sah, dass ich schwieg, sagte er wieder:

Heute Morgen habe ich deinen Bruder Abdul Momen, Saif und deinen Ehemann getroffen. Dein Ehemann ist wirklich ein sehr guter Mensch. Aber du hast ihm Schwierigkeiten bereitet. Ich bin daran interessiert, dich aus dieser Gefahr zu retten. Dafür musst du lediglich Kronzeugin werden. Das ist ein sehr einfacher Weg.

Dann rief er Safwat und sagte:

Sie braucht Schlaf und Ruhe. Bring sie zurück in ihre Zelle.

Er sagte zu mir:

Und noch etwas! Morgen werden wir uns wiedersehen; komm und denk bis dahin sehr gründlich darüber nach.

 

Kurze Ruhepause

Als ich die Zelle erreichte, schliefen Aliya und Ghada. Als Aliya das Geräusch meines Kommens hörte, wachte sie auf. Mit schläfriger Stimme fragte sie:

„Sie sind gekommen, Alhajja!“

„Alhamdulillah“, antwortete ich. Ich wollte schlafen, aber der Schlaf kam nicht. Inzwischen ertönte der Gebetsruf zum Fajr. Wir verrichteten alle gemeinsam das Gebet in der Gemeinde. Nach dem Gebet fragte Ghada nach den Schwierigkeiten der vergangenen Nacht, und ich sagte zu ihr:

„Bete zu Allah, dass Er mich auf dem Weg der Wahrheit standhaft bleiben lässt. Sie wollen mich einer neuen Prüfung unterziehen. Sie verlangen von mir, unmögliche Dinge zu tun.“

„Allah wird Ihnen gewiss helfen.“ Doch Ghada stellte Frage um Frage, um etwas über die vergangene Nacht zu erfahren. Da ich völlig erschöpft und von Schmerzen gequält war, konnte ich ihr nichts erzählen. In Gedanken bereitete ich mich darauf vor, der Situation der kommenden Nacht entgegenzutreten. Aliya erkannte, wie ernst die Lage war. Sie brachte Ghada zum Schweigen. So verging dieser Tag irgendwie.

 

Die Nacht der Unterdrückung

Schließlich kam die Nacht, vor der ich mich gefürchtet hatte. Aliya und Ghada Ammar beteten vor Allah für mein Wohlergehen und meine Freiheit sowie für das Wohlergehen und die Freiheit aller Ikhwan. Die Tür wurde geöffnet, und zusammen mit Safwat kam ein neuer Mann herein. Der neue Mann betrat mit mir einen Raum, befahl Safwat zu gehen, deutete an, dass ich mich auf einen Stuhl setzen solle, und sagte:

„Zaynab! Jeden Einzelnen, der gekommen war, um dir zu helfen und dich zu unterstützen, hast du enttäuscht und wieder fortgeschickt. Heute bin auch ich zu dir gekommen! Ich hoffe, dass unser Herr mir helfen und Allah auch dir den richtigen Weg zeigen wird. Und statt für die Ikhwan zu sprechen, solltest du dich, so hoffe ich, darauf konzentrieren, dass sie dich irregeführt und in diese schwierige Lage hineingezogen haben. Du bist in Bezug auf sie getäuscht worden. Denk darüber nach: Wollen sie wirklich die islamischen Ideale verwirklichen? Oder benutzen sie den Namen des Islam, um an die Macht zu gelangen? Wir möchten, dass du uns gegenüber eine großzügige Haltung einnimmst. Herr Huzaybi hat über dich Dinge gesagt, auf deren Grundlage du sogar zum Tode verurteilt werden könntest. Auch Sayyid Qutb hat Huzaybis Ansicht unterstützt. Wir erkennen ihre Aussagen jedoch nicht an, denn wir wollen dich aus diesem Konflikt befreien. Wir wollen dich als Kronzeugin für die Regierung gewinnen. Wir möchten, dass du jetzt nach Hause zurückkehrst; wann immer dein Zeugnis benötigt wird, werden wir jemanden schicken oder ich werde dich selbst holen. Wenn du damit einverstanden bist, kann ich ein Treffen zwischen dir, dem Präsidenten und seinem Berater arrangieren. Außerdem wird unverzüglich ein Befehl des Präsidenten erlassen, damit du in die Zentrale deiner Organisation zurückgebracht wirst. Und nicht nur das: Der Präsident wird dich in ein höheres Ministeramt berufen und dir von sämtlichen Universitäten des Landes Ehrendoktorwürden verleihen lassen. Jetzt ist eindeutig geworden, welchen Verrat die Ikhwan an dir begangen haben. Sie laden die ganze Schuld auf deine und meine Schultern ab und suchen selbst einen Weg in die Freiheit.“

Der Mann fuhr auf diese Weise fort, und ich hörte ihm schweigend zu. Während er sprach, versuchte er auch, die Reaktion in meinem Gesicht zu lesen. Dann drückte er auf die Klingel, die auf dem Tisch lag, und rief Safwat. Anschließend wandte er sich mir zu und sagte:

:Du trinkst doch „Kahwa“ (eine Art Kaffee). Soll ich dir eine Schale davon bringen lassen?

Ich sagte:

:Vielen Dank. Im Augenblick brauche ich nichts. Nachdem er meine Antwort gehört hatte, schickte er Safwat, um ihm Tee zu bringen, und sagte:

:Zainab, ich gebe dir Papier und einen Stift. Schreib darauf auf, worüber wir uns geeinigt haben.

Erstaunt sagte ich:

:Ich habe Ihnen doch in keiner einzigen Angelegenheit zugestimmt. Ich weiß nicht einmal, was ich schreiben soll.

Während er mir Papier und einen Stift gab, sagte er:

:Du hast deine eigenen Interessen noch immer nicht richtig eingeschätzt.

:Du hast deine eigenen Interessen noch immer nicht richtig eingeschätzt. Präsident Gamal Abdel Nasser möchte dir helfen und dich aus diesem Verfahren befreien.

Ich fragte:

:Welches Verfahren? Ein Verfahren, weil sich die Menschen zusammenschließen, um die Religion richtig zu verstehen? In Wirklichkeit sollte das Verfahren gegen den Präsidenten, seine Berater und seine Gefolgsleute geführt werden. Denn sie sind für den moralischen und charakterlichen Verfall im Land, die Ausbreitung der Unmoral und die Einfuhr atheistischen Gedankenguts verantwortlich. Sie haben im Land Unordnung geschaffen. Wenn ich überhaupt schreiben soll, dann werde ich über die gesamte Wirklichkeit dieses armen Landes schreiben. Ich kann nur die Wahrheiten niederschreiben, die mir klar geworden sind und die ich beobachtet habe.

Er sagte:

:Ich weiß, Zaynab, dass du eine hochgebildete Frau bist und dein Talent einzigartig ist; ich hoffe, du willst nicht, dass sich deine Lage noch weiter verschlimmert. Hier sind Papier und Stift. Überlege gut und schreibe auf, was für dich am besten ist; ich gehe jetzt. Und noch etwas: Denk beim Schreiben daran, dass der Präsident dich von dem Verfahren freihalten möchte. Der Gegenstand des Verfahrens ist dir erklärt worden. Ich sage es noch einmal: Sowohl al-Hudaybi als auch Sayyid Qutb planten die Ermordung Gamal Abdel Nassers und die Übernahme der Regierung. Ihren beiden Aussagen zufolge war Zaynab al-Ghazali diejenige, die den Plan ausgearbeitet hatte. Sie schieben dir die gesamte Schuld zu und wollen sich selbst retten. Sie sagen sogar, dass allein du für diese Ereignisse verantwortlich bist und dass sie ihretwegen heute in Gefahr sind. Nun schreib. Aber überlege sehr sorgfältig, bevor du deine eigene Meinung und die Ansicht der Ikhwan über dich niederschreibst. Sie geben dir die Schuld an allem. Unserer Ansicht nach haben sie dich vom rechten Weg abgebracht und dich aufgestachelt, während sie sich selbst zurückgezogen haben. Sag mir: War das Tapferkeit oder Feigheit?

Danach ließ er mich mit Papier und Stift allein und ging. Ich begann, ordnungsgemäß zu schreiben:

:Welch ein Jammer, dass dieses unglückselige Papier und dieser Stift in die Hände einer misshandelten Gefangenen in einer Zelle gefallen sind. Wir hatten uns mit den jungen Ikhwan versammelt, um islamisches Recht, Hadithe, die Sunna des Gesandten, die Auslegung des Heiligen Korans und dergleichen zu studieren. Wir lasen al-Muhalla von Ibn Hazm, Zad al-Ma’ad von Ibn Qayyim, At-Targhib wat-Tarhib von Hafiz Montazeri sowie Fi Zilal al-Qur’an und Ma’alim fi t-Tariq von Sayyid Qutb. Wir lasen die Lebensgeschichten des edlen Gesandten und der Gefährten, um zu erfahren, wie die islamische Lebensordnung verwirklicht wird. Diese Studien fanden mit der Genehmigung und unter der Aufsicht von Imam al-Hudaybi statt. Ziel dieser Studien war es, die junge Generation zu rechtschaffenem Denken und rechtschaffenen Taten hinzuführen und die Grundlage für eine geeignete Führung zu schaffen. Wir erkannten die Notwendigkeit, geeignete Mitarbeiter hervorzubringen, in der Hoffnung, die islamische Ordnung auf Erden erneut zu errichten. Nach ausführlichen Gesprächen, Beratungen und Überlegungen beschlossen wir, die Jugendlichen zu organisieren. Unser Ziel war es, die ungebildeten und irregeleiteten Jugendlichen der Gesellschaft auf den rechten Weg zu führen. Zur Verwirklichung dieses Ziels beschlossen wir einen Plan mit einer Laufzeit von dreizehn Jahren. Danach wollten wir im ganzen Land eine Untersuchung durchführen. Sollte sich dabei ergeben, dass der Anteil der Menschen mit islamischer Gesinnung weniger als fünfundzwanzig Prozent betrug, beschlossen wir, erneut einen Dreizehnjahresplan umzusetzen. Auf diese Weise wollten wir in regelmäßigen Abständen die Lage ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal überprüfen. Diese Ausbildungsarbeit sollte so lange fortgesetzt werden, bis fünfundsiebzig Prozent der Bevölkerung des Landes aktive Unterstützer der islamischen Ordnung geworden wären. Wovor sollte Gamal Nasser also Angst haben? Und wovor habt gerade ihr, die ihr mit der Regierung verbunden seid, solche Angst? Bevor wir unser Ziel erreichen, werden vielleicht mehrere Jahrzehnte vergangen sein. Warum also zittern eure Herzen vor Angst? In unserem Plan ist überhaupt nicht davon die Rede, Nasser zu töten. Ihn zu töten wäre kein Problem; vielmehr steht die gesamte Nation vor einem noch größeren Problem, als viele Menschen wie ihn zu töten. Ganz zu schweigen davon, jemanden zu töten: Es liegt außerhalb unserer Vorstellung, auch nur einem Lebewesen den geringsten Schaden zuzufügen. Ihr aber schmiedet unter dem Vorwand solcher haltlosen und falschen Anschuldigungen Pläne, unzählige gläubige Muslime zu Unrecht zu töten. Vielmehr sollst du mir antworten: Wer hat euch befohlen, uns auf diese Weise wahllos festzunehmen, zu misshandeln und den Plan zu unserer Ermordung umzusetzen? Verübt ihr diese ungerechten und illegalen Taten auf Befehl der Juden oder auf Anweisung der sozialistischen Schikhdantis? Angesichts des islamischen Wiedererwachens der Muslime finden die atheistischen Kommunisten und Sozialisten, die religionsfeindlichen christlichen ausbeuterischen Kapitalisten des Westens und die Zionisten heute kein Ende ihrer Sorgen. Der Slogan der islamischen Revolution hat ihnen Tag und Nacht jede Ruhe genommen. Ja, in der Tat! Der Name des Islam ist ihnen unerträglich. Deshalb haben sie in der gesamten muslimischen Welt ihre Geheimdienste auf die islamische Bewegung angesetzt und setzen durch ihre gekauften Agenten Verschwörungen zur Schikanierung und Ermordung der Gottesstreiter des Islam in die Tat um.

Doch wisse: Allah wird Sein Licht verbreiten und die Ungläubigen demütigen. Wenn ihr uns heute tötet, wird morgen eine unaufhaltsame Karawane von Millionen Gläubigen vortreten, um das Banner des Islam hochzuhalten.

Über die Zeitschrift der Muslimischen Frauenorganisation, den Sitz der Organisation oder diese ganze Welt um uns herum möchte ich nur sagen, dass wir von nichts abhängig sind. Wir wollen nur Allahs Wohlgefallen und die Errichtung von Allahs Din in Allahs Welt. Nachdem ich meine Erklärung niedergeschrieben hatte, unterschrieb ich darunter mit meinem Namen „Zaynab al-Ghazali“.

Als Safwat Rubei hereinkam und die geschriebenen Blätter verlangte, gab ich sie ihm. Er nahm sie mit nach draußen. Einige Zeit später kam der Mann zu mir, der mir Papier und einen Stift gebracht hatte. Er hatte einige Blätter in der Hand. Natürlich waren dies nicht meine Schriften. Doch er zerschnitt und zerriss diese Blätter und warf sie auf eine Weise umher, als wolle er mir zu verstehen geben, dass er meine eigenen geschriebenen Blätter in Stücke gerissen und weggeworfen habe.

Nun rief er Safwat und sagte:

:„Pack sie, Safwat … Diese Frau ist wirklich dazu geeignet, am Galgen zu hängen; die Leute haben ganz recht daran getan, ihre Tötung zu beschließen. Ich war gekommen, um ihr zu helfen. Da sie meinen Vorschlag abgelehnt hat, soll sie jetzt eben am Galgen hängen.“ Damit ging er fort. Danach begann dieser Safwat, mich wie ein Tier zu schlagen. Mit beiden Händen schlug er mir mit den Fäusten ins Gesicht und trat mich unaufhörlich mit den Füßen. Als er müde geworden war, sperrte er mich schließlich in die Zelle ein und ging fort.

Ich wunderte mich und fragte mich, was sie letztlich gegen mich erreichen wollten, nachdem ich meine Stellungnahme mündlich und schriftlich immer wieder eindeutig dargelegt hatte – und nun, indem sie mir Gier und Verlockungen vorhielten. Sie sollten inzwischen doch glauben, dass man mich durch nichts von meinen Prinzipien abbringen kann. Oder wollten sie mich gemäß einem vorher festgelegten Plan töten und dadurch Erleichterung finden? Ich habe doch alles mehr als einmal klar und ausführlich dargelegt; nichts ist verborgen, alles ist deutlich erklärt und beschrieben. Was also wollen sie?

 

Der Koffer und der Brief von Präsident Nasser

Als die Tür der Zelle geschlossen wurde, war es, als wäre ich in eine andere Welt gelangt. Mein ganzer Körper, jedes Gelenk und jedes Glied schienen auseinanderzufallen. Ich befand mich in einem ruhelosen Zustand voller Schmerzen, Brennen und Qualen. Nichts brachte mir Linderung. Ich konnte weder sitzen noch stehen. Ich versuchte, mich steif ausgestreckt ein wenig hinzulegen, aber schon das verursachte Schmerzen. Unter den unerträglichen Qualen der Schläge mit Peitschen und Schlagstöcken, der Fausthiebe und Tritte wand ich mich nur noch. Sie hatten meinen ganzen Körper durch die Schläge mit Wunden übersät und meine Seele durch unflätige, unaussprechliche Beschimpfungen bedrückt. Während ich mich in Unruhe und Schmerzen von einer Seite auf die andere wälzte, ertönte der Gebetsruf zum Fadschr-Gebet. Alia und Ghada Ammar wachten zum Gebet auf. Wir vollzogen die Gebetswaschung mit Tayammum und verrichteten das Gebet. Mein Zustand war damals gleichsam die Antwort auf alle Fragen. Es war klar zu erkennen, was geschehen war und warum. Alia sagte zu mir:

:Der Arzt hat mir Schlaftabletten gegeben. Möchten Sie eine nehmen …? Ich sagte –

:Du kannst sie mir geben. Ich bat um eine, um schlafen zu können. Doch wo sollte ich Schlaf finden; woher sollte der Schlaf kommen bei einem von den Schlägen völlig zerschundenen Körper und der Unruhe eines verwundeten Herzens? Außer auf Allahs Barmherzigkeit gibt es keinen anderen Ausweg. Ich finde Frieden allein im Namen Allahs. Trotz all dieser Folter spüre ich in mir eine unbekannte Kraft für das Namaz und das Rezitieren von Allahs Koran.

Ga’da machte in Ammars Zelle Striche an die Wand und hielt so die Daten fest. Sie sagte –

:Heute ist der achtzehnte Oktober. Ich sagte –

:Dank Allahs Gnade werden auch die verbleibenden Tage vorübergehen. Aliya sagte –

:Inschallah.

Um vier Uhr nachmittags wurde die Zellentür geöffnet, und Safwat trat mit zwei Soldaten ein. Sie trugen einen riesigen Koffer in den Händen. Sobald ich den Koffer sah, erkannte ich ihn. Er war aus meinem Haus gebracht worden. Safwat öffnete den Koffer, nahm einen Gegenstand heraus und zeigte ihn mir, während er sagte –

:Zaynab, diese Kleidung und diese Sachen haben wir aus deinem Haus holen lassen. Danach legte er alle Sachen wieder in den Koffer und schloss ihn. Es sah so aus, als würde man mich auf eine lange Reise schicken. Ich fragte ihn –

:Wer hat diese Sachen bringen lassen und wer hat sie gebracht? Safwat sagte:

:Wir haben sie bringen lassen, und deine Schwester Hayat hat diese Sachen hierher gebracht. Danach sagte er den Soldaten, sie sollten gehen, und ging wenig später ebenfalls zurück. Als ich sah, dass der Henker wiederkam, schloss ich aus Verdruss die Augen und wurde plötzlich bewusstlos. Aliya und Ghada begannen sofort, meine Hände und Fußsohlen zu massieren. Als ich durch ihre Bemühungen wieder zu Bewusstsein kam, trösteten sie mich und sagten:

:Nichts, Al-Hajja! Die Sache ist doch ganz einfach! Deine Kleidung ist abgetragen, deshalb haben sie vielleicht gute Kleidung gebracht. Es gibt keinen anderen besonderen Grund.

Ich sagte zu Aliya:

:Das ist ein Zeichen für eine bevorstehende Krise, Aliya!

:Nein, Al-Hajja! Sie werden das gewiss nur wegen deiner Bedürfnisse gebracht haben – sagte Aliya.

Ich sagte:

:Nein, Aliya, nein! Ist das etwa nicht eine weitere Prüfung? Warum sollte nur meine Kleidung gebracht werden? Ich habe nicht darum gebeten – ein gewaltiges Unglück kommt auf mich zu … Möge Allah mich auf der Wahrheit festigen und mich aus dem Unglück befreien.

Wir verrichteten gerade das Asr-Gebet. Plötzlich kam Safwat herein, stieß mich mitten im Gebet an, zerrte mich hinter sich her und sagte:

„Komm mit mir.“ Danach schloss er Aliya und Ghada in der Zelle ein und nahm mich mit. Er brachte mich in einen abgesonderten Korridor. Dann wurde ich an einen engen, dunklen und übelriechenden Ort gestoßen. Dieser Ort war schrecklich und voller Löcher, in denen sich Schlangen und Ratten verkrochen. Die grimmige Kälte, der Gestank und die unheimliche Stille versetzten mich in große Angst. Von Tränen überwältigt, betete ich zu Allah und flehte Ihn um Hilfe an, damit ich diese Krise bewältigen konnte. „Wisse: Wenn man den Namen Allahs anruft, erfüllt eine unbeschreibliche Kraft und Ruhe die Seele.

Plötzlich wurde es hell, und Safwat kam herein, streckte mir die Hand entgegen und sagte:

„Hier, lies diesen Brief.“

Ich öffnete den Brief und sah, dass er in Druckschrift geschrieben war:

„Präsidialamt. Danach stand in Schreibmaschinenschrift:

„Auf Anweisung von Präsident Abdun Nasir soll Zaynab al-Ghazali noch mehr als Männer gefoltert und einer schmerzvolleren Strafe unterworfen werden.“

Unterschrift

Gamal Abd an-Nasser

Präsident von Ägypten.

Auf dem Brief waren das offizielle Staatswappen und auch ein besonderes Präsidialsiegel abgebildet. Nachdem ich den Brief des Präsidenten gelesen hatte und ihn Safwat zurückgeben wollte, sagte ich:

: Allah ist größer und mächtiger als ihr alle. Allah allein genügt uns.

Er sah mich mit mörderischem Blick an, schloss unter dem Ausstoßen unaussprechlicher Beschimpfungen die Zellentür und ging fort.

Kurz darauf erschrak ich, als ich erneut Safwats Stimme hörte; er sagte:

: Achtung, seid vorsichtig!

Als sich die Zellentür öffnete, sah ich Bisyuni. Er kam herein und sagte:

: Dir wird noch eine Stunde gegeben, damit du gründlicher nachdenken und eine Entscheidung treffen kannst. Mach dir deine eigenen Interessen betreffend ein genaues Bild. Ich habe die nötige Kleidung für dein Treffen mit Präsident Jamal Nasser und seinem Berater Abdul Hakim bringen lassen. Danach wirst du deine Meinung über den Fall ändern. Er wandte sich Safwat zu und sagte:

: Lies ihm den Brief des Präsidenten vor. Safwat las den Brief noch einmal vor.

„Auf Anweisung des Präsidenten Abdun Nasser soll Zainab al-Ghazali mehr Misshandlungen und qualvollere Strafen erleiden als Männer.“

Unterschrift

Jamal Abdun Nasser

Präsident von Ägypten.

Hamza nahm den Brief aus Safwats Hand, gab ihn mir und sagte:

: Nimm, du Verrückte! Lies den Brief und versuche, seinen Inhalt gründlich zu verstehen.

Ich sagte—

Diese Anweisung habe ich bereits gelesen. Er sagte—

Lies sie noch einmal. Wo ist die Peitsche, Safwat? Ich nahm den Brief und las ihn noch einmal. Dann warf ich ihn zu Boden und sagte—

Ihr Söhne sündiger Ungläubiger, ich sage euch: Verschwindet! Mein Herr ist allmächtig … Hamza Bisiuni ging vor die Zelle und rief die Soldaten. Die Soldaten kamen mit jenem Koffer voller Kleidung herein und schrien—

Wir geben dir noch eine Stunde. Hier ist deine Kleidung. Überlege gut und tu, was zu deinem eigenen Besten ist. Die Lösung des Problems liegt jetzt in deiner Hand.

Danach schlossen sie die Zellentür und gingen zurück. Ich betete zu Allah—

„O mein reiner Herr und Erhalter! Gib mir Kraft und Mut, damit ich der Gefahr entgegentreten kann.“

Schon eine Stunde später war Safwats heisere Stimme zu hören—

: Achtung, Vorsicht! Hamza Bisyuni kommt. Hamza trat ein, sah mich und fragte:

: Was ist los, du hast dich immer noch nicht angezogen. Du willst also den Tod, nicht wahr? Ich sagte:

: Das macht nichts. Ich habe mich geopfert. Hamza sagte:

: In Ordnung, Safwat, dieses Mädchen opfert ihr Leben für das Leben von Sayyid Qutb und Huzaibi. Sie wollen doch nur von ihr befreit werden. Jetzt werden sie unschuldig freigesprochen werden … Safwat packte mich mit harter Hand, schleifte mich mit sich und ging in eine unbekannte Richtung. Als ich an der Galerie vorbeikam, rief ich mit lauter Stimme „Allahu akbar“. Mein Ziel war, dass Alia und Gada Ammar es hörten. Denn nach Hamza Bisyunis Worten dachte ich, dass dies vielleicht der letzte Augenblick meines Lebens war.

Viertes Kapitel

Die Folter von Shams Badran

Safwat brachte mich zu Fuß nach einem langen Weg zum Büro des Offiziers Hani. Danach brachte Hani mich in das Büro von Shams Badran.

Wissen Sie, wer dieser Shams Badran ist? Ein sittenloser Mensch, niedriger als ein mitleidloses, grausames Tier. Dieser Mann, wilder und unzivilisierter als eine Hyäne, hat eine erschreckende Bilanz der Unterdrückung von Menschen geschaffen. Wenn er gläubige Muslime in die Hände bekommt, nimmt er erst recht eine noch schrecklichere Gestalt an. Auf eine besondere Weise, mit barbarischen Methoden und mit einer solchen Härte und Brutalität quält er die Muslime, dass es unmöglich ist, dies genau zu schildern. Mit all seiner Kraft versucht er, den Muslimen ihren Glauben und ihre Überzeugungen zu nehmen und durch Prügel aus Muslimen Nichtmuslime zu machen. Natürlich scheitern all seine bestialischen Versuche am Ende.

Als ich eintraf, fragte er äußerst hochmütig und verächtlich-

: Zainab al-Ghazali! Lebst du immer noch?

: Ja! Mit ruhiger, gelassener Stimme antwortete ich dasselbe Wort.

Direkt neben dem Büro von Shams Badran befand sich das Büro von Hamza Bisiuni. Hinter mir stand Safwat mit zwei weiteren Henkern bereit, die Peitschen in der Hand. Die glänzend schwarze Spitze der Peitsche züngelte wie eine Feuerflamme.

Shams Badran sagte hochmütig-

: Dieses Mädchen … Zainab……! Noch ist Zeit, besinne dich …… und sieh zu deinem eigenen Wohl. Auch ich möchte mich von deinem Ärger befreien und mich den anderen zuwenden. ……Bei der Ehre Abdun Nasers! Ich werde dich mit Schlag auf Schlag des Hunters zerhacken und in Stücke zerreißen.

Mit ebenso ruhiger, gelassener Stimme sagte ich-

: Es geschieht, was Allah will; Er allein ist allmächtig.

Er sagte:

: He, Mädchen! Was für eine seltsame Unverschämtheit legst du an den Tag? Ich schwieg.

Nun fragte er:

: Welche Beziehung hast du zu Sayyid Qutb und Huzaybi? Ich sagte in ganz normalem Ton:

: Das Band islamischer Brüderlichkeit.

Wie ein Dummkopf fragte er:

: Welche Bruderschaft?

Ich sagte wieder:

: islamische Brüderlichkeit.

: Was ist Sayyid Qutbs Beruf?, fragte er.

Ich sagte:

: Professor Imam Sayyid Qutb ist ein heldenhafter Mujahid auf Allahs Weg, ein Mufassir des heiligen Korans, das heißt ein Kommentator, ein Mujaddid und ein Mujtahid.

Wie ein Dummkopf fragte er:

: Was bedeuten all diese Begriffe?

Nun sprach ich langsam und deutlich, wobei ich jedes einzelne Wort besonders betonte:

: Professor Sayyid……Qutb……Führer……und Lehrer……Führer des islamischen Denkens……Schriftsteller……berühmter Literat und ein würdiger Anhänger des Gesandten Gottes……

Als er den Henkern stumm ein Zeichen gab, stürzten sich die Henker nun mit ihren Peitschen und Riemen auf mich.

Nachdem die Schläge lange angehalten hatten, fragte er wieder:

He, Mädchen! Was ist al-Hudaybis Beruf?

Ich antwortete:

Professor Imam Hasan al-Hudaybi ist der Führer und Imam der Muslime. Er steht mit den Muslimbrüdern in Verbindung. Er ist entschlossen, die Vorschriften und Bestimmungen der islamischen Scharia zu verwirklichen. Ein Mudschahed auf Allahs Weg. Sein Ziel ist, dass die gesamte muslimische Umma auf den Weg des Korans und der Sunna zurückkehrt……

Noch bevor ich zu Ende gesprochen hatte, begannen die Peitschen und Riemen wieder, auf meinem Rücken ein Feuer zu entfachen.

Schams Badran sagte vor Wut glühend:

Alles Unsinn, du redest törichtes, sinnloses Zeug, Mädchen……!

Auch Hasan Khalil war dort anwesend. Er sagte:

Lassen Sie ihn sprechen, Pascha. Eine wichtige Information wird gleich zutage treten. Danach trat er vor mich, nahm meine Hand und fragte:

Hast du Sayyid Qutbs Buch „Maʿālim fī aṭ-Ṭarīq“ – „Wegzeichen“ – gelesen? Ich antwortete:

Ja, das habe ich allerdings.

Dort waren viele hochrangige Offiziere anwesend. Sie waren gekommen, um die teuflischen Qualen zu genießen, die man mir zufügte. Einer von ihnen sagte:

Wirst du uns eine Zusammenfassung dieses Buches vortragen? Ich sagte: Ja, im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen, und Segen und Frieden seien auf Seinem vertrauenswürdigen Gesandten – ich beginne im Namen Allahs, des Allerbarmers und des Barmherzigen. Unendlicher Segen und Friede seien auf dem vertrauenswürdigen Gesandten …

Doch Shams Badran ließ mich nicht weitersprechen. Auf seltsame Weise schlug er mit den Händen auf und fragte mich:

Hältst du das etwa für die Kanzel einer Moschee? Merk dir: Wir befinden uns nicht in einer Moschee … wir befinden uns in einer Kirche. Zugleich überschüttete er mich mit obszönen Beschimpfungen.

Hasan Khalil sagte—

: Verzeihen Sie, Pasha! … Also, Zaynab, welche Lehre hast du aus „Maʿālim fī at-Tarīq“ gezogen?

Nun sagte ich ernst—

: „Maʿālim fī at-Tarīq“ ist das berühmte Werk des Mufassir und literarischen Mujtahid Sayyid Qutb. Darin hat er die muslimische Umma dazu aufgerufen, in den Schatten des Islam zurückzukehren. Er hat die Muslime dazu aufgerufen, auf der Grundlage des Glaubens an den Tawhid wieder zu erwachen … Den Verirrten und vom Weg Abgekommenen hat er das Licht des Qurʾan und der Sunna gezeigt … Er hat sie aufgefordert, für ihre Fehler und Irrtümer Tawba zu tun und auf dem Weg des Din voranzuschreiten; die muslimische Umma hat er aufgefordert, aus der Dunkelheit der Unwissenheit herauszutreten und die Fackel des islamischen Ideals emporzuheben. Er hat gesagt: Der einzige Weg zu Erlösung und Fortschritt ist der Islam. Der einzige Weg zu Frieden und Wohlstand ist der Islam. Solange die Muslime nicht den Weg des Islam beschreiten, wird sich ihr Schicksal nicht ändern. Deshalb muss man den Qurʾan lesen und verstehen. Man muss auf dem Weg zur Verwirklichung seiner Absichten und Ziele voranschreiten. Er hat gesagt, dass die Muslime auf den Ruf von Wissen, Vernunft und Gewissen antworten müssen. Sie müssen dem Tawhid und der Risalat folgen. Denn allein die Ideale von Tawhid und Risalat können der muslimischen Umma ein helleres Leben gewährleisten.

Nachdem sie meine Worte gehört hatten, saßen alle einige Augenblicke lang schweigend und still da. Dann brach Hasan Khalil das Schweigen und machte eine typisch Ahmad’sche Bemerkung—

: Wie ich sehe, ist sie eine gute Rednerin und kann ausgezeichnete Vorträge halten. Ein anderer sagte—

: Außerdem ist sie Schriftstellerin und Journalistin. Danach las er uns einen Abschnitt aus dem Leitartikel einer unter meiner Redaktion herausgegebenen Zeitung vor, die bei meiner Verhaftung beschlagnahmt worden war.

Doch Schams Badran gefiel das alles nicht. Er fiel ihm ins Wort, sah mich mit einem boshaften Blick an und sagte dümmlich— Dieses Mädchen bekommt überhaupt nichts in den Kopf.

: Unmittelbar nach seinen Worten stürzten sich die Henker erneut mit ihren Peitschen auf mich. Während sie mich schlugen, sagten sie:

: Sag dem Pascha alles genau.

An der Art, wie Hasan Khalil sprach, war zu erkennen, dass er offenbar eine Falle stellte, um mich zu erlegen. Er sagte zu ihnen:

: Das macht nichts. Warum diese Eile?

Dann wandte er sich an mich und sagte:

: Ich möchte die Bedeutung des La ilaha illallah Muhammadur Rasulullah erfahren, das ihr zu eurem liebsten und wichtigsten Wahlspruch gemacht habt. Ich sagte:

: Nun gut, der geliebte Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) hat, an die gesamte Menschheit gerichtet, gesagt: Es steht dem Menschen nicht an, Götzen, Menschen oder irgendeinen anderen Gegenstand oder irgendeine andere Kraft anzubeten. Der Mensch ist Allahs Statthalter. Der Rang und die Bedeutung des Menschen sind größer als die aller Lebewesen und Dinge in der Schöpfung. Daher soll der Mensch außer Allah niemanden anbeten, sondern nur Allah dienen und Ihn anbeten. Nur vor Allah wird er sein Haupt beugen, sonst nirgendwo und vor niemand anderem. Im Wesentlichen ist dies die Bedeutung von „La ilaha illallah“. Die Bedeutung von „Muhammadur Rasulullah“ ist, dass Muhammad (Friede sei mit ihm) Allahs auserwählter letzter Gesandter ist. Durch ihn hat Allah dem Menschen die ewige und immerwährende Lebensordnung Islam zur Erde gesandt, damit sie auf der Welt verwirklicht werde. Der Koran und die Sunna sind der Kern des Islam. Vollkommenen Glauben an Allah, Seinen Gesandten Muhammad – also an den Koran und die Sunna – zu bekunden und in allen Lebensbereichen praktische Beispiele dafür zu geben, ist eine unumgängliche Pflicht. Kurz gesagt, dies ist die Bedeutung unseres Kalima Tayyiba.

Shams Badran schien bei diesen Worten in Wut zu geraten. Er schrie:

: Hör auf mit diesem Unsinn.

: Sofort darauf begannen seine abgerichteten Bestien, mich mit Reitpeitschen und Geißeln zu überschütten. Hasan Khalil sagte, als hielte er die Beute schon nahe an seiner Falle, zu Schams:

: Pascha! Gewähre mir zuliebe noch ein wenig Aufschub.

Dann wandte er sich mir zu und sagte:

: Wie lautet dein Urteil über uns? Sind wir Muslime oder Ungläubige?

Ich sagte:

: Prüfe dich am Prüfstein von Koran und Sunna. Dann wird klar zutage treten, was du bist und ob dein Verhältnis zum Islam feindselig oder freundschaftlich ist.

Als Schams Badran dies von mir hörte, platzte er vor Wut. Er sagte alles, was ihm in den Mund kam, und begann mit äußerst schmutzigen, obszönen Beschimpfungen. Ich blieb still. Was hätte ich auch sonst tun können? Dadurch beruhigte er sich nicht; vielmehr begann er wie ein wildes Tier zu keuchen und umherzuspringen. Er schimpfte weiter:

Du weißt überhaupt nichts über Jamal Nassers barbarisches Regime. Dort herrscht blinde Barbarei, die alles, was sich ihr entgegenstellt, wie Spreu vor einem gewaltigen Sturm hinwegfegen wird. Seine Leute sind daran gewöhnt, die Passanten wie hungrige Tiger zu verschlingen ……

Shams Badran wandte sich Safwat zu und sagte:

Wie ich sehe, lässt er sich selbst durch Schläge nicht bezwingen; hängt ihn mit dem Kopf nach unten auf. Safwat ging hinaus und kam mit einer dicken Eisenstange und zwei hölzernen Gestellen zurück. Hinter ihm kamen drei weitere Henker mit Peitschen in der Hand.

Als die Vorrichtung, an der ich aufgehängt werden sollte, fertig war, bat ich sie um eine lange Hose zum Anziehen.

Hassan Khalil sagte zu Badran:

: Das spielt keine Rolle. Daraufhin befahl Shams Badran, eine lange Hose für mich zu holen. Ein Soldat brachte sie eilig herbei. Shams Badran sagte:

: Geh in dieses Zimmer und zieh dort die Hose an.

Als ich zum Anziehen der Hose hineinging, sah ich einen riesigen, zentral klimatisierten Raum. Dieser prächtig ausgestattete Saal war mit hochwertigen Möbeln, einem mit teuren Teppichen bedeckten Boden und jeder erdenklichen luxuriösen Ausstattung eingerichtet. Jedenfalls kehrte ich nach dem Anziehen der langen Hose zurück, woraufhin ich auf Shams Badrans Befehl in der Luft aufgehängt wurde. Wie sie meine Hände und Füße zusammengebunden und mich aufgehängt hatten, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich jedoch daran, dass Shams Badran den Männern beim Aufhängen meiner Person Befehle erteilte, als würde er auf einem Schlachtfeld Soldaten führen.

Nachdem man mich gefesselt und aufgehängt hatte, brüllte er:

: „Safwat, versetz ihm fünfhundert Hiebe mit der Rute.“ Unmittelbar danach begann jener entsetzliche Wirbel brutaler Folter. Es schien, als lieferten sie sich einen Wettbewerb, wer von ihnen am härtesten zuschlagen konnte. Wie sehr meine Schmerzen durch diese gemeinsamen Schläge zunahmen, lässt sich wohl ermessen. Dennoch zeigte ich diesen Bestien gegenüber keine Schwäche. Ich ertrug die furchtbaren Schläge ihrer Ruten und Peitschen und suchte inneren Frieden, indem ich Allahs Namen gedachte. Doch als Schmerz und Qual die Grenze des Erträglichen überschritten, war es mir nicht mehr möglich, still zu leiden. Da erhob ich einen Klageruf an der Schwelle jenes Allerhöchsten, für den alles Offenkundige und Verborgene gleichermaßen klar ist. Ich rief immer wieder: „Ya Allah, Ya Allah“, während die Peitschenhiebe meine Schmerzen noch verschlimmerten. Danach rief ich nur noch Allah an, bis ich das Bewusstsein verlor. Bewusstlos fiel ich wie ein lebloser Körper zu Boden. Sie versuchten, mich wieder aufzurichten und erneut aufzuhängen. Doch es gelang ihnen nicht. In mir war nicht die geringste Kraft zum Stehen geblieben. Sobald ich den Versuch machte aufzustehen, fiel ich wieder hin. Meine Schmerzen überschritten immer mehr die Grenze des Erträglichen. Blut strömte aus beiden meinen Beinen, während Shams Badran Safwat befahl, mich aufzurichten und wieder aufzuhängen. Als ich in äußerster Qual versuchte, mich an die Wand zu lehnen, schlug Safwat mit der Peitsche nach mir und trieb mich von der Wand weg. Nun völlig ratlos, sagte ich:

: „Lass mich wenigstens ein wenig auf dem Boden sitzen.“

Darauf erwiderte Shams Badran:

: „Du wirst überhaupt nicht sitzen dürfen. Wo ist dein Allah? Ruf ihn doch, damit er dich aus unseren Händen rettet! Ruf stattdessen Abdun Nasser und sieh, was es dir nützt.“ Ich schenkte den Worten dieses elenden Dummkopfs keine Beachtung und blieb schweigend. Prahlerisch sagte er:

: „Sag mir, wo ist dein Allah jetzt?“

Als er sah, dass ich schwieg, schrie er erneut:

„Wo ist dein Allah? Antworte!“

Nun sagte ich mit tränenreicher Stimme:

: Allah, der Allmächtige, ist der beste Lenker.

Danach wurde ich direkt aus Schams Badrans Büro ins Krankenhaus gebracht.

 

Die Wasserzel’le

Als ich Schams Badrans Büro verließ, bekam ich Atemnot. Ich verspürte das Bedürfnis, mich einige Augenblicke hinzusetzen, um meine Atmung wieder zu normalisieren. Es kam mir vor, als wären mir sämtliche Glieder abgefallen. Doch es gab keinen Ausweg; die Henker waren unfähig, menschlichen Schmerz zu verstehen. Als Safwat mich zerrend und schleifend bis zur letzten Galerie des Krankenhauses gebracht hatte, sagte Hasan Khalil plötzlich von hinten:

: Safwat, komm zurück. Pascha ruft nach Zainab. Daher musste ich auf Schams’ Befehl wieder zurückkehren. Kaum war ich ins Büro eingetreten, sah ich vor mir Schwester Hamida Qutb. Ich erkannte sie sofort, sobald ich sie sah, doch da mein Körper völlig entstellt war, erkannte sie mich beim ersten Anblick nicht. Durch Hunger und Durst und darüber hinaus durch diese unaussprechliche, jeden Augenblick andauernde Folter waren mein Körper, mein Gesicht und meine Hautfarbe völlig entstellt. Schams Badran fragte die ehrenwerte Hamida Qutb:

: Ist das Zainab al-Ghazali?

Als Hamida die Frage hörte, sah sie mich eindringlich an und sagte mit matter Stimme:

: Ja.

Damals befand ich mich in einem bewusstlosen, halb bewusstlosen Zustand. Deshalb konnte ich mich an die Einzelheiten des Verhörs und des Gesprächs mit Schwester Hamida Qutb nicht erinnern. Doch aus einigen Worten schien mir, dass Schams Badran Schwester Hamida Qutb nach Schwester Isa Fatima fragte. Sie befand sich in der Zelle direkt neben meiner.

Als Hamida Qutb die Fragen von Schams Badran beantwortete, befahl er mir hinauszugehen.

Sobald ich sein Büro verließ, verlor ich vollständig das Bewusstsein und fiel zu Boden. Safwat ließ durch den Soldaten Abdul Mabud eine Krankenschwester holen. Die Krankenschwester öffnete den Deckel eines Fläschchens und ließ mich daran riechen, woraufhin ich wieder zu Bewusstsein kam. Danach ließ der Henker Safwat mich aufstehen und sagte, während er die Peitsche in seiner Hand schwang:

: Geh schneller – noch schneller.

Während ich ging, wurde ich erneut bewusstlos und fiel zu Boden. Als ich wieder zu mir kam, ließ er mich erneut aufstehen und befahl mir, schnell weiterzugehen. Gleichzeitig setzte er seine Peitsche gegen mich ein. Die Schläge der Peitsche auf meinen verwundeten Körper brannten wie loderndes Feuer. So war ich, während ich immer wieder aufstand, hinfiel und Schläge einsteckte, völlig erschöpft. Die wahnsinnige Peitsche des Henkers war überaus grausam. O Allah! Sind auch sie Menschen, die Du erschaffen hast? Wahrhaftig, eine höchst merkwürdige Schöpfung: Sie gehen auf zwei Beinen und einer Peitsche gestützt. Da befahl jemand offenbar:

: Bring ihn in Zelle Nummer fünf. Ein anderer Befehl ertönte:

: Bring ihn in die Wasserzelle.

Safwat brachte mich in einen Raum, ließ mich Platz nehmen, rief eine Krankenschwester und ließ meine Wunde verbinden.

Als die Tür der Zelle geöffnet wurde, sah ich hinter der Tür eine eiserne Mauer. Sie war so hoch wie ein großer Baum. Er hob mich auf diese Mauer und befahl mir, hinunterzuspringen. Als ich seine Worte hörte, erstarrte mein ganzer Körper vor Angst. Ich hatte nicht einmal die Kraft, mich einen Zoll zu bewegen. Jenseits der Mauer sah ich einen Wasserbrunnen. Ich nahm all meine Kraft zusammen und sagte zu Safwat—

: Ich werde mich unter keinen Umständen ausziehen. Er lachte grausam und sagte—

: Du wirst nur mit einem einzigen Kleidungsstück ins Wasser gehen. Ich sagte—

: Ich habe nur ein Tuch um mich gewickelt. Verächtlich sagte er—

: In einer knappen Stunde wirst du sowieso sterben. Zieh auch die lange Hose aus.

Ich sagte—

: Wenn wir in den Raum gehen, werde ich sie dir zurückgeben. Er fragte seinerseits—

: Was für eine Zelle? Ich werde dich sofort in diese Grube werfen.

Ich sagte—

: Dann dreh dich um. Er drehte sich mit dem Gesicht zur anderen Seite, und ich zog die langen Hosen aus und gab sie zurück. So wurden die langen Hosen zurückgegeben, die man mir zum Anziehen gegeben hatte, als man mich in das Büro von Schams Badran schickte.

Nun trug ich zerlumpte alte Kleidung und überlegte, was ich tun sollte! Als Safwat mir befahl, ins Wasser zu springen, widersetzte ich mich und sagte—

: Nein, ich werde keinen Selbstmord begehen. Wenn ihr mich töten wollt, müsst ihr allein die volle Verantwortung dafür übernehmen.

Ich dachte, sie hätten tatsächlich die endgültige Entscheidung getroffen, mich zu töten. Angesichts dieser Lage schien es so. Denn welchen anderen Zweck könnten die ungewöhnlichen Misshandlungen, die unaussprechlichen Beschimpfungen, die Drohungen und der Befehl, in die Wassergrube zu springen, haben? Es war deutlich zu erkennen, dass sie meinen Tod wollten. Wenn sie wollten, konnten sie mich einfach in die Grube stoßen und töten. Auf diese Weise als Märtyrer auf Allahs Weg zu sterben, war mein Wunsch. Ich sagte—

: O Allah, heiliger Herr und Erhalter. Den Märtyrertod auf dem Weg Deiner Religion heiße ich willkommen … ich heiße ihn herzlich willkommen.

Der Henker kam und zwang mich mit Peitschenhieben, ins Wasser zu springen. Doch ich weigerte mich, von mir aus hineinzuspringen. Und dann gab es kein Entrinnen: Die unaufhörlichen Peitschenhiebe begannen, meinen Rücken wie Regen in der Regenzeit mit Blut zu überfluten. Schließlich brach ich, unfähig, es länger zu ertragen, zu Boden zusammen. Als Safwat das sah, packte er mich gemeinsam mit Sa’d und Samb und warf mich in die Wassergrube.

Als ich hinunterfiel, stellte ich fest, dass unter meinen Füßen harter Boden war. Da wurde mir klar, dass dies kein Wasserbrunnen, sondern eine Wasserzelle war. Eine weitere niederträchtige Bestrafungsmethode. Ich hob die Hände zum Gebet vor Allah und sagte:

: O Herr der Welten! Ich habe all meine Angelegenheiten in Deine Hände gelegt. Ich wünsche nur Deine Zufriedenheit. Solange ich lebe, werde ich auf dem Weg Deiner Zufriedenheit standhaft bleiben. O Allah, ich wünsche Deine Zufriedenheit und Deine Liebe. Gib mir Geduld und Mut, damit ich auf meinem Weg zu Dir jeder Gefahr begegnen kann.

Unterdessen begann Safwat, mich erbarmungslos auszupeitschen.

Während er mich auspeitschte, sagte er:

: Setz dich.

: Wie soll ich mich in so viel Wasser setzen? Das ist unmöglich!

Der tyrannische Safwat setzte gleichzeitig seinen Mund und seine Peitsche ein und sagte:

: Setz dich so hin, wie man sich zum Namaz hinsetzt. Und das solltest du doch sehr gut wissen. Setz dich … Setz dich hin, schnell. … Nur Jamal Nasser weiß, wie man die Ikhwan zurechtweist … Ich sage, setz dich … He, Mädchen, hörst du, was ich sage?

Als ich mich irgendwie hinsetzte, war ich bis zum Kinn im Wasser versunken. Safwat sagte:

Nimm dich in Acht! Du darfst dich nicht einmal um Haaresbreite hin und her bewegen. Du darfst weder Hände noch Füße noch irgendeinen Teil deines Körpers bewegen! Jamal Nasser hat befohlen, dir täglich tausend Hiebe mit der Peitsche zu versetzen … Deshalb werden wir dir für jede Bewegung zehn Hiebe versetzen.

In dieser unvorstellbar schrecklichen Umgebung wurde ich so verzweifelt, dass ich sogar das Gefühl für Leid und Schmerzen verlor. Durch die Berührung mit dem Wasser wurden die Schmerzen in meinen Wunden natürlich um ein Vielfaches stärker. Ohne Allahs besondere Barmherzigkeit wäre ich in diesem Zustand nicht fähig gewesen, so viel Leid und Schmerz zu ertragen. Wegen der Heftigkeit der Schmerzen hatte ich sogar den Henker Safwat, Sa’d und Samb vergessen. Darüber hinaus begann Safwat wieder, mich zu peitschen, und verschärfte dadurch die Bitterkeit der Situation noch weiter. Während er mit seiner Peitsche zuschlug, sagte Safwat:

: Hör zu, du Unglückselige! Wenn du versuchst einzuschlafen, wird diese Peitsche dich wieder aufwecken; du wirst genau so unbeweglich sitzen bleiben. … Durch jenes Loch in der Tür, das du dort sehen kannst, wird man deinen Zustand überwachen. Wenn du auch nur versuchst aufzustehen, deine Hände oder Füße auszustrecken oder dich nach irgendeiner Seite umzusehen, wird die Peitsche bereit sein, dich wieder zurechtzuweisen … Wir haben dich genau in die Mitte der Zelle gesetzt. Wage ja nicht, dich der Wand zu nähern! Wenn du zur Wand gehen willst, gibt es zehn Hiebe. Für das Ausstrecken der Füße zehn Hiebe, für das Ausstrecken der Hände … zehn Hiebe … für eine Bewegung des Kopfes zehn Hiebe … Merk dir: Auf diese Weise werden täglich tausend Hiebe vollgemacht. Mal sehen, ob Huzaybi oder Sayyid Qutb dich retten können … Merk dir, dies ist Nassers Hölle. Selbst wenn du dein ganzes Leben lang den Namen Allahs rufst, wird niemand kommen, um dich zu retten. Wenn du dagegen glücklicherweise den Namen Abdun Nassers rufst, werden sich für dich augenblicklich die Tore des Paradieses öffnen. Verstanden? Abdun Nassers Paradies … Wenn du es nicht verstanden hast, erwartet dich noch eine viel härtere Strafe. Wenn du mir gehorchst, bin ich bereit, beim Pascha für deine Freilassung Fürsprache einzulegen. Du wirst zu ihm gehen und tun, was er dir aufträgt. Danach gibt es kein Leid und keine Sorgen mehr. Sag mal, bist du verrückt? Du Dummkopf. Für wen und wofür zerstörst du dein eigenes Leben? Für die Ichwan? Die haben doch alles gestanden. Jetzt hängt der Strick des Galgens über deinem Kopf.

Unbeteiligt saß ich da und hörte mir sein Geschwätz an. Dieser Dummkopf, Schwachkopf, Narr und starrsinnige Hochmütige war unfähig, die Sprache meines Gesichts zu verstehen. Deshalb fuhr er fort:

Befolge meine Befehle und sorge, indem du über meine Worte gründlich nachdenkst, für deine eigene Freilassung … andernfalls ist dein Tod morgen bei Tagesanbruch gewiss, Zaynab.

Als ich auch danach kein Wort sagte, geriet er in Wut und sagte:

Du antwortest ja nicht, hä?

Trotzdem blieb ich still, und er setzte seine Rede fort:

: Sieh, ich zeige dir einen ganz einfachen Weg. Ich werde dich zum Pascha bringen. Du wirst ihm nur sagen, wie er den Plan zur Ermordung von Sayyid Qutb und Hajaybi Nasser gefasst hat.

Da ich sein ganzes törichtes Gerede nicht länger ertragen konnte, sagte ich mit aller Kraft und lauter Stimme:

: Alle Ichwan sind unschuldig und ohne Schuld. Allah wird eure Gewalt und Unterdrückung bald vergelten. Irdische Interessen sind nicht unser Ziel; allein Allahs Wohlgefallen ist unser höchstes Ziel … Nun, danach wird geschehen, was geschehen soll.

Nachdem Safwat meine Worte gehört hatte, blieb er dort stehen und beschimpfte mich eine halbe Stunde lang mit unflätigen Schimpfworten. Dann sagte er im Weggehen:

: Nun gut, ich habe dir ja den Befehl über deine tägliche Bestrafung mitgeteilt.

Nachdem er gegangen war, dachte ich: Wie sollte ich mich überhaupt bewegen? Wenn ich die Beine ausstrecke, tauchen Nase und Mund ins Wasser. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben. Was soll ich machen? Zehn Peitschenhiebe werde ich wohl ertragen müssen. Im Vertrauen auf Allah stand ich im Wasser auf.

Ich dachte, der Wachmann schlafe. Als ich den Gebetsruf zum Fadschr hörte, schlug ich mit den Händen an die Wand, vollzog Tayammum und verrichtete durch Gesten zuerst zwei Rakʿat Sunna und anschließend zwei Rakʿat Fard. Da wurde die Tür geöffnet, und der Wachmann kam herein und begann, mich mit der Peitsche zu schlagen. Ich beendete das Gebet hastig und setzte mich wieder in das bis zum Kinn reichende Wasser. Dieses Wasser war so schmutzig und übelriechend, dass man damit keine Waschung vollziehen konnte.

Als ich mich hinsetzte, wurde die Tür wieder geschlossen. Immer wieder rezitierte ich: „Hasbunallahu wa niʿmal wakīl.“ Allmählich begann ich einzunicken. Doch sobald mein Kinn ins Wasser tauchte, verflog die Schläfrigkeit.

Auf diese Weise kam jeder Wächter fünfmal in die Zelle, um mich auszupeitschen. Meine Bewegungen waren ebenso natürlich, wie das Auspeitschen unbedingt notwendig war.

Das Verbrechen

Gegen neun Uhr, zur Zeit des Duha-Gebets, kam Safwat, holte mich aus der Wasserzelle und sperrte mich in eine andere, danebenliegende Zelle. Ich setzte mich hin und lehnte mich gegen eine Wand der Zelle. Damals erschien mir sogar diese harte Steinwand wie ein weiches Kissen aus Baumwolle. Vor Schmerzen und Hunger war ich dem Tode nahe; mein Magen brannte vor Hunger, und der Schmerz der Schläge schien mich in Stücke zu reißen. Die Wunden am Körper und die Wunden im Herzen vereinigten sich zu einer so unvorstellbaren, unbeschreiblichen, qualvollen Pein, dass sie mit nichts zu vergleichen war.

In diesem unerträglichen Zustand erschien Safwat mit einem schwarzhäutigen Teufel, während er die Peitsche schwang. Safwat stellte sich hin und befahl dem schwarzhäutigen Teufel:

: „Befasse dich mit ihr mit der abscheulichsten aller Taten. Sollte sie protestieren oder Widerstand leisten, hast du diese Peitsche, um sie gefügig zu machen.“

Als ich diesen abscheulichen, teuflischen Befehl hörte, flehte ich Allah an und sagte:

: „O Allah, Beschützer von Leben und Ehre! Ich bin Deine Dienerin und bleibe fest entschlossen, auf dem Weg Deines Wohlgefallens standhaft zu bleiben … Wegen meiner Schwäche flehe ich Dich wenigstens um diese geringe Hilfe an: Beschütze meine Ehre vor den Machenschaften des Satans und den Händen der Sünder und hilf mir im Kampf gegen den Tyrannen.“

Wahrlich, welch unermessliche Herrlichkeit Allahs, dass gerade der Mann, der dazu eingesetzt worden war, mich unmenschlich zu quälen, der Mann, bei dessen Anblick und beim Klang dessen Stimme mein Bewusstsein beinahe schwand, mich „Khala Amma“ nannte. Erstaunt wandte ich meinen Blick ihm zu. Die Grausamkeit war nun aus seinem Gesicht verschwunden. Seine Augen und sein Gesicht waren von einem seltsamen Lichtglanz erfüllt. Mit klarer Stimme sagte er:

„Khala Amma, seien Sie unbesorgt. Selbst wenn sie mich in Stücke schneiden sollten, werde ich Ihnen nicht das geringste Leid zufügen.“ Von Freude überwältigt, sagte ich mit erstickter, von Tränen belegter Stimme:

„Mein Sohn … mein lieber Junge! Möge Allah dir Rechtleitung schenken … Möge Allah dich mit der besten Belohnung vergelten.“ Plötzlich wurde die Zellentür mit einem Ruck aufgerissen. Safwat peitschte den Mann weiter aus und sagte:

„Verfluchter Hundesohn! Du hast dich selbst in Gefahr gebracht, weil du meinen Befehl nicht ausgeführt hast. Ich schicke dich sofort vor ein Kriegsgericht … Hundesohn! Du hast den Befehl Jamal Nasers missachtet … Wenn du dein Leben retten willst, führe meinen Befehl aus, bevor ich dich zu Schams Pascha bringe. Ich gebe dir eine Stunde Zeit. Mal sehen, ob du die Arbeit erledigst. Wenn du noch am Leben bleiben willst, dann fang sofort an.“

Safwat ging durch die Öffnung in der Tür fort und erteilte dabei diese Befehle.

Der Soldat salutierte Safwat noch aus dem Inneren der Zelle und sagte:

„Der Befehl des Huzur ist mir heilig.“

Ängstlich gedachte ich noch eindringlicher des Namens Allahs und flehte Ihn um Hilfe an, damit Er mich vor dieser unmittelbar drohenden Gefahr bewahre. Ich hatte gedacht, dass dieser Soldat mich nun, nachdem er einen neuen Befehl erhalten hatte und um sein eigenes Leben zu retten, zwangsläufig wieder quälen würde. Vielleicht würde er sich diesmal wie ein hungriges Raubtier auf mich stürzen. Doch nein! Er bewies wahrhaftig Mut. Wie ein unschuldiges Kind lächelte er und fragte mich:

: Mutter, warum behandeln sie dich so grausam?

Ich erklärte es ihm:

: Mein Sohn, wir rufen die Menschen auf, dem von Allah gewiesenen Weg der Wahrheit und des Friedens zu folgen, und fordern zum Wohl der Bevölkerung unseres Landes die Errichtung einer islamischen Gesellschaftsordnung. Wir verlangen für uns selbst weder Macht noch Besitz. In den Augen der Unterdrücker ist genau das unser Verbrechen.

Als ich den Gebetsruf zum Zuhr-Gebet hörte, schlug ich mit den Händen an die Wand, vollzog Tayammum und verrichtete das Gebet. Als ich zum Bittgebet die Hände hob, bat er mich, auch für ihn zu beten. Ich betete für sein umfassendes Wohlergehen. Als ich anschließend zum Sunnah-Gebet aufstand, sagte er wieder:

: Tantchen, bete zu Allah, dass auch ich zu jemandem werde, der regelmäßig betet … Tantchen, mir scheint, ihr seid keine Menschen, sondern etwas Größeres als Menschen, und diese Leute fügen euch zu Unrecht Leid zu … O ihr Anhänger Nassers, möge Allah euch vollständig vernichten.

Ich fragte ihn:

: Weißt du, wie man die Gebetswaschung vollzieht?

Er sagte:

: Ja, ich weiß. Früher verrichtete ich regelmäßig das Namaz. Aber wenn sie mich beim Beten sehen, verhaften sie mich und sperren mich ins Gefängnis.

Ich sagte zu ihm:

: Mein Sohn! Mögen sie dich auch ins Gefängnis sperren oder dir anderes Leid zufügen – verrichte weiterhin regelmäßig das Namaz. Allah wird dir stets beistehen.

Als er meine Worte hörte, erstrahlten sein Gesicht und seine Augen in himmlischem Licht. Er sagte voller Zuversicht:

: Ja, Mutter, ich werde das Namaz verrichten.

Genau in diesem Augenblick spähte ein Soldat durch die Öffnung in der Tür, trat gegen die Tür und rief ihm zu:

: He, du Hundesohn, was machst du da?

Er antwortete:

: Er ist noch immer nicht mit dem Gebet fertig geworden … Da klatschte der Soldat in die Hände und sagte:

: Safwat kommt … Er hat mich geschickt, um dich auf die Probe zu stellen.

Kurz darauf stürmte Safwat wie ein tollwütiger Hund herein und begann, den jungen Soldaten mit der Peitsche zu schlagen. Unter den furchtbaren Peitschenhieben brach dieser überwältigt bewusstlos zusammen. Ein anderer Henker kam, hob ihn hoch und trug ihn fort; danach wurde die Zellentür wieder geschlossen. Ich war zutiefst betrübt, dass der Junge nur meinetwegen, nur damit man mir ein wenig Ruhe und Erholung gönnte, solcher Folter ausgesetzt wurde. Er hatte den Weg zu Allahs Wohlgefallen gefunden, wahre Einsicht erlangt und sich geweigert, den Befehlen der Unterdrücker zu gehorchen. Er hatte jene Unterdrücker, unter deren Gewalt ich mich quälend dem Tod entgegenschleppte, getadelt und kritisiert. Deshalb musste er eine grausame Strafe erdulden. Inmitten dieses unerträglichen Schmerzes verrichtete ich an jenem Tag das Asr-Gebet.

 

Wieder in die Wasserzel’le

Mit dem Sonnenuntergang wurden die Henker des Militärgefängnisses sogleich aktiv. Das harte, grausame Gelächter ließ die massiven vier Wände des Gefängnisses erbeben. Die Wolken der Unheils bringenden Finsternis wurden immer dichter und bedrohlicher.

Sie brachten mich in der Dunkelheit der Nacht wieder zur Wasserzelle. Mein Magen brannte vor Hunger, vor Durst war meine Brust kurz davor zu bersten, und die Peitschenhiebe hatten mein ganzes Wesen vergiftet. In diesem von Erschöpfung erfüllten Zustand schlief ich ein. Im Schlaf träumte ich, dass eine ganze Reihe von Menschen, in mit Edelsteinen besetzten Gewändern auf tiefschwarzer Seide, damit beschäftigt war, von äußerst kostbaren Gold- und Silbergefäßen erlesene Früchte zu essen und köstliche Getränke zu trinken. Ihre Tafel war mit einer Fülle von Speisen reich gedeckt. Sobald ich den Traum gesehen hatte, erwachte ich und vergaß Hunger und Durst völlig. Ich verspürte nicht mehr das geringste Hungergefühl oder den geringsten Durst. Es war, als hätte ich gerade gegessen. Für dieses beispiellose Gefühl dankte ich Allah unendlich. Ganze drei Tage blieb ich auf diese Weise allein, ohne etwas zu essen, in der Wasserzelle eingesperrt und bis zum Hals im Wasser versunken. Dann kam Safwat, stieg ins Wasser und stieß mich immer wieder heftig an, während er sagte:

: Wie lange willst du noch an deiner eigenen Hochmütigkeit festhalten? Ich habe dir gesagt, du sollst dich davon befreien, indem du mir alles erzählst. Erzähle den vollständigen Hergang, wie der Plan zur Ermordung von Sayyid Qutb und Huzaybi Nasser gefasst wurde. Und warum erzählst du nicht alles, etwa dass du gesagt hattest, Abd al-Fattah Ismail den Befehl zur Ermordung Nassers zu geben … und so weiter?

Ich sagte zu ihm:

: Das alles ist völlig unwirklich. Was soll ich über etwas sagen, das überhaupt nicht geschehen ist?

Nachdem er meine Antwort gehört hat, geht er unter Beschimpfungen zurück. Etwa eine Stunde später kommt Safwat zurück, holt mich aus der Wasserzelle heraus, sperrt mich in einer anderen Zelle daneben ein und geht wieder. Das ist genau jene Zelle, in der Safwat einem Soldaten befohlen hatte, mich auf schändlichste Weise zu behandeln. Bei diesem Gedanken zittere ich vor Angst und flehe Allah um Hilfe an, damit meine Ehre und Scham bewahrt werden.

Kurz darauf kam Safwat Ibrahim wieder mit einem Militäroffizier und sagte:

: Der Offizier möchte mit dir sprechen.

Der Offizier forderte Safwat auf zu gehen und sagte zu mir:

: Kümmere dich um dein eigenes Wohlergehen und deine Interessen; wäre das nicht besser für dich? Wisse, dass diese Unterdrücker und Tyrannen an keinen Allah, an keinen Gott glauben. Sie fürchten Allah nicht. Weißt du, was aus jenem Soldaten geworden ist? Ja, er wurde erschossen, weil er an jenem Tag den Befehl missachtet hatte, dich zu bestrafen. Jetzt stellen sie für dich eine Gruppe äußerst ungehobelter, an Gesetzlosigkeit gewöhnter Leute zusammen. Ich bitte dich: Folge ihnen und rette dich aus den Händen dieser ungehobelten Barbaren. Hassan al-Hudaybi, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah Ismail sind allesamt für ihre jeweiligen Fehler verantwortlich.

Obwohl ich die eindringlichen Worte dieses Offiziers höre, bleibe ich schweigend. Auch seine Worte halte ich für eine gezielte Täuschung und eine weitere Verschwörung, um mich zu erpressen. Dass tatsächlich eine furchtbare und haarsträubende Folter auf mich wartet, war mir nicht bewusst.

Der Militäroffizier sagte, offenbar gekränkt:

: Tu, was du willst, Safwat … Ich sehe, dass du wirklich unbeugsam bist …

Safwat kam herein und beschimpfte mich wie gewöhnlich zunächst aufs Übelste; dann sagte er:

: Abdun Naser hat eine Bande von Teufeln geschickt. Sie werden dich zerschneiden und erledigen. Wie lange wirst du dich vor ihnen retten können? Die Zeit verstreicht, und mit jedem Augenblick näherst du dich dem Abgrund des Todes. Danach schloss er die Zellentür von innen ab.

Nach dem Asr-Gebet schickten sie mich wieder in die Wasserzelle. Nachdem ich drei Tage in dieser schrecklichen Zelle verbracht hatte, kam Safwat am vierten Tag, holte mich aus dem Wasser und sperrte mich in eine andere Zelle. Noch am selben Nachmittag wurde ich nach dem Asr-Gebet wieder in die Wasserzelle geschickt, und bis neun Uhr am fünften Tag blieb ich dort im Wasser liegen. Auf diese Weise wurde ich täglich von einer Zelle in eine andere gebracht und dadurch seelisch und körperlich gequält.

 

Die Leiche der Bestialität in meiner Zel’le

Weder mein Körper noch mein Geist war in irgendeiner Hinsicht unversehrt geblieben. Wie viel kann ein Mensch aus Fleisch und Blut eine solche ununterbrochene Folge von Misshandlungen und Qualen überhaupt ertragen? Für diese Folter gibt es kein Beispiel. Eine ungeheuerliche Misshandlung sowohl körperlicher als auch seelischer Art. Peitschen, Hunter, Beschimpfungen, Täuschungen und Drohungen – all das wurde mir täglich wie eine Routine auferlegt. Und auch diejenigen, die mich mit diesem unmenschlichen Leid und Schmerz quälten, waren Menschen wie ich. Auch sie hatten Fleisch, Blut und ein Herz. Doch die Umgebung und die Ausbildung hatten sie so gemacht, dass sie heute eigentlich nicht mehr wie Menschen erscheinen. Ihrem Aussehen und ihrer Gestalt nach glichen sie Menschen mit Armen und Beinen. In Wirklichkeit aber waren sie in Menschengestalt eine besondere, furchterregende Kreatur. Eine abscheuliche, furchterregende Kreatur, völlig anders als Menschen oder andere Lebewesen. Eine abscheuliche Schöpfung, völlig anders als Menschen oder andere Lebewesen. War auch der Zweck ihrer Erschaffung ein anderer?

Man holte mich aus der Wasserzelle und brachte mich wieder in die benachbarte Zelle, wo mich Safwats frisch eingeölte Peitsche begrüßte. Im Takt der Peitsche sagte er:

: Was man heute mit dir tun wird, tut man nicht einmal einem Hund an.

Damit schloss er die Tür und ging fort. Nach einiger Zeit betraten Hamza Bisyubi, Safwat und zwei Soldaten die Zelle.

Während er in unflätiger Sprache fluchte, sagte Hamza: Huzayib, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah Ismail haben jeweils ihre eigenen Fehler eingestanden und dies auch bestätigt. Von Huzayib habe ich außerdem erfahren, dass er durch Abd al-Fattah Ismail mitteilen ließ, dass die Tötung Nassers rechtmäßig sei – weil er ein Ungläubiger ist.

Als er dies hörte, schien aus seinen blutunterlaufenen Augen Feuer zu sprühen. Wutentbrannt sagte er:

Du solltest wissen, dass ich nicht von dir ablassen werde, ehe ich ein Geständnis von dir habe. Rede … wirst du reden oder nicht?

Danach gab Safwat den Befehl:

: Safwat, erklär ihnen ihre Aufgabe. Dabei deutete er auf die Soldaten und sagte:

: Wenn irgendein Hurensohn bei der ihm aufgetragenen Arbeit nachlässig ist oder den Befehl verweigert, dann schickt ihn in mein Büro.

Danach begann Safwat, den Soldaten in äußerst obszöner und widerwärtiger Weise die bösen Taten zu befehlen. Seine Worte überschritten selbst die äußersten Grenzen von Scham und Anstand.

Er befahl einem Soldaten:

: Schließ die Tür und erledige deine Arbeit. Verstanden, du Hurensohn? …… Und wenn du mit deiner Arbeit fertig bist, schick deinen Kameraden herein, damit er dieselbe Arbeit verrichtet…… Verstanden?

Nach diesem Befehl ging er zurück.

Als der Soldat sich mir allmählich näherte, schrie ich aus voller Kraft:

: Halt! Keinen Schritt weiter. Wenn du versuchst, näher zu kommen, werde ich dich töten … ich werde dich töten … Hast du verstanden? Trotzdem kam er wie ein hungriges Raubtier weiter auf mich zu. Danach erinnere ich mich nur noch daran, dass ich mich auf ihn stürzte, mit beiden Händen seine Kehle packte und ihm erneut aus voller Kraft, während ich „Bismillah – Allahu Akbar“ rief, meine Zähne tief in die Kehle schlug. Plötzlich riss er sich aus meinem Griff los und stürzte zu Boden. Aus seinem Mund quoll Schaum wie Seifenschaum. Er blieb reglos zu meinen Füßen liegen.

Ich war von Hunger und Durst gequält. Obwohl ich als hilflose Frau jeden Tag geschlagen und am ganzen Körper verletzt worden war, hatte ich wie ein Held dagestanden. Allein durch die Kraft des Iman war es mir gelungen, ein so mächtiges, wildes Tier an den Rand des Todes zu stoßen. Noch heute staune ich darüber, woher Allah meinem schwachen, erschöpften Körper damals eine solche Kraft verliehen hatte.

Auch in diesem Kampf zwischen Wahrheit und Lüge wurde die Lüge besiegt. Es war ein Sieg der Wahrheit und des Iman. Für einen wahrhaftigen Muslim kommt Allahs Hilfe auf diese Weise. Wie mächtig die Anhänger der Lüge auch sein mögen, vor einem unbewaffneten Muslim auf dem Weg der Wahrheit können sie nicht bestehen. Alles, was man braucht, sind unerschütterlicher Mut und festes Selbstvertrauen.

O Gott, wie barmherzig und gnädig du bist. Unendlicher Dank sei dir.

Sie sind stets gekommen, um gegen Allahs Dīn zu kämpfen, doch nur die Gläubigen haben Erfolg errungen. Ein wahrhaft gläubiger Mensch wird niemals scheitern.

Als der Henkerhauptmann Hamza Bisiubi Safwat und die anderen Soldaten kurze Zeit später die Zelle öffneten und eintraten, fiel ihr Blick auf das zu Boden gestürzte Tier. Sein Gesicht war noch immer in Schaum getaucht.

Beim Anblick dieses Zustands erstarrten die Feinde Allahs. Sie waren sprachlos wie Stumme und sahen einander an. Danach zogen sie sich alle mit eingezogenem Schwanz wie nasse Katzen zurück. Beim Weggehen schlossen sie mich wieder in der Wasserzelle ein.

 

Von der Rattenseite zur Wasserseite

Fünf Tage lang blieb ich ununterbrochen in der Wasserzelle eingesperrt. Am sechsten Tag wurde ich aus der Wasserzelle herausgeholt und in die benachbarte Zelle gebracht.

Während ich auf die kommenden Ereignisse wartete, drohte meine Geduld zu zerbrechen. Auch in dieser Zelle brachen Berge verschiedenster Misshandlungen und Quälereien über mich herein. Ich blieb all diesen Quälereien gegenüber gleichgültig und vertiefte mich in die Andacht zu Allah. Den ganzen Tag saß ich an die Zellwand gelehnt.

Plötzlich spürte ich, dass über meinem Kopf ein raschelndes Geräusch zu hören war. Ich blickte nach oben und sah, wie durch die Öffnung des Ventilators der Sack geöffnet und Hunderte, ja Tausende Ratten in meine Zelle geschickt wurden. Was für ein schrecklicher Anblick! Mein Blut schien zu gefrieren. Ich begann, dieses Bittgebet zu sprechen:

Aʿūdhu billāhi min al-khubthi wal-khabāʾith, Allāhumma aṣrif ʿannī as-sūʾa bimā shiʾta wa kaifa shiʾta—

„Ich suche Zuflucht bei Allah vor der Täuschung betrügerischer Frauen und Männer. O Allah, wende von mir jedes Unheil ab – wo es sich befindet und welcher Art es ist, weißt nur Du.“

Während ich dieses Bittgebet sprach, ertönte der Gebetsruf zum Mittagsgebet. Ich vollzog Tayammum, verrichtete das Gebet und widmete mich danach wieder dem Gedenken an Allah. So ertönte der Gebetsruf zum Nachmittagsgebet, und ich verrichtete auch das Nachmittagsgebet.

Zu dieser Zeit kam Safwat. Noch bevor er die Zelle betrat, waren alle Ratten durch den Weg des Ventilators entkommen. Er ließ verwundert seinen Blick durch die ganze Zelle schweifen. Er konnte einfach nicht begreifen, wohin all diese Ratten verschwunden waren. Da er trotz einigen Nachdenkens keine Erklärung fand, beschimpfte er mich undeutlich vor sich hin, schloss mich in der Wasserzelle ein und ging. Nach einiger Zeit kam er mit Riyaz zurück. Riyaz war ein ranghoher Offizier. Er blieb außerhalb der Zelle stehen und versuchte, mich zu besänftigen. Er sagte–

: Die Organisation der Ikhwan versuchte, Nasser zu ermorden, die Macht zu ergreifen und die Regierung zu verändern.

Ich widersprach mit unmissverständlicher Stimme–

: Alles Unsinn, eine Lüge. Wir hatten uns zusammengeschlossen, um die Jugendlichen gemäß dem Koran und der Sunna zu erziehen. Nachdem wir den Islam verstanden hatten, bemühten wir uns darum, eine islamische Staatsordnung zu errichten.

: Du redest immer noch wieder und wieder dasselbe ……? Dann wirst du jetzt verstehen, was Strafe bedeutet. Was du bis heute erduldet hast, war doch nur eine Strafe der Anfangsstufe. Danach ging er fort, und ich blieb im Wasser liegen. Auf diese Weise lag ich acht Tage lang in jener verschlossenen Wasserzelle. Es ist unmöglich zu beschreiben, in welchem Elend, Leid und welcher Unruhe jene Tage vergingen. Damals hätte jeder, der mich gesehen hätte, ein Klagelied über mich verfassen können.

Am neunten Tag kamen Riyaz, Safwat und ein uniformierter Offizier und holten mich aus dem schmutzigen, übelriechenden Wasser. Riyaz fuhr mich an und sagte–

: Das ist deine letzte Chance auf Freiheit. Entweder gestehst du alles, oder du stirbst.

Es stimmt, dass es bei deinem Allah die Dschahannam gibt … aber auch Abdun Naser verfügt hier über eine Dschahannam und ein Paradies. Jamal, Nasers Paradies und seine Dschahannam sind keine eingebildeten Dinge wie das Paradies und die Dschahannam deines Allah, sondern unmittelbar Realität.

Sie holten mich aus der Wasserzelle heraus, sperrten mich in eine andere, danebenliegende Zelle und gingen fort. Ich bitte Allah, mich vor dem Schaden dieser Leute zu bewahren.

Während ich mit dem Bittgebet beschäftigt war, betraten Safwat und Hamza, Bisiubi, in Begleitung von zehn Soldaten und einem Offizier die Zelle. Safwat fragte Hamza:

: Pascha! Was ist Ihr Befehl in Bezug auf dieses Mädchen? Darauf fragte Hamza, sodass die Soldaten es hörten: „Was wollt ihr essen?“

: Die Soldaten antworteten: „Wir wollen Tee trinken.“

Hamza sagte wütend:

: Ach, verdammt! Tee wollt ihr trinken, ihr Hundesöhne? Kein Tee! Safwat, bring ihnen Alkohol, Charas und Haschisch – und bring ihnen alles, was sie sonst noch wollen, und überlass sie ihnen. Sie sollen mit ihr tun, was sie wollen; dafür erteile ich ihnen meine volle Zustimmung.

Danach schließen sie die Zelle ab und gehen fort. Ich verrichtete in der Zelle das Asr-Gebet. Während ich mich in der Niederwerfung befand, kam Safwat plötzlich, stieß mich hinaus und brachte mich in die Wasserzelle, wo er mich einschloss.

Riyaz kam zurück und sagte:

: Du willst also rein und unversehrt bleiben? Diese Soldaten wurden eigens dazu ausgebildet, dich zu züchtigen. Sie sind alle in die Schlafsäle gegangen. Morgen werden sie kommen und dir das Fleisch vom Leib reißen und es fressen. Im Krankenhaus hat man ihnen besondere Injektionen verabreicht. Jetzt sind sie wie tollwütige Hunde. All das geschieht auf Befehl von Präsident Nasser. Nasser wird dich nicht lebend davonkommen lassen. Wir alle haben versucht, dich nach Kräften zur Vernunft zu bringen. Wie sehr haben wir uns bemüht, dich zu überzeugen, doch du hast deinen Starrsinn nicht aufgegeben. Wie willst du jetzt rein und unversehrt bleiben, sag? Rede, antworte! Wo ist deine Peitsche, Safwat? Safwat begann, mich zu schlagen, und Riyaz stachelte ihn an, noch heftiger zuzuschlagen.

: Du Satyagraha-Mädchen! Glaubst du etwa, dass die Menschen dreißig Jahre nach deinem Tod dir zum Gedenken Moscheen und Schreine errichten, in diesem Gefängnis deine großen Taten würdigen und sagen werden: Das ist das Denkmal jener Zaynab al-Ghazali, die selbst am äußersten Ende der Gefängnisfolter an ihren Glaubensgrundsätzen festhielt …? Doch du sollst wissen: Was wir dir antun und noch antun werden, wird kein Mensch, ja nicht einmal der Teufel, bemerken.

Obwohl ich vor Schmerzen und Qualen kaum bei Kräften war, zeichnete sich beim Anhören seiner Worte ein verächtliches Lächeln auf meinem Gesicht ab. Um seine falsche Überheblichkeit und seinen Stolz völlig zu zerschmettern, lachte ich höhnisch und sagte:

: Wenn das, was du sagst, wahr wäre, hätte Allah der Erhabene uns nicht vor eurem Übel bewahrt; und ich könnte nicht einmal in Abdun Nassers sogenannter Jahannam sitzen und nach euren eigenen Worten lachen. Allah hätte mir nicht die Kraft gegeben, so viel Leid und Schmerz zu ertragen … In Wahrheit suchen wir die Wahrheit. Wir streben nur nach Allahs Wohlgefallen. Inschallah werden wir Erfolg haben, und die Giftzähne derer, die ihr dazu abgerichtet habt, in mein Fleisch zu beißen und es zu fressen, werden zerbrechen.

Als Riyaz meine klaren Worte hörte, begann er sich mit besorgtem Blick umzusehen. Safwat war irgendwo ein Stück entfernt. Er begann, ihn um Hilfe zu rufen:

: Komm schnell, Safwat … Dieses Mädchen hat schon angefangen, eine Rede zu halten. … Und tatsächlich stürzte Safwat wie ein Blitz herbei und ließ die Peitsche klatschend auf meinen von Wunden übersäten Körper niedersausen, während er zu Riyaz sagte:

: Herr, überlassen Sie ihn mir. Morgen werden Sie selbst sehen, was aus ihm geworden ist.

Danach schlossen sie mich wie jeden Tag wieder in der Wasserzelle ein und gingen fort. Nur Allah weiß, in welch erbärmlichem Zustand sich mein Körper und meine Seele damals vor Schmerz und Qual befanden. Unter solchen Umständen kann niemand am Leben bleiben. Doch allein durch die Kraft des Glaubens bin ich am Leben geblieben.

Ich war zutiefst traurig über den elenden Zustand des Landes. Unter einem tyrannischen Herrscher war die tatsächliche Lage des Landes äußerst beunruhigend. Die unzufriedene, aufgebrachte Bevölkerung war den grausamen, von Macht und Machtmissbrauch berauschten Herrschern gegenüber hilflos; von Recht und Gesetz konnte keine Rede sein. Die regierende Partei tat, was immer sie wollte. Im ganzen Land herrschte ein schreckliches Chaos.

Als ich über das Land nachdachte und seinen elenden Zustand sah, erschienen mir meine eigenen Schmerzen und Qualen im Vergleich dazu äußerst gering; seelisch aber schienen sich meine Leiden dadurch noch um ein Vielfaches zu vergrößern. Das ganze Land kam mir wie ein Gefangenenlager vor, und Hamza, Safwat und Riyaz führten gegen die unschuldige Bevölkerung des ganzen Landes eine Dampfwalze der Unterdrückung. Eine seltsame Herrschaft von Angst, Schrecken und Terror war im Gange. Diese Leute waren nur verschiedene Namen für dieselbe Gruppe. Von ihrer Wesensart her glichen sie einander, vom Präsidenten bis zum Henker. Sie waren es, die das Land und seine Bevölkerung ausplünderten, ausbeuteten und die größeren Interessen der Nation an ausländische Mächte verkauften.

O Land! Mein unglückliches Land …… nein, nein, warum sollte ich dich unglücklich nennen! Denn deine Kinder besitzen den kostbaren Schatz des Qurans und der Sunna. Entschlossen, eine Erneuerung herbeizuführen, richten sie sich nach den Grundsätzen von Tauhid und Risalat. Selbst wenn Alte und Greise wie ich zugrunde gehen …… rückt eine Schar junger Menschen vor. Ihr Siegesbanner ist in deiner Brust erhoben, als Versprechen, Allahs Religion in dir zu errichten. Heute mag noch die Herrschaft des Satans bestehen, doch in naher Zukunft wird in dir Allahs Herrschaft errichtet werden; die Dunkelheit von heute wird weichen, und morgen wird die goldene Sonne eines neuen Zeitalters aufgehen …… Der Mensch wird sich wieder vor seinem wahren Herrn niederwerfen.

 

Vom Wasser zum Anwalt

Es tut mir leid, dass ich wiederholt Ereignisse derselben Art erwähne. Doch die Notwendigkeit, das Geschehene so, wie es sich ereignet hat, angemessen darzustellen, lässt sich ebenfalls nicht leugnen. Deshalb schildere ich all diese Ereignisse, auch wenn sie einander weitgehend gleichen.

Während wir im Gefängnis diese Folter erduldeten, wie war da wohl die Lage in meinem Land Ägypten? Sie können es sich denken: Sie war entsetzlich. Die Bevölkerung lebte ständig in Angst; niemand war seines Lebens sicher. Überall triumphierten Gewalt, Willkür und Unterdrückung. Diejenigen, die sich außerhalb der Zellen befanden, waren noch besorgter. Plünderungen, Mord, Raubüberfälle und Wegelagerei fanden unter staatlicher Förderung statt. Söldner, Schläger und skrupellose Verbrecher waren überall eingesetzt worden, um die Bevölkerung zu drangsalieren. Durch ihre zügellosen Übergriffe waren Leben, Besitz, Ehre und Ansehen der einfachen Menschen wertlos geworden. Von Ehrlichkeit und Zivilisation verstanden sie nichts. Würde, Ansehen sowie Bildung und Erziehung hatten für sie keinen Wert. Denker, Intellektuelle, Schriftsteller, Journalisten, Dichter, Gelehrte, Lehrer, führende Persönlichkeiten des Volkes und sogar ehrenhafte Militärs wurden in den Händen jener Verbrecher gedemütigt und misshandelt. Doch niemand konnte es wagen, auch nur ein Wort zu sagen. Denn Präsident Nasser selbst führte diese Verbrecher und gesellschaftsfeindlichen Banden an.

Jugendliche, junge Menschen, Greise, Frauen und Männer – jeder friedliebende Bürger des Landes wurde auf diese Weise schikaniert. Sie hetzten sie sogar hinter angesehenen Leuten her. Und wenn jemand gegen diese Ungerechtigkeiten den Mund aufmachte, wurde er unter irgendeinem Vorwand verhaftet, mit Peitschen und Gummiknüppeln geschlagen, in eine Meute von Hunden gestoßen und musste schließlich sogar die Hinrichtungskammer durchlaufen. Das war die allgemeine Lage in Ägypten während Nassers Herrschaft. Jedenfalls kam Safwat am frühen Morgen des neunten Tages, holte mich aus der Wasserzelle und sagte:

: Man bringt dich zum Staatsanwalt. Du bist bereits verurteilt worden. Wenn du willst, kannst du dich allerdings noch retten. Danach fuhr er mich drohend an:

: Sicherlich bist du über unsere Absichten im Bilde. Jetzt werden wir sehen, was du vor dem Staatsanwalt sagen wirst. Während er dies sagte, zerrte er mich wie ein Tier mit sich. Ich sagte zu ihm:

: Sieh, meine Kleidung ist völlig zerrissen. Sie ist nicht mehr tragbar. …… Bring mir meine andere Kleidung.

Ohne meinen Worten besondere Bedeutung beizumessen, sagte er:

: Das wird sich zeigen. Wenn du jedoch über Hasan al-Hudaybi und Sayyid Qutb aussagst, dass sie versuchen, Abd an-Nasser zu ermorden und die Macht zu übernehmen, …… dann werde ich dir eine Decke bringen.

Ich sagte:

: Nein, nein, das ist eine Lüge.

Dann sagte er:

: Dann bleib eben nackt. Mal sehen, ob dein Islam deine Blöße bedecken kann! Auch die Ikhwan sollen dich in diesem Zustand sehen.

Nachdem ich diese Worte aus dem Mund dieses unzivilisierten Barbaren gehört hatte, sagte ich:

: Gewiss, Allah ist der Beistand der Hilflosen und überaus barmherzig, allwissend und gerecht.

Ich wurde aus dem Militärgefängnis herausgeführt und in einen geräumigen Raum in einem separaten Gebäude gebracht. In der Mitte des Raumes saß ein Herr. Später erfuhr ich, dass er Jalal Adib war. Nachdem er mich kurz angesehen hatte, sagte er:

: Setzen Sie sich.

Ich setzte mich auf den Stuhl gegenüber dem Tisch. Als er das Gespräch beginnen wollte, sagte er –

: Sie sind die berühmte Führerin der islamischen Bewegung, Zaynab al-Ghazali. Warum haben Sie selbst eine solche Haltung eingenommen? Sind Sie in Ihrer derzeitigen Lage glücklich? Sehen Sie, ich bin Muslim und Ihr Wohlgesinnter; ich bin gekommen, um Sie aus dieser Lage zu retten. Mein Name ist Fakhruddin an-Nayyabata. Ich kann kaum glauben, dass eine so berühmte Führerin wie Zaynab al-Ghazali in einem solchen Zustand vor mir sitzt. Ich hoffe aufrichtig, dass Sie mich bei Ihrem Bemühen unterstützen werden, sich daraus zu befreien.

Ich antwortete ihm:

Sehen Sie, ich werde gewiss sagen, was wahr ist und womit Allah zufrieden ist. Bei Allah schwöre ich Ihnen, dass ich es Ihnen verspreche.

Als er meine Worte hörte, zogen sich die Falten auf seiner Stirn zusammen. Mit einiger Verärgerung fragte er:

Wie alt sind Sie derzeit?

Ich wurde am 2. Januar 1971 geboren.

Als er mein Alter erfuhr, sagte er fassungslos:

Wenn ich Sie ansehe, denke ich, dass Sie mindestens neunzig Jahre alt sind. Ach, sagen Sie, warum sind Sie in diese missliche Lage geraten? Darauf antwortete ich mit ruhiger Stimme:

Was Allah uns zum Schicksal bestimmt hat, muss schließlich geschehen. Allah allein ist unser innigster Freund, und Er ist die letzte Hoffnung jedes gläubigen Muslims.

Mitfühlend sagte er:

: Ich habe den Eindruck, dass es Ihnen sogar große Mühe bereitet, zu sprechen.

Ich schwieg. Daraufhin fragte er:

: In welcher Frage waren Sie und Abd al-Fattah Ismail sich einig?

: Wir waren uns darin einig, den Jugendlichen eine islamische Ausbildung zu geben und sie den Koran und die Sunna zu lehren. Das war für die Lösung der gegenwärtigen gesellschaftlichen Probleme unerlässlich.

Er fiel mir ins Wort und sagte:

: Sehen Sie, ich bin nicht gekommen, um einen Vortrag zu hören, sondern möchte lediglich eine Erklärung der tatsächlichen Ereignisse. Herr Hudhaibi trug Ihnen auf, Abd al-Fattah eine Botschaft zu überbringen, und eine andere Botschaft Sayyid Qutb zu überbringen; worin bestanden diese Botschaften? Ich finde, meine Frage ist sehr klar. Was sagen Sie?

Nun sagte ich:

: Ich bat Murshid-e A’am Hujaybi um die Erlaubnis, einige auf Koran, Hadith und Fiqh beruhende Werke – etwa Ibn Hamzas al-Muhalla, Ibn Abd al-Wahhabs und Ibn Taymiyyas Kitab at-Tawhid sowie die Schriften Sayyid Qutbs – als Themen in die gemeinsamen Leseversammlungen der Jugendlichen und in den Lehrplan aufzunehmen. Unter den Jugendlichen war auch Bruder Abd al-Fattah dabei.

Der Herr Rechtsanwalt sagte mit einem matten Lächeln:

: Nein, Zainab, nicht solche Dinge. Sprechen Sie über die eigentliche Sache. Versuchen Sie, sich zu retten. Schildern Sie mir offen, was tatsächlich geschehen ist.

Ich sagte:

Die eigentliche Sache und der wahre Zweck sind der vollständige Wiederaufbau und die Wiederbelebung der Nachkommenschaft des Propheten, also der muslimischen Gemeinschaft. Nun sagte er mit Nachdruck:

: Sie alle haben ihre Fehler eingestanden und Sie dadurch in Schwierigkeiten gebracht. Ich sagte mit meiner gewöhnlich ernsten Stimme:

: Allah wird mich und sie beschützen. Wir werden uns nicht der Lüge zuwenden.

Darauf erwiderte er erregt:

: Mir scheint, dass Sie lediglich weiterhin Ihre rednerische Gewandtheit zur Schau stellen wollen. Sie leiden unter Selbsttäuschung; selbst das höhere Gericht kann zu keiner Übereinstimmung mit Ihnen gelangen. Damals hatte ich nicht die Kraft, die Wahrheit zu sagen. Ich litt große Qualen; doch nachdem ich seine Ausführungen über das höhere Gericht gehört hatte, war ich gezwungen, zu sprechen.

: Wenn das höhere Gericht sich seiner Verantwortung und seiner Pflichten bewusst und wachsam wäre, dann …

Er unterbrach mich, nahm mir das Wort aus dem Mund und sagte—

: Hören Sie auf! Jetzt sehe ich, dass Sie auch über das höhere Gericht Ägyptens allerlei Unsinn reden wollen …

Danach rief er Safwat, der an der Tür stand, und sagte—

: Es hat keinen Zweck, Safwat! Er hat sogar das Gericht beleidigt.

Safwat schien darauf gewartet zu haben. Er zerrte mich mit sich, sah den Anwalt an und fragte—

: Wohin, Herr?

Der Anwalt sagte: „Zum Wasser.“ Danach kehrte ich wieder zum Schauplatz der ununterbrochenen Peinigung durch Wasser und Safwat zurück. Nun begann er erneut, mich noch grausamer, erbarmungsloser und schamloser zu quälen. Doch je heftiger seine Brutalität wurde, desto stärker wuchs meine Nähe zu Allah – noch mehr als zuvor.

Möge Allah die Muslime vor solchen niederträchtigen, grausamen, törichten Tyrannen bewahren.

 

Nahrung und Peitsche

Am zehnten Tag, nach dem Asr-Gebet, wurde die Tür der Zelle geöffnet, ich aus dem Wasser herausgeholt und zwei anderen Henkern übergeben, mit den Worten:

„Bringt ihn in Zelle Nummer drei und lasst ihn dort.“

Als ich in Zelle Nummer drei kam, blieb ich wie ein lebloser Leichnam auf dem Boden liegen. Durch die vielen Schläge war mein Körper so angeschwollen, dass er rund wie ein Fußball geworden war. Mir war, als würde meine Seele jeden Augenblick ihren Bezug zum Körper verlieren. Ich hatte damals nicht einmal mehr die Kraft, zu stöhnen oder zu wimmern. Ich übergab mein Leben und meine Seele dem überaus barmherzigen Allah. Auf den erhabenen Allah, in dessen Hand die Schlüssel zur Herrschaft über die gesamte Welt liegen, vertrauend, blieb ich liegen.

Wie lange ich in diesem bewusstlosen, halb bewussten Zustand gelegen hatte, weiß ich nicht. Plötzlich hörte ich außerhalb der Zelle einen gewaltigen Tumult. Mit großer Mühe ging ich bis zur Tür, blickte durch die Öffnung nach draußen und sah eine riesige Versammlung von Ikhwan-Brüdern, die in einer Reihe standen. Jeder von ihnen hielt einen Becher in der Hand. Am Anfang der Reihe schöpfte ein Soldat eine Art flüssige Nahrung in ihre Becher. Wenn sie vortraten, um die Nahrung zu erhalten, schlug ein anderer Henker jedem von ihnen mit der Peitsche auf den Rücken. Eine solch herzzerreißende Szene, bei der Nahrung und Peitsche zugleich ausgeteilt wurden, hatte sich zuvor wohl noch niemand vorstellen können. Welch eine Tyrannei!

Nicht nur das. Zu beiden Seiten der Reihe der Ikhwan standen außerdem zwei Reihen von Soldaten mit Peitschen. Auf dem Rückweg, nachdem die Ikhwan die Nahrung in ihren Bechern erhalten hatten, mussten sie auch die heftigen Peitschenhiebe dieser Soldaten hinnehmen. Auf diese Weise wurden sie gezwungen, als Gegenleistung für eine Handvoll Nahrung unzählige Peitschenhiebe zu ertragen. Einer der Henker bemerkte, dass ich diese herzzerreißende Szene heimlich beobachtet hatte. Sofort stürzte er sich wie ein rasendes Tier auf mich und begann, mich so heftig mit Fäusten und Fußtritten zu traktieren, dass ich erneut bewusstlos zu Boden stürzte.

Der ruchlose Safwat und einer seiner Helfer brachten mich nach großen Anstrengungen wieder zu Bewusstsein. In seiner Hand sah ich in einer Schale eine kleine Menge schwarz gefärbter Linsen. Davon ging ein äußerst übler Geruch aus. Safwat sagte zu mir—

: Iss das alles auf. Wenn du es nicht isst, bekommst du zehn Peitschenhiebe—

Ich sagte—

Lass es stehen. Ich werde es essen.

Safwat sagte zu seinem Helfer—

: Wenn er das nicht innerhalb von zehn Minuten isst, verpass ihm zehn Peitschenhiebe und gib mir Bescheid. Auch diese Nacht verbrachte ich in großer Trauer, unter qualvollen Schmerzen und in quälender Unruhe.

 

Im Krankenhaus

Am elften Tag öffnete Safwat die Zellentür, rief jemanden von drinnen herbei und sagte—

: Doktor Maged, kommen Sie herein.

Doktor Maged kam in Militäruniform zusammen mit seinem Sanitäter, dem Soldaten Abd al-Mabud, herein. Zu jener Zeit traten Blut und Eiter aus meinem Fuß aus. Auch der Zustand meines gesamten Körpers war entsprechend: Wunden und Verletzungen sowie die damit verbundenen unerträglichen Schmerzen.

Doktor Maged sagte zu seinem Assistenten: „Reinige beide Füße dieses Mannes gründlich, entferne sämtliches verdorbenes Blut und den Eiter aus ihnen und bringe ihn schnell ins Krankenhaus.“ Danach ließen die beiden Henker mich im Krankenhaus zurück.

 

Wieder in Shams’ Gewalt

Man erlaubte mir nur, einen einzigen Tag im Krankenhaus zu bleiben. Sie fanden keine Ruhe, solange sie mir nicht körperliche und seelische Schmerzen zufügten. Daher wurde die Härte der Bestrafung wieder gesteigert. Diesmal brachte man mich allerdings an einen anderen Ort und sperrte mich in das Gefängnis des Krankenhauses. Obwohl die Folter andauerte, empfand ich im Krankenhausgefängnis vergleichsweise etwas Ruhe. Dafür dankte ich Allah. Innerlich wünschte ich, mein Aufenthalt im Krankenhausgefängnis möge lange dauern. Ich dachte, dass dadurch meine Wunden heilen und die Schmerzen in meinen Knochen nachlassen könnten. Doch ach! Die Henker ließen nicht einmal diesen kleinen Wunsch in Erfüllung gehen. Sie brachten mich wieder in jene bittere, giftige Hölle.

Der Henker führte mich in das Büro von Shams Badran. Ich bewegte mich nur unter größten Schmerzen fort. Ich war nicht einmal in der Lage, mein eigenes Gewicht zu tragen. Doch selbst in diesem Zustand zögerten sie nicht, mich auszupeitschen. Sobald sie auch nur die geringste Nachlässigkeit in meinem Gang bemerkten, ließen ihre Peitschen und Riemen mich dafür büßen. Ich konnte nicht zu Fuß vom Krankenhaus bis zum Büro von Shams Badran gehen. Wegen meiner Schwäche brach ich zu Boden. Doch die Henker ließen mich nicht liegen. Sie zerrten mich über den Boden und brachten mich in Shams Badrans Büro.

Kaum fiel der Blick des mörderischen Tyrannen Shams Badran auf mich, rief er Safwat herbei und begann wutentbrannt mit allerlei seltsamen Verrenkungen. Es wirkte, als würde er vor einer Kamera schauspielern. Vor Zorn war sein Gesicht entstellt, und seine beiden Augen leuchteten rot wie glühende Kohlen. Er rief Safwat herbei und bedeutete ihm von der gegenüberliegenden Seite mit dem Finger:

„Häng ihn sofort kopfüber auf und verabreiche ihm fünfhundert Peitschenhiebe.“ Brutalität auf der Höhe äußerster Grausamkeit. Eine solche Gewalt und Unmenschlichkeit konnten nur Leute wie Shams Badran zeigen. Auf Geheiß seines Herrn hängte Safwat mich auf und begann, die fünfhundert Peitschenhiebe abzuzählen und zu vollstrecken. Unter unerträglichen Schmerzen rief ich: „Allah, Allah!“ Shams Badran verspottete mich: „Wo ist dein Allah, den du anrufst? Wenn Allah wirklich existierte, würde er dir selbstverständlich helfen. Ruf doch Abd an-Nasser, er wird dir sofort helfen.“ Dann äußerte er sich über Allah auf eine derart freche Weise, dass kein Muslim dies ertragen könnte. Nachdem die fünfhundert Peitschenhiebe voll waren, ließ man mich herunter und stellte mich auf die Füße. Damals rann das Blut in Strömen an meinem verletzten Bein hinab. Als Shams Badran das sah, sagte er: „Gebt ihm eine noch härtere Strafe; das soll die Behandlung seines Beines sein.“ Wenig später lehnte ich mich an die Wand und setzte mich vor unerträglicher Erschöpfung hin. Als Safwat das sah, versuchte er, mich mit aller Kraft wieder auf die Füße zu ziehen. Doch es gelang ihm nicht.

Genau in diesem Augenblick kam Hamza, das abscheulichste Tier im Militärgefängnis, und sagte:

: Das alles ist nur Schauspiel.

Was danach geschah, weiß ich nicht. Denn ich wurde bewusstlos. Als ich wieder zu mir kam, war ich neben dem Arzt. Der Arzt spritzte mir eine Injektion in den Arm. Nachdem er mir die Injektion gegeben hatte, wies er sie an, mir eine Tasse Orangensaft zu trinken zu geben. Aber wer hörte schon auf den Befehl des Arztes? Schams Badran sagte zu mir:

: Es hat keinen Sinn, so stur zu bleiben. Tu, was wir verlangen; andernfalls wirst du nicht nur einmal, zweimal oder dreimal, sondern Hunderte Male kopfüber aufgehängt und geschlagen werden. Glaube nicht, dass wir nicht in der Lage wären, dir Worte zu entlocken. In Wirklichkeit geben wir dir lediglich eine Gelegenheit, verstehst du? Selbst wenn wir dich lebendig in der Erde begraben würden, käme niemand und würde fragen, warum wir das getan haben. Wer sollte uns daran hindern?

Ich sagte:

: Es geschieht nur, was Allah will. Um Allahs Wohlgefallen willen danken wir Ihm.

Als er das hörte, geriet er in Wut und sagte:

: Sag solche Dinge nicht in meiner Gegenwart.

Auch Hasan Khalil gab mir einen Rat und sagte:

: Gebrauche deinen Verstand, Mädchen. Kein Ikhwan wird dir hier zu Hilfe kommen, um dich zu retten. Sie selbst sind angesichts ihrer eigenen Schwierigkeiten völlig außer sich. Sie wollen nur irgendwie freikommen. Danach holte er Papier und einen Stift hervor und sagte in beratendem Ton:

: Safwat! Bring sie ins Krankenhaus und lass sie dort frei über den Ikhwan schreiben. Sie soll ausführlich darlegen, wie und unter welchen Umständen sie mit den Ikhwan in Kontakt kam. Schreibe auch, wie im Hinblick auf die Ermordung Abdun Nassers ein Konsens hergestellt wurde, und nenne alle Namen unter den Ikhwan, die du kennst.

Auf dem Weg zum Krankenhaus befahl Safwat mir, schneller zu gehen. Doch mein Zustand war wie der eines Kindes, das gerade erst laufen lernte und noch unsicher seine ersten Schritte machte. Deshalb peitschte Safwat mich unterwegs immer wieder und sagte dabei:

: Das ist die Behandlung deiner Beine.

Nur Allah weiß, wie ich es bis zum Krankenzimmer geschafft habe. Als Safwat mir Papier und einen Stift gab, sagte er:

: Du unerfahrener Ikhwani! Natürlich kennst du unsere Absichten. Deshalb sage ich dir: Keine philosophischen Ausführungen nötig. Schreib genau das auf, was du weißt. Schreib, wie du Jamal Nasser töten wolltest, und all das andere … Während er dies sagte, schloss er die Tür und ging.

Da ich an beiden Händen Blasen hatte, fiel es mir schwer, einen Stift zu halten. So verging der erste Tag. Ich schrieb kein einziges Wort. Als Safwat kam, um meine schriftliche Aussage entgegenzunehmen, und das leere Papier daliegen sah, sagte er:

: Um dein Leben zu retten, lasse ich wieder Papier hier. Er ging fort, wie er gekommen war.

Schließlich begann ich, mit meiner schmerzenden Hand zu schreiben. Am dritten Tag kam Hamza Bisiubi, sammelte alle Papiere ein und nahm sie mit. Den ganzen Tag verbrachte ich in äußerster Unruhe. Wegen der Schmerzen in meinen Beinen konnte ich weder sitzen, stehen noch schlafen. Jeder Knochen tat mir weh. Es war einfach unerträglich. Safwat kam mit zwei weiteren Soldaten, um mich auf demselben Weg in Shams Badrans Büro zu bringen. Kaum war ich in Shams Badrans Zimmer eingetreten, warf er mir einen wütenden Blick zu, begann furchtbar zu brüllen, zerriss meine beschriebenen Blätter in Stücke, warf sie in den Papierkorb und sagte—

: Ach, Mädchen, waren all diese Strafen für dich etwa noch nicht genug? … Was hast du da geschrieben? Alles Unsinn … Dann rief er Hamza und sagte—

: Verpasst ihr die Peitsche.

Hamza und Khalil sagten einstimmig:

: Nein, Pascha; besser wäre es, sie in die Hundezelle zu den wilden Kötern zu schicken. Shams Badran sagte mit erregter Stimme—

: Dann bringt die Hunde hierher—

Safwat brachte zusammen mit seinem Helfer die beiden wildesten Hunde, die im Militärgefängnis speziell ausgebildet worden waren, und führte sie herein. Shams Badran befahl, die beiden Hunde auf mich loszulassen. Beide Hunde griffen mich mit ihren giftigen Fangzähnen und Pranken an. Zähne und Krallen bohrten sich in meinen ganzen Körper. Da mir kein anderer Ausweg blieb, betete ich um Allahs Hilfe: Hasbunallahu wa-niʿmal wakīl – O Allah, beschütze mich vor allen Gefahren.

Einerseits zerfleischten die Bisse und Krallenhiebe der Hunde meinen Leib und meine Seele, andererseits taten dies in gleicher Weise die obszönen Beschimpfungen aus dem Mund Schams Badrans. Währenddessen wurden weiterhin Befehle erteilt:

: Schreib auf, dass du beschlossen hattest, Dschamal Nasir zu ermorden … Wie wolltet ihr ihn umbringen?

Nun wurde noch ein Hund losgelassen. Der Angriff dreier furchterregender Hunde, giftige Bisse und Schläge ihrer Tatzen. Und ich war eine hilflose Frau, gequält von Hunger und Durst und in der Qual der Peitschenhiebe völlig außer mir. Doch durch Allahs Barmherzigkeit erhielt ich die Kraft, alles zu ertragen.

Als Schams Badran und seine Gefährten sahen, dass sie mit den Hunden nichts ausrichten würden, schrie Schams Badran Saffwat wütend an:

: Nimm sie mit und peitsche sie weiter aus.

Sein Körper bebte vor Wut. Wenig später kam ein Arzt. Nachdem er mich untersucht hatte, verbot er, zumindest an diesem Tag, weitere Peitschenhiebe und sagte:

: Sie hat keine Kraft mehr, weitere Schläge zu ertragen.

Schams Badran sagte zu Hamza:

: Bringt ihn in Zelle Nummer vierundzwanzig. Danach möchte ich seine Leiche sehen. Man brachte mich in Zelle Nummer vierundzwanzig. Zuvor war ich noch nie hier gewesen. Als ich die Zelle betrat, erschrak ich. Genau in der Mitte der Zelle brannte in einem Kreis ein Feuer. Um das Feuer herum stand eine Gruppe von Henkern mit Peitschen in den Händen. Voller Angst und Entsetzen beobachtete ich diese höllische Szene.

Plötzlich schlug ein Henker mit der Peitsche auf mich ein und befahl mir, in den Kreis in der Mitte zu gehen. Als ich mich dem Feuer näherte, schlug mich ein anderer Henker mit der Peitsche und trieb mich wieder fort. So zwangen sie mich alle gemeinsam, abwechselnd zum Feuer und zur Wand zu rennen. Es war, als würde ein Regen von Peitschenhieben auf mich niedergehen. Durch die Peitschenhiebe und die Hitze des Feuers entstand ein unbeschreiblich qualvoller Zustand; ganze zwei Stunden lang verbrannte und versengte ich in dieser Feuerzelle und wurde ausgepeitscht.

Danach kam Hamza Bisyoubi, warf mir einen zornigen Blick zu und sagte:

: Schreib, dass ihr Abdur Nasser töten wolltet. …… Sonst werdet ihr ins Feuer geworfen und verbrannt.

Ohne auf irgendeine ihrer Fragen zu antworten, schrie ich lautlos, weinte ohne Tränen und blieb meinen Grundsätzen treu. Schließlich wurde ich wieder bewusstlos. Im Krankenhaus erlangte ich wieder das Bewusstsein.

 

Eine dramatische Szene der Folter

Eines Morgens, als man mich aus dem Krankenzimmer führte, war ich erstaunt, vor mir mehrere Fotografen mit ihren Kameras bereitstehen zu sehen. Man befahl mir, mich auf einen Stuhl zu setzen, die Beine übereinanderzuschlagen und eine Zigarette in den Mund zu nehmen. Angeblich war es auf diese Weise äußerst wichtig geworden, ein Foto von mir zu machen.

Ich sagte:

: Unmöglich; geschweige denn, dass ich sie in den Mund nehme, werde ich eine Zigarette nicht einmal berühren.

Daraufhin hielten sie mir Pistolen an den Kopf und in den Rücken und sagten:

: Wenn du die Zigarette nicht in den Mund nimmst, wirst du erledigt. Ungeachtet ihrer Pistolen weigerte ich mich erneut, die Zigarette zu nehmen, und begann, die Schahada zu rezitieren. Ich sagte:

: Tut, was ihr wollt, ich werde unter keinen Umständen eine Zigarette berühren. Daraufhin ließen sie eine wahre Flut von Peitschenhieben auf mich niedergehen. Dann drückten sie mir erneut eine Pistole direkt an die Kehle und sagten:

: Du musst die Zigarette in den Mund nehmen.

Doch ich weigerte mich immer wieder.

Als sie schließlich begriffen, dass sie mich nicht dazu bringen konnten, eine Zigarette zu berühren, machten sie einfach ihre Aufnahmen und gingen.

Am nächsten Tag kamen sie und sagten:

: Du musst vor der Fernsehkamera sagen, was wir dir beibringen werden. Daraufhin zwangen sie mich, all die falschen Anschuldigungen gegen die Ikhwan auswendig zu lernen. Ich sagte zu ihnen:

: Wenn ich über das Fernsehen etwas sagen soll, dann werde ich Folgendes sagen:

„Gamal Nasser ist ein ungläubiger Kafir und führt Krieg gegen den Islam. Deshalb leisten wir ihm Widerstand. Denn er hat sich geweigert, nach dem Koran zu regieren, und den Islam als reaktionär bezeichnet. Er hat die Religion für Rückständigkeit und Armut verantwortlich gemacht. Für seine Gesetzgebung und die Führung der Verwaltung hat er alle Vorschriften aus dem Kommunismus und dem Atheismus übernommen. Seiner Ansicht nach besteht das Leben aus Rebellion gegen Gott und materialistischem Luxus. Deshalb führen wir im Interesse von Gerechtigkeit und Wahrheit einen Verteidigungskampf gegen ihn. Als sie mich das sagen hörten, erwiderten sie:

: Wie kannst du es wagen, derart furchtlose Worte zu sprechen, obwohl du siehst, dass die Läufe von Pistolen an deine Schultern und deinen Rücken gedrückt werden? Wie dem auch sei, du musst vor der Fernsehkamera genau das sagen, was wir dir auftragen.

Ich sagte:

: Gestern konntet ihr mich trotz aller Bemühungen vor den Journalisten und Pressefotografen nicht einmal dazu bringen, eure Zigaretten anzurühren. Wie konntet ihr also annehmen, dass ich heute aus Angst vor euren Pistolen unwahre und absurde Dinge sagen würde? Nein, ich schwöre bei Gott, wir werden uns vor der Lüge nicht beugen. Wir sind Anhänger eines Ideals. Wir sind Diener der muslimischen Umma und Erben des Korans. Nachdem sie ihr Ziel nicht erreicht hatten, begannen sie, mich auszupeitschen. Nachdem sie lange auf mich eingeschlagen hatten, brachten sie mich wieder in meine Zelle zurück.

 

Zelle Nummer zweiund-’dreißig

Ich frage mich mit großer Verwunderung: Wenn sie mich tatsächlich wegen eines bestimmten Verbrechens festgenommen haben, warum versucht man dann, mir so viele Geständnisse abzuringen? Warum verlangen sie von mir ein Geständnis, ich hätte dem Mord an Nasser zugestimmt oder ihn sogar geplant? Wenn sie Beweise für mein Verbrechen haben, warum dann diese grundlose Schikane und brutale Gewalt? Sie verlangen von mir solche absurden Geständnisse, die außer in ihrer Fantasie nirgends existieren. Geht es bei all diesen Verhaftungen und unmenschlichen Misshandlungen nicht in Wirklichkeit nur darum, die islamische Bewegung und ihren Einfluss auf diese Weise zu zerschlagen? Sobald sie mich sahen, täuschten sie großes Erstaunen vor und sagten:

: Was, du lebst immer noch? Hamza, habe ich dir nicht gesagt, dass ich seine Leiche sehen will?

Hamza sagte flehend:

: Verzeihen Sie, Pascha! Diesmal ist er bereit, jedem Befehl zu gehorchen, den Sie ihm geben.

Schams Badran sagte zu mir:

: Dann schreib …

Ich sagte:

: Ich werde nichts anderes als die tatsächlichen Ereignisse schreiben. Warum bringt ihr mich dann nicht einfach um! Vielleicht wird mein Märtyrertod nach Gottes Willen sein.

Hassan Khalil sagte:

: Wir werden dich niemals zum Märtyrer werden lassen.

Ich sagte:

: Das Märtyrertum kommt als ein Geschenk von Gott. Demjenigen, für den Er es bestimmt, wird Er es gewiss gewähren.

Schams Badran sagte gereizt:

: Safwat, hängt ihn auf und verabreicht ihm fünfhundert Peitschenhiebe …… Mal sehen, wer sein Allah ist.

Sobald sie den Befehl erhalten hatten, hängten die Henker mich kopfüber auf und vollstreckten den Befehl, mir fünfhundert Peitschenhiebe zu verabreichen. Ihnen kam nicht einmal der Gedanke, dass dieser arme Kerl nicht einmal gewöhnliche Schläge auszuhalten vermochte. Nachdem die Auspeitschung beendet war, wurde ich in den Raum gebracht. Er deutete mir an, mich auf einen Stuhl zu setzen, und sagte:

: Du hältst uns für sehr grausam und gefühllos. Dabei sind wir angesichts deines Zustands zutiefst betroffen. Weißt du, mein Vater ist Professor an der al-Azhar-Universität ……

Ohne ein Wort zu sagen, sah ich ihn schweigend mit äußerstem Hass an.

Sofort kehrte er zu seinem wahren Wesen zurück und sagte drohend:

: Hamza, bring ihn in Zelle Nummer zweiunddreißig und lass ihn dort.

Als ich die neue Zelle betrat, sah ich, dass auf zwei hohen Holzpfosten ein Holzrahmen parallel angebracht war, an dem zwei große Eisenringe befestigt waren. Die Henker ließen mich auf einen Stuhl steigen und befahlen mir, die beiden Ringe mit den Händen zu ergreifen. Kaum hatte ich unter den Schlägen der Peitsche die beiden Ringe ergriffen, zogen sie den Stuhl unter meinen Füßen weg. Ich hing an den Ringen in der Luft. Sobald ich zu Boden fiel, stürzten die Henker mit den Peitschen auf mich los und hängten mich wieder auf diese Weise auf. Ich fiel erneut zu Boden; so dauerte diese grausame Übung bis zu drei Stunden an.

 

Der Wert des Glaubens und die Schmach der Lüge

Ich wurde wieder in das Büro von Schams Badran gebracht. Schams forderte mich mit einer theatralischen Geste auf, mich auf den Stuhl neben ihm zu setzen. Nachdem ich mich gesetzt hatte, begannen Jalal und Hassan Khalil, mich dazu zu bewegen, eine schriftliche Aussage nach dem Willen des Paschas abzugeben. Denn angeblich würde mir das zugutekommen.

Ich sagte zu ihnen beiden:

: Über etwas, das ich nicht weiß, kann ich kein Wort schreiben. Sie sagten:

: Wir wissen alles. Die Ichwan haben alles gesagt.

Danach befahl er Dschalal, die Akte zu öffnen und die angeblichen Aussagen von Madschid Schadli und den Ichwan vorzulesen. Dschalal las auf ihre Anweisung zunächst die Aussage von Ali Usmabi vor. Ich war völlig fassungslos, als ich sie hörte! Nachdem alle Aussagen vorgelesen worden waren, schüttelte Schams den Kopf und fragte:

Was ist deine Meinung zu diesen Aussagen?

Ich sagte sofort:

: Nichts als lauter falsche, erfundene Anschuldigungen.

Schams Badran sagte:

: Du hast versucht, die Ichwan neu zu organisieren – willst du das etwa leugnen? Aus den Aussagen eurer Leute ist doch eindeutig hervorgegangen, dass du selbst den Grundstein für die Wiedererrichtung dieser Organisation gelegt hast ……… Dschalal, dann lies doch die Aussage von Hudschajbi vor! …… Doch sofort sagte er:

: Na gut, halt, halt, lassen wir das. Lies vorerst nur die Aussage von Abd al-Fattah Ismail vor.

Nachdem sie vorgelesen worden war, fragte Schams mich: Und was ist jetzt deine Meinung ………?

Danach begann Jalal, eine Akte nach der anderen zu öffnen und jeweils ein Geständnis vorzulesen. Als alles vorgelesen war, sagte Shams zu mir –

: Was meinst du zu all dem, was du gehört hast …? Sag jetzt, ob du schreiben wirst, was immer wir wollen.

Ich sagte mit Nachdruck –

Alles ist erfunden, völliger Unsinn.

Er fragte mit einem wissenden Lächeln –

: Was ist dann die Wahrheit?

Ich sagte –

: Das Geständnis von Ali Usamabi, das zu den Akten genommen wurde, ist meiner Meinung nach falsch. Was die übrigen Ikhwan betrifft, so sage ich, dass sie der Wahrheit folgen und wahrhaftig sind. Und diese in ihrem Namen verfassten Aussagen und Geständnisse sind nichts anderes als falsche Verleumdungen gegen sie.

Shams rief Hamza und sagte:

: Hängt ihn jetzt kopfüber auf und holt Ali Usmabi. Ali Usmabi kam in strahlend sauberer und ordentlicher Kleidung. Sein Haar war sorgfältig gekämmt; an seinem Körper oder in seinem Gesicht war kein Zeichen von Bestrafung oder erlittenem Leid zu erkennen. Als ich ihn mit mir und den anderen Gefangenen verglich und betrachtete, blieb mir nichts anderes übrig, als zu glauben, dass dieser Mann Verrat begangen hatte, durch seine Falschaussage gegen die Ikhwan in die Verschwörung jener lügnerischen Unmenschen geraten war und sich ihnen angeschlossen hatte. Sie achten weder Prinzipien noch Religion. Auch er war Shams Badrans Opfer geworden und zu Nassers Gruppe gegangen, um sich ihr anzuschließen.

Shams Badran fragte ihn:

: Nun, Ali! Als du am letzten Tag zu Zaynab al-Ghazali gegangen bist, was hast du von ihr erhalten, und was hat sie dir gesagt?

Usmabi sagte:

: Sie gab mir eintausend Dschinīh (ägyptische Pfund) und sagte, ich solle dieses Geld zu Ghada Ammar bringen, damit sie es zum Haus von al-Hudaybi oder Sayyid Qutb weiterleite…… Wenn ich verhaftet würde, solle ich mich, falls ich Geld benötigte, an Ghada Ammar oder Hamida wenden. Sie wissen, wo sich das Geld befindet.

Shams Badran fragte mich:

: Wie viel Geld war es, Zaynab? Und warum warst du deswegen so beunruhigt?

Ich sagte:

: Die in Sudan und Saudi-Arabien lebenden Ikhwan-Brüder schickten zur Unterstützung der Familien der inhaftierten Brüder 4.000 Dschineh als Spende. Außerdem wurden 1.000 Dschineh für die Unterstützung bedürftiger Schüler und Studenten sowie für Mieten und dergleichen ausgegeben … In den Händen des Mannes, der vor dir steht und aussagt, wurden 1.000 Dschineh geschickt. Für den Lebensunterhalt der Familie des Bruders Abd al-Fattah Ismail …

Nun fragte Schams ihn:

: Ali! Was hast du das letzte Mal bei Zaynab al-Ghazali gegessen? Ali Usmabi sagte:

: Sie hatte es mit Leber zubereitet, mir einen Teller voll Reis gegeben und gesagt: Iss, Ali! Allah wird dir helfen.

Schams sagte:

Na gut, das reicht! Du kannst jetzt gehen, Ali. Ali ging, nachdem er sich Schams Badrans Wohlwollen erworben hatte, hinaus.

Nun sagte Schams zu Hamza:

: Bring Abd al-Fattah Ismail her.

Schon wenige Augenblicke später erschien Hamza mit Abd al-Fattah Ismail. In Abd al-Fattah Ismails Augen lag der fesselnde Glanz einer ernsten Persönlichkeit. Im Gefängnis trug er völlig zerlumpte Kleidung. Überall waren die Spuren der unmenschlichen Misshandlungen sichtbar, denen er ausgesetzt gewesen war. Als er mich sah, grüßte er mich mit natürlicher Bescheidenheit. Auch ich erwiderte seinen Gruß.

Shams fragte ihn:

„Abd al-Fattah! Was hast du bei Zaynab al-Ghazali gemacht, und warum bist du zu ihr gegangen?“ Abd al-Fattah erwiderte mit heldenhaft fester Stimme:

Sie ist meine islamische Schwester auf dem Weg zu Allahs Wohlgefallen. Wir unterstützen einander dabei, den muslimischen Jugendlichen die Lehren des Korans und der Sunna zu vermitteln. Natürlich war es unser Ziel, die Regierung zu ändern und anstelle der Regierung der Falschheit eine islamische Regierung zu errichten.

Als Shams Badran seine Worte hörte, geriet er in Wut und sagte:

Du hast wohl angefangen, eine Predigt zu halten? Weißt du nicht, dass du nicht auf einer Minbar stehst? … Geh hinaus … geh hinaus!

Abd al-Fattah Ismail ging genauso hinaus, wie er gekommen war. Während er ging, grüßte er mich, und ich erwiderte:

„Und über euch seien der Friede, die Barmherzigkeit Allahs und Sein Segen.“

Shams Badran fuhr fort, wie ein Wahnsinniger obszöne Flüche auszustoßen … Doch als ich die klaren, erhabenen und von wahrer Größe zeugenden Worte Abdul Fattah Ismails hörte, empfand ich aufrichtig Erleichterung und Frieden. Wahrhaftig ein heldenhafter Mujahid! Trotz aller Gefahren blieb er den Grundsätzen der Wahrheit unbeirrbar treu. Unendlicher Dank sei Allah, dass es selbst in diesem Zeitalter moderner Unwissenheit noch solche wahrhaftigen Menschen gibt. Ich betete bei Allah für ihn. Was macht es schon, wenn Menschen wie Ali Usmavi Verrat begehen? Tausende wahrhaftige Kämpfer ziehen noch immer mit Geduld und Mut in der Dschihad-Karawane auf Allahs Weg voran.

Als ich Shams Badrans Geschrei hörte, schreckte ich auf. Er schrie:

: „Bringt dieses Mädchen weg. Bringt sie morgen früh zusammen mit dem geschriebenen Blatt wieder zu mir.“

Hasan Khalil Safwat gab ihm Papier und einen Stift, und man brachte mich in das Krankenzimmer. Mit Papier und Stift in der Hand fragte ich mich, was ich schreiben sollte. Was wollten sie? Wollten sie etwa, dass ich gegen meinen Allah und Seine Religion schreibe? Nein, bei Gott, das wird niemals geschehen. Ich schrieb:

: „Wir folgen dem von Allah gewiesenen Weg und sind unter dem Banner des Al-Qur’an vereint. Es gibt keinen Gott außer Allah. Der geliebte Prophet Hazrat Muhammad (s.a.w.) ist Allahs letzter Gesandter. Wir werden Allah zu keiner Zeit und unter keinen Umständen jemanden beigesellen. Nur Ihn werden wir anbeten, Ihm allein dienen. O unser Allah! Schenke uns Mut und Geduld und lass uns im Glauben und im Islam sterben.“

Und ihr Pharaonen eures Zeitalters! Kostet diese kurze Zeit des irdischen Lebens bis zum Ende aus. Der Tod ist gewiss für einen bestimmten Tag festgesetzt. Schon sehr bald werdet ihr eurem Schicksal gegenüberstehen.

Am nächsten Tag kamen Hamza Bisyuni, Riad und Safwat, nahmen das geschriebene Blatt mit und gingen wieder. Etwa eine Stunde später kamen sie zurück, setzten mich in ein Auto und brachten mich in Shams Badrans Büro. Damals war ich nicht in der Lage zu gehen. Shams zerriss vor meinen Augen einige Papiere, warf sie in den Papierkorb und sagte:

: Das sind deine geschriebenen Papiere …… Ich sehe, du wirst nicht nach meinem Willen schreiben, bevor ich nicht einen Becher Blut aus deinem Körper herausgeholt habe.

Danach wurde ich unter Beschimpfungen und Peitschenhieben wieder ins Krankenhaus gebracht.

 

Mein Todesurteil

Da ich dem Tod sehr nahe war, wurde ich einige Tage im Krankenhaus behandelt. Eines Tages, kurz vor Sonnenuntergang, wurde ich in das Büro von Shams Badran gebracht. Doch statt mich ins Büro zu führen, ließ man mich vor einer riesigen Maschine stehen. Aus dieser elektrischen Maschine drangen ein entsetzlicher Lärm und äußerst heiße Luft. Die ganze Nacht musste ich vor dieser furchterregenden Maschine stehen. Am Morgen wurde ich wieder ins Krankenhaus gebracht. Als Doktor Maged den Zustand meines Gesichts sah, fragte er Abdul Mabud:

: Sein Gesicht ist ja völlig gelb geworden. …… Wurde er nachts etwa wieder weggebracht?

Abdul Mabud antwortete: Jawohl!

Eine halbe Stunde später gab Abdul Mabud mir Brot und etwas Murabba und sagte, der Doktor habe es geschickt und ich solle es essen. Zur Zeit des Sonnenuntergangs wurde ich wieder in eine Zelle nahe dem Büro von Shams Badran gebracht. Wenig später traf Hamza Safwat Riyaz ein. Sie wechselten im Flüsterton einige Worte miteinander. Die ersten beiden gingen fort, während der dritte dort blieb. Plötzlich begann er, sich selbst ins Gesicht zu schlagen und sich die Haare auszureißen, und führte sich wie ein besessener Verrückter auf. Er schrie mich an:

: Du Verrückte! Wenn du heute nicht auf Shams’ Anweisungen hörst, ist heute der letzte Tag deines Lebens. Weißt du, wo Rifayat, Ismail und al-Qumaira sind?

Er sagte:

: Hier in diesem Gefängnis werden auf Nassets Befehl jeden Tag zehn Ikhwan-Hunde begraben.

Als ich ihm sagte, dass sie auf Allahs Weg als Märtyrer gestorben und ins Paradies eingegangen seien, begann er, sich noch heftiger ins eigene Gesicht zu schlagen, und sagte:

: Bis jetzt konnten dich weder Hunde, Wasser, Feuer, Peitschen noch die Hetzpeitsche ins Wanken bringen. Heute wird Pascha dich schlachten. Er hat Nassets Erlaubnis eingeholt. Was wirst du tun?

Ich sagte ruhig:

: Was geschehen soll, das bestimmt Allah allein.

Nun begann er zu sagen:

: Willst du, dass auch wir wie du handeln und scheitern? Die Sowjetunion herrscht über die halbe Welt, und du willst, dass wir dich freilassen? Und dass wir auf die Worte von al-Hudaybi, Sayyid Qutb und Hasan al-Banna hören?

– Ihr seid verrückt … Wir sind nicht verrückt wie ihr, verstanden? …

Als Antwort rezitierte ich einen Koranvers und sagte –

: Wenn diesen Leuten gesagt wird, dass es keinen Gott außer Allah gibt, sagen sie hochmütig: „Sollen wir wegen der Worte eines verrückten Dichters all unsere Götter verlassen?“ Und diese Götter sind Götzen der Widerspenstigen. Und die Herrscher sind damit beauftragt, diese Götzen zu schützen. Es sind dieselben Leute, die nicht davor zurückschreckten, den Propheten der Menschheit, Hazrat Muhammad (Friede sei mit ihm), einen Verrückten zu nennen. Heute wiederholt sich die Geschichte. Auch ihr nennt heute die Mudschaheddin auf Allahs Weg verrückt, während die Herrscher, die der falschen Nichtigkeit folgen, sich zu euren Herren gemacht haben und euch für jede niederträchtige Tat einsetzen. Und ihr führt im Austausch gegen ein paar wenige Geldstücke ein unehrenhaftes Leben und opfert euer Menschlichkeitsgefühl. Sagt: Wollt ihr euch etwa Allahs Zorn aussetzen, um die Zufriedenheit der ungerechten Unterdrücker zu erlangen?

Diesmal fragte er –

: Wollt ihr uns in jene starre Rückständigkeit zurückführen?

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und die Henker begannen hemmungslos, mit Peitschen und Riemen auf mich einzuschlagen. Als Riyaz das sah, sagte er lachend –

: Bei Gott, Zainab; ich empfinde Zuneigung zu dir und mache mir auch Sorgen um dich.

Während ich die Peitschenhiebe erhielt, fragte ich ihn spöttisch –

: Zuneigung und Besorgnis? Was soll das denn heißen? Bist du ein ängstlicher Feigling? Die Sache ist doch völlig klar. Warum seid ihr nur so eifrig darauf aus, mein Geständnis zu bekommen? Der eigentliche Zweck all eurer Lügen, Fälschungen, Verleumdungen, Bestrafungen Unschuldiger, der Farce von Verfahren mit besonderer Zielsetzung und der haltlosen Anschuldigungen gegen Unschuldige ist doch völlig klar geworden.

Riyaz schlug sich auf die Brust, schüttelte den Kopf, raufte sich die Haare und rief immer wieder:

: Haben sich unser Wissen, unser Verstand und unsere Kraft dir gegenüber allesamt als nutzlos und vergeblich erwiesen? Wir haben genug zu essen und zu trinken und sind trotzdem krank geworden …… und du? Wodurch bist du überhaupt noch am Leben? …… Der Arzt hat gesagt, dass du stirbst, wenn man dir jetzt nichts zu essen gibt.

Hamza und Safwat kamen und fragten Riyaz:

: Was hast du getan, Bruder? Ich hoffe, er ist wieder zu Verstand gekommen.

Ich lächelte leicht, sah Hamza an und sagte:

: Ich kann nicht erkennen, wer von euch verrückt ist.

Hamza sagte kein Wort, blickte mich schweigend an und sagte zu Safwat:

: Bring ihn ins Nebenbüro.

 

Im Büro des Paschas

Schams ließ mich auf dem nebenstehenden Stuhl Platz nehmen und sagte—

: Sieh, meiner Meinung nach hat es keinen Nutzen, anhaltende Feindschaft zu hegen.

Schreib einfach alles so auf, wie ich es will.

Ich sagte mit meiner gewöhnlich ruhigen Stimme—

: Willst du etwa schreiben lassen, dass wir Nasser töten wollten? … Das ist unmöglich. Bei Gott, wir hatten uns nur versammelt, um die Lehren des Korans und des Hadith zu lernen. Wir wollten den Menschen mitteilen, dass sie nicht den Unterdrückern, sondern Allahs Din folgen sollten, und wir klärten sie darüber auf, wie sie Allah anbeten und wie sie Allahs Din auf dieser Erde errichten sollten. Wir handeln gemäß Koran und Sunna und missachten keinen Befehl Allahs. Wenn wir aus Versehen oder durch Irrtümer Allahs Befehl missachten, bereuen wir es und tun Tawba. Unserer Ansicht nach ist die gegenwärtige Regierung unfähig, und deshalb muss sie beendet werden. Aber nicht mit Gewalt oder Zwang. Wir wollen die Menschen auf geordnetem Wege überzeugen, sie umfassend über den Islam aufklären und auf diese Weise eine Veränderung herbeiführen ……… Wir wollen eine wahrhaft islamische Staatsordnung……

Als plötzlich begonnen wurde, mit der Peitsche auf mich einzuschlagen, schrie ich—

: Nein, nein, ich werde nichts Unwahres schreiben; selbst wenn man mich totschlägt, werde ich es nicht schreiben. Für mich hat die Welt keinerlei Wert……

Shams Badran fragte mich:

: Warum hast du auf den Papieren, die ich zerrissen habe, nicht den Namen Abd al-Aziz Ali geschrieben?

Ich wollte wissen:

Welcher Abd al-Aziz Ali?

: Jener Abd al-Aziz Pascha, den Nasser zum Mitglied seines Ministerrats ernannt hatte. Doch er erwies sich Nasser gegenüber als undankbar, schlug die Hand ab, die ihm geholfen hatte, und begann, sich Nasser zu widersetzen.

Nun erkannte ich ihn und sagte:

: Abd al-Aziz Ali war der Gründer der Krishnagupta-Bewegung gegen den britischen Imperialismus. Er war ein führender Politiker der Nationalpartei. Abdun Nasser und seine Gefährten wurden von ihm in den Nationalismus eingeführt. Meiner Meinung nach war er eine große Persönlichkeit. Er war ein Freund meines Mannes. Und nun ist er auf Allahs Weg mein islamischer Bruder. Seine Ehefrau ist Mitglied des Zentralrats unserer Organisation, meine Freundin und meine islamische Schwester……

Shams fragte mit rauer Stimme –

: Warum hast du ihn dann nicht in den Ikhwan aufgenommen?

Ich sagte –

: Das hatte ich in Erwägung gezogen … aber wie das Sprichwort sagt: Mancher hat statt Verstand Feuer im Kopf ……. .

Ohne mich ausreden zu lassen, schrie Shams laut auf und sagte –

: Das ist alles Unsinn, hör auf damit. Danach befahl er, mich auszupeitschen. Eine Weile flüsterten sie miteinander, dann fragte Hasan Khalil mich.

: Warum hattest du Abdul Aziz mit Abdul Fattah Ismail bekannt gemacht, und wo wurde diese Bekanntschaft vermittelt?

Ich antwortete –

: Als mein Bein infolge des Angriffs eurer Geheimdiensttruppen gebrochen wurde, kamen er und seine Frau ins Krankenhaus, um mich zu besuchen. Auch nachdem ich das Krankenhaus verlassen hatte und nach Hause zurückgekehrt war, kamen sie gelegentlich vorbei. Eines Tages kam in Abd al-Aziz’ Gegenwart auch Bruder Abd al-Fattah Ismail hinzu. So lernten sie einander kennen. Mehr weiß ich darüber nicht.

Hasan Khalil sagte:

: Ich räume ein, dass das Treffen zwischen Abd al-Aziz und Abd al-Fattah zufällig war. Aber wie lernte Abd al-Aziz in deinem Haus durch dich Farid Abd al-Khalik kennen?

Ich erwiderte:

: Als die Krankenschwester in meinem Haus kam, um den Verband um den gebrochenen Knochen meines Beins zu wechseln, ging Bruder Abd al-Aziz ins Wohnzimmer und setzte sich dort hin. Zu dieser Zeit kam auch Bruder Farid Abd al-Khalik herein und setzte sich dort nieder. Sie kannten einander damals noch nicht. Nachdem die Krankenschwester mit dem Verbinden meines Beins fertig war und gegangen war, kam Bruder Farid Abd al-Khalik herein, um mich zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt ging auch Bruder Abd al-Aziz hinein, um sich zu verabschieden. Bei dieser Gelegenheit stellte ich die beiden einander vor.

Als Schams meine Worte hörte, geriet er in rasende Wut und rief Safwat. Als ich im Krankenhaus wieder zu Bewusstsein kam, waren beide meine Beine bandagiert. Ich wand mich vor unerträglichen Schmerzen in beiden Beinen. Dieser Schmerz breitete sich augenblicklich über meinen ganzen Körper aus. Es fühlte sich an, als würde mein ganzer Körper in heißem Öl gebraten.

 

Im Strudel des Zweifels

Nachdem ich einige Tage im Krankenhaus behandelt worden war, wurde ich erneut in das Büro von Schams Badran gebracht. Er wiederholte ständig seine alten Aussagen und Verdächtigungen. Ich glaube, dass sein Zweifel in seinem Denken die Gestalt einer Tatsache angenommen hatte, weil er ihn immer wieder äußerte und unaufhörlich wiederholte. Nun begann er, seinen bloßen Verdacht wie ein tatsächliches Ereignis zu glauben. Immer wieder sagte er, die Ikhwan al-Muslimun hätten eine Verschwörung geschmiedet, um Abdun Nasers zu ermorden. Schams Badran äußerte sein Erstaunen, sah mich an und sagte:

: Du bist noch am Leben? Dabei hat man dir doch jede Art von Strafe zuteilwerden lassen.

Ich erwiderte, indem ich die Geschichte der Aṣḥāb al-Uḫdūd erzählte—

: Allah sagt: »Die Aṣḥāb al-Uḫdūd wurden getötet; diejenigen, die sie töten, werden wegen ihrer Lügen und Verleumdungen wahnsinnig. Und diese Menschen, die aus den Reihen ihres eigenen Volkes als Märtyrer hervorgingen, genossen das Vertrauen und die Achtung aller. Sie waren eifrig dabei, den Menschen Gottes Botschaft zu übermitteln und sie zu lehren, ihre Pflichten gläubig zu erfüllen.«

Schams Badran sagte—

: Wir verstehen nichts von solchen moralischen Grundsätzen. Glaubst du etwa noch immer an die Existenz Allahs? Dabei seid ihr von 1948 bis heute stets gescheitert. Ihr seid 1954 im Widerstand gegen die Revolution gegen König Faruq und 1965, als ihr die Gegenreaktion auf die Revolution miterleben musstet, gründlich geschlagen worden …… Ich frage dich: Wo ist denn euer sogenannter Gott? Ich sagte zu ihm—

: 1948 waren wir erfolgreich, 1954 waren wir die Sieger, und auch 1965 haben wir das Schlachtfeld für uns entschieden.

Er sagte—

: Wir haben dich wie ein Huhn kopfüber aufgehängt, dich bis zum Hals in Wasser getaucht, dich gezwungen, zwischen Feuerflammen hin und her zu laufen, und dich von wilden Hunden beißen lassen …… Wenn ihr wirklich irgendeinen Gott oder Herrn hättet, wäre er dann nicht herbeigekommen, um dich zu retten? Sag schon, du unglückseliges Mädchen ……

sagte ich mit fester Stimme –

: Indem ihr uns mit Peitschenhieben überschüttet und uns allerlei grausamen Folterungen unterzieht, seid ihr wohl in dem selbstzufriedenen Glauben, ihr hättet gesiegt. Doch in Wirklichkeit seid ihr ständig aus Angst vor uns in Schrecken versetzt.

brüllte er zornig –

: Schweig, Mädchen! Ihr seid alle Verbrecher.

: Niemals. erwiderte ich mit derselben Entschlossenheit.

Ich fügte hinzu: Warum sollten wir Verbrecher sein? … Wir stehen doch auf dem Weg der Wahrheit und sind mit der Aufgabe betraut, Wahrheit und Frieden zu verkünden. Wir sind die Steuermänner der Wahrheit und Wegweiser zu einem unauslöschlichen Licht. Er fragte –

: Wie konntet ihr über uns siegen?

Ich sagte –

: Denn wir sind von Allah her reich und stark. Ihm allein gilt unsere unerschütterliche Verehrung und unser unerschütterlicher Glaube; auf Seinem Weg führen wir Dschihad und setzen uns ein. Erst wenn wir bei der Erfüllung unserer Pflicht nachlässig werden, die Würde des Islam und das Banner des Tauhid hochzuhalten, wird unsere Niederlage bewiesen sein. Tatsächlich ist der Islam eine zeitlose und universelle Lebensordnung. Diese Lebensordnung des Islam weist den Weg in allen Bereichen von Religion, Regierung, innerer und internationaler Politik, Gesellschaftsordnung sowie des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens. Frieden und Eintracht, Brüderlichkeit und Toleranz sowie die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Recht sind die Ziele des Islam. Er ist die ewige, natürliche Lebensordnung der gesamten Menschheit.

Der Islam befreit den Menschen aus der Knechtschaft und führt ihn zur Anbetung des einen Allah. Um Allah zu widersprechen, darf man keinem Menschen folgen. Wer den Islam aufrichtig, geradlinig und mit vollkommenem Vertrauen angenommen hat, wird gewiss den wahren Erfolg und das goldene Ziel erreichen. Sie werden zu Allahs Soldaten; und warum sollten die Soldaten auf Allahs Weg irgendeinen anderen Menschen oder irgendeine andere Macht fürchten? Diejenigen, die sich um der Wahrheit und Gerechtigkeit willen unter dem Banner des Islam versammeln, empfinden die Interessen dieser Welt als äußerst eng und unbedeutend. Die Wirklichkeit des Lebens und der Welt wird ihnen klar. Deshalb schreiten sie, statt nach den kleinen Interessen dieses vergänglichen, kurzen irdischen Lebens zu trachten, in der Hoffnung auf das unendliche, reiche und friedvolle paradiesische Leben im Jenseits auf dem von Allah gewiesenen Weg voran.

Und ihr, ihr verblendeten Feiglinge! Was könnt ihr schon tun? Ihr könnt uns unterdrücken; ihr könnt uns schlagen und verstümmeln, uns töten, uns hundert Arten teuflischer Folter zufügen, uns ins Wasser oder in eine Meute von Hunden stoßen und euch an diesem Schauspiel ergötzen, uns auspeitschen und daraus Befriedigung ziehen. Denn ihr habt Peitschen und Lederpeitschen in der Hand, dazu vielerlei Waffen. Doch für uns sind all diese Quälereien und Misshandlungen durch euch völlig bedeutungslos. Keine eurer Grausamkeiten wird uns vom Weg der Wahrheit abbringen können. Ihr müsst scheitern.

Warum haltet ihr uns aus Angst getrennt voneinander gefangen? Warum diese große Furcht? Weil wir Mudschahedin auf Allahs Weg sind, während ihr Handlanger des Satans seid. Diejenigen, die gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg führen, werden unweigerlich besiegt und gedemütigt werden. In Wahrheit sind sie die Erniedrigten, die Niederträchtigen. Die Religion Allahs und Seines Gesandten wird siegreich bleiben. Zweifellos ist Allah allein die Quelle aller Macht. Schams Badran konnte all diese Worte von mir nicht ertragen. Er presste die Hände an den Kopf und sagte wie ein von Panik ergriffener Mensch:

: Safwat, Safwat! Hängt ihn kopfüber auf und verabreicht ihm fünfhundert Peitschenhiebe. Nachdem die Hiebe verabreicht worden waren, ließ er mich herunter und befahl mir, jene alten Fragen zu beantworten. Auch ich fuhr fort, meine Antworten zu geben. Darüber verärgert, befahl Schams Badran, mich erneut aufzuhängen und mir zweihundertfünfzig Peitschenhiebe zu verabreichen. Als sein Befehl ausgeführt wurde, war ich bewusstlos. Als ich im Krankenhaus wieder zu mir kam, sah ich eine Schar von Ärzten um mich herum, die verschiedene Teile meines Körpers verbanden und mit Medikamenten behandelten. Nachdem ich einige Tage im Krankenhaus behandelt worden war, wurde ich auf einer Trage erneut in Schams Badrans Büro gebracht.

Mit schwacher, dünner Stimme, wie ein Sterbender in der letzten Stunde seines Lebens, fragte ich ihn: Anwalt!…… Wer bist du?

Er sagte: Wir haben dich darauf vorbereitet, dich vor Gericht zu stellen. Ich fragte:

: Was wollt ihr noch von mir?

Der Staatsanwalt drohte und sagte:

Sprich vorsichtig. Dein Körper hat jetzt nicht die Kraft, Schläge auszuhalten…… Wir sind … vollständig bereit……

Ich sagte: Allah allein ist der Gewährer des Erfolgs und der Helfer.

Der Staatsanwalt fragte:

Warum versammelten sich Muhammad Qutb und die jungen Männer der Muslimbruderschaft in deinem Haus?

Ich sagte:

Professor Muhammad Qutb und seine beiden Schwestern kamen häufig, um mich zu besuchen. Schams wurde wütend, stieß eine Beleidigung aus und fragte erneut:

Warum versammelten sich Muhammad Qutb und die jungen Männer der Muslimbruderschaft in deinem Haus? Sag es endlich.

Ich protestierte scharf gegen seine Beschimpfungen und sagte:

: Studenten und Aktivisten der Islamischen Bewegung kamen zu mir zu Besuch, und zufällig trafen sie dabei auch Professor Mohammad Qutb.

: Donnernd sagte er: Ich sage dir, wenn die Jugendlichen dich aufforderten, ihnen ein Treffen mit Mohammad Qutb zu ermöglichen, ludst du diese Jugendlichen und Mohammad Qutb zum Mittagessen ein. Nach dem Essen kamen sie zu einer Versammlung zusammen … warum?

Ruhig sagte ich:

: Als die beiden Bücher von Professor Mohammad Qutb, „At-Tatawwur wa-th-Thabat fi al-Hayat al-Bashariyya“ – Stabilität und Entwicklung im menschlichen Leben – und „Dschahiliyyat al-Qarn al-Ischrin“ – die Unwissenheit des zwanzigsten Jahrhunderts –, veröffentlicht wurden, äußerten ich und einige Aktivisten der Islamischen Bewegung den Wunsch, Professor Mohammad Qutb zu treffen, um mehr über die verschiedenen Themen dieser beiden Bücher zu erfahren. Zu diesem Zweck kam Professor Qutb mehrmals, um Einladungen anzunehmen.

Nun fragte er:

: Warum nahm Abd al-Fattah Ismail an diesen Versammlungen teil? Ich sagte:

: Weil auch er zu den charakterfesten Jugendlichen der Ikhwan al-Muslimun gehörte …

Er spottete über das Wort „charakterfest“ und sagte:

: Allah ist nicht auf diese charakterfesten Menschen angewiesen. In welcher dieser Versammlungen einigte man sich darauf, Muhammad Qutb zu töten?

Ich sagte: Die erfundene Geschichte von der Ermordung Abdun Nassers ist nichts weiter als eine von euch erdichtete künstliche Geschichte.

Shams fragte: Warum bist du kein Rechtsanwalt geworden?

: Ich sagte: Ich danke Allah dafür, dass Er mich in einer guten Lage gelassen hat. Ich bin Allahs Weg mit Leib und Seele hingegeben und werde weiterhin nur die Pflicht auf dem Weg zu Allahs Wohlgefallen erfüllen. Plötzlich stand Shams Badran auf und begann, mich hemmungslos zu treten. Keuchend sagte er immer wieder: Heute gibt es für dich keine Rettung. Du wirst durch meine Hand sterben. In diesem Zustand fragte er:

: Wie hieß die Organisation, die du gemeinsam mit Muhammad Qutb gegründet hattest? …… Wer war damit beauftragt worden, Abdun Nasser zu töten, Abd al-Fattah oder al-Fayyumi? Ich sagte:

: Al-Fayyumi hast du doch getötet …… Was soll es also bedeuten, noch einmal seinen Namen zu nennen?

Er stieß ein lautes, grauenhaftes Gelächter aus und sagte:

: Kennst du ihn? War er sehr gutaussehend? Safwat … Safwat liebte Fayoumi.

Safwat kam mit einer Reitpeitsche und stürzte sich wieder wie eine wilde Hyäne auf mich. Ich verlor das Bewusstsein, weil ich die Schläge nicht ertragen konnte. Sie schickten mich erneut ins Krankenhaus, um mich einigermaßen zu stabilisieren und für weitere Folter und Misshandlungen vorzubereiten.

 

Shams bleibt in seiner Verblendung unerschütterlich

Ich wurde wieder in das Büro von Shams Badran gebracht. Da ich wieder zu Bewusstsein gekommen war, musste ich dorthin gebracht werden, um die Folter zu ertragen. Natürlich brachte man mich auf einer Bahre in sein Büro. Shams saß dort mit seinen Gefolgsleuten. Sie setzten mich auf einen Stuhl, und er sagte:

: Du hast nicht einmal mehr die geringste Kraft, die Folter zu ertragen. Hab jetzt selbst Erbarmen mit dir. Andernfalls schwöre ich bei Abdun Nasers Leben, dass ich dich ebenfalls zusammen mit Fatoohi begraben werde. Einer seiner Handlanger fügte hinzu:

: Hör zu, Zaynab, gib dem Pascha die richtige Antwort und sorge für deine Zukunft. Wir wollen mit dir zu einer Einigung gelangen.

Shams Badran sagte noch eindringlicher: Erinner dich daran, dass ein Mann im Namen von Fuad Sirajuddin zu dir kam und dich aufforderte, mit der Ikhwan zusammenzuarbeiten, um Nasers Regierung zu stürzen. Dieser Mann sagte dir außerdem, dass es im Büro des Beraters Amer Leute gebe, die mit dir und der „Wafd-Partei“ zusammenarbeiten würden.

Ich zeigte mich erstaunt über die Lügen dieses Teufels und seine Geschicklichkeit, die Wahrheit zu verdrehen, und sagte, jedes einzelne Wort betonend:

: Das ist eine reine Lüge. Fuad Sirajuddin hat mir niemals irgendjemanden mit irgendeinem Anliegen geschickt. Tatsächlich habe ich ihn seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen. Einmal traf mein Ehemann Mohammed Salim Saleh zufällig auf einer öffentlichen Großkundgebung mit Fuad Pascha zusammen. Dieser erkundigte sich bei meinem Mann nach meinem Befinden und ließ mir Grüße und Gebete ausrichten.

Kaum hatte ich das gesagt, begann erneut ein Hagel von Peitschenhieben auf mich niederzugehen. Die Schläge trafen meinen von Wunden übersäten Körper wie Feuerblitze. Dabei war mein Fuß zu diesem Zeitpunkt bandagiert. Noch bevor die alten Wunden verheilt waren, rissen unzählige weitere Schläge meinen Körper auf. Während der Henker mir auf Hände und Füße schlug, fragte er:

: Sag, ob Fuad Sirajuddin dir eine Botschaft geschickt hatte. Ich sagte: Nein.

Daraufhin befahl Schams Badran, mich noch härter zu bestrafen. Sobald der heftige Angriff begann, verlor ich das Bewusstsein. Bewusstlos wurde ich auf einer Trage ins Krankenhaus gebracht. Doch wenig später wurde ich wieder in sein Büro zurückgebracht.

Schams Badran sagte mit äußerst scharfem Ton:

: Merk dir das: Niemand kann uns aufhalten. Jeden Tag begrabe ich zwanzig Hunde wie dich. Und der Hof dieses Militärgefängnisses steht gähnend offen, um Tausende solcher Hunde zu verschlingen. Bei Abdun Nasser! Wenn du nicht nach meinem Willen handelst, werde ich auch dich wie die anderen hier begraben.

Ich sah keinen Anlass, auf das Geschwätz dieses Narren zu antworten, und schwieg.

Außer sich sagte er: Antworte! Sonst hänge ich dich kopfüber auf und peitsche dich zu Tode.

Ich sagte: Allah ist der beste Vollbringer aller Dinge. Er allein genügt mir. Er ist der beste Helfer. „O Gott, schenke uns Mut und Geduld und lass uns im Islam sterben.“

Diese guten Worte waren für Shams unerträglich. Wütend sagte er zu Safwat:

Safwat, bring die Hunde her.

Safwat erschien augenblicklich mit wilden Hunden, und die Hunde stürzten sich wie hungrige Tiger auf mich.

Unter den unerträglichen Schmerzen der Hundebisse betete ich zu Allah um Erlösung: „O Allah, in deinem Wohlgefallen bitte ich um Schutz vor deiner Strafe. O Allah, rette mich aus dieser Not und diesem Unglück.“ Hamza schrie: „Paschas Gesicht ist blass geworden. Sein Tod steht nahe bevor.“ Shams kam, sah meinen Zustand und sagte:

Bringt die Hunde hinaus und lasst sie zum Sterben im Krankenhaus zurück.

Daraufhin wurde ich auf einer Trage ins Krankenhaus gebracht. Doch noch in derselben Nacht wurde ich zum vierten Mal wieder in Shams’ Büro gebracht.

Dies ist ein schändliches Beispiel für Rachsucht und Vergeltung. Ihr Hass, ihre Feindseligkeit und ihre Feindschaft richten sich gegen den Islam. Und weil ich dem Islam diene, haben sie durch die Misshandlungen an mir den Beweis für ihre Feindschaft gegenüber dem Islam erbracht. Sie glaubten, durch die Ermordung der Aktivisten der islamischen Bewegung und durch deren Misshandlungen und Schikanen die Wiedererweckung und den Siegeszug des Islam aufhalten zu können. Sie träumen davon, den Islam zum Schweigen zu bringen und den nichtigen Atheismus zu etablieren. Jedenfalls verlor ich das Bewusstsein, sobald man mich von der Trage nahm und auf den Bürostuhl setzte. Sie brachten mich mit Zitronenlimonade und einer Injektion wieder zu Bewusstsein. Nun sagte Shams in theatralischer Weise:

: Sieh her, hör gut zu. Du hast uns in eine äußerst schwierige Lage gebracht. Wir sind keine wilden Bestien – wie du uns offenbar hältst … und Präsident Nassers Herz ist groß … Wenn du alles gestehst, wird dir vergeben … Jetzt sag wenigstens in deinem eigenen Interesse die Wahrheit.

Ich sagte:

: Soll ich wirklich die Wahrheit sagen? … Dann hört also: Die Wahrheit und die eigentliche Wahrheit ist, dass ihr zu Abdun Nasser gehen und ihm sagen sollt: Du bist ein Unterdrücker und Usurpator – du bist ein Feind Gottes – bereue und tue Buße – verlasse den Weg der falschen Nichtigkeit und beschreite den Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit – komm aus der Dunkelheit ins Licht …

„Das Gewissen derjenigen, die euch auf dem Weg der Lüge unterstützen und die ihr für eure Gewalttaten einsetzt, ist abgestorben, und ihr alle seid moralisch und psychisch krank.“

Erschrocken und verängstigt fragten sie mich:

: Sollen wir diese Worte Nasser überbringen?

Ich sagte:

: Ja, ja, genau deshalb habe ich euch das alles gesagt, damit ihr es ihm sagt. Sie sagten:

: Du wagst dich wirklich sehr viel. Daraufhin schrien sie alle einstimmig: „Verrückt, verrückt!“

: Man muss ihr einen Elektroschock verpassen. In diesem Moment brüllte Schams Badran:

: Wo sind die Hunde, die seit gestern ausgehungert werden, Hamza? Dazwischen sagte Hasan schauspielernd:

: Zainab, du bist noch am Leben! Der Tod steht unmittelbar bevor. Alle Ikhwan retten sich, indem sie nur an ihre eigenen Interessen denken. Ich hoffe, der Pascha wird erlauben, Ali Usmabi herbeizuholen. Vielleicht kann er Zainab an den von Fuad Sirajuddin geschickten Mann erinnern.

Schams Badran sagte:

: Du da, Mädchen, erinner dich! Sonst lasse ich Ali Usmabi holen und stelle ihn dir gegenüber.

Ich sagte: Ali Usmabi hat sein Gewissen für engstirnige Interessen an unzivilisierte Tyrannen wie euch verkauft und sich dadurch den Schaden dieser Welt und des Jenseits zugezogen …… Auch die Geschichte über Sirajuddin ist von euch erfunden. Der Zweck dieser erdichteten Geschichten besteht darin, edle und charaktervolle Menschen zu beleidigen.

Ein hochrangiger Beamter namens Said Abdul Karim kam in diesen Verhörraum, beteiligte sich an dem Gespräch und sagte:

: Zainab! Ich gebe dir einige ergänzende Informationen über Sirajuddin. Dadurch wirst du die Angelegenheit verstehen können. Du kennst doch Husayni Abd al-Ghaffar von den Muslimbrüdern. Später hatte er sich von Sayyidena Muhammad getrennt. Du hast dich mehrmals mit ihm ausgetauscht. Dein Ziel war es, ihn wieder in die Reihen der Muslimbrüder zurückzuführen. Du wolltest ihn einsetzen, damit er im inneren Bereich der Muslimbrüder aktiv tätig wird.

Ich sagte—

: Hasbunallahu wa ni’mal wakil. Husayni Abd al-Ghaffar ist mein Bruder im Glauben! … Ich sprach mit ihm darüber, wieder aktiv an den Muslimbrüdern teilzunehmen, doch er erklärte, dazu nicht in der Lage zu sein. Er hatte keinerlei Verbindung zu Sirajuddin oder zur Wafd-Partei. Da er zu jener Zeit Präsident der Ahbar-Jugendgruppe war, hielt er Abstand von Kontakten zur Wafd und unterstützte die Wafd nicht.

Hasan Khalil sagte—

Das stimmt. Wenn jedoch in einer Angelegenheit Einigkeit zwischen der Ahbar, der Wafd und den Muslimbrüdern erzielt wird, können sie natürlich jedes Problem lösen. Ich sagte—

: Ganz und gar nicht. Zwischen den Muslimbrüdern und ihnen besteht ein gewaltiger Unterschied. Diejenigen, die sich nicht gründlich mit der islamischen Lebensordnung beschäftigt haben … Auf ein Zeichen von Shams hin begann man zu diesem Zeitpunkt, mich auszupeitschen. Abd al-Karim sagte zu Shams—

: Geben Sie ihm noch etwas Zeit. Er soll seine Ausführungen beenden.

Ja, Zainab, sag, was du sagen wolltest—

Ich sagte:

Die Regeln und die Verfassung, die die Ikhwan al-Muslimun nach eingehender und weitsichtiger Überlegung über die Quellen ihrer Ideologie, ihre Grundsätze, Ziele und Arbeitsmethoden ausgearbeitet haben, beruhen vollständig auf dem Koran und der Sunna. Sie sind fest entschlossen, jede Handlung und jeden Augenblick ihres Lebens gemäß dem Koran und der Sunna zu gestalten. Der Ikhwan ist nur jenes Land oder jener Boden lieb, auf dem der Islam etabliert ist, und um der Sache des Islam willen nehmen sie den Märtyrertod an. Der Ikhwan möchte alle Menschen frei sehen und auch diese Welt der Menschen frei sehen. Das ist jedoch nur durch die Etablierung der Religion Allahs möglich.

Der Ikhwan möchte sowohl die Menschen als auch die Erde Allah näherbringen. Denn darin liegen die wahre Freiheit, der Frieden und der Wohlstand. Wenn auf diese Weise die islamische Lebensordnung verwirklicht wird, wird es keine Ausbeutung, keine Unterdrückung und keine Ungerechtigkeit mehr geben. Dann wird diese irdische Welt so schön und friedvoll wie das Paradies werden.

Der geliebte Prophet, Hadhrat Muhammad (s.a.w.), hat den Islam nicht teilweise, sondern vollständig etabliert. Er verkündete den Islam nicht, indem er zunächst einen unabhängigen Staat gründete. Er verkündete ihn nicht unter dem Vorwand gesellschaftlicher Reformen und auch nicht allein unter Berufung auf die Demokratie oder die gleichmäßige Verteilung des Besitzes – er stellte die späteren Aufgaben nicht vor die früheren und ging auch nicht umgekehrt vor. Vielmehr etablierte er den Islam auf natürliche Weise, Schritt für Schritt, in seiner Vollständigkeit. Als Erstes rief der geliebte Prophet die Menschen durch die Lehre des Tauhid auf und vereinte sie in der Anbetung des einen Allah, indem er gegen alles Falsche zum Aufstand aufrief. Er verkündete, dass es keinen anderen Ma’bud außer Allah gibt und dass der Gesandte (s.a.w.) ein von Allah eingesetzter Herrscher, der Inhaber uneingeschränkter Macht und der Führer aller Menschen ist.

Allah allein ist der Schöpfer, der Erhalter und der Versorger; auch die Schlüssel zu Nutzen und Schaden liegen in Seiner Hand. Er bestimmt über Leben und Tod. Er ist der Gesetzgeber und Verordnungsgeber, und Er allein weist den Weg. Der geliebte Prophet errichtete in Medina gemäß Allahs Anweisung den ersten islamischen Staat und schuf entsprechend den jeweils offenbarten Botschaften des Korans eine islamische Gesellschaftsordnung, die auf Wahrheit, Gerechtigkeit und gleichen Rechten beruhte – zum Wohl des Einzelnen, der Gesellschaft, des Staates und somit der Menschen auf der ganzen Welt.

Shams Badran sagte:

Soll das etwa die Geschichte deines Sirajuddin sein?

Ich sagte:

: Die Geschichte von Sirajuddin ist eine von euch erfundene Geschichte. Diejenigen, die diese Geschichte verfasst haben, haben gegen Bezahlung eine Lügengeschichte verfasst. ……… Über Siraj kann ich nur so viel sagen, dass er ein patriotischer nationaler Führer ist. Ich glaube, dass er heutzutage alle Aktivitäten aufgegeben hat und im Ruhestand ist.

Shams sagte:

: Safwat, bring den Hund her.

Sofort stürzten sich der Hund und die Männer auf mich. Der Biss des Hundes und die Schläge mit der Peitsche in den Händen der Männer ließen meinen ganzen Körper bluten. Irgendwo ganz in der Nähe stand ein Arzt. Er stürzte herbei und rettete mich aus den Händen des Hundes und des Henkers. Genau in diesem Augenblick ertönte vom Minarett einer weit entfernten Moschee der Gebetsruf zum Fadschr-Gebet. Als ich den Gebetsruf hörte, empfand ich trotz all dieses Leids und dieser Qual eine wunderbare, ungewöhnliche Ruhe. Ich erinnerte mich an Allahs Anweisung an das Feuer, um Hazrat Ibrahim vor dem Feuer Nimruds zu bewahren:

„O Feuer! Sei kühl und friedlich für Ibrahim.“ Ich sprach ein Bittgebet und sagte: „O Herr, auch ich bin ein Anhänger deines Geliebten Muhammad (s.a.w.) und des Propheten Hazrat Ibrahim. Gib mir Mut und Kraft, um der satanischen Verschwörung entgegenzutreten. Es gibt keinen Gott außer Dir. Ich bete nicht diejenigen an, die die ungläubigen, vom rechten Weg abgeirrten Menschen anbeten. Ich begehre Dein Wohlgefallen, o Gott! Amin.“ Ich weiß nicht mehr, wann ich bewusstlos wurde. Als ich wieder zu mir kam, war ich im Krankenhaus. Wie oft ich auf diese Weise ins Krankenhaus gebracht wurde und es wieder verlassen habe und nach Bewusstlosigkeit und Benommenheit wieder zu Bewusstsein und Verstand kam, lässt sich nur schwer genau aufzählen.

 

Die Herrschaft der Triebe und die Vorherrschaft niederer Leute

Wenn die Regierungsmacht in die Hände kurzsichtiger, fanatischer Menschen gerät und die Verwaltung unter die Kontrolle unfähiger Leute gelangt, tritt die abscheulichste Form der Diktatur zutage. Eine solche diktatorische Herrschaft macht das Leben der Bevölkerung unerträglich, und das Rad des Fortschritts im Land beginnt, sich rückwärts zu drehen. Die diktatorische Gruppe hält sich selbst für den uneingeschränkten Besitzer von Reichtum und Macht und tut, was immer ihr beliebt. So werden die übergeordneten Interessen des Landes und der Nation gegenüber ihren persönlichen Interessen zurückgestellt. Aufgrund ihrer Willkür breitet sich Korruption in großem Maßstab aus, und sie versuchen, das ganze Land und die gesamte Nation nach ihrem Willen zu benutzen.

Um die Grundlage ihrer diktatorischen Alleinherrschaft zu festigen, halten sie die bewussten und patriotischen Menschen des Landes durch Lockungen und Verlockungen oder durch Drohungen und Einschüchterung entweder untätig oder schicken sie hinter die Mauern eiserner Gefängnisse. Danach erlassen sie nach ihrem Willen Gesetze und halten die unschuldige Bevölkerung in den Fesseln eines strengen Herrschafts-Oktopus gefangen.

Nachdem sie die Herrschaft übernommen haben, versuchen die Menschen, die moralischen und charakterlichen Werte abzuschaffen, beginnen, mit der Würde und dem Ansehen der Menschen ihr Spiel zu treiben, und unternehmen vergebliche Versuche, der Stimme von Wissen und Gewissen zum Schweigen zu bringen. In jener Zeit errichtete auch die despotische Herrscherclique Ägyptens mithilfe dieser abscheulichsten Mittel ein Reich des Schreckens im Land und hielt es aufrecht. Infolgedessen verschlechterte sich die allgemeine Lage des Landes rasch. Da die Unabhängigkeit der Gerichte beschnitten wurde, waren alle Wege zu einer gerechten Rechtsprechung versperrt. Durch die Schikanen und Übergriffe der regierungstreuen Schmeichler wurde die Menschlichkeit gedemütigt, und es schien, als habe Allah dem Land den Schatten seiner Gnade und Barmherzigkeit entzogen.

Wie dem auch sei, als man mich wieder in jenes schreckliche Büro brachte, fragten Shams und seine Helfer: Was war die Botschaft, die Abdul Ghaffar im Namen Fuad Sirajuddins überbracht hatte? Wer waren die Personen, die Fuad Sirajuddin im Büro des Beraters Amer unterstützt hatten? Und welche Forderungen waren an die Ikhwan im Hinblick auf den Aufstand gestellt worden?

Ich antwortete:

: Hussein Abdul Ghaffar ist mein Glaubensbruder. Über all die falschen und haltlosen Anschuldigungen gegen ihn, die ich aus eurem Mund höre, weiß ich nichts.

Sayad und Hasan Khalil wollten wissen:

: Hör zu, Zaynab, hat Husayni nicht in deinem Haus Abd al-Fattah Ismail getroffen? Und hast du dich mit Husayni nicht darüber beraten, dich der Muslimbruderschaft anzuschließen?

Ich erklärte:

: Ich habe mit Husayni darüber gesprochen, zur Bewegung zurückzukehren, und das ist kein Verbrechen. Husayni steht unserer Bewegung vertrauensvoll gegenüber. Zwar ist Husayni der Ikhwan nicht beigetreten, doch wünscht er ihren Erfolg und unterstützt ihre Auffassung von der Notwendigkeit, das Volk gemäß dem Koran und der Sunna zu bilden. Husayni und Abd al-Fattah Ismail besprachen in meinem Haus den gegenwärtig besorgniserregenden Zustand des Islam und der Muslime sowie Probleme wie die Armut und die Unbildung der Muslime. Danach ging Husayni an jenem Tag fort.

: Als sie beide eines Tages ganz unerwartet zu mir nach Hause kamen, unterhielten sie sich miteinander. Später sagte er mir über Abd al-Fattah al-Husaini, dass er—

: Husaini ein äußerst höflicher, charakterfester, gelehrter und gutmütiger islamischer Gelehrter sei. Er stehe in engem Kontakt mit den spirituell orientierten Sufis—

Kaum hatte ich dies gesagt, erwiderte einer von ihnen—

: Husaini hat uns die ganze Angelegenheit mitgeteilt … Du willst dich grundlos für das Leben der Muslimbrüder opfern! Jetzt sehe ich, dass du dich für Husaini und Fuad Sirajuddin opfern willst … Wir geben dir jedoch die letzte Gelegenheit. Erzähle offen alles über dich selbst, insbesondere über jene Leute der Wafd-Partei, die im Büro des Beraters Amer arbeiten, und teile uns deine Meinung über Husaini und Fuad Sirajuddin mit. … Wir werden dir beide Augen herausreißen und dich erblinden lassen; danach werden Husaini und Fuad Sirajuddin vor dich gebracht werden.

Ich sagte—

: Allah sei unendlich gedankt, dass wir mit dem Blick des Herzens sehen können und niemand die Macht besitzt, uns diesen inneren Blick zu nehmen. Daher werden wir selbst dann nicht blind werden, wenn man uns beide Augen herausreißt. Als Shams Badran meine klaren Worte hörte, schrie er auf, als wäre er von einer Schlange gebissen worden. Drohend brüllte er—

: Safwat, hol Hunde.

Einer seiner Schmeichler hielt ihn davon ab und sagte: Nein, Pascha. Dieses Mädchen ist ihrem eigenen Leben gegenüber gleichgültig. Noch immer quält sie die Ungewissheit über ihren Tod. Ich erwiderte ihm—

: Liegt der Tod in Allahs Hand oder in euren Händen? …… Der Lenker von Leben und Tod ist einzig Allah. Er tut alles, und Er ist allmächtig. Einer der Offiziere, die um Shams Badran herumsaßen, sagte –

: Pascha! Befehlen Sie, Husaini vorzuführen. Darauf forderten alle Safwat einstimmig auf, Husaini zu bringen. Doch Shams wies ihre Worte mit äußerster Arroganz zurück und sagte –

: Bring dieses Mädchen vorerst ins Krankenhaus und lass sie dort. Man sagt, Eulen könnten vor Einbruch der Nacht weder etwas sehen noch etwas tun. Auch ihr Wesen ähnelt in vielem dem der Eulen: Die Dunkelheit der Nacht ist ihnen lieber als das Licht des Tages. Selbstverständlich wurde ich in der Dunkelheit der Nacht wieder in Shams’ Büro gebracht und an einen Platz gesetzt. Wenige Augenblicke später wurde Husaini vorgeführt. Husainis eine Hand war gebrochen und bandagiert. Die gebrochene Hand hing noch immer vor seiner Brust herab. Auch an seinem Fuß waren deutliche Verletzungsspuren zu sehen. Sein ganzer Körper wies Zeichen von Misshandlungen auf. Viele Wunden waren noch immer entzündet und nässten. Kaum war Husaini ins Zimmer eingetreten, sah er mich, grüßte mich mit dem Salam, und auch ich erwiderte seinen Gruß. Als Shams unseren Grußaustausch sah, fragte er in einem Ton künstlichen Spotts –

: Ja, Husaini Sahib! In welcher Beziehung standest du zu Zaynab?

Husaini antwortete –

: Auf dem Papier steht alles geschrieben.

Shams gab Husaini die Papiere und forderte ihn auf, sie vorzulesen –

Ich machte mir keine Gedanken darüber, was man Husaini auf dem Papier hatte schreiben lassen. Vielmehr überlegte ich, was ich sagen könnte, damit Husaini dieser Gefahr entkommen konnte. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie ihn durch unmenschliche Qualen und Leiden dazu gebracht hatten, nach ihrem Belieben etwas zu schreiben.

Husaini begann, das von Shams Badran ausgehändigte Schriftstück zu lesen. Darin stand etwas geschrieben, von dem ich nicht einmal annahm, dass Husaini es hätte schreiben oder sich solche Dinge hätte vorstellen können. Tatsächlich hatte das, was er las, überhaupt keinen Bezug zur Wirklichkeit. Es war durch und durch eine erfundene Lüge. Nachdem Husaini zu Ende gelesen hatte, fragte Shams mich mit wissender Miene –

: Was hältst du von dem, was du gehört hast?

Ich sagte –

: Aufgrund eurer Gewalt, eurer Unterdrückung und eurer unmenschlichen Folter der Ikhwan ist er gezwungen worden, diese haltlosen Aussagen nach euren Vorgaben zu schreiben.

Shams fragte –

: Ist das, was du gehört hast, etwa nicht wahr?

Ich sagte: Husaini ist kein Mensch, der lügt. Doch ich bin fest davon überzeugt, dass man ihn durch grausame Folter gezwungen hat, dies alles zu schreiben.

Shams schrie zornig –

: Was Husayni geschrieben hat ……… Du hast ihm diese Dinge nicht erzählt?

Hasan Khalil sagte –

: Wir wollen von dir wissen, ob das, was Husayni erzählt hat, tatsächlich geschehen ist. Ein anderer sagte –

: Wirst du dich selbst zugrunde richten, um Husayni zu retten? So wie du es auch getan hast, um andere Ikhwan zu retten?

Ich sagte: Nein, ich richte mich nicht zugrunde, sondern ergreife lediglich für die Wahrheit Partei.

Shams fragte Husayni –

: Husayni, hast du Zaynab den Brief von Fuad Sirajuddin überbracht? Auch ich fragte Husayni –

Husayni, hatten Sie mir nicht den Brief von Fuad Pascha Sirajuddin überbracht?

Husayni fragte seinerseits:

Fuad Sirajuddins Sagir oder Mali Pascha?

Ich sagte:

Ich kenne nur Fuad Pascha Sirajuddin. Fuad Sagir, Husayni?

Husayni sagte: „Fuad Paschas Cousin.“

Darauf fragte ich Husayni: „Was war denn nun das Problem, Husayni?“

Er sagte:

Wie ich bereits sagte, war es eine ganz belanglose Angelegenheit. …… Ali Sulaiman hatte sie mir erzählt ……… und ich hatte sie Zaynab gegenüber erwähnt. Nun sagte Shams wütend: „Husayni, geh hinaus.“ Danach sagte ich zu Shams:

: Na gut, du hast diese belanglose Aussage zu einer Verschwörung gemacht? Bedauerlich, dass eine Persönlichkeit wie Fuad Pascha nicht vor eurer Tyrannei geschützt war.

Shams Safwat rief. Und die Schläge der Peitsche gingen wie der Regen im Monat Shravan auf mich nieder. Nachdem die Auspeitschung beendet war, sagte Shams zu Hamza: »Hamza, bring ihn ins Krankenhaus und lass ihn dort.«

 

Auch im Krankenhaus Zwang und Unterdrückung

Am zweiten Tag erschien Hamza mit einem Militäroffizier auf der Krankenstation. Hamza befahl Abdul Mabud, einen Stuhl und einen kleinen Tisch zu holen. Als Stuhl und Tisch gebracht worden waren, sagte Hamza zu Abdul Mabud:

: Hier, nimm dieses Papier. Setz dich neben mich und schreibe alles auf, was dieses Mädchen sagen wird. Safwat betrat mit einer dicken Akte den Raum. Hamza nahm aus dieser Akte ein beschriebenes Blatt, gab es mir und sagte, ich solle alles, was darauf stand, als meine Aussage niederschreiben. Darin wurden unter anderem die Namen Hudaybi, Sayyid Qutb, Abdul Fattah, Hawwash und Abdul Majid erwähnt.

Ich sagte zu ihm:

: Ich werde nur das schreiben, was ich weiß. Mit irgendwelchen anderen Aussagen habe ich nichts zu tun. …Ich erkenne dies nicht als Aussagen der Ikhwan an und glaube auch nicht, dass dies im Namen der Ikhwan geschrieben oder gesagt wurde, obwohl ihr das behauptet.

Hamza sagte: »Schreib, was du willst. Wir werden dich in das Büro von Shams schicken. Dort wird es dir sehr gut gefallen, alle möglichen Strafen zu ertragen.« Diese Worte erfreuen Allah, und Er wird uns helfen. Ich wies Abdul Mabud an, all diese Worte aufzuschreiben. Am nächsten Morgen wurde ich in Shams Badrans Büro gebracht und dort hingesetzt. Shams nahm mehrere Papiere, zerriss sie und warf sie in den Papierkorb. Während er mich mit äußerst schmutzigen und obszönen Worten beschimpfte, sagte er:

: Du Mädchen! Willst du etwa alle Tatsachen leugnen? Willst du auch alles, was die Ikhwan sagen, als falsch bezeichnen? Dabei ist das, was die Ikhwan gesagt haben, ebenso glaubwürdig und logisch wie vertrauenswürdig. Auch du selbst hast zuvor viel über die Wahrhaftigkeit der Ikhwan gesagt … Du musst den Worten der Ikhwan Glauben schenken.

Ich sagte:

Ich bleibe bei dem, was ich für wahr halte. Ich werde nur das sagen, was ich gemäß meiner Überzeugung für notwendig halte. Allerdings habe ich keine Möglichkeit, die Wahrheit der Aussagen und Antworten der Ikhwan zu überprüfen. …… Ich habe alles gehört, was ihr sie unter der Peitsche zu sagen und zu schreiben gezwungen habt. Hier gibt es weder die Freiheit noch das Recht, die Wahrheit zu sagen. Als Schams meine Worte hörte, sagte er wütend:

: Hamza, nimm sie mit. Ich will ihre Leiche. …… Ich selbst werde ihren Bestattungsschein unterschreiben.

Danach sperrten sie mich in einen Raum ein. Eine Stunde später holten sie mich heraus und befahlen mir, während sie mich mit der Peitsche schlugen, neben einer Klimaanlage mit dem Gesicht zur Wand zu stehen. Ich blieb sechs Stunden lang so stehen. Mir war, als stünde ich auf einem glühenden Eisenstab. Was soll ich nur alles über die Schmerzen, das Leid und die Qualen erzählen ……

Als man mich um Mitternacht wieder in Schams’ Büro brachte, sagte er:

: Zaynab, komm, geh mit uns. Präsident Nasser wird dir vergeben. …… Die meisten Ikhwan haben ihre Schuld eingestanden. Wenn du dich uns fügst, wirst du bereits morgen früh den Präsidenten treffen und danach direkt nach Hause gehen können. Außerdem werden dir der Hauptsitz der Islamischen Frauenvereinigung und das beschlagnahmte Kapital der Vereinigung zurückgegeben, und für das Gebäude auf dem Grundstück der Vereinigung in Neu-Ägypten werden dir in der ersten Phase 50.000 Dschineh als Unterstützung gewährt. Für die Wiederveröffentlichung deiner Zeitung werden dir außerdem 10.000 Dschineh gegeben. Eine andere im Büro wartende Person fragte:

: Gibt es in Neu-Ägypten ein Grundstück der Islamischen Frauenvereinigung?

Ich sagte: Ja, das gibt es … 6.000 Quadratmeter.

Später erfuhr ich, dass dieser Mann Salih Nasr hieß.

Er fragte erstaunt, was die Organisation auf einem so großen Grundstück tun wolle. Ich sagte: Wir haben vor, ein Ausbildungsinstitut für muslimische Frauen, einen Versammlungssaal für Frauen, ein Gästehaus, ein zentrales Büro, eine Moschee, eine Schule für das Auswendiglernen des Korans, eine Einrichtung für den Koranunterricht, je eine Grund- und Oberschule sowie ein Institut und eine Akademie für Rednerausbildung zu errichten.

Er fragte:

Woher wollt ihr so viel Geld bekommen?

Ich sagte: Durch das Sammeln allgemeiner Spenden. … Außerdem werden die Arbeiten schrittweise in Angriff genommen. Nun sagte er sichtlich ermutigt:

Dann ist dies doch die goldene Gelegenheit; Präsident Nasir hat dir diese Möglichkeit verschafft. Du kannst freigelassen werden und nach Hause gehen. Deine Organisation wird wiedererrichtet werden, und dank des Vertrauens des Präsidenten werden noch viele weitere Ziele erreicht werden.

Ich sagte:

: Wir setzen unser Vertrauen einzig auf die Hilfe des erhabenen Allah. Der Glaube an Allah und die Liebe zu Ihm sind für uns weitaus wertvoller als Leib und Leben, Geld und Besitz sowie Herrschaft und Macht. Ihr aber treibt ein frevlerisches Spiel mit den Rechten und der Würde der Menschen. Wir verlangen nichts von euch. Ich habe nicht das geringste Verlangen danach, Abd an-Nasser zu sehen. Mit jemandem, dessen Hände mit dem Blut von Märtyrern wie Ismail Fawhi, Bafayat Bakr und Abd al-Qadir Audah befleckt sind … bin ich keineswegs bereit, mich zu treffen. Zweifellos wird das Blut jener Märtyrer bis in alle kommenden Zeiten seinen Anhängern des Tawhid den Weg zur Wahrheit weisen. Die kommenden Generationen werden stolz auf das Opfer dieser großen Märtyrer der Vergangenheit sein und stets eifrig ihre Pflichten erfüllen … Kaum hatte ich zu Ende gesprochen, da begannen harte Stiefeltritte und wuchtige Faustschläge auf meinen Rücken niederzuprasseln. Schließlich konnte ich es nicht mehr ertragen und fiel halb bewusstlos zu Boden! Daraufhin befahl Shams Badran:

: Hamza, bring ihn in Zelle Nummer vierunddreißig. Zelle Nummer vierunddreißig war wahrlich eine Zelle. Man könnte sie auch ein Grab nennen. Genau wie ein Grab war sie eng und dunkel. Furchtbar schrecklich. Außerdem hatte man zwei Hunde hineingelassen. Sobald ich die Zelle betrat, vollzog ich Tayammum und begann mit dem Gebet. Kaum war ein Gebet beendet, begann ich das nächste. Um die Drangsal dieser Unterdrücker zu vergessen und inneren Frieden zu finden, gibt es kein besseres Mittel und keine bessere Alternative als das Gebet. Ich flehte Allah um Hilfe an, damit Er mich vor der Tyrannei der Unterdrücker bewahre. … Trotz der unerträglichen Schmerzen in meinen Füßen, meinem Rücken und allen Knochen meines Körpers fand ich Frieden, indem ich das Gebet verrichtete. Nach einer Stunde wurde die Tür geöffnet, die beiden Hunde wurden aus der Zelle herausgeholt und ich ins Krankenhaus gebracht; doch in der Nacht, nach dem Ischa-Gebet, wurde ich wieder in Shams’ Büro geführt. Sobald er mich in das Büro gebracht hatte, sagte er: Zainab, eines Tages fand in deinem Haus eine Versammlung statt. Daran nahmen fünfzig Ikhwan aus verschiedenen Regionen Ägyptens teil.

Warum fand diese Versammlung vor drei Jahren statt?

Ich sagte:

: Wir verrichteten das Maghrib-, das Ischa- und das Tarawih-Gebet gemeinsam in der Gemeinschaft.

: Ich möchte wissen, welchem Zweck die Versammlung diente.

Ich sagte: Daran kann ich mich nicht erinnern.

: Haben sie bei dir zu Hause gefrühstückt?

: Ja, einige von ihnen hatten gefrühstückt.

: Warum fand die Versammlung statt?

Ich sagte—

: Um dem entschlossenen Eifer entgegenzutreten, mit dem die Kräfte des Falschen in unserem Land und unserer Gesellschaft atheistische Ideen verbreiteten, studierten und diskutierten wir über islamische Ideale.

Er fragte: Aber warum gerade in deinem Haus?

: Weil ich durch die Gnade Allahs ebenfalls Muslim bin, deshalb.

Er wollte wissen, was das Falsche, der Islam und der Atheismus seien.

Ich erklärte es ihm—

: Du musst auf dem Weg sicherlich gesehen haben, dass in jedem Laden, ja sogar auf den Gehwegen, obszöne Zeitschriften sowie Bücher und Magazine zur Verbreitung des Kommunismus zu Spottpreisen verkauft und verteilt werden. Und……

Er ließ mich nicht weiterreden und sagte-

: Genug, genug, was für ein Unsinn. Nenne mir jetzt die Namen der versammelten Leute. Ich sagte, dass ich mich nicht an die Namen aller erinnern könne.

Er fragte-

: Ein Mann erhob sich aus der Versammlung, traf sich mit Huzaybi und nahm später telefonisch Kontakt zu Huzaybis Haus auf. Danach ging er fort. Wer war dieser Mann?

Ich sagte-

: Ich erinnere mich nicht. Soweit ich mich jedoch erinnere, bat dieser Mann mich um Erlaubnis, Herrn Huzaybi zu treffen. Na und, was ist damit?, fragte er erneut-

: Warum habt ihr euch versammelt? …… Und ja, ich mache dir die Antwort leicht. …… War derjenige, der zu Huzaybi gegangen war, nicht Abd al-Fattah Sharif? …… Wenn du nicht die richtige Antwort gibst, wirst du aufgehängt. …… Ihr wart euch einig, die Regierung zu stürzen und Nasser zu töten. Ich sagte-

: Wir waren uns darin einig gewesen, gegen Unwissenheit, Atheismus, Obszönität und Kommunismus vorzugehen und durch die Verbreitung der Lehren des Korans die Muslime darauf vorzubereiten, ihr Leben gemäß dem Koran und der Sunna zu führen. Er verzog das Gesicht und sagte:

: Was ist dann die Aufgabe von al-Azhar? Sag mir, worin besteht die Verantwortung der al-Azhar-Universität? Dann rief er Safwat zu sich und sagte:

: Safwat, häng ihn kopfüber auf und gib ihm die Peitsche.

Die Hiebe der Peitsche setzten ein, und ich ertrug die heftigen, schneidenden Schläge, während ich immer wieder „Allah, Allah“ sagte, bis ich das Bewusstsein verlor.

Fünftes Kapitel

Folter in Anwesenheit Nassers

Als ich wieder zu mir kam, sah ich, dass viele Menschen mich umringten. Ich lag eiskalt auf dem Fußboden ausgestreckt. Nachdem man mir Medikamente gegeben hatte, blickte ich irgendwie zu den Anwesenden hinüber und sah Präsident Nasser auf der einen Seite stehen, die Hand auf die Schulter Abd al-Hakim Amers gelegt; in seiner Hand hielt er eine schwarze Sonnenbrille. Als ich Präsident Nasser und Abd al-Hakim sah, vergaß ich meine Schmerzen und spürte, wie eine neue Wachheit meinen Körper und meinen Geist durchströmte. In Gedanken bereitete ich mich darauf vor, der Situation entgegenzutreten. Man gab mir eine Schale Saft, die ich trank. Danach hoben mich einige Männer vom Boden auf und setzten mich auf einen Stuhl. Sie gaben mir auch eine mit Kaffee gefüllte Thermoskanne. Doch dafür hatte ich kaum Interesse.

Angesichts der Umgebung nahm ich ganz selbstverständlich an, dass etwas Wichtiges bevorstand. Schams Badran begann das Gespräch mit den Worten:

: Sieh, Zainab; ich will auf jede meiner Fragen eine klare Antwort. Sonst … Zainab, nehmen wir an, die Muslimbruderschaft regiert im Land und wir stehen als Angeklagte vor euch – wie würdet ihr uns behandeln?

Ich sagte mit aller Kraft und allem Mut:

: Wir gehören nicht zu denen, die sich selbst Unrecht zufügen. Wir sind nicht bereit, unsere Hände für irgendeine böse Tat zu gebrauchen, wie die Unterdrücker ihre Hände für böse Taten einsetzen. Wir wollen unsere Hände nicht mit Blut beflecken. Wir hegen auch keinerlei Verlangen danach, auf dem Sitz der Unterdrücker Platz zu nehmen.

Er sagte drohend:

: Halt! Ich frage dich: Wenn du an meiner Stelle die Besitzerin dieses Stuhls wärst, wie würdest du mich behandeln?

Ich sagte mit ruhiger Stimme:

: Wir sind Menschen, die nach der Wahrheit streben, und wir suchen und beschreiten den Weg der Wahrheit. Es ist nicht unser Ziel, staatliche Macht zu erlangen; vielmehr tragen wir das Banner von „La ilaha illallah“ und sind mit Leib und Seele dem Schutz der Würde dieses Glaubensbekenntnisses und dieses Banners gewidmet. Wahrlich, Allah hat die Leben und das Vermögen der Gläubigen im Tausch gegen das Paradies erkauft. Schams Badran sagte mit zusammengebissenen Zähnen:

: Schweig, Mädchen! Ich frage noch einmal: Wenn die Macht in eure Hände gelangt, wie würdet ihr uns behandeln?

sagte ich mit ruhiger, gelassener Stimme –

: Wir streben nicht nach Macht. Auch höhere Ämter sind nicht unser Wunsch; vielmehr werden wir unsere Pflicht, jedem Menschen die Lehren und die Botschaft des großartigen islamischen Ideals zu vermitteln, aktiv erfüllen, solange auch nur ein Tropfen Blut in unserem Körper verbleibt.

…… Wir sind dazu verpflichtet, Allah anzubeten und Allahs Religion in Seiner Welt zu verwirklichen. Wir sind fest entschlossen, eine islamische Erweckung herbeizuführen und das Licht des Islam überall zu verbreiten. Schams sagte, vor Wut bebend –

: Sei still … sei still …… Hör auf! Ich will eine Antwort auf eine Frage. Stell dir vor, du würdest auf dem Stuhl sitzen, auf dem ich sitze, und ich würde vor dir als Angeklagter stehen; wie würdest du dann mit mir umgehen?

sagte ich mit ebenso natürlicher Stimme –

: Die Errichtung einer islamischen Herrschaft kann mitunter viele Zeitalter dauern. Wir wollen keine überstürzten Schritte unternehmen. …… An dem Tag, an dem ein islamischer Herrscher eingesetzt sein wird, werden muslimische Frauen von ihrem angestammten Platz aus die größere Verantwortung für den Aufbau der Nation übernehmen.

Schams schrie wie ein Wanderer, der sich in der Wüste verirrt hat –

: Du da …… Stell dir vor, du würdest an meiner Stelle sitzen; wie würdest du dann mit mir umgehen? Ich sagte –

: Der Islam ist das Ideal von Gerechtigkeit, Rechtschaffenheit, Barmherzigkeit, Großmut und universeller Gleichheit. Hier gibt es keinen Raum für abscheuliche Strafen wie Peitsche und Riemen, Folter im Gefängnis, Verbannung, lebendige Beerdigung, Unterdrückung, die Vermehrung der Zahl von Waisen und Witwen und dergleichen. Das islamische Gerichtswesen gründet auf Wahrheit und Vernunft. Hier gibt es keinen Platz für Ungerechtigkeit oder Unterdrückung. Wahrheitsbasierte Argumente und Beweise sind der Kern des islamischen Gerichtswesens. Nun sagte Shams wie ein zu Boden geschleuderter Ringer:

: Halt, halt! Safwat, häng ihn auf und peitsche ihn aus. Safwat ließ mich aufhängen und begann, meinen ganzen mit Verbänden umwickelten Körper zu peitschen. Blut rann herab. Und ich verlor allmählich das Bewusstsein. Nachdem der Arzt geraten hatte, mich loszulassen, sagte er:

: Das ist ein schrecklicher Zustand! Davon wird er sterben.

Shams schrie:

: Dummkopf; Schwindelei … Ein anderer Offizier sagte:

: Wir wollen ihn am Leben erhalten, um ihn vor Gericht zu stellen.

Shams sagte –

: Ja, ja, auch wir wollen, dass er lebendig vor Gericht erscheint und die Nation von ihm eine Lehre erhält.

Der Arzt sagte:

: Einige Medikamente sind dringend erforderlich, aber wir haben sie nicht.

Shams sagte:

: Lass sie aus der medizinischen Vorratsapotheke des Beraters Amer holen.

Danach wurde ich ins Krankenhaus gebracht. An die übrigen Ereignisse jener Nacht erinnere ich mich nicht. Doch in Anwesenheit von Präsident Nasser und Abd al-Hakim sagte ich während des Frage-und-Antwort-Verhörs mit Shams Badran alles, was ich zu sagen hatte.

 

Die eigentliche Verschwörung: Gerüchte

Um ihr Ziel zu erreichen, mussten sie mich noch einige Tage am Leben erhalten; deshalb wurde ich behandelt. Ich stand als Angeklagter vor Leuten, deren Beruf und Leidenschaft darin besteht, falsche Fälle zu konstruieren, Unschuldige für schuldig und Schuldige für unschuldig zu erklären und sie auf den Ehrenplatz von Helden zu erheben. Um ihre persönlichen Interessen zu verwirklichen, können diese Leute jedes Mittel einsetzen. Schauspielerei, Gewalt und Zwang, Gier, Täuschung und Verrat sind ihnen besonders vertraut. Dass man mir Medikamente verabreichte, um mich für das Erscheinen vor Gericht zu befähigen, war daher keineswegs erstaunlich.

Nachdem ich drei Tage lang bewusstlos gewesen war und am Nachmittag des vierten Tages wieder zu mir kam, hörte ich aus der benachbarten Zelle von Bruder Ahmad die Stimmen von Murad und Safwat. Sie fragten ihn nach der Adresse von Saiful Islam al-Banna. Er wurde gezwungen, ihnen die Adresse mitzuteilen. Etwa drei Stunden später kamen sie wieder zu Bruder Ahmad Kamal zurück und verlangten die Adresse des Büros von Saiful Islam al-Banna. Saiful Islam al-Banna ist der Sohn des Märtyrer-Imams Hasan al-Banna. …… Ich betete zu Allah für die Sicherheit jedes einzelnen Mitglieds ihrer Familie. Denn seine Mutter litt an einer Herzerkrankung, und Saiful Islam kümmerte sich allein um die gesamte Familie. Ich bat Allah darum, dass all diese Verschwörungen dieser Unterdrücker gegen die Mitglieder dieser angesehenen Familie scheitern mögen.

Als man mich später auf einer Trage in Schams Badrans Büro brachte, blieb mir nach einer seiner Fragen nichts anderes übrig, als zu glauben, dass sie auch Saiful Islam festgenommen und in diesem Militärgefängnis eingesperrt hatten. Das versetzte mich in große Sorge.

In diesem Augenblick rief Schams Hamza zu sich und sagte:

: Ich hatte dir gesagt, dass dieses Mädchen nicht lebend in mein Büro gebracht werden soll. … Sieh nur, sie atmet immer noch.

Dann sah er mich an und sagte:

: Du bist immer noch am Leben? Aber warum? …

Ich sagte zu ihm:

: Leben und Tod liegen weder in deiner noch in meiner Hand. Vielmehr entscheidet Allah über Leben und Tod. Er brüllte: Genug, genug, sei still. Ich will nur die Antwort auf meine Frage. … Sag mir, welche Angehörigen des Militärs Nasser auf dem Weg nach Alexandria töten wollten. Hassan Khalil sagte zu Schams:

: Erlauben Sie mir, Pascha, die Sache zu erklären. Als Schams mit einem Kopfnicken seine Erlaubnis gab, sagte Hassan:

: Ein Mann war zu dir gekommen und hatte dir erzählt, dass eine Gruppe von Soldaten in der Wüste auf der Lauer lag, um Nasser auf dem Weg nach Alexandria in einem Fahrzeug zu ermorden. Wer hatte dir von diesem Vorfall erzählt, und wer saß in dem Jeep, um Nasser zu ermorden?

Shams Badran sagte: Jetzt antworte schnell.

Ich sagte:

: Wegen welch nichtiger und geringfügiger Dinge fügt ihr den Menschen aus bloßem Verdacht heraus unsägliches Leid zu. Allah möge euch vernichten! …… Geht zugrunde, und der Fluch der ganzen Nation soll auf euch liegen…….

Die Antwort auf diese Worte war dieselbe: eine schreckliche Tracht Prügel mit der Hunterpeitsche. Ich wurde so erbarmungslos geschlagen, dass die Bandagen aufplatzten und Blut herabzuströmen begann.

Meine Knochen waren gebrochen und völlig zerschmettert.

Shams sagte:

: Wenn wir dich aufhängen, wirst du ohnehin sterben … Wenn du uns allerdings den Vorfall ausführlich schilderst, werden wir dir vergeben. …… Sag schon, erzähl den Vorfall von Anfang an. Sag, was Saif dir erzählt hat.

Ich äußerte erstaunt: „Oh, jenes von Saif geschilderte Gerücht?“

Shams stürmte auf mich zu, trat mich, fletschte die Zähne und sagte: „Ja, genau dieses Gerücht.“

Ich sagte –

: Als ich im Haus des Märtyrers Hasanul Banna war, kam Saif und sagte, die Leute würden über ein Gerücht reden … Nämlich, dass einige Angehörige des Militärs sich mit einem Jeep versteckt hätten, um Nasser auf seiner Fahrt nach Alexandria im Auto zu töten. Doch im letzten Augenblick wurde Nassers Reiseroute geändert, und Nasser fuhr mit dem Zug. Das Merkwürdige war, dass der Jeep entkam und jene Leute nicht identifiziert werden konnten.

Ich sagte zu Saif –

: In Wirklichkeit ist das ein Gerücht; ich glaube nicht, dass dort irgendein Jeep auf diese Weise auf der Lauer lag. Vielmehr ist die ganze Geschichte vom Geheimdienst erfunden worden. Auf diese Weise verbreiten sie fast täglich Gerüchte über Anschlagspläne zur Ermordung Nassers. Und täglich höre ich von der Verhaftung Tausender militärischer und ziviler Personen auf Grundlage künstlich erzeugter Gerüchte.

Saif sagte –

Ja, ja, es ist schlicht und einfach nichts als ein Gerücht, und auch die Bevölkerung hat es als Gerücht aufgefasst. Ich sagte –

: Niemand denkt daran, ihn zu töten. Denn die Ermordung eines tyrannischen Unterdrückers löst das Problem nicht. Das eigentliche Problem ist noch gravierender als die Ermordung Nassers. Es besteht darin, das Land aus dem Würgegriff unwissender, gottfeindlicher und tyrannischer Herrscher zu befreien.

Saif sagte, die Menschen sollten ihre Aufmerksamkeit auf die Läuterung ihres Charakters und ihre persönliche Schulung richten. Ich sagte:

: Wie dem auch sei, wer hat dieses Land durch Gerüchte zugrunde gerichtet? Das Volk ist heute sogar zu der Ansicht gelangt, Gerüchte seien etwas, worauf man sich stützen könne. …… Denn auf der Grundlage solcher Gerüchte wurden viele tapfere Männer und verantwortungsvolle Persönlichkeiten ermordet. Danach endete mein Gespräch mit Saiful Islam. Shams Badran sagte:

: In deinem Haus haben Abd al-Fattah und Ali Usmabi über diesen Vorfall gesprochen und den Plan deiner Verschwörung sowie dessen Fehler und Mängel überprüft – aber warum?

Ich antwortete:

: Das ist nicht geschehen. Ich hatte Bruder Abd al-Fattah lediglich erzählt, was ich von Saiful Islam gehört hatte, nämlich dass dieses Gerücht……

Kaum hatte ich dies gesagt, begann ein Hagel aus Tritten und Faustschlägen. Shams fragte:

: Warum hattest du Hudaybi von diesem Vorfall erzählt? Warum redest du überhaupt darüber, wer was sagt oder nicht sagt?

Ich sagte:

: Das stimmt, aber warum sollte sich irgendjemand deswegen den Kopf zerbrechen?

Schon wieder ein Schlag mit dem Hunter.

Shams sagte nun:

Wie dem auch sei, wir werden nun das Thema Saif beiseitelassen und über etwas anderes sprechen……

: Sag mir, Abdul Aziz Ali habe bis zu Sayyid Qutbs Freilassung aus dem Gefängnis die organisatorische Verantwortung der Ikhwan wahrgenommen…… Sag mir, wie das geschehen konnte?

Ich sagte: Das stimmt nicht.

Er fragte:

: Warum sollte das nicht stimmen? Er hielt Treffen mit Abd al-Aziz, Ali Usmabi, Abd al-Fattah, Zia, Yahya, Sajli und Majid ab und traf ihn nach der Freilassung von Sayyid Qutb mehrmals.

Ich erwiderte:

: Von diesen Treffen weiß ich überhaupt nichts.

Shams sagte –

: Wer sollte davon wissen, wenn nicht du? Du warst über diese Treffen selbstverständlich informiert.

Ich sagte: Das ist eine falsche Anschuldigung.

Shams fuhr mich an und sagte:

: Ich werde dir gleich zeigen, was Spaß ist … Du bist nicht in der Lage, dein eigenes Wohl und Wehe zu erkennen, und du machst auch von deinem Verstand und deiner Vernunft keinen Gebrauch. …

Einer seiner Schmeichler unter den Anwesenden sagte:

: Wenn einer hitzig wird, muss der andere sich zurückhalten …

Pascha; warten Sie eine Minute. Ich versuche es.

Dann wandte er sich mir zu und sagte –

: Zainab; Huzaybi und Abd al-Aziz haben beide alles gestanden. Jetzt gibt es keine Möglichkeit mehr, es abzustreiten. Ismail sollte das von Abd al-Aziz hergestellte Gift verwenden, um Nasser zu ermorden. Was geschah bei dem Giftanschlag, und wie wurde in dieser Angelegenheit Einigkeit erzielt?

Ich sagte laut:

: Ihr seid alle vom Gedanken besessen, Nasser zu ermorden. Wenn ihr ihn wirklich töten wollt, dann tötet ihn und lasst uns frei. Sorgt dafür, dass ich Abd al-Aziz und Imam Huzaybi treffen kann.

Sie sagten: Nein, wir werden dich zuerst mit Ali Usmavi zusammentreffen lassen.

Ich sagte: Ali Usmavi ist ein erstklassiger Lügner. Er ist euer Handlanger; ich werde nicht mit ihm sprechen.

Shams Badran fragte: Ist Ali Usmavi nicht einer von euch?

Ich ging auf seine Frage nicht ein und sagte:

: Sorgt dafür, dass ich den verehrten Abdul Aziz und Herrn Imam Huzaibi treffen kann. Hasan Khalil sagte:

: In Ordnung, wir werden dich mit ihnen zusammentreffen lassen.

Shams Badran sagte:

: Wann hast du dich in seiner Gegenwart mit Hasan Huzaibi über die Führung der Ikhwan beraten?

Ich sagte: Ein solches Gespräch hat nicht stattgefunden.

Shams schickte Safwat, um Ali Usmabi zu holen.

Ali Usmabi kam äußerst elegant gekleidet. Seine feinen Seidengewänder, sein sorgfältig gekämmtes Haar und seine freundliche Art legten allesamt Zeugnis von seinem Verrat an uns ab.

Shams sagte in liebevollem Ton zu ihm:

: Ali, als Zaynabs Bein gebrochen war, wurdest du zu Huzaybis Tochter geschickt, um seine Meinung in dieser Angelegenheit einzuholen, ohne aus dem Wagen auszusteigen. Warum wurde das so gemacht?

Ali Usmabi sagte:

: Ja, ich ging zu Herrn Huzaybis Tochter und sagte ihr, sie solle ihren Vater nach seiner Meinung über das Vertrauen in Abdul Aziz fragen. …… Sie brachte die Meinung und Unterstützung von Herrn Huzaybi für die Wahl Abdul Aziz’ zur kommissarischen Führung mit.

Shams fragte mich:

: Und was meinst du jetzt, Zaynab?

Ich sagte, an Ali Usmabi gewandt:

: Du bist ein ganz besonders großer Lügner … In Wirklichkeit hattest du mir gesagt, dass ein Ikhwan-Mitglied beabsichtige, um die Hand von Abdul Aziz’ Enkelin anzuhalten, und dass es diesbezüglich die Meinung von Herrn Huzaybi einholen wolle. Zufällig war ich gerade mit dem Wagen unterwegs, da stiegst auch du in meinen Wagen ein. Ich hatte dir gesagt, dass ich mit meinem verletzten Fuß nicht bis zu Herrn Huzaybis Haus gehen könne … Als Herr Huzaybi den Heiratsantrag hörte, sagte er, über die Familie Abdul Aziz’ gebe es nichts zu erfragen … Man könne sie wahrhaftig eine muslimische Familie nennen … Allah wird diese Ehe segnen.

Shams fragte: Ali, stimmt das, was er sagt?

Ali Usmabi sagte: Pascha, das sind seine Fachausdrücke. Zaynab versteht sich sehr gut darauf, solche Fachausdrücke zu verwenden.

Nachdem ich ihn gehört hatte, sagte ich ihm direkt:

: Ali, du bist ein erstklassiger Lügner und ein Verräter. Eines Tages wirst du für deine verübten Schandtaten ganz gewiss Schande erleiden. … Die Ikhwan werden am Galgen aufgehängt; unaufhörlich regnen Riemen und Peitschen auf sie herab, Hunde werden auf sie losgelassen – und noch viele andere grausame Misshandlungen werden ihnen zugefügt. Und du spielst die Rolle ihres angeheuerten Handlangers. Deshalb glauben sie deinen Worten.

Shams befahl Ali zu gehen und sagte:

: Zaynab, wir geben dir die letzte Gelegenheit. Berichte mir ausführlich über Abdul Aziz’ Beziehung zur Organisation. Lege offen, welcher Briefwechsel zwischen Huzaybi und Abdul Aziz über dich geführt wird.

Ich ging auf diese Dinge nicht ein und sagte:

Ich bitte nachdrücklich darum, Herrn Abd al-Aziz und Herrn Hujaybi treffen zu dürfen.

Shams Badran rief Safwat zu sich und sagte:

Bring ihn von hier weg, bis Abd al-Aziz und Hujaybi gebracht worden sind.

Safwat ließ mich eine Weile vor einer Wand stehen und brachte mich dann wieder in Shams’ Büro. Doch weder Abd al-Aziz noch Hujaybi waren dort anwesend. Ich fragte …

Wo sind die Herren Abd al-Aziz und Hujaybi?

Shams erwiderte gereizt: Sollen wir etwa nach deinen Anweisungen handeln? Wir werden jeweils denjenigen herbeirufen, den wir zu dem betreffenden Zeitpunkt für nötig halten. … Wie ich sehe, müssen wir dir wohl wieder dieselbe Strafe wie zuvor auferlegen.

Ich sah in sein verfluchtes Gesicht und sagte:

: Wenn du schon Allah nicht fürchtest, wie sehr wirst du dich dann vor Menschen schämen?

Hasan Khalil kam und sagte: Hör zu, Mädchen, nimm meine Hilfe an. Der Pascha will dich dem Gericht übergeben.

Ich fragte: Gericht? Was für ein Gericht? Wer seid ihr?

Shams sagte:

: Wir werden dich darauf vorbereiten, vor Gericht gestellt zu werden.

Ich sagte spöttisch:

: Das ist wahrlich eine Vorbereitung darauf, vor Gericht gestellt zu werden! Peitschen, Geißeln, Hunde, Feuer- und Wasserzellen, mich wie ein geschlachtetes Tier kopfüber aufzuhängen und zu verprügeln, mich mit obszönen, schmutzigen Worten zu beschimpfen, mich Hunger und Durst leiden zu lassen, mir über lange Zeit nicht zu erlauben, meine Notdurft zu verrichten, mich unter dem Namen der Untersuchung Tag und Nacht von Büro zu Büro zu schicken und zu schikanieren, bestialische Folter anzuwenden, mechanisch harte Strafen zu verhängen – mit solchen grausamen Methoden wird wohl meine Vorbereitung darauf betrieben, mich vor ein ägyptisches Gericht zu stellen.

Mohammed Qutb

Im Büro von Schams sagte Hasan Khalil: „Bevor wir mit den Gerichtsverhandlungen beginnen, möchten wir die Angelegenheit der Organisation von Muhammad Qutb abschließend erörtern, um danach das Problem von Dr. Masud zu behandeln.“

Schams tat plötzlich so, als hätte er einen verlorenen Gegenstand wiedergefunden oder sich an etwas Wichtiges erinnert, und sagte in gespielter, theatralischer Weise: „Ach ja, diese Organisation Qutbs …?“

Ich sagte:

„Ich habe bereits gesagt, dass Muhammad Qutb keine Organisation gegründet hat. Er ist ein Schriftsteller und Denker. Seine Aufgabe besteht darin, den Menschen den Weg zur Wahrheit zu weisen, einen geraden und einfachen Weg. Er widmet sein literarisches Talent dazu, die Nation hinsichtlich der Probleme der Muslime und ihrer Lösungen sowie der Entwicklungsstufe, die sie gerade durchlaufen, wachsam und bewusst zu machen. … Es ist schließlich das grundlegende Recht eines jeden Menschen, seine Gedanken und Ansichten zum Ausdruck zu bringen.“

Schams Badran sagte ungeduldig:

„Hamza, bring sie weg. Ich habe den Eindruck, dass sie wieder zu jenem Wasser, Feuer, den Hunden und der Peitsche zurückkehren möchte.“

Hamza brachte mich ein Stück vom Büro Schams’ weg, sperrte mich in einem Raum ein und ging. Eine halbe Stunde später kam Hasan Khalil und sagte:

„Hör zu, Zaynab! Ich bin gekommen, um dir einen guten Rat zu geben. Ich mache mir Sorgen, weil du dich auf diese Weise ins Verderben stürzt. … Alle Ichwan haben einen Weg gefunden, sich zu retten. … Wir hatten hunderttausend Menschen verhaftet. Jetzt sind jedoch nur noch zwanzigtausend bei uns. Inzwischen haben alle ihre jeweiligen Vergehen gestanden. Diejenigen, die um Vergebung bitten, werden freigelassen. Sogar Männer wie der Murschid al-ʿAmm Hasan Huzaybi, Abd al-Fattah Ismail und Sayyid Qutb haben ihre Schuld eingestanden und um Vergebung gebeten. Und du versuchst ausgerechnet, den Murschid al-ʿAmm zu retten, obwohl er zahlreiche Vorwürfe gegen dich erhoben hat. Du stürzt dich für Menschen ins Verderben, die sich dir widersetzen. Du solltest deine Meinung ändern. Denn sie haben dich für alle Ereignisse verantwortlich gemacht. Huzaybi, Sayyid Qutb, Abd al-Fattah, Muhammad Qutb und alle übrigen Ichwan verurteilen dich. … Trotz der Beschimpfungen und der schlechten Behandlung durch Pascha, Hamza, Safwat und andere erschien uns deine Haltung anerkennenswert. Als die Ichwan dich beschimpften, hielten wir sie für verachtenswert, und unsere Achtung vor dir wuchs immer weiter … Sieh, Pascha erwägt, dich erneut streng zu bestrafen. Ich habe jedoch die Verantwortung übernommen, eine Einigung mit dir zu erzielen … Deshalb möchte ich Pascha eine solche Stellungnahme von dir überbringen, durch die du aus dieser Gefahr gerettet werden kannst.“ Nun sagte er mit fragendem Blick:

: Hast du zweimal wöchentlich oder wenigstens einmal mit Huzaybi zu Mittag gegessen? Das hat auch Huzaybi zugegeben; und du hast seine Anweisungen und Ratschläge an Abd al-Fattah Ismail weitergeleitet. Ich hoffe, du wirst uns Beispiele für diese Ratschläge liefern. Sowohl Abd al-Fattah als auch Huzaybi haben zugegeben, dass du, seit Sayyid Qutb aus dem Gefängnis freigelassen wurde, als Verbindungsmann zwischen ihm und Huzaybi fungiert hast. Sieh, Zaynab, wir reden nicht grundlos.

Er hatte ein beschriebenes Blatt Papier in der Hand. Er sprach, während er es ablas. Danach sagte er weiter:

: Zum Beispiel war das Geld der Organisation bei dir hinterlegt, und du hast dieses Geld an Huzaybi geschickt. Das Geld kam wieder zu dir zurück; du hast es jedoch erneut zu Huzaybis Haus gebracht. Später kam das Geld wieder zu dir zurück; auch Huzaybi hat dies erwähnt. Gibt es irgendeine Möglichkeit, diese Dinge zu leugnen? Alle Geheimnisse sind ans Licht gekommen, Zaynab! Jetzt fehlt nur noch dein schriftliches Geständnis. Sicherlich wirst du all diese Dinge und noch anderes schriftlich festhalten. Danach werden wir dich vor Gericht bringen. Dort wird dies alles untersucht werden. Schon zwei Tage später wirst du freigelassen und zum Minister für soziale Angelegenheiten ernannt werden. …… Hekmat Abu Zayd wird jetzt nicht mehr geschätzt …… Was meinst du? Kaum hatte er dies gesagt, klingelte er, und ein Soldat erschien. Er beauftragte ihn, Zitronensaft zu holen, und begann, mit mir über andere Themen zu sprechen. …… Als der Soldat mit zwei Gläsern Zitronensaft zurückkam, bat er mich, davon zu trinken. Danach befahl er dem Soldaten, zwei Tassen Kaffee zu bringen, und setzte seine Ausführungen fort. Ich schwieg die ganze Zeit und hörte ihm zu. Ich erkannte, dass er sich ziemlich sicher fühlte. Beim Weggehen sagte er zu dem Soldaten: Du wirst Zaynab unterstellt sein. Dann sah er mich an und sagte:

In einer Stunde wirst du in Paschas Büro gerufen werden. Bis dahin denk gründlich über dein Wohl und Wehe nach. Ich setzte mich zum Schreiben hin, und meine Feder eilte über das Papier.

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Meine Sprache ist wahrlich unfähig, Allah, dem Erhabenen, den gebührenden Lobpreis und Dank für Seine unendliche Gnade darzubringen. Trotz meiner zahllosen Unzulänglichkeiten hat Er mich für den Dienst an Seiner Religion auserwählt; Er hat mir die Kraft und die Möglichkeit gegeben, auf dem Weg zu gehen, den Er für Seine geliebten Diener erwählt hat.

In Wahrheit sind der Weg und die Lehre des Korans und der Sunna der Weg der wahren Wahrheit, des Friedens und der Schönheit. Auch Allah hat die gesamte Menschheit auf diesen Weg gerufen und gesagt: „O ihr Menschen, von eurem Herrn ist zu euch etwas gekommen, das für euch der beste Weg und die beste Ermahnung ist.“ Allah hat ferner gesagt: „O ihr Menschen, dient eurem Herrn; Er ist es, der euch und die Menschen vor euch erschaffen hat.

Ich spreche Allah, dem Erhabenen, meinen Dank aus, der mir das Glück geschenkt hat, gemäß Seinem Gebot geformt zu werden: „O unser Herr, wir haben einen Rufer gehört, der zum Glauben gerufen hat. Er sagte: ‚O Menschen dieser Welt, glaubt an euren Herrn.‘ Wir haben seinem Ruf Folge geleistet und den Glauben angenommen.“ Ich verkünde den Lobpreis und die Erhabenheit des überaus barmherzigen Allahs, in dessen Wort ich Zuflucht im Schatten gefunden habe: „Gewiss, Allah hat den Gläubigen ihr Leben und ihr Vermögen im Tausch gegen das Paradies abgekauft.“ Ihm bringe ich unendlichen Dank dar, denn Er hat mich in die Reihen der gläubigen Männer und Frauen aufgenommen und mich gemeinsam mit ihnen auserwählt.

„Dank sei dem barmherzigen Allah, der mir die Inspiration geschenkt hat, Seine Religion und Seine Lehre zu verkünden, die Menschen auf den Weg der Religion zu rufen und mein Leben auf dem Weg der Religion im Dschihad zu opfern, und der mir die Fähigkeit verliehen hat, Zeugnis von der Wahrheit des Wortes Allahs abzulegen.“ Allah hat gesagt: „Die Gläubigen haben das Paradies im Austausch für ihr Leben und ihren Besitz erworben. Sie kämpfen auf Allahs Weg, töten und erlangen das Martyrium.“ Allah hat ferner gesagt: „Ihr seid die beste Gemeinschaft auf Erden. Ihr seid dazu erschaffen worden, die Wahrheit und die Gerechtigkeit zu errichten und euch gegen die Lüge und das Falsche zu stellen.“

„Ich erkläre mit unmissverständlicher Stimme und klar, dass Allah Einer und Einziger ist. Es gibt keine Gottheit außer Allah, Er hat keinen Teilhaber, und Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) ist Allahs Diener und Sein Gesandter.“ Wir sind die Träger und Bewahrer beider Seiten und der Bedeutung dieses Bekenntnisses des Glaubenszeugnisses. Wir sind damit beauftragt, den Koran Allahs, Seine Anweisungen und Seine Vorschriften zu bewahren und umzusetzen. Allah hat gesagt: „Wir haben dir den Koran herabgesandt, damit in der Gesellschaft der Menschen die Herrschaft der Gerechtigkeit errichtet werde.“ Wir folgen dem Weg, den der geliebte Prophet Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) seiner Umma gewiesen hat. Der geliebte Prophet sagte: „Errichtet in der menschlichen Gesellschaft Wahrheit und Gerechtigkeit im Lichte dessen, was Allah euch gegeben hat.“ Wir sind fest entschlossen, die Gebote und Anweisungen Allahs und Seines Gesandten buchstabengetreu zu befolgen.

O Allah! Sei Zeuge, dass wir auf Deinem Weg standhaft und unerschütterlich geblieben sind. Es hat keine Veränderung in uns gegeben. O Gott, hilf uns daher im Dschihad gegen all jene ungerechten und tyrannischen Unterdrücker, die Schirk begehen, Deinen Koran beiseiteschieben, Deiner Religion feindlich gegenüberstehen und gegen diejenigen Krieg führen, die auf dem Weg Deiner Religion wandeln, das Banner Deines Korans tragen und den Grundsätzen Deines Gesandten folgen.

O Gesandter al-Amīn! So werde ich mein Leben führen und so vor dich treten. O Allah, nimm mich in die Reihen der wahren Muslime unter den Anhängern des Tauhīd auf und unter jene, die dich fürchten und sich vor dir schämen.

O Gott, gib mir Kraft. Lass mich nur um Deinetwillen lieben, um Deinetwillen hassen und auf dem Weg Deiner Zufriedenheit Dschihad führen. O Menschen! Dies ist unser Lebensweg. Danach tut, was ihr wollt. …… denkt darüber nach. Aber ich habe die Verantwortung übernommen, eine Verständigung mit dir herbeizuführen … Daher möchte ich Pascha eine Haltung von dir überbringen, durch die du aus dieser Gefahr gerettet werden kannst. Mit voller Einsicht und vollkommener Aufrichtigkeit rufe ich euch auf Allahs Weg. Versucht daher nicht vergeblich, mich zu einem Teilhaber eurer Schwäche zu machen, mich im Dunkel des Unglaubens und der Verirrung stolpern zu lassen und mich in einen Krieg gegen den Islam und die Muslime zu verwickeln. Ich bin von all euren Missetaten völlig frei und werde bis zum letzten Augenblick meines Lebens bereit sein, eure Lüge und euer Falsches zu bekämpfen.

Unterschrift –

Zaynab al-Ghazali

Kaum war Hamza in den Raum eingetreten, sagte er –

: Bravo, Zainab! Wenn Allah es will, wird unser Herr dir behilflich sein. Die einzige Bedingung ist, dass du auf deine eigenen Interessen achtest. …… Dein Mann Salem ist ein äußerst guter Mensch. …… Er ist ein enger Freund von mir. …… Wer weiß, wie du zur Beute der Ikhwan geworden bist!…… Ach ja, bist du mit deinem Schreiben fertig?

Er nahm die Papiere in die Hand und sagte: Komm, geh mit mir in das Büro des Paschas. Wir gingen in Richtung des Büros von Schams. Als Schams Badran mich sah, heuchelte er Freude und sagte: Komm, Zainab, setz dich.

Er befahl, mir Scherbet und Kaffee zu bringen, und widmete sich der Lektüre meiner schriftlichen Ausarbeitung. Die Veränderungen in seinem Gesicht verrieten seine Gedanken und Gefühle. Angesichts der Lage war mir klar, dass er jeden Augenblick explodieren würde. Tatsächlich nahmen seine beiden Augen die Farbe eines Feuerofens an, und während er mit den Zähnen knirschte, fragte er mit einem hässlichen Schrei:

W-a-s i-s-t d-a-s……? …… Safwat, tausend Peitschenhiebe. Dieses Mädchen hat sich über jeden Einzelnen von uns lustig gemacht und ihn verhöhnt. Wo wart ihr alle?

Bis dahin hatte der Giftregen der Hunterpeitsche bereits eingesetzt. Schams schleuderte die Papiere zu Boden und sagte:

: Dieses Mädchen stellt sich dem Wissen und Verstand von uns allen als Herausforderung entgegen. Sie ist offenbar eine außergewöhnliche Schriftstellerin und Rednerin. Beide meine verletzten Beine waren bandagiert; jeder Teil meines Körpers hatte bereits mehr Peitschen- und Hunterhiebe ertragen, als er verkraften konnte, doch trotzdem hängten sie mich wieder wie ein geschlachtetes Tier kopfüber auf. Auf Befehl des vor Wut rasenden Schams Pascha ließ er unzählige unerträgliche Peitschenhiebe auf meinen schwachen, von Verletzungen übersäten Körper niedergehen.

Als der Arzt sah, dass aus meinem ganzen Körper, sogar durch die Bandagen hindurch, unaufhörlich Blut floss, befahl er, mich sofort herunterzulassen. Man ließ mich bis zu einer Stunde vor Schams’ Büro liegen. Danach wurde ich auf einer Trage ins Krankenhaus gebracht.

Murad und Hamza sagten:

: Nach Ansicht der Ärzte stehst du am Rande des Todes. Unserer Ansicht nach müssen wir dich jedoch vor Gericht bringen. Denn so kannst du selbst das Todesurteil hören und sterben. Morgen früh werden wir dich dem Ministerium für Recht und Justiz übergeben. Merk dir gut: Wenn du nicht gemäß der vom Ministerium für Recht und Justiz festgelegten Anordnung antwortest, musst du wieder hierherkommen. Daraufhin ließ Hamza Safwat Safwat rufen und sagte:

: Bring ihn um neun Uhr morgens zum Gerichtsgebäude.

Damit gingen sie alle fort.

 

Untersuchung

Ich habe jede Phase der Folter durchlaufen. Man schlug mich mit einer Flammen speienden Peitsche, hetzte Hunde auf mich, die mich bissen, tauchte mich in eine Wasserzelle, verbrannte und versengte mich in einer Feuerzelle und hängte mich wie ein geschlachtetes Tier kopfüber auf. Durch solche unablässige Tyrannei und Folter wurden sowohl mein Körper als auch mein Geist zermürbt. Nach all dieser Gewalt und Unterdrückung versucht nun die Rechtsabteilung der Regierung, unter dem Vorwand eines Gerichtsverfahrens ein Possenspiel aufzuführen und hilflose, unschuldige Unterdrückte wie mich mit noch ungerechteren Strafen zu überziehen.

Man brachte mich in das Lager der Untersuchungsabteilung des Gerichts. Auch dort arbeitet man nach demselben Plan wie jene. Im Untersuchungslager zwangen die Informationssammler die Angeklagten durch Drohungen und Einschüchterung, Schriftstücke mit haltlosen Schuldgeständnissen zu unterschreiben.

Und diese Dokumente mit ihren falschen Anschuldigungen wurden direkt vor den Augen der sogenannten Rechtsberater und Richter angefertigt.

Die Tradition und der Ruf furchtloser und unparteiischer Urteile muslimischer Richter in Fragen von Wahrheit und Gerechtigkeit haben die Seiten der Geschichte erstrahlen lassen. Heute jedoch beugen ihre Nachfahren vor einer falschen Macht das Haupt und beflecken damit Gerichte und Justizwesen. Für die Nation ist dies ein höchst unglücklicher Umstand. Wenn es so weitergeht, könnte sogar die Existenz der muslimischen Nation gefährdet werden. Dabei haben die Wahrhaftigkeit und die Liebe zur Gerechtigkeit muslimischer Kadi und Richter zu allen Zeiten den uneingeschränkten Beifall der gesamten Menschheit gefunden.

Einige dieser Leute aus der Rechtsabteilung hörte ich im Militärgefängnis ganz offen lügen. Auf äußerst schändliche Weise schreiben sie sich ausgedachte Dinge auf und zwingen unschuldige Menschen, sie zu unterschreiben. Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie sie die Gefangenen durch Einschüchterung und Drohungen in Angst versetzten und ihnen Unterschriften abpressten.

Als ich zum zweiten Mal im Untersuchungsbüro des Gefängnisses erschien, sah mich der Anwalt schweigend an. Mein ganzer Körper war bandagiert; ich war so schwach, dass ich immer wieder ohnmächtig wurde, und ich war nicht einmal in der Lage, die Worte meiner Aussage richtig auszusprechen.

Der Anwalt saß hinter einem Stapel von Akten. Vor ihm lag ein beschriebenes Blatt Papier. Neben ihm saß an einem kleinen Tisch seine Sekretärin. Vor ihr lag ein Stapel weißer Blätter. Mit einem Stift in der Hand war sie bereit, die Anweisungen des Anwalts auszuführen. Zuerst schrieb der Anwalt meinen Namen, mein Alter, meine Nationalität und meine Wohnadresse auf.

Dann sagte der Anwalt mit unbewegter, ausdrucksloser Miene zu mir:

: Zainab, diese Akten enthalten allesamt die Aussagen der Ichwan. Deine Aussage ist darunter die klarste. Ich werde deine Aussage in der Akte lassen. …… Ich möchte die wahre Geschichte aus deinem eigenen Mund hören. …… Dabei deutete er auf die Akten und sagte:

: Diese Akten sind voll von den Aussagen von Huzaybi, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah Ismail. …… Zainab, ich möchte, dass du deinen Starrsinn aufgibst und auf den richtigen Weg zurückkehrst. Verschwende unsere Zeit nicht mit unnützen, belanglosen Dingen. Sonst wirst du wieder ins Militärgefängnis geschickt.

Danach stellte er mir weiterhin Fragen, und ich antwortete weiterhin. Doch als ich eine Sache bemerkte, war ich bestürzt: Während ich meine Antwort mit nur wenigen Sätzen beendete, brauchten sie eine ganze Seite, um sie aufzuschreiben. Darüber wurde ich sehr wütend. Ich machte den Anwalt darauf aufmerksam und sagte:

: Herr Konabi! Ich hatte doch nur mit wenigen Sätzen geantwortet ……! Aber ……

Der Anwalt sagte: Ich werde dir helfen. Denn all diese deine Aussagen werden dem Präsidenten Wort für Wort vorgelegt werden. Er möchte täglich deine Aussage erfahren. Ich sagte:

: Ich erteile Ihnen nicht das Recht, meine Aussage in irgendeiner Weise zu verändern, zu erweitern oder zu kürzen; das heißt, in meinem Namen darf nur aufgeschrieben werden, was ich tatsächlich gesagt habe.

Der Anwalt sagte: Später wird dir alles vorgelesen werden.

Ich sagte ruhig:

: Wenn Sie von Ihrer Seite aus weiter meine Worte niederschreiben, ist es für mich unnötig zu sprechen. Sie können Ihren Schreiber alles nach Ihrem eigenen Wunsch aufschreiben lassen. Falls auf dieser Grundlage ein Verfahren geführt wird, werde ich nur meine eigenen Worte anerkennen.

Der Anwalt fragte erneut:

: Willst du Präsident Nasser, seine Regierung und die gegenwärtige Gesellschaft als Ungläubige bezeichnen?

Ich sagte:

: Ich halte die Anhänger der Qibla und der Kaaba nicht für Ungläubige.

Der Anwalt wollte wissen: Wer sind die Anhänger der Qibla und der Kaaba?

Ich sagte:

: Diejenigen, die an das Glaubensbekenntnis Kalima Tayyiba „La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah“ glauben und in allen Lebensbereichen die von Allah durch den Gesandten übermittelten Vorschriften befolgen. Der Anwalt fragte mich wie bei einer Prüfung:

Analysiere die Eigenschaften der Anhänger der Qibla und der Kaaba.

Ich analysierte sie und sagte:

: Diejenigen, die das Gebet verrichten, die Zakat entrichten, im Ramadan fasten, sofern sie dazu in der Lage sind, die Hadsch vollziehen, die Gebote und Verbote des Qurans und der Sunna befolgen, nicht eigenmächtig Gesetze erlassen und die Regierung nicht nach irgendeinem anderen Gesetz als dem von Allah vorgeschriebenen führen.

Der Anwalt fragte:

Hältst du Nasser, seine Regierung und die heutige Gesellschaft für Anhänger der Qibla und der Kaaba?

Ich antwortete klar:

Was Nasser betrifft, halte ich ihn nicht dafür. Denn wenn er wollte, könnte er die Regierung gemäß dem Koran und der Sunna führen, doch trotzdem hat er die Gesetze des Korans und der Sunna außer Kraft gesetzt. Er zwingt dem Volk eigenmächtig Gesetze auf … Nasser hat offen erklärt, dass er keine islamische Regierung errichten wird.

Der Staatsanwalt fragte: Sag mir ganz klar, dass sowohl Abdun Nasser als auch seine Regierung Ungläubige sind.

Ich sagte:

Meine Antwort ist gegeben. Wer seine eigene Wirklichkeit überprüfen will, muss sich am Prüfstein des Korans Allahs selbst prüfen.

Nur für diesen einen Satz beschrieb der Herr Staatsanwalt fünf Seiten eines Foliobogens.

Nachdem er mit dem Schreiben fertig war, fragte er: Ihr wolltet Umm Kulthum und Abdul Halim Hafiz ermorden?

Ich sagte:

Für die führenden Vertreter der muslimischen Nation und die Angehörigen der islamischen Bewegung gibt es keinen Anlass, sich mit solchen Kleinigkeiten zu befassen. An dem Tag, an dem die Muslime wieder erwachen, werden all diese Übel von selbst verschwinden, und die Nation wird sich mit wahrer Würde aufrichten. Heute werden die Muslime auf verschiedene Weise in die Irre geführt und zu satanischen Handlungen angestachelt; eines Tages wird all dies wie eine Seifenblase spurlos verschwinden.

Der Staatsanwalt Muhammad al-Kunabi hörte von mir eine Sache und schrieb etwas anderes nieder. Vor meinen Augen entstellte er meine Aussagen und nahm Änderungen und Ergänzungen vor. Manche Aussagen kopierte er sogar aus einer anderen Akte!

Auf diese Weise ging dieses absurde Untersuchungstheater des Ministeriums für Recht und Justiz zehn Tage lang weiter. Der Berater Abd as-Salam kam täglich und erkundigte sich bei Herrn Kunabi nach dem Stand der Dinge; dann erteilte er ihm den Befehl, seine Bemühungen fortzusetzen, und ging wieder.

Eines Tages sagte ich im Zelt des Lagers zu dem Staatsanwalt Herrn Kunabi:

Ich erlebe heute etwas höchst Sonderbares. …… Ich sehe, dass die mit der Justiz und den Gerichten verbundenen Personen die Gestalt wilder Tiere angenommen haben; sie werfen das Gewand des Richters von ihrem Körper und die Krone des Gesetzes von ihrem Haupt.

Der Staatsanwalt sagte:

Wir wollen dich aus den Fängen der Ikhwan retten. Angesichts der Aussagen von Hudaybi, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah ist die Todesstrafe durch Erhängen für dich unausweichlich geworden. Wie beurteilst du die Aussagen von Hudaybi, Sayyid Qutb und Abd al-Fattah?

Ich sagte, ihm direkt in die Augen blickend:

: Sie erzählen Lügen über sie. Sie alle sind Führer der islamischen Bewegung. Sie würden niemals zu irgendeinem Zeitpunkt Lügen über jemanden erzählen.

Der Anwalt erwiderte: Du selbst lügst.

Verwundert fragte ich:

: Gegen wen lüge ich denn?

Der Anwalt antwortete:

: Gegen die Regierung und unsere Justiz.

Daraufhin forderte ich den Anwalt heraus und fragte:

: Können Sie Beweise dafür vorlegen, dass Sie eine mit diesem Gericht verbundene Person sind? Diesmal sagte der Staatsanwalt:

: Ich stelle die Ermittlungen ein und schicke dich zur Bestrafung wieder ins Militärgefängnis. Später musst du wieder hierherkommen.

Danach begann er, Kaffee zu trinken. Nachdem er den Kaffee ausgetrunken hatte, sagte er:

: Zainab, möchtest du wieder in dieses Strafgefängnis zurück? Abdun Nasir möchte schon bald deine Unterlagen sehen.

Als der Staatsanwalt mich anschließend aufforderte, alles zu unterschreiben, was er geschrieben hatte, weigerte ich mich. …… Selbstverständlich wurde ich wieder ins Büro des Militärgefängnisses gebracht, wo mich die Peitsche und die Lederpeitsche herzlich willkommen hießen. Damit fand die gerichtliche Untersuchung vorläufig hier ihr Ende.

 

Wieder vor Gericht

Zwei Tage später wurde ich erneut in das Gerichtsgebäude vorgeladen. Diesmal sah ich hier viele verletzte junge Männer, deren Körper von Wunden übersät waren. Der Staatsanwalt Konabi fragte mich:

: Hast du dich jemals mit diesen Männern getroffen? Wann hast du sie kennengelernt, und wie heißen sie?

Ich blickte zu den jungen Männern und fragte:

: Wann habe ich euch gesehen? Habt ihr euch überhaupt jemals mit mir getroffen? Hattet ihr mich zuvor schon einmal gesehen? Wie heißt ihr?

Der Anwalt rief laut dazwischen und erhob Einspruch:

: Ich werde sie selbst befragen.

Ich erwiderte:

: Dann fragen Sie sie, wann sie mich getroffen haben.

Fragen Sie mich nicht, wann ich sie getroffen habe.

Danach befragte der Anwalt sie alle nacheinander. Als jeder von ihnen sagte, dass er mich nicht getroffen habe, fragte der Anwalt sie:

: Aber warum hatte jeder von euch während der Vernehmung behauptet, Zainab getroffen zu haben?

Sie antworteten-

: Erst die Schläge mit der Peitsche hatten uns gezwungen zu lügen.

Danach wurden wir alle in das Militärgefängnis gebracht. Diese tapferen jungen Männer wurden unzählige Male gezwungen, vor meinen Augen zwischen dem Gerichtsgebäude und dem Militärgefängnis hin und her zu gehen.

 

Wieder jene Folter

Die Verhöre in seinem Gefängnisbüro zusammen mit Schams Badran und die Gewalt gegen mich gingen weiter. Fast jede Nacht wurde ich von Schams oder einem seiner Gefährten in das Büro gebracht. Zuerst drohte man mir mit schrecklichen Strafen, dann führte man mich vor die mir bekannten gefangenen Jugendlichen, jungen Männer, Frauen und Männer und fragte-

: Wann hattest du diese Menschen getroffen?

Ich antwortete-

: Frag sie selbst, wann sie mich getroffen haben und ob sie mich überhaupt kennen?

Darauf folgten immer neue Strafen. Zum Beispiel wurde ich an einen dunklen Ort gestellt oder gezwungen zu laufen, während man mir von hinten Schläge mit der Peitsche versetzte und dergleichen. Wenn ich wegen meiner Verletzungen und Schwäche beim Laufen stürzte und zu Boden fiel, versetzte man mir fünfzehn oder zwanzig kräftige Schläge und befahl mir anschließend, weiterzulaufen. Schließlich ließ man mich, sobald ich bewusstlos wurde, in einem Krankenhauszimmer zurück. Die Folterstrafen, die mir nach der Untersuchung durch die Justiz- und Rechtsbehörden auferlegt wurden, waren noch schrecklicher und erschütternder als die früheren Strafen. Darüber werde ich kurz berichten. Schon daran werden Sie ermessen können, wie grausam und unmenschlich Nasser und seine gehätschelten Schmeichler foltern konnten.

 

Strafe

Mitten in der Nacht wurde ich im Dunkeln in ein anderes Büro in der Nähe des Büros von Shams Badran gebracht. Hier saß ein Mann namens Jalaluddin. Kaum sah er mich, fragte er:

: »Welche Beziehung hast du zu Zaynab, Khaleda Hujaybi und ihrem Ehemann Ahmad Sabit, und welche Rolle spielten die beiden in der Organisation? Sag es!«

Ich sagte: »Meine Zusammenarbeit mit Khaleda Hujaybi beschränkte sich auf die Unterstützung der Familien der Inhaftierten.«

Jalal fragte: »Welche Art von Unterstützung?«

Ich sagte: »Finanzielle und materielle Unterstützung, etwa Lebensmittel und Dinge des täglichen Bedarfs.«

Als er mich anschließend nach Ahmed Sabet, dem Ehemann von Khaleda Hujaybi, fragte, teilte ich ihm mit, dass er die von der Geschäftsstelle der Frauenorganisation für verschiedene Familien bestimmten Waren zu Khaleda Hujaybi brachte. Es stimmte zwar, dass er kam, um diese Waren abzuholen, aber er blieb im Wagen sitzen. Er ging nicht ins Büro. Darüber hinaus hatte er keine weitere Verantwortung.

Jalal weigerte sich, die Wahrheit meiner Aussage anzuerkennen, und übergab mich Safwat. Safwat ließ mich mit dem Gesicht zur Wand stehen und begann, mir all diese Fragen erneut zu stellen. Ich wiederholte meine vorherigen Antworten. Diese Befragung und das Antworten darauf setzten sich etwa eine Stunde lang fort; als er jedoch keine Änderung in meiner Darstellung feststellte, begann er, mir mit einer Peitsche und Hunden zu drohen. Doch ich blieb bei meiner Aussage. Inzwischen kamen Hamza und Jalal hinzu. Jalal befahl, Hunde auf mich loszulassen. Danach hielt man mich bis zu zwei Stunden lang zusammen mit einem Hund fest und brachte mich anschließend ins Krankenhaus.

Auch in der zweiten Nacht wurden dieselben Fragen über Hujaybi und ihren Ehemann gestellt, und ich gab weiterhin dieselben Antworten wie zuvor. Als Jalal sah, dass ich wiederholt dieselbe Aussage machte, rief er Safwat. Safwat begann, mich mit aller Kraft zu schlagen.

 

Bedeutung

Ich wurde erneut in das Büro von Shams Badran vorgeladen. Shams Badran sagte zu mir:

: Wir haben Zeini aus Gaza herbeibringen lassen. Der Murshid-e Aam und Mamun Hujaybi kennen ihn. Wenn du leugnest, ihn zu kennen, werden wir dich erneut zur vollständigen Untersuchung vom Anfang bis zum Ende schicken. Zeini? Ein Geständnis … äußerst wichtig.

Man führte mich in einen Raum und zeigte mir eine derart grotesk aussehende Person, dass gar nicht die Frage aufkam, sie zu erkennen oder zu kennen. Daher brachte man mich wieder zu Shams zurück.

Shams fragte: Wer ist diese Person?

Ich antwortete: Ich habe ihn doch nicht erkannt.

Schams sagte:

: Das ist Sadeq Jeini, den jeder kennt. Mitten im Gespräch unterbrach Jalal Schams und wies ihn an, nach dem Geld zu fragen. Als Schams mich diesbezüglich fragte, sagte ich:

Dieses Geld war gesammelt worden, um die Kosten für Nahrung, Kleidung, medizinische Behandlung und die Ausbildung der Kinder der Familien und Angehörigen jener Menschen zu bestreiten, deren Ernährer im Gefängnis eingekerkert worden waren. Schams rief mit erregter Stimme Hamza und sagte:

Bring ihn weg und sperr ihn diesmal nicht zu den Hunden, sondern in die Zelle mit den giftigen Schlangen.

Hamza und Safwat brachten mich ins Krankenhaus. Während Hamza sich auf einen Stuhl setzte, sagte er: Wenn du die Wahrheit über den eigentlichen Zweck des Geldsammelns sagst, werden wir dich nicht in die Schlangenzelle sperren.

Ich sagte: Ihr habt bereits alles untersucht. In diesem Moment traf Jalaluddin dort ein und fragte sie:

: Ist er auf den richtigen Weg gebracht worden?

Hamza sagte: Überlassen Sie ihn mir. Es scheint, als würde er den Umgang mit Hunden bevorzugen.

Hunde! Ja, meiner Ansicht nach sind Hunde, was Urteilsvermögen und Gewissen betrifft, diesen Menschen weit überlegen. Wann immer ich in der Hundezelle saß und über den Charakter und die Mentalität dieser Leute nachdachte, erschienen sie mir im Vergleich zu Hunden als weitaus abscheulichere Lebewesen. Die Umgebung der Hunde war zweifellos viel erträglicher als die von Shams, Hamza, Dschalal, Safwat und den anderen.

Eines Nachts brachte man mich in Shams’ Büro und begann, mich ohne jedes Gespräch plötzlich so heftig zu schlagen, dass ich schon nach wenigen Augenblicken bewusstlos wurde. Man gab mir eine Injektion und schickte mich ins Krankenhaus. Drei Tage später brachte man mich wieder in Shams’ Büro.

Er schwor bei Dschamal Nasir und sagte:

: Wenn du meine Fragen nicht genau beantwortest, musst du erneut von Zelle Nummer eins bis Zelle Nummer vierunddreißig Bestrafungen über dich ergehen lassen.

Ich hatte die grausamen Folterungen in diesen Zellen bereits ertragen. Shams ließ mich zu sprechen beginnen und sagte:

: Zainab, ich erinnere dich an zwei Vorfälle. In den einen sind Mohammad Kutub, die Ehefrau von Herrn Huzaybi und Mohammad Kutubs Schwestern verwickelt, und in den zweiten sind Ali Usmabi und Mamun Huzaybi verwickelt.

Wenn ich dir sage, dass Hasan Huzaybi, seine Frau und Mohammad Kutub diese Aussagen gestanden haben, wirst du es nicht glauben. Aber dann sag mir: Wie konnten wir davon erfahren? Zugegeben, du kannst den Vorfall, in den Ali verwickelt war, als Lüge bezeichnen, aber in dem anderen war Ali nicht beteiligt.

An dem Tag, als Mohammed Qutb nachts von Helwan zu meinem Haus kam und du ihm nach dem Gespräch fünfhundert Gineih zusammen mit Goldschmuck gabst, hast du ihm gesagt, er solle die fünfhundert Gineih der Mutter, also der Ehefrau von Herrn Huzaybi, geben, diesen Goldschmuck als Spende zur Bestreitung der Ausgaben der Familien der inhaftierten Ikhwan annehmen und ihn der Mutter zu gegebener Zeit übergeben.

Ich sagte:

: Ja, dieser Vorfall hat sich tatsächlich so ereignet. Aber was kann daran so beunruhigend sein? Ich kann meinen Schmuck geben, wem ich will. Ich habe ihn für einen humanitären Zweck gespendet, und das ist doch etwas Erfreuliches. Natürlich gehörte das Geld dem Ikhwan. Es war meine Pflicht, dieses Geld der verantwortlichen Person zu übergeben. Shams fragte:

: Waren die fünfhundert Gineih für die Organisation bestimmt oder für jene Familien?

Ich sagte: Nur für die Ausgaben der Familien.

Shams sagte:

: Nach den Worten von Ali Usmabi war das Geld für die Organisation bestimmt.

Ich sagte: Ali Usmabi ist ein Lügner.

Schams sagte: Mohammed Qutb hat gesagt, dass er nicht weiß, zu welchem Zweck die fünfhundert Jinih gegeben worden waren. Du hast ihm jedoch aufgetragen, sie zusammen mit dem Schmuck der Frau von Herrn Huzaybi zu übergeben.

Ich sagte:

: Bringt Mohammed Qutb vor mich. … Ich hatte ihm gesagt, dass die fünfhundert Jinih zur Unterstützung der Familien gegeben worden waren.

Schams sagte:

: Nun gut, einverstanden? Aber woher stammt es?

Ich sagte:

: Eines Tages kam Ali Usmavi zu mir, um für einen saudischen Bruder ein Empfehlungsschreiben für ein Treffen mit Murshed oder Mamun zu erbitten. Ich sagte ihm, dass man kein Empfehlungsschreiben und keinen Vermittler brauche, um Bruder Mamun zu treffen. Murshed befindet sich in Alexandria. Mamun ist jedoch hier und man kann sich mit ihm treffen. Später teilte mir Ali Usmavi mit, dass der saudische Bruder Mamun getroffen und ihm einen Geldbetrag als Spende gegeben habe. Mamun bat ihn, dieses Spendengeld Zainab al-Ghazali zu geben. Daraufhin beauftragte der saudische Bruder ihn auf Alis Usmavis Bitte hin, mir dieses Spendengeld zu überbringen. Er erklärte außerdem, dass dieses Geld zur Unterstützung der Familien der inhaftierten Ikhwan verwendet werden solle.

Schams sagte:

: Nach den Worten Mohammed Qutbs war dieses Geld nicht für die Familie bestimmt.

Als Professor Mohammed Qutb vor mich gebracht wurde, erinnerte ich ihn daran und sagte:

: Als ich Ihnen Schmuck und Geld übergab, damit Sie es meiner Mutter zukommen lassen, sagte ich Ihnen, dass dieses Geld mir zur Unterstützung der Familie anvertraut worden war …… Sie haben das vermutlich vergessen.

Nach meinen Worten sagte Herr Mohammed Qutb:

: Zainab, wenn du sicher bist, dass du mir das gesagt hast –

dann hat Zainab recht.

Danach zwangen sie mich, bis zum Morgen mit dem Gesicht zur Wand zu stehen. Anschließend schickten sie mich ins Krankenhaus.

Zwei Tage später brachten sie mich erneut in Shams’ Büro und sagten ohne jede Einleitung:

: Zainab, gestehe, dass Muhammad Qutb die Organisation gegründet hat.

Ich sagte—

: Dazu bin ich bereits zuvor befragt worden, und ich hatte erklärt, dass Muhammad Qutb keine Organisation gegründet hat.

Als Shams dies hörte, befahl er Safwat, mich aufzuhängen und auszupeitschen. Danach wurde ich in ein anderes, nahe gelegenes Büro gebracht. Dort sagte ein mir unbekannter Mann zu mir—

: Zainab, du bist ein völliger Dummkopf. Du weißt nicht, wie du dein eigenes Leben retten kannst. Die Ikhwan haben dich mit vielen falschen Anschuldigungen verleumdet … Warum hilfst du uns dann nicht dabei, Informationen über Muhammad Qutb zu sammeln? Weißt du, wie leicht eine Verständigung durch ein wenig Mitarbeit deinerseits werden könnte?

Ich fragte spöttisch—

: Mich mit euch verständigen? Ich verabscheue eure Verhaltensweisen, eure Methoden und eure Hinterlist von ganzem Herzen. Ihr seid allesamt Gefährten Satans. Doch ihr werdet niemals auf unserem Weg bestehen können. Wir sind Diener Allahs und Mudschahedin. Ganz gleich, wie sehr ihr euch auch vergeblich bemüht: Ihr werdet keinen unserer Brüder durch Irreführung oder Misshandlung dazu bringen, eine Lüge zu erzählen. Das solltet ihr wissen.

Er sagte mit rauer Stimme—

: Wir werden euch erneut hart bestrafen und in eurem Fall wieder eine gerichtliche Untersuchung durchführen lassen.

Ich sagte:

: Das Justizministerium, die Justiz und ihr alle seid zwei Seiten derselben Medaille. Ihr habt euch vom Weg Allahs entfernt. Jeder von euch dreht sich im Strudel der Verwirrung, und ihr werdet zu Opfern von Allahs Zorn werden.

In diesem Augenblick kam Hamza, legte ein beschriebenes Blatt vor mich und ging wieder. Nun begann dieser Mann, mich über Mohammed Qutb auszufragen. Wenig später verließ auch er den Raum.

Danach kam Safwat, schlug mich brutal und ging wieder. Dann kam ein weiterer Mann und versuchte, mich mit dem Versprechen vieler Belohnungen dazu zu verleiten, Informationen über eine bestimmte Organisation zu liefern. Doch als es ihm auf keine Weise gelang, meine Haltung zu ändern, wurde ich in eine Zelle mit einem Hund gesperrt. Diesmal war neben dem Hund noch ein weiterer Mann dabei. Hamza sagte zu diesem Mann, wenn der Hund mich nicht beiße, solle er mich beißen. Zwei Stunden lang blieb die Zelle verschlossen. Während dieser Zeit war ich ausschließlich mit dem Gedenken an Allah beschäftigt. Bis die Tür nach zwei Stunden geöffnet wurde, saßen der Hund und jener Mann still wie friedliche, wohlerzogene Kinder da.

Danach wurde ich ins Krankenhaus gebracht. Am nächsten Tag wurde ich in Riyaz’ Büro gebracht. Er wollte wissen, ob ich mich mit irgendeiner Person aus Karwasah getroffen hatte. Ich sagte zu ihm:

: Über Karwasah weiß ich überhaupt nichts.

Riyaz fragte:

: Hat sich denn nicht irgendwann jemand von dort mit dir getroffen? Zainab, erinnerst du dich nicht daran, dass Abd al-Hamid Karwasah einer von ihnen ist? Danach fuhr er mich scharf an und sagte:

: Um dich zur Vernunft zu bringen, schicke ich Männer von Pascha zu dir. Gleich darauf kam ein Soldat, stellte mich mit dem Gesicht zur Wand und begann, mich auszupeitschen. Nachdem die Misshandlungen lange angehalten hatten, wurde ich wieder ins Krankenhaus gebracht. All diese Misshandlungen werden erst nach der gerichtlichen Untersuchung verübt.

Einige Tage später wurde ich wieder in Riaz’ Büro gebracht. Diesmal waren dort noch einige weitere Frauen anwesend. Ich hatte keine von ihnen je zuvor gesehen.

Man fragte mich: Wer von ihnen ist die Frau von Sisi?

Ich antwortete: Ich weiß es nicht.

In diesem Augenblick kam ein Soldat mit einem jungen Mann herein. Der junge Mann wurde gefragt: Wer von ihnen ist Zainab al-Ghazali?

Der junge Mann blickte sich um und sagte: Ich weiß es nicht.

Als man ihn anschließend nach Abbas Sisi fragte, bekundete er auch diesbezüglich seine Unkenntnis. Danach wurde er gefragt:

: Mit welcher der anwesenden Frauen hast du dich getroffen? Als der Junge erneut eine verneinende Antwort gab, wurde er ausgepeitscht und hinausgeworfen.

In diesem Augenblick sah man plötzlich Schwester Hamida Qutb herankommen. Hinter ihr kam Safwat. Als Schwester Hamida Qutb nach der Frau von Sisi gefragt wurde, sagte auch sie: „Ich kenne sie nicht.“

Danach wurden alle Frauen, einschließlich Schwester Hamida Qutb, nach draußen geschickt. Mich jedoch ließ man vor Riyaz sitzen. Er fragte mich:

: Angeblich hat ein Mitglied der Muslimbruderschaft viermal geheiratet. Weißt du etwas darüber?

Ich sagte: Nein.

Er brüllte und sagte:

Bin ich also ein Lügner? Wenn du nicht sagst, wer diese Person ist, wirst du verprügelt.

Ich sagte voller Abscheu: Tu, was du willst.

Er drehte mich zur Wand, versetzte mir mehrere Peitschenhiebe und ging. Zwei Stunden später kam er mit Safwat zurück und schickte mich ins Krankenhaus.

 

Eine Packung Hackfleisch

Angesichts meiner sich rasch verschlechternden Gesundheit erklärten die Ärzte, dass Lebensgefahr bestehe, wenn man nicht erlaube, mich von zu Hause mit guter Nahrung zu versorgen. Daher wurde mir auf ärztlichen Rat erlaubt, von zu Hause Lebensmittel bringen zu lassen. Diese Erlaubnis blieb allerdings auf Milch und Obst beschränkt. Eines Tages hatte meine Schwester eine hervorragende Idee, um mir Fleisch zukommen zu lassen. Sie füllte einen leeren Milchbeutel so mit Hackfleisch, dass es von außen nur schwer zu erkennen war. Er war ganz weich, genau wie ein Milchbeutel. Nur ich bemerkte, was darin war. Außerdem wurden etwas Butter und Orangen geschickt. Ich behielt meinen Anteil und verteilte die übrigen Lebensmittel durch Abdul Mabud unter den anderen im Krankenhaus behandelten Ikhwan-Brüdern. Damals war auch Professor Abdul Aziz, der ehemalige Minister für die örtliche Verwaltung, bei uns. Wir teilten untereinander je eine Orange für jeden und je eine Packung Butter für zwei Personen.

Nachdem die Lebensmittel verteilt waren, rief ich Abdul Mabud, gab ihm den Milchbeutel und bat ihn, ihn unter allen Ikhwan zu verteilen. Er ging hinaus, kam wieder zurück und sagte:

: Oh, wie ich sehe, ist darin Hackfleisch. Das wird für Sie sehr nützlich sein. Behalten Sie es für sich.

Doch ich bat ihn, es zu verteilen. Auch nachdem es unter allen verteilt worden war, blieb etwas Hackfleisch in der Packung zurück. Dieses Hackfleisch und etwas Butter schickte ich Professor Abdul Aziz.

Abdul Mabud fragte: Hatten Sie denn nichts für sich zurückbehalten?

Ich sagte:

: Unendlicher Dank gebührt Allah. Er allein versorgt Seine Diener mit ihrem Lebensunterhalt.

Er sagte: Aller Lobpreis gebührt Allah. Er allein ist der Herr, Er allein der Versorger.

Der Stationsassistent kam und fragte mich:

: Wie ist das Essen hier hereingelangt?

Ich sagte: Mit Erlaubnis des Arztes.

Die Brüder der Ikhwan sammelten die wenigen guten Lebensmittel, die sie hatten, und bewahrten sie für die kränkeren Brüder auf. Deshalb freuten wir uns sehr, wenn etwas von außerhalb des Gefängnisses kam – ganz gleich, wie wenig es auch sein mochte! Obwohl wir den tyrannischen Unterdrückern ausgeliefert waren, achteten wir ganz besonders auf das Wohlergehen des jeweils anderen.

 

Im Krankenhaus ohne Nahrung

Im ersten Jahr im Gefängnis wurde mir jede Nahrung von zu Hause oder von außerhalb vorenthalten. Ganz am Ende erlaubten sie mir, da ihnen offenbar kein anderer Ausweg blieb, Nahrung von zu Hause bringen zu lassen. Dies taten sie jedoch nur, damit das Gericht mich angesichts ihrer falschen und haltlosen Anschuldigungen möglicherweise zum Tode verurteilen konnte. Zu diesem Zweck erlaubten sie, mir gute Lebensmittel von zu Hause bringen zu lassen, um mich wenigstens bis zum Erlass des Todesurteils am Leben zu erhalten.

Einige Tage vor Beginn des Gerichtsverfahrens kamen meine Mutter und meine Schwester zu mir ins Gefängnis. Im Laufe des Gesprächs erzählten sie mir, dass Safwat unter Berufung auf meinen Namen von ihnen eine beträchtliche Geldsumme erbeutet hatte, angeblich um Medikamente, Obst, Kleidung und dergleichen zu kaufen. Außerdem wurden meine Familie und meine Verwandten auf verschiedene andere Weise unter Druck gesetzt, um eigene Interessen durchzusetzen.

Einigen Gefangenen erlaubten sie von Anfang an, von außerhalb Essen zu bekommen, den Ichwan hingegen wurde eine solche Erlaubnis nicht erteilt. Im Gegenteil, ihr Ziel war es, den Ichwan auf irgendeine Weise zu quälen oder zu töten. Deshalb enthielten sie ihnen sogar im Krankenhaus ihre rechtmäßige Nahrung vor. In Wirklichkeit war all dies nur der äußere Ausdruck ihres islamfeindlichen und niederträchtigen Wesens.

Eines Tages wurde ein junger Ichwan in schwer verletztem Zustand ins Krankenhaus gebracht. Für seine Behandlung wurde Zucker benötigt. Der Arzt schickte jemanden los, um Zucker oder einen ähnlichen Stoff zu suchen. Doch nirgends war welcher zu finden. Als ich davon erfuhr, klopfte ich an die Tür der Station. Nachdem die Tür geöffnet worden war, ließ ich dem Arzt das Glas Honig bringen, das man mir von zu Hause geschickt hatte. Dadurch konnte der Ichwan-Bruder bald behandelt werden. Die im Krankenhaus eingesetzten staatlichen Spitzel beobachteten dies. Nach dem Gesetz hatte ich angeblich eine verbotene Handlung begangen.

Deshalb wurde einige Tage später den im Krankenhaus behandelten Gefangenen das Wasser abgestellt. Dies war ein abscheuliches Beispiel für unmenschliches Verhalten. In der glühenden Hitze wurden wir jede Nacht auch nur eines Tropfens Wasser beraubt. Den ganzen Tag über irgendwie eine Tasse Wasser aufzutreiben, war so schwer, als müsste man die Milch eines Tigers beschaffen.

Ich war ohnehin schwer krank. Meine Gesundheit verschlechterte sich von Tag zu Tag bis an den Rand des Zusammenbruchs. Schließlich wurde nur für mich Wasser bereitgestellt. Ich teilte mein Wasser und ließ es zu meinem Bruder Abd al-Karim in der nebenan gelegenen Zelle bringen. Doch Wasser in die Nachbarzelle zu bringen, war äußerst schwierig. Es gab keine Möglichkeit, die Wachen zu täuschen. Notgedrungen ließ ich es durch eine sehr schmale Öffnung in der Wand von meiner Seite hinüberrinnen, während mein Bruder auf der anderen Seite sein Gesicht an die Öffnung presste und versuchte, seinen Durst zu stillen. Für ihn waren diese wenigen Tropfen Wasser gleichbedeutend mit neuem Leben, damit sein von Hieben mit der Peitsche zerschundener Körper und sein Geist durchhielten. Die von der Regierung gehaltenen Henker praktizierten an diesen unschuldigen Menschen jede Art abscheulicher Bestrafung. Sie kannten keinerlei Gefühl, das man Menschlichkeit nennen könnte. Man kann ohne Übertreibung sagen, dass ihre Grausamkeit die Grenzen des Tierischen überschritten hatte.

 

Die Reue des Unterdrückers und seine Rückkehr auf den rechten Weg

Während ich im Krankenhaus war, ereignete sich eine Begebenheit. Dadurch wurden mir die verborgenen guten Eigenschaften des Menschen offenbar. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ein Mensch, so schlecht er auch sein mag, eines Tages eine gute Lehre annehmen wird, wenn man ihm wahrhaftig und aufrichtig gute Worte nahebringt. Wenn es nötig ist, bedarf es nur aufrichtiger Bemühungen. Durch entsprechende Anstrengungen kann ein Volk wieder die Fähigkeit erlangen, mit voller Kraft auf seinem eigentlichen Weg voranzuschreiten.

Im Militärkrankenhaus gab es zu unserer Bewachung einen militärischen Assistenten namens Salah. Er war dafür zuständig, den Patienten Injektionen zu geben und die Bewegungen der Gefangenen zu überwachen. Eines Tages sah ich auf dem Weg zum Waschraum, dass der Vorhang, der als Tür zu Sayyid Qutbs Zelle diente, weit nach oben geweht wurde. Genau in diesem Augenblick ging ich dort vorbei. Kaum hatte er das gesehen, veranstaltete er unter großem Geschrei einen gewaltigen Aufruhr. Er sagte:

: Wie konnte Zaynab al-Ghazali es wagen, den Vorhang beiseitezuschieben und den dort sitzenden Sayyid Qutb anzusehen? Salah begann, ihn in übelster Sprache zu beschimpfen. Er gebärdete sich wie wild, was soll man sagen! Genau in diesem Augenblick traf Safwat dort ein, und Salahs Geschrei und Beschimpfungen nahmen noch zu. Damit wollte er seinen Vorgesetzten beweisen, wie tüchtig und gewissenhaft er seine Aufgabe erfüllte. Einer nach dem anderen begann er die beweiskräftigen Tatsachen aufzuzählen, dass er die verletzten und kranken Gefangenen im Krankenhaus dank seiner administrativen Macht völlig unter Kontrolle hielt.

In Wirklichkeit war Salah ein brutaler Mensch mit der animalischen Natur eines wilden Tieres, dem alle guten Eigenschaften wie Wissen und Verstand, Gewissen, religiöse Bildung und dergleichen fehlten. Als Professor Sayyid Qutb seine hässlichen Worte und sein Geschrei hörte, rief er ihn zu sich und erklärte ihm sehr liebevoll:

: Mein Bruder! Der Vorhang wurde doch nur vom Wind bewegt. Warum sollte sie deswegen schuldig sein? Sie trifft doch keinerlei Schuld. Auf diese Weise erklärte er ihm noch vieles andere. Erstaunlich! Dieser abscheuliche Mann, der einem wilden Tier glich, schmolz unter dem Einfluss der Worte Sayyid Qutbs förmlich dahin. Schweigend blickte er beschämt zu Boden.

Einige Tage später kam er zu mir, brachte seine Scham über seinen früheren Fehler zum Ausdruck und sagte:

: Ich möchte noch einmal ganz neu Muslim werden. Ich möchte den Islam kennenlernen. Sagen Sie mir, wie kann ich ein wahrer Muslim werden?

Erstaunt fragte ich:

: Kannst du die Szenen von Gewalt, Unterdrückung, Misshandlung und schlechtem Umgang ertragen, die du an den Ikhwan siehst?

Er sagte:

: Wenn auch ich ein wahrhaftiger Muslim wie sie werden kann, wird Allah auch mir Geduld und Kraft schenken.

Ich sprach mit bewegter Stimme:

: La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah (s.a.w.).

Mehrmals sprach er das Glaubensbekenntnis äußerst langsam, doch mit fester Stimme.

Danach sagte ich:

: Gut, dann tu weiterhin, was Allah befohlen hat. Beuge deinen Kopf vor keiner falschen Macht außer vor Allah.

Er sagte:

: Ich möchte jene wahre islamische Lehre erlernen, die euren Charakter so sehr veredelt und euren Glauben so sehr gefestigt hat, dass ihr selbst angesichts brutalster Unterdrückung nicht im Geringsten von euren Prinzipien abweicht und alle Ungerechtigkeit und Verfolgung mit einem Lächeln ertragt. Ein gewöhnlicher Mensch wäre nicht einmal in der Lage, ein Hundertstel einer solchen Misshandlung zu ertragen. Sagt mir, wie kann ich eine wahrhaftige islamische Bildung erlangen?

Ich sagte zu ihm:

: Wenn du zu Sayyid Qutb gehst, um ihm Injektionen und Medikamente zu geben, dann stelle ihm diese Frage. Er wird dir auf beste Weise den Weg zu islamischer Bildung weisen.

Durch ihn ließ ich Sayyid Qutb Grüße ausrichten.

 

Das Urteil rückt näher

Einige Tage später, noch bevor der Prozess vor Gericht begann, wurde mir offiziell die Anklageschrift zugestellt.

Was für ein seltsamer Prozess. Es dürfte schwer sein, in der Geschichte ein Beispiel für ein derart schändliches Verhalten der Justiz zu finden …… Man kann dies eine gewaltige Tragödie nennen. Wir wussten bereits, dass das endgültige Urteil des Gerichts in einer Schreibtischschublade von Shams Badran lag. Gleichzeitig liefen die Vorbereitungen für die Aufführung dieser Farce namens Prozess. Gemäß staatlicher Anordnung wurden wir sowohl unseres Rechts auf Verteidigung als auch des Rechts beraubt, uns mit Anwälten zu treffen. Als ich den bekannten Rechtsanwalt Herrn Ahmad Khaja als Mandatar einsetzen wollte, wurde mir von Regierungsseite mitgeteilt, dass er an diesem Prozess nicht teilnehmen dürfe. Daraufhin sagte ich, ich benötige keinen Anwalt. Ich erklärte, dass ich beschlossen habe, meinen Fall selbst zu führen.

Die Öffentlichkeit bestellte, ohne mein Wissen, einen christlichen Anwalt, der meinen Fall führen sollte. Kurz vor Beginn des Prozesses wurde meinen nächsten Angehörigen erlaubt, mich zu besuchen. Meine Mutter und meine Schwester kamen, um mich zu sehen. Als sie meinen erbärmlichen Zustand und meine körperliche Schwäche sahen, fielen sie beinahe in Ohnmacht. Ich setzte mich zu ihnen und spendete ihnen Trost und Mut. Während unseres Besuchs standen Safwat und Hamza gleich daneben und erfüllten ihre Aufgabe als deren Aufseher. Durch meine Mutter und meine Schwester ließ ich alle bitten, niemand möge für mich einen Anwalt bestellen. Doch sie teilten mir mit, dass Hussein Abu Zayd bereits für tausend Guineen zu meinem Anwalt bestellt worden sei und ihm noch vor Beginn des Prozesses die Hälfte des Geldes im Voraus gezahlt worden war. Daraufhin bat ich sie, diese Angelegenheit dort zu beenden. Doch schon am ersten Tag des Prozesses sah ich, dass Hussein Abu Zayd gekommen war, um in meinem Namen den Fall zu führen.

Am Tag vor Beginn des Prozesses wurde ich inzwischen in Shams Badrans Büro gebracht. Shams rief mich zu sich und sagte:

: Ich hoffe, du wirst gegen die Auslegung deiner während der Untersuchung schriftlich abgegebenen Aussage nichts einzuwenden haben und die Wahrheit all dessen anerkennen, was du schriftlich ausgesagt hast. Wenn du vor Gericht erklärst, dass die Ichwan dich irregeführt habe und du dies bedauerst, wird der Fall ganz einfach erledigt werden, und auch wir werden dir den gebührenden Dienst erweisen und dich ehren.

Ich sagte:

: Allah tut, was Er will. Kein Mensch ist fähig, sein eigenes Problem zu lösen.

Schams sagte:

: Mein Junge! Sprich in einfachem Arabisch. Ich verstehe all dieses Gerede von dir nicht. Doch es scheint, dass deine Absichten nicht zu unseren Gunsten sind. Dabei möchten wir dir dienen und dich ehren.

Ich sagte:

: Die Schlüssel zu allen unbekannten, unsichtbaren Geheimnissen liegen in Allahs Hand. Was in diesem gewaltigen Himmel und auf der Erde, zu Wasser und zu Land geschieht oder nicht geschieht – niemand außer Ihm weiß es. Er allein weiß alles, hört alles und lenkt alles. Auch von diesem Blatt, das herabgefallen ist, weiß Er; und auch den Samen, der in tiefer Finsternis unter der Erde keimt, sieht und kennt nur Er. Wahrlich, vom kleinsten Teilchen bis zu den Himmeln wird alles unter Seiner Kontrolle gelenkt.

Schams hörte alles mit offenem Mund an, rief Hamza zu sich und sagte:

: Bring ihn weg, Hamza. Er ist völlig frei darin, über seine eigenen Interessen nachzudenken oder nicht nachzudenken.

Hamza sagte—

: Überlassen Sie ihn mir, mein Herr. Ich werde mit ihm sprechen und sehen, was sich machen lässt.

Man brachte mich aus Schams Badrans Büro in einen anderen Raum. Hamza begann, mich davon zu überzeugen, vor Gericht eine gegen die Ikhwan gerichtete Rolle zu spielen. Er fuhr fort, all die abgedroschenen Worte herunterzuleiern, die mir bis dahin, nachdem ich sie ständig aus ihrem Mund gehört hatte, Übelkeit und Abscheu bereiteten. Er sagte—

: Erstens wird dir das gesamte Geld zurückgegeben, das bei dir beschlagnahmt wurde. Und wenn die Ikhwan vor Gericht getäuscht wird, wird das als dein großes Geschenk an Präsident Nasser gelten.

Er brachte mich zu Schams und begann, mir zu raten, nach dessen Anweisungen und Wünschen zu handeln. Ich hörte mir all seine Worte gleichgültig an und sprach kein einziges Wort, weder ja noch nein. Schließlich, als er mehrfach sagte, er werde mich vor der Todesstrafe bewahren—

da sah ich ihn mitleidig an und sagte—

: Du Narr! Wenn dein Stuhlgang aussetzt, hast du nicht die geringste Kraft, ihn herauszubekommen, und ausgerechnet du kommst, um mich vor der Hinrichtung zu retten.

Nachdem er mich in die Zelle gebracht hatte, ging er fort, um die Vorbereitungen für die Einreichung einer falschen Klage vor Gericht endgültig zu treffen.

Erstaunlich! Regierung und Gericht befanden sich allesamt in ihrer Hand. Warum fürchteten sie mich dennoch so sehr? Sie wollten, dass ich vor Gericht nicht spreche, ihre vorgebrachten Aussagen nicht zurückweise und vor dem Volk, das unter ihrer schlechten Herrschaft wie von einem Kraken umklammert war, nicht die Wahrheit enthülle!

Die Klage, die sie vor Gericht vorbrachten, trug die Züge einer lächerlichen und zugleich tragischen Inszenierung. Sie bemühten sich den Eindruck zu erwecken: Seht, sie haben aus eigenem Antrieb zugegeben, dass sie Nasser ermorden wollten, und jeder von ihnen hat freiwillig gegen sich selbst ausgesagt. Doch am Ende scheiterten dank Allahs Barmherzigkeit all ihre Machenschaften und bösen Absichten. Das Gerichtsurteil machte ihre Intrige zunichte. Dabei hatten sie alles vorbereitet, um das Gericht zu beeinflussen. Sogar Leute wie Oberst Ozumī kamen und saßen auf dem Podium des Gerichts. Doch es erwies sich, dass der Sieg der Wahrheit unausweichlich ist.

 

Eine frohe Botschaft

: Eines Tages träumte ich unter diesen Umständen, dass ich auf einer weiten, bis zum Horizont reichenden Ebene stand. Vor mir schien dies das Gericht zu sein, und hier würden wir gerichtet werden. Der gesamte Himmel spendete gleich einem über der Erde aufgespannten Zelt Schatten. Und vom Himmel bis zur Erde erstreckte sich ein wunderschöner Lichtstreifen. Ich sah, dass der geliebte Prophet, Seine Heiligkeit Muhammad (s.a.w.), mit dem Gesicht zur Qibla vor mir stand, während ich hinter ihm stand und seinen Worten lauschte. Er sagte: „Hört aufmerksam auf die Stimme der Wahrheit!“ Ich hörte eine so wunderbare Stimme, dass es schien, als käme sie gleichermaßen aus allen Richtungen des Himmels und der Erde. Diese Worte, die herüberklangen, lauteten: „Hier wird ein falsches Gericht errichtet werden, und es wird zugunsten der Falschheit entscheiden. Doch ihr seid Gläubige und Wegweiser auf dem rechten Weg … . Übt euch in Geduld und lehrt Geduld, haltet untereinander Verbindung und fürchtet Allah. Ihr werdet Wohl erlangen.“ Diese Worte schienen auf wunderschöne Weise Himmel und Erde zu durchdringen und daraus hervorzukommen. Unter ihrem Einfluss wurde ich von einer tiefen Erkenntnis und einer unaussprechlichen Freude in Herz und Seele erfüllt, sodass ich mich nicht an alles erinnere. Als diese ungewöhnliche Stimme verstummt war, deutete der geliebte Prophet mir an, zu seiner rechten Seite zu schauen. Ich sah den Gipfel eines himmelhohen Berges. Sein lebendiges, schönes Grün war überaus bezaubernd; es schien, als sei er mit einem grünen Teppich ausgelegt.

Der geliebte Prophet sagte zu mir:

: „Zaynab, steig auf diesen Berggipfel hinauf. Auf dem Gipfel wirst du Hasan Huzaybi sehen. Überbringe ihm diese Worte.“ Danach blickte der geliebte Prophet mich mit tiefem Blick an. In meinem ganzen Wesen spürte ich eine wunderbare Kraft. Obwohl der geliebte Prophet kein Wort ausgesprochen hatte, hatte ich das Gefühl, all seine Worte und auch ihre Bedeutung verstanden zu haben. Als der geliebte Prophet seine Hand zum Berggipfel erhob, empfand ich, wie ich den Berg bestieg. Während des Aufstiegs begegnete ich Khaleda und Aliya Huzaybi. Ich fragte sie:

: Seid auch ihr meine Weggefährtinnen?

Sie gaben eine bejahende Antwort. Ich ließ sie zurück und ging weiter. Nach einer kurzen Strecke begegnete ich Umayya und Hamida Qutb sowie Najma Isa. Ich fragte sie:

: Kommt auch ihr mit mir?

Sie antworteten: Ja.

Ich ging weiter. Schließlich erreichte ich den Gipfel. Dort sah ich ein kleines, mit Teppichen bedecktes, ebenes Plateau. An einer Seite war ein prächtiger Sitzplatz hergerichtet; dort saß Herr Huzaybi. Als er mich sah, stand er auf und begrüßte mich mit dem Friedensgruß. Er freute sich außerordentlich über meine Anwesenheit. Nachdem ich mich nach seinem Befinden erkundigt hatte, sagte ich:

: Ich bin gekommen, um Ihnen einige Worte des geliebten Propheten zu überbringen.

Er sagte:

: Sie sind bereits bei mir angekommen.

Wir setzten uns nieder und dankten Allah. Die Worte des geliebten Propheten waren nicht in Worten, sondern auf geistige Weise übermittelt worden. In unserem Wissen und Empfinden hatte sich ein klares Bild von ihm eingeprägt.

Während ich bei Herrn Huzaybi saß, blickte ich unterhalb des Berges hinunter und sah in einem fahrenden Zug zwei nackte Frauen. Als ich Herrn Huzaybis Aufmerksamkeit darauf lenkte, sah auch er sie. Der Anblick erschütterte mich zutiefst. Als Herr Huzaybi meinen inneren Schmerz bemerkte, sagte er:

: Hast du etwa etwas dagegen?

Ich sagte: Natürlich habe ich etwas dagegen.

Er sagte:

: Glaubst du etwa, dass wir aus eigener körperlicher Kraft hierher gelangt sind? Vielmehr ist uns Allahs Gnade zuteilgeworden. …… Mach dir wegen jener beiden Frauen keine Sorgen.

Ich sagte: Wir müssen weiter darum kämpfen, sie auf den rechten Weg zu führen.

Er fragte: Kannst du das persönlich tun?

Ich sagte: Mit Allahs Hilfe werde ich es können.

Herr Hudchaibi sagte darauf:

: Wir sollten Allah für Seine Barmherzigkeit dankbar sein. Um Dank zu erweisen, hob er beide Hände und sprach ein Bittgebet. Ich schloss mich ihm an. Während des Bittgebets wiederholten wir immer wieder die Worte „Alhamdulillah“.

In diesem Augenblick öffneten sich plötzlich meine Augen. Als ich erwachte, erfüllte ein wunderbares Gefühl mein ganzes Herz und meine Seele. Danach empfand ich keinerlei Angst mehr. Ich verspürte eine außergewöhnliche Ruhe und Kraft. Dieser Traum nahm mir auch meine körperlichen Schmerzen sowie meine seelische Trauer und Sorge.

Allah hat gesagt: „Jenen, die ausgewandert sind, die aus ihrer eigenen Heimat vertrieben wurden, die auf Meinem Weg Leid und Not ertragen haben, die Dschihad geführt haben und Märtyrer geworden sind, werde Ich alle ihre Sünden vergeben. Und Ich werde ihnen in Gärten eine Bleibe geben, unter denen Bäche fließen. Als Lohn von Allah wird ihnen die beste Belohnung gewährt werden. Folgt nicht jenen Leuten, die Allah verleugnet haben. O ihr Gläubigen! Seid geduldig, spornt einander zur Geduld an, bleibt miteinander verbunden und fürchtet Allah. Ihr werdet Erfolg haben.“

Der verheißene Tag

Am Tag der Verkündung des Urteils in unserem Fall wurden wir ins Büro geschickt, um dort auf ein Fahrzeug zu warten, das uns zum Gericht bringen sollte. Gegen acht Uhr füllten Polizisten sowie Offiziere und Soldaten der Streitkräfte den Hof des Gefängnisses. Bei ihrem Anblick schien es, als zögen sie zum Kampf ins Schlachtfeld. Als ein Fahrzeug kam, stiegen wir ein. Die Offiziere und Soldaten stellten sich rings um unser Fahrzeug auf. Kaum waren wir am Gericht angekommen, wurden wir auf die Anklagebank gebracht. Wir waren insgesamt 43 Personen. Der Reihe nach lauteten ihre Namen:

1. Sayyid Qutb

2. Muhammad Yusuf Hawwasch

3. Muhammad Fattah Ismail

4. Ahmad Abd al-Madschid Abd as-Sami

5. Ahmad, genannt Ibrahim al-Kaumi

6. Madschdi Abd al-Asis Mutawalli

7. Abd al-Madschid Yusuf Abd al-Madschid al-Sadschli

8. Abbas Said as-Sisi

9. Mubarak Abd al-Asim Mahmud Ajad

10. Faruk Ahmad Ali al-Mansabi

11. Fayiz Muhammad Ismail Yusuf

12. Mamduh Darwisch Mustafa ad-Diyubi

13. Muhammad Ahmad Abd ar-Rahman

14. Dschalaluddin Bikri Disabi

15. Muhammad Abd al-Mu’atta Ibrahim al-Dschazzar

16. Muhammad al-Mamun Yahya Zakariya

17. Ahmad Abd al-Halim as-Sirudschi

18. Salah Muhammad Chalifa

19. Sayyid Saaduddin as-Sayyid Scharif

20. Muhammad Abd al-Mu’atta Abd ar-Rahim

21. Imam Abd al-Abd al-Fattah Ghais

22. Kamal Abd al-Aziz al-Irfi

23. Fuad Hasan Ali Mutawalli

24. Muhammad Ahmad al-Buhairi

25. Muhammadi Hasan Salih

26. Mustafa Abd al-Aziz al-Chuzaybi

27. As-Sayyid Nazili Muhammad Awliya

28. Mursi Mustafa Mursi

29. Muhammad Badi Abd al-Majid Muhammad Thani

30. Muhammad Abd al-Mun’im Shahin

31. Mahmud Ahmad Fakhri

32. Muhammad Izzat Ibrahim

33. Salah Muhammad Abd al-Haqq

34. Helmi Muhammad Sadiq Hathhut

35. Al-Hisam Yahya Abd al-Majid Badawi

36. Abd al-Mun’im Abd ar-Ra’uf Yusuf Arafat

37. Muhammad Abd al-Fattah Rizq Scharif

38. Zaynab al-Ghazali al-Dschubaili

39. Hamida Qutb Ibrahim

40. Muhyiddin Hilal

41. Isabi Sulayman

42. Mustafa al-Alam

Nummer 43 war Ali Usmavi. Doch unter dem Einfluss engstirniger Interessen verkaufte er seine Religion und sein Gewissen und wurde zum Kronzeugen. Auf diese Weise wurde er entehrt und gedemütigt.

Als wir den Angeklagtenstand erreichten, kam der Feind der Gerechtigkeit im Richtergewand in den Gerichtssaal und nahm auf dem Richterstuhl Platz. Er rief nacheinander jeden von uns beim Namen und fragte, ob wir gegen sein Urteil irgendwelche Einwände hätten. Ihm wurde geantwortet:

: Gegen irgendeine bestimmte Person haben wir keine Einwände; gegen das Gesetz, nach dem wir gerichtet werden, haben wir jedoch sehr wohl Einwände. Die Gesetze, nach denen wir gerichtet werden, sind ungültige Gesetze. Wir haben keinerlei Vertrauen in sie. Wir glauben allein an das von Allah gegebene Gesetz und verlangen, nach diesem Gesetz Allahs gerichtet zu werden.

Jedenfalls wurde uns nach der formellen Befragung durch das Gericht mitgeteilt, dass das Gericht beschlossen habe, die Urteile in den Fällen von Zainab al-Ghazali und Hamida Qutb getrennt zu verkünden. Danach wurden wir aus dem Angeklagtenstand hinausgeführt. Den Verwandten, die in den Gerichtssaal gekommen waren, erwiesen wir aus der Ferne durch Gesten den Salam.

Bis die Gerichtsverhandlung vertagt wurde, hielt man uns in einem Raum eingeschlossen. Danach wurden wir mit einem Wagen ins Gefängnis gebracht. Das war am 10. April 1966. Bis zum 17. Mai desselben Jahres blieben wir in der dunklen Zelle des Gefängnisses und warteten darauf, dass die Farce unter dem Namen eines Prozesses beginnen würde.

Sechstes Kapitel

Das Gericht

Am Morgen des 17. Mai wurden wir in den Angeklagtenstand des Gerichts gestellt. Den Vorsitz des Richtergremiums führte Oberst Ozumi von den Streitkräften. Sein Auftreten war äußerst streng. Die übrigen Richter saßen zu seiner Rechten.

Mehrere Journalisten hatten sich schon lange vor Beginn des Prozesses an einem Tisch beim Anwalt eingefunden und beobachteten die Vorgänge. Die Pressefotografen begannen, Aufnahmen von uns zu machen. Unter ihnen war auch ein Pressefotograf namens Abdul Azim. Da Abdul Azim zu verschiedenen Veranstaltungen der Islamischen Frauenorganisation kam, um dort zu fotografieren, erkannte ich ihn sofort.

Ich rief ihn zu mir und sagte:

: Abdul Azim. Bewahre diese Aufnahmen auf. Später könnten sie noch gebraucht werden.

Er sagte: Natürlich.

Obwohl er es furchtlos zu sagen versuchte, schien er aus unbekannter Angst zu zittern. Nachdem er geantwortet hatte, wurde sein Gesicht plötzlich gelb. Es schien, als sei er innerhalb weniger Minuten davongeeilt, um sich zu retten. Der Richter, Oberst Ozumi, blickte zu den Journalisten, nannte meinen Namen und begann daraufhin mit der Verhandlung. Er sagte:

: Zainab, was tust du?

Um die Fragen zu beantworten, verließ ich die Anklagebank und begab mich an den dafür vorgesehenen Platz. Die Fragen, die mir gestellt wurden, hatten überhaupt keinen Zusammenhang mit meiner während der Ermittlungen abgegebenen Aussage.

Ich erwiderte auf seine Worte: Diese Dinge habe ich ihm nicht gesagt. Ich habe nur zwei Fragen beantwortet.

Der Oberstrichter Ozumi sagte:

: Hasan al-Hudaybi sagt, dass du die viertausend Dschineh, die du ihm gegeben hast, deinem eigenen Ehemann gestohlen hast.

Ich sagte:

: Die viertausend Dschineh waren Spendengelder der Ikhwan für Nahrung, Kleidung, Bildung und anderes für die Familien der Inhaftierten. Nach dem Prozess von 1954 hatte Jamal Abd an-Nasser diese Familien auseinandergerissen und ins Verderben getrieben.

Als der maskierte Richter Ozumi meine Worte, besonders den letzten Satz, hörte, geriet er in einen Zustand, als hätte ihn gerade ein giftiger Skorpion gestochen.

Nun sagte er:

: Warum kam dir, als dein Bein gebrochen war, der Gedanke an dieses Geld? Warum kam Abd al-Fattah Ismail zu dir ins Krankenhaus? Um von demjenigen Geld zu nehmen und es Hudaybi zu geben, dem du den Schlüssel zum Tresor in deinem eigenen Haus gegeben hattest!

Ich sagte:

: Denn es war das Geld der Islamischen Bewegung, das zur Unterstützung der Familien der inhaftierten Brüder gesammelt worden war. Sie selbst haben diese Familien an den Rand des Untergangs getrieben. …… Aus Furcht, dass meine Erben das Geld nach meinem Tod an sich nehmen könnten, gab ich es seinem rechtmäßigen Eigentümer, der Islamischen Bewegung, zurück.

Richter Ožumi sagte nun-

: Das Geld jener Organisationen, mit dem ihr Waffen kauftet. Hujaybi hat gesagt, dass er nichts über den Erwerb dieses Geldes weiß. …… Du hast dein Geld sicherlich gestohlen.

Der Staatsanwalt fiel ihm ins Wort und sagte-

: Nach Aussage von Sayyid Qutb hat er gesagt, von Hamida in großem Umfang Steuern einzutreiben.

Ich sagte- Das ist alles nicht geschehen.

Der Staatsanwalt fragte- Sagt Sayyid Qutb also die Unwahrheit? Ich sagte- Möge Allah ihn vor Lüge bewahren.

Der Staatsanwalt konnte es nicht länger ertragen. Mitten in dem voll besetzten Gerichtssaal begann er, obszöne Beschimpfungen auszustoßen. Ich war bestürzt. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich in einem Gerichtssaal solche obszönen Beschimpfungen hören würde. Erstaunlich! Werden diese ungehobelten Menschen auf diese Weise die Tradition Ägyptens von Höflichkeit und Anstand erwürgen und töten?

Als der Oberst und Richter Ozumi die Vernehmung mit mir für beendet erklärte, kehrte ich wieder auf die Anklagebank zurück. Danach wurde Hamida Qutb zur Vernehmung hereingerufen. Nachdem die Befragung mit ihr beendet war, wurde auch sie ins Gefängnis geschickt. Anschließend begann der Staatsanwalt, seine Erklärung vorzulesen.

Ich weiß nicht, ob man dies überhaupt Gericht oder Justiz nennen kann. Was ist das für ein Gericht, in dem der Staatsanwalt angesehene Menschen in übler Sprache beschimpfen und frei erfundene Anschuldigungen verbreiten darf? Der Mann, der im Namen des Staatsanwalts vor Gericht stand und sprach, hatte durch die Verdorbenheit seines Herzens sein Gesicht verdunkelt; auch im Gerichtssaal verbreitete sich deren finsterer Einfluss.

Als ich seine niederträchtigen Lügen hörte, kochte mein Blut vor Zorn. Ich hob die Hand, um gegen seine anstößigen Worte zu protestieren. Der mit einer Robe bekleidete Richter Ozumi glaubte, ich hätte vielleicht die Hand gehoben, um mich im letzten Augenblick auf ihre Seite zu stellen und der Todesstrafe zu entgehen. Wie ein Dummkopf sah er mich an und sagte: »Sprich.«

Ich schwieg einige Augenblicke, ließ den Blick durch den ganzen Gerichtssaal schweifen und begann zu sprechen:

: Im Namen Allahs, des Allerbarmers, beginne ich. Wir sind die Führer der Nation. Wir sind die Hüter des Korans und der Scharia. Für uns ist der Gesandte das höchste Vorbild der Menschheit. Wir werden auf Allahs Weg standhaft bleiben und die Fahne des Tauhid, der Risala, der Gerechtigkeit und der Wahrheit hochhalten. Daraus wird die Nation die Führung auf ihrem Weg gewinnen. …… Angesichts der Intrigen und Täuschungen der Unterdrücker und Tyrannen ist Allah unser Beschützer, und Seine Gnade ist für uns ausreichend.

Danach zeigte ich mit dem Finger auf den sogenannten Richter und den Staatsanwalt und sagte:

: Allah allein genügt uns, um unser Leben und unser Eigentum vor deren Lügen und Verleumdungen zu schützen.

Dies sagte ich mehrere Male. Der sogenannte Richter Ozumi schrie wie ein von Hysterie befallener Kranker auf und sagte:

: Halt! Halt! Was redest du da? Dabei stieß er so allerlei Worte hervor, dass alle im Gerichtssaal Anwesenden angesichts seines Gebarens zu lachen begannen. Wahrlich ein Richter! … … Er wusste nicht einmal, wie ein Richter zu sprechen hat. Tatsächlich waren alle Mitarbeiter Abdun Nasers solche sturen Dummköpfe. Diese Mitarbeiter haben ihn in die Irre geführt und ihm geschadet. Da kein einziger anständiger und gebildeter Mensch in seiner Nähe blieb, setzte er eben diese sturen Dummköpfe mit der Wahrnehmung verschiedener Aufgaben ein. Danach sagte ich im Sitzen:—

: Unwissenheit ist das eigentliche Problem. Wegen dieser Unwissenheit entstehen all diese schlechten Taten. Die Geschichte wird die Eignung und Persönlichkeit des damaligen Richters und des Staatsanwalts gewiss als Zeugnis festhalten. Als die Sitzung an jenem Tag vertagt wurde, brachte man uns ins Gefängnis zurück. Jeder von uns kehrte in seine eigene Zelle zurück. Doch ich musste dafür büßen, dass ich vor Gericht gesprochen hatte.

 

Äußerste Barbarei

Ich hatte gedacht, dass die Misshandlungen gegen mich vielleicht eingestellt würden, weil vor Gericht ein Verfahren gegen mich lief. Aber nein, wie zuvor ging es weiter, dass man mich im Namen der Ermittlungen von einem Büro zum anderen schleppte. Diesmal verlangte man von mir Auskunft über einige Personen. Als ich erklärte, darüber nichts zu wissen, stellte man mich mit dem Gesicht zur Wand und schlug mich. Einerseits lief vor Gericht das Verfahren weiter. Andererseits wurden die Misshandlungen gegen mich unablässig fortgesetzt. In der Geschichte findet sich kein Beispiel dafür, dass man einen Angeklagten derart schlecht behandelt hätte. Kann irgendein Gericht oder irgendein Ermittlungsteam eine solche ungerechte Behandlung vornehmen? Selbst die Quraisch jener dunklen Epoche, in der islamischen Bewegung zu deren Anfangszeit, haben den Muslimen gegenüber keine derart abscheuliche und unehrliche Behandlung an den Tag gelegt. Wirklich nicht. Die Geschichte ist Zeugin dessen.

 

Verkündung des Urteils im Verfahren

Am Tag der Verkündung des Urteils im Verfahren brachte man Hamida und mich in einem separaten Fahrzeug unter strenger Bewachung durch Soldaten zum Gericht, um das Urteil anzuhören. In dem Fahrzeug vor uns wurden die männlichen Gefangenen gebracht. Zuerst begann die Anhörung der Männer. Bis dahin ließ man uns in getrennten Räumen sitzen. Danach brachte man uns in den Gerichtssaal. Zuerst wurde mein Name aufgerufen und verkündet: „Zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit sowie zur Beschlagnahmung meines gesamten beweglichen und unbeweglichen Besitzes verurteilt.“ Als ich das Urteil des Gerichts hörte, sagte ich:

: Allahu Akbar. Alles Lob gebührt Allah! … … Zaynab darf auf dem Weg der Wahrheit, auf dem Weg der islamischen Bewegung, keinerlei Schwäche zeigen. Es gibt keinen Grund für Angst oder Trauer. … … Lebe als Gläubige, bis zuletzt wird der Erfolg deine Füße küssen.

Nach mir wurde der Name meiner Schwester Hamida Qutb aufgerufen—

„Zehn Jahre Zwangsarbeitsstrafe.“

Ich stand auf, legte Hamida den Arm um den Hals und sagte:

: Allahu Akbar. Allah sei Dank. Unser Bemühen und unser Kampf auf dem Weg zur Errichtung des islamischen Regierungssystems und zum Erlangen von Allahs Wohlgefallen sind auf dem Weg zum Erfolg; wir sind zufrieden.

Wir unterhielten uns ganz ungezwungen und gelangten zum Gerichtsgebäude. Dort sahen wir mit Ikhwan-Brüdern gefüllte Wagen. Wir waren ihretwegen sehr besorgt gewesen. Als sie uns sahen, fragte einer von ihnen mit lauter Stimme:

: „……Schwester Zainab……?“

Ich antwortete: „Fünfundzwanzig Jahre Zwangsarbeitsstrafe auf dem Weg zur Errichtung des islamischen Regierungssystems.“

Diesmal fragte er: „……Schwester Hamida……?“

Ich sagte: Im Kampf für die Errichtung von Allahs Din auf Allahs Erde zehn Jahre Zwangsarbeitsstrafe.“

Als ich sie nach Herrn Sayyid Qutb, Bruder Abd al-Fattah Ismail und Yusuf Hawwas fragte, teilten sie mir mit: „Als Märtyrer auf Allahs Weg …“ Ich verstand, dass sie zum Tode verurteilt worden waren. Ich hob die Hände und sprach ein Bittgebet zu Allah. –

O unser Herr! Nimm ihr großartiges Opfer an, das sie auf dem Weg zu Deiner Zufriedenheit dargebracht haben, und schenke Deinen Mudschahedin im Gegenzug Kraft, Mut und Hilfe zur Errichtung der islamischen Herrschaft auf dieser Erde. So Allah will, wird allein Allahs Religion siegreich sein.

Safwat und die anderen Soldaten kamen, setzten Hamida und mich in ein kleines Auto und halfen uns hinein. Als die Journalisten und Pressefotografen uns sahen, eilten sie herbei. Sie wollten fotografieren. Das war mir äußerst zuwider. Ich rief sie zu mir und sagte:

Seid auch ihr Anhänger dieser ungerechten Tyrannen? Freut auch ihr euch über das Unrecht und die Unterdrückung, die uns widerfahren? …… Reicht ihr den abscheulichsten Feinden der Nation die Hand? …… Wenn dem so ist, was soll dann all dies? Was sehe ich hier?

(*****Bild****)

Unmittelbar nach unserer Ankunft im Gefängnis begann eine neue Phase der Folter. Doch seit der Verkündung des Gerichtsurteils wurden Schwester Hamida Qutb und ich in derselben Zelle untergebracht.

 

Einige Augenblicke mit Sayyid

Fünf Tage nach der Verkündung des Todesurteils klopfte Bruder Sayyid Qutb an die Tür unserer Zelle. Als wir die Tür öffneten, kam er mit einem Militäroffizier herein. Der Offizier ließ ihn drinnen und ging wieder fort. Safwat blieb natürlich bei Sayyid Qutb sitzen. Ich begrüßte den heldenhaften Sayyid und sagte:

: Dass Sie sich für einige Augenblicke zu uns gesetzt haben, kommt für uns einer besonderen Barmherzigkeit Allahs uns gegenüber gleich, und wir betrachten dies als eines der größten Glücke unseres Lebens.

In äußerst gelassener und natürlicher Stimme sprach er mit uns über den Tod und den von ihm bestimmten Zeitpunkt und sagte:

: Die Verfügungsgewalt über Leben und Tod liegt vollständig in Allahs Hand. Niemand außer Allah kann in dieser Angelegenheit eine Entscheidung treffen.

Er ermahnte uns, auf dem Weg, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, standhaft zu bleiben. Er sagte, der Zweck unseres Lebens bestehe darin, Allah anzubeten, und seine höchste Erfüllung liege darin, für sein Wohlgefallen Leben und Besitz zu opfern. Danach gab er seiner Schwester Hamida Qutb leise einige Ratschläge ins Ohr und erteilte auch mir mit gedämpfter Stimme einige Ratschläge. Der wahrheitsverräterische Safwat, der unser Gespräch nicht länger ertragen konnte, fuhr uns an und befahl Sayyid aufzustehen. In einem derart schweren Augenblick wären vielleicht sogar Steine geschmolzen. Doch die Herzen der sündigen Tyrannen sind härter als Stein. Von Menschlichkeit verspüren sie überhaupt nichts. Sie waren nicht einmal bereit, dem Bruder, der binnen weniger Tage als Märtyrer sterben sollte, einige Augenblicke des Gesprächs mit seiner gefangenen Schwester zu gestatten.

Als Sayyid Qutb Safwats unhöflichen Befehl hörte, sagte er zu uns:

: Das macht nichts. In unseren Herzen muss die Geduld ihren festen Platz behalten. Damit verabschiedete er sich von uns und ging.

 

Machenschaften vor der Hinrichtung

Hören Sie nun aus dem Mund von Schwester Hamida selbst, welches Gespräch die Agenten Nassers in der für die Hinrichtung bestimmten Nacht mit ihr führten. Schwester Hamida sagte:

: Hamza ließ mich ins Büro rufen, zeigte mir die staatliche Anordnung über das Todesurteil und das dazugehörige offizielle Anerkennungsschreiben und sagte:

: Wenn Ihr Bruder noch immer so antwortet, wie wir es von ihm verlangen, ist die Regierung bereit, sein Todesurteil zurückzunehmen. …… Sehen Sie, die Hinrichtung Ihres Bruders wird für die ganze Nation traurig und erschütternd sein. Und sie wird als ein unersetzlicher Verlust für Ägypten betrachtet werden. …… Ich kann kaum glauben, dass wir diese große Persönlichkeit schon in wenigen Stunden für immer verlieren werden. …… Wir sind auf jede Weise darum bemüht, Ihren Bruder vor diesem unerwünschten Todesurteil zu bewahren. Dafür muss er natürlich nur ein oder zwei Sätze sagen. Danach wird ihm die Hinrichtung erspart bleiben. …… Wir wissen, dass außer Ihnen niemand ihn mit Worten überzeugen kann. In dieser Angelegenheit sind Sie unsere letzte Hoffnung…… Die Verantwortung für dieses Gespräch werde ich übernehmen. Aber Sie können mehr Einfluss auf ihn ausüben als ich. Das genügt – er muss nur einen einzigen Satz sagen. Danach werden alle Probleme gelöst sein. Er muss lediglich sagen, dass die eigentliche Verbindung dieser Bewegung zu einem anderen Land besteht. Sobald er dies sagt, werden wir unter dem Vorwand seines sich verschlechternden Gesundheitszustands das Todesurteil aufheben und ihn freilassen.

Nachdem ich ihnen zugehört hatte, sagte ich:

: Aber ihr alle und euer Präsident Nasser wisst, dass diese Bewegung keinerlei Verbindung zu irgendeinem anderen Land oder irgendeiner anderen Macht hat. Hamza gab dies zu und sagte:

: Jeder weiß, dass ihr in Ägypten selbstlos für den Islam arbeitet und zweifellos zu den besten, charakterfestesten, bewusstesten und gebildetsten Menschen des Landes gehört; aber jetzt geht es vor allem darum, Sayyid Qutb zu retten. Darauf sagte ich:

Wenn euer Oberkommando besonderen Wert darauf legt, ihm diese Botschaft zu übermitteln, habe ich nichts dagegen.

Danach rief Hamza Safwat und sagte:

: Bring ihn zu seinem Bruder.

Ich ging zu meinem Bruder Sayyid Qutb und überbrachte ihm die Botschaft der Regierung. Nachdem er alles gehört hatte, sah er mich mit ernstem Blick an und fragte gleichsam schweigend und wortlos:

: Willst auch du das? Oder ist es nur ihr Wunsch?

Ich gab ihm durch eine Geste zu verstehen:

: Das ist weder meine Ansicht noch mein Wunsch.

Danach sah Sayyid Qutb mich ernst an und sagte mit ernster Stimme –

Bei Allah, was ich gesagt habe, habe ich wahrheitsgemäß gesagt. Keine Macht der Welt könnte mich um irgendeinen Preis dazu bringen, mit meinem Mund eine Lüge auszusprechen.

Ich habe nichts Unangemessenes gesagt.

Safwat fragte –

: Ist das auch deine Meinung? Nachdem er das gefragt hatte, sagte er uns, wir sollten dort bleiben—

: Setz dich noch eine Weile hin und versuche herauszufinden, ob du es verstehen kannst.

Ich erzählte meinem Bruder den gesamten Vorgang von Anfang bis Ende.

Hamza rief mich zu sich, zeigte mir die amtliche Anordnung zur Todesstrafe und bat mich, dir in seinem Namen die Botschaft der Regierung zu überbringen. Mein Bruder fragte mich—

: Würdest du dich darüber freuen?

Ich sagte: Nein!

Ruhig und gelassen sagte er—

: Gewinn und Verlust liegen nicht in der Macht des Menschen. Das Leben und alles, was damit verbunden ist, geschieht allein nach Allahs Willen. Niemand kann meine Lebenszeit verlängern oder verkürzen. Denn alles, was geschehen soll, liegt allein in Allahs Hand. Er allein hat alles unter Kontrolle.

 

Vollstreckung des Urteils

Einige Tage später hörten wir von dem Märtyrertod Sayyid Qutbs, Abd al-Fattah Ismails und Muhammad Hawwas’. Diese Nachricht traf uns wie ein Blitzschlag. Jeder von ihnen war ein nationaler Führer. Wegen ihrer Weisheit, ihrer Weitsicht, ihres edlen Charakters, ihrer Großzügigkeit, ihres revolutionären Denkens und ihrer islamischen Eigenschaften genossen sie im ganzen Volk aufrichtige Liebe und Verehrung. Selbst ihre Feinde versäumten es nicht, ihre starken moralischen und charakterlichen Qualitäten vorbehaltlos anzuerkennen. Heute sind große Volksführer wie sie auf das Geheiß des ausländischen roten Imperialismus am Galgen aufgehängt worden. Welch entsetzlicher Verrat! Der große revolutionäre Führer Sayyid Qutb ist zum Märtyrer gemacht worden. Und seine Schwester sitzt gemeinsam mit mir hier, an meiner Seite, hinter den eisernen Mauern des Gefängnisses. Ich wusste nicht, mit welcher Sprache und welchen Worten ich sie trösten sollte. Auch ich war vor Schmerz und Trauer wie betäubt; außer stummer Sprachlosigkeit fand ich keine Worte. Was konnte ich schon sagen? Was konnte ich tun? Dies war nicht nur mein persönlicher Schmerz oder der eines Einzelnen; bei diesem Unglück und in dieser Trauer waren ganz Ägypten und die gesamte muslimische Welt von Kummer überwältigt. Dieser Verlust betraf nicht nur Ägypten; vielmehr war heute die gesamte muslimische Welt der Führung ihrer großen Führer beraubt. Das ist keine geringfügige Sache. Dieser Verlust lässt sich nicht einfach hinnehmen. Wie könnte es in Allahs Welt, in den Ländern der Muslime, möglich sein, dass die Führer der islamischen Bewegung gehängt werden, weil es als Verbrechen gilt, den Namen des Islam zu erwähnen, und dennoch keinerlei Reaktion erfolgt?

Sayyid Qutb, der Kommentator des Korans, der Verkünder des Islam, eine Leuchte der islamischen Literatur, der furchtlose und kompromisslose Führer der islamischen Bewegung, ein revolutionärer Mudschahid auf Allahs Weg – dieser glühende Redner, der Millionen Blinden den Blick für die Wahrheit geschenkt hat und dessen vernunftbetonte Literatur in allen Winkeln der Welt außerordentliche Anerkennung findet –, dieser Mann ist ermordet worden. Wie fühlt es sich an, über diese Worte nachzudenken? Um die Botschaft des Korans in unserer Zeit richtig zu verstehen, verfasste er aus einer völlig modernen und auf Vernunft gegründeten Perspektive sein berühmtes Tafsir-Werk „Fī Ẓilāl al-Qurʾān“ – „Im Schatten des Korans“. In seinem unsterblichen Werk legte er klare islamische Lösungen für die komplizierten wirtschaftlichen, sozialen und administrativen Probleme der modernen Welt vor. In der Einleitung zur Sure al-Anʿām zeigte er den Menschen den richtigen Weg zur Erlösung.

Imam Sayyid Qutb ist der Verfasser von insgesamt zwanzig Werken, darunter „Soziale Gerechtigkeit im Islam“, „Die strahlende Zukunft des Islam“, „Die Szenen des Jüngsten Tages“ und „Der Koran als Lebensideal der Menschheit“. Jedes einzelne seiner Werke gilt heute als ein unschätzbarer Schatz für die entrechtete Menschheit.

Schon die Lektüre seines berühmten Werkes „Maʿālim fī t-Tarīq“ lässt erkennen, warum die Großmächte und ihre Helfershelfer sich so eifrig darum bemühten, ihn zu töten. Imam Sayyid Qutb wies der unterdrückten Menschheit der Welt den Weg zur Befreiung aus dem erbarmungslosen Griff der beiden Großmächte. Er rief die Menschheit der Welt dazu auf, sich aus den Fängen des Oktopus der sogenannten beiden Supermächte zu befreien und im Einklang mit ihrem natürlichen Lebensideal, dem Islam, ein neues Leben zu beginnen. Die weltweite islamische Wiedergeburt bedeutet jedoch den Untergang des kapitalistischen amerikanischen Imperialismus und des sozialistischen sowjetischen Imperialismus. Deshalb gingen die beiden Großmächte trotz all ihrer gegenseitigen Gegensätze mit aller Entschlossenheit gegen die islamische Bewegung vor. Sayyid Qutb machte die muslimische Gemeinschaft auf ihre Verantwortung und ihre Pflichten aufmerksam und sagte in den Worten des Korans:

: Unter den Menschen seid ihr die beste Gemeinschaft. Daher dürft ihr als die beste Gemeinschaft eure Verantwortung und eure Pflichten nicht vernachlässigen. Voller Zuversicht sagte er:

: Wie sehr die Mächte des Falschen und des Unglaubens sich auch widersetzen mögen – diese Welt wird durch das unvergängliche Licht des Islam wieder erstrahlen.

 

Die letzten Tage

An dem Tag, an dem Imam Sayyid Qutb zum Tode verurteilt wurde, schlief ich im Morgengrauen nach dem Fajr-Gebet ein und sah im Traum, wie er zu mir sagte:

: Wisse, ich bin nicht der Gefährte jener Leute; ich bin mit dem geliebten Propheten in Medina. An dieser Stelle wachte ich auf. Ich stand auf und erzählte Hamida den Traum. Am zweiten Tag nach der Hinrichtung schlief ich nach dem Fajr-Gebet beim Verrichten des Tasbih wieder ein und hörte aus dem Hintergrund eine Stimme:

: Sayyid befindet sich im Dschannat al-Firdaus.

Als ich aufwachte, erzählte ich Hamida von dem Traum. Daraufhin liefen ihr unaufhörlich Tränen über die Wangen. Mit erstickter Stimme sagte sie:

: Ich habe unerschütterliches Vertrauen in Allahs Barmherzigkeit. Er befindet sich gewiss im Dschannat al-Firdaus. Ich sagte, dass Allah, der Erhabene, uns durch den Traum einen Hinweis auf Sayyids Glückseligkeit gebe.

Unterdessen setzten die Tyrannen ihre Unterdrückung gegen uns fort. Eine derart grausame Misshandlung wäre für keinen Menschen zu ertragen. Außerdem wurden wir unter dem Vorwand der sogenannten Ermittlungen weiterhin täglich von einem Büro zum anderen geschleppt. Ich hatte geglaubt, nach der Verkündung des Gerichtsurteils würden wir außer der offiziellen Strafe von den übrigen Schikanen verschont bleiben. Doch diese Hoffnung erwies sich als bloße Illusion. Warum hätten sie mir Ruhe gönnen sollen? Um mich täglich zu schikanieren, wurde ich von einem Büro zum anderen gebracht, und ich musste den Henkern folgen, während ich Schwester Hamida allein und von Trauer überwältigt zurückließ. Jeden Tag musste ich nach meiner Rückkehr aus dem Büro berichten, dass die Tyrannen erneut viele Muslime verhaftet und hergebracht hatten. Sie fragten mich nach Informationen über unbekannte und mir fremde Personen. In Wirklichkeit wollten sie mich in noch weitere Verfahren verwickeln. Selbst mit meiner fünfundzwanzigjährigen Zwangsarbeitsstrafe schienen sie noch nicht zufrieden zu sein. So verbrachten wir unter unerträglichen Bedingungen jeden einzelnen Augenblick im Gefängnis. Jeder Augenblick erschien uns so lang wie hundert Jahre. Der einzige Weg, diesem Kummer, dieser Sorge und diesem Überdruss zu entkommen, war das Lesen des heiligen Korans. Wenn ich mich zum Koranlesen hinsetzte, vergaß ich allen Kummer, und mein Herz und meine Seele fanden in einem überirdischen Frieden Erquickung. Allah hat wahrlich gesagt: „Hört: Durch das Gedenken Allahs finden die Herzen Geduld und Frieden.“

Nach einigen Tagen verlangten wir nach Zeitungen. Daraufhin veranlasste Hamza, dass uns aus dem Geld, das wir beim Gefängnisfonds hinterlegt hatten, Zeitungen gebracht wurden. Nachdem die Zeitungen eingetroffen waren, begannen wir nach langer Zeit wieder Nachrichten aus der Außenwelt zu erhalten. Dadurch verging die Zeit auch angenehmer.

Im Gefängnis nahm mein Leid kein Ende. Unterdessen traf fast täglich eine Nachricht über irgendeine Verschwörung gegen Nasser ein. Sobald das Gerücht über eine Verschwörung aufkam, begannen sie, mich hin und her zu zerren. Sinnlose Verhöre wurden ununterbrochen fortgesetzt. Das Geschehen spielte sich draußen in der freien Welt ab, doch ich, die Gefangene in der verschlossenen Zelle hier, musste mich für diese künstlichen Verschwörungen rechtfertigen. Tatsächlich ließ die Regierung selbst diese Nachrichten über Verschwörungen erfinden und verbreiten. Jeden Tag wurde eine Verschwörung aufgedeckt, und jeden Tag traf ein unerwünschter Donnerschlag mein Haupt.

 

Der Tod meines Ehemanns

Nach der Urteilsverkündung vor Gericht ließ ich Hamza Bisyubi rufen und bat ihn, ein Treffen mit meinem Ehemann zu arrangieren. Als er auch nach einigen Tagen nicht kam, erinnerte ich ihn erneut daran. Unter diesem Vorwand wurde ich ins Büro gerufen und nach dem Zweck meines Treffens mit meinem Ehemann gefragt. Da sagte ich ihnen:

: Ich bin zu fünfundzwanzig Jahren Haft verurteilt und eine Gefangene. Ich möchte mit ihm über unsere eheliche Beziehung sprechen und ihn aus dieser Bindung freigeben. Ich muss seine Meinung und seinen Rat hören. Als Hamza mich angehört hatte, sagte er:

: Abdun Naser wird dich nicht hängen lassen, sondern dich langsam zugrunde richten.

Ich sagte:

: Ich vertraue auf Allah! Abdun Naser, ihr und alle Menschen auf der ganzen Welt besitzen nicht einmal die Macht, ein Blatt von einem Baum fallen zu lassen. Niemand kann gegen Allahs Willen etwas tun.

Hamza sagte: Wir werden dir die Scheidungsurkunde deines Ehemanns schon bald zukommen lassen.

: Ihr seid wirklich Bestien! – Mit diesen Worten kehrte ich zurück. Ich kehrte zwar in meine Zelle zurück, doch mein Herz war in großer Unruhe. Ich verbrachte die Tage in äußerster Beklemmung. Eines Tages schlief ich nach dem Morgengebet ein und sah im Traum, dass in der Zeitung die Todesnachricht meines Ehemanns veröffentlicht worden war. Meine Sorge wurde noch größer. Ich hob für ihn die Hände zum Gebet vor Allah und sagte:

: O Herr über Leben und Tod! Ich kann nicht darum bitten, ihn vom Tod zurückzubringen. Doch lass Dein Erbarmen auf ihn herabregnen. An jenem Tag hatte auch Schwester Hamida denselben Traum. Als am nächsten Tag, einem Freitag, die Zeitung eintraf, lasen wir tatsächlich in der Zeitung die Nachricht vom Tod meines Mannes und brachen zusammen. Als ich die Nachricht vom Tod meines geliebten Mannes las, verlor ich die Fassung und begann wie ein Kind zu weinen. Während ich weinte, verlor ich das Bewusstsein. Man rief einen Arzt für mich.

Einige Tage später kamen Mitglieder meiner Familie zu Besuch und teilten mir mit, dass Abdun Naser und seine Soldaten meinen Mann dazu gezwungen hatten, mich zu verlassen oder eine Gefängnisstrafe anzutreten. Mein Mann war ein äußerst aufrichtiger und vornehmer Mensch. In der Gesellschaft war er als der von allen verehrte Hadschi Sahib bekannt.

Als Naser Leute begannen, ihn noch stärker unter Druck zu setzen, bat er um zwei Wochen Bedenkzeit. Doch sie weigerten sich, ihm diese Zeit zu gewähren, und zwangen meinen Mann gewaltsam, die Scheidungsurkunde zu unterschreiben. Er erklärte ihnen unmissverständlich:

: Allah ist Zeuge: Ich habe mich in keiner Weise von meiner Ehefrau Zainab al-Ghazali scheiden lassen.

Er sagte außerdem: Ich bin alt geworden. Mein Tod steht nahe bevor! Lasst mich in Würde und Frieden sterben. …… Bis zum letzten Augenblick meines Lebens wird Zainab meine Ehefrau bleiben.

So kam es auch. Als mein Mann von der Gefängnisstrafe erfuhr, wurde er seelisch krank. Schon zuvor hatte er unter einer Lähmung gelitten; wegen der Verluste seiner Firma, meiner Verhaftung, der Beschlagnahmung unseres Hauses und Besitzes und anderer Dinge war er zutiefst beunruhigt. Unmittelbar nachdem man meinem Mann die Unterschrift gewaltsam abgenötigt hatte, verstarb er.

Vor unserer Heirat war mein Mann mein Glaubensbruder. Neben unserer ehelichen Beziehung war auch unsere Verbindung im Glauben äußerst innig. Auch unsere eheliche Beziehung war sehr innig. Nach seinem Tod kümmerten sich meine Verwandten mit der gebührenden Würde um seine Waschung, Einhüllung und Beerdigung. Dafür bin ich jedem Einzelnen von ihnen zu Dank verpflichtet.

Das Datum nach dem islamischen Kalender für das Ereignis, bei dem ich den geliebten Propheten im Traum gesehen hatte, hatte ich aufgeschrieben. Als ich die Daten verglich, stellte ich fest, dass die Feinde genau an diesem Tag meinen Mann zwangen, die Scheidungsurkunde zu unterschreiben. Im Traum sah ich den geliebten Propheten in einem makellos weißen Gewand. Hinter dem geliebten Propheten sah ich auch Herrn Hasan al-Hudaybi in weißer Kleidung und mit einer weißen Kappe. Ich stand dort, und neben mir befanden sich Mutter Aischa (r.a.) und einige andere Frauen. Sie erteilte mir gerade einige Ratschläge. In diesem Augenblick kam der geliebte Prophet dorthin, rief Mutter Aischa (r.a.) und sagte:

: Hab Geduld, Aischa! Hab Geduld! Gleichzeitig nahm Mutter Aischa (r.a.) meine Hand, drückte sie sanft und ermahnte mich, Geduld zu bewahren.

Als ich aus dem Schlaf erwachte, erzählte ich Schwester Hamida den Traum. Sie betete zu Allah, dass meine Geduld und Kraft zunehmen mögen. Noch an jenem Tag spürte ich, dass vielleicht eine gewaltige Gefahr vor mir lauerte. Daher hob ich für den Erfolg in der neuen Prüfung meine Hände zu Allah und sagte:

: O Beistand der Hilflosen! Schenke mir Geduld und Kraft, gewähre mir Zuflucht im Schatten deiner Barmherzigkeit.

 

Neue Nachbarn

In einer bitterkalten Winternacht hörten wir in dem Raum nebenan großen Lärm. Als wir die Tür unseres Raumes öffneten, um nachzusehen, sahen wir Salah auf uns zukommen. Kaum war er da, verlangte er das Mittel gegen Erbrechen, das wir ihm am Morgen gegeben hatten. Wir gaben ihm sofort die Medizin. Am nächsten Tag teilte er uns mit, dass die Nachbarn in dem Raum nebenan der Ministerpräsident des Jemen und seine zwanzig Mitarbeiter seien. Obwohl die Sache ungewöhnlich war, war ich darüber nicht sonderlich erstaunt. Denn, wie man sagt: Das Gefängnis ist ein Museum. Hier ist alles möglich.

Abd an-Nasser verbreitet mit großem Getöse seine Siegespropaganda über die Eroberung des Jemen. Doch die Frage ist: Warum ist der Ministerpräsident des Jemen in einem ägyptischen Gefängnis eingesperrt? Haben Sie je gehört, dass der britische Imperialismus nach der Eroberung Ägyptens Dutzende Ägypter nach London gebracht und dort in Gefängnissen eingesperrt hätte? Oder hatte Napoleon Bonaparte nach der Eroberung Ägyptens etwa irgendeinen Ägypter in ein Pariser Gefängnis bringen und dort festhalten lassen?

 

Ich fordere Nassers Verurteilung

Darf ich fragen, warum gegen Nasser wegen seiner zahllosen schweren Verbrechen kein Verfahren eingeleitet wurde? Hat Ägypten etwa gerade deshalb seinen ehrenvollen Platz in seiner nationalen Geschichte verloren, weil hier keinerlei Maßnahmen ergriffen wurden, um die Tyrannen und Unterdrücker niederzuhalten?

Wenn das Land auch heute nicht vor den kriminellen Machenschaften dieser Verbrecher gerettet wird, wird das Problem noch komplizierter werden.

In der schlimmsten Zeit der diktatorischen Herrschaft in Ägypten trat die Muslimbruderschaft vor, um die große Verantwortung für die Wahrung der nationalen Interessen zu übernehmen. Die Muslimbruderschaft erhob furchtlos scharfen Protest gegen Unrecht, Unterdrückung und Terror und forderte die Verwirklichung der grundlegenden Rechte des Volkes. Zunächst versuchte Nasser, die Muslimbruderschaft mit falschen Versprechungen zu täuschen. Doch schon bald kam die Wahrheit ans Licht und seine Maske fiel. Als niemand mehr daran zweifelte, dass Nasser ein gehätschelter Handlanger des sowjetischen Imperialismus war, erhob sich die ganze Nation gemeinsam mit der Muslimbruderschaft gegen den Feind. 1954 unterstützte die Nation die Muslimbruderschaft in ihrem Kampf für die Wahrheit. 1965 trat die Nation erneut an, um ihre Pflicht aus dem Glauben zu erfüllen. Im selben Jahr gingen Agenten ausländischer Mächte mit dem Plan vor, die islamische Bewegung aus Ägypten vollständig auszurotten. Sie versuchten, die Muslimbruderschaft für immer zum Schweigen zu bringen. Deshalb wurden Millionen Menschen inhaftiert. Unzählige Aktivisten wurden schikaniert, und es ist schwer zu ermessen, wie viele Menschen getötet oder verletzt wurden. Doch trotz all dieser Gewalt und Unterdrückung konnte die Fackel der Wahrheit nicht ausgelöscht werden. Ihre schönen Träume zerbrachen vollständig. Die Arbeit für Allahs Religion dauert heute ebenso wie zuvor an und wird bis in alle Zukunft fortbestehen.

Die Kinder, die zur Zeit Abdun Nassers Revolution geboren worden waren, waren es, die während der islamischen Massenbewegung von 1965 Nassers diktatorische Herrschaft in Atem hielten.

Mit Unterstützung seiner ausländischen Herren importierte Nasser Atheismus sowie obszöne Filme und Zeitschriften ins Land und unternahm verzweifelte Anstrengungen, den Charakter der jungen Generation des Landes zu verderben. Doch die tapferen jungen Männer des Landes machten diese fremden Verschwörungen zunichte und hielten das Siegesbanner des Islam hoch.

So zeigte sich der Erfolg der Maßnahmen, die wir zur Erziehung und Ausbildung der jungen Generation ergriffen hatten. Die jungen Männer wurden zur wichtigsten treibenden Kraft der islamischen Bewegung. Als Nasser die führende Rolle der Jugendlichen in der islamischen Bewegung sah, geriet er vor Wut außer sich.

Er sagte zu seinen Gefolgsleuten oft:

: Zaynab al-Ghazali und Abd al-Fattah Ismail haben mir die junge Generation aus den Händen gerissen.

Diese Anerkennung Nassers ist für uns eine Quelle des Stolzes. Wir konnten die junge Generation vor seinem schamlosen, harten Griff bewahren. Wir haben im Dienste des Islam eine solche junge Streitmacht herangebildet, die in der Lage ist, angesichts jeder Welle und jeder Modeerscheinung ihrer Zeit das Banner des Islam hochzuhalten. In Bildung und Anstand, in Wissen und Charakter sowie in ihren moralischen Eigenschaften sind diese jungen Menschen ein lebendiges Vorbild für die heutige Zeit.

Der Beitrag des Märtyrers Abd al-Fattah Ismail zu diesem großen Erfolg wird unvergessen bleiben! Er selbst war eine Organisation, und auch der Beitrag eines großen revolutionären Jugendlichen wie Mohammed Hawasch wird unvergänglich bleiben. Die heutige islamische Jugendbewegung ist die goldene Frucht ihrer unermüdlichen Anstrengungen.

Die Tage im Militärgefängnis neigten sich allmählich ihrem Ende zu. Selbst angesichts unsäglicher Folter in jenen langen Tagen des Unheils ließen Geduld, Mut und Tapferkeit der heldenhaften Kämpfer der islamischen Bewegung nicht im Geringsten nach.

Mit ihrer unbezwingbaren Glaubenskraft haben sie dieses gefahrvolle gewaltige Meer überquert. Am 5. Juni kam Allahs Zorn über den verfluchten Nasser. Und als man uns an jenem Tag aus dem Militärgefängnis in ein ziviles Gefängnis verlegte, atmeten wir alle erleichtert auf.

So errettete Allah uns aus Nassers grausamer Umklammerung. Nasser, der Feind des Islam, ist vernichtet, und die Mudschahedin des Islam bemühen sich darum, eine Zukunft neuer Begeisterung aufzubauen.

Daher wird der 5. Juni in der Geschichte Ägyptens als der Tag des Niedergangs der Unterdrückung gekennzeichnet bleiben. An jenem Tag wurde Ägypten von Nassers Existenz befreit. Am Tag der Auferstehung wird er gedemütigt dastehen und die Krone der Schande tragen müssen. Der Tod Nassers, des Pharaos des zwanzigsten Jahrhunderts, war für das ägyptische Volk ein Segen. Am 5. Juni wurde er mit den Ketten der Schande aus der Welt der Menschen verstoßen. Die barbarischen Grausamkeiten, die er zu Lebzeiten an der unschuldigen, hilflosen Bevölkerung und insbesondere an der islamischen Bewegung verübt hat, wird er nach seinem Tod unausweichlich vergelten müssen.

Siebtes Kapitel

Verlegung in das Gefängnis von Kanatir

Dieser Tag wird unvergessen bleiben. Zuvor, am 3. und 4. Juni, wurden die Türen zu unseren Zellen ohne jede Vorwarnung nach Belieben geöffnet. Sie kamen und fragten uns wiederholt, ob wir „etwas benötigen“.

Danach begann man, über den Krieg, die palästinensische und die arabische Frage und Ähnliches zu diskutieren. Ich blieb jedoch still. Unter den Diskussionsteilnehmern war ein Arzt. Einmal fragte ich ihn:

: Sind wir wirklich in der Lage, Palästina zu befreien?

Als er meine Frage hörte, geriet er aus der Fassung und fragte seinerseits:

: Was, … … was wollen Sie damit sagen?

Ich sagte mit ruhiger Stimme:

: Wir sollten aus den verschiedenen Folgen unsere Lehren ziehen. Ganz gleich, welche Phrasen unsere Herren in Bezug auf Israel über Feindschaft und Freundschaft auch dreschen mögen und was sie auch hoffen mögen: Solange die weltweite zionistische Bewegung die beiden Großmächte für ihre diplomatischen Interessen benutzt, werden unsere selbsternannten großen Herren nichts anderes tun können, als den Großmächten zu dienen … … Tatsächlich gibt es nur einen Weg, Palästina und die besetzten arabischen Gebiete zurückzugewinnen. Dieser besteht darin, durch wahrhaftige islamische Einheit den endgültigen Dschihad auszurufen. Erst wenn in den arabischen und muslimischen Ländern eine wahrhaft islamische Herrschaftsordnung errichtet ist, kann der Weg zur Rückgewinnung Palästinas und aller anderen besetzten arabischen Gebiete geebnet werden.

Der Morgen des 5. Juni brach an. Doch heute kam niemand, um hastig die Tür zu öffnen. Nach einer Weile wurde die Tür plötzlich geöffnet, und ein abyssinischer Soldat rief etwas hinein, dessen Bedeutung wir nicht verstehen konnten. Soweit wir es verstanden: Der elende Nasser hatte gesiegt.

Nachdem er einige unvollständige Worte gemurmelt hatte, eilte er zu den anderen. Dann kam er zurück und verkündete, man habe zahlreiche Kampfflugzeuge der Feinde abgeschossen. Zugleich begann er, eins, zwei, drei, vier – eines nach dem anderen – von den Heldentaten und Siegen ihres dritten großen Führers zu erzählen.

Da wir vom Anfang bis zum Ende des Gesprächs nichts erraten konnten, schwiegen wir. Nach dem Asr-Gebet kam Safwat und begann, mich ohne ein Wort mit seinen schweren Stiefeln zu treten.

Keuchend sagte er immer wieder: „Wir haben gesiegt.“

Unter den zahllosen Tritten mit den schweren Stiefeln wurde ich bewusstlos. Hamida fragte ihn wiederholt nach dem Grund für seinen überraschenden Angriff auf mich. Doch außer weiteren Tritten kam keine Antwort über seine Lippen. Als ich durch die Schläge das Bewusstsein verlor, befahl er den mit ihm gekommenen Soldaten, all meine notwendigen Habseligkeiten wegzuwerfen. Als ich wieder zu mir kam, schlug er mich erneut. Danach ließ er uns aus unserer Zelle herauskommen und gehen, während auch er fluchend weiterging. Immer wieder sagte er: „Wir haben gesiegt! Wir haben Erfolg errungen.“ Am Nachmittag des 5. Juni wurden Hamida und ich in ein Fahrzeug mit Militäroffizieren und Soldaten gesetzt, das das Haupttor des Militärgefängnisses passierte. Die Gefängnisbeamten saßen auf dem Sitz neben dem Fahrer. Ich begann, Tasbih im Namen Allahs zu sprechen. Mir war, als würde jedes Lebewesen und jedes Ding am Himmel und auf der Erde, ja in der gesamten Schöpfung, gemeinsam mit mir den Namen Allahs gedenken. Als ich den Tasbih laut sprach, bat Hamida mich, meine Stimme zu senken. Danach konzentrierte ich mich auf die wörtliche Bedeutung und Tragweite des Tasbih. Nun war mir, als spräche die ganze Welt mit mir.

Während Safwats Worten bei dem überraschenden Angriff auf mich in der Zelle des Militärgefängnisses hatte es den Anschein, als würde man mich gerade deshalb wegbringen, um mich zu erhängen. Deshalb vertiefte ich mich in die Rezitation verschiedener Verse aus dem Koran Allahs. „Allah hat den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut im Tausch gegen das Paradies abgekauft.“

Damals fielen mir einige Zeilen eines Gedichts ein. Der Dichter sagte:

……… Wenn der Tod gemeinsam mit dem Glauben kommt

Kein Fragen, wie und auf welche Weise mein Tod kam?

An anderer Stelle sagte der Dichter:

„Der Vogel flog auf unbekanntem Weg davon, die schweigende Erde

Ich weiß es, doch sein Ziel ist süß.“

 

Der Dichter sagt weiter—

„Wenn ihr leben wollt, Mädchen, mehr

Zu verlangen oder weniger, wissend, dass es unmöglich ist,

Ist hier nicht erlaubt.“

……Nun, nehmt den Tod als Stufe der Geduld an,

Diese Stufe endet am Tor des Inneren.“

Als das Auto bremste und stehen blieb, rief Hamida mich. Ich öffnete die Augen und sah vor mir das Kanati-Gefängnis. Das für Frauen bestimmte

 

Eine Nacht seelischer Qual

Nachdem wir das Haupttor des Kanati-Gefängnisses passiert hatten, wurden wir in das Gefängnisbüro gebracht. Dort wurden unsere Sachen gründlich durchsucht. Es war Nacht. Danach durchsuchte uns die Gefängnisaufseherin aus dem Büro neben dem des Kommissars erneut, zog uns die für Gefangene vorgeschriebene Uniform an und brachte uns in den dafür vorgesehenen Raum. Wenn man das überhaupt einen Raum nennen konnte: Abgesehen von einigen Eisenstangen hatte das eiserne Gitter keinerlei Tür. Darin standen lediglich eine Pritsche mit einer beschädigten Seite und auf der anderen Pritsche ein einzelner Gegenstand; sonst gab es dort nichts. Gleich hinter unserem Raum begann eine riesige Halle. An sie schlossen sich drei Stationen für weibliche Gefangene an. Diese Frauen waren wegen Diebstahls, Drogenhandels, Mordes und illegaler Sexualdelikte verhaftet worden.

Als die Dunkelheit der Nacht dichter wurde, drang der liebliche Klang des Gebetsrufs vom Minarett einer weit entfernten Moschee herüber. Ich vollzog die Tayammum-Reinigung und verrichtete das Nachtgebet. Danach legte ich mich hin und versuchte einzuschlafen. Doch wo war an Schlaf zu denken? Wer weiß, in welches unbekannte Reich der Schlaf geflohen war! Die Dunkelheit der Nacht wurde immer dichter und furchterregender, und sobald die Tür der Station für diese Nacht geschlossen war, trat die grauenhafte Gestalt des moralischen und charakterlichen Verfalls immer deutlicher hervor. Die Menschen begannen, die Hülle ihrer Menschlichkeit abzulegen und die äußersten Grenzen schamloser Unsauberkeit zu erreichen. Wir erlebten die schlimmsten Folgen dessen, was geschehen kann, wenn Menschen sich freiwillig in Unmenschen verwandeln; diese verfluchte Nacht verging in seelischer Qual und im Schmerz eines verletzten Bewusstseins. Lange Zeit waren wir mit dem Gedenken an Allah beschäftigt. Denn nur durch die Erinnerung an Allah kann das Herz Frieden finden. Als der Lichtstreifen der Hoffnung am Morgen sichtbar wurde, atmeten wir erleichtert auf und dankten Allah. Wir flehten Allah in einem Bittgebet um Großmut des Herzens und umfassende Befreiung an.

Ich werde jene grauenhafte, höllische Nacht niemals vergessen können. Dabei hatte an jenem Abend kein Henker mit einer Peitsche oder einem Riemen auf mich eingeschlagen … und niemand hatte mich beschimpft. Dennoch war es die schrecklichste, unerträglichste und höllischste Nacht meines Gefängnislebens. Als Hamida die giftige, abstoßende Atmosphäre jener höllischen Nacht sah, wurde sie vom Weinen überwältigt und fiel beinahe in Ohnmacht. Ich versuchte, sie wieder zu sich zu bringen, und sagte:

: Wir folgen einem bestimmten Ideal und einem bestimmten Weg … Wer diesen Weg beschreitet, braucht Geduld und Standhaftigkeit, um jeder Lage und jeder Situation begegnen zu können. Allah wird uns helfen. Im Militärgefängnis war man brutal an uns misshandelt worden, hatte uns gedemütigt, unsere Körper durch Schläge verwundet und uns durch Hunger und Durst unbeschreibliche Qualen zugefügt; trotzdem erschien uns das, was wir in dieser Nacht sahen und hörten, noch viel quälender als die unmenschliche Unterdrückung und Misshandlung im Militärgefängnis. In dieser Nacht war vor unseren Augen eine Gruppe von Menschen, die sich im Sumpf der Unwissenheit und Bestialität bewegten, mit den abscheulichsten Sünden beschäftigt. Sie alle waren Frauen. Sie hatten sich von allen Banden der Menschlichkeit gelöst und waren zu Sklavinnen äußerster sexueller Perversion und satanischer Triebe geworden. Jede von ihnen hatte ihre Neigung zum Verbrechen zu ihrem Beruf und ihrer Leidenschaft gemacht. Mit den Worten oder Eigenschaften Menschlichkeit, Anstand, Reinheit, Würde, Schamhaftigkeit und Ähnlichem verband sie überhaupt nichts. Tatsächlich waren sie zu so niedrigstehenden Wesen geworden, für die Obszönität und sexuelle Ausschweifung den eigentlichen Lebensinhalt bildeten.

Man kann sie mit einem Wesen vergleichen, dessen Halsband ein anderer Blinder festhält. Auf das Geheiß dieses Blinden vergeuden diese blinden Wesen ihr Leben auf Wegen des Irrtums und der Gefahr. Niemals hatten sie die Möglichkeit gehabt, den geraden und schönen Weg zu sehen, kennenzulernen oder zu verstehen. So waren sie, blind der Führung blinder Triebe folgend, vor den Toren der Hölle angelangt. Die Menschen auf Erden, die danach trachten, andere Menschen in die Ketten der Sklaverei zu legen, haben diesen blinden und verlorenen Leuten noch mehr geholfen, vom rechten Weg abzukommen. Gottesfeindliche Herrscher halten es im niedrigen Eigeninteresse, ihre Herrschaft zu verlängern, für notwendig, die Unterstützung solcher Verbrecher in Anspruch zu nehmen. Wie dem auch sei, schließlich endete mit dem Gebetsruf zum Morgengebet jene von Sünde erfüllte dunkle Nacht. Im himmlischen Licht des Morgens verschwand die unerwünschte Dunkelheit der höllischen Nacht. Wir warfen uns vor dem barmherzigen und gnädigen Allah nieder und baten um Sein Wohlgefallen.

 

Konflikt in einer neuen Phase

Als Hamida und ich in das Büro des Gefängniskommissars gingen, wurde uns mitgeteilt, dass es euch bis auf Weiteres verboten sei, in die Kantine zu gehen oder jemanden zu treffen. Der Kommissar sagte:

: Für euch beide gelten nicht einmal die Rechte, die den Gefangenen gewährt werden. Bis auf Weiteres müsst ihr in diesem Zustand bleiben.

Ich sagte zu ihm:

Wir sind nicht deswegen zu Ihnen gekommen, sondern mit der Bitte, dass … Der Kommissar ließ mich nicht ausreden und fragte:

Ihr wolltet mich sprechen?

Ich sagte:

Ja. Wir möchten unsere Zelle wechseln.

Hamida sagte: Wir möchten eine Zelle, die wenigstens eine Tür hat. Keinen Tierkäfig …

Der Kommissar sagte: „Was soll das denn heißen? Gut, wir werden euch wieder ins Militärgefängnis schicken. Dort könnt ihr erneut durchmachen, was ihr bereits durchgemacht habt.“

Ich sagte: „Wir können nicht an einem Ort bleiben, der selbst für Tiere und andere Lebewesen ungeeignet ist.“ Er sagte: „Ich bin der Kommissar; dies ist ein Gefängnis, und ihr seid Gefangene. Abgesehen davon weiß ich nichts.“

Dann stand er auf und rief laut:

: „Ist jemand da? Kommt und bringt diese hier hinaus.“

Ich sagte wieder:

: „Wir werden im Gefängnishof liegen bleiben, aber unter keinen Umständen in diesen Raum gehen; was danach geschieht, werden wir sehen.“

Der Kommissar sagte: „Ein Gefängnis bleibt ein Gefängnis. Wenn ihr euch weigert, den Befehl zu befolgen, werdet ihr erschossen.“

Ich sagte: „Das wäre vielmehr viel einfacher … Außerdem bedeutet es doch Martyrium, durch eure Hand getötet zu werden …“

Der Kommissar ließ uns aus dem Büro in den Gefängnistrakt bringen. Wenig später rief der Kommissar die Gefängniswärterin und befahl ihr, uns zu durchsuchen.

Zur Durchsuchung wurden wir über eine Treppe nach oben gebracht. Es war ein geräumiger Trakt mit zwanzig Pritschen. Etwa eine Stunde später kam die Gefängniswärterin und sagte:

: Also, wie hoch ist euer Einkommen? Wir waren außerstande, den Sinn ihrer Frage zu verstehen. Daher stellte man uns in die Reihe der Frauen, die als „schmutzig“ bezeichnet wurden. Es waren Frauen, für die Charakter oder Anstand keinerlei Bedeutung hatten. Wegen ihrer schändlichen Unsittlichkeit waren sie ins Gefängnis gekommen.

Als die Gefängniswärterin neben die Zelle ging, rief sie laut:

: Die heutige Aufnahme umfasst insgesamt fünfundvierzig. Fünfundzwanzig wegen Liederlichkeit, fünfzehn wegen Sexualdelikten und Verstößen gegen die Moral, drei wegen Diebstahls und zwei politische Gefangene.

Die politischen Gefangenen, nämlich Hamida und ich. Nachdem die Gefängniswärterin ihren Ruf beendet hatte, verließ ich die vorherige Reihe. Hamida folgte mir. Als die Gefängniswärterin das sah, sagte sie:

: He, wohin geht ihr? Wartet.

Ich sagte: Wir werden getrennt stehen. Denn wir haben mit diesen schlechten Leuten nichts zu tun. Sie sagte: Warum rümpft ihr so die Nase?

Ich sagte: Wir haben mit ihnen nichts zu tun. Deshalb werden wir getrennt stehen. Sie fragte: Sind sie minderwertiger als ihr?

Ich gab darauf keine Antwort und schwieg. Die Gefängnisaufseherin schloss all diese verwahrlosten, charakterlosen Frauen in einem Raum ein, kam zu uns und sagte:

: Schwestern! Die Ärztin hat euch gebeten, euch zu setzen. Wenn sie Zeit hat, geht zu ihr.

Als die Ärztin Zeit hatte, rief sie uns, fragte nach unseren Namen, unserem Alter und unseren Schmerzen und führte uns in einen Raum. Kurz nachdem die Tür geschlossen worden war, waren neben fürchterlichem Schreien auch Wehlaute zu hören. Die gesamte Umgebung nahm einen bedrückenden Charakter an. Neugierig legten wir draußen das Ohr an die Tür und begriffen, dass ein schweres Unglück geschehen war. Ich versank in Selbstprüfung—

: Ach, wie viele Krisen und Unglücke geschehen fortwährend! Meine unglückliche Nation! Sind Katastrophen, Unglücke und Wehklagen etwa dein Schicksal? Wer ist dir noch nah?

Eine nach der anderen überfluten schwere Katastrophen und Unglücke das Land, und das zerbrochene Schiff der Nation versinkt immer wieder. Mal ist es eine moralische Katastrophe, mal eine ideologische, mal eine Katastrophe wirtschaftlicher und sozialer Anarchie. Schließlich die Schande des 5. Juni, das traurige Ereignis einer demütigenden Niederlage. Die verheerende Katastrophe des 5. Juni hat das nationale Leben noch verworrener und noch niedergeschlagener gemacht. Unsere herrschende Schicht ist wie Affen nachahmungssüchtig und wie Schweine eigennützig und schamlos. Im Umgang mit den verfluchten Menschen des Landes verwandeln sie sich in wahre Teufel, erleiden eine klägliche Niederlage durch die Hand des Feindes und beginnen, noch härtere Unterdrückung über die Nation zu bringen. Angesichts ihrer Grausamkeit, Schamlosigkeit und Niedertracht empfinden sogar die verfluchten Juden Mitleid. Ich dachte—

: Was für ein Leben führen wir? Vor unseren Augen werden all die edlen Tugenden wie Islam, Brüderlichkeit, Würde, Höflichkeit und gutes Benehmen zerstört. Muslime werden wahllos getötet. Man beraubt sie sogar der gewöhnlichen Menschenrechte. Nicht einmal die geringste Erlaubnis, irgendein Recht zu erlangen, wird ihnen gewährt. Diese Leute planen, sowohl den Islam als auch die Muslime zu vernichten. Sie wollen ihnen ihre menschliche Kraft, ihre gesellschaftliche Stellung, ihre Mittel und Besitztümer, ihr Land und ihr Kapital vollständig entreißen und ihre Existenz auslöschen. Doch die wahrhaftigen Anhänger des Islam, die Muslime, sind die wachsamen Hüter der Menschheit. Zum Wohl der Menschen führen sie gegen das Falsche den Dschihad und setzen Unterdrückung und Ausbeutung ein Ende. Im Kampf für die Rechte der Leidenden und Besitzlosen opfern sie alles und machen durch ihre sittlichen und charakterlichen Eigenschaften die menschliche Gesellschaft makellos, rein und schön. Der Duft ihrer Persönlichkeit erfüllt die gesellschaftliche Umgebung mit Wohlgeruch. Der Muslim folgt dem Weg Allahs und kämpft um Allahs Wohlgefallen gegen die Lüge und für die Wahrheit. Er beugt sein Haupt vor Allahs Gebot. Ohne Furcht und Angst oder Leid und Not zu beachten, schreitet er mit unbezwingbarem Mut auf dem Weg zur Befreiung der Menschheit voran.

Neben mir flüstert jemand. Meine Brüder, meine Weggefährten auf dem Weg der Wahrheit! Sprecht nicht mit gedämpfter Stimme und nicht mit gesenktem Kopf langsam vor euch hin; sprecht vielmehr klar und geht mit ganzer Kraft und ganzem Mut vorwärts—immer weiter vorwärts. Keine Unentschlossenheit, keine Trägheit, kein Zweifel und keine Furcht. Schreitet mit unaufhaltsamem, furchtlosem und stetigem Schritt auf dem Weg zur Erreichung des Ziels voran.

Wenn ihr den Weg zu Allahs Wohlgefallen verlasst, werden Furcht und Demütigung zu Fesseln an euren Füßen. Ich schwöre bei Allah: Wenn wir auf dem von Allah gewiesenen Weg standhaft bleiben, wird Allah uns gewiss helfen. Wir müssen den Islam mit unserem ganzen Herzen, unserer Seele und aus der Tiefe unseres Gewissens wahrhaft annehmen. Nur indem wir den ewig lebendigen, immerwährenden, schönen und unverfälschten Islam vollständig verwirklichen, können wir seine goldene Ernte einbringen. Wir müssen den Zweifel aufgeben; den Weg der Spaltung, Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten zu meiden, ist eine Pflicht. Wir müssen voranschreiten, indem wir unser erstes und wichtigstes Ziel stets vor Augen haben. Wenn wir so weitermachen, werden wir durch Allahs Barmherzigkeit und Allahs Gnade auf dieser Welt die greifbaren Früchte unserer Träume und unseres Strebens ernten können. Wir werden die vorübergehenden Blendkräfte besiegen und Erfolg erringen können; wir werden im Licht von Allahs Wort und der Sunna des Gesandten einen vorbildlichen Wohlfahrtsstaat errichten können. Wir werden unseren verlorenen Ruhm und unsere Ehre zurückerlangen. Wahrlich, in Allahs Gehorsam liegen unsere Ehre, unser Ruhm, unser Glück, unsere Stärke und unser Wohlstand. Durch die Befolgung des Islam werden wir nicht nur in diesem diesseitigen Leben, sondern auch im ewigen Leben nach dem Tod zu den Glücklichen im Dschannat al-Firdaus gehören. Der große Umar, der zweite Kalif des Islam, sagte:

: Der wahre Erfolg der Muslime wird im Kampf gegen die Feinde Allahs errungen. Und auf diesem Weg erhalten wir Allahs Hilfe. Sonst hätten wir sie niemals besiegen können. Denn hinsichtlich Zahl, Ausrüstung sowie Waffen und Rüstung sind unsere Vorbereitungen im Vergleich zu denen der Ungläubigen äußerst gering. Wenn wir jedoch unsere islamischen Eigenschaften verlieren und den Ungläubigen völlig gleich werden, werden sie dennoch über uns siegen.

Der einzige Grund dafür, dass wir Muslime heute die Schmach von Demütigung und Niederlage tragen, ist unsere Entfernung vom Weg des Korans und der Sunna. Wenn dieser Zustand anhält, werden wir noch größeren Gefahren und beschämenden Situationen ausgesetzt sein. Denn Demütigung, Niederlage, Schwäche, Niedergang, Not und Mangel und Ähnliches sind die Folgen des Widerstands gegen Gott. Die Folge der Auflehnung gegen Gott ist nichts anderes als anhaltende Qual in dieser Welt und im Jenseits sowie die Hölle.

Allah hat gesagt:

„Wer meinen Anweisungen folgt, wird weder unglücklich noch gedemütigt werden; wer aber meiner Gedenkung den Rücken kehrt, dessen Leben wird beengt sein. Am Tag der Auferstehung werde ich ihn blind auferwecken. Er wird sagen: ‚O mein Herr! Warum hast du mich blind auferweckt, obwohl ich sehen konnte?‘ Dann wird Allah sagen: Deine Zeichen erreichten dich, doch du hast sie vergessen; deshalb wirst auch du heute vergessen. So vergelte ich den Ungerechten und denjenigen, die die Zeichen ihres Herrn verleugnen. Die Strafe des Jenseits wird ewig und äußerst hart sein.“

Ich versank in einem bodenlosen Meer von Gedanken. Viele Bedeutungen und Sinngehalte wirbelten in meinem Kopf umher. Die traurigen Umstände und bitteren Ereignisse zeichneten neben Trauer und Schmerz auch den Schatten einer unbekannten Angst in den tiefsten Winkeln meines Inneren ab.

Beim Ruf Hamidas fuhr ich erschrocken auf. Ich saß im benachbarten verschlossenen Raum. Dessen Tür wurde gelegentlich geöffnet. Es gab keine Möglichkeit herauszufinden, was sich in der Umgebung befand oder was dort geschah. Eines Tages gelang es uns, der weiblichen Wache ein Päckchen Zigaretten vor den Augen wegzuschmuggeln. Für die hartherzige Wärterin war dieses Päckchen Zigaretten ein kostbarer Gegenstand. Ein einziges Päckchen genügte, um sie sanfter und nachgiebiger zu machen. Dadurch begannen wir, uns über die Zustände in unserer Umgebung zu informieren. Im Raum neben uns befanden sich eine Frau und ihr Kind. Niemand wusste etwas über den Vater des Kindes. Im gegenüberliegenden Raum verbüßte ein Mädchen als Tuberkulosekranke die Strafe für ihre Missetaten. In der Station gegenüber von ihr verbüßten weibliche Gefangene, die an schweren Krankheiten litten, ihre Strafen. Am äußersten Ende des Gebäudes befand sich die Toilette. Auch wir wurden angewiesen, dorthin zu gehen, um unsere Notdurft zu verrichten. Der Zweck dieser Anordnung bestand darin, auch uns mit irgendeiner ansteckenden Krankheit zu infizieren.

Im zweiten Teil des Gebäudes waren saubere, ordentliche und aufgeräumte Räume zu sehen, und zunächst wussten wir nicht, aus welchen Ländern die dort untergebrachten Frauen stammten. Auch der Waschraum und die Toilette dieses Bereichs waren recht sauber.

Eines Tages servierte uns eine Frau in jener sauberen Station vorzügliche Speisen. Da wir sehr hungrig waren, aßen wir sie mit größtem Genuss. Dadurch wuchs unsere Neugier auf sie noch mehr. Als wir die Höflichkeit der Frau erlebten, kam es uns vor, als sei in diesem undurchdringlichen Dschungel voller Tiere plötzlich ein Mensch aufgetaucht.

Ich sagte zu der Wärterin:

: Erlauben Sie uns, die saubere, gepflegte Toilette auf der anderen Seite zu benutzen.

Sie sagte:

: Sie ist doch nur für die Ärztin …… und die Jüdinnen bestimmt.

Erstaunt fragte ich:

: Wen meinst du mit Jüdinnen?

Sie sagte: Ja, sechs jüdische Frauen. Madame Mursel, Madame Los und andere.

Sie bewegten sich ziemlich frei umher. Sie bekamen, was sie wollten. Überall hatten sie uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Ihre Unterkunft war gut. Sie erhielten hervorragende, nahrhafte Lebensmittel. Dabei waren sie allesamt israelische Spione. Wegen des Verbrechens der Spionage waren sie verhaftet und in Gewahrsam genommen worden. Die Wärterin sagte jedoch:

: Sprechen Sie in dieser Angelegenheit lieber mit der Ärztin. Sie kann Ihnen vielleicht erlauben, ihr Badezimmer zu benutzen.

In dieser Angelegenheit sprachen wir nicht mit der Ärztin, sondern mit der Gefängnisleiterin. Die Gefängnisleiterin war keinesfalls bereit, ihre Zustimmung zu geben. Denn dieses Badezimmer war ausschließlich für die jüdischen Spioninnen bestimmt.

 

Auch wenn sie Feinde sind, sind sie doch Menschen

Schließlich überließ ich alles Allahs Willen und widmete mich ganz Seiner Anbetung. Auch Hamida saß neben mir und betete. Da kam eine hochgewachsene, hellhäutige Frau in unsere Zelle und grüßte uns mit dem Salam. Als wir ihren Salam erwiderten, fragte sie:

: Sind Sie etwa Zainab al-Ghazali?

Als ich dies bejahte, sagte sie:

Ich bin Mursel, eine Gefangene des Staates Israel, und natürlich bestehen zwischen uns und Ihnen weltanschauliche Unterschiede. Denn ich bin Jüdin und Sie sind Musliminnen; aber in diesem Unglück sind wir alle Menschen – darauf kommt es vor allem an. Deshalb sind Hindernisse und Behinderungen in unseren gegenseitigen Angelegenheiten im Gefängnis keineswegs wünschenswert. In dieser Zeit befinden wir uns alle in Not. Ich bin den Blicken der Wärterinnen ausgewichen und zu Ihnen gekommen. Meine Absicht ist es, Ihnen bei gegenseitiger Hilfe die Hand zu reichen. Wir begrüßten ihren Vorschlag. Danach sagte sie:

: Wir verfügen, wenn auch nur in begrenztem Umfang, über ausreichend Lebensmittel. Wir werden die Lebensmittel mit euch teilen. Selbstverständlich werden euch keinerlei ungesetzliche, haram Lebensmittel gegeben. Es versteht sich von selbst, dass auch wir Juden Schweinefleisch ebenso wie die Muslime als ungesetzlich oder haram betrachten.

Von da an brachte die Jüdin Mursel regelmäßig Lebensmittel für uns. Noch wichtiger war, dass sie dafür sorgte, dass wir das für sie bestimmte Badezimmer benutzen durften.

Hamida fühlte sich in dieser Angelegenheit jedoch irgendwie unbehaglich. Ich sagte zu ihr:

Sieh, Allah kann jedes Mittel ergreifen, um Seinen Dienern zu helfen. Durch jeden Menschen kann Er Gutes zukommen lassen. Allah fügt Seinen Dienern niemals Unrecht zu und lässt sie auch nicht dauerhaft in Mangel und Not zurück. Einmal war ich in einem gewaltigen Wald und ein anderes Mal in der Wüste in eine äußerst schwierige Lage geraten. In diesem Augenblick der Gefahr rettete Allah mich durch eine christliche Ärztin. Diese christliche Ärztin kümmerte sich so um mich, dass ich staunend zusah. Wahrlich, all dies ist Allahs Barmherzigkeit. Er lässt den Feind die Arbeit eines Freundes verrichten. In diesem Gefängnis war es schwierig, unsere Zeit mit diesen moralisch verkommenen, charakterlosen, verdorbenen und törichten Menschen zu verbringen. Hier dreht sich alles nur ums Geld. Wenn man Geld gibt, kann man lange Zeit offen bleiben. Man bekommt alles, was man verlangt. Hier sind Gefangene und Gefängnisaufseher alle gleich. Hier werden von den Menschen Geld und Liebe verlangt. Ist das etwa so einfach?

 

Der Tod und der Aufständische

Die tyrannische Herrscherclique, berauscht von der Macht, hat völlig vergessen, dass auch sie eines Tages sterben muss. Sie hat den von Allah bestimmten Tod vergessen und herrscht weiterhin mit Unterdrückung und Schrecken über Allahs Diener. Doch der Lauf der Zeit und der Zeitalter steht allein unter Allahs Kontrolle. Alles geschieht auf Allahs Geheiß: der Tag nach der Nacht, Generation auf Generation, Kommen und Gehen, Anfang und Ende des Lebens, das fortschreitende Wachstum und der Verfall des Körpers, die Ansammlung und das Erlöschen des Lebens und alles andere. H

„Wenn die Seele eines Sterbenden bis zur Kehle steigt und ihr seht, dass er stirbt, warum bringt ihr dann diese hinausgehende Seele nicht zurück? In jenem Augenblick bin Ich ihm näher als ihr, doch ihr seht es nicht.“ (Koran)

Vor dem Hintergrund dieses verstörten, völlig aufgewühlten Lebens ist das Abbild der menschlichen Wirklichkeit zu sehen, wie es in die bodenlose Tiefe von Erniedrigung und Verfall versinkt. Die Menschen im Gefängnis von Kanatir bekundeten beim Tod Nasser äußerlich Trauer und Schmerz. Doch Allah ist Zeuge: Sein Tod löste in unseren Herzen keinerlei Reaktion aus. Denn wir wissen, dass der Tod eines Tages bestimmt ist. Er wird eines Tages gewiss kommen. Es gibt keine Möglichkeit, seinem Zugriff zu entkommen und am Leben zu bleiben. Niemand kann dem Tod ausweichen. Zweifellos ist der Tod eine äußerst furchterregende und zugleich eine wahrhaftige Verkündung der Demut. Der Tod ruft uns zu: Seid vorsichtig, kehrt von Unterdrückung und Hochmut um. Denn darin liegt kein Wohl für euch. Eure Macht und euer Hochmut, euer Reichtum und Besitz, eure Waffen und Streitkräfte, eure Kinder und Vermögen – nichts davon wird mit euch kommen. Alles wird zurückbleiben, und ihr werdet vor Allah genau so mittellos und nackt erscheinen, wie ihr aus dem Leib eurer Mutter geboren wurdet.

„O wenn ihr doch die Ungerechten sehen könntet, wenn sie sich in den Qualen des Todes winden und die Engel ihre Hände ausstrecken und sagen: Gebt eure Seelen heraus! Heute wird euch als erniedrigende Strafe für eure Worte vergolten, mit denen ihr Allah verleumderisch und unrechtmäßig beschimpftet und euch gegenüber Seinen Zeichen hochmütig gebärdet habt.“

Allah wird sagen:

„Nun bist du genauso einsam und allein vor Mir erschienen, wie Ich dich beim ersten Mal allein erschaffen habe. Ich hatte dir gegeben, was Ich dir geben wollte. Du hast all das zurückgelassen. Nun werde Ich deine Fürsprachen nicht berücksichtigen, von denen du meintest, dass sie dir irgendwie von Nutzen sein könnten. Alle deine Beziehungen sind zerbrochen. Und all das, worauf du so stolz warst, ist dir verlorengegangen.“

Allah sagt ferner:

„Wir haben ihnen kein Unrecht zugefügt; vielmehr haben sie sich selbst Unrecht zugefügt. Und als Allahs Befehl eintraf, nützten ihnen ihre Herren, die sie anstatt Allahs anzurufen pflegten, in keiner Weise. Sie brachten ihnen nichts als Verderben und Schaden.“

„Und so verfährt dein Herr, der Rabb, wenn Er eine Stadt wegen ihres Unrechts ergreift. Wahrlich, Sein Zugriff ist äußerst hart und schmerzhaft. Darin liegt wahrlich ein Hinweis für jene, die die Strafe des Jenseits fürchten. Es gibt einen festgesetzten Tag, an dem alle Menschen versammelt werden und an dem alles, was geschieht, vor den Augen eines jeden geschehen wird. An jenem Tag werde Ich keineswegs lange zögern. Kurz gesagt: Für ihn ist eine Frist festgesetzt. Wenn jener Tag kommt, wird niemand den Mut haben zu sprechen. Allerdings wird man mit Allahs Erlaubnis sprechen können.“

„An jenem Tag wird der eine unglücklich und der andere glückselig sein. Die Unglücklichen werden in die Jahannam gehen. Dort werden sie sich unter der gewaltigen Hitze und dem quälenden Durst winden und in diesem Zustand bleiben, solange Himmel und Erde bestehen. Wenn dein Herr jedoch etwas anderes will – wahrlich, dein Herr ist voller Macht; Er tut, was Er will. Die Glückseligen aber werden ins Paradies eintreten und dort ewig verweilen, solange Himmel und Erde bestehen. Wenn dein Herr jedoch etwas anderes will, werden sie eine Belohnung erhalten, deren Strom niemals versiegt.“

Daher beeinflusst der Tod irgendeiner bestimmten Person, wer immer sie auch sein mag, die Herzen der Mujahidin auf Allahs Weg nicht. Denn der Tod ist eine unumstößliche Wahrheit. Deshalb gibt es über den Tod keine Sorge. Was für sie von Bedeutung ist, besteht darin, Allah zu gehorchen, im Schatten Seines Wohlgefallens zu leben und sich mit ganzer Seele und ganzem Herzen im Kampf dafür einzusetzen, die erhabene Botschaft des Tawhid zu verkünden. Wenn der Ruf zum Tod sie selbst oder andere ereilt, verlassen sie diese Welt und gehen zur Rechenschaft. Dort wird jedem entsprechend seinen Taten Strafe oder Belohnung zuteil.

Der Kampf des Islam richtet sich nicht gegen eine bestimmte Person oder Gruppe; vielmehr ist der Kampf des Islam ein Kampf der Wahrheit und der Gerechtigkeit gegen die falsche Nichtigkeit, ein Kampf des Glaubens gegen den Unglauben und ein Kampf der Anhänger des Tauhid gegen die des Schirk verfallenen Atheisten und die Kräfte der Götzenanbetung.

Wer unabwendbar sterben muss, wird sterben, und wer in seinem Schicksal als Märtyrer bestimmt ist, wird zum Märtyrer gemacht werden. Der Mu’min wird gewiss in den weiten, herrlichen Gärten des Paradieses einen Platz finden. Sie werden in größter Nähe zu Allah Dschannat al-Firdaus erhalten. Dort wird es sanft dahinströmende, schöne Bäche und sich bis zum Horizont erstreckende, prächtig geschmückte Gärten geben. Über die Märtyrer aber ist gesagt worden: Sie sind ewig lebendig. Sie sterben nicht.

„O meine Diener! Heute braucht ihr keine Angst zu haben, und kein Kummer wird euch berühren. Tretet, ihr und eure Ehefrauen, in das Paradies ein. Ihr werdet glücklich und zufrieden gemacht werden. Vor ihnen werden goldene Schalen und Trinkgefäße aufgestellt werden, und darin wird es begehrenswerte und anziehende Dinge in Fülle geben. Als Ergebnis der guten Taten, die ihr auf der Welt vollbracht habt, konntet ihr Erben dieses Paradieses werden. Hier gibt es für euch unerschöpflich viele Früchte zu essen.“

Diejenigen, die im Zustand des Kufr, der Nichtigkeit und des Atheismus getötet wurden oder starben, werden Bewohner der Dschahannam sein. Was wisst ihr schon über die Dschahannam? Sie wird euch vernichten, und ihr werdet ihr keineswegs entkommen können. Eure Gesichter und Körper werden darin verbrennen. Wenn eine Haut verbrannt ist, wird eine andere an ihre Stelle treten, damit sie den Schmerz erleiden können. Über und unter ihnen wird Feuer sein, nur Feuer, und lodernde Flammen werden sie umgeben. Wenn sie um Wasser bitten, wird ihnen derart heißes Wasser gegeben werden, dass der Dampf ihre Gesichter versengen wird. Es wird äußerst schmutziges, geschmackloses und verunreinigtes Wasser sein. Die Heftigkeit ihres Hungers und Durstes wird dadurch nicht im Geringsten gelindert werden.

„Für sie gibt es das Feuer der Dschahannam. Dort werden sie weder sterben, noch wird die Strafe der Dschahannam für sie gemildert werden. So vergelten Wir.“

„Jeder Kāfir, der Allah verleugnet, wird dort schreiend sagen: O unser Herr! Bringe uns von hier heraus. Wir werden gute Taten vollbringen, anders als das, was wir zuvor getan haben.“

Ihnen wird geantwortet werden:

„Haben Wir euch nicht ein so langes Leben gegeben, dass ihr, wenn ihr eine Lehre annehmen wolltet, eine Lehre hättet annehmen können? Nun kostet es aus. Für die Ungerechten gibt es hier keinen Helfer.“ Sie werden ihr Leben so weiterführen, wie Allah es will. Zeitalter um Zeitalter und Leben um Leben werden vergehen, doch kein Mensch wird Allahs Willen ändern können. Manche Menschen schrien und weinten beim Tod Abdun Nasirs und versetzten die Lage in Trauer. Tag und Nacht wurden Klagelieder auf ihn gesungen. Doch alles geschah nur zur Schau. In ihrem Weinen und ihrer Trauerbekundung lag kein Quäntchen Aufrichtigkeit; es ging ihnen darum, ihre eigenen Interessen zu verwirklichen, und alles war eine von Künstlichkeit erfüllte Darbietung. Noch vor wenigen Jahren hatte ein Mann in meinem Haus gesagt: „Wer Abdun Nasir für einen Diener des Islam hält, ist ein Kāfir.“ Heute höre ich aus dem Mund eben dieses Mannes ebenfalls Klagelieder auf Nasir. Solche Menschen verkaufen auf diese Weise ihr Gewissen. Sie sind es, die Schaden in dieser Welt und im Jenseits erleiden. Während unter diesen Umständen anlässlich Nasirs Tod eine Flut künstlicher Trauer und Kümmernis dahinströmte, hießen wir seine Abreise von Allahs Seite aus willkommen. Wir bekundeten dies genau so, wie es auch vonseiten der bloß dem Namen nach Gläubigen möglich war.

„Und der Tyrann wird bald erfahren, was sein Ende ist.“

Im Gefängnis von Qanater verbreitete sich die Nachricht, dass wir über Nasser keinerlei Trauer oder Schmerz gezeigt und beim Tod des sogenannten großen Helden nicht das geringste Bedauern empfunden hatten. Deshalb gerieten seine Anhänger sehr gegen uns auf. Um ihre Gier, ihre Begierden und ihre niedrigen Interessen zu befriedigen, hatten sie sich stets geschworen, ihrem Herrn ergeben zu dienen. Daher begannen sie bald, ihrem Zorn gegen uns Ausdruck zu verleihen. Ihrer Ansicht nach: Wie war es möglich, dass wir über Nassers Tod keine Trauer zeigten?

 

Blasen fliegen davon

Blasen fliegen davon, doch was den Menschen nützt, bleibt auf der Erde bestehen. Es versteht sich von selbst, dass die Heuchler und die gekünstelte Trauer zur Schau tragenden, bezahlten Schmeichler aktiv wurden. Um ihre Herren zufriedenzustellen, begannen sie schon bei den geringsten Anlässen, uns schlecht zu behandeln. Am Morgen des zweiten Tages nach Nassers Tod öffnete die Gefängnisaufseherin die Tür unserer Zelle, trat ein und schleuderte plötzlich mit gewaltiger Kraft eine schwere Eisenstange nach meinem Kopf. Doch durch Allahs Barmherzigkeit überlebte ich diesen tödlichen Schlag auf wundersame Weise. Sonst wäre mein Kopf aufgeplatzt und völlig zertrümmert worden. Die Gefängnisbehörden bestraften sie trotz dieses ungeheuerlichen Verbrechens nicht einmal und forderten nicht einmal eine Rechenschaft von ihr. Die schuldige Aufseherin patrouillierte völlig unbekümmert umher, als hätte sie überhaupt kein Verbrechen begangen. Gerade zu dieser Zeit kamen meine Verwandten, um mich zu besuchen, und ich setzte sie davon in Kenntnis. Sie trafen mit allen verantwortlichen Beamten, ob hoch- oder niederrangig, zusammen und schickten unter Hinweis auf den Vorfall ein Telegramm an die staatlichen Stellen. Schließlich war das Ministerium für Recht und Justiz gezwungen, den Vorfall zu untersuchen. Bei der Untersuchung wurde die Aufseherin für den Vorfall verantwortlich gemacht und erklärt, sie sei psychisch krank.

Ich teilte dem Ministerium für Recht und Justiz mit, dass seine Untersuchung unvollständig sei. Hinter dem Vorfall stehe daher nicht das Gehirn der Gefängnisaufseherin, sondern vielmehr der wohlüberlegte Plan eines islamfeindlichen Kreises, der ausgeführt worden sei. Deshalb habe es überhaupt keinen Sinn, die arme Aufseherin zu bestrafen. Sie sei für keinen ihrer Schritte verantwortlich; sie habe auf das Zeichen derer über ihr gehandelt. Diese wollten die Diener des Islam einschüchtern. Doch Allahs Wille wird siegen.

Eine derartige neue Form indirekter Bestrafung hätte ich mir nicht einmal vorstellen können. Angesichts der unvorstellbaren Lage fassten Nassers Schützlinge den Plan, einen solchen indirekten Schlag zu führen. Wahrlich, niemand kann diejenigen auf den rechten Weg führen, die Allah in die Irre gehen lässt.

Eine neue Prüfung

Am Morgen des 9. August 1971 trat eine weitere neue Prüfung vor mich. Die Gefängnisaufseherin eilte herbei und sagte zu mir.

: Der Kommissar lässt Sie in sein Büro rufen.

Diese ungewöhnliche Vorladung löste in mir allerlei Unruhe aus. Wer weiß, was geschehen würde? Wer weiß, welchen neuen Plan die Unterdrücker ausgeheckt hatten? Würde man uns nun etwa vorwerfen, dass wir sogar im Gefängnis den Islam verkündeten? Oder war vielleicht eine Nachricht von zu Hause eingetroffen? Solche Gedanken gingen mir durch den Kopf. Doch von dem, was tatsächlich geschehen sollte, hatte ich nicht die geringste Ahnung.

Als ich das Büro des Kommissars erreichte, wurde mir meine Entlassung verkündet. Was für eine seltsame Sache! Selbst nachdem sie mich zu lebenslanger Zwangsarbeit verurteilt hatten, fanden sie offenbar noch immer keine Ruhe! Wie dem auch sei, ich würde nun freikommen und hinausgehen – aber sollte Hamida in dieser übelriechenden, unerträglichen Umgebung zurückbleiben? Bei diesem Gedanken bebte mein Herz vor Sorge. Unwillkürlich schrie ich auf und sagte:

: Nein … nein, das kann niemals sein. Ich werde niemals hinausgehen und meine Hamida zurücklassen. Ihr seid allesamt Betrüger und Urheber zerstörerischer Pläne. Ich war außer mir vor Zorn. Mein ganzes Wesen bebte unter einem seltsamen Gefühl.

Als der Kommissar meinen Zustand sah, versuchte er, mich zu beruhigen, und sagte:

: Wir konnten diesem Befehl nicht im Geringsten widersprechen. Du wurdest auf Befehl derer da oben hierhergebracht, und auf Befehl derer da oben wirst du nun auch wieder hinausgebracht. In dieser Angelegenheit sind wir ebenso hilflos wie ihr.

Wenige Augenblicke später sah ich, dass auch Hamida im Büro des Kommissars eingetroffen war. Der Kommissar hatte sie rufen lassen, damit sie mir die Sache erklärte und mich beruhigte. Für mich war das eine schreckliche Prüfung. Ich litt unsäglich. Wie konnte ich meine Hamida allein in diesem Gefängnis zurücklassen? Bei dem Gedanken, ein so edles Mädchen wie sie allein in der abscheulichen, schmutzigen Umgebung dieses Gefängnisses zurückzulassen, lief mir ein kalter Schauer durch den ganzen Körper. Unter dem Drang meiner Gefühle schrie ich erneut unwillkürlich:

: Nein, nein, auf keinen Fall. Ich werde sie unter keinen Umständen allein zurücklassen …

Als Hamida meinen Zustand sah, sagte sie ruhig und sanft:

„Das ist wahrlich Allahs Gnade und Barmherzigkeit uns gegenüber! Alles geschieht auf Seinen Befehl. Und Allah vergisst Seine Diener nicht. Er ist unser Beschützer, seien Sie also unbesorgt.“ So verging während unseres Gesprächs viel Zeit. Der Kommissar bat Hamida und sagte:

„Verabschieden Sie sich von ihm mit dem Friedensgruß und kehren Sie in Ihre Zelle zurück.“

Dieser Augenblick war zutiefst herzzerreißend. Es ist unmöglich, die Empfindungen und Erlebnisse jener Zeit auch nur annähernd in Worte zu fassen. Wir brachen, einander umschlungen haltend, zusammen. In unseren Herzen wogten die aufgewühlten Wellen eines Ozeans, unser Atem ging mit der Gewalt eines heftigen Sturms, und die Tränen rannen uns beiden wie ein glühender Strom aus den Augen.

In jenem schmerzlichen Augenblick unvergleichlicher innerer Erregung und tiefster Empfindung fühlte ich mich allein im Zimmer des Kommissars. Der Kommissar unterzeichnete offiziell meine Entlassungspapiere, und ich setzte mit unruhigem Herzen, erschütterter Seele und rinnenden Tränen den ersten Schritt in Richtung der freien Welt.

Der letzte Schachzug

Das schnell zu meinem Haus fahrende Auto änderte plötzlich seine Richtung und hielt vor dem staatlichen Untersuchungsamt. Kaum war ich in einen Raum gebracht worden, wurde die Tür hinter mir geschlossen. Dort blieb ich von zwei Uhr nachmittags bis neun Uhr abends liegen. Danach wurde ich in einen Raum eines Büros gebracht. Hier saßen zwei Beamte. Beide stellten mir verschiedene Fragen über die islamische Lebensweise. Sie fragten auch:

„Werden Sie danach weiterhin Kontakt zum Ikhwan halten?“

Ich wich ihrer Frage aus und sagte –

: Warum wurde ich aus lebenslanger Haft mit Zwangsarbeit entlassen, Hamida aber in Haft behalten? Ihr wollt in Wirklichkeit Zwietracht säen. Doch wisst: Allah wird eure bösen Absichten niemals zur Erfüllung gelangen lassen.

Einer von ihnen sagte –

Verehrte Zainab! Beruhigen Sie sich.

Ich sagte –

: Ihr wollt uns im Netz von Täuschung und Betrug gefangen halten. Doch Allah steht über euch. Sein Beschluss wird sich durchsetzen, auch wenn die meisten Menschen das nicht wissen.

Er sagte –

: Sehen Sie, Zainab! Das ist der Befehl derer, die über uns stehen. Wir können nichts weiter tun.

Danach wurde ich in Ahmad Rushdis Büro gebracht.

: Dies war der Mann, auf dessen heimlichen Wink hin die Henker des Militärgefängnisses mich unmenschlich gefoltert hatten. Kaum jemand ist so ein Betrüger und Ränkeschmied wie er. Er glaubt an das Prinzip: „Teile und herrsche.“ Als ich sein Büro betrat, bat er mich, auf dem Sofa ihm gegenüber Platz zu nehmen, und gratulierte mir zu meiner Freilassung. Die Zusammenfassung des anschließenden Gesprächs zwischen ihm und mir lautete nach seinen Worten folgendermaßen:

Ich werde meine islamischen Aktivitäten einstellen.

Ich werde meine islamischen Brüder und Freunde nicht treffen.

Ich werde keinerlei gegenseitige Zusammenarbeit mit ihnen pflegen und auch keine Beziehung der Zuneigung und Zärtlichkeit zu ihnen unterhalten. Außerdem werde ich mich von Zeit zu Zeit in seinem Büro melden. Nachdem dieses Gespräch über diese Bedingungen beendet war, erklärte ich ausdrücklich:

: Alles, was du mir gerade gesagt hast, lehne ich in jeder Hinsicht ab. Vielmehr lehne ich auch den Befehl ab, den ihr zu meiner Freilassung erlassen habt, und weise ihn zurück. Übermittle diese meine Ablehnung und Zurückweisung deinen Vorgesetzten. Und ich verlange, dass man mich sofort wieder in das Gefängnis von Kanatir zurückbringt.

Ahmad Rushdi ging über meine Worte hinweg und sagte lachend:

: Viele Ikhwan-Mitglieder einigen sich auf unsere Bedingungen.

Ich unterbrach ihn und sagte:

: Bei Gott, ich hege nach wie vor eine gute Meinung von den Ikhwan. Zu den Behauptungen, die du über einige Ikhwan aufstellst, möchte ich nichts sagen. Allerdings halte ich deine Aussagen über sie nicht für wahr. Zweifellos sind die Ikhwan wahrhaftig und auf dem Weg der Wahrheit kompromisslos. Für diese Wahrheit sind sie Tag und Nacht unermüdlich tätig, und sie werden im Kampf für die Wahrheit standhaft bleiben, bis sie Allahs Hilfe oder das Martyrium erlangen.

In diesem Augenblick klingelte das Telefon. Kaum hatte Ahmad Rushdi den Hörer abgenommen und sich gemeldet, äußerte er erfreut:

: Ahlan wa sahlan. (Willkommen, willkommen,) Professor Abdul Monayem. Kommen Sie! Kommen Sie! Ich warte schon auf Sie.

Dann legte er den Hörer auf und sagte:

: Abdul Monayem Ghazali kommt.

Kurz darauf kam mein jüngerer Bruder, Professor Abdul Monayem, und grüßte mich mit tränenerstickter Stimme. Ahmad Rushdi sagte zu meinem Bruder: „Vermitteln Sie zwischen Ihnen und Ihrer Schwester Zainab. Auch zwischen uns bestehen noch Meinungsverschiedenheiten.“

Mein Bruder sagte:

: Er ist mein älterer Bruder, und ich bin sein jüngerer Bruder. Ich habe nicht den Mut, ihn zu überzeugen. Wenn Sie mir erlauben, möchte ich nur so viel sagen, dass er auf dem Gebiet der Argumentation und Beredsamkeit besonders bekannt ist.

Ahmad Rushdi sagte nun:

: In Ordnung, Zainab! Ich gratuliere Ihnen. Halten Sie sich einfach etwas von der Ikhwan-Organisation fern und ermutigen Sie niemanden, mit ihr zusammenzuarbeiten.

Ich sagte zu ihm:

: Die ganze Geschichte von geheimen Organisationen ist von Anfang bis Ende ein Erzeugnis eurer fruchtbaren Fantasie. Seht, der Versuch, eine islamische Herrschaft und Regierung zu errichten, ist für jeden Muslim eine Pflicht, das heißt eine gemeinschaftliche Verantwortung. Zu ihrer Vorbereitung muss man die Menschen auf den Weg Allahs rufen, so wie der geliebte Prophet und seine Gefährten die Menschen gerufen haben. Das ist eine allgemeine Pflicht jedes Muslims. Dabei stellt sich nicht die Frage, ob jemand Ikhwani oder Nicht-Ikhwani ist.

Als ich danach mit meinem Bruder zu Hause ankam, war es drei Uhr nachts, und das Datum war der 10. August 1971 christlicher Zeitrechnung.

— Ende —