Islam und Nationalität

Definition der Nation:

Schon beim ersten Schritt des Menschen aus der undurchdringlichen Finsternis der Barbarei auf den lichtvollen Weg der Zivilisation entsteht der Gedanke der Einheit unter den „Vielen“, und für ein gemeinsames Ziel und ein gemeinsames Wohlfahrtssystem wird es unbedingt notwendig, dass unzählige Menschen sich zusammenschließen und in gegenseitigem Mitgefühl und gegenseitiger Zusammenarbeit ihr Leben führen.

Mit dem Fortschritt und der fortschreitenden Entwicklung der Zivilisation wird der Umfang dieser umfassenden Einheit immer weiter und größer. Später kommt sogar eine Zeit, in der eine sehr große Zahl von Menschen in sie einbezogen wird. Diese Gemeinschaft vieler Menschen wird in der politischen Terminologie „Nation“ genannt. Obwohl die beiden Wörter „Nation“ und „Nationalität“ ihrer terminologischen Bedeutung nach völlig neue Entdeckungen sind, ist die Bedeutung, in der sie hauptsächlich gebraucht werden, ebenso alt wie die ursprüngliche Zivilisation. Die Form menschlicher Gemeinschaft, die heute „Nation“ oder „Nationalität“ genannt wird, existierte auch im alten Ägypten, in Rom und Griechenland, ebenso wie in den heutigen Nationalstaaten Frankreich, England, Italien und anderen Ländern.

Die unerlässlichen Bestandteile der Nationalität

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Nationalität zunächst aus einem unschuldigen und makellosen Gedanken hervorgeht. Menschen einer Gemeinschaft werden gemeinsam darauf hinarbeiten, ihre gemeinsamen Interessen und ihr Wohlfahrtssystem zu verwirklichen, und als eine Nation leben, um die sozialen und allgemeinen Bedürfnisse zu erfüllen – dies ist das erste Ziel, das der Bildung einer Nation zugrunde liegt. Doch nachdem eine Nation gebildet worden ist, wirkt der gewaltige Einfluss des nationalen Hasses zwangsläufig auf sie ein. Je härter und gefestigter diese Nationalität wird, desto heftiger werden auch der Hassgedanke und das Unterscheidungsbewusstsein der Nationalität. Wenn eine Nation sich zur Erlangung ihrer eigenen Interessen und zur Bewahrung ihres Wohlfahrtssystems in einem Band der Einheit zusammenschließt – mit anderen Worten, wenn sie an ihren Grenzen eine undurchdringliche Mauer der Nationalität errichtet –, wird sie die Menschen innerhalb und außerhalb dieser Mauer zwangsläufig als „die Eigenen“ und „die Fremden“ voneinander unterscheiden. In jeder Hinsicht wird sie sich selbst gegenüber den anderen Vorrang und größere Bedeutung geben. Sie wird sich gegenüber den anderen verteidigen. Wenn zwischen den gegenseitigen Interessen der erwähnten „Eigenen“ und „Fremden“ irgendwann ein Konflikt entsteht, wird diese Nationalität sich mit aller Kraft bemühen, ihre eigenen Interessen zu bewahren; sie wird nicht im Geringsten zögern, dafür die Interessen der anderen zu opfern. Aus diesen Gründen werden zwischen ihnen Kriege geführt und Friedensschlüsse geschlossen werden, doch sowohl im Zustand des Friedens als auch im Zustand des Kampfes wird zwischen beiden die einer Bergkette gleichende Mauer der Verschiedenheit hoch aufgerichtet stehen bleiben. In der Fachsprache wird eben diese Haltung als die Blindheit der Nationalität bezeichnet. Dies ist eine untrennbare Besonderheit der Nationalität – sie bleibt unter allen Umständen zwangsläufig mit der Nationalität verbunden; daran besteht nicht der geringste Zweifel.

Die grundlegenden Elemente der Bildung einer Nation

Unter den vielen Gründen für Einheit und Zusammenschluss wird eine bestimmte Nationalität begründet, ganz gleich, welcher Art dieser Grund sein mag. Die Bedingung ist jedoch, dass in ihr eine so gewaltige verbindende Kraft vorhanden sein muss, dass sie verschiedene Menschen für dieselbe Botschaft, denselben Gedanken und dieselbe Lehre, dasselbe Ziel und dieselben Taten zusammenführt und begeistert und einerseits die verschiedenen und zahllosen Teile der Nation in unauflöslichen Banden der Nationalität bindet, sie eng miteinander verflechtet und alle so fest und unerschütterlich wie einen starken, unbeweglichen Berg macht. Andererseits wird sie einen solchen Einfluss auf Herz und Verstand des Einzelnen ausüben, dass sie im Hinblick auf die gesamten nationalen Interessen alle geeint und, falls erforderlich, zu jeder Art von Selbstaufopferung vollständig bereit sind.

Einheit und Organisation können zahlreiche Formen annehmen; doch von Beginn des historischen Zeitalters bis heute beruhte die Grundlage aller Nationalitäten, die außer der islamischen Nationalität gegründet wurden, auf irgendeiner Form der Einheit der folgenden Dinge. Daneben traten noch zahlreiche andere Arten von Einheiten als unterstützende Faktoren hinzu:

Einheit der Abstammung: Auf dieser Grundlage bildet sich eine abstammungsbezogene Nationalität.

Einheit des Vaterlandes: Auf dieser Grundlage entwickelt sich eine territoriale Nationalität.

Einheit der Sprache: Da sie ein wirksames Mittel zur Herstellung der Einheit von Gedanken und Meinungen ist, hat sie einen enormen Einfluss auf die Herausbildung einer Nation.

Einheit der Rasse: Sie weckt unter Menschen derselben Rasse das Gefühl der Verwandtschaft, und eben dieses Gefühl entwickelt sich weiter und spornt sie dazu an, sich von Menschen anderer Rassen zu unterscheiden.

Gleichheit der wirtschaftlichen Interessen: Sie trennt Menschen, die mit einer bestimmten Wirtschaftsordnung verbunden sind, von den Trägern einer anderen Wirtschaftsordnung. Auf dieser Grundlage kämpfen sie gegeneinander um die Erlangung ihrer eigenen wirtschaftlichen Rechte und Interessen.

Einheit der Regierungsordnung: Sie verbindet die Bewohner und Untertanen desselben Königreichs durch die Bande einer gleichartigen Regierungs- und Ordnungsstruktur und legt gegenüber den Untertanen anderer Staaten die Grenzen der Distanz fest.

Von den ältesten Zeiten bis zu diesem glanzvollsten Zeitalter des zwanzigsten Jahrhunderts werden unter allen grundlegenden Elementen, die für die Bildung von Nationen ausfindig gemacht werden konnten, die genannten Elemente mit Sicherheit zu finden sein.

Vor zwei- bis dreitausend Jahren waren auch die griechische, römische, israelitische und iranische Nationalität auf der Grundlage der genannten grundlegenden Elemente errichtet worden. Und auch die Nationalitäten der höchst modernen Zeit – die deutsche, italienische, französische, englische, japanische und andere – sind genau auf diesen Grundlagen errichtet.

Die Wurzel des Unheils

Es besteht kein Zweifel, dass die genannten Einheiten, die als Grundlage der verschiedenen Nationalitäten der Welt angenommen wurden, unzählige Menschengruppen miteinander verbunden und vereint haben. Doch niemand kann leugnen, dass eben diese Grundlagen zugleich für die gesamte Menschheit zu einer Quelle großer und tödlicher Gefahren geworden sind. Eben diese Grundlagen haben die Menschheit in Hunderttausende von Teilen gespalten. Und diese Spaltung ist so erbarmungslos vorgenommen worden, dass ein Teil bis an die Wurzel der Vernichtung getrieben werden kann, während es nicht möglich ist, auch nur die geringste Veränderung im anderen Teil einzuleiten. Eine Abstammung kann nicht in eine andere Abstammung verwandelt werden. Ein Angehöriger einer Sprachgemeinschaft kann nicht als Angehöriger einer anderen Sprachgemeinschaft betrachtet werden. Eine Rasse kann nicht in eine andere Rasse umgewandelt werden. Die wirtschaftlichen Interessen einer Nation können niemals völlig mit den wirtschaftlichen Interessen einer anderen Nation übereinstimmen. Ein Staat kann niemals zu einem anderen Staat werden. Das Fazit ist also: Zwischen den Nationalitäten, die auf den genannten Grundlagen errichtet werden, kann nicht die geringste Möglichkeit von Frieden und Verständigung bestehen. Aufgrund nationalen Hasses geraten sie in einen ewigen Kampf gegenseitiger Rivalität, des Widerstands und der Vergeltung. Sie werden gewiss danach streben, einander niederzuringen. Sie werden sogar bereit sein, einander durch Kriege und Kämpfe für immer zu vernichten. Danach erhebt sich erneut eine neue Nationalität, die auf eben diesen Grundlagen errichtet ist. So wird dies zu einem ewigen Vulkan des Unheils, der Unruhe und der Zerstörung in der Welt. Im Grunde ist dies der Fluch Allahs, des Erhabenen, die schärfste Waffe des Satans, mit der er seinen ewigen Feind zu jagen pflegt.

Unwissender Hass

Tatsächlich weckt eine solche Nationalität ihrer Natur nach ein barbarisches Gefühl des Hasses im Menschen. Sie verleitet eine Nation dazu, sich einer anderen Nation entgegenzustellen und ihr gegenüber Hass zu zeigen, nur weil diese eine völlig andere Nation ist. Mit Wahrheit, Aufrichtigkeit, Unparteilichkeit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit hat diese Art von Nationalität keinerlei Verbindung. Für einen Weißen genügt es, dass ein Mensch lediglich schwarz ist, damit er in seinen Augen verhasst ist. Ein Mensch ist allein deshalb, weil er aus Asien stammt, gegenüber den Bewohnern Europas oder Amerikas unausweichlich dazu verdammt, verachtet, unterdrückt, ausgebeutet und seiner Rechte beraubt zu werden. Ein hochgelehrter Mann wie Einstein ist bei der deutschen Nation allein wegen des „Verbrechens“, israelitischer Abstammung zu sein, verhasst. Weil Taschkidi ein schwarzer Neger war, wurde ihm sein Staat weggenommen, nur weil er einen europäischen Verbrecher bestraft hatte.¹ Für die zivilisierten Bürger Amerikas ist es keineswegs ein Verbrechen, Neger lebendig zu verbrennen, denn sie sind Neger. Die deutsche und die französische Nation können einander hassen, weil sie in zwei verschiedene Nationen geteilt sind. Die Eigenschaften der einen werden in den Augen der anderen gänzlich als Fehler und Mängel beurteilt. Dass die freien Afghanen an der Grenze Afghanen sind und die Bewohner von Damaskus der arabischen Nation angehören, ist ein solches Verbrechen, dass es für die Engländer und Franzosen allein deshalb völlig gerechtfertigt ist, Bomben von Bomberflugzeugen auf ihre Köpfe abzuwerfen und die Bevölkerung jenes Landes massenweise zu töten. Bombenangriffe dieser Art auf die hochzivilisierten (?) Bewohner Europas hingegen halten sie für eine barbarische Handlung. Kurz gesagt, gerade solche nationalen Unterschiede machen den Menschen gegenüber Wahrheit und Gerechtigkeit völlig blind. Und künftig werden gerade aus diesem Grund auch die ewigen Grundsätze der Moral und der Höflichkeit nach dem Muster der Nationalität geformt. An einem Ort werden Unterdrückung, an einem anderen Lüge und an wieder einem anderen Niedertracht als Grundsätze der Höflichkeit und des moralischen Charakters festgelegt.

Die Abstammung dieses Menschen ist eine, die Abstammung jenes Menschen eine andere; der eine ist weiß, der andere schwarz; der eine ist am westlichen Hang eines bestimmten Berges geboren, der andere an dessen östlicher Seite; der eine spricht eine Sprache, der andere bringt seine Gedanken in einer anderen Sprache zum Ausdruck; der eine ist Einwohner eines Staates, der andere Bürger eines anderen Staates – soll man Menschen allein aus diesen Gründen voneinander unterscheiden? Und soll man einen untauglichen, sündigen und unehrlichen Menschen allein deshalb über einen fähigen, aufrichtigen und nach der Wahrheit suchenden Menschen stellen? Kann die äußere Hautfarbe für die Reinheit oder Verdorbenheit der Seele verantwortlich sein? Kann irgendein vernünftiger Mensch anerkennen, dass Berge oder Flüsse und Meere etwas damit zu tun haben, ob ein moralischer Charakter gut oder schlecht ist? Kann irgendein geistig gesunder Mensch befürworten, dass die Wahrheit des Ostens, sobald sie in den Westen gelangt, ungültig und falsch werden kann? Kann irgendein Mensch mit gesundem Gewissen akzeptieren, dass das Wesen von Tugend, Höflichkeit und Menschlichkeit nach dem Maßstab des Blutes in den Adern, der Sprache des Mundes, des Geburtsortes und der Erde des Wohnortes bemessen werden kann? Dass alle Menschen auf diese Fragen spontan und gemeinsam mit „Nein“ antworten werden, daran besteht nicht der geringste Zweifel. Doch Abstammungs- oder Stammesdenken, Regionalismus und seine anderen genannten Begleiter wagen es, auf diese Fragen mit „Ja“ zu antworten.

 

Die grundlegenden Elemente der Nationalität

 

Abgesehen von den genannten Gesichtspunkten können die modernen Grundlagen der Nationalität von ihrer jeweils eigenen Seite aus untersucht werden. Wir wollen hier zu erkennen versuchen, ob die oben genannten Grundlagen im Grunde und in Wahrheit wissenschaftlich begründet sind oder völlig inhaltsleer wie eine Fata Morgana.

Stammesdenken

Stammesdenken oder Sippenwesen ist eine der wichtigsten Grundlagen der Nationalität in der Neuzeit. Doch was bedeutet dieses Stammesdenken? Stammesdenken bedeutet nichts anderes als die bloße Blutsverwandtschaft und Blutsgemeinschaft. Zwischen einer Anzahl von Menschen entsteht aufgrund ihrer Abstammung von demselben Vater und derselben Mutter eine Blutsverwandtschaft; dies ist die erste Grundlage des Sippenwesens. Diese weitet sich aus und tritt als Familie in Erscheinung; daraus müssen Stamm und Sippe entstehen. Wenn der Mensch diese Entwicklung bis an ihre äußerste Grenze verfolgt, gelangt er so weit vom Stammvater seiner Sippe fort, dass seine Abstammung schließlich zu etwas rein Fiktivem wird. In dem Meer dieser sogenannten Sippe münden unzählige Flüsse und Bäche fremden Blutes zusammen. Daher kann kein vernünftiger und einsichtiger Mensch behaupten, das „Wasser“ dieses Meeres sei völlig rein und unvermischt – dass es aus seiner ursprünglichen Quelle entsprungen sei und sich außer Wasser aus keiner anderen Wasserströmung mit ihm vermischt habe. Trotz einer solchen Vermischung und einer gewissen Gleichartigkeit des Blutes kann der Mensch eine Sippe als Mittelpunkt seines Zusammenschlusses annehmen. Warum sollte dann nicht auch die Einheit des Blutes des Urvaters und der Urmutter, die die gesamte Menschheit miteinander verbindet, als Grundlage der Einheit angenommen werden können? Und warum sollte man nicht alle Menschen der Welt als Nachkommen eines einzigen Stammvaters und als Angehörige desselben Stammes betrachten? Diejenigen, die heute als Begründer verschiedener Sippen oder Stämme beziehungsweise als deren „Urväter“ gelten, hatten alle irgendwo in der Vergangenheit gemeinsame Vorfahren; letztlich muss man anerkennen, dass sie alle aus derselben Wurzel hervorgegangen sind. Wie kann dann die Trennung der Menschen in „Arier“ und „Nichtarier“ anerkannt werden?

Heimatverbundenheit

Die Einheit der Heimatverbundenheit ist noch unklarer und unbegründeter als das Stammesdenken. Der Umfang des Ortes, an dem ein Mensch geboren wird, beträgt gewiss nicht mehr als einen Quadratmeter. Wenn er einen so kleinen Ort als seine Heimat betrachtet, kann er vermutlich überhaupt kein Land seine Heimat nennen. Doch er zieht um diesen kleinsten Ort herum eine Grenze, die sich über Hunderte und Tausende von Meilen erstreckt, bezeichnet das innerhalb dieser Grenze liegende Gebiet als „Heimat“ und erklärt freimütig, dass er zu den außerhalb dieser Grenze liegenden Gebieten keinerlei Beziehung habe. Im Grunde ist dies nichts anderes als seine einzige eng begrenzte Sichtweise. Mit anderen Worten: Es gab keinen Grund, warum sie nicht die ganze Erde als ihr Eigentum hätten bezeichnen können. Wenn die „Heimat“ eines nur einen Quadratmeter großen Ortes nach derselben Logik auf Hunderte und Tausende von Quadratmeilen ausgeweitet werden kann, dann kann sie sich nach genau derselben Logik noch weiter ausdehnen, bis die ganze Welt zu seiner Heimat wird. Wenn der Mensch seinen Blickwinkel nicht künstlich verengt, kann er deutlich erkennen, dass Flüsse und Meere, Berge und Gebirge und alles andere, was er in seiner Vorstellung als Grenze auffasst und wodurch er ein Gebiet vom anderen getrennt betrachtet, in Wirklichkeit Teile ein und derselben gewaltigen Erde sind. Wie könnten also diese Berge und Gebirge, diese Flüsse und Meere ihn in ein begrenztes Gebiet einschließen? Betrachtet er sich nicht als Bewohner der ganzen Erde? Wenn er die ganze Welt als seine „Heimat“ oder seinen Geburtsort betrachtet, warum betrachtet er sich dann nicht als Bewohner der gesamten Erdoberfläche? Wenn es nicht falsch ist, die ganze Welt als seine Heimat oder seinen Geburtsort zu betrachten, die gesamte Menschheit als Bewohner der Erde „Landsleute“ zu nennen und über das gesamte Weltall dasselbe Recht zu beanspruchen, das er an dem bestimmten Ort seiner Geburt besitzt – warum sollte dies dann falsch sein?

Sprachliche Unterschiede

Es ist unbestreitbar, dass Menschen, die dieselbe Sprache sprechen, durch die Einheit und Harmonie der Sprache reichlich Gelegenheit zu gegenseitiger Unterhaltung und zum Austausch von Gedanken erhalten können. Dadurch wird der Schleier der Unbekanntheit zwischen den Menschen gelüftet, und sie können einander als „zugehörig“ und „nahestehend“ empfinden. Doch daraus, dass das Mittel des Denkens und der Meinungsäußerung dasselbe ist, folgt keineswegs, dass Gedanken und Meinungen identisch und miteinander vereinbar sein müssen. Ein und dieselbe Lehre kann in zehn verschiedenen Sprachen verbreitet werden, und zwischen den Sprechern dieser verschiedenen Sprachen kann nicht nur eine vollkommene Einheit des Denkens und der Meinungen entstehen – sie ist sogar ganz natürlich. Umgekehrt können zehn verschiedene Meinungen in derselben Sprache zum Ausdruck gebracht werden. Die Anhänger dieser verschiedenen Lehren, die in derselben Sprache zum Ausdruck gebracht werden, können jedoch untereinander verschieden und völlig voneinander getrennt sein. Daher ist die Einheit des Denkens und der Meinungen – die in Wahrheit den Lebensinhalt der Nationalität bildet – nicht von der Einheit der Sprache abhängig. Überdies kann niemand behaupten, dass die Einheit und Harmonie der Sprache notwendigerweise zur Einheit des Denkens und der Lehren führen müsse. Hierauf erhebt sich eine ernste Frage: Welchen Einfluss hat die Sprache auf die Menschlichkeit des Menschen und auf seine persönlichen guten und schlechten Eigenschaften? Kann man einem Deutschsprachigen gegenüber einem Französischsprachigen allein deshalb einen Vorrang einräumen, weil er Deutsch spricht? In Wahrheit sind es vor allem die inneren Eigenschaften eines Menschen, auf die man achten muss, nicht seine Sprache und dergleichen. Es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass bei der Aufrechterhaltung von Ordnung und Verwaltung sämtlicher Angelegenheiten eines bestimmten Landes sowie bei den allgemeinen Tätigkeiten eine Person, die die Sprache dieses Landes spricht, von größerem Nutzen sein kann. Doch bei der Aufteilung der Menschheit und der Bestimmung nationaler Merkmale können sprachliche Unterschiede unter keinen Umständen eine unfehlbare Grundlage bilden.

Rassendiskriminierung

Rassendiskriminierung in der menschlichen Gesellschaft ist die abscheulichste und sinnloseste Angelegenheit überhaupt. Die Hautfarbe ist lediglich eine äußere Eigenschaft des Körpers; doch muss man sich vor Augen halten, dass der Mensch die Würde des Menschseins nicht aufgrund seines Körpers erlangt hat, sondern dass seine Seele und seine Menschlichkeit der einzige Grund für diese Würde sind. Für diese gibt es jedoch keinerlei Farbe oder Färbung. Welche Berechtigung kann es unter diesen Umständen geben, Menschen nach ihrer roten, gelben, schwarzen, weißen oder sonstigen Hautfarbe zu unterscheiden? Zwischen der Milch einer schwarzen und der einer weißen Kuh lässt sich kein Unterschied machen. Denn dort ist allein die Milch das Entscheidende; Blut oder Farbe haben dort keinerlei Bedeutung. Doch der bankrotte Verstand des Menschen hat uns heute von den inneren Tugenden und Vorzügen des Menschen auf die Farbe seiner äußeren Körperhülle gelenkt. Welche erbärmlichere Lage könnte es geben?

Ökonomischer Nationalismus

Die Gleichheit wirtschaftlicher Interessen ist ein illegitimes Kind des menschlichen Egoismus; sie ist niemals ein Erzeugnis der Natur. Das menschliche Kind wird bereits aus dem Mutterleib mit Arbeitskraft geboren. Ein weites Feld für Anstrengung und Streben eröffnet sich vor ihm. Die unzureichenden Mittel und Möglichkeiten des Lebensunterhalts heißen es willkommen. Doch hinsichtlich der Befriedigung seiner körperlichen Bedürfnisse hält es nicht allein die Öffnung des Tores zum Rizq für unerlässlich und ausreichend, sondern ebenso die Schließung dieses Tores für andere. Wenn eine große Menschengruppe an einer solchen Form des Egoismus gleichermaßen Anteil hat, schafft die daraus entstehende Einheit später eine besondere Grundlage dafür, sie als Nation zusammenzuschließen. Oberflächlich betrachtet meinen sie, dass sie sich durch ihre Organisation auf der Grundlage gleicher wirtschaftlicher Interessen ihre eigenen Interessen und Rechte gesichert hätten; doch wenn zahlreiche Gruppen und Nationen rings um sich solche unüberwindlichen Mauern des Egoismus errichten, wird das Leben der Menschen infolge ihrer eigenen Taten äußerst unerträglich. Ihr eigener Egoismus wird zu Fesseln an ihren Füßen und zu Handschellen an ihren Händen – bei ihrem Versuch, die Türen zum Rizq anderer zu verschließen, verlieren sie selbst den Schlüssel zu ihren eigenen Lebensunterhaltsquellen. Heute liegt dieses Bild vor unseren eigenen Augen deutlich offen. Die Staaten Europas, Amerikas und Japans leiden unter eben diesen Folgen. Die von ihnen selbst errichteten wirtschaftlichen Festungen, die sie für das vollkommene Mittel zum Schutz hielten – wie sie diese in Stücke zerschlagen sollen, ist ihnen heute unverständlich. Angesichts einer solchen Lage: Werden wir die Aufteilung in Gruppen zum Erwerb des Lebensunterhalts und die Errichtung nationaler Besonderheiten auf dieser Grundlage noch immer nicht als völlig unwissenschaftlich und töricht ansehen? Tatsächlich ist nicht einzusehen, welches Unheil darin liegen könnte, den Menschen in Allahs weitläufiger Welt Freiheit bei der Suche nach und dem Erwerb des von Allah gewährten Rizq zu geben.

Politischer Nationalismus

Die Einheit unter einer Regierung ist ihrem Wesen nach etwas Vorübergehendes, Kurzlebiges und Grundloses. Auf dieser Grundlage kann niemals eine gefestigte, dauerhafte und starke Nationalität errichtet werden. Der Versuch, die Untertanen eines Staates durch das Band ihrer Loyalität an ihn zu binden und zu einer Nation zu formen, ist niemals erfolgreich gewesen. Solange ein Staat siegreich, herrschend und mit unbezwingbarer Macht ausgestattet ist, bleiben die Untertanen zwar geeint und durch die Fesseln seiner Gesetze miteinander verbunden; sobald jedoch dieses Band der Gesetze auch nur ein wenig lockerer wird, sind die Menschen mit ihren unterschiedlichen Denkweisen gezwungen, sich augenblicklich nach allen Seiten zu zerstreuen. Nachdem im Mogulreich die zentrale Staatsgewalt schwach geworden war, gab es in den verschiedenen Gebieten Indiens nicht das geringste Hindernis für das Emporkommen eigenständiger, auf Politik gegründeter Nationalitäten. Die Lage im Osmanischen Reich war ähnlich. Schließlich setzten die jungen Männer der Türkei zwar ihre ganze Kraft dafür ein, den Palast einer osmanischen Nationalität zu errichten; doch bei einem geringfügigen Schlag zerfiel er wie ein Kartenhaus. Das Beispiel Österreich-Ungarns ist noch moderner. An Beispielen dieser Art mangelt es auf den Seiten der Geschichte nicht. Doch selbst nach dem Anblick dieser historischen Belege verdienen diejenigen, die es für möglich halten, eine politische Nationalität zu errichten, für ihre farbenfrohen Träume und ihre leidenschaftliche Fantasterei gewiss unseren Dank.

Weltmenschlichkeit

Aus der obigen Analyse ist deutlich geworden, dass keiner der Bereiche, in die die Menschheit geteilt worden ist, auf einer wissenschaftlichen Begründung beruht. Sie sind nichts anderes als rein materielle und grobe Einteilungen. Daher genügt schon eine geringfügige Weite des Blicks, um die Grenzen eines jeden von ihnen zu sprengen. Bestand und Dauer dieser Einteilungen hängen allein von der Dunkelheit der Unwissenheit, der Begrenztheit des Blicks und der Enge des Herzens ab. Je lebhafter und weiter sich der Lichtblitz von Wissen und Wissenschaft entfaltet, je schärfer und weitreichender die innere Einsicht wird und je größer die Weite des Herzens wächst, desto mehr hebt sich der Vorhang dieser materiell begründeten und groben Unterschiede. Schließlich muss der Abstammungsnationalismus der Menschlichkeit und der Regionalismus der weltweiten Einheit jeweils seinen Platz überlassen. Auch inmitten der Unterschiede von Hautfarbe und Sprache leuchtet die Einheit des eigentlichen Lebensgehalts der Menschheit auf. In Allahs Erde bestehen gemeinsame wirtschaftliche Interessen aller Diener Allahs. Im Rahmen der politischen Ordnung erscheinen nur einige Schatten; im Umlauf der Sonne des Glücks bewegen sie sich über die Erdoberfläche und nehmen ab oder zu.

Die großzügige Ideologie des Islam

Genau dies hat der Islam verkündet. Der Islam hat zwischen Mensch und Mensch keinen materiellen, gegenständlichen oder sinnlich wahrnehmbaren Unterschied anerkannt. Nach Auffassung des Islam stammen alle Menschen aus demselben Ursprung:

خلقكم من نَّفْسٍ وَّاحِدَةٍ وَّ خَلَقَ مِنْهَا زَوْجَهَا وَبَثَّ منهُما رِجَلاً كَثِيرًا وَّنِساءً – (النساء: 1)

„Allah hat euch aus einem einzigen Wesen erschaffen. Danach hat Er aus ihm dessen Partnerin erschaffen und aus beiden unzählige Männer und Frauen über die Welt verbreitet.“ – Sure an-Nisa: 1

Der Unterschied zwischen dem Geburtsort oder der Grabstätte der Menschen ist kein grundlegender Unterschied; im Wesentlichen sind alle Menschen völlig gleich:

وهُو الَّذى انْشاْكم من نَّفسٍ وَّاحِدَةٍ فَمُستَقَرَّ وَّمُستَوْدَعٌ ط – (الانعام : 98) „Er hat euch aus einem einzigen Wesen erschaffen, und für jeden von euch sind ein Aufenthaltsort und eine Grabstätte bestimmt.“ – Sure al-An’am: 98. Danach wird die tiefere Wahrheit der Unterschiede in Abstammung und Familie offengelegt:

يَاَيُّها النَّاسُ اِنَّا خلقناكم من ذكَرٍ وَّ اُنْثى و جعلناكم شعوبا وَّقبائلَ لِتِعارَفوا ط اِنَّ اكرمكم عند الله اتقاكم ط – (الحجرات : 13)

„O Menschen! Ich habe euch in Völker und Stämme geteilt, damit ihr einander kennenlernen könnt. Doch in Wirklichkeit ist derjenige unter euch am geehrtesten, der am gottesfürchtigsten und Allah am meisten fürchtet.“ – Sure al-Hujurat: 13

Das bedeutet, dass die Unterschiede zwischen Völkern und Stämmen lediglich geschaffen wurden, damit sie einander kennenlernen; sie dienen nicht dazu, einander zu beneiden und zu hassen, sich zu rühmen und hochmütig zu sein oder miteinander zu streiten. Wegen dieser äußeren Unterschiede und Gegensätze darf man die grundlegende Einheit der Menschheit nicht vergessen. Das einzige Maß, anhand dessen ihr voneinander unterschieden werdet, sind sittlicher Charakter, tatsächliches Handeln sowie Aufrichtigkeit und Sündhaftigkeit.

Danach hat Allah, der Erhabene, gesagt, dass Zwietracht in der menschlichen Gesellschaft und der gegenseitige Streit verschiedener Gruppen eine besondere Strafe Allahs sind. Dadurch werdet ihr durch das Gift eurer gegenseitigen Feindschaft zermürbt.

اَوْ يلبسكم شِيِعًا وَّيُذيْقَ بعضَكم بَاْسَ بَعضٍ ط – (الانعام : 65)

„Oder Er wird euch in verschiedene Gruppen spalten und euch die Gewalt des jeweils anderen kosten lassen.“ – Sure al-Anʿām: 65

Auch die Zwietracht wird im ruhmreichen Qurʾan zu denjenigen Vergehen gezählt, aufgrund derer der Pharao bei Allah verflucht und bestraft worden war:

اِنَّ فِرْعَونَ علاَ فى الارْضِِ وَجَعَلَ اهلها شِيَعًا – (القصص : 4)

„Der Pharao erhob sich auf der Erde in Hochmut und Stolz und spaltete ihre Bewohner in verschiedene Gruppen.“ – Sure al-Qaṣaṣ: 4

Danach hat Er gesagt, dass Allah der Herr der Erde ist und die Menschheit auf dieser Erde mit der Würde des Kalifats eingesetzt hat. Er hat die gesamte Welt den Menschen dienstbar gemacht. Daher ist es für den Menschen nicht notwendig, der Sklave einer bestimmten Region zu bleiben. Die weite Erde liegt vor ihm. Wenn ein Ort für ihn unzugänglich oder unbewohnbar wird, ist es für ihn sehr leicht, an einen anderen Ort weiterzuziehen. Wohin auch immer er gehen wird, dort wird er Allahs unermessliche und unerschöpfliche Gnaden vorfinden.

Bei der Erschaffung des Menschen sagte Allah:

اِنِّى جَاعلٌ فِى الارضِ خَليفةٌ ط – (البقرة: 30)

„Ich will auf der Erde einen Kalifen einsetzen.“ – Sure al-Baqara: 30

ألم تَرَ اَنَّ الله سخَّرلكم مَّا فِى الارضِ – (الحج: 65)

„Seht ihr nicht, dass Allah euch alles, was auf der Erde ist, dienstbar gemacht hat?“ – Sure al-Haddsch: 65

أَلم تكن ارضُ الله وَاسعَةً فَتُهَاجِرُوا فِيْهَا ط – (النَّساء: 97)

„War die Erde Allahs nicht weit genug, sodass ihr nicht von einem Ort zum anderen hättet auswandern können?“ – Sure an-Nisa: 97

وَمن يُّهَاجر فِى سبيل الله يَجِد فِى الارض مُرَغَمًا كَثِيْرًا وَّسَعَةً – (النِّساء: 100)

„Wer um Allahs willen auswandert, wird auf der Erde reichlich Raum und große Weite finden.“ – Sure an-Nisa: 100

Lesen Sie den gesamten Koran: Nirgendwo findet sich auch nur ein Wort zur Unterstützung von Rassismus, Stammesdenken oder Regionalismus; der Koran hat sich an die gesamte Menschheit gewandt und die islamische Daʿwa verkündet. Er ruft die gesamte Menschheit auf der Erde zu Wohlergehen und Glück auf. In dieser Hinsicht wurde keiner Nation und keiner Region auch nur die geringste Besonderheit oder Überlegenheit verliehen; in dieser Welt wurde lediglich zu Mekka eine besondere Beziehung hergestellt. Über dieses Mekka aber heißt es:

سَوَاءَنِ العَاكِفُ فِيْهِ وِالبَادِ ط – (الحج : 25)

„Die einheimischen Bewohner Mekkas und die von außerhalb kommenden Muslime sind in Mekka allesamt völlig gleich. – Sure al-Haddsch: 25

Über die früheren Bewohner Mekkas, die Götzendiener, heißt es:

اِنَّمِا المُشْرِكون نَجَسٌ فَلاَ يَقربوا المَسْجد الحرَام بَعدَ عَامِهِم هَذَا ج- ( التَّوب : 28)

„Die Götzendiener sind unrein; sie sollen nach diesem Jahr weder die al-Harām-Moschee noch die Kaaba betreten.“ – Sure at-Tauba: 28

Aus der oben dargelegten eindeutigen Analyse hat sich erwiesen, dass der Heimats- und Regionalismusgedanke im Islam vollständig ausgerottet worden ist. Nun kann jeder Muslim sagen: „Jedes Land ist mein Land, denn es ist das Land meines Gottes.“

Der Konflikt zwischen Stammesdenken und dem Islam

Bereits im ersten Kapitel des Aufkommens des Islam erwiesen sich auf Abstammung, Stamm und Heimatverbundenheit beruhender Hass und Diskriminierung als die größten Hindernisse auf seinem Weg.

Das eigene Volk des ehrwürdigen Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) war in dieser Hinsicht am weitesten fortgeschritten. Der Stolz auf die Abstammung sowie das Stammes- und persönliche Standesbewusstsein wurden zu einer undurchdringlichen Mauer zwischen ihnen und dem Islam. Sie sagten:

لَوْ لاَ نُزِّلَ هذا القران على رَجُلٍ من القَرْيَتَيْنِ عَظِيْم – (زخرف: 31) „Wenn der Koran tatsächlich ein von Allah offenbartes Buch wäre, dann wäre er gewiss einem führenden Mann aus Mekka oder Taif offenbart worden.“ – Sure az-Zuḫruf: 31

Abu Dschahl meinte, Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) behaupte lediglich, ein Prophet zu sein, um den Ruhm seiner eigenen Abstammung zu mehren. Er sagte:

„Zwischen uns und dem Clan Abd Manāfs herrschte schon früher Rivalität. Beim Reiten waren wir ihre Rivalen. Auch beim Essen, bei der Bewirtung von Gästen und bei den Almosen waren wir ihnen ebenbürtig. Nun hat er begonnen zu behaupten, dass ihm Offenbarung zuteilwerde. Bei Allah, wir werden Muhammad niemals für wahrhaftig erklären.“

Dies war nicht nur die Denkweise Abu Dschahls; es war der größte Fehler der gesamten polytheistischen Araber. Deshalb begannen alle übrigen Clans der Quraisch, den Banū Hāschim feindselig gegenüberzutreten. Die Angehörigen der Banū Hāschim wiederum unterstützten und halfen dem ehrwürdigen Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) ebenfalls aus diesem von Stammesfeindschaft geprägten Motiv, obwohl viele von ihnen bis dahin den Islam noch nicht angenommen hatten. Die Banū Hāschim wurden im Tal von Abu Talib belagert, und der gesamte Stamm der Quraisch brach aus diesem Grund alle Beziehungen zu ihnen ab. Die vergleichsweise schwächeren muslimischen Familien waren durch die harte Unterdrückung und brutale Verfolgung der Quraisch so bedrängt, dass sie zur Auswanderung nach Abessinien gezwungen waren; diejenigen hingegen, deren Abstammung einflussreicher war, konnten sich dank der Macht ihrer Sippen einigermaßen vor Unrecht und Unterdrückung schützen und am Leben bleiben.

Die Juden Arabiens warteten gemäß den Prophezeiungen der Propheten aus dem Geschlecht der Banū Isrāʾīl auf das Erscheinen eines Propheten. Aufgrund der von ihnen verbreiteten Nachrichten nahmen bereits zu Beginn der Verkündigung des Islam durch den ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zahlreiche Bewohner Medinas den Islam an. Die Juden selbst konnten jedoch allein aus ihrem Abstammungsstolz nicht an den letzten Propheten glauben. Ihr Einwand bestand darin, dass der neu erschienene Prophet nicht im Geschlecht Israels, sondern im Geschlecht Ismāʿīls geboren worden war. Dieser Stolz auf ihre Abstammung hatte sie so sehr in die Irre geführt und verdorben, dass sie sich statt mit den Monotheisten mit den Polytheisten verbündeten.

Auch die Christen dort befanden sich in einer solchen Lage. Auch sie warteten auf den kommenden Propheten. Sie waren jedoch der Ansicht, dieser Prophet werde in Syrien geboren werden. Sie waren keineswegs bereit, einen Propheten aus Arabien anzuerkennen. Als der Erlass des ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) Herakleios erreichte, sagte er zu den quraischitischen Händlern: „Ich wusste, dass ein weiterer Prophet kommen würde; aber ich hatte nicht angenommen, dass er aus eurem Geschlecht hervorgehen würde.“

Als die Einladung zum Islam al-Muqawqis von Ägypten erreichte, sagte auch er: „Ich wusste, dass noch ein Prophet kommen würde, doch ich nahm an, dass er in Syrien geboren werden würde.“

Auch unter den Nichtarabern jener Zeit war dieses Überlegenheitsgefühl äußerst stark ausgeprägt. Als der Brief des Propheten (s.a.w.) bei Chosrau Parwiz eintraf, was hatte ihn da in Zorn versetzt? Er sagte: „Ein Angehöriger eines Sklavenvolkes wagt es, den König der nichtarabischen Welt anzusprechen!“ Er betrachtete das arabische Volk als minderwertig und verabscheuungswürdig. Sie waren keineswegs bereit anzuerkennen, dass in einem solchen Volk jemand geboren werden könnte, der die Menschen zur Wahrheit aufruft.

In den Augen der Feinde des Islam, der Juden, war es eine äußerst scharfe Waffe gegen den Islam, unter den Menschen Stammesfeindschaft und ein auf Abstammung beruhendes Überlegenheitsgefühl zu wecken. Deshalb verbündeten sie sich mit den Heuchlern von Medina. Einmal erinnerten sie an die Schlacht von Buʿāth und entfachten dadurch zwischen den beiden Ansar-Stämmen Aus und Chazradsch ein solches Feuer von Hass, Feindschaft und Überheblichkeit, dass eine gefährliche Lage entstand: Die geschärften Schwerter beider Parteien drohten aus ihren Scheiden gezogen zu werden und ein offener Kampf auszubrechen. Im Zusammenhang damit wurde der folgende Vers offenbart:

يّايُّهَا الَّذينَ امَنُوا اِنْ تُطِعُوا فَرِيْقًا مِّنَ الَّذِيْنَ اُوْتُوا الكتَابَ يَرُدَّوكُم بَعْدَ اِيْمَانِكم كَافِرُوْنَ – (ال عمران: 100)

„O ihr Muslime! Wenn ihr einer Gruppe der Leute der Schrift folgt, werden sie euch nach eurem Glauben wieder zum Unglauben zurückführen.“ – Sure Āl ʿImrān: 100

Aufgrund dieses Überlegenheitsgefühls hinsichtlich Abstammung und Heimat entbrannten die Heuchler von Medina vor Zorn, als sie sahen, dass der Prophet aus dem Stamm Quraisch in Medina als Herrscher regierte und die Auswanderer sich frei in den Dattelgärten der Ansar bewegten. Der Anführer der Heuchler, ʿAbdullāh ibn Ubayy, pflegte zu sagen: „Diese mittellosen Angehörigen des Stammes Quraisch sind in unser Land gekommen und vor Stolz aufgebläht. Sie sind wie verhätschelte Hunde; nun beginnen sie sogar, ihre Ernährer zu beißen.“ Zu den Ansar sagte er: „Ihr habt sie doch auf eure Köpfe gehoben, ihr habt ihnen in eurem Land Unterkunft gewährt. Ihr habt ihnen einen Anteil an eurem Besitz gegeben. Bei Gott, wenn ihr ihnen heute eure Unterstützung und Hilfe entzieht, werden sie völlig hilflos sein.“ Auf diese ihre Äußerungen wurde im Edlen Koran folgendermaßen geantwortet:

هُمُ الَّذِيْنَ يَقُلُونَ لاَ تُنْفِقُونَ على مِنْ عِنْدِ رَسُولِ الله حَتَّى يَنْفَضُّوا ط وَ لِلّه خَزَئِنُ السَّموات وَالارضِ وَلكنَّ المُنَافِقِيْنَ لاَ يَفْقَهُونَ – يَقُوْلُوْنَ لَئِنْ رَّجَعْنَا إلىَ المَدِيْنَةِ لَيُخْرِجَنَّ الاغَزُّ مِنْهَا الاَذَلَّ ط وَلِلَّهِ العِزِّةُ وَلِرَسُوْلِهِ وَلِلْمُةْمِنِيْنَ وَلَكِنَّ المُنافِقِيْنَ لاَ يَعلمون – (8–7)

„Sie sind es, die sagen: ‚Spendet nichts für die Gefährten des Gesandten Allahs, dann werden sie sich zerstreuen.‘ Doch sie begreifen nicht, dass Allah, der Erhabene, der Besitzer der Schätze der Himmel und der Erde ist. Sie sagen: ‚Wenn wir nach Medina zurückkehren, wird der Angesehenste gewiss den Verachtetsten aus ihr vertreiben.‘ Doch in Wahrheit ist alle Ehre Allah, Seinem Gesandten und allen Muslimen vorbehalten. Aber die Heuchler wissen dies überhaupt nicht.“ – Sure al-Munāfiqūn: 7–8

Die Intensität eines solchen Standesdünkels hatte Abdullah ibn Ubayy dazu bewogen, Hazrat Aischa zu beschuldigen und Verleumdungen über sie zu verbreiten. Und nur dank der Unterstützung der Chazradsch wurde dieser Feind Allahs und des Gesandten davor bewahrt, die Strafe für seine eigenen Taten zu erleiden.

Der Dschihad des Islam gegen Standesdünkel und Feindseligkeit

Aus der vorstehenden Erörterung ist deutlich geworden, dass nach Kufr und Schirk gerade der auf Abstammung und Nationalismus beruhende Standesdünkel sowie Hass und Feindseligkeit die größten Feinde der großartigen Daʿwa und Bewegung des Islam sind. Deshalb hat der Letzte Prophet während seiner 23 Jahre währenden prophetischen Sendung nach dem Kampf gegen den Kufr am intensivsten gegen diese Dschāhilīya des Standesdünkels und des Hasses und der Feindseligkeit gekämpft, um sie für immer auszurotten. Schon das Aufschlagen sämtlicher Werke über die Hadithe und die Lebensgeschichte beweist die Wahrheit dieser Aussage ohne jeden Zweifel. Wenn man bedenkt, wie der edle Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) die Unterschiede zwischen den Menschen hinsichtlich Abstammung, Herkunft, Hautfarbe, Sprache sowie Rang und Niedrigkeit beseitigt, die unnatürlichen und undurchdringlichen Mauern gegenseitiger Feindschaft und Ungleichheit unter den Menschen niedergerissen und die gesamte Menschheit als Menschen gleichgestellt und vereint hat, bleibt wahrlich kein Raum für Verwunderung.

Hazrat (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte mit lauter Stimme:

ليسَ مِنَّا مَنْ مَّاتَ على العَصَبِيَّةِ لَيْسَ مِنَّا الى دعى الى العَصَبِيَّةِ لَيْسَ مِنَّا قَاتَلَ على العَصَبِيَّةِ –

„Wer aufgrund von Standesdünkel und Hass und Feindseligkeit stirbt, wer andere dazu aufruft und wer dafür kämpft, kann nicht zu meiner Umma gezählt werden.“

Er sagte:

لَيْسَ لاَحَدٍ فَضْلٌ على اَحَدٍ اِلاَّ بِدِيْنٍ وَتَفْوًى – النَّاسُ كُلُّهمْ بَنُوادَمَ وَاَدَمُ مِنْ تُرابٍ –

„Außer aufgrund von Gottesfurcht, religiöser Pflichterfüllung und Frömmigkeit kann einem Menschen gegenüber einem anderen auf keinerlei Grundlage auch nur die geringste Überlegenheit zugesprochen werden. Alle Menschen sind Kinder Adams, und Adam wurde aus Lehm erschaffen.“

Die auf Abstammung, Heimat, Sprache und Hautfarbe beruhenden Unterschiede hat er mit den Worten zerschmettert:

لأ فَضْلَ لِعَرَبىٍّ عَلى عَجْمِىْ وَلاَ لِعَجَمِىْ عَلى عَرَبِىٍُّ كُلُّكُمْ اَبْنَاءُ اَدَمَ – (البخارى)

„Ein Araber ist einem Nichtaraber in keiner Weise überlegen, und ein Nichtaraber ist einem Araber in keiner Weise überlegen. Ihr alle seid Kinder Adams.“

لأ فَضْلَ لِعَرَبىٍّ عَلى عَجْمِىْ وَلاَ لِعَجَمِىْ عَلى عَرَبِىٍُّ وَلاَ لِاَبْيَضَ على اَسْوَدَ وَلأ لِاَسْوَدَ على ابيَضَ الاَّ بالتَّقوى – (زَادِ المَعَاد)

„Ein Araber besitzt keinerlei Vorzug oder Überlegenheit gegenüber einem Nichtaraber, ein Nichtaraber gegenüber einem Araber, ein Weißer gegenüber einem Schwarzen und ein Schwarzer gegenüber einem Weißen. Ein solcher Vorzug kann allein aufgrund der Gottesfurcht und der religiösen Pflichterfüllung bestehen.“

اِسْمَعُوْا وَاَطِعُوا وَلَوْ اُسْتُعْمِلَ عَلَيْكُمْ عَبْدٌ حَبشىٌّ كَانَ رَأسُهُ زَبِيْةٌ – (البخارى)

„Selbst wenn ein abessinischer Sklave mit einem Gehirn von der Größe einer Rosine zu eurem Staatsoberhaupt ernannt würde, so hört auf ihn, gehorcht ihm und leistet ihm vollständigen Gehorsam.“

Nachdem die muslimische Waffenmacht nach der Eroberung Mekkas die stolzen und aufsässigen Häupter der Quraisch niedergebeugt hatte, erhob sich der ehrwürdige Gesandte Allahs (s.a.w.), um eine Ansprache zu halten, und verkündete mit donnernd ernster Stimme:

اَلأَ كُلُّ مَا ثَرَةٍ اَوْ مَالٍ اَوْ يُدْعى فهوَ تَحتَ قَدَمِىِْ هَاتَيْنِ –

„Wisset, dass heute der gesamte Besitz an Stolz, Hochmut, Ruhm und Standesbewusstsein und dergleichen sowie alle Ansprüche in Bezug auf Blut und Eigentum unter meinen beiden Füßen zertreten liegen.“

يَا مِعْشَرِ قَرَيْشٍ اِنَّ اللهَ اَذهَبَ عَنْكم نُخْوَةَ الجَاهِلِيَّةِ وَتَعَظُّمَهَا الاَبَا –

„O Quraisch! Allah hat all euren Hass, eure Feindschaft, euren Stolz und Hochmut sowie euren ererbten Ruhm und euer Überlegenheitsgefühl aus der Zeit der Unwissenheit beseitigt.“اَيُّهَا النَّاسُ كُلُّكم من ادمَ وَادمُ من ترابٍ – لاَفَخْرَ للاَنْسَابِ لاَ فَخْرَ للعربىِّ على العجمىِّ ولاَ للعجمىِّ على العرَبِىِّ اِنَّ اكرمكم عِنْدَ اَللهِ اَتْقَأكُمْ –

„O Menschen! Ihr alle seid Kinder Adams, und Adam wurde aus Lehm erschaffen. Für Ahnenstolz gibt es keinerlei Raum. Kein Araber besitzt einen Vorzug oder eine größere Ehre gegenüber einem Nichtaraber, und kein Nichtaraber gegenüber einem Araber. Der Frömmste und Allahfürchtigste unter euch ist bei euch der Ehrwürdigste.“

Nach der Verrichtung der Anbetung Allahs pflegte der Prophet (s.a.w.) vor Allah drei Dinge zu bezeugen und aufrichtig anzuerkennen. Erstens: Allah hat keinen Teilhaber. Zweitens: Der ehrwürdige Muhammad (s.a.w.) ist Allahs Diener und Gesandter. Und drittens: Alle Diener Allahs sind gleichermaßen Brüder.

Die Grundlage der islamischen Nationalität

Auf diese Weise haben Allah und Sein Gesandter die verschiedenen Nationalitäten der Welt, deren Paläste auf begrenzten, materiellen, sinnlich wahrnehmbaren, weltlichen und abergläubischen Grundlagen errichtet worden sind, endgültig zerschmettert. Aufgrund der zuvor erwähnten unwissenschaftlichen Gegensätze und Ungleichheiten hinsichtlich Rasse, Stamm, Heimat, Sprache, Wirtschaft und Politik hatten die Menschen aus ihrer Torheit und äußersten Unwissenheit die Menschheit in verschiedene, ja in kleinste Teilgruppen gespalten; der Islam hat all dies durch einen gewaltigen Schlag zerschmettert und in den Augen der Menschlichkeit alle Menschen zu Gleichrangigen, von gleicher Würde und mit gleichen Rechten gemacht.

Nachdem der Islam diese Barbarei des Zeitalters der Dschāhilīya beseitigt hatte, legte er auf wissenschaftlicher Grundlage eine neue Vorstellung von Nationalität vor. In der islamischen Nationalität werden zwar Unterschiede zwischen den Menschen gemacht, jedoch nicht aus irgendeinem materiellen, weltlichen oder äußerlichen Grund, sondern unter geistigen, moralischen und menschlichen Gesichtspunkten. Den Menschen wurde eine natürliche Ordnung der Wahrheit vorgelegt, deren Name Islam ist. Die gesamte Menschheit wurde zur Knechtschaft und zum Gehorsam gegenüber Allah, zur Reinheit und Lauterkeit des Herzens und des Inneren sowie zur Lauterkeit, Aufrichtigkeit und Befolgung der Religion in ihren Taten eingeladen. Dann wurde erklärt, dass diejenigen, die diese Einladung annehmen, als eine Nation gelten werden. Diejenigen aber, die sie ablehnen, werden einer völlig anderen Nation angehören. Das heißt, die eine Nation der Menschen ist die Nation des Īmān und des Islam, und die Gesamtheit ihrer einzelnen Mitglieder bildet eine Ummaوَكَذَالِكَ جَعَلناكم اُمَّةً وَّسَطًا; die andere ist die Nation des Kufr und der Irreleitung. Ihre Anhänger gelten trotz ihrer gegenseitigen Meinungsverschiedenheiten und Unterschiede als eine Gruppe und als Angehörige derselben Nation.وَاللهُ لاَ يَهْدىِ القَومَ الكافِرِيْنَ

Zwischen diesen beiden Nationen besteht hinsichtlich Abstammung und Stammeszugehörigkeit keinerlei Unterschied. Der Unterschied liegt im Glauben und in den Taten. Daher können sogar zwei Kinder desselben Vaters aufgrund des erwähnten Unterschieds zwischen Islam und Kufr als voneinander verschieden und zwei verschiedenen Nationen zugehörig gelten, während zwei miteinander nicht verwandte und einander unbekannte Menschen, weil sie denselben Islam angenommen haben, einer Nation angehören können.

Auch der Unterschied der Heimat kann keinen Unterschied zwischen diesen beiden Nationen begründen. Hier wird auf der Grundlage von Recht und Unrecht unterschieden. Für Recht und Unrecht gibt es jedoch keine „Heimat“. Zwei Menschen aus derselben Stadt, demselben Viertel und demselben Haus können aufgrund des Unterschieds zwischen Islam und Kufr verschiedenen Nationen angehören. Und ein Schwarzer kann durch das Band des Islam zum Bruder eines Marokkaners werden.

Auch der Unterschied der Hautfarbe ist hier kein Grund für einen nationalen Unterschied. Die Farbe des äußeren Erscheinungsbildes ist im Islam unbedeutend; hier allein zählt die Farbe Allahs, und diese ist die beste und vorzüglichste aller Farben.

صِبْغَةَ اللهُ ط وَمَنْ اَحسَنُ مِنَ اللهِ صِبْغَةًAus islamischer Sicht können ein Weißer und ein Schwarzer als Menschen derselben Nation gelten, während es aufgrund des Kufr durchaus möglich ist, dass zwei Weiße zwei verschiedenen Nationen angehören.

Auch der Unterschied der Sprache ist kein Grund für den Unterschied zwischen Islam und Kufr. Im Islam hat die gesprochene Sprache keinerlei Wert; von Wert ist vielmehr die sprachlose Sprache des Inneren und des Herzens. Denn diese wird auf der ganzen Welt gesprochen und von allen verstanden. Aus dieser Sicht können ein Araber und ein Afrikaner dieselbe Sprache haben. Und die Sprache zweier „Araber“ kann ebenfalls verschieden sein.

Auch Unterschiede in den Wirtschafts- und politischen Systemen sind hinsichtlich des Gegensatzes zwischen Islam und Kufr völlig unerheblich. Hier gibt es keinerlei Streit über Geld und Besitz; die Beziehung zum Reichtum des Īmān ist die wichtigste Frage. Nicht die Herrschaft des Menschen, sondern der Gehorsam gegenüber Allah ist die einzige Grundlage des politischen Konflikts und Kampfes. Alle, die der göttlichen Herrschaft anhängen und ihr gehorchen und die sich selbst, ihr Vermögen und ihr Leben für sie geopfert haben, bilden eine Nation, ganz gleich, ob sie in Pakistan oder Turkistan leben. Diejenigen aber, die Feinde der Herrschaft Allahs sind und ihr Leben und ihren Besitz an Satan verkauft haben, gehören einer völlig eigenständigen Nation an. Es besteht keinerlei Anlass zu einem Streit darüber, Bürger oder Untertanen welchen Staates sie sind oder unter welcher Art von Wirtschaftsordnung sie leben.

Die von Islam für die Nationalität gezogene Grenze beziehungsweise festgelegte Abgrenzung ist kein sinnlich wahrnehmbarer, materieller oder weltlicher Gegenstand; sie ist vielmehr eine vollkommen wissenschaftlich begründete Grenze. Zwei Menschen aus demselben Haus können durch diese Grenze voneinander getrennt sein. Umgekehrt können zwei Menschen, die im Fernen Osten beziehungsweise im Fernen Westen leben, innerhalb dieser Grenze liegen.

Hier steht etwas auf Urdu.

Der Mittelpunkt dieses Kreises der islamischen Nationalität ist das Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist Allahs Gesandter.“ Freundschaft und Feindschaft – alles gründet auf diesem Glaubensbekenntnis. Seine Anerkennung vereint die Menschen, und seine Verleugnung bewirkt eine endgültige Trennung zwischen ihnen. Wen dieses Glaubensbekenntnis voneinander trennt, den können weder Blut, Boden, Sprache, Hautfarbe, Nahrung, Regierungsform oder andere Bindungen noch irgendeine Verwandtschaft wieder miteinander verbinden. Ebenso kann nichts diejenigen voneinander trennen, die dieses Glaubensbekenntnis miteinander verbindet. Keine Sprache, Stammes- oder Rassenzugehörigkeit, kein Vermögen und kein Streit um Land darf innerhalb des islamischen Geltungsbereichs eine trennende Grenze zwischen Muslimen errichten; niemand hat dazu das Recht. Ob ein Muslim aus China oder aus Marokko stammt, ob er schwarz oder weiß, Hindi- oder Arabischsprachiger, Semit oder Arier ist, ob er Bürger desselben Staates oder Bewohner verschiedener Staaten ist – sie alle gehören zur muslimischen Nation. Sie sind Mitglieder der islamischen Gesellschaft, Bürger des islamischen Staates, Soldaten der islamischen Armee und Hüter des islamischen Rechts und seiner Bestimmungen. Kein einziger Bereich des Lebens – Gottesdienst, gegenseitige Geschäfte, Gesellschaftsordnung, Wirtschaft oder Politik – unterscheidet die Muslime nach Geschlecht, Sprache oder Herkunft auch nur im Geringsten voneinander; niemand wird über einen anderen gestellt oder als minderwertig bezeichnet.

 

Islamische Prinzipien von Organisation und Bipen

Es wäre jedoch ein schwerwiegender Irrtum, anzunehmen, der Islam habe alle menschlichen und tatsächlichen Beziehungen vollständig verworfen. Der Islam hat den Muslimen geboten, die verwandtschaftlichen Beziehungen zu pflegen, und ihnen ausdrücklich untersagt, diese Beziehungen abzubrechen. Er hat nachdrücklich zum Gehorsam gegenüber den Eltern und zur Befolgung ihrer Anweisungen aufgefordert. Unter Blutsverwandten hat er nach dem Erbrecht die Vererbung geregelt und den nächsten Verwandten bei Almosen und Wohltätigkeit den ersten Anspruch zuerkannt. Er hat geboten, die eigene Familie, das eigene Zuhause und das eigene Vermögen vor Angriffen des Feindes zu schützen. Er hat zum Kampf gegen den Unterdrücker befohlen und diejenigen, die in solchen Kämpfen getötet werden, als Märtyrer bezeichnet. Für alle Lebensbereiche hat er gelehrt, jedem Menschen, unabhängig von seiner Religion, mit Mitgefühl, Güte, Liebe und Zuneigung zu begegnen. Aus keiner Anweisung des Islam lässt sich entnehmen – und es kann auch nicht daraus abgeleitet werden –, dass der Islam verboten hätte, sich um den Dienst und den Schutz des Landes und der Nation zu bemühen oder mit nichtmuslimischen Nachbarn Frieden zu schließen und ihnen mit Höflichkeit zu begegnen.

Die Anweisung, die der Islam hinsichtlich der Beziehungen der Menschen untereinander gegeben hat, ist lediglich der angemessene und natürliche Ausdruck jener tatsächlichen Beziehungen. Hinsichtlich der Nationalität besteht jedoch ein grundsätzlicher Unterschied zwischen Islam und Nichtislam. Dieser Unterschied tritt auch darin deutlich hervor, dass die übrigen Menschen der Welt die Nationalität auf jenen materiellen Dingen begründet haben, während der Islam sie auf keiner einzigen davon begründet hat. Aus islamischer Sicht ist die Beziehung des Glaubens vorrangiger und wichtiger als die erwähnten materiellen Beziehungen. Wenn es erforderlich ist, muss man sogar bereit sein, zur Wahrung allein dieser einen Beziehung alle anderen Arten von Beziehungen zu opfern. Die Erklärung des Islam lautet:

قَد كَانت لكم اُسْوَةٌ حَسَنَةٌ فىْ اِبْرَاهِيْمَ وَالَّذِيْنَ مَعَهُ ج اِذ قَالوُا لِقَوْمِهِم اِنَّا بُرِءَؤُا منكم وَ مِمَّا تعبدون من دُوْنِ اللهِ ز كَفَرْنَا بِكُمْ وَبَدَاْ بَيْنَنَا وَبَيْنَكم العَدَاوَةَ وَألبَغَضَاءُ اَبَدًا حَتَّى تَؤْمِنُوْا بِاللهِ وَحدَهُ – (الممتحنة: 4)

„Im Verhalten Ibrahims und seiner Gefährten habt ihr ein nachahmenswertes Vorbild. Sie erklärten ihrem auf Heimat und Abstammung gegründeten Volk unmissverständlich: ‚Wir haben mit euch und mit jenen, die ihr anstelle Allahs zu Göttern genommen habt, nichts zu tun. Wir sagen uns von euch vollständig los. Zwischen uns und euch hat eine immerwährende Feindschaft und ein immerwährender Hass begonnen, bis ihr an den einen Allah glaubt.‘“ – Sure al-Mumtahana: 4

Der Islam sagt:

لاَ تَتَّخذوا ابَاءَكم وَاِخوانكم اَوْ لياءَ اِنِ اِسْتَحَبُّوا الكُفرَ على الايْمَان ط وَمن يَتَوَلَّهم منكم فَاُلَــــئِك هُمُ الطَّلِمُوْنَ – (التَّوبة: 23)

„Nehmt auch eure Eltern und eure Brüder nicht zu Vertrauten, wenn sie den Unglauben dem Glauben vorziehen und ihn lieben. Und wer von euch sie zu Vertrauten nimmt, der gehört gewiss zu den Ungerechten.“ – Sure at-Tauba: 23

Ferner – اِنَّ مِنْ اَزواجكم وِاَوْلاَدكم عَدُوًّا لَّكم فاحذَرُوْهُمْ ج – (التَّغَابُنْ: 14)

„Unter euren Ehefrauen und euren Kindern gibt es auch solche, die aufgrund eures Muslimseins eure Feinde sind; hütet euch daher vor ihnen.“ – Sure at-Taghabun: 14

Die Anweisung des Islam lautet: Wenn zwischen eurer Religion, dem Islam, und eurer Heimat ein Konflikt und Gegensatz entstehen, dann verlasst um der Religion des Islam willen eure Heimat und zieht fort. Wer aus Liebe zur Religion seine Heimatliebe nicht überwinden und die Hidschra nicht vollziehen kann, ist ein Heuchler; zu ihm dürft ihr keinerlei Beziehung haben.

فَلاَ تَتَّخِذُوْا منهم اَوْلــياءَ حَتَّى يُهَاجِرُوا فى سَبِيْل اللهِ ط – (النســـاء: 89)

„Nehmt niemanden von ihnen zum Freund, solange sie nicht auf Allahs Weg ausgewandert sind.“ – Sure an-Nisa: 89

Aufgrund des Unterschieds zwischen Islam und Kufr werden selbst die engsten Blutsbande zerschnitten. Eltern, Brüder und Söhne werden allein deshalb zu Fremden, weil sie dem Islam entgegenstehen. Wegen der Feindschaft gegen Allah werden die Beziehungen zu Angehörigen desselben Stammes abgebrochen. Sobald zwischen Kufr und Islam äußerste Feindschaft entsteht, muss man sogar das eigene Geburtsland ohne Zögern verlassen. Der klare Sinn dessen ist, dass der Islam über allen Dingen und Beziehungen dieser Welt steht. Um des Islam willen kann man ohne weiteres alles Weltliche opfern; doch um irgendeiner Sache willen darf man den Islam niemals aufgeben. Auch auf der anderen Seite zeigt sich ein entsprechendes Bild und eine entsprechende Geisteshaltung. Der Islam schließt Menschen, zwischen denen keinerlei Beziehung oder Übereinstimmung hinsichtlich irgendeines materiellen Merkmals wie Blut, Heimatland, Sprache oder Hautfarbe besteht, in ein enges brüderliches Band ein – sie werden untereinander zu „Brüdern“. Im heiligen Koran heißt es, an alle Muslime gerichtet:

وَاعتَصِمُوا بحبل اللهِ جَمِيْعَا وَّلاَ تَفَرَّقُوا ص وَاذكُرُوا نِعمِةَ اللهِ عليكم اِذ كنتم اعداءً فَالَّفَ بَيْنَ قُلُبِكم فَاصْبحتُم بِنِِعمته اِخْوَانَا ج وَكنتم على شَفَا حُفْرَةٍ مِّنَ النَّارِ فَانْقَذَكم مِنْهَا ط – (ال عِمران: 103)

„Haltet allesamt am Seil Allahs fest und spaltet euch nicht. Gedenkt der Gunst Allahs euch gegenüber: Einst wart ihr offenkundige Feinde untereinander, doch Er stiftete Liebe in euren Herzen, und durch Seine Gunst – den Islam – wurdet ihr untereinander zu Brüdern verbunden. Ihr standet am Rand einer tiefen, lodernden Feuerschlucht, und Allah der Erhabene errettete euch daraus.“ – Sure Āl ʿImrān: 103

Über alle Arten von Nichtmuslimen heißt es:

فَاِنْ تَابُوا وَاَقَامُوا الصَّلوة وَاَتُوا الزَّكوة فَاِخْوَانكم فى الدِّيْنِ ط – (التَّوبة: 11)

„Wenn sie den Kufr aufgeben und Buße tun, das Gebet verrichten und die Zakat entrichten, dann gelten sie als eure Brüder im Glauben.“ – Sure at-Tauba: 11

Im Gegensatz dazu wird die Identität der Muslime so beschrieben:

مُحَمَّدُ الرَّسُولُ اللهِ ط وَالَّذِيْن َمَعَهُ اَشِدَّءُ على الكُفَّارِ رُحُمَاءُ بَيْنَهُم – (الفتح: 29)

„Muhammad (s.a.w.) ist Allahs Gesandter, und seine Gefährten sind den Ungläubigen gegenüber unnachgiebig, stahlhart, unbeugsam und fest, untereinander jedoch durch eine unvergleichlich innige Verbindung von Zuneigung und Liebe verbunden.“ – Sure al-Fath: 29

Der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) sagte:

„Mir wurde befohlen, gegen die Menschen zu kämpfen, bis sie bezeugen, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad (s.a.w.) Sein Prophet ist, sich unserer Qibla zuwenden, bereit sein werden, von den von uns geschlachteten Tieren zu essen, und das Gebet in derselben Weise wie wir verrichten. Sobald sie dies tun, sind ihr Leben und ihr Besitz für uns ‚haram‘. Dennoch bleibt im Interesse von Recht und Gerechtigkeit der Weg offen, gegen sie einzuschreiten. Ihre Rechte sind denen der anderen Muslime gleich, und ihre Pflichten entsprechen denen der anderen Muslime.“ – Abu Dawud, Kitab al-Dschihad.

Sie werden nicht nur in ihren Rechten und Pflichten gleich sein. Tatsächlich gibt es in keiner Hinsicht Raum dafür, zwischen ihnen Unterschiede oder Ungleichheit entstehen zu lassen. Im Zusammenhang mit dem oben genannten Hadith wird außerdem Folgendes überliefert:

المسلم للمسلمِ كالبنيانِ يَشُدُّ بَعضَهُ بَعْضًا –

„Unter den Muslimen besteht untereinander eine feste Verbindung wie eine Mauer. Jeder ihrer Teile stärkt den jeweils anderen.“

مَثَلُ المُؤمِنِيْنَ فِىْ تَوَادِّهِمْ وَتَرَحُمِهم وَتَعَاطُفِهِمْ كَمَثَلِ الجَسَدِ الوَاحِدِ اِذَا اشْتَكَ منه عُضْوٌ تداعى له سائِرُ الجَسَد بالسَّهْرِ وَالحُمَّى –

„Was gegenseitige Liebe, Zuneigung und innige Verbundenheit betrifft, gleicht die muslimische Gemeinschaft einem vollständigen Körper. Wenn ein Teil davon Schmerzen empfindet, bleibt der ganze Körper deshalb schlaf- und rastlos.“

Den „Leib“ der islamischen Gemeinschaft hat der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als „Gemeinschaft“ bezeichnet. Er sagte:

يَدُ اللهِ على الجماعة وَمنْ شَذَ شُذَ فِىْ النَّارِ-

„Über der Gemeinschaft liegt die Hand Allahs. Wer sich von der Gemeinschaft absondert, wird in die Hölle geworfen.“

مَنْ فَارَقَ الجمعة شِبرًا خلع رِقْبَةً الاِسْلامِ من عُنُقِهِ –

„Wer sich auch nur um die Breite eines Fingers von der Gemeinschaft entfernt und sich von ihr absondert, der hat gleichsam das Band des Islam von seinem eigenen Hals gelöst.“

Damit ist es noch nicht getan; es wurde sogar so weit gesagt:

مَنْ اَرَدَ اَنْ يُفَرِّقُ جَمَاعتَكم فَاقْتُلُوهُ –

„Wer beabsichtigt, in eurer Gemeinschaft Spaltung zu verursachen, den tötet.“ Und مَنْ اَرَدَ اَنْ يُفَرِّقُ اَمرالاُمَّةِ وَهِىَ جَمِيعُ فَاضْرِبُهُ بالسُّيُفِ كَائنا من كان – (مسلم, كتاب الامارة) „Wer das unauflösliche Band dieser islamischen Nation zerreißen will, den bestraft mit dem Schwert – wer auch immer er sei.“

Wie wurde die islamische Nation gebildet??

Auf der Grundlage des islamischen Ideals gab es keinerlei Unterschied hinsichtlich Blut, Boden, Rasse oder Sprache. Salman aus Persien war ein angesehener Angehöriger dieser Nation. Wenn man ihn nach seiner Abstammung fragte, sagte er: „Salman ibn Islam“ – der Sohn des Islam. Hadhrat Ali (Allah sei mit ihm zufrieden) sagte über ihn: „Salman gehört zu unserem Haus.“ Auch Bazan ibn Sasan und sein Sohn Shahr ibn Bazan lebten in dieser Gesellschaft. Sie waren Nachkommen von Bahram Gur. Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ernannte Bazan zum Statthalter des Jemen und seinen Sohn zum Statthalter von San’a. Auch der schwarze Bilal aus Abessinien gehörte dieser Gemeinschaft an. Hadhrat Umar al-Faruq (Allah sei mit ihm zufrieden) sagte über ihn: „Er ist der Sklave eines Führers und zugleich unser Führer.“ Auch Suhaib aus Rom gehörte dieser Nation an. Hadhrat Umar (Allah sei mit ihm zufrieden) beauftragte ihn, an seiner Stelle das Gebet zu leiten. Über Salim, den Sklaven Abu Hudhaifas, sagte Hadhrat Umar in den letzten Augenblicken seines Lebens: „Wenn Salim heute noch am Leben wäre, würde ich ihn für das Amt des Kalifen nach mir vorschlagen.“ Zayd ibn Haritha war ein Sklave; da aber auch er zur islamischen Nation gehörte, verheiratete der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) seine Cousine, die Umm al-Mu’minin Hadhrat Zaynab, mit ihm. Auch Usama, der Sohn Zayds, war ein „Mitglied“ dieser Gemeinschaft. Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ernannte ihn zum „Führer“ eines Heeres, in dem so herausragende Gefährten wie Hadhrat Abu Bakr, Umar al-Faruq und Abu Ubaida ibn al-Dscharrah als gewöhnliche Soldaten dienten. Über diesen Usama sagte Hadhrat Umar (Allah sei mit ihm zufrieden) zu seinem Sohn Abdullah: „Usamas Vater war besser als dein Vater, und Usama war besser als du.“

Das Vorbild der Auswanderer

Die auf dem islamischen Ideal gegründete Nation oder Gemeinschaft hat durch die scharfe Klinge des Islam alle Götzen zerschlagen, die unter den Bezeichnungen Abstammung, Heimatland, Rasse und Sprache verehrt wurden, ebenso wie die Grundlagen des seit Urzeiten bestehenden Hasses und der Feindschaft. Der ehrwürdige Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verließ seine Heimat und wanderte mit seinen Gefährten nach Medina aus. Das bedeutet nicht, dass Hadhrat (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und seine Gefährten keine Zuneigung und kein natürliches Mitgefühl für ihre Heimat empfanden. Als er Mekka verließ, sagte er: „O Mekka, du bist mir von allen Orten der Welt am liebsten. Doch was soll ich tun? Deine Bewohner haben mir nicht gestattet, in dir zu bleiben.“ Als Hadhrat Bilal (Allah sei mit ihm zufrieden) nach Medina gekommen und erkrankt war, erinnerte er sich an etwas, das mit einem Mann aus Mekka zusammenhing. Dennoch wanderten all diese großen Männer ausschließlich um des Islam willen aus, und deshalb empfanden sie in ihrem Herzen niemals irgendeinen Groll.

الاليت شعرى هل ابيتن ليلة * بفتح وحولى اذخرو جليل وهل اردن يوما مياه مجنة * وهل تبدو الى شامة وطفيل

Die Handlungsweise der Ansar

Andererseits bereiteten die Bewohner Medinas dem ehrwürdigen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und den übrigen Auswanderern einen überwältigenden Empfang. Für sie opferten sie bereitwillig sogar ihr Leben und ihren Besitz. Deshalb sagte Hadhrat Aischa (Allah sei mit ihr zufrieden): „Medina wurde durch den Koran erobert.“ Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verband die Ansar und die Auswanderer durch ein brüderliches Bündnis miteinander. Sie waren in einer so tiefen brüderlichen Verbindung vereint, dass sie lange Zeit gegenseitig ihr Erbrecht (Mirath) erhielten. Danach beendete Allah diese Regelung, indem Er den folgenden Vers offenbarte:وَاُولُو الارحام بَعضَهُم اَولى بِبَعضٍHinsichtlich des Erbrechts sind die Blutsverwandten eher dazu berechtigt. Die Ansar teilten ihr Land in gleiche Hälften und verteilten es unter ihren auswandernden Brüdern. Als später auch das Land der Banu Nadir erobert worden war, baten die Ansar den ehrwürdigen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), auch diese Ländereien ihren auswandernden Brüdern zu schenken. Allah, der Erhabene, lobte diese Selbstaufopferung mit den Worten:وَيُؤثرونَ على اَنْفُسِهِم وَلو كان بِهِم خِصَاصةٌ –

„Sie geben den Auswanderern den Vorzug vor sich selbst, obwohl sie selbst Mangel und Not leiden.“

Hazrat Abdullah ibn Auf und Hazrat Saʿd ibn ar-Rabi al-Ansari wurden durch ein brüderliches Band miteinander verbunden. Daraufhin gab Hazrat Saʿd diesem Glaubensbruder die Hälfte seines Besitzes und war bereit, eine seiner mehreren Ehefrauen zu scheiden, damit er sie heiraten konnte. Als die Auswanderer aus der Zeit des edlen Propheten (Friede sei mit ihm) nacheinander zu Kalifen ernannt wurden, sagte kein einziger Bewohner Medinas zu ihnen: „Ihr seid Fremde; welches Recht habt ihr, in unserem Land zu herrschen?“ Der edle Gesandte und Hazrat Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) schenkten den Auswanderern Land in der Nähe von Medina; doch kein einziger Ansari äußerte auch nur ein Wort dazu.

Abbruch weltlicher Beziehungen zur Wahrung islamischer Beziehungen

Danach kämpften die Auswanderer aus Mekka in den Schlachten von Badr und Uhud offen und blutig gegen ihre eigenen Verwandten – um des Glaubens an den Islam willen. Hazrat Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) führte selbst einen Schwertstreich gegen seinen Sohn Abd ar-Rahman; Hazrat Hudhaifa griff seinen eigenen Vater Abu Hudhaifa an; Hazrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) tötete seinen Onkel mütterlicherseits. Der Onkel des edlen Propheten selbst, Abbas, sein Cousin Aqil und sein Schwiegersohn Abu al-As gerieten in der Schlacht von Badr in Gefangenschaft und wurden wie gewöhnliche Gefangene behandelt. Hazrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) schlug vor, alle Kriegsgefangenen zu töten und jeder solle seinen jeweils engsten Verwandten unter den Gefangenen töten.

Bei der Eroberung Mekkas griff der edle Gesandte (Friede sei mit ihm) mit Hilfe fremder, nicht verwandter Menschen seinen eigenen Stamm und seine eigene Heimat an. Er ließ durch andere die Hälse seiner eigenen Landsleute durchschneiden. Dass ein Araber mit Menschen außerhalb seines Stammes seinen eigenen Stamm und sein eigenes Volk angreift – und dies nicht aus Rache oder um Besitz und Eigentum an sich zu bringen, sondern allein, um ein Glaubensbekenntnis in die Wirklichkeit umzusetzen –, war in der Geschichte Arabiens tatsächlich ein einzigartiges und beispielloses Ereignis. Als die ruchlose Schar junger Männer aus dem Stamm der Quraisch getötet wurde, kam Abu Sufyan und sagte: „O Gesandter Allahs! Die jungen Söhne der Quraisch werden alle getötet, sodass vom Namen und von der Spur der Quraisch nichts mehr übrig bleiben wird.“ Der Barmherzige für die Welten (Friede sei mit ihm) gewährte den Bewohnern Mekkas Sicherheit. Daraufhin meinten die Ansar, er sei wohl von Zuneigung zu seinem eigenen Volk ergriffen worden. Sie sagten: „Der Edle (Friede sei mit ihm) ist schließlich auch nur ein Mensch; am Ende konnte er es doch nicht unterlassen, den Adel seines eigenen Stammes zu wahren.“ Als der edle Prophet davon erfuhr, versammelte er die Ansar und sagte: „Die Liebe zu meiner Abstammung oder meinem eigenen Stamm hat mich nicht im Geringsten angezogen oder erschüttert; ich bin Allahs Diener und Sein Gesandter. Um Allahs willen bin ich ausgewandert und zu euch gekommen. Nun sind mein Leben und mein Tod mit euch verbunden.“ Alles, was der edle Prophet hier sagte, bewies er durch jede einzelne Handlung seines Lebens. Nach der Eroberung Mekkas bestand keiner der Gründe, aus denen er Mekka verlassen hatte, mehr fort; dennoch ließ er sich nicht in Mekka nieder. Daraus geht hervor, dass der edle Gesandte Mekka weder aus einem Gefühl des Patriotismus noch aus Rachsucht angegriffen hatte, sondern allein zur Verkündung und Durchsetzung der erhabenen Botschaft der Wahrheit.

Später, als die Besitztümer der Stämme Hawazin und Thaqif erbeutet worden waren, wiederholte sich ein ähnliches Missverständnis. Der edle Prophet gab den Neubekehrten aus dem Stamm der Quraisch einen größeren Anteil von der Kriegsbeute. Einige junge Ansar äußerten den Verdacht, dies sei eine Bevorzugung aufgrund der Stammeszugehörigkeit. Etwas zornig und aufgebracht sagten sie: „Möge Allah dem edlen Gesandten verzeihen! Er hat ihnen gegeben und uns benachteiligt, obwohl bis jetzt ihr Blut von unseren Schwertern tropft.“ Als der edle Prophet dies hörte, versammelte er sie erneut und sagte: „Ich habe ihnen mehr gegeben, weil sie erst vor Kurzem den Islam angenommen haben. Mein einziges Ziel ist es, ihre Herzen zu gewinnen. Sie werden weltliche Güter mitnehmen, ihr aber werdet den Gesandten Allahs haben. Seid ihr mit dieser ‚Verteilung‘ etwa nicht zufrieden?“

Während des Feldzugs gegen die Banu Mustaliq kam es zu einem Streit zwischen einem Mann aus dem Stamm der Ghifar und einem Mann aus dem Stamm der Auf. Der Mann aus Ghifar schlug den Mann aus Auf ins Gesicht. Der Stamm Auf rief die Ansar auf, ihnen gegen die Ghifar zu Hilfe zu kommen. Andererseits baten die Ghifar die Auswanderer um Unterstützung für die Auseinandersetzung. Beinahe zogen beide Seiten ihre scharfen Schwerter aus den Scheiden. Als der edle Prophet davon erfuhr, ließ er beide Parteien zu sich rufen und sagte: „Was sind das heute für Worte der Unwissenheit, die aus eurem Mund erklingen?“ Sie antworteten: „Ein Auswanderer hat einen Ansari geschlagen.“ Der edle Prophet sagte: „Lasst die Reden dieses finsteren barbarischen Zeitalters sein; das ist eine höchst verabscheuungswürdige Angelegenheit.“

An diesem Feldzug nahm auch Abdullah ibn Ubayy, der bekannte nationalistische Führer Medinas, teil. Als er von diesem Ereignis hörte, sagte er: „Sie sind kaum in unser Land gekommen, da haben sie sich schon ‚entfaltet und sind aufgeblüht‘, und nun steigen sie uns selbst auf den Kopf. Wenn ein Hund, nachdem man ihn mit nahrhaftem Futter gefüttert und kräftig und stark gemacht hat, schließlich seinen Ernährer beißt, dann kann man diesen Zustand mit unserer gegenwärtigen Lage vergleichen. Bei Allah! Nach unserer Rückkehr nach Medina wird die angesehene und mächtige Gruppe unter uns die schwache und erniedrigte Gruppe aus der Stadt vertreiben.“

Darauf wandte er sich an die Ansar und sagte: „Was ist nur mit euch geschehen? Ihr habt diese Leute in eurem eigenen Land aufgenommen und euren Besitz mit ihnen geteilt. Bei Allah! Wenn ihr sie verlasst, werden sie gezwungen sein, vom Einatmen der Luft zu leben.“ Als der edle Prophet diese Worte hörte, ließ er Abdullah, den Sohn des Abdullah ibn Ubayy, zu sich rufen und sagte: „Dein Vater sagt dies.“ Hazrat Abdullah liebte seinen Vater außerordentlich und war stolz darauf, dass kein Sohn des Stammes Khazraj seinen Vater so sehr liebte wie er. Als er dies jedoch hörte, sagte er: „O Gesandter Allahs! Wenn du es befiehlst, bringe ich dir augenblicklich seinen Kopf.“ Doch der edle Prophet gab ihm eine ablehnende Antwort. Nach der Rückkehr vom Feldzug nach Medina erhob Hazrat Abdullah sein Schwert gegen seinen Vater und sagte: „Ohne die Erlaubnis des Edlen darfst du Medina nicht betreten. Hast du etwa gesagt, dass die angesehene Gruppe unter uns die Erniedrigten aus Medina vertreiben werde? Dann wisse: Alle Ehre ist allein Allah und Seinem Gesandten vorbehalten.“ Als Ibn Ubayy dies hörte, schrie er auf und sagte: „Hört, ihr Khazraj! Mein eigener Sohn lässt mich jetzt nicht ins Haus.“ Die Leute kamen und redeten Hazrat Abdullah eindringlich zu. Doch er sagte: „Bis die Erlaubnis des Edlen vorliegt, werde ich ihn unter keinen Umständen Medina betreten lassen.“ Schließlich traf die Erlaubnis des Edlen ein. Als Hazrat Abdullah davon hörte, steckte er sein Schwert in die Scheide und sagte: „Da der edle Prophet die Erlaubnis erteilt hat, habe ich nichts dagegen.“

Als Banu Qaynuqa angegriffen wurden, wurde Hazrat ʿUbada ibn as-Samit zum Schiedsrichter ernannt, um die betreffende Angelegenheit zu entscheiden. Er fällte das Urteil, den gesamten Stamm aus Medina zu verbannen. Dieser war mit dem Stamm Khazraj, dem Stamm Hazrats ʿUbadas, verbündet. Dennoch nahm er darauf nicht die geringste Rücksicht. In der Angelegenheit der Banu Qurayza wurde in gleicher Weise der Anführer der Aws, Hazrat Saʿd ibn Muʿadh, zum Richter bestimmt. Er entschied, dass alle Männer der Banu Qurayza getötet, die Frauen und Kinder gefangen gehalten und ihr Besitz als Kriegsbeute betrachtet werden sollten. Dabei schenkte er dem seit undenklichen Zeiten bestehenden Friedens- und Bündnisvertrag zwischen den Aws und den Banu Qurayza nicht die geringste Beachtung. Dabei war allgemein bekannt, welch große Bedeutung gegenseitige Verträge in Arabien hatten. Außerdem hatten sie seit Hunderten von Jahren gemeinsam mit den Ansar in ein und demselben Land gelebt. Doch all das erwies sich als vergeblich.

Das grundlegende Wesen bei der Bildung der islamischen Nation

Aus diesen historischen Beweisen und Tatsachen tritt deutlich die Wahrheit hervor, dass Abstammung, Stamm, Sprache und Hautfarbe bei der Begründung der islamischen Nationalität nicht die geringste Bedeutung haben. Der Baumeister, der diesen „Palast“ errichtet hat, verfügte über einen völlig neuartigen und unvergleichlichen Plan. Er hat die „Rohstoffe“ der gesamten Menschheit sorgfältig geprüft. Ausgewählt und gesammelt hat er alles, was an gutem und vorzüglichem Material zu finden war. Weil Glaube und gute Werke gefestigt und vollkommen waren, fügte er diese verschiedenen Elemente zu einer Einheit zusammen und errichtete den Palast dieser Nationalität, der die ganze Welt und die gesamte Schöpfung umfasst. Die Standfestigkeit und Dauerhaftigkeit dieses gewaltigen und großartigen Palastes hängt gänzlich von einer einzigen Sache ab. Nämlich davon, dass seine verschiedenen „Teile“ hinsichtlich ihrer ursprünglichen Gestalt und ihres jeweiligen Ortes ihre eigenständige Wesensart vergessen, nur einen einzigen „Kern“ annehmen und im Gedächtnis bewahren und ihre verschiedenen Farben vergessen, um mit einer einzigen Farbe geschmückt zu sein. Unabhängig von Ort und Land sollen alle aus demselben „Zentrum der Erlösung“ hervorgehen und am selben „wahren Ziel“ ankommen. Diese wie aus gegossenem Blei geschaffene Mauer ist das eigentliche Wesen der nationalen Einheit. Wenn diese Einheit zerbricht, wenn in den grundlegenden Bestandteilen der Nation das Bewusstsein dafür, dass ihre ursprünglichen Abstammungen voneinander verschieden, ihre Heimatländer und Wohnorte unterschiedlich und ihre weltlichen Interessen einander entgegengesetzt sind, stark erwacht, dann wird es unausweichlich, dass in den Mauern dieses Bauwerks Risse entstehen, sein Fundament zerbricht und seine gesamten Grundelemente auseinandergerissen und zerstreut werden. So wie innerhalb eines Staates nicht mehrere Staaten errichtet werden können, kann ebenso innerhalb derselben Nationalität keine weitere Nationalität Platz finden. Es ist völlig unmöglich, dass sich innerhalb der islamischen Nationalität auf Abstammung, Stamm, Heimat, Sprache oder Hautfarbe gegründete Nationalitäten versammeln. Von diesen beiden Nationalitäten kann nur eine einzige Bestand haben – nicht mehr.

Wer also ein wahrer Muslim ist und endgültig beschlossen hat, Muslim zu bleiben und als Muslim zu leben, muss alle Gefühle gegenüber den übrigen Arten von Nationalität in der Welt als nichtig betrachten und alle Arten von Beziehungen und Bindungen, die auf Boden und Blut beruhen, durchtrennen und verleugnen. Wenn jedoch jemand diese Beziehungen unverändert und wie zuvor fortbestehen lassen will, dann kann keinerlei Zweifel daran bestehen, dass der Islam in sein Herz, seinen Geist und seinen Verstand keinen Eingang gefunden hat. Tatsächlich liegt ein solcher Mensch mit seinem Denken und Verstand völlig unter dem Einfluss äußerster Dschahiliyya. Daher wird er, wenn nicht heute, so doch morgen, gewiss den Islam verlassen, und der Islam wird auch ihn verlassen – daran kann kein Zweifel bestehen.

Die Ermahnung des letzten Propheten

Dass dieser alte, aus der Dschahiliyya stammende Hass und diese Feindseligkeit sowie das Bewusstsein vornehmer Abstammung unter den Muslimen nicht wieder ihr Haupt erheben und dadurch das Fundament des nationalen Palastes des Islam nicht völlig zertrümmert werde – dies war die größte Sorge des edlen Propheten gegen Ende seines Lebens. Deshalb sagte er immer wieder:

لاَ تُرجِعُوا بَعدى كُفَّارًا يَضْرِبُ بعضكم رشقاب بعضٍ – (بخارى؛ كتاب الفتن)

„Nach meinem Weggang sollt ihr nicht wieder dem Unglauben verfallen und infolgedessen nicht dazu schreiten, einander zu töten.“

Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Friede seien mit ihm) hielt anlässlich seiner letzten Wallfahrt, der Abschiedswallfahrt, auf der Ebene von Arafat vor einer großen muslimischen Versammlung eine Ansprache und sagte:

„Wisset! Alles aus der Zeit der Unwissenheit liegt unter meinen beiden Füßen. Dem Araber wurde kein Vorzug vor dem Nichtaraber gegeben und dem Nichtaraber kein Vorzug vor dem Araber. Ihr alle seid die Kinder Adams, und Adam wurde aus Erde erschaffen. Ein Muslim ist der Bruder eines Muslims – Muslime sind untereinander Brüder. Alle Anschauungen der Zeit der Unwissenheit sind für ungültig erklärt worden. Nun sind euer Blut, eure Ehre und euer Besitz füreinander ebenso unantastbar, wie dieser Tag, dieser Monat und diese Stadt für euch an diesem Tag der Wallfahrt heilig und unantastbar sind.“

Danach begab er sich an den Ort Mina und hielt diese Ansprache in noch nachdrücklicheren Worten erneut. Damals sagte er außerdem:

„Hört! Verfallt nach meinem Weggang nicht wieder dem Irrtum und beginnt nicht, einander zu töten. Schon bald werdet ihr eurem Herrn begegnen. Dann wird von euch Rechenschaft über all eure Taten und Werke gefordert werden.“

„Wisset! Selbst wenn ein stupsnasiger Schwarzer zu eurem ‚Staatsoberhaupt‘ eingesetzt würde und euch nach Allahs Gesetz führen sollte, müsst ihr ihm gewiss zuhören und gehorchen.“

Nachdem er dies gesagt hatte, fragte er die versammelte Menschenmenge: „Habe ich euch diese Botschaft übermittelt?“ Die Menschenmenge rief: „Ja, o Gesandter Allahs.“ Da sagte der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Friede seien mit ihm): „O Allah, sei du Zeuge.“ Zu den Versammelten sagte er außerdem: „Die Anwesenden sollen meine Botschaft den Abwesenden übermitteln.“

Nach seiner Rückkehr von der Wallfahrt begab er sich zu dem Ort, an dem diejenigen als Märtyrer gefallen waren, die in der Schlacht von Uhud getötet worden waren, und sagte: „Ich fürchte nicht, dass ihr euch nach meinem Weggang dem Götzendienst zuwendet. Doch ob ihr der Gier nach dem Diesseits verfallt, das ist Anlass zur Sorge. Beginnt nicht, miteinander zu kämpfen. Wenn ihr dies tut, werdet ihr zugrunde gehen, wie die Völker der alten Zeiten zugrunde gegangen sind.“

Die größte Gefahr für den Islam

Die Gefahr, vor der der größte Mensch der Welt gewarnt hatte, hat sich in der Tat als äußerst schädlich und verheerend erwiesen. Alle umfassenden Gefahren, die seit dem goldenen Zeitalter des Islam bis heute über den Islam und die Muslime hereingebrochen sind, wurden durch sie ermöglicht. Schon wenige Jahre nach dem Tod des ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) erhob sich die Fitna in Form des Neides und des Rausches des Adelsbewusstseins des Stammes der Umayya gegen die staatliche Herrschaft der haschemitischen Dynastie; und sie zerschmetterten die eigentliche Politik und Staatsordnung des Islam für immer. Danach trat sie erneut in Gestalt des Rassenhasses zwischen Arabern, Ajam und Türken hervor und zerstörte die staatliche Einheit des Islam. Auch am Untergang der in verschiedenen Ländern errichteten „muslimischen Staaten“ war der tiefgreifende Einfluss dieser Fitna maßgeblich beteiligt. Doch diese Fitna hat auch jene beiden zerstört. Der Streit und die Diskriminierung zwischen Moguln und Indern in Indien zerschlugen das Fundament des Mogulstaates, und der türkische Staat ging aufgrund der gegenseitigen Unterschiede und Konflikte zwischen Türken, Arabern und Kurden zugrunde.

Lesen Sie die vollständige Geschichte des Islam: Überall dort, wo ein mächtiger Staat zu erkennen ist, werden Sie sehen, dass sich an seinem Fundament, unabhängig von Volk, Rasse oder Land, die Blutströme unzähliger Familien und verschiedener Völker zu einer dreifachen Vereinigung verbunden haben – seine Staatsführer, Heerführer, Schriftsteller, Denker und Kämpfer stammten allesamt aus verschiedenen Völkern. Sie werden sehen, dass Iraker in Afrika, Syrer im Iran und Afghanen in Indien (Inder in Pakistan) mit größtem Mut, großer Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Furchtlosigkeit in den segensreichen Diensten muslimischer Staaten eingesetzt wurden. Und ihr Dienst war kein ausländischer oder außenpolitischer Dienst; sie leisteten ihn ganz und gar als ihrem eigenen Land. Die muslimischen Staaten waren bei der Gewinnung ihrer tapferen und fähigen Mitarbeiter keineswegs vollständig auf ein bestimmtes Land, einen bestimmten Stamm oder ein bestimmtes Volk angewiesen. Überall, wo begabte Köpfe sowie kräftige, geschickte und kunstfertige Hände vorhanden waren, wurden sie von dort zusammengebracht. Sie betrachteten jedes Dar al-Islam als ihr eigenes Land und ihr eigenes Zuhause. Doch als die alles verschlingende Fitna der Überheblichkeit, des Eigennutzes und des Rassenhasses aufkam, begannen sie, untereinander das Feuer von Neid und Hass zu entfachen. Parteiungen, innerer Streit und verschlagene Verschwörungen breiteten sich wie eine Flut aus. Die Kraft, die einst gegen die Feinde eingesetzt worden war, erschien nun als geschärfte Waffe gegeneinander. Unter den Muslimen brach ein umfassender Bürgerkrieg aus, und große muslimische Mächte verschwanden vom Erdboden.

Blinde Nachahmung des Westens

Indem sie von den heutigen westlichen Völkern lernen und sie blind nachahmen, haben die Muslime aller Länder begonnen, den Ruhm von Stammes- und Sippenzugehörigkeit sowie Patriotismus zu besingen. Die arabischen Länder sind heute stolz auf den arabischen Nationalismus, und die Ägypter erinnern sich heute an den despotischen Pharao aus grauer Vorzeit als nationalen Helden. Die Türken empfinden in der Begeisterung für den Turkismus eine engste und tiefe Verwandtschaft mit den berühmten Gestalten der Geschichte, Dschingis Khan und Hulagu Khan. Die Iraner sind heute von der Heftigkeit ihres iranischen Adelsbewusstseins verwirrt. Ihrer Ansicht nach konnten Menschen wie Husain und Ali (r.a.) nur dank des arabischen Imperialismus zu nationalen Helden werden; andernfalls seien Rustam und Isfandiyar ihre eigentlichen nationalen und erinnerungswürdigen Persönlichkeiten. Auch im ungeteilten Indien hielten sich viele Muslime für der indischen Nationalität zugehörig. Viele Menschen brachen alle Beziehungen zum Zamzam in Arabien ab und begründeten eine nationale Beziehung zum Wasser des Ganges. Sie betrachteten Bhima und Arjuna als nationale „Helden“. Doch was ist der Grund dafür? Der einzige Grund für diesen verhängnisvollen Zustand ist, dass diese unwissenden und törichten Menschen ebenso wenig ihre eigene Zivilisation und Kultur verstanden haben wie die westliche Zivilisation. Die Grundprinzipien und die tieferen Wahrheiten sind ihnen nicht bekannt geworden. Da sie äußerst oberflächlich urteilen, lassen sie sich vom äußerlichen Glanz und von bezaubernden Bildern verführen und werden ihretwegen geradezu rasend. Sie können nicht einmal verstehen, dass das, was für den westlichen Nationalismus belebender Nektar ist, für den islamischen Nationalismus tödliches Gift bedeutet. Der westliche Nationalismus gründet auf der Einheit von Abstammung, Land, Sprache und Rasse. Deshalb ist jeder, der nicht derselben Volkszugehörigkeit und Abstammung angehört und nicht dieselbe Sprache spricht, selbst wenn er nur eine Meile jenseits seiner Grenze lebt, gezwungen, alle Beziehungen zu ihm abzubrechen und keinerlei Beziehung zu ihm zu unterhalten. In jenem Land kann ein Angehöriger eines Volkes nicht der wahre und aufrichtige Freund eines Angehörigen eines anderen Volkes sein; der Bewohner eines Landes kann nicht der wahre Diener eines anderen Landes sein. Ein Volk kann keinem Angehörigen eines anderen Volkes so weit vertrauen, dass er dessen Interessen über die Interessen seines eigenen Volkes stellen könnte. Die islamische Nationalität ist davon jedoch völlig verschieden. Sie gründet nicht auf Abstammung, Sippe und Heimat, sondern auf Überzeugung, Glauben und dem Befolgen von Geboten. Die Muslime der ganzen Welt können sich über alle ethnischen Unterschiede erheben und miteinander an Freude und Leid teilhaben sowie einander helfen und zusammenarbeiten. Ein indischer (oder bangladeschischer) Muslim kann Ägypten ebenso sehr Freund und ergeben sein, wie er es bei der Verteidigung Syriens sein kann. Deshalb sagte ich, dass es zwischen den Muslimen eines Landes und den Muslimen eines anderen Landes keinen geografischen oder abstammungs- beziehungsweise stammesbezogenen Unterschied gibt. In dieser Hinsicht stehen die Grundsätze des Islam und die Regeln der westlichen Länder einander entgegen. Was für jenes Land eine Quelle der Stärke ist, führt im Islam zu Zerfall und Untergang. Umgekehrt ist das, was für den Islam belebend wirkt, für den westlichen Nationalismus tödliches Gift. Der Dichter Iqbal hat diese Wahrheit auf welch wunderbare Weise zum Ausdruck gebracht: (Hier folgen einige Urduzeilen.)

Manche Menschen meinen, dass das Band der islamischen Nationalität die Muslime auch dann tief verbinden könne, wenn das Gefühl eines patriotischen oder abstammungs- beziehungsweise stammesbezogenen Nationalismus erwacht sei. Deshalb täuschen sie sich selbst mit der Behauptung, beide Arten von Nationalismus könnten gleichzeitig bestehen. Der eine könne dem anderen nicht im Geringsten schaden. Vielmehr könnten wir aus beiden Arten des Nationalismus unerschöpflichen Nutzen ziehen. Doch daran, dass dies ganz und gar das unvermeidliche Ergebnis äußerster Dummheit und Gedankenlosigkeit ist, besteht nicht der geringste Zweifel. So wie in einem Körper nicht zwei Seelen Platz finden können, ist es ebenso unmöglich, in einem Geist die einander widersprechenden und miteinander kollidierenden Denkweisen zweier Nationalismen miteinander zu verbinden. Das Gefühl der Nationalität zieht zwangsläufig eine Trennlinie zwischen „Eigenen“ und „Fremden“. Unter dem unausweichlichen und unwiderstehlichen Einfluss der islamischen Nationalität wird ein Muslim gezwungen sein, den Muslim als den Eigenen und den Nichtmuslim als den „Fremden“ zu betrachten. Andererseits wird das Gefühl eines patriotischen oder abstammungsbezogenen Nationalismus naturgemäß dazu führen, dass man jeden Menschen im eigenen Land und aus der eigenen Abstammung oder Sippe als den Eigenen und die Menschen aus einem anderen Land oder einer anderen Abstammung als Fremde betrachtet. Kann irgendein vernünftiger Mensch beweisen, dass beide Denkweisen – beide Arten von Empfindungen – am selben Ort miteinander vereinbar sind? Wie kann es möglich sein, den Nichtmuslim im eigenen Land zugleich als den Eigenen und als den „Fremden“ zu betrachten, während man den muslimischen Ausländer zugleich als fern und als nah empfindet?

هَل يَجتَمِعًا مَعًا ؟ ألَيْسَ مِنْكُم رَجُلٌ رَشِيْدٌ ؟

Daher muss man klar verstehen, dass das Erwachen des Gefühls, unter den Muslimen Inder, Türken, Afghanen, Araber, Iraner, Pakistaner, Bangladescher und dergleichen zu sein, für das Bewusstsein der islamischen Nationalität und das Gefühl der islamischen Einheit äußerst schädlich und gefährlich ist. Dies ist nicht nur das Ergebnis einer wissenschaftlichen Denkweise; auch in der Praxis hat sich dies immer wieder gezeigt. Wann immer unter den Muslimen der Hass und die Feindschaft einer regionalen oder stammesbezogenen Nationalität erwacht sind, haben Muslime anderen Muslimen das Messer an die Kehle gesetzt, undلاَ تَرجعوا بعدى كَفَّارًا يَضْرِبُ بعضكم رِقاَبَ بَعْضٍ„Beginnt nach mir nicht als Ungläubige, einander die Kehlen durchzuschneiden.“ – Der Ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat diese Befürchtung tatsächlich wahr werden sehen! Wenn daher unter Ausschluss der islamischen Nationalität irgendeine andere Form von Nationalität – eine geografische, stammesbezogene oder sprachliche Nationalität – propagiert werden soll, muss dies mit vollem Wissen und Bewusstsein geschehen. Man muss wissen, dass eine solche Nationalitätsdoktrin der von Muhammad, dem letzten Propheten, (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündeten Nationalität vollständig entgegengesetzt ist.

Es hat keinerlei Nutzen, sich in dieser Angelegenheit selbst zu täuschen oder andere Menschen durch Betrug und ein Labyrinth der Verwirrung vom rechten Weg abzubringen. (Abfassungszeit – Tarjuman-ul-Qur’an: November–Dezember 1933).

 

Die Botschaft der Einheit des Islam

(Eine Rede des Verfassers)

Es ist unmöglich, in Worte zu fassen, wie schön und herzerquickend der Anblick dort ist, wo die muslimische Allgemeinheit zusammenkommt – wo sie sich versammelt, weil sie dem Gebot des einen Allah folgt und der Umma eines einzigen Gesandten angehört. Auch Allah, der Erhabene, liebt einen solchen Anblick sehr:

اِنَّ اللهَ يُحِبُّ الَّذِيْنَ يقاتلون فى سبيله صَفُّا كانَّهُم بُنْيَانٌ مَّرْصُوْصٌ – (الصَّف : 4)

„Allah liebt diejenigen, die auf Seinem Weg in festen Reihen kämpfen, als wären sie eine mit Blei ausgegossene, unerschütterliche Mauer.“ – Sure as-Saff: 4

Die Liebe Allahs beschränkt sich nicht darauf, sich für den Kampf in Reihen aufzustellen; auch wenn man sich zum Gottesdienst für Allah im Salat in Reihen aufstellt, kann man Allahs Liebe erlangen. Deshalb hat Allah, der Erhabene, in klaren Worten befohlen:

اذا نُودى للصَّلوة من يَّومِ الجُمُعَةِ فاسعَوا الى ذِكْرِ اللهِ وَذَرُوا البَيْعَ ط – (الجمعة: 9)

„Sobald am Freitag zum Salat gerufen wird, sollt ihr jede Beschäftigung und jeden Handel aufgeben und euch eilig zum Gedenken Allahs und zum Salat begeben.“ – Sure al-Dschumuʿa: 9

Damit ist es jedoch noch nicht getan; zweifellos ist auch die ungeteilte Einigkeit der Muslime, die vom Fernen Osten bis zu den Grenzen des Westens besteht, ein deutliches Zeichen von Allahs unermeßlicher Gnade.

Allah, der Erhabene, selbst hat gesagt:وَاذكُرُوا نِعمِةَ اللهِ عليكم اِذ كنتم اعداءً فَالَّفَ بَيْنَ قُلُبِكم فَاصْبحتُم بِنِِعمته اِخْوَانَا ج وَكنتم على شَفَا حُفْرَةٍ مِّنَ النَّارِ فَانْقَذَكم مِنْهَا ط – (ال عِمران: 103)

„Erinnert euch an Allahs überreiche Gnade euch gegenüber: Als ihr einander feind wart, stiftete Allah Liebe zwischen euren Herzen, sodass ihr durch Seine Gnade zu Brüdern wurdet. In Wahrheit befandet ihr euch am Rand einer Feuergrube, und Er rettete euch davor.“ – Sure Āl ʿImrān: 103

Es ist besonders bedenkenswert, wie die Muslime zu einer ungeteilten Einheit gleich einer festen Mauer geformt werden können. Die Persönlichkeit jedes einzelnen Muslims ist völlig eigenständig. Jeder hat einen eigenen Körper und ein eigenes Leben. Auch hinsichtlich seiner eigenen Veranlagung und Natur gleicht keiner dem anderen. Ihre Denkweisen und ihre Mentalitäten sind voneinander verschieden. Trotz dieser Verschiedenheit hat ein einziges Band die einzelnen Muslime einander nähergebracht und in einer tiefen Verbindung miteinander verknüpft. Diese Verbindung versammelt sie bisweilen in der Moschee, wo Kleine und Große, Reiche und Arme allesamt in derselben Reihe geordnet nebeneinanderstehen. Dieselbe Verbindung versammelt die Muslime zuweilen auf dem Schlachtfeld, wo sie sich vereinen, sich bemühen und kämpfen, um ein einziges grundlegendes Ziel und einen zentralen Zweck zu verwirklichen. Aufgrund dieser Verbindung können zwischen ihnen eheliche Beziehungen entstehen. Sie macht die Muslime einander gegenüber fürsorglich und mitfühlend, und eben sie verleiht ihnen gegenüber anderen Völkern eine völlig eigenständige Stellung. Doch sie ist weder ein lebloses noch ein sinnlich wahrnehmbares Ding; in Wahrheit ist sie lediglich ein „Wort“ (Kalima). Weil dieses Wort zahllose Menschen an einem einzigen Band verknüpft, habe ich es als Verbindungswort bezeichnet.

Es versteht sich von selbst, dass „Wort“ hier nicht lediglich einige Wörter bezeichnet. Entscheidend sind vielmehr die Bedeutung und der innere Gehalt. Wenn eine Lehre oder Denkweise in der Gestalt von Worten zum Ausdruck kommt, wird auch sie als „Wort“ bezeichnet. Deshalb kann jeder Gedanke und jede Lehre, die zahllose Menschen an einem einzigen Band verknüpft und zu einer Nation formt, als Verbindungswort bezeichnet werden. Auch die Lehre, auf deren Grundlage Menschen türkischer Abstammung zu einer Nation geformt wurden, ist ein Verbindungswort; ebenso ist der Gedanke oder die Ideologie, die darauf hinwirkt, die Bewohner Österreichs und Deutschlands zu einen, ein Verbindungswort. Alle Gedanken und Lehren, die Menschen gleicher Sprache, Menschen gleicher Abstammung oder desselben Stammes oder die Bewohner eines Landes zu „einer Nation“ machen, sind zweifellos Verbindungsworte. Doch diese Verbindungsworte sind äußerst begrenzt; Flüsse, Meere, Berge, Sprachen und Stämme sowie andere Hindernisse haben jedes einzelne von ihnen in einen sehr engen und begrenzten Rahmen eingeschlossen. Da keines von ihnen imstande ist, die gesamte Menschheit der Welt zu vereinen, kann keines von ihnen das Verbindungswort der ganzen Welt sein.

Tatsächlich kann keine der oben erwähnten Einigungsbotschaften die Muslime miteinander vereinen. Die Muslime kommen nicht allein deshalb zusammen, weil sie Bewohner eines einzigen Landes sind. Auch sprechen sie nicht allein deshalb wie Brüder miteinander, weil sie dieselbe Sprache sprechen. Selbst die bloße Blutsverwandtschaft macht sie nicht zu einer unerschütterlichen Mauer. Auch die Einheit politischer oder wirtschaftlicher Interessen hat sie nicht zu einer einzigen Nation gemacht. Ein Araber, der Arabisch spricht, und ein Afghane, der Paschtu spricht, gehören ebenfalls derselben Gemeinschaft der Muslime an und sind nicht voneinander getrennt. Wenn ein Schwarzer aus Abessinien und ein Firingi aus Polen der islamischen Gemeinschaft angehören, kann niemand sie daraus ausschließen. Daraus wird klar ersichtlich, dass nichts von alledem, woran die Muslime als an die „Einigungsbotschaft“ glauben – weder Berge, Flüsse und Meere noch Abstammung, Stamm und Sprache oder wirtschaftliche Interessen –, sie irgendwo begrenzen kann. Und die Botschaft, die imstande ist, die gesamte Menschheit der Welt in einem einzigen „Einigungszentrum“ zu versammeln und zu vereinen, kann für die Muslime allein als „Einigungsbotschaft“ gelten. Auf dem Weg zu ihrer Ausbreitung und allumfassenden Geltung kann kein weltlicher oder materieller Gegenstand ein Hindernis sein. Vor ihr besitzen alle Menschen – Schwarze, Weiße, Gelbe und Braune, Menschen des Ostens und des Westens – vollkommen gleichen Rang. Die der Botschaft der Muslime innewohnende Weite kennt keine Grenze und kein Maß; da sie alle Menschen der gesamten Welt in einem Einigungszentrum zusammenführen kann, ist sie in Wahrheit die Einigungsbotschaft. Wird dies vom idealistischen Standpunkt des Islam aus geprüft, so wird zweifellos erwiesen, dass es auf der Erde keine andere Botschaft gibt, die eine ebenso grenzenlose Größe und umfassende Weite besitzt wie die Einigungsbotschaft der Muslime.

Zur klaren Veranschaulichung dieser Angelegenheit kann nun das Beispiel eines gewaltigen Palastes angeführt werden, dessen feste Mauern und aufragende Säulen jeweils eine eigene Gestalt besitzen. Andererseits sind auch sein Dach und sein Fußboden völlig verschieden. Unzählige Dinge und Materialien schaffen Unterschiede und Verschiedenheiten zwischen ihnen. Dennoch gibt es etwas, das sie alle vollkommen miteinander verbindet: Jeder der genannten Gegenstände ist lediglich ein anderer Teil desselben Palastes. Sie wurden geschaffen, um denselben Zweck zu erfüllen, und nach dem wohlüberlegten Entwurf eines Ingenieurs wurde dieser Palast errichtet. Daher kann gerade diese eine Sache die unzähligen verschiedenen Gegenstände miteinander vereinen, verbinden und zu einer Einheit zusammenschließen. Alles Übrige bildet dagegen die Grundlage für Trennung und Verschiedenheit. Ebenso kann es für die unzähligen Völker der Welt, die sich durch unterschiedliche Hautfarben, Sprachen, Stämme und Heimatländer auszeichnen, nur einen einzigen Weg geben, wenn sie zu „einer Nation“ werden wollen: Sie müssen allesamt ohne jeden Zweifel an den einen Schöpfer der Welt, Allah, an Seine Engel, Seine Schriften, Seine gesandten ehrenwerten Propheten sowie an die Verpflichtung glauben und fest darauf vertrauen, dass sie Allah Rechenschaft ablegen müssen.

Betrachten wir das Beispiel jener Mauer noch einmal etwas genauer. In Wirklichkeit ist ihre Farbe weiß; ein Mensch, der an Gelbsucht leidet, kann sie grün nennen, oder jemand kann durch eine Brille irgendeiner anderen Farbe hindurchsehen und sie als von dieser Farbe bezeichnen. Oder jemand kann aus bloßer Sturheit behaupten, sie sei schwarz oder blau. Auf diese Weise kann man unter Missachtung ihrer tatsächlichen Farbe der Welt jede beliebige Farbe verkünden. Doch all diese Verkündigungen und Aussagen wären völlig falsch – die Betrachter der Welt würden sie niemals gemeinsam anerkennen oder bestätigen. Denn auf der Grundlage der Lüge kann niemals Einigkeit entstehen; Einigkeit und Geschlossenheit können allein auf Wahrheit und Aufrichtigkeit gegründet sein. Daher wird die gesamte Menschheit die weiße Farbe jener Mauer einstimmig anerkennen. Ebenso können Vorstellungen über den Schöpfer und Erhalter der Welt entstehen – und sind tatsächlich entstanden. Manche haben geglaubt, es gebe zwei oder drei Götter, oder der eine Gott habe sich in unzählige Wesen aufgespalten. Viele derartige Vorstellungen gibt es in der menschlichen Gesellschaft; doch die Menschheit bezeugt einstimmig, dass es nur einen Schöpfer der Welt gibt. Dementsprechend können die Einheit und Einigkeit der Menschheit der Welt allein auf dieser einen Aussage, auf dieser Botschaft, beruhen. Alle übrigen Aussagen, Vorstellungen, Lehren und Botschaften sind trennend und spalten die Menschen; keine einzige von ihnen besitzt die Fähigkeit, Einigkeit, Einheit und Geschlossenheit zu schaffen. Auch über die Engel sind verschiedene Vorstellungen verbreitet. Manche hielten sie für Götter, manche für Fürsprecher, und manche erklärten sie sogar zu Teilhabern an Gottes Wirken. Unter all diesen Aussagen und Vorstellungen ist allein die Auffassung wahr, dass die Engel Diener Allahs und ein Volk sind, das Seinen Befehlen vollkommen gehorsam und unterworfen ist. Die Errichtung von Einigkeit auf der Welt ist allein auf der Grundlage dieses wahren Glaubens möglich. Alle anderen Vorstellungen und Glaubensauffassungen sind zweifellos Ursache der Spaltung.

Dasselbe gilt auf der Welt auch für die von Allah gesandten ehrenwerten Propheten und die Schriften. Jede Nation kann mit ihrem eigenen nationalen „Führer“ und ihrer eigenen religiösen Schrift ihre Eigenständigkeit verkünden und die Wahrhaftigkeit ihres eigenen Führers sowie die Falschheit des anderen Führers behaupten. Doch solche unterschiedlichen Aussagen können die Völker der Welt nicht in einem einzigen Zentrum vereinen. Die grundlegende Botschaft für die Verbindung aller Völker zu einer einzigen Nation kann nur darin bestehen, dass alle Propheten und Gesandten, die Allah, der Erhabene, zu verschiedenen Zeiten zu verschiedenen Völkern gesandt hat, wahrhaftig sind und dass alle Bücher, die Allah den Menschen offenbart hat, wahr und Lehrer der Wahrheit sind.

Auch über den Untergang der Schöpfung und das Ende der Menschheit können unterschiedliche Vorstellungen bestehen. Doch ein wahrheitsliebendes Herz kann nur dies anerkennen: Eines Tages muss die gesamte Menschheit zur „letzten Rechenschaft“ vor dem Schöpfer erscheinen und eine genaue Abrechnung über ihre Taten während ihres gesamten Lebens vorlegen.

Daher sind weltweite Einheit und Geschlossenheit allein auf der Grundlage des endgültigen Wortes und des Glaubens daran möglich. Alle übrigen Auffassungen und Wege sind zweifellos falsch – sie alle schaffen Trennung und Spaltung. Tatsächlich nennt man den vorbehaltlosen Glauben an diese fünf Dinge die „Einigungsbotschaft“:

امَنَ الرَّسُزْلُ بِمَا اُنْزِلَ اليه من رَّبِّهِ والمؤمِنُونَ ط كُلٌّ اَمَنَ بالله والملائكــتِهِ وَكتبهِ وَرُسُولهِ قف لاَ نُفَرِّقُ بَيْنَ اَحَدٍ مِّن رُّسُلِهِ ط وَقَالُوا سمعنا وِاطَعنا غُفرانَكَ رَبَّنَا وَاِلَيْكَ المَصِيْرُ – (البقرة : 285)

„Der Gesandte glaubt an das, was von seinem Herrn zu ihm herabgesandt wurde, und ebenso die Gläubigen. Alle glauben an Allah, Seine Engel, Seine Schriften und Seine Gesandten und sagen: Wir machen keinen Unterschied zwischen irgendeinem Seiner Gesandten. Wir hören und gehorchen. Wir bitten Dich um Deine Vergebung, unser Herr, und zu Dir ist die Rückkehr.“ – Sure al-Baqara: 285

Diese fünf grundlegenden Wahrheiten hat Allah, der Erhabene, verkündet. Der Gesandte Allahs hat sie den Menschen der Welt verkündet. Deshalb hat Er die ausführliche Darlegung dieser Dinge in einem einzigen Kalima zusammengefasst: „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“. Zusammen mit dem Bekenntnis zur Einheit Allahs die Prophetenschaft Hazrat Muhammads (s.a.w.) anzuerkennen, bedeutet, dass derjenige, der dieses Kalima spricht, an die gesamte von Hazrat verkündete Wahrheit glaubt. … Dieses Kalima wurde als eine äußerst gewichtige und gewaltige Sache bezeichnet:

اِنَّا سَنُلقِىْ عَلَيْكَ قَوْلاً ثَقِيْلاَ – (المزمل: 5)

„Wir werden dir ein schwer zu tragendes Wort offenbaren.“ – Sure al-Muzzammil: 5

Diese Botschaft ist nicht so bedeutungslos wie ein abgerissenes Blatt oder ein Stück Papier, das ein Windstoß davontragen kann; sie hat keinen festen Bestand und kann durch den heftigen Druck jeder neuen Entdeckung und jeder neuen Sichtweise verändert werden. In Wahrheit ist die „Kalima-e Tayyiba“ keine solche Botschaft. Vielmehr ist sie gewaltig, erhaben und fest wie ein Berg. Kein Schlag von Sturm und Unwetter, keine gewaltige Überschwemmung kann sie auch nur im Geringsten erschüttern. Über diese unerschütterliche, unbewegliche und revolutionäre „Botschaft der Einigung“ heißt es im Heiligen Koran:

الم تر كيف ضرب الله مثلاً كلمة طَّيِّبَةً كَشَجَرَةٍ طَّيِّبَةٍ اَصلهَا ثابِتٌ وَّفرها فى السَّماء – تُؤتِىَ اُكْلُهَا كُلَّ حِيْنٍ بِاِذنِ رَبِّهَا ط وَيَضرِبُ اللهُ الامثال للنَّاس لعلَّهُم يَتَذَكَّرُونَ – وَمَثَلُ الكلمة خَبِيْثَةٍ كَشَجَرَةٍ خَبِيْثَةٍ نِ اجتُثَّتْ من فَوقِ الارضِ ما لَهَا مِنْ قَرَارٍ – يُثَبِّتُ اللهُ الَّذِيْنَ اَمَنُوا بالقَوْلِ الثَّابِتِ فِىْ الحيَوة الدُّنيا وفى الاخرة ج وَيُضِلُّ اللهُ الظَّلِمِيْنَ لا وَيَفْعَلُ اللهُ مَا يَشَــاءُ – (27–24)

„Hast du bedacht, welches Gleichnis Allah, der Erhabene, für das gute Kalima gegeben hat? Es ist gleich einem guten Baum, dessen Wurzeln tief im Erdreich fest verankert sind und dessen Äste sich bis zum Himmel erstrecken. Er trägt zu jeder Zeit auf Geheiß und nach der Erlaubnis seines Herrn Früchte. Allah, der Erhabene, führt den Menschen solche Gleichnisse an, damit sie daraus lernen mögen. Demgegenüber wird das unreine Kalima mit einem schlechten Baum verglichen. Er wird schon von der Oberfläche der Erde herausgerissen und fortgeworfen; wahrlich, er besitzt keinerlei Halt. Allah, der Erhabene, wird den Gläubigen durch dieses wohlbegründete wahre Wort sowohl im Diesseits als auch im Jenseits Festigkeit verleihen. Die Frevler, die dieses ‚wahre Wort‘ verleugnen, werden irregehen. Wahrlich, Allah, der Erhabene, tut, was immer Er will.“ – Sure Ibrahim: 24–27

Dieses im Koran erwähnte Gleichnis hat die vorliegende Angelegenheit sehr deutlich gemacht. Nur das ‚reine und heilige, allumfassende Wort‘ kann auf Erden Bestand, Sicherheit und Verbreitung erlangen. Allen anderen irrigen, schlechten und schändlichen Botschaften ist es dagegen nicht möglich, Bestand und Verbreitung zu erlangen. Sie gleichen wertlosen Schmarotzerpflanzen: Einerseits bedecken sie unzählige Felder, andererseits treiben sie auf vielfältige Weise neue Schösslinge hervor und reißen alle früheren Pflänzlinge aus. Diese Schösslinge besitzen weder die Kraft noch die Fähigkeit, sich mit Blüten und Früchten zu schmücken; und wenn einer von ihnen überhaupt einmal Früchte trägt, können diese nur äußerst bitter und herb sein. Wahrlich, wegen der verheerenden Folgen solcher Unkräuter und Schmarotzerpflanzen ist die heutige menschliche Gesellschaft bedrängt. Deshalb entstehen heute in jedem Land gewaltige Stürme falscher Propaganda. Hier bilden sich giftige Gase und dort zerstörerische Vulkane. Anderswo sind dadurch die Samen von Hass, Feindschaft, Zorn und Rachsucht gesät worden.

Von den anderen Völkern der Erde ist hier nicht die Rede – diejenigen, denen Allahs harte Strafe vorherbestimmt ist, bilden einen ganz eigenen Fall. Sie mögen sich mit diesen giftigen und schädlichen ‚Schmarotzerpflanzen‘ zufriedengeben und sich ihrer rühmen. Für die Muslime jedoch ist es angebracht, sich von all dem fernzuhalten. Ihnen steht der große, heilige und gute ‚Baum‘ zur Verfügung, der seit dem Kommen Adams bis heute niemals ausgerissen worden ist und niemals aufgehört hat, sich mit Blüten und Früchten zu schmücken. Seine Wurzeln sind tief in der Erde fest verankert, und seine Äste breiten sich in das grenzenlose Himmelslicht aus. Von diesem ‚Baum‘ sind seit jeher und überall nur die ‚Früchte‘ des Friedens und der furchtlosen Sicherheit geerntet worden. Dieser Baum hat niemandem je verwehrt, im friedvollen Schoß seines kühlen Schattens Zuflucht zu suchen und von seinen ‚Früchten‘ zu profitieren. Er kennt weder eine Unterscheidung nach Stamm, Abstammung, Sprache oder Heimatland der Menschen noch irgendein Interesse daran. Vielmehr hat jeder Mensch, der bei ihm Zuflucht suchte, den Stolz auf seine Abstammung, die Unterschiede der Sprache und Hautfarbe sowie den Gegensatz der Heimat für immer vergessen; die ganze Welt erschien ihm völlig gleich und einheitlich. Wahrlich, genau dies ist die unvergleichliche Besonderheit dieses ‚Baumes‘. Die folgende Lehre bildet seine grundlegende Gedankenrichtung:

مُحَمَّدُ الرَّسُولُ اللهِ ط وَالَّذِيْن َمَعَهُ اَشِدَّءُ على الكُفَّارِ رُحُمَاءُ بَيْنَهُم تَرَاهُم رُكَّعَا سُجَّدَّا يَبتغُوْنَ فَضْلاً مِنَ اللهِ وَرِضْوَانَا ز – (الفتح : 29)

„Der Gesandte Allahs, Muhammad (s.a.w.), und seine Gefährten sind den Ungläubigen gegenüber streng und untereinander sanft und demütig. Du wirst sie sich in Verbeugung und Niederwerfung sehen; sie streben nach Allahs Gunst und Wohlgefallen.“ – Sure al-Fath: 29

In Wahrheit wurde diese „Botschaft“ den Menschen vorgelegt, um die gesamte Menschheit im weiten Zentrum einer großen Wahrheit zu versammeln und trotz zahlloser wirtschaftlicher oder intellektueller Gegensätze alle Menschen unterschiedslos in einer allgemein anerkannten Sache zu vereinen – mit anderen Worten: um alle Kinder Adams durch ein enges Band der Brüderlichkeit zu verbinden. Deshalb wurde im Islam den Glaubensinhalten ein so umfassender und weitreichender Spielraum gegeben. Er vermag der gesamten Menschheit in seinem Schoß ewige Zuflucht zu gewähren. Deshalb wurde dem Verkünder dieser „Botschaft“ befohlen, mit erhobener Stimme zu verkünden:

يَاَيُّهَا النَّاسُ اِنِّىْ رَسُلُ اللهِ اِلِيْكُم جَمِيْعًا – (الاعراف : 158)

„O ihr Menschen! Ich bin Allahs Gesandter zu euch allen.“

Deshalb heißt es: Wer diese „Botschaft“ annimmt, dessen Blut und Ehre sind vollständig „unverletzlich“. Wer ihn tötet, wird in die ewige Qual der Hölle gestürzt, und wer seine Ehre verletzt, ist ein „Fasiq“. Dennoch haben wir diese große und unvergleichliche „Botschaft der Einheit“ in Stücke zerteilt. Jene, die an Allah, die Engel, die Schriften, die Gesandten und das Jenseits glauben, sind gemäß Allahs Gebot Muslime. Doch wir haben diese Dinge außer Acht gelassen und zahlreiche selbst erdachte, nutzlose Dinge zur Grundlage von Glaube und Unglaube gemacht. Sogar unter den Menschen, die an diese fünf Dinge glauben, wurde der Fluch des „Unglaubens“ unbedenklich verteilt. Obwohl diese allumfassende „Botschaft der Einheit“ vorhanden ist, sind wir so zersplittert, dass unsere eigentliche „Religion“ gleichsam zu verschiedenen Religionen geworden ist. Nationalität, Moschee und Salat – alles haben wir voneinander getrennt und abgesondert; auch die ehelichen Beziehungen untereinander haben wir abgebrochen, und das unzerreißbare Band der Brüderlichkeit, das unter uns mit den Worten „Alle Gläubigen sind Brüder“ geknüpft worden war, haben wir ebenfalls zerschlagen. Danach sahen wir uns einer schweren Gefahr gegenüber. Wir haben die wahren Grundsätze unserer Nationalität und Brüderlichkeit aufgegeben und von anderen Völkern die neue Lehre einer regionalen und auf Abstammung beruhenden Nationalität übernommen – obwohl dies im Grunde völlig dem Islam widerspricht. All der Hass, die Feindseligkeit, die Engstirnigkeit, die Vetternwirtschaft und die gegenseitigen Streitigkeiten des Zeitalters der Unwissenheit, zu deren Beseitigung der Islam gekommen war, sind nach und nach allesamt unter uns wieder aufgelebt. Der eine hat die Bewegung des „Pan-Turanismus“ begonnen, der andere das Banner des „Panarabismus“ gehisst; der eine bemüht sich, die Überlegenheit der arischen Abstammung zu beweisen, der andere ruft dazu auf, sich einer regionalen und auf der Heimat beruhenden Nationalität hinzugeben. Mit einem Wort: Verschiedene religiöse und politische Parteien setzen ihre ganze Kraft dafür ein, diese unvergleichliche „große Botschaft der Einheit“ des Islam zu zerschlagen. Dabei war die „Botschaft der Einheit“ gerade verkündet worden, um diese vielfältigen Parteien und Spaltungen sowie deren Botschaft auszulöschen.

Ich sage nicht, dass diese „Botschaft der Einheit“ alle Arten kleiner und großer Meinungsverschiedenheiten sowie Ungleichheiten und Unterschiede beseitigen werde – Gegensätze und Unterschiede sind grundsätzlich etwas Natürliches; ihre vollständige Beseitigung ist unmöglich. Die Verschiedenheit von Rasse, Stamm, Sprache und Heimat kann in keinem dieser Bereiche restlos aufgehoben werden. Auch die Gegensätze in Denkvermögen und natürlicher Veranlagung lassen sich nicht beseitigen. Daher besteht kein Zweifel daran, dass diese Gegensätze und Unterschiede in den Ansichten und Überzeugungen sowie den Interessen und Zielen verschiedener Menschengruppen deutlich hervortreten werden. Doch der Zweck, zu dem die „Botschaft der Einheit“ des Islam gesandt wurde, bestand darin, zwischen diesen materiellen und sinnlich wahrnehmbaren Meinungsverschiedenheiten eine wissenschaftliche, ethische und kulturelle Harmonie und ein Gleichgewicht herzustellen, damit alle Menschen sie ohne Unterschied und aus freiem Herzen annehmen könnten und sich durch ihre Annahme – trotz ihrer geografischen, stammesbezogenen, wirtschaftlichen, rassischen und sprachlichen Unterschiede – allein auf dieser Grundlage zu einer Nation entwickeln könnten. Deshalb wurde denjenigen, die diese „Botschaft der Einheit“ annahmen, zugleich nachdrücklich geboten, das Salat-Gebet in gemeinsamer Gemeinschaft zu verrichten. Für die ganze Erde wurde eine einzige Qibla festgelegt. Auch durch Sawm, Haddsch und andere Dinge wurden alle sonstigen sozialen und nationalen Gegensätze und Unterschiede beseitigt. Der gesamten muslimischen Gemeinschaft der Welt wurde derselbe rechtliche Status verliehen. Und alle wurden in dieselbe umfassende und weltweite Zivilisation aufgenommen. Das eigentliche Ziel bestand darin, auf der Grundlage der Einheit der Religion des Islam alle übrigen geringfügigen Gegensätze und Unterschiede zu beseitigen und die gesamte Menschheit in eine neuartige Nationalität aufzunehmen. Doch anstatt diese große Gunst Allahs, die ihnen zuteilgeworden war, unter der gesamten Menschheit zu verbreiten, haben die Muslime selbst die vollkommen unislamischen Vorstellungen einer regionalen, sprachlichen, stammesbezogenen und wirtschaftlichen Nationalität angenommen. Dabei bezeugen die Ereignisse der modernen Zeit zweifellos, dass der Imperialismus, die Diktatur, die Autokratie und die Kriege und Kämpfe der heutigen Welt – all diese die Menschheit zerstörenden Katastrophen, die den Frieden und die Zivilisation der Welt vernichten und auf der Erde Ströme frischen Blutes der Unterdrückten fließen lassen – Schöpfungen dieser modernen Ideen und Sichtweisen sind.

Wenn sich in der Nähe einer Stadt oder Siedlung ein Damm befindet, der die Überschwemmung eines Flusses abwehrt, dann hängt die Sicherheit dieses Ortes zweifellos davon ab, dass der Damm fest und wasserdicht ist. Wenn die Menschen jedoch erfahren, dass sich darin ein tiefer Riss befindet, kann man mit Sicherheit sagen, dass sie ihre ganze Kraft darauf verwenden werden, diesen Riss zu schließen. Doch in der menschlichen Gesellschaft hat der Damm, der die alles verschlingende Flutwelle des äußersten Zerfalls und der Katastrophe, des Hasses und der gegenseitigen Feindschaft aufhält – der Damm, von dessen Festigkeit und Stärke die Sicherheit der ganzen Welt abhängt –, heute einen schweren Riss bekommen. Erstaunlich ist jedoch, dass die Menschen – insbesondere die Muslime – dem keinerlei Beachtung schenken, sich darüber keine Gedanken machen und nicht die geringste Sorge erkennen lassen. Die Wahrheit ist vielmehr, dass man selbst dann nicht zögern dürfte, für die Bewahrung dieses gewaltigen, großartigen Dammes sogar den eigenen Verstand zu opfern. – Tarjumān al-Qurʾān: Juli 1934

 

Eine Nation und der Islam

Der Direktor des Darul Uloom Deoband, Maulana Husain Ahmad Madani, hat eine Schrift mit dem Titel „Eine Nation und der Islam“ verfasst. Von dieser Schrift, die von einem weithin bekannten Gelehrten und dem Leiter der bedeutendsten religiösen Bildungseinrichtung Pakistans und Indiens verfasst wurde, hatte man naturgemäß eine einfache Analyse der komplizierten „Lehre von der Nation“ und eine vollständige Darlegung der wahrhaft islamischen Sichtweise erwartet. Doch nach der Lektüre sind wir grausam enttäuscht worden, und dieses Buch erschien uns der Stellung des Verfassers abträglich. In der gegenwärtigen Zeit sind unzählige islamfeindliche Weltanschauungen im Begriff, die Grundwahrheiten des Islam heftig anzugreifen – der Islam ist heute sogar in seinem eigenen Haus hilflos. Die Muslime selbst prüfen die Ereignisse und Probleme der Welt nicht aus der reinen islamischen Sicht; es versteht sich von selbst, dass sie dazu lediglich aufgrund ihrer Unkenntnis des Islam nicht in der Lage sind. Darüber hinaus ist die Frage der „Nationalität“ so kompliziert, dass Leben und Tod einer jeden Nation davon abhängen, sie klar zu erfassen. Wenn eine Nation ihren Grundlagen völlig wesensfremde Prinzipien beimischt, kann sie als „Nation“ auf der Welt nicht fortbestehen. Beim Schreiben über ein derart kompliziertes Thema hätte sich ein Mann wie Maulana Husain Ahmad seiner eigenen Verantwortung vollständig bewusst sein müssen. Denn ihm ist das „anvertraute Gut“ des Propheten anvertraut worden. Wenn sich jemals Unrat und Schmutz auf der wahren Lehre und den Grundwahrheiten des Islam ansammeln, ist es gerade die Pflicht solcher Männer, ihn zu beseitigen und die Lehren des Islam vor aller Öffentlichkeit klar darzulegen.

Sie hätten sich vollständig bewusst sein müssen, dass ihre Verantwortung in dieser gegenwärtigen finsteren Zeit weit größer und anspruchsvoller ist als die der gewöhnlichen Muslime. Wenn die gewöhnlichen Muslime in der Irre versunken sind, wird dafür in erster Linie diese Gruppe von Menschen zur Verantwortung gezogen werden. Deshalb muss ich erneut sagen, dass sich in der Schrift von Maulana Madani keinerlei Beweis für sein Verantwortungsbewusstsein und sein Verantwortungsgefühl findet.

Eine unwissenschaftliche Sichtweise

In einem von einem Verfasser geschriebenen Buch sucht man zunächst nach seiner Sichtweise. Denn die Prüfung und Analyse des eigentlichen Inhalts sowie das abschließende Gelangen zu einem richtigen oder falschen Ergebnis hängen ausschließlich von dieser Sichtweise ab. Eine Sichtweise kann darin bestehen, von allen anderen Erwägungen abzusehen und sich ausschließlich darum zu bemühen, die wahre Sachlage zu erkennen; man muss das Grundproblem in seiner wirklichen und eigentlichen Gestalt betrachten und beurteilen und das endgültige Ergebnis, zu dem eine unparteiische Prüfung und Analyse dieser Wahrheit führt, unmittelbar annehmen, ohne darauf zu achten, ob es jemandem widerspricht oder jemandem entgegenkommt. Tatsächlich ist dies die völlig natürliche und wissenschaftliche Sichtweise der Erörterung und Analyse; und auch die islamische Sichtweise ist eben diese. Denn in dieser Hinsicht الحُبُّ فِى اللهِ واللَغْضُ فِىْ اللهِ– „Die Liebe um Allahs willen und die Feindschaft um Allahs willen“ ist das Grundprinzip des Islam.

Neben dieser einfachen und geradlinigen Sichtweise gibt es noch viele verschlungene und komplizierte Sichtweisen. Sich von der blinden Liebe zu einer bestimmten Person bezaubern zu lassen und in jeder Angelegenheit ausschließlich zu ihren Gunsten zu entscheiden, ist ebenfalls eine Art von Sichtweise. Ebenso ist es eine Art von Sichtweise, sich der blinden Gegnerschaft gegen jemanden hinzugeben, nur nach verhassten und schädlichen Dingen zu suchen und diese anzunehmen. Wie verdreht, verschlungen und kompliziert solche Sichtweisen auch sein mögen, zweifellos stehen sie alle im Widerspruch zur wahren Sachlage. Daher besteht keinerlei Hoffnung, durch ihre Annahme und ihre Zuhilfenahme bei einer Erörterung zu einem richtigen Ergebnis zu gelangen. Folglich ziemt es sich für einen Gelehrten keinesfalls, eine solche Sichtweise anzunehmen und sich mit ihrer Hilfe auf die Erörterung eines Problems einzulassen. Denn dies ist eine vollkommen nichtislamische Sichtweise.

Nun wollen wir prüfen, welche der genannten Sichtweisen Maulana Madani in der vorliegenden Schrift zugrunde gelegt hat.

Gleich zu Beginn der Schrift sagt er:

„Es erscheint nun notwendig, die Fehler und Mängel all dessen aufzuzeigen, was im Zusammenhang mit der Ablehnung der Ein-Nationalität und dem Nachweis, dass sie den Grundsätzen von Recht und Gerechtigkeit widerspreche, veröffentlicht worden ist. Seit 1885 bemüht sich der Kongress nach Kräften darum, bei den Indern auf der Grundlage des Patriotismus die nationale Einheit zu fordern. Die ihr entgegengesetzten Kräfte setzen alles daran, zu beweisen, dass sie nicht nur abzulehnen, sondern vielmehr unzulässig und haram sei. In Wahrheit gibt es für den britischen Imperialismus nichts Gefährlicheres als dies. Diese Dinge sind nicht erst heute, sondern bereits seit 1886 oder sogar noch früher veröffentlicht worden. Und da die Inder durch die auf verschiedene Weise verbreiteten ‚Offenbarungen‘ unter dem Einfluss des Zaubers der britischen Diplomaten geistig und mental gelähmt worden sind, ist nicht zu erwarten, dass sie dies anerkennen werden.“ – (Seiten 5–6)

In diesem Zusammenhang sagte Dr. Iqbal über ihn: „Seine Persönlichkeit ist keineswegs die eines gewöhnlichen Menschen. Doch trotz all dieser Vorzüge ist er unter den magischen Einfluss der britischen ‚Zauberer‘ geraten.“

Nach einer langen Erörterung legte er seinen Standpunkt schließlich durch die folgenden Worte unmissverständlich dar:

„Aus dem zitierten Abschnitt aus dem Aufsatz von Professor Seeley lässt sich zweifellos erkennen, wie gefährlich es für England ist, wenn die Inder auf der Grundlage des Patriotismus zu einer Nation werden. Sollte diese Gesinnung unter den Indern auch nur sehr schwach und kraftlos erwachen, so wird sie zwar vielleicht nicht die Kraft besitzen, die Engländer aus Indien zu vertreiben; doch gerade weil sich in ihnen die Vorstellung festsetzt, dass es beschämend ist, mit einer ‚fremden Nation‘ zusammenzuarbeiten, wird das Grab des britischen Imperialismus geschaufelt werden.“ – (Seite 38)

Danach äußerte er eine derart erstaunliche Ansicht, dass es beschämend ist, sich überhaupt vorzustellen, wie ein weithin bekannter, gottesfürchtiger Gelehrter dies schreiben konnte, wenn man sie liest!

„Selbst wenn eine einzige Nationalität an sich ein verfluchtes und niederträchtiges Ding sein sollte, so ist es heute dennoch die Pflicht der Muslime, diese Waffe zum Zweck der Ausrottung der Briten einzusetzen, da die Europäer eben durch den Einsatz dieser Waffe die islamischen Herrscher und das osmanische Kalifat (?) an der Wurzel vernichtet haben.“ – (Seite 38)

Im Zusammenhang mit dieser Erörterung räumte Maulana Madani zunächst ein: „In dem Maß, in dem die muslimischen Staaten in den vergangenen zwei Jahrhunderten geschädigt worden sind, geschah dies aufgrund der harten und verhängnisvollen Propaganda der Europäer gegen die islamische Einheit und Solidarität.“ „Die Europäer haben unter den Muslimen Unterschiede und Spaltungen aufgrund von Abstammung, Heimat und Sprache hervorgerufen“ und in ihnen zudem die Vorstellung geweckt, dass man keinen Dschihad zum Schutz der Religion und der Spiritualität führen solle, sondern für Abstammung, Stamm und Heimat. Folglich sei es wünschenswert, religiöse Gesinnungen abzulegen.“ – (Seiten 35–36)

Doch nachdem er in Wahrheit der tiefen Wahrheit so nahegekommen war, verlor er sich im Labyrinth des Engländerhasses. Er schrieb:

„Leider erhob sich damals niemand unter den Muslimen, der gegen die Idee einer einzigen Nation, den Patriotismus sowie die Zugehörigkeit zu Abstammung und Stamm predigte. Nicht einmal der alles überflutenden Flut europäischer Zeitungen und Reden ihrer Redner wurde Widerstand geleistet. Infolgedessen wurde der Panislamismus zu einer Geschichte der Vergangenheit und fand sein Ende, während die islamischen Staaten in die Gewalt der europäischen Nationen gerieten und alles verloren. Nachdem die Muslime nun in Afrika, Europa, Asien und anderen Regionen zersplittert und vernichtet worden sind, sagt man uns, dass jemand, der der Einheit und Solidarität ausschließlich der Angehörigen derselben Millat Bedeutung beimisst, sich mit keinem Nichtmuslimen zusammentun und verbinden könne und auch keine ‚eine Nation‘ mit einem Nichtmuslimen bilden könne.“ – (S. 36–37)

Schon die Lektüre des oben angeführten Zitats macht ganz deutlich, dass für Maulana Madani Großbritannien in seinen Augen der endgültige Maßstab für Wahrheit und Lüge, für das Rechte und das Falsche, ist. Er will nicht alle Angelegenheiten aus einer unparteiischen, wissenschaftlichen Perspektive prüfen, um zu erkennen, wie die wirkliche Gestalt der eigentlichen und verborgenen Wahrheit aussieht! Auch beurteilt er sie nicht aus wohlwollender Sorge um die Muslime, um festzustellen, was für die Muslime tatsächlich Gift ist! Beide Perspektiven hat er aufgegeben. Lediglich die Perspektive der ‚Feindschaft gegen Großbritannien‘ hat ihn vollständig beherrscht. Was nun für Großbritannien Gift ist, hält Maulana Madani gerade für einen lebensspendenden Trank. Wenn daher jemand eben diese Sache auch für die Muslime als Gift betrachtet und sich deshalb gegen sie stellt, kann diese Person in den Augen des Maulana nichts anderes als ein ‚Großbritannien-Anhänger‘ sein. Denn über den Tod Großbritanniens ist er weit mehr begeistert als über das Erlangen des Lebens der Muslime. Deshalb hat er erkannt, dass die ‚Ein-Nationalität‘ der Bewohner Indiens für Großbritannien gefährlich ist; wer sich nun gegen diese Ein-Nationalität stellt, was könnte ein solcher Mensch in den Augen Maulana Madanis anderes sein als ein Großbritannien-Anhänger? Wenn jemand dem Maulana eine weitere unfehlbare Methode zur Vernichtung Großbritanniens genannt und gesagt hätte, dass der gemeinsame, vollständige Selbstmord der 350 Millionen Bewohner Indiens das endgültige Grabmal des Britischen Imperiums sicherstellen würde, und wenn der Maulana die Unfehlbarkeit dieses Rezeptes verstanden hätte, hätte er nicht im Geringsten gezögert, jeden Gegner desselben als Großbritannien-Anhänger zu beschuldigen. Obwohl Selbstmord eine äußerst verwerfliche und verfluchte Tat ist, wäre in den Augen des Maulana sogar die Begehung dieser Sünde zur Pflicht geworden, weil dadurch die Ausrottung Großbritanniens möglich wäre.

Tatsächlich lässt sich angesichts solcher Aussagen und Lehren die Berechtigung und das tiefe Geheimnis verstehen, ‚Liebe um Allahs willen und Zorn um Allahs willen‘ zum Maßstab der islamischen Wahrheit zu machen. Wenn die Beziehung zu Allah aus der Mitte herausgerissen wird und irgendeine andere Sache unmittelbar geliebt oder verabscheut wird, beginnt eben dort barbarischer Hass und Feindschaft. Dann werden alle Mittel und Wege, die geeignet sind, sämtliche Regungen menschlicher Liebe und Abneigung zu verwirklichen, halal und zulässig. Ob dies im Einklang mit Allahs Gebot steht, wird dann überhaupt nicht mehr geprüft. Deshalb heißt es, dass selbst persönliche Feindschaft gegenüber dem Satan nicht wünschenswert ist; auch dabei muss die Beziehung zu Allah in der Mitte bestehen bleiben. Andernfalls kann diese Feindschaft gegen den Satan selbst zu einem Gesetz werden, und aus blinder Feindschaft gegenüber dem Satan können die von Allah gesetzten Grenzen überschritten werden. Dann würde man die Tat des Satans vollbringen.

Blinde Leidenschaft, um die eigene These zu beweisen

Aufgrund einer solchen Geisteshaltung scheute Maulana Madani in seinem blinden Eifer, seine Behauptung zu beweisen, nicht davor zurück, selbst weithin bekannte und leuchtende Ereignisse der Geschichte zu ignorieren. Als Europa unter den Muslimen nationale Zugehörigkeiten auf Grundlage von Abstammung und Stamm, des Patriotismus und der Sprache verbreitete – stand damals tatsächlich niemand unter den Muslimen auf, um dem Widerstand zu leisten? ……… Hat er etwa nie die Namen von Tipu Sultan, Dschamaluddin Afghani, Mufti Muhammad Abduh, Mustafa Kamel Misri, Amir Schakib Arslan, Anwar Pascha, Dschalal Nuri, Schibli Nomani, Sayyid Sulaiman Nadwi, Mahmud al-Hasan, Muhammad Ali, Schawkat Ali, Iqbal, Abu’l-Kalam (der Verstorbene) und anderen gehört? Hat denn keiner der genannten Männer die Muslime davor gewarnt, dass eine solche nationale, dschahilische Spaltung sie zertrümmern und auseinanderreißen würde? Auf diese Frage wird Maulana Madani vielleicht nicht mit „Nein“ antworten können. Dennoch wendet er den Blick von diesen tatsächlichen Ereignissen ab und beklagt sich gerade mit den Worten: „Niemand erhob sich, um über die Ein-Nationalität der Muslime zu predigen.“ ……… Welchen Sinn hatte es, eine derart falsche Behauptung aufzustellen? ……… Sein einziges Ziel war, eben dies zu beweisen: Die nationale Einheit und Solidarität der Muslime widerspreche den Interessen Großbritanniens; deshalb hätten sich alle Muslime der Ausbreitung von Unterschieden und Spaltungen aufgrund von Abstammung und Stamm, Patriotismus und Sprache gewidmet. Und nun habe man begonnen, über die nationale Einheit der Muslime zu predigen, weil die islamische Einheit und Solidarität den britischen Interessen förderlich geworden sei (?). Somit sei bewiesen, dass jeder Mensch, der dem Patriotismus widerspricht, ein Großbritannien-Anhänger ist; der Zauber Großbritanniens bringe ihnen diese Worte in den Mund. Tatsächlich ist dies zweifellos das Ergebnis einer dschahilischen Hassmethode. Weil ‚Großbritannien‘ zum Maßstab für Wahrheit und Lüge, für das Rechte und das Falsche gemacht wurde, kann es sogar zulässig erscheinen, entgegen der eigentlichen Wahrheit und den Tatsachen etwas zu verbreiten, sofern es den Interessen Großbritanniens einen Schlag versetzen kann.

In der gesamten Schrift von Maulana Madani kommt eine solche Geisteshaltung spontan zum Ausdruck. Darin wurden Wörterbücher, Koranverse, Hadithe und historische Ereignisse zerlegt und nach eigenem Belieben neu angeordnet, um seine Behauptung zu beweisen, während er jede Wahrheit, die seiner eigenen Behauptung widersprach, rückhaltlos leugnete und ignorierte – ganz gleich, wie groß ihre Wahrheit von innen wie von außen auch sein mochte. Er scheute nicht einmal im Geringsten davor zurück, falsche Vorstellungen über die Bedeutung von Wörtern zu erzeugen, unähnliche Beispiele anzuführen und auf einem Fehler nach dem anderen eine falsche Auffassung aufzubauen. Wahrlich, angesichts eines solchen Vorgehens eines Allah fürchtenden Gelehrten senkt sich der Kopf vor Scham.

Wo wird eine Nation auf Grundlage der Regionalität gebildet??

 

Maulana Madani behauptet: „In der heutigen Zeit werden Nationen auf der Grundlage der Regionalität gebildet.“ Tatsächlich ist dies jedoch völlig falsch, irreführend und von Grund auf unbegründet. Aus der Geschichte der Menschheit lässt sich kein einziges Beispiel dafür anführen, dass irgendwo allein dadurch eine Nation entstanden wäre, dass ihre Angehörigen Bewohner einer bestimmten Region sind. Auch die Nationen der heutigen Welt liegen offen vor aller Augen. Welche von ihnen ist allein auf der Grundlage der Regionalität entstanden? Gehören die Schwarzen, die Rotindianer und die Weißen Amerikas derselben Nation an? Sind die Juden und die Deutschen Deutschlands eine Nation? Polen, Russland, die Türkei, Bulgarien, Griechenland, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Litauen und Finnland – gibt es irgendwo eine „Einheitsnation“ lediglich deshalb, weil sie dasselbe Vaterland haben? Hat allein die Einheit des Vaterlandes sie geschaffen? Diese Tatsachen lassen sich nicht leugnen. Wenn Sie sagen wollen, dass von nun an Nationen auf der Grundlage des Patriotismus gebildet werden sollten, dann können Sie das sagen. Aber welches Recht haben Sie, ohne Argumente und Beweise zu behaupten, Nationen würden auf der Grundlage des Patriotismus und der Einheit des Vaterlandes gebildet?

Die ausländische Bevölkerung kennt und bezeichnet sämtliche Einwohner eines Landes als Bewohner dieses Landes. Mit „Amerikaner“ ist jeder Einwohner des Landes namens Amerika gemeint – ganz gleich, ob er schwarz oder weiß ist; für Außenstehende wird er ein „Amerikaner“ sein. Dadurch wird jedoch die Tatsache nicht unwahr, dass es sich im Grunde um Angehörige zweier verschiedener Nationen handelt. Im internationalen Verkehr wird zweifellos jeder Einzelne als „National“ seines jeweiligen Staates bezeichnet. Wenn Maulana Hossain Ahmad Madani ins Ausland ginge, würde man ihn als Angehörigen der „britischen Nationalität“ bezeichnen. Würde eine solche terminologische Nationalität jedoch seine tatsächliche Nationalität ausmachen? Welche wissenschaftlich begründete Logik kann dann in der Aussage liegen: „Als Einwohner Indiens werden Hindus, Muslime, Sikhs, Christen und Parsen allesamt als eine ,Nation‘ bezeichnet“? Zwischen dem bloßen „Gezähltwerden“ und dem tatsächlichen „Angehören einer Nation“ besteht ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. Daher kann das eine nicht als Beweis für das andere angeführt werden.

Falsche Beweise aus Wörterbuch und Koran

Anschließend hat Maulana Madani anhand arabischer Wörterbücher zu beweisen versucht, dass das Wort „Qawm“ „eine Gruppe von Männern“, „eine Gesamtheit vieler Männer und Frauen“, „die nahen Verwandten einer Person“ oder „eine Gruppe von Feinden“ bedeute. Auch aus Koranversen wollte er dies beweisen und führte dazu jene Verse an, in denen die Ungläubigen als „Qawm“ (Nation) eines Propheten oder der Muslime bezeichnet werden. In diesen Versen wird das Wort „Nation“ jedoch in seiner dritten oder vierten der genannten Bedeutungen verwendet. Er führte auch jene Verse an, in denen das Wort „Qawm“ (Nation) seine erste oder zweite Bedeutung erkennen lässt. Doch in dieser Frage gibt es hier überhaupt keinen Streit über die lexikalische oder alte Bedeutung des Wortes „Nation“; der Streit betrifft die Terminologie der modernen Zeit. Jawaharlal und Sayyid Mahmud sprechen nicht in der Sprache arabischer Wörterbücher und des Korans, und auch im Programm des Kongresses wird diese alte Sprache nicht verwendet. Die von ihnen gebrauchten Wörter sind vielmehr jene, die man heute gewöhnlich in diesem Sinne verwendet. In der heutigen Zeit werden die Wörter „Qawm“ und „Qawmiyyat“ als Entsprechungen der englischen Begriffe „Nation“ und „Nationality“ gebraucht. Lord Bryce erläutert dies in seinem Werk „International Relations“ folgendermaßen:

„Eine Nationalität ist eine aus unzähligen Menschen bestehende Gemeinschaft, die durch bestimmte gefühlsmäßige Anziehungskräfte (Sentiments) miteinander verbunden und geeint worden ist. Zwei dieser Anziehungskräfte sind bei weitem die stärksten: Die eine ist die Anziehungskraft der Abstammung oder des Stammes, die andere die der Religion oder der Lebensordnung. Doch auch der Gebrauch einer gemeinsamen Sprache, eine gleichartige Literatur, gemeinsame nationale Aktivitäten der Vergangenheit, die Erinnerung an gemeinsam erlittene Leiden und Mühen, gemeinsame Feste und Feierlichkeiten, gemeinsame Denkweisen und Überzeugungen sowie ein gemeinsames Bewusstsein der Ziele können zur Entstehung einer solchen Gemeinschaft beitragen. Wenn sich diese Beziehungen bisweilen an einem Ort vereinen, halten sie diese menschliche Gemeinschaft eng miteinander verflochten. Bisweilen entsteht eine ,Nationalität‘ jedoch auch dann, wenn zwischen ihren Angehörigen keine dieser Anziehungskräfte besteht.“ – (S. 117)

Eine Erklärung der Nation oder Nationalität findet sich in der „Encyclopedia of Religion and Ethics“:

Nationalität ist das Ergebnis einer gemeinsamen Eigenschaft oder einer Vielzahl solcher Eigenschaften, die bei allen Angehörigen einer Gruppe in gleicher Weise vorhanden sind; dadurch werden sie miteinander verbunden und zu einer Nation. …In jeder Gesellschaft gibt es Menschen, die durch Ähnlichkeiten in Abstammung und Stamm, gemeinsamem Erbe, Gewohnheiten und Sprache miteinander verbunden sind. Sie können einander sehr gut verstehen. Tatsächlich ist dies die wichtigste Beziehung, die sie miteinander verflochten hält. Auch gegen ihren Willen sind sie miteinander verbunden. Auf vielerlei Weise entstehen zwischen ihnen Freundschaft und Zuneigung. Angehörige anderer Nationen erscheinen ihnen von selbst als „anders“ und fremd, weil ihnen deren Geschmack, Ausdrucksweise und Gewohnheiten außerordentlich eigenartig vorkommen und es sehr schwierig und beschwerlich erscheint, deren Wesen, Überzeugungen und im Herzen verborgene leidenschaftliche Empfindungen zu erfassen. Deshalb betrachteten die Menschen alter Nationen Angehörige anderer Nationen mit Misstrauen. Auch zivilisierte Menschen der modernen Zeit beginnen, gegenüber den Gewohnheiten und der Lebensweise Angehöriger anderer Nationen Abneigung zu empfinden, da sie diese als ihren eigenen Neigungen entgegengesetzt ansehen.“

Hat der Heilige Koran in diesem Sinne auch nur im Geringsten erlaubt, dass Ungläubige, Götzendiener und Muslime derselben Nation angehören? Ist irgendein Prophet auf die Welt gekommen, um in diesem Sinne alle Gläubigen und Ungläubigen zu einer einzigen Nation zu machen? Wenn nicht, warum wurde diese gegenstandslose Diskussion überhaupt aufgebracht? Im Laufe der Geschichte haben Wörter unzählige Male ihre Bedeutung verändert. Ein Wort hatte gestern eine bestimmte Bedeutung und wird heute in einer anderen Bedeutung gebraucht. Wenn man den inneren Zusammenhang außer Acht lässt und behauptet: „Aus der Sicht des Korans ist es möglich, dass Muslime und Ungläubige eine Nation bilden“, was kann das anderes sein als eine begriffliche Verwirrung? Denn die Bedeutung, die „Nationalität“ einst in der Sprache des Korans hatte, steht in keinem Zusammenhang mit ihrer heutigen Bedeutung. Die früheren Rechtsgelehrten machten terminologisch keinen besonderen Unterschied zwischen den beiden Wörtern „makruh“ und „haram“. Daher wurde an vielen Stellen das Wort „makruh“ im Sinne von „haram“ verwendet. In der heutigen Zeit jedoch sind eigene Fachbegriffe geprägt worden, um den Grad dieser beiden Arten von Verboten zu unterscheiden. Kann es nun etwas anderes als Täuschung sein, „haram“ im Sinne von „makruh“ zu verwenden und als Beweis einen Abschnitt aus den Schriften früherer Autoren anzuführen? Auch das Wort „Nationalität“ ist in der heutigen Zeit zu einem solchen Fachbegriff geworden. Wenn man das Wort „Nationalität“ sowohl auf Muslime als auch auf Ungläubige anwendet und zur Verstummung des Einwands die frühere Verwendung als Beweis anführt, kann dies nichts anderes sein als die Erzeugung eines begrifflichen Labyrinths.

Sprachliche Verwirrung

Im weiteren Verlauf behauptet der Maulana, der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, habe in Medina eine freie Nationalität von Juden und Muslimen geschaffen. Als Beweis für diese Behauptung führt er den nach der Hidschra zwischen dem edlen Propheten (s.a.w.) und den Juden geschlossenen Friedensvertrag an. In diesem Vertragsdokument ist dem Maulana folgende Formulierung begegnet:وَاَنْ يَّهُود بنى عَوفٍ امَّةُ مع المؤمنين – „Die Juden der Banu Auf gelten zusammen mit den Gläubigen als eine Umma.“

Um zu beweisen, dass auch in der heutigen Zeit eine freie Nationalität von Muslimen und Nichtmuslimen gebildet werden könne, hat man eben diese Formulierung für ausreichend erachtet. Doch das ist nichts anderes als ein rein sprachliches Labyrinth. Im Arabischen bezeichnet „Umma“ eine Gruppe, die durch etwas zusammengehalten wird, sei es durch Ort, Zeit, Religion oder irgendetwas anderes. Unter diesem Gesichtspunkt können auch zwei verschiedene Völker, wenn sie sich vorübergehend in einem gemeinsamen Interesse einig sind, als eine Umma bezeichnet werden. Deshalb schrieb der Verfasser des maßgeblichen arabischen Wörterbuchs „Lisān al-ʿArab“:وقوله فى الحديث ان يهود بنى عوف امة من المؤمنين يريد انهم بالصلح الذى وقع بينهم وبين المؤمنين كجماعة منهم كلمتهم وايديهم واحدة – „Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Hadith sagte, dass die Juden der Banu Auf eine Umma unter den Gläubigen seien, meinte er damit, dass sie durch den zwischen ihnen und den Gläubigen geschlossenen Frieden gleichsam zu einer ihrer Gruppen geworden seien, deren Wort und Hand eins seien.“

Wie kann das erwähnte lexikalische Wort „Umma“ gleichbedeutend mit dem modernen Begriff „eine einheitliche Nation“ sein? Allenfalls kann man es in moderner Terminologie als „militärisches Bündnis“ (Military alliance) bezeichnen. Tatsächlich war es nichts anderes als ein gegenseitiger Vertrag. Die Juden würden ihrer eigenen Religion und die Muslime ihrer eigenen Ordnung folgen, und ihre kulturellen und politischen Rollen würden getrennt bleiben; falls jedoch eine der Gruppen von außen angegriffen würde, würden beide Seiten sich zur Abwehr zusammenschließen und in diesem Krieg jeweils ihr eigenes Vermögen einsetzen – das ist der Kern des genannten Vertrags. Innerhalb von zwei oder drei Jahren war dieser Vertrag beendet. Die Muslime verbannten einige Juden und verurteilten einige andere zum Tode. Kann man einen solchen Vertrag jemals „eine einheitliche Nation“ nennen? Findet sich in dem genannten Vertrag auch nur die geringste Ähnlichkeit mit dem, was man heute unter „einer einheitlichen Nation“ versteht? Wurde in Medina etwa ein Staat mit einer gemeinsamen Nationalität errichtet? Wurde ein gemeinsamer Gesetzgebungsrat gebildet? Wurde etwa ein Vertrag unterzeichnet, dem zufolge „Juden und Muslime“ zu einer Gesamtheit werden sollten, die Mehrheit unter ihnen die Regierung Medinas führen und die von ihr gebilligten Gesetze in Medina in Kraft treten sollten? Wurde dort auch ein gemeinsames Gericht eingerichtet, vor dem die Streitigkeiten zwischen Juden und Muslimen gemeinsam und nach ein und demselben Landesrecht verhandelt wurden? Tatsächlich wurde dort kein nationaler Kongress gebildet, und ein von einer jüdischen Mehrheit gewähltes Oberkommando brachte Juden und Muslime nicht nach seinem Fingerzeig zum Tanzen. Zweitens wurde der Friedensvertrag zwischen dem Gesandten Allahs (s.a.w.) und den jüdischen Führern geschlossen; Kaʿb ibn al-Aschraf und Abdullah ibn Ubayy versuchten nicht, unmittelbar mit muslimischen Personen „Massenkontakte“ (öffentliche Beziehungen) zu knüpfen. Ebenso wurde dort kein Bildungsplan nach Art des Wardha-Schemas ausgearbeitet, um muslimische und jüdische Jungen in einer für eine gemeinsame Gesellschaft geeigneten Bildung zu unterrichten. Kurz gesagt: Zwischen jenem Friedensvertrag und der heutigen einheitlichen Nation besteht nicht die entfernteste Beziehung oder Ähnlichkeit. Welches Element der Bestandteile, die eine moderne „eine Nation“ ausmachen, findet sich in jener „einheitlichen Nation“, die Maulana Madani heute dem ehrwürdigen Gesandten (s.a.w.) zuschreibt? Ich kann mit Gewissheit sagen, dass sich dort kein einziges Element finden lässt. Indem Maulana Madani daher lediglich die Formulierung „eine Umma zusammen mit den Muslimen“ im Vertrag des edlen Propheten (s.a.w.) erblickt, möchte er den Muslimen den Glauben einflößen, dass das, was der Kongress heute als „eine Nation“ zu schaffen versucht, der edle Prophet (s.a.w.) einst selbst in Medina verwirklicht habe. Hat Maulana Madani bei seiner Aufforderung „Tretet daher mit vollständiger Sicherheit und innerer Ruhe der heutigen einheitlichen Nation bei“ nicht auch nur die geringste Furcht empfunden, dass Allah ihn wegen dieser falschen Propaganda zur Rechenschaft ziehen könnte? Ist dies nicht eine völlig falsche Aussage über den edlen Propheten (s.a.w.)?

Maulana Madani selbst ist ein herausragender Gelehrter und Hadith-Gelehrter. Ich möchte ihn nach einer Sache bezüglich eines von Aischa (r.a.) überlieferten Hadith fragen. Im Hadith heißt es:كان النَبِىُّ صلى الله عليه وسلَّمَ يَقْبَلُ ومباشر وهو صائم „Der edle Prophet (s.a.w.) küsste auch während des Fastens und vollzog ‚Mubāschara‘. Wenn man für das Wort ‚Mubāschara‘ die allgemein gebräuchliche Bedeutung annimmt, würde daraus folgen, dass auch während des Fastens der Geschlechtsverkehr erlaubt sei. Kann es jedoch richtig sein, aus dem Hadith eine der Scharia widersprechende Auffassung abzuleiten, indem man seine offenkundige Bedeutung annimmt?

Diese beiden Argumente sind vollständig gleichartig. Daher darf man in beiden Fällen hinsichtlich eines solchen Grundsatzes keinerlei Unterschied machen. Besonders schwierig wird die Sache, wenn derjenige, der das Argument vorbringt, das Vertrauen des Volkes genießt und die Menschen von ihm Rechtleitung erlangen wollen. Wenn von der öffentlichen Gesundheitsbehörde Gift verteilt wird, wo soll man dann das Lebenselixier finden?

Eine falsche Auffassung auf einem falschen Beweis gründen

Um zu beweisen, dass die „einheitliche Nation“ aller Bewohner Indiens gerechtfertigt sei, hat Maulana Madani noch ein weiteres Argument vorgebracht. Er sagte:

„Wir gründen jeden Tag für gemeinsame Interessen Volksverbände oder Vereinigungen und beteiligen uns daran nicht nur, sondern bemühen uns mit aller Kraft darum, ihre Mitgliedschaft zu erlangen. … Es gibt Stadtgebiete, ausgewiesene Gebiete, Gemeindeverwaltungen, Bezirksverwaltungen, gesetzgebende Räte, Bildungsgesellschaften und Hunderte ähnliche Vereinigungen, die zu besonderen Zwecken nach bestimmten Regeln und Grundsätzen gegründet worden sind. Niemand verbietet die Teilnahme an diesen Vereinigungen oder die dafür erforderlichen vollständigen oder teilweisen Anstrengungen. Doch bemerkenswerterweise gilt die Beteiligung an einer solchen ‚Vereinigung‘ als haram, als der Gerechtigkeit widersprechend, den Lehren des Islam und auch Vernunft und Verstand zuwiderlaufend, wenn sie gegründet wurde, um für die Unabhängigkeit des Landes und gegen die britische Herrschaft zu wirken.“ – (S. 41) In Wahrheit nennt man dies eine falsche Schlussfolgerung auf der Grundlage eines Fehlers. Maulana Madani erklärt eine sündige Handlung zur Pflicht und versucht, aus blinder Liebe zu ihr eine ähnliche weitere Sünde als gerechtfertigt zu erweisen. Dabei liegt in beiden Fällen derselbe Grund für das Verbot vor. Ich möchte mit aller Deutlichkeit sagen: Dass die Ulamā-e Hind den Beitritt zu Räten und Versammlungen an einem Tag für haram und am nächsten für halal erklärten, kommt geradezu einem Kinderspiel gleich. Denn es gehört nicht zu ihrer Methode, etwas aufgrund der tatsächlichen Sachlage für haram zu erklären. Schon ein einziges Wort Gandhijis setzt ihre Fähigkeit zur Erteilung von Fatwas in Gang. Ich aber sage auf der Grundlage der ewigen und unveränderlichen Grundsätze und Ideale des Islam: Es besteht kein Zweifel daran, dass es für Muslime ein ewiges Verbrechen ist, jene umfassenden Institutionen zu unterstützen, die den Menschen das uneingeschränkte Recht geben, in Angelegenheiten, über die Allah und Sein Gesandter eine eindeutige Entscheidung getroffen haben, neue Entscheidungen zu fällen. Wenn jedoch in solchen umfassenden Institutionen, die mit einem derartigen uneingeschränkten Recht und einer solchen Autorität ausgestattet sind, die Zahl der Nichtmuslime größer wird und sämtliche Entscheidungen gerade auf Grundlage der zahlenmäßigen Mehrheit getroffen werden, gilt dies als ein doppeltes Verbrechen. Daher besteht die erste Pflicht der Muslime darin, den Tätigkeitsbereich dieser umfassenden Institutionen von den durch Allahs Scharia festgelegten Grenzen unabhängig zu machen; für sie ist dies der eigentliche Freiheitskampf. Wenn die genannten Grenzen der Machtausübung bei beiden Seiten voneinander unabhängig sind, ist es für Muslime zulässig, eine Gruppe zu unterstützen, die zum gemeinsamen Nutzen der muslimischen und nichtmuslimischen Völker gebildet wurde. Ob dies nun zur Abwehr eines feindlichen Angriffs oder zur Ausführung wirtschaftlicher oder künstlerischer Tätigkeiten geschieht, macht keinen Unterschied.“

Solange jedoch die Grenzen der Tätigkeiten und Befugnisse beider Völker miteinander verbunden bleiben, ist für Muslime nicht nur von Einigung und Zusammenarbeit keine Rede; vielmehr ist es für sie völlig unangemessen, überhaupt unter einer solchen verbundenen Staatsordnung zu leben. In dieser Hinsicht werden ausnahmslos alle Muslime als schuldig betrachtet werden, solange sie diese Staatsordnung nicht mit vereinten Kräften zerschlagen. Und diejenigen, die diese Staatsordnung bereitwillig annehmen und sich für ihre Einführung einsetzen, werden noch schuldiger sein. Wer aber auch immer – ganz gleich, wer er sei – aus Koran und Hadith Argumente zugunsten der Einführung dieser Staatsordnung vorbringt, dessen Schuld wird am größten sein.

Wenn sich bei einer Sache gleichzeitig auf der einen Seite ein Grund für ihr Verbot und auf der anderen Seite ein Grund für ihre Erlaubtheit findet, dann ist es meiner Ansicht nach weder ein Beweis für Gottesfurcht und Frömmigkeit noch für Gelehrsamkeit in der Rechtswissenschaft, den Grund für ihre Erlaubtheit isoliert zu betrachten, eine Entscheidung zu seinen Gunsten zu treffen und den Grund für ihr Verbot überhaupt nicht zu beachten. Maulana Madani erklärt die Anstrengung für die Unabhängigkeit des Landes und die Beseitigung des britischen Imperialismus zur unabdingbaren Pflicht; dabei behält er keineswegs im Blick, dass gerade jene Gruppe, die mit einer solchen Vorstellung für die Freiheit kämpft, in Wirklichkeit diese Staatsordnung entwirft, lenkt und zu ihrer vollständigen Ausgestaltung führt. In dieser Staatsordnung ist jedoch dem menschlichen Gesetzgebungsorgan die uneingeschränkte Befugnis verliehen worden, Allahs Vorschriften zu verändern. Durch sie kann Allahs Gesetz überhaupt nicht in Kraft gesetzt werden; und sollte es jemals in Kraft gesetzt werden, dann erst nach der Zustimmung des Gesetzgebungsorgans. Folglich wird die nichtmuslimische Mehrheit die vollständige Befugnis erlangen, die Regeln und Ordnungen des sozialen und öffentlichen Lebens der Muslime festzulegen, und dadurch kann sie einen starken Einfluss auf ihren sittlichen Charakter, ihr gesellschaftliches Leben und ihre künftigen Nachkommen ausüben. Hinter der Unabhängigkeit des Landes, die zusammen mit einer solchen Staatsordnung erlangt werden soll, lauft ihr her – denn euer einziges Ziel ist das Ende des britischen Imperialismus, ganz gleich, auf welche Weise dieses Ende erreicht wird. Deshalb wird nur der Grund zugunsten des Beitritts zu einer solchen Gruppe vorgebracht; dem gewaltigen und vernünftigen Grund, aus dem sie verboten ist, wird jedoch keinerlei Beachtung geschenkt. Wir sind aber verpflichtet, über die Sache zu entscheiden, indem wir beide Arten von Gründen auf beiden Seiten berücksichtigen, und wir können nicht bereit sein, den Grund für die Erlaubtheit anzunehmen, bevor der Grund für das Verbot beseitigt ist. Denn sowohl das Ende des britischen Imperialismus als auch die vollständige Errichtung des Islam sind unsere Ziele. Sollte jemand eine solche Sichtweise als ‚Britenkult‘ bezeichnen, kümmern wir uns nicht im Geringsten um diesen Spott.

Bedauerliche Unwissenheit

Maulana Madani hat an anderer Stelle geschrieben: „Gegen die gemeinsame patriotische Nationalität wird nur deshalb eine Fatwa erlassen, weil patriotische Nationalität nach westlicher Terminologie eine umfassende Gestalt bezeichnet, die völlig im Widerspruch zur Religion steht und ausschließlich an diese terminologische Bedeutung gebunden ist. Doch diese Bedeutung ist keineswegs allgemein in den Köpfen verankert, und kein gerechter Muslim kann sie unterstützen. Auch die gegenwärtige Bewegung findet nicht auf dieser Grundlage statt; der Kongress und seine Mitarbeiter führen diese Bewegung ebenfalls nicht auf dieser Grundlage, und wir legen sie dem Land auch nicht in diesem Sinne vor.“ – (S. 41)

Zur Unterstützung dieser Behauptung wurden viele längst bekannte Aussagen angeführt, obwohl ihr eigentlicher Kern bereits mehrfach offengelegt worden ist – nämlich die vom Kongress verkündete Erklärung über die Gewährung grundlegender Rechte. Daraus wird folgende Schlussfolgerung gezogen:

„Auch mit der gemeinsamen Nationalität, die der Kongress in Indien errichten will, beabsichtigt er keine Handlung, durch die Religion oder Kultur, Zivilisation und persönliche Gesetze der Bewohner Indiens in irgendeiner Weise nachteilig beeinflusst werden könnten. Sein einziger Wunsch ist es, die Angelegenheiten, die mit gemeinsamen Interessen und den Bedürfnissen des Landes zusammenhängen, ordentlich und gut geregelt zu gestalten. Denn die ausländischen Herrscher haben diese Angelegenheiten unter ihre Kontrolle gebracht und dadurch die Bewohner Indiens dem Untergang preisgegeben. In ausgewiesenen Gebieten, Gemeindeverwaltungen, Bezirksverwaltungen, Räten, Versammlungen und dergleichen werden Entscheidungen über innere und auswärtige Angelegenheiten getroffen. In diesen Fragen geht es überhaupt nicht darum, dass Völker oder Religionen miteinander verschmelzen.“ – (S. 57)

Welch grobschlächtig und unbedacht die Muslime in einem äußerst schwierigen und kritischen Augenblick geführt werden, dafür ist das oben angeführte Zitat ein deutliches Beispiel. In Angelegenheiten, von denen das Wohl oder Unheil von achtzig Millionen Muslimen unmittelbar abhängt und in denen selbst der kleinste Fehler in ihrem künftigen sozialen und moralischen Leben gewaltige Verheerungen anrichten kann, gilt die Fassung einer endgültigen Entscheidung als ein „Kinderspiel“; daher sieht man keinerlei Notwendigkeit, darüber nachzudenken, zu forschen, zu studieren oder sich eingehend damit zu befassen. Dagegen muss ein Einzelner bei der Entscheidung von Fällen über Scheidung, Erbrecht und dergleichen wie viel Nachdenken und Forschung aufwenden! Aus jedem einzelnen Wort des angeführten Zitats wird klar ersichtlich, dass Maulana Madani die terminologische Bedeutung von Nationalität nicht kennt und über die Absichten und Ziele des Kongresses völlig ahnungslos ist. Auch über die Bedeutung der „Grundrechte“ hat er nicht das Geringste nachgedacht. Ja, nicht einmal weiß er, auf welche Weise die Aufgaben und Befugnisse jener umfassenden Verbände, die er immer wieder erwähnt, gemäß der gegenwärtigen Verfassung in die Bereiche von Tahdhīb und Tamaddun, des religiösen Glaubens und des sittlichen Charakters hineinreichen. Aus der Art, wie er die Wörter Kultur, Tahdhīb, persönliches Recht und dergleichen verwendet, wird eindeutig bewiesen, dass er trotz seiner großen Stellung als „Gelehrter und ehrwürdiger Mann“ die Bedeutung und das Wesen dieser Wörter überhaupt nicht verstanden hat – dies sage ich mit besonderer Verantwortungsbereitschaft und nach reiflicher Überlegung. Ich habe erkannt, dass meine deutliche Rede für diejenigen unerträglich sein wird, die daran gewöhnt sind, nicht die Person am Maßstab der Wahrheit, sondern die Wahrheit am Maßstab der Person zu prüfen. Deshalb habe ich mich darauf vorbereitet, als Antwort hierauf noch einige Beschimpfungen anzuhören. Doch da ich klar sehe, dass die Muslime unter dem heiligen Siegel religiöser Führung auf einen Irrweg geleitet werden, dass man sie anstelle der wirklichen Wahrheit und der richtigen Erkenntnis falschen und grundlosen Vorstellungen zuführt und sie auf einen gewaltigen, abgrundtiefen und voller Klüfte liegenden Weg drängt, als wäre er eine gerade, offene Hauptstraße, war es mir unmöglich, dies geduldig hinzunehmen. Daher ist es meine Pflicht, vollständig darauf vorbereitet zu sein, falls meine klar ausgesprochenen Worte der Wahrheit bei irgendjemandem Zorn erregen.

Das Hauptziel der regionalen Nationalität

Lesen Sie noch einmal, was weiter oben bei der Erläuterung der Nationalität aus Lord Bryces „Internationale Beziehungen“ und der „Enzyklopädie des moralischen Charakters und der Religionen“ zitiert wurde. In diesem Sinne können Menschen aus einem einzigen grundlegenden Grund zu einer Nation werden. Es muss eine solche anziehende Kraft geben, die in ihnen allen gleichsam als Leben gegenwärtig ist und sie miteinander verbunden hält. Doch ihr bloßes Vorhandensein reicht keineswegs aus, um eine „Nation“ zu bilden. Sie muss außerordentlich stark sein, damit sie jene Vorstellungen zerschmettern kann, welche einzelne Menschen oder kleine Gruppen voneinander trennen. Denn wenn die trennenden Elemente zu stark sind, um den die Einigung bewirkenden Vorstellungen Widerstand zu leisten, kann diese Kraft bei der Herstellung der Einheit keinen Erfolg haben – mit anderen Worten: Sie kann keine „Nation“ bilden. Darüber hinaus bedarf eine Nationalität der Sprache, der Literatur, des historischen Erbes, der Sitten und Bräuche, der sozialen Lebensweise, der Lebensführung, der Denkweisen und Weltanschauungen sowie der wirtschaftlichen Interessen und materiellen Ziele. All diese Dinge müssen mit dem Wesen der die Einigung bewirkenden Vorstellungen übereinstimmen. Mit anderen Worten: Nichts darf darin vorhanden sein, was trennende Vorstellungen erwecken könnte. Denn all dies übt Einfluss darauf aus, die Menschen zu einer Einheit zusammenzuführen. Nur wenn ihre Neigungen und Tendenzen dem Hauptziel des „Aufrufs zur Einheit“ entsprechen, können sie die Aufgabe der Einigung erfüllen. Andernfalls werden sie Gruppen nach einer völlig anderen Methode bilden, und die Bildung einer „Nation“ wird äußerst schwach bleiben.

Nun ist zu überlegen, auf welche mögliche Weise die verschiedenen Nationen, die in einem Land im eben erläuterten Sinne leben, zusammengeführt und miteinander verbunden werden können. Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr scheint nur zwei Wege möglich zu sein. Der erste wäre, diese Nationen in ihrer eigenen, eigenständigen Nationalität zu belassen und zwischen ihnen unter klaren und genau bestimmten Bedingungen einen „föderalen“ Vertrag zu schließen. Dadurch würden sie nur im gemeinsamen Interesse zusammenarbeiten; in allen übrigen Angelegenheiten wären sie völlig frei und souverän. Hat der Kongress diesen Weg eingeschlagen? Darauf bleibt keine andere Antwort als „Nein“. Der zweite Weg besteht darin, diese Nationen zu einer „Ein-Nation“ zu machen. Dafür muss zwangsläufig zuerst eine gemeinsame, anziehende Kraft und ein zentraler Aufruf zur Einheit anerkannt werden. Eine solche anziehende Kraft und ein solcher zentraler Aufruf zur Einheit können nur aus einer Verbindung der folgenden Elemente gebildet werden: Erstens: Patriotismus,

Zweitens: Hass auf ausländische Feinde und

Drittens: die Förderung gemeinsamer wirtschaftlicher Interessen.

Außerdem muss diese anziehende Kraft, wie ich oben bereits gesagt habe, so überaus stark sein, dass die Vorstellungen und Gründe, welche diese Nationen voneinander getrennt halten, vor ihr völlig verblassen. Denn wenn der Muslim eine sehr starke Zuneigung zum Islam, der Hindu zum Hinduismus und der Sikh zum Sikhismus empfindet und, sobald die Frage von Religion und Nationalität aufkommt, die Muslime sich mit den Muslimen, die Hindus mit den Hindus und die Sikhs mit den Sikhs zusammenschließen und jeder von ihnen mit einer eigenen Partei zur Unterstützung seiner jeweiligen Seite hervortritt, dann bedeutet das, dass die „Liebe zum Vaterland“ diese verschiedenen Nationalitäten nicht in eine „Ein-Nation“ verwandeln konnte. Dass der Muslim den Islam anerkennt, der Hindu an der hinduistischen Lehre festhält und gelegentlich auch einen Tempel besucht – das ist eine völlig gesonderte Angelegenheit. Doch um eine „Ein-Nation“ zu bilden, muss jeder dem Patriotismus ein überaus großes Gewicht beimessen, sodass jeder Angehörige einer Religion imstande ist, seine eigene Religion und Glaubensauffassung dem Vaterland zu opfern. Ohne eine solche von vollkommener Hingabe und fester Treue erfüllte Gesinnung kann überhaupt keine „patriotische“ Nationalität gebildet werden.

Das ist der eigentliche Keim des einheimischen oder regionalen Nationalismus. Dieser Keim kann niemals einen Baum hervorbringen, solange keine geeignete Atmosphäre und kein geeignetes Umfeld geschaffen werden. Dafür sind ein günstiger Boden und eine geeignete Jahreszeit erforderlich. Wie bereits gesagt, sind Sprache, Literatur, Traditionen, Sitten und Bräuche, gesellschaftliches Leben und Lebensweise, Denkweisen und Weltanschauungen sowie wirtschaftliche Interessen und materielle Ziele für die Entstehung der Anziehungskraft des Nationalismus unerlässlich. Diese Dinge organisieren Gruppen von Menschen zu einer Gesellschaft. All dies muss in der Natur der anziehenden Kraft des Nationalismus spontan vorhanden sein. Denn wenn die Richtung dieser verschiedenen Kräfte, die Verbindungen zwischen den einzelnen Menschen schaffen, notwendigerweise auf Trennung ausgerichtet ist, werden sie sich der Schaffung von Einigkeit und der Bildung eines Zusammenhalts heftig widersetzen und keinesfalls zulassen, dass daraus „eine Nation“ wird. Daher ist es für die Bildung einer geeinten Nation unbedingt erforderlich, die Kräfte zu vernichten, die in jeder Nation die Vorstellung eines eigenständigen Nationalismus hervorbringen; an ihre Stelle muss die gesamte Nation in derselben Farbe gefärbt und allmählich nach demselben nationalen Ideal geformt werden, und es müssen unter ihnen ein gemeinsames Wesen und eine gemeinsame moralische Denkweise geschaffen werden. Indem man unter ihnen dieselben Denkweisen, Weltanschauungen und Ideale verbreitet, muss man sie so gestalten, dass sie schließlich alle als Angehörige ein und derselben Gesellschaft bekannt und angesehen werden können. Ihre Gesinnungen, Gesichtspunkte und Sichtweisen müssen völlig übereinstimmen – aus derselben Quelle der Geschichte muss die Vorstellung ihrer alten Größe hervortreten, und letztlich darf überhaupt kein Grund für die Entstehung von Konflikten und Ungleichheiten unter ihnen bestehen bleiben. Zu diesem Zweck wurde der „Wardha-Plan“ ausgearbeitet. Auch der „Vidyamandir-Plan“ hatte eben diesen Zweck. Dieser Zweck war in beiden Plänen ausdrücklich niedergeschrieben. Doch Maulana Madani hat diese Pläne und ihre Lehrpläne überhaupt nicht angesehen. Pandit Nehru bläst seit mehreren Jahren eben dieses Horn des Nationalismus. Doch keine seiner Reden oder Schriften ist Maulana Madani zur Kenntnis gelangt. Jeder mit einer Verantwortung im Kongress hat genau dies verkündet, geschrieben und es mithilfe der Staatsgewalt, die aus der neuen Verfassung hervorgegangen ist, sogar nachdrücklich verbreitet. Doch Maulana Madani kann davon nichts hören, sehen oder wahrnehmen. Dabei werden all diese Dinge durch jede einzelne der umfassenden Institutionen vollbracht, auf die er hingewiesen hat. Denn der Tätigkeitsbereich eben dieser Institutionen erstreckt sich auf alles, bis hin zu Tahdhīb und Tamaddun, Kultur, Personenrecht und dergleichen. Doch obwohl diese Dinge täglich von einem Ende Indiens bis zum anderen geschehen, dringt nicht einmal ihr leisester Widerhall in Maulana Madanis Ohren. Von all diesen Dingen hat er nur eines erlangt – es heißt „Grundrechte“. Allein darauf gestützt, wagt er es, das Prinzip der „Ein-Nationalität“ als dem Vorbild des edlen Propheten (s.a.w.) entsprechend zu verkünden. Tatsächlich ist dieses „Grundrecht“ jedoch in keiner Hinsicht besser als die berühmte Proklamation Königin Victorias. Eine derart grausame List der westlichen Diplomatie mit dem Werk des heiligen Gesandten (s.a.w.) zu vergleichen, vermögen Sünder wie wir nicht zu wagen. Freilich ist die Sache derjenigen anders, deren Taqwa und Frömmigkeit so groß ist, dass sie selbst nach einem solchen ungerechten Wagnis auf Vergebung hoffen können.

Die Ausnutzung mehrdeutiger Wörter

Maulana Madani hat sich eine besondere Bedeutung von „Ein-Nationalität“ fest eingeprägt. Er selbst hat ihre Grenzen unter Berücksichtigung aller möglichen teuflischen Bedingungen und durch das Versperren aller denkbaren Wege festgelegt. Er trägt sie vorsichtig vor, damit niemand ihn unter dem Gesichtspunkt der Scharia zur Rede stellen kann. Sein Hauptfehler liegt jedoch gerade darin, dass er endgültig davon ausgeht, der Kongress vertrete genau das, was er selbst darunter versteht. Dabei steht der Kongress davon sehr, sehr weit entfernt. Wenn Maulana Madani nur gesagt hätte: „Unter Ein-Nationalität verstehe ich dies“, hätten wir mit ihm überhaupt keinen Streit gehabt. Doch damit gibt er sich nicht zufrieden, sondern geht weiter und behauptet auch, dass dies das Ziel des Kongresses sei und dass der Kongress vollständig nach dem Vorbild des edlen Propheten (s.a.w.) handle. Es sei die Pflicht der Muslime, sich völlig furchtlos und unerschrocken dieser Bewegung für die Ein-Nationalität zu weihen. Genau hier beginnt in Wahrheit unsere Meinungsverschiedenheit mit ihm. Nehmen wir ein Beispiel. Unter „Wasser gießen“ versteht der eine, Wasser regnen zu lassen, während der andere das Inbrandsetzen als „Wasser gießen“ bezeichnet. Wenn man nun diesen sprachlichen Unterschied außer Acht ließe und dazu riete, dem zweiten Mann die Häuser und Besitztümer aller Menschen anzuvertrauen, wäre leicht zu verstehen, welch großes Unrecht dies wäre. Für solche Fälle ist im Heiligen Qur’an angeordnet worden: Wenn ein Wort sowohl eine falsche als auch eine richtige Bedeutung annehmen kann und ihr seht, dass durch seine Verwendung eine beunruhigende Situation für die Ungläubigen entsteht, dann sollen die Muslime solche Wörter nicht verwenden.يايُّها اللَّذِينَ اَمَنُوا لا تقولوا راعنا وقولوا انظرنا واسمعوا ط وللكافرينَ عذابٌ اَليْمٌ – (البقرة: 104)

„O ihr, die ihr glaubt, sagt nicht: ‚Rāʿinā‘, sondern sagt: ‚Unẓurnā‘, und hört zu. Für die Ungläubigen gibt es eine schmerzhafte Strafe.“ – Sura al-Baqara: 104

Daher wäre es besser gewesen, wenn Maulana Madani zur Äußerung seiner eigenen Gesinnung Wörter wie „gegenseitige Freundschaft“ verwendet und dies nicht als Politik und Handlungsweise des Kongresses, sondern von seiner eigenen Seite als einen Vorschlag und eine Empfehlung vorgetragen hätte. Wenn er dieser Nation wenigstens jetzt noch einen solchen kleinen Gefallen erweist, wäre das eine große Güte. Andernfalls besteht die unmittelbare Gefahr, dass sein Schreiben ein großes Unheil verursacht. Folglich besteht auch die Möglichkeit, dass sich einst wiederholen wird, was man in früheren Zeiten sagte: „Was die tyrannischen Könige und Fürsten sowie die frevlerischen Staatsführer taten, bewiesen die Gelehrten mit Belegen aus Qur’an und Hadith als wahr; sie benutzten die Religion als Werkzeug der Unterdrückung und Ausbeutung.“رَبَّنَا لاَ تجعلنَأ فتنةً لِّقَومٍ الظَّلِمِيْنَ – (يونس: 85)

„O unser Herr! Mache uns nicht zu einer Versuchung für die ungerechten Leute.“ – Sura Yunus: 85

Nach der Veröffentlichung der erwähnten Schrift Maulana Madanis ist es äußerst dringend geworden, den „Nationalismus“ aus rein wissenschaftlicher Sicht zu analysieren und dabei den grundlegenden Unterschied zwischen islamischen und nichtislamischen Weltanschauungen in dieser Frage deutlich herauszuarbeiten. Dadurch werden alle diesbezüglichen Irrvorstellungen aus den Herzen der Menschen entfernt, und es wird ihnen möglich sein, bewusst und verständig einen der beiden Wege anzunehmen. Dies wäre die Pflicht der Gelehrten gewesen. Doch wenn der „führende“ Mann der Gelehrtenschaft das Banner der „Ein-Nationalität“ erhoben hat und kein Gelehrter bereit ist, seine eigentliche Pflicht zu erfüllen, müssen schließlich gewöhnliche Menschen wie wir dafür tätig werden. – Tarjuman-ul-Qur’an: Februar 1939 n. Chr.

 

Kann der Nationalismus jemals Befreiung bringen?

Als Maulana Ubaidullah Sindhi nach einem langen Leben im Exil nach Indien zurückkehrte, wurde er seitens der Bengalischen Jamiat-ul-Ulama eingeladen, auf ihrer Versammlung in Kalkutta den Vorsitz zu führen. Nachdem die Inder die Rede gelesen hatten, die er auf dieser Versammlung hielt, erhielten sie erstmals Gelegenheit, seine besondere Auffassung kennenzulernen. Die Teile seiner Rede, die insbesondere die Muslime aufgebracht haben, werden hier wiedergegeben: Erstens: „Wenn mein Land sich vor den Nachteilen und Schäden jener Revolution schützen will, die inzwischen die ganze Welt erfasst hat und sie täglich weiter erfasst, muss es den Nationalismus nach europäischem Vorbild fördern und entwickeln. Die Welt ist über den großen Ruhm, den unser Land in vergangenen Zeiten genoss, bestens informiert. Doch wenn wir gegenwärtig nicht in der Lage sind, unter den Nationen unsere Stellung zu behaupten, werden wir aus unserem früheren Ruhm nicht im Geringsten Nutzen ziehen können.“

Zweitens: „Ich empfehle unseren religiösen und nationalen Führern, aus der zweihundertjährigen Herrschaft der britischen Regierung so weit wie möglich Nutzen zu ziehen. Wir müssen nun die Haltung aufgeben, durch unseren Hass auf Europa unsere Entwicklung derart eingeschränkt zu haben. In dieser Hinsicht habe ich die Revolution der türkischen Nation von Sultan Mahmud bis zu der von Mustafa Kemal errichteten Demokratie umfassend studiert und beobachtet. Ich wünsche, dass unser Land bei den internationalen Konferenzen Europas als ehrenwertes Mitglied angesehen wird. Dazu müssen wir allerdings die Notwendigkeit empfinden, in unserer Gesellschaft eine Revolution herbeizuführen.“

Zur Erläuterung dieser sozialen Revolution legte Maulana Sindhi für die Provinz Sindh ein revolutionäres Programm vor. Er sagte: „Die Bewohner Sindhs werden Kleidung tragen, die in ihrem eigenen Land hergestellt wurde; sie wird jedoch die Form von Jackett und Hose oder von Hemden mit Kragen und ‚Shorts‘ haben. Muslime können lange Shorts tragen, die bis unter die Knie reichen. In beiden Fällen wird ein Hut getragen werden. In der Moschee werden die Muslime ihre Hüte abnehmen und mit unbedecktem Kopf das Salat-Gebet verrichten.“

Maulana Sindhi ist ein erfahrener und welterfahrener Mann. Die großen Opfer, die er mehrere Jahre lang für seine Ideale und Ziele gebracht hat, bezeugen seine aufrichtige Hingabe an seine Ideale. Wenn er unter diesen Umständen eine Lösung für einige unserer sozialen Probleme vorlegt, müssen wir, wie sehr sie auch äußerlich als Ergebnis von Erfahrung sowie Überlegung und Forschung erscheinen mag, unseren Geist von allen Zweifeln und Bedenken frei machen und seine Auffassungen wissenschaftlich überprüfen: Das ist unsere Pflicht.

Wir glauben, dass ein sachkundiger und intelligenter Mensch, der in guter Absicht etwas sagt, nicht zögern wird, es aufzugeben, sobald ihm dessen verborgene Fehler klar vor Augen treten. Wenn er jedoch keineswegs bereit ist, es aufzugeben, muss diese irrige Lehre durch die heftigen Schläge wissenschaftlicher Kritik unbedingt an der Wurzel ausgerottet werden.

Nationalismus auf der Grundlage des Opportunismus

Die Gründe und Argumente sowie die Ratschläge, die der Redner zur Förderung des Nationalismus auf der Grundlage europäischer Prinzipien vorgebracht hat, lauten wie folgt: Erstens: Wenn unser Land sich vor der revolutionären Gedankenströmung retten will, die die ganze Welt erfasst hat und sie weiterhin immer stärker erfasst …..“ Es muss es auf diese Weise tun.

Zweitens: Die Welt weiß zwar von unseren vergangenen Taten und Ruhmestaten; doch daraus werden wir nicht im Geringsten Nutzen ziehen können, wenn wir unter den gegenwärtigen Nationen nicht den uns gebührenden Platz und die uns gebührende Würde einnehmen können.“

Und dieser Platz und diese Würde können offensichtlich nur erlangt werden, indem man die westlichen Nationen nachahmt. Drittens: Sowohl das alte Kapitel unserer indischen Zivilisation, das als hinduistische Zivilisation bekannt ist, als auch die moderne Epoche, die als islamische Zivilisation berühmt ist, sind auf religiösen Weltanschauungen gegründet. Die moderne europäische Weltanschauung hingegen ist von religiösen Vorstellungen völlig losgelöst. Sie beruht allein auf Wissenschaft und Philosophie. Wenn daher in unserem Land nicht die Fähigkeit entsteht, diese Revolution zu begreifen, müssen wir unweigerlich Schaden nehmen.“

Mit „die Fähigkeit, sie zu begreifen“ wollte er hier höchstwahrscheinlich sagen, dass man sie übernehmen müsse. Denn das wird durch die zuvor angeführten Grundsätze des Redners bewiesen.

Diese drei Aussagen müssen überprüft und analysiert werden. Erstens wurde nicht dazu aufgerufen, etwas anzunehmen, weil es wahr oder grundsätzlich annehmbar sei; vielmehr wurde dazu aufgerufen, es aufgrund des Verlaufs der Umstände und aus Gründen der Zweckmäßigkeit (Expediency) als notwendig anzusehen. Welchen Wert kann dieser Subkontinent aus der Sicht eines muslimischen Idealisten unter solchen Umständen haben? Eine solche Sichtweise – man müsse dies tun, um irgendeinen Schaden zu vermeiden, man werde dadurch irgendeinen Vorteil erlangen oder etwas könne heutzutage in der Welt nicht mehr bestehen und müsse deshalb durch „dies“ ersetzt werden – kann kein idealistischer, ethisch gesinnter und weltanschaulich geprägter Mensch annehmen. Sie ist nichts anderes als eine rein opportunistische Sichtweise (Opportunism). Mit Vernunft und Ethik oder Philosophie kann sie keinerlei Verbindung haben. Ein prinzipientreuer und idealorientierter Mensch wird nach Überlegung, Forschung sowie Prüfung und Analyse die Auffassung und das Ideal, die er für wahr hält, annehmen und entschlossen danach handeln; das ist die einzig richtige Handlungsweise. Wenn in anderen Ländern der Welt nach einer falschen Lehre gehandelt wird, ist es seine Pflicht, nicht deren Nachahmer zu werden, sondern sich darum zu bemühen, die gesamte menschliche Gesellschaft zu seinem eigenen Ideal hinzuführen. Wenn uns die Weigerung, der Welt zu folgen, Leid und Not bereitet, ist es wünschenswert, dies mit besonderer Geduld und Ausdauer zu ertragen. Wenn uns gerade deshalb, weil wir der Welt nicht folgen, von ihr keine Würde zuerkannt wird, sollten wir eine solche Welt mit Füßen treten. Weltliche Maßstäbe und Würde sind nicht unser Maʿbūd – nicht unser Herr; um ihr Wohlgefallen zu erlangen, können wir nicht überallhin eilen. Selbst wenn das „Zeitalter“ dessen, was wir für wahr halten, vergangen sein sollte, muss in uns doch eine Persönlichkeit und ein Selbstbewusstsein vorhanden sein, die das Zeitalter am „Ohr“ packen und zur Wahrheit zurückführen können. Sich mit dem Wandel der Zeit selbst zu verändern, mag die Haltung eines Feiglings sein, nicht aber die eines idealistischen Menschen.

In dieser Hinsicht sollten die Muslime zumindest ein ebenso hohes Maß an Standhaftigkeit und Idealismus zeigen, wie es die Anhänger Karl Marx’ während des Ersten Weltkriegs gezeigt haben. Als 1914 der Donnerschlag des Weltkriegs ertönte, kam es unter den Mitgliedern der „Zweiten Internationale“ zu schrecklichen Meinungsverschiedenheiten über diesen Nationalismus. Die Sozialisten, die in der internationalen Front der Sozialisten tätig waren, ließen sich beim Anblick ihrer jeweiligen Nationen, die sich in den Feuerofen des Krieges stürzten, vom engen Denken des blinden Nationalismus anregen und wollten im gegenwärtigen Krieg jeweils ihre eigene Nation unterstützen. Die Marxisten erklärten jedoch: Nach dem Ideal, für das wir den Kampf begonnen haben, sind die Kapitalisten aller Nationen der Welt unsere Feinde und alle Arbeiter und Lohnarbeiter unsere Freunde; wie können wir unter diesen Umständen den Nationalismus unterstützen? Denn er spaltet und trennt die Arbeiter voneinander, spornt sie an, sich mit den Kapitalisten zu verbinden und gegeneinander zu kämpfen; auf dieser Grundlage brachen die Marxisten auch die Beziehungen zu vielen ihrer langjährigen Genossen ab. Darüber hinaus zerschlugen überzeugte Kommunisten eigenhändig das Götzenbild dieses engen Nationalismus. Die deutschen Kommunisten kämpften für ihr Ideal gegen Deutschland, die russischen Kommunisten für ihr Ideal gegen Russland, und ebenso kämpften die Kommunisten jedes Landes für ihr Ideal gegen die Regierung ihres eigenen Landes. So wie die Kommunisten eine Auffassung und ein Ideal haben, so hat auch ein Muslim eine Auffassung und ein Ideal. Warum sollte ein Muslim unter diesen Umständen wegen der Vermeidung von Verlusten und Schäden oder um von irgendjemandem ein wenig Anerkennung zu erlangen, von seinem Ideal abweichen? Sollte er dennoch unbedingt davon abweichen, so ist es seine Pflicht, zunächst genau zu verstehen, was er aufgibt und was er anzunehmen im Begriff ist. Denn ein Prinzip aufzugeben, ist nichts anderes als bloße Schwäche; sich jedoch nach der Abkehr von einem Prinzip weiterhin für dessen Anhänger zu halten, ist ebenso ein Zeichen von Schwäche wie von Bewusstlosigkeit. Solange ich in jeder Angelegenheit meines Lebens nach islamischer Auffassung und islamischen Vorschriften handle, kann ich Muslim bleiben. Wenn ich diese Auffassung jemals aufgebe und eine andere Weltanschauung annehme, ist es nichts anderes als grobe Unwissenheit, mich weiterhin für einen Muslim zu halten. Als Muslim eine nichtislamische Weltanschauung anzunehmen, ist offensichtlich sinnlos. „Nationalistischer Muslim“, „kommunistischer Muslim“ und ähnliche Ausdrücke sind widersprüchliche Begriffe – genauso falsch, wie von einem „faschistischen Kommunisten“, einem „Jain-Schlachter“, einem „kommunistischen Grundbesitzer“ oder einem „monotheistischen Götzendiener“ zu sprechen.

Nationalismus und Islam

Wer über die Bedeutung des Nationalismus und seine tiefere Lehre nachdenkt, wird zweifellos anerkennen, dass Islam und Nationalismus hinsichtlich ihrer inneren Geisteshaltung, ihrer Ziele und ihrer Zwecke zwei einander widersprechende Ideale sind. Der Islam ruft unterschiedslos alle Menschen als Menschen auf. Vor der gesamten Menschheit legt der Islam eine ideelle und glaubensbasierte sittliche Ordnung vor – er errichtet eine auf Gerechtigkeit und Gottesfurcht gegründete Gesellschaftsordnung und ruft unterschiedslos alle Menschen dazu auf, sie anzunehmen. Danach nimmt er alle, die sie annehmen, mit gleichen Rechten und gleicher Würde in ihren Geltungsbereich auf. In keiner Angelegenheit – sei es im Gottesdienst, in der Wirtschaft, in der Gesellschaft, bei den gesetzlichen Rechten und Pflichten oder anderem – schafft der Islam unter seinen Anhängern Unterschiede aufgrund von Volkszugehörigkeit, Abstammung, Geographie oder Klasse. Das höchste Ziel des Islam ist die Errichtung eines Weltstaates (World state), in dem alle Bande erblich und ethnisch bedingten Hasses und Grolls zwischen den Menschen zerrissen und allen Menschen gleiche Möglichkeiten zum Erlangen gleicher Rechte gegeben werden, um eine kulturelle und politische Ordnung zu errichten. An die Stelle feindseliger Konkurrenz unter den Mitgliedern der Gesellschaft soll gegenseitige freundschaftliche Zusammenarbeit treten. Dadurch sollen alle Menschen einander dabei helfen, materiellen Fortschritt und Wohlstand zu erlangen sowie geistige Entwicklung zu verwirklichen. Die vom Islam zum Wohl der Menschen dargelegte Ordnung und Lebensweise kann die Allgemeinheit erst dann annehmen, wenn in ihr keinerlei unwissende Geisteshaltung und kein Hass oder Groll vorhanden ist. Sie muss sich von der Verzauberung durch das nationale Erbe, vom Rausch der adligen Abstammung und ihres Ruhmes sowie von der blinden Faszination der Beziehung von Blut und Boden befreien und Wahrheit, Gerechtigkeit, Recht und Aufrichtigkeit allein als Mensch prüfen – nicht als Angehöriger einer Klasse, Nation oder eines Landes; sie muss den Weg zum Wohl der gesamten Menschheit als Ganzes suchen.

Der Nationalismus hingegen schafft unter den Menschen Unterschiede nach ihrer nationalen Zugehörigkeit. Infolge des Nationalismus wird der Nationalist jeder Nation zwangsläufig seine eigene Nation für höherstehend als alle anderen Nationen halten. Selbst wenn er kein äußerst aggressiver Nationalist (Aggressive Nationalist) ist, wird er allein aufgrund seines Nationalismus in sozialer, wirtschaftlicher, politischer und rechtlicher Hinsicht gezwungen sein, zwischen seiner eigenen und anderen Nationen zu unterscheiden. Er wird versuchen, für seine eigene Nation möglichst viele Interessen und Vorteile zu sichern. Im nationalen Interesse wird er gezwungen sein, eine Mauer wirtschaftlicher Ungleichheit zu errichten. Darüber hinaus wird er sich bemühen müssen, die Traditionen und alten Feindseligkeiten zu bewahren, auf denen sein Nationalismus beruht, und in sich das Gefühl nationaler Vornehmheit wachzuhalten. Er wird nicht bereit sein, Angehörige anderer Nationen in irgendeinem Lebensbereich auf der Grundlage der Gleichheit zu seinen Partnern zu machen. Wo immer seine Nation gegenüber anderen Nationen größere Interessen und Vorteile genießt oder erlangen kann, wird aus seinem Herzen und seinem Verstand kein einziges Wort der Gerechtigkeit hervorgehen. Sein höchstes Ziel wird es sein, anstelle eines Weltstaates (World State) einen Nationalstaat (National state) zu errichten. Selbst wenn er eine weltumspannende Ideologie annimmt, wird diese unweigerlich zum Imperialismus werden. Denn in seinem Staat können Angehörige anderer Nationen niemals als gleichberechtigte Teilhaber einen Platz erhalten. Allenfalls können sie als Sklaven und Leibeigene aufgenommen werden.

Hier wurde lediglich eine allgemeine Erörterung der Grundsätze, Ziele und inneren Geisteshaltungen dieser beiden Lehren gegeben. Schon aus dieser kurzen Erörterung wird eindeutig bewiesen, dass sie einander völlig widersprechen. Wo Nationalismus herrscht, kann der Islam niemals verwirklicht werden. Ebenso kann dieser Nationalismus dort, wo der Islam errichtet wird, keinen Augenblick Bestand haben. Wenn der Nationalismus sich entwickelt und vervollkommnet, wird dort der Weg zur Verbreitung und Verwirklichung des Islam versperrt. Und wenn der Islam verwirklicht ist, wird die Wurzel des Nationalismus unweigerlich ausgerottet. Unter diesen Umständen kann ein Mensch zur selben Zeit nur eine dieser beiden Lehren annehmen. Niemand kann gleichzeitig auf diesen beiden entgegengesetzten Booten fahren. Sobald jemand behauptet, einer Lehre zu folgen, und zugleich die genau entgegengesetzte Ideologie unterstützt, ihr hilft und sie bevorzugt, ist dies ein Zeichen geistiger Verirrung. Über diejenigen, die so handeln, müssen wir zwangsläufig sagen: Entweder haben sie den Islam nicht verstanden, oder den Nationalismus, oder sie waren nicht fähig, eine der beiden Lehren richtig zu begreifen.

Der wahre Zustand des europäischen Nationalismus

Oben wurde lediglich erwähnt, was sich bereits erkennen lässt, wenn man über die ursprünglichen Grundlagen des Nationalismus nachdenkt. Wir müssen jedoch weitergehen und auch den europäischen Nationalismus prüfen.

Im alten Zeitalter der Unwissenheit waren die Vorstellungen der Menschen vom Nationalismus noch nicht sehr ausgereift. Da die Menschen den Nationalismus damals noch nicht vollständig angenommen hatten, waren sie stärker in abstammungs- oder stammesbezogenen Vorstellungen versunken. Daher wurden in jener Zeit sogar große Philosophen und Wissenschaftler durch den Rausch des Nationalismus verblendet. Ein hochrangiger Denker wie Aristoteles vertrat in seinem Werk Politics die Ansicht, dass unzivilisierte und barbarische Völker eigens zur Versklavung geschaffen seien. Seiner Auffassung nach war der Krieg, um diese Menschen zu versklaven, eines der Mittel zur Erzeugung von Wohlstand. Wenn wir jedoch sehen, dass die Griechen alle Nichtgriechen als „Barbaren“ betrachteten, können wir schon daran die verhängnisvolle Tragweite der von Aristoteles vertretenen Ansicht erkennen. Denn sie waren fest davon überzeugt, dass sich der sittliche Charakter und die Menschenrechte der Griechen von denen der übrigen Menschen auf der Welt vollständig unterschieden.

Dieser ursprüngliche Keim des Nationalismus setzte sich später in Europa durch. Allerdings hatte die christliche Lehre seine Ausbreitung lange Zeit aufgehalten. Die Lehre eines Propheten kann – wie sehr sie auch entstellt sein mag – naturgemäß anstelle der engen Sichtweise des Stammeswesens und Nationalismus eine umfassende menschliche Perspektive vermitteln. Außerdem hatte die umfassende Staatsordnung des Römischen Imperialismus viele kleine Völker der Herrschaft und Gefolgschaft einer gemeinsamen zentralen Macht unterworfen und dadurch die Heftigkeit nationaler und stammesbezogener Feindschaft erheblich gemindert. Auf diese Weise hielten die geistliche Herrschaft und Autorität des Papstes sowie die politische Herrschaft und Autorität des Kaisers die christliche Welt mehrere Jahrhunderte lang eng miteinander verbunden. Doch beide Mächte unterstützten einander bei Unterdrückung und Ausbeutung sowie im Widerstand gegen Wissen und Wissenschaft. Bei der Verteilung weltlicher Macht und materieller Interessen lagen sie miteinander in Feindschaft. Einerseits ihr gegenseitiger Konflikt und Kampf, andererseits ihre schlechten Taten, ihre Tyrannei und Unterdrückung und drittens die moderne wissenschaftliche Wiedergeburt führten im sechsten Jahrhundert zur Entstehung einer religiösen und politischen Bewegung. Diese Bewegung wurde als „Bewegung der Reformation“ bezeichnet.

Durch diese Bewegung endeten die fortschritts- und reformfeindlichen Kräfte des Papstes und des Kaisers. Andererseits entstand jedoch der Schaden, dass dadurch verschiedene, durch ein gemeinsames Band verbundene Völker voneinander getrennt wurden. Die Reformationsbewegung konnte für die geistige Verbindung zwischen den verschiedenen christlichen Völkern keinen Ersatz anbieten. Nachdem die religiöse und politische Einheit und Solidarität zerbrochen waren und die Völker voneinander getrennt wurden, begannen sie, verstreut ihre eigenen unabhängigen Nationalstaaten zu errichten. Die Sprache und Literatur jedes Volkes begannen sich unabhängig voneinander zu entwickeln. Die wirtschaftlichen Interessen jedes Volkes schienen sich von denen der anderen benachbarten Völker zu unterscheiden. So begann sich auf ethnischer, politischer, wirtschaftlicher und kultureller Grundlage eine neue Nationalität herauszubilden. Sie nahm den Platz des Gefühls ethnischer Vornehmheit sowie von Hass und Feindschaft ein. Danach begannen Konflikt und Wettbewerb (Competition) zwischen den verschiedenen Völkern hervorzutreten. Kriege und Kämpfe brachen aus. Ein Volk begann, die Interessen eines anderen Volkes bedenkenlos anzugreifen. Es trieb Unterdrückung und Ausbeutung bis zum Äußersten. Dadurch verstärkte sich die Verbitterung innerhalb der Vorstellungen von Nationalität immer mehr. Auf diese Weise verwandelte sich das Nationalgefühl (sence of Nationality) in „Nationalismus“ (Nationlism).

Der Nationalismus in Europa entwickelte und entfaltete sich erst nach der Entstehung heftiger Rivalität und Konflikte mit den benachbarten Völkern; daher schlossen sich zwangsläufig die folgenden vier Denkweisen in ihm zusammen: Erstens: nationaler Adel und Nationalstolz. Dadurch wird ein Mensch zum blinden Verehrer der nationalen Traditionen und Besonderheiten seines eigenen Volkes. Er beginnt, sein eigenes Volk in jeder Hinsicht für höher, fortschrittlicher und überlegener als alle anderen Völker zu halten. Zweitens: nationale Überheblichkeit. Dadurch muss der Mensch sich über Recht und Unrecht hinwegsetzen und unter allen Umständen nur das eigene Volk unterstützen. Drittens: der Gedanke des nationalen Schutzes. Um die tatsächlichen und vermeintlichen Interessen des Volkes zu schützen, zwingt er dieses zu zahlreichen Maßnahmen, angefangen bei der Landesverteidigung bis hin zum Angriff auf fremde Staaten. Zum Schutz der wirtschaftlichen Interessen wird es unerlässlich, die Einfuhr- und Ausfuhrzölle zu senken oder zu erhöhen, die Einwanderung von Angehörigen anderer Völker zu kontrollieren, Menschen anderer Völker innerhalb der eigenen Landesgrenzen den Zugang zu Erwerbsarbeit und Bürgerrechten zu versperren, zum Schutz des Landes eine übermäßige militärische Stärke anzustreben und zum Schutz des eigenen Landes und Volkes in fremde Staaten vorzudringen. Viertens: nationaler Hochmut und Überlegenheitsgefühl (National Aggrandisment). Dies erweckt in jedem fortschrittlichen und mächtigen Volk den Gedanken, die anderen Völker der Welt zu übertreffen und zu beherrschen. Es bringt es dazu, seinen eigenen Wohlstand auf Kosten des Geldes anderer Völker zu mehren. Das mächtige Volk hält sich für verpflichtet, Zivilisation und Kultur unter den unterentwickelten Völkern zu verbreiten, und glaubt, es habe ein angeborenes Recht, die natürlichen Reichtümer anderer Länder zu nutzen; so beutet es die schwachen Völker aus.

Berauscht von diesem Nationalismus in Europa verkündete der eine: „Deutschland über alles“, ein anderer behauptete: „Amerika ist Gottes eigenes Land.“ Einer sagte: „Italiener zu sein ist der Kern der Religion.“ Aus dem Mund eines anderen hörte man die Erklärung: „Das angeborene Recht zu herrschen gehört ausschließlich den Briten.“ So vertritt jeder Nationalist diese Auffassung wie einen Glaubenssatz: „Mein Land, ob es recht oder unrecht hat“ (My country Wrong or right). Tatsächlich hat dieser Wahn des Nationalismus die Menschheit der heutigen Welt grausam verflucht. Er ist für die menschliche Zivilisation äußerst gefährlich. Er verwandelt den Menschen gegenüber allen Menschen außerhalb des eigenen Volkes in ein wildes Tier.

Nicht schon die Liebe zum eigenen Volk und der Wunsch, es frei, wohlhabend und fortschrittlich zu sehen, werden Nationalismus genannt. Denn an sich ist dies zweifellos ein edler Gedanke. Tatsächlich ist es jedoch nicht die Liebe zum eigenen Volk, sondern Feindschaft, Hass, Neid, Groll und der Drang nach Vergeltung gegenüber fremden Völkern, die diesen Nationalismus hervorbringen und ihn nähren. Die durch die Angriffe des Nationalismus verletzte Gesinnung und der unterdrückte nationale Wahn entzünden im Herzen des Menschen eine Art Feuer; und gerade dieses Feuer ist in Wirklichkeit die Lebensquelle des Nationalismus. Dieses Feuer überschreitet sogar das große und heilige Gefühl der Vaterlandsliebe, das durch das vom Hochmut geprägte Denken dieses barbarischen Zeitalters verkörpert wird, und verwandelt es in etwas Unreines. In jedem einzelnen Volk erwacht dieses Gefühl zunächst, um Vergeltung für eine tatsächliche oder vermeintliche Unterdrückung durch fremde Völker zu üben. Da ihm jedoch keine moralischen Vorschriften, keine geistige Unterweisung und nicht die Scharia Allahs den Weg weisen, überschreitet es seine Grenzen und bringt Imperialismus (Imperialism), Wirtschaftsnationalismus (Economic Nationalism), ethnischen Hass, Kriege und internationale Katastrophen hervor. Ein namhafter Schriftsteller der modernen Zeit, Francis W-Cocker, hat geschrieben:

„Manche nationalistischen Schriftsteller behaupten, dass nur fortschrittlichen Völkern das Recht zustehe, ein freies Leben zu führen …… jenen, die über einen höheren kulturellen und geistigen Reichtum verfügen. Ihre Argumentation lautet, dass das Recht und die Pflicht eines zivilisierten Volkes höheren Ranges nicht nur darin bestehen, seine eigene Freiheit zu bewahren und seine inneren Angelegenheiten ohne Einmischung anderer zu regeln, sondern dass es auch zu seinem Recht und seiner Pflicht gehört, seinen Einfluss und seine Herrschaft über die vergleichsweise unterentwickelten Völker auszudehnen – selbst wenn dafür Gewalt angewendet werden muss. Sie sagen, jedes fortschrittliche Volk besitze eine weltweite Bedeutung; es habe keineswegs das Recht, seine inneren Fähigkeiten und Begabungen nur im Boden des eigenen Landes Wurzeln schlagen zu lassen oder sie aus Selbstsucht ausschließlich zur eigenen Entwicklung einzusetzen. ….. Tatsächlich wurde gerade eine solche Denk- und Argumentationsweise im letzten Abschnitt des neunzehnten Jahrhunderts zur Unterstützung des Imperialismus den imperialistischen Politiken Europas und Amerikas zugrunde gelegt – dies wird mit genau solchen Argumenten dargelegt.“

Er schrieb ferner: „Noch immer wird gesagt, dass eine große Nation, wenn sie angegriffen wird, nicht nur das Recht zur Verteidigung besitzt, sondern auch das Recht, jede Handlung abzuwehren, die ihrer freien Lebensweise und ihrem Wohlstand schadet. Der Schutz der eigenen Grenzen, die Unterstellung der eigenen Mittel und Ressourcen unter die eigene Kontrolle und die Sicherung der eigenen Ehre reichen für das Leben einer Nation nicht aus. Um zu überleben, muss sie noch vieles andere tun. Sie muss voranschreiten, sich ausbreiten, ihre eigene militärische Stärke vermehren und ihre nationalen Besonderheiten und ihren Glanz bewahren. Andernfalls wird diese Nation allmählich dem Niedergang entgegengehen und schließlich im internationalen Wettbewerb ihre Existenz verlieren. Je erfolgreicher eine Nation darin ist, ihre eigenen Interessen zu schützen und den Umfang ihres politischen und wirtschaftlichen Einflusses und ihrer Herrschaft auszuweiten, desto größer ist ihr Recht zu überleben. Der Sieg im Krieg ist der deutlichste Beweis dafür, dass eine Nation zu den Tüchtigsten (Fittest) gehört. In den Worten von Dr. Beejhat: ‚Der Krieg bildet Nationen.‘“

Er schrieb anschließend: „Auch Darwins Evolutionstheorie wurde zur Unterstützung dieser Lehren völlig falsch verwendet. Ernest Haeckel (Ernist Haekel) war in Deutschland der erste und bedeutendste einflussreiche ‚Verkünder‘ des Darwinismus! Seine biologischen (Biological) Theorien wandte er mit großer Sorgfalt auf die Philosophie und die Soziologie (Sociology) an. Er betrachtet Egoismus und Selbstvergötterung als ein allgemeines Lebensgesetz und sagt, dieses Gesetz gelte in der menschlichen Gesellschaft als eine Art Einrichtung zur Ausrottung ganzer menschlicher Abstammungslinien. Seiner Ansicht nach gibt es auf der Erde nicht genügend Lebensunterhalt für alle Lebewesen, die dort geboren werden. Daher geht die Abstammungslinie der schwachen Lebewesen zugrunde. Nicht nur deshalb, weil sie im heftigen Kampf und Wettbewerb um die begrenzten Lebensgrundlagen der Erde nicht in der Lage sind, erfolgreich mit den anderen zu konkurrieren, sondern auch deshalb, weil sie keine Möglichkeit besitzen, den siegreichen Vorstößen der starken Lebewesen Widerstand zu leisten. So bezeichnete Karl Pearson den internationalen Konflikt und Kampf als ‚ein Kapitel in der Naturgeschichte der Menschheit‘. Seine Behauptung lautet, dass sich die Entwicklung der menschlichen Zivilisation und Kultur vom Standpunkt der wissenschaftlichen Auffassung des Lebens (Scientific View of Life) im Wesentlichen aufgrund jenes Konflikts und Kampfes vollzieht, der nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern auch zwischen den Nationen dauerhaft besteht. Wenn eine Nation höherer Ordnung die schwachen Nachkommen vernichtet und ihre innere Fähigkeit dadurch steigert, dass sie nur starke Nachkommen hervorbringt, beginnt sie, im Kampf mit anderen Nationen ihre äußere Tüchtigkeit (Fitness) zu entwickeln. In diesem Konflikt werden die schwachen (untüchtigen) Nationen ausgelöscht. Nur die starken Nationen bleiben bestehen. Auf diese Weise schreitet die gesamte Menschheit insgesamt auf dem Weg des Fortschritts voran. Eine solche Nation kann ihre Gleichrangigkeit mit anderen, weiter entwickelten Nationen genau dann beweisen, wenn sie im Handel und Gewerbe um die Beschaffung von Rohstoffen und Nahrungsmitteln ständig mit ihnen wetteifert. Wenn sie beginnt, mit Nationen niedrigerer Stufe in Eintracht zusammenzuleben, muss man annehmen, dass sie ihren Anspruch auf Überlegenheit aufgegeben hat. Wenn sie jene Nationen jedoch vertreibt und selbst deren Land in Besitz nimmt oder ihnen das Recht zu wohnen gewährt und sie im eigenen Interesse nutzt, dann kann gerade dadurch die Überlegenheit einer Nation bewiesen und gefestigt werden. – Recent Political Thought, New York, 1934, S. 443–48.“

Ein anderer Schriftsteller namens Joseph Lighten (Joseph Lighten) schrieb: „Seit dem fünfzehnten Jahrhundert ist die Geschichte der Welt im Wesentlichen eine Geschichte der wirtschaftlichen Konflikte und Kämpfe zwischen den Nationalstaaten. Der wirtschaftliche Nationalismus ist immer mehr zur Ursache der Auseinandersetzungen zwischen den Nationen geworden. Zunächst begannen Wettbewerb und Behinderungen auf dem Gebiet von Handel und Gewerbe. Danach kam es zum Krieg. Die Ausweitung der Herrschaft über Amerika, Afrika, die Inseln der sieben Meere und große Teile Asiens, die Errichtung von Kolonien und die Ausbeutung (Exploitation) der wirtschaftlichen Mittel und Ressourcen dieser Länder – all dies sind lediglich verschiedene Kapitel der Geschichte dieser Plünderung. Zwar hatten sich all diese Vorgänge auch nach dem Untergang der Römer in sehr begrenztem Umfang ereignet, als barbarische Völker sich plündernd hierhin und dorthin zerstreuten. Der Unterschied besteht jedoch darin, dass aus den Trümmern des Römischen Reiches auf religiöser, moralischer und kultureller Grundlage eine internationale Organisation errichtet worden war, während dies in der neuen Welt nicht möglich gewesen ist.“ – Social Philosophies in Conflict, New York, 1937, S. 439

Dieser Schriftsteller schrieb an anderer Stelle: „Wenn eine Nation mit kultureller Einheit politisch unabhängig und wirtschaftlich durch gemeinsame Interessen verbunden ist und in einem solchen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Nationalismus ein Bewusstsein der eigenen Überlegenheit erwacht, tritt der wirtschaftliche Nationalismus zwangsläufig mit großer Heftigkeit hervor. Denn dieser Nationalismus ist die unausweichliche Folge des Konflikts und Kampfes, der zwischen den verschiedenen Nationen der Welt herrscht. Und eben dieser Nationalismus verwandelt sich sehr bald in wirtschaftlichen Imperialismus. Die Nationen kämpfen gegeneinander, um Handels- und Geschäftsmöglichkeiten und Vorteile zu erlangen, und sie stehen miteinander im Konflikt, um ausländische Märkte und die wirtschaftlichen Ressourcen rückständiger Länder in ihre Gewalt zu bringen.“

„Das Problem des politischen und wirtschaftlichen Nationalismus – für das bisher keine Lösung gefunden worden ist – besteht darin, dass einerseits die Existenz eines Nationalstaates für das Wohlergehen und den Nutzen einer Nation unerlässlich ist und nicht nur ihr wirtschaftlicher Wohlstand, sondern auch ihre kulturelle Entwicklung, ihre Bildung, Wissenschaft und Kunst – der Fortschritt in jedem einzelnen Bereich – ganz und gar von der Entwicklung und der Stärkung des Nationalstaates abhängt. Andererseits entsteht unter den gegenwärtigen Bedingungen des Wettbewerbs der wirtschaftliche Nationalismus ganz von selbst. Jede Nation versucht, ihren eigenen Aufstieg auf Kosten der anderen Nationen zu verwirklichen. Dadurch werden zwischen den Nationen gegenseitige Rachsucht, Misstrauen, Furcht und Hass genährt. Von der internationalen Konkurrenz auf wirtschaftlichem Gebiet bis zum militärischen Zusammenstoß auf offenem Schlachtfeld ist der Weg frei und äußerst kurz.“ – Ebd., S. 4–5.

Der Unterschied zwischen dem westlichen Nationalismus und dem islamischen Ideal

Anstatt den westlichen Nationalismus, seine Denkweise und seine Handlungsgrundsätze mit meinen eigenen Worten darzustellen, hielt ich es für weitaus besser, ihn hier in den Worten westlicher Denker darzulegen. Dadurch ist den Lesern durch die Schriften westlicher Gelehrter selbst das wahre Bild des europäischen Nationalismus klar und deutlich vor Augen geführt worden. Aus den oben angeführten Zitaten ist unwiderlegbar erwiesen, dass all jene Vorstellungen und Einbildungen sowie jene Grundsätze und Ideale, auf deren Grundlage der Nationalismus in Europa begründet und entwickelt worden ist, für die Menschheit zweifellos verderblich sind. Diese Grundsätze und Vorstellungen haben den Menschen auf die Stufe der Bestialität und äußerster Grausamkeit geführt. Dadurch wird die Erde Allahs mit Unterdrückung, Qual und Blutvergießen überzogen und die fortschreitende Entwicklung der menschlichen Zivilisation behindert. Das Ziel, für das die von Allah gesandten Propheten seit Anbeginn der Zeit auf der Welt gestrebt und sich bemüht haben, wird durch diesen Grundsatz des westlichen Nationalismus vollständig ausgelöscht. Dieser teuflische Grundsatz steht dem Zweck entgegen, zu dem Allahs Scharia auf die Welt gekommen ist, sowie den moralischen und geistigen Lehren und Idealen, mit denen die himmlischen Bücher herabgesandt wurden. Er macht den Menschen engstirnig, kurzsichtig und neidisch. Er macht die Nationen und Abstammungsgemeinschaften zu erbitterten Feinden und blendet sie gegenüber Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit völlig. Er setzt materielle Macht und animalische Gewalt an die Stelle der moralischen Wahrheit und versetzt damit dem innersten Wesen der göttlichen Scharia einen schweren Schlag.

Es ist das ewige Ziel der göttlichen Scharia, zwischen den Menschen moralische und geistige Beziehungen zu schaffen und sie auf einem weiten und umfassenden Tätigkeitsfeld zu gegenseitigen Helfern und zu Menschen des Mitgefühls zu machen. Der Nationalismus hingegen zerschneidet diese Beziehungen mit dem scharfen Schwert der erblichen, stammesbezogenen und geografischen Diskriminierung, erzeugt nationalen Hass und Feindschaft und verwandelt die Menschen in gegenseitige Feinde und Rivalen.

Das Ziel der göttlichen Scharia besteht darin, möglichst großzügigen Raum für die Herstellung freier Beziehungen und Verbindungen zwischen den Menschen zu schaffen. Denn die Entwicklung und Festigung der menschlichen Zivilisation und Kultur hängen davon ab. Der Nationalismus errichtet daher bei der Herstellung solcher Beziehungen und Verbindungen ein gewaltiges Hindernis. Infolgedessen wird es für Angehörige einer anderen Nation völlig unmöglich, im von einer Nation beherrschten Gebiet zu leben.

Das Ziel der göttlichen Scharia ist, dass jeder Einzelne, jede Nation und jede Generation volle Gelegenheit und alle Möglichkeiten erhält, ihre natürlichen Eigenschaften und angeborenen Fähigkeiten zu pflegen, damit sie insgesamt ihren Beitrag zur Förderung der Menschheit leisten kann. Der Nationalismus hingegen erzeugt in jeder Nation und in jeder Generation einen Antrieb, durch den sie Stärke erlangt, andere Nationen und Generationen geringschätzt, für wertlos und minderwertig erklärt, sie zu Sklaven macht und ihnen dadurch jede Möglichkeit nimmt, ihre angeborenen Fähigkeiten weiterzuentwickeln und tätig zu sein; vielmehr beraubt er sie letztlich sogar ihres Rechts zu leben.

Das oberste Grundprinzip der göttlichen Scharia lautet, dass die Menschenrechte nicht auf Stärke, sondern auf Moral gegründet werden sollen; ja, ein mächtiger Einzelner oder eine mächtige Gruppe soll die Rechte eines schwachen Einzelnen oder einer schwachen Gruppe durchsetzen, wenn die moralische Ordnung dies unterstützt. Der Nationalismus hingegen stellt diesem Grundsatz entgegen, dass allein die Stärke Recht schafft (Might is right) und der Schwache keinerlei Rechte besitzt, weil er nicht die Macht hat, seine Rechte durchzusetzen.

So wie die göttliche Scharia die Entfaltung der Persönlichkeit innerhalb der Grenzen der Moral nicht ablehnt, lehnt sie auch die Pflege der nationalen Identität nicht ab. Im Gegenteil, die göttliche Scharia unterstützt und fördert sie gerade deshalb. Denn sie will jede Nation durch ihren Fortschritt an ihrem eigenen Platz so fördern, dass sie sich mit Mitgefühl, Hilfe und Wohltätigkeit gegenüber der größeren Menschheit (Humanity at Large) weiterentwickelt und eine Rolle spielt, wie sie der Fluss für das Meer spielt. Der Nationalismus hingegen erzeugt im Menschen eine Haltung, durch die er all seine Kräfte, Fähigkeiten und Talente ausschließlich der Überlegenheit seiner eigenen Nation widmet. Er wird nicht nur der größeren Menschheit nicht helfen, sondern auch nicht davor zurückschrecken, die Interessen der größeren Menschheit auf dem Altar der Interessen seiner eigenen Nation zu opfern. Was im persönlichen Leben der „Eigennutz“ ist, ist im gesellschaftlichen Leben der „Nationenkult“. Ein Nationalist ist von Natur aus engstirnig. Die gesamte Schönheit und alle Vorzüge der Welt sieht er nur in seiner eigenen Nation und seinem eigenen Stamm; in anderen Nationen und Abstammungsgruppen sieht er nichts Wertvolles, das ein Recht auf Fortbestand hätte. Die äußerste Ausprägung einer solchen Haltung sehen wir im Nationalsozialismus Deutschlands. Nach Hitlers Worten lautet die Definition des Nationalsozialismus: „Jener Mensch, der bereit ist, das nationale Ziel und Anliegen so hoch zu erheben, dass für ihn nichts über dem Wohl und dem Nutzen seiner eigenen Nation stehen kann, und der die Bedeutung unseres Nationalhymnenmottos ‚Germany above all‘ – ‚Deutschland über alles‘ – vollständig zu erfassen vermag, das heißt: In dieser gewaltigen, weiten Welt darf es in seinen Augen nichts geben, das wertvoller und ehrenwerter wäre als das deutsche Land und die deutsche Nation. Ein solcher Mensch wird Nationalsozialist sein.“

In seiner Autobiografie „Mein Kampf“ schreibt Hitler: „Alles, was im Universum wertvoll ist – Wissenschaft, Kunst, technischer Fortschritt sowie Erfindungen und Entdeckungen –, ist das Ergebnis des schöpferischen Talents einiger weniger Nationen. Diese Nationen gehören im Wesentlichen derselben Abstammungslinie an. Wenn wir die Menschheit in drei Gruppen einteilen – jene, die Kultur schaffen, jene, die Kultur bewahren, und jene, die Kultur zerstören –, dann wird allein die arische Rasse der ersten Gruppe angehören.“

Auf der Grundlage dieses Rassenstolzes wurde in Deutschland das Leben der Nichtarier eingeschränkt. Darauf gründete sich auch Deutschlands Vorstellung von der Eroberung der Welt. Nach Ansicht eines deutschen Sozialisten besteht die Mission der deutschen Nation in der Welt darin, die Völker niedrigerer Klassen zu vernichten und sie als Werkzeuge zur Verbreitung der Zivilisation einzusetzen. Dies ist jedoch nicht nur eine Besonderheit Deutschlands; auch in den demokratisch gesinnten Vereinigten Staaten von Amerika wird auf dieser Grundlage Rassendiskriminierung betrieben. Weiße Amerikaner sind nicht bereit, schwarze Neger als Menschen anzuerkennen. Dies ist auch die Haltung jeder Nation Europas, ganz gleich, ob es sich um Großbritannien, Frankreich, Italien oder Holland handelt.

Ein unausweichliches Merkmal dieses Nationenkults besteht schließlich darin, dass ein solcher Nationenkult den Menschen zu einem Eigennutzanbeter macht. Die Scharia wurde in die Welt gebracht, um den Menschen zu einem prinzipientreuen Wesen zu machen. Die göttliche Scharia will das Handeln des Menschen zu einem Anhänger solcher unveränderlichen Prinzipien machen, die sich nicht gemeinsam mit den Interessen und Wünschen verändern. Im völligen Gegensatz dazu macht der Nationenkult den Menschen prinzipienlos. Für den Nationenkultischen gibt es auf der Welt außer dem Wunsch nach dem Wohl seiner eigenen Nation keinerlei anderes Prinzip. Wenn die Moralphilosophie, die religiösen Vorschriften und die Zivilisationslehre ihm bei diesem Ziel behilflich sind, wird er freudig behaupten, an diese Prinzipien zu glauben. Wenn sie diesem Weg jedoch im hinderlich sind, wird er sie opfern und eine andere Prinzipien- und Weltanschauung annehmen.

Im Lebenslauf Mussolinis sehen wir ein vollständiges Beispiel für den Charakter eines Nationalisten. Vor dem Weltkrieg war er Sozialist. Während des Weltkriegs trennte er sich von den Sozialisten lediglich deshalb, weil er erkannte, dass Italiens nationales Interesse gerade in der Teilnahme am Krieg lag. Als Italien jedoch unter den im Krieg errungenen Gütern nicht den von ihm gewünschten Nutzen erlangte, hisste er das Banner der faschistischen Bewegung. Auch in dieser neuen Bewegung änderte er wiederholt seine Grundsätze. 1919 war er ein liberaler Sozialist, 1920 wurde er Anarchist beziehungsweise Diktator. 1921 war er einige Monate lang Gegner der sozialistischen und demokratischen Gruppen; einige Monate lang versuchte er, mit ihnen eine Einigung herbeizuführen. Schließlich trennte er sich von ihnen und entwickelte eine neue Grundsatzposition. Ein derartiger wiederholter Farbwechsel, diese Prinzipienlosigkeit und diese eigennützige Haltung sind jedoch nicht ausschließlich Mussolinis besondere Merkmale. Vielmehr sind sie die natürliche Eigenart des nationalistischen Wesens. Was ein selbstsüchtiger Mensch in seinem persönlichen Leben tun kann, genau das kann ein Nationalist im nationalen Leben tun. Es ist ihm unmöglich, unabhängig an irgendeine bestimmte Grundsatzlehre zu glauben.

Doch der Konflikt zwischen dem Nationalismus und der göttlichen Scharia tritt noch in einer anderen Hinsicht besonders offen zutage. Es ist offensichtlich, dass jeder Prophet, der von Allah gesandt wird, in irgendeinem Land geboren werden muss. Ebenso wird das Buch, das jenem Propheten gegeben wird, zwangsläufig in der Sprache des Landes verfasst sein, in dem er entsandt wurde. Ferner werden die Orte, die mit der Mission jenes Prophetentums verbunden sind, zu Stätten der Ehre und Würde; auch diese Orte werden sich größtenteils in eben jenem Land befinden.

Doch trotz dieser Begrenzungen bleibt die Wahrheitsbotschaft und die Lehre der Hidaya, mit der ein Prophet von Allah kommt, nicht auf irgendein Land oder Volk beschränkt. Vielmehr gilt sie allumfassend für alle Menschen, und der gesamten Menschheit wird befohlen, an jenen Propheten und das von ihm vorgelegte Buch zu glauben. Ob die Mission eines Propheten begrenzt ist, wie die von Hūd und Ṣāliḥ, Friede sei mit ihnen, sowie die vieler anderer, oder umfassend, wie die von Ibrāhīm und Muḥammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihnen – unter allen Umständen waren alle Menschen dazu verpflichtet, an alle Propheten zu glauben und sie zu ehren. Wenn die Mission eines Propheten weltumspannend ist, ist es selbstverständlich, dass das von ihm vorgelegte Buch internationalen Rang erlangt, dass sein kultureller Einfluss international wird und dass seine heiligen Stätten trotz ihrer Lage in einem bestimmten Land internationale Bedeutung gewinnen. Nicht nur jener Prophet, sondern auch seine Gefährten und die ersten Menschen, die sich an der Verbreitung und Förderung seiner Mission maßgeblich beteiligten, werden trotz ihrer Zugehörigkeit zu einem Volk unter allen Völkern als Helden bezeichnet werden. All dies widerspricht dem Wesen, dem Geschmack, den Gefühlen, der Philosophie und der Sichtweise eines Nationalisten. Das Nationalgefühl eines Nationalisten kann keineswegs akzeptieren, dass er Menschen als Helden anerkennt, die nicht seinem eigenen Volk angehören, dass er einen Ort, der nicht zu seiner Heimat gehört, als heiliges Zentrum annimmt oder den kulturellen Einfluss einer Sprache anerkennt, die nicht seine eigene ist. Er wird sich von all jenen Überlieferungen geistig inspirieren lassen, die aus dem Ausland stammen. Diese Dinge wird er nicht nur als fremd bezeichnen, sondern sie mit jenem Hass und jener Unduldsamkeit betrachten, mit der alles betrachtet wird, was von ausländischen Angreifern kommt. Er wird versuchen, alle äußeren Einflüsse aus dem Leben seines eigenen Volkes zu entfernen. Die natürliche Forderung des Antriebs seines Nationalgefühls besteht gerade darin, alle Gefühle von Ehre und Würde ausschließlich mit dem Boden der Heimat zu verbinden und Loblieder auf die Flüsse, Bäche und Gebirge der Heimat zu singen. Er wird die alte Geschichte und das alte Erbe seines Volkes lebendig machen (jene Überlieferungen, die die fremde Religion als das Zeitalter der Jāhilīya bezeichnet) und darauf stolz sein. Er wird seine Gegenwart mit der Vergangenheit verbinden und seine eigene Kultur mit der Kultur seiner Vorfahren. Die historischen oder legendären Großen seines Volkes wird er als Helden annehmen und aus ihren tatsächlichen oder legendären Taten geistige Inspiration schöpfen.

Kurz gesagt gehört es zum unverfälschten Wesen des Nationalismus, dass er sich von allem Fremden abwendet und sich dem zuwendet, was aus dem eigenen Haus stammt. Das Endziel, zu dem dieser Weg führt, besteht darin, auch die fremde Religion endgültig abzulehnen und jene religiösen Überlieferungen wiederzubeleben, die ein Nationalist aus dem Zeitalter der Jāhilīya seines eigenen Volkes übernommen hat. Vielleicht werden viele Nationalisten das Endziel überhaupt nicht erreichen und auf einer Zwischenstufe stehen bleiben; doch der Weg, den sie beschreiten, führt in diese Richtung.

Was heutzutage in Deutschland geschieht, ist eine vollständige Erklärung und Entfaltung dieses natürlichen Merkmals des Nationalismus. Eine Gruppe von Nazis bekundet sogar offen ihren Unwillen gegenüber Jesus, Friede sei mit ihm, weil er jüdischer Abstammung war. Schon die Tatsache, dass jemand Jude ist, genügt einem Verehrer der arischen Abstammung, um seinen gesamten kulturellen, moralischen und geistigen Wert und seine Bedeutung zu leugnen. Deshalb sagen die Angehörigen dieser Gruppe ohne Weiteres: „Der Messias war ein proletarischer Jude. Er war ein Vorläufer von Marx. Deshalb sagte er, dass die Besitzlosen und völlig Mittellosen die Erben der Erde sein werden.“ Andererseits beweisen jene Nazis, die in ihrem Herzen noch einen Platz für den Messias haben, dass er nordischer Abstammung gewesen sei. Es scheint also, dass ein deutscher Nationalist den Messias entweder überhaupt nicht anerkennt, weil er Jude war, oder dass er, falls er ihn anerkennt, nicht den israelitischen Messias anerkennt, sondern einen Messias nordischer Abstammung. Unter allen Umständen steht seine Religion unter der Herrschaft der Abstammungsverehrung. Kein die eigene Nation vergötternder Deutscher ist bereit, einen Nichtarier als Führer der geistigen und moralischen Zivilisation anzuerkennen. Die äußerste Wahrheit ist, dass für den deutschen Nationalisten selbst jener Gott nicht annehmbar ist, dessen Vorstellung aus dem Ausland eingeführt wurde. Einige Kreise der Nazis versuchen, die Götter wiederzubeleben, die der germanische Stamm der Teutonen in alter Zeit verehrte. Deshalb wurde nach gründlicher Durchforschung der alten Geschichte eine vollständige Erzählung über die Götter und Göttinnen zusammengestellt. Und den Gott namens Wotan, den die Angehörigen des teutonischen Stammes im alten Zeitalter der Jāhilīya als Gott der Flut anerkannten, erkennen sie als den höchsten Gott an. Diese religiöse Bewegung hat gerade erst begonnen. Doch auch in der Ausbildung, die den Nazi-Jugendlichen heutzutage staatlich vermittelt wird, wird Gott nicht als Rabb al-ʿĀlamīn, sondern lediglich als Rabb al-Almāniyyīn, das heißt als Gott der Deutschen, anerkannt. Der Wortlaut dieses Glaubensbekenntnisses lautet: „Wir glauben an Gott als denjenigen, der die ursprüngliche Quelle von Kraft und Leben ist, auf der Erde und in der Schöpfung ……. Für den deutschen Menschen ist die Vorstellung von Gott angeboren. Unsere Vorstellungen von Gott und Ewigkeit werden in keiner Weise mit den Vorstellungen irgendeines anderen religiösen Glaubens übereinstimmen. Wir glauben, dass das deutsche Volk und Deutschland anfangslos sind. Denn wir glauben, dass Kraft und Leben anfangslos sind. Wir glauben an die nationalsozialistische Auffassung vom Leben. Wir glauben, dass unser nationales Ziel wahr ist. Wir glauben an unseren Führer Adolf.“

Das heißt: Gott ist der Name einer Kraft und eines Lebens, die in das deutsche Volk eingedrungen sind, und das deutsche Volk ist die Offenbarung dieses Gottes auf Erden. Hitler ist der Gesandte dieses Gottes. Und das nationale Ziel und Bestreben ist die von diesem Gesandten dargelegte Religion. Wenn zwischen der religiösen Vorstellung und der Denkweise eines Nationalisten überhaupt eine Übereinstimmung besteht, dann einzig darin.

Die Folgen des westlichen Nationalismus

Wenn der Nationalismus in der europäischen Politik weiterentwickelt wird, wird er letztlich an diesem Punkt zur Ruhe kommen. Diejenigen, die sich noch auf halbem Wege befinden und dieses äußerste Ziel noch nicht erreichen konnten, konnten es nur deshalb nicht erreichen, weil der Antrieb ihres Nationalismus noch nicht von einem solchen Schlag getroffen wurde, wie ihn Deutschland infolge des Weltkriegs erlitt. Doch seien Sie versichert: Sobald sie den Weg des Nationalismus eingeschlagen haben, wird ihr letztes Ziel unvermeidlich die äußerste Dschāhilīya sein, die nicht eher zur Ruhe kommt, als bis sie selbst Gott und die Religion national gemacht hat. Das ist es, was das Wesen des Nationalismus fordert. Wer kann sich, wenn er am Nationalismus festhält, seiner natürlichen Konsequenz entziehen? Überlegen Sie: Was ist es, das die Bewegung eines ägyptischen Nationalisten, sobald er nationalistische Gedanken übernimmt, ganz von selbst auf die Pharaonen Ägyptens ausrichtet? Was einen Iraner für die Helden der Geschichten des Schāhnāme begeistert? Was einen Hindustani in Richtung der „alten Zeit“ zieht und ihn dazu bringt, die Heiligkeit von Ganges und Yamuna zu besingen? Was einen Türken zwingt, den arabischen Einfluss aus jedem Bereich seiner Sprache, Literatur und seines zivilisatorischen Lebens zu entfernen, und ihn in jedem Bereich zur Rückkehr zu den türkischen Überlieferungen des dschāhilitischen Zeitalters anspornt und begeistert? Das gesamte Interesse eines Menschen, in dessen Geist der Same des Nationalismus gesät wurde, wird auf den Bereich der Nationalität beschränkt, und er wendet sich von allem außerhalb dieses Bereichs ab – welche andere psychologische Beschreibung könnten Sie dafür geben?

Bei der Abfassung dieses Aufsatzes liegt mir ein Artikel des Generaldirektors der Presse in Ankara vor, der den Titel „Die türkische Frau in der Geschichte“ trägt. Die einleitenden Sätze des Artikels lauten: „Bevor wir erörtern, welchen gehobenen und ehrenvollen Platz unsere neu entstandene Demokratie den türkischen Frauen zu geben bestrebt ist, sollten wir zunächst einen Blick darauf werfen, wie das Leben der türkischen Frauen in den verschiedenen Epochen im Verlauf der Geschichte aussah. Diese kurze Übersicht macht deutlich, dass das, was heute unter den türkischen Männern zu beobachten ist, in unserer nationalen Geschichte nichts Neues darstellt. Daraus wird auch ersichtlich, dass die türkischen Frauen an jeder zivilisatorischen Bewegung teilnahmen, solange die türkische Familie und die türkische Zivilisationsordnung von äußeren Einflüssen frei waren. Unser berühmter Soziologe Ziya Gökalp hat zu diesem Thema umfangreiche Forschungen angestellt. Durch seine Forschungen erfahren wir von vielen Rechten, die die türkischen Frauen in der alten Zivilisation, also im dschāhilitischen Zeitalter der Türkei, erworben hatten. Aus diesen Belegen wird deutlich, dass zwischen der damaligen und der heutigen türkischen Frau hinsichtlich ihrer zivilisatorischen und politischen Freiheit eine tiefe Ähnlichkeit besteht.“

Beachten Sie die oben angeführten Sätze. Wie ein türkischer Nationalist den Abschnitt seiner Geschichte abwendet, in dem seine Nation unter fremde Herrschaft geriet, und wie er für seine Gegenwart die Vergangenheit als „bestes Vorbild“ annimmt, sobald seine Nation von diesem fremden Einfluss befreit war. So führt der Nationalismus den menschlichen Geist vom Islam zur Dschāhilīya. Ziya Gökalp, der im Grunde der geistige Vater der modernen Türkei auf dem Gebiet von Zivilisation und Kultur ist, ist derjenige, dessen vorgezeichnetem Weg die türkische Nation heute folgt. In den Worten von Halide Edib Hanım heißt es über ihn: „Er möchte eine Türkei schaffen, die die Lücke zwischen den osmanischen Türken und ihren turanischen Vorfahren ausfüllen kann. … Auf der Grundlage der Informationen, die er über die politische und zivilisatorische Organisation der Türkei in der vorislamischen Zeit geliefert hat, möchte er zivilisatorische Reformen durchführen. Er war fest davon überzeugt, dass der Islam, den die Araber begründet haben, nicht zu unseren Verhältnissen passt. Wenn wir nicht in das Zeitalter der Dschāhilīya zurückkehren wollen, müssen wir eine religiöse Reform durchführen, die mit unserem Wesen und unserer Natur übereinstimmt.“

Diese Worte stammen nicht von irgendeinem westlichen Propagandisten, der die Türken verleumden will, sondern von einer nationalistischen türkischen Frau. In diesen Worten können Sie deutlich erkennen, wie, sobald die Verehrung der Nation auf der einen Seite in das Denken der Muslime einzudringen beginnt, der Islam auf der anderen Seite hinausgedrängt wird. Das gilt nicht nur für die Türken: Jeder Muslim, der sich mit dem Satan des Nationalismus versöhnt, muss dem Engel des Islam zum Abschied die Hand reichen. Vor Kurzem hat ein gewisser „muslimischer“ Dichter aus Hindustan ein vaterländisches Loblied verfasst. Darin richtet er sich an Mutter Indien und sagt: Anmerkung: Hier folgen einige Urdu-Zeilen.

Sinngemäß: Du bist der Speicher dessen, dessen Wasser Nektar ist,

Du bist der Speicher dessen, dessen Körner Elektrizität sind,

Die Mine, deren Kieselsteine Diamanten sind – du bist diese Mine,

du bist der Garten, durch den die Welt zum Paradies wird,

du bist der Wohnsitz der Götter und Göttinnen,

durch unsere Niederwerfungen werden wir dich zur Kaaba machen.

Kann nach der Lektüre des letzten Verses noch irgendein Zweifel daran bestehen, dass Islam und Nationalismus zwei völlig gegensätzliche Dinge sind? Es ist völlig unmöglich, dass diese beiden Dinge mit ihren gegensätzlichen Mentalitäten an einem Ort zusammenkommen. Im Grunde ist der Nationalismus selbst eine Glaubensrichtung, die der göttlichen Scharia widerspricht. Ja, tatsächlich beansprucht der Nationalismus, die Lebensbereiche des Menschen unter seine Herrschaft zu bringen, während die göttliche Scharia eben diese Bereiche und Abteilungen ihrer eigenen Zuständigkeit unterstellen will. Für einen vernünftigen Menschen bleibt daher nur eine Möglichkeit: Er muss einen der beiden Anspruchsteller auf Geist und Verstand sowie auf Leib und Leben annehmen und sich ihm ausliefern; und sobald er bei dem einen Zuflucht gefunden hat, darf er nicht einmal mehr den Namen des anderen über seine Lippen bringen.

 

Unter dem Fluch welchen Nationalismus ist die Welt gefallen?

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Menschen in der heutigen Zeit nur einen erprobten Weg zu Freiheit, Fortschritt und Ansehen kennen. Und das ist dieses Rezept des Nationalismus. Deshalb eilt jedes Volk, das nach Fortschritt strebt, gerade in diese Richtung. Doch bevor auch wir dorthin eilen, wohin wir andere eilen sehen, sollten wir darüber nachdenken, warum die Welt heute in diesem Zustand ist. Die Welt ist heute nur deshalb in diesen Zustand geraten, weil ihr die Kraft fehlt, die Hoffnungen und Wünsche des Einzelnen und der Gemeinschaft zu lenken, die Macht, Hoffnungen, Wünsche, Ansporn und Begeisterung innerhalb rechtmäßiger Grenzen zu halten, die Kraft, die Bemühungen und das Streben auf den geraden Weg zu führen, eine vernünftige und intellektuelle Bildung sowie ein moralisches Wissen, das den richtigen und unfehlbaren Weg zum Erlangen von Freiheit, Fortschritt, Ehre und Würde weisen könnte. Wegen dieses Mangels an Kraft und Grundsätzen sind die verschiedenen Völker der Welt heute vom rechten Weg abgeirrt. Wegen dieses Mangels an Prinzipien und Moral hat man heute zahlreiche Völker in Richtung Unwissenheit, geistiger Engstirnigkeit, Unterdrückung und Ungerechtigkeit gedrängt. Der Grund dafür, dass auch die Hindus, Sikhs, Parsen und andere Völker unseres Landes heute die nationalistischen Vorstellungen des Westens übernehmen, liegt darin, dass auch sie in dieser Angelegenheit einer richtigen Führung beraubt sind. Wenn es irgendwo eine Heilung für diese Gefahr und eine Behebung dieser Verirrung geben kann, dann nur in Allahs Gesetz. Und in der Welt sind allein die Muslime jene Gemeinschaft, die Allahs Scharia vertritt. Daher müssen sie voranschreiten und die Wurzeln jener aus Unwissenheit hervorgegangenen Vorstellungen abschneiden, die wie ein Waldbrand voranschreiten, um die ganze Welt zu verschlingen. Ihre Pflicht ist es, jeder Nation und Volksgruppe der Welt mit eindringlicher Stimme bekannt zu geben: Für euch liegt nicht nur der Weg zu Freiheit, Fortschritt, Ehre und Würde, sondern zugleich auch der Weg zu Frieden, Sicherheit, wahrhaftigem Wohlstand und echtem Fortschritt allein in dem, was Allah durch Seinen Gesandten gebracht hat. Der Weg, den euch der Anführer von Zerstörung und Verderben auf Geheiß des Satans weist, ist nicht der Weg wahrer Befreiung und wahren Wohlstands.

Doch die größte Tragödie, das heißt das größte Unglück unserer Zeit, besteht darin, dass jene muslimische Gemeinschaft, die die Welt vor Zerstörung, Verirrung und Irreleitung bewahren kann und die Allah mit der Aufgabe ausgesandt hat, die Mission der Propheten, Friede sei mit ihnen, auf der Welt zu begründen und zu verbreiten, heute ihre eigene Verantwortung vergessen hat. Statt die in der Dunkelheit umherirrende und versinkende Welt mit der Fackel der Rechtleitung zu erleuchten, ist sie heute selbst bereit, hinter den irregeleiteten Völkern herzueilen. Es ist bedauerlich, dass es in diesem Krankenhaus einst nur einen einzigen Arzt gab – und nun droht auch dieser Arzt sich den Kranken anzuschließen!

Welche wunderbaren Worte hat der Dichter gesprochen: „Eine frohe Botschaft für den Tod: Isa selbst ist leidend.“

Nationalismus und Indien

Durch die vorangegangene grundsätzliche Erörterung haben wir nachgewiesen, dass die regionale Nationalität aus sozialwissenschaftlicher Sicht mit dem islamischen Ideal unvereinbar und ihm völlig entgegengesetzt ist. Wenn man also unter einem Muslim einen Menschen versteht, dessen gesamtes Leben vom islamischen Blickwinkel geprägt ist, und unter Muslim nichts anderes versteht, dann wird es für einen Muslim ganz selbstverständlich zur Pflicht, sich der regionalen Nationalität zu widersetzen, ganz gleich, wo und unter welchen Umständen er sich befindet – ihr zu widerstehen ist seine unabdingbare Pflicht. Dann kann es hinsichtlich der Rolle, die ein Muslim gegenüber einem auf ein bestimmtes Land oder eine bestimmte Region gegründeten beziehungsweise regionalen Nationalismus in einem bestimmten Land oder Gebiet einnehmen wird oder einnehmen kann, keinen besonderen Anlass zu einer Debatte geben. Dennoch wird von uns wiederholt gefordert, den indischen Nationalismus (oder den bengalischen Nationalismus) zu unterstützen. Daher ist es notwendig geworden, im Hinblick auf die Verhältnisse im (unteilbaren) Indien zu prüfen und zu analysieren, welche Folgen der Nationalismus hier haben könnte und ob dadurch irgendeine Aussicht auf Befreiung Indiens – und damit der indischen Muslime – besteht.

Die grundlegenden Elemente des Nationalismus

Damit sich in einem Land ein Nationalismus herausbilden kann, muss dort bereits zuvor eine Nationalität vorhanden sein – oder, falls dies nicht der Fall ist, zumindest die Möglichkeit ihres Entstehens bestehen. Denn wo grundsätzlich keine Nationalität vorhanden ist, kann unter dem Volk kein Geist der Nationenverehrung entstehen. Ein anderer Name für Nationalismus ist eben der Geist der Nationenverehrung. Wenn der grundlegende Funke fehlt, wie sollte daraus ein Feuer auflodern können? Doch welche Art von Nationalität muss vorhanden sein, damit das Feuer des nationalistischen Geistes entzündet werden kann?

Eine Art von Nationalität besteht im politischen Sinne; das ist die politische Nationalität (Political Nationalism). Das heißt: Menschen, die unter ein und derselben Staatsordnung leben, können allein im Hinblick auf ihre politische Einheit als „eine Nation“ betrachtet werden. Für eine solche Nationalität ist es keineswegs erforderlich, dass die Gefühle, Empfindungen, Gedanken und Überzeugungen, Weltanschauungen, moralischen Wertvorstellungen und Sichtweisen, Traditionen und Geschichte, Sprache, Literatur sowie Lebensweise und Lebensführung aller daran beteiligten Menschen übereinstimmen. Obwohl diese Menschen in all diesen Hinsichten verschieden sind, kann man davon ausgehen, dass unter ihnen eine politische Nationalität besteht. Und solange sie politisch und staatlich geeint bleiben, wird auch diese Nationalität genau so lange fortbestehen. Selbst wenn ihre verschiedenen Gesellschaften unterschiedlich und einander entgegengesetzt werden – ja, selbst wenn ihre Ziele, Absichten und nationalen Antriebe miteinander in Konflikt geraten und sie deshalb tatsächlich gegeneinander vorgehen –, wird ihre politische Nationalität dennoch dieselbe bleiben. Eine solche Nationalität kann zwar als Nationalität bezeichnet werden; doch muss man feststellen, dass hier der Geist und die Eigenschaften, die für die Herausbildung einer wirklichen Einheit als Nation erforderlich sind, vollständig fehlen.

Eine andere Art von Nationalität ist die kulturelle Nationalität (Cultural Nationalism). Diese Nationalität kann nur unter Menschen gefunden werden, die dieselbe Religion, dieselben Gedanken und Weltanschauungen, dieselben Gefühle und Empfindungen sowie dieselben Wertvorstellungen haben, bei denen sich dieselbe Art moralischer Eigenschaften findet, die in den wichtigen Angelegenheiten des Lebens dieselbe Art von Anteilnahme und dieselbe Sichtweise vertreten und unter deren Einfluss sich im kulturellen und gemeinschaftlichen Leben dieselbe geistige Haltung zum Ausdruck bringt. Die Maßstäbe zur Bestimmung von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Haram und Halal sowie des Reinen und Unreinen und dergleichen sind gleich. Diese Menschen erfassen die Empfindungen des jeweils anderen zutiefst und sind mit den Gewohnheiten, dem Charakter und den Interessen des jeweils anderen eng vertraut. Über die Freude des einen freuen sich die anderen, und das Leid und die Not des einen empfinden die anderen als ihr eigenes Leid und ihre eigene Not. In ihrer Gesellschaft bilden sich umfassende und tiefe Beziehungen des Blutes und des Herzens heraus. Sie werden durch dieselbe Art historischer Überlieferung angeregt und inspiriert. Kurz gesagt: In geistiger, spiritueller, moralischer, sozialer und gemeinschaftlicher Hinsicht werden sie zu einer Gruppe, einer Gesellschaft und zu einer einzigen unteilbaren Gemeinschaft. Nur auf der Grundlage eines solchen Geistes können unter Menschen nationaler Antrieb und nationales Erwachen entstehen, und nur dies kann die Grundlage der Nationalität bilden. Nur in einer solchen Gesellschaft können eine nationale Gestalt, eine nationale Prägung und ein einheitliches nationales Ideal gehegt, gepflegt und fortentwickelt werden. Dies schafft später die Einheit als Nation und erweckt das gemeinsame Bewusstsein der Nationalität (das nationale Selbst). Eine regionale oder auf ein Land gegründete Einheit als Nation bringt für einen solchen Geist den Totenschein.

Wie kann durch den indischen Nationalismus Befreiung kommen??

Wenn man angesichts der dargelegten Analyse die Verhältnisse in Indien prüft, wird man mit Gewissheit erkennen können, ob die genannten Grundlagen des Nationalismus hier vorhanden sind oder nicht. Eine politische Nationalität ist in Indien zweifellos vorhanden, denn die Bewohner dieses Landes leben unter derselben Regierungsordnung. Für ihr soziales und wirtschaftliches Leben gelten dieselben Gesetze, und sie alle werden von ein und derselben eisernen Macht in harten Fesseln gefangen gehalten. Doch wie ich bereits gesagt habe, reicht eine bloß politische Nationalität nicht aus, um Nationalismus hervorzubringen. Eine solche Nationalität gab es auch in Australien, Ungarn, Großbritannien, Irland und vielen anderen Reichen. Noch heute besteht sie in vielen Ländern. Doch sie hat in keinem Land Nationalismus hervorgebracht. Auch ein Zusammenschluss zum Zweck der Erlangung der Freiheit oder das gemeinsame Ertragen von Leid, Not und Gefahren kann Nationalismus hervorbringen. Jeder sehende Mensch kann jedoch auf den ersten Blick erkennen, dass unter den Bewohnern Indiens keinerlei kulturelle Nationalität vorhanden ist.

Wenn dies tatsächlich der Sachverhalt ist, welchen Nutzen hat es dann, vom Nationalismus zu sprechen? Wo die Mutter überhaupt nicht existiert, was kann dort die Erwähnung des Kindes anderes sein als Torheit! Dennoch müssen diejenigen, die davon träumen, in diesem Land den Nationalismus zu errichten, genau wissen, dass dieses „Kind“ nur im Schoß einer kulturellen Nationalität geboren werden kann. Und bevor es geboren wird, muss zuvor unbedingt seine Mutter geboren werden. Nachdem sie diese Wahrheit erkannt haben, müssen sie ihre Forderung zwangsläufig ändern; noch bevor sie in Indien den Namen dieser Nationalität nennen, müssen sie sich der Schaffung einer kulturellen Nationalität widmen. Andernfalls ist die Geburt einer indischen Nationalität überhaupt nicht möglich.

Wie kann ein indischer Nationalismus entstehen??

Daher ist es äußerst wichtig, die Entstehung eines kulturellen Nationalismus in Indien und seine möglichen Folgen zu erörtern.

Tatsächlich kann es in einem Land, in dem verschiedene kulturelle Nationalitäten existieren, nur zwei Wege zur Entstehung eines Nationalismus geben: Erstens kann die Zivilisation und Kultur einer Nation die Zivilisation und Kultur aller anderen Nationen verschlingen. Oder zweitens kann durch die enge gegenseitige Verbindung und Vermischung aller eine alle Nationen umfassende, gemeinsame Zivilisation geschaffen werden.

Der erste Weg bedarf hier keiner Erörterung. Denn die Führer des indischen Nationalismus haben es nicht zu ihrem Ziel gemacht, auf diese Weise vorzugehen. Wer jedoch eine „hinduistische Nationalität“ oder einen „muslimischen Nationalismus“¹ schaffen will, kann diesen Weg einschlagen. Die gesamtindischen Nationalisten können ausschließlich den zweiten Weg beschreiten. Deshalb erörtern sie häufig die Schaffung einer neuen Nationalität durch die Vermischung der verschiedenen Nationen dieses Landes. Doch ihre kindischen Äußerungen lassen vermuten, dass sie die eigentliche Bedeutung einer kulturellen Nationalität überhaupt nicht verstanden haben. Auch über die Regeln und Grundsätze, nach denen eine Vermischung solcher Nationalitäten erfolgen kann, sind sie nicht im Geringsten informiert. Ebenso haben sie keine Vorstellung davon, welche Art von Nationalität aus einer solchen Vermischung hervorgehen könnte. Sie halten diese Aufgabe für ein „Kinderspiel“ und wollen dieses Spiel ganz wie Kinder spielen.

Tatsächlich bezeichnet kulturelle Nationalität den Verstand, die Wesensart und die sittliche Ordnung einer Nation. Eine solche Nationalität kann niemals innerhalb von ein oder zwei Tagen Gestalt annehmen. Sie entwickelt sich vielmehr im Laufe mehrerer Jahrhunderte kontinuierlich. Wenn eine bestimmte Anzahl von Menschen über mehrere Jahrhunderte hinweg erblich bedingt unter denselben Vorstellungen, Glaubensüberzeugungen, Bräuchen und Sitten lebt, entsteht unter ihnen eine gemeinsame und allgemein anerkannte geistige Haltung, ihre gemeinsamen sittlichen Eigenschaften werden gefestigt, und es bildet sich eine besondere Wesensart heraus. Die Traditionen, mit denen sich die Gefühle und die Begeisterung ihres Herzens verbinden, prägen sich dadurch besonders tief ein. Die spontanen Regungen ihres Geistes und Verstandes kommen in ihrer Literatur zum Ausdruck. Unter ihnen bildet sich eine geistige und seelische Einheit heraus. Dadurch entstehen zwischen ihnen gegenseitige Freundschaft und gegenseitiges Verständnis (Mutual Intelligibility). Wenn sich infolge dieser tiefen und festen Einflüsse in einer Gruppe eine eigenständige Nationalität herausbildet – oder anders gesagt, wenn ihre sittliche und geistige Wesensart gefestigt ist –, wird es für sie nahezu unmöglich, sich mit einer anderen Gruppe zu vermischen und sich in eine andere Nationalität zu verwandeln. Oft leben solche Gruppen über Hunderte von Jahren im selben Klima, in derselben Umgebung und auf demselben Gebiet nebeneinander; dennoch kommt es zwischen ihnen zu keinerlei Vermischung. In Europa leben Deutsche, Magyaren, Polen, Tschechen, Juden, Slawen und viele andere Völker dieser Art seit langer Zeit am selben Ort, doch bis heute ist zwischen ihnen keinerlei Verschmelzung zustande gekommen. Engländer und Iren leben seit Ewigkeiten nebeneinander, doch auch zwischen ihnen ist keinerlei Verschmelzung entstanden. In manchen Ländern haben solche Völker sogar dieselbe Sprache, dennoch ist in ihrem Geist und Herzen in keiner Hinsicht eine Ähnlichkeit entstanden. Die Wörter mögen dieselben sein, doch erwecken sie im Herzen und Geist jedes Volkes den Strom einer eigenen geistigen Haltung und Weltanschauung, die einander vollkommen widersprechen.

Wenn zwischen den sittlichen Ordnungen und geistigen Wesensarten verschiedener kultureller Gruppen kein großer Unterschied besteht, sondern sie vielmehr durch miteinander vereinbare Charakterzüge gekennzeichnet sind, dann kann erst durch das Zusammenleben und die lang andauernde gegenseitige Vermischung solcher Gruppen eine echte, vollkommene und geeinte Nationalität entstehen. In diesem Zustand verschmelzen ihre besonderen Merkmale und ihre eigenständigen nationalen Identitäten vollständig miteinander. Dann bildet sich eine gemeinsame sittliche Ordnung aller Gruppen heraus. Doch dies kann keineswegs innerhalb eines Augenblicks geschehen. Erst nach langer Zeit, nach vielfachem Zerbrechen und Wiederaufbauen sowie nach zahlreichen Zusammenstößen und Wechselwirkungen, erwacht durch die Vereinigung der verschiedenen Teile eine eigenständige Wesensart. In England vergingen Hunderte von Jahren, bis die Völker der Briten, Sachsen und Normannen zu einer Nation wurden. In Frankreich ist dieser Prozess seit zehn Jahrhunderten im Gang. Doch noch immer ist der Ursprung der Nationalität nicht gefunden worden. Die verschiedenen Gruppen, aus deren Verbindung die italienische Nationalität hervorgegangen ist, waren ihrem sittlichen Charakter nach zwar nicht gegensätzlich; dennoch konnte sich dort bis heute keine nationale geistige Haltung herausbilden. In den Vereinigten Staaten von Amerika war es nur möglich, aus solchen Menschen eine „Nation“ zu schaffen, die in nahezu jeder Hinsicht miteinander vereinbare Charakterzüge besaßen und die, von geringfügigen Interessengegensätzen absehend, gezwungen waren, unverzüglich zu einer „Nation“ zu werden. Doch bis zur Vollendung dieses Werkes vergingen zwei oder drei Jahrhunderte.

Die Herausbildung einer besonderen und hervorragenden Nationalität durch die Vermischung von Völkern mit gleichartigem Charakter ist nur deshalb möglich, weil sie bei diesem Vorgang weder ihre eigenen Lehren, Überzeugungen und moralischen Maßstäbe aufgeben noch ihre hohen und edlen moralischen Eigenschaften ausrotten müssen. Vielmehr sind all diese Dinge seit langer Zeit in ihnen vorhanden. Ihre neueste Nationalität kann allein durch eine Veränderung von Tradition und Geschichte sowie durch eine Neubegründung ihrer Gefühle, Begeisterungen, Absichten und Ziele (Readjustment) geschaffen werden. Wo hingegen eine solche Vermischung zwischen Völkern mit unterschiedlichen moralischen Charakteren durch irgendeinen künstlichen Druck, irgendeine unnatürliche Anstrengung oder aus irgendeinem gemeinsamen Grund herbeigeführt wird, entsteht die niedrigste und minderwertigste Nationalität. Denn unter diesen Umständen werden die Grundlagen ihrer Lehren geschwächt. Ihr edler moralischer Charakter, dessen unterscheidendes Merkmal es bisher unmöglich gemacht hatte, dass sie miteinander verschmolzen, geht vollständig zugrunde. Das Gefühl ihrer nationalen Existenz, auf dessen Grundlage ihre Nationalität errichtet worden war, erlischt. Jedes dieser Völker wird gezwungen, seine eigenen Maßstäbe für Überlegenheit und Besonderheit zu verändern. So verwandelt sich ihre neue Nationalität in eine Ansammlung der moralischen Verderbtheit eines jeden von ihnen. Eine solche Vermischung zerschmettert das Rückgrat des moralischen Charakters der daran beteiligten Völker. Danach ist eine lange Zeit erforderlich, damit sich ein neuer moralischer Charakter herausbildet. Jede Verbindung zu ihrer jeweils eigenen alten Tradition wird abgebrochen, und sie müssen lange auf die Entstehung einer neuen Tradition warten. Ihre jeweils eigene nationale Gestalt zerschlagen sie selbst – doch um eine neue nationale Gestalt zu schaffen, bedarf es vieler Jahre.

Diejenigen, die in eine solch verhängnisvolle Lage versinken, können niemals einen starken Charakter besitzen; sie werden charakterlos, engstirnig, ohne Tatkraft und prinzipienlos sein. Wie ein heiliges Blütenblatt, das vom Stiel abgefallen und zur Erde niedergesunken ist und keinerlei Halt besitzt, sondern bei jedem Luftzug von einem Ort zum anderen rollt, so ist auch der tatsächliche Zustand jener Völker. Jeder, der die Folgen der gegenseitigen Vermischung von Völkern mit unterschiedlichen charakterlichen Eigenschaften im brasilianischen Südamerika gesehen hat, bezeugt einstimmig, dass dadurch die moralische Schönheit der betreffenden Völker völlig zugrunde gegangen ist und infolgedessen die Nachkommen dieses Landes hinsichtlich Verstand, moralischem Charakter und körperlicher Beschaffenheit in denkbar minderwertiger Weise geboren werden.

Kein Mensch, der auf dem Gebiet der Soziologie sachkundig ist und sich über politische Selbstsucht erhebt, um seine unabhängige Meinung über die tatsächlichen Verhältnisse zu äußern, kann die verschiedenen kulturellen Völker in Pak-Indien als charakterlich miteinander vereinbar betrachten. Denn während zwischen den verschiedenen kulturellen Nationalitäten Europas gewisse Unterschiede bestehen, liegen die gegenwärtigen Völker Pak-Indiens hinsichtlich ihrer Überzeugungen so weit auseinander wie Aufgang und Untergang des Himmels. Die Grundprinzipien der Zivilisation und Kultur dieses Landes stehen einander entgegen, und die Ursprünge ihrer Traditionen sind völlig verschieden. Ihre inneren Gefühle und geistigen Strömungen widersprechen einander. Zwischen der nationalen Gestalt eines Volkes und der nationalen Gestalt eines anderen besteht nicht die geringste Übereinstimmung. Die Folge davon, diese verschiedenen Nationalitäten allein aus politischen und wirtschaftlichen Interessen zu beseitigen und eine vereinte Nationalität zu schaffen, wird aus den bereits genannten Gründen verhängnisvoll sein. Unglücklicherweise hat die anderthalb Jahrhunderte währende britische Herrschaft die Völker Indiens bereits zuvor in den tieferen Sumpf moralischer Charakterlosigkeit versenkt. Das Blut der Knechtschaft hat ihr Gefühl für die menschliche Würde ausgehöhlt. Ihr moralischer Charakter ist furchtbar gesunken. Unter den nachfolgenden Generationen hat dieser verhängnisvolle Niedergang verheerende Folgen hervorgebracht. Wenn man in diesem Krisenmoment, um mit der Schaffung einer neuen Nation zu beginnen, die Grundlage ihrer aus den Trümmern bestehenden Kultur antastet, werden die moralischen Bande des ganzen Landes plötzlich zerreißen, und die Folgen werden äußerst schrecklich sein!

Kann irgendein Wohltäter Pak-Indiens eine einheitliche Nationalität befürworten?

Die politischen Führer dieses Landes sind der Ansicht, dass es unerlässlich sei, in diesem Land Nationalismus zu schaffen, um sich aus der Schlinge der Knechtschaft durch fremde Mächte zu befreien. Und zur Schaffung des Nationalismus sei eine einheitliche Nationalität erforderlich. Daher müsse man alle gegenwärtigen Nationalitäten beseitigen und eine alle Parteien umfassende Nationalität bilden. In Wirklichkeit ist dieser Gedanke jedoch völlig unbegründet. Wenn sie über einen einwandfreien Weitblick verfügten und, von der geistigen Knechtschaft des Westens befreit, zu denken versucht hätten, würden sie zweifellos verstehen, dass Pak-Indien auf dem Weg zu einer einheitlichen Nationalität keinerlei Befreiung, sondern verhängnisvolle Zerstörung und Auslöschung erwartet.

Erstens wird es auf diesem Weg lange dauern, eine Nationalität zu erlangen. Eine kulturelle Nationalität, die auf einer jahrhunderte- und jahrtausendealten Tradition beruht, zu beseitigen, an ihre Stelle eine neue Nationalität zu setzen und diese neue Nationalität so stark und tatkräftig werden zu lassen, dass sie schließlich zu einer einheitlichen Nationalität gelangt, ist keineswegs leicht. Dafür wird lange Zeit erforderlich sein. Zweitens besteht selbst dann, wenn man auf diesem Weg eine Nationalität erlangt, am Ende die sichere Gefahr, dass der gesamte Charakter des Landes in den tiefsten Sumpf moralischer Charakterlosigkeit versinkt. Drittens werden jene Völker, die ihre eigenen Besonderheiten und ihre eigenständige Existenz bewahren wollen, sich mit aller Kraft gegen die Schaffung einer solchen einheitlichen Nationalität wenden; und aufgrund der inneren Konflikte wird es unmöglich sein, eine gemeinsame Anstrengung für den Freiheitskampf aufzubauen. Folglich wird auch die Befreiung aus den Fesseln der Fremdherrschaft in weite Ferne rücken. Ja, bei einem solchen Versuch besteht sogar die Möglichkeit, dass der Traum von politischer Unabhängigkeit für immer verblasst.

Daher sind meiner Ansicht nach diejenigen, die in Nachahmung der westlichen Völker den Nationalismus für die einzige Waffe zur Erlangung der Unabhängigkeit halten, töricht und unwissend. Ich habe es schon früher gesagt und sage es auch jetzt: Für die Erlangung der Unabhängigkeit Indiens sowie des politischen und wirtschaftlichen Fortschritts besteht grundsätzlich keinerlei Notwendigkeit für Einigkeit und Nationalismus zwischen den verschiedenen Völkern. In einem Land, in dem verschiedene kulturelle Nationalitäten bestehen, ist das Streben nach einer einheitlichen Nationalität nicht nur überflüssig, sondern als Grundsatz auch ein verhängnisvoller Fehler. Darüber hinaus wird es den Folgen nach keineswegs irgendeinen Nutzen, sondern zweifellos großes Unheil hervorbringen.

Fremdländische Kleidung

Maulana Sindhi hat den Muslimen am Ende seiner Ansprache empfohlen, Shorts, einen Anzug und einen Hut zu tragen. Im letzten Teil dieser Erörterung möchte ich auch darüber sprechen.

Diese Nationalisten des Ostens sind eine höchst merkwürdige Spezies. Einerseits betreiben sie eine vehemente Propaganda für den Nationalismus, andererseits empfinden sie nicht die geringste Scham, die Kleidung und die kulturellen Sitten anderer Völker und Länder zu übernehmen. Nicht nur das: Sie bemühen sich sogar, die Kleidung und kulturellen Sitten anderer Völker als ein unvermeidliches Programm der nationalistischen Bewegung zu übernehmen, um sie in ihrem eigenen Volk einzuführen. Wo immer die Anwendung von Gewalt möglich ist, versuchen sie sogar, dies den Bewohnern des Landes gewaltsam aufzuzwingen. Ob in Indien, Iran, Ägypten oder der Türkei – überall ist die Lage der Nationalisten dieselbe. Wenn jedoch in dem Wort „Nationalismus“ auch nur ein wenig das Gefühl nationaler Ehre enthalten ist, dann ist es die Pflicht jedes Volkes, fest auf seiner eigenen nationalen Kleidung und seiner eigenen Zivilisation und Kultur zu stehen, darin seine Selbstachtung zu empfinden und darauf stolz zu sein. Wo hingegen nicht das geringste Gefühl nationaler Identität vorhanden ist, ist der Nationalismus eindeutig widersprüchlich. Doch unsere Nationalisten in den Ländern des Ostens sind Meister darin, diese widersprüchlichen Denkweisen miteinander zu verbinden. Die Wahrheit ist, dass eine klare, gesunde Gesinnung und ein vorurteilsfreier, großzügiger und erhabener Blick erforderlich sind, um dem Widerspruch und der Verschiedenheit zwischen Denken und Handeln zu entgehen. Wenn jemand dies erlangen kann, wird er keinerlei Notwendigkeit haben, den einfachen und geraden Weg der Natur zu verlassen und Zuflucht beim sogenannten Nationalismus zu suchen.

Vor allem findet diese ihre Grundsätze nicht die geringste Unterstützung im Islam. Islam bedeutet in jedem Lebensbereich eine einfache, gerade, schmucklose und unverfälschte Lebensweise. So wie der Islam keine Übertreibung duldet, die die Grenzen der Nationalität überschreitet, kann er ebenso wenig irgendetwas dulden, das die angemessenen und natürlichen Grenzen der Nationalität verletzt, die Eigenständigkeit (Individuality) und die besonderen Eigenschaften der Völker auslöscht und unter ihnen einen schmutzigen und verdorbenen Charakter hervorbringt.

Der Heilige Koran verkündet: Obwohl die Menschen aus derselben Wurzel hervorgegangen sind, hat Allah der Erhabene unter ihnen nur zwei Arten von Unterschieden vorgesehen. Erstens den Unterschied zwischen Frau und Mann und zweitens den Unterschied von Abstammung, Stamm und Nationalität.يَايُّهَا النَّاسُ اِنَّا خَلَقنَاكُمْ من ذَكَرٍ وَّاُنْثَى وَجَعَلناكُم شُعُوْبًا وَّقَابَائــــلَ لِتَعَارِفُوا ط – (الحجرات : 13) „O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem einzigen Mann und einer einzigen Frau erschaffen und euch in Völker und Stämme eingeteilt – nur damit ihr einander erkennen könnt.“ – Sure al-Hudschurāt: 13وَاِنَّهً خَلَقَ الزَّوْجَيْنِ الذَّكَرَ وَالاُنْثَى – (النجم : 45) „Und Allah, der Erhabene, hat die Menschen als zwei Geschlechter erschaffen: männlich und weiblich.“ – Sure an-Nadschm: 45

Tatsächlich bildet die Erschaffung dieser beiden Arten von Unterschieden die Grundlage der menschlichen Zivilisation und des gesellschaftlichen Lebens. Daher entspricht es der natürlichen Forderung der von Allah erschaffenen Weltordnung, sie angemessen zu bewahren. Der geschlechtliche Unterschied zwischen Frau und Mann wurde geschaffen, um die gegenseitige seelische Zuneigung und Anziehungskraft zwischen ihnen zu wecken. Deshalb ist es unbedingt notwendig, dass im gesellschaftlichen Leben und in der umfassenden Kultur die natürlichen Eigenschaften und Besonderheiten beider Geschlechter spontan bewahrt werden. Andererseits ist es notwendig, für die Menschen jeweils ein gesellschaftliches Umfeld und einen Lebensbereich zu schaffen, damit zwischen ihnen kulturelle Harmonie und Zusammenarbeit entstehen können; deshalb müssen die Unterschiede zwischen den Völkern bewahrt werden. Aus diesem Grund muss jede menschliche Gemeinschaft beziehungsweise jede Gesellschaft und jedes kulturelle Umfeld gewisse unterscheidende Merkmale und Eigenschaften besitzen. Dadurch kann gegenseitige Liebe entstehen, und die Menschen können einander verstehen. Außerdem können sie ihre Eigenständigkeit gegenüber den Menschen anderer Umfelder bewahren. Daher kann kein Zweifel daran bestehen, dass Sprache, Kleidung, Lebensweise und kulturelle Besonderheiten notwendige Elemente dieses Unterschieds sind. Ihre angemessene Bewahrung ist eine Forderung der natürlichen Wesensordnung.

Genau aus diesem Grund ist im Islam „Tašabbuh“ (تَشَبُّهdas heißt, sich einem anderen vollständig anzugleichen oder sich äußerlich wie ein anderer zu kleiden) verboten worden. In einem Hadith wird berichtet: Der Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hat Frauen verflucht, die Männerkleidung tragen, und Männer, die Frauenkleidung tragen. In einem anderen Hadith wird berichtet: Der Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, erklärte Männer, die sich wie Frauen kleiden, und Frauen, die sich wie Männer kleiden, zu Verfluchten. Der einzige Grund dafür ist, dass die gegenseitige seelische Zuneigung und Anziehung, die Allah, der Erhabene, zwischen Frau und Mann geschaffen hat, durch den Austausch ihrer äußeren Erscheinung zwangsläufig erlischt. Der Islam will sie jedoch gerade zur Bewahrung der Menschlichkeit lebendig erhalten. Ebenso steht es dem gesellschaftlichen Frieden, der Stabilität, den Interessen und dem Wohlergehen völlig entgegen, die Kleidung, Kultur, wesentlichen Ziele und charakteristischen Merkmale der Völker auszulöschen oder sie gegenseitig auszutauschen und dadurch eine Mischkultur zu schaffen. Deshalb widersetzt sich auch der Islam dem. Sobald die nationale Eigenart ihre natürliche Grenze überschreitet und sich in Nationalismus oder die Verehrung der eigenen Nation verwandelt, wird der Islam dagegen den Dschihad führen. Denn daraus entstehen der Hochmut der Dschāhiliyya, unterdrückerischer Hass und Feindschaft sowie Imperialismus. Man muss jedoch bedenken, dass sich die Feindschaft des Islam gegen den Nationalismus (Nationalism) beziehungsweise die Verehrung der eigenen Nation richtet – nicht gegen die Nationalität (Nationality). Der Islam will anstelle des Nationalismus die Nationalität bewahren und widersetzt sich ihrer Zerstörung nur so weit, wie er sich ihrer Überschreitung der natürlichen Grenzen widersetzt. Um diese gemäßigte und ausgewogene Haltung des Islam zu verstehen, sind die folgenden Anweisungen zu beachten:

Erstens: Ein Gefährte fragte: Was bedeutet die Verehrung der eigenen Nation oder der Hass gegenüber anderen Völkern? Ist auch die Liebe zum eigenen Volk Völkerhass? Der Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, antwortete: „Nein. Die eigene Nation auch bei einer ungerechten Handlung zu unterstützen, das bedeutet die Verehrung der eigenen Nation.“ – Ibn Mādscha

Zweitens: Der ehrwürdige Gesandte sagte: „Wer das äußere Erscheinungsbild eines Volkes annimmt, gehört zu ihnen.“ – Abū Dāwūd

Drittens: Hadhrat Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) schrieb an Utba ibn Farqad, den Gouverneur von Aserbaidschan: „Trage nicht die Kleidung der gewöhnlichen Polytheisten (das heißt der Bewohner Aserbaidschans).“ – Kitab al-Libas wa-z-Zinah

Viertens: Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wies alle seine Gouverneure an, sämtliche nichtmuslimischen Bewohner des Staates davon abzuhalten, die Kleidung und Tracht der Araber anzunehmen. Ja, beim Abschluss von Friedensverträgen mit den Bewohnern mancher Gebiete wurde ordnungsgemäß sogar eine gesonderte Bedingung in den Vertrag aufgenommen: „Ihr werdet unsere Kleidung nicht tragen.“ – Kitab al-Kharadsch: Imam Abu Yusuf.

Fünftens: Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und Hadhrat Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) sandten den Arabern, die zu militärischen oder staatlichen Zwecken im Irak, im Iran und in anderen Ländern stationiert waren, wiederholt Anweisungen, ihre eigene Sprache und Ausdrucksweise zu bewahren und weder die Sprache noch die Ausdrucksweise der Nichtaraber anzunehmen. – al-Bayhaqi

Aus dieser Anweisung geht eindeutig hervor, dass der Islam, obwohl er eine internationale Ordnung verkörpert, keineswegs die Auslöschung der unterscheidenden Eigenmerkmale der Völker und die Schaffung eines Mischmaschs befürwortet. Vielmehr möchte er die Völker dauerhaft in ihrer Nationalität und ihren eigenen Eigenschaften bewahren und zwischen ihnen ein so starkes Band der Zivilisation, Kultur, Höflichkeit, sittlichen Charakterbildung sowie der Ideen und Denkrichtungen schaffen, dass internationale Konflikte und Kämpfe, Spannungen, der Kalte Krieg, Behinderungen, Unterdrückung sowie Hass und Feindschaft verschwinden und unter ihnen der lautere Geist gegenseitiger Zusammenarbeit und Brüderlichkeit sichtbar wird. Der „Tašabbuh“, also die Nachahmung anderer, hat noch eine weitere Seite, weshalb der Islam ihm entschieden entgegensteht. Ein Volk gibt seine nationalen Eigenmerkmale nur dann vollständig auf, wenn sich in ihm eine geistige Schwäche und sittliche Nachlässigkeit zeigen. Wer unter dem Einfluss anderer seine eigenen Merkmale aufgibt und sich in der Farbe anderer färbt, trägt zwangsläufig die schweren Krankheiten der Niedrigkeit und Minderwertigkeit, der Vielgestaltigkeit, der leichten Beeinflussbarkeit und des verantwortungslosen Handelns in sich; und wenn diese Krankheit nicht sofort behandelt wird, wird sie unweigerlich zunehmen und sich ausbreiten. Wenn diese Krankheit unter einer großen Zahl von Menschen um sich greift, versinkt das gesamte Volk in geistiger Schwäche. In seinem sittlichen Charakter wird es weder Festigkeit noch Tatkraft geben. Auf seinem Inneren kann keine solide Grundlage des sittlichen Charakters errichtet werden. Daher hat der Islam keinem Volk erlaubt, eine solche geistige Schwäche in sich entstehen zu lassen. Er bemüht sich nicht nur darum, die Muslime, sondern, soweit es in seiner Macht steht, auch die Nichtmuslime vor dieser verheerenden Krankheit zu bewahren. Denn der Islam ist keineswegs bereit, bei irgendeinem Menschen eine sittliche Schwäche hinzunehmen.

Besonders unter besiegten und unterworfenen Menschen tritt diese Krankheit sehr stark hervor. Bei ihnen zeigt sich nicht nur eine sittliche Schwäche, sondern auch eine so verhängnisvolle Haltung, dass sie sich selbst als gedemütigt und entehrt betrachten, sich in jeder Hinsicht für minderwertig halten und durch die blinde Nachahmung der herrschenden Gruppe Ehre, Ansehen und Würde zu erlangen suchen. Denn in ihren Herrschern sehen sie das vollkommene Vorbild für jedes einzelne von Ehre, Würde, Überlegenheit, Vornehmheit sowie Zivilisation und Kultur. Die Sklaverei zerstört ihre Menschlichkeit; danach empfinden sie nicht die geringste Scheu davor, die körperliche Zurschaustellung von Demütigung, Erniedrigung, Minderwertigkeit und Niedertracht zu übernehmen, sondern empfinden darin statt Scham sogar Ruhm. Der Islam will den Menschen aus dem tiefen Sumpf aller Formen von Minderwertigkeit und Niedertracht retten und ihn zum höchsten Gipfel der Menschlichkeit führen; deshalb ist er keineswegs bereit, irgendeine Menschengruppe auf den Weg des Verfalls abgleiten zu sehen. Als während des Kalifats von Hadhrat Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zahlreiche nichtarabische Völker unter die Herrschaft der islamischen Regierung kamen, verbot er ihnen nachdrücklich, die Araber nachzuahmen. Wäre in diesen Völkern eine sklavische Gesinnung erwacht, wäre das eigentliche Ziel des islamischen Dschihad verfehlt worden. Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ließ das Siegesbanner des Islam nicht durch die Hände der Araber hissen, damit die Araber zu Herren und Gebietern der Völker würden.

Aus all diesen Gründen hat der Islam niemals gebilligt, dass ein Volk ein anderes in allem nachahmt und dessen Kleidung sowie Lebensweise nachahmt. Er ist jedoch keineswegs gegen das, was aufgrund des gegenseitigen Austauschs und der gegenseitigen Beziehungen und Kontakte der Zivilisationen und Kulturen zwischen verschiedenen Völkern unausweichlich geschieht; vielmehr ist seine Vervollkommnung sein Ziel. Es liegt nicht in der Absicht des Islam, durch die Entstehung einer feindseligen Haltung, die nichts von anderen Völkern in die eigene Zivilisation und Kultur aufnehmen will, eine gewaltige Mauer zwischen den Völkern zu errichten. Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) trug eine „Dschubba“ (einen Übermantel) aus Syrien, obwohl sie ein Bestandteil der Kleidung der Juden war. Im Hadith wird erwähnt:فَتَوَضَّأَ وَعَلَيْهِ جُبُّةٌ شِامِيَةٌ„Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) vollzog die Gebetswaschung, und an seinem Körper befand sich eine Dschubba aus Syrien.“ Er trug auch eine Dschubba römischer Herkunft mit engen Ärmeln. Diese wurde jedoch nur von römisch-katholischen Christen getragen. Auch den noscherawanischen „Qaba“ trug er. Im Hadith wird er bezeichnet alsجُبُّةٌ طَيَا لَسَةٍ كِسْرَوانِيَةٌHadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) trug eine hohe Mütze namens „Barburunus“; auch sie war ein Bestandteil der Kleidung christlicher Mönche. Daraus geht unwiderlegbar hervor, dass das Tragen verschiedener solcher ethnisch geprägter Kleidungsstücke keinen „Tašabbuh“ darstellt. „Tašabbuh“ liegt vielmehr erst dann vor und ist im Islam verboten, wenn die gesamte Tracht einer Person der eines anderen Volkes gleicht und es dadurch schwierig wird, anhand ihres Anblicks eine eindeutige Vorstellung von ihrer Nationalität zu gewinnen. Der gegenseitige Austausch ist dagegen etwas völlig anderes. Wenn ein Volk irgendeinen guten oder den Umständen angemessenen „Gegenstand“ eines anderen Volkes übernimmt und ihn in seine eigene Tracht einbezieht, kann dagegen kein Einwand bestehen. Denn dadurch bleibt seine nationale Tracht als Ganzes erhalten. – Tarjuman al-Quran: 1939

 

Die Bedeutung der islamischen Nationalität

In der heutigen Zeit wird das Wort „Qaum“ oder „Nation“ sehr häufig für die gesamte muslimische Gemeinschaft verwendet. Um unsere Gesamtheit zu bezeichnen, wird gewöhnlich gerade dieser Begriff gebraucht. Tatsächlich aber wurde im Koran und im Hadith das Wort „Qaum“ (in der Bedeutung von Volk oder Nation) nicht als Fachbegriff verwendet. Gegenwärtig ziehen manche Kreise aus dieser irrigen Auffassung erheblichen Nutzen. Warum der Islam das Wort „Qaum“ oder „Nation“ nicht zur Bezeichnung der Muslime verwendet hat und welches Wort stattdessen im Koran und im Hadith häufiger gebraucht wird, möchte ich hier kurz erörtern. Dies ist wahrlich nicht bloß eine wissenschaftliche Erörterung: Fast alle jene Vorstellungen, Überzeugungen und Lehren, durch deren Einfluss unser Verhalten und unsere Handlungsgrundsätze in den verschiedenen Bereichen des Lebens völlig falsch geworden sind, haben ihren Ursprung im falschen Gebrauch des Wortes „Qaum“ oder „Nation“.

Die Wörter „Qawm“ – Volk – und „Nation“ (nation) im Englischen sowie ähnliche Begriffe sind in Wirklichkeit Terminologie des Zeitalters der Unwissenheit. Die Menschen dieses Zeitalters haben niemals eine Nationalität allein auf kultureller Grundlage (Caltural Basis) geschaffen – weder im alten barbarischen Zeitalter noch im äußerst modernen Zeitalter der Unwissenheit. Die Liebe zu Abstammungs- und historischen Beziehungen ist ihnen so tief in Herz und Verstand eingeprägt worden, dass sie sich niemals von ihren Vorstellungen über Nationalität zu lösen vermochten. Im alten Arabien wurde das Wort „Qawm“ (قوم) gewöhnlich für Menschen verwendet, die einer Abstammung oder einem Stamm entstammten; ebenso ist in der heutigen Zeit im Wort „Nation“ der Begriff der „gemeinsamen Abstammung“ (Common Descent) unvermeidlich enthalten. Da eine solche Vorstellung der islamischen Gesellschaftsphilosophie völlig widerspricht, wurden im Heiligen Koran „Qawm“ und andere arabische Wörter mit ähnlicher Bedeutung, wie etwa شـــــعب usw., nicht als Fachbegriffe zur Bezeichnung der Gemeinschaft der Muslime verwendet. Denn wie könnten solche Begriffe für eine Gemeinschaft gebraucht werden, deren Gesellschaftsphilosophie keinerlei Raum für Blut, Boden, Fleisch, Rasse und Stamm oder für irgendeine andere derartige Sache lässt! Es ist allgemein bekannt, dass die islamische Gesellschaft ausschließlich auf Grundsätzen, Idealen, Glaubenslehren und Glaubensüberzeugungen errichtet wurde und dass diese Gemeinschaft durch die Hidschra – die Auswanderung –, durch die Trennung von Abstammungsbeziehungen und materiellen Bindungen ihren Anfang nahm.

Im Heiligen Koran wird in Bezug auf die Muslime das Wort „Hizb“ (حــزب) verwendet; es bedeutet Partei oder Gruppe. Eine Nation entsteht auf der Grundlage von Abstammung und Stamm, eine Partei dagegen wird auf der Grundlage von Idealen, Glaubenslehren und Grundsätzen gebildet. Daher sind die „Muslime“ im Grunde keine Nation, sondern lediglich eine Partei. Weil die Muslime an einen besonderen Grundsatz und ein besonderes Ideal glauben und ihnen folgen, unterscheiden sie sich völlig von allen anderen Menschen auf der Welt; genau deshalb sind sie eng miteinander verbunden. Mit jenen hingegen, die ihnen hinsichtlich dieser Grundsätze, Ideale und Glaubenslehren noch so nahestehen mögen, können sie keinerlei Verbindung haben. Der Heilige Koran erkennt unter dieser gewaltigen Menge von Menschen auf der Erde nur die Existenz zweier Parteien an: Die eine ist die Partei Allahs (حـــزب الله) und die andere ist die Partei Satans (حـــزب الشيطان). Wie groß auch die Unterschiede und Gegensätze zwischen den Angehörigen der Partei Satans in Bezug auf Grundsätze und Ideale sein mögen – aus der Sicht des Korans sind sie alle eins. Denn ihr Denken, ihre Methoden und ihre Handlungsweise sind in keiner Hinsicht islamisch. Trotz ihrer Meinungsverschiedenheiten in Einzelheiten und nebensächlichen Fragen sind sie sich alle völlig einig darin, den Spuren desselben Satans zu folgen. Der Koran sagt: اِسْتَحَوَذ عَلَيْهِم الشَّيطَانُ فَاَنْسَاهُمْ ذِكْرَ الله ط اُوْلَــــئِكَ حـــزب الشيطان ط الا اِنَّ حـــزب الشيطانِ هُمُ الخسِرُوْنَ – (المجادلة : 19) „Der Satan hat von ihnen Besitz ergriffen und sie die Erwähnung Allahs vergessen lassen. Diese sind die Partei Satans. Wahrlich, die Partei Satans sind die Verlierer.“ – Auch wenn sie sich hinsichtlich Sprache und historischer Überlieferungen noch so sehr voneinander unterscheiden und zwischen ihren Vorfahren blutige Feindschaft bestanden haben mag: Sobald sie sich im von Allah gegebenen Denken und in der von Ihm gegebenen Lebensordnung zusammengefunden haben, hat dies sie in Bezug auf Allahs Herrschaft eng miteinander verbunden und zusammengeschmiedet. Mit ihrem Eintritt in diese neue Partei sind alle Arten von Beziehungen zu den Angehörigen der Partei Satans abgebrochen.

Dieser Unterschied zwischen den Parteien führt (oft) sogar zur Auflösung des Verhältnisses zwischen Vater und Sohn. Ja, der Sohn wird sogar vom Erbe seines Vaters ausgeschlossen! In einem Hadith heißt es: لا يتَوَارثُ اهل ملتين – „Angehörige zweier einander widersprechender Millats können einander nicht beerben.“

Dieser Unterschied zwischen den Parteien führt auch zwischen Ehemann und Ehefrau zur Trennung. Ja, sobald dieser „Parteigegensatz“ auftritt, wird der eheliche Verkehr zwischen ihnen unzulässig. Der einzige Grund dafür ist, dass die Lebenswege beider in entgegengesetzte Richtungen verlaufen sind.

Im Heiligen Koran heißt es: لأهُنَّ حِلٌّ لَّهُم وَلاَهُم يَهِلُّوْنَ لَهُنَّ ط – (الممتحنة : 10) „Diese Frauen sind für jene Männer nicht erlaubt, und jene Männer sind auch für diese Frauen nicht erlaubt.“

Dieser Unterschied zwischen den Parteien führt unter den Angehörigen einer Abstammung und eines Stammes zu einem vollständigen sozialen „Boykott“ und zum Abbruch der Beziehungen. Ja, die Heirat mit Angehörigen der eigenen Abstammung und des eigenen Stammes, die der „Partei Satans“ angehören, wird für die Angehörigen der Partei Allahs vollständig verboten. Der Koran sagt: „Heiratet keine Götzendienerinnen, solange sie nicht den Islam annehmen. Und verheiratet eure Töchter nicht mit Götzendienern, solange diese nicht den Islam annehmen. Eine gläubige Sklavin ist, selbst wenn sie eine Sklavin ist, besser als ein freier Götzendiener, auch wenn ihr diesen lieber mögt.“

Dieser Unterschied zwischen den Parteien durchtrennt nicht nur die auf Abstammung und regionaler Zugehörigkeit beruhenden nationalen Bindungen, sondern schafft zwischen beiden auch einen gewaltigen und dauerhaften Konflikt. Solange die zweite Seite nicht die Grundsätze der Partei Allahs annimmt, wird die himmelhohe Mauer dieses Konflikts und Gegensatzes bestehen bleiben.

Im Koran heißt es: قَد كَانَتْ لَكُم اُسوَةٌ حَسَنَةٌ فِى ابراهِيْمَ وَالَّذِيْنَ مَعَه ج اِذْ قَالُوا لِقَوْمِهِمْ اِنَّا بُرَاءَؤُا مِنْكُم وَمِمِّا تَعبدونَ من دون اللهِ ز كفرنَا بِكُمْ وَبَدَا بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمْ العَدَاوَةَ وَالبَغَضَاءُ اَبَدًا حَتَّى تُؤْمِنُوا بِاللهِ وَحْدَهُ اِلاَّ قَوْلَ اِبْرِاهِيْمَ لِاَبِيْهِ لاَ تَسْتَغْفِرَنَّ لَكَ – (الممتحنة : 4) „Im Leben Ibrahims und derer, die mit ihm waren, liegt für euch ein vortreffliches Beispiel. Sie sagten zu ihrem Volk, mit dem sie durch Abstammung verbunden waren, in klaren Worten: Wir haben mit euch und mit jenen eurer Götzen, die ihr anstelle Allahs anbetet, keinerlei Verbindung. Wir sagen uns vollständig von euch los und trennen uns von euch. Zwischen uns und euch ist ewige Feindschaft und Hass entstanden, bis ihr an den einen Allah glaubt. Doch darin, dass Ibrahim seinem ungläubigen Vater versprochen hatte, für ihn um Vergebung zu bitten, liegt für euch kein Vorbild.“ – Sure al-Mumtahana: 4 وَمَا كَانَ اِسْتَغفَارُ اِبْرِاهِيْمَ لِاَبِيْهِ اِلاَّ عَنْ مَّوْعِدَّةٍ وَّعَدَهََا اِيِّاهُ ج فَلَمَّا تَبَيَّنَ لَهُ اَنَّهُ عَدُوٌّلِّلهِ تَبَرَّامِنْهُ – (التوبة : 114) Die liebevolle Beziehung zwischen den Angehörigen einer Familie und zwischen nahen Verwandten wird durch diesen Unterschied zwischen den Parteien zerrissen. Wenn sogar Vater, Bruder oder Sohn der Partei Satans angehört und ein Angehöriger der Partei Allahs ihnen dennoch Liebe entgegenbringt, so ist es zweifellos ein Verrat an seiner eigenen Partei. In diesem Zusammenhang sagt der Heilige Koran in klaren Worten: لا تجد قومًا يُّؤمنونَ بِاللهِ واليومِ الاخِرِ يُوَادُّونَ من حَادَّ اللهَ وَرَسُلَهُ وَلو كَانوا اباءَ هًُمْ اَوْ اَبنَاءَهُمْ اَوْ اِخْوَانَهُمْ اَوْ عشيرتَهُمْ ط …….. اُولـــئِكَ حزبَ اللهِ ط الا اِنَّ حزبَ اللهِ هُمُ المفلحونَ – (المجادلة : 22) „Du wirst kein Volk finden, das an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und dennoch denen Freundschaft erweist, die Allah und Seinem Gesandten feindlich gegenüberstehen – selbst wenn diese ihre Väter, ihre Söhne, ihre Brüder oder ihre nächsten Verwandten wären. … Diese sind die Partei Allahs. Wahrlich, die Partei Allahs wird Erfolg haben.“ – Sure al-Mudschadala: 22

Das andere Wort, das im Heiligen Koran im Sinne von Partei oder „Gruppe“ verwendet wird, ist Umma. Auch in den Hadithen wird dieses Wort häufig gebraucht. Eine bestimmte verbindende Sache, die Menschen zusammenführt – Menschen, zwischen denen ein allgemein anerkannter Zusammenhang besteht –, lässt diese Menschen eben im Hinblick auf dieses verbindende Element als „eine Umma“ gelten. Deshalb werden auch die Menschen einer bestimmten Epoche und Zeit als „Umma“ bezeichnet. Die Angehörigen eines Stammes oder die Bewohner eines Landes werden als „Umma“ bezeichnet. Doch das allgemein anerkannte verbindende Element, das die Muslime zu einer Umma gemacht hat, ist nicht die Einheit von Abstammung und Stamm, Heimatland oder wirtschaftlichen Interessen, sondern ihre eigentliche „Mission“ im Leben sowie das Ideal und die Prinzipien ihrer Partei. Daher heißt es im Heiligen Koran:كُنتم خَيرَ اُمَّةٍ اُخرِجَت للنَّاس تاْمُرُونَ بالمَعرُوف وَتنهونَ عَنِ المنكرِ وَنؤمنون باللهِ – (110) „Ihr seid die beste Gemeinschaft; für das Wohl der Menschheit seid ihr hervorgebracht worden. Ihr gebietet das Rechte, haltet die Menschen vom Unrecht und von Sünde ab und besitzt einen unerschütterlichen Glauben an Allah.“ – Sure Āl ʿImrān: 110

وكذالك جعلناكم اُمَّةً وَّسَطَا لِّتكونوا شهــداءَ على النَّاسِ وَيَكونَ الرَّسُولُ عليكم شَهِيْدًَا ط-(البقرة : 143) „Ebenso haben Wir euch zu einer gemäßigten Umma gemacht, damit ihr Zeugen über die Menschen seid und der Gesandte Zeuge über euch ist.“ – Sure al-Baqara: 143

Wenn man über diese Verse nachdenkt, wird klar, dass „Umma“ hier die Muslime als eine Partei von internationalem Rang (International Party) bedeutet. Menschen aus allen Teilen der Welt, die an ein bestimmtes Prinzip und Ideal glauben, bereit sind, nach einem bestimmten Programm zu handeln und eine bestimmte „Mission“ zu erfüllen, wurden in dieser Partei zusammengeschlossen. Da sie aus allen Völkern hervorgegangen sind, blieb ihnen durch ihre Zugehörigkeit zu dieser einen Partei nicht die geringste Verbindung zu irgendeinem bestimmten Volk; gerade deshalb können sie als eine „mittlere“ Partei bezeichnet werden. Nachdem ihre Beziehungen zu allen Völkern abgebrochen worden sind, wird eine neue Beziehung zwischen ihnen und jenen entstehen. Diese besteht darin, dass diese mittlere Partei auf der Welt die Verantwortung für die Armee Allahs übernehmen wird. Der Ausdruck „Ihr seid Führer und Wegweiser über die Menschheit“ beweist, dass die Muslime von Allah dazu bestimmt wurden, auf der Welt die Aufgabe von Soldaten zu erfüllen. Und aus dem Ausdruck „für die Menschheit hervorgebracht worden“ geht klar hervor, dass die Muslime mit einer internationalen „Mission“ gekommen sind. Diese besteht darin, dass das vollkommene System des Denkens und Handelns, das Allah Taʿālā dem uneingeschränkten Führer Seiner Partei, dem ehrwürdigen Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), gegeben hat, mit Hilfe aller geistigen, moralischen und materiellen Kräfte in der Praxis verwirklicht und alle anderen Meinungen und Wege besiegt werden müssen. Gerade weil diese Verantwortung der Gesamtheit der Muslime auferlegt wurde, sind sie alle zu einer Umma geworden.

Die dritte Bezeichnung, die der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zur Bezeichnung der Gesamtheit der Muslime verwendet hat, ist „Jamāʿa“. Dieses Wort bedeutet ebenso wie „Hizb“ (حزب) eine „Partei“ oder „Gruppe“. عليكم بالجماعة– „Es ist eure Pflicht, in einer Gruppe vereint zu bleiben“, undيَدُ اللهِ على الجماعة „Auf der Jamāʿa liegt die Hand der Barmherzigkeit Allahs“ – wenn man über solche Hadithe nachdenkt, wird leicht verständlich, dass der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) absichtlich nicht die Wörter „Qaum“ (قوم) oder „Schuʿba“ (شعـــب) oder bedeutungsgleiche Wörter verwendet hat, sondern an ihrer Stelle die Bezeichnung „Jamāʿa“ gebrauchte. Er sagte nicht: „Unterstütze stets dein Volk“, oder: „Auf dem Volk liegt die Hand Allahs.“ In allen Fällen verwendete er ausschließlich das Wort „Jamāʿa“. Der einzige Grund dafür kann sein, dass zur Bezeichnung der sozialen Gestalt und Eigenart der Muslime die Wörter Jamāʿa, Hizb und Partei anstelle von „Qaum“ besonders geeignet sind und den richtigen Sinn ausdrücken. Betrachtet man das Wort Volk oder „Qaum“ in seiner gewöhnlichen Bedeutung, kann ein Mensch, obwohl er an irgendein Prinzip und Ideal glaubt und ihm folgt, weiterhin einem Volk angehören, weil er innerhalb dieses Volkes geboren wurde. Hinsichtlich seines Namens, seiner Lebensweise und seiner sozialen Beziehungen steht er mit diesem Volk in Verbindung. Im Sinne der Wörter Partei, Gruppe, Jamāʿa und Hizb dagegen ist die Befolgung oder Nichtbefolgung eines Prinzips und Ideals die alleinige Grundlage dafür, ob man einer Partei oder Gruppe angehört oder nicht. Folglich kann ein Mensch, nachdem er die Prinzipien und das Ideal einer Partei aufgegeben hat, niemals als zu ihr gehörig gelten – er kann nicht einmal ihren Namen zusammen mit seinem eigenen verwenden. Nicht einmal irgendeine Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern der Partei kann ihm zustehen. Wenn jemand sagt: „Auch wenn ich selbst die Prinzipien und das Ideal dieser Partei nicht unterstütze, waren meine Eltern doch Mitglieder eben dieser Partei, und mein Name ist wie die Namen ihrer Angehörigen; deshalb habe auch ich wie alle Mitglieder der Partei Anspruch auf ihre Rechte, und es ist notwendig, dass ich sie erhalte“, dann würde diese Aussage als derart lächerlich gelten, dass man beim Hören unweigerlich annehmen müsste, der Betreffende sei verrückt geworden. Gibt man jedoch diese der Partei zugrunde liegende Vorstellung auf und übernimmt die Vorstellung vom „Volk“, eröffnet sich ein weiter Spielraum für solche lächerlichen Handlungen.

Der Islam hat seinen Parteimitgliedern von internationalem Rang befohlen, untereinander eheliche Beziehungen einzugehen, um Einheit unter ihnen sowie soziale Harmonie und Gleichheit zu schaffen und sie zu einer organisierten Gesellschaft zu formen. Zugleich hat er angeordnet, ihre Kinder auf eine Weise zu erziehen, durch die sie von Anfang an zu Anhängern des Ideals und der Prinzipien der Partei werden können und durch die Kraft des zahlenmäßigen Wachstums neben der Ausbreitung auch die Stärke der Partei ständig zunimmt. Tatsächlich beginnt die Partei gerade von hier an, sich in ein Volk zu verwandeln. Später festigen die gemeinsame soziale Verbundenheit, die verwandtschaftlichen Beziehungen und das historische Erbe ihren Nationalcharakter.

Alles, was bis jetzt geschehen ist, ist richtig geschehen. Doch allmählich begannen die Muslime zu vergessen, dass sie eine Partei sind und dass die Grundlage ihrer Nationalität gerade darin liegt, eine Partei zu sein. Dieser Irrtum nahm allmählich derartige Ausmaße an, dass an die Stelle der Vorstellung von der Partei die Vorstellung vom Volk trat und sich festsetzte. Danach blieb der Muslim nur noch Angehöriger eines Volkes – so wie die Deutschen, die Japaner oder die Engländer ein Volk sind. Die Muslime haben inzwischen völlig vergessen, dass gerade die Prinzipien und Ideale, auf denen der Islam sie als eine Umma aufgebaut hatte, das einzig Wertvolle und Wichtigste sind. Sie haben die große „Mission“, zu deren Erfüllung die Anhänger des Islam in einer Partei organisiert worden waren, vollständig vergessen. Sie haben alle ihre eigenen grundlegenden Lehren vergessen und von den Nichtmuslimen die unwissende Vorstellung von Nationalität übernommen. Dieser Fehler ist so schwerwiegend und grundlegend, und seine schädlichen Auswirkungen reichen so weit, dass kein Versuch zur Wiedererrichtung des Islam begonnen werden kann, solange er nicht beseitigt ist.

Die Liebe, das Mitgefühl, das brüderliche Empfinden und der Geist der Zusammenarbeit, die unter den Mitgliedern einer Partei entstehen, beruhen nicht auf persönlichen oder familiären Beziehungen, sondern ergeben sich zwangsläufig daraus, dass sie alle an ein und dasselbe Prinzip und Ideal glauben und ihm folgen. Wenn ein Mitglied der Partei eine Handlung begeht, nachdem es die Prinzipien und Ideale der Partei aufgegeben hat, ist es nicht die Pflicht der übrigen Mitglieder, ihm zu helfen. Mehr noch: Es ist die Pflicht aller, sich darum zu bemühen, ihn von diesem aufrührerischen Vorgehen abzuhalten. Wenn er dennoch nicht davon ablässt, müssen gemäß der Parteidisziplin strenge Maßnahmen gegen ihn ergriffen werden. Wenn auch das keinen Erfolg hat, muss er aus der Partei ausgeschlossen werden. Beispiele dafür, dass jemand wegen offenen Widerstands gegen das Parteideal mit dem Tod bestraft wurde, sind keineswegs selten.

Doch denken Sie einmal über die Lage der Muslime in der heutigen Welt nach! Sie verstehen sich nicht als „Partei“, sondern als Nation; dadurch sind sie in eine schwere Verblendung versunken. Wenn jemand unter ihnen aus eigenem Interesse nach einem dem Islam entgegengesetzten Prinzip handelt, erwartet er, dass die anderen Muslime ihm helfen werden. Und wenn sie ihm nicht helfen, beginnt er sich darüber zu beklagen: „Ein Muslim hilft einem Muslim nicht in dessen Angelegenheit.“ Wenn jemand für einen anderen Fürsprache einlegt, sagt man, es sei nötig, einem Muslim zu helfen. Auch der Helfende bezeichnet dies als islamisches Mitgefühl. All dies hört man überall: Jeder hat den Islam im Mund – islamische Hilfe, islamische Brüderlichkeit und islamische Verbundenheit. Doch niemand denkt auch nur einen Augenblick darüber nach, dass es völlig sinnlos ist, sich beim Handeln gegen den Islam auf den Islam zu berufen, im Namen des Islam um Hilfe zu bitten und Hilfe zu leisten. Wenn der Islam, dessen Namen sie führen, tatsächlich in ihnen gegenwärtig wäre, würden sie, sobald sie hörten, dass jemand aus der islamischen Gemeinschaft gegen den Islam handelt, beginnen, sich ihm zu widersetzen, und ihn dazu bringen, davon Reue zu zeigen. Von Hilfe ganz zu schweigen – niemand, der über Lebenskraft und Bewusstsein verfügt, könnte es wagen, gegen die islamischen Regeln und Prinzipien zu handeln. Doch genau das geschieht in der heutigen muslimischen Gesellschaft Tag und Nacht. Der einzige Grund dafür – und es gibt keinen anderen – ist, dass unter den Muslimen die unwissende nationale Gesinnung erwacht ist. Daher ist das, was heute als islamische Brüderlichkeit bezeichnet wird, im Grunde nichts anderes als eine Verbindung aufgrund einer unwissenden Nationalität, die von den Nichtmuslimen übernommen wurde.

Unter dem Einfluss dieser unwissenden Vorstellung ist unter den Muslimen eine merkwürdige Auffassung von „nationalen Interessen“ entstanden. Und die Muslime bezeichnen eben diese als islamische Interessen. Der Nutzen der Menschen, die als Muslime bekannt sind, ihr Erwerb von Reichtum und Besitz, die Vermehrung ihrer Ehre und ihres Ansehens, ihr Gewinn an Stärke und Fähigkeit und die Verwandlung dieser Welt in irgendeiner Form in eine Welt des Glücks für sie – das alles sind die sogenannten islamischen Interessen. Doch es wird überhaupt nicht darauf geachtet, ob diese Interessen und Vorteile gemäß der islamischen Sichtweise und dem islamischen Ideal oder gerade im Widerspruch dazu erlangt werden. Im Allgemeinen werden Menschen, die von Geburt an und in einer muslimischen Familie geboren wurden, als „Muslime“ bezeichnet. Man hält es für selbstverständlich, dass es davon keine Ausnahme gibt. Das bedeutet, dass nur der äußere Körper als „muslimisch“ betrachtet wird, nicht aber die innere Gesinnung. Folglich kann ein Mensch auch ohne islamische Eigenschaften und Tugenden Muslim sein. Aufgrund dieser falschen Vorstellung werden auch die Regierungen jener äußerlichen Muslime, die man Muslime nennt, als „islamische Regierungen“ bezeichnet. Ihre Entwicklung wird als islamische Entwicklung und ihre Interessen werden als islamische Interessen verkündet. Es spielt keine Rolle, dass diese Regierung und diese Interessen offen in einer Richtung verlaufen, die den Prinzipien des Islam völlig entgegengesetzt ist. So ist Deutschsein kein Prinzip und kein Ideal, sondern lediglich ein Merkmal der Zugehörigkeit zu einer Nationalität; und ein deutscher Nationalist bemüht sich nur um die Entwicklung der Deutschen, gleich auf welchem Weg. Ebenso wird Muslimsein als eine Nationalität betrachtet, und muslimische Nationalisten bemühen sich nur um das Ansehen und den Aufstieg ihrer eigenen Nation. Selbst wenn diese Entwicklung und dieses Ansehen gerade durch die Befolgung von Prinzipien erlangt werden, die dem Islam grundsätzlich und praktisch völlig entgegengesetzt sind, sehen sie darin keinen Grund zur Beanstandung – ist das nicht eine unwissende Vorstellung? Ist heute nicht tatsächlich vergessen worden, dass die Muslime eine Partei von internationalem Rang sind, die mit einer besonderen Ideologie und einem praktischen Programm zur Förderung des Wohls der gesamten Menschheit verstanden wird? Wenn ein Muslim diese Ideologie und dieses Programm beiseitelässt und als Einzelner oder als Gemeinschaft nach einer anderen Ideologie handelt, wie kann man das dann als islamisches Handeln bezeichnen? Kann man irgendwo einen Anhänger kapitalistischer Regeln als „Kommunisten“ bezeichnen? Kann man eine kapitalistische Regierung jemals eine kommunistische Regierung nennen? Wird eine faschistische Einrichtung jemals als demokratische Einrichtung bezeichnet? Wenn jemand diese Begriffe auf solche Weise verwendete, würden ihn alle als töricht und unwissend verspotten. Doch gegenwärtig werden die beiden Begriffe „Islam“ und „Muslim“ in besonderem Maße missbraucht, ohne dass jemand dies als dem Islam entgegengesetzt betrachtet.

Schon das Wort „Muslim“ beweist, dass es kein Bezeichnungswort für eine Nation, sondern ein Bezeichnungswort für eine Eigenschaft ist und dass Muslim nur eines bedeutet: ein Anhänger des Islam. Eine andere Bedeutung kann es nicht haben. Es bezeichnet die besonderen geistigen, sittlichen und praktischen Eigenschaften des Islam im Menschen. Daher kann das Wort Muslim nicht in derselben Weise auf einen Einzelnen angewandt werden, wie die Wörter Hindu, Japaner oder Chinese auf einen einzelnen Hindu, Japaner oder Chinesen angewandt werden. Sobald ein als Muslim bezeichneter Mensch von den Prinzipien des Islam abweicht, verliert er augenblicklich und von selbst den Rang, Muslim zu sein. Was er danach tut, tut er nur noch als Privatperson. Dann hat er keinerlei Recht mehr, den Namen des Islam zu verwenden. Ebenso können Begriffe wie „muslimische Interessen“, die Entwicklung der Muslime, ein muslimischer Staat und eine muslimische Regierung oder eine Organisation der Muslime nur dann verwendet werden, wenn all dies gemäß den Prinzipien und Idealen des Islam geschieht und im Hinblick auf die Erfüllung der eigentlichen „Mission“ des Islam vollbracht wird. Andernfalls kann das Wort Muslim mit keinem der genannten Dinge verbunden werden. Denn ohne die Eigenschaften des Islam gibt es auf der Welt überhaupt kein Ding, das man Muslim nennen könnte. Ohne den Kommunismus kann man sich auch keinen Einzelnen und keine Nation als kommunistisch bezeichnet vorstellen. Ebenso kann man kein Interesse ein kommunistisches Interesse, keinen Staat einen kommunistischen Staat und keine Organisation eine kommunistische Organisation nennen. Warum aber hat sich trotz alledem eine solche Vorstellung über die Muslime im menschlichen Denken festgesetzt? Wie kann man einen Einzelnen oder eine Nation als „Muslim“ bezeichnen, wenn man den Islam außer Acht lässt?

Aufgrund dieser falschen Vorstellung wird grundsätzlich völlig falsch mit der Kultur, Zivilisation und Geschichte der Muslime umgegangen. Monarchien und Staatsregierungen, die auf Prinzipien und Idealen gegründet sind, welche dem Islam widersprechen, werden als „islamische Herrschaften“ bezeichnet – allein deshalb, weil auf ihrem Thron ein Mann sitzt, der den Namen Muslim trägt. Die Kultur und Zivilisation, die an den prunkvollen Höfen von Bagdad, Córdoba, Delhi und Kairo gepflegt wurden, werden heute geradezu als islamische Kultur und Zivilisation gefeiert. Tatsächlich haben sie jedoch keinerlei Verbindung zum Islam. Sobald man einen Muslim nach der islamischen Kultur fragt, zeigt er sogleich auf das Taj Mahal in Agra. Es scheint, als sei dies in seinen Augen das glänzendste Zeugnis islamischer Kultur. Doch einen riesigen Landbesitz dauerhaft abzugrenzen und darauf für Millionen eine Palastanlage zu errichten, um einen Leichnam zu bestatten, kann keineswegs islamische Kultur sein.

Sobald daher die ruhmreichen Kapitel der islamischen Geschichte erörtert werden, führt man die Taten und Geschichten der abbasidischen, seldschukischen und mogulischen Kaiser an. Aus der Sicht einer wahrhaft islamischen Geschichtsauffassung würde jedoch festgestellt werden, dass der größte Teil dieser Taten und Geschichten nicht als Ruhmestaten, sondern als für die Verzeichnung in der Liste der Verbrechen geeignet zu beurteilen ist. Die Geschichte der muslimischen Könige und Herrscher wird als „islamische Geschichte“ bezeichnet. Mit anderen Worten: Statt die Vergangenheit im Licht der „Sendung“ des Islam sowie seiner Lehre und Ordnung zu prüfen und anhand des scharfen Maßstabs der Gerechtigkeit zwischen islamischen Leistungen und islamfeindlichen Handlungen zu unterscheiden, wurde es als Dienst an der islamischen Geschichte angesehen, die muslimische Herrscher entweder zu unterstützen oder zu bekämpfen. Der einzige Grund für diesen grundlegenden Unterschied in Sichtweise, Perspektive und Beurteilungsmethode ist, dass sich in den Herzen aller eine dauerhafte falsche Vorstellung festgesetzt hat: Alles, was Muslime tun, müsse „islamisch“ sein. Selbst wenn eine als Muslim bekannte Person nach islamfeindlichen Prinzipien und Methoden handelt, wird ihr Handeln als das Handeln eines Muslims und somit als islamisches Handeln betrachtet.

Auch auf dem Gebiet ihrer nationalen Politik haben die Muslime diese falsche Sichtweise übernommen. Unter Missachtung der Prinzipien, Ideale und Lehren des Islam sowie seiner Sendung – indem sie den Blick davon abwenden – wird eine Nation als muslimische Nation bezeichnet. Im Namen, im Auftrag oder zugunsten dieser Nation hat jeder Einzelne und jede Gruppe äußerste Willkür an den Tag gelegt. Ihrer Auffassung nach ist jeder, der mit der muslimischen Nation verbunden ist, ein Vertreter der Muslime – ja, er kann sogar ihr Führer sein; selbst wenn der Ärmste vom Islam völlig ahnungslos und unwissend ist, spielt das keine Rolle. Sobald die Aussicht auf irgendeinen Vorteil oder Nutzen besteht, sind die Muslime bereit, jedem Einzelnen und jeder Gruppe zu folgen; selbst wenn deren Sendung der Sendung des Islam völlig widerspricht, sehen sie darin keinen Fehler. Sobald sie sehen, dass jemand für Muslime den Lebensunterhalt sichert, geraten sie vor Freude außer sich – selbst wenn es sich aus islamischer Sicht um verbotene Nahrung handelt, empfinden sie keinerlei Bedenken. Sobald sie irgendwo einen Muslim auf dem Sitz der Macht sehen, schwillt ihre Brust vor Freude. Selbst wenn er diese Macht wie ein Nichtmuslim für islamfeindliche Ziele einsetzt, haben sie keinerlei Einwand. Hier werden unzählige nichtislamische Dinge als islamisch angesehen. Die Muslime stellen sich mit aller Kraft hinter Gruppen, die nach Regeln und Grundsätzen gebildet wurden, welche den islamischen Idealen und Organisationsprinzipien völlig widersprechen, und geben Millionen aus, um diese Ziele zu erreichen. … Gerade weil man die Muslime lediglich als eine Nation betrachtete und vergaß, sie als eine Gruppe von internationalem Rang zu verstehen, sind diese unerwünschten Irrtümer in den Vorstellungen über die Muslime und in den damit verbundenen Handlungen entstanden. Solange diese falsche Vorstellung von den Muslimen nicht beseitigt und sie nicht als eine idealistische Gruppe betrachtet werden, kann in keinem Lebensbereich der Muslime richtig gehandelt werden. – Tarjuman-ul-Quran, April 1939

 

Anhang

Wenn man die „islamische Jamaat“ nicht als Nation bezeichnet, könnte bei vielen der Verdacht entstehen, dass ihr dadurch die Möglichkeit offenbleibt, Teil einer regionalen Nationalität zu sein. Innerhalb einer Nation gibt es heute, ebenso wie verschiedene politische Parteien, auch Gruppen, die trotz ihrer jeweils eigenständigen Ideale alle der großen Gesamtheit angehören, die man „Nation“ nennt. Wenn also die „Muslime“ eine Partei sind, wäre es nicht verwunderlich, wenn manche den Verdacht hegten, auch sie könnten zu einem Teil der regionalen Nationalität ihres eigenen Landes werden.

Der einzige Grund für diese falsche Vorstellung ist jedoch, dass man unter Jamaat oder Partei gewöhnlich nur eine politische Partei versteht. Das ist jedoch nicht ihre eigentliche Bedeutung. Da sie seit langer Zeit in diesem Sinn verwendet wird, ist diese Bedeutung untrennbar mit ihr verbunden worden. In Wirklichkeit bilden diejenigen eine Jamaat – eine Partei –, die sich um eine bestimmte Lehre, Glaubensüberzeugung, einen bestimmten Grundsatz, ein bestimmtes Ideal und ein bestimmtes Ziel versammeln. Im Edlen Koran werden „Hizb“ und „Umma“ genau in diesem Sinn verwendet, und auch mit dem Wort Partei ist eben dies gemeint.

Andererseits bilden auch diejenigen eine Partei, die sich mit bestimmten Auffassungen und einem Programm zur politischen Beratung und Verwaltung im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse einer Nation oder eines Landes zusammenschließen. Da eine solche Partei jedoch lediglich eine politische Partei ist, ist es für sie keineswegs ungewöhnlich, Teil einer Nation zu werden … vielmehr ist es natürlich.

Doch auch diejenigen, die sich mit einer umfassenden Weltanschauung und einem richtigen Ideal zusammenschließen, werden als eine „Dschamāʿat“ bezeichnet. Sie bemühen sich unabhängig von Volk und Land um das Wohlergehen der gesamten Menschheit. Die umfassende Neugestaltung des Lebens nach einem neuen Ideal und einer neuen Methode ist ihr einziges Ziel. Sie sind entschlossen, alles von den Prinzipien, Idealen, Anschauungen, Denkweisen und moralischen Bestimmungen bis hin zu den Einzelheiten des persönlichen Verhaltens und der gemeinschaftlichen Ordnung grundlegend neu zu gestalten. Bei ihrem Streben nach der Schaffung einer eigenständigen und neuartigen Tahḏīb und Tamaddun lassen sie keine Mühe unversucht. Auch diese „Partei“ ist ihrem Wesen nach zwar lediglich eine Partei, doch ist sie keine Partei, die als bloßer Teil oder Anhängsel einer großen Nation wirkt. Ihre Bewegung erhebt sich weit über die enge Nationalität. Vielmehr besteht ihre vornehmste Aufgabe darin, die verschiedenen Nationalitäten zu zerschlagen, die auf den Grundlagen von Stammes-, Sippen- und überlieferten Feindschaften, Abneigungen und Gegensätzen entstanden sind. Eine solche Dschamāʿat oder Partei kann sich daher nicht mit diesen Nationalitäten verbinden; vielmehr wird sie die stammesbezogene, sippenbezogene und historische Nationalität zerschlagen und an ihrer Stelle eine vollständig vernunftbegründete Nationalität (Rational Nationality) schaffen – anstelle einer leblosen, starren und unfruchtbaren Nationalität wird sie zweifellos eine sich entwickelnde Nationalität (Expanding Nationality) bilden. Sie legt selbst den Grund zu einer neuartigen Nationalität, die auf der Grundlage geistiger und kultureller Einheit bereit ist, die gesamte Bevölkerung der ganzen Welt in sich aufzunehmen. Doch auch nachdem sie die Gestalt einer Nationalität angenommen hat, bleibt sie ihrem Wesen nach eine „Partei“ oder „Dschamāʿat“. Denn niemand kann ihr allein aufgrund eines Geburtsrechts angehören; die einzige Möglichkeit, sich ihr anzuschließen, besteht darin, ihre grundlegenden Prinzipien, Ideale und Anschauungen anzunehmen und ihnen zu folgen.

„Muslim“ ist seinem eigentlichen Wesen nach eine Bezeichnung für eine Partei dieser zweiten Art. Es handelt sich nicht um eine jener verschiedenen „Parteien“, die innerhalb einer Nation entstehen. Es ist vielmehr eine Partei jener Art, die sich mit dem Banner einer völlig eigenständigen Tahḏīb und Tamaddun erhebt und durch die Zerschlagung der engsten Grenzen kleiner und unbedeutender Nationalitäten allein auf der Grundlage von Prinzipien eine große Welt-Nationalität (World Nationality) schaffen will. Da diese „Partei“ nicht bereit ist, sich in ihrem inneren Gefühlsleben mit irgendeiner der anderen stammesbezogenen oder historischen Nationen der Welt zu verbinden, sondern damit beginnt, gemäß ihrer eigenen Lebens- und Gesellschaftsphilosophie (Social Philosophy) das Gebäude ihrer eigenen Tahḏīb und Tamaddun zu errichten, kann man sie unter diesem Gesichtspunkt durchaus eine Nation nennen. Doch obwohl sie in dieser Hinsicht eine „Nation“ ist, bleibt sie ihrem Wesen nach lediglich eine „Partei“. Denn niemand kann allein dadurch als Mitglied dieser „Nation“ gelten, dass er zufällig in ihr geboren wurde (Mere Accident of birth) – solange er nicht ihrem Ideal und ihren Prinzipien folgt. Ebenso wird niemand daran gehindert, einer anderen Nation anzugehören, wenn er dies wünscht. Denn er glaubt an die Prinzipien, das Ideal und die Anschauung dieser Nation.

Die Quintessenz der gesamten vorangegangenen Erörterung lautet: Die Nationalität der muslimischen Nation wird gerade deshalb anerkannt, weil sie eine eigenständige Dschamāʿat oder Partei ist. Ihrem Wesen nach ist sie eine Partei; erst in zweiter Linie erlangt sie den Rang einer Nationalität. Das Erste ist die Grundlage, das Zweite lediglich ihr Zweig. Wird ihre Eigenschaft als Dschamāʿat irgendwann außer Acht gelassen und verwandelt sie sich in nichts weiter als eine „Nation“, so muss man zweifellos davon ausgehen, dass ihr äußerster Niedergang (Degeneration) eingetreten ist.

In der Geschichte der menschlichen Gesellschaft sind Rang und Wesen der islamischen Partei in der Tat etwas Einzigartiges und Außergewöhnliches. Daher ist sie für die Menschen auch verwunderlich. Vor dem Islam hatten der Buddhismus und das Christentum die engen Grenzen der Nationalität durchbrochen, die gesamte Menschheit der Welt aufgerufen und versucht, auf der Grundlage einer Weltanschauung eine allumfassend anerkannte Bruderschaft zu bilden. Doch bei keiner dieser beiden Religionen war eine Gesellschaftsphilosophie vorhanden, die zur Errichtung einer umfassenden Ordnung von Tahḏīb und Tamaddun geeignet gewesen wäre; es gab dort lediglich einige moralische Ratschläge. Daher war keine von ihnen imstande, die Grundlage einer umfassenden Nationalität zu legen. Sie endeten damit, eine Art „Bruderschaft“ (Brotherhood) zu schaffen. Nach dem Islam erhob sich im Westen die wissenschaftliche Zivilisation und versuchte, die internationale Welt anzusprechen; doch bereits an ihrem ersten Lebenstag setzte sich der „Geist“ der Nationalität auf ihren Nacken. Deshalb scheiterte auch sie völlig daran, eine internationale Nationalität zu bilden. Danach trat der marxistische Kommunismus auf den Plan und versuchte, durch die Überschreitung der engen Grenzen der Nationalität auf der Grundlage eines umfassenden Konzepts eine weltumspannende Nationalität und Zivilisation zu schaffen. Da diese Zivilisation jedoch noch nicht vollständig verwirklicht worden ist, konnte auch der Marxismus nicht die Gestalt einer weltumspannenden, anerkannten Nationalität annehmen. Und die Wahrheit ist, dass der Marxismus schon zuvor in der Enge des Nationalismus versunken war und dadurch seinen internationalen Rang beeinträchtigt hat. In der Politik Stalins und seiner Partei übt der russische Nationalismus einen sehr starken Einfluss aus. In der russischen Literatur – ja sogar in der neuen Verfassung, die 1936 angenommen wurde – wurde Russland als „Vaterland“ (Father Land) bezeichnet, womit der äußerste Höhepunkt der Verehrung der Nationalität zur Schau gestellt wurde. Der Islam jedoch bezeichnet kein Land als „Vaterland“, sondern nennt es Dār al-Islām – „das Land des Islam“. Bis zur heutigen Zeit ist der Islam in der ganzen Welt die einzige Lebensordnung, die imstande ist, alle Bande der stammesbezogenen, sippenbezogenen und historischen Nationalität zu durchtrennen und auf der Grundlage einer neuen Zivilisation und Kultur eine weltumspannende, anerkannte Nationalität zu bilden. Deshalb können diejenigen, die mit der im Islam enthaltenen idealistischen Gedankenrichtung nicht eng vertraut sind, überhaupt nicht verstehen, wie ein und dieselbe Menschengemeinschaft zugleich „Nation“ und „Partei“ sein kann. Sie sehen, dass die einzelnen Mitglieder jeder Nation der Welt ihr aufgrund ihrer Geburt von den Angehörigen der betreffenden Nation angehören; niemand schließt sich ihr aus eigenem Willen oder eigenem Interesse an. Wer in Italien geboren wurde, ist Mitglied der italienischen Nationalität; wer jedoch nicht in Italien geboren wurde, hat keinerlei Möglichkeit, Mitglied der italienischen Nation zu werden – das ist allgemein bekannt. Die Menschen der Welt kennen jedoch gewöhnlich keine solche „Nation“, der man sich anschließen muss, indem man an ein bestimmtes Ideal und eine bestimmte Anschauung glaubt, und aus der man zwangsläufig ausgeschlossen wird, wenn man sein Ideal und seine Anschauung verändert. Ihrer Auffassung nach kann eine solche Eigenschaft nur einer Partei, nicht aber einer Nation zukommen. Doch sie sind verwundert, wenn sie sehen, dass diese Partei nicht bereit ist, sich mit einer eigenständigen Zivilisation und Kultur sowie mit einer neuen Nationalität zu verbinden und sich auf sie zu beschränken.

Da sie den wahren Sachverhalt nicht verstehen, gilt dies nicht nur für die Nichtmuslime; auch die Muslime sind heute darin versunken. Infolge einer lang andauernden nichtislamischen Erziehung und Bildung sowie eines Lebens in einer islamfeindlichen Umgebung ist auch in ihnen die unwissende Vorstellung eines „historischen Nationalismus“ erwacht. In Wirklichkeit waren sie dazu herangebildet worden, weltweit eine Revolution herbeizuführen; die Verbreitung ihres Ideals war der Zweck ihres Lebens, und es war ihre Pflicht, die falsche Gesellschaftsordnung der Welt zu zerschlagen und auf der Grundlage ihrer eigenen Lebensanschauung eine neue Gesellschaft zu schaffen. Doch die Muslime haben dies heute völlig vergessen. Nachdem sie all dies vergessen haben, sind sie wie die übrigen Völker der Welt zu einem bloßen Volk geworden. In ihren Zusammenkünften, Versammlungen, Konferenzen und Kongressen sowie in ihren Zeitschriften und Broschüren ist heute nirgendwo auch nur eine Erörterung oder Erwähnung ihrer eigentlichen Mission zu hören. Dabei waren sie gerade deshalb aus den Völkern der Welt ausgewählt und zu einem neuen Volk, einer neuen Umma, gemacht worden. Nun ist der Schutz der Interessen der Muslime zu ihrer einzigen Aufgabe geworden. Unter „Muslimen“ versteht man dabei diejenigen, die in die Familie muslimischer Eltern hineingeboren wurden. Und unter Interessen versteht man ebenfalls lediglich die materiellen und politischen Interessen sowie die Erlangung von Vorteilen und Vergünstigungen dieser erblich muslimischen Menschen. Manchmal ist damit auch ihre Kultur oder Zivilisation gemeint. Welche Vorgehensweise und Politik auch immer zum Schutz dieser Interessen als notwendig erachtet wird, die Muslime werden ohne Zögern dazu schreiten, sie anzunehmen – so wie Mussolini bereit war, jede Handlung zu unternehmen, die den Interessen der Italiener diente. Von irgendeinem Prinzip oder Ideal hielt er nichts. Er sagte: Was immer für das italienische Volk nützlich und wohltätig ist, das ist wahr und gerecht. Und genau dies bezeichne ich als ein Zeichen des äußersten Niedergangs der Muslime. Um gegen diesen Niedergang zu protestieren, bemühe ich mich, den Muslimen in Erinnerung zu rufen: Ihr seid im Grunde kein Volk, das einem der erblichen, stammesmäßigen oder historischen Völker gleicht. In Wirklichkeit seid ihr lediglich eine Gruppe, eine Jamaat, und nur solange in euch das Bewusstsein vorhanden ist, eine solche Gruppe zu sein, kann euer Leben gerettet werden – sonst nicht.

Wenn das Bewusstsein, eine Gruppe zu sein, nicht erwacht ist – denn andernfalls lässt sich nicht ermessen, wie verhängnisvoll die Folgen der Selbstvergessenheit sind –, beginnt der Muslim, jeder beliebigen Meinung und jedem beliebigen Weg zu folgen; überhaupt wird nicht geprüft, ob dies mit dem islamischen Ideal übereinstimmt oder ihm widerspricht. So wird der Muslim zum Nationalisten und auch zum Kommunisten. Er lässt sich sogar in den Faschismus einweihen und empfindet dabei keinerlei Bedenken. Überall wird man Muslime finden, die den verschiedenen westlichen Gesellschaftsphilosophien sowie metaphysischen und wissenschaftlichen Auffassungen folgen. Es gibt auf der Welt keine politische, soziale oder zivilisatorische Bewegung, an der sich nicht auch Muslime beteiligt hätten. Und das Erstaunliche ist gerade, dass sie sich dennoch weiterhin für Muslime halten, dies behaupten und unter dem Namen Muslime bezeichnet werden. Doch dass „Muslim“ kein von Geburt an verliehener Titel ist, sondern lediglich eine bezeichnende Bezeichnung für die Anhänger des von Islam festgelegten Weges – daran erinnern sich die Anhänger der verschiedenen Meinungen und Wege überhaupt nicht. In der Tat ist es zweifellos ein verhängnisvoller Fehler, diejenigen „Muslime“ zu nennen, die das islamische Lebenssystem und den festgelegten Weg verlassen und einem anderen Weg folgen. Die Bezeichnungen „muslimischer Nationalist“, „muslimischer Kommunist“ und ähnliche Begriffe widersprechen einander genauso sehr, wie ein kommunistischer Geldverleiher und ein buddhistischer Metzger einander widersprechen. – Tarjuman-ul-Qur’an: Juni 1939.

— Ende —-