Kapitel: 1

Vorwort

Der Zweck seines Erscheinens, sein Aufruf und seine historische Stellung

Das Werk „Muhammad, der Freund der Menschheit“, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ist im Wesentlichen die bengalische Übersetzung von „Muhsin-e-Insaniyat“, das von Naeem Siddiqi, einem der bedeutendsten islamischen Forscher und Denker dieses Subkontinents, in Urdu verfasst wurde. Das Werk wurde unter dem Titel „Human Benefactor“ auch ins Englische übersetzt.

Dieses Werk ist keine auf herkömmliche Weise verfasste Biografie des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Es vermittelt vielmehr ein wunderbares, analytisches und lehrreiches Bild jener einzigartigen sozialen Revolution, die der Edle Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vollbrachte, sowie der außergewöhnlichen Menschengruppe und menschlichen Gesellschaft, die er dabei wie ein meisterhafter Handwerker erschuf. Daher ist es zugleich eine Darstellung der Sira des Edlen Gesandten und ein Bericht über die Verwirklichung der islamischen sozialen Revolution. Für alle, die sich danach sehnen, eine islamische Gesellschaft aufzubauen, ist dieses Werk von großem Nutzen.

Der Zweck seines Erscheinens, sein Aufruf und seine historische Stellung

Bevor wir das Leben des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, studieren, müssen wir ein klares Verständnis vom Zweck seines Erscheinens erlangen. Wir müssen genau bestimmen, welches große Werk dieser größte Wohltäter der gesamten Menschheit zu vollenden auf die Erde gekommen war und welchem Werk er sein ganzes Leben widmete, um einen entscheidenden, zielgerichteten Kampf erfolgreich zu Ende zu führen. Tatsächlich ist die Lebensgeschichte des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Geschichte eines unermüdlichen Kampfes zur Verwirklichung eines Programms für die gesamte Menschheit. Das Leben des Gesandten ist eine praktische und tatkräftige Auslegung der Lehren und Ideale des Korans. Das Leben des Gesandten ist eine Fortsetzung jener heiligen Botschaft, deren Fackel der Prophet Adam, Friede sei mit ihm, Abraham, Friede sei mit ihm, Mose, Friede sei mit ihm, Jesus, Friede sei mit ihm, und die übrigen Propheten in ihren jeweiligen Zeitaltern entzündet hatten. Wenn wir die Art und das Wesen des Wirkens des Edlen Propheten, seine Besonderheiten und die Weite seines Wirkungskreises nicht im Blick behalten, können wir das Leben des Propheten weder geordnet darstellen noch die darin geschehenen Ereignisse bewerten und analysieren, den eigentlichen Zweck des Studiums seiner Lebensgeschichte bestimmen oder all das erlangen, was wir aus seiner Lebensgeschichte gewinnen müssen.

Der Retter der Menschheit

Wenn wir die Geschichte der gesamten Menschheit betrachten, begegnen wir darin Reformern verschiedenster Art. Wir sehen viele wohlklingende oder feurige Redner, Philosophen und Denker, Baumeister gewaltiger Reiche, Könige, Großkönige und Kaiser, siegreiche Helden, Gründer großer Parteien und Organisationen, große Führer, die die menschliche Zivilisation erschütterten, übermächtige Revolutionäre, die die gesellschaftliche Ordnung wiederholt aufwühlten, Begründer immer neuer religiöser Lehren, die auf der Bühne der Zivilisation erschienen, sowie moralische Reformer und Gesetzgeber. Wenn wir jedoch ihre Lehren, die von ihnen hinterlassenen Leistungen und Beiträge sowie das Gesamtergebnis ihrer Bemühungen und Aktivitäten betrachten, finden wir nirgends ein vollständiges Wohlergehen oder einen umfassenden Nutzen. Der Nutzen und die positiven Ergebnisse, die sichtbar werden, sind lediglich teilweise, einseitig und vorübergehend. Diese positiven Ergebnisse zeigen sich in irgendeinem Bereich des Lebens; danach vermischen sie sich mit verschiedenen Arten von schädlichen Folgen. Abgesehen von den Persönlichkeiten der Propheten findet sich in der Geschichte kein anderer Faktor und kein anderes Element, das imstande gewesen wäre, die gesamte menschliche Gesellschaft von innen heraus zu verändern. Die gesamte Gesellschaft und Zivilisation – von der Moschee bis zum Markt, von der Schule bis zum Gericht und vom Haus bis zum Schlachtfeld – mit derselben Farbe Allahs zu färben und im Inneren der gesamten menschlichen Gesellschaft eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, das war der Erfolg der Daʿwa von Muhammad, dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Und genau darin liegt das eigentliche Verdienst seines Lebens. Durch seine Daʿwa veränderten sich die Herzen und Gedanken der Menschen, ihre Denkweisen wandelten sich, ihre Sichtweisen änderten sich, Sitten, Bräuche und Gewohnheiten wurden verändert, die Grundsätze der Verteilung von Rechten und Pflichten wandelten sich, die Maßstäbe für Recht und Unrecht sowie für Erlaubtes und Verbotenes änderten sich, die moralischen Werte wurden umgestaltet, Gesetze und Verfassungen wurden verändert, die Regeln des Krieges und des Friedens wurden neu geordnet, und Ehe sowie Gesellschaftsordnung wandelten sich. Kurz gesagt: Jeder einzelne Bereich und jede einzelne Institution der Zivilisation wurde grundlegend verändert. Vom einen Ende bis zum anderen Ende dieser umfassenden Veränderung war nirgends etwas anderes als Wohlergehen und Segen zu erkennen. In keinem ihrer Teile gab es Schaden, in keinem Bereich Verderbnis und nirgendwo eine Entstellung. Überall herrschte nur Wohlergehen, nach allen Seiten wirkten ausschließlich aufbauende Kräfte sowie Aufstieg und Fortschritt. In Wahrheit wurde durch die Hand des edlen Propheten die umfassende Auferstehung und Wiederbelebung der Menschheit vollbracht. Indem er den strahlenden goldenen Morgen der Wahrheit und Gerechtigkeit heraufführte, machte er den Himmel der Zivilisation wolkenlos. Er eröffnete ein historisches Zeitalter. In der Weltgeschichte ist dies eine so große Leistung und ein so großer Verdienst, dass sich nirgendwo sonst ein vergleichbares Beispiel finden lässt.

Der Retter der Menschheit, der Weltprophet, war in einer Zeit erschienen, in der die gesamte Menschheit in tiefster Finsternis versunken war. An manchen Orten herrschte das Zeitalter der Barbarei und Grausamkeit. An anderen richtete der Fluch des Schirks und des Götzendienstes das zivilisierte Leben zugrunde. In Ägypten, Indien, Babylon, Ninive, Griechenland und China war die Zivilisation vollständig zerstört und in Unordnung geraten. Nur in Rom und Persien wehte noch das Banner der Zivilisation. Der äußere Glanz der römischen und iranischen Zivilisation blendete die Augen. Doch im Inneren jener prächtigen Paläste herrschten haarsträubende Unterdrückung und Verfolgung. Aus den Wunden des Lebens strömte ein abscheulicher Gestank. Könige und Kaiser waren nicht nur Verkörperungen Gottes; vielmehr hatten sie sich selbst als Götter etabliert. Im Bündnis mit ihnen beherrschte die grundbesitzende Priesterklasse das Volk. Unter der grausamen Ausbeutung und Unterdrückung beider Reiche, Roms und Irans, waren die einfachen Menschen dem Erstickungstod nahe. Man trieb vom Volk hohe Steuern, Abgaben, Bestechungsgelder und Geschenke ein. Darüber hinaus zwang man es, wie Tiere zu schuften. Doch um seine Not, sein Leid, seine Sorgen und sein Unglück kümmerten sie sich weder, noch empfanden sie Mitgefühl; ebenso wenig suchten sie nach einer Lösung oder Abhilfe. Der Genuss und Luxus sowie die Naturverehrung dieser herrschenden Klassen hatten ihr sittliches Wesen völlig zerstört. Der Wechsel und Aufstieg sowie der Fall der königlichen Herrscher, das Erscheinen immer neuer Eroberer und die blutigen Kriege führten zwar zu vorübergehenden Veränderungen der Lage, eröffneten den einfachen Menschen jedoch keinen Weg zur Befreiung. Nach jeder Veränderung wurden die einfachen Menschen noch stärker im Mühlwerk der Ausbeutung zermahlen. Welche Macht auch immer auf der Bühne der Herrschaft erschien, sie machte gerade die einfachen Menschen zu Werkzeugen der Ausbeutung, festigte ihre eigene Macht, indem sie deren Blut als Kapital und ihre Arbeitskraft nutzte, und verwandelte sich nach dem errungenen Sieg und der erlangten Herrschaft in einen noch größeren Tyrannen und Ausbeuter als ihre Vorgänger. Auch zwischen den Reichen Rom und Iran selbst herrschten unaufhörlich Konflikte und Auseinandersetzungen. Verschiedene Gebiete gerieten bald unter die Herrschaft des einen, bald unter die des anderen Reiches. Doch jedes Mal unterdrückte die siegreiche Macht irgendeine Gruppe der Untertanen grausam. Wenn beispielsweise ein zum iranischen Reich gehörendes Gebiet unter römische Herrschaft fiel, löschte man dort die Feueraltäre und errichtete an ihrer Stelle Kirchen; geriet hingegen ein zum Römischen Reich gehörendes Gebiet in die Hände der Iraner, wurden dort alle Kirchen in Feuerstätten verwandelt. Der größte Teil der Welt war der Anarchie ausgeliefert. Ständig kam es zu Kriegen, Konflikten, Auseinandersetzungen und Aufständen. Religiöse Gruppierungen vergossen gegenseitig ihr Blut. In all diesen Unruhen wurde die menschliche Würde mit Füßen getreten und zermalmt. Seine Menschlichkeit wurde beschämt und in den Staub getreten. Trotz unmenschlicher Arbeit vermochte der Mensch nicht einmal seine geringsten Lebensbedürfnisse zu befriedigen. Selbst angesichts hundertfacher Unterdrückung und Misshandlung konnte er nicht einmal den geringsten Protest äußern. Selbst bitterste Gefühle musste er schweigend hinunterschlucken. Gewissen und Gemüt waren in so harte Fesseln der Sklaverei gelegt, dass er nicht einmal die Freiheit besaß, ein Wort zu sagen. In welch schrecklichem eisernen Käfig war er eingeschlossen, und wer kümmerte sich darum, wie sehr Himmel und Erde von seinen Seufzern der Verzweiflung und des Scheiterns erfüllt waren? In diesem eisernen Käfig war nach keiner Seite auch nur ein Fenster geöffnet, und keine einzige Idee oder Philosophie ließ auch nur ein Glühwürmchen von Hoffnung vor den Menschen aufleuchten. Seine Seele schrie auf. Doch aus keiner Richtung antwortete jemand auch nur auf diesen Schrei. Keine Religion trat hervor, um ihn zu retten. Denn die Lehren der Propheten waren durch Entstellung und Missbrauch in den tiefsten Abgrund versunken und verschwunden. Was im Namen der Religion noch übrig geblieben war, hatte die religiöse Elite zu einer Handelsware gemacht. Sie hatte sich mit den zeitgenössischen Tyrannen und Ausbeutern verbündet. Nehmen wir die griechische Philosophie. Nehmen wir Konfuzius und das Manusmriti oder die Veden und Vedanta, den Buddhismus oder die Gesetze Justinians und Solons – alles war leblos und unwirksam geworden. Von keiner Seite war ein Lichtstrahl zu erkennen. Immer wenn irgendwo auf der Welt ein solcher Zustand eintritt, dass der Mensch in einem eisernen Käfig eingeschlossen ist und von keiner Seite ein Hoffnungsschimmer sichtbar wird, entstehen in der Gesellschaftsordnung Krise und Stillstand. [Über diesen historischen Zustand der Menschheit hat der Koran eine äußerst kurze, unvergleichliche Betrachtung gegeben: „Verderbnis ist auf dem Festland und auf dem Meer eingetreten aufgrund dessen, was die Menschen mit ihren Händen erworben haben. So lässt Er sie einiges von dem kosten, was sie getan haben, auf dass sie umkehren mögen.“ (Ar-Rum 41)] Als sich daher in der ganzen Welt das schrecklichste und grausamste Chaos der Geschichte zeigte, entzündete sich plötzlich in der undurchdringlichen Finsternis dieses Chaos die Fackel des Weltpropheten, des größten Freundes der Menschheit. Diese Fackel erhellte, indem sie das Dunkel der zeitgenössischen gesellschaftlichen Katastrophe durchdrang, alle Richtungen.

Die dem Arabischen Raum nächstgelegenen Gebiete waren das erste Wirkungsfeld des Gesandten Allahs ﷺ. Schon der Gedanke daran, welch erschreckende Zustände dort herrschten, lässt einen erschaudern. Zwar hatte sich zur Zeit von ʿAd und Thamūd oder unter dem imperialen Einfluss von Saba und Jemen einst ein gewisser Schimmer der Zivilisation gezeigt, doch auch dieser war schon vor langer Zeit erloschen. Die übrigen Gebiete Arabiens lagen noch in der tiefen Finsternis der Vorzivilisation versunken. Die Sonne der Zivilisation war noch nicht aufgegangen, und die Menschheit war noch nicht aus dem Schlaf der ursprünglichen Dschahiliyya erwacht. Überall herrschte heftige Unruhe. Zwischen den Menschen kam es zu Konflikten und Kämpfen, während Kriege und Plünderungen tobten. Die dschahilische Kultur hatte durch die Verbindung von Alkohol, Unzucht und Glücksspiel ihren Höhepunkt erreicht. Die Quraisch betrieben mit ihrer von Schirk und Götzendienst geprägten Religion ein florierendes Geschäft mit der Verwaltung der heiligen Kaaba. Auch die Juden hatten, mit ihnen wetteifernd, Läden des verfälschten Religionsgeschäfts eröffnet. Die übrigen Araber waren in geistiger Anarchie versunken. Die Geldverleiher von Mekka und Taif hatten ihre Netze des Wuchergeschäfts ausgeworfen. Die verfluchten Einrichtungen des Sklavenhandels liefen mit großem Pomp weiter. Kurz gesagt: Die Menschen waren auf die niedrigste Stufe der Knechtschaft ihrer Triebe gesunken und führten ein Leben wie wilde Hyänen und vierbeinige Tiere. [Im Koran heißt es in der Sure al-Furqan: „Sie sind wie das Vieh, ja, sie sind noch weiter vom Weg abgeirrt.“ (Vers 42)] Die Mächtigen führten die Schwachen wie Ziegen- und Schafherden am Nasenstrick umher. Die Schwachen lagen zu Füßen der Mächtigen darnieder.

Unter solchen Umständen trat Muhammad ﷺ allein auf den Schauplatz, mit dem Aufruf zu einer grundlegenden und umfassenden Veränderung. In einer derart hoffnungslosen Umgebung wäre jeder andere vielleicht aus den Siedlungen geflohen. Es hat in der Vergangenheit durchaus rechtschaffene und feinfühlige Menschen gegeben, die das Unrecht hassten; sie waren sogar in großer Zahl vorhanden. Doch sie waren nicht imstande, dem Unrecht entgegenzutreten und es zu beseitigen. Um ihr eigenes Leben zu schützen, verließen sie die Gesellschaft und die Siedlungen, suchten Zuflucht in Wäldern und Berghöhlen und wurden zu Asketen und Mönchen. Doch der Gesandte ﷺ dachte nicht daran, die bedrängte Menschheit hilflos zurückzulassen und nur sein eigenes Leben zu retten. Vielmehr kämpfte er gegen Unrecht und Frevel und eröffnete der gesamten Menschheit den Weg zur Erlösung. Er ergriff das Steuer des Schiffes der Zivilisation und lenkte es auf das richtige Ziel zu. Um den Stillstand zu durchbrechen, den die beiden miteinander kämpfenden Supermächte Rom und Iran damals verursacht hatten, trat er als dritte Kraft hervor. Als diese dritte Kraft allmählich auf eigenen Füßen stand, forderte sie sowohl Rom als auch Iran heraus. Sie stürzte die mächtigen Führungen beider Mächte und ermöglichte den Völkern, dem Käfig einer schrecklichen Zivilisation zu entkommen und sich in einer freien Umgebung zu bewegen [hier sind einige Hadithe erwähnenswert: „Ich wurde aus den verschiedenen Generationen der Kinder Adams in der besten Generation entsandt.“ (Buchari) „Allah erwählte Kinana aus den Nachkommen Ismaʿils, Quraisch aus den Nachkommen Kinanas, die Banu Haschim aus Quraisch und mich aus den Banu Haschim.“ (Muslim) „Als Allah die Welt erschuf, ordnete Er mich der besten Klasse, danach dem besten Stamm und danach der besten Familie zu. Daher bin ich sowohl als Einzelperson als auch als Angehöriger einer Familie der Beste.“ (Tirmidhi)]. Vor den Kindern Adams öffnete sich ein Weg zur Befreiung, und die von Räubern umgebene Karawane der Menschen brach zum Ziel des Fortschritts und des Wohlstands auf.

Kurz gesagt: Der Gesandte ﷺ trat als Befreier und Retter für die Bewohner der gesamten Welt hervor.

Ort und Zeit des Erscheinens sowie die menschlichen Voraussetzungen

Um die Menschheit auf den rechten Weg zurückzuführen, erwählte der erhabene Allah einerseits die herausragende Persönlichkeit des Gesandten ﷺ; andererseits wählte Er trotz der damals herrschenden schlimmsten Zustände für den Gesandten ﷺ die beste Zeit, für die Daʿwa den geeignetsten Ort und für die erste Ansprache das beste Volk aus.

Insgesamt kann man die Zeit unter diesem Gesichtspunkt als besonders geeignet betrachten: Die Ära der Stammesgesellschaft ging damals zu Ende, und das Zeitalter der Internationalität rückte näher. Nach nur wenigen Wendungen der Geschichte stand der Eintritt in das Zeitalter der Wissenschaft bevor. Die Zeit des Erscheinens des Gesandten ﷺ markierte tatsächlich die Grenze zwischen den beiden genannten Zeitaltern. Um ein umfassenderes und strahlenderes künftiges Zeitalter einzuleiten, war es notwendig, die Daʿwa der früheren Propheten erneut zu verkünden, ihre Lebenskraft hervorzuheben, das Fundament einer auf dem Gehorsam gegenüber Allah beruhenden Zivilisation fest zu legen und die auf Gleichheit und Gerechtigkeit gegründete Gesellschaftsordnung des Islam vollständig darzustellen, damit die späteren Zeitalter durch die Lichtstrahlen dieses Werkes des Gesandten ﷺ erleuchtet werden konnten. Auch unter diesem Gesichtspunkt war diese Zeit am geeignetsten, denn vor den Menschen war kein Ort der Hoffnung und Zuversicht mehr übriggeblieben; deshalb fiel es ihnen leichter, zur Annahme des Islam bewegt zu werden.

Wenn wir den Ort der Daʿwa betrachten, sehen wir, dass Arabien trotz seines trockenen, wüstenartigen Charakters im Zentrum der damaligen zivilisierten Welt lag. Alle Handelswege, die aus dem Osten, dem Westen und dem Norden kamen, liefen auf der Arabischen Halbinsel zusammen. Der gesamte Außenhandel zwischen den verschiedenen Ländern wurde durch arabische Händler abgewickelt. Zwischen Amman und Jemen, Sanaa und Mekka, Dschidda und Yanbuʿ sowie Medina und Dumat al-Dschandal zogen Handelskarawanen hin und her. Ohne die Erlaubnis der arabischen Führer, insbesondere der Quraisch, und die Passierscheine der bedeutenden Stämme konnten diese Karawanen sich nicht sicher bewegen. Auf diese Weise standen die arabische Halbinsel und insbesondere Mekka, Taif, Medina, Yanbuʿ und Dumat al-Dschandal mit allen Gebieten Indiens, Chinas, Irans, Iraks, Ägyptens, Roms und Äthiopiens in Verbindung. Ein Zentrum für einen umfassenden Aufruf und dessen Verbreitung hätte hier größere Erfolge erzielen können als in jeder anderen Region. Außerdem hatten Mekka und Medina in der arabischen Welt die höchste Bedeutung. In religiöser, wirtschaftlicher und kultureller Hinsicht waren ihre Führung und ihr Einfluss unüberwindlich.

Obwohl die Rückständigkeit der arabischen Nation in Zivilisation und Kultur, ihre Zügellosigkeit und Anarchie sowie ihre wirtschaftliche Not einige Probleme verursachten, hatte dies auch einen sehr großen Vorteil. Dieser bestand darin, dass Arabien weitgehend von ausländischer Vorherrschaft frei war. Auch im Inneren besaß niemand eine solche Macht, dass er eine systematische politische Herrschaft über das ganze Land hätte errichten und anschließend durch den Einsatz von Macht, Autorität, Gesetzen und Bildung die Gesellschaft auf eine bestimmte Struktur hätte ausrichten können. Hätte es eine solche mächtige Person oder Gruppe gegeben, hätte sie die islamische Bewegung vernichten können, so wie verschiedene ungerechte Könige der Vergangenheit die Daʿwa der Propheten aufhielten, bevor sie ihre Vollendung erreicht hatte. Die Quraisch besaßen beträchtlichen Einfluss und Ansehen und leisteten tatsächlich mit aller Kraft Widerstand. Doch sie hatten keine systematische politische Herrschaft über ganz Arabien. Wie tief ihr religiöser und wirtschaftlicher Einfluss auch gewesen sein mag, sie waren niemals in der Lage, einen gut organisierten Staat zu ersetzen.

Aus religiöser Sicht zeigt sich, dass die Erinnerung an die Botschaften der früheren Propheten in allen Gegenden dieses Landes unauslöschlich lebendig war. Auch die Zeichen des Schicksals, das die Völker jener Zeit ereilt hatte, lagen vor aller Augen. Im Norden lag Ur, der Geburtsort des Propheten Ibrahim. In seiner Nähe befanden sich die Gebiete der Propheten Nuh, Lut und Salih, Allahs Segen sei auf ihnen. Auch Palästina und Jerusalem, die Schauplätze des Aufstiegs und Niedergangs der Kinder Israels sowie der Botschaft von Isa, lagen ganz in der Nähe. Im Süden befanden sich die Wohngebiete von Ad und Thamud, das Gebiet des Marib-Staudamms und das Reich Saba. Jenseits des Meeres lag Ägypten. Dort hatten Ibrahim und Ismail das Zentrum des Tauhid gestärkt und gefestigt. Dort hatten sie leuchtende Beispiele für Gottesdienst und Gehorsam gegeben. Welches Gebiet hätte für den Gehorsam gegenüber Allah, den Tauhid sowie die Reform und Entwicklung der Menschheit geeigneter sein können als dieses? Wenn hier der Ruf zum Islam erschallte, herrschten Umstände, unter denen die von den früheren Propheten hinterlassenen Zeichen in den Herzen der Menschen leicht wieder lebendig und sichtbar werden konnten.

Auch das menschliche Potenzial, über das Arabien verfügte, war von höchster Qualität. Das bemerkenswerteste Merkmal dieses Potenzials war, dass seine Quellen von Kraft und Fähigkeit bis dahin ungenutzt und unversehrt geblieben waren. Von den zerstörerischen Krankheiten, die die barbarischen Zivilisationen Roms und Irans hervorgebracht hatten, waren die Araber noch frei. Obwohl unter ihnen Mängel bestanden, die aus ihrer harten Lebensweise entstanden, waren ihre guten Eigenschaften keineswegs gering. Als Beduinen besaßen sie eine natürliche Einfachheit des Gemüts. Von jeder Künstlichkeit waren sie völlig frei. Sie hatten Gelegenheit, die Zeichen der Natur aus nächster Nähe zu betrachten. Daher konnten sie die Zeichen der großen Wahrheit im Weltall wahrnehmen. Das heiße Klima, die Stöße der Wüstenstürme, die beschwerlichen Reisen bei Tag und Nacht, die Erfahrungen von Hunger und Durst sowie das alltägliche Töten und Plündern ließen in ihnen Kühnheit und Wagemut entstehen und trugen dazu bei, den Antrieb zur Tapferkeit zu beleben. Für die Durchführung einer weltumspannenden Bewegung wurde eine Gruppe mutiger Helden von genau dieser Art benötigt, und genau so waren sie. Sie besaßen Freigebigkeit. Für eine derart große Aufgabe wären geizige Menschen nicht geeignet gewesen. Die Araber hatten ein außergewöhnliches Gedächtnis. Sie behielten nicht nur ihre eigene Abstammung über Generationen hinweg im Gedächtnis, sondern sogar die Abstammung ihrer Pferde. Menschen dieser Art konnten am besten dazu befähigt werden, die Grundsätze einer Lebensordnung anzunehmen und sie anderen zu vermitteln. Ihr Selbstwertgefühl war in vollem Maße vorhanden. Deshalb lag die Wahrung ihrer Würde in ihrer eigenen Hand. Auch ihre Sprache war eine hochrangige, umfangreiche und sich entwickelnde Sprache. Ihre Anmut und ihr Schmuck kamen in außerordentlich schöner Weise zur Geltung. Daher konnten sie bei der Verbreitung von Wissen und Wissenschaft leicht voranschreiten. Auch darin, andere durch eine revolutionäre Botschaft zu begeistern, wären sie besonders erfolgreich gewesen.

Die Araber waren entschlossen und unbeugsam. Selbst wenn sie einen ungerechten Weg beschritten, gingen sie ihn mit innerer Ruhe und unerschütterlicher Überzeugung ihres Gewissens. Allen Hindernissen und jedem Widerstand zum Trotz schritten sie auf ihr angestrebtes Ziel zu. Wenn man sie jedoch auf den Weg der Gerechtigkeit und Wahrheit führte, waren sie auch dort standhaft und furchtlos. Sie besaßen noch viele weitere Eigenschaften dieser Art. Auf dieser Grundlage lässt sich nicht leugnen, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, persönlich einerseits der herausragendste Führer und Rufer zum Erreichen des Ziels war und ihm andererseits auch die bestmögliche menschliche Kraft zur Verfügung gestellt worden war.

Darüber hinaus war dieses menschliche Potenzial in jeder Hinsicht begierig darauf, Entwicklung und Fortschritt zu erzielen. Auch unter den begabten und nachdenklichen Menschen der unwissenden arabischen Gesellschaft hatten sich in religiöser Hinsicht Unruhe und Unzufriedenheit entwickelt. Bestimmte Persönlichkeiten waren aufgewühlt und sehnsüchtig geworden, die große Wahrheit zu suchen und die Führung des Weltenherrn zu erlangen. Auch in politischer Hinsicht war unter ihnen ein neues Bewusstsein erwacht. In Städten wie Mekka und Medina waren politische Institutionen und Infrastrukturen entstanden. Allmählich nahm ein etwas ungeordnetes Bild eines Stadtstaates mit einem gewissen demokratischen Charakter Gestalt an. Außerdem war die Bevölkerung aufgrund der begrenzten wirtschaftlichen Mittel Arabiens gezwungen, sich über das Wüstengebiet hinaus auszubreiten. Wenn eine bestehende Zivilisation in eine Sackgasse gerät und ihre Führung untätig wird, gehört es zu Allahs selbstverständlicher, immerwährender Ordnung, eine neue nomadische Gruppe auf den Thron der Führung der Zivilisation zu setzen. Nach eben diesem Gesetz ließ Allah die pharaonische Macht stürzen und setzte an ihrer Stelle die Kinder Israels als Herrscher ein.

Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte waren die Araber die größte menschliche Kraft der damaligen Welt. Gerade diese menschliche Kraft war am besten geeignet, eine grundlegende und umfassende Revolution in der menschlichen Gesellschaft herbeizuführen.

Das revolutionäre Glaubensbekenntnis

Es besteht keinerlei Anlass zu der Annahme, dass der Prophet der Menschheit, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Arbeit der Reform und des Wiederaufbaus ohne irgendeinen Glauben, keine Ideologie und keinen Plan begonnen hätte. Er begann diese Arbeit nicht etwa getrieben von einem bloß vagen Bewusstsein, zielloser Leidenschaft und unreifer Begeisterung. Vielmehr betrat er das Feld mit der Fackel der größten Wahrheit des Universums in der Hand. Mit einem äußerst feinfühligen Gemüt dachte er jahrelang über die Probleme des Lebens nach. In der abgeschiedenen Kammer der Höhle Hira meditierte er lange Zeit über seine innere und äußere Welt. Er bemühte sich intensiv darum, die Grundsätze zu verstehen, durch die das Wohl und das Unheil der Zivilisation entstehen. Doch er ergriff keine praktischen Schritte, bis der erhabene Allah sein Herz mit dem Licht der Wahrheit erleuchtet und ihm die größte Wahrheit offenbart hatte. Diese höchste Wahrheit lautet: Es gibt einen Schöpfer und Herrn des Universums, und der Mensch ist sein Diener und Sklave. Dieses wahre Glaubensbekenntnis war der Same der vom Propheten der Menschheit eingeleiteten Revolution. Aus diesem Samen erwuchs jener heilige Baum des rechtschaffenen Lebens und der reinen Zivilisation, dessen Wurzeln tief in der Erde verankert sind und dessen Äste sich hoch in den Himmel erstrecken.

Das vom Propheten der Menschheit verkündete Glaubensbekenntnis war von höchster revolutionärer Bedeutung. Wir alle wissen, dass dieses Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah“ lautet. Wörtlich ist es äußerst kurz, seiner Bedeutung nach jedoch sehr tief. „Es gibt keinen Ilah außer dem einen Allah. Er allein ist der Ilah.“ Als Ilah bezeichnet man jene Macht oder jenes Wesen, dem man dienen kann, für das der Mensch sich selbst und alles, was er besitzt, bereitwillig opfern kann, dessen Überlegenheit er anerkennt und das er anbetet, das er allumfassend lobt, preist, für heilig erklärt und verehrt, für das er Gelübde ablegt, von dem er jede Art des Guten erhofft, dessen Zugriff er fürchtet, von dem er die Belohnung für gute Taten erhofft und die Bestrafung für schlechte Taten befürchtet, das er als seinen uneingeschränkten Eigentümer und Verfügungsberechtigten betrachtet, das er als Herrscher und Gesetzgeber anerkennt, nach dessen Anordnungen er handelt und dessen Verbote er meidet, dessen Grundsätze er als Grundlage seines Lebens annimmt, dessen Vorschriften über Erlaubtes und Verbotenes er ohne Widerspruch umsetzt, das er als Quelle seiner Rechtleitung betrachtet, nach dessen Willen und Wunsch er seine Lebensordnung gestaltet, dessen Nahestehende er ehrt und dessen Gegner er zurückweist und dessen Wohlgefallen zu seinem höchsten Ziel und Zweck im Leben wird. In dem einzigen Wort Ilah lag diese umfassende Bedeutung.

Die menschliche Gesellschaft hatte diese Rechte der Ilahs Allah entrissen und sie in Stücke zerteilt und untereinander aufgeteilt. So hatten sich unzählige Ilahs in den verschiedenen Schichten von Gesellschaft und Zivilisation festgesetzt. Die menschliche Natur selbst und ihre Wünsche, die Bräuche und Sitten von Familie und Stamm, die Traditionen von Stand, Abstammung und ethnischer Verbundenheit, die Herrschaft der Grundbesitzer und Geistlichen, die Überheblichkeit der königlichen Familien und Ratsmitglieder und vieles andere hatten sich zu ihren Ilahs erhoben. Im Namen dieser Ilahs unterdrückte und beutete eine gesellschaftliche Klasse die andere aus und lebte von ihrer Ausplünderung. Das Wort „Lā ilāha illā llāh“ („Es gibt keinen Ilah außer Allah“) versetzte all diesen selbsternannten Göttern und ihrer Göttlichkeit zugleich einen gewaltigen Schlag. Wer dieses Glaubensbekenntnis sprach, erklärte damit sinngemäß: Außer Allah erkenne ich keine Herrschaft an; ich erkenne keine Autorität und Vorherrschaft irgendeines anderen an; von Menschen erlassene Gesetze und Vorschriften sind für mich nicht verbindlich; niemand kann ein übermenschliches Recht für sich beanspruchen; vor niemandem werde ich mein Haupt beugen; weder die Zufriedenheit noch den Unmut irgendjemandes werde ich berücksichtigen; mein Leben wird nicht nach dem Wink irgendeines anderen geführt; und jede Göttlichkeit außer Allah wird zerschlagen und vollständig beseitigt. In Wahrheit war dieses Glaubensbekenntnis die Erklärung der wahren Freiheit des Menschen.

Der zweite Teil dieses Glaubensbekenntnisses enthält das Bekenntnis, dass der einzige Weg zur Rechtleitung der Menschheit – also zu ihrer Erlösung und ihrem Wohlergehen – sowie zur Verbesserung von Zivilisation und Reform der von Allah gesandte Weg der Propheten und Gesandten ist. Die einzige Quelle des ursprünglichen und zuverlässigen Wissens, das für das Leben notwendig ist, ist die Offenbarung. Aus ihr kann das menschliche Gewissen die Grundsätze des Denkens erkennen. Muhammad (s.a.w.) ist der letzte Prophet und Gesandte, der diese Kette der Gesandtschaft zur Vollendung geführt hat. Den richtigen Weg des Lebens muss man von ihm erfahren, und unter seiner Führung kann die gesamte Menschheit auf dem Weg zu Wohlergehen und Fortschritt voranschreiten.

Gerade wegen der Bedeutung dieses Glaubensbekenntnisses ist sein Bekenntnis zur ersten Voraussetzung für die Annahme des Islam geworden. Die Muezzine tragen es beim Ausrufen des Adhān mit lauter Stimme vor; es wird als das vorzüglichste Dhikr bezeichnet und in das Gebet aufgenommen. Kurz gesagt: Dieses Glaubensbekenntnis ist in jeder Hinsicht zum Slogan der islamischen Bewegung geworden.

Wessen Herz dieses revolutionäre Glaubensbekenntnis des Gesandten (s.a.w.) erreichte, in dessen Innerem vollzog sich eine grundlegende Veränderung. Wo immer dieses Glaubensbekenntnis in das Leben eines Menschen Eingang fand, veränderte sich dessen gesamte Gestalt. Aus diesem Samen wurde ein neuer Mensch geboren, aufgezogen und zur Entfaltung gebracht.

Das Ziel des Gesandten (s.a.w.) bei der Reform der Gesellschaft

Um aus der Biografie des Gesandten (s.a.w.) wahrhaft Nutzen zu ziehen, muss eine wichtige Frage beantwortet werden: Wie weit reichte der von ihm angestrebte Wandel, und welches Maß legte er seinem Wirken zugrunde? Wollte er im Gesellschaftssystem lediglich teilweise Veränderungen oder einen umfassenden Wandel? War seine Daʿwa auf rein religiöse und moralische Reformen beschränkt, oder besaß sie auch politische Bedeutung? Mit anderen Worten: Was war sein angestrebtes Ziel im sozialen Umfeld?

Die Antwort auf diese Frage wird bereits im Koran sehr klar gegeben. In verschiedenen Formulierungen wird immer wieder der Zweck der islamischen Daʿwa dargelegt. Hier erwähne ich nur zwei Verse. An einer Stelle wird der Zweck der Entsendung aller Propheten und Gesandten folgendermaßen beschrieben:

﴿لَقَدْأَرْسَلْنَارُسُلَنَابِالْبَيِّنَاتِوَأَنزَلْنَامَعَهُمُالْكِتَابَوَالْمِيزَانَلِيَقُومَالنَّاسُبِالْقِسْطِۖوَأَنزَلْنَاالْحَدِيدَفِيهِبَأْسٌشَدِيدٌوَمَنَافِعُلِلنَّاسِوَلِيَعْلَمَاللَّهُمَنيَنصُرُهُوَرُسُلَهُبِالْغَيْبِۚإِنَّاللَّهَقَوِيٌّعَزِيزٌ﴾

„Ich habe Meine Gesandten nur zu diesem Zweck entsandt und ihnen die Schrift und die Waage herabgesandt, damit die Menschheit sich für die Gerechtigkeit einsetzt.“ (Sure al-Hadid: 25)

Diese Aussage wurde in völlig eindeutigen Worten gemacht. Der einzige Zweck der islamischen Daʿwa besteht darin, das menschliche Leben auf der Grundlage von Gerechtigkeit und Recht aufzubauen und im gesellschaftlichen System wirksam Ausgewogenheit und Gerechtigkeit zu verwirklichen. Im weiteren Teil des Verses wird auch auf den Einsatz von Waffen aus Eisen zu demselben Zweck hingewiesen. Das heißt: Militärische Macht ist für die Umsetzung, den Schutz und die Weiterentwicklung der islamischen Ordnung ebenfalls unerlässlich.

Der Zweck des Auftretens Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als Prophet wurde mehrfach noch deutlicher dargelegt. Zum Beispiel:

﴿هُوَالَّذِيأَرْسَلَرَسُولَهُبِالْهُدَىٰوَدِينِالْحَقِّلِيُظْهِرَهُعَلَىالدِّينِكُلِّهِوَلَوْكَرِهَالْمُشْرِكُونَ﴾

„Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der wahren Religion entsandt hat, damit Er sie über alle anderen Religionen und Lebensordnungen siegen lässt, auch wenn es den Götzendienern noch so zuwider ist.“ (Sure as-Saff: 9)

Das heißt: Die Quraisch und die anderen Götzendiener Arabiens würden gewiss alles daransetzen, ihre eigene lebensordnung der Dschahiliya zu bewahren. Jede Stimme, die sich gegen die Dschahiliya erhebt, würde ihnen zwangsläufig missfallen. Doch ungeachtet all dessen, was ihnen gefällt oder missfällt, und unter Nichtbeachtung ihres Widerstands musste der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Aufgabe der Errichtung und Verwirklichung des Islam vollenden. Wenn dies nicht das Ziel der islamischen Daʿwa gewesen wäre, woher hätten dann Konflikt, Auseinandersetzung, Dschihad und Hidschra ihren Anlass genommen? Warum wurde dazu aufgerufen, Leben und Besitz zu opfern? Zu welchem Zweck wurde der erhabene Aufruf „Werdet zu Helfern Allahs“ erlassen? Zu welchem Zweck wurde die „Partei Allahs“ gebildet? Mit welchem Ziel wurden die Märtyrer ausgewählt? Tatsächlich kann man weder den Koran noch die Sira verstehen, ohne das Ziel der islamischen Daʿwa im Herzen fest zu verankern.

Kommen wir nun dazu, die verschiedenen Kapitel aus dem Leben des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu betrachten und zu untersuchen, welches sein angestrebtes Ziel war.

Bereits in der frühen Phase berief der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine Versammlung der führenden Persönlichkeiten des Stammes Banu Haschim ein, um ihnen seine Daʿwa vorzutragen. Dort sagte er kurz zusammengefasst, dass diese Daʿwa das Wohlergehen sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits gewährleisten werde. Lange Zeit später wiederholte er diese Aussage während eines Gesprächs mit einer Delegation der Quraisch und sagte:

(Arabisch*****************************)

„Wenn ihr die Botschaft, die ich verkünde, annehmt, liegen darin sowohl euer Wohlergehen in dieser Welt als auch euer Wohlergehen im Jenseits.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 1, S. 316)

Die beiden einfachen und schlichten Worte „Wohlergehen in dieser Welt“ in der Bedeutung eines nur teilweisen Wohlergehens zu verstehen, ist völlig unvernünftig. Ein teilweises Wohlergehen ist in jeder Botschaft enthalten. Auch in jedem schlechten System gibt es das eine oder andere Gute. Tatsächlich bedeutet das Wohlergehen in dieser Welt, dass das Leben in dieser Welt in jeder Hinsicht schön wird, dass die Gesellschaftsordnung frei von Mängeln und vollkommen ist, dass eine dauerhafte Ordnung der Gerechtigkeit errichtet wird und dass man ein reines und makelloses Leben führen kann.

In der Anfangsphase des Konflikts mit den Quraisch kam es erneut zu einem Gespräch mit dem Gesandten (s.a.). Auch diesmal sagte er:

(Arabisch***************************)

„Wenn ihr mir nur ein einziges Wort gebt, werdet ihr dadurch die Vorherrschaft über das gesamte arabische Volk erlangen, und alle nichtarabischen Völker auf der Erde werden sich euch unterwerfen.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 1, S. 316)

Während jedes Jahrmarkts und der Pilgerfahrt ging er auch von Lager zu Lager zu den verschiedenen Stämmen, die aus den unterschiedlichen Gegenden Arabiens gekommen waren, und trug jedem Stammesoberhaupt diese Botschaft vor. Er sagte zu ihnen: „Kommt mit mir. Gebt mir die Möglichkeit, zu wirken, und unterstützt mich, damit ich jene Botschaft, derentwegen ich in diese Welt gesandt wurde, den Menschen klar verkünden kann.“ [Die Angehörigen des Stammes Banū ʿĀmir, die zur Pilgerfahrt gegangen waren, kehrten zurück und berichteten: „Muhammad (s.a.) bat uns, ihm Schutz zu gewähren, Verantwortung für ihn zu übernehmen und ihn in unser Gebiet zu bringen.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 2, S. 34)] Als das Stammesoberhaupt von Banū ʿĀmir, Buhaira ibn Firās, diese Worte hörte und die Begeisterung des Gesandten (s.a.) sah, war er so beeindruckt, dass er zu seinen engsten Vertrauten sagte: „Wenn ich diesen jungen Mann in meine Hand bekomme, kann ich ganz Arabien verschlingen.“ Dieser kluge arabische Anführer hatte das Ziel der Botschaft des Gesandten (s.a.) und die möglichen Folgen seines Wirkens erkannt. Deshalb wollte er mit dem Gesandten verhandeln. Er teilte dem Gesandten (s.a.) mit, dass er unter einer Bedingung zur Unterstützung bereit sei. Diese Bedingung lautete: Wenn du über deine Gegner siegst und die Herrschaft antrittst, werden wir nach dir die Herrschaft übernehmen. Dass Buhaira äußerst weitsichtig war, lässt sich nicht leugnen. Wenn der Gesandte (s.a.) im engen Sinne lediglich ein religiöser Prediger und Ermahner gewesen wäre und keinerlei politisches Ziel gehabt hätte, hätte er klar sagen können: „Ach, mein Bruder, ich bin doch ein Mann Gottes. Was habe ich mit einem Anteil an der Macht zu tun? Was habe ich mit Staat und Regierung zu schaffen?“ Doch der Gesandte (s.a.) antwortete nicht auf diese Weise. Er sagte:

„Macht und Herrschaft liegen in Allahs Hand. Er wird sie demjenigen geben, dem Er sie geben will.“

Mit diesen Worten wies er Bukhayras Bedingungen und die Frage der Machtteilung zurück. (Sīrat Ibn Hischām, Band 2, S. 23)

Während der von dem Gesandten (s.a.) geführten Bewegung erlangte die Vorstellung, „die Herrschaft über Araber und Nichtaraber zu gewinnen“, eine solche Bekanntheit, dass sie geradezu zum Slogan der islamischen Bewegung geworden war. Sogar Kinder pflegten sie zu wiederholen. Die Gegner machten sich darüber lustig. Wann immer die Quraisch jene jungen Männer aus der Sklaven- und der armen Schicht sahen, die den Islam angenommen hatten und unter der Unterdrückung und den Misshandlungen der Quraisch litten, zeigten sie auf sie und sagten: „Was soll ich über diese Herrschaften noch sagen? Sie sollen angeblich die Herrscher über Arabien und Persien werden!“

So sehr das Maß an Spott, Hohn, Opposition und Widerstand auch zunahm, die klugen Männer des Stammes Quraisch erkannten zweifellos aus tiefstem Herzen, dass diese Bewegung keine gewöhnliche Sache war, sondern zwangsläufig äußerst weitreichende Folgen haben musste. Einmal schickten die führenden Quraisch von Mekka ʿUtba, um mit dem Gesandten Allahs (s.a.) zu verhandeln. ʿUtba lockte ihn mit allen möglichen vorteilhaften Dingen: einem Staatsamt, Reichtum und Vorteilen im Zusammenhang mit weltlichen Interessen, damit der Gesandte (s.a.) sich irgendwie bereit erklärte, diese revolutionäre Tätigkeit aufzugeben. Doch der Gesandte (s.a.) trug ʿUtba die ersten Verse der Sure Hā-Mīm vor. Daraufhin wurde ʿUtbas Gesicht ganz bleich. Er ging zurück und sagte: „Diese Botschaft deutet auf eine gewaltige Veränderung hin. Eine Revolution steht bevor, und alles im gesellschaftlichen Leben wird völlig auf den Kopf gestellt werden.“ Daher riet er: „Sagt Muhammad (s.a.) nichts. Lasst ihn tun, was er tut. Hindert ihn nicht daran. Wenn die Bevölkerung Arabiens ihn tötet, werdet ihr ihn ohnehin los sein. Wenn er jedoch siegt, wird seine Herrschaft eure Herrschaft sein, seine Würde eure Würde, und ihr werdet die reichsten Menschen der Welt sein.“ Mit anderen Worten: Selbst ein Mann wie ʿUtba hatte verstanden, dass sich hinter dieser Bewegung ein Imperium verbarg und dass ihr Ergebnis nichts anderes als staatliche Macht sein konnte. Wenn er dies erkannt hatte, wie hätten der Gesandte (s.a.) und seine Gefährten es nicht erkennen können? (Sīrat Ibn Hischām, Band 1, S. 314)

Als die Muslime einmal unter dem Mühlstein brutaler Gewalt und Verfolgung zermalmt wurden, schilderten die Gefährten des Gesandten (s.a.) ihm ihr Leid und baten ihn, für ihre Befreiung aus diesem Zustand zu beten. Zunächst erklärte der Gesandte (s.a.) ihnen, dass man im Kampf um die praktische Verwirklichung der Religion Allahs Schritt für Schritt auf harte Hindernisse stoßen müsse. Jene, die diese Aufgabe in der Vergangenheit erfüllt hatten, hätten unbeschreibliches Leid und Elend ertragen müssen. Danach verkündete er ihnen mit voller Gewissheit die frohe Botschaft: „Bei Allah, Allah wird dieser Sache eines Tages gewiss den endgültigen Erfolg schenken.“ Anschließend beschrieb er diesen Erfolg und sagte:

„Ein Mensch wird ganz allein von Sana bis Hadramaut reisen, ohne irgendjemanden außer Allah zu fürchten.“ [Sīrat Ibn Hischām – Band 1, S. 314 (das arabische Originalwerk)] Das bedeutet, dass auf der Erde eine gerechte Gesellschaft und eine segensreiche Epoche errichtet und eine so friedliche Ordnung eingeführt werden wird, dass ein Reisender dort, wo heute Raub, Wegelagerei und Mord alltäglich geworden sind, wo Menschen am helllichten Tag entführt und sogar die Keuschheit von Frauen öffentlich verletzt wird, ganz allein, unbesorgt und ohne Furcht überallhin reisen kann. Niemand wird es wagen, sein Leben, sein Eigentum oder seine Ehre anzutasten. Der Gesandte (s.a.) sagte auch einmal, dass eine Zeit nahe bevorstehe, in der die Menschen ohne Leibwächter nach Mekka reisen würden. [Schibli Nuʿmān: Sīrat an-Nabī, Band 2, S. 3]

Die hier zum Ausdruck gebrachte klare und leuchtende Vorstellung von Ziel und Zweck ist wahrhaftig einzigartig.

Als der Gesandte (s.a.) einmal ʿUthmān ibn Talha, den Hüter des Schlüssels der Kaaba, bat, die Tür der Kaaba zu öffnen, wies ʿUthmān diese Bitte zurück. Zu jener Zeit herrschten offenbar äußerst chaotische und widrige Verhältnisse. Dennoch sagte der Gesandte (s.a.): „Der Tag ist nicht fern, an dem dieser Schlüssel in unseren Händen sein wird und wir ihn dem geben werden, dem wir ihn geben wollen.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, al-Qastalānī, Band 1, S. 158]

Wenn man das historische Versprechen oder die Baiʿa untersucht, die an dem Ort namens ʿAqaba von den Anṣār aus Medina entgegengenommen wurde, wird klar, dass auch die Anṣār erkannt hatten, wie umfassend und weitreichend der durch die Verkündigung des Islam verursachte Widerstand und Konflikt werden würde. Sie erkannten auch, dass dieser Konflikt letztlich auf dem Schlachtfeld entschieden werden würde. Durch dieses Versprechen sagten die Anṣār einerseits zu, den Gesandten (s.a.) nötigenfalls durch einen Krieg gegen die ganze Welt zu unterstützen, und begrüßten sogar die Vernichtung ihrer Anführer sowie den Verlust ihres Lebens und Besitzes. Andererseits nahmen sie auch dem Gesandten (s.a.) das Versprechen ab, dass er sie nicht verlassen würde, wenn Allah ihn zum Sieg führen sollte. Werden in diesem Versprechen zum Krieg, in der Entschlossenheit zu Opfer und Hingabe und in dem Traum vom Sieg nicht die Absicht und das Ziel des Gesandten deutlich? [Sīrat Ibn Hischām (arabisch), Band 2, S. 50–51; Zād al-Maʿād (arabisch), Band 1, S. 50–51]

Der letzte Teil des Gebets, das ihm vor dem Aufbruch zur Hidschra gelehrt wurde, lautet: „Und gewähre mir von Dir eine staatliche Macht als Helfer.“ [Sure Banī Isrāʾīl, Vers 80]

In diesem Vers wird ihm empfohlen, um eine „helfende Macht“ zu bitten. Das heißt: Weil für die Unterstützung dieser heiligen Mission und die Verwirklichung dieses erhabenen Ziels staatliche Macht erforderlich ist, wird darin gelehrt, um staatliche Macht zu bitten.

Als Druck auf seinen Onkel Abū Tālib ausgeübt wurde, den Erfolg und die Unterstützung des Gesandten Allahs aufzugeben, sagte er zum Gesandten Allahs: „Bereite mir keine Schwierigkeiten.“ Die Antwort, die der Gesandte Allahs damals gab, ist mit goldenen Lettern in die Geschichte eingeschrieben. Er sagte: „Selbst wenn sie mir die Sonne in die rechte Hand und den Mond in die linke Hand legten, würde ich dieses mein Ziel nicht aufgeben.“ Der letzte Satz seiner Antwort lautete: „Entweder wird Allah dieses mein Ziel zum Sieg führen, oder ich werde bei diesem Vorhaben den Tod finden.“ [Sīrat Ibn Hišām, Band 1, S. 278]

Hier sagte er: „zum Sieg führen“, nicht: „vollenden“. Schon im Wort „Sieg“ ist die Vorstellung von Auseinandersetzung und Konflikt enthalten. Aus seinem letzten Satz wird außerdem deutlich, dass die Heftigkeit dieser Auseinandersetzung ein lebensgefährliches Ausmaß erreicht hatte.

Nach der Hidschra kam ʿAdī ibn Hātim zum Gesandten Allahs und begann, seine Persönlichkeit zu prüfen. Er versuchte herauszufinden, was er unter seiner Daʿwa verstand, und beobachtete sein Verhalten und Auftreten mit den Augen eines Kritikers. Gerade dadurch wurde sein Herz überwältigt und beeindruckt. Im Einklang mit den Vorstellungen des Besuchers teilte er ihm mit, dass in Zukunft die weißen Gebäude Babylons unter die Herrschaft des Islam gelangen würden, dass dort große Reichtümer vorhanden sein würden und die Muslime außergewöhnliche Macht und Ansehen besitzen würden. Zugleich informierte er ihn über dieses Merkmal der islamischen, von Gerechtigkeit geprägten Gesellschaftsordnung: Schon bald wirst du sehen, wie eine Frau allein von der weit entfernten Stadt Qādisiyya auf einem Kamel reitet, sich zu dieser Moschee auf den Weg macht und völlig sicher hier ankommt. Wie kann man angesichts eines Propheten, dessen Blick während der Reise der Hidschra, als er äußerlich völlig mittellos war, von Suraqa aus die Armreifen des persischen Kaisers erblickte, behaupten, er sei über das endgültige Ergebnis seiner Bewegung und das höchste Ziel der von ihm eingeleiteten neuen Gesellschaftsordnung nicht informiert gewesen? Wie kann man sich vorstellen, dass die Errichtung eines islamischen Staates nicht sein Ziel gewesen sei, dass dafür keine Vorbereitungen getroffen und keine Anstrengungen unternommen worden seien und dass er seiner Organisation gleichsam plötzlich als Belohnung verliehen worden sei? Allenfalls könnte man sagen, dass er keinen Staat und keine Regierung errichten wollte, um lediglich weltliche Interessen sowie persönliche Macht und Vorherrschaft zu begründen. Doch wie kann man behaupten, dass ein islamischer Staat nicht erwünscht gewesen sei, um Allahs Religion in der Wirklichkeit zu etablieren, Gerechtigkeit und Billigkeit aufzurichten, die Befreiung der Menschheit zu sichern und die Gesellschaft zu gestalten?

Tatsächlich bestand das Ziel des Gesandten Allahs nicht nur in einer Glaubens- und moralischen Revolution; vielmehr war zugleich, mit voller Ernsthaftigkeit, auch eine politische Revolution sein Ziel. Neben der Läuterung des Einzelnen strebte er auch die Reform der Gesellschaft an. Mit anderen Worten: Der Gesandte Allahs betrachtete den Menschen als ein gemeinschaftliches Wesen, als ein gesellschaftlich verbundenes Lebewesen, und wollte ihn einschließlich all seiner sozialen Beziehungen reformieren. Er betrachtete den Menschen nicht losgelöst von der Gesellschaft nur als Individuum und beschränkte seine Daʿwa auch nicht auf das Privatleben des Menschen. Wenn man dies im Gedächtnis behält und sich Ziel und Zweck des Kommens des Gesandten Allahs in ihrer ganzen Tragweite fest im Herzen verankert, wird man in den Ereignissen der Sīra eine vollständige Folgerichtigkeit erkennen und für jedes Ereignis, jeden Schritt und jede Initiative eine Erklärung finden. Andernfalls werden weder die Geheimnisse der Sīra enthüllt noch die Aussagen des edlen Qurʾān deutlich werden.

Eine Religion, eine Bewegung

So weit der Bereich der Philosophie reicht, so weit reicht auch der Bereich des Denkens. Der Philosoph steht in keinem unmittelbaren Verhältnis zum praktischen Tätigkeitsfeld des Lebens und zu den Höhen und Tiefen der Geschichte. Zwar zieht der Philosoph im Licht von Ereignissen, Situationen und Umständen seine Schlussfolgerungen; doch beteiligt er sich nicht an wirksamen Bemühungen, Anstrengungen und Kämpfen, um die Richtung der Ereignisse und Situationen zu verändern. Das, was im herkömmlichen engen Sinn als Religion bezeichnet wird, hat einen etwas weiteren Bereich und eine etwas größere Reichweite. Neben der Vermittlung bestimmter Glaubensüberzeugungen erteilt sie dem Einzelnen, getrennt von der Gesellschaft, auch eine moralische Erziehung. Der Weg der Religion verläuft jedoch außerhalb der Gesellschaftsordnung. Sie kümmert sich ebenso wenig um die politische Struktur des Landes, wie sie umfassende Veränderungen in den gesellschaftlichen Institutionen anstrebt; auch stellt sie die bestehende Regierungsordnung nicht infrage. Die Daʿwa der Religion wird stets in Form von Ermahnung, seelsorgerischem Rat und Belehrung ausgeübt. Ein Prediger verabschiedet sich, nachdem er einige süße und angenehme Ratschläge erteilt hat. Es beschäftigt ihn nicht, ob seine Zuhörer in einer krisenhaften Lage gefangen sind, ob eine islamfeindliche, intrigante Gruppe durch anstößige Aktivitäten ihre Denkweise und ihren Charakter entstellt und verwirrt, ob die täglichen Ereignisse und Umstände einen negativen Einfluss auf ihren Charakter ausgeübt haben, welche Ideologien und Denkrichtungen seine guten Ratschläge von welcher Seite und in welchem Ausmaß beeinflussen oder ihnen entgegenwirken, oder ob die zutiefst religiösen und gottesfürchtigen Menschen, die durch seine religiöse Unterweisung gebildet wurden, Teil eines nichtislamischen Staats- und Gesellschaftssystems geworden sind. In ihm gibt es kein gemeinschaftliches Ziel. Es gibt keinen Plan für Veränderung. Die Notwendigkeit politischer und führungspersönlicher Weisheit und Einsicht wird nicht empfunden. Man tut, was möglich ist, um in einem kleinen Teil des Lebens ein begrenztes Maß an Ehrlichkeit und Gerechtigkeit hervorzubringen. Ob dann auf dem verbleibenden weiten Feld die Mächte des Falschen und des Bösen voller Freude ihre Fahnen entfalten, darum kümmert man sich nicht mehr.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war kein Philosoph, dessen Aufgabe damit erfüllt gewesen wäre, lediglich einige erhabene Gedanken darzulegen, ohne sich um die tatsächlichen Verhältnisse Gedanken machen zu müssen. Er war auch keineswegs bloß ein Prediger, der angesichts des allgegenwärtigen Chaos und der Zügellosigkeit einfach die Augen verschließt, sich nur persönlich an die Menschen wendet, süße und wohlklingende Ermahnungen verteilt und sich überhaupt nicht über deren mögliche Folgen Gedanken macht. Dieser große Mensch, der Retter der Menschheit, machte es sich unter voller gesellschaftlicher Bewusstheit zur Lebensaufgabe, eine grundlegende Veränderung des menschlichen Lebens herbeizuführen. Deshalb machte er sich mit jeder Kraft vertraut, die das gemeinschaftliche Leben beeinflusst und lenkt. Er beobachtete die führenden Persönlichkeiten, die die Dschāhilī-Gesellschaft und ihre Zivilisation lenkten. Sogar bis dahin ging er, sie mit Argumenten und Beweisen herauszufordern. Er behielt den Verlauf der Geschichte im Blick. Er achtete auf jede Welle des Geschehens und der jeweiligen Lage. Jedes Ereignis prüfte und bewertete er mit der Einsicht eines Führers und politischer Klugheit, um festzustellen, inwiefern es zur Verwirklichung des Ziels der Reform beitrug und inwiefern es schädlich war. Er bemühte sich, die Fähigkeiten und Eigenschaften aller Arten von Menschen in der Gesellschaft kennenzulernen, und versuchte auf dieser Grundlage zu verstehen, von wem und zu welchem Zeitpunkt bei der Arbeit der Daʿwa welche Hilfe zu erwarten war. Er verglich seine eigene Kraft und Dynamik mit der Kraft und Dynamik seiner Gegner. Geduldig wartete er den günstigsten Zeitpunkt für jeden einzelnen Schritt ab. Sobald der geeignete Zeitpunkt gekommen war, schritt er mutig zur Tat. Er verstand genau, wie die öffentliche Meinung schwankte, und schwächte den Einfluss seiner Gegner, indem er ihrer jeweils verleumderischen Propaganda entgegentrat. Als er sah, dass sich eine Versammlung islamfeindlicher Dichter und Redner gebildet hatte, ließ er durch islamische Dichter und öffentliche Redner eine Gegenv​ersammlung entstehen. Zwar hielt er sich strikt an die islamischen Grundsätze, aber nicht blindlings. Vielmehr behielt er die Lage und die Umgebung im Auge, verstand die Erfordernisse der Zeit und nahm eine wissenschaftliche Haltung ein. Wo sich die Möglichkeit bot, voranzuschreiten, schritt er voran. Wenn ein Vorstoß nicht sinnvoll erschien, sah er von ihm ab. Wenn er gleichzeitig zwei Gefahren gegenüberstand, schützte er sich vor der einen und stellte sich der anderen. Wenn sich die Notwendigkeit ergab, militärische Maßnahmen zu ergreifen, tat er dies ohne Zögern. Wenn sich eine Gelegenheit zum Friedensschluss bot, reichte er mit unbeschwertem Herzen die Hand zum Frieden. Vor allem bewahrte er bei all diesen Bemühungen und Anstrengungen nicht nur die Hingabe und den Gehorsam gegenüber Allah sowie die moralischen Werte, sondern förderte und entwickelte sie fortwährend weiter. Wenn man dieses gesamte Wirken und diese Vorgehensweise aus den Seiten des Korans und der Sīra (der Lebensgeschichte Muhammads, s.a.w.) zusammenträgt und vor Augen führt, wird der Unterschied zwischen dem herkömmlichen Begriff der „Religion“, der auf persönliche Anbetung, Gottesdienst, asketische Übungen und geistige Vervollkommnung beschränkt ist, und ad-Dīn, dem Ausdruck für den Gehorsam gegenüber Allahs Geboten in allen Lebensbereichen, deutlich werden. Man wird erkennen, welch gewaltiger Unterschied zwischen Ermahnung und Belehrung einerseits und revolutionärem Aufruf andererseits sowie zwischen persönlicher Läuterung und gesellschaftlicher Bewegung besteht!

Da der Gesandte (s.a.w.s.) eine Bewegung zur Verwirklichung einer umfassenden und ganzheitlichen Lebensordnung führte, suchte er einen nach dem anderen jene Menschen auf, die von Natur aus rechtschaffen waren. Wer dann das Licht der Wahrheit in seinem Herzen aufleuchten ließ, den nahm er in eine Organisation auf, bildete ihn aus und machte ihn zu einem Gefährten in den Prüfungen, die er selbst durchstand. Danach bezog er die auf jeder Stufe jeweils gewonnene organisierte Kraft unter seiner Führung in den Kampf gegen die nichtige Ordnung ein. Dieser Kampf wurde sowohl auf dem Gebiet des Denkens als auch auf dem politischen Feld und schließlich auf dem Schlachtfeld geführt. Diejenigen, die sich um den Gesandten (s.a.w.s.) versammelten, machte er nicht zu Sufis und Derwischen. Er formte sie nicht zu Yogis und Asketen und erzeugte in ihnen auch nicht die Haltung, sich lediglich vor dem Bösen zu schützen, aus Angst vor der siegreichen nichtigen Macht zurückzuschrecken oder sich von den Mächtigen und Wohlhabenden einschüchtern zu lassen. Sie waren weder einfältig bis zur Dummheit noch weltabgewandte Entsagende bis zur Untätigkeit. Sie waren furchtlos und mutig, bewusst und kenntnisreich, von Selbstachtung und Selbstbewusstsein erfüllt, klug und umsichtig, fleißig und unermüdlich sowie fortschrittlich und schnell handelnd. Sie waren nicht wie Priester und Heilige arbeitscheu. Vielmehr waren sie stets tatkräftig und besaßen alle Arten von Tugenden und Fähigkeiten. So wurden Menschen von vorzüglichstem Charakter, nachdem sie die beste Ausbildung erhalten, in den besten organisatorischen Bund eingefügt und unter der besten Führung versammelt worden waren, zu einer unbesiegbaren Kraft. Deshalb vermochten sie, obwohl sie eine kleine Minderheit waren, die große Mehrheit der arabischen Bevölkerung unter ihrer Führung zu organisieren. Als die Zahl der Mitglieder der islamischen Organisation in Mekka gerade einmal vierzig betrug, lösten sie in Mekka und der gesamten Umgebung eine anhaltende Welle der Unruhe und Begeisterung aus. In den folgenden Jahren war, wenn es überhaupt ein Thema gab, das in jedem Haus und jeder Gasse am meisten besprochen wurde, dies die Daʿwa-Aktivität des Gesandten (s.a.w.s.) und seiner Gefährten. Als die Zahl der Bannerträger der islamischen Bewegung in Medina noch nicht einige Hundert überstieg und die Nichtmuslime die Mehrheit bildeten, wurde bereits der Grundstein für den islamischen Staat gelegt. Die Haltung des Gesandten (s.a.w.s.) und seiner islamischen Organisation bestand nicht darin, zunächst die gesamte arabische Gesellschaft den Islam annehmen zu lassen oder die Charakterbildung der meisten Menschen abzuwarten und erst danach mit der Errichtung einer islamischen Gesellschaft zu beginnen. Ihre Auffassung war auch nicht, dass man zuerst die Daʿwa fortsetzen, die Vorstellungen sowie die Glaubensüberzeugungen reformieren und korrigieren solle, bis schließlich eines Tages ein islamisches Staats- und Gesellschaftssystem von selbst entstehe oder Allah, der Erhabene, den Islam als Belohnung zum Sieg führe. Vielmehr folgte man dort der immerwährenden Wahrheit der Geschichte, dass die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung stets unwissend und untätig bleibt und nur ein kleiner Teil der Gesellschaft aktiv ist. Ein Teil dieses aktiven Abschnitts tritt mit dem Aufruf zu Reform und Revolution auf den Plan, während der andere Teil sich ihm entgegenstellt. Zwischen diesen beiden Teilen des aktiven gesellschaftlichen Abschnitts findet der eigentliche Konflikt und Zusammenstoß statt. Wenn dieser Konflikt entschieden ist, wird die Bevölkerung von selbst aktiv. Sie wussten, dass die Menschen, solange eine irregeleitete Führung ihnen im Weg steht, ihre Lebensweise zu verfälschen versucht oder sie zumindest in der Finsternis ihrer Unwissenheit und Untätigkeit belässt, weder in großem Umfang einen Aufruf annehmen noch Veränderungen in ihrem wirklichen Leben herbeiführen können. Selbst diejenigen, die den Aufruf annehmen, sind nicht in der Lage, ihr Leben in der schmutzigen Umgebung, die von verdorbenen Führern und Herrschern geschaffen wurde, vollständig zu veredeln. Wenn sich die Herbeiführung der Veränderung dagegen allzu lange verzögert, wird es oft sogar schwierig, das Niveau zu bewahren, das die Rufer zur Wahrheit durch langjährige Anstrengung, Übung und Arbeit erreicht hatten. Denn eine ungünstige Umgebung übt unaufhörlich Druck auf den Menschen aus, ihn zurückzudrängen. Daher besteht der natürliche Weg jeder sozialen Bewegung darin, aus dem aktiven Teil der Gesellschaft Menschen mit rechtschaffenem Charakter auszuwählen, so viel Kraft wie möglich zu sammeln und diese Kraft im Konflikt einzusetzen, um die Stärke der Führung des Gegners zu brechen. Die Geschichte bezeugt, dass jede bisher stattgefundene Revolution durch aktive Minderheiten verwirklicht wurde. Da jeder reformerische und aufbauende Aufruf aus dem aktiven Teil der Gesellschaft vor allem Menschen von rechtschaffenem Charakter anzieht, in ihnen positive Gefühle und Begeisterung hervorruft und durch ihre Ausbildung ihre moralische Kraft stärkt, wird der Gegner trotz seiner großen Macht, seines Einflusses und seiner Autorität und gelegentlich sogar seiner zahlenmäßigen Überlegenheit im Kampf besiegt. Ein bedeutender und unwiderlegbarer Beweis dafür ist die Schlacht von Badr. Als sich daher um den Gesandten (s.a.w.s.) so viele Menschen von rechtschaffenem Charakter aus dem aktiven Teil der arabischen Gesellschaft versammelt hatten, dass sie, von moralischer Kraft erfüllt, gegen die dschahilische Führung und ihre Anhänger kämpfen konnten, zögerte er keinen Augenblick, die notwendigen Schritte auf sein politisches Ziel hin zu unternehmen. Die Bedeutung der Eroberung Mekkas liegt darin, dass dadurch die dschahilische Führung vollständig gestürzt und beseitigt wurde. Da auf diese Weise alle Hindernisse aus dem Weg der Allgemeinheit entfernt wurden, kamen die Menschen in Scharen, um den Islam anzunehmen. Kein einziges Beispiel der Geschichte zeigt, dass sich unter einer von der Wahrheit abgeirrten Führung ein wohltätiges Staats- und Gesellschaftssystem hätte verwirklichen lassen und dass ohne politische Auseinandersetzung und Konflikte, allein durch Predigt und Ermahnung, die Verkündigung der Botschaft und individuelle Besserungsarbeit, eine Revolution hätte vollzogen werden können. Andernfalls wären in den vergangenen dreizehn Jahrhunderten nach dem Kalifat der Rechtgeleiteten unter dem Namen von Predigt und Ermahnung, der Verkündigung, der Unterweisung und der Läuterung des Selbst in Moscheen, Madrasas und Chanqahs nicht so umfassende Anstrengungen unternommen worden; und auch heute betreiben Gelehrte, Sufis, Scheiche, Madrasa-Lehrer und Schriftsteller durch Wort und Schrift eine derart gewaltige und weitreichende Verkündigungsarbeit, dass sie sich kaum vorstellen lässt. Dennoch gelang es nicht, die gewünschte Zahl von Menschen innerlich zu läutern. Auch die Arbeit an der Reform der Gesellschaft kam nicht so weit voran, dass sich dadurch die Gesellschaftsordnung verändert und die Revolution des Gesandten (s.a.w.s.) wiederholt hätte. Es ist klar, dass in den bisherigen Denkweisen, Vorgehensweisen und revolutionären Ideologien ein schwerwiegender Mangel lag. Dieser Mangel bestand darin, dass man zur Veränderung der Führung politische Auseinandersetzungen vermied und versuchte, einige Menschen auf individueller Ebene aus der umfassenden Gesellschaftsordnung herauszulösen, um sie aufzurufen und zu reformieren. Manche sagen, die Errichtung der Religion und die Etablierung eines islamischen Staates seien nicht das eigentliche Ziel gewesen, sondern gleichsam plötzlich als eine Belohnung Allahs eingetreten. Wenn sie dies sagen, schmälern sie jedoch nicht nur die verdienstvollen Beiträge und den verzweifelten Einsatz des Gesandten (s.a.w.s.), sondern beschmutzen sie auch. Denken wir ein wenig darüber nach, wie mühevoll diese große Persönlichkeit innerhalb weniger Monate die Menschen verschiedener Gemeinschaften Medinas unter einen Verfassungsvertrag brachte, wie viel Mühe er aufwandte, um mit den Stämmen in der Umgebung Medinas Bündnis- und freundschaftliche Beziehungen aufzubauen, wie geschickt er mit einer kleinen Zahl von Muslimen eine uneinnehmbare Armee aufstellte und regelmäßige militärische Patrouillen einrichtete, wie sehr er sich bemühte, die Handelswege der Quraisch zu blockieren, wie entschlossen er die aggressiven Angriffe der Quraisch zurückschlug, wie listig er die Verschwörungen der Juden und der Heuchler vereitelte, wie umsichtig und vorausschauend er den Vertrag von Hudaybiyya schloss, mit welch ungestümem Mut er eine nach der anderen sämtliche Stützpunkte der jüdischen Verschwörer vollständig beseitigte und wie wachsam er die regionalen Aufstände unzähliger furchtloser Stämme beendete. Wie kann all diesen Menschen das erstaunliche Beispiel staatsmännischer Einsicht und Weisheit, politischer Fähigkeit und Umsicht sowie vollendeter Tatkraft entgehen, das in all diesen Maßnahmen sichtbar wird? Es ist vollkommen wahr, all dies als eine Belohnung Allahs zu bezeichnen. Denn jede gute Sache ist eine Belohnung Allahs. Doch der Mensch erhält eine Belohnung erst dann, wenn er sich um sie bemüht und dafür nach Kräften mit Verstand und Einsicht arbeitet. Wer durch die Bezeichnung der Errichtung der Religion als Belohnung Allahs den Kampf, die harte Arbeit, die Fähigkeit, das Geschick, die Weisheit und die politische Umsicht des Gesandten (s.a.w.s.) leugnen will, begeht großes Unrecht. Leider ist die politische Seite des Gesandten (s.a.w.s.) so unklar geblieben, dass es heute schwierig geworden ist, eine richtige Vorstellung von seiner Daʿwa und seinem Ziel zu haben. Doch wenn dieser Aspekt beim Studium der gesamten Prophetenbiografie nicht vor Augen steht, kann man den gewaltigen Unterschied zwischen der verbreiteten engen Vorstellung von Religion und der allumfassenden Vorstellung von Din nicht verstehen. Der Gesandte (s.a.w.s.) war mit einer umfassenden Lebensordnung, mit dem Din, gekommen. Auf der Grundlage dieses wahren und fehlerlosen Din wollte er die Regeln und Verhaltensweisen für das gesamte Leben etablieren und war gekommen, um Allahs Gesetz zu verwirklichen und zur Geltung zu bringen. Daher müssen wir erkennen, dass der Gesandte (s.a.w.s.) gekommen war, eine umfassende soziale und kulturelle Reform- und Wiederaufbaubewegung zu führen. Für die Führung dieser Bewegung besaß er die höchste staatsmännische Weisheit, Umsicht, Gelehrsamkeit, Einsicht sowie ein politisches Bewusstsein und eine Klugheit höchsten Grades. So wie ihm auf keinem anderen Gebiet jemand gleichkommt, gibt es auch auf dem Gebiet der politischen Führung niemanden, der ihm ebenbürtig wäre. Wie er in jeder Angelegenheit des Lebens ein nachahmenswertes Vorbild ist, so ist allein sein Leben auch im politischen Kampf und im Einsatz ein Vorbild. Das Verdienst und der Beitrag des Gesandten (s.a.w.s.) bestehen darin, dass er zum Aufruf zur Wahrhaftigkeit aufrief, für den Sieg von Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfte und eine umfassende Gesellschaft und einen Staat errichtete. Eine derart große und gewaltige Aufgabe findet in der begrenzten und engen Vorstellung von Religion keinen Raum. Es handelte sich daher um den Din, also um eine umfassende Lebensordnung, und nicht bloß um Religion. Es war eine ganzheitliche Bewegung und nicht bloß eine geistliche Übung.

Die unteilbare Ganzheit des Lebens

Das großartige Wirken Muhammad (s.a.w.), des Befreiers der Menschheit, errichtete durch die Herbeiführung einer einzigartigen Revolution eine Gesellschafts- und Staatsordnung. Ihr Kennzeichen war, dass der Geist und die Antriebskraft ihres grundlegenden Glaubensbekenntnisses sich in gleicher Weise auf jeden Bereich und jedes Gebiet des Lebens erstreckten. In der gesamten Gesellschaftsordnung herrschten vollkommene Einheit und Harmonie. Alle Institutionen waren in dieselbe Farbe getaucht und von derselben Geisteshaltung beseelt. Demselben Allah, dem man innerhalb der vier Wände der Moschee diente, wurde auch auf den Märkten und auf den Feldern gehorcht. Nach den Gesetzen desselben Korans, der im Gebet rezitiert wurde, wurden auch vor Gericht die Rechtsfälle entschieden. Dieselben moralischen Grundsätze, die im begrenzten familiären Umfeld galten, wurden auch im internationalen Handeln befolgt. Nach derselben Wahrheit, die von der Kanzel der Moschee verkündet wurde, richtete sich auch die staatliche Verwaltung. Derselbe Glauben, der im Herzen jedes Einzelnen fest verankert wurde, war auch im gesamten gesellschaftlichen Gefüge wirksam. Die gesamte kulturelle Tätigkeit wurde entsprechend jener Denkweise gestaltet, die im Bildungswesen wirksam war. So wie Allahs Wohlgefallen im Gebet und Fasten angestrebt wurde, waren dasselbe Ziel und dieselbe Absicht auch auf dem Schlachtfeld beim Führen des Schwertes und beim Erleiden von Pfeilwunden wirksam. Dies war eine einheitliche Ordnung, unter deren Geltungsbereich das gesamte menschliche Leben durch dieselbe göttliche Weisung gelenkt wurde. In den einzelnen Lebensbereichen galten nicht jeweils andere Werte und Weisungen. Diese Ordnung enthielt keine Widersprüche. Kein Teil stand im Konflikt mit einem anderen. Ihre verschiedenen Bestandteile enthielten keine Kompliziertheit, Unklarheit, Flickwerk oder ein chaotisches Durcheinander. Deshalb erzielte die Menschheit unter ihrer Herrschaft einen derart schnellen Fortschritt und solchen Wohlstand, wie es in der Geschichte beispiellos war.

Die Lebenskraft der Revolution

Das größte Unglück der Menschheit besteht vermutlich darin, dass jeder, der in der Geschichte die Gelegenheit erhielt, auf dem Thron der Macht Platz zu nehmen – sei es durch das Schwert, durch eine Verschwörung, durch demokratische Wahlen oder durch irgendeine zufällige Verkettung von Umständen –, zu denken begann, er sei nicht nur der Herrscher der Menschen, sondern auch ihr Lehrer und der Reformer der Gesellschaft. Wenn einem solchen selbsternannten Lehrer und Reformer die Herrschaft übertragen wird, setzt er sich als allmächtiger Alleinherrscher und uneingeschränkter Lenker des Schicksals fest. Er hält sich selbst für den größten Denker der Welt. Er verachtet jede Quelle des Wissens und trifft, indem er die aufmerksamsten und weisesten Menschen der Gesellschaft fernhält, willkürlich Maßnahmen, von denen jede einzelne sich als schrecklicher Unfall erweist. Sie wollen die Menschen mit gewaltsamen Methoden zu wahrhaftigen Menschen machen und durch Schläge alles zur Ruhe bringen. Diese selbsternannten Vertreter von Revolution und Reform kennen oft nicht einmal die angeborene Natur des Menschen. Ihnen fehlt sogar das grundlegende Wissen darüber, aus welchen Gründen der Aufbau und Zerfall des Lebens unausweichlich werden. Sie bemühen sich niemals herauszufinden, welches der richtige Weg ist, den Menschen Menschlichkeit zu lehren, wo die Quelle der Entartung und Verwirrung liegt, wo die Arbeit ihrer Korrektur und Heilung beginnt und wo sie endet. Statt die Erfahrungen der Vergangenheit zu nutzen, beginnen sie, auf völlig neue Weise Erfahrungen zu sammeln. Sie schließen die Türen für Beratung und Kritik, damit kein Wohlgesinnter und kein Menschenfreund sie auf ihrem zerstörerischen Weg des Erfahrungssammelns behindern kann. Sie kennen nur ein Allheilmittel für alle Krankheiten: Zwang und Gewalt. Das heißt, immer strengere Gesetze zu erlassen und ständig neue harte Vorschriften zu verhängen, Menschen mit Spionen zu umgeben und ihren Zorn immer wieder durch strenge Strafen an ihnen auszulassen. Die Lebenskraft der Revolution, die der Gesandte Allahs, der Prophet der gesamten Menschheit (s.a.w.), verwirklichte, war nicht Grausamkeit und Zwang; vielmehr waren Wohlwollen und Liebe ihre treibende Kraft. Er war den Menschen gegenüber außerordentlich barmherzig. Den Kindern Adams brachte er aufrichtige Anteilnahme und Liebe entgegen. Er versuchte, seine Botschaft mit folgendem Beispiel verständlich zu machen: „Ihr geht wie Motten auf eine Höhle aus Feuer zu, während ich versuche, euch einzeln festzuhalten und vor ihr zu retten.“ Deshalb bezeichnete der Koran ihn als eine Barmherzigkeit für alle Welten. Denken Sie ein wenig darüber nach: Er führte eine derart große Revolution durch, und dennoch findet sich darin kein einziges Beispiel für Zwang oder Gewalt. Die zehn Jahre, die der Gesandte Allahs (s.a.w.) in Medina verbrachte, standen vollständig unter einem äußerst schweren Ausnahmezustand. In jedem Augenblick bestand die Angst vor einem Angriff. Die Quraisch führten drei große Angriffe durch. Kleine Kriege hier und dort sowie Grenzzusammenstöße waren im Begriff, zum alltäglichen Geschehen zu werden. Verschiedene außerhalb Medinas lebende Stämme erhoben sich zu unterschiedlichen Zeiten und aus verschiedenen Richtungen, um Medina anzugreifen. Aus Medina wurden kleine Trupps entsandt, um Patrouillen durchzuführen oder Unruhen zu beseitigen. Nachts wurden militärische Wachen aufgestellt. Kurz gesagt: Man lebte wie in einem Militärlager. Darüber hinaus machten die ständig neuen Verschwörungen der Juden und der Heuchler das Leben der Bevölkerung unerträglich. Mal wurde eine Verschwörung geschmiedet, um einen Krieg zu beginnen, mal, um die muslimische Gesellschaft zu spalten und Konflikte unter den Muslimen zu entfachen, mal, um die Führung des Gesandten Allahs (s.a.w.) scheitern zu lassen; zuweilen wurden sogar Verschwörungen geschmiedet, um den Gesandten Allahs (s.a.w.) selbst zu ermorden. Welche noch schwerwiegendere Ausnahmesituation könnte es geben? Dennoch spielte der Gesandte Allahs (s.a.w.) niemals eine diktatorische Rolle. Er rief keinen Ausnahmezustand aus. Er führte keine willkürlichen Vorschriften ein. Er ließ niemanden aufgrund eines Sicherheitsgesetzes ins Gefängnis werfen. Er richtete auch kein Schnellgericht für die Zeit des Ausnahmezustands ein. Er ließ den Menschen nicht durch Auspeitschen die Haut abziehen. Er verhängte gegen niemanden eine Geldstrafe. Keinem Bürger legte er eine zusätzliche Last über Allahs Gesetz hinaus auf. Er entzog ihnen weder das Recht auf Kritik und abweichende Meinungen, noch verhängte er irgendwelche Verbote über sie. Selbst gegen einen gefährlichen intriganten inneren Feind wie ʿAbdullah ibn Ubayy ergriff er keine Maßnahme. Er verließ sich ganz auf die Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit seiner Botschaft sowie auf die Reinheit seines eigenen Charakters. Er schüchterte niemanden ein, zeigte keine Geringschätzung gegenüber der Menschlichkeit irgendeines Menschen und brachte weder Hochmut noch Überheblichkeit zum Ausdruck. Vielmehr ertrug er geduldig den Hochmut und die Überheblichkeit solcher Menschen, die äußerlich prahlerisch auftraten, in Wirklichkeit aber schwach und hilflos waren. Deshalb gewann er mühelos auch die Herzen seiner Feinde. Seine Gefährten waren stets bereit, jedes neue oder alte Gesetz willkommen zu heißen, und seine Gegner fühlten sich in seiner Gegenwart äußerst niedrig und minderwertig. Wenn sie sich schließlich angesichts seiner Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit beugten und den Islam annahmen, begann in ihnen eine umfassende und tiefgreifende Veränderung.

Die Gottesliebe, die im Herzen des Gesandten (s.a.w.) lebendig war, zeigte sich in einer weiteren Gestalt als tief empfundene Menschenliebe. Um seine Menschenliebe richtig zu verstehen, genügt es, diese wenigen Ereignisse zu betrachten: Die Bewohner Mekkas ließen ihn nicht einmal in Medina in Frieden leben. Als sie von einer Hungersnot heimgesucht wurden, half er ihnen, indem er ihnen Getreide sandte, und schickte ihnen außerdem fünfhundert Goldmünzen in bar. Auch an dem Vorfall, dass ihm der Schlaf verging, sobald er die „Ach“- und „O weh“-Rufe der Kriegsgefangenen von Badr hörte, und dass er ihre Fesseln lockern ließ, lässt sich sein menschenfreundliches Wesen erkennen. Dass die sechstausend Kriegsgefangenen des Stammes Banū Hawāzin auf Geheiß des Gesandten (s.a.w.) schon aufgrund einer einzigen Bitte freigelassen wurden, war ebenfalls ein leuchtendes Beispiel seiner Großherzigkeit. Wenn man darüber hinaus noch ein weiteres Zeugnis für die Menschenliebe des Gesandten (s.a.w.) kennenlernen möchte, soll man sein beispielloses Auftreten bei der Eroberung Mekkas betrachten. Dieser Befreier der Menschheit zog als vollkommener Sieger in Mekka ein. Diejenigen, die zwanzig Jahre lang gegen ihn gekämpft hatten, standen völlig hilflos vor ihm. Jeder andere hätte sich für jeden Angriff gerächt, ein umfassendes Massaker befohlen und erst abgelassen, nachdem ein Strom von Blut geflossen wäre. Ohne Berge von Leichen zu hinterlassen, wäre er keinesfalls fortgegangen. Nach den allgemein anerkannten Bräuchen der arabischen Gesellschaft, nach den Maßstäben der Moral ebenso wie nach denen von Recht und Gesetz, waren die Bewohner Mekkas in jeder Hinsicht schwerste Verbrecher. Sowohl religiös als auch politisch hatten sie die Todesstrafe als gerechte Vergeltung verdient. Doch im Augenblick des Sieges schmolz das Herz des Gesandten (s.a.w.) in Menschenliebe dahin, und er stellte die gesamte Geschichte der Misshandlungen und Verfolgungen durch die Quraisch unter den Schutz der Vergebung und verkündete:

„Heute gibt es keine Anklage mehr gegen euch. Ihr könnt gehen. Ihr seid frei und unabhängig.“

Darüber hinaus schenkte er ihnen Vermögen, um ihre Herzen zu gewinnen, und übertrug ihnen, anstatt sie zu demütigen und zurückzuweisen, verschiedene Verantwortlichkeiten und nahm sie an seine Brust. Für den Gesandten (s.a.w.) war es so klar wie das helle Tageslicht, dass eine Revolution, die mit Vergeltung beginnt, von selbst zugrunde geht. Eine Revolution hingegen, die Vergebung und Großherzigkeit übt, bezwingt sogar ihre Feinde und macht aus den Widerstandleistenden Diener.

Nur wegen der maßlosen Übergriffe der Quraisch war der Gesandte (s.a.w.) gezwungen, ein derart strenges Vorgehen einzuschlagen, dass die Schneide ihrer blutdürstigen Schwerter stumpf wurde. Nachdem sie ihm den Krieg aufgezwungen hatten, ergriff er alle notwendigen Maßnahmen, um den islamischen Staat und die islamische Gesellschaft zu schützen. Doch der von Menschenliebe beseelte Prophet (s.a.w.) entwickelte eine solche Kriegspolitik und solche Verteidigungsstrategien, dass es zu möglichst wenigen Verlusten an Menschenleben und möglichst wenig Blutvergießen kam und selbst auf dem Schlachtfeld die Würde des Menschlichen gewahrt blieb.

In keiner anderen Revolution findet sich ein so leuchtendes und umfassendes Beispiel der Menschenliebe. Die Revolution des Gesandten (s.a.w.) war eine vollkommen uneigennützige, erzieherische Revolution, deren Grundlage das Wohlwollen gegenüber der Menschheit bildete.

 

Der neue Mensch

Zahlreiche reformerische, aufbauende und revolutionäre Bewegungen liegen vor unseren Augen. Doch keine einzige dieser Bewegungen hat den Menschen verändert. Jede von ihnen ließ den Menschen, wie er war, und versuchte lediglich, seine äußere Umgebung zu verändern. Doch jede solche Veränderung ist bei der Lösung der Probleme des menschlichen Lebens völlig gescheitert, wenn sie keine Veränderung im Inneren des Menschen bewirken konnte. Die erstaunlichste Seite des Verdienstes des Weltenpropheten (s.a.w.) besteht darin, dass sich die Menschen von innen heraus veränderten. Sie veränderten sich nicht nur, vielmehr vollzog sich in ihrem Leben eine grundlegende Veränderung. Die triebhaften Bestien, die in menschlicher Gestalt umhergingen und ihre Leidenschaften anbeteten, wurden durch die Wirkung eines einzigen Glaubensbekenntnisses vollständig ausgelöscht. Zugleich tauchte aus ihren Trümmern eine Gruppe gottesfürchtiger, aufrichtiger Menschen auf. Wenn man die Strahlkraft des Charakters dieser neuen Menschen betrachtet, wird man von ihrem Glanz geblendet. Denken wir an Umar (r.a.), der in Mekka ein zügelloser, trinkender junger Mann gewesen war – stellen wir uns vor, welche Veränderung in seinem Leben eintrat. Und wie beispiellos muss erst die Veränderung gewesen sein, die sich in Fudāla vollzog! Betrachten wir Dhū al-Bijādayn: Wie er seinem luxuriösen Leben den Rücken kehrte und begann, das Leben eines Derwischs zu führen. Betrachten wir Abū Dharr: Von welch revolutionärer Begeisterung beseelt, stellte er sich vor der Kaaba auf, forderte die Dschāhilīya heraus und wurde dafür von einer Menschenmenge verprügelt. Betrachten wir den Zustand von Kaʿb ibn Mālik und Abū Khāthima. Betrachten wir den revolutionären Heldenmut und die Standhaftigkeit von Sklavinnen wie Lubāina und Sumayya. Richten wir unseren Blick auf Māgir ibn Mālik al-Aslamī und die Frau aus dem Stamm der Ghāmid. Lernen wir aus dem Heldenmut von Dschaʿfar at-Tayyār am Hof des Negus. Schöpfen wir Inspiration aus dem furchtlosen Gespräch von Rabīʿ ibn ʿĀmir am Hof des persischen Heerführers. Gibt es inmitten dieser Versammlung von Sternen irgendjemanden, der nicht im Licht des Glaubens funkelt?

Durch die Vereinigung solcher Menschen war jene gesamte Gesellschaft entstanden, und mit solchen führenden Mitarbeitern war jenes rechtschaffene und wahrheitsgetreue Staatswesen errichtet worden, dessen jede Anordnung sofort nach ihrer Verkündung umgesetzt wurde. Einerseits war ein Verbot des Alkoholkonsums erlassen worden, andererseits wurden augenblicklich sogar die Trinkgefäße von den Lippen weggeworfen, und die Krüge mit hochwertigem Alkohol wurden zerschlagen, sodass die Landstraßen davon überflutet wurden. Einerseits war die Anweisung ergangen, Kopf und Brust der Frauen zu bedecken, andererseits begannen sie sofort, Tücher dafür anzufertigen und zu benutzen. Einerseits war zum Dschihad aufgerufen worden, andererseits begannen sogleich selbst noch sehr junge Knaben, auf den Zehenspitzen stehend ihre Eignung zur Teilnahme am Dschihad unter Beweis zu stellen. Einerseits war um Unterstützung für den Dschihad gebeten worden, andererseits brachten wohlhabende Kaufleute wie Uthman ganze mit Waren beladene Kamelkarawanen herbei, während opferbereite Männer wie Abu Bakr sämtliche verfügbaren Mittel ihrer Häuser vor dem Führer der Bewegung aufhäuften; ja, selbst Tagelöhner brachten die Datteln herbei, die sie als Lohn für die Arbeit des ganzen Tages erhalten hatten, und schütteten sie aus. Einerseits waren die Ansar um Hilfe bei der Wiederansiedlung der Muhadschirun gebeten worden, andererseits teilten die Ansar unmittelbar darauf ihre Häuser, Felder, Höfe und Gärten zur Hälfte und gaben damit ein beispielloses Beispiel brüderlicher Verbundenheit. Als Verwaltungsbeamte und Angestellte dazu aufgerufen wurden, in verantwortungsvollen Ämtern über eine bloße Dienstauffassung hinaus zu arbeiten, versetzten Beamte, die gegen eine tägliche Vergütung von einem Dirham die Verantwortung als Provinzgouverneure wahrnahmen, die Welt in Staunen. Als angeordnet wurde, die Kriegsbeute beim Befehlshaber abzuliefern, geschah dies mit solcher Genauigkeit, dass jeder Soldat sogar eine Nadel seinem jeweiligen Befehlshaber übergab. In goldenen Lettern wird die Geschichte festhalten, dass ein Soldat namens Amir, als ihm ein kostbares Juwel aus der Kriegsbeute von Mada’in in die Hände fiel, ohne jemandem auch nur im Geringsten davon zu erzählen, in der Dunkelheit der Nacht eine lange Strecke zurücklegte und es heimlich seinem Befehlshaber überbrachte. All diese Menschen hatten jene reine und heilige Umgebung geschaffen, in der Verbrechen äußerst selten waren. Während des gesamten zehnjährigen Lebens des Gesandten in Mekka waren nur wenige, an einer Hand abzuzählende Klagen vor Gericht gebracht worden. Es war eine so lautere und makellose Gesellschaft, dass keine Geheimpolizei eingesetzt worden war; vielmehr war das Gewissen der Menschen als ihr Wächter und Aufseher bestellt. Dies war die Revolution Muhammads. Diese Revolution veränderte nicht nur die äußeren Verhältnisse, sondern wandelte auch Geist und Verstand von innen heraus und formte einen neuen Charakter. Daher gelang es dieser Revolution, alle grundlegenden und eigentlichen Probleme des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens zu lösen, und durch sie wurde ein Weg aus der Krise der zeitgenössischen Zivilisation geschaffen.

Die außergewöhnliche Selbstaufopferung des Propheten der Welt

Diese Revolution war noch in einer weiteren Hinsicht beispiellos. Derjenige, der diese Revolution durchgeführt hatte, hatte sie zwar durch unbeschreibliche Opfer und Hingabe zur Vollendung gebracht, doch nahm er dafür weder eine Belohnung noch eine Gegenleistung an. Zum Wohle der Menschheit verschenkte er großzügig alle seine Mittel und Besitztümer; doch nahm er nicht einmal das Maß an Gegenleistung an, dessen Annahme im Gegenzug weder nach Vernunft, Gesetz, Moral noch gesellschaftlichen Gepflogenheiten ungerecht oder unzulässig gewesen wäre. Selbst wenn er nach einer so großen Leistung und einem so bedeutenden Beitrag eine geringe Gegenleistung angenommen hätte, hätte ihn nicht der geringste Makel der Selbstsucht berührt. Dennoch nahm er sie nicht an. Gibt es irgendwo ein vergleichbares Opfer? Betrachten wir zunächst die wirtschaftliche Seite. Der Gesandte opferte sein einträgliches Handelsgeschäft und widmete das gesamte daraus erwirtschaftete Kapital dieser edlen Aufgabe. Als dann die Zeit des Erfolgs kam, verteilte er eigenhändig seinen großen Reichtum und seine zahlreichen Besitztümer und erwählte für sich selbst ein Leben in Hunger, Armut und Schlichtheit. Für seine Familie und Angehörigen hinterließ er nicht einmal ein kleines Ersparnis, nicht ein Stück Land, begründete für sie keinerlei wirtschaftliche Ansprüche, hinterließ ihnen keinen dauerhaften Machtsitz als Erbe und füllte sein Haus nicht mit Dienern, Gefolgsleuten, prächtigen Reittieren oder luxuriösen Gegenständen.

Unter politischem Gesichtspunkt zeigt sich, dass er für sich selbst keine Vorrangstellung begründete, gegen niemanden eine Macht ausübte, die die von Allah gesetzten Grenzen überschritt, und keine despotischen Gesetze erließ, um sein politisches Ansehen zu erhöhen. In Medina herrschte ständig eine äußerst angespannte Lage. Er musste sich immer neuen Verschwörungen der Juden und der Heuchler stellen. Dennoch ließ er niemanden verhaften. Er verhängte keine Einschränkungen über die Bewegungsfreiheit irgendeines Menschen. Er erließ keine Anordnung, die die persönliche Freiheit beraubte. Er setzte kein Schnellgericht ein und ließ niemandem durch Auspeitschung die Haut vom Leib reißen. Im Gegenteil: Er gewährte den Menschen die Freiheit, Kritik zu üben und ihre Meinung zu äußern, die Freiheit, eine abweichende Auffassung zu vertreten, und sogar das Recht, seinen vorzüglichen Rat nicht anzunehmen. Diese Rechte waren nicht bloß Rechte auf dem Papier. Die Menschen übten sie tatsächlich aus. Oft gab der Gesandte seine eigene wertvolle Ansicht auf und nahm die abweichende Meinung an. Wenn er jemandem eine besondere Vergünstigung gewähren wollte, bat er seine Gefährten um Erlaubnis. Als beispielsweise sein Schwiegersohn Abu al-As als Kriegsgefangener zu ihm gebracht wurde, war die Halskette, die Zainab als Lösegeld schickte, ein Andenken an Hadidscha. Um diese Halskette zurückzugeben, bat der Gesandte die edlen Gefährten um ihre Zustimmung. Ebenso ließ er die Sachen Abu al-As’, die als Beute vorgelegt worden waren, mit Zustimmung der Gefährten zurückgeben. An den Ort namens Dschi’rana kam eine Delegation, um um die Freilassung der Kriegsgefangenen von Hunain zu bitten, und berief sich dabei auf ihre entfernte Verwandtschaft mit dem Gesandten. Zu diesem Zeitpunkt war die Aufteilung der Kriegsgefangenen bereits abgeschlossen. Der Gesandte erklärte sich bereit, die Gefangenen aus dem Anteil seines eigenen Stammes, der Banu Haschim, freizulassen. Hinsichtlich der übrigen sagte er jedoch: „Tragt eure Bitte in der öffentlichen Versammlung der Gefährten vor.“ Als die Gefährten erfuhren, dass der Gesandte die Gefangenen aus dem Anteil seines eigenen Stammes freigelassen hatte, ließen auch sie alle ihre Gefangenen frei. In solchen Fällen setzte er niemals Druck oder Zwang ein, um eine Angelegenheit durchzusetzen.

Aus sozialer Sicht und im Hinblick auf das Beisammensein zeigt sich, dass er für sich selbst Gleichberechtigung bevorzugte. Eine besondere Stellung schätzte er nicht. Bei Essen und Trinken, Kleidung und Wohnung schuf er für sich keinerlei außergewöhnliche oder vornehme Sonderstellung. Auch bestimmte er keinen besonderen Platz, an dem er bei Versammlungen sitzen wollte. Es war ihm nicht angenehm, wenn die Menschen ehrfürchtig vor ihm aufstanden oder ihn mit „Herr“ oder „Sir“ und ähnlichen Anreden ansprachen. Im Krieg und in der Fremde arbeitete er beim Ausheben von Gräben und beim Bau von Moscheen Seite an Seite mit seinen Gefährten eigenhändig beim Graben, beim Tragen der Erde, beim Brechen von Steinen und beim Sägen von Holz. Damit die Gläubiger nicht davor zurückschreckten, ihm gegenüber zur Einforderung ihrer Ansprüche scharfe Worte zu gebrauchen, gestattete er ihnen dies. Ja, sogar bei einer öffentlichen Versammlung stellte er sich für eine Vergeltung an ihm zur Verfügung und sagte: „Wenn ich jemandem Unrecht getan habe, soll er kommen und von mir Vergeltung fordern.“

Wo liegt unsere Stellung?

Dies war die große Revolution, die der Gesandte (s.a.w.s.) eingeleitet hatte. Wir sind zu Wächtern und Betreuern eben dieser Revolution bestimmt worden. Dies war jene große Botschaft, aufgrund derer wir zu „Zeugen“ gegenüber der „Menschheit“ und zu einer „mittleren Ummah“ gemacht wurden. Diese Stellung ist die vorzüglichste und höchste Stellung der muslimischen Ummah. Dies war jene wahre Kalima, deren Verantwortung uns auferlegt wurde. Der Zweck dieser Übertragung war, dass wir als Stellvertreter des Gesandten (s.a.w.s.) bis zum Tag der Auferstehung zu Befreiern der Menschheit werden sollten. Wann immer das menschliche Leben in Probleme und Krisen geraten und die menschliche Zivilisation in die schlimmste Anarchie gestürzt werden würde, sollten wir ihr Beistand leisten. Doch in Wirklichkeit konnten wir dies nicht werden. Wir haben es an Sorglosigkeit fehlen lassen, die Fackel dieser wahren Kalima brennend zu erhalten, und mit unseren eigenen Händen haben wir diese wahre Ordnung zugrunde gerichtet. Das Ergebnis war, dass wir, als die denkenden Kreise dieser Zeit begannen, vom rechten Weg abzuweichen, nicht mehr in der Lage waren, unsere Verantwortung zu erfüllen. Und heute leidet das gesamte menschliche Leben aufgrund unserer eigenen Unfähigkeit und Unzulänglichkeit unter Krisen und Anarchie. Die durch die von widersprüchlichen materialistischen Ideologien verursachten Konflikte und Auseinandersetzungen zerstören weiterhin den inneren Frieden der Menschen in aller Welt. Die Führung der Welt liegt in den Händen Allah-ferner Kräfte, und wir sind inzwischen von eben diesen Kräften abhängig geworden. Obwohl wir fortwährend an den widrigen Umständen anstoßen, sind wir nicht zur Besinnung gekommen. Obwohl wir ständig Erniedrigung und Schmach erleiden, ist in uns weder Reue noch Gewissensbisse entstanden. Obwohl wir die Zwietracht, Streitigkeiten und Auseinandersetzungen in der muslimischen Welt sowie die beklagenswerten Katastrophen und Drangsale der Menschheit sehen, konnten wir uns dieser eigentlichen notwendigen Aufgabe nicht zuwenden.

Lassen Sie uns vernünftig und besonnen betrachten, welche Stufe der Geschichte die Menschheit gegenwärtig durchläuft und wo unsere eigene Stellung ist.

Während meines kurzen Lebens habe ich mich selbst, die Menschen in meiner unmittelbaren Umgebung und die Menschen der ganzen Welt ununterbrochen als Opfer einer Lage voller Sorge, Angst, Unruhe, Krisen und Furcht erlebt. Vom eigenen Zuhause bis hin zu den internationalen Organisationen habe ich überall eine Atmosphäre von Misstrauen gegenüber anderen, Aufregung, Unstimmigkeit, Streit und Konflikt vorgefunden. Während dieser gesamten Zeit hatte ich das Gefühl, als würde die Geschichte unaufhörlich wie ein kochender Topf auf einem brennenden Herd brodeln. In diesem Topf werde auch ich, wie die Milliarden Menschen auf der Welt, gleich einem winzigen Reiskorn oder einer Linse hin und her geworfen. Unsere Erde hat sich noch immer nicht von den beiden aufeinanderfolgenden Weltkriegen erholt, die sie zermalmt haben, und von den unzähligen regionalen Kriegen, die sie zerrieben und zermahlen haben. Dabei hängt bereits das Schwert eines weiteren verheerenden Krieges über ihrem Haupt. In dieser kurzen Zeit habe ich unzählige Fälle von Zerstörung und Plünderung gesehen, habe erlebt, wie durch die gewaltigen Erschütterungen unzähliger Aufstände alles auf den Kopf gestellt wurde, habe den Untergang und das Aufkommen vieler Imperien miterlebt, zahlreiche Konflikte, Verschwörungen und Intrigen zwischen Ideologien beobachtet und gesehen, wie viele Länder und Regionen zerstückelt und unzählige Millionen Menschen vertrieben wurden – es ist unmöglich, all dies aufzuzählen. Sogar auf diesem Subkontinent habe ich am Beginn der Unabhängigkeit erlebt, wie ein Strom von Blut über unsere Häupter hinwegfloss, und gesehen, wie in dieser Flut das Leben und Eigentum, die Ehre sowie die kostbaren Traditionen und Werte der Menschen fortgerissen wurden.

Wenn man hinter den prächtigen Vorhang der weltweit herrschenden materialistischen Zivilisation blickt, bietet sich ein so beklagenswertes Bild der Menschheit, dass jedem Menschen die Seele erbebt. Die gesamte Menschheit ist in den Fesseln des Kraken einiger weniger Begierden und Wünsche gefangen. Überall wird um Reichtum und Macht gekämpft. Die Flamme des moralischen Bewusstseins der Menschlichkeit ist erloschen. Mit dem Fortschritt der städtischen Zivilisation nimmt die Kriminalität außerordentlich schnell zu. Die psychische Unruhe ist überwältigend geworden, und der innere Frieden ist völlig verschwunden. In Geist und Charakter der Menschen sind derart grundlegende Entstellungen entstanden, dass kein Bereich des Lebens von ihrem schädlichen Einfluss frei geblieben ist. Aus der Philosophie ist die Lebenskraft der Wahrheit gewichen. Glaubensüberzeugungen und Ideologien haben ihr Gleichgewicht verloren. Die geistigen Werte sind verschwunden. In den staatlichen Gesetzen und Rechtsvorschriften gibt es keine Gerechtigkeit. In die Politik sind anstelle einer Haltung des Dienens Egoismus und Selbstbezogenheit eingedrungen. Im Wirtschaftsbereich sind zwei Klassen entstanden: Ausbeuter und Ausgebeutete. Alle vielfältigen Ausdrucksformen der Schönheit in den schönen Künsten sind mit sexueller Aufreizung und geschmacklosen Darstellungen angefüllt worden. In der Welt der Zivilisation herrschen überall Widerspruch und Konflikt, und die gesamte Geschichte ist zu einem schrecklichen Drama geworden. Die intellektuellen Fähigkeiten haben sich beträchtlich weiterentwickelt. Doch die Torheit der Intelligenten bereitet uns weiterhin unsägliches Leid. Immer neue Zweige der Natur- und Geisteswissenschaften werden entdeckt. Doch die von ihnen gepflegte Unwissenheit und Dummheit quälen die Nachkommen Adams. Unermessliche Reichtümer sind überall vorhanden. Dennoch leiden die Menschen weiterhin unter den Qualen von Hunger und Entbehrung. Trotz Tausenderlei Organisationen, politischer Institutionen, ideologischer Zusammenschlüsse und vertraglicher Bindungen gibt es zwischen den Menschen keine brüderliche Beziehung, sondern nur ein Verhältnis wie unter wilden Tieren. Es werden viele wohlklingende Worte über die Förderung des intellektuellen, politischen, moralischen und kulturellen Bewusstseins gesprochen. Dennoch werden gegen die Menschheit bis heute die extrem rücksichtslosen und verwerflichen Methoden von Unterdrückung und Verfolgung angewandt. Die ganze Welt ist heute zu einer Arena des Ringkampfes geworden. An manchen Orten tobt ein erbitterter blutiger Krieg zwischen Imperialismus und Freiheitsliebenden, an anderen zwischen Kommunismus und Kapitalismus, zwischen Demokratie und Diktatur, zwischen Individualismus und Kollektivismus sowie zwischen Orientalismus und Okzidentalismus.

In einer solchen Welt leben wir. Im Zeitalter künstlicher Satelliten und Raketen liefert die Wissenschaft auf jeden Wink des Menschen fortwährend neue Vorräte an materieller Macht, wie ein dem Menschen gehorsamer Dschinn aus Aladins Wunderlampe. Die seit Menschengedenken verschlossenen Geheimnisse der Natur werden mit dem Schlüssel von Wissenschaft und Technik aufgeschlossen. Fahrzeuge und Kommunikationsmittel von erstaunlicher Geschwindigkeit geben dem Menschen eine weitreichende Kontrolle über Raum und Zeit. Die Atomkraft hält eine gewaltige Armee zerstörerischer Ungeheuer gebändigt vor dem Menschen bereit. Sie warten nur auf einen Wink mit dem Auge. Andererseits ist die Lage des Menschen selbst inzwischen so, dass er in den Händen satanischer und zerstörerischer Kräfte hilfloser denn je ist. Diese Kräfte stacheln ihn immer wieder dazu an, gegen sich selbst zu kämpfen. Diese Kräfte haben seine großen Errungenschaften und seine erstaunlichen Zivilisationen im Laufe der Zeitalter durch seine eigene Hand zerstören lassen.

Stellen Sie sich eine Karawane vor, die auf dem Gipfel eines Berges ein Lager aufgeschlagen hat. Unter einem prächtigen Zelt sind ihre Mitglieder in Festmahl, Tanz und Gesang sowie im Trinken versunken. Außerdem verfügen sie über große Mengen an Handelswaren, Bargeld, Fahrzeugen und Vieh. Doch nur wenige Fuß unter dem Boden ihres Lagers bereitet sich ein schrecklicher Vulkan darauf vor, Lava auszustoßen. Schon bald wird der ganze Berg explodieren, und lodernde Flammen werden alles in Asche verwandeln. Der Zustand der Karawane unserer gegenwärtigen Zivilisation ist ungefähr so. In dem Berg, auf dem sie sich in der gegenwärtigen Phase der Geschichte befindet, steht der Ausbruch der Lava der schrecklichsten Krisen und Katastrophen unmittelbar bevor.

Das Schicksal hat uns der Herausforderung einer gewaltigen Weltkrise gegenübergestellt. Es gibt keine Möglichkeit, dieser Krise auszuweichen und nach hinten zu fliehen. Und weder die gegenwärtige Zivilisation noch die von ihr geformten Menschen sind fähig, auf diese Herausforderung zu antworten. Auch entsteht keine neue Weltanschauung, die zumindest vorübergehend Trost spenden könnte. In keiner Richtung zeichnet sich die Möglichkeit ab, dass sich ein Weg eröffnet.

Wenn ich in diesem entscheidenden Augenblick der Unruhe meinen Blick in alle Richtungen schweifen lasse, sehe ich, dass mich von allen Seiten ein endloses Meer der Dunkelheit umgibt. In diesem gewaltigen Meer, weit entfernt, in einer Entfernung von vierzehnhundert Jahren, sehe ich einen hellen Lichtpunkt leuchten.

Es ist nichts anderes als die Fackel der Botschaft Muhammads, des größten Freundes, größten Wohltäters und größten Retters der Menschheit, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Es ist jene Lampe, deren Licht wir, obwohl wir seine Umma sind, im Unrat unserer verwirrten Gedanken und zügellosen Taten verloren haben.

Die Perspektive beim Studium der Sira

Meiner Ansicht nach gibt es nur ein Ziel beim Studium der Lebensgeschichte des Gesandten (s.a.). Es besteht darin, dass die Fackel der Botschaft des Gesandten (s.a.) uns und die gesamte Weltbevölkerung erneut erleuchtet. Möge die menschliche Gesellschaft in der Dunkelheit unserer Zeit den Weg zur Erlösung finden, so wie sie im sechsten christlichen Jahrhundert einen Weg aus der Krise gefunden hatte.

Leider gelingt es uns nur sehr selten, die Lebensgeschichte des Gesandten mit dieser gewünschten Perspektive und Inspiration zu studieren. Wir werden nicht von der Haltung beseelt, aus der Lebensgeschichte des Gesandten eine Methode des Lebens zu gewinnen und unser Leben entsprechend zu gestalten; vielmehr sind andere Haltungen in sie eingedrungen und nehmen fortwährend zu.

Es gibt nicht wenige Muslime, die sich nur deshalb für die Beschäftigung mit der Sira, also der Lebensgeschichte des Gesandten (s.a.), interessieren, um Lohn für gute Taten zu erlangen. (Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass jeder Versuch, die Nähe des Gesandten (s.a.) zu erlangen, Allah lieb ist und man dafür auf Lohn hoffen sollte. Aber wie lässt sich leugnen, dass das Ziel jedes solchen Versuchs auch darin bestehen sollte, das eigene Leben schöner zu gestalten?) Mit großem Pomp werden Mawlid-Versammlungen abgehalten, und in vielen Fällen geschieht dies aufgrund des Glaubens, dass bei diesen Versammlungen die leuchtende Seele des Gesandten (s.a.) anwesend sei und sich beim Anblick des Ausdrucks der Verehrung und Liebe seiner Anhänger erfreue. An einem Ort werden Süßigkeiten verteilt, an einem anderen Blumen in Hülle und Fülle ausgestreut, anderswo werden Räucherstäbchen, Parfüm und Weihrauch übermäßig verbreitet, und wiederum anderswo wird dieser Glaube durch eine vielfältige Beleuchtung zum Ausdruck gebracht. Das Bild, das sich in einer solchen Übertreibung der Verehrung des Mawlid an-Nabi oder der Sira des Propheten widerspiegelt, ist nicht das Bild eines Menschen aus Fleisch und Blut, sondern das Bild eines übermenschlichen, leuchtenden Wesens. Der Körper dieses Wesens wirft keinen Schatten; all seine Handlungen sind Wunder, also übernatürlich und jenseitig, alle seine Aufgaben werden von Engeln erledigt, und alles an ihm ist geheimnisvoll. Es ist unbestreitbar, dass die moralische und geistige Stellung des Gesandten (s.a.) die der gesamten Menschheit um ein Vielfaches überragt. In seinem Leben gab es vieles Übernatürliche, und er vollbrachte zahlreiche Wunder. Oft beteiligten sich auch Engel an verschiedenen seiner Tätigkeiten. Doch man muss anerkennen, dass dieses gesegnete Leben das Leben eines Menschen war. Gerade darin liegt der Grund seiner Überlegenheit: Obwohl er ein Mensch war, hat er ein solch unvergleichliches Lebensbeispiel vorgelegt. All seine Handlungen vollzogen sich innerhalb der Grenzen der Naturgesetze sowie der Regeln und Gepflogenheiten von Gesellschaft und Zivilisation. Und auf jedem einzelnen Zoll des Weges zum Erfolg wurden Beispiele für Opferbereitschaft und Selbstaufopferung gegeben. Weil dieses Leben das Leben eines Menschen war, ist es für uns nachahmenswert geblieben, und eben deshalb enthält es für uns ein lehrreiches Vorbild. Weil er ein Mensch wie wir war, können wir von ihm Standhaftigkeit und Mut lernen, die Befolgung von Grundsätzen und Idealen sowie Verantwortungsbewusstsein erlernen, Inspiration zum Dienst an der Menschheit schöpfen und einen starken Antrieb entwickeln, um gegen verbrecherische Kräfte Widerstand zu leisten. Wenn die Lebensgeschichte des Gesandten vollständig in eine Ansammlung von Wundern verwandelt und zu einer übermenschlichen Großtat gemacht wird, welches Vorbild bleibt dann für die gewöhnlichen Menschen darin? Vor einer solchen Persönlichkeit können die Menschen ratlos und überwältigt sein, aber sie können keinen Einfluss davon in ihrem eigenen Leben widerspiegeln. Sie können tiefe Verehrung und Hochachtung für ihn empfinden, aber sie können ihn nicht nachahmen und ihm nicht folgen. Deshalb zeigt sich, dass dort, wo diese besondere Art der Verehrung entstanden ist, und je tiefer sie dort wird, das wirkliche Leben sich umso mehr von der Nachfolge des Propheten entfernt. Schließlich gelangt die Lage an einen Punkt, an dem diejenigen, die in den abscheulichsten gesellschaftlichen Verbrechen verstrickt sind, durch eine solche billige Zurschaustellung der Verehrung ihr unruhiges Gewissen ein wenig beruhigen, indem sie sagen:

„Was auch immer wir sein mögen, wir gehören zur Umma deines geliebten Propheten.“

Andererseits ist in unsere Gesellschaft eine weitere, aus dem Westen kommende Tendenz eingedrungen, die man Personenkult nennt. Diese Tendenz entspringt im Wesentlichen einer nationalistischen Gesinnung und Motivation. Sie ist Ausdruck einer Art nationaler Überheblichkeit, die andere mit der Präsentation der eigenen bedeutenden Persönlichkeiten beeindrucken will. Die Botschaft dieser Tendenz lautet: Seht, welch große Persönlichkeiten wir haben, welch große und angesehene Führer in unserer Geschichte gewirkt haben und welch denkwürdige Leistungen sie hinterlassen haben, die unser ruhmreiches Erbe darstellen. Das Kennzeichen dieser Tendenz ist, dass all dies stets inhaltsleer bleibt. Im Rahmen dessen feiern verschiedene Völker die Geburtstage, Todestage und sonstigen Gedenktage verschiedener Persönlichkeiten mit großem Pomp. Doch diese Tage bieten nirgends Gelegenheit, aus dem Leben jener großen Persönlichkeiten Lehren für die Nation zu ziehen. Bei den Persönlichkeiten, die mit großem Stolz als Vorbilder der Menschheit dargestellt werden, ist in den Leben der Feiernden keinerlei Spur ihrer Grundsätze und Ideale zu erkennen, und auch kein Interesse, solche Spuren anzunehmen. Auch bei den Festlichkeiten, die im Rahmen dieser Tendenz zur Erinnerung an den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) veranstaltet werden, werden stets dieselben Dinge gesagt. Doch in den Leben der Redner und Organisatoren ist keinerlei Wirkung davon zu erkennen.

Die dritte irrige Sichtweise besteht darin, die Botschaft des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wie eine Religion unter anderen Religionen zu betrachten, anstatt als eine umfassende Lebensordnung. Die von dieser Sichtweise beeinflussten Menschen glauben, der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sei lediglich gekommen, um einige Glaubensüberzeugungen, einige Formen des rituellen Gottesdienstes, bestimmte Bittgebete, einige moralische Ratschläge und einige rechtliche Anweisungen zu übermitteln oder zu lehren. Sein Ziel sei es gewesen, Menschen hervorzubringen, die sich persönlich muslimisch kleiden und auftreten, aber unabhängig davon, wie schmutzig das gesellschaftliche System auch sein mag, zu dessen besten Mitarbeitern werden. Solche Menschen übernehmen vom Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) lediglich die Lehren über Gebet, Fasten, freiwillige Werke, Dhikr sowie über den persönlichen Charakter und das Verhalten. In den umfassenderen Aktivitäten des gemeinschaftlichen Lebens jedoch werden sie völlig bedenkenlos zu Helfern jeder nichtigen Macht und wirken an allen Arten von Übeltaten mit. Sie vergessen die unzähligen goldenen Kapitel des heiligen Buches der Biografie des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und konzentrieren sich so ausschließlich auf ein einziges Kapitel, dass sie sich darin verlieren. Angesichts des Vorbilds, das diese Gruppe bisher für die Nachahmung des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gezeigt hat, kann sich nicht einmal ein gebildeter muslimischer Jugendlicher, geschweige denn ein Nichtmuslim, vorstellen, dass der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihr Führer sein könnte und dass sich bei ihm eine zufriedenstellende Lösung für die schwierigsten aktuellen Probleme finden ließe. Auch diese Sichtweise ist zu einem Hindernis für das richtige Verständnis der Person des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und für die Befolgung seines Vorbilds geworden.

Der einzige Grund dafür, dass diese irrigen Sichtweisen fortbestehen können, besteht darin, dass die Umwelt ihnen günstig ist. Das staatliche, gesellschaftliche und wirtschaftliche System, in dem wir unser Leben verbringen, benötigt eine bestimmte Art von Menschen. Es ist wie eine Fabrik, die eine bestimmte Art von Maschinen benötigt. Dieses gesellschaftliche System will bei seinen Mitgliedern einen völlig anderen Charakter sehen. Diese Tätigkeiten können nur von Menschen mit einer völlig anderen Mentalität und einem völlig anderen Charakter ausgeführt werden. Anders gesagt: Im gegenwärtigen praktischen Leben besteht überhaupt kein Bedarf an jenem Modell der Menschlichkeit, das sich im Leben Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) widerspiegelt. In der gegenwärtigen Gesamtordnung besteht keinerlei Nachfrage nach jener Denk- und Handlungsweise, die aus dem Leben des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) übernommen wird. Der kollektive Aufbau der heutigen Welt verlangt Minister, Beamte, Richter, Anwälte, Führer, Journalisten, Generäle, Soldaten, Polizeibeamte, Boten, Steuereinnehmer, Verwaltungsbeamte, Grundbesitzer, Bauern, Schriftsteller, Literaten sowie Arbeiter und Tagelöhner, deren menschliches Niveau dem der Menschen völlig entgegengesetzt ist, die der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) heranbildete und auf der Bühne der Geschichte präsentierte. Die Eltern von heute ziehen in jedem Haus ihre Kinder liebevoll und fürsorglich auf, doch sie formen sie entsprechend den Erfordernissen des herrschenden Gesellschaftssystems. Die Bildungseinrichtungen bringen über fünfzehn oder zwanzig Jahre hinweg zehn Millionen Menschen hervor, und auch das geschieht nach den Bedürfnissen der bestehenden Gesellschaft. Jeder bewusste Mensch widmet sein ganzes Leben entsprechend den Forderungen der bestehenden Gesellschaft der Aufgabe, seinem Charakter und seiner Mentalität eine bestimmte Form zu geben. Was dieses Gesellschaftssystem liebt, bereitet die Gesellschaft automatisch in ihren Mitgliedern hervor. Was es dagegen ablehnt und hasst, versuchen alle Kräfte der Umwelt mit ganzer Kraft auszurotten und zu beseitigen. Die Redensarten, die das bestehende Gesellschafts- und Staatssystem liebt, gehen von selbst in aller Munde über. Die Kleidung, die es bevorzugt, beginnt spontan die Kleidung aller zu schmücken. Auf ein einziges Zeichen von ihm verschwindet sogar der Nikab von den Gesichtern der Schwiegertöchter aus altehrwürdigen, schamhaften Familien. Was die bestehende Gesellschaft als ehrenhaftes Verhalten ausgeben will, gilt als ehrenhaft. Was sie ablehnt, gilt dagegen als unerwünscht und unehrenhaft. Die Kunst, die sie bevorzugt, wird populär, während alle Tätigkeiten, die sie zurückweist, von allen unbeachtet bleiben. Diese Gesellschaft schafft ihre eigenen Wertvorstellungen und zwingt alle, sie anzunehmen. Alle anderen Werte und Traditionen werden dagegen matt und leblos. Einige selbstbewusste Personen und Familien leisten Widerstand gegen den Zwang der Umwelt und bauen unter Einsatz ihrer Kräfte eine Gegenwehr auf. Doch der Druck wirtschaftlicher Benachteiligung, kultureller Rückständigkeit und Minderwertigkeitsgefühle ist so stark, dass sie mit der Zeit erschlaffen und sich der Umwelt ergeben. Und selbst wenn sie sich nicht ergeben, wird die nachfolgende Generation entmutigt. Wenn auf diese Weise die ganze Welt, bewusst oder unbewusst, damit beschäftigt ist, ihr Leben und ihren Charakter nach den Forderungen der Umwelt zu gestalten, woher soll dann in der Bevölkerung der Antrieb zur Befolgung seines erhabenen Vorbilds kommen, selbst wenn diese Welt Tausende von Büchern über das Leben des Gesandten verfasst und für ausreichend religiöse Ansprachen und Ermahnungen gesorgt hätte?

Die eigentliche Wahrheit ist, dass die Biografie des Gesandten für diejenigen keinerlei Lehre enthält, die sich mit einem nichtislamischen System arrangiert haben und deren Interessen mit den nichtigen Mächten zu einem Einvernehmen gelangt sind. Sie werden beim Lesen der Sira-Werke vielleicht mit dem Kopf nicken und geistige Freude und Befriedigung empfinden. Vielleicht wird auch ihr Wissen zunehmen; doch woher sollen sie die Motivation nehmen, ihr eigenes Leben im Licht der Sira oder Biografie des Gesandten zu gestalten? Ihre Trägheit und Erstarrung können keineswegs beseitigt werden. Meine Aussage jedoch lautet: Die Lebensgeschichte Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ist weder die Geschichte eines Sohrab Rostam noch eine Episode aus einem arabischen Roman und auch keine erfundene Geschichte über den Helden einer Legende. Seine Stellung ist niemals so niedrig, dass wir ihn lediglich zu einem Gegenstand der Unterhaltungsliteratur oder der Gelehrsamkeit machen dürften. Sein Wert und seine Würde sind so hoch, dass sie uns nicht erlauben, die Sira lediglich zur Erlangung geistiger Befriedigung zu verwenden. Unsere tiefe Verehrung und Achtung vor ihm hindert uns zudem daran, seine Lebensgeschichte zu einem bloßen Mittel zur Befriedigung des Wunsches nach nationalem Stolz zu machen.

All diese verschiedenen falschen Auffassungen sind in unserer Gesellschaft gemeinsam wirksam und stehen dem Erreichen des eigentlichen Ziels im Wege. Wer zählt, wie viele Hunderte von Versammlungen und Zusammenkünften zu Milad an-Nabi und zur Sira an-Nabi jedes Jahr in unserem Land abgehalten werden? Allein im Monat Rabi al-Awwal erklingen Himmel und Erde von wie vielen Predigten, Ermahnungen und Ansprachen, wie viele Bücher und Aufsätze werden geschrieben, wie viele Sonderausgaben von Zeitungen und Zeitschriften zu diesem Thema veröffentlicht, wie ungeheuer viele Gedichte, Naʿt-Gedichte und Ghazals schreiben die Dichter, wie viele Naʿt-Gedichte, Ghazals und Qawwali tragen die Sänger bei wie vielen Versammlungen vor, wie viele Botschaften und Erklärungen werden im Namen der führenden Persönlichkeiten und Staatsmänner verbreitet, wie viel Süßes wird verteilt und wie viele prächtige Festessen veranstaltet, und wie viel Geld wird für die Errichtung von Torbögen sowie für farbenprächtige Prozessionen und Kundgebungen ausgegeben – wer führt darüber Buch? (In manchen Regionen nimmt das Maß an Vergnügen, Unterhaltung und Belustigung bei den anlässlich von Milad und Sira des Gesandten veranstalteten Programmen stetig zu. Sogar offenkundige Sünden sowie Unruhe und lärmendes Geschrei kommen dabei vor. Das bedeutet, dass die Gesellschaft begonnen hat, sich genau in die entgegengesetzte Richtung von der Lehre und dem Vorbild des Lebens des Propheten zu bewegen.)

Andererseits muss man auch prüfen, welches das tatsächliche Ergebnis und der wirkliche Nutzen dieser gewaltigen Aufwendung von Kraft und Geld für ein großes Ziel sind. Legen Sie auf die eine Waagschale all diese jährlichen Aktivitäten und auf die andere die erzielten Ergebnisse, und prüfen Sie, ob tatsächlich das richtige Ergebnis erreicht wird. Wie viele Menschen widmen sich jedes Jahr, angeregt durch all diese großen Aktivitäten, dem Bemühen, ihr eigenes Leben nach dem Leben des Propheten zu gestalten und darin Veränderungen und Verbesserungen herbeizuführen? Wenn durch jede einzelne Versammlung, jeden einzelnen Aufsatz und jedes einzelne Naʿt-Gedicht oder Ghazal auch nur ein Mensch verändert worden wäre, dann stellen Sie sich vor, welchen Nutzen wir in den vergangenen zweihundert bis zweihundertfünfzig Jahren hätten erzielen können. Wenn dieser erstrebte Erfolg nicht erreicht worden ist, muss man verstehen, dass unsere Bemühungen gewiss einen Mangel aufweisen und dass dieser Mangel äußerst grundsätzlicher Art ist. Der Grund zur Trauer besteht nicht nur darin, dass der erstrebte Nutzen nicht erreicht wurde. Vielmehr möchte man angesichts des Aufkommens einer unheilvollen Tendenz in unserer Gesellschaft klagen, die dem Vorbild und den Verdiensten des Gesandten völlig widerspricht. In unserer Gesellschaft treten heute sogar Menschen hervor, die das Vorbild des Gesandten als für dieses Zeitalter überholt und ungeeignet bezeichnen. Sie verspotten die Lehre des Gesandten und rufen dazu auf, den gesamten Schatz der Sira, der Sunna und der Hadithe zu verwerfen. Es sind Menschen, die den Qurʾan von der dreiundzwanzig Jahre währenden unvergesslichen Bewegung und dem Kampf dessen, der ihn verkündete, trennen wollen und die Person des Gesandten als praktisches Beispiel für einen vorbildlichen und vollkommenen Menschen aus unserem Blickfeld verschwinden lassen wollen. Noch beklagenswerter ist, dass eine Gruppe von gekauften Intellektuellen, denen unmittelbare Kenntnis von Qurʾan und Hadith fehlt, im Namen von Auslegung und Analyse, Redefreiheit und der Pflege des freien Denkens versucht, die Persönlichkeit, das Vorbild und die Leistungen des Gesandten als mit dem geistigen Rahmen der gegenwärtig entarteten Zivilisation vereinbar darzustellen; entsprechend den Vorlieben der etablierten Weltmächte wagt man es sogar, ein völlig neues Bild des Gesandten zu entwerfen. Aus meinen Studien und Forschungen ist bei mir die Erkenntnis entstanden, dass wir die richtige grundlegende Perspektive für das Studium der Sira verloren haben und dass gerade die oben genannten falschen Auffassungen unter uns wirksam sind. Deshalb ist trotz unzähliger Beweise und Anzeichen unserer tiefen Verehrung und Liebe für den Gesandten und trotz der umfangreichen Beschäftigung mit seinem Lebenslauf noch immer nicht am östlichen Horizont der muslimischen Welt ein solcher neuer Mensch erschienen, dessen vollkommenes Vorbild der Gesandte der gesamten Menschheit vor Augen geführt hatte.

Das Leben des Gesandten kann sich in uns erst dann wahrhaft widerspiegeln, wenn wir unser Leben demselben Ziel und demselben Kampf widmen können, dem das gesamte Leben des Gesandten gewidmet war: der Vollendung eines großen Werkes und der Verwirklichung eines großen Ziels. Die einzige Möglichkeit, ein Leben als Anhänger des Gesandten zu gestalten, besteht darin, genau eine solche islamische Bewegung und einen solchen Kampf zu führen, wie der Gesandte sie geleitet und geführt hat. Und nur durch solche Persönlichkeiten von Anhängern kann erneut eine erfolgreiche islamische Bewegung aufgebaut und geleitet werden.

Die Lebensgeschichte Muhammads, des Gesandten, ist keineswegs bloß die Biografie irgendeines einzelnen Menschen. Vielmehr ist sie die Lebensgeschichte einer historischen Kraft, die in der Gestalt eines Menschen in Erscheinung trat. Sie ist nicht die Geschichte eines von der Gesellschaft isolierten Derwischs, der an einem abgelegenen Ort lediglich mit seiner eigenen Läuterung und Selbstformung beschäftigt war. Vielmehr ist sie die Lebensgeschichte eines Menschen, der die treibende Kraft einer kollektiven Bewegung war. Sie handelt nicht nur von einem Menschen, sondern von einem Handwerker, der Menschen formte. Diese Lebensgeschichte enthält einen ausführlichen Bericht über die herausragenden Beiträge des Erbauers einer neuen Welt. Tatsächlich erstreckt sich die Lebensgeschichte des Weltpropheten in alle Richtungen: von der Höhle Hira bis zur Höhle Thawr, vom Vorplatz der heiligen Kaaba bis zum Markt von Taif und von den Gemächern der Mütter der Gläubigen bis zum Schlachtfeld. Sein Lebensweg blieb nicht auf ihn selbst beschränkt, sondern verlieh dem Leben unzähliger Menschen Glanz. Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali, Ammar, Yasir, Khalid, Khuwailid, Bilal und Suhayb – sie alle sind verschiedene Kapitel desselben Sira-Buches. Sie alle sind Bäume und Sträucher desselben Gartens, in deren jedem Blatt und Zweig die Lebensgeschichte des Gärtners dieses Gartens niedergeschrieben ist.

Wenn diese größte und herausragendste Persönlichkeit der Welt im Rahmen einer Biografie lediglich als ein einzelner Mensch dargestellt wird und nach der herkömmlichen Methode der Biografieschreibung seine wichtigsten Leistungen, seine bedeutenden Feldzüge sowie sein Wesen, seinen Charakter und seine Gewohnheiten ausführlich, minutiös und chronologisch beschrieben werden, dann wird durch eine solche Sira niemals deren eigentlicher Zweck erfüllt. Das Leben des Gesandten ist auch nicht wie das stille Wasser eines Teiches, das man von einem Ufer aus mit einem einzigen Blick überblicken kann. Vielmehr ist es ein dahinströmender Fluss mit kraftvoller Strömung, Bewegung und Auseinandersetzung, Wellen und Schaum, Muscheln und Perlen; durch sein Wasser erwacht totes Land wieder zum Leben, und um die Geheimnisse dieses Flusses zu verstehen, muss man seiner Strömung folgen. Deshalb entstehen selbst beim Lesen verschiedenartiger Sira-Werke unter den Lesern zwar seltene Erkenntnisse, aber keine Inspiration und Begeisterung; es erwachen keine Gefühle, es kommt kein neuer Schwung in Mut und Entschlossenheit auf, es entflammt keine neue Wärme und Inspiration für das Handeln, und die Erstarrung unseres Lebens löst sich nicht. Beim Lesen von Sira-Werken mag sich für kurze Zeit eine Welle der Verehrung im Herzen erheben und mögen die Augen von Tränen überströmen, doch wir erlangen nicht jenen Funken des Sehnens, dessen Wärme einen einsamen, mittellosen und schutzlosen Menschen dazu gebracht hatte, gegen eine über Jahrhunderte angewachsene ungerechte Gesellschaftsordnung zu kämpfen. Und wir erlangen nicht jene Kraft und Intensität des Glaubens, die einen mittellosen Waisen zum Lenker der Geschicke der gesamten arabischen und nichtarabischen Welt machte.

Tatsächlich war der Gesandte im begrenzten Sinn des herkömmlichen Sprachgebrauchs nicht bloß eine „außergewöhnliche“ und „berühmte“ Persönlichkeit, und seine Sira, also seine Lebensgeschichte, ist nicht lediglich die Biografie irgendeiner solchen „außergewöhnlichen“ und „berühmten“ Persönlichkeit, wie sie für berühmte Menschen verfasst zu werden pflegt. Das Wesen und die Persönlichkeit des großen Propheten stehen weit über denen solcher außergewöhnlichen und berühmten Persönlichkeiten.

Auf der Erde sind viele außergewöhnliche Menschen geboren worden und werden weiterhin geboren, die der Gesellschaft eine gute Lehre oder einen konstruktiven Gedanken vermitteln. Sie werden außergewöhnliche Menschen genannt. Auch diejenigen, die über Moral und gesetzliche Bestimmungen nachdenken und forschen, werden große und außergewöhnliche Menschen genannt. Ebenso werden diejenigen als außergewöhnlich bezeichnet, die sich der Reform der Gesellschaft widmen. Dieser Titel „außergewöhnlich“ wird auch all jenen verliehen, die Länder erobert, heroische Taten hinterlassen, Reiche geführt und regiert, erstaunliche Beispiele für Armut und Bedürfnislosigkeit gegeben und der Welt sehr hohe Maßstäbe für den persönlichen Charakter vor Augen geführt haben. Wenn wir jedoch die Biografien solcher außergewöhnlichen und berühmten Persönlichkeiten studieren, stellen wir gewöhnlich fest, dass ihre gesamte Kraft und Fähigkeit gleichsam von nur einer guten Seite ihres Lebens aufgesogen wurde, während alle übrigen Zweige vertrocknet zu sein scheinen. Wenn eine Seite ihres Lebens äußerst hell erstrahlt, erscheint die andere völlig dunkel. Auf der einen Seite herrscht äußerstes Übermaß, auf der anderen äußerste Gleichgültigkeit. Doch jede Seite im Leben des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, ist mit den anderen Seiten vollkommen im Gleichgewicht, und jede Seite ist gleichermaßen von Vollkommenheit und Vorzüglichkeit geschmückt. Wo die Macht des ernsten Ernstes herrscht, findet sich auch der Glanz der Schönheit. Dort steht neben der Spiritualität auch der vereinte Beitrag des Weltlichen. Neben der Beschäftigung mit dem Jenseits geht die wirtschaftliche Denkweise Hand in Hand. Mit der Religion ist auch die Welt verbunden. Zwar besteht eine Haltung völliger Hingabe, doch zugleich bleibt das Selbstwertgefühl ungetrübt. Neben der Anbetung und dem Dienst an Allah bestehen Zuneigung und Mitgefühl gegenüber Allahs Dienern sowie Achtung vor ihren Rechten. Mit strenger gemeinschaftlicher Disziplin geht auch die Achtung der Rechte des Einzelnen einher. Neben tiefem religiösem Bewusstsein und religiöser Empfindung steht eine umfassende politische Tätigkeit. Während er Tag und Nacht mit der Führung der Nation beschäftigt war, erfüllte er zugleich auch die Aufgaben des Ehelebens in vollkommener Weise. Neben der Hilfe für die Unterdrückten gab es auch Maßnahmen zum Widerstand gegen die Unterdrücker.

Aus dieser Schule, die das Leben des Gesandten schildert, können gleichermaßen ein Verwaltungsbeamter, ein Herrscher, ein Minister, ein Amtsträger, ein Arbeitgeber, ein Angestellter, ein Geschäftsmann, ein Arbeiter, ein Richter, ein Lehrer, ein Soldat, ein Redner, ein Führer, ein Reformer, ein Philosoph und auch ein Schriftsteller lernen. Dort gibt es für einen Vater, einen Reisegefährten und einen Nachbarn gleichermaßen vorbildliche Leitbilder. Sobald jemand diese Schule erreicht hat, braucht er keine andere Schule mehr aufzusuchen. Die höchste und beste Vollendung der Menschlichkeit, die überhaupt erreicht werden kann, ist in dieser einen Persönlichkeit vollständig verwirklicht. Deshalb war ich gezwungen, diese Persönlichkeit als „den besten Menschen“ oder „den großen Menschen“ zu bezeichnen. In der gesamten Menschheitsgeschichte gibt es nur diesen einen „besten Menschen“. Wir können unser Leben erhellen, indem wir ihn zu einer Fackel machen. Milliarden Menschen auf der Erde haben von ihm Licht empfangen. Viele bauen durch ihn einen Schatz an Wissen auf. Heute erklingt seine Botschaft in allen Teilen der Welt. In den Zivilisationen und Kulturen verschiedener Länder hat die von ihm vermittelte Lehre tiefgreifende Auswirkungen. Es gibt keinen Menschen auf der Erde, der nicht in irgendeiner Weise von diesem besten Menschen profitiert hätte. Doch diejenigen, die durch ihn Nutzen gezogen haben, kennen ihn nicht und wissen nichts über seine Identität.

Es war die Verantwortung der von ihm gegründeten Gemeinschaft, also der muslimischen Nation, die Persönlichkeit des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, bekannt zu machen und seine Botschaft in der ganzen Welt zu verbreiten. Doch diese Nation selbst ist weit von ihm und seiner Botschaft entfernt. Auf jeder Seite der Heiligen Schrift, die die Muslime bewahren, finden sich Anweisungen für alle Lebensbereiche; dennoch scheint das Leben dieses großen Menschen keinen Einfluss auf ihr Leben zu haben. In ihrem religiösen Leben, ihrer Politik, ihrem gesellschaftlichen Leben, ihrer Moral, ihrem Rechtssystem und ihrer Kultur sind nur sehr wenige Spuren des Vorbilds aus dem Leben des Propheten geblieben. Und selbst das, was geblieben ist, wird durch die Vermischung mit vielen neuen Spuren entstellt. In keinem noch so kleinen Teil der sozialen Umgebung dieser Nation findet sich ein Zustand, der erkennen ließe, dass sie die Vertreter der Grundsätze, Ideale, Traditionen und Werte Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, sind. Vielmehr zieht diese Nation von Tür zu Tür verschiedener irregeleiteter und nichtiger Systeme und bittet um Almosen; aus Angst vor jeder etablierten Macht scheint sie sich ihrer ruhmreichen Tradition zu schämen. Sie hat den Koran in ein Tuch eingeschlagen und die Sira des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, zu einem Blumenstrauß gemacht und beides oben auf ein Regal gelegt.

Darüber hinaus hat sie Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, im engen Sinne zu einem religiösen und nationalen Führer gemacht und sich selbst in eine religiöse und nationale Gemeinschaft verwandelt. Auf diese Weise hat sie die Botschaft und das Lebensideal dieser weltumspannenden Persönlichkeit zu einem gruppenbezogenen und konfessionellen Monopolbesitz gemacht. Dabei war er als Führer der gesamten Menschheit gekommen und mit einer Botschaft und einem Lebensideal für die gesamte Menschheit. Seine Lebensgeschichte hätte so dargestellt werden müssen, dass sie ein Beispiel und Vorbild für die Menschlichkeit ist. Wenn ein Mensch nach diesem Muster geformt wird, kann er zu einem Mittel für das Wohl seiner selbst und der gesamten Menschheit werden und, befreit aus den Fesseln mannigfaltiger Probleme, ein reines, unbeflecktes und ungehindertes Leben erlangen. Die Botschaft und das Lebensideal des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, sind in Wahrheit eine Quelle des allumfassenden Wohls, wie die Strahlen der Sonne, das Wasser des Regens und die Luft. Doch aus Unwissenheit haben wir ihn in den Kreis einer einzigen Gruppe eingeschlossen. Heute sieht man, dass Menschen aus allen Ländern und allen Religionen von Platon, Sokrates, Darwin, Machiavelli, Marx, Freud und Einstein mehr oder weniger Nutzen ziehen und von ihnen lernen. Keine Nation oder Gruppe hegt gegen sie blinden Hass. Doch gegen das Lernen aus dem Wissen, dem Ideal und der Führung Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, gibt es so viele Einwände und so viel Hass, dass es sich kaum ermessen lässt. Die Menschen denken: Muhammad ist doch der Führer der Muslime. Wir aber unterscheiden uns von den Muslimen, und die Muslime sind ein anderes Volk als wir. Was haben wir also mit dem Führer und Wegweiser der Muslime zu tun? Bedauerlicherweise haben auch unsere eigenen Handlungen erheblich dazu beigetragen, dass eine solche Vorstellung entstanden ist und ein derart unnatürliches Ausmaß erreicht hat. Obwohl wir die Gemeinschaft Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, des Freundes der gesamten Menschheit, angehören, haben wir ein äußerst schlechtes Beispiel für seine Nachahmung gegeben; gerade deshalb konnte unter den nichtmuslimischen Völkern eine solche Denkweise entstehen.

 

An die westliche Welt

Das Leben des Weltenpropheten liegt zwischen zwei großen Epochen der Menschheitsgeschichte. Wenn wir von dem Tag an, an dem er als Prophet eingesetzt wurde, rückwärts blicken, begegnen wir Stammeswesen, Feudalismus, Monarchie, Ahnenverehrung und einer heidnischen Zivilisation. Blicken wir hingegen nach vorn, sehen wir das Zeitalter einer auf Internationalismus, Demokratie sowie wissenschaftlichen Entdeckungen und Erfindungen beruhenden Zivilisation. Die Eröffnung dieser wissenschaftlichen und intellektuellen Entwicklung wurde durch den Gesandten selbst vollzogen. Zugleich wurden durch ihn der gesamten Menschheit Grundsätze gegeben, die bis zum Jüngsten Tag anwendbar sind. Zusammen mit diesen Grundsätzen wurde ein Menschentypus hervorgebracht und vorgeführt, der fähig sein konnte, künftige Verantwortung zu übernehmen. Durch ihn wurde im Hinblick auf die Erfordernisse des kommenden Zeitalters ein unvorstellbares und geradezu wunderbares Gleichgewicht zwischen Seele und Körper, Moral und Materialismus, Gefühl und Vernunft, Glaube und Tat, den Wünschen des Einzelnen und der Gemeinschaft sowie den bestehenden Umständen und Erfordernissen hergestellt. Durch ihn wurde eine Menschengemeinschaft geschaffen, die der Welt gegenüber unvoreingenommen war und dennoch die Herrschaft über die Welt ausüben konnte. Diese Gemeinschaft war einerseits einzigartig im Gehorsam gegenüber Allah und andererseits führend in der praktischen Nutzung der materiellen Welt. Sie beugte einerseits in vollkommener Demut ihr Haupt vor der Wahrheit, war andererseits aber auch bereit, zur Schwächung der Kräfte des Falschen das Äußerste an Leib und Besitz zu opfern. Einerseits übergab sie sich der Zufriedenheit Allahs, andererseits verstand sie sich meisterhaft darauf, die Naturkräfte zu bezwingen und nutzbar zu machen. Kaum war diese Gemeinschaft in die Königspaläste der Geschichte eingezogen, entzündete sie das Licht von Wissen und Wissenschaft, öffnete die Tore zu Entdeckungen und Erfindungen und führte mit großer Geschwindigkeit neue Experimente zur institutionellen Neuordnung durch. Der eigentliche Verdienst all ihrer Aktivitäten, ihrer Fortschritte, der Verbreitung von Wissen und Wissenschaft, ihrer Entdeckungen und Erfindungen sowie aller Tätigkeiten auf dem Gebiet von Zivilisation und Kultur gebührt Muhammad selbst.

Bedauerlicherweise konnten die Völker des Westens, die diese intellektuelle und demokratische Zivilisation beherrschten, Muhammad, seine Botschaft und die von ihm gebrachte Lebensordnung nicht verstehen. Den großen Mann, dessen verdienstvoller Beitrag hinter dem neuen Aufstieg des Westens eine glänzende Rolle spielte, der der eigentliche Begründer von Demokratie und Internationalismus war und religiöse Reformen und Bewegungen eingeleitet hatte, konnten die geistig gebildeten Menschen Europas weder erkennen noch verstehen. Dafür gab es zahlreiche Gründe. Es erscheint mir angebracht, diese Gründe hier kurz zu erörtern:

1. Als Muhammad mit seiner Botschaft hervortrat, musste er sich sowohl mit dem Judentum als auch mit dem Christentum auseinandersetzen. Beide Religionen durchliefen damals eine Epoche äußerster Entstellung und des Verfalls. Beide Völker trugen eine jeder Glaubensüberzeugung und Moral beraubte, ausschließlich aus Ritualen bestehende Struktur mit religiöser Heiligkeit und Würde zur Schau. In beiden Völkern hatten sich religiöse Klassen und Sekten gebildet, und sie hatten vollständig Läden des Religionshandels eröffnet. Die eigentliche Ware gesunden Denkens und Handelns war geplündert worden; außen hingen nur noch glänzende Schilder. Alle Kräfte wurden darauf verwendet, die Existenz der eigenen Sekten und Klassen zu erhalten, und die einzige Aufgabe jeder Gruppe bestand darin, ihre eigenen Anhänger festzuhalten. Die Vervollkommnung der Menschlichkeit und die Reform der Gesellschaft waren niemandes Anliegen. Unter diesen Umständen war die Gesinnung der Juden und Christen insgesamt so verdorben, dass sie, statt Muhammads unschätzbare Persönlichkeit zu würdigen und seine Botschaft sowie die von ihm vorgestellte Lebensordnung zu prüfen, ein Höchstmaß an Hass, Feindschaft und Starrsinn gegen ihn an den Tag legten. Sie leisteten seiner Daʿwa Widerstand und stellten sich ihr entgegen. Sie brachen ihre Versprechen gegenüber ihm, begingen Verrat und wollten sein aufbauendes Werk zunichtemachen. Sie schmiedeten sogar Anschläge zu seiner Ermordung. Danach befleckten sie durch die natürlichen Folgen all dieser Missetaten das Leben ihrer selbst und ihrer Nachkommen. Mit ihrer schmutzigen Gesinnung und ihren verwerflichen Vorstellungen verdarben sie den dahinströmenden Lauf der Geschichte, und dieses verdorbene Wasser floss bis zu den folgenden Generationen weiter. Für die späteren Juden und Christen hinterließen sie ein gewaltiges Erbe aus Hass und Feindschaft. Die von diesen zeitgenössischen Juden und Christen Muhammads geprägte, von verdorbenen Gefühlen begleitete Reaktion spiegelt sich bis heute in den Köpfen und Herzen ihrer Nachkommen wider.

2. In der Menschheitswelt vor dem Aufstieg des Islam besaßen die Christen sowohl im religiösen als auch im politischen Bereich eine deutliche Vorrangstellung und überwältigende Macht. Auch der Wunsch, diese Vorrangstellung und Vorherrschaft auszuweiten, fehlte ihnen nicht, und die Umstände dafür waren günstig. Doch der Aufstieg des Islam erschien den Christen als das Auftreten einer rivalisierenden Macht. Als diese Macht sich allmählich entwickelte und sich als wirksame Weltmacht etablierte, keimte in ihnen heftiger Rachedurst auf und verstärkte sich zunehmend. Als danach die islamische Macht in verschiedenen Teilen der Welt den Christen tatsächlich Macht und Herrschaft zu entreißen begann, nahm ihre Reaktion noch schärfere Formen an. Statt die offene Rivalität zweier gleich starker Mächte auf der freien Bühne der Geschichte mit sportlichem Geist zu beurteilen, hegten die Christen erbitterten Rachedurst gegen die Muslime; mittelbar richtete sich dieser Rachedurst gegen den Gesandten selbst und gegen den Islam. Während der Kreuzzüge nahm diese Rachsucht und Feindschaft ihre äußerste Form an. Da bis zu dieser Zeit bereits in den Muslimen selbst die Samen des Niedergangs gesät worden waren, begannen sie, deren besondere Schwächen und Verirrungen dem Islam und dem Gesandten Allahs zuzuschreiben. Sie begannen, durch den Charakter und die Taten der Muslime das Bild des Gesandten zu entstellen.

3. In der ersten Phase dieser langen Epoche der Auseinandersetzungen und Konflikte zwischen Islam und Christentum hielten die christlichen Geistlichen die christliche Bevölkerung vollständig in ihrer Gewalt, während der Islam gerade die Gruppeninteressen dieser Geistlichen angegriffen hatte. Daher schuf diese Gruppe eine falsche Vorstellung vom Gesandten und seiner Botschaft und verbreitete sie überall. Diese jahrhundertelange Verleumdung verdarb Geist und Gemüt der westlichen Menschen völlig. Deshalb zeigt sich heute, dass selbst Intellektuelle, die überhaupt keiner Religion anhängen und unabhängig vom Einfluss des Christentums denken, sich bei Äußerungen über den Islam und Muhammad nicht im Geringsten über die niedrige Gesinnung der engstirnigen und abergläubischen Priester von vor sechshundert Jahren erheben können. Blättert man nur einige wenige Seiten in den von Orientalisten verfassten Büchern um, kann man sehen, wie viele falsche und fehlerhafte Informationen darin auf schändliche Weise eingefügt wurden und wie töricht das Leben des größten Menschen der Welt dargestellt worden ist. Wenn man ein oder zwei Ausnahmebeispiele findet, ist das etwas anderes. Hier ist jedoch von der allgemeinen Vorgehensweise der westlichen Menschen die Rede.

4. Die vergangenen zweihundert Jahre waren das satanische Zeitalter des westlichen Imperialismus. In dieser Zeit wurden die muslimischen Völker als Strafe für ihre Abkehr vom Islam, ihren Ungehorsam gegenüber Allah und ihre Untreue gegenüber dem Vorbild Muhammads (s.a.w.) eines nach dem anderen Opfer der imperialistischen Gier des kapitalistischen Westens. Diese imperialistische Gier des Westens stieß überall auf einen ungestümen Widerstand seitens der Muslime. Hinter diesem Widerstand war in allen Fällen religiöse Motivation wirksam. Die Lehre des Islam vom Tawhid, also von der Knechtschaft gegenüber dem einen Allah, vermittelt eine solche Lehre von Freiheit und menschlicher Gleichheit, dass sie den Anhängern des Islam niemals erlaubt, sich jemand anderem als Allah zu unterwerfen. Deshalb zeigt sich, dass hinter allen Bewegungen, die unter den Muslimen gegen den westlichen Imperialismus entstanden, islamisches Bewusstsein und islamischer Eifer wirksam waren. Überall sah man irgendeine religiöse Persönlichkeit an der Spitze, und überall war der Eifer zur Wiederherstellung der islamischen Staats- und Gesellschaftsordnung als aktives Ziel erkennbar. Auf diese Weise erwies sich die religiöse Motivation in allen Unabhängigkeitsbewegungen der muslimischen Länder als äußerst stark. Gerade deshalb entstand in den Herzen der westlichen Imperialisten neuer Hass und Zorn gegen diese Kraft. Denn diese Kraft hatte sich ihm Schritt für Schritt in den Weg gestellt und einen unbezwingbaren Eifer entfacht. Unter dem Einfluss dieses Zorns wurde die Liebe der Muslime zu ihrer Religion als Wahnsinn bezeichnet und der „Mollakratismus“ als eine gefährliche Plage dargestellt. Zugleich erwies sich die religiöse Motivation der Muslime als so stark, dass sie nicht nur nicht bereit war, vor der westlichen Kultur und Denkweise zu kapitulieren, sondern ihnen in jedem Land entgegentrat. Trotz des Einsatzes aller Mittel von Bildung, Literatur sowie Einfluss und Macht vermochte der westliche Imperialismus nach vielen Jahren nur eine Handvoll Menschen aus den muslimischen Völkern zu seinen Gefolgsleuten zu machen. Danach brachten sie solche Gefolgsgruppen mit Hilfe und Unterstützung an die Macht und setzten sie umfassend in einem geistigen, kulturellen und politischen Krieg gegen das islamische Bewusstsein der Muslime ein. Infolgedessen verschärfte sich der Konflikt des Westens mit dem Islam und dem Gesandten (s.a.w.) zunehmend.

5. Als es den westlichen Völkern gelungen war, die Muslime zu Sklaven zu machen, wurde es für sie schwierig, von diesen Muslimen, die ihnen politisch, wirtschaftlich und organisatorisch unterlegen waren, Lehren über Lebensweise und Lebensphilosophie anzunehmen. Ebenso schwierig wurde es, den Gesandten (s.a.w.), den Vermittler und Verkünder des Islam, zu achten. Darüber hinaus schuf der Umstand ein noch größeres Hindernis, dass sie bei den Muslimen alle Anzeichen dafür erkannten, dass diese in geistiger Knechtschaft lebten und von Angst und Schrecken vor dem Westen erfüllt waren. Als sie feststellten, dass die von ihnen selbst herangebildeten modern gesinnten Muslime begonnen hatten, den Islam nach der westlichen Sichtweise zu verändern und umzugestalten, war dem nichts mehr entgegenzusetzen. In ihren Augen sank die Achtung vor dem Islam und dem Gesandten (s.a.w.) noch weiter. Die defensive Haltung der Muslime fügte dem Ansehen des Islam und der Würde Muhammads (s.a.w.) großen Schaden zu.

Aus diesen fünf Gründen ist zwischen Muhammad (s.a.w.) und den Menschen des Westens eine gewaltige eiserne Mauer entstanden.

Daher betrachtet die westliche Welt heute Muhammad (s.a.w.), den Befreier der gesamten Menschheit, lediglich als den konfessionellen Führer der Muslime und studiert sein Leben mit einer Haltung des Widerspruchs und der Einwände, statt es mit dem Ziel zu untersuchen, es zu verstehen und verständlich zu machen. Das Bild dieser großen Persönlichkeit, das der Westen in seiner Literatur gezeichnet hat, vermittelt das Bild eines Menschen, dem geistiges Gleichgewicht und geistige Gesundheit fehlten, dessen sämtliche Aktivitäten das Ergebnis einer geistigen Verwirrung des Unterbewusstseins waren und der mit einem blutdürstigen Schwert in der Hand überall, wohin er sich bewegte, massenhafte Tötungen verübte. Ihm, den die ganze Welt von Kopf bis Fuß als Barmherzigkeit kennt, haben sie den Rang eines weltlichen, ehrgeizigen und aggressiven Eroberers verliehen und seine aufrichtigen Verdienste als Betrug und Täuschung bezeichnet. Sie haben sogar zu beweisen versucht, dass alles Gute in der islamischen Bewegung von den Juden und Christen übernommen worden sei. Andernfalls habe Muhammad (s.a.w.) über keinerlei nennenswerte moralische Qualitäten verfügt. Es wurde ferner behauptet, alle geistlichen und religiösen Aktivitäten seien bloße Schaustellung gewesen und die Menschen seien lediglich durch dramatische Kunstgriffe beherrscht worden, um eigene Interessen durchzusetzen. Sie mögen jeden beliebigen Menschen auf der Welt einen weltlichen und gerissenen Betrüger nennen; doch die Frage lautet: Wie lässt sich der sogenannte gerissene Betrüger und weltliche Mensch mit jenem unschuldigen, untadeligen und edlen Charakter vereinbaren, der sich in der gesamten Biografie des Gesandten finden lässt?

Darüber hinaus besteht ein noch schwerwiegenderes Unrecht darin, dass die zentrale Botschaft der Daʿwa des Gesandten (s.a.w.s.) nicht mit einem umfassenden Blick studiert wird – von ihren Wurzeln über ihre Äste und Zweige bis hin zu ihren Blättern und Blüten, die sie überall durchdringt. Stattdessen werden, ohne ihre grundlegenden Prinzipien zu verstehen und ohne die tiefere Bedeutung der Grundphilosophie ihres Denkens zu erfassen, nach der Methode streitlustiger Geistlicher einige nebensächliche Fragen zum Gegenstand von Auseinandersetzungen gemacht. So wird etwa gesagt, dass Hadhrat Muhammad (s.a.w.s.) die Polygamie erlaubt, für die Religion zu den Waffen gegriffen und Kriegsgefangene zu Sklaven und Sklavinnen gemacht habe und dergleichen mehr. Diese einseitige Methode des Studiums und der Beurteilung dient stets einer feindseligen und ablehnenden Haltung. Mit einer solchen Einstellung kann man kein Lebenssystem und keine Religion verstehen. Vielmehr wird dadurch jeder Weg zum Verständnis versperrt. Der eigentliche Prüfstein und das Wesentliche, das erkannt und verstanden werden muss, ist die Grundphilosophie oder Ideologie. Entscheidend ist, wie wahr und richtig diese Grundphilosophie und Ideologie ist, wie viel Nutzen sie dem Leben bringt und in welchem Maß sie dessen Schäden verhindert und ausgleicht. Danach müssen die Grundsätze betrachtet und geprüft werden, die aus dieser grundlegenden Lehre und Ideologie hervorgehen und auf deren Grundlage die verschiedenen Bereiche und Seiten des Lebens eingerichtet und geleitet werden. Anschließend ist zu untersuchen, ob die aus diesen Grundsätzen abgeleiteten Einzelbestimmungen und Unterregeln mit dem grundlegenden Ideal übereinstimmen. Ein Mensch bringt Ihnen eine Lebensphilosophie. Doch anstatt diese Lebensphilosophie zu prüfen, beginnen Sie über bestimmte Unterregeln zu streiten, zu denen in Ihrer Gesellschaft eine bestimmte festgefahrene Vorstellung besteht und außerhalb derer Sie überhaupt nicht denken können. Das Ergebnis ist, dass Sie selbst in Verwirrung geraten und zugleich Tausende von Menschen in Verwirrung und Engstirnigkeit stürzen. Ein Mensch hat in seinem eigenen Wesen ein neues, vollständiges Modell der Menschlichkeit geschaffen und legt es Ihnen vor. Noch bevor Sie dieses Modell als Ganzes verstanden haben, beginnen Sie, einzelne kleine Teile davon zu erörtern und ihre Gültigkeit und Rechtmäßigkeit infrage zu stellen. Hätten Sie stattdessen das gesamte Modell in seiner Gesamtheit verstanden, wären Ihnen jene Teile von selbst verständlich geworden. Bei der Untersuchung verschiedener Ideologien und Lebenssysteme sowie historischer Persönlichkeiten legt der Westen gewöhnlich die wissenschaftlich höchstentwickelte Methode an; im Fall des Islam und Muhammads (s.a.w.s.) stellt er diese wissenschaftliche Methode jedoch völlig beiseite. Um sich ein Urteil über einen Garten zu bilden oder eine Entscheidung über ihn zu treffen, muss man den gesamten Garten besichtigen und beobachten. Es genügt nicht, einen Ast, ein Blatt, eine Frucht oder eine Blüte eines Baumes aus dem gesamten Garten herauszulösen und gesondert zu betrachten. Ebenso sollten Sie den gewaltigen Garten des Lebens und Vorbilds Muhammads (s.a.w.s.) betrachten und seine Gesamtstruktur verstehen. Dann werden Sie jeden einzelnen Ast, jede Frucht, jede Blüte, jede Knospe und jedes Blütenblatt darin von selbst verstehen können. Wenn in einer Lehre, Ideologie, Bewegung oder führenden Persönlichkeit einige Dinge Ihrem Geschmack sowie Ihren bevorzugten Traditionen und Bräuchen widersprechen, bedeutet das nicht, dass es dort nichts Gutes mehr gibt und das Ganze vollständig zurückzuweisen wäre. Ihr Geschmack und Ihre Vorlieben oder Abneigungen sind weder ein weltumspannender noch ein historischer Maßstab. Es ist durchaus möglich – ja, es ist sogar zu erwarten –, dass eine bestimmte Ideologie, Bewegung oder führende Persönlichkeit ihren eigenen Maßstab für Gut und Böse mit sich gebracht hat und dass sich dieser Maßstab vollständig von Ihrem unterscheidet. Daher muss zunächst das Erforderliche getan werden: Die Maßstäbe und Kriterien sind nebeneinanderzulegen und zu prüfen; zugleich mit der Prüfung der Maßstäbe müssen auch der Wert und die Stichhaltigkeit der grundlegenden Lehre und Ideologie untersucht und beurteilt werden.

Die Literatur, die die christliche Welt und die Orientalisten bisher über den Koran, den Islam und Muhammad (s.a.w.s.) hervorgebracht haben, ist einerseits von Unwissenheit und Missverständnissen erfüllt; andererseits durchströmt das Gift vorschneller Starrsinnigkeit jede ihrer Adern. Selbst jene, die sich weltoffen zeigten, die Wahrheit anerkannten und sogar noch einen Schritt weitergingen, indem sie teilweise lobende Worte gebrauchten, haben an manchen Stellen hinter geschickt gewählten Worten ein Messer aus Zucker verborgen, sodass der Leser angesichts dieser meisterhaften Täuschungskunst nicht umhin kann, bestürzt zu sein. Gewiss finden sich einige wenige glänzende Beispiele, in denen die Botschaft und die Leistungen des Gesandten (s.a.w.s.) aufrichtig anerkannt werden. Doch solche Autoren genossen bei den Westlern nur sehr geringe Wertschätzung. Als in jüngster Zeit ein hervorragendes Buch dieser Art veröffentlicht wurde, versuchte man, seinen Rang in den Augen der Westler herabzusetzen, indem man es als „muslimfreundlich“ (Pro-Muhammaden) bezeichnete. Erstaunlich ist, dass angesichts der heutigen Verflechtung diplomatischer Interessen des Westens mit den muslimischen Ländern unzählige Bemühungen unternommen werden, um die westlichen Staaten zufriedenzustellen. Doch daran, das Unrecht wiedergutzumachen, das dem Gesandten (s.a.w.s.) bis heute widerfahren ist, hat man nirgends gedacht.

Von Ihnen wird nicht verlangt, die von dem Gesandten (s.a.w.s.) vertretene Ideologie und Lebensordnung gegen das Urteil Ihres Gewissens zu unterstützen. Wenn Ihr Gewissen dies nicht anerkennt, sollen Sie selbstverständlich anderer Meinung sein – und zwar entschieden. Was von Ihnen verlangt wird, ist lediglich, dass Sie die Tatsachen nicht verfälschen, indem Sie die von Ihnen selbst aufgestellten und befürworteten Grundsätze und Maßstäbe für die Abfassung von Geschichte und Biografien verletzen. Übernehmen Sie keine Schilderungen aus Quellen, die aus muslimischer Sicht allgemein als unglaubwürdig und unannehmbar gelten und die den allgemein anerkannten Maßstäben der historischen Forschung nicht genügen. Lassen Sie nicht die guten Ursachen und Wirkungen eines Ereignisses außer Acht, um stattdessen absichtlich unerwünschte Ursachen und Wirkungen anzuführen. Sprechen Sie mit Argumenten und bedienen Sie sich keiner von unlauteren Absichten geleiteten, beleidigenden, unhöflichen, spöttischen oder höhnischen Ausdrucksweise.

Unser Ziel mit dieser Erörterung ist nicht, eine unangenehme, von Gefühlen bestimmte Situation zu schaffen; vielmehr soll die unerwünschte Lage beendet werden, die bisher bestanden hat. Die erste Voraussetzung für den Erfolg dieses Vorhabens ist, dass der Westen seine Haltung gegenüber dem Islam, dem Koran und Muhammad (s.a.w.s.) klärt und ein neues, konstruktives psychologisches Umfeld schafft. Dies ist nur möglich, wenn die zwischen Westlern und Muslimen bestehende Übereinstimmung erkannt wird. Die Themen, in denen Übereinstimmung besteht, sind folgende:

– Alle drei Gemeinschaften – Christen, Juden und Muslime – beten Allah an und glauben an das Jenseits. Ihre Formen der Anbetung weisen Ähnlichkeiten auf, und ihre grundlegenden moralischen Werte sind gleich.

– Die religiösen Lehren aller drei Gemeinschaften gehen auf die Offenbarung zurück, und die Muslime glauben, dass alle Propheten und Gesandten Träger derselben Religion und Verkünder derselben großen Wahrheit waren.

Demgegenüber besteht zwischen den Westlern und den Muslimen in sozialer und kultureller Hinsicht in den folgenden Punkten Übereinstimmung:

– Die rein religiöse Sichtweise der Muslime unterstützt all jene Einrichtungen, mit denen die westliche Zivilisation den Fortschritt von Wissen und Wissenschaft gefördert hat. Die islamische Ideologie kann in ihrer eigenen Gesellschaft und Zivilisation neben der Spiritualität auch diesem Materialismus – in begrenztem Maß – Raum geben, obwohl der Westen in dieser Hinsicht den höchsten Gipfel des Fortschritts erreicht hat. Während andere Religionen auf die rein persönliche Ebene beschränkt sind, ist der Islam vergleichsweise umfassender, da er ein vollständiges gesellschaftliches und staatliches System darstellt.

– Die Grundprinzipien der Demokratie, auf deren Grundlage die westliche Zivilisation ihre staatlichen Institutionen aufgebaut hat, waren im Denken und Bewusstsein der Muslime schon zuvor vorhanden. Sie waren nicht nur vorhanden, sondern die islamische Zivilisation hat ihnen als Erste eine vollständige Gestalt gegeben. (Lebon und Bréfault haben widerwillig bezeugt, dass der Geist und die Lebenskraft der Demokratie von den Muslimen in den Westen gelangt sind.) Die Muslime haben die Volksvertretung und Wahlen, die Beratung mit der breiten Bevölkerung und den Fachleuten in staatlichen und administrativen Angelegenheiten, die Herrschaft des Gesetzes, die Bürgerrechte sowie die Gleichstellung und Gleichberechtigung aller Bürger in diesen Belangen lange vor dem Westen verwirklicht. Dabei haben sie dies stets im Einklang mit den jeweiligen sozialen und kulturellen Bedingungen getan. Betrachtet man das Problem im Hinblick auf internationale Spannungen und Instabilität, so ist die Zusammenarbeit der Muslime auch für die westlichen Reformer bei der Lösung dieses Problems von größerem Wert. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens: Wenn der Westen aufrichtig und gewissenhaft darüber nachdenkt, wird er erkennen, dass niemand zur Weltfriedensarbeit so viel beizutragen vermag wie die Muslime. Bei keinem anderen Volk sind die Wurzeln der Menschenliebe so tief im Glaubensbekenntnis verankert und die moralischen Grundlagen internationaler Einheit und Solidarität so fest im innersten Wesen verwurzelt. Wenn diese seltene und einzigartige Eigenschaft dieses Volkes vollständig in die Tat umgesetzt wird, kann das Ende internationaler Konflikte und Auseinandersetzungen herbeigeführt werden. Kurz gesagt: Für den Aufbau eines Weltstaates der Zukunft kann allein der Islam die Werte und moralischen Elemente in ausreichendem Maße bereitstellen.

Zweitens: Bei der Abwehr der beiden extremen Formen des Materialismus – Kapitalismus und Sozialismus – und dabei, die Menschheit auf einen gemäßigten und gerechten Weg zu führen, ist vom Islam und seinen Anhängern eine wirksamere Rolle zu erwarten.

Nachdem wir diese allgemein anerkannten Tatsachen zum Nachdenken dargelegt haben, möchten wir im Lichte dessen Folgendes sagen: Was würde es den Menschen im Westen schaden, nun ihre Sichtweise gegenüber Muhammad (s.a.) zu ändern? Was hindert sie daran, den von Priestern und Orientalisten errichteten Vorhang des Hasses beiseitezuschieben und zu zerreißen? Bis heute sind die materialistischen Ideologien umfassend erprobt worden. Diese Erprobung kann nicht in gleicher Weise fortgesetzt werden, und dieses aufgeklärte westliche Volk bringt keine neue Generation hervor, auf deren Erscheinen man hoffnungsvoll noch einige Zeit warten könnte. Andererseits sind alle Religionen, die es außer dem Islam auf der Welt gibt, von der Art, dass sie sich gern in einen kleinen Teil des persönlichen Lebens zurückziehen. Sie sind nicht bereit, voranzuschreiten und die Zügel der gesamten Zivilisation in die Hand zu nehmen. Kurz gesagt: Die Menschheit steht in ideologischer Hinsicht völlig bankrott da, nachdem sie ihr gesamtes Kapital verloren hat. Nur eine einzige Quelle ist noch übrig, aus der ein wenig Hoffnungslicht hervorstrahlt. Wenn wir uns auch dieses Lichts berauben, indem wir die Türen unseres Herzens verschließen, wird vom Mars gewiss keine Wegweisung kommen.

Noch ist also Zeit, Muhammad (s.a.) als einen Schöpfer der Geschichte, einen Retter der leidenden Menschheit, einen Wegweiser der Zivilisation und einen herausragenden Menschen anzuerkennen. Öffnen wir Geist und Verstand für das Licht, das von ihm ausgeht. Versuchen wir, ihn auf wissenschaftliche Weise zu verstehen. Es wäre für uns nicht angemessen, den Islam lediglich als eine mit dem Christentum konkurrierende Religion anzunehmen; vielmehr müssen wir ihn wie die Demokratie, den Sozialismus und ähnliche idealistische Bewegungen als eine Bewegung und als eine Lebensordnung betrachten, die die gesamte Gesellschaft und Zivilisation in ihre Sphäre bringt und unter ihre Kontrolle nimmt. Auch Muhammad (s.a.) müssen wir als den Führer dieser Bewegung und den Begründer dieser Gesellschaftsordnung anerkennen und ihm das Verdienst zugestehen, eine einzigartige und leuchtende Epoche der Geschichte eröffnet zu haben. Die von ihm vorgelegten Ideale und Grundprinzipien müssen wir danach beurteilen, inwieweit sie für die Leitung eines hochmodernen Weltstaates hilfreich und unerlässlich sind. Das von ihm geschaffene Vorbild der Menschlichkeit müssen wir im Hinblick auf unser Anliegen daraufhin prüfen, inwieweit es geeignet ist, Werkzeug und Instrument einer idealen und vollendeten Zivilisation zu sein.

Heute, da vor uns undurchdringliche Dunkelheit herrscht und weit und breit nicht einmal ein Funke zu sehen ist, blicken wir zurück und sehen, dass in der Hand des Gesandten (s.a.) eine Fackel brennt, die seit vierzehn Jahrhunderten trotz zahlloser Stürme und Unwetter in gleicher Weise weiterbrennt. Kann es gute Folgen haben, wenn wir uns allein wegen der von uns selbst geschaffenen Verwirrung und Feindseligkeit weigern, von dieser Fackel Licht zu empfangen, und uns die Augen verbinden? Wäre es angemessen, die Menschheit und die menschliche Zivilisation in dieser furchtbaren Dunkelheit zugrunde gehen zu lassen? Wir müssen sehr genau verstehen, welche gewaltige Herausforderung die gegenwärtige Lage vor uns gestellt hat und ob wir die Kraft besitzen, auf diese Herausforderung zu antworten.

Doch die eigentliche Tatsache ist, dass wir selbst die wahren Schuldigen sind. Wir selbst haben der Welt weder die Persönlichkeit, die Botschaft und die Verdienste des Gesandten (s.a.) bekannt gemacht, noch haben wir uns bemüht, sie selbst kennenzulernen. Deshalb ist es heute notwendig, den Gesandten (s.a.) erneut bekannt zu machen. Diese Aufgabe wird vielleicht ein noch größeres Verdienst sein als die Entdeckung der Atomkraft.

Zwei Worte zu diesem Buch

Obwohl hochwertige Werke über die heilige Sira oder Biografie des Gesandten (s.a.) vorliegen, habe ich es trotz meiner eigenen Unfähigkeit gewagt, diese schwierige Aufgabe in Angriff zu nehmen, nur damit die erhabene Gestalt des Gesandten (s.a.) erneut als die einzige Quelle zur Erkenntnis des Lebenszwecks bekannt wird. In den besten Biografien des Gesandten (s.a.) sind sämtliche Informationen über die Ereignisse zusammengetragen. Doch der Leser bleibt an manchen Stellen in Widersprüchen der Überlieferung und an anderen in tiefgehenden theoretischen Erörterungen stecken. Manchmal reißt für ihn der Zusammenhang der Ereignisfolge ab, und manchmal werden ihm Einzelheiten vorgelegt, deren klare Bedeutung und befriedigende Erklärung er nicht findet. An manchen Stellen schreckt er angesichts der Fülle theoretischer und wissenschaftlich erforschter Informationen sowie der zahlreichen Quellen zurück. Und dennoch sieht er selbst nach der Lektüre von Band um Band kein begeisterndes Aufbruchs- und Bewegungsbild vor sich. Er sieht nicht die konfliktreiche Umgebung, die durch die Daʿwa des Gesandten (s.a.) entstanden war. Er kann sich nicht in die Zeit des Gesandten (s.a.) versetzen. Beim Lesen der Sira empfindet er nicht, dass auch ihm die Aufgabe auferlegt ist, eine stürmische Welle der vom Gesandten (s.a.) geführten Bewegung zu sein und gegen die Verderbtheit der ihn umgebenden Verhältnisse zu kämpfen. Es ist auch seine Aufgabe, die brennende Fackel der großen Wahrheit, die der Gesandte (s.a.) gebracht hat, hochzuhalten und ihr Licht so weit zu verbreiten, dass diese Fackel in der Welt der Zivilisation und Kultur zu einer strahlenden Sonne wird. Um diesen Mangel auszugleichen, habe ich mit der Arbeit an dieser bescheidenen Schrift begonnen.

Beim Studium der Geschichte habe ich die Sichtweise des Korans übernommen. In meinen Augen ist die Welt, die sich ringsum ausbreitet, eine unruhige und dynamische Welt. Sie ist eine vielfältige und sich wandelnde Welt. Vor allem aber ist sie eine Welt des Wettbewerbs, der Auseinandersetzung, des Konflikts, des Dschihad und des Kampfes. In ihr gibt es sowohl Anziehung als auch Abstoßung. In ihr gibt es Reaktion neben Aktion, Aufbau neben Zerstörung und Dunkelheit neben Licht. Nacht und Tag jagen einander. Leben und Tod, Feuer und Wasser, Winter und Frühling befinden sich miteinander im Krieg. Kurz gesagt: Wohin auch immer und in welche Welt auch immer Sie Ihren Blick richten, Sie werden einander widersprechende Dinge in direktem Zusammenstoß vorfinden. An einem unbedeutenden und winzigen Ort dieses Universums – nämlich auf dem Planeten Erde – befindet sich das furchtbarste Schlachtfeld des menschlichen Lebens. Unsere gesamte Gesellschafts- und Staatsordnung ist ein von Wellen aufgewühltes gewaltiges Meer. Darin stoßen Welle auf Welle, Blase auf Blase und Punkt auf Punkt in jedem Augenblick zusammen. Hier herrscht von alters her bis heute ein langer Kampf zwischen Haqq und Bātil, Wahrheit und Lüge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Gut und Böse, Zulm und Insāf, Sünde und Tugend. Die Zügel dieses Kampfes liegen in den Händen von Rūh, also der Seele, und Nafs, also der niederen Triebe. Aus diesen beiden Quellen entspringen nacheinander verschiedenartige Gedanken, Glaubensvorstellungen und Ideologien, und es entstehen kollektive Ordnungen mit unterschiedlichen Charakteren und einander widersprechenden Wesensarten. Jede Vorstellung, jede ʿAqīda und jeder Glaube, jede Lehre und Ideologie, jeder Charakter und jede Ordnung tritt zusammen mit ihrem genau entgegengesetzten Gegenstück ins Dasein. Welche Kraft auch immer entsteht, sie entsteht zugleich mit der ihr entgegenstehenden und entgegengesetzten Kraft. Aus diesem Gegensatz und dieser Verschiedenheit entsteht ein allumfassender Konflikt, der die gesamte Geschichte der Menschheit in die Geschichte eines Kampfes verwandelt hat. Die Geschichte dieses Kampfes liegt heute als eine mit unserem eigenen Blut geschriebene Geschichte vor uns.

Seit dem Anbruch der menschlichen Zivilisation dauert in allen Zeitaltern und in allen Ländern ein ununterbrochener und umfassender Kampf an. An manchen Orten wird dieser Kampf mit den Waffen der Argumentation geführt, an anderen mit tödlichen Waffen. In diesem Kampf haben sich die Menschen in zwei Lager geteilt und zwei verschiedene Rollen übernommen. Auf der einen Seite tragen sie das Banner von Anarchie, Ungerechtigkeit und Unwahrheit. Auf der anderen Seite sind sie Bannerträger von Gerechtigkeit, Wahrheit, Aufrichtigkeit und Wohlergehen. Manchmal werden sie zu eifrigen Helfern der Schurken und Anführer von Zerstörung und Verderbnis. Ein anderes Mal treten sie als entschiedene Unterstützer derjenigen hervor, die zu konstruktiver Arbeit aufrufen und sie initiieren. Eine bestimmte Art von Menschen, die in menschlicher Gestalt Teufel sind, setzt alles daran, das menschliche Leben mit Leid, Elend und Unglück zu zermürben. Demgegenüber verschenken manche Menschen all ihre Mittel und Besitztümer freigiebig, um die Erde in ein Paradies voller Glück, Frieden und Freude zu verwandeln. In diesem Lebenskampf gibt es eine Gruppe von Soldaten, die bis zum Tod kämpft und durch deren Hände eine Flut von Lüge, Zulm und Frevel über die Welt hereinbricht. Und es gibt eine Gruppe kompromissloser Mujāhidūn, die mit dem Dröhnen des Sieges von Wahrheit, Gerechtigkeit und Insāf aus der Welt scheidet.

Diese kämpferischen Streiter für Wahrheit, Gerechtigkeit und Insāf haben die Erde einigermaßen bewohnbar und das menschliche Leben ein wenig genießbar gemacht. Alles, was in der Gesellschaft heute als einigermaßen achtenswert gilt, ist ein Verdienst jener edlen Menschen. Sie haben den Menschen ein vorbildliches Leben vor Augen geführt. Sie haben uns einen Maßstab und ein Modell für Zivilisation und Kultur vorgelegt. Sie haben uns erhabene Ziele des Lebens und wunderbare Grundsätze geschenkt. Sie haben in den Adern der Geschichte das Blut einer lebendigen und ewigen Überlieferung zirkulieren lassen. Am Himmel der Zivilisation haben sie die strahlenden Sterne moralischer Werte aufgestellt. Sie haben den Menschen Ermutigung, Begeisterung, Mut und Ehrgeiz gegeben. Für Ziele und Grundsätze haben sie Opferbereitschaft, Qurbānī und den Kampf gelehrt. Durch die ruhmreichen Taten und Beiträge dieser edlen Menschen ist die Geschichte so wertvoll geworden, dass ihre Zeugnisse als bewahrenswert gelten und bis zum Tag der Auferstehung als stets neue Quelle der Tatkraft für die Menschheit hochgeschätzt werden.

Außerdem: Wann immer die unterdrückerische und lügnerische böse Macht die Menschen in den Fesseln des Oktopus faschistischer und diktatorischer Herrschaft gebunden, hilflos gemacht und sie nach dem Verlust ihres Mutes in den tiefen Abgrund der Verzweiflung gestürzt hat, sind eben diese großen Helden der Geschichte als Retter der Menschheit vorangeschritten. Sie haben die Schlafenden geweckt, die Gefallenen emporgezogen, den Feiglingen den belebenden Trank der Tapferkeit zu trinken gegeben und diejenigen, die ihre Waffen niedergelegt hatten, erneut in die vorderste Reihe des Schlachtfelds gestellt, um sie gegen die anarchistischen und korrupten bösen Mächte in den Kampf zu führen. Mit anderen Worten: Diese großen Helden haben den Stillstand der Geschichte beendet, das Eis auf dem gefrorenen Meer der Zivilisation geschmolzen, im erstarrten Fluss von Denken und Handeln einen neuen Strom geschaffen und die stählerne Diktatur gestürzt sowie die Freiheit und Menschenrechte der Menschen wiederhergestellt. Auf diese Weise ist die Karawane der Menschheit ungehindert auf dem geraden und richtigen Weg der Selbstentfaltung vorangeschritten.

In der frommen Klasse der menschlichen Gesellschaft, die sich an der edlen Aufgabe beteiligt hat, Wahrheit, Gerechtigkeit und Wohlergehen auf der Erde zu verwirklichen sowie Aufbau und Entwicklung voranzutreiben, stehen in der ersten Reihe die Propheten und Gesandten von einzigartigem Rang. Außerdem folgen die Ṣiddīqīn – diejenigen, die die Einladung zum Islam sofort mit ganzem Herzen annehmen –, die Märtyrer und die Ṣāliḥīn, also die rechtschaffenen Menschen, dem Verdienst dieser ersten Reihe und arbeiten unter ihrer Führung. Und unter den Propheten und Gesandten ist es vor allem die erhabene Persönlichkeit von Muhammad, ṣallallāhu ʿalaihi wa sallam, auf die sich der ungetrübte Blick richtet. Er ist der größte Freund und größte Wohltäter der Menschheit in der Geschichte, ein großartiger Mensch. Von welcher Seite auch immer Sie diesen großartigen Menschen betrachten, überall werden seine vielfältigen Vorzüge und seine Größe leuchtend sichtbar. Wie viele Menschen in den vergangenen vierzehn Jahrhunderten aus der Welt geschieden sind, während sie seine Größe und seine Vorzüge beschrieben, lässt sich nicht ermessen. Doch in Wahrheit ist die Darstellung seiner Vorzüge und seiner Größe bis heute nicht vollendet. Niemand weiß, wer diese Aufgabe in Zukunft vollenden können wird. Die unwiderstehliche Sehnsucht, sich allein an diesem großen Werk zu beteiligen, haben Menschen der Vergangenheit gehegt, und auch in Zukunft werden viele sie hegen. Diese unwiderstehliche Sehnsucht ergriff einst auch von mir Besitz. Ich verspürte den Wunsch, diesen Aspekt im Leben des Gesandten, ṣallallāhu ʿalaihi wa sallam, kurz besonders hervorzuheben: Als er das Feld betrat, um das Wohlergehen der Menschheit zu fördern und sie wiederaufzubauen, welcher Art von Misshandlung und Verfolgung musste er ausgesetzt sein? Wie wurde die Hingabe eines unvergleichlichen Dieners der Menschheit sein ganzes Leben lang mit blindem Widerstand und äußerst niederträchtigem Verhalten vergolten? Und andererseits: Welche Art von Charakter zeigte der Gesandte, ṣallallāhu ʿalaihi wa sallam, während er sich durch das Toben von so viel Zulm, Verfolgung, Widerstand und schlechtem Verhalten voranbewegte? In dieser erschütternden Lebensgeschichte des geliebten Propheten liegt eine Lehre sowohl für diejenigen, die die Herrschaft der Rechtschaffenen errichten wollen, als auch für diejenigen, die den Kampf zur Errichtung der Herrschaft der Rechtschaffenen verhindern.

Dies ist Muhammads, ṣallallāhu ʿalaihi wa sallam, Stellung in der Menschheitsgeschichte. Die Geschichte bezeugt, dass er der größte Schöpfer von Geschichte war.

Als der Gesandte (s.a.w.) erschien, um diese größte aller Aufgaben zum Wohle der Menschheit zu erfüllen, vereinigte Satan all jene Verfolgungen und Misshandlungen, denen alle Propheten und Gesandten in den verschiedenen Zeitaltern ausgesetzt gewesen waren, und zwang diesen verwaisten und hilflosen jungen Mann, einen Kampf an allen Fronten zu führen. Das Bild aus dem Leben des Gesandten (s.a.w.) ist etwa folgendes: In tiefster Dunkelheit kämpft ein Schwimmer ohne Boot in einem sturmgepeitschten Meer unaufhörlich gegen bergähnliche Wellen. Ein gewaltiger Sturm tobt, und in dem von tiefschwarzen Wolken bedeckten Himmel blenden immer wieder Blitze die Augen. Das Grollen der Wolken droht die Ohren zum Platzen zu bringen. Doch selbst darin bahnt sich der kompromisslose Schwimmer unablässig seinen Weg voran. Gibt es in der Geschichte irgendwo sonst ein Beispiel für eine solch erschütternde Verfolgung und Unterdrückung und einen solch kompromisslosen, unbezähmbaren Kampf?

Wann immer das Drama des Kampfes zwischen Wahrheit und Falschheit sowie zwischen Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit aufgeführt wird, bleibt sein grundlegender Charakter stets derselbe. Die Zeit verändert sich, die geografische Umgebung wandelt sich, und auch die Namen der Hauptfiguren ändern sich. Doch ihre festgelegten Rollen verändern sich niemals. Eine dieser Rollen ist die desjenigen, der zum Glauben aufruft.

Die Helden der zweiten Rolle sind jene aufrichtig ergebenen und reinen Menschen in der Gesellschaft, die den Ruf zu Wahrheit, Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, sobald sie ihn vernehmen, allein aufgrund ihrer natürlichen Neigung erkennen. Dieser Ruf erfüllt sie mit Freude und Bewunderung; ohne Zögern und von ganzem Herzen nehmen sie ihn an und übernehmen die Rolle der ersten Anhänger dieses Rufs.

Die dritte Rolle übernehmen jene, die höflich anderer Meinung sind. Sie hören die Worte und denken darüber nach. Doch wegen mangelnden Wissens und Bewusstseins sowie bestimmter psychischer Hindernisse brauchen sie lange, um die Wahrheit zu verstehen.

Die Helden der vierten Rolle sind die Gruppen äußerst fanatischer und lautstarker Gegner, die aufgrund ihrer eigenen Interessen, ihrer Stellung und ihrer verdorbenen Gewohnheiten vom ersten Tag an auf äußerst rücksichtlose Weise Widerstand leisten. Ihr Widerstand nimmt danach unaufhörlich zu. Die fünfte Rolle übernehmen die schwachen breiten Massen, die gegenüber der überwältigenden Macht der höheren Schichten der Gesellschaft so hilflos sind, dass sie keine mutige und aktive Rolle spielen können. Auch geistig sind sie nicht dazu befähigt, den tiefsten Sinn irgendeines Aufrufs zu erfassen. Daher bleiben sie gewöhnlich über Generationen hinweg stumme Zuschauer des Konflikts zwischen den Verkündern der Wahrheit und ihren Feinden und warten ab, welches Schicksal die jeweilige Seite ereilt. Sobald eine Seite siegt, strömt diese Flut der Massen auf die Seite der siegreichen Macht. Somit hängt das Drama des Kampfes zwischen Wahrheit und Falschheit von den Darstellern zweier Rollen ab: von der Rolle des Verkünders der Wahrheit und seiner Anhänger sowie von der Rolle der aktiven und fanatischen Gegner. Es ist völlig unmöglich, dass das Drama des Aufrufs zur Wahrheit aufgeführt wird, ohne dass die Darsteller dieser beiden Rollen einander gegenübertreten. Wenn Sie die Stimme der Wahrheit und Gerechtigkeit erheben, kann es nicht sein, dass die Kräfte, die sich auf die Seite der Falschheit und Ungerechtigkeit stellen, nicht gemeinsam Widerstand leisten. Wenn Sie beginnen, zum Wohle und zum Dienst an der Menschheit zu arbeiten, ist es unvorstellbar, dass nicht alle verderblichen Kräfte der Gesellschaft sich vereinen und mit den furchtbaren Waffen von Beschimpfung, Verleumdung, übler Nachrede, Rufschädigung, Verschwörung und Brutalität auf Sie losstürmen.

Auch im Fall des Gesandten (s.a.w.) geschah genau dies. Wenn er lediglich einige schöne Worte gesprochen, über Fragen des Gemeinwohls nachgedacht, sein Leben damit verbracht hätte, Allah nach einer von ihm selbst gewählten bestimmten Weise durch Verbeugung, Niederwerfung und dergleichen zu dienen, sich einsam und zurückgezogen dem Gedenken und den Lobpreisungen Allahs gewidmet, sogar schöne Ermahnungen vorgetragen, eine eigene Sekte der geistlichen Führung und Gefolgschaft gegründet und mit seinen Anhängern sogar eine harmlose Vereinigung gebildet hätte, dann hätte die Gesellschaft dies geduldet. Doch er wollte das gesamte Lebenssystem verändern. Er wollte das ganze Gebäude von Gesellschaft und Zivilisation neu errichten. Er war dazu beauftragt, das gesamte gesellschaftliche System zum Einsturz zu bringen und es nach dem besten Entwurf neu aufzubauen. Er war entschlossen, den ungerechten, aber unerschütterlichen Pakt zu zerschlagen, der damals zwischen den etablierten Interessen und den bestehenden Rechten der Gesellschaft geschlossen worden war. Er war gesandt worden, um die Menschen nach einem neuen glaubensmäßigen und moralischen Rahmen zu formen. Vom ersten Tag an rief er zu genau diesem Werk auf, und die Menschen verstanden von Anfang an die Bedeutung seines Aufrufs. Gerade weil sie dessen Bedeutung verstanden, zeigte sich als natürliche Reaktion darauf das Gegenhandeln der Gesellschaft der Unwissenheit.

Wann immer man die Gegner der umfassenden Bewegung für Wahrheit und Gerechtigkeit in irgendeinem Zeitalter untersucht, zeigt sich, dass die Methoden und die Abfolge ihrer negativen Aktivitäten stets gleich waren. Zunächst wurde gewöhnlich gespottet und sich lustig gemacht. In der nächsten Phase begann ein Aufruhr aus Beschimpfungen, falschen Anschuldigungen, übler Nachrede, Verleumdung und der Vergabe schändlicher Beinamen. Danach setzte eine gezielte Lügenpropaganda ein, um unter den Menschen Verwirrung und Missverständnisse zu erzeugen. Wenn die Angelegenheit weiter eskalierte, wurde einerseits behauptet, die nationalen Interessen und der gesellschaftliche Zusammenhalt seien gefährdet, während andererseits unter religiösen Vorwänden versucht wurde, die unwissenden Massen aufzuhetzen. Zwischendurch wurde auch der Kampf der Argumente geführt, und durch Fragen und Antworten lief eine Kampagne, um den Verkünder des Aufrufs zu bedrängen und bloßzustellen. Als man erkannte, dass eine gefährliche Bewegung immer stärker wurde, versuchte man, durch Verlockungen einen Ausgleich herbeizuführen. Als sich alle Ränke und Pläne als erfolglos erwiesen, griff man zu den äußerst verwerflichen Methoden der Gewalt. Der Gesandte (s.a.w.) und seine Gefährten wurden gesellschaftlich und wirtschaftlich boykottiert. Auch Verschwörungen zu Unterdrückung und Verfolgung wurden in die Tat umgesetzt. Schließlich wurde sogar ein Komplott zur Ermordung des Gesandten (s.a.w.) geschmiedet. Als man die Bewegung zur Errichtung von Wahrheit und Gerechtigkeit dennoch nicht zum Schweigen bringen konnte, erklärte man den Krieg und forderte zur offenen Schlacht heraus. Im Leben des Gesandten (s.a.w.) traten all diese Phasen nacheinander ein. Doch Allah, der Erhabene, gewährte ihm in jeder einzelnen Phase einen ruhmreichen Erfolg. Schließlich kam ganz Arabien zu Füßen des Gesandten (s.a.w.).

In diesem Buch werden die Ereignisse aus dem Leben des Gesandten (s.a.w.) anhand äußerst zuverlässiger Quellen und in der gebotenen chronologischen Abfolge so dargestellt, dass die schreckliche Auseinandersetzung zwischen Wahrheit und Falschheit sowie zwischen Wohl und Unheil, die der Gesandte (s.a.w.) ausfocht und die die Erstarrung der Geschichte durchbrach, vor den Augen deutlich lebendig wird. Sein gesamtes Leben verging in diesem Kampf. Ich hoffe, dass der Leser beim Lesen dieses Buches empfinden wird, dem Gesandten (s.a.w.) ganz nahe zu sein. Er wird den Ablauf der Ereignisse unmittelbar vor seinen Augen geschehen sehen und die stürmischen Wellen der islamischen Bewegung in der Welt seiner Vorstellung tanzen sehen. Dadurch wird er nicht fähig sein, als unbeteiligter und neutraler Zuschauer diesem Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit beizuwohnen. Vielmehr wird in ihm ein positives Bewusstsein erwachen, und er wird gezwungen sein, darüber nachzudenken, welche Stellung er gegenwärtig in der Geschichte der Menschheit einnimmt und welche er einnehmen sollte.

Meine feste Erwartung ist, dass man aus diesem Buch Mut und Tapferkeit lernen und selbst unter schwierigsten Umständen dazu angespornt werden kann, Verantwortung und Pflichten zu erfüllen. Im Herzen wird Verehrung und Liebe für jene große Persönlichkeit entstehen, die der größte Diener der Menschheit war und ihr den größten Nutzen gebracht hat. Das Herz wird von Dankbarkeit ihm gegenüber erfüllt werden, und der Geist wird von tiefer Liebe zu ihm erfüllt sein. Genau das ist es, was der Islam wünscht. Durch die Lektüre dieses Buches wird man verstehen, durch welch schwere Feuerproben derjenige, der uns heute das Licht der Wahrheit gebracht hat, gegangen ist, wie erbitterten Widerstand er überwunden, welche Arten von Angriffen er abgewehrt und wie große Meere aus Blut und Tränen er durchquert hat, um dieses Licht zu uns zu bringen. Daraus wird man auch erkennen, dass der Weg der Bannerträger von Wahrheit und Gerechtigkeit überaus dornig ist. Wenn dieser Weg selbst für eine so tugendhafte Persönlichkeit wie Muhammad (s.a.w.) nicht dornenlos und mit Blumen übersät war, für wen sollte er dann mit Blumen übersät sein? Für wen sollte ein solcher bequemer kurzer Weg geschaffen werden, auf dem ein Mensch sein sicheres Zimmer verlassen und ohne auch nur Staub an die Füße zu bekommen direkt ins Paradies gelangen kann? Die erschütternden Geschichten aus dem Lebensweg des Gesandten (s.a.w.) beseitigen dieses Missverständnis. Andernfalls bleibt der Mensch untätig sitzen, weil er den Gehorsam gegenüber Allah für eine höchst bequeme Angelegenheit hält. Im Licht des Lebens des Gesandten (s.a.w.) müssen wir darüber nachdenken: Wenn die in den Büchern über Koran, Hadith und Sira erwähnten Feuerproben, Unglücke, Hindernisse, Schläge und Angriffe, die im Leben eines wahrhaftigen Mu’min als unvermeidlich bezeichnet werden, nicht in unser Leben kommen, müssen wir erneut prüfen, ob unser Weg und unser Ziel richtig sind. Wir müssen untersuchen, ob der Weg, den wir für den Weg des Islam halten, vielleicht doch der Weg des Kufr und der Jahiliyya ist. Durch die Lektüre dieses Buches wird jeder Muslim im Voraus wissen, dass jeder Einzelne oder jede Gruppe innerhalb der muslimischen Umma, die mit der Da’wa und der Bewegung des Gesandten (s.a.w.) genau in derselben Weise auftritt und exakt der von ihm befolgten Vorgehensweise folgt, unweigerlich Spott und Hohn, Verleumdung, üble Propaganda, Rufschädigung, Verschwörungen, Unterdrückung, Verfolgung und gewaltsamen Angriffen ausgesetzt sein wird. Denn dies sind die unvermeidlichen weltlichen Gegenleistungen für diese Arbeit. Inmitten dieser von Katastrophen und Unglück erfüllten Umstände ist es in jedem Zeitalter keine leichte Aufgabe, den für die Wahrheit tätigen Rufer zu erkennen, seine Worte zu verstehen und sie anzunehmen. Dies ist nur jenen glücklichen Menschen möglich, die durch das Studium des Korans, des Hadith und der Sira des Gesandten bereits zuvor ein richtiges Verständnis vom ewigen Kampf zwischen Haqq und Bātil erlangt haben. Jeder Muslim sollte wissen, dass jene Kräfte des Bātil, die eine reine und sündlose Persönlichkeit wie den Gesandten (s.a.w.) nicht verschont haben und später auch große Persönlichkeiten unter den Anhängern des Gesandten (s.a.w.) – wie Imam Husain, Imam Malik, Imam Ahmad ibn Hanbal, Imam Abu Hanifa, Hazrat Mujaddid Alf-e-Sani und Shah Waliullah – nicht von Unterdrückung und Verfolgung verschont haben, auch sonst niemanden verschonen werden. Das Studium der Sira des Gesandten lehrt uns, in jedem Zeitalter zwischen dem Charakter der Rufer zur Wahrheit und dem ihrer Feinde zu unterscheiden. Die Identität derjenigen, die im Konflikt zwischen Islam und Kufr aktiv sind, habe ich in diesem Buch deutlich herausgearbeitet.

Ich hoffe, dass wir durch das Studium dieses Buches auf den schrecklichen Widerspruch und die Selbstwidersprüchlichkeit aufmerksam werden, die zwischen unserem Glauben an die Risālat und unserem wirklichen Leben entstanden sind. Heute gibt es auf der Welt kein einziges Land mehr, in dem die vom Gesandten (s.a.w.) gebrachte Lebensordnung vollständig siegreich und verwirklicht ist. In der gesamten muslimischen Welt feiern Monarchie und Diktatur Triumphe und versenken uns zugleich in die Finsternis der alten wie der modernen Jahiliyya. Geistig sind wir von Kopf bis Fuß in der Jahiliyya versunken. Auch wirtschaftlich sind wir völlig zerrüttet. Kulturell gelten wir in der ganzen Welt als ein Volk von Bettlern, und international sind wir Opfer der Ausbeutung durch die Imperialisten. Wir leiden weiterhin unter genau dieser giftigen Folge des Widerspruchs zwischen unserem Glauben und unserem Charakter.

In diesem Buch habe ich im Wesentlichen dazu aufgerufen, die Da’wa des Propheten der Menschheit wiederzubeleben. Mein Hauptziel ist, dass wir nach genau der vom Gesandten (s.a.w.) gezeigten Vorgehensweise eine Veränderung in unserem Leben einleiten und jene von diesem großen Führer der Menschheit im Licht der Grundsätze des Korans und des Hadith errichtete, von Großzügigkeit und Gerechtigkeit geprägte Gesellschaftsordnung verwirklichen können. Die Zeit ist gekommen, in der wir und unsere junge Generation die Last der geistigen Versklavung durch die westliche Zivilisation von unseren Schultern abschütteln und gegen dieses materialistische Zeitalter die Fahne einer intellektuellen Rebellion erheben sollten. Die Lebensgeschichte Muhammads (s.a.w.) muss aus den Seiten des Buches herausgenommen und neu auf den Seiten des wirklichen Lebens niedergeschrieben werden. Sein Ideal muss in Gestalt eines gesellschaftlichen Systems zusammengefasst und an die Stelle jener dritten Kraft gestellt werden, die den Weg zur Befreiung weist und deren Platz in der Geschichte noch immer leer ist.

Möge der barmherzige Allah diesen bescheidenen Versuch von mir annehmen und dessen edles Ziel verwirklichen.

Amin.

Na’im Siddiqi, 1. Dezember 1959.

 

Kapitel: 2

Persönlichkeit auf einen Blick

Wenn ich beide Augen auf sein Antlitz richte,

ist es wie der Blitz, der in einer regenbringenden Wolke aufleuchtet. [Dieser berühmte arabische Dichter aus der Zeit der Dschāhiliyya verfasste dieses Gedicht im Hinblick auf eine ihm nahestehende Persönlichkeit. Später wandte Hadhrat Aischa (ra.) es bei einer Gelegenheit treffend auf den Gesandten (s.) an.]

– Abū Kabīr al-Hudhali

Dieses Gesicht kann nicht das eines Lüg||||ners sein.

– ʿAbdullāh ibn Salām

Ein Blick

[Vorwiegend auf Grundlage von at-Tirmidhīs Schamāʾil verfasst.]

Diejenigen, die auf der Welt große und bedeutende Beiträge leisten, insbesondere die Propheten (a.), besitzen stets eine außergewöhnliche Persönlichkeit. Die eigentliche Kraftquelle derjenigen, die Bewegungen und den Wiederaufbau von Zivilisationen anführen, ist ihre Persönlichkeit, die aus einer besonderen Verbindung von Denkweise und Charakter geformt ist. Die Persönlichkeit des Gesandten (s.) angemessen zu begreifen, ist ebenfalls eines der wesentlichen Ziele des Studiums seiner Sīra.

Die körperliche Schönheit eines Menschen hilft sehr dabei, seine Persönlichkeit zu erfassen. An der Gestalt des menschlichen Körpers vom Scheitel bis zur Sohle und an der wohlproportionierten Form seiner Glieder lässt sich erkennen, welcher Art von Mensch er in geistiger, sittlicher und bewusstseinsmäßiger Hinsicht ist. Besonders im Gesicht beziehungsweise im Antlitz ist die gesamte Geschichte des menschlichen Charakters und Wirkens eingeschrieben. Schon ein einziger Blick darauf lässt uns erahnen, was für ein Mensch dieser Mensch ist.

Wir, die erst später auf die Welt gekommen sind, sind in dieser Hinsicht bedauernswert, denn das unvergleichliche Antlitz des größten Menschen der Welt steht nicht vor unseren Augen, und wir werden in dieser Welt auch keine Gelegenheit haben, es mit leiblichen Augen zu sehen. Den kleinen Eindruck von der körperlichen Schönheit des Gesandten (s.a.), den wir erhalten, können wir nur im Spiegel seiner Worte und Taten sehen.

Es gibt weder ein authentisches Bild noch eine Statue des Gesandten (s.a.). Der Gesandte selbst (s.a.) hat verboten, solche anzufertigen oder aufzubewahren. Denn ein Bild ist eine so gefährliche Sache, dass es das Risiko, dem Schirk zu verfallen, keineswegs ausschließt. Hätte es ein Bild des Gesandten (s.a.) gegeben, wäre nicht abzusehen, für wie viele übernatürliche Taten man es als Quelle gehalten und wie viele neue Wunder man ihm zugeschrieben hätte. Es ist schwer vorstellbar, wie viele bunte Veranstaltungen ihm zu Ehren abgehalten worden wären. Selbst dass seine Verehrung in Anbetung übergegangen wäre, wäre keineswegs verwunderlich gewesen. In Europa sind viele imaginäre Bilder des Gesandten (s.a.) angefertigt worden. Doch welcher Künstler hätte ein so feines, umfassendes und vollständiges Verständnis von jedem Aspekt der Gedanken und Taten des Gesandten (s.a.) und könnte dieses Verständnis mit Pinsel und Farben vollkommen zum Ausdruck bringen? Ein imaginäres Bild mag von jedem anderen sein, aber nicht von Muhammad (s.a.). Man fertigt das Bild einer rein auf Vermutungen beruhenden Persönlichkeit an und gibt es als Bild des Gesandten (s.a.) aus. Bei der Herstellung all dieser Bilder wird nicht das geringste Maß an Aufrichtigkeit gezeigt. Absichtlich werden solche Bilder geschaffen, die den Eindruck einer schwachen und unvollkommenen Persönlichkeit vermitteln. Die Vorstellung von der Persönlichkeit, die all diesen Bildern zugrunde liegt, wird ausschließlich jenen feindseligen westlichen Schriften entnommen, die aus Starrsinn, Unbesonnenheit, verdrehtem Denken und unrealistischen Vorstellungen hervorgegangen sind. Der Schaden, der durch die Anfertigung von Bildern oder Filmen über Propheten und fromme Menschen entsteht, besteht darin, dass ihr wahrer Charakter hinter dem Schleier verschwinden kann.

Doch die Gefährten des Gesandten (s.a.) haben mit den wenigsten Worten ein vollkommenes Bild von ihm gezeichnet, und die Überlieferer haben diese Beschreibungen in äußerst gesichertem und unverfälschtem Zustand zu uns gelangen lassen. Hier geben wir diese sprachlichen Bilder wieder, damit die Leser vor dem Studium des Charakters dieses großen Menschen einen Eindruck von seiner Persönlichkeit gewinnen können. Man könnte dies auch eine Art Begegnung oder Bekanntmachung nennen.

Der Eindruck vom heiligen Antlitz des Gesandten (s.a.), von seiner körperlichen Gestalt, seinem Gang und seiner Schönheit, der über eine Entfernung von vierzehnhundert Jahren bis zu uns gelangt ist, vermittelt das Bild eines Menschen, der zugleich äußerst hochbegabt und intelligent, ein mutiger Held, geduldig, seinen Idealen unerschütterlich treu, ehrlich und gerecht, großzügig und großmütig, freigebig, verantwortungsbewusst, bescheiden und würdevoll sowie liebenswürdig und sprachlich vollkommen war. Genau genommen muss man sagen, dass die Spuren des Prophetentums in seiner körperlichen Gestalt auffallend deutlich vorhanden waren. Seine schöne, wohlgeformte Erscheinung war ein Zeichen seines hohen Ranges. In diesem Zusammenhang ist eine Aussage des Gesandten (s.a.) bemerkenswert. Er sagte:

„Gottesfurcht lässt das Gesicht des Menschen strahlend und schön werden.“

Da das Prophetentum die höchste Stufe des Glaubens und der Gottesfurcht darstellt, kann das Gesicht eines Propheten gar nicht anders als lichtstrahlend sein.

Kommen wir nun und werfen wir einen kurzen Blick auf sein sonnenstrahlendes, überwältigend schönes Antlitz.

Körperliche Schönheit

„Ich erkannte den Gesandten Allahs, sobald ich ihn sah. Sein Gesicht konnte nicht das eines Lüg fals sein.“ (Abdullah ibn Salam) [Er war einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten. Sein Name war Husain. Als der Gesandte Allahs nach Medina kam, besuchte er ihn. Was ihm dabei auffiel, schildert er hier. Er nahm den Islam an und erhielt den islamischen Namen Abdullah. (Sirat al-Mustafa, Maulana Idris Kandhlawi, erster Band, S. 341–350)]

„Ich kam zusammen mit meinem Sohn. Die Leute zeigten uns: ‚Da ist der Gesandte Allahs.‘ Kaum hatte ich mich in seiner Nähe hingesetzt, sagte ich mir im Stillen: Wahrlich, er ist der Prophet Allahs.“ – Abu Ramtha at-Taimi

„Seid unbesorgt, ich habe das leuchtende Gesicht dieses Mannes gesehen, hell wie der Vollmond. Er könnte euch im Geschäftsverkehr niemals betrügen. Wenn ein solcher Mann den Preis für das Kamel nicht bezahlt, werde ich ihn aus eigener Tasche begleichen.“ – eine vornehme Frau [Eine Handelskarawane hatte am Stadtrand von Medina Rast gemacht. Zufällig kam der Gesandte Allahs dorthin. Er wählte ein Kamel aus und einigte sich über den Preis. Dann nahm er das Kamel mit und sagte, er werde den Preis schicken. Später wurden die Kamelverkäufer misstrauisch und fragten sich, wie sie nur einem unbekannten Mann ein Kamel auf Kredit hatten geben können. Da beruhigte die Frau des Karawanenführers sie mit den oben angeführten Worten. Dieses Ereignis wird von Tariq ibn Abdullah, einem Mitglied der Karawane, überliefert. Kurz darauf schickte der Gesandte Allahs Datteln im Wert von mehr als dem vereinbarten Preis. (Sirat an-Nabi, Shibli Numani, zweiter Band, S. 380; al-Mawahib al-Ladunniyya, erster Band, S. 244.)]

„Wir haben noch nie einen so schönen Menschen gesehen. Wir sahen Licht aus seinem Gesicht strahlen.“ – die Mutter und die Tante von Abu Qarsana [Diese beiden Frauen waren zusammen mit Abu Qarsana zum Gesandten Allahs gegangen, um ihm die Baiʿa (das Treueversprechen) zu leisten. Auf dem Rückweg äußerten sie diese Reaktion. (Al-Mawahib al-Ladunniyya, erster Band, S. 255)]

„Ich habe niemanden gesehen, der schöner war als der Gesandte Allahs. Es schien, als würde die Sonne funkeln.“ – Abu Huraira

„Wenn du den Gesandten Allahs gesehen hättest, wäre dir gewesen, als sei die Sonne aufgegangen.“ – Rubaiʿ bint Muʿawwidh

„Wer den Gesandten Allahs sah, war bereits beim ersten Blick überwältigt.“ – ʿAli

„Einmal betrachtete ich den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in einer mondhellen Nacht. Er war in rote Kleidung gehüllt. Abwechselnd blickte ich zum Mond und zu ihm. Schließlich kam ich zu dem Schluss, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) schöner war als der Mond.“ – Hazrat Dschābir ibn Samura

„Wenn der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) glücklich war, strahlte sein Gesicht wie der Mond. Schon daran erkannten wir seine Freude.“ – Kaʿb ibn Mālik

„Sein Gesicht strahlte wie der Mond.“ – Hind ibn Abī Hāla

Gesicht

„Rund wie der Vollmond.“ – Barāʾ ibn ʿĀzib

„Sein Gesicht war nicht vollkommen rund, aber nahezu rund.“ – Hazrat ʿAlī

„Eine breite Stirn, geschwungene, feine und dichte Augenbrauen, die voneinander getrennt waren; zwischen den beiden Augenbrauen befand sich eine hervortretende Ader, die deutlich hervortrat, wenn er zornig wurde.“ – Hind ibn Abī Hāla

„Auf seiner Stirn zeigte sich das Zeichen der Freude.“ – Kaʿb ibn Mālik

Hautfarbe

„Weder war sie weiß wie Kalk noch dunkelhäutig. Sie hatte die Farbe von Weizen, war jedoch etwas heller.“ – Hazrat Anas

„Rötlich-weiß.“ – Hazrat Ali

„Weiß, doch von strahlender Schönheit.“ – Abu Tufail

„Leuchtend weiß.“ – Hind ibn Abi Hala

„Sein Körper schien aus Silber geschaffen zu sein.“ – Hazrat Abu Huraira

Augen

„Schwarze Augen, lange Wimpern.“ – Hazrat Ali

„Die Pupillen waren schwarz, der Blick gesenkt, mit einer schüchternen Neigung, aus den Augenwinkeln zu schauen.“ – Hind ibn Abi Hala

„In den weißen Teilen der Augen waren rote Adern, die Augenhöhlen waren lang, und von Natur aus waren sie mit Khol versehen.“ – Jabir ibn Samura

Nase

„Sie war etwas erhaben und darüber lag ein strahlender Glanz; deshalb erschien sie auf den ersten Blick größer.“ – Hind ibn Abi Hala

Wangen

„Leicht und eben, nach unten hin etwas fleischiger.“ – Hind ibn Abi Hala

Gesicht

„Breit.“ – Jabir ibn Samura

„Breit.“ – Hind ibn Abi Hala

Zähne

„Fein, glänzend. Ein bezaubernder Glanz an den Vorderzähnen.“ – Hazrat Ibn Abbas

„Wenn er sprach, blitzte es zwischen seinen Zähnen hervor.“ – Hazrat Abbas

Bart

„Ein dicht gewachsener, das ganze Gesicht bedeckender Bart.“ – Hind ibn Abi Hala

Hals

„Schlank und lang, als wäre er wie eine Statue kunstvoll herausgemeißelt.“

Die Farbe seines Halses war mondgleich leuchtend und ansprechend.“ – Hind ibn Abi Hala

Kopf

„Groß, jedoch wohlproportioniert und von mittlerer Größe.“ – Hind ibn Abi Hala

Haare

„Leicht gelockt.“ – Abu Huraira

„Weder ganz glatt noch sehr stark gelockt.“ – Qatada

„Leicht gelockt.“ – Hazrat Anas

„Dicht – manchmal bis zu den Ohrläppchen lang, manchmal bis zum Nacken.“ – Bara ibn Azib

„Der Scheitel war in der Mitte gezogen.“ – Hind ibn Abi Hala

„Er hatte nicht viele Körperhaare. Eine schmale Haarlinie verlief von der Brust bis zum Nabel.“ – Hazrat Ali und Hind ibn Abi Hala

„Am Hals, an den Armen und am oberen Teil der Brust befanden sich nur wenige Haare.“ – Hind ibn Abi Hala

Der allgemeine Körperbau

„Sein Körper war kräftig gebaut. Die Knochen an den Gelenken seiner Gliedmaßen waren groß und stark.“ – Hind ibn Abi Hala

„Sein Körper war nicht beleibt.“ – Hazrat Ali

„Er war weder sehr groß noch klein, sondern von mittlerer Größe.“ – Hazrat Anas

„Er war etwas groß. Wenn er unter vielen Menschen stand, erschien er noch größer.“ – Bara ibn Azib

„Sein Bauch war nicht vorgewölbt.“ – Umm Maʿbad

„Trotz Hunger und Armut war er frischer und kräftiger als Menschen, die im Überfluss an weltlichen Gütern aufgewachsen waren.“ [Es ist weithin bekannt, dass der Gesandte (s.a.w.) während der Umra allein einhundert Kamele vorantrieb und davon dreiundsechzig eigenhändig schlachtete. Die übrigen übergab er Hadhrat ʿAlī (r.a.). (Al-Mawāhib, Band 1, S. 310)]

„Ich habe niemanden gesehen, der stärker war als der Gesandte (s.a.w.).“ – Ibn ʿUmar [In Mekka lebte ein professioneller Ringer namens Rukāna. Als der Gesandte (s.a.w.) ihn einmal besuchte und ihn zum Islam einlud, verlangte er einen Beweis für seine Prophetenschaft. Der Gesandte (s.a.w.) erklärte sich bereit, entsprechend seiner Vorliebe mit ihm zu ringen. Sie rangen dreimal miteinander, und jedes Mal besiegte er ihn. Außerdem besiegte er auch Abū al-Aswad al-Dschuhamī und einige andere im Ringkampf. (Al-Hākim, Abū Dāwūd, at-Tirmidhī und al-Bayhaqī, Al-Mawāhib al-Ladunniyya, erster Band, S. 303)]

Schultern und Brust

„Die Brust war breit, Brust und Bauch waren flach.“ – Hind ibn Abī Hāla

„Die Brust war breit.“ – Barāʾ ibn ʿĀzib

„Der Bereich zwischen den beiden Schultern war breiter als gewöhnlich.“ – Hind ibn Abī Hāla, Barāʾ ibn ʿĀzib

„Der Bereich zwischen den beiden Schultern war muskulös.“ – Hadhrat ʿAlī

Hände und Unterarme

„Lange Arme, breite Handflächen und angemessen lange Finger.“ – Hind ibn Abi Hala

„Ich habe weder dünne noch dichte Seide noch irgendeinen anderen Stoff gesehen, der weicher war als die Hände des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm).“ – Hazrat Abbas

Füße

„Die Schienbeine waren nicht fleischig, sondern schlank und flach.“ – Dschabir ibn Samura

„Die Handflächen und Fußsohlen waren fleischig. Die Fußsohlen waren leicht vertieft. Sie waren so glatt, dass Wasser darauf nicht stehen blieb.“ – Hind ibn Abi Hala

„An den Fersen war nur sehr wenig Fleisch.“ – Dschabir ibn Samura

Ein Gesamtbild

Obwohl zahlreiche Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) viele erstaunliche Beschreibungen von ihm überliefert haben, ist nichts mit der Beschreibung Umm Maʿbads vergleichbar. Als der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) von der Höhle am Berg Thaur aufbrach, um nach Medina auszuwandern, machte er bereits am ersten Tag im Haus dieser ehrwürdigen alten Frau aus dem Stamm Chuzāʿa Rast. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und seine Gefährten litten unter quälendem Durst. Durch Allahs besondere Gnade gab die alte, abgemagerte und ausgehungerte Ziege zu dieser Zeit so viel Milch, dass nach der Sättigung des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und seiner Gefährten noch etwas Milch übrig blieb. Als Umm Maʿbads Ehemann nach Hause zurückkehrte und die Milch sah, war er erstaunt. Er fragte: „Woher kommt diese Milch?“ Umm Maʿbad erzählte ihm alles, worauf ihr Mann sagte: „Beschreibe mir doch das Aussehen dieses quraischitischen jungen Mannes, damit ich sehe, ob er der sehnlich erwartete Mann ist.“ Daraufhin gab Umm Maʿbad in wunderbaren Worten eine Beschreibung von ihm. Damals kannte Umm Maʿbad den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nicht und hegte weder Neid noch Feindschaft gegen ihn. Sie beschrieb genau das, was sie gesehen hatte. Es ist besser, diese Beschreibung im ursprünglichen Arabisch nachzulesen. [Siehe Zād al-Maʿād, Band 1, S. 307.] Hier folgt ihre Übersetzung:

„Ein reines und breites Gesicht, angenehmes Wesen, kein vorstehender Bauch, kein kahler Kopf, ansehnlich und schön, mit großen, schwarzen Augen, langem, dichtem Haar und einer tiefen, würdevollen Stimme. Ein hoch aufragender Nacken, mit Kohl umrandete Augen, feine, zusammengewachsene Augenbrauen und schwarzes, gelocktes Haar. Schweigsame Würde und Aufrichtigkeit; aus der Ferne gesehen schön und faszinierend, aus der Nähe äußerst lieblich und schön. Er sprach freundlich und deutlich, und seine Rede war frei von einer Fülle unnötiger Worte. All seine Worte waren wie die Perlen einer Halskette miteinander verbunden. Von mittlerer Größe, sodass ihn niemand verabscheute oder geringschätzte. Ansehnlich und jung, der Liebling seiner ständigen Gefährten. Wenn er etwas sagte, hörten alle schweigend zu; wenn er einen Befehl gab, eilten alle sofort hinaus, um ihn auszuführen. Von allen bedient und von allen gefolgt, weder wortkarg noch übermäßig redselig.“ [Zād al-Maʿād, Band 1, S. 307.]

Kleidung

Auch durch die Kleidung tritt die Persönlichkeit eines Menschen hervor. Größe, Länge, Breite, Farbe, Qualität, Sauberkeit und ähnliche Eigenschaften der Kleidung geben Aufschluss darüber, was für einen Charakter und welche geistige Haltung ihr Träger besitzt. Aus den Angaben, die seine Gefährten über die Kleidung des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gemacht haben, lassen sich seine Vorlieben und seine geistige Haltung in gewissem Maß erkennen.

Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) legte hinsichtlich der Kleidung in Wirklichkeit die folgende Aya praktisch aus:

﴿يَابَنِيآدَمَقَدْأَنزَلْنَاعَلَيْكُمْلِبَاسًايُوَارِيسَوْآتِكُمْوَرِيشًاۖوَلِبَاسُالتَّقْوَىٰذَٰلِكَخَيْرٌۚذَٰلِكَمِنْآيَاتِاللَّهِلَعَلَّهُمْيَذَّكَّرُونَ﴾

„O Kinder Adams, Wir haben euch Kleidung bestimmt, die eure Scham bedeckt und eure Schönheit hervorbringt. Doch die Kleidung der Gottesfurcht ist die beste.“ (Sure al-Aʿrāf: 26)

Die weiteren Eigenschaften der Kleidung werden in der Sure an-Nahl folgendermaßen beschrieben:

سَرَابِيلَتَقِيكُمُالْحَرَّوَسَرَابِيلَتَقِيكُمبَأْسَكُمْ

„Er hat euch Kleidung und Rüstungen bereitgestellt, die euch vor der Hitze schützen und euch im Kampf Sicherheit geben.“ (Sure an-Nahl)

Die wesentlichen Merkmale der Kleidung des Gesandten (s.a.w.) waren also, dass sie die Scham bedeckte, Schönheit hervorbrachte und eine Kleidung der Taqwa, das heißt der Gottesfurcht und Rechtschaffenheit, war. Sie diente der Befriedigung notwendiger Bedürfnisse, gewährleistete die Befolgung moralischer Grundsätze und spiegelte den guten Geschmack eines wohlerzogenen Menschen wider. Der Gesandte (s.a.w.) vermied Stolz, Prunk, Luxus und die Neigung, sich zur Schau zu stellen, mit großer Strenge. Er sagte:

„Ich bin nur ein Diener Allahs und trage die Kleidung, die für Diener angemessen ist.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Bd. 1, S. 328.] Kleidung aus Seide erklärte er für Männer als verboten. Einmal zog er ein als Geschenk erhaltenes Seidengewand an. Doch nahm er es sogleich voller Unruhe wieder ab. Dass Hemd, Lungi und Turban übermäßig lang waren, galt als Zeichen des Hochmuts, und da das Tragen solcher Kleidung unter hochmütigen Menschen verbreitet war, verabscheute er es zutiefst. [Abu Dawud, an-Nasa’i, Ibn Madscha, at-Tirmidhi, Musnad Ahmad].

Auch die Nachahmung der Kleidung anderer Völker, insbesondere der besonderen Kleidung ihrer religiösen Priesterklassen, verbot er. [Musnad Ahmad, Abu Dawud]. Er erließ dieses Verbot, damit die Eigenständigkeit und das Selbstwertgefühl der Umma bewahrt blieben und man bei der Nachahmung von Kleidung und Mode nicht auch damit begann, deren Charakter und Ideale nachzuahmen. Deshalb führte er im Bereich der islamischen Kultur einen völlig neuen Geschmack hinsichtlich Kleidung, Mode und Lebensart ein. Der Gesandte (s.a.w.) achtete besonders darauf, wie man bei der Kleidung Schutz vor dem Wetter, Bedeckung der Scham, Einfachheit, Sauberkeit und Würde wahren konnte. Wenn wir die Kleidung des Gesandten (s.a.w.) im Zusammenhang mit den zeitgenössischen kulturellen Strömungen, den geografischen, kulturellen und klimatischen Erfordernissen Arabiens sowie den herrschenden Bräuchen betrachten, wird deutlich, dass diese Kleidung ein Symbol äußerst erlesenen Geschmacks war. Sehen wir uns nun an, wie die Kleidung des Gesandten (s.a.w.) beschaffen war. [Siehe Schamā’il at-Tirmidhi, Zād al-Maʿād und al-Mawāhib al-Ladunniyya].

Er mochte Hemden sehr. Die Ärmel des Hemdes waren weder zu eng noch zu weit, sondern von mittlerer Weite. Die Ärmel reichten manchmal bis zu den Ellbogen und manchmal bis zu den Handgelenken. Das Hemd, das er auf Reisen, insbesondere auf Reisen zum Dschihad, trug, war hinsichtlich seiner Länge und der Ärmellänge vergleichsweise kürzer. Den Teil des Hemdes vorn über der Brust ließ er aus klimatischen Gründen auch offen und betete sogar in diesem Zustand. Beim Anziehen eines Hemdes führte er zuerst den rechten und danach den linken Arm hinein. Das lehrte er auch die Gefährten. Der Vorrang der rechten Hand und ihre Verwendung bei guten Tätigkeiten waren ein wichtiger Bestandteil der vom Gesandten (s.a.w.) gelehrten Lebensweise.

Die Lungi trug er sein ganzes Leben lang. Er trug sie etwas unterhalb des Nabels und bis knapp über die Knöchel. Der vordere Teil hing ein wenig tiefer.

Die Pluderhose gefiel ihm auf Anhieb. Auch die Gefährten trugen sie. Einmal kaufte er selbst eine. (Ob er sie auch trug, ist umstritten.) Sie wurde unter seinen hinterlassenen Besitztümern gefunden. Die Geschichte vom Kauf der Pluderhose ist recht interessant. Der Gesandte (s.a.w.) ging in Begleitung von Abu Huraira (r.a.) zum Markt und kam zu den Geschäften der Kleiderhändler. Er kaufte die Pluderhose für vier Dirham. Auf dem Markt gab es einen angesehenen Wieger, der die Waren wog. Er brachte ihm die Pluderhose zum Wiegen und sagte: „Wiege sie großzügig.“ (Das heißt: Wiege sie so, dass das Gewicht etwas höher ausfällt als das tatsächliche Gewicht.) Der Wieger sagte: „Ich habe noch niemanden solche Worte sagen hören.“ Abu Huraira (r.a.) machte ihn darauf aufmerksam und sagte: „Kennst du deinen Propheten etwa nicht?“ Als der Mann sogleich die Hand des Gesandten küssen wollte, hinderte dieser ihn daran und sagte: „Das ist eine unislamische Sitte.“ Jedenfalls ließ er die Pluderhose wiegen und kaufte sie. Abu Huraira fragte ihn verwundert: „Werden Sie diese etwa tragen?“ Der Grund für seine Verwunderung war vermutlich zum einen, dass ihn eine derart bemerkenswerte Abweichung von der alten Gewohnheit erstaunte. Zum anderen war die Pluderhose ein persisches Kleidungsstück, während der Gesandte (s.a.w.) alles Nichtarabische vermied. (Gute Elemente aus der Kultur anderer Völker übernahm er jedoch.) Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Ja, ich werde sie tragen. Zu Hause und auf Reisen, bei Tag und bei Nacht – unter allen Umständen werde ich sie tragen. Denn mir wurde befohlen, die Scham zu bedecken, und es gibt kein Kleidungsstück, das die Scham besser bedeckt als die Pluderhose.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Bd. 1, S. 336–337].

Er trug sehr gern einen Turban. Der Turban war weder sehr groß noch sehr klein. Einer Überlieferung zufolge war er sieben Ellen lang. Das Ende des Turbans ließ er hinten eine Handspanne herabhängen. Mitunter breitete er den Turban und dessen Ende, um sich vor der starken Sonne zu schützen, weit über dem Kopf aus. Wenn es das Wetter erforderte, löste er manchmal die letzte Windung des Turbans und wickelte sie um den Hals. Wenn er keinen Turban hatte, band er sich ein großes Tuch um den Kopf. [Manche sind der Ansicht, dass er dies nur tat, wenn er krank war, besonders bei Kopfschmerzen.] Um den Turban aus Gründen der Sauberkeit vor Fett zu schützen, trug er unter dem Turban, auf dem Haar, ein besonderes Tuch, das auf Arabisch „Kanna“ genannt wurde. Auch heute verwenden viele Menschen unter der Mütze ein Stück Papier oder Zelluloid. Dieses Stück wurde zwar fettig. Doch er war in Fragen der Sauberkeit so aufmerksam, dass dieses Stück nach verschiedenen Überlieferungen niemand jemals schmutzig gesehen hatte. Außer einem weißen trug er mitunter auch einen gelben Turban (höchstwahrscheinlich erdfarben oder aschgrau). Bei der Eroberung Mekkas trug er auch einen schwarzen Turban. Unter dem Turban trug er außerdem eine Stoffmütze und mochte dies. Nach manchen Überlieferungen wurde diese Verbindung von Mütze und Turban zu einem besonderen Stil der islamischen Kultur, und der Gesandte (s.a.w.s.) erklärte diesen Stil im Gegensatz zu den Götzendienern zu einer besonderen Mode.

Mitunter trug er außer dem Turban auch nur eine weiße Mütze. Die Mütze für den häuslichen Gebrauch lag eng am Kopf an. Die Mütze, die er auf Reisen trug, war dagegen vergleichsweise hoch. Er trug auch eine spitz zulaufende Mütze aus dicht genähtem Stoff.

Er trug ein vier Ellen langes und zweieinviertel Ellen breites Tuch. Mitunter wickelte er es um den Körper; manchmal führte er eine Seite gerade unter der Achsel hindurch und legte sie über die gegenüberliegende Schulter. Mit diesem Tuch umwickelte er im Sitzen manchmal seine Beine; zuweilen faltete er es auch und benutzte es als Kissen unter dem Kopf. Mitunter breitete er das Tuch auch aus, um vornehme Besucher zu empfangen, die ihn sprechen wollten. Das jemenitische Tuch namens „Jabara“ mochte er sehr. Es hatte rote oder grüne Streifen. Einmal wurde für den Gesandten (s.a.w.s.) ein schwarzes Tuch angefertigt, vermutlich aus Wolle. Als er es trug, begann es durch den Schweiß unangenehm zu riechen. Daher trug er es aus Gründen der Sauberkeit nicht mehr.

Neue Kleidung zog er gewöhnlich freitags an, während er Allah lobte und Ihm dankte. Er ließ keine zusätzlichen Garnituren anfertigen. Er flickte und reparierte seine Kleidung. Aus Vorsicht durchsuchte er von Zeit zu Zeit das Haus, um festzustellen, ob sich durch den Umgang mit gewöhnlichen Menschen Läuse oder Bettwanzen eingeschlichen hatten. (Zum Gebet in der Gemeinschaft und zu Versammlungen kamen mitunter auch unsaubere Menschen. Das allgemeine Maß an Sauberkeit konnte er erst nach jahrelangen, ununterbrochenen Bemühungen ein wenig verbessern.)

Einerseits gehörten Armut und Einfachheit zu den herausragenden Merkmalen seines Lebens. Andererseits war es auch seine Aufgabe, den Asketismus zurückzuweisen. Als er einmal einen wohlhabenden Menschen sah, der ein übermäßig armes Leben führte, sagte er: „Allah liebt es, dass die Wirkung der Gaben, die Er Seinem Diener gewährt hat, in dessen Leben sichtbar wird.“ [Tirmidhi und Nasāʾī].

Gemäß diesem Grundsatz trug der Gesandte (s.a.w.s.) selbst mitunter auch gute Kleidung. Das Befolgen eines mittleren und ausgewogenen Weges war seine Lebensweise, und er wollte seine Umma vor Übertreibung und Extremismus bewahren. Einmal trug er auch eine römische Dschubba mit eng anliegenden Ärmeln. Er trug auch ein auffälliges Gewand mit roten Streifen. Mitunter trug er auch eine königliche taylasanische Dschubba aus Persien. [Al-Mawāhib al-Ladunniyya]. Einmal kaufte er im Tausch gegen 27 Kamelstuten eine kostbare Garnitur, zog sie an und verrichtete darin auch das Gebet. Dies war eigentlich eine Auslegung dieses Koranverses: „Sprich: Wer hat den Schmuck Allahs, den Er für Seine Diener hervorgebracht hat, verboten?“ (Sure al-Aʿrāf). Im Allgemeinen aber galt, dass ihm einfache und schmucklose Kleidung lieber war.

Bei der Kleidung war Weiß seine bevorzugte Farbe. Er sagte: „Die beste Kleidung für euch, wenn ihr vor Allah tretet, ist weiße Kleidung.“ [Abū Dāwūd, Ibn Māǧa]. Außerdem sagte er: „Tragt weiße Kleidung und hüllt die Verstorbenen in weiße Tücher. Denn sie ist reiner und beliebter.“ [Aḥmad, Tirmidhī, Nasāʾī, Ibn Māǧa].

Nach Weiß war Grün seine bevorzugte Farbe. Dabei mochte er leichte grüne Streifen. Ein vollkommen einfarbig rotes Gewand mochte er überhaupt nicht. (Nicht nur bei Kleidung, sondern auch bei anderen Dingen verbot er die Farbe Rot in bestimmten Fällen. Stoffe mit hellroten Streifen trug er jedoch. Ebenso trug er auch hellgelbe Kleidung, also erdfarbene Kleidung.)

Die Schuhe des Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) hatten gemäß der damals üblichen arabischen Sitte die Form von Sandalen oder Holzpantinen. Sie hatten zwei Riemen. Einer verlief zwischen der großen Zehe und der benachbarten Zehe, der andere zwischen den beiden danebenliegenden Zehen. Die Schuhe waren nicht mit Fell versehen. Wie die Schuhe der gewöhnlichen Leute waren sie eine Handspanne und zwei Finger lang. Manchmal zog er sie im Stehen, manchmal im Sitzen an. Beim Anziehen führte er zuerst den rechten und dann den linken Fuß hinein. Beim Ausziehen zog er zuerst den linken und dann den rechten Fuß heraus. Er trug Socken von gewöhnlicher, mittlerer und vorzüglicher Qualität. Der Negus, der König von Abessinien, schenkte ihm schwarze Socken. Er trug sie und strich mit feuchten Händen über sie. Ebenso schenkte ihm Dihya al-Kalbi Socken, die er trug, bis sie zerrissen.

Er trug einen Silberring. Dieser hatte auch eine silberne Platte. Manchmal bestand die Platte aus abessinischem Stein. Nach manchen Überlieferungen war ein Eisenring mit Silber überzogen. Andererseits ist wohlbekannt, dass er Eisenringe als Schmuck nicht mochte. Den Ring trug er gewöhnlich an der rechten Hand, doch manchmal auch an der linken. Er trug ihn weder am Mittelfinger noch am Zeigefinger, sondern bevorzugte den Finger neben dem Mittelfinger. Die Platte trug er nicht nach oben, sondern zur Handfläche hin. Auf der Platte war „Muhammad, der Gesandte Allahs“ eingraviert. Damit besiegelte er seine Briefe. Nach Ansicht der Historiker war dieser Ring eigens zum Siegeln angefertigt worden. Aufgrund seiner politischen Stellung war er unbedingt erforderlich.

Kleidung und Körperpflege

Der Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) pflegte sein Haar sehr sorgfältig zu ordnen. Er verwendete reichlich Öl, kämmte es, zog einen Scheitel und schnitt die überstehenden Barthaare über der Oberlippe ab; auch seinen Bart hielt er mit der Schere in Länge und Breite gleichmäßig. In dieser Hinsicht schulte er auch seine Gefährten. Als er beispielsweise einen Gefährten mit zerzaustem Haar sah, tadelte er ihn sehr. Einem Gefährten schnitt er eigenhändig die überstehenden Barthaare ab. Er sagte: Wer sein Kopfhaar oder seinen Bart wachsen lässt, soll ihn auch ordentlich pflegen. Zu Qatadah sagte er: „Halte deinen Bart schön gepflegt.“ [Abu Dawud].

Der Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) legte darauf deshalb so großen Wert, weil religiöse Menschen die Sauberkeit häufig vernachlässigen. Besonders die Vertreter eines asketischen Tasawwuf halten es für ein Zeichen hohen Ranges, ungepflegt zu sein. Er sorgte dafür, diesen Irrtum auszuräumen. Ob unterwegs oder zu Hause, hielt er stets sieben Dinge in seiner Nähe und nahe seinem Bett bereit: ein Ölfläschchen, einen Kamm, ein Kholgefäß (schwarzes Khol), eine Schere, einen Miswak, einen Spiegel und ein Stück leichten Holzes.

Beim Zubettgehen trug er in jedes Auge dreimal Khol auf. Im letzten Teil der Nacht verrichtete er seine Notdurft, nahm die Gebetswaschung vor, wechselte seine Kleidung und trug Duft auf. Den Duft namens Rayhan mochte er besonders. Auch den Duft von Hennablüten liebte er. Am liebsten waren ihm jedoch Moschus- und Sandelholzduft.

Zu Hause ließ er den Rauch wohlriechender Stoffe verbreiten. In einem Duftgefäß befand sich hochwertiges Parfüm, das auch verwendet wurde. (Manchmal trug Hadhrat Aischa ihm eigenhändig Parfüm auf.) Es ist weithin bekannt, dass die Gasse, durch die er gegangen war, lange Zeit wohlriechend blieb. Der Wind verriet, dass der Bote des ewigen Frühlings erst kurz zuvor hier entlanggegangen war. Wenn ihm jemand Duftstoffe schenkte, nahm er sie stets an. Wenn jemand ein Geschenk von Duftstoffen von ihm nicht annahm, war er darüber verärgert. Entsprechend der besonderen Vorliebe der islamischen Kultur mochte er für Männer solche Düfte, deren Farbe unsichtbar bleibt und deren Wohlgeruch sich ringsum verbreitet, für Frauen dagegen solche, deren Farbe sichtbar ist und deren Duft sich nicht verbreitet.

Gang und Bewegung

In der Art, wie der Gesandte (s.a.w.) sich bewegte, spiegelten sich Würde, Selbstachtung, Höflichkeit und Verantwortungsbewusstsein wider. Er setzte seine Füße fest auf. Er schlurfte nicht träge dahin. Beim Gehen hielt er seinen Körper gesammelt. Er ging, ohne nach rechts oder links zu schauen. Nach vorn setzte er seine Füße mit Lebhaftigkeit. Beim Gehen war sein Körper leicht nach vorn geneigt. Es schien, als steige er von oben nach unten hinab. Hind ibn Abi Hala sagte: „Wenn man ihn gehen sah, schien es, als zöge sich die Erde mit jedem seiner Schritte zusammen.“ Wenn er schnell ging, setzte er seine Füße weit auseinander. Gewöhnlich ging er jedoch in mittlerem Tempo. Nach den Worten von Hadhrat Abu Huraira war es für uns allerdings „schwierig, mit ihm Schritt zu halten“. Seine Art zu gehen war die praktische Verkörperung der Anweisung aus der Sure Luqman: „Schreite nicht hochmütig auf der Erde umher.“

Gespräche

Gespräche legen den Glauben, den Charakter und die Würde eines Menschen vollständig offen. Das Thema eines Gesprächs und die Wortwahl, der Satzbau, das Steigen und Fallen der Stimme, die Art des Sprechens und die Ausdruckskraft der Darstellung – all dies zeigt, von welchem Rang die Persönlichkeit des Sprechers ist.

Die Verantwortung und der Rang des Gesandten (s.a.w.) waren von solcher Größe, dass jeder andere, dem diese schwere Last auferlegt worden wäre, in tiefes Nachdenken versunken wäre und die Abgeschiedenheit bevorzugt hätte. Eine der besonderen Eigenschaften des Gesandten (s.a.w.) bestand jedoch darin, dass er einerseits eine lastende Verantwortung und Sorgen, groß wie Berge, trug und seine Zeit von vielerlei Ängsten und Bekümmernis erfüllt war. Andererseits pflegte er einen engen Umgang mit den Menschen, und Tag und Nacht fanden Gespräche und Beratungen statt. In seinem Wesen lagen sowohl Ernst als auch Scherz und Humor. In diesen scheinbar gegensätzlichen Eigenschaften besaß er ein erstaunliches Gleichgewicht. Eine weltweite Bewegung, die Probleme eines ganzen Reiches, die vielfältigen Schwierigkeiten einer Gesellschaft und einer Organisation sowie die Verantwortung für seine eigene große Familie waren für ihn eine Last, groß wie ein Berg. Diese Last lag auf seinen eigenen Schultern. Imam Hasan überlieferte von seinem Onkel mütterlicherseits, Hind ibn Abi Hala: „Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war stets mit den verschiedensten Dingen beschäftigt. Er dachte immer wieder über allerlei Probleme nach. Niemals konnte er auch nur einen Augenblick sorgenfrei sein. Lange Zeit schwieg er still. Ohne Not sprach er nicht.“ [Schamā’il at-Tirmidhi, Kapitel über die Art, wie der Gesandte (s.a.w.) sprach]

Doch er war ein Verkünder, ein Aufrufer und der Führer einer Bewegung. Deshalb war der Kontakt mit den Menschen für seine Tätigkeiten der Verkündigung, der Unterweisung, der Reform und Verbesserung sowie der politischen Verwaltung unerlässlich. Das wichtigste Mittel dieses Kontakts war das Sprechen. Daher gehörte es zu seiner Gewohnheit, an Gesprächen jeder Art teilzunehmen. Hadhrat Zaid ibn Thabit sagte: „Wenn wir über weltliche Angelegenheiten sprachen, nahm der Gesandte (s.a.w.) auch daran teil. Wenn wir über das Jenseits sprachen, äußerte auch er sich dazu. Wenn wir über Essen und Trinken sprachen, beteiligte auch er sich daran. Dennoch schwor der Gesandte (s.a.w.), dass aus seinem Mund nichts anderes als die Wahrheit und das Gerechte hervorgegangen sei. Auch der Koran bezeugt, dass er nichts aus eigener Erfindung sagte.“

Beim Sprechen sprach er jedes Wort langsam und deutlich aus, sodass die Zuhörer es leicht auswendig lernen konnten; ja, man konnte die Wörter sogar während ihres Aussprechens zählen. Umm Maʿbad sagte zu seinem Lob: „Seine Worte sind wie eine Perlenkette.“ Er sprach weder mehr noch weniger, als nötig war. Er drückte sich weder übermäßig knapp noch unnötig lang aus. Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, sie verständlich zu machen und das Auswendiglernen zu erleichtern, wiederholte er bestimmte wichtige Worte und Sätze dreimal. Bei manchen Themen sprach er, wenn er eine ausdrückliche Aussage nicht für angemessen hielt, andeutungsweise und durch Hinweise. Ungehörige, obszöne und schamlose Rede verabscheute er. Gewöhnlich begleitete er seine Worte mit einem leichten Lächeln. Abdullah ibn al-Harith sagte: „Ich habe niemanden gesehen, der häufiger lächelte als den Gesandten (s.a.w.).“ Dieses Lächeln bewahrte seine Ernsthaftigkeit davor, zu Strenge zu werden, und erhöhte seine Anziehungskraft in den Augen seiner Gefährten. Während des Sprechens blickte er wiederholt zum Himmel. Wenn er eine Ansprache hielt, richtete er sich, um etwas besonders zu betonen, plötzlich aus einer angelehnten Haltung auf und wiederholte einen bestimmten Satz. Wenn er die Zuhörer vor etwas warnen wollte, schlug er während des Sprechens mit der Hand auf den Boden. Um etwas zu erklären, unterstützte er seine Worte auch durch Gesten mit Händen und Fingern. So führte er beispielsweise Zeige- und Mittelfinger zusammen, um das Zusammentreffen zweier Dinge zu veranschaulichen. Manchmal verschränkte er die Finger beider Hände ineinander, um den Gedanken von Festigkeit und Einheitlichkeit deutlich zu machen. Wenn er auf eine Sache oder in eine bestimmte Richtung zeigen wollte, bewegte er die ganze Hand. Wenn er gelegentlich angelehnt saß und über eine wichtige Angelegenheit sprach, legte er die rechte Hand auf den Handrücken der linken und verschränkte die Finger. Beim Ausdruck von Verwunderung drehte er manchmal die Handflächen nach außen. Manchmal schlug er mit der Handfläche der rechten Hand auf die Mitte des Daumens der linken Hand. Bisweilen schüttelte er den Kopf und presste die Lippen mit den Zähnen zusammen. Manchmal klatschte er auch mit der Hand auf seinen Oberschenkel.

Dieser herausragende Mann aus einer vornehmen und kultivierten Familie des mekkanischen Stammes Quraisch wuchs im Umfeld des Stammes Banū Saʿd auf und erlernte dabei nicht nur die reinste Sprache Arabiens; zusätzlich verfeinerte die klare Sprache der Offenbarung die Schönheit seiner Rede noch weiter. Tatsächlich war er der beredteste Mensch Arabiens. Der literarische Rang der Sprache des Gesandten (s.a.) war ebenso hoch und vortrefflich, wie sie verständlich und schlicht war. Obwohl er eine leicht verständliche Sprache gebrauchte, verwendete er niemals minderwertige oder unanständige Ausdrücke und mochte auch keine künstliche Ausdrucksweise. In Wahrheit hatte der Gesandte (s.a.) für die Erfordernisse seiner Daʿwa und seines Ziels eine eigene Sprache sowie eine besondere Redeweise entwickelt. Als Thaʿlab eines seiner Worte, „Der Krieg ist eine List“, erklärte, sagte er, dies sei die besondere Sprache des Gesandten (s.a.). Er prägte zahlreiche Fachbegriffe. Er schuf viele neue Redewendungen, Gleichnisse und Beispiele. Er führte eine neue Methode des Vortrags ein und verzichtete auf viele herkömmliche Wörter und Ausdrucksweisen. Einmal kamen einige Männer aus dem Stamm Banū Nahd und unterhielten sich lange mit ihm. Während dieses Gesprächs sagten die Besucher voller Verwunderung: „O Gesandter Allahs, du und wir sind Kinder derselben Eltern und wurden am selben Ort aufgezogen. Dennoch sprichst du ein Arabisch, dessen Bedeutung die meisten von uns nicht verstehen können. Was ist das Geheimnis dahinter?“ Er sagte: „Allah selbst hat mich Sprache und Literatur gelehrt und mich daher die beste Ausdrucksweise gelehrt. Außerdem bin ich beim Stamm Banū Saʿd aufgezogen worden. Das ist das Geheimnis.“ Einmal sprach er mit einem Besucher, während Hadhrat Abū Bakr aufmerksam zuhörte. Er fragte: „Was hat dieser Mann dir gesagt, und was hast du ihm gesagt?“ Der Gesandte (s.a.) erklärte es ihm. Daraufhin sagte Hadhrat Abū Bakr: „Ich bin durch alle Gegenden Arabiens gereist und habe die reinen und fließenden Reden der größten Redner Arabiens gehört. Doch aus keinem Mund habe ich je süßere Worte gehört als aus deinem.“ Auch hier wiederholte der Gesandte (s.a.), dass Allah ihn die Sprache gelehrt habe und dass er beim Stamm Banū Saʿd aufgezogen worden sei. Ebenso sagte Hadhrat ʿUmar (r.a.) einmal: „O Gesandter, du hast dich doch nie von uns ferngehalten. Wie kommt es dennoch, dass du schöner und reiner sprichst als wir alle?“ Er sagte: „Meine Sprache ist die Sprache Ismāʿīls. Ich habe sie eigens erlernt. Dschibrīl hat mir eben diese Sprache gebracht und sie in meinem Herzen fest verankert.“ Das bedeutet: Die Sprache des Gesandten (s.a.) war kein gewöhnliches Arabisch, sondern eine besondere, prophetische Sprache und der Sprache Hadhrat Ismāʿīls ähnlich. Auch die Sprache, in der Dschibrīl den Qurʾān herabgesandt hat, war eben diese prophetische Sprache.

Hier ist daran zu erinnern, dass große historische Persönlichkeiten, insbesondere die Propheten, die mit einer besonderen Aufgabe und einem besonderen Ziel auftreten, in Konflikte und Auseinandersetzungen mit ihrer Umwelt geraten und in denen stets die Leidenschaft für Wahrheit und Gerechtigkeit lebendig ist, durch ihre Worte die Erhabenheit ihres Zwecks und ihres Ziels mit tiefer Bedeutung zum Ausdruck bringen, während ihre Aufrichtigkeit und Hingabe deren literarischen Rang erhöhen und ihre charakterliche Überlegenheit sie noch reiner macht.

Zu den herausragenden Besonderheiten des Gesandten (s.a.) gehörte, dass er mit den „Jawāmiʿ al-kalim“ ausgezeichnet worden war. Er selbst sagte: (Muslim: Abū Huraira (r.a.)) (Mir wurden die „Jawāmiʿ al-kalim“ gegeben.) Die kürzesten Aussagen des Gesandten (s.a.), die weitreichende Bedeutungen tragen, werden „Jawāmiʿ al-kalim“ genannt. Darin, mit den wenigsten Worten die umfassendste Bedeutung auszudrücken, war der Gesandte (s.a.) unübertroffen, und er betrachtete dies als eine besondere Gabe Allahs.

Hier werden einige Beispiele seiner Jawāmiʿ al-kalim angeführt:

1. (*******) Der Mensch wird am Tag der Auferstehung mit demjenigen zusammen sein, den er liebt.

2. (*******) Werde Muslim, und du wirst in Frieden leben. (Auszug aus dem Daʿwa-Schreiben, das an den römischen Kaiser Herakleios gesandt wurde.)

3. (******) Die Taten werden entsprechend der Absicht beurteilt.

4. (******) Wer eine Tat vollbringt, erhält daraus nur entsprechend seiner eigenen Absicht den entsprechenden Lohn.

৫। (******) Das Kind gehört zum Ehebett, und für den Ehebrecher gibt es den Stein.

৬। (******) Der Krieg ist eine Strategie.

৭। (******) Sehen und Hören sind nicht dasselbe.

৮। (******) Für eine Zusammenkunft ist Vertrauenswürdigkeit unerlässlich.

৯। (******) Eine schlechte Tat zu unterlassen, ist ebenfalls eine gute Tat.

১০। (******) Derjenige, der dem Volk dient, ist auch sein Anführer.

১১। (******) Jeder vom Glück begünstigte Mensch wird beneidet.

১২। (******) Ein gutes Wort zu sprechen, zählt ebenfalls zu den rechtschaffenen Taten.

13. (******) Wer keine Barmherzigkeit erweist, dem wird keine Barmherzigkeit erwiesen.

Im Allgemeinen lassen sich die Aussprüche des Gesandten (s.a.w.) an ihrer Sprache, ihrem Ausdruck und ihrem Inhalt erkennen. In den Hadith- und Sira-Werken leuchten die Aussprüche des Gesandten (s.a.w.) wie Perlen. Wenige Worte, eine wunderbare Verbindung zwischen den Worten, die Tiefe der Bedeutung und die aufrichtige Herzlichkeit, die das Herz berührt, sind bemerkenswerte Eigenschaften der Worte des Gesandten (s.a.w.). Als Beispiele führe ich ein paar Aussprüche an, die mit all diesen Eigenschaften erfüllt sind:

Ich ermahne euch eindringlich, Allah stets zu fürchten. Für die gemeinsame Ordnung fordere ich nachdrücklich dazu auf, den Befehlen des Anführers zuzuhören und ihnen zu folgen, selbst wenn dieser Anführer ein schwarzer Sklave sein sollte. Denn diejenigen unter euch, die nach mir weiterleben werden, werden in zahlreiche Meinungsverschiedenheiten verwickelt sein. In dieser Lage ist es eure Pflicht, meinem Weg und dem Weg meiner rechtgeleiteten Kalifen zu folgen, daran festzuhalten und ihn mit den Backenzähnen festzuhalten. Hütet euch davor, neue Regeln in den Islam einzuführen. Denn jede neue Regel ist eine Bidʿa, und jede Bidʿa ist Irreführung. 24 [24. Mischkāt – Kapitel: Das Festhalten am Buch und an der Sunna].

ʿAmr ibn ʿAbasa (r.a.) stellte dem Gesandten (s.a.w.) einige Fragen, und dieser gab darauf sehr kurze und knappe Antworten. Beachtet diesen kurzen Dialog!

– Wer war ganz am Anfang in dieser Sache (bei der islamischen Daʿwa und Bewegung) bei Ihnen?

– Ein freier Mann (Hazrat Abu Bakr) und ein Sklave (Hazrat Zaid).

– Was ist der Islam?

– Gute Worte zu sprechen und die Hungrigen zu speisen.

– Was ist der Iman?

– Geduld und Freigebigkeit.

– Wessen Islam ist der vortrefflichste?

– Derjenige, vor dessen Zunge und Hand die Menschen sicher sind (das heißt vor schlechten Taten und schlechten Worten).

– Wessen Iman ist der vorzüglichste?

– Derjenige, dessen Charakter gut ist.

– Welche Art des Gebets ist die vortrefflichste?

– Das Gebet, bei dem man in Demut lange steht.

– Welche Art der Hidschra ist die vorzüglichste?

– Die Dinge, die dein Herr missbilligt, für immer aufzugeben.

– Welcher Dschihad ist der vorzüglichste?

– Der Dschihad dessen, dessen Pferd auf dem Schlachtfeld stirbt und der selbst den Märtyrertod erleidet.

– Welche Zeit ist für die Anbetung die vorzüglichste?

– Die letzte Nachtwache. [Mischkāt – Kitāb al-Īmān.]

Einmal wurde gefragt, was den Menschen hauptsächlich die Hölle unausweichlich macht. Er antwortete: „Der Mund und die Schamteile.“ [Überliefert von at-Tirmidhi nach Abu Huraira.] Mit dem Mund sind Worte und Nahrung gemeint. Mit den Schamteilen ist unerlaubter Geschlechtsverkehr gemeint. Das heißt, schlechte Worte, verbotener Lebensunterhalt und sexuelle Abweichung sind die größten Mittel, durch die der Mensch sein Jenseits zugrunde richtet. Die meisten Formen von Unrecht, Misshandlung, Streit und Konflikt entstehen ebenfalls daraus.

Einmal bat Hadhrat Ali ihn, seine Grundsätze zu erläutern. Daraufhin entwarf er in einer äußerst kurzen, zugleich aber so kunstvoll geschmückten Sprache ein so umfassendes Bild seiner Gedanken, seines Wesens und seiner Spiritualität, dass es in der Geschichte der menschlichen Sprache ein wundersames Zeichen darstellt. Er sagte:

„Die Erkenntnis Allahs ist mein Kapital, der Verstand die Grundlage meiner Religion, die Liebe mein Fundament. Die Hoffnung ist mein Reittier, das Gedenken Allahs mein Freund, Vertrauen und Glaube sind meine Gefährten, Wissen ist mein Wesen, Geduld mein Gewand, Allahs Wohlgefallen mein größtes Geschenk, Demut meine Ehre, Askese, das heißt die Gleichgültigkeit gegenüber weltlichen Gütern, mein Beruf, Gewissheit meine Kraft (je nach Aussprache: meine Nahrung), Wahrhaftigkeit mein Fürsprecher. Gehorsam ist mein Schutz, Dschihad mein Charakter und das Gebet die Kühlung meiner Augen.“ [Qadi Iyad: Asch-Schifa.]

In den Worten des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, finden sich viele seltene Beispiele und Gleichnisse. Mit ihrer Hilfe erklärte er den Beduinen viele große Dinge. Hier sei eines davon wiedergegeben:

„Das Gleichnis der Rechtleitung und des Wissens, mit denen Allah, der Erhabene, mich ausgestattet hat, ist wie ein heftiger Regenguss, der auf die Erde niedergeht. Ein Teil der Erde ist fruchtbar und saugt das Wasser reichlich auf. Dadurch werden die welken Pflanzen frisch, und neue Gewächse sprießen. Daneben gibt es harte Bodenstellen, die das Wasser speichern; Allah legt darin großen Nutzen für die Menschen. Er lässt sie das Wasser daraus zur Bewässerung nutzen. Dann fällt dieser Regen auch auf ein anderes Gebiet, das voller Felsen ist. Dieser Boden speichert das Wasser nicht und nimmt es auch nicht in sich auf, sodass er keine Zeichen von Fruchtbarkeit zeigt. Das erste ist das Gleichnis der Menschen, die Wissen über den Islam erwerben und von den Weisungen profitieren, die Allah mir gegeben hat. Sie erwerben selbst Wissen über den Islam und lehren es auch andere. Das zweite ist das Gleichnis derjenigen, die meine Einladung und die durch mich von Allah gesandte Rechtleitung nicht angenommen haben.“

Wenn man der Art und Weise, wie der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sprach, eine Überschrift geben wollte, könnte man dies mit den Worten des Qurans tun: „Ruft die Menschen mit ansprechenden Worten.“ In der fesselnden Ausdrucksweise des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lag Schlichtheit; von Künstlichkeit hielt er sich weit fern. Er sagte:

„Diejenigen unter euch, die am Tag der Auferstehung am weitesten von mir entfernt sein werden, sind jene, die übertrieben reden, viel reden und sich in ihren Worten hochmütig zeigen.“

Außerdem verabscheute er geschwätzige und obszöne Rede sehr. Seine Versammlungen waren stets heiter, und sein Gesicht war das fröhlichste von allen, obwohl er fast ständig von schweren Pflichten sowie von Prüfungen und Unglück umgeben war.

Ansprachen

Ein wichtiger Bestandteil des Gesprächs ist die Ansprache. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte der Menschheit eine gewaltige und wertvolle Botschaft gebracht, und deshalb waren Ansprachen unerlässlich. Die Araber waren ohnehin redegewandt. Besonders die Quraisch verfügten über außergewöhnliche Rednergabe. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stand weit über der Redekultur der Araber und der Quraisch. Wenn es aufgrund seiner Pflichten als Führer notwendig war, eine Ansprache zu halten, hielt er ohne jede Verzögerung eine der Situation entsprechende Rede. Dann wurde seine Zunge bald wie die frische Brise des Morgens, bald wie ein mächtiger Strom und bald wie ein scharfes Schwert lebendig.

Dennoch hielt er sich davon zurück, allzu häufig Reden und Ansprachen zu halten. Er hielt ausgewogene Ansprachen, die den Bedürfnissen der Gesellschaft und ihren jeweiligen Umständen entsprachen. Wenn er in der Moschee predigte, stand er, auf seinen Stock gestützt; wenn er auf dem Schlachtfeld eine Ansprache hielt, lehnte er sich an eine Kanone. Manchmal hielt er eine Ansprache, während er auf dem Rücken eines Reittiers saß. Während des Sprechens neigte sich sein Körper leicht nach rechts und links. Je nach Bedarf bewegte er seine Hände. Mitunter schwor er während seiner Ansprachen: „Bei Dem, in dessen Hand mein Leben liegt, oder bei Dem, in dessen Hand das Leben Muhammads liegt.“ Die Gefühle seines Herzens spiegelten sich gleichermaßen in seiner Stimme und seinem Gesicht wider und beeinflussten auch die Zuhörer. Die Ansprachen dieses großartigen Menschen erschütterten die Herzen der Menschen zutiefst. Hier möchte ich nur zwei Beispiele anführen. Nach den Schlachten von Hunain und Taif gab der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bei der Verteilung der Kriegsbeute den neubekehrten Anführern von Mekka entsprechend der eindeutigen koranischen Vorschrift sehr große Anteile, damit ihre Herzen noch empfänglicher würden und sie durch die Bande der Großzügigkeit enger an den islamischen Staat gebunden würden. Einige der Ansar reagierten heftig darauf. Sie sagten:

„Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat den Quraisch viele Geschenke gegeben, uns aber leer ausgehen lassen, obwohl von unseren Schwertern noch Blut tropft.“ Einige sagten:

„In Zeiten der Not erinnert man sich an uns. Doch wenn die Kriegsbeute verteilt wird, bekommen sie andere.“

Diese Äußerungen gelangten auch an das Ohr des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Daraufhin wurde ein Led Zelt aufgeschlagen und die Ansar wurden dort versammelt. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fragte sie: „Habt ihr diese Dinge gesagt?“ Man antwortete: „Was du gehört hast, ist wahr. Doch unsere Verantwortlichen haben diese Dinge nicht gesagt. Einige junge Männer haben sie gesagt.“ Nach einer gründlichen Untersuchung des gesamten Vorfalls hielt der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, folgende Ansprache:

„Ist es etwa nicht wahr, dass ihr zunächst irregeleitet wart und Allah euch dann durch mich rechtgeleitet hat? Ihr wart zerstreut, und Allah hat euch durch mich vereint. Ihr wart arm, und Allah hat euch durch mich wohlhabend gemacht?“ (Auf jede dieser Fragen antworteten die Ansar: „Zweifellos hat Allah und Sein Gesandter uns große Gaben erwiesen.“)

„Nein, ihr hättet auch zur Antwort geben können: ,O Muhammad, als dich alle zurückwiesen, glaubten wir an dich. Als die Menschen dich vertrieben, gewährten wir dir Zuflucht. Als du mittellos zu uns kamst, halfen wir dir.‘ Wenn ihr dies zur Antwort gebt, werde ich gewiss sagen, dass ihr die Wahrheit sprecht. Doch, o Ansar! Seid ihr nicht damit zufrieden, dass alle anderen mit Kamelen, Ziegen und anderem fortziehen, während ihr mit Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Hause geht?“ (Buchari)

Beachtet den Auf und Ab seiner Worte, die Kraft der durch zarte Gefühle geschärften Ansprache und die Klarheit seiner Rede; und bedenkt dann, wie der Redner die gewünschte Begeisterung in den Zuhörern weckte. Die Ansar riefen spontan: „Wir wollen nur Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und nichts anderes.“

Neben der Ansprache, die er zu Beginn der Verkündigung von der Anhöhe Safa aus hielt, sprach er mehrfach vor den Quraisch. Ein Ausschnitt aus einer Ansprache aus dieser Zeit ist bemerkenswert:

„Der Führer einer Karawane informiert die Karawane niemals falsch. Bei Allah, selbst wenn ich bereit wäre, alle anderen anzulügen, würde ich euch niemals anlügen. Selbst wenn ich alle anderen täuschen würde, würde ich euch niemals täuschen. Bei demjenigen, außer dem es keinen gibt, der der Anbetung würdig ist: Ich bin in besonderer Weise euer Gesandter Allahs und insgesamt der Gesandte Allahs für die Menschen auf der ganzen Welt. Bei Allah, so gewiss ihr schlaft und wieder aufwacht, so gewiss sind auch euer Tod und eure Auferweckung nach dem Tod. Ihr werdet gewiss für eure Taten zur Rechenschaft gezogen werden, und ihr müsst die gute Vergeltung für gute Taten sowie die schlimmen Folgen schlechter Taten erfahren. Danach gibt es entweder das Paradies auf ewig oder die Hölle auf ewig.“

Wie einfach und flüssig ist doch diese Ausdrucksweise, und wie logisch und gefühlvoll ist dieser Aufruf! Das Wohlwollen des Aufrufenden strömt aus jedem einzelnen Wort hervor. Jeder Satz ist von Glauben und Überzeugung erfüllt. In dieser kurzen Ansprache wurde sogar ein Beispiel gegeben. Die grundlegende Botschaft von Tauhid, Risala und Akhira ist darin vollständig enthalten.

Der Gesandte Allahs hat noch zwei weitere historische Ansprachen gehalten: eine nach der Eroberung Mekkas und die andere während der Abschiedspilgerfahrt. Diese beiden Ansprachen waren ausgesprochen revolutionärer Natur, und in ihnen sind die Widerklänge von Glauben, Moral und Macht zu vernehmen. Die Ansprache während der Abschiedspilgerfahrt war geradezu die Verkündung des Anbruchs eines neuen Zeitalters.

 

Allgemeine soziale Kontakte

Gewöhnlich haben Menschen, die große Aufgaben erfüllen, keine Zeit, mit Menschen aus allen Gesellschaftsschichten in Kontakt zu treten, und können auch nicht allen Seiten ihre Aufmerksamkeit widmen. Bei vielen Menschen in hohen Positionen entwickeln sich eine Vorliebe für die Einsamkeit und eine raue Gemütsart. Manche verfallen der Arroganz und schaffen sich eine eigene Welt. Der Gesandte Allahs war in dieser Hinsicht jedoch eine Ausnahme. Obwohl er das höchste Ehrenamt innehatte und Leistungen vollbracht hatte, die den Lauf der Geschichte veränderten, hielt er ständig Kontakt zu Menschen aller Schichten. Er pflegte persönliche Beziehungen zu den Mitgliedern der Gesellschaft. Von sozialer Absonderung, Hochmut oder Rauheit war bei ihm nicht die geringste Spur zu finden. Das von ihm errichtete brüderliche System verlangte nämlich unbedingt, dass die Menschen durch tiefe gegenseitige Verbundenheit miteinander verbunden seien, einander Nutzen brächten und über die Rechte des jeweils anderen Bescheid wüssten. Die Art von Zivilisation und Kultur, die in der heutigen westlichen Welt entsteht, ist das genaue Gegenteil davon. In dieser Kultur besteht zwischen den Menschen keinerlei Beziehung. Diese Beziehungslosigkeit hat sich inzwischen in ein die Menschheit zerstörendes Mittel verwandelt. Deshalb ist es heute notwendig geworden, dieses Umfeld unter der Führung Muhammads zu verändern. Betrachten wir nun den Gesandten Allahs im Zusammenhang mit seinen allgemeinen sozialen Kontakten.

Es war seine Gewohnheit, jeden, dem er auf dem Weg begegnete, zuerst mit dem Salām zu grüßen. Wenn er jemandem eine Nachricht übermitteln ließ, vergaß er nie, zugleich den Salām auszurichten. Wenn ihm jemand den Salām eines anderen überbrachte, erwiderte er den Salām sowohl dem Absender als auch dem Überbringer einzeln. Einmal grüßte er eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen mit dem Salām, als er an ihnen vorbeikam. Auch wenn er zu Frauen ging, grüßte er sie mit dem Salām. Beim Betreten und Verlassen des Hauses grüßte er seine Angehörigen mit dem Salām. Mit seinen Freunden gab er sich die Hand und umarmte sie. Nachdem er jemandem die Hand gegeben hatte, zog er seine Hand nicht zurück, bevor der andere seine Hand zurückzog.

Wenn er zu einer Versammlung kam, mochte er es nicht, dass die Gefährten ihm zu Ehren aufstanden. Er setzte sich einfach an den Rand der Versammlung. Er drängte sich nicht mit vorgestrecktem Hals hinein. Er sagte: „So wie ein gewöhnlicher Diener Allahs aufsteht und sich setzt, so stehe und setze auch ich mich.“ – Überliefert von Aischa.

Er saß nicht mit seinen Knien vor denen seiner Gefährten ausgestreckt. Wenn jemand zu ihm kam, breitete er seinen eigenen Umhang für ihn zum Sitzen aus. Er stand nicht auf und verließ die Versammlung, bevor der Besucher selbst aufstand.

In keiner Versammlung brachte er nebensächliche Themen zur Sprache. Vielmehr beteiligte er sich an dem Thema, das gerade besprochen wurde. Nach dem Morgengebet setzte man sich zusammen, und er unterhielt sich ausführlich mit den ehrenwerten Gefährten. Wenn gelegentlich Geschichten aus der vorislamischen Zeit zur Sprache kamen, wurde darüber viel gelacht. [Überliefert von Dschābir ibn Samura (r.a.).] Die Gefährten trugen auch Gedichte vor. Wenn sich auf den Gesichtern der Versammlungsteilnehmer Anzeichen von Überdruss und Langeweile zeigten, wechselte er das Thema. Jedem Einzelnen in der Versammlung schenkte er Aufmerksamkeit, damit niemand das Gefühl bekam, er bevorzuge jemand anderen gegenüber ihm. Wenn jemand mitten im Gespräch eine nebensächliche Frage stellte, beachtete er sie nicht, sondern setzte die Unterhaltung fort; nach deren Ende wandte er sich diesem Menschen zu. Dem Gesprächspartner wandte er sein Gesicht nicht ab, solange dieser sich nicht selbst abwandte. Wenn jemand ihm etwas ins Ohr flüsterte, neigte er seinen Kopf ununterbrochen zu ihm, bis jener sein Gespräch beendet und sein Gesicht abgewandt hatte. Er unterbrach niemanden mitten im Gespräch, es sei denn, dieser sagte etwas eindeutig Unrechtes. In einem solchen Fall wies er ihn entweder auf seinen Fehler hin; andernfalls zeigte sich Unzufriedenheit auf seinem Gesicht, oder er stand auf und ging. Er führte wichtige Gespräche nicht gern im Stehen. Unangenehme Angelegenheiten vermied er entweder. Wenn er jedoch Einwände vorbringen musste, bestand seine übliche Art darin, die Angelegenheit nicht direkt mit dem Namen der betreffenden Person zu erwähnen, sondern allgemein darauf hinzuweisen oder einen gesellschaftlichen Rat zu erteilen. Wenn eine äußerst peinliche Situation entstand, was nur bei islamischen Angelegenheiten vorkam, wandte er mehrere Methoden an, um seine Freunde zu warnen. Kam die betreffende Person zu ihm, erwiderte er entweder ihren Friedensgruß nicht oder schenkte ihr keine Aufmerksamkeit. Selbst wenn eine unerwünschte Person zu ihm kam, empfing er sie mit einem Lächeln. Einmal kam ein Mann zu ihm, den er für den schlechtesten Menschen des betreffenden Stammes hielt. Dennoch sprach er freundlich mit ihm. Als ʿĀischa darüber Verwunderung äußerte, sagte er: „Bei Allah, am Tag der Auferstehung wird bei Allah derjenige als der schlechteste Mensch gelten, dessen schlechtes Benehmen die Menschen fürchten, sodass sie jeden Umgang mit ihm meiden.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, S. 291]

Wenn er jemanden besuchen wollte, blieb er rechts oder links neben der Tür stehen, machte auf seine Anwesenheit aufmerksam und grüßte dreimal, um um Erlaubnis zum Eintreten zu bitten. Wenn er keine Antwort auf den Friedensgruß erhielt, ging er zurück, ohne sich im Geringsten zu ärgern. Wenn er nachts jemanden besuchte, grüßte er in einer Lautstärke, in der der Betreffende ihn hören konnte, falls er wach war, ohne in seinem Schlaf gestört zu werden, falls er bereits schlief.

Wenn jemand Staub oder Strohhalme von seinem Körper oder seiner Kleidung entfernte, dankte er ihm und sagte: „Möge Allah etwas Unangenehmes von dir entfernen.“ Er nahm Geschenke an und vergaß nicht, seinerseits ein Geschenk zu machen. Wenn jemand, wenn auch unbeabsichtigt, durch ihn verletzt worden war, gab er ihm das Recht, Vergeltung zu üben, und manchmal schenkte er ihm stattdessen ein Geschenk. Wenn jemand in einem neuen Gewand vor ihn trat, sagte er: „Wunderbar, wunderbar! Mögest du es lange tragen und benutzen, bis es abgetragen ist.“ Schlechtes Verhalten vergalt er nicht mit schlechtem Verhalten. Er vergab. Wenn er anderen ihre Vergehen vergab, schickte er ihnen als Zeichen dafür seinen eigenen Turban. Wenn ihn jemand rief, antwortete er immer mit „Labbaika“, ganz gleich, ob es ein Angehöriger seiner Familie oder einer seiner Gefährten war.

Er besuchte Kranke mit großer Anteilnahme. Er setzte sich an deren Kopfende und fragte: „Wie geht es dir?“ Er legte dem Kranken die Hand auf die Stirn und an die Schläfen. Manchmal strich er ihm liebevoll über Brust, Bauch und Gesicht. Er fragte, was der Kranke gegessen hatte. Wenn dieser Appetit auf etwas bekundete und es ihm nicht schadete, ließ er es ihm bringen. Zur Ermutigung sagte er: „Es gibt keinen Grund zur Sorge. Wenn Allah will, wirst du bald wieder gesund sein.“ Er betete um die Genesung des Kranken. Für Saʿd betete er dreimal. Auch wenn seine polytheistischen Onkel krank waren, besuchte er sie. Er besuchte sogar ein krankes jüdisches Kind. (Das Kind nahm später den Glauben an.) Für diese Besuche gab es keinen bestimmten Tag und keine bestimmte Zeit. Sobald er davon erfuhr und Zeit hatte, besuchte er den Kranken.

Einmal erkrankte Dschābir. Der Gesandte Allahs ging in Begleitung von Abū Bakr zu Fuß eine weite Strecke. (Die Wohngebiete Medinas waren weit verstreut.) Dschābir lag bewusstlos da. Als er ihn sah, vollzog er die Gebetswaschung, spritzte ihm Wasser ins Gesicht und sprach ein Bittgebet. Daraufhin begann sich der Zustand des Kranken zu bessern. Dschābir konnte sogar sprechen und stellte Fragen zu den religiösen Bestimmungen bezüglich seines Eigentums.

Er war so sehr von menschlichem Mitgefühl erfüllt, dass er sogar den erkrankten ʿAbdullah ibn Ubayy, den Anführer der Heuchler, besuchte.

Wenn jemand starb, begab er sich dorthin. Er ging auch hin, wenn er von einem Sterbenden erfuhr oder gerufen wurde, und ermahnte ihn im Hinblick auf den Tauhid und darauf, sich Allah zuzuwenden. Den Angehörigen des Verstorbenen sprach er sein Beileid aus, ermahnte sie zur Geduld und untersagte ihnen, laut zu weinen. Er drängte dazu, den Verstorbenen in weißem Tuch einzuhüllen, und wies an, Einhüllung und Beisetzung schnell abzuschließen. Wenn der Leichnam zur Beisetzung gebracht wurde, ging er mit. Er leitete selbst das Totengebet für die Muslime und bat um Vergebung ihrer Sünden. Wenn er einen Leichenzug sah, stand er sofort auf, ganz gleich, ob es sich um den Leichnam eines Nichtmuslims handelte. (In manchen Überlieferungen wird auch gesagt, dass der Gesandte Allahs sitzen blieb.) Andere sagen, dass das Aufstehen später aufgehoben worden sei. (Zād al-Maʿād, S. 145.) Er empfahl den Nachbarn, der Familie des Verstorbenen Essen zu schicken. (Heutzutage geschieht es umgekehrt: Im Haus des Verstorbenen werden für andere Festmahle veranstaltet.) Er missbilligte es sehr, wenn formelle Trauerversammlungen mehrere Tage lang andauerten.

Wenn jemand aus der Fremde zurückkehrte und ihn besuchen wollte, umarmte er ihn und küsste ihn manchmal auf die Stirn. Wenn er jemanden verabschiedete, der in die Fremde reiste, bat er ihn mit den Worten: „Denke beim Beten an uns.“

Aus übergroßer Zuneigung und Liebe war er mit manchen Menschen so vertraut und ungezwungen, dass er ihre Namen verkürzt aussprach. So nannte er Abu Huraira kurz „Abu Hur“ und Hazrat Aischa bisweilen „Aisch“.

Mit Kindern war der Gesandte Allahs (s.) außerordentlich vertraut. Sobald er ein Kind sah, strich er ihm über den Kopf, liebkoste es und sprach ein Bittgebet für es; wenn es noch sehr klein war, nahm er es auf den Arm. Um die Kinder aufzuheitern, sagte er überraschende Dinge. So sagte er etwa: „Die Eidechsen, mein Bruder, schlagen nachts mit ihren Zähnen Wunden in die Augen der Mücken.“ Einmal sagte er beim Küssen eines unschuldigen Kindes: „Kinder sind die Blumen im Garten Allahs.“ Er gab Kindern Namen. Manchmal ließ er die Kinder sich in einer Reihe aufstellen und veranstaltete ein Wettrennen mit einem Preis, indem er sagte: „Mal sehen, wer mich zuerst berühren kann.“ Die Kinder liefen auf ihn zu; einige fielen bäuchlings auf seinen Bauch, andere auf seine Brust. Er scherzte und lachte mit den Kindern. So sagte er etwa zu Hazrat Anas bisweilen liebevoll: „O du mit den zwei Ohren.“ Als der kleine Vogel, den Abu Umair, der Bruder Hazrat Anas’, als Haustier hielt, starb, saß er traurig da. Der Gesandte Allahs (s.) kam zu ihrem Haus und rief: „O Abu Umair, wo ist dein Nugair (Vogeljunges)?“ Einmal schickte die Mutter des Kindes Abdullah ibn Bashir durch ihn Trauben zum Gesandten Allahs (s.). Abdullah aß unterwegs alle Trauben auf. Als die Sache später bekannt wurde, nahm der Gesandte Allahs (s.) Abdullah liebevoll am Ohr und sagte: „ياغدرياغدرDu Betrüger, du Betrüger.“ Auf dem Rückweg aus der Fremde nahm er jedes Kind, das er unterwegs sah, hinter sich auf das Reittier. Ein kleines Kind setzte er vor sich und ein größeres hinter sich. Wenn die ersten Früchte der Saison gebracht wurden, ließ er zuerst ein Kind davon essen und sprach dabei ein Bittgebet um Segen. Er war der Ansicht, dass dieses Kind in Zukunft ein Führer der islamischen Bewegung werden würde.

Er erwies alten Menschen außerordentlich großen Respekt. Als Hazrat Abu Bakr as-Siddiq zur Zeit der Eroberung Mekkas seinen blinden, betagten Vater zum Gesandten Allahs (s.) brachte, damit dieser den Islam annahm, sagte er: „Warum hast du ihm diese Mühe gemacht? Ich wäre selbst zu ihm gegangen.“

Er zeigte eine solche äußerste Großzügigkeit, dass eine halb verrückte Frau aus Medina einmal zu ihm kam und sagte: „Ich habe dir etwas unter vier Augen zu sagen.“ Da sagte er: „Gut, komm, warte in jener Gasse auf mich; ich komme zu dir.“ Dann ging er dorthin, hörte sich ihre Klagen und Beschwerden an und schaffte Abhilfe. [Al-Mawahib al-Laduniyya, Band 1, S. 295.] Ein ähnliches Ereignis hatte auch Adi ibn Hatim miterlebt und die Großzügigkeit des Gesandten Allahs (s.) als ein Zeichen seines Prophetentums anerkannt.

Wie freundlich der Gesandte Allahs (s.) war und wie liebenswürdig er sich im zwischenmenschlichen Umgang zeigte, hat Hazrat Anas in einer wunderbaren Schilderung dargestellt. Er sagt:

„Ich stand zehn Jahre lang im Dienst des Gesandten Allahs (s.). Er zeigte niemals auch nur das geringste Zeichen von Unmut oder Zorn. Ganz gleich, wie ich eine Aufgabe erledigt hatte, sagte er nie: ‚Warum hast du es so gemacht?‘ Und wenn ich etwas nicht tat, sagte er nie: ‚Warum hast du das nicht getan?‘ Mit seinen Dienern und Dienerinnen verfuhr er ebenso. Er schlug niemals jemanden.“

Hazrat Aischa berichtet: Er schlug niemals eine seiner Ehefrauen oder seine Diener und Dienerinnen. Von niemandem nahm er persönliche Rache. Wenn er jedoch auf Allahs Weg im Dschihad oder bei der Vollstreckung einer Strafe für ein Vergehen gemäß Allahs Gesetz eine Maßnahme ergriff, war das selbstverständlich etwas völlig anderes.

Das Privatleben

Im Allgemeinen werden jene Menschen als Führer bezeichnet, die im gemeinschaftlichen Leben ein künstliches Gewand tragen, es jedoch ablegen, sobald sie in ihr Privatleben zurückkehren. Nach außen führen sie reichlich Größe und Großzügigkeit vor, doch im häuslichen Leben sinken sie auf die niedrigste Stufe der Gemeinheit herab. In der Öffentlichkeit zeigen sie äußerste Einfachheit und Bescheidenheit, doch kaum sind sie zu Hause, geben sie sich Luxus und Bequemlichkeit hin. Je größer die Kluft und der Abstand zwischen dem gemeinschaftlichen und dem persönlichen Leben eines Menschen sind, desto höher scheint sein Ansehen zu sein. Das persönliche und das gemeinschaftliche Leben des Gesandten (s.a.w.) waren hingegen gleich.

Ein Mann fragte einmal ʿĀ’ischa (r.a.), was der Gesandte (s.a.w.) im häuslichen Leben zu tun pflegte. Sie antwortete: Der Gesandte (s.a.w.) war wie ein gewöhnlicher Mensch. Er kümmerte sich selbst um seine Kleidung (das heißt, er achtete darauf, ob sie von Ungeziefer befallen war). Er molk selbst die Ziegen und erledigte seine eigenen notwendigen Arbeiten. Wenn Kleidung geflickt werden musste, flickte er sie selbst; auch reparierte er seine Schuhe. Er trug Lasten und fütterte die Tiere. Wenn er einen Diener hatte, half er ihm bei seiner Arbeit, etwa indem er mit ihm Mehl mahlte. Manchmal arbeitete er allein und schämte sich nie, auf den Markt zu gehen. Er kaufte die nötigen Dinge selbst ein und brachte sie gewöhnlich in einem Tuch gebunden nach Hause. Einige fragten, wie sich der Gesandte (s.a.w.) im häuslichen Leben verhielt. ʿĀ’ischa antwortete: Er war von äußerst bescheidenem Wesen und heiter sowie lächelnd im Umgang. Wie bescheiden er war, lässt sich an dieser Aussage erkennen: „Er schalt niemals auch nur einen Diener.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Band 1, S. 293] In freundlichem Umgang mit seiner Familie war der Gesandte Allahs (s.a.w.) ohnegleichen. (Sahih Muslim)

Einmal sagte ʿAlī (r.a.) als Antwort auf eine Frage von Imām Husain: Wenn der Gesandte (s.a.w.) zu Hause war, widmete er seine Zeit drei Arten von Tätigkeiten. Einen Teil der Zeit verbrachte er im Gottesdienst, einen Teil widmete er seiner Familie und einen Teil verwendete er auf Ruhe. Aus jeder dieser drei Zeiten nahm er einen Teil für Menschen heraus, die ihn sprechen wollten. Wenn sich neben der allgemeinen Versammlung in der Moschee ein Freund zu einem persönlichen Gespräch mit ihm treffen wollte, ein Gast kam oder jemand mit einem Anliegen oder einer Beschwerde zu ihm kam, widmete er ihnen einen Teil seiner Ruhezeit. Daraus wird ersichtlich, dass ihm nur sehr wenig Zeit zur Erholung blieb. [Šamā’il at-Tirmidhī, Kapitel über die Bescheidenheit und Einfachheit des Gesandten (s.a.w.)]

Auch für den Unterhalt und die verschiedenen Bedürfnisse seiner Ehefrauen musste er sorgen. Darüber hinaus lag auch die Verantwortung für ihre Bildung und Erziehung auf seinen Schultern. Anschließend wurde durch sie die Aufgabe fortgeführt, die Frauen zu bessern. Frauen kamen mit ihren verschiedenen Problemen und suchten durch die Mütter der Gläubigen deren Lösung. Dennoch ließ er die häusliche Atmosphäre weder eintönig und langweilig werden, noch ließ er dort Künstlichkeit aufkommen. Sein Haushalt war wie der Haushalt eines gewöhnlichen Menschen, und in seiner Atmosphäre gab es das natürliche Auf und Ab menschlicher Gefühle. Dort flossen Tränen, und zugleich strahlte ein leises Lächeln. Bisweilen entstand sogar eine gewisse, durch Eifersucht verursachte Spannung. Wie Sorge und Unruhe dort vorhanden waren, so gab es auch frohe Augenblicke. Wenn der Gesandte (s.a.w.) nach Hause kam, kam er wie eine sanfte Brise im Morgengrauen, und eine wunderbare Welle der Ruhe und Freude zog durch das Haus. Man unterhielt sich. Manchmal erzählte man sich Geschichten. Auch heitere Scherze und Späße wurden gemacht. ʿĀ’ischa (r.a.) berichtete beispielsweise von einem Erlebnis: Einmal bereitete ich Khāmīra zu (ein Gericht aus Hackfleisch und Mehl). Sawda (r.a.) war ebenfalls dort. Der Gesandte (s.a.w.) saß zwischen uns beiden, und eine Atmosphäre aufrichtiger Vertrautheit herrschte. Ich sagte zu Sawda: „Iss.“ Sie lehnte ab. Ich drängte sie erneut, doch sie sagte wieder: „Ich werde nicht essen.“ Ich bestand noch nachdrücklicher darauf: „Du musst essen.“ Auch diesmal wollte sie nicht essen. Ich sagte: „Wenn du nicht isst, werde ich dir diese Khāmīra ins Gesicht schmieren.“ Sawda blieb bei ihrer Weigerung. Da griff ich tatsächlich mit der Hand in die Khāmīra, nahm eine Handvoll und schmierte sie Sawda ins Gesicht. Der Gesandte (s.a.w.) musste darüber sehr lachen. Er sagte zu Sawda: „Schmiere sie auch ʿĀ’ischa ins Gesicht, damit ihr gleich seid.“ Sawda schmierte sie sofort ʿĀ’ischa ins Gesicht. Nun lachte der Gesandte (s.a.w.) wieder. [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Band 1, S. 296–297]

Einmal kam Abū Bakr (r.a.) und sah, dass ʿĀ’ischa laut mit dem Gesandten (s.a.w.) sprach. Abū Bakr wurde zornig und wollte sie schlagen. Der Gesandte (s.a.w.) beruhigte ihn und sagte, dass es zwischen ihnen keinen Streit gegeben habe. Dennoch ging der ehrenwerte Abū Bakr zornig fort. Nachdem er gegangen war, sagte der Gesandte (s.a.w.) in spöttischem Ton zu ʿĀ’ischa: „Hast du gesehen, wie ich dich beschützt habe?“

Manche halten dieses natürliche Auf und Ab des häuslichen Lebens für niedriger als das islamische Ideal. Besonders hegen sie in ihrem Herzen ein Bild vom Familienleben des Gesandten (s.a.w.), als hätten dort einige übermenschliche Wesen gelebt, die keinerlei Gefühle, Wünsche oder Begierden besaßen. Doch auch diese Familie war eine menschliche Familie. In ihr waren alle menschlichen Gefühle vorhanden. In jener Familie gab es jedoch keinen Ungehorsam gegenüber Allah und keine Sünde. In dieser Hinsicht war sie eine ideale Familie. Wenn der Gesandte (s.a.w.) nachts schlafen ging, führte er gewöhnliche Gespräche mit seiner Familie – manchmal über häusliche Angelegenheiten, manchmal über die Probleme der gewöhnlichen Muslime. Bisweilen erzählte er sogar Geschichten. Einmal erzählte er ʿĀ’ischa die Geschichte von Umm Zarʿ. In dieser Geschichte beschreiben elf Frauen einander den Charakter und die Eigenschaften ihrer jeweiligen Ehemänner. Eine dieser Frauen war Umm Zarʿ. Sie schilderte den bezaubernden Charakter ihres Mannes Abū Zarʿ. Aus literarischer Sicht ist dies eine äußerst unterhaltsame Geschichte. Am Ende sagte der Gesandte (s.a.w.) zu ʿĀ’ischa: „Für Umm Zarʿ war Abū Zarʿ so, wie ich für dich bin.“ Ebenso erzählte er einmal bei einer Versammlung eine Geschichte. Eine Frau aus dem Kreis der Zuhörer rief: „Das ist ja wie die Geschichte von Khurāfa.“ Khurāfa war eine historische Persönlichkeit aus Arabien, von der der Volksglaube berichtet, sie habe zahlreiche erstaunliche Geschichten aufgeschrieben. Der Gesandte (s.a.w.) fragte diese Frau: „Weißt du, wer Khurāfa war?“ Danach erzählte er auch die Geschichte dieses berühmten Mannes namens Khurāfa. Dieser Mann aus dem Stamm Banū ʿUdhra war von den Dschinn gefangen genommen und später wieder zurückgebracht worden. [Šamā’il at-Tirmidhī]

Der Gesandte (s.a.w.) hatte sein ganzes Leben lang die Gewohnheit, in der ersten Hälfte des letzten Nachtdrittels aufzuwachen, nach der Gebetswaschung und dem Miswāk das Tahaddschud-Gebet zu verrichten. [Zād al-Maʿād] Beim Gebet rezitierte er den Koran sehr langsam und verharrte bisweilen so lange im Stehen, dass seine Füße anschwollen. [Tirmidhī, überliefert von Ibn al-Musayyab] Als die Gefährten dieses Leiden sahen, sagten sie: „Allah hat dir doch alle deine früheren und späteren Sünden vergeben. Warum nimmst du dennoch solche Mühen auf dich?“ Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Sollte ich deshalb kein dankbarer Diener Allahs sein?“ [Zād al-Maʿād]

Die Haltung des Gesandten (s.a.) gegenüber dem Haus und seiner Einrichtung war, dass man das Leben in dieser Welt wie ein Reisender verbringen sollte. Er sagte: „Ich bin wie ein Reisender, der eine kurze Zeit im Schatten eines Baumes ruht und sich danach zu seinem Zielort aufmacht.“ Das bedeutet: Wo bleibt für jene, die das Jenseits als Ziel annehmen, ihr Leben in dieser Welt lediglich mit der Erfüllung ihrer Pflichten oder als eine Zeit der Prüfung verbringen und hier auf das höhere Ziel, den Erwerb des Paradieses, hinarbeiten müssen, die Möglichkeit, große, himmelhohe Häuser zu bauen, sie mit Hausrat zu füllen und das Leben voller Behaglichkeit und Luxus zu genießen? Deshalb bauten auch er und seine Gefährten keine prachtvollen Häuser. Sie sammelten darin keinen Hausrat an und vermehrten weder deren Ausschmückung noch deren Prunk. Ihre Häuser kann man wohl als vorzügliche Herbergen für Reisende bezeichnen. [Zad al-Ma’ad] Diese Häuser boten guten Schutz vor Kälte und Hitze, Sicherheit vor Tieren und Ungeziefer sowie ausreichende Wahrung der Privatsphäre. Außerdem gab es Vorkehrungen zur Erhaltung der Gesundheit. Der Gesandte (s.a.) ließ für seine Ehefrauen kleine Räume errichten, die an die Prophetenmoschee grenzten. Außer Sauberkeit und Reinlichkeit gab es darin keinerlei Schmuck. Sein Sinn für Sauberkeit war beim Gesandten (s.a.) so ausgeprägt, dass er den Gefährten ausdrücklich befahl, die Höfe ihrer Häuser sauber zu halten. [Tirmidhi]

Unter den Haushaltsgegenständen waren einige von ganz schlichter Art. Dazu gehörte beispielsweise ein Glasbecher, an dem ein Eisenblech angebracht war. Er wurde häufig zum Trinken und Essen verwendet. Von der Aufbewahrung von Vorräten ganz zu schweigen, gab es nicht einmal genügend Nahrung, um den täglichen Bedarf zu decken. Sein Bett war eine mit Dattelpalmenfasern gefüllte Lederunterlage. Er benutzte auch eine Liege aus Palmblättern und eine aus grobem Bast gefertigte Schlafunterlage. Diese Unterlage wurde doppelt gefaltet ausgebreitet. Einmal war sie vierfach gefaltet worden. Am nächsten Morgen fragte er alle: „Was war heute an meinem Bett so bequem, dass ich tief geschlafen und das Tahaddschud-Gebet versäumt habe?“ Als er den wahren Grund erfuhr, sagte er: „Legt das Bett wieder doppelt gefaltet aus, wie zuvor.“ Er pflegte auch, auf einer auf dem Boden ausgebreiteten Matte zu schlafen. Einmal weinten einige seiner Gefährten (Umar und Abdullah ibn Mas’ud), als sie die Abdrücke der Holzstreben der Liege an seinem Körper sahen. [Schamā’il at-Tirmidhi]

Ein anderes Mal bekam Umar Tränen in die Augen, als er sah, dass sich Abdrücke an seinem Körper gebildet hatten, weil er auf einer ungepolsterten Liege geschlafen hatte. Als der Gesandte (s.a.) ihn nach dem Grund seiner Tränen fragte, sagte Umar: „Die Kaiser von Rom und Iran leben im Luxus, und Ihr befindet Euch in diesem Zustand!“ Der Gesandte (s.a.) sagte: „O Umar! Bist du nicht damit zufrieden, dass sie die Welt erhalten und wir das Jenseits erlangen?“

Essen und Trinken

Die Ess- und Trinkgewohnheiten des Gesandten (s.a.) waren äußerst schlicht und vornehm. Er liebte Fleisch besonders. Am liebsten mochte er das Fleisch vom Rücken, vom Schenkel und vom Nacken. Auch das Fleisch an den Rippenknochen war ihm besonders lieb. Das schmackhafte arabische Gericht namens „Tharid“, bei dem Brot in Fleischbrühe zerbröckelt und eingeweicht wird, mochte er ebenfalls sehr. Zu seinen anderen Lieblingsspeisen gehörten vor allem Honig, Essig und Butter. Er aß auch gern Datteln mit Milch. (Dies ist außerdem eine ausgezeichnete nahrhafte Speise.) Auch mit Butter bestrichene Datteln waren für ihn eine wohlschmeckende Speise. Als Krankenkost bevorzugte er kalorienreiche Nahrung und empfahl auch anderen, solche Nahrung zu essen. Häufig aß er Gerstenmehlbrei. Einmal wurde ihm Mandelmehlbrei angeboten, den er mit den Worten ablehnte: „Das ist die Nahrung der Wohlhabenden.“ Wenn zu Hause ein Gemüsegericht gekocht wurde, ließ er für den Nachbarn etwas mehr zubereiten.

Unter den Getränken war süßes Wasser sein größter Favorit; es wurde eigens mit großer Sorgfalt aus zwei Tagesreisen Entfernung herbeigeschafft. Auch mit Wasser verdünnte Milch und Honigsirup trank er gern. Er mochte ebenfalls nicht berauschenden Dattelmost. Dazu wurden Datteln in Wasser eingeweicht, das man in einen Wasserschlauch oder ein steinernes Gefäß gegossen hatte, und er trank davon den ganzen Tag über. Wenn es jedoch länger aufbewahrt wurde und dadurch berauschend werden konnte, ließ er es wegschütten. Nach der Überlieferung von Abu Malik al-Asch’ari sagte er auch: „Einige Angehörige meiner Umma werden Wein trinken, ihn aber unter einem anderen Namen bezeichnen.“ (Die Geschichte bezeugt, dass die Herrscher späterer Zeiten unter der Bezeichnung „Fruchtextrakt“ Wein tranken.)

Er mochte es nicht, wenn jeder Einzelne getrennt aß und trank, und empfahl, gemeinsam zu essen. An einem Tisch auf Stühlen zu essen und zu trinken, hielt er für unvereinbar mit seiner bescheidenen Art. Ebenso hielt er es nicht für seinem Geschmack entsprechend, auf einer Tischtuchtafel Speisen in kleinen Schalen und Untertassen zu servieren. Gefäße aus Gold und Silber erklärte er gänzlich für haram. Er benutzte Gefäße aus Glas, Ton, Kupfer und Holz. Nachdem er sich über der Tischtuchtafel die Hände gewaschen hatte, setzte er sich ohne Schuhe hin. Mit der rechten Hand nahm er die Speise von der Seite vor sich. In die Mitte des Gefäßes griff er nicht. Er pflegte weder zurückgelehnt zu sitzen noch zu essen und zu trinken. Manchmal saß er mit aufgestellten Knien, manchmal mit untergeschlagenen Beinen. Bei jedem Bissen, den er zum Mund führte, sprach er Bismillah. Speisen, die er nicht mochte, ließ er ohne irgendeinen Mangel daran zu erwähnen beiseite. Sehr heiße Speisen aß er nicht. Manchmal schnitt er gekochte Speisen mit einem Messer und aß sie. Dies erschien ihm jedoch gekünstelt und aufwendig, weshalb er es nicht besonders mochte. [Buchari und Muslim (überliefert von Amr ibn Umayya), Abu Dawud und Baihaqi (überliefert von Aischa).] Brot und Ähnliches nahm er stets mit den Fingern und ließ nicht zu, dass Soße oder Ähnliches an seine Finger gelangte. Manchmal aß er Früchte nicht im Stehen oder während des Gehens. Gelegentlich aß er auch zwei verschiedene Früchte zugleich, beispielsweise Datteln in der einen und Melone in der anderen Hand. Die Dattelkerne entfernte er mit der linken Hand. Einladungen schlug er niemals aus. Wenn zufällig jemand bei ihm war (weil er sich mit ihm unterhielt oder aus einem anderen Grund), nahm er ihn zwar mit, bat aber den Hausherrn um Erlaubnis, ihn mitzubringen. Wenn er einen Gast bewirtete, sagte er ihm wiederholt: „Lege deine Schüchternheit ab und iss dich satt.“ Aus Höflichkeit erhob er sich als Letzter von der Tafel. Wenn die anderen mit dem Essen früher fertig waren, beendete auch er rasch seine Mahlzeit und stand mit ihnen auf. Nach dem Essen wusch er sich stets die Hände, dankte Allah und sprach ein Bittgebet um Segen für den Lebensunterhalt und den Hausherrn. Wenn er eine Speise als Geschenk erhielt, ließ er es nicht zu, ohne die anwesenden Freunde daran zu beteiligen, und bewahrte den abwesenden Freunden ihren Anteil auf. Er lehrte alle, so sorgfältig zu essen, dass kein einziges Korn von der Tafel verschwendet wurde. Beim Trinken machte er kein schlürfendes Geräusch und trank gewöhnlich in drei Atemzügen, wobei er das Gefäß jedes Mal vom Mund nahm. Er begann jedes Mal mit Bismillah und schloss mit Alhamdulillah. Gewöhnlich trank er im Sitzen, doch manchmal trank er auch im Stehen. Wenn in einer Versammlung ein Getränk gebracht wurde, begann man gewöhnlich auf der rechten Seite mit dem Austeilen. Wo die Verteilung einer Sache endete, begann von dort aus die Verteilung der nächsten. Älteren Menschen gab er den Vorzug; wenn dadurch die Reihenfolge von rechts unterbrochen werden musste, tat er dies jedoch erst, nachdem er diejenigen um Erlaubnis gebeten hatte, denen der Vorrang nach dieser Reihenfolge zustand. Wenn er seinen Freunden etwas zu trinken gab, trank er selbst zuletzt und sagte: „Wer anderen zu trinken gibt, trinkt zuletzt.“ Er mochte es nicht, in Speisen oder Getränke zu blasen oder daran zu riechen. Da er schlechten Mundgeruch nicht mochte, aß er rohe Zwiebeln und Knoblauch nicht gern. Er ordnete an, Speisen und Getränke stets abzudecken. Wenn eine neue Speise gebracht wurde, erkundigte er sich vor dem Essen nach ihrem Namen. Nach dem Vorfall, bei dem ihm Gift verabreicht worden war, pflegte er, wenn ein Unbekannter ihm Essen brachte, diesen zunächst ein oder zwei Bissen davon essen zu lassen.

Trotz seines so ausgeprägten Geschmackssinns war er die meiste Zeit von Hunger und Armut geplagt. Darüber wird an geeigneter Stelle ausführlich berichtet werden. Er sagte: „Mein Essen und Trinken ist wie das eines gewöhnlichen Dieners Allahs.“

Sitzen, Aufstehen und Schlafen

Manchmal saß er mit untergeschlagenen Beinen, manchmal saß er, indem er mit beiden Händen seine Oberschenkel umfasste, und manchmal hielt er sie statt mit den Händen mit einem Tuch, etwa einem Umhang, umschlungen. Wenn er im Sitzen angelehnt saß, stützte er sich gewöhnlich auf die linke Hand. Wenn er über eine Angelegenheit nachdachte und sie untersuchte, stocherte er mit einem Holzstück in der Erde. Gewöhnlich schlief er auf der rechten Seite und legte dabei die rechte Wange auf die Handfläche der rechten Hand. Bisweilen schlief er auch auf dem Rücken und legte ein Bein über das andere. Dabei achtete er jedoch streng darauf, den Intimbereich bedeckt zu halten. Auf dem Bauch zu schlafen, missbilligte er sehr und verbot es allen. Er schlief nicht gern in einem dunklen Raum, in dem keine Lampe angezündet war. Auch auf einem offenen Dach zu schlafen hielt er nicht für gut. Er pflegte, mit der Gebetswaschung einzuschlafen, und rezitierte vor dem Schlafengehen neben verschiedenen Bittgebeten auch die Suren al-Ichlās, an-Nās und al-Falaq und hauchte anschließend über seinen Körper. Im Schlaf gab er leise Schnarchgeräusche von sich. Wenn er nachts seine Notdurft verrichten musste, wusch er sich nach der Reinigung unbedingt Hände und Gesicht. Zum Schlafen hatte er einen eigenen Lungi. Sein Obergewand zog er aus und hängte es auf.

 

Menschliche Bedürfnisse

Da es damals keine Toiletten gab, ging er zur Verrichtung seiner Notdurft hinaus auf Felder oder in die Wildnis. Gewöhnlich entfernte er sich so weit, dass er nicht mehr zu sehen war. Manchmal ging er bis zu zwei Meilen weit. Dafür suchte er nach weicher Erde, damit keine Spritzer auf ihn fielen. Am Ort der Verrichtung setzte er zuerst den linken und dann den rechten Fuß auf. Beim Hinsetzen zog er seine Kleidung erst aus, wenn er sich ganz nah über den Boden begeben hatte. Er setzte sich stets hinter einem Hügel, einem Baum oder etwas Ähnlichem verborgen hin. Dabei ging er mit Schuhen an den Füßen und bedecktem Kopf hinaus. Er setzte sich weder mit dem Gesicht noch mit dem Rücken in Richtung der Qibla. Während der Verrichtung seiner Notdurft nahm er seinen Ring ab. (Denn in ihn waren die Namen Allahs und des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eingraviert.) Für die Reinigung benutzte er stets die linke Hand. Beim Verlassen des Ortes setzte er zuerst den rechten und dann den linken Fuß.

Für das Baden hielt er einen Sichtschutz für unerlässlich. Wenn er im Haus badete, spannte er einen Vorhang aus Stoff auf. Wenn er im Regen badete, band er sich einen Lungi um den Kopf. Beim Niesen machte er nur ein leises Geräusch und hielt sich die Hand oder ein Tuch vor den Mund.

Auf Reisen

Um zu einer Reise oder Fahrt aufzubrechen, bevorzugte er besonders den Donnerstag. Er trieb sein Reittier schnell an. Es war seine Gewohnheit, am Morgen vom Rastplatz aufzubrechen. Während einer Reise nahm er selbstverständlich an allen gemeinschaftlichen Arbeiten teil. Einmal wurde das Kochen vorbereitet. Als seine Gefährten die Arbeiten untereinander aufgeteilt hatten, übernahm auch er die Aufgabe, Feuerholz zu sammeln. Alle sagten: „Sie brauchen sich nicht anzustrengen. Wir reichen völlig aus.“ Er sagte: „Ich mag es nicht, mit einem besonderen Rang unter euch dazusitzen.“ [Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Band 1, S. 294] Während der Reise ließ er abwechselnd einige seiner zu Fuß reisenden Gefährten auf seinem Reittier mitreiten. Er mochte es nicht, nachts von einer Reise zurückzukehren. Wenn er zurückkehrte, ging er nicht direkt nach Hause, sondern begab sich zunächst in die Moschee und verrichtete ein freiwilliges Gebet. Nachdem man das Haus von seiner Ankunft benachrichtigt hatte, ging er nach Hause.

Emotionen und Gefühle

Ohne über Emotionen und Gefühle zu sprechen, können wir nicht über die Menschlichkeit nachdenken. Auch im Gesandten (s.a.w.s.) waren menschliche Gefühle in höchstem Maße vorhanden. Er war ein Mensch von großer Gefühlstiefe. Er freute sich über Freude und litt unter Kummer und Schmerz.

Er gehörte nicht zu jenen sogenannten großen Menschen, die über das Leid der ganzen Welt betrübt sind, gegenüber dem Leid ihrer eigenen Familie jedoch hart und gleichgültig bleiben. Zu seinen edlen Lebensgefährtinnen hegte er aufrichtige Liebe. Er trank aus demselben Gefäß wie ʿĀ’ischa (r.a.). Er ließ die Mädchen der Ansar holen, damit sie mit seinen Ehefrauen spielten. Während sie den sportlichen Darbietungen der Schwarzen zusah, war ʿĀ’ischa (r.a.) so müde geworden, dass sie, auf die Schulter des Gesandten (s.a.w.s.) gestützt, weiter zusah. Dennoch fragte er ʿĀ’ischa: „Bist du nun zufrieden?“ ʿĀ’ischa antwortete: „Nein, ich möchte noch mehr sehen.“ Auf diese Weise genoss sie diese Darbietung lange Zeit. [Al-Mawāhib al-ladunniyya, Bd. 1, S. 296.] Um Safiyya (r.a.) auf das Kamel steigen zu lassen, streckte er sein Knie vor; Safiyya (r.a.) stieg auf das Kamel, indem sie auf seinem Knie stand. Einmal rutschte die Kamelstute aus, und der Gesandte (s.a.w.s.) sowie Safiyya (r.a.) fielen zu Boden. Abū Talha (r.a.) war bei ihnen. Als er zum Gesandten (s.a.w.s.) eilte, sagte dieser: „Kümmere dich zuerst um die Frau.“ Als der Leiter der Karawane die Kamele einmal zu schnell antrieb, sagte der Gesandte (s.a.w.s.): „Vorsicht, zerbrechliche Gefäße! Langsamer, bitte, vorsichtig.“ [Buchārī und Muslim; mit den „zerbrechlichen Gefäßen“ waren Frauen gemeint.] Aus eben dieser Liebe heraus schwor er einmal, keinen Honig mehr zu essen. Deshalb wurde er im Koran mit den Worten „Macht das Erlaubte nicht verboten“ getadelt. [Westliche Schriftsteller haben das reine und makellose Eheleben des Gesandten (s.a.w.s.) angegriffen. Dabei haben die bedeutendsten, verantwortungsvollsten und angesehensten Menschen, die in ihrer Zivilisation hervorgebracht wurden, nicht nur im häuslichen Leben ein Maß an Verderbtheit erreicht, sondern auch außerhalb dieses Bereichs ein abscheuliches und schändliches Leben geführt. Das Kennzeichen des Gesandten (s.a.w.s.) war, dass all seine Gefühle, Empfindungen und Wünsche auf seine Ehefrauen beschränkt waren und auch dies von Reinheit und Lauterkeit geprägt war. Er erfüllte die natürlichen Bedürfnisse in den Grenzen der Sittsamkeit auf vorbildlichste Weise und begründete eine verfeinerte Form ehelicher Liebe.]

Auch zu seinen eigenen Kindern empfand der Gesandte (s.a.w.s.) eine außerordentlich tiefe Zuneigung. Ibrāhīm ließ er bei der Amme einer Schmiedefamilie am Stadtrand von Medina stillen. Um ihn zu sehen, ging er weite Strecken zu Fuß. Er saß in einem raucherfüllten Raum und nahm seinen Sohn auf den Schoß, um ihn zu liebkosen. Wenn Fātima (r.a.) zu ihm kam, stand er auf und empfing sie. Manchmal ging er auch selbst zu ihr. Er erzählte ihr von seinem Zustand und hörte sich ihren an. Seine beiden Söhne, Imam Hasan und Imam Husain (r.a.), liebte er außerordentlich. Er nahm sie auf den Schoß, ließ sie auf seine Schultern steigen und spielte selbst das Pferd, auf dessen Rücken sie ritten. Selbst während des Gebets erlaubte er ihnen, auf seinen Schultern zu sitzen. Einmal sah ʿAqraʿ ibn Hābis, wie er Hasan küsste, und sagte erstaunt: „Ich habe zehn Söhne, aber keinem von ihnen habe ich je solche Zuneigung gezeigt. Und doch küsst Ihr ihn.“ Der Gesandte (s.a.w.s.) sagte: „Wer kein Erbarmen und keine Zuneigung zeigt, dem wird auch kein Erbarmen und keine Zuneigung erwiesen.“

Als sein Sohn Ibrāhīm starb, füllten sich seine Augen vor Trauer mit Tränen. Auch eine weitere Tochter starb vor seinen Augen. Die Dienerin Umm Ayman begann laut zu weinen. Der Gesandte (s.a.w.s.) untersagte es ihr. Sie sagte: „Aber auch Ihr weint.“ Der Gesandte (s.a.w.s.) sagte: „Auf diese Weise zu weinen – lautlos oder mit leiser Stimme – ist nicht verboten. Die Sanftheit und Barmherzigkeit des Herzens, aus denen dieses leise Weinen entsteht, sind eine Gnade Allahs.“ Als er am Grab seiner Tochter Umm Kulthūm stand, liefen ihm ebenfalls Tränen über die Wangen. Auch vor dem Leichnam von ʿUthmān ibn Mazʿūn waren seine Augen tränengefüllt. Er küsste ihn auf die Stirn. [Al-Mawāhib al-ladunniyya, Bd. 1, S. 297.] Über die Art seines Weinens sagte er: „Die Augen sind tränengefüllt, das Herz ist betrübt; dennoch werden wir mit unserem Mund kein Wort aussprechen, das Allah nicht gefällt. In Zeiten von Kummer und Trauer pflegte er häufig zu rezitieren:حسبنااللهونعمالوكيلEr weinte niemals laut; vielmehr seufzte er nur lang, und aus seiner Brust drang ein Geräusch hervor, das dem Brodeln eines Topfes glich.

Wenn dieses von Mitgefühl erfüllte Herz Allah ein inniges Flehen vortrug, glänzten auch dann Tränen wie Perlen auf seinen Augenlidern. Einmal bat er ʿAbdullāh ibn Masʿūd, den Koran zu rezitieren. Als dieser bei folgendem Vers aus der Sure an-Nisāʾ angelangt war: „Wie wird es dann sein, wenn Wir aus jeder Gemeinschaft einen Zeugen herbeibringen und dich als Zeugen über diese einsetzen?“, strömten dem Gesandten (s.a.w.s.) Tränen aus den Augen. [Die meisten dieser Berichte sind aus Schamāʾil at-Tirmidhī zusammengestellt.]

Die Quelle der tiefen Zuneigung, Barmherzigkeit und des Mitgefühls, die der Gesandte (s.a.w.s.) gegenüber der gesamten Menschheit und insbesondere gegenüber den Mitgliedern der muslimischen Gemeinschaft empfand, war eben diese Sanftheit seines Herzens. Dass der Gesandte (s.a.w.s.) trotz eines so sanften Herzens und eines so gefühlvollen Gemüts in schweren Prüfungen und Unglücksfällen solche Geduld und Standhaftigkeit zeigte, ist wahrlich erstaunlich.

Scherz und Humor

Ich habe bereits gesagt, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stets ein fröhliches Gesicht hatte. Er sagte: „Schon deinem Bruder mit einem Lächeln ins Gesicht zu sehen, ist eine gute Tat.“ Über den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wird außerdem berichtet: „Er war äußerst freundlich und stets fröhlich.“

Eine der herausragenden Eigenschaften großer Persönlichkeiten, die auf der Welt Großes vollbringen, besteht darin, dass sie die Last der schweren Pflichten des Lebens durch ihr Lächeln erträglich machen und sich tief in den Herzen ihrer Gefährten einen festen Platz schaffen. Er pflegte so aufrichtig zu scherzen, dass sich in den Herzen seiner Gefährten eine tiefe Liebe zu ihm festsetzte. Durch Scherze und heitere Bemerkungen schuf er in der Versammlung eine fröhliche Atmosphäre. Dabei bewahrte er stets das Gleichgewicht. Der Anteil des Scherzes in seinen Gesprächen entsprach dem Salzanteil in einer Speise. Darin gab es weder Unrecht noch Unwahrheit, niemand wurde dadurch verletzt, und niemand brach in lautes Gelächter aus. Es entstand lediglich ein leichtes Lächeln, bei dem nur die Zähne sichtbar wurden; Mund- oder Rachenraum waren nicht zu sehen.

Einmal sagte Hazrat Abu Huraira verwundert: „Wie ich sehe, scherzt Ihr sogar mit uns!“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, antwortete: „Ja, das tue ich. Doch ich sage nichts Unrechtes und nichts Unwahres.“

Hier führen wir einige Beispiele für die Scherze des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an, die in den Hadith-Werken überliefert sind: [Die meisten Begebenheiten wurden aus den Schamā’il at-Tirmidhī zusammengestellt.]

Ein Bettler bat ihn um ein Kamel als Reittier. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Ich werde dir ein Kameljunges geben.“ Verwundert fragte der Bettler: „Was soll ich damit anfangen?“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Jedes Kamel ist schließlich das Junge einer Kamelstute.“

Eine alte Frau kam und sagte: „Bittet für mich, dass Allah mir das Paradies schenkt.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, scherzte: „Keine alte Frau wird ins Paradies kommen.“ Die alte Frau wollte unter Tränen fortgehen. Da sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu den Anwesenden: „Sagt ihr, dass Allah sie nicht als alte Frau, sondern als junge Frau ins Paradies aufnehmen wird. Allah hat gesagt: ‚Ich werde die Frauen des Paradieses neu erschaffen und sie zu jungfräulichen, gleichaltrigen jungen Frauen machen.‘“ Kurz gesagt: Allah wird denjenigen, die ins Paradies eingehen, neue Jugend schenken.

Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war mit einem Beduinen namens Zaher oder Zohair befreundet. Er half diesem beduinischen Freund bei Angelegenheiten der Stadt, und der Beduine half dem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bei Angelegenheiten des Landes. Mitunter machte der Beduine ihm aus aufrichtiger Zuneigung Geschenke. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bestand nach langem Zureden darauf, ihm den Wert dieser Geschenke zu bezahlen. Er sagte: „Zaher ist unser Vertreter auf dem Land, und wir sind sein Vertreter in der Stadt.“ Eines Tages verkaufte Zaher auf dem Markt einige seiner Waren. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schlich sich von hinten an ihn heran, hielt ihm die Augen zu und sagte: „Rate, wer ich bin.“ Zunächst war der Beduine völlig verblüfft. Doch sogleich erkannte er ihn und begann in übergroßer Freude, seinen Kopf an der Brust des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu reiben. Darauf scherzte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Wer kauft diesen Sklaven?“ Zaher sagte: „O Gesandter Allahs, wer einen nutzlosen Sklaven wie mich kauft, wird betrogen.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „In den Augen Allahs bist du nicht nutzlos.“

Einmal wurden bei einer Versammlung Datteln gegessen. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, scherzte, indem er die Dattelkerne herausnahm und vor Hazrat Ali legte. Schließlich zeigte er auf den Haufen von Kernen und sagte: „Du hast offenbar sehr viele Datteln gegessen.“ Hazrat Ali erwiderte: „Ich habe die Datteln nicht mitsamt den Kernen gegessen.“

Während des Grabenkrieges lachte der Gesandte Allahs bei einem Vorfall so herzlich, dass man sogar seine Backenzähne sehen konnte. Sa’id, der Vater von Amir, schoss einen Pfeil ab. Ein Krieger der feindlichen Seite war das Ziel des Pfeilangriffs. Er bedeckte sein Gesicht sehr schnell mit einem Schild, sodass Sa’ds Pfeil ihn auf keinerlei Weise treffen konnte. Beim letzten Mal nahm Sa’d erneut Pfeil und Bogen zur Hand und wartete auf eine Gelegenheit. Kaum hatte der feindliche Soldat seinen Kopf außerhalb des Schildes hervorgestreckt, da traf ihn Sa’ds Pfeil direkt in die Stirn. Er fiel so heftig rücklings um, dass seine beiden Beine nach oben ragten.

Die Menschen späterer Zeiten waren erstaunt, wenn sie von solchen Scherzen hörten. Denn einerseits war man es gewohnt, mit der Religion die Vorstellung eines freudlosen Lebens zu verbinden, und allgemein bekannt war auch, dass gottesfürchtige Menschen ein trauriges Gesicht und ein strenges, ernstes Wesen haben sollten. Betrachtet man darüber hinaus die ständige Ausrichtung des Gesandten Allahs auf Gottesverehrung, seine Gottesfurcht und sein außergewöhnliches Pflichtbewusstsein, so ist es schwer zu verstehen, wie ein so außergewöhnlicher Mensch in seiner Lebensordnung Raum für solche Heiterkeit und solchen Humor schaffen konnte. Ibn Umar wurde gefragt, ob die Gefährten des Gesandten Allahs lachten. Er antwortete: „Ja, sie lachten. Dabei war ihr Glaube in ihren Herzen größer und fester als Berge.“ (Das heißt: Humor und Scherze stehen weder dem Glauben noch der Gottesfurcht entgegen.) Beim Training im Bogenschießen liefen sie umher und kugelten sich voreinander lachend vor Vergnügen. (Überliefert von Qatada.)

Ich habe bereits erwähnt, dass nach dem Morgengebet regelmäßig Zusammenkünfte stattfanden, bei denen die Zeit der Unwissenheit zur Sprache kam und sowohl die Gefährten als auch der Gesandte Allahs viel lachten. Auch von seinem humorvollen Umgang mit den Kindern und seinen Ehefrauen habe ich bereits berichtet.

Unterhaltung

Ein untrennbarer Bestandteil eines ausgeglichenen Lebens ist Unterhaltung (innerhalb der rechtmäßigen Grenzen). Wenn auch dieser Bereich, ebenso wie der Humor, verschwände, würde das Leben zu einer Last werden. Eine Lebensordnung, in der Unterhaltung keinen Platz hat, kann keine Gesellschaft lange ertragen. Der Gesandte Allahs liebte bestimmte Formen der Unterhaltung und sorgte innerhalb der rechtmäßigen Grenzen dafür.

Er hatte persönlich Freude daran, durch Gärten zu spazieren. Manchmal ging er allein, manchmal mit seinen Gefährten in einen Garten und hielt dort auch Zusammenkünfte ab.

Auch Schwimmen gehörte zu seinen Vorlieben. Bisweilen schwamm er mit Freunden in einem Teich. Dazu bildeten sie jeweils Paare aus zwei Personen. Jedes Paar schwamm aus entgegengesetzten Richtungen aufeinander zu. Einmal wählte der Gesandte Allahs Abu Bakr zu seinem Schwimmpartner.

Wenn es nach einigen trockenen Tagen regnete, nahm er ein Bad in einem Wasserstrahl, wobei er seinen Lungi umband. Manchmal setzte er sich zur Zerstreuung an den Rand eines Brunnens und ließ die Beine hineinhängen. [Schamā’il at-Tirmidhi]

Er veranstaltete Wettbewerbe im Laufen und Bogenschießen und nahm selbst mit großem Eifer daran teil. Bei solchen Gelegenheiten wurde auch viel gelacht.

Bei Festen mochte er das Trommeln und den Gesang kleiner Mädchen. Einmal sangen am Eid-Tag zwei Mädchen bei Hazrat Aischa. Der Gesandte (s.a.w.s.) lag dort in ihrer Nähe. Hazrat Abu Bakr sah diese Szene und fuhr sie an: „Warum finden solche satanischen Machenschaften im Haus des Gesandten Allahs statt?“ Darauf sagte der Gesandte (s.a.w.s.): „Lass sie singen.“ [Muslim, überliefert von Hazrat Aischa]

Auch bei Hochzeiten ermutigte er zum Trommeln. (Überlieferungen von Hazrat Aischa und Muhammad ibn Hatim al-Dschuhami.) Hazrat Aischa berichtet: Bei mir lebte die Tochter eines Ansari. Ich verheiratete sie. Bei der Hochzeit sagte der Gesandte (s.a.w.s.): „Aischa, hast du keine Sängerin organisiert? Der Stamm der Ansar liebt den Gesang.“ In einer anderen Überlieferung, die sich vermutlich auf dasselbe Ereignis bezieht, heißt es, dass der Gesandte (s.a.w.s.) sagte: „Ihr hättet gut daran getan, der Braut eine Sängerin mitzugeben. Sie hätte gesungen: ‚Wir sind zu euch gekommen, so seid glücklich, und auch wir wollen glücklich sein.‘“ Bei einer solchen Hochzeitsfeier sangen kleine Mädchen. Hazrat Amir ibn Saʿd erhob gegenüber einigen Zuhörern Einspruch und sagte: „O Gefährten des Gesandten, o Kämpfer von Badr! Solche Dinge geschehen vor euren Augen?“ Die anwesenden Gefährten erwiderten: „Wenn du möchtest, setz dich und höre zu; andernfalls geh. Der Gesandte Allahs hat es uns erlaubt.“

Als Mittel der Unterhaltung zeigte der Gesandte (s.a.w.s.) auch Interesse an der Dichtkunst. Die Art und Weise, wie die Dichtung in Arabien verehrt wurde, vermied er jedoch. Die starke Anziehungskraft des süßen Klangs der Offenbarung ließ ihm kaum Gelegenheit, sich der Dichtung zuzuwenden. Dennoch war er keineswegs ohne Sinn für Dichtung. Gute Gedichte schätzte er wegen ihres Inhalts sehr. Mehr noch: Man kann sagen, dass der Gesandte (s.a.w.s.) der Gesellschaft in dieser Hinsicht einen neuen Geschmack und einen neuen Maßstab für die Beurteilung gab. Hazrat Dschabir ibn Samura berichtet: Ich nahm in Gegenwart des Gesandten (s.a.w.s.) an mehr als hundert Versammlungen teil. In diesen Versammlungen wurden ebenso Geschichten aus der Zeit der Unwissenheit erzählt, wie die Gefährten Gedichte vortrugen. Einmal lobte er die folgenden beiden Verse des arabischen Dichters Labid:(Arabisch***********)

„Seid gewarnt: Alles außer Allah ist vergänglich; alle Gaben dieser Welt werden eines Tages vergehen.“

Einmal, als er sich fern der Heimat aufhielt, bat er Hazrat Scharid, ihm einhundert Gedichte des Dichters Umayya ibn Abi as-Salt vorzutragen. Danach bemerkte er: „Dieser Mann war nahe daran, den Islam anzunehmen.“ Manchmal sprach auch er selbst, besonders auf dem Schlachtfeld, spontan und ungeplant in einer Art poetischer Rede. Die Feinde des Islam trugen Gedichte vor, in denen sie den Islam verspotteten; deshalb ließ er Hazrat Hassan und Kaʿb ibn Malik Antwortgedichte verfassen. Bisweilen ließ er Hazrat Hassan auf seiner eigenen Kanzel sitzen und Gedichte vortragen und sagte: „Dieses Gedicht ist gegen den Feind härter als ein Pfeil.“ Er sagte auch: „Wie der Gläubige mit dem Schwert kämpft, so kämpft er auch mit seinem Mund.“ In einem gesonderten Aufsatz über Dichtung, Literatur und andere kulturelle Themen möchte ich ausführlich darlegen, wie der Gesandte (s.a.w.s.) den Geschmack der Menschen für konstruktive Zwecke nutzte.

 

Einige schöne Vorlieben

An dieser Stelle möchte ich einige Gewohnheiten und Vorlieben des Gesandten (s.a.w.s.) erwähnen, die bisher unter keine andere Überschrift eingeordnet wurden.

Das Geben und Nehmen von Gegenständen vollzog er stets mit der rechten Hand. Wenn ein Brief geschrieben werden sollte, ließ er zunächst „Bismillah“ schreiben. Danach folgte der Name des Absenders und darunter der Name des Empfängers.

Er war frei von abergläubischer Fantasterei und glaubte weder an „gute“ noch an „schlechte Vorzeichen“. Er mochte jedoch wohlklingende Namen mit guter Bedeutung für Personen und Orte. Schlechte Namen mochte er nicht. Besonders auf Reisen wählte er für einen Rastplatz einen Ort aus, dessen Name Freude, Segen oder Erfolg bedeutete. Ebenso übertrug er einer Person, deren Name Streit, Kampf oder Verlust bedeutete, keine Aufgabe. Er übertrug vielmehr denjenigen Verantwortung, deren Namen Freude, Erfolg und dergleichen bedeuteten. Viele Namen änderte er.

Unter den Reittieren liebte er Pferde am meisten. Er sagte, dass in den Pferden bis zum Tag der Auferstehung Wohlergehen und Segen liegen. Er kümmerte sich besonders um die Augen, das Gesicht und die Nüstern der Pferde und reinigte sie eigenhändig.

Lärm und Unruhe mochte er nicht. Bei allen Angelegenheiten liebte er Ruhe, Ordnung und Pünktlichkeit. Selbst im Zusammenhang mit dem Gebet sagte er: „Kommt nicht herbeigerannt, sondern kommt ruhig und gelassen.“ Als am Tag von Arafat viel Lärm herrschte, hob er seinen Stock und wies die Menschen an, ruhig zu bleiben und die Ordnung einzuhalten, und sagte: „In der Eile liegt kein Verdienst.“ [Buchari und Muslim]

Wesensart und Charakter

Die Charaktereigenschaften und die Moral des Gesandten Allahs lassen sich unter keiner einzelnen Zwischenüberschrift beschreiben, denn sein gesamtes Leben war der Inbegriff edlen Charakters. Hadhrat Aischa sagte: „Der Koran war sein Charakter.“ Hadhrat Anas ibn Malik sagte: „Er war gerechter, großzügiger und mutiger als alle anderen.“

Er war der Gerechteste von allen: In seinem ganzen Leben fügte er niemandem Leid zu (außer dem, was er gemäß Allahs Anordnung auferlegte), und er nahm niemals Rache für das Unrecht anderer. Er vergab allen, sogar den beispiellos grausamen Peinigern von Mekka und Taif sowie allen Heuchlern und Übeltätern. Er war auch der Großzügigste. Hadhrat Dschabir berichtet, dass der Gesandte Allahs niemandem etwas verweigerte, worum er gebeten wurde. Wenn er etwas zur Hand hatte, gab er es sofort; manchmal lieh er es sich von jemand anderem und gab es weiter. Wenn er nichts hatte, bat er den Betreffenden, später wiederzukommen, oder schwieg. Dass er der Mutigste von allen war, zeigt vorerst schon die Tatsache, dass er mit dem Ideal der Wahrheit ganz allein ins Feld zog und angesichts des Widerstands und der Verfolgung der gesamten Bevölkerung standhaft blieb. Niemals zeigte er angesichts eines noch so schweren Kampfes Furcht oder Schwäche. Ob in der Höhle am Berg Thaur oder auf den Schlachtfeldern von Uhud und Hunain – überall bewies er unerschütterliche Entschlossenheit und Glauben.

 

Kapitel: 3

Der Freund der Menschheit (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) im mekkanischen Zeitalter: heftiger Widerstand

Dies ist eine ewige Wahrheit.

Nehmt diese Wahrheit an und

werdet meine Gefährten. Ihr werdet sehen,

Durch ihre Kraft wird ganz Arabien euch gehören.

Es wird sich zur Faust ballen, und unter ihrem Einfluss

wird die ganze Welt eurer Herrschaft unterstehen.

– der Freund der Menschheit (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)

Betrachten wir nun den Hintergrund des Geschehens. Beobachten wir den Aufstieg jenes blühenden Baumes in der öden Wüste, dem man einen Empfang bereitete, indem man ringsum Dornen auslegte.

Dieser junge Mann

In einer angesehenen, vornehmen und traditionsreichen Familie Arabiens wurde im Haus eines glücklichen Ehepaares von lauteren Charakteren ein außergewöhnliches Kind vaterlos geboren. Es trank die Milch einer armen und tugendhaften Amme und wurde in der gesunden, unverfälschten Umgebung des Dorfes im Schoß der Natur aufgezogen und groß. Unter besonderen Umständen lernte es, während es durch die Wüste streifte, sich auf die Bewältigung größter Gefahren, Schwierigkeiten und Leiden im Lebensbereich vorzubereiten, und erhielt beim Hüten von Ziegen und Schafen eine Ausbildung zur Führung eines weltumspannenden Volkes. Noch bevor es seine gesamte Kindheit durchlebt hatte, wurde dieses außergewöhnliche Kind auch des liebevollen Schutzes seiner Mutter beraubt. Die Persönlichkeit des Großvaters konnte diese elterliche Leere zwar teilweise ausfüllen, doch schon nach kurzer Zeit verlor es auch diese Zuflucht. Schließlich wurde der Onkel sein Vormund. Es war, als würde es darauf vorbereitet, seine wichtigen Aufgaben im Leben nicht mit Blick auf irgendeine irdische Zuflucht, sondern allein unter dem Schutz des wahren Herrn zu erfüllen.

Bis zu seinem Eintritt in die Jugend zeigte sich dieser außergewöhnliche Knabe nicht wie andere Jungen als frech und zügellos, sondern mit der Ernsthaftigkeit eines Erwachsenen. Als er die Jugend erreichte, vermochte er trotz der äußerst verdorbenen Umgebung, in der er aufgewachsen war, seine Jugend unbefleckt zu bewahren. In einer Gesellschaft, in der Liebesaffären, der Austausch lüsterner Blicke und Unzucht für junge Männer als etwas Ruhmvolles galten, ließ dieser außergewöhnliche junge Mann nicht einmal seinen Blick verderben. In einer Gesellschaft, in der sich an jeder Ecke Brennereien und in jedem Haus Schenken befanden, in der bei jeder Zusammenkunft offene Liebeserklärungen an fremde Frauen und ausgelassene Dichterabende über den Alkoholkonsum stattfanden, nahm dieser junge Mann keinen einzigen Tropfen Alkohol zu sich. Wo das Glücksspiel die Gestalt einer gesellschaftlichen Veranstaltung angenommen hatte, rührte dieser von Kopf bis Fuß in Reinheit gehüllte junge Mann es nicht einmal an. Wo Märchenerzählungen sowie Gesang und Musik ein untrennbarer Teil der Kultur waren, kam dieser Bewohner einer anderen Welt diesen verderblichen Bräuchen nicht einmal nahe. Ein- oder zweimal hatte er zwar Gelegenheit, eine solche Unterhaltung zu besuchen, doch sobald er dort eintraf, wurde er von einer solchen Müdigkeit übermannt, dass er keine der dortigen Darbietungen sehen oder hören konnte. In einer Gesellschaft, in der die Niederwerfung vor Götzenbildern zu einer religiösen Praxis geworden war, neigte dieser fromme junge Nachkomme Ibrahims sein Haupt vor niemandem außer Allah und hegte keinerlei Gedanken götzendienerischer Art. Als man ihm einmal gekochtes Fleisch eines Tieres vorsetzte, das vor einem Götzenbild geopfert worden war, weigerte er sich sogar, davon zu essen. Während die Quraisch zur Zeit des Hadsch den Hadsch vollzogen, ohne zum Arafat-Feld zu gehen, wies dieser außergewöhnliche junge Quraisch-Mann diese erfundene Regel entschieden zurück. Während die Nachkommen Ibrahims das ibrahimische Ideal entstellten und neben vielen anderen Freveln den abscheulichen Brauch einführten, die Kaaba nackt zu umrunden, nahm dieser schamhafte junge Mann diesen Brauch keine einzige Sekunde lang an. In einem Land, in dem der Krieg zu einem Spiel und das Blutvergießen zu einem Schauspiel geworden waren, vergoss dieser junge Mann, der das Banner der Würde der Menschheit trug, keinen einzigen Tropfen Blut. In seiner Jugend musste dieser junge Mann an dem großen Krieg namens Harb al-Fudschār teilnehmen. Da die Teilnahme des Stammes der Quraisch an diesem Krieg als gerechtfertigt galt, nahm er zwar daran teil, verletzte jedoch selbst keinen Menschen.

Aber nicht nur das! Sehen wir auch, welche Neigungen dieser tugendhafte und wahrheitsliebende junge Mann hatte. In genau dem Alter, in dem Jungen gewöhnlich vom rechten Weg abkommen, schloss er sich zum Wohl der Armen und Unterdrückten sowie zur Beseitigung der Gewaltherrschaft der Unterdrücker einer reformorientierten Vereinigung namens Hilf al-Fudul an. Die Mitglieder verpflichteten sich, deren Ziel zu verwirklichen.

Nach seiner Berufung zum Propheten erinnerte sich der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) an diese Vereinigung und sagte:

Selbst wenn man mir anstelle dieses Versprechens rotfarbene Kamele gegeben hätte, wäre ich davon nicht zurückgetreten. Auch heute wäre ich bereit, einen solchen Vertrag abzuschließen, wenn mich jemand dazu auffordern würde.“

Wie groß die Eigenschaften und Fähigkeiten dieses jungen Mannes waren, lässt sich bereits aus folgendem Ereignis erkennen: Als die Kaaba renoviert wurde, kam es unter den Quraisch zu einem heftigen Streit darüber, wer den Hadschar al-Aswad wieder einsetzen sollte. Der Streit eskalierte so weit, dass sogar die Schwerter gezogen wurden und ein großer Aufruhr entstand. Glücklicherweise erhielt gerade dieser junge Mann die Gelegenheit, den Konflikt beizulegen. Inmitten äußerster Erregung breitete dieser Friedensstifter und Richter ein Tuch aus und legte den als Hadschar al-Aswad bekannten Stein darauf. Anschließend forderte er die Vertreter aller Zweige des Stammes der Quraisch auf, das Tuch gemeinsam anzuheben.

Als der Mantel mit dem Stein angehoben war und die richtige Stelle erreicht hatte, nahm dieser junge Mann den Stein und setzte ihn an seinen Platz. Der Streit legte sich, und auf allen Gesichtern spiegelten sich Freude und Erleichterung wider.

Als dieser junge Mann in die Welt des Gelderwerbs eintrat, wählte er den Handel als einen ebenso reinen wie ehrenhaften Beruf. Die großen Kapitalbesitzer des Landes erwählten diesen jungen Mann, damit er ihr Kapital verwaltete und Handel trieb. Er muss gewiss über Eigenschaften verfügt haben, derentwegen sie gerade ihn auswählten. Sa’ib, Qays ibn Sa’ib, Hazrat Chadidscha und einige weitere Personen überzeugten sich nacheinander von der unvergleichlichen Aufrichtigkeit dieses jungen Mannes und verliehen ihm einmütig den Titel „Tadschir al-Amin“, also „der ehrliche Kaufmann“. Die Aussage von Abdullah ibn Abi al-Hamsa ist bis heute überliefert: Vor der Berufung zum Propheten vereinbarte er einmal mit diesem jungen ehrlichen Kaufmann: „Warte hier auf mich, ich komme gleich zurück.“ Doch später vergaß er es. Als Abdullah drei Tage später zufällig an diesem Ort vorbeikam, sah er, dass der ehrliche Kaufmann, an sein Versprechen gebunden, noch immer reglos dort stand. Er sagte zu Abdullah: „Du hast mir Schwierigkeiten bereitet. Ich stehe hier seit drei Tagen.“ – Abu Dawud

Betrachten wir außerdem, wie dieser junge Mann bei der Wahl seiner Lebensgefährtin die aufstrebenden, flatterhaften und unbeständigen jungen Frauen Mekkas völlig unbeachtet ließ und eine Frau heiratete, deren herausragendste Eigenschaft darin bestand, dass sie eine keusche, fromme und sittsame Frau aus einer äußerst angesehenen Familie war. Diese Wahl bringt die Tiefe seiner Gesinnung sowie seines Wesens und Charakters zum Ausdruck. Den Heiratsantrag machte Hazrat Chadidscha, die von der unvergleichlichen Aufrichtigkeit und dem reinen Charakter dieses jungen Mannes tief beeindruckt war. Und der junge Mann nahm diesen Antrag von ganzem Herzen an.

Wenn man den Charakter und die Gesinnung eines Menschen anhand seiner Freunde und Gefährten beurteilen will, dann wollen wir einmal sehen, was für Menschen die Freunde dieses jungen Mannes waren.

Wahrscheinlich verband ihn mit Hazrat Abu Bakr die tiefste Freundschaft und die aufrichtigste Beziehung. Sie waren nicht nur gleichaltrig, sondern auch gleichgesinnt. Ein weiterer Freund von ihm war Hakim ibn Hizam, der Cousin von Hazrat Chadidscha. Dieser Mann war ein Diener der Heiligen Moschee. Bis zum achten Jahr nach der Hidschra nahm er den Glauben nicht an. Dennoch bewahrte er eine tiefe Freundschaft und Zuneigung zum Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm). Aus eben dieser Freundschaft heraus kaufte er einmal für fünfzig Aschrafi ein kostbares Gewand, kam nach Medina und schenkte es dem Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm). Doch der Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) bestand nachdrücklich darauf und zahlte ihm den Preis des Gewandes. Auch ein Arzt namens Dimad ibn Tha’laba al-Azdi gehörte zu seinen engsten Freunden. Nun, findet sich im Freundeskreis dieses jungen Mannes auch nur ein einziger niedriger, gemeiner, lasterhafter, tyrannischer oder sündiger Mensch?

Wann immer dieser junge Mann, befreit von seinen häuslichen, geschäftlichen und sonstigen weltlichen Verpflichtungen, etwas freie Zeit hatte, verbrachte er sie nicht mit Vergnügungen und Unterhaltung. Er verbrachte sie auch nicht damit, ziellos umherzustreifen, sich herumzutreiben oder träge zu schlafen. Vielmehr zog er sich fern von allem Lärm und aller Geschäftigkeit zurück und betete, geleitet von seinem reinen, unverdorbenen angeborenen Empfinden und Gewissen, in einer abgeschiedenen Kammer der Höhle Hira den einen und einzigen Allah an. Um die verborgene große Wahrheit des Universums zu erfassen und die unsichtbaren Geheimnisse des menschlichen Lebens zu erkennen, forschte er in seinem eigenen Inneren und in den unergründlichen Tiefen der Natur. Er dachte darüber nach, wie er seine Landsleute und die gesamte Menschheit aus moralischer Haltlosigkeit und Niedrigkeit emporheben und auf die Stufe der Engel führen könnte. Kann das menschliche Gewissen, der Verstand und die innere Einsicht angesichts eines jungen Mannes, der seine freie Jugendzeit solchen ausschließlich geistigen Forschungen widmete, zu keinem Urteil über seine erhabene und heilige Wesensart gelangen?

Durch solche Ereignisse des täglichen Lebens wurde der künftige Prophet der Welt vor den Augen der Quraisch im Schoß der mekkanischen Gesellschaft aufgezogen, trat allmählich in die Jugend ein und erlangte Reife. Sagte dieses Bild seines Lebens nicht deutlich, dass dieser junge Mann ein außergewöhnlicher großer Mensch war? Konnte man über eine auf diese Weise herangewachsene Persönlichkeit etwa annehmen, dass sie ein Lügner und Betrüger sein könnte? Oder dass sie ein nach einem Amt strebender, selbstsüchtiger Mensch oder ein Religionshändler sein könnte, der die Religion als Kapital nutzte, um ein Geschäft aufzubauen? Niemals. Die Quraisch selbst erkannten ihn immer wieder als einen wahrhaftigen und vertrauenswürdigen, weisen, reinen und edel gesinnten Menschen an. Auch seine Feinde bezeugten seine geistige Größe und seine moralische Überlegenheit – selbst inmitten der härtesten Auseinandersetzungen und Konflikte. Der Koran führt das Lebensbild dieses großen Verkünders der Wahrheit selbst als Zeugnis an und lässt ihn sagen: (Arabisch: ************)

„Ich habe doch schon zuvor einen Teil meines Lebens unter euch verbracht. Wollt ihr denn nicht begreifen?“ (Yunus, 16)

Doch als dieses strahlende Juwel der Nation das Amt der Prophetenschaft übernahm und die Botschaft der Wahrheit verkündete, änderte sich ihre Haltung schlagartig. Seine Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit, Erhabenheit und vornehme Abstammung – all das verlor plötzlich an Wert. Bis gestern war er der Liebling der Nation gewesen, heute wurde er als Feind, Aufrührer und Schandfleck der Nation bezeichnet. Bis gestern hatte ihn noch jedes Kind geehrt, heute war er dem Zorn aller ausgesetzt. Derjenige, der sich mehr als vierzig Jahre lang als makellos erwiesen hatte, galt in den Augen der Quraisch plötzlich als schlecht, sobald er ihnen die Botschaft von Allahs Einheit, der Wahrheit und der Gerechtigkeit verkündete! In Wirklichkeit war er nicht schlecht. Vielmehr waren die Augen derer, die ihn bei den Quraisch beurteilten, von Verzerrung getrübt, und ihre Maßstäbe waren irrig.

Waren die Augen der Quraisch tatsächlich so blind, dass sie in dieser von tiefster Finsternis erfüllten Umgebung einen so leuchtenden Mond nicht sehen konnten? Konnten sie in einer Versammlung charakterloser Menschen einen rechtschaffenen und charaktervollen Führer nicht erkennen? Konnte eine im Abfall liegende Perlenkette ihre Aufmerksamkeit nicht auf sich ziehen? Konnte dieser von Kopf bis Fuß mit Höflichkeit und guten Umgangsformen geschmückte Mann in der Gesellschaft unzivilisierter und niederträchtiger Menschen nicht die ihm gebührende Achtung und Wertschätzung erlangen? Nein, so war es nicht. Die Quraisch wussten sehr wohl, was für ein Mensch Muhammad war. Doch obwohl sie es wussten, legten sie sich eine Binde über die Augen. Eigennutz und Feindschaft machten sie trotz ihrer Augen blind. Wie es im Qur’an heißt: »Sie haben Augen, sehen aber nicht mit ihnen.« Von denen, die trotz vorhandener Augen blind sind, kann jede erdenkliche Gefahr ausgehen, und jede erdenkliche Katastrophe kann durch sie entstehen.

Die Gründe für den Widerstand der Quraisch

Wenn wir heute irgendwie mit den Quraisch von Mekka sprechen könnten, würden wir sie gewiss fragen: Zu welcher schlechten Tat rief dieser Liebling eures Stammes in seiner Daʿwa eigentlich auf? Hatte er euch etwa zum Stehlen und Rauben aufgefordert? Hatte er euch zum Töten und Plündern aufgerufen? Hatte er irgendeinen Plan vorgelegt, um Waisen, Witwen und Schwache zu unterdrücken, zu misshandeln und auszubeuten? Hatte er euch zu gegenseitigen Kämpfen angestachelt und dazu aufgerufen, Streit zwischen den Stämmen zu entfachen? Hatte er etwa eine Vereinigung gründen wollen, um Reichtum und Grundbesitz aufzubauen? Welche Schwierigkeit habt ihr in seinem Ruf gesehen? Welche Katastrophe habt ihr in seinem Programm wahrgenommen? Warum habt ihr euch so verbissen gegen ihn gestellt?

Was die Quraisch dazu brachte, die irrige Ordnung der Dschahiliya aufrechtzuerhalten und Widerstand gegen jede Veränderung zu leisten, war weder ein Mangel in der Denkweise oder im Charakter des Gesandten noch irgendein schwerwiegender und schädlicher Aspekt seiner Daʿwa. Der Grund war auch nicht, dass seine Bewegung die damalige dschahilische Gesellschaft in die Rückständigkeit geführt hätte. Vielmehr war es einzig und allein der Eigennutz der Quraisch. In der über Jahrhunderte entstandenen arabischen Gesellschaftsordnung hatten die Quraisch für sich eine herausragende Führungsposition erobert. Sämtliche politischen und religiösen Ämter lagen in ihrer Hand. Auf wirtschaftlichem und kommerziellem Gebiet war ihre Vorherrschaft unbezwingbar. Mit einem Wort: Sie waren die Herren und Lenker der gesamten arabischen Nation. Ihre unbestrittene Führung und Vorherrschaft konnte nur in jener religiösen, kulturellen und gesellschaftlichen Ordnung fortbestehen, die seit dem Zeitalter der Dschahiliya überliefert war. Wenn sie bewusst oder unbewusst gezwungen waren, ihre allumfassende Führung und Autorität zu bewahren, mussten sie auch ihre dschahilische Gesellschaftsordnung vor jeder Art von Angriff und Verfall schützen.

Während der Stamm der Quraisch in sozialer und politischer Hinsicht der Führer und Lenker der Araber war, waren sie zugleich die Priester ihrer polytheistischen Religion, die Hüter und Diener ihrer religiösen Heiligtümer sowie die alleinigen Verwalter sämtlicher religiöser Aktivitäten. Diese religiöse alleinige Verwaltung und umfassende Autorität stützte auch ihre politische und gesellschaftliche Herrschaft und bildete zugleich ein eigenständiges, weitreichendes System. Deshalb trafen bei ihnen aus jeder Region der Arabischen Halbinsel Opfergaben und Geschenke ein. Deshalb genossen sie tiefe Verehrung und Ehrfurcht. Die Menschen küssten ihre Füße. Wenn Religion zum Geschäft einer Klasse oder Gruppe wird, verliert sie ihre ursprüngliche Inspiration, ihr Bewusstsein und ihre Lebenskraft und nimmt die Gestalt eines bloßen Schaustücks an, das mit allerlei Zeremonien angefüllt ist. Niemand erinnert sich dann mehr an die grundsätzlichen Forderungen der Religion. Erdachte Traditionen und Zeremonien erlangen grundlegende Bedeutung. Das auf der Offenbarung Allahs beruhende Wissen sowie die von Ihm gegebenen Gesetze verschwinden, und eine neuartige Scharia, von den Religionshändlern geschaffen, entwickelt sich. Die Vernunft verschwindet. Blinder Glaube und illusorische Vorstellungen breiten sich überall aus. Die Sitte, Aussagen mit Beweisen und Zeugenaussagen zu belegen, verschwindet. Leidenschaft und Erregung bringen die Stimme des Verstandes zum Schweigen. Der auf die Allgemeinheit ausgerichtete und demokratische Geist der Religion verschwindet, und die Alleinherrschaft der Religionshändler lastet auf der Gesellschaft. Echtes Wissen geht verloren, während haltlose Behauptungen an Beliebtheit gewinnen. Anstelle des einfachen und klaren Glaubens und der entsprechenden Regeln werden bei jeder Gelegenheit komplizierte und verworrene Vorschriften erlassen. Das Recht, eine abweichende Meinung zu vertreten, wird vollständig entzogen, und die diktatorische Herrschaft einer Gruppe wird ungehindert ausgeübt. Von Wahrheit, Aufrichtigkeit, Höflichkeit und Gottesfurcht bleibt nicht die geringste Spur, und die Religion nimmt die Gestalt eines betrügerischen, vielgestaltigen Geschäfts an. Wann immer eine Religion entstellt wurde, geschah dies auf diese Weise. In der dschahilischen Gesellschaft Arabiens hatte diese Entstellung ihr schlimmstes Ausmaß erreicht. Auf dieser Entstellung beruhte der Sitz der religiösen Priesterschaft des Stammes der Quraisch. Um diesen äußerst gewinnbringenden Sitz der Macht zu bewahren, musste jene entstellte religiöse Atmosphäre und Struktur aufrechterhalten werden. Es war unerlässlich, dafür zu sorgen, dass niemand dagegen protestierte, eine abweichende Meinung äußerte oder zu irgendeiner Reform und Korrektur aufrief. Daher war es völlig natürlich, dass der Stamm der Quraisch über die Daʿwa des Islam wie von Sinnen aufbrauste.

Außerdem war die Kultur der Quraisch eine zutiefst sündhafte Kultur. Trunksucht, Unzucht, Glücksspiel, Wucher, die Misshandlung von Frauen, das lebendige Begraben weiblicher Säuglinge, die Versklavung freier Menschen und die Unterdrückung der Schwachen – all dies waren Merkmale der Kultur der Quraisch. Diese Kultur war aus der Verbindung jahrhundertealter, angesammelter schlechter Gewohnheiten mit hässlichen gesellschaftlichen Bräuchen entstanden, die inzwischen den Rang ruhmreicher nationaler Traditionen angenommen hatten. Für die Quraisch war es nicht leicht, den von ihnen selbst errichteten kulturellen Eisenkäfig aufzubrechen und sich auf eine neue Umgebung einzustellen. Sie erkannten sofort, dass die Daʿwa von Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein Feind ihrer überlieferten Sitten und Bräuche, ihrer Gewohnheiten, Wünsche und Begierden, ihrer schönen Künste – kurz: ihrer geliebten Kultur – war. Daher gerieten sie in heftige Erregung und waren entschlossen, sich dieser Daʿwa entgegenzustellen.

Aus all diesen Gründen haben sich die Anführer der etablierten entstellten Gesellschaftsordnung, die religiösen Machthaber und die Anbeter ihrer eigenen Begierden zu allen Zeiten zusammengeschlossen und sich der Daʿwa zur Wahrheit entgegengestellt.

Einige Feuerfunken in tiefer Dunkelheit

Noch bevor der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) das Prophetentum empfing, war in den Herzen einiger begabter Männer Arabiens Unruhe entstanden. Aufgrund der göttlichen Hinweise, die sich in den Naturzeichen des Universums widerspiegelten, entwickelten sie Misstrauen und Abneigung gegenüber der bestehenden Gesellschaft, ihrer Umwelt und der Götzenreligion. Dieser Zustand ließ ihre Herzen unruhig werden und sie spontan zu Protesten aufbegehren. Auch aus den Herzen jener empfindsamen Menschen, deren Namen wir soeben erwähnt haben, war ein undeutliches Verlangen nach Veränderung hervorgebrochen.

Eines Tages hatte sich die Bevölkerung von Quraisch um ein Götzenbild versammelt und feierte ein Fest. Sie sangen Loblieder auf dieses steinerne Götzenbild, brachten ihm ihre Verehrung dar, opferten ihm verschiedene Opfergaben und vollzogen den Tawaf. Genau zu dieser Zeit saßen vier Männer – Waraqa ibn Naufal, Abdallah ibn Dschahsch, Uthman ibn al-Huwairith und Zaid ibn Amr – voller Abscheu über dieses sinnlose Fest an einem abgelegenen Ort zu einer geheimen Zusammenkunft beisammen. Nachdem sie geschworen hatten, die Äußerungen des jeweils anderen geheim zu halten, begannen sie ihr Gespräch. Ihre einhellige Ansicht lautete: „Unser Volk folgt einer völlig haltlosen Weltanschauung. Es hat die Religion seines Großvaters Ibrahim verworfen. Das steinerne Götzenbild, das sie anbeten, kann weder sehen noch hören, niemandem nutzen und niemandem schaden. Freunde, fragt euer eigenes Gewissen; dann werdet ihr, bei Allah, erkennen, dass ihr auf keinem festen Grund steht. Zieht durch die Länder der Welt und erkundigt euch, ob es irgendwo einen wahren Anhänger der Religion Ibrahims gibt.“ [Sira Ibn Hischam, erster Band, S. 242] Später wurde Waraqa ibn Naufal Christ. Abdallah ibn Dschahsch wurde zunächst aus seiner Unruhe heraus Muslim und später, wiederum aus seiner Unruhe heraus, Christ. Uthman begab sich zum römischen Kaiser und nahm das Christentum an. Zaid hingegen wurde weder Jude noch Christ, sondern gab auch den Götzendienst auf. Er hörte auf, das Fleisch verendeter Tiere, Blut und das Fleisch von Tieren zu essen, die auf Altären geopfert worden waren, und begann, die Menschen vom Töten weiblicher Säuglinge abzuhalten. Er sagte: „Ich bete den Herrn Ibrahims an.“ [Sira Ibn Hischam, erster Band, S. 242] Asma, die Tochter Abu Bakrs, berichtet: „Ich sah den alten Stammesführer Zaid an die Kaaba gelehnt sitzen. Er sagte: ‚O Volk von Quraisch, bei Allah, niemand von euch folgt der Religion Ibrahims außer mir.‘ Dann sagte er: ‚O Allah, wenn ich wüsste, welche Ordnung Dir gefällt, würde ich Dich nach dieser Ordnung anbeten. Doch ich weiß es nicht.‘ Danach legte er seine Handflächen auf den Boden und warf sich nieder.“ [Sira Ibn Hischam, erster Band, S. 242] Wenn ihn jemand besuchte, trug er häufig dieses Gedicht vor, dessen Sinn lautet: „Sollte der Herr einer sein oder Tausende? Wenn die Probleme des Lebens auf mehrere Herren verteilt werden, welchem Herrn soll ich dann gehorchen?“

„Ich habe Lat und Uzza beide verlassen. So handeln standhafte und geduldige Menschen.“

„Doch ja, ich werde gewiss weiterhin meinen barmherzigen Herrn, den Rahman, anbeten, damit dieser vergebende Herr meine Sünden vergibt.“

„Haltet daher weiterhin daran fest, nur Allah zu fürchten; solange ihr daran festhaltet, werdet ihr nicht zugrunde gehen.“

Die arme Safiyya bint al-Hadrami, Zaids Ehefrau, blieb ihm unaufhörlich auf den Fersen. Manchmal wollte Zaid Mekka verlassen, um nach der wahren Religion Ibrahims zu suchen. Doch seine Frau teilte dies Khattab ibn Naufal stets im Voraus mit. Khattab beschimpfte ihn dann heftig dafür, dass er die Religion seiner Vorfahren aufgegeben hatte. Zaid war seiner Überzeugung so ergeben, dass er beim Betreten des Vorhofs der Kaaba auszurufen pflegte:

„O wahrer Herr! Ich bin zu Dir gekommen, um Dich aufrichtig und in einem Geist der Dienerschaft anzubeten.“ Dann sagte er weiter: „Mit dem Gesicht zur Kaaba gewandt, suche ich Zuflucht bei Dem, bei Dem auch der ehrwürdige Ibrahim Zuflucht suchte.“ [Sira Ibn Hischam, S. 248]

Chattab ibn Nufail setzte Zayd zu. Schließlich verbannte er ihn aus Mekka. Zayd hielt sich in der Nähe von Hira am Rand von Mekka auf. Daraufhin ernannte Chattab einige junge Männer und sittenlose Leute aus dem Stamm Quraisch zu seinen Wächtern und befahl ihnen, Zayd den Zutritt nach Mekka zu verwehren. Manchmal kam Zayd heimlich nach Mekka. Wenn Chattab und seine Gefährten es bemerkten, vertrieben sie ihn wieder. Sie misshandelten ihn mit äußerstem Hass, weil sie ihm vorwarfen, die Religion zu verfälschen. Schließlich verließ er, dessen überdrüssig geworden, das Land und zog durch Mossul, Syrien und andere Gegenden auf der Suche nach der Religion des Propheten Ibrahim. Endlich fand er in der Gegend von Rulqa bei Damaskus einen gelehrten Derwisch. Er ging zu ihm und erkundigte sich nach der Religion des Propheten Ibrahim. Der Derwisch sagte: „Heute wirst du keinen einzigen Menschen mehr finden, der dieser Religion folgt. Doch bald wird ein Prophet erscheinen, der das Banner dieser Religion trägt, und er wird genau an dem Ort erscheinen, von dem du gekommen bist. Geh und triff ihn.“ Zayd hatte die jüdische und die christliche Religion gründlich geprüft. Keine der beiden Religionen konnte ihn anziehen. Dem Rat des Derwischs folgend, machte er sich auf den Weg nach Mekka. Doch unterwegs wurde er an einem Ort namens Bilad Lacham von Menschen getötet. [Sira Ibn Hischam, Bd. 1, S. 249–250]

Sa’id, der Sohn dieses Zayd, und Umar fragten nach dem Erscheinen des Islam den Gesandten Allahs (s.a.w.), ob sie für die Vergebung von Zayds Sünden beten dürften. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Ja, denn am Tag der Auferstehung wird er als eine eigenständige Umma auferstehen.“ Das heißt: Zayd nahm, nachdem er von seiner reinen Natur so viel Rechtleitung erhalten hatte, wie ein Mensch von ihr erhalten kann, diese mit voller Aufrichtigkeit an. Danach suchte er unermüdlich nach der Rechtleitung der Offenbarung. Zuletzt hatte er sich auf den Weg zum Gesandten Allahs (s.a.w.) gemacht, doch auf diesem Weg der Suche nach der Wahrheit wurde er zum Märtyrer.

Aus dieser langen Darstellung wird deutlich, dass die Geschichte unruhig geworden war und nach einer neuen Wendung verlangte und dass auch das menschliche Gewissen beunruhigt war. Doch außer den undeutlichen Andeutungen der Natur war keine Wegweisung zu einem Licht zu finden. Das Umfeld einer verfälschten Religionsausübung und unvernünftiger Rituale hatte die Eigenständigkeit des Menschen an der Kehle gepackt. Die Menschen waren in den vier Wänden der Erstarrung gefangen. Die sensiblen Menschen waren entweder bei der christlichen Religion angekommen und stehen geblieben, weil die Umwelt dies begünstigte, oder sie waren gezwungen, das Land zu verlassen. Doch der Jihad gegen die herrschende Verirrung war äußerst schwierig. Unter den vier genannten Männern war Auflehnung entstanden. Von ihnen besaß allein Zayd den Mut, im Haram al-Scharif den einen Allah anzurufen und vor den Quraisch den Polytheismus zu verurteilen. Doch auch er konnte nicht mehr tun, als seine Unruhe auszudrücken und Protest zu erheben. Denn vor ihm stand kein klares und vollständiges Ideal, das er zur Grundlage von Da’wa und Bewegung hätte machen können. Dennoch weigerte sich Mekka, seine Existenz zu dulden.

In der Gesellschaft der Dschahiliyya genossen die Dichter besonderes Ansehen. Sie übten auch eine geistige Führung über die Menschen aus. Ihre Gedichte waren ein Spiegelbild der Mentalität und der Denkweise der damaligen Gesellschaft. Der Abdruck der Unruhe im Gewissen der Gesellschaft spiegelte sich in den Gedichten der Dichter der Dschahiliyya aus der Zeit unmittelbar vor dem Gesandten Allahs (s.a.w.) wider. In diesen Gedichten erhob sich das menschliche Gewissen oft mit Nachdruck für die grundlegende Wahrheit.

Zu diesen Dichtern gehörte Umayya ibn Abi as-Salt, ein angesehener Anführer aus Taif. Er brachte gute Gedanken über den Tauhid, den Tag der Auferstehung und die Vergeltung für die Taten zum Ausdruck. Außerdem enthalten seine Gedichte zahlreiche moralische Ratschläge. Auch er lehnte sich gegen das polytheistische Denken auf. Doch ihm war nicht das Glück beschieden, die Da’wa des Gesandten Allahs (s.a.w.) anzunehmen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) mochte seine Gedichte und sagte: „Dieser Mann war bis an die Schwelle des Islam gelangt.“

Wenn man die innere Erregung solcher bewusster Menschen betrachtet, gewinnt man den Eindruck, dass das Umfeld sehnsüchtig auf eine neue, lebensspendende Botschaft gewartet hatte.

Die revolutionäre Kraft, auf die die Geschichte gewartet hatte, trat zur geeigneten Zeit durch Muhammad (s.a.w.) in Erscheinung. Er trat nicht nur auf, indem er lautstark gegen das Negative protestierte und seine persönliche Gesinnung und seinen edlen Charakter verkörperte, sondern er erschien vielmehr mit einer allumfassenden positiven Lehre und Ideologie, um die gesamte Nation und das gesamte Umfeld von Grund auf zu verändern. Wie hätte es für die damaligen mächtigen Kräfte des Bātil in Arabien möglich sein können, dieses „Verbrechen“ (?) zu dulden?

Die erste Epoche der Da’wa: die geheime Verkündigung

In der Zeit unmittelbar vor dem Beginn des Prophetentums wurden dem Gesandten (s.a.s.) während seiner abgeschiedenen Meditation zur Vorbereitung verschiedene wahrhaftige Träume gezeigt. Manchmal hörte er eine Stimme aus dem Verborgenen. Manchmal sah er einen Engel. Schließlich kam die erste Botschaft vom Thron Allahs. Dschibril kam und sprach ihn an: (Arabisch********)

Dies war seine erste Erfahrung des Empfangs der Offenbarung. Er empfand es, als hätte sich eine furchterregende und gewaltige Last auf seinen Nacken gelegt. Nach seiner Rückkehr nach Hause erzählte er seiner Lebensgefährtin von dem Geschehen. Sie tröstete ihn und sagte, dass sein Herr ihn niemals verlassen werde. Waraka ibn Nawfal sagte: „Das ist der Gesandte Allahs, der einst zu Musa (a.s.) herabgesandt wurde.“ Er fügte hinzu: „Die Menschen deines Landes werden dich einen Lügner nennen, dich belästigen, dich aus dem Land vertreiben und gegen dich Krieg führen. Wenn ich an jenem Tag noch lebe, werde ich dich in Allahs Sache unterstützen.“ Danach wurde er offiziell im Auftrag Allahs mit der Aufgabe betraut, die Botschaft der Wahrheit zu verkünden. Auf ihn wurde die Last einer gewaltigen Verantwortung gelegt. Diese Botschaft wurde zuerst Hazrat Chadidscha vorgetragen, und sie erlangte die Würde, als erste Person an sie zu glauben. Danach wurde diese Arbeit langsam und im Verborgenen fortgesetzt. Hazrat Abu Bakr as-Siddiq war sein Jugendfreund. Beide hatten eine ähnliche Gesinnung, ein ähnliches Wesen und ähnliche Vorlieben. Als er die Botschaft der Wahrheit erhielt, nahm er sie sofort so an, als hätte seine Seele schon zuvor auf sie gewartet. Auch Zaid, der Adoptivsohn des Gesandten (s.a.s.), schloss sich ihm an. Er war bereits durch dessen Leben und Charakter beeinflusst worden.

Dass diese ihm engsten Menschen an ihn glaubten, war ein Beweis für seine Aufrichtigkeit, Lauterkeit und Wahrhaftigkeit. Diese Personen waren seit mehreren Jahren vollständig über sein persönliches und gesellschaftliches Leben sowie über sein Inneres und Äußeres informiert. Niemand konnte mehr über das Leben, den Charakter, die Gedanken und die geistige Verfassung des Gesandten (s.a.s.) wissen als sie. Indem diese ihm engsten Menschen bereits zu Beginn seinem Aufruf folgten, bezeugten sie, dass die Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit desjenigen, der zum Glauben aufrief, über jeden Zweifel erhaben waren.

Sobald Hazrat Abu Bakr (r.a.) ein Kämpfer in der Bewegung des Gesandten (s.a.s.) geworden war, begann er unter den Menschen in seinem Einflussbereich eifrig zu wirken. Er gewann eine beträchtliche Zahl bedeutender Persönlichkeiten, darunter Hazrat Umar, Uthman, Zubair, Abd ar-Rahman ibn Auf, Sa’d ibn Abi Waqqas und Talha (r.a.), als Mitglieder dieser revolutionären Bewegung. Mit äußerster Vorsicht, Geheimhaltung und Stillschweigen begannen sie, diese Arbeit auszubreiten. Zu den anderen, die sich in dieser geheimen und frühen Phase der islamischen Bewegung der Gruppe der Muslime der ersten Reihe anschlossen, gehörten unter anderem Hazrat Ammar, Khabbab, Arqam, Sa’id ibn Zaid (der bereits erwähnte Sohn von Zaid ibn Amr, der von seinem Vater tief beeinflusst worden war), Abdullah ibn Masud, Uthman ibn Maz’un, Abu Ubaida und Suhaib ar-Rumi.

Wenn die Zeit des Gebets kam, begab sich der Gesandte (s.a.s.) auf einen Berg und verrichtete dort im Geheimen gemeinsam mit seinen Gefährten das Gebet. Nur das Duha-Gebet verrichtete er im Hof der Kaaba, denn dieses Gebet war auch unter den Quraisch üblich. Einmal verrichtete der Gesandte (s.a.s.) gemeinsam mit Hazrat Ali in einem Bergpass das Gebet. Dabei bemerkte sein Onkel Abu Talib sie. Beim Anblick dieser neuartigen Gebetsform war er bestürzt und beobachtete sie aufmerksam. Nach dem Gebet fragte er: „Welcher Religion seid ihr gefolgt?“ Der Gesandte (s.a.s.) antwortete: „Dies war die Religion unseres Großvaters Ibrahim.“

Als Abu Talib dies hörte, sagte er: „Für mich ist es nicht möglich, diese Religion anzunehmen. Doch ich erlaube euch, ihr zu folgen. Niemand wird euch daran hindern können. [Sirat an-Nabi, Schibli Numani, (Band 1, S. 192).]

Auch Hazrat Abu Dharr nahm in dieser Zeit der Geheimhaltung der islamischen Bewegung den Glauben an. Nach Ansicht des Gelehrten Schibli Numani war er der sechste oder siebte in der Reihenfolge. Auch er gehörte zu jenen Menschen, die unter innerer Unruhe litten, den Götzendienst aufgaben und allein dem Ruf ihrer eigenen reinen Natur und ihres Gewissens folgend Allahs gedachten und Ihn anbeteten. Auf irgendeinem Weg erfuhr er von der Botschaft des Gesandten (s.a.s.). Daraufhin schickte er seinen Bruder, um genaue Informationen einzuholen. Sein Bruder traf den Gesandten (s.a.s.), hörte seine Rezitation des Korans und sagte nach seiner Rückkehr zu ihm: „Ich habe diesen Verkünder der Botschaft gesehen. Die Menschen nennen ihn einen Abtrünnigen [Beachten Sie die vielfältigen Formen einer entstellten Gesellschaftsordnung. Derjenige, der gekommen war, um die Menschen auf der ganzen Welt den Glauben zu lehren, soll ein Abtrünniger sein! Die Religionshändler aller Zeiten haben solche Rechtsurteile gefällt]. Doch er lehrt edle Charaktereigenschaften und lässt eine erstaunliche Botschaft hören, die sich völlig von menschlicher Dichtung unterscheidet. Sein Verhalten gleicht deinem Verhalten.“ Danach kam er selbst und nahm den Islam an.

Aus diesem Ereignis wird deutlich, dass trotz der gewahrten Geheimhaltung der Duft der Wahrheit, von der Luft getragen, von Horizont zu Horizont eilte. Zu jener Zeit hatte man auch begonnen, dem Gesandten (s.a.s.) verschiedene Schimpfnamen zu geben. Dennoch blieb die Lage im Großen und Ganzen ruhig und normal, denn die Führer der Quraisch hatten die Bedeutung der drohenden Gefahr noch nicht erkannt.

Beachten Sie noch eine wichtige Tatsache: Unter den führenden Männern dieser ersten Reihe der islamischen Bewegung befand sich kein Einziger, der ein höheres nationales oder religiöses Amt innehatte. Dadurch waren sie von allen Fesseln des Eigennutzes befreit. In der Geschichte sind es solche freiheitsliebenden Jugendlichen, die sich an die vorderste Front stellen, um große Veränderungen einzuleiten. Die Führer und hohen Amtsträger leisteten zu dieser Sache keinen Beitrag.

Die Quraisch-Führer hielten diese geheime Phase der islamischen Bewegung überhaupt nicht für beachtenswert. Sie dachten, dies sei lediglich der Wahnsinn einiger Jugendlicher. Sie redeten wirres Zeug. Nach einigen Tagen würde sich ihr Verstand von selbst wieder beruhigen. Wer sollte schon den Mut haben, gegen uns aufzubegehren? So waren die Menschen, die auf den Thronen der Macht saßen, durch ihren Machtstolz derart verblendet, dass unter dem Schatten dieser Throne, ohne ihr Wissen, die Keime der Wahrheit allmählich wuchsen und zu gewaltigen Bäumen der Geschichte wurden. Die Quraisch waren außerdem der Ansicht, dass die Götter Lat, Manat und Uzza, denen sie so große Verehrung und Anbetung entgegenbrachten, selbst ihre Ehre und die heidnische Religion schützen würden. Ihr geistlicher Fluch werde die Auflehnung gegen die Götter dieser wenigen Anhänger des Tauhid zunichtemachen.

Die öffentliche Daʿwa

So vergingen drei Jahre. Doch es entspricht nicht Allahs Vorgehensweise, eine Situation für immer unverändert bestehen zu lassen. Seine stets geltende Vorgehensweise ist, die Wahrheit gegen den Widerstand des Falschen hervortreten zu lassen und zwischen beiden einen Konflikt entstehen zu lassen. So sagt Allah: „Vielmehr schleudere Ich die Wahrheit gegen das Falsche, woraufhin sie es zerschmettert. Dadurch wird das Falsche beseitigt.“ – Sure al-Anbiya

Gemäß dieser stets geltenden Vorgehensweise Allahs erging der Befehl: „Verkünde öffentlich, was dir befohlen wird.“

Der Gesandte (saw.) nahm all seinen Mut und seine ganze Entschlossenheit zusammen, bereitete sich auf die möglicherweise bevorstehende konfliktreiche Situation vor und stellte sich eines Tages auf den Berg Safa. Dann rief er gemäß dem besonderen Brauch der Araber die Menschen der Quraisch zusammen. In einem Augenblick der Gefahr war es üblich, die Menschen mit einem besonderen Signalruf zu Hilfe zu rufen. Er bediente sich dieser Methode. Die Menschen eilten herbei. Eine gewaltige Menschenmenge versammelte sich. Alle lauschten mit angehaltenem Atem, um zu erfahren, was geschehen war.

Der Gesandte (saw.) fragte zunächst: „Wenn ich euch sagen würde, dass jenseits dieses Berges ein feindliches Heer herbeieilt, um euch anzugreifen, würdet ihr mir dann glauben?“

Alle riefen wie aus einem Mund: „Ja, warum sollten wir dir nicht glauben? Wir haben dich stets die Wahrheit sagen sehen.“

– O Nachkommen Abd al-Muttalibs, o Nachkommen Abd Manafs, o Nachkommen Z des? No. Need accurate: o Nachkommen Zuhra, o Söhne Tamims, o Nachkommen Makhzums, o Nachkommen Asads, hört! Ich sage euch: Erkennt den einen Allah als euren Herrn und Gott an, andernfalls wird eine schwere Strafe über euch hereinbrechen. Damit verkündete er zum ersten Mal in aller Kürze öffentlich seine Botschaft.

Sobald sein Onkel Abu Lahab dies hörte, geriet er in heftige Wut und sagte: „Du Elender, mögest du noch heute zugrunde gehen! Hast du uns etwa nur deshalb hierher gerufen, um so etwas zu sagen?“ Abu Lahab und die anderen führenden Männer gingen äußerst empört und zornig davon.

Bemerkenswert ist, dass Abu Lahab auf die Botschaft des Gesandten lediglich mit der Reaktion antwortete, sie sei völlig belanglos und nicht der Beachtung wert. Eine andere Reaktion war damals noch nicht zu erkennen. Der einzige Vorwurf lautete: Du hast uns ohne jeden Grund belästigt und unsere Zeit verschwendet.

Der zweite Schritt der öffentlichen Verkündigung bestand darin, dass der Gesandte (sallallahu alaihi wa sallam) ein Festmahl für die Angehörigen der Familie Abd al-Muttalib veranstaltete. An diesem Mahl nahmen auch bedeutende Persönlichkeiten wie seine Onkel Hamza, Abu Talib und Abbas teil. Nach dem Essen hielt er eine kurze Ansprache. Er sagte: „Die Ordnung, die ich gebracht habe, bringt sowohl für das Diesseits als auch für das Jenseits Wohlergehen. Wer von euch ist bereit, mich bei dieser Aufgabe zu unterstützen?“ Daraus wird ersichtlich, dass er sich bereits am Anfang seiner Verkündigung bewusst war, dass er keine vom weltlichen Leben losgelöste Religion gebracht hatte, sondern eine Religion, die das Diesseits zum Guten wenden und mit Schönheit erfüllen kann.

Unter den versammelten Menschen herrschte auf seine Aufforderung hin Schweigen. Plötzlich brach ein dreizehnjähriger Junge das Schweigen und erhob sich. Er sagte: „Obwohl ich an einer Augenkrankheit leide, meine Beine schwach sind und ich nur ein Junge bin, werde ich dich dennoch begleiten.“ Dieser Junge war Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein). Später erwies er sich als eine der tragenden Säulen dieser Bewegung.

Außer einem Jungen antwortete niemand. Beim Anblick dieser Szene brach die versammelte Menge in schallendes Gelächter aus. Die Nachkommen Abd al-Muttalibs brachten durch dieses Gelächter sinngemäß zum Ausdruck: Welche große Revolution sollen diese Botschaft, ihr Verkünder und der antwortende Junge gemeinsam wohl bewirken? Das ist nichts weiter als ein Scherz und eine Verrücktheit. Um auf diesen Aufruf zu antworten, genügt ein spöttisches schallendes Gelächter.

Auch nach diesem zweiten Ereignis blieb die Atmosphäre ruhig. Als jedoch anschließend der dritte Schritt unternommen wurde, entstand in der Gesellschaft Unruhe, die allmählich immer heftiger wurde.

Bevor der dritte Schritt erörtert wird, scheint es notwendig, noch ein weiteres Ereignis zu schildern. Wie bereits erwähnt, wurde das Gebet wegen der widrigen Umstände heimlich verrichtet. Der Gesandte (sallallahu alaihi wa sallam) und seine Gefährten begaben sich außerhalb der Stadt an höher oder tiefer gelegene Stellen in den Bergen oder in die Ebene, um zu beten. Eines Tages wurden sie von den Polytheisten entdeckt, als Sa’d ibn Abi Waqqas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) an einem bergigen Ort gemeinsam mit anderen Gefährten betete. Während des Gebets begannen die Polytheisten obszöne Äußerungen von sich zu geben und jede einzelne Gebetshandlung zu verspotten. Als von der anderen Seite keinerlei Antwort kam, wurden sie ärgerlich und begannen einen terroristischen Angriff. Bei diesem Zusammenstoß wurde Sa’d ibn Abi Waqqas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) durch den Schwertschlag eines Polytheisten verletzt. Dies war auf dem Boden von Mekka das erste Blutvergießen auf Allahs Weg. Es war die erste rasende und brutale Reaktion der Gesellschaft der Unwissenheit. Diese Reaktion ließ erkennen, dass der Widerstand nun begann, den Weg der Gewalt einzuschlagen.

Eine Atmosphäre der Aufwiegelung und Erregung schaffen

Der islamischen Bewegung schlossen sich nach und nach vierzig Gefährten an. Auf diese Weise wurde die islamische Gemeinschaft zu einer tatsächlichen Kraft. Die Anweisung, das Glaubensbekenntnis der Wahrheit öffentlich auszusprechen, war bereits ergangen. Um diese Anweisung zu erfüllen, verkündete der Gesandte Allahs (s.a.w.) eines Tages im Hof der Kaaba die Einheit Allahs. Doch wenn das religiöse Bewusstsein entstellt wird, werden die religiösen Werte mit Füßen getreten. So wurde ausgerechnet die Verkündung der Einheit Allahs im Hof jenes heiligen Hauses, das einst als Zentrum der Verkündung der Botschaft des Tauhid errichtet worden war, als Beleidigung dieses Zentrums bezeichnet. Es ist höchst erstaunlich, dass die Kaaba Sharif nicht dadurch entweiht wurde, dass so viele Götzen aufgestellt worden waren; auch nicht dadurch, dass man die Stirn vor den Götzen rieb, nackt die Tawaf vollzog, Freudenschreie ausstieß oder in die Hände klatschte. Selbst wenn man im Namen der Gottheiten Tiere opferte und Steuern für das Priester- und Hüteramt erhob, galt die Kaaba nicht als beleidigt. Beleidigt fühlte man sich nur, wenn man den Namen des eigentlichen Besitzers dieses Hauses erwähnte.

Es ertönte der Ruf: „Die Kaaba ist entweiht worden, die Ehre des Haram Sharif ist verletzt worden.“ Was für eine entsetzliche Angelegenheit! Eine aufwiegelnde Tat, die das Blut im Kopf zum Kochen bringen konnte! Die durch heftige Erregung außer sich geratenen und von ihren Gefühlen überwältigten Götzendiener stürmten, nachdem sie das Glaubensbekenntnis des Tauhid gehört hatten, von allen Seiten herbei. Ein Tumult brach aus. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) wurde eingekreist. Harith bin Ubai eilte herbei, um den Gesandten Allahs (s.a.w.) zu schützen, als er den Lärm hörte. Doch er wurde durch einen Schwertstreich zum Märtyrer. Im Konflikt zwischen Islam und Dschahiliya in Arabien war dies das erste Martyrium, das zum Schutz des Islam geschah.

Statt über die auf äußerst friedliche und vernünftige Weise vorgetragene Einladung nachzudenken, eine Entscheidung darüber zu treffen und auf Argumente mit Argumenten zu antworten, wurde ihr mit blinder Leidenschaft und wahnsinniger Brutalität begegnet. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) zwang niemanden mit dem Schwert, das Glaubensbekenntnis der Wahrheit anzunehmen. Doch die gegnerische Kraft trat ihm mit dem Schwert in der Hand entgegen. Es ist das herausragende Merkmal der selbstsüchtigen Nutznießer eines nichtigen Systems, dass sie auf Argumente mit Aufwiegelung und Erregung und auf Beweise mit Brutalität und Terror reagieren. Den Gegnern fehlte auch nur das geringste Maß an Toleranz, um wenigstens einige Wochen, einige Tage oder einige Minuten über die im Hof der Kaaba verkündete Botschaft nachzudenken. Sie hätten anerkennen können, dass Muhammad (s.a.w.) ebenso wie sie das Recht hatte, irgendeine Religion, Ideologie, Philosophie oder Glaubensüberzeugung zu vertreten, sie entsprechend zu verkünden und der Religion, Auffassung oder Glaubensüberzeugung anderer zu widersprechen. Sie hätten zumindest die Möglichkeit einräumen können, dass sich unter uns einige Fehler und Mängel befinden und dass die von Muhammad (s.a.w.) verkündete Ideologie vielleicht eine Möglichkeit zur Korrektur dieser Fehler enthalten könnte. Tatsächlich schwindet bei den Führern eines nichtigen Systems jede Toleranz gegenüber anderen Ansichten, und ihre Fähigkeit zum Nachdenken, Abwägen und Urteilen geht verloren.

Versuchen Sie einmal, sich vorzustellen, wie jene Umgebung beschaffen war, in der unser geliebter Prophet Muhammad (s.a.w.) völlig unbewaffnet und mittellos, unter Einsatz seines Lebens, seine Pflicht zum Wohl unseres diesseitigen und jenseitigen Lebens erfüllte.

 

Verleumdung

Aus der Ermordung eines unschuldigen Menschen durch die Bewohner von Mekka im Inneren des Haram Sharif, dem Symbol der heiligen Gefühle, Hoffnungen und Erwartungen Hazrat Ibrahims (a.s.) und Hazrat Ismails (a.s.), ließ sich zwar eine Vorstellung von der heraufziehenden Zukunft gewinnen, doch damit begann noch nicht das eigentliche Zeitalter der Brutalität.

Die erste Phase des Widerstands ist stets von Spott, Hohn, Verhöhnung und Spitzfindigkeiten geprägt; allmählich nimmt sie dann die Gestalt von Terror und Rowdytum an.

Neben der niederträchtigen Gemeinheit der Beschimpfungen begannen die geschickten Verbreiter von Falschpropaganda auch damit, allerlei Bezeichnungen zu ersinnen, um die Bedeutung der Daʿwa des Gesandten s.a. herabzusetzen.

So sagte jemand: „Hört nicht auf die Worte dieses Mannes, denn er ist ein ‚Abtrünniger‘. Er hat die überlieferte Religion unserer Vorfahren aufgegeben und selbst eine erdichtete, absurde Religion geschaffen.“ Sie ließen sich von keinerlei Argumenten beeindrucken. Wer wollte, erließ einfach eine Kufr-Fatwa. Manchmal hieß es auch, er sei ein „Sābiʾ“ (Sternen- oder Naturanbeter) geworden. Da es in der damaligen polytheistischen Gesellschaft unerwünscht und schändlich war, ein Sābiʾ zu sein, galt es als ebenso beleidigend, jemanden als Sābiʾ zu bezeichnen, wie man heute einen Muslim als Juden, Charidschiten oder Atheisten beschimpfen würde. Menschen, die nicht in der Lage sind, der Wahrheit mit Argumenten und Beweisen entgegenzutreten, haben als einziges Mittel die negative Propaganda. Ein Werkzeug dieser negativen Propaganda besteht darin, jemandem einen schlechten Namen oder eine abwertende Bezeichnung zu geben. In jeder Gasse und bei jeder Versammlung trommelten die Propagandisten von Mekka herum: „Sie sind Sābiʾ geworden, von der Religion abgefallen, haben die Religion ihrer Vorväter aufgegeben und tragen immer neue Glaubensvorstellungen vor“ – und so weiter. Wenn ein solcher Sturm der Propaganda aufkam, wie bedrückend und beklemmend die Atmosphäre für die einfachen Menschen wurde und wie schwer es war, den richtigen Weg zu finden, lässt einen schon der Gedanke daran erschaudern. Und wie schwierig die Lage dieses kleinen Zuges der Wahrheit in einer solchen Umgebung war, kann man wohl kaum leicht ermessen. Doch wie gefährlich Situation und Umfeld auch sein mögen, sie können entschlossene und willensstarke Menschen nicht von ihrem Weg abhalten. Allah sagt:

„Die Gunst, die Allah den Menschen eröffnet, kann niemand zurückhalten.“ (Sure Fāṭir)

Wenn man den Argumenten mit einer Flut von Beschimpfungen begegnet, ist es seit jeher so, dass die Argumente an ihrem Platz bestehen bleiben, während die Beschimpfung, die sich auf bloße Emotionen stützt, selbst wenn sie einige Tage Bestand hat, schon bald ihre Wirkung verliert und verblasst; schließlich empfinden die Menschen Abneigung und Ekel gegen sie. Daher lautet das Grundprinzip derer, die in dieser Sache erfahren sind: Man muss ständig neue Beschimpfungen erfinden.

Gemäß diesem Grundprinzip wurde für den Gesandten s.a. eine weitere neue Beschimpfung erfunden: „Ibn Abī Kabsha“. „Abū Kabsha“ war der Name eines berüchtigten Mannes in Arabien. Im Gegensatz zur religiösen Geisteshaltung ganz Arabiens verehrte er den Stern namens „Schaʿrā“. Aus dem Namen dieses Abū Kabsha entstand die Bezeichnung „Ibn Abī Kabsha“. Sie bedeutet: der Sohn oder Anhänger Abū Kabshas. Allah bewahre! Um ihrem inneren Groll Luft zu machen, haben die emotional aufgewühlten Menschen von Mekka wahrlich alles Mögliche erfunden!

Wenn die zentrale und führende Persönlichkeit einer Daʿwa oder Bewegung zum Ziel solcher niederträchtigen Angriffe gemacht wird, besteht das eigentliche Ziel nicht nur darin, diese Person zu verletzen. Vielmehr geht es darum, die Lehre und Weltanschauung sowie die Bewegung herabzusetzen und ihr Ansehen zu beschädigen – jene Bewegung, deren zunehmende Verbreitung die Gegner in Angst versetzt. Doch wie sollte es möglich sein, einen gewaltig dahinströmenden Strom mit einem Damm aus Sand aufzuhalten? Die Spötter von Mekka sahen deutlich, dass jeder Damm, den sie aus Schmutz und Unrat errichteten, von der Wucht dieser Daʿwa wie Stroh fortgerissen wurde und dass sie jeden Morgen und Abend Schritt für Schritt weiter voranschritt. Deshalb griffen sie zu einer neuen Taktik der Falschpropaganda. Sie erfanden für den Gesandten s.a. eine neue Bezeichnung und begannen zu behaupten: „Dieser Mann ist tatsächlich verrückt geworden.“ Allah bewahre! Durch den Fluch der Götter sei sein Verstand verwirrt worden. Was er sage, seien weder Worte, die für einen bewussten Menschen angemessen seien, noch Worte, die von feinem Urteilsvermögen und überlegtem Denken zeugten. Er sei ein Mensch, der an einer psychischen Krankheit oder Hysterie leide. Wenn diese Krankheit schlimmer werde, sehe er manchmal Engel. Manchmal träume er vom Paradies und von der Hölle, und manchmal komme es ihm vor, als würden aus der unsichtbaren Welt irgendeine Offenbarung oder seltsame Worte zu ihm herüberdringen. In Wirklichkeit sei er ein geistig gestörter Mensch. Man solle seinen Worten keine Beachtung schenken. Jeder solle unerschütterlich an seinem jeweiligen überlieferten religiösen Glauben festhalten. Diejenigen, die der Wahrheit entgegenstehen, haben seit jeher die Gewohnheit, die Rufer zur Wahrheit als verrückt und wahnsinnig oder als einfältig und dumm zu bezeichnen, um die Schärfe ihrer Argumente abzustumpfen. Menschen, deren Gewohnheit es ist, sich im Strom der gesellschaftlichen Bräuche und Sitten treiben zu lassen, um den weltlichen Wohlstand zu mehren und ihre eigene Habgier, ihre Begierden und Wünsche zu befriedigen, gelten als klug und umsichtig. Dagegen gibt es im Wortschatz der Weltverehrer kein passenderes Wort, als diejenigen als einfältig und wahnsinnig zu bezeichnen, die ein Programm zur Reform und Verbesserung der Gesellschaft annehmen und dadurch ihr eigenes Leben in Gefahr bringen.

Diese Beschimpfungen wurden nicht nur in Abwesenheit des Betroffenen ausgesprochen, sondern auch direkt ins Gesicht:

ياايهاالذىنزلعليهالذكرانكلمجنون

„O du, der du behauptest, Offenbarung empfangen zu haben, du bist nichts weiter als ein Verrückter.“ (Sure al-Hidschr, 6)

Eigentlich kann man den wahren Genuss einer Beschimpfung gar nicht erfahren, wenn man sie dem anderen nicht direkt ins Gesicht schleudert.

Doch es lohnt sich, darüber nachzudenken: Gibt es irgendein Beispiel dafür, dass sich die Menschen einer Gesellschaft jemals unter der Führung eines Verrückten zu einer Bewegung zusammengeschlossen hätten? Hat eine geistig gesunde, aufrichtige und bewusst handelnde Jugend jemals die Führung durch törichte Menschen akzeptiert? Haben gesunde und kluge Menschen jemals auf den Ruf eines Geisteskranken reagiert, dessen Verstand aus dem Gleichgewicht geraten war? Um diese Fragen zu beantworten, bereiteten die Götzendiener von Mekka noch eine weitere Ausrede vor. [Für religiöse Menschen haben die Westler den Begriff „Fanatiker“ oder „religiös Verblendete“ gerade in dem Sinne geprägt, dass es sich um emotional aufgewühlte Menschen mit unausgeglichenem Verstand handle. Wenn die unreligiösen Menschen in unserer Gesellschaft islamliebende Menschen als „Mullahs“ bezeichnen, tun sie dies in dem Sinne, dass diese einfältig, unwissend gegenüber den Anforderungen der Zeit und blinde Verehrer vergangener Vorstellungen seien. Noch eine Stufe tiefergehend bezeichnen die Gegner religiöse Menschen als unwissend und töricht in politischen Angelegenheiten.] Sie sagen, dieser Mann, der den Anspruch auf das Prophetentum erhebt, beherrsche auch die Zauberei. Sobald jemand zu ihm komme, sage er ihm ein paar Worte, hypnotisiere ihn und zeige dabei den Gipfel magischer Geschicklichkeit. Deshalb gerieten sogar sehr gute und kluge Menschen nach und nach in seine Falle.

Doch es drängt sich unweigerlich die Frage auf: Hat bis heute irgendein Zauberer eine religiöse oder kulturelle Bewegung geleitet? Hat irgendein Zauberer oder Wahrsager jemals die Zauberei eingesetzt, um die Anbetung Allahs, den Tauhid, Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zu lehren? Gibt es in der Geschichte ein Beispiel dafür, dass ein Mensch mit der Mentalität eines Zauberers jemals durch seine Zauberkraft eine revolutionäre Bewegung aufgebaut hätte, um die bestehende Gesellschafts- und Staatsordnung zu verändern? Gibt es irgendwo ein Beispiel dafür, dass jemand durch die Kraft der Zauberei Verstand, Charakter und inneres Wesen verändert hätte? Und was für ein Zauberer war er dann, der, statt durch Zaubertricks ein paar Münzen zu verdienen, die Unterdrückung und Drangsalierung der Menschen im ganzen Land ertrug, die besten Menschen der Gesellschaft auswählte und sie auf die Durchführung eines gewaltigen gemeinschaftlichen Unternehmens vorbereitete? War das etwa ein Taschenspielertrick? In Wirklichkeit handelte es sich um eine abgedroschene Anschuldigung. In jeder Epoche wurde diese Anschuldigung gegen Menschen erhoben, die sich der Daʿwa und der Verkündigung widmeten. Damit versuchte man, der Bevölkerung den Eindruck zu vermitteln, diese Daʿwa habe keinerlei Verbindung zur Wahrheit und es gebe daher auch keinen Grund, sich spontan zu ihr hingezogen zu fühlen. Die Argumentation des Verkünders sei keineswegs scharfsinnig genug, um damit die Herzen der Menschen zu gewinnen; vielmehr beruhe das Ganze auf Betrug und Zauberei. Deshalb würden sogar sehr gute und kluge Menschen von der Daʿwa beeinflusst und verlören ihr inneres Gleichgewicht.

Manche Leute mögen den Führern der Quraisch die durch Offenbarung empfangenen Worte des Gesandten, insbesondere die Verse des Korans, vorgetragen haben, indem sie darauf hinwiesen, dass sie eine hochrangige, kunstvoll ausgeschmückte Sprache enthielten. Über diese Sprache mögen die damaligen Kenner der Literatur diskutiert und nachgedacht haben, und sie mögen erkannt haben, dass diese Offenbarungsworte selbst eine übernatürliche und außerordentlich wirkungsvolle Botschaft waren. Um daher die Vorstellung von der Übernatürlichkeit dieser Worte zu widerlegen, begannen sie zu sagen: „Was ist daran schon übernatürlich? Das ist doch nur eine Art Dichtung, kunstvolle Sprachgestaltung und literarische Ausdruckskraft. Muhammad war ein herausragender Redner. Durch die Kraft seiner Beredsamkeit werden einige junge Menschen mit unausgereiftem Verstand vom rechten Weg abgebracht.“

Doch die Frage lautet: Wie viele Dichter hat es nicht schon auf der Welt gegeben! Ist jemals ein Dichter auf der Welt erschienen, dessen Charakter so beispiellos und makellos gewesen wäre wie der Charakter, den Muhammad und seine Gefährten besaßen? Konnten jene, die lediglich Dichterversammlungen zu beleben wussten, jemals solche religiösen Aktivitäten hervorbringen, wie sie sich vor den Augen der Quraisch ereigneten?

Diese Frage brachte auch die Quraisch in Verlegenheit. Als Antwort verbreiteten sie gegen den Gesandten noch die Verleumdung, er befasse sich mit Astrologie. Die Wahrsager pflegten gewisse religiöse Gesten und Verhaltensweisen zu befolgen. Sie schufen eine geheimnisvolle Atmosphäre. Ihr Leben verbrachten sie mit vierzigtägiger Meditation, Abgeschiedenheit, asketischen Übungen sowie Beschwörungen und Zaubersprüchen. Auf allerlei ungewöhnliche Weise sammelten sie vielfältige Informationen und teilten sie in einer geheimnisvollen, kunstvoll verschlüsselten Sprache mit. Unter den gewöhnlichen Menschen traten sie als außergewöhnliche Menschen auf. Diese etwas sonderbaren Leute wurden „Kahin“ genannt. Indem sie den Gesandten mit diesem Namen bezeichneten, wollten sie zu verstehen geben, dass auch er dasselbe Geschäft des Schwindels eröffnet habe, damit die Menschen zu ihm kämen, seine Jünger würden und zugleich sein Lebensunterhalt gesichert wäre. (Allah bewahre uns davor.)

Doch der Koran hat all diese Verleumdungen mit einer vernichtenden Antwort zurückgewiesen, indem er sagte:

(Arabisch*********)

„Er ist kein Dichter. Doch ihr selbst habt die Tore eures Glaubens und eurer Überzeugung verriegelt. Er ist kein Wahrsager. Doch ihr denkt ja überhaupt nicht nach.“ (Sure al-Haqqa)

Die sehr kurze Analyse des Korans über das Toben ihrer Ausschweifungen lautet:

(Arabisch********)

„Sieh, welche verschiedenen Sprichwörter, Beispiele, Begriffe und Bezeichnungen diese Leute auf dich anwenden.“ Nachdem sie all dies getan haben, wie sie plötzlich vom rechten Weg abkommen, darüber sagt der Koran:(Arabisch*****) „Sie haben sich selbst getäuscht.“

Beachten Sie nun einen weiteren vergeblichen Versuch, Verwirrung zu stiften. Diejenigen, die behaupteten, Anhänger der Religion des Propheten Abraham zu sein, sagten, ein Dschinn komme zu Muhammad (s.) und bringe ihm höchst seltsame Reden bei. Mitunter wurde der Name eines römischen christlichen Sklaven aus Mekka (Dschaber, Dschabra oder Dscharb) genannt, und man behauptete, dieser Sklave gehe heimlich zu Muhammad und schreibe ihm all diese Ansprachen auf. Dabei ging er lediglich gelegentlich hin, um die Worte des Gesandten (s.) zu hören. Einmal sagte eine Gruppe der Quraisch-Führer zum Gesandten (s.): „Wir haben gehört, dass ein Mann namens ar-Rahman aus al-Yamama dich all diese Dinge lehrt. Bei Allah, wir werden niemals an diesen Rahman glauben.“ [Sira von Ibn Hischam, arabisch, Band 1, S. 317] Das Ziel dieser haltlosen Verleumdungen war, dem Volk den Eindruck zu vermitteln, dies alles sei das Werk irgendeiner ausländischen bösen Macht oder Person. Muhammad (s.) sei zum Spielball jener bösen Mächte geworden und habe sich mit ihnen verschworen, um die Religion und Gesellschaftsordnung von uns zu zerstören. Andererseits versuchte man auch den Eindruck zu erwecken, diese bezaubernden, schmuckvollen Worte seien weder ein Ausdruck von Muhammads (s.) Begabung noch eine Gabe Allahs. Vielmehr versuche durch sie irgendeine dritte äußere Macht, Einfluss auf sie auszuüben. Darüber hinaus wurde der Gesandte (s.) dadurch beschuldigt, Allah fälschlich etwas anzudichten. Der Koran gab eine ausführliche Antwort und machte diese böswilligen Absichten zunichte. Seine überzeugendste und unwiderlegbare Herausforderung war jedoch: „Bringt, wenn ihr könnt, selbst durch das gemeinsame Bemühen von Dschinn und Menschen eine Sure oder einige Verse hervor, die dem Koran gleichen.“

Nebenbei wurde damit auch behauptet, Muhammad (s.) bringe nichts Neues vor und habe keine außergewöhnliche Leistung vollbracht. Tatsächlich sammle er verschiedene Bestandteile alter Geschichten und Sagen und präsentiere sie in kraftvoller Sprache neu. Dies sei eine Art Erzählkunst. So wie Geschichtenerzähler mit ihren Geschichten eine Runde unterhalten, gewinne Muhammad die Herzen seiner Zuhörer, indem er ihnen unterhaltsame Geschichten erzähle. In der Beschimpfung der islamischen دعوت als alte Geschichten und Sagen lag die spöttische Andeutung: Wie sollen diese überholten Geschichten die Probleme der heutigen Zeit lösen? Die Zeiten hätten sich stark verändert. Von alten Märchen hätten die Menschen jener Zeit keinen Nutzen.

Das Merkwürdige ist, dass der Gesandte (s.) einerseits beschuldigt wurde, eine neue Religion zu verkünden, die der Religion seiner Vorväter völlig widerspreche. Andererseits wurden genau die Botschaften, die dieser Gesandte (s.) vortrug, als alte Geschichten und Sagen verurteilt. Es ist die übliche Vorgehensweise intrigierender Verschwörer mit eigennützigen Absichten, ohne vorheriges und nachträgliches Nachdenken einmal von einer Seite einen Fehler herauszugreifen und dann von der anderen Seite anzugreifen und genau den entgegengesetzten Einwand vorzubringen. Dabei bedenken sie nicht einmal, dass sie sich auf diese Weise widersprüchlich verhalten.

In dieser Phase wurde eine Front mit Dichtern eröffnet. Abu Sufyan ibn al-Harith, Amr ibn al-As und Abdullah ibn az-Zibara wurden damit beauftragt, scharf verurteilende Gedichte gegen den Gesandten (s.) zu verfassen und zu verbreiten. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Dichter in der vorislamischen Gesellschaft Arabiens einen enormen Einfluss besaßen. Im Grunde erfüllten sie die Rolle psychologischer Erzieher und Wegweiser der Menschen. Jedes Wort, das über ihre Lippen kam, hinterließ einen tiefen Eindruck in den Herzen der Menschen, und man verbreitete diese Worte, indem man sie auswendig lernte. Man kann davon ausgehen, dass die Dichter jener Zeit in vieler Hinsicht eine Stellung innehatten, die derjenigen der Journalisten unserer Zeit ähnelte. So wie heute ein fähiger Journalist jemandem durch die Macht seiner Feder und seiner Zeitung großen Schaden zufügen kann, wenn er ihn ins Visier nimmt, und durch seine boshaften und spitzen Kommentare, unanständigen Spott, ungehörigen Briefe, das Zurückhalten oder verfälschte Veröffentlichen von Nachrichten sowie irreführende Überschriften für eine Daʿwa, eine Bewegung oder eine Organisation einen Berg von Problemen schaffen kann, erfüllten die Dichter Arabiens eine ganz ähnliche Rolle. Mehrere Dichter waren damit beschäftigt, in jeder Straße und Gasse den schlechten Ruf und die Verleumdung Muhammads (s.) und seiner Bewegung zu verbreiten und durch gereimte Beschimpfungen und Schmährufe die Atmosphäre zu vergiften. Um Muhammad (s.) herum wurde genau ein solches Schauspiel geschaffen, wie es entsteht, wenn man hinter einem anständigen Passanten Hunde herhetzt. Doch die Botschaft und der Charakter des Propheten Muhammad (s.), des Freundes der Menschheit, machten den magischen Einfluss der Verleumdungen der Dichter sofort wirkungslos und zunichte.

Es sei darauf hingewiesen, dass diese gesamte Verleumdungskampagne nicht aufgrund eines Missverständnisses geführt wurde, sondern im Rahmen einer wohlüberlegten und sorgfältig geplanten Verschwörung. Einstimmig und geschlossen hatten sie beschlossen:(Arabisch*******)

„Hört diesen Koran nicht an, sondern macht beim Vortrag des Korans Lärm; vielleicht werdet ihr auf diese Weise siegen.“ (Ha-Mim as-Sadschda, Vers 26)

Das heißt: Hört den Worten desjenigen, der zur Wahrheit ruft, überhaupt nicht zu und versucht gar nicht erst, sie zu verstehen. Sonst könnte sich eure Denkweise verändern und euer bestehender Glaube könnte zerstört werden. Behindert seine Verbreitung durch Lärm und macht ihn zum Gegenstand von Spott und Scherzen. Dadurch wird die Kraft des Korans gebrochen, und der endgültige Sieg wird euch gehören. Schon aus diesem Vers lässt sich erkennen, wie die Psyche der Kräfte beschaffen ist, die dem Islam feindlich gegenüberstehen. Sie wollen weder zuhören noch verstehen und wollen auch andere weder zuhören noch verstehen lassen. Deshalb wollen sie durch die Erzeugung von Tumult Hindernisse errichten. Unser geliebter Anführer musste es tatsächlich mit genau solchen Menschen aufnehmen!

So giftete al-As ibn Wa’il as-Sahmi in seinem Versuch, das Ansehen der Daʿwa und der Bewegung des Gesandten (s.) zu beschädigen: „Lass Muhammad tun, was er tut. Er ist doch ohne Nachkommen. Er hat keinen Sohn. Wenn er stirbt, wird sich niemand mehr an ihn erinnern, und ihr werdet für immer von seinem Einfluss befreit sein.“ Diese boshafte Bemerkung wurde gemacht, weil die Söhne des Gesandten (s.) nicht am Leben geblieben waren. In Arabien war diese Bemerkung auch keineswegs bedeutungslos. Doch wie die Menschen früher waren sie nicht in der Lage zu begreifen, dass die wahren Kinder geschichtsschaffender Persönlichkeiten wie der Propheten ihre außergewöhnlichen und historischen Werke sind. Aus ihren Geistern gehen immer neue Zivilisationen hervor. Ihre Gefährten und Anhänger schreiten in Scharen voran, um das Erbe ihrer Daʿwa und ihrer Lehren zu bewahren und ihre Erinnerung wiederzubeleben. Der gewaltige Segen, der daraus entsteht, ist an Kraft und Wert weit größer als ganze Scharen von Söhnen. Als Antwort auf diese spitze Bemerkung wurde die Sure al-Kawthar offenbart. In dieser Sure wird al-As und seinen Gefährten gesagt: Ich habe meinem Propheten al-Kawthar gegeben, diesen Kawthar für ihn zu einer Quelle überreichen Segens gemacht, ihm die vorzüglichste Gabe wie den Koran verliehen, ihm eine große Schar von Gläubigen gegeben, die Allah und dem Gesandten gehorsam sind und den Islam verwirklichen und verbreiten, und ich habe für ihn im Jenseits ein Becken namens Kawthar vorbereitet, das ihm als Geschenk gegeben wird. Wer einmal die Erlaubnis erhält, aus diesem Becken zu trinken, wird bis in alle Ewigkeit keinen Durst mehr verspüren. Danach sagte Allah: O Prophet, in Wahrheit sind deine Feinde ohne Nachkommen. Es wird tatsächlich niemanden geben, der ihrer gedenkt. Niemand wird sich auch nur beiläufig daran erinnern, wer dieser oder jener von ihnen war. In der Geschichte werden sie keinen Platz haben.

Es dürfte nicht unangebracht sein, hier eine Liste der elendsten Menschen von Mekka zu nennen, die sich im Spott und in der Verhöhnung besonders hervortaten. Es waren al-Aswad ibn al-Muttalib vom Stamm der Banu Asad, al-Aswad ibn Abd Yaghuth vom Stamm der Banu Zuhra, al-Walid ibn al-Mughira von den Banu Machzum, al-As ibn Wa’il von den Banu Sahm und al-Harith ibn Talatila vom Stamm der Banu Khuza’a.

Sophistische Wortklauberei

Zusammen mit Spott, Scherzen, Hohn, Beschimpfungen und unanständigen Bezeichnungen begann auch die Phase der sophistischen Wortklauberei. Diejenigen, die eine offenbare Wahrheit nicht anerkennen wollten, bemühten sich, durch allerlei sophistische Argumente zwischen sich und demjenigen, der zur Wahrheit rief, Hindernisse zu errichten. Sobald ein solcher Versuch scheiterte, wurde mit neuer Kraft ein anderer begonnen. Menschen, die sich solchen Bemühungen hingeben, verschwenden ihr ganzes Leben damit, ohne sich selbst irgendeinen Nutzen zu bringen oder anderen einen konstruktiven Dienst zu erweisen. Fragen und Einwände, die aufrichtig vorgebracht werden, sind von einer Art; Fragen und Einwände, die in verschwörerischer Absicht erhoben werden, um demjenigen, der zur Wahrheit ruft, den Weg zu versperren, sind von ganz anderer Art. Das Erheben von Fragen und Einwänden der letztgenannten Art wird sophistische Wortklauberei genannt. Sophistische Wortklauberei ist stets ein Zeichen von Unglaube, übler Absicht und Verschwörung. Das Kennzeichen der Sophisten ist, dass sie aus der Daʿwa überhaupt nichts lernen wollen, sondern darin künstlich irgendeine Verdrehung suchen. Im Koran wird dieser Zustand so beschrieben: „Sie suchen darin eine Verdrehung.“ (Sure Hud: 19)

Einerseits fragten diese fanatischen und unnachgiebigen Verfechter der Religion ihrer Vorväter den Gesandten (s.a.s.) immer wieder: Wenn du tatsächlich ein Prophet bist, warum hast du dann kein unwiderlegbares Zeichen und keinen eindeutigen Beweis deiner Prophetenschaft bei dir, angesichts dessen niemand anders kann, als deine Prophetenschaft anzuerkennen?

Mitunter stellten sie sich auch ganz naiv und sagten: „Warum wird nicht unmittelbar ein Zeichen auf uns herabgesandt, oder warum geschieht es nicht so, dass wir unseren Herrn direkt sehen können?“ (Sure al-Furqan, Vers 31)

Mit anderen Worten: Wozu diese langen Erörterungen und Streitgespräche? Es hätte doch genügt, wenn Scharen von Engeln ganz einfach vom Himmel herabgestiegen wären und vor unseren Augen umhergegangen wären. Und anstatt dass Allah durch dich Nachrichten zu uns schickt und Seine Herrschaft verkündet, könnte Er doch selbst vor uns erscheinen. Dann könnten wir feststellen: Das ist unser Allah. Damit wäre jeder Streit beendet.

Von Zeit zu Zeit sagten sie auch: Wenn das, was du sagst, wirklich von Allah stammt, dann wäre es doch besser, wenn ein geschriebenes Buch vor unseren Augen direkt zu uns gelangte. Noch besser wäre es, wenn du selbst mit dem Buch in der Hand über eine Leiter vom Himmel herabsteigen würdest. Dann würden wir uns mit gesenktem Haupt dazu bekennen, dass du wahrhaftig ein Prophet bist. Es wurde auch die Frage aufgeworfen: Warum wird der Koran auf diese Weise Stück für Stück offenbart? Warum wird nicht das gesamte Buch auf einmal offenbart? Doch auf jede dieser Fragen wurde im Koran wiederholt ausführlich geantwortet. Gerade wegen dieser Antworten waren sie zornig, denn dadurch wäre die Maske ihrer Verschwörung gefallen und ihr Vorhaben gescheitert.

Ein weiteres ihrer spitzfindigen Argumente lautete: Du bist doch ein Mensch aus Fleisch und Blut wie wir. Auch du bekommst Hunger, bist gezwungen, deinen Lebensunterhalt zu verdienen, gehst auf den Markt und führst ein mühsames Leben. Dir wird so viel Unrecht zugefügt, ohne dass dir jemand zu Hilfe kommt. Wie sollen wir unter diesen Umständen glauben, dass du ein von Allah geliebter Diener bist und mit der Aufgabe betraut wurdest, die Menschen auf der ganzen Welt zu reformieren und zu bessern? Wenn du ein so bedeutender und außergewöhnlicher Mann wärst, würde eine Schar von Engeln als Wache vor dir hergehen und die Menschen vom Weg scheuchen. Und sollte dir jemand Unrecht zufügen oder auch nur ein wenig unhöflich zu dir sein, würden diese Engel ihm mit Stöcken den Kopf blutig schlagen. Unter solchen Umständen würde jeder widerspruchslos anerkennen, dass du ein von Allah geliebter Diener und ein Prophet bist. Für dich hätten Schätze vom Himmel herabgesandt werden müssen. Du hättest in königlicher Pracht und Herrlichkeit leben müssen, für deinen Wohnsitz hätte ein Palast aus Gold errichtet werden müssen, eigens für dich hätte ein Kanal angelegt werden müssen, du hättest einen großen Obstgarten besitzen müssen, und aus diesem Garten hätte genügend Einkommen hervorgehen müssen, damit du ein sorgenfreies Leben führen könntest. Wenn du mit einer solchen Pracht und einem solchen Glanz deine Prophetenschaft beansprucht hättest, hätten wir dies gewiss anerkannt. Dabei sind wir dir an Reichtum und Anhang weit überlegen. Du und deine Gefährten gehört zu den ärmsten und niedrigsten Schichten der Gesellschaft. Uns gegenüber besitzt ihr keinerlei Vorzug. Also, Muhammad, sag selbst: Aus welchem Grund sollen wir dich als Propheten anerkennen?

Deshalb riefen die Leute jedes Mal, wenn der Gesandte (s.a.s.) durch eine Straße ging: „Ist das etwa derjenige, den Allah als Gesandten geschickt hat?“ Mit wedelnden Fingern und deutenden Gesten sagten die Rowdys und Gewalttäter von Mekka: „Seht nur, Allah hat für die Ernennung eines Propheten und Gesandten niemanden außer diesem mittellosen Mann gefunden. Was für eine großartige Auswahl!“ In ähnlicher Weise zeigte man auf die Führer und Aktivisten der islamischen Bewegung und sagte: „Das sollen also jene angesehenen Persönlichkeiten sein, die Allah ausgewählt und uns gegenüber bevorzugt hat.“

Man sagte auch: „Warum bringst du nicht die Strafe herbei, mit der du uns drohst und durch die du Führer werden willst? Lass doch einen Teil des Himmels über uns Ungläubigen einstürzen! Man betete sogar zum allmächtigen Allah: O Allah, wenn diese Daʿwa wahr ist, dann vernichte uns durch eine Strafe!“

Diese Anspruchsteller auf das alleinige Recht an der Religion ihrer Vorväter sagten mitunter auch: „O Muhammad! Wenn du sagst, dass Allah allmächtig ist, warum bringt Er uns dann nicht durch den Einsatz Seiner Macht auf den Weg des Islam? Wenn Er uns als Anhänger des Tauhid und als rechtschaffene Menschen sehen will, warum macht Er uns dann nicht zu Anhängern des Tauhid und zu rechtschaffenen Menschen? Er kann uns doch daran hindern, Götzen anzubeten. Er kann uns davon abhalten, falsche Glaubensüberzeugungen zu hegen. Wenn Er dies jedoch nicht tut, dann gefällt Ihm gewiss unser gegenwärtiges Verhalten. Warum kritisierst und verurteilst du unter diesen Umständen unser Verhalten und unsere Bräuche? Wer bist du überhaupt?“

Sie verspotteten auch die Auferstehung. In sehr theatralischer Weise fragten sie: „Sagen Sie uns doch, wann dieses Ereignis eintreten wird. Ist für die Auferstehung etwa kein bestimmter Tag und kein bestimmtes Datum festgelegt?“

Diese Beispiele sind den Werken über den Koran, die Hadithe und die Geschichte entnommen. Sie lassen erahnen, welch niederträchtiger Umgebung der größte Wohltäter der Welt und der größte Menschenfreund ausgesetzt war. Menschen mit äußerst schlechtem Geschmack umringten ihn von allen Seiten und fuhren fort, ihn zu verleumden und zu beschimpfen. Im Ton einer Debatte brachten sie immer wieder allerlei konstruierte Fragen vor. Der Gesandte (s. a. s.) hingegen legte mit äußerster Kühle und Ruhe sowie in höchst höflicher und anständiger Haltung die Argumente für seine Daʿwa dar. Er erwiderte ihre Angriffe nicht mit Beschimpfungen oder Vorwürfen. Er zeigte kein Interesse an der Auseinandersetzung. Er wurde nicht zornig. Doch wich er auch keinen einzigen Augenblick davon ab, zur Daʿwa aufzurufen und ihre Argumente darzulegen.

Im Koran findet sich ein vollständiges Bild der seelischen Qualen und Leiden, die der Gesandte (s. a. s.) ertragen musste, während er sich durch dieses Toben von Spott, Hohn und Sophisterei vorankämpfte.

Allah, der Erhabene, selbst sprach dem Gesandten (s. a. s.) Mut zu und tröstete ihn und wies ihn an, diese Phase geduldig zu durchschreiten. Er sagte: „Übe dich in Vergebung, gebiete das Rechte und wende dich von den Unwissenden ab.“ (Sure al-Aʿraf, 199)

Das heißt: In jener Zeit der Unterdrückung und Verfolgung wurde der Gesandte (s. a. s.) zu drei Dingen angewiesen: Propaganda und Beschimpfungen nicht zu beachten, unter allen Umständen die Wahrheit zu sagen und nicht hinter sittenlosen und törichten Menschen herzulaufen.

Sowohl der Koran als auch die Geschichte bezeugen, dass der Gesandte (s. a. s.) die gesamte Zeit der Unterdrückung und Verfolgung überstand, indem er diese drei Anweisungen buchstabengetreu befolgte. Obwohl er äußerste seelische Qualen erlitt, ließ er keinerlei Veränderung in seiner eigenen Ausdrucksweise zu, ließ als Verkünder der Daʿwa keinen Unterschied in seinem edlen Charakter aufkommen und ließ auch die Schärfe seiner Argumentation nicht im Geringsten nach.

Möge Allah Seinen reinen Geist und Seine Gefährten mit Barmherzigkeit und Segen bedenken. Wann immer jene Sophisten auch nur ein scharfes Argument vorbrachten, widerlegte der Gesandte es sogleich auf Anweisung der Offenbarung in jeder Hinsicht – ganz gleich, wie niedrig es auch gewesen sein mochte.

Argumente

Bei Spott, Verleumdung und sophistischem Gezänk brachten die Führer der Quraisch gelegentlich auch ein oder zwei scharfsinnige Argumente vor, doch waren es nur sehr wenige. Hier werden einige Beispiele angeführt:

Ein solches Argument brachten sie gelegentlich folgendermaßen vor: Wir halten die Götzenbilder keineswegs für größer als Allah. Wir sagen lediglich, dass die großen Persönlichkeiten, deren Seelen diese Statuen symbolisieren, bei Allah für uns Fürsprache einlegen können. Indem wir uns vor diesen Statuen niederwerfen und ihnen Opfer darbringen, können wir Allahs Nähe erlangen.

Sie sagten außerdem: Unserer Ansicht nach ist das irdische Leben das einzige Leben; ein anderes Leben wird es für uns nicht geben, und nach unserem Tod werden wir auch nicht wieder zum Leben erweckt werden. Wie können wir also eine Religion annehmen, die uns durch die Vorstellung einer anderen Welt die Interessen und den Frieden und das Glück des Lebens in dieser Welt vorenthalten will?

Sie führten auch dieses Argument an: Wenn wir Muhammads Botschaft annehmen, die gegenwärtige religiöse und gesellschaftliche Ordnung beseitigen lassen und unsere Vorherrschaft über sie aufgeben, dann werden wir aus dem Land vertrieben werden.

Aus diesen zwei oder drei Beispielen wurde deutlich, dass sie zwischen sophistischem Gezänk und Winkelzügen auch einige Argumente vorbrachten. Doch der Koran gab auf all diese Argumente auch eine schlagende Antwort.

Terror und Rowdytum

Zusammen mit Spott, Beschimpfungen und Verleumdungskampagnen nahm der fanatische Widerstand der Quraisch allmählich die Gestalt von Rowdytum, Terror und Gewalt an. Wenn die Drahtzieher der negativen Verschwörung sahen, dass ihr Spott und ihre Verleumdungen erfolglos blieben, waren Rowdytum und Terror stets ihr nächster Schritt. Die Bewohner von Mekka verhielten sich beim Quälen des Gesandten Allahs so niederträchtig, dass jeder andere Verkünder, ganz gleich, wie mutig und tatkräftig er gewesen wäre, dadurch seinen Eifer und seine Begeisterung verloren, sich entmutigt hingesetzt und aufgegeben hätte. Doch die Höflichkeit und Würde des Gesandten Allahs schritten voran und ließen alle Gewalt und allen Rowdytum unbeachtet.

Zu den Verhaltensweisen, die völlig alltäglich geworden waren, gehörte, dass die einflussreichen Anführer und Stammesoberhäupter aus seiner Nachbarschaft regelmäßig Dornen auf seinem Weg ausstreuten, während seines Gebets spotteten und Lärm machten, ihm während der Niederwerfung die Eingeweide geschlachteter Tiere auf den Rücken warfen, ihm einen Umhang um den Hals wickelten und ihn damit zu strangulieren versuchten, die Jungen und Mädchen des Viertels dazu anstachelten, in die Hände zu klatschen und lärmend umherzulaufen, und ihn, den Koran und Allah beschimpften, wenn er den Koran rezitierte.

Bei diesem Frevel gingen Abu Lahab und seine Frau am weitesten. Diese Frau warf ihm mehrere Jahre lang ununterbrochen Unrat und Dornen auf den Weg. Der Gesandte (s.a.) musste den Weg täglich unter großen Mühen reinigen. Diese Unglückselige belästigte ihn derart, dass Allah, der Erhabene, zu seiner Tröstung eigens die Sure al-Lahab offenbarte und ihr mitteilte, dass die Wohnstätte dieses lasterhaften Ehepaares die Hölle sein werde.

Einmal betete der Gesandte (s.a.) auf dem Platz der heiligen Kaaba. Da wickelte Uqba ibn Abi Muʿait ihm seinen Umhang um den Hals und zog ihn so fest zu, dass er bewusstlos zu Boden fiel. Dieser Übeltäter war es auch, der ihm einmal während des Gebets die Eingeweide eines Tieres auf den Rücken warf.

Einmal warf ein Frevler ihm, als er die Straße entlangging, Erde auf den Kopf. In diesem Zustand ging er schweigend nach Hause. Als die junge Fatima (r.a.) ihm den Kopf wusch, weinte sie vor Trauer und Empörung. Er tröstete seine kleine Tochter mit den Worten: „Meine Tochter, weine nicht. Allah wird deinen Vater beschützen.“

Ein anderes Mal bemerkten Abu Dschahl und einige weitere führende Männer der Quraisch, dass er im Heiligtum betete. Auf Abu Dschahls Befehl ging Uqba ibn Abi Muʿait, holte Eingeweide und warf sie dem Gesandten (s.a.) auf den Körper, woraufhin alle in lautes Gelächter ausbrachen. Auch an diesem Tag wusch Fatima, seine kleine Tochter, seinen Körper sauber und verfluchte Uqba.

Dem guten Rat „Dient dem einen Allah, folgt der Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit und helft den Waisen und den Reisenden“ wurde auf folgende Weise Widerstand geleistet: Man versuchte, den Weg der islamischen Bewegung zu versperren, indem man ihn mit Dornen bedeckte. Durch das Werfen von Unrat wurde der heilige Aufruf zu Tauhid und gutem Verhalten mit allen Mitteln auszurotten versucht. Man legte dem Gesandten (s.a.) eine Last aus Eingeweiden auf den Rücken und glaubte, die Wahrheit werde nun nicht mehr ihr Haupt erheben können. Indem sie dem Gesandten (s.a.) eine Schlinge um den Hals legten, meinten die Unwissenden, die Stimme der Offenbarung werde nun verstummen. Derjenige, den man mit Dornen empfing, begann unablässig, Blumen regnen zu lassen. Derjenige, dessen Körper man mit Unrat bewarf, verteilte fortwährend Duft und Rosen unter dem Volk. Derjenige, dem man eine Last aus Eingeweiden auf den Nacken legte, nahm der Menschheit den Geist des Falschen von den Schultern. Derjenige, dem man eine Schlinge um den Hals legte, löste die Ketten falscher Bräuche und Sitten vom Hals der Zivilisation. Rowdytum konnte den Weg der Höflichkeit auch nicht für einen Augenblick versperren. Wenn die Bannerträger von Höflichkeit und Anstand wahrhaft entschlossen sind, müssen Terror und Rowdytum, die den ewigen Gesetzen der Menschheitsgeschichte widersprechen, auf diese Weise mit äußerster Strenge bestraft und für immer beseitigt werden.

 

Der vergebliche Versuch, die islamische Bewegung ihrer Unterstützung zu berauben

Wenn die Gegner des islamischen Aufrufs erkennen, dass das Wasser ihnen bis über den Kopf steigt, geraten sie außer sich und versuchen, der Bewegung oder ihren Anführern und Aktivisten jede wirksame Unterstützung und Förderung durch die Gesellschaft zu entziehen. Wenn sie es nicht unmittelbar schaffen, wollen sie die Soldaten der Revolution durch indirekten Druck handlungsunfähig machen.

Die Bewohner von Mekka wollten den Gesandten (s.a.) vollständig beseitigen. Doch sie fürchteten, dass das Feuer stammesbedingter Feindschaft und Rachsucht so aufflammen würde, dass niemand mehr in der Lage wäre, die Kette des Blutvergießens zu beenden. Ein verheerender Krieg in der jüngeren Vergangenheit hatte sie so schwer verwundet, dass sie keineswegs bereit waren, sofort das Risiko eines ähnlichen Krieges einzugehen. Außerdem gab es noch eine weitere Schwierigkeit. Zwischen den Banu Haschim und den Banu Umaiya herrschten alte Feindschaft und Rivalität. Die Anführer der Banu Umaiya, insbesondere Abu Lahab, konnten es keinesfalls ertragen, dass jemand aus einer Familie des Stammes der Banu Haschim zum Propheten wurde und diese Familie dadurch gesellschaftliche Anerkennung erlangte. Die Banu Haschim hatten ein- oder zweimal bereits den Entschluss gefasst: „Was schadet es, Muhammad offen zu unterstützen? Er gehört doch zu uns. Wenn er an Bedeutung gewinnt und sich seine Religion ausbreitet, wird das doch auch uns Nutzen und Wohlstand bringen.“ Doch die Anführer der Banu Umaiya ließen sie diesen Entschluss niemals umsetzen. Zwar konnten die Banu Haschim nichts Wirksames unternehmen, doch es war nicht einfach, Hand an eines ihrer Mitglieder zu legen, solange sie ihn nicht aus dem Stamm ausgestoßen hatten. Der Gesandte (s.a.) stand inzwischen unter dem Schutz seines Onkels Abu Talib. Solange dieser Schutz bestand, war praktisch der gesamte Stamm der Banu Haschim sein Beschützer. Seine Feinde setzten daher alle Kräfte ein, um dem Gesandten (s.a.) diesen Schutz zu entziehen. Zu diesem Zweck übten sie lange Zeit Druck auf Abu Talib aus, doch jedes Mal scheiterten sie.

Einmal erschien eine starke Delegation führender Persönlichkeiten wie Utba und Schaiba, die beiden Söhne Rabias, Abu Sufyan ibn Harb, Abu al-Bachtari, al-Aswad ibn Abd al-Muttalib, Abu Dschahl, al-Walid ibn al-Mughira, Nabih und Munabbih, die beiden Söhne von al-Haddschadsch ibn Amir, sowie As ibn Wa’il, bei Abu Talib und sagte:

„O Abu Talib, dein Neffe beschimpft unsere Götter und Götzen, kritisiert unsere Religion, erklärt unsere Vorfahren für töricht und bezeichnet sie als irregeleitet. Unsere Bitte an dich lautet nun: Entweder hältst du ihn davon ab, gegen uns Maß zu überschreiten, oder du übergibst ihn uns. Denn was die Glaubensüberzeugung betrifft, gehörst auch du zu unserer Gemeinschaft und bist sein Gegner. Wenn du ihn nicht unter Kontrolle bringen kannst, werden wir es gewiss können.“

Abu Talib hörte sich alles ruhig an, redete der Delegation zu und verabschiedete sie. Der Gesandte (s.a.w.s.) setzte seine Arbeit wie gewohnt fort, während die Quraisch immer mehr in Wut gerieten. Lesen Sie die Ansprache der Delegation aufmerksam. Sie werden sehen, wie tiefe Emotionen darin wirksam sind. Es wurde ein äußerst nachdrücklicher Appell vorgetragen. Aus dieser Ansprache wird deutlich, dass die Feinde des Islam besondere Vorbereitungen getroffen hatten, um die Bevölkerung aufzuwiegeln. Sie erhoben solche Parolen und Anschuldigungen, dass die Menge beim bloßen Hören vor Zorn bersten und sich gegen den Gesandten (s.a.w.s.) furchtbar erzürnen und aufbringen würde. Die Geschichte bezeugt, dass immer dann, wenn ein Krieg gegen den Islam organisiert wurde, mit Sicherheit irgendwelche irreführenden Informationen verbreitet wurden, um die Bevölkerung aufzuhetzen.

Zu diesen irreführenden Informationen gehörte die Behauptung, dass eure religiösen Gefühle verletzt und eure Götter beschimpft würden.

Die zweite Behauptung lautete, dass die überlieferte Religion und die Religion der Vorfahren kritisiert werde.

Die dritte lautete, dass die Vorfahren beleidigt würden.

Die Götzendiener von Mekka hatten all diese aufwieglerischen Mittel zusammengetragen. Obwohl in der Offenbarung, die dem Gesandten (s.a.w.s.) zuteilwurde, die Götter der Quraisch nicht beschimpft wurden – vielmehr wurde den Muslimen verboten, sie zu beschimpfen –, versuchte man dennoch, die Bevölkerung dadurch aufzubringen, dass man die gegen diese Götter vorgebrachten Argumente und Beweise als Beschimpfungen bezeichnete. Er hatte ihre Vorfahren nicht beleidigt, sondern lediglich gesagt, dass es keineswegs vernünftig sei, an etwas festzuhalten, nur mit der Begründung, es sei von den Vorfahren überliefert worden. Doch auch diese Aussage wurde als Beleidigung der Vorfahren ausgelegt. Ebenso wurden all seine Ausführungen zum Beweis der Vernünftigkeit des Tauhid und der Unvernünftigkeit des Schirk sowie seine – auf Fragen der Götzendiener hin vorgenommene – Kritik an der überlieferten Religion als Fehlersuche an der traditionellen Religion hingestellt.

Ein weiteres Mal kam eine andere Delegation. Auch sie kramte dieselben alten Anschuldigungen hervor und sagte:

„O Abu Talib, du bist unter uns der Älteste und an Rang und Würde der Höchste und Geehrteste. Wir hatten dich gebeten, uns vor den Übergriffen deines Neffen zu schützen. Doch du hast nichts getan. Bei Allah, es ist für uns unerträglich, wie unsere Vorväter beschimpft, unsere Ahnen für töricht erklärt und unsere Götter kritisiert werden. Wenn du ihn nicht zurückhältst, werden wir sowohl mit ihm als auch mit dir abrechnen. Entweder wir bleiben am Leben, oder Muhammad und seine Anhänger bleiben am Leben. [Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 108]“

Abu Talib ließ nun den Gesandten (s.a.w.) rufen und berichtete ihm alles, was gesagt worden war. Dann bat er ihn eindringlich: „Mein Neffe, bürde mir keine Last auf, die ich nicht tragen kann.“ In diesem Augenblick sah er sich einer Lage gegenüber, in der selbst seine einzige Zuflucht ins Wanken zu geraten schien. Äußerlich war der gefährlichste Augenblick für die islamische Bewegung gekommen. Doch beachte, mit welch tiefer Aufrichtigkeit und unerschütterlicher Entschlossenheit er sagte:

„O Onkel, bei Allah, selbst wenn sie mir die Sonne in die rechte und den Mond in die linke Hand legten und mich aufforderten, diese Sache aufzugeben, würde ich sie dennoch nicht aufgeben. Meine Aufgabe wird erst an dem Tag enden, an dem Allah mir in dieser Sache den Sieg schenkt – andernfalls werde ich bei diesem Bemühen zugrunde gehen.“

In dieser Aussage des Gesandten (s.a.w.) hören wir die laute Stimme jener eigentlichen Kraft, die die Geschichte umwälzt, jeden Widerstand und jede Verschwörung zerschmettert und ihr Ziel erreicht. Bedauerlicherweise spürten die Quraisch die Gegenwart dieser Kraft nicht. Unter dem zauberhaften Einfluss dieser Kraft sagte Abu Talib: „Geh, mein Neffe, und rufe die Menschen zu dem auf, was dir gefällt. Unter keinen Umständen werde ich dich schutzlos im Stich lassen.“

Einige Tage später kam eine weitere Delegation und brachte ʿAmāra ibn al-Walīd mit. Diesmal kamen sie mit einem ungewöhnlichen Plan. Sie sagten zu Abu Talib: „Seht, dies ist der kräftigste und schönste junge Mann des Stammes der Quraisch. Nehmt ihn zu euch. Seine Klugheit und Kraft werden euch sehr nützlich sein. Macht ihn zu eurem Sohn und übergebt uns im Gegenzug Muhammad. Denn er hat sich gegen die Religion eurer vierzehn Vorfahren aufgelehnt, unter den Menschen eures Landes Zwietracht und Unordnung gestiftet und ihre Ahnen für töricht erklärt. Wir wollen ihn töten. Wir geben euch einen Menschen anstelle eines anderen. [Ibn Hischām, erster Band, S. 279]“

Seht euch die Denkweise dieser Leute an. Eine so großartige Persönlichkeit wie Muhammad (s.a.w.) ist für sie offenbar eine Handelsware. Und Abu Talib scheint für sie nicht sein Onkel, sondern ein Geschäftsmann zu sein! Die Worte der Delegierten verletzten Abu Talib zutiefst. Er sagte: „Ihr wollt, dass ich euren Sohn liebevoll aufziehe, während ihr meinen Neffen mitnehmt und abschlachtet. Das kann niemals geschehen.“ Schließlich endete die Angelegenheit mit einem aufgebrachten Wortwechsel. Selbst innerhalb der Delegation kam es zu Meinungsverschiedenheiten.

Nun begannen die Quraisch, all jene Stämme aufzuhetzen, in denen sich Muslime befanden, damit sie die Gefährten des Gesandten (s.a.w.) verfolgen sollten. Man begann, sie mit harter Gewalt vom Islam abzubringen. Nur den Gesandten (s.a.w.) bewahrte Allah unter dem Schutz Abu Talibs. Als Abu Talib die Haltung der Quraisch bemerkte, wurde er unruhig und bat die Banū Hāschim und die Banū ʿAbd al-Muttalib, die Sicherheit des Lebens des Gesandten (s.a.w.) zu gewährleisten. Die Menschen versammelten sich und waren bereit, Muhammad (s.a.w.) zu schützen. Doch aufgrund des entschiedenen Widerstands Abu Lahabs konnte keine endgültige Entscheidung getroffen werden.

Als später zwei einflussreiche Männer aus den Reihen der Feinde, Hamza und Umar, der islamischen Bewegung beitraten, entbrannte im Lager der Gegner erneut heftiger Unmut. Es wurde deutlich, dass die von Muhammad (s.a.w.) geführte Bewegung inzwischen begann, in jedes Haus einzudringen. Also musste etwas unternommen werden. Abu Talib lag damals krank danieder. Sie begaben sich zu ihm. Diesmal bestand ihr Plan darin, mit dem Gesandten (s.a.w.) ein Abkommen zu schließen: Er sollte sich nicht in ihre Angelegenheiten einmischen, und sie wollten sich nicht in seine Angelegenheiten einmischen. Er sollte keinerlei Verbindung zu ihrer Religion unterhalten, und sie wollten keinerlei Verbindung zu seiner Religion unterhalten. Der Gesandte (s.a.w.) wurde gerufen. Nachdem er die Forderungen der Quraisch angehört hatte, sagte er:

(Arabisch: *********)

„O ihr Führer der Quraisch, nehmt nur dieses eine Wort von mir an, und ihr werdet sehen, dass die gesamte Menschheit, Araber wie Nichtaraber, euch folgen wird.“

Stellen Sie sich einmal vor, was für eine lebensgefährliche Umgebung das war. Was für eine schreckliche Lage, erfüllt vom Gift der Verschwörung und des Widerstands. Und dennoch besaß der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein so tiefes und unerschütterliches Vertrauen in die innewohnende Kraft und die Möglichkeiten seiner Daʿwa. Als stünde er in der tiefsten Dunkelheit der Nacht und sagte mit völliger Gewissheit: Gleich wird die Sonne aufgehen. Beachten Sie darüber hinaus, wie deutlich vor ihm nicht nur die religiöse, sondern auch die gesellschaftliche und politische Seite seines Ideals hervortrat.

Abu Dschahl rief schneidig aus: „Ja, bei deinem Vater, nicht nur eines, sondern zehn Worte werden angenommen.“

Ein anderer sagte: „Bei Allah, dieser Mann wird offenbar kein einziges Wort nach eurem Geschmack annehmen.“

Danach gingen sie enttäuscht fort. Aus dem Gespräch der Delegation wurden jedoch einige Dinge klar. Erstens waren sie gezwungen, die islamische Bewegung als eine Kraft anzuerkennen, gegenüber der es weitaus besser war, irgendeinen Weg zu einem Kompromiss und zur Koexistenz zu finden, als vergeblich zu versuchen, sie zu beseitigen. Zweitens begannen die Quraisch trotz all ihrer Verfolgung, Unterdrückung und Verschwörungen, ihre eigene Hilflosigkeit zu erkennen.

Dies war die Lage des Gesandten Allahs selbst, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Andererseits wurde auch versucht, diejenigen unter seinen Gefährten, die unter dem Schutz irgendeines Vormunds lebten, ihres Schutzes zu berauben.

Zum Beispiel stand auch Abu Salama unter dem Schutz Abu Talibs. Da kamen die Männer seines Stammes, der Banu Machzum. Sie sagten: „Abu Talib, du hast deinen Neffen nicht an uns ausgeliefert. Aber welches Recht hast du, den Mann aus unserem Stamm zu schützen?“ Abu Talib sagte: „Er ist mein Neffe und hat bei mir um Schutz gebeten. Ihr habt ihn unterdrückt. Bei Allah, entweder werdet ihr von der Unterdrückung ablassen, oder ich werde alles Notwendige zu seinem Schutz unternehmen.“

In ähnlicher Weise verließ Hadhrat Abu Bakr einmal nach Beginn der Auswanderung nach Abessinien, vom beklemmenden Zustand in Mekka bedrängt, Mekka. Nachdem er eine gewisse Strecke zurückgelegt hatte, traf er einen Mann namens Ibnud Dugunna. Als dieser durch seine Frage erfuhr, dass auch er auswandere, sagte er: „Menschen wie Sie sollten ihre Heimat nicht auf diese Weise verlassen. Sie helfen Ihren Verwandten in Notlagen, geben den Hungrigen zu essen und bekleiden die Nackten. Sie selbst tun Gutes und spornen auch andere zu guten Taten an.“ Ibnud Dugunna brachte Hadhrat Abu Bakr daraufhin unter seiner persönlichen Verantwortung und mit der Garantie seines Schutzes zurück und verkündete vor den Quraisch, dass Abu Bakr unter seinem Schutz stehe. Zu Hause saß er an seinem Gebetsplatz und rezitierte den Koran mit wohlklingender Stimme. Dabei liefen ihm Tränen aus den Augen. Jeder, der seine Rezitation hörte, war davon bewegt. Nach und nach drang die Sache an die Ohren der Quraisch. Sie kamen zu Ibnud Dugunna und sagten: „Indem du Abu Bakr Schutz gewährt hast, hast du uns ins Verderben gestürzt. Er rezitiert den Koran mit wohlklingender Stimme, und unsere Frauen und Kinder werden davon beeinflusst, wenn sie ihm zuhören. Es ist nicht nötig, dass du ihm Schutz gewährst. Schicke Abu Bakr in sein eigenes Haus zurück. Dort soll er tun, was er will. Wir werden uns nicht einmischen.“ Ibnud Dugunna schickte Abu Bakr daraufhin notgedrungen in sein Haus zurück. (Ibn Hischam)

Die negative Front

Die Feinde des Islam waren in allerlei Verschwörungen verstrickt, um den größten Dienst, dem der vortreffliche Mensch Muhammad (s.a.w.) an der Menschheit gewidmet war, zum Scheitern zu bringen. Trotz alledem setzte er seine Arbeit der Einladung zum Islam fort, und ihre Früchte waren zumindest teilweise sichtbar. In dieser Lage wurde eine aktive Zelle für gegenläufige Propaganda gegründet. Im Rahmen dieser Zelle hielten sich einige führende Männer Mekkas in der Nähe des Gesandten (s.a.w.) auf. Ihr Hauptproblem bestand darin, dass Mekka das Zentrum ganz Arabiens war. Von hier aus zogen Karawanen aus allen Gegenden vorbei, und es ergaben sich ständig neue Gelegenheiten, zur Wahrheit einzuladen. Die Täuschungen, mit denen die Anführer Mekkas selbst die Bewohner Mekkas hinters Licht führten, wirkten bei Außenstehenden jedoch nicht. Außerdem befanden sich unter den Neuankömmlingen viele kluge Menschen mit reinem Gewissen. Sie konnten jede Einladung allein nach den Maßstäben der Vernunft und denjenigen, der dazu einlud, ausschließlich anhand seines Umgangs, seines Verhaltens und seines Charakters beurteilen und völlig unabhängig zu einer Entscheidung gelangen, ohne von Feindseligkeit oder historischen Ereignissen beeinflusst zu sein. In ihren Herzen gab es weder Hass noch Feindschaft gegen Muhammads (s.a.w.) Einladung und Bewegung, und es gab auch keinen Grund dafür. Unter diesen Umständen hätte es keinen Nutzen gehabt, nur Mekka vor dem Einfluss von Muhammads (s.a.w.) Einladung zu schützen, wenn die arabische Gesellschaft außerhalb Mekkas weiterhin von dieser Einladung beeinflusst wurde. Im Koran wurde dies folgendermaßen vorausgesagt:

(Arabisch*******)

„Sehen sie denn nicht, dass Ich das Gebiet, über das sie Einfluss haben, von allen Seiten einengen lasse?“ In dieser Hinsicht war die Hadsch-Saison für sie die beunruhigendste Zeit. Menschen aus den verschiedenen Stämmen Arabiens versammelten sich in Gruppen unter der Führung ihrer Anführer in Mekka. Zu dieser Zeit besuchte der Gesandte (s.a.w.) die Mitglieder und Anführer dieser Gruppen Zelt für Zelt und lud sie ein. Die Anführer der reaktionären negativen Bewegung gerieten beim Anblick dessen in heftige Wut. Als die Hadsch-Saison einmal näher rückte, versammelten sich die Anführer der Quraisch im Haus von Walid ibn al-Mughira und begannen eingehend nachzudenken. Walid formulierte das Problem folgendermaßen:

„O Quraisch! Die Hadsch-Saison steht bevor. Aus ganz Arabien werden die Menschen in Gruppen zu euch kommen. Sie alle haben bereits von der Angelegenheit dieses Mannes (Muhammad) unter uns erfahren. Daher werden sie mit dem Wunsch kommen, die Sache genau kennenzulernen. Fasst deshalb jetzt in dieser Angelegenheit einen Beschluss. Lasst euch nicht auf gegenseitige Meinungsverschiedenheiten ein. Es darf nicht dazu kommen, dass einer von euch die Aussage eines anderen fortwährend als Lüge hinstellt und widerlegt.“

Die Anwesenden sagten: „Sagen Sie es uns. Legen Sie selbst ein Vorgehen fest. Wir werden entsprechend handeln.“

Doch Walid sagte nachdrücklich: „Beratet ihr euch, ich höre zu.“

Daraufhin begann die Erörterung.

Eine Gruppe sagte: Wir sind der Meinung, dass Muhammad ein Wahrsager ist. Genau das müssen wir den Menschen sagen, die zur Hadsch kommen.

Walid: Nein, bei Allah, Muhammad ist kein Wahrsager. Wir haben viele Wahrsager gesehen. Muhammad spricht nicht wie Wahrsager in rhythmischen und sich reimenden Versen.

Die Leute sagten: Dann werden wir sagen, dass er von einem Dschinn besessen ist.

Walid: Nein, auch davon ist er nicht besessen. Bei einem von einem Dschinn besessenen Menschen verengt sich, wie man sieht, die Kehle, die Glieder zittern und die Gedanken sind wirr; bei Muhammad gibt es keines dieser Anzeichen.

Die Menge: Dann werden wir sagen, dass er ein Dichter ist.

Walid: Nein, auch ein Dichter scheint er mir nicht zu sein. Wir kennen Gedichte in den verschiedensten Versmaßen. Demzufolge ist auch er kein Dichter.’

Die Menge: Dann werden wir sagen, dass er ein Zauberer ist.

Walid: Nein, er ist auch kein Zauberer. Wir haben viele Zauberer und ihre Zauberei gesehen. Die bei der Zauberei übliche Methode, zu blasen und Amulette zu verwenden, findet sich bei Muhammad (s.a.w.) jedoch nicht.

Die Menge: Nun denn, o Abu Abduschschams, sagt Ihr selbst, was sollen wir im Rahmen unserer Propagandakampagne gegen Muhammad sagen?

Walid: Bei Allah! Seine Worte sind überaus süß. Die Wurzeln seiner Worte reichen sehr weit, und an seinen Ästen wachsen viele Früchte. Diese Daʿwa wird gewiss siegreich sein. Sie kann nicht besiegt werden. Diese Daʿwa wird alles andere überwältigen. Was auch immer ihr sagen werdet, wird sich als sinnlos und vergeblich erweisen. Doch von allem, was ihr gesagt habt, ist gerade eure letzte Aussage einigermaßen passend. Ihr sollt sagen, dass er ein Zauberer ist. In seinen Worten liegt Zauberei. Durch seine Worte sät er Zwietracht und Trennung zwischen Vater und Sohn, zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Brüdern, zwischen Einzelnen und ihrem Stamm sowie zwischen den Stämmen. (Damit wurde auf die Daʿwa des Islam hingewiesen. Denn auf Grundlage dieser Daʿwa sind in der Gesellschaft zwei Gruppen entstanden. Der eigentliche Grund dafür ist jedoch die Verschwörung der Feinde des Islam.) Ihr sollt sagen, dass die Menschen ihn gerade wegen seiner Zauberei boykottieren. (Sīrat Ibn Hischām und Sīrat al-Mustafā, Idrīs Kandhalwī)

Beachten Sie, wie eine Verschwörung geschmiedet wird, um gegen einen Menschen eine falsche Propaganda zu betreiben. Es wird ein Komplott geschmiedet, um gerade das gewaltsam durchzusetzen, was vor dem Gewissen nicht annehmbar ist. Noch in jener Versammlung wurde beschlossen, an jedem Eingang der Straßen nach Mekka jeweils eine Gruppe zu postieren. Sie sollte jede ankommende Delegation vor Muhammad (s.a.w.) und seiner Daʿwa warnen. Nach diesem Plan wurde gehandelt. Doch das Ergebnis war das Gegenteil. Alle Informationen über den Gesandten (s.a.w.) gelangten in jeden Winkel Arabiens. Auch diejenigen, die davon überhaupt nichts wussten, erfuhren nun, dass in Arabien die Einladung zu einer neuen Religion begonnen hatte und Muhammad (s.a.w.) ihr Bannerträger war.

Betrachten wir nun auf der Bühne der Geschichte die Aktivitäten des Verkünders des Islam und der negativen Agitatoren, die gegen ihn tätig waren.

Rabīʿa ibn ʿUbāda berichtet: Ich war damals ein junger Mann und hielt mich mit meinem Vater in Minā auf. Ich sah, wie der Gesandte (s.a.w.) von Zelt zu Zelt der verschiedenen arabischen Stämme ging und sagte: „O Angehörige dieses und jenes Stammes, ich bin der von Allah zu euch gesandte Gesandte. Meine Einladung an euch lautet: Betet nur Allah an und gesellt Ihm niemanden bei. Verwerft all die Götzenbilder, die ihr verehrt. Glaubt an mich. Unterstützt mich und gewährt mir Schutz. Dann werde ich euch ausführlich all das mitteilen, wofür Allah mich zu euch gesandt hat.“

Der Berichterstatter dieses Ereignisses sagt: Ein Mann in äthiopischer Kleidung folgte dem Gesandten (s.a.w.) auf Schritt und Tritt. Sobald der Gesandte (s.a.w.) seine Ansprache beendet hatte, rief jener Mann laut: „O ihr Gäste dieses und jenes Stammes, dieser Mann will euch von al-Lāt und al-ʿUzzā entfernen und zu einer neuen Religion und in die Irreleitung führen. Hört nicht auf ihn und folgt ihm nicht.

Als der junge Mann diese Szene sah, fragte er seinen Vater: „Wer ist der Mann, der dem Verkünder hinterherläuft? Er widerspricht doch jedem einzelnen seiner Worte.“

Der Vater antwortet: „Er ist der Onkel jenes Mannes, Abū Lahab.“

Wie zur Haddsch pflegte der Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, auch auf verschiedenen Jahrmärkten zu erscheinen, damit man aus den gesellschaftlichen Zusammenkünften irgendeinen Nutzen ziehen konnte. Einmal begab er sich zum Jahrmarkt von Dhū l-Madschāz und lud die Menschen zum Kalima Tayyiba ein. Abū Dschahl folgte ihm auf Schritt und Tritt. Er sank dabei zu solcher Niederträchtigkeit herab, dass er Staub und Sand in das Gesicht des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, warf und sagte: „Hört nicht auf ihn! Er will die Verehrung von al-Lāt und al-ʿUzzā beenden.“ (Sīrat an-Nabawī, Schiblī Nuʿmānī)

Als Abū Tālib von dieser verstärkten Kampagne der gegen ihn gerichteten Propaganda hörte, wurde er besorgt, dass die Araber sich geschlossen zum Widerstand erheben könnten. Deshalb verfasste er ein langes Gedicht und hängte es an die Tür der Kaaba. Darin erklärte er einerseits zu seiner Verteidigung, dass er selbst die Daʿwa Muhammads nicht angenommen habe. Andererseits verkündete er auch, dass er Muhammad unter keinen Umständen verlassen könne. Wenn es nötig wäre, würde er sogar sein eigenes Leben für ihn opfern. Die meisten Gedichte dieser Art, die unter dem Namen Abū Tālibs gesammelt wurden, sind historisch wenig zuverlässig. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass einige Teile davon authentisch sind. (Sīrat Ibn Hišām)

Missbilligende Reaktionen

Wann immer eine bedeutende Persönlichkeit nach Mekka kam, umringten die Feinde des Islam sie sofort und bemühten sich nach Kräften, sie vor dem Einfluss des Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, zu bewahren. Doch meistens bewirkte dies das Gegenteil. Es scheint angebracht, einige solcher Ereignisse zu erwähnen.

Tufail ibn ʿAmr ad-Dausī war ein angesehener Mann und berühmter Dichter. Als er einmal Mekka besuchte, gingen einige führende Männer der Quraisch zu ihm, um ihn zu treffen. Sie sagten: „Herr Tufail, wir freuen uns, dass Sie in unsere Stadt gekommen sind. Doch seien Sie während der wenigen Tage, die Sie hier bleiben, etwas vorsichtig. Das Verhalten Muhammads, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ist für uns hier unerträglich geworden. Dieser Mann hat unsere Einheit zerstört und unsere Interessen zugrunde gerichtet. Seine Worte sind wie Zauberei. Er verursacht Trennung zwischen Vater und Sohn, zwischen Bruder und Bruder sowie zwischen Ehemann und Ehefrau. Wir machen uns Sorgen um Sie und Ihren Stamm, aus Furcht, dass Sie seinem Betrug zum Opfer fallen könnten. Deshalb wäre es am besten, wenn Sie überhaupt nicht mit Muhammad, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, sprechen und kein Wort von ihm anhören würden.“

Tufail berichtet: „Weil ich ihnen nicht versprach, weder mit Muhammad zu sprechen noch ein Wort von ihm anzuhören, ließen sie mich nicht in Ruhe. Deshalb pflegte ich mir Baumwolle in die Ohren zu stecken, wenn ich zur al-Masdschid al-Harām ging. Eines Tages sah ich plötzlich den Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, nahe der Kaaba stehen und beten. Auch ich stellte mich ganz in seine Nähe. Ich hörte die äußerst wohlklingenden Worte, die er rezitierte. Da sagte ich mir: Bin ich etwa ein Säugling, der noch Muttermilch trinkt? Bei Allah, ich bin doch ein vernünftiger, verständiger Mensch. Ich bin ein Dichter. Ich kann zwischen Gut und Böse unterscheiden. Wer könnte mich also daran hindern, Muhammads Worte anzuhören? Wenn das, wozu er aufruft, gut ist, werde ich es annehmen; und wenn es schlecht ist, werde ich es zurückweisen.“

Während dieser Überlegungen verging einige Zeit. Nach dem Gebet machte sich der Gesandte Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, auf den Weg nach Hause. Tufail ging mit ihm. Unterwegs erzählte er ihm alles: welche üble Nachrede man ihm über ihn zugetragen hatte und wie man ihn vom Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ferngehalten hatte. Als sie das Haus erreichten, bat er den Gesandten Allahs, Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, ausführlich zu erklären, worin seine Daʿwa bestand. Der Gesandte Allahs erläuterte ihm die Bedeutung des Islam und rezitierte ihm aus dem Koran. Tufail berichtet: „Bei Allah, niemals zuvor habe ich solch schöne Worte gehört, und niemals zuvor ist mir eine so richtige und wahre Daʿwa begegnet. Ich nahm den Islam an.“ Danach ging er zu seinem eigenen Stamm und verbreitete den Islam. Daraufhin nahm sein gesamter Stamm den Islam an.

Tufail wurde zu einem derart leidenschaftlichen Verkünder, dass er, sobald er nach Hause kam und seinen alten Vater sah, sagte: „Auch du bist nicht der Meine, und ich bin nicht der Deine.“ Der Vater sagte: „Was soll das? Was ist mit dir geschehen, mein Sohn?“ Tufail sagte: „Ich habe nun die Religion Muhammads (s.a.) angenommen und den Weg des Gehorsams ihm gegenüber eingeschlagen.“ Der Vater sagte: „Mein Sohn, welche Religion auch immer deine ist, meine Religion wird ebenfalls diese sein.“ Sofort nahm er ein Bad und nahm den Islam an. Tufail lud auf dieselbe Weise auch seine Frau zum Islam ein. Auch sie nahm den Islam an. Danach kam es im ganzen Stamm zu einer großen Bewegung. Später kam er zum Gesandten (s.a.), schilderte ihm den gesamten Vorfall und erwähnte die verschiedenen charakterlichen Mängel seines Stammes. Er bat den Gesandten (s.a.), für sie um die Strafe Gottes zu beten. Doch der Gesandte (s.a.) betete um Rechtleitung und Besserung und wies Tufail eindringlich an, geduldig weiter an der Besserung seines Stammes zu arbeiten und freundlich mit ihnen umzugehen. (Seine Neigung, bei der Verkündigung des Islam Zwang anzuwenden, stand nicht im Einklang mit der islamischen Arbeitsweise.) [Sīrat Ibn Hischām, Band 1, S. 407–409]

Beachten Sie noch einen weiteren Vorfall. Auch ʿĀscha ibn Qais war ein bedeutender Dichter. Nachdem er vieles über den Gesandten (s.a.) gehört hatte, machte er sich mit der Absicht, den Islam anzunehmen, auf den Weg nach Mekka. Er hatte sogar ein Lobgedicht auf den Gesandten (s.a.) verfasst. Kaum war ʿĀscha innerhalb der Grenzen Mekkas angelangt, kam ein mekkanischer Polytheist aus Quraisch (nach Ibn Hischām war es Abū Dschahl), stellte sich ihm in den Weg und fragte ihn nach seinem Vorhaben. ʿĀscha sagte: „Ich möchte zu Muhammad (s.a.) gehen und den Islam annehmen.“ Darüber kam es zu einem längeren Gespräch zwischen den beiden. Um ʿĀschas Haltung zu prüfen, sagte der intrigante Polytheist: „Sieh, Muhammad verbietet doch den Ehebruch.“ Als ʿĀscha sich auch davon nicht abschrecken ließ, sagte er: „Muhammad (s.a.) verbietet auch den Genuss von Wein.“ Indem er so dies und jenes vorbrachte, schwächte er ʿāschas Entschlossenheit. Schließlich brachte er ihn dazu, sich darauf einzulassen: „Geh diesmal wieder zurück. Komm im nächsten Jahr und nimm dann den Islam an.“ ʿĀscha kehrte zurück. Doch noch bevor er im folgenden Jahr nach Mekka zurückkehren konnte, ereilte den Unglücklichen der Tod.

Der amüsanteste Vorfall betraf Murid al-Araschi. Der arme Mann war mit einem Kamel nach Mekka gekommen. Mit Abū Dschahl hatte er den Verkauf des Kamels vereinbart. Doch Abū Dschahl zögerte immer wieder, den Preis zu bezahlen. So wandte er sich notgedrungen an verschiedene Anführer der Quraisch und flehte sie an, ihm dabei zu helfen, den Preis für das Kamel einzutreiben. Im Hof der heiligen Kaaba fand gerade eine Versammlung der Quraisch statt. Araschi bat die anwesenden Anführer: „Möge einer von euch von Abū Dschahl meine Forderung eintreiben. Ich bin ein Fremder. Mir wird Unrecht getan.“ Unter den Versammelten fand sich jedoch niemand, der den Mut gehabt hätte, zu Abū Dschahl zu gehen und das Recht des Fremden durchzusetzen. Deshalb zeigten sie mit dem Finger auf einen Mann und sagten: „Dort sitzt jemand – Muhammad (s.a.). Geh zu ihm. Er wird es eintreiben.“ In Wirklichkeit war dies nur ein Scherz. Denn alle wussten, welch erbitterte Feindschaft zwischen Muhammad (s.a.) und Abū Dschahl herrschte. Araschi kam zum Gesandten (s.a.) und erzählte ihm den ganzen Vorfall. Der Gesandte (s.a.) stand sofort auf und sagte: „Komm mit mir.“ Alle warteten gespannt darauf, was geschehen würde. Der Gesandte (s.a.) verließ den heiligen Bezirk, ging geradewegs zu Abū Dschahls Haus und klopfte an die Tür. Von drinnen ertönte eine Stimme: „Wer ist da?“ Er sagte: „Ich bin Muhammad. Komm heraus. Ich muss dringend mit dir sprechen.“

Abū Dschahl kam heraus. Sein Gesicht war vor Angst bleich geworden. Er sagte: „Bezahle, was du diesem Mann schuldig bist.“ Abū Dschahl beglich die Forderung ohne ein Wort des Widerspruchs. Araschi ging freudig zu den im heiligen Bezirk versammelten Männern und berichtete ihnen den ganzen Vorfall.

Dieser Vorfall ereignete sich aufgrund der reinen und vorbildlichen Wesensart Muhammads (s.a.). Auch Abū Dschahl selbst bestätigte dies und äußerte es gegenüber den versammelten Anführern der Quraisch. Er sagte: „Muhammad kam und klopfte an die Tür. Sobald ich seine Stimme hörte, bekam ich aus irgendeinem Grund Angst.“ (Ibn Hischām)

Welche Wirkung dieser Vorfall wohl auf Araschi selbst und auf die Bewohner Mekkas gehabt haben mag, lässt sich leicht ermessen.

Dank derjenigen Neubekehrten, die nach Abessinien ausgewandert waren, war die Einladung zum Islam auch in jenes Gebiet gelangt. Von dort kamen zwanzig Christen nach Mekka. Sie trafen den Gesandten (s.a.) im heiligen Bezirk. Der Gesandte (s.a.) sprach mit ihnen, beantwortete ihre Fragen, trug ihnen den Koran vor und lud sie zum Islam ein. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sie nahmen ohne Zögern den Glauben an. Als sie aufstanden und hinausgingen, standen die Quraisch außerhalb der Moschee in einer Gruppe beisammen. Abū Dschahl sagte zur Delegation aus Abessinien: „Wie töricht ihr seid! Ihr habt eure eigene Religion aufgegeben!“ Die Delegation erwiderte: „Wir grüßen euch. Wir wollen mit euch keinen Streit und keine Auseinandersetzung beginnen. Unser Weg ist ein anderer, und euer Weg ist ebenfalls ein anderer. Wir wollen nicht auf einen Segen verzichten.“

Aus Sorge, dass die Intriganten Mekkas heftigen Widerstand leisten würden, wurde der gesamte Vorgang der zweiten Huldigung von Aqaba in tiefer Nacht und unter strengster Geheimhaltung durchgeführt. Als die aus Medina angereiste Delegation die Huldigung vollzogen hatte und ihren Aufenthaltsort erreichte, kamen die Anführer der Quraisch dorthin und trafen mit ihnen zusammen. Das Spionagenetz der Quraisch war so gut organisiert, dass sie von dem gesamten Vorgang der Huldigung wussten und zu ihnen sagten: „Ihr wollt Muhammad (s.a.) von hier fortbringen und habt ihm die Hand gereicht und ihm geschworen, gegen uns zu kämpfen. Hört gut zu: Wenn ihr einen Kampf zwischen uns und den Arabern entfesselt, wird es in unseren Augen keinen Menschen geben, der verachtenswerter ist als ihr.“ Die Ansar versuchten, die Angelegenheit geheim zu halten. Daher entwickelte sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht weiter, und die Ansar machten sich auf den Weg nach Medina. Doch die Quraisch setzten ihre Spionage fort und fanden alles heraus. Sie verfolgten die Karawane der Ansar und nahmen Saʿd ibn ʿUbāda und Mundhir ibn ʿAmr gefangen und brachten sie zurück. Beide hatten sich verpflichtet, in ihren jeweiligen Stämmen den Islam zu verkünden. Die Quraisch banden ihnen die Hände auf den Rücken und schlugen sie brutal zusammen.

Saʿd ibn ʿUbāda berichtet: In unserer verzweifelten Lage kam ein großgewachsener und gutaussehender Mann von den Quraisch zu uns. Ich sagte mir insgeheim: Wenn es in diesem Stamm überhaupt einen guten Menschen gibt, dann ist er es wohl; vielleicht kann man von ihm etwas anständige Behandlung erwarten. Doch kaum war er herangekommen, versetzte er mir einen heftigen Schlag ins Gesicht. Da wusste ich, dass von diesen Leuten keinerlei anständige Behandlung zu erwarten war. Schließlich fragte mich einer von ihnen: „Gibt es unter den Quraisch niemanden, mit dem ihr früher bekannt wart, freundschaftliche Beziehungen oder einen Vertrag hattet?“ Ich nannte die Namen Zubairs ibn Mutʿim und al-Harith ibn Harb. Er riet mir, beide einzeln beim Namen zu rufen. Das tat ich. Daraufhin kamen sie beide und befreiten uns.

Aus diesen Ereignissen wird deutlich, wie aktiv die Gegner der islamischen Daʿwa waren.

Die Front der Literatur und des Gesangs

Nadr ibn al-Harith war ein weiterer Anführer der Kampagne gegen den Islam. Aus geschäftlichen Gründen reiste er häufig nach Persien. Von dort brachte er historische und literarische Geschichten über die nichtarabischen Könige und Herrscher mit. Dann veranstaltete er in Mekka Zusammenkünfte mit Unterhaltungsliteratur, die er aus der nichtarabischen Welt importiert hatte, um der revolutionären Literatur des Korans entgegenzutreten. Bei diesen Zusammenkünften lud er die Menschen mit den Worten ein: „Was wollt ihr bei Muhammad (s.a.w.) die abgedroschenen Geschichten von ʿĀd und Thamūd anhören? Kommt zu mir, ich werde euch unterhaltsame Geschichten aus dem Land von Rustam und Isfandiyar erzählen.“ Über Nadr ibn al-Harith, der einen eigenständigen menschlichen Charakter verkörperte, sagt der Koran:

„Unter den Menschen gibt es manche, die irreführende Geschichten zur Unterhaltung kaufen, um dadurch, ohne Wissen, die Menschen vom Weg abzubringen und sich über sie lustig zu machen.“ (Sure Luqman: 6)

Dieser Nadr ibn al-Harith hielt einmal in einer Versammlung vor Abu Dschahl folgende Ansprache über die Daʿwa und die Bewegung des Gesandten (s.a.w.):

„O ihr Quraisch! Heute steht ihr einer Sache gegenüber, der ihr künftig mit keiner Strategie erfolgreich entgegentreten könnt. Muhammad (s.a.w.) war einst ein von euch allen geliebter junger Mann. Er war wahrhaftiger als ihr alle und vertrauenswürdiger und zuverlässiger als ihr alle. Doch sobald er ins reife Alter kam und seine Daʿwa verkündete, begannt ihr zu sagen: Er ist ein Zauberer … Ihr sagtet: Er ist ein Wahrsager, und ihr sagtet: Er ist verrückt … In Wirklichkeit trifft nichts davon zu. O ihr Quraisch! Denkt noch einmal gründlich über eure Haltung nach. Bei Allah, vor euch steht eine bedeutsame Angelegenheit.“ (Sīrat Ibn Hischām)

Aus der Ansprache Nadr ibn al-Hariths wird deutlich, dass er die Daʿwa des Gesandten (s.a.w.) für etwas Außergewöhnliches hielt und sich auch seiner charakterlichen Größe bewusst war. Dennoch schmiedete er, indem er sein hellwaches Gewissen mit Füßen trat, hinterhältige, teuflische Pläne, um sich der Daʿwa des Gesandten (s.a.w.) entgegenzustellen. Er verstand sehr wohl, dass Unterhaltungsliteratur und kulturelle Aktivitäten für die einfachen Menschen anziehendere Elemente enthalten konnten als der aufrichtige Ruf einer Bewegung mit einem positiven und edlen Ziel. Deshalb richtete er eine Zusammenkunft mit unterhaltender und ästhetischer Literatur ein. Nadr ibn al-Harith sagte: „Ich kann fesselndere und unterhaltsamere Geschichten erzählen als Muhammad.“ Wenn er anschließend ausländische Geschichten erzählte, sagte er: „In welcher Hinsicht sind die Geschichten Muhammads (s.a.w.) besser als meine Geschichten?“ Die Geschichten des Korans verspottete er dagegen als Geschichten aus alter Zeit.

Damit war es aber noch nicht getan: Er hatte auch eine Sklavin gekauft, die sich auf Gesang und Musik verstand. Er lud die Leute zum Essen ein und ließ sie nach dem Essen den Gesang und das Musizieren dieser Sklavin anhören. Sobald er von einem jungen Mann hörte, dass dieser Interesse am Islam entwickelt hatte, brachte er die Sängerin zu ihm und wies die Sklavin an: „Bewirte diesen jungen Mann, gib ihm zu essen und zu trinken, lass ihn Musik hören und unterhalte ihn aufs Beste.“ Nachdem er eine solche Darbietung von Kunst und Kultur veranstaltet hatte, sagte er stolz: „Was ist angenehmer – die Einladung, zu der Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufruft, oder das, was ich veranstalte?“ (Sirat al-Mustafa, Mawlana Idris Kandhalawi, Band 1, S. 188)

In Wirklichkeit besteht die zentrale Lebenskraft des Islam im Gehorsam gegenüber Allah und in der Moral. In einer Atmosphäre ungezügelten Umgangs zwischen Männern und Frauen sowie der Obszönität stirbt diese Lebenskraft ab. Eine Umgebung, in der die gesamte Aufmerksamkeit auf Essen und Trinken, Gesang und Musik, Unterhaltung, die schönen Künste und Sexualität konzentriert ist, kann nicht für die islamische Daʿwa geeignet sein. Deshalb begann Nadr ibn al-Harith einerseits unterhaltende Geschichten vorzutragen und schuf andererseits Zusammenkünfte mit Gesang und Musik, dem Zusammensein von Frauen und Männern sowie Obszönität.

Doch unterhaltende Literatur ist nicht geeignet, eine aufbauende Daʿwa und eine Bewegung mit guten Absichten aufzuhalten; ebenso wenig können die schönen Künste, also Gesang, Musik und Ähnliches, daran etwas ändern. Ein paar Tage lang gab es etwas Lärm und Aufregung. Danach verstummte alles.

Nachdem die Verschwörung von Nadr ibn al-Harith gescheitert war, ging er auf Beratung der Führer der Quraisch zu jüdischen Geistlichen nach Medina. Er fragte sie: „Ihr seid doch gebildete und gelehrte Menschen, während wir ungebildete Narren sind. Sagt uns, wie wir die islamische Bewegung aufhalten und wie wir Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Widerstand leisten können.“ Die jüdischen Gelehrten wiesen sie an, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach der Geschichte von Dhul-Qarnain und den Gefährten der Höhle zu fragen und sich nach dem Wesen der Seele zu erkundigen. Diese drei Fragen legten sie dem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zur passenden Zeit vor, und er gab ihnen mit Hilfe der Offenbarung zufriedenstellende Antworten. Doch wie sollte man der Halsstarrigkeit der Ungläubigen begegnen? (Sira des Ibn Hischam)

Der Versuch eines Kompromisses

Nachdem die erste Phase der Geheimhaltung überwunden war, begann sich die islamische Bewegung rasch auszubreiten. Als später verschiedene Vorhaben der Verleumdung und Gewalt gescheitert und wirkungslos geblieben waren, begannen die Gegner zu erkennen, dass die islamische Bewegung eine unbesiegbare Kraft war und im Land schon bald eine gewaltige Veränderung herbeiführen würde. Daher wurden erneut Initiativen ergriffen und Anstrengungen unternommen, um einen Weg zu einem Kompromiss und einer Verständigung zu finden und den Konflikt zwischen den beiden Seiten auf der Grundlage gegenseitiger Zugeständnisse zu beenden. Doch einer ideologischen Bewegung bleibt nicht so viel Spielraum für Nachgiebigkeit, dass sich durch Tauschgeschäfte und Kompromisse ein Mittelweg finden ließe. Dennoch prüften die Führer des Forums auch diese Strategie umfassend, in der Hoffnung, vielleicht auf irgendeine Weise einige Vorteile und Zugeständnisse zu erlangen.

Ein Beispiel für ihren Kompromissvorschlag war, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihre Götter und Götzen nicht verurteilen oder kritisieren und sich nicht in ihre Religion einmischen sollte. Darüber hinaus dürfe er so viele Ermahnungen, Ratschläge und moralische Lehren geben, wie er wolle; dagegen werde es keinen Einwand geben. Das bedeutete, dass er aus der grundlegenden Botschaft der Daʿwa die Aussage zurücknehmen sollte, mit der das Falsche zurückgewiesen wird. Mit anderen Worten: Es sollte erlaubt sein, Allahs Namen zu nennen, aber man dürfe nicht sagen: „Es gibt keinen anderen Gott außer Allah“ (La ilaha illallah). Die falschen Vorstellungen, auf denen die bestehende Zivilisation beruht, dürften nicht herausgefordert werden. Die schlechte Atmosphäre und die schlechten Elemente der Gesellschaft sollten genau so bestehen bleiben, wie sie waren. Wahrheit und Gerechtigkeit müssten in einer solchen Form präsentiert werden, dass sie den Weg zur Revolution nicht öffneten; jeder revolutionäre Impuls müsse daraus getilgt werden. Der politische Dialog des Islam müsse unwirksam gemacht werden. Während die Gesellschaftsordnung unverändert bestehen bliebe, sollte man unter ihrer Herrschaft lediglich an einer geistlichen Reform der Gesellschaft arbeiten. Der Gedanke dahinter war, dass die klassenbedingte Überlegenheit und der Adel der Quraisch, ihre politischen und wirtschaftlichen Vorrechte und ihre Führung, ihre religiöse Führungsrolle und ihr vornehmes Ansehen, ihre etablierten Interessen sowie ihre erworbenen Rangstellungen und Vorteile allesamt bestehen bleiben sollten. Danach könne man tun, was man wolle. Hätte die islamische Bewegung diese Bedingung akzeptiert, wäre sie von selbst verschwunden.

Von ihrer Seite wurde auch die Bedingung gestellt, diesen Koran durch einen anderen Koran zu ersetzen oder ihn so abzuändern, dass unsere Forderungen und Anliegen erfüllt würden.

ائْتِبِقُرْآنٍغَيْرِهَٰذَاأَوْ

‘Bringe statt dieses Korans einen anderen Koran herbei oder ändere ihn ab.’ (Sure Yunus: 15)

Die Antwort, die der Gesandte Allahs (s.a.w.) in den Worten der Offenbarung darauf erhält, lautet: ‘Es steht mir nicht zu, diesen Koran nach meinem eigenen Wunsch zu verändern. Ich kann nichts anderem folgen als der Offenbarung, die mir zuteilwird. Wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, müsste ich womöglich die Strafe des furchtbaren Tages der Auferstehung erleiden. Wer ist ungerechter als derjenige, der versucht, seine selbst erdachten Worte Allah zuzuschreiben?’

Um einen Weg zu einem Kompromiss zu finden, erhoben die Gegner der islamischen Bewegung auch die Forderung: Du sollst die Menschen aus den unteren Schichten der Gesellschaft aus deiner Umgebung entfernen. Wenn du diejenigen fortschickst, die bis gestern noch unsere Sklaven waren, können wir zu dir kommen, bei dir sitzen und deine Ratschläge anhören. Andernfalls können wir unter den gegenwärtigen Umständen nicht zu dir kommen und deinen Worten nicht zuhören. Die Menschen aus den unteren Schichten versperren uns den Weg. Dabei sitzen gerade sie bei dir als große Anführer fest. Über diese Menschen spotteten sie und sagten, ausgerechnet sie würden angeblich die Erben der Throne des Römischen und des Persischen Reiches werden! Es war keineswegs so, dass die Herzen der Götzendiener ungeduldig danach verlangten, der islamischen Bewegung zu dienen. Vielmehr wollten sie, dass der Eifer jener jungen, tatkräftigen Menschen gebrochen werde, die mit der Fahne der Wahrheit und Gerechtigkeit wie Besessene voranstürmten, die alle eigenen Interessen opferten und jede Art von Gefahr und Not mit einem Lächeln auf sich nahmen und deren jeder Atemzug dem Erreichen dieses heiligen Ziels gewidmet war, damit die islamische Bewegung ihrer aufrichtigen Unterstützung beraubt werde.

Noch bevor dieses betrügerische Kompromissangebot irgendeinen Einfluss auf den Gesandten Allahs (s.a.w.) gewinnen konnte, warnte ihn der Koran, dass es sich dabei um eine seit jeher übliche Täuschung der Feinde des Islam handelte. Zu allen früheren Propheten hatte man Zuflucht zu dieser Täuschung genommen. In Sure Hud, Vers 27, wird gesagt, dass dem Propheten Noah (a.s.) genau ein solcher Vorschlag unterbreitet worden war. In Sure al-An’am, Vers 52, wird dem Gesandten Allahs (s.a.w.) geraten, seine aufrichtigen Gefährten, die morgens und abends Allahs Namen gedenken, nicht aus seiner Nähe zu entfernen, um die Feinde des Islam zufriedenzustellen. In Sure asch-Schu’ara, Vers 215, wird gesagt, dass er diese ergebenen Anhänger liebevoll umsorgen solle. Sogar in den ersten zehn Versen der Sure Abasa wird der Gesandte Allahs (s.a.w.) nur deshalb getadelt, weil er, während er mit einem einflussreichen Ungläubigen sprach, die Frage eines seiner blinden Gefährten missbilligt hatte.

Einmal berieten die führenden Vertreter der kompromisslosen Quraisch über diese Angelegenheit. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) saß zu jener Zeit allein am anderen Ende. Utba ibn Rabi’a sagte zu den anwesenden Anführern der Quraisch: ‘Wenn ihr einverstanden seid, gehe ich zu Muhammad und spreche mit ihm. Ich werde ihm einige alternative Vorschläge unterbreiten; vielleicht nimmt er einen davon an. Wenn wir diesen annehmen, möchte er vielleicht nicht länger mit uns in Streit und Konflikt liegen.’ Dies war offensichtlich ein Versuch, einen Kompromiss herbeizuführen. Dass die Quraisch so weit gingen, war wahrscheinlich der Annahme des Islam durch Hamza und der raschen Ausbreitung der islamischen Bewegung zu verdanken. Mit Zustimmung aller Anwesenden ging Utba zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und sprach folgendermaßen mit ihm:

‘O Neffe, du weißt doch, welch hohe Achtung wir dir entgegenbringen. Im gesamten Stamm genießt du hohes Ansehen. Auch deiner Abstammung nach kannst du eine herausragende Stellung beanspruchen.’ Nachdem Utba auf diese Weise eine Weile schmeichelnde, aber sachlich belanglose einleitende Worte gesprochen hatte, sagte er in leicht vorwurfsvollem Ton: ‘Du hast das Volk in große Unruhe gestürzt. Du hast seine Einheit in Stücke gerissen. Du bezeichnest seine Anführer als töricht und dumm. Du hast die Fehler seiner Religion und seiner Götter aufgezeigt. Du hast seine Vorfahren aus der Vergangenheit als Ungläubige bezeichnet. Nun höre mir zu. Denke über die verschiedenen Vorschläge nach, die ich dir unterbreite. Vielleicht ist einer davon für dich annehmbar.’ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: ‘Gut. Sprechen Sie. Ich höre zu.’ Darauf trug Utba die folgenden alternativen Vorschläge einen nach dem anderen vor:

‘Wenn es dein Ziel ist, Reichtum zu erlangen, werden wir für dich so viel Vermögen zusammentragen, dass du reicher wirst als wir alle.’

Und wenn du dadurch Führerschaft und Macht erlangen willst, dann sind wir bereit, dich zu unserem Anführer und Oberhaupt zu ernennen. In keiner Angelegenheit werden wir eine Entscheidung treffen, ohne deine Meinung einzuholen.

Wenn du im Land König werden willst, sind wir ebenfalls bereit, dich zum König zu machen.

Und wenn der Grund dafür darin liegt, dass du unter dem Einfluss eines Dschinns oder eines anderen unsichtbaren Wesens stehst und diese Wesen über dich Macht gewonnen haben, dann werden wir Geld sammeln und deine Behandlung veranlassen. Wenn du danach wieder gesund wirst, umso besser; andernfalls wird sich unsere Unfähigkeit erwiesen haben.“

In diesen versöhnlichen Vorschlägen spiegelten sich verschiedene Haltungen und Vorstellungen wider. Die Gegner der islamischen Bewegung hegten gewöhnlich solche Vorstellungen. Aus diesen Vorschlägen wird deutlich, dass sie aus ihrer Sicht zwei Möglichkeiten sahen. Erstens: Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) unternahm diesen Schritt, sich auf einen derart großen Konflikt mit der Gesellschaftsordnung der Dschāhilīya einzulassen, vielleicht nicht bewusst und aus eigenem Entschluss, sondern unter dem Einfluss von Geistern oder in einem bewusstlosen Zustand. Zweitens: Wenn er all diese Schritte bewusst und bei klarem Verstand unternahm, dann bestand sein Ziel gewiss darin, ein Königreich oder Macht zu erlangen. Wie dem auch sei, nachdem der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) alle Vorschläge angehört hatte, sagte er: „O Vater des Walid, bist du nun fertig?“ Er antwortete: „Ja.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Dann höre jetzt meine Worte.“ Utba sagte: „Gut, sprich, ich höre zu.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) legte alle Vorschläge beiseite und begann, vom Anfang der Sure Ha-Mim as-Sadschda zu rezitieren:

„Ha-Mim. Dies ist eine Offenbarung vom Allerbarmer, dem Barmherzigen. Dies ist ein Buch, dessen Verse klar erläutert sind, ein im Arabischen verfasstes Koranbuch für Menschen, die Verstand besitzen. Es ist ein Verkünder froher Botschaft für die Gläubigen und ein Warner für die Ungläubigen. Doch die meisten von ihnen haben sich abgewandt und hören nicht zu. Sie sagen: Unsere Herzen sind gegenüber dem, wozu du uns aufrufst, verhüllt, in unseren Ohren ist Schwerhörigkeit, und zwischen uns und dir befindet sich eine Trennwand. So handle du nach deiner Weise, und wir werden nach unserer Weise handeln. (Verse 1–5)“

Während der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) rezitierte, hörte Utba schweigend und aufmerksam zu, wobei er sich mit beiden nach hinten gelegten Händen abstützte. Als der Vers der Niederwerfung kam, unterbrach er die Rezitation und warf sich nieder. Danach sagte er: „O Vater des Walid, du hast es gehört, nicht wahr? Nun tu, was du für richtig hältst.“

Danach stand Utba auf und ging zu seinen Gefährten. Als sie Utbas Gesicht sahen, sagten sie: „Utbas Gesicht hat sich verändert. Es sieht jetzt nicht mehr so aus wie bei seinem Weggang.“ Mit besorgter Stimme fragten sie: „Was ist geschehen?“

Utba sagte:

‘Die Sache ist die: Ich habe Worte gehört, wie ich sie in meinem ganzen Leben noch nie gehört habe. Bei Allah, es handelt sich weder um Dichtung noch um Zauberei noch um die Worte eines Wahrsagers. O Quraisch, hört auf mich! Ich sage dies in voller Verantwortung: Lasst Muhammad in seiner jetzigen Lage in Ruhe und verfolgt ihn nicht. Bei Allah, aus den Worten, die ich gehört habe, werden gewiss große Folgen hervorgehen. Wenn die Araber Muhammad töten, werdet ihr durch andere von seiner Bedrohung befreit werden. Und wenn er König von Arabien wird, dann wird seine Herrschaft eure Herrschaft und seine Macht eure Macht sein. Dann werdet ihr durch seinetwegen zum glücklichsten Volk werden. (Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 313–314)

Aus Utbas Aussage lassen sich mehrere wichtige Dinge erkennen. Erstens waren die großen Redner und Dichter der damaligen arabischen Zeit gezwungen, sich angesichts der Überlegenheit und der wunderbaren Ausdruckskraft der Sprache des Korans zu verneigen. Zweitens wurden die Gegner, solange sie die grundlegende Botschaft des Islams nicht unmittelbar aus dem Mund des Verkünders hörten, von allerlei giftiger Verleumdung beeinflusst und blieben bei ihrem Widerstand. Doch sobald jemand Gelegenheit bekam, einen Teil der eigentlichen Botschaft unmittelbar zu hören, nahm sein Herz sie sogleich an. Drittens war jeder gebildete Mensch in der polytheistischen Gesellschaft hinsichtlich der Offenbarungsworte der Ansicht, dass auf ihrer Grundlage gewiss eine große Revolution stattfinden werde. Sie konnten dahinter das Bild einer umfassenden Revolution erkennen und vermuteten, dass auf der Grundlage dieses Bekenntnisses ein Reich sowie eine soziale, politische und wirtschaftliche Ordnung errichtet werden würden.

Nachdem sie Utbas Worte gehört hatten, begannen die Quraisch in ihrer Versammlung zu spotten und zu höhnen, und viele sagten: „Vater des Walīd, Muhammad hat dich offenbar ebenfalls verzaubert.“ Utba sagte: „Ich habe euch bereits meine Meinung über ihn mitgeteilt. Tut nun, was ihr für richtig haltet.“

Einige Tage später wurde in dieser Angelegenheit ein weiterer Versuch unternommen. Eines Tages versammelten sich nach Sonnenuntergang alle bedeutenden Anführer der Quraisch im Hof der Kaaba. Zu ihnen gehörten Utba ibn Rabīʿa, Schaiba ibn Rabīʿa, Abū Sufyān ibn Harb, an-Naḍr ibn al-Hārith, Qanada, Abū al-Bachtarī, al-Aswad ibn al-Muṭṭalib, Zamʿa ibn al-Aswad, al-Walīd ibn al-Mughīra, Abū Dschahl ibn Hischām, ʿAbdullāh ibn Umayya, ʿĀsch ibn Wāʾil, Nabīh und Munabbih ibn al-Haddschādsch (Banū Sahm) sowie Umayya ibn Chalaf. Sie ließen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu sich rufen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kam voller neuer Hoffnung zu ihnen. Doch sie brachten nichts Neues vor, sondern wiederholten lediglich den Vorschlag, der zuvor durch Utba ibn Rabīʿa unterbreitet worden war. Nachdem er dies gehört hatte, antwortete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, folgendermaßen: „Das, wovon ihr sprecht, ist völlig anders als meine Angelegenheit. Das, womit ich zu euch gekommen bin, hat nicht den Zweck, Reichtum zu erwerben, Führung und Vorrang zu erlangen oder ein Königtum zu errichten. Allah hat mich vielmehr als Propheten und Gesandten zu euch gesandt. Er hat mir ein Buch offenbart und mir befohlen, für euch ein Warner und ein Überbringer froher Botschaft zu sein. Dementsprechend habe ich euch Allahs Anweisungen übermittelt und meine Pflicht als euer aufrichtiger Ratgeber erfüllt. Wenn ihr annehmt, womit ich gekommen bin, wird es euch das Wohlergehen im Diesseits und im Jenseits sichern. Wenn ihr es jedoch zurückweist, werde ich mich geduldig zeigen und auf Allahs weiteren Befehl warten, bis Allah zwischen mir und euch Sein Urteil fällt. (Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 315)

Als sie nach dieser Antwort sahen, dass kein Weg zum weiteren Vorgehen offenstand, begannen sie mit allerlei spitzfindigen Einwänden. Zum Beispiel sagten sie: „Du weißt doch, dass unser Land sehr eng ist. Hier gibt es nur wenig Wasser, und das Leben ist äußerst beschwerlich. Bitte Allah, dass Er diese Berge entfernt, unser Land erweitert und darauf Flüsse wie im Irak und in Syrien entstehen lässt. Bitte Ihn, unsere Vorväter wieder zum Leben zu erwecken, insbesondere Qusayy ibn Kilāb. Denn er war sehr wahrhaftig, und wir werden ihn fragen, ob deine Botschaft wahr oder falsch ist. Wenn unsere Vorfahren auf diese Weise einer nach dem anderen wieder zum Leben erwachen und bezeugen, dass deine Botschaft wahr ist, und wenn du alles ausführst, was wir verlangen, dann werden wir anerkennen, dass du Allahs Gesandter bist. Wenn du dies jedoch nicht tust, dann lass eine Strafe auf uns herabkommen.“ Als Antwort auf diese unmöglichen Forderungen sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, immer wieder nur: „Ich bin nicht dafür gesandt worden.“ Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schließlich auf dem Weg nach Hause war, ging auch sein Cousin mütterlicherseits, ʿAbdullāh ibn Umayya, mit ihm. Er sagte: „Die Leute aus deinem Stamm wollten dir einige Vorteile gewähren. Aber du hast keinen einzigen davon angenommen. Bei Allah, ich werde nun nicht mehr an dich glauben – selbst wenn ich dich dabei sehen würde, wie man eine Leiter am Himmel anbringt und dich auf dieser Leiter hinaufsteigen lässt. Und selbst wenn ich mit eigenen Augen sähe, wie du vom Himmel herabkommst, und vier Engel mit dir kämen und deine Wahrhaftigkeit bezeugten, würde ich es dennoch nicht tun. Bei Allah, selbst wenn ich glauben sollte, glaube ich keineswegs, dass ich wirklich zu deinen Unterstützern werden würde. (Sīrat Ibn Hischām)

Danach kehrte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zutiefst bekümmert nach Hause zurück.

Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich nach der Reise nach Tāʾif. Zu dieser Zeit verließ der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Mekka und begann, in den benachbarten Stämmen Banū Qanūda, Banū Hanīfa und anderen Stämmen zur Botschaft einzuladen und sie zu verkünden. Als er zum Stamm der Banū ʿĀmir ging, traf er dessen Anführer Buhaira ibn Firās. Buhaira hörte sich die Botschaft des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an. Danach sagte er zu seinen Anhängern: „Bei Allah, wenn ich diesen jungen Mann aus dem Stamm der Quraisch für mich gewinnen könnte, würde ich durch ihn ganz Arabien erobern.“ Dann fragte er den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Wenn wir diese Botschaft annehmen und du über deine Gegner siegst, wird dann nach dir die gesamte Herrschaft des Islams in meine Hände übergehen?“

Bedenkenswert ist, dass dieser Mann bereits beim ersten kurzen Einblick in die Botschaft zu der Vorstellung gelangt war, dass es sich um eine revolutionäre Botschaft handelte. Es bestand die Möglichkeit ihres Sieges, und im Falle eines Sieges würde sie auch der Durchsetzung ihrer eigenen Interessen dienen. Aufgrund all dieser Vorstellungen entwickelte sich in Buhaira eine kaufmännische Haltung. Doch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war lediglich ein Verkünder der Botschaft. Er hatte keineswegs ein politisches Geschäft eröffnet. Daher antwortete er:

„Das liegt in Allahs Hand. Nach mir wird Er einsetzen, wen Er will.“

Buhaira sagte:

„Sehr gut! Heute sollen wir gegen alle Araber kämpfen. Und sobald deine Interessen gesichert sind, werden andere die Vorteile und Vergünstigungen einheimsen. Geh nur. Wir haben daran keinerlei Interesse.“ (Rahmatul-lil-Alamin, erster Band, S. 89)

Wenn der Gesandte (Allahs), S., ein unpolitischer Prediger gewesen wäre oder sich nach der Art der Sufis beziehungsweise der Pir-Muriden der moralischen Läuterung der Gesellschaft gewidmet hätte, dann hätte er ganz schlicht geantwortet: „Mein Herr, was träumst du da alles? Das ist doch die reformerische Arbeit der Gottesfreunde. Woher kommt dabei die Frage nach Interessen und Vorteilen? Wie kann überhaupt die Rede davon sein, Nachfolger zu werden oder Führung und die Stellung eines Oberhaupts zu erlangen?“ Der Gesandte (Allahs), S., wusste selbst, wie weitreichend seine Bewegung war und wie groß ihr politisches Potenzial sein würde. Ebenso erkannte jeder, mit dem er sprach, wohin diese Daʿwa letztlich führen würde.

Der Vorteil, den die gegnerischen Kräfte aus all diesen unterschiedlichen Versöhnungsbemühungen ziehen wollten, war folgender: Wenn der Gesandte (Allahs), S., bereit wäre, Kompromisse einzugehen, um einen sicheren Weg für das Vorankommen der Bewegung zu finden oder seine Gefährten vor der Verfolgung zu bewahren, würde die Kraft seiner Daʿwa als idealistische Bewegung gebrochen werden. Und wenn er sich kompromisslos zeigte, konnte man verbreiten: „Landsleute, seht nur: Wir wollten so viele Möglichkeiten und Wege anbieten, um Streit und Konflikte beizulegen, doch dieser Mann ist so starrsinnig, dass er keine einzige Lösung angenommen hat.“ Tatsächlich war die Position des Gesandten (Allahs), S., äußerst heikel. Daher stellte der Koran diesen Kompromissformeln gegenüber

fortwährend eindringliche Warnungen aus, damit der Gesandte (Allahs), S., Festigkeit bewahrte. An einer Stelle wird sogar in äußerst scharfer Sprache dazu aufgefordert, sich vor dieser Täuschung der Gegner zu schützen, und Allah gibt diesbezüglich zugleich die Zusicherung Seines Schutzes.

In den Versen 74 und 75 der Sure Bani Isra’il sagt Allah:

„Wenn Wir dir nicht Festigkeit verliehen hätten, wäre es nicht verwunderlich gewesen, wenn du ihnen gegenüber ein wenig nachgiebig geworden wärst. Wäre es dazu gekommen, hätten Wir dich im Diesseits und im Jenseits die doppelte Strafe kosten lassen. Dann hättest du gegenüber Uns niemanden gefunden, der dir hätte helfen können.“

Kurz gesagt: Durch außerordentliche Umsicht, Geschicklichkeit und Geduld bewahrte der Gesandte (s.a.s.) die Bewegung vor solchen Tauschgeschäften.

Die äußerste Form der Gewalt

Die Feinde des Islam waren hinsichtlich ihrer Absichten schon immer unehrlich und hinsichtlich ihrer Argumente haltlos und bankrott. Ihr eigentliches Problem waren Eigennutz und die Sucht nach Macht. Sobald jemand mit der Daʿwa des Islam auftrat, stellten sie sich mit aller Kraft gegen ihn und beantworteten Argumente und Beweise mit Gewalt, Terror und Rowdytum. Die islamische Bewegung wirkt durch das menschliche Gewissen, den Verstand und die Fähigkeit zum Denken. Die Gegner des Islam jedoch bemühten sich, ihren Fortgang durch Zorn, Rachegefühle, Leidenschaft und Aufregung zu hemmen. Wenn irgendeine Kraft auch nur die geringste Aktivität zur Veränderung der bestehenden Gesellschafts- und Staatsordnung entfaltete, musste sie durch die Träger und Beschützer dieser Gesellschaftsordnung Schläge einstecken. Doch weil die Daʿwa des Islam zu einer weitreichenden und umfassenden Veränderung aufrief, verfielen die führenden Kreise des bestehenden Staates und der Gesellschaft als Reaktion darauf einer Art heftiger Raserei. Genau dieser Zustand zeigte sich in Mekka. Zwar hatte die Gewalt bereits mit Beginn der öffentlichen Daʿwa eingesetzt. Doch allmählich nahmen die Grausamkeit der Dschāhilīya und das Ausmaß der Verfolgung der Muslime zu. Innerhalb von fünf oder sechs Jahren war Mekka für die Menschen, die den Islam angenommen hatten, zu einem brennenden Ofen geworden. Nach dem Tod von Hadhrat Chadidscha und Herrn Abu Talib nahm die Glut dieses Ofens eine noch heftigere und furchtbarere Gestalt an. Ob stärker oder schwächer – niemand entging den Verbrennungen in diesem Ofen. In diesem Ofen wurden sie durch das Verbrennen, Erhitzen und Schmelzen zu reinem Gold. Obwohl der Anführer der Bewegung, Muhammad (s.a.s.), den größten Teil dieser Hitze selbst ertrug, mussten auch seine Gefährten nicht weniger darunter leiden. Aus der Geschichte erfahren wir nur sehr wenig über die schrecklichen Peinigungen, denen die Sahāba ausgesetzt waren. Doch selbst das, was aus der Geschichte bekannt ist, lässt einem die Haare zu Berge stehen. Hier gebe ich einen kurzen Bericht über einige dieser von den Feinden des Islam verübten Peinigungen.

Der Gesandte (s.a.s.) selbst wurde jeden Augenblick auf verschiedenste Weise unmittelbar misshandelt. Doch auch die Qualen, die seinen Gefährten zugefügt wurden, durchbohrten mittelbar sein empfindsames Herz immer wieder. Sehen wir nun, wer welchen Peinigungen ausgesetzt war.

Chabbāb ibn al-Aratt at-Tamīmī wurde im Zeitalter der Dschāhilīya als Sklave verkauft. Eine Frau namens Umm Numar kaufte ihn. Als das Haus von Hadhrat Arqam das Zentrum der islamischen Bewegung war und der Gesandte (s.a.s.) von dort aus alle organisatorischen Aktivitäten leitete, nahm Hadhrat Chabbāb den Islam an. Die Quraisch breiteten glühende Kohlen aus und legten ihn auf dieses Feuerbett. Gleichzeitig stellte sich ein Mann auf seine Brust, damit Chabbāb sich nicht auf die Seite drehen konnte. Schließlich erloschen die Kohlen unter seinem Rücken. Später zeigte Chabbāb (r.a.) Hadhrat Umar einmal seinen Rücken, und dieser sah darauf zahlreiche weiße, lepraähnliche Flecken. Von Beruf war er Schmied. Nachdem er den Islam angenommen hatte und von verschiedenen Menschen seine ausstehenden Forderungen verlangte, antworteten sie: „Solange du nicht die Verbindung zu Muhammad (s.a.s.) abbrichst, wirst du nicht einmal einen Pfennig bekommen.“ Auf diese Weise wurde wirtschaftlicher Druck auf ihn ausgeübt. Doch dieser Streiter für die Wahrheit antwortete: „Das ist für mich niemals möglich.“

Der schwarze Hadhrat Bilāl war der Sklave von Umayya ibn Chalaf. Wenn die Sonne genau über dem Kopf stand, legte man ihn auf den heißen Sand der arabischen Wüste und legte einen schweren Stein auf seine Brust, damit er sich nicht auf die Seite drehen konnte. Umayya sagte zu ihm: „Wende dich vom Islam ab, sonst wirst du auf diese Weise umkommen.“ Hadhrat Bilāl (r.a.) antwortete darauf, indem er nur „Ahad, Ahad“ („Allah ist Einer, Allah ist Einer“) schrie. Dadurch wuchs Umayyas Zorn noch mehr. Er band ihm ein Seil um den Hals und hetzte die zügellosen Jungen der Stadt auf ihn. Sie führten ihn durch die Gassen der Stadt. Doch dieser hingebungsvolle, Allah liebende Mann verkündete auch in diesem Zustand weiterhin laut: „Ahad, Ahad.“ Manchmal wickelte man ihn in eine Rinderhaut, manchmal zog man ihm eine eiserne Rüstung an und setzte ihn in der sengenden Sonne hin. Hadhrat Abu Bakr (r.a.) kaufte ihn im Tausch gegen einen anderen Sklaven und schenkte ihm die Freiheit.

Ammār ibn Yāsir stammte aus dem Stamm der Qahtān. Sein Vater Yāsir war aus dem Jemen gemeinsam mit seinen beiden Brüdern in den Hidschāz gekommen, um einen weiteren, verschollenen Bruder zu suchen. Die beiden Brüder kehrten später in den Jemen zurück. Yāsir jedoch schloss mit Abu Hudhaifa al-Machzūmī ein Schutzbündnis, blieb in Mekka und heiratete dort. Später nahm die gesamte Familie einschließlich Yāsir den Islam an. Da Ammār ibn Yāsir in Mekka keinen Stammesangehörigen hatte, der ihn beschützen konnte, wurde er grausam verfolgt. Zur Strafe für seine Annahme des Islam legte man auch ihn auf den heißen Sand. Die Quraisch schlugen ihn, bis er bewusstlos wurde. Auch seine Eltern wurden in gleicher Weise körperlich misshandelt. Man tauchte ihn unter Wasser und legte ihn auch auf glühende Kohlen. Der Gesandte (s.a.s.) strich ihm liebevoll über den Kopf, betete für ihn und verkündete ihm die frohe Botschaft vom Paradies. Nach der Überlieferung von Hadhrat Ali (r.a.) sagte der Gesandte (s.a.s.): „Ammār ist vom Kopf bis zu den Füßen vom Glauben erfüllt.“ Hadhrat Ammārs Mutter, Hadhrat Sumayya (r.a.), wurde wegen des Verbrechens, den Islam angenommen zu haben, getötet.

Abu Dschahl selbst tötete sie auf äußerst bestialische Weise mit einem Speerstich. Dies war das erste Martyrium im Islam. Auch Hadhrat Ammārs Vater, Hadhrat Yāsir, wurde infolge der erlittenen Folter zum Märtyrer.

Er nahm gemeinsam mit Suhaib und Ammar den Islam an. Man schlug ihn so grausam, dass er dabei den Verstand verlor. Zur Zeit der Hidschra erlaubten die Quraisch ihm auszuwandern, unter der Bedingung, dass er ihnen seinen gesamten Besitz und seine Habe überließ. Suhaib (r.a.) nahm diese Bedingung bereitwillig an und zog mit leeren Händen nach Medina.

Abu Fukaiha Suhali war der Sklave von Safwan ibn Umayya. Er nahm etwa zur selben Zeit wie Hazrat Bilal (r.a.) den Islam an. Einmal wurde ein derart schwerer Stein auf seine Brust gelegt, dass seine Zunge hervortrat. Manchmal legte man ihm eiserne Fesseln an und ließ ihn bäuchlings auf dem glühend heißen Sand liegen. Hazrat Abu Bakr (r.a.) kaufte ihn daraufhin frei.

Bevor Hazrat Umar (r.a.) den Islam annahm, lebte in seiner Familie eine Sklavin namens Lubaina. Umar (r.a.) schlug sie so erbarmungslos, bis er erschöpft war. Dann sagte er: „Ich lasse dich nicht aus Mitleid frei, sondern weil ich müde geworden bin.“

In Hazrat Umars Familie gab es noch eine weitere Sklavin namens Zunaira. Hazrat Umar (r.a.) ließ sie wegen ihrer Annahme des Islams ebenfalls grausam schlagen. Abu Jahl schlug sie einmal so lange, bis sie ihr Augenlicht verlor. Einer Überlieferung zufolge gab Allah der Erhabene ihr jedoch schon bald durch den Segen des Glaubens ihr Augenlicht zurück. Hazrat Abu Bakr as-Siddiq (r.a.) kaufte auch sie frei.

Auch zwei Sklavinnen namens Nahdiyya und Umm Ubais erduldeten wegen ihrer Annahme des Islams schwere Misshandlungen.

Hazrat Uthman (r.a.) war bereits älter und angesehen und besaß großen Reichtum sowie eine hohe gesellschaftliche Stellung. Dennoch band ihn sein eigener Onkel, nachdem er den Islam angenommen hatte, mit einem Seil und schlug ihn.

Sobald Hazrat Abu Dharr (r.a.) den Islam angenommen hatte, begab er sich zur Kaaba und verkündete dies öffentlich. Sofort stürzten sich die Terroristen der Quraisch auf ihn und schlugen ihn nieder.

Sein Onkel wickelte Hazrat az-Zubair ibn al-Awwam (r.a.) zur Strafe für seine Annahme des Islams in eine Matte und blies ihm Rauch in die Nase. Doch er sagte mit äußerster Standhaftigkeit: „Unter keinen Umständen werde ich zum Unglauben zurückkehren.“

Als sein eigener Cousin Saʿīd ibn Zayd den Islam annahm, ließ Hadhrat ʿUmar (r.a.) ihn mit einem Seil fesseln.

Auch Saʿd ibn Abī Waqqās erduldete unerträgliche Verfolgung.

Nachdem ʿAbdullah ibn Masʿūd den Islam angenommen hatte, rezitierte er als Erster laut den Qurʾān, während er im Hof der Kaʿba stand. Sobald er begonnen hatte, die Sūrat ar-Raḥmān zu rezitieren, stürzten sich die Ungläubigen auf ihn und schlugen ihm wiederholt ins Gesicht. Dennoch setzte er seine Rezitation fort und kehrte mit einem verletzten Gesicht nach Hause zurück.

ʿUthmān ibn Maẓʿūn war zunächst sicher, weil er unter dem Schutz von al-Walīd ibn al-Mughīra stand. Als er jedoch sah, wie die Gefährten des Gesandten (s.a.w.s.) grausam verfolgt und misshandelt wurden, fragte er sich: »Wenn meine Gefährten so viel Verfolgung erleiden, warum sollte ich dann unter dem Schutz eines Götzendieners ein sicheres Leben führen?« Er sagte zu al-Walīd ibn al-Mughīra: »Ich gebe deinen Schutz zurück.« Al-Walīd versuchte, ihn umzustimmen: »Mein Neffe, ich fürchte, dass jemand dich schlecht behandeln könnte.« Er erwiderte: »Nein, ich werde unter Allahs Schutz stehen. Ich wünsche keinen Schutz von jemand anderem als Ihm.« Er ging zur Kaʿba und erklärte dort, dass er den Schutz al-Walīd ibn al-Mughīras zurückgab. Danach setzte er sich zur Versammlung der Quraisch. Dort trug der Dichter Labīd selbstverfasste Gedichte vor. Als er vortrug: »Alles außer Allah ist nichtig«, sagte ʿUthmān: »Du hast recht.« Als Labīd jedoch die nächste Zeile vortrug: »Alle Gnaden sind vergänglich«, sagte ʿUthmān: »Das ist falsch. Die Gnaden des Paradieses werden niemals vergehen.« Labīd geriet in Zorn. Er blickte sich um und suchte nach demjenigen, der es gewagt hatte, seinen Fehler aufzuzeigen. Labīd sagte: »O ihr Quraisch, wer hat es gewagt, eurem Dichtergefährten gegenüber so unverschämt zu sein?« Einer sagte: »Das ist irgendein törichter Abtrünniger. Kümmert euch nicht um seine Worte.« ʿUthmān konnte nicht schweigen. Er gab ihm eine treffende Antwort. Daraufhin stand jener Mann auf und schlug ʿUthmān so heftig ins Gesicht, dass er sein Auge verlor. Als al-Walīd ibn al-Mughīra dies sah, sagte er: »Wenn du unter meinem Schutz geblieben wärst, hättest du heute nicht auf diese Weise dein Auge verloren.« ʿUthmān erwiderte: »Ich bin sogar bereit, auch mein noch unversehrtes Auge zu verlieren. Derjenige, unter dessen Schutz ich stehe, ist mächtiger und stärker als du.«

Nachdem Hadhrat Abū Dharr al-Ghifārī den Islam angenommen hatte, wurde er von revolutionärem Eifer erfüllt, ging direkt zur Heiligen Moschee und verkündete dort mit lauter Stimme seinen neuen Glauben und seine neue Überzeugung. Die Quraisch gerieten vor Zorn in Wut und sagten: »Schlagt diesen Abtrünnigen!« Sofort begann die Prügelei. Sie wollten ihn töten. Doch zufällig kam al-ʿAbbās, der Onkel des Gesandten (s.a.w.s.), dort vorbei. Er sagte: »He, dieser Mann gehört doch zum Stamm der Ghifār. Auf euren Handelsreisen müsst ihr durch deren Gebiet ziehen. Seid lieber etwas vorsichtig.« Daraufhin mäßigten sich die Quraisch notgedrungen. Am nächsten Tag verkündete er erneut seinen islamischen Glauben und wurde wiederum von der Menge zusammengeschlagen.

Als Hadhrat Umm Schuraik den Islam annahm, stellten ihre Verwandten sie in der glühenden Sonne auf. Sie gaben ihr zum Essen Brot mit Honig, verweigerten ihr jedoch Wasser, damit sie die Hitze stärker spürte und eine doppelte Strafe erlitt. So vergingen ununterbrochen drei Tage. Als man ihr inmitten dieser äußersten Qual sagte, sie solle den Islam aufgeben, war ihr Verstand bereits benommen. Sie verstand überhaupt nicht, was man von ihr verlangte. Schließlich deuteten die Unterdrücker zum Himmel und sagten: »Leugne die Einheit Allahs.« Nun verstand sie ihre Forderung und sagte: »Ich bin in meinem Glauben und meiner Überzeugung standhaft und werde es bleiben.«

Nachdem Khālid ibn al-ʿĀṣ den Islam angenommen hatte, schlug sein Vater ihn und spaltete ihm den Kopf. Außerdem ließ er ihn Hunger leiden.

Kurz gesagt: Es gab niemanden, der nicht einer schweren Feuerprobe ausgesetzt wurde. Wie Hadhrat ʿUthmān wurden auch Hadhrat Abū Bakr und Ṭalḥa mit Seilen gefesselt. Walīd ibn Walīd, ʿAyyāsch ibn Abī Rabīʿa und Salama ibn Hischām wurden grausam verfolgt, und man hinderte sie sogar an der Auswanderung. Auch die Verfolgung, die Hadhrat ʿUmar gegen seine Schwester und seinen Schwager führte, war unmenschlich. Ihre Einzelheiten werden später dargelegt.

Betrachten Sie einerseits diese furchtbare Verfolgung und andererseits die Standhaftigkeit der Bannerträger der islamischen Bewegung. Wer auch immer – Mann oder Frau, Sklave oder Sklavin – diese Daʿwa einmal angenommen hatte, wich nicht mehr zurück. Unterdrückung und Verfolgung konnten keinen einzigen Menschen dazu zwingen, den Islam aufzugeben. Wir sehen, dass sich in ihren Knochen und ihrem Mark im wahrsten Sinne des Wortes ein revolutionärer Antrieb regte. Ihre beispiellose Geduld ließ die unterdrückerische Tyrannei der Quraisch vollständig scheitern. Wer einmal auf den Ruf des Islam antwortete, in dem wurde ein völlig neuer Mensch geboren und in seiner Brust neue Kraft entfacht.

Die Auswanderung nach Abessinien

Jede Gefahr und jedes Unglück hat eine Grenze dessen, was man ertragen kann. Die Bannerträger der islamischen Bewegung standen einer schweren Feuerprobe gegenüber, und das Beispiel an Geduld, das sie dabei gaben, wird gewiss unvergessen bleiben. Doch war kein Anzeichen für eine Unterbrechung der Unterdrückung und Verfolgung zu erkennen. Im Gegenteil: Sie nahm immer weiter zu. Der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war angesichts der Notlage seiner Gefährten zutiefst betrübt. Doch er war nicht in der Lage, etwas für sie zu tun. Ihre einzige Stütze waren das Vertrauen auf Allah, der unerschütterliche Glaube an das Jenseits, die feste Hoffnung auf den endgültigen Sieg der Wahrheit und ein von Gefühl erfülltes Bittgebet. Der Gesandte (Allahs) tröstete seine Gefährten mit den Worten, Allah werde gewiss einen Weg eröffnen. Äußerlich wurde die Lage in Mekka immer hoffnungsloser, und es war kein Anzeichen dafür zu erkennen, dass an jenem unfruchtbaren Ort am heiligen Baum der islamischen Bewegung Früchte wachsen würden. Nach den Umständen zu urteilen, schien es ganz offensichtlich, dass in Mekka keine Möglichkeit bestand, den Grundstein für einen islamischen Staat zu legen; dieses Glück war vielleicht einem anderen Land bestimmt. Das Kapitel der Auswanderung war bereits zuvor in die Geschichte der islamischen Bewegung aufgenommen worden. Daher war zu erwarten, dass auch der Gesandte (Allahs) und seine Gefährten möglicherweise ihre Heimat würden verlassen müssen. Auch wenn die Anfänge einer umfassenden, dem Wohl der gesamten Menschheit dienenden Ideologie in einem bestimmten Land und unter einem bestimmten Volk liegen, steht sie doch über der Enge von Nationalismus und Regionalismus und bleibt nicht auf ein Land oder Volk beschränkt. Wenn sich die Menschen eines bestimmten Gebietes als ungeeignet erweisen, wählt sie hierfür eine andere Gemeinschaft aus. Doch die zentrale Stätte der Daʿwa zu verlassen, bevor eine klare Erlaubnis oder Anweisung von Allah ergangen ist, entspricht nicht der Vorgehensweise der Propheten. Dennoch sah der Gesandte (Allahs), wie der Konflikt zwischen Unterdrückung und Geduld auf einen Punkt zutreibte, an dem die menschliche Fähigkeit zur Standhaftigkeit erschöpft werden konnte. Die Muslime warteten sehnsüchtig darauf, wann Allahs Hilfe kommen würde. In dieser Lage riet er seinen Gefährten: „Zieht in irgendein Land der Welt. Allah wird euch schon bald irgendwo zusammenführen.“ Sie fragten: „In welches Land sollen wir gehen?“ Der Gesandte (Allahs) deutete in Richtung Abessinien. Er wusste, dass dessen König vergleichsweise gerecht war und dem Vorbild Jesus’, Allahs Friede sei auf ihm, folgte. Er war der Ansicht, dass dieses Land für die Auswanderung geeignet sei. Über Abessinien sagte er: „Es ist ein Land der Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit.“ (Sīrat Ibn Hišām)

Im fünften Jahr der Prophetenschaft machte sich eine Gruppe aus elf Männern und vier Frauen aus der revolutionären Gemeinschaft des Gesandten (Allahs) unter der Führung von ʿUthmān ibn ʿAffān in der Dunkelheit der Nacht auf den Weg nach Abessinien. Auch ʿUthmāns edle Ehefrau, Ruqayya, die Tochter des Gesandten (Allahs), begleitete ihn auf dieser ersten Reise der Auswanderung. Über dieses großartige Ehepaar sagte der Gesandte (Allahs): „Nach Lot und Abraham ist dies das erste Ehepaar, das um Allahs willen seine Heimat verlassen hat.“ (Al-Mawāhib al-Ladunniyya, Rahmat li-l-ʿĀlamīn)

Als die Quraisch vom Aufbruch dieser Gruppe erfuhren, schickten sie sofort Leute aus, um sie zu verfolgen. Als diese jedoch den Hafen von Dschidda erreichten, erfuhren sie, dass die Auswanderer dank eines unverzüglich gefundenen Bootes bereits außer Reichweite waren. Diese Auswanderer blieben nur kurze Zeit in Abessinien (von Radschab bis Schawwal). Sie hörten das Gerücht, die Quraisch hätten den Islam angenommen. Deshalb kehrten sie nach Mekka zurück. Doch kaum hatten sie die Nähe Mekkas erreicht, erfuhren sie, dass dieses Gerücht falsch gewesen war. Nun entstand ein schwieriges Problem. Einige betraten die Stadt heimlich, andere mit der Hilfe verschiedener Personen. Als unvermeidliche Folge dieser Rückkehr wurden sie noch heftiger als zuvor verfolgt.

Danach wanderte eine weitere große Gruppe nach Abessinien aus. Zu dieser Gruppe gehörten 85 Männer und 17 Frauen. In Abessinien fanden sie sichere Verhältnisse und begannen, unbesorgt ein islamisches Leben zu führen.

Beachten Sie nun, wie weitreichend der Hass der Feinde des Islam sein kann. Sie versammelten sich zu einer Sitzung und berieten ausführlich über die gesamte Angelegenheit. Sie beschlossen, ʿAbdullāh ibn Rabīʿa und ʿAmr ibn al-ʿĀs als Gesandte zum König von Abessinien zu schicken. Die beiden Gesandten sollten mit dem König verhandeln und die Auswanderer zurückbringen. Zu diesem Zweck wurden für den Negus und seine Höflinge wertvolle Geschenke vorbereitet, und die beiden Gesandten brachen mit großem Prunk auf. Nach ihrer Ankunft in Abessinien verschworen sie sich mit den Höflingen und Priestern und bestachen sie. Sie redeten ihnen ein: „In unserem Land haben einige aufsässige Leute einen religiösen Aufruhr verursacht. Für unsere überlieferte Religion sind sie genauso gefährlich wie für eure Religion. Nachdem wir sie aus dem Land vertrieben hatten, kamen sie hierher und suchten bei euch Zuflucht. Man sollte ihnen nicht erlauben, hier zu bleiben. Unterstützt uns daher in dieser Angelegenheit.“ Sie bemühten sich darum, dass am Hof gar nicht erst über die gesamte Angelegenheit beraten würde, dass die Auswanderer überhaupt keine Gelegenheit zum Sprechen erhielten und dass der König sie den beiden Gesandten der Quraisch auslieferte, nachdem er nur deren einseitige Darstellung angehört hatte. Zu diesem Zweck griff man zu Bestechung und heimlicher Absprache. Nachdem sie die Höflinge hinter den Kulissen gefügig gemacht hatten, erschienen sie mit ihren Geschenken vor dem Negus. Sie erklärten den Zweck ihrer Ankunft folgendermaßen: „Die führenden Männer von Mekka haben uns zu eurem Hof geschickt, damit wir euch bitten, unsere Leute mit uns zurückzuschicken.“ Die Höflinge und Priester unterstützten ihre Bitte sofort. Doch der Negus weigerte sich, auf Grundlage einer einseitigen Forderung vorzugehen. Er erklärte unmissverständlich: „Ich kann sie euch nicht ausliefern, bevor ich nicht die Aussage der Auswanderer gehört habe.“

Am nächsten Tag wurden beide Seiten an den Hof gerufen. Als die Einladung des Negus die Muslime erreichte, berieten sie sich. Sie besprachen: „Der König ist Christ, während wir uns in Glaubensüberzeugungen, Ansichten und Lebensgewohnheiten von ihm unterscheiden. Was sollen wir unter diesen Umständen zu ihm sagen?“ Nach eingehender Beratung beschlossen sie: „Wir werden genau das sagen, was der Gesandte (Allahs) uns gelehrt hat; wir werden nicht um ein Haar davon abweichen. Was immer daraus folgt, soll geschehen.“ Bedenken Sie, wie stark ihr Glaube war. Auch in schwierigen Situationen an Wahrheit und Aufrichtigkeit festzuhalten, ist Allahs Gebot. Als die Auswanderer anschließend am Hof eintrafen, warfen sie sich dem Negus entsprechend der üblichen Sitte nicht nieder. Die Höflinge erhoben dagegen Einwand und fragten: „Warum habt ihr euch nicht niedergeworfen?“ Ǧaʿfar, der Sprecher der Auswanderer, antwortete: „Wir werfen uns vor niemandem außer Allah nieder. Selbst den Gesandten (Allahs) begrüßen wir lediglich schlicht mit dem Friedensgruß.“ Beachten Sie, unter welch heiklen Umständen dieser kühne Ausdruck des wahren Tauhīd erfolgte. Vor derselben Macht, vor der die Gegner ihre wahre Identität verbargen und zu List und Verschlagenheit Zuflucht nahmen, legten sie furchtlos idealistische und unerschütterliche Standhaftigkeit an den Tag.

Nun trugen die beiden Gesandten aus Mekka ihre Forderung vor: Diese Auswanderer seien Flüchtlinge und Angeklagte aus unserem Land. Sie hätten eine neue Religion erfunden, und auf dieser Grundlage sei ein verderbliches Chaos entstanden. Daher sollten sie uns ausgeliefert werden. Der Nadschaschi fragte die Muslime: „Was ist eure Angelegenheit? Habt ihr neben dem Christentum und dem Götzendienst eine dritte Religion angenommen?“

Hazrat Jaʿfar erhob sich als Sprecher der Muslime und bat den Nadschaschi darum, zunächst einige Fragen an die beiden Gesandten aus Mekka richten zu dürfen. Man möge ihm gestatten, diese Fragen zu stellen. Nachdem der Nadschaschi seine Erlaubnis erteilt hatte, begann er mit der folgenden Befragung:

Hazrat Jaʿfar: Waren wir in Mekka Sklaven irgendeines Menschen und sind vor unseren Herren geflohen? Wenn das so wäre, müsste man uns selbstverständlich zurückschicken.

ʿAmr ibn al-ʿĀs: Nein, ihr seid keine Sklaven, sondern freie und angesehene Menschen.

Hazrat Jaʿfar: Haben wir jemanden zu Unrecht getötet und sind danach geflohen? Wenn das so wäre, müsste man uns selbstverständlich zu den Erben oder Vormündern des Getöteten zurückschicken.

ʿAmr ibn al-ʿĀs: Nein, ihr habt keinen einzigen Tropfen Blut vergossen.

Hazrat Jaʿfar: Haben wir das Vermögen von jemandem gestohlen und sind danach geflohen? Wenn das so wäre, sind wir bereit, diese Schuld zu begleichen.

ʿAmr ibn al-ʿĀs: Nein, ihr schuldet niemandem auch nur einen einzigen Pfennig.

Nachdem durch diese Befragung der moralische Zustand und das Niveau der Muslime deutlich geworden waren, hielt Hadhrat Dschaʿfar folgende Ansprache:

„O König, wir waren ein törichtes und unwissendes Volk. Wir beteten Götzen an, aßen das Fleisch verendeter Tiere, begingen Unzucht, fügten unseren Nachbarn Leid zu, unterdrückten und misshandelten einander, und die Starken unter uns beuteten die Schwachen aus und bedrängten sie. In dieser Lage wurde unter uns ein Mann geboren, von dessen Ehrlichkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Anständigkeit wir schon zuvor überzeugt waren. Er rief uns zum Islam auf und lehrte uns, die Anbetung von Steinen aufzugeben, die Wahrheit zu sagen, Blutvergießen zu beenden, das Vermögen der Waisen nicht unrechtmäßig an uns zu nehmen, unseren Nachbarn zu dienen und ihnen Gutes zu tun, keine Verleumdungen gegen keusche Frauen zu verbreiten, das Gebet zu verrichten, zu fasten und Almosen zu geben. Wir glaubten an ihn, gaben den Götzendienst auf und mieden alle schlechten Taten. Wegen dieses ‚Verbrechens‘ wurde unser gesamtes Volk zu unserem Feind. Sie versuchten, uns mit Gewalt in jene frühere Irreleitung zurückzuführen. Unter diesen Umständen flohen wir in Ihr Reich, um unseren Glauben und unser Leben zu retten. Wenn unser Volk uns erlaubt hätte, in unserer Heimat zu bleiben, wären wir nicht gekommen. Das ist unsere tatsächliche Lage.“

Wenn eine Aussage wahr ist und der Sprecher sie aufrichtig und hingebungsvoll vorträgt, kann sie gar nicht anders, als im Herzen des Zuhörers Wirkung zu zeigen. Das Herz des gottesfürchtigen Königs Nadschaschi wurde erweicht. Er sagte: „Lest mir doch etwas von dem Buch vor, das auf euch herabgesandt wurde.“ Hadhrat Dschaʿfar trug ihm einige Verse vom Anfang der Sure Maryam vor. Als der König diese Verse Allahs hörte, wurde sein Herz noch weicher, und seine Augen füllten sich mit Tränen. Spontan rief er aus: „Bei Allah, diese Botschaft und das Evangelium stammen aus derselben Quelle.“ Er sagte außerdem: „Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ist wahrlich jener Gesandte, dessen Kommen Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) vorausgesagt hat. Allah sei Dank, dass ich noch die Zeit dieses Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erreicht habe.“ Sofort verkündete er auch sein Urteil, dass es nicht möglich sei, die Auswanderer zurückzuschicken. Damit war die Sitzung am Hof beendet, und die beiden Gesandten kehrten erfolglos zurück. Später beschlossen sie beide, es noch einmal zu versuchen. Nadschaschi war Christ. Wenn am Hof der muslimische Glaube über Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) vorgetragen würde, war es durchaus möglich, dass im König das Feuer religiöser Feindseligkeit entfacht würde.

Am folgenden Tag erschien Amr ibn al-As erneut am Hof. Um Nadschaschi aufzuhetzen, erhob er die Anschuldigung, diese Auswanderer hegten sehr schlechte Vorstellungen über Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm). Nadschaschi ließ die Muslime erneut rufen. Als sie die Lage erfuhren, gerieten sie in einen Zwiespalt: Wer wusste schon, wie Nadschaschi reagieren würde, wenn sie die Aussage zurückwiesen, Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) sei „Allahs Sohn“?

Doch die Standhaftigkeit der Gläubigen wies ihnen auch diesmal den Weg: Sie sollten die Wahrheit ohne jede Zweideutigkeit aussprechen. Hadhrat Dschaʿfar sagte in seiner Ansprache:

„Unser Prophet hat gesagt: Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) ist Allahs Diener, Allahs Zeichen und Allahs Gesandter.“

Als Nadschaschi dies hörte, nahm er ein Grashälmchen vom Boden und sagte: „Hadhrat Isa (Friede sei mit ihm) ist von dem, was du gesagt hast, nicht einmal um so viel mehr als dieses Grashälmchen.“ Die Priester, die Opfer der Verschwörung geworden und durch Bestechung und Geschenke gefügig gemacht worden waren, waren innerlich sehr aufgebracht. Schließlich entwich ihnen ein seltsames Geräusch aus der Nase. Nadschaschi schenkte dem jedoch keinerlei Beachtung. Er ordnete unmissverständlich an, alle Geschenke zurückzugeben. Die beiden Vertreter aus Mekka kehrten völlig erfolglos zurück.

 

Umar nimmt den Islam an

Eine Geschichte aus diesem Kapitel der Gewalt ist besonders erschütternd und bedeutsam: die Geschichte von Hazrat Umars Wutausbruch. Als der Gesandte (s.a.w.) das Prophetentum erhielt, war Hazrat Umar (r.a.) siebenundzwanzig Jahre alt. Der Islam breitete sich sehr schnell in seiner Familie aus. Sein Schwager Sa’id nahm als Erster den Islam an. Unter seinem Einfluss wurde auch seine Schwester Fatima Muslimin. Ein weiterer einflussreicher Mann in Umars Familie, Nu’aim ibn Abdallah, suchte ebenfalls Zuflucht im Schatten des Islam. Zunächst wusste Umar nicht, dass sich der Islam auf diese Weise in seiner Familie ausbreitete. Als er davon erfuhr, wurde er ungeduldig vor Zorn und geriet gegen diejenigen in Rage, die den Islam angenommen hatten. Eine Sklavin seiner Familie namens Lubaina schlug er wegen ihrer Annahme des Islam so lange, bis er erschöpft war. Nach einer Ruhepause schlug er sie mit neuer Kraft weiter.

Schließlich fasste er eines Tages den furchtbarsten aller Entschlüsse: Den Haupturheber dieser Bewegung müsse man töten. Aus verschiedenen Quellen ist bekannt, dass Abu Dschahl zu jener Zeit eine Belohnung von zweihundert Kamelen für die Tötung des Gesandten (s.a.w.) ausgesetzt hatte; diese Belohnung zu erhalten, war eines der Ziele dieses Entschlusses. Doch es passte nicht zu Umars Charakter, einer solchen Gier zu erliegen. Offenbar wollte er diese Tat vielmehr im aufrichtigen Glauben vollbringen, einer väterlichen Religion zu dienen. Jedenfalls machte er sich mit seinem Schwert auf den Weg. Unterwegs wurde er aufgehalten, als er Nu’aim ibn Abdallah begegnete. Nu’aim sagte: „Erkundige dich zuerst nach deiner Schwester und deinem Schwager, dann geh, wohin du willst.“ Umar (r.a.) kehrte sofort um und machte sich zum Haus seiner Schwester auf. Als er dort ankam, las seine Schwester Fatima gerade den Koran. Sobald sie die Schritte hörte, verstummte sie und verbarg die Koranblätter. Hazrat Umar (r.a.) betrat das Haus und fragte sogleich: „Was hast du gelesen?“ Seine Schwester schwieg. Umar (r.a.) sagte: „Ich habe es herausgefunden: Ihr beide seid vom Glauben abgefallen. Aber jetzt werdet ihr sehen, was ich euch antue.“ Damit stürzte er sich auf seinen Schwager. Als seine Schwester ihrem Mann zu Hilfe kam, schlug er auch sie. Der Körper seiner Schwester war blutüberströmt. Doch Fatima sah ihren Bruder mit tränengefüllten Augen an und sagte mit fester Stimme:

„Umar! Tu, was du willst. Aber wir können den Islam nicht aufgeben.“

Eine Frau steht vor ihm – ihr Körper von Wunden übersät, ihre Kleidung blutbefleckt, die Augen voller Tränen und das Herz voller Gefühle. Nicht nur irgendeine Frau, sondern seine leibliche Schwester. Und aus ihrem Mund solche mutigen Worte! Bedenken Sie, welche neue Kraft der Islam selbst einer schutzlosen Frau verliehen hatte. Angesichts dieser erschütternden Szene musste selbst Umars furchtbare Stärke weichen. Die eiserne Festigkeit seines Entschlusses verwandelte sich mitten auf dem Weg in eine haltlose Schwäche. Er sagte: „Nun gut, lasst mich hören, was ihr gelesen habt.“ Fatima holte die verborgenen Koranblätter hervor. Beim Lesen stieß sie auf diese Worte: „************“ Da rief er spontan aus: „Aschhadu an la ilaha illallah wa aschhadu anna Muhammadan abduhu wa rasuluhu.“ Nachdem er den Glauben angenommen hatte, machte er sich zum Haus von Hazrat Arqam auf, dem Zentrum der islamischen Bewegung. Dort leistete er dem Gesandten (s.a.w.) den Treueid. Die anwesenden Muslime stießen aus übergroßer Freude einen so lauten Ruf „Allahu akbar“ aus, dass ganz Mekka widerhallte. Die Bannerträger der islamischen Bewegung verließen den Ort und zerstreuten sich in der ganzen Stadt Mekka. Sie spürten, dass ihre Stärke gewachsen war. Unmittelbar nach Hazrat Umars (r.a.) Annahme des Glaubens begann man erstmals, in der Kaaba öffentlich gemeinsam das Gebet zu verrichten.

Hazrat Umar (r.a.) genoss unter den jungen Männern Mekkas wegen seines Verstandes und seiner leidenschaftlichen Tatkraft besonderes Ansehen. Sein Verhalten war von Aufrichtigkeit und Hingabe erfüllt. Auch seine Feindschaft gegenüber dem Islam im Zeitalter der Unwissenheit war nicht von persönlichen Interessen getrieben; vielmehr übte er sie aufrichtig aus, weil er sie für gerechtfertigt hielt. Als sich ihm dann die wirkliche Wahrheit offenbarte und der Schleier von seinem Gewissen wich, erhob er mit voller Hingabe und Aufrichtigkeit das Banner des Islam. Obwohl seine Art des Widerstands äußerst heftig und leidenschaftlich gewesen war, nahm sein scharfer Verstand und sein reines Gewissen stets nach und nach das Licht der Wahrheit auf. Jedes Ereignis im Umfeld Mekkas beeinflusste seine Seele, bewegte sie und bereitete ihn darauf vor, den Islam anzunehmen. Einerseits drangen ständig Nachrichten über die Einladung zum Islam an sein Ohr. Andererseits wurde ihm auch die niedrige und abscheuliche Gesinnung seiner Gegner immer deutlicher. So beobachtete er einerseits den reinen und aufrichtigen Charakter des Gesandten (s.a.w.) und seiner Gefährten und andererseits die verdorbenen und finsteren Seiten des Charakters der Gegner des Islam. Diese fortwährende vergleichende Beobachtung beeinflusste und bewegte diesen bewussten, wachen jungen Mann aus Mekka immer stärker. Neben diesen beiden einander entgegengesetzten, allgemeinen Erscheinungen der Lage gab es jedoch auch einige besondere Ereignisse, die in ihm eine heftige Reaktion auslösten.

So bereitete sich beispielsweise Umm Abdallah bint Abi Haschma auf die Auswanderung nach Abessinien vor. Eines Tages kam Hazrat Umar zu ihnen und sagte: „Umm Abdallah, es scheint, als würdet ihr euch darauf vorbereiten, Mekka zu verlassen und irgendwohin zu gehen.“ Umm Abdallah sagte: „Ja, genau das tun wir. Ihr habt uns viel Leid zugefügt und uns schwer verfolgt. Nun hat Allah uns einen Weg eröffnet, auf dem wir gerettet werden können.“ Umar sagte: „Möge Allah euch begleiten.“ Umm Abdallah berichtet: „Ich habe Umar damals noch nie so von Trauer erfüllt gesehen. Unsere Vorbereitungen zur Auswanderung bereiteten ihm tiefen Schmerz.“ Als Umm Abdallah ihrem Mann Amir ibn Rabi’a von Umars tiefem Schmerz erzählte, fragte Amir: „Hoffst du angesichts dieser Veränderung in Umar etwa, dass er den Islam annimmt?“ Umm Abdallah sagte: „Ja.“ Amir erwiderte: „Wenn der Mann, den du gesehen hast, den Islam annimmt, dann wird auch der Esel von Khattab den Islam annehmen.“ (Khattab war der Name von Hazrat Umars Vater.) Umm Abdallah sagt, diese Hoffnungslosigkeit sei wegen Umars Härte und Grausamkeit gegenüber dem Islam entstanden. (Sira Ibn Hischam, erster Band)

Doch wer kann sagen, dass dieses Ereignis nicht einen heftigen Schlag gegen Hazrat Umars Gewissen geführt hat? Ebenso ist aus einem anderen Bericht bekannt, dass sein Herz beeinflusst wurde, als er den Gesang des Gesandten (s.a.w.) aus dem Koran hörte. Dazu sagte er selbst Folgendes:

„Ich war weit vom Islam entfernt. Im Zeitalter der Dschāhilīya war ich dem Alkohol verfallen und trank sehr große Mengen davon. In Hāzwara [damals war dies ein Markt in Mekka; heute gehört dieses Stück Land zur al-Masdschid al-Harām] veranstalteten wir unsere Trinkgelage, und dort versammelten sich unsere quraischitischen Freunde. Eines Nachts begab ich mich auf Drängen meiner Gefährten zu diesem Gelage. Ich suchte dort lange nach meinen Gefährten, konnte aber niemanden finden. Dann fiel mir ein Weinhändler ein, und ich dachte: Ich werde dorthin gehen und Wein trinken. Doch auch ihn fand ich nicht. Daraufhin dachte ich, ich würde zur Kaaba gehen und dort sechzig- oder siebzigmal den Tawāf vollziehen. Als ich dort ankam, sah ich, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, betete. Er stand zwischen dem Rukn al-Aswad und dem Rukn al-Yamānī (in Richtung Bayt al-Maqdis). Plötzlich kam mir der Gedanke: Hören wir uns doch heute einmal an, was dieser Mann vorträgt. Ich trat in das Innere des Vorhangs der Kaaba ein, ging ganz langsam bis dicht an ihn heran und begann zuzuhören. Zwischen mir und dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, war nichts außer dem Vorhang der Kaaba. Als ich den Koran hörte, wurde mein Herz weich. Meine Augen füllten sich mit Tränen. Genau in diesem Augenblick trat der Islam in mein Herz ein. [Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 368–369]“

Im verbleibenden Teil dieser Überlieferung heißt es, dass Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, damals sofort mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, mitging und den Islam annahm. In Wirklichkeit ist jedoch die zuvor erwähnte Überlieferung hinsichtlich seines Übertritts zum Islam die richtige. Erst als er den Glauben, die Geduld und die Standhaftigkeit seiner Schwester sah, wurde sein Denken endgültig zur Annahme des Islam hingelenkt. Besonders bedeutsam ist in Umars eigener Schilderung, dass er zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ging, um den Koran von ihm zu hören. Die Verse des Korans, die er mit eigenen Ohren hörte, pflanzten den Samen des Glaubens in sein Herz. Vor dem Hintergrund eines Konflikts und Streits, der ununterbrochen über Jahre hinweg andauerte, ist es ganz natürlich, dass sich ein solches Ereignis ereignete. Wie hätte ein Mann von Umars Persönlichkeit eine Entscheidung treffen können, ohne die Einladung zum Islam mit eigenen Ohren gehört zu haben?

Auch viele andere, die sich dem Koran widersetzten, ja sogar bedeutende Anführer, kamen aus Neugier heimlich herbei, um diese süße, vom Himmel herabgesandte Melodie zu hören. In öffentlichen Versammlungen jedoch sagten gerade sie wieder: „Unsere Ohren sind taub.“ Einmal, als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, tief in der Nacht in seinem Haus den Koran rezitierte, versammelten sich Abū Sufyān, Abū Dschahl und al-Achnas ibn Schuraik heimlich in der Nähe des Hauses des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und hörten zu. Als sie später nach Hause zurückkehrten, trafen sie zufällig aufeinander. Daraufhin tadelten sie einander mit den Worten, dass man so etwas nicht tun dürfe. Sonst könnten die einfältigen gewöhnlichen Leute sie dabei ertappen, und dies würde einen negativen Eindruck auf sie machen. Damit gingen sie auseinander. Am nächsten Tag kamen sie wieder, und erneut tauschten sie Tadel und Ermahnungen wie am Vortag aus. In der dritten Nacht geschah dasselbe wieder, und schließlich legten sie einen sehr festen Schwur ab, so etwas künftig auf keinen Fall mehr zu tun. Zugleich fragten sie einander, was jeder über die Worte dachte, die er von Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, gehört hatte. Jeder äußerte seine Meinung. Zuletzt sagte Abū Dschahl mit erregter Stimme: „Unsere Rivalität mit den Banū ʿAbd Manāf hat immer bestanden. Wenn sie Gastfreundschaft erwiesen, erwiesen auch wir Gastfreundschaft; wenn sie Blutgeld zahlten, zahlten auch wir Blutgeld; wenn sie freigebig waren, waren auch wir freigebig. Auf diese Weise waren wir ihnen ebenbürtig geworden und in keiner Hinsicht hinter ihnen zurückgeblieben. Plötzlich beginnen sie nun zu behaupten, dass aus ihrem Stamm ein Prophet hervorgegangen sei. Wie sollten wir das akzeptieren? In diesem Fall können wir nicht einmal für uns beanspruchen, ihnen ebenbürtig zu sein. Bei Allah, wir können daher weder an ihn glauben noch ihn unterstützen.“ [Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 337–338]

Zu jener Zeit erwachten in der Allgemeinheit großes Interesse und eine starke Neugier am Islam, und dies zog auch Umar gelegentlich zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, damit er die Worte Allahs mit eigenen Ohren hören konnte. Ich habe dieses Ereignis erwähnt, um genau dies zu veranschaulichen.

Ein weiterer Schritt nach vorn

Zusammenfassend war der Übertritt Umars, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, zum Islam ein gewaltiges Ereignis. Hinter diesem Ereignis wirkten zahlreiche Ursachen und Faktoren zusammen. Ein weiterer Grund für seine große Bedeutung war, dass dieser wahrheitssuchende Mann gerade in dem Augenblick hervortrat, als die einseitige Gewalt gegen den Islam ihren Höhepunkt erreicht hatte. Die gegnerischen Kräfte folterten die Menschen, um sie vom Islam abzuhalten. Doch entgegen ihrer Absicht ließ diese Folter die Herzen der Menschen weich werden und weckte ihr Mitgefühl für die Gefolterten. Ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass der Islam die Wahrheit ist, besteht darin, dass sich immer mehr Menschen von höchster geistiger Qualität dem Islam anschlossen, je stärker der gewaltsame und aggressive Widerstand wurde. In der Zeit nach der Auswanderung nach Abessinien begannen sich die kostbaren Perlen Mekkas im Islam zu sammeln.

Wie sollte es möglich sein, dass ein Mann von Umars, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Rang den Islam annahm, ohne eine neue Erschütterung auszulösen? Er hatte beschlossen, die gesamte Gesellschaft ein für alle Mal herauszufordern. ʿAbdullāh ibn Umar war damals noch ein Kind. Er berichtet: „Nachdem mein Vater Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, den Glauben angenommen hatte, erkundigte er sich, wer unter den Quraisch der Meister im Verbreiten von Nachrichten sei. Er fand einen Mann namens Dschamīl ibn Muʿammar al-Dschumahī. Früh am Morgen ging er zu ihm. Um zu sehen, was er dort tun würde, ging auch ich mit ihm. Er sagte zu ihm: ‚O Dschamīl, weißt du, dass ich den Islam angenommen habe und mich der Gruppe Muhammads, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, angeschlossen habe?‘ Dschamīl sagte kein Wort, warf sich nur seinen Umhang über die Schulter und ging geradewegs zum Tor der al-Masdschid al-Harām. Dann begann er mit ohrenbetäubender Stimme auszurufen: ‚O ihr Leute der Quraisch, hört! Umar, der Sohn al-Chattābs, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, ist ein Sābi (Abtrünniger) geworden.‘ Auch Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, kam ihm nach und rief: ‚Dschamīl spricht falsch. Ich bin kein Sābi, sondern Muslim geworden. Ich habe bezeugt, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Sein Diener und Gesandter ist.‘ Die Quraisch stürzten sich auf ihn. Er kämpfte sogar heftig mit seinem eigenen Vater. Während des Ringens stieg die Sonne bis hoch über ihre Köpfe. Da erschien ein älterer Anführer der Quraisch und fragte, was geschehen sei. Nachdem er die ganze Geschichte gehört hatte, sagte er: ‚Dieser Mann hat für sich eine Überzeugung und einen Weg gewählt. Was wollt ihr nun tun? Denkt nach: Werden die Banū ʿAdī (so hieß der Stamm Umars, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) ihren Mann etwa so hilflos in eure Hände fallen lassen? Lasst ihn frei.‘ Der Name dieses Anführers war al-ʿĀs ibn Wāʾil al-Sahmī. Er nahm Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, unter seinen Schutz. (Sīrat Ibn Hischām, erster Band, S. 370–371)“

Auf diese Weise fand Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, noch einen weiteren Weg, seinen glaubensbedingten Eifer und seine Begeisterung zum Ausdruck zu bringen. Schon in der ersten Nacht nach seinem Übertritt zum Islam dachte er darüber nach, wer der erbittertste und fanatischste Gegner des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sei. Er erkannte, dass es keinen erbitterteren und fanatischeren Gegner als Abū Dschahl gab. Früh am Morgen ging er zum Haus Abū Dschahls. Sobald er an die Tür klopfte, kam Abū Dschahl heraus. Er begrüßte ihn und fragte nach dem Grund seines Besuchs. Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, sagte: „Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich an Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, geglaubt und anerkannt habe, dass das, was er sagt, wahr ist.“ Abū Dschahl sagte nur: „Allahs Fluch komme über dich und über diese deine Nachricht“, und schlug die Tür krachend zu.

Andererseits brachte Umar die islamische Bewegung einen Schritt voran. Obwohl er geschlagen wurde, begann er, öffentlich im Hof der Kaaba zu beten. Hadhrat Abdullah ibn Masud sagte: „Bevor Hadhrat Umar den Islam annahm, konnten wir nicht öffentlich vor der Kaaba beten. Als Umar den Islam annahm, kämpfte er gegen die Quraisch und betete in der Kaaba, und auch wir beteten mit ihm.“

Auf diese Weise traten trotz der heftigen Gewalt weiterhin die besten Männer aus den Reihen der Feinde dem Islam bei.

Hadhrat Hamza nimmt den Islam an

Auch die Geschichte von Hadhrat Hamza war nahezu gleicher Art. Dieser junge Mann aus Mekka war zugleich intelligent, mutig und einflussreich. Unter den Onkeln des Gesandten Allahs war er nach Abu Talib der einzige Onkel, der den Gesandten Allahs trotz seiner abweichenden Auffassung liebte. Er war zudem nur zwei oder drei Jahre älter als er. Da sie fast gleichaltrig waren, bestand zwischen Onkel und Neffe seit ihrer Kindheit eine enge, brüderliche Verbundenheit.

Der Vorfall ereignete sich wie folgt: In der Nähe des Berges Safa beleidigte Abu Dschahl den Gesandten Allahs und beschimpfte ihn mit unflätigen Worten. Der Gesandte Allahs bewahrte Geduld und nahm keinerlei Vergeltung für diese Beleidigung. Zufällig beobachtete eine Sklavin den Vorfall. Hadhrat Hamza war damals auf der Jagd gewesen. Als er mit dem Bogen in der Hand zurückkehrte, erzählte ihm die Sklavin, was geschehen war, und sagte: „Ach, wenn du nur mit eigenen Augen hättest sehen können, was deinem Neffen widerfahren ist.“ Als Hamza den Vorfall geschildert bekam, erwachte in ihm ein starkes Ehrgefühl. Er ging geradewegs zur Versammlung der Quraisch und stellte sich vor Abu Dschahl. Er schlug Abu Dschahl mit seinem Bogen auf den Kopf und fragte ihn: „Hast du Muhammad beleidigt? Wenn ja, dann wisse, dass auch ich mich seiner Religion angeschlossen habe und dass auch ich alles sage, was er sagt. Wenn du Mut hast, tritt gegen mich an.“ Ein Mann aus den Banu Machzum erhob sich, um Abu Dschahl beizustehen. Doch Abu Dschahl hielt ihn zurück und sagte: „Lass es, ich habe Hamzas Neffen in der Tat aufs Übelste beleidigt.“ Danach blieb Hadhrat Hamza fest im Islam verankert. Die Quraisch erkannten, dass die Macht des Gesandten noch größer geworden war. (Sira Ibn Hischams, erster Band)

Boykott und Gefangenschaft

Die Feinde des Islam gerieten angesichts des Scheiterns all ihrer Ränke und Pläne, des Fortschritts des Islam und des Beitritts bedeutender und einflussreicher Männer zum Islam in völlige Verwirrung. Im Muharram des siebten Jahres der Prophetie schlossen sich alle Stämme Mekkas zusammen und vereinbarten einen Boykott gegen den Stamm der Banu Haschim. In dem Abkommen wurde festgelegt, dass niemand irgendeine verwandtschaftliche Beziehung zu ihnen unterhalten, eine Ehe mit ihnen eingehen, Handel oder sonstigen Umgang mit ihnen treiben und ihnen Lebensmittel oder Getränke zukommen lassen dürfe, solange die Banu Haschim Muhammad nicht an sie auslieferten und ihnen nicht das Recht gewährten, ihn zu töten. Trotz mehrfacher Gespräche mit Abu Talib war dieser nicht bereit, den Gesandten Allahs aus seinem Schutz zu entlassen. Aus diesem Grund konnte auch die Banu Haschim ihre Beziehung zu ihm nicht abbrechen. Enttäuscht darüber schlossen sie dieses Abkommen. Im Stammeswesen war dieser Beschluss ein äußerst schwerwiegender und endgültiger Schritt. Der gesamte Stamm der Banu Haschim wurde hilflos in einem Tal namens „Schib Abu Talib“ eingeschlossen. Diese Gefangenschaft dauerte fast drei Jahre. Liest man die Schilderungen ihrer Not in dieser Zeit, so würde selbst ein Stein erweichen. Die Angehörigen der Banu Haschim kauten sogar Blätter von Bäumen und aßen getrocknete Häute, nachdem sie diese gekocht oder über dem Feuer geröstet hatten. Die Lage verschlimmerte sich so sehr, dass man das herzzerreißende Weinen der unschuldigen Kinder der Banu Haschim, wenn sie vor Hunger weinten, noch in großer Entfernung hören konnte. Die Quraisch gerieten beim Hören dieser Schreie vor Freude außer sich. Der gesamte Stamm der Banu Haschim wurde allein wegen des Anführers der islamischen Bewegung in eine solche Gefangenschaft gestürzt. Der Boykott war so streng, dass Hakim ibn Hizam, der Neffe von Hadhrat Chadidscha, einmal seinen Diener mit etwas Weizen schickte. Unterwegs sah Abu Dschahl dies und versuchte, den Weizen an sich zu nehmen. Genau in diesem Augenblick kam auch Abu al-Buchtari hinzu, und in ihm erwachte ein wenig menschliches Mitgefühl. Er sagte zu Abu Dschahl: „Ach, lass ihn doch in Ruhe.“ Außerdem schickte auch Hischam ibn Amr heimlich etwas Weizen.

Dieser Hischam ibn Amr wurde nun zum ersten Initiator der Aufhebung dieses unterdrückerischen Abkommens. Er ging zu Zuhair ibn Umaija und sagte zu ihm: „Freust du dich darüber, dass du isst und trinkst, Kleidung trägst und heiratest, während deine Onkel in einer solchen Lage sind, dass sie weder kaufen noch verkaufen und auch nicht heiraten können? Wenn es sich bei den Betroffenen um die Onkel von Abu al-Hakam ibn Hischam (Abu Dschahl) handeln würde und du ihn auffordern würdest, ein solches Abkommen zu schließen, würde er deiner Aufforderung niemals folgen.“ Darauf sagte Zuhair: „Was soll ich tun? Ich bin doch allein. Bei Allah, wenn noch jemand bei mir wäre, würde ich die Aufhebung dieses Abkommens in die Wege leiten und nicht ruhen, bis es aufgehoben wäre.“ Hischam sagte: „Den zweiten Mann hast du bereits gefunden.“ Zuhair fragte: „Wer ist es?“ Hischam antwortete: „Ich selbst.“ Danach ging Hischam zu Mut’im ibn Adi und überzeugte ihn auf dieselbe Weise. Auch dieser antwortete wie Zuhair, dass er allein nichts tun könne. Hischam sagte auch zu ihm: „Ich bin bei dir.“ Mut’im sagte: „Dann finde noch einen dritten Mann.“ Hischam erwiderte: „Den dritten Mann habe ich bereits gefunden.“ Mut’im fragte: „Wer ist es?“ Hischam sagte: „Zuhair ibn Abi Umaija.“ Mut’im sagte: „Nun müssen wir noch einen vierten Mann finden.“ Daraufhin ging Hischam zu Abu al-Buchtari und Zamra ibn al-Aswad und sprach mit ihnen.

Als die Bewegung zur Aufhebung des Boykottvertrags im Verborgenen wirksam voranschritt, setzten sie sich alle zusammen und legten ihr weiteres Vorgehen fest. Es wurde beschlossen, dass Hischam die Angelegenheit öffentlich ansprechen sollte. Dementsprechend umrundete Hischam siebenmal die Kaaba. Danach trat er vor die Menschen und sagte: „O ihr Bewohner von Mekka, ist es etwa angemessen, dass wir essen und Kleidung tragen, während die Banu Haschim sich vor Hunger quälen und nicht einmal etwas kaufen können?“ Dann erklärte er seine Absicht folgendermaßen:

„Bei Allah, ich werde nicht ruhen, bis ich diesen Vertrag, der die Verwandtschaftsbande zerreißt und Unterdrückung verursacht, in Stücke gerissen habe.“

Abu Dschahl schrie auf: „Du bist ein Lügner. Du wirst ihn niemals zerreißen können.“

Yamʿa ibn al-Aswad antwortete Abu Dschahl: „Bei Allah, du bist der größte Lügner. Wir billigen diesen Vertrag nicht, so wie er verfasst worden ist.“ Auch Abu al-Buhtari rief: „Yamʿa hat recht. Dieser Vertrag missfällt uns, und wir halten uns ebenfalls nicht daran.“ Mutʿim unterstützte ihn mit den Worten: „Ihr beiden habt recht. Wer das Gegenteil behauptet, liegt falsch.“ Als die meisten Menschen so zu reden begannen, saß Abu Dschahl mit verlegenem Gesicht da, und der Vertrag wurde zerrissen. Als die Menschen den Vertrag von der Wand der Kaaba herunternahmen, stellten sie erstaunt fest, dass Termiten den gesamten Vertrag aufgefressen hatten. Nur die Worte „Bismika Allahumma“ waren übrig geblieben. (Sira des Ibn Hischam)

Das Jahr der Trauer

Nachdem die Gefangenschaft vorüber war, gelangte der Gesandte (s.a.s.) mit seiner Familie erneut in eine freie Umgebung. Doch nun begann eine noch schwierigere Zeit. Damals war das zehnte Jahr der Prophetenschaft angebrochen. Das erste tragische Ereignis in diesem Jahr war der Tod von Abu Talib, dem Vater von Ali. Damit ging jener letzte Beistand verloren, der den Gesandten (s.a.s.) bis dahin voller Zuneigung vor den Feinden geschützt und sich bis zum letzten Augenblick, ohne sich irgendeinem Druck oder einer Provokation zu beugen, allen Verschwörungen entgegengestellt hatte.

Der zweite Schlag, den der Gesandte (s.a.s.) in diesem Jahr erlitt, war der Tod von Chadidscha (r.a.). Chadidscha (r.a.) war nicht nur die Ehefrau des Gesandten, sondern gehörte auch zu jener glückseligen Gruppe, die als Erste den Glauben annahm. Schon vor seiner Berufung zum Propheten hatte sie es keineswegs versäumt, ihm Mitgefühl und Anteilnahme zu zeigen. Von der Herabsendung der ersten Offenbarung bis zu den letzten Augenblicken vor ihrem Tod erfüllte sie auf dem Weg der Wahrheit die Rolle einer wahrhaftigen Lebensgefährtin des Gesandten (s.a.s.). Zur Unterstützung der islamischen Bewegung gab sie große Summen aus. Immer wieder erteilte sie Rat und leistete mit aufrichtiger Hingabe Unterstützung. Deshalb haben manche über sie gesagt, sie sei der Minister des Gesandten (s.a.s.) gewesen. Tatsächlich ist diese Aussage zutreffend und angemessen.

Einerseits musste der Gesandte (s.a.s.) diese beiden aufeinanderfolgenden Schläge ertragen. Andererseits nahm der Widerstand noch gewaltigere Ausmaße an, weil diese beiden äußeren Beistände weggefallen waren. Nun schienen Widerstand, Verfolgung und Unterdrückung alle bisherigen Maßstäbe zu übertreffen. Doch offenbar war es Allahs Wille, dass der Islam sich selbst schützte, seinen eigenen Weg bahnte und lernte, auf eigenen Füßen zu stehen. Wenn diese weltlichen Stützen nicht auf diese Weise beseitigt worden wären, hätte die Lebenskraft der Wahrheit vielleicht nicht vollständig sichtbar werden können. Aufgrund der Entstehung dieser traurigen und unerträglichen Lage wurde dieses Jahr das „Jahr der Trauer“ genannt.

Nun begannen die Quraisch, sich äußerst barbarisch zu verhalten. Sie hetzten Rowdys hinter ihm her. Diese machten Lärm und klatschten in die Hände, wenn der Gesandte Allahs (s.a.) betete. Wenn der Gesandte Allahs (s.a.) unterwegs war, wurde schmutziger Unrat auf ihn geworfen. Vor seiner Tür wurden Dornen ausgestreut. Manchmal legte man ihm eine Schlinge um den Hals. Manchmal wurde er sogar körperlich angegriffen und öffentlich beschimpft. Man warf ihm Erde ins Gesicht. Einige Unmenschen gingen sogar so weit, diese niederträchtigste aller Frechheiten zu begehen und auf sein leuchtendes Antlitz zu spucken. Einmal kam Umm Dschamil, die Frau Abu Lahabs, mit einem Stein bis zum Heiligtum, während sie nach dem Gesandten Allahs (s.a.) suchte. Sie wollte ihn mit einem einzigen Schlag töten. Der Gesandte Allahs (s.a.) befand sich direkt vor ihr im Heiligtum. Doch Allah verbarg ihn so vor ihren Augen, dass sie ihn überhaupt nicht sehen konnte. Schließlich kehrte sie zurück, ließ ihren Zorn vor Abu Bakr heraus und rezitierte folgendes Gedicht: „Wir haben die Gefolgschaft des Geschmähten verweigert, seinen Befehl missachtet und Feindschaft gegen seine Religion gehegt.“ Tatsächlich sind die Verfälschung eines Namens und der Gebrauch schlechter Worte Anzeichen moralischer Niedertracht und des Verfalls. Wenn ein Feind auf die niedrigste Stufe der Gemeinheit herabsinkt, greift er zu solchen schmutzigen Waffen.

Als der Gesandte Allahs (s.a.) dies hörte, sagte er: „Allah hat mich vor ihren Beschimpfungen bewahrt. Sie beschimpfen den Muzammam (den Geschmähten), doch ich bin Muhammad. Daher treffen mich ihre Beschimpfungen nicht.“

Ebenso kam Abu Dschahl einmal mit der Absicht zu ihm, ihn mit einem Stein zu erschlagen und zu töten. Doch Allah versetzte Abu Dschahl plötzlich in solche Angst und Schrecken, dass er nichts tun konnte.

Einmal stürzten sich die Feinde geschlossen auf den Gesandten Allahs (s.a.) und misshandelten ihn auf unmenschliche Weise. Der Hintergrund dieses tragischen Vorfalls war folgender: Die Feinde des Islam saßen in ihrer Versammlung und sagten zueinander: „Wir haben diesem Mann (Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gegenüber viel zu viel Nachsicht gezeigt. Für eine solche Nachsicht gibt es kein Beispiel.“ Zufällig kam der Gesandte Allahs (s.a.) genau zu dieser Zeit dorthin. Die Feinde fragten: „Sagst du all diese Dinge?“ Der Gesandte Allahs (s.a.) antwortete mit vollkommener moralischer Standhaftigkeit: „Ja, ich sage all diese Dinge.“ Da gab es kein Halten mehr. Von allen Seiten wurde er angegriffen. Abdullah ibn Amr ibn al-As berichtet: „Noch nie habe ich vonseiten der Quraisch eine solche Maßlosigkeit gegenüber dem Gesandten Allahs (s.a.) erlebt.“

Als die Angreifer nach einiger Zeit innehielten, warnte der Gesandte Allahs (s.a.) sie erneut mit übermenschlichem Mut: „Ich bin zu euch mit der Botschaft gekommen, dass ihr geschlachtet werden werdet.“ Das bedeutet: Mit eben dem Messer der Unterdrückung und Misshandlung, das ihr an meiner Kehle führt, wird euch am Ende das ewige Gesetz der Geschichte, Allahs Gesetz, selbst schlachten. Eure Herrschaft der Unterdrückung wird vollständig beendet werden.

Es ist schwierig, den genauen Zeitpunkt dieser Ereignisse anzugeben. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie sich zu der Zeit ereigneten, als die Gewalt ihren Höhepunkt erreicht hatte. Sicher ist, dass all dies unmittelbar nach dem Tod Abu Talibs geschah.

Uthman ibn Affan berichtet: Einmal vollzog der Gesandte Allahs (s.a.) den Tawaf um die heilige Kaaba. Die Quraisch-Anführer Uqba ibn Abu Muait, Abu Dschahl und Umaiya ibn Chalaf saßen zu dieser Zeit im Hatim der Kaaba. Jedes Mal, wenn der Gesandte Allahs (s.a.) an ihnen vorbeiging, überschütteten sie ihn mit unflätigen Beschimpfungen. Dies geschah dreimal. Beim letzten Mal sagte der Gesandte Allahs (s.a.) mit verändertem Gesichtsausdruck: „Bei Allah, ihr werdet keineswegs aufhören, solange Allahs Strafe nicht unverzüglich über euch hereinbricht.“ Uthman sagt, dass sie unmittelbar nach diesen Worten von solcher Angst ergriffen wurden, dass jeder von ihnen vor Furcht zitterte. Danach machte sich der Gesandte Allahs (s.a.) auf den Weg nach Hause. Uthman und die anderen begleiteten ihn. Zu dieser Zeit wandte sich der Gesandte Allahs (s.a.) an seine Gefährten und sagte:

„Nehmt die frohe Botschaft an: Allah wird gewiss Seine Religion zum Sieg führen, Sein Wort vollenden und Seine Religion unterstützen. Und diese Leute wird Allah schon bald durch eure Hände schlachten lassen.“

Beachten Sie, dass diese frohe Botschaft in einer scheinbar chaotischen Situation verkündet wurde. Und doch bewahrheitete sie sich schon bald und mit welch großartiger Pracht. Die islamische Bewegung schien das Unmögliche möglich zu machen.

Der Ruf zum Islam in Taif

Es ist schwer mit Sicherheit zu sagen, wann genau sich dieses Ereignis zugetragen hat. Manche führen es als Anlass für die Offenbarung der Sure al-Muddaththir an. Wenn man dies akzeptiert, muss man das Ereignis in die frühe Zeit einordnen. Doch der Verlauf des Ereignisses lässt vermuten, dass es gegen Ende der mekkanischen Zeit stattfand.

Eines Tages verließ der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) früh am Morgen sein Haus. Er zog durch die verschiedenen Gassen Mekkas und rief überall zum Islam auf. Doch obwohl der ganze Tag verging, fand er an diesem Tag nicht einen einzigen Menschen, der seinen Worten Gehör schenkte. Die Islamgegner hatten damals eine neue Vorgehensweise angenommen: Sobald sie den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) kommen sahen, machten sie sich alle davon. Denn sobald man seine Worte hörte, entstanden Schwierigkeiten. Wenn man Widerstand leistete oder mit ihm stritt, verbreitete sich die Sache nur noch weiter. Diese Vorgehensweise war recht erfolgreich. Selbst wenn er ein oder zwei Menschen antraf, antworteten sie mit Spott oder Rowdytum. Da der gesamte Tag erfolglos geblieben war, kehrte er voller Enttäuschung und Niedergeschlagenheit nach Hause zurück. Wenn jemand einem Menschen Gutes tun und ihm wohlwollen möchte, dieser Mensch aber versucht, den Wohltäter und Wohlgesinnten zu töten, dann ist das Herz des Wohltäters von unerträglichem Schmerz beschwert. Genau so war auch die Verfassung des Herzens des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm).

Aus den Erfahrungen jenes besonderen Tages gewann der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Eindruck, dass der Boden Mekkas für den Ruf zum Islam nun unfruchtbar wurde und dass alles, was dort an Ernte zu erwarten war, bereits hervorgebracht worden war. Als sich die Lage in der Folgezeit immer weiter verschlechterte, erwies sich diese Einschätzung als richtig. Die letzten Menschen mit Hoffnungspotenzial hatten sich damals bereits um den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) versammelt. Wahrscheinlich wurde von jenem Tag an der Gedanke in ihm immer stärker, dass er nun außerhalb Mekkas tätig werden sollte. Tatsächlich ist es nur natürlich, dass ein umsichtiger und weiser Verkünder zu einer solchen Überlegung gelangt. Wenn er in seinem ursprünglichen Zentrum bereits so viel Verkündigungsarbeit geleistet hat, dass alle dort für diese Aufgabe geeigneten Menschen den Ruf angenommen haben und außer den sturen und eigensinnigen Menschen niemand mehr übrig ist, dann verschwendet er nicht länger seine Kraft, indem er an jenem Ort verharrt. Vielmehr sucht er ein neues Wirkungsfeld auf und sammelt durch den Wechsel des Umfelds neue Erfahrungen.

Angesichts einer solchen Situation beschloss der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), in der Umgebung Mekkas zu wirken. Er wählte Taif als neues Feld für den Ruf zum Islam aus. Er nahm Zaid ibn Haritha mit. Er wählte Taif als neues Feld für den Ruf zum Islam aus. Eines Tages brach er gemeinsam mit Zaid ibn Haritha zu Fuß von Mekka auf. Unterwegs rief er alle Stämme, deren Wohnstätten er sah, zur Religion Allahs auf. Für Hin- und Rückweg benötigte er beinahe einen Monat.

Taif war ein vergleichsweise kühl gelegenes Gebiet, dicht bewaldet, wasserreich und fruchtbar sowie voller Gärten und Felder. Die Bewohner waren sehr wohlhabend und glücklich und gaben sich maßloser Verschwendung, Genuss und Bequemlichkeit hin. Wer finanziellen Wohlstand und Überfluss besitzt, vergisst gewöhnlich Allah und widmet sich der Befriedigung der Begierden seiner Triebseele. So war es auch bei den Bewohnern von Taif. Unter den Mekkanern war aufgrund ihrer religiösen Priestertätigkeit und ihrer Verantwortung für die Herrschaft über das Land immerhin ein gewisses Maß an moralischer Zurückhaltung zu erwarten. Die Bewohner von Taif jedoch waren völlig skrupellos. Zudem war durch den Wucher ihr menschliches Empfinden vollständig ausgelöscht worden. Eine Reise an einen solchen Ort bedeutete, dass der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) an einen noch schlechteren Ort als Mekka ging.

Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), der innigste Freund der gesamten Menschheit, traf nach seiner Ankunft in Taif als Erstes die Anführer des Stammes Thaqif. Es waren die drei Brüder Abd Yalil, Masud und Habib. Jeder von ihnen hatte eine Ehefrau aus dem Quraisch-stämmigen Clan Banu Dschumah. Daher hoffte er, dass sie sich ihm gegenüber einigermaßen höflich verhalten würden. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ging zu ihnen, setzte sich zu ihnen, rief sie in den besten Worten zu Allah auf, erläuterte ihnen ausführlich die Botschaft und bat sie um Hilfe und Unterstützung bei der Errichtung der wahren Religion Allahs. Doch sehen Sie, was diese drei Männer antworteten:

Ein Bruder sagte: Wenn Allah dich wirklich gesandt hat, dann muss man wohl verstehen, dass Er die Umhüllung der Kaaba entehren will.

Der zweite Bruder: Wie erstaunlich! Hat Allah außer dir keinen geeigneteren Menschen gefunden, den Er zu Seinem Gesandten machen konnte?

Der dritte Bruder: Bei Allah, ich werde überhaupt nicht mit dir sprechen. Denn wenn du, wie du behauptest, tatsächlich Allahs Gesandter bist, wäre es äußerst ungehörig, einem Menschen wie dir zu antworten. Wenn du aber Allah eine Lüge angedichtet hast, dann bist du es nicht wert, dass man mit dir spricht.“

Jedes ihrer Worte drang wie ein mit Gift bestrichener Pfeil in die Brust des Gesandten (Allahs Segen und Heil seien auf ihm). Mit größter Geduld hörte er sich diese verletzenden Worte an und bat sie eindringlich, diese Äußerungen unter sich zu behalten und die breite Bevölkerung damit nicht aufzuhetzen.

Doch sie taten genau das Gegenteil. Sie hetzten die übelsten Taugenichtse ihrer Stadt sowie Bedienstete, Gefolgsleute und Sklaven hinter dem Gesandten her und befahlen ihnen: „Geht und vertreibt diesen Mann aus der Stadt!“ Eine große Schar dieser Rüpel zog vor und hinter ihm her, beschimpfte ihn, machte Lärm und warf Steine. Sie zielten auf seine Knie, damit er möglichst große Schmerzen erlitt. Unter den Schlägen der Steine brach er immer wieder kraftlos zusammen und setzte sich hin. Doch die Taugenichtse von Taif zogen ihn an den Armen hoch, stellten ihn wieder auf, warfen erneut Steine auf seine Knie, klatschten dabei in die Hände und brachen in schallendes Gelächter aus. Aus den Wunden strömte unaufhörlich Blut. So wurden seine Schuhe innen und außen mit Blut getränkt. Eine Menschenmenge versammelte sich, um dieses grausame Schauspiel zu sehen. Auf diese Weise trieben die Taugenichtse ihn aus der Stadt und brachten ihn in die Nähe eines Weinbergs. Der Weinberg gehörte Utba und Shayba, den Söhnen Rabias. Der Gesandte (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) war völlig erschöpft und setzte sich, an einen Weinstock gelehnt, nieder. Der Besitzer des Gartens beobachtete ihn und hatte zuvor auch teilweise mitangesehen, wie er misshandelt worden war.

Dort verrichtete er zwei Rakʿa des Gebets und sprach anschließend das folgende ergreifende Bittgebet:

„O Allah! Nur bei Dir beklage ich meine Schwäche, meine Mittellosigkeit und meine Hilflosigkeit gegenüber den Menschen. Du allein bist der Herr der Armen und Schwachen. Du allein bist mein Herr. Wem willst Du mich überlassen? Einem feindseligen Gegner, der mir Groll entgegenbringt, oder einem Feind? Wenn Du jedoch nicht zornig auf mich bist, dann kümmert mich nichts. Doch Dein Frieden und Deine Sicherheit wären für mich eine noch größere Erleichterung. Ich suche Zuflucht bei jenem Licht und jener Schönheit von Dir vor der Furcht, Deinem Zorn oder Deiner Strafe zu verfallen; durch sie wird jede Dunkelheit beseitigt und jedes Problem dieser Welt und des Jenseits gelöst. Nichts anderes als Dein Wohlgefallen begehre ich. Außer von Dir kann keine Kraft erlangt werden.“

Inzwischen kam der Besitzer des Gartens hinzu. Sein Herz war von Mitgefühl erfüllt. Er rief seinen christlichen Sklaven Addas und ließ durch ihn auf einem Teller Trauben bringen. Addas setzte sich mit den Trauben vor den Gesandten (Allahs Segen und Heil seien auf ihm). Als der Gesandte (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) „Bismillah“ sagte und die Hand nach den Trauben ausstreckte, sagte Addas: „Bei Allah, solche Worte sagen die Menschen in dieser Stadt niemals.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) fragte: „Aus welcher Stadt stammst du und welcher Religion gehörst du an?“ Er antwortete: „Ich bin Christ und stamme aus Ninive.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) sagte: „Du stammst also aus der Stadt des rechtschaffenen Dieners Allahs, Yunus ibn Matta.“ Verwundert fragte Addas: „Woher kennst du Yunus ibn Matta?“ Der Gesandte (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) sagte: „Er ist mein Bruder. Auch er war ein Prophet, und ich bin ebenfalls ein Prophet.“ Kaum hatte Addas dies gehört, begann er, die Hände und Füße des Gesandten (Allahs Segen und Heil seien auf ihm) zu küssen. Einer der Söhne Rabias wurde beim Anblick dieser Szene innerlich zornig. Als Addas zurückkehrte, tadelte er ihn: „Was hast du da gemacht? Du warst im Begriff, deine Religion zu verderben.“ Addas sagte tief bewegt: „O mein Herr, auf der ganzen Welt gibt es nichts Besseres als diesen Mann. Er hat mir etwas gesagt, das niemand außer einem Propheten wissen kann.“

Tatsächlich war der Gesandte (s.a.w.) nach dem Tod seines Onkels Abu Talib in Mekka äußerlich völlig ohne Beistand und Schutz. Die Macht und der Einfluss seiner Feinde waren erheblich gewachsen. Deshalb dachte er, dass er in Taif vielleicht einige Diener Allahs als Gefährten gewinnen könnte. Doch gerade dort entstand eine solche Lage. Von dort begab er sich nach Nakhla und hielt sich dort auf. Danach kehrte er zurück und gelangte zur Höhle Hira. Von dort ließ er Mut’im ibn Adi (einen der Initiatoren der Aufhebung des Boykottabkommens) fragen: „Können Sie mir Schutz gewähren?“ Eine traditionelle Besonderheit des arabischen Nationalcharakters bestand darin, dass jemandem, der um Schutz ersuchte, dieser gewährt wurde, selbst wenn er ein Feind war. Mut’im nahm das Gesuch des Gesandten (s.a.w.) an. Er wies seine Söhne an, bewaffnet im Hof der Kaaba umherzugehen und die Sicherheit Muhammads (s.a.w.) zu gewährleisten. Er selbst ging zum Gesandten (s.a.w.), brachte ihn nach Mekka und verkündete, während er auf einem Kamel saß: „Ich habe Muhammad (s.a.w.) Schutz gewährt.“ Mut’ims Söhne geleiteten den Gesandten (s.a.w.) mit gezückten Schwertern und unter Bewachung zum Heiligen Heiligtum und brachten ihn anschließend zu seinem Haus.

Die Notlage, in der sich der Gesandte (s.a.w.) in Taif befand, konnte die Geschichtsschreibung nicht in ihrer ganzen Ausführlichkeit überliefern. Einmal fragte Aischa (r.a.): „O Gesandter Allahs, bist du jemals einem noch härteren Tag als dem von Uhud begegnet?“ Er antwortete: „So viel Leid dein Volk mir auch zugefügt haben mag, der schwerste Tag für mich war der Tag in Taif, an dem ich Abd Yalil zum Glauben einlud. Er wies dies zurück und fügte mir so großen Schmerz zu, dass ich mich nur mit größter Mühe bis zu einem Ort namens Qarn as-Sa’alib retten konnte.“ (Al-Mawahib al-Laduniyya, Band 1, S. 56)

Nachdem der Gesandte (s.a.w.) infolge der Misshandlungen erschöpft und bewusstlos geworden war, trug ihn Zaid ibn Haritha auf seinen Schultern aus der Stadt hinaus. Mit schmerzerfülltem Herzen sagte er: „Rufe Allah gegen diese Menschen an.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Warum sollte ich gegen sie Böses erbitten? Selbst wenn sie nicht an Allah glauben, ist zu hoffen, dass ihre Nachkommen gewiss den Einen Allah allein anbeten werden.“

Während dieser Reise kam Dschibril und sagte: „Die Engel, die mit den Bergen betraut sind, sind zu dir gekommen. Sobald du ein Zeichen gibst, werden sie jene beiden Berge miteinander verbinden, zwischen denen Mekka und Taif liegen. Dadurch werden beide Städte zermalmt und zerstört.“ Doch der große Prophet, der Freund der Menschheit, stimmte dem nicht zu.

In einer solch verzweifelten Lage kamen die Dschinn, hörten die Rezitation des Korans durch den Gesandten (s.a.w.) und nahmen vor ihm den Glauben an. Dadurch ließ Allah Ta’ala den Gesandten (s.a.w.) wissen: Selbst wenn alle Menschen der Welt die Einladung zum Islam zurückweisen, gibt es in der von Mir erschaffenen Welt viele Geschöpfe, die bereit sind, dich zu unterstützen.

Vorzeichen für den glückverheißenden Tag

Die Erfahrung von Taif war so erschütternd, dass der Gesandte (s.a.w.) beim Überstehen dieser Prüfung an die äußerste Grenze von Schmerz und Trauer gelangt war. Erst nachdem diese Grenze erreicht war, öffnete Allah den Menschen das Tor zum Erfolg. Das damalige Gesellschaftssystem hatte den Gesandten (s.a.w.) äußerlich auf die niedrigste Stufe herabgesetzt. Als unausweichliche Folge davon wurde sein Rang am Hofe Allahs auf die höchste Stufe erhoben.

Wann immer Allah Ta’ala durch die Entsendung Seiner Propheten einen Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit entstehen ließ, unterstellte Er diesen Konflikt einer bestimmten Gesetzmäßigkeit. Diese Gesetzmäßigkeit bestand darin, dass die Zeit der unsichtbaren Hilfe Allahs erst dann herannaht, wenn die Falschheit gegenüber den Kämpfern für die Wahrheit das äußerste Maß an Unrecht, Verfolgung und Gewalt erreicht hat, die unterdrückten Mudschahidin alle Stufen von Unrecht und Unterdrückung eine nach der anderen mit äußerster Geduld und Standhaftigkeit durchschritten haben und schließlich auch die letzte, lebensbedrohliche Zeit überstanden ist. Die Wege zum Paradies sind voller Dornen. Wann denjenigen, die auf diesem Weg gehen, die frohe Botschaft ihres Erfolgs zuteilwird, wird im Koran folgendermaßen gesagt:

„Not und Unglück sowie allerlei Widrigkeiten kamen über sie, und sie waren völlig ratlos geworden. Ja, der Gesandte und die gläubigen Gefährten riefen aus: Wann wird Allahs Hilfe kommen? (Nachdem sie diesen Punkt erreicht hatten, wurde ihnen die frohe Botschaft verkündet:) Wisset: Allahs Hilfe ist nahe.“ (Al-Baqara: 214)

Nach der Erfahrung von Taif schien der Gesandte (s.a.s.) diese letzte Prüfung durchlaufen zu haben. Nach Allahs Bestimmung war nun der Beginn eines neuen Zeitalters unausweichlich geworden, und die Zeit war nahe, diese frohe Botschaft zu verkünden. სწორედ zu diesem Zweck wurde der Gesandte (s.a.s.) durch die Miʿrādsch geehrt.

Die eigentliche Bedeutung der Miʿrādsch besteht darin, dass der Gesandte (s.a.s.) auf die höchste Stufe der Nähe und Vertrautheit mit dem erhabenen Allah erhoben wurde. Der allmächtige Allah, dessen Vertreter der Gesandte war und für den er mehrere Jahre allerlei Leid, Not und Unglück ertragen und ideologische sowie geistige Kämpfe gegen verschiedene verderbliche Mächte geführt hatte, ließ seinen Gesandten zu sich an seinen Hof rufen, um ihn mit seinem erhabensten Ehrentitel zu schmücken. Dem tapferen Kämpfer, der im Bemühen, sein eigenes Volk zur Anerkennung der grundlegenden Wahrheiten über Leben und Welt zu bewegen, von allen Seiten Schlag auf Schlag ertragen hatte, wurde durch die Miʿrādsch die Möglichkeit gegeben, jene Wahrheiten aus nächster Nähe zu schauen. Dem letzten Propheten, der sich mit ganzer Kraft für das umfassende Wohl der gesamten Menschheit einsetzte, wurde das seltene Glück zuteil, in einem gewaltigen und uralten Zentrum dieser Bewegung (Bait al-Maqdis) anwesend zu sein und von dort in die himmlische Welt emporzusteigen, um mit den früheren Anführern dieser Bewegung zusammenzutreffen.

Den früheren Propheten wurde durch die Schau der unsichtbaren Wahrheiten und das Erreichen der innigen Nähe zu Allah die Möglichkeit besonderer Gunst gewährt. Im Koran wird einerseits über den Propheten Ibrahim (a.s.) gesagt, dass ihm das Königreich der Himmel und der Erde gezeigt wurde. Andererseits wurde der Prophet Musa (a.s.) zum Berg Tur gerufen. Dort sprach Allah der Erhabene mit ihm, indem Er hinter einem lichtvollen Baum verkündete: „Ich bin Allah.“ Zu einer anderen Zeit wurden ihm in einer ebenso innigen Umgebung die Bestimmungen der Scharia übermittelt. Kurz gesagt: Alle großen Propheten erhielten auf die eine oder andere Weise die Möglichkeit einer Miʿrādsch. Die Miʿrādsch des Gesandten (s.a.s.) jedoch war vollständig.

Zwischen dem Ereignis von Taif und der Auswanderung ereignete sich nichts, was wichtiger und herausragender gewesen wäre als die Miʿrādsch. Als er davon berichtete, brach in Mekka ein großer Aufruhr aus. Er schilderte offen alles, was er in jener Nacht an den verschiedenen Orten gesehen hatte. Er gab ein vollständiges Bild vom Aussehen des Bait al-Maqdis wieder. Auch all jene eindeutigen Zeichen entlang des Weges beschrieb er, die sich später als vollkommen zutreffend erwiesen.

Die besondere Offenbarung, die in diesem glückseligen Augenblick der innigen Nähe herabgesandt wurde, liegt uns in Gestalt der Sure Bani Isra’il vor. Diese Sure beginnt bereits mit dem Ereignis der Miʿrādsch. Die gesamte Sure ist von der Inspiration der Miʿrādsch durchdrungen. Die folgenden Aussagen dieser Sure verdienen besondere Beachtung:

1 – Anhand der lehrreichen Geschichte der Bani Isra’il wird erklärt, dass Allahs Gesetz selbst mächtige Einzelpersonen und Gruppen vor das Gericht der Rechenschaft stellt und sie, wenn sie vom rechten Weg abweichen, durch eine andere gehorsame Person oder Gruppe niedergeschlagen werden lässt. Andererseits wird auch gelehrt, dass sie nach dem Eintritt in das Zeitalter des Sieges und des Erfolgs nicht ihrerseits beginnen sollen, sich wie die Bani Isra’il zu verhalten.

2 – In einer äußerst widrigen Lage wurde mit unmissverständlicher Stimme verkündet: „Die Wahrheit ist gekommen, und das Falsche ist überwunden“ (Vers 89), das heißt, die Finsternis wird weichen und der Morgen wird anbrechen.

3. Allah, der Erhabene, ließ ihn auch wissen, dass die Bewohner Mekkas nun Anstalten treffen würden, ihn aus Mekka zu vertreiben. Doch nachdem sie ihn vertrieben hätten, würden sie nicht lange in Frieden bleiben können. Das Gebet, das Allah ihn für die Auswanderung lehrte, lautete sinngemäß: „O mein Herr, lass mich durch das Tor der Wahrheit eintreten und durch das Tor der Wahrheit (aus der gegenwärtigen Umgebung) hinausgehen, und gewähre mir von Dir aus als Hilfe Herrschaftsgewalt.“ (Vers 80) Dadurch, dass dieses Gebet die Bitte um Herrschaftsgewalt einschloss, wurde gleichsam die frohe Botschaft verkündet, dass die Zeit nach der Auswanderung ein Zeitalter der Vorherrschaft und der Herrschaft sein werde.

4. In den Versen 22 bis 29 werden in einem zusammenhängenden Abschnitt die grundlegenden Prinzipien der islamischen Lebensordnung dargelegt, damit auf ihrer Grundlage eine neue Gesellschaft und eine neue Zivilisation aufgebaut werden können.

Wenn der Gesandte (s.a.w.) diese Aussagen der Offenbarung aus der Zeit vor der Miʿrādsch in seinem Herzen trug und in die Zukunft blickte, sah er vermutlich einen gewaltigen Strom von Licht vom Himmel herabströmen. Wäre in dieser furchterregenden Umgebung Mekkas an seiner Stelle ein anderer materialistischer Führer gewesen, hätte er vielleicht verzweifelt all seine Programme und Aktivitäten eingestellt. Doch obwohl der Gesandte (s.a.w.) von der Dunkelheit einer äußerst widrigen und entmutigenden Umgebung umgeben war, bewahrte er den unerschütterlichen Glauben, dass die Morgendämmerung nahte. Ein Hauch dieser Morgenbrise schien dem Gesandten (s.a.w.) zudem ins Ohr zu flüstern, dass die Sonne des neuen Morgens nicht anderswo, sondern in Medina aufgehen werde. Denn die jungen Männer dort begannen, sich mit größter Zufriedenheit und Aufrichtigkeit der islamischen Bewegung anzuschließen.

Am Ende der mekkanischen Lebensphase ging der Gesandte (s.a.w.) nach Tāʾif und fragte es: Kannst du die Fackel der Wahrheit tragen? Tāʾif antwortete: Für diese Aufgabe bin ich noch ungeeigneter als Mekka. Als der Gesandte (s.a.w.) diese entmutigende Antwort hörte und darüber nachdachte, wie er sein weiteres Vorgehen festlegen sollte, sagte Yathrib: „Ich bin bereit, Madīnat an-Nabī (die Stadt des Propheten) zu werden. Ich werde die Fackel der Wahrheit emporheben und die ganze Welt erleuchten. Auf meiner Brust wird die Ordnung von Wahrheit und Gerechtigkeit gehegt werden. In meinem Schoß wird eine neue Geschichte entstehen.“ Tāʾif entfernte sich, obwohl es nahe war. Yathrib kam näher, obwohl es fern war.

Als sich im elften Jahr der Prophetenschaft sechs aus Yathrib stammende Revolutionäre am Tag ihres Treffens mit dem Gesandten (s.a.w.) zu einem Bündnis mit ihm verpflichteten, war Yathrib noch näher gerückt. Nach ausführlichen Gesprächen schworen sie, den Monotheismus des Islam und seine moralischen Vorschriften einzuhalten; dies wird als das Erste Treuegelöbnis von al-ʿAqaba bezeichnet. Danach kam zur Zeit der Pilgerfahrt eine noch größere Gruppe aus Medina. Auch sie vollzog in einer geheimen Versammlung im Schutz der Dunkelheit der Nacht das Zweite Treuegelöbnis von al-ʿAqaba. Es war ein Vertrag, der vollständig von politischem Bewusstsein getragen war. Darin wurde festgelegt, dass der Gesandte (s.a.w.) auswandern und nach Medina gehen sollte, und es spiegelte eine Haltung völliger Opferbereitschaft wider: Die Ansār von Medina erklärten, bereit zu sein, für den Gesandten (s.a.w.) gegen die ganze Welt zu kämpfen.

Vermutlich wurde gerade in der Zeit zwischen der Reise nach Tāʾif und der Auswanderung die Sure Yūsuf offenbart. In dieser Sure wird die Lebensgeschichte eines anderen Propheten, des ehrwürdigen Yūsuf, erzählt, wodurch dem Gesandten (s.a.w.) eine frohe Botschaft übermittelt wird; zugleich werden seine Feinde vor ihren unmenschlichen Verfolgungs- und Unterdrückungstaten gewarnt und über deren beklagenswertes Ende unterrichtet.

 

Leb wohl, Mekka!

Das letzte Mittel einer instabilen und untergehenden Gesellschaftsordnung sind Gewalt, Terror sowie Verfolgung und Unterdrückung. Wenn es selbst damit nicht gelingt, den Gegner niederzuhalten, fassen die Gegner der Reform den festen Entschluss, den Hauptführer der revolutionären Bewegung zu töten. Die Bewohner Mekkas waren schon zuvor von ihrem Hass getrieben und darauf erpicht gewesen, ihn zu beseitigen. Doch es war ihnen nicht gelungen. Nun war der äußerste Augenblick gekommen. Der Konflikt und die Auseinandersetzung durchliefen eine entscheidende Phase. Der Zeitpunkt einer endgültigen Entscheidung rückte näher. Die Lage hatte sich so zugespitzt, dass die beiden rivalisierenden Kräfte ausgesiebt und voneinander völlig getrennt worden waren. Hinsichtlich Glaubensüberzeugung und innerer Haltung war eine klare Grenzlinie erkennbar geworden. Die eine Seite war jenseits dieser Grenze geblieben, die andere diesseits. Keiner Seite blieb noch die Möglichkeit, diese Grenze zu überschreiten. Die islamische Bewegung war nun eine gut organisierte und geeinte Kraft. Ihre gemeinschaftliche Disziplin war unerschütterlich, und ihr moralischer Charakter war außerordentlich hoch entwickelt. Ihre Argumente waren äußerst scharf, und ihre Ausstrahlung war in außergewöhnlichem Maße eindrucksvoll. Die Verfolgung und Unterdrückung ihrer Führer und Mitglieder besaß die Kraft, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Der kleine Setzling der Wahrheit war zu einem gewaltigen Baum herangewachsen. Was für die führenden Vertreter der جاهिलischen Gesellschaft noch gestern eine bloße Vermutung gewesen war, war heute Wirklichkeit. Das nun sichtbar Hervorgetretene forderte sie auf: Wenn ihr die Macht habt, diese Gefahr abzuwehren, dann wehrt sie ab. Andernfalls wird die Flut des Lichts des anbrechenden Zeitalters eure Religion, eure Ämter und Titel und euer جاهिलisches Erbe – alles – fortspülen. Danach werdet ihr eure hochmütigen Häupter vor Muhammad und seiner Lehre beugen müssen. Die Führer der جاهिलīya hörten diese Herausforderung der Geschichte und wurden zunehmend unruhig. Als dieser Punkt erreicht war, bereiteten sich die blutdürstigen Feinde des Gesandten (s.a.w.) innerlich auf eine furchtbare Verschwörung gegen ihn vor.

Mekka, das für die Gefährten der islamischen Bewegung die Gestalt eines glühenden Ofens angenommen hatte, war ohnehin an den höchsten Grad der Hitze gelangt. Die Verfolgung und Unterdrückung waren unerträglich geworden. Die Bestien unter den Quraisch hatten mit der Dampfwalze ihrer Tyrannei das Leben der Bannerträger der Wahrheit unerträglich gemacht und den Damm ihrer Geduld zum Bersten gebracht. Das bedeutete eindeutig, dass in dieser Lage eine bedeutende Veränderung bevorstand, dass ein Weg zur Befreiung unausweichlich gefunden werden musste und dass ein neues Kapitel der Geschichte unweigerlich hinzugefügt werden würde. Die Quraisch hatten ihnen die Tür zu einem gewaltigen Glück verschlossen. Sie hatten sich selbst als ungeeignet erwiesen, Vorreiter der islamischen Bewegung zu sein. In einer solchen psychologischen Situation, nachdem sich das Ereignis der Miʿrāǧ zugetragen hatte, verkündete der Gesandte (s.a.w.) eine glänzende Zukunft und gab andeutungsweise die Zusicherung, dass sich der Weg zur Hidschra öffnen und danach das Zeitalter der Macht beginnen werde. Da keimten unter den Muslimen neue Hoffnung und neuer Eifer auf. Diejenigen, die Opfer der Gewalt geworden waren, fanden Trost und gewannen neue Kraft. Als der Gesandte (s.a.w.) dann sah, dass jener verheißene Augenblick näher rückte, stiegen seine Gefühle und Empfindungen auf den Höhepunkt. Durch eine Eingebung aus dem Verborgenen erkannte er, dass der Ort jener künftigen Hidschra Medina sein würde. Einerseits war dies durch die klaren Zeugnisse der Lage bekannt, insbesondere durch die beiden Ereignisse der Baiʿa von al-ʿAqaba, andererseits durch die von Allah, dem Erhabenen, übermittelten Informationen. Unter diesen Umständen erlaubte der Gesandte (s.a.w.) seinen Gefährten, nach Medina auszuwandern, und die Sahāba begannen, einer nach dem anderen aufzubrechen. Nach und nach gingen viele fort. Viertel um Viertel wurde leer. Eines Tages sah Abu Dschahl gemeinsam mit anderen führenden Quraisch-Führern die verlassenen Häuser des Stammes Banū Dschahsch und bemerkte:

„Das ist das Werk unseres Neffen (Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Er hat unsere Einheit zerbrochen. Er hat unsere Gesellschaft in Stücke zerrissen. Er hat Zwietracht unter uns gesät.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2, S. 114) Obwohl der Gesandte (s.a.w.) seine Gefährten nach Medina geschickt hatte, verließ er selbst das Zentrum seiner Daʿwa nicht. Er wartete auf Allahs Erlaubnis. In Mekka war kein Muslim mehr übrig, abgesehen von wenigen Personen, die von den Quraisch festgehalten oder durch Einschüchterung an der Ausreise gehindert worden waren. Unter seinen engsten Gefährten befanden sich jedoch Hazrat Abu Bakr und Hazrat Ali, die sich damals noch in Mekka aufhielten. Als die Quraisch unter diesen Umständen erkannten, dass die Muslime nun eine Zuflucht gefunden hatten und einer nach dem anderen fortgegangen waren, würden Muhammad (s.a.w.) schon bald ihren Händen entgleiten. Danach würde er außerhalb ihrer Reichweite an Stärke gewinnen und für alles Vergangene Vergeltung üben. Daraufhin versammelten sie sich alle in Mekkas allgemeinem Versammlungsort, dem „Dār an-Nadwa“, und begannen zu beraten, welche Maßnahmen nun gegen Muhammad ergriffen werden könnten. Ein Vorschlag lautete, ihn in einem Gefängnis aus Eisen festzuhalten und die Tür zu verschließen. Dagegen wurde eingewandt, dass er ein solcher Mann sei, dessen Worte selbst aus einem verschlossenen Eisenraum nach draußen dringen würden. Man müsse nach einer anderen Möglichkeit suchen. Ein Mitglied der Versammlung schlug vor, ihn aus Mekka zu vertreiben. Was danach aus ihm werde, könne ihnen gleichgültig sein. Doch auch gegen diesen Vorschlag erhob sich Widerspruch. Viele sagten: „Habt ihr seine eindrucksvolle Redeweise etwa nicht bemerkt? Wisst ihr denn nicht, wie süß er spricht? Gerade das ist doch der Grund für seine so weitreichende Akzeptanz in der Bevölkerung. Wenn ihr diesen Schritt unternehmt, werdet ihr euch seinem Einfluss nicht entziehen können. Er wird umfassenden Einfluss auf die Araber gewinnen und sie durch die Kraft seiner Beredsamkeit für seine Ansicht gewinnen. Dann wird er mit dem gesamten arabischen Volk gegen euch vorgehen, euch die Zügel der Macht aus den Händen reißen und danach mit euch verfahren, wie es ihm beliebt.“ Nun ersann der gerissene Abu Dschahl eine äußerst raffinierte Strategie. Er sagte: „Man muss aus jedem Stamm Mekkas einen starken und einflussreichen jungen Mann auswählen, jedem von ihnen ein Schwert geben, und dann sollen sie Muhammad (s.a.w.) gemeinsam angreifen und töten. So können wir uns aus seiner Falle befreien. Die Verantwortung für Muhammads Ermordung und das Blutgeld werden dadurch auf alle Stämme verteilt. Der Stamm Banū Hāschim wird allein nicht in der Lage sein, sich an all diesen Stämmen zu rächen, und er wird es auch nicht wagen.“ Damit war diese Strategie allen genehm, und die Versammlung endete mit einem einstimmigen Beschluss. Über diese Versammlung hat der Koran Folgendes dargelegt:

„Und gedenke der Zeit, als die Ungläubigen gegen dich planten, dich gefangen zu nehmen, dich zu töten oder dich zu vertreiben. Sie schmieden ihre Pläne, wie es ihnen beliebt, doch Allah fasst einen Gegenplan. Allah ist der beste aller Planer.“ (Sure al-Anfāl 30)

Jene geheimnisvolle, dunkle Nacht stand bevor. Gegen Mittag begab sich der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zum Haus seines geliebtesten und engsten Gefährten, Hazrat Abu Bakr Siddiq (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm). Dort teilte er ihm heimlich mit: „Ich habe die Erlaubnis zur Hidschra erhalten.“ Hazrat Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) bat um die Erlaubnis, sein Weggefährte zu werden. Diese Erlaubnis hatte er bereits erhalten, bevor er darum bat. Aus überströmender Freude über dieses Glück füllten sich die Augen Hazrat Abu Bakrs mit Tränen. Für die Hidschra hatte er schon im Voraus zwei Kamelstuten gut gefüttert und kräftig gemacht. Auf diese beiden Kamelstuten deutend, sagte er zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Nehmen Sie diejenige von diesen beiden als Geschenk an, die Ihnen gefällt.“ Doch der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ließ sich lange nicht umstimmen und kaufte schließlich die Kamelstute namens „Jaida“ zu ihrem Preis. Als die Nacht hereinbrach, schlief der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) auf Allahs Geheiß nicht in seinem eigenen Haus. Seinem anderen geliebten Gefährten, Hazrat Ali, wies er an, furchtlos in seinem Bett zu schlafen. Zugleich übergab er ihm die anvertrauten Güter der Menschen und trug ihm auf, sie am Morgen ihren jeweiligen Eigentümern zurückzugeben. Wie viele Beispiele einer so hohen Moral gibt es wohl sonst in der Geschichte: Eine Partei schmiedet den Plan, jemanden zu töten, und eben dieser ist seinerseits ganz darauf bedacht, den Mördern ihre anvertrauten Güter zurückzugeben? Danach begab sich der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zum Haus Hazrat Abu Bakr Siddiqs. Hazrat Asma bint Abu Bakr schnitt rasch ihren Hüftgürtel entzwei; mit dem einen Teil band sie das Bündel mit den Speisen zu, mit dem anderen die Öffnung des Wasserschlauchs. Diese beiden Reisenden auf dem Weg der Wahrheit brachen in der Dunkelheit der Nacht auf.

Heute ist der Tag, an dem der größte Wohltäter und wohlwollendste Freund der gesamten Menschheit (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) völlig schuldlos aus seinem eigenen Zuhause vertrieben wird. Heute ist er aufgebrochen und nimmt Abschied von jenen Gassen, in denen er aufgewachsen ist, auf denen er Tausende Male Reisen unternommen hat, um die Botschaft der Wahrheit zu verkünden, und in denen er unzählige Beschimpfungen und Verfolgungen erdulden musste. Heute ist die Stunde gekommen, aus dem heiligen geistlichen Zentrum des Haram al-Scharif Abschied zu nehmen, wo er unzählige Male niedergeworfen vor Allah gebetet, unzählige Male für das Wohlergehen und den Frieden seines Volkes Bittgebete gesprochen und unzählige Male den Koran rezitiert hat; wo er auf diesem Platz und sogar an diesem einzigen Zufluchtsort, dessen Sicherheit garantiert war, wiederholt von den Gegnern misshandelt wurde und verletzende Worte anhören musste. Heute will er jener Stadt seinen letzten Friedensgruß entbieten, in der die heiligen Erinnerungen und Werke Hazrat Ibrahims und Ismails (der Friede sei auf ihnen) bewahrt werden und deren Luft und Himmel noch heute von seinen Bittgebeten widerhallen.

Dass sein Herz dabei zerrissen wurde, seine Eingeweide in Stücke geschnitten schienen und seine Augen von Tränen überströmten, war völlig natürlich. Doch weil dieses Opfer notwendig war, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen und das Ziel seines Lebens zu verwirklichen, zögerte der beste aller Menschen nicht, auch dieses Opfer darzubringen.

Heute scheint seine Seele aus dem Leib Mekkas entwichen zu sein. Aus den Blumen in den Gärten Mekkas scheint der Duft verschwunden zu sein. Seine Quellen scheinen versiegt zu sein. Denn aus dem Inneren seiner Gesellschaft sind die rechtschaffenen und charakterfesten Menschen fortgegangen.

Der Setzling des Aufrufs zur Wahrheit war im Boden Mekkas aufgegangen. Doch den Bewohnern Mekkas war es nicht vergönnt, seine Früchte zu ernten. Dieses Glück erlangten die Bewohner Medinas und die Bewohner der ganzen Welt. Die Bewohner Mekkas wurden heute zurückgedrängt, und für die Bewohner Medinas wurde in der vordersten Reihe Platz geschaffen. Jene, die sich für groß hielten und sich als vornehm und adlig betrachteten, wurden auf eine niedrigere Stufe herabgesetzt. Und jenen, die man für vergleichsweise niedriggestellt hielt, wurde heute der höhere und vorzüglichere Rang zugewiesen.

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) warf Mekka einen letzten Blick zu und sagte zu ihm:

„Bei Allah, du bist das beste Land Allahs und in Allahs Augen das geliebteste Land. Wenn ich nicht gewaltsam von hier vertrieben worden wäre, hätte ich dich niemals verlassen.“ (Tirmidhi)

Schon kurze Zeit später erreichte er die Höhle im Berg Thawr.

Welchen Weg sie nehmen mussten, hatte der Gesandte Allahs (s.a.w.) selbst bestimmt. Auch Abdullah ibn Urayqit stellte er gegen eine festgelegte Vergütung als Führer an. Er verbrachte drei Tage in der Höhle. Abdullah, der Sohn Hadhrat Abu Bakrs, brachte nachts alle Nachrichten aus Mekka. Amir ibn Fuhayra, der Sklave Hadhrat Abu Bakrs, ließ den ganzen Tag eine Schafherde in der Umgebung der Höhle weiden und führte sie bei Einbruch der Dunkelheit zur Höhle, damit Hadhrat Abu Bakr und der Gesandte Allahs (s.a.w.) die benötigte Milch nehmen konnten.

Unterdessen hielten die Quraisch die ganze Nacht das Haus des Gesandten Allahs (s.a.w.) umzingelt. Außerdem wurden auch alle Zugänge zur gesamten Stadt gesperrt. Doch als sie plötzlich erfuhren, dass ihnen gerade der ersehnte Mann entkommen war, schien ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen zu werden. Als sie Ali auf dem Bett des Gesandten Allahs (s.a.w.) sahen, brachen sie in tiefe Verzweiflung aus, beschimpften ihn ausgiebig, um ihrem Ärger Luft zu machen, und gingen davon. In alle Richtungen wurden Männer ausgesandt, um nach ihm zu suchen. Doch es ließ sich keine Spur finden. Eine Gruppe gelangte nach großer Anstrengung direkt vor den Eingang der Höhle im Berg Thawr. Von innen konnte man sogar ihre Füße sehen. Wie erschreckend kritisch jener Augenblick war, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Hadhrat Abu Bakr wurde von der Sorge erfüllt, dass die gesamte islamische Bewegung einer Bedrohung ausgesetzt sein würde, wenn diese Männer in die Höhle eindrangen. In einem solchen Augenblick empfand Hadhrat Abu Bakr genau jene Gefühle, die in einem Menschen mit menschlicher Natur und Frömmigkeit entstehen würden. Da dem Gesandten Allahs (s.a.w.) jedoch einige Versprechen Allahs gegeben und ihm von Ihm Hilfe und Schutz zugesichert worden waren, wusste er mit Gewissheit, dass Allah uns sicher bewahren würde. Dennoch kam auch zum Gesandten Allahs (s.a.w.) diese Zusicherung, wie sie Hadhrat Musa durch die Offenbarung erhalten hatte: „Fürchte dich nicht.“ Er sagte zu seinem Gefährten Abu Bakr: „Sei nicht besorgt, Allah ist mit uns.“ So kam es, dass jene, die bis zum Eingang der Höhle gelangt waren, von dort wieder umkehrten.

Nachdem der Gesandte Allahs (s.a.w.) drei Tage in der Höhle verbracht hatte, brach er zusammen mit Hadhrat Abu Bakr und dem Führer Amir ibn Fuhayra auf. Damit die Spione der Quraisch ihnen nicht folgen konnten, nahm man unter Vermeidung der gewöhnlichen Verkehrswege den langen Weg entlang der Küste. Unterdessen wurde in Mekka verkündet, dass demjenigen Hunderte von Kamelen als Belohnung gegeben würden, der Muhammad (s.a.w.) oder Abu Bakr – einen von beiden – töten oder gefangen nehmen konnte. Viele machten sich auf die Suche. Suraqa ibn Dschuʿschum erfuhr, dass zwei Männer dieser Art auf der Küstenstraße gesehen worden waren. Er machte sich mit einem Speer in der Hand und auf seinem Pferd auf den Weg. Als Suraqa ihnen nahegekommen war und sie in schnellem Tempo verfolgte, versanken plötzlich die beiden Vorderbeine seines Pferdes im Boden. Nachdem Suraqa zwei- oder dreimal vergeblich versucht hatte, weiterzukommen, bat er um Vergebung und verlangte auch eine schriftliche Sicherheitszusage. Das bedeutete, dass er erkannte, dass durch diese Männer ein neues Zeitalter beginnen würde. Die Sicherheitszusage wurde ausgestellt. Diese Sicherheitszusage erwies sich am Tag der Eroberung Mekkas als nützlich. Zu dieser Zeit verkündete der Gesandte Allahs (s.a.w.) Suraqa auch die frohe Botschaft: „O Suraqa, sieh, welchen Rang du an jenem Tag haben wirst, an dem du die Armreifen des Kaisers von Iran tragen wirst.“ Zur Zeit des Kalifats Hadhrat Umars erfüllte sich diese Prophezeiung während der Eroberung Irans. Zu dieser Zeit kam Hadhrat Zubair mit einer Handelskarawane aus Syrien. Unterwegs traf er den Gesandten Allahs (s.a.w.) und Abu Bakr und schenkte beiden weiße Kleidung.

Während dieser Reise traf auch Barīda al-Aslamī mit 70 Gefährten auf sie. Im Grunde waren sie aus Gier nach der Belohnung aufgebrochen. Doch sobald Barīda vor ihn trat, veränderte er sich. Als der Gesandte (s.a.) ihn bei der Begrüßung mit der frohen Botschaft beglückwünschte: „Dein Anteil ist bereits bestimmt“ (das heißt, es ist bereits bestimmt, dass auch du zur Verwirklichung des Islam beitragen wirst), nahm Barīda gemeinsam mit seinen siebzig Gefährten den Islam an. Danach sagte Barīda: „Beim Einzug des Gesandten (s.a.) in Medina sollte vor ihm ein Banner getragen werden.“ Der Gesandte (s.a.) stimmte zu, band seinen eigenen Turban an die Spitze eines Speers und übergab ihn Barīda. Unter diesem wehenden Banner zog die Karawane in Medina ein.

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„Ganz gewiss werdet ihr durch Verluste an Leib und Besitz geprüft werden. Und ihr werdet von beiden Gruppen, den Leuten der Schrift und den Polytheisten, viele verletzende Worte hören. Wenn ihr in all diesen Prüfungen standhaft bleibt und euch (von Schändlichkeiten) fernhaltet, wird das zweifellos eine mutige Tat sein.“ (Āl ʿImrān, 186)

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„Ihr habt euch mir gegenüber genauso schlecht benommen, wie es Verwandte gegenüber einem Propheten nur tun können. Ihr habt mich verleugnet, während andere meine Wahrhaftigkeit bezeugten. Ihr habt mich aus meiner Heimat vertrieben, während andere mir bei sich Zuflucht gewährten. Ihr habt gegen mich Krieg geführt, während andere mich unterstützten.“

– Die Ansprache des Gesandten (s.a.) an die Leichen der Polytheisten auf dem Schlachtfeld von Badr.

 

Kapitel: 4

Der Freund der Menschheit (s.a.) im medinensischen Kapitel: Der Wandel der Geschichte

„In aller Frühe sah mich Umm Ahmad, wie ich mich unter den Schutz dessen begab, den ich fürchte, ohne ihn gesehen zu haben. Da begann sie zu sagen: Wenn du unbedingt fortgehen musst, dann geh nicht nach Yathrib; nimm uns irgendwo andershin mit.“

Ich antwortete ihr: Nun ist Yathrib unser Reiseziel. Wohin der Barmherzige Allah Seinen Diener führen will, dorthin macht sich der Diener auf den Weg.

Es ist nicht abzusehen, wie viele geliebte Gefährten und aufrichtige Freunde wir hinter uns zurückgelassen haben und wie viele von Kummer erfüllte Frauen wir unter Tränen zurückblicken sahen.

Du denkst wohl, dass wir unsere Heimat verlassen, um die Fähigkeit zu erlangen, an denen Rache zu nehmen, die uns vertrieben haben. Doch wir haben ein anderes Ziel.

Auf der einen Seite stehen wir, und auf der anderen Seite stehen jene unserer Freunde, die vom Weg der Wahrheit abgewichen sind, Waffen der Verfolgung gegen uns eingesetzt und Unruhe gestiftet haben.

Eine dieser beiden miteinander streitenden Parteien hatte das Glück, das Banner der Wahrheit zu tragen, und wurde auf den rechten Weg geführt. Die andere geht nun der Strafe Allahs entgegen.

Was die Blutsverwandtschaft betrifft, sind sie zwar unsere nahen Verwandten; doch wo keine auf der Einheit von Idealen und Zielen beruhende aufrichtige Beziehung besteht, ist die bloße Blutsverwandtschaft bedeutungslos.

Es wird ein Tag kommen, an dem eure Einheit in Stücke zerfällt. Eure gemeinschaftliche Existenz wird auseinandergerissen werden. Dann wirst du sehr wohl erkennen, wer von unseren beiden Gruppen auf dem Weg der Wahrheit ist.“

(Zusammenfassung des Gedichts über die Hidschra von Abu Ahmad ibn Dschahsch)

Die mekkanische Periode im Lebenslauf des größten Freundes der Menschheit und des Schöpfers der größten Geschichte der Welt, Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war die Periode der Einladung zum Islam und der Verkündung des islamischen Ideals. Die medinensische Periode war dagegen die Periode der Ausübung von Herrschaft. In Mekka wurden Menschen geformt. In Medina wurde ein gesellschaftliches System errichtet. In Mekka wurden die nötigen Mittel geschaffen. In Medina wurde das Gebäude errichtet.

Aufgrund dieses Unterschieds besteht bei gewöhnlichen Menschen, die den Koran, das Leben des Propheten und die Geschichte des Islams oberflächlich studieren, die Vorstellung, die Zeit der angeblichen Prüfungen für die islamische Bewegung und ihren Verkünder habe sich ausschließlich in Mekka abgespielt. In Medina sei der Widerstand nicht ebenso heftig und radikal gewesen, und dort habe nicht jene unerträgliche Atmosphäre ständiger Verfolgung geherrscht wie in Mekka. Zumindest wird angenommen, dass der Widerstand und die Feindschaft in der medinensischen Periode die Gestalt blanker Schwerter annahmen und auf das Schlachtfeld übergingen. Die Zeit der niederträchtigen und gemeinen Handlungen seitens der Feinde sei vorüber gewesen. Doch die tatsächlichen Ereignisse waren das Gegenteil. Es stimmt, dass die Quraisch, die wichtigste gegnerische Gruppe in der medinensischen Periode, auf dem offenen Schlachtfeld eine unmittelbare Herausforderung aussprachen. Doch ebenso wenig lässt sich leugnen, dass sich mit der zunehmenden Stärke der islamischen Bewegung neue Feinde gegen sie herausgebildet hatten. Diese Feinde standen den Mekkanern in ihren Schandtaten in nichts nach. Ihre immer neuen Verschwörungen bedrängten und beunruhigten den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Gefährten von Anfang bis Ende und ließen keinen Versuch unversucht, die Arbeit der Wiederbelebung zu behindern.

Eine überlieferte Gesetzmäßigkeit der Geschichte lautet: Je weiter die Arbeit der Reform, Verbesserung und Wiederbelebung voranschreitet, desto erbitterter werden die reformfeindlichen und arbeitsunwilligen Gruppen von feindseligen Gefühlen getrieben, sie zu verderben und zu vernichten. Wenn sie schließlich dem Galgen der Verfolgung entkommen und mit einem Sprung auf dem Thron der Macht sitzen, überschreiten der Hass und die Rachsucht des Falschen alle Grenzen. Da in Medina eine neue islamische Gesellschaft und ein friedlicher Wohlfahrtsstaat errichtet worden waren, entstand eine solche Situation.

Das andersartige Umfeld Medinas

Aus historischer Sicht ist es eine äußerst wichtige Tatsache, dass das politische und religiöse Umfeld Medinas sich völlig von dem Mekkas unterschied. Deshalb begann der Setzling des Islams, der in Mekka unter äußerst widrigen Bedingungen nicht gedeihen konnte, unmittelbar nach seiner Verpflanzung nach Medina rasch Blätter und Zweige zu treiben, sich zu entfalten und Früchte zu tragen.

Der erste Unterschied bestand darin, dass die gesamte Bevölkerung Mekkas und seiner Umgebung eng miteinander verbunden war. Sie gehörten zu Stämmen derselben Religion, waren durch gegenseitige Bündnisse miteinander verbunden, und die Quraisch übten über sie vollständige Kontrolle und Vorherrschaft aus. In Medina und seiner Umgebung hingegen lebten zwei Bevölkerungsgruppen ganz unterschiedlicher Art, zwischen denen Zwist, Streit und Spannungen herrschten.

Medina war die alte Stadt namens „Yathrib“, die von den Juden gegründet worden war. Da sich ihre Nachkommenschaft dort allmählich vermehrte, entstanden in der Umgebung Medinas immer neue jüdische Siedlungen. Zugleich wurden dort auch kleine militärische Festungen errichtet. Auf diese Weise stand das gesamte Gebiet unter dem religiösen und politischen Einfluss der Juden.

Die zweite Bevölkerungsgruppe waren die Ansar. Ihre ursprüngliche Heimat war der Jemen. Sie waren Nachkommen Qahtans. Nach der verheerenden Überschwemmung, die in der Geschichte des Jemen bekannt ist, verstreuten sich die Überlebenden in alle Richtungen. Die beiden Brüder Aws und Chazradsch aus dem Stamm Qahtan ließen sich damals in Medina nieder. Später mögen noch weitere Menschen hinzugekommen sein. Durch diese Neuankömmlinge kam es jedoch in dieser Region zum Zustrom neuer Bewohner. Danach vermehrten sie sich und allmählich entstand eine neue Macht. Zunächst wollten sie getrennt von der jüdischen Gesellschaft und Kultur leben. Doch unter dem Druck der bereits fest etablierten jüdischen Bevölkerung und ihrer Macht waren sie gezwungen, mit ihr ein Bündnis zu schließen. Dieses bündnisbasierte Verhältnis funktionierte lange Zeit reibungslos. Als die Juden jedoch erkannten, dass die wachsende Macht der Ansar zu einer Bedrohung für ihren Einfluss und ihr Ansehen wurde, brachen sie die Bündnisbeziehungen ab.

Unter den Juden trat ein ausschweifender Anführer namens Fityun hervor. Im Bewusstsein seiner Macht erließ er den Befehl, dass jedes Mädchen, das in seinem Gebiet heiratete, zunächst seine Bettgefährtin in einer Nacht des Vergnügens werden müsse, bevor sie in das Eheleben eintreten dürfe. Wie tief der moralische Verfall und die Verderbtheit der Juden bereits gesunken waren, lässt sich daran erkennen, dass sie diesen Befehl widerspruchslos hinnahmen. Doch durch diesen teuflischen Befehl erwachte eines Tages das Ehrgefühl der Ansar. Die Schwester von Malik ibn Adschlan sollte heiraten. Genau an dem Tag jedoch, an dem der Bräutigam eintraf, ging Fityun völlig nackt an Malik vorbei. Als Malik ihn tadelte, sagte er, am nächsten Tag werde er ihn in eine noch beschämendere Lage bringen. Außer sich vor Zorn tötete Malik Fityun und floh nach Syrien. Dort herrschte der Ghassanidenkönig Abu Dschabala. Als er von diesem Vorfall erfuhr, griff er Medina an, tötete die bedeutendsten jüdischen Anführer und belohnte Aws und Chazradsch. Diese Ereignisse schwächten die Macht der Juden und stärkten die Macht der Ansar.

Kurz gesagt, die Beziehungen zwischen den Juden und den Ansar waren stets von Konflikten und Auseinandersetzungen geprägt. Da den Ansar jedoch kein Ideal und kein Ziel gegeben war, konnte ihre innere Einheit nicht auf einem festen Fundament beruhen. Ihre gegenseitigen Streitigkeiten und Konflikte zehrten ihre Kraft wie der Holzbohrkäfer auf und vernichteten sie. So kam es schließlich sogar zu einem Krieg namens Buʿāth zwischen den Stämmen Aws und Chazradsch, in dem viele bedeutende Persönlichkeiten beider Seiten getötet wurden. Auf diese Weise wurden sie den Juden gegenüber erneut machtlos. Unter diesen Umständen ersuchten sie einige Zeit zuvor gezwungenermaßen die Quraisch um ein Bündnis. Doch aus verschiedenen Gründen scheiterte dieser Versuch.

Andererseits lag ein Grund für die Vorherrschaft und das Ansehen der Juden in ihrer religiösen Anmaßung. Sie besaßen die Tora. Dadurch traten sie als Träger einer eigenständigen religiösen Ordnung auf; sie verfügten über ein eigenes Glaubensbekenntnis und ideologisches Kapital, bestimmte charakterliche Grundsätze, einige religiöse Gesetze und Vorschriften, eigene Traditionen sowie besondere Regeln für die Verrichtung der Gottesdienste. In dieser Hinsicht besaßen die Ansar so gut wie nichts. In all diesen Dingen waren sie auf die Juden angewiesen. Von deren „Bayt al-Maqdis“ (damals ein Zentrum jüdischer religiöser Unterweisung) erhielten sie ihre Bildung. Wenn etwa das Kind eines Ansari nicht am Leben blieb, gelobte er sogar, es zum Juden zu machen, falls ein Kind am Leben bleiben sollte. In dieser Hinsicht herrschte unter den Ansar ein Minderwertigkeitsgefühl. Da ihr Selbstwertgefühl und ihr Stolz verletzt waren, fühlten sie sich innerlich ständig bedrückt. All diese Informationen zeigen, dass im Umfeld Medinas zwischen Juden und Ansar Streit und Konflikt herrschten und ihre Beziehungen von tiefer Rivalität geprägt waren.

Nebenbei sei erwähnt, dass die Juden sich vor den Ansar häufig damit brüsteten, dass bald der letzte Prophet kommen werde. Wenn er komme, würden sie sich ihm anschließen und es den Ansar heimzahlen. Wegen dieser Drohung und Prophezeiung der Juden begannen auch die Ansar, die Tage bis zur Ankunft des erwarteten Propheten zu zählen. Insgeheim fassten sie den Entschluss, sich bei seinem Erscheinen als Erste seiner Gefolgschaft anzuschließen. Und so geschah es tatsächlich. Diejenigen, die die Prophezeiung verkündet hatten, gingen leer aus. Die Juden wurden von denjenigen geschlagen, die sie selbst hatten schlagen wollen. (Sīrat an-Nabī: Schibli Numani)

Wenn man diese Lage und diesen Hintergrund Medinas berücksichtigt, wird verständlich, warum die damaligen Verhältnisse im Vergleich zu Mekka für die islamische Bewegung günstiger waren.

Die islamische Bewegung in Medina

Mekka hatte dreizehn Jahre lang den Ruf des Islam vernommen. Es hatte auch erfahren, welche Argumente dafür sprachen. Darüber hinaus lagen der Charakter und das Wirken einer unvergleichlichen, vom Licht des Islam erleuchteten Persönlichkeit vor seinen Augen klar zutage. Die Bannerträger des Islam erhoben, obwohl sie unter dem Rad von Unterdrückung und Ausbeutung zermalmt wurden, den Ruf: Ahad, Ahad (Allah ist Einer, Allah ist Einer). Dennoch lehnte das gesamte Umfeld Mekkas diese Botschaft von Anfang bis Ende ab.

Doch sobald die Einladung Medina erreichte, erscholl von dort der Ruf „Labbaika“ („Wir nehmen sie an“). Der erste junge Mann aus Medina, der den Islam annahm, war Suwaid bin Samit. Er war zugleich ein begabter Dichter, ein geschickter Reiter und ein tapferer Krieger. Solche jungen Männer werden gewöhnlich zu Kämpfern revolutionärer Bewegungen, beteiligen sich an allen Entwicklungs- und Aufbauprogrammen und opfern sich mit all ihrem Besitz und ihrer Kraft dafür auf. Als dieser junge Mann nach Mekka kam, traf der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wie üblich mit ihm zusammen und lud ihn zum Islam ein. Suwaid sagte: „Etwas Ähnliches besitze ich; es heißt ‚Sahifa des Luqman‘.“ Er las daraus auch einen Teil vor. Danach trug der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihm den Koran vor. Seht, was ein von Unbesonnenheit und Feindschaft freies Gewissen bedeutet. Suwaid rief sofort aus: „Das ist noch schönere Rede!“ Danach prägte sich die Einladung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, tief in seinem Herzen ein. Bedauerlicherweise wurde er jedoch unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Mekka von den Khazradschiten getötet. Über ihn haben viele berichtet, dass er zum Zeitpunkt seiner Tötung Muslim gewesen sei und mit den Worten „Allah ist größer“ den Takbir ausgerufen habe. (Sira von Ibn Hischam, Bd. 2, S. 67–68)

Der zweite junge Mann in Medina, der von der Einladung zum Islam beeindruckt wurde, hieß Iyas bin Mu’adh. Dieser Mann war Mitglied einer Delegation aus Medina. Diese Delegation war nach Mekka gekommen, in der Hoffnung, mit den Quraisch einen Bündnisvertrag gegen die Chasradsch zu schließen und Unterstützung zu erhalten. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, übermittelte den Mitgliedern dieser Delegation die Einladung zum Islam und trug ihnen den Koran vor. Iyas bin Mu’adh war damals noch ein bloßer Jugendlicher. Er sagte: „O meine Gefährten, ist dies nicht besser als das, weshalb ihr gekommen seid?“ Der Leiter der Delegation, Abu’l-Husair, warf ihm sofort Erde ins Gesicht. Damit wollte er sagen: „Warum stiftest du jetzt auch noch Unruhe?“ Er sagte außerdem: „Deshalb sind wir nicht gekommen.“ Abu’l-Husair war begierig darauf, die Unterstützung der Quraisch zu erhalten. Er wusste, dass der Weg zu ihrer Unterstützung vollständig versperrt würde, wenn sie die Einladung Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, annähmen. Iyas schwieg zwar, doch die Einladung zum Islam drang in sein Herz ein. Die Delegation kehrte nach Medina zurück. Bedauerlicherweise fiel auch dieser bewusste junge Mann bald dem Krieg von Bu’ath zum Opfer und starb.

Im elften Jahr der Prophetenschaft fand mit der aus Medina eingetroffenen Gruppe ein ausführliches Gespräch mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, statt. Nachdem sie die Einladung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehört hatten, begannen sie sich gegenseitig zu sagen: „Seid gewiss: Dieser Mann ist eben jener Prophet, von dem die Juden euch immer wieder erzählt haben. Nun sollen die Juden uns diesem Propheten nicht zuvorkommen und seine Unterstützer werden.“ Danach öffnete Allah ihre Herzen, und sie alle verankerten den Islam fest in ihren Herzen. Dann begannen sie zu sagen:

„Wir haben die Verbindung zu unserem Volk abgebrochen. Wohl in keinem anderen Volk gibt es unter uns so viel Feindschaft, Streit und Zwietracht. Vielleicht wird Allah durch den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, unser Volk wieder vereinen. Nachdem wir zu ihnen zurückgekehrt sind, werden wir sie zum Glauben des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einladen und ihnen gegenüber dieselbe Haltung zu diesem Glauben bekunden, die wir vor ihm bekundet haben. Wenn Allah sie dann in dieser Angelegenheit vereint, wird er danach der mächtigste Mann sein.“ (Sira von Ibn Hischam)

Die Einladung, die die Bewohner Mekkas als Ursache der Spaltung angesehen hatten, erkannten die Bewohner Medinas bereits auf den ersten Blick als Grundlage ihrer Einigung. Die erste Gruppe aus Medina, die sich in Mekka zur Erhebung des Banners der islamischen Bewegung organisiert hatte, bestand aus sechs Männern:

(1) Abul-Haisan bin bin Ham (2) Asad bin Zurara (3) Auf bin Harith (4) Rafi bin Malik Adscha­lani (5) Qutba bin Amir (6) Dschabir bin Abdullah.

Nachdem diese Männer nach Medina zurückgekehrt waren, sorgten sie dort für neue Begeisterung und ein neues Erwachen. Die Einladung zum Islam gewann dort an Popularität und breitete sich immer weiter aus. Unter den Familien der Ansar gab es keine einzige, in der nicht über Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gesprochen wurde.

Das erste Treuegelöbnis von Aqaba

Im folgenden Jahr, also im zwölften Jahr der Prophetenschaft, kamen zwölf Männer aus Medina und leisteten den Treueid. Dieser ist als „Treueeid der Frauen“ bekannt. Der Grund für diese Bezeichnung ist, dass bei diesem Treueid nur in grundlegenden Angelegenheiten ein Versprechen abgelegt wurde und keinerlei Fragen des Krieges oder bewaffneter Auseinandersetzungen darin enthalten waren. Der Wortlaut dieses Glaubensversprechens war folgender:

„Wir werden Allah niemanden beigesellen, nicht stehlen, keine Unzucht begehen, unsere Kinder nicht töten, wissentlich niemanden mit erfundenen Anschuldigungen verleumden und Muhammad ﷺ in keiner guten Angelegenheit ungehorsam sein.“

Als diese Gruppe nach Medina aufbrach, beauftragte der Gesandte Allahs ﷺ Musʿab ibn ʿUmair damit, in Medina die Arbeit der Einladung zum Islam auszuführen. Er übertrug ihm die Verantwortung, dort den Muslimen den Koran vorzulesen, sie in den Lehren des Islam zu unterrichten und ihnen umfassende und richtige Kenntnisse über den Islam zu vermitteln. Er leitete dort auch das Gebet und lehrte die islamischen Ideale sowie die islamischen Grundsätze des Charakters. (Sīrat Ibn Hischām)

Die Annahme des Islam durch zwei Anführer

Asʿad ibn Zurāra, der Besitzer des Hauses, in dem Musʿab, der vom Gesandten Allahs ﷺ eingesetzte Verkünder des Islam, wohnte, brach eines Tages gemeinsam mit Musʿab zu einem Aufruf zu den Wohnstätten der Stämme Banū ʿAbd al-Aschhal und Banū Zafar auf. Sie gelangten in die Nähe des um den Brunnen namens Marāq gelegenen Anwesens der Banū Zafar. Zu dieser Zeit kamen einige Menschen, die bereits den Islam angenommen hatten, zu ihnen und versammelten sich bei ihnen. Die beiden Anführer der Banū ʿAbd al-Aschhal, Saʿd ibn Muʿādh und Usaid ibn Hudair, gehörten noch der Religion ihres Stammes an, das heißt, sie waren Götzendiener. Saʿd ibn Muʿādh war wegen der von Asʿad ibn Zurāra und Musʿab geleiteten Einladungstätigkeit bereits äußerst wütend. Als er von der Ankunft dieser beiden Männer hörte, sagte er Usaid leise ins Ohr: „Diese beiden Männer sind gekommen, um unsere schwachen Leute zu täuschen und vom rechten Weg abzubringen. Geh und verbiete ihnen, zu unseren Häusern zu kommen. Wenn Asʿad ibn Zurāra nicht mein Cousin mütterlicherseits wäre, würde ich dir das nicht sagen; ich selbst würde mich ihnen entgegenstellen.“ Als die Versammlung zur Einladung zum Islam begann, kam Usaid auf Saʿd ibn Muʿādh’ Anweisung mit erhobenem Speer zu den beiden. Er blieb einige Augenblicke stehen und sagte in schroffen Worten: „Was ist der Zweck eures Kommens hierher? Ihr führt unsere schwachen Leute in die Irre. Wenn ihr am Leben bleiben wollt, verlasst unverzüglich unser Gebiet.“ Musʿab sagte in bescheidenem Ton: „Setzt euch doch ein wenig und hört uns aufmerksam zu. Wenn es euch nach dem Zuhören gefällt, könnt ihr es annehmen; andernfalls könnt ihr es zurückweisen.“ Als Usaid dies hörte, beruhigte er sich etwas. Er legte den Speer nieder und setzte sich ruhig neben Asʿad und Musʿab. Musʿab begann zu sprechen und las ihnen aus dem Koran vor. Noch bevor Usaid ein Wort sagte, hatten sie anhand des Ausdrucks seines Gesichts erkannt, dass er die Absicht hatte, den Islam anzunehmen. Schließlich sagte Usaid offen: „Wie schön und wie bezaubernd sind diese Worte!“ Er fragte: „Welchen Weg beschreitet ihr, wenn ihr den Islam annehmt?“ Die beiden antworteten: „Geh, nimm eine Ganzkörperwaschung vor, reinige dich, wasche deine Kleidung, bezeuge dann die Wahrheit und verrichte das Gebet.“ Usaid, der kurz zuvor noch mit erhobenem Speer dagestanden hatte, trug nun den belebenden Speer des Islam in seiner Brust. Er stand auf, nahm eine Ganzkörperwaschung vor, reinigte sich und verrichtete zwei Gebetseinheiten. Nach dem Gebet sagte Usaid: „Ich kenne noch einen weiteren Mann. Wenn auch er sich eurer Gruppe anschließt, wird niemand aus dem Stamm Widerstand leisten. Ich hole ihn sofort. Er ist Saʿd ibn Muʿādh.“ Sofort ging er mit dem Speer in der Hand zu Saʿd. Dort wurde eine Versammlung abgehalten. Als Muʿādh Usaid schon von Weitem sah, sagte er zu seinen Gefährten: „Ich schwöre bei Allah, Usaid hat jetzt nicht mehr dasselbe Gesicht wie bei seinem Weggang.“ Dann sagte er zu Usaid: „Sag, wie kommst du zurück?“ Usaid antwortete schlicht: „Ich habe mit den beiden gesprochen. Bei Allah, von ihrer Seite habe ich keinerlei Gefahr verspürt. Ich habe ihnen dies untersagt. Und was du sagst, werden wir tun.“ Um Saʿd sofort aufzubringen, sagte er: „Die Banū Hāritha wollen Asʿad ibn Zurāra töten. Obwohl sie wissen, dass Asʿad dein Verwandter ist, wollen sie dies tun, um dich zu erniedrigen.“ Saʿd wurde zornig, weil er ein Vorgehen der Banū Hāritha befürchtete. Er riss Usaid den Speer aus der Hand und ging zu Asʿad und Musʿab. Als er jedoch dort ankam, sah er, dass die beiden ruhig saßen. Muʿādh sagt: „Ich erkannte sofort, dass Usaid mich listig hierhergeschickt hatte, damit ich ihr Gespräch unmittelbar mitanhören konnte. Innerlich machte ich ihm schwere Vorwürfe und blieb vor den beiden stehen. Zu Asʿad ibn Zurāra sagte ich: ‚Ihr kommt zu uns, um uns Dinge zu sagen, die wir verabscheuen.‘“ Musʿab sagte bescheiden: „Beruhige dich ein wenig und höre uns an. Wenn es dir gefällt, dann nimm es an; andernfalls werden wir dir nicht das vorlegen, was du verabscheust.“ Saʿd beruhigte sich und sagte: „Du hast wahrhaftig etwas Gerechtes gesagt.“ Als Saʿd sich setzte, trug Musʿab ihm die Botschaft des Islam vor und las ihm aus dem Koran vor. Auch hier wiederholte sich, was bei Usaid geschehen war. Noch bevor Saʿd etwas sagte, zeigten sich in seinem Gesicht die Anzeichen dafür, dass er den Islam annehmen würde. Nach wenigen Augenblicken nahm auch der zweite Anführer den Islam an.

Als Saʿd ibn Muʿādh mit einem „neuen Leben“ zurückkehrte, sagten die Mitglieder der Stammesversammlung schon aus der Ferne, als sie ihn sahen: Saʿds Gesicht hat sich verändert. Kaum war er angekommen, sagte Saʿd: „Ihr Leute des Stammes Banū ʿAbd al-Aschhal, was denkt ihr über mich?“ Alle sagten: „Du bist unser Anführer. Deine Meinung ist reifer als unsere Meinung. Du bist tüchtiger und wohlwollender als wir alle.“ Saʿd sagte: „Dann hört gut zu: Solange ihr nicht an Allah und Seinen Gesandten glaubt, ist es mir verboten, mit euren Männern und Frauen zu sprechen.“ Was geschah danach noch? Die Männer und Frauen des gesamten Stammes nahmen gemeinsam den Islam an.

Als durch diese beiden Anführer die Stärke der islamischen Bewegung beträchtlich zunahm, wurde auch die Tätigkeit der Einladung zum Islam verstärkt, und der Islam verbreitete sich von Haus zu Haus und von Stamm zu Stamm.

Der zweite Treueid von al-ʿAqaba

Inzwischen kam die Zeit der Wallfahrt. Diesmal gingen zahlreiche Muslime von Medina nach Mekka, denn der Islam breitete sich im Land von Medina weit aus. Von neuer religiöser Begeisterung erfüllt, kamen diese Neubekehrten aus Medina zur Wallfahrt und trafen sich im Schutz der Dunkelheit, den Blicken der Quraisch verborgen, mit ihrem geliebten Führer, dem Gesandten (s). Erneut wurde das Treueversprechen abgelegt. Dieses Versprechen ging jedoch wesentlich weiter als die „Mutter-Bayʿa“. Nur eine Bestimmung des ersten Treueeids hatte eine politische Aussage. Sie bestand in dem Versprechen: „Wir werden den gerechten Befehlen Muhammads (s) nicht ungehorsam sein.“ Diesmal aber wurde unter Inkaufnahme aller Risiken eine politische Aussage aufgenommen. Im Sinne dieser Bayʿa bedeutete die Unterstützung Muhammads (s), gegen die Quraisch und die gesamte arabische Nation in den Krieg zu ziehen. Der zweite Treueeid wurde tatsächlich unter diesem Gesichtspunkt geleistet. Während der Gespräche erfassten diese jemenitischen Kämpfer der islamischen Bewegung die Möglichkeiten der Zukunft vollständig und sagten: „Wir müssen alle Verträge, die wir mit den Bewohnern von Yathrib – das heißt den Juden – geschlossen haben, aufkündigen. Nach ihrer Aufkündigung darf es nicht dazu kommen, dass du, wenn Allah dir den Sieg schenkt, zu deinen eigenen Volksgenossen zurückkehrst und uns verlässt.“ Auf diese Befürchtung erwiderte der Gesandte (s) mit einem leichten Lächeln: „Euer Blut ist mein Blut, eure Feinde sind meine Feinde, ich gehöre zu euch und ihr gehört zu mir. Gegen diejenigen, mit denen ihr Krieg führt, werde auch ich Krieg führen, und mit denjenigen, mit denen ihr Frieden schließt, werde auch ich Frieden schließen.“ Abbas ibn Ubada sagte: „O Nachkommen der Chazradsch! Wisst ihr, wozu ihr euch Muhammad (s) gegenüber verpflichtet? Es ist die Verpflichtung, gegen die Bewohner der ganzen Welt zu kämpfen.“ Die Mitglieder der Delegation antworteten mit vollem Verantwortungsbewusstsein: „Wir geloben, deine Hilfe und Unterstützung fortzusetzen, selbst wenn dies die Zerstörung all unseres Besitzes und die Tötung unserer Stammesführer bedeuten sollte.“ Wegen der besonderen Art dieses Treueids wurde er „Bayʿat al-Harb“, also „militärisches Treueversprechen“, genannt. Eine seiner grundlegenden Bedingungen lautete: „Ob in Not oder Überfluss, in Glück oder Unglück und in welcher Lage wir uns auch befinden mögen: Wir werden jede Anweisung des Gesandten (s) anhören und ihm gehorchen. Wir werden den Befehl des Gesandten uns selbst voranstellen und keinen Streit mit den Führern und Verantwortlichen anfangen. Wenn jemand uns wegen der Religion Allahs tadelt oder beschimpft, werden wir darauf keine Rücksicht nehmen.“

Diese Bayʿa kann in Wirklichkeit als Grundstein des islamischen Staates bezeichnet werden. Zugleich kann man sie als Auftakt zur Hidschra bezeichnen. Durch diese Bayʿa akzeptierten die künftigen Bürger des zukünftigen islamischen Staates freiwillig und freudig die Staatsführung Muhammads (s). Darüber hinaus wurde durch sie auch das System des Gehorsams begründet.

Damit wurde nicht nur ein Versprechen abgelegt, sondern auch die Grundlage einer kollektiven Ordnung und Disziplin geschaffen. Der Führer der islamischen Bewegung ernannte entsprechend dem Beschluss der Bürgerorganisation zwölf regionale Verantwortliche (Naqīb). Neun von ihnen wurden aus den Chazradsch und drei aus den Aus ernannt. Diesen Naqīb wurde befohlen: „Ihr seid für alle Angelegenheiten eurer jeweiligen Stämme verantwortlich, so wie die Jünger Jesu (a) verantwortlich waren und wie ich selbst für meine Gemeinschaft verantwortlich bin.“ Sie waren unmittelbar die Vertreter des Gesandten (s). Mit ihrer Ernennung begann der Aufbau einer organisierten Gesellschaft planmäßig.

Als die Nachricht die Quraisch erreichte, begannen sie, sich vor die Brust zu schlagen. Die Delegation hatte Mekka inzwischen verlassen. Man schickte Leute auf die Suche. Saʿd ibn Ubada und Mundhir ibn Amr wurden gefasst und herbeigebracht. An ihnen ließen sie ihre Wut aus. Doch was nützte das noch? (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Eine neue Welle der Bewegung in Medina

Als diese Delegation mit neuem Eifer und neuer Begeisterung nach Medina zurückkehrte, begann die Arbeit der Daʿwa offen und umfassend. Wenn junge Menschen als Initiatoren einer Veränderung auf den Schauplatz treten, kann die alte Generation ihnen nicht lange standhalten. Um zu erkennen, wie die Zukunft einer Bewegung aussehen wird, muss man wissen, ob sie von der älteren Generation abhängig ist oder ob durch ihre Adern das Blut der Jugend fließt. Diejenigen, die in Mekka und besonders in Medina mit dem Banner der islamischen Bewegung vorangingen, waren fast alle noch jung. Um einen Eindruck davon zu vermitteln, was diese junge Generation alles zur Förderung der islamischen Bewegung getan hat, scheint es notwendig, eine bemerkenswerte Begebenheit zu erwähnen.

Im Stamm der Banū Salama lebte ein älterer Mann namens Amr ibn al-Dschamuh. Er hatte in seinem eigenen Haus eine hölzerne Statue namens Manāt aufgestellt. Der alte Mann verehrte sie und widmete sich Tag und Nacht ihrer Reinigung und Pflege. Zwei junge Männer aus Banū Salama, Muʿādh ibn Dschabal und Muʿādh ibn Amr, hatten den Islam angenommen und waren Mitglieder der islamischen Bewegung geworden. Letzterer war der Sohn eben dieses alten Mannes. Jede Nacht standen die beiden im Schutz der Dunkelheit auf, wälzten die Statue des Alten zunächst im Schlamm und ließen sie anschließend kopfüber in der Grube liegen, in die die Bewohner von Banū Salama ihren gesamten Abfall warfen. Wenn der alte Mann am Morgen aufstand, schrie er: „Wer hat sich in der Nacht an meinem Gott zu schaffen gemacht?“ Dann machte er sich auf die Suche nach seinem verlorenen Gott. Nachdem er ihn gefunden hatte, wusch und reinigte er ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz. In der folgenden Nacht wiederholte sich dasselbe. Der Alte schrie erneut laut herum. Eines Tages wurde der alte Amr ärgerlich und hängte sein eigenes Schwert um den Hals der Statue. Er sagte zu ihr: „Bei Allah, ich weiß nicht, wer dir so etwas antut. Wenn du auch nur ein wenig Kraft besitzt, dann versuche, dich mit diesem Schwert, das ich dir hier lasse, zu verteidigen.“ Es wurde Nacht, und Amr schlief ein. Die beiden Darsteller dieses Schauspiels kamen in der Nacht. Sie nahmen das Schwert vom Hals der Statue. Dann fanden sie einen toten Hund, banden ihn mit einem Seil an den Hals der Statue und warfen sie in einen verschlossenen Brunnen, der mit menschlichen Exkrementen gefüllt war. Als Amr am Morgen aufstand, stellte er fest, dass sein Gott wieder verschwunden war. Nachdem er ihn gesucht und in diesem erbärmlichen Zustand gefunden hatte, vollzog sich in seinem Herzen eine gewaltige Wandlung, und Amr nahm den Islam an. Daran wird deutlich, welch tiefgreifende Veränderung sich in Medina vollzogen hatte.

Ein neues Zentrum der Bewegung

Der Führer der islamischen Bewegung war stets von dem Gedanken erfüllt: Wenn die Bewegung in Mekka keinen Bestand haben kann und die grausame Führung Mekkas nicht bereit ist, ihr die Möglichkeit zu geben, eine „neue Welt“ aufzubauen, in welcher anderen Region der Erde könnte man dann mit aller Kraft diese aufbauende Arbeit beginnen? Sein erster Blick fiel auf Abessinien, und deshalb sandte er seine Gefährten dorthin. König Negus hatte zwar alles in seinen Kräften Stehende getan, um den Unterdrückten aus Mekka zu helfen. Doch zum einen war den Muslimen die beschämende Rolle der christlichen Geistlichen dort nicht verborgen geblieben. Unter dem allgegenwärtigen Einfluss dieser Geistlichen war es nicht leicht, dort den Islam weiterzuentwickeln. Außerdem hätte man unter der einheimischen Bevölkerung ganz von vorn mit der Verkündigungsarbeit beginnen müssen. Dabei hätte man auf fremdem Boden mit allerlei unüberwindbaren Hindernissen zu kämpfen gehabt. Deshalb suchte man nach einem anderen Land. Als Medina der Daʿwa offenherzig entgegenkam, sah der Gesandte Allahs ein Licht der Hoffnung. Die erste Baiʿa von Aqaba verstärkte diese Hoffnung noch. Danach hielt sich Musʿab ibn ʿUmair dort einige Zeit auf und arbeitete. In dem Bericht, den er zur Zeit der Hadsch kurz vor der zweiten Baiʿa von Aqaba vorlegte, gab er eine ausführliche Darstellung der Muslime in Medina, informierte über ihre Stärke und ihre Mittel und überbrachte die frohe Nachricht, dass in diesem Jahr eine große Zahl von Muslimen zur Hadsch kommen werde. Dieser Bericht gab dem Gesandten Allahs Anlass zu tiefem Nachdenken. Dass die Stärke und Zahl der Muslime in Medina rasch zunahm, war äußerst hoffnungsvoll. Dort waren sie vonseiten der Juden nicht mit annähernd so schweren Hindernissen konfrontiert wie in Mekka vonseiten der Quraisch. Die Bewohner Yathribs waren wegen ihrer Gefährten in Mekka sehr besorgt. Die Bewohner Yathribs verfügten über viele Vorteile und Annehmlichkeiten. Sie hatten Felder und Gärten. Der Gesandte Allahs dachte: Wäre es nicht gut, wenn die Muslime aus Mekka nach Medina übersiedelten, von der Unterdrückung durch die Quraisch befreit würden und so ihre Pflichten gegenüber dem Islam erfüllen könnten? Deshalb äußerte er diese Vorstellung gegenüber den Mitgliedern der eingetroffenen Delegation, die zur Hadsch gekommen waren; und die spätere Baiʿa wurde auf diesem Hintergrund vollzogen. (Hayat-i Muhammad, Muhammad Husain Haikal)

Seit der Rückkehr aus Abessinien begaben sich nach und nach einzelne Muslime mit der Erlaubnis des Gesandten Allahs nach Medina. Nach der zweiten Baiʿa von Aqaba nahm dieses Tempo jedoch zu, und es stand beinahe fest, dass Medina der Ort der zweiten Hidschra sein würde.

Die Anführer Mekkas sahen, dass die islamische Bewegung einen neuen, starken Stützpunkt geschaffen hatte. In ihren Augen erschien die Zukunft äußerst bedrohlich. Sie verstanden sehr gut: Wenn der Islam nun in Medina Wurzeln schlug, würde er sich außerhalb ihrer Reichweite in eine unbesiegbare Macht verwandeln. Eines Tages würde diese Macht über sie herfallen und für ihre früheren Taten Rache bis zum letzten Heller nehmen. Sie befürchteten außerdem, dass das Handelsstraßennetz nach Syrien, das über Medina verlief, durch das neue islamische Zentrum in Medina blockiert werden könnte. Auf diese Weise würde der wirtschaftliche und kommerzielle Untergang der Quraisch von Mekka herbeigeführt werden. Innerlich wurden sie von tiefer Angst und Beklemmung überwältigt und wussten nicht, was sie tun sollten. Tag und Nacht waren sie von dem Gedanken besessen, Muhammad und seine gesamte Gruppe nicht aus den Händen zu verlieren. Aus dieser Sorge heraus schmiedeten sie schließlich den Plan, den Gesandten Allahs zu ermorden. Eine historische Kraft war aus ihrem eigenen Haus hervorgegangen und gehörte mehr ihnen als allen anderen Menschen auf der Welt. Durch ihre eigenen schlechten Taten machten sie diese Kraft zu einer „fremden“ und wurden selbst zu ihren Feinden. Je stärker sie danach wurde, desto mehr verwandelte sie sich für sie in eine lebensbedrohliche Gefahr.

Als deshalb der erste Auswanderer nach Medina aufbrach, misshandelten ihn die Bewohner Mekkas. Dieser Mann war Abu Salama ʿAbdullah ibn ʿAbd al-Asad al-Machzumi. Er war gerade dabei, mit seiner Frau und seinen Kindern auf einem Kamel aufzubrechen, als die Männer aus dem väterlichen Stamm seiner Frau, den Banu al-Mughira, eilig herbeikamen und seiner Frau Umm Salama den Zügel des Kamels aus Abu Salamas Hand entrissen. Sie sagten: „Wir können unsere Tochter Umm Salama nicht mit dir als Herumtreiberin ziehen lassen.“ Über diesen von Gefühlen bestimmten Vorfall gerieten die Leute aus Abu Salamas Stamm in Wut. Sie sagten zu den Banu al-Mughira: „Wenn ihr uns die Frau unseres Mannes wegnehmt, werden wir unser kleines Kind nicht in ihrem Schoß lassen.“ So wurden der Ehemann, die Ehefrau und das Kind voneinander getrennt. Abu Salama zog unter diesen Umständen nach Medina. Umm Salama kam jeden Morgen an jenen Ort am Stadtrand und weinte dort klagend. Nachdem auf diese Weise beinahe ein Jahr vergangen war, empfand eines Tages ein Mann Mitleid. Er redete den Banu al-Mughira gut zu, bis sie Umm Salama erlaubten, mit ihrem kleinen Kind auf einem Kamel nach Medina zu reisen. Die Frau brach allein auf. Durch Allahs Gnade begegnete sie unterwegs zufällig ʿUthman ibn Talha, und er brachte sie bis zum Stadtrand von Medina.

Das heißt: Nach der bitteren Erfahrung der Hidschra nach Abessinien wurde es zur Politik der Mekkaner, die Muslime nicht aus ihren Händen entkommen zu lassen. Wenn jemand unbedingt auswandern wollte, sollten Stamm und Familie als Geiseln in den Händen der Mekkaner bleiben. Diese Politik war anfangs noch etwas milder, wurde aber allmählich strenger. Sogar die später ausgewanderten ʿUmar, ʿAyyasch ibn Abi Rabiʿa und Hischam ibn ʿAs ibn Waʾil mussten so heimlich aufbrechen, dass sie aus Angst, jeden Augenblick verhaftet zu werden, ständig in höchster Anspannung lebten. ʿUmar und ʿAyyasch eilten irgendwie mit großer Geschwindigkeit davon. Hischam jedoch wurde gefasst und erlitt Folter. ʿUmar und ʿAyyasch erreichten Medina sicher. Doch eine intrigante Gruppe brach von Mekka aus auf, um ihnen zu folgen. Ihre Mitglieder waren Abu Dschahl ibn Hischam und al-Harith ibn Hischam. Beide trafen ʿAyyasch und sagten zu ihm: „Deine Mutter liegt im Sterben. Sie hat geschworen, dass sie sich die Haare nicht kämmen werde, bevor sie dein Gesicht gesehen hat, und dass sie in der glühenden Sonne stehen werde.“ Seine Gefährten redeten ʿAyyasch eindringlich zu: „Das ist nur eine List. Wenn du einmal in das Netz der List der Mekkaner gerätst, werden sie dich zwingen, den Islam aufzugeben.“ Der wohlhabende ʿAyyasch war auch von dem Gedanken verlockt worden, einen Teil seines Vermögens zu holen. Als ʿUmar davon erfuhr, sagte er: „Ich bin wohlhabender als du und werde dir die Hälfte meines Vermögens geben. Geh nicht mit ihnen.“ Doch ʿAyyasch hörte nicht auf ihn. ʿUmar sagte: „Wenn du unbedingt gehen willst, dann nimm meine schnelle Kamelstute mit. Sobald du irgendwo Gefahr spürst, flieh auf ihr zurück.“ Doch die Intriganten aus Mekka schmiedeten eine solche Verschwörung, dass es ʿAyyasch nicht einmal möglich war, die Kamelstute auf einem anderen Weg zu lenken und zu entkommen. Er wurde fest verschnürt. Als sie Mekka erreicht hatten, sagten sie zu den anderen Leuten: „Behandelt jeden unter euch, der auswandern will, so, wie wir ihn behandelt haben.“

Später schrieb Hadhrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, eigenhändig einen Brief an Hischam ibn al-Ass. In diesem Brief zitierte er den berühmten Vers: „O Meine Diener, die ihr euch selbst Unrecht getan habt, verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit.“ An einem Ort namens Maituʿa in der Nähe von Mekka las Hischam den Brief und dachte wiederholt darüber nach. Als er erkannte, dass darin auf ihn selbst hingewiesen wurde, brach er unverzüglich auf einem Kamel auf. Eine noch zuverlässigere Überlieferung besagt jedoch, dass eines Tages, nachdem der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, nach Medina ausgewandert war, in seiner Versammlung ein Gespräch über diese beiden Gefangenen begann. Der Gesandte Allahs sagte: „Wer wird mir helfen, Ayyasch ibn Abi Rabia und Hischam ibn As zu befreien?“ Walid ibn al-Mughira erklärte, dass er bereit sei. Auf Befehl des Gesandten Allahs brach Walid nach Mekka auf. Heimlich gelangte er in die Nähe der Siedlung und sah eine Frau, die Essen bei sich trug. Er fragte sie: „Wohin gehst du?“ Sie antwortete: „Hier sind zwei Gefangene. Ich gehe, um ihnen Essen zu bringen.“ Walid folgte ihr heimlich. In einem Raum ohne Dach befanden sich die beiden in Gefangenschaft. Als es Abend geworden war, kletterte er über die Mauer und gelangte zu ihnen. Dann legte er einen Stein unter die Kette und durchtrennte sie mit seinem Schwert. Anschließend brachte er die beiden nach draußen, setzte sie auf Kamele, und gemeinsam flohen sie alle.

Die meisten der Auswanderer, denen es gelungen war, nach Medina zu gehen, mussten ihr gesamtes Hab und Gut bei den Bewohnern Mekkas zurücklassen.

Doch trotz der schmerzlichen Natur der Hidschra verließen alle, Männer wie Frauen, ohne zu zögern ihre Heimat, um ihre religiöse Pflicht zu erfüllen. Es gibt keinen vergleichbaren übernatürlichen Erfolg der islamischen Bewegung: Sie hat sogar die ungebildeten Frauen der unzivilisierten arabischen Gesellschaft von vor vielen Jahrhunderten durch diese islamische Inspiration zutiefst und kraftvoll beseelt.

Indem die Quraisch die Ausreise der Auswanderer verhinderten, zeigten sie eine äußerste Haltung der Intoleranz. Demgegenüber zeigte derjenige, mit dem sie sich in einer Auseinandersetzung befanden, sich hoch wie ein Berg und großzügig und großmütig wie das Meer. Er war die Verkörperung von Geduld, Nachsicht, Würde und innerer Festigkeit. Deshalb blieb er im Zentrum der Daʿwa standhaft. Es war seine Pflicht zu beweisen, dass er bis zum letzten Augenblick bemüht blieb, seine Verantwortung in jeder Hinsicht zu erfüllen. Bis Allahs Wille gegenüber den Bewohnern Mekkas vollendet war, erfüllte er geduldig seine Aufgabe. Er war wie der wagemutige Kapitän eines sinkenden Schiffes, der das Schiff als Letzter verlassen muss, nachdem er alle Besatzungsmitglieder und Passagiere sicher auf ein anderes Schiff gebracht hat.

Erst als niemand mehr übrig war außer jenen, die die Quraisch gewaltsam festhielten, oder jenen, die aus einem besonderen Interesse oder wegen eines Vorteils nicht gehen konnten, erhielt er von Allah, dem Erhabenen, die Erlaubnis zur Hidschra. Er verließ Mekka erst, als die Bewohner Mekkas nicht mehr bereit waren, ihn lebend zu sehen. Als der Augenblick seiner Reise näher rückte, trat er furchtlos und sicher durch einen Ring blutdürstiger Schwerter hinaus.

Medina: Der Augenblick des Wartens

Mit der zunehmenden Zahl der Auswanderer nahm auch die Lebendigkeit Medinas zu. Der Glanz der islamischen Daʿwa verbreitete sich überall. Mit der Ausbreitung des Islam wuchsen auch die Liebe und die Anziehung zu seinem Botschafter immer mehr. Besonders seit dem zweiten Treueeid von al-Aqaba blickten die Bewohner Medinas jeden Augenblick auf den Weg nach Mekka. Es war, als warteten die von Feldern bedeckten Äcker darauf, dass die Wolken kämen und Regen spendeten. Es war, als lägen alle Baumaterialien zu einem Haufen aufgeschichtet. Der Baumeister des Gebäudes der Menschlichkeit würde kommen und mit ihnen den Bau beginnen.

Wie vom Wind getragen verbreitete sich auch in Medina die Nachricht, dass Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Mekka verlassen habe und auf dem Weg der Hidschra voranschreite. Als die Bewohner Medinas diese Nachricht hörten, erreichte ihre gespannte Erwartung natürlich ihren Höhepunkt, und die Augenblicke des Wartens wurden unerträglich.

Sogar die kleinen Kinder hatten ständig diese Worte auf den Lippen: „Der Gesandte (s.a.w.) kommt, der Gesandte (s.a.w.) kommt.“ Jeden Morgen verließen die Menschen ihre Häuser, versammelten sich außerhalb der Stadt und warteten. Wenn die Sommersonne hoch am Himmel stand und die Hitze unerträglich wurde, kehrten sie seufzend nach Hause zurück. Auch an dem Tag, an dem der Gesandte (s.a.w.) tatsächlich eintraf, kehrten die Menschen nach der üblichen Versammlung gerade nach Hause zurück. Da verkündete plötzlich ein Jude, der von der Spitze einer Festung ausblickte, die frohe Nachricht: „O ihr Bewohner von Yathrib, seht dort! Der große Mann, auf den ihr wartet, ist eingetroffen.“ Was geschah nun! Die ganze Stadt brach in Rufen von „Allahu Akbar“ aus. Die Menschen eilten hastig herbei. Die meisten Ansar kamen bewaffnet heraus.

In Quba, einer drei Meilen von Medina entfernten Vorstadtsiedlung, nahm er erstmals seinen Wohnsitz. Die Familie von Amr ibn Awf empfing ihn freudig, und diese Familie hatte das Glück, ihn zu bewirten. Dieses Haus war eigentlich ein zentraler Stützpunkt der islamischen Bewegung. Für die meisten Auswanderer wurde es zum ersten Aufenthaltsort. Einige ausgewanderte Gefährten hielten sich noch dort auf. Auch Ali kam, nachdem er die anvertrauten Güter überbracht hatte, hierher und vereinigte sich mit seinem geliebten Führer und der Karawane. Er blieb vierzehn Tage hier. Die Menschen kamen in Gruppen, um ihn zu besuchen. Ihre Sehnsucht, denjenigen mit eigenen Augen zu sehen, dessen Botschaft sie zuvor von ganzem Herzen angenommen hatten, kannte keine Grenzen. Alle versammelten sich in der Hoffnung, sein Antlitz zu sehen, seinen süßen Worten zu lauschen und sein Bittgebet zu erlangen. Nichts blieb aus: der Friedensgruß, der Besuch, Gespräche und Erörterungen, Bittgebete und Zusammenkünfte.

In Quba legte der Gesandte (s.a.w.) eigenhändig den Grundstein für eine Moschee. Jeder Muslim beteiligte sich an ihrem Bau. Die größte Persönlichkeit der Weltgeschichte begann, wie ein gewöhnlicher Arbeiter große Steine herbeizutragen. Während der Arbeit wurden auch Lieder gesungen:

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„Wahrlich, erfolgreich sind diejenigen, die Moscheen bauen, den Koran rezitieren und zur Anbetung in der Nacht wach bleiben.“

Diese Moschee war nicht bloß eine Ansammlung von Ziegeln, Steinen und dergleichen; vielmehr hatten alle, vom Propheten (s.a.w.) bis zum einfachen Muslim, den größten Eifer bewiesen. Deshalb sagt der Koran über diese Moschee:

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„Dies ist eine Moschee, deren Grund auf Gottesfurcht gegründet wurde.“

Der Gesandte (s.a.) traf am Donnerstag, dem 8. Rabi al-Awwal im elften Jahr der Prophetenschaft, in Quba ein. Vierzehn Tage später brach er mit seinem gesamten Gefolge nach Medina auf. Von Quba bis Medina standen die Ansar zu beiden Seiten in Reihen, um ihn zu begrüßen. Die Verwandten aus der Familie seiner Mutter bezogen eigens bewaffnet Stellung. Die Frauen versammelten sich auf den Dächern und begannen, ein Begrüßungslied zu singen:

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Die kleinen Kinder zogen in Gruppen umher, schlugen auf Trommeln und sangen:

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Als Antwort auf die Liebe dieser Kinder erwies ihnen der Gesandte (s.a.) besondere Zuneigung. Er sprach mit ihnen und fragte: „Wünscht ihr mich?“ Sie antworteten: „Ja!“ Der Gesandte (s.a.) sagte: „Auch ich wünsche euch.“ (Sīrat an-Nabī)

Stellen Sie sich einmal vor, welche Aufregung in Medina entstand, als dieser historische Augenblick ihr beschieden war! Denken Sie nur darüber nach, welche Szenen sich in den Gassen abspielten und welche Gefühle und welcher Widerhall in Luft und Himmel zu spüren waren!

Das Haus von Abu Ayyub al-Ansari hatte das außergewöhnliche Glück, als vorübergehende Unterkunft auserwählt zu werden. Der Gesandte (s.a.) blieb hier sieben Monate.

 

Entwicklungs- und Bauarbeiten

Nachdem der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, etwas Ruhe gefunden und die Anstrengungen der Reise überwunden hatte, begann er mit Entwicklungs- und Bauarbeiten. Als Erstes wurde der Bau einer Moschee in Angriff genommen. Das brachliegende Grundstück zweier Waisenkinder wurde gekauft, und Hadhrat Abu Ayyub beglich persönlich den Kaufpreis. Auf diesem Grundstück wurde das Fundament der Prophetenmoschee gelegt. Die Moschee war nicht nur als Ort des Gebets von Bedeutung, sondern wurde auch als Zentrum und Quelle des islamischen Staates und der islamischen Zivilisation errichtet. Die Prophetenmoschee wurde zugleich als Regierungssitz, Beratungsraum, staatliches Gästehaus, öffentliche Bibliothek und nationales Versammlungsgebäude ausgebaut. Auch bei diesen Bauarbeiten herrschte dieselbe Begeisterung wie in Quba. Konnte es überhaupt einen Muslim geben, der sich nicht von ganzem Herzen an dieser Arbeit beteiligte? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, selbst trug Steine und Lehm herbei. Als ein Gefährte diesen Anblick sah, rief er bewegt aus: „Wenn der Prophet Allahs sich auf diese Weise dieser Arbeit widmet und wir nur dasitzen und zusehen, dann werden all unsere guten Taten zunichtegemacht.“

In den Arbeitspausen gab es keinerlei müßiges Gerede. Vielmehr riefen alle, einschließlich des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gemeinsam:

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„Das Glück im Jenseits ist das wahre Glück. Andernfalls ist das Leben sinnlos. O Allah, erweise den Ansar und den Auswanderern Deine Gnade.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Diese Ermutigung und dieses Bittgebet waren die eigentlichen Mittel zum Bau der Prophetenmoschee. Neben der Moschee wurde für den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aus Zweigen und Lehm auch eine Kammer errichtet. In dieser Kammer begann er zu wohnen.

Mit der Ankunft des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Medina begann sich die Einladung zum Islam wie von selbst auszubreiten. Innerhalb dieser sieben Monate hatte die islamische Bewegung aus jedem Haus und jedem Stamm aufopferungsvolle Gefährten gewonnen. Nur in den Familien Khatmas, Waqifs, Wails und Umayyas vom Stamm der Aus blieben noch die Schatten des Schirk bestehen. (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Die Ausweitung der Arbeit der Einladung zum Islam war die wichtigste aufbauende Aufgabe. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lud die Menschen selbstverständlich auch persönlich ein. Doch die Ansprache, mit der er die gemeinschaftliche Einladung begann, lautete folgendermaßen:

„O ihr Menschen, erwerbt rechtzeitig etwas für euch selbst. Wisst, dass jeder von euch eines Tages sterben muss. Jeder wird seine Angehörigen so zurücklassen, dass sie keinen Grund zur Klage haben. Dann wird sein Herr sich in einer Weise an ihn wenden, dass es keinen Dolmetscher zwischen ihnen geben wird. Es wird gefragt werden: Ist Mein Gesandter nicht zu dir gekommen? Und hat der Gesandte dir nicht Meine Botschaft überbracht? Habe Ich dir nicht Vermögen und Gunst gewährt? Was hast du dann für dich selbst vorausgeschickt? Danach wird er nach rechts und links blicken, aber nichts sehen. Dann wird er nach vorn schauen, doch außer der Hölle nichts erblicken. Wer dazu in der Lage ist, soll daher versuchen, sich selbst vor dem Feuer der Hölle zu retten, und sei es auch durch eine Dattel. Wer nicht einmal dazu imstande ist, soll sich wenigstens durch ein gutes Wort schützen. Denn für eine gute Tat erhält man eine Belohnung vom Zehnfachen bis zum Siebenhundertfachen. Mögen Sicherheit sowie Allahs Barmherzigkeit und Segen auf euch herabkommen.“

(Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Und eine weitere gemeinschaftliche Ansprache lautet wie folgt

„Alles Lob gebührt Allah. Ich preise Ihn und bitte Ihn um Hilfe. Wir alle suchen Zuflucht bei Allah vor dem Übel unserer Triebe und den schlechten Folgen unserer Taten. Wen Allah rechtleitet, den kann niemand in die Irre führen. Und wen Er der Rechtleitung beraubt, der hat keinen, der ihn rechtleitet. Ich bezeuge, dass niemand außer Allah, dem Einen und ohne Teilhaber, der Anbetung und Gehorsam würdig ist. Wahrlich, Allahs Buch ist die beste Rede. Wer Allahs Buch im Herzen liebgewonnen hat, wen Er nach dem Unglauben in den Islam eintreten ließ und wer den Koran mehr liebt als alle anderen von Menschen verfassten Worte, der wird Erfolg haben. Dies ist die beste und einflussreichste Rede. Liebt nur, was Allah liebt, und liebt Allah aufrichtig. Zeigt in Allahs Sache keine Nachlässigkeit, und lasst eure Herzen deswegen nicht hart werden. Da Allah aus Seiner Schöpfung nur das Beste erwählt, hat Er die besten Taten, die besten Diener und die reinsten Worte bestimmt. Von all dem, was Er den Menschen gegeben hat, ist manches erlaubt und manches verboten. So dient Allah und setzt Ihm niemanden zur Seite. Schützt euch vor Seinem Zorn, wie es sich gebührt. Setzt vor Allah jene guten Worte in die Tat um, die ihr mit eurem Mund gesprochen habt. Stiftet durch Allahs Barmherzigkeit liebevolle Beziehungen untereinander. Wahrlich, Allah ist unzufrieden, wenn der Ihm gegebene Bund gebrochen wird. Friede sei mit euch.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Die aus verschiedenen Überlieferungen bekannte Darstellung seiner Ansprache ist sehr kurz. Die Ansprachen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, waren gewöhnlich kurz. Doch achtet darauf, wie weitreichende Aussagen darin enthalten sind. Im Grunde wird darin über alle wesentlichen Probleme gesprochen. Sie enthält den Aufruf zum Islam, betont die Lehren des Korans, fordert dazu auf, zwischen Erlaubtem und Verbotenem zu unterscheiden, und lehrt die Begründung einer auf Idealen beruhenden Brüderlichkeit.

Aus diesen beiden Ansprachen wird deutlich, wie der gemeinschaftliche Aufruf erging. Einerseits wurde zu den grundlegenden Idealen aufgerufen. Andererseits wurde die Gesellschaft im Licht eben dieser Ideale bei der Lösung verschiedener Probleme angeleitet.

Die Grundlegung des islamischen Staates

Der dritte Schritt und, möglicherweise, politisch gesehen die größte Leistung bestand darin, unter den Juden, den Götzendienern und den Muslimen Medinas einen Konsens für die Staatsführung herzustellen. Zum Zweck der Errichtung einer politischen Gesellschaft wurde eine schriftliche Vereinbarung ausgearbeitet, die einer schriftlichen Verfassung glich. Sie wird zu Recht als die erste schriftliche Verfassung der Welt bezeichnet. Ich möchte hier nicht auf die einzelnen Bestimmungen dieser Verfassung eingehen, sondern eine Zusammenfassung einiger ihrer wichtigen Teile geben. Durch diese schriftliche Verfassungsvereinbarung erreichte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Folgendes:

– In der neu gegründeten Gesellschaft Medinas erlangten Allahs Souveränität und Sein Gesetz grundlegende Bedeutung.

– Die endgültige politische, gesetzgeberische und richterliche Macht und Autorität ging in die Hände von Muhammad (s. a.) über.

– Durch diesen Verfassungsvertrag wurde der Islamische Staat rechtmäßig und formell gegründet, und der Prozess zur Umsetzung der islamischen Lebensordnung begann. [Wer mit einem bestimmten Ziel auf den Plan tritt, denkt immer zuerst daran, einen eigenen Staat zu errichten. Bedenken Sie, wie mittellos die islamische Gemeinschaft Arabiens hinsichtlich äußerer Mittel, Ressourcen und Unterstützung war. Bedenken Sie außerdem die schwierige Lage einiger Menschen, die ohne Haus und Heimat in die unbekannte und fremde Umgebung von Medina gekommen waren. Achten Sie dann darauf, mit welcher Geschwindigkeit der Islamische Staat gegründet wurde. Wie innerhalb weniger Monate auch seine Verfassung in Kraft trat. Dass religiös und ethnisch gegensätzliche Bevölkerungsgruppen so schnell in einer Organisation geeint wurden, ist wahrhaftig ein höchst erstaunliches Ereignis der Geschichte.]

Wenn man die Komplexität der damaligen Verhältnisse berücksichtigt, kann man ermessen, dass dies eine außergewöhnliche Leistung war. Dahinter waren eine unvergleichliche politische Weisheit und ein hervorragendes Geschick in Verhandlungen wirksam. Aus diesem Verfassungsvertrag sowie aus anderen Verträgen und Geschäften erfahren wir, dass der Gesandte (s. a.) keineswegs bloß ein Sufi-Derwisch war, sondern über besondere Sachkenntnis und Umsicht verfügte, um gemeinschaftliche Angelegenheiten zu bewältigen und sorgfältig zu erledigen, und dass er für die Wahrnehmung all dieser Aufgaben in vollem Maße geeignet war.

Das System der Verbrüderung

Damals bestand ein großes Problem der Gesellschaft von Medina in der Wiederansiedlung der Muhadschirun. Einer nach dem anderen verließen die Menschen ihre Häuser und kamen dorthin. In dieser Siedlung mittlerer Größe mit nur wenigen tausend Einwohnern mussten sie untergebracht werden. Tatsächlich handelt es sich um ein Problem, das, wann immer es in der Geschichte auftritt, stets zu einer belastenden Angelegenheit wird. Dass die Gesellschaft von Medina und ihr Staatsoberhaupt dieses Problem mit solcher Kompetenz, Umsicht und Klugheit lösten, findet in der Weltgeschichte kein Beispiel. Es wurde keine Verordnung erlassen, kein Gesetz aufgezwungen, Land oder andere Güter mussten nicht staatlich zugeteilt werden, es wurden keine strengen Beschränkungen durch eine Festlegung der Zahl der Flüchtlinge verhängt, und es wurde keinerlei Zwang angewandt. Allein durch einen moralischen Appell wurde ein derart kompliziertes Problem innerhalb weniger Tage gelöst. Der Prophet der Welt (s. a.) begründete auf der Grundlage von Glauben, Idealen und Zielen eine wahrhaft neue Bruderschaft und schuf zwischen jeweils einem Ansari und einem Muhadschir ein brüderliches Verhältnis. Jeder Ansari teilte seine Besitztümer – Haus und Hof, Gärten und Felder – zur Hälfte und überließ sie seinem jeweiligen ideologischen Gefährten. Einige waren sogar bereit, eine ihrer mehreren Ehefrauen zu scheiden und sie mit ihrem Glaubensbruder zu verheiraten. Die Muhadschirun hingegen erwiesen sich als so selbstbewusst und ehrenhaft, dass sie sagten: „Zeigt uns Felder oder den Markt; wir können durch Handel oder durch Arbeit unseren Lebensunterhalt verdienen.“

Die unverheirateten Muhadschirun, insbesondere jene im aufstrebenden Alter, die sich statt der Gründung eines eigenen Haushalts dem Erwerb islamischer Bildung widmen wollten, wohnten in der „Suffa“, also in einem Bereich der Prophetenmoschee. Sie entwickelte sich für die Aufbauarbeit zu einer bedeutenden Institution. Die islamische Gesellschaft war für die in der Suffa lebenden Sahaba verantwortlich. Der Gesandte (s. a.) selbst kümmerte sich aufmerksam und tatkräftig um die Erfüllung ihrer Bedürfnisse.

Wieder derselbe Konflikt und Zusammenstoß

Hier möchte ich nicht alle aufeinanderfolgenden Ereignisse der Geschichte des Islam und der Geschichte des Lebens des Propheten (Sira) erwähnen. Kurz gesagt wollte ich lediglich zeigen, wie die Generation der islamischen Bewegung von Mekka nach Medina kam und dort eine neue Generation hervorbrachte. Wie die Verhältnisse waren und welche neuen Aktivitäten mit dem Auftreten einer wirksamen Kraft in dieser Umgebung einsetzten. Wie die Kämpfer der Wahrheit eine schlafende Gesellschaft voranbringend aufweckten und bei der Formung ihres Charakters eine wirksame und positive Rolle spielten. Nach den historischen Gesetzmäßigkeiten war es unvermeidlich, dass mit dem Hervortreten einer positiven Rolle auch irgendeine negative Rolle in Erscheinung trat. Neben den konstruktiven Aktivitäten war das Aktivwerden einer destruktiven Kraft eine unausweichliche Bestimmung der Naturordnung. Wenn die Wahrheit auf dem Schauplatz aktiv wird, ist es unvermeidlich, dass auch auf dem Schauplatz des Falschen Aktivitäten einsetzen. Mit dem Helden muss zwangsläufig auch der Bösewicht erscheinen. Als Satan die neue Gesellschaft sah, die in Medina gegründet wurde, empfand er quälende Unruhe und Beklemmung. Er wollte einige seiner ergebenen Mitarbeiter ins Feld schicken. Doch er fand tatsächlich Bösewichte und brachte sie auf die Bühne. In Mekka war die islamische Bewegung den sogenannten Anhängern Hazrat Ibrahims in die Hände gefallen, und in Medina sah sie sich mit Ränkeschmieden konfrontiert, die das heilige Gewand Hazrat Musas trugen. So wie sich die Hüter der heiligen Kaaba gegenüber der islamischen Bewegung verhalten hatten, begannen auch die Anhänger von Bayt al-Maqdis, sich ihr gegenüber ebenso zu verhalten.

 

Die historische Stellung und Rolle der Juden

Es ist eine tragische Tatsache in der Geschichte des Islams und der Dschahiliya, dass der Widerstand gegen das Bemühen um die Errichtung des Islams seit jeher gerade von den religiösen Kreisen mit dem größten Glaubenseifer und der stärksten Begeisterung geleistet worden ist. Obwohl die religiösen Kreise bereits beim ersten Ruf zur Botschaft der wahren Religion hätten antworten und sich in die erste Reihe hätten stellen müssen, waren sie, von einigen Ausnahmen abgesehen, stets die Ersten, die sie zurückwiesen. Zunächst sind die religiösen Kreise Diener und Bannerträger der Religion. Doch wenn sich allmählich ihre eigene Stellung und Würde herausbildet und bestimmte Interessen mit der Religion verbunden werden, machen sie die Religion zu ihrer Untergebenen und schaffen nach und nach im Namen der Religion bestimmte dauerhafte Vorrechte für sich selbst. Sie zwingen die fromme Allgemeinheit, bestimmte klassenbezogene Forderungen von ihnen zu akzeptieren, und legen schließlich besondere ehrenvolle Belohnungen für sich fest. In der Zeit des moralischen Niedergangs ihrer Anhänger durchläuft die Religion stets all diese Stufen. Auf dieser Stufe wird die Religion zu einem äußerst gewinnbringenden Geschäft und nimmt die Gestalt eines durch Erbschaft übertragbaren unbeweglichen Vermögens an. In dieser Phase wird die religiöse Ermahnung zu einer Handelsware, religiöses Wissen zu einem Mittel des Lebensunterhalts, und die Fatwa verwandelt sich in eine verkäufliche Ware und schafft sich einen eigenen Marktwert. Das religiöse Amt wird zu einer Stufe auf der Leiter geistlicher Führung und Macht. Sobald die religiösen Führer diese Stufe erreicht haben, zwingt ihre kaufmännische Denkweise sie, in jeder Angelegenheit zu überlegen, ob ihre Interessen gewahrt bleiben und ob jemand anderes ihnen ihre Stellung und Würde entreißt. Wenn eine geschäftsmäßige Mentalität mit diesen Eigenschaften in den Bereich der Religion eintritt, beginnen bei ihnen die folgenden Merkmale sichtbar zu werden:

– Sie können keine abweichende Meinung von irgendjemandem dulden und sind nicht in der Lage, mit anderen für ein höheres Ziel zusammenzuarbeiten.

– Sie erkennen keinerlei Fehler, Irrtümer oder Schwächen bei sich selbst an und sind auch nicht bereit, diese zu korrigieren.

– Sie können ihren Führungsrang und den Sitz, von dem aus sie Einfluss ausüben, nicht aufgeben, um unter der Führung, Leitung oder dem Aufruf eines anderen eine übertragene Aufgabe zu erfüllen.

Das jüdische Volk hatte den äußersten Grad all dieser Eigenschaften erreicht. Es konnte niemals akzeptieren, dass es auch außerhalb der Grenzen seiner eigenen Gruppe Wahrheit geben könnte. Es erkannte nicht an, dass jemand ohne seine Gefolgschaft rechtgeleitet werden könne und dass der Führungsrang auch jemand anderem als ihm selbst zustehen könne.

Widerstand leisteten sowohl die Quraisch von Mekka als auch die Juden von Medina. Keine der beiden Gruppen ließ es an Widerstand fehlen. Doch in ihrer gegnerischen Rolle bestand ein gewaltiger Unterschied. Bei einem vergleichenden Blick auf ihre Rollen erkennen wir, dass die eigentliche Triebkraft hinter dem Widerstand der Quraisch Hochmut und Arroganz war. Die Herzen der Juden hingegen waren von Rachsucht, Feindseligkeit und Neid erfüllt. Die Quraisch waren von der Krankheit des Standesbewusstseins und des Überlegenheitsgefühls befallen, während die Juden an Minderwertigkeitsgefühlen litten. Daher herrschten unter den Quraisch eine offene Haltung der Zurückweisung und Konfrontation vor. Im Widerstand der Juden dagegen dominierten listige Verschwörungen und betrügerische Machenschaften. Unter den Quraisch gab es heldenhafte Überheblichkeit, während sich im Wesen der Juden feige Gemeinheit zeigte. Während der Widerstand der Quraisch durch unmittelbar angreifende Eigenschaften gekennzeichnet war, waren die Juden in heimlichen Absprachen, Intrigen, Heuchelei und Scheinheiligkeit überlegen. In Mekka gab es nur zwei Gemeinschaften: Muslime und Ungläubige. In Medina trat jedoch zwischen diesen beiden Kräften, den Muslimen und den Ungläubigen, auch eine dritte Kraft hervor: die Heuchler. Diese Betrachtung macht deutlich, wie viel niederträchtiger und gemeiner scheinheilige Frömmigkeit und eine verdrehte Religiosität im Vergleich zu offenem, extremem Unglauben, Polytheismus und Dschahiliya sind und wie viel verwerflicher ihre Rolle im Widerstand gegen Wahrheit und Gerechtigkeit ist.

Wir sehen außerdem, dass in diesem Konflikt zwischen Unglauben und Religiosität die verdrehte und eigennützige Religiosität der Juden den ungläubigen und polytheistischen Kräften von Mekka umfassende Unterstützung und Hilfe im Kampf gegen den Islam gewährte. Dabei hätte sie trotz aller Meinungsverschiedenheiten doch den Trägern des Banners der Anbetung des einen Allah und der Moral größeres Mitgefühl entgegenbringen müssen. Wenigstens hätte sie es über sich bringen können, dass die Juden in ihrem Widerstand gegen den Islam ihre Haltung vollständig von derjenigen der Ungläubigen und Polytheisten unterschieden. Doch selbst nachdem sie den eindringlichen Aufruf „Kommt, lasst uns einer für uns und euch gemeinsamen Übereinkunft zustimmen“ gehört hatten, beschlossen sie, die schlechtesten Menschen wie Abu Dschahl und Abu Lahab zu unterstützen, statt den heiligen religiösen Gedanken und das heilige Wirken des edelsten aller Menschen, Muhammad, und seiner Gefährten zu unterstützen. Eine weitere ewige historische Rolle scheinheiliger Frömmigkeit und verdrehter Religiosität besteht darin, dass sie selbst auf dem Schlachtfeld unter keinen Umständen bereit ist, die religiöse Seite zu unterstützen. Vielmehr stellt sie sich zwangsläufig auf die Seite der Feinde der Religion. Sie wird zu einer Unterstützerin des Unglaubens, des Atheismus und der Sünder. Ich spreche hier nicht von den wenigen außergewöhnlichen Personen. Solche Ausnahmen finden sich in jeder Gruppe, selbst in Zeiten ihres schwersten Verfalls, in gewissem Maße. Wir erörtern hier lediglich die allgemeine grundsätzliche Regel.

Das war die schändliche Haltung der Juden. Sie kamen aus ihren geheimen Stützpunkten hervor, ergriffen alle Waffen des religiösen Wissens und der religiösen Praxis, begaben sich an die zerstörerische und negative Front, richteten ihre Waffen auf den Islam, lauerten ihm auf und leisteten faktisch den Ungläubigen und Götzendienern jede erdenkliche Unterstützung. Gegen den Gesandten (s.a.) sowie gegen die sahabischen Gefährten, die als Leiter und Mitarbeiter der islamischen Bewegung wirkten, schleuderten sie üble Beschimpfungen und verletzende Worte, verspotteten und verhöhnten sie, schikanierten sie mit immer neuen Fragen, entfesselten einen Sturm aus Verleumdungen und Falschpropaganda und spionierten. Bisweilen versuchten sie, gegenseitige Streitigkeiten und Auseinandersetzungen unter den Muslimen anzuzetteln, erklärten sie durch Rechtsgutachten zu Ungläubigen und Frevlern, schmiedeten Mordanschläge gegen den Gesandten (s.a.) und begingen während Kriegen und in Notlagen Verrat von erschreckendem Ausmaß. Um dem Islam zu schaden, ließen sie nichts unversucht, was in ihrer Macht stand. Doch von Anfang bis Ende unterlagen sie einem verhängnisvollen Irrtum. Menschen mit einer negativen Wesensart, die sich zerstörerischen Aktivitäten widmen, erliegen seit jeher einem solchen Irrtum. (Doch die späteren Generationen ziehen daraus nicht einmal eine Lehre.) Ihr Irrtum bestand darin zu glauben, dass diejenigen, die keinerlei Prinzipien und Ideale achten, kein konstruktives Programm besitzen und auf die unterste Stufe des moralischen Verfalls gesunken sind, jede idealistische und konstruktive Bewegung aufhalten könnten. Tatsächlich war ihre Rolle wie die von Fledermäusen, die aus Feindschaft gegen die Lichtstrahlen der aufgehenden Sonne mit ausgebreiteten Flügeln im Luftraum vergeblich künstliche Dunkelheit zu schaffen versuchen; wie die einiger Mücken und Fliegen, die summend den Vormarsch eines bewaffneten Heeres aufzuhalten versuchen; oder wie die eines Starrkopfes, der beim Anblick des Vollmonds auf ihn spuckt.

Diejenigen, die keinen eigenen Wert besitzen, in deren Herzen kein lebendiges Ideal lebt, deren Wesen und Charakter der zeitgenössischen menschlichen Gesellschaft kein Vorbild bieten und von denen die Menschheit keinerlei konstruktive Leistung erwarten kann, können durch die bloße Behinderung des Vorankommens anderer keinen dauerhaften Erfolg für sich selbst erringen. Diejenigen, denen außer Stillstand, Arbeitsunwilligkeit, Fanatismus, Entartung und Zerstörung kein anderes Mittel zur Verfügung steht, können zwar einer emsigen Gruppe, die sich reformerischen und konstruktiven Aufgaben widmet, Hindernisse in den Weg legen, aber dadurch unter keinen Umständen eigenen Wert und eigene Würde erlangen. Letztendlich fällt solchen Menschen nichts anderes zu als Misserfolg und Erniedrigung. Doch wenn eine verwirrte Volksgruppe, von der Flut emotionaler Reaktionen mitgerissen, ihre Urteilsfähigkeit verliert, denkt sie nicht mehr über die Folgen nach. Sie geht einfach weiter voran. Auch die geistig verwirrte jüdische Gemeinschaft wurde durch Minderwertigkeitsgefühle und Neid verblendet und geriet in einen Konflikt mit dem Islam.

Vergleicht man den Charakter der Muslime von Medina mit dem der Juden, so wird auch deutlich, dass der Charakter derjenigen, die dem Ruf der Bannerträger von Wahrheit und Gerechtigkeit folgen, sich umso höher entwickelt, während der Charakter ihrer Widersacher einen ebenso tiefen Verfall erfährt. So sehr eine positive Bewegung die Menschheit verschönert und vervollkommnet, so sehr ist eine negative Reaktion bestrebt, sie zu entstellen und zugrunde zu richten.

Vor dem Leiter der islamischen Gesellschaft stand einerseits ein äußerst umfassender und weitreichender konstruktiver Plan. Andererseits bestand das Problem, die fortwährend eintreffenden Flüchtlinge anzusiedeln und sie wirtschaftlich zu unterstützen. Darüber hinaus bestand jeden Augenblick die Gefahr eines Angriffs seitens der Quraisch von Mekka, und es war unerlässlich, zu dessen Abwehr ein dauerhaft tragfähiges Verteidigungssystem sicherzustellen. Zusätzlich zu all diesen Problemen gab es noch ein weiteres schwerwiegendes: Im Inneren des neu gegründeten Staates von Medina und der sich entwickelnden Gesellschaft betrieb eine große Gruppe intrigierender und verräterischer innerer Feinde vielfältige irreführende und spalterische Aktivitäten. Man sollte bedenken, wie heikel und kompliziert die Verantwortung des Weltpropheten unter solchen Umständen gewesen sein muss. Es fällt uns vermutlich schwer, uns auch nur vorzustellen, mit wie vielen verschiedenen Problemen sich dieser eine Geist Tag und Nacht auseinandersetzen musste. Wir können wohl kaum ermessen, in welch lebensbedrohliche Lage eine kleine islamische Organisation und eine Bewegung, die gerade erst ihre Anfangsphase durchlief, geraten waren. Für die Entstehung all dieser Verwicklungen ist in der Geschichte allein den Juden die Verantwortung zugeschrieben worden. Diese Verantwortung fällt tatsächlich auf die jüdische Gemeinschaft zurück, die Allah wahrhaftig anerkennt, die Verehrer von Hadhrat Ibrahim (a.s.) und Hadhrat Musa (a.s.) ist, der Tora folgt und sich selbst als Sachwalter von Reinheit, Spiritualität, der Erkenntnis Allahs und Gottesfurcht betrachtet.

Anfangs hegten die Juden große Hoffnungen in Bezug auf den Gesandten (s.a.w.) und den Islam. Sie sahen, dass die Anhänger dieser neu erschienenen Religion mit den Nachkommen des Propheten Ismael – das heißt mit den Quraisch (Anm. d. Übers.) – im Streit lagen, dass sie dieselben Propheten verehrten und ehrten, die auch von den Juden verehrt wurden, deren Schrift anerkannten und ihre Gebetsrichtung, also Bayt al-Maqdis, als eigene Gebetsrichtung angenommen hatten. Daher waren sie zu der Ansicht gelangt, dass man Muhammad (s.a.w.) und seine Gefährten allmählich in die jüdische Gemeinschaft aufnehmen könne. Die Juden dachten dabei jedoch nicht aus der Perspektive von Recht und Wahrheit, sondern aus einer rein eigennützigen und geschäftlichen Überlegung heraus. Sie glaubten, diese heimatlos gewordenen, mittellosen Menschen schon bald zu ihren Gefolgsleuten machen zu können. In dieser Hoffnung schlossen sie mit den Muslimen ohne größere Auseinandersetzungen einen Vertrag und akzeptierten die politische Ordnung, die in Medina errichtet wurde. Sie meinten, diese sich entwickelnde politische Macht befinde sich praktisch schon in ihrer Tasche. Ihre religiöse und geistige Autorität umgebe sie von allen Seiten. Die Juden hatten keinerlei Bestreben, Bemühung oder Bewusstsein dafür, Wahrheit und Gerechtigkeit zu erkennen, Denken und Charakter zu verbessern oder für die Erlösung im Jenseits zu sorgen. Die Unglücklichen waren ausschließlich von Gruppeninteressen beherrscht. Sie glaubten, die Beute sammle sich in Medina vor ihrer eigenen Haustür. Deshalb lauerten sie mit Fallen und Netzen darauf, sie zu fangen. In ihren Augen waren die Muslime ein Schwarm von Fischen, die vom Meer zum Ufer trieben. Und die jüdischen Fischer saßen bereits am Ufer, mit allen erforderlichen Gerätschaften ausgerüstet, um sie im Netz religiöser Heuchelei einzufangen. Doch schon nach wenigen Tagen eigener Erfahrung begannen ihre hochfliegenden Vorstellungen zu zerfallen. Die Muslime machten ihnen klar, dass sie keine so leichte Beute waren. Sie waren eine so starke Macht, dass der Jäger selbst in ihren Händen zur Beute wurde. Die Juden sahen, dass sich nach und nach ein revolutionär geprägter islamischer Staat entwickelte. Dieser Staat wurde selbst immer stärker und glich einer Festung. Innerhalb weniger Tage begriffen die Juden, dass der Staat, an dessen Gründung sie durch den Verfassungsvertrag selbst beteiligt gewesen waren, keineswegs eine Marionette in ihren Händen war; vielmehr bot er ihnen nicht einmal die Möglichkeit, irgendwo ihren Finger hineinzustecken. Ihren Traum, in diesem Staat eine herrschende Stellung einzunehmen, mussten sie schon bald völlig aufgeben. Mit ihren Versuchen, Einfluss auf die verschiedenen Einrichtungen und Aktivitäten dieses Staates auszuüben, scheiterten sie immer wieder. Alle Verschwörungen, die sie geschmiedet hatten, um den Staatsoberhaupt, die übrigen Amtsträger und die Bürger, die auf seine Grundsätze vertrauten, unter ihre Kontrolle zu bringen, wurden zunichtegemacht. Vielmehr kam es bereits in der Anfangsphase zu einem solchen Rückschlag, dass ihre eigenen Leute begannen, sich den von dem Gesandten (s.a.w.) dargelegten Grundsätzen zu unterwerfen. Diese „gefährliche“ revolutionäre Strömung riss nicht nur die ungebildeten einfachen Juden mit, sondern sogar verschiedene führende Persönlichkeiten. Erst danach kamen sie wieder zur Besinnung. Sie erkannten, dass ihr florierendes Geschäft mit ihrer Spiritualität vor dem Zusammenbruch stand. Ihre liebgewonnene Beute drohte ihnen eine nach der anderen zu entgleiten. Die Juden erschraken angesichts der verhängnisvollen Folgen des von ihnen geschlossenen Vertrags. Aufgrund dieses Vertrags waren sie einerseits verpflichtet, sich dem Gesetz des muslimischen Staates zu unterwerfen. Andererseits hatten sie mit den Muslimen einen Verteidigungs- und Bündnisvertrag geschlossen. Drittens sahen sie, dass all das, wofür sie diese Schritte unternommen hatten, sich in eine Fata Morgana verwandelte.

Daher begann sich in ihrem Inneren eine gewaltige Lava des Hasses anzusammeln, die von Zeit zu Zeit aus dem Körper ihrer Gemeinschaft hervorbrach. Besonders beim Wechsel der Gebetsrichtung trat die rachsüchtige Haltung der jüdischen Gemeinschaft unverhüllt zutage. Zunächst nahm sie die Form von Verleumdung und Hetze an. Danach verwandelte sie sich in zerstörerische Aktivitäten. Schließlich trat sie in Gestalt von Verrat offen zutage. Betrachten wir nun jene antiislamischen Aktivitäten, die als Reaktion auf diese Haltung im medinensischen Zeitalter entstanden, unter denen der größte Wohltäter der Menschheit und seine Gefährten zu leiden hatten und gegen die sich der islamische Staat unter großen Anstrengungen behaupten musste.

Intolerantes Verhalten

Angesichts der großen Verantwortung, die der neu gegründete islamische Staat von Medina zu tragen hatte, war die Rolle der Bürger dieses Staates von großer Bedeutung. Besonders der Ausfall auch nur eines einzigen Mitarbeiters der ersten Reihe war für den Gesandten (s.a.w.) und seine Gefährten ein schmerzlicher Verlust. Abu Umama Asʿad ibn Zurarah, der mit der Aufgabe betraut war, den Islam beim Stamm der Banu Nadschdschār zu verbreiten, war genau ein solcher Mitarbeiter. Doch bereits in der frühesten Zeit verstarb er. Dadurch fehlte dem Islam ein fähiger Kämpfer. Dieses Ereignis war für den Gesandten (s.a.w.) an sich schon schmerzlich genug. Darüber hinaus verdoppelte die islamfeindliche Gruppe in Medina seinen Kummer durch irreführende Verleumdungen. Die Juden und ihre gefügigen Heuchler begannen zu verkünden: „Seht ihr? Wenn Muhammad (s.a.w.) wirklich ein Prophet wäre, würde dann ein solch tatkräftiger Mitarbeiter von ihm zu einer so unpassenden Zeit sterben?“ Mit anderen Worten: Über seinen Tod kannten ihre Jubelrufe keine Grenzen. Selbst das empfindsame Herz des Gesandten (s.a.w.), der ständig von allen Seiten durch Schläge des Leids und des Unglücks getroffen wurde, konnte angesichts dieser Verleumdung nicht schweigen. Er sagte: „Der Tod Abu Umamas ist für die jüdischen und arabischen Heuchler ein äußerst schmerzlicher Tod! Sie behaupten, wenn Muhammad (s.a.w.) ein Prophet wäre, würde sein Gefährte nicht sterben. Doch auch ich selbst kann mich dem Willen Allahs nicht entziehen und keinen meiner Gefährten davor bewahren.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Schon aus diesem kleinen Ereignis wird deutlich, wie viel Groll sich in den Herzen der Feinde angesammelt hatte. Die Angehörigen des Stammes Banu Nadschdschār kamen zum Gesandten (s.a.w.) und sagten: „Bestimme nun bitte einen anderen Verantwortlichen für uns.“ Da die Banu Nadschdschār mit dem Gesandten (s.a.w.) verwandt waren, sagte er zu ihrer Beruhigung: „Ihr seid meine Verwandten mütterlicherseits. Ich stehe in allen Angelegenheiten zu euch, und ich selbst bin euer Verantwortlicher.“

Aufgrund der Bedingungen, unter denen die Juden den Vertrag unterzeichnet hatten, konnten sie den Aufstieg und die Ausbreitung der islamischen Bewegung nicht behindern. Vor ihren Augen versammelten sich einfache Menschen und führende Persönlichkeiten unter dem Banner des Islam. Ihre geistlichen Führer, ihre Pīr und Derwische sowie ihre Muftis sahen dem jedoch als schweigende Zuschauer zu. Schließlich begann der Islam sogar in ihre eigenen Häuser einzudringen. Da ihre eigenen Leute, insbesondere angesehene Persönlichkeiten, weiterhin den Islam annahmen, blieb dieser Gemeinschaft mit ihrer religiös-kommerziellen Gesinnung nichts anderes übrig, als dass ihre Geduld schließlich riss. Außerdem ist die Fähigkeit jeder revolutionären Bewegung, Einfluss auszuüben, so unwiderstehlich, dass gerade die jüngeren Mitglieder der Familien derjenigen, die sich ihr mit einer negativen Haltung entgegenstellen, von diesem revolutionären Ideal geprägt werden, um ihnen entgegenzutreten. So geraten Söhne mit ihren Vätern, Ehefrauen mit ihren Schwiegermüttern, Töchter mit ihren Müttern, Enkel mit ihren Großvätern und Großmüttern und Sklaven mit ihren Herren in Konflikt.

Wenn die religiösen Bräuche der Älteren zum Opfer dieses inneren Angriffs der neuen Bewegung werden, geraten die Älteren vor Zorn außer sich. In dieser Phase ist ihre Geduld und Duldsamkeit völlig erschöpft. Auch in Medina wiederholte die Geschichte dieses ihr altbekannte Muster. Ich habe bereits erwähnt, mit welcher Wucht in Medina das Banner des Sieges des Islam aufgerichtet wurde und wie schnell in Haus um Haus die Siegesfanfare des neuen Ideals erklang. Als die Juden diese unvorstellbare Veränderung miterlebten, wurden sie vor Verbitterung ungeduldig. Besonders wenn Stammesführer sowie bekannte und einflussreiche Persönlichkeiten dem aufrichtigen Ruf des Islam folgten, schauderte der gesamte jüdische Gemeinwesen unter dem Einfluss von Neid und Minderwertigkeitsgefühlen. Als beispielsweise Abu Qays Abi Anas vor ihren Augen den Islam annahm, vermag wohl niemand sprachlich auszudrücken, welche Aufregung und Erschütterung dies an jenem Tag in den Herzen der Juden auslöste. Er war ein weithin bekannter älterer Mann. Schon in der vorislamischen Zeit hatte er begonnen, sich gegen den üblichen Weg der Gesellschaft zu stellen. Allein aus angeborener Weisheit und auf Drängen seines Gewissens gab er den Götzendienst auf, erklärte die Ganzkörperwaschung nach dem Geschlechtsverkehr zur Pflicht und hielt sich von menstruierenden Frauen fern. Zunächst fühlte er sich zum Christentum hingezogen, hielt jedoch bald inne. Er richtete in seinem eigenen Haus eine Moschee ein und vermied es, sie im Zustand ritueller Unreinheit zu betreten. Öffentlich sagte er: „Ich bete den Gott Ibrahims an.“ Dieser vom Alter gezeichnete Mann war sehr mutig darin, die Wahrheit auszusprechen. Schon in der vorislamischen Zeit verkündete er die Erhabenheit Allahs. Seine Haltung brachte er in Gedichten zum Ausdruck. Einige seiner Gedichte sind in Geschichts- und Sira-Werken überliefert. Es ist nur natürlich, dass ein solch scharfsinniger, aufrichtiger und ehrenwerter Mann in der Gesellschaft als herausragende und angesehene Persönlichkeit galt.

Es ist nicht verwunderlich, dass die Juden mit ihm diskutiert und versucht haben werden, ihn auf ihre Seite zu ziehen. Doch die reine und ungetrübte Wesensart, die in ihm das Verlangen nach und die Neigung zur wahren Religion geweckt hatte, konnte niemand außer dem Gesandten selbst erfüllen. Als der Gesandte in Medina eintraf, rückte sein glückverheißender Augenblick näher. Er schloss sich der islamischen Bewegung an und wurde zu einem praktizierenden Anhänger des Islam. Welche Reaktion dieses Ereignis unter den Juden ausgelöst haben mag, lässt sich mit etwas Vorstellungskraft zumindest erahnen.

Doch bis dahin hatte sich alles außerhalb ihres eigenen gesellschaftlichen Kreises ereignet. Das wirklich erschütternde Ereignis trat erst ein, als der Islam in das Innere der jüdischen Gesellschaft selbst eindrang. Das Ereignis, das dabei das seelische Gleichgewicht der jüdischen Gemeinschaft vollständig zerstörte, war die geistige Wende eines ihrer bedeutendsten Gelehrten. Die Geschichte bezeugt, dass der Anteil der führenden Persönlichkeiten, die die Wahrheit annehmen – ganz gleich, ob sie weltlich oder religiös orientiert sind –, sehr gering ist. Menschen mit aufrichtigem Charakter gibt es jedoch in allen Kreisen. Wenn die Sonne der Wahrheit ihre Strahlen verbreitet, verschließen sie nicht die Augen und ziehen sich nicht in die finsteren Kammern von Starrsinn und Feindseligkeit zurück. Vielmehr öffnen sie die Fenster ihres Herzens und Verstandes, damit die hellen Lichtstrahlen eintreten können. Zwar finden nur sehr wenige angesehene und gelehrte Persönlichkeiten den Weg zur revolutionären islamischen Bewegung, doch diejenigen, die kommen, sind ein äußerst kostbarer Gewinn. Denn sie müssen die großen Ketten von Eigennutz und Rang und Ansehen zerbrechen, um zu ihr zu gelangen. In der jüdischen Gesellschaft gab es eine solche außergewöhnliche Persönlichkeit: Abdullah ibn Salam. Sein vorislamischer Name war Husayn. Er war ein hochrangiger Gelehrter und ein gottesfürchtiger religiöser Führer. Er gehörte zum Stamm der Banu Qaynuqa. Nach seiner Begegnung mit dem Gesandten nahm er den Islam an und rief auch seine Familie zum Islam auf und ermutigte sie dazu. Schließlich nahm die ganze Familie den Islam an. Hören wir nun den Bericht eines seiner Verwandten über seine Konversion, wie er ihn von ihm selbst überliefert hat: „Als ich zum ersten Mal von der Ankunft des Gesandten Allahs hörte, erkundigte ich mich nach seinem Namen, seinen Eigenschaften und dem Zeitpunkt seiner Ankunft. Denn wir hatten auf ihn gewartet. Deshalb freute ich mich innerlich, als ich diese Nachricht hörte, sagte aber nichts. Bis zu seiner Ankunft in Medina schwieg ich. Als er die Siedlung der Banu Amr ibn Awf in Quba erreichte, kam ein Mann und überbrachte mir die Nachricht von seiner Ankunft. Zu dieser Zeit arbeitete ich oben auf einer Dattelpalme. Meine Tante Khalida bint al-Harith saß unten. Sobald ich die Nachricht von seiner Ankunft hörte, rief ich laut: ‚Allahu Akbar!‘ Als meine Tante meinen Ruf hörte, sagte sie: ‚Möge Allah dich zugrunde richten! Selbst als du von der Ankunft Mose, des Sohnes Imrans, hörtest, hast du nicht eine solche Freude gezeigt.‘ Ich sagte: ‚Liebe Tante! Bei Allah, er ist der Bruder von Mose, dem Sohn Imrans, und folgt seiner Religion. Er hat dieselbe Offenbarung gebracht, die Mose, der Sohn Imrans, brachte.‘ Meine Tante sagte: ‚Mein Neffe, ist er jener Prophet, von dem uns gesagt wird, dass er vor dem Jüngsten Tag kommen wird?‘ Ich sagte: ‚Ja, er ist genau dieser Prophet.‘ Danach begab ich mich in die Nähe des Propheten Allahs und nahm den Islam an. Dann kehrte ich zu meiner Familie zurück und rief auch sie zum Islam auf. So nahmen sie alle ebenfalls den Islam an.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Da dieser neu zum Islam übergetretene Gelehrte die Schwächen der Juden kannte und mit ihrer von Feindseligkeit geprägten Gesinnung und ihrem niederträchtigen Charakter vertraut war, wusste er auch, welche Reaktion sein Übertritt zum Islam hervorrufen würde. Wenn Gruppen und Gemeinschaften auf Grundlage des Eigennutzes gebildet werden, sinkt der Charakter so tief, dass man nicht mehr das Gute gut und das Schlechte schlecht nennt, sondern das eigene Schlechte als gut und das Gute der Gegenseite als schlecht bezeichnet. Selbst wenn die Kuh im eigenen Stall schwarz ist, nennt man sie weiß, und obwohl die Kuh im Stall des anderen weiß ist, nennt man sie schwarz. Sobald sogar die weiße Kuh aus dem eigenen Stall ausbricht, wird sie als schwarz bezeichnet. Zu jeder Zeit war der Charakter solcher Religionsvertreter derselbe. Solange jemand zu ihnen gehört oder zumindest nicht die Befürchtung entsteht, dass seine Tätigkeit ihre geschäftlichen Interessen beeinträchtigen könnte, werden seine Vorzüge freimütig anerkannt. Ja, bisweilen werden seine Bildung und seine charakterliche Größe übertrieben und pauschal gepriesen. Doch sobald sich die Umstände ein wenig ändern und die Rolle einer solchen großen Persönlichkeit sich als schädlich für das Religionsgeschäft jemandes erweist, wird die Meinung augenblicklich geändert. Wer früher ein Gelehrter war, wird nun als Unwissender bezeichnet. Wer früher ein Gläubiger war, wird nun Kafir, Fasiq und noch vieles andere genannt. Wer früher als Diener seines Volkes galt, wird nun als vom rechten Weg Abgeirrter bezeichnet. Wer früher Gegenstand von Verehrung und Hochachtung war, wird nun beschimpft. Abdullah ibn Salam kannte diese Niedrigkeit und Gemeinheit im Charakter des verdorbenen jüdischen Volkes. Er zog die Decke von dieser Niedrigkeit und Gemeinheit. Er plante insgeheim ein Schauspiel und hielt seinen Übertritt zum Islam verborgen. Zur passenden Zeit begab er sich zum Gesandten (s.a.w.) und sagte: „Die Juden sind ein Volk, das der Irrlehre folgt. Um die Maske ihrer gestörten Wesensart zu enthüllen, lass mich in deinem Haus hinter einem Vorhang sitzen. Dann frage sie, ohne dass sie mich sehen, nach ihrer Meinung über mich. Danach wirst du sehen, welche Meinung sie über mich haben, solange sie nichts von meinem Übertritt zum Islam wissen. Wenn sie von meinem Übertritt erfahren, werden sie mich verleumden und beschuldigen.“ Der Gesandte (s.a.w.) tat genau dies. Er ließ Abdullah ibn Salam in seinem Haus hinter einem Vorhang Platz nehmen. Unterdessen kamen die jüdischen Anführer, und das Gespräch begann. Sie stellten verschiedene Fragen, und diese wurden beantwortet. Schließlich fragte der Gesandte (s.a.w.): „Was für ein Mann ist Husain ibn Salam unter euch?“ Sie sagten: „Er ist unser Anführer und der Sohn eines Anführers. Er ist ein edler Mann und ein großer Gelehrter unter uns.“ Nachdem sie ihn so gepriesen hatten, trat Abdullah ibn Salam hinter dem Vorhang hervor und sagte zu ihnen: „O Gemeinschaft der Juden, fürchtet Allah und nehmt die Religion an, die Muhammad (s.a.w.) gebracht hat. Bei Allah, ihr wisst sehr wohl, dass dieser hier der von Allah gesandte Gesandte ist. Ihr habt den heiligen Namen Muhammads (s.a.w.) und seine Eigenschaften in der Tora niedergeschrieben gefunden. Daher bezeuge ich, dass er der Gesandte Allahs ist. Ich glaube an ihn, halte ihn für wahr und erkenne ihn an.“ Die Juden waren durch dieses Schauspiel außerordentlich in Verlegenheit und sagten sofort: „Du bist ein Lügner.“ Danach begannen sie, Abdullah ibn Salam zu tadeln und Verleumdungen über ihn zu verbreiten. Eben noch hatten sie ihn als großen Mann und Gelehrten bezeichnet, und schon begannen sie, ihn einen Lügner zu nennen. Abdullah sagte zum Gesandten (s.a.w.): „Habe ich dir nicht gesagt, dass sie eine Gemeinschaft sind, die der Irrlehre folgt? Sie sind von Hochmut, Lüge und schlechtem Verhalten befallen.“ Auf diese dramatische Weise verkündete Abdullah ibn Salam den Übertritt seiner gesamten Familie zum Islam. Denken Sie darüber nach, welch schreckliche Reaktion dieses Ereignis in den Herzen und Köpfen der Juden ausgelöst haben muss. (Sira des Ibn Hischam, Band 2, S. 138–139)

Wenige Tage später ereignete sich am Tag der Schlacht von Uhud etwas Ähnliches im Fall des berühmten Gelehrten und angesehenen Mannes Mukhairiq. Er war ein wohlhabender Mann unter den Juden und besaß viele Dattelgärten. Im Licht seines Wissens hatte er anhand der Eigenschaften des Gesandten (s.a.w.) erkannt, wer er war. Schließlich kam der Tag von Uhud, und es war ein Samstag. In einer Versammlung sagte er: „O jüdische Gemeinschaft, bei Allah, ihr wisst, dass es eure unausweichliche Pflicht ist, Muhammad (s.a.w.) zu unterstützen.“ Er wollte damit sagen, dass es euch grundsätzlich zur Pflicht obliegt, die Gemeinschaft der Muslime im Kampf gegen die Götzendiener von Mekka zu unterstützen. Die Antwort der Juden enthüllte auf abscheuliche Weise ihre Täuschung und ihre niederträchtige Gesinnung. Sie sagten: „Aber heute ist Samstag.“ Als Mukhairiq dies hörte, sagte er mit kraftvoller Stimme: „Für euch gibt es keinen Samstag.“ Daraufhin nahm er seine Waffen und ging auf das Schlachtfeld von Uhud, wo er sich dem Gesandten (s.a.w.) anschloss. Bevor er aufbrach, verabschiedete er sich von seiner Familie und sagte: „Wenn ich heute getötet werde, werde ich meinen gesamten Besitz dem Gesandten (s.a.w.) überlassen. Er soll ihn nach seinem Ermessen und gemäß Allahs Anweisung ausgeben.“ Tatsächlich fiel dieser opferbereite Kämpfer an jenem Tag. Der Gesandte (s.a.w.) nahm seinen gesamten Besitz an und verwendete ihn. Es besteht jedoch eine gewisse Meinungsverschiedenheit darüber, ob Mukhairiq den Islam angenommen hatte.

Welche verborgene Reaktion die Heuchelei der Juden auf diesen Siegeszug der islamischen Bewegung hervorrief, wird durch eine bemerkenswerte Begebenheit deutlich. Umm al-Mu’minin Safiyya bint Huyayy ibn Akhtab berichtet: Ich war meinem Vater (dem jüdischen Anführer Huyayy) und meinem Onkel lieber als alle anderen Kinder. Beide hielten mich stets bei sich. Als der Gesandte (s.a.w.) nach Medina kam und sich in Quba aufhielt, gingen mein Vater Huyayy ibn Akhtab und mein Onkel Yasir ibn Akhtab früh am Morgen zu ihm. Bei Sonnenuntergang kehrten sie zurück. Es schien, als seien sie sehr müde und erschöpft. Sie gingen nur sehr langsam. Wie gewohnt ging ich lächelnd auf sie zu. Doch wegen ihrer Erschöpfung beachteten sie mich überhaupt nicht. Mein Onkel Abu Yasir fragte meinen Vater: „Nun, ist er wirklich jener (verheißene Prophet)?“ Mein Vater sagte: „Ja, bei Allah.“ Mein Onkel fragte erneut: „Hast du ihn erkannt? Bist du dir sicher?“ Mein Vater sagte: „Ja.“ Mein Onkel fragte: „Wie ist deine Haltung ihm gegenüber jetzt?“ Mein Vater sagte: „Nur Feindschaft. Solange ich lebe, bei Gott, werde ich ihm feindselig gegenüberstehen.“

Das war die wahre Gesinnung der Juden. Sie wussten sehr genau, dass derjenige, der zu ihnen gekommen war, ein Rufer zur Wahrheit und ein Prophet war. Jedes seiner Worte legte Zeugnis für seine Wahrhaftigkeit ab. Sein gesamter Charakter machte seine Würde deutlich. Sein Gesicht spiegelte die Zeichen seines Prophetentums wider. Sie wussten und verstanden dies nicht nur, sondern bekannten es in geheimen Versammlungen sogar offen mit ihren Worten. Doch statt den Weg des Glaubens und des Gehorsams zu beschreiten, fassten sie den Entschluss, Widerstand zu leisten und Feindschaft zu zeigen. Das war die althergebrachte Haltung der Juden. Wer weiß nicht, dass bei Sonnenaufgang eine Flut von Licht hervorbricht? Menschen und Tiere haben Augen und können daher dieses Schauspiel sehen. Doch auch Gräser und Blätter, die keine Augen haben, spüren, dass das Ereignis, das sich am Ende jeder dunklen Nacht jeden Tag vollzieht, stattgefunden hat. Selbst die Hitze, die Wärme, die leblosen Erdpartikel, die Wassertropfen und die Luftstöße erkennen, dass der Bote des Lichts erschienen ist. Der Sonnenaufgang ist ein derart umwälzendes Ereignis, dass selbst Fledermäuse und Stumme davon wissen. Doch die Verkehrtheit ihrer Natur zeigt sich darin, dass nach dem Aufgehen der Sonne die Augen aller anderen Lebewesen sich öffnen, während die Augen der Eulen und Fledermäuse sich schließen. Mehr noch: Für sie besteht das Zeichen des Sonnenaufgangs gerade darin, dass ihre Augen von den Sonnenstrahlen geblendet werden und sich schließen. Kein Mensch kann so blind sein, dass die Propheten Allahs vor ihm mit Wissen und Charakter von übernatürlichem Rang erscheinen und er nicht einmal spürt, dass eine außergewöhnlich bedeutende und großartige Persönlichkeit erschienen ist. Diese Menschen sehen, wissen und verstehen – und schließen dennoch angesichts all dessen ihre Augen. Wenn das Licht trotzdem in ihre Augen eindringt, verbinden sie ihre Augen, bedecken sie mit den Händen, verbergen ihr Gesicht im Sand, schließen die Türen und Fenster des Zimmers und hängen einen schwarzen Vorhang vor ihn. Ein Sprichwort sagt: Einen Schlafenden kann man wecken, aber einen Wachen kann man nicht wecken. Ebenso kann man einem Unwissenden Wissen vermitteln. Doch wer vorgibt, nichts zu wissen, obwohl er weiß, kann nicht aus der Welt der Unwissenheit herausgeführt werden. Dies war der Zustand der Mehrheit des jüdischen Volkes und ihrer bedeutendsten Gelehrten. Auch der Koran erwähnte diese Verfälschung und sagte: ********

„Das heißt: Sie kennen und erkennen den Gesandten genauso sicher, wie sie ihre eigenen Kinder kennen und erkennen.“

Als die jüdischen Führer die hohe Stellung des Gesandten sahen und beobachteten, wie die einfachen Menschen zu seiner neuen Daʿwa strömten, brannten sie vor Neid, und die starke Intoleranz und Engstirnigkeit in ihren Herzen nahm immer weiter zu.

Pfeile der Haarspalterei und törichten Fragen

Wenn im Herzen verblendeter, heuchlerischer Religionsleute Feindschaft gegen eine aktive Daʿwa, eine sich entwickelnde Bewegung und einen großen Verkünder der Daʿwa entsteht und allmählich stärker wird, verschließen sie die Türen zu Gesprächen, die Verständnis schaffen, und öffnen den Weg zur Debatte. Die Fragen und Zweifel, die durch solche Debatten hervorgerufen werden, dienen niemals dazu, etwas zu verstehen, sondern vielmehr dazu, es nicht zu verstehen. Mit anderen Worten: „Ich werde es nicht anerkennen“ ist die Quelle ihrer Streitlust. Doch das Ziel der Debatte beschränkt sich nicht darauf. Vielmehr besteht ihr Zweck darin, die einfachen Menschen vom natürlichen Weg der Wahrheitssuche abzubringen und sie den Zweifeln und Unsicherheiten auszuliefern, damit sie sich von einfachen, klaren Argumenten entfernen, in die Falle komplizierter theoretischer Fragen geraten und statt den logischen Wert und die moralische Wirkung der Daʿwa zu prüfen, in den Sackgassen verwickelter Probleme umherirren. Die heuchlerischen Gelehrten waren vollkommen davon überzeugt, dass die islamische Bewegung sie niemals vernichten könne. Ihre Sorge galt vielmehr dem Verlust der einfachen Menschen. Deshalb schmiedeten sie Fesseln aus verdrehten Fragen, um diese Menschen in ihrer Unterstützung zu halten. Auch die heuchlerischen jüdischen Gelehrten waren mit genau diesem Machwerk beschäftigt.

Nachdem ʿAbdullah ibn Salam sich der islamischen Bewegung angeschlossen hatte, widmeten die Juden ihre ganze Aufmerksamkeit der Schaffung von Debatten. Sie begannen, Pfeile verdrehter und komplizierter Streitgespräche auf die islamische Bewegung abzuschießen. Doch auch diese beschämenden Kampfhandlungen gingen nicht von einem offenen Stützpunkt aus, sondern wurden vom geheimen Stützpunkt der Heuchler aus in Gang gesetzt. Vielgestaltige Menschen, die in einem prunkvollen Gewand der Gottesfurcht auftraten, besuchten die Versammlungen der islamischen Bewegung und warfen bei passender Gelegenheit mit gespielter Schlichtheit und harmloser Naivität, die Lippen schmollend, allerlei Fragen auf.

Bei einer Versammlung stellten sie dem Gesandten folgende Frage: Wenn Allah die gesamte Schöpfung erschaffen hat, wer hat dann Allah erschaffen? Seht ihr die Verkehrtheit ihres Herzens? Die Juden behaupteten, an Allah zu glauben. Sie glaubten an Seine Propheten und waren Träger Seiner Schriften. Über Allah und Seine Eigenschaften waren sie bereits zuvor gut informiert. Als der Islam jedoch gerade zu diesem Allah rief, entstanden in ihren Herzen äußerst komplizierte Fragen über Allah. Aus ihrer Frage schien äußerlich hervorzugehen, dass sich ihnen nach ihrer Beantwortung der Weg zum weiteren Voranschreiten öffnen würde. Doch die Verkehrtheit der Frage zeigte, dass es ihnen nicht darum ging, Rechtleitung zu erlangen, sondern vielmehr darum, den Menschen einen Fluchtweg zu zeigen, damit sie der Rechtleitung fernblieben. Der Gesandte beantwortete diese verdrehte Frage ganz einfach. Das heißt, er rezitierte ihnen auf sehr schlichte und klare Weise die Sure al-Ichlās: „Sprich: Er ist Allah, der Eine. Allah, der Unabhängige, von Dem alles abhängt. Er hat nicht gezeugt und ist nicht gezeugt worden. Und niemand ist Ihm ebenbürtig.“ (Das Leben Muhammads: Muhammad Husain Misri)

Kommen wir nun zu einer weiteren interessanten Versammlung. Einige bekannte jüdische Gelehrte kamen einmal zur Versammlung des Gesandten und sagten: „Beantworten Sie unsere vier Fragen. Dann werden wir Ihre Daʿwa annehmen und Ihnen gehorchen.“ Der Gesandte sagte: „Die Verantwortung für euer Versprechen liegt bei euch selbst. Fragt, was ihr fragen wollt.“ Bevor die Fragen vorgetragen werden, soll der Leser selbst einmal darüber nachdenken, welche Fragen kluge Menschen zur Erkenntnis des wahren Wesens der islamischen Bewegung hätten erwarten lassen. Sie hätten Fragen zu den grundlegenden Lehren stellen, sich nach den moralischen Werten des Islam erkundigen sowie nach dem politischen und wirtschaftlichen System und den Methoden seiner Umsetzung fragen sollen. Sie hätten fragen sollen, was man tun müsse, um Muslim zu werden. Doch an all diesen Dingen hatten sie überhaupt kein Interesse. Um ihre Gelehrsamkeit und Intelligenz zur Schau zu stellen, trugen sie nacheinander die folgenden Fragen vor:

1–Warum sehen Kinder ihrer Mutter ähnlich, obwohl sie aus dem Samen des Vaters erschaffen werden?

2–Wie schlief der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm?

3–Welche Dinge hatte Israel (Jakob, Allahs Friede sei auf ihm) für sich selbst verboten, und warum?

Diese Fragen sollen angeblich gestellt worden sein, um zu überprüfen, ob die islamische Bewegung richtig war. Nur die vierte Frage hatte irgendeinen unmittelbaren Bezug zur islamischen Daʿwa und Bewegung. Doch auch sie war von derselben Art. Die vierte Frage lautete: Was ist der Geist?

Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beantwortete jede Frage ruhig. Als Antwort auf die letzte Frage sagte er: Ihr wisst sehr wohl, dass der Geist Dschibril ist und dass er zu mir kommt.

Der Leser hatte vielleicht erwartet, dass sie nach diesen Antworten ihre Herzen für den Islam geöffnet hätten. Nein, keineswegs. Als sie die letzten Worte des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hörten, sagten sie: „Aber o Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Dschibril ist doch unser Feind. Wann immer er kommt, bringt er uns eine Botschaft großen Unheils.“ Das bedeutet: Wann immer Dschibril im Auftrag Allahs mit dem Anspruch kommt, der Bannerträger von Allahs Religion zu sein, wird ein Konflikt unvermeidlich, es entstehen allerlei Schäden, und die Lage kann sich sogar bis zum Dschihad zuspitzen. Mit ihm können wir nicht übereinkommen. Wenn die Feindschaft dieses Engels kein Hindernis wäre, würden wir gewiss zu deinen Helfern werden und dir nachahmen und folgen. Mit anderen Worten: Die Daʿwa, die Bewegung und die Botschaft – alles ist richtig. Doch dadurch, dass Allah diesen Engel damit verbunden hat, ist unsere Sicherheit zerstört worden. Deshalb können wir nicht dorthin kommen, wo dieser Dschibril ist.“

Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gab darauf in den Worten des Korans eine Antwort, die diejenigen, die sie hörten, niemals vergessen konnten. Er sagte: „Sprich: Wer Dschibril zum Feind hat, soll wissen, dass Allah den Koran gemäß Seinem Befehl in dein Herz hinabgesandt hat. Dieser Koran bestätigt die früheren himmlischen Schriften und ist für die Gläubigen – nicht eine Botschaft von Feindschaft, Unglück oder Blutvergießen, sondern – Rechtleitung und frohe Botschaft.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Ein weiterer Disput nahm seinen Anfang, als der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bei einer Gelegenheit über die Propheten sprach und dabei den Propheten Salomo, Allahs Friede sei auf ihm, erwähnte. Dies löste in jüdischen Kreisen viele Diskussionen aus. Man begann zu sagen: „Habt ihr die erstaunliche Aussage Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehört? Er behauptet, dass auch Salomo, der Sohn Davids, ein Prophet gewesen sei. Bei Allah, er war doch bloß ein Zauberer – Allah bewahre!“ Der Koran widerlegte dieses Geschwätz und sagte, dass Zauberei Unglaube sei. Der Prophet Salomo hatte sich nicht dem Unglauben hingegeben. Die über den Brunnen von Babylon verbreitete Geschichte war lediglich ein Machwerk des Satans. (Sīrat Ibn Hischām)

 

Die Änderung der Gebetsrichtung

In der frühen Phase der islamischen Bewegung hatten die Juden viele Anzeichen wahrgenommen, aufgrund derer in ihnen die Hoffnung entstanden war, dass diese historische Kraft allmählich in ihre Hände gelangen würde. Im Koran wird die weltweite Würde der Kinder Israels erwähnt. So heißt es: „Ich habe euch den Völkern der ganzen Welt vorgezogen.“ Außerdem wird im Koran die Prophetenschaft ihrer Propheten und ihre heiligen Schriften anerkannt. Durch die Aufforderung an sie: „Kommt zu einem gemeinsamen Wort zwischen uns und euch“, wurde die zentrale Lehre der Religion hervorgehoben.

Darüber hinaus bevorzugte der Gesandte Allahs (s.a.) im Gegensatz zu den Bräuchen der Polytheisten einige Bräuche der Juden. So ließen die Polytheisten beispielsweise eine Haarsträhne lang wachsen, während die Juden dies nicht taten. In dieser Hinsicht widersetzte er sich den Polytheisten und stellte sich auf die Seite der Juden. In Angelegenheiten, zu denen im Koran keine Weisung von Allah ergangen war, folgte der Gesandte (s.a.) den Grundsätzen der Juden und Christen. (Buchari, Kapitel über Kleidung.) Die Juden von Medina fasteten am Tag von Aschura. Auch der Gesandte (s.a.) fastete an diesem Tag und bevorzugte, dass auch die Muslime fasteten. Wenn der Leichnam eines Juden zur Beisetzung vorbeigetragen wurde, stand er auf. Vor allem war die Gebetsrichtung der Muslime Bait al-Maqdis. All dies bewies eindeutig, dass der Islam den Schriftbesitzern näherstand als den Polytheisten. Tatsächlich hatten die selbstsüchtigen religiösen und geistlichen Führer der Juden das Grundgefüge der jüdischen Religion vollständig entstellt. Und auch dieses entstellte Gefüge war leblos geworden. Dabei war die Religion, die Hadhrat Musa (a.s.) gebracht hatte, nichts anderes als der Islam. Auch alle anderen Propheten waren Träger, Verkünder und Lehrer des Islam. Lediglich die gesetzlichen Bestimmungen unterschieden sich zu Lebzeiten der einzelnen Propheten in einigen geringfügigen Punkten. Muhammad (s.a.) hatte denselben Islam der ganzen Welt dargelegt. Er legte ihn jedoch nicht nur als Theorie dar, sondern setzte ihn auch in Form praktischer Gesetze und Bestimmungen um. Aufgrund dieser theoretischen Beziehung war auch der Gesandte (s.a.) zuversichtlich, dass die Juden die islamischen Bestrebungen allmählich verstehen, sie zugleich willkommen heißen und diese Arbeit als ihre eigene Aufgabe betrachten würden. Eines Tages würden sie sich darüber freuen, dass die Fahne im Namen Allahs gehisst wird, dass das gemeinsame Leben von Gesellschaft und Staat auf der Grundlage der von den Propheten gelehrten sittlichen Prinzipien gestaltet wird und dass die grundlegenden Werte der Scharia der Tora neu belebt werden. Auf der Grundlage dieser Hoffnung hat der Koran seine Botschaft so dargelegt, dass für ihn die Zugehörigkeit zu einer Partei oder Gruppe keine Bedeutung hat. Entscheidend sind vielmehr Grundsätze und Taten, also Ideal und Charakter sowie Glaubensüberzeugung und praktisches Handeln. Ganz gleich, ob jemand Jude, Christ, Sternenanbeter oder Muslim ist: Wenn er wirklich an Allah, Allahs Gesetz, die Botschaft Seiner Propheten sowie die Abrechnung und Rechenschaft am Tag der Auferstehung glaubt und anschließend durch sein gesamtes Leben zeigt, dass er ein rechtschaffenes Leben führt, dann ist dies das wahrhaft Ersehnte und Erwünschte. Nicht der Name, sondern die Tat ist das Wesentliche. Nicht das Aushängeschild, sondern der unverfälschte Weg ist das eigentlich Erwünschte. Wer mit wem Beziehungen unterhält und welcher Partei oder Gruppe jemand angehört, ist überhaupt nicht entscheidend. Entscheidend ist vielmehr, wie der Charakter eines Menschen beschaffen ist und wie das gemeinsame Wohl der Menschheit sichergestellt werden kann. Doch ebenso wenig, wie sich die Hoffnung der islamischen Bewegung hinsichtlich der Juden erfüllte, erfüllten sich auch die Absichten der Juden hinsichtlich der islamischen Bewegung.

Mitten in diesem Spannungsverhältnis ereignete sich plötzlich eine revolutionäre Veränderung in der islamischen Bewegung. Diese Veränderung bestand in der Änderung der Gebetsrichtung. Zu allen Zeiten gehörte es zum grundlegenden Wesen der islamischen Bewegung, die besonderen Merkmale ihrer eigenständigen Existenz zu bewahren und die ideologische und glaubensmäßige Eigenständigkeit in jedem Muslim lebendig zu halten. Während der Zeit in Mekka war Bait al-Maqdis genau zu diesem Zweck zur Gebetsrichtung bestimmt worden, damit die Gruppe, die das Banner des islamischen Ideals trug, sich ihrer eigenen Würde und Stellung bewusst blieb. Dadurch empfanden die Muslime bis zur Auswanderung über einen langen Zeitraum hinweg ihre Eigenständigkeit und Besonderheit im Gegensatz zu den Polytheisten vollständig. Auch die Polytheisten erkannten, dass sie und die Muslime Träger und Vertreter zweier völlig verschiedener Ideale waren. Dieses Bewusstsein und diese Empfindung wurden in dem kurzen Satz „Für euch eure Religion und für mich meine Religion“ zum Ausdruck gebracht. Darin wurde unmissverständlich erklärt: Euer Weg ist ein anderer, unser Weg ist ein anderer. Zwischen euch und uns gibt es keinerlei Übereinstimmung.

Nach der Ankunft in Medina drohte die Eigenständigkeit der Muslime, wenn überhaupt, von den dortigen jüdischen und christlichen Gruppen gefährdet zu werden. Es war notwendig geworden, die Besonderheit und Eigenständigkeit der islamischen Bewegung vor einer Vermischung mit der leblosen Religion der Juden und Christen zu schützen und die muslimische Gesellschaft davor zu bewahren, geistig in der jüdischen Gesellschaft aufzugehen. Der Bedarf, der in der mekkanischen Zeit dazu geführt hatte, Bait al-Maqdis vorübergehend zur Gebetsrichtung zu machen, war hier entfallen. Die Herzen der Muslime fühlten sich der von Hadhrat Ibrahim (a.s.) begründeten Gebetsrichtung stärker verbunden. Der Gesandte (s.a.) war selbst ein Nachkomme Hadhrat Ibrahims, und auch die frühen Kämpfer der islamischen Bewegung stammten aus diesem Geschlecht. Die vorübergehende Maßnahme zum Schutz der Eigenständigkeit war nun unnötig geworden. Deshalb wartete das wahrheitsliebende Herz des Gesandten (s.a.) auf diese Veränderung und sehnte sie herbei.

In Wirklichkeit setzte der Erhabene Allah mit dem Erlass der Anordnung zur Änderung der Gebetsrichtung die Kinder Israels endgültig von der weltweiten Führung ab. An ihre frei gewordene Stelle berief Er die Gemeinschaft Muhammads. Das Zentrum der auf das Wohl und den Erfolg der gesamten Menschheit ausgerichteten Tätigkeit, das sich bis dahin in Bait al-Maqdis befunden hatte, wurde nun zur Heiligen Kaaba verlegt. Die Muslime wurden als eine gemäßigte Gemeinschaft bezeichnet, das heißt als die zentrale Gemeinschaft der weltweiten islamischen Bewegung. Ihnen wurde die große Verantwortung übertragen, vor der Menschheit Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, sowie die Führung der gesamten Menschheit.

Nach der Auswanderung nach Medina wurde sechzehn Monate lang in Richtung Bait al-Maqdis gebetet. Dies ereignete sich im Radschab oder Schaʿban des zweiten islamischen Jahres. Ibn Saʿd berichtet, dass der Gesandte (s.a.) zu einer Einladung im Haus von Bishr ibn Bara ibn Maʿrur (r.a.) gegangen war. Als dort die Zeit des Mittagsgebets gekommen war, trat er vor, um das Gemeinschaftsgebet zu leiten. Zwei Gebetseinheiten waren bereits verrichtet worden. In der dritten Gebetseinheit wurde durch die Offenbarung der folgende Vers herabgesandt:

„Wir sehen, wie du dein Gesicht zum Himmel wendest. Nun wenden Wir dich einer Gebetsrichtung zu, mit der du zufrieden bist. So wende dein Gesicht in Richtung der Heiligen Moschee. Und wo immer ihr seid, wendet eure Gesichter in ihre Richtung und verrichtet das Gebet.“ (Sure al-Baqara 2:144)

Kaum war dieser Befehl vernommen, wandte der Allah ergebenste Diener während des Gebets sein Gesicht zur Kaaba. Unmittelbar mit ihm wandten auch alle betenden Anhänger ihre Gesichter zur neuen Gebetsrichtung. Bayt al-Maqdis liegt genau nördlich von Medina und Mekka im Süden. Die Änderung der Gebetsrichtung während des Gebets bedeutete, dass der Imam von der Vorderseite der Betenden gerade nach hinten gehen und die Gebetsreihe sich gerade nach hinten drehen musste. Danach wurde die Nachricht auch in Medina und den umliegenden Dörfern weit verbreitet. Bara ibn ʿĀzib (ra.) berichtet, dass die Nachricht eine Gruppe in einer Moschee erreichte, während sie sich in der Verbeugung befand. Sobald sie die Nachricht hörten, wandten sie sich noch in dieser Haltung der Kaaba zu. Nach dem Bericht von Anas ibn Mālik erreichte die Nachricht den Stamm Banū Salama am folgenden Tag während des Morgengebets; die Menschen hatten eine Rakʿa gebetet und befanden sich in der zweiten. Als sie zu diesem Zeitpunkt den Ruf des Verkünders hörten, wandten sich alle sofort der neuen Gebetsrichtung zu. (Tafhīm al-Qurʾān, Sura al-Baqara, Anmerkung 146)

Über den Aufruhr, der durch diese Änderung bevorstand, warnte der Koran die Muslime bereits im Voraus: „Bald werden die Unwissenden einen Sturm der Verleumdung entfachen und fragen: Warum haben die Muslime die Gebetsrichtung geändert?“ Es werden verschiedenartige Fragen aufgeworfen, merkwürdige psychologische Reaktionen auftreten und die Beziehungen zwischen den Völkern nachteilig beeinflusst werden. Damit die Muslime dem bevorstehenden Sturm der Verleumdung entschlossen entgegentreten konnten, erläuterte der Koran ihnen schon im Voraus die Bedeutung der Änderung der Gebetsrichtung. Er machte deutlich, dass die anfängliche Bestimmung von Bayt al-Maqdis zur Gebetsrichtung dazu diente, das Götzenbild des arabischen Nationalismus zu zerschmettern. Denn die Araber waren nicht bereit, irgendeiner Sache außerhalb ihres ethnischen Kreises irgendeine Bedeutung zuzuerkennen. Nun aber diente die Wendung von Bayt al-Maqdis zur Kaaba dazu, auch das Götzenbild der israelischen Überheblichkeit zu zerschmettern. Die eine Aufgabe war zuvor erfüllt worden. Die zweite wurde nun erfüllt. Die Anbeter des arabischen Nationalismus waren bereits ausgesondert worden. Nun waren die Verehrer des israelischen Nationalismus an der Reihe, ausgesondert zu werden. Auf diese Weise würde die Gesellschaft von der Fäulnis namens Heuchelei gereinigt werden. Danach würden in der islamischen Gesellschaft nur jene Bestand haben, in deren Augen Allahs Befehl und die Sunna des Gesandten höchste Bedeutung besitzen. Die Veränderung, durch die die islamische Bewegung nun voranschreitet, wird die aufrichtigen Anhänger des Gesandten Allahs von jeder Vermischung mit den Menschen ohne Ideale befreien. Und sie wird die Menschen ohne Ideale von jenen aufrichtigen Gläubigen ausscheiden, die glauben, dass Osten und Westen allesamt Allah gehören und Allah allein das eigentliche Zentrum des Gehorsams ist; jenen, die die tiefgründige Wahrheit kennen, dass es nicht die eigentliche gute Tat ist, das Gesicht lediglich nach Osten oder Westen zu wenden, sondern dass die wahre gute Tat in der lebendigen Kraft liegt, die innerhalb all dieser äußeren Förmlichkeiten der Scharia wirksam ist. Diese lebendige Kraft besteht darin, an Allah, das Jenseits, die Engel, Allahs Buch und Seine Propheten zu glauben und auf Allahs Weg Vermögen auszugeben. Daher muss bei der Einhaltung der äußeren Förmlichkeit eurer Gebetsrichtung Folgendes von höchster Bedeutung sein:

Schreitet zu guten und wohltätigen Taten voran; fürchtet bei der Befolgung der großen revolutionären und verändernden Anweisungen Allahs keine gegnerische Kraft, sondern fürchtet nur Allah.

Schon als der Koran den Befehl des Schöpfers des Universums verkündete, erklärte er, dass dieses Ereignis allen außer den fest überzeugten Gläubigen schwer und belastend erscheinen würde. Wenn darüber Unruhe entstehen würde, würden viele in Panik geraten. Wenn sich die Debatte in jeder Gasse und an jedem Ort ausbreiten würde, würden die Schwachen den Kopf verlieren und ihre Gefühle würden heftig aufgewühlt werden. Hören wir nun einige Beispiele für die Äußerungen, die zur Änderung der Gebetsrichtung gemacht wurden.

Die Götzendiener sagten: „Seht nur, nun ist Muhammad, ṣa., und einigen seiner Anhänger ein wenig Verstand zurückgekehrt. Nachdem sie unsere Kaaba jetzt als Gebetsrichtung angenommen haben, werden sie allmählich auch zu unserer Religion zurückkehren.“

Die Juden sagten: „Der Führer des Islams ist im Widerstand gegen uns durch seinen Groll so außer sich geraten, dass er sogar die Gebetsrichtung der Propheten aufgegeben hat. Wäre er ein Prophet, hätte er diese Gebetsrichtung nicht aufgegeben.“

Die Heuchler begannen zu sagen: „Es ist überhaupt nicht zu verstehen, welches die richtige Gebetsrichtung Muhammads ist. Mit der Gebetsrichtung scheint ein Spiel begonnen zu haben. Wohin auch immer man möchte, dorthin wendet man das Gesicht. Dem Anschein nach ist die gesamte Religion des Islams ein Spiel der Willkür.“

Und diejenigen, die fest im Glauben waren, sagten: „Wir haben den Befehl gehört, ihm gehorcht und daran geglaubt. Dies alles ist von unserem Herrn gekommen.“ (Zād al-Maʿād, Band 2)

Diese zuletzt genannten Gläubigen gerieten in den Sturm der Hetzkampagne. Von allen Seiten prasselten Fragen, spitzfindige Einwände und höhnischer Spott auf sie ein. In jeder Versammlung wurde dasselbe Thema erörtert, in jeder Gasse bildeten sich Gruppen, in denen dasselbe Gemurmel zu hören war, und jeden Augenblick kam es zu erregten Wortgefechten. Das ist bei jeder revolutionären Bewegung ganz natürlich. Bei jeder bedeutenden Veränderung und bei jedem Schritt, der den herkömmlichen Vorstellungen der Allgemeinheit widerspricht, entstehen solche Unruhen. In einer solchen Lage geraten ihre Anhänger häufig in Panik, verlieren die Orientierung und steigern sich bisweilen bis zur äußersten Erregung. Angesichts dieser Gefahr wurde ihnen geraten, dass Geduld und das Gebet der beste Weg seien, um solche kritischen Situationen zu überwinden. Über die Verleumder wurde gesagt, dass die Suche nach der Wahrheit niemals ihr Ziel sei. Durch Argumente und Beweise würden sie sich niemals zufriedengeben und zur Ruhe kommen. Ihr Ziel beim Fragen sei lediglich, in Verlegenheit zu bringen. Solange ihr eure Ideale und Grundsätze nicht aufgebt und nicht zu ihren Anhängern werdet, werden sie niemals zufrieden sein.

Der islamischen Bewegung war die Aufgabe übertragen worden, als Antwort auf die sinnlosen spitzfindigen Einwände schlüssige Beweise vorzulegen. Um diese Aufgabe zu erfüllen, wurden äußerst scharfe und unwiderlegbare Argumente vorgebracht, und vor der Öffentlichkeit wurden die Größe und der Vorrang der heiligen Kaaba an einer Stelle der Sure Al Imran erläutert. Es wurde verkündet:

„Das erste für die Menschheit errichtete Gotteshaus ist jenes in Mekka gelegene Haus, das mit Segen und Wohlergehen bedacht wurde und zu einem Zentrum der Rechtleitung für alle Welten gemacht worden ist. Darin befinden sich deutliche Zeichen. Dort ist auch der Gebetsplatz Ibrahims. Wer es betritt, ist sicher. Und es ist die Pflicht dessen, der die Möglichkeit hat, dieses Haus zu erreichen, dort die Wallfahrt zu vollziehen. Wer sich jedoch weigert, diese Anweisung zu befolgen, soll wissen, dass Allah auf die Bewohner aller Welten nicht angewiesen ist.“ (Verse 96–97)

Über Bayt al-Maqdis war bereits aus der Bibel bekannt, dass Hazrat Sulaiman es viereinhalb Jahrhunderte nach Hazrat Musa hatte errichten lassen. Während der Herrschaft Hazrat Sulaimans wurde es als Gebetsrichtung festgelegt. Aus übereinstimmenden historischen und religiösen Überlieferungen ist dagegen bekannt, dass Hazrat Ibrahim die edle Kaaba achthundert oder neunhundert Jahre vor Hazrat Musa erbaut hatte. Die Kaaba ist nicht nur ihrem Alter nach älter, sondern birgt in ihrer heiligen Umgebung auch äußerst bedeutende Zeichen. Mit ihr ist ein äußerst wertvolles Erbe des Islam verbunden. In jedem ihrer Bereiche ist die Geschichte eingeprägt, wie das Banner der Wahrheit und der Gerechtigkeit hochgehalten wurde. Außerdem sind darin die mit Hazrat Ibrahims Gottesdienst verbundenen Gegenstände bewahrt. Dieser Ort ist bis heute eine Quelle der Tawhid-Inspiration. Ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass dieses Zentrum des Gottesdienstes auch bei Allah angenommen und auserwählt ist, besteht darin, dass sich rings um dieses im Inneren einer öden Wüste errichtete Haus eine gewaltige menschliche Siedlung gebildet hat und Menschen von weit her hierher kommen. Ein weiterer leuchtender Beweis für seine hohe Würde ist, dass die Bewohner dieser dürren, baum- und pflanzenlosen Wüste wie von selbst mit allen Arten von Lebensunterhalt versorgt werden. Das Wichtigste aber ist, dass dieses heilige Haus in der wilden Beduinengesellschaft Arabiens seit viertausend Jahren wie eine Insel des Friedens und der Sicherheit steht. Wer auch immer seinen Schutzbereich betritt, dessen Leben, Besitz und Ehre werden sicher und geschützt. Selbst blutdürstige Menschen kommen dagegen in den Schatten dieses Hauses, stecken ihre Schwerter zurück in die Scheiden und löschen das Feuer ihres Grolls. Sobald ein Mörder oder Räuber seinen Schutzbereich betritt, wird er zu einem friedliebenden Bürger. Daher hat dieses Haus zu Recht den Anspruch, das geistige Zentrum jeder Bewegung zu sein, die mit Hazrat Ibrahims Daʿwa auf den Plan tritt. Was ist daran gegen Religion oder Vernunft, dass darüber in den Gassen so viel getuschelt wird?“

Wenn aufgrund dieses Arguments eine richtige Schlussfolgerung gezogen wurde, dann geschah dies seitens der einfachen Menschen. Die Juden betrachteten die Änderung der Gebetsrichtung als einen endgültig feindseligen Schritt der Muslime. Denn dadurch waren all ihre Hoffnungen und Erwartungen zunichtegemacht worden. Der Traum, den sie gehegt hatten, die Muslime unter ihre Kontrolle bringen zu können, war zerstört. Sie erkannten, dass es nicht leicht war, die Muslime zu unterwerfen. Die Muslime wiederum sahen nun deutlich den gesamten Unrat in den Herzen der Juden. Alle dunklen Seiten ihrer Gesinnung wurden vor ihnen offenbar. Mit Menschen von einer derart verwerflichen Gesinnung war jene gute Meinung nicht länger möglich, auf deren Grundlage die Beziehungen zu ihnen einst geknüpft worden waren. Die Muslime erkannten klar, dass die islamische Bewegung auch in Medina nur auf ihre eigene Kraft gestützt bestehen konnte. Von den Händlern mit Religion und Gottesfurcht Hilfe und Unterstützung zu erwarten, war vergeblich. Vielmehr verdichtete sich von Tag zu Tag die Befürchtung, dass die Juden der islamischen Bewegung mit einer noch schlechteren Gesinnung als die Ungläubigen und Götzendiener von Mekka den Weg versperren würden. Trotz dieser Befürchtung blieb im Verhalten des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und seiner Gefährten stets der moralische Standard gewahrt, der den Verkündern des Islam entspricht. Gegenüber den Juden, den Heuchlern und anderen feindseligen Gruppen verhielten sie sich nicht nach dem Grundsatz: Wie jemand ist, so soll man ihn behandeln. Gegen spitzfindige Einwände, höhnischen Spott und grobes Benehmen gaben die Muslime nicht nach. Wenn sie etwas zu sagen hatten, beschränkten sie sich darauf, in höflicher und kluger Weise nur vernünftige Worte vorzubringen. Ihre Übertreibungen nahmen sie mit Großzügigkeit, Geduld und einem weitherzigen Wesen hin.

Trotzdem brach die bis dahin im Inneren angestaute Erregung wie eine über die Ufer tretende Flut hervor.

Unzivilisiertheit und Grobheit

Menschen, die kein konstruktives Ziel, keinen konstruktiven Zweck und kein konstruktives Programm haben, lassen gewöhnlich auch niemand anderen konstruktive Arbeit leisten. Der einzige Grund dafür ist, dass dadurch ihre eigene Hohlheit vor der Welt offenbar würde. So war auch die Lage der Juden von Medina. Sie lebten schon seit langer Zeit in Medina. Doch hatten sie keinerlei Fähigkeit gezeigt, zur sittlichen Hebung der einfachen Menschen etwas beizutragen. Sie hatten keinen einzigen Schritt unternommen, um die Gesinnung der Menschen zu verbessern, ihren Charakter zu läutern, sie in Höflichkeit und Disziplin zu schulen oder sie zu einem Leben in Frieden und Sicherheit anzuleiten. Sie waren nicht nur unfähig, die gefallene Menschheit aufzufangen, sondern hatten auch sich selbst nicht vor dem Niedergang bewahren können. Sämtliche sozialen und moralischen Krankheiten der Welt waren bis in ihr Innerstes vorgedrungen, und sie hatten keine dieser Krankheiten zu heilen vermocht. In dieser Lage trat vor ihnen eine neue Kraft hervor. Diese Kraft begann, in den Herzen und Köpfen der Menschen die Leuchten inspirierender Grundsätze, Ideale und Glaubensüberzeugungen zu entzünden, die Behandlung aller sozialen Krankheiten aufzunehmen, mit neuem Elan eine neue Gemeinschaft aufzubauen, den Charakter des Einzelnen im Sinne eines heiligen Ziels und Zwecks zu formen und mithilfe dieser Menschen eine friedliche und gerechte Gesellschaft zu errichten. Da gerieten die Juden in Wut. Sie begannen, jede noch so niederträchtige Anstrengung und Intrige zu unternehmen, um diese konstruktive Bewegung zum Scheitern zu bringen. Wenn eine solche negative und destruktive Kraft entschlossen ist, sich jemandem entgegenzustellen, stellt sie Zivilisation, Anstand und Höflichkeit beiseite. Sie gewöhnt sich daran, sich auf äußerst schändliche Weise unzivilisiert und unhöflich zu benehmen. Auch die Juden begannen ein ähnlich extremes unzivilisiertes Verhalten an den Tag zu legen.

Hier sollen zwei oder drei unvergessliche Beispiele für die Untaten und das schlechte Benehmen angeführt werden, zu denen die als Nachfolger der Propheten, Anhänger des Buches Allahs sowie Lehrer und Rechtsgelehrte des Gesetzes Allahs bekannte jüdische Gemeinschaft aus Feindschaft und Hass heraus überging. Diese jüdische Gemeinschaft hielt niemanden außer sich selbst für fromm und gottesfürchtig. Doch ihr sittlicher Zustand war derart verkommen, dass sie, wenn sie dem Gesandten (s.a.w.) begegneten, statt „Assalāmu alaikum“ – „Friede sei mit euch“ – „Assāmu alaikum“ sagten. Das bedeutete: „Dein Tod sei dir gewünscht.“ So verhielten sie sich gegenüber jenem großen Mann, der daran arbeitete, die von Abraham, Mose, Jakob, Josef, Isaak und Ismael (Friede sei mit ihnen) überbrachte Religion wiederzubeleben, der sich der Wiederbelebung des wahren Wesens der Tora widmete und dafür kämpfte, Allahs Gesetz und Seine Gebote wieder zur Geltung zu bringen. Mehr noch: Die Wahrheit ist, dass er in Wirklichkeit gerade die von den Juden vergessene Pflicht erfüllte und ihre unvollendete Arbeit vollendete. Als einmal einige von ihnen zum Haus des Gesandten (s.a.w.) kamen, benahmen sie sich wie Rowdys und gebrauchten die erwähnte Ausdrucksweise. Gegen dieses schlechte Benehmen erhob sogar Hazrat Aischa hinter dem Vorhang scharfen Protest. Sie war so zornig, dass sie nicht umhin konnte zu antworten. Sie sagte: „Elende, euer Tod sei euch gewünscht.“ Der Gesandte (s.a.w.) hörte es und sagte: „Aischa, sei etwas sanfter.“ Hazrat Aischa sagte: „Hören Sie denn nicht, was sie gesagt haben?“ Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Ich habe es gehört, aber ich habe ihnen nur mit ‚Wa alaikum‘, also ‚und euch ebenso‘, geantwortet. Das genügt.“

Zwei weitere beschämende Beispiele für unzivilisiertes Benehmen sind im Koran für alle Zeiten bewahrt worden. Seht nur:

Erstens erschienen sie beim Gesandten (s.a.w.). Wann immer sie während eines Gesprächs sagen wollten: „Warten Sie einen Augenblick, damit wir die Worte verstehen können“, gebrauchten sie das doppeldeutige Wort „Rāʿinā“. Im Arabischen bedeutet dieses Wort dem äußeren Anschein nach: „Gebt uns ein wenig Zeit, hört unsere Ausführungen an oder schenkt uns eure Aufmerksamkeit.“ In der eigentlichen religiösen Sprache der Juden, dem Hebräischen, wurde jedoch ein ähnlich klingendes Wort in dem Sinne verwendet: „Hör zu, mögest du taub werden.“ Außerdem gibt es auch im Arabischen ein aus einer nahezu gleichen Wurzel gebildetes, fast gleich klingendes Wort mit einer äußerst schlechten Bedeutung. Aus „Rāyā“ wurde beispielsweise das Wort „ar-rāyā“ abgeleitet, das „ein niederträchtiger Mensch“ bedeutet. Es war überhaupt nicht schwierig, dieses Wort in die Form „Rāyāyinā“ zu verwandeln, was „unser niederträchtiger Mensch“ bedeutet hätte (Anm. d. Übers.: „unser niederträchtigster Mensch“). Ebenso wird das Wort „Rāyānā“ im Sinne von „unwissend und töricht geworden“ gebraucht. Selbst das Wort „Rāʿinā“ konnte durch eine leicht verdrehte Zungenbewegung in „Rāyiyānā“ verwandelt werden, was „o unser Hirte“ bedeutet. Die führenden jüdischen Religionsgelehrten in Roben und Turbanen schossen auf diese Weise geschickt Pfeile aus verletzenden Worten ab. Woher sollten gewöhnliche Menschen eine solche Beherrschung von Literatur und Sprache besitzen? Das war das Machwerk großer, gelehrter Religionsgelehrter. Sie kamen von zu Hause sorgfältig überlegend und vorbereitet, auf welche Arten sie sich an diesem Tag unzivilisiert benehmen könnten. Über einen dieser gerissenen Gelehrten namens Zaid ibn Thabit sind in der Geschichte klare Berichte überliefert. Auch dieser jüdische Scheinmullah leistete einen großen Beitrag dazu, das verabscheuungswürdige Beispiel unmoralischer und ungehöriger Wortgefechte zu geben. Äußerlich hatten sie sich mit dem Etikett äußerst höflichen und kultivierten Benehmens versehen. Doch wenn man in die Tiefen ihrer Herzen blickte, sah man, dass eine schurkische Gesinnung in ihnen aktiv war. Untereinander wussten sie sehr wohl: Wir verspotten den besten Menschen dieser Zeit. Wenn jedoch jemand Einwand erhob, sagten sie: „Ach, Bruder, haltet ihr uns etwa für unhöflich? Wir sprechen doch mit größtem Respekt und Anstand und bitten nur darum, dass ihr uns Gelegenheit gebt, zu verstehen und uns verständlich zu machen.“

Zweitens sprachen die jüdischen Gelehrten, die sich als Nachfolger der Propheten betrachteten, mitten im Gespräch bisweilen so mit dem Gesandten (s.a.w.): „Ismaʿ ghaira musmaʿin.“ Dem äußeren Sinn nach bedeutete dies: „Hören Sie bitte einen Augenblick zu; Sie sind ein so geehrter Mann, dass man ohne Ihren Wunsch oder Ihre Erlaubnis nichts sagen darf.“ Doch ihre hinterhältige Gesinnung zielte auf eine andere Bedeutung ab, nämlich: „Du bist überhaupt nicht würdig, dass man dir etwas zu Gehör bringt. Möge Allah dich taub machen, und möge dir jedes Hörvermögen fehlen.“

Beachtet, welch schmutzige und verabscheuungswürdige Gesinnung jene Menschen besaßen, die sich dem Widerstand gegen Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, entgegenstellten.

Drittens pflegten die Gläubigen, wenn sie in der Versammlung des Gesandten (s.a.w.) etwas hörten und verstanden, auf Allahs Geheiß mit Aufrichtigkeit und Hingabe zu sagen: „Samiʿnā wa-aṭaʿnā“, das heißt: „Wir haben gehört und Gehorsam geleistet.“ Die Träger der Tora hingegen verhielten sich in solchen Fällen äußerst theatralisch. Zuerst riefen sie laut und nachdrücklich: „Samiʿnā“, also: „Jawohl, wir haben gehört.“ Gleich darauf verdrehten sie leicht ihre Zunge und sagten anstelle von „Aṭaʿnā“ – „wir haben Gehorsam geleistet“ – „ʿAṣainā“, was bedeutete: „Wir haben deinen Befehl zurückgewiesen und beschlossen, ihn nicht zu befolgen.“ Auch hier entstand dieselbe Schwierigkeit: Wenn jemand Einwand erhob, zeigten sie sich verärgert und sagten: „Haltet ihr uns etwa für so schlechte Menschen? Verleumdet ihr uns aus lauter Widerspruchsgeist mit einer solchen Anschuldigung? Gibt es bei euch etwa keine Sitte, Gelehrten und Kennern außerhalb eures eigenen Kreises Respekt zu erweisen? Seid ihr nicht bereit, irgendjemanden außer euch selbst für höflich und wohlerzogen zu halten?“

Es lohnt sich zu überlegen: Wurde durch ein solches niederträchtiges Verhalten irgendein Schaden an der Bewegung des Gesandten (s.a.w.) angerichtet? Wurde durch diese Gemeinheit und Niedertracht die Existenz der islamischen Gemeinschaft ausgelöscht? Tatsächlich kann man durch das Herabregnen von Beschimpfungen und verletzenden Worten auch nur ein Haar von einer aufbauenden Kraft krümmen. Der Gegner gewinnt dabei lediglich das Vergnügen, dass der angestaute Dampf seines negativen, zerstörerischen und fanatischen Gemüts entweicht. Wenn diese religiösen Persönlichkeiten nach solchen Vorführungen aus der Versammlung des Propheten (s.a.w.) fortgingen, prahlten sie gewiss in ihrer eigenen Versammlung: „Heute haben wir dem Propheten harte Worte zu hören gegeben.“ Im Kreis ihrer eigenen Jünger bewiesen sie gewiss ihre Fähigkeiten, indem sie zeigten, welche Bedeutungen sie durch das Verdrehen eines einzigen Wortes herausgeholt und ihm zugeschrieben hatten. Mit unseren Sprachkenntnissen, Grammatikkenntnissen und unserer Beherrschung der Rhetorik, so prahlten sie, haben wir große Schlachten geschlagen.

Die Lehre, die sich aus all diesen Verfehlungen der jüdischen Religionsführer ziehen lässt, ist folgende: Wenn religiöse Führer dem Verfall anheimfallen, entwickelt sich in ihnen vor allem die schmutzige Krankheit der sprachlichen Entstellung. Zweitens verlieren sie die Fähigkeit, die Erfordernisse und Ansprüche der Menschlichkeit, der Höflichkeit, des Anstands und der guten Umgangsformen zu berücksichtigen. Drittens entsteht zwischen ihrem äußeren und inneren Handeln ein beschämender Widerspruch. Viertens zeigt sich in ihnen eine gewisse Feigheit, aufgrund derer sie ihre schmutzigen inneren Gefühle nicht offen zum Ausdruck bringen können. Stattdessen versehen sie ihre niedrige und widerwärtige Gesinnung mit dem Etikett des Anstands und der Höflichkeit. Diese Anzeichen sind ein unwiderlegbarer Beweis für die Unfähigkeit jeder Denkweise und Gesinnung. Wo insbesondere verletzende und unanständige Rede anzutreffen ist, kann keinerlei Verbindung zu Wahrheit und Gerechtigkeit bestehen. So wie der Duft, der aus einem Topf mit frisch zubereiteten Speisen strömt, eindeutig die Art des Gerichts und die Qualität seiner Gewürze erkennen lässt, so ist auch jedes Gespräch eines Menschen und seine Art zu sprechen ein Maßstab für seinen Charakter. Wenn aus dem Topf des menschlichen Herzens und Verstandes der Gestank unanständiger Rede und unhöflichen Verhaltens hervorströmt, kann man keineswegs hoffen, dass sich in ihm durch die Verbindung reiner Vorstellungen und einer vornehmen Gesinnung ein edler Charakter herausbildet. Wenn ihr jemanden seht, der mit einem Andersdenkenden unanständig redet und schlecht umgeht, dann wisst, dass er seinen Gegner nicht nur im Kampf der Argumente besiegt hat, sondern auch im Kampf der Moral unterlegen ist. Dieser besiegte Mensch lässt nun durch Beschimpfungen lediglich das Gift seines Inneren hervorbrechen. Und diejenigen, die ihr inneres Gift ausspucken, erlangen in der Geschichte keinerlei Bedeutung. Sie fahren lediglich fort, Schmähungen auszustoßen, während die Karawane, die sich der aufbauenden Daʿwa-Arbeit widmet, unaufhaltsam weiter voranschreitet.

Damit ist es noch nicht zu Ende. Als in Medina der Adhān eingeführt wurde, litten die Juden auch wegen des Adhān unter großen Schwierigkeiten, da er ebenfalls eine religiöse Neuerung war, die den bei ihnen geltenden religiösen Vorschriften widersprach. Besonders wenn sie sahen, dass die Worte und Sätze des Adhān die gesamte revolutionäre Daʿwa des Islam und ihre grundlegende Ideologie vollständig darstellten und dass das fünfmal tägliche Ausrufen dieses Adhān mit lauter und wohlklingender Stimme ein äußerst wirksames und einflussreiches Mittel der Verkündigung war. Dieser Ruf drang jeden Tag fünfmal an die Ohren ihrer Frauen, Kinder und Sklaven. Stellt euch einmal vor, welche Stille in der Luft und am Himmel Medinas geherrscht haben muss, wenn dieser beispiellose Klang mit Bilāls wohlklingender Stimme erschallte. Die Herzen aller, Muslime wie Nichtmuslime, wurden wohl davon angezogen. Insbesondere müssen sie den Unterschied zwischen dem Klang des Adhān und dem Klang von Glocken und Trommeln wahrgenommen haben. Auch in den Herzen ihrer Bevölkerung wird dadurch wohl die eine oder andere Empfindung entstanden sein. Der Klang von Trommeln und Glocken war nur ein Klang. Er enthielt weder Worte noch eine Bedeutung. Der Klang des Adhān hingegen war eine Verbindung mehrerer Sätze, die in einer leicht verständlichen Bedeutung erklangen. Im Klang von Trommeln und Glocken kam kein menschliches Gefühl zum Ausdruck, während im Ruf des Adhān die menschlichen Emotionen und Empfindungen widerhallten. Nachdem die Juden diesen Unterschied erkannt hatten, hätten sie zugeben müssen, dass der Adhān das vergleichsweise wirksamere und bessere Mittel sei, um zum wahren Gottesdienst aufzurufen. Doch statt dies anzuerkennen, gerieten sie in Wut. Sie gaben der Stimme desjenigen, der den Adhān ausrief, erstaunliche Vergleiche, ahmten sie nach und verzerrten die Worte, wobei sie lächerliche Gesten machten. Neid und Missgunst hatten diese heuchlerischen Frommen auf die Stufe von Possenreißern herabgesetzt. Doch wie sollte sich die Wirkung des Adhān durch Spott, Hohn und Possenreißerei aufhalten lassen?

Die Unverschämtheit der Juden ging so weit, dass sie sogar Allah selbst zum Opfer davon machten. Als beispielsweise der Koranvers „Wer ist bereit, Allah ein Darlehen zu geben?“ nicht in seiner schlichten Bedeutung verstanden wurde, begannen sie spöttisch zu sagen: „Nun ist also auch Allah der Erhabene arm geworden. Jetzt hat auch Er angefangen, Seine Diener um ein Darlehen zu bitten.“ Nur selten findet man ein so abscheuliches Beispiel für schamlose Frechheit gegenüber Allah. Ebenso boten ihnen die Stellen im Koran, an denen Mücken, Fliegen und ähnliche kleine Dinge als Beispiele angeführt und ihre Existenz als Argument vorgebracht wird, Gelegenheit zu einem Aufruhr aus Spott und Hohn. Sie sagten: „Auch der Allah der Muslime ist wirklich merkwürdig. Selbst wenn Er ein Beispiel geben will, findet Er außer so unbedeutenden Geschöpfen wie Mücken und Fliegen nichts anderes. Und wie kann ein Koran, in dem solche unbedeutenden Dinge erwähnt werden, Allahs Buch sein?“ Seht, welche vernichtende Antwort sie darauf erhielten – Allahs Aussage:

„Allah schämt sich nicht, als Beispiel eine Mücke oder etwas noch Geringeres anzuführen. Diejenigen, die bereit sind, die Wahrheit anzunehmen, erkennen anhand solcher Beispiele, dass dies die Wahrheit ist und von ihrem Herrn kommt. Diejenigen aber, die nicht bereit sind, sie anzunehmen, sagen beim Hören solcher Beispiele weiterhin: Was hat Allah mit einem solchen Beispiel zu tun?“ (Sure al-Baqara, 26)

Lächerliche Forderung

Die Frechheit der Juden nahm die Gestalt einer Forderung nach Beweisen an und verwandelte sich in eine grotesk lächerliche Angelegenheit. Sie sagten zum Gesandten (s.a.): „Warum spricht Allah nicht zu uns?“ (al-Baqara, 117) Mit anderen Worten: Warum schickt Allah dir insgeheim Engel und übermittelt dir Seine Botschaft im Verborgenen? Allah soll auf die Erde herabkommen, vor unseren Augen erscheinen und uns von Angesicht zu Angesicht sagen: Dies ist Mein Gebot, befolgt es, und dies ist Mein Prophet, gehorcht ihm. Wenn Er auch das nicht tun will, soll Er wenigstens ein eindeutiges und unwiderlegbares Zeichen senden, nach dessen Anblick niemand mehr leugnen kann, dass du Sein Prophet und der Koran Seine Botschaft ist.

Sie legten sogar genau fest, worin dieses unwiderlegbare Zeichen bestehen müsse, damit sie zufrieden und überzeugt sein könnten. Aus den Geschichts- und Sīra-Werken ist bekannt, dass diese Forderung in jüdischen Kreisen eine sehr große Bedeutung erlangte. Lange Zeit wurde darüber diskutiert, und sie wurde dem Gesandten (s.a.) immer wieder vorgetragen.

Hören Sie zunächst, wie diese Behauptung entstand. Die Sache war folgende: Vor der Ankunft des Gesandten (s.a.w.s.) pflegten die Juden von Medina absichtlich für das unmittelbare Erscheinen eines künftigen Propheten zu beten, um Aws und Chazradsch einzuschüchtern. Doch sobald der Gesandte (s.a.w.s.) als Prophet erschien, änderten sie plötzlich ihre Haltung und waren fest entschlossen, ihn zu verleugnen und ihm den Gehorsam zu verweigern. Dieser plötzliche Gesinnungswandel ließ in der Bevölkerung Fragen aufkommen. Die Menschen kamen immer wieder zu ihnen und fragten: „Was ist geschehen? Zuvor wart gerade ihr es, die beteten und prophezeiten, dass ein Prophet kommen werde. Und nun seid gerade ihr gegen den erschienenen Propheten aufgebracht!“ Besonders bei einer Versammlung sagten führende Männer wie Muʿadh ibn Dschabal und Bishr ibn Bara ibn Maʿrur offen zu den jüdischen Anführern: „O Gemeinschaft der Juden! Fürchtet Allah und beugt euch. Denn ihr selbst habt Allah um das Erscheinen Muhammads (s.a.w.s.) gebeten, damit ihr uns gegenüber an Stärke gewinnt. Wir waren Götzendiener. Ihr wart es, die uns mitgeteilt und die Eigenschaften jenes Propheten beschrieben habt, als er erschienen war.“ Wie durch solche Worte die Maske der Juden fiel, lässt sich leicht ermessen. Sie müssen durchaus erkannt haben, welche Meinung die Bevölkerung über sie hatte. Um ihren Ruf als religiöse und fromme Menschen zu wahren, war es für sie unumgänglich geworden, Zuflucht bei irgendeinem Schutzschild zu suchen. Was war dieses Schutzschild? Um dies zu erfahren, hören Sie die Antwort auf die obige Frage aus dem Mund eines jüdischen Anführers der Banu Nadir, Salam ibn Mischkam. Er sagte: „Muhammad (s.a.w.s.) hat keinen Beweis mitgebracht, anhand dessen wir ihn als Propheten erkennen könnten. Daher ist Muhammad (s.a.w.s.) nicht derjenige, von dem wir euch berichtet hatten.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Auch Ibn Silwiya al-Fatjuni sagte dem Gesandten (s.a.w.s.) dies unmittelbar. Mit anderen Worten: Man verlangte ein endgültiges Zeichen. Die Juden selbst sollten bestimmen, worin dieses Zeichen bestehen sollte. Sie würden eben das Zeichen fordern, das sie fordern wollten. Ebenso befragte die Bevölkerung sie nach dem Bund, den die früheren Propheten ihnen abgenommen hatten, den letzten Propheten anzuerkennen. Doch dieser Frage wichen sie aus, indem sie dies und jenes vorbrachten. Der Jude Malik ibn al-Qatīd erklärte einmal ganz offen: „Bei Allah, von uns wurde keinerlei Bund in Bezug auf Muhammad geschlossen.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Für sie lag weder in der heiligen Botschaft des Korans und den unwiderlegbaren Beweisen ein Zeichen, noch im Charakter des Gesandten (s.a.w.s.). In der Bewegung, die eine radikale Veränderung des Lebens herbeiführte, sahen sie kein Zeichen, und ebenso wenig in der wachsenden Schar der Streiter für die Wahrheit. Auch in den Opfern, der Aufopferung und der Hingabe des Lebens, die eine kleine Zahl von Muslimen im Kampf gegen die mächtigen Kräfte der Verfolgung und Unterdrückung erbrachte, gab es für sie kein Zeichen, das ihr Gewissen hätte berühren können. Sie wollten lediglich etwas Wundersames oder Belustigendes.

Hören Sie nun, welche Art von Zeichen oder Wundern sie forderten.

Rafiʿ ibn Huraymala und Wahb ibn Zayd kamen zum Gesandten (s.a.w.s.) und sagten im Verlauf eines Gesprächs:

„O Muhammad (s.a.w.s.), bring uns ein vollständiges Buch, schriftlich vom Himmel herabgesandt. Wir werden es lesen. Und lass vor uns eine Quelle entspringen. Dann werden wir dir folgen und deine Wahrhaftigkeit bezeugen.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Dieser Rafiʿ ibn Huraymala stellte außerdem folgende Forderung: „O Muhammad (s.a.w.s.), wenn du, wie du behauptest, Allahs Gesandter bist, dann bitte Allah, so zu uns zu sprechen, dass wir ihn hören können.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Bei einer anderen Gesprächsrunde sprachen die jüdischen Anführer Fachchas, Abdullah ibn Sabur und andere mit dem Gesandten (s.a.w.s.). Sie sagten: „O Muhammad, lehrt dich tatsächlich kein Dschinn und kein Mensch diesen Koran?“ Der Gesandte (s.a.w.s.) sagte: „Ihr wisst sehr wohl, dass dieser Koran von Allah stammt und dass ich Allahs Gesandter bin. Ihr findet diese Wahrheit auch in eurer Tora schriftlich festgehalten.“ Sie sagten: „O Muhammad (s.a.w.s.), ganz gleich, was du sagst, eines ist doch wahr: Wenn Allah einen Gesandten entsendet, dann erfüllt Er alles, was dieser Gesandte verlangt, und der Gesandte erhält von Allah die Fähigkeit, alles zu vollbringen, was er sich wünscht. Bring daher ein geschriebenes Buch vom Himmel herab, das wir lesen und kennenlernen können.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 2)

Die Juden hatten einen Vorwand gefunden. Nun war für sie jede Frage bedeutungslos geworden: Was ist die Botschaft des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm? Was lehrt er? Welche Beweise und Argumente bringt er vor? Wie gestaltet sich das Leben durch seine Botschaft? Welche Art von Charakter wird durch seine Lehre geformt? Welche kulturelle Ordnung entsteht durch ihre aufbauenden Bemühungen? All diese Fragen waren für sie gegenstandslos geworden. Für sie war nun allein diese Forderung wichtig: „Bringt ein Buch vom Himmel herab und zeigt es uns.“ Jetzt hatten sie einen Vorwand gefunden, um allen den Mund zu stopfen. Sobald jemand etwas dazu sagte, gaben sie ihm unverblümt zur Antwort: Wir sind ja bereit zu glauben. Aber geh und sage Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, er solle irgendein Zeichen zeigen. Die geliebten Diener Allahs erreichen von Allah doch alles, was sie verlangen. Was ist das für ein Gesandter, dessen Bitte Allah nicht erfüllt? Ihr Leute, lasst dieses spalterische Gerede. Geht doch zu irgendeinem geliebten Diener Allahs. Das ist nichts als bloße Ausflucht.

 

Die Shylockhaften Machenschaften der Juden

Es ist allgemein bekannt, dass sich die Belastung der begrenzten Mittel und Hilfsressourcen Medinas durch die Auswanderer immer weiter erhöhte und dass die mittellosen und obdachlosen Menschen mit dem Wiederaufbau ihres wirtschaftlichen Lebens beschäftigt waren. In dieser Zeit breiteten sich Armut und Hunger unter der Mehrheit der Mitglieder der islamischen Bewegung weit aus. In dieser Prüfung durch Armut und Hunger waren der Führer der islamischen Bewegung selbst sowie seine Familie den gewöhnlichen Gefährten in gleichem Maße ausgesetzt. Ja, der größte Teil der Prüfung fiel auf seine Schultern. Unglück und Not kommen niemals allein. Neben den Leiden von Armut und Hunger breiteten sich unter den Auswanderern auch Krankheiten aus. Das neue Klima bekam den Fremden körperlich nicht. Einer nach dem anderen erkrankte. Zusammen mit der unzureichenden Ernährung machte ein quälendes Fieber, das sich epidemieartig ausbreitete, die Auswanderer zu abgemagerten Menschen und unfähig, sich um ihren Lebensunterhalt zu bemühen. Die islamische Bewegung sah sich einerseits ständig neuen Problemen und Widerständen gegenüber. Der gerade gegründete islamische Staat musste in jeder Hinsicht neu aufgebaut werden. Von äußeren wie inneren Feinden gingen allerlei Bedrohungen aus. Die arbeitsfähigen Menschen wurden einer nach dem anderen ans Krankenbett gefesselt. Für Nahrung und Kleidung war nicht ausreichend gesorgt. Die Kraft, durch die diese kleine revolutionäre Gruppe eine solche Lage überwand, war die Kraft des Glaubens an Allah, der Liebe zum Ziel und des gegenseitigen brüderlichen Zusammenhalts. Tatsächlich sind Glaube und Brüderlichkeit stets die zentrale Kraft von Menschen und Organisationen, die große historische Aufgaben vollbringen. Diese Kraft hielt auch körperlich schwache Menschen stark und milderte die Auswirkungen des Mangels an Hilfsmitteln und Ressourcen beträchtlich. Der Kampf gegen die widrigen Umstände, der trotz alledem weitergeführt wurde, wurde durch die sich überall ausbreitende Epidemie erheblich geschwächt. In dieser Zeit verbreitete sich auch das Gerücht, die Juden von Medina hätten Zauber gewirkt und die Muslime könnten sich dort nun nicht mehr halten. Um einen Eindruck davon zu gewinnen, wie kritisch die Lage zu dieser Zeit war, hören wir einige Aussagen von Gefährten des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm.

Der verehrte Abu Bakr windet sich krank vor Schmerzen auf seinem Lager und äußert seine Besorgnis, indem er ein Gedicht rezitiert:

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„Jeder hält sich bei seiner eigenen Familie auf. Doch der Tod ist ihm näher als das Schnürband seines Schuhs.“

Unterdessen wälzt sich der verehrte Bilal auf seinem Krankenlager hin und her und rezitiert trotz seiner heftigen Schmerzen ein Gedicht, dessen Bedeutung lautet:

„Nun werden die Ebenen, Berge und Quellen von Mekka in Erinnerung gerufen. Werde ich jemals eine Nacht in jener Ebene verbringen können, wo das Azkhar- und das Julailgras wachsen? Werde ich jemals wieder im Wasser der Quelle von Majanna baden und den Anblick der Berge Schama und Tofail genießen können?“

ʿĀmir sang: „Ich bin dem Tod begegnet, noch bevor ich den Geschmack des Todes gekostet hatte. Der Tod eines Feiglings kommt über ihn.“ Er litt unter so heftigen körperlichen Schmerzen, dass er den Schritt des Todes gleichsam schon vor dessen Eintreffen hörte.“

Auch Hadhrat Schaddād war krank. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) kam, um diesen Gefährten zu besuchen. Der Kranke sagte unter seinen Schmerzen: „Vielleicht würde mir das Wasser von Bathān guttun.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Geh nur. Wer hindert dich daran?“ Der Kranke fragte: „Was wird dann aus der Hidschra?“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) beruhigte ihn und sagte: „Geh nur. Wohin du auch gehst, du wirst ein Auswanderer bleiben.“

Als die Muslime nach dem Vertrag von Hudaybiyya nach Mekka gingen, waren ihre Körper durch die wiederholten Erkrankungen äußerst geschwächt. Als die Bewohner Mekkas diesen Zustand sahen, spotteten sie: „Geht nur nicht wieder nach Medina zurück.“ Aufgrund dieses Spottes gingen die Muslime auf Anweisung des Gesandten Allahs (s.a.w.) in heldenhafter Haltung einher.

Aus diesen Gründen sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.):

„Das heißt: Die Hidschra ist kein Kinderspiel, sondern eine äußerst schwere Aufgabe. Ein Beduine kam einmal zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und nahm den Islam an. Doch sobald er nach Medina kam, bekam er Fieber. Er hielt den Islam für ein schlechtes Omen, sagte sich vom Islam los und ging fort. Daraufhin sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Medina ist wie der Schmelzofen eines Goldschmieds: Er scheidet die Schlacke aus und trennt das reine Gold ab.“ (Buchārī) Das bedeutet, dass diejenigen, die sich für die große Aufgabe der Bewegung einsetzen, bei jedem Schritt Prüfungen gegenüberstehen. Nur die wahrhaft Gläubigen bestehen diese Prüfung. Die Heuchler und diejenigen, die nur zum Schein behaupten, gläubig zu sein, sondern sich auf der einen oder anderen Stufe ab. Deshalb erfüllte diese Phase der Feuerprobe in Medina die Funktion eines Schmelzofens für Goldschmiede. (Uswa-e-Sahaba, Maulana Abdus Salam Nadwi)

Zu dieser Zeit richtete der Gesandte Allahs (s.a.w.) mit flehentlicher Stimme ein Bittgebet an Allah: „O Allah! Mache uns Mekka ebenso liebenswert, wie Du es für uns gemacht hast, und mache Medina ebenso anziehend oder noch mehr. Segne für uns sein Getreide und seine Nahrungsmittel. Und wende die Seuche, die über Medina gekommen ist, nach Mahya ab.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Andererseits hatten Armut und Hunger eine äußerst beunruhigende Lage geschaffen. An einen neuen Ort zu kommen, die Grundlagen des wirtschaftlichen Lebens aufzubauen und dabei für den Erwerb eines erlaubten Lebensunterhalts zu sorgen – und das unter Bedingungen, in denen für die Bewegung jeden Augenblick neue Ausgaben anfielen –, wie schwierig das war, versteht sich von selbst. Die Geschichtswerke und Sīra-Bücher sind voller schmerzhafter Berichte über die katastrophalen Zustände, die die Streiter für die Wahrheit in jener Zeit durchstehen mussten.

Hadhrat Abū Talha schilderte die Ereignisse jener Notzeit folgendermaßen:

Wir gingen, von den Qualen des Hungers gepeinigt, zum Gesandten Allahs, um Hilfe zu erlangen. Wir schilderten ihm unsere gesamte Lage und zeigten ihm unsere Bäuche: Wegen des mehrtägigen ununterbrochenen Fastens hatten wir uns (um eine besondere Art von Entzündung des Magens zu verhindern) einen Stein um den Bauch gebunden. Als diese herausragende Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte dies sah, öffnete auch er seinen Bauch und zeigte, dass dort nicht ein, sondern zwei Steine befestigt waren. Beim Anblick dessen fanden wir, die wir gerade unsere Leidensgeschichte erzählt hatten, Trost. (Schamā’il at-Tirmidhi, Kapitel über das Leben des Propheten)

Einmal kam Abū Bakr, um zum eigenen Trost sein Elend zu schildern. Doch aus Angst, dadurch den Kummer des Gesandten Allahs unnötig zu vergrößern, schwieg er. Nach einiger Zeit kam Umar. Auch er war von demselben Unglück betroffen. Als man ihn nach dem Grund seines Kommens fragte, sagte er offen: „Ich bin vor Hunger völlig orientierungslos geworden.“ Darauf sagte der Gesandte Allahs: „Mir geht es genauso.“ Man beschloss, gemeinsam zu Abū al-Haitham zu gehen, einem vergleichsweise wohlhabenden Gefährten und Besitzer eines Gartens. Als die drei zu ihm kamen, sahen sie, dass der arme Mann, da kein Diener da war, selbst Wasser holen gegangen war. Als er zurückkehrte und die Besucher sah, umarmte er sie voller Freude. Dann führte er sie in den Garten und gab ihnen Datteln zu essen. Sie aßen die Datteln, tranken Wasser und kehrten zurück, nachdem sie für Abū al-Haitham gebetet hatten. (Schamā’il at-Tirmidhi)

Saʿd ibn Abī Waqqās berichtet einmal: „Ich war das erste Mitglied der islamischen Bewegung, durch dessen Hand das Blut eines Feindes des Islam vergossen wurde, und ich war der Erste, der auf dem Feld des Dschihād einen Pfeil abschoss. Wir führten den Dschihād unter solchen Bedingungen, dass unser Mund vom Essen von Blättern und Kiker-Früchten wund wurde und wir wie Kamele und Ziegen Kot ausschieden.“ [Auch diese Begebenheit stammt aus Schamā’il at-Tirmidhi. Obwohl sie sich etwas später ereignete, vermittelt sie eine allgemeine Vorstellung von der Zeit der wirtschaftlichen Krise in Medina.]

Abū Huraira, ein enger Gefährte des Gesandten Allahs, berichtet: „Einmal fiel ich zwischen der Kanzel der Prophetenmoschee und dem Zimmer von Aischa aus Hunger bewusstlos zu Boden. Die Menschen hielten mich für von einem Dschinn besessen und drückten mir zur Behandlung mit ihren Füßen den Nacken. Dabei war ich gar nicht von einem Dschinn besessen; dieser Zustand wurde allein durch den Hunger verursacht. (Siehe Schamā’il at-Tirmidhi, Kapitel über das Leben des Propheten.) Abū Huraira berichtet außerdem: Einmal war ich mit Umar unterwegs. Wir gingen und besprachen dabei die Auslegung eines Verses. Plötzlich fiel ich bewusstlos zu Boden. Dies geschah aufgrund des Hungers.

Unter solchen Umständen pflegte der Gesandte Allahs zwar die im Bayt al-Māl eingehenden Güter sofort dafür aufzuwenden, den Hunger der Gefährten zu stillen. Doch die Krise war so umfassend, dass weder die Einnahmen des Bayt al-Māl noch die großzügigen Spenden der wohlhabenden Muhādschirūn und Ansār ausreichten. Neben den gewöhnlichen hungernden Muhādschirūn war auch der ständige Aufenthaltsort der Aṣḥāb as-Suffa (der hilflosen Gefährten, die sich ständig in der Prophetenmoschee aufhielten) auf umfangreiche Unterstützung angewiesen. Unaufhörlich trafen Gäste ein. Beduinen kamen jederzeit, um den Islam anzunehmen, einen Besuch abzustatten oder nach den Vorschriften der Scharia zu fragen; Bedürftige kamen und baten um Hilfe. Und auch die Ankunft weiterer Muhādschirūn setzte sich fort. Wie weit konnte der Bayt al-Māl unter solchen Umständen Abhilfe schaffen? Wenn der Druck durch die Bedürfnisse der Gefährten und Bedürftigen zunahm, bat der Gesandte Allahs um Unterstützung, und jeder gab aufrichtig, was er geben konnte. Manchmal nahm man auch Darlehen auf. Von den Muslimen waren keine größeren Darlehen zu bekommen. Daher musste man sich an wohlhabende Juden wenden. Die Juden waren erfahrene Wucherkreditgeber. Ihr Netz des Wuchers hatte sich über das gesamte Gebiet ausgebreitet. Doch der Zweck, zu dem sie Muhammad und seinen Gefährten Darlehen gewährten, war noch schrecklicher als der Wucher selbst. Sie wollten sie durch Geld und Unterstützung unterwerfen. Mit dieser Haltung nahmen sie ihre Forderungen ein und nahmen geradezu die Gestalt Shylocks an; dabei behandelten sie die Schuldner demütigend. Die Götzendiener verhielten sich ebenso. Diese bitteren Erfahrungen mussten auch der Gesandte Allahs und seine Gefährten selbst machen. Viele derartige Begebenheiten sind in den Geschichts- und Sīra-Werken festgehalten. Diejenigen, die ihr Leben zum Wohl der Welt geopfert hatten, ertrugen so viel Leid und Not. Selbst unter diesen äußerst verzweifelten Umständen ließ der Glaube der Soldaten des Islam und ihr Ringen um die Verwirklichung ihres Ziels nicht im Geringsten nach.

Der Gesandte Allahs hatte seinen engen Gefährten und persönlichen Helfer Bilāl angewiesen, die im Bayt al-Māl eingehenden Vermögenswerte für die Bedürfnisse der islamischen Bewegung und ihrer Kämpfer großzügig auszugeben. Bilāl tat dies auch. Einmal trafen neunzigtausend Dirham ein, die auf einer Matte aufgeschichtet wurden. Der Gesandte Allahs verteilte dieses Geld noch im Sitzen unter den Bedürftigen. Kein einziger Dirham blieb übrig. Nachdem die Verteilung beendet war, kam ein Hilfesuchender; da ordnete er an, für ihn ein Darlehen aufzunehmen. Abū Huraira berichtet: Einmal lagen vor Bilāl Datteln aufgeschichtet. Der Gesandte Allahs fragte: „Wessen Besitz ist das?“ Bilāl antwortete: „Ich habe sie für einen unbekannten Bedarf in der Zukunft zurückgelegt.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Weißt du nicht, dass dich der Rauch der Hölle am Tag der Auferstehung erreichen könnte, weil du diesen Besitz auf diese Weise zurückhältst? Verteile auch ihn. O Bilāl, fürchte nichts von Seiten des Herrn aller Macht.“ Bilāl berichtet: Einmal kam ein Götzendiener aus Medina zu ihm und sagte: „Ich besitze viel Vermögen. Nimm davon, wann immer du etwas brauchst.“ Bilāl begann, von ihm Darlehen aufzunehmen. Eines Tages, als Bilāl die Gebetswaschung vollzogen hatte und sich auf den Gebetsruf vorbereitete, kam jener Kreditgeber plötzlich mit einigen Geschäftsleuten und schrie: „Du Abessinier!“ Bilāl trat auf ihn zu. Der Mann geriet sehr in Erregung und begann, ihn zu beschimpfen. Er warnte ihn, dass der Monat beinahe zu Ende sei. Wenn er das Darlehen nicht fristgerecht zurückzahle, werde er ihn (nach dem Brauch des vorislamischen Arabien) zum Sklaven machen. Dann werde er in seinen früheren Zustand zurückkehren. Bilāl sagt: „Durch dieses demütigende Verhalten fühlte ich mich ebenso bedrängt wie jeder andere angesehene Mann.“ Nach dem Nachtgebet begab sich Bilāl zum Gesandten Allahs, um ihm von diesem schmerzlichen Vorfall zu berichten. Da er keine Möglichkeit sah, das Darlehen zurückzuzahlen, äußerte er den Wunsch, zu verschwinden, und sagte: „Ich werde zurückkehren, sobald die Rückzahlung des Darlehens geregelt ist.“ Doch noch bevor Bilāl seinen Wunsch verwirklichen konnte, ließ der Gesandte Allahs ihn am nächsten Morgen rufen. Als er dort ankam, sah er vier mit Waren beladene Kamele, die vom Herrscher von Fadak geschickt worden waren. Der Gläubiger wurde gerufen und das Darlehen zurückgezahlt; die übrigen Waren wurden wie üblich verteilt.

Abū Hadr al-Aslamī, ein Kämpfer der islamischen Bewegung, war bei einem Juden verschuldet. Für die Rückzahlung des Darlehens besaß er nichts außer der Kleidung, die er am Leib trug. Abū Hadr bat den Juden um mehr Zeit. Doch der einem Shylock gleichende Kreditgeber war nicht bereit, ihm auch nur einen Augenblick Aufschub zu gewähren. Er packte Abū Hadr, brachte ihn zum Gesandten Allahs und sagte: „Sorgt dafür, dass meine Forderung bezahlt wird.“ Der Gesandte Allahs sagte zu Abū Hadr: „Begleiche das Darlehen.“ Abū Hadr brachte eine Entschuldigung vor. Doch als der Gesandte Allahs die Unnachgiebigkeit des Kreditgebers sah, sagte er: „Zahle das Darlehen zurück, wie auch immer du kannst.“ Der Gefährte sagte erneut: „Der Feldzug von Chaibar steht bevor. Ich hoffe, dass es nach meiner Rückkehr von dort möglich sein wird, es zurückzuzahlen.“ Der Gesandte Allahs befahl ihm erneut mit Nachdruck, sich aus dieser Notlage zu befreien. Schließlich zog der Jude Abū Hadr sogar die Kleidung aus, die er am Leib trug, und ging fort. Abū Hadr nahm seinen Turban ab und band ihn sich um die Hüfte. Seht, wie grausam der jüdische Kreditgeber wegen eines so geringen Darlehens vorging: Er gab sich erst damit zufrieden, nachdem er dem Schuldner die Kleidung vom Leib genommen hatte.

Hazrat Dschabir ibn Abdullah war eine weitere bekannte Persönlichkeit der islamischen Bewegung. Er lebte in Medina und war recht wohlhabend. Dennoch war er gelegentlich gezwungen, bei einem jüdischen Geldverleiher ein Darlehen aufzunehmen, wenn die Notwendigkeit es verlangte. Einmal fiel die Dattelernte schlecht aus, sodass er das Darlehen nicht rechtzeitig zurückzahlen konnte; daher ließ er sich bis zur nächsten Ernte Aufschub gewähren. Doch auch die nächste Ernte fiel schlecht aus. Der Geldverleiher war nicht bereit, ihm noch mehr Zeit zu geben. Schließlich begab auch er sich zum Gesandten (s.a.), um seine schwierige Lage zu schildern. Der Gesandte (s.a.) ging mit einigen Gefährten zum Haus des Juden. Er bat ihn, Dschabir noch etwas Zeit zu gewähren. Doch der Jude lehnte ab. Der Gesandte (s.a.) ging eine Weile hierhin und dorthin, kam dann wieder zurück und sprach erneut mit dem Juden. Doch das Herz des hartherzigen Geldverleihers wurde nicht weich. Danach schlief der Gesandte (s.a.) eine kurze Zeit. Als er erwachte, wiederholte er seine Bitte. Doch auch diesmal blieb der Mann unnachgiebig. Schließlich ging der Gesandte (s.a.) in Dschabirs Dattelhain, stellte sich dort hin und sagte zu ihm: »Ernte die Datteln.« Nachdem die Datteln geerntet worden waren, fand man mehr Datteln als erwartet. Das Darlehen konnte zurückgezahlt werden, und sogar etwas blieb übrig. (Sirat an-Nabi, Schibli Nu’mani)

Die persönliche Rüstung des Gesandten (s.a.) war bei einem Juden verpfändet. Bis zu seinem Tod hatte er nicht einmal genügend Geld angespart, um diese Rüstung auszulösen. (Sirat an-Nabi, Schibli)

Einmal kam ein Beduine zum Gesandten (s.a.) und begann, ihn zur Rückzahlung eines Darlehens zu drängen. Seiner gewohnheitsmäßigen Art entsprechend sprach er äußerst erregt. Die Gefährten erklärten ihm: »Achte darauf, mit welch bedeutender Persönlichkeit du sprichst.« Er erwiderte: »Ich will doch nur zurück, was mir zusteht.« Der Gesandte (s.a.) sagte zu den Gefährten: »Ihr solltet ihn unterstützen, denn das steht ihm zu.« Danach ordnete er an, ihm seinen Anspruch zu begleichen, und ließ ihm etwas mehr geben, als ihm zustand. (Sirat an-Nabi, Schibli)

Der Vorfall mit Zayd ibn Sahna vermittelt weitere Vorstellungen von dieser Notlage. Er war ein jüdischer Gelehrter und prüfte anhand verschiedener Zeichen die Wahrheit des Anspruchs des Gesandten (s.a.) auf das Prophetentum. Er berichtet: Ein Beduine kam und traf den Gesandten (s.a.). Er sagte: »Mein Stamm ist Muslim geworden. Als ich sie zum Islam einlud, sagte ich ihnen, dass Allah ihnen großen Reichtum geben werde, wenn sie den Islam annehmen. Unglücklicherweise ist nun jedoch eine Hungersnot eingetreten. Wenn ihnen jetzt nicht geholfen wird, besteht die Gefahr, dass sie den Islam wieder verlassen.« Der Gesandte (s.a.) blickte fragend zu Hazrat Ali. Hazrat Ali (r.a.) sagte: »Im Augenblick ist nichts vorhanden.« Zayd ibn Sahna sagte: »Nehmt von mir achtzig Mithqal Gold und gebt mir dafür zur Erntezeit Datteln.« Die Vereinbarung wurde geschlossen. Der Gesandte (s.a.) nahm das Gold und gab es dem Beduinen. Eines Tages, als bis zum vereinbarten Termin noch zwei oder drei Tage verblieben, hatte der Gesandte (s.a.) mit einigen Gefährten das Totengebet für jemanden verrichtet und stand an einer Mauer. Da ergriff Zayd das Hemd und den Umhang des Gesandten (s.a.) und sagte in äußerst grobem Ton: »O Muhammad! Warum begleichst du meine Schuld nicht? Bei Allah, ich weiß genau, was für Leute ihr, die Nachkommen Abd al-Muttalibs, seid. Ihr seid daran gewöhnt, Schulden nicht zurückzuzahlen.«

Hazrat Umar (r.a.) blickte Zayd scharf an. Dann sagte er: »O Feind Allahs! Bei Allah, wenn ich nicht befürchten müsste, vom Gesandten dafür getadelt zu werden, würde ich dir den Kopf abschlagen.« Der Gesandte (s.a.) sagte zu Hazrat Umar: »Umar! In dieser Situation hättest du mir einerseits raten sollen, die Schuld ordnungsgemäß zu begleichen, und andererseits diesem Mann empfehlen sollen, seine Forderung nach Rückzahlung in anständiger Weise vorzubringen.« Dann sagte er: »Geh und gib ihm, was ihm zusteht. Und gib ihm statt der Zurechtweisung zusätzlich zwanzig Saʿ Datteln.«

In Wirklichkeit war dieser Vorfall die letzte Prüfung des Gesandten (s.a.) durch Zayd ibn Sahna hinsichtlich seines Prophetentums. Er gab Hazrat Umar seine Identität bekannt und nahm ihn zum Zeugen, als er den Islam annahm. Danach spendete er die Hälfte seines Besitzes der muslimischen Bevölkerung. Dieser Zayd ibn Sahna genoss unter den jüdischen Geldverleihern besonderes Ansehen. Doch auch aus seinem Vorfall geht hervor, in welch großer finanzieller Not sich die islamische Bewegung und ihre Mitglieder befanden, wie viele Darlehen sie aufgrund dieser Not aufnehmen mussten und wie harte Behandlung sie vonseiten der Gläubiger ertragen mussten.

Die Juden und die wohlhabenden Götzendiener setzten einerseits die Waffe des Geldverleihs gegen die islamische Bewegung ein. Andererseits versuchten sie auch, die Muslime davon abzuhalten, auf Allahs Weg Geld auszugeben, damit die Bewegung durch finanzielle Not geschwächt würde. Zu diesem Zweck verspotteten sie einerseits die Verse, die zum Spenden auf Allahs Weg aufforderten. Sie sagten: »Seht nur, auch der Allah der Muslime ist bankrott geworden und bittet um ein Darlehen.« Manchmal sagten sie auch: »Allahs Hand ist in Ketten gelegt.« All diese Worte wurden aus den Mündern der Juden weitergetragen, auch von den Heuchlern ausgesprochen und vergifteten die gesamte Atmosphäre. Andererseits trafen sie Muslime, die an das Spenden gewöhnt waren, und sagten: »He, warum vergeudet ihr euren Besitz? Welchen Nutzen habt ihr davon, ein paar Bettler aus Mekka zu ernähren? Kümmert euch um eure eigenen Kinder. Investiert euer Vermögen in Handel und Geschäfte. Wo habt ihr nur einen derart törichten Bereich für eine Vermögensanlage gefunden?« Über diese Juden und Heuchler, die solche Verleumdungskampagnen betrieben, heißt es im Koran: ******** »Das heißt: Sie lehren die Menschen Geiz. Sie kamen zu den Ansar und setzten sich zu ihnen, wobei sie die Gestalt von Ratgebern annahmen, und sagten: ›Verstreut euer Geld nicht auf diese Weise. Dadurch werdet ihr in Armut und Not geraten. Gebt daher nicht so viel Geld für die islamische Bewegung aus. Versucht zu verstehen, wie sich die Lage entwickeln wird.‹« (Sirat Ibn Hischam)

Unter den Angehörigen der von den Juden gelenkten fünften Kolonne wurde andererseits geflüstert: »Hört auf, Geld für die Gefährten des Gesandten (s.a.) auszugeben. Sie sollen sich zerstreuen.« (Sure al-Munafiqun, Vers 7)

Was für ein weitblickender, intrigantes Plan war das! Einerseits bemühte man sich, die Quelle der Bereitschaft und des Eifers zum Spenden auf Allahs Weg zu verschließen. Andererseits versuchte man als Geldverleiher, die Islamische Bewegung durch die schylockartige Unterdrückung der eigenen Gläubiger zu zerschmettern. Wäre dieser Plan erfolgreich gewesen, hätte man die Islamische Revolution besiegen können, ohne ihr auf dem Gebiet des Glaubens, der Vernunft sowie der Taten und des Charakters entgegentreten zu müssen. Doch da die Angelegenheit mit Allah, dem Allwissenden und Allmächtigen, verbunden war, wurden durch Seine feine Planung die Verschwörungen der Feinde des Islam vereitelt.

Der Kern dieser Geschichte liegt im geduldigen, vorbildlichen Charakter und Verhalten des Gesandten Allahs und der ehrwürdigen Gefährten, das als Antwort auf die niederträchtige Unterdrückung durch die Gegner zum Ausdruck kam. Selbst unter äußerst anarchischen und schmerzhaften Umständen ließen sie ihre hohen moralischen Maßstäbe nicht im Geringsten sinken. Dass sie so große und strahlende Vorbilder der Menschlichkeit waren, lässt sich selbst beim Nachdenken kaum ermessen.

Die von den Juden gebildete fünfte Kolonne

Tausendfache Zeugnisse der Menschheitsgeschichte belegen: Wann immer eine Bewegung mit Aufrichtigkeit und Hingabe für die Ziele der Ehrlichkeit und des Wohls der Menschheit geführt wurde und sich auf das Ziel des Sieges zubewegte, gehörten zu den Kräften, die sich ihr entgegenstellten, stets jene, die offen in den Kampf eintraten und unter Einsatz zeitgemäßer Waffen bis zum letzten Augenblick weiterkämpften. Die andere Kraft bestand aus anarchistischen und destruktiven Menschen, die aufgrund ihrer charakterlichen Minderwertigkeit und Niedertracht auf die niedrigste Stufe der Feigheit und Hinterlist herabsanken und sich in den verborgenen Zufluchtsstätten der Heuchelei dem Ausspinnen von Verschwörungsnetzen widmeten. Das reaktionäre Verhalten der Götzendiener von Mekka gehörte zur erstgenannten Kraft, während die Juden von Medina und ihre Gefolgsleute die letztgenannte Kraft bildeten.

Da die Islamische Bewegung die Gestalt eines Staates angenommen hatte, der sich vor aller Augen entwickelte und dem sich aus allen Richtungen gewissenhafte, tatkräftige und arbeitsame Menschen anschlossen, wurden die gegnerischen Kräfte Opfer einer schrecklichen Reaktion aus Minderwertigkeitsgefühl und Rachsucht. Doch sie hatten keine Möglichkeit, die in ihrem Inneren brodelnde Erregung zum Ausdruck zu bringen und Einfluss auf die Lage zu nehmen. Im Gegensatz zum islamischen Glauben und seinen Idealen besaßen die Juden keine vernünftige, einfache, die Bevölkerung anziehende und Begeisterung auslösende konstruktive Lehre. Sie verfügten lediglich über einige leblos-hohle Glaubensvorstellungen, die fähig waren, den Lauf der Geschichte aufzuhalten und in der menschlichen Natur Lähmung und Erstarrung hervorzurufen. Die Juden besaßen keine Bevölkerungsschicht mit einem gleichwertigen moralischen Charakter, die sich vor den Menschen hätte behaupten können, die die Islamische Bewegung mit ihrem hohen moralischen Charakter gesammelt hatte. Die ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte lagen moralisch sogar unter dem niedrigsten wünschenswerten Niveau der Menschlichkeit. Ihnen war keine Inspiration und keine treibende Kraft geblieben, die sie aus diesem verfallenen Zustand hätte emporziehen können. Der Mensch alten Zuschnitts, den das Judentum hervorgebracht hatte, war dem neuen Menschen, den der koranische Aufruf zum Wiederaufbau der Menschheit geschaffen hatte, nicht einmal gewachsen. Mochten sie durch Propaganda noch so viele Missverständnisse und Feindschaften erzeugen, auf dem Gebiet der Argumente musste die jüdische Kraft immer weiter zurückweichen. Ganz gleich, was sie von sich selbst dachten: Die Kräfte der Geschichte standen auf der Seite der Islamischen Bewegung. Auf dem Schlachtfeld der Wirklichkeit trafen die Juden ständig heftige Schläge. Die damalige menschliche Gesellschaft schritt, sie hinter sich lassend und die Fahne der islamischen Lebensordnung schwenkend, voran. Auf dem politischen Feld hatten die Juden den Wunsch, die Islamische Revolution zu zerstören. Doch der Freundschaftsvertrag band ihnen die Hände. Unter diesen Umständen waren sie völlig unfähig und hilflos geworden. Das Gefühl dieser Unfähigkeit und Hilflosigkeit verband sich mit den grundlegenden Eigenschaften ihres Charakters und nahm die Gestalt der Feigheit an. Die rivalisierende Haltung, die sich unter den Bedingungen der Hilflosigkeit und Feigheit im Menschen regt, führt ihn stets über den Weg von Neid und Hass in die verborgenen Zufluchtsstätten der Heuchelei. Statt den Gegner von vorn anzugreifen, versetzt er ihm daher heimliche Schläge von hinten. Statt offenen Raubes schmiedet er Pläne für Einbruchsdiebstahl. Diese feige Rolle nahm die jüdische Gemeinschaft ein.

Die tatsächlichen Umstände schufen zwei förderliche Voraussetzungen für das Auftreten eines verabscheuungswürdigen Heuchlerkreises. Erstens die rachsüchtige Haltung der jüdischen Kreise und ihrer Gefolgsleute. Da diese Haltung nicht zu einem direkten Angriff fähig war, wurde die verborgene Zuflucht der Heuchelei aktiviert. Zweitens begannen viele angesichts der wachsenden Macht des Islam auf diesem heimlichen Weg einzudringen, um ihre eigene Zukunft zu gestalten.

Diesen heimlichen Weg hatte der jüdische Verstand eröffnet. Ihre angesehenen Anführer verbargen ihre feindselige Gesinnung, legten den Mantel des Islam an und begannen, in die islamische Organisation einzudringen. Die folgenden bedeutenden Persönlichkeiten der Banu Qaynuqa traten als „fünfte Kolonne“ in den Islam ein:

(1) Saʿd bin Hanif (2) Zaid bin Lusait (3) Nuʿman bin Aufa bin Amr (4) Rafi bin Huraimala (5) Rifa bin Yared bin Tabut (6) Salsala bin Barham (7) Kinana ibn Suraiya.

Unter ihnen war Zaid ibn Lusait derjenige, der auf dem Markt der Banu Qainuqa einen Streit mit Umar angezettelt hatte. Außerdem hatte dieser Mann, als die Kamelstute des Gesandten Allahs verloren gegangen war, spöttisch gesagt: „Er pflegt doch Nachrichten aus dem Himmel zu verkünden, weiß aber nicht einmal, wo sich seine Kamelstute jetzt befindet!“ Darauf hatte der Gesandte Allahs gesagt: „Außer dem, was Allah mir mitteilt, weiß ich nichts. Nun hat Allah mich über die Kamelstute informiert. Sie befindet sich auf jenem Feld, und das Seil ihres Halfterzaums hat sich an einem Baum verfangen.“ Als die Gefährten sich auf die Suche machten, sahen sie mit eigenen Augen genau diesen Zustand vor.

Rafi ibn Huraimala war ein Heuchler von solch hohem Rang, dass der Gesandte Allahs an dem Tag, an dem er starb, sagte: „Heute ist einer der führenden Anführer der Heuchler gestorben.“ Auch Rifa ibn Zaid ibn Tabut war ein solcher Mann. Als die Menschen auf der Rückkehr vom Feldzug gegen die Banu al-Mustaliq von einem Sturm überrascht wurden, bekamen sie Angst. Der Gesandte Allahs beruhigte sie und sagte: „Dieser Sturm ist gekommen, um einen Anführer der Heuchler zu bestrafen.“ Nach ihrer Ankunft in Medina erfuhren alle, dass Rifa gerade in diesem Sturm den Tod gefunden hatte. (Sira Ibn Hischams, 2. Band)

Bemerkenswert ist, dass alle, die sich den Reihen der Heuchler angeschlossen hatten, alt und wohlhabend waren. Sie waren selbstsüchtig und hartherzig. Die jungen Männer waren gewöhnlich Anhänger der islamischen Bewegung. Nur einen einzigen jungen Mann, Qais ibn Amr ibn Sahl, findet man in den Reihen der fünften Kolonne.

Dieser Kreis war keineswegs so begrenzt. Tatsächlich waren diese wenigen Personen die Anführer und Befehlshaber der fünften Kolonne. Aus ihrem eigenen Bekanntenkreis rekrutierten sie immer neue Heuchler. Außerdem suchten sie unter den Muslimen gezielt nach schwachen Menschen, beeinflussten und benutzten sie, säten Zweifel unter ihnen und verschlechterten die Atmosphäre in den Versammlungen der Muslime, indem sie bei wichtigen Themen Spott und Hohn einbrachten. Sie gingen in die Moschee, hörten sich alle wichtigen Gespräche an und erstatteten darüber in ihren eigenen Versammlungen Bericht. Nachts hielten sie Versammlungen zu Verschwörungen ab; neue schädliche Pläne wurden geschmiedet und auf immer neue Weise umgesetzt. Das von den Heuchlern an den Tag gelegte absonderliche Verhalten war dem Gesandten Allahs und den Muslimen aufgrund seiner eigenen Unnatürlichkeit wohlbekannt. Zugleich wurden durch die Offenbarung auf jeder Ebene ihre Gedanken, ihre Handlungen und Verschwörungen sowie sogar besondere Anzeichen ihres zu Verbrechen neigenden Gewissens kenntlich gemacht. Einmal wurde das Verhalten dieser Anführer der Heuchler in der Prophetenmoschee unerträglich. Bei einer allgemeinen Versammlung saß dieser Kreis völlig abgesondert und tuschelte unter sich. Als der Gesandte Allahs dies sah, befahl er ihnen, die Moschee zu verlassen. Einige waren so eng miteinander verbunden, dass sie Händchen haltend und einander umarmend hinausgewiesen wurden.

Die zentrale Führung dieses Heuchlerkreises konzentrierte sich auf die Person Abd Allah ibn Ubayy. Dieser Mann war der Hauptbösewicht in dem Schauspiel der Verleumdung gegen Aischa. Hass, Feindschaft und Rachsucht gegen die islamische Revolution waren in seinem Innersten verwurzelt. Den eigentlichen Grund für diesen unheilbaren Hass und diese Feindschaft hören wir aus dem Mund von Usaid ibn Hudair. Während des Feldzugs gegen die Banu al-Mustaliq sagte er zum Gesandten Allahs über Abd Allah ibn Ubayy:

„O Gesandter Allahs! Sei ein wenig nachsichtig mit den schmerzvollen Gefühlen dieses Mannes. Als du in Medina eintrafst, hatten wir bereits alle Vorbereitungen getroffen, um ihn auf den königlichen Thron zu setzen. Für ihn wurde eine Krone angefertigt. Durch dein Kommen wurde all seine Herrlichkeit zunichtegemacht. Der Ärmste lässt nun seinen Groll heraus.“ (Tafhim al-Qur’an, Einleitung zur Sure an-Nur)

Menschen, deren Pläne durch eine Daʿwa oder Bewegung vereitelt werden und deren Interessen scheitern, obwohl sie bereits an der Schwelle zum Erfolg standen, tragen Gift in ihrem Herzen und quälen sich ihr ganzes Leben lang. Ein solcher besiegter Rivale kann dem Gegner niemals vergeben. So war es auch mit dem Islam. Abd Allah ibn Ubayy trug die bittere Erinnerung an sein Scheitern vom ersten Tag an mit sich und trug sie sein ganzes Leben lang. Er nahm von Anfang an den Islam an, um sich innerhalb dieser neuen Macht einen Platz zu schaffen und sich in ihr Schritt für Schritt bis zur höchsten Stufe von Macht und Führung emporzuarbeiten. Doch wer innerhalb dieses Systems irgendeinen Weg beschreiten wollte, musste den Weg des Glaubens und der guten Werke gehen. Daher blieb Abd Allah ibn Ubayy nichts anderes übrig, als als Heuchler aufzutreten. Anfangs blieb seine Heuchelei verborgen. Doch eines Tages trat diese schmutzige Krankheit seines Herzens durch die Umstände öffentlich zutage.

Eines Tages besuchte der Gesandte Allahs den kranken Gefährten Saʿd ibn Ubada. Er ritt auf einem Esel, und hinter ihm saß Usama ibn Zaid. Dieser Usama berichtet, dass Abd Allah ibn Ubayy unterwegs an einem Ort saß und eine Versammlung abhielt. Um ihn herum saßen nur Angehörige seines Stammes. Als er den Gesandten Allahs dort vorbeikommen sah, wandte er sich verärgert ab. Der Gesandte Allahs ging zu ihm und grüßte ihn. Dann hielt er kurz inne, rezitierte einen Abschnitt aus dem Qur’an, lud zum Islam ein, erinnerte an Allah und warnte ihn vor seinem Zorn. Abd Allah ibn Ubayy saß schweigend und mit angehaltenem Atem da. Doch als der Gesandte Allahs seine Worte beendet hatte und weiterging, schrie er in äußerst unhöflicher und unanständiger Sprache: „He, du da! Diese Art, zu sprechen, ist nicht richtig. Bleib doch in deinem eigenen Haus sitzen. Wer zu dir kommt, dem kannst du sagen, was du willst. Belästige aber niemanden, der nicht zu dir kommt. Geh nicht zu jemandes Haus und dränge ihm ungefragt eine Einladung auf, die ihm nicht gefällt.“ Sehen Sie, wie jedes Wort von Gift erfüllt ist! Was für eine schmutzige und verletzende Sprache und was für eine aufwieglerische Stimmung!

Tatsächlich stammten diese Worte nicht von der Person Abdallah ibn Ubayy. Sie waren der giftige Ausbruch der dem Untergang geweihten Dschāhilīya gegen die bevorstehende Ära des Glücks und des Wohlstands.

Der Gesandte hörte sich diese niederträchtigen Reden aus seiner hohen und ehrenvollen Stellung heraus an. Als er sie hörte, mag in seinem großmütigen Herzen vielleicht eher Mitleid als Zorn aufgekommen sein.

Auch Abdallah ibn Rawaha, ein Mitglied der muslimischen Gruppe, war bei der Versammlung anwesend. Sein Ehrgefühl bewegte ihn dazu, seine Pflicht zu erfüllen. Mit scharfer Stimme erwiderte er dem Anführer der Heuchler: „Warum sollte der Gesandte nicht kommen? Wir wollen ihn bei uns haben. Er wird in unsere Häuser und zu unseren Versammlungen kommen. Wir lieben ihn, und durch ihn hat Allah uns geehrt.“

Nachdem der Anführer der gesamten Menschheit unterwegs diese Erfahrung gemacht hatte, besuchte er Sa’d ibn Ubada. Als Sa’d ungewöhnliche Anzeichen in seinem Gesicht bemerkte, fragte er nach dem Grund. Der Gesandte schilderte ihm den Vorfall. Auch Sa’d erklärte den Hintergrund: „Als Allah dich nach Medina brachte, stellten wir gerade eine Krone für ihn her. Doch dann bist du gekommen und hast den Traum von seiner Herrschaft zunichtegemacht.“ Damit wollte er verdeutlichen, dass seine Reaktion verständlich sei. Es sei besser, ihr keine Bedeutung beizumessen.

Dieser Mann trat auf der Bühne der Geschichte als Hauptschurke des gesamten Dramas der Heuchelei auf. Er war dessen eigentlicher Drahtzieher. Hinter ihm standen die Segnungen einflussreicher Anführer. Hinter diesen wiederum standen Gruppen bewusster Heuchler und unreifer Muslime. Hinter allen standen unwissende und einfältige Beduinen. Hinter jedem reaktionären Schritt gegen die islamische Bewegung standen nacheinander die Beiträge dieser verschiedenen Gruppen. Hinter all dem Widerstand und der Gegenwehr, denen die Muslime in Medina ausgesetzt waren, sowie hinter allen Verschwörungen, denen der Gesandte begegnen musste, stand in großem Maße die entstellte und zerstörerische Kraft der von den Juden beeinflussten Heuchler. Auch wenn die Führung sämtlicher feindseliger Aktivitäten in den Händen der Juden lag, spielten doch faktisch jene Heuchler die wichtigste Rolle bei all den negativen Ereignissen, die dazu herbeigeführt wurden, dem Gesandten den Weg zu versperren; sie dienten den Juden als Marionetten.

Propagandistische Aktivitäten

Wenn eine untätige, anarchistische Gruppierung mit einer reformerischen und aufbauenden Bewegung konfrontiert wird, stürzt sie sich mit aller Hartnäckigkeit auf deren Führer und Aktivisten. Selbst wollen sie nichts tun. Weder Allah noch dem Volk gegenüber empfinden sie irgendeine Verantwortung. Deshalb setzen sie ihre gesamte Kraft und ihr ganzes Talent mühelos für negative Aktivitäten ein. Wie Geister umzingeln diese Leute die Führer und Aktivisten reformerischer und aufbauender Bewegungen von allen Seiten und versuchen, mit einem Fernglas nach ihren Fehlern zu suchen. Sie unterziehen jedes ihrer Worte, jede ihrer Taten und jedes Ereignis einer mikroskopisch genauen Analyse. Sobald sie dann auch nur die geringste Abweichung oder einen noch so kleinen Fehler entdecken, beginnen sie unter großem Lärm zu verkünden: „O ihr Menschen! Seht, sie sind in Irreführung, Entstellung und Unglauben verstrickt. Diese und jene Handlung widerspricht den Gelehrten der frühen Zeit; sie ist eine Beleidigung der großen Imame und eine Kritik an den großen Frommen.“ Wenn aus blindem Eifer des Widerstands heraus ein guter Mensch und seine gemeinnützige Arbeit geschädigt werden sollen, werden einerseits die Mängel jeder guten Tat aufgezeigt. Andererseits werden selbst geringfügige Fehler derjenigen, die tätig sind, maßlos aufgebauscht, öffentlich bekannt gemacht und dazu benutzt, die öffentliche Meinung aufzuwiegeln. Die größte Gelegenheit bietet sich den Saboteuren, wenn ein Ereignis gegen die falschen Vorstellungen, den Aberglauben und die schlechten Bräuche der einfachen Menschen verstößt, selbst wenn es richtig und gerecht ist. Es ist allgemein bekannt, dass reformerische, aufbauende und revolutionäre Bewegungen sich gegen viele beliebte Dinge wenden müssen. Daher findet sich für feindselige Propaganda immer irgendein Anlass. Der Gesandte und die ehrwürdigen Gefährten waren seitens der Juden genau dieser Situation ausgesetzt. Jeden Morgen und jeden Abend kam es zu irgendeinem Aufruhr, und es wurde irgendeine verleumderische Propaganda betrieben.

Der Vorwurf des Machtstrebens

In jeder Epoche erheben die Gegner gegen jeden, der das Banner der Wahrheit trägt, den Vorwurf, er sei ein machtgieriger Mensch, um seine Aufrichtigkeit und Hingabe mit dem Makel irgendeines persönlichen Interesses zu beflecken. Er wolle etwas Großes werden. Gegen Moses und Aaron wurde genau dieser Vorwurf erhoben: Sie wollten den staatlichen Thron an sich reißen. Über Jesus wurde das Gerücht verbreitet, er wolle König der Juden werden. Als die Delegation aus Nadschran eintraf, verleumdeten die Juden den Gesandten Allahs und behaupteten, er spiele mit dem Leben so vieler Menschen, nur um die Stellung einzunehmen, die Jesus innegehabt habe. Er wolle, dass die Christen und andere begännen, ihn zu verehren. Beachten Sie: Der Gesandte Allahs hat niemals eine derartige Forderung erhoben. Er hat nicht einmal den Wunsch angedeutet, einen solchen Thron oder ein solches Amt zu erlangen. Dennoch ersannen und erfanden die Gegner aus ihrer blühenden Fantasie die haltlose Anschuldigung, Muhammad wolle letztlich, dass man ihn ebenso verehre wie Jesus. Was macht es schon, dass er dies nicht mit dem Mund fordert? In seinem Herzen müsse sich diese Forderung gewiss befinden; Anzeichen dafür seien erkennbar, dass er sie früher oder später erheben werde. Gerade weil der Delegation aus Nadschran solche unsinnigen Behauptungen zu Ohren gebracht worden waren, fragte ein Mitglied dieser Delegation, Abū Nāfiʿ al-Qarazī, den Gesandten Allahs offen: „Wollen Sie, dass die Muslime Sie ebenso verehren, wie die Christen Jesus verehren?“ Ein anderes Mitglied fragte: „Verlangen Sie von uns Verehrung und Anbetung, und rufen Sie uns deshalb zu sich?“ Er antwortete: „Ich suche Zuflucht bei Allah davor, dass ich jemand anderen als Allah anbete oder zur Anbetung eines anderen aufrufe. Allah hat mich weder zu diesem Zweck gesandt noch mir dies befohlen.“ (Sīrat Ibn Hišām, Band 2.) An diesem Punkt verkündete auch der Koran unmissverständlich: „Es steht keinem Menschen zu, dass Allah ihm das Buch, die Weisheit und das Prophetentum gibt und er dann zu den Menschen sagt: ‚Seid statt Allah meine Diener.‘“

Der Vorwurf der Verunglimpfung allgemein anerkannter religiöser Symbole

Nachdem der Führer der Menschheit, der Gesandte Allahs, ausgewandert und nach Medina gezogen war, erwachte in Mekka erneut der Wunsch nach Vergeltung, und man dachte fortwährend darüber nach, einen Angriff auf Medina zu führen. Ihre Spione streiften in der Umgebung Medinas umher. Mit den Juden Medinas hatte bereits ein Briefwechsel begonnen, und ihre militärischen Einheiten drangen immer wieder bis an die Grenzen des islamischen Staates vor. Als Reaktion darauf richtete auch der islamische Staat einen Patrouillendienst ein. Militärische und zivile Einheiten patrouillierten und beobachteten die Bewegungen der Spione und Truppen der Quraisch. Medina wollte den Quraisch durch diese Aktivitäten zu verstehen geben, dass wir nicht schliefen. Zugleich wurden sie gewarnt: Wenn ihr die friedliche Ordnung stört, werden die Wege für den Verkehr eurer Handelskarawanen gesperrt.

Im Rahmen dieses Patrouillendienstes entsandte der Gesandte Allahs im Radschab des zweiten Jahres nach der Hidschra eine Truppe von acht Männern, um die Bewegungen und künftigen Pläne der Quraisch auszukundschaften. Dieser Truppe war es nicht gestattet, irgendeine militärische Maßnahme zu ergreifen. Doch sie traf unmittelbar auf eine kleine Handelskarawane der Quraisch. Die Spannung bei dieser Begegnung stieg so weit an, dass die Truppe des islamischen Staates einen Angriff ausführte und einen von ihnen tötete. Die übrigen wurden festgenommen und mit ihrer Warenladung nach Medina gebracht. Da sich dieser Vorfall nachts am Ende des Radschab und zu Beginn des Schaʿbān ereignet hatte, nutzten einerseits die Quraisch von Mekka und andererseits die Juden und Heuchler von Medina die Gelegenheit zum Zweifel und entfachten einen Sturm der Propaganda. Sie stellten den Vorfall eindeutig in Zusammenhang mit dem verbotenen Monat Radschab und begannen, die Menschen aufzuhetzen: Diese Leute wollten Allahs geliebte Diener sein, scheuten aber selbst im verbotenen Monat kein Blutvergießen. (Tafhīm al-Qurʾān)

Die Folgen dieser Propaganda waren für die Muslime äußerst schädlich. Diese kleine, junge Macht war ohnehin von allen Seiten von Feinden und Gefahren umgeben. Die Unterstützung jedes Einzelnen und jeder gesellschaftlichen Gruppe war für sie von großem Wert. Es war äußerst gefährlich, wenn sich in Arabien die Vorstellung verbreitete, sie würden die Heiligkeit der verbotenen Monate verletzen. Denn die Stabilität der religiösen und wirtschaftlichen Ordnung Arabiens beruhte gerade auf der Wahrung dieser Heiligkeit. Dadurch bestand die Gefahr, dass sogar die Unterstützer der Muslime zu ihren Gegnern würden. Außerdem war diese Angelegenheit mit den empfindlichen religiösen Gefühlen der Bevölkerung verbunden und konnte daher als Anlass zur Aufwiegelung dienen. Besonders diese Propaganda war geeignet, das Vertrauen in die Gottesfurcht, Religiosität und moralische Verantwortlichkeit der Muslime zu zerstören. Der Vorfall von Nachla wurde auch aus einem weiteren Grund aus der Sicht des islamischen Staates selbst als missbilligenswert betrachtet: Der Gesandte Allahs hatte dieser Truppe nicht erlaubt, sich auf einen Zusammenstoß einzulassen. Obwohl sie keine entsprechende Anweisung erhalten hatte, ergriff sie eine Maßnahme, die den Zweck des Patrouillensystems des islamischen Staates zunichtemachen und den zu diesem Zweck ausgearbeiteten Plan beschädigen konnte. Zur Umsetzung dieses Plans wurde mit äußerster Vorsicht vorgegangen. Da der Vorfall von Nachla nun vollständig rechtswidrig und regelwidrig gewesen war, verhörte der Gesandte Allahs die betreffenden Personen streng und bestrafte sie; außerdem weigerte er sich, die festgehaltenen Gefangenen als Kriegsgefangene zu behandeln und ihre Warenladung in das Bayt al-Māl einzuzahlen.

Der islamische Staat ergriff hinsichtlich dieser regelwidrigen Maßnahme die Maßnahmen, die nach seiner eigenen Ordnung und Disziplin angemessen waren. Doch als die Gegner deswegen eine Propagandakampagne begannen, begegnete der islamische Staat ihr mit einer noch stärker auf Vernunft gegründeten, moralisch überzeugenden und klaren, zugleich aber vernichtenden Antwort. Allah selbst ließ dem Gesandten Allahs durch die Offenbarung folgende Antwort verkünden:

„Die Menschen fragen dich nach dem Kämpfen im verbotenen Monat. Sprich: Darin liegt großes Unrecht. Doch vom Weg Allahs abzuhalten, Ihn zu verleugnen, den Menschen den Zugang zur al-Masdschid al-Harām zu verwehren und deren Bewohner daraus zu vertreiben, ist bei Allah noch schwerwiegender. Und Unruhe und Verfolgung sind schlimmer als Töten.“ (Al-Baqara, 217)

Daraus wird klar ersichtlich, dass die Muslime, beeinflusst und verunsichert durch die intensive Propagandakampagne der Islamgegner, fragten, wie das Kämpfen in einem heiligen Monat aus islamischer Sicht zu beurteilen sei. Besonders beunruhigt waren diejenigen, die eine unausgewogene Vorstellung von Aufrichtigkeit und Friedfertigkeit hatten und schon beim geringsten Widerstand in Panik gerieten: Hatten wir etwa den wahren Geist des Islam und die Gottesfurcht verloren? Entfernten wir uns unter dem Einfluss einer übermäßigen Vorliebe für Politik von unserem eigentlichen Ziel und stießen dadurch selbst die Menschen von uns weg? Die Verunsicherung solcher Menschen war ungewöhnlich stark, und ihr innerer Frieden wurde zerstört. Hinter dieser Frage stand insbesondere eine solche Denkweise. In diesem Zusammenhang wurde auch den Islamgegnern eine schlagkräftige Antwort erteilt. Allah erklärte, dass die Götzendiener von Mekka, die sich schwerer Verbrechen schuldig gemacht hatten – Menschen vom Weg Allahs abzuhalten, Allah ungehorsam zu sein, den Besuchern des Heiligtums den Zutritt zu verwehren und die Bewohner des Heiligtums zu belästigen und daraus zu vertreiben –, nun als Beschützer der Heiligkeit des verbotenen Monats aufträten: Mit welchem Recht wagten sie sich überhaupt auf dieses Feld? Indirekt wurde damit auch den Juden und den Heuchlern gesagt: Bei all der Unterdrückung und Verfolgung durch die Mekkaner sowie bei deren Handlungen, durch die sie die Heiligkeit religiöser Symbole verletzten, hattet ihr geschwiegen und schweigt bis heute darüber. Und heute spielt ihr euch aufgrund eines einzelnen Vorfalls in Nakhla als solche Beschützer der religiösen Heiligkeit auf? Dabei hatte die Regierung des islamischen Staates dafür keinerlei Erlaubnis erteilt. Vielmehr war der Vorfall durch den Fehler einiger Personen geschehen. Der Herrscher des Staates verweigerte sich, aus diesem Vorfall Nutzen zu ziehen, und bestrafte die Beteiligten.

Eine historische Betrachtung dieses Vorfalls zeigt, wie die Feinde des Islam auf der Lauer liegen und nur darauf warten, beim kleinsten Fehler zum Angriff überzugehen. Sobald irgendjemand auch nur den geringsten Fehler begeht, verbreiten sie ihn unverzüglich in der ganzen Welt, versehen mit der Färbung ihrer eigenen Interpretation.

Wo jeden Augenblick in allen Angelegenheiten der Versuch unternommen wird, Verwirrung, schlechte Verdächtigungen und Aufwiegelung zu verbreiten, lässt sich leicht ermessen, unter welch großer Sorge und Anspannung sich der von Feinden umgebene kleine islamische Staat, die von seinem Gründer ins Leben gerufene revolutionäre Bewegung und ihr Leiter befanden. Die gesamte Atmosphäre war von Misstrauen, Zweifeln, verwirrenden Fragen und Einwänden erfüllt. Doch solche Hindernisse konnten den Sieg keiner idealistischen und charakterfesten Organisation jemals verhindern.

Verleumdungen über die Verfolgung eigener Interessen unter dem Deckmantel der Religion

Ich habe bereits erwähnt, dass die jüdischen Gelehrten gegen jede von Islam verwirklichte Reformmaßnahme völlig unbegründet einen Aufruhr entfacht hatten. Eine bedeutende Reform betraf die Stellung und die Rechte eines Adoptivsohnes beziehungsweise eines als Sohn Angenommenen. Auch dagegen wurde eine äußerst intensive feindselige Propaganda betrieben.

Nach den früheren religiösen und gesellschaftlichen Vorstellungen bestand in Arabien seit alters eine bedeutende traditionelle Sitte: Die Heirat mit der geschiedenen Frau eines Adoptivsohnes beziehungsweise eines als Sohn Angenommenen galt ebenso als verboten wie die Heirat mit der Ehefrau des leiblichen Sohnes. Um diese Sitte abzuschaffen, ließ Allah gemäß Seinem eigenen Plan die Ereignisse auf höchst erstaunliche Weise ihren Lauf nehmen und führte sie zu einem revolutionären Ergebnis. Der betreffende Vorgang war folgender: Im Alter von gerade einmal zehn Jahren geriet Zaid ibn Haritha in die Sklaverei. Der Gesandte Allahs erzog ihn mit so viel Zuneigung und Fürsorge, dass er in seinem Haus die Stellung eines Adoptivsohnes erlangte. Später kamen Zaids Vater und sein Bruder, um ihn abzuholen, und auch der Gesandte Allahs erlaubte ihm, mit ihnen zu gehen. Doch inzwischen hatte Zaid den Gesandten Allahs so tief lieben gelernt, dass er die Trennung dieser Beziehung nicht akzeptieren konnte und sich weigerte, mit seinem Vater zu gehen. Obwohl Zaid durch die Umstände zum Sklaven geworden war, stammte er in Wirklichkeit aus einer angesehenen arabischen Familie. Deshalb schlugen einige führende Männer Mekkas vor, ihn mit Zaynab, der Cousine des Gesandten Allahs, zu verheiraten. Doch Zaynabs Bruder war mit dieser Ehe nicht einverstanden. Denn nach den in Arabien geltenden Maßstäben und Kriterien für eine Heirat bestand diese Ehe deren Anforderungen nicht. Aus der Sicht der vorislamischen Unwissenheit haftete auf Zaids Stirn noch immer das Zeichen der Sklaverei. Außerdem galt seine Besitzlosigkeit und sein völliges Fehlen von Lebensunterhalt als ein weiterer Mangel. Der Islam hielt es für notwendig, auch diese Denkweise zu ändern. Der Gesandte Allahs, der Freund der Menschheit, bemühte sich, das Hindernis der Abstammungsdiskriminierung aus dem Weg der Eheschließung zu räumen und die gesamte islamische Gesellschaft in eine geeinte Familie zu verwandeln. Durch seine Bemühungen stürzte die Mauer dieser Diskriminierung vollständig ein, und auch der Begriff „Kufūʾ“, die familiäre Ebenbürtigkeit, erhielt eine neue Bedeutung. Mit großem Nachdruck änderte er die Sichtweise der Muslime. Er lehrte sie, dass man bei einer Heirat zuerst auf den Charakter und die Frömmigkeit der Braut achten müsse. Andere Dinge seien erst danach zu berücksichtigen. Einmal sagte er auch: Wenn ihr anstelle von Frömmigkeit und moralischem Verhalten einen anderen Maßstab festlegt, wird in der Gesellschaft großes Chaos und Unordnung entstehen. So setzte sich hinsichtlich des Begriffs „Kufūʾ“ folgende Auffassung durch: Bei der Wahl eines Lebenspartners oder einer Lebenspartnerin muss man sich daran orientieren, wer im Hinblick auf das eigentliche Ziel und den eigentlichen Zweck des Lebens der beste Gefährte sein kann und mit wem sich hinsichtlich Geschmack und Mentalität die größte Harmonie und Verbundenheit entwickeln lässt. Zahlreiche, ja die meisten Ehen wurden in der Praxis nach dieser neuen Sichtweise geschlossen. Welches Ausmaß dieser geistige und gesellschaftliche Wandel erreichte, lässt sich bereits am Heiratsantrag des Abu Talha erkennen. Abu Talha machte der Umm Sulaym einen Heiratsantrag, während er selbst noch ungläubig war. Umm Sulaym jedoch hatte inzwischen den Islam angenommen. Sie antwortete: „Du bist noch ungläubig, während ich den Islam angenommen habe. Wie können nun zwei einander widersprechende Lebensweisen miteinander vereint werden? Wenn du den Islam annimmst, werde ich von dir keine andere Brautgabe als den Übertritt zum Islam verlangen.“ Aus dieser Antwort wird deutlich, dass der Heiratsantrag auch für Umm Sulaym erwünscht war. Doch der Islam hatte eine derart revolutionäre Denkweise hervorgebracht, dass sie ihn durch Selbstüberwindung ablehnte. Zugleich ermutigte sie ihn zum Islam. Schließlich nahm Abu Talha den Islam an. Sie heirateten, und tatsächlich bestand ihre Brautgabe im Islam. (Muwatta des Imam Malik und Uswa-ye Sahabiyyat, Maulana Abdus Salam Nadwi, Allah erbarme sich seiner.)

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Geschmack und Maßstäbe in Eheangelegenheiten zu verändern begannen. Dennoch blieben einige Hindernisse bestehen. Aus diesem Grund stimmte Zainabs Bruder der vorgeschlagenen Heirat nicht zu. Auch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wollte, dass die Ehe zustande kam. Als sich ihr jedoch eine rein vorislamische Denkweise in den Weg stellte, wurde sie in den Augen Allahs und Seines Gesandten als unerwünscht gekennzeichnet. In der Sure al-Ahzab wurde dies andeutungsweise kritisiert. In Vers 35 heißt es: „Für muslimische Frauen und muslimische Männer, gläubige Frauen und gläubige Männer … hat Allah Vergebung und einen gewaltigen Lohn bereitet.“ Die zentrale Aussage dieses Verses ist, dass muslimische Frauen und Männer, die islamische Weltanschauung, islamische Gesinnung und islamischen Charakter besitzen, einander völlig gleich und wesensverwandt sind. Zwischen ihnen bestehen Nähe und Zuneigung, und sie verdienen gegenseitig Wertschätzung. Daher ist es nicht angebracht, dass vorislamische Vorstellungen von Abstammungsunterschieden und Trennung, von Vornehmheit und Adel, zu einem Hindernis zwischen ihnen werden. Doch der Hinweis beschränkte sich nicht darauf. Der folgende Vers ist noch entschiedener. Darin heißt es: Wenn Allah und Sein Gesandter, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in einer Angelegenheit eine Entscheidung getroffen haben, steht es keinem gläubigen Mann und keiner gläubigen Frau zu, dieser Entscheidung gegenüber den eigenen Vorlieben und Abneigungen oder den persönlichen Maßstäben Vorrang zu geben. „Und wer Allah und Seinem Gesandten widerspricht, ist in deutliche Irre gegangen.“ (Sure al-Ahzab 36) Das bedeutet: Wenn der Weg zur Eheschließung zwischen einem muslimischen Mann und einer muslimischen Frau erleichtert wird, ist es eine Form von Willkür gegenüber der Führung und der Entscheidung Allahs und Seines Gesandten, aufgrund alter vorislamischer Vorstellungen ein Hindernis zu schaffen. Eine solche Willkür nimmt letztlich die Gestalt der Irreleitung an. Auf diese Weise wurde in diesem Vers ein kräftiger Schlag geführt, der sein eigentliches Ziel traf. Zainabs Bruder hörte diese Verse, verstand den Hinweis und stimmte der Heirat zu. Damit waren die Fesseln der vorislamischen Maßstäbe von angeborener Vornehmheit und Nichtvornehmheit sowie von edler und nichtedler Abstammung zerbrochen.

Durch dieses Ereignis beschloss Allah, auch die verbreitete falsche Vorstellung über Adoptivsöhne abzuschaffen. Später entwickelte sich die Lage so, dass Ehemann und Ehefrau nicht miteinander auskamen. Der tatsächliche Unterschied, der zwischen ihnen bestand, beeinflusste ihre Beziehung. Beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gingen eine Beschwerde nach der anderen ein. Doch statt einer Verbesserung verschlechterte sich die Beziehung immer weiter. Schließlich begann Zaid, gegenüber dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seinen Wunsch nach Scheidung zu äußern. Der Gesandte war zutiefst beunruhigt, denn eine Ehe zerbrach, die mit dem Ziel geschlossen worden war, der Gesellschaft ein revolutionäres Beispiel zu geben. Außerdem hatten sein eigener Ansporn und sein eigener Rat zu dieser Ehe wesentlich beigetragen. Er war Zaids Vormund. Daher lag in dieser Angelegenheit eine große Verantwortung auf ihm. Wiederholt versuchte er, diese Ehe aufrechtzuerhalten und Zaid von der Scheidung abzuhalten. Doch letztlich scheiterten all diese Bemühungen. Zaid ließ sich von ihr scheiden. Schließlich entstand die Notwendigkeit, dass der Gesandte selbst Zainab heiratete. Vonseiten der Scharia bestand dagegen kein Hindernis. Wegen der früheren vorislamischen Vorstellungen bestand jedoch die Befürchtung, dass die Menschen fassungslos sein und die Gegner zugleich neues Material für ihre Hetzpropaganda erhalten könnten. Doch Allahs Plan war, dass die aus der vorislamischen Zeit überlieferte falsche Vorstellung über Adoptivsöhne sehr klar und eindeutig durch die Hand des Gesandten Allahs selbst beseitigt werden sollte, damit diese üble Sitte an der Wurzel vollständig ausgerottet würde. Im Koran legte Allah seine verborgene Sorge offen. Er sagte: „Du verbirgst in dir, was Allah doch ans Licht bringen wird. Du fürchtest die Menschen, obwohl Allah viel eher zu fürchten ist.“ (al-Ahzab 37) In milde kritischem Ton wird gesagt, dass du in deinem Inneren etwas verbirgst, was Allah unbedingt offenlegen will. Du fürchtest die Menschen; das heißt, Allah missfällt es, etwas, das nach Allahs Gesetz erlaubt ist, aus Furcht vor den vorislamischen Vorstellungen der Gesellschaft im Inneren zu verbergen. Es musste offengelegt werden, „damit für die Gläubigen keine Beschränkung hinsichtlich der Frauen ihrer Adoptivsöhne besteht, wenn diese sie verlassen haben“. (al-Ahzab 37) Das Ziel war also, die in der Gesellschaft verbreiteten alten strengen Vorstellungen über Adoptivsöhne für die Muslime endgültig aufzuheben. Um diese Fessel der vorislamischen Unwissenheit zu zerbrechen, wurde auf diese Weise der entscheidende Schlag geführt: Allah selbst ergriff besondere Maßnahmen und ließ den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Zainab heiraten.

Sobald dieses Ereignis eingetreten war, brach in den islamfeindlichen Kreisen Medinas ein gewaltiger Aufruhr aus. Sie begannen zu verkünden: „Seht ihr nun die zur Schau gestellte Frömmigkeit und Keuschheit? Er hat tatsächlich die Frau seines Adoptivsohnes geheiratet!“ Zugleich wurden allerlei Geschichten erfunden, um die Angelegenheit sensationell und schmackhaft zu machen. Die böswilligen Juden und Heuchler verbreiteten damals auch das Gerücht: „Gott bewahre, in Wirklichkeit hatte er sich in die Schwiegertochter verliebt! Deshalb zwang er sie zur Scheidung und heiratete sie anschließend selbst.“ Anmerkung: Einige feindselige Orientalisten der Neuzeit haben sämtliche schmutzigen Verleumdungen, die von den damaligen erbitterten Feinden der islamischen Bewegung verbreitet wurden, wortgetreu aus der Geschichte übernommen. Auch dieses Ereignis ist bei solchen Gelehrten und Forschern zu einer weithin anerkannten Angelegenheit geworden und wurde in ihren Büchern noch sensationeller ausgeschmückt. Angeblich habe der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Zainab plötzlich gesehen und sich in sie verliebt. Man sollte einmal darüber nachdenken: Ist der Charakter eines Menschen, der seine ganze Lebenszeit in völlig makelloser Jugend mit unablässigem Streben und unermüdlicher Arbeit verbrachte und keinen einzigen Augenblick in Ruhe verbringen konnte, nachdem er den höchsten Grad der charakterlichen Reife erreicht hatte, tatsächlich so brüchig geworden, dass er durch einen einzigen Blick den Verstand verlor und sich verliebte? Passt eine solche Erniedrigung überhaupt zu seinem gesamten Charakter? Außerdem war Zainab die leibliche Cousine des Gesandten Allahs und seit ihrer Kindheit vor seinen Augen aufgewachsen. Ihre Existenz war für den Gesandten Allahs also keineswegs etwas Neues. Es ist ebenfalls eine Tatsache, dass er selbst mit großem Bemühen ihre Heirat mit Zaid arrangiert hatte und bei dieser Ehe Zaids Vormund gewesen war. Kann diese erfundene Geschichte angesichts dieser unumstößlichen Tatsachen überhaupt irgendeine Grundlage haben – jene Geschichte, die von den Juden und Heuchlern Medinas geschaffen wurde und die Orientalisten nun erneut gegen den Islam verwenden? Besteht diese Fabel nach den eigenen Maßstäben derer, die Anspruch auf Rationalismus und Forschung erheben?

Auch diese Ehe war keine gewöhnliche Ehe, sondern wurde unmittelbar im Himmel geschlossen. Angeblich ließ er nach Belieben Offenbarungen herabkommen, um die Voraussetzungen für diese Ehe zu schaffen. Zuvor war in Glaubensfragen und in Angelegenheiten der islamischen Rechtswissenschaft viel feindselige Propaganda betrieben worden. Doch im Zusammenhang mit diesem Ereignis wurde tatsächlich eine schmutzige Hetzkampagne geführt und der vorbildliche Charakter des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, angegriffen. Es ist allgemein bekannt, dass gegen eine reformerische und aufbauende Bewegung der schwerwiegendste Angriff gerade auf moralischer Ebene geführt werden kann. Wenn die Gegner über den obersten Führer einer Bewegung behaupten, er sei ein Wüstling, scheue keine Methode, um die Begierden seiner Triebnatur zu befriedigen, und erweise keinem Maßstab des Charakters Respekt, dann kann es keinen schädlicheren Angriff geben. Es lässt sich leicht ermessen, wie viel schmutzige Propaganda die Feinde in Medina im Zusammenhang mit diesem Ereignis verbreiteten und unter welchen seelischen Qualen einige Tage dieses größten Wohltäters der Menschheit vergingen.

Diese üble Verleumdung der Juden war offenbar auch für die arglosen und gutgläubigen Muslime äußerst beschämend. Auf ihren Wegen wurden sie vielleicht mit allerlei unsinnigen Bemerkungen belästigt, und man versuchte, in ihren Herzen verschiedene Zweifel und Bedenken zu säen. Manche unreife Muslime gerieten dadurch womöglich in Verwirrung. Die unter ihnen eingeschleusten Heuchler gaben sich vielleicht als Freunde aus und verbreiteten allerlei widersinnige Behauptungen. In dieser Situation prägte Allah den Muslimen zu ihrem Trost und zu ihrer Erziehung einige Dinge fest ein. Er ließ sie wissen, dass dem Propheten (s.) hinsichtlich dessen, was Allah für ihn erlaubt hatte, keine weiteren Einschränkungen auferlegt waren. (Sure al-Ahzab 38) Er erklärte ausdrücklich, dass dieser Schritt dazu diente, den Muslimen kein Hindernis in den Weg zu legen, die geschiedenen Frauen ihrer Adoptivsöhne zu heiraten. (Sure al-Ahzab 37) Er verkündete außerdem, dass Muhammad (s.) nicht der Vater irgendeines eurer Männer ist. (Sure al-Ahzab 40) Schließlich wandte Er sich selbst an den Gesandten und sagte: „Folge nicht den Ungläubigen und den Heuchlern und lass dich durch ihre Verleumdungen nicht bekümmern. Vertraue auf Allah. Allah genügt.“ (Sure al-Ahzab 40) Auf diese Weise wurde die abscheuliche und schmutzige Verleumdung, die die Juden mit äußerst niederträchtigen Absichten verbreitet hatten, auf sehr ruhige und anständige Weise zurückgewiesen.

Eine weitere schmutzige Verleumdung

Aus dem zuvor geschilderten Ereignis wird deutlich, dass der Satan, wenn sich keine Möglichkeit bietet, die Ideale und Ziele der islamischen Bewegung von irgendeiner Seite her anzugreifen und zu schädigen, dazu verleitet, sie von hinten zu treffen. Aus der Sicht des Satans besteht die beste Methode, von hinten anzugreifen, darin, den Charakter und die Führungspersönlichkeit ihres Leiters zu beschmutzen. Deshalb wurden dem Gesandten (s.) in einer Phase die niederträchtige Verleumdung der Machtgier und in einer anderen Phase die ebenso niederträchtige Verleumdung des Eigennutzes vorgeworfen. Danach schritt diese Kampagne der Verleumdung weiter voran und machte die Familie des obersten Führers der islamischen Bewegung zum Ziel. Dabei war diese Familie als soziales und moralisches Vorbild für die gesamte Menschheit und für die gesamte muslimische Umma etabliert worden. Um diese Familie herum wurde das Gefüge der islamischen Gesellschaft errichtet. Das Zentrum dieser Familie anzugreifen, war daher der wirksamste Weg, jenes Gefüge zu zerstören. Schließlich zögerten die zerstörerischen Kräfte nicht, auch diesen letzten Schlag zu führen. Die erschütternde Geschichte dieses feindseligen Angriffs ist in den Werken des Korans, der Hadithe, der Geschichte und der Sira zum Zweck der Lehre als „Ereignis des Ifk“, also als „Geschichte der Verleumdung gegen Hazrat Aischa“, bewahrt worden.

Bevor ich die Einzelheiten des eigentlichen Ereignisses darlege, halte ich es für notwendig, zu untersuchen, wie ein derart schrecklicher Sturm einer so niederträchtigen Verleumdung in der von der islamischen Bewegung aufgebauten rechtschaffenen und tugendhaften Gesellschaft und innerhalb der ausgebildeten, gut organisierten Gemeinschaft entstehen konnte. Durch welche Lücke drang dieser furchtbare Sturm in die geschützte Festung der islamischen Organisation ein und erhielt für eine gewisse Zeit die Möglichkeit, äußerstes Entsetzen zu verbreiten?

Eine Umgebung, die Verwirrung begünstigt

Für die Entstehung von Zerstörung und Unordnung innerhalb der islamischen Gesellschaftsordnung benötigt der Satan unbedingt eine bestimmte, für ihn günstige Umgebung. Ob diese Umgebung nun aufgrund eines Mangels an Ordnung und Moral in der Gesellschaft entsteht oder aus den Zwängen der jeweiligen Lage und der äußeren Umstände hervorgeht: Sobald sich eine Gelegenheit zur Verwirrung bildet, kann die Verschwörung des Satans teilweise Erfolg haben. Im Rahmen der natürlichen Ordnung Allahs bleiben dem Satan zwangsläufig gewisse Schlupflöcher, durch die er wirken kann, ganz gleich, wie vorbildlich eine Gesellschaft auch sein mag. Im Wesen des Menschen liegen tatsächlich manche Schwächen, durch die Verwirrung und Irrwege eindringen können. Auch für die von dem Gesandten (s.) gegründete Gesellschaft kann nicht garantiert werden, dass in ihrem Inneren keinerlei Möglichkeit für anarchische Kräfte besteht, tätig zu werden. So wie ein Mensch, mag er auch noch so gesund sein, gelegentlich an Fieber, Husten und Schnupfen erkranken kann, so kann auch die reinste Gesellschaft von Krankheiten befallen werden. Von einer gesunden und lebendigen Gesellschaft darf man erwarten, dass sie ständig damit beschäftigt ist, Krankheiten vorzubeugen und Krankheitserreger zu vernichten. Man kann jedoch nicht erwarten, dass in ihr niemals irgendeine Krankheit ausbricht. Die für den Satan günstigste Umgebung in einer Gesellschaft ist eine Atmosphäre geheimer Beratungen und des Flüsterns. Eine solche Atmosphäre entsteht, wenn in einer gemeinschaftlichen Ordnung verschiedene Personen getrennt voneinander geheime Beratungen abhalten, statt vor der gesamten Öffentlichkeit offen Meinungen zu äußern, Ratschläge zu erteilen, Kritik zu üben und Fragen zu stellen. Im Koran wird diese Sache „Nadschwa“ genannt. Tatsächlich bedeutet Nadschwa, dass im gemeinschaftlichen Leben ein gefährlicher Weg eingeschlagen wird. Wenn Menschen davor zurückschrecken, offen zu handeln, muss man davon ausgehen, dass dahinter gewiss bestimmte Gründe stehen. Diese Neigung, statt Transparenz geheime Beratungen und Flüstereien zu pflegen, verwandelt sich schließlich in Verschwörung und geheime Absprachen.

Leider schufen die von den Juden angeführten Heuchler innerhalb der unter der Aufsicht des Gesandten (s.) geführten Bewegung diese Atmosphäre des Flüsterns und sorgten damit fortwährend für Verlegenheit bei den Führern und Mitarbeitern der Bewegung. Der Koran bemühte sich auch um die Besserung jener, die diese Atmosphäre schufen. Zugleich warnte er die Leiter der islamischen Organisation. Der Koran sagt:

„Siehst du nicht jene, denen geheime Beratungen untersagt worden waren, wie sie dennoch zu dem Verbotenen zurückkehren? Sie beraten sich untereinander heimlich über Sünde, Feindseligkeit und Ungehorsam gegenüber dem Gesandten. (Sure al-Mudschadala 8)

„O ihr Gläubigen! Wenn ihr euch untereinander heimlich beratet, dann plant keine sündhaften, überheblichen Handlungen und keinen Ungehorsam gegenüber dem Gesandten. Beratet euch vielmehr über Aufrichtigkeit und Gottesfurcht.“ (Sure al-Mudschādala 1)

„Das heimliche Flüstern ist ein satanisches Werk, das darauf abzielt, die Gläubigen zu belästigen. Doch ohne Allahs Erlaubnis kann es ihnen keinerlei Schaden zufügen.“ (Sure al-Mudschādala 10)

„Diese Menschen, die sich heimlich beraten, können sich den Blicken der Menschen entziehen, aber sie können sich nicht Allahs Blick entziehen. Wenn sie sich in der Dunkelheit der Nacht und im Verborgenen über Dinge unterhalten, die Allah missbilligt, ist Allah bei ihnen.“ (Sure an-Nisāʾ 108)

„Wann immer sich drei Menschen zu einer geheimen Beratung versammeln, ist Allah dort der Vierte; versammeln sich fünf, ist Allah gewiss bei ihnen, ganz gleich, wohin sie gehen.“ (Sure al-Mudschādala 7)

„Mit ihren Mündern sagen sie: Wir werden gehorchen – dem gemeinsamen Beschluss und dem Befehl des Führers. Doch wenn sie von dir fortgehen, berät sich eine Gruppe von ihnen nachts gegen deine Worte. Allah aber hält ihre Pläne schriftlich fest.“ (Sure an-Nisāʾ 8)

Diese Verse erklären unmissverständlich, dass die Menschen sich einzeln, untereinander, heimlich oder öffentlich und frei beraten dürfen, um die Unterstützung, den Gehorsam, die Umsetzung und die Beständigkeit der festgelegten Grundsätze sicherzustellen, auf deren Grundlage die islamische Gesellschaft, der islamische Staat und die islamische Organisation gemeinsam geführt werden, sowie der gesellschaftlichen Entscheidungen und gemeinschaftlichen Traditionen, die dort bestehen. Doch diese Dinge zu missachten, ihnen zu widersprechen, sie zu vereiteln, einen Aufstand gegen sie zu organisieren, Einwände zu erheben und sich zu ihrer Vereitelung voneinander abzusondern, sich geheim zu beraten und zu flüstern, ist eine so abscheuliche Sünde, dass sie den Charakter und das Ende dieser Menschen zerstört und die gesamte gesellschaftliche Ordnung in Verlegenheit bringt und mit Problemen belastet. Der eigentliche Anstifter des geheimen Aufstands und des Flüsterns ist Satan. Vor dieser Anstiftung hat der Koran die islamische Organisation gewarnt.

Ein Gegenstand der geheimen Beratungen und des Flüsterns war „der Ungehorsam gegenüber dem Befehl des Gesandten“. Tatsächlich war dies der zentrale Punkt. Im Umfeld der islamischen Bewegung in Medina bestand überhaupt keine Möglichkeit, die Bewegung selbst sowie ihre Ideale und Ziele zum Ziel von Verleumdungen zu machen und irgendeinen Schritt des Ungehorsams gegenüber Allah oder des Aufstands gegen Sein Buch zu unternehmen. Den Heuchlern blieb höchstens die Möglichkeit, Verwirrung zu stiften, indem sie sich in Auseinandersetzungen mit der Führung der islamischen Bewegung einließen und gegen den obersten Führer Erregung schürten. Die wirksamste und einfachste Methode, eine moralische Bewegung zu zerstören, kann darin bestehen, den besten Menschen unter ihnen zu verleumden.

In diesem Zusammenhang habe ich bereits gesagt, dass zuvor schon Verleumdungen wegen Selbstsucht und der Gier nach dem Führungsamt erhoben worden waren. Doch tatsächlich blieb es nicht bei konkreten Anschuldigungen; vielmehr nahm eine Kampagne der Gerüchteverbreitung (Whispering Campaign) und ein „Kalter Krieg“ eine dauerhafte Form an.

Beispielsweise wurde dem Gesandten (s.a.) später, als das System der Zakat und ihrer Verteilung offiziell eingeführt worden war, eine niederträchtige Verleumdung zur Last gelegt: Er würde die im Bayt al-Mal gesammelten Gelder nach eigenem Belieben unterschlagen. Der Sachverhalt war jedoch, dass regelmäßig Zakat und Uschr von sämtlichem angesammeltem Vermögen, Handelskapital, Vieh und landwirtschaftlichen Erträgen erhoben wurden. Dadurch sammelte sich ein gewaltiges Vermögen an einem einzigen zentralen Ort an und wurde durch die Hand des Gesandten (s.a.) verteilt. Beim Anblick dieses riesigen Reichtums wurden die Besitzgierigen gierig. Sie wollten, dass dieses Vermögen auch weiterhin, wie im Zeitalter der Unwissenheit, in den Händen der Wohlhabenden konzentriert blieb. Doch das von der islamischen Bewegung errichtete Wirtschaftssystem lenkte das Vermögen den Armen zu. Die Wohlhabenden waren über diese revolutionäre Veränderung äußerst unzufrieden. Sie konnten das islamische Wirtschaftssystem nicht direkt angreifen, das ihnen nicht die Taschen füllte, sondern ihnen kraft des Gesetzes eine „Abgabe“ namens „Zakat“ auferlegte. Um ihrem inneren Groll Luft zu machen, machten sie den Gesandten (s.a.) zum Ziel ihrer Angriffe. Sie behaupteten, der Gesandte (s.a.) gebe Vermögen für seine Anhänger und Verwandten aus und beschenke insbesondere die Muhadschirun großzügig. Mit anderen Worten: Er betreibe aus den Mitteln der Staatskasse des islamischen Staates Familien- und Verwandtenbegünstigung. Er nehme im Namen Allahs das hart erarbeitete Vermögen der einfachen Menschen an sich und verwende dieses Geld zur Ausweitung seines Einflusses, seines Ansehens und seiner Herrschaft. Wenn in irgendeinem Regierungssystem gegen die Herrschenden Vorwürfe hinsichtlich der Mittel der Staatskasse erhoben werden, nehmen diese eine ernste Dimension an. Doch besonders in einer religiösen und ethischen Gesellschaftsordnung, in der die Staatskasse als Allahs Eigentum gilt und jede ihrer Einnahmen und Ausgaben in Allahs Namen und gemäß Allahs Vorschriften verwaltet wird, können solche Vorwürfe eine heftige Erregung hervorrufen.

Bedenkenswert ist, dass diese Verleumdung gegen jenen vorbildlichen Menschen erhoben wurde, der die Gelder der Zakat und Sadaqa nicht nur für sich selbst und seine eigene Familie, sondern gesetzlich sogar für den gesamten Stamm Banu Haschim für verboten erklärt hatte. Einen Vergleich mit einem solch selbstlosen Menschen findet man vielleicht in der gesamten Menschheitsgeschichte nirgends. Und doch wagten es Menschen von überaus niederträchtigem Charakter, sogar die Stirn dieser leuchtenden Persönlichkeit mit Schmutz zu beschmieren.

Der Koran schildert diese Leute folgendermaßen: Sie verletzen das Herz des Gesandten (s.a.) durch ihre abscheulichen Worte (Sure at-Tauba). Anstatt offen und in einer freien Atmosphäre über die gemeinsamen Probleme der Bewegung zu sprechen, versuchten sie, die Persönlichkeit des herausragendsten Führers zu schädigen. Ein Beispiel für diese Schädigung führt der Koran selbst an. Es verhielt sich so, dass das Verhalten und Auftreten der Heuchler innerhalb der islamischen Gesellschaft derart unpassend war, dass es die Gläubigen sehr störte. Die Gläubigen fühlten sich beim Anblick dieses Verhaltens äußerst unbehaglich. Zudem war es schwierig, rechtliche Maßnahmen zu ergreifen, während es ebenso schwer war, dies stillschweigend zu dulden. Was sollten die armen Muslime also tun? Entsprechend den Erfordernissen der Gemeinschaft sahen sie sich gezwungen, den Gesandten (s.a.) über die anstößigen Aktivitäten der Heuchler zu informieren. Auf diese Weise wurde jeder Heuchler nach und nach in der Gesellschaft erkannt, und der Gesandte reagierte ihm gegenüber auf eine bestimmte Weise. Diese Reaktion war zunächst äußerst milde und wurde dann allmählich strenger. In dieser Lage fühlten sich die von der Krankheit der Heuchelei Befallenen vernachlässigt und ins Abseits gedrängt. Sie begannen zu sagen: „Allah bewahre! Der Gesandte Allahs besitzt keinerlei Urteilsvermögen; alles, was er hört, glaubt er sofort. Unbedeutende Leute, die im Vergleich zu uns keinerlei Persönlichkeit besitzen, gehen zum Gesandten (s.a.), erzählen ihm, was immer sie wollen, und er glaubt augenblicklich jedes Wort. Wegen dieser Schwäche des obersten Führers erleiden wir Schaden. Heute werden wir Heuchler und Intriganten genannt, während jene ausgehungerten Sklavenjungen von damals zu seinen engsten Gefährten geworden sind.“

Als Reaktion auf eine solche Situation traf sich vermutlich einmal eine Gruppe von Heuchlern mit dem Gesandten (s.a.) zu einer gesonderten Gesprächsrunde. Während des Treffens sagte plötzlich einer nach dem anderen: „Ich habe etwas mit Ihnen unter vier Augen zu besprechen.“ Aus Höflichkeit hielt der Gesandte diese Möglichkeit für alle offen. Doch diese theatralische Gewohnheit, unter vier Augen besondere Gespräche zu führen, hatte einen anderen Zweck. Dadurch wollten die Heuchler bei den gewöhnlichen Muslimen Ansehen gewinnen und den Eindruck erwecken, sie seien außergewöhnlich wichtige Personen, gewissermaßen VIPs. Sie wollten zeigen: „Wir sprechen nur auf höchster Ebene persönlich mit dem obersten Führer.“ Ein weiterer Zweck bestand darin, in den Augen des Gesandten (s.a.) auf künstliche Weise Nähe zu gewinnen und, soweit möglich, einen schlechten Eindruck von den aufrichtigen Gläubigen zu erwecken, um ihre eigene vernachlässigte und ins Abseits gedrängte Stellung, die aus ihren eigenen schlechten Taten entstanden war, etwas zu mildern. Doch die Höflichkeit des Gesandten (s.a.), die den Heuchlern großzügige Gelegenheit zum Zeitvertreib eingeräumt hatte, wurde von Allah, dem Erhabenen, durch folgende Anordnung aufgehoben:

„O ihr Gläubigen, wenn ihr mit dem Gesandten (s.a.) ein vertrauliches Gespräch unter vier Augen führen wollt, dann gebt vor dem Gespräch eine Sadaqa.“ – (al-Mudschadala 12)

Durch diese Anordnung war den äußerst geizigen Heuchlern das Rückgrat gebrochen, und die wiederholten vertraulichen Gespräche zu besonderen Zeiten hörten auf. Doch dieses Vorgehen war ursprünglich auf der Annahme gegründet gewesen, dass der Führer der Bewegung sehr leichtgläubig sei. Daher wollten auch sie ihm im Gegensatz zu den Aufrichtigen allerlei Dinge einflüstern und ihn für sich gewinnen. Sie hatten jedoch nicht einmal geahnt, dass er gegenüber den aufrichtigen Gläubigen zwar vertrauensvoll, gegenüber den Intriganten aber äußerst wachsam war. Jedenfalls ist leicht zu verstehen, dass diejenigen, die innerhalb der islamischen Organisation saßen und solche geringschätzigen Worte gegen ihren obersten Führer verbreiteten, keine angemessene Liebe und Loyalität gegenüber Ordnung und Disziplin besitzen konnten. Gerade diese Loyalität und Liebe aber machen die Mitglieder der Gruppe aktiv und tatkräftig. In einer religiösen und ethischen Organisation sind diejenigen, die sich gegen die Führung an Verleumdung und heimlichem Gerede beteiligen, in Wirklichkeit damit beschäftigt, diese Organisation zu zerstören.

Als die islamische Bewegung eine revolutionäre Wende von der Phase der Da’wa und der Verkündigung zur Phase des Dschihad vollzog, traten zahlreiche Heuchler offen zutage. Bei einer solchen Wende geraten in jeder Bewegung einige Menschen in Verwirrung und verlieren ihr Gleichgewicht. In einer solchen Situation können nur jene Mitglieder ihr Gleichgewicht bewahren, die schon zuvor gehört haben, in welche Richtung sie unterwegs sind und welche Stationen sie auf ihrem Weg durchlaufen müssen. Andernfalls ist es bei allen Bewegungen der Welt so, dass diejenigen, die eine solche Veränderung nicht im Voraus verstanden haben, angesichts einer großen Wende und des notwendigen Sprungs von einer Stufe auf eine andere untätig und passiv werden. Bei solchen historischen Ereignissen werden mitunter sogar gute Mitglieder durch Schwierigkeiten entmutigt. Genau das geschah in der islamischen Bewegung. Als die Bewegung von der Phase der Verkündigung in die Phase des Kampfes eintrat, verloren einige Menschen ihr seelisches Gleichgewicht. Insbesondere diejenigen, die nicht bereit waren, die schwere Last des Dschihad zu tragen, wurden für immer zu Heuchlern. Weil sie ihren Geist und ihre Seele nicht im Voraus auf diese Situation vorbereitet hatten, mussten sie dieses Schicksal erleiden.

Im Koran heißt es, dass einer Gruppe von Menschen in der frühen Zeit befohlen worden war: „Haltet eure Hände zurück.“ Das heißt: Ertragt bei der Verkündung der Botschaft des Islam weiterhin Unterdrückung und Übergriffe und lasst euch auf keinen Konflikt ein. Beschäftigt euch lediglich mit Tätigkeiten wie der Verrichtung des Gebets und der Entrichtung der Zakat (Sure an-Nisa, 77). Doch in jener Phase entsprach dieser Befehl nicht ihrem Wunsch. Als denselben Menschen in der späteren Phase der Dschihad befohlen wurde, bekamen sie plötzlich solche Angst vor den Menschen, dass ihre gesamte Tätigkeit zum Stillstand kam. Ihre mentale Reaktion war derart, dass sie zu Allah sagten: „O Allah, warum hast Du uns den Kampf zur Pflicht gemacht? Wir hätten noch einige Tage die Botschaft verkündet, durch Gebet und Zakat an der Läuterung des Charakters gearbeitet sowie mit dem Sammeln von Spenden und aufbauender Arbeit fortgefahren. Die Forderungen der einen Stufe waren noch nicht einmal erfüllt, und Du hast uns schon vor der vorgesehenen Zeit die Aufgaben einer weiteren Stufe auferlegt!“

Doch sie waren hilflos. Sie konnten nicht mit Allah diskutieren oder mit Ihm streiten. Ebenso wenig konnten sie verhindern, dass Sein Befehl erging. Vor ihnen stand nur die Persönlichkeit des Gesandten Allahs (s.a.). Deshalb konnten sie ihm niemals verzeihen. Sie flohen aus jedem Kampf und suchten bei jedem kritischen Ereignis Zuflucht in allerlei Ausflüchten. Die Vergeltung für die von Allah auferlegten Pflichten und Verantwortungen nahmen sie am Führer der islamischen Bewegung in vollem Umfang.

Wenn eine Bewegung in einen Konflikt verwickelt wird, fügen ihre Bannerträger dem Feind ebenso Schläge zu, wie sie selbst Schläge einstecken. Mancher Schlag ist erfolgreich, ein anderer bleibt erfolglos. Das Ergebnis entspricht manchmal den Erwartungen und ist manchmal enttäuschend. In der Geschichte der Welt hat es kein Schlachtfeld gegeben, auf dem immer nur eine Seite den Sieg davonträgt. Auch die siegreiche Seite bezahlt den Preis des Sieges mit dem Opfer vieler Menschenleben; viele werden verwundet und zahlreiche Güter werden zerstört. Die in der islamischen Bewegung von Medina tätigen Heuchler (……………।) hatten kein Vertrauen in die Vorstellung: „Mit jeder Schwierigkeit ist gewiss Erleichterung verbunden.“ Bei jedem Verlust und jedem Schlag schrien sie auf, dies sei nur wegen des Mangels an Weisheit und Umsicht des Führers der Bewegung geschehen. (Gott bewahre!) Im Koran wird das Aufkommen ihrer bewegungsfeindlichen philosophischen Propaganda folgendermaßen dargestellt:

„Wenn ihnen ein Erfolg zuteilwird, sagen sie: ‚Das kommt von Allah.‘ Wenn sie jedoch von einem Schaden betroffen werden, sagen sie: ‚Das kommt von dir (o Gesandter Allahs).‘“ (Sure an-Nisa, 78)

Das heißt: Für jeden Schlag, der sie in den verschiedenen Konflikten und Auseinandersetzungen traf, für jeden Verlust und jeden Schaden, für jedes erforderliche Opfer und jede Anstrengung und Planung, die nicht das erwartete Ergebnis brachte, machten sie den Gesandten Allahs (s.a.) verantwortlich. Ihre Haltung war, dass der Islam, die islamische Bewegung und die Ordnung und Disziplin der islamischen Organisation allesamt ausgezeichnet seien, doch derjenige, der sie führe, sei unfähig. Ein gewisses Zeichen von Gottesfurcht legten sie zudem an den Tag, indem sie sagten, der Erfolg, der sich einstelle, sei allein eine Gabe Allahs. So sollte ihre Propaganda nicht nur philosophisch, sondern auch von Gottesfurcht geprägt erscheinen. Doch diese heuchlerische Gottesfurcht konnte einem Führer wie dem Gesandten Allahs (s.a.) nicht einmal ein Mindestmaß an Gehorsam und Wohlwollen entgegenbringen, obwohl der Islam sogar den Gehorsam gegenüber der Führung eines schwarzen Sklaven anordnet. Was könnte eine größere Selbsttäuschung sein als dieser vergebliche Versuch, durch Ungehorsam gegenüber dem Gesandten Allahs und dem größten Führer der islamischen Bewegung Allahs Nähe zu erlangen? Und welches furchtbarere Mittel zu seinem eigenen Untergang könnte der Mensch noch zusammentragen?

An dieser Stelle sei erwähnt, dass sie den Erfolg, den sie als Gabe Allahs anerkannten, nicht aus Dankbarkeit oder als Anerkennung einer Gnade Allahs bezeichneten. Vielmehr wollten sie damit sagen, dass die guten Entwicklungen, die sich von Zeit zu Zeit aufgrund der Umstände zeigten, und die gelegentlichen Vorteile, die aus den Kämpfen und Auseinandersetzungen hervorgingen, nichts mit der Einsicht und Umsicht des Gesandten Allahs (s.a.) zu tun hätten, sondern lediglich zufällige Ereignisse seien, die Allah herbeigeführt habe. (Auch im Tafsir Muzihul Quran wird bei der Erläuterung der entsprechenden Aya der Sure an-Nisa dasselbe gesagt. Wenn sich eine Kriegstaktik als richtig erwiesen hatte und der Sieg errungen worden war, sagten die Heuchler, dies sei zufällig von Allah geschehen. Sie erkannten die militärische Geschicklichkeit des Gesandten Allahs (s.a.) nicht an. Wenn jedoch eine Niederlage eintrat, machten sie die Unfähigkeit des Gesandten Allahs (s.a.) dafür verantwortlich.)

Es ist leicht zu verstehen, welche seelischen Qualen der höchste Führer der islamischen Bewegung erleiden musste, weil sich in jeder schwierigen Zeit innerhalb der Bewegung sogenannte Gefährten befanden, die Kritik, Spott und Geringschätzung äußerten. Bei jeder Gelegenheit sagten sie: Wegen dieses Führers ist nun jenes Unglück eingetreten, wegen ihm mussten wir jenen Schlag hinnehmen, und von dort ist jenes Unheil über uns hereingebrochen, und so weiter. Nachdem das Ergebnis jedes wichtigen Ereignisses bekannt geworden war, setzten sie sich wie Sachverständige hin und bemerkten: Jene Handlung hätte man nicht ausführen sollen; es wäre besser gewesen, wenn man jene andere Handlung ausgeführt hätte, und so weiter.

Neben dieser niederträchtigen Gesinnung äußerten sie vor jedem Kampf allerlei törichtes Gerede, etwa: „Wir befürchten, dass auch wir irgendwann von einem Unglück getroffen werden könnten“ (Sure al-Ma’ida, 52). Das heißt, die Bewegung werde so unfähig geführt, dass sie jederzeit einem Unglück gegenüberstehen könne. Warum sollten wir unser Leben unnötig aufs Spiel setzen?

Aus eben dieser Haltung heraus beklagten sich die Heuchler während der Schlacht von Uhud: „Wenn wir nur irgendeinen Anteil an der Führung gehabt hätten, wären wir hier nicht gestorben“ (Al-i-ʿImrān, Vers 154; siehe Tafhīm al-Qurʾān). Die Träger dieser Haltung hegten ein offenkundiges Misstrauen gegenüber der Führung und der Umsicht des Gesandten Allahs (s). Sie hielten sich selbst für die klügsten aller Menschen. Und jener Mann, der seit so vielen Jahren gemäß der Leitung der Offenbarung die Bewegung führte, war in ihren Augen trotz seines Prophetentums nichts. Wenn sie sich schon mit der unmittelbaren Führung durch den Propheten so unwohl fühlten, dann weiß allein Allah, was diese Gruppe, die ausschließlich für sich Kompetenz und Umsicht beanspruchte, mit einem Gefährten als Anführer gemacht hätte.

Aus all diesen Beispielen wird deutlich, dass man es für den erfolgreichsten Weg hielt und ihn auch einschlug, nicht die islamische Bewegung direkt zu bekämpfen, sondern die Persönlichkeit des Gesandten Allahs (s) zum Ziel der Angriffe zu machen und indirekt gegen ihn vorzugehen. In den Sitzungen geheimer Beratungen wurden gerade gegen diesen höchsten Führer der Bewegung sämtliche Einwände und Verleumdungen ausgearbeitet, und nur zu dem Zweck, ihm den Gehorsam zu verweigern und gegen ihn zu rebellieren, wurden ständig neue Maßnahmen erwogen.

 

Die Komplexität des ethischen Systems innerhalb der islamischen Organisation

Die organisatorische Ordnung der islamischen Bewegung war von Anfang bis Ende eine ethische Ordnung. Dieses Umfeld bot dem Wirken Satans das weiteste und geeignetste Betätigungsfeld. Insbesondere zwei ihrer Aspekte kamen denjenigen entgegen, die Verwirrung stiften wollten. Eine besondere Schwierigkeit einer ethischen Ordnung besteht darin, dass die Organisation so lange keine Maßnahme gegen eindeutig anstößige Vorkommnisse ergreifen kann, wie diese nicht in Form beweiskräftiger Informationen zutage treten. Auch diejenigen, die sich dadurch bedrängt fühlen, können den verwirrenden Hintergrund der Lage nicht öffentlich machen, bevor das endgültige Ergebnis feststeht. Die ethischen Vorschriften des Islam verbieten den Mitgliedern der islamischen Gesellschaft, einander schlechte Absichten zu unterstellen. Ein rechtschaffener Mensch ist verpflichtet, für jede verdächtige Handlung seiner Gefährten nach Möglichkeit eine gute Erklärung zu finden. Selbst wenn er nach Prüfung aller Einzelheiten eines unerwünschten Vorfalls tief in seinem Herzen einen schlechten Verdacht hegt, muss er dennoch lange abwarten, ob nicht Gegeninformationen auftauchen, die seinen Verdacht entkräften.

Auf Grundlage bloßer Vermutungen, seien sie auch noch so stark, kann gegen niemanden ein förmliches Verfahren eingeleitet und die betreffende Person nicht auf die Anklagebank gesetzt werden. Aus all diesen Gründen waren die aufrichtigen Muslime Medinas gezwungen, die ersten Aktivitäten der Unruhestifter und Anarchisten, die sich zu geheimen Beratungen zusammenfanden, zwar als einige unerwünschte Anzeichen wahrzunehmen, ihnen aber schweigend zuzusehen. Erst wenn die Zwietracht ordnungsgemäß Früchte zu tragen begann, erlaubte die ethische Ordnung der Gesellschaft, gegen sie das Wort zu erheben und die kollektive Ordnung zu aktivieren.

Die zweite Schwierigkeit der ethischen Ordnung bestand darin, dass die Lage des höchsten Führers der Organisation und der übrigen Verantwortlichen äußerst heikel wurde, wenn jemand gegen sie Anschuldigungen erhob. Einerseits lag die administrative Autorität der Gruppe in ihren Händen, und nur sie waren in der Lage, jede Zwietracht, also Anarchie und Verwirrung, zu beseitigen. Andererseits gerieten gerade sie selbst zum Opfer der Zwietracht. Wenn die Führer gegen die Unruhestifter und Verursacher von Tumulten disziplinarische Maßnahmen ergriffen, bevor deren wahres Gesicht vor der muslimischen Bevölkerung entlarvt war, wurden am Ende die Führer selbst der Unterdrückung von Kritik und abweichenden Meinungen beschuldigt. Ihnen wurde vorgeworfen, diejenigen, die die Stimme der Wahrheit erhoben, auf diktatorische Weise zu unterwerfen. Wie man beim Einzelnen sagen kann, dass Höflichkeit zwar die größte Stärke, zugleich aber auch die größte Schwäche ist, so kann man auch bei einer Gruppe sagen, dass die ethische Ordnung ihre größte Schwierigkeit darstellt. Die einzige Lösung für diese Schwierigkeit besteht darin, dass das gemeinsame Bewusstsein der Gruppe so wach und aufmerksam und ihr gemeinsamer Charakter so stark und gefestigt sein muss, dass sie innerhalb der Gruppe nichts duldet, was ihrem eigenen Wesen oder ihrer Haltung widerspricht. Im Umfeld der Gruppe darf niemand bereit sein, auf gegen die Gruppendisziplin gerichtetes Gemunkel, Geflüster, Gerüchte oder geheime Beratungen zu hören; und niemand darf es wagen, etwas Derartiges, das an sein Ohr gelangt ist, hierhin oder dorthin weiterzuverbreiten. Doch es ist schwierig, dass eine Gruppe diesen höchsten und vortrefflichsten Maßstab als Ganzes und vollständig erfüllt und ihn nach seiner Erfüllung jederzeit aufrechterhält. Keine menschliche Gesellschaft kann vollständig frei und rein von Menschen sein, die in ihrem Denken schlechte Gedanken hegen, mit ihrem Mund böse Anstiftung betreiben und zu schlechten Dingen verleiten oder mit ihren Ohren all diese unerwünschten Dinge anhören. Bei dem, was der Mensch denkt, sagt und hört, nimmt Satan unweigerlich an dem einen oder anderen Teil Anteil.

Die Heuchler haben diese Nachsicht und Großzügigkeit der ethischen Ordnung vollständig ausgenutzt und ihre Vorteile genossen. Am Ende konnten sie jedoch dem Zugriff ihrer gewaltigen Kraft nicht entkommen. In den Worten des Korans lautete die kurze Zusammenfassung ihres gesamten Tuns: „Sie erlangten nicht, was sie sich gewünscht hatten.“ Doch die islamische Organisation haben sie zweifellos bedrängt und gewiss in Unordnung gestürzt.

In diesem Umfeld geheimer Beratungen, der Verbreitung von Gerüchten, des Gemunkels und Geflüsters war die Persönlichkeit des bedeutendsten Führers der islamischen Bewegung von Anfang an zum Ziel von Angriffen geworden, und ein Angriff nach dem anderen wurde geführt. Wenn in einer solchen Lage das Schicksal der zerstörerischen, intriganten Unruhestifter günstig stand, war es für sie keineswegs unmöglich, durch die Verbreitung immer heimtückischerer und immer niederträchtigerer Verleumdungen eine verheerende Katastrophe herbeizuführen. Um dieses nachgiebige Umfeld auszunutzen und die Heuchler geschickt für seine Zwecke einzusetzen, brauchte Satan als zweite Voraussetzung einen erfahrenen Schurken, dessen Verstand äußerst kreativ und geschickt darin war, heimtückische Intrigen auszuhecken, und der den Mut besaß, einen glühenden Funken in den von den geheimen Ratgebern angehäuften Pulverhaufen zu werfen. Ein solcher erfahrener Schurke war in Gestalt von ʿAbdullāh ibn Ubayy bereits vorhanden. Dieser Mann war im Innersten erfüllt von seinem Gefühl für die eigene Persönlichkeit und Würde. Und warum sollte es auch anders sein? Unmittelbar vor der Hidschra war man gerade dabei gewesen, ihm die Krone des Königtums von Medina aufs Haupt zu setzen. Doch allein die Anwesenheit Muhammads (s) durchkreuzte seine Hoffnungen. Vom Königtum ganz zu schweigen: Wegen seines Charakters erlangte er in der islamischen Organisation nicht einmal eine Stellung in der ersten Reihe, ja nicht einmal in der zweiten oder dritten. Dieses Ereignis löste in seinem Geist und Gemüt eine äußerst bittere und giftige Reaktion aus, und aus dieser Reaktion entstanden von Augenblick zu Augenblick neue Formen der Zwietracht und neue Verschwörungen. Satan wirkt nicht in übermäßigem Maße unmittelbar im Inneren des Menschen. Er ist auf seine ihm ergebenen Menschensatane angewiesen. Und um diese Menschensatane gegen Allahs Religion aktiv zu halten, braucht er einen geeigneten Anführer, einen Anführer, der ein Meister der Verschwörung ist. Satan fand einen solchen geeigneten Meister der Verschwörung sozusagen fertig vor. Außerdem gehörte dieser Mann zum inneren Kreis der islamischen Bewegung. Einerseits hatte dieser Mann erklärt, die von dem Propheten geführte Bewegung anzuerkennen, andererseits war er unablässig in Konflikte gegen eben diese Bewegung verwickelt.

Dieser anmaßende, intrigante Schurke, der darin erfahren war, im richtigen Augenblick zuzuschlagen, holte in einem historischen Moment aus dem glühenden Ofen des Hasses in seiner Brust eine brennende Kohle und schleuderte sie in den heiligen Familienhof des Gesandten (s.a.w.). Kaum war sie geschleudert, begann die gesamte Gesellschaft seelisch zu verbrennen.

Der eigene Bericht Hazrat Aischas

Ausführliche, maßgebliche Berichte darüber, welcher Sturm während dieser schrecklichen Katastrophe über Hazrat Aischas Innerstes hinwegfegte, sind in bedeutenden Werken der Hadithwissenschaft, der Geschichte und der Sira überliefert. Diese Berichte stammen aus dem Mund Hazrat Aischas selbst sowie anderer Überlieferer. Gegenwärtig liegen mir maßgebliche Werke wie Zad al-Ma’ad (Band 2, S. 113–115) und die Sira von Ibn Hischam (Band 2, S. 342–347) vor. Da der Verfasser von Tafhim al-Qur’an diese schmerzvolle Geschichte Hazrat Aischas jedoch am schönsten dargestellt hat, führe ich hier eben diese Darstellung an:

„Nachdem wir Medina erreicht hatten, wurde ich krank und blieb fast einen Monat lang bettlägerig. In der Stadt verbreitete sich ein Gerücht mit dieser Verleumdung. Es war sogar dem Gesandten selbst (s.a.w.) zu Ohren gekommen. Ich wusste jedoch von nichts. Was mir allerdings auffiel, war Folgendes: Wenn ich krank war, hatte der Gesandte (s.a.w.) mir gewöhnlich besondere Aufmerksamkeit geschenkt; diesmal tat er das nicht. Wenn er ins Haus kam, fragte er nur: ‚Wie geht es dir?‘ Mehr sagte er nicht. Das ließ mich vermuten, dass gewiss etwas geschehen war. Schließlich bat ich ihn um Erlaubnis und ging zu meiner Mutter, damit sie mich besser pflegen konnte. Eines Nachts ging ich hinaus, um meine Notdurft zu verrichten. Bis dahin gab es in unserem Haus noch keine Toilette. Deshalb gingen wir in den Wald. Die Mutter von Mistah war bei mir. Sie war die Cousine meiner Mutter mütterlicherseits. (Aus anderen Überlieferungen ist bekannt, dass Hazrat Abu Bakr as-Siddiq die Vormundschaft über alle Angehörigen dieser Familie übernommen hatte. Doch trotz dieser großen Wohltat gehörte Mistah zu denen, die die Verleumdung gegen Hazrat Aischa verbreiteten.) Auf dem Weg in den Wald stolperte Mistahs Mutter. Sofort entfuhr ihr unwillkürlich: ‚Möge Mistah zugrunde gehen!‘ Ich sagte: ‚Was bist du für eine Mutter, dass du deinen Sohn verfluchst? Und außerdem hat dein Sohn doch an der Schlacht von Badr teilgenommen.‘ Sie sagte: ‚Hast du nicht gehört, was er getan hat?‘ Daraufhin erzählte sie mir die ganze Geschichte. Sie erklärte mir offen, was die Verleumder über mich verbreiteten. Unter den Muslimen, die – abgesehen von den Heuchlern – in diese Fitna verwickelt waren, sind besonders Mistah, der berühmte Dichter Hassan ibn Thabit, und Hasna bint Dschahsch (die Schwester der Mutter der Gläubigen, Hazrat Zaynab bint Dschahsch) zu nennen. Als ich diesen Bericht hörte, gefror mir das Blut in den Adern, und ich vergaß sogar das Bedürfnis, dessentwegen ich hinausgegangen war. Ich kehrte direkt nach Hause zurück und verbrachte die ganze Nacht weinend.“ (In der Überlieferung von Ibn Hischam wird außerdem hinzugefügt: „Ich weinte so sehr, dass meine Leber zu bersten drohte!“)

Einerseits litt Hazrat Aischa unter heftigen seelischen Qualen. Andererseits wurde in der ganzen Stadt wie gewohnt hinter vorgehaltener Hand geredet. Ihr Vater und ihr Ehemann hätten Hazrat Aischa am nachdrücklichsten verteidigen können. Wenn jedoch niederträchtige Menschen eine solche Verleumdung verbreiten, gerät derjenige umso stärker in Schwierigkeiten, je enger er ihr verbunden ist. Daher verstummten Vater und Ehemann und wurden von allen Seiten von den Pfeilen der üblen Nachrede getroffen.

Für Muhammad (s.a.w.), den größten Wohltäter und Freund der Menschheit, waren diese Augenblicke sowohl persönlich als auch im Interesse der Gemeinschaft unerträglich geworden. Jeder vornehme, wache und verantwortungsbewusste Mensch kann den Zustand des Gesandten (s.a.w.) nachempfinden. Er bewies große Geduld und verbrachte lange Zeit schweigend. Doch es war nicht möglich, eine so heikle Angelegenheit unter den damaligen Umständen in der Schwebe zu lassen. Eine Entscheidung war unvermeidlich geworden. Daher begann der Gesandte (s.a.w.) eine unparteiische Untersuchung. Er rief seine beiden engen Gefährten, Hazrat Ali (r.a.) und Hazrat Usama ibn Zayd, zu sich und bat sie um ihre Meinung. Hazrat Usama (r.a.) sagte: ‚O Gesandter! Sie ist deine edle Ehefrau. Wir finden an ihr nichts als Gutes. Alles, was verbreitet wird, ist eine Lüge und haltlose Propaganda.‘ (Sira von Ibn Hischam) Hazrat Ali äußerte seine Meinung aus einem anderen Blickwinkel. Er sagte: ‚O Gesandter! Es gibt keinen Mangel an Frauen. Du kannst anstelle Aischas eine andere Frau heiraten. Doch rufe die Dienerin und untersuche die Sache.‘ Tatsächlich war Hazrat Alis Absicht, dass es besser sei, eine andere Ehefrau zu nehmen, als dass der Gesandte (s.a.w.) weiter unter dieser Belastung litt, und dass es vorzuziehen sei, die Ehefrau zu scheiden, über die ein solches gewaltiges Aufsehen entstanden war. In Wirklichkeit maß Hazrat Ali aufgrund seiner besonderen verwandtschaftlichen Bindung der persönlichen Belastung des Gesandten (s.a.w.) größeres Gewicht bei als dem gemeinschaftlichen Aspekt dieser Angelegenheit. Deshalb riet er dem Gesandten (s.a.w.), sich von seiner seelischen Unruhe zu befreien.

Dennoch nahm der Gesandte (s.a.w.) den zweiten Teil von Hazrat Alis Rat an. Er ließ die Dienerin rufen. Hazrat Ali gab ihr eine Ohrfeige und wies sie streng an: ‚Du wirst vor dem Gesandten die Wahrheit sagen.‘ Sie sagte: ‚Bei Allah, ich weiß nichts Schlechtes über sie, nur Gutes. Die einzige Schwäche, die ich bei Aischa gesehen habe, ist, dass ich, wenn ich hinausging, während ich Mehl zubereitete, zu ihr sagte: „Pass bitte ein wenig darauf auf.“ Doch sie schlief ein, und die Ziegen kamen und fraßen das Mehl.‘ (Sira von Ibn Hischam) Mit dieser spontanen Aussage hatte die Dienerin Hazrat Aischa so vollkommen entlastet, dass keine andere Aussage dem noch etwas hätte hinzufügen können. Sie zeichnete das echte Bild eines arglosen Mädchens, bei dem sich etwas Schlechtes zu denken für das menschliche Gewissen und den menschlichen Verstand unmöglich war. Als zweiten Schritt berief der Gesandte (s.a.w.) eine allgemeine Versammlung ein und hielt eine Ansprache. Nachdem er mit dem Lob Allahs begonnen hatte, sagte er mit äußerst schmerzerfüllter Stimme:

„Was bezwecken diejenigen, die mir wegen meiner Familie Leid zufügen und über sie haltlose Dinge verbreiten? Bei Allah, ich weiß über meine Familienangehörigen nichts als Gutes. Auch denjenigen, den sie in diese Verleumdung hineingezogen haben, kenne ich nur als einen guten Menschen. Er ist in meiner Abwesenheit niemals in mein Haus gekommen.“ (Sira von Ibn Hischam, Band 3)

Einer anderen Überlieferung zufolge sagte der Gesandte (s.) zunächst: „Gibt es jemanden, der mich aus den Fängen dessen befreien kann, der mir wegen meiner Familie Leid zufügt?“ (Zād al-Maʿād, Band 2)

Als er dies hörte, erhob sich Usaid ibn Hudair, der Anführer des Stammes Aws, und sagte: „O Gesandter Allahs! Wenn solche Leute zu unserem Stamm gehören, werden wir ihnen eine angemessene Lektion erteilen. Wenn sie jedoch zu den Chazradsch gehören, dann gib den Befehl. Bei Allah, die angemessene Strafe für solche Leute ist die Enthauptung.“

Sofort erhob Saʿd ibn Ubada, der Anführer der Chazradsch, von der anderen Seite aus Einspruch und sagte: „Du lügst! Bei Allah, wir werden sie nicht enthaupten. Ach so, jetzt verstehe ich: Du hast das nur gesagt, weil du sie für Leute aus den Chazradsch hältst.“ Über diese Antwort von Saʿd wurde Usaid ibn Hudair sehr zornig. Er hatte wohl erkannt, dass eine Gruppe, in der Verbrecher, Anarchisten und Intriganten die Unterstützung und den Schutz einer führenden Persönlichkeit genießen, nicht in der Lage ist, die Gesellschaft von Verbrechen zu befreien. Leute wie ʿAbdullah ibn Ubayy tauchen in jeder Bewegung immer wieder auf. Eine starke und selbstbewusste Gruppe lässt solche Leute jedoch nicht in ihren Reihen bleiben, sondern weist sie hinaus. Wenn ein Intrigant aber in einer Organisation von einflussreichen Personen Schutz und Förderung erhält, werden die inneren Feinde gehegt und gepflegt, und die Gesellschaft wird durch sie geschädigt. In der Erkenntnis dieser bitteren Wahrheit rief Usaid (r.): „Nicht ich lüge, sondern du! Bei Allah, du ergreifst nur deshalb Partei für die Heuchler, weil du selbst ein Heuchler bist.“ (Sīrat Ibn Hischām)

Der Grund für diese bittere Atmosphäre war, dass fortwährend Intrigen geschmiedet wurden, um Spannungen zwischen Aws und Chazradsch zu schüren. Deshalb entstand wegen einer belanglosen Bemerkung eine Erregung, und beinahe wäre es zu einem Handgemenge gekommen. Dem großen Anführer, der die guten Beziehungen zwischen den beiden Stämmen geschaffen hatte, gefiel es nicht, dass die durch jahrelange Bemühungen errichtete Einigkeit der beiden Stämme seinetwegen wieder zerstört wurde. Er stieg von der Kanzel herab, beruhigte beide Gruppen, und die Versammlung wurde beendet. (Sīrat Ibn Hischām)

Die Erfahrung dieser Schwäche innerhalb der Gemeinschaft verstärkte den seelischen Schmerz des Gesandten (s.) noch weiter. Tatsächlich war dies die Folge des alten Feuers der Zwietracht und Feindschaft, das ʿAbdullah ibn Ubayy während des Feldzugs gegen Banū al-Mustaliq entzündet hatte.

Hören Sie den Schlussteil der Geschichte, der die Tragödie in eine Komödie verwandelte, aus dem eigenen Mund der ehrwürdigen ʿĀischa!

„Die Gerüchte über diese Verleumdung gingen etwa einen Monat lang in der ganzen Stadt um. Der Gesandte (s.) litt unter gewaltvollen seelischen Schmerzen. Ich weinte die ganze Zeit. Meine Eltern waren von größter Sorge, Angst und Unruhe erfüllt. Schließlich kam der Gesandte (s.) eines Tages und setzte sich zu mir. Während dieser ganzen Zeit hatte er sich kein einziges Mal zu mir gesetzt. Abu Bakr und Umm Ruman (die Mutter der ehrwürdigen ʿĀischa) nahmen an, dass heute eine endgültige Entscheidung fallen würde. Deshalb kamen auch sie beide näher und setzten sich dazu. Der Gesandte (s.) sagte: „ʿĀischa, über dich sind diese Nachrichten zu mir gelangt. Wenn du unschuldig bist, hoffe ich, dass Allah, der Erhabene, deine Unschuld offenbaren wird. Wenn du jedoch eine Sünde begangen hast, dann bereue vor Allah und bitte Ihn um Vergebung. Wenn ein Diener seine Sünde eingesteht und bereut, vergibt Allah ihm.“ Als ich dies hörte, versiegten meine Tränen. (Von einem unschuldigen Menschen ist eine solche Reaktion zu erwarten. – Anm. d. Red.)

Ich sagte zu meinem Vater: „Antworten Sie auf die Worte des Gesandten Allahs (s.).“ Er sagte: „Meine Tochter, ich weiß wirklich nicht, was ich sagen soll.“ Ich sagte zu meiner Mutter: „Sagen Sie etwas.“ Auch sie sagte: „Ich weiß ebenfalls nicht, was ich sagen soll.“ Ich sagte: „Ein Wort ist euch zu Ohren gekommen, und sofort hat es sich auch in euren Herzen festgesetzt. Wenn ich nun sage, dass ich unschuldig bin – Allah ist Zeuge, dass ich vollkommen unschuldig bin –, werdet ihr mir nicht glauben. Wenn ich aber grundlos etwas gestehe, was ich nicht getan habe – Allah ist Zeuge, dass ich es nicht getan habe –, dann werdet ihr mir glauben. In diesem Moment versuchte ich, mich an den Namen des ehrwürdigen Yaʿqub zu erinnern, aber ich konnte mich nicht daran erinnern. (Wenn ein unschuldiger Mensch Opfer einer schweren Verleumdung wird und dadurch völlig ratlos ist, sind solche Vorgänge in seiner seelischen Welt ganz natürlich. – Anm. d. Red.) Schließlich sagte ich: Was soll ich unter diesen Umständen noch sagen? Ich werde nur das sagen, was der Vater des ehrwürdigen Yusuf gesagt hatte: ******* „größte Geduld“. (Als die Söhne vor dem ehrwürdigen Yaʿqub eine erfundene Geschichte erzählten, wonach Yusuf von einem Wolf gefressen worden sei, sagte er dies. – Anm. d. Übers.) Damit drehte ich mein Gesicht zur anderen Seite und legte mich hin. (Wenn ein unschuldiger Mensch verleumdet wird, entsteht in ihm neben dem Gefühl der Hilflosigkeit auch eine trotzige Haltung; genau das wird hier sichtbar. – Anm. d. Red.) Währenddessen sagte ich mir innerlich: Allah weiß um meine Unschuld. Er wird gewiss die tatsächliche Wahrheit ans Licht bringen. Bis dahin hatte ich allerdings nicht einmal daran denken können, dass zu meinen Gunsten eine Offenbarung herabgesandt werden würde, die bis zum Tag der Auferstehung gelesen werden sollte. Ich hielt mich niemals für so hochgestellt, dass Allah selbst für mich sprechen würde. Ich dachte jedoch, dass der Gesandte (s.) einen Traum sehen würde und Allah ihm dadurch mitteilen würde, dass ich unschuldig sei. Plötzlich zeigte sich am Gesandten (s.) eine Veränderung, wie sie gewöhnlich während des Herabkommens der Offenbarung eintrat, und selbst in der bittersten Kälte perlten Schweißtropfen wie Perlen von seinem Gesicht. Wir alle verstummten. Ich selbst war vollkommen furchtlos. Meine Eltern jedoch waren vor Angst so erstarrt, dass ihnen, wenn man damals irgendwo in ihren Körper geschnitten hätte, wohl kein Blut entströmt wäre. Sie fürchteten, Allah könnte – Gott bewahre – eine schlimme Nachricht offenbaren. Als der Zustand des Gesandten (s.) wieder normal war, sah man, dass er überaus glücklich war. Mit lächelndem Gesicht sagte er als Erstes: „ʿĀischa, dir sei gratuliert! Allah hat dich für unschuldig erklärt.“ Danach trug der Gesandte (s.) zehn Verse vor. Meine Mutter sagte: „Steh auf und drücke dem Gesandten Allahs deine Dankbarkeit aus.“ Ich sagte: „Ich werde weder ihm noch euch meine Dankbarkeit ausdrücken. Ich bin nur Allah dankbar, der mich für unschuldig erklärt hat. Ihr habt diese Verleumdung nicht einmal zurückgewiesen.““ (Tafhīm al-Qurʾān, Sura an-Nūr) In den Worten der ehrwürdigen ʿĀischa kommt lediglich ein von starkem Ehrgefühl geprägter Vorwurf zum Ausdruck; beachten Sie dies. Könnte dies etwa die Aussage eines schuldbeladenen Gewissens sein? Jedes Wort dieses Berichts zeigt, dass es sich um die aufrichtige, spontane und vollkommen unverfälschte Schilderung des Leids und Schmerzes eines unschuldigen Menschen handelt.

Die Entlastung durch die Offenbarung

Um diesen Sturm der Verleumdung und die daraus entstandene Krise zu beseitigen, wurde schon bald eine Offenbarung herabgesandt. Die Sure, die zur Behebung dieser Krise herabgesandt wurde, trägt den Namen „An-Nur“ (Das Licht). Dieser Name passt auf wunderbare Weise zur tatsächlichen Situation. Denn diese Sure wurde herabgesandt, um die Dunkelheit, die durch eine schwere gesellschaftliche Krise entstanden war, zu vertreiben und die Umgebung mit Licht zu erhellen. In dieser Sure werden die muslimische Gemeinschaft und Gesellschaft einer Prüfung unterzogen, ihre Schwächen aufgezeigt und moralische sowie rechtliche Richtlinien gegeben, um sie dauerhaft von all diesen Schwächen zu befreien.

Der Beginn der Aussage dieser aufrüttelnden Sure ist geradezu erschütternd. Es heißt:

„Dies ist eine Sure, die Wir herabgesandt, zur Pflicht gemacht und in der Wir klare Anweisungen dargelegt haben. Vielleicht werdet ihr daraus Nutzen ziehen.“ (Vers 1)

Nun folgt die eindringliche Erklärung der Sure An-Nur an die Gesellschaft:

„Diejenigen, die diese Verleumdung ersonnen haben, sind eine Gruppe aus eurer Mitte. … Jeder, der daran in irgendeinem Maß Anteil hatte, hat in eben diesem Maß Sünde auf sich geladen. Und für denjenigen, der den Hauptanteil an ihrer Verantwortung trägt, ist eine gewaltige Strafe bestimmt.“ (Vers 11)

Was für eine furchtbare, beißende Zurechtweisung! Eine haltlose Anschuldigung ohne jedes ordentliche Anzeichen erhob sich mit der Geschwindigkeit eines Sturms – und zwar nicht von einem äußeren Feind oder Rivalen, sondern aus den Reihen einer muslimischen Gemeinschaft, die jahrelang geschult worden war. Es handelte sich auch nicht um einen plötzlichen Fehltritt ein oder zweier Menschen. Eine Gruppe hatte einen ganzen Monat lang eine schwere seelische Erschütterung verursacht. In der Sure An-Nur wird gesagt, dass es in eurem gemeinschaftlichen Umfeld eine solche Schwäche gibt, dass gerade diejenigen, die es aufgebaut haben, sich daranmachen können, es zu zerstören. In diesem Umfeld gibt es Lücken, durch die Lüge und Falschheit in die Gesellschaft und Gemeinschaft der Streiter für die Wahrheit eindringen können. Es wird klargestellt, dass dies nicht bloß ein vereinzelter Fall von Verleumdung war, sondern ein fortströmender Fluss der Sünde. Aus diesem Strom hat der eine eine Trommel voll geschöpft, der andere einen Krug voll, während wieder ein anderer nur so viel genommen hat, wie in seine Handfläche passte. So hat jeder, der daran Anteil nahm, entsprechend viel Sünde für sich angesammelt. Danach wird auf den Hauptanstifter dieser Missetat, nämlich Abdullah ibn Ubayy, hingewiesen: Er hatte das erste Feuer entzündet und es anschließend durch fortwährendes Zufächeln zu einem Flächenbrand gemacht.

In der Sure An-Nur wird die Frage gestellt:

„Als ihr dies zum ersten Mal hörtet, warum hegten die gläubigen Frauen und Männer keine gute Meinung über ihresgleichen und sagten nicht sofort: Das ist eine ungeheuerliche Verleumdung?“ (Vers 12)

Man sollte beachten, welch eindringlicher moralischer Appell in dieser Aussage liegt und welch scharfe Zurechtweisung sie für ein anständiges Verhalten und die Empfindsamkeit eines Gläubigen enthält. Mit anderen Worten: Eine vornehme Frau der islamischen Gesellschaft wurde durch die Umstände von der Karawane getrennt, und ein angesehener Angehöriger ebenjener Gesellschaft fand sie unterwegs und nahm sie mit. Wie konnte allein dieser Vorgang für euch zur Grundlage auch nur des geringsten schlechten Verdachts werden? Wenn eine andere Frau oder ein anderer Mann unter euch zufällig in eine solche Lage geraten wäre, hätten sie sich dann zwangsläufig einer derart niederträchtigen Tat hingegeben? Haltet ihr eine solche Vorstellung von eurem eigenen Charakter? Ist eure Gesellschaft so niedrig, dass zwei ihrer Angehörigen, sobald sie zufällig voneinander getrennt werden, nicht die geringste Gelegenheit versäumen, Unzucht zu treiben? Wenn ihr euch selbst keine solche Niedrigkeit zutrauen könnt, welches Recht hattet ihr dann, über eine der besten Frauen eurer Gemeinschaft und ein herausragendes Mitglied derselben einen derart abscheulichen Verdacht zu hegen?“

Tatsächlich bewahrte die große Mehrheit dieser Gesellschaft selbst in dieser Krisenzeit ihre moralische Überlegenheit. Andernfalls hätte dieser Giftstoff, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, den gesamten Gesellschaftskörper zu infizieren, und die Gesellschaft als Ganze unfähig gewesen wäre, ihm innerlich Widerstand zu leisten, ihre gesamte Existenz zerrissen. In dieser Angelegenheit zeigte Hadhrat Abu Ayyub Ansari die treffendste Reaktion. Als seine Frau ihm von diesem schmutzigen Gerücht erzählte, sagte er: „O Mutter des Ayyub, würdest du anstelle von Aischa eine solche Tat begehen, wenn du an ihrer Stelle gewesen wärst?“ Sie antwortete: „Bei Allah, niemals.“ Hadhrat Abu Ayyub sagte: „Dann ist Aischa weit besser als du. Auch ich sage: Wenn ich an Safwans Stelle gewesen wäre, wäre mir ein solcher Gedanke nicht einmal in den Sinn gekommen. Und Safwan ist ein besserer Muslim als ich.“ (Sira Ibn Hischams, Band 3)

Die Verbreiter dieser schmutzigen Verleumdung werden in der Sure an-Nur gefragt: Warum konntet ihr nicht wie Abu Ayyub Ansari reagieren?

Danach wirft die Sure an-Nur aus rechtlicher Sicht die Frage auf:

„Warum haben sie nicht vier Zeugen als Beweis für ihre Anschuldigung beigebracht? In den Augen Allahs sind sie die Lügner.“ (Vers 13)

Das heißt: Den Charakter eines Mannes oder einer Frau zu verleumden, ist keineswegs ein bloßer Scherz, sondern ein schweres Verbrechen, und in einer lebendigen Gesellschaft ist es äußerst notwendig, dagegen rechtliche Maßnahmen zu ergreifen. Es ist keine geringfügige Angelegenheit, über einen ehrlichen und unschuldigen Bürger nach Belieben zu behaupten, er habe einen Mord begangen, gestohlen oder Ehebruch begangen, und sie mit den Worten abzutun, die Sache sei nun einmal geschehen. Dies verlangt ein Höchstmaß an Verantwortungsbewusstsein. Nachdem eine solche Anschuldigung erhoben worden ist, wird es unerlässlich, sie zu beweisen und rechtmäßige Zeugen vorzubringen. Wer gegen zwei angesehene und ehrenhafte Menschen der islamischen Gesellschaft eine Verleumdung erhebt, ohne die Tat mit eigenen Augen gesehen zu haben, ist selbst dafür verantwortlich, Beweise und Zeugenaussagen für die erhobene Verleumdung beizubringen. Andernfalls sind sie nach dem Gesetz die Lügner und Schuldigen.

Seht nun, wie die Sure an-Nur die Fehler der schwachen Mitglieder der islamischen Gesellschaft aufgezeigt hat:

„Bedenkt, welch schweren Fehler ihr begangen habt, als ihr diese Lüge von einem Mund zum anderen weitergabt und mit eurem Mund Dinge äußertet, über die ihr keinerlei Wissen hattet. Ihr habt sie für eine geringfügige Angelegenheit gehalten, doch bei Allah ist sie schwerwiegend. Warum habt ihr nicht sofort, als ihr davon hörtet, gesagt: ‚Es ist Unrecht von uns, so etwas auszusprechen. Gepriesen sei Allah! Das ist eine ungeheuerliche Verleumdung!‘“ (Verse 15–16)

Es ist eine außerordentlich große Schwäche jeder Gesellschaft und jeder Organisation, wenn sich in ihrem Inneren unbegründete und verantwortungslose Gerüchte leicht verbreiten. Für eine Organisation, die zur moralischen Reform der ganzen Welt gegründet wurde und unter deren Führung eine soziale und politische Bewegung geführt wird, ist dies eine noch größere Schwäche. Wenn ein Mensch alles, was er mit seinen Ohren hört, sogleich von Herzen glaubt und mit seinem Mund weiterverbreitet, wenn es danach von einem Mund zum anderen weitergetragen wird, ohne dass jemand seinen Wahrheitsgehalt prüft oder eine Auswahl trifft, und ohne dass diese Kette irgendwo endet; wenn jeder frei alles sagen kann, was er gegen irgendjemanden sagen will, und ohne jedes Hindernis Verleumdungen über denjenigen verbreiten kann, den er verleumden möchte – dann kann in einer solchen Gesellschaft niemandes Ehre und Ansehen sicher sein. Wenn in einer Gesellschaft selbst der Gesandte Allahs, Aischa as-Siddīqa, Abu Bakr as-Siddīq und Safwān vor der von einem Heuchler verbreiteten Verleumdung nicht geschützt sind, wessen Ehre und Ansehen können dann noch sicher sein?

Aus diesem Grund wird in der Sura an-Nur in äußerst scharfem Tadel gesagt:

„Über diejenigen, die keuschen Frauen Verleumdungen nachsagen, kommen im Diesseits und im Jenseits Fluch und für sie ist eine schwere Strafe bestimmt.“ (Vers 23)

In diesem Vers wird ein Bild vom Charakter Aischas gezeichnet: einer gläubigen, tugendhaften Frau, die nicht einmal weiß, was Unzucht ist und wie sie begangen wird, und der es nicht einmal in den Sinn kommt, dass jemand sie in dieser Sache verleumden könnte. Dieses Bild einer solchen arglosen und zu Unrecht leidenden Frau hat moralisch das Herz jedes Menschen bewegt.

Es ist bedauerlich, dass sich unter den aufrichtigen Gläubigen, die Allahs Gesandtem gehorsam und der islamischen Bewegung treu ergeben waren und von dieser wilden, frischen Lawine mitgerissen wurden, auch eine Persönlichkeit befand, die der islamischen Bewegung wertvolle Dienste geleistet und ihren literarischen und geistigen Reichtum vermehrt hatte. Es war Hassan ibn Thabit. Auch Hassan geriet unter den Tadel und die Zurechtweisung der Sura an-Nur. Dabei hatte er in der islamischen Organisation und am Hof des Gesandten Allahs eine sehr hohe Stellung inne. Zu verschiedenen Zeiten ermahnte ihn der Gesandte Allahs ausdrücklich, die Angriffe der Dichter und Literaten der vorislamischen Zeit mit Dichtung und Literatur zu beantworten und die Aufgabe der Erläuterung und Auslegung des Islam zu übernehmen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wurde Hassan sogar das seltene Glück zuteil, dass der Gesandte Allahs ihn eigenhändig auf seine Kanzel setzte und ihn aufforderte, die Hymne der islamischen Bewegung vorzutragen. Aischa selbst wusste diese seine Stellung so sehr zu schätzen, dass sie ihn stets ehrte, nachdem diese aufwühlende Zeit vorübergegangen war. Bisweilen erinnerte man sie daran, dass dieser Mann an der Verbreitung von Verleumdungen gegen sie beteiligt gewesen war. Dann erhob sich Aischa zur höchsten Stufe der Großzügigkeit und des Edelmuts und sagte: ‚Lasst es gut sein. Er hat den Dichtern, die dem Islam feindlich gegenüberstanden, stets im Namen des Gesandten Allahs und der islamischen Bewegung eine vernichtende Antwort gegeben und auf dem Gebiet der Dichtung wertvolle Beiträge geleistet.‘

Wie dem auch sei, tatsächlich war es so, dass diese außergewöhnliche Persönlichkeit der islamischen Bewegung im Netz der von den Heuchlern gelegten Irreführung gefangen worden war. Die Rolle, die er bei diesem Aufruhr spielte, übernahm er zwar aufrichtig und in der Überzeugung, gerecht zu handeln, doch für die Bewegung war sie äußerst schädlich. Aus seinem Verhalten kann jeder die Lehre ziehen, dass kein Mensch, wie charakterfest er auch sein mag, sich selbst gegenüber sicher sein kann, unter keinen Umständen einer Irreführung zu erliegen. Ebenso kann niemand, wie hoch seine Stellung auch sein mag, für ihn garantieren, dass er in keiner Angelegenheit einer Verblendung zum Opfer fallen wird. Jeder Mensch, ob klein oder groß, ist in jedem Augenblick Ziel der Machenschaften Satans. Bei jeder bedeutenden und führenden Persönlichkeit ist Satan vielmehr noch eifriger darum bemüht, ein Netz von Intrigen um sie zu spannen. Deshalb folgt die islamische Bewegung zu allen Zeiten dem Grundsatz, dass die eigentliche Treue der Gruppe nicht einer Person, sondern den Prinzipien und Idealen gelten soll.

Eine führende Persönlichkeit der islamischen Bewegung in eine Falle gelockt zu haben, war für Abdullah ibn Ubayy und seine Gefährten ein außerordentlich großer Erfolg. Von heuchlerischer Verschlagenheit getrieben, betrieben sie ihre Machenschaften, während Hassan ibn Thabit aufrichtig darum bemüht war, ihre Verschwörung zum Erfolg zu führen. Es wäre nicht unangemessen zu sagen, dass Abdullah ibn Ubayys Heuchelei für die Bewegung zwar schädlich war, Hassans Aufrichtigkeit und Arglosigkeit jedoch noch zerstörerischer waren. Denn ein Schritt, der aus Aufrichtigkeit und guten Absichten unternommen wird, ist bei der Verursachung von Schaden oftmals weitaus erfolgreicher als ein Schritt, der freiwillig aus schlechten Absichten heraus erfolgt.

Hasan ibn Thabit verstand überhaupt nicht, wessen Interessen er diente und wessen Sichtweise er verbreitete. Er erkannte nicht, wessen Vorstellungen und Absichten er verwirklichte, welchen gesellschaftlichen Gruppen seine Aktivitäten zugutekamen und welcher Gruppierung innerhalb der Organisation er dadurch mehr Einfluss verschaffte. Dass er in diesem Fall keine gläubige Einsicht und Weisheit zeigen konnte, war vermutlich ein Ergebnis von Allahs Willen.

Die Beziehung zwischen Abdullah ibn Ubayy und der islamischen Gesellschaft war schwach und von Distanz geprägt. Seine feindseligen Aktivitäten konnte man noch ertragen. Doch Hasan ibn Thabit gehörte zur islamischen Organisation. Gerade deshalb war sein feindseliges Verhalten unerträglich. Denn dadurch hatten alle den Eindruck, dass unser eigenes Schwert uns verwundete. Sobald eine solche Situation in einer Bewegung oder Organisation entsteht, droht der Damm der Geduld zu brechen. Wahrscheinlich war es auch hier so. Doch die strenge moralische Disziplin der islamischen Organisation hielt die Gefühle im Zaum. Nur ein Mann konnte sich nicht beherrschen. Das war Safwan ibn Mu’attal. Aus zwei Gründen geriet er außer sich. Erstens wurde die Frau verleumdet, die er wie seine eigene Mutter verehrte: Hazrat Aischa. Zweitens wurde diese Verleumdung gerade unter Einbeziehung seiner Person verbreitet. Safwan war außerdem ein Kämpfer von Badr, ein aufrichtiger Diener der islamischen Bewegung und für seine Offenheit bekannt. Darüber hinaus hatte sich bis dahin kein Anzeichen einer Sünde in seinem Charakter gezeigt. Wie ein schüchterner Junge hatte er Hazrat Aischa nicht einmal angesehen und sie, ohne unterwegs ein Wort zu sagen, mit größter Umsicht vom rückwärtigen Lager zum nächsten Standort der islamischen Armee gebracht. Deshalb stieg ihm das Blut zu Kopf.

Safwan hörte einige Verse des Gedichts, das Hasan über die von den Heuchlern verbreitete Verleumdung geschrieben hatte. Die Sprache stammte von Hasan, doch der Inhalt und die Gesinnung waren die der Heuchler.

Safwan geriet mit Hasan in einen Wortwechsel. Schließlich schlug er ihn mit dem Schwert. Thabit ibn Qais trat dazwischen, versuchte, ihn aufzuhalten, fesselte Safwan und brachte ihn zum Haus der Banu Harith. Schließlich gelangte die Angelegenheit zum Gesandten (s.a.w.). Er ließ sowohl Hasan als auch Safwan zu sich rufen. Safwan sagte: „O Gesandter, dieser Mann hat mich verletzt und äußerst unanständige Worte gegen mich gerichtet. Deshalb konnte ich meinen Zorn nicht beherrschen und schlug ihn.“ Der Gesandte (s.a.w.) beruhigte Hasan, indem er ihm in freundlichem Ton verständnisvoll zuredete, und ließ Safwan für die Schwertverletzung eine Diyya (Entschädigung) zahlen. (Sira Ibn Hischam, 3. Band)

Es war verständlich, dass Safwan erregt war. Deshalb lenkte Hasan ein. Allah bewahrte ihn davor, Rachegedanken zu hegen und später aus solchen Gedanken heraus etwas zu tun, das für die Bewegung noch schädlicher gewesen wäre.

Später empfand Hazrat Hasan tiefe Reue, die in einem seiner Gedichte zum Ausdruck kam. Mit diesem Gedicht versuchte er, den Schandfleck abzuwaschen, den man Hazrat Aischa angeheftet hatte. Er sagte:

„Sie ist eine verschleierte, keusche Frau, die über jedem Zweifel steht. Sie ist frei davon, in die Ehre argloser Frauen einzugreifen. Sie ist eine tugendhafte und keusche Frau. Allah hat ihre Natur geläutert und sie von Sünde gereinigt. Nichts von dem, was bisher gesagt wurde, trifft auf sie zu. Ich hatte all das nur gesagt, weil ich mich durch die von einem Verleumder ersonnene Lüge hatte täuschen lassen.“ (Sira Ibn Hischam, 3. Band)

In diesem Zusammenhang legt die Sure an-Nur den Muslimen eine gesellschaftliche Lehre in Form eines grundsätzlichen Arguments dar:

„Unzüchtige Frauen sind für unzüchtige Männer bestimmt, und unzüchtige Männer sind für unzüchtige Frauen bestimmt; und reine Frauen sind für reine Männer bestimmt, und reine Männer sind für reine Frauen bestimmt. Sie sind frei von dem, was jene erdichten.“ (Vers 26)

Das heißt: Für die Ehe sucht man gewöhnlich einen Partner, der moralisch und geistig ebenbürtig ist. Der Mensch wählt denjenigen aus, in dem er einen Charakter wie den eigenen erkennt. Besonders diejenigen, die ihr ganzes Leben einem bestimmten Zweck und Ziel widmen, suchen auch für das Eheleben einen Partner, der sie beim Erreichen dieses Lebenszwecks und -ziels unterstützen und ihnen dabei zur Seite stehen kann. Wie könnte man diese aus weltweiter Erfahrung gewonnene Wahrheit ignorieren, dass nur die Einheit des Charakters und der geistigen Haltung sowie die Übereinstimmung der Denkweise und Sichtweise die Harmonie und das gute Einvernehmen eines jeden Ehepaares gewährleisten können? Andernfalls würden vom Anfang bis zum Ende Streit, Auseinandersetzungen und Unfrieden fortbestehen. Dieser Vers fordert die Verleumder auf, die wahre Sachlage zu erkennen, und fragt sie: Habt ihr denn nicht gesehen, dass die edle Frau, die der große Führer der islamischen Bewegung für sein Eheleben erwählt hatte, zu der er eine tiefe Herzensbeziehung besaß und mit der ihn eine beispielhafte Einheit und Harmonie der Sichtweisen und Gedanken verband, etwa nur eine vollständig herausgeputzte Puppe war, deren äußerer Schmuck innerhalb eines Augenblicks abfiel, sodass nur die leblose Puppe übrig blieb?

Sie war die geliebte Tochter einer reinen und untadeligen Familie, deren Eltern zu den ersten Fahnenträgern der islamischen Bewegung gehörten. Ihre Kindheit verbrachte sie in der stürmischen und unruhigen Atmosphäre eben dieser Bewegung. Niemand hatte mehr Gelegenheit als sie, als Ehefrau des Gesandten Allahs von seinem strahlenden Charakter zu profitieren; niemand erhielt mehr als sie die besondere Erziehung durch den Gesandten Allahs, und ihr Gemach wurde oftmals vom Licht der Offenbarung erhellt. Ist es möglich, dass der Charakter einer Frau, die in einer derart reinen Umgebung heranwuchs und aufwuchs, so beschaffen war, dass die schlimmste Verleumdung auf sie zutreffen konnte? Und doch war vor der Verbreitung dieser Verleumdung weder in den Herzen ihrer Eltern und des Gesandten Allahs noch in den Herzen der gewöhnlichen Muslime auch nur der geringste derartige Gedanke über sie aufgekommen! Wie sollte ein reiner Charakter, der über viele Jahre in einem familiären Umfeld gehegt und entwickelt worden war, das von Anfang bis Ende im Glanz der Reinheit, Lauterkeit und Ehrlichkeit erstrahlte, plötzlich eine derart abscheuliche Tat begehen können, deren erstes Anzeichen sich zuvor niemals irgendjemandem gezeigt hatte? Wie kann man sich vorstellen, dass ein wunderbarer, fruchttragender Baum, nachdem er lange Zeit süße Früchte getragen hat, eines Tages plötzlich beginnt, saure Früchte hervorzubringen?

Das Gesetz tritt in Kraft

Unter der Lichtflut der Sure an-Nur erstrahlte die Herzensstadt der Muslime, die öffentliche Meinung bewegte sich mit gesammeltem Geist auf ein klares Ziel zu, und die islamische Gesellschaft atmete erleichtert auf, nachdem sie die lange Zeit der Unruhe überwunden hatte. Die Sure an-Nur brachte das Gesetz über Hadd al-Qadhf (die Strafe für Verleumdung) mit sich. Gegen die Verleumder lagen nicht nur ihr aufrichtiges Bedauern und ihr Geständnis der Schuld vor, sondern auch Beweise und Zeugenaussagen. Sie boten dem islamischen Gesetz ihren Rücken dar und bewahrten durch jeweils achtzig Peitschenhiebe die Lauterkeit ihres Gewissens. Mistah, Hassan ibn Thabit und Hamna bint Jahsh — diese drei erlitten diese Strafe. Der eigentliche Schuldige jedoch entging dem Zugriff des Gesetzes. Vor der öffentlichen Meinung trat sein niederträchtiger Charakter und sein abscheuliches Komplott jedoch vollständig zutage, und die islamische Gesellschaft ließ ihn, indem sie ihn völlig bedeutungslos machte, beiseite.

Jeder Mensch macht Fehler. Außer den Propheten ist kein Mensch ohne Sünde. Betrachtet man jedoch die beiden einander entgegengesetzten Verhaltensweisen in der Geschichte des Propheten Adam, so zeigt sich, dass sich dem Sünder nach der Begehung einer Sünde zwei Wege eröffnen: der eine ist der von Satan gewählte Weg. Es ist der unbesonnene Weg, an der Sünde noch entschlossener festzuhalten. Der zweite ist der vom gesunden und aufrichtigen Wesen Adams gewählte Weg, nämlich nach der begangenen Schuld Reue zu zeigen und sich zu bessern. Abdullah ibn Ubayy und seine Gefährten schlugen den satanischen Weg ein. Hassan, Mistah und Hamna dagegen beschritten den Weg der inneren Läuterung.

 

Ein Segen im Unglück

Beleben Sie den Lauf der Zeit vor Ihrem geistigen Auge ein wenig neu und versetzen Sie sich für einen Augenblick in die stürmische Atmosphäre der monatelangen Verleumdung in Medina. Vor Ihnen wird eine schreckliche und schmerzliche Situation erscheinen. Eine Bewegung, die nach und nach Anhänger gesammelt und sich in eine kleine revolutionäre Karawane verwandelt hatte, eine Bewegung, die nach einem langen und schwierigen Weg in Medina unter dem Namen Islamischer Staat eine kleine Oase des Friedens geschaffen hatte, eine Bewegung, die der von den Flammen jahrzehntelanger Unruhe und Gesetzlosigkeit gezeichneten, bedrohten Menschheit in dieser Oase des Friedens Zuflucht bieten wollte — wenn aus dem Innersten dieser Bewegung ein zerstörerischer Aufruhr hervorbräche, könnte es nichts Beunruhigenderes geben. Besonders in einer Situation, in der dieser islamische Staat von allen Seiten dem Angriff von Feinden ausgesetzt war, jederzeit damit rechnen musste, an irgendeiner Front einer militärischen Aggression zum Opfer zu fallen, und von den schädlichen Aktivitäten eines großen Teils seiner eigenen nichtmuslimischen Bewohner umgeben war.

Doch der Koran tröstete sie mit der Zusicherung, dass es keinen Grund gebe, sich zu fürchten oder beunruhigt zu sein: „Betrachte dieses Ereignis nicht als schädlich für dich; in Wirklichkeit ist es ein Mittel zu eurem Wohl.“ (Sure an-Nur, 11)

Wenn idealistische und revolutionäre Bewegungen von Katastrophen und Unruhen heimgesucht werden, die seelische Unruhe und Sorge hervorrufen, erweisen sich diese ihrem Ergebnis nach als Ursachen größeren Wohls und Fortschritts, von Reform und Aufbau sowie von Kraft und Widerstandsfähigkeit – ganz gleich, ob jene Katastrophen aus ihrem Inneren hervortreten oder von außen kommen. Wie für ehrgeizige und fähige Menschen die verschiedensten Höhen und Tiefen, Unfälle und Widrigkeiten den Aufstieg fördern, so ebnen für Bewegungen mit geistiger und schöpferischer Tatkraft Widerstand und von Anarchie geprägte Verhältnisse den Weg zu Entwicklung und Stabilität. Jede Organisation, die sich ihrer Ziele und Absichten bewusst ist, in der sich ein gemeinsames Bewusstsein herausgebildet hat, deren moralische und geistige Haltung gereift ist, deren Führung in den Händen stets wacher, aufmerksamer, kluger und weiser Menschen liegt, deren Mitglieder alle feindlichen und anarchistischen Kräfte aufmerksam beobachten, bereit sind, gegen jeden möglichen Streit und jedes Hindernis mit ganzer Kraft zu kämpfen, und deren öffentliche Meinung nicht zulässt, dass irgendeine islamfeindliche Ideologie innerhalb der Organisation Fuß fasst, zieht aus jedem feindlichen Angriff und jedem Widerstand irgendeinen Nutzen.

Auch durch diese schmutzige Kampagne der Verleumdung und üblen Propaganda hat der große islamische Staat und die islamische Organisation von Medina in mehrfacher Hinsicht Nutzen gezogen und ist infolgedessen stärker und wachsamer geworden als zuvor.

Die Führer und Mitglieder dieser strahlenden Bewegung für Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit lernten durch unmittelbare bittere Erfahrung die gefährlichen und weitreichenden Schwächen der Menschheit kennen. In einer Khanqah der Pīr-Murīd-Tradition kann man davon nicht nur keine Kenntnis erlangen, sondern nicht einmal die geringste Vorstellung davon gewinnen; ebenso wenig kann man dort Menschen darauf vorbereiten, ihnen entgegenzutreten. Durch dieses Ereignis wurden zahlreiche Schwachstellen im kollektiven Leben sichtbar, durch die alle zerstörerischen Mängel von innen eindringen konnten. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Gefährten erkannten dadurch, welche Angehörigen der verschiedenen Ebenen der Organisation von der Krankheit der Heuchelei befallen waren, wer einen schwachen Glauben besaß, wer von beschränktem Wissen und einem gefühlsbetonten Temperament geprägt war, wer trotz guter Absichten vom rechten Weg abirrte und wer aufgrund seiner Arglosigkeit den Täuschungen der Feinde zum Opfer fiel. Besonders wurde deutlich, wie weit die kleine Splittergruppe gehen konnte, die der intrigante Heuchlerführer innerhalb der islamischen Organisation geschaffen hatte.

Nachdem man durch praktische Erfahrung diese schwachen Seiten der inneren Entwicklung der islamischen Gesellschaft kennengelernt hatte, entstand ein geistiges Klima, das man nutzte, um einerseits Schulungen anhand neuer ethischer Richtlinien einzurichten und andererseits gesellschaftliche Vorschriften einzuführen, die geeignet waren, die Muslime vor verschiedenen charakterlichen Mängeln zu bewahren. Drittens wurde ein strenges Dekret mit neuen Gesetzen und Strafbestimmungen erlassen, das die dauerhafte kollektive Wohlfahrt der Menschheit sicherstellte.

Dieses Ereignis rüttelte das kollektive Gewissen der islamischen Gesellschaft von Medina wach. Durch den Schlag, den es den Gefühlen versetzte, erweckte es ihre Moral und aktivierte ihr gemeinsames Ehrgefühl. Nachdem diese Gesellschaft dem beschämenden Angriff der heuchlerischen Kräfte entkommen war, wurde jedes ihrer Mitglieder wachsamer und gefestigter als zuvor.

Derjenige, der neben Aischa bei diesem Ereignis am meisten Unrecht erlitt, war der Gesandte Allahs selbst, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Doch die Würde, Ruhe und Gefasstheit seines Verhaltens sowie die Großzügigkeit, die Erhabenheit, die Geduld und die Nachsicht, die er dadurch bewies, versetzen die Menschen in staunende Bewunderung. Dieses Ereignis bietet denjenigen, die nach dem Gesandten Allahs die Führung der islamischen Bewegung und Organisation übernehmen, ein lehrreiches Beispiel. Um der gesamten Menschheit eine von herzlicher Verbundenheit geprägte Gesellschaftsordnung zu schenken, ertrug er äußerste seelische Qualen. Derjenige, der erschienen war, um die Ehre aller Menschen zu schützen, erhielt von der Gesellschaft seiner Zeit diese Vergeltung: Sie beschmutzte seine Ehre mit dem Makel einer falschen Verleumdung. Wäre jemand anderes in eine solche Lage geraten, hätte er entweder seine Gegner zermalmt oder sich in äußerster Verzweiflung in eine Ecke seines Hauses zurückgezogen. Doch er erfüllte seine Pflichten weiter und blieb dabei ein lebendiges Sinnbild der Geduld und Nachsicht.

Aufwiegelnde Aktivitäten

Die Juden von Medina waren einerseits aus Stolz auf ihre gut gefestigte Macht und andererseits aus politischen Gründen durch den Abschluss eines Verfassungsvertrags mit dem Gesandten (s.a.w.) unter die Verwaltung des Islamischen Staates gelangt. Wahrscheinlich hatten sie diese neue politische Kraft nicht rechtzeitig richtig verstanden. Auch ihre glänzende Zukunft hatten sie nicht vorausgesehen. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass diese Kraft sich so schnell entwickeln und mithilfe einiger mittelloser Flüchtlinge und der Ansar von Medina allein durch Glauben und Charakter zu einer die Richtung der Geschichte bestimmenden Kraft werden würde. Sie hatten geglaubt, dass diese aus ihrer Heimat vertriebenen Muslime, gleich den vertrockneten Blättern, die von einem Baum fallen, schon beim ersten Schlag möglicher Katastrophen und Unglücke ausgelöscht würden. Und selbst wenn sie irgendwie überleben sollten, wären sie dennoch nicht in der Lage, eine starke Gesellschaft aufzubauen. Doch unter dem wunderbaren Einfluss der revolutionären Lebenskraft der Kalima Tayyiba errichteten diese wenigen Menschen selbst in einer äußerst feindseligen Umgebung ein starkes politisches Fundament. Mehr noch: Schon nach wenigen Monaten erkannten die Juden, dass der Islamische Staat eine aufgehende Sonne war, vor der die Leuchten ihres Einflusses und ihrer Macht nur noch flackern würden. Besonders als sie sahen, dass die Muslime aus der Schlacht von Badr nicht nur sicher, sondern unter dem Wehen der Siegesflagge nach Medina zurückkehrten, waren die Juden derart verblüfft, dass sie gewiss gezwungen waren, über die ganze Angelegenheit noch einmal gründlich nachzudenken.

Der mit dem Gesandten (s.a.w.) geschlossene Friedensvertrag hatte die Juden zu Verbündeten und gesetzmäßigen Bürgern des Islamischen Staates gemacht. Doch in ihren Herzen loderte das Feuer des Aufruhrs und des Neides.

Diese widersprüchliche Haltung führte sie schließlich auf den Weg der Verschwörung und Anarchie. Sobald sich eine Gelegenheit bot – und wenn keine vorhanden war, schufen sie eine –, versuchten sie auf jede erdenkliche Weise, die gesellschaftliche Einheit der Muslime zu zerstören und sie aufzuhetzen, die Verwaltung und die öffentliche Ordnung irgendwie lahmzulegen, Krisensituationen herbeizuführen und die Führung des Gesandten (s.a.w.) zu schwächen. Die Handlanger der Juden hielten sich als Heuchler verkleidet im Inneren der islamischen Gesellschaft verborgen. Gemeinsam mit Menschen schwachen Glaubens aus den Reihen der Ansar setzten sie die Pläne der Juden um. Diese übeltäterischen, intriganten Feinde ersannen schließlich einen hinterhältigen Plan. Sie verfassten obszöne Gedichte über muslimische Frauen, trugen sie vor und verbreiteten sie. Sie versuchten, deren Ansehen zu schädigen. Durch diese schmutzige Beschäftigung mit der Dichtung wurde ihr Denken derart geprägt, dass sie keinerlei Achtung mehr vor einem grundlegenden gesellschaftlichen Wert wie der Keuschheit empfanden. Diese schamlose Gesinnung der Juden trat eines Tages so zutage, dass einige jüdische Jugendliche sich völlig wie Schläger benahmen. In Medina lebte ein jüdischer Stamm namens Banu Qaynuqa. Eine arabische Muslimin ging auf ihren Markt, um einzukaufen. Der Händler machte ihr zunächst unsittliche Avancen und entblößte sie dann mitten auf dem öffentlichen Markt. Nachdem er diese Schandtat begangen hatte, begannen er und seine Gefährten, sie nicht etwa beschämt, sondern noch zusätzlich zu verspotten und zu verhöhnen. Die Frau schrie nach arabischer Art und rief um Hilfe. Als ein arabischer junger Mann ihren Schrei hörte, erwachte sein Ehrgefühl, und in äußerster Erregung und Verwirrung tötete er den niederträchtigen Juden augenblicklich. Die Intriganten hatten genau das erreicht, was sie wollten. Zwischen den arabischen Muslimen und den Juden drohte ein Aufruhr auszubrechen. Als der Gesandte (s.a.w.) davon erfuhr, begab er sich unverzüglich zum Tatort. Er tadelte den Stamm Banu Qaynuqa wegen seiner abscheulichen Tat und warnte ihn mit den Worten: „O ihr Juden, werdet zur Vernunft, bevor euch dasselbe Schicksal ereilt wie die Quraisch bei der Schlacht von Badr.“

Nach der Überlieferung Ibn Saʿds erwiderte der Stamm Banu Qaynuqa, da er von heftigem Hass und Starrsinn erfüllt war, in erregtem Ton: „O Muhammad! Bilde dir bloß nichts darauf ein, dass du einige Männer der Quraisch getötet hast. Sie waren machtlos und in der Kriegskunst unerfahren. Bei Allah, wenn du dein Schwert gegen uns erhebst, wirst du erkennen, dass wir die wahren Kämpfer sind. Mit Leuten wie uns bist du bisher noch nie in Berührung gekommen.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

Die Menschen aus den Stämmen Aus und Chasradsch in Medina waren den Juden bis dahin in politischer, wirtschaftlicher und geistiger Hinsicht weit unterlegen gewesen. Doch die islamische Bewegung hatte in ihnen den Pulsschlag eines neuen Lebens erweckt, und ihr unablässiges Streben und ihr Eifer, ein heiliges Ziel zu erreichen, hatten sie untereinander und mit den Muhadschirun durch Bande der Einheit verbunden. Als die Juden die glückliche Veränderung in ihrem Schicksal sahen, wurden sie innerlich rasend vor Wut. Ein berüchtigter, verschlagener alter Mann der Juden, Schas ibn Qays, beobachtete diese Veränderung der Lage mit großer Sorge. Sein Herz war voller Neid und Hass auf die Führer und Anhänger der islamischen Bewegung. Einmal erblickte er mit eigenen Augen eine Versammlung der Gefährten des Gesandten (s.a.w.). Bei jener Zusammenkunft unterhielten sich einige Männer aus Aus und Chasradsch miteinander. Als er ihre gegenseitige Anteilnahme und Verbundenheit sowie die durch den Islam geschaffene Einheit sah, schien sein Inneres vor Wut zu verbrennen. Wo war das lärmende Gezänk und die Kämpfe des Zeitalters der Dschāhilīya, und wo war dieses süße Bild der Einigkeit! Der alte Jude sagte sich: „Aha, jetzt verstehe ich. Die Nachkommen Kailas – so heißt die Großmutter der Stämme Aus und Chasradsch – sind in dieser Stadt also zu einer Einheit verschmolzen! Wenn sie sich auf diese Weise zusammenschließen, wird es uns unmöglich werden, in Ruhe zu leben.“ Schließlich schmiedeten die Angehörigen seines Stammes eine Verschwörung und machten einen jüdischen Jugendlichen zum Werkzeug, der sie ausführen sollte. Sie wiesen ihn an: „Geh zu den Versammlungen der Muslime, setz dich zu ihnen und mische dich eng unter sie. Erinnere sie an die Schlacht von Buʿāth und an jene früheren Kämpfe, die zwischen Aus und Chasradsch stattgefunden hatten.“ Der jüdische Agent erfüllte die ihm übertragene Aufgabe sehr gut. Einmal saßen die Männer aus Aus und Chasradsch gemeinsam in einer Versammlung. Im Verlauf des Gesprächs begann man, über die dunklen Kapitel des Zeitalters der Dschāhilīya zu sprechen. Allmählich entstanden Streit, Zank und gegenseitige Herabsetzungen; man wetteiferte darin, einander zu demütigen, und die Auseinandersetzung verwandelte sich in Erregung. Schließlich standen sich die erregten Kämpfer beider Seiten gegenüber, als wollten sie erneut Krieg führen und beweisen, wer von ihnen stärker sei. Rufe wurden laut: „Bringt Waffen, Waffen!“ In beiden Stämmen, Aus und Chasradsch, herrschte plötzlich große Aufregung. Sogar Ort und Zeit des Kampfes wurden festgelegt. Die erregten Männer zogen bewaffnet hinaus. In diesem Augenblick traf der Gesandte (s.a.w.) gemeinsam mit einigen Muhadschirun am Schauplatz ein. Darauf hielt er die folgende Ansprache:

„O ihr Muslime, denkt an Allah! Allah hat euch den Weg des Islam gezeigt, euch dadurch zu Ansehen erhoben, die Fesseln der Dschāhilīya von euren Hälsen abgeschüttelt, euch vom Unglauben befreit und euch durch Bande gegenseitiger Zuneigung und Liebe miteinander verbunden. Und trotzdem beginnt ihr in meiner Gegenwart, die Parolen der Dschāhilīya auszurufen – wie kann das sein?“

Schon nach dieser kurzen Ansprache erkannten die Menschen, dass all dies in Wirklichkeit eine von Satan geschaffene Fitna und eine hinterhältige Verschwörung war. Die Feinde des Islam hatten diese Verwirrung gestiftet. Reumütig senkten sie ihre Köpfe, bekundeten ihren Gehorsam und kehrten gemeinsam mit dem Gesandten zurück.

Ein Vorfall dieser Art ereignete sich auf dem Weg zum Feldzug gegen die Banu al-Mustaliq. Die den Juden hörigen Heuchler hatten unter der Führung von Abdullah ibn Ubayy eine gefährliche Spannung zwischen den Ansar und den Muhadschirun hervorgerufen. Wir haben diesen Vorfall bereits erwähnt. Auch damals brachte der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Lage mit außerordentlicher Schnelligkeit und Umsicht unter Kontrolle.

Unter all diesen Verschwörungen war die am sorgfältigsten organisierte und hinterhältigste die Geschichte der Moschee von Dirar. Der eigentliche Drahtzieher dieser Verschwörung war ein falscher Heiliger namens Abu Amir aus dem Stamm der Chazradsch. Bevor der Gesandte Allahs (s.a.w.) nach Medina kam, hatte er aufgrund seiner Gelehrsamkeit über die früheren himmlischen Schriften und seiner asketischen Lebensweise beträchtlichen Einfluss. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) nach Medina kam und zu einer Zuflucht für Menschen aller Schichten wurde, sank Abu Amirs Einfluss und Ansehen auf null. Deshalb war er innerlich äußerst erbittert. Darüber hinaus versetzte ihn das Bild der Zukunft, das ihm der Ausgang der Schlacht von Badr vor Augen führte, in fieberhafte Aufregung. Eines Tages begann er, die Führer der Quraisch in Mekka zum Krieg von Uhud aufzuhetzen; zugleich nahm er Verbindung zu anderen polytheistischen Führern Arabiens auf, stachelte sogar die Ansar zum Aufstand gegen den Gesandten Allahs (s.a.w.) an und lud sogar den römischen Kaiser Heraklius ein, Medina anzugreifen. (Tafsir Ibn Kathir, Band 4)

Er stiftete die Heuchler dazu an, ein alternatives Zentrum zu errichten, um dem Gesandten Allahs (s.a.w.) entgegenzutreten. Auf der Grundlage dieses Plans wurde die Moschee von Dirar gebaut. Die Urheber dieses Zentrums islamfeindlicher Aktivitäten wandten sich in theatralischer Weise an den Gesandten Allahs (s.a.w.) und erklärten: Wir haben diese Moschee für all jene schwachen und hilflosen Menschen errichtet, die zum Gebet nicht weit gehen können. Außerdem können die Menschen aus der Umgebung sich in dunklen Nächten sowie bei Sturm und Regen leicht hier versammeln. Gehen Sie hin, eröffnen Sie sie und segnen Sie sie. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) war damals gerade nach Tabuk aufgebrochen. Er verschob die Angelegenheit bis zu seiner Rückkehr aus Tabuk. Auf dem Rückweg wurde er durch die Offenbarung gewarnt:

„Diejenigen, die eine Moschee errichtet haben, um Schaden zuzufügen, Unglauben zu begehen, Zwietracht unter den Muslimen zu säen und denen, die schon zuvor gegen Allah und Seinen Gesandten Krieg geführt hatten, einen Hinterhalt zu bereiten, und die schwören: ‚Wir wollten nur Gutes‘ – Allah bezeugt, dass sie Lügner sind. Verrichte niemals das Gebet in dieser von ihnen errichteten Moschee. Doch die Moschee, deren Fundament seit dem ersten Tag auf Gottesfurcht gegründet wurde – diese ist besser dafür geeignet, dass du in ihr betest. In ihr befinden sich viele Menschen, die sich reinigen möchten. Allah liebt diejenigen, die sich reinigen wollen.“ (Sure at-Tauba, 107–108)

Daraus lässt sich lernen, wie ein kleiner Samen der Vergeltung einen gewaltigen Giftbaum hervorbringen kann und wie sogar die Kräfte des Unglaubens eine Moschee als Stützpunkt zur Bekämpfung der islamischen Bewegung benutzen. Beachten Sie, wie die Versuchungen, die zum Schaden des Islam hervorgerufen werden, unter dem Etikett von Religion und Gottesfurcht in Erscheinung treten. Wie viele Gruppen und Untergruppen, wie viele Chankahs, Moscheen, Madrasa, Verlage und Zeitungen und Zeitschriften werden noch heute vor unseren Augen mit ebenso schlechten Absichten wie die Moschee von Dirar gegründet und gefördert – dafür gibt es keine Zahl. Auch ihre Urheber behaupten: „Wir tun dies nur in guter Absicht.“

Wenn diese Moschee tatsächlich zur Anbetung Allahs errichtet worden wäre und ihr Ziel darin bestanden hätte, schwachen und hilflosen Muslimen die Teilnahme am Gemeinschaftsgebet zu erleichtern, dann wäre dieses Anliegen dem Gesandten Allahs (s.a.w.) zur Prüfung vorgelegt worden. Damals hätte der Führer der islamischen Gesellschaft über den Bau dieser Moschee entschieden. Wie die anderen Moscheen wäre auch sie unter gemeinsamer Beteiligung der Muslime errichtet worden. Stattdessen berieten sich einige Leute heimlich, fassten ohne Wissen der islamischen Organisation und ihres Führers einen geheimen Plan und bauten unbeobachtet eine eigene Moschee für sich. Dabei bestand die Moschee von Quba bereits in unmittelbarer Nähe. Das bedeutet eindeutig, dass sich hinter dieser in das Gewand der Gottesfurcht gekleideten Handlung zwangsläufig irgendeine Täuschung verbarg. Die Offenbarung kam herab, enthüllte diese Täuschung und legte sie der Gesellschaft offen. Wenn einige Menschen innerhalb einer Organisation, die auf ein bestimmtes Ziel hinarbeitet, daran denken, eine eigene Untergruppe zu bilden, und außerhalb der gemeinsamen Arbeitsweise und des gemeinsamen Programms eigene Pläne entwickeln und umsetzen, dann kann das Ergebnis – wie sehr sie auch prahlen mögen, um ihre Gottesfurcht glaubhaft zu machen, und wie ansehnlich sie sich auch kleiden mögen – nichts anderes sein als die Schädigung der islamischen Gesellschaft, die Anstiftung zum Unglauben und die Schaffung von Zwietracht.

Schließlich wurde dieses unreine Zentrum, das unter dem heiligen Namen einer Moschee errichtet worden war, auf Anweisung des Gesandten Allahs (s.a.w.) niedergebrannt und zu Asche gemacht, damit zugleich auch seine abscheuliche Geschichte ausgelöscht würde. (Sira Ibn Hischam, Band 4)

Kurz gesagt ließ die jüdische Gemeinschaft, die den alleinigen Anspruch auf Allahs Rechtleitung erhob und sich als Erbin der Propheten und Gesandten betrachtete, keine Gelegenheit zur Anstiftung aus. Noch zerstörerischer als all diese beschämenden Machenschaften waren jedoch ihre verschwörerischen Aktivitäten, die sie während jedes Krieges unternahm, um das islamische Verteidigungssystem zu schädigen. Wir werden später die Einzelheiten dieser Machenschaften darlegen.

Behinderungen der Rechtspflege

Die ordnungsgemäße Führung jeder Staatsordnung hängt davon ab, dass zwei ihrer Aufgaben gewissenhaft erfüllt werden. Erstens muss ihre Verteidigung stark sein. Zweitens müssen ihre Justiz ordnungsgemäß funktionieren und ihre Gesetze und Vorschriften umgesetzt werden. Die erste Aufgabe dient dazu, das Land vor äußeren Angriffen zu bewahren, die zweite dazu, es vor inneren Problemen zu schützen. Doch die Regierung des Gesandten (s.a.) sah sich bei der Erfüllung beider Aufgaben einem Widerstand seitens der Juden und der Heuchler gegenüber. Wie diese beiden widerständigen Kräfte die Rechtspflege des islamischen Staates behinderten und welche Machenschaften sie betrieben, um die zivile Verwaltung zu schwächen, soll hier erwähnt werden. Wenn einer jungen Staatsordnung nicht einmal die Möglichkeit gegeben wird, ihre zivile Verwaltung zu etablieren, kann sie weder ihre inneren Probleme unter Kontrolle bringen noch den äußeren Mächten entgegentreten. Unter solchen Umständen besteht die Gefahr, dass ihre Existenz bereits im Keim zerstört wird. Die Geschichte kennt unzählige Beispiele dafür, dass Eroberer oder Revolutionäre überall dort, wo sie eine neue Regierung errichteten, anfangs ungewöhnliche Strenge und Gewalt anwenden mussten, um die zivile Verwaltung zu etablieren. Doch die Regierung des Gesandten (s.a.) war auf einer moralischen Ideologie und einer Rechtspflege gegründet, die keinen Raum für ungewöhnliche oder gesetzeswidrige Härte ließ. Dadurch erhielt die „fünfte Kolonne“ von Medina Gelegenheit, sich in gewissem Maß der Arglist und Heuchelei zu bedienen.

In dem Verfassungsvertrag, unter dessen Geltung die muslimischen Auswanderer, die Ansar und die jüdischen Stämme des islamischen Staates von Medina zu einer einzigen politischen Körperschaft zusammengeschlossen worden waren, war anerkannt worden, dass die höchste politische und rechtsprechende Gewalt (Final Authority) in den Händen Muhammads (s.a.) liegen sollte. Dieses Dokument ist bis heute erhalten, und es enthält die folgenden zwei eindeutigen Bestimmungen:

(Arabisch *******)

Nach Abschluss dieses Verfassungsvertrags wurde es für die vertragsgebundenen jüdischen Stämme rechtlich, moralisch und politisch zur unabdingbaren Pflicht, umfassend zur erfolgreichen Durchsetzung der Rechts- und Justizordnung des islamischen Staates beizutragen und der unter der Führung des Gesandten (s.a.) geführten Verwaltung uneingeschränkte Loyalität zu bekunden. Eine ungeordnete und chaotische Gesellschaft auf der Grundlage der Herrschaft des Gesetzes in eine geregelte bürgerliche Ordnung zu überführen, war eine außergewöhnliche und unschätzbare Leistung des Gesandten (s.a.), und die unterschiedslose Anwendung der natürlichen und ewigen Grundsätze der Gerechtigkeit zur Ausrottung von Verbrechen und Übeltaten war eine äußerst segensreiche Maßnahme. Infolge dieser Maßnahme war eine geordnete, reine, friedliche und sichere Umgebung auch für die Juden ebenso vorteilhaft wie für alle anderen. Außerdem war die Einführung des Gesetzes Allahs auch ein nationales Ziel der Juden. Dem Anschein nach hatten die Juden die Pflichten und Verantwortlichkeiten dieses Verfassungsvertrags freiwillig und bereitwillig übernommen. Doch überall dort, wo sie empfanden, dass ihre Interessen durch das Gesetz des islamischen Staates beeinträchtigt oder einer ihrer Angehörigen geschädigt werden könnte, leugneten sie politisch, rechtlich und prinzipiell sowie entgegen den ihnen durch den Vertrag auferlegten Pflichten diese vollständig ab und missachteten die umfassenden Interessen der Gesellschaft und der Menschheit völlig. Einmal beging ein verheirateter jüdischer Mann Ehebruch mit einer anderen verheirateten jüdischen Frau. Die Nachricht gelangte zu den jüdischen Anführern. Sie setzten sich zur Beratung zusammen und schickten einen Mann zum Gesandten (s.a.), um zu erfragen, welche Strafe für ein solches schändliches Vergehen verhängt werden könne. Sie hatten zuvor beraten und beschlossen: Wenn Muhammad (s.a.) die in ihrer Gesellschaft übliche „Tahmija“ anordnete – das Gesicht mit Ruß zu beschmieren und die Betreffenden auf einem Esel durch das Gebiet zu führen –, würde man Muhammad (s.a.) als König anerkennen und seinen Befehl gehorsam befolgen. Wenn er jedoch gemäß dem Gesetz des Buches Allahs die Steinigung anordnete, müsse man erkennen, dass er hinsichtlich richtigen Wissens, aufrichtigen Mutes und des Gehorsams gegenüber Allahs Gebot ein Prophet sei; in diesem Fall dürfe man Muhammads (s.a.) Befehl nicht befolgen. Denn dann würde auch der letzte Rest ihres führenden Einflusses und Ansehens zunichtewerden. Wie dem auch sei, der Bote kam und übermittelte die Botschaft der jüdischen Anführer. Vonseiten der obersten jüdischen Führer war zudem vorgeschlagen worden: Wir erkennen dich als Richter an. Dieser Vorschlag widersprach dem Verfassungsvertrag, denn gemäß diesem Vertrag war der Gesandte (s.a.) dauerhaft der oberste Richter von Medina. Wahrscheinlich erhob sich der Gesandte (s.a.) gerade deshalb und begab sich direkt zum religiösen Zentrum der Juden. Dort sagte er: „Ruft eure Gelehrten.“ Sofort wurde Abdullah bin Suriya herbeigebracht. Nach einigen Überlieferungen gehörten auch Abu Yasar bin Akhta und Wahb bin Yahuda zu dieser Gruppe. Während des Gesprächs bezeichneten alle Abdullah bin Suriya einmütig als denjenigen, der sich am besten mit der Tora auskenne. Der Gesandte (s.a.) nahm Abdullah bin Suriya beiseite, ermahnte ihn zunächst zur Gottesfurcht, erinnerte ihn an das goldene Zeitalter der Geschichte der Kinder Israels und fragte ihn: „Weißt du, dass die Tora für den Ehebruch eines Verheirateten die Steinigung – also die Tötung durch Steinwürfe – vorschreibt?“ Er antwortete: „Bei Allah, ja.“ Die durch die Offenbarung erlangte Kenntnis des Gesandten (s.a.) wurde somit sogar von einem Gegner bestätigt. Doch in der allgemeinen Versammlung begannen die jüdischen Anführer und Gelehrten, verdrehte und widersprüchliche Argumente vorzubringen. Sie behaupteten nachdrücklich, die Vorschrift unserer Religion sehe als Strafe für Ehebruch ausschließlich die Tahmija vor. Ihrem Begriff entsprechend wurden jüdische Ehebrecherinnen und Ehebrecher mit Ruß im Gesicht auf dem Rücken eines Esels durch die Ortschaft geführt. Die Vorschrift der Steinigung in der Tora hatten sie beiseitegeschoben. Als sich die Krankheit des Ehebruchs unter ihnen ausbreitete und sogar Angehörige ihrer Oberschicht darin verwickelt wurden, begann die Gesellschaft, statt sich auf die Seite des religiösen Gesetzes zu stellen, den Schuldigen zu helfen und die Strafe zu mildern. Die jüdischen Führer von Medina befürchteten, dass niemand mehr sicher wäre, wenn die Vorschrift der Steinigung aus der Tora erneut in Kraft träte. Heute würde der eine bestraft, morgen ein anderer. Deshalb wollten sie die Vorschrift der Steinigung abschaffen lassen. Daher sah sich der Gesandte (s.a.) gezwungen, in einer öffentlichen Versammlung von ihnen die Tora zu verlangen. Die Tora wurde gebracht, und ein jüdischer Gelehrter las die betreffende Stelle vor. In jener Abschrift der Tora war der Vers über die Steinigung unverfälscht enthalten. Deshalb verdeckte dieser ruchlose Gelehrte die betreffende Stelle mit der Hand und las den Vers davor und den Vers danach. Abdullah ibn Salam (ein berühmter jüdischer Gelehrter, der den Islam angenommen hatte) sprang vor, schob seine Hand beiseite und sagte, indem er dem Gesandten (s.a.) die Stelle zeigte: „O Gesandter, hier ist der Vers über die Vorschrift der Steinigung!“ [Im von Johannes (Yuhanna) verfassten Evangelium gibt es eindeutige Beweise dafür, dass die ursprüngliche Tora für eine verheiratete Ehebrecherin die Steinigung vorschrieb. Siehe hierzu die Aussage in Johannes 8:5:

„In der Tora hat Mose uns befohlen, solche Frauen zu steinigen.“ Trotz der Vermischung mit den Einflüssen jüdischer Kommentatoren, Rechtsgelehrter und Verfälscher enthalten die verbreiteten Fassungen der Tora an einigen Stellen die Erwähnung der Todesstrafe und der Steinigung wegen Ehebruchs. Zum Beispiel: „Wenn ein Mann dabei ertappt wird, dass er mit einer Frau Ehebruch begeht, die einen Ehemann hat, müssen beide getötet werden.“ (5. Mose, Kapitel 21–22)

„Wenn sich ein unverheiratetes Mädchen mit jemandem verbunden hat und ein anderer Mann sie in der Stadt antrifft und mit ihr Geschlechtsverkehr hat, dann sollt ihr beide an den Stadtrand bringen und sie steinigen.“ (Deuteronomium, Kapitel 22, Vers 23.) Auch in Vers 26 wird für denjenigen, der eine Frau gewaltsam vergewaltigt, die Todesstrafe verkündet. Daraufhin tadelte der Gesandte Allahs diesen jüdischen Gelehrten scharf und ließ dem betreffenden Täter die in der Tora verkündete Strafe des „Radschm“ auferlegen, wobei er sagte: „Ich bin der Erste, der die Umsetzung des Gesetzes Allahs und der Bestimmungen Seines Buches wieder einführt.“ (Sira Ibn Hischams, 2. Band; Sahih Muslim, Kapitel über die Vollstreckung der Steinigung an jüdischen Schutzbefohlenen; Zad al-Maʿad, 3. Band)

Dies waren die Machenschaften der jüdischen Gelehrten jener Zeit. Sie hielten Allahs Gesetz unter dem Arm verborgen und setzten stattdessen selbst erdachte, nichtige Gesetze in Kraft. Mit einer solchen Haltung wollten sie dem Gesandten Allahs, der entschlossen war, Allahs Gesetz in seiner ursprünglichen und unverfälschten Form umzusetzen, den Weg versperren. An sie gerichtet sagt der Koran: „Solange ihr nicht die Tora und das Evangelium sowie das in Kraft setzt, was von Allah zu euch herabgesandt worden ist, habt ihr keinerlei Grundlage.“ Das heißt: Solange ein solch gravierender Widerspruch zwischen eurem Glauben und eurem Handeln besteht, seid ihr ein bedeutungsloses und unbedeutendes Volk. Ein wichtiges Kennzeichen der allgegenwärtigen Verfälschung unter den Juden war, dass ihre Gesellschaft dauerhaft in obere und untere Klassen geteilt war und die Gleichheit vor dem Gesetz vollständig verschwunden war. Für die Einflussreichen und für die Schwachen galten unterschiedliche Gesetze. So bestand etwa zwischen den Banu Nadir und den Banu Quraiza aufgrund des Unterschieds zwischen Schwäche und Stärke ein diskriminierendes Diya-System (eine als Vergeltung für einen Totschlag zu entrichtende Geldstrafe). Wenn jemand von den Banu Nadir einen Angehörigen der Banu Quraiza tötete, wurden hundert Wasq Diya genommen. Wenn dagegen jemand von den Banu Quraiza einen Angehörigen der Banu Nadir tötete, wurden fünfzig Wasq genommen. Nach der Ankunft des Gesandten Allahs in Medina und der Errichtung des islamischen Justizsystems weigerte sich die Seite des Täters, als ein Angehöriger der Banu Nadir einen Angehörigen der Banu Quraiza tötete, das doppelte Diya zu zahlen, und drängte darauf, Gleichheit anzuerkennen. Mit der Unterstützung der islamischen Bestimmungen war ihre Stärke nun gewachsen. Die Erregung in dem Wortgefecht nahm derart zu, dass ein Krieg zwischen den beiden Stämmen auszubrechen drohte. Schließlich erklärten sich beide Stämme bereit, ihren Streit vor den Gesandten Allahs zu bringen und seinen Schiedsspruch anzunehmen.

Der Gesandte Allahs schaffte diese Ungleichheit beim Diya gemäß der Anweisung des Korans für immer ab und stellte Gleichheit her. (Tafsir Ibn Kathir, 2. Band; Sira Ibn Hischams, 2. Band.) Zugleich warnte der Koran diejenigen, die Allahs gerechtes Rechtssystem verändern, mit den Worten:

„Diejenigen, die nicht nach dem richten, was Allah herabgesandt hat, sind Ungläubige.“ (Al-Maida)

Wenn bei der Umsetzung des gerechten islamischen Rechtssystems und der Strafbestimmungen (Hudud) nur die Juden von Medina ein Hindernis gewesen wären, hätte man damit leben können. Das eigentliche Problem bestand darin, dass die gesamte arabische Gesellschaft von Ungleichheit geprägt war. Für die einflussreiche Klasse galt ein Gesetz, für die Schwachen und einfachen Menschen ein anderes.

Zur Zeit der Eroberung Mekkas wurde eine Frau namens Fatima aus dem Stamm der Banu Machzum wegen Diebstahls festgenommen. Da sie Angehörige eines einflussreichen Stammes war, gerieten die Quraisch durch ihre Festnahme in Unruhe. Sie konnten sich nicht einmal vorstellen, dass auch gegen eine solche vornehme Frau dieselbe gesetzlich für alle vorgesehene Strafe vollstreckt werden würde. Nach Beratung beschlossen sie, den Gesandten Allahs durch Bitten und Flehen dazu zu bewegen, sie freizulassen. Doch es stellte sich die Frage: Wer sollte diese Bitte vortragen? Nach reiflicher Überlegung schickten sie Usama ibn Zaid, um Fürsprache einzulegen. Kaum hatte Usama sein Anliegen vorgetragen, da veränderte sich das Gesicht des Gesandten Allahs. Er sagte: „Bist du gekommen, um wegen einer von Allah festgelegten Strafe Fürsprache einzulegen, damit sie aufgehoben wird?“ Schon beim Hören dieser wenigen Worte verstand Usama. Er bat um Vergebung. Schließlich wandte sich der Gesandte Allahs an die versammelte Menge und sagte:

„Ein Grund für den Untergang der Völker vor euch war, dass man so tat, als hätte man eine Straftat nicht gesehen, wenn ein einflussreicher Mann unter ihnen sie beging. Ich schwöre bei Allah: Selbst wenn meine Tochter Fatima stehlen würde, würde ich ihr ebenfalls die Hand abhacken.“ (Sahih Muslim, Kapitel über das Verbot der Fürsprache gegen die Vollstreckung der Strafbestimmungen)

Eine ähnliche Haltung zeigte sich im Fall einer anderen Frau namens Umm Haritha. Diese Frau hatte jemandem einen Zahn ausgeschlagen. Als der Fall vor den Gerichtshof des Gesandten Allahs gebracht wurde, ordnete er Qisas an (Zahn um Zahn). Umm Rabi (vermutlich die Schwester der Täterin; die Überlieferungen sind in dieser Hinsicht jedoch unklar) war über diesen Beschluss erstaunt und fragte den Gesandten Allahs: „Soll auch von ihr Qisas genommen werden? Ich schwöre bei Allah, das ist unmöglich.“ Der Gesandte Allahs sagte: „O Umm Rabi! Qisas ist doch Allahs Bestimmung.“ Die Frau aber fuhr fort: „Ich schwöre bei Allah, es ist unmöglich, von ihr Qisas zu nehmen.“ Sie konnte einfach nicht verstehen, wie man einer Täterin von solchem Rang den Zahn ausschlagen konnte.

In der Praxis einigten sich beide Seiten schließlich auf die Zahlung der Diya. Auf diese Weise wurde sowohl die Regelung des Qisas (bei der hinsichtlich der Diya ein Spielraum bestanden hatte) eingehalten als auch Umm ar-Rabīs Aussage bestätigt. Daher sagte der Gesandte, scherzhaft: „Es gibt Diener Allahs, die, wenn sie bei etwas schwören, von Allah selbst erhört werden.“ (Sahih Muslim: Kapitel über Qisas)

Die Juden behinderten nicht nur die Arbeit der islamischen Gerichtsbarkeit. Vielmehr bemühten sie sich überall dort, wo sie Gelegenheit dazu hatten, in der gesamten zivilen Verwaltung Unordnung zu stiften. Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist Folgendes: Nach dem Sieg über Chaybar wurden die Juden von Chaybar auf deren Antrag hin als Teilpächter auf ihrem Land belassen, gegen die Abgabe der Hälfte der Ernte. Als der Steuereinnehmer der islamischen Regierung zum ersten Mal zu ihnen kam, um den der Regierung zustehenden Anteil einzuziehen, versuchten sie, ihn zu bestechen. Sie waren von der schrecklichen Krankheit der Korruption befallen und bemühten sich, auch die Beamten der neuen Verwaltung darin zu verstricken. Dieser Steuereinnehmer war ʿAbdullah ibn Rawāha. Der vom Gesandten entsandte vertrauenswürdige Steuereinnehmer stand weit über dem, was die Juden von Chaybar erwartet hatten. In aller Deutlichkeit sagte er zu ihnen: „O Feinde Allahs, wollt ihr mich mit verbotener Nahrung speisen?“ (Sīrat an-Nabī, Schiblī Nuʿmānī)

Er sagte: „Der Gesandte hat mich nicht zu euch geschickt, damit ich euer Vermögen veruntreue. Vielmehr wurde ich geschickt, um es gleichmäßig zwischen euch und den Muslimen aufzuteilen. Wenn ihr einverstanden seid, schätze ich die gesamte Ernte und überlasse euch die Hälfte; wenn ihr aber wollt, könnt ihr selbst schätzen und uns die Hälfte davon geben.“

Danach schätzte Ibn Rawāha die Gesamtmenge auf 40.000 Wasq und nahm davon 20.000 Wasq als den den Muslimen zustehenden Anteil. Über diese gerechte Aufteilung gerieten einige niederträchtige Juden in Wut und erklärten, dies sei Unterdrückung. Die gerechtigkeitsliebende Bevölkerung erkannte jedoch an, dass dies gerecht war. ʿAbdullah ibn Rawāha übte diese Aufgabe bis zu seinem Lebensende aus. (Buchārī, Kapitel über Muzāraʿa und Schirkat)

Kurz gesagt: Bei der Umwandlung einer halborganisierten Gesellschaft in einen geordneten Staat und bei der Verwirklichung der von Allah gegebenen Grundsätze der Gerechtigkeit versäumte es das jüdische Volk, das seit jeher den alleinigen Anspruch auf Religion und Zivilisation erhob, den Gesandten zu unterstützen; stattdessen stellte es sich ihm auf Schritt und Tritt in den Weg und unternahm den unverzeihlichen Versuch, die Wurzeln der islamischen Ordnung bereits in ihrer Anfangszeit auszureißen.

Der Versuch, Zwietracht in der Familie des Gesandten zu stiften

Die in Medina lebenden Feinde des Islam versuchten auch, in der Familie des Gesandten Verwirrung zu stiften. Ihrer Ansicht nach war dies der wirksamste Weg, Streit und Zwietracht zwischen der Familie des Gesandten und seinen engsten Gefährten zu entfachen. Wäre ihre Verschwörung erfolgreich gewesen, den Anführer der islamischen Bewegung in häusliche Auseinandersetzungen zu verwickeln, hätten die Folgen äußerst zerstörerisch sein können. Die gewöhnlichen Frauen Medinas gingen ohnehin im Haus des Gesandten ein und aus. Was sie dort sahen, erzählten sie entsprechend der der weiblichen Natur zugeschriebenen Mentalität überall weiter. So konnten die Heuchler und sittenlosen Menschen sehr genau erfahren, welche Armut und welcher Mangel in der Familie des Gesandten herrschten. Die Frauen des Gesandten stammten aus vornehmen Familien, und ihr Lebensstandard war keineswegs niedriger als der anderer. Andererseits lag die wirtschaftliche Lage dieser Familie trotz der aufrichtigen Zufriedenheit des Gesandten weit unter dem früheren Lebensstandard, an den sie gewöhnt gewesen waren. Gemeinsam mit dem Gesandten ertrugen auch seine Frauen diese Situation geduldig. Sie verstanden sehr wohl, dass angesichts der schweren Umstände, durch die der Baumeister einer neuen Welt voranschritt, kein umfassendes Glück und kein völliger Frieden zu erwarten waren. Doch der Mensch bleibt ein Mensch. Jeder Mensch ist stets von seinen natürlichen Gefühlen, Empfindungen und Hoffnungen umgeben. Es stimmt, dass die Frauen des Gesandten hinsichtlich ihres Glaubens und ihres Charakters eine hohe Stellung einnahmen und der Welt glänzende Beispiele für Geduld, Nachsicht und Verbundenheit gaben. Dennoch war es nicht ungewöhnlich, dass sie als Mitglieder derselben Familie bisweilen, wenn auch nur in geringem Maße, von einer Haltung gegenseitiger Rivalität beeinflusst wurden. Außerdem wurde unter den Frauen quraischitischer Herkunft die Tradition, dem Ehemann ergeben und gehorsam zu sein, weit strenger befolgt als unter den Frauen Medinas. Die Frauen Medinas zeigten ihren Ehemännern vielmehr ein beträchtliches Maß an Selbstbewusstsein. So tadelte beispielsweise ein so mächtiger Mann wie ʿUmar einmal während seines Aufenthalts in Medina seine Frau, worauf auch sie ihm energisch antwortete. Verwundert sagte ʿUmar: „Du hast mir ins Gesicht widersprochen?“

Zu dieser Zeit erkannte er, dass das Umfeld Medinas die mekkanischen Traditionen und Vorstellungen im Eheleben der Muslime bereits erheblich beeinflusst hatte.

Diese Lage war für die Heuchler und sittenlosen Menschen offensichtlich, und dadurch erhielten sie Gelegenheit, Intrigen zu schmieden. Sie setzten einige Frauen als Spioninnen ein, um im Haushalt des Gesandten Allahs (s.a.) das Feuer von Zwietracht und Verwirrung zu entfachen. Eine dieser Frauen hieß Umm Jaldah. Ihre Aufgabe bestand darin, die Ehefrauen des Gesandten Allahs (s.a.) aufzuhetzen. Durch die Intrigen solcher weiblichen Spione konnte die Verleumdung gegen Hazrat Aischa überhaupt verbreitet werden.

Infolge solcher Intrigen sittenloser Menschen kam es nacheinander zu mehreren Vorfällen, die äußerst schädlich hätten sein können. Doch durch Allahs Hilfe, den Charakter des Gesandten Allahs (s.a.), die Unterstützung der herausragenden Sahaba und die Höflichkeit seiner Ehefrauen wurden die Probleme rechtzeitig gelöst.

Der gefährlichste dieser Vorfälle war die Forderung der Ehefrauen nach einer Erhöhung ihrer Unterhaltszuwendung. Aufgrund dieser Forderung kam es zum „Īlāʾ“ (dem zeitweiligen Meiden des ehelichen Umgangs durch den Gesandten Allahs). Es war eine besondere Gnade Allahs, dass Hazrat Abu Bakr (r.a.) und Hazrat Umar (r.a.) den Gesandten Allahs (s.a.) mit äußerster Aufrichtigkeit unterstützten und ihre beiden Töchter, statt sie zu ermutigen, streng zurechtwiesen. Daraufhin erging von Allah, dem Erhabenen, folgende Herausforderung:

„O Prophet, sage deinen Ehefrauen: Wenn ihr das diesseitige Leben und seinen Luxus begehrt, dann kommt, ich werde euch mit einer angemessenen Abfindung entlassen und euch auf schöne Weise verabschieden. Wenn ihr jedoch Allah, Seinen Gesandten und das Leben im Jenseits begehrt, dann wisst, dass Allah für die rechtschaffenen Frauen eine gewaltige Belohnung bereitet hat.“ (Sure al-Ahzab)

Tatsächlich waren den Ehefrauen des Gesandten Allahs (s.a.) zwei Wege eröffnet worden. Sie konnten einen dieser beiden Wege wählen. Aufgrund ihrer eigenen Vorzüglichkeit wurden die Ehefrauen sofort aufmerksam. Demjenigen, der wegen ihres Einflusses und ihrer außergewöhnlichen geistigen Fähigkeiten diese Forderung angeführt hatte, nämlich Hazrat Aischa, teilte der Gesandte Allahs (s.a.) diese Entscheidung Allahs als Erste mit. Und Hazrat Aischa erklärte als Erste: „Ich wünsche nichts außer Allah und Seinem Gesandten.“ Danach verzichteten auch alle anderen Ehefrauen eine nach der anderen von ganzem Herzen auf ihre Forderungen.

Wenn in einer von Feinden umgebenen Familie infolge der fortwährenden Intrigen böser Menschen und der Machenschaften niederträchtiger weiblicher Spione irgendwann Streit und Unfrieden entstehen, ist das nichts Ungewöhnliches. Vielmehr ist es ein Zeichen für die Standhaftigkeit, Einigkeit und Vorzüglichkeit ihrer Mitglieder, dass diese Familie trotz all dieser Intrigen sicher bestehen blieb.

Nun kann man ermessen, wie viele verschiedene Netze von Intrigen um den Gesandten Allahs (s.a.) herum gesponnen wurden.

Die Verschwörung zur Ermordung

Wenn der Ruf zur Wahrheit zu einer Bewegung wird, schreiten ihre feindlichen Kräfte bei ihrem ungerechten Widerstand immer weiter in Richtung Erniedrigung und Niedertracht voran. Wenn sie schließlich sogar in der Argumentation gegen die grundlegende Daʿwa unterliegen und auch mit ihren Feldzügen zur Verbreitung von Verwirrung und Gewalt scheitern, erzeugen der von ihnen seit jeher gehegte Hass, ihre Feindseligkeit, Sturheit und Gemeinheit in ihnen eine verbrecherische, mörderische und räuberische Gesinnung. In dieser Phase machen sie sich daran, den Anführer der islamischen Bewegung zu töten. Wenn solche intriganten Feinde auf dem Thron der Macht und Autorität sitzen, üben sie politische Unterdrückung an ihren Gegnern aus und töten die Diener der Menschheit, indem sie mit dem Schwert des Gesetzes ein Gerichtsdrama aufführen. Diejenigen hingegen, denen die Macht verwehrt bleibt, wählen unmittelbar den Weg einer Verschwörung zum Mord. Die heidnische Führung Mekkas hatte diesen letztgenannten Weg gewählt. Nun wählten auch die heuchlerischen Religionsführer von Medina diesen schmutzigen Weg.

Es war im vierten Jahr der Hidschra. ʿAmr ibn Umayya al-Damri tötete zwei Männer aus dem Stamm der ʿAmir. Der Gesandte Allahs ging zu den Angehörigen des Stammes Banu Nadir, um sie an die Zahlung des Blutgeldes für diese Tötung und an die Verpflichtungen aus dem Friedensvertrag zu erinnern. Die dortigen Leute ließen den Gesandten Allahs im Schatten einer Mauer Platz nehmen. Dann begannen sie heimlich zu beraten, dass einer von ihnen hinaufsteigen und ihn töten solle, indem er einen gewaltigen Stein auf seinen Kopf fallen lasse. ʿAmr ibn Dschahhasch ibn Kaʿb übernahm diese Aufgabe. Als der Gesandte Allahs ihre üble Absicht bemerkte, stand er rechtzeitig auf und ging fort. (Sīrat Ibn Hischām, Band 2; Rahmatullil-ʿĀlamīn: Qādī Sulaimān Mansūrpūrī; Rasūl-e Akram kī Siyāsī Zindagī: Dr. Muhammad Hamidullah)

Der Vater des berüchtigten jüdischen Anführers Kaʿb ibn al-Aschraf stammte aus dem Stamm Tayy, während seine Mutter die Tochter des wohlhabenden jüdischen Anführers Abū Rāfiʿ ibn Abī al-Huqaiq war. Aufgrund dieser doppelten Verbindung besaß Kaʿb ibn al-Aschraf bei Arabern und Juden gleichermaßen großen Einfluss. Einerseits war er wohlhabend, andererseits ein berühmter Dichter. Sein Herz war gegenüber dem Islam von Gift erfüllt. (Fath al-Bārī) In einer anderen Überlieferung heißt es, Kaʿb habe den Gesandten Allahs einerseits eingeladen. Andererseits habe er einigen Leuten den Befehl gegeben, ihn zu töten, sobald er eintreffe. Obwohl diese Überlieferung hinsichtlich ihrer Überlieferungskette etwas schwach ist, erscheint sie angesichts Kaʿbs Feindseligkeit und seiner tatsächlichen Aktivitäten glaubwürdig.

Als der Gesandte Allahs den Vertrag mit den Banu Qurayza erneuerte, ließen die Banu Nadir ihm ausrichten: „Du sollst drei Männer mitbringen. Auch wir werden drei Gelehrte anwesend sein lassen. Trage deine Argumente vor dieser Versammlung vor. Wenn unsere Gelehrten deine Argumente bestätigen, werden wir alle an dich glauben.“ Der Gesandte Allahs machte sich auf den Weg. Unterwegs erfuhr er jedoch, dass die Juden seine Tötung vorbereiteten. Deshalb kehrte er um.

Die Eroberung von Chaibar

Während der Schlacht von Chaibar briet und kochte eine jüdische Frau namens Zaynab bint al-Harith (die Ehefrau von Sallām ibn Mischkam) das Fleisch eines Schafes und mischte Gift darunter. Danach fragte sie, welchen Teil des Schafes der Gesandte Allahs am liebsten mochte. Als sie erfuhr, dass er das Fleisch des Vorderbeins besonders liebte, mischte sie dort noch mehr von einem besonders starken Gift hinein. Dann schickte sie dieses Fleisch dem Gesandten Allahs und seinen Gefährten als Geschenk. Der Gesandte Allahs nahm einen Bissen Fleisch in den Mund (möglicherweise hatte er etwas davon sogar geschluckt), spuckte ihn aber sofort wieder aus. Dann sagte er: „Dieses Fleisch teilt mir mit, dass ihm Gift beigemischt wurde.“ Daraufhin aß er selbst nicht weiter und ließ auch die Gefährten nicht davon essen. Später ließ er die jüdische Frau herbeirufen und befragte sie, woraufhin sie ein Geständnis ablegte. Tatsächlich steckte hinter diesem Vorfall eine gemeinschaftliche Intrige vieler Juden. Als der Gesandte Allahs sie alle zu einer öffentlichen Versammlung rief und mit ihnen sprach, legten sie alle ein Geständnis ab. Sie sagten jedoch geschickt: „Wir wollten dich prüfen: Wenn du tatsächlich ein wahrer Prophet bist, wirst du die wirkliche Wahrheit erkennen. Andernfalls würden wir deinem Zugriff entkommen.“ (Sīrat an-Nabī: Schiblī Nuʿmānī, Band 1, Quelle: Fath al-Bārī)

Bei diesem Festmahl befand sich unter den Gefährten auch al-Barāʾ ibn Maʿrūr. Obwohl er, nachdem er den Bissen in den Mund genommen hatte, die Stärke des Giftes spürte, ließ er ihn aus Furcht vor einer Respektlosigkeit nicht fallen. An diesem einzigen Bissen verstarb er. (Zād al-Maʿād, Band 2; Schamāʾil at-Tirmidhī; Asahh as-Siyar)

Nach der Rückkehr von Tabūk wurden die Herzen der Heuchler durch den Sieg der Muslime im Feuer des Zorns geröstet. Diese geheimen Feinde hatten gehofft, dass die Muslime eine Niederlage erleiden würden. Da sich diese Hoffnung jedoch nicht erfüllte, verschworen sie sich zur Ermordung des Gesandten Allahs. Zwölf Personen beteiligten sich an dieser Verschwörung. Ihre Namen waren: ʿAbdullah ibn Ubayy, Saʿd ibn Abī Sarh, Abū Fāṭir al-ʿArabī, ʿĀmir, Abū ʿĀmir ar-Rāhib, Dschallās ibn Suwaid, Madschmaʿ ibn Dschāriya, Mālih at-Taimī, Hasan ibn Numair, Tuʿaima ibn Ubayriq, ʿAbdullah ibn Uyayna und Murra ibn Rabīʿ.

In der Versammlung der Verschwörer sagte Dschallās: „Heute Nacht werden wir nicht eher ruhen, als bis wir Muhammad (s.a.w.) vom Berg hinabgestürzt haben, und sei es auch, dass Muhammad (s.a.w.) und seine Gefährten besser sind als wir. Doch es ist so, als wären wir die Ziegen und sie unsere Hirten geworden. Wir sind wie die Dummen und sie wie die Klugen geworden.“

Er sagte außerdem: „Wenn Muhammad (s.a.w.) wahrhaftig ist, dann sind wir sogar schlechter als Esel.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2)

ʿAbdullāh sagte: „Wenn ihr heute Nacht wach bleibt, werdet ihr euer ganzes Leben in Frieden verbringen. Diesen Mann zu töten, ist heute eure einzige Aufgabe.“

Murra sagte: „Wenn wir nur einen einzigen Mann töten, werden alle in Sicherheit sein.“

Unter diesen zwölf besaß Hasan ibn Numayr das besondere ‚Verdienst‘, die Spendenmittel geraubt zu haben.

Ein anderer, Abū ʿĀmir ar-Rāhib, sah äußerlich wie ein Sufi, ein Derwisch und ein der Welt entsagender Asket aus. Doch er war der Initiator der Moschee von Dirār. Gemeinsam mit den Herrschern von Rom und Ghassān schmiedete er gegen den Gesandten (s.a.w.) Verschwörungen. Seine Frömmigkeit vortäuschende Kleidung spiegelte Heuchelei und Verderbtheit wider.

Es wurde beschlossen, ihn, wenn der Gesandte (s.a.w.) über den Berg ging, hinabzustürzen. Gemäß diesem Plan gingen diese zwölf Verschwörer dem Gesandten (s.a.w.) hinterher. Als der Gesandte (s.a.w.) den Berg erreichte, sagte er zu allen: Wer über die breite Straße durch das flache Land gehen möchte, kann diesen Weg nehmen. Er selbst ging seinen Weg über den Berg. Viele der Gefährten nahmen den Weg durch das flache Land. Die Verschwörer jedoch blieben beim Gesandten (s.a.w.). Der Blick des Gesandten (s.a.w.) war von Natur aus so scharfsinnig, dass er bis in die innersten Tiefen des Herzens reichte und verborgene Gefühle und Empfindungen erkannte. Die Heuchler waren ja unmittelbar vor den Augen des Gesandten (s.a.w.) herangewachsen. Wer hätte die Heuchler also besser kennen können als er? Zudem warnte Allah ihn durch unsichtbare Hinweise vor dieser Verschwörung. Er ging gemeinsam mit den beiden, Hudhaifa ibn al-Yamān und ʿAmmār ibn Yāsir, den Weg über den Berg. Er wies ʿAmmār an, vorauszugehen und den Zügel des Kamels des Gesandten (s.a.w.) zu halten, und Hudhaifa, hinter ihm zu gehen. Als sie die betreffende Stelle erreichten, kam die Verschwörergruppe herangesprungen. Es war eine dunkle Nacht, und außerdem trugen die Übeltäter Masken. Sobald der Gesandte (s.a.w.) ihre Schritte hörte, befahl er seinen beiden Gefährten, diejenigen, die hinter ihnen kamen, abzuwehren. Der edle Hudhaifa sprang vor und schoss, als er ihr Kamel sah, einen Pfeil auf dessen Kinn. Als sie Hudhaifa erblickten, glaubten sie, ihre Verschwörung sei aufgedeckt worden. Daher flohen sie zurück und mischten sich unter die gewöhnlichen Muslime.

Als der edle Hudhaifa zurückkam, befahl der Gesandte (s.a.w.): „Treibt die Kamele von hier aus schnell weiter.“ Dann fragte er Hudhaifa: „Hast du sie erkannt?“ Hudhaifa antwortete: „Ich habe die Reittiere von diesem und jenem erkannt, aber nicht die Menschen.“ Der Gesandte (s.a.w.) fragte: „Hast du ihre Absichten verstanden?“ Er verneinte. Daraufhin teilte ihm der Gesandte (s.a.w.) selbst mit: „Sie wollten mich vom Berg hinabstürzen.“

Am nächsten Morgen ließ der Gesandte Allahs (s.) die zwölf Verschwörer namentlich zu sich rufen. Er legte jedem von ihnen vor, was er bei der Versammlung zur Planung der Verschwörung gesagt hatte, und fragte jeden nach dem Grund dafür.

Ihre Antworten waren allesamt lächerlich. So sagte beispielsweise Hasan bin Numair: „Ich war keineswegs davon überzeugt, dass Sie davon wissen würden. Doch heute habe ich verstanden, dass Sie tatsächlich Allahs Gesandter sind. Bis heute war ich kein aufrichtiger Muslim. Heute nehme ich den Islam aufrichtig an.“

Jeder brachte solche Ausflüchte und Entschuldigungen vor. Einige baten um Verzeihung. Der Gesandte (s.) vergab ihnen allen. (Asahhus-Siyar – Maulana Abdur Rauf Danapuri)

Aus mehreren äußerst zuverlässigen Überlieferungen ist bekannt, dass der Gesandte (s.) nur Hudaifa heimlich die Namen der an diesem Vorfall beteiligten Schuldigen mitgeteilt hatte. Vor den gewöhnlichen Muslimen enthüllte er sie nicht. Außerdem bestehen hinsichtlich einiger dieser zwölf Männer gewisse Meinungsverschiedenheiten. Über zwei oder drei von ihnen sagen viele auch, dass bei ihnen später keinerlei Anzeichen von Heuchelei mehr festgestellt wurden.

Der eigentliche Vorfall ist jedoch historisch an der entsprechenden Stelle belegt. Im Koran heißt es dazu: „Sie konnten nicht ausführen, was sie vorhatten.“

Ein Beispiel für die Großmut des Gesandten (s.) ist in der Geschichte nirgendwo sonst zu finden. Unter Aufbietung all seiner Kräfte organisierte er zum Dienst an der Menschheit eine Revolution. Doch gerade im entscheidenden, äußerst heiklen Moment des Konflikts und der Auseinandersetzung planten einige Übeltäter, ihn zu ermorden, um sein gesamtes Werk zu vernichten, und ergriffen Schritte zur Verwirklichung ihres Plans. Das Geheimnis all ihrer Untaten wurde aufgedeckt, und sie legten sogar ein Geständnis ab. Dennoch vergab dieser große Mensch ihnen ohne Zögern selbst ein so schweres Verbrechen. Dem Gesandten (s.) war auch vorgeschlagen worden: „Befiehl den Stämmen jedes einzelnen dieser Verbrecher, dass sie ihnen die Köpfe abschlagen und sie dir bringen und übergeben sollen.“ Doch der Gesandte (s.) antwortete: „Ich möchte nicht, dass die Araber sagen: Muhammad (s.) hat mit einigen Männern gegen den Feind gekämpft und nach dem Sieg selbst begonnen, seine eigenen Gefährten zu töten.“ (Tafsir Ibn Kathir, Band 2) Damit wollte der Gesandte (s.) deutlich machen, dass die eigentliche Kraft der islamischen Bewegung durch eine solche Vergeltung ihre charakteristischen Eigenschaften nicht bewahren könnte. Deshalb nahm er es hin, dass sein eigenes Leben in Gefahr geriet und dass er sich immer neuen Verschwörungen und Sabotageakten entgegenstellen musste. Er wollte jedoch nicht, dass zur Kontrolle der Lage Gewalt eingesetzt und jede Unordnung, sobald sie sichtbar wurde, mit der Macht von Autorität und Gesetz beseitigt würde. Bei der Leitung der Herrschaft und Verwaltung der menschlichen Gesellschaft muss man viel Weisheit, Umsicht und Weitblick zeigen, zahlreiche Interessen und Vorteile berücksichtigen und auf vielfältige Weise viele Methoden anwenden, um Widrigkeiten und Fehlentwicklungen zu korrigieren. Ein Grund dafür, dass die islamische Revolution schwieriger ist als andere materielle Revolutionen, besteht darin, dass ihre äußerst zarte und empfindliche moralische Lebenskraft jeden Augenblick bewahrt werden muss, damit ihre Reinheit weder durch ein gewöhnliches Missverständnis noch durch eine feindselige Propaganda befleckt werden kann.

Unter den Vorfällen persönlicher Angriffe gegen den Gesandten (s.) ist auch der vonseiten der Juden verübte Angriff durch Zauberei ein bemerkenswertes Ereignis. Wer offen angreift, ist zwar ein Feind, handelt aber tapfer. Selbst wenn man jemanden töten will, ist es ein gerechtes Vorgehen, ihn offen herauszufordern und dann anzugreifen. Doch den Juden fehlten solche Tapferkeit und solcher Mut. Deshalb schlugen sie den feigen und teuflischen Weg geheimer und hinterhältiger Verschwörungen ein. Noch tiefer zu sinken und jemanden durch Zauberei, Beschwörungen und Besprechungen anzugreifen, ist die Tat jener Menschen, die auf die unterste Stufe der Feigheit und Bestialität herabsinken. Die jüdischen Unmenschen scheuten sich in ihrem Übermaß an Neid und Zorn nicht, auch diese abscheulichste Tat gegen den Gesandten (s.) zu begehen.

Ein Mann namens Labid bin Asim aus dem Stamm der Banu Ruzaiq war ein Verbündeter der Juden und ein zum Schein zum Islam übergetretener Muslim. Durch ihn wurde der Zauberangriff ausgeführt. Ein jüdischer Jugendlicher fühlte sich aufgrund seiner angeborenen guten Wesensart zum Gesandten (s.) hingezogen und diente ihm. Einige Juden zwangen ihn, Haare vom Kopf des Gesandten (s.) und Zinken seines Kamms zu beschaffen. Sie sprachen Zauberformeln über diese Haare, banden zwölf Knoten hinein und legten sie in einen Brunnen namens Zarwan.

Aus verschiedenen Hadithen ist bekannt, dass infolge dieser Zauberwirkung beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine eigenartige Veränderung eintrat. Er glaubte, eine Handlung ausgeführt zu haben, obwohl er sie gar nicht ausgeführt hatte. Auch seine natürliche Zuneigung zu seinen Ehefrauen wurde davon beeinflusst. Durch die Offenbarung wurde er über diese Zauberwirkung in Kenntnis gesetzt. Das betreffende Haar wurde herausgeholt, und er erlangte seinen normalen Zustand wieder. (Tafhīm al-Qurʾān, Bd. 2, Anmerkung 114)

Im Zusammenhang mit diesem Ereignis ist eine Debatte darüber entstanden, ob Zauber auf einen Propheten einwirken kann. Eine Auffassung besagt, dass dies überhaupt nicht möglich sei. Unter Berufung auf diese Auffassung hat eine Gruppe, die Hadithe leugnet, die Hadithwissenschaft selbst als unglaubwürdig bezeichnet. Doch ebenso wie der menschliche Körper eines Propheten durch Krankheiten, Verletzungen, Gift und dergleichen beeinflusst werden kann, können auch seine geistigen Fähigkeiten durch alle möglichen verborgenen und offenen Vorgänge gefördert oder beeinträchtigt werden. So hatte das Betrachten des Zaubers der Zauberer des Pharao eine psychische Wirkung auf den Propheten Moses, Allahs Frieden sei auf ihm. Als er sah, dass deren Seile die Gestalt von Schlangen annahmen, bekam er Angst:(Arabisch********)

„Moses empfand in seinem Inneren Furcht. (Sure Tā-Hā: 67) Was jedoch mit der Aussage gemeint ist, dass Zauber keinen Einfluss auf die Propheten habe, ist, dass Zauber ihre prophetische Tätigkeit nicht beeinträchtigen kann. Niemand kann die Kontrolle über ihren Verstand und ihre geistigen Fähigkeiten erlangen, und sie können nicht die Kontrolle über ihren Willen verlieren.

Auch ohne diese Debatte Beachtung zu schenken, gibt es keinen Grund zu leugnen, dass die Juden tatsächlich einen Zauberangriff gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verübt hatten. Dieses Vergehen von ihnen ist eine unwiderlegbar bewiesene Tatsache.

Wenn uns diese Ereignisse begegnen, verstehen wir, warum die Muslime während der medinensischen Zeit wegen der Lebensgefahr für den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, besorgt und in ständiger Alarmbereitschaft waren. Wenn er nachts einmal sein Haus verlassen musste, waren seine Gefährten von großer Sorge erfüllt. Aufgrund dieser Lage verfügte Talha ibn Barāʾ in seiner Krankheit vor seinem Tod testamentarisch: „Wenn ich nachts sterbe, benachrichtigt den Gesandten Allahs nicht. Denn vonseiten der Juden besteht Lebensgefahr für ihn. Allah bewahre, dass er auf dem Weg zu meinem Totengebet in die Hände der Feinde gerät und irgendeinen Schaden erleidet.“ Wenn der Gesandte Allahs durch einen Zufall einmal den Blicken der Gefährten entschwunden war, gerieten sie in Panik und machten sich auf die Suche nach ihm.

Ein bekannter Hadith von Abū Huraira, in dem ausgesagt wird, dass der Eintritt ins Paradies allein durch das Bezeugen der Einheit Allahs gewiss sei, spiegelt diese Lage teilweise wider. Abū Huraira berichtet:

„Wir saßen um den Gesandten Allahs herum. In dieser Versammlung waren auch Abū Bakr und ʿUmar anwesend. Der Gesandte Allahs erhob sich aus unserer Mitte, ging irgendwohin und ließ lange auf sich warten. Wir gerieten in große Sorge, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, weil niemand von uns bei ihm war. Wir alle machten uns beunruhigt auf die Suche nach ihm. Ich war der Erste, der in Panik geriet. Deshalb machte ich mich sofort auf die Suche nach ihm.“ (Mischkāt, Kitāb al-Īmān, 3. Kapitel)

Auf seiner Suche gelangte Abū Huraira in den Garten eines ansarischen Mannes aus den Banū Nadschdschār. Er ging um die gesamte Mauer herum und sah nach, ob es irgendwo eine Tür gab. Doch die Mauer war offenbar lang, und wegen seiner Angst und Eile fand er keinen näher gelegenen Zugang. Schließlich bemerkte er, dass unter der Mauer ein kleiner Wasserlauf herauskam. Er machte sich ganz klein und kroch – nach seiner eigenen Schilderung, wie ein zusammengekauerter Schakal – durch den Wasserlauf in das Innere der Umfriedung. Als er dort den Gesandten Allahs sah, war er beruhigt. Danach sprach Abū Huraira mit ihm. Bei dieser Gelegenheit verkündete der Gesandte Allahs jene berühmte frohe Botschaft.

Aus dem Bericht eines bedeutenden Gefährten lässt sich erkennen, wie die Lage in Medina angesichts der fortwährenden Mordanschläge der Juden und Heuchler war und in welcher Gefahr sich das Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.) befand. Doch sein Vertrauen auf Allah war dort so groß, dass die edlen Gefährten einst wegen all dieser Befürchtungen und Sorgen Wachen rund um den Gesandten Allahs (s.a.w.) aufgestellt hatten. Da Allah dem Gesandten Allahs (s.a.w.) jedoch versprochen hatte, dass(Arabisch********)

„Allah wird dich vor den Menschen schützen.“ (Sure al-Maida: 67), streckte er selbst den Kopf aus dem Zelt und sagte zu den Wachen:

„Geht! Allah selbst hat die Verantwortung für meinen Schutz übernommen.“ (Tafsir Ibn Kathir, Band 2)

Dieser Glaube gab ihm auch den Anstoß, einen anderen Verbrecher freizulassen, der gekommen war, um den Gesandten Allahs (s.a.w.) zu töten, und daraufhin festgenommen worden war. Er sagte: „Lasst ihn frei. Denn selbst wenn er mich hätte töten wollen, hätte er es nicht vermocht.“ (Tafsir Ibn Kathir)

Denken Sie einen Augenblick darüber nach, wie großzügig dieser große Baumeister am Palast der Menschheit war: Obwohl ringsum unablässig Mordanschläge gegen ihn geschmiedet wurden, blieb er fest und unbeirrbar wie ein Berg. In Medina webten einige Spinnen gleichsam unablässig ihre Netze, um diesen wagemutigen Tiger zu fangen.

Unterdessen wurde auch der Vulkan von Mekka immer ausbruchsbereiter. In der Brust Mekkas gärte die Lava der Bestialität und Grausamkeit immer heftiger. Die große gemeinsame Verschwörung, den Gesandten Allahs (s.a.w.) am Vorabend der Hidschra zu töten, nahm nach der Hidschra die Gestalt großer Angriffskriege an. Doch das Scheitern all dieser offenen Angriffe trieb sie dazu, immer neue geheime Mordanschläge auszuhecken.

In der Schlacht von Badr hatte die kleine muslimische Schar des Gesandten Allahs (s.a.w.) den Söhnen der Dschahiliyya eine derartige Lektion erteilt, dass sie den Schmerz darüber lange nicht vergessen konnten. Es gab keine Familie in Mekka, die in dieser Schlacht nicht einen ihrer auserwählten jungen Männer oder Anführer verloren hatte. Doch von einer Handvoll mittelloser, revolutionärer Muslime geschlagen worden zu sein und darüber zu jammern, wäre damals noch beschämender gewesen. Deshalb ließen die Anführer der Quraisch anordnen, dass um die bei Badr Gefallenen keinerlei Trauer abgehalten werden dürfe. In diesem Kampf waren die drei Söhne al-Aswads getötet worden. Obwohl sein Herz vor Schmerz zu zerreißen drohte, konnte er nicht einmal einen Laut von sich geben. Eines Tages hörte er aus einem benachbarten Haus Weinen und schickte seinen Diener dorthin: „Geh und erkundige dich, ob das Weinen erlaubt worden ist.“ Der Diener stellte Nachforschungen an und berichtete, dass eine Frau weinte, weil sie ihr Kamel verloren hatte. Als al-Aswad dies hörte, konnte er seine Gefühle nicht länger zurückhalten. Spontan trug er ein Gedicht vor. Dieses Gedicht erlangte in der arabischen Literatur besondere Anerkennung. Die Übersetzung von drei seiner Zeilen lautet:

„Diese Frau weint, weil sie ein Kamel verloren hat, und ihr ist der Schlaf vergangen? Weine nicht um das Kamel. Wenn du weinen willst, dann weine über das unglückselige Ereignis von Badr. Wenn du weinen willst, dann weine um Aqil. Wenn du weinen willst, dann weine um den löwenmähnigen Harith.“

In dieser äußerst bekümmerten Atmosphäre in Mekka saßen Umair ibn Wahb und Safwan ibn Umaiya an einem Ort und weinten um die bei Badr Gefallenen. Safwan sagte: „Nun hat das Leben keinen Reiz mehr.“ Umair sagte: „Wenn ich nicht verschuldet wäre und mich nicht um meine Kinder sorgen müsste, würde ich sofort hingehen, Muhammad (s.) töten und zurückkehren. Auch mein Sohn ist noch in Medina gefangen.“ Safwan übernahm die Verantwortung für seine Kinder und seine Schulden. Umair kam unverzüglich nach Hause, bestrich sein Schwert mit Gift und machte sich auf den Weg nach Medina. Als er Medina erreichte, erkannte Umar anhand seines Gesichtsausdrucks und seines Verhaltens seine Absicht, packte ihn am Nacken und brachte ihn zum Gesandten (s.). Der Gesandte (s.) sagte zu Umar: „Lass ihn frei.“ Dann rief er ihn zu sich und fragte: „Zu welchem Zweck bist du gekommen?“ Er antwortete: „Ich bin gekommen, um meinen Sohn freizubekommen.“ Er fragte: „Warum trägst du ein Schwert?“ Umair sagte: „Was ist schon dabei?“ Da fragte er: „Wozu hat dir das Schwert bei Badr gedient?“

Nun brachte der Gesandte (s.) das verborgene Geheimnis in Umairs Herzen ans Licht und hielt es ihm vor. Er sagte: „Du und Safwan habt in einem Raum eine Verschwörung geschmiedet, um mich zu töten. Doch Allah hat nicht zugelassen, dass eure Verschwörung Erfolg hat.“

Als Umair dies hörte, war er völlig verblüfft. Er sagte: „Bei Allah, Sie sind wahrhaftig ein Prophet. Außer Safwan und mir wusste niemand davon.“

Umair kehrte als Muslim nach Mekka zurück. Mutig verkündete er den Islam und bewirkte, dass viele Menschen Muslime wurden. (Sira des Ibn Hischam, 2. Band)

Auch Fudala ibn Umair fasste bei der Eroberung Mekkas, von seinem Rachedurst getrieben, insgeheim den Entschluss, den Gesandten (s.) zu töten. Der Gesandte (s.) vollzog gerade den Tawaf um die Kaaba. Da erschien plötzlich Fudala. Als er näher kam, rief der Gesandte (s.): „Wer ist da, etwa Fudala?“ Er antwortete: „Ja, Fudala.“ Der Gesandte (s.) sagte: „Was hast du dir insgeheim ausgedacht?“ Fudala geriet in Verlegenheit und sagte: „Nichts, ich gedenke doch nur Allahs.“

Nachdem der Gesandte (s.) seine Antwort gehört hatte, lächelte er und sagte: „Bitte Allah um Vergebung.“ Während er dies sagte, legte er seine Hand auf Fudalas Brust. Augenblicklich beruhigte sich sein Gemüt. Fudala berichtet: „Nachdem der Gesandte (s.) seine Hand von meiner Brust genommen hatte, war mir unter allen Geschöpfen Allahs niemand lieber als der Gesandte (s.).“ Nach dieser seelischen Umwälzung kehrte Fudala nach Hause zurück. (Sira des Ibn Hischam, 2. Band)

Derjenige, der mit dem Entschluss gekommen war, nicht nur den Eroberer Mekkas, sondern den Eroberer ganz Arabiens zu töten, kehrte mit einem neuen Leben zurück. Derjenige, der gekommen war, um einen Schlag zu versetzen, ging stattdessen mit einer Salbe fort, die seine eigene Wunde heilte.

Die Quraisch, die Juden und die Heuchler schmiedeten jeweils nach Kräften ihre Ränke. Doch Allah erfüllte Sein Versprechen und beschützte Seinen Diener und Gesandten bis zum Ende.

Das Ziel all dieser Verschwörungen bestand nicht bloß darin, einen einzelnen Menschen zu töten; vielmehr wollten sie allesamt die gesamte islamische Bewegung vernichten. Sie wollten jenen strahlenden Morgen der Wahrheit und Gerechtigkeit auf dem Richtplatz enden lassen, dessen Aufgang für die Finsternis das Totengeläut bedeutete. Das neue Gesellschaftssystem, das Hunderte von Jahren ausgebeuteten und unterdrückten Menschen erstmals die Lebenskraft, Gleichheit, Freiheit sowie Würde und Ansehen verleihen wollte – dieses beispiellos großartige Gesellschaftssystem wollten sie erwürgen.

 

Verheerender Verrat

Die Machenschaften der islamfeindlichen Kräfte von Medina, die ich oben erwähnt habe, fallen in moralischer und rechtlicher Hinsicht in die Kategorie der abscheulichsten Verbrechen. Wären dafür die strengsten Strafmaßnahmen ergriffen worden, so wäre dies im Lichte von Religion und Politik die vollkommenste Gerechtigkeit gewesen. Doch der Gesandte (s.a.w.) verhielt sich äußerst ruhig und geduldig. Eine Bewegung, deren eigentliches Ziel die moralische Verbesserung und der Wiederaufbau der Menschheit ist, kann sich nicht vollständig auf die Waffen der Macht und des Gesetzes stützen. Wie viel Niedertracht und Bestialität die Menschen auch zeigen mögen, die islamische Bewegung verzweifelt niemals an der menschlichen Natur, sondern schreitet auf der Grundlage eines langfristigen Optimismus voran. Ihre eigentliche Stärke liegt im Lehren, Erklären und Unterrichten, nicht im Bestrafen und Drohen. Kein Staatswesen kann seine Existenz bewahren, ohne in gewissem Maße die Macht der Regierung und die Kraft des Gesetzes einzusetzen. Doch die Veränderung des Charakters und der Gesinnung der Menschen lässt sich nicht durch Schwert und Stock bewirken, sondern durch moralische Appelle und Argumente. In diesem Fall sind Selbstbeherrschung statt Zorn sowie Geduld und Toleranz statt Vergeltung und Rachsucht weitaus wirksamer. Der größte Freund der Menschheit, der Gesandte (s.a.w.), wollte den geschichtlichen Horizont durch das Licht moralischen Wohlverhaltens erhellen und die Übertreibungen und hinterlistigen Machenschaften seiner Feinde durch ein Höchstmaß an Geduld überwinden. In der Geschichte findet sich kein Beispiel für eine solche gewaltige Vergebung, wie er sie in diesem Fall zeigte. Was der Gesandte (s.a.w.) durch jahrelange Anstrengungen erreicht hatte, wollten einige wenige Menschen durch Unruhe und Aufruhr zunichtemachen. Sie wollten Recht und Ordnung sowie die Verwaltung lahmlegen. Sie schmiedeten Mordpläne und quälten ihn auf niederträchtigste Weise. Und doch führte dieser Staatsmann, der das Oberhaupt des ersten jungen islamischen Staates nach seinem eigenen Modell auf der ganzen Welt war, sein Boot mitten aus dem Toben von Katastrophen und Verschwörungen ganz ruhig an einen sicheren Ort – indem er den Wogen ein leises Lächeln schenkte.

Trotz alledem ließen die feindlichen Kräfte nicht ab, ohne die äußersten Grenzen von Verbrechensneigung und Sündhaftigkeit zu erreichen. Nicht nur einmal, sondern wiederholt begingen sie Aufruhr und Verrat, und zwar ganz offen und mit äußerster Frechheit. Sie kümmerten sich überhaupt nicht um den Staat, dessen Bürger sie durch einen Verfassungsvertrag geworden waren und dem sie sowohl religiös als auch politisch unbedingt Gehorsam schuldeten. Verrat und Aufruhr sind Taten, deren Strafe zu keiner Zeit geringer war als der Entzug der Staatsbürgerschaft und die Todesstrafe – und es auch heute nicht ist. Doch derjenige, der gekommen war, das Schicksal der Zivilisation zu verändern, bewies selbst angesichts solch großer und schwerwiegender Verbrechen äußerste Geduld. Bis zum letzten Augenblick bemühte er sich darum, dass sich unter den feindlichen Kräften ein Bewusstsein für Anstand entwickelte, ihre Denkkraft erwachte, sie zur Vernunft zurückkehrten und sich, wenn nicht beim ersten oder zweiten Mal, dann wenigstens beim dritten Mal besserten. Doch diejenigen, die auf krumme Wege geraten waren, öffneten ihre Augen – von wenigen Ausnahmen abgesehen – erst, als sie in den Abgrund des Scheiterns gestürzt waren.

Hier führe ich einige bemerkenswerte Beispiele zerstörerischen Verrats an, an denen deutlich wird, welch schwierigen und dornenreichen Weg diejenigen beschreiten müssen, die die Ordnung von Wahrheit und Gerechtigkeit errichten wollen.

Es ist wohlbekannt, dass jene aufrichtigen gläubigen Diener, die bei der zweiten Huldigung von al-ʿAqaba dem Gesandten (s.a.w.) die Hand reichten und ihm das Treuegelöbnis ablegten, dies im vollen Bewusstsein taten, dass der Weggang des Gesandten (s.a.w.) nach Medina und die Errichtung des Zentrums der islamischen Bewegung dort nichts anderes als Krieg bedeuteten. Dieses Ereignis würde für die Quraisch aus vielerlei Gründen zu einer gewaltigen Herausforderung werden, und sie würden in heftiger Erregung und Aufgewühltheit zu den Waffen greifen. Daher war klar, dass das Leben des Gesandten (s.a.w.), die Existenz der von ihm gegründeten Gemeinschaft und der Schutz der übrigen Zentren der islamischen Bewegung unter Allahs Beistand vollständig von der Unterstützung der Bewohner Medinas abhingen. Zu diesem Zweck nahm der Gesandte (s.a.w.) den Vertretern der Ansar und den tatkräftigen Jugendlichen das Treuegelöbnis ab, und aus demselben Grund schloss er bereits im ersten Jahr der Hidschra Verträge mit allen jüdischen Stämmen. Die Ansar hielten ihr Treuegelöbnis als Gesamtheit bis zum letzten Augenblick ihres Lebens. Doch die Hüter des anvertrauten Buches Allahs, die Erben der Propheten, und ihre Anhänger brachen die von ihnen selbst geschlossenen Verträge immer wieder.

Der erste und bedeutendste Verrat bestand darin, dass die Quraisch von Mekka, die den Heuchler ʿAbdullah ibn Ubayy für den geeignetsten Mann hielten, ihm einen geheimen Brief schickten. Mit diesem Brief sandten sie eine umfassende Botschaft aus, um alle Übeltäter, Zügellosen und schwachgläubigen Menschen Medinas ihrem Einfluss zu unterwerfen. In dem Brief schrieben sie:

„Ihr habt unseren Mann – das heißt Muhammad (s.a.w.) – aufgenommen. Wir schwören bei Allah: Entweder ihr tötet ihn, oder ihr vertreibt ihn aus Medina. Andernfalls werden wir euch alle gemeinsam angreifen, euch töten und eure Frauen zu Gespielinnen machen.“ (Sunan Abu Dawud)

Wenn ʿAbdullah ibn Ubay ein aufrichtiger und gläubiger Mann gewesen wäre, wäre dieser Brief unverzüglich beim Gesandten (s.a.) eingetroffen, und er hätte aufrichtig gewünscht, dass das Ehrgefühl aller Bewohner Medinas angesichts der Drohung der Quraisch mobilisiert würde. Doch Verrat lag in seinem Wesen. Um sich dafür zu rächen, dass er seine Macht verloren hatte, war er entschlossen, die Wünsche der Quraisch zu erfüllen. Er wusste, dass es unter den Bewohnern Medinas eine große Zahl von Übeltätern gab, die gegen die islamische Bewegung eingestellt waren. Doch das Geheimnis dieses Briefes wurde bald enthüllt, und der Gesandte (s.a.) erfuhr selbst davon. Er ging persönlich zu ʿAbdullah ibn Ubay und erklärte ihm: Eure eigenen Söhne, Neffen und Schwestersöhne tragen mit der vollen Kraft ihrer Jugend das Banner des Islam. Sollte eine unerwünschte Situation entstehen, werdet ihr sehen, dass eure eigenen Kinder euch gegenüberstehen werden. Ihr werdet gegen eure eigenen Kinder kämpfen müssen. ʿAbdullah ibn Ubay verstand dies und gab seinen Plan auf. Bemerkenswert ist, dass die Quraisch nach der Schlacht von Badr erneut einen solchen Brief an ʿAbdullah ibn Ubay geschickt hatten.

Dieser intrigante Anführer beging in einem äußerst heiklen Augenblick eine schwerwiegende verräterische Tat. Als dem jüdischen Stamm Banū Nadīr wegen seiner wiederholten Vertragsbrüche und subversiven Aktivitäten ein Ultimatum gestellt wurde, Medina innerhalb von zehn Tagen zu verlassen, und Banū Nadīr bereits Vorbereitungen dafür traf, schickte ʿAbdullah ibn Ubay ihnen eine Nachricht: „Hütet euch! Ihr werdet diesen Befehl nicht befolgen und eure Häuser nicht verlassen.“

„Ich werde euch mit zweitausend Männern zu Hilfe kommen. Einerseits wird euch der jüdische Stamm Banū Qurayza unterstützen, andererseits ist der arabische polytheistische Stamm Ghatafān ohnehin euer Verbündeter.“ Das Ergebnis dieser Zusicherung war, dass Banū Nadīr dem Gesandten (s.a.) mitteilte: „Wir können von hier nicht fortgehen. Tut, was Ihr wollt.“ Schließlich sah sich die islamische Regierung gezwungen, militärische Maßnahmen zu ergreifen, um ihren Befehl durchzusetzen.

Danach beging dieser Mann im äußerst heiklen und entscheidenden Augenblick der Schlacht von Uhud offen Verrat. Kaum war das muslimische Heer aus Medina aufgebrochen und am Ort Schuṭṭa angekommen, kehrte er mit dreihundert Heuchlern nach Medina zurück. Diese Tat war einem Dolchstoß in den Rücken des muslimischen Heeres gleich. Er sagte: „Warum sollten wir unser Leben umsonst opfern, wenn nicht nach unserer Meinung gehandelt wird und die Macht in den Händen anderer konzentriert ist?“ ʿAbdullah ibn Ubay war dafür gewesen, innerhalb Medinas zu kämpfen, anstatt die Stadt zu verlassen. (Asahhus-Siyar, ʿAbd ar-Raʾūf Dānpūrī)

Der zweite an der verräterischen Verschwörung beteiligte Mann war Abū ʿĀmir. Im Zusammenhang mit der Moschee Dirār habe ich ihn bereits vorgestellt. Wütend über die Nachricht vom Sieg des Gesandten (s.a.) in der Schlacht von Badr reiste dieser Intrigant nach Mekka, traf sich mit Abū Sufyān und stachelte ihn zur Rache auf. Auf diese Weise trug auch er dazu bei, das Feuer des Krieges von Uhud zu entfachen. Er zog selbst mit den Quraisch in den Krieg. Er glaubte, der Stamm der Aus werde auf sein Wort hin die Unterstützung des Islam aufgeben und sich auf die Seite der Quraisch stellen. Er rief den Aus auf dem Schlachtfeld zu. Doch die Antwort, die er erhielt, beseitigte seinen Irrtum. Ganz abgesehen von den anderen war sogar sein eigener Sohn, der ehrenwerte Ḥanẓala, mit größter Hingabe bereit, auf Befehl des Gesandten (s.a.) sein Leben zu opfern. Nach Uhud ging er zum römischen Kaiser Herakleios, um ihn zu einem Angriff auf Medina anzustiften. Zugleich versprach er den Heuchlern heimlich: „Seid bereit; ich komme mit einem Unterstützungstrupp.“ Dieser Mann ließ in der Nähe von Hunayn Gruben ausheben, um dem Gesandten (s.a.) Schaden zuzufügen. Der Gesandte (s.a.) fiel in eine dieser Gruben und verletzte sich ziemlich schwer. (Asahhus-Siyar und Sīrat an-Nabī: Schiblī)

Der dritte Verräter war Kaʿb ibn al-Aschraf. Auch über ihn wurde bereits gesprochen. Einerseits stellte dieser Mann in Medina durch Bezahlung eine Truppe angeheuerter Agenten auf, andererseits hetzte er die Bewohner Mekkas zu einem Angriff auf Medina auf. Zu diesem Zweck setzte er seinen Einfluss, sein Vermögen und sein dichterisches Talent umfassend ein. Auf seine Anstiftung hin gelobten Abū Sufyān und andere, den Überzug der Kaaba festhaltend, Rache zu nehmen.

In dieser von Verschwörungen geprägten Lage sahen sich die Muslime gezwungen, besondere Verteidigungsmaßnahmen zu ergreifen. Auch der Gesandte (s.a.) blieb nachts selbst wach und befahl seinen Gefährten, abwechselnd nachts Wache zu halten. Ein Ereignis aus dieser Zeit war, dass er einmal bei einer Versammlung sagte: „Soll heute ein geeigneter Mann Wache halten.“ Als der ehrenwerte Saʿd ibn Abī Waqqās dies hörte, bewaffnete er sich und hielt die ganze Nacht Wache. In dieser Zeit schliefen die Gefährten vom Abend bis zum Morgen mit ihren Waffen. Wahrscheinlich sagte er gerade in dieser Zeit:

„Einen Tag auf Allahs Weg Wache zu halten ist besser als die ganze Welt und alle darin enthaltenen Güter.“ (Mischkāt)

Er sagte außerdem: „Einen Tag und eine Nacht auf Allahs Weg Wache zu halten, ist besser, als einen Monat zu fasten und einen Monat lang nachts im Gebet zu verbringen.“ (ebd.)

Über diese Aufgabe des Wachehaltens sagte er außerdem, dass ihr Lohn bis zum Tag der Auferstehung immer weiter zunimmt und dass sie auch vor der Strafe im Grab bewahrt. (Riyāḍ as-Sāliḥīn)

Diese unauffälligen Angehörigen der Fünften Kolonne in Medina erhielten während des Dschihads die günstigste Gelegenheit, der islamischen Bewegung in den Rücken zu fallen. Die zehn Jahre, die der Gesandte (s.a.) in Medina verbrachte, waren größtenteils von Kriegen und Kämpfen geprägt. Doch wann immer der Konflikt zwischen Wahrheit und Falschheit die Gestalt eines umfassenden Krieges annahm – und dies geschah wiederholt, mit kurzen Unterbrechungen –, begannen die Juden und die Heuchler mit ihren Verschwörungen. Neben der wirtschaftlichen Krise schufen diese Kriege und die Machenschaften der inneren Feinde gemeinsam eine schwere Feuerprobe für die Wächter des islamischen Staates.

Über das Geschehen bei Uhud haben wir bereits kurz zuvor berichtet: Als das islamische Heer zum Schlachtfeld zog, kehrte der Drahtzieher der Verschwörung, ʿAbdullah ibn Ubayy, unterwegs mit dreihundert Kämpfern nach Medina zurück. Wäre eine andere materialistische Macht anstelle des Gesandten (s.a.) und der ehrwürdigen Gefährten einer solchen Lage ausgesetzt gewesen, hätte sie den Mut verloren und sofort die Flucht ergriffen. Denn während das feindliche Heer aus dreitausend Mann bestand, zählte das muslimische Heer, das ihm entgegenging, insgesamt nur tausend Mann. Von diesen kehrten wiederum dreihundert um. Auch unter den verbliebenen siebenhundert befanden sich getarnte Heuchler. Unter diesen Umständen begannen die Kämpfer von Banū Salima und Banū Hāritha darüber nachzudenken, umzukehren. Doch auf den Rat der Gefährten hin fassten sie wieder Mut und hielten auf dem Schlachtfeld stand. Der Glaube an Allah, das Vertrauen in die Überlegenheit des Islam, die Vorstellung vom Erfolg der moralischen Stärke und das Vertrauen auf die unsichtbare Hilfe – dies alles war das eigentliche Kapital des islamischen Heeres. Daher blieb in ihren Herzen keine Schwäche zurück. Mit voller Entschlossenheit brachen sie zum Schlachtfeld von Uhud auf. Als sich dann auf dem Schlachtfeld von Uhud eine äußerst kritische Lage entwickelte und das Gerücht vom Märtyrertod des Gesandten (s.a.) aufkam, schlugen die Heuchler vor, ʿAbdullah ibn Ubayy unter Bitten und Flehen zurückzuholen und ihn zu ersuchen, bei Abū Sufyān Schutz zu erwirken. Allah ließ auf diesem Schlachtfeld eine Art Niederlage zu, um einige Fehler der Muslime zu korrigieren. Die Heuchler sagten dazu: „Wenn er ein Prophet wäre, wäre er nicht besiegt worden.“ Es sei also genauso wie bei den anderen Königen und Herrschern dieser Welt: einmal Sieg, einmal Niederlage. Infolge dieser Verleumdungen entstanden bei einigen Muslimen gewisse Zweifel. Manche begannen zu denken: Wie kann es sein, dass man selbst unter der Führung des Propheten Allahs auf Allahs Weg in den Krieg zieht und dennoch eine Niederlage erleidet? Als Antwort darauf heißt es im Koran: „Dieses Unglück habt ihr selbst verursacht.“ Das heißt: Es war die Folge eurer eigenen Fehler.

Danach begingen die verborgenen Feinde zu Beginn, inmitten oder am Ende jedes Krieges Verrat. Wo es ihnen in der Realität nicht möglich war, etwas zu unternehmen, versuchten sie, die islamische Bewegung durch Verleumdungen zu schwächen.

Die Fünfte Kolonne zeigte ihre Machenschaften am deutlichsten während der Grabenschlacht. In der Schlacht von Badr war die Macht der Quraisch schwer geschädigt worden. Um dafür Rache zu nehmen, griffen sie nach umfangreichen Vorbereitungen an, und es kam zur Schlacht von Uhud. Doch sie waren gezwungen, zurückzukehren, ohne ihren Sieg zu vollenden. Im fünften Jahr der Hidschra umzingelten sie Medina mit einer gewaltigen Armee, die aus ihren eigenen Leuten, den Verschwörern in Medina und Angehörigen verschiedener aufgestachelter Stämme bestand. Dies war die entscheidende Schlacht. Danach war die Macht der Quraisch und der anderen Feinde völlig zerschlagen. Anschließend gaben die Muslime die Politik der Selbstverteidigung auf und nahmen eine offensive Politik an, um die Feinde des Islam zu schwächen. Tatsächlich war am Tag des Endes der Grabenschlacht der Weg zur Eroberung Mekkas bereits frei geworden.

Zu den intriganten Kreisen, die am meisten dazu beitrugen, diesen entscheidenden Kampf zu entfachen, gehörten die Juden von Banū an-Naḍīr. Diejenigen unter ihnen, die sich nach Chaibar begeben hatten, beobachteten die Lage und lauerten auf eine Gelegenheit. Als sie erfuhren, dass die Muslime in der Schlacht von Uhud eine schwere Niederlage erlitten hatten und dass die Quraisch, obwohl sie keinen vollständigen Sieg errungen hatten, mit beträchtlicher Macht aufgetreten waren, wurden sie aktiv und beschlossen, den Lauf der Geschichte zu beschleunigen. Die bekannten Anführer von Banū an-Naḍīr – Sallām ibn Abī al-Huqaiq, Sallām ibn Mischkam, Huyayy ibn Achtab, Kināna ibn ar-Rabīʿ und andere – brachen auf und nahmen Hawdha ibn Qais, Abū ʿImāra und weitere Männer von Banū Wāʾil mit. Sie gingen nach Mekka, ermutigten die Quraisch zum Angriff auf Medina und versicherten ihnen ihre umfassende Unterstützung. Danach gingen sie zu Banū Ghatafān und stachelten auch diese an. Anschließend zogen sie zu weiteren Stämmen umher. Die Quraisch sammelten die anderen Stämme. So belagerten zehntausend Soldaten Medina. (Asaḥḥ as-Siyar, Sīrat Ibn Hischām)

Noch vor Beginn des Krieges brach Huyayy ibn Achtab gemeinsam mit Kaʿb ibn Asad das Abkommen, das Banū Quraiẓa mit dem Gesandten (s.a.) geschlossen hatte. (Sīrat Ibn Hischām) Als die Muslime davon erfuhren, wurden sie äußerst besorgt. Sie befürchteten, dass Banū Quraiẓa jeden Augenblick angreifen könnte. Zum Schutz der Kinder und Frauen stellte der Gesandte (s.a.) dreihundert Soldaten ab. Unterdessen verbreiteten die Heuchler Gerüchte, die Unsicherheit und Angst schürten, und viele von ihnen begannen unter dem Vorwand, ihre Familienangehörigen schützen zu wollen, aus der Stellung zu fliehen. Sie begannen folgende Verleumdung zu verbreiten: „Einerseits lässt uns Muhammad (s.a.) von der Eroberung der Reiche von Rom und Persien träumen, andererseits ist unsere Lage so, dass wir nicht einmal sicher unsere natürlichen Bedürfnisse verrichten können.“ (Sīrat Ibn Hischām)

Einmal geschah es, dass während einer Schlacht die Bewachung der Unterkunft der Frauen nicht zufriedenstellend gewährleistet war. Da wurde beobachtet, wie ein Jude verdächtig in ihrer Nähe umherging. Hazrat Safiyya bint Abd al-Muttalib nahm ein Stück Holz, ging zu ihm und tötete ihn. (Sīrat Ibn Hischām)

Für die Kämpfer der islamischen Bewegung war dies die beunruhigendste Lage überhaupt. Doch sie erhielten Allahs besondere Hilfe. Erstens die neue Verteidigungsstrategie des Grabens, zweitens die erstaunliche Geschicklichkeit von Nuʿaim ibn Masʿūd, das Bündnis zwischen den Quraisch und den Banū Qurayza zu zerbrechen, drittens die entschlossene, muǧāhidische Haltung des Gesandten, seiner bestens ausgebildeten Führer und der gesamten muslimischen Gemeinschaft, und viertens ein plötzlich von Allah gesandter Wirbelsturm – all dies trieb die feindlichen Truppen vom Schlachtfeld davon.

Ein weiteres Ereignis dieser Art war der Feldzug nach Tabūk. Die intrigante fünfte Kolonne von Medina zeigte bei dieser Gelegenheit einige besonders ausgefeilte Beispiele ihrer Machenschaften. Der römische Kaiser Herakleios war bereits seit dem Erhalt des Briefes, den der Gesandte mit der Einladung zum Islam an ihn geschickt hatte, erzürnt. Unterdessen gelangten auch die Drahtzieher der Verschwörung an den Hof des Kaisers und versuchten, ihn weiter aufzuhetzen. Plötzlich erreichte Medina die Nachricht, dass dieser Herakleios eine gewaltige Armee von vierzigtausend Soldaten ausgesandt hatte, um Medina anzugreifen.

Damals herrschte in Medina eine ungewöhnliche Lage. Es war eine Zeit der Hungersnot. Dennoch waren die Früchte an den Bäumen reif. Das Wetter war unerträglich heiß. Eine große Zahl von Soldaten musste in eine weit entfernte Gegend entsandt werden. Zugleich war die finanzielle Lage des Staates schwach. Es herrschte ein verzweifelter Mangel an notwendiger Ausrüstung, Kamelen, Pferden und Versorgungsgütern. Deshalb wurde die zum Feldzug nach Tabūk aufgebrochene Armee als „Jaysh al-Usra“, die „Armee der Notzeit“, bezeichnet. Angesichts dieser Lage und in der Annahme, dass in diesem Kampf nur geringe Aussicht auf Beute bestand, verfolgten die Heuchler eine Politik der Nichtkooperation. Unter allerlei falschen Vorwänden blieben sie zu Hause. Von dieser Seite wurde der Feldzug auch „Ghazwat al-Fāḍiha“, also der „Feldzug, der die Heuchler entlarvte“, genannt. Ein verblüffendes Beispiel dafür, welche lächerlichen Vorwände und Einwände die Heuchler vorbrachten, stammt von Jadd ibn Qays. Er kam zum Gesandten und sagte: „Die Leute wissen, dass ich Frauen gegenüber etwas zu empfänglich bin. Ich befürchte, dass ich beim Anblick der schönen römischen Frauen in Versuchung geraten werde. Erlaubt mir deshalb, zu Hause zu bleiben.“ Diese Heuchler hielten sich nicht nur selbst vom Aufbruch zum Dschihad zurück, sondern sagten auch zu anderen: „Ach, bleibt zu Hause und sagt Allah, Allah. Seid ihr verrückt geworden, dass ihr bei einer solchen glühenden Hitze zum Dschihad aufbrechen wollt?“ Im Haus eines Juden namens Suwaylim hielten sie ihre Beratungstreffen ab. Denjenigen, die dorthin kamen, wurde davon abgeraten, zum Dschihad zu ziehen. Schließlich wurde dieser Treffpunkt vollständig aufgelöst.

Unterdessen stellte der stets eifrige ʿAbdallāh ibn Ubayy an einem Ort namens Saniyyat al-Wadāʿ eine eigene Armee auf, die aus Juden und Heuchlern bestand und üble Ziele verfolgte. Auch diese Armee war sehr zahlreich. Sie konnte jedoch nicht gemeinsam mit dem Gesandten aufbrechen.

Nachdem die Armee aufgebrochen war, sorgten sie für eine weitere Verwirrung. Der Gesandte hatte Hazrat ʿAlī als persönlichen Stellvertreter zur Betreuung seiner Familie und Angehörigen in Medina zurückgelassen. Als die Heuchler dies sahen, begannen sie, das Gerücht zu verbreiten: „Muhammad ist ʿAlī heutzutage nicht mehr wohlgesinnt. Deshalb hat er ihn nicht mitgenommen.“ Dadurch erlitt Hazrat ʿAlīs Ehrgefühl einen schweren Schlag. Sofort legte er seine Waffen an, schloss sich dem Gesandten an und berichtete ihm von den aufhetzerischen Aktivitäten der Heuchler. Der Gesandte erklärte ihm die Lage ausführlich, schickte ihn nach Medina zurück und sagte: „Es besteht die Gefahr, dass diese Leute in Medina Unheil anrichten.“

Nachdem sie Tabūk erreicht hatten, begannen die mitgereisten Heuchler – bei jedem Feldzug schlossen sich immer einige Heuchler an, um Unheil anzurichten –, die muslimischen Muǧāhidīn einzuschüchtern: „Ihr habt die unerschrockenen Krieger der römischen Armee für Araber gehalten. Morgen, wenn ihr alle als Sklaven gefangen genommen werdet, werdet ihr erkennen, wie falsch diese Vorstellung war.“ Als sie wegen dieser irreführenden Propaganda zur Rechenschaft gezogen wurden, sagten sie: „Wir haben doch nur Spaß gemacht; das war keine wichtige Angelegenheit.“ (Siehe Aṣaḥḥ as-Siyar, S. 361–385.)

Die römische Armee erschien überhaupt nicht auf dem Schlachtfeld. Doch durch diesen Feldzug erkannten die Römer einerseits, dass Medina vollkommen wachsam und in der Lage war, ihnen entgegenzutreten. Andererseits verringerte sich durch diesen Feldzug die Gefahr eines Angriffs von außen, da die Gebiete Ayla, Jābariya und Dūmat al-Dschandal unter den Einfluss der muslimischen Macht gelangten.

Während dieses Feldzugs untersagte der Gesandte Allahs (s.a.w.) der muslimischen Armee an zwei Orten, aus den Wasserstellen am Wegesrand zu trinken. Doch einige Heuchler missachteten das Verbot und offenbarten dadurch die Krankheit ihrer Herzen.

Während dieses Feldzugs wurde in einem Gebirgspass ein erfolgloses Attentat auf den Gesandten Allahs (s.a.w.) geplant. Über diesen Vorfall habe ich bereits zuvor berichtet.

Trotz des zahlreichen Verrats und der Verschwörungen der Heuchler kehrte der Gesandte Allahs (s.a.w.) siegreich von diesem Feldzug zurück und fuhr fort, den Heuchlern freimütig zu vergeben. Drei aufrichtige Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) – Ka’b ibn Malik, Hilal ibn Umaiya und Murara ibn Rabi – blieben aus Trägheit in Medina zurück. Sie gestanden ihre Schuld ein. Dennoch mussten sie, in Erwartung des Befehls Allahs, fünfzig Tage lang aus der Gemeinschaft ausgeschlossen bleiben. Diese Prüfung bestanden sie in jeder Hinsicht, und ihre Reue wurde angenommen. Die Heuchler aber sagten: „Was für Dummköpfe! Hätten sie nur irgendeine Ausrede wie wir vorgebracht, wäre die Sache erledigt gewesen. Völlig unnötig haben sie sich in Schwierigkeiten gebracht. Jetzt sollen sie sehen, was sie davon haben.“

Daran wird deutlich, wie schwierigen Situationen der islamische Staat und die islamische Bewegung ausgesetzt waren. Welche Arten von Verrat und Verschwörungen musste derjenige von den heuchlerischen Anhängern Moses’ und den von ihnen hervorgebrachten Heuchlern erdulden, der der Menschheit den Weg zum Guten gezeigt hatte!

Doch die Ausbreitung des islamischen Staates kam dadurch nicht zum Stillstand, sondern nahm weiter zu. Der aufrichtige Glaube erblühte in voller Pracht, während Verrat und Heuchelei mit der Wurzel ausgerottet wurden.

Die abscheulichen Racheaktionen der Quraisch

In der frühen Zeit in Medina, noch bevor die Kämpfe begonnen hatten, war Sa’d ibn Mu’adh, ein angesehener Anführer des Stammes Aws, nach Mekka gereist, um die Umra zu vollziehen. Da Sa’d seit vielen Jahren mit Umaiya ibn Chalaf verbunden war, nahm er in dessen Haus Quartier. Gemeinsam mit Umaiya begann er, die Kaaba zu umschreiten. Zufällig erschien Abu Dschahl dort. Er rief Umaiya zu sich und fragte: „Wer ist diese Person bei dir?“ Umaiya antwortete: „Sa’d.“ Darauf sagte Abu Dschahl mit zorniger Stimme zu Sa’d: „Ihr habt jene Abtrünnigen aufgenommen, nicht wahr? Dass Leute wie du den Platz der Kaaba betreten, ist für mich unerträglich. Wenn du nicht unter Umaiyas Schutz stündest, könntest du heute nicht lebend zurückkehren.“ (Sira des Propheten; Schibli Numani, erster Band, unter Berufung auf Sahih Muslim und al-Buchari)

Beachten Sie, wie die politische Rachsucht die Anmaßung des Anführers der Quraisch so weit gesteigert hatte, dass er im Begriff war, Allahs Dienern den Zutritt zu Seinem Haus zu verbieten. Er wollte sie von einer gottesdienstlichen Handlung wie der Hadsch abhalten! Als gehörte auch die Kaaba ihnen. Tatsächlich hatten sie die Verwaltung der Heiligen Moschee zu einem Instrument ihrer politischen Macht gemacht. Für den Gesandten Allahs (s.a.w.) und jene seiner Gefährten, die zur Auswanderung gezwungen worden waren, waren die Tore des Heiligtums ohnehin verschlossen. Doch indem Abu Dschahl Sa’d ibn Mu’adh ganz offen als ungeeignet für den Zutritt zum Heiligtum bezeichnete, entblößte er seine ungerechte Haltung auf äußerst hässliche Weise. Sa’d ibn Mu’adh war seinerseits keineswegs ein ehrloser Derwisch. Sein islamisches Ehrgefühl war in vollem Umfang lebendig, und er wusste, was die politische Würde Medinas bedeutete. Er gab eine so kurze Antwort, dass Abu Dschahl und dem Stamm der Quraisch vor Augen trat, welch schreckliche Gefahr drohte. Sa’d sagte: „Wenn ihr uns die Hadsch verbietet, werden wir euren Handelsweg nach Medina schließen.“ Mit anderen Worten war dies eine Drohung mit einer wirtschaftlichen Blockade gegen die Quraisch. Diese Drohung versetzte alle Bewohner Mekkas in Alarmbereitschaft. Später wurde die Politik Medinas entsprechend dieser Aussage Sa’ds festgelegt. Dadurch sahen sich die Quraisch völlig ausweglos und bereiteten sich darauf vor, die endgültige Kraftprobe aufzunehmen.

Abu Dschahl hatte in seiner Erregung zwar solche Worte ausgesprochen, doch diese unerwünschte Drohung versetzte ihrem Einfluss und Ansehen einen gewaltigen Schlag. Der Heilige Koran kritisiert ihre monopolartige Herrschaft über den Haram asch-Scharif aufs Schärfste. Denn gerade damit als Druckmittel verboten sie den Dienern Allahs den Zutritt zu Allahs Haus. Allah sagt:

„Wer ist ungerechter als derjenige, der in den Moscheen Allahs die Erinnerung an Allah verhindert und versucht, sie menschenleer zu machen?“ (Al-Baqara, 114)

„Die Menschen fragen dich nach dem Kämpfen im verbotenen Monat. Sag: Das Kämpfen darin ist Unrecht. Doch Menschen vom Weg Allahs abzuhalten, Ihn zu verleugnen, die Diener Allahs daran zu hindern, zur al-Masdschid al-Haram zu gehen, und die Bewohner des Haram asch-Scharif von dort zu vertreiben, ist ein noch größeres Unrecht.“ (Al-Baqara, 217)

„Aus welchem Grund sollte Allah sie nun nicht bestrafen, wo sie doch den Weg zur al-Masdschid al-Haram versperren? Dabei sind sie nicht deren rechtmäßige Mutawalli.“

Diese Aussagen des Korans verbreiteten sich allmählich in ganz Arabien, und das religiöse Ansehen der Quraisch wurde immer schwächer.

Zur Zeit des Vertrags von Hudaybiyya (im Monat Dhu l-Qa’da des 6. Jahres nach der Hidschra) weiteten die Quraisch ihre Behinderung der Menschen beim Besuch der al-Masdschid al-Haram noch weiter aus. Nachdem der Gesandte (s.a.w.) von Allah ein Zeichen erhalten hatte, machte er sich ausschließlich mit der Absicht, die Umra zu vollziehen, in Richtung Mekka auf. Es wurde kein Krieg angekündigt. Die Gefährten brachen aus eigenem Antrieb zur Umra auf. Auch Opfertiere wurden mitgeführt. Statt sich für militärische Zwecke zu bewaffnen, zog die Karawane lediglich mit gewöhnlichen Waffen zur Selbstverteidigung los. Am Ort Dhul-Hulaifa wurden die Opferschafe und -kamele nach der bekannten Vorschrift gekennzeichnet und mit Girlanden um den Hals versehen. Schon auf den ersten Blick konnte jeder erkennen, dass diese Kamele zur Opferung im Haram asch-Scharif mitgeführt wurden und keine militärischen Lasttiere waren. Unterwegs erfuhr man durch den Boten Bischr ibn Sufyan al-Ka’bi, dass die Quraisch umfassende Kriegsvorbereitungen trafen und keinesfalls erlauben würden, den Haram asch-Scharif zu betreten. Als der Gesandte (s.a.w.) Hudaybiyya erreichte, ließ er ausrichten: Wir sind nicht gekommen, um Krieg zu führen, sondern um die Umra zu vollziehen. Budayl ibn Warqa aus dem Stamm der Banu Khuza’a versuchte zu vermitteln. Danach brachte Urwa ibn Mas’ud die Gespräche ein Stück voran. Anschließend eilte ein Mann aus den Banu Kinana namens Hulays herbei, um zu vermitteln. Als er mit eigenen Augen eine gewaltige Herde von mit Girlanden geschmückten Kamelen auf dem Feld weiden sah, war er überwältigt. Als er zu den Quraisch ging und ihnen seine Reaktion mitteilte, entmutigten sie ihn schroff mit den Worten: „Du bist doch ein Landei; was verstehst du schon von solchen Dingen?“ Hulays war zutiefst verletzt. Er sagte:

„O Quraisch, dies ist kein Abkommen zwischen uns und euch. Auf dieser Grundlage haben wir auch kein Bündnis geschlossen. Mit welchem Recht soll Menschen, die gekommen sind, um die Würde des Hauses Allahs zu erhöhen, der Zutritt zu Allahs Haus verwehrt werden? Bei Allah, lasst Muhammad (s.a.w.) tun, was er tun will. Andernfalls werden wir all unsere Leute zurückholen.“

Die schlichte und klare Haltung des Gesandten (s.a.w.) gefiel diesem Mann. Seine Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden, begann zu wirken, und sein Gewissen erhob sich gegen die ungerechten Handlungen der Quraisch. Schließlich beruhigte man ihn, um ihn nicht vor den Kopf zu stoßen, mit den Worten: „Unser Ziel ist es lediglich, einige vernünftige Bedingungen durchzusetzen. Sei du nun ein wenig still.“ Danach wurden Bedingungen auferlegt, durch die – wenn auch nichts anderes – die Umra des 6. Jahres nach der Hidschra für den Gesandten (s.a.w.) und seine Gefährten faktisch um ein Jahr verschoben wurde. (Tafsir Ibn Kathir, Band 4; Sira Ibn Hischam, Band 3; Asahhus-Siyar)

Seht nun, wie der Heilige Koran in dieser Phase die niedrige Gesinnung der Hüter der Kaaba entlarvt hat:

„Sie sind es, die den Unglauben angenommen haben, euch den Zugang zur Heiligen Moschee verwehrt und die Opfertiere daran gehindert haben, ihren Bestimmungsort zu erreichen.“ (Al-Fath, 25)

Die Eingriffe und Veränderungen der Quraisch an den religiösen Bräuchen, die seit der Zeit des Wirkens des Propheten Ibrahim allgemein anerkannt befolgt worden waren, schadeten ihrem Ansehen schwer. Durch bloße Dummheit und Starrsinn schufen sie in ganz Arabien eine negative öffentliche Meinung über sich. Die Menschen erkannten, dass bei den Quraisch von Ehrlichkeit, Frömmigkeit und Anstand nicht die geringste Spur zu finden war und dass sie alles, was sie taten, lediglich aus Trotz taten.

Der größte Beweis dafür, dass der Rachedurst der Quraisch auf die niedrigste Stufe der Brutalität gesunken war, besteht darin, dass sie, um ihren inneren Groll zu befriedigen, die beiden Töchter des Gesandten (s.a.w.) dazu brachten, sich von ihren Ehemännern scheiden zu lassen. Dies war ein furchtbar giftiger Stich direkt in das Herz des Befreiers der Menschheit.

Hazrat Ruqayya und Umm Kulthum waren mit Utba und Utayba, den beiden Söhnen Abu Lahabs, verheiratet. Nach dem damals üblichen Brauch bestand diese Verbindung mit der Familie der nächsten Verwandten bereits seit der Zeit vor dem Prophetentum. Der äußerst jähzornige Abu Lahab besaß nicht einmal so viel Anstand, dass er den ideologischen Gegensatz über persönliche Beziehungen gestellt und die Rechte der Verwandtschaft aus dem Streit herausgehalten hätte. Sein Hass und seine Feindschaft waren stets übermäßig heftig, und sein Verhalten war äußerst niederträchtig und gemein. Als wegen seines abscheulichen Handelns die Sure al-Lahab offenbart wurde und darin der Fluch ausgesprochen wurde: „Mögen Abu Lahabs Hände zugrunde gehen“, geriet er außer sich. Die Zerstörung seiner beiden Hände bedeutete, dass er trotz aller möglichen feindseligen und schädlichen Handlungen der islamischen Bewegung nicht den geringsten Schaden zufügen konnte und dass die Kraft der Wahrhaftigkeit seine beiden Hände zerschmettern würde. Als er diese Bedeutung erkannte, entbrannte er vor Zorn. Er setzte seine beiden Söhne unter Druck und sagte, es könne für sie nun keinesfalls mehr erlaubt sein, die Töchter Muhammads (s.a.w.) in ihrem Haus zu behalten. Sie müssten sich von ihnen scheiden lassen. Hazrat Ruqayya verbrachte ihre Zeit in äußerster Unruhe in ihrem eigenen Haus. Auf Geheiß seines Vaters ließ Utba sich von ihr scheiden. Später heiratete sie Hazrat Uthman. Auch die anderen Anführer der Quraisch bemühten sich sehr, Abu Lahab aufzuwiegeln und seine beiden Söhne zu dieser abscheulichen Tat zu bewegen. Sie berieten sich untereinander und sagten, in letzter Zeit habe die Hetze gegen Muhammad (s.a.w.) deutlich nachgelassen. Deshalb müsse man sich etwas Neues einfallen lassen. Sie beschlossen, seine Töchter von ihren Ehemännern scheiden zu lassen. Dadurch könne man Muhammad (s.a.w.) wenigstens einige Schwierigkeiten bereiten. Sie sagten Abu Lahabs Sohn Utba, sie würden ihm jede Tochter der Quraisch verschaffen, die er sich wünsche. Die einzige Bedingung sei, dass er Muhammads (s.a.w.) Tochter fortschicke. Utba ließ sich unverzüglich scheiden. Utayba ging noch weiter. Nachdem er sich von Hazrat Umm Kulthum hatte scheiden lassen, erschien er wie ein grobschlächtiger Schläger beim Gesandten (s.a.w.). Dann sagte er mit äußerster Frechheit: „Ich habe deine Religion verleugnet und mich von deiner Tochter scheiden lassen. Du liebst mich nicht, und auch ich mag dich nicht.“ Danach streckte er äußerst respektlos die Hand aus, packte einen Teil des Gewandes des Gesandten (s.a.w.) und riss ihn entzwei. Der junge Schwiegersohn hatte die unschuldige und anständige Frau zwar auf Geheiß seines neidischen Vaters verstoßen, benahm sich darüber hinaus aber derart wie ein Schläger, dass dem Gesandten (s.a.w.) aus tiefem Schmerz spontan folgender Fluch über die Lippen kam: „O Allah, hetze eines deiner Raubtiere auf ihn.“ Als Abu Talib davon hörte, sagte er: „Nun kann dich niemand mehr vor dem Fluch meines Neffen retten.“ Als Utayba später mit einer Handelskarawane in Syrien übernachtete, kam in der Dunkelheit der Nacht plötzlich ein Tiger, suchte sich aus der gesamten Karawane gerade ihn heraus und zerbiss ihm den Kopf. (Al-Mawahib al-Ladunniyya, Bd. 1, S. 197)

Nach dem Tod Hazrat Ruqayyas verheiratete der Gesandte (s.a.w.) auch diese zweite Tochter, Umm Kulthum, mit Hazrat Uthman. Deshalb wurde er „Dhu-n-Nurain“ genannt.

So wie die Intriganten der Quraisch Abu Lahabs Sohn Utba unter Druck gesetzt hatten, setzten sie auch Abu al-As, den Ehemann Zaynabs, der dritten Tochter des Gesandten (s.a.w.), unter Druck. Sie lockten auch ihn mit den Worten: Wenn du dich von Muhammads (s.a.w.) Tochter scheiden lässt, wird man dir jede schöne Frau geben, die du dir wünschst. Abu al-As besaß leuchtende Zeichen von Edelmut. Er sagte: „Pfui! Es ist völlig ausgeschlossen, dass ich meine eigene Frau verstoße. Ich wünsche nicht, dass an Zaynabs Stelle eine andere Frau in mein Haus kommt.“ Später lobte der Gesandte (s.a.w.) diese Standhaftigkeit im Charakter Abu al-As’. Als Gegenleistung für sein anständiges Verhalten erwies er ihm bei zwei Gelegenheiten große Gunst. Erstens: Als Abu al-As zu den Kriegsgefangenen von Badr gehörte, gab der Gesandte (s.a.w.) die von Hazrat Zaynab als Lösegeld geschickte Halskette zurück und ließ ihn ohne Lösegeld frei. Zweitens: Als seine Handelswaren als Kriegsbeute unter den Muslimen verteilt worden waren, wurden ihm auf Anweisung des Gesandten (s.a.w.) sämtliche Sachen unversehrt zurückgegeben. (Sira Ibn Hischam, Bd. 2, S. 296)

Als der Gesandte (s.a.w.) Abu al-As nach der Schlacht von Badr aus besonderer Gunst ohne Lösegeld freiließ, nahm er ihm bei dieser Gelegenheit das Versprechen ab, dass er Hazrat Zaynab die Möglichkeit geben werde, nach Medina zu kommen. Dieses Versprechen wurde vor der Allgemeinheit geheim gehalten. Als die festgesetzte Zeit für Hazrat Zaynabs Aufbruch nach Medina gekommen war, wurden zwei Gefährten entsandt: Hazrat Zayd ibn Haritha und ein weiterer Ansari. Der Gesandte (s.a.w.) wies diese beiden an: „Ihr sollt an dem Ort namens Yajij warten (der Name eines Ortes acht Meilen von Mekka entfernt). Wenn Zaynab dort eintrifft, nehmt sie mit.“ Abu al-As bereitete inzwischen Zaynab vor und packte ihre Habseligkeiten zusammen. Als ihr Schwager Kinana ibn ar-Rabi sie früh am Morgen auf ein Kamel setzte und aufbrach, erfuhren die Quraisch davon. Diese Unmenschen dachten: Es wäre eine Schande, wenn Muhammads (s.a.w.) Tochter auf diese Weise sicher aus unserer Mitte entkäme. Einige Männer folgten ihnen und holten sie bei Dhi Tuwa ein. Ein gewisser Hubar ibn al-Aswad schoss einen Pfeil auf Zaynabs Howdah. Hazrat Zaynab war damals schwanger. Vom Pfeil getroffen, wurde sie schwer verletzt und erlitt eine Fehlgeburt. Als ihr Schwager daraufhin mit Pfeil und Bogen drohend auf ihn losging, floh der feige Schläger aus Mekka sofort.

Schon nach kurzer Zeit traf auch Abu Sufyan ein. Aus der Ferne rief er den Angreifern zu: „Hört auf mich.“ Zu Kinana ibn ar-Rabi sagte er: „Warum musstest du so etwas tun und diese Frau offen mit dir auf die Reise nehmen? Du weißt doch, welch feindselige Atmosphäre herrscht. Wegen Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, liegt diese unerwünschte Atmosphäre über unseren Köpfen. Durch ein solches Vorgehen am helllichten Tag fühlen sich die Menschen in Mekka beleidigt. Bei meinem Leben, wir haben keineswegs die Absicht, die Reise der Tochter Muhammads aufzuhalten. Nimm sie jetzt zurück. Bring sie zu einem späteren Zeitpunkt heimlich fort.“

Daran wird deutlich, zu welch abscheulicher Gemeinheit die Bewohner Mekkas griffen, um dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Leid zuzufügen und ihn zu quälen. In ihren Herzen hatte die Verwandtschaft keinerlei Bedeutung. Sie empfanden nicht die geringste Scham, eine Frau zu misshandeln. Sie besaßen nicht einmal die Einsicht, Unrecht als Unrecht zu erkennen. In ihren Augen waren für die Menschlichkeit weder Wert noch Rechte übrig geblieben. (Sira des Ibn Hischam, 2. Band, Asahhus-Siyar)

Hören Sie nun von einem anderen Ereignis. Dieses Ereignis offenbart die extrem blutrünstige Gesinnung der Feinde des Islam. Im Rahmen des Verfahrens, das der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zur Entsendung von Lehrergruppen in die Umgebung Medinas eingeleitet hatte, schickte er unmittelbar nach der Schlacht von Uhud, im Monat Safar, auf Ersuchen der Stämme Adal und Qara (Banu Hudhail) eine Gruppe von sechs Männern. Hinter diesem Ersuchen steckte eine furchtbare Verschwörung. Als die sechs von ihm entsandten Männer einen Ort namens Raji erreichten, wurden vier von ihnen getötet. Die beiden übrigen, die geehrten Männer Hubais und Zaid ibn Dathina, wurden gefangen genommen und nach Mekka gebracht. (Weitere Einzelheiten des Geschehens von Raji sowie die Berichte über andere Lehrergruppen folgen später.) Die Quraisch hatten zwei Gefangene der Banu Hudhail in ihrer Gewalt. Im Austausch gegen diese beiden wurden jene beiden freigelassen. Huzair ibn Ihab at-Tamimi nahm den geehrten Mann Hubais für Utba ibn al-Harith ibn Amir, damit dieser sich an al-Harith rächen konnte. Diesen al-Harith hatte der geehrte Hubais in der Schlacht von Badr getötet. Zaid ibn Dathina wiederum wurde von Safwan ibn Umaiya gekauft, um den Tod seines Vaters Umaiya ibn Chalaf zu rächen.

Nachdem die prahlerischen Verkünder von Tapferkeit und Männlichkeit auf dem Schlachtfeld eine schmähliche Niederlage durch eine kleine Zahl mittelloser und hilfloser Muslime erlitten hatten, wollten sie nun ihre Rachsucht stillen, indem sie diese beiden wehrlosen Gefangenen töteten. Zwar wurden diese beiden wertvollen Persönlichkeiten der islamischen Gemeinschaft als Märtyrer getötet, doch die vergleichende Betrachtung des Charakters beider Seiten, die dadurch möglich wurde, verbreitete ihre Wirkung durch alle Adern der Geschichte.

Safwan übergab Zaid ibn Dathina seinem Sklaven Fustas und befahl ihm, ihn außerhalb des Heiligtums nach Tan’im zu bringen und dort zu töten. Um dieses unterhaltsame Schauspiel zu sehen und sich daran zu ergötzen, war am Ort des Geschehens eine große Versammlung der Quraisch zusammengekommen. Auch Abu Sufyan selbst war unter ihnen. Abu Sufyan trat näher und fragte Zaid: „Wie wäre es für dich, wenn man dich jetzt freiließe und du zu deinen Kindern zurückkehren und glücklich mit ihnen leben könntest, während wir an deiner Stelle Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, töten würden?“ Damals lächelte der Tod Zaid bereits entgegen, doch aus der unvergleichlichen Höhe seines Glaubens antwortete er:

„Bei Allah, wir würden es nicht einmal im Geringsten wünschen, dass Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dort, wo er sich befindet, auch nur von einem Dorn gestochen würde, wenn wir dafür freikämen und die Möglichkeit erhielten, zu unseren Familien zurückzukehren und bei ihnen zu leben.“

Über diese Antwort war Abu Sufyan völlig verblüfft. Er sagte: „Eine solche Liebe, wie die Gefährten Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihm empfinden, habe ich nirgendwo sonst gesehen.“ Danach wurde dieses Sinnbild der Aufrichtigkeit und Ergebenheit dem Schwert zum Opfer gemacht. Zwar wurde Zaid als Märtyrer getötet, doch wer kann ermessen, in wie vielen Erinnerungen sein Charakter bis heute leuchtend fortlebt und wie viele Seelen gegen die Grausamkeit und bestialische Brutalität der Quraisch aufbegehrt haben? (Sira des Ibn Hischam, Asahhus-Siyar)

Der geehrte Hubais blieb auch danach noch einige Zeit in Gefangenschaft. Das Beispiel seines Glaubens und seines Charakters, das er während seiner Gefangenschaft gab, hatte unter anderem zur Folge, dass Mabiya, die Sklavin von Huzair ibn Ihab, später in die islamische Gemeinschaft aufgenommen wurde. Von ihr ist der Bericht über Hubais’ Gefangenschaft überliefert. Mabiya erzählte, dass Hubais eines Tages, als der Zeitpunkt seiner Hinrichtung näher rückte, um ein Rasiermesser bat, um sich zu rasieren. Man gab ihm das Rasiermesser. Doch dann sah ich eine Szene, bei der mir der Boden unter den Füßen zu schwinden schien. Ich sah, dass Hubais das Rasiermesser in der Hand hielt und mein kleines Kind auf seinem Schoß saß. Wenn ein Kind der feindlichen Partei in die Reichweite eines Gefangenen gelangt, dessen ungerechte Tötung vorbereitet wird, und dieser zudem eine geeignete Waffe in der Hand hält, braucht man nicht zu sagen, welche Befürchtungen aufkommen können. Hubais erkannte meine Angst und versicherte mir: „Unter keinen Umständen werde ich dieses unschuldige Kind töten.“ Dann setzte er das Kind von seinem Schoß herunter. Ist ein solch edler Charakter nicht wie eine Fackel in der finsteren Umgebung Mekkas aufgeflammt?

Danach wurde er nach Tanʿīm gebracht, um gekreuzigt zu werden. Dort bat er um Erlaubnis und verrichtete mit größter Sammlung das letzte freiwillige Gebet seines Lebens. Auf diese Weise gab er all jenen, die zur Stätte des Martyriums gehen, ein vortreffliches und erhabenes Beispiel, dem bis heute gefolgt wird.

Nachdem er das Gebet rasch beendet hatte, sagte er: „Glaubt nicht, dass ich aus Angst vor dem Tod mein Gebet verlängere.“ Danach sprach er folgendes Bittgebet:

„O Allah! Wir haben die Botschaft Deines Gesandten überbracht. Lass auch den Gesandten wissen, welche Unterdrückung uns angetan wird. O Allah! Verringere die Zahl dieser Feinde, lass sie durch Streit und Zwietracht zugrunde gehen und lass keinen einzigen dieser wilden Unmenschen am Leben.“

Khubaib wurde gekreuzigt. Schließlich löschte Abu Mugīra mit einem Speerstoß das Licht seines Lebens aus. Unmittelbar vor seinem Tod sprach er einige Gedichtverse. Der berühmteste davon lautet:

(Arabisch********)

„Da ich getötet werde, weil ich Muslim bin, kümmert es mich nicht, welche Qualen ich im Augenblick des Todes erleide.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 3)

Nachdem die Quraisch diese beiden getötet hatten, dachten sie vielleicht, sie hätten die Stärke des Islam erheblich geschwächt. Doch sie konnten sich nicht einmal vorstellen, wie sehr jeder Tropfen des Märtyrerblutes dieser Unterdrückten die Frucht des Glaubens vermehrt hatte. Neben all diesen niederträchtigen Vergeltungsaktionen wollen wir auch den politischen Verrat der Quraisch schildern, den sie durch den Bruch des Vertrags von Hudaybiyya begingen. In diesem historischen Vertrag war festgelegt worden, dass jeder arabische Stamm, der ein Verbündeter der Quraisch werden wollte, dies tun durfte, und ebenso jeder Stamm, der ein Verbündeter der Muslime werden wollte. Die Stämme sollten in dieser Angelegenheit völlig frei bleiben. Niemand durfte jemanden dazu zwingen. Gemäß dieser Bestimmung schlossen Banu Bakr unverzüglich ein Bündnis mit den Quraisch und Banu Khuzaʿa eines mit den Muslimen.

Seit vorislamischer Zeit bestand zwischen diesen beiden Stämmen aus Anlass eines Tötungsdelikts ein unheilvoller Kreislauf von Vergeltung auf Vergeltung. Inzwischen hatte es zwischen beiden Stämmen mehrere Tötungen gegeben. Nun war Banu Bakr mit der letzten Vergeltung an der Reihe und bereitete sich darauf vor. In dieser Zeit zog die islamische Bewegung durch die gewaltigsten Erschütterungen der Geschichte die Aufmerksamkeit aller Stämme auf sich. Daher stellten diese Stämme ihre gegenseitigen Streitigkeiten vorerst zurück, vereinigten sich gegen die neue Daʿwa und traten ihr geschlossen entgegen. Die äußere Einigkeit, die der Widerstand gegen die islamische Bewegung und der Hass auf sie unter ihnen hervorgebracht hatte, begann nach dem Vertrag von Hudaybiyya nachzulassen. Sie erinnerten sich wieder an ihre alten Feindschaften. Ein Zweig von Banu Bakr war Banu Waʾil. Mehrere Söhne eines Mannes dieses Stammes, Aswad ibn Razan, waren von Angehörigen des Stammes Banu Khuzaʿa getötet worden. Um diesen Mord zu vergelten, sammelte der Anführer von Banu Waʾil, Nawfal ibn Muʿāwiya, den gesamten Stamm um sich. Unter Ausnutzung des Waffenstillstands, der infolge des Vertrags von Hudaybiyya herrschte, griffen sie Banu Khuzaʿa an. Als Erster wurde bei diesem Angriff ein unschuldiger Angehöriger der Khuzaʿa getötet, der sich in der Nähe eines Wasserbeckens namens al-Watīr aufhielt. Als die übrigen Angehörigen des Stammes Khuzaʿa diesen unerwarteten Vertragsbruch bemerkten, flohen sie verwirrt davon. Die Angreifer verfolgten auch sie und töteten sie.

Die Quraisch versorgten die Banu Bakr unter Missachtung der Verpflichtungen aus dem Vertrag von Hudaybiyya mit Waffen und begannen zugleich, sich heimlich im Schutz der Nacht mit den Khuzāʿa zu versöhnen. Die Banu Khuzāʿa suchten im Haram al-Scharif (im Bereich der Kaaba) Zuflucht, riefen den Anführer der Banu Bakr und sagten: „O Naufal! Sieh, wir sind nun in das Haram al-Scharif eingetreten. Bei Allah, haltet jetzt den Angriff an.“ Doch sie waren vom Siegesrausch verblendet. Naufal sagte: „Heute gibt es keinen Allah! O Banu Bakr, nehmt vollständige Rache! Werdet ihr um der Ehre des Haram al-Scharif willen etwa die Rache für eure eigene Erniedrigung vergessen?“ Schließlich vergossen die Banu Bakr sogar im Haram al-Scharif Blut. Einige wenige Khuzāʿa konnten nur mit größter Mühe ihr Leben retten und sich im Haus von Budail ibn Warqa und dessen Sklaven Rafiʿ verstecken.

Die Quraisch hatten unter dem Einfluss der heftigen Erregung gehandelt, die aus der Stammesrivalität hervorgegangen war. Doch es war eine derart große Torheit, dass sie die schlimmen Folgen sogleich zu spüren bekamen. Dieses Ereignis führte zur Eroberung Mekkas. Die Quraisch hatten keineswegs bedacht, dass ihre eigene Kraft im Kampf gegen die wachsende Stärke der islamischen Bewegung sowohl moralisch als auch politisch ihrem völligen Niedergang entgegenging. Daher hätten sie äußerst vorsichtig vorgehen müssen. Aufgrund dieses Ereignisses konnten die Quraisch wegen ihres Vertragsbruchs in der von Stämmen beherrschten arabischen Gesellschaft nicht umhin, weithin verurteilt zu werden. Ihr Ansehen war schwer beschädigt worden. Außerdem führte die äußerst grausame Gewalt, welche die Banu Bakr mit der Unterstützung der Quraisch verübten, und die furchtbare Misshandlung, die die Banu Khuzāʿa erduldeten, allen arabischen Stämmen vor Augen, dass die Führung der Quraisch unfähig war, Frieden und Gerechtigkeit zu gewährleisten. Darüber hinaus entstand in der Bevölkerung große Unruhe und Beklemmung, weil in diesem Ereignis das Ansehen Allahs und die Heiligkeit des Haram al-Scharif in einer höchst schändlichen Weise mit Füßen getreten und eine jahrhundertealte Tradition befleckt worden waren. Indem die Quraisch bei diesen Unruhen die unterdrückerische Partei unterstützten, hatten sie ihre eigene Ehre und Würde in den Staub getreten. Die Quraisch mögen gedacht haben, dass sie durch die Vernichtung der Banu Khuzāʿa, eines Verbündeten des islamischen Staates, wenigstens teilweise ihren Rachedurst gegen Muhammad (sallallahu alaihi wa sallam) stillen könnten. Doch sie hatten nicht bedacht, dass sie dadurch eigenhändig die Einheit der Stämme zerstörten, die das System der dschāhilitischen Gesellschaft unterstützten. Ja, sie waren sogar dabei, einige benachbarte Stämme unter den Schutz Medinas zu schicken.

Tatsächlich ist es gewöhnlich das Schicksal jeder überalterten Gesellschaftsordnung und jeder alten Führung, denen es sowohl an einem höheren Ideal und Ziel als auch an moralischen Werten und einer aufbauenden Kultur fehlt und deren einziges Mittel in dem negativen Ziel besteht, jede aufbauende und reformorientierte Kraft zu unterdrücken und zu vernichten, dass ihre eigene Klugheit sie auf den Weg der Torheit führt, ihre eigene Stärke sie in den tiefen Abgrund der Schwäche stürzt, ihr eigener Adelssinn sie zum Opfer äußerster Schmach und Demütigung macht und ihr eigener Fortschritt ihre Rückständigkeit sowie ihre eigene Entwicklung ihren Niedergang unausweichlich werden lässt.

Amr ibn Salim aus dem Stamm der Banu Khuzāʿa machte sich nach Medina auf und erzählte, nachdem er den Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) erreicht hatte, die erschütternde Geschichte von der Unterdrückung und Misshandlung durch die Banu Bakr und die Quraisch. Der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) saß gerade in einer Versammlung in der Moschee. Dort brachte Amr ibn Salim entsprechend der überlieferten arabischen Sitte seine leidvolle Geschichte in einem herzzerreißenden Gedicht zum Ausdruck:

(Arabisch********)

„O Allah! Ich werde Muhammad an den Vertrag erinnern, der zwischen unseren alten Familien und seiner alten Familie geschlossen worden war. O Prophet, hilf uns und rufe die Diener Allahs dazu auf, sich zu unserer Hilfe zu versammeln. Zieh mit einem gewaltigen Heer ins Feld, so gewaltig wie die Wellen eines schäumenden Meeres. Denn die Quraisch haben deinen Vertrag gebrochen. Im Schutz der Nacht haben sie uns bei Watir angegriffen. Sie haben uns angegriffen, während wir schliefen. Sie haben uns geschlagen, während wir uns in der Verbeugung und Niederwerfung befanden.“

Es wurde geantwortet: „O Amr ibn Salim, dir wird geholfen werden.“

Nun erkannten die Quraisch, welch zerstörerische Tat sie begangen hatten. Abu Sufyan eilte nach Medina, um den Vertrag wieder in Kraft zu setzen. Doch die Stimmung dort war derart, dass Abu Sufyan, als er im Haus seiner Tochter das Bett betreten wollte, sah, wie sie das Bett zusammenrollte und sagte: „Dies ist das Bett des Gesandten Allahs. Du kannst als unreiner Muschrik nicht darauf sitzen.“ Abu Sufyan kehrte erfolglos zurück und sah wenige Tage später ein gewaltiges Heer in Mekka eintreffen. (Sira des Ibn Hischam, 4. Band; Asahhus-Siyar; Sīrat an-Nabī von Schibli Nuʿmani, 1. Band)

Aus diesen Ereignissen ist deutlich geworden, dass die negative Kraft der dschahilischen Führung in diesem historischen Konflikt durch jeden ihrer eigenen Schritte, jede ihrer Verschwörungen, jede ihrer Vergeltungsmaßnahmen und jede ihrer Vergeltungshandlungen zunehmend geschwächt wurde. Demgegenüber gewann die positive und schöpferische Kraft – die islamische Bewegung – immer mehr an Stärke und schritt weiter voran.

Betrachten wir dagegen das Verhalten des Gesandten, während auf beiden Seiten Krieg herrschte. Zu dieser Zeit nahm der Herrscher von Yamama den Islam an und stellte die Versorgung Mekkas mit Lebensmitteln dauerhaft ein. Gerade damals herrschte in Mekka eine Hungersnot. Muhammad, der Retter der Menschheit, dachte an die Menschen aus den armen Schichten, bat persönlich darum, die Versorgung Mekkas mit Lebensmitteln aus Yamama wieder aufzunehmen, und schickte aus eigenen Mitteln fünfhundert Goldmünzen für die Armen von Mekka. Diese Großzügigkeit beeindruckte die Bevölkerung Mekkas zutiefst. Einer Überlieferung zufolge schrieben die Bewohner Mekkas selbst an den Gesandten: „Du weist doch an, die Beziehungen zu den Verwandten nicht abzubrechen, aber du hast diese Beziehung zu uns abgebrochen.“ Einige schrieben auch: „Du tötest die Väter mit dem Schwert und die Kinder durch Hunger.“ (Sira des Ibn Hischam, Band 4; Asahhus-Siyar; Das politische Leben des edelsten Gesandten; Dr. Hamidullah)

 

Kapitel: 5

Die militärischen Aktivitäten des Freundes der Menschheit: Prinzipien, Strategie, Ereignisse und Lehren

Ob die islamische Bewegung aus dem Sinai-Tal oder vom Stützpunkt Paran aus hervorgeht – ihr Weg führt durch den bewaffneten Kampf.

Die revolutionäre Bewegung des Islam eroberte durch die Kraft der Vernunft die Herzen der Menschen, errichtete im Gegensatz zur Stammeszügellosigkeit eine brüderliche Gesellschaft, organisierte die unverbundenen Menschengruppen und schuf anstelle einer anarchischen und gesetzesfeindlichen Gesellschaft einen demokratischen und konstitutionellen Staat. Die islamische Bewegung entfachte in den schlummernden geistigen Kräften der Menschen aufs Neue die Inspiration.

Sie entzündete in der Finsternis der Dschahiliya die Fackel des Wissens, belebte die verlorene Lebenskraft der Gottesfurcht neu und entfachte die erloschene Lampe der moralischen Werte. Der von der alten dschahilischen Gesellschaftsordnung enttäuschten Welt und den sozial und wirtschaftlich ausgebeuteten und unterdrückten Schichten zeigte sie den himmlischen Weg der sozialen Gerechtigkeit, und in ihrem Schoß wuchs das edelste Beispiel der Menschheit heran.

Auf der entgegengesetzten Seite stand jene Dschahiliya, die kein inspirierendes Ideal besaß, Anarchie und Chaos bewahrte, die Gesellschaft auf der Grundlage des Eigennutzes lenkte, die Religion lächerlich machte und auf ihrer Grundlage ein heiliges Geschäft betrieb. Selbst die wenigen alten moralischen Werte, die in der Gesellschaft noch verblieben waren, wurden durch diese Dschahiliya zerstört. Kurz gesagt, sie stellte sich dem Weg zu Freiheit, Sicherheit, Gerechtigkeit und Fortschritt entgegen. Gerade wegen dieser eigenen Schwäche geriet sie, während sie immer weiter zurückwich, in Orientierungslosigkeit. Ihre Argumente und Beweise waren inzwischen erschöpft. Die Waffen ihrer Brutalität waren stumpf geworden. Ihre Verschwörungen scheiterten, und ihre Anhänger wurden zu den übelsten Menschen.

Die führenden Drahtzieher der Dschāhilīya hatten Muhammad (s.a.w.) und seine Gefährten eigenmächtig aus Mekka vertrieben und ihnen damit zweifellos einen schweren Schlag versetzt. Doch schon bald erkannten sie, dass die Unterstützung, die der Gesandte Allahs (s.a.w.) durch den Treueid von Aqaba bei den Ansar gewonnen hatte, bedeutete, dass Medina nun zu einer starken Bastion der islamischen Bewegung werden, dort eine Regierung entstehen und die islamische Gemeinschaft zu einer solchen Macht heranwachsen würde, deren Weg künftig nicht mehr versperrt werden konnte.

Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) nach seiner Ankunft in Medina politische Verträge mit den Juden Medinas und den anderen Stämmen schloss, wuchs die Besorgnis der Quraisch noch weiter. Unmittelbar danach begann der Gesandte Allahs (s.a.w.), Verteidigungskräfte zu organisieren. Zugleich begann er, Truppen auf Patrouille zu entsenden, um die Grenzen des Staates Medina zu bewachen und die Bewegungen des Feindes in den angrenzenden Gebieten zu überwachen. Dadurch tauchten vor den Augen der Quraisch noch viele weitere beängstigende Befürchtungen auf. Ihre Handelsroute nach Syrien verlief unmittelbar in der Nähe Medinas. Daher entstand die Gefahr, dass ihr gesamtes Handelssystem zum Erliegen kommen könnte. Als Abu Dschahl vielmehr Saʿd ibn Muʿādh daran hinderte, die ʿUmra zu vollziehen, drohte dieser offen damit, dass ihnen in einem solchen Fall der Handelsweg abgeschnitten werde. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) und seine Gefährten waren zuvor im Netz der Quraisch gefangen gewesen. Nun aber war er ihrem Zugriff entkommen. Früher hatte er nur zur Botschaft des Islam aufgerufen. Jetzt saß er auch auf dem Thron der Macht. Früher war er unterdrückt gewesen, und es war für ihn zur Gewohnheit geworden, jede Unterdrückung schweigend zu ertragen. Nun aber war er in der Lage, gegen Unterdrückung vorzugehen und ihr Widerstand zu leisten. Tatsächlich hatten die Quraisch, nachdem sie die verschiedenen Stufen ihres Widerstands gegen die Einladung zum Islam durchlaufen hatten, einen Punkt erreicht, dessen nächste Stufe nichts anderes als Krieg und Kampf sein konnte. Nachdem sie die Führer der islamischen Bewegung brutalsten Verfolgungen ausgesetzt und die Ermordung des Gesandten Allahs (s.a.w.) geplant hatten, war in ihnen zwangsläufig eine mörderische und blutrünstige Gesinnung entstanden. Zugleich hätte die Plünderung der geringen Mittel, die der Gesandte Allahs (s.a.w.) in Medina in der Absicht angesammelt hatte, ein neues Zeitalter zu schaffen, bedeutet, dass alle bis dahin errungenen Erfolge zunichtegemacht und jede Hoffnung auf die Entfaltung und Blüte des islamischen Staates vollständig vereitelt worden wäre. Für die Entwicklung und Verteidigung dieses Staates war es äußerst wichtig, den Lauf der Zeit im Blick zu behalten. Wenn eine jede Gefahr nicht rechtzeitig erkannt und nicht rechtzeitig für ihre Abwehr gesorgt wird, kann man sich keine größere Unfähigkeit und Unzulänglichkeit einer Führung vorstellen. Ebenso wichtig ist, dass jede Maßnahme zu dem für sie besten Zeitpunkt ergriffen wird – und innerhalb dieses besten Zeitraums zum frühestmöglichen Zeitpunkt. Andernfalls wartet die mit Blitzesgeschwindigkeit dahinströmende Zeit niemals auf irgendjemanden. Jede Botschaft und jede Bewegung darf nicht nur auf sich selbst schauen; vielmehr muss sie sich mit der Stärke des Gegners vergleichen und prüfen, wer wann wie weit voraus oder zurückliegt. Der große Prophet (s.a.w.), der der innigste Freund der gesamten Menschheit war, und seine klugen Gefährten wussten sehr wohl, dass nach der Hidschra der Dschihad nun der unausweichliche nächste Schritt war. Sie verstanden, dass sie, wenn sie überleben wollten, nun nur im Kampf gegen die Quraisch überleben konnten. Daher widmete der Gesandte Allahs (s.a.w.) unmittelbar nach der Ansiedlung der Muhādschirūn und der Herstellung des Gleichgewichts der neuen Kräfte in Medina als Oberhaupt eines Staates seine ganze Aufmerksamkeit dem Verteidigungswesen.

Die islamische Sicht auf Krieg und Dschihad

Hier halte ich es für notwendig, einen grundlegenden Gedanken kurz darzulegen. Dieser grundlegende Gedanke lautet: So wie Polizei und Gerichte zur Bekämpfung von Verbrechen in jedem Staat ein natürlicher Bestandteil sind, so ist auch der Dschihad eine natürliche Aufgabe eines Staates. Für einen jungen Staat, eine gerade erst gegründete Gesellschaft und eine Regierung, die eine eigenständige, neue Epoche einleitet, ist das Durchleben einer harten Dschihad-Ära nicht nur natürlich, sondern sogar unausweichlich. Besonders wenn eine neue Gesellschaftsordnung auf der Grundlage einer revolutionären Ideologie entsteht, ist es unvermeidlich, dass sich die alten, der Revolution feindlichen Kräfte zusammenschließen und sich gegen sie erheben. Gegenüber den derartigen feindlichen Kräften genügt für eine solche Revolution nicht bloß die Verteidigung; vielmehr ist es für keine Revolution möglich, ihre gegenwärtigen Grenzen und ihren Rang zu bewahren, ohne diese Kräfte zu vernichten. Daher ist die Dschihad-Lehre des Islam keine bloß selbstverteidigende Maßnahme, bei der man einem Angreifer nur notgedrungen entgegentreten müsste, sobald er einen Angriff beginnt. Vielmehr weist der Islam auch an, dass die Wegbereiter der islamischen Revolution einerseits bereit sein müssen, nötigenfalls ihr Leben und ihr Vermögen vollständig zu opfern, um jeden Zentimeter des Bodens ihres Staates, all seine Ressourcen sowie das Leben und die Ehre seiner Bürger zu schützen. Andererseits sollen sie die den Revolution feindlichen Kräfte beseitigen, um die Revolution dadurch zu ihrer Vollendung zu führen, dass sie die Milliarden Diener Allahs aus Unterdrückung, Ausbeutung, Unwissenheit, wirtschaftlicher Not und moralischem Verfall befreien. Für einen Staat, der auf einem revolutionären Ideal gegründet ist, gibt es keinen anderen Weg, als diese Aufgabe zu erfüllen. [Im Zusammenhang damit erscheint es mir hier äußerst wichtig zu sagen, dass es bei jeder reformerischen und aufbauenden Arbeit, auf welcher Stufe sie auch durchgeführt wird, unvermeidlich wird, in irgendeiner Weise Gewalt anzuwenden. So wenden Eltern zum Wohl ihrer Kinder und Regierungen zum Wohl der Bevölkerung neben Argumenten, guten Ratschlägen, Erziehung und Ausbildung auch Gewalt an; ebenso sind auch die Träger einer aufbauenden und reformerischen Revolution gezwungen, ein gewisses Maß an Gewalt anzuwenden. Man könnte fragen: Welches Recht hatten andere, die in der vorislamischen Zeit Arabiens bestehende Stammesherrschaft zu verändern, unabhängig davon, welche Struktur und Methode dieser Herrschaft in Kraft war und unter welchen Umständen die Bevölkerung unter ihr lebte? Kann man es überhaupt als rechtmäßig anerkennen, eine Revolution aus reformerischen und aufbauenden Gründen zu organisieren, sie anschließend zu vollenden und dabei Gewalt anzuwenden? Wenn man dieser Frage auch nur ein wenig Bedeutung beimisst, auf welcher Grundlage soll dann einem Vater oder einer Mutter das Recht gegeben werden, ihren Kindern eine bestimmte Vorstellung in den Kopf zu setzen, ihnen eine bestimmte Art von Anstand, Moral, Verhalten und Sitten mit Zwang beizubringen oder ihnen ein bestimmtes moralisches Bewusstsein aufzuzwingen? Wie und aufgrund welchen Rechts soll einer Regierung erlaubt werden, Gewalt anzuwenden, um Bürger an bestimmten Handlungen zu hindern und sie zu bestimmten Handlungen zu zwingen? Mit welchem Recht soll sie gegen Unwissenheit, Übeltaten, Unsauberkeit und charakterliche Unehrlichkeit korrigierende Maßnahmen einsetzen und den Widerstand jener beseitigen, die die Anwendung dieser Maßnahmen verhindern? Es lässt sich in keinem Bereich vorstellen, dass der reformerischen und aufbauenden Arbeit kein Hindernis entgegentreten und keine Gewalt nötig sein wird, um dieses Hindernis zu beseitigen. Wenn man den hindernden Kräften freie Hand lässt, wird keine reformerische oder aufbauende Arbeit möglich sein. Bei jeder reformerischen und aufbauenden Arbeit steht die menschliche Natur selbst mit all ihrer Kraft auf ihrer Seite. Wenn eine aufbauende Revolution stattfindet, um ein Land oder ein Volk aus seinem Niedergang zu retten und auf den Weg des Wohlergehens zu führen, dann bringt die menschliche Natur – das heißt die angeborene Veranlagung, der gute Wille und das Gewissen des Menschen – das stärkste Zeugnis für sie vor. Dieses Zeugnis bildet die öffentliche Meinung zugunsten dieser Revolution. Die Frage, die dann beantwortet werden muss, lautet: Da die Forderungen der menschlichen Natur unklar sind, welches ist dann das unfehlbare Verfahren, um zu prüfen und zu unterscheiden, ob eine Revolution aufbauend und reformerisch oder irreführend und zerstörerisch ist? Die Antwort lautet: Dieses unfehlbare Verfahren ist das vom edlen Propheten vorgegebene Ideal, das Gesetz Allahs. Um zu prüfen, welche der unzähligen wohlklingenden Reden der Menschen zum Guten und welche zum Schlechten führt, ist der von der Offenbarung gewiesene Weg der zuverlässige Weg. Das arabische Volk aus der Anarchie auf die Stufe einer wohlgeordneten Staatsordnung zu führen, ein in Stämme gespaltenes Volk zu einen und in eine einheitliche Nation zu verwandeln, Millionen Menschen mit dem Schmuck des Wissens und des guten Charakters zu bekleiden und ihnen eine neue Epoche der Stärke, Sicherheit und Gerechtigkeit zu schenken – dies ist eine so große und heilige Aufgabe, dass, wenn der Einsatz von Gewalt dafür nicht rechtmäßig wäre, in der Menschheitsgeschichte kein anderer gerechter und rechtmäßiger Ort für den Einsatz von Gewalt übrig bliebe.] Wenn Allah es ermöglicht, werden wir dieses Thema in dem Band ausführlich erörtern, in dem eine eingehende Analyse der militärischen Unternehmungen aus der Zeit des Gesandten Allahs vorgenommen werden soll.

Von westlicher Seite ist zu diesem Thema mit äußerst hinterhältiger Gesinnung eine irreführende Kontroverse entfacht worden. Dadurch ist auch der westlich orientierte Teil der selbstvergessenen Muslime in eine schwere Verwirrung geraten. Die Kritiker haben die militärischen Unternehmungen so ausgelegt, als seien die militärischen Angriffe dazu eingesetzt worden, den Menschen eine Religion gewaltsam aufzuzwingen. Doch es handelte sich keineswegs lediglich um die Angelegenheit einer Religion. Es war eine umfassende revolutionäre Bewegung. Diese Revolution hatte gegen das Opfer vieler kostbarer Leben und Vermögen bereits mit dem Wiederaufbau der Menschheit begonnen, während die selbstsüchtigen Gegner der Revolution sie noch vor dem Erreichen ihres vollständigen Erfolgs auslöschen wollten. Ihr Ziel war hier die Errichtung eines Staates. Um diesen Staat zu gründen, ertrugen seine Begründer dreizehn Jahre lang äußerste Verfolgung; danach ließen sie Häuser, Besitz und Land zurück und beschränkten sich, völlig mittellos geworden, auf ein so kleines Gebiet, in dem sie nach der von ihnen gewählten Lebensweise leben und den Menschen in aller Welt den Weg zu Frieden und Sicherheit weisen konnten.

Mit großem Pomp wurden Vorbereitungen getroffen, dieses neue goldene Kapitel der Geschichte zu eröffnen. Doch die Juden und Heuchler von Medina, die Quraisch von Mekka, ihre hörigen Stämme und einige mächtige Herrscher von außerhalb wollten dieses Vorhaben allesamt schon im Keim zerstören. Sie wollten den muslimischen Revolutionären nicht einmal die Möglichkeit geben, diese Revolution zum goldenen Gipfel des Erfolgs zu führen. Es stimmt, dass die Religion des Islam ein wichtiger Bestandteil der islamischen Bewegung war – allerdings in einem anderen Sinn als dem entstellten Verständnis von Religion, das heute verbreitet ist –, doch die Bewegung entstand aus dem Zusammenwirken vieler weiterer wichtiger Bestandteile. Deshalb gewährte der islamische Staat von Medina den Nichtmuslimen innerhalb des begrenzten religiösen Rahmens vollständige Religionsfreiheit. Er erhob das Schwert nicht, um die Religion aufzuzwingen, sondern im Interesse der Bewegung, der umfassenden islamischen Lebensordnung und des islamischen Staates. Sein eigentliches Anliegen war es, die Beständigkeit und gesunde Entwicklung seiner heiligen politischen Ordnung zu sichern und zu fördern, denn darin lag das Wohl des gesamten arabischen Volkes und der gesamten Menschheit. Das umfassende Ringen und die Auseinandersetzungen der Muslime bewegten sich auf dem politischen Feld. Sie begannen, eine neue, erstaunliche Erfahrung zu machen: Politik auf der ethischen Grundlage von Aufrichtigkeit und Gottesfurcht zu betreiben. Gerade dieses große Werk wollten die Quraisch, die Juden und die Beduinenstämme zunichtemachen. Wie konnte unter diesen Umständen überhaupt die belanglose Frage aufkommen, ob der Gesandte (s.a.w.) und seine Gefährten das Schwert zur Verbreitung der Religion eingesetzt hätten? Wie konnte man überhaupt fragen, ob die militärischen Feldzüge des Gesandten (s.a.w.) der Selbstverteidigung oder dem Angriff dienten? Dennoch waren unsere empfindlichen Muslime bereit, darüber zu diskutieren. Indem sie die ungerechten und sinnlosen Argumente der Westler akzeptierten, glaubten sie, auf diese Weise angeblich einige Schandflecken aus den Seiten ihrer eigenen Geschichte tilgen zu können. Nachdem sie jedes Selbstvertrauen verloren hatten, begannen sie, vor den Orientalisten mit gefalteten Händen um Entschuldigung zu bitten. Sie hatten eine völlig falsche und begrenzte Vorstellung vom Islam tief in ihrem Inneren verankert und auch die Lehre vom Dschihad entstellt. Der Zustand ihrer westlichen Lehrmeister ist folgender: Die Kriege, die deren religiöse Führer zur bloßen Befriedigung persönlicher Interessen und deren Könige zur bloßen Erweiterung ihrer Reiche geführt haben, gelten in ihrer Dichtung und Literatur bis heute als ruhmreich. Die ungerechten Maßnahmen, die ergriffen wurden, um verschiedene unabhängige Länder zu versklaven, betrachten sie stets als etwas, worauf man stolz sein könne. Wenn ihre Verbrechen der Seeräuberei beim Aufbau von Kolonien hilfreich waren, machten sie aus den Seeräubern Helden. Wenn jedoch der islamische Staat von Medina, von Bedrohungen aus allen Richtungen umgeben, völlig selbstlos darum kämpfte, seine neue Regierungs- und Gesellschaftsordnung zu bewahren, einige zerstörerische Kräfte abzuwehren und sich mit den seltenen Gütern Einheit, Disziplin, Frieden, Sicherheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie auszustatten, dann arbeiteten die größten Talente des Westens unermüdlich daran, eine Anklageschrift gegen ihn zu erstellen und seine Schuld zu beweisen. Die Zeit ist nun nahe, vor dem Gericht der Geschichte Klage gegen all diese Anspruchsteller und ihre Unterstützer zu führen. Die Zeit ist gekommen, eine Anklageschrift zu erstellen, um ihre Täuschungen und Fälschungen zu entlarven. Um dieses nationale Bedürfnis zu erfüllen, müssen die jungen Studenten der Geschichtswissenschaft und der Sira voranschreiten und diese Aufgabe übernehmen.

Die Lehre vom Dschihad im Islam wurde keineswegs auf der Grundlage des herkömmlichen Begriffs der Verteidigung entwickelt. Dennoch ist sie insofern defensiv, als ihr Ziel der Schutz des islamischen Staates und der islamischen Gesellschaft ist; sie dient dem Schutz des Ideals, auf dessen Grundlage die islamische Rechtsordnung errichtet wurde. Ihr Ziel ist es, jede wirksame zerstörerische Kraft abzuwehren, die die durch die islamische Revolution errungenen Erfolge vernichten und ihrer Vollendung im Wege stehen will, sowie jede tyrannische Regierungsordnung von Grund auf zu beseitigen, die sich der Entwicklung und dem Fortschritt der Zivilisation und dem Wohlergehen der Menschheit entgegenstellt.

Die Kriegstheorie des Korans

Hier ist kein Raum für eine ausführliche Erörterung. Dennoch ist es notwendig, einige äußerst wichtige Stellen des Korans zu betrachten:

„Denjenigen, gegen die Krieg geführt wird, ist erlaubt worden, zu den Waffen zu greifen, denn ihnen ist Unrecht widerfahren. Allah ist durchaus in der Lage, ihnen zu helfen. Sie wurden völlig zu Unrecht nur deshalb aus ihren Häusern vertrieben, weil sie sagen: ‚Allah allein ist unser Herr.‘ Wenn Allah nicht durch die einen Menschen die anderen – jene, die an der Spitze von Verderbnis und Irrweg stehen, durch jene, die für Aufbau und Reform eintreten – von der Macht verdrängt hätte, dann wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs häufig genannt wird, wegen des Überhandnehmens der bösen Mächte zerstört worden. Allah wird nur denen helfen, die Allahs Sache unterstützen. Wahrlich, Allah ist allmächtig und siegreich und vermag ihnen umfassend zu helfen. Es sind jene Menschen, die, wenn Wir ihnen auf der Erde Macht geben, das Gebet verrichten, die Zakāt entrichten, das Gute gebieten, das Schlechte untersagen; und bei Allah liegt der endgültige Ausgang aller Angelegenheiten.“ (Sure al-Haddsch 39–41)

„Kämpft auf Allahs Weg – zur Verwirklichung und Bewahrung Seiner gerechten Ordnung – gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen. Doch begeht keine Übertretung. [Hier ist kein Raum für eine ausführliche Erläuterung des Tafsīr. Es soll jedoch kurz darauf hingewiesen werden, dass das Verbot der Übertretung bedeutet: Bei der Unterdrückung von Unruhestiftern und Anarchisten darf keine Gewalt auch gegen friedliebende Menschen angewandt werden. Zweitens darf die militärische Aktivität nicht über das unbedingt erforderliche Maß hinausgeführt werden. Drittens sind während des Krieges die ethischen Vorschriften des Islam und die Regeln des Krieges einzuhalten.]“

Allah liebt diejenigen nicht, die Übertretungen begehen. Tötet die Feinde, wo immer ihr sie findet, und vertreibt sie von dort, von wo sie euch vertrieben haben. Denn Fitna – Widerstand und Behinderung bei der Errichtung von Wahrheit und Gerechtigkeit – ist schlimmer als Töten. Kämpft nicht im Bereich der al-Masdschid al-Harām gegen sie. Wenn sie jedoch gegen euch kämpfen und dabei die Heiligkeit der al-Masdschid al-Harām nicht achten, dann kämpft auch ihr gegen sie. Wenn sie euch dort tatsächlich bekämpfen, dann kämpft auch ihr ohne Zögern gegen sie. So wird diesen Ungläubigen, den Feinden der islamischen Revolution, die angemessene Strafe zuteil. Wenn sie danach aufhören, dann ist Allah gewiss voller Vergebung und Barmherzigkeit. Kämpft andernfalls so lange gegen sie, bis alle Hindernisse auf dem Weg zur Errichtung der islamischen Ordnung beseitigt sind und die gesamte Lebensordnung der Ordnung Allahs folgt. Wenn sie danach von ihrer Behinderung ablassen, soll keine weitere Maßnahme gegen sie ergriffen werden. Ausgenommen davon sind die Ungerechten.“ (Sure al-Baqara 190–193)

„Was ist mit euch geschehen, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft und insbesondere nicht zum Schutz jener hilflosen Männer, Frauen und Kinder vor der Unterdrückung, die beten: ‚Unser Herr, führe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner Unterdrücker sind. Bestimme für uns von Dir einen Beschützer und bestimme für uns von Dir einen Helfer.‘“ (Sure an-Nisāʾ: 75)

„Wenn sie danach ihren Vertrag brechen und sich über eure Religion lustig machen (und damit beweisen, dass sie entschlossen sind, Verschwörungen zu schmieden), dann kämpft weiter gegen die Anführer jener islamfeindlichen Kräfte. In ihren Augen haben ihre Verträge und Bündnisse keinerlei Wert. Vielleicht werden sie davon ablassen. Wollt ihr etwa nicht gegen diejenigen kämpfen, die ihre Verträge brechen, die planen, den Gesandten (aus Medina) zu vertreiben, und die euch zuerst angegriffen haben?“ (Sure at-Tauba: 12)

„Wenn ihr nicht auszieht (zum Dschihad), wird Allah euch mit einer schweren Strafe bestrafen und an eure Stelle andere setzen, denen ihr keinen Schaden zufügen könnt. Allah ist zu allem fähig.“ (Sure at-Tauba: 39)

Im Koran gibt es noch viele wichtige, einer eingehenden Untersuchung würdige Verse über die Dschihad-Lehre des Islam und die vom Gesandten – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – befolgte Kriegspolitik. Doch aus diesen habe ich nur jene Verse angeführt, die äußerst klar sind und aus denen sich lediglich die grundlegenden Prinzipien gewinnen lassen. Die in diesen Versen erläuterten Punkte sind folgende:

1. Insgesamt waren die Muslime jahrelang Verfolgungen ausgesetzt, und nachdem der Gesandte – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – und seine Gefährten aus Mekka vertrieben worden waren, wurde ihnen der letzte Schlag kollektiver Unterdrückung versetzt. Die Gegenseite hatte von Anfang an ein unterdrückerisches Verhalten an den Tag gelegt. Denn sie ließ die muslimische Gesellschaft überhaupt nicht bestehen. Sie wollte den Wahrhaftigen nicht die Möglichkeit geben, Allah als Herrn und Erhalter anzuerkennen und ihr Leben nach Seinen Anweisungen zu gestalten. Sie hatten ihnen die Freiheit und das Recht genommen, Glaubensüberzeugungen und Ansichten zu vertreten, unabhängiges Denken zum Ausdruck zu bringen, die Menschen zur Wahrheit aufzurufen und Organisationen zu gründen. Mehrere Jahre lang machten sie durch fortwährende barbarische und brutale Angriffe auf die unschuldigen, höflichen, friedliebenden und geduldigen revolutionären Muslime deren Leben in ihrer eigenen Heimat unerträglich.

2. Der Islam gewährt seinen Gegnern größtmögliche Gelegenheit, seine Botschaft zu verstehen und ihr eigenes Verhalten zu ändern, und gerade zu diesem Zweck lässt er seine Anhänger ein langes Zeitalter der Geduld und Standhaftigkeit durchleben. Doch er kann niemals dulden, dass seine geduldigen Anhänger für immer nur Unterdrückte und Verfolgte bleiben und dadurch den Hochmut und die Arroganz der Unterdrücker weiter wachsen lassen. Es ist nicht das Ziel des Islam, einer kleinen Anzahl räuberischer Menschenbestien leichte Opfer zu verschaffen, damit sie in der menschlichen Gesellschaft gehegt und gepflegt werden. Er formt die Geduldigen gerade dazu, dass sie die Unterdrücker beseitigen und der Menschheit den Weg zur Befreiung eröffnen.

3. Die Ausrottung der zerstörerischen Kräfte, die Verfolgung, Unterdrückung, Tyrannei und Ausbeutung betreiben, ist gesellschaftlich und kulturell eine äußerst wichtige und notwendige Aufgabe. Denn wenn diese anarchistischen Gruppen nicht mit Gewalt von Macht und Herrschaft entfernt werden und ungehinderte Gelegenheit erhalten, dauerhaft tätig zu sein, müssen alle Werte der Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Friedfertigkeit und der Liebe zu Allah zwangsläufig zerstört werden.

4. Die revolutionäre Ideologie des Islam will, wenn es notwendig ist, durch den Einsatz bewaffneter Gewalt denjenigen die Macht entreißen, die Unordnung, Unwissenheit, Übeltaten, Korruption sowie ungerechte Unterdrückung unterstützen. Danach will sie die Macht solchen Menschen anvertrauen, die Allah gehorchen, das Gebet und das Zakāt-System errichten, Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit verbreiten und fördern sowie gegen Ungerechtigkeit und Unwahrheit Widerstand leisten.

5. „Kämpft gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen“ – das bedeutet nicht, dass ihr erst dann Verteidigungsmaßnahmen ergreifen sollt, wenn die Feinde euch angegriffen haben. Damit ist vielmehr gemeint, dass es nicht nötig ist, gegen diejenigen unter den Feinden des Islam vorzugehen, die sich nicht aktiv widersetzen und keinen Widerstand leisten. Doch gegen jene, die eure Tätigkeit ständig behindern und durch Angriffe darauf aus sind, euch sowie eure Gesellschafts- und Staatsordnung zu zerstören, bleibt euch nichts anderes übrig, als zu den Waffen zu greifen. Es ist nicht notwendig, auf den Augenblick zu warten, in dem sie den Islamischen Staat tatsächlich angreifen. Vielmehr dürfen sie überall dort, wo man ihrer habhaft werden kann, vernichtet werden. Dafür wurde auch ein klarer und unumstößlicher Beweis angeführt: Blutvergießen ist an sich keine gute Tat. Doch zerstörerische Aktivitäten gegen die islamische Bewegung, Organisation, Gesellschaft und den Staat zu betreiben, Unruhen und Aufruhr zu stiften sowie Blockaden und Widerstand zu organisieren, ist ein vielfach größeres Unrecht. Wenn man den Feinden des Islam gestattet, diese Aktivitäten fortzusetzen, werden sie den Islam selbst völlig ausrotten. Deshalb ist es unerlässlich, den bewaffneten Dschihad einzuleiten und aktiv vorzugehen, um größeres Unrecht abzuwenden. Dieser bewaffnete Kampf muss mit allen Kräften fortgesetzt werden, bis diejenigen, die auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit Widerstand leisten und Hindernisse errichten, vollständig beseitigt sind und die vollkommene Religion Allahs in allen Lebensbereichen eingeführt worden ist.

6. Einerseits wurde streng angeordnet, den religiös heiligen Orten, Zeiten und Bräuchen den gebührenden Respekt zu erweisen. Andererseits wurden die Muslime jedoch auch vor der irrigen Vorstellung einer übertriebenen Frömmigkeit bewahrt, wonach sie keinen einzigen Laut von sich geben und sich bedenkenlos und ohne Widerstand abschlachten lassen dürften, selbst wenn die Feinde all diese heiligen Dinge mit Füßen treten, ihre Ehre und Würde verletzen und Muslime abschlachten. Es wurde gesagt: Wenn sie die Würde eines Ortes oder einer Zeit verletzen und einen Angriff führen, muss dieser Angriff mit aller Kraft abgewehrt werden.

7. Die religiöse und moralische Verantwortung der Muslime wurde nicht auf den Schutz ihres eigenen Lebens, Besitzes und ihrer Ehre beschränkt. Wenn vielmehr auch in einem anderen Gebiet schwache und hilflose Menschen unter der Unterdrückung leiden und verzweifelt nach Befreiung aus den Händen der Unterdrücker verlangen, ist es die Pflicht der islamischen Regierung, ihrem Hilferuf zu entsprechen. Das bedeutet, dass die islamische Macht zur Befreierin und Retterin der gesamten Menschheit bestimmt wurde. Ihre umfassendere und eigentliche Pflicht besteht darin, die besten Werte von Religion und Zivilisation zu bewahren.

8. Auch der Abschluss eines Vertrags zur Beseitigung von Unterdrückung und Unrecht ist ein friedlicher Weg. Der Gesandte, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hat auch dieses Mittel umfassend eingesetzt. Über diejenigen jedoch, die Verträge und Versprechen brechen, hat der Koran die strenge Anweisung erteilt, dass sie mit Gewalt zur Rechenschaft gezogen werden müssen. Insbesondere diejenigen, die ihre Versprechen brechen, um das islamische Zentrum zu zerstören, die bestehende Ordnung oder Verwaltung zu stürzen, die bestehende Ordnung zu zerschlagen und Anarchie zu schaffen, und die als Erste provozieren, müssen jede ihrer derartigen Handlungen als eine Kriegserklärung betrachtet wissen. Selbst wenn sie keinen offenen Krieg erklärt haben, darf man sie nicht ungehindert gewähren lassen.

9. In diesem Zusammenhang wurde die muslimische Regierung besonders darauf hingewiesen, dass das eigentliche Ziel militärischer Aktivitäten nicht darin besteht, unschuldige und unbewaffnete Zivilisten zu töten oder zu verletzen, sondern die Drahtzieher an der Spitze der Gegner der islamischen Revolution und der kufrischen Kräfte zu beseitigen.

10. Vor den schrecklichen Folgen von Nachlässigkeit und Gleichgültigkeit bei der Erfüllung der Pflicht des Dschihad wurde mit den Worten gewarnt, dass dieser Staat, diese Regierung und diese Macht vollständig zugrunde gehen werden, wenn ihr dem Dschihad gegenüber gleichgültig seid. Wenn ihr nicht mutig voranschreitet, werden die Gegner über euch herfallen, euch vertreiben und niedertrampeln und ihre eigene Herrschaft errichten. Dann werdet ihr starr vor euch hinblicken und nicht einmal einen Laut von euch geben können. Bedenkt, welch schmerzhafte Strafe ihr unter solchen Umständen erdulden müsstet.

Die Art der islamischen Kriege und Auseinandersetzungen

Im Licht der obigen Ausführungen ist es unmöglich, die Art und das Wesen der Kriege und Auseinandersetzungen zwischen den Organisatoren der islamischen Revolution und ihren Feinden zu verstehen, ohne die islamische Dschihad-Lehre gründlich zu begreifen. Das Wesentliche, was man verstehen muss, ist Folgendes: Zwei historische Mächte Arabiens waren in einen Krieg gegeneinander verwickelt. Die eine Macht wollte die Bevölkerung von der falschen und unterdrückerischen Herrschaft der Jahiliya befreien und ein neues Zeitalter des Friedens, der Sicherheit und der Gerechtigkeit schaffen. Die andere Macht war geradezu besessen davon, die islamische Bewegung zu vernichten, um die herkömmliche Gesellschaftsordnung der Jahiliya unverändert aufrechtzuerhalten. Zwischen den Idealen und Zielen der beiden Seiten war weder eine dauerhafte Verständigung oder ein Kompromiss möglich, noch gab es durch gegenseitige Abmachungen irgendeinen Raum für ein Zusammenleben. Die Lage war derart, dass es hieß: „Entweder bleibt ihr, oder wir bleiben.“ Oder, nach dem bekannten englischen Sprichwort, könnte man auch sagen: „Töte ihn zuerst, sonst wird er dich töten.“ Die Sache war weitgehend so, als hätte ein fleißiger Bauer mit großer Mühe ein brachliegendes Stück Land urbar gemacht und darauf einen Obstgarten angelegt. Neben diesem Gebiet lag ein Wald. Von dort kamen wilde Tiere, die den Garten zu verwüsten drohten. Wenn er unter diesen Umständen nichts gegen die wilden Tiere unternähme, würde sein Garten verwüstet werden. Wenn er den Garten aber schützen wollte, musste er gegenüber den wilden Tieren hart sein. Wann immer sich in der Geschichte eine umfassende Revolution ereignet hat, ist zwangsläufig eine derartige kompromisslose Lage entstanden. Wenn man diese Tatsache gründlich verstanden hat, erübrigt sich die Auseinandersetzung darüber, ob die islamischen Kriege der Selbstverteidigung dienten oder nicht. Damit entfällt auch der Weg für die törichte Verleumdung, die Muslime hätten Menschen mit dem Schwert gezwungen, den Islam anzunehmen. Ebenso ist es nicht nötig, jeden einzelnen Kampf gesondert zu untersuchen, seine unmittelbaren Ursachen festzustellen und diejenigen zu beruhigen, die wissentlich Verleumdungen verbreiten, indem man ihnen versichert, die islamische Regierung sei gezwungen gewesen, diesen Krieg ausweglos zu führen. Diese Hauptverantwortung liegt vielmehr beim Gegner selbst.

Wenn wir heute sehen, wie einige unserer früheren Gelehrten sich eingehend den Kopf zerbrochen haben, um die Ursachen verschiedener Kriege, insbesondere des Krieges von Badr, zu untersuchen und ein bestimmtes Bild der damaligen Lage zu zeichnen, können wir nicht umhin, uns zu fragen, warum diese so scharfsinnigen Analytiker die einfache und klare Tatsache nicht verstanden haben, mit deren einmaliger Darlegung die Angelegenheit erledigt wäre und jede weitere Erklärung und Analyse überflüssig würde. Liest man ihre wertvollen Werke über das Leben des Propheten, gewinnt man den Eindruck, als hätten die Menschen des Westens das Recht, ein endgültiges Urteil darüber zu fällen, was die eigentliche Ursache gewesen sei oder nicht gewesen sei. Als hätten wir kein anderes Recht, als vor ihrem Tribunal unsere Unschuld zu beweisen – und mehr nicht. Wir wollen diese Art des Urteilens und Abwägens ändern. Die höchste und endgültige Befugnis, unsere Religion, unsere Geschichte und das Leben unseres Propheten zu verstehen und zu erklären, liegt bei uns und bei niemand anderem. Der Maßstab und das Kriterium für Forschung, Denken und Urteil, die uns unsere Religion und unser Gesandter gegeben haben, sind der beste Maßstab, um alles zu verstehen. Wir selbst sind am ehesten berechtigt, unsere Lage zu beurteilen. Ganz gleich, ob jemand aus dem Westen, Norden, Süden oder aus einer anderen Richtung kommt: Niemand von ihnen ist dazu berufen, uns über unsere Religion und unsere Geschichte zu belehren. Vielmehr sollten sie von uns erfahren, welche Bedeutung die einzelnen Dinge unserer Religion und unserer Geschichte haben. Die Bedeutung unserer vergangenen Taten zu analysieren und die Bedeutung unserer Begriffe zu erklären, ist unsere eigene Aufgabe und die Aufgabe keines anderen. Die von der alten christlichen Kirche oder von der modernen materialistischen Zivilisation geschaffenen Maßstäbe zur Beurteilung unserer Religion, unserer Geschichte und des Lebens unseres Propheten sind für uns nicht annehmbar. Wir sind nicht bereit, unsere Geschichte und unser Erbe nach jenen ungültigen Maßstäben beurteilen zu lassen.

 

Die Art der militärischen Aktivitäten Medinas

Die militärischen Aktivitäten des islamischen Staates können weder als Auseinandersetzung zwischen zwei Imperien noch als Konflikt zwischen zwei religiösen Gruppierungen betrachtet werden. Es gab hier weder einen Plan zur Eroberung der Welt wie bei Alexander und Napoleon, noch den ehrgeizigen Wunsch, die Unabhängigkeit freier Länder wie Holland, Frankreich und England zu rauben und Kolonien zu errichten. Vielmehr herrschte unter den Menschen desselben Landes und desselben Volkes ein Konflikt darüber, dass die eine Seite selbstlos alles daransetzte, ein bestimmtes Programm zur Erneuerung der Nation umzusetzen, während die andere Seite mit allen Mitteln versuchte, dieses Vorhaben zu vereiteln und seine Existenz auszulöschen. Gegen diese reinste, makelloseste und gerechteste Revolution der Geschichte schmiedeten die Quraisch, die Juden und die Beduinenstämme, fortgerissen von einer bloß negativen und blinden Gefühlsströmung, die schlimmsten Verbrechen, Verschwörungen und Mordpläne. Nach jahrelangen eigensinnigen Aktivitäten blieb ihnen nur noch ein einziger Schritt: offen bewaffnete Aggression zu beginnen, auf dem Schlachtfeld aufzutreten und diesen Konflikt, wenn möglich, endgültig zu beenden. Die Quraisch gingen voran, die anderen folgten ihnen. Doch am Ende wurde ihre eigene Existenz ausgelöscht. Diese Kriege ähnelten, wenn auch nicht vollständig, so doch in vieler Hinsicht jenen Auseinandersetzungen, die in Russland von der Februarrevolution bis vor der Oktoberrevolution oder im Namen der Französischen Revolution zwischen Royalisten und Revolutionären ausgetragen wurden. Man könnte sie auch mit dem Amerikanischen Bürgerkrieg vergleichen. Die Kriege zwischen Mekka und Medina waren im Wesentlichen eine Art Bürgerkrieg. Die erste Ursache dieses Bürgerkriegs war, dass der Gesandte – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – einerseits die blinde Nachahmung des ererbten Systems der Dschāhilīya aufgab und auf Allahs Geheiß einen richtigen Weg einschlug. Andererseits wollten die Quraisch ihm nicht gestatten, unter Ausübung seiner Gewissens- und Meinungsfreiheit zu handeln. Die Anführer der Dschāhilīya wollten die jungen Menschen durch Gewalt und gewaltsame Methoden ihrer freien Meinung und ihres freien Glaubens berauben, die aus ihrem wachen Gewissen hervorgingen. Dieses wache Gewissen aber war entschlossen, sein natürliches Recht zu erlangen und es auch anderen zu gewähren.

Die Art der zehnjährigen militärischen Aktivitäten des frühen islamischen Staates von Medina wird deutlich, wenn man die Zahlen der Verluste betrachtet. Man kommt nicht umhin anzuerkennen, dass der Gesandte – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – dem Grundsatz minimalen Blutvergießens folgte. Mit nur geringfügigen Verlusten errichtete er einen Staat auf einem Gebiet von einer Million Quadratmeilen. Bis zum Erreichen des endgültigen Erfolgs der Revolution wurden insgesamt 255 Muslime zu Märtyrern und 759 Ungläubige getötet. (Rahmatullil-ʿĀlamīn, Qādī Sulaimān Mansūr Pūrī, Band 2, S. 265.) Um den Weg zum Wohl von Hunderten Millionen Menschen zu öffnen, mussten nur 750 Gegner getötet werden. Die Verleumder sollten diese Zahlen betrachten und ihre eigenen Vorstellungen in den historischen Zusammenhang einordnen. Wären diese Kriege mit dem Ziel der Verbreitung einer Religion geführt worden, hätte man dabei nicht nur Grausamkeiten von der Art verübt, wie sie Juden und Christen zugeschrieben werden, sondern in jedem einzelnen Krieg wären weit mehr Menschen getötet worden. Wäre der Gesandte aus Ehrgeiz nach Welteroberung in den Krieg gezogen, hätte auch er, wie große Feldherren, die bedenkenlos Ströme von Blut vergossen, in den Wüsten Arabiens Blutströme fließen lassen können. Selbst bei einem Zusammenstoß zweier rivalisierender Staaten wären weit mehr Menschen ums Leben gekommen. Ebenso wurden von den 6564 Kriegsgefangenen nur zwei wegen nachgewiesener Verbrechen zum Tode verurteilt. Insgesamt wurden 6347 Gefangene freigelassen. Der Verfasser des Werkes Rahmatullil-ʿĀlamīn erklärte nach umfangreichen Forschungen, dass lediglich das Schicksal von 215 Gefangenen nicht eindeutig bekannt sei. Vielleicht wird es später bekannt werden. Höchstwahrscheinlich nahmen sie den Islam an und gingen in der muslimischen Gesellschaft auf. Tatsächlich war die sich entwickelnde islamische Gesellschaft und der islamische Staat in Medina inneren Hindernissen ausgesetzt, und zwischen verwandten Bewohnern desselben Landes war ein Konflikt ausgebrochen. Innerhalb sehr kurzer Zeit wurde dieser Konflikt in drei oder vier großen Schlachten mit äußerst geringen Verlusten beigelegt. Eigentlich vollzog sich diese Beilegung im weiteren Rahmen der öffentlichen Meinung.

Es ist bedenkenswert: Wäre anstelle des Gesandten – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – ein anderer Feldherr gewesen, wäre es dann möglich gewesen, dass er seinen Soldaten auf dem Schlachtfeld von Badr den Befehl gab: Tötet die Kämpfer der Banū Hāschim nicht, denn sie sind nicht freiwillig gekommen, sondern wurden dazu gezwungen; tötet ʿAbbās ibn ʿAbd al-Muttalib nicht; tötet Abū al-Buchtari ibn Hischām nicht? (Abū al-Buchtari wurde irrtümlich getötet.) Kann man sich vorstellen, dass der siegreiche Herrscher von Medina wegen der Unruhe über die Qualen der Gefangenen von Badr keinen Schlaf findet und sich mitten in der Nacht zu ihnen begibt, um ihre Fesseln zu lockern? Ist es nicht erstaunlich, dass er gerade während des Krieges dem Ersuchen der Mekkaner entsprach, die blockierte Lieferung von Getreide aus al-Yamāma freigab und nach Mekka schicken ließ und den hungernden Bewohnern Mekkas zusätzlich aus eigenen Mitteln fünfhundert Goldmünzen sandte? Wenn ferner der Mann, dessen Siegesbanner am Tag der Eroberung Mekkas am Himmel wehte, jemand anders als Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – gewesen wäre und ein anderes Ziel als den Sieg des Islam verfolgt hätte, hätte er dann die erschütternde schwarze Geschichte fünfzehn oder zwanzig Jahre bestialischer Verfolgung vergessen und verkünden können: „Heute trifft euch kein Vorwurf; geht, ihr seid frei!“? Niemals. Wäre es jemand anders gewesen, wären die Gassen Mekkas im Blut der Quraisch geschwommen.

Tatsächlich musste der Gesandte (s.a.) trotz seines Widerwillens auf das Schlachtfeld ziehen. Denn dieser Weg führte über das Totenfeld des Martyriums. Doch statt Land zu erobern, wollte er die Herzen der Menschen gewinnen. Anstatt die Körper der Menschen mit dem Schwert zu unterwerfen, wollte er ihren Verstand durch Argumente und ihre Herzen durch einen schönen, natürlichen Charakter für sich gewinnen. Sein eigentlicher Kampf fand auf dem Feld der öffentlichen Meinung statt. Auf diesem Feld wurden seine Feinde immer wieder besiegt. In Wahrheit war der bewaffnete Krieg nur ein äußerst kleiner Teil des Konflikts, in den der Gesandte (s.a.) mit den Feinden der islamischen Revolution verwickelt war.

Die Kriegstaktik des Gesandten (s.a.)

Das Wesentliche an der Kriegstaktik des Gesandten (s.a.) war, der Wehrlosmachung des Feindes den Vorrang vor dem Vergießen seines Blutes zu geben, bis dieser sich zur Zusammenarbeit bereit erklärte oder den Widerstand aufgab. Dr. Hamidullah Siddiqi, ein bedeutender Gelehrter des Subkontinents, der verschiedene Aspekte der heiligen Biografie des Gesandten (s.a.) untersucht hat, beschrieb dessen militärische Strategie folgendermaßen:

„Tatsächlich zog es der Gesandte Allahs (s.a.) vor, den Feind zu zwingen, statt ihn zu vernichten.“ (Ahde Nabī ke Maidān-hāye Jang, S. 44)

An anderer Stelle schrieb er:

„Das Ziel der Politik des Gesandten (s.a.) war nicht die Vernichtung der Quraisch, sondern sie völlig unversehrt zu lassen und sie zugleich handlungsunfähig und besiegt zu machen.“ (Ahde Nabī mein Nizām-e Hukūmat, S. 249)

Durch eine ausführliche Darstellung der vom Gesandten (s.a.) angewandten Methoden und eine Untersuchung des Verlaufs der Ereignisse hat der Autor diese Ansicht lückenlos belegt. Im Rahmen dieser Strategie ergriff der Gesandte (s.a.) folgende konkreten Maßnahmen:

„Er entwickelte seine Verteidigungskräfte im Hinblick auf Zahl, Geschlossenheit, Einsatzbereitschaft, militärische Vorbereitung und charakterliche Schulung rasch weiter, hielt sie anschließend wie eine Maschine ständig in Bewegung und versetzte dadurch seine Widersacher in Angst und Schrecken.

Durch die Blockade der Handelswege der Mekkaner hat er sie handlungsunfähig gemacht.

Durch Verständigungen und den Abschluss von Verträgen hat er die verschiedenen Stämme nach und nach von den Feinden gelöst und auf seine Seite gebracht.

Für militärische Feldzüge wandte er vielfältige Strategien an. Manchmal setzte er auf Überraschungsangriffe, ohne dem Feind Gelegenheit zur Vorbereitung zu geben (wie bei der Eroberung Mekkas). Manchmal führte er seine Gegner in die Irre, indem er unerwartete Wege nahm und das Ziel des Feldzugs geheim hielt (wie beim Feldzug gegen die Banū al-Mustaliq). Manchmal legte er den Schlachtplan im Voraus zu seinen Gunsten an (wie in der Schlacht von Badr), und manchmal wandte er eine neuartige Verteidigungsstrategie an, mit der der Feind keinerlei Vorerfahrung hatte (wie in der Grabenschlacht).

Das gesamte zehnjährige Verteidigungssystem des Staates Medina ist ein klares Beispiel für das erwähnte grundlegende Prinzip. Wenn wir damit außerdem jene großmütige und großzügige Haltung des Gesandten (s.a.w.s.) verbinden, die nicht von der Gesinnung eines Eroberers, sondern von missionarischem Antrieb beseelt war und die anstelle des Zorns und der Verbitterung eines einfallenden Kriegsherrn die tiefe Fürsorge und das Mitgefühl eines geistlichen Lehrers verkörperte, erscheinen die aus verschiedenen Kreisen erhobenen Einwände und Vorwürfe völlig gegenstandslos. Um sie dennoch zu rechtfertigen, haben die Westorientierten begonnen, den gesamten Ablauf der Ereignisse zu entstellen. Um die Haltung zu veranschaulichen, die im Herzen des Gesandten (s.a.w.s.) zur Reform und Besserung der Menschheit wirksam war, weisen wir auf einige Ereignisse hin.

Als die Unterdrückung und Verfolgung in Mekka ihren Höhepunkt erreichten und die Feindseligkeit der Quraisch ein überaus aggressives Ausmaß annahm, waren Abū Dschahl und Umar ibn al-Chattab die beiden Hauptverantwortlichen für diesen höllischen Terror und diese Gewalt. Kein weltlicher Politiker hätte gegenüber solchen erbitterten Feinden eine andere Haltung einnehmen können, als äußersten Zorn zu hegen und insgeheim ihre Vernichtung zu wünschen. Doch obwohl der Gesandte (s.a.w.s.) unablässig im Feuer der Gewalt litt, betete er mit flehender Stimme, Allah möge wenigstens einem dieser beiden die Gnade gewähren, den Islam anzunehmen. Dieses Gebet beweist, dass dieser Freund der Menschheit der Besserung seiner Feinde Vorrang vor ihrer Vernichtung gab und bis zum letzten Augenblick gute Hoffnung für sie bewahrte. Durch Umars Annahme des Islam wurde sein Gebet erhört.

Das zweite Ereignis betrifft die Tatsache, dass der Gesandte von den Bewohnern von Taif gedemütigt und verletzt wurde, obwohl er ihnen Gutes wünschte. Von einem weltlichen Politiker wäre in einem solchen Fall nichts anderes zu erwarten, als dass sein Herz sich für immer gegen sie verschlossen hätte und er, wenn möglich, die ganze Stadt unverzüglich dem Erdboden gleichgemacht hätte. Andernfalls hätte er sein Leben lang Zorn und Groll gegen sie gehegt und bei der ersten Gelegenheit, sobald er die Macht dazu besaß, eine derart barbarische Stadt zerstört. Der von der Misshandlung in Taif tief getroffene Gefährte des Gesandten dachte tatsächlich in dieser Weise und sagte: „Rufe einen Fluch gegen diese Unmenschen herab.“ Sogar Dschibril teilte ihm mit, um seine verborgene Haltung zu prüfen, dass die Engel der Berge auf sein Zeichen bereit seien, Mekka und Taif zwischen den Bergen zu zermalmen. Doch der Gesandte sagte: „Nein, sie befinden sich aus Unwissenheit auf einem falschen Weg. Auch wenn sie nicht zum Glauben kommen, werden ihre Nachkommen den Ruf zur Wahrheit annehmen und dem einen Allah ergeben sein.“

Das dritte Ereignis ereignete sich auf dem Schlachtfeld von Uhud. Als den Muslimen wegen einiger Fehler als Warnzeichen von Allah eine Niederlage auferlegt wurde und der Gesandte (s.a.w.s.) selbst schwer verwundet worden war, entstand eine äußerst verbitterte Atmosphäre. In dieser Lage baten ihn einige offenbar zu Recht erschütterte Gefährten, Allah möge gegen die Götzendiener einen Fluch herabsenden und sie verfluchen. Er antwortete: „Ich bin nicht als jemand gesandt worden, der verflucht. Ich bin als Gesandter und Verkünder froher Botschaft gesandt worden.“ Daraufhin betete er für seine Feinde: „O Allah! Führe die Menschen meines Volkes auf den geraden Weg, denn sie wissen es nicht.“ Obwohl er von den Quraisch Schlag auf Schlag erlitten hatte, war in ihm also der Wunsch entstanden, dass sie nicht vernichtet werden sollten. Vielmehr brachte er selbst im Krieg immer wieder laut seinen Wunsch zum Ausdruck, dass sie rechtgeleitet werden mögen.

Während des Feldzugs gegen Chaybar übergab der Gesandte (s.a.w.s.) Hadhrat Ali eine besondere Standarte zur Eroberung der Festung Qamus und sagte zu ihm:

„O ʿAlī, wenn durch dich auch nur ein einziger Mensch rechtgeleitet wird, dann ist das für dich eine überaus große Gnade.“

Das eigentliche Ziel besteht also nicht darin, den Feinden körperlichen Schaden zuzufügen und Blut zu vergießen, sondern darin, dass sich in den Herzen und Gedanken möglichst vieler Menschen ein Wandel vollzieht und sie die neue Lebensordnung annehmen – darauf kommt es vor allem an.

Diese wenigen Ereignisse haben wir lediglich als Beispiele ausgewählt; ansonsten fehlt es nicht an Belegen, die die grundlegende Sichtweise des Gesandten Allahs (s.a.w.) deutlich machen. Kriegslustige Menschen sind gewöhnlich äußerst ungeduldig und jähzornig. Demgegenüber sehen wir den Freund der Menschheit, den Gesandten Allahs (s.a.w.), als äußerst ruhig, entschlossen und zielstrebig. In seiner Politik sind anstelle von Gewaltanwendung Klugheit und Wohlwollen wirksam. Welcher größere wundersame Beweis für politische Geschicklichkeit und Umsicht könnte es geben als den, dass er unmittelbar nach seiner Ankunft in Medina durch Gespräche mit Menschen aus den verschiedensten Kreisen die Grundlagen des islamischen Staates schuf? Wohl in der gesamten Menschheitsgeschichte findet sich kein Beispiel dafür, dass auf diese Weise ein Staat errichtet wurde, ohne für eine revolutionäre Idee auch nur einen Tropfen Blut zu vergießen. Dies war die einzige Revolution im eigentlichen Sinne, die wirklich unblutig (Bloodless) war: An ihrer Wurzel wurde kein einziger Tropfen menschlichen Blutes vergossen und kein einziger Leichnam fiel. Ein solches verblüffendes Ereignis spiegelt unmittelbar ein außergewöhnliches Merkmal des Prophetentums wider.

Man darf auch nicht vergessen, dass sämtliche militärischen Unternehmungen des islamischen Staates ausschließlich gegen die Quraisch und die jüdischen Stämme gerichtet waren, die ihn mit Gewalt auf das Schlachtfeld gezogen hatten. Alle übrigen Araber außer den Quraisch und den Juden gingen ihrem normalen Leben und ihren Beschäftigungen nach. Abgesehen von einigen wenigen Gebieten wurde nirgendwo in ganz Arabien Krieg geführt. Vielmehr beobachtete die gewöhnliche Bevölkerung Arabiens als schweigende Zuschauer die Ziele, den Charakter und die politische Stärke beider Seiten. Nachdem die muslimische Macht ihre Überlegenheit in jeder Hinsicht bewiesen hatte, traten Delegationen aus verschiedenen Regionen und Stämmen hervor und nahmen den Islam an. Auch die Tatsache entging keinem nachdenklichen Menschen, dass alle großen Schlachten – nämlich Badr, Uhud und der Grabenschlacht – von den Feinden selbst begonnen worden waren, indem sie als Angreifer in die Umgebung von Medina kamen. Auf diese Weise zwangen sie den Gesandten Allahs (s.a.w.), die Quellen der feindlichen Macht niederzuwerfen. Daher wurde von Medina aus nur ein einziges Mal ein entscheidender Feldzug unternommen, um die Macht der Quraisch und ihrer ergebenen Verbündeten zu schwächen; und nach der Eroberung Mekkas beseitigten die Schlachten von Hunain und Taif die Macht der Gegenseite vollständig. Andererseits wurden auch die Machtzentren der Juden mit einem Mindestmaß an Verlusten an Menschenleben beseitigt.

Ein weitverbreitetes Missverständnis

Wegen der langen Liste militärischer Unternehmungen, die in den Büchern über Hadith, Sira und Geschichte unter den Bezeichnungen „Ghazwa“ und „Sariya“ zu finden ist, leiden nicht nur Nichtmuslime, sondern auch viele Muslime selbst unter einem gravierenden Missverständnis. Dabei sind „Ghazwa“ und „Sariya“ spezielle Fachbegriffe der Werke über Hadith und Maghazi (die Militärgeschichte des Islam). Jeder dieser beiden Begriffe hat eine eigene, festgelegte Bedeutung. Wann immer aus unterschiedlichen Gründen – etwa für einen militärischen Verteidigungsfeldzug, eine Patrouille oder Wache, die Unterdrückung von Aufständischen und Verbrechern, die Verbreitung von Bildung und die Einladung zum Islam oder den Abschluss eines Vertrags – eine Truppe entsandt wurde, wurde sie „Sariya“ genannt, selbst wenn sie nur aus zwei Personen bestand. Eine Truppe hingegen, an der der Gesandte Allahs (s.a.w.) persönlich teilnahm, wurde „Ghazwa“ genannt. Unabhängig davon, ob eine solche Truppe tatsächlich in einen Zusammenstoß oder eine andere Art von Tätigkeit verwickelt wurde oder nicht, wurde sie in beiden Fällen Sariya oder Ghazwa genannt. Wenn man die kleineren Unternehmungen außer Acht lässt, bleiben nur wenige bedeutende große Feldzüge übrig, etwa Badr, Uhud, Ahzab oder die Grabenschlacht, Chaibar und Mekka (einschließlich Hunain). Es sei darauf hingewiesen, dass der Grund für die Entsendung der „Armee von al-ʿUsra“ („Armee der Erschwernis“) nach Tabuk und in die angrenzenden Gebiete ausschließlich die Gefahr eines Angriffs seitens der ausländischen Regierung in Syrien war und dass ihr Charakter völlig anders war. Nun werde ich diese militärischen Unternehmungen kurz erörtern.

Als Erstes fällt die Frage ins Auge, wie der Konflikt seinen Anfang nahm. Um diese Frage zu beantworten, werde ich zunächst die Positionen und die Rolle beider Seiten untersuchen.

Die aggressive Haltung der Quraisch

Die Gesinnung der Quraisch wird durch ein einziges Ereignis von selbst deutlich. Als sie eine Verschwörung schmiedeten, um den Gesandten (s.a.) gemeinsam zu ermorden, legten die Führer von Mekka während ihrer Beratung ganz offen ihre Haltung dar. Es wurde vorgeschlagen, den Gesandten (s.a.) in einem aus Eisen gefertigten Gefängnis einzuschließen und die Tür zu verriegeln, damit er darin zappelnd sterbe. Als ein älterer Mann, der aus Nadschd gekommen war – Scheich Nadschdi –, diesen Vorschlag hörte, sagte er: „Wenn ihr ihn gefangen nehmt, wird sich seine Daʿwa durch die verschlossenen Türen des eisernen Gefängnisses bis in ferne Horizonte verbreiten und seine Gefährten beeinflussen. Es wäre sogar nicht verwunderlich, wenn sie ihn herausholten. Dann könnten sie euch zahlenmäßig überlegen sein und euch besiegen.“ Ein weiterer Vorschlag lautete: „Wir werden Muhammad (s.a.) aus dem Land vertreiben. Was kümmert es uns, wohin er danach geht und wo er bleibt? Es genügt, dass er unseren Blicken entschwunden ist; dann können wir unsere Beziehungen wieder normalisieren und unsere gegenseitige Zuneigung bewahren.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 2, S. 94) Die Analyse, mit der Scheich Nadschdi diesen Vorschlag zurückwies, war äußerst bedeutsam und wurde in der Versammlung angenommen. Scheich Nadschdi sagte:

„Nein, bei Allah, das ist für euch keineswegs zweckmäßig. Seht ihr denn nicht die Süße und Anmut seiner Sprache, durch die er seinen Einfluss in den Herzen der Menschen festigt? Bei Allah, wenn ihr dies tut, werdet ihr euch seiner Macht niemals entziehen können. Er kann in jedem beliebigen Stamm Arabiens Zuflucht finden, dann durch seine Worte Einfluss auf die Menschen gewinnen, und die Menschen können zu seinen Anhängern werden. Mit diesen Anhängern kann er gegen euch vorgehen, in eure Siedlungen eindringen, euch die Herrschaft entreißen und mit euch nach Belieben verfahren. Wendet daher eine andere Strategie an.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 2, S. 94)

Liest man diese Worte Scheich Nadschdis, kann man ermessen, wie schlau und gerissen er war. Er hatte sich keineswegs darin getäuscht, die Persönlichkeit des Gesandten (s.a.) zu verstehen. Zugleich wird aus dieser gesamten Diskussion deutlich, dass die führenden Männer Mekkas nach dreizehn Jahren Erfahrung begonnen hatten, die Persönlichkeit, das Wesen, die Botschaft und den Charakter des Gesandten (s.a.) als eine eigenständige politische Gefahr und eine tödliche Bedrohung zu betrachten. Ihre Überheblichkeit ging zu dieser Zeit so weit, dass sie nicht bereit waren zu dulden, dass dieser Befreier der Menschheit irgendwo auf der Erde am Leben blieb und an irgendeinem Ort seine Daʿwa-Arbeit fortsetzen konnte. Andernfalls wussten sie, dass sie eines Tages für die von ihnen verübte Unterdrückung und dafür, dass sie muslimische Jugendliche aus ihren Häusern vertrieben hatten, Rechenschaft ablegen müssten. Dass sie sich anschließend auf die Ermordung des Gesandten (s.a.) einigten, ihn nach seinem Entkommen mit allen Mitteln zu verfolgen und eine hohe Belohnung auf seine Ergreifung auszusetzen, beweist unwiderlegbar, dass sie ihm, wenn es in ihrer Macht gestanden hätte, keinen einzigen Augenblick des Weiterlebens gönnen wollten. Seine Existenz war für sie zu einer Bedrohung und sein Leben zu einer Herausforderung geworden. Es gab keinen Grund, weshalb der Gesandte (s.a.) diese Haltung der Quraisch nicht sofort hätte erfahren können.

Gehen wir bei diesem Ereignis noch ein Stück weiter zurück. Während der zweiten Bayʿa von ʿAqaba hatte der edle ʿAbbās die Ansar gewarnt: „Wenn ihr das Ziel, zu dem ihr den Gesandten (s.a.) einladet, verwirklichen und dem Widerstand, der ihm entgegengesetzt werden wird, standhalten könnt, dann ist es richtig, dass ihr diese schwere Verantwortung übernehmt.“ Außerdem waren in der Formulierung jener Bayʿa die einleitenden Worte von großer Bedeutung: „Ihr werdet mich so beschützen, wie ihr eure Kinder und eure Familien beschützt.“ Beachtenswert war dann die Antwort der Ansar: „Seid versichert, wir sind ein kriegerisches Volk.“ Danach stellten sie die Frage: „Wegen Ihnen werden viele unserer Bündnisse aufgehoben werden. Wird es dann nicht geschehen, dass wir ihretwegen all diese Mühen auf uns nehmen, Sie siegen und anschließend uns verlassen und zu Ihrer eigenen Familie zurückkehren?“ Von großer Bedeutung war auch die Zusicherung des Gesandten (s.a.): „Ich gehöre zu euch, und ihr gehört zu mir.“ Ebenso bedeutsam war die Warnung, die ʿAbbās ibn ʿUbāda al-Anṣārī seinen Gefährten erteilte: „Ihr setzt euch dem Risiko eines Krieges mit allen weißen und schwarzen Menschen der ganzen Welt aus. Hütet euch davor, dass ihr, nachdem ihr den Verlust großer Teile eures Besitzes und die Tötung führender Männer eurer Stämme gesehen habt, den Gesandten (s.a.) dem Feind ausliefert. Entscheidet alles jetzt nach reiflicher Überlegung.“

Die Bedeutung dieser Gespräche liegt darin, dass nicht nur der Gesandte (s.a.) und der edle ʿAbbās, sondern auch die aus weit entfernten Gegenden angereisten Ansar angesichts der von den Quraisch geschaffenen Lage eindeutig verstanden hatten, dass die Bayʿa, die sie leisten würden, einer Kriegserklärung gleichkam.

Ein Satan belauschte die Gespräche dieser Bayʿa-Versammlung und informierte die Quraisch darüber. Daraufhin gingen die bedeutendsten Führer der Quraisch zu den Unterkünften der Ansar und sagten immer wieder: „Wir haben gehört, dass ihr euch mit Muhammad (s.a.) getroffen habt und ihn von hier fortbringen wollt. Wir haben auch gehört, dass ihr ihm die Hand gereicht und mit uns einen Vertrag über den Krieg geschlossen habt. Dabei ist es uns weitaus unangenehmer, gegen euch zu kämpfen, als gegen jeden anderen Stamm Arabiens.“ Das heißt: Wenn die Ansar den Gesandten (s.a.) aus Mekka fortbringen und ihm bei sich sichere Zuflucht gewähren würden, würden die Mekkaner dies als Kriegserklärung betrachten. Wenn die Bewohner Medinas dies tatsächlich täten, wäre dies eine klare Kriegserklärung seitens der Führung der Quraisch. Auf diese Weise wurde im Voraus der Krieg angekündigt. Einige Menschen wussten jedoch nichts von diesem Ereignis. Diejenigen, die davon wussten, hielten die Angelegenheit geheim.

Nachdem die Ansar, die die Bayʿa geleistet hatten, Mekka verlassen hatten, berieten sich die Quraisch über diese Angelegenheit. Schließlich wurde beschlossen, ihnen nachzusetzen. Die Pilgerkarawane aus Medina konnte unbehelligt weiterziehen. Doch die Mekkaner nahmen Saʿd ibn ʿUbāda und Munḏir ibn ʿAmr gefangen und schlugen sie. Auch aus diesem Ereignis wird deutlich, wie unerträglich es für sie war, dass der Gesandte (s.a.) unversehrt aus Mekka entkam, und wie groß ihr Zorn auf diejenigen war, die ihm sichere Zuflucht zugesichert hatten.

Auch aus dem Versuch der Quraisch, die Auswanderer nach Abessinien zurückzuholen und die nach Medina auswandernden Menschen anfangs von der Hidschra abzuhalten, wird deutlich, dass es ihnen keineswegs recht war, wenn die islamische Bewegung in irgendeinem anderen Gebiet Wurzeln schlug. Sie waren fest entschlossen, jede derartige Möglichkeit zu vereiteln.

Aus all diesen Ereignissen wird sonnenklar, dass die Quraisch schon vor der Hidschra jeder Macht den Krieg angedroht hatten, die dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Schutz gewähren und zulassen würde, dass die Früchte der islamischen Bewegung auf ihrem Gebiet reiften. Die Organisatoren der islamischen Revolution waren keineswegs so töricht, diese Herausforderung zu ignorieren.

Schließlich gelangte die Nachricht von dieser unausgesprochenen Kriegserklärung in Form eines schriftlichen Verschwörerbriefes von Mekka nach Medina. In diesem Brief, der in die Hände Abdallah ibn Ubayy, des Anführers der Verräter in Medina, gelangte, wurden alle Ansar und Juden Medinas mit folgenden Worten bedroht: Entweder ihr weist Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) freiwillig aus Medina aus, oder wir greifen Medina an, töten euch und machen eure Frauen zu Lustdirnen.

Danach ließen die Quraisch in Absprache mit den Juden den Muslimen direkt ausrichten: „Freut euch nicht darüber, dass ihr Mekka sicher verlassen konntet. Wir werden nach Medina kommen und euch zeigen, wo es langgeht.“

Zu dieser Zeit hinderte Abu Dschahl Saʿd ibn Muʿadh daran, die Kaaba zu umrunden, und erklärte offen: „Es gefällt mir nicht, dass ihr den Vorhof der Kaaba betretet.“

Dennoch zogen zu jener Zeit unablässig kleine Trupps von Mekka aus, um Unheil zu stiften und Plünderungen durchzuführen. Sobald der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) davon erfuhr, entsandte er als Gegenmaßnahme Patrouillen. Mehrfach sichteten diese Patrouillen aus Medina jene Trupps aus Mekka. Doch sobald diese die Anwesenheit muslimischer Streitkräfte bemerkten, flohen sie.

Im dreizehnten Monat nach der Hidschra ereignete sich ein aufsehenerregender Vorfall. Kirz ibn Dschabir al-Fihri kam nach Medina, verübte einen Überfall und trieb von den Weideplätzen Medinas die Nutztiere des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), die Staatskamele und die Tiere anderer Menschen fort. Das eindeutige Ziel dieses Vorfalls war zu zeigen: „Wir können aus einer Entfernung von dreihundert Meilen kommen und auf diese Weise das Eigentum eures Staates plündern und fortschaffen.“ (Sīrat Ibn Hišām, Bd. 2, S. 238; Aṣḥaḥ as-Siyar, S. 125; Raḥmat li-l-ʿālamīn, Bd. 1, S. 140)

Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verfolgte die Räuber persönlich mit einem kleinen Trupp und setzte Zaid ibn Haritha als vorläufigen Statthalter von Medina ein. Obwohl er bis zum Wadi Safwan (in der Nähe von Badr) gelangte, konnte er sie nicht einholen. Dieser Vorfall war eine solche Dreistigkeit des Feindes, dass sie auf keinen Fall hingenommen werden konnte. Amtsträger einer Regierung, die auch nur ein wenig Tapferkeit und Mut besitzen und auch nur ein geringes Maß an Achtung und Liebe für ihre Unabhängigkeit und ihre Heimat empfinden, können eine solche Unverschämtheit nicht dulden. Auch wenn es sich um einen Raubzug handelte, war er aus politischer Sicht einem Angriff gleichbedeutend. Nun zeichnete sich vor Medina die Ära eines unvermeidlichen Krieges und eine blutige Zukunft ab.

Dass sich der Angriff Mekkas auf Medina bis zum zweiten Jahr der Hidschra verzögerte, hatte einen schwerwiegenden Grund. Wären die Quraisch auf kein Hindernis gestoßen, hätten sie schon früher angegriffen und dem neuen islamischen Staat in Medina keine Zeit zur Vorbereitung seiner Verteidigung gelassen. Zwischen Mekka und Medina lag das Gebiet des Stammes Banū Kināna. Mit diesem Stamm waren die Quraisch seit langer Zeit verfeindet. Zunächst bestand die Befürchtung, dass Banū Kināna den Quraisch den Durchzug durch ihr Gebiet überhaupt nicht gestatten würden. Falls sie ihn doch gestatteten, bestand ferner die Sorge, dass Banū Kināna Mekka angreifen könnten, sobald sie es ungeschützt sähen. Zumindest bestand die Gefahr, dass sie in einem kritischen Augenblick die Verbindung zwischen Mekka und den Quraisch-Truppen, die Medina angriffen, unterbrechen könnten. Suraqa ibn Mālik al-Madlādschī al-Kinānī war der Anführer dieses Zwischengebiets. Als er erfuhr, dass die Quraisch Medina aus diesen Befürchtungen heraus nicht angreifen konnten, ging er unaufgefordert nach Mekka und versicherte den Quraisch seine Unterstützung. Als Folge dieses Bündnisses kam es zur Schlacht von Badr.

Somit wird deutlich, dass die Quraisch weder auf einen Angriff vonseiten der Muslime warteten noch nach einer Gelegenheit suchten, eine militärische Aggression zu beginnen. In ihnen waren die aggressive Haltung und der Entschluss zur Aggression in vollem Umfang lebendig. (Bahmatul-lil-Alamin)

Das Verteidigungssystem von Medina

Betrachten wir nun die Lage der zweiten Partei.

Wenn wir die Lage des Gesandten (s.a.w.) und seiner revolutionären Organisation untersuchen, finden wir in jeder Hinsicht Belege dafür, dass der Krieg für sie das Unerwünschteste überhaupt war. Zum einen waren sie eine mittellose und hilflose Gruppe, die an einen unbekannten Ort gekommen war; außerdem war die Hälfte dieser Gruppe wirtschaftlich völlig zerrüttet und darum bemüht, sich selbst wieder anzusiedeln. Darüber hinaus standen die Organisatoren der islamischen Revolution gleichzeitig vor der Aufgabe, eine neue Umgebung für die islamische Revolution geeignet zu machen, Bande der Brüderlichkeit zwischen den verschiedenen Stämmen zu knüpfen, sie moralisch und geistig zu schulen und vor allem einen neuen islamischen Staat zu errichten und die Verwaltung all seiner Bereiche aufzubauen. Jede einzelne dieser Aufgaben erforderte über einen langen Zeitraum ungeteilte Aufmerksamkeit und große Anstrengung. Eine kleine Gruppe, die von derart schwierigen Problemen umgeben war, konnte niemals den Krieg wünschen. Auf der anderen Seite hatten sie jedoch eine gewaltige, die gesamte Menschheit betreffende Mission. Das Wohlergehen der Menschen auf der ganzen Welt zu sichern, war ihr heiliges Ziel. Um die gesamte Zivilisation mit der Fackel der größten Wahrheit des Lebens zu erleuchten – der Herrschaft und Souveränität des einen Allah –, hatten sie alle Freuden und allen Frieden ihres eigenen Lebens geopfert. Indem sie sich die riskanten und beschwerlichen Tugenden der Geduld und der Bevorzugung anderer aneigneten, schritten sie voran. Die große Wahrheit des Islam war ihr einziger Besitz im Leben. Sie waren zahlenmäßig äußerst gering, und auch der Staat Medina war noch ganz jung. Mit diesem einzigen Besitz war ihre gesamte Zukunft verbunden. Das natürliche Interesse, das sie am Schutz dieses Staates hegten, glich der Angst und dem leidenschaftlichen Drang einer Henne, die beim Anblick eines am Himmel fliegenden Adlers alles vergisst und ihre Küken mit Federn und Flügeln zu bedecken versucht. Selbst mit ihren ausgemergelten, gebrechlichen Körpern waren sie bereit, sich mit Bergen zu messen. Unter Vergessen aller Genüsse, Freuden und eigenen Interessen hegten sie starke Leidenschaft und Tatkraft, um jeder Kraft die Flügel zu brechen, die das Ziel und den Zweck ihres Lebens mit Argwohn betrachtete. Selbst nachdem sie in die belebende Luft, die Gärten und die unvergleichliche Atmosphäre der Brüderlichkeit Medinas gekommen waren, vergaßen sie keinen Augenblick den Schmerz und das Leid von Mekka, um erleichtert aufzuatmen und sorglos zu schlafen. Ihr Blick wich keinen Augenblick von den Schwertern der mächtigen Männer Mekkas, und es gab keine Gewissheit, wann sie deren überraschendem Angriff zum Opfer fallen würden. Weder zeigte der Gesandte (s.a.w.) Nachlässigkeit bei den Verteidigungsvorkehrungen, noch versäumten seine Gefährten ihre Pflichten. Sie waren weder Mystiker noch Einsiedler, sondern äußerst kluge und tatkräftige Menschen, die eine neue Welt errichten wollten. Den Menschen, die Geschichte schufen, fehlten weder die geistige Fähigkeit noch die Klugheit, der Stärke ihrer Gegner durch den Einsatz von Gegenstärke zu begegnen.

Die Verteidigungsstrategie des Gesandten (s.a.w.)

Betrachten wir nun, welche Verteidigungsstrategien der Gesandte (s.a.w.) anwandte.

Die Auswanderer, die gemeinsam mit dem Gesandten (s.a.w.) nach Medina gekommen waren, waren keine Menschen, die lediglich für sich selbst einen Ort des Friedens und der Sicherheit suchten. Auch der Zweck, aus ihrer Heimat auszuwandern, bestand nicht darin, wirtschaftliche Wünsche zu erfüllen. Vielmehr waren sie wegen eines höheren und edleren Ziels gekommen. Nachdem sie dieses Ziel nicht vergessen hatten, widmeten sie sich nicht der Sicherung ihres eigenen Lebensunterhalts und der Erfüllung wirtschaftlicher Wünsche. Der Gesandte (s.a.w.) siedelte sie auf geordnete Weise wieder an und begründete zwischen ihnen und den Ansar eine soziale und wirtschaftliche Brüderlichkeit. Danach führte er sie über das an die Moschee gebundene Kulturzentrum in eine organisatorische Ordnung. Unverzüglich begann er, sie durch Gottesdienst, Predigten, den Unterricht im Koran und andere Methoden geistig, praktisch und moralisch zu schulen, und er weitete und entwickelte diese Arbeit mit größter Schnelligkeit und Tatkraft aus. Zugleich vereinte er sie durch die staatliche Verwaltung. Auf diese Weise wurden die mittellosen Auswanderer gemeinsam mit den Ansar zu einer unbezwingbaren Kraft, und diese Kraft wurde allmählich immer stärker. Mit anderen Worten: Sie wurde vorbereitet, indem der menschlichen Kraft Vorrang gegeben wurde.

Nebenbei ist es hier sehr wichtig, eine bedeutende Tatsache mitzuteilen. Sie lautet: Ebenso wie Mekka war auch Medina unter dem Gesichtspunkt der Verteidigung ein äußerst geeigneter Ort. Zudem war die geografische Lage Medinas so hervorragend, dass es unmittelbar vor den bedeutenden Orten Syriens und des Irak lag. Es lag an der wichtigsten Handelsstraße Arabiens und nur 70 bis 75 Meilen vom Meer entfernt. Diese Stadt war gleichsam eine starke natürliche Festung. Ein wenig Wachsamkeit, die Geschlossenheit der Bewohner und eine passende Verteidigungsstrategie hätten sie noch stärker machen können. Die Stadt Medina erstreckte sich über eine Ebene von ungefähr zehn Meilen Länge und zehn Meilen Breite; in einiger Entfernung voneinander waren kleine Siedlungen verschiedener Stämme verstreut. Dieses Gebiet wurde „der Bauch von Medina“ und „Haram“, also verbotenes Gebiet, genannt. Inmitten dieser unebenen Ebene liegt der Berg „Sala“ sowie einige weitere kleine Berge. Die beiden Berge Ir und Sur umschließen sie. In den Stam sessiedlungen gab es starke natürliche Verteidigungsanlagen namens Ajam und Atam. Von dieser Art von Verteidigungsanlagen gab es einst bis zu hundert.

Der Teil Medinas, der als „Medinat an-Nabi“ bekannt war, lag im Zentrum Medinas. In diesem Teil befanden sich die Prophetenmoschee, die Wohnstätten der Prophetenfamilie und die Hauptstadt. Südlich davon lagen dicht bewachsene Gärten, im Südosten die Siedlungen Quba und Awali sowie weitere Gärten. Im Osten erstreckten sich die jüdischen Viertel von Quba bis Uhud in westöstlicher Richtung. Auch im Südwesten gab es zahlreiche Siedlungen und Gärten. In unmittelbarer Nähe des Tores Bab asch-Schami in der alten Stadtmauer Medinas lebte der Stamm Banu Saida (in dessen von einem Baldachin überspannten Hof der erste Kalif eingesetzt wurde). Ihm gegenüber, auf dem Berg Sala, lebte der Stamm Banu Haram. Im Nordwesten gab es am Rand des Wadi al-Aqiq bis zum Brunnen Ruma zahlreiche Gärten; im Süden lagen hohe Berge, und zwischen zahlreichen Anhöhen und Ebenen verliefen schwer zugängliche Wege. Östlich und südlich von Medina befanden sich steinige Ebenen. Diese Ebenen waren weder zur Anlage eines Militärlagers noch als Schlachtfeld geeignet. Nur im Norden war der Zugang zur Stadt militärisch offen. Deshalb wählten die Quraisch diese Richtung für die Schlachten von Badr und Uhud. Für die mekkanischen Truppen war es jedoch militärisch schwierig, von Norden her anzugreifen, was für Medina von Vorteil war.

Um die Lage Medinas und ihre geografischen Vorteile nutzen zu können, war es unerlässlich, die gesamte Bevölkerung in eine Ordnung einzubinden. Zu diesem Zweck bestand die zweitgrößte Leistung des Gesandten (s.a.) darin, Juden, Aus, Chazradsch und andere Stämme durch den Abschluss eines Vertrags trotz ihrer religiösen, kulturellen und wirtschaftlichen Unterschiede einer gemeinsamen Ordnung zu unterstellen. Menschen, die einander feindlich gegenüberstanden, innerhalb weniger Monate in einer völlig unbekannten und fremden Umgebung in eine politische Einheit, das heißt in Bürger eines Staates, zu verwandeln, war ein glänzendes Beispiel für seine politische Umsicht und Fähigkeit. Ein noch größeres Zeugnis seiner Geschicklichkeit war, dass die schriftliche Verfassung dieser politischen Einheit beziehungsweise dieses Staates die gesamte Befugnis zur Rechtsprechung, Gesetzgebung, Kriegsführung und Kritik ganz eindeutig dem Gesandten (s.a.) übertrug und darin der grundlegende Gedanke der Souveränität Allahs zum Ausdruck kam. Alle Teilnehmer an diesem politischen Dokument wurden verpflichtet anzuerkennen, dass alle Götzendiener und Juden, die sich gemeinsam mit den arabischen Stämmen anschlossen, Anhänger der Muslime und im Krieg deren Verbündete sein würden. Sie würden weder das Leben und den Besitz der Quraisch von Mekka schützen noch die Muslime daran hindern, die Quraisch anzugreifen. Ferner wurde festgelegt, dass Krieg und Frieden gemeinsame Angelegenheiten sein sollten. Jeder Krieg sollte ein Krieg für alle sein, und die Teilnahme an militärischen Unternehmungen sollte für alle notwendig und verpflichtend sein. Jeder Verbündete sollte jedoch die Kosten des Krieges in seinem eigenen Bereich selbst tragen. Mit den Juden wurde unmissverständlich vereinbart, dass auch sie mit denen Frieden schließen und Verträge eingehen würden, mit denen die Muslime dies taten. Sie sollten sich gleichermaßen an der Verteidigung Medinas beteiligen. Wenn jemand die Muslime angriff, sollten die Juden den Muslimen helfen. Würde umgekehrt jemand die Juden angreifen, sollten die Muslime ihnen helfen. (Ahde Nabawi mein Nizame Hukmranī: Dr. Hamidullah Siddiqi)

Aus den einschlägigen Bestimmungen der Verfassungsurkunde von Medina geht hervor, dass der Gesandte (s.a.) eine eindeutige Gefahr eines militärischen Angriffs seitens der Quraisch wahrnahm und politisch angemessene Maßnahmen zur frühzeitigen Abwehr dieser Gefahr ergriff.

Medina als Haram, das heißt als sichere Stadt oder „City of Peace“, zu erklären, war ein äußerst wichtiger Schritt. Auch dieser Beschluss wurde in jener Verfassungsurkunde festgehalten. Seine religiöse Bedeutung bestand darin, dass die gesamte Umgebung heilig war und es die unerlässliche Pflicht ihrer Bewohner war, diese Umgebung zu achten. Seine politische Bedeutung lag darin, dass der Gesandte (s.a.) den Bürgern des Staates Medina ebenso einen sicheren Wohnort gewährte, wie die Quraisch in einer sicheren Stadt geschützt waren. In dieser Hinsicht waren die Verhältnisse in Mekka und Medina also gleich. Damit wurde den Bewohnern Mekkas sinngemäß eine verborgene Herausforderung entgegengestellt: Wenn ihr die Heiligkeit Medinas verletzt und seine Bewohner übermäßig bedrängt, werdet auch ihr innerhalb des Schutzes der Sicherheit und Heiligkeit Mekkas nicht unversehrt bleiben können.

Der Sicherheitsgürtel Medinas kennzeichnete zugleich die Grenzen des Regierungssitzes beziehungsweise der Hauptstadt des islamischen Staates. Der Gesandte (s.a.) widmete der dauerhaften Festlegung dieser Grenzen besondere Aufmerksamkeit. Er befahl Hadhrat Ka’b ibn Malik, an den vier Grenzen Medinas hohe Minarette zu errichten. Diesem Befehl entsprechend errichtete er an verschiedenen Stellen symbolische Säulen: auf dem Hügel von Dhat al-Dschaisch (der sich offenbar beim zwischen Bayda gelegenen Berg Hufaira befindet; dieser liegt an der Straße zwischen Mekka und Medina), auf dem Hügel von Huschairib (der mit Dhat al-Dschaisch verbunden ist), auf dem Berg Makhiz (am Weg nach Syrien), in Hufaiya (im Dschungel nördlich von Medina), an dem Ort namens Dhu Uschair (am Rand von Hufaiya) sowie auf dem Berg Taim (östlich von Medina); ihre Überreste sind noch heute vorhanden. Dieser gekennzeichnete Gürtel war ungefähr eine Manzil lang und eine Manzil breit. (Ahde Nabawi ke Maidanha-ye Dschang – Dr. Hamidullah Siddiqi, S. 11–12)

Nachdem der Gesandte (s.a.) die innere Ordnung Medinas gefestigt hatte, wandte er sich unverzüglich den benachbarten Stämmen zu. Mehrfach reiste er in das südwestliche Gebiet Medinas und in die Regionen an der Küste des Roten Meeres. Zuerst reiste er an einen Ort namens Duwan. Dieser lag sieben Meilen von Abwa an der Straße nach Mekka entfernt. Dort schloss er ein Bündnis mit den Banu Hamza. Ebenso schloss er rasch Verträge mit den Stämmen, die in der Umgebung von Yanbu lebten. In diesem wichtigen politischen Gebiet gewann er im ersten Jahr nach der Hidschra die Unterstützung des Stammes Dschuhaina, zu Beginn des zweiten Jahres nach der Hidschra die der Banu Damra, Banu Dschur’a und Banu Rabia und gegen Ende des zweiten Jahres nach der Hidschra auch die der Banu Madladsсh. Mit einigen Stämmen wurden sogar Verträge zur gemeinsamen Verteidigung geschlossen: Wenn sie angegriffen würden, sollten die Muslime ihnen helfen, und wenn die Muslime angegriffen würden, sollten jene ihnen helfen. In manchen Verträgen wurde lediglich die Verpflichtung auferlegt, keine Freundschaft mit den Feinden des Gesandten (s.a.) zu unterhalten. In anderen wurde nur die Neutralität anerkannt: Sollte ein Feind gegen den islamischen Staat Krieg führen, würde der vertraglich gebundene Stamm neutral bleiben. Daraus wird deutlich, dass die politische Weisheit des Gesandten (s.a.) eine beträchtliche Flexibilität besaß. (Ahde Nabawi ke Maidanha-ye Dschang)

Diese Atmosphäre der Freundschaft öffnete den Weg für die Ausbreitung des Islam unter diesen Stämmen; und es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass dadurch in diesen Stämmen zahlreiche Unterstützer und Aktivisten der islamischen Bewegung heranwuchsen.

Später entwickelte sich diese politische Strategie des Gesandten (s.a.) zu einem eigenständigen Prinzip, und zu diesem Zweck reiste er in jedes Gebiet. Ob er zu einem Feldzug oder zu einer Patrouille aufbrach – wann immer er Medina verließ, gehörte die Ausweitung der freundschaftlichen Beziehungen stets zu seinen Zielen. Ich gehe hier nicht näher auf Einzelheiten ein; dazu wird später Gelegenheit sein. Kurz gesagt war der Aufbau solcher Bündnisbeziehungen ein äußerst wirkungsvolles Mittel, um den Feind zu schwächen, die islamische Bewegung voranzubringen, die eigene Verteidigungspolitik zu stärken und die Grenzen des Staates auszuweiten.

Neben all diesen Strategien hatten der Gesandte (s.a.w.s.), der Verkünder der islamischen Revolution, und seine Gefährten die Realität vollkommen erkannt: Die kleine Insel, die sie mitten in einem sturmgepeitschten Meer gefunden hatten, um dort irgendwie den Kopf über Wasser zu halten, war ständig in ihrer Existenz bedroht. Daher mussten sie entweder die Richtung des Sturms umkehren und das Meer beruhigen, oder diese Insel würde wie eine Blase für immer im Meer verschwinden. Mit außerordentlicher Geschwindigkeit verwandelten sie sich in eine militärische Macht. Sie erfassten die immer neuen Anforderungen der islamischen Bewegung unter den veränderten Umständen so präzise, dass sie sofort die nötigen Fähigkeiten entwickelten, um die nächsten Schritte zu gehen. Als in Medina zum Dschihad aufgerufen wurde, zögerten sie nicht einmal eine Sekunde, von ihrer früheren Lage in ihre neue Rolle überzugehen. Keiner von ihnen dachte jemals: Wir sind doch Daʿwa-Verkünder und Redner – was haben wir mit Krieg und Kampf zu tun? Das ist doch das Geschäft weltlicher Politiker und Eroberer von Staaten. Steht so etwas Reformern wie uns etwa an? Politik und Regierung oder gar Krieg und Kampf können doch nicht die Aufgabe von Religionsverkündern sein!

Die Aufgabe der Verkünder besteht doch darin, liegen zu bleiben, Schläge hinzunehmen und ein Höchstmaß an Geduld zu zeigen. Wenn die islamische Gemeinschaft in Medina so gedacht hätte, wäre die islamische Bewegung dort bereits beendet gewesen. Es hätte keiner äußeren Macht bedurft, um sie zu beenden.

Diese wenigen Gefährten waren sowohl in der Verkündung ihrer Religion kundig als auch die hingebungsvollsten Soldaten bei der Verteidigung des auf dieser Religion gegründeten islamischen Staates. Sie ergriffen unverzüglich Maßnahmen, um sich in gut organisierte Soldaten zu verwandeln. Medina, das eine sichere Stadt, eine Schule und ein Zentrum der Pflege islamischer Zivilisation gewesen war, wurde zugleich zu einer starken Militärbasis.

Von Allah fiel dem Gesandten (s.a.w.s.) die Verantwortung eines Befehlshabers zu. Er erfüllte diese Aufgabe so vortrefflich, dass allein über dieses Thema unzählige umfangreiche Bücher geschrieben werden könnten.

Das System der Patrouillen und ihr Zweck

Der große Staatsoberhaupt des Staates Medina begann bereits vier bis sechs Monate nach der Hidschra damit, Truppen zu Patrouillen in die umliegenden Gebiete zu entsenden. Vor der Schlacht von Badr wurden die folgenden Truppen entsandt:

1. Eine Truppe von 30 Soldaten unter dem Kommando von Hamza ibn Abd al-Muttalib wurde in Richtung eines Ortes namens Saiful Bahr entsandt. Ihr Zweck war es, die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Abu Dschahl war mit dreihundert Männern von Medina aufgebrochen. Als er jedoch die muslimischen Wachen sah, kehrte er um. (Dies war im Ramadan des 1. Jahres nach der Hidschra.)

2. Eine Truppe von 60 Mann unter dem Kommando von Abu Ubaida ibn al-Harith wurde entsandt, um die militärische Lage der Mekkaner in Erfahrung zu bringen. Zweihundert feindliche Männer wurden unter dem Kommando von Ikrima oder Abu Sufyan an einem Ort namens Thaniyyat al-Marra angetroffen. Diese Truppe kehrte nach ihrer Patrouille sicher zurück. (Dies war im Schawwal des 1. Jahres nach der Hidschra.)

3. Eine Truppe von 80 Männern unter der Führung von Saʿd ibn Abī Waqqās wurde zu einer Patrouille bis nach Dschuhfa entsandt. Sie kehrte zurück, ohne einen Angriff durchgeführt zu haben. (Dhu l-Qaʿda, 1. Jahr nach der Hidschra)

4. Der Gesandte (s.a.w.) begab sich selbst mit 70 Männern in die Gegend von Abwā. Der Handelsweg der Quraisch führte mitten durch Abwā. Der Gesandte (s.a.w.) schloss mit ʿAmr ibn Fahschi Zamrī einen Vertrag und kehrte ohne jede Auseinandersetzung zurück. (Safar, 2. Jahr nach der Hidschra)

5. Der Gesandte (s.a.w.) zog selbst mit 200 Soldaten in Richtung Buʿāth (das Gebiet des Berges Radvī nahe Yanbuʿ). Unterwegs traf er auf eine Karawane der Quraisch mit hundert Männern unter der Führung von Umayya ibn Chalaf. Es wurde jedoch keine Herausforderung ausgesprochen. (Dies war im Rabīʿ al-awwal, im 2. Jahr nach der Hidschra.)

6. Als Kirz ibn Dschābir al-Fihrī das Vieh von Medina raubte und wegtrieb, nahm der Gesandte (s.a.w.) mit 70 Soldaten die Verfolgung auf. Kirz entkam mit dem Leben. Diese Verfolgung bewies jedoch, dass Medina eine stets wachsame und jederzeit einsatzbereite Macht war. (Rabīʿ al-awwal, 2. Jahr nach der Hidschra)

7. Der Gesandte (s.a.w.) zog mit einer Truppe von 150 Männern nach Dhū al-ʿUschair (nahe Yanbuʿ, zwischen Mekka und Medina) und schloss dort Verträge mit den Banū Madlidsch und den Banū Zamra. (Dschumādā ath-thāniya, 2. Jahr nach der Hidschra.)

8. Eine Truppe von 125 Männern unter der Führung von ʿAbdullāh ibn Dschahsch wurde zu einer Patrouille in Richtung Nachla entsandt. Diese Truppe geriet mit einer Einheit der Quraisch in einen Zusammenstoß. (Radschab, 2. Jahr nach der Hidschra)

All diese Feldzüge wurden nicht zum Zweck einer Auseinandersetzung entsandt. Vielmehr missbilligte der Gesandte (s.a.w.) den Zusammenstoß in Nachla, der unter dem Einfluss der unmittelbaren Umstände entgegen der festgelegten Politik Medinas stattgefunden hatte; er ließ die Gefangenen frei und zahlte für den Getöteten Blutgeld. Diese Feldzüge hatten noch einige weit größere Ziele. Zum Beispiel:

die Bewachung der Grenzen des Staates Medina, die Überwachung der Bewegungen des Feindes und die Bekanntgabe gegenüber den Quraisch und den anderen Stämmen, dass in Medina nun ordnungsgemäß eine Regierung errichtet worden war und Medina ihre Hauptstadt bildete. Die Freiwilligen der muslimischen revolutionären Bewegung sollten mit den umliegenden Gebieten, den Ortschaften und ihren Verhältnissen sowie mit den Straßen und Wasserstellen vertraut werden. Sie sollten darin ausgebildet werden, das Kommando zu führen, während ihrer Amtszeit als Befehlshaber ihre Pflichten zu erfüllen, Verantwortlichkeiten untereinander zu verteilen, die Zeit einzuteilen, Strategien zu entwickeln und rasch Entscheidungen zu treffen. Denn ohne dies konnte kein Verteidigungssystem funktionieren. Außerdem sollte den Quraisch klargemacht werden, dass ihre Wirtschaft nun unter die Kontrolle Medinas geraten war. Die Muslime konnten nach eigenem Ermessen ihre Handelswege blockieren und die Bewegung ihrer Karawanen unterbinden. Es sei darauf hingewiesen, dass der Gesandte (s.a.w.) in seiner Kindheit nach Basra und Medina und in seiner Jugend erneut nach Syrien gereist war. In dieser Zeit hatte er die geografische und politische Bedeutung Medinas erkannt und sich mit den Handelswegen der Quraisch vertraut gemacht. Aufgrund dieser zuvor erworbenen Erfahrung hatte er keinerlei Schwierigkeiten, eine Politik der Einschüchterung und des Drucks zu entwickeln. Da der Gesandte (s.a.w.) andererseits zu den Quraisch gehörte und insbesondere Kaufmann war, kannte er ihre wichtigste Einnahmequelle. Abgesehen vom Handel mit Tāʾif, Jemen und Nadschrān erzielten die Quraisch allein aus dem Handel mit Syrien und dem Irak jährlich zweihundertfünfzigtausend Aschrafi. (Tafhīm al-Qurʾān)

Im Rahmen des Ausbildungsplans, unter dem diese Trupps entsandt wurden, bemühte man sich, die Soldaten in der Kriegsführung auszubilden, damit sie unter einem zentralen Kommando wie eine Maschine beweglich und aktiv sein konnten. Sie wurden in der Aufstellung in Reihen geschult und lernten den Gebrauch von Flaggen und militärischen Symbolen. Außerdem sollten sie befähigt werden, selbst unter schwierigen Bedingungen das Gebet, das Fasten und die übrigen Vorschriften der Scharia einzuhalten. Zugleich führte er ein umfassendes System zur Nachrichtenbeschaffung ein. Dadurch konnte er sich über die Lage in Mekka, bei den umliegenden Stämmen und in den Grenzgebieten auf dem Laufenden halten. Ebenso traf er Vorkehrungen zum Schutz und zur Bewachung der Hauptstadt sowie der zentralen Regierungsstellen.

Dies war die beiderseitige Lage, aufgrund derer die Quraisch beschlossen, den Krieg von Badr herbeizuführen.

Zwei konkrete Gründe

Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass die Lage für einen Krieg vollständig vorbereitet war. Der Raubzug von Kirz ibn Dschābir al-Fihrī war für Medina zweifellos eine Herausforderung zum Krieg. Denn kein wachsamer und lebendiger Staat kann ein derart verbrecherisches Eindringen Außenstehender in sein eigenes Hoheitsgebiet anders als durch einen Angriff auffassen. Hinzu kam der Vorfall von Nachla. Obwohl dieser Vorfall einem Grenzzwischenfall glich, wie er sich ohne die Genehmigung der Regierungen und Heerführer zwischen Soldaten zweier Länder ereignen kann, erhielten die Mekkaner dadurch eine hervorragende Gelegenheit für eine Verleumdungskampagne. Sie veranstalteten ein gewaltiges Geschrei: „Seht ihr? Die Bannerträger der neuen Religion haben sogar die Heiligkeit der verbotenen Monate mit Füßen getreten!“ Rasulullah, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ließ daraufhin die bei diesem Vorfall gefangengenommenen Gefangenen frei, zahlte das Blutgeld für den Getöteten und wies als Regierungsoberhaupt des islamischen Staates jede Verantwortung für diesen Vorfall von sich. Zugleich widerlegte der Koran die Propaganda der Mekkaner mit den Worten: Es ist zwar richtig, dass Krieg und Kampf während der verbotenen Monate nicht gut sind; doch dass ihr Menschen daran hindert, Allahs Religion anzunehmen, sie aus dem Heiligen Bezirk vertreibt und die Reformarbeit für die Menschheit behindert, ist schlimmer als Krieg und Tötung. Wenn die Muslime zu den Waffen greifen, um eure Missetaten an der Wurzel auszurotten, so ist dies eine heilsame Handlung von ihnen. Eine positive Folge des Vorfalls von Nachla war, dass die Quraisch zur Besinnung kamen. Sie begriffen, dass jene, die sie mittellos vertrieben hatten und die sie für eine leichte Beute gehalten hatten, durchaus in der Lage waren, einen Stein mit einem Gegenstein zu beantworten. Dennoch schöpften die Propagandisten von Mekka aus dem Vorfall von Nachla neuen Brennstoff, um das Feuer des Zorns zu entfachen.

Drei Erfordernisse der Quraisch

Für einen Angriff auf Medina standen die Quraisch vor drei großen Problemen: Erstens mussten sie die Unterstützung der Banū Kināna gewinnen. Zweitens mussten sie kampferprobte Krieger für den Krieg bereitstellen. Drittens mussten sie die Kriegskosten aufbringen. Wie das erste Problem gelöst wurde, habe ich bereits erwähnt. Das zweite Problem wurde dadurch gelöst, dass die Quraisch ein Abkommen mit den Ahābīsch schlossen. In unmittelbarer Nähe von Mekka gibt es einen Berg namens Hubschī. Die in der Nähe dieses Berges lebenden Stämme Banū Nadīr, Banū Mālik, Mutaiyirīn und andere schlossen untereinander ein Bündnis. Sie wurden Ahābīsch genannt. Im Vergleich zu den Bewohnern Mekkas besaßen die Ahābīsch weit größere kriegerische Fähigkeiten. Sie dienten nicht nur aufgrund des Bündnisses, sondern auch als Söldner. Wegen der überstürzten Lage war es allerdings nicht möglich, sie am Krieg von Badr teilnehmen zu lassen. Als sie das Ergebnis der Schlacht von Badr sahen, mussten die Führer der Quraisch diesen Fehler bereuen. Andererseits hatten die Quraisch bereits eine Übereinkunft mit dem jüdischen Stamm Banū al-Mustaliq (mit zwölf Zweigen) getroffen. (Rahmatul-lil-Alamin)

Das dritte Problem wurde dadurch gelöst, dass die Mekkaner die Handelskarawane der Quraisch, die zu Handelszwecken nach Syrien unterwegs war, mit einem gewaltigen Kapital ausstatteten. Selbst die Hausfrauen brachten ihren eigenen Schmuck und ihre sonstigen Ersparnisse herbei. Abū Sufyāns Zeugnis lautet, dass es in Mekka keinen einzigen Mann und keine einzige Frau gab, die sich nicht an diesem Vorhaben beteiligt hätten. (Sīrat an-Nabī, Schiblī, Bd. 1, S. 292) Das Ziel bestand darin, möglichst viel Kapital zu investieren, den höchstmöglichen Gewinn zu erzielen und mit diesen Einnahmen den Krieg zu finanzieren, um den islamischen Staat von Medina zu vernichten.

 

Die Handelskarawane war die Vorhut des Krieges

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, dass diese Strategie neben den übrigen Kriegsvorbereitungen (über die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, umgehend informiert wurde) bedeutete, dass diese Handelskarawane der Quraisch die Vorhut eines militärischen Feldzugs war. Mit anderen Worten: Diese Karawane war aufgebrochen, um goldene Schwerter zu beschaffen, mit denen der islamischen Bewegung die Kehle durchgeschnitten werden sollte. Wenn die Lage so ist, würde auch heute keine zivilisierte Regierung der Welt zulassen, dass der Gegner sich auf dem Land-, See- oder Luftweg entlang ihrer Grenze ungehindert und sicher bewegt. Flugzeuge werden abgeschossen, Schiffe festgesetzt oder durch Torpedos zerstört, Vermögenswerte beschlagnahmt, der Postverkehr behindert und Handelsgeschäfte eingestellt. Warum wird ausgerechnet vom islamischen Staat in Medina diese beispiellose Forderung erhoben, er hätte seinem Gegner freie Hand lassen müssen, ihm ein Messer in die Brust zu stoßen? Warum werden seine Maßnahmen zur Selbstverteidigung, nur weil er dies nicht zuließ, als Plünderung bezeichnet? Wenn doch allgemein bekannt ist, dass die Handelswege gerade durch jene Gebiete verliefen, die Medina unterstanden, weil keine vertragliche Allianz bestand, aus welchem Grund wäre es dann für die islamische Regierung angemessen gewesen, dem Feind die Durchquerung ihres eigenen Gebiets zu gestatten?

Für das in Medina wahrnehmbare Bestreben, diese Karawane anzugreifen, bedarf es keinerlei Rechtfertigung. Es gibt keinerlei vernünftigen Grund, dies in irgendeiner Hinsicht als politische oder defensive Sünde zu betrachten. Falls die Muslime beabsichtigten, diese Karawane anzugreifen, war dies vollkommen gerechtfertigt. Wenn Abu Sufyan eine solche Befürchtung hegte, war das völlig natürlich. In einer von solchen Befürchtungen geprägten Lage verbreitete sich aufgrund irgendeiner Maßnahme Medinas schon früh das Gerücht, es würden Vorbereitungen für einen Angriff auf die Karawane getroffen. Abu Sufyan hatte bereits auf seiner Reise nach Syrien die Lage in Medina sondiert und bewegte sich auf dem Rückweg äußerst vorsichtig. Nachdem er die Situation beobachtet hatte und spürte, dass geheimnisvolle Aktivitäten im Gange und die Gefahr unmittelbar bevorstand, schickte er einen Boten nach Mekka, um militärische Hilfe anzufordern, und änderte den Weg der Karawane. Als der Bote Mekka erreichte, schnitt er nach besonderer arabischer Sitte einem Kamel die Ohren ab, spaltete ihm die Nase, drehte den Sattel auf seinem Rücken um, zerriss sein Gewand und begann nach alter Tradition nackt zu schreien: „O ihr Bewohner von Mekka, zieht aus, um eure Karawane aus den Händen Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu retten! Zögert nicht so lange, dass die Karawane vernichtet wird, bevor ihr eintrefft.“ Dieses weithin bekannte theatralische Geschrei löste in ganz Mekka eine gewaltige Aufregung aus. Innerhalb kurzer Zeit war eine gewaltige Armee aufgestellt. Mit Ausnahme von Abu Lahab waren alle älteren Anführer persönlich in dieser Armee anwesend, und alle waren bewaffnet. Das Ziel der Befehlshaber bestand nicht nur darin, die Karawane zu retten und zurückzubringen; vielmehr schien es nach ihrem Auftreten, als wollten sie bei der ersten Gelegenheit die muslimische Macht vernichten und sich für immer von dieser Plage befreien.

Wenn die muslimische Macht in diesem Augenblick auch nur die geringste Schwäche gezeigt, untätig dagesessen und keine militärischen Aktivitäten entfaltet hätte, hätte dies nicht nur der Karawane die Möglichkeit gegeben, sicher nach Mekka gebracht zu werden; auch die Armee der Quraisch wäre in das Gebiet von Medina eingedrungen, hätte dort ihre Stärke demonstriert und wäre sicher zurückgekehrt. Das Ergebnis wäre gewesen, dass der Einfluss und das Ansehen dieses jungen islamischen Staates vollständig verschwunden wären. Der Hochmut und die Überheblichkeit der Heuchler und der jüdischen Kräfte in Medina wären noch größer geworden, in den Augen der umliegenden Stämme hätte der islamische Staat jede Bedeutung verloren, und von einer Ausweitung der Bündnisse ganz zu schweigen, wäre es schwierig geworden, selbst Leben, Besitz und Ehre seiner wenigen Bürger zu schützen. Eine Macht, die in Konflikte und Auseinandersetzungen verwickelt ist, muss zahlreiche Hürden überwinden und trotz ihrer geringen Bevölkerung und begrenzten Ressourcen sowie schwerer Probleme die Herausforderung der Lage äußerst mutig annehmen. Eine solche Gelegenheit bietet sich nur sehr selten. Wenn sie sich bietet und man sie nicht angemessen nutzt und die damalige Pflicht nicht mutig erfüllt, ist man gezwungen, sich so schmachvoll zurückzuziehen, dass selbst nach vielen Jahren keine Abhilfe mehr möglich ist. Ja, manchmal geschieht es sogar, dass die gesamte Sache für immer zunichtegemacht wird, wenn man hinter die Zeit zurückfällt. Wenn ein solcher historischer Konflikt eintritt, werden Maßnahmen und Feldzüge nicht allein nach der Zahl der Soldaten sowie nach der Menge an Waffen, Munition und Versorgungsgütern geplant. Vielmehr wird bedacht, dass der Strom der Geschichte nicht über den eigenen Kopf hinwegrollt, wenn man zeitlich zurückfällt. Gerade in solchen Situationen werden die Qualität der Führung und die Befähigung der Anhänger geprüft. In Medina war ein solcher historischer Augenblick gekommen. Wäre der kleine islamische Staat ausreichend stark gewesen, hätte er weder die Karawane sicher weiterziehen lassen noch darauf verzichten dürfen, der Armee der Quraisch eine angemessene Lektion zu erteilen. Doch beide Aufgaben zugleich zu erfüllen, überstieg seine Möglichkeiten. Daher war Allahs Entscheidung, dass eine von beiden Mächten überwältigt werden musste. Allah wollte, dass der Krieg, falls er stattfände, auf eine Weise geführt würde, die die Wahrheit als Wahrheit und das Falsche als falsch erweisen und die Wurzeln des Unglaubens ausrotten konnte.

Der Gesandte (s.a.w.) wurde durch seinen eigenen Nachrichtendienst über die Bewegungen sowohl der Karawane als auch des Heeres informiert. Schließlich berief er in Wādī Dhafrān eine Beratung ein. Er legte der Versammlung ein vollständiges Bild der Lage dar und fragte, ob das muslimische Heer die Kraft und den Mut besitze, ein beträchtliches Risiko einzugehen. [Unter den Sīra-Autoren unserer Zeit ist in dieser Frage ein heftiger Streit entstanden: War der Gesandte (s.a.w.) bereits in Medina zu einer besonderen Versammlung der Muhādschirūn und Ansār zusammengekommen und von dort ausgezogen, um unter Auslassung der Karawane gegen das Quraisch-Heer zu kämpfen, oder war er beim Aufbruch aus Medina zunächst mit der Absicht ausgezogen, die Karawane anzugreifen, und fasste erst in Wādī Dhafrān, nachdem er erfahren hatte, dass die Karawane einen anderen Weg eingeschlagen hatte, in einer dort einberufenen Dringlichkeitssitzung den Entschluss, gegen das Quraisch-Heer zu kämpfen? Der Anlass für diese Auseinandersetzung war der niederträchtige Vorwurf der Orientalisten, die Regierung von Medina – Gott bewahre – habe durch Plünderungen versucht, die wirtschaftliche Krise zu beheben. Deshalb wurde entgegen sämtlichen Werken der Koranexegese, der Hadithwissenschaft und der Geschichtsschreibung versucht zu beweisen, dass der Gesandte (s.a.w.) nicht mit einem Heer ausgezogen sei, um die Karawane anzugreifen, sondern in Medina beraten und dort den Entschluss gefasst habe, gegen das Quraisch-Heer zu kämpfen. Der wichtigste Vertreter dieser Auffassung war Maulana Schiblī Nuʿmānī. Er war der Ansicht, auch der Koran unterstütze seine Auffassung. Doch weder der Koran noch die zuverlässigen Überlieferungen noch der Ablauf der Ereignisse stützen seine Ansicht, und auch der Vorwurf, aus dem diese Debatte hervorgegangen ist, ist nicht zutreffend. An der passenden Stelle werden wir diese Frage, so Gott will, ausführlich behandeln. Tatsächlich ist die zweite Auffassung richtig.] Er selbst besaß den Mut und die Entschlossenheit, alle verfügbaren Kräfte in einen Kampf auf Leben und Tod einzusetzen. Vor der Beratung stellte er beide Möglichkeiten dar: Auf der einen Seite stand das Quraisch-Heer, auf der anderen die Handelskarawane. Gegen eine der beiden sollte ein Angriff geführt werden. Eine große Zahl der Gefährten unterstützte den Vorschlag, die Karawane anzugreifen. Dem Hinweis des Korans zufolge gehörten zu dieser Gruppe einige, die den leichteren Weg bevorzugten und deren finanzielle Interessen für sie von erheblicher Bedeutung waren. Der Gesandte (s.a.w.) stellte seine Frage erneut. Damit deutete er an, dass er einen Angriff auf die Karawane nicht befürwortete. Als die Muhādschirūn dies verstanden, versicherten Hadhrat Abū Bakr, Hadhrat ʿUmar und Miqdād ibn ʿAmr ihm ihre bedingungslose Unterstützung und sagten: „Wohin auch immer du gemäß Allahs Anweisung voranschreitest, wir werden bei dir sein. Wir werden nicht wie die Kinder Israels sagen: ‚Geh du und dein Gott und kämpft, wir bleiben hier sitzen.‘“ Der Gesandte (s.a.w.) wiederholte seine Frage. Damit wollte er die Auffassung der Ansār erfahren. Im Vertrag von ʿAqaba war ihnen lediglich das Versprechen abgenommen worden, Medina im Falle eines Angriffs zu verteidigen. Sie waren nur ausgezogen, um den Gesandten (s.a.w.) beim Angriff auf die Karawane zu begleiten. Doch die späteren Umstände machten einen umfassenden Krieg unausweichlich. Daher musste er ihre Haltung kennen. Als Saʿd ibn Muʿādh von den Ansār seinen Zweck verstand, sagte er mit voller Glaubensbegeisterung: „Handle nach deinem eigenen Willen. Wir sind bereit, mit dir sogar ins Meer zu springen.“

Schließlich verließ am 12. Ramadan des zweiten Jahres nach der Hidschra der Herrscher des Staates Medina, der Gesandte (s.a.w.), persönlich mit mehr als dreihundert kampfbereiten Soldaten die Stadt (86 Muhādschirūn, 170 Chazradschī und 61 Ausī – insgesamt 317, obwohl gewöhnlich die Zahl 313 genannt wird). Der Gesandte (s.a.w.) brach mit solcher Umsicht auf, dass die Absicht eines Angriffs in beide Richtungen erkennbar war. Einer seiner Blicke galt der Karawane, damit Abū Sufyān erkennen konnte, dass der Weg gefährlich war. Der andere galt dem Quraisch-Heer. Doch man musste wissen, in welcher Richtung sich die Karawane und in welcher Richtung sich das Heer bewegte und wie groß der Abstand zwischen beiden war. Es war auch unbekannt, ob die Möglichkeit bestand, dass beide sich vereinigten, und ob die Karawane zurückgeblieben oder in Richtung der Meeresküste weitergezogen war. Schließlich schickte er, als er einen Ort namens Safrāʾ erreichte, Bischbisch ibn ʿAmr al-Dschuhanī und ʿAdī ibn ar-Raghbā nach Badr, um nach der Karawane zu suchen. Er selbst gelangte nach Wādī Dhafrān. Es wurde bekannt, dass die Karawane den Weg nach Badr verlassen hatte, die lange Küstenroute eingeschlagen hatte und bereits weit entfernt war. Daraufhin machte sich der Gesandte (s.a.w.) auf den Weg nach Badr.

Nachdem Abū Sufyān inzwischen das Küstengebiet erreicht und sich in Sicherheit wusste, sandte er dem Quraisch-Heer die Nachricht: „Ich und meine Karawane sind nun außer Gefahr. Kehrt deshalb um.“ Abū Dschahl aber war damals von ganz anderen Vorstellungen erfüllt. Er war entschlossen, nach Badr zu ziehen und die Muslime anzugreifen. Die Stammesführer von Mahra und ʿAdī waren mitgebracht worden, um die Karawane vor einem möglichen Angriff der Muslime zu schützen. Deshalb drängten sie auf die Rückkehr. Als man auf sie nicht hörte, kehrten sie mit ihren Leuten um. Hakīm ibn Hizām und ʿUtba versuchten, Abū Dschahl vom Krieg abzubringen. Doch Abū Dschahl geriet über ihre Bitte in heftige Wut. Er beschimpfte diejenigen, die für den Frieden eintraten, aufs Heftigste und stachelte zugleich die Gefühle ʿĀmirs an, des Bruders von Hadsramī, der beim Vorfall von Nachla getötet worden war. ʿĀmir veranstaltete einen großen Aufruhr und brachte damit ein gewaltiges Durcheinander hervor. Schließlich traf das Quraisch-Heer in gewaltiger Kriegsausrüstung auf dem Feld von Badr ein.

Auf den Rat der Gefährten hin nahm der Gesandte (s.a.w.) eine vergleichsweise günstige Stellung ein. Er entwarf einen angemessenen Schlachtplan und legte fest, wie das Heer aufgestellt werden sollte. Er beschaffte geheime Informationen über die Stärke des feindlichen Heeres und seine wichtigen Persönlichkeiten. Als er die Namen und die Identität jedes einzelnen Kämpfers des Quraisch-Heeres erfahren hatte, sagte er zu seinen Gefährten: „Mekka hat euch seine eigenen Herzen und Nieren vorgeführt.“ Das feindliche Heer zählte eintausend Kämpfer. Sechshundert von ihnen trugen Rüstungen, und einhundert waren Reiter. Sie verfügten über unzählige Kamele, große Mengen an Waffen und umfangreiche Vorräte. Zur Unterhaltung der Kämpfer gab es zahlreiche Weinkrüge und eine Gruppe von Sängerinnen. Etwas mehr als dreihundert mittellose und unzureichend ausgerüstete Menschen gegen diese Streitmacht ins Feld zu führen, war ein unvorstellbar waghalsiges Unternehmen. Ein Heer besteht neben Soldaten und Waffen noch aus zahlreichen weiteren Faktoren. Der Gesandte (s.a.w.) wusste sehr wohl, dass unter den Soldaten, die er im Verhältnis „einer gegen drei“ ins Feld führte, der heldenhafte Eifer der Unterdrückten wirksam war, dass sie unerschütterlich von der Wahrheit und Lauterkeit ihrer jeweiligen Ideologie überzeugt waren und ihnen an organisatorischer und charakterlicher Standhaftigkeit überlegen waren. Unter ihnen war das Bewusstsein lebendig, dass es nicht nur um Sieg oder Niederlage in einer Schlacht ging, sondern darum, ob die gesamte Bewegung fortbestehen oder untergehen würde. Ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren auf dem Feld von Badr zusammengeballt. Vor allem besaßen sie unerschütterliches Vertrauen auf Allahs Hilfe. Diese Hilfe Allahs war in ihren Augen die eigentlich entscheidende Kraft. Dann schien Allahs Hilfe ganz unmittelbar bevorzustehen, als der Gesandte (s.a.w.) mit tränengefüllten Augen, flehender Stimme und schmerzerfüllten Worten betete:

„O Allah, dies sind die Quraisch, die in ihrem Hochmut über ihre Vornehmheit herbeieilen, nur mit dem Ziel, Deine Diener von Deinem Gehorsam abzuhalten und Deinen Gesandten als Lügner hinzustellen. O Allah, sende nun die Hilfe, die Du mir versprochen hast. O Allah, vernichte sie schon morgen.“ Dann sagte er auch: „O Allah, wenn heute diese wenigen Menschenleben ausgelöscht werden, wird bis zum Tag der Auferstehung niemand mehr Dich anbeten.“ Wenn eine Persönlichkeit wie der Gesandte Allahs ihr gesamtes Vermögen für ihre Bewegung auf dem Schlachtfeld einsetzt und mit einem so ergreifenden Bittgebet an Allahs Thron anklopft, wie könnten da die Heerscharen der Engel nicht herabsteigen? So kam in diesem Augenblick tatsächlich die frohe Botschaft des Sieges.

Die Folgen der Schlacht von Badr

Die gesamte Geschichte der Zeitalter hatte sich offenbar auf dem kleinen Schlachtfeld von Badr verdichtet. Zwei Kräfte, die diese Geschichte vorantrieben, standen, von ihrem jeweiligen Bewusstsein und ihrer jeweiligen Motivation vollständig erfüllt, einander gegenüber. Die eine Seite war zur Raserei bereit, um die ererbte Religion, die alten Bräuche und Sitten, die Führung und die wirtschaftlichen Interessen zu verteidigen. Auf der anderen Seite stand eine sich bis zum Horizont erstreckende Flut des Lichts, die den von den Himmeln Medinas ausstrahlenden neuen Morgen über alle Lebensbereiche der Menschheit verbreiten wollte und in deren Augen es eine heilige Pflicht war, die Brust der Finsternis der Dschahiliyya zu durchbohren. In diesem Krieg standen Väter und Söhne, Onkel und Neffen, Brüder, Schwiegerväter und Schwiegersöhne einander gegenüber; alle hatten ihre Blutsverwandtschaft vergessen, um ihre jeweilige Lebensordnung zu verteidigen. Die Ansar unterstützten den Gesandten Allahs dabei mit ganzer Hingabe, obwohl sie wussten, dass sie den Pfeilen und Schwertern ganz Arabiens zum Opfer fallen könnten. Es war eine äußerst schwere Prüfung. Die geliebten Gefährten des Gesandten bestanden diese Prüfung und bewiesen damit, dass sie die aufrichtigen und selbstlosen Bannerträger der islamischen Bewegung waren. Was ihre unglaublichen Folgen betrifft, hat dieser Krieg in der Menschheitsgeschichte seinesgleichen nicht. Man kann sagen, dass er in der Geschichte ein weiteres Beispiel für die Vernichtung eines Elefantenheeres durch einen Schwarm Ababil-Vögel war. Am 17. Ramadan fand die Schlacht statt. Zweiundzwanzig tapfere Kämpfer der islamischen Armee gaben ihr Leben für ihr Ideal hin und zeigten damit, dass sie die treuen Zeugen der höchsten Wahrheit waren. Andererseits töteten sie siebzig Kämpfer des Feindes und machten weitere siebzig zu Kriegsgefangenen, ohne einen der Ihren in dessen Hände fallen zu lassen. Außerdem gelangten große Mengen an Kriegsbeute in ihre Hände. Utba, Schaiba, Abu Dschahl, Abul-Buchtari, Zamʿa ibn al-Aswad, As ibn Hischam, Umaiya ibn Chalaf, Munabbih ibn al-Haddschadsch und zahlreiche weitere angesehene Anführer der Quraisch fielen den Schwertern der muslimischen Glaubenskämpfer zum Opfer. Die Reihen der unter ihrer Führung kämpfenden feindlichen Soldaten wurden eine nach der anderen zerschlagen. Tatsächlich wurde den Quraisch bereits in diesem ersten Krieg das Rückgrat gebrochen und ihr Stolz auf ihre Macht zerschmettert. Durch diesen Krieg gewann die islamische Bewegung plötzlich die Fähigkeit, erhobenen Hauptes in die Zukunft und auf eine neue Welt zu blicken. Deshalb bezeichnete der Koran den Tag der Schlacht von Badr als „Yawm al-Furqan“, als den Prüfstein für die Scheidung und Auslese zwischen Wahrheit und Falschheit. In Wahrheit entschied dieser Krieg, ob das von den Quraisch geliebte dschahilische System Bestand haben und des Fortbestands würdig sein würde oder ob der von Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verkündete Islam das Recht auf Fortbestand besaß. Daher erklärte der Koran in seiner Darlegung, dass von den beiden Idealen nun jenes das Recht auf Fortbestand habe, das einen unwiderlegbaren Beweis für die Berechtigung seiner eigenen Existenz besitze. Auch das Volk wird, wenn es eines dieser beiden Ideale annehmen will, es auf der Grundlage von Beweisen annehmen. Danach wird es, wenn es will, in den tiefen Abgrund des Verderbens gestürzt, und wenn es will, zu den erhabenen Höhen des Islam emporgehoben.

Die Gefangenen wurden gegen ein Lösegeld von jeweils viertausend Dirham freigelassen. (Von einigen Anführern wurde ein noch höheres Lösegeld verlangt.)

So mussten die Quraisch eine Geldstrafe von mehr als zweihundertfünfzigtausend Dirham zahlen. Dieser wirtschaftliche Schlag schwächte ihre Macht noch weiter. Politisch zeigte sich die Wirkung dieses unerwarteten Ergebnisses der Schlacht von Badr – unerwartet aus Sicht der Quraisch – darin, dass Bedeutung und Ansehen der islamischen Bewegung und des islamischen Staates von Medina in den Augen der arabischen Stämme erheblich zunahmen. Diese Macht wurde würdig, als Mittelpunkt künftiger Hoffnung und Zuversicht betrachtet zu werden. (Einer Überlieferung zufolge) schlossen sich einige jüdische Stämme Medinas erst nach der Schlacht von Badr dem Verfassungsvertrag von Medina an, nicht vorher. Eine große Zahl der Einwohner Medinas nahm nach dieser Schlacht den Islam an. Erst nach der Schlacht von Badr wurde der Islam im eigentlichen Sinne zu einem allgemein anerkannten und vom Volk geliebten islamischen Staat. Allah, der Erhabene, sagt: „Und gedenkt der Zeit, als ihr wenige an Zahl wart. Man hielt euch auf der Erde für schwach, und ihr wart in Sorge, dass die Menschen euch auslöschen könnten. Dann gab Allah euch eine Zuflucht, stärkte euch durch Seine Hilfe und versorgte euch mit guten Dingen, auf dass ihr dankbar sein möget.“ (Sure al-Anfal 26)

Dieser Vers macht tatsächlich die beiden Hauptphasen der islamischen Bewegung aller Zeiten deutlich. Die eine ist die Phase zahlenmäßiger Minderheit, der Schwäche und der Angst. Die andere ist die Phase der Stärke, der Macht, des Sieges, des Erfolgs und des wirtschaftlichen Wohlstands. So wie die erste Phase im Islam natürlich und unvermeidlich ist, so sind es auch die zweite Phase und ihr Eintreten. Das ist die logische Folge eines solchen Anfangs. Doch eine Vorstellung vom Islam, die den Einzelnen und das Volk dauerhaft in der erstgenannten Lage belässt, sie damit zufrieden und satt macht und keinen Weg eröffnet, in eine strahlende Zukunft voranzuschreiten, ist nicht der Islam, den der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, gelehrt hat. Eine solche Vorstellung entsteht vielmehr durch Abweichung von ihm und seine Entstellung.

An dieser Stelle wurden die Ungläubigen mit einer Ermahnung herausgefordert: „Wenn ihr nach einem klaren Urteil verlangt habt, so ist dieses Urteil nun zu euch gekommen. Kehrt jetzt um; das ist besser für euch. Wenn ihr aber zu dieser Torheit zurückkehrt, werde auch Ich euch erneut eine angemessene Lektion erteilen …“ (Sure al-Anfal 19). Danach wurde das muslimische Volk angesprochen: Seht, es kommt überhaupt nicht infrage, den Feinden den Gürtel zu lockern. Vielmehr dürft ihr nicht nachlassen, bis ihr die Hände derjenigen gelähmt und handlungsunfähig gemacht habt, die den Krieg gegen euch begonnen haben: „Kämpft gegen sie weiter, bis keine Verführung, kein Unheil und keine Anarchie mehr bestehen und alle allein Allah gehorsam sind.“ (Al-Anfal 39) Das heißt: Die Aufgabe, die Religion zu verwirklichen, kann nicht vollendet werden, solange das Feuer des Krieges, das die Quraisch entzündet haben, nicht vollständig gelöscht ist.

Der Unterschied zwischen zwei Kräften

Der Grund, weshalb Allah den Feldzug von Badr als „Yaum al-Furqan“, also als den „Tag der Unterscheidung und Scheidung zwischen Wahrheit und Falschheit“, bezeichnet, weshalb gesagt wurde: „Hier ist nun die Entscheidung gekommen“, und weshalb in der Sure Al-i-Imran gesagt wird, dass im Aufeinandertreffen der beiden Heere eine Lehre für euch liegt und dass darin eine Lehre für die Menschen mit Einsicht liegt, besteht in Wahrheit darin, dass durch den Zusammenprall dieser beiden Heere ein gewaltiger ideologischer und moralischer Unterschied deutlich geworden ist. Das eine Heer zog, nachdem es weltliche Interessen und Ziele sowie Stammes- und Sippenunterschiede vergessen hatte, einzig um des rechten Wohls der Menschheit willen auf Allahs Weg in einen Kampf auf Leben und Tod, während das andere Heer unter dem Einfluss des Strebens nach eigener Führung, Herrschaft, stammeseigener Vornehmheit, politischer Interessen und blinder Leidenschaft voranschritt. Das erste Heer zog demütig vor Allah, in Gebet, Verbeugung und Niederwerfung versunken, und mit dem Ziel, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, auf das Schlachtfeld. Das eine Heer kam voran, während es gewaltige Festmahle, Trinkgelage, Musikveranstaltungen und die Tänze von Tänzerinnen und dergleichen genoss. Das andere Heer hingegen betrat das Schlachtfeld trotz seiner geringen Zahl und des Mangels an Waffen und Ausrüstung in einem hinsichtlich Glauben, Einigkeit, Disziplin und Charakter weit gefestigteren und stärkeren Zustand. Das eine Heer war zahlenmäßig groß und hinsichtlich seiner Ausrüstung stark, doch in moralischer Hinsicht äußerst schwach und untüchtig. Daraufhin fällte Allah zwischen beiden ein so klares Urteil über Sieg und Niederlage, dass selbst Blinde erkennen konnten, welche Seite die Auslöschung verdient hatte und welche Seite es verdiente, prächtig aufzublühen und fortzubestehen. Betrachtet man einige Ereignisse, wird dieser Unterschied noch deutlicher.

Zu dieser Zeit kamen zwei junge muslimische Männer namens Abu Hudhaifa ibn al-Yaman und Abu Hiyal von Mekka nach Medina. Unterwegs hielten die Ungläubigen sie auf und sagten: „Wir werden euch nicht erlauben, zu Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu gehen und ihm zu helfen.“ Sie wurden freigelassen, nachdem sie versprochen hatten, nicht am Krieg teilzunehmen. Als sie zum Gesandten Allahs kamen, berichteten sie ihm den gesamten Vorfall. Wegen ihrer geringen Zahl war die Lage der Muslime damals so kritisch, dass selbst die Hilfe einer Ameise als wertvoll erachtet worden wäre. Dennoch entschied der Gesandte Allahs: „Ihr müsst das Versprechen, das ihr gegeben habt, unbedingt einhalten. Allah, der Erhabene, wird uns selbst helfen.“ Wie viele solch ruhmreiche Beispiele findet man wohl in der Geschichte?

Der Gesandte Allahs hob für die im Kampf von Badr getöteten Führer der Quraisch eine Grube aus und bestattete sie darin. Er ließ nicht zu, dass irgendeine Leiche entwürdigt wurde.

Was die Beute, also die im Krieg erlangten Güter, betrifft, so bestand die übliche Sitte darin, dass jeder behielt, was in seine Hände fiel. Aufgrund dieser Sitte kam es, sobald Anzeichen des Sieges sichtbar wurden, zu Zügellosigkeit, Plünderungen und Handgreiflichkeiten. Doch der Koran erließ für die Beutegüter eine neue Regelung. Ihr wesentlicher Inhalt war, dass sämtliche Beutegüter Allah und Seinem Gesandten gehören. Daher obliegt es dem islamischen Staat, diese Güter zu verteilen. Nach dieser neuen Regelung wurde die gesamte Beute vor dem Heerführer aufgeschichtet. Ein Fünftel davon wurde anschließend für die gemeinschaftlichen Bedürfnisse des islamischen Staates zurückbehalten, der Rest unter den Soldaten verteilt.

Im Zeitalter der Unwissenheit waren Kriegsgefangene der Gnade der siegreichen Partei ausgeliefert. Gewöhnlich wurden sie unterdrückt, misshandelt und zu Sklaven und Sklavinnen gemacht. Selbst im heutigen zivilisierten Zeitalter werden Kriegsgefangene bestialisch behandelt. Doch der Gesandte Allahs verlieh den Kriegsgefangenen eine neue Würde. Er ordnete an, sie bequem unterzubringen. Einige Gefährten aßen, um diesen Befehl zu befolgen, selbst Datteln und gaben den Gefangenen reichlich hochwertige Speisen. Abu Umair, ein Bruder von Musʿab ibn Umair und Kriegsgefangener von Badr, berichtete, dass die Ansarī, bei dem er untergebracht war, selbst Datteln aßen und ihm gute Speisen gaben. Diese Behandlung beschämte ihn sehr. Gefangenen, die zu wenig Kleidung hatten, wurde Kleidung gegeben. Da Hadrat Abbas von eher großer Statur war, passte ihm kein Hemd. Deshalb schickte der Heuchlerführer Abdullah ibn Ubayy ihm sein eigenes Hemd. Als Gegenleistung für diese Wohltat gab der Gesandte Allahs Abdullah sein eigenes Hemd für dessen Leichentuch. Unter den Gefangenen befand sich auch Suhail ibn Amr. Er hielt leidenschaftliche Reden gegen den Gesandten Allahs. Hadrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, schlug vor, diesem Mann die Vorderzähne auszuschlagen, damit er künftig nicht mehr mit solcher Kraft Reden halten könne. Jeder andere hätte gegenüber einem hilflosen Gefangenen, der sich in seiner Gewalt befand, wohl nicht gezögert, ihn so schlecht wie möglich zu behandeln. Doch der Gesandte Allahs sagte: „Wenn ich irgendeinen Teil des Körpers eines Menschen verstümmle, wird Allah, obwohl ich ein Prophet bin, den entsprechenden Teil meines Körpers verstümmeln und mich dadurch bestrafen.“

Die siegreiche Partei wird gewöhnlich von Hochmut erfüllt und äußerst unanständig und unhöflich. Doch beim Gesandten Allahs und seinen Gefährten findet sich keinerlei Spur eines solchen beschämenden Verhaltens. Als der Gesandte Allahs sogar die Nachricht vom Tod Abu Dschahls erhielt und dessen Kopf vor ihn gebracht wurde, pries er Allah.

Auch als die siegreiche Streitmacht in Richtung Medina marschierte, wurden weder Musik noch Gesang veranstaltet, noch wurde nach ihrer Ankunft in Medina ein Freudenfest gefeiert. Vielmehr waren die Herzen aller von Dankbarkeit erfüllt. Alle brachten ihre Dankbarkeit aus dem Bewusstsein heraus zum Ausdruck, dass dieser Sieg eine Gabe Allahs war.

Damit die muslimischen Soldaten sich nicht dem Rausch der Macht hingaben, sondern sich bemühten, ihre geistigen und moralischen Schwächen zu überwinden, lenkte ihr Heerführer, der Gesandte Allahs, anhand der Koranverse ihre Aufmerksamkeit darauf. Durch eine kritische Betrachtung ihrer militärischen Aktivitäten wies er auf die unerwünschten Seiten hin. Auf diese Weise wurde in ihnen der Antrieb zu noch konstruktiverer und reformorientierter Arbeit geschaffen.

Obwohl es hier nicht möglich ist, alle militärischen Unternehmungen ausführlich zu behandeln, habe ich dem ersten Krieg etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet. Der Zweck besteht darin, dass der Leser dadurch jene Perspektive gewinnt, ohne die die späteren Kriege nicht verstanden werden können. (Quellen: Tafhim al-Qur’an – Sayyid Abul Ala Maududi, Einleitung und Anmerkungen zur Sure al-Anfal; Sīrat an-Nabī von Shibli Nu’mani; Asahhus-Siyar; Maidan-e-Jang in der Epoche des Propheten; Hadith-e-Difa.)

Nach der Schlacht von Badr

Obwohl eine kleine Streitmacht des islamischen Staates unter der Führung des Gesandten (s.a.w.) die Quraisch in der Schlacht von Badr besiegt und ihnen eine angemessene Lektion erteilt hatte, wurde zugleich ein fortlaufender Prozess künftiger Konflikte und Auseinandersetzungen unvermeidlich. Nachdem das Schwert von Mekka einmal aus der Scheide gezogen worden war, blieb nun nur noch ein einziger Weg zur Herstellung des Friedens: Dieses Schwert musste in Stücke zerschlagen und auch die Hand, die es erhoben hatte, gelähmt werden. Ein verwundeter Feind ist wie eine Schlange, der man den Schwanz abgeschnitten hat – voller Rachedurst. Obwohl sonnenklar geworden war, dass die Führung der Quraisch durch den Verlust stets tatkräftiger, kluger und besonnener Anführer bald nahezu führungslos dastehen würde, dass ihre wirtschaftliche Zukunft bedroht war und ihr über lange Zeit erworbener Einfluss und ihr Ansehen erstmals zu schwinden begonnen hatten, ist es doch ein selbstverständliches Grundprinzip der Geschichte, dass jeder, der religiöse, politische oder wirtschaftliche Macht und Vorherrschaft besitzt, bis zum letzten Augenblick mit all seinen Kräften um deren Erhalt kämpft. Besonders jene Personen oder Klassen, die sich über Generationen hinweg die Vorherrschaft über die Gesellschaft angeeignet haben, wollen, solange noch Leben in ihrem Körper ist, keiner Kraft die Möglichkeit geben, sich in der Gesellschaft zu etablieren, deren Wachstum und Entwicklung das Ende ihrer Führung unausweichlich machen würde. Um fortzubestehen, kämpfen sie bis zum letzten Augenblick ihres Lebens mit aller Kraft. Daher verstand der Gesandte (s.a.w.) sehr wohl, welche große Verantwortung der Sieg von Badr für die Verteidigung des islamischen Staates mit sich gebracht hatte. Er wusste, dass die Quraisch versuchen würden, ihre militärische Fahne aufrechtzuerhalten, indem sie ihren gesamten religiösen und politischen Einfluss, ihre alten Bündnisse und ihre gesamte wirtschaftliche Macht einsetzten. Die Fahne, unter der sie erstmals aus Mekka hinausgezogen waren, konnte er nicht geschändet zurücklassen und dann in Mekka ruhig sitzen bleiben. Unter diesen Umständen war der Verkünder konstruktiver und reformerischer Arbeit sowie der Träger der Fahne von Wahrheit und Gerechtigkeit gezwungen, neben seiner aufbauenden Tätigkeit seine kleine Gemeinschaft jederzeit wachsam und für immer neue Kriege bereit zu halten. Deshalb musste der Gesandte (s.a.w.) nach der Schlacht von Badr fortwährend militärische Unternehmungen durchführen. Nur sieben Tage nach seiner Rückkehr von Badr musste der Gesandte (s.a.w.) zu einem Feldzug an einen Ort namens Qarqarat al-Kudr aufbrechen. Denn von dort war die Nachricht eingetroffen, dass einige Angehörige der beiden Stämme Banū Sulaim und Banū Ghatafān Truppen für einen Angriff versammelten. Doch der Gegner stellte sich ihnen nicht entgegen. Nachdem er drei Tage lang belagert hatte, kehrte er zurück. Später kam erneut die Nachricht, dass diese Leute sich versammelten. Um sie zu unterwerfen, zog Ghalib ibn Abdullah mit einer militärischen Abteilung gegen sie. Es kam zu einigen kleineren Zusammenstößen, und die Unruhestifter flohen. Während der Gesandte (s.a.w.) anlässlich der Schlacht von Badr außerhalb Medinas weilte, brachen die Banū Qainuqāʿ ihren Vertrag und verursachten gewaltige Unruhen. Ein so großes Ereignis konnte jedoch nicht einfach ignoriert werden. Es zu übergehen hätte bedeutet, Medina künftig der Vernichtung auszusetzen. Deshalb führte der Gesandte (s.a.w.) im Schawwal des zweiten Hidschra-Jahres mit militärischer Gewalt eine Art Polizeieinsatz gegen sie durch und ließ auf ihren eigenen Wunsch ein Schiedsverfahren durchführen. Gemäß diesem Schiedsspruch wurde diese Gruppe aus Medina ausgewiesen.

Zwei Monate nach der Schlacht von Badr, im Monat Dhul-Hiddscha, kam Abu Sufyan mit zweihundert Männern in die Gegend von Medina. Heimlich wollte er sich mit Sallam ibn Mishkam treffen und einen Krieg anzetteln. Als er jedoch keine Möglichkeit zum Erfolg sah, zerstörte er an einem Ort namens Arīḍ etwas Bewuchs, tötete einen Ansar und floh. Der Gesandte (s.a.w.) nahm seine Verfolgung bis Qarqarat al-Kudr auf. Doch die Plünderer konnten entkommen. Auf der Flucht ließen sie einige Säcke mit Sattu zurück, um ihre Last zu erleichtern, und diese fielen der muslimischen Armee in die Hände. Deshalb wurde dieser Feldzug als „Ghazwat as-Sawīq“ bekannt. Die restlichen Tage des Dhul-Hiddscha vergingen in Medina. Doch im Muharram des dritten Hidschra-Jahres wurde bekannt, dass sich die Banū Thaʿlaba und die Banū Muhārib für einen Angriff versammelten. Am Ende des Monats zog der Gesandte (s.a.w.) nach Nadschd und blieb fast den gesamten Monat Safar in dieser Gegend. Die Feinde traten nicht zum Kampf an, und sie kehrten ohne jegliche Auseinandersetzung zurück. Der Zweck dieses langen Aufenthalts bestand darin, die Bündnisbeziehungen in dieser Gegend auszubauen, damit die Quraisch dort keinen Handelsweg nutzen konnten. Dieser Feldzug wird auch „Ghazwat Dhū ʿAmr“ und „Ghazwat Anmār“ genannt.

Im Monat Rabīʿ ath-Thānī zeichnete sich die Gefahr eines Angriffs seitens der Quraisch ab. Daher setzte der Gesandte (s.a.w.) in Medina Ibn Umm Maktūm (r.a.) als seinen Stellvertreter ein, rückte zur Abwehr eines möglichen Angriffs bis Buhrān vor und errichtete dort bis zum Monat Dschumādā al-Ulā ein Militärlager zum Schutz der Grenze. Auch von dort kehrte er ohne Kampf zurück. Im dritten Hidschra-Jahr brach erneut eine Handelskarawane der Quraisch auf. Auf ihrem möglichen Weg wurden vorsorgliche militärische Maßnahmen ergriffen. Zaid ibn Hāritha traf im Monat Dschumādā ath-Thāniya mit hundert Soldaten am Ort des Geschehens ein. Der Karawanenführer Qurat ibn Haiyān wurde festgenommen und schloss sich der muslimischen Gruppe an. Silber im Wert von einhunderttausend Dirham wurde der Karawane abgenommen.

So entwickelte sich die Lage allmählich auf die Schlacht von Uhud zu.

Die zweitgrößte Schlacht: Uhud

Wann immer in der Menschheitsgeschichte zwei positive und negative ideologische Kräfte miteinander in Konflikt geraten, von denen die eine die Menschheit auf den Weg des Wohlergehens und des Fortschritts führen und die andere die von den Vorfahren befolgte Ordnung bewahren will, ist bei einem solchen Konflikt auf beiden Seiten ein gewaltiger Enthusiasmus und Eifer zu beobachten. Auch im Konflikt zwischen Islam und Dschāhilīya, der in der Schlacht von Uhud ausgetragen wurde, zeigte sich ein solcher Enthusiasmus. Von den unersetzlichen Verlusten, die die Quraisch in der Schlacht von Badr erlitten hatten, war ihr wirtschaftlicher Schaden besonders schwerwiegend. Allein für die Freilassung der Gefangenen mussten sie mehr als zweihundertfünfzigtausend Dirham zahlen. Außerdem waren die Kosten gestiegen, weil die Karawanen einen längeren Weg nehmen mussten, und die Gewinne waren geringer als zuvor. Darüber hinaus blieb der Handel für die Zukunft dauerhaft bedroht. Die Muslime hatten der Handelskarawane der Quraisch Silber im Wert von einhunderttausend Dirham abgenommen. Der gesamte internationale Handel und Warentransport zwischen Indien und Europa verlief über die Wege durch Jemen und Mekka und damit über die Handelswege der Quraisch von Mekka. Die Quraisch von Mekka erhoben durch ihre vertraglich geregelte Schutzpraxis eine Geleitschutzabgabe und erzielten dadurch beträchtliche Einnahmen. Abgesehen von den Handelseinnahmen aus Taif und anderen Gebieten verdienten die Quraisch allein über den syrischen Weg jährlich zweihundertfünfzigtausend Aschrafi. Nun zogen sich am Himmel über Mekka die Wolken einer verheerenden wirtschaftlichen Lähmung zusammen. Unter diesen Umständen begann der Wunsch nach Vergeltung für Badr innerlich heranzureifen.

Die Vorbereitungen für einen neuen Krieg begannen sehr schnell. Der Gewinn aus der syrischen Karawane wurde ihr vollständig abgenommen und in die Kriegskasse eingezahlt. Berühmte Dichter wie Amr Dschamhī und Musāfi setzten ihr dichterisches Talent uneingeschränkt ein und schürten das Feuer des Krieges. Die Frauen von Mekka gerieten vor Trauer über ihre gefallenen Brüder und Söhne außer sich und begannen, die seltsamsten Gelübde abzulegen. Einige gelobten beispielsweise, im nächsten Krieg das Blut der muslimischen Märtyrer zu trinken, und Ähnliches mehr. Tatsächlich zogen zusammen mit dem Quraisch-Heer die angesehenen Frauen großer Adelsfamilien zum Schlachtfeld. Zu den erwähnenswerten gehörten Hind (die Tochter Utbas, die Frau Abū Sufīyāns und die Mutter des Amīr Muʿāwiya), Umm Hakīm (die Frau von Ikrima, dem Sohn Abū Dschahls), Fātima (die Schwester von Ḫālid), Barza (die Tochter von Masʿūd as-Saqafī, dem Anführer von Tāʾif), Rīta (die Frau von Amr ibn al-ʿĀs), Hunnās (die Mutter von Musayab ibn Umair) und andere.

Die Quraisch versäumten es diesmal nicht, neben ihren Freiwilligen auch die Ahābīsch mitzunehmen. Außerdem entsandten sie Amr ibn al-ʿĀs, ʿAbdullāh ibn adh-Dhibʿarī, Hīra ibn Abī Wahab, Mosef ibn ʿAbd Manāf und Amr ibn ʿAbdullāh al-Dschahmī, um verschiedene arabische Stämme zum Kampf gegen Medina zu ermutigen und anzuspornen. Auf diese Weise wurde eine gewaltige Streitmacht zusammengebracht. Ein Heer von dreitausend Soldaten, darunter siebenhundert Bewaffnete in Rüstungen und zweihundert Reiter, war schon allein dazu geeignet, Schrecken zu verbreiten. Nach einjährigen Vorbereitungen brach diese gewaltige Streitmacht von Mekka auf. Als sie die Weidegründe Medinas erreichte, ließ sie ihre Tiere ungehindert Gras und Laub fressen, bis sie kräftig geworden waren, und nachdem sie einige Tage unterwegs verbracht hatte, schlug sie am Mittwoch bei Uhud ihr Lager auf. Der Onkel des Gesandten, ʿAbbās, war ihm aufrichtig ergeben und ein Unterstützer der islamischen Bewegung. Um die inneren Verhältnisse der Feinde im Auge zu behalten, hielt er sich mit besonderer Genehmigung in Mekka auf. Er sandte einen schnellen Boten und teilte dem Gesandten von den Vorbereitungen der Quraisch mit. Darüber hinaus erfuhr der Gesandte durch sein eigenes besonderes Nachrichtennetzwerk am 5. Schawwāl, dass das Quraisch-Heer Medina erreicht hatte. Er erfuhr auch, dass ihre Tiere die Weidegründe von Arīz vollständig abgegrast hatten. Außerdem erhielt er einen Bericht, der ihm eine genaue Vorstellung von der Truppenstärke und den Fähigkeiten des Quraisch-Heeres vermittelte. In Medina wurde sofort für nächtliche Wachen gesorgt. Am Morgen bat er die Gefährten um Rat. Die meisten Anführer der Muhādschirūn und der Ansār schlugen vor, den Feind innerhalb der Stadt zu bekämpfen. Doch die jungen Männer, die nicht an der Schlacht von Badr hatten teilnehmen können, äußerten in ihrer übergroßen Begeisterung den stärkeren Wunsch, außerhalb der Stadt zu kämpfen. Nachdem der Gesandte beide Ansichten angehört hatte, ging er nach Hause und kehrte in Rüstung zurück. Daraus war zu erkennen, dass er den Vorschlag angenommen hatte, außerhalb Medinas zu kämpfen. Auch ʿAbdullāh ibn Ubayy war dafür, innerhalb Medinas zu kämpfen. Alle wussten zudem, dass er mit den Quraisch geheime Verbindungen unterhielt. Noch vor dieser zweitgrößten Schlacht von Uhud hatten die Quraisch ein enges Verhältnis zu ihm geknüpft. Da der Gesandte dies wusste, nahm er die zweite Ansicht stillschweigend an, ohne darüber zu beraten. Am Freitag brach nach dem Freitagsgebet unter seiner Führung ein Heer von eintausend muslimischen Soldaten auf. Auch ʿAbdullāh ibn Ubayy zog mit. Nachdem sein erster Vorschlag abgelehnt worden war, machte er den hinterlistigen Vorschlag, eine eigene Kampffront zu eröffnen. Als auch dieser Vorschlag vom Gesandten zurückgewiesen wurde, war der Intrigant enttäuscht. Vom Ort Schaut aus führte er dreihundert Soldaten fort und kehrte um. Seine Beschwerde lautete: Wenn man unsere Meinung ohnehin nicht berücksichtigt und wir keinerlei Anteil an der Führung des Staates haben, warum sollten wir dann Krieg führen? Diese verräterische Tat wirkte sich auch auf andere aus. So waren beispielsweise die Stämme Banū Salima und Banū Hāritha niedergeschlagen und bereit umzukehren. Doch die klugen muslimischen Anführer beruhigten sie, redeten ihnen gut zu und stärkten ihre Moral.

Bevor der Gesandte Medina verließ und das Schlachtfeld betrat, überprüfte er den Zustand der Soldaten. Mehrere Jugendliche, vom Geist des Dschihad beseelt, zogen ebenfalls in den Krieg. Der Gesandte befahl ihnen, zurückzukehren. Dennoch kannten ihre Bemühungen, an dieser Schlacht teilzunehmen, keine Grenzen. Der junge Rāfiʿ ibn Chudais stellte sich auf die Vorderseite seiner Fußsohlen und versuchte, sich dadurch etwas größer zu machen und zu beweisen, dass er kampftauglich sei. Der andere Jugendliche, Samura, besiegte Rāfiʿ im Ringkampf und bewies damit seine eigene Kraft. Weil die neue Generation in einer reinen und von Aufrichtigkeit geprägten Umgebung aufgewachsen war, konnten sich in ihr eine solche charakterliche Festigkeit und eine solche Bereitschaft zur Selbstaufopferung entwickeln. Obwohl der Dschihad für muslimische Frauen nicht verpflichtend war, entstand auch unter ihnen angesichts der äußerst heiklen Lage der Bewegung eine Welle spontaner Begeisterung. Schließlich zogen mehrere Frauen, darunter ʿĀ’ischa, Umm Salīt (die Mutter von Abū Saʿīd al-Chudrī), Umm Sulaim (die Mutter von Anas) und Umm ʿAmāra, gemeinsam mit dem muslimischen Heer los. Sie leisteten auf dem Schlachtfeld einen bedeutenden Beitrag. Das muslimische Heer zählte insgesamt siebenhundert Soldaten, von denen einhundert Rüstungen trugen. Nur durch die Kraft des Glaubens gestärkt, waren sie im Begriff, mit einem Heer zusammenzustoßen, das ihnen zahlenmäßig um das Zwölffache überlegen und zudem bestens ausgerüstet war.

Der Gesandte entwarf, den Berg Uhud im Rücken, eine äußerst geschickte Aufstellung für das Schlachtfeld. Die islamische Fahne übergab er Musayab ibn Umair. Zubair ibn al-Awwām wurde zum Befehlshaber einer Abteilung und Hamza zum Befehlshaber der ungerüsteten Soldaten ernannt. Im Durchgang des Berges Ainain (Dschabal ar-Rumāt) im rückwärtigen Bereich wurden fünfzig Bogenschützen postiert. Zu ihrem Anführer wurde ʿAbdullāh ibn Dschubair gemacht. Auch die Quraisch übernahmen aufgrund ihrer Erfahrungen von Badr die von den Muslimen befolgte geordnete Kriegstaktik. Die Kämpfer des rechten Flügels (Mai-mana), die Kämpfer des linken Flügels (Maisara), die Reiter und die Bogenschützen wurden jeweils unter dem Kommando eigener Befehlshaber zusammengefasst.

Zur Eröffnung der Schlacht begannen vierzehn Quraisch-Frauen unter der Führung Hindas, Trommeln zu schlagen und Kriegslieder zu singen. Wie eindringlich der Klang dieser Lieder die Begeisterung für den Kampf entfachte, lässt sich schon an dem folgenden Gedicht erahnen:

(Arabisch******)

(Arabisch******)

„Wir sind die Töchter von Tārīq, mit anmutigem Gang. Wenn du vorwärtsgehst, werden wir dich an unsere Brust drücken; wenn du dich jedoch zurückziehst, werden wir uns für immer von dir trennen.“ Auf der einen Seite gingen solche dichterischen, liebesschürenden, lustvoll-erotischen und verlockenden Anfeuerungen vor sich, während es auf der anderen Seite nichts anderes gab als das Streben nach Allahs Wohlgefallen.

Plötzlich betrat ein falscher Heiliger namens Abu Amir das Schlachtfeld. Die Ansar wussten von seiner Heuchelei. Er ähnelte der unwissenden, götzendienerischen und zutiefst verdorbenen Kultur der Quraisch. Sobald die Muslime ihn erblickten, riefen sie: „Du Sünder, wir kennen dich!“ In der Menschheitsgeschichte ist es äußerst selten, dass der Sohn dieses Abu Amir, Hazrat Hanzala, den Gesandten (s.a.w.) um Erlaubnis bat, seinen eigenen Vater anzugreifen. Doch die Barmherzigkeit und das Mitgefühl des Gesandten erlaubten es nicht. Er hielt es nicht für richtig, dass ein Vater durch die Hand seines Sohnes getötet würde. Danach begann Talha, lautstark herauszufordern. Hazrat Ali trat sofort vor und löschte das Licht seines Lebens aus. Daraufhin kam sein Sohn Uthman voran und rezitierte Gedichte über den eigenen Heldenmut. Hinter ihm sang eine Gruppe von Sängerinnen. Hazrat Alis Schwert machte auch ihm in einem Augenblick ein Ende. Danach begann ein erbitterter Kampf.

Das gesamte Heer der Muslime hatte seinen Mangel an Männern und Ausrüstung durch Glaubenseifer und Begeisterung ausgeglichen. Die Verkünder einer strahlenden Zukunft kämpften auf diese Weise gegen die Finsternis der Dschahiliyya. Besonders der verzweifelte Kampf von Hazrat Hamza, Hazrat Ali und Hazrat Abu Dujana war äußerst beeindruckend. Schließlich wurden die Götzendiener der Dschahiliyya besiegt, und ihre Sängerinnen flohen. Das muslimische Heer erkannte, dass es gesiegt hatte. Deshalb begannen sie, Waffen, Vorräte und andere Dinge des Feindes an sich zu nehmen, um ihn für die Zukunft mittellos zu machen. Die Ordnung auf dem Schlachtfeld zerfiel, und Anarchie breitete sich aus. Die Soldaten beachteten die Befehle der zentralen Führung nicht mehr. Am gefährlichsten war, dass die Bogenschützen sogar den äußerst wichtigen Bergpass verließen. Dabei war ihnen streng befohlen worden: Ganz gleich, ob Sieg oder Niederlage eintrete, dürft ihr diesen Ort unter keinen Umständen verlassen. Die Worte des Gesandten (s.a.w.) lauteten sinngemäß: „Selbst wenn ihr seht, dass die Sünder unser Fleisch Stück für Stück herausreißen und essen, dürft ihr euch von hier nicht fortbewegen.“

Doch die Muslime vergaßen all diese Anweisungen und beschäftigten sich damit, die Früchte des Sieges einzusammeln. Dafür mussten sie äußerst schreckliche Folgen erleiden. Ihr errungener Sieg verwandelte sich in eine Niederlage. Im Heer der Quraisch befand sich noch immer ein kluger und furchtloser Held wie Khalid ibn al-Walid. Als er aus der Ferne die Unordnung auf dem Schlachtfeld bemerkte, führte er einige Reiter hinter dem Berg durch den unbewachten Bergpass und startete einen überraschenden Angriff. Danach schlossen sich weitere Kämpfer des Heeres der Quraisch dem Angriff an. Mitten in der Siegesfreude wurden die Muslime plötzlich durch Schwerter über ihren Köpfen aufgeschreckt. Unterdessen sammelten die Feinde Truppen, um den Gesandten (s.a.w.) persönlich anzugreifen. Er rief den Muslimen immer wieder im Lauf zu: „O Diener Allahs! Kommt zu mir!“ Doch die muslimischen Soldaten konnten nichts hören. Schließlich blieben nur noch elf Gefährten um ihn herum. Abdullah ibn Qumaiya nutzte die Gelegenheit und schlug mit dem Schwert auf sein heiliges Gesicht. Dabei zerbrach sein Helm, und einige Stücke drangen in seinen Kiefer ein. Bei einem weiteren Angriff der Feinde fiel er in eine Grube und erlitt ebenfalls einige Verletzungen. Dass eine kleine Zahl von Gefährten so furchtlos kämpfte, um das Leben des zentralen Führers der islamischen Bewegung zu retten, ist in der Geschichte ohne Beispiel. In diesem verheerenden Zusammenstoß stand der Gesandte (s.a.w.) standhaft, verteidigte sich vielmehr geschickt und verwundete Ubayy ibn Khalaf mit einem Speer am Hals – ein Zeichen außergewöhnlichen Heldenmuts. Dennoch erhielten die Gegner durch die Verwundung des Gesandten (s.a.w.), sein Verschwinden aus dem Blickfeld nach dem Sturz in eine Grube und das Märtyrertum des ihm im Gesicht ähnlichen Gefährten Dschumʿa ibn Umair die Gelegenheit, das Gerücht von seinem Tod zu verbreiten. Dadurch breiteten sich unter den Muslimen noch größere Unruhe und Verzweiflung aus. Dieses Gerücht hatte zwei verschiedene Folgen. Hazrat Umar (r.a.) legte seine Waffe nieder und sagte: „Wenn der Gesandte (s.a.w.) bereits den Märtyrertod erlitten hat, welchen Sinn hat es dann noch zu kämpfen?“ Die Liebe zum Gesandten war in ihm so stark, dass in seinen Augen kein noch so großer Sieg mehr als Sieg gelten konnte, wenn ein so kostbares Juwel wie er verloren war. Als der Vater von Hazrat Anas al-Ansari, Ibn an-Nadr, dies hörte, sagte er: „Was sollen wir nach dem Gesandten (s.a.w.) noch lebend tun?“ Dann kämpfte er mit solcher Heftigkeit, dass er nach etwa achtzig Verletzungen den Märtyrertod erlitt. Wegen dieser chaotischen Lage wurden einige Muslime sogar durch die Hand ihrer eigenen Glaubensbrüder getötet oder verwundet. Der Vater von Hazrat Hudhaifa wurde von Muslimen selbst getötet.

Danach begann sich die Lage zu verändern. Jeder muslimische Soldat war an seinem Platz von Schwertern umgeben und sehnte sich danach, den Gesandten (s.a.w.) zu sehen. Als Erster erblickte Hazrat Kaʿb ibn Malik den Gesandten (s.a.w.). Er rief alle herbei und verkündete ihnen, dass der Gesandte (s.a.w.) am Leben sei. Als diese frohe Nachricht alle erreichte, eilten sie zum Zentrum. Als die Schar der Feinde kleiner wurde, begab sich der Gesandte (s.a.w.) auf den Gipfel des Berges. Als Abu Sufyan sich dorthin vorwagte, vertrieben ihn die Gefährten, indem sie Steine warfen. Nun wurden die Feinde beunruhigt, weil ihr überraschend errungener Sieg ihnen wieder entgleiten könnte. Daher begann das Heer von Mekka sich rasch zurückzuziehen.

Abu Sufyan bestieg einen nahegelegenen Berg und versuchte, sichere Informationen über den Gesandten (s.a.w.) zu erlangen. Mit lauter Stimme rief er die Namen des Gesandten (s.a.w.), Abu Bakrs und Umars und fragte, ob einer von ihnen noch am Leben sei.

Von dieser Seite wurde aus taktischen Gründen keine Antwort gegeben. Da rief er: „Alle sind tot.“

Hazrat Umar (r.a.) konnte nicht länger schweigen. Er sagte: „O Feind Allahs! Wir sind alle am Leben.“ Abu Sufyan stimmte einen Schlachtruf an:

„Hubal, erhebe dein Haupt.“

Von dieser Seite wurde ein Gegenspruch ausgerufen:

„Allah allein ist ewig mächtig und der Allerhöchste!“

Abu Sufyan rief erneut:

„Wir haben al-ʿUzzā bei uns. Ihr habt al-ʿUzzā nicht.“

Von dieser Seite wurde geantwortet:

„Allah ist unser Herr; ihr habt keinen Herrn.“

Tatsächlich wurden durch diese kleinen Slogans jene beiden Weltanschauungen lautstark sichtbar, deren Aufeinandertreffen ein solches gewaltiges Beben in der Geschichte ausgelöst hatte. In diesem Krieg wurden 70 Muslime zu Märtyrern und 40 verwundet. Auf der anderen Seite konnten lediglich 30 Männer der feindlichen Armee getötet werden. Tapfere Kämpfer wie der Onkel des Gesandten Allahs, Hazrat Hamza, sein Cousin Abdullah bin Jahsh, unter den bekannten Gefährten Musʿab ibn Umair, Hanzala ibn Abi Amir und Rafi bin Malik bin Ajlan (die letzten drei hatten an beiden Huldigungen von al-ʿAqaba teilgenommen), Abdullah bin Amr al-Khazraji, Amr bin Jamuh sowie zahlreiche Gefährten, die bei Badr gekämpft hatten, tränkten den edelsten Wahrheitsbaum der Welt mit ihrem Blut.

Als das muslimische Heer schließlich wieder die Kontrolle über sich erlangte und seine Verbindung mit dem Oberkommando fest hergestellt war, zogen sich die feindlichen Soldaten rasch zurück und verließen das Schlachtfeld. So wurde die Maske der Schwäche hinter dem plötzlichen Sieg gelüftet, und das muslimische Heer gewann sein Selbstvertrauen zurück.

Die Muslime waren zwar durch einen eigenen Fehltritt geschädigt worden, aber sie waren nicht besiegt, und ihre Kraft war auch nicht gebrochen. Daher verfolgte auf Anweisung des Gesandten (Allahs), s.a., eine Truppe von siebzig Mujahidin das Heer der Quraisch. Als Abu Sufyan inzwischen Rawha erreichte und die Lage überprüfte, bereute er es zutiefst. Er erkannte, dass er die Früchte des in Uhud errungenen Sieges durch seine überstürzte Eile auf dem Schlachtfeld zurückgelassen hatte. Ihr Ziel, die Macht Medinas zu zerstören, war weiterhin unerreicht. Nun begann er darüber nachzudenken, das verlorene Ziel wiederzugewinnen. Doch daraus wurde nichts! Nun war die Gelegenheit bereits verpasst. Es war die Lage, in der einem, wie man sagt, erst nach dem Fortgang des Diebes der Verstand kommt! Der Gesandte (Allahs), s.a., hatte diese Gefahr bereits vorausgesehen. Statt nach Medina zurückzukehren, zog er mit seinem gesamten Heer bis nach Hamra al-Asad, acht Meilen von Medina entfernt. Inzwischen ging Maʿbad, der Anführer des Stammes Chuzaʿa (der den Islam zwar nicht angenommen hatte, aber ein aufrichtiger Unterstützer der islamischen Regierung war), selbst zu Abu Sufyan und schüchterte ihn ein: „Muhammad, s.a., kommt mit einem gewaltigen Heer.“ Als Abu Sufyan diese Nachricht hörte, geriet er in Panik und zog sich eilig zurück.

Einige bemerkenswerte Aspekte der Schlacht von Uhud

Nun wollen wir unsere Aufmerksamkeit den besonderen, bemerkenswerten Aspekten dieses Krieges zuwenden:

(1) Disziplin ist die eigentliche Stärke jeder Bewegung. In jeder Art von Krieg und Konflikt ist ihre Bedeutung die größte und grundlegendste. Die moralische Eigenschaft, auf der Disziplin beruht, heißt Geduld. Das bedeutet, dass man ohne Rücksicht auf Furcht und Schrecken oder auf Gewinn und Verlust standhaft und unbeirrbar bleibt. Die islamische Gemeinschaft befand sich damals noch in der Ausbildung, und insbesondere hatte sie noch keine umfassenderen Erfahrungen gesammelt, um den islamischen Charakter auf dem Schlachtfeld zu festigen. Denn vor Uhud hatte erst eine einzige Schlacht stattgefunden. Keine menschliche Organisation kann beim Aufbau einer neuen Gesellschaft auf der Grundlage eines Ideals völlig frei von Fehltritten bleiben und zugleich vollkommene Erfolge und Reife erlangen. Doch durch diesen geringfügigen Fehltritt vermittelte Allah den Muslimen eine praktische Lehre, die sich nicht allein durch Ermahnungen fest verankern lässt. Durch diese Lehre wurde auch deutlich, dass Allahs natürliche Ordnung völlig unparteiisch und unnachsichtig wirkt. Wer gegen diese Ordnung verstößt, entgeht der Strafe nicht, selbst wenn er ein äußerst aufrichtiger Mensch ist.

Bei der Auswertung dieses Krieges kritisiert der Koran die unter den Muslimen noch vorhandenen Fehler und Schwächen scharf. Er weist sie an, Geduld zu bewahren. (Al Imran 125) Er weist sie an, jene maßlose Gier nach Besitz abzulegen, die zu zinsträchtigen Geschäften verleitet und auf dem Schlachtfeld Unruhe im Streben nach Kriegsbeute verursacht. Indirekt macht er ihnen klar, dass man mit einer von Zinsnehmen und Gier geprägten Gesinnung weder Geduld üben und Disziplin wahren noch einen historischen Kampf zur Erlangung eines höheren Zieles führen kann. Vor diesem geistigen Hintergrund wurde der Zins vollständig für haram erklärt. (Al Imran 130) Ihnen wird gesagt, dass nur diejenigen das Banner der islamischen Revolution tragen können, die nicht vom Zins und von der Faszination des Reichtums geblendet sind, sondern ihren Besitz für edle Ziele ausgeben und ihre Gefühle beherrschen, anstatt sich von ihnen fortreißen zu lassen. (Al Imran 134) Es wird ihnen auch mitgeteilt, dass derjenige, der für weltliche Interessen arbeitet, in dieser Welt nur das erhalten wird, was ihm dort zuteilwird; im Jenseits wird ihm nichts zukommen. Wer jedoch unter Schädigung seiner eigenen weltlichen Interessen das Wohl des Jenseits anstrebt, dem wird für sein Handeln der angemessene Lohn gegeben. (Al Imran 145) Ihnen wird ferner klargemacht: „Bleibt nicht schon nach einem einzigen Schlag niedergeschlagen und voller Sorge sitzen. Wenn ihr heute einen Schlag erlitten habt, dann haben auch die Feinde gestern durch euch einen Schlag erlitten. In jedem Konflikt und Zusammenstoß gibt es Auf und Ab, Sieg und Niederlage. Seid jedoch gewiss, dass der endgültige Sieg euch gehören wird.“ (Al Imran 139–140) Danach werden sie in unmissverständlicher Sprache gewarnt, dass Allahs Wohlgefallen und das Paradies keine billigen Waren sind. Dieses Glück können nur diejenigen erlangen, die auf Allahs Weg ihr Leben und ihren Besitz opfern und Geduld und Standhaftigkeit beweisen können. Nur durch solche schweren Prüfungen ist es möglich, die aufrichtigen Gläubigen und diejenigen auszusondern, die würdig sind, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. (Al Imran 140–142) Bei der Kritik an der äußerst verzweifelnden Reaktion, die durch das Gerücht vom Märtyrertod des Gesandten (Allahs), s.a., auf dem Schlachtfeld von Uhud entstanden war, wird unmissverständlich gesagt: Muhammad, s.a., ist nicht Allah, sondern lediglich ein Gesandter. So wie die früheren Propheten und Gesandten gestorben sind, muss auch Muhammad, s.a., eines Tages von euch scheiden. Wie könnte es daher zulässig sein, dass ihr nach seinem Dahinscheiden alle Programme des islamischen Kampfes und der islamischen Bewegung beiseitelegt und untätig sitzen bleibt? (Al Imran 144) Tatsächlich war jene Verzweiflung aus der vorbehaltlosen Liebe zum Gesandten (Allahs), s.a., entstanden. Weiter wird gesagt, dass ihr euch nach dem Vorbild jener Menschen bilden sollt, die gemeinsam mit den früheren Propheten den Dschihad führten, ihr Leben opferten und nicht bereit waren, sich vor dem Falschen zu beugen. Denn Allah liebt gerade solche Geduldigen. (Al Imran 146) Nachdem diese grundlegenden Lehren vermittelt worden waren, schildert der Koran das erschütternde Schicksal, das das muslimische Heer wegen des Bruchs der Disziplin erleiden musste:

„Allah hat Sein Versprechen, euch zu helfen, erfüllt. Zunächst habt ihr sie mit Allahs Erlaubnis getötet. Als ihr dann aber Schwäche zeigtet und miteinander uneins wurdet, und nachdem Er euch das gezeigt hatte, wonach ihr begehrtet, missachtetet ihr den Befehl eures Anführers. Denn einige von euch begehrten die Welt, während andere das Jenseits anstrebten. Da ließ Allah euch vor den Ungläubigen zurückweichen, um euch zu prüfen. Dennoch verzieh Allah euch. Denn Allah ist gegenüber den Gläubigen voller Huld.“

Erinnert euch daran, wie ihr davonliefet, ohne auch nur den Verstand zu haben, euch nach irgendjemandem umzusehen, während der Gesandte (Allahs), s.a., euch von hinten zurief. Da vergalt Allah euch eure Tat dadurch, dass Er euch Kummer über Kummer gab, damit ihr für die Zukunft eine Lehre daraus zieht und euch weder über das, was ihr verliert, noch über irgendein Unglück, das euch befällt, Sorgen macht. Allah weiß über all eure Taten Bescheid.“ (Al Imran 152–153)

Beachtet diese durch den Mund des Gesandten (Allahs), s.a., geäußerte Kritik und Auswertung des Einsatzes und der Rolle des muslimischen Heeres in der Schlacht von Uhud, und bedenkt, wie sehr sich Wesen und Ton dieser Kritik von denen weltlicher, nach Imperien gierender Kriegsherren und Herrscher unterscheiden. Den Soldaten wurde darin weder die uneingeschränkte Erlaubnis gegeben, zu tun, was ihnen beliebte, noch wurde versucht, sie in Selbsttäuschung zu stürzen, und ebenso wenig wurde irgendein Aufwand betrieben, die Ereignisse falsch auszulegen. Es war eine rücksichtslose und schonungslose Kritik. Die Furcht vor Allah war ihr Leitmotiv, und ihre Absicht war die moralische Erziehung.

(2) Die wenigen Gefährten des Gesandten (s.a.w.) bekundeten in dieser Schlacht eine solche Bereitschaft, ihr Leben einzusetzen, sowie eine solche liebevolle und aufrichtige Opferbereitschaft, dass sie der muslimischen Umma bis zum Jüngsten Tag den heiligen Antrieb geben wird, auf Allahs Weg ihr Leben und ihren Besitz zu opfern. Tatsächlich ist bei jeder Bewegung die Persönlichkeit ihres ersten Aufrufers und höchsten Anführers ihre wichtigste Kraft. In der islamischen Bewegung jedoch wird eine tiefe Liebe zum Aufrufer und Anführer gefordert. Wenn insbesondere die Persönlichkeit eines Propheten und Gesandten dieses Amt innehat, ist ein Höchstmaß an Selbstaufopferung für ihn unerlässlich. Die islamische Bewegung kann unter keinen Umständen unter Umgehung ihres Aufrufers und Anführers voranschreiten. Die Kraft, Macht und Autorität der Bewegung und ihres Aufrufers werden vollständig eins und untrennbar. Eine Gruppe, die ihren eigenen Aufrufer und Anführer missachtet, ihn einflusslos macht oder ihn schlicht als „einen von uns“ bezeichnet und nur die Grundsätze der Bewegung zum Sieg führen will, ist eine völlig blinde und unbesonnene Gruppe. Für eine Bewegung sind sowohl Grundsätze als auch Führung untrennbare und unverzichtbare Bestandteile. Unerschütterlicher Iman und Überzeugung von den Grundsätzen und Idealen sowie tiefe Liebe zum Anführer und die Bereitschaft zur Selbstaufopferung sind voneinander abhängig und ergänzen einander. Die Gefährten des Gesandten (s.a.w.) waren bereit, für sein Wesen und seine Persönlichkeit ihr Leben und ihren Besitz und alles ihnen Mögliche hinzugeben. Der erste Grund dafür war, dass er der Gesandte (s.a.w.) war. Der zweite Grund war, dass sie wussten und verstanden, dass seine Existenz die Seele der gesamten Bewegung war. Deshalb opferten sie ihr Leben, um sein Leben zu schützen, seine Ehre und sein Ansehen zu mehren und seinen Einfluss und seine Autorität auszuweiten. Auf dem Schlachtfeld von Uhud lieferten sie einen unumstößlichen Beweis ihrer reinen und aufrichtigen Liebe zum Gesandten (s.a.w.).

Als die Feinde in Scharen angriffen, rief der Gesandte (s.a.w.) mit lauter Stimme: „Wer ist bereit, sein Leben für mich zu opfern?“ Ziyad ibn Sakan hörte diesen Ruf, trat mit einigen Ansar vor, und einer nach dem anderen opferten sieben Liebende des Gesandten ihr Leben. Als Ziyad im Sterben zum Gesandten (s.a.w.) gebracht wurde, streckte er mit großer Mühe den Kopf vor und berührte die Füße des Gesandten (s.a.w.). Als Abdullah ibn Qumai’a den Gesandten (s.a.w.) mit dem Schwert angriff, sprang die Sahabiya Umm Ammara vor den Gesandten, stellte sich schützend vor ihn und erlitt selbst eine tiefe Wunde am Hals. Nur weil sie sich ihm entgegenstellte, konnte dieser Angriff den Gesandten (s.a.w.) nicht töten. Abu Dujana bedeckte den Gesandten (s.a.w.) mit seinem eigenen Körper wie mit einem Schild. Unzählige Pfeile bohrten sich in seinen Körper. Talha fing das Schwert des Feindes mit der Hand ab; dabei wurde ihm eine Hand abgetrennt und fiel zu Boden. Abu Talha stellte sich mit einem Schild vor den Gesandten (s.a.w.) und schlug damit so kräftig zu, dass zwei oder drei Bögen zerbrachen. Ein einfacher, ungebildeter Muslim kam zufällig herbei, während er Datteln aß. Als er diesen Zustand sah, erwachte auch in ihm der Kampfeswille. Er fragte den Gesandten (s.a.w.): „Was wird mein Schicksal sein, wenn ich im Kampf sterbe?“ Der Gesandte (s.a.w.) antwortete: „Das Paradies.“ Er sagte: „Dann würde es zu lange dauern, diese Datteln noch aufzuessen.“ Damit warf er die Datteln fort, begann mit großer Heftigkeit zu kämpfen und wurde schon nach kurzer Zeit in die Karawane der Märtyrer aufgenommen. Eine Bewegung, in der eine solche glühende Liebe zum Anführer lebendig ist, kann keine Macht zum Stillstand bringen. Auch Sa’d ibn ar-Rabi’ gab ein außergewöhnliches Beispiel. Da der Gesandte (s.a.w.) selbst tiefe Zuneigung zu seinen Gefährten hegte und jedem von ihnen seine Aufmerksamkeit und Fürsorge widmete, erkundigte er sich nach der Schlacht nacheinander nach ihrem Zustand. Er fragte: „Wo ist Sa’d ibn ar-Rabi’?“ Als man nach ihm suchte, stellte sich heraus, dass er abseits schwer verwundet lag und stöhnte. In seinen letzten Augenblicken übermittelte er dem Gesandten (s.a.w.) einen Gruß, seine Liebe und das Geschenk eines Bittgebets und hinterließ seinen Gefährten die Mahnung: „Wenn die Feinde, solange ihr alle noch lebt, auch nur die Möglichkeit erhalten, den Gesandten (s.a.w.) zu berühren, wird Allah keine Entschuldigung von euch akzeptieren.“ Keine Beachtung für die eigenen Schmerzen und Leiden, kein Gedanke an die Angehörigen, keine Sorge um die Zukunft des eigenen Besitzes – alle Gedanken galten nur der islamischen Bewegung und ihrem Aufrufer.

(3) Das islamfeindliche Heer aus Mekka schändete die Leichen der muslimischen Märtyrer, um seine niederträchtige Gesinnung zu zeigen. Besonders die Frauen unter ihnen schlitzten den Leichen den Bauch auf, schnitten ihnen Nasen und Ohren ab, fertigten daraus Ketten und hängten sie sich um den Hals, um ihre Gelübde zu erfüllen. Hind, die Frau Abu Sufyans und Anführerin des Frauenheeres, gab das niedrigste Beispiel an Grausamkeit. Sie entstellte das Gesicht Hamzas, schlitzte seine Brust auf, holte sein Herz heraus und kaute darauf herum. Auch das Gesicht Abdullah ibn Dschahschs wurde entstellt. Abu Sufyan selbst schlug Hamza mit einem Bogen ins Gesicht und sagte: „Na, genieße jetzt deinen Spaß.“ Der Gesandte (s.a.w.) hingegen warnte das muslimische Heer eindringlich davor, die Leichen der Feinde zu schänden oder ihre Gesichter zu entstellen. In den Grundsätzen der islamischen Bewegung nimmt die Lehre, die Würde der Menschheit hochzuhalten, einen besonders wichtigen Platz ein. Der Islam erlaubt seinen Anhängern nicht, sich ebenfalls wie Unmenschen zu verhalten, wenn jemand anderes sich niederträchtig benimmt.

Als Abu Sufyan von diesen Taten seiner Leute hörte, begrüßte er sie erfreut. Doch als einer seiner Gefährten sie kritisierte, wurde er nachdenklich. Er dachte, dass sie durch diese Taten vielleicht selbst Schaden nehmen und in der öffentlichen Meinung an Einfluss und Ansehen verlieren könnten. Als Abu Sufyan am Ende der Schlacht auf den Berg kam, sagte er aus diesem Gefühl heraus: „Diese Ereignisse haben nicht mit meiner Erlaubnis stattgefunden. Ich bedaure sie jedoch auch nicht.“

Heute lässt sich nur schwer abschätzen, ob dieses barbarische Verhalten der islamfeindlichen Kräfte ihr Ansehen in der öffentlichen Meinung beschädigt hat. Bekannt ist jedoch eine Begebenheit: Als ein Polytheist namens Dschalis ibn Dschuban al-Kinani sah, wie Abu Sufyan mit einem Bogen auf das Gesicht des Leichnams des als Märtyrer gefallenen Hamza einschlug, sagte er zu den Männern seines eigenen Stammes: „O ihr Banu Kinana, seht ihr, wie der große Anführer der Quraisch mit seinem Cousin umgeht?“ Als Abu Sufyan dies hörte, wurde er sich der Sache bewusst.

(4) Einen Einblick in die vornehme und zivilisierte Verhaltensweise auf dem Schlachtfeld, die der Gesandte (s.a.w.) den Muslimen lehrte, gibt die Begebenheit von Abu Dujana. Als Abu Dujana eine Reihe feindlicher Soldaten nach der anderen niederwarf und voranschritt, fiel Hind, die Hamzas Herz zerkaut hatte, vor ihn. Hind nahm am Kampf teil und ihre Gefühle gegen die Muslime waren äußerst giftig. Daher wäre es nicht falsch gewesen, sie zu töten. Auch Abu Dujana hob das Schwert und richtete es auf ihren Kopf. Doch sogleich schreckte er bei dem Gedanken zurück, dass es nicht angemessen sei, mit dem Schwert, das ihm der Gesandte (s.a.w.) gegeben hatte, eine Frau zu töten, und senkte es wieder.

(5) Die Glaubenstreue, der Mut, die Geduld und die Loyalität gegenüber der islamischen Bewegung, die die muslimischen Frauen während der Schlacht von Uhud zeigten, machen deutlich, dass die vom Gesandten (s.a.w.) geführte Bewegung die Frauen nicht untätig ließ, sondern sie aktivierte, ausbildete und einsetzte. Sehen wir uns einige Beispiele an.

Wir haben bereits vor einiger Zeit über Umm Ammara gesprochen und darüber, wie sie sich trotz ihrer Eigenschaft als Frau als Schild vor den Gesandten (s.a.w.) stellte.

Als Safiyya, die Schwester Hadhrat Hamzas, nachdem sie von den herzzerreißenden Ereignissen gehört hatte, von Medina auf dem Schlachtfeld von Uhud eintraf, sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu Hamzas Sohn Zubair: „Lass sie nicht zur Leiche deines Vaters gehen. Denn sie wird diesen Anblick nicht ertragen können.“ Safiyya sagte: „Ich habe von allem gehört. Ein solches Opfer auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit ist nichts Großes.“ Man erlaubte ihr, hinzugehen. Safiyya betrachtete die Leiche mit großer Geduld, sprach ein Bittgebet um Vergebung und ging wieder fort.

Für Hind, die Frau von Amr ibn Dschamuh und Mutter von Khallad al-Badri, war dies eine Feuerprobe. Sowohl ihr Vater als auch ihr Ehemann erlitten den Märtyrertod. Doch sie bewältigte all diese Schicksalsschläge nur mit größter Mühe und fragte immer wieder lediglich: „Ist der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Sicherheit?“ Als sie sich davon überzeugt hatte, dass es ihm gut ging, rief sie unwillkürlich aus: „O Gesandter Allahs, solange Sie gesund und sicher sind, ist kein Unglück unerträglich.“

Auch angesehene, verschleierte Frauen wie Hadhrat Aischa, Umm Sulaim und Umm Salit liefen inmitten der Not umher, brachten mit Wasser gefüllte Wasserschläuche herbei und gaben den verwundeten Soldaten zu trinken. Als Hadhrat Fatima die falsche Nachricht von der Niederlage der Muslime und dem Märtyrertod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hörte, kam auch sie nach Uhud. Sie wusch die Wunden des Gesandten Allahs und verband sie.

(6) Als der Freund der Menschheit, der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sein eigenes Schwert Abu Dschuʿana gab, band Abu Dschuʿana sich ein rotes Tuch um den Kopf, schwang das Schwert und schritt, sich wiegend, auf die Reihen des Feindes zu. Als der Gesandte Allahs dies sah, sagte er: „Eine solche Gangart missfällt Allah zutiefst. Doch in einer solchen Lage gefällt sie Ihm.“ Damit erklärte er eine wichtige Sache. Im gewöhnlichen Leben ist es aus islamischer Sicht äußerst unerwünscht, in irgendeiner Weise Hochmut zu zeigen. Während eines Zusammenstoßes mit Feinden ist es jedoch sehr angebracht, Stärke und Stolz zu zeigen. Demut ist etwas sehr Gutes. Aber selbst auf dem Schlachtfeld vor dem Feind Demut zu zeigen, indem man eine vortreffliche moralische Regel falsch anwendet, ist äußerst töricht. Eine törichte religiöse Haltung verwendet im Namen der Wahrheitsliebe bestimmte moralische Werte unpassend für entgegengesetzte Zwecke. Mit diesem einen Satz beseitigte der Gesandte Allahs diese Haltung. Nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch die Dichtkunst und die Beredsamkeit galten damals als wichtige politische Propagandamittel. Er ließ muslimische Dichter und Redner Stolz und Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringen. Ebenso befahl der Gesandte Allahs während der Umrat al-Qada den Gefährten, sich verstreut aufzustellen und Stärke zu zeigen; beim Lauf zwischen Safa und Marwa ordnete er an, die Brust herauszustrecken, die Beine kräftig zu heben und nach dem Gehen zu laufen. Später wurde dies zu einer Sunna, also zu einer Tradition. Damals sprach er das Bittgebet: „Möge Allah demjenigen Seine Gnade erweisen, der heute vor den Ungläubigen Stärke zeigt.“ Tatsächlich kann Demut in jeder Phase eines Konflikts zerstörerische Folgen nach sich ziehen. Wer moralische Werte und Grundsätze nicht unter Berücksichtigung der Unterschiede von Ort, Zeit und Situation richtig anwenden kann, ist von einer Art Wahnsinn befallen. Mit einem solchen Wahnsinn kann alles Mögliche funktionieren, aber eine islamische Bewegung kann so nicht vorankommen.

(7) Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit sind Kräfte, die Menschen außerordentlich anziehen. In Medina lebte ein aufrichtiger junger Mann namens Umar ibn Thabit. Sein Verhalten gegenüber den Muslimen war von Unterstützung und Mitgefühl geprägt. Doch er hatte den Islam noch nicht angenommen. Der Krieg von Uhud weckte sein schlummerndes Bewusstsein. Er nahm den Glauben an, schloss sich, ohne jemandem etwas zu sagen, mit seinem Schwert dem Kampf an und erlitt den Märtyrertod. Kurz vor seinem Tod erkannten ihn Angehörige des Stammes Banu Abd al-Aschhal. Als sie ihn nach seinem Befinden fragten, sagte er: „Aus Liebe zu Allah und Seinem Gesandten kämpfe ich für Wahrheit und Gerechtigkeit.“ Der Gesandte Allahs verkündete ihm die frohe Botschaft, dass er ins Paradies eingehen werde, obwohl er in seinem Leben kein einziges Gebet verrichtet hatte. Ein weiteres Beispiel ist Mukhairiq, ein Angehöriger des jüdischen Stammes Banu Thaʿlaba. In seinem Bestreben, der wahren jüdischen Religion zu folgen, beschloss er, an der Seite des Gesandten Allahs zu kämpfen. Er beließ es nicht dabei, nur selbst zu kämpfen, sondern rief auch die übrigen Juden zum Kampf auf. Seine Stammesgenossen unter den Juden brachten als religiöse Entschuldigung vor, dass es an diesem Samstag verboten sei, in den Krieg zu ziehen. Doch Mukhairiq sagte: „Heute gibt es keinen Samstag.“ Schließlich erreichte er allein das Schlachtfeld, kämpfte und opferte sein Leben. Ein ganz anderes Beispiel ist Qizman. Der Gesandte Allahs hatte im Voraus verkündet, dass er zu den Bewohnern der Hölle gehören werde. Er schloss sich den Muslimen an und kämpfte erbittert gegen das Heer der Quraisch. Nach der Schlacht fand man ihn verwundet, und die Menschen lobten ihn: „Du hast außergewöhnliche Tapferkeit und Heldenmut gezeigt.“ Er sagte: „Ich habe nur gekämpft, um unsere nationale Ehre zu verteidigen.“ Der unglückselige Soldat beging, weil er die Schmerzen seiner Wunden nicht ertragen konnte, Selbstmord. Allah ließ ihn gegen die Ungläubigen kämpfen, und er wurde sogar getötet, doch sein Aufenthaltsort wurde die Hölle. Möge Allah die Gläubigen vor einem solch beklagenswerten Ende bewahren.

(8) Wir haben bereits angedeutet, dass die negativen Kräfte der Dschahiliyya zu dieser Zeit von gewaltigem Hochmut erfüllt und durch den Eifer, das kufrische System zu erhalten, übermäßig aufgestachelt waren. Zwar wurden die Fahnenträger der Quraisch einer nach dem anderen getötet, und niemand konnte standhaft stehen bleiben, doch neue Männer rückten vor und nahmen ihre Plätze ein. Schließlich ergriff ein Mann namens Sawwar die Fahne und wurde von einem solchen Schwerthieb getroffen, dass ihm beide Hände abgetrennt wurden. Sobald die Fahne zu Boden fiel, warf er sich bäuchlings auf sie und hauchte mit den Worten „Ich habe meine Pflicht erfüllt“ seinen letzten Atem aus. Eine Zeit lang lag die Fahne auf dem Boden. Schließlich trat eine Frau namens Umra bint Alqama heldenhaft vor und hob die Fahne auf. Daraus wird deutlich, dass auch im konservativen Lager für eine gewisse Zeit Begeisterung herrscht, wenn positive revolutionäre Kräfte auftreten. Genau das geschah bei Uhud. Dort zeigte die konservative, kufrische und etablierte Macht Mekkas ihre letzte Kraft und Herrschaft.

(9) In diesem Krieg boten sich viele herzzerreißende Bilder von der materiellen Not und Mittellosigkeit des muslimischen Lagers. Insgesamt lagen die Leichen von siebzig Märtyrern dort. Doch selbst ihre Bestattung in Leichentüchern war schwer zu bewerkstelligen. Für die Leiche von Musʿab ibn Umair konnte nur der Kopf mit einem Tuch bedeckt werden; die Füße wurden jedoch mit Azkhar-Gras bedeckt. Wann immer die Muslime später an diese Lage zurückdachten, traten ihnen Tränen in die Augen. Schon aus diesem Zustand lässt sich erahnen, wie schwierig, ungewollt und dennoch unvermeidlich es für den islamischen Staat von Medina war, Krieg zu führen, und dass sie nur unter dem Druck der Umstände gezwungen werden konnten, an diesem Krieg teilzunehmen. Doch als sie gezwungen waren, dies zu tun, glichen sie alle Mängel durch ihre feste Überzeugung von ihrer Lebensanschauung, ihre tiefe Liebe zu ihrem großen Ziel und ihre aufrichtige Verbundenheit mit dem Gesandten Allahs aus.

(10) Der Koran warnt die Muslime vor all ihren Fehlern und Schwächen und ermahnt sie, sich um deren Behebung zu bemühen; zugleich entwickelt er in ihnen soldatische Eigenschaften. Er lehrt sie, dass auf dem Schlachtfeld die moralische Kraft die eigentlich entscheidende Kraft ist. Der wichtigste Bestandteil dieser moralischen Kraft ist die Geduld. Ferner wird ihnen gelehrt, im Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit stammesbezogene, tribale und nationale Gefühle sowie weltliche Interessen vollständig beiseitezulegen und allein Allahs Wohlgefallen, den Sieg der Wahrheit und Gerechtigkeit sowie den Erfolg im Jenseits vorrangig zu berücksichtigen. Der Koran prägt ihnen zudem ein, dass die Entscheidung über Sieg und Niederlage unter allen Umständen uneingeschränkt in Allahs Hand liegt. Nur Seine Hilfe kann eine Kraft zum Sieg führen. Daher müssen Sein Gesetz und Sein Wohlgefallen stets die höchste Bedeutung haben. Genau dies wurde ihnen in den Versen 27 und 28 der Sure Āl ʿImrān in Form eines Bittgebets gelehrt:

„Sprich: O Allah, Herrscher über alle Herrscher, Du verleihst die Herrschaft, wem Du willst, und Du entziehst die Herrschaft, wem Du willst. Du ehrst, wen Du willst, und Du erniedrigst, wen Du willst. Das Gute liegt in Deiner Hand. Wahrlich, Du bist allmächtig. Du lässt die Nacht in den Tag und den Tag in die Nacht eintreten. Du bringst aus dem Leblosen das Lebendige hervor und aus dem Lebendigen das Leblose, und Du versorgst, wen Du willst, ohne Abrechnung.“

Die Todesfurcht wurde ihnen aus dem Herzen genommen, indem ihnen gesagt wurde, dass der Tod zu einer bestimmten Zeit mit Allahs Erlaubnis gewiss eintreten wird. Wenn man daher aus dem Wunsch, das Leben zu retten, seine Pflicht vernachlässigt, wird das Leben dadurch nicht verlängert. Deshalb muss man seine Aufgabe fortführen und dem Tod ins Auge sehen. Neben diesen wertvollen Lehren wurde ihnen auch Folgendes gelehrt: Der Tod jener, die auf Allahs Weg ihr Leben hingeben, um Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, ist kein Tod wie der gewöhnlicher Menschen. Ihr Tod ist äußerst ehrenvoll. Haltet sie daher nicht für tot wie die gewöhnlichen Verstorbenen und nennt sie nicht tot. Sie erhalten von ihrem Herrn ein neues Leben; ihre Seelen erhalten leuchtende Versorgung. Sie freuen sich über Allahs kostbare Gaben und Belohnungen und sind hinsichtlich ihrer gleichgesinnten Gefährten voller Gewissheit und Zufriedenheit. Auf diese Weise trat eine erhabene Bedeutung des Märtyrertums klar hervor. Dadurch veränderte sich die Bedeutung des Todes auf Allahs Weg so sehr, dass man statt den Tod zu fürchten begann, um ihn zu bitten. In diesem Zusammenhang erließ der Gesandte Allahs (s.a.) das Verbot, beim Tod der Märtyrer zum Ausdruck der Trauer singend, schreiend oder sich an die Brust schlagend zu weinen. Wenn eine wahrhaftige revolutionäre Bewegung entsteht, führt sie besondere, zu dieser revolutionären Bewegung passende Begriffe ein, verleiht ihnen eine besondere Bedeutung und verändert den Sinn herkömmlicher Vorstellungen. Aus all diesen Lehren wird ersichtlich, dass der Krieg im Islam keine weltliche oder materielle Angelegenheit ist. Vielmehr ist er eine aufrichtige Anbetung Allahs und eine unverfälschte religiöse Forderung.

(11) Einige Heuchler waren auf dem Schlachtfeld zurückgeblieben. Wie sie schon vor dem Kampf in einem äußerst heiklen Augenblick maßgeblich dazu beigetragen hatten, unter den Muslimen Unordnung zu stiften und die Einheit der Organisation zu spalten, so verbreiteten sie auch nach dem Kampf allerlei Gerede darüber, dass diese Katastrophe nicht eingetreten wäre, wenn man dies oder jenes getan hätte. Sie sagten außerdem, wenn wir an der Führung etwas zu sagen gehabt hätten, wäre der Ausgang der Schlacht von Uhud nicht so gewesen. Auch die Bogenschützen, die sich im hinteren Engpass befanden, waren nicht aufrichtig. Als man sie in Medina fragte, warum sie ihre Stellung verlassen hätten, brachten sie allerlei fadenscheinige Entschuldigungen vor. Nachdem der Gesandte Allahs (s.a.) diese Entschuldigungen gehört hatte, sagte er: „Nichts von alledem. In Wirklichkeit wart ihr einer falschen Vorstellung über mich verfallen, nämlich dass ich euch verraten und euch nicht geben würde, was euch zusteht.“ Um diese falsche Vorstellung auszuräumen, sagt der Koran: „Es ziemt keinem Propheten, untreu zu handeln.“ (Āl ʿImrān 161)

(12) Als die Feinde den Gesandten Allahs (s.a.) verwundet hatten, riet ihm ein Gefährte, gegen diese Unmenschen ein Fluchgebet zu sprechen, damit Allah sie vernichte. Der Gesandte Allahs (s.a.) erwiderte: „Ich wurde nicht als Fluch für die Welten, sondern als Barmherzigkeit gesandt.“ Dann betete er: „O Allah, führe mein Volk auf den rechten Weg. Sie wissen es nicht“ – sie wissen nichts von mir, meinem Ziel und meiner Absicht sowie von den Tatsachen über Leben und Welt. Wir haben bereits gesagt, dass in dieser Antwort und diesem Bittgebet jene Sichtweise des Gesandten Allahs (s.a.) zum Ausdruck kam, aus der heraus er seine Gegner betrachtete. Es ist offensichtlich, dass er keinerlei persönliches Verlangen nach Rache hegte. Er wollte nicht ihre Vernichtung, sondern ihre Besserung. Wenn er als Antwort auf ihre militärischen Aktionen zu den Waffen griff, tat er dies nur aus äußerster Notwendigkeit, denn ihm blieb keine andere Möglichkeit.

Nach Uhud

Obwohl die Muslime in der Schlacht von Uhud zunächst siegreich waren und danach vorübergehend einen Rückschlag erlitten, begann sich die Waagschale letztlich wieder zu ihren Gunsten zu neigen. Besonders der Umstand, dass die Quraisch den Sieg nicht vollendeten und sich zurückzogen, dass die muslimische Armee sie verfolgte und dass sie trotz Abu Sufyans Absicht, noch einmal zurückzukehren, nach Mekka weiterzogen, stärkte den Mut der muslimischen Armee. Tatsächlich zogen die Quraisch ab, ohne die endgültige Entscheidung dieser Schlacht herbeizuführen, und vertagten sie damit. Keine der beiden Seiten hatte die andere eindeutig besiegt. Eine solche Situation bedeutet in der Regel: „Der Rest wird später entschieden.“ Abu Sufyan hatte im Namen der Quraisch mit klaren Worten herausgefordert: „Im nächsten Jahr werden wir auf dem Schlachtfeld von Badr wieder aufeinandertreffen.“ So wie die Schlacht von Badr eine endgültige Entscheidung hervorgebracht hatte, war bei der Schlacht von Uhud keine solche endgültige Entscheidung gefallen. Die endgültige Entscheidung war auf einen späteren Zeitpunkt vertagt worden.

Obwohl die muslimische Armee nicht siegreich war, war sie auch nicht besiegt. Dennoch hatte die Wirkung, die die Schlacht von Badr in den umliegenden Gebieten ausgeübt hatte, gewisse Einbußen erlitten, und die Hoffnungen und Bestrebungen der konservativen polytheistischen Stämme begannen sich erneut um die Kräfte der Dschāhilīya zu drehen. Das aufständische Verhalten mancher krimineller und verderbter Kräfte begann wieder hervorzutreten. Die zügellosen Stämme in der Umgebung Medinas nahmen ihre aufrührerischen Aktivitäten mit neuer Hochmütigkeit wieder auf. Doch die Organisation der Muslime war so geschlossen und schlagkräftig und die Führung so stark, dass sie jede feindselige Aktivität sofort abwehrte und die Lage allmählich wieder in die richtige Richtung lenkte. Auf diese Weise wurde der Bevölkerung klargemacht, dass die islamische Regierung äußerst lebensfähig war und bei der Wahrung von Recht und Ordnung, dem Schutz von Leben und Besitz der Bürger sowie der Bewahrung der Einheit des Staates keinerlei Versäumnis dulden würde. Dennoch dauerte es einige Zeit, bis die Autorität des islamischen Staates vollständig wiederhergestellt war.

Unter den rebellischen Kräften, die nach der Schlacht von Uhud allmählich ihr Haupt erhoben, waren Talha ibn Chuwailid und Salma ibn Chuwailid aus Qutun die Urheber der feindseligen Aktivitäten. Sie stachelten den Stamm der Banu Asad dazu an, gegen Madinah aufständische Aktivitäten zu unternehmen. Wahrscheinlich war die zutreffendere Auffassung, dass ein bewaffneter Raubüberfall geplant worden war. Sobald im vierten Jahr nach der Hidschra der Neumond des Monats Muharram aufgegangen war, wurde dieser Plan bekannt. Sofort wurde unter der Führung von Abu Salama al-Machzumi eine Truppe von 150 Kämpfern entsandt, um diese Gefahr abzuwehren. Sobald sie Qutun erreichten, zerstreute sich die Räuberbande. Die von ihnen zurückgelassenen Viehherden beschlagnahmte die islamische Regierung und verteilte sie unter den Freiwilligen. Am 5. Muharram kam aus einer anderen Richtung die Nachricht, dass Chalid ibn Sufyan vom Stamm der Banu Chuzail eine Truppe aufgestellt hatte, um Madinah anzugreifen. Abdullah ibn Anis al-Dschuhani al-Ansari wurde zu ihrer Bekämpfung entsandt. Abdullah beendete den Aufstand und brachte den Kopf Chalids zurück. Als Belohnung für diese allein vollbrachte, heldenhafte Tat schenkte ihm der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) seinen eigenen Stock.

Zwei oder drei Wochen später ereignete sich erneut ein Unglück. Zu Beginn des Monats Safar kamen Angehörige der Stämme Adal und Qara nach einem ausgeheckten Komplott nach Madinah. Sie baten den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Einige Menschen aus unserer Mitte sind Muslime geworden. Schickt uns bitte einige Männer, die sie unterrichten und ausbilden.“ Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) schickte zehn gelehrte und angesehene Männer (diese Zahl wird gemäß der Überlieferung von Sahih al-Buchari angegeben; nach den Berichten der Historiker und Verfasser der Sira waren es sieben). Ihr Anführer war Murschid ibn Abu Murschid. Kaum waren sie in Radschi, dem Wohngebiet der Banu Hudhail, angekommen, töteten die Feinde alle außer Chubayb und Zaid. Chubayb und Zaid verkauften sie an die Quraisch von Mekka. Die Quraisch töteten beide, indem sie sie aufspießten. Wir haben dieses Ereignis bereits zuvor besprochen. Daraus wird deutlich, wie sehr der Übermut und die Frechheit der Gegner nach der Schlacht von Uhud zugenommen hatten. Mehrere wertvolle Männer einer kleinen Gruppe waren als Lehrer aufgebrochen und wurden unterwegs auf grausame Weise als Märtyrer getötet. Wie schwer der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) dadurch innerlich getroffen wurde, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Die Unmenschen, zu denen sie gegangen waren, um ihnen islamisches Wissen zu vermitteln, nahmen von ihnen nicht nur keinerlei Lehre an, sondern ermordeten sie ohne jedes Verbrechen auf grausame Weise. Doch damit war es noch nicht zu Ende. Im selben Monat ereignete sich bei Bi’r Ma’una das größte Unglück. Abu Bara Amir ibn Malik kam aus der Gegend von Nadschd und traf den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) lud ihn zum Islam ein. Er nahm die Einladung weder an noch lehnte er sie ab. Doch er gab sehr aufrichtig den Rat, der Gesandte möge eine Gruppe seiner Gefährten nach Nadschd schicken. Es sei zu hoffen, dass die Menschen den Islam annähmen. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) äußerte seine Sorge bezüglich Nadschd. Das Ereignis von Radschi lag erst wenige Tage zurück. Abu Bara übernahm die Verantwortung für ihren Schutz. Da es im größeren politischen Interesse dringend geworden war, den Einfluss und die Macht der islamischen Regierung in der Gegend von Nadschd auszuweiten, vertraute der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Worten Abu Baras und entsandte eine Gruppe von siebzig Männern (diese Zahl wird in Buchari angegeben, während Ibn Ishaq vierzig nennt). Zu ihnen gehörten erstklassige Koran-Auswendiglerner, Koranrezitatoren und Verkünder. Ihr Anführer war Mundhir ibn Amr. Als diese Gesandtschaft zur Einladung zum Islam den Ort Bi’r Ma’una erreichte, nahm Haram ibn Milhan von dort einen Brief des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zum Anführer des Stammes Banu Amir, Amir ibn Tufail, mit. Noch bevor Amir ibn Tufail den Brief gelesen hatte, gab er seinen Leuten ein Zeichen, ihn zu töten. Danach ließ er im Stamm der Banu Amir ausrufen: „Wo immer ihr seid, kommt herbei und greift die aus Madinah eingetroffene Gesandtschaft an.“ Doch die Banu Amir waren nicht bereit, das Versprechen Abu Baras zu brechen. Daraufhin rief dieser Anarchist die Zweige Rayyan, Dhakwan, Usayya und Banu Lihyan des Stammes Banu Sulaym zu Hilfe. Sie machten sich bereit und umzingelten die Gesandtschaft aus Madinah. Die Gesandtschaft sagte: „Wir sind nicht gekommen, um zu kämpfen. Wir wollen auch nicht hierbleiben. Wir möchten weiterziehen. Greift uns deshalb nicht an.“ Doch die Mörder hörten auf kein Wort. Sie töteten 69 Männer als Märtyrer. Das 70. Mitglied, Ka’b ibn Zaid, hatte sich mit blutigem Körper unter dem Leichenhaufen verborgen und gelangte, nur knapp mit dem Leben davongekommen, nach Madinah; dort berichtete er dem Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) alles, was geschehen war. Bedenken Sie, wie schmerzlich diese Prüfung für eine junge, von Feinden umzingelte Gruppe gewesen sein muss. Neunundsechzig seiner gut ausgebildeten und fähigen Männer erlangten gleichzeitig auf äußerst grausame Weise das Martyrium. Nach diesem erschütternden Ereignis war der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zutiefst bekümmert und voller Trauer. Einen Monat lang sprach er im Morgengebet ein Bittgebet gegen die Mörder seiner geliebten Gefährten. Dieses Bittgebet wird fachsprachlich Qunut an-Nazila genannt.

Beachten Sie im Gegensatz zu den bestialischen Taten dieser Unmenschen auch das Verhalten des großen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), des Retters der gesamten Menschheit. Amr ibn Umayya, der einzige Überlebende unter den siebzig Gesandten, sah auf seinem Rückweg nach Madinah an einem Ort zwei Männer im Schatten eines Baumes schlafen. Da er diese beiden Männer für Komplizen der Mörder hielt, tötete er sie. Diese Annahme war falsch, und beide gehörten einem verbündeten Stamm an. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zahlte für ihn das Blutgeld und leistete damit Sühne für die Tötung. Denn der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hatte all diese Opfer auf sich genommen, um die Herrschaft der Unterdrückung zu beenden und die Herrschaft der Gerechtigkeit zu errichten.

Wenn Medina innerlich nicht stabil gewesen wäre, hätten all diese äußeren Schwierigkeiten nicht behoben werden können. Doch hier gab es einige intrigante, verderbte Kräfte, die aufgrund ihrer Ländereien, ihres Reichtums und ihrer großen Festungen äußerst einflussreich waren. Sie betrieben mitten im islamischen Staat äußerst verräterische Verschwörungen und behinderten die Muslime bei jeder ihrer Aktivitäten. Besonders die jüdischen Stämme entfalteten trotz ihrer Unterzeichnung des Abkommens über die Einheit Medinas täglich aufrührerische Aktivitäten. Unter ihnen verfügte der Stamm Banū an-Naḍīr über die stärkste Festung. Von Starrsinn und Eigensinn berauscht, gingen sie rücksichtslos immer weiter vor. Nach den Ereignissen von Uhud, ar-Radschī und Biʾr Maʿūna war ihre Vermessenheit so stark angewachsen, dass sie sogar in diesem heiklen Augenblick offen versuchten, den Gesandten (s.a.w.s.) zu töten. (Ich habe dies bereits erwähnt.) Nachdem die Juden trotz ihrer früheren Verfehlungen ohne jedes Gewissen erneut einen solchen offenen Anschlag unternommen hatten, war es unvermeidlich geworden, eine endgültige Maßnahme gegen sie zu ergreifen. Der Gesandte (s.a.w.s.) bemühte sich nach Kräften, eine Kriegserklärung gegen sie und Blutvergießen zu vermeiden. Denn zum einen ist die islamische Bewegung ihrem Wesen nach weder gewalttätig noch militant. Zum anderen betraf die Angelegenheit Personen, die einer eigenständigen Gruppe in dieser Welt angehörten. Die islamische Bewegung musste in einem von dieser Gruppe beeinflussten Gebiet wirken. Andernfalls waren ihre Verbrechen so abscheulich, dass sie nicht einmal das Recht gehabt hätten, am Leben zu bleiben. Deshalb ließ er ihnen lediglich die Aberkennung ihrer Staatsbürgerschaft mitteilen und ihnen ein Ultimatum stellen, Medina innerhalb von zehn Tagen zu verlassen. Zugleich ließ er ihnen mitteilen, dass sie wie Feinde behandelt würden, falls sie nicht auszögen. Der Anführer der Heuchler, ʿAbdullah ibn Ubayy, ermutigte sie mit dem Versprechen ausreichender Unterstützung, gegen den Gesandten (s.a.w.s.) zu kämpfen. Unter seinem Einfluss forderte Banū an-Naḍīr den islamischen Staat heraus und erklärte: „Wir kümmern uns nicht um euer Ultimatum. Tut, was ihr wollt.“ Daraufhin zog der Gesandte (s.a.w.s.) im Rabīʿ al-awwal des vierten Jahres nach der Hidschra mit dem muslimischen Heer aus und belagerte Banū an-Naḍīr. ʿAbdullah ibn Ubayy hielt sein Versprechen nicht, und niemand eilte ihnen zu Hilfe. Hilflos räumten sie ihre Siedlung. Durch die Gnade des Gesandten (s.a.w.s.) wurden sie nicht nur verschont, sondern durften auch ihre wertvollen Habseligkeiten auf Kamelen mitnehmen. Selbst in dieser äußerst angespannten Lage traten aus Banū an-Naḍīr zwei glückliche Männer hervor, die neben der Unvernunft und dem Unrecht ihres eigenen Stammes auch die Wahrheit und Berechtigung der Einladung des Gesandten (s.a.w.s.) erkannten und den Islam annahmen. Es waren Yamīn ibn ʿUmayr und Abū Saʿd ibn Wahb.

Zu dieser Zeit war das muslimische Heer gezwungen, einige Bäume und Sträucher zu fällen. Dies war keine besonders schwerwiegende Angelegenheit. Doch westliche Propagandisten haben auch daraus Material für Verleumdungen gewonnen. Es handelte sich um eine unvermeidliche militärische Maßnahme. Auch heute müssen manche Armeen in bestimmten Situationen derartige Arbeiten verrichten, um Straßen zu bauen, geheime feindliche Stützpunkte zu zerstören und andere notwendige Aufgaben zu erfüllen. Selbst die Polizei muss bei der Festnahme von Verbrechern häufig ähnliche Maßnahmen ergreifen. Gebäude müssen abgerissen werden, und in Felder, landwirtschaftliche Flächen und Gärten muss gegebenenfalls eingegriffen werden.

Indem der Gesandte (s.a.w.s.) selbst unter äußerst gefahrvollen Umständen die Übeltäter bezwang, verringerte er nicht nur seine eigenen Schwierigkeiten, sondern bewahrte auch sein Ansehen und seinen Einfluss bei den Menschen in der Umgebung. Sie erkannten, dass die Macht und Autorität des islamischen Staates vollständig gewahrt waren.

Abū Sufyān zog entsprechend dem Prahlen, mit dem er auf dem Schlachtfeld von Uhud aufgetreten war, mit einem starken Heer aus, um einen Angriff zu führen. Diesmal bestand sein Heer aus zweitausend Fußsoldaten und fünfzig Reitern. Sobald der Gesandte (s.a.w.s.) davon erfuhr, begab auch er sich mit eintausendfünfhundert Fußsoldaten und zehn Reitern auf das Schlachtfeld von Badr. Dort schlug er sein Lager auf und wartete acht Tage lang ununterbrochen auf das Heer der Quraisch. Doch Abū Sufyān gelangte zu einem Ort namens Ḍahrān oder ʿUsfān, nur einen Tagesmarsch von Mekka entfernt, und kehrte um. Denn wegen des ausbleibenden Regens erschien ihm dieses Jahr für einen Krieg nicht geeignet. Als der Gesandte (s.a.w.s.) von Abū Sufyāns Rückkehr erfuhr, kehrte auch er schließlich nach Medina zurück.

Sobald bekannt wurde, dass im Muharram des 4. Jahres nach der Hidschra (nach anderer Auffassung im Dschumādā al-awwal) zwei Zweigstämme des Stammes Banū Ghatafān, Banū Muḥārib und Banū Thaʿlaba, Vorbereitungen für einen Angriff auf Medina trafen, brach der Gesandte (s.a.w.s.) mit einem Heer von vierhundert (nach anderer Auffassung siebenhundert) freiwilligen Kämpfern auf. Zwar war ein Heer zur Auseinandersetzung mit dem muslimischen Heer bereit, doch war es tatsächlich nicht in der Lage zu kämpfen. Aus dieser Zeit stammt auch folgende Begebenheit: Ein Götzendiener namens Ghurth verließ sein Haus, nachdem er gegenüber seinen Stammesangehörigen den Entschluss bekundet hatte: „Ich werde erst nach Hause zurückkehren, nachdem ich Muḥammad (s.a.w.s.) getötet habe.“ Als er eintraf, ruhte der Gesandte (s.a.w.s.) allein unter einem Baum. Sein Schwert hing an einem Ast. Ghurth nahm eben dieses Schwert in die Hand, hob es empor und sagte: „Sag, wer kann dich jetzt retten?“ Der Gesandte (s.a.w.s.) antwortete völlig furchtlos: „Allah kann retten.“

Dūmat al-Dschandal war ein Treffpunkt für Handelskarawanen; außerdem waren dort christliche und jüdische Missionare sowie politische Spione aktiv. Andererseits war das Gebiet, in dem sich Banū an-Naḍīr und andere nach Chaybar und an weiteren Orten niedergelassen hatten, zu einem Zentrum für verschiedene Verschwörungen gegen Medina geworden. Besonders politisch bedeutsam war, dass der christliche Anführer Ukaydir, der mit den Quraisch von Mekka und den Juden von Chaybar verbündet war, begonnen hatte, die Karawanen zu belästigen, die Getreide für Medina transportierten. Der Gesandte (s.a.w.s.) erfuhr, dass die Feinde in Dūmat al-Dschandal ihre Truppen sammelten und Medina angreifen wollten. Im Rabīʿ al-awwal des 5. Jahres nach der Hidschra brach der Gesandte (s.a.w.s.) unverzüglich mit eintausend Soldaten in Richtung dieses Ortes auf. Sobald die Nachricht vom Aufbruch des muslimischen Heeres nach Dūmat al-Dschandal eintraf, zerstreuten sich die Feinde. Der Gesandte (s.a.w.s.) sah keine Notwendigkeit, weiter vorzurücken. Unterwegs bemühte er sich, Verbündete zu gewinnen. In dieser Phase wurde ein Vertrag mit ʿUyayna ibn Ḥiṣn geschlossen. Später unternahm im 7. Jahr nach der Hidschra der ehrwürdige ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAwf einen politischen Missionszug, woraufhin der Stamm Kalb eine positive Haltung gegenüber dem islamischen Staat von Medina entwickelte. Danach wurde während des Tabūk-Feldzugs im 9. Jahr nach der Hidschra über diesem Gebiet das Siegesbanner des islamischen Staates gehisst.

Nun erhielt man die Nachricht, dass Banū al-Muṣṭaliq Vorbereitungen für einen Angriff trafen. Obwohl Burayda al-Aslamī zur Untersuchung entsandt wurde, bestätigte sich, dass die Nachricht zutraf. Daher ergriff der Gesandte (s.a.w.s.) am 3. Schaʿbān militärische Maßnahmen. In äußerst schnellem Tempo gelangte er nach Muraysīʿ (einem Wasserplatz). Der Anführer von Banū al-Muṣṭaliq, al-Ḥārith ibn Ḍirār, war zum Kampf entschlossen. Doch weil der Gesandte (s.a.w.s.) dort überraschend eintraf, zerstreuten sich seine Truppen. Nur die Angehörigen seines eigenen Stammes blieben zurück. Bereits beim ersten Angriff wurde al-Ḥāriths Heer vollständig besiegt. Zahlreiche Tiere wurden als Beute erlangt, und alle Männer und Frauen des Stammes wurden zu Kriegsgefangenen. Unter diesen Gefangenen befand sich eine Frau namens Juwayriya. Sie sprach vor dem Gesandten (s.a.w.s.) das Glaubensbekenntnis und sagte: „Ich bin als Muslimin vor dich getreten.“ Der Gesandte (s.a.w.s.) heiratete sie mit ihrer Zustimmung. Dies hatte zur Folge, dass das muslimische Heer sämtliche Gefangenen von Banū al-Muṣṭaliq mit den Worten freiließ: „Wir können die Verwandten des Gesandten (s.a.w.s.) nicht gefangen halten.“

Gerade in diesem Feldzug gerieten die Heuchler beim Anblick des Sieges des Islam in Wut. Zunächst stifteten sie wegen des Wassers Streit und versuchten, Unruhe zwischen den Muhadschirun und den Ansar zu säen. Auf dem Rückweg versuchten sie, die Ansar dazu aufzuwiegeln, die Muhadschirun aus Medina zu vertreiben. Auf dieser Reise geriet Hazrat Aischa, weil sie vom Tross getrennt worden war, in den Strudel der Verleumdung. All diese Begebenheiten habe ich bereits zuvor geschildert.

Nach der Schlacht von Uhud und vor der Grabenschlacht ereigneten sich all diese kleineren Vorfälle. Diese Maßnahmen mussten ergriffen werden, um die Existenz des Islamischen Staates zu sichern, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten und den verfassungsmäßigen Prozess fortzusetzen. Abgesehen von den Vorfällen im Zusammenhang mit Lehrerdelegationen wurden in all diesen Fällen entweder lediglich Truppen an die Grenze entsandt oder reine Polizeimaßnahmen ergriffen. Zu echten militärischen Auseinandersetzungen kam es nur sehr selten, und sie waren von sehr geringem Umfang. Würde man ihnen durch eine ausführliche Darstellung unnötige Bedeutung beimessen, könnte beim Leser ein falscher Eindruck entstehen. Die tatsächliche Lage war, dass die Gesellschaft Arabiens in zahlreiche größere und kleinere Stämme aufgeteilt war. Jeder Stamm, ja sogar die Zweige eines Stammes, bildete in seinem jeweiligen Bereich eine eigenständige administrative und politische Einheit. Bisweilen rebellierte ein Stamm, während ein anderer einen Angriff oder einen Raubzug vorbereitete. Kaum war das Unwesen des einen unterbunden, erhob sich schon ein anderer. Unter diesen Umständen konnte die Errichtung einer zentralen Verwaltung niemals erfolgreich sein, ohne das Risiko von Konflikten und Auseinandersetzungen mit den verstreut lebenden größeren und kleineren Stämmen einzugehen.

Der dritte große Krieg – der Graben

Obwohl die Quraisch in der Schlacht von Uhud zufällig die Gelegenheit erhalten hatten, den Muslimen eine Lektion zu erteilen, und dadurch scheinbar auch die Niederlage von Badr gerächt hatten, verstanden sie doch sehr wohl, dass sie das Schlachtfeld von Uhud in Wirklichkeit nicht als Sieger verlassen hatten. Sie erkannten auch, dass sie den Islamischen Staat in Medina mit ihrer gegenwärtigen Macht nicht besiegen konnten. Daher verließen sie Uhud mit dem Entschluss, nach einer einjährigen Pause besser vorbereitet und mit mehr Soldaten erneut in den Krieg zu ziehen. Abu Sufyan hatte diesen Entschluss ebenfalls verkündet. Als jedoch ein Jahr vergangen war und sie mit Truppen aus Mekka aufgebrochen waren, kehrten sie wegen der ungünstigen Lage wieder um. Zwischen den Quraisch und dem Islamischen Staat bestand ein großer Unterschied. Das heidnische Lager der Quraisch war seiner Lebenskraft nach erstarrt und schwach; ihm fehlte jede Fähigkeit zur Entwicklung und zum Wachstum. Im Gegenteil, einige seiner Kräfte lösten sich ständig von ihm und neigten sich dem Islamischen Staat zu. Die islamische Kraft in Medina war eine idealistische, zur Verkündung des Glaubens berufene und am Volk orientierte Kraft. Deshalb war sie stets aktiv, geschäftig, im Wachstum begriffen und expansiv. Aufgrund dieses grundlegenden Unterschieds erwies sich der Lauf der Zeit für Medina als vorteilhaft. In jeder Hinsicht – in moralischer Erziehung und charakterlicher Läuterung, in vertraglich begründeten Bündnisbeziehungen, in der Verteidigungskraft, im Wachstum der Bevölkerungszahl und in der Ausweitung des Landbesitzes – wurde Medina immer größer, ausgedehnter und mächtiger. Der Islamische Staat war faktisch in der Lage gewesen, die Handelswege der Quraisch zu unterbrechen. Dadurch geriet Mekka in eine wirtschaftliche Krise. Obwohl der Islamische Staat in den zwei Jahren nach der Schlacht von Uhud vielen Schwierigkeiten ausgesetzt gewesen war, hatte er sich beträchtlich weiterentwickelt. Die Quraisch dagegen waren durch die Verschiebung des Krieges, den sie um ein Jahr vertagt hatten, nun aufgefordert, noch mehr aggressive Kräfte zu sammeln. Für die Quraisch allein war es nicht leicht, die dafür erforderliche große Stärke aufzubringen. Doch die verschiedenen Feinde des Islamischen Staates hatten unter dem Zwang der Umstände einen Weg zur gegenseitigen Einigung gefunden. Die Juden, die aus Medina vertrieben worden waren und sich in Chaibar und Wadi al-Qura niedergelassen hatten, setzten große Anstrengungen daran, die Quraisch zu einem Angriff auf Medina anzustacheln. Ihre Umtriebe begannen sie damit, die Karawanen, die Getreide für Medina transportierten, auf vielfältige Weise zu behindern. Als diese verbannten Juden vom Ausgang der Schlacht von Uhud erfuhren und von Abu Sufyans Entschluss zu einem erneuten Angriff hörten, waren ihr Eifer und ihre Begeisterung nicht mehr zu bremsen. Sie versprachen den kampfkräftigen Banu Ghatafan die gesamte Jahresernte der Dattelplantagen von Chaibar sowie auch künftig einen bestimmten Anteil und stachelten sie zu einem Angriff auf Medina an. Nachdem sie dies erreicht hatten, entsandten sie eine Delegation nach Mekka. Zu dieser Delegation gehörten die bedeutenden jüdischen Führer Salam ibn Abi al-Huqaiq, Salam ibn Mischkam, Huyayy ibn Achtab, Kinana ibn ar-Rabi (Banu Nadir), Hauza ibn Qais und Abu Ammara (Banu Wa’il). Sie versicherten den Quraisch: Wenn ihr den Angriff eröffnet, werden wir euch bis zur vollständigen Vernichtung Muhammads (s.) unsere volle Hilfe und Unterstützung gewähren. Diese Delegation kehrte mit vollkommenem Erfolg aus Mekka zurück und traf auf dem Rückweg auch mit den Banu Ghatafan und anderen Stämmen zusammen. Auch die Quraisch berieten sich mit ihren Verbündeten und Unterstützern und riefen zudem die Ahabis zu Hilfe. Kurz gesagt, diesmal sammelte die heidnische Macht aus ganz Arabien ihre unterstützenden Kräfte.

Unter dem Kommando Abu Sufyans brachen viertausend Soldaten aus Mekka auf. Zu ihnen gehörten dreitausend Reiter und eintausend Kamele. Als dieses Heer Marr az-Zahran erreichte, verließen die Banu Sulaim, die Banu Asad, Fazara, Aschdscha und Banu Murra, allesamt bedeutende Verbündete der Quraisch, ihre jeweiligen Gebiete und schlossen sich dem Heer der Quraisch an. Die Banu Ghatafan brachen unter der Führung von Uaina ibn Hisn auf. Daher bestehen unterschiedliche Angaben darüber, wie groß die Gesamtzahl des Heeres der Quraisch schließlich war. Nach manchen betrug sie sechs- bis siebentausend, nach anderen zehntausend und nach wieder anderen vierundzwanzigtausend. Nach der Mehrheitsmeinung waren es jedoch zehntausend; dies gilt als die vorherrschende Ansicht.

Als der Gesandte (s) sich auf der Reise nach Dumat al-Dschandal befand, erfuhr er bereits von diesen Vorbereitungen. Deshalb kehrte er auch schnell zurück. Eine Beratungssitzung wurde abgehalten. Es wurde beschlossen, den Angriff von Medina aus abzuwehren. Zur Verteidigung der Stadt wurde der Rat von Salman al-Farisi angenommen, nach iranischer Methode einen Graben beziehungsweise einen Schützengraben auszuheben. Dies hatte unter anderem den Vorteil, dass diese neuartige Verteidigungsstrategie die arabischen Angreifer in eine schwierige Lage bringen konnte. Außerdem konnte die Aufgabe, die durch eine hohe und starke Mauer hätte erfüllt werden können, allein durch körperliche Arbeit bewältigt werden. Mit dieser Methode war es möglich, eine große Zahl feindlicher Soldaten durch eine kleine Anzahl von Soldaten aufzuhalten. Der Gesandte (s) ritt selbst zu Pferd hinaus, um den Verlauf des Grabens festzulegen. Die Stadt Medina war an drei Seiten von Häusern sowie von ummauerten Gärten umgeben. Daher war es an diesen drei Seiten überhaupt nicht nötig, einen Graben auszuheben; benötigt wurde er nur an der offenen Nordseite. Es wurde beschlossen, einen halbkreisförmigen Graben anzulegen, der die Harra asch-Scharqiyya und die Harra al-Gharbiyya (die östliche und die westliche steinige Ebene) miteinander verband und bis zum westlichen Rand des Sila-Berges reichte. Der Graben in diesem Abschnitt wurde unter militärischer Leitung ausgehoben. Einige Stämme verlängerten den Graben jedoch aus eigener Initiative noch weiter, um ihre jeweiligen Häuser zu schützen. Dadurch wurde er im Süden westlich des Festplatzes (der Masdschid al-Ghamama) entlanggeführt und in Richtung Quba über eine weite Strecke verlängert. Die dreitausend muslimischen Mujahidin, denen später die unmittelbare Verantwortung für den Kampf übertragen wurde, arbeiteten beim Ausheben des Grabens freiwillig mit. Gruppen von jeweils zehn Männern wurden gebildet, und jeder Gruppe wurde die Aufgabe übertragen, zehn Ellen des Grabens auszuheben. Der Graben wurde ungefähr zehn Ellen breit angelegt. Denn einige feindliche Reiter, die versuchten, ihre Pferde über den Graben springen zu lassen, fielen hinein und starben. Auch seine Tiefe betrug vermutlich nicht weniger als fünf Ellen. Seine Länge belief sich auf dreieinhalb Meilen. Es erfüllt einen mit staunender Verwunderung, wenn man bedenkt, wie die muslimischen Freiwilligen eine derart große Arbeit in nur drei Wochen vollenden konnten. Fast dreihundertachttausend Quadratyard Erde mussten ausgehoben und fortgeschafft werden. Was die Ausrüstung betraf, war die Lage folgendermaßen: Einige Werkzeuge zum Zerschneiden und Ausheben der Erde waren im Rahmen eines Abkommens von den Banu Quraiza ausgeliehen worden. Wegen des Mangels an Körben und Tragkörben trugen nicht nur gewöhnliche Muslime, sondern sogar Männer wie Abu Bakr und Umar (r) die Erde in ihren Umhängen und Gewändern davon. Entlang des Grabens wurden an verschiedenen Stellen hohe Beobachtungsplattformen errichtet. Von diesen Plattformen aus konnten alle Abschnitte des Grabens gleichzeitig überwacht werden.

Kaum war die Aushebung des Grabens einigermaßen abgeschlossen, da traf im Monat Schawwal des fünften Jahres nach der Hidschra das vereinte feindliche Heer am Stadtrand von Medina ein. Die Truppen der Quraisch, der Kinana und der Ahabisch schlugen nahe dem Wadi al-Aqiq bei der Ruma-Quelle ihr Lager auf. Die Ghatafan und die Banu Asad errichteten ihr Lager im Osten, indem sie sich von dem Ort Yambu Nuqma nahe dem Wadi an-Numan bis zum Berg Uhud ausbreiteten. Das muslimische Heer errichtete dagegen sein zentrales Lager mit dem Sila-Berg im Rücken. An dem Ort, an dem sich das Zeltlager des Gesandten (s) befunden hatte, steht noch heute zum Gedenken daran die Masdschid al-Fath.

Obwohl die Feinde des Islam in großer Zahl in Reihen aufgestellt waren, stellte dieser Graben beziehungsweise Schützengraben sie vor ein neues Problem. Eine solche Verteidigungsanlage hatten sie noch nie gesehen. Von dieser Taktik hatten sie überhaupt keine Ahnung. Ihre Pferde und Kamele waren nur bis zum äußeren Rand des Grabens einsatzfähig. Ein oder zwei berittene Soldaten versuchten in übermäßigem Eifer, über den Graben zu springen, fielen jedoch hinein und starben. Sie stürmten aus verschiedenen Richtungen heran. Die Soldaten des muslimischen Heeres traten ihnen jedoch ohne jede Nachlässigkeit sofort entgegen und zwangen die feindlichen Bogenschützen zum Rückzug. Schwerter und Speere waren völlig wirkungslos. Jeden Tag wurden von beiden Seiten einige Pfeile abgeschossen. Eines Tages, nachdem die Feinde die mehrtägige Belagerung leid geworden waren, unternahmen sie einen heftigen Vorstoß. Sie griffen bald von dieser, bald von jener Seite an, doch ohne jeden Erfolg. Schließlich stürmte der berühmte ältere Reiterkrieger der Quraisch, Amr ibn Abd Wudd, voller Leidenschaft vor. Er hetzte Ikrima, den Sohn Abu Dschahls, Hubaira ibn Abu Wahb und Dirar ibn al-Chattab auf und nahm einige Männer der Banu Kinana mit sich. Schließlich fand er eine geeignete Stelle und sprang mit seinem Pferd über den Graben. Ein oder zwei seiner Gefährten gelangten ihm nach und überquerten ebenfalls den Graben. Alle anderen blieben am Rand des Grabens stehen. Nachdem er hineingelangt war, forderte er die Muslime zum Kampf heraus. Ali (r) trat ihm entgegen und schickte ihn, nachdem er ihm eine leichte Verletzung zugefügt hatte, in die Hölle. Dieser eine Tag war für das muslimische Heer so schwer, dass beim Abwehren der aus verschiedenen Richtungen herankommenden Feinde vier Gebete nachgeholt werden mussten.

Die lange Dauer der Belagerung war für die Muslime beunruhigend. Doch auch die Feinde waren dadurch beunruhigt. Nach vielen Beratungen wurde zur Vorbereitung eines endgültigen Angriffs beschlossen, den jüdischen Stamm Banu Quraiza dazu zu bewegen, den mit dem Gesandten (s) geschlossenen Vertrag zu brechen und von innen heraus anzugreifen. Auf Bitte Abu Sufyans übernahm Huyayy ibn Achtab diese Aufgabe. Er traf sich mit Ka’b ibn Asad, dem Anführer der Banu Quraiza, und trug ihm sein Anliegen vor. Ka’b lehnte zunächst ab. Er sagte: „Ich habe Muhammad (s) stets gesehen, wie er seine Versprechen einhielt. Daher wäre es äußerst unmenschlich, sein Versprechen zu brechen.“ Doch Huyayy ibn Achtab wiederholte seine Bitte mit allem Nachdruck und sagte: „Wir sind mit unzähligen Soldaten gekommen. Das gesamte arabische Volk ist mit uns gezogen. Das ganze Heer ist vom Verlangen nach dem Blut Muhammads (s) berauscht. Diese Gelegenheit darf man nicht verstreichen lassen. Nun ist die letzte Stunde des Islam gekommen.“ Kurz gesagt: Die Strategie der Aufwiegelung war erfolgreich. Die Angelegenheit gelangte sofort zu den Muslimen. Der Gesandte (s) untersuchte, ob die Sache wahr war. Auch die Untersuchung bestätigte ihre Richtigkeit. Als eine Gruppe der Gefährten bezeugte, dass die Angelegenheit wahr sei, sprach der Gesandte (s) nur: „Allahu akbar! Hasbunallahu wa ni’mal-wakil.“ („Allah ist größer als alle. Allah genügt uns. Er ist der beste Schutzherr.“)

Die Ausdehnung des Schlachtfeldes, die lange Dauer der Belagerung, der Mangel an Soldaten, die fehlende Ausrüstung, die gewaltige Hungersnot, dazu der Schlafentzug, das Davonlaufen der Heuchler vom Schlachtfeld unter allerlei fadenscheinigen Vorwänden und sogar das Versäumen des Gebets aufgrund der übermäßigen Belastung – all dies war keine gewöhnliche Prüfung. Darüber hinaus breitete sich innerhalb Medinas die Angst vor Verrat aus, und es entstand eine Lage, in der die Banu Quraiza, die mehr als eintausendfünfhundert kampffähige Männer stellen konnten, plötzlich die Rolle eines heimischen Feindes und Schreckgespenstes übernahmen. Es ist heute schwer einzuschätzen, in welchem seelischen Zustand sich die dreitausend Mujahidin befanden, die entschlossen waren, ihr Leben einzusetzen. Abu Bakr as-Siddiq (r) berichtet, dass sich unter uns, nachdem wir diese Nachricht erfahren hatten, die Sorge ausbreitete, unsere Häuser könnten angegriffen und Frauen und Kinder überfallen werden. Aus diesem Grund stiegen wir immer wieder auf den Berg, um nachzusehen, ob etwas geschehen war. Wenn wir unsere Häuser ruhig vorfanden, dankten wir Allah. Der Gesandte (s) entsandte eine Truppe von dreihundert Mujahidin, um die Sicherheit Medinas zu gewährleisten. Das Bild der damaligen Lage, wie es der Koran schildert, lautet:

„Und denkt daran, als sie von oben und von unten auf euch zukamen, als eure Augen starr wurden und die Herzen bis zu den Kehlen emporstiegen und ihr über Allah allerlei Gedanken hegtet.“

(Al-Ahzab 10)

Tatsächlich mussten die Muslime in diesem Ereignis eine derart schwere Prüfung durchstehen, wie sie in keinem der beiden großen vorhergehenden Kriege vorgekommen war. Es stimmt, dass sie im Krieg von Uhud unsägliches Leid erlitten hatten. Doch was damals auch geschah, geschah innerhalb eines einzigen Tages. Dieses Mal jedoch waren die Leiden lang anhaltend, und die Angreifer waren nicht nur die Quraisch, sondern viele weitere. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) das Leid der Muslime sah, ersann er folgenden Plan: Ein Teil der feindlichen Streitkräfte müsse durch Verhandlungen und Versöhnungsbemühungen vom Schlachtfeld abgezogen werden. Er ließ die beiden Anführer der äußerst habgierigen Banu Ghatafan zu sich rufen und sprach mit ihnen. Er unterbreitete ihnen das Angebot, ihnen ein Drittel der gesamten Ernte von Medina zu überlassen, um eine Einigung zu erzielen, und eine Vertragsurkunde wurde bereits ausgearbeitet. Vor der Unterzeichnung hielt er es jedoch für notwendig, den Rat von Saʿd ibn Muʿadh und Saʿd ibn ʿUbadah (den Anführern von Aus und Khazradsch) einzuholen. Er erklärte den beiden: „Ihr seid von einer so großen Zahl von Feinden umzingelt, dass es nicht leicht ist, sie abzuwehren. Daher gibt es keinen anderen Weg, als die Stärke des Feindes zu schwächen.“ Ihr Ehrgefühl erwachte. Sie sagten: „O Gesandter Allahs, als wir noch Ungläubige waren, konnten diese Stämme uns unser Eigentum nicht auf diese Weise nehmen. Und nun, da wir den Islam angenommen haben und stärker geworden sind als zuvor, sollen wir unser Vermögen ihnen auf diese Weise ausliefern? Bei Allah, das kann niemals sein. Wir brauchen einen solchen Vertrag nicht.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) freute sich über diese Antwort außerordentlich. Als er Saʿd den Vertragsentwurf gab, zerriss Saʿd ihn.

Dennoch blieb die schwierige Lage unverändert bestehen. Allah, der Erhabene, ließ plötzlich eine Lösung entstehen. Es war ein erstaunliches Ereignis und das deutlichste Zeichen für die moralische und geistige Wahrhaftigkeit der islamischen Bewegung. In einem derart verheerenden Augenblick trat plötzlich Nuʿaim ibn Masʿud vor. Er kam zum Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und sagte: „O Gesandter Allahs, ich bin Muslim geworden.“ Daraufhin sprach er öffentlich das Glaubensbekenntnis und verkündete damit seinen aufrichtigen Glauben. Dann sagte er: „Da die Feinde noch nichts von meinem Übertritt zum Islam wissen, könnte ich, wenn du es erlaubst, etwas unternehmen, um die Einigkeit zwischen den Quraisch und den Banu Quraiza zu brechen.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) gab ihm die Erlaubnis. Nuʿaim ging zu den Banu Quraiza. Nach einem einleitenden Gespräch sagte er zu ihnen: „Wenn der Sieg errungen wird, ist das natürlich gut. Doch überlegt, was geschehen wird, falls euch eine Niederlage bestimmt ist. Im Falle einer Niederlage werden die Quraisch und Ghatafan alle fortziehen, und ihr allein werdet zum Ziel des Angriffs Muhammads (s.a.w.s.). Sagt daher den Quraisch und Ghatafan, sie sollen einige ihrer Männer als Geiseln bei euch zurücklassen. Wenn sie diese Bedingung erfüllen, arbeitet mit ihnen zusammen; andernfalls trennt euch von ihnen.“ Danach ging Nuʿaim zu den Anführern der Quraisch. Er sagte zu ihnen: „Ich habe einige Informationen, die ich euch unbedingt mitteilen muss. Die Banu Quraiza haben ihre Meinung geändert. Den Beweis dafür werdet ihr schon bald erhalten. Sie werden von euch einige Männer als Geiseln verlangen.“ Daraufhin teilten die Quraisch den Banu Quraiza mit: „Wir können diese lang andauernde Belagerung nicht länger ertragen. Wenn ihr uns nun unterstützt, werden wir einen entscheidenden Angriff führen.“ Die Banu Quraiza verlangten daraufhin, dass einige ihrer Männer als Geiseln zurückgelassen würden. Nun glaubten die Quraisch Nuʿaims Worten und fassten kein Vertrauen mehr zu den Banu Quraiza. Durch diesen Schachzug veränderte sich das Bild der Kriegslage vollständig.

Aufgrund des Risses in der Einigkeit der Feinde des Islam begannen sie große Erschöpfung zu verspüren. Seit fast einem Monat waren sie von zu Hause fort. Ihre Geschäfte hatten erheblichen Schaden erlitten. Bereits viel Geld war ausgegeben worden, ohne dass dies irgendeinen Nutzen gebracht hätte. Zugleich wurde die Versorgung einer derart großen Armee und ihrer Tiere zu einem ernsten Problem. Ein großer Teil der Vorräte der Quraisch fiel unterwegs einer muslimischen Truppe in die Hände. Außerdem verschlechterte sich das Wetter. Die Kälte wurde unerträglich. Bei solchen historischen Ereignissen kann der Einfluss der Naturgewalten äußerst schwerwiegend sein. Ein kleiner Wink des Willens Allahs führt zur endgültigen Lösung eines Problems. Die Geschichte bezeugt, dass Naturgewalten sich bisweilen verbinden und in einer äußerst heiklen Lage die Waagschale zugunsten der Wahrheit senken. Eines Nachts erhob sich plötzlich ein solcher Sturm, dass die Zelte der Angreifer ausgerissen wurden, die Feuer erloschen, Töpfe und Geschirr durcheinandergewirbelt wurden und die Tiere in Panik gerieten. Kurz gesagt: Ihre Begeisterung und ihr Kampfesmut gefroren völlig. Sie gerieten in große Angst und begannen daran zu denken, den Krieg aufzugeben und zu fliehen. Über diese unsichtbare Hilfe sagt Allah:

„Und gedenkt der Gunst Allahs euch gegenüber, als Heerscharen gegen euch anrückten und Wir gegen sie einen Wind und Heerscharen sandten, die ihr nicht gesehen habt.“ (Sure Al-Ahzab 9)

Als Abu Sufyan angesichts der allgegenwärtigen Furcht und Verzweiflung unter den Soldaten erkannte, dass sie nicht mehr lange ausharren konnten, zogen sie plötzlich aus Medina ab. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) sagte: „Die Zeit der Angriffe der Quraisch ist nun vorbei.“ Das bedeutet: Ihre eigene Stärke hatten sie in Badr und Uhud auf die Probe gestellt. Im Graben hatten sie einen gemeinsamen Angriff geführt und dabei Verbündete aus ganz Arabien mitgenommen. Auch dieser Angriff war gescheitert. Da es ihnen künftig nicht mehr möglich sein würde, eine solche Streitmacht zu vereinen, wie sollten die Quraisch künftig noch Krieg führen können? Für spätere Kriege wären noch größere Kräfte erforderlich.

In diesem Krieg gab es auf beiden Seiten nur sehr wenige Verluste. Aufseiten der muslimischen Armee waren es noch weniger. Insgesamt fielen sechs von ihnen als Märtyrer. Unter ihnen befand sich jedoch auch eine außergewöhnliche Persönlichkeit wie Saʿd ibn Muʿadh. Er wurde von einem Pfeil getroffen und starb einige Tage später.

Einige wichtige Lehren aus der Schlacht am Graben

Die lehrreichen Aspekte dieses Krieges sind folgende:

1 – Am stärksten den Glauben stärkend war der todesmutige Eifer und Enthusiasmus der muslimischen Freiwilligen. Sie bewiesen in dieser furchtbaren Lage nicht nur insgesamt größte Geduld und unerschütterliche Standhaftigkeit, sondern vollendeten auch das Ausheben des Grabens auf eine Weise, als hätte eine Schar von Dschinn die Erde gepackt und umgedreht. Dabei sangen sie islamische Lieder.

(Arabisch********)

„Wir sind jene Menschen, die Muhammad die Hand gereicht und gelobt haben, lebenslang Dschihad zu führen.“

Eine andere Gruppe stimmte folgenden Gesang an:

(Arabisch********)

„Die Feinde haben uns angegriffen, um uns vom Weg der Wahrheit abzubringen. Doch wir akzeptieren das nicht.“ Besonders die Worte „akzeptieren es nicht, akzeptieren es nicht“. Wenn diese Worte im Chor mit kräftiger, lauter Stimme gesungen wurden, erfüllte ein unbezwingbarer Entschluss die Luft und den Himmel.“

Ein Grund für ihren Eifer und Enthusiasmus war, dass alles, was sie durch ihren lebenslangen Einsatz bis dahin errungen hatten, bedroht war. Die islamische Bewegung und der islamische Staat von Medina waren für sie das Wertvollste überhaupt. Sie betrachteten es als Glück, dafür ihr Leben, ihr Vermögen und alles, was sie besaßen, zu opfern. Der heilige Kampf und das Streben nach dem umfassenden Wohlergehen der Menschheit in dieser und der kommenden Welt waren die liebste Beschäftigung ihres Lebens. Der zweite Hauptgrund war, dass ihr geliebter Führer nicht nur leibhaftig mit ihnen am Ort des Einsatzes anwesend war, sondern sich aktiv an jeder Arbeit beteiligte. Sobald mit dem Ausheben begonnen wurde, kam der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von seinem Haus zum Arbeitsort; auf einem nahe gelegenen Berg wurde für ihn ein Zelt errichtet, in dem er wohnen konnte. Heute befindet sich an dieser Stelle die „Moschee adh-Dhubab“. Der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war selbst Mitglied einer jener Gruppen, die jeweils aus zehn Personen gebildet worden waren. Es ist weithin bekannt, dass Hazrat Salman al-Farisi zehnmal mehr leisten konnte als jeder andere. Deshalb versuchte jede Gruppe, ihn in ihre Reihen aufzunehmen. Der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beendete diesen Streit, indem er sagte: „Salman gehört zur Gruppe unserer Familie.“ Auf diese Weise wurde Hazrat Salman geehrt und zugleich die Gefahr eines Konflikts zwischen den verschiedenen Gruppen beseitigt. Der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, übernahm sowohl das Ausheben als auch das Wegtragen der Erde. Wenn die Hacke sogar an einem harten Felsen hängen blieb, kam er selbst, um den Felsen zu zerbrechen. Es wird überliefert, dass er eigenhändig zwei solcher Felsen zerbrochen hat.

2 – Wie schwerwiegend der Mangel, die Not und die armselige Lage der Muslime während dieses Krieges waren, habe ich bereits dargelegt. Die Geräte zum Ausheben des Grabens waren von den Banū Qurayza geliehen worden. Nicht einmal Körbe zum Transportieren der Erde standen zur Verfügung. Deshalb benutzte jeder seine eigene Kleidung. Zugleich herrschte ein drückender Mangel an Lebensmitteln. Da dreitausend Menschen ununterbrochen zwei bis drei Wochen mit dem Ausheben des Grabens und weitere zwei bis drei Wochen mit dem Krieg beschäftigt waren und sämtliche landwirtschaftlichen und kommerziellen Tätigkeiten ruhten, war eine wirtschaftliche Krise unvermeidlich. Die muslimischen Mudschahidin arbeiteten bis zur völligen Erschöpfung und fasteten dennoch drei Tage lang ununterbrochen. Auch dies ertrugen alle mit einem Lächeln. Denn der Führer der Muslime, der Gesandte (s.a.), nahm selbst an diesem Fasten teil. Ja, er ertrug sogar größeren Hunger als die anderen. Als jemand kam und zeigte, dass er sich aus den Schmerzen des Hungers einen Stein auf den Bauch gebunden hatte, schob der Gesandte (s.a.) sein Gewand beiseite und zeigte, dass er sich zwei Steine angebunden hatte. Die Eigenschaft der Opferbereitschaft und Hingabe bleibt nur so lange erhalten, wie alle Mitglieder der Gemeinschaft daran teilhaben. Wenn jedoch einige Menschen sich selbst über die Opfer stellen und versuchen, die Verantwortung für Opfer und Hingabe allein den anderen aufzubürden, beginnt diese Eigenschaft aus der gesamten Gemeinschaft zu verschwinden. Besonders die Führer und Verantwortlichen einer islamischen Gemeinschaft sollten sich bemühen, in dieser Eigenschaft allen anderen voraus zu sein.

3 – Die Aufrechterhaltung der Ordnung in der Gesellschaft ist ohnehin eine unverzichtbare Forderung der islamischen Bewegung. Auf dem Schlachtfeld ist es jedoch ohne umfassende Disziplin überhaupt nicht möglich, dem Feind wirksam entgegenzutreten. Der Gesandte (s.a.) hatte bereits vom ersten Krieg an militärische Disziplin gelehrt. Bis zum Grabenkrieg waren diese Erfahrungen erheblich umfangreicher geworden. Daher war die Disziplin im Grabenkrieg sehr fest. Das Ausheben des Grabens wurde unter vollständiger Ordnung und klarer Arbeitsteilung durchgeführt. Außerdem wurden an verschiedenen Stellen Beobachtungsposten errichtet und abwechselnde Wachen eingerichtet, um diese Arbeit zu überwachen und die Kontrolle über das Schlachtfeld aufrechtzuerhalten. Sogar für die gegenseitige Erkennung unter den muslimischen Mudschahidin waren Erkennungszeichen festgelegt worden. Als die Gruppe, die den Verrat der Banū Qurayza untersucht hatte, zurückkehrte und einen Bericht zur Bestätigung der Anschuldigung vorlegte, erstattete auch diese Gruppe ihren Bericht auf verschlüsselte Weise. Die Mitglieder der Untersuchungskommission sagten lediglich: „ʿAdal und Qāra.“ Das heißt: So wie die Leute von ʿAdal und Qāra die Lehrergruppe verraten hatten, hatten auch die Banū Qurayza entsprechend gehandelt. Trotzdem kam es einmal in der Dunkelheit der Nacht versehentlich zu einem Zusammenstoß zwischen zwei Gruppen muslimischer Mudschahidin, wobei ein Mann den Märtyrertod erlitt. Vom Beginn bis zum Ende der Grabenaushebung verließ keiner der aufrichtigen Muslime seinen Arbeitsplatz, ohne den Gesandten (s.a.) um Erlaubnis zu bitten.

4 – Aus dem Weg, den der Gesandte (s.a.) gefunden hatte, um einen Kompromissvertrag mit den Banū Ghatafan zu schließen, lässt sich erkennen, dass es nichts Unvorstellbares ist, wenn man sich zum Schutz der islamischen Bewegung vor gefährlichem Widerstand und zur Schwächung der feindlichen Kräfte gelegentlich etwas zurückziehen oder etwas nachgiebig sein muss. Durch einen langen Konflikt lernt man verschiedenartige Menschen kennen; mit ihnen kann es mitunter notwendig sein, kompromissorientierte Vereinbarungen zu treffen. In der islamischen Bewegung können zahlreiche komplizierte Erfordernisse entstehen, und um diese zu erfüllen, muss sie Umsicht und Weisheit beweisen. Die Fähigkeit, eine Situation zu verstehen und daraus den besten Weg zu finden, sollte eine unverzichtbare Eigenschaft jeder fähigen und scharfsichtigen Führung sein. Grundsätze und Ideale sind das eine, die Vorgehensweise ist etwas anderes. Bei Grundsätzen und Idealen gibt es keinerlei Raum für Nachgiebigkeit oder Kompromisse. Bei der Vorgehensweise hingegen schon. Wer auch bei der Vorgehensweise wie bei den Grundsätzen unter allen Umständen dieselbe Formel anwenden will, ist in der Geschichte häufig nicht in der Lage, irgendeine bedeutende Leistung zu vollbringen.

Es steht jedoch gesondert fest, dass der Gesandte aus Sorge, die Ansār von Medina könnten aus Furcht vor einer unerträglichen Gefahr, die auf sie zukam, in Panik geraten, schon im Voraus nach einer Lösung für ihr Problem gesucht hatte; aus diesem Grund wollte er eine Einigung mit den Ghatafan erreichen. Als die beiden Führer von Aws und Chazradsch Entschlossenheit zeigten, war er jedoch erleichtert.

5 – Bevor der Gesandte (s.a.) diesen Einigungsvorschlag endgültig festlegte, stärkte er durch seine Beratung mit den Führern der Ansār das Prinzip der Schūrā. Auch auf dem Schlachtfeld traf er keine wichtige Entscheidung allein.

6 – Die Rolle, die Nuʿaim ibn Masʿūd bei der Schaffung von Uneinigkeit unter den Feinden spielte, übernahm er mit der Erlaubnis des Gesandten (s.a.). Der Gesandte erteilte ihm diese Erlaubnis auf Grundlage des Prinzips: „Der Krieg ist eine Form der Täuschung.“ Daraus geht hervor, dass man in Konflikten und Kriegen innerhalb der Grenzen unverletzlicher ethischer Normen verschiedene Strategien anwenden kann. Vielmehr können sie unter bestimmten Umständen sogar unausweichlich werden. Wenn man in einer äußerst gefährlichen und riskanten Lage einfach nur in aller Geradlinigkeit als stiller und untätiger Zuschauer dasteht und keine Strategie anwendet, kann daraus ein gewaltiges Unheil entstehen. Wenn man die schwache Überlieferung Ibn Ishaqs nicht zugrunde legt, hatte Nuʿaim ibn Masʿūd eine außergewöhnliche Aufgabe äußerst erfolgreich erfüllt, ohne auch nur eine Lüge zu sagen oder irgendeine moralische Grenze zu überschreiten.

7 – Der Gefährte Salmān al-Fārisī, der zur Gruppe des Gesandten (s.a.) gehörte, berichtet: Während der Ausgrabungsarbeiten stieß ich auf einen gewaltigen Felsen, den ich unter keinen Umständen zerbrechen konnte. Der Gesandte (s.a.) war ganz in der Nähe. Er nahm mir die Hacke ab und begann, Schlag auf Schlag darauf einzuwirken. Nach dem ersten Schlag sagte er: „Für mich ist der Jemen erobert worden.“ Nach dem zweiten Schlag sagte er: „Syrien und Marokko haben sich vor mir verneigt.“ Beim dritten Mal sagte er: „Die östlichen Gebiete (Iran) sind in meinen Besitz gelangt.“ Diese Prophezeiung ist in zweierlei Hinsicht von großer Bedeutung. Erstens zeigt sie, dass der Gesandte (s.a.) von Anfang bis Ende eine klare Vorstellung von den Stufen des Erfolgs der islamischen Bewegung hatte. Zur Bestätigung dieser Vorstellung empfing er auch Offenbarung von Allah. Zweitens bewahrte er selbst unter äußerst widrigen Umständen, als die Kräfte auf ihrem niedrigsten Stand und die Gefahren und Leiden auf ihrem Höhepunkt waren, den festen Glauben daran, dass der Sieg des Islam unausweichlich sei.

Mehr noch: Wir kommen nicht umhin festzustellen, dass der Gesandte (s.a.) von der mekkanischen bis zur medinensischen Zeit so oft verkündete, die arabische und die nichtarabische Welt werde durch den Islam eine schmachvolle Niederlage erleiden, und diese Aussage in allen Kreisen so häufig wiederholt wurde, dass sie zu einem dauerhaften Slogan der islamischen Bewegung geworden war. An anderer Stelle werde ich dieses Thema ausführlich behandeln. Während verschiedener Katastrophen verspottete ein Heuchler namens Muʿattab ibn Quschair diese Prophezeiung und sagte: „Einerseits übergibt uns Muhammad (s.a.) die Schlüssel zum Römischen und zum Persischen Reich, andererseits sieht unsere Wirklichkeit so aus, dass keiner von uns aus Angst das Haus verlassen kann, nicht einmal um zur Toilette zu gehen.“

8 – Obwohl die Frauen und Kinder aufgrund der besonderen Umstände dieses Krieges in die Festung geschickt worden waren, spielten die muslimischen Frauen auch zu dieser Zeit eine herausragende Rolle. Eine Frau namens Raschida war mit einigen Medikamenten und Verbandsmaterial ins Kampfgebiet gekommen und versorgte die Verwundeten hingebungsvoll. Auch die Wunde von Hadhrat Saʿd ibn Muʿadh verband sie. In der Nähe eines Frauenlagers wurde ein jüdischer junger Mann dabei beobachtet, wie er umherstreifte. Die Tante des Gesandten, Hadhrat Safiyya, befand sich gerade dort. Wegen seiner Krankheit war Hadhrat Hassan ibn Thabit dort untergebracht worden. Hadhrat Safiyya sagte Hassan, er solle den Mann festhalten und verprügeln. Als der kranke Hassan sich dazu außerstande erklärte, nahm die wagemutige Hadhrat Safiyya selbst ein Stück Holz, schlug den Mann nieder und tötete ihn. Danach schlug sie ihm auch den Kopf ab und warf ihn aus der Festung hinaus, damit die übrigen Übeltäter gewarnt würden. Nach diesem Vorfall wagte es kein Feind mehr, sich dorthin zu begeben. In der Festung, in der sich Hadhrat Aischa befand, war auch die Mutter von Hadhrat Saʿd ibn Muʿadh. Als Hadhrat Aischa aus der Festung trat und Schritte hörte, blickte sie hinüber und sah, wie Saʿd ibn Muʿadh mit einem Speer in der Hand voller Heldenmut auf das Kampfgebiet zuging. Während er dahinschritt, rezitierte er in sich versunken ein Gedicht:

„Wartet einen Augenblick, lasst noch einen jungen Mann am Kampf teilnehmen,

wenn der Tod unausweichlich ist, warum

sollte man den Tod fürchten?“

Als Saʿds Mutter das Gedicht ihres Sohnes hörte, rief sie laut: „Geh schnell, Saʿd. Du bist ohnehin schon viel zu spät.“ Wenig später wurde Saʿd von einem Pfeil getroffen und erlangte durch diese Verletzung das Martyrium. So wurde der Sinn seines Gedichts Wirklichkeit.

Haben Sie die Gefühle einer muslimischen Mutter gesehen?

9 – Die standhaften Muslime, die in die erschütternden Umstände der Grabenschlacht geraten waren, riefen beim Anblick dieses Tobens von Not und Unglück nicht im Geringsten verängstigt, sondern aus eigenem Antrieb aus: „Dies ist genau jene Situation, von der Allah und Sein Gesandter uns bereits angekündigt haben, dass wir ihr begegnen müssen.“ Tatsächlich ist ein Sieg der Wahrheit auf dieser Welt ebenso wenig möglich, ohne solche gefahrvollen Situationen zu durchqueren, wie man im Jenseits das Paradies erlangen kann. In der Sure al-Ahzab werden solche hingebungsvollen Gläubigen gelobt. Sie sind die eigentliche Lebenskraft und das wahre Kapital der Bewegung.

10 – Über den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ist allgemein bekannt, dass er den Muslimen, um sie in einer eigenständigen Zivilisation zu verankern, das Grundprinzip tief eingeprägt hatte, dass die Nachahmung fremder Völker im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich unerwünscht ist. Stattdessen müssen neue kulturelle Werte im Licht der eigenen Ideale gestaltet werden. Jede kulturelle Strömung muss entsprechend der eigenen islamischen Neigung neu gestaltet werden. Wenn wir jedoch sehen, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die iranische Verteidigungsstrategie des Aushebens eines Grabens bereitwillig übernahm, wird deutlich, dass der Austausch materieller Mittel und Ausrüstung, von Technologien, Ingenieurwissen und technischen Informationen der gesamten Menschheit offensteht. Es ist nicht notwendig, Mittel und Ausrüstung, Technologien, ingenieurtechnische und technische Informationen sowie Methoden, die zu einer bestimmten Zeit wirksam sind, in allen Zeitaltern, Kulturen und Situationen genau in derselben Weise für wirksam zu halten. Ebenso wenig ist es notwendig, all diese Dinge als Scharia oder Sunna zu bezeichnen. In diesen Angelegenheiten sollten notwendige Elemente von anderen Völkern und Kulturen übernommen werden. Für einen islamischen Staat und seine Führung ist es aus islamischer Sicht eine unabdingbare Pflicht, die wirksamsten zeitgenössischen Mittel und Ausrüstungen einzusetzen, die eigene Bevölkerung in technischen Kenntnissen und Technologie voranzubringen, die erfolgreichsten Technologien auch von anderen zu erlernen und selbst neue zu entwickeln.

 

Vom Grabenkampf bis zur Eroberung Mekkas

In den zwei Jahren zwischen dem Grabenkampf und der Eroberung Mekkas fanden einige wichtige politische Maßnahmen und kleinere militärische Feldzüge statt. Um den Verlauf der Ereignisse im Auge zu behalten, ist es sehr wichtig, diese zu betrachten.

Der Stamm Banū Quraiza war das schlimmste Beispiel für die moralische und geistige Verkommenheit des jüdischen Volkes. Schlechte Bräuche und üble Taten waren ihnen zur innersten Eigenschaft und zu einem allgegenwärtigen Charakterzug geworden. Obwohl sie durch den Verfassungsvertrag des islamischen Staates gebunden und dessen Bürger waren, betrieben sie weiterhin jede Art von Verschwörung und stifteten Unruhe. Doch ihr offener Vertragsbruch während des Grabenkampfes und ihr Bündnis mit den eindringenden Feinden war ihre äußerste Tat des Verrats. Diejenigen, die an diesem Verbrechen beteiligt waren, zum Tode zu verurteilen, kann in keiner Zeit und in keinem Land als Unrecht oder Unterdrückung betrachtet werden. Sie hatten keinen Versuch ausgelassen, den Gesandten (s.a.), die islamische Gemeinschaft, die islamische Bewegung und den islamischen Staat in Medina zu zerstören. Daher gab es keinerlei Grund, ihnen keine angemessene Strafe aufzuerlegen. Nachdem die Heere der eindringenden Quraisch und ihrer Verbündeten abgezogen waren, verließen der Gesandte (s.a.) und die muslimischen Freiwilligen am Morgen die Stellungen am Graben und kehrten in ihre jeweiligen Häuser zurück. Der Gesandte (s.a.) legte seine Waffen nieder und nahm ein Bad. Genau zu dieser Zeit erhielt er die Offenbarung: „Brich zum Stamm Banū Quraiza auf.“ Die Kämpfer hatten ihre Kriegskleidung noch nicht einmal abgelegt, als sie zu einem neuen Feldzug gerufen wurden. Das muslimische Heer belagerte diesen verräterischen Stamm. Die Belagerung dauerte ununterbrochen fünfundzwanzig Tage. Selbst in diesem kritischen Augenblick beschimpften sie den Gesandten (s.a.) von oben aus der Festung. Schließlich wurden die Banū Quraiza unruhig. Ihr Anführer Kaʿb ibn Asad unterbreitete den Muslimen mehrere Vorschläge, um seiner Angst zu entkommen. Das muslimische Heer nahm jedoch keinen davon an. Schließlich ergaben sie sich gezwungenermaßen bedingungslos dem islamischen Staat. Nach Beratungen mit ihnen und mit ihrer Zustimmung ernannte der Gesandte (s.a.) Saʿd ibn Muʿādh zum Schiedsrichter. Beide Seiten ermächtigten Saʿd, eine Entscheidung zu treffen. Saʿd urteilte gemäß den Bestimmungen der Tora, des Buches der Juden, dass alle jungen Männer der Banū Quraiza getötet werden sollten. Auf diese Weise wurde die militärische und politische Macht einer intriganten Gruppe gebrochen. Bemerkenswert ist, dass selbst in einem derart bitteren Augenblick ein Angehöriger der Banū Quraiza, ʿUmar ibn Saʿd, den Islam annahm. Dieser rechtschaffene Mann hatte die Banū Quraiza wiederholt davor gewarnt, den Vertrag zu brechen. Doch sie hatten nicht auf ihn gehört.

Nach diesem Ereignis wurde einer der erbittertsten und intrigantesten Feinde des Islam, Abū Rāfiʿ ʿAbdullāh ibn Abū al-Huqaiq (der auch Sallām genannt wurde), von einigen jungen Männern aus dem Stamm Chazradsch in Syrien getötet. Er hatte sich im Grabenkampf große Mühe gegeben, Truppen für die Ungläubigen zu sammeln.

Als Muhammad ibn Maslama al-Anṣārī mit dreißig berittenen Kämpfern an der Grenze auf Patrouille war, kam es zu einem Zusammenstoß mit dem Anführer der Region Nadschd, Thumāma ibn Uthāl. Als der Befehlshaber sah, dass Thumāma in Richtung Medina unterwegs war, nahm er ihn fest und brachte ihn zum Gesandten (s.a.). Er sagte zum Gesandten (s.a.): „O Muhammad, wenn du mich tötest, dann wisse, dass du nur jemanden getötet hast, der den Tod verdient. Wenn du mich aber freilässt, dann wisse, dass du jemanden freigelassen hast, der eine Gunst zu würdigen weiß. Und wenn du Vermögen und Besitz verlangst, wird dir genannt werden, wie viel du möchtest.“ Der Gesandte (s.a.) ließ ihn ehrenvoll frei. Von dieser Gunst tief beeindruckt, nahm er den Islam an. Nach seinem Übertritt bekannte er offen: „Vor heute war mir das Gesicht keines Menschen verhasster als das Gesicht Muhammads (s.a.), und heute ist mir kein Gesicht lieber als seines.“ Auf diese Weise wurde in einer so wichtigen politischen Region wie Nadschd der Weg für den Islam geöffnet. Dieser Thumāma ging nach Mekka und forderte die Quraisch heraus: „Von jetzt an werdet ihr nicht einmal ein einziges Korn Getreide erhalten.“

Um die Angehörigen von Radschība zu bestrafen, die die siebenköpfige Lehrgruppe einschließlich des verehrten Chubaib getötet hatten, erschien der Gesandte (s.a.) mit zweihundert berittenen Kämpfern. Doch sie flohen, und er kehrte ohne jeden Zusammenstoß zurück. Als politische Täuschung schickte der Gesandte (s.a.) zehn Männer bis nach Qarān Naʿīm, damit die Quraisch erkannten, dass Medina äußerst wachsam war.

Eine Tagesreise von Medina entfernt, in Richtung des Gebiets der Banū Ghatafān, befindet sich ein Wasserbecken namens Dhū Qirad. In seiner Nähe lag die Weide für die Kamele und das Vieh der Regierung von Medina. Ein Mann aus ʿUsfān war dort als Hirte eingesetzt. Der Gesandte (s.a.) schickte einen Diener namens Rabāḥ, um Erkundigungen einzuholen. Salama ibn al-Akwaʿ war der militärische Aufseher. Auch er war unterwegs zum Zentrum. Als sie sich am Morgen noch auf dem Weg befanden, überfielen ʿUyayna ibn Ḥiṣn al-Fazārī (oder ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿUyayna) und eine Gruppe von Räubern, die ihn begleiteten, die Kamele und trieben sie fort. Die Räuber töteten den staatlichen Hirten und entführten auch dessen Frau. Als Salama ibn al-Akwaʿ dieses grausame Bild von Mord und Plünderung sah, wandte er sich Medina zu und rief laut „O ihr Gefährten!“. Dann schickte er Rabāḥ, um Hilfe zu holen. Er selbst nahm allein die Verfolgung der Räuber auf. Während er ihnen von hinten zurief und einen Räuber nach dem anderen mit Pfeilen zu Fall brachte, rückte er weiter vor. Wann immer ein Räuber durch einen Pfeil zu Boden ging, rief er: „Ich bin Ibn al-Akwaʿ. Heute zeigt sich, wer wie viel Milch an der Brust seiner Mutter getrunken hat.“ Der Weg war von Bergen umgeben, und ringsum standen Bäume und dichtes Gehölz. Sobald die Räuber zurückblickten, verbarg er sich und schoss Pfeile ab. Mit anderen Worten: Er wandte die Taktik des Guerillakrieges an. Einmal setzte er den Räubern durch Steinwürfe derart zu, dass sie völlig die Orientierung verloren. Zuerst ließen sie die geraubten Kamele frei, dann begannen sie, ihre Umhänge und Waffen wegzuwerfen, um die Last ihrer Körper zu verringern. Währenddessen wurde aus Medina unverzüglich Miqdād ibn ʿAmr geschickt, um Salama zu unterstützen; danach brach der Gesandte (s.a.) selbst mit einem Heer auf. Als einige muslimische Soldaten den Räubern ganz nahe kamen, begannen diese noch schneller zu fliehen. Unter diesen muslimischen Soldaten schien sich Mihrāy ibn Nāẓla, auch Akhram genannt, vielleicht vom Verlangen nach dem Märtyrertod ergriffen zu fühlen. Als er die Räuber allein verfolgte und weit von den anderen fortgelaufen war, begannen die Räuber, gegen ihn zu kämpfen. Akhram wurde zum Märtyrer. Danach tötete Abū Qatāda einen bedeutenden Räuber. Der verehrte Salama ibn al-Akwaʿ setzte die Verfolgung weiter fort, nahm die Pferde an sich und kehrte zurück. Als er zurückkam und den Gesandten (s.a.) traf, sagte er: „Wenn du mir hundert Soldaten mitgegeben hättest, wäre ich zurückgekehrt, nachdem ich sie alle vernichtet hätte.“ Der Gesandte (s.a.) sagte: „Da Allah dich bereits siegreich gemacht hat, sei nun nachsichtig.“ Seht die Tapferkeit und den Mut dieser Gefährten! In jedem von ihnen schien Elektrizität zu fließen. Ihre Rolle und ihr Charakter unterschieden sich völlig von denen gewöhnlicher Randalierer. Sie kämpften mit ganzer Kraft für ein klares Ziel. Ihre Liebe zu diesem Ziel war so groß, dass sie ohne das Versprechen irgendeiner Belohnung ihr Leben riskieren konnten; und in jedem Krieg, in den sie zogen, ließen sie dem Gegner keine Möglichkeit, ihnen ins Auge zu sehen.

Eine Patrouille brach unter der Führung von ʿUkkāsha ibn Ḥiṣn al-Azdī zur Grenzbewachung auf. Es war das Gerücht aufgekommen, dass sich der Stamm Banū Asad versammelte, um Medina anzugreifen. Als das muslimische Heer das betreffende Gebiet erreichte, verschwanden die Verschwörer und verließen ihre Häuser. Die muslimischen Soldaten beschlagnahmten von den Weideplätzen zweihundert ihrer Kamele und brachten sie mit.

Im Monat Rabīʿ al-Awwal des 6. Jahres nach der Hidschra wurde unter der Führung von Muhammad ibn Maslama eine lehrende und zur Daʿwa aufrufende Gruppe zum Stamm Banū Thaʿlaba entsandt. Als sie den Ort Dhū Qussa erreichten, wurden sie nachts im Schlaf getötet. Nur der Anführer Muhammad ibn Maslama überlebte schwer verletzt. Ein Muslim trug ihn auf seinem Rücken nach Medina. Im Monat Rabīʿ ath-Thānī brach Abū ʿUbaida (r.) mit vierundzwanzig Soldaten nachts auf, um die Schuldigen zu bestrafen, und griff am frühen Morgen an. Die Unruhestifter flohen, und ihr gesamtes Eigentum wurde beschlagnahmt.

Zaid ibn Hāritha zog mit einer Patrouille in Richtung Dschamūh, das nahe Batn Nakhlah lag. Dort befand sich eine Siedlung der Banū Sulaim. Sie waren zwei miteinander kämpfende Parteien und ließen keine Gelegenheit aus, einander Schaden zuzufügen. Außerdem hatte eine Frau namens Halīma über sie spioniert. Die Patrouille führte einen leichten Angriff durch, nahm einige von ihnen gefangen und erbeutete etwas Vieh. Später ließ der Gesandte (s.) alle Gefangenen frei, weil Halīma falsche Informationen gegeben hatte.

Zaid ibn Hāritha zog mit einer kleinen Truppe von vierzehn Männern, ihn selbst nicht mitgerechnet, zum Wasserplatz der Banū Salama, um die Schuldigen von Dhū Qussa zu bestrafen. Die Schuldigen flohen, und zwanzig ihrer Kamele wurden beschlagnahmt. Die politische, wirtschaftliche und militärische Bedeutung von Dūmat al-Dschandal haben wir bereits erörtert. Dieser Ort von außerordentlicher strategischer Bedeutung war weiterhin gefährdet. Obwohl der Gesandte (s.) sich zunächst dorthin gewandt hatte, kehrte er zurück, ohne das angestrebte Ziel zu erreichen. Nun wurde ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf zu Daʿwa-Zwecken nach Dūmat al-Dschandal entsandt. Durch seine aufrichtigen Bemühungen nahm zunächst der christliche Anführer des dortigen großen Stammes, Asm ibn ʿAmr al-Kalbī, den Islam an, und mit ihm zusammen auch der gesamte christliche Stamm. Der Stammesführer verheiratete seine Tochter Tamādur mit ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf. Auf diese Weise festigte er seine politischen Beziehungen zum islamischen Staat.

Aus Fadak traf in Medina die Nachricht ein, dass der Stamm Banū Saʿd ibn Bakr militärische Kräfte gesammelt hatte, um den Juden von Chaibar dabei zu helfen, der islamischen Regierung Schaden zuzufügen. ʿAlī (r.) brach mit zweihundert Soldaten äußerst vorsichtig auf. Nachts marschierten sie und tagsüber hielten sie sich verborgen. Unterwegs wurde ein Gesandter der Banū Saʿd auf dem Weg nach Chaibar gefangen genommen. Er überbrachte den Juden von Chaibar die Nachricht, dass Hilfe nur dann geleistet werde, wenn sämtliche Datteln von Chaibar den Banū Saʿd überlassen würden. ʿAlī (r.) führte einen Überraschungsangriff durch und brachte den Feind in Bedrängnis. Sie flohen. Das muslimische Heer erlitt keinerlei Verluste. Außerdem brachten sie das Vieh der Banū Saʿd mit. Ein Zwischenfall hatte sich ereignet: Zaid ibn Hāritha war mit seinem eigenen und dem Vermögen anderer Gefährten zu einer Handelsreise nach Syrien aufgebrochen. Auf dem Rückweg überfielen die Banū Badr bei Wādī al-Qurā ihre Karawane. Da die Zahl der Karawanenleute gering war, töteten die Räuber neun Menschen, verwundeten einen und raubten alle Waren. Schließlich wurde nach zwei Monaten unter der Führung Abū Bakrs eine Truppe entsandt, um die Schuldigen zu bestrafen. Einige der Räuber wurden getötet, die anderen flohen.

Einige Angehörige der beiden Stämme ʿUkl und ʿUraina kamen nach Medina und nahmen den Islam an. Doch sie erkrankten aufgrund des neuen Klimas. Außerhalb Medinas wurden sie auf staatliche Kosten medizinisch behandelt. Nachdem sie wieder gesund waren, entführten sie den staatlichen Hirten, stießen ihm glühende Eisenstäbe in die Augen, ermordeten ihn anschließend grausam und flohen mit den Tieren. Der Gesandte (s.) entsandte unter der Führung von Kirdsch ibn Chālid al-Fihrī eine Gruppe von zwanzig berittenen Soldaten, um sie festzunehmen. Sie wurden gefangen genommen und wegen ihres Abfalls vom Islam, ihres Raubes, Mordes, ihrer kriegerischen Handlungen und Grausamkeiten beispielhaft bestraft. An ihnen wurde gerechte Vergeltung geübt. Andernfalls müsste alles zum Spott werden, wenn irgendjemand es wagen könnte, sich einer gut organisierten und von der Bevölkerung unterstützten Regierung gegenüber derart dreist zu verhalten, und es wäre unmöglich, auch nur einen einzigen Tag lang eine Verwaltung zu führen.

Das bedeutendste Ereignis jener Zeit und zugleich das Ereignis mit den weitreichendsten Auswirkungen auf die politische und verteidigungspolitische Lage war der Vertrag von Hudaybiyya. Der Gesandte (s.) ließ sich im Monat Dhū l-Qaʿda des 6. Jahres nach der Hidschra an dem Ort Hudaybiyya nieder. Dort schloss er mit den Quraisch einen Friedensvertrag und war damit vor dem größten Feind abgesichert; zugleich eröffneten sich umfassende Möglichkeiten für Daʿwa und aufbauende Tätigkeiten. Außerdem wurde es leichter, die Unruhestifter in den an Medina angrenzenden Gebieten zu beseitigen.

Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kehrte im Monat Dhul-Hiddscha von Hudaybiyya nach Medina zurück und brach wenige Tage später, am 7. Muharram, nach Khaybar auf. Khaybar war sowohl ein äußerst aktiver politischer Stützpunkt gegen den islamischen Staat als auch ein Zentrum militärischer Verschwörungen. Die Juden von Khaybar hatten sich nicht nur während der Schlacht von Uhud feindselig gegenüber dem islamischen Staat verhalten, sondern auch in der Grabenschlacht eine äußerst aktive oppositionelle Rolle gespielt. Die Schlacht von Khaybar war tatsächlich ein außergewöhnlicher und groß angelegter Krieg. Ich habe sie jedoch als einen gewöhnlichen Feldzug eingestuft, weil sie weder eine Schlacht von der Größenordnung von Badr, Uhud und der Grabenschlacht noch deren Fortsetzung war. Sie war eine andersartige militärische Operation. Da die Einladung der islamischen Bewegung zu jener Zeit noch nicht in das internationale Zeitalter eingetreten war und in der ersten Phase dieser Einladung andere Völkergruppen und Angehörige anderer Religionen – ebenso wie die Quraisch und die arabische Bevölkerung – noch nicht angesprochen wurden, kam es mit den Juden von Khaybar nicht deshalb zu einem Konflikt, weil sie diese Einladung nicht angenommen hatten; der Konflikt entstand vielmehr aufgrund ihrer politischen Verbrechen. Deshalb wurden sie als Gegner in einem politischen Krieg behandelt. Als sie den Krieg verloren, wurde ihr Gebiet zum eroberten Gebiet erklärt und ihnen der Status von Untertanen verliehen. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, führte diese Art der Behandlung nur in Khaybar ein und nirgendwo sonst. Jedenfalls gab es, nachdem vonseiten der Quraisch keine Gefahr mehr bestand, kein Hindernis für einen Angriff auf Khaybar. Zur Teilnahme wurden nur diejenigen zugelassen, die ausschließlich um Allahs Wohlgefallen willen mit Begeisterung und Eifer am Dschihad mitwirken würden. Bemerkenswert ist, dass sich bei diesem Feldzug auch muslimische Frauen dem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ohne sein Wissen anschlossen. Als er später davon erfuhr, zeigte er sich ihnen gegenüber unzufrieden und fragte: „Warum seid ihr gekommen?“ Als sie erklärten, sie seien gekommen, um die muslimischen Kämpfer zu versorgen und zu unterstützen, stimmte er zu. Später gab er ihnen sogar einen Anteil an der Kriegsbeute. Nachdem er Siba ibn Arafa als vorläufigen Statthalter in Medina eingesetzt hatte, brach der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit vierzehnhundert Soldaten auf. Als er den Ort ar-Radschi erreichte, schlug er dort sein Lager auf. Als die muslimischen Soldaten plötzlich vor den Juden von Khaybar erschienen, flohen diese und suchten Zuflucht in den Festungen. Danach begann der Kampf. Von beiden Seiten wurden Pfeile geschossen, und so ging die Schlacht weiter. Schließlich siegten die Muslime. Der Kampf hatte mit dem Angriff auf die Festung Nata begonnen. Nun wurde die Festung Saʿb belagert. Ein Jude namens Marhab forderte die Muslime heraus. ʿAmir ibn al-Akwaʿ fiel im direkten Kampf gegen ihn als Märtyrer. Dennoch war die Belagerung erfolgreich. Die stärkste Festung war die Festung Qamus. Wegen starker Kopfschmerzen nahm der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nicht am Kampf teil. Durch eine besondere Verkündung entsandte er Hadhrat ʿAli, möge Allah mit ihm zufrieden sein, zu diesem Feldzug. Der jüdische Held Marhab kam voran und sang dabei Kriegslieder. Muhammad ibn Maslama trat mit dem Wunsch vor, den Tod seines Bruders zu rächen, und schlug Marhab das Bein ab. Dann schickte ihn das Schwert Hadhrat ʿAlis, möge Allah mit ihm zufrieden sein, in die Hölle. Nach Marhab kam dessen Bruder Yasir. Gegen ihn trat az-Zubair ibn al-Awwam zum direkten Kampf an und tötete ihn. Nach einer zwanzigtägigen Belagerung fiel diese äußerst wichtige Festung in die Hände der Muslime. Da die Festung unter der Führung Hadhrat ʿAlis erobert worden war, wurde er „der Eroberer von Khaybar“ genannt. Als die Juden aus dieser Festung flohen, wurde Safiyya, die Tochter des berüchtigten Feindes des Islam und jüdischen Anführers Huyayy ibn Akhtab, zusammen mit zwei Cousinen gefangen genommen. Da sie die Tochter eines angesehenen Stammesoberhaupts war, nahm der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sie nach Beratung mit den Gefährten in seinen familiären Schutz auf. Danach versammelten sich die Juden in der Festung az-Zubair. Nachdem sie dort drei Tage lang belagert worden waren, kamen sie heraus und lieferten sich eine heftige Schlacht. Zehn Juden wurden getötet, und einige Muslime fielen als Märtyrer. Schließlich wurde auch diese Festung erobert. Nun blieben noch drei Festungen übrig: al-Qutayba, al-Watih und as-Salim. Die gesamte personelle und finanzielle Stärke der Juden konzentrierte sich in diesen drei Festungen. Das muslimische Heer setzte die Belagerung vierzehn Tage lang fort. Schließlich wurde beschlossen, mit Kanonen Steine zu schleudern. Als die Belagerten davon erfuhren, hatten sie keine andere Möglichkeit mehr. Sie begannen Verhandlungen. Nach den Gesprächen wurde beschlossen, dass sie nur mit ihrem Leben davonkommen dürften. Als sie jedoch darum baten, für die Arbeit auf den Feldern und in den Gärten eingesetzt werden zu dürfen und dort bleiben zu können, zeigte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Großzügigkeit und stimmte zu. Mit ihnen wurde eine Vereinbarung getroffen, wonach sie im Austausch für die Hälfte der Ernte bleiben durften. Als die Bewohner von Fadak davon erfuhren, baten auch sie um eine solche Vereinbarung. Auch ihnen wurde eine gleichartige Vereinbarung gewährt. Während dieses Vorgangs nahmen zwei junge Juden, Huwaysa und Muhaysa, den Islam an.

Während der Belagerung der Festung Nata kam es bei einem schwarzen Hirten namens Aswad aus der Bevölkerung von Khaybar zu einer inneren Wandlung. Er fragte die Juden: „Gegen wen wird gekämpft?“ Sie antworteten: „Gegen einen, der das Prophetentum beansprucht.“ Als er dies hörte, wurde seine Neugier geweckt, und er kam zum Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, um zu fragen: „Worin besteht deine Einladung?“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erläuterte ihm ausführlich den Tauhid des Islam. Aswads Herz und Verstand öffneten sich für den Islam. Er fragte: „Die Herden von Ziegen und Schafen der Juden stehen unter meiner Obhut. Was soll ich mit ihnen tun?“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hätte die Ziegen und Schafe der Juden beschlagnahmen und sie als Versorgung für die muslimischen Soldaten verwenden können. Doch unter diesen Umständen wies er den Hirten Aswad an, die ihm anvertrauten Tiere weiterhin treuhänderisch zu verwalten. Dieser trieb die Ziegen und Schafe gemäß der Anweisung des Gesandten zur Festung, warf Steine nach ihnen und trieb sie so hinein. Danach kehrte er zum Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zurück und fragte: „Was wird im Jenseits mit mir geschehen, wenn ich kämpfe und sterbe?“ Der Gesandte sagte zu ihm: „Du wirst das Paradies erhalten.“ Er kämpfte aufrichtig und erlangte den Märtyrertod.

Ein neubekehrter Beduine nahm am Krieg von Khaybar teil. Als für ihn ein Anteil an der Beute festgelegt wurde, sagte er: „O Gesandter, ich bin nicht aus Gier nach diesen Dingen hinter dir hergekommen. Ich bin gekommen, damit ich auf dem Weg der Wahrheit mein Leben hingeben und das Paradies erlangen kann.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, überbrachte ihm die frohe Botschaft, dass auch dieses Ziel von ihm erreicht werden würde. Daraufhin zog auch er in den Kampf und erlangte den Märtyrertod.

Kurz nach dem Sieg von Khaybar kehrte Hadhrat Jaʿfar ibn Abi Talib, der Bruder Hadhrat ʿAlis, überraschend mit einer großen Zahl von Gefährten aus Abessinien zurück und vereinigte sich mit dem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und den übrigen muslimischen Brüdern. Dadurch vervielfachte sich die Freude über den Sieg von Khaybar.

Huddschadsch ibn ʿIlat as-Sulami, der Besitzer der Minen in dem von den Banu Sulaym bewohnten Gebiet, war bereits während der Belagerung von Khaybar Muslim geworden. Noch bevor der Sieg von Khaybar vollständig errungen war, bat er den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, um Erlaubnis, eilte nach Mekka und überbrachte Hadhrat ʿAbbas, der sich dort aufhielt, die frohe Vorankündigung des Sieges von Khaybar.

Nachdem die Angelegenheit von Chaibar geregelt worden war, marschierten die muslimischen Truppen in Richtung Wadi al-Qura. Auch dies war ein abscheuliches Nest der Feinde des Islam. Neben Juden lebten dort auch einige Araber. Kaum waren die muslimischen Truppen eingetroffen, wurden von vorn Steine auf sie geschleudert, wobei ein Sklave namens Mudaim verletzt wurde. Seitens des Gesandten (s.a.w.) wurde ihnen wiederholt die Einladung zum Islam übermittelt. Doch von der anderen Seite traten immer wieder einzelne Männer hervor, forderten zum Kampf heraus und fielen im Nahkampf mit den muslimischen Truppen. Auf diese Weise kamen nacheinander elf Männer. Dieser Ablauf setzte sich bis in die Nacht fort. Am folgenden frühen Morgen wurde der endgültige Sieg errungen. Danach wurden, entsprechend den früheren Beispielen, auch die Bewohner von Wadi al-Qura in der Landwirtschaft und im Ackerbau eingesetzt, und aus ihrer Mitte wurde ein Verwalter für sie ernannt. Als die Juden von Tayma von dieser Regelung erfuhren, bekundeten sie aus eigenem Antrieb ihr Interesse an einem Friedensvertrag; auch sie wurden auf ihrem Land in der Landwirtschaft eingesetzt.

Von den ausgedehnten fruchtbaren Gebieten, die infolge dieses Eroberungszuges in den Besitz der Muslime gelangten, wurden die Gebiete von Fadak und Chaibar in staatliches Eigentumsland (State Land) umgewandelt. Aus den Erträgen dieses Landes bestritten die Herrscher des Staates den Unterhalt der von ihnen abhängigen Menschen sowie der Bedürftigen der Gesellschaft. Über dieses staatliche Eigentumsland kam es nach dem Tod des Gesandten (s.a.w.) zu einigen Meinungsverschiedenheiten. Doch Hadhrat Abu Bakr as-Siddiq (r.a.) und die vorausschauenden Gefährten beließen diese Ländereien ordnungsgemäß als staatliches Eigentumsland. Die übrigen Ländereien wurden den Muslimen zu Eigentum übertragen und ihre Erträge unter ihnen verteilt.

Unter der Führung Hadhrat Omars zog eine Patrouillentruppe aus, um die Banu Hawazin zu warnen. Daraufhin zerstreuten sich die Banu Hawazin.

Über einen Juden namens Bashir ibn Warik (oder Usair ibn Rizam) war bekannt geworden, dass er die Banu Ghatafan zum Krieg anstiftete. Abdullah ibn Rawaha zog mit einer Truppe aus und überzeugte Bashir schließlich auf irgendeine Weise davon, nach Medina zu gehen und mit dem Gesandten (s.a.w.) zu sprechen. Da die Muslime nur dreißig Mann zählten, nahm auch er vorsichtshalber dreißig Männer mit; auf jedem Kamel ritten gemeinsam ein Jude und ein Muslim. Sobald Bashir in der Dunkelheit nach Abdullahs Schwert griff, schreckte dieser auf, sprang vom Kamel und trat ihm mit gezogenem Schwert entgegen. Als die Gefährten beider Anführer diese Lage sahen, begannen auch sie zu kämpfen, und schließlich wurden alle einunddreißig Juden einer nach dem anderen getötet.

Es war im Monat Muharram des siebten Jahres nach der Hidschra. Man hörte, dass die vier Stämme Banu Ghatafan, Banu Muharib, Banu Tha’laba und Banu Anmar einen Angriff auf Medina vorbereiteten. Der Gesandte (s.a.w.) brach mit vierhundert kampferprobten Muslimen zu einem Feldzug auf. Die Feinde, die in die Angriffverschwörung verwickelt waren, zerstreuten sich. Dieser Feldzug wird „Feldzug von Dhat ar-Riqa“ genannt.

Nach dem Friedensvertrag von Hudaybiyya wurde die Handelsstraße für die Muslime geöffnet. Als Abu Jandal jedoch aus der Gefangenschaft der Quraisch entkam und Mekka verließ, konnte er aufgrund einer strengen Klausel dieses Friedensvertrags nicht nach Medina gehen und lebte daher auf einem syrischen Berg nahe der Meeresküste. Später schlossen sich Abu Basir und andere Muslime ihm an. So bildete sich auf syrischem Gebiet tatsächlich eine muslimische Truppe. Sie griffen eine Karawane der Quraisch an und nahmen ihr Eigentum an sich. Als der Gesandte (s.a.w.) ihnen jedoch befahl, die Güter zurückzugeben, gehorchten sie unverzüglich. Nun erkannten die Quraisch und bereuten, dass sie sich durch die Aufnahme einer derart strengen Klausel in den Friedensvertrag selbst geschadet hatten. Später rief der Gesandte (s.a.w.) Abu Jandal nach Medina.

Als die Banu Maluh die Gefährten Bashir ibn Suwaids getötet hatten, zog Abdullah al-Laythi mit einer Truppe aus, um sie zu warnen. Es kam zu einem kleinen Gefecht, und einige Gegenstände der Feinde wurden beschlagnahmt.

Der Gesandte des Gesandten (s.a.w.) am Hof des römischen Kaisers Heraklius, Dihya al-Kalbi, kehrte mit Geschenken und anderen Gaben nach Medina zurück. Hunaid ibn Iyad al-Dschafari überfiel ihn und raubte ihm alle Geschenke. Um Hunaid, der einen derart abscheulichen Angriff gegen den islamischen Staat verübt hatte, zu bestrafen, wurde unter der Führung von Zaid ibn Haritha eine Truppe entsandt. Hunaid wurde im Gefecht getötet. Seine Gefährten bereuten jedoch und nahmen den Islam an.

Banu Kilab bereitete eine Rebellion vor. Hazrat Abu Bakr Siddiq (r.a.) brach mit seinen Truppen auf, um den Aufstand niederzuschlagen. Nach dem Zusammenstoß wurden die feindlichen Soldaten besiegt und ergriffen die Flucht.

Als in der Region Juhaina die Gefahr einer Rebellion aufkam, wurde Usama ibn Zayd mit einer Truppe entsandt, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Zunächst versuchte er, sie zur Vernunft zu bringen. Doch schließlich kam es zu einem Zusammenstoß. Als Hazrat Usama Suhaik bin Mirdas verfolgte, sprach dieser die Kalima Tayyiba. Usama meinte jedoch, dass er nach seiner Niederlage nur eine List angewandt habe, um sein Leben zu retten. Daher tötete er ihn. Als der Gesandte (s.a.) später davon hörte, war er zutiefst betrübt, denn sein eigentliches Ziel war es gewesen, die Menschen zu bessern, nicht sie zu töten.

Bashir bin Sa’d al-Khazraji wurde mit einer kleinen Truppe entsandt, um die Bewohner von Fāzara und ʿAdhra zur Rechenschaft zu ziehen, die die Juden von Khaibar unterstützt hatten. Bereits in einem kurzen Zusammenstoß wurde der Gegner besiegt.

Nachdem man erfahren hatte, dass Banu Sulaym einen Angriff auf Medina vorbereitete, wurde Ibn Abi al-Awja mit fünfzig Soldaten entsandt. Auch hier war der Feind zahlenmäßig überlegen.

Sie griffen an und machten die gesamte muslimische Truppe zu Märtyrern. Nur der Befehlshaber konnte verwundet Medina erreichen. Auch Ka’b bin Umair al-Ansari wurde mit einer viel zu kleinen Truppe entsandt, um die Rebellion von Banu Kuwaya niederzuschlagen, doch sie machten die gesamte muslimische Einheit zu Märtyrern. Kein einziger Sahabi konnte lebend zurückkehren.

Banu Hawazin hatte mehrere islamfeindliche Kräfte unterstützt. Über sie wurde bekannt, dass sie fünf Manzil von Medina entfernt einen Angriff vorbereiteten. Unter der Führung von Shuja bin Wahb al-Asadi wurde eine kleine Einheit entsandt. Sie musste jedoch keinen Zusammenstoß führen.

Der größere Krieg, der sich in dieser Zeit ereignete, war die Schlacht von Mu’ta. Sie fand im Monat Dschumada al-awwal des achten Jahres nach der Hidschra statt. Da dieser Krieg vollständig gegen eine ausländische Macht geführt wurde, werde ich ihn zusammen mit Tabuk gesondert behandeln.

Über Qais bin Rifā’a wurde bekannt, dass er Truppen für einen Angriff versammelte. Um diese Lage zu beobachten, wurde Abu Hadhara al-Aslami mit einer nur aus zwei Männern bestehenden Einheit entsandt. Durch eine geschickte List versetzte er die feindlichen Soldaten in Angst und Schrecken, zerstreute sie und brachte auch ihre Tiere als Beute mit. Hier kam es zu keinerlei Zusammenstoß.

Es wurde bekannt, dass die Banu Kuzama sich mit anderen verbündet hatten und Vorbereitungen für einen Angriff auf Medina trafen. Amr ibn al-As zog mit dreihundert Soldaten aus, um ihnen entgegenzutreten. Der Ort namens Dhāt as-Salāsil liegt unmittelbar hinter Wādī al-Qurā. Dieser Ort war seit vielen Jahren eine Gefahr für den islamischen Staat. Als sie den vorgesehenen Ort erreichten, stellte sich heraus, dass die Feinde über weit mehr Männer verfügten. Amr ibn al-As ließ durch einen Boten um weitere Soldaten bitten. Unter der Führung von Abu Ubaida ibn al-Dscharrāh trafen unverzüglich weitere zweihundert Soldaten ein. Sobald der Angriff begonnen wurde, flohen die feindlichen Soldaten. Einige von ihnen zurückgelassene Nutztiere wurden als Beute genommen.

Als Abu Qatada und Muhallam ibn Dschuthāma einst auf Patrouille waren, traf Amer ibn al-Adschbat al-Aschdschai zufällig mit einigen Männern auf sie. Sie grüßten sie mit dem islamischen Friedensgruß. Muhallam jedoch hielt ihren Gruß für eine Selbstverteidigungsstrategie und tötete sie alle, da er sie für Feinde hielt. Aus Anlass dieses Vorfalls tadelte der Koran sie folgendermaßen:

Es heißt: Wenn ihr zu einer Patrouille aufbrecht, sollt ihr die Menschen erkennen und niemanden grundlos als Nichtmuslim betrachten, wenn er den Friedensgruß spricht. Der Gesandte Allahs (s.) warnte eindringlich. Später kam der Stammesführer der Nihte mit der Forderung nach dem Blutgeld für den Getöteten. Der Gesandte Allahs (s.) gab ihm sofort fünfzig Kamele und überzeugte ihn nach ausführlicher Beratung, die übrigen fünfzig später entgegenzunehmen.

Im Radschab des achten Jahres nach der Hidschra begab sich Abu Ubaida ibn al-Dscharrāh auf Befehl des Gesandten Allahs (s.) mit drei Soldaten nach Saiful Bahr. Sie patrouillierten lediglich bis zur Meeresküste, hielten sich einige Tage im Küstengebiet auf und kehrten dann zurück. Vermutlich bestand ihr Ziel darin, die Wege zu beobachten und den Quraisch zu zeigen, dass Medina seine Aufmerksamkeit neuerdings auf diese Richtung konzentrierte. Es sei darauf hingewiesen, dass diese Aktivitäten der Muslime nach dem Bruch des Vertrags von Hudaybiyya durch die Quraisch den Weg zur Eroberung Mekkas ebneten.

Der vierte große Feldzug – die Eroberung Mekkas

Bis hierher habe ich die großen Angriffe der Quraisch und anderer islamfeindlicher Kräfte geschildert. Aus dieser Darstellung ist deutlich geworden, dass in all diesen Kriegen – bei Badr, Uhud und dem Graben – die Kräfte der Dschāhiliyya nach Medina kamen und den Angriff führten; sämtliche Auseinandersetzungen fanden in der Umgebung des islamischen Staates in Medina statt. In all diesen Konflikten nahm die Regierung von Medina lediglich eine defensive Haltung ein. Nach der Grabenschlacht hatte der Gesandte Allahs (s.) aufgrund seines politischen Weitblicks und seiner Weisheit äußerst zutreffend vorausgesagt, dass die aggressiven Feldzüge der Quraisch nun beendet seien. Er deutete auch an, dass wir von nun an, so Allah will, die Quraisch angreifen würden. In der Zwischenzeit wurde der Vertrag von Hudaybiyya geschlossen, und die Quraisch unterließen Angriffe auf die Muslime. Der Gesandte Allahs (s.) nutzte diese Gelegenheit: Einerseits ging er entschieden gegen die aufständischen Verräter in Medina vor, andererseits beseitigte er im Norden die festen Machtzentren, welche die Juden errichtet und zu Stützpunkten für militärische Verschwörungen gemacht hatten. Darüber hinaus schlug er jeden noch so kleinen Aufstand, jede militärische Vorbereitung und jede Verschwörung der verschiedenen Stämme so schnell und streng zurück, dass die Lage in Medina weitgehend sicher und bereinigt wurde. Während dieser Unterbrechung zwischen der Grabenschlacht und der Eroberung Mekkas verbreitete sich die überwältigende Macht des islamischen Staates überall, und der Islam zwang alle, seine politische Existenz anzuerkennen. Jeder begann zu erkennen, dass niemand die aufstrebende Kraft der Wahrheit, Gerechtigkeit und Unparteilichkeit beseitigen oder aufhalten konnte. Menschen aller Schichten begriffen, dass die künftige Führung und Herrschaft nicht mehr in den Händen der Quraisch lag, sondern in die Hände Muhammads (s.) übergegangen war.

Nun blieb nur noch ein einziger Weg, um sich endgültig und dauerhaft von der Hand des Feindes zu befreien: das eigentliche Zentrum des Feindes zu beseitigen und die Leuchte der Führung der Dschāhiliyya in ihrem eigenen Haus zu löschen. Um den Verteidigungskampf zu vollenden, war es daher eines Tages unvermeidlich und unausweichlich, einen offensiven Feldzug zu führen. Es war das eigene Verschulden der Quraisch, dass sie selbst den Vertrag von Hudaybiyya brachen und die Mauer von Frieden und Sicherheit zwischen den beiden Seiten zum Einsturz brachten.

Wie bereits erwähnt, bestand zwischen den Banu Bakr und den Banu Khuza’a seit jeher Feindschaft, und die unaufhörliche Folge gegenseitiger Rache und Vergeltung hielt an. Doch plötzlich trat die islamische Bewegung als ein beunruhigendes Problem in Erscheinung. Die Quraisch und andere polytheistische Stämme waren gezwungen, sich allein zum Zweck der Bekämpfung der islamischen Bewegung zu vereinigen. Das Feuer ihrer gegenseitigen Feindschaft wurde vorübergehend erstickt. Als schließlich der Vertrag von Hudaybiyya geschlossen wurde, gingen die Banu Khuza’a unter Berufung auf eine seiner Klauseln ein Bündnis mit dem Gesandten Allahs (s.) ein. Die Banu Bakr dagegen schlossen ein Bündnis mit den Quraisch. Einige Tage vergingen in Ruhe. Doch schließlich explodierte das Pulverfass der alten Feindschaft. Die Banu Bakr hielten diese Zeit des Friedens für eine goldene Gelegenheit, da von keiner anderen Seite ein Konflikt zu befürchten war. Sie töteten einen Angehörigen der Banu Khuza’a. Danach führten sie einen heftigen Angriff und umfangreiche Misshandlungen und Unterdrückung durch. Nicht einmal die Khuza’a, die im Heiligtum Zuflucht gesucht hatten, verschonten sie; selbst während des Gottesdienstes gewährten sie ihnen keine Gnade. Bei diesem Blutvergießen der Banu Bakr unterstützten die Quraisch sie umfassend. Mit diesem törichten Schritt traten sie den Vertrag von Hudaybiyya mit Füßen. Im Namen der Banu Khuza’a ging Amr ibn Salim zum Gesandten Allahs (s.) und beklagte sich über die Übergriffe der Banu Bakr. Danach begab sich Budail ibn Warqa mit einer Delegation zu ihm und schilderte die Misshandlungen. Aufgrund des Bündnisses war es für den Gesandten Allahs (s.) unumgänglich geworden, den Banu Khuza’a zu helfen. Der Gesandte Allahs (s.) stellte den Quraisch drei Forderungen, um die Lage zu normalisieren: Erstens sollten sie den Banu Khuza’a für den Getöteten eine finanzielle Entschädigung zahlen. Zweitens sollten sie ihre Unterstützung der Banu Bakr aufgeben. Drittens sollten sie als Alternative zu den ersten beiden Forderungen die Aufhebung des Vertrags von Hudaybiyya verkünden. Die Quraisch hatten ihr Urteilsvermögen bereits verloren. Daher erklärten sie, die Aufhebung des Vertrags von Hudaybiyya sei für sie akzeptabel. Später bereuten sie dies jedoch.

Nun gerieten die Führer der Quraisch in große Sorge. Die Fähigkeit zu kämpfen hatten sie bereits verloren. In mehreren Schlachten waren ihre wertvollen Krieger gefallen, und ihre militärische Stärke hatte dadurch einen unersetzlichen Schaden erlitten. Auch ihre Wirtschaft war völlig zerrüttet. Ihre jüdischen Verbündeten standen beinahe am Rand des völligen Untergangs. Demgegenüber hatte der islamische Staat von Medina durch seine missionarischen Tätigkeiten seinen Einfluss so weit ausgedehnt, dass sich auch in der Umgebung von Mekka ein Ring von Stämmen gebildet hatte, die den islamischen Staat unterstützten. Auch der Umfang seiner Bündnisse war erweitert worden. Zugleich wurde durch die entschiedene Unterdrückung anarchistischer und aufständischer Kräfte sowie durch die Errichtung eines neuen Verwaltungssystems über ein riesiges Gebiet hinweg Frieden und Ordnung geschaffen. Danach war es für die Quraisch nicht nur schwierig, offensive Schritte zu unternehmen, sondern sogar, sich selbst zu verteidigen. Der Vertrag von Hudaibiya war ihr einziger Schutz. Doch auch diesen Schutz hatten sie selbst aufgehoben und Medina damit gleichsam aufgefordert: „Kommt und bestraft uns für unsere Taten.“

Schließlich machte sich Abu Sufyan, der größte ungläubige Führer Mekkas, verzweifelt nach Medina auf, um den Vertrag zu erneuern. Dort sah er sich einer so widrigen Lage gegenüber, wie er sie sich wohl niemals vorgestellt hatte. Kaum wollte er im Haus seiner Tochter, der Mutter der Gläubigen, Umm Habiba, auf dem Bett Platz nehmen, da eilte seine Tochter herbei, nahm das Bett weg und sagte: „Solange Sie ein Götzendiener sind, dürfen Sie nicht auf dem heiligen Bett des Gesandten Allahs (s.) sitzen.“ Danach suchte er nacheinander führende muslimische Persönlichkeiten wie Abu Bakr, Umar und Ali auf und bat jeden von ihnen um Hilfe. Sogar Fatima bat er, beim Gesandten Allahs (s.) Fürsprache einzulegen. Als auch dies erfolglos blieb, bat er Fatima, ihm zu erlauben, das Kind Hasan als Fürsprecher einzusetzen. Als nichts half, erklärte er sich schließlich, keinen anderen Ausweg sehend, auf den Rat Alis hin in der allgemeinen Versammlung der Muslime einseitig für seine Seite zur Beendigung der Feindseligkeiten und kehrte nach Mekka zurück, ohne eine Antwort des Gesandten Allahs (s.) abzuwarten. Als die Mekkaner ihn nach dem Verlauf seiner Reise fragten und von seiner einseitigen Erklärung hörten, sagten alle: „Ali hat sich über dich lustig gemacht.“ Beachten Sie, wie selbst der Verstand und das Urteilsvermögen von Menschen, die dem Untergang entgegengehen und auf dem falschen Weg sind, zugrunde gehen.

Der Gesandte Allahs (s.) gab unverzüglich bekannt, dass eine muslimische Freiwilligentruppe aufgestellt werden solle. Er ordnete sogar an, in seinem eigenen Haus Waffen herzustellen. Doch ließ er niemanden wissen, wohin und in welche Richtung der diesjährige Feldzug gehen würde. Nicht einmal Aischa erfuhr es, obwohl sie eigenhändig Waffen für den Gesandten Allahs (s.) angefertigt hatte. Die meisten Menschen vermuteten jedoch wahrscheinlich, dass diesmal Mekka angegriffen werden sollte, denn es gab keinen Grund, eine so große Zahl von Soldaten an einen anderen Ort zu führen.

Die Familie des Badr-Kämpfers Hatib ibn Abi Balta’a war noch immer in Mekka von den Ungläubigen umgeben, und kein Stamm hatte ihre Sicherheit übernommen. Deshalb schickte er den Quraisch im Interesse ihres Schutzes einen geheimen Brief mit vollständigen Angaben über die Vorbereitungen in Medina, damit sie sich aus Dankbarkeit für diesen Gefallen bei der Eroberung Mekkas jeder Art von Leid gegenüber seiner Familie enthalten würden. Zugleich war er überzeugt, dass der Sieg der muslimischen Armee trotz der Weitergabe dieser geheimen Informationen sicher sei und sein Brief dem Islam keinen größeren Schaden zufügen könne. Dieses Ereignis zeigt, dass selbst ein äußerst aufrichtiger Mensch unter dem Druck äußerer Umstände und einer seelischen Belastung einen schweren Fehltritt begehen kann. Der Gesandte Allahs (s.) erfuhr durch die Offenbarung von diesem Brief. Die von ihm ausgesandten Kundschafter stellten eine Frau, die nach Mekka unterwegs war, am Ort Rauḍat Chāch und holten den Brief aus ihrem Besitz zurück. Der Gesandte Allahs (s.) vergab diesen so großen Fehler nur deshalb, weil Hatib ein aufrichtiger, gläubiger und rechtschaffener Gefährte sowie ein Badr-Kämpfer war und dieser Fehltritt aus menschlicher Schwäche hervorgegangen war.

Der Gesandte Allahs (s.) brach am 10. Ramadan mit einer gewaltigen Armee von zehntausend Soldaten von Medina auf. Als außergewöhnlich geschickter Feldherr zog er auf derart verschlungenen Wegen voran, dass die Kundschafter der Quraisch, die zur Beobachtung aufgebrochen waren, nicht die geringste Spur der muslimischen Armee finden konnten. Während sie ziellos umherstreiften, traf die muslimische Armee, die alle in Erstaunen versetzte, am Stadtrand von Mekka ein.

Als der Gesandte Allahs (s.) Hadsfa erreichte, kam sein Onkel Abbas mit seiner Familie und schloss sich ihm an. Als sie anschließend Abwa erreichten, erschienen Abu Sufyan ibn al-Harith ibn Abd al-Muttalib – sein leiblicher Cousin und durch seine Amme Halima sein Milchbruder – sowie Abdullah ibn Umaiya – der Cousin mütterlicherseits des Gesandten Allahs (s.) und der Halbbruder der Mutter der Gläubigen, Umm Salama –, und baten um die Erlaubnis, ihn zu treffen. Obwohl er ein enger Verwandter war, hatte er dem Gesandten Allahs (s.) durch seinen Widerstand gegen den Islam so viel Leid zugefügt, dass dieser sich weigerte, ihn zu empfangen. Abu Sufyan sagte verzweifelt: „Wenn ich keine Vergebung erlange, werde ich mit meinen Söhnen und Töchtern in die glühende Wüste Arabiens ziehen, und wir werden alle gemeinsam an Hunger und Durst sterben.“ Umm Salama legte Fürsprache für ihren Bruder ein. Und Ali riet ihnen beiden, in den Worten der Brüder Josefs um Vergebung zu bitten. Daher gingen sie hin und sagten:

„Bei Allah, Allah hat dich uns vorgezogen, und wir waren wahrhaftig schuldig.“ Als der Gesandte Allahs (s.) dies hörte, wurde sein Herz erweicht. Auch er wiederholte die Antwort des Propheten Josef:

„Heute gibt es keinen Vorwurf gegen euch. Möge Allah euch vergeben. Er ist der Barmherzigste der Barmherzigen.“

Als das Heer in „Maruz az-Zahran“ sein Lager aufgeschlagen hatte, befahl der Gesandte Allahs (s.a.w.) im Interesse des größeren Wohls, dass jeder Soldat nachts für sich ein eigenes Feuer entzünden solle. Als führende Männer wie Abu Sufyan ibn Harb, Hakim ibn Hizam und Budail ibn Warqa hinausgingen, um die Lage zu erkunden, waren sie völlig verblüfft, als sie vom Berg aus zehntausend brennende Feuerstellen sahen. Sie dachten: „Was für ein Unglück! Eine derart große Armee ist bis vor die Tore Mekkas gekommen.“ Hadhrat Abbas ging gerade an ihnen vorbei. Als er die Stimme erkannte, rief er Abu Sufyan zu sich und sprach mit ihm. Hadhrat Abbas sagte: „Hadhrat Muhammad (s.a.w.) ist heute mit seinem gesamten Heer hierhergekommen. Heute gibt es für die Quraisch keinen Ausweg mehr.“ Abu Sufyan fragte: „Wie können wir jetzt noch gerettet werden?“ Abbas (r.a.) sagte: „Setz dich hinter mich auf mein Maultier. Du wirst mit dem Gesandten Allahs sprechen.“ Während das Maultier vorwärtsging, fragten die Soldaten bei jedem Schritt: „Wer geht dort?“ Sobald Hadhrat Abbas sich zu erkennen gab, machten sie den Weg frei. Als sie näher kamen, bemerkte Hadhrat Umar (r.a.) sie. Nachdem er Abu Sufyan erkannt hatte, rief er laut: „O Abu Sufyan, heute bist du uns in die Hände gefallen!“ Damit eilte er zum Gesandten Allahs, um die Erlaubnis zu erbitten, ihn zu töten. Auch Hadhrat Abbas trieb sein Maultier an. Hadhrat Umar (r.a.) traf zuerst ein und trug sein Anliegen vor, während Hadhrat Abbas sagte: „Ich habe Abu Sufyan unter meinen Schutz genommen und hierhergebracht.“

Daraufhin fand zwischen dem Gesandten Allahs (s.a.w.) und Abu Sufyan folgendes Gespräch statt:

Der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Nun, Abu Sufyan, glaubst du immer noch nicht, dass es keine Gottheit außer Allah gibt?“

Abu Sufyan: „Wenn es eine andere Gottheit gäbe, hätte sie uns heute gerettet.“

Der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Gibt es etwa noch Zweifel daran, dass ich der Gesandte Allahs bin?“

Abu Sufyan: „Diesbezüglich bestehen noch einige Zweifel.“

Als Hadhrat Abbas die seelische Schwäche Abu Sufyans erkannte, sagte er: „Ach, lass all das beiseite und tritt einfach zum Islam über.“ Bis zum Morgen war der führende Mann von Mekka unter dem Druck der Umstände gezwungen, Muslim zu werden. Inzwischen hielt das islamische Heerlager Abu Sufyan, noch bevor das Heer Mekka erreichte, so geschickt fest, dass er nicht einmal bemerkte, wie das muslimische Heer am Morgen auf dem Weg „Kada“ in die Stadt einmarschierte. Auf Anweisung des Gesandten Allahs (s.a.w.) führte Hadhrat Abbas Abu Sufyan auf einen Berg und ließ ihn dort stehen, damit er das muslimische Heer mit einem einzigen Blick überblicken konnte. Zuerst rückten die Banu Ghifar vor, dann nacheinander die Juhaina, die Buzaim, die Sulaim und schließlich die Truppen der Ansar, jede mit ihrer eigenen Fahne. Abu Sufyan fragte nach der Bezeichnung jeder einzelnen Truppe. Als Saʿd ibn Ubada vorüberging, rief er, von soldatischer Begeisterung ergriffen: „Heute ist der Tag der heftigen Schlacht!“ – „Heute ist der Tag, an dem der Platz der Kaaba freigegeben wird!“ Hinter seiner besonderen Begeisterung und seinem besonderen Schlachtruf stand die Geschichte eines langen Konflikts und erbitterter Auseinandersetzungen. Zuletzt zog das Reittier, das den Gesandten Allahs (s.a.w.) trug, ganz schlicht und natürlich vorbei. Vor ihm trug az-Zubair ibn al-Awwam die Fahne. Als der Gesandte Allahs vom Ruf Saʿd ibn Ubadas hörte, nahm er ihm unverzüglich die Fahne ab und übergab sie dessen Sohn. Danach sagte er: „Heute ist der Tag der Erhabenheit der Kaaba sowie der Tag des guten Benehmens und der Einhaltung von Versprechen.“ Mit diesem einen Satz machte der Gesandte Allahs die Grundsätze seines Siegesfestes deutlich. Er ließ erkennen, dass sein Siegesfest von Anfang bis Ende im Glanz von Barmherzigkeit und Vergebung erstrahlen werde. Danach wurde verkündet: „Wer die al-Masdschid al-Haram betritt, wer im Haus Abu Sufyans Zuflucht sucht und wer keine Waffe trägt, dessen Leben ist sicher. Wenn jedoch jemand ein strafwürdiges Verbrechen begeht, wird er bestraft.“ Abu Sufyan ging selbst durch Mekka und verkündete diese Erklärung laut. Als seine Frau Hind bint Utba hörte, wie die Erklärung des Gesandten Allahs aus seinem Mund erklang, packte sie ihn am Schnurrbart und schrie: „O Banu Kinana, tötet diesen elenden Mann! Was redet er da?“ Hind beschimpfte Abu Sufyan weiterhin.

Als die Leute dies hörten, versammelten sie sich. Abu Sufyan erklärte ihr, dass es nun keinen Zweck mehr habe, solche Dinge zu sagen. Niemand sei jetzt mehr in der Lage, den Vormarsch Muhammads (s.a.w.) aufzuhalten. Als der Gesandte Allahs daraufhin in die Stadt einzog, betrat er sie – ganz im Gegensatz zu den Siegern der ganzen Welt – mit demütig gesenktem Haupt. Seine Stirn schien den Rücken des Reittiers zu berühren. Dabei rezitierte er mit seinen Lippen die Sure al-Fath.

Unterdessen sammelten Ikrima ibn Abu Dschahl, Safwan ibn Umayya und Suhail ibn Amr auf dem Berg Chindama einige törichte Schläger der Quraisch und stachelten sie zu allerlei Untaten an. Auch Himas ibn Qais ibn Chalid schloss sich ihnen an. Zwei Gefährten, Karz ibn Dschabir al-Fihri und Chunais ibn Chalid ibn Rabi, hatten sich vom Heer getrennt und waren auf einem anderen Weg unterwegs. Diese Schläger ermordeten beide. Als Hadhrat Chalid davon erfuhr, vertrieb er sie unverzüglich. Insgesamt wurden zwölf Menschen getötet. Einige, darunter Himas, flohen. Eine weitere kleine Gruppe von Widerständlern zeigte sich in der Stadt. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, davon erfuhr, ließ er durch Hadhrat Abu Huraira die Ansar-Truppen herbeirufen. Er zeigte ihnen diese Szene und sagte: „Seht ihr, was sie für Unsinn treiben?“ Einerseits strömten Barmherzigkeit und Vergebung über, und die siegreiche Macht wollte keinen einzigen Tropfen Blut vergießen. Andererseits zwangen diese bösartigen Menschen das siegreiche Heer, zu den Waffen zu greifen. Da ihm keine andere Möglichkeit blieb, befahl der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Wenn sie versuchen, Widerstand zu leisten, sollen sie vollständig vernichtet werden.“ Als Abu Sufyan von diesem Befehl des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erfuhr, eilte er herbei und sagte flehentlich: „O Gesandter Allahs! Die Macht der Quraisch ist ohnehin schon zerstört. Es soll nicht dazu kommen, dass von ihnen auf der Erde nicht einmal mehr eine Spur zurückbleibt.“ Daraufhin wurde ein kleiner Angriff durchgeführt, und die Übeltäter wurden geschlagen und zerstreut.

Als die Ansar diese Barmherzigkeit sahen, begannen einige von ihnen zu tuscheln: „Seht nur, am Ende ist die Stammesliebe gegenüber dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, doch stärker geworden!“ In Wirklichkeit waren sie gerade wegen ihrer übergroßen Liebe zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stets von der Sorge erfüllt, er könnte sie nach der Eroberung Mekkas verlassen, bei den Bewohnern Mekkas bleiben und sie dadurch der Gesellschaft ihres geliebtesten Menschen berauben. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von dieser Sorge der Ansar erfuhr, sagte er zu ihnen: „Bei Allah, was ihr befürchtet, ist nicht wahr. Ich bin Allahs Diener und Gesandter. Ich bin um Allahs willen und zu euch ausgewandert. Nun seid ihr meine Gefährten in Leben und Tod.“ Als sie dies hörten, wurden die Herzen der Ansar von Gefühlen überwältigt. Sie bedauerten ihre Vermutung, und der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahm ihre Entschuldigung an.

Die Menschen fragten: „Wo werden Sie in der Stadt wohnen? Etwa in Ihrem Elternhaus?“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, antwortete mit schmerzlicher Stimme: „Wo hätte Aqil uns ein Haus gelassen, in dem wir wohnen könnten?“ Das Banner des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wurde in Hudschun (Dschannat al-Mualla) aufgestellt, und es wurde beschlossen, dass er dort bleiben würde. Zunächst ging er zu jenem historischen Ort, dem Chayf, wo er zusammen mit seinem gesamten Stamm die Tage der Belagerung verbracht hatte. Danach erreichte er die Heilige Moschee. Einige seiner engsten Gefährten waren bei ihm. Er küsste den Schwarzen Stein. Mit dem Bogen in der Hand trat er zu jedem in der Heiligen Moschee aufgestellten Götzen und sagte laut: „Die Wahrheit ist gekommen, und das Falsche ist vergangen. Das Falsche muss gewiss vergehen.“ Auf seinen Wink mit dem Bogen stürzte einer der Götzen nach dem anderen um. Dann ließ er den Schlüssel der Kaaba bringen und die Tür öffnen. Im Inneren waren Bilder von Hadhrat Ibrahim und Hadhrat Ismail, Allahs Friede sei auf ihnen, gemalt. Beide hielten Wahrsagelose in den Händen. Er befahl, all dies zu entfernen, und sagte: „Allah vernichte die Ungläubigen. Beide waren Propheten Allahs. Sie haben niemals Glücksspiele gespielt.“ Danach wurden auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auch die anderen seit langer Zeit in der Umgebung aufgestellten Götzen zerschlagen. Anschließend widmete er sich eine Weile dem Gebet und dem Gedenken Allahs. Vor der Heiligen Moschee hatte sich inzwischen eine gewaltige Menschenmenge versammelt. Die Menschen warteten gespannt darauf, das Urteil über ihr Schicksal zu hören. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hielt an sie gerichtet eine Ansprache:

„Es gibt keine Gottheit außer dem einen Allah. Er hat keinen Teilhaber. Er hat Seine Verheißung wahr gemacht. Er hat Seinem Diener geholfen. Er allein hat alle Heere der Ungläubigen besiegt. Heute liegen aller Hochmut, aller Standesdünkel, alle Ansprüche aufgrund von Blutrache und alle finanziellen Ansprüche zu meinen Füßen. Die Ämter der Betreuung der Kaaba und der Versorgung der Pilger mit Wasser bleiben jedoch bestehen.“

„O Quraisch! Allah hat nun den gesamten Hochmut eurer Unwissenheit und allen Dünkel eurer Abstammung zerschmettert. Denn alle Menschen sind Nachkommen Adams, und Adam wurde aus Erde erschaffen.“ Danach rezitierte er einen Vers aus dem Koran:

„O Menschheit, Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Doch bei Allah ist nur derjenige der Geehrteste, der am gottesfürchtigsten und tugendhaftesten ist. Wahrlich, Allah ist Allwissend und über alle Dinge wohlunterrichtet.“

Danach gab er eine rechtliche Erklärung ab:

„Allah hat den Kauf und Verkauf von Alkohol verboten.“

Darauf fragte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm:

„Wisst ihr, wie ich heute mit euch umgehen werde?“

Kaum hatten die Quraisch diesen Satz gehört, zog vermutlich die schwarze Geschichte von zwei Jahrzehnten des von ihnen verübten Unrechts, der Verfolgung, der Grausamkeit und der Barbarei wie ein Film vor ihren Augen vorüber. Ihr Gewissen war vielleicht kurz davor, vor Reue zu zerbrechen. Vielleicht riefen sie, von einem Gefühl äußerster Hilflosigkeit und tiefen Bedauerns erfüllt, aus:

„Wie ein großzügiger Bruder und der Sohn eines großzügigen Bruders.“ Darauf verkündete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm:

„Heute trifft euch kein Vorwurf. Geht, ihr seid frei.“

Kann angesichts der Geschichte der Unterdrückung, Verfolgung und Angriffskriege der Quraisch irgendjemand eine solche Antwort erwarten? Wer jedoch über die Barmherzigkeit und das Erbarmen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Bescheid wusste, hätte gerade eine solche Antwort von ihm erwartet. Jeder andere wäre hochmütig in Mekka eingezogen, hätte für jedes einzelne Geschehen Rache genommen, unter den Gegnern diejenigen herausgegriffen und getötet, die sich in der Vergangenheit auch nur im Geringsten vergangen hatten, in der eroberten Stadt ein Massaker angerichtet und das Eigentum der Menschen sowie die Ehre ihrer Frauen unterschiedslos geplündert. Doch weil der Eroberer der größte Freund und Retter der Menschheit war, bemühte er sich zugleich mit der Einnahme des Landes auch darum, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Sogar die Auswanderer forderte er auf, auf das Eigentum an ihren Häusern und ihrem Besitz zu verzichten. Als er zu Beginn der islamischen Bewegung ʿUthmān ibn Ṭalḥa gebeten hatte, die Tür der Kaaba zu öffnen, hatte dieser dies entschieden abgelehnt. Doch auch nach der Eroberung Mekkas übergab er den Schlüssel der Kaaba bis zum Tag der Auferstehung gerade diesem ʿUthmān. Danach lenkte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Blick in die Vergangenheit und erinnerte ʿUthmān an ein früheres Gespräch: „Eines Tages wird dieser Schlüssel in meine Hand gelangen. Ich werde ihn demjenigen geben, dem ich ihn geben möchte.“ Woher hätte ʿUthmān eine solche Weitsicht nehmen sollen, um den Sinn dieser Worte zu verstehen? Deshalb sagte er: „Wahrscheinlich werden vor jenem Tag alle Quraisch gestorben sein.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Nein, jener Tag wird für die Quraisch ein Tag wahrer Ehre sein.“ Wenn man dieses Gespräch betrachtet, entsteht der Eindruck, dass jeder andere anstelle des Gesandten Allahs, um seine Macht zur Schau zu stellen, den Schlüssel der Kaaba gewiss ʿUthmān weggenommen und ihn jemand anderem übergeben hätte. Doch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wies sogar das Gesuch einer ihm besonders nahestehenden Person aus dem Hause Banū Hāschim, nämlich des geehrten ʿAlī, zurück, den Schlüssel der Kaaba an sich zu nehmen, und ließ ihn für alle Zeiten in den Händen der bisherigen Hüter. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ʿUthmān ibn Ṭalḥa bei der Übergabe des Schlüssels scherzhaft an jenes viele Jahre zurückliegende Gespräch erinnerte, sagte dieser: „Zweifellos bist du der Gesandte Allahs.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Heute ist der Tag des guten Handelns und der Erfüllung von Versprechen.“

Danach bestieg der geehrte Bilāl auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Kaaba und rief den Adhān. Dieser Adhān war gleichsam die Verkündung des Sieges der islamischen Revolution. Von jenem Dach der Kaaba, in der es als Verbrechen gegolten hatte, im Namen der Diener Allahs den Namen Allahs auszusprechen, und bei deren Verteidigung gegen dieses Unrecht der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Gefährten grenzenlose Unterdrückung und Verfolgung ertragen hatten, ertönte nun der Adhān. Und doch konnte ihn keine Macht der Welt aufhalten. Zu dieser Zeit saßen führende Männer wie Abū Sufyān ibn Ḥarb, ʿItāb ibn Usaid und al-Ḥārith ibn Hišām in einer Ecke nahe der Kaaba und dachten über ihre Niederlage nach. ʿItāb sagte voller Unmut: „Es ist gut, dass mein Vater Usaid nicht mehr am Leben war, um den Klang dieses Adhāns zu hören.“ Gleich darauf kam der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihnen und wiederholte ihnen Wort für Wort, was sie gesagt hatten. Darüber schämten sich diese führenden Männer der Quraisch.

Danach ging der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aus Dankbarkeit für die Eroberung Mekkas zum Haus von Umm Hāni, nahm ein Bad und verrichtete acht Gebetseinheiten.

Am Tag nach dem Sieg hielt der Gesandte (s.a.) von der Spitze des Berges Safa aus noch eine Ansprache. Zunächst pries er Allah. Danach erläuterte er kurz die Würde und Heiligkeit des Haram und bestätigte diese für alle Zeiten; außerdem legte er dessen Vorschriften dar. Nebenbei sei erwähnt, dass selbst anlässlich eines derart großen und revolutionären Sieges die ewige Regel zum Schutz von Leben und Besitz in Mekka nur einen einzigen Tag verletzt wurde, und auch dies war nur aus zwingender Notwendigkeit geschehen. Denn einige gedankenlose Schläger aus Mekka hatten ohne die Zustimmung des Gesandten (s.a.) zwei muslimische Soldaten getötet und die Verantwortlichen dadurch gezwungen, sie zu beseitigen. Nachdem diese äußerst kurzzeitige Zwangslage beendet war, verkündete der Gesandte (s.a.) ab dem zweiten Tag die Wiederherstellung der Würde und Heiligkeit des Haram.

Eine allgemeine Amnestie war bereits verkündet worden. Diese Erklärung hatte die Bevölkerung derart überwältigt und beeindruckt, dass niemand mehr den Wunsch zum Widerstand verspürte. Hinsichtlich bestimmter schwerer Verbrechen verkündete er jedoch namentlich, dass die Betreffenden getötet werden sollten, wo immer man sie fände. Es sei erwähnt, dass zur Eroberung Mekkas und zur Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung dort einige Tage lang das Kriegsrecht galt. Das heißt, die gesamte Macht war in den Händen der militärischen Behörden konzentriert. [In einem Gebiet, in dem Krieg herrscht, wird nach islamischem Recht eine gewisse strenge Übergangsverwaltung in den Händen der militärischen Behörden eingerichtet, bevor die gewöhnliche zivile Ordnung vollständig wiederhergestellt ist. In einer solchen Verwaltung unterscheiden sich einige Gesetze und Vorschriften in gewissem Maße von denen der allgemeinen zivilen Verwaltung. Meiner Ansicht nach wird eine solche Verwaltung in der modernen Terminologie als Kriegsrecht oder Martial Law bezeichnet. Das Kriegsrecht wird allgemein unter jeder zivilisierten Regierung und insbesondere aus islamischer Sicht in einem Kriegsgebiet nur für kurze Zeit und im Rahmen einer unabwendbaren Notwendigkeit eingeführt, und zwar gegenüber besiegten nichtmuslimischen Feinden. Wenn heutzutage unter dem Namen des Kriegsrechts die Armee eines Landes die eigene Bevölkerung ihrer Bürgerrechte beraubt und sie über lange, unbestimmte Zeit regiert, handelt es sich um eine völlig andere Regierungsform. Die Regelung, die wir zur Zeit der Eroberung Mekkas als „Kriegsrecht“ bezeichnet haben, hat mit dem heutigen Kriegsrecht nichts gemein. Das in dieser Zeit verbreitete Kriegsrecht und die Militärherrschaft sind aus islamischer Sicht völlig unerwünscht.] Und der Gesandte (s.a.) erließ als Befehlshaber die Anweisung, dass bestimmte Verbrecher getötet werden sollten, wo immer man sie fände. In moderner Terminologie entsprach dies einem Befehl zum „Schießen auf Sicht“. Auf dieser Liste der Verbrecher standen die Namen mehrerer Männer und Frauen. Doch die allgemeine Amnestie des Gesandten (s.a.) rettete auch den meisten von ihnen das Leben. Höchstens vier Verbrecher wurden hingerichtet. Einer wohlüberlegten Ansicht zufolge wurde sogar nur ein einziger Verbrecher hingerichtet. Sein Name war Abd al-Uzza ibn Handhal. Dieser Mann war zunächst Muslim geworden. Zusammen mit einem anderen muslimischen Gefährten wurde er ausgesandt, um Zakāt und Almosen einzusammeln. Unterwegs geriet er mit seinem Gefährten in Streit, tötete ihn und floh mit den Tieren, die als Almosen gegeben worden waren. Außerdem war er in zahlreiche weitere Strafverbrechen verwickelt.

Safwan ibn Umayya war ein weiterer schwerer Verbrecher dieser Art. Er war ein entschiedener Feind der islamischen Bewegung. Zunächst floh er und gelangte auf dem Weg in den Jemen nach Dschidda. Umair ibn Wahb al-Dschumahi erwirkte beim Gesandten (s.a.) seine Begnadigung und brachte ihn aus Dschidda zurück. Später nahm er den Islam an.

Auch Ikrima ibn Abu Dschahl war in den Jemen geflohen. Seine Frau Umm Hakim bint al-Harith (die Tochter des Bruders von Abu Dschahl) wurde selbst Muslimin und erwirkte beim Gesandten (s.a.) die Begnadigung ihres Mannes. Danach ging sie selbst in den Jemen und brachte ihn zurück. Als Ikrima die Nachricht erhielt, dass ihm vergeben worden war, war er völlig erstaunt, dass der Gesandte (s.a.) sogar einem so entschiedenen Feind wie ihm vergeben hatte! Er erschien vor ihm und nahm den Islam an.

Abdullah ibn Sa’d ibn Abi Sarh war einst Muslim gewesen und hatte sogar die Gelegenheit erhalten, als Schreiber der Offenbarung zu dienen. Doch nachdem er vom Islam abgefallen war, begann er, mit den Feinden zusammenzuarbeiten. Er verbreitete sogar die Behauptung: „Die Offenbarung kam eigentlich zu mir. Muhammad (s.a.) hörte sie von mir und ließ sie sich aufschreiben.“ Sein Verbrechen war schwerwiegend. Doch weil Hadrat Uthman wiederholt für ihn Fürsprache einlegte, vergab ihm der Gesandte (s.a.) in seiner Eigenschaft als oberster Herrscher. Nach der Begnadigung blieb er Muslim.

Muqais ibn Sababa drang als Verräter in die islamische Gemeinschaft ein. Später tötete er durch eine List einen Gefährten und floh. Der Grund für diesen Mord war, dass Muqais’ Bruder versehentlich durch die Hand dieses ansarischen Gefährten getötet worden war. Der Gesandte (s.a.) zahlte dafür die Diya, also eine finanzielle Entschädigung. Trotzdem tötete er den ansarischen Gefährten. Neben seinem Abfall vom Islam und seinem Verrat hätte er allein schon wegen dieses Mordes hingerichtet werden können.

Habbār ibn al-Aswad war derjenige, der neben anderen gegen den Islam gerichteten Taten am Tag der Hidschra die Tochter des Gesandten (s.a.), Hadrat Zainab, angegriffen und ihr so großes Leid zugefügt hatte, dass sie eine Fehlgeburt erlitt. Zunächst war er auf der Flucht. Später erschien er von sich aus, bekannte demütig sein Verbrechen und zeigte gegenüber dem Gesandten (s.a.) tiefe Reue. Zugleich nahm er den Islam an. Der Gesandte (s.a.) verkündete: „Ich habe Habbār vergeben.“

Wahschi, der Mörder von Hadrat Hamza, kam zum Gesandten (s.a.) und nahm den Islam an. Der Gesandte hörte von ihm den Bericht über die Ermordung Hamzas. Er vergab ihm. Allerdings riet er ihm: „Komm nicht vor mein Angesicht, denn dadurch werden die Erinnerungen wieder lebendig.“ Auch nachdem dieser Mann den Islam angenommen hatte, konnte er sich nicht von verschiedenen Sünden, insbesondere vom Trinken von Alkohol, lösen.

Der berühmte Dichter der Dschāhilīya, ʿAbdullāh ibn Dschibʿar, bekämpfte einst den Islam mit der Waffe der Dichtkunst und hetzte die Menschen auf. Als er den Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) aufsuchte und den Islam annahm, wurde ihm verziehen.

Auch der Dichter Kaʿb ibn Zuhayr hatte viele Schmähgedichte gegen den Islam und den Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) verfasst. Im neunten Jahr nach der Hidschra kam er mit seinem Bruder und traf den Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam). Später nahm er den Islam an und verfasste als Wiedergutmachung ein historisches, beeindruckendes Gedicht zugunsten des Islam mit dem Titel „Bānat Suʿād“. Der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) verzieh ihm nicht nur, sondern schenkte ihm auch seinen eigenen Umhang.

Während seines Aufenthalts in Mekka vollzog der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) einmal den Tawāf um die Kaaba. Zu dieser Zeit näherte sich Fudāla ibn ʿUmayr heimlich, um ihn zu töten. Der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) ging selbst auf ihn zu und sagte ihm, was er im Sinn hatte. Als Fudāla auf diese Weise ertappt wurde, schämte er sich zutiefst. Er forderte ihn auf, um Vergebung zu bitten, und strich ihm über die Brust. Augenblicklich veränderte sich sein ganzes Leben. Ein Beispiel dafür, dass einem Verbrecher, der den Wunsch gehegt hatte zu töten, auf diese Weise vergeben wurde, findet sich sonst nirgends.

Unter den Frauen war Hind bint ʿUtba die größte Verbrecherin. Sie hatte den Islam nicht nur aktiv bekämpft, sondern sogar den Leichnam von Hamza verstümmelt und dessen Leber gekaut. Um ihr Gesicht zu verbergen, erschien sie mit einem Niqāb vor dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam). Unter dem Druck der Umstände war sie gezwungen, den Islam anzunehmen. Doch selbst in dieser Lage stellte sie dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) auf dreiste Weise höchst ungewöhnliche Fragen. Ihr Gespräch mit dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) verlief folgendermaßen:

Hind: O Gesandter Allahs, welche Verpflichtungen haben Sie uns auferlegt?

Der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam): Ihr sollt Allah niemanden beigesellen.

Hind: Diese Verpflichtung haben Sie den Männern doch nicht auferlegt. Trotzdem akzeptiere ich sie.

Der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam): Ihr sollt nicht stehlen.

Hind: Manchmal nehme ich zwei oder vier Dirham aus dem Vermögen meines Mannes Abu Sufyan. Ich weiß nicht, ob auch das erlaubt oder verboten ist.

Der Gesandte Allahs würde seine eigenen Kinder nicht töten.

Hind: Wir haben sie doch in ihrer Kindheit aufgezogen. Als sie erwachsen waren, habt ihr selbst sie auf dem Schlachtfeld von Badr getötet. Was nun mit ihnen geschehen soll, das wisst ihr selbst.

Es bedarf keiner weiteren Erklärung, was für eine Art der Annahme des Islams das war. Eine solche Anmaßung und Unverschämtheit in einem Gespräch hätte kein anderer geduldet. Sie hatte lediglich die grenzenlose Geduld des Gesandten Allahs ausgenutzt.

Qartana war die Sklavin von Ibn Hanzal. Sie zog umher und sang Schmähgesänge gegen den Gesandten Allahs. Während der Eroberung Mekkas floh sie. Später bereute sie und nahm den Islam an.

In den Überlieferungen von Hadith und Sira finden sich hinsichtlich einiger Frauen und Männer erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Es gibt jedoch keine gesicherten Informationen darüber, dass jemand von ihnen zum Tode verurteilt wurde.

Doch in der Geschichte findet sich im Leben keines anderen Eroberers ein Beispiel dafür, dass er gerade zum Zeitpunkt eines solchen vollständigen Sieges gegenüber derart erbitterten Feinden eine allgemeine Amnestie verkündet hätte.

Ein größerer Sieg als die Eroberung des Landes von Mekka war, dass der Gesandte Allahs an einem erhöhten Ort auf dem Berg Safa saß, während die Menschen in Scharen den Islam annahmen. Von ihnen wurde nicht nur das grundlegende Bekenntnis zu Tauhid und Risalat entgegengenommen, sondern auch das Versprechen, sich insbesondere von bestimmten verbreiteten schlechten Taten und Bräuchen fernzuhalten. Die besonderen Versprechen des Treueeids lauteten wie folgt:

* Ich werde niemanden Allah beigesellen – weder in Seinem Wesen noch in Seinen Eigenschaften, Seiner Anbetung oder Seinen Rechten.

* Ich werde nicht stehlen, keinen Ehebruch begehen, niemanden zu Unrecht töten, keine weiblichen Kinder töten und niemanden verleumden.

* Bei guten Taten werde ich den Anweisungen des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Kräften folgen.

Nachdem der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, etwa fünfzehn Tage – ein oder zwei Tage weniger oder mehr – in Mekka verweilt hatte und anschließend abreiste, ließ er Hadhrat Muʿādh ibn Jabal dort zurück, damit er die Menschen in der islamischen Lebensweise, dem islamischen Glauben, dem islamischen Charakter, dem islamischen Recht und der islamischen Kultur unterwies. In dieser kurzen Zeit vollendete er die Errichtung des islamischen Justizwesens, indem er die islamischen Strafen eigenhändig vollstreckte. Als der Diebstahl einer Frau namens Fāṭima bint Abū al-Asad bewiesen war, vollzog er trotz der Zurückweisung zahlreicher Fürsprachen die historische Handlung, ihr die Hand abzuschlagen. Nach dem Sieg in den Schlachten von Hunayn und Tāʾif kehrte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Mekka zurück, ernannte ʿItāb ibn Usayd zum stellvertretenden Statthalter und setzte für ihn eine tägliche Zulage von einem Dirham fest.

 

Wichtige Lehren aus der Eroberung Mekkas

1. Die Eroberung Mekkas war das wichtigste Ereignis in der Geschichte der islamischen Bewegung. Nach diesem Sieg wurden alle Hindernisse beseitigt, die der Errichtung des Islam im Wege standen. Mekka war das Zentrum der alten unwissenden Führung Arabiens. Solange dieses Zentrum nicht gefallen war, gab es für die islamische Revolution keine Möglichkeit, voranzuschreiten. Als das Banner der unwissenden Führung gesenkt worden war, war die unwissende Gesellschaftsordnung nicht mehr in der Lage, fortzubestehen, und auch die Möglichkeit, dass sich die Menschen um die Unwissenheit scharten, war verschwunden.

Die Eroberung Mekkas beseitigte viele Schwierigkeiten für die breite Bevölkerung. Viele Stämme konnten sich allein deshalb nicht dem Islam zuwenden, weil sie entweder mit den Quraisch in einem Bündnisverhältnis standen oder wirtschaftlich von den Quraisch abhängig beziehungsweise bei ihnen verschuldet waren. Manche waren der sozialen Vorherrschaft und dem Einfluss des religiösen Priestertums der Quraisch hilflos ausgeliefert. Als diese Vorherrschaft der Quraisch beendet war, wer sollte ihnen da noch den Weg versperren? Ihr Weg war frei geworden.

In bestimmten Schichten der unwissenden Gesellschaft hatte sich die Vorstellung verbreitet, dass in Mekka nur derjenige siegreich bleiben könne, dem Allah helfe. Wer nicht auf dem Weg der Wahrheit feststehe, erhalte auch Allahs Hilfe nicht, und in Mekka werde auch sein Siegesruf nicht erklingen. Ein solcher Glaube an diese Vorstellung verstärkte sich besonders nach dem Angriff Abrahas. Die Menschen begannen zu glauben, dass die Quraisch Allahs bevorzugtes Volk seien. Sie sagten, ohne zugunsten des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in den Konflikt mit den Quraisch einzugreifen:

„Lasst Muhammad und seinen Stamm in ihrer jeweiligen Lage. Wenn er über sie siegt, dann muss man erkennen, dass er tatsächlich ein Prophet ist.“ Auf der Grundlage dieses Glaubens begann sich nach der Eroberung Mekkas der Strom der Menschen wie eine über die Ufer tretende Flut dem Islam zuzuwenden. Nicht nur die Bewohner Mekkas, sondern auch Menschen aus den Stämmen der umliegenden Gebiete kamen in Scharen herbei und nahmen freudig den Islam an. Sie begannen, es als ihr größtes Glück zu betrachten, dem islamischen Aufruf zu dienen und Anhänger Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu sein.

Danach war das Feld für die Verbreitung der Einladung zum Islam und seiner Lehren vollständig frei von Hindernissen. Nun konnte sich jeder Muslim der Verbreitung des Islam widmen. Niemand war mehr da, der dies hätte verhindern können.

2. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zum Feldzug gegen Mekka aufbrach, wandte er von Anfang an eine Strategie an, durch die jegliches Blutvergießen verhindert werden sollte. Er setzte seine Reise fort, ohne irgendjemandem sein eigentliches Ziel mitzuteilen. Ohne den Quraisch auch nur die geringste Möglichkeit zu geben, Vorbereitungen zu treffen oder von irgendeiner Seite Hilfe zu erhalten, gelangte er plötzlich bis an den Stadtrand von Mekka. Die gegnerische Kraft, die bereits zuvor geschwächt worden war, war durch diese Überraschung völlig verwirrt. Die seelische Niederlage Abu Sufyans hatte schon viel früher begonnen. Durch eine geeignete Strategie wurde er als Erster in Angst und Schrecken versetzt. Da Abu Sufyan sich unterworfen hatte, bestand für niemand anderen mehr eine Möglichkeit, Widerstand zu leisten. Auch die Tatsache, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einen Befehlshaber allein wegen eines etwas aufrührerischen und provozierenden Schlachtrufs seines Amtes enthoben hatte, diente diesem Zweck. Er wollte den Bewohnern Mekkas Gewissheit geben, dass dieser Tag der Tag der Wiederherstellung der Würde der Kaaba und somit ein Tag vollkommener Ruhe und Sicherheit war.

3. Er, der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vergaß vollständig all die barbarischen Verbrechen der entschiedenen Feinde des Islam, die über mehr als zwei Jahrzehnte hinweg die schlimmsten Verfolgungen gegen ihn selbst, seine geliebten Gefährten und Angehörigen verübt, sie verspottet, schmutzige Abfälle auf sie geworfen, ihnen Hindernisse in den Weg gelegt, sie gefangen genommen, ihre Ermordung geplant, sie aus ihrer Heimat vertrieben und sie ohne jede Provokation angegriffen hatten, und verkündete eine allgemeine Amnestie. Der Zweck seines nachsichtigen und sanften Verhaltens anstelle von Härte liegt auf der Hand. Er war kein weltlicher Eroberer, für den es genügt hätte, einige Menschen durch Gewalt und Zwang zu unterwerfen und sie durch Drohungen und Einschüchterung zu gehorsamen Sklaven zu machen. Er war der Träger eines Aufrufs, einer Mission, einer moralischen Bewegung sowie eines heiligen und reinen Regierungs- und Gesellschaftssystems. Wenn er die Menschen lediglich gewaltsam gefesselt und gezwungen hätte, ihm zu folgen, wäre sein Ziel dadurch nicht erreicht worden. Er brauchte eine Gruppe von Menschen, deren Herz und Verstand sich verändert hatten. Eine solche Veränderung ist ausschließlich durch Vergebung, Barmherzigkeit, Gnade und Sanftmut möglich. Sein Ziel hätte nur dann verwirklicht werden können, wenn die Bewohner Mekkas sich wegen ihrer Vergangenheit schämten und bereuten und bereit waren, ein neues Leben zu beginnen. Für jemanden, dessen Ziel und Leitgedanke die Verwirklichung eines wahren Ideals und einer aufbauenden Revolution ist, wäre keine andere, einem Eroberer entsprechende Politik angemessen gewesen.

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schenkte noch einer weiteren Tatsache Bedeutung. Sie bestand darin, dass die Quraisch, ungeachtet dessen, was sie in der Vergangenheit getan hatten, das erfahrenste und geeignetste Volk waren, um die arabische Nation zu führen. Unter den über ganz Arabien verstreuten Stämmen bildeten sie gewissermaßen eine unauflösliche verbindende Brücke; würde man sie vernichten, wäre für sie nicht leicht ein Ersatz zu finden. Grundsätzlich ist der islamische Grundsatz eine unumstößliche Wahrheit, und es ist unerlässlich, ihn anzuerkennen: Wer im Glauben und in der Wahrhaftigkeit fortgeschrittener ist, ist auch umso geeigneter für die Führung. Doch neben Glaubenstreue und Wahrhaftigkeit sind auch geistige und praktische Fähigkeiten zur Führung eine klare und vernünftige Notwendigkeit. Dafür braucht man Einfluss und Ansehen, Erfahrung in der Verwaltung und im militärischen Oberkommando, strategisches Wissen, Gemeinsinn und Weisheit, die Fähigkeit, Sprache und andere Begabungen einzusetzen, sowie Kenntnis der allgemeinen menschlichen Psyche. Vor allem aber können führende Personen nur dann Erfolg haben, wenn ihre Überlegenheit vom Volk bereits anerkannt ist und ihre Wurzeln tief in der öffentlichen Meinung liegen. Keine Führung kann im luftleeren Raum bestehen. Die Führungsfähigkeit der Quraisch war aus islamischer Sicht deshalb abgelehnt worden, weil sie den Anhängern der Dschahiliyya gehörte. Sobald diese Führung jedoch Anhängerin des Islam wurde und die Eigenschaften von Glaubenstreue und Wahrhaftigkeit erlangte, verwandelte sie sich in einen äußerst wertvollen Schatz. Die Grundsätze, die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach dem Sieg für den Umgang mit den Quraisch festlegte, beruhten auf dem Ziel, dass der islamische Staat und die islamische Bewegung von den Quraisch fähige und erfahrene Führer und Verwaltungsfachleute gewinnen konnten. Wären sie durch Gewalt und entwürdigende Behandlung unterdrückt und zerschlagen worden, hätten sie diesen Bedarf nicht erfüllen können.

4. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, siegreich in Mekka einzog, gab er ein Beispiel für Gottesfurcht, wie man es von keinem weltlichen Staatsmann erwarten kann. Er zog zwar als Sieger ein, doch weder wurden Trommeln und Pauken geschlagen, noch wurde Stolz und Hochmut zur Schau gestellt oder mit lauten Reden große Verdienste beansprucht. Vielmehr sah die Bevölkerung genau das Gegenteil. Dem Befehl entsprechend, „in einer niederwerfenden Haltung“ einzuziehen, wurde das Haupt vor Allah gesenkt. Man sang Loblieder auf Allah. Falls überhaupt ein Schlachtruf ausgesprochen wurde, dann war es ein Ruf nach Allahs Größe und Erhabenheit. Der Gebetsruf, das Gebet und die Bittgebete ließen in Mekka eine Flut von Licht strömen. Kein persönlicher weltlicher Vorteil wurde erlangt; vielmehr ließ man sogar die Besitztümer, die die Quraisch den Auswanderern gewaltsam und durch Unterdrückung und Verfolgung weggenommen hatten, in den Händen der Quraisch. Bedauerlicherweise bezeichneten einige gewissenlose Kritiker die gottesfürchtigen Seiten der islamischen Bewegung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als bloß eigennützig und absichtsvoll. Manche wollten sogar offen beweisen, dass es sich dabei um eine zur Schau gestellte Täuschung handele. Allah bewahre uns davor! Sie bedachten damals nicht, dass bei Menschen, die eine solche Täuschung zur Schau stellen, nach einem umfassenden Erfolg die Maske fällt und ihr wahres Gesicht sichtbar wird. Hätte es sich, Allah bewahre, um politische Taschenspielerei gehandelt, so hätte die Eroberung Mekkas eine solche Gelegenheit geschaffen, dass die Katze aus dem Sack gekommen wäre; und diejenigen, die sich mit „Allah ist der Größte, Allah ist der Größte“ die Kehle heiser schrien, hätten plötzlich begonnen, ihre eigene Größe zur Schau zu stellen. Doch hier war die Lage so, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in seiner ersten Ansprache nach dem Sieg erklärte, der gesamte Verdienst für den Erfolg gebühre Allah. Er sagte, Allah habe Seinem Diener geholfen und ihm den Sieg verliehen.

5. Bei der Eroberung Mekkas verzieh der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nicht nur politische Vergehen, sondern er vergab einigen Personen sogar solche Verbrechen, für die eigentlich die Todesstrafe erforderlich gewesen wäre. Im Licht dieser Beispiele muss man unter rechtlichen Gesichtspunkten die Verhältnisse der modernen Zeit betrachten und prüfen, in welchem Umfang dem Staatsoberhaupt eines islamischen Staates die Befugnis eingeräumt werden kann, Strafen zu mindern oder zu erlassen.

Die Vollendung durch die Eroberung Mekkas

Wenn die Stämme, die in der Umgebung von Mekka lebten, alte Unterstützer und Verbündete der Quraisch waren und nahezu über denselben Einfluss, dasselbe Ansehen und dieselbe Macht verfügten, nicht zusammen mit der Eroberung Mekkas bezwungen worden wären, hätte man die Eroberung Mekkas im eigentlichen Sinne nicht als Sieg betrachten können; und selbst wenn, wäre er nicht von Dauer gewesen. Banū Hawāzin, die Bewohner von Tāʾif und Banū Thaqīf hatten wesentlich dazu beigetragen, die eigene Macht und Autorität der dschāhilitischen Führung Mekkas zu stärken. Genau genommen waren sie verschiedene Äste desselben Baumes. Im Vergleich zu den übrigen Arabern genossen auch diese Stämme in der Umgebung Mekkas den Rang einer Führungsmacht. Gegenüber den Quraisch standen sie allerdings in der zweiten Reihe der Führung. Ihre politischen Bündnisbeziehungen zu Mekka waren ebenfalls sehr alt, und ihre wirtschaftlichen Beziehungen waren eng und tiefgehend. Auch in militärischen Angelegenheiten standen sie einander bei, und kulturell gehörten sie zu den höherstehenden Gruppen. Dass die Eroberung Mekkas ohne Blutvergießen vollendet wurde, geschah geradezu auf wundersame Weise. Andernfalls hätten Banū Hawāzin, Banū Thaqīf und die Bewohner von Tāʾif sich gemeinsam auf den Weg machen müssen, um die Quraisch zu schützen. Wäre es tatsächlich dazu gekommen, hätte sich in der Geschichte Mekkas ein äußerst blutiger Krieg ereignet. Doch die Planung des Gesandten (s.) war so kunstvoll und umsichtig, dass die Bewohner Mekkas keinerlei Unterstützung aus der Umgebung erhielten. Völlig allein und unvorbereitet gerieten sie dem muslimischen Heer gegenüber.

Die Anführer des Stammes Hawāzin hatten bereits im Voraus erahnt, was geschehen würde. Sie verstanden, dass die endgültige Folge des Konflikts, der in Badr begonnen hatte, noch ausstand. Der Bruch des Vertrags von Hudaybiyya durch die Quraisch, die vom Gesandten (s.) übermittelten neuen Bedingungen, die Zurücksendung des Gesandten, der den Vorschlag überbringen sollte, und anschließend Abū Sufyāns erfolgloser Versuch, den Vertrag zu erneuern – die Abfolge all dieser Ereignisse war kein gutes Zeichen. Daher waren die Anführer Hawāzins das ganze Jahr über mit der Sammlung von Kräften beschäftigt. Sie nahmen Kontakt zu verschiedenen Stämmen auf und hatten eine aufgeheizte Stimmung gegen den Islam geschaffen. Als jedoch der Zeitpunkt kam, missverstanden sie das geheimnisvolle Vorgehen des Gesandten (s.). Banū Hawāzin glaubten, der Gesandte (s.) treffe all seine Kriegsvorbereitungen mit ihnen als Ziel. Deshalb sammelten sie in ihrem eigenen Gebiet ein Heer und betrieben die Vorbereitungen mit großem Aufwand.

Doch der Verlauf der Ereignisse nahm entgegen ihren Erwartungen eine ganz andere Wendung. Sie vollendeten ihre Kriegsvorbereitungen und blieben an ihrem Ort sitzen. Unterdessen ereignete sich das gewaltige historische Ereignis des Falls Mekkas mit größter Leichtigkeit. Die Reaktion der anderen Stämme auf die Eroberung Mekkas bestand darin, dass ihre Angehörigen in Gruppen zum Gesandten (s.) kamen und den Islam annahmen. Die Reaktion von Banū Hawāzin und Banū Thaqīf war jedoch eine andere. Einerseits waren sie durch ihre große Mannstärke, ihre wirtschaftliche Kraft und ihre militärische Tüchtigkeit gut organisiert. Andererseits hatte sich durch ihre fortgesetzte Feindseligkeit gegenüber der islamischen Bewegung eine derart unbesonnene Haltung bei ihnen herausgebildet, dass sie gezwungen waren, ihr Vorhaben zu Ende zu führen. Für ihren letzten Kampf sammelten sie zwischen Tāʾif und Mekka, in Awṭās beziehungsweise Hunayn, Truppen. Nur Banū Kaʿb und Banū Kilāb verhielten sich vollständig neutral.

Nachdem der Gesandte (s.) von den Vorbereitungen Banū Hawāzins erfahren hatte, schickte er ʿAbdullāh ibn Abī Hadrad als Kundschafter aus und verschaffte sich genaue Informationen. Nun war es an der Zeit, Kriegsvorbereitungen zu treffen. Zur Deckung des militärischen Bedarfs lieh sich der Gesandte (s.) von ʿAbdullāh ibn Rabīʿa dreitausend Dirham und von dem angesehenen mekkanischen Anführer Ṣafwān ibn Umayya Waffen, insbesondere einhundert Rüstungen. Daraus lässt sich schließen, dass der Gesandte (s.) nicht mit außergewöhnlichen militärischen Vorbereitungen aufgebrochen war. Von Anfang an hatte er nicht an Blutvergießen gedacht. Erst am Ort des Geschehens mussten neue Vorbereitungen getroffen werden. Was für ein beispielloses Ereignis! Der Sieger, der die Quraisch vollständig besiegt hatte, hätte ihnen Geld und Waffen sogar gewaltsam abnehmen können. Obwohl er eine so hohe Stellung innehatte, achtete er so sehr auf die Moral, dass er alles, was er nahm, nur als Darlehen nahm. Gerade dieses moralische Bewusstsein ist ein Kennzeichen der islamischen Bewegung.

Im Schawwāl des 8. Jahres nach der Hidschra brachen zwölftausend muslimische Soldaten von Mekka aus auf. Diesmal entstand in den Herzen dieser muslimischen Soldaten die Haltung: Wir sind nun das Heer, das Mekka erobert hat. Unsere Mannstärke ist gewaltig. Auch unsere Waffenmacht ist größer als je zuvor. Dass eine solche selbstgefällige Haltung den Menschen schwächen kann, bedarf keiner weiteren Erklärung. Dies war ihre menschliche Schwäche. Ihnen war nicht bewusst, dass sie Soldaten jenes Weltenherrschers waren, der nicht einmal das geringste Maß an Hochmut duldet. Hochmut und Selbstgefälligkeit sind eine eiserne Mauer zwischen dem Menschen und Allah. Wegen ihnen besteht keine Aussicht auf Allahs Hilfe. Dabei ist Allahs Hilfe das Lebensblut jedes islamischen Kampfes. Diese Selbstgefälligkeit wurde für kurze Zeit so streng bestraft, dass die Strafe zu einem historischen Gedenken wurde. Der Koran hat dieses Ereignis zu einer bleibenden Quelle der Lehre gemacht.

Es verhielt sich so, dass sich diesmal aus Mekka eine Gruppe neuartiger Soldaten dem muslimischen Heer anschloss. Auch in der unter dem Kommando Khālids ibn al-Walīds stehenden Vorhut waren junge Neubekehrte aufgenommen worden. Sie waren von ihrer Begeisterung derart mitgerissen, dass sie nicht einmal mit den erforderlichen Waffen ausgerüstet waren. Außerdem befanden sich unter ihnen zweitausend „Freigelassene von Mekka“, die zwar der islamischen Regierung ergeben waren, deren islamischer Charakter sich jedoch noch nicht richtig herausgebildet hatte. Die Männer der Gegenseite waren dagegen in der Kriegskunst äußerst erfahren; insbesondere im Bogenschießen hatte niemand in ganz Arabien ihresgleichen. Sie hatten bereits die besten Stellungen auf dem Schlachtfeld besetzt und auf jedem Berg, in den Felsspalten der Berge und in den Engpässen heimlich Bogenschützeneinheiten aufgestellt.

Als gleich zu Beginn des Angriffs von allen Seiten Pfeile abgeschossen wurden, löste sich die Vorhut auf. Zugleich gerieten die muslimischen Soldaten in Panik und zerstreuten sich. Schließlich war die Lage so, dass niemand mehr an der Seite des Gesandten (s.) stand; er stand völlig allein. Dies war einer der seltenen und heiklen Momente im militärischen Leben des Gesandten (s.), in denen die Festigkeit seines Entschlusses, sein Mut, sein Selbstvertrauen und sein Vertrauen auf Allah aufs Neue sichtbar wurden. Mit gewaltigem Mut rief er seine Gefährten und begann, nachdem er vom Rücken seines Reittiers abgestiegen war, mit ernster Stimme zu sagen:

„Ich bin der wahre Prophet; daran ist kein Fünkchen Lüge.[Arabisch*********]

Ich bin, merkt euch das, der Enkelsohn von Abd al-Muttalib.“[Arabisch*********]

Hazrat Abbas rief ganz in der Nähe: „O ihr Ansar! O ihr, die ihr unter dem Baum den Treueid geleistet habt!“ Kaum hörten sie diesen Ruf, eilten die zerstreuten Muslime von allen Seiten herbei und versammelten sich um den überaus tapferen Anführer, den Gesandten (s.a.w.). Danach kämpften sie so heldenhaft, dass sich der Verlauf der Schlacht innerhalb weniger Augenblicke änderte. Siebzig Männer des Feindes wurden getötet. Als ihr Fahnenträger fiel, brach der Kampfgeist ihres gesamten Heeres zusammen. Ein Teil des besiegten Heeres der Ungläubigen floh zur Festung von Awtas und versteckte sich dort. Abu Amir al-Aschari ging mit einer kleinen Gruppe dorthin. Die Feinde waren mehrere Tausend Mann. Abu Amir al-Aschari selbst wurde zum Märtyrer. Seine Gruppe errang jedoch den Sieg.

Taif war ein äußerst gut geschützter Ort, denn die Stadt war ringsum von einer Mauer umgeben. Diese Mauer war instand gesetzt worden, und der für ein ganzes Jahr benötigte Proviant war dort im Voraus eingelagert worden. Außerdem gab es große Mengen an Waffen. Das eigentliche Ziel des Gesandten (s.a.w.) war die Eroberung dieses zentralen Ortes. Er wandte jedoch eine Strategie an, durch die er die Bewohner von Taif zunächst der Unterstützung der Banu Hawazin beraubte. Die besiegten Männer hatten sich jedoch gerade hier versammelt. Der Angriff auf Taif erfolgte aus einer Richtung, aus der die Bewohner von Taif niemals mit einem Angriff gerechnet hatten. Zunächst brach Hazrat Khalid mit einem Heer auf. Später traf der Gesandte (s.a.w.) selbst mit dem gesamten Heer ein. Dies war das erste Mal, dass Kanonen und Panzer zum Durchbrechen einer Festung eingesetzt wurden. (Es sei angemerkt, dass der Gesandte (s.a.w.) einige andere muslimische Kämpfer nach Dschurasch geschickt hatte, damit sie dort im Umgang mit schweren Waffen zum Durchbrechen von Festungen ausgebildet würden. Dschurasch war ein Zentrum zur Herstellung solcher Waffen. Wahrscheinlich befand sich dieses Zentrum in jüdischer Hand.) Doch während die Soldaten von innen mit einem dichten Pfeilhagel beschossen wurden, begann man auch glühende Eisenstangen zu schleudern, um die Belagerungswaffen zu beschädigen. Viele muslimische Kämpfer wurden verwundet und mussten sich zurückziehen.

Vor diesem Hintergrund bat der Gesandte (s.a.w.) Nawfal ibn Muawiya um seine Meinung. Dieser gab eine bemerkenswerte Antwort. Er sagte: „Der Fuchs ist in seine Höhle gekrochen. Wenn man die Bemühungen fortsetzt, wird man ihn gewiss unter Kontrolle bringen. Wenn man ihn jedoch sich selbst überlässt, besteht auch keine große Gefahr, dass er Schaden anrichtet.“ Aufgrund dieses weisen Rates kam der Gesandte (s.a.w.) zu dem Schluss, dass Taif, da ganz Arabien unter den Islam gelangt war, nicht dauerhaft eine andere Haltung einnehmen konnte. Würde man die Stadt jetzt zur Unterwerfung zwingen, entstünden zwei Nachteile. Ließe man sie jedoch in Ruhe, würde die Lage unter den Bewohnern von Taif den Antrieb zu freiwilliger Gefolgschaft wecken. Die Türen ihrer Herzen würden sich der revolutionären Ideologie des Islam öffnen. Deshalb hob er die Belagerung zum größten Wohl sowohl des Islam als auch der Bewohner von Taif auf. Dies ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, wie sehr der Gesandte (s.a.w.) darauf bedacht war, Blutvergießen zu vermeiden. Seine Gefährten sagten: „O Gesandter, sprich einen Fluch über die Bewohner von Taif aus.“ Der Gesandte (s.a.w.) betete: „O Allah, führe die Saqif auf den rechten Weg und schließe sie uns an.“ Für die Bewohner von Taif, die den Gesandten (s.a.w.) einst gesteinigt und blutig geschlagen hatten, sprach er dieses Gebet. Auch dieses Gebet zeugt von seinem barmherzigen Herzen, das den Einsatz von Gewalt nur dann befürwortete, wenn es unumgänglich war. Bei der Verteilung von Vergebung und Barmherzigkeit war dieses Herz jedoch niemals geizig.

In Dschirana fielen 24.000 Kamele, 40.000 Ziegen und 4.000 Ukija Silber als Kriegsbeute in die Hände der Muslime. Ein Fünftel davon wurde gemäß den Bestimmungen des Korans für die bedürftigen Schichten der Gesellschaft und für gemeinschaftliche Bedürfnisse in das Bait al-Mal eingezahlt. Der gesamte Rest wurde unter den Soldaten verteilt. Die Aneignung der Kriegsbeute war einerseits eine ausgezeichnete Methode, die finanziellen und militärischen Kräfte des Feindes zu schwächen; andererseits bot sich dadurch erstmals die Möglichkeit, über Jahrhunderte angesammelte Reichtümer frei zu verteilen, wodurch eine Gelegenheit entstand, die alte wirtschaftliche Ungleichheit zwischen reichen und armen Stämmen zu beseitigen.

Der Koran hat für die Verteilung der Zakat eine Rubrik mit der Bezeichnung „Herzensgewinnung“ oder „Ta’lif al-qulub“ vorgesehen. (Der terminologische Sinn davon ist, mit den erforderlichen finanziellen Mitteln das Ziel zu erreichen, Personen, die im größeren Interesse des Islam und der Muslime gegenüber dem Islam und den Muslimen tolerant oder wohlwollend sein müssen, entsprechend zu gewinnen – Anm. d. Übers.) Unter diese Rubrik gewährte der Gesandte (s.a.w.) den Bewohnern von Mekka und ihren Führern großzügig große Mengen an Geld und Besitz. Damit sollte ihr innerer Schmerz gelindert werden. Sie waren vom Himmel politischer Macht in die tiefste Tiefe gestürzt, und das gesamte gesellschaftliche Umfeld hatte sich für sie völlig verändert. Unter diesen Umständen gab es auf der Welt niemanden, der so elend und hilflos war wie sie. Obwohl sie dem Gesandten (s.a.w.) nahestanden, mussten sie in den hinteren Reihen stehen, während die Ansar und die Muhadschirun als seine rechte und linke Hand neben ihm standen; leicht lässt sich verstehen, was sie dabei empfunden haben mögen. Allahs Gericht verkündete das Urteil in einem Prozess, der seit zwei langen Jahrzehnten anhängig gewesen war. In diesem Prozess hatten die Quraisch trotz aller Anstrengungen verloren. Daher gab es an jenem Tag niemanden, der elender war als sie. Wenn man nichts getan hätte, um sie ihre Schande und Verzweiflung über die Niederlage vergessen zu lassen, wäre aus ihrer Verzweiflung immer wieder ein verborgenes Verlangen nach Rache erwacht, und unter dem Deckmantel widerwilliger, bloß zur Schau gestellter Loyalität hätten sie weiterhin die Ziele und Absichten des islamischen Staates im Inneren sabotiert. Führende Männer der Quraisch wie Abu Sufyan, Hakim ibn Hizam, Nadr ibn al-Harith, Safwan ibn Umayya, Aqra ibn Umayya und Aqra ibn al-Harith empfingen nun Geschenke gerade von dem Mann, den sie viele Jahre lang beschimpft, einen Lügner genannt, verspottet, körperlich gequält, belagert, zu töten versucht, zum Verlassen seiner Heimat gezwungen und selbst nach seiner Auswanderung durch aggressive Angriffe keinen Augenblick in Frieden und Sicherheit gelassen hatten. Wo hat man je einen so erstaunlichen Anblick gesehen? Wie viele Beispiele eines solchen Dienstes an der Menschheit findet man in der Geschichte?

Als die Ansar sahen, wie ein solches stürmisches Meer der Freigebigkeit und Großherzigkeit über die Führer der Quraisch hereinbrach, löste dies bei einigen von ihnen eine gewisse Missstimmung aus. In manchen von ihnen kamen minderwertige Gefühle auf. Sie dachten, vielleicht erweise der Gesandte (s.a.w.) ihnen wegen familiärer Verbundenheit und seiner Liebe zur Heimat so viel Ehre und Aufmerksamkeit und vernachlässige uns. Einige sagten offen: „Wenn es darum geht, unter Einsatz unseres Lebens für den Schutz des Islam zu kämpfen, sind doch wir es, die an vorderster Stelle stehen, und von unseren Schwertern tropft noch immer Blut. Doch bei Geschenken und Zuwendungen erhielten die Quraisch den Vorrang vor uns.“

Diejenigen, in deren Köpfen solche Gedanken wimmelten, hielten es nicht für nötig, darüber nachzudenken, dass der Gesandte (s.a.w.) diese Geschenke und Zuwendungen weder seinen eigenen Familienangehörigen noch seinen nahen Verwandten unter den Muhadschirun gab und auch selbst nichts davon nahm. Wenn den Quraisch unter diesen Umständen eine besondere Behandlung zuteilgeworden war, dann musste dahinter gewiss ein größeres Wohl liegen.

Als der Prophet davon erfuhr, wurde ein Zelt aufgeschlagen, und dorthin wurden die Ansar gerufen. Der Gesandte Allahs hielt vor ihnen eine kurze, ergreifende Ansprache. (Diese Ansprache wurde bereits zuvor zitiert.) Der letzte Satz dieser Ansprache lautete: „O Ansar! Ist es euch etwa nicht recht, dass die anderen mit Kamelen und Ziegen fortziehen, während ihr Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) mitnehmt?“ Während sie diese Ansprache anhörten, waren die Bärte der Ansar von ihren Tränen nass. Als sie den letzten Satz hörten, riefen sie laut: „Für uns genügt allein Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm).“ Danach erklärte er ihnen mit sanften Worten, aus welchen Gründen es notwendig geworden war, die Herzen der Quraisch zu gewinnen.

Unterdessen warteten sechstausend Kriegsgefangene darauf, dass über ihr Schicksal entschieden wurde. Der Gesandte Allahs wartete volle zwei Wochen, ob jemand kommen und in ihrer Angelegenheit ein Wort einlegen würde. Deshalb hatte er auch die Aufteilung der Kriegsbeute aufgeschoben. Als jedoch niemand kam, wurde die Beute verteilt. Nach der Verteilung kam eine Gruppe angesehener Männer aus dem Stamm seiner Amme Halima Saʿdiyya zu ihm. Ihr Anführer Zuhayr sprach in äußerst ergreifenden Worten über die Kriegsgefangenen ihres Stammes:

„Unter den Frauen, die hier in den Hütten festgehalten werden, befinden sich deine Tanten väterlicherseits und deine Tanten mütterlicherseits. Bei Allah, selbst wenn ein arabischer König ein Kind aus unserem Stamm gestillt hätte, würden wir viel von ihm erwarten. Von dir aber erwarten wir noch mehr.“

Der Gesandte Allahs erklärte ihnen: „Ich selbst habe lange darauf gewartet, ob jemand Ansprüche erheben würde. Da schließlich niemand kam, musste ich sie verteilen. Die Gefangenen, die unter den Leuten von Banu Haschim verteilt wurden, übergebe ich dir in diesem Augenblick. Für die anderen wirst du nach dem Gebet bei der größten Versammlung der Muslime sprechen.“ Nach dem Gebet trug Zuhayr seine Bitte vor. Der Gesandte Allahs sagte: „Ich kann nur für meinen eigenen Stamm (Banu Haschim) Verantwortung übernehmen. Für alle Muslime jedoch spreche ich eine Empfehlung aus.“ Sofort riefen alle Ansar und Muhadschirun: „Auch unseren Anteil geben wir frei.“ Nur Banu Sulaym und Banu Fazara fanden es ungewöhnlich, die gefangenen Kriegsgefangenen der besiegten Feinde kostenlos freizulassen, und zögerten zunächst. Schließlich erwirkte der Gesandte Allahs auch die Freilassung der übrigen Gefangenen, indem er für jeden Gefangenen sechs Kamele zahlte. Auf diese Weise wurden alle sechstausend Kriegsgefangenen freigelassen. Vielen Gefangenen gab der Gesandte Allahs außerdem Kleidung. Hier geschah etwas, das gewöhnliche Sieger sich nicht einmal vorstellen konnten: Die Gefangenen wurden ohne Lösegeld freigelassen. Denn es war nicht sein eigentliches Ziel, Menschen zu töten oder zu versklaven. Sein eigentliches Ziel war es, die wahre Religion zu festigen und die Herzen der Menschen dafür bereit zu machen.

Nachdem er diese Angelegenheit abgeschlossen hatte, vollzog er die Umra, ernannte ʿItab ibn Usayd zum Statthalter von Mekka und kehrte nach Medina zurück.

Nach der Eroberung Mekkas

Meiner Ansicht nach waren die zerstörerischen Kräfte, die dem Islam feindlich gegenüberstanden, im Inneren durch die Schlacht von Hunain nach der Eroberung Mekkas vollständig beseitigt worden. Nach dieser Schlacht war das Schicksal Arabiens im Hinblick auf die islamische Ordnung endgültig entschieden. Für irgendjemanden war keine Möglichkeit zum weiteren Vormarsch mehr übrig geblieben. Dennoch mussten noch einige kleinere militärische Maßnahmen ergriffen werden, um verstreute Übeltäter zu unterdrücken und Recht und Ordnung wiederherzustellen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um besonders bedeutende Ereignisse.

Der Stamm Banu Tamim hatte einige andere Stämme dazu angestiftet, die Entrichtung der Steuern an die islamische Regierung einzustellen. Dies war eine staatsfeindliche Handlung. ʿUyayna ibn Hisn wurde mit fünfzig Reitern ausgesandt. Sobald der Angriff erfolgte, floh Banu Tamim. Einige Männer wurden gefangen genommen und nach Medina gebracht; später wurden sie freigelassen.

Der Stamm Chath’am, der in der Gegend von Tabala lebte, bereitete sich auf einen Aufstand vor. Unter dem Befehl von Qataba ibn Amir wurde eine Truppe von zwanzig Soldaten entsandt, um sie niederzuschlagen. Die Aufständischen flohen, und einige Menschen wurden gefangen genommen. Doch der Gesandte (s) ließ sie später frei. Hadrat Dahhak wurde zu den Banu Kilab geschickt. Bei ihm war auch Asid ibn Salma, der demselben Stamm angehörte. Diese Gruppe war hauptsächlich eine Gruppe zur Einladung zum Islam und zur Unterweisung. Die Stammesangehörigen griffen sie mit Waffen an, und Asids Vater wurde getötet. Weitere ausführliche Einzelheiten darüber sind nicht bekannt.

Einmal wurde bekannt, dass sich einige abessinische Seeräuber in Dschidda versammelt hatten. Sobald Abdullah ibn Hudhafa al-Quraschi (oder Alqama ibn Mudschazziz) mit einem Heer von dreihundert Soldaten aufbrach, flohen die Räuber.

Im Monat Rabi al-Thani des neunten Jahres der Hidschra wurde Hadrat Ali (r) mit einhundertfünfzig berittenen Soldaten zum Stamm der Banu Tayy geschickt und angewiesen, den dortigen großen Tempel zu zerstören. Hier ist eine kurze Erläuterung dieser Angelegenheit erforderlich. Der islamische Staat in Medina war ein Staat mit einer ideologischen Grundlage. Wenn jemand auf persönlicher Ebene einen der grundlegenden Glaubenssätze, auf denen dieser Staat errichtet war, ablehnte, konnte der Staat dies dulden. Wie aber hätte er eine gesellschaftliche Einrichtung bestehen lassen können, die diesen grundlegenden Glaubenssätzen – nämlich dem Glauben an die Einheit Gottes, die Gesandtschaft und das Jenseits – widersprach? Man muss sich außerdem vor Augen halten, dass die Götzen im religiösen und kulturellen System des vorislamischen Arabiens eine Quelle lebendiger Inspiration darstellten. Schon die Vorstellung von der Existenz dieser Götzen erzeugte eine solche emotionale Erregung und Begeisterung, dass sie die Menschen der dschahilijjatischen Gesellschaft immer wieder aufstachelte und zum Krieg gegen die islamische Regierung antrieb. In ihrem Namen waren große Kriege geführt worden. Unter diesen außergewöhnlichen Umständen wäre es keineswegs vernünftig gewesen, die Tempel des Zeitalters der Unwissenheit als gemeinschaftliche Einrichtungen bestehen zu lassen und dem heidnischen Denken immer wieder Gelegenheit zu geben, Unruhe und Spannungen zu erzeugen. Diese Götzen waren in Wirklichkeit Symbole einer bestimmten Geisteshaltung und Kennzeichen einer nichtigen Lebensordnung. Daher kann die Zerstörung des Tempels des Stammes Banu Tayy nicht als ein Eingriff in die Religionsfreiheit einer anerkannten religiösen Minderheit betrachtet werden; vielmehr war sie eine notwendige Maßnahme, um die Umgebung von einer Tendenz zu befreien, die eine Bedrohung für die Existenz des islamischen Staates darstellte. Die Angelegenheit war nämlich nicht nur auf die ideologische Ebene beschränkt. Der Stamm hatte unter dem Einfluss heidnischer Glaubensvorstellungen begonnen, auch eine aufständische Haltung einzunehmen. Der Gedanke, Medina die Stirn zu bieten, war in ihm weit gereift. Der eindeutige Beweis dafür ist, dass Adi ibn Hatim, der Sohn aus der berühmten Familie Hatim Tais, zu diesem Zweck selbst eine große Zahl von Lasttieren und Waffen gesammelt hatte. Es war daher nicht verwunderlich, dass auch viele andere Angehörige dieses Stammes Vorbereitungen dieser Art getroffen hatten.

Wie dem auch sei: Hadrat Ali (r) erreichte den Ort namens Quls und griff noch am Morgen an. Adi ibn Hatim floh nach Syrien, um dort Kräfte zu sammeln und herbeizuführen. Die Stammesangehörigen leisteten nur geringen Widerstand. Ihr Tempel wurde zerstört. Adis Schwester und einige weitere Personen wurden gefangen genommen und nach Medina gebracht; außerdem wurden einige Tiere und Waffen erbeutet. Adis Schwester erzählte dem Gesandten (s) ihre herzzerreißende Leidensgeschichte. Sie sagte: „Mein Vater ist gestorben. Mein Beschützer hat mich verlassen und ist geflohen. Ich bin alt und schwach und nicht in der Lage, etwas zu tun. Erweise mir deine Gunst; Allah wird dir Seine Gunst erweisen.“ Der Gesandte (s) ließ entsprechend dem Wunsch dieser Frau ein Lasttier für sie bereitstellen und schickte sie frei fort. Als die Frau nach Hause kam, berichtete sie ihrem Bruder vom sanften Wesen und Verhalten des Gesandten (s). Sie sagte: „Ich habe erlebt, dass er sich genau wie unser Vater verhielt. Wenn dieser oder jener zu ihm kam, erwies er ihm eine solche Gunst; wenn ein anderer kam, zeigte er ihm diese oder jene Großzügigkeit – und so weiter. Gib den Gedanken auf, gegen den Gesandten (s) zu kämpfen. Geh selbst zu ihm; du wirst sehen, wie viel Nutzen du daraus ziehen wirst.“ Wenige Tage später kam Adi ibn Hatim nach Medina und nahm den Islam an.

Zwei internationale Kriege

Die eigentliche Aufgabe, die zu Lebzeiten des Gesandten (s) vollendet wurde, bestand darin, die innere Einheit des Landes und die islamische Revolution zur Vollendung zu führen. Doch indem er die Herrscher der umliegenden Länder zum Islam einlud, leitete er die internationale Phase der Bewegung ein. Er entsandte Gesandte in verschiedene Länder. Einer dieser Gesandten hieß Harith ibn Umair al-Azdi. Er wurde zum christlichen Herrscher von Syrien geschickt. Doch der christliche Herrscher Schurahbil ibn Amr al-Ghassani ließ diesen Gesandten des Gesandten (s) unterwegs ermorden. Dies war eine derart ungeheuerliche Verletzung des grundlegenden menschlichen Anstands und des damals geltenden internationalen Rechts, dass einer Regierung, die dies schweigend hinnahm, keinerlei Ansehen und Würde geblieben wäre. Deshalb entsandte der Gesandte (s) im achten Jahr der Hidschra unter dem Befehl seines freigelassenen Sklaven Zaid ibn Haritha ein Heer von dreitausend Soldaten in Richtung Syrien. Dieses Ereignis zeigt deutlich, wie ein Mensch aus der Sklaverei zum Heerführer aufstieg und damit ein Beispiel für die islamische Revolution gab. Auch Usama, der Sohn dieses Zaid ibn Haritha, wurde vom Gesandten (s) zum Heerführer des letzten Feldzugs seines Lebens ernannt. Um dieses Heer zu verabschieden, begleitete der Gesandte (s) es selbst bis nach Thaniyyat al-Wada. Als das Heer den Ort Mu’ta erreichte, erfuhr man, dass der römische Kaiser Heraklius nach Syrien gekommen war und sich bei ihm etwa hunderttausend christliche Soldaten aus dieser Region befanden. Zuvor war der Vorschlag erwogen worden, das muslimische Heer nach Medina zurückkehren zu lassen. Nach Prüfung der neuesten Lage wurde dieser Vorschlag jedoch abgelehnt, und man beschloss, im Vertrauen auf Allah zu kämpfen. Kaum war man weiter vorgerückt, traf man am Ort Masarif auf ein gewaltiges feindliches Heer, und es kam zu einem heftigen Kampf. Zaid ibn Haritha fiel als Märtyrer. Danach übernahm Hadrat Dscha’far die Fahne. Als Dscha’fars rechte Hand abgeschlagen wurde, hielt er die Fahne mit der linken Hand. Als auch seine linke Hand abgeschlagen wurde, drückte er sie an seine Brust. Schließlich erlangte er nach neunzig Verwundungen das Märtyrertum. Danach übernahm Abdullah ibn Rawaha entsprechend der vom Gesandten (s) festgelegten Reihenfolge die Fahne. Als auch er als Märtyrer gefallen war, wurde Khalid ibn al-Walid durch ein einmütiges Urteil zum Heerführer bestimmt. Er kämpfte mit solcher Kühnheit, dass in seiner Hand nacheinander neun Schwerter zerbrachen. Schließlich wurde das feindliche Heer zum Rückzug gezwungen. Hadrat Khalid brachte das Heer sicher zurück. Insgesamt fielen in dieser Schlacht zwölf Männer als Märtyrer. Unter den Märtyrern befanden sich bedeutende Persönlichkeiten.

Die Muslime hielten diesen Sieg zunächst für ausreichend. Denn die Zahl der feindlichen Soldaten war sehr groß, der Ort lag im Ausland und die Lage war völlig unbekannt. Die Versorgung war schwierig, und es bestand auch keine Hoffnung, zusätzliche Truppen herbeizuführen. Deshalb kehrte dieses Heer nach Medina zurück. Der Gesandte (s) und die Muslime kamen aus Medina heraus und empfingen sie. Als einige aus Scherz dieses Heer als „Flüchtlinge“ bezeichneten, sagte der Gesandte (s): „Nein, nicht Flüchtlinge, sondern Rückkehrer – das heißt, sie werden wieder in den Krieg ziehen.“ Aufgrund der Leistungen, die Hadrat Khalid (r) in diesem Krieg gezeigt hatte, wurde er mit dem Ehrentitel „Saifullah“, also „Schwert Allahs“, ausgezeichnet.

Der zweite Feldzug in dieser Phase war der Feldzug von Tabuk.

Nach der Eroberung Mekkas war der Monat Radschab des neunten Hidschra-Jahres angebrochen. Eine aus Syrien eingetroffene Karawane berichtete, dass die Soldaten des römischen Kaisers einen Angriff auf Medina vorbereiteten. Das Römische Reich erstreckte sich damals über beinahe die Hälfte der Welt. Erst vor kurzer Zeit hatte dieses Reich auch den Iran besiegt. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und die Muslime hatten den islamischen Staat von Medina als einen Leuchtturm errichtet, um das Licht des Glaubens und der Wahrhaftigkeit über die ganze Welt zu verbreiten. Sie konnten nicht zulassen, dass dieser mit großer Mühe errichtete islamische Staat zerstört wurde. Denn dieser Staat war ihre Religion und ihr diesseitiges Leben, ihr Besitz und ihre Angehörigen – einfach alles. Daher wurden unverzüglich Vorbereitungen getroffen. Es wurde beschlossen, noch vor dem Eindringen der kaiserlichen Truppen in arabisches Gebiet einen Überraschungsangriff durchzuführen, damit sie auf diesem Boden keine Verwüstung anrichten konnten. Es herrschten eine glühende Hitze, eine schreckliche Hungersnot und beklagenswerte Armut. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, rief zu Spenden für den Krieg auf. Die Muslime gaben auf diesen Aufruf eine so denkwürdige Antwort, dass sie der gesamten Menschheit für alle Zeiten wertvolle Inspiration geben wird. Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, spendete 900 Kamele, 100 Pferde und tausend Dinar. Abd ar-Rahman ibn Auf, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, gab 40.000 Dirham. Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, brachte mehr als die Hälfte seines Besitzes herbei. Abu Bakr as-Siddiq, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, leerte sein gesamtes Haus und brachte alles, was er besaß, zur Spende. Im Wettstreit des Spendens wog seine Gabe schwerer als die aller anderen. Das größte Opfer brachte jedoch vermutlich ein armer ansarischer Tagelöhner. Er teilte den Lohn, den er den ganzen Tag mit Wassertragen verdient hatte, in zwei Teile, behielt die Hälfte für seine Familie und brachte die andere Hälfte zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Der Gesandte Allahs ordnete an, seine Gaben unter all den wertvollen Dingen zu verteilen, die die anderen gespendet hatten. Die muslimischen Frauen spendeten für den Dschihad-Fonds sogar ihre Schmuckstücke.

Dreißigtausend Soldaten mit zehntausend Pferden brachen zum Feldzug nach Tabuk auf. Bereits am Ort namens Thaniyyat al-Wada am Stadtrand von Medina wurden die Einteilung der Soldaten, die Ernennung der Befehlshaber und die Verteilung der Banner vollständig vorgenommen. Als sie Tabuk erreichten, stellte sich heraus, dass die Feinde ihren Plan aufgegeben hatten, Arabien anzugreifen. Jemand hatte ihnen nämlich die Falschmeldung überbracht, der Prophet von Medina, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sei gestorben – Gott bewahre! Deshalb hatten sie geglaubt, nun sei die goldene Gelegenheit für einen Angriff gekommen. Als sie später erfuhren, dass der Prophet noch lebte und auch Medina noch stand, erloschen ihre aggressiven Ambitionen. Jedenfalls waren die politischen Ergebnisse dieses Feldzugs äußerst zufriedenstellend. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, blieb einen Monat lang in Tabuk und ließ dort das Heerlager bestehen. Während dieser Zeit wurde die Ausweitung des politischen Einflusses in alle Richtungen erfolgreich fortgesetzt. Der Statthalter von Aila kam zu einem Treffen, erklärte sich zur Zahlung der Dschizya bereit und leitete damit ein Verhältnis des Einvernehmens ein. Auch die Bewohner von Dscharaba und Adhruh kamen, zahlten die Dschizya und unterwarfen sich. Das Problem von Dumat al-Dschandal war dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schon seit Langem wichtig. Chalid ibn al-Walid, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, wurde mit mehr als vierhundert Soldaten zu Ukaidir, dem Herrscher von Dumat al-Dschandal, entsandt. Dieser war gerade mit seinem Bruder auf der Jagd. Sein Bruder wurde getötet und Ukaidir wurde gefangen genommen. Mit ihm wurde auf Grundlage der Dschizya ein Friedensvertrag geschlossen. Der Gesandte Allahs ernannte ihn im Namen der Regierung von Medina zum Statthalter von Dumat al-Dschandal, Aila, Tayma und Tabuk und übergab ihm darüber eine schriftliche Urkunde. Einigen Berichten zufolge nahm Chalid durch geschicktes Vorgehen die Festung von Dumat al-Dschandal kampflos ein und erbeutete wertvolle Beute. Als der Gesandte Allahs aus Tabuk zurückkehrte, wurde er in Medina mit großem Prunk empfangen. Die Verschwörungen, die die Heuchler in Bezug auf diesen Feldzug betrieben, habe ich bereits in einem Kapitel erwähnt. Eine große Zahl von Heuchlern – etwa achtzig – war in Medina zurückgeblieben. Als sie nach dem Grund gefragt wurden, warum sie nicht nach Tabuk gegangen waren, brachten sie allerlei erfundene Ausreden vor. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vergab ihnen. Doch auch einige aufrichtige Gläubige waren zurückgeblieben. Abu Chaythama wurde zu diesen gezählt. Obwohl er in Medina geblieben war, kam er bald wieder zur Besinnung. Einige Tage nachdem der Gesandte Allahs aufgebrochen war, kam er eines Tages bei großer Hitze mit seiner Frau, um sich im kühlen Schatten der Bäume auszuruhen. Dort hatte er für eine Wasserdusche und für eine Mahlzeit sorgen lassen. Plötzlich wurde ihm seine Lage bewusst, und er sagte zu seiner Frau: „Wehe mir! Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, leidet in Sonne, Staub und Hitze, während ich, Abu Chaythama, im kühlen Schatten mit meiner schönen Frau köstliche Speisen esse! Das ist keineswegs gerecht. Bei Allah, ich werde nicht in die Gemächer meiner Frauen gehen. Man soll meine Reise vorbereiten.“ Er ließ ein Kamel bringen, bestieg es und brach auf; nach langer Wegstrecke schloss er sich dem Heer an. Doch drei Gläubige – Ka’b ibn Malik, Hilal ibn Umayya und Murara ibn ar-Rabi – konnten trotz aller Bemühungen nicht mitziehen. Als der Gesandte Allahs sie nach dem Grund ihres Fernbleibens fragte, sagten sie offen: „Wir haben einen Fehler begangen.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, befahl ihnen, bis eine weitere Anweisung Allahs eintraf, sich von der Gesellschaft und ihren Ehefrauen fernzuhalten. Dies war eine Art Strafe des einsamen Gefängnisses. Ihre Hände und Füße wurden nicht in Ketten gelegt, und sie wurden auch nicht in einer gesonderten Gefängniszelle festgehalten. Doch plötzlich aus dem gemeinschaftlichen Leben herausgerissen und in Einsamkeit versetzt zu werden, ist eine sehr harte Strafe – zumal alle Einschränkungen vom Betroffenen selbst auferlegt werden müssen. Dennoch gaben sie ein so seltenes Beispiel des Gehorsams, dass es in goldenen Lettern in die Geschichte eingehen wird. Als der christliche ghassanidische Herrscher davon erfuhr, hielt er dies sogar für eine ausgezeichnete psychologische Gelegenheit und schrieb Ka’b ibn Malik: „Euer Prophet hat euch Unrecht getan, obwohl ihr sehr wertvolle Männer seid. Wenn ihr zu uns kommt, werden wir eure Stellung erhöhen.“ Das war eine schwere Prüfung. Doch Ka’b warf diesen Brief ins Feuer. Schließlich wurde nach vollen fünfzig Tagen eine Offenbarung herabgesandt, die verkündete, dass ihre Reue aufgrund ihrer Aufrichtigkeit und Hingabe angenommen worden war. Dadurch brach in Medina große Freude aus. Von allen Seiten eilten die Menschen herbei, um den drei Männern mit Glückwünschen die frohe Botschaft zu überbringen. Aus Freude darüber, dass seine Reue angenommen worden war, spendete Ka’b den größten Teil seines Vermögens. So war der Charakter der Menschen, die durch die islamische Bewegung geformt worden waren.

Während des Aufenthalts in Tabuk verstarb Abdullah Dhu l-Bidschadayni. Dieser junge Mann war dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, außerordentlich lieb und teuer. Er hatte den Islam mit großer revolutionärer Begeisterung angenommen. Schon in jungen Jahren war die Einladung zum Islam an ihn gelangt und hatte sein Herz beeinflusst. Aus Furcht vor seinem Onkel verbarg er jedoch seine Überzeugung. Als der Gesandte Allahs schließlich nach der Eroberung Mekkas zurückkehrte, sagte er zu seinem Onkel: „Lieber Onkel, ich habe viele Jahre darauf gewartet, dass in deinem Herzen das islamische Bewusstsein erwacht. Doch du bist geblieben, wie du warst. Erlaube mir nun, Muslim zu werden.“

Der hartherzige Onkel erwiderte: „Wenn du die Einladung Muhammads (saw.) annimmst, werde ich dich deines gesamten Besitzes berauben. Ich werde dir sogar die Kleidung wegnehmen, die du am Leib trägst.“ Abdullah sagte: „Onkel, du kannst tun, was du willst. Der Götzendienst gefällt mir nicht mehr. Deshalb werde ich jetzt Muslim werden. Nimm deinen gesamten Besitz wieder an dich.“ Damit zog er sogar seine Kleidung aus. Seine Mutter gab ihm eine Decke, um seinen Körper zu bedecken. Er teilte die Decke in zwei Hälften: Aus der einen machte er einen Lungi, mit der anderen bedeckte er den Oberkörper. In diesem Zustand begab er sich in Medina zum Gesandten Allahs (saw.) und schloss sich den Ashab as-Suffa an. Von der Begeisterung für den Dschihad erfüllt, brach dieser revolutionäre junge Mann gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (saw.) nach Tabuk auf. Dort erkrankte er an Fieber und verstarb. In der Dunkelheit der Nacht wurden seine Waschung und Bestattung vollzogen. Hadhrat Bilal (ra.) hielt eine Lampe hoch. Der Gesandte Allahs (saw.) selbst sowie Abu Bakr und Umar (ra.) stiegen in das Grab hinab. Der Gesandte Allahs (saw.) sagte zu ihnen: „Achtet auf die Würde eures Bruders.“ Mit eigener Hand legte er Ziegel in sein Grab. Danach sprach er das Bittgebet: „O Allah, bis zu diesem Abend war ich mit ihm zufrieden. So sei auch Du mit ihm zufrieden.“

Als Ibn Masʿud (ra.) sah, welche Ehre Abdullah zuteilwurde, sagte er voller Bedauern: „Ach, wenn ich doch nur in dieses Grab hätte hinabsteigen können!“

Bewertung

In diesem Kapitel habe ich alle militärischen Maßnahmen beschrieben, die von der islamischen Regierung in Medina ergriffen wurden. Wenn man diese Kriege und Konflikte sowie die Umstände, unter denen sie unausweichlich geworden waren, im Gedächtnis behält, lässt sich nicht leugnen, dass die Feinde des Islam den Gesandten Allahs (saw.), obwohl er entschlossen war, Konflikte zu vermeiden und konstruktiv zu wirken, geradezu mit Gewalt auf das Schlachtfeld zerrten. Sie ließen diesen großen Menschen, der statt nach dem Thron der Macht nur nach der Durchsetzung von Wahrheit und Gerechtigkeit strebte, der die ganze Welt nicht durch die Macht des Schwertes und die Schaffung von Einfluss und Ansehen, sondern durch Argumente und Charakter gewinnen wollte, der statt Vergeltung den Weg der Vergebung und statt Hass und Gewalt den Weg des gerechten und guten Umgangs beschritt und der statt eines blutbefleckten Schwertes mit einer die Verträge niederschreibenden Feder das Prinzip der Beilegung von Streitigkeiten einführte, acht oder neun Jahre lang keinen einzigen Augenblick in Frieden leben. Selbst unter solchen Umständen muss man sich verwundert fragen, wie der Gesandte Allahs (saw.) diese außergewöhnliche konstruktive Arbeit vollbringen konnte, durch die er den Lauf der Geschichte veränderte. Eine ausführliche Darstellung der konstruktiven Arbeit des Gesandten Allahs (saw.) werde ich, so Allah will, in einem eigenen Kapitel dieses Buches vorlegen.

In Wahrheit war der Gesandte Allahs (saw.) in dieser Hinsicht der größte Wohltäter und Freund der Menschheit: Um die Botschaft von Frieden und Sicherheit zunächst in ganz Arabien und später in der ganzen Welt zu verbreiten, fand er sogar mitten im Schwertkampf seinen eigenen, einzigartigen Weg. Er durchbrach die Verteidigungsstellungen der äußerst aufrührerischen Feinde und begründete und vervollkommnete die Ordnung von Gerechtigkeit und Wahrheit. Wäre es jemand anderes gewesen, hätte er sich angesichts der Kriegserklärung des Feindes von seinem geraden Weg abbringen lassen. Dann wäre die Erinnerung an die islamische Lebensordnung vielleicht nicht aus der Geschichte getilgt worden, doch höchstens hätten wir sie im Privatleben der Menschen vorgefunden; als gesellschaftliche und staatliche Ordnung hätten wir sie uns nicht vorstellen können. In diesem Fall wäre der Islam wie die anderen Religionen der Welt als eine bloß spirituelle und moralische Religion, die auf das Privatleben beschränkt ist, bestehen geblieben. Er hätte keinerlei Verbindung zu Gesellschaft und Staat gehabt. Wie viele hochrangige fromme und rechtschaffene Menschen unter einem solchen Islam auch hervorgebracht worden wären, sie wären zu äußerst gehorsamen und ergebenen Helfern jedes ungläubigen, nichtigen, tyrannischen und ausbeuterischen Staatswesens geworden. In diesem Fall hätte die menschliche Gesellschaft vom Gesandten Allahs (saw.) keinerlei Anstoß erhalten, soziale Unterdrückung, Ausbeutung und Korruption abzuschaffen.

Bemerkenswert ist, wie viele Leiden, Not und Unterdrückung der Gesandte Allahs (saw.) auf sich genommen hat, um das Wohlergehen und den Nutzen der Weltbevölkerung und der muslimischen Umma zu sichern; mit welchem Heldenmut und welcher Tapferkeit er sich den Herausforderungen der Feinde stellte und die unterdrückerischen und korrupten Kräfte niederzwang; wie er die zerstreuten Stämme vereinte, sie von der Führung der Dschahiliyya befreite, sie unterwies und läuterte, eine Atmosphäre des Friedens schuf, die Herrschaft des Gesetzes etablierte, die Gesellschaft auf den Grundlagen von Brüderlichkeit und Gerechtigkeit errichtete und durch die auf Beratung beruhende Gestaltung der Staatsordnung den Beginn eines demokratischen Zeitalters einleitete.

Es ist ebenfalls ein Zeichen für die höchste Weitsicht und Tüchtigkeit des Gesandten Allahs (saw.), dass er zwar so viele Kriege führte und so viele Heere aussandte, dabei jedoch die geringstmögliche Menge an Blut vergossen und die geringstmögliche Zahl an Menschenleben verloren wurde. Mit so wenig Blutvergießen in einem so gewaltigen Land wie Arabien erstmals einen idealistischen Einheitsstaat zu errichten, ist ein erstaunliches Ereignis in der Geschichte der Menschheit.

Tatsächlich ist heute jeder von uns, ob er die Wahrheit kennt oder nicht, seiner Gnade zu Dank verpflichtet. Wäre er nicht mit einer kleinen Gruppe gegen die Unterdrückung aufgestanden, hätten wir niemals jene unschätzbaren Güter erlangt, die wir von ihm empfangen haben: die Grundsätze für Erfolg im Leben, die kulturellen Werte und das moralische Erbe, das Beispiel für Menschlichkeit, das durch ihn vor uns aufgerichtet wurde, sowie das höchst vollkommene und ausgewogene Gerüst von Zivilisation und Kultur, dessen Aufbau er uns vor Augen führte. Durch das Blut eben jener besten und liebsten Gefährten, die der Gesandte Allahs (saw.) für die Erreichung des heiligen Ziels geopfert hat, begann auf der Erde ein neuer Morgen. Möge Allah Muhammad (saw.) und seine Anhänger mit Seiner Barmherzigkeit überschütten!

 

Kapitel: 6

Das Licht verbreitete sich überall

Die Triebkraft des Voranschreitens der islamischen Bewegung

Viele Menschen auf dieser Welt sind durch die Macht des Schwertes zu Herren über große Gebiete geworden. Viele Monarchien und Diktaturen wurden allein durch Waffen- und Körperkraft errichtet. Viele Auseinandersetzungen über Interessen wurden auch auf dem Schlachtfeld entschieden. Doch jede revolutionäre Bewegung der Welt muss die Entscheidung über ihr eigenes Schicksal stets innerhalb des Rahmens der öffentlichen Meinung herbeiführen. Solange die Herzen der Menschen nicht von innen heraus spontan bereit sind, eine Einladung zu unterstützen, und sich nicht bereit erklären, ihren Charakter und ihre Gesinnung nach ihrem Licht zu formen, kann es nicht von Vorteil sein, Unterstützung durch bloße Gewalt zu erzwingen. Vielmehr wird dies zur Ursache ihrer verhängnisvollen Zerstörung. Daher sind Wesen und Charakter jeder idealistischen Bewegung von Appell und Erziehung geprägt. In ihren Leitern wirken zugleich väterliche und fürsorgliche Zuneigung sowie Ansporn. Aus der Sicht einer idealistischen Bewegung ist das Leben einer Bildungseinrichtung gleich, und alle Menschen der Gesellschaft sind gleichsam Schüler dieser Bildungseinrichtung. Um das umfassende Wohl dieser Schüler zu gewährleisten, die Übeltäter zu bessern und die anständigen und gemäßigten Mitglieder der Gesellschaft vor schlechten Einflüssen zu schützen, müssen bisweilen auch Strafmaßnahmen ergriffen werden. Doch das allgemeine Umfeld bleibt stets ein von Zuneigung, Fürsorge und Barmherzigkeit geprägtes Umfeld für die Schüler, und selbst bei den Strafmaßnahmen des Lehrers überwiegt die Haltung eines fürsorglichen Erziehers. Die heiligen Diener Allahs, die in verschiedenen Epochen der Geschichte mit der Botschaft der Wahrheit und dem Aufruf zur Aufrichtigkeit auf der Erde erschienen sind, betraten trotz ihres Widerwillens das Schlachtfeld, um Übeltat, Korruption und Unehrlichkeit zu beseitigen, und verwendeten das Schwert teilweise auch als Mittel der Erziehung. Doch ihre gesamte Tätigkeit setzte sich stets in genau der Art eines fürsorglichen und liebevollen Lehrers fort. Den eigentlichen Kampf führten sie mit der Waffe der Vernunft auf dem gewaltigen und weitläufigen Schlachtfeld der öffentlichen Meinung. Ihr Grundsatz war stets: Wenn jemand ein neues Leben gewinnen will, soll er es durch die Vernunft gewinnen; und wenn jemand des Lebens beraubt werden und für sich den Tod wählen will, soll er im Licht der Vernunft sterben.

Bei einer Betrachtung der militärischen Maßnahmen des Gesandten (s.) wird man feststellen, dass es von der Schlacht von Badr bis zur Eroberung Mekkas (einschließlich der Eroberung von Chaibar) insgesamt fünf große Schlachten gab. Tatsächlich waren all diese Schlachten defensive Kriege. Die ersten drei fanden statt, weil die Feinde einen Angriff unternahmen und Medina überfielen. Der Gesandte (s.) führte, indem er von Medina aus Truppen mitnahm und aus eigener Initiative handelte, höchstens zwei Feldzüge: den Feldzug zur Eroberung Mekkas (einschließlich der Schlacht von Hunain) und den Feldzug zur Eroberung Chaibars.

Und in diesen beiden Feldzügen wurde die endgültige Entscheidung herbeigeführt. Betrachtet man den zeitlichen Verlauf, so liegen zwischen der Schlacht von Badr und der Eroberung Mekkas insgesamt sechs Jahre. Der Gesandte (s.) widmete insgesamt 23 Jahre seiner großen erzieherischen, verkündenden, aufbauenden und reformierenden Tätigkeit. Nur sechs dieser Jahre waren eine Zeit, in der er neben seiner Bildungsarbeit auch der kriegerischen Haltung und dem Verhalten der Gegner entgegentreten musste. Selbst bei einer äußerst großzügigen Schätzung scheint es, dass in allen Kriegen insgesamt nicht mehr als 15.000 Menschen dem Gesandten (s.) gegenübertraten; und dadurch, dass nur 759 von ihnen aus dem Weg geräumt wurden, wurden mehrere hunderttausend Menschen in Arabien vollständig gebessert. Zehn Jahre sind in der Geschichte eine äußerst kurze Zeit. In einer so kurzen Zeit die Wüste Arabien in eine Bildungseinrichtung zu verwandeln, die auf das wahre Wohl des menschlichen Lebens ausgerichtet ist; die verstreut lebenden, äußerst zügellosen, gewalttätigen und streitsüchtigen Stämme und Einzelpersonen in ihren Rahmen einzubeziehen; anschließend erfolgreich eine erhabene moralische Erziehung zu vermitteln und sie nicht nur zu unterrichten, sondern sie zu Lehrern und Meistern der gesamten Menschheit zu machen – dies ist wahrscheinlich der größte praktische und sinnlich wahrnehmbare übernatürliche Beweis für die Prophetenschaft des Gesandten (s.).

Daher steht es jenseits jedes Zweifels und jeder Debatte, dass im Konflikt zwischen der revolutionären Bewegung des Islam und der Unwissenheit, unabhängig davon, welchen Anteil die Kriegsführung an der Entscheidung des Konflikts hatte, der Beitrag der öffentlichen Meinung am größten war und ihr Bereich das eigentliche Feld der Entscheidung bildete. Wenn man es etwas spiritueller ausdrücken will, kann man sagen: Die eigentliche Errungenschaft und der eigentliche Erfolg des Gesandten (s.) bestanden darin, die Herzen der Menschen zu gewinnen. Wenn er Millionen von Männern und Frauen in Arabien gewonnen hat, dann gewann er ihre Herzen – und zwar mit den Waffen der Vernunft und des Charakters. Wie war es möglich, dass innerhalb kurzer Zeit trotz immer neuer Hindernisse von allen Seiten eine große Zahl von Menschenkindern, die über ein Gebiet von zehn bis zwölf Lakh Quadratmeilen verstreut lebten, zu Anhängern des Islam wurde? Der eigentliche Sachverhalt ist: Wenn die Einladung wahr und richtig ist, wenn die Bewegung mit dem Ziel des Wohls der Menschheit geführt wird und ihre Bannerträger opferbereit und aufrichtig sind, dann werden Widerstand und Gegenwehr für die revolutionäre Karawane zu einer noch größeren Hilfe. Jedes Hindernis kommt als ein Wegweiser.

Deshalb beginnt die Wahrheit zwar mit einer Minderheit, doch sie gewinnt die Mehrheit. Sehen wir nun, welche Kräfte die islamische Bewegung einsetzte, um in der öffentlichen Meinung Akzeptanz und Popularität zu erlangen und rasch erfolgreich zu sein.

Die Kraft der Argumente und Beweise

Die größte Stärke der islamischen Bewegung war die Kraft der Argumente und Beweise. Hätte der Gesandte (s.) anstelle der islamischen Bewegung irgendein Pīr-Murīdī-System eingeführt, hätte er das Gewissen und den Verstand seiner Zuhörer gelähmt. Hätte er, wie die anderen verbreiteten Religionen, eine Religion eingeführt, die auf das rein persönliche Leben beschränkt wäre, hätte er die Neigung und das Interesse der Menschen an irrealen Vorstellungen und unbegründeten Denkweisen verstärkt. Und hätte er ein System zur Vermittlung einer asketisch-spirituellen Lehre eingeführt, hätte er ihre Augen, Ohren und Münder vollständig verschlossen. Doch die islamische Bewegung, die der Gesandte (s.) ins Leben rief, benötigte bewusste Menschen, die auf der Grundlage des Gehorsams gegenüber Allah eine ganze Zivilisation aufbauen und ordnungsgemäß lenken konnten. Deshalb erweckte die islamische Bewegung, als sie sich noch ausschließlich auf der Ebene der Daʿwa befand, das schlummernde Gewissen und den Verstand der Menschen. Sie ermunterte sie, die Augen zu öffnen und zu sehen sowie die Ohren zu öffnen und zu hören. Sie regte sie dazu an, über die Welt der Natur nachzudenken und sie zu erforschen. Sie lehrte sie, die inneren Zustände des menschlichen Wesens und die Verhältnisse seiner Umwelt sorgfältig zu untersuchen. Durch immer neue Fragen schärfte und belebte sie das Denken. Sie zerriss die Fesseln blinder Nachahmung. Sie beseitigte sinnlose Bräuche und Gewohnheiten. Sie machte der blinden Verehrung der Vergangenheit und der blinden Unterwerfung unter überlieferte Sitten und Gebräuche ein Ende. Sie entwickelte eine Methode, aus den innerlich wie Tiere stumpfsinnigen Menschen gewissenhafte und nachdenkliche Menschen hervorzubringen. Sie rüttelte die blinde, stumme und taube Schicht der Menschen auf, machte sie bewusst und entfernte den Rost von ihrem Gewissen und Verstand. Mit einem Wort: Das größte Verdienst der islamischen Bewegung besteht darin, dass sie die der Menschheit von der Dschāhilīya auferlegte geistige Stagnation beendet. Infolgedessen legt sie denjenigen, deren Gewissen und Verstand erwacht und bewusst geworden sind, die grundlegenden Wahrheiten des Lebens dar, beeinflusst sie durch ihre geschärften Argumente und Beweise und lässt in ihnen einen unerschütterlichen Glauben an diese Wahrheiten entstehen.

Als die islamische Bewegung Allah allein als Schöpfer, Eigentümer, Versorger, Gesetzgeber und Wegweiser darstellte, tat sie dies mit einer so kraftvollen Beweisführung, dass die Waffen haltloser und irrealer Vorstellungen, die dem entgegenstanden, stumpf und wirkungslos wurden. Sie rief unter Anregung der menschlichen Urteilskraft dazu auf, die vielfältigen Schöpfungen von Himmel und Erde, die Umläufe der Planeten und Sterne, den Wandel der Jahreszeiten und des Wetters, die Gesetzmäßigkeiten von Regen und Wind, das Entstehen, Wachsen und Gedeihen der Pflanzen, die Fortpflanzung und Aufzucht der Tiere und Vögel, die Verschiedenartigkeit der menschlichen Gruppen, den Aufstieg und Niedergang der Zivilisationen sowie die Tiefen des eigenen Wesens zu betrachten und daraus zu lernen. Ihr werdet sehen, dass überall unveränderliche Gesetze wirksam sind. In jedem Teil der Schöpfung besteht eine wohlgeordnete und regelgerechte Herrschaft. Für jedes kleine wie große Ereignis sind irgendein Ziel, Zweck und Ausgang bestimmt. Die verschiedensten, einander scheinbar widersprechenden Dinge wirken als gegenseitige Helfer und Ergänzungen zusammen. In der gesamten Schöpfung herrschen eine Art Zusammenklang und Einheit. Viele Dinge sind in einem einzigen Ganzen miteinander verbunden. Jedes Ding ist in Bewegung und entwickelt sich. Nirgendwo gibt es Stillstand oder Bewegungslosigkeit. Alles strebt zur Vervollkommnung. Jedes Mittel und jede Ursache bringt ein bedeutendes Ergebnis hervor. Danach wird jedes Ergebnis wiederum zum Mittel für ein weiteres Ergebnis. Die Gesetze, diese Ordnung, dieses Zusammenwirken, diese gegenseitige Hilfe, dieser Einklang sowie der Verlauf von Entwicklung und Wandel in der natürlichen Welt sind nicht von selbst in Gestalt eines zufälligen Unfalls entstanden. Die Dinge entwerfen ihren eigenen Plan nicht selbst, erschaffen sich nicht selbst und helfen einander auch nicht durch gegenseitige Beratung. Vielmehr wirkt Allah, der höchste, stets tätige, aus sich selbst bestehende, souveräne, allwissende und wissenschaftlich vollkommene Schöpfer, als ihr einziger Lenker, Verwalter, Herrscher und Gesetzgeber. Alle Kräfte und Stoffe des Universums sind damit beschäftigt, Ihn zu preisen. Alle Dinge liegen vor Ihm in der Niederwerfung. Die gesamte Schöpfung ist Seinen Naturgesetzen unterworfen. Von der gewaltigen Sonne bis hin zu den allerkleinsten Atomen und Teilchen beugt jedes Ding sein Haupt vor Seinem Angesicht. Der Islam hat ferner erklärt, dass in dieser gewaltigen Werkstatt einer so großen Schöpfung ein Zusammenstoß zwischen mehreren Eigentümern und Verwaltern unvermeidlich wäre und dass die gegenseitige Hilfe, Einheit und der Einklang, die ihr überall im Universum vorfindet, keineswegs fortbestehen könnten, wenn es mehrere Eigentümer und Verwalter gäbe. Auf jeder Seite dieses gewaltigen Buches der Natur finden sich nicht nur unanfechtbare Zeugnisse für Seine Existenz, sondern zugleich auch für Seine Einheit und Seine Eigenschaften.

Die islamische Bewegung hat durch Argumente und Beweise ebenfalls klargestellt, dass dieses Universum in jeder Hinsicht an die Befolgung von Allahs Gesetz und Ordnung gebunden ist und jedes seiner Atome vor Ihm ein „Muslim“, also ein sich ergebender Diener, ist. Für kein Geschöpf besteht die Möglichkeit, gegenüber Allah eine andere Rolle einzunehmen als die der Unterwerfung, Dienerschaft und Hingabe. Wenn die Menschen Allah gehorchen, werden sie mit dem gesamten Universum eins werden. Ihre Gesellschaft und Zivilisation werden ebenso zu Sinnbildern von Sicherheit und gegenseitiger Hilfe werden, wie dies in der Welt der Dinge der Fall ist. Wenn sie Allah jedoch ungehorsam und somit Kāfir sind, werden ihre Gesellschaft und Zivilisation mit der Natur unvereinbar, unpassend und ohne Verbindung sein, und das Gleichgewicht, der Einklang und die gegenseitige Hilfe, die in Himmel und Erde bestehen, werden in der menschlichen Gesellschaft fehlen. Gerade dadurch haben alle Geschöpfe der Welt in Frieden und Sicherheit Fortschritt, Vervollkommnung und Entwicklung erlangt. Auch für den Menschen ist der Weg zu Frieden und Sicherheit in dieser Welt allein der, Allahs Dīn und Allahs Gesetz zu befolgen. Der Mensch ist von Allah erschaffen und wird durch die von Ihm gewährte Versorgung ernährt und erhalten; jedes Glied seines Körpers und jedes Atom in seinen Gliedern ist als Muslim durch unzerreißbare Fesseln des Gehorsams gegenüber Allahs Naturgesetz gebunden. Wenn es für den Menschen überhaupt einen geraden und richtigen Weg des Lebens gibt, dann ist es der Weg der Dienerschaft und des Gehorsams gegenüber Allah. Der Mensch ist bereits durch seine Geburt Allahs Diener und Sklave, und das Gefühl und Bewusstsein seiner Dienerschaft wird von frühester Kindheit an in seinem Herzen und Verstand genährt.

Die islamische Bewegung hat mit derselben Stärke und Entschlossenheit sowie durch unanfechtbare Argumente und Beweise auch festgestellt, dass jedes Geschöpf der Rechtleitung beziehungsweise Führung durch Allah bedarf. Denn Er allein bestimmt das Schicksal aller Dinge und legt die Umlaufbahnen und Bewegungen jedes im Weltraum bewegten Körpers fest. Er allein verleiht den verschiedenen Dingen ihre unterschiedlichen Eigenschaften. Er setzt jede Kraft für die ihr angemessene Aufgabe ein. Für jedes Geschöpf bestimmt Er die Vorgehensweise. Wie alle anderen Geschöpfe ist auch der Mensch in gleicher Weise auf Allahs Führung angewiesen, wie Licht, Luft und Wasser darauf angewiesen sind. Allah hat die Offenbarung eingerichtet, um Seiner Schöpfung Seine Führung mitzuteilen. Diese Offenbarung besteht bei leblosen Dingen in natürlichem Zwang, bei Pflanzen in der Fähigkeit zu spontanem Wachstum und beim Leben in angeborenen Vorgängen. Da der Mensch jedoch ein mit Bewusstsein, Gewissen und Verstand ausgestattetes Lebewesen ist, wurde für ihn jene vollständige Form der Offenbarung bestimmt, durch die sein Gewissen, sein Verstand und sein Bewusstsein angesprochen werden.

Die islamische Bewegung hat auch diesen Teil ihrer ideologischen Botschaft allein durch die Kraft der Argumente annehmbar gemacht: Da in dieser Welt die Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung gilt, muss auch das sittliche Handeln des Menschen im Rahmen dieses allumfassenden Gesetzes zwangsläufig eine Konsequenz und ein Ergebnis haben. Indem sie auf das in der Geschichte wirksame Gesetz der Vergeltung hinwies, bewies sie, dass auch das gesellschaftliche Handeln der Menschen diesem Gesetz unterliegen muss. Zugleich zeigte sie, dass sich im begrenzten diesseitigen Leben des Menschen unter dem begrenzten Gesetz der Vergeltung nicht die vollständigen Folgen seines Handelns offenbaren. Nicht einmal ein einziger Handlungsstrang gelangt dabei immer zu seiner vollständigen Auswirkung. Außerdem muss der Mensch häufig sogar völlig entgegengesetzte Folgen ertragen. Daher sollte man von dieser gerechten Ordnung Allahs erwarten, dass nach dem irdischen Leben ein neues Leben entsteht und der Mensch dann die vollständigen Folgen seiner Taten erfahren muss. Die logische Forderung der überall wirkenden Gerechtigkeit Allahs lautet: Jeder wird die entsprechende Folge dessen erfahren, was er tut. Auf diese Weise vermittelte sie die Vorstellung vom Leben nach dem Tod, vom Gericht im Jenseits sowie von Strafe und Belohnung.

Um diese grundlegenden Wahrheiten unwiderlegbar zu beweisen, hat der Islam die gesamte vergangene Geschichte der Menschheit vor Augen geführt. Er hat die Geschichte einzelner Völker erzählt und gezeigt, dass jene Völker und Gemeinschaften, die diese Wahrheiten annahmen und ihr Leben darauf gründeten, Erfolg erlangten. Diejenigen aber, die sie zurückwiesen, verließen die Erde entehrt und gedemütigt. Die Menschen, die diese Wahrheiten annahmen, wurden in Herz und Verstand erleuchtet, und ihr Charakter erstrahlte. Diejenigen hingegen, die sich diesen Wahrheiten widersetzten, gingen zugrunde. Er zeigte, dass diejenigen, die in jedem Zeitalter jeder Nation die Botschaft dieser großen Wahrheit verkündeten, im Wesentlichen von gleicher Wesensart und gleichem Charakter waren. Sie begnügten sich nicht damit, sie lediglich zu verkünden, sondern bemühten sich mit vollkommener Hingabe und Aufrichtigkeit sowie unter größtem Einsatz und größtem Opfer ihres Lebens und Besitzes darum, sie zum Sieg zu führen und zu festigen.

Diese grundlegende Botschaft der islamischen Bewegung ist im Koran zusammen mit all ihren unwiderlegbaren Argumenten ausführlich dargelegt. Sie wird in hervorragender Darstellungsweise immer wieder vorgetragen. Zugleich werden die Einwände, Spötteleien und Schmähungen der Gegner in ruhiger und natürlicher Sprache beantwortet. An manchen Stellen wird ermahnt, an anderen gewarnt, an wieder anderen gedroht, beschämt oder herausgefordert; andernorts werden die Herzen der Menschen durch Sanftmut und Milde erweicht. Kurz gesagt: Auf vielfältige Weise wurden Herz und Verstand der Menschen so umfassend angesprochen, dass klugen und bewussten Menschen kein Ausweg blieb.

Wenn der Sieg tatsächlich allein durch die Macht des Schwertes errungen werden sollte, warum wurde dann so großer Wert auf die Darlegung von Argumenten gelegt, dass sie mehr als zwei Drittel des Korans einnimmt?

Tatsache ist, dass es für die Zuhörer angesichts der scharfen Argumente der islamischen Bewegung immer schwieriger wurde, standzuhalten. Die Glücklichen nahmen sie mit offenem Herzen an. Diejenigen aber, die sie aufgrund der Verkrümmung ihres Verstandes nicht annahmen, gingen, nachdem sie im Wettstreit der Argumente unterlegen waren, zu gewaltsamem Widerstand über. Eine Bewegung, die ihre Zuhörer auf diese Stufe bringt, kann am Ende nicht anders, als den Sieg davonzutragen.

Die Kraft einer wohlwollenden Ansprache

Die Argumente des Korans sind nicht bloß Argumente; mit ihnen verbinden sich zugleich Appelle, die das Herz erweichen, Menschen, die sich entziehen, anziehen und zu sich rufen sowie verschlossene Herzen öffnen. Diese Art von Appellen der islamischen Bewegung ließ selbst Menschen mit steinernen Herzen wie Wachs schmelzen. Schon beim Öffnen des Korans wird deutlich, wie sich in jedem seiner Sätze die Wärme des Gefühls mit dem Licht des Arguments verbindet. Deshalb wurden selbst die größten Feinde des Islam mit steinernen Herzen zu Dienern der Wahrheit. Zudem ist seine literarische Qualität so hoch und seine Kraft so bezaubernd, dass sie sogar die bedeutendsten arabischen Dichter und Literaten jener Zeit in Erstaunen versetzte. Hier führen wir einige solcher klaren, leicht verständlichen und herzerobernden Appelle des Korans an:

„(O Prophet, richte ihnen in Meinem Namen aus:) O Meine Diener, die ihr gegen euch selbst Unrecht begangen habt, verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit! Wahrlich, Allah vergibt alle Sünden. Er ist ja der Allvergebende und Barmherzige. Kehrt zu eurem Herrn zurück und unterwerft euch Ihm, bevor die Strafe über euch kommt und ihr keine Hilfe mehr finden werdet. Und folgt der besten Rechtleitung, die euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, bevor die Strafe plötzlich über euch kommt, ohne dass ihr es bemerkt. Dann wird jemand voller Reue sagen: ‚O weh mir um das, was ich gegenüber Allah versäumt habe; wahrlich, ich gehörte zu den Spöttern.‘ Oder er wird (verzweifelt) sagen: ‚Wenn Allah mich nur rechtgeleitet hätte, wäre ich gewiss einer der Gottesfürchtigen geworden.‘ Oder wenn er die Strafe sieht, wird er sagen: ‚Wenn ich nur noch einmal die Möglichkeit bekäme, dann würde ich gewiss ein rechtschaffener Mensch werden.‘“ (Sure az-Zumar, 50–58)

In diesen wenigen Versen werden kurz jene grundlegenden Wahrheiten dargelegt, die zur Botschaft des Gesandten (Segen und Frieden seien auf ihm) gehörten. Darin werden Argumente vorgebracht, zugleich findet sich darin auch ein Appell, der die Herzen erweicht. Darin gibt es frohe Botschaft ebenso wie Warnung. Im Koran gibt es viele derartige vielfältige Appelle. Der aus Lehm erschaffene Mensch konnte der Macht einer solchen umwälzenden Sprache nicht standhalten, insbesondere wenn solche Aufrufe jeden Morgen, Mittag und Abend ergingen. Dreiundzwanzig Jahre lang kam auf diese Weise eine Flut der Offenbarung. Beachtet einige weitere solcher Appelle:

„O Kinder Adams! Habe Ich euch nicht gewarnt: Dient nicht Satan, denn er ist euer offenkundiger Feind. Habe Ich euch nicht gesagt: Dient nur Mir, denn dies ist der gerade Weg? Dennoch hat er viele von euch in die Irre geführt. Wollt ihr denn nicht euren Verstand gebrauchen?“ (Sure Yasin: 60–62)

„(O Prophet,) sage: O Menschen, die Wahrheit ist von eurem Herrn zu euch gekommen. Wer also rechtgeleitet wird, wird nur zu seinem eigenen Vorteil rechtgeleitet; und wer irregeht, der bahnt nur den Weg zu seinem eigenen Schaden. Ich bin nicht für euer Gutes und Schlechtes verantwortlich.“ (Sure Yunus: 108)

Auch an die besten Gefühle derjenigen, die eine Front des Widerstands eröffnet hatten, wurde appelliert. Ob es sich um Polytheisten oder um Leute der Schrift handelte, die besten Menschen jeder Gruppe wurden in bester Weise angesprochen, und es wurde versucht, ihre edelsten Gefühle zu aktivieren. Sogar die Heuchler wurden zu ihrer Besserung aufgerufen. Die Beispiele aus diesem Bereich werden einzeln dargelegt.

Eine an die Polytheisten von Mekka gerichtete Ansprache

„Allah führt das Beispiel einer Stadt an. Ihre Bewohner lebten in Glück und Frieden. Ihre Versorgung kam von allen Seiten in ausreichender Menge zu ihnen. Dann waren ihre Bewohner undankbar gegenüber Allahs Gnaden. Daher ließ Allah sie als Folge ihrer Taten Hunger und Unsicherheit kosten. Aus ihrer Mitte war ein Gesandter zu ihnen gekommen, doch sie bezichtigten ihn der Lüge. Deshalb ergriff sie die Strafe. Sie waren in Wahrheit Frevler.“ (Sure an-Nahl: 112–113)

Eine an die Leute der Schrift gerichtete Ansprache

„O Leute der Schrift! Mein Gesandter ist zu euch gekommen. Er legt vieles von dem offen, was ihr verheimlicht, und sieht von vielem ab. Von Allah ist ein Licht und ein klares Buch zu euch gekommen. Dadurch führt Allah diejenigen auf die Wege des Friedens, die Seinem Wohlgefallen folgen, führt sie mit Seiner Erlaubnis aus den Finsternissen ins Licht und leitet sie auf den geraden Weg.“ (Sure al-Ma’ida: 16)

„O Prophet! Sprich: O Leute der Schrift, übertreibt nicht zu Unrecht in eurer Religion. Folgt nicht den Neigungen jener, die irregegangen sind, andere in die Irre führen und vom geraden Weg abweichen.“ (Sure al-Māʾida: 77)

„O Leute der Schrift! Nach einer langen Unterbrechung in der Folge der Sendung von Propheten und Gesandten ist nun Mein Gesandter zu euch gekommen. Er legt euch die wahre Wahrheit klar dar, damit ihr nicht sagen könnt: ‚Zu uns ist weder ein Warner noch ein Verkünder froher Botschaft gekommen.‘ Nun ist ein Warner und ein Verkünder froher Botschaft zu euch gekommen.“ (Sure al-Māʾida: 19)

„Ich habe im Buch über die Kinder Israels bestimmt, dass ihr auf der Erde zweimal Unheil stiften und euch in maßloser Weise hochmütig verhalten werdet. Als nun die Zeit der ersten Verheißung gekommen war, ließen Wir euch Unsere kriegerischen Diener überfallen. Sie drangen in die Städte ein. Die Verheißung musste sich wahrlich erfüllen. Danach gaben Wir euch ihnen gegenüber eine weitere Gelegenheit, stärkten euch durch Vermögen und Kinder und vermehrten eure Zahl. (Wir gaben euch diese erneute Gelegenheit, damit gilt:) Wenn ihr Gutes tut, tut ihr es zu eurem eigenen Nutzen, und wenn ihr Böses tut, tut ihr es ebenfalls zu eurem eigenen Schaden. Als dann die Zeit der zweiten Verheißung kam, damit sie eure Gesichter (mit dem Makel von Kummer und Erniedrigung) entstellen, in die Moschee (von Bayt al-Maqdis) eintreten konnten, wie sie beim ersten Mal eingetreten waren, und überall dort, wo sie ihre Herrschaft ausdehnten, Verwüstung anrichten konnten, (da habt ihr ihre Folgen ja gründlich zu spüren bekommen). (Nun ist durch das Aufkommen der Daʿwa Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vor euch eine letzte Gelegenheit erschienen; deshalb:) Euer Herr will euch Barmherzigkeit erweisen. Wenn ihr jedoch wieder so handelt wie zuvor, werden auch Wir euch wieder so bestrafen wie zuvor. Und (im Jenseits) haben Wir die Hölle zum Aufenthaltsort der Ungehorsamen gemacht.“ (Sure Banū Isrāʾīl: 4–8)

„(O Prophet,) sprich: O Leute der Schrift, kommt her, lasst uns das eine Wort annehmen, das zwischen euch und uns unbestritten ist: dass wir niemandem außer Allah gehorchen, Ihm nichts beigesellen und nicht einander anstelle Allahs zu Herren nehmen.“ (Āl ʿImrān: 64)

Ansprache an die Christen

„Und diejenigen, die sagen: ‚Wir sind Nazarener‘, wirst du in ihrer Liebe zu den Muslimen den Juden gegenüber näherstehend finden. Denn unter ihnen gibt es viele Gelehrte und Mönche, die nicht hochmütig sind. Wenn sie die zu dem Gesandten herabgesandte Botschaft hören, siehst du ihre Augen von Tränen überströmen. Sie sagen: ‚Unser Herr, wir glauben. So schreibe uns zu den Zeugen der Wahrheit.‘“ (al-Māʾida)

Ansprache an die Heuchler

„Sehen sie (die Heuchler) denn nicht, dass sie jedes Jahr ein- oder zweimal einer Prüfung unterzogen werden? Dennoch bereuen sie nicht und ziehen keine Lehre daraus. Und wann immer eine Sure herabgesandt wird, schauen sie einander an und fragen: ‚Schaut jemand zu dir?‘ Dann wenden sie sich ab und gehen fort. Allah hat ihre Herzen abgewendet, weil sie nicht ihren Verstand gebrauchen. Wisst: Zu euch ist ein Gesandter aus eurer Mitte gekommen. Alles, was euch an Leid widerfährt, bedrückt ihn. Er ist sehr um euch besorgt. Gegenüber den Gläubigen ist er überaus gütig und barmherzig.“ (Sure at-Tawba: 126–128)

Der Koran ist voller vieler weiterer solcher ergreifender Aussagen. Es ist schwer, all die erstaunlichen Worte aufzuzählen, die sich auf jeder Seite des Korans finden, Worte, die sich im Herzen festsetzen, das Gewissen ansprechen und das Bewusstsein anregen und schärfen. Tatsächlich lässt sich schon aus den oben genannten Versen erahnen, wie mächtig ein Buch der Koran ist und wie machtvoll der Aufruf zur Wahrheit ist. Als diese intensiven Lichtstrahlen der Wahrheit einer nach dem anderen herabgesandt wurden, war es für den gemäßigten Menschen schlicht unmöglich, an der Finsternis des Denkens und Handelns festzuhalten. Wenn sich das leidenschaftliche Ansprechen mit der Vernunft verbindet, entsteht aus dieser Verbindung der Kräfte ein zweischneidiges Schwert, das sogar Stein durchschneiden kann. Darüber hinaus lösten neben dem Koran auch die Aussprüche des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Form verschiedener Ansprachen oder mündlicher Ausführungen unaufhörlich Erschütterung aus. Diese Aussprüche sind in den Hadith-Werken überliefert. Kein anderer Mensch auf der Welt konnte in so kurzen Sätzen Aussagen von solch umfassender Bedeutung, Wirkungskraft und erweckender Kraft hervorbringen. Auch die revolutionären Reden der Dichter, Schriftsteller und Redner der islamischen Bewegung lösten in der Bevölkerung heftige Erschütterung aus. Noch heute kann man beim Lesen der islamischen Gedichte von Hassān ibn Thābit und Kaʿb ibn Mālik aus jener Zeit erkennen, welch gewaltige Wellen sie im Meer der Gefühle der Menschen hervorriefen! Kurz gesagt: Das Wort der Wahrheit war die eigentliche unaufhaltsame Kraft, vor der das Falsche keinerlei Bestand haben konnte. Hierin liegt die wahre Bedeutung des ewigen Koranwortes: „Die Beseitigung des Falschen ist unausweichlich.“

Die Kraft der Kritik

Der Aufruf der islamischen Bewegung verband sich nicht nur mit der Argumentation und dem ansprechenden Appell, sondern übte neben dem Appell auch scharfe Kritik. In der sufischen Ideologie gibt es für die Daʿwa nur eine einzige Methode: die Methode des Bittens, des Appellierens, der Schmeichelei und des Flehens. Wo die Daʿwa auf die Läuterung des eng begrenzten persönlichen Lebens des Einzelnen beschränkt bleibt und die Reform und der Wiederaufbau des gemeinschaftlichen Lebens überhaupt nicht zur Frage stehen, welche andere Methode als eine bescheidene Bitte und ein demütiger Appell wäre dort auch erforderlich? In der sufischen Ideologie und in individualistisch ausgerichteten Religionen wird lediglich darauf geachtet, den Schülern einige Glaubensüberzeugungen und persönliche Tugenden beizubringen und sie zu ermahnen, sich vor den bösen Kräften selbst zu schützen. In ihnen entsteht jedoch keinerlei Antrieb, gegen organisierte gemeinschaftliche böse Kräfte und Übeltaten zu kämpfen und sich der verdorbenen Umgebung entgegenzustellen. Die Unterdrücker mögen auf den Sitzen der Führung und Herrschaft mit überwältigender Macht ihre Ausbeutung und Schreckensherrschaft fortsetzen, und die Menschlichkeit mag auf ihren Altären abgeschlachtet werden – was haben die von Allah besessenen Sufi-Derwische mit all diesen weltlichen Schwierigkeiten zu tun? In einem solchen eng begrenzten spirituellen System gilt es als die größte Tugend des Menschen, sich von den Angelegenheiten und politischen Problemen der Welt zurückzuziehen. Er soll sich allen gegenüber gleichermaßen demütig und schmeichlerisch verhalten. Bei den Muslimen soll er „Allah, Allah“ und beim Brahmanen „Ram, Ram“ rezitieren. Er soll mit allen freundlich umgehen und gegen niemanden Strenge zeigen. Da eine solche Ideologie keinen Plan vorsieht, den Menschen in Konflikte und Auseinandersetzungen zu führen, sondern darauf abzielt, ihn aus gesellschaftlichen und zivilisatorischen Aktivitäten herauszulösen und ihn an einen abgeschiedenen Ort oder in eine Khanqah zu setzen, stellt sich die Frage der Kritik gar nicht. Denn Kritik erzeugt in der geistigen Welt Konflikt und Erregung. Aus der Sicht einer eng begrenzten Spiritualität und einer auf den persönlichen Bereich beschränkten Frömmigkeit gilt es daher als vergleichsweise verwerflich, jemanden zu kritisieren. Es wird weitgehend als eine Handlung gegen die Taqwa betrachtet, die den Frieden der Seele stört.

Doch in der Gedankenwerkstatt der Träger jener Ideologie und Daʿwa, die eine Revolution der Zivilisation anstrebt, ist die Kritik ebenso wichtig wie Argumentation und Appell. Es genügt nicht, nur die Wahrheit aufzurichten; vielmehr ist auch die Beseitigung des Falschen notwendig. Denn ohne die Beseitigung des Falschen kann die Wahrheit nicht vollständig aufgerichtet werden. Hier sind der Glaube an Allah und die Zurückweisung des Taghut voneinander abhängig. Das eine kann nicht ohne das andere verwirklicht werden. Ebenso bleibt das Gebieten des Guten wirkungslos, wenn das Schlechte nicht verhindert wird. Hier muss man vor „illallāh“ zunächst „lā ilāha“ sagen.

Wann immer die islamische Bewegung aufkommt, übt sie zur Veränderung der Denkweise der Menschen scharfe Kritik an der bestehenden Zivilisation und Kultur, am gesellschaftlichen Umfeld, an den politischen und wirtschaftlichen Systemen und insbesondere an den vorherrschenden Denkweisen, Glaubensüberzeugungen und Wertvorstellungen. Sie kann nicht anders, als die herrschenden Klassen in religiöser, politischer und wirtschaftlicher Hinsicht zu entlarven, die das Volk im Netz ihrer Knechtschaft gefangen halten und ein bequemes Leben führen. Sie hat keine andere Möglichkeit, als dem einfachen Volk die wahre Identität jener offenzulegen, in deren Händen die Führung und Herrschaft über das gemeinschaftliche Leben liegen. Solange man das Unrecht nicht Unrecht, das Falsche nicht falsch und den Irrtum nicht Irrtum nennt, entstehen weder das Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit noch der Wunsch nach Veränderung. Betrachten Sie die Daʿwa und das Wirken eines jeden Propheten. Sie werden sehen, dass darin nicht nur die schlechten Vorstellungen und Zustände der Gesellschaft kritisiert wurden; vielmehr bezeichnete jeder Prophet die damals mächtigen Herrscher, indem er zu ihnen an ihren Hof ging, als vom rechten Weg abgekommen. In der islamischen Bewegung wird über die bestehende Struktur der Gesellschaftsordnung gesagt, dass es in jedem Land und in jeder Nation einige „große kriminelle Drahtzieher“ gibt, die durch eine Politik der Täuschung ihre eigenen Ziele verfolgen. (Sure al-Anʿām, 124.) Solange man sie in ihren Ämtern belässt, ist ihre Reform nicht möglich.

Als der Islam in Arabien aufkam, um die dschahilijjaische Gesellschaftsordnung zu beseitigen und ein neues goldenes Kapitel der Geschichte zu eröffnen, übte er schonungslose Kritik an jeder Art von Lüge, Unterdrückung und Unehrlichkeit. All jene, die damals als Bewahrer, Unterstützer und Helfer der dschahilijjaischen Gesellschaftsordnung und der taghutischen Umgebung auf der Gesellschaft lasteten, und jene, die verzweifelt versuchten, den Aufruf zum Wohle der Menschheit zum Schweigen zu bringen, um ihre Stellung und ihre etablierten Interessen zu schützen – der Islam entlarvte sie mit unerhörtem Mut und legte die unter ihren prächtigen Gewändern verborgenen Untaten vollständig bloß. So wurde die wahre Identität der kufrischen, gegen die Menschlichkeit gerichteten Kräfte der Gesellschaft immer deutlicher, und im öffentlichen Bewusstsein breitete sich zunehmend Erkenntnis aus. Zugleich wurde auch der Wunsch nach Veränderung immer stärker. Die Kritik der islamischen Bewegung schafft und entwickelt im aufgeklärten Volk die Fähigkeit zu geordnetem Denken, Verstehen, Prüfen und Abwägen, vergleichender Betrachtung und Beobachtung. Dieser Aspekt der Daʿwa unterscheidet zwischen Haqq und Bātil, zwischen Gut und Böse sowie zwischen Gerechtigkeit und Unrecht. Durch ihn wird der Unterschied zwischen dem rechten Weg und der Irreleitung sichtbar. Die Angehörigen der islamischen Bewegung ertrugen die Unterdrückung und Misshandlung durch die Kräfte des Falschen schweigend. Doch sie versäumten nichts, um den schönen äußeren Schein vom abscheulichen Charakter der Unterdrücker zu entfernen. Ihr Wirken fand nicht außerhalb gesellschaftlicher und politischer Aktivitäten statt. Der gesellschaftlichen und religiösen Führung des dschahilijjaischen Systems versicherten sie niemals: „Bleibt unbesorgt in euren Ämtern und führt eure Arbeit nach Plan fort. Wir sind Menschen Allahs. Wir werden uns nicht in eure Angelegenheiten einmischen und eure Interessen nicht beeinträchtigen. Wir werden lediglich den Namen Allahs rezitieren und die Menschen Sein Kalima lehren.“ Hätten sie auf diese Weise der islamfeindlichen Führung gegenüber demütig einige schmeichlerische Worte gesprochen, sich dadurch vor ihrer Unterdrückung geschützt und anschließend dieses revolutionäre Kalima zur Errichtung sozialer Gerechtigkeit ausgesprochen, so wäre das für sie niemals möglich gewesen.

Die Islamische Bewegung hat diese bittere Pflicht als Erste durch den geheiligten Mund ihres führenden Aufrufers erfüllt. Mit den Waffen der Sprache der Offenbarung führte sie an den erkrankten Organen der Gesellschaft eine Operation durch. Diese Kritik beschränkte sich nicht nur auf Ideale und Grundprinzipien; vielmehr erstreckte sie sich auch auf alle widerstehenden einflussreichen Kräfte und gegnerischen Parteien. Diese Kritik wurde stets im Zusammenhang mit den täglichen Ereignissen geübt, und die von der Gegenseite begangenen Handlungen wurden unmittelbar einer Prüfung unterzogen. Auf diese Weise wurde ein öffentliches Bewusstsein geschaffen. Wäre diese Arbeit nicht geleistet worden, so wäre es vielleicht möglich gewesen, einige fromme, liebenswürdige und rechtschaffene Menschen hervorzubringen; die zeitgenössische Welt hätte sie vielleicht überschwänglich gelobt, und auch in ferner Zukunft hätte ihr Andenken die Menschen vielleicht tief beeindruckt. Doch die gesellschaftliche Umwelt wäre weiterhin ebenso in die Finsternis der Dschahiliya gehüllt geblieben. Im muslimischen Volk wären niemals ein revolutionäres Bewusstsein und eine kämpferische Haltung entstanden. Der Islam wäre auf die Höhle von Hira beschränkt geblieben. Und es wäre ihm niemals möglich gewesen, Arabien zu erobern und anschließend in Mekka einzuziehen.

Der Gesandte, der Befreier der Menschheit, hat durch seine in der Sprache des Qur’an geübte Kritik die zeitgenössischen Führer der Gesellschaft nicht nur hinsichtlich Argumenten und Beweisen als bankrott erwiesen, sondern vor den Bewohnern der Welt auch enthüllt, dass mächtige Persönlichkeiten auf den höchsten Rängen und in Führungspositionen trotz ihres äußerst schmutzigen und abscheulichen Charakters weiterhin die Gesellschaft beherrschen. Als Folge dieser Kritik erkannten die Menschen, dass es im öffentlichen Leben keinerlei Möglichkeit für die Rückkehr von Schönheit, Ordnung und Anstand gibt, solange diese abscheulichen Kräfte des Bösen nicht durch Zusammenarbeit mit der Islamischen Bewegung aus aktiver Führung und Herrschaft entfernt werden.

Als der Islam die Quraisch und die Götzendiener kritisierte, enthüllte er die Masken all ihrer heidnischen Bräuche, ihres Aberglaubens und ihrer illusorischen Vorstellungen, ihrer lächerlichen religiösen Riten und Gebräuche, ihres niedrigen und verwerflichen Charakters sowie des Hochmuts und der Prahlerei ihrer Führer. Um die Hilflosigkeit ihrer geliebten Götzen aufzuzeigen, führte er als Beispiel an, dass all diese Götzen nicht einmal gemeinsam eine Fliege erschaffen könnten. Selbst wenn eine Fliege ihnen etwas raubte, wären sie nicht imstande, es zurückzuholen. Den Stolz und Hochmut, den sie darauf setzten, Erben von Abraham zu sein, zerschmetterte der Qur’an, indem er ihnen wiederholt die gesamte Lebensgeschichte Abrahams schilderte und seine wahre Identität darlegte. Der Qur’an erklärte: Ihr erhebt vollmundig den Anspruch, seine Erben zu sein, obwohl ihr euch nicht einmal dem großen Werk angenähert habt, dem er sein ganzes Leben gewidmet, für das er seine Heimat verlassen, den für ihn vorgesehenen Priesterthron mit Füßen getreten, vor Nimrod der Rebellion angeklagt und zu einem schaurigen Tod durch Verbrennen verurteilt worden war; danach war er durch Allahs grenzenlose Gnade dem Feuer entkommen und als Auswanderer Allahs ins Exil gegangen; anschließend hatte er in einer menschenleeren Wüste ein Zentrum für seinen Aufruf und die Anbetung Allahs errichtet, das ihr zu einem Mittel für euren Gelderwerb und eure religiöse Priesterschaft gemacht habt. Ein solcher Anspruch der Quraisch ist völlig unangemessen. Wie können sie, von Kopf bis Fuß in Schirk und Dschahiliya versunken, sich als Erben jenes großen Aufrufers zum Tauhid ausgeben und seinen Namen im Munde führen? Der Qur’an zeigte, wie sie eine selbst erdachte Scharia des Erlaubten und Verbotenen geschaffen hatten. Er zeigte, welch seltsame Regeln sie für das Darbringen verschiedener Dinge auf den Opferaltären erfunden hatten, wie sie sogar Würfel- und Glücksspiel mit der Würde religiöser Heiligkeit versahen, wie sie bei der Geburt eines Mädchens beschämt davonliefen, wie sie mit grenzenloser Grausamkeit weibliche Kinder lebendig begruben und keinerlei Scham empfanden, die Engel als Töchter Allahs zu bezeichnen. Indem der Qur’an ihnen jede ihrer sinnlosen und lächerlichen Handlungen vor Augen führte, erklärte er: Ihr seid stolz darauf, die Verantwortung für die al-Masdschid al-Haram und die Kaaba zu tragen. Doch wegen eures Kufr und Schirk seid ihr dessen nicht würdig. Ihr haltet die Menschen vom Weg Allahs und von der edlen Kaaba ab, vertreibt eure eigenen Brüder aus ihrer Heimat und stellt euch dem Weg des Islam entgegen.

Als der Qur’an die Leute der Schrift kritisierte, legte er anhand einer Auflistung ihrer jahrhundertelangen Taten dar: Ihr habt Musa Schritt für Schritt Leid zugefügt, ihm wiederholt den Gehorsam verweigert, euch immer wieder auf den Weg des Irrtums und der Verfälschung begeben, in Streit und Zwietracht gelebt, Aufruhr und Unruhen gestiftet, das Kalb angebetet, euch dem Dschihad entzogen, gegenseitig Blut vergossen, Verwandte ins Exil vertrieben, sie unterdrückt und angegriffen, Allahs Buch verfälscht, die Wahrheit verschwiegen, Derwische und Gelehrte auf den Thron Gottes gesetzt und sogar eigenhändig erdichtete Worte niedergeschrieben und behauptet, dies sei Allahs Wort. Ihr habt die Menschen getäuscht und unrechtmäßig Vermögen erworben, geht selbst nicht auf Allahs Weg und lasst auch andere ihn nicht beschreiten. Wenn jemand für das Wohl der Menschheit wirken will, hindert ihr ihn daran, statt ihn zu unterstützen. Vor dem Erscheinen Muhammads hattet ihr aufgrund der in Allahs Buch geschriebenen Verheißung allen die frohe Botschaft verkündet, dass die Ankunft des letzten Propheten nahe sei. Doch als dieser Prophet tatsächlich kam, habt ihr euch alle gegen ihn aufgereiht. Die Muslime stehen euch in vielerlei Hinsicht näher; sie erkennen eure Propheten und alle früheren Schriften an. Dennoch pflegt ihr vertraute Beziehungen zu den Götzendienern. Obwohl Allahs Buch bei euch ist, seid ihr in all diese Missetaten verstrickt geblieben.

Ihr verhaltet euch ebenso: Selbst wenn ein Esel einen Haufen von Allahs Buch auf dem Rücken trägt, kümmert er sich um nichts davon. Wenn ihr in eurer Behauptung wahrhaftig wärt, würdet ihr Allahs Buch, die Tora, in eurem Leben verwirklichen. Solange ihr Allahs Buch geringschätzt, ist eure Behauptung, ihr seiet Allahs geliebte Diener, wertlos. Euer Charakter ist derart verfallen, dass es äußerst schwierig wird, auch nur eine einzige Münze zurückzuerhalten, wenn sie euch anvertraut wurde. Wegen dieses Verhaltens seid ihr Allahs Zorn zum Opfer gefallen, und für euch sind Erniedrigung und Elend bestimmt.

Wenn anschließend die Heuchler kritisiert wurden, erfolgte eine umfassende psychologische Analyse ihrer Persönlichkeit. Man wies sie auf ihre Fehler hin und sagte ihnen: Ihr betrachtet alles mit einem schiefen Blick. Wenn ihr euch unter vier Augen trefft, kritisiert ihr in übler Weise den Zustand und die Ereignisse der islamischen Bewegung. Sobald ihr in der Öffentlichkeit erscheint, ändert sich euer Verhalten. Ihr verständigt euch untereinander durch Zeichen und Andeutungen, werdet manchmal still und bekommt manchmal bei Nachrichten über Krieg und Kampf vor Angst weit aufgerissene Augen. Manchmal macht ihr euch heimlich davon. Wenn ihr mit Muslimen zusammen seid, sprecht ihr auf eine Weise, und wenn ihr mit Ungläubigen zusammen seid, auf eine andere. In allen Dingen unterscheidet sich eure Haltung von der gemeinsamen Haltung der Muslime. Wenn andere aus den Worten der Offenbarung Lehren für ihr Leben ziehen und Trost finden, ärgert ihr euch sehr darüber. Für andere ist die Person des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein Gegenstand höchster Verehrung, Achtung und Liebe. Ihr dagegen haltet euch gern von ihm fern. Andere verrichten das Gebet mit Begeisterung, ihr aber kommt mit solcher Abneigung zum Gebet, als hätte man euch gefesselt hergebracht. Während die übrigen Muslime begierig sind, für den Islam alles zu opfern, geben weder ihr selbst auf Allahs Weg etwas aus, noch hindert ihr andere daran. Andere ziehen aus spontanem Glaubenseifer in den Dschihad, ihr aber wollt stets nur euer Leben retten und versucht mit allerlei fadenscheinigen Ausreden zu fliehen. Über Ereignisse, die andere erfreuen, seid ihr unzufrieden; über Ereignisse, die andere betrüben, freut ihr euch. Mit den gewöhnlichen Muslimen habt ihr keinerlei Gemeinsamkeit. Auf diese Weise hat die islamische Bewegung die Heuchler kenntlich gemacht.

Über jene unwissenden Dichter, die Gedichte voller Verleumdungen und übler Nachrede gegen den Islam verfassten und sogar über den Gesandten selbst, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Schmähungen verbreiteten, wurde in äußerster Kürze eine Darstellung gegeben, die in Bezug auf sie vollkommen wahr und wirklichkeitsgetreu war und anhand derer ein gewöhnlicher Araber sofort das Ausmaß ihres moralischen Niedergangs erkennen konnte. Über die Dichter der Unwissenheit wurde gesagt, dass nur die Irregegangenen ihnen folgen. Wegen ihrer Prinzipienlosigkeit ziehen sie ziellos überall umher und handeln nicht entsprechend den guten Worten, die sie im Mund führen.

Die islamische Bewegung hat auch ganz bestimmte Menschen mit besonders verabscheuungswürdigen Charakteren durch literarische Darstellungen von höchstem Rang kenntlich gemacht und dadurch versucht, im gesellschaftlichen Bewusstsein ein allgemeines Bewusstsein zu schaffen, damit jeder sie sehen und verstehen und sie in der Wirklichkeit selbst erkennen konnte. An einer Stelle zeigte sie einen Menschen aus dieser Gruppe, der die Menschen durch maßlose Prahlerei verblüfft, aber in der Welt des Handelns seine schönen Worte völlig vergisst und in der menschlichen Gesellschaft ständig neue Unruhen verbreitet und Verwüstung anrichtet. An anderer Stelle zeigte sie einen Menschen, der vom Hochmut über seine Stammeszugehörigkeit und seine Führerwürde berauscht und übermäßig auf seine Ehre bedacht ist. Am Tag der Auferstehung wird er streng bestraft werden. Wieder an anderer Stelle wurde jener menschliche Charakter dargestellt, der durch seine maßlose Gier wie ein Hund geworden ist: Treibt man ihn fort, hängt er die Zunge heraus, und treibt man ihn nicht fort, hängt er ebenfalls die Zunge heraus. All diese Charaktere waren in der Gesellschaft weit verbreitet. Aufgrund dieser Kritik fiel es dem Volk keineswegs schwer, sich ein Bild von ihrer Niedrigkeit und Verworfenheit zu machen.

Diese Kritik war nicht bloß theoretischer Natur, sondern stand in Verbindung mit realen Auseinandersetzungen und Konflikten. Von der Plattform der islamischen Bewegung aus sprach man die gegnerischen Kräfte unmittelbar an. Der Redner wusste, zu wem er sprach, und die Zuhörer wussten, über wen gesprochen wurde. Diese Kritik wurde nicht über ein Mikrofon aus dem Himmel verkündet, sondern durch den Mund des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Die Muslime verbreiteten sie in allen Winkeln der Gesellschaft. Daher waren auch ihre Gefühle und Empfindungen darin enthalten, und ihre innerste Seele verschmolz mit ihr zu einer Einheit. Diese Kritik wurde in Übereinstimmung mit dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse geübt, und die Zuhörer ordneten sie in die gegenwärtige Geschichte ein. Das Volk verstand, dass dies die Stimme der neu entstandenen konstruktiven revolutionären Bewegung unter ihnen war. Diese Kritik stellte die alte Gesellschaftsordnung infrage und traf gerade diejenigen, die der Revolution entgegenstanden. Das Volk erhielt die Gelegenheit, die Aussagen beider Seiten zu hören und beide Seiten vergleichend zu prüfen. So formte sich sein Bewusstsein.

Argumente und Beweise können das Verstehen erleichtern, aber sie regen die Gefühle nicht an. Ein Appell berührt die Gefühle und verleiht der Daʿwa Wärme. Doch ein Appell allein schafft keinen wirksamen Kampf in der Geschichte. Nur die Kritik besitzt eine solche Kraft: Wenn sie gemeinsam mit Argumenten und Appell wirksam wird, werden alle Elemente der Zivilisation gleichzeitig in Bewegung gesetzt. Nur die Kritik erzeugt eine Erschütterung im gesellschaftlichen Leben.

Zusammengefasst hat die islamische Bewegung durch Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, diese drei Arten von Mitteln eingesetzt – Argumente, Appell und Kritik – und sie dreiundzwanzig Jahre lang ununterbrochen eingesetzt. Diese drei Kräfte machten den Gegnern deutlich, dass sie argumentativ schwach, bei der Erweckung von Leidenschaft für ihre Ziele rückständig und ihrem Charakter nach äußerst niedrigstehend waren. Deshalb nahm unter den Gegnern unbewusst sowohl die Anerkennung der Überlegenheit der Muslime als auch das Gefühl der eigenen Minderwertigkeit zu. Auf der anderen Seite prüfte auch das Volk beide Seiten in jeder Hinsicht und konnte den Unterschied zwischen ihnen erkennen. Darin lag die eigentliche Stärke der islamischen Bewegung, und eben diese gewann die Herzen von Millionen Bewohnern Arabiens. Wären die islamische Daʿwa und die Bewegung nicht auf der Wahrheit gegründet gewesen, hätten sie nicht die Herzen des Volkes anziehen, die Führer und Anhänger der Bewegung nicht dazu bewegen können, in den Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit einzutreten, und durch Argumente, Appell und Kritik nicht die Anerkennung ihrer Stärke und Macht erringen können, dann hätten die Muslime weder auf dem Gebiet politischer Strategie noch auf dem Schlachtfeld siegen können. Auch auf all diesen Feldern wurde der Sieg deshalb errungen, weil der Vormarsch des Islam auf dem weiten Feld der öffentlichen Meinung äußerst siegreich war.

Die moralische Kraft der Muslime

Jede Daʿwa, die nur eine verbale Daʿwa ist und der es an moralischer Kraft fehlt, mag noch so faszinierend sein und vorübergehend noch so eine magische Wirkung entfalten – am Ende löst sie sich wie eine Rauchwolke in der Luft auf. Die Geschichte lässt sich nicht allein durch Worte beeinflussen. Durch bloße Worte ist zu keiner Zeit eine Revolution vollbracht worden. Worte erzeugen erst dann eine gewisse Wirkung, wenn ihnen durch Taten eine Bedeutung verliehen wird. Die Magie der Sprache kann wie Seife ansehnlichen Schaum und bunte Blasen hervorbringen, doch keine dieser Blasen vermag auch nur ein Staubkörnchen von seinem Platz zu bewegen. Vielmehr zerplatzen sie sofort.

Wenn Argumente ohne entsprechendes Verhalten vorgebracht werden, ein Appell ohne Aufrichtigkeit erfolgt und eine Kritik moralisch gehaltlos ist, vermag sie die Menschen nicht zu beeinflussen. Es ist die moralische Kraft, die eine Bewegung einflussreich und wirksam macht. Ein mündliches Zeugnis bleibt ohne das Zeugnis der Taten fruchtlos. Wahrlich: „Wenn jemand sagt, was er nicht tut, wird dies bei Allah zu einem Grund für äußersten Abscheu.“

Der Aufruf der islamischen Bewegung war kein bloß theoretischer oder auf Argumenten beruhender Aufruf. Der Aufruf des Islam war voll und ganz ein Aufruf zum Handeln. Dieser Aufruf war gekommen, um eine neue Art von Menschen hervorzubringen. Vom ersten Tag an begann er damit, diese von ihm angestrebten Menschen zu formen. Das Denken dieser Menschen, ihre charakterlichen Eigenschaften und ihr bezauberndes Verhalten verliehen seinen Argumenten erst ihre wirkliche Bedeutung, machten seinen Appell wahrhaft anziehend und seine Kritik wirksam. Diese von der islamischen Bewegung hervorgebrachten neuen Menschen waren selbst ein unwiderlegbares Argument. Sie waren der stärkste Appell. Ihr gesamtes Wesen war eine umfassende, verkörperte Kritik am alten Gesellschaftssystem, an Menschen von bestialischer Natur, am verdorbenen dschahilijjischen Umfeld, an der erstarrten Gesellschaft und an deren unfähiger Führung. Auf dieses lebendige Argument, diesen lebendigen Appell und diese lebendige Kritik hatte die Dschahilijja keine Antwort. Gegenüber diesen lebendigen Argumenten war die Dschahilijja völlig hilflos. Dieser neue Mensch, dessen vollkommenstes Beispiel der Gesandte selbst war und durch dessen Inspiration noch viele weitere Menschen geformt wurden, war eine wirkliche und unwiderlegbare Wahrheit. Selbst die Augen vor dieser Wahrheit zu verschließen, zeugte von der Intensität ihres Lichtes. Auch diejenigen, die diese Wahrheit leugneten, zurückwiesen und mit ihr in Konflikt traten, verkündeten durch ihr Verhalten gerade ihre Überlegenheit. In Mekka entwickelte dieser neue Mensch seine persönliche Gestalt, und nachdem er nach Medina gekommen war, zeigte er seine gemeinschaftliche Gestalt.

Die islamische Bewegung und der Gesandte waren niemals nachlässig bei der eigentlichen Aufgabe, diesen neuen Menschen zu formen; im Eifer, andere zu verbessern, vergaß der Islam diese Aufgabe nicht. Hier wurde der Selbstreinigung größere Bedeutung beigemessen als der Verbesserung anderer. Wichtiger als die Kritik an anderen war die Selbstkritik. Bevor man äußerlich eine Veränderung herbeiführte, war es für ihn dringlicher, im eigenen Inneren eine Veränderung herbeizuführen.

In einer Gesellschaft, in deren Augen es kein höheres und edleres Ziel gab als Erwerb und Essen und Trinken; in der jede Versammlung zugleich eine Schenke, eine Glücksspielrunde und ein Tanzklub war; in der Tapferkeit nur für Streit und Aufruhr, Mord, Plünderung und Rache eingesetzt wurde; in der die Gesellschaft sich in einen Dschungel verwandelt hatte, in dem menschenähnliche Raubtiere brüllend umherstreiften und anständige und schwache Menschen zu ihrer leichten Beute wurden – in einer solchen Gesellschaft trat der Gesandte mit einer Gruppe rechtschaffener, reiner und gesitteter Menschen auf. Diese Gruppe wurde vom ersten Tag an in der Gesellschaft sehr auffällig und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Die Menschen betrachteten diese neuen Beispiele der Menschlichkeit verwundert und empfanden sie in jeder Hinsicht als anders und besonders im Vergleich zu allen anderen in der Gesellschaft. Ihr Auftreten, ihre Entwicklung und ihr zahlenmäßiges Wachstum vollzogen sich vollständig vor den Augen der Menschen. Ihre Ausbildung und Erziehung von Anfang bis Ende hatten die Menschen sehr genau verfolgt.

Menschen aller Schichten sahen jeden Morgen und jeden Abend, wie das Glaubensbekenntnis des Islam einen guten Menschen nach dem anderen anzog. Plötzlich ergab sich mancher Mensch, vom Druck seines Gewissens gezwungen, dieser revolutionären Bewegung. Wer noch wenige Tage zuvor einen umfassenden Krieg gegen Muhammad geführt hatte, senkte plötzlich den Kopf, als hätte ihn jemand verzaubert. Und bei jedem, der den Islam annahm, setzte sofort eine positive Veränderung ein. Seine Freundschaften und Feindschaften veränderten sich. In seinen Gewohnheiten, seinem Verhalten und seinem Geschmack kam es zu einer Revolution. Seine Beschäftigungen nahmen eine andere Gestalt an. Die Dinge, für die er sich zuvor interessiert hatte, veränderten sich, und sein Interesse wandte sich neuen Dingen zu. Zugleich verwandelte er sich in einen äußerst aktiven Menschen. In ihm entstand eine neue Kraft. Seine schlummernden Fähigkeiten und Talente erwachten. Sein Gewissen wurde durch eine neue Inspiration belebt. In ihm begann sich ein vorzüglicher Charakter zu entwickeln. Wenn ein Ungläubiger Muslim wurde, schien aus seinem Inneren ein völlig neuer Mensch hervorzutreten. Er selbst empfand: Ich bin meiner Umgebung gegenüber völlig anders und neu. Auch die Umgebung nahm an ihm wahr, dass er sich verändert hatte. Ein mörderischer Terrorist nahm den Islam an und wurde zum Beschützer des Lebens. Ein Dieb nahm den Islam an und wurde zu einem treuen Bewahrer anvertrauten Eigentums. Ein Ehebrecher nahm den Islam an und wurde zum Beschützer der Ehre der Frauen. Ein Räuber nahm den Islam an und wurde zum lebendigen Sinnbild von Frieden und Verständigung. Ein jähzorniger und schwieriger Mensch kam unter den Schutz des Islam und wurde zu einem geduldigen, bescheidenen und liebenswürdigen Menschen. Ein Wucherer wurde freigebig. Ein einfältiger und unbegabter Mensch zeigte hohe Begabung und große Fähigkeiten. Wer aus einer niedrigen sozialen Schicht kam, stieg zu den höchsten Stufen der Erhabenheit auf, als wäre er ein Wesen aus einer anderen Welt. Es schien, als sei er nicht aus Erde, sondern aus einem anderen Stoff geschaffen.

Menschen, die sich Allahs Anbetung hingebungsvoll widmeten, die von der Liebe zum Gesandten beseelt waren, aufrichtige Diener der Wahrheit, Initiatoren guter Taten, Aufrufer zum Guten, Feinde des Unrechts und der Unwahrheit, entschiedene Gegner der Unterdrückung, demütig in Ruku und Suǧud, andächtig den Koran rezitierend, am Tage im Kampf engagiert, in der Nacht in hingebungsvollem Gespräch mit Allah, die Bedürftigen speisend, Reisende bewirtend, Waisen und Witwen dienend, sich von Müßiggang und unerlaubten Spielen fernhaltend, sich vor Luxus und Vergnügungen bewahrend, zurückhaltend bei nutzlosen Streitgesprächen, beseelt von Ernsthaftigkeit und Selbstachtung, Sinnbilder eines geordneten und sauberen Lebens, einsam inmitten der Menschenmenge und in ihrer eigenen Heimat wie Fremde – wie hätten die Träger all dieser außergewöhnlichen Eigenschaften nicht zum Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Menschen in ganz Arabien werden können?

Diese selbstlosen Kämpfer, die das Banner des Islam trugen und sich bemühten, das große Vorhaben der Errichtung des Islam zu verwirklichen, waren unentgeltlich und ständig für die Bewegung tätig. Im Streben nach dem Wohlergehen im Jenseits waren sie daran gewöhnt, ihre weltlichen Interessen vollständig zu vernachlässigen. Für ihr heiliges Ziel scheuten sie sich nicht, sämtliche geistigen Fähigkeiten, alle Kräfte ihres Körpers, ihr Geld bis zum letzten Heller und, wenn nötig, sogar ihr eigenes Leben und das ihrer Kinder zu opfern. Sie machten sich weder Sorgen um ihren Lebensunterhalt noch achteten sie auf ihre körperliche Sicherheit; sie dachten weder an den Schlaf der Nacht, noch hatten sie Muße, sich ihren Frauen und Kindern zu widmen, oder Gelegenheit zu Spiel und Unterhaltung. Ihr einziger Beruf, ihre einzige Beschäftigung, ihre einzige Zerstreuung und ihr einziges Vergnügen war der Kampf dafür, den Islam zum Sieg zu führen und zu festigen. Mit einem Lächeln hörten sie die Beschimpfungen ihrer Feinde an, ertrugen tapfer faschistische Angriffe, fasteten freudig und gingen lächelnd ins Exil. Wenn Geduld erforderlich war, übten sie Geduld im höchsten Maß; wenn ein Zusammenstoß notwendig wurde, stellten sie sich mit entschlossenem Herzen dem Kampf; sie legten sich mit den Worten „Ahad, Ahad“ auf den heißen Sand, bestiegen unter dem Vortrag leidenschaftlicher Gedichte den Pfahl und selbst nachdem sie verwundet zu Boden gefallen waren, sprach ihre aufstrebende Seele ein letztes Mal aus:

*****Arabisch*****

„Beim Herrn der Kaaba, ich habe Erfolg gehabt.“

Warum sollte der unaufhaltsame Vormarsch jener Menschen mit einem solchen moralischen Charakter und einer solchen Haltung ausbleiben? Warum sollte sich die Welt nicht vor ihnen beugen?

Dieser muslimische Charakter hat in jeder Hinsicht ein so unvergessliches Beispiel gegeben, dass es bis zum Jüngsten Tag in goldenen Buchstaben in der Geschichte der muslimischen Gemeinschaft verzeichnet bleiben wird. Als der geistige Lehrmeister dieses Charakters den Richtplatz verließ, sorgte er dafür, dass die bei seinen Mördern hinterlegten anvertrauten Güter zurückgegeben wurden. Diejenigen, die diesen Charakter angenommen hatten, bekannten sich nach der Begehung des Ehebruchs aus eigenem Antrieb zu ihrer Schuld und ließen sich vom islamischen Gericht zum Tode verurteilen, damit sie Allah in reinem Zustand begegnen konnten. Als wenige Minuten nach ihrer Annahme des Islam eine schöne junge Frau diesen Charakterträger aufforderte, ihr Vergnügungsgefährte zu werden, wies er dies voller Abscheu mit den Worten zurück: „Ich kann Allah und Seinem Gesandten nicht ungehorsam sein.“ Als das muslimische Heer auf einem Feldzug an der Wohnstätte des Stammes Uzd vorbeizog, nahm ein muslimischer Soldat aus dringendem Bedarf von dort ein Gefäß mit. Doch gerade der muslimische Charakter zwang ihn, es zurückzugeben. In einer Gesellschaft, in der sich täglich Hunderte solcher Beispiele ereigneten, musste sich geradezu jeden Tag ein Erdbeben ereignen.

Waren die einfachen Menschen jener Gesellschaft nicht völlig verblüfft, als sie sahen, welches Beispiel der Aufopferung die Ansar gaben, indem sie ihre Häuser und ihr Vermögen in zwei gleiche Teile teilten, die eine Hälfte für sich behielten und die andere Hälfte ihrem ausgewanderten Bruder überließen? Konnte diese erstaunliche Gleichheit, die darin zum Ausdruck kam, dass ein unbedeutender Sklave neben vornehmen Persönlichkeiten, Arme neben Reichen und Vertriebene neben den einheimischen Bewohnern Medinas in derselben Reihe standen, die Herzen der Menschen nicht anziehen? Jeder erhielt Bedeutung, jeder erlangte Ehre und Ansehen, die Meinung jedes Einzelnen wurde gewürdigt, und jedem wurde die Möglichkeit gegeben, Verantwortung zu tragen und seine Fähigkeiten zu zeigen. Es war wie eine Familie, in der alle Mitglieder Freud und Leid gleichermaßen miteinander teilen und sich in Denken, Bewusstsein und Handeln gleichermaßen beteiligen. Wenn eine Zeit des Hungers kam, nahm der Anführer den größten Anteil daran auf sich. Wenn Wohlstand eintrat, nahm gerade der Anführer den kleinsten Anteil daran. Die Gesellschaft war überwältigt, als sie sah, dass zwischen Menschen, die aus jahilischer Sicht hoch und niedrig standen, Ehen geschlossen wurden. Die einfache und schlichte Art, die der Islam gefunden hatte, um die schwere Last von Sitten und Bräuchen zu erleichtern, musste die einfachen Menschen der jahilischen Gesellschaft anziehen. Was für ein liebevolles, leichtes, schlichtes und friedliches Leben war das! In Wahrheit war es „hayātan tayyiba – ein reines, gutes Leben“.

Die Gesellschaft beobachtete auch, welche Fähigkeiten und Talente unter den Muslimen zur Entfaltung kamen. Sie sah, wie sich in Geist und Verstand derjenigen, die den Islam annahmen, mit erstaunlicher Geschwindigkeit Begabung entwickelte. Ganz Arabien sah staunend, dass der eine von ihnen in der Rechtswissenschaft, der andere in der Landwirtschaft, ein weiterer im Handelswesen, ein anderer in der Kriegskunst, wieder ein anderer in der Verwaltung und ein anderer in der Diplomatie hervorragende Fähigkeiten erlangte; kurz gesagt, jeder erwarb in irgendeinem Gebiet Meisterschaft und gewann dadurch eine neue Persönlichkeit.

Indem der Koran ein Bild dieses Charakters zeichnete, machte er den Feinden des Islam ebenso wie der Bevölkerung immer wieder verständlich: Seht, wie schön und vortrefflich das Beispiel von Menschlichkeit ist, das aus dem Ideal der Wahrheit hervorgeht. So kann man Frieden und Sicherheit erlangen. Der Islam stellte diesen Charakter als Beweis für seine eigene Wahrheit vor. Danach verglich er ihn immer wieder mit dem jahilischen Charakter, ebenso mit dem Charakter der Leute der Schrift und der Heuchler. Indem er beide nebeneinanderstellte, zeigte er: Entscheidet selbst, welcher besser ist. Auf dem Feld der Wirklichkeit fand dieser Vergleich auf diese Weise statt. Darüber hinaus erfolgte in jedem Lebensbereich von selbst eine vergleichende Beobachtung.

Konflikt- und Zusammenstoßsituationen bringen gleichzeitig zwei bemerkenswerte Ergebnisse hervor. Wenn Menschen in Auseinandersetzungen geraten, wird der Charakter mancher von ihnen geformt, während der Charakter anderer zerbricht und untergeht. Die islamische Bewegung unternahm alle Anstrengungen, damit der Charakter der Muslime durch die Konflikte noch schöner, ausgewogener und geläuterter wurde. Durch strenge Maßnahmen der Ausbildung, Läuterung und Unterweisung entwickelte sich der muslimische Charakter ständig weiter. Der jahilische Charakter dagegen wurde durch die Konflikte zunehmend auf den Weg des Niedergangs getrieben und versank schließlich vollständig und ging zugrunde. Der muslimische Charakter wurde immer wieder in Geduld unterwiesen. In ihm wurden die Kraft zur Nachsicht und die Fähigkeit entwickelt, an den Grundsätzen unbeirrbar festzuhalten. Manchmal wurde eine strenge Anweisung erteilt: Lass dich nicht durch Provokationen erregen. Manchmal wurde ermahnt: Lass dich nicht auf die Anführer der jahilischen Kräfte ein, verliere nicht die Hoffnung, beantworte schlechtes Verhalten mit gutem Verhalten, begegne Unterdrückung und Übertreibung mit Vergebung, begehe niemandem gegenüber aus Feindschaft Ungerechtigkeit, hege keine Hoffnung auf die Besserung der Weltmenschen und verschwende deine Zeit nicht hinter ihnen, lass dich durch den Überfluss und den Prunk der Feinde nicht einschüchtern und treffe keine übereilten Entscheidungen. Jede ihrer seelischen Höhen und Tiefen wurde beobachtet, und ihnen wurde zugleich erklärt, was für sie gut sein würde. Der Gesandte (Allahs), Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, widmete jedem einzelnen Mitglied seiner Gemeinschaft seine Aufmerksamkeit und förderte den muslimischen Charakter, indem er bei geeigneter Gelegenheit manchmal ermahnte, manchmal zurechtwies, manchmal Unzufriedenheit und manchmal Zufriedenheit zum Ausdruck brachte. Bei jedem, in dem er eine bestimmte Fähigkeit erkannte, und bei jedem, dessen Wesensart er wahrnahm, erteilte er gemäß dessen jeweiligem Bedarf Rat. Und bei jedem, in dem er eine bestimmte Schwäche sah, stellte er genau die entsprechende Forderung des Islam vor ihn. Darüber hinaus übte er nach jedem wichtigen Ereignis scharfe Kritik an der Haltung, welche die muslimische Gemeinschaft bei ihren gemeinsamen Aktivitäten gezeigt hatte. Ob es nun die Schlachten von Badr und Uhud, der Vertrag von Hudaybiyya, das Ereignis der Änderung der Gebetsrichtung oder der Vorfall der Verleumdung war: Nach jedem dieser bedeutenden historischen Ereignisse legte er der Bevölkerung einerseits die Einzelheiten der Aktivitäten der Feinde dar, andererseits übte er rückhaltlose Kritik an seiner eigenen Gemeinschaft, wies sie auf ihre Fehler und Mängel hin und erklärte auch, wie diese behoben werden konnten. Wenn seine Gefährten ihren Feinden gegenüber etwas Unrechtes taten, versuchte er nicht, dieses Unrecht zu verbergen oder als richtig darzustellen. Vielmehr bekannte er den Fehler vor dem Feind; wenn jemand zu Unrecht getötet worden war, leistete er dafür Entschädigung. Wegen des Vorfalls von Nakhlah tadelte er die Gefährten. Als Hadhrat Khalid während des Krieges einen Mann, der laut die Kalima sprach, aus dem Verdacht heraus tötete, dieser habe sie nicht aufrichtig, sondern nur zur Rettung seines Lebens gesprochen, missbilligte der Gesandte (Allahs), Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, diese Handlung und weigerte sich, ihre Verantwortung zu übernehmen. Der Islam bezeichnete außer dem Gesandten (Allahs), Allah segne ihn und schenke ihm Frieden, die übrigen Gefährten nicht als sündlos und unfehlbar. Er bezeichnete sie lediglich in ihrer Gesamtheit als rein, rechtschaffen und der Besserung fähig. Den muslimischen Charakter erklärte er insgesamt als eindeutig vorzüglicher, edler und entwicklungsfähiger als den jahilischen Charakter.

Gegen die etablierte Führung, die bestehende Autorität und die vorherrschenden Verhältnisse zu kämpfen, ist kein Spiel. Es ist eine langwierige Aufgabe. Dabei muss man viele Verluste und Schäden hinnehmen und mit äußerst kühlem und unaufgeregtem Verstand handeln. Die Kräfte des widrigen Umfelds ziehen die Voranschreitenden ständig am Gürtel zurück und versuchen, diejenigen, die nach Reform streben, erneut zu verderben. Sie suchen nach Lücken und Schwachstellen, um Einfluss auf ihr Inneres zu gewinnen, damit sie ihre eigenen nichtigen Glaubensvorstellungen, Bräuche, Sitten und Gewohnheiten irgendwie wieder in sie einschleusen und einen Weg zu geistiger Knechtschaft und zum Kompromiss finden können, auf dem sie voranschreiten. Wenn beim Kampf unter widrigen Umständen die Kraft und der Mut selbst mächtiger Menschen zermürbt werden und auch die Füße der aufrichtigen Menschen beginnen, zurückzuweichen, dann ist der Mensch bereit, die revolutionären Vorstellungen aufzugeben und die alten Vorstellungen anzunehmen. Auch wenn es nicht um Grundsätze und Glaubensüberzeugungen geht, wird er bereit, fremde Einflüsse in kulturellen Bräuchen, im Verhalten und in der Kleidung anzunehmen. Sobald nur ein solcher Weg geöffnet ist, beginnt das bestehende Umfeld, ihn immer weiter zu verbreitern, und nimmt schließlich alles in sich auf. Wenn es nicht im Zeitalter einer Generation vollendet werden kann, wird es im Zeitalter der nächsten Generation vollendet. Die islamische Bewegung hat jedoch beim Aufbau des muslimischen Charakters diese Gefahr vollständig berücksichtigt. Deshalb hat sie diesen Charakter stahlhart gemacht und umfassende Maßnahmen zu seinem Schutz ergriffen. Einerseits lehrte sie ihn, im Kampf gegen die Gegner des Islam unter dem Grundsatz „Ashiddāʾu ʿalal-kuffār“ eine unbezwingbare Kraft zu entwickeln, und andererseits, unter dem Grundsatz „Ruhamāʾu bainahum“ einander gegenüber mitfühlend und barmherzig zu sein. Sie verbot strengstens die Nachahmung fremder Völker, die geistige Knechtschaft unter ihnen und geheime enge Beziehungen zu ihnen. Gerade um diese geistige Standfestigkeit und Unerschütterlichkeit unter den Muslimen zu schaffen, wurden die Neubekehrten dazu aufgerufen, auszuwandern und nach Medina zu kommen. Wenn sich irgendwo eine beträchtliche Zahl von Menschen versammelte und ihnen ein „beduinengemäßes“ Treuegelöbnis abgenommen wurde – also ein Treuegelöbnis, bei dem keine Auswanderung zur Bedingung gemacht wurde –, wurde ihnen aufgetragen, sich von den Götzendienern fernzuhalten und keine Freundschafts- oder Heiratsbeziehungen mit ihnen einzugehen. Sie sollten ihre eigene Gesellschaft aufbauen. Zusammen mit dem Gebot, den nichtmuslimischen Eltern zu gehorchen, wurde auch gesagt: Wenn die Eltern dazu auffordern, den Islam aufzugeben, darf man ihnen niemals gehorchen. Gegen den Islam darf niemandem Gehorsam geleistet werden. Die Festigkeit dieses Charakters war so groß, dass er sich selbst vom prunkvollen Zivilisationsleben Irans nicht beeinflussen ließ und angesichts des luxuriösen Lebens in Rom nicht von Minderwertigkeitsgefühlen befallen wurde. Die Muslime traten an den großen Königshöfen mit ihrem beduinengemäßen Auftreten auf, zertraten die kostbaren Teppiche, ohne den Kopf zu neigen, und trugen ihre eigenen Aussagen mit vollem Mut vor. Nachdem dieser Charakter geistig vollkommen gefestigt und über jede Art von Minderwertigkeitsgefühl erhoben worden war, stellten sie auch auf dem Schlachtfeld unvergessliche Beispiele für Tapferkeit und Standhaftigkeit auf. Die Welt sah erstaunt, dass dieser Charakter zwar zahlenmäßig klein und unzureichend ausgerüstet war, dass es jedoch unmöglich war, ihn zu vernichten oder seinen Vormarsch aufzuhalten.

Zahlreiche fanatische Feinde beneideten diesen muslimischen Charakter insgeheim gewiss, obwohl sie ihn offen verspotteten, beschimpften, verleumdeten und durch Propaganda bekämpften; sie hielten die Muslime für besser als sich selbst. Sie bedauerten, dass auch sie nicht zu dieser Gemeinschaft gehören konnten. Zu verschiedenen Zeiten haben die Gegner dies sogar eingestanden. Nach der Schlacht von Uhud fragte Abu Sufyan, als er auf dem Berg stand, Hadhrat Umar: „Ist Muhammad (s.) getötet worden?“ Hadhrat Umar antwortete: „Bei Allah, er ist am Leben und hört euch zu.“ Darauf sagte Abu Sufyan: „Obwohl Abu Qayma gesagt hat, dass Muhammad (s.) getötet worden sei, halten wir euch für wahrhaftiger als ihn.“ Ebenso zeigt die Szene, die der Gesandte der Quraisch, Urwa ibn Masʿud, nach dem Vertrag von Hudaybiyya im Inneren der muslimischen Gemeinschaft beobachtete und den Führern der Quraisch schilderte, dass die Nichtmuslime die Muslime stets als ihnen moralisch überlegen anerkannten. Auch die Beschreibung, die Abu Sufyan – obwohl ein erbitterter Gegner des Islam – vor dem römischen Kaiser über Muhammad (s.) und seine Bewegung gab, bezeugt, dass die Feinde trotz ihrer Feindschaft die Überlegenheit Muhammads (s.) und des Islam offen anerkannten. Als der Steuereinnehmer von Medina zu den Juden von Khaybar ging, um die Abgaben einzuziehen, bezeugten sie angesichts der Genauigkeit ihrer Verteilung: „Das ist wahrhaftige Gerechtigkeit, auf der Himmel und Erde stehen.“

In allen Winkeln Arabiens wurde unablässig über die erstaunlichen Zustände und Verhältnisse der neu gegründeten muslimischen Gesellschaft gesprochen. Man unterhielt sich über den Anführer der Bewegung und ihre Mitglieder. Kurz gesagt: Sobald zwei Menschen zusammenkamen, waren die guten Taten und der gute Ruf Muhammads (s.), der islamischen Gesellschaft, der islamischen Bewegung und der Regierung von Medina das erste und wichtigste Gesprächsthema.

Gerade diese moralische Kraft der islamischen Bewegung machte ihre Argumente und ihren Aufruf wirksam und erfolgreich. Sie war die allgemeine Anerkennung der Überlegenheit des muslimischen Charakters, und diese allgemeine Anerkennung machte Menschen aus allen Schichten zu Anhängern des Islam. Ich führe einige Beispiele dafür an, wie die unwiderstehliche Anziehungskraft des Islam die Menschen in allen Richtungen anzog.

Zunächst wenden wir uns der mekkanischen Zeit zu. Als der berühmte Dichter Tufail ad-Dausi nach Mekka kam, verboten ihm die Quraisch, den Gesandten Allahs (s) zu treffen. Schließlich suchte er ihn selbst auf und nahm schon nach dem Hören einiger Verse den Islam an. Amr ibn Abasa kam, nachdem er vom guten Ruf des Gesandten Allahs (s) gehört hatte, zu ihm und nahm den Islam an. Damads ibn Tha’laba, ein Jugendfreund des Gesandten Allahs (s), kam als Ratgeber und nahm schon nach einigen Worten aus dem Mund des Gesandten Allahs (s) den Islam an. Abu Dharr, ein junger Mann aus einem räuberischen Wüstenstamm, kam, nachdem er vom guten Ruf des Islam gehört hatte, nach Mekka. Unter großen Schwierigkeiten gelang es ihm, sich der feindlichen Umgebung zu entziehen, den Gesandten Allahs (s) zu treffen, seine Einladung zum Islam anzuhören und die Wahrheit anzunehmen. Plötzlich erwachte in ihm eine starke Erregung, und er ging zur Kaaba, um die Botschaft der Wahrheit zu verkünden. Dafür musste er anschließend die Strafe für dieses Verbrechen aus Liebe zur Wahrheit ertragen. So wurde jeder, der sich der islamischen Bewegung anschloss, in seinem jeweiligen Einflussbereich zu einem Einladenden zum Islam. Durch die Einladung mancher von ihnen nahm ihr gesamter Stamm den Islam an. Suwaid ibn Samit traf den Gesandten Allahs (s) und wurde zutiefst von ihm beeinflusst. Auch Iyas ibn Mu’adh kam aus Medina, wurde zu einem Unterstützer der Einladung des Gesandten Allahs (s) und schuf in Medina eine öffentliche Meinung zugunsten des Islam. Eine Delegation von zwanzig Christen kam aus Nadschran, erlangte beim Gesandten Allahs (s) Wissen über den Islam und reiste trotz zahlreicher vergeblicher Bemühungen der Quraisch mit dem Licht des Islam im Herzen wieder ab. Einige Jemeniten nahmen durch diejenigen, die nach Abessinien ausgewandert waren, den Islam an, und durch sie wurde sogar das Herz des Königs Negus vom Licht des Glaubens erhellt. Die Menschen aus den Stämmen Aus und Chazradsch in Medina nahmen bereits vor der Ankunft des Gesandten Allahs (s) in raschem Tempo den Islam an. Nach der Auswanderung des Gesandten Allahs (s) blieb kein einziges Haus mehr übrig, das nicht vom Licht des Islam erreicht worden war. Erstaunlich ist, dass der berühmte jüdische Gelehrte Abdullah ibn Salam durch eine einfache, schlichte und kurze Ansprache des Gesandten Allahs (s) so tief beeindruckt wurde, dass er schließlich den Islam annahm. Diese Ansprache lautete: „O ihr Menschen, verbreitet Frieden in der Gesellschaft, gebt den Menschen zu essen, pflegt gute Beziehungen zu euren Verwandten und betet in der tiefen Nacht, während die Menschen schlafen.“ Ebenso folgte Abu Qais Sarma ibn Abi Anas, ein christlicher Mönch, dem Ruf der islamischen Bewegung. Dschubair ibn Mut’im war gekommen, um die Kriegsgefangenen von Badr freizukaufen. Als er zu dieser Zeit einige Verse aus dem Mund des Gesandten Allahs (s) hörte, wurde er rechtgeleitet. Abu Rafi, ein Sklave der Quraisch, kam als Gesandter nach Medina und nahm dort den Islam an. Er wollte nicht zurückkehren. Der Gesandte Allahs (s) erklärte ihm, dass man einen Gesandten nicht zurückhalten dürfe: „Kehre zunächst nach Mekka zurück. Wenn du danach möchtest, dann komm nach Medina.“ Abu Rafi ging nach Mekka und wanderte später erneut nach Medina aus. Als wegen des Verbrechens der Banu Quraiza ein Angriff gegen sie geführt wurde, nahm Amr ibn Sa’d aus ihren Reihen den Islam an.

Der Anführer von Jamama, Thumama ibn Uthal al-Hanafi, wurde als Gefangener gebracht und nahm, beeindruckt vom Verhalten des Gesandten Allahs (s), den Islam an. Die Schlacht von Uhud war im Gange. Genau zu dieser Zeit nahm Amr ibn Thabit aus dem Stamm der Banu Abd al-Aschhal den Islam an, ging sofort auf das Schlachtfeld, kämpfte dort und erlangte das Martyrium. In der schwierigen Lage während der Grabenschlacht schloss sich Nu’aim ibn Mas’ud der islamischen Bewegung an. Abu al-As kam nach Medina und erklärte völlig unerwartet, dass er den Islam angenommen habe. Als Aswad, ein Hirte der Juden von Chaibar, ihre Kriegsvorbereitungen sah, fragte er, gegen wen und wo der Krieg stattfinden werde. Als er erfuhr, dass Vorbereitungen für einen Krieg gegen Muhammad (s) getroffen wurden, nahm er den Islam an. Hazrat Khalid und Amr ibn al-As verließen zwischen dem Vertrag von Hudaibiyya und der Schlacht von Mu’ta die Reihen der Quraisch und nahmen den Islam an. Sie waren des Kämpfens aus den Stützpunkten der Dschahiliyya überdrüssig geworden. Daher zog sie die islamische Bewegung plötzlich an. Fudala kam zur Zeit der Eroberung Mekkas mit der Absicht, den Gesandten Allahs (s) zu töten, und Schaiba kam während der Schlacht von Hunain mit derselben Absicht. Doch sie selbst wurden vom Schwert der Wahrheit verwundet. Als die Menschen aus den Stämmen Hawazin und Banu Sa’d kamen und den Islam annahmen, erinnerte sich der Gesandte Allahs (s) an Malik ibn Auf und äußerte die Hoffnung, dass auch er den Islam annehmen möge. Als Malik ibn Auf von der Haltung des Gesandten Allahs (s) erfuhr, kam er heimlich und nahm den Islam an. Als das muslimische Heer über den Stamm Tayy siegte, kam die Tochter Hatim Tais als Gefangene nach Medina. Sie bat den Gesandten Allahs (s) um eine gute Behandlung. Der Gesandte Allahs (s) erfüllte ihre Bitte, ließ ihr ein Reittier bereitstellen und verabschiedete sie. Sie berichtete ihrem Bruder Adi ibn Hatim, der dem Islam äußerst feindselig gegenüberstand, den gesamten Vorgang und riet ihm, nach Medina zu kommen. Adi kam, prüfte die Lage mit eigenen Augen und nahm den Islam an, als er erkannte, dass der Gesandte Allahs (s) tatsächlich Allahs Gesandter war. Der Dichter Ka’b ibn Zuhair, der durch seine Gedichte gegen den Islam und den Gesandten Allahs (s) gekämpft hatte, kam freiwillig nach Medina und nahm den Islam an. Danach verfasste und rezitierte er das geschichtlich berühmte Gedicht „Banat Su’ad“. Betrachten wir Abdullah Dhul-Bidschadain. Obwohl dieser junge Mann vom Islam beeinflusst worden war, hatte er dies aus Furcht vor seinem Onkel einige Zeit geheim gehalten. Als er erkannte, dass er keine Hoffnung auf die Erlaubnis seines Onkels hatte, verabschiedete er sich von seinem Onkel, dessen Vermögen, den von ihm gegebenen Kleidern und der häuslichen Umgebung, legte einen Mantel an, kam nach Medina und nahm den Islam an. Munqidh ibn Hubban, ein Händler aus dem Stamm Abd al-Qais in Bahrain, hielt sich auf einer Handelsreise einige Tage in Medina auf. Der Gesandte Allahs (s) hatte den Plan, die islamische Bewegung im Ausland auszubreiten. Dementsprechend ging er selbst auf Munqidh zu, traf ihn und lud ihn zum Islam ein. Munqidh nahm den Islam an. Als er nach Hause zurückkehrte und seinen Vater zum Islam einlud, nahm auch sein Vater den Islam an. Später nahmen auch die einfachen Leute seines Stammes den Islam an. Es gab auch viele Menschen, die Herrschaft, Führungsämter und hohe Rangstellungen aufgaben und sich der Anbetung Allahs hingaben.

Aus diesen Beispielen wird deutlich, wie das Umfeld für den Islam allmählich günstig und fruchtbar wurde. Zuerst nahm einer den Islam an, dann zwei oder vier, danach Hunderte und schließlich Tausende – und so entstand eine ganze Welt.

In einer bestimmten Phase setzte plötzlich eine schnelle und allgemeine Welle ein, in der die Menschen scharenweise den Islam annahmen. Hier erwähne ich nur jene herausragenden Persönlichkeiten, die in ihrem jeweiligen Umfeld führende Rollen innehatten. Wenn einer von ihnen den Islam annahm, wurde er auch in seinem Stamm und seiner Gegend zu einem Daʿwa-Rufer. Durch ihre Worte und Taten zogen sie viele andere, ja sogar ganze Stämme, an. Darüber hinaus bewirkten die Aktivitäten des Daʿwa-Zentrums in Medina selbst und die der internationalen Mitarbeiter, dass viele Menschen den Islam unmittelbar annahmen oder zu seinen Unterstützern und Sympathisanten wurden. Auch eine solche Sympathie erwies sich für die islamische Bewegung als äußerst nützlich. Solche Unterstützer und Sympathisanten konnten selbst unter den Gegnern für den Islam sprechen, und wenn man ihnen zuhörte, standen weder Feindseligkeit noch Engstirnigkeit im Weg. Solche Unterstützer und Sympathisanten gab es auch unter den Quraisch, den Juden und den Beduinen; hauptsächlich sie bewogen die Quraisch zur Zeit des Friedens von al-Hudaybiyya, den Vertrag zu unterzeichnen. Ein solcher Mann untersagte Abu Sufyan nach der Schlacht von Uhud, zurückzukehren und die Muslime erneut anzugreifen. Ein anderer solcher Mann widersetzte sich dem Versuch, den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, während seiner Gefangenschaft im Bergtal von Abu Talib (Schiʿb Abi Talib) eine Lebensmittellieferung vorzuenthalten. Solche Menschen beendeten schließlich diesen ungerechten Boykottvertrag. Auch Mukhairiq, der als Jude sein Leben im Interesse der islamischen Bewegung hingab, war ein solcher Mann. Kurz gesagt: Neben denjenigen, die den Islam annahmen, begann sich auch eine Gruppe von Unterstützern und Sympathisanten zu bilden. Auch diese Gruppe leistete einen gewissen Beitrag dazu, den Weg zum Erfolg der islamischen Revolution zu ebnen. Die meisten von ihnen hatten später das Glück, den Islam anzunehmen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich die Gruppe der direkten und indirekten Rufer zur islamischen Revolution in ganz Arabien verbreitet hatte. Medina war die Quelle der Inspiration für sie alle. Die Wahrheitssuchenden, die überall verstreut waren, schöpften daraus Kraft und brachten das Licht des islamischen Kalima in ihren jeweiligen Wirkungskreisen überallhin. Medina war gleichsam die Sonne, während die verschiedenen Planeten und Satelliten, die sich in weitem Umkreis um sie herum erstreckten, von ihr Licht empfingen und ihre Umgebung erhellten.

Hier habe ich kurz einige Beispiele angeführt, an denen deutlich wird, wie eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe einen ganzen Stamm oder eine ganze Region beeinflusste. Ein Beispiel, wahrscheinlich das größte und eindrucksvollste, ist der junge Medinenser Suwaid ibn Samit: Er ging nach Mekka, empfing vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, das Licht des Kalima Tayyiba und beeinflusste danach viele Menschen in Medina. So wurde Medina schließlich zum Zentrum der islamischen Bewegung. Tufail ad-Dausi konnte aufgrund seines Temperaments nicht rasch seinen gesamten Stamm beeinflussen, doch durch ihn wurde die islamische Bewegung im Jemen bekannt. Der Stamm der Aschʿar nahm, beeinflusst und angespornt durch die Auswanderer nach Abessinien, ohne den Anstoß irgendeines anderen den Islam an. Durch die Daʿwa von Didad ibn Thaʿlaba nahm sein gesamter Stamm den Islam an. Als Hadhrat Abu Dharr al-Ghifari, in die revolutionäre Ideologie des Islam eingeweiht, aus Mekka zurückkehrte, nahm auf seine Einladung hin bereits die Hälfte seines Stammes den Islam an. Die andere Hälfte nahm den Islam an, nachdem der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina gegangen war

Dann wurde auch der Stamm Aslam, ausgehend vom Stamm Ghifar, vom Islam erreicht, und nach und nach nahm der gesamte Stamm den Islam an. Durch Munqidh ibn Habban verbreitete sich der Islam in Bahrain. Einige Zeit später kam Munqidh mit vierzehn Gefährten nach Medina. Insgesamt erscheint die Sache ganz so wie in jenem Ausspruch des Evangeliums: „Das Reich Allahs (das Rufen zur Wahrheit) gleicht Sauerteig. Wenn eine Frau ein wenig Sauerteig mit Mehl vermischt, wird das ganze Mehl zu Sauerteig.“

Überall dort, wo der Islam hinkam und einige Menschen ihn annahmen, entstand zwangsläufig eine Gemeinschaft. Die Moschee war nicht nur ein Gebetsraum, sondern das Zentrum aller kulturellen Aktivitäten des Islam. Sie war zugleich Bildungsstätte, Beratungsort, gesellschaftlicher Versammlungsplatz und Gästehaus. Die Moschee war im Grunde ein Symbol der islamischen Bewegung; ihre Existenz bedeutete, dass sie dem gesamten Gebiet verkündete: „Dieser Ort ist nun eine Festung des Islam.“ Deshalb wies der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die erst vor kurzem muslimisch gewordenen Stämme an, Moscheen zu bauen. Den Soldaten befahl er, in einem Gebiet, in dem der Ruf zum Gebet zu hören sei, den Gebrauch der Waffen einzustellen. Dieses Gebot war in Wirklichkeit zugleich eine Ermutigung, weitere Moscheen zu errichten. In muslimischen Siedlungen bauten die Menschen Moscheen als geeigneten Weg, ihre neue revolutionäre Ideologie zu verbreiten. Von dort aus wurde die islamische Glaubenslehre in Form des Gebetsrufs verkündet, und durch das gemeinsame Gebet wurden die Menschen in islamischer Geschlossenheit geschult. Aufgrund der Ermutigung des Gesandten Allahs wurden bereits zu seinen Lebzeiten Moscheen errichtet. In Bahrain wurde schon früh eine Moschee gebaut. Das erste Freitagsgebet nach der Moschee des Propheten wurde hier verrichtet. Die Moscheen waren Einrichtungen der Bevölkerung und standen unter staatlicher Betreuung. Diejenigen, die von Medina als Beamte in ein Gebiet entsandt wurden, waren dort zugleich die Imame der Moschee. Stämme, die außerhalb des Verwaltungsbereichs von Medina lebten, holten beim Gesandten Allahs Rat ein, wenn sie einen Imam für ihre Moschee ernennen wollten. Danach ernannten sie einen Imam nach den vom Gesandten festgelegten Maßstäben. An all den Orten, an denen der Gesandte Allahs während eines Krieges oder einer Reise verweilt, gebetet oder an denen sich ein bedeutendes Ereignis zugetragen hatte, wurden zahlreiche Moscheen errichtet.

Die Kraft von Verträgen und Verständigung

Zusätzlich zu der umfangreichen Arbeit der Daʿwa und Verkündigung unter der Bevölkerung, die mit den oben genannten direkten Methoden geleistet wurde, wurden noch einige weitere bedeutende unterstützende Maßnahmen ergriffen. Eine bemerkenswerte Maßnahme darunter war die Ausweitung des politischen Einflusses von Medina. Diese Ausweitung wurde zu einem großen Teil durch Vertrags- und Bündnisbeziehungen erreicht. Aus der Ausweitung des Einflussbereichs der Regierung durch den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mittels Verträgen und Verständigung sowie aus seiner ungewöhnlich großen Aufmerksamkeit für diese Angelegenheit wird klar ersichtlich, dass er Krieg und bewaffnete Auseinandersetzungen so weit wie möglich vermeiden und überall eine Atmosphäre des Friedens und der Sicherheit schaffen wollte, damit die Daʿwa unter solchen friedlichen Bedingungen gut ausgeführt werden konnte und militärische Spannungen nicht zu einem Hindernis wurden. Wo militärische Maßnahmen zur Bewahrung des Islam, des islamischen Staates und des Friedens unvermeidlich geworden waren, zeigte er keinerlei Zögern oder Unentschlossenheit. Wenn es jedoch möglich war, den Krieg zu vermeiden und durch Frieden und Verständigung die politische Bewahrung und Stabilität des Staates sowie eine ungehinderte Umgebung für die Verkündigung des Islam zu gewährleisten, mied er den Weg des Friedensschlusses und der Verständigung niemals. Selbst die Errichtung des islamischen Staates wurde nicht durch die Macht des Schwertes, sondern durch die Kraft eines Verfassungsvertrags vollendet. Danach nutzte er Bündnisbeziehungen zur Verteidigung des Staates und zur Ausweitung seines Einflusses in einem solchen Ausmaß, dass der Anteil militärischer Maßnahmen dagegen äußerst gering war.

Beziehungen auf der Grundlage von Verträgen und Bündnissen aufzubauen, ist keine leichte Aufgabe. Besonders wenn religiöse Meinungsverschiedenheiten und politische Feindseligkeiten bestehen, einander entgegengesetzte Kräfte sich einmischen und es sich allgemein um Stämme und Einzelpersonen handelt, zu denen keinerlei vorherige Bekanntschaft besteht, erfordert diese Aufgabe außerordentliche politische Fähigkeiten. Es müssen zahlreiche äußerst wichtige Voraussetzungen erfüllt werden: die Lage, die Mentalität und die Stärke der Zuhörer zu kennen; das zu einem bestimmten Zeitpunkt zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft bestehende Kräftegleichgewicht zu erfassen; den Einfluss und das Ansehen der gegnerischen Bevölkerungsgruppen zu beobachten; Bedingungen zu erkennen, die für beide Seiten annehmbar sind; und die Gespräche psychologisch so zu führen, dass sie wirksam werden. In Wahrheit findet sich nirgends ein Beispiel für das Maß an politischer Umsicht, Führungsfähigkeit und diplomatischem Geschick, das der Gesandte (s.a.w.) auf diesem Gebiet gezeigt hat. Ein solches Beispiel findet sich deshalb nirgends, weil der Gesandte (s.a.w.) beim Aufbau so weitreichender Beziehungen nicht im geringsten zuließ, dass die islamischen Ideale, seine eigenen moralischen Grundsätze oder seine politische Würde Schaden nahmen. Andernfalls wäre das Wort „Diplomatie“ wegen des schwerwiegenden moralischen Verfalls, der auf dem diplomatischen Parkett häufig herbeigeführt wird, in Verruf geraten. Die Politik selbst ist heute zu etwas Unerwünschtem geworden. Es heißt, die Politik habe keinen Charakter und kein letztes Wort. Sie sei ein Panzer, der, wohin er auch fährt, alle menschlichen Werte unter seinen Füßen zertritt. Doch der Gesandte (s.a.w.) hat die Bedeutung von Diplomatie und Politik völlig verändert. Er hat diese beiden Tätigkeiten nicht nur von Schmutz befreit und geläutert, sondern ihnen auch die Lebenskraft von Aufrichtigkeit und Anbetung verliehen. Nach islamischen Grundsätzen politische und diplomatische Aktivitäten zu betreiben, dabei außergewöhnliche Erfolge zu erzielen und dadurch die zerstreuten Stämme zu vereinen und um sich zu versammeln, erscheint beim Lesen von Büchern heute als eine leichte Aufgabe. Doch nur derjenige, der diese Dinge in der arabischen Wüste tatsächlich vollbrachte, wusste, wie schwierig sie waren.

Dieser Prozess vertraglicher Bündnisse erleichterte nicht nur durch die Reisen muslimischer Verkünder, ihren ungezwungenen Umgang mit der Bevölkerung und die uneingeschränkte Möglichkeit eines direkten Kontakts der Angehörigen der vertraglich verbundenen Stämme mit Medina die weitere Verbreitung des Islam; er trug auch insofern zur Ausweitung des Einflusses der islamischen Bewegung bei, als die politische Umsicht und Weitsicht der islamischen Führung dadurch das Vertrauen der Bevölkerung gewann. So fromm und hingebungsvoll die Allgemeinheit auch gegenüber rechtschaffenen Menschen sein mag, die aus begrenzten religiösen und spirituellen Vorstellungen hervorgegangen sind, und so sehr sie auch auf deren Heiligkeit vertraut – die Schlüssel zur Führung und Autorität im gemeinschaftlichen Leben legt sie ihnen niemals in die Hände. Die Führung und Autorität im gemeinschaftlichen Leben wurde stets denjenigen anvertraut, von denen die Bevölkerung annahm, dass sie für die Wahrnehmung gemeinschaftlicher Verantwortung geeignet und fähig seien. Oft kommt es vor, dass die Bevölkerung eine Gruppe überschwänglich lobt und sagt: Sie sind sehr gute Menschen, tun viel Gutes, leisten der Bevölkerung Dienste und dergleichen. Mit diesem Lob will sie jedoch zu verstehen geben, dass diese guten Menschen für die Angelegenheiten der Welt völlig ungeeignet sind. Wenn Menschen dieser Art das Lob der Allgemeinheit hören, verfallen sie häufig dem Irrtum, die öffentliche Meinung stehe sehr gut zu ihren Gunsten. Hätte die damalige muslimische Gemeinschaft Menschen hervorgebracht, die zwar in religiöser Hinsicht äußerst fromm und gottesfürchtig gewesen wären, aber keinerlei Fähigkeit zur Bewältigung der politischen und sozialen Probleme dieser Welt gezeigt hätten, dann wäre die Reaktion der Bevölkerung gewesen: Sie sind gute Menschen, reden gut und behandeln die Menschen gut. Doch dass sie eine neue Ordnung errichten sowie den Staat führen und die Gesellschaft leiten könnten – eine solche Hoffnung hätte die Bevölkerung niemals hegen können. Die islamische Bewegung kam nicht, um solche „Allah ergebenen“ Menschen hervorzubringen, die als Einzelne lediglich Allah ergeben, gute Menschen und arglos sind, aber nicht über die politische Fähigkeit verfügen, im gemeinschaftlichen Leben Autorität auszuüben; Menschen, die von der Bevölkerung nicht als fähig zu einer alternativen und besseren Führung anerkannt werden und von denen sie keine Hoffnung auf eine hellere Zukunft haben kann. Je gottesfürchtiger und Allah ergebener die von der islamischen Bewegung hervorgebrachten muslimischen Führer und Mitarbeiter waren, desto mehr besaßen sie auch politische Umsicht und Fähigkeit. Davon legten sie durch ihre jeweiligen Taten selbst ein beredtes Zeugnis ab. Die damalige Bevölkerung wurde so allmählich von den Führungsqualitäten des Gesandten (s.a.w.) und der unter seiner Führung wirkenden muslimischen Kräfte beeinflusst; Medina wurde weiterhin zum Mittelpunkt ihrer Hoffnung, und dadurch öffneten sich ihre Herzen zunehmend dem Islam. Kurz gesagt: Die Verkündung der Religion und die Ausweitung des politischen Einflusses sind voneinander abhängig, und gerade die gemeinsame Lebenskraft dieser beiden Aufgaben trieb die islamische Bewegung zu einem unaufhaltsamen Voranschreiten an. Lassen Sie uns im Bewusstsein dieser grundlegenden Wahrheit die vom Gesandten (s.a.w.) geschaffenen weitreichenden vertraglichen Beziehungen betrachten. Er baute diese Beziehungen äußerst schnell auf, obwohl die Verkehrs- und Kommunikationsmittel damals sehr ungünstig waren.

1. Der Vertrag von al-Aqaba

Im Zusammenhang mit vertragsbasierten Beziehungen muss an erster Stelle das Abkommen von al-ʿAqaba erwähnt werden. Dieses Abkommen war zugleich ein religiöses Gelöbnis und ein politisches Versprechen. Beim ersten Treffen von al-ʿAqaba bekundete eine Gruppe tatkräftiger junger Männer aus Medina, indem sie dem Gesandten Allahs (s) die Hand reichten, ihren Glauben an seine Sendung. Beim zweiten Treffen wurde auch das Versprechen aufgenommen, seiner politischen Führung Gehorsam zu leisten. Auf dem Weg von Mekka nach Mina befinden sich zu beiden Seiten der Straße hohe, parallel zu den Bergen verlaufende Felswände. Eine Furlong vor Mina ist am Berg auf der linken Seite ein kleines, halbkreisförmiges Tal zu sehen. Dies ist jener geschützte Ort, an dem das Abkommen von al-ʿAqaba in der stillen Dunkelheit der Nacht geschlossen wurde. Aufgrund der Anwesenheit der Juden in Medina waren die Ansar mit den offenbarten Religionen und der Abfolge der Prophetie einigermaßen vertraut. Die Weissagungen über den verheißenen letzten Propheten waren ihnen bekannt. Sie erinnerten sich auch daran, dass die Juden ihnen zu verschiedenen Zeiten gedroht hatten: „Wenn dieser verheißene letzte Prophet kommt, werden wir mit seiner Hilfe über euch siegen.“ So war unter den Ansar einerseits das Verlangen nach göttlicher Rechtleitung entstanden; andererseits hatte sich unbewusst auch das Gefühl entwickelt: Wenn jener verheißene Prophet kommt, werden wir die Ersten sein, die an ihn glauben. Zugleich waren sie durch die fortwährenden gegenseitigen Auseinandersetzungen zwischen den Stämmen Aws und Chazradsch erschöpft und warteten auf eine Gelegenheit zu Frieden und Sicherheit. Das Problem bestand jedoch darin, dass die beiden Stämme aufgrund ihrer früheren Rivalität nicht bereit waren, die Führung des jeweils anderen anzuerkennen. Eine dritte Kraft war für sie unerlässlich. Aus all diesen Gründen wurden die klugen und friedliebenden Menschen Medinas, sobald sie den Gesandten Allahs (s) persönlich kennenlernten und die Gelegenheit erhielten, seine Einladung zu hören, begierig und sehnsüchtig, diese Einladung anzunehmen. Nachrichten über seine Prophetie waren bereits zuvor zu ihnen gelangt. Im direkten Gespräch gelangten sie zu einer endgültigen Entscheidung. Der Eindruck seines ansehnlichen Gesichts und seiner Persönlichkeit verband sich mit seiner Botschaft und gab jener geistigen Revolution ihre endgültige Gestalt. Dieser Augenblick war ein historischer Moment: Einige Ansar waren – zur Zeit des ersten Treueids – von Medina aufgebrochen, um freundschaftliche Beziehungen zu den Quraisch aufzubauen. Wäre dieses Vorhaben erfolgreich gewesen, hätte die Geschichte der islamischen Bewegung einen völlig anderen Verlauf genommen. Doch im letzten Augenblick änderten sie ihren Entschluss. Sie verdrängten den Gedanken an die Quraisch aus ihren Herzen und beschlossen, Verbindung mit jener aufsteigenden Sonne von Mekka aufzunehmen, die vom Aufgang der Geschichte aus neue Lichtstrahlen aussandte und den Horizont erhellte.

Beim ersten Treueid nahm der Gesandte Allahs (s) ihnen einige Glaubens- und Sittenversprechen ab. Sie versprachen, Allah niemanden beizugesellen, nicht zu stehlen, keine Unzucht zu begehen, ihre Kinder nicht zu töten, niemanden zu verleumden und den Anweisungen des Gesandten Allahs (s) in guten Taten nicht zuwiderzuhandeln.

Beim zweiten Treueid fügten die Ansar einige weitere Punkte hinzu: „Wir werden unter allen Umständen die Anweisungen des Gesandten Allahs (s) hören und ihm gehorchen, ob die Lage günstig oder voller Gefahren ist, ob uns eine Anweisung gefällt oder missfällt oder ob sie unserer eigenen Meinung widerspricht. Wir werden uns nicht in Auseinandersetzungen mit unserem Führer verwickeln und die Schmähungen keines Tadlers fürchten.“

Durch dieses kurze Gelöbnis wurde eine politische Beziehung zwischen Muhammad (s) und den Ansar begründet, und diese Gruppe wurde offen zu einer politischen Partei. Sie akzeptierten die Führung des Gesandten Allahs (s) als in jeder Hinsicht zu befolgen und nachzuahmen. Sie versprachen außerdem, keine Schritte zu unternehmen, die zu Konflikten mit den Führern oder zur Entziehung ihrer Stellung und ihres Ranges führen würden. Das Prinzip der Beratung wurde dahingehend festgelegt, dass in jeder Angelegenheit das Richtige und Gerechte vorgetragen werden sollte. Im Kampf für die Errichtung der Religion Allahs wurde gelobt, jede ihnen auferlegte Verantwortung und Pflicht umzusetzen, selbst unter Missachtung der Kritik der ganzen Welt. Es war ein solches Gelöbnis, dass diese Gruppe, sobald irgendein Gebiet unter ihre Herrschaft gelangte und dort keine andere politische Autorität bestand und Führung und Herrschaft vollständig in ihrer Hand konzentriert waren, unverzüglich zu einem Staat werden würde.

Zusätzlich wurde festgelegt, dass die verbündeten Ansar den Gesandten Allahs (s) nach seiner Auswanderung nach Medina ebenso schützen und versorgen würden, wie sie ihre eigenen Frauen und Kinder schützen und versorgen. Mit anderen Worten: Mit der islamischen Gruppe Medinas wurde auch ein Abkommen über einen gemeinsamen Verteidigungsbund mit dem Gesandten Allahs (s) geschlossen. Dadurch gewann das Abkommen von al-ʿAqaba noch größere politische Bedeutung und wurde zu einem „revolutionären“ Abkommen.

Danach wurden auf Anweisung des Gesandten Allahs (s) im Namen der islamischen Organisation der Ansar von Medina zwölf Vertreter oder Naqīb eingesetzt, die dem Gesandten Allahs (s) verantwortlich sein sollten. Neben der Verbreitung und Ausweitung der islamischen Einladung wurden ihnen auch politische Aufgaben übertragen. Nach der Überlieferung von ʿAbdullah ibn Abū Bakr sagte der Gesandte Allahs (s) zu diesen Naqīb: „Ihr werdet für euer Volk in genau derselben Weise verantwortlich sein, wie die Jünger von ʿĪsā vor ihm verantwortlich waren. Und auch ich bin für mein Volk, also die Bewohner Mekkas, verantwortlich.“ (Sīrat Ibn Hischām, Band 2, S. 36–57; Ahd-e Nabawī ke Maidān-hā-ye Dschang, Dr. Hamidullah Siddiqi, S. 7–10)

Die nach der Einsetzung der Naqīb entstandene Verwaltungsstruktur Medinas war nicht nur religiös, sondern auch politisch und revolutionär. Die spontane und natürliche Forderung einer solchen Struktur bestand darin, so schnell wie möglich, ja bei der ersten Gelegenheit, in einen Staat umgewandelt zu werden. Genau das geschah auch: Nur wenige Monate nach der Auswanderung des Gesandten Allahs (s) wurde der Grundstein für den islamischen Staat gelegt.

Daraus wurde ersichtlich, dass die islamische Bewegung durch einen Vertrag und nicht durch den Einsatz militärischer Gewalt das Zeitalter der anfänglichen Einladung abschloss und in das staatliche Zeitalter eintrat.

2. Der Verfassungsvertrag

Der Vertrag, der den Grundstein für den islamischen Staat von Medina legte, war der zweitgrößte Vertrag in der Geschichte der islamischen Bewegung unter der Führung des Gesandten Allahs (s.a.). Wahrscheinlich ist in der gesamten Weltgeschichte kein einziger Staat ohne mehr oder weniger Gewaltanwendung gegründet worden; die Gründung eines ideologischen Staates ist erst recht noch schwieriger. Denn sein grundlegendes Ideal erzeugt in der gesamten Umgebung eine außergewöhnliche Spannung, und wenn man ihn in einer unbekannten Umgebung mit der Unterstützung unterschiedlichster Menschen errichten will, wird eine äußerst konfliktreiche Situation unvermeidlich. Dieser Verfassungsvertrag von Medina ist ein beispielloses Beispiel für die politische Weisheit, Umsicht und führungsbezogene Fähigkeit des Gesandten Allahs (s.a.). Zu den Vertragsparteien gehörten die Muhadschirun, die Muslime der beiden führenden Ansar-Stämme Aus und Chazradsch, muslimische und polytheistische sowie jüdische Personen und die untereinander von Konflikten und Auseinandersetzungen zerrissenen jüdischen Stämme.

Tatsächlich kannte der Gesandte Allahs (s.a.) Medina seit seiner Kindheit als die Heimat seiner mütterlichen Verwandten. Als Kind war er dorthin gereist und hatte sich dort aufgehalten. Nachdem er dann in den letzten zwei oder drei Jahren seines Lebens in Mekka als Rufer zum Islam den Kontakt zu Medina hergestellt hatte, untersuchte er die dortige außergewöhnliche Lage aus politischer Sicht. Was ihm danach noch an unmittelbarer Kenntnis der Beziehungen zwischen den Bewohnern und anderer Angelegenheiten fehlte, wurde ebenfalls behoben, nachdem er ausgewandert und nach Medina gekommen war. Die gesamte Bevölkerung Medinas betrug damals ungefähr fünftausend Menschen, und fast die Hälfte davon waren Juden. Unter diesen Bewohnern gab es einschließlich der Ansar und der Muhadschirun nicht mehr als fünfhundert Muslime. Mit dieser aktiven, stets wachsamen, bewussten und gut organisierten Minderheit brachte der Gesandte Allahs (s.a.) die fünftausend Einwohner unter seine Führung. Die beiden führenden Stämme der Ansar waren in zwölf Unterstämme gegliedert, und zwischen ihnen bestand ein lang andauernder historischer Konflikt. Auch die einfachen Bewohner waren von Konflikten und Auseinandersetzungen gezeichnet. Denn sowohl die arabische als auch die jüdische Bevölkerung war in zwei Lager gespalten, und ständig kam es aus irgendeinem Anlass zu Streitigkeiten zwischen den beiden Seiten. Auf diese Weise waren alle Bevölkerungsgruppen durch Kriege, Feindseligkeiten, Streit und Zwietracht geplagt und sehnten sich nach Frieden. Um diesen allgemeinen Durst nach Frieden zu stillen, wurde der Bedarf an einer konstruktiven Führung immer dringlicher. Erst kurze Zeit zuvor war die Krönung von Abd Allah ibn Ubayy vorbereitet worden, um das Führungsvakuum zu füllen. Doch als die Ansar plötzlich vom Gesandten Allahs (s.a.) und seiner Daʿwa hörten, richtete sich ihre Aufmerksamkeit auf ihn.

Auch die Lage der Juden war derart geworden, dass ihre zwei großen Gruppen innerlich in zehn Unterstämme geteilt und miteinander verfeindet waren.

Diese Juden, die fern von der Heimat ihres Volkes lebten, waren von der Sorge um die Vernichtung ihrer Existenz bedrängt. Als der Gesandte Allahs (s.a.) dann plötzlich die Ansar mit sich verband und deren frühere Bündnisbeziehungen zu den Juden allmählich abbrachen, hatten die Juden das Gefühl, als würde ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen. In dieser Situation bemühte sich der Gesandte Allahs (s.a.) im Rahmen der Offenbarung Allahs nach Kräften, die Herzen der Juden zu gewinnen und ihre positiven Gefühle anzusprechen. Dadurch wurde die Grundlage für die Herstellung eines politischen Konsenses geschaffen. Eine so große politische Leistung – die Bewohner Medinas aller Schichten kennenzulernen, über ihre Interessen, Probleme und ihre Psyche Bescheid zu wissen und alle auf dasselbe Ziel auszurichten – in so kurzer Zeit zu vollbringen, erhob den Gesandten Allahs (s.a.) politisch auf eine derart hohe Stufe, dass wir selbst beim Nachdenken darüber sprachlos werden. Die muslimische Gruppe besaß ohnehin unter der Führung Muhammads (s.a.) in Glaubensüberzeugung und Moral eine äußerst feste und starke Organisation. Darüber hinaus hatte die Baiʿa von al-Aqaba sie in eine politische revolutionäre Gruppe verwandelt. Da sie außerdem eine idealistische Gruppe war, besaß sie auch die Fähigkeit zur selbstständigen Entwicklung und Entfaltung; daher erlangte diese Gruppe in Medina leicht höchste Bedeutung. Unter den Ansar-Stämmen gab es weder eine alternative Ideologie noch eine Führung. Denn die meisten ihrer Anführer waren schon zuvor Teil der islamischen Bewegung geworden. Die polytheistischen oder jüdischen Personen in diesen Stämmen waren zwar keineswegs zahlenmäßig unbedeutend, doch sie waren an keinerlei oppositionellen Aktivitäten beteiligt. Sie verhielten sich still und folgten den führenden Muslimen. Ein oder zwei arabische oder jüdische Stämme besaßen gegenüber den Muslimen keine besondere Bedeutung. Diese Zusammensetzung der Bevölkerung Medinas stimmte vollständig mit dem Vorgehensplan des Gesandten Allahs (s.a.) überein. Deshalb baute er innerhalb weniger Monate, nachdem er die anfänglichen Probleme gelöst hatte, die politische Infrastruktur auf. Nach der Untersuchung europäischer Orientalisten umfasste der betreffende Vertrag 53 Artikel. Aufgrund der historischen Überlieferungen besteht in einer Frage hinsichtlich dieses Vertrags Uneinigkeit. Einige sagen, der Vertrag sei im ersten Jahr der Hidschra vollständig niedergeschrieben worden. Andere meinen, ein Teil sei im ersten Jahr und der andere Teil nach der Schlacht von Badr niedergeschrieben worden. Mit anderen Worten: Nach Ansicht westlicher Historiker bestand er aus zwei getrennten Teilen, den Artikeln 1 bis 23 und den Artikeln 24 bis 47. Wenn wir diese zweite Auffassung annehmen, erkennen wir auch darin ein Zeichen für die politische Weisheit und Umsicht des Gesandten Allahs (s.a.). Zunächst errichtete der Gesandte Allahs (s.a.) unter Einbeziehung der Muhadschirun und aller Ansar, einschließlich der Nichtmuslime, die politische Infrastruktur. Danach könnten sich die jüdischen Stämme, da sie abgesondert blieben, schwach und gefährdet gefühlt haben. Politisch waren sie jedoch völlig in eine Lage geraten, in der sie weder hier noch dort zu Hause waren. Als sie dann sahen, wie die Muslime siegreich vom Feld von Badr zurückkehrten – etwas, womit sie nicht gerechnet hatten –, dachten sie vielleicht, dass sie noch rechtzeitig einen angemessenen Platz in der Infrastruktur Medinas einnehmen sollten.

Dr. Hamidullah Siddiqis Bemerkung zu diesem Verfassungsvertrag lautet, dass es in der Geschichte kein vergleichbares Beispiel gebe. Er wurde mit äußerst hoher politischer Sachkunde und in einer sehr sorgfältigen dokumentarischen Sprache verfasst. Darin erwirkte der Gesandte Allahs (s.a.) von Menschen aller Schichten und Gemeinschaften die Anerkennung seiner angestrebten ideologischen und politischen Werte. Es erscheint hier angebracht, die wichtigen Aussagen dieses Dokuments zu erörtern, damit sein politischer Wert und seine Bedeutung richtig eingeschätzt werden können.

Dieses Dokument beginnt mit „Bismillahir-Rahmanir-Rahim“. Sein Titel lautet: „Dieses schriftliche Dokument wurde vom Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erlassen.“

Damit wurde bereits zu Beginn die Grundlage der grundlegenden politischen Ideologie des Islam gelegt. In der auf Grundlage dieses Dokuments geschaffenen politischen Infrastruktur wurden die Muslime als zentrales Element eingesetzt. So heißt es gleich am Anfang:

„Die Quraisch und Yathrib sind gläubig und muslimisch, ebenso diejenigen, die ihnen folgen, sich ihnen anschließen und gemeinsam mit ihnen am Dschihad teilnehmen (zur Festlegung der Beziehungen zwischen ihnen allen).“

Als zentrale Bestandteile des Staates werden darin die aus Mekka eingewanderten und die gläubigen Bewohner Medinas genannt. Die übrigen werden als ihre Anhänger die Staatsbürgerschaft erlangen. Indem die jüdischen Stämme zu Vertragspartnern gemacht und die Worte „mit den Gläubigen“ verwendet werden, werden sie politisch in dieselbe Umma einbezogen (Artikel 25 bis 35).

Darin wird ferner erklärt: „Die Gläubigen sind untereinander Brüder“ (Artikel 15). Im Krieg und im Frieden werden alle Muslime zu gleichberechtigten Partnern erklärt (Artikel 17). Den Muslimen wird nachdrücklich befohlen, bei der Durchsetzung des Qisas (Hinrichtung des Mörders) geschlossen vorzugehen und dem Mörder niemals Schutz zu gewähren. Dennoch soll niemand Maßlosigkeit zeigen, und gegen denjenigen, der maßlos handelt, soll Vergeltung geübt werden (Artikel 19, 21, 32). Kein Gläubiger darf wegen eines Ungläubigen einen Gläubigen töten. Ebenso darf kein Gläubiger einem Ungläubigen gegen einen Gläubigen Beistand leisten (Artikel 14). Jeder, selbst der unbedeutendste Muslim, darf einer beliebigen Person Schutz gewähren, und alle müssen diese Person als eine von Allah anvertraute Verantwortung schützen (Artikel 15). Bei jeder Meinungsverschiedenheit muss die Entscheidung bei Allah und Muhammad (s.a.w.) gesucht werden (Artikel 23). Es ist die Pflicht der gottesfürchtigen Gläubigen, sich zur Abwehr jeder Verderbtheit, jedes Verbrechens und jeder Unterdrückung zusammenzuschließen (Artikel 13). Im einleitenden Teil wird zur Belebung der ideologischen Ausrichtung der Verfassung wiederholt gesagt, dass diese und jene muslimischen Stämme in Fragen des Lösegeldes und Ähnlichem „Gerechtigkeit“ und „Billigkeit“ walten lassen müssen. Dies muss „in dem Sinn geschehen, der unter den Muslimen allgemein damit verbunden ist“ (Artikel 3 bis 12). Der äußerst wichtige islamische Begriff „fī sabīlillāh“ wurde in diese Verfassung aufgenommen (Artikel 19). Ebenso wurden die drei Begriffe „Unterdrückung“, „Sünde“ und „gute Tat“ in sie aufgenommen (Artikel 36). In der Verfassung wurde auch festgehalten, dass die gottesfürchtigen und sich selbst beherrschenden Gläubigen auf dem geradesten Weg sind (Artikel 20). Mit der Aussage „Dem Unterdrückten steht Beistand zu“ wurde ein rein islamisches Grundprinzip formuliert, das zugleich ein zwischenmenschliches Grundprinzip ist. Alle Parteien wurden dazu gebracht, dieses Grundprinzip anzuerkennen; außerdem wurde erklärt, dass Allah demjenigen beistehen werde, der die Bestimmungen dieser Verfassung mit größter Aufrichtigkeit und Ergebenheit erfüllt (Artikel 42, 46 und 47).

Beachten Sie auch, wie klar die politischen Fragen in diesem Dokument geregelt wurden. Das von den Unterzeichnern bewohnte Gebiet, nämlich das etwa hundert Quadratmeilen umfassende zentrale Gebiet der Stadt Medina (Medinas geografische Beschreibung wurde bereits gegeben), wird im Dokument als das ursprüngliche Territorium des islamischen Staates bezeichnet und zugleich zum Schutzgebiet erklärt (Artikel 39). Im Voraus wurde festgelegt, dass diejenigen aus der jüdischen Gemeinschaft, die sich uns anschließen würden, mit sämtlichen Bürgerrechten Hilfe und Gleichberechtigung erhalten sollten. Die Bestimmung, in der dies festgelegt wurde, spiegelt politische Weisheit und Umsicht wider. Einerseits ermutigt sie zur Annahme des Islam, andererseits schafft sie Abhilfe für jede politische Krise (Artikel 16). Alle Unterzeichner dieses Vertrags wurden als eine politische Einheit erklärt: *********** (Artikel 1). Das größte Zeichen politischer Weisheit und Umsicht ist Artikel 23, der das Recht zur Entscheidung über jede Meinungsverschiedenheit ausschließlich Allah und Seinem Gesandten Muhammad (s.a.w.) zuspricht; auch jeder Streit, jede Auseinandersetzung oder jeder Mord muss Allah und dem Gesandten Allahs, Muhammad (s.a.w.), vorgelegt werden (Artikel 42). Niemand darf daran gehindert werden, Vergeltung für eine Verletzung oder einen Mord zu fordern (Artikel 36). Die Verantwortung für die Unterdrückung des Unterdrückers und das Verbrechen des Mörders liegt allein beim Täter selbst oder bei seiner Familie (früher wurde neben dem Täter auch sein Stamm dafür verantwortlich gemacht), nicht bei irgendjemand anderem (Artikel 25, 26). Als grundlegende Einheit der politischen Infrastruktur wurde jeder einzelne Stamm betrachtet; auf dieser Grundlage wurde die Zentralregierung errichtet.

In Bezug auf die Verteidigungspolitik wurde festgelegt, dass die Unterzeichnerparteien im Falle eines Angriffs auf Yathrib einander gegenseitig beistehen müssen (Artikel 44). Wenn jemand mit einer der Vertragsparteien Krieg führt, ist es die Pflicht aller Unterzeichner, dieser Partei aufrichtig gegen ihn beizustehen (Artikel 37). Durch eine Bestimmung übertrug dieses Dokument auch die Befehlsgewalt über die Verteidigung in die Hände des Gesandten (s.a.w.). Darin wird erklärt, dass niemand ohne die Erlaubnis des Gesandten (s.a.w.) militärische Maßnahmen ergreifen darf (Artikel 36). Für den eigenen religiösen Kampf einer Partei tragen die Verbündeten keinerlei Verantwortung (Artikel 45). Wenn die Verbündeten zu einem Friedensschluss aufgefordert werden, sollen auch sie gemeinsam mit allen anderen Frieden schließen (Artikel 45). Um jede Möglichkeit eines Bündnisses mit den Quraisch endgültig zu verhindern, wurde von allen anerkannt, dass kein polytheistischer nichtmuslimischer Bürger Medinas den Quraisch Schutz für Leib und Eigentum gewähren und keinem Gläubigen dabei im Weg stehen darf (Artikel 20). Weder den Quraisch noch demjenigen, der ihnen Schutz gewährt, darf Schutz gewährt werden (Artikel 43). Hinsichtlich der Finanzierung der Kriegskosten fügte der Gesandte (s.a.w.) mit großer Weisheit die Bestimmung hinzu, dass jede Partei die Kosten ihres eigenen Krieges selbst zu tragen habe (Artikel 37–44). Denn er wusste, dass die Juden ihren Anteil nur widerwillig leisten würden und dass sie einen gemeinsamen Fonds veruntreuen würden, wenn er in ihre Hände gelangte.

Im wirtschaftlichen Bereich wurde einerseits die Verantwortung für die Zahlung des Blutgeldes für einen Tötungsfall und des Lösegeldes für Kriegsgefangene gemäß dem in Arabien geltenden Brauch dem Stamm der betreffenden Person übertragen. Ebenso wurde die Last der Schulden eines Schuldners, der nicht mehr in der Lage war, sie zurückzuzahlen, zu einer gemeinschaftlichen Last gemacht.

Zur Religionsfreiheit wurde festgelegt: Die Religion der Muslime gehört den Muslimen und die Religion der Juden den Juden (Artikel 25). Tatsächlich bildete das muslimische Volk sowohl in religiöser als auch in politischer Hinsicht eine einzige Einheit, und ihm waren doppelte Pflichten auferlegt. Im rein politischen Zusammenleben wurde jedoch allen beteiligten Parteien die Freiheit gewährt, ihrer jeweiligen Religion zu folgen. (Sīrat Ibn Hischām, Bd. 2, S. 119–123; Ahde Nabawī kā Nezām-e Hukūmrānī, Dr. Hamidullah Siddiqi, S. 76–111.)

Betrachten Sie nun die oben genannten Bestimmungen als zusammenfassende Darstellung des Dokuments und bedenken Sie bei jedem Abschnitt, mit welcher Geschicklichkeit und Umsicht der Gesandte (s.a.w.) sein eigenes Ideal zur Grundlage der Verfassung des multinationalen islamischen Staates von Medina machte und seine Führung und Autorität in allen militärischen und gerichtlichen Belangen festigte. Er erklärte die gemeinsame Abwehr der Quraisch zur gemeinsamen Pflicht aller und brachte alle dazu, dies anzuerkennen. Darüber hinaus verhinderte er im Voraus zahlreiche mögliche Gefahren. Es sei darauf hingewiesen, dass dieser Vertrag den Rang eines Verfassungsdokuments besaß. Keiner der Unterzeichner hatte das Recht, sich nach Belieben von diesem Vertrag loszusagen oder ihn zu brechen. Eine solche Handlung hätte zum Erlöschen seiner Bürgerrechte geführt, die innerhalb der Grenzen dieses islamischen Staates gerade durch diesen Vertrag entstanden waren. Deshalb wurden gegen jene jüdischen Stämme, die diesen Vertrag später vollständig mit Füßen traten, genau jene Maßnahmen ergriffen, die Aufständischen und Verrätern gebühren.

In diesem Zusammenhang muss man hier im Licht dieses Dokuments die Bedeutung der Verpflichtung zur Hidschra verstehen. Eines der Ziele, weshalb die Hidschra zur Pflicht gemacht wurde, bestand darin, die muslimische Gemeinschaft, auf der die Grundlage des islamischen Staates von Medina errichtet war, noch stärker zu machen. Es ist wahr, dass die Muslime, wenn sie im Stammeswesen Arabiens hier und dort vereinzelt geblieben wären, nach einigen Widerständen und Auseinandersetzungen schließlich entweder eines Tages in der dschahilischen Gesellschaftsordnung aufgegangen oder unter der Last von Unterdrückung und Verfolgung umgekommen wären. Auch deshalb war es notwendig, jeden Muslim zusammenzuführen und zu organisieren. Zugleich war es für die Stabilität des islamischen Staates von Medina unerlässlich, dass alle verstreut lebenden Muslime aus allen Gegenden nach Medina kamen und sich dort versammelten. Als später keiner dieser beiden Gründe mehr bestand, wurde verkündet: „Nach dem vollständigen Sieg besteht keine Notwendigkeit zur Hidschra mehr.“ Das heißt: Als die gesamte Arabische Halbinsel zum „Land des Islam“ (Dar al-Islam) geworden war, unter die Herrschaft Medinas gelangt war und für die Menschen, die den Islam angenommen hatten, in keinem Gebiet mehr eine Blockade oder ein Hindernis bestand, wurde die Verpflichtung zur Auswanderung nach Medina aufgehoben.

Auf der Grundlage dieses Vertrags wurde der islamische Staat von Medina errichtet und die Führung durch Muhammad (s) etabliert. Zum ersten Mal erhielten die Muslime die Möglichkeit, in einem hundert Quadratmeilen großen Gebiet mit fünftausend Einwohnern den Islam frei zu verkünden. Dort unterstützte die politische Macht des Islam die Verkündigungsarbeit ganz von selbst. Darüber hinaus erleichterte die Anwesenheit der islamischen Regierung den Muslimen auch die Ausbreitung der Verkündigung in der Umgebung Medinas.

3. Verträge mit verschiedenen Stämmen

Neben seinem Bemühen, Medina zu einer politischen Einheit zu machen und die Grundlage des islamischen Staates zu legen, war der Gesandte (s) auch bestrebt, die umliegenden Stämme zu organisieren. Zwei- oder dreimal entsandte er Delegationen, die aus angesehenen Gefährten bestanden. Im zwölften Monat nach der Hidschra, also im Monat Safar, begab sich der Gesandte (s) persönlich nach Waddan (einem Ort auf dem Weg von Medina nach Mekka). Dort schloss er einen Vertrag mit dem Stamm Banū Hamza beziehungsweise Banū Damra. Für diesen Stamm unterzeichnete ʿAmr ibn Fahschī al-Damrī den Vertrag. (Ibn Hischām, Bd. 2, S. 4–223; Zād al-Maʿād, Bd. 1, S. 334; Rahmatullil-ʿĀlamīn, Bd. 1, S. 138.)

Zuvor war eine Gruppe der Auswanderer bis zum nahe gelegenen Ort ʿĪs gereist und hatte dadurch günstige Voraussetzungen für die Aufnahme freundschaftlicher Beziehungen geschaffen. (Rasūl-e Akram (s), kī siyāsī zindagī, Dr. Hamidullah Siddiqi, S. 359.) Danach besuchte der Gesandte (s) im Monat Rabīʿ al-awwal des zweiten Jahres nach der Hidschra (dem dreizehnten Monat nach der Hidschra) erneut das Gebiet von Buʿāth (einem der Berge der Dschuhaina im Gebiet von Yanbuʿ). Auch mit der Bevölkerung dort fanden erfolgreiche Gespräche statt, und freundschaftliche Beziehungen wurden hergestellt. (Rahmatullil-ʿĀlamīn, Bd. 1, S. 139; Zād al-Maʿād, S. a. a. O.) Danach besuchte er im Monat Dschumādā ath-Thāniya Dhū l-ʿUschaira (im Gebiet von Yanbuʿ). Dort wurden lange Gespräche mit Banū Mudlidsch und ihren Verbündeten, den Banū Damra, geführt, und auch mit ihnen wurde ein Vertrag geschlossen. (Ibn Hischām, Bd. 2, S. 239; Rahmatullil-ʿĀlamīn, Bd. 1, S. 139.)

Einige frühere Historiker waren der Ansicht, dass diese Stämme und Gebiete infolge dieser Verträge tatsächlich zu einem Teil der staatlichen Struktur Medinas geworden seien. Als Beleg dafür gilt, dass einige Bestimmungen und Begriffe dieser Verträge mit denen des Verfassungsvertrags von Medina übereinstimmen. Selbst wenn man diese Auffassung hinsichtlich der allerfrühesten Zeit der Hidschra nicht akzeptiert, besteht dennoch kein Zweifel daran, dass der Stamm Dschuhaina später den Islam annahm. Eine große Delegation von tausend Männern kam nach Medina, traf den Gesandten (s) und versicherte ihm ihre Unterstützung. Sie nahm auch an verschiedenen Schlachten teil. Die überlieferten Kontakte des islamischen Staates zu den verschiedenen Zweigen dieses Stammes belegen dies. So stellte der Gesandte (s) den Banū Dschurmus (einem Zweig der Dschuhaina) schriftlich eine Urkunde über Frieden und Sicherheit aus. Einem anderen Zweig der Dschuhaina, den Banū Schamāch beziehungsweise Schāk, wies er ihr gesamtes Gebiet dauerhaft als Lehen zu. Ebenso verlieh er Awsādschah ibn Harmal al-Dschuhanī ein Lehen in der Nähe seines Wohnortes Dhū l-Mirra. Als Abū Basīr und seine Gefährten aufgrund des Vertrags von Hudaybiyya keine Möglichkeit mehr hatten, nach Medina zu gehen, wanderten sie aus Mekka aus und ließen sich in diesem Küstengebiet nieder. Es ist nicht verwunderlich, dass Anführer wie ʿAdsūsah ihnen halfen und sie mit Unterstützung der dortigen Bevölkerung die quraischitischen Karawanen abwehrten. (Siyāsī zindagī, Dr. Hamidullah Siddiqi.)

Die Beziehungen entwickelten sich weiter, und durch den gegenseitigen Austausch wurde die Verkündigungsarbeit fortgesetzt. Das führte dazu, dass die Stämme insgesamt zu Trägern des Banners der islamischen Bewegung wurden. Über die Annahme des Islam durch ʿUqba al-Dschuhanī ist uns berichtet worden. Gegen Ende des Lebens des Gesandten (s) wurde mit Banū Dschurmus, Banū l-Harqa und ʿAmr ibn Maʿbad ein neuer Friedensvertrag unterzeichnet. Darin wurde ihnen wie den übrigen muslimischen Stämmen zur Bedingung gemacht, das Gebet und die Zakāt ordnungsgemäß zu verrichten. Ein Fünftel der Kriegsbeute musste vorschriftsgemäß abgegeben werden, die Beziehungen zu den Gegnern des Islam mussten abgebrochen und der Zins auf Darlehen aufgegeben werden. Bereits in der Zeit des Prophetentums war in Medina auch eine Moschee im Namen des Stammes Dschuhaina errichtet worden. Daraus lässt sich erkennen, dass zahlreiche Angehörige der Dschuhaina als Muslime nach Medina gekommen waren.

Banū Ghifār gehörten zu den Stämmen, von denen schon früh zahlreiche Menschen den Islam angenommen hatten. Dieser Stamm wurde durch eines seiner angesehensten Mitglieder und einen vorbildlichen jungen Mann, Abū Dharr al-Ghifārī, beeinflusst. In der Zeit um die Schlacht von Badr unterzeichneten sie mit dem Gesandten (s) einen Vertrag. Der wesentliche Inhalt dieses Vertrags lautete: „Sie sind Muslime, und ihre Pflichten und Verantwortlichkeiten sind dieselben wie die der Muslime.“ Obwohl ein Teil dieses Vertrags die nichtmuslimischen Mitglieder dieses Stammes berücksichtigte, war dieser Stamm meiner Ansicht nach faktisch zu einem Teil der sozialen Infrastruktur Medinas geworden. Daher gibt es keinen Grund, sein Gebiet nicht als dem Herrschaftsbereich Medinas zugehörig zu betrachten.

Ein Zweig der Banū Ḍamra waren die Banū Gifār und ein anderer die Banū ʿAbd ibn ʿAdī. Dieser letztgenannte Stamm lebte innerhalb der Grenzen des heiligen Schutzbezirks. Obwohl dieser Zweig gezwungenermaßen ein Abkommen mit den Quraisch aufrechterhielt, schloss er ein Bündnis mit der muslimischen Regierung. Mit dem Gesandten (s.a.w.) gingen sie in allen Angelegenheiten außer einer ein Bündnis ein. Die ausgenommene Angelegenheit war der Krieg gegen die Quraisch.

Der Stamm Banū Aschǧaʿ war ein Zweig des Stammes Banū Ġaṭafān. Auch sie lebten in der Umgebung der Handelsstraße. Als der Handel der Quraisch infolge der Blockade der Handelsstraße zum Erliegen kam, wurde ihre Wirtschaft geschädigt. Denn diese Stämme bestritten ihren Lebensunterhalt durch die Versorgung der Handelskarawanen. Aufgrund der wirtschaftlichen Not sahen sie sich gezwungen, eine Delegation nach Medina zu entsenden. Danach nahmen sie noch vor dem Grabenkampf den Islam an und unterzeichneten einen Vertrag. Für sie unterzeichnete Nuʿaim ibn Masʿūd. Nuʿaim ibn Masʿūd schloss sich erst während des Grabenkampfes der islamischen Bewegung an. Deshalb nahm zum Zeitpunkt des Vertragsabschlusses nicht der gesamte Stamm den Islam an. Dennoch lässt sich die Grundlage des Vertrags schon aus einem einzigen Satz erkennen. Dieser Satz lautete:

*********** „Es wurde eine umfassende Beziehung gegenseitiger Hilfe und guten Willens begründet.“ Ein Zweig dieses Stammes, die Banū ʿĀmir, erhielt vom Gesandten (s.a.w.) eine Lizenz für das ausschließliche Recht, die Karawanen bei ihren Aufenthalten zu unterstützen. Auch einem Anführer des Stammes Banū ʿĀmir wurde noch vor dem Grabenkampf ein Lehen verliehen.

Nun sollen die Bündnisse erwähnt werden, die nach dem Grabenkampf geschlossen wurden. Der Stamm Chuzāʿa stammte von Qaḥṭān aus dem Jemen ab und hatte zahlreiche Zweige. Sie lebten verstreut in der Umgebung von Mekka. Mit Ausnahme der Banū al-Muṣṭaliq unterhielten die meisten Zweige dieses Stammes gute Beziehungen zu den Muslimen. Einer der Gründe dafür war, dass Herr ʿAbd al-Muṭṭalib freundschaftliche Beziehungen zu ihnen gepflegt hatte. Dieser Stamm nutzte die Gelegenheit des Vertrags von al-Ḥudaibiya, sagte sich offen von den Quraisch los und schloss ein Bündnis mit der islamischen Regierung von Medina. Aufgrund dieses Bündnisses informierte der Stamm den Gesandten (s.a.w.) einerseits über die Vorbereitungen der Quraisch zum Aḥzāb- beziehungsweise Grabenkampf. Andererseits versicherte der Gesandte (s.a.w.) ihnen vor der Eroberung Mekkas in einem Brief, dass ihnen kein Schaden widerfahren werde. Er teilte ihnen auch mit, dass die Banū Kilāb und die Banū Hawāzin den Islam angenommen hätten. Doch noch bevor der Zeitpunkt dafür gekommen war, wurden diese beiden Stämme Opfer der Unterdrückung und Gewalttaten der Banū Bakr, und gerade diese Gewalttaten führten schließlich zur Eroberung Mekkas.

Die Banū Aslam waren ein Zweig des Stammes Chuzāʿa. Aus der vom Gesandten (s.a.w.) für sie ausgestellten Schutzurkunde geht hervor, dass sie den Islam vergleichsweise früh angenommen hatten und dem islamischen Staat bereits treu ergeben waren. Ein Teil von ihnen wanderte nach Medina aus und ließ sich dort nieder. Ihrem Anführer al-Ḥusain ibn Aus verlieh der Gesandte (s.a.w.) ebenfalls ein Lehen. Dies ist ein Beweis für die Festigkeit des Bündnisses und zugleich dafür, dass die mit Medina verbundenen Gebiete eingegliedert wurden.

Nördlich von Tabūk lebten die Stämme Ǧuḏām, Quḍāʿa und ʿAḏra. Durch ihre feindseligen Aktivitäten hatten sie der islamischen Regierung beträchtliche Schwierigkeiten bereitet. Sie hatten dem Gesandten aus Medina sein gesamtes Eigentum weggenommen. Daraufhin wurden Strafmaßnahmen gegen sie ergriffen. Durch einen Irrtum gerieten auch einige Unschuldige in diese Maßnahmen. Sie kamen nach Medina, trugen ihre Beschwerde vor und erhielten eine Entschädigung. So wurde auch der Weg für Beziehungen geöffnet. Unter den erhaltenen Briefen des Gesandten (s.a.w.) befindet sich einer an Rifāʿa ibn Zaid al-Ǧuḏāmī. Darin wird ein äußerst strenges Ultimatum gestellt. In dem an diesen Anführer gerichteten Brief wird sein gesamter Stamm gewarnt: Entweder sollten sie die Einladung zum Islam annehmen und sich der Gemeinschaft Allahs und Seines Gesandten anschließen, oder sie durften, falls sie die Einladung ablehnten, zwei Monate lang sicher leben. Schließlich entwickelte sich die Lage folgendermaßen: Nachdem der Gesandte (s.a.w.) aus Tabūk zurückgekehrt war, kam im neunten Jahr nach der Hidschra Mālik ibn ʿĀmir al-Ǧuḏāmī nach Medina, traf den Gesandten und erhielt eine Schutzurkunde. Diese Urkunde enthielt lediglich Bedingungen, die für muslimische Stämme gelten. Das heißt, sie hatten den Islam angenommen. Ebenso traf ein Anführer des Stammes Quḍāʿa, Barīda ibn al-Chuṣair, während eines Feldzugs außerhalb Medinas mit dem Gesandten (s.a.w.) zusammen und erhielt eine Schutzurkunde, nachdem er dem Gesandten versprochen hatte, dass sein Stamm den Islam annehmen werde.

Im sechsten Jahr nach der Hidschra entsandte der Gesandte (s.a.w.) ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAuf zu einer Mission zum Stamm Kalb, um ihn zum Islam einzuladen. Das Ergebnis entsprach genau seinen Erwartungen. Der Anführer dieses Stammes verheiratete seine Tochter mit ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAuf, um seine Loyalität zu bekunden und die Beziehungen zu festigen. Ebenso stellte der Gesandte (s.a.w.) eine Schutzurkunde auf den Namen des neu zum Islam bekehrten Anführers des Stammes Maʿlab in der Umgebung von Dūmat al-Ǧandal, Ḥāritha ibn Buṭūn, aus. Auch mit Ukaidir, dem Herrscher von Dūmat al-Ǧandal, wurde ein Friedensvertrag geschlossen. Es besteht jedoch Uneinigkeit darüber, ob er den Islam angenommen hatte oder ob er sein Amt behalten durfte, weil er sich ohne Annahme des Islam zur Zahlung der Dschizya bereit erklärt hatte. Später wurde er allerdings zum Rebellen und von Ḫālid getötet. Danach wurden seine Festung und sein Land der Herrschaft des genannten kalbitischen Anführers Ḥāritha ibn Quṭun unterstellt.

Noch vor der allgemeinen Annahme des Islam durch die Bewohner von Taif schloss sich Sard ibn ʿAbdullāh al-Yamānī der islamischen Bewegung an. Der Gesandte (s.a.w.) ernannte ihn zum Befehlshaber, um in jener Region militärische Operationen durchzuführen. Mit der Erlaubnis des Gesandten (s.a.w.) belagerte er die Festung von Ǧarās. Infolge dieser Belagerung wurde ein Friedensvertrag geschlossen und Abū Sufyān zum Statthalter von Taif ernannt.

Im 8. Jahr nach der Hidschra reiste Amr ibn al-As mit dem Einladungsschreiben des Gesandten (s.a.w.) zu den in Oman lebenden Banu Izd. Zwei Männer namens Ubayd und Dschafar waren ihre Anführer. Die Banu Izd nahmen den Islam an.

Über die Stämme, die im Jahr der umfassenden Ankunft von Delegationen freiwillig Delegationen entsandten, den Islam annahmen oder zumindest die Oberhoheit der Regierung von Medina anerkannten, werden wir später sprechen.

Darüber hinaus wurde überall dort, wo eine Gruppe infolge militärischer Unternehmungen den Wunsch nach Loyalität oder einem Friedensvertrag äußerte, unverzüglich darauf eingegangen. Die dauerhafte Politik des Staates von Medina bestand darin, den Wunsch jedes Kriegsgegners nach einem Friedensschluss zu respektieren, sobald er ihn äußerte. Mehrere Stämme akzeptierten, nachdem sie in den Krieg gezogen waren, entweder politische Unterwerfung und Abhängigkeit oder nahmen den Islam an. In diesem Zusammenhang ist besonders die Geschichte der Juden von Chaibar und der angrenzenden Gebiete erwähnenswert. Nachdem sie besiegt worden waren und dort bleiben wollten, durften sie unter festgelegten Bedingungen dort bleiben.

Bei der Prüfung all dieser Ereignisse bleibt keine andere Möglichkeit, als anzuerkennen, dass die Vermeidung von Konflikten und der Aufbau freundschaftlicher Beziehungen die wichtigste Handlungsmaxime der Regierung von Medina war. Dafür gab es eine eigene Abteilung. Der Gesandte (s.a.w.) und seine Gefährten entfalteten für diese Abteilung zahlreiche Aktivitäten und unternahmen viele Reisen. Diese Aktivitäten sind ein eindrucksvoller Beweis für die friedliebende Haltung des islamischen Staates. Obwohl der Gesandte (s.a.w.) die Forderungen und Bedürfnisse eines ideologischen Staates in dieser Angelegenheit kannte, zeigte er bei der Festlegung seiner Politik eine solche Großzügigkeit, dass er von Stämmen, die den Islam nicht angenommen hatten, sogar rein politische Bündnisse akzeptierte. In mehreren Fällen setzte er nichtmuslimische Herrscher oder Stammesführer selbst ein oder beließ sie in ihren Ämtern. Auch dies geschah mit dem Ziel, die Möglichkeit von Konflikten auf ein Mindestmaß zu senken. Später musste man jedoch aufgrund vieler bitterer Erfahrungen zu dem Schluss kommen, dass zumindest die Umgebung des Gebiets, das als Kernheimat der islamischen Bewegung diente, von gegnerischen Kräften befreit werden musste, damit sie heilig und friedlich blieb. Andernfalls würden deren Verrat und Treulosigkeit unweigerlich großes Unheil anrichten.

Bei der Betrachtung der beschriebenen freundschaftlichen Beziehungen zeigt sich, dass der Staat von Medina überall dort, wohin der Islam gelangt war, von selbst politische Loyalität erlangte. Ebenso wurde überall dort, wo politische Freundschaftsbeziehungen entstanden waren, schon bald die Fahne des Islam erhoben. Der Grund dafür ist klar. Als die Stämme häufiger Gelegenheit erhielten, mit den Muslimen von Medina zusammenzukommen, waren sie überwältigt, weil sie mit eigenen Augen die beeindruckenden Merkmale der islamischen Lebensordnung sahen; zugleich fanden die Angehörigen der islamischen Bewegung unter ihnen ein friedliches Umfeld für ihre Einladungsarbeit. Gerade durch diese Einheit von Religion und Politik konnte innerhalb weniger Jahre ein Gebiet von etwa einer bis 1,2 Millionen Quadratmeilen mit dem Islam geprägt werden.

 

Der Vertrag von Hudaybiyya

In der Geschichte der vom Gesandten (s.a.w.) geführten islamischen Bewegung war der Vertrag von Hudaybiyya ein Ereignis, durch das im Verlauf der Ereignisse die bedeutendste Veränderung eingeleitet wurde. Infolge dieses Ereignisses erhielt die islamische Bewegung die Möglichkeit, sich mit einem Sprung auf die Stufe der Universalität auszuweiten. Dieses Ereignis bewies die höchste politische Weitsicht und Klugheit des Gesandten (s.a.w.): Er verstand es, den schlimmsten und grausamsten unter den kriegführenden Feinden so mühelos zu einer Verständigung zu bewegen und ihnen für mehrere Jahre die Hände zu binden.

Als die wegen Aufstands und Verrats verbannten Juden in Chaibar, Tayma und Wadi al-Qura eigene Stützpunkte errichteten, sah sich Medina gleichzeitig zwei Feinden gegenüber. Das Bündnis zwischen den Quraisch und den Juden hatte eine große Zahl angreifender Soldaten vor den Toren Medinas versammelt. Nachdem der Gesandte (s.a.w.) den Grabenkrieg unbeschadet überstanden hatte, stand er vor einem komplizierten Problem: Wie konnte dieses Bündnis der beiden Feinde zerschlagen werden? Unter den gegenwärtigen Umständen konnten die Juden von Chaibar und die Banu Ghatafan Medina angreifen, wenn man einen Angriff auf Mekka unternahm. Der Gesandte (s.a.w.) erkannte mit außerordentlicher Genauigkeit, dass sich unter diesen beiden Feinden der jüdische Stützpunkt von Chaibar mit einem einzigen Schlag zerschlagen ließ. Zugleich konnte man die Quraisch von Mekka leicht zu einem Friedensschluss bewegen. Tatsächlich war die Macht der Quraisch innerlich bereits ausgehöhlt. So großspurig sie von außen auch auftraten, verfügten sie doch über keine sonderliche Fähigkeit zum Widerstand. Außerdem hatte der Gesandte (s.a.w.) in Mekka und seiner Umgebung einige Unterstützer. Bestimmte seiner Maßnahmen hatten diese Unterstützer zusätzlich gestärkt. Während der Hungersnot hatte der Gesandte (s.a.w.) Getreide und Bargeld nach Mekka geschickt und dadurch unter der dortigen armen Bevölkerung große Beliebtheit erlangt. Deshalb sagte Abu Sufyan: »Jetzt will Muhammad (s.a.w.) unsere Leute auf diese Weise in die Irre führen.« Der Gesandte (s.a.w.) hatte noch eine weitere Maßnahme ergriffen: Er hatte Umm Habiba (r.a.), die Tochter des größten Führers von Mekka, Abu Sufyan, geheiratet. Diese Ehe brachte äußerst bedeutende politische Vorteile. Jedenfalls war nun, auf welche Weise auch immer, eine weitere Maßnahme erforderlich, und der Gesandte (s.a.w.) setzte dafür seine größten Anstrengungen ein.

Andererseits bestand auch ein großes Problem darin, dass die Muslime Mekka seit beinahe sechs Jahren verlassen hatten. Es ging nicht nur um die Liebe zur Heimat, sondern war auch mit der Kaaba al-Scharifa verbunden, dem Zentrum der Daʿwa von Ibrahim (a.s.). Die Muslime erneuerten eben diese ibrahimitische Daʿwa. Daher war es ihnen unmöglich, für immer von diesem ideologischen Zentrum getrennt zu bleiben. Die Quraisch erlaubten ihnen noch immer nicht, nach Mekka zu gehen, und allem Anschein nach würde die Beilegung dieses Konflikts lange Zeit erfordern. Deshalb wurden die Gefühle der Muslime zunehmend unruhig und erhitzt. Es war dringend notwendig geworden, das Recht der islamischen Gemeinschaft auf den Haram-Scharif öffentlich zu bekunden.

Inzwischen erhielt der Gesandte (s.a.) im Traum einen Hinweis, den Haddsch zu vollziehen. Sobald er diesen Hinweis erhalten hatte, entwickelte er dank seiner unvergleichlichen Weisheit zum bestmöglichen Zeitpunkt den bestmöglichen Plan und setzte ihn auf bestmögliche Weise um. Er beschloss, im heiligen Haddsch-Monat mit einer großen Gruppe die Umra zu vollziehen. Er nahm nur diejenigen mit, die freiwillig mitgehen wollten. Auf diese Weise wurden 1.400 Muslime seine Gefährten. Er ernannte Numaila ibn Abdullah al-Laithi zum stellvertretenden Statthalter von Medina und ließ einen großen Teil der Muslime zum Schutz Medinas zurück. Sie nahmen siebzig Opfertiere, Kamele, mit. Es wurden keinerlei Waffen mitgeführt. Die Reise begann in größter Stille. Als sie Dhul-Hulaifa erreichten, wurden die Opfertiere gekennzeichnet.

Diese Reise war einerseits eine religiöse Reise. Andererseits umfasste sie ganz von selbst auch eine wichtige politische Dimension. Diese Verbindung und Einheit von Religion und Politik erkennen wir in der gesamten Lebensgeschichte des Gesandten (s.a.). Darüber hinaus ist es völlig rechtmäßig, weltliche Tätigkeiten oder politische Aktivitäten in eine Haddsch-Reise einzubeziehen. Daher stellte diese Haddsch-Reise für die Quraisch eine gewaltige Herausforderung dar. Wenn diese Pilger zum Haram-Scharif nicht aufgehalten würden, würde das bedeuten, dass Mekka den Muslimen für immer offenstand. Zudem bestand die Möglichkeit, dass die Ankunft des Gesandten (s.a.) und seiner Gefährten im Haram-Scharif einen sehr tiefen Eindruck auf die Bewohner der Stadt machen würde. Durch die Ankunft dieser Verkünder der islamischen Revolution würde die islamische Bewegung in den Herzen der Mekkaner wiederbelebt werden. Die Menschen würden außerdem sagen, dass die einstige überwältigende Macht der Quraisch vorüber sei. Dies wurde später auch durch die Äußerung des mekkanischen Gesandten Suhail ibn Amr während der Gespräche über den Friedensvertrag deutlich. Er sagte: „Wenn wir euch erlauben, die Kaaba al-Scharifa zu betreten, werden alle Araber sagen, dass wir euch aus Angst vor eurer Macht den Weg freigemacht haben.“

Der Gesandte (s.a.) hatte unterwegs bereits alles erfahren. Ein Späher aus Chuzāʿa namens Baschir ibn Sufyan kam zu dem Ort Usfan und berichtete, dass die Quraisch Vorbereitungen für den Widerstand trafen. Sie hatten geschworen, Muhammad (s.a.) niemals den Einzug nach Mekka zu gestatten. Um ihn aufzuhalten, war Khalid mit einer Reitertruppe bis nach Kuraʿ al-Ghamim gekommen. Als der Gesandte dies hörte, sagte er: „Das ist das Unglück der Quraisch. Durch die fortwährenden Kämpfe sind ihre Kräfte erschöpft. Was hätte es ihnen geschadet, wenn sie beiseitegetreten wären und mich allein gelassen hätten, um mit allen Arabern eine Verständigung zu erzielen? Wenn die Araber mich getötet hätten, wäre ihre Hoffnung erfüllt gewesen. Und wenn ich gesiegt hätte, hätten sie, wenn sie gewollt hätten, allesamt den Islam angenommen. Andernfalls hätten sie ihre Kräfte behalten und dann kämpfen können. Wenn sie mir diese Gelegenheit nicht geben, dann werde ich, bei Allah, mit der großen Wahrheit, mit der Er mich entsandt hat, bis zum letzten Augenblick kämpfen: Entweder wird diese große Wahrheit siegen, oder mein Kopf wird abgeschlagen.“ Mit diesen Worten deutete er zugleich die Möglichkeit eines Friedensvertrags an, stellte ein Ultimatum und wies auf den schwindenden Zustand der Quraisch hin.

Andererseits würde das Ansehen der Quraisch selbst dann Schaden nehmen, wenn es ihnen gelänge, die Pilgerkarawane aufzuhalten. Es würde sich herumsprechen, dass sie jemanden daran gehindert hatten, ein religiöses Recht auszuüben. Und wenn sie den ersten Angriff führten, würde man ihnen vorwerfen, gegen die Bestimmungen der heiligen Monate verstoßen zu haben. Jeder wusste, dass der Gesandte (s.a.) dem Haram-Scharif gegenüber vollste Achtung erwiesen hatte und dass sie unbewaffnet und ausschließlich zur Umra reisten. Ihre Waffenlosigkeit und die gekennzeichneten Opfertiere bezeugten, welcher Art ihre Reise war. Man kann sagen, dass die Quraisch von einer äußerst schwierigen Lage umzingelt waren. In diesem kritischen Augenblick hielt sich ihr oberster Führer Abu Sufyan im Ausland auf. Ganz gleich, wie sehr die Quraisch auch prahlten: Nur der Gesandte (s.a.) besaß die Umsicht zu erkennen, dass ihnen außer einem Friedensvertrag kein Ausweg blieb. Gerade die Umsicht einer zutreffenden Einschätzung vermag die Lage zu verändern. So lässt sich der wahre Wert der Weisheit und Weitsicht eines tatkräftigen Mannes erkennen.

Aufgrund ihrer alten Starrsinnigkeit und Widerspenstigkeit versammelten die Quraisch in großer Eile die verbündeten Stämme, insbesondere die Ahābisch, am Ort Baldah.

Sofort begannen die diplomatischen Bemühungen. Als Erster kam Budail bin Warqa, der Anführer des Stammes Chuzāʿa und den Muslimen gegenüber wohlgesinnt, mit einigen bedeutenden Gefährten zum Gesandten Allahs (s.a.w.), um ihn zu treffen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) teilte ihm mit: „Wir sind nur gekommen, um die Kaaba zu besuchen. Wir beabsichtigen nicht, Krieg zu führen. Die Quraisch sind vom Kriegsfieber besessen. Doch der Krieg wird ihnen nichts außer Schaden bringen. Was würde es schaden, wenn die Quraisch für einige Jahre Frieden mit uns schließen würden?“ Auf diese Weise brachte der Gesandte Allahs (s.a.w.) gleich zu Beginn seine eigentliche Botschaft vor. Budail ging zu den Quraisch und sprach mit ihnen. Er sagte: „Beeilt euch nicht. Muhammad (s.a.w.) ist nicht gekommen, um Krieg zu führen, sondern lediglich zum Besuch der Kaaba.“ Die hitzköpfigen jungen Männer waren überhaupt nicht bereit, auf irgendetwas zu hören. Die älteren Männer jedoch hörten sich alles an. Danach schickten sie den Anführer der Ahābīsch, Ulaiß bin Alqama. Als er die Opfertiere auf der Weide umherstreifen sah, änderte sich seine Haltung. Er ging zu den Quraisch und sagte offen, es sei nicht richtig, diese Pilger aufzuhalten. Auch wir seien nicht zu diesem Zweck gekommen. Den Anführer der Ahābīsch beruhigte man mit den Worten: „Gib uns wenigstens die Gelegenheit, unsere Bedingungen durchzusetzen.“ Danach schickten die Quraisch Urwa ibn Masʿud as-Saqafī als Gesandten. Urwa kam und sagte: „O Muhammad (s.a.w.)! Wenn du die Angehörigen deines eigenen Stammes vernichtest, wird das keine lobenswerte Tat sein. Die Taugenichtse, die du versammelt und mitgebracht hast, werden dich, sobald sie nach einigen Tagen verschwunden sind, allein zurücklassen.“ Als Abū Bakr as-Siddīq dies hörte, wurde er zornig und wies Urwa mit einiger Schärfe zurecht. Nach der bei den Arabern üblichen vertrauten Art des Gesprächs führte Urwa jedes Mal, wenn er seine Hand zum Bart des Gesandten Allahs (s.a.w.) ausstreckte, diese nahe an ihn heran. Sofort stieß Hadhrat Mugīra ibn Schuʿba seine Hand jedes Mal mit der Spitze seines Schwertes zurück. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) legte auch Urwa gegenüber seine Position dar. Von der Atmosphäre, die Urwa hier vorfand, tief beeindruckt, kehrte er zurück. Bei seiner Rückkehr sagte er: „Eine solche Szene der Liebe und Treue gegenüber einem Anführer, wie ich sie gesehen habe, habe ich nicht einmal am Hof eines Königs gesehen. Muhammads (s.a.w.) Gefährten scheuen sich nicht, für ihn ihr Leben zu geben. Auf sein Zeichen hin sind sie bereit zu sterben. Vor ihm spricht niemand auch nur mit erhobener Stimme.“ Urwas Reaktion zeigt, dass die tiefe Liebe und Treue der Gruppe zu ihrem Anführer die eigentliche Quelle der Stärke der islamischen Bewegung ist. Liebe und Treue sind die eigentliche Quelle der Stärke der islamischen Bewegung. Wenn Liebe und Treue sich verbinden, entsteht eine unbezwingbare Kraft. Herrscht in einer Gruppe eine solche Atmosphäre, macht sie die Gegner schwach und versetzt sie in Angst. Hier herrscht nicht bloß eine Atmosphäre wie in einer demokratischen Einrichtung, in der man ständig damit beschäftigt ist, die Argumente des anderen zu widerlegen. Der Vorsitzende pflegt keine herzliche Beziehung zu den Mitgliedern, und die Mitglieder empfinden keine Herzensbindung an den Vorsitzenden. Als ausreichend gilt lediglich der äußerliche Gehorsam gegenüber Satzung und Regelwerk. In Gruppen, in denen gegen den Anführer Schmähungen, üble Nachrede, Verleumdungen, heimliches Tuscheln und ständig neue Verschwörungen betrieben werden, herrscht eine derart schmutzige Atmosphäre, dass es einem widerstrebt, auch nur daran zu denken. Im Inneren einer islamischen Organisation herrscht eine Atmosphäre des guten Willens, der Treue, der Aufrichtigkeit und der Liebe. Die Persönlichkeit jedes Mitglieds besitzt hier Bedeutung. Dennoch bleibt der Anführer für alle der Mittelpunkt der Liebe. Denn sonst entsteht untereinander weder eine Atmosphäre des Mitgefühls und der Liebe, noch wird die islamische Organisation zu einer stahlharten Mauer. Auf dem Feld von Hudaybiyya trat diese Eigenschaft der islamischen Organisation in vollem Maße hervor. Deshalb war Urwa von diesem Anblick tief beeindruckt und brachte genau diese Reaktion gegenüber den führenden Persönlichkeiten von Mekka zum Ausdruck.

Um diese Gesprächsreihe weiterzuführen, schickte der Gesandte Allahs (s.a.w.) Charrāsch ibn Umayya zu den Quraisch. Die anarchische und zügellose Atmosphäre in Mekka bestand ohnehin bereits. Das Kamel, auf dem Charrāsch im Auftrag des Gesandten Allahs (s.a.w.) nach Mekka geritten war, wurde von den zügellosen Leuten getötet. Auch er selbst kehrte nur mit großer Mühe und unter Lebensgefahr zurück. Danach wurde Hadhrat Uthmān (r.a.) entsandt. Eine Gruppe zügelloser Leute war ausgezogen, um die Lage zu beobachten. Sie reizten die Muslime überall auf und warfen mit Pfeilen und Steinen nach ihnen. Sie wurden festgenommen. Doch der Gesandte Allahs (s.a.w.) ließ sie im Interesse des größeren Wohls frei. Kurz gesagt, die kriegswilligen Leute unter den Quraisch waren auf die eine oder andere Weise bemüht, einen Krieg zu entfachen. Doch Allah „hielt die Hände beider Seiten zurück“. So blieb die friedliche Atmosphäre erhalten, und das Bemühen um die Wahrung des Friedens war erfolgreich. Die Quraisch hielten Hadhrat Uthmān (r.a.) fest, und seine Rückkehr verzögerte sich sehr. Wegen der unheilvollen und unerwünschten Ereignisse war die Lage so, dass das Gerücht aufkam, Hadhrat Uthmān (r.a.) sei getötet worden. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) versammelte sofort die Muslime und ließ sie das Versprechen ablegen, nötigenfalls bis zum Tod zu kämpfen. Er sagte: „Wenn sich die Nachricht als wahr erweist, werden wir nicht nach Hause zurückkehren, ohne gegen diese Leute zu kämpfen.“ Das Leben Hadhrat Uthmāns war an jenem Tag außerordentlich kostbar geworden. Denn nach den Worten des Gesandten Allahs (s.a.w.) war die Lage folgende: „Uthmān ist gegangen, um die ihm von Allah und Seinem Gesandten anvertraute Aufgabe zu erfüllen.“ Er bezeichnete eine seiner Hände als die Hand Uthmāns, legte die andere Hand stellvertretend für ihn darauf und sagte: „Leiste den Treueschwur.“ Seine Gefährten waren ohnehin von ihren Gefühlen überwältigt. Aufrichtig traten sie einer nach dem anderen vor und leisteten den Baiʿa- und Treueschwur. Dieser unverhoffte Augenblick war eine geeignete Gelegenheit, den Glauben zu stärken und den Charakter zu bilden. In dieser Zeit erhoben die Muslime sich auf eine so hohe Stufe, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Heute seid ihr die Besten unter allen Menschen auf der Welt.“ Aufgrund ihres Glaubenseifers und ihrer Aufrichtigkeit in diesem Augenblick erlangten sie Allahs Wohlgefallen. Nur ein Heuchler, Dschif bin Qais, blieb von diesem Glück jenes Augenblicks ausgeschlossen. Im Leben der Kämpfer für die Wahrheit gibt es viele solche Augenblicke, und die Seelen aufrichtiger Menschen schöpfen daraus Kraft. Die eintausendvierhundert Muslime erhielten die Belohnung für ihr Versprechen, bis zum Tod zu kämpfen, sofort, ohne dass auch nur ein Tropfen Blut vergossen wurde. Als die Quraisch davon erfuhren, schickten sie Hadhrat Uthmān unverzüglich zurück. Denn auch sie wollten in Wirklichkeit einen Kampf vermeiden.

Aus Mekka kam Mikrāz bin Hafs. Seht, wie geschickt der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Menschen einzuschätzen vermochte! Schon von Weitem sagte er: „Da kommt ein Betrüger.“ Damit gab er zu verstehen, dass sich mit diesem Mann nichts auf ordentliche Weise beilegen lassen würde.

Schließlich schickten die Quraisch Suhail bin Amr. Sobald er ihn sah, erkannte er, dass sie bereit waren, einen Friedensvertrag zu schließen. Über die Bedingungen wurden dringende Gespräche geführt. Schließlich wurde Hadhrat Alī (r.a.) gerufen, um den Vertrag aufzuschreiben.

Der Vertrag wurde in einem so heiklen Augenblick niedergeschrieben, dass bei jedem Wort die Gefahr bestand, eine Erregung auszulösen. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu Beginn des Vertrages anordnete, „Bismillāhir-Rahmānir-Rahīm“ zu schreiben, sagte Suhail: „Was soll denn ‚Rahmān Rahīm‘ bedeuten? Nach unserer Gepflogenheit soll nur ‚Bismika Allāhumma‘ (O Allah, in Deinem Namen) geschrieben werden.“ Auch dieser Forderung gab der Gesandte Allahs (s.a.w.) nach. Danach sagte er: „Schreib: ‚Der folgende Vertrag wurde zwischen Muhammad, dem Gesandten Allahs, und Suhail bin Amr geschlossen.‘“ Suhail erhob Einspruch und sagte: „Wenn ich dich als Gesandten Allahs anerkennen würde, hätte ich dann gegen dich gekämpft? Schreib nur deinen Namen und den Namen deines Vaters.“ Hadhrat Alī hatte bereits „Muhammad, der Gesandte Allahs“ geschrieben. Nun konnte er die Worte „der Gesandte Allahs“ nicht durchstreichen, weil er dies als äußerst respektlos empfand. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) nahm das Blatt, strich die betreffenden Worte eigenhändig durch und schrieb stattdessen „Muhammad ibn Abdullāh“.

Beim Anblick all dieser Dreistigkeiten Sohailers wurden die Gefährten des Gesandten (s.a.w.) vor Aufregung ganz unruhig. Doch aus Respekt vor dem Gesandten (s.a.w.) bewahrten sie ihre Beherrschung. Nun begann man, die folgenden Bedingungen niederzuschreiben:

– Beide Seiten verpflichten sich, zehn Jahre lang einen Waffenstillstand und den Friedensvertrag einzuhalten.

– Die Muslime werden in diesem Jahr zurückkehren und im kommenden Jahr zur Wallfahrt zur Kaaba kommen. Dann werden sie mit umgürteten Schwertern nur drei Tage im geheiligten Bezirk verbringen.

– Die arabischen Stämme dürfen mit jeder der beiden Seiten, mit der sie möchten, ein Bündnis schließen.

– Die Handelskarawanen der Quraisch werden vollständige Sicherheit genießen, wenn sie das Gebiet von Medina durchqueren.

– Sollte jemand von den Quraisch ohne Erlaubnis nach Medina gehen, wird er zurückgeschickt. Kommt jedoch ein Muslim nach Mekka, wird er nicht zurückgeschickt.

Die letztgenannte Bedingung löste unter den Muslimen eine entsetzliche Unruhe aus. Wenn man die gesamte psychologische Lage betrachtet, wird verständlich, dass eine solche Unruhe und Erregung unter den Muslimen ganz natürlich war. Erstens war ein Kompromissvertrag dieser Art in dieser Phase ein äußerst ungewöhnliches Ereignis. Die Quraisch hatten so viele Menschen aus ihren Häusern vertrieben, den Muslimen den Krieg aufgezwungen, hinderten sie bis heute daran, den geheiligten Bezirk zu betreten, und wiesen die Opfertiere zurück. Mit solchen ungerechten, aggressiven Götzendienern plötzlich Frieden zu schließen und eine Einigung zu erzielen, war für die Muslime eine sehr schwierige Angelegenheit. Über die Ungläubigen hatten sie bisher den Grundsatz gelernt: „Zwischen uns und euch ist dauerhafte Feindschaft und Hass entstanden, und dies wird fortbestehen, bis ihr an den einen Gott glaubt“, sowie: „Kämpft so lange gegen sie, bis Unruhe und Unordnung beseitigt sind und die Loyalität vollständig Gott vorbehalten ist.“ Sie kannten nur diese einfache Formel: Gottes Wort muss oben stehen, das Wort der Ungläubigen jedoch unten. Dass es zwischen Wahrheit und Falschheit Raum für einen Kompromiss geben könnte, war ihnen nicht bekannt. Wenn man ein Ideal lediglich theoretisch und philosophisch annimmt, ist das freilich etwas anderes. Wenn man es jedoch in die Welt der Wirklichkeit tragen und für es kämpfen muss, sind im Licht der Zeit, der Möglichkeiten sowie der Lage der eigenen und der gegnerischen Kräfte unterschiedliche Schritte erforderlich. Man kann nicht mit geschlossenen Augen immer im gleichen Tempo geradeaus weitergehen. Man muss irgendwo anhalten, irgendwo zwei Schritte abbiegen und irgendwo zwei Schritte zurückgehen, um einen neuen Weg zu suchen. Um verschiedene Arten von Feinden nacheinander zu besiegen, wird es zuweilen unvermeidlich, vorübergehend mit dem einen oder anderen von ihnen einen Kompromiss zu schließen. Diese umfassende geschichtliche Wirklichkeit war nur dem Gesandten (s.a.w.) deutlich vor Augen; der Blick der muslimischen Gemeinschaft reichte nicht so weit. Als dann außerdem vor ihnen die Worte „Bismillahir-Rahmanir-Rahim“ und „Gesandter Gottes“ gestrichen wurden, konnten ihre Gefühle nicht anders als von einem Sturm erfasst werden. Und als darüber hinaus jene unausgewogene und ungerechte Bedingung auferlegt wurde, fiel es ihnen schwer, Geduld und Selbstbeherrschung zu bewahren. Die großen Probleme, für deren Lösung der Gesandte (s.a.w.) durch diesen Vertrag einen Weg suchte, waren auch den Quraisch nicht bekannt. Ebenso wenig konnten die Muslime sie verstehen. Im Verlauf großer Bewegungen kommen bisweilen solche heiklen Momente, in denen sich zwischen der Gruppe und ihrem Anführer hinsichtlich des Verständnisses künftiger Probleme eine geistige Kluft vergrößert. Der Blick des Anführers reicht weit in die Ferne, während die Gruppe über vergleichsweise nahe liegende Dinge nachdenkt. Solche Situationen sind besonders krisenhaft, und gerade in diesen seltenen Fällen kann ein übermäßiger formalistischer Demokratismus gefährlich werden. In einem solchen Fall kann nur eine Führung ihre Verantwortung und Pflicht richtig erfüllen, die das höchste Vertrauen und die Unterstützung der öffentlichen Meinung genießt und für die es keine Alternative gibt. Eine solche aufrichtige und standhafte Führung bringt die Gruppe allein durch ihre moralische Kraft zu bedeutenden Erfolgen. Erst anhand des weiteren Verlaufs der Ereignisse und der Umstände kann die Gruppe sich von der Richtigkeit der Entscheidungen und Maßnahmen ihres Anführers überzeugen.

Das Problem bestand darin, dass gerade in dieser schwierigen Lage Abu Dschundul, der Sohn des Quraisch-Vertreters Sohail, in Ketten aus Mekka eintraf. Er war geschlagen und misshandelt worden. Er trat vor den Gesandten (s.a.w.) und die Gefährten. Sohail ibn Amr sagte: „Gemäß den vorgeschlagenen Bedingungen ist Abu Dschundul der erste Mann, den Sie zurückschicken müssen.“ Der Gesandte (s.a.w.) sagte: „Der Vertrag ist noch nicht unterzeichnet. Lassen wir daher Abu Dschunduls Angelegenheit außerhalb seines Geltungsbereichs.“ Sohail sagte: „Dann kann es keinen Kompromiss geben.“ Darauf erklärte der Gesandte (s.a.w.) mit sanften Worten: „Gut, dann gestatte ihm meinetwegen, mit mir nach Medina zu gehen.“ Sohail stimmte nicht zu. Gezwungenermaßen akzeptierte der Gesandte (s.a.w.) im größeren Interesse diese ungerechte Forderung. Nun wandte sich Abu Dschundul an die versammelten Muslime und sagte: „Muslimische Brüder, ihr schickt mich zu den Götzendienern zurück. Dabei werden sie mich foltern, damit ich vom Glauben abfalle.“ Abu Dschunduls Bitte musste in jener Lage große Erregung hervorrufen. Doch der Gesandte (s.a.w.) gab damals ein unvergleichliches Beispiel für seine Kaltblütigkeit. Er erklärte Abu Dschundul in mildem Ton: „Wir haben eine Vereinbarung im Vertrag akzeptiert. Jetzt können wir den Vertrag nicht brechen. Für dich und die anderen Unterdrückten wird Gott einen Weg zur Befreiung eröffnen. Habe noch etwas Geduld.“ Die Unruhe und Erregung unter den Muslimen nahm immer mehr zu und erreichte allmählich ihren Höhepunkt. Die gesamte in den Herzen aller Muslime angesammelte Erregung gegen die Quraisch schien sich wohl allein in Umar zu konzentrieren und ihn ratlos zu machen. Es ging dabei nicht um irgendein persönliches Interesse Umars. Die Sorge um die Wahrheit und der islamische Ehrstolz ließen ihn unruhig werden. In dieser Unruhe führte er zunächst mit Abu Bakr und danach mit dem Gesandten (s.a.w.) folgendes Gespräch:

Hazrat Umar (r.a.): „O Gesandter Allahs, bist du nicht Allahs Gesandter?“

Rasulullah (s.a.): „Gewiss. Ich bin Allahs Gesandter.“

Hazrat Umar: Sind wir etwa keine Muslime?

Rasul (s.a.): „Warum sollten wir es nicht sein?“

Hazrat Umar: Sind sie etwa keine Götzendiener?

Rasulullah (s.a.): Warum sollten sie es nicht sein?

Hazrat Umar: Warum sollten wir dann einen Vertrag schließen, indem wir uns in der Sache des Islam beugen?

Rasul (s.a.): Ich bin Allahs Diener und Sein Gesandter. Ich habe keinem Seiner Befehle ungehorsam gewesen. Auch wird Allah mich nicht Seiner Hilfe berauben.

Hazrat Umar verstummte an diesem Punkt tatsächlich. Doch seine Erregung legte sich lange Zeit nicht. Der Vertrag wurde niedergeschrieben, und Hazrat Umar setzte darunter als Zeuge seine Unterschrift und gab damit ein unvergessliches Beispiel für Gehorsam. Auch wenn er mit den Vertragsbedingungen innerlich nicht zufrieden war, brachte er durch seine Unterschrift seine Haltung zum Ausdruck, dass man sich der Entscheidung des Gesandten Allahs, sobald dieser sie getroffen hatte, nicht widersetzen dürfe.

Nach der Unterzeichnung dieses Friedensvertrags von Hudaybiyya befahl der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Gefährten, Opfer darzubringen und sich den Kopf zu rasieren. Doch wegen ihrer Unruhe, ihrer Trauer und ihres Schmerzes rührte sich niemand. Er gab den Befehl ein zweites Mal. Auch das blieb wirkungslos. Er gab ihn ein drittes Mal. Noch immer blieb alles beim Alten. Daran lässt sich erkennen, welche seelische Krise und Lähmung innerhalb der von der Hand des Gesandten selbst ausgebildeten Gemeinschaft entstanden war. Dieses Ereignis zeigt auch, wie vielfältig die Situationen sein können, die im menschlichen Handeln entstehen. Als der Gesandte diesen Zustand sah, war er zutiefst bekümmert und ging in sein Zelt. Er beklagte sich bei der Mutter der Gläubigen, Hazrat Umm Salama, und sagte: „Was ist mit den Leuten geschehen, dass der Befehl, den ich gegeben habe, nicht ausgeführt wurde?“ Hazrat Umm Salama, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, tröstete ihn und sagte: „Sie sind darüber bekümmert, die Bedingungen des Vertrags erfüllen zu müssen. Gehen Sie hinaus, bringen Sie Ihr eigenes Opfer dar und rasieren Sie sich das Haar.“ Der Gesandte erhob sich, ging hinaus, brachte sein Opfer dar und rasierte sich das Haar. Diese praktische Handlung stellte die gesamte Gemeinschaft wieder unter den Gehorsam. Dennoch war die Lage weiterhin so, als würden sie einander auffressen. Jedenfalls war dies nur eine vorübergehende und kurzlebige Angelegenheit, die bald vorüberging.

Daran wird deutlich, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nicht davor zurückschreckte, für die Beendigung des Krieges und die Schaffung einer Atmosphäre der Verständigung und des Kompromisses äußerst schwierige Situationen zu bewältigen, und dass er zu diesem Zweck sogar die tiefen, reinen und aufrichtigen Gefühle seiner geliebten Gemeinschaft opferte.

Durch diesen Vertrag erlangte er mehrere äußerst bedeutende Vorteile. Erstens entstand die Möglichkeit eines freien Umgangs zwischen Muslimen, Götzendienern und den gewöhnlichen Arabern. Die Menschen begannen, hin und her zu reisen. Verwandte, die sich viele Jahre lang nicht gesehen hatten, erhielten Gelegenheit, zusammenzusitzen und miteinander zu verkehren. Die Muslime bekamen die Möglichkeit, von den Irrvorstellungen zu erfahren und sie zu beseitigen, die die Götzendiener in Mekka über den Gesandten und die Muslime verbreitet hatten. Sie begannen, die Fragen der Menschen zu beantworten. Sie erhielten Gelegenheit, die gewöhnlichen Menschen über ihre geistige, seelische, moralische, materielle und wissensbezogene Entwicklung zu informieren. Über die Einladung zum Islam wurde in den Häusern offen gesprochen. In dieser Zeit des Friedens nach dem Waffenstillstand breitete sich der Islam so schnell aus, dass in den lediglich zwei Jahren nach dem Waffenstillstand von Hudaybiyya freiwillig und mit Freude weit mehr Menschen den Islam annahmen als insgesamt während der vorangegangenen achtzehn oder neunzehn Jahre. Selbst tatkräftige junge Männer wie Khalid ibn al-Walid und Amr ibn al-As schlossen sich erst nach diesem Waffenstillstand der islamischen Gemeinschaft an.

Der zweite errungene Vorteil bestand darin, dass die Muslime, nachdem sie von Kriegshandlungen befreit waren, die nötige Konzentration gewannen, um ihre geistige und moralische Erneuerung sowie den administrativen Neuaufbau des Staates zu vollenden. Nachdem im Inneren Sicherheit erlangt worden war, ergab sich auch die Möglichkeit, ausländische Regierungen zum Islam einzuladen.

Der dritte Vorteil bestand darin, dass die Regierung von Medina hinsichtlich der Auslöschung des jüdischen Aufstands in Khaybar vonseiten der Quraisch unbesorgt sein konnte. Unmittelbar nach dem Waffenstillstand von Hudaybiyya war die islamische Regierung in der Lage, dieses Problem zu lösen.

Der vierte Vorteil bestand darin, dass alle Stämme Arabiens unabhängig wurden. Jeder Stamm, der dies wünschte, konnte die Regierung von Medina unterstützen und mit ihr zusammenarbeiten. Dies war eine völlig neu geöffnete Tür, durch die viele neue Menschen in den Islam eintreten oder den Muslimen Hilfe und Unterstützung leisten konnten. Die Quraisch waren jedoch nicht in der Lage, dies zu verhindern. Der Stamm der Banu Khuza’a knüpfte gerade aufgrund dieser Möglichkeit Beziehungen zur islamischen Regierung.

Zum vierten Vorteil gehörte auch, dass die Muslime bereits ein Jahr später mit großer Pracht nach Mekka gingen, um die Kaaba zu besuchen, und dass dies, entsprechend der Prophezeiung des Korans, in einer vollkommen furchtlosen Atmosphäre geschah.

Daher kann ohne jeden Zweifel gesagt werden, dass es das bedeutendste Wunder der politischen Strategie des Gesandten Allahs (s.a.) war, eingefleischte Feinde wie die Quraisch zu einem Friedensvertrag zu bewegen. Indem der Gesandte Allahs (s.a.) scheinbar in einer Bedingung teilweise nachgab, erlangte er dadurch Erfolge und Vorteile, die sich die Quraisch zu jener Zeit nicht einmal vorstellen konnten. Hatten sie etwa voraussehen können, dass die militärische Festung ihrer jüdischen Verbündeten in Chaibar schon bald fallen und die Quraisch isoliert sein würden? Und wer hätte andererseits voraussehen können, dass der Islam so viele Menschen anziehen, sogar in der Stadt Mekka selbst einen solchen Einfluss gewinnen und die Macht der Quraisch unter ihr damaliges Niveau sinken würde? Tatsächlich verlieh dieser Vertrag dem Islam die revolutionäre Kraft, Mekka innerhalb weniger Jahre zu erobern.

Auf dem Rückweg nach Medina wurde die Sure al-Fath offenbart. Darin gab Allah den Muslimen durch einen Rückblick auf die vergangenen Ereignisse und einen Hinweis auf die künftigen Möglichkeiten die frohe Botschaft, dass sie schon bald einen Krieg gewinnen würden – den Feldzug von Chaibar –, bei dem ihnen viel Beute zufallen würde; danach würden sie unerwartete Erfolge und Siege erringen, die ihnen bis dahin völlig außerhalb ihrer Reichweite gelegen hatten. Weiter heißt es darin: Zwar wärt ihr schon heute in der Lage, die Götzendiener von Mekka zu besiegen, und sie wären gewiss geflohen; doch unter ihnen befinden sich viele Männer und Frauen, die den Islam angenommen haben, ohne dass die Quraisch davon wissen, und die insgeheim eure Unterstützer sind. Wenn nun ein Krieg ausgebrochen wäre, wären sie gezwungen gewesen, gegen euch auszurücken, und weil ihr sie nicht erkannt hättet, hättet ihr sie getroffen. Daher war es eine besondere Gnade Allahs, dass Er beide Seiten vor einem Zusammenstoß bewahrte. Dies gilt umso mehr, als die Ungläubigen eine äußerst dreiste Zurschaustellung ihrer vorislamischen Überheblichkeit an den Tag gelegt hatten, nicht einmal die beiden Bezeichnungen „der Allerbarmer, der Barmherzige“ und „der Gesandte Allahs“ ertragen konnten und sich in der Angelegenheit Abu Junduls äußerst starrsinnig gezeigt hatten. Wenn die eine Seite einen derart krummen Weg einschlägt, kann auch die andere Seite nicht auf eine milde und besonnene Weise vorgehen. Doch dass Allah der Gesandte Allahs (s.a.) und den Muslimen Standhaftigkeit verlieh, ihre Gefühle unter Kontrolle brachte und sie in Gottesfurcht und Selbstbeherrschung bewahrte, war eine Gnade Allahs. Im Umgang mit den Götzendienern wart ihr zu einem solchen Verhalten verpflichtet. Hättet auch ihr euch erregt, wäre es sonst zu einem Zusammenstoß gekommen, und die leicht zu erringenden Möglichkeiten und Erfolge wären euch entgangen.

Die Sure al-Fath beginnt mit den Worten: „Innā fataḥnā laka fatḥan mubīnan“ – „Wir haben dir einen offenkundigen Sieg verliehen.“ Umar fragte erstaunt: „Ist dies wirklich ein offenkundiger Sieg?“ Der Gesandte Allahs (s.a.) antwortete: „Ja, dies ist ein offenkundiger Sieg.“ Tatsächlich kehrte innere Ruhe und Zufriedenheit von Verstand und Gewissen angesichts des Verlaufs der Ereignisse erst viel später ein. Zu jener Zeit hatte Umar, weil er den Islam aufrichtig unterstützte, eine solche Gefühlsregung gezeigt, dass er lange Zeit freiwillige Gottesdienste verrichtete und Allah um Vergebung bat. Das ist ein Zeichen von Aufrichtigkeit. Abu Bakr dagegen blieb selbst in einer Zeit allgegenwärtiger Unruhe ruhig und gefasst. Diese Verschiedenartigkeit der Temperamente innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft verleiht der Gemeinschaft eine besondere Ordnung und ein besonderes Gleichgewicht. An ihrem einen Ende steht die von siddiqischer Würde geprägte Ernsthaftigkeit, am anderen Ende die faruqische Tatkraft und Strenge.

Nun hört, wie gerade jene Klausel des Vertrags, mit deren Aufnahme sie vor Freude über den Sieg beinahe den Arm in die Seite stießen, zu ihrer eigenen Vernichtung führte. Erstens begann ihretwegen die Zahl der Menschen in Mekka zu wachsen, die heimlich den Islam annahmen, denn gemäß dem Vertrag war ihnen der Weg nach Medina versperrt. Dadurch begann die Macht der Quraisch von innen her auszuhöhlen. Andererseits ereignete sich ein schwerwiegender Vorfall. Abu Basir, der den Islam angenommen hatte, konnte irgendwie aus Mekka fliehen und Medina erreichen. Die Quraisch schickten zwei Männer, um ihn zurückzuholen. Der Gesandte Allahs (s.a.) blieb am Grundsatz der Vertragstreue fest und übergab Abu Basir zurück. Auch Abu Basir tröstete er mit den Worten, Allah werde einen Weg für euch finden. Ohne eine andere Möglichkeit kehrte Abu Basir um. Unterwegs überwältigte er einen der beiden von den Quraisch entsandten Männer, tötete ihn mit dessen eigenem Schwert und kehrte anschließend wieder nach Medina zurück. Auch der zweite Mann kam nach Medina, um sich zu beschweren. Abu Basir erklärte dem Gesandten Allahs (s.a.): „Ihr habt euer Versprechen eingehalten und mich dem Feind ausgeliefert. Doch ich wollte meinen Glauben nicht gefährden, indem ich mich den Götzendienern ausliefere. Deshalb habe ich dies auf eigene Verantwortung getan. Euch trifft keinerlei Verantwortung dafür. Allah hat mich gerettet.“ Der Gesandte Allahs (s.a.) sagte: „Wenn dieser Mann einige Leute um sich sammeln kann, wird er einen Krieg entfachen.“ Abu Basir dachte, man werde ihn nun wohl erneut nach Mekka schicken. Daher verließ er Medina heimlich, gelangte an einen Ort namens al-Is, an der Meeresküste, und ließ sich dort nieder. Später kam auch Abu Jundul dorthin. Danach begannen weitere Menschen, Mekka zu verlassen und an die Meeresküste zu ziehen. Allmählich entstand dort eine Truppe von siebzig Männern. Mit den Bewohnern von Mekka verband sie sowohl ein ideologischer Gegensatz als auch der Wunsch nach Vergeltung, weil sie persönlich Opfer von Unterdrückung und Misshandlung geworden waren. Sie waren auch keine Bürger des Staates Medina, sodass sie nicht zur Einhaltung des Vertrags verpflichtet gewesen wären. Es handelte sich um eine „unabhängige islamische Front“. Sie begannen, die Handelskarawanen der Quraisch mit Guerillaangriffen zu überfallen. Dadurch gerieten die Quraisch in Bedrängnis. Schließlich beantragten sie selbst, die ihnen so wichtige Klausel aus dem Vertrag zu streichen. Danach ließ der Gesandte Allahs (s.a.) diese jungen Männer nach Medina kommen. Zugleich wurde der Weg für die Auswanderung der Neubekehrten aus Mekka frei.

Ein schwerwiegendes Problem entstand, als Umm Kulthum, die Tochter des angesehenen mekkanischen Anführers Uqba ibn Abi Muʿait, nach Medina auswanderte. Ihre beiden Brüder Ammara und Walid kamen, um sie zurückzuholen. Die Angelegenheit wurde dem Gesandten Allahs (s.a.) vorgetragen. Auf Allahs Anweisung hin weigerte er sich, Umm Kulthum zurückzuschicken. Eine muslimische Frau dem Feind auszuliefern, ist nicht dasselbe wie die Auslieferung eines muslimischen Mannes. Die Weigerung des Gesandten Allahs (s.a.) hatte einen ethischen Wert. Als die beiden Brüder daher erfolglos zurückkehrten, akzeptierten die Quraisch die Angelegenheit. Da der Gesandte Allahs (s.a.) im Rahmen der Anweisung der Sure al-Mumtahana zusammen mit dieser Weigerung noch einige weitere Entscheidungen getroffen hatte – etwa, dass jeder Muslim seine in Mekka zurückgebliebene ungläubige Ehefrau scheiden lassen und die Morgengabe von beiden Seiten entrichten sollte –, war den Quraisch diese Entscheidung insgesamt sogar angenehm.

Dies war der historische Friedensvertrag von Hudai biya, der seinem Ergebnis nach ein großer Sieg war. Die Quraisch zu diesem Vertrag zu bewegen und alle damit verbundenen komplizierten Ebenen zu überwinden, war ein Zeichen für die politische Umsicht und die führerhafte Weisheit des Gesandten Allahs (s.a.). Durch ihn werden auch die Muslime späterer Zeiten bis zum Tag der Auferstehung Lehren ziehen. Dieser Vertrag ist ein unvergleichliches Beispiel für die politische Geschicklichkeit des Gesandten Allahs (s.a.) und eine außergewöhnliche Leistung von ihm.

Die nachgeholte Umra

Im Vertrag von Hudaybiyya war festgelegt worden, dass die Muslime in diesem Jahr zurückkehren und im folgenden Jahr zur Pilgerbesichtigung wiederkommen würden. Dementsprechend brach der Gesandte (s.) im 7. Jahr nach der Hidschra mit seinen Gefährten in Richtung Mekka auf. Diese Reise war in ihrer ersten Phase zwar religiöser, in ihrer zweiten Phase jedoch politischer Natur. Dadurch wurde das Umfeld tiefgreifend beeinflusst; deshalb wuchs der Einfluss des Islams nicht nur in Mekka, sondern die freie Einreise der Muslime nach Mekka verbreitete in ganz Arabien eine erstaunliche psychologische Wirkung.

Einhundert Pferde und sechzig – nach einer anderen Überlieferung achtzig – Kamele sowie zweitausend Menschen brachen auf. Die Waffen wurden in ihren Scheiden mitgeführt. Gemäß dem Vertrag waren die Quraisch gezwungen, die Heilige Moschee drei Tage lang vollständig freizugeben. Einige fanatische Gegner verließen die Stadt und zogen in entlegene Berge, um diesen Anblick nicht sehen zu müssen. Die einfachen Bewohner Mekkas jedoch, Frauen und Kinder, standen in Reihen und betrachteten, wie die revolutionäre islamische Kraft die Umra vollzog.

Beim Einzug schritt Abdullah ibn Rawaha voran, hielt den Zügel des Reittiers des Gesandten (s.) und sang dabei ein revolutionäres Lied. Die Worte dieses Liedes lauteten wie folgt:

„Im Namen dessen ziehen wir ein, neben dessen Religion es keine andere Religion gibt. Im Namen dessen ziehen wir ein, dessen Gesandter Muhammad (s.) ist.“

„O Kinder der Ungläubigen, weicht von seinem Weg! Der barmherzige Allah hat in Seinem Buch gelehrt:

Der Kampf, der auf Seinem Weg geführt wird, ist der beste Kampf. O mein Herr, ich glaube an Dein Wort.“

Durch das Lied selbst wurde zur Botschaft des Islams aufgerufen. Dabei war Mekka viele Jahre lang den Worten dieser Botschaft vorenthalten gewesen. Auch vom Dschihad wurde darin gesprochen. Der überaus geliebte Name Allahs, „der Barmherzige“, wurde darin ebenfalls ausgesprochen – ein Name, den die Quraisch überhaupt nicht ertragen konnten. Auch die Gesandtschaft Muhammads (s.) wurde darin verkündet. Den islamfeindlichen Kräften wurde in bedeutungsvollen Worten gesagt: Weicht vom Weg des Gesandten und hört auf, Hindernisse zu errichten. An jenem Tag gab es in Mekka niemanden, der sich ihnen hätte entgegenstellen können. Der Vertrag von Hudaybiyya hatte ihnen Hände und Mund gebunden.

Der Gesandte (s.) befahl den Angehörigen seiner Gruppe, mit vorgestreckter Brust und erhobenem Kopf zu gehen und den Tawaf in weit auseinandergezogenen Reihen zu vollziehen, damit die Verleumdung, die Auswanderer seien durch Hunger und Fieber schwach geworden, als falsch erwiesen würde. Denn an diesem Tag war es nötig, den Feind einzuschüchtern. Der Gesandte (s.) sagte: „Allahs Barmherzigkeit sei mit demjenigen, der heute vor den Ungläubigen Stärke zeigt.“ Zu diesem Zweck ging er vom Rukn al-Yamani bis zum Ergreifen und Küssen des Rukn al-Aswad ruhig und langsam (zu Fuß), sodass die Zuschauer die Tawaf-Vollziehenden während dieses Abschnitts nicht sehen konnten. Danach lief er auf dem weiteren Weg leicht, und gerade in diesem Abschnitt waren die Tawaf-Vollziehenden zu sehen. Daraus wird deutlich, dass man darauf achten sollte, dass keinerlei Schwäche der islamischen Kämpfer im Lager der Gegner sichtbar wird, selbst wenn es sich um körperliche Schwäche handelt; vielmehr sollten die Gegner durch Prunk und die Zurschaustellung von Stärke verängstigt und eingeschüchtert werden. Dies ist eine wichtige Strategie der islamischen Politik. Sie ist eine so wichtige Strategie, dass sie sogar in der Heiligen Moschee und während des Tawaf berücksichtigt wurde. Diese Zurschaustellung von Stärke darf nicht als Hochmut und Überheblichkeit definiert werden. Vielmehr ist sie eine verdienstvolle Handlung. Wenn man unter solchen Umständen Demut zeigen würde, hätte dies das gegenteilige Ergebnis. Diese zahlreichen kleinen Belege beweisen, wie aufmerksam der Gesandte (s.) die politischen Erfordernisse seiner Zeit beobachtete und wie großen Wert er auf deren Erfüllung legte. Diese Politik diente nicht seinem persönlichen Rang, sondern war zur Errichtung islamischer Gerechtigkeit und Ordnung unerlässlich. Deshalb war sie eine vollständig religiöse Handlung, und jede ihrer Aktivitäten war Gottesdienst.

Stellen Sie sich vor, welche Gedanken Frauen, Männer und Kinder in ihren Herzen bewegten, als die Menschen von Mekka diese Versammlung der Verkünder der wahren Religion sahen. Sie dachten gewiss: Die Frucht des Islams, der in Mekka seinen Anfang genommen hatte, steht heute vor unseren Augen. Dann erhoben die historischen Orte wie die Hira-Höhle, die Thaur-Höhle, das Haus al-Arqams, die Schlucht von Abu Talib und an-Nadwa gleichsam ihre Häupter vor ihnen und riefen: Seht, wie groß und erhaben diese Gruppe frommer Menschen geworden ist! Wie niedrig und elend seid ihr im Vergleich zu ihnen geblieben.

Jedes Staubkorn in den Gassen Mekkas schien zu sagen: Das ist jene Gruppe der Geduldigen, denen ihr jahrelang ohne jedes Vergehen Leid zugefügt habt. Seht, wohin sie heute gelangt sind! Der Hof der Kaaba mit der Erinnerung an die erste öffentliche Verkündung des Glaubensbekenntnisses durch den ehrwürdigen Abu Dharr al-Ghifari und seine Massenmisshandlung, die Rufe „Ahad, Ahad“ des ehrwürdigen Bilal in der Wüste von Mekka und seine grausame Folter sowie die Erinnerung an die Mordverschwörung gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, in Dar an-Nadwa schienen sich eine nach der anderen zu erheben und zu sagen: Seht, wie viele Veränderungen der Ruf jenes großen Menschen, der Opfer eurer Verfolgungen und Verschwörungen war, heute überall bewirkt hat! Die Geschichte von dreizehn Jahren ließ von allen Seiten eine Flut von Erinnerungen herabströmen. Vielleicht erschienen die Seelen der in Badr und Uhud verlorenen Angehörigen vor ihnen in blutroten Gewändern und flehten sie an: O ihr Bewohner Mekkas, erwacht auch ihr, verändert auch ihr euch selbst, schreitet voran und lasst euch in diesem dahinströmenden Strom des Segens treiben.

Einerseits war die Menge angesichts der Gottesverehrung der Muslime überwältigt. Andererseits war sie auch von ihrem moralischen Niveau beeindruckt. Denn eine so große Zahl von Menschen hatte sich drei Tage lang in der Stadt Mekka aufgehalten. Trotz der äußersten Feindschaft war jedoch weder das Leben noch der Besitz auch nur eines einzigen Mekkaners im Geringsten zu Schaden gekommen. Die Häuser, die die Polytheisten verschlossen hatten, bevor sie fortgingen, waren genau so unversehrt und sicher geblieben.

Diejenigen unter den Unterstützern des Islams, die ihren Glauben verborgen in Mekka bewahrt hatten, müssen beim Anblick dieser Szene innerlich aufgeatmet haben; ihre Gefühle wurden gewiss von neuer Kraft erfüllt. Neue Hoffnung erwachte in ihnen. Die Gegner hingegen fühlten sich völlig in die Enge getrieben. Vor ihren Augen erschien eine dunkle Zukunft.

Drei Tage lang blieb diese Versammlung frommer Menschen in der Stadt Mekka. Am vierten Tag kamen Suhail ibn Amr und Chuwaitib ibn Usayya zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, und sagten: „Drei Tage sind nun vergangen. Verlasst jetzt mein Gebiet.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, unterhielt sich gerade mit einigen Ansar. Sa’d ibn Ubada konnte die Art, wie Suhail sprach, nicht ertragen. Er sagte: „Du Bastard, dieses Gebiet gehört weder dir noch deinem Vater. Wir werden niemals gehen.“ Um die aufgeheizte Stimmung zu beruhigen, bediente sich der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, einer etwas humorvollen Ausdrucksweise. Zu jener Zeit hatte er die ehrwürdige Umm al-Mu’minin Maymuna geheiratet. Darauf anspielend sagte er: „Seht, ich habe hier geheiratet. Wäre es denn schlecht, zu diesem Anlass ein Festmahl zu veranstalten? Wir werden essen, und ihr werdet ebenfalls daran teilnehmen.“ Doch die Härte ihrer Stimmung änderte sich dadurch nicht. Sie sagten: „Wir brauchen euer Festmahl nicht. Geht fort!“ Was konnten sie schließlich noch sagen? Er sah, dass die ganze Atmosphäre verdorben wurde. Wegen ihrer Starrsinnigkeit befahl der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, seiner Gruppe aufzubrechen. Als sie gerade aufbrechen wollten, kam plötzlich die kleine Tochter des ehrwürdigen Hamza ibn Abd al-Muttalib herbeigelaufen, rief „Ya Amin, Ya Amin“ („Onkel, Onkel“) und klammerte sich an den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm. Was für eine herzzerreißende Szene! Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, nahm das Kind mit und übergab es ihrer Tante. Diese Tante war die Ehefrau von Zaid ibn Haritha.

Man sollte sich daran erinnern, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, bei der Rückkehr von Hudaibiya gefragt worden war: „Du hast doch gesagt, dass wir zum Heiligtum gehen und den Tawaf vollziehen würden. Das ist nun nicht geschehen.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Heil seien auf ihm, hatte geantwortet: „Wann habe ich gesagt, dass ich den Tawaf in diesem Jahr vollziehen würde?“ Tatsächlich wäre es zwar im Jahr des Vertrags von Hudaibiya, also im sechsten Jahr der Hidschra, möglich gewesen, zum Heiligtum zu gehen und den Tawaf zu vollziehen, doch es wäre nicht mit der Pracht dieses Jahres geschehen, sondern unter Blutvergießen. Die Umra unter friedlichen Bedingungen und in großer Pracht zu vollziehen, ist eine äußerst gesegnete Tat.

Als dieses Ereignis später unter den anderen Stämmen Arabiens erörtert wurde, lässt sich zweifellos sagen, dass sich die öffentliche Meinung gegenüber früher verändert hatte. Die Menschen müssen erkannt haben, dass die Muslime nun aufrecht und erhobenen Hauptes in Mekka eingezogen waren, aus dem sie einst vertrieben worden waren. Die Quraisch, die die Muslime völlig ausgelöscht hatten, nachdem sie sie verfolgt hatten, hatten durch den Abschluss eines Friedensvertrags mit ihnen ihre eigene Unfähigkeit bewiesen. Daher gelangte die Bevölkerung gewiss zu der Überzeugung, dass die Zukunft des Landes unter der Kontrolle des Staates von Medina liegen würde. Dadurch nahm die Akzeptanz des Islams in der öffentlichen Meinung weiter zu. Mit einem Wort kann man sagen, dass auch die Umrat al-Qada zur Entwicklung und zum Wachstum des Islams beigetragen hatte.

 

Der Einfluss des Dschihad auf die öffentliche Meinung

Zuvor haben wir mit großer Nachdrücklichkeit nachgewiesen, dass die eigentliche Auseinandersetzung zwischen der islamischen Bewegung und der Dschahiliya nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem weit größeren Feld der öffentlichen Meinung stattgefunden hat. Diese Auseinandersetzung dauerte achtzehn bis zwanzig Jahre an, und auch die endgültige Entscheidung fiel auf diesem größeren Feld. Das bedeutet jedoch nicht, dass der bewaffnete Dschihad keinen Beitrag zu dieser endgültigen Entscheidung geleistet hätte.

Eine starke Daʿwa-Botschaft für Reform, Korrektur und Wiederaufbau ist zweifellos eine wichtige Notwendigkeit. Doch im gesellschaftlichen Leben hat sich bisher keine Revolution vollzogen, deren Initiatoren in der Lage gewesen wären, sich auch auf dem realen Feld als entschlossen, überlegen und siegreich zu erweisen, im entscheidenden Augenblick erfolgreich Gewalt anzuwenden, um die Hindernisse auf dem Weg zu beseitigen und den aus bösen Absichten hervorgehenden Widerstand zu brechen. Religion betrifft nur einen kleinen Bereich des menschlichen Lebens. Wenn man lediglich mit dieser Religion leben will, bedarf es keiner größeren Tätigkeit als Predigten, Ermahnungen und spiritueller Unterweisung. Unabhängig davon, welche Staats- und Gesellschaftsordnung über den Menschen besteht und wie die sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten ablaufen, kann es durchaus Raum dafür geben, den Menschen einige gute Glaubensüberzeugungen einzuprägen. Man kann ihnen bestimmte Rezitationen, Beschwörungen, Formeln, Amulette, Bittgebete und Ähnliches beibringen und sie bis zu einem gewissen Grad auch mit Tugenden wie Bescheidenheit, Demut, Barmherzigkeit und Mitgefühl ausstatten. Die Wunden, die im Gewissen dadurch entstehen, dass man innerhalb eines falschen, ausbeuterischen und unterdrückerischen Gesellschafts- und Staatssystems tätig ist und seinen Lebensunterhalt verdient sowie seine Interessen auf dem von diesem System geschaffenen, zutiefst menschenfeindlichen Weg verfolgt, werden durch die individualistische Reform- und Korrekturpraxis der sufistischen Methode und durch die von ihr hervorgebrachten Institutionen des Verhältnisses zwischen geistlichem Meister und Schüler mit allerlei Salben bedeckt. Religionen, die in den schlimmsten Gesellschaftsordnungen kleine Häuser des Friedens und der Sicherheit errichten, sind in Wirklichkeit ein Erzeugnis der Fluchtneigung des Menschen. Nachdem ein Mensch im gesellschaftlichen Leben große Verbrechen begangen und erschütternde Unterdrückung ausgeübt hat, versucht er, durch die Kraft seiner persönlichen Religiosität und Spiritualität seinen Gott und sein aufgewühltes Gewissen zufriedenzustellen. Doch eine Religion, die sich nicht damit zufriedengibt, den von Menschen geschaffenen Gesetzen lediglich das Gedenken Allahs und die Meditation anzuhängen, sondern das gesamte Leben lenken und bestimmen will, kann ihre Aufgabe nicht durch bloße, auf Bitten und Ermahnungen ausgerichtete Predigten, durch spirituelle Übungen in einer abgeschiedenen Ecke und durch begrenzte Tätigkeiten im Dienst an der Öffentlichkeit erfüllen. Vielmehr ist es für sie notwendig, den Käfig des Falschen zu zerbrechen, der Tyrannei Widerstand zu leisten und den Grundstein für eine neue Zivilisation zu legen, die auf Frieden und Gerechtigkeit beruht. Veränderungen im gesellschaftlichen Leben herbeizuführen, ist ohne Hindernisse unmöglich. Und um diese Hindernisse zu beseitigen, reichen bloße Predigten und Ermahnungen nicht aus. Diejenigen, deren fest etablierte Interessen beseitigt werden und deren verankerte gesellschaftliche Strukturen verändert werden, setzen all ihre Kräfte für zerstörerische Aktivitäten ein. Der Traum von einer Reform der Gesellschaft kann niemals erfolgreich verwirklicht werden, solange eine Bewegung sie nicht mit Gewalt vom Weg abdrängt.

Als der Islam aufkam und die Grundlagen des grundlegenden Lebensideals erschütterte, auf dem die dschahilīsche Gesellschaftsordnung Arabiens beruhte, erkannten die Träger und Verteidiger dieser Ordnung von Anfang an, dass es sich um einen umfassenden Angriff handelte. Dieser Angriff war erfolgt, um das gesamte bestehende Gebäude niederzureißen und ein neues zu errichten. Deshalb wurde der islamischen Bewegung umfassender Widerstand entgegengesetzt und ihr wurden Hindernisse in den Weg gelegt. Wann immer eine solche Daʿwa und Bewegung für eine grundlegende Revolution und einen umfassenden Wandel entsteht, teilt sich die Gesellschaft gewöhnlich in drei Gruppen. Ein Teil bewegt sich wesentlich schneller als die Gegenwart und kann eine weit entfernte Zukunft erkennen. Zu ihm gehören die begabtesten und tatkräftigsten Menschen der Gesellschaft. Seine Zahl ist am geringsten, und nach und nach nimmt er die revolutionäre Daʿwa an. Ihm gegenüber steht die Klasse, die das alte System führt und große Interessen vertritt. Diese Klasse wird ohne jede Verzögerung aktiv. Aus den von ihr beeinflussten Klassen gewinnt sie eine große Zahl von Unterstützern. Von diesen beiden Klassen ist die erste eine wachsende Minderheit, während die letzte eine schrumpfende und sich spaltende Mehrheit bildet. Zwischen beiden Klassen kommt es zu einem lang andauernden Konflikt. Die beiden aktiven Klassen treten auf den geistigen und politischen Kampfplätzen gegeneinander an und beginnen einen Ringkampf. Das einfache Volk bleibt unterdessen draußen als stiller Zuschauer und wartet ab, wer siegen und wer verlieren wird und wie das Spiel letztlich ausgeht. Auch die begabten und aktiven Menschen aus dieser dritten Gruppe schließen sich allmählich dem Kampf an. Der weitaus größte Teil jedoch wartet das endgültige Ergebnis ab. Viele von ihnen sind blinde Verehrer des alten Systems. Sie können sich nicht einmal vorstellen, dass ihre geliebte alte Ordnung jemals besiegt werden könnte. Solange sie keine Anzeichen für den Zusammenbruch dieser Ordnung sehen, kann in ihnen keine geistige Veränderung eintreten. Unter den Angehörigen dieser Klasse gibt es viele, die von den Argumenten und den charakterlichen Vorzügen der neu auftretenden Kraft beeinflusst werden. Manche hoffen sogar, dass diese neue Kraft den Sieg erringen möge. Doch aus Furcht vor der etablierten alten Kraft bleiben sie verängstigt. Manche werden von der revolutionären Daʿwa beeinflusst und möchten ebenfalls voranschreiten. Doch die frühere Führung bindet sie so fest, dass sie nicht einmal den Mut haben, sich zu bewegen. Es gibt auch nicht wenige Menschen, die von zwei Ideologien diejenige, welche siegt, für richtig und diejenige, welche unterliegt, für falsch halten. Besonders wenn es sich bei der Daʿwa um die des Islam handelt, verbreitet sich diese Denkweise noch stärker unter dem Volk. Gerade diese geistige Haltung der Bevölkerung wird zu einem Hindernis auf dem Weg zur Annahme einer reformerischen und aufbauenden Daʿwa. Je nachdem, wie sich diese geistige Haltung infolge der Zu- oder Abnahme der Heftigkeit des Konflikts verändert, wird der Fortgang der Daʿwa behindert oder erleichtert. Daher wird der Weg für die Träger jeder neuen Daʿwa erst dann frei, wenn sie im Konflikt eine ausreichende Standhaftigkeit zeigen und den Widerstandleistenden einen starken, durchschlagenden und wirksamen Schlag versetzen können. Dann gelangt das Volk einerseits zu der Überzeugung, dass es keine unmögliche Aufgabe ist, die alte Führung zu stürzen und die alten Fesseln zu zerbrechen; andererseits kann es gegenüber der neuen Kraft Hoffnung schöpfen, weil diese die Stärke besitzt, die tyrannische dschahilīsche Macht anzugreifen. Sobald sich eine solche Auffassung im Bereich der öffentlichen Meinung verbreitet, öffnet sich das Bewusstsein der Menschen vollständig für eine reformerische und aufbauende Daʿwa.

Das islamische Staatswesen von Medina beantwortete die militärischen Bedrohungen durch die Juden und die Quraisch mit großem Mut und entschlossener Haltung. Sein Ziel bestand jedoch nicht darin, einige Menschen auf dem Schlachtfeld durch die Gewalt des Schwertes zum Islam zu bekehren. Vielmehr sollte neben der Selbstverteidigung gegen den kriegerischen Widerstand auch der Mut der einfachen Menschen wachsen und ihr Vertrauen in die revolutionäre Kraft von Medina entstehen. Das war ihr einziges Ziel. In der öffentlichen Meinung sollten die Hoffnung auf eine strahlende Zukunft durch die islamischen Ideale und die Vorstellung entstehen, dass die dschahilīsche Ordnung keinen dauerhaften Bestand haben könne – das war das Ziel davon.

Als die Schlacht von Badr zum ersten Mal stattfand, richteten sich die Blicke aller von allen Seiten auf dieses kleine Stück Erde, um zu sehen, wer verlieren und wer siegen würde. Als alle sahen, wie die wenigen muslimischen Soldaten, die nicht einmal über die nötigste militärische Ausrüstung verfügten, das ihnen zahlenmäßig dreifach überlegene gewaltige Heer schmählich besiegten und die großen Anführer Mekkas, darunter Abu Dschahl, vernichteten, konnte dieses bestürzende Ereignis in ganz Arabien unmöglich ohne Aufsehen bleiben. In jedem Haus wurde darüber gesprochen, und es übte einen tiefen Einfluss auf die öffentliche Meinung aus. Zum ersten Mal keimte durch dieses Ereignis die Hoffnung auf, dass die islamische Macht von Medina nicht bloß aus Menschen bestand, die ihr ganzes Leben lang Schläge eingesteckt hatten und zu Asketen geworden waren, um Allahs Wohlgefallen und inneren Frieden zu erlangen, sondern dass diese Macht eines Tages das gesamte Erscheinungsbild des Landes verändern würde.

Danach verlief die Schlacht von Uhud nach dem Muster „keiner kann den anderen überwältigen, beide sind gleich stark“, weshalb die Reaktion darauf ebenfalls eher verhalten ausfiel. Danach kam es zur Schlacht am Graben. Die arabische Gesellschaft sah, wie von allen Seiten gewaltige Heere wie eine verheerende Flut heranstürmten. Nachdem sie Medina einen Monat lang belagert hatten, lösten sie sich schließlich so auf, als hätte jemand einen Erdhaufen mit einem Atemstoß weggeblasen. Dieses Ereignis ließ in der öffentlichen Meinung die Überzeugung entstehen, dass die Wurzeln der muslimischen Macht so fest waren, dass selbst ein gemeinsamer Angriff der Feinde ihr nichts anhaben konnte.

Neben all diesen großen Schlachten schenkte Medina auch den kleinen Stammesführungen die gebührende Aufmerksamkeit. Diese örtlichen Führungen waren Anhängsel der in ganz Arabien verbreiteten dschahilischen Führung, und es war unmöglich, die Bevölkerung von dieser Führung zu befreien, ohne alle derartigen Anhängsel eines nach dem anderen abzutrennen. Einige dieser Anhängsel waren bereits von der Strömung der Daʿwa fortgerissen worden. Die übrigen wurden durch vertragliche und auf Bündnissen beruhende Beziehungen abgetrennt. Wo die verbliebenen Anhängsel auch immer den Kopf erhoben, wandte sich die islamische Regierung unverzüglich dorthin und zerschlug sie sofort. Gegen aufständische Diebe, Räuber und sabotierende Intriganten wurden derart zeitgerechte Maßnahmen ergriffen, wie man den Satan, der versucht, an den Toren des Himmels zu lauschen, mit feurigen Pfeilen empfängt. Rund um Medina wurden Recht und Ordnung umfassend aufrechterhalten und eine lückenlos friedliche Umgebung geschaffen. Denn hätten die überall verstreuten Beduinenstämme auch nur die geringste Lücke gefunden, wäre das Experiment einer gut organisierten Regierung in Medina bereits im Keim zerstört worden. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt, dass die gesamte Zeit vom ersten Jahr der Hidschra bis zur Eroberung Mekkas von immer neuen Aufständen, Anarchie und Sabotage erfüllt war. Gestern wurde dort ein militärischer Aufmarsch durchgeführt, und heute erhob hier eine Räuberbande ihr Haupt. Eines Tages plünderte eine Gruppe an diesem Ort, und am nächsten Tag fügte irgendwo an einem anderen Rand Medinas eine Gruppe unbekannter Attentäter unschuldigen Bürgern Schaden an Leib und Eigentum zu und verschwand. Hier wurde eine Verschwörung zur Entfachung eines Krieges geschmiedet, während dort ein aufständischer Plan ausgearbeitet wurde. Doch Medina war äußerst wachsam. Hier patrouillierten Wachen, dort wurden Truppen entsandt, und wieder anderswo machten sich Polizeieinheiten auf den Weg, um Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten.

Insgesamt hatte diese Lage unter den Arabern die Vorstellung entstehen lassen, dass die muslimische Macht keine stumme, taube und blinde Macht war, sondern eine lebendige, wache und tatkräftige Regierung. Diese Regierung führte einen Kampf an allen Fronten, kämpfte gleichzeitig gegen zahlreiche Feinde und würde eines Tages unweigerlich den Sieg davontragen.

Nachdem zunächst die Vorherrschaft der Juden in Medina gebrochen und anschließend zur passenden Zeit auch die Festungen der Feinde in Chaibar zerstört worden waren, ist unschwer zu erkennen, wie die öffentliche Meinung durch diese Ereignisse Schritt für Schritt dazu geführt wurde, die Daʿwa anzunehmen.

Dann erschütterte das aufsehenerregende Ereignis der Eroberung Mekkas das arabische Volk von einem Ende bis zum anderen und weckte es aus dem Schlaf der Dschahilija. Die islamische Bewegung rief mit dem Gebetsruf des Wiedererwachens: „Steht auf, es ist ringsum hell geworden!“ Damals konnte selbst ein Blinder nicht mehr übersehen, dass die Dschahilija ihrem Untergang entgegenging. Tatsächlich ging die Dschahilija vor den Augen aller unter. Zugleich erkannten alle, dass auch die Ära der alten dschahilischen Führung der Quraisch zu Ende ging. Selbst ein einfältiger Beduine begriff, dass die von Muhammad (s.a.w.) gebrachte Ordnung die einzige Ordnung ist, die Wissen, Charakter, Lebendigkeit, Kraft, Fortschritt, Wiederaufbau, Frieden, Disziplin und Gerechtigkeit gewährleistet. Das Volk öffnete die Fenster seines Herzens und Verstandes, damit das Licht der islamischen Bewegung eindringen konnte.

Diese militärischen Unternehmungen waren keine rein militärischen Unternehmungen; durch sie wurde vielmehr auch die Daʿwa des Islam verbreitet. Die Kämpfe waren nicht bloß Kämpfe mit Pfeil und Schwert, sondern auch Kämpfe um Glaubensüberzeugung, Ideale und Charakter. In diesen Kämpfen führten die Muslime einen neuen Schlachtruf ein: „Allahu Akbar“. Auch auf dem Schlachtfeld versammelten sie sich zum Rukuʿ und zur Niederwerfung. Obwohl sie den Feind mit aller Kraft angriffen, versäumten sie es nicht, vor ihm als Zeichen ihrer aufrichtigen Unterwerfung unter Allah das Haupt zu beugen. Darüber hinaus waren auch die Regeln und die Disziplin dieser Kriege von ganz neuer Art. Auf das Schlachtfeld brachten sie den Glauben an das Martyrium, das Paradies, Allahs Wohlgefallen und das ewige Leben mit. Aus Sehnsucht danach ging jeder muslimische Soldat dem Tod entgegen und opferte lachend sein Leben, um sein Ziel zu erreichen. Ihr militärischer Charakter war ebenfalls erstaunlich. Die anderen kämpften zum Takt von Gesang und Musik. Die todesmutigen Soldaten der islamischen Bewegung marschierten dagegen zum Ruf des Tauhid. Die anderen prahlten, nachdem sie getrunken hatten. Die muslimischen Soldaten wurden hingegen durch den heiligen Trank des Pflichtbewusstseins zum Kampf angespornt. Die anderen zeigten ihren Heldenmut aus Gier nach der Kriegsbeute. Die Gefolgsleute des Gesandten (s.a.w.) wälzten sich dagegen einzig in der Hoffnung auf Allahs Wohlgefallen auf den blutgetränkten Feldern. Die anderen griffen an, angetrieben vom Stolz auf Volk, Stamm und Abstammung; die Soldaten Allahs kämpften dagegen allein für Wahrheit, Gerechtigkeit und den Islam. Die anderen verübten während des Kampfes äußerst bestialische und grausame Verwüstungen. Den Feind zu verbrennen, ihn gefesselt zu töten, Leichen zu schänden, aus den Schädeln der Getöteten zu trinken, Lebern zu kauen, Frauen und Kinder abzuschlachten, schwangeren Frauen den Bauch aufzuschlitzen und ähnliche barbarische Taten gehörten zu ihren alltäglichen Gewohnheiten. Die islamische Macht führte dagegen eine beispiellose Armee ins Feld, die auch während des Kampfes die moralischen Grenzen der Menschlichkeit achtete. Sie tötete niemanden jemals auf unmenschliche Weise. Sie schändete keine Leichen. Sie zeigte ihren Heldenmut nicht an Frauen und Kindern. Vielmehr ertrug sie in solchen Fällen geduldig das ungerechte Verhalten der ihrer Moral entbehrenden Feinde und gab ihrerseits ein Beispiel für vorbildliches Verhalten. Die anderen behandelten Gefangene wie Tiere. Die muslimische Armee nahm sie dagegen auf und behandelte sie wie Brüder ihrer eigenen Bürger. Die anderen schlossen Verträge und brachen sie anschließend. Die muslimische Macht hielt dagegen selbst in äußerst schwierigen Augenblicken und trotz schwerster Einbußen ihre Verträge ein. Wenn sie jemandem Schutz gewährte oder Verantwortung für jemanden übernahm, erfüllte sie diese Verantwortung ordnungsgemäß. Die anderen drangen in eroberte Ortschaften ein und misshandelten die Zivilbevölkerung. Die muslimische Macht erklärte ihren Soldaten dagegen sogar für verboten, in Häuser einzudringen und irgendeinen Bürger zu töten, persönliches Eigentum zu plündern oder sich anzueignen oder auch nur von den zivilen Bewohnern des Feindes gewaltsam Abgaben einzutreiben. Für die anderen war der Krieg eine weltliche Tätigkeit. Der Islam erklärte ihn dagegen zu einer erhabenen Form der Anbetung.

Auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wurde auch auf dem Schlachtfeld vor dem Feind zum Islam eingeladen. Dem Feind wurden drei Möglichkeiten offengelassen: Entweder nehmt den Islam an und werdet zu Brüdern, oder erkennt die politische Oberhoheit an, oder tretet auf dem Schlachtfeld zum Kampf an. Bei den anderen gab es hingegen keinerlei derartige ideologische Einladung. Von ihrer Seite wurden nur zwei Wege offengelassen: Entweder ergibt euch uns, oder kommt auf das Schlachtfeld.

Dieser gewaltige Unterschied zwischen den beiden Seiten wurde auf dem Schlachtfeld sehr deutlich sichtbar. Als die gesamte arabische Nation diesen Unterschied erkannte, war sie davon beeindruckt und beeinflusst. Mit anderen Worten: Der rasche Aufstieg der islamischen Organisation von Medina auf der einen Seite und der Nachweis der Wahrhaftigkeit und Überlegenheit ihrer Ideale durch ihren eigenen Charakter auf der anderen Seite – diese beiden Arten des Erfolgs spiegelten sich durch die militärischen Feldzüge in der öffentlichen Meinung Arabiens wider. In dem Maße, in dem diese beiden Erfolge den Weg für die Einladung zur Wahrheit ebneten, nahmen die Menschen den Islam an. Dieser Erfolg verstärkte sich nach dem Vertrag von Hudaybiyya. Deshalb wandten sich die Menschen in dieser Zeit in noch schnellerem Tempo dem Islam zu. Nach der Eroberung Mekkas nahm dieser Erfolg schließlich vollständig die Gestalt eines Sieges an. So wurde ganz Arabien zugleich in diese reformerische Bewegung einbezogen. Die Geschwindigkeit, mit der die Menschen in diesen beiden Epochen den Islam annahmen, zeigt, wie großes Hindernis die Führung der Quraisch für die Menschen gewesen war. Sobald dieses Hindernis beseitigt war, kam es zu einer geistigen Revolution. Wo immer eine siegreiche Klasse mit etablierten Interessen sich auf diese Weise als Hindernis vor die Menschen stellt, kann der Einfluss von Ermahnung, Einladung und Verkündigung unter ihnen keine umfassende Wirkung entfalten. Um das gesamte Umfeld zu verändern, ist es notwendig, solche Hindernisse zu beseitigen. Dafür muss ein umfassender politischer Kampf geführt werden. Die Vollendung der Einladung und Verkündigung des Islam hängt gerade vom politischen Kampf ab.

Die Regierung selbst lehrte die Revolution

Die Gebiete, die durch die Annahme des Islam durch die betreffenden Stämme, den Aufbau vertraglicher Beziehungen oder die Anerkennung der politischen Oberhoheit unter die Herrschaft der islamischen Regierung von Medina gelangt waren, ließ man anschließend nicht einfach in ihrem bisherigen Zustand. Vielmehr wurden ihnen die ausführliche Einladung zum Islam und seine Lehren vermittelt, und es wurden wirksame Maßnahmen zu ihrer Schulung getroffen. Es war nicht so, dass man ein Gebiet durch das Schwingen von Knüppeln und die Zurschaustellung von Macht eroberte und die Menschen danach wie Vieh herumtrieb, ohne sie innerlich zu verändern und zu verbessern. Wenn alles mit dem Schwert erzwungen und jede Veränderung allein durch die Gewalt des Knüppels herbeigeführt worden wäre, hätte diese Tyrannei nur wenige Tage gedauert. Danach hätten die Menschen rebelliert. Und wenn sich der Unmut und der Protest der Menschen einmal explosionsartig entladen hätte, wären alle errungenen Erfolge zunichtegemacht worden. Tatsächlich war der Einsatz von Gewalt in der islamischen Bewegung im Vergleich zu jeder anderen Maßnahme gering, während Einladung, Bildung und Schulung den größten Anteil ausmachten.

Eine idealistische Regierung ist stets auf Verkündigung ausgerichtet, und bei all ihren Aktivitäten erhält dieses Ziel Vorrang: Die Menschen sollen die Glaubensüberzeugung und das Ideal, auf denen ihre Lebensordnung gründet, von Herzen verstehen und von Herzen annehmen. Alle Abteilungen einer solchen Regierung müssen neben ihren jeweiligen Aufgaben auch diese zentrale Verantwortung erfüllen. Eine solche Regierung wird alles zurückweisen, was ihrem grundlegenden Ideal schadet. Sie wird sogar Dinge annehmen, die keinen unmittelbaren Nutzen bringen, wenn sie dadurch ihre grundlegende Weltanschauung in den Herzen und Köpfen der Menschen verankert. Ihr wichtigstes Ziel ist, dass die Menschen mit dem neuen Ideal eins werden und ihm aufrichtig verbunden bleiben. Sie sollen tun, was getan werden muss, und beseitigen, was beseitigt werden muss.

Die islamische Regierung von Medina setzte einerseits selbst unter den schwierigsten Bedingungen des Krieges die Entsendung von Einladungs- und Verkündigungsgruppen in die umliegenden Gebiete fort. Mindestens in vier Fällen wurden diejenigen, die Medina zu diesem Zweck verlassen hatten, von Mördern getötet und erlangten den Märtyrertod. Die Zahl der Gefährten, die auf dem Weg der Einladung zum Islam den Märtyrertod erlitten, nachdem sie schrecklicher Verfolgung ausgesetzt gewesen waren, ist keineswegs gering. Sie war vielmehr größer als die Gesamtzahl der muslimischen Märtyrer in den Schlachten von Badr, Uhud und dem Graben. Auch unter äußerst schwierigen und konfliktreichen Umständen wurde bei der Erfüllung dieser grundlegenden Pflicht keine Nachlässigkeit gezeigt. Vielmehr wurde sie selbst um den Preis großer Opfer und Hingabe aufrechterhalten. Einige Gefährten wurden in Medina einige Zeit ausgebildet und anschließend in ihren eigenen Stämmen für die Einladung zum Islam eingesetzt. Zu diesen Gefährten gehörten: (1) Tufail ibn Amr ad-Dausi (Stamm der Daus), (2) Amura ibn Masud (Stamm der Saqif), (3) Amir ibn Schahr (Hamdan), (4) Dimam ibn Tha’laba (Banu Sa’d), (5) Munqidh ibn Hibban (Bahrain), (6) Thumama ibn Uthal (Nadschd). Außerdem wurden bestimmte Einladende zu bestimmten Stämmen oder Personen entsandt. So wurden Ali nach Hamdan, Hudhaima und Madhhaj, Mugira ibn Schu’ba nach Nadschran, Dhabar ibn Nathnis zu den im Jemen lebenden Persern, Mahisa ibn Masud nach Fadak, Ahnaf zum Stamm der Sulaim, Khalid ibn al-Walid nach Mekka, Amr ibn al-As nach Oman und Muhadschir ibn Abi Umaiyya zu Harith ibn Filal, dem Fürsten des Jemen, geschickt.

Doch noch weit mehr Einladungs- und Verkündigungsarbeit ließ die islamische Regierung von zivilen Amtsträgern leisten. Die Bediensteten der islamischen Regierung betrachteten sich nicht als professionelle Angestellte und nahmen ihre Ämter auch nicht mit dem Ziel an, Geld zu verdienen. Ihr einziges Ziel war es, das Wort und die Gebote Allahs zu erhöhen und die Menschen auf den Weg des Guten zu führen. Diese Aufgabe konnte nicht von bloßen Gehaltsempfängern erfüllt werden. Sie war nur den selbstlosen Dienern der islamischen Revolution möglich. Sie waren weder auf Ämter aus noch von Gedanken an Besoldungsgruppen und Beförderungen besessen. Das Amt und die Verantwortung riefen sie, und selbst mit dem geringsten Gehalt erfüllten sie höhere Aufgaben. Ein Beispiel genügt hier. Attab ibn Usaid wurde mit einem Tagesgehalt von einem Dirham zum Statthalter von Mekka ernannt. In einer Ansprache sagte er selbst: „Allah möge denjenigen hungrig lassen, der trotz eines täglichen Dirhams hungrig bleibt.“ (Ibn Hischam) Vor allem anderen waren sie die Rufer zu ihrem geliebten Glauben und Ideal. Diejenigen, die von der Regierung Medinas irgendwo zu Statthaltern, Richtern, Steuereinnehmern oder Beamten der Finanzverwaltung ernannt wurden, waren an ihren jeweiligen Arbeitsorten Einladende zum Tauhid, Lehrer des Islam und Ausbilder in Moral. Wenn ihnen ihre Aufgaben in den jeweiligen Abteilungen übertragen wurden, erinnerte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sie auch an diese grundlegende Verantwortung. Als Muadh ibn Dschabal mit finanziellen, administrativen und richterlichen Aufgaben in den Jemen entsandt wurde, sagte man ihm außerdem: „Lehre die Menschen den Koran und lehre sie die Bestimmungen des Islam.“ Danach wurde ihm insbesondere entsprechend den Bedürfnissen der Leute der Schrift die Methode der Einladung erklärt. Ihm wurde gesagt: „Lade sie zuerst zum Tauhid ein. Wenn sie dies annehmen, lehre sie das Gebet. Danach lehre sie die Zakat.“ Die meisten dieser Beamten waren an ihren jeweiligen Amtssitzen zugleich Imame im Gebet. In großen Städten jedoch, wo eine Aufteilung der Aufgaben unumgänglich war, wurden neben den Verwaltungsbeamten für das Gebet eigene Imame ernannt. So wurden Attab ibn Usaid in Mekka, Uthman ibn Abi al-As in Taif und Abu Said al-Ansari in Oman zu Imamen ernannt.

Die Zahl der zivilen Beamten war sehr groß. Daher wird hier keine Liste von ihnen vorgelegt. Doch an ihrer Zahl und den Gebieten, in denen sie eingesetzt wurden, lässt sich erkennen, welch wichtige Rolle die zivile Abteilung der islamischen Regierung, der öffentliche Dienst, bei der Verbreitung der Daʿwa des Islam spielte. Außerdem waren diese Daʿwa-Verkünder während der Ausübung ihrer Aufgaben im herkömmlichen Sinne nicht bloß Beamte. Von all dem waren sie meilenweit entfernt: von Furchtlosigkeit gegenüber Allah, Prunk und Pracht, Unterdrückung und Übertreibung, der Absonderung von der Bevölkerung, Gleichgültigkeit gegenüber den lebensnotwendigen Bedürfnissen der Menschen, dem rücksichtslosen Wegtreiben aller anderen, sobald sie auf die Straße gingen, einer übermäßigen Ansammlung von Torwächtern und Bediensteten, dem Bau großer Paläste, Plünderung, Bestechlichkeit, der Umgebenheit von Schmeichlern, der Verschwendung öffentlicher Gelder durch willkürliche Belohnungen, Trinkgelagen sowie Veranstaltungen mit Tanz und Musik. Diese zivilen Beamten waren Beamte von ganz anderer Art. Ihre Herrschaft war für die Bevölkerung eine völlig neuartige Erfahrung. Diese Beamten und Angestellten, die nur geringe Gehälter bezogen, ein schlichtes Leben führten, ihre Pflichten ehrlich erfüllten, gütig zu ihren Untertanen waren, sich durch Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit auszeichneten und Allah fürchteten, gewannen durch ihren eigenen Charakter die Herzen der Menschen. Wenn sie den Menschen die Daʿwa zur Religion überbrachten, drang diese Daʿwa bis in die innersten Tiefen der Herzen ihrer Zuhörer vor. Hadhrat Abu Musa al-Aschʿari wurde zum Verwalter der Gebiete Zubayd und Aden ernannt. Dort nahmen alle Menschen aufgrund seiner Daʿwa sehr schnell den Islam an. Ebenso wurde Jarir ibn Abdallah al-Badschali mit der Verantwortung für die Herrscherfamilie des Jemen betraut. Er übte einen so starken Einfluss aus, dass sie sich alle der islamischen Bewegung anschlossen. Aus Freude darüber ließ er 4.000 Sklaven frei.

Kurz gesagt: Die zivilen Abteilungen der Regierung setzten die Arbeit der Daʿwa und Verkündigung mit äußerster Hingabe, Konzentration und unermüdlich fort. Das Ergebnis dieser breit angelegten Arbeit der Daʿwa und Bildung war, dass selbst unter den Bevölkerungsgruppen in den entlegensten Gegenden Arabiens nicht nur eine politische, sondern auch eine geistige Revolution stattfand und sich zugleich eine grundlegende moralische Veränderung vollzog. Schließlich nahm die gesamte Gesellschaftsordnung Arabiens eine völlig neue Gestalt an.

Der wirtschaftliche Wohlstand der Bevölkerung

Ein großer Teil der Beduinenbevölkerung Arabiens war im Allgemeinen arm. Die meisten Wüstenstämme waren Nomaden. Abgesehen von dem geringen Lebensunterhalt, den sie aus ihren Nutztieren gewannen, waren bewaffneter Raub und Plünderung ihre wichtigste Lebensgrundlage. Einige Beduinenstämme hatten auch feste Wohnsitze weit entfernt von den Städten. Doch auch sie waren sehr arm. Die Scheiche und Anführer dieser Stämme genossen den größten Teil der Früchte wirtschaftlicher Anstrengungen ausschließlich selbst und beraubten die einfachen Menschen ihres Anteils daran. Mit Städten waren lediglich Mekka, Medina, Taif, Sana, Hadramaut und ähnliche Orte gemeint. Es waren keine großen Städte. Ihre Einwohnerzahl war sehr gering. Insgesamt waren ihre Bewohner jedoch wohlhabend und gut situiert. Auch unter ihnen gab es höhere und niedrigere Klassen. Die Oberschicht beutete die Unterschicht aus. In Medina hatten die Juden nicht nur Handel und Kultur beherrscht, sondern auch ein Netz des Wuchers gespannt. Ebenso betrieben die wohlhabenden Leute in Mekka und Taif neben anderen Erwerbszweigen auch Wuchergeschäfte. Einige Familien der höheren Schichten führten ein äußerst luxuriöses Leben. Musik und Gesang, Trunksucht, Liebesaffären und Unzucht gehörten zu den prägenden Merkmalen ihrer Kultur. Die Not der einfachen Bevölkerung Arabiens hingegen kannte keinerlei Grenzen.

Vom Hunger getrieben aßen sie sogar das Fleisch verendeter Tiere. Sie machten überhaupt keinen Unterschied zwischen Rein und Unrein, Erlaubtem und Verbotenem. Wo schon die Probleme der Ernährung, Kleidung und Unterkunft nicht gelöst waren, konnte von Bildung, Gesundheitsversorgung und anderen höheren Anliegen erst recht keine Rede sein. Zur Heilung betete man zu den Göttern und Göttinnen, bediente sich der Magie und suchte Astrologen und Fakire auf. Die Bildungseinrichtungen waren äußerst begrenzt. Bildung und Erziehung blieben auf eine kleine Zahl von Angehörigen städtischer Oberschichtsfamilien beschränkt. Ein grundlegendes und tatsächliches Problem jener Gesellschaft war die Ernährung. Ein Volk, dessen überwiegender Teil ständig von der Frage „Was soll ich essen?“ geplagt wird, kann weder Wissen über höhere und edlere Dinge aufnehmen noch im Dienst höherer Ziele denkwürdige Werke vollbringen. Ohne die Benachteiligung der wirtschaftlich Entrechteten zu beseitigen, kann niemand sie allein durch Predigten, Ermahnungen und gute Ratschläge in großer Zahl für eine Bewegung gewinnen. Selbst wenn eine Ideologie mit Waffengewalt die Macht erobert, aber die grundlegenden wirtschaftlichen Probleme der Menschen nicht lösen kann, wird die einfache Bevölkerung niemals bereit sein, bloße Aufrufe zu moralischer Besserung und Neuordnung anzunehmen. Vielmehr betrachtet sie solche Bestrebungen um Reform, Besserung und Neuordnung als ein Übel und sehnt sich danach, ihm zu entkommen. Die islamische Lebensordnung kann die Menschheit erst dann für sich gewinnen, wenn sie neben dem Glück im Jenseits auch Glück und Wohlstand im Diesseits gewährleistet und neben der moralischen Reform und Besserung auch die wirtschaftlichen Probleme löst. Eine Bewegung, die sich ausschließlich mit wirtschaftlichen Problemen befasst, bedeutet ebenso, die Menschheit moralisch an den Rand des Untergangs zu führen, wie die Trennung der moralischen Reform vom wirtschaftlichen Anspruch und Bedarf des Lebens letztlich das Scheitern jeder moralischen Reformbemühung bedeutet. Der Islam erfüllt beide Bedürfnisse zugleich. Die Bewegung, die der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, anführte, erhellt einerseits das Herz mit dem Licht des Iman und bereichert die Seele mit moralischen Werten; andererseits sorgt sie in bester Weise für die Versorgung des Magens mit Nahrung. Bereits in der kürzesten moralischen Ordnung des Islam war die Vorschrift des „Itʿām al-masākīn“, das heißt, der Speisung der Bedürftigen, enthalten. Außerdem war es für jeden Muslim verpflichtend, Waisen, Witwen und Reisenden zu helfen.

Arabien war ein Land mit geringer Produktivität. Alle Arten von Gütern – Bodenschätze, Erzeugnisse der Industrie und Vieh – waren auf bestimmte Klassen beschränkt und in deren Händen konzentriert. Diese Quellen des Reichtums für die einfachen Menschen zugänglich zu machen, war ein äußerst schwieriges Problem. Ohne dieses Problem zu lösen, konnten auch die anderen großen Probleme des Lebens nicht gelöst werden. Die wirtschaftlichen Vorschriften des Islam, die schrittweise offenbart wurden, reichten unter normalen Verhältnissen aus, den Reichtum in allen Klassen der Gesellschaft zirkulieren zu lassen. Doch noch vor der Umsetzung dieser Vorschriften bildeten diese Quellen des Reichtums das schwierigste Problem. Nur durch dschihadische Aktivitäten konnte dieses Problem so angemessen gelöst werden, dass keine alternative Methode einen derart erfolgreichen Ausweg ermöglicht hätte.

Von der frühesten Antike bis in die Neuzeit galt es als ein allgemein anerkanntes Recht, die Waffen und Ausrüstungsgegenstände besiegter Feinde als Kriegsbeute in Besitz zu nehmen. Um einen Krieg zu beenden, ist es wirksamer und sicherer, den Gegner seiner Waffen, Ausrüstung und Versorgungsgüter zu berauben, als Menschen zu töten. Außerdem gehört die Schwächung der militärischen Wirtschaft des Gegners zu den erfolgreichsten Vorgehensweisen. Auch der Islam bestätigte das Recht auf Kriegsbeute und verhängte dafür besondere ethische Einschränkungen. Hier ist es uns nicht möglich, eine theoretische Erörterung zu beginnen. Durch die praktische Umsetzung dieses Grundsatzes setzte das islamische Heer jedoch die an verschiedenen Orten angesammelten Vermögen frei und brachte sie in Umlauf. Das von den Menschen ausgebeutete Vermögen der Juden und Wucherer wurde nach den Regeln der Kriegsbeute in Umlauf gebracht. Das angehäufte Vermögen des Stammes Thaqif wurde seiner bisherigen Eigentümerschaft entzogen und über ganz Arabien verteilt. Ebenso nahm das muslimische Heer den wohlhabenden Anführern und Oberhäuptern jener aufständischen Stämme in der Umgebung von Medina, die Unruhe zu stiften beabsichtigten, einen großen Teil ihres Vermögens aus den Händen und brachte ihn durch eine gerechte Verteilung in Umlauf.

Was die Kriegsbeute betrifft, so bestand der Brauch in der Zeit der Unwissenheit darin, dass jeder, der auf dem Schlachtfeld etwas fand, es an sich nahm und davonging. Manche stahlen, manche eigneten sich Dinge durch Betrug an, und je größer und mächtiger jemand war, desto größer und besser war der Anteil, den er sich kraft seiner Macht aneignete. Die islamische Kriegführung brachte eine völlig neuartige Ethik hervor. Nach diesem Grundsatz wurde die gesamte Kriegsbeute zunächst bis ins Kleinste zusammengetragen. Nicht einmal eine Nadel blieb zurück. Danach wurde sie auf Anweisung des Befehlshabers verteilt. Zwanzig Prozent dieser Güter flossen in die islamische Staatskasse, also in den Bait al-Mal. Der größte Teil wurde den Armen und Bedürftigen zugeführt. Auf diese Weise begann ein freier Umlauf des Reichtums des Landes. Mit der schrittweisen Einführung finanzieller Vorschriften wurde dieser Strom später unter Kontrolle gebracht.

Danach erhob der islamische Staat von den Eigentümern von Land, Vieh und Handelskapital Abgaben: von Muslimen in Form der Zakat und von Nichtmuslimen in Form der Ch |aradsch- und Dschizya-Abgabe. Einen großen Teil dieser Einnahmen, insbesondere der Zakat, bestimmte er für die armen Schichten. Jedes Jahr wurde ein großer Teil des Getreides, der Datteln und des Nutzviehs von den Wohlhabenden an die Armen weitergegeben.

Darüber hinaus wurden die wirtschaftlichen Probleme nicht allein durch die Macht des Gesetzes gelöst. Auch auf moralischem Wege wurde für ihre Behebung gesorgt. Der Gesandte (s.a.) stellte der Welt in der zentralen Gesellschaft Medinas neben der sozialen Gleichheit auch die äußerst erfolgreiche Erfahrung wirtschaftlicher Brüderlichkeit vor. Ganz Arabien konnte sehen, wie Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben worden waren, völlig mittellose Sklaven, von Hunger geplagte Beduinen und eine Gruppe junger Männer, die von der Liebe zu Allah berauscht war, sich nach der Annahme des Islam über Nacht auf wundersame Weise verwandelten. Einerseits standen sie Schulter an Schulter mit den großen Adligen und gesellschaftlichen Führern und forderten mit unvorstellbarer Kühnheit ihre äußerst hochmütigen und arroganten Gegner heraus. Andererseits verschwanden all ihre Leiden, Nöte und Beschwerden. Sie fanden Unterkunft, Arbeit und Waffen, erhielten sogar Transporttiere und gründeten durch Heirat einen eigenen Haushalt. Die segensreiche Wirkung dieser islamischen Brüderlichkeit blieb nicht auf Medina beschränkt, sondern breitete sich allmählich in alle Richtungen aus, und eines Tages kam ganz Arabien in den Genuss ihrer Früchte.

Dieses neuartige System unvergleichlicher sozialer Gleichheit und wirtschaftlicher Brüderlichkeit betrachteten und empfanden die Menschen Arabiens aus der Ferne als das Paradies auf Erden. Sie wussten auch, dass der Schlüssel des Tauhid allein genügte, um in dieses Paradies einzutreten. Ist es unter diesen Umständen verwunderlich, wenn in den Herzen der Menschen, die jahrhundertelang unter dem Joch der schlimmsten sozialen und wirtschaftlichen Ausbeutung zermalmt worden waren, der Wunsch entstand, in dieses Paradies einzutreten?

Der Gesandte (s.a.) zeigte im Hinblick auf die Probleme der einfachen Menschen Arabiens persönlich eine beispiellose Großzügigkeit und Freigebigkeit. Auch als Staatsoberhaupt verfolgte er das Prinzip äußerster Freigebigkeit und Großherzigkeit. Niemals ließ er zu, dass sich in seinem persönlichen Besitz Vermögen ansammelte. Vielmehr verteilte er es so schnell wie möglich unter den bedürftigen Einheimischen und Fremden. Auch in der Staatskasse ließ er niemals Geld liegen; wann immer ein Bedürftiger vor ihn trat, gab er ihm, was immer er geben konnte. Für den Gesandten (s.a.) waren die Menschen von entscheidender Bedeutung. Vermögen betrachtete er als Diener der Menschheit. Es kam sogar häufig vor, dass er, wenn sich weder in der Staatskasse noch bei ihm selbst etwas befand, ein Darlehen aufnahm, um es einem Hilfesuchenden zu geben. (Schamā’il at-Tirmidhi)

Als sie von seinem Ruf als großzügiger Geber hörten, eilten bedürftige Dorfbewohner und umherziehende Beduinen aus weit entfernten Gegenden nach Medina und kehrten durch seine grenzenlose Freigebigkeit beglückt zurück. Es ist weithin bekannt, dass einmal ein Beduine kam, am Mantel des Gesandten (s.a.) zog und unverschämt sagte: „O Muhammad (s.a.), all dieser Besitz gehört doch Allah. Du musst nichts aus dem Vermögen deiner Eltern geben. Gib mir so viel, dass der Rücken meines Kamels damit beladen ist.“ Der barmherzige Gesandte (s.a.) schwieg einen Augenblick und sagte dann ruhig: „Du hast recht gesagt. Dieser ganze Besitz gehört Allah, und ich bin Sein Diener.“ Danach befahl er, dem Beduinen ein Kamel mit Gerste und ein Kamel mit Datteln zu beladen und sie ihm zu geben. Dieser verabschiedete sich hocherfreut. Ein anderes Mal traf aus Bahrain eine so große Menge an Steuereinnahmen ein, wie noch nie zuvor auch nur annähernd eine solche Summe nach Medina gelangt war. Der Gesandte (s.a.) ließ sie im Hof der Prophetenmoschee aufschichten. Dann gab er jedem, der eintraf, nacheinander davon. Anschließend klopfte er seine Kleidung aus, stand auf und ging nach Hause. Solche Schenkungen fanden in Medina häufig statt, und Menschen aus verschiedenen Regionen kamen und profitierten davon. Diese Menschen erzählten in ihren Heimatgebieten von der Großzügigkeit der islamischen Regierung; und wer vermag zu ermessen, wie viele Menschen angesichts dieser Berichte den Islam annahmen?

Ich möchte noch ein weiteres Beispiel für die Großzügigkeit des Propheten (s.a.) anführen. Ein Mann kam, schilderte unter Tränen seine finanzielle Notlage und bat um Hilfe. Der Gesandte (s.a.) schenkte ihm eine Herde Ziegen, die in der Nähe auf einem Berg weidete. Der Mann war über diese beispiellose Gabe außer sich vor Freude und ging zu seinem Stamm zurück, wo er sagte: „Werdet Muslime! Muhammad (s.a.) macht solche Geschenke, dass einem Armen kein Leid mehr bleibt.“ (Al-Mawāhib al-Ladunniyya). Safwan ibn Umayya berichtet: „Der Gesandte (s.a.) schenkte mir dreihundert Schafe. Dadurch veränderte sich mein innerer Zustand so sehr, dass es zuvor niemanden gab, den ich mehr verabscheute als ihn. Nun aber gibt es niemanden, den ich mehr liebe als ihn.“ In diesem Zusammenhang wird der folgende Vers vorgetragen:(*****Arabisch******)

„Er ist derjenige, der beim Geben

keine Angst hat, selbst mittellos zu werden,

wie viele Menschen auch zu ihm

kommen und immer wieder kommen mögen.“

Der allumfassende Ruf seiner Freigebigkeit hatte zur Folge, dass ein Beduine zu ihm kam, als er nach der Verteilung der Kriegsbeute von Hunain zurückkehrte, ihn umarmte und sagte: „Gib auch mir etwas.“ Der Gesandte (s.a.s.) war bestürzt, lehnte sich an einen Baum und blieb dort stehen. Dann erklärte er seine Unfähigkeit mit den Worten: „Wenn ich ebenso viele Kamele besäße, wie es in diesem Wald Bäume gibt, würde ich sie alle unter euch verteilen. Ihr würdet mich weder geizig werden sehen noch bei mir eine Neigung und den Mut finden, unwahre Worte zu sprechen.“ (Sahih al-Buchari)

Engstirnige Menschen mögen diese Großzügigkeit als den Versuch bezeichnen, mit Geld die Herzen zu gewinnen und durch Bestechung Anhänger zu machen. Doch in Wirklichkeit verhält es sich keineswegs so. Menschen zu retten, die in wirtschaftliche Not geraten sind, und sie von Minderwertigkeitsgefühlen zu befreien, ist eine der prinzipiellen und ideologischen Forderungen des Islam. Die Klassen der menschlichen Gesellschaft, die durch die Unterdrückung und Ausbeutung höherer Klassen in eine so erbärmliche Not geraten, dass sie nicht einmal die Möglichkeit haben, sich den höheren und edleren ideellen Bedürfnissen des Lebens zuzuwenden – Menschen, die in eine solch beklagenswerte Lage geraten sind, erlangen sogar bei Allah Gnade. Die meisten Menschen Arabiens waren Opfer eben solcher Verhältnisse. Sie brauchten nicht nur das Kalima Tayyiba, sondern ebenso Nahrung und Kleidung. Dank der wirtschaftlichen Brüderlichkeit des Islam erhielten die Bewohner Medinas vermutlich zum ersten Mal die Möglichkeit, über die grundlegenden Bedürfnisse des Körpers hinaus über die geistigen Bedürfnisse des Lebens nachzudenken und edle moralische Werte zu pflegen. Die wirtschaftliche Reform ebnete den Weg für die Ausbreitung des Islam. Die vollständige Entwicklung des islamischen Wirtschaftssystems wurde erst später erreicht, als all seine Gesetze, Regeln und Grundsätze verwirklicht worden waren. Doch schon beim Anblick seiner ersten Anzeichen schöpften die Menschen Hoffnung für Medina. Sie erkannten, dass sie von hier nicht nur das Licht der Wahrheit, sondern auch eine Lösung ihrer wirtschaftlichen Probleme erhalten würden.

Die weitreichenden Beziehungen des Staatsmannes

Unabhängig davon, welche Absichten und Ziele ein Mensch verfolgt und wie hochstehende ideelle Arbeit er auch leisten mag, kann ihm ein weitreichendes persönliches Beziehungsnetz in hohem Maße zum Erfolg verhelfen. Von den alltäglichen Geschäften bis hin zur idealistischen Revolution können nur wenige Menschen in den verschiedenen Bereichen gemeinschaftlicher Arbeit erfolgreich sein, wenn ihre gewöhnlichen menschlichen Beziehungen sehr begrenzt sind und sie zurückgezogen und ungesellig leben. Verwandtschaft und Blutsbande, eheliche Beziehungen, Freundschaft und Verbundenheit, das Teilen von Freud und Leid, gegenseitige Besuche sowie Grüße und Gespräche und dergleichen erweitern die Fähigkeit des Menschen, Einfluss auszuüben. Persönliche Beziehungen verändern unbewusst den Verlauf vieler großer ideeller Werke, und ihretwegen werden sogar zahlreiche politische Entscheidungen getroffen. Kurz gesagt: Bei der Führung von Menschen ist im Allgemeinen derjenige erfolgreich, dessen Beziehungsnetz weitreichend ist, der es selbst noch umfassender und weiter gestaltet und den Erfordernissen jeder einzelnen Beziehung gerecht wird.

Wenn wir aus dieser Perspektive die erhabene Persönlichkeit des Gesandten (s.a.s.) betrachten, erkennen wir, dass der Kreis all seiner Beziehungen außerordentlich weit gespannt war. Zugleich sehen wir, dass auch seine Freundschaften und gewöhnlichen persönlichen Beziehungen ständig zunahmen. Zu keinem Zeitpunkt scheint er bereit gewesen zu sein, sich von irgendeiner dieser Beziehungen zu verabschieden; ebenso wenig erkennen wir bei ihm, wie bei einer hochrangigen spirituellen Persönlichkeit, Abneigung oder Geringschätzung gegenüber der Pflege von Beziehungen zu gewöhnlichen Menschen. Vielmehr pflegte er alle Beziehungen auf vorbildliche Weise, erfüllte ihre Rechte und Ansprüche und hielt sie beständig. Derart großen Respekt erwies er sogar sehr entfernten Verwandtschaftsbeziehungen, dass er der muslimischen Armee beim Erobern Ägyptens auftrug, die dortigen Bewohner gut zu behandeln. Er sagte: Hazrat Hagira, die Mutter von Hazrat Ismail (a.s.), war eine Ägypterin. Daher obliegt euch die Pflicht, die verwandtschaftlichen Bande zu schützen. Diese überaus weitreichenden persönlichen Beziehungen des Gesandten (s.a.s.) trugen zur Entwicklung der islamischen Bewegung und zur Vergrößerung des Einflusses der islamischen Daʿwa bei.

Es ist notwendig, diese Beziehungen kurz vorzustellen. Dadurch wird verständlich, wie sie die islamische Bewegung unterstützten und wie sie die islamische Revolution erleichterten. Wir werden seine Beziehungen in verschiedene Kategorien einteilen:

1. Stammesbeziehungen

Die Abstammungslinie des Gesandten (s.a.s.) lautet wie folgt:

Muhammad (s.a.s.) (1), Sohn des Abdallah, Sohn des Abd al-Muttalib (2), Sohn des Haschim (3), Sohn des Abd Manaf (4), Sohn des Qusai (5), Sohn des Kilab (6), Sohn des Murra (7), Sohn des Kaʿb (8), Sohn des Luʾayy (9), Sohn des Ghalib (10), Sohn des Fihr (11), Sohn des Malik (12), Sohn des Nadr (13), Sohn des Kinana (14), Sohn des Chuzaima (15), Sohn des Mudrika (16), Sohn des Ilyas (17), Sohn des Mudar (18), Sohn des Nizar (19), Sohn des Maʿad (20), Sohn des Adnan (21), Sohn des Udd (22), Sohn des Muqawwam (23), Sohn des Nachur (24), Sohn des Tayzaha, Sohn des Yarub, Sohn des Jaschdsch a r, Sohn des Nabit, Sohn des Ismail, Sohn des Ibrahim.

Der Gesandte (s.a.s.) teilte mit, dass die Namen von Adnan bis Hazrat Ismail (a.s.) nicht besonders zuverlässig überliefert seien. Die Historiker haben hinsichtlich dieser Namen unterschiedliche Auffassungen vertreten. Die Beziehung des Gesandten (s.a.s.) zu Adnan liegt in der einundzwanzigsten Generation seiner Abstammung. Der zeitliche Abstand beträgt 1158 Jahre. Die Beziehung des Gesandten (s.a.s.) zu den arabischen Stämmen geht auf die eine oder andere Weise auf einen gemeinsamen Ursprung zurück.

Ukk, der Sohn Adnans und Bruder Muʿads, ging in eine Region Jemens namens Ghassan, errichtete dort ein Königreich und heiratete in den Stamm der Aschʿari ein. In dieser Region breitete sich der Islam sehr schnell aus. Aus verschiedenen Gegenden Jemens kamen zahlreiche Delegationen zum Gesandten (s.a.s.) und nahmen den Islam an. Unter ihnen befand sich auch eine Delegation der Aschʿari. Nizar, der zwanzigste Vorfahre, hatte vier Söhne. Die Nachkommen Anmars ließen sich unter ihnen in Nadschd und im Hedschas nieder. Die Nachkommen Iyads lebten in as-Sughur und seiner Umgebung. Mudar, der neunzehnte Vorfahre, und Rabiʿa siedelten sich in der Mitte Arabiens an.

Nun wollen wir die berühmten Stämme kennenlernen, die demselben Stamm wie der Gesandte (s.a.s.) angehören und deren Namen in den Werken über die Sira, Geschichte und Hadithe verzeichnet sind:

Banu Tamim – Nachkommen von Tamim bin Mard bin Udd bin Tanja bin Ilyas (18).

Banu Ghatafan – Nachkommen von Ghatafan bin Ghatafan bin Saʿd bin Ilyas (18).

Banu Dhubyan – Dhubyan bin Buwaiz bin Rayisch bin Ghatafan – Nachkommen von Ilyas.

Banu Hawazin – Nachkommen von Hawazin bin Mansur bin Ikrama bin Hasfan bin Qays Ailan bin Ilyas.

Banu Saʿd – Saʿd bin Bakr bin Hawazin…….. Nachkommen von Ilyas.

Banu Thaqif – Thaqif bin Hawazin……… Nachkommen von Ilyas.

Banu Sulaym – Sulaym bin Mansur…….. Nachkommen von Ilyas.

Banu Hudhail – Hudhail bin Mudrika – (17).

Banu Hawun – Hawun bin Chuzaima (Nr. 16).

Waischi – Waisch bin Karah bin Hawun bin Chuzaima.

Azali – Azal bin Kara……………… bis Chuzaima.

Banu Asad – Asad bin Chuzaima……………. bis Chuzaima.

Banu Nadar – Nadar bin Kinana (Nr. 15).

Banu Kinana – derselbe.

Banu Mustaliq – Mustaliq (Chuzaima) bin Abd Manat bin Kinana (Nr. 15).

Al-Ahabisch – Ahabisch bin Kinana.

Banu Malik – Malik (Nr. 13), Sohn von Nadar ibn Kinana.

Quraisch – Fehr oder Quraisch (Nr. 12) ibn Malik.

Banu Muharib – Muharib ibn Fehr.

Banu Taim – Taim ibn Ghalib (Nr. 11) ibn Fehr.

Banu Auf – Auf ibn Lu’ayy (Nr. 10) ibn Ghalib.

Banu Amir – Amir ibn Lu’ayy.

Banu Harith – Harith ibn Lu’ayy.

Banu Hasis – Hasis ibn Ka’b (Nr. 9) ibn Lu’ayy.

Banu Sahm – Sahm ibn Kaʿb.

Banu Dschumah – Dschumah ibn Kaʿb.

Banu ʿAdī – ʿAdī ibn Kaʿb.

Banu Kilāb – Kilāb (Nr. 7) ibn Murra (Nr. 8).

Banu Taym – Taym ibn Murra (Nr. 8)

Banu Machzūm – Machzūm ibn Murra.

Banu Qusayy – Qusayy (Nr. 6) ibn Kilāb.

Banu Zuhra – Zuhra ibn Kilāb.

Asadi – Asad ibn Abd al-Uzza ibn Qusai (Nr. 6).

Muttalibi – Muttalib ibn Abd Manaf (Nr. 5).

Banu Umayya – Umayya ibn Abduschams ibn Abd Manaf.

Nawfiliyyun – Nawfil ibn Abd Manaf.

Banu Haschim – Haschim ibn Abd Manaf.

Diese weitreichende genealogische Abstammungslinie erstreckt sich so weit, dass viele hochrangige und enge Gefährten des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit ihr verbunden sind. So geht die Abstammung von Hazrat Umar (Allah sei mit ihm zufrieden) auf Dscharrah ibn Adi ibn Ka’b (Nr. 9) zurück, und Hazrat Abu Ubaida ist genealogisch mit Dscharrah ibn Adi verbunden. Die Mutter des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), Hazrat Amina, stammte von Wahb ibn Abd Manaf ibn Zuhra ibn Kilab (Nr. 7) ab. Hazrat Abu Bakr stammte von Taym ab, dem Bruder desselben Kilab ibn Murra. Sa’d ibn Abi Waqqas, einer der Aschara al-Mubaschschara, also der zehn Gefährten, denen bereits zu Lebzeiten das Paradies verkündet wurde, war über Malik ibn Uhaib ibn Manaf mit dem Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verbunden. Uthman ibn Talha, der Hüter der Schlüssel der Kaaba, stammte von Abd ad-Dar ibn Qusai (Nr. 6) ab. Ein weiterer Angehöriger der Aschara al-Mubaschschara, Hazrat Zubair ibn Awwam, war ein Nachkomme von Chuwailid ibn Asad ibn Abd al-Uzza ibn Qusai (Nr. 6). Ebenso war Hazrat Chadidscha Tahira die Tochter von Chuwailid ibn Asad ibn Abd al-Uzza ibn Qusai. Waraqa ibn Nawfal ibn Chuwailid war ihr Bruder. Die drei Söhne von Harith ibn Muttalib ibn Abd Manaf (Nr. 5), Abu Ubaida (ein Märtyrer von Badr), Tufail und Hadith, waren berühmte Gefährten. Auch die Abstammung von Imam Schafii ist mit Muttalib verbunden. Hazrat Uthman stammte von Umayya ibn Abduschams ibn Abd Manaf ab.

Es gibt unterschiedliche Auffassungen darüber, wie viele Onkel der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hatte. Über zwei von ihnen sind keine Einzelheiten bekannt. Ein Onkel war bereits sehr früh verstorben. Unter seinen Onkeln sind die folgenden Personen besonders bemerkenswert. Sie stehen mit der Geschichte des Islam in Verbindung, und ihre Lebensgeschichten sind ebenfalls überliefert.

Ein Onkel namens Harith starb noch vor dem Aufkommen des Islam. Seine vier Söhne Nawfal, Abdallah, Rabia und Abu Sufyan nahmen den Islam an und spielten in der Geschichte des Islam eine bedeutende Rolle. Gerade indem der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) auf die Forderung nach Vergeltung oder Entschädigung für die Tötung dieses Rabia ibn Harith verzichtete, verkündete er bei der Eroberung Mekkas erstmals: „Alle Forderungen nach Vergeltung oder Entschädigung für Tötungen aus der Zeit der Dschahiliya werden hiermit abgeschafft.“

Ein Onkel war Abu Talib, der seine Verantwortung für die Betreuung des Gesandten Allahs vollständig erfüllte. Obwohl er außerhalb der islamischen Bewegung stand, unterstützte er ihn mit ganzem Herzen und rückhaltlos. Heute dürfte es niemanden geben, der die Namen der würdigen Söhne Abu Talibs, Hazrat Alis, Dschafars und Aqils, nicht kennt. Auch Abu Talibs beide Töchter, Umm Hani und Jumana, nahmen den Islam an. Anlässlich des Ereignisses der Miʿradsch erlangte Hazrat Umm Hani besondere Bekanntheit.

Ein Onkel war Hazrat Hamza, der in der Schlacht von Uhud den Märtyrertod erlitt. Hind behandelte seinen Leichnam äußerst grausam. Dieser Onkel hatte den schlechten Umgang Abu Dschahls mit dem Gesandten Allahs heftig verurteilt und trotz großer Gefahr den Islam angenommen.

Ein Onkel war Hazrat Abbas. Von Anfang an nahm er eine beschützende Rolle ein. Besonders bei den Gesprächen über das Treuegelöbnis von Aqaba spielte er eine wichtige Rolle. Er warnte die Ansar vor ihrer großen Verantwortung. Außerdem blieb er in Mekka und informierte den Gesandten Allahs über die Lage. Als die heikle Zeit der Konflikte und Auseinandersetzungen vorüber war, erklärte er seinen Übertritt zum Islam und reiste nach Medina.

Ein Onkel, Zubair, starb noch vor dem Aufkommen des Islam. Er war ein äußerst wohlwollender Mann und beteiligte sich aktiv an der Gründung des Hilf al-Fudul.

Ein Onkel war Abu Lahab. Dieser Onkel war nicht nur ein fanatischer Gegner des Islam, sondern auch ein aktiver Anführer des gegnerischen Lagers. Auch seine Frau war eine erbitterte Feindin des Islam und tat sich persönlich besonders dadurch hervor, dem Gesandten Allahs Leid zuzufügen. Abu Lahab erlitt ein äußerst beispielhaftes Schicksal. Er starb an der Pest. Drei Tage lang lag sein Leichnam da und verweste. Niemand ging auch nur in seine Nähe. Schließlich wurde der Leichnam durch das Werfen von Steinen von jenseits der Mauer bedeckt, und der Steinhaufen wurde zu seinem Grab gemacht. Abu Lahabs Frau starb elend, als sich die Schlinge eines Stricks um ihren Hals zuzog. Abu Lahabs zwei Söhne starben als Ungläubige, während zwei andere während der Schlacht von Hunain dem Gesandten Allahs ihre Gefolgschaft versicherten. Seine Tochter Dira hatte das Glück, den Islam anzunehmen.

Eine der Tanten väterlicherseits des Gesandten Allahs war Umm Hakim Raida, die Frau von Qusay ibn Rabia (einem Nachkommen Abd Manafs). Ihr Sohn Amir nahm am Tag der Eroberung Mekkas den Islam an. Auch Amirs Sohn Abdullah ibn Amir wurde ein Gefährte und während des Kalifats von Hazrat Uthman zum Statthalter von Chorasan ernannt. Arwa, die Tochter ebenjener Umm Hakim, war die Mutter von Hazrat Uthman. Eine weitere Tante war Umaima. Sie war mit Dschahsch ibn Rubab verheiratet. Ihre Tochter Umm Habiba war die Ehefrau von Abd ar-Rahman ibn Auf. Ihre andere Tochter Hamna heiratete zunächst Musab ibn Umair und später Talha ibn Abdullah. Die beiden aus der zweiten Ehe hervorgegangenen Söhne Muhammad und Imran wurden tapfere Kämpfer der islamischen Bewegung. Abdullah ibn Dschahsch fiel in der Schlacht von Uhud als Märtyrer und wurde zusammen mit seinem mütterlichen Onkel Hazrat Hamza beigesetzt. Die dritte Tante war Atika, die vor der Schlacht von Badr einen Traum hatte. Wegen dieses Traums wurde in den Kreisen der Quraisch viel gespottet und gehöhnt: „Jetzt beginnen auch die Töchter der Banu Haschim, das Prophetentum zu beanspruchen.“ Die vierte Tante war Hazrat Safiyya. Ihre erste Ehe schloss sie mit al-Harith ibn Harb ibn Umaiya, ihre zweite mit al-Awwam ibn Khuwaylid. Aus dieser Ehe ging az-Zubair hervor, eines der Mitglieder der Aschara al-Mubaschschara. Auch Saib ibn al-Awwam war ihr Sohn. Saib nahm an zahlreichen Dschihads teil. Als er sah, dass Hazrat Hamzas Leichnam dalag und unmenschlich behandelt worden war, bewies er eine außergewöhnliche Geduld. Die fünfte Tante, Barra, war die Ehefrau von Abd al-Asad ibn Hilal. Abu Salama war ihr Sohn. Dieser Abu Salama war der erste Ehemann der Mutter der Gläubigen, Umm Salama. Eine weitere Tante, Arwa, war mit Umair Uhaib verheiratet. Als ihr Sohn Tulaib ihr mitteilte, dass er den Islam angenommen habe, sagte sie unter dem Einfluss heftiger Gefühle: „Dein Vetter mütterlicherseits ist deiner größten Unterstützung und Hilfe würdig. Bei Allah, wenn wir Frauen so mächtig wären wie die Männer, würden wir ihn beschützen und seinen Feinden eine angemessene Antwort erteilen.“

Hinter diesen Worten wirkten sowohl der Glaubenseifer als auch die aufrichtige Zuneigung einer Tante. Die verwandtschaftlichen Beziehungen des Gesandten Allahs weisen noch einige weitere Aspekte auf. Hier haben wir jedoch nur jene seiner verwandtschaftlichen Beziehungen dargestellt, die in irgendeiner Weise mit der islamischen Bewegung verbunden waren. Es stimmt, dass der Konflikt aufgrund seines grundlegenden und ideologischen Charakters äußerst schwierig und komplex war. Die Quraisch hatten in dieser Hinsicht ein dauerhaftes und starkes gegnerisches Lager errichtet. Doch diese verwandtschaftlichen Beziehungen begannen innerhalb dieses Lagers Einfluss auszuüben. Die Banu Haschim verhielten sich insgesamt mitfühlender als die anderen. Gerade wegen ihrer Verwandtschaft geriet Hazrat Hamza beim Anblick der Misshandlungen durch Abu Dschahl in große Wut, gab die Zeit der Unwissenheit auf und schloss sich dem Gesandten Allahs an. Während der Boykottzeit erhob Abu al-Bachtari Einspruch, als Abu Dschahl die Lieferung von Lebensmitteln in die Schlucht Abu Talibs verhinderte. Hazrat Abbas half stillschweigend, während er in Mekka blieb. Auch in den Versammlungen der Quraisch zeigten manche bisweilen aus verwandtschaftlichen Gründen Parteilichkeit für den Gesandten Allahs. Einige vertraten die Ansicht, man solle ihn außerhalb Mekkas unter den Arabern wirken lassen und ihm Erfolg wünschen. In diesem Fall, so wurde bemerkt, wäre sein Erfolg zugleich der Erfolg der Quraisch. Als Mekka nach vielen Jahren des erbitterten Streits schließlich erobert war, bezeichneten die Menschen den Gesandten Allahs als „einen großzügigen Bruder und den Sohn eines großzügigen Bruders“. Diese Verwandtschaft übte auch in anderer Hinsicht Einfluss aus. Wenn Angehörige des Gesandten Allahs als Kriegsgefangene gebracht wurden und nachts beim Erklären ihrer Fesseln vor Schmerz stöhnten, fand er keinen Schlaf. Als in Mekka eine Hungersnot ausbrach, wurde sein Herz erweicht, und er schickte Lebensmittel und finanzielle Hilfe. Nach der Eroberung Mekkas beschenkte er dessen Bewohner großzügig.

2. Die Verwandtschaft mütterlicherseits in Medina

Fatima bint Umar, die Mutter von Herrn Abdullah, dem Vater des Gesandten (s.a.w.), stammte aus dem berühmten Stamm der Banu Nadschdschār in Medina. Schon zuvor hatte sein Urgroßvater Haschim eine Frau aus dem Stamm der Chazradsch geheiratet, Hind bint Amr ibn Saʿlaba. Aus diesem Grund unterhielt Abdullah, der Vater des Gesandten (s.a.w.), in Medina besonders enge Beziehungen. Zufällig verstarb sein Vater während einer Handelsreise gerade in Medina und wurde dort beigesetzt. Als der Gesandte (s.a.w.) erst fünf Jahre alt war, nahm seine Mutter Āmina ihn mit nach Medina, um Verwandte zu besuchen und das Grab ihres Mannes zu sehen. Dort hielt sie sich einen Monat lang auf. Sie wohnten in Darun Nabega. Als er nach der Hidschra nach Medina kam, erinnerte er sich an jene Begebenheit von vor 47 Jahren. Bei Zusammenkünften sagte er gelegentlich: „Im Haus meines Onkels gab es ein Mädchen namens Anisa, das meine Spielgefährtin war. Ein Vogel pflegte sich auf der Burg niederzulassen, und die Jungen und Mädchen scheuchten ihn wieder fort. Meine Mutter saß in jenem Raum an dieser Stelle, und das Grab meines Vaters befand sich dort.“ Der Gesandte (s.a.w.) berichtete außerdem, dass er in einem Teich der Banu Nadschdschār sehr gut schwimmen gelernt hatte. Auf der Rückreise von dieser Reise nach Mekka verstarb seine Mutter an einem Ort namens Abwāʾ.

Es versteht sich von selbst, dass diese Beziehung später, als sich eine Verbindung zwischen Medina und der islamischen Bewegung zu entwickeln begann, sicherlich darauf Einfluss ausübte. Die Bewohner Medinas, insbesondere die Angehörigen der Banu Nadschdschār, betrachteten ihn als einen nahen Verwandten, und die Banu Nadschdschār waren besonders eifrig darin, ihn willkommen zu heißen. Die kleinen Mädchen dieses Stammes begrüßten ihn mit Gesängen.

3. Das Verhältnis durch das Stillen

Nach seiner Geburt wurde der Gesandte (s.a.w.) einige Tage lang von Sawbija, der Sklavin Abū Lahabs, gestillt. Die Ehre, seine dauerhafte Amme zu werden, wurde Halima Saʿdija aus dem Stamm der Hawāzin zuteil. Halimas ältere Tochter Hadhāfa (mit dem Kosenamen asch-Schammāʾ) hatte sich in ihrer Kindheit um den Gesandten (s.a.w.) gekümmert. Als Hadhāfa im Krieg von Hunain als Gefangene herbeigebracht wurde, sagte sie zu den Wachen: „Ich bin doch die Schwester eures Anführers.“ Als sie zum Gesandten (s.a.w.) gebracht wurde, empfing er sie freudig. Er breitete vor ihr seinen Umhang aus. Von Gefühlen überwältigt sagte er: „Wenn du möchtest, kannst du auch hier bei mir bleiben; wenn du möchtest, werde ich dich zu deinem Stamm bringen lassen.“ Als sie den Wunsch äußerte, zu ihrem Stamm zurückzukehren, verabschiedete der Gesandte (s.a.w.) sie mit zahlreichen Geschenken. Auch sie nahm den Islam an.

Unter Berufung auf dieses Verhältnis zu seiner Amme bat der Stamm der Hawāzin nach dem Krieg von Hunain um die Freilassung seiner Gefangenen. Er ließ sofort sämtliche Gefangenen aus dem Stamm der Haschim frei, und seinem Beispiel folgend ließen auch die Gefährten ihre jeweiligen Gefangenen frei.

4. Die Verheiratung seiner eigenen Töchter

Zainab wurde noch in Mekka mit Abū al-ʿĀs verheiratet. Die Mutter Abū al-ʿĀs’ war die Halbschwester der ehrwürdigen Chadidscha. Das heißt, der Gesandte (s.a.w.) war sein Onkel mütterlicherseits. Zainab nahm den Islam an und wanderte nach Medina aus. Danach nahm auch ihr Ehemann Abū al-ʿĀs den Islam an und kam nach Medina. Ihre frühere eheliche Beziehung blieb bestehen. Zwischen den Eheleuten bestand eine tiefe innige Beziehung. Obwohl die Mekkaner ihn sogar unter Druck setzten, sich scheiden zu lassen, ließ Abū al-ʿĀs sich nicht von Zainab scheiden. Aus diesem Grund wurde Abū al-ʿĀs, als er noch Ungläubiger war, mit Zustimmung der Muslime ohne Lösegeld freigelassen, und die von ihm beschlagnahmten Handelswaren wurden ihm zurückgegeben.

Auch Ruqajja wurde in Mekka mit dem ehrwürdigen ʿUthmān verheiratet. Dieses Ehepaar wanderte als erstes gemeinsam aus. Als Ruqajja im zweiten Jahr nach der Hidschra starb, verheiratete der Gesandte (s.a.w.) im dritten Jahr nach der Hidschra auf Allahs Anweisung auch Umm Kulthūm mit dem ehrwürdigen ʿUthmān. Weil er nacheinander zwei Töchter heiratete, wurde er „Dhu an-Nurain“ genannt. Der Gesandte (s.a.w.) verheiratete die ehrwürdige Fātima mit dem ehrwürdigen ʿAlī. Abgesehen von Abū al-ʿĀs waren diese beiden führenden Männer der islamischen Bewegung nicht nur durch ihre Abstammungsbeziehungen enge Gefährten des Gesandten (s.a.w.), sondern auch durch die Ehe mit ihm eng verwandt. Diese Verwandtschaft war bei der Durchführung der gewaltigen Aufgaben der islamischen Bewegung hilfreich.

5. Die ehelichen Beziehungen des Gesandten (s.a.)

Da die fanatischen, islamfeindlichen westlichen Philosophen in Bezug auf die ehelichen Beziehungen des Gesandten (s.a.) viele Einwände erhoben haben, senkt eine Gruppe unter uns beschämt den Kopf angesichts dieser Tatsache. Sie denken: Der Gesandte (s.a.) hat so viele Ehen geschlossen, und der Islam hat die Mehrehe erlaubt – wo sollen wir diese Schande nur verstecken? Deshalb möchte ich dieses Thema durch eine kurze Erörterung etwas erläutern.

Als Erstes muss man sich unauslöschlich einprägen, dass die erste Epoche der Menschheitsgeschichte eine Zeit der Bevölkerungsvermehrung war. Wir sehen diese Epoche bis zur Zeit des Gesandten (s.a.) fortdauern. Weite Landstriche waren damals menschenleer und unbebaut. Auch die Möglichkeiten zur Erzeugung von Lebensunterhalt lagen offen und ungenutzt da. Daher war der Antrieb zur Vermehrung der Menschheit ganz natürlich außerordentlich stark. Aus diesem Grund war die Vielehe, ganz gleich, welche Zivilisation oder Religion jener Zeit man betrachtet, weit verbreitet. Auch die von Allah erlassenen Bestimmungen der Scharia erlaubten sie. Nur bei sehr wenigen Propheten findet man, dass sie mehrere Ehen geschlossen und Haus und Familie aufgegeben hätten, um sich ständig der Einladung zum Din zu widmen. Die meisten Propheten jedoch führten ein Familienleben, und zwar in umfassender Weise. Der Gesandte (s.a.) lebte im letzten Abschnitt jener Epoche der Bevölkerungsvermehrung und der Vielehe. Erst zu seiner Zeit erging von Allah die Anweisung, die Zahl der Mehrehen zu begrenzen. [Durch diese Anweisung wurde die Höchstzahl mehrerer Ehen auf vier festgesetzt; zugleich wurde unter der strengen Bedingung der Gerechtigkeit die Einehe empfohlen. Dennoch gibt und wird es mehrere Gründe geben. Der erste Grund ist beispielsweise, dass der Islam sexuelle Zügellosigkeit und Unzucht vollständig unterbinden will und dafür strenge Strafen vorgesehen hat. Unter solchen Umständen war es notwendig, jenen Menschen die Möglichkeit zu mehreren Ehen zu geben, die eine besonders starke sexuelle Kraft besitzen. Die Missachtung dieses tatsächlichen Bedürfnisses in den westlichen Ländern hat dazu geführt, dass die Möglichkeit geschaffen wurde, neben einer Ehefrau viele Geliebte zu halten. Darüber hinaus wurde auch die Prostitution eingeführt und hat sich derart weit verbreitet, dass es inzwischen schwer geworden ist, ihr zu entkommen. Sogar unter dem Namen „freie Liebe“ herrscht ein solcher Aufruhr einvernehmlicher Unzucht, dass die islamische Ordnung der Mehrehe im Vergleich dazu gewiss um ein Vielfaches vorzuziehen erscheint. Der zweite Grund ist, dass der Wunsch nach Kindern in bestimmten Fällen zu mehreren Ehen zwingt. Der dritte Grund kann eine dauerhafte Krankheit der Ehefrau sein. In einer solchen Situation kann der Ehemann seine natürlichen Bedürfnisse befriedigen, ohne die kranke Ehefrau zu scheiden und sie dadurch ins Unglück zu stürzen. Der vierte Grund ist, dass sich Stammes- und Familienpolitik, die Stärkung der Macht, die Fortsetzung von Vergeltung, Erbschaftsstreitigkeiten sowie die Wiedereingliederung von Waisen und Witwen häufig durch eine Ehe lösen lassen. Es gibt viele Beispiele dafür, dass die Mehrehe in alter wie in neuer Zeit zuweilen als einziges Mittel zur Erlangung staatlicher Stabilität erfolgreich war.] Die Ehen, die der Gesandte (s.a.) schloss, schloss er aufgrund einer besonderen Erlaubnis von Allah.

Zweitens schloss der Gesandte (s.a.) die meisten seiner Ehen nicht zur Befriedigung sexueller Wünsche, sondern zum Wohl der islamischen Bewegung, des Landes und des Volkes. Diese Ehen waren hauptsächlich politischer Natur. Der Gesandte (s.a.) sagte selbst: „Ich brauche keine Frau.“ (Darimi) Das bedeutet: Nicht ein bloßer sexueller Drang bewegte mich dazu, eine Frau zu heiraten. Tatsächlich schloss der Gesandte (s.a.) im eigentlichen Sinne nur zwei Ehen: eine mit Chadidscha und die zweite mit Aischa. Hinter den übrigen Ehen standen einige äußerst notwendige gesellschaftliche Erfordernisse. Um diese Erfordernisse zu erfüllen, nahm der Gesandte (s.a.) für die Menschheit Opfer auf sich und lud seinem ohnehin äußerst geschäftigen Leben und seiner sehr ärmlichen wirtschaftlichen Lage eine gewaltige zusätzliche Last auf.

Hier ist zu beachten: Kann man über einen jungen Mann, der bis zum Alter von 25 Jahren ein unvergleichliches Beispiel für Selbstbeherrschung, Anstand und Schamhaftigkeit gab – und dies in einer Gesellschaft, in der Alkohol und Unzucht zu einem Merkmal der Kultur geworden waren –, der nach seinem 25. Lebensjahr nicht nach gewöhnlichen hedonistischen Neigungen irgendeine aufblühende junge Frau, sondern eine vierzigjährige Witwe wählte, nur weil dies der Verwirklichung seines Lebensziels förderlicher war, und anschließend die besten 25 Jahre seines Lebens mit derselben Frau verbrachte und dabei das fünfzigste Lebensjahr vollendete, eine so niedrige Vorstellung haben, wie sie von den Einwendern gehegt wird? Außerdem ist zu beachten, dass die Zeit, in der sich die Zahl seiner Ehen häufte, in seinem Leben zwischen dem 55. und 59. Lebensjahr lag; und in einem heißen Land wie Arabien beginnt die sexuelle Erregung in diesem Alter nachzulassen. Betrachten wir andererseits das Alter seiner Ehefrauen: Mit Ausnahme von zweien waren alle bei ihrer Heirat über 20 Jahre alt. Fünf von ihnen waren sogar zwischen 36 und 50 Jahre alt. Die Frage lautet also: Hatte der Gesandte (s.a.) etwa einen Mangel an jungen und schönen Frauen?

Diejenigen, die solche Einwände erheben, hätten bedenken sollen, welch große Verantwortung er auf seine Schultern genommen hatte. Weder hatte er tagsüber auch nur einen Augenblick der Ruhe, noch nachts auch nur einen Augenblick der Erholung. Er gab den Menschen die große und segensreiche Bestimmung der Verhüllung – auch über diese Bestimmung rümpfen die Europäer die Nase – und lehrte die Menschen, ihren Blick und ihr Herz zu beherrschen. Der größte Teil seiner Zeit verging mit dem Nachdenken über die Probleme von Gesellschaft und Staat, und auch nachts schwollen seine Füße an, während er in den stillen Stunden im Gebet stand. Wie kann man über einen solchen Menschen all jene törichten Dinge denken?

Außerdem sind an ihm keinerlei charakteristische Merkmale genussliebender Könige, Herrscher und Eroberer zu erkennen. Er war weder ein Unterdrücker noch ein Despot. Auch an Alkohol, Musik und kostbarer Kleidung hatte er keinerlei Interesse. Vielmehr reinigte er die menschliche Gesellschaft von all diesen hedonistischen Vergnügungen. Er versorgte seine Ehefrauen weder mit Mitteln zu einem Leben in Luxus und Bequemlichkeit noch schmückte er sie mit Seide und Goldschmuck. Vielmehr übertrug er auch auf sie sämtliche Merkmale seines asketischen Lebens. Er verwöhnte sie niemals so sehr, dass die Erlangung ihrer Zufriedenheit Vorrang vor den Interessen der Bewegung erhalten oder die Aufgabe selbst kleinster Grundsätze erforderlich werden konnte. Vielmehr wies er sie in solchen Fällen streng zurecht. Als sie einmal eine Verbesserung ihres Lebensunterhalts forderten, sagte er ihnen sogar ganz offen: Wenn ihr unter diesen ärmlichen Verhältnissen bei mir bleiben könnt, dann bleibt; andernfalls bin ich bereit, euch zu entlassen. Widerlegen all diese Umstände zusammengenommen nicht diesen haltlosen Einwand?

Hinter den mehreren Ehen des Gesandten (s.a.) standen folgende besondere Notwendigkeiten: Ein Merkmal der Stammesgesellschaft ist, dass der Kreis der Abstammungsaristokratie sehr begrenzt ist und seine Grenzen sehr fest gezogen werden. Das Stammesdenken unterscheidet mit äußerster Schärfe zwischen den Eigenen und den Fremden. Unter solchen Umständen bedarf es zur Verbindung unzähliger verstreuter Stämme, neben einer weltumspannenden Lehre, auch einer Führerpersönlichkeit, die zwar nicht allen, aber doch den meisten bedeutenden Stämmen lieb und vertraut ist. In Arabien war es für jemanden, der tatsächlich reformerische und aufbauende Arbeit leisten wollte, überhaupt nicht möglich, dies zu tun, wenn er nicht selbst einem angesehenen Stamm angehörte. Um diese Aufgabe zum Erfolg zu führen, waren jedoch stammesübergreifende Beziehungen notwendig, und zur Erfüllung dieses politischen Bedürfnisses erwiesen sich eheliche Beziehungen in bestimmten Fällen als erfolgreich.

Nehmen wir zum Beispiel Umm al-Mu’minin Hazrat Dschuwairiya. Sie war eine Frau aus dem Stamm der Banu al-Mustaliq. Der gesamte Stamm war äußerst mächtig und für Raub und Plünderungen berüchtigt. Hazrat Dschuwairiyas eigener Vater war ein furchterregender Räuberhauptmann. Dieser Stamm begann vom ersten Tag an eine erbitterte Feindschaft gegen die islamische Regierung. Sie waren weder bereit, irgendeine Ordnung anzuerkennen, noch einem Friedensvertrag zuzustimmen. Vielmehr waren sie jederzeit bereit, sich in jeder Angelegenheit der islamischen Regierung erbittert entgegenzustellen. Schließlich wurde diese Macht durch militärische Maßnahmen bezwungen. Hazrat Dschuwairiya kam als Gefangene. Als sie danach den Gesandten (s.a.) heiratete, wurden alle Gefangenen dieses Stammes freigelassen. Die muslimischen Soldaten dachten: Sie sind nun mit der Familie des Schwiegervaters des Gesandten (s.a.) verwandt; man kann sie nicht gefangen halten. Sehen Sie den Segen dieser Ehe: Jeder Angehörige des Stammes gab den Raub auf und wurde friedliebend sowie gesetzestreu. Denn der Herrscher von Medina war nun ihr naher Verwandter. Unter diesen Umständen konnten sie solche Taten nicht mehr begehen.

Nehmen wir in ähnlicher Weise den Fall von Umm al-Mu’minin Hazrat Maimuna. Die Region Nadschd war politisch von außerordentlicher Bedeutung, denn eine Handelsroute der Quraisch zum Irak führte durch die Region Nadschd. Doch dort erwies sich der Aufruf zum Islam als völlig wirkungslos. Die Bewohner dieser Gegend hatten eine aus 70 Mitgliedern bestehende Gruppe von Da’wa-Gesandten getötet. Außerdem hatten die Bewohner Nadschds wiederholt Verschwörungen gegen den Islam geschmiedet. Hazrat Maimuna war die Schwester der Ehefrau des Oberhaupts von Nadschd. Mit ihrer Heirat mit dem Gesandten (s.a.) veränderte sich die Lage, und Nadschd geriet zunehmend unter den Einfluss Medinas. Zudem heirateten mehrere ihrer Schwestern hochangesehene Stammesoberhäupter.

Ähnlich verhält es sich mit Umm al-Mu’minin Umm Habiba. Sie war die Tochter von Abu Sufyan, dem führenden Oberhaupt der Quraisch. Nach dieser Ehe zog Abu Sufyan nicht mehr ins Feld, um gegen die Muslime zu kämpfen. Diese Ehe minderte nicht nur die Heftigkeit von Abu Sufyans Feindschaft, sondern ebnete auch in erheblichem Maße den Weg zur Eroberung Mekkas.

Betrachten wir in ähnlicher Weise den Fall von Hazrat Safiyya. Sie war die Tochter von Huyayy ibn Akhtab, einem führenden jüdischen Stammesoberhaupt. Nachdem sie den Gesandten (s.a.) geheiratet hatte, ließ die Heftigkeit des Widerstands der Juden so stark nach, dass sie nicht mehr den Mut aufbrachten, sich erneut aufzulehnen. Hazrat Safiyya unterstützte ihre jüdischen Verwandten mit finanziellen Mitteln, und zwar mit der Erlaubnis des Gesandten (s.a.).

Zu den Hintergründen der Heirat von Hazrat Hafsa gehörte neben anderen Gründen auch Folgendes: Von den herausragenden Gefährten, die der Gesandte (s.a.) zur Bildung der islamischen Gesellschaft zu seinen engsten Beratern gemacht hatte, waren vier die bedeutendsten. Er heiratete Hazrat Aischa, die Tochter Abu Bakrs, verheiratete seine eigene Tochter Fatima mit Hazrat Ali, gab zwei seiner Töchter nacheinander Hazrat Uthman zur Frau und heiratete selbst Hafsa, die Tochter Hazrat Umars. Hazrat Umar konnte nicht außerhalb dieses Verwandtschaftskreises bleiben. Auf diese Weise band er die künftigen Führer fest an sich.

Hazrat Sawda bint Zam’a war eine Tochter der Banu Nadschdschар von Medina. Ihre erste Ehe schloss sie mit Sakran ibn Amr. Sakrans Bruder war Suhail ibn Amr, der Vertreter der Quraisch beim Vertrag von Hudaybiyya. Als Sakran starb, heiratete der Gesandte (s.a.) dessen verwitwete Schwägerin, die fünfzigjährige Sawda, um seine Beziehung zu Suhail zu festigen. Nach dem Tod Hazrat Chadidschas linderte der Gesandte (s.a.) durch diese Ehe auch seine eigene Einsamkeit.

Der Gesandte (s.a.) hatte bei seinen Eheschließungen auch die Erfüllung eines weiteren unvermeidlichen Bedürfnisses im Blick. Es bestand darin, dass neben den Männern auch unter den Frauen durch Frauen selbst die Da’wa-Arbeit verbreitet und zu diesem Zweck einige weibliche Anführerinnen und Mitarbeiterinnen herangebildet wurden. Um dieses Bedürfnis unter Wahrung des islamischen Schleiersystems zu erfüllen, war es für ihn notwendig, mehrere Ehen zu schließen; ebenso war es unerlässlich, seine Ehefrauen mit der Verbreitung des Aufrufs zum Islam und der religiösen Unterweisung unter den Frauen zu beauftragen. Im Zusammenhang mit diesem Bedürfnis wird im Koran den Ehefrauen und Töchtern des Gesandten (s.a.) besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Hazrat Aischa, Hazrat Hafsa und Hazrat Umm Salama erlangten die Fähigkeit, unter den Frauen bei der Verbreitung der Da’wa und der religiösen Bildung eine führende Rolle einzunehmen. Die anderen Ehefrauen stellten sich der Frauenwelt in moralischer Hinsicht als nachahmenswerte Vorbilder dar.

Manchmal musste der Gesandte (s.a.) auch heiraten, um die Gefühle der anderen Seite zu schonen. So hatte er seine Cousine Hazrat Zaynab bint Dschahsch nach vielen Bitten mit Zayd ibn Haritha verheiratet. Damit sollten die engen Schranken des adligen Geburtsstandes aufgebrochen werden. Unglücklicherweise scheiterte diese Ehe jedoch, und es kam zur Scheidung. Dass Hazrat Zaynab dadurch zutiefst verletzt wurde, bedarf keiner weiteren Erklärung; deshalb empfand der Gesandte (s.a.) sich selbst als teilweise dafür verantwortlich. Die beste Lösung für dieses Problem bestand darin, Zaynab zu heiraten. Dem stand jedoch ein falscher Aberglaube aus der Zeit der Unwissenheit entgegen. In der damaligen Gesellschaft wurde ein Adoptivsohn wie ein leiblicher Sohn betrachtet. Der Gesandte (s.a.) hatte Zayd ibn Haritha den Rang eines eigenen Sohnes verliehen. Daher galt es als unzulässig und gegen die Sitte verstoßend, seine geschiedene Frau zu heiraten. Allah schaffte diese Sitte ab und ließ Zaynab den Gesandten (s.a.) heiraten.

Vor kurzem habe ich die politische Zweckmäßigkeit der Heirat des Gesandten (s.a.) mit Umm Habiba bint Abu Sufyan dargelegt. Hinter dieser Heirat stand jedoch auch der Wunsch, ein gebrochenes Herz zu trösten. Sie war mit Ubaydullah verheiratet und wanderte gemeinsam mit ihm nach Abessinien aus. Dort wurde ihr Ehemann Christ und starb schließlich an seiner Alkoholsucht. Umm Habiba blieb dem Islam treu. Doch der Abfall ihres Mannes vom Islam und sein Tod während ihres Exils waren für sie zutiefst schmerzlich. Daher sandte der Gesandte (s.a.) Amr ibn Umayya ad-Damri als Sondergesandten zum Negus und ließ ihm durch ihn einen Heiratsantrag übermitteln. Umm Habiba war so glücklich, dass sie die königliche Sklavin, die ihr die frohe Botschaft überbrachte, mit ihrem eigenen Schmuck beschenkte. Der König Negus selbst vollzog die Eheschließung. Umm Habiba ernannte ihren Cousin mütterlicherseits, Khalid ibn Sa’id, zu ihrem Bevollmächtigten. Der Negus selbst entrichtete eine Brautgabe von vierhundert Dinaren und veranstaltete ein Festmahl. Aus einigen Überlieferungen ist bekannt, dass die Eheschließung in Medina erneut vollzogen und dort ein Hochzeitsmahl veranstaltet wurde.

Ebenso war Umm al-Masakin, Zaynab bint Khuzayma ibn al-Harith al-Hilaliyya (Banu Bakr), die Ehefrau von Abdullah ibn Jahsh, dem Cousin des Gesandten (s.a.) väterlicherseits. Nachdem er in der Schlacht von Uhud als Märtyrer gefallen war, heiratete der Gesandte (s.a.) sie. Dies war ein rein familiäres Ereignis; neben dem Trost für ihr gebrochenes Herz wurde dabei auch der familiäre Aspekt berücksichtigt.

Der Gesandte (s.a.) schloss insgesamt elf Ehen. Überlieferungen, in denen von mehr Ehen die Rede ist, sind nicht zuverlässig. Unter ihnen starb Hadidscha vor der Hidschra (im zehnten Jahr der Prophetie), und Zaynab bint Khuzayma verstarb im dritten Jahr nach der Hidschra, nur drei Monate nach ihrer Heirat. Im hohen Alter des Gesandten (s.a.) lebten gleichzeitig neun Ehefrauen. Eine von ihnen, Sawda, hatte aufgrund ihres hohen Alters die körperlichen Wünsche und Begierden bereits hinter sich gelassen. Danach heiratete der Gesandte (s.a.) aufgrund eines von Allah erlassenen Verbots niemanden mehr. Im Vergleich zu den gewöhnlichen Muslimen galt für ihn in rechtlicher Hinsicht eine Ausnahme. Den gewöhnlichen Muslimen war vorgeschrieben, eine Ehefrau zu scheiden, wenn sie mehr als vier Ehefrauen hatten. Dem Gesandten (s.a.) jedoch wurde erlaubt, zusätzliche Ehefrauen bei sich zu behalten. Der Grund für diese Ausnahme war, dass seine Ehefrauen aufgrund religiöser Erfordernisse als Umm al-Mu’minin, Mütter der Gläubigen, bezeichnet und der Kategorie der für andere verbotenen Ehefrauen zugeordnet worden waren. Wenn der Gesandte (s.a.) damals eine von ihnen geschieden hätte, wäre sie völlig schutzlos gewesen.

Betrachten wir nun die politische Bedeutung der Ehen des Gesandten (s.a.). Um das Ausmaß der Freundschaften zu verdeutlichen, die der Gesandte (s.a.) durch diese Ehen einerseits mit den Stämmen in Mekka und den Auswanderern und andererseits mit den übrigen Stämmen knüpfte, führe ich die Namen der betreffenden Stämme an:

(1) Banu Asad ibn Abd al-Uzza (2) Banu Amir (3) Banu Tamim (4) Banu Adi (5) Banu Makhzum (6) Banu Umayya (7) Banu Asad ibn Khuzayma (8) Banu Mustaliq (9) die arabischen jüdischen Gemeinschaften (10) Banu Kilab (11) Banu Kinda.

Wenn man die Gebiete all dieser Stämme unter geografischen Gesichtspunkten betrachtet, wird deutlich, dass sich die Persönlichkeit des Gesandten (s.a.) in Wirklichkeit zu einer überstammesbezogenen Persönlichkeit entwickelt hatte. Für die großen Stämme nahm er die Gestalt einer zentralen Persönlichkeit an und war dadurch geeignet, das Bedürfnis nach einer allumfassenden Einheit zu erfüllen, das für die islamische Bewegung entstanden war. Diese ehelichen Beziehungen machten aufkeimende aufständische Bestrebungen bereits im Keim zunichte. Selbst viele seit Generationen bestehende Feindschaften wurden dadurch beendet. Nun sollte man bedenken: Wenn die Polygamie im Stammesumfeld Arabiens dazu beiträgt, die von der gesamten Menschheit ersehnte gerechte Ordnung, Sicherheitsordnung und weltweite Brüderlichkeit zu verwirklichen, warum sollte sie dann nicht praktiziert werden? Und was ist der Grund für ein solches Aufheben darum?

Bei genauerer Betrachtung wird man in Wahrheit erkennen, dass es ein gewaltiges Opfer des Gesandten (s.a.) war: Zum Wohl der Menschen nahm er neben seinen unzähligen Verpflichtungen im hohen Alter eine derart große eheliche Last auf sich und erfüllte trotz seiner Armut unter großen Mühen die Verpflichtung, seine Familie zu versorgen. Kein vernünftig denkender Mensch kann sich vorstellen, dass es irgendjemandem unter den genannten Umständen nach diesen Eheschließungen möglich gewesen wäre, ein Leben des Vergnügens zu führen oder auch nur einen Augenblick der Ruhe zu genießen. Deshalb habe ich gesagt, dass der Gesandte (s.a.) durch diese zahlreichen Ehen um seines erhabenen Ziels und seiner großen Absicht willen in Wirklichkeit ein außerordentliches Opfer gebracht hat.

Man kann sagen, dass die umfassenden persönlichen Beziehungen, die der Gesandte (s.a.) dadurch aufbaute, den Weg zum politischen Erfolg und Sieg der islamischen Bewegung ebneten und beschleunigten und es den Menschen erleichterten, sich dem Islam zuzuwenden.

 

Der spontane Vormarsch der Massen

Wie jede revolutionäre idealistische Bewegung lässt sich auch die vom Gesandten (s.a.) geleitete Bewegung in zwei große Phasen einteilen. In der ersten Phase ging die islamische Bewegung selbst von Tür zu Tür und rief die Menschen zu sich. In der zweiten Phase schritt das Volk aus eigener Initiative und spontan voran, klopfte an die Tür des Islam und sagte: „Wir möchten eintreten.“ Diese letztgenannte Phase war die Phase der Ausbreitung. Wenn diese Phase eintritt, endet jeder Widerstand, und jede negative Haltung flieht vom Feld. Doch bis diese Phase erreicht war, hatten der Gesandte (s.a.) und seine Gefährten große Mühsal ertragen und sich unermüdlich abgemüht. Auf dem Gebiet der theoretischen Daʿwa bewiesen sie einerseits, dass die Kraft der Argumente und Beweise auf unserer Seite liegt. Auf dem Gebiet der Moral stellten sie andererseits in unbestreitbarer Weise praktisch unter Beweis, dass das vom Islam geformte Modell der Menschlichkeit und des Menschseins das vorzüglichste Modell ist. Drittens zeigten sie auch hinsichtlich politischer Fähigkeit, Umsicht und Geschicklichkeit, dass wir wissen, wie man mit der zeitgenössischen Gesellschaft umgeht. Viertens bewiesen sie auf dem Schlachtfeld, dass wir wissen, wie man die Mauern des Widerstands durchbricht und die Unterdrücker stürzt. Der Gesandte (s.a.) und seine Gefährten versetzten die Herzen der Menschen mit großer Kraft in Bewegung, erschütterten und bewegten sie, gewannen ihre Gefühle für sich, nahmen die glücklichen Seelen, die sich ihrer Auffassung anschlossen, an ihre Brust, schlossen die friedliebenden Stämme in den Rahmen von Friedens- und Waffenstillstandsverträgen ein und machten den Weg frei, indem sie die Macht jener Feinde brachen, die den Krieg wollten. Erst nachdem all dies geschehen war, kam der Zeitpunkt, an dem die Menschen von allen Seiten nach Medina, dem Mittelpunkt neuer Hoffnung, strömten.

Diese Phase oder Epoche beginnt mit dem „ʿĀm al-Wufūd“, dem „Jahr der Ankunft der Delegationen“, also mit jenem Jahr, in dem Delegationen aus verschiedenen Regionen und von verschiedenen Stämmen Arabiens kamen, um den Islam anzunehmen, politische Loyalität zu geloben oder einfach Nachforschungen anzustellen und die Lage zu verstehen. Zu dieser Zeit war überall ein Durst nach dem Islam entstanden, und es herrschten Aufregung und Bewegung. Diese Zeit erstreckte sich vom Sieg über Mekka an über drei Jahre, das heißt über das 9. und 10. Jahr der Hidschra. Man kann sagen, dass diese Zeit die Erntezeit der vom Befreier der Menschheit (s.a.) gesäten Saat war. Obwohl wir uns kurz fassen möchten, ist dieses Kapitel aus dem Leben des Propheten so bedeutsam, dass eine Erörterung der Delegationen unvermeidlich ist. Denn in der Ankunft der Delegationen, den Gesprächen und ihren Reaktionen lagen äußerst wichtige lehrreiche Aspekte. Aus diesem Bericht wird auch ersichtlich werden, wie die Menschenmassen zum Gesandten (s.a.) strömten. In verschiedenen Büchern über die Sira wird die Zahl der nach Medina gekommenen Delegationen mit mindestens 15 und höchstens 104 angegeben. Von all diesen Gruppen werden wir die Berichte über einige der wichtigsten darlegen und auch darunter nur einige ausführlicher behandeln. Es sei erwähnt, dass die Ankunft der Delegationen zwar nach dem Sieg über Mekka im 8. Jahr der Hidschra in großem Umfang begann, die Ankunft ein oder zweier Delegationen jedoch bereits im 5. Jahr der Hidschra eingesetzt hatte. Deshalb beginnen wir bei dieser Zeit:

1. Die Delegation des Stammes Muzaina

Dies war ein großer Stamm. Schon etwas weiter oben traf seine Abstammungslinie auf die der Quraisch. Der berühmte Gefährte Nuʿmān ibn Muqarrin stammte aus diesem Stamm. Im 5. Jahr der Hidschra erschienen etwa vierhundert Angehörige dieses Stammes beim Gesandten (s.a.) und nahmen den Islam an. Wahrscheinlich war dies die allererste Delegation, die nach Medina kam. Bei ihrer Rückkehr aus Medina erhielten sie reichlich Datteln als Reiseproviant.

2. Die Delegation des Stammes Banū Tamīm

Auch diese Delegation kam in der frühen Zeit mit großem Pomp. Zu ihr gehörten die bedeutendsten Führer des Stammes: Aqraʿ ibn Ḥābis, Zabāriqān, ʿAmr ibn al-Ahtam, Nuʿaim ibn Yazīd und ʿUyayna ibn Ḥiṣn al-Fazārī. Ihre Ankunft ließ in Medina eine festliche Atmosphäre entstehen und sorgte für große Aufregung. Als sie die Moschee betraten, gingen sie auf recht unhöfliche Weise in die Nähe der Gemächer des Gesandten (s.a.) und riefen laut: „O Muhammad, Muhammad (s.a.)! Komm heraus!“ Anlässlich dieses Ereignisses wurde die Sure al-Ḥuǧurāt offenbart und den Muslimen höfliches und kultiviertes Verhalten gelehrt. Obwohl sie mit der Absicht, den Islam anzunehmen, von zu Hause aufgebrochen waren, war ihr arabisches Standesbewusstsein in ihrem Wesen noch ungebrochen. Sie äußerten den Wunsch, dass zwischen den Rednern und Dichtern beider Seiten ein offener Wettstreit stattfinden solle. Tatsächlich lag es in der Natur der Stämme der arabischen Oberschicht, dass sie die Führung eines Menschen nicht anerkennen konnten, solange sie ihn hinsichtlich Verstand, Intellekt und Talent nicht als überlegen betrachteten. Daher nahm der Gesandte (s.a.) diesen Vorschlag zu einem Wettstreit der Fähigkeiten an, da er ihn für segensreich hielt.

Der berühmte Redner des Stammes Banū Tamīm war ʿĀṭārid ibn Ḥāǧib. Er hielt eine eindrucksvolle Ansprache, in der er die Überlegenheit, das Ansehen, den Reichtum und die zahlenmäßige Stärke seines Stammes pries. Am Ende der Ansprache sagte er: „Diejenigen, die Anspruch darauf erheben, uns ebenbürtig zu sein, sollen solche Fähigkeiten und Talente unter Beweis stellen.“

Auf einen Wink des Gesandten (s.) erhob sich ein Redner der islamischen Bewegung, Thābit ibn Qais, um eine Gegenrede zu halten. In einer mitreißenden Ansprache stellte er die qualitative Überlegenheit der islamischen Bewegung heraus, brachte den Aspekt ihrer Daʿwa besonders eindringlich zur Geltung und bezeichnete ihn als die wichtigste Quelle des Ruhmes der islamischen Gesellschaft.

Danach trug der berühmte Dichter des Banū Tamīm, Zibarqān ibn Badr, ein Gedicht vor. Eine seiner Zeilen lautete:

„Wir sind die Allerbesten. Niemand ist uns ebenbürtig. Unter uns gibt es Könige. Wir errichten Gotteshäuser.“

Der revolutionäre Dichter der islamischen Bewegung, Hassān ibn Thābit, war zu dieser Zeit nicht anwesend. Er wurde herbeigerufen. Der Gesandte (s.) sagte: „Erhebe dich, Hassān, und erwidere das Gedicht dieses Dichters.“ Das Gedicht, das Hassān als Antwort vortrug, ist von Ibn Hischām überliefert worden. Die Delegation räumte ein, dass der Dichter und der Redner des Gesandten (s.) ihrem eigenen Redner und Dichter überlegen waren. Daraufhin nahm die gesamte Delegation den Islam an.

3. Die Delegation des Banū ʿAbd al-Qais

Durch Munqidh ibn Hayyān hatte die Verkündigung des Islam in Bahrain bereits zuvor begonnen. Allmählich breitete sich der Islam immer weiter aus. Im fünften Jahr nach der Hidschra kam eine Delegation von dreizehn Personen nach Medina. Als sie auf die Frage des Gesandten (s.) antworteten, sie gehörten zum Stamm Rabīʿa, empfing er sie freudig. Sie sagten: „Wir wohnen in einer sehr weit entfernten Gegend. Unterwegs leben die Götzendiener von Muḍar. Für uns ist es nicht sicher, außerhalb der vier heiligen Monate unterwegs zu sein. Deshalb nenne uns bitte einige klare Anweisungen, die wir und alle Angehörigen unseres Stammes befolgen können.“ Der Gesandte (s.) befahl ihnen, an die Einheit Gottes zu glauben, das Gebet und das Fasten zu verrichten und ein Fünftel der Kriegsbeute auf Allahs Weg zu geben. Er verbot ihnen, Rauschgetränke herzustellen, und verhängte, unter Nennung der vier in Bahrain dafür verwendeten Gefäßarten, ein Verbot über diese Gefäße. Die Delegation war von der präzisen Kenntnis des Gesandten (s.) über die unislamischen gesellschaftlichen Bräuche Bahrains tief beeindruckt. Der Anführer einer Bewegung, die eine grundlegende Veränderung herbeiführen will, kann seine Aufgabe nicht erfüllen, wenn er keine detaillierte Kenntnis der von der Daʿwa erfassten Gebiete besitzt. Der Gesandte (s.) hatte dieses Wissen durch seine eigenen Reisen sowie von Menschen erlangt, die aus entlegenen Gegenden nach Mekka und Medina kamen.

Zu dieser Delegation gehörte auch ein Christ namens Jarūd ibn al-ʿAlā. Er sagte: „Ich folge einer anderen Religion. Können Sie mir Sicherheit gewähren, wenn ich sie aufgebe und Ihre Religion annehme?“ (Das heißt: Wird mir im Jenseits kein Unheil widerfahren?) Der Gesandte (s.) sagte: „Ja, ich gewähre dir Sicherheit. Denn die Religion, zu der ich aufrufe, ist besser als eure.“ Jarūd wurde sofort Muslim. Auch seine Glaubensgefährten nahmen den Islam an.

4. Die Delegation des Stammes Banū Saʿd

Dieser Stamm schickte Zimām ibn Thaʿlaba als seinen Gesandten nach Medina. Der berittene Gesandte betrat mit dem Auftreten eines Beduinen die Prophetenmoschee und fragte die Gefährten: „Wer unter euch ist der Nachkomme von ʿAbd al-Muttalib?“ Alle deuteten auf den Gesandten Allahs (s). Er ging zu ihm und sagte: „O Nachkomme von ʿAbd al-Muttalib, ich werde dich ganz offen einige Dinge fragen. Nimm es mir bitte nicht übel.“ Der Gesandte Allahs (s) erlaubte es ihm. Immer wieder bei Allah schwörend, fragte er ihn über den Tauḥīd, die Gesandtschaft, das Gebet, das Fasten und andere Dinge: „Lehrst du all dies?“ Der Gesandte Allahs (s) beantwortete jede Frage einzeln. Nachdem er alle Antworten erhalten hatte, sagte er: „Mein Name ist Zimām ibn Thaʿlaba. Mein Stamm hat mich geschickt. Ich werde nun gehen. Was du mir gesagt hast, nehme ich genau so an, nicht weniger und nicht mehr. Meinem Stamm werde ich ebenfalls nur dies mitteilen.“ Dann bestieg er sein Kamel und machte sich auf den Weg. Nachdem er gegangen war, sagte der Gesandte Allahs (s): „Wenn dieser Mann die Wahrheit gesagt hat, wird er ins Paradies eingehen.“

Nach seiner Rückkehr zu seinem Stamm begann er lautstark zum Islam aufzurufen und sagte: „O ihr Menschen! Ich glaube an Allah und Seinen Gesandten. Lāt und al-ʿUzzā haben keinerlei Wert.“ Die Leute versuchten, ihm Angst zu machen: „Hüte dich, dass wegen solcher Worte nicht der Fluch der Götter über dich kommt und du nicht wahnsinnig wirst oder an Lepra erkrankst.“ Zimām sagte: „Bei Allah, sie können weder Nutzen bringen noch Schaden zufügen.“ Noch vor dem Abend nahm der gesamte Stamm den Islam an.

5. Gesandtschaft des Stammes Aschʿarī (Jemen)

Aschʿarī ist ein angesehener Stamm im Jemen. Abū Mūsā al-Aschʿarī (r) gehörte diesem Stamm an. Bereits in der mekkanischen Zeit war der Ruf zum Islam durch Ṭufail ibn ʿAmr ad-Dausī und die Auswanderer aus Abessinien zu ihnen gelangt. Drei Männer, die durch diese Einladungen beeinflusst worden waren, machten sich mit dem Entschluss zur Auswanderung nach Medina auf, um beim Gesandten Allahs (s) die Lehren der Religion zu erlernen und die islamische Bewegung zu unterstützen.

Die Reise verlief auf dem Seeweg. Unterwegs geriet das Schiff in widrige Winde und legte an der Küste Abessiniens an. Dort trafen sie die erste Gruppe der Auswanderer. Nachdem sie sich einige Tage dort aufgehalten hatten, reisten sie gemeinsam mit einigen neu muslimisch gewordenen Abessiniern und mit Ǧaʿfar nach Medina weiter. Während der Eroberung von Chaibar im siebten Jahr der Hidschra trafen sie beim Gesandten Allahs (s) ein. Sie waren so von Gefühlen überwältigt, dass sie schon beim Erreichen der Grenzen Medinas zu singen begannen:

„Schon morgen werden wir mit unserem geliebten Muhammad (s) und seinen Gefährten zusammentreffen.“

Als der Gesandte Allahs (s) davon erfuhr, sagte er zu seinen Gefährten: „Zu euch kommen einige Menschen aus dem Jemen; vermutlich sind sie von äußerst sanftem Herzen. Die Jemeniten sind fest im Glauben und geschickt in ihren Methoden.“

Danach trafen sie sich, führten Gespräche und hielten eine Frage-und-Antwort-Runde ab. Ihre Annahme des Islam löste in Medina eine neue Welle der Begeisterung aus.

6. Die Delegation des Stammes Daus (Jemen)

Wie bereits erwähnt, nahm Tufail ad-Dausi schon in der frühen Mekkanischen Zeit den Islam an. Nach seiner Rückkehr zu seinem Stamm begann er mit großem Nachdruck, zur Religion einzuladen. Sein Vater und seine Ehefrau nahmen sofort den Islam an. Auch die anderen Stammesmitglieder ließen sich teilweise beeinflussen. Doch im Stamm waren moralischer Verfall und Unzucht weit verbreitet. Aufgrund von Tufails übermäßiger Energie und Emotionalität machte seine Missionsarbeit kaum Fortschritte. Daher suchte er den Gesandten (s.a.) auf, brachte verschiedene Beschwerden über seinen Stamm vor und bat ihn um ein Bittgebet. Der Gesandte (s.a.) forderte ihn auf, mit Milde und Sanftmut zur Religion einzuladen, und betete zu Allah um die Besserung des Stammes Daus. Als Tufail nun zurückkehrte und wieder mit der Einladung begann, eröffnete sich ein neuer Weg. Im fünften Jahr nach der Hidschra drang das Licht des Islam in viele Häuser ein. Im siebten Jahr nach der Hidschra wanderten achtzig Familien dieses Stammes nach Medina aus. Unter diesen Auswanderern befand sich auch eine so bedeutende Persönlichkeit wie Abu Huraira.

7. Die Delegation des Stammes Suda

Zaid ibn Haritha as-Sudai war der Erste aus diesem Stamm, der den Islam annahm, und leistete nach seiner Rückkehr in den Stamm beträchtliche Missionsarbeit. Im achten Jahr nach der Hidschra kam eine Delegation von fünfzehn Personen im Namen des gesamten Stammes zum Gesandten (s.a.). Saʿd ibn Ubada bewirtete sie. Er sorgte nicht nur für ihre Verpflegung, sondern auch für ihre Kleidung. Sie gelobten dem Gesandten (s.a.), sich der islamischen Bewegung anzuschließen, und erklärten, auch seitens ihres Stammes zur Unterstützung bereit zu sein. Nach der Rückkehr dieser Delegation wurde die Missionsarbeit zügig fortgesetzt. Während der Abschiedspilgerfahrt kamen etwa hundert Angehörige dieses Stammes nach Mekka.

Dies war der Bericht über die Delegationen, die in der Zeit vor der Eroberung Mekkas eingetroffen waren. Nach der Eroberung Mekkas strömten die Menschen von allen Seiten herbei. Im Folgenden wird nun ein kurzer Bericht über die Delegationen gegeben, die im neunten und zehnten Jahr nach der Hidschra nach Medina kamen:

8. Die Delegation von Thaqif (Taif)

Als der Gesandte (s.a.) von seiner Siegesreise nach Medina zurückkehrte, erschien Urwa ibn Masʿud ath-Thaqafi bei ihm und erklärte, dass er den Islam annehmen und dessen Verbreitung unter dem Stamm Banu Thaqif fördern wolle. Angesichts des angeborenen Hochmuts des Stammes Thaqif riet ihm der Gesandte (s.a.), vorsichtig vorzugehen, und äußerte die Befürchtung, dass sie versuchen könnten, gerade ihn zu töten. Urwa vertraute sehr auf seinen persönlichen Einfluss und seine Stellung. Daher erbat er nach vielen Bitten die Erlaubnis des Gesandten (s.a.), Missionsarbeit zu leisten. Kaum war er aus Medina zurückgekehrt, verkündete er auf dem Dach seines Hauses stehend seinen Übertritt zum Islam. Doch entgegen seiner Erwartung sah er sich von allen Seiten mit Pfeilen beschossen. Einer dieser Pfeile traf ihn, und er starb als Märtyrer. Banu Thaqif beging zwar diese grausame Tat, doch sie erschütterte zugleich ihr Gewissen zutiefst. Sie waren gezwungen, die Lage mit kühlem Verstand zu prüfen. Etwa einen Monat später beriefen sie eine Versammlung ein. Nachdem sie dort die tatsächliche Lage eingehend geprüft hatten, beschäftigte sie vor allem die Frage: Sind wir allein in der Lage, uns dem gesamten arabischen Volk entgegenzustellen, das sich dem Islam angeschlossen hat? Schließlich wurde beschlossen, einen Gesandten nach Medina zu schicken. Statt nur einen Gesandten zu entsenden, schickte man jedoch eine vollständige Delegation. Zu ihr gehörten Uthman ibn Abil-As, As ibn Auf, Bahaz ibn Chafsha (der Vertreter der Banu Malik), Hakam ibn Umar und Schurahbil ibn Gailan (der Vertreter der verbündeten Stämme). Abd Yalil, der Anführer von Taif, wurde ihr Leiter und reiste mit ihr nach Medina. Man erinnere sich daran: Derselbe Abd Yalil hatte zwölf Jahre zuvor nicht einmal die Einladung des Gesandten (s.a.) anhören wollen und hatte die Taugenichtse der Stadt auf ihn gehetzt, sodass sie ihn schwer verletzten.

Nachdem der Gesandte (s.a.) von Tabuk nach Medina zurückgekehrt war, traf diese Delegation in Medina ein. Für sie wurde in unmittelbarer Nähe der Prophetenmoschee ein Lager errichtet. Khalid ibn Saʿid wurde zum Vermittler zwischen beiden Seiten ernannt.

Dieser Sprecher stellte höchst ungewöhnliche Bedingungen. Eine dieser Bedingungen lautete, dass ihr Götzenbild al-Lāt innerhalb von drei Jahren nicht zerstört werden dürfe. Dann verkürzten sie diese Frist Schritt für Schritt auf einen Monat. Ihr Verstand wollte damals nicht akzeptieren, dass es sich lediglich um einen leblosen Stein handelte. Sie äußerten sogar die Befürchtung, ihr Götzenbild könne, wenn es erführe, dass es zerstört werden sollte, die gesamte Bevölkerung des Landes töten. ʿUmar hatte bis dahin schweigend zugehört. Doch an diesem Punkt konnte er nicht länger schweigen. Er sagte zu ʿAbd Yālīl: „Was redest du da für törichtes Zeug? Eure Götzen sind nichts anderes als Steine.“ Erregt erwiderte ʿAbd Yālīl: „Du Sohn des al-Chattāb, wir sind nicht gekommen, um mit dir zu sprechen. Wir sprechen mit dem Gesandten Allahs.“ Als der Gesandte Allahs keine einzige dieser Bedingungen akzeptierte, stellten sie notgedrungen die Bedingung, dass die Zerstörung des Götzenbildes, falls sie denn erfolgen müsse, nicht durch sie selbst vollzogen werden solle. Der Gesandte Allahs akzeptierte diese Bedingung. Danach wurden Abū Sufyān ibn Ḥarb und al-Mughīra ibn Schuʿba mit der Zerstörung des Götzenbildes beauftragt. Anschließend verlangten sie, vom Gebet befreit zu werden. Der Gesandte Allahs sagte: „In einer Religion, in der es kein Gebet gibt, liegt kein Heil.“

Einer der Mitglieder der Delegation bat außerdem: „O Gesandter Allahs, erlaube uns die Unzucht. Wir haben ja gar keine andere Möglichkeit, als Unzucht zu treiben.“ Dann sagten sie weiter: „Lasst uns weiterhin Geschäfte mit Zinsen betreiben dürfen und erlaubt uns auch den Genuss von Alkohol.“

Es wirkte, als hätte der Gesandte Allahs einen Laden eröffnet: Jeder sollte so viel Ware kaufen, wie er brauchte, und den Rest nicht kaufen. Als Antwort auf diese Forderungen begann der Gesandte Allahs, ihnen anhand von Koranversen zu erklären, dass dies die Gebote Allahs selbst seien und keine von irgendjemandem erdachten Vorschriften. Als diese ungerechten Bedingungen zurückgewiesen wurden, beriet sich die Delegation und kam zu dem Entschluss, dass auch sie eines Tages wie die Bewohner von Mekka enden würden, wenn sie das islamische Gesetz nicht annähmen. So beugten sie sich notgedrungen, und ein Vertrag wurde aufgesetzt. Der Gesandte Allahs gewährte ihnen nur in zwei Punkten eine gewisse Erleichterung: Erstens sollte von ihnen zunächst keine Zakat erhoben werden, und zweitens sollten sie nicht zur Teilnahme am Dschihad verpflichtet werden. Als der Islam jedoch in ihren Herzen fest verwurzelt war, begannen sie, alle diese Forderungen nach und nach freiwillig zu erfüllen. Selbstverständlich hatte der Gesandte Allahs genau dies gehofft.

ʿUthmān ibn Abī al-ʿĀṣ, ein Mitglied der Delegation, war ein aufrichtiger junger Mann. In seiner freien Zeit lernte und studierte er und erwarb sich umfassende Kenntnisse über den Islam und die islamischen Vorschriften. Er wurde zu ihrem Anführer ernannt. Nach ihrer Rückkehr nach Tāʾif gaben sie zunächst theatralisch eine äußerst ablehnende Haltung vor und erklärten: „Muḥammad hat uns höchst unannehmbare Bedingungen auferlegt. Macht euch deshalb für den Krieg bereit!“ Zwei Tage lang herrschte eine furchtbar angespannte Atmosphäre. Schließlich begannen die Bewohner von Tāʾif von sich aus zu sagen: „Wie sollen wir gegen Muḥammad kämpfen? Ganz Arabien folgt inzwischen seinem Befehl. Geht und nehmt alles an, was er sagt.“ Nachdem sie auf diese Weise die entsprechende Stimmung geschaffen hatten, offenbarte die Delegation die eigentliche Wahrheit. Sie sagte: „In Wirklichkeit haben wir Muḥammad in Gottesfurcht, Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Barmherzigkeit auf höchstem Niveau kennengelernt. Unsere Reise war äußerst erfolgreich.“

Abū Sufyān und al-Mughīra wurden gemeinsam mit der Delegation nach Tāʾif geschickt, um das Götzenbild zu zerstören. Als sie mit der Zerstörung begannen, warteten Männer und Frauen, Alte und Junge, mit angehaltenem Atem darauf, was denjenigen widerfahren würde, die daran beteiligt waren. Einige Frauen brachen vor Angst sogar in Tränen aus. Sie glaubten, der Himmel werde vielleicht einstürzen und auf die Erde fallen. Einige von ihnen trugen wiederholt Gedichte vor und sagten: „Weint um jene Feiglinge, die ihre Götzen den Händen des Feindes ausgeliefert und keinerlei Widerstand geleistet haben.“

In eben jenem Tāʾif, das den Gesandten Allahs einst – ebenso wie Mekka – mit Steinen beworfen und blutig geschlagen hatte, wurde nun auf sein Geheiß ihr unwissenszeitliches System vor ihren eigenen Augen in Stücke zerschlagen.

Bemerkenswert ist, dass Tāʾif – ebenso wie Mekka – eine alte Hochburg des unwissenszeitlichen Systems war. Nachdem der Gesandte Allahs die Belagerung begonnen hatte, brach er sie allein aus dem Gedanken heraus ab, dass Banū Thaqīf inmitten der landesweiten islamischen Ordnung keine eigene Insel bilden und auf Dauer bestehen konnten. Wozu also Blutvergießen? Wenn Mekka sich vor der Wahrheit gebeugt hatte, wie lange konnte Tāʾif, das Mekka unterstand, noch widerstehen? Wäre anstelle des Gesandten Allahs ein anderer kriegerischer Eroberer gewesen, hätte er, nachdem er einmal Truppen eingesetzt hatte, schon um seiner eigenen Ehre willen den Sieg im Krieg vollendet und eine Flut von Blut über Tāʾif gebracht. Doch weil der Gesandte Allahs Blutvergießen ohne zwingende Notwendigkeit nicht liebte, hob er die Belagerung auf und ließ den Feldzug unvollendet. Sein Ziel war, dass die Thaqīf später, wenn sie die Lage mit kühlem Kopf betrachteten, freiwillig den Weg des Gehorsams einschlagen würden und dies sich für eine konstruktive und reformierende Revolution als weit wirkungsvoller erweisen konnte. Später geschah es tatsächlich so.

9. Die Delegation der Banū Ḥanīfa

Diese Menschen waren Bewohner der Region al-Yamama. Durch Thumama ibn Uthal war die Einladung zum Islam zu ihnen gelangt. Danach kamen sie nach Medina, trafen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und nahmen den Islam an.

Auch der berüchtigte falsche Prophet Musailima al-Kadhdhab war mit dieser Gruppe gekommen. Er begann, allerlei Unsinn zu reden. Schließlich sagte er: „Wenn Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beschließt, mich zu seinem Nachfolger zu machen, werde ich den Islam annehmen.“ Tatsächlich war dieser Mann angesichts des außergewöhnlichen Erfolgs des Prophetentums Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von Gier ergriffen worden. Er dachte, man könne einige literarische Äußerungen als Offenbarung ausgeben und sie dann glaubwürdig erscheinen lassen, wenn er den Anspruch auf das Prophetentum erhob. Doch er verstand nicht, woher er jene charakterliche Kraft nehmen sollte, die zwanzig Jahre lang alle Berge des Widerstands überwunden hatte. Gerade wegen solcher Überlegungen kam ihm der Gedanke an ein Geschäft. Seine Haltung war: „Schließt entweder eine geschäftliche Vereinbarung mit mir, oder ich eröffne selbst einen Laden für das Prophetentum.“

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, durchschaute seine Einstellung. Er hielt eine Dattelrispe in der Hand. Darauf deutend sagte er: „Selbst unter der Bedingung, diese Dattelrispe zu erhalten, möchte ich von niemandem den Treueid entgegennehmen.“ Das heißt: Der Islam ist kein Laden, durch den jemand die Möglichkeit zu persönlichem Gewinn erlangt. Wer kommt, soll kommen, indem er die Wahrheit als Wahrheit anerkennt. Bedingungen dürfen nicht gestellt werden.

Die Delegation kehrte erfolglos zurück. Nach seiner Rückkehr erhob Musailima tatsächlich den Anspruch auf das Prophetentum. In seiner Religion waren das Gebet erlassen sowie Wein und Unzucht erlaubt.

10. Die Delegation des Stammes der Ta’i

Die Delegation des Stammes der Ta’i erschien unter der Führung von Zayd al-Khayl. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, legte ihnen den Islam dar. Die gesamte Delegation, einschließlich ihres Anführers, nahm diese Einladung von ganzem Herzen an. Zayd al-Khayl war zugleich Dichter und Redner. Außerdem war er ein tapferer Krieger. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihn lobte, sagte er: „Von allen Arabern, die vor mir gelobt wurden, fand ich bei näherem Hinsehen keinen, der diese Lobpreisungen wirklich verdiente; vielmehr besaß er weniger Vorzüge als behauptet. Zayd al-Khayl bildet jedoch eine Ausnahme. Denn in ihm habe ich mehr Tugenden gefunden, als ich über ihn gehört hatte.“

Auch Adi ibn Hatim war ein Anführer dieses Stammes. Seiner Religion nach war er Christ. In seinem Herzen hatten sich heftige Feindschaft und Abscheu gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, angesammelt. Er bereitete sich auf den Krieg vor. Als jedoch plötzlich die muslimische Armee die Region al-Yamama erreichte, floh er nach Syrien. Nachdem seine Schwester gefangen genommen und nach Medina gebracht worden war, war sie vom Verhalten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sowie von der allgemeinen charakterlichen Aufrichtigkeit der anderen zutiefst beeindruckt. Sie drängte Adi, nach Medina zu gehen und den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu treffen. Nach Ansicht mancher war Adi gemeinsam mit den Delegierten des Stammes Ta’i nach Medina gegangen. Als er Medina erreichte, suchte er die Antwort auf die Frage, ob Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein König oder ein Prophet sei. In Medina traf er den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in der Moschee. Danach verließ dieser die Moschee und ging mit Adi zu seinem eigenen Haus. Unterwegs wollte eine alte Frau mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sprechen. Er nahm sich viel Zeit für sie und hörte ihr aufmerksam zu. Zu Hause setzte er sich selbst auf den Boden und ließ Adi auf dem Sitzkissen Platz nehmen. Als Adi diese beiden Dinge sah, war er überzeugt, dass er der Gesandte Allahs und nicht bloß ein weltlicher König war. Danach bestätigten ihn auch die Worte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, noch mehr in dieser Überzeugung.

Im Verlauf des Gesprächs erkannte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, welche weiteren Bedenken Adi im Herzen trug. Danach klärte er sie eines nach dem anderen. Auf der Welt gibt es Menschen, die die Wahrheit schnell erfassen. Sie möchten jedoch Gewissheit darüber erlangen, ob ihre Verwirklichung tatsächlich hinreichend möglich ist und ob sich bald ein Ergebnis erzielen lässt. Adi war ein solcher Mensch. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, diesen Zustand seines Herzens erkannte, sagte er: „Vielleicht zögerst du nur deshalb, den Islam anzunehmen, weil du die Anhänger des Islam gegenwärtig arm siehst. Bei Allah, der Tag ist nicht fern, an dem unter den Muslimen Quellen des Reichtums sprudeln und ein solcher Überfluss herrschen wird, dass niemand mehr gefunden werden kann, der Reichtum entgegennimmt. Und wenn du angesichts der geringen Zahl der Muslime und der großen Zahl ihrer Feinde Zweifel hegst, dann wisse: Bei Allah, der Tag ist nahe, an dem eine Frau allein auf ihrem Kamel von al-Qadisiyya aufbrechen wird, um diese Moschee zu besuchen, und sie völlig sicher erreichen wird. Vielleicht hält dich auch die größere Macht und Stärke der Nichtmuslime davon ab, den Islam anzunehmen. Aber bei Allah, du selbst wirst schon bald hören, dass die Muslime die Paläste Babylons erobert haben.“ Nachdem Adis Zweifel in dieser Hinsicht beseitigt waren, übergab er sich unverzüglich der islamischen Bewegung. Aus dem oben angeführten Gespräch lassen sich einige wichtige Erkenntnisse gewinnen:

– Der Islam ruft nicht nur zur moralischen Besserung und Reform auf, sondern sein Programm umfasst sowohl wirtschaftlichen Wohlstand als auch eine politische Revolution. Er betrachtet das Wohlergehen im Jenseits nicht losgelöst vom weltlichen Glück und Wohlstand.

– Der Gesandte (s.a.) hatte eine vorausschauende Vorstellung von der fernsten Zukunft der islamischen Bewegung. Welche Stufen sie durchlaufen und wohin sie gelangen musste, war ihm von Anfang an klar.

– Es ist äußerst wichtig, die Menschen seitens der islamischen Bewegung davon zu überzeugen, dass eine ausreichende Aussicht auf den tatsächlichen Erfolg der Bewegung besteht und dass die angestrebte islamische Revolution keine Luftschlossvorstellung, sondern eine ebenso unvermeidliche Realität wie der Sonnenaufgang des kommenden Din ist. Gelingt dies nicht, wird ein großer Teil der Menschen trotz der Erkenntnis, dass die Einladung zum Islam eine unumstößliche Wahrheit ist, außerhalb stehen bleiben.

– Wenn die islamische Bewegung die höchste Stufe des Erfolgs und der Vollkommenheit erreicht, wird dies zwangsläufig zu Folgendem führen: (1) Aufgrund der gewaltigen Entwicklung der wirtschaftlichen Mittel und Ressourcen und der Sicherstellung einer gerechten Verteilung ihrer Früchte wird es keinen Bedürftigen oder von anderen Abhängigen mehr geben. (2) Politisch wird eine so mächtige, angesehene und stabile Regierung errichtet werden, dass die Feinde sie nicht als leicht zu verschlingende Beute betrachten werden. Vielmehr wird diese Regierung in der Lage sein, den gesamten Hochmut ihrer Gegner zu brechen. (3) Der innere Frieden und die Sicherheit werden ein solches Niveau erreichen, dass selbst eine Frau, die allein von einem Ende des Landes zum anderen reist und an menschlichen Siedlungen vorbeikommt, weder hinsichtlich ihres Lebens, ihres Besitzes noch ihrer Ehre irgendeiner Bedrohung ausgesetzt sein wird. Dies sind die grundlegenden Merkmale einer islamischen Staatsordnung.

11. Die Delegation der Banū al-Ḥārith

Diese Delegation stammte aus der Region Nadschran. In diese Gebiete begab sich Hadhrat Chālid ibn al-Walīd im 10. Jahr nach der Hidschra persönlich und überbrachte die Einladung zum Islam. Er sagte zu ihnen: „Wenn ihr den Islam annehmt, werdet ihr Sicherheit erhalten.“ Sie nahmen die Einladung an. Hadhrat Chālid blieb einige Zeit dort, um ihnen die Glaubensgrundsätze, Glaubensüberzeugungen und Rechtsbestimmungen des Islam zu lehren, und berichtete dem Gesandten (s.a.) brieflich von diesem Erfolg. Aus Medina erhielt er als Antwort: „Kehre nun zurück und bringe einige angesehene Männer dieses Stammes mit.“ Dieser Befehl wurde unverzüglich ausgeführt. [Ibn Hischām hat den Brief Hadhrat Chālids wörtlich überliefert. Darin erläutert Hadhrat Chālid den Grund für seinen Aufenthalt und beruft sich auf den Befehl des Gesandten (s.a.). An einer Stelle sagt er: „Ich lehre sie das Buch Allahs und die Sunna des Gesandten (s.a.) im Islam.“ Danach sagt er erneut: „Diese Arbeit verrichte ich ausschließlich auf Befehl des Gesandten (s.a.).“ Anschließend schreibt er wieder: „Ich lehre sie den Islam sowie das Buch Allahs und die Sunna des Gesandten (s.a.).“ Beim Lesen dieses Briefes hatte ich den Eindruck, dass jeder Beleg dieser Art aus der Zeit der edlen Gefährten die Sunna des Gesandten (s.a.) als eine grundlegende Quelle des Islam festlegt und ihre Befolgung als unerlässlich betrachtet.]

Diese Gruppe hielt selbst in der Zeit der Unwissenheit an einigen guten moralischen Werten fest. Als die Delegation eintraf, fragte der Gesandte (s.a.) sie beiläufig: „Ihr erringt im Kampf gegen eure Feinde immer den Sieg und werdet niemals besiegt. Was ist der Grund dafür?“ Sie antworteten: „Wir ergreifen nicht aus eigenem Willen eine aggressive Maßnahme gegen irgendjemanden und beginnen von unserer Seite aus kein Unrecht. Wenn wir gemeinsam den Entschluss zum Kampf gefasst haben, zieht sich niemand davon zurück und stiftet keine Uneinigkeit. Vielmehr bewahren wir die Einheit.“ Der Gesandte (s.a.) billigte diese Vorgehensweise.

Der herausragende Vertreter der Delegation, Qais ibn Husain, wurde zum Oberhaupt des Stammes ernannt.

12. Die Delegation aus Nadschran

Der große Menschenfreund und Wohltäter der Menschheit (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) leistete auch mit der Feder viel für die islamische Daʿwa. Er lud bestimmte Personen oder Gruppen durch Briefe zum Islam ein. Einen solchen Brief sandte er auch an die Christen von Nadschran. In diesem Brief lud er sie mit kurzen Worten folgendermaßen ein:

„Im Namen Allahs, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, beginne ich. Ich rufe euch dazu auf, die Knechtschaft gegenüber den Dienern Allahs aufzugeben und Allah zu dienen sowie die Herrschaft über Allahs Diener aufzugeben und euch Allahs Herrschaft zu unterwerfen. Wenn ihr diese Einladung nicht annehmen wollt, müsst ihr die Dschizya entrichten, das heißt, politische Loyalität bekunden. Wenn ihr auch dies verweigert, ist euch der Krieg erklärt.“ Der Bischof begann schon beim Lesen des Briefes vor Angst zu zittern. Zunächst beriet er sich mit einigen führenden Persönlichkeiten. Danach rief er die gesamte Bevölkerung der Gegend zusammen. Die Region bestand aus dreiundsiebzig Siedlungen, und die Bevölkerung war so zahlreich, dass jederzeit hunderttausend kampfbereite Männer hätten ausrücken können. Die führenden christlichen Oberhäupter waren der Ansicht, dass dieser Mann möglicherweise derjenige sei, dessen Kommen als letzter Prophet aus der Nachkommenschaft Ismaels (Friede sei mit ihm) angekündigt worden war. Nach der allgemeinen Beratung wurde beschlossen, dass eine Delegation der führenden christlichen Persönlichkeiten nach Medina reisen, mit dem Verfasser des Briefes sprechen und die Lage prüfen sollte. Für diese Delegation wurden Schurahbil, Abdullah und Habbar bestimmt. Dies war die erste Delegation, die politische Loyalität bekundete, die Zahlung von Steuern zusagte und im Gegenzug mit einem Erlass oder einer Urkunde über Sicherheit und Rechte zurückkehrte.

Als die Delegation mit der Sicherheitsurkunde zurückkehrte, gingen der Bischof und die führenden Anführer ihnen weit entgegen, um sie zu empfangen. Unterwegs übergaben sie die Urkunde dem Bischof, der sie während des Weitergehens zu lesen begann. Auch sein Cousin Baschir ibn Muʿawiya vertiefte sich so sehr in die Urkunde, dass er vom Kamel fiel. Als er unten lag, rief er unwillkürlich: „Verderben über den Mann, durch den wir in so viel Unglück geraten sind!“ Es war offensichtlich, dass er damit den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) meinte. Daher sagte der Bischof streng zu ihm: „Was sagst du da? Bei Allah, er ist doch ein von Allah gesandter Prophet!“ Was geschah nun? Kaum hatte Baschir diese Worte gehört, vollzog sich in ihm eine grundlegende Wende. Er sagte: „Dann schwöre ich bei Allah, dass ich mich sofort zu ihm begeben werde.“ Der Bischof trieb seine Kamelstute hinter ihm her, um ihn einzuholen, und rief ihm zu: „Hör doch auf mich! Verstehe, was ich mit meinen Worten gemeint habe. Ich habe das aus einem besonderen Grund gesagt.“ Baschir hörte auf kein einziges seiner Worte. Er sagte: „Du bist ein Bischof. Was du gesagt hast, kann nicht falsch sein.“ Baschir blieb fest entschlossen, begab sich zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), nahm den Islam an und ließ sich danach in Medina nieder. Später schenkte Allah ihm das Glück, als Märtyrer zu sterben.

Über Karz ibn Alqama wird ebenfalls eine beinahe gleichartige Begebenheit überliefert.

Als die Delegation gemeinsam mit den örtlichen Anführern nach Nadschran zurückkehrte, war ein weiterer weltabgewandter christlicher Derwisch dort von all dem, was er hörte, tief ergriffen. Als er von der Ankunft des neuen Propheten hörte, begab auch er sich voller Begeisterung nach Medina. Er schenkte dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) einen eigenen Becher, einen Umhang und einen Stab und bekundete damit seine Verehrung, Hochachtung und Liebe. Danach kehrte er mit dem Versprechen nach Nadschran zurück, mit der Erlaubnis des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wiederzukommen. Doch zu dessen Lebzeiten konnte er nicht mehr zurückkehren.

Der Bischof von Nadschran, Abu al-Harith Panuray, der beim König von Konstantinopel hohes Ansehen genoss und unter den Christen weithin berühmt war, reiste mit einer Delegation nach Medina. Zu dieser Delegation gehörten der christliche Mufti und Richter Ayham, Abd al-Masih Akir sowie vierundzwanzig angesehene Anführer. Bemerkenswert ist, dass dieser Bischof ursprünglich ein Araber aus dem Stamm der Banu Bakr ibn Wa’il war. Doch nachdem er Christ geworden war, erlangte er in religiösem Wissen und Gottesdienst eine solche hohe Stellung, dass er selbst zum vertrauenswürdigsten Anführer der Christen wurde.

Sie verbrachten einige Tage in Medina. Als sie entsprechend der christlichen Religion im Prophetenmoschee beten wollten, hinderten einige Gefährten sie daran, doch der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erlaubte es ihnen.

Bei ihrer Ankunft wurden die örtlichen Juden äußerst aktiv, mischten sich unnötigerweise ein und erhoben allerlei spitzfindige Einwände. Es wurde über die Trinität und die Würde des Propheten ʿĪsā (a.s.) gesprochen. In jeder Angelegenheit wurde ihnen mit Koranversen geantwortet. Zugleich schürten sie den Zweifel, dass der Gesandte (s.a.w.s.) an die Stelle von ʿĪsā (a.s.) treten und die Menschen dazu bringen wolle, ihn selbst anzubeten. Als Antwort darauf ließ der Gesandte (s.a.w.s.) im Auftrag Allahs Koranverse verlesen, in denen es heißt, dass jemandem, dem Allah das Buch, die Herrschaftsordnung und das Prophetentum gegeben hat, niemals erlaubt worden ist, zu den Menschen zu sagen: „Werdet anstelle Allahs meine Diener.“ Danach kam es auch unter den Mitgliedern der jüdischen Delegation zu einer Debatte darüber, welcher Religion der Prophet Ibrāhīm (a.s.) angehört hatte. Die Juden behaupteten, er sei Jude gewesen. Die Christen dagegen behaupteten, er sei Christ gewesen (Allah bewahre uns davor). Der Koran entschied diese Debatte in äußerst einfacher und unwiderlegbarer Weise: „O Leute des Buches, warum streitet ihr unnötig über Ibrāhīm (a.s.), obwohl die Tora und das Evangelium erst nach ihm herabgesandt wurden? (Aus diesen beiden Büchern gingen die beiden Völker, Juden und Christen, hervor.) Er war weder Jude noch Christ, sondern ein aufrichtiger Muslim. Er gehörte niemals zu den Götzendienern. Die wahren Anhänger der Lehre Ibrāhīms sind allein der Gesandte (s.a.w.s.) und diejenigen, die an ihn glauben!“ Die Würde des Propheten ʿĪsā (a.s.) selbst wird im Koran mit den Worten hervorgehoben: „Bei Allah ist das Gleichnis von ʿĪsā wie das von Ādam (a.s.).“

Unter der Delegation aus Nadschrān herrschte hinsichtlich ihres religiösen Glaubens vielleicht eine gewisse Unnachgiebigkeit. Oft bleiben Menschen auch bei guten Absichten ihren alten Vorstellungen verhaftet. Doch die arglistige Verschwörung der Juden hatte diese Lage noch komplizierter gemacht. Unnötige Spitzfindigkeiten und die durch solche Streitfragen hervorgerufene Halsstarrigkeit stellten sich der Annahme der Wahrheit in den Weg. Deshalb stellte der Koran ihnen einen endgültigen Weg zur Entscheidung vor: die „Mubāhala“. Dem Gesandten (s.a.w.s.) wurde befohlen, ihnen zu sagen: „Kommt, lasst uns unsere Frauen und unsere Kinder herbeirufen und auch selbst hinausgehen. Dann wollen wir Allah um eine Entscheidung über uns bitten und den Lügnern den Fluch auferlegen.“ Wenn einem Wahrhaftigen eine Lüge vorgeworfen wird, kann es für ihn tatsächlich nichts Schmerzlicheres geben. In einer solchen Lage bestimmte Allah der Erhabene diese Form der Entscheidung: Beide Seiten sollten vor der versammelten Öffentlichkeit Allahs Urteil erbitten. Am folgenden Tag kam der Gesandte (s.a.w.s.) mit seiner geliebten Tochter Fāṭima, seinem Schwiegersohn ʿAlī und seinen unschuldigen Enkeln aus seinem Haus. Für die Bewohner Medinas war es eine beispiellose Erfahrung und ein gewaltiges Ereignis, dass ein Rufer zur Wahrheit seine gesamte Familie auf das Feld der Mubāhala führte. Wie fest muss sein Glaube gewesen sein! Die Mitglieder der christlichen Delegation gerieten in Bestürzung und dachten: Wenn er tatsächlich ein Prophet ist, dann wird bei dieser Mubāhala jede Spur von uns ausgelöscht werden. Sie führten die Debatte nicht weiter, sondern boten politische Loyalität an und überließen es ebenfalls dem Gesandten (s.a.w.s.), die Höhe der Dschizya festzulegen. Am folgenden Tag wurde eine Urkunde ausgestellt, der zufolge die Christen vollständige Religionsfreiheit und gesellschaftliche Selbstverwaltung genießen sollten. Ihre Menschen und ihr Besitz sollten in ihrem bestehenden Zustand verbleiben. An ihren bisherigen Rechten sollte nichts geändert werden. Unter ihren religiösen Geistlichen (Bischöfen und Mönchen) sollte es keine Veränderungen geben. Niemand sollte des Eigentums und der Rechte an den religiösen Besitztümern beraubt werden. Für die Verbrechen der Zeit der Unwissenheit sollte niemand mehr zur Rechenschaft gezogen werden. Das muslimische Heer sollte ihr Land nicht betreten. Wie weltliche Könige und Herrscher sollten sie ihre Bevölkerung nicht zur Arbeit zwingen. Zwischen dem Unterdrücker und dem Unterdrückten sollte Gerechtigkeit walten. Wenn jemand Zinsen verzehrte, sollte niemand für dessen Verantwortung einstehen. Keiner sollte die Folgen der Sünde eines anderen tragen. Für diese große Bevölkerung wurde jährlich lediglich eine Abgabe von zweitausend Uqiyya an Kleidung festgesetzt.

Die Berichte über diese beiden Delegationen aus Nadschrān sind etwas miteinander vermischt worden. Eigentlich hätte gerade die Ankunft der zweiten Delegation für größere Aufregung sorgen müssen. Doch offenbar erhielt die erste Delegation die Sicherheit gewährende Urkunde des Gesandten (s.a.w.s.). Denn in der zweiten Urkunde nehmen religiöse Angelegenheiten mehr Raum ein als politische. Sie richtet sich hauptsächlich an die religiösen Geistlichen. In dieser Urkunde wurde den Bewohnern Nadschrāns ein Höchstmaß an Religionsfreiheit und die Nichteinmischung in die christliche Ordnung zugesichert. Aus dieser Urkunde geht hervor, dass der Gesandte (s.a.w.s.) im politischen Bereich lediglich die Anerkennung der Herrschaftsordnung verlangte und damit zufrieden war. Er hinderte keine Gemeinschaft daran, ihre Religion auszuüben, und zwang niemandem den islamischen Glauben auf. Vielmehr gewährte er den Minderheiten ein Höchstmaß an Religionsfreiheit. Die islamische Bewegung bewirkte auf persönlicher Ebene eine Änderung von Glauben und Überzeugung allein durch die Kraft der Argumente; ihre gemeinschaftliche Ordnung setzte sie jedoch durch politische Macht um. Beachten Sie: In der ersten Urkunde wurde der Zinswucher vom Schutz ausgenommen; er galt als rechtswidrige und strafbare Handlung. Die Religion war dabei überhaupt nicht das eigentliche Thema. Denn dies ist eine Angelegenheit von noch größerer Tragweite als die Religion. Diese vom Gesandten (s.a.w.s.) erlassene Urkunde besitzt für alle Zeiten den Rang eines für die Umma verbindlichen Gesetzes. Aus dieser Urkunde geht außerdem hervor, wie großzügig der Islam gegenüber Minderheiten ist, die andere Religionen praktizieren. Es ist kein Beispiel dafür anzuführen, dass irgendein anderes Gesetz, eine andere Ordnung oder Zivilisation den Minderheiten eine solche Großzügigkeit erwiesen hätte.

Als die zweite Delegation Medina verlassen wollte, bat sie den Gesandten (s.a.w.s.), einen seiner zuverlässigen Beamten mit ihnen zu schicken, damit dieser die Dschizya einziehe und überbringe. Der Gesandte (s.a.w.s.) schickte ʿUbaida ibn al-Dscharrāḥ und verlieh ihm den Beinamen „Amīn al-Umma“, das heißt „der Vertrauenswürdige der Umma“. Der ehrenwerte Abū ʿUbaida bemühte sich neben dem Einzug der Abgabe mit aller Kraft auch um die Ausbreitung der islamischen Einladung in jenem Gebiet. Infolgedessen nahmen viele Menschen den Islam an.

Hier sei erwähnt, dass die Bewohner Nadschrāns in zwei große Hauptgruppen geteilt waren:

Christen und Ummī (Analphabeten). Die Christen regelten die Angelegenheit durch das Versprechen politischer Loyalität. Die Ummī dagegen nahmen den Islam an. Wahrscheinlich traf die erste Delegation gegen Ende des neunten Hidschra-Jahres und die zweite Delegation zu Beginn des zehnten Hidschra-Jahres ein.

13. Die Delegation der Banū Asad

Der Stamm namens Banu Asad war bei allen militärischen Unternehmungen ein Verbündeter der Quraisch. Im 9. Jahr der Hidschra kam eine Delegation dieses Stammes zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und teilte ihm mit, dass sie den Islam angenommen habe. In der Art und Weise, wie sie dies mitteilten, war jedoch noch etwas von der angeborenen Überheblichkeit der Araber zu spüren. In einem leicht selbstgefälligen Ton sagten sie zum Gesandten Allahs (s.a.w.): „Sie haben doch keinen Verkünder zu uns geschickt. Wir haben den Islam aus eigenem Antrieb angenommen.“ Um diese Haltung zu korrigieren, wurde dem Gesandten Allahs (s.a.w.) folgende Offenbarung zuteil: „Stellt eure Annahme des Islam nicht als eine Gunst dar, die ihr mir erwiesen habt. Vielmehr ist es Allahs Gunst, dass Er euch auf den Weg des Islam geführt hat.“ Danach erkundigte sich die Delegation nach der islamischen Regelung bezüglich des Versuches, durch Vögel das Schicksal zu erkunden und die Zukunft vorherzusagen, sowie bezüglich der Kennzeichnung von Waren durch das Werfen eines Steins (das heißt: Nachdem der Preis festgelegt worden war, warf der Anführer aus der Entfernung einen Stein auf eine Ware oder einen Gegenstand; die Ware, die der Stein traf, wählte er für sich aus). Der Gesandte Allahs (s.a.w.) lehnte all dies ab. Schließlich fragten sie, ob das Schreiben von Briefen erlaubt sei. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Das hat doch ein Prophet eingeführt. Welche bessere Kenntnis könnte es geben?“

Während der Kalifatszeit von Abu Bakr as-Siddiq erhob ein Mann dieses Stammes namens Talha ibn Chuwailid den Anspruch auf ein falsches Prophetentum.

14. Die Delegation der Banu Fazara

Banu Fazara war ein mächtiger und hochmütiger Stamm. Uyayna ibn Hisn, selbst ein Angehöriger dieses Stammes, traf auf dem Rückweg des Gesandten Allahs (s.a.w.) von Tabuk mit einer Delegation bei ihm ein und nahm den Islam an. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) erkundigte sich bei ihnen nach der allgemeinen Lage in ihrer Gegend. Sie berichteten, dass im Land eine Hungersnot herrsche. Durch die Hungersnot seien die Ernten, das Vieh und die Gärten zugrunde gegangen, und die Kinder seien von Unterernährung ausgezehrt und abgemagert. Sie baten den Gesandten Allahs (s.a.w.) um ein Bittgebet. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) betete um Regen, und sein Bittgebet wurde erhört.

15. Die Delegation der Banu Amir

Dieser Stamm war ein Zweig des berühmten arabischen Stammes Qais Ailan. Er hatte drei angesehene Anführer: Amir ibn Tufail, Irbad ibn Qais und Jabbar ibn Salama. Die ersten beiden dieser drei Anführer waren machtgierig. Besonders Amir hatte sich bereits durch allerlei üble Taten einen Namen gemacht. Auch diesmal waren sie mit einer schrecklichen Verschwörung gekommen, um den Gesandten Allahs (s.a.w.) zu töten. Die Delegation erschien beim Gesandten Allahs (s.a.w.) und redete ihn mit „Sayyiduna“ (unser Herr) an. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) widersprach dieser Ausdrucksweise und sagte: „Der Sayyid oder Herr ist allein Allah, niemand sonst.“ Als sie anschließend noch weitere schmeichlerische Worte äußerten, warnte der Gesandte Allahs (s.a.w.) erneut: „Beim Sprechen sollten wir vorsichtig sein, damit Satan uns nicht vom Weg abbringt.“ Welch sorgfältiges Bemühen, sich vor Schmeichelei zu schützen. Amir ibn Tufail betrachtete die Bewegung des Gesandten Allahs (s.a.w.) lediglich als Politik zur Erlangung von Macht und als Versuch, ein Imperium aufzubauen. Deshalb stellten sie, wie zu erwarten, für ihre Verhandlungen folgende Bedingungen:

1. Sie werden über die Beduinen herrschen und mir gestatten, in der Stadt zu herrschen.

2. Andernfalls ernennen Sie mich nach Ihrem Tod zum Herrscher.

3. Oder ich werde zusammen mit den Ghatafān Medina angreifen.

ʿĀmir hatte Arbad bereits angewiesen: „Ich werde den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Gespräch beschäftigen; du wirst den richtigen Augenblick abwarten und die Sache erledigen.“ Doch unter dem Eindruck der Würde und Ernsthaftigkeit des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stand er völlig verwirrt und regungslos da. Beide kehrten erfolglos zurück. Als der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihre Absichten erkannte, betete er: „O Allah, bewahre uns vor ihrem Schaden!“ Kurz darauf starb ʿĀmir an der Pest, und Arbad ibn Qais wurde durch einen Blitzschlag zu Asche verbrannt.

16. Die Delegation des Stammes Banū ʿUdhra

Im Monat Safar des neunten Jahres nach der Hidschra erschienen zwölf Männer dieses Stammes beim Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Hamza ibn Nuʿmān gehörte zu ihnen. Als sie sich vorstellten, sagten sie: „Wir sind Nachkommen ʿUdhراس.“ Mütterlicherseits war ʿUdhra der Bruder von Qusai. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, begrüßte sie mit großer Freude und sagte: „Ahlan wa sahlan.“ Sie alle nahmen von ganzem Herzen den Islam an. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verkündete ihnen die frohe Botschaft, dass die Herrschaft des Römischen Reiches in Syrien enden und Herakleios fliehen werde. Er untersagte ihnen, bei Wahrsagern nach Nachrichten über die Zukunft zu fragen, und wies sie an, alle Opfer außer dem von Hadrat Ibrahim gelehrten Opfer aufzugeben. Bei ihrer Abreise gab er der Delegation wie üblich Reiseproviant.

17. Die Delegation des Stammes Bali

Das Siedlungsgebiet dieses Stammes war von großer Bedeutung. Im Monat Rabīʿ al-awwal des neunten Jahres nach der Hidschra kamen die Vertreter dieses Stammes gemeinsam mit ihrem Anführer Ruwaifi ibn Thābit zum Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und nahmen den Islam an. Sie blieben drei Tage in Medina. Als sie anschließend aufbrachen, gab ihnen der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Datteln und Reisegeld.

18. Die Delegation des Stammes Kinda

Dies war ein bedeutender Stamm aus der Region Jemen. Sechzig oder achtzig Angehörige dieses Stammes trafen unter der Führung von Hadrat al-Aschʿath ibn Qais in Medina ein; sie trugen kostbare Seidengewänder. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fragte sie: „Seid ihr Muslime geworden?“ Sie antworteten: „Ja.“ Verwundert sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Warum seid ihr dann in dieser Seide gekommen?“ Die Delegation legte die Seidengewänder sofort ab, zerriss sie in Stücke und gab damit ein seltenes Beispiel für unerschütterliche Glaubensfestigkeit.

19. Die Delegation des Stammes Azd

Der Stamm Banu Azd lebte im Jemen. Unter der Führung von Saʿd ibn ʿAbdullah al-Azdi kam seine Delegation zum Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und nahm den Islam an. Hazrat Sard wurde zum Anführer des Stammes ernannt.

20. Die Delegation aus Jarasch

Damals war der größte Teil des Jemen in den islamischen Staat eingegliedert worden. Doch im Verborgenen gab es auch aufständische Menschen. Auch die Stadt Jahasch befand sich in der Hand der Aufständischen. Eine muslimische Streitmacht unter der Führung von Hazrat Sard al-Azdi verhängte eine lang andauernde Belagerung und besiegte die Aufständischen. Nachdem Jarasch unter die Kontrolle der muslimischen Streitmacht gelangt war, kam seine Delegation nach Medina.

21. Die Delegation von Hamadan

Diese Delegation bestand aus einhundertzwanzig Personen. Zu ihr gehörten führende Persönlichkeiten der Region wie Malik ibn Namit, Abu Thawr, Malik ibn Anfa as-Salmani, Umair ibn Malik al-Khariki (oder Amr ibn Malik) und Zimam ibn Malik. Malik ibn Namit pries den Gesandten Allahs (s.a.w.s.) an dessen Hof durch den Vortrag eines Gedichts. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) ernannte ihn zum Anführer der Muslime seines Stammes. Zunächst wurde Hazrat Khalid zu einer Einladungskampagne in die Region Hamadan entsandt. Doch sechs Monate lang wurde kein Erfolg erzielt. Daraufhin schickte der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) Hazrat Ali (r.a.) mit einem Brief dorthin. Hazrat Ali begab sich dorthin und verlas den Brief vor einer Volksversammlung. Die Menschen nahmen unverzüglich den Islam an. Als Hazrat Ali dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) in einem Brief darüber berichtete, ging dieser in die Niederwerfung, dankte Allah und hob dann den Kopf mit den Worten: „As-salamu ala Hamadan.“ (Friede sei über Hamadan.)

22. Die Ankunft des Gesandten von Farwa al-Dschudhami

Farwa war der vom Römischen Reich eingesetzte Gouverneur der Region Muʿan. Zu dieser Region gehörten Gebiete sowohl Syriens als auch Arabiens. Als ihn die Einladung zum Islam erreichte, trat er dem Islam bei und setzte dabei sowohl sein Amt als auch sein Leben aufs Spiel. Er schickte einen Gesandten, um dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) seine Annahme des Islam mitzuteilen, und sandte ihm außerdem ein weißes Maultier als Geschenk. Als die römische Regierung davon erfuhr, ließ sie ihn verhaften und an einem Ort namens Afra durch Kreuzigung hinrichten. Allah hatte diesem Diener einen so starken Glauben verliehen, dass er sich vom Sitz des Gouverneurs erhob und lachend zum Holz des Kreuzes ging und dort stehen blieb.

23. Die Delegation des Stammes Tujīb

(Ein Übeltäter aus diesem Stamm, Kināna ibn Bisr, war der Mörder des ehrwürdigen ʿUthmān. Der Name eines anderen, ähnlich benannten Stammes lautet Tājwāb; er stammt aus dem königlichen Geschlecht der Himyar. Ibn Bilhām, der Mörder des ehrwürdigen ʿAlī, gehörte dem letztgenannten Stamm an.)

Dies ist ein Zweig des jemenitischen Stammes Kinda. Sie hatten den Islam bereits angenommen und ihr Leben nach den Forderungen des Islam gestaltet. Eine Delegation aus dreizehn Männern kam mit den Zakat-Gütern und den Tieren nach Medina. Sie sagten bei ihrer Ankunft: „Wir haben den Anteil Allahs an unserem Besitz mitgebracht.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Nehmt diese Güter zurück und verteilt sie unter den Menschen eurer Gegend.“ Sie erwiderten: „Wir haben nur das mitgebracht, was nach der Verteilung an die Einheimischen übrig geblieben ist.“ Als er dies hörte, rief der ehrwürdige Abū Bakr spontan aus: „O Gesandter Allahs (s.a.w.)! Keine Delegation Arabiens ist je wie die Delegation von Tujīb gekommen.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Die Rechtleitung liegt in Allahs Hand. Wen Er zum Guten bestimmt, dessen Herz erfüllt Er mit Glauben.“

Sie stellten dem Gesandten Allahs (s.a.w.) einige Fragen und kehrten mit seinen schriftlichen Antworten zu den Menschen ihres Stammes zurück.

In dieser Delegation befand sich ein junger Mann aus Banū ʿUbadī. Die Delegation hatte ihn mit der Betreuung ihrer Habe und ihrer Tiere zurückgelassen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) ließ ihn eigens zu sich rufen. Er sagte: „Ich habe nur eine Bitte: Betet um die Vergebung meiner Sünden.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sprach daraufhin eigens für ihn ein Bittgebet. Als später im Jemen eine Welle des Abfalls vom Islam einsetzte, hielt dieser junge Mann seinen gesamten Stamm am Islam fest.

Auch dieser Delegation gab der Gesandte Allahs (s.a.w.) als Geschenk die Reisekosten für die Rückkehr.

24. Die Delegation von Banū Saʿd Hudhaym (Quḍāʿa)

Einige Männer dieses Stammes gingen als Delegation zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und nahmen den Islam an. Der Gesandte Allahs (s.a.w.).

Auf seine Anweisung hin schenkte Hazrat Bilal (r.a.) dieser Delegation einige Silbermünzen als Reisegeld. Nach ihrer Rückkehr nahm der gesamte Stamm den Islam an.

25. Die Annahme des Islam durch die Delegation des Stammes Bahra

Dies ist ebenfalls ein bedeutender Stamm aus der Region Jemen. Eine Gruppe von dreizehn Personen kam nach Medina und nahm den Islam an. Nachdem sie einige Tage geblieben waren und die notwendigen Kenntnisse über die islamischen Vorschriften erworben hatten, kehrten sie zurück. Auch ihnen wurde entsprechend der üblichen Sitte Reisegeld gegeben.

26. Die Delegation des Stammes Dhū Marra

Unter der Führung ihres Anführers Hārith ibn ʿAuf trafen dreizehn Angehörige dieses Stammes in Medina ein. Bei ihrer Vorstellung teilten sie dem Gesandten Allahs (s.a.w.) mit: „Wir sind Nachkommen von Luʾayy ibn Ghālib und mit Ihnen durch Abstammung verwandt.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) erkundigte sich bei ihnen nach ihrer Gegend. Sie schilderten ihm eindringlich die dort herrschende Hungersnot und baten ihn um sein Gebet. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sprach unverzüglich ein Gebet. Nach ihrer Rückkehr in den Stamm erfuhren sie, dass es genau an dem Tag geregnet hatte, an dem der Gesandte Allahs (s.a.w.) gebetet hatte, und dass das Land grün und fruchtbar geworden war. Um die notwendigen Kenntnisse des Islam zu erwerben, blieben sie einige Tage in Medina und verabschiedeten sich anschließend. Ihnen wurde Reisegeld gegeben.

27. Die Delegation des Stammes Chaulān

Diese aus zehn Personen bestehende Delegation war bereits gläubig geworden und erschien mit größter Hingabe und Aufrichtigkeit beim Gesandten Allahs (s.a.w.). In der Zeit der Dschāhilīya hatten sie einen Gott namens „ʿAmma Uns“ verehrt. Sie berichteten, dass nun nur noch die älteren Menschen diesen Gott verehrten. Sie würden hingehen und dessen Götzenbild zerbrechen. Sie berichteten auch, wie große Opfer früher diesem Gott dargebracht und welche Zeremonien zu seinen Ehren abgehalten worden waren. Während ihres Aufenthalts erwarben sie die notwendigen Kenntnisse über das islamische Leben. Bei ihrer Verabschiedung wurde ihnen Reisegeld gegeben.

28. Die Delegation des Stammes Muhārib

Vor der Annahme des Islam war dieser Stamm äußerst jähzornig und unsittlich. In der frühen Zeit, als der Gesandte Allahs (s.a.w.) von Stamm zu Stamm ging und zum Islam einlud, überbrachte er auch diesem Stamm die Einladung. Doch sie verhielten sich äußerst ungebührlich. Eine aus zehn Personen bestehende Gruppe bereute und erschien beim Gesandten Allahs (s.a.w.). Bei einer Versammlung erkannte der Gesandte Allahs (s.a.w.) einmal einen Mann und blickte ihn aufmerksam an. Der Mann verstand dies und sagte von sich aus: „O Gesandter, vermutlich hast du mich erkannt. Auf dem Markt von Ukaz bist du mir einmal begegnet. Damals habe ich dich sehr ungerecht behandelt und deine Einladung auf äußerst ungehörige Weise zurückgewiesen. O Gesandter Allahs! Unter meinen Gefährten war niemand ein erbitterterer Feind von dir als ich. Doch Allah sei Dank, dass Er mir den Erfolg geschenkt hat, den Glauben anzunehmen und Ihm zu gehorchen.“ Danach bat er den Gesandten Allahs (s.a.w.), Allah darum zu bitten, ihm die Fehler und Verfehlungen seines früheren Lebens zu vergeben. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte zu ihm: „Durch die Annahme des Islam werden alle Sünden vergeben, die im Zustand des Unglaubens begangen wurden.“

29. Die Delegation des Stammes Ghassan

Obwohl die Ghassaniden ihrem Ursprung nach ein arabischer Stamm waren, herrschten sie aufgrund ihrer Annahme des Christentums im Auftrag des römischen Kaisers über die arabischen Gebiete. Im zehnten Jahr nach der Hidschra kamen drei Männer dieses Stammes nach Medina und nahmen beim Gesandten Allahs (s.a.w.) den Islam an. Sie erklärten, dass die Angehörigen ihres Stammes ihre gegenwärtig genossene Stellung und ihre Vorrechte nicht aufgeben würden, um den Islam anzunehmen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) verabschiedete sie mit Reisegeld. Sie kehrten zurück und luden erneut zum Islam ein. Doch auch dies blieb erfolglos. Unter dem Druck der Umstände hielten alle drei ihre Annahme des Islam geheim. Einer von ihnen traf während der Schlacht von Jarmuk Hadhrat Abu Ubaida und bekundete sein unerschütterliches Vertrauen in den Islam. Die beiden anderen waren bereits zuvor gestorben.

30. Die Delegation des Stammes Salaman

Eine aus sieben Personen dieses Stammes bestehende Delegation, darunter Habib ibn Umar, kam nach Medina. Auf ihre Frage antwortete der Gesandte Allahs (s.a.w.), dass das rechtzeitige Verrichten des Gebets die beste gute Tat sei. Auch sie schilderten die herrschende Hungersnot und baten um ein Bittgebet. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sprach ein Bittgebet. Später stellte sich heraus, dass es in ihrer Gegend genau an jenem Tag geregnet hatte.

31. Die Delegation des Stammes Banu Isa

Auch sie stammten aus der Region Jemen. Ihre Stammesdelegation kam ebenfalls im zehnten Jahr nach der Hidschra. Sie fragten: „Wir haben von den Verkündern des Islam gehört, dass der Islam dessen, der keine Hidschra vollzieht, nicht angenommen wird. Unsere Lage ist jedoch so, dass unsere Haustiere unsere einzige Lebensgrundlage sind. Es ist schwierig, sie mitzunehmen und auszuwandern. Wenn die Hidschra also unbedingt erforderlich ist, sollen wir sie dann verkaufen und hierherkommen?“ Seht ihre Glaubensbegeisterung und ihre Entschlossenheit: Ein bloßer Hinweis hätte genügt, und sie wären bereit gewesen, ihre Heimat und ihren gesamten Besitz zurückzulassen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Bleibt, wo ihr seid, und fahrt fort, Allah zu fürchten.“ In der frühen Zeit, als es notwendig war, das Zentrum des Islam zu stärken und Menschen für die Arbeit der Einladung im ganzen Land auszubilden, war es Pflicht, durch die Hidschra ins Zentrum zu kommen. Diese Phase war vorüber. Nun sollte die Kraft der Bewegung im ganzen Land verbreitet bleiben und die Einladung in den jeweiligen Gebieten ausgeweitet werden; deshalb war eine Hidschra nun nicht mehr erforderlich. Mit dieser zweiten Phase ist auch die Anweisung verbunden: „Nach dem Sieg gibt es keine verpflichtende Hidschra mehr.“

32. Die Delegation des Stammes Ghamid

Im zehnten Jahr nach der Hidschra kam eine aus zehn Männern bestehende Delegation des Stammes Ghamid nach Medina. Sie alle nahmen den Islam an. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) beauftragte Ubayy ibn Ka’b, sie den Koran zu lehren. Danach verabschiedete er sie mit Reisegeld.

33. Die Delegation des Stammes Banū al-Muntafiq

Aus diesem Stamm kamen die beiden Gesandten Nahīk ibn Āsim und Laqīt ibn Āmir nach Medina. Als sie in die Prophetenmoschee kamen, hielt der Gesandte Allahs (s.a.w.) gerade eine Predigt. Nachdem die Predigt beendet war, stand Laqīt auf und stellte einige Fragen über die Auferstehung sowie über das Paradies und die Hölle. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) gab ihm ausführliche Antworten. Danach stellte er auch einige Fragen über die Propheten und die früheren Völker. Auf die Frage, ob der Gesandte Allahs (s.a.w.) Kenntnis des Verborgenen beziehungsweise des Unsichtbaren besitze, erklärte er direkt, dass nur Allah Kenntnis des Verborgenen besitze.

34. Die Delegation des Stammes ʿAbd al-Qays

Die Delegation des Stammes ʿAbd al-Qays, die im fünften Jahr nach der Hidschra gekommen war, habe ich bereits erwähnt. Die zweite Delegation dieses Stammes kam im zehnten Jahr nach der Hidschra nach Medina. Sie bestand aus vierzig Personen.

35. Tāriq ibn ʿAbdullāh und seine Gefährten

Tāriq ibn ʿAbdullāh hatte den Gesandten Allahs (s.a.w.) bereits einmal auf dem Markt von al-Majāz gesehen, als dieser die Menschen zum Islam einlud. Damals lief sein eigener Onkel Abū Lahab hinter ihm her und sagte zu den Leuten: „Hört nicht auf ihn, er ist ein Lügner“ (Allah bewahre uns davor!). Dieser Tāriq ibn ʿAbdullāh kam später mit einigen Gefährten von Rabdha nach Medina, um Datteln zu kaufen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) ging an dem Ort vorbei, an dem Tāriq sich aufhielt. Er erkundigte sich nach Tāriqs Identität und dem Zweck seines Kommens. Danach kaufte er von ihm ein Kamel im Tausch gegen Datteln. Er versprach ihm und ging mit der Zusage fort, die Datteln als Bezahlung für das Kamel sofort zu schicken. Daraufhin gerieten Tāriq und seine Gefährten in Sorge: Sie hatten das Kamel gegeben, ohne zu wissen, ob sie den Preis dafür erhalten würden. Eine vornehme Frau, die mit Tāriqs Karawane reiste, sagte: „Ich habe das strahlende Gesicht dieses Mannes gesehen. Er kann niemals ein Betrüger sein. Sollte er den Preis für das Kamel nicht bezahlen, werde ich ihn begleichen.“ Schon kurze Zeit später brachte ein Mann Datteln. Er sonderte die vereinbarte Menge als Preis für das Kamel ab und gab zusätzlich weitere Datteln als Geschenk. Auf diese Weise gewann der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Herzen der Karawanenleute. Als sie später in die Stadt kamen, hielt der Gesandte Allahs (s.a.w.) in der Moschee eine Predigt und ermahnte die Menschen zur Almosengabe. So wurde der Weg erleichtert, ihnen die Einladung zum Islam zu übermitteln.

36. Der Gesandte des Stammes Banū Zuhayda, ʿAmr ibn Maʿdī Karib

Als der Stamm Banū Zuhayb die Nachricht über die Verkündung des Islam hörte, gingen seine Leute zu ihrem Oberhaupt ʿAmr ibn Maʿdīkarib und sagten: „Wir hören, dass im Hidschāz ein Prophet namens Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erschienen ist. Gehen Sie und erkundigen Sie sich ein wenig. Finden Sie heraus, ob die Nachricht wahr oder falsch ist. Wenn er Ihrer Ansicht nach tatsächlich ein Prophet ist, werden wir alle an ihn glauben.“ ʿAmr ibn Maʿdīkarib kam und nahm den Islam an. Nach dem Tod des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) fiel er jedoch vom Islam ab.

37. Der Gesandte der königlichen Dynastie Himyars

Himyar war eine königliche Familie. In ihrem Namen kam ein Gesandter mit einem Brief. In diesem Brief wurde berichtet, dass Hārith ibn ʿAbd Kilāl, Nuʿaym ibn Abān Kilāl, Nuʿmān Zurūʿayn, Maʿāfir und Hamdān den Islam angenommen hatten. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verfasste eine ausführliche Antwort auf diesen Brief und sandte sie an die königliche Familie Himyars. Darin schrieb er die grundlegenden Lehren und Bestimmungen des Islam nieder. Er hielt die Anweisung fest, von den Muslimen die Zakāt und von den Nichtmuslimen die Dschizya einzuziehen. Außerdem schrieb er zur Unterstützung der Religionsfreiheit der Bevölkerung, dass denjenigen, die Juden oder Christen bleiben wollten, ihre Religion nicht mit Gewalt geändert werden dürfe. In dem Brief schrieb er auch: „Zu Dhū Ruʿayn, Dhū Yazan, werden unsere Gesandten Muʿādh ibn Dschabal, ʿAbdullāh ibn Zayd, Mālik ibn ʿUbāda, ʿUqba ibn Namir, Mālik ibn Murra und einige weitere Personen entsandt. Der Anführer dieser Gruppe ist Muʿādh ibn Dschabal. Diese Gruppe wird meine Anweisungen übermitteln und die Zakāt und die Dschizya einziehen und zurückbringen.“

38. Die Delegation des Stammes Nikha

Nikha war ebenfalls ein Stamm aus dem Jemen. Nach den meisten Überlieferungen war dies die letzte Delegation, die im Muharram des elften Jahres nach der Hidschra in Medina eintraf. Diese Gruppe bestand aus zweihundert Mitgliedern. Tatsächlich hatten sie alle durch Ḥadhrat Muʿādh ibn Dschabal den Islam angenommen. Nach ihrer Annahme des Islam kamen sie aus einem unbezwingbaren Verlangen, den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu treffen, nach Medina. Dort berichteten sie dem Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) von ihrer Annahme des Islam. Ein Mitglied der Gruppe fragte nach der Deutung seines eigenen Traums und kehrte nach einem kurzen Aufenthalt zurück.

Die genannten Delegationen trafen so regelmäßig und in so großer Zahl ein, dass dadurch die eigentliche Bedeutung des Verses aus der Sura an-Nasr deutlich wird: „Die Menschen treten scharenweise in Allahs Religion ein.“ Die eigentliche Tatsache ist, dass jeder Mensch eine natürliche und spontane Neigung zum Islam verspürt. Darüber hinaus hatte der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Islam durch die unvergleichlichen und unwiderlegbaren Argumente des Korans sowie durch eine Redeweise, die Verstand und Gemüt gefangen nahm, dargelegt. Zugleich hatte er durch sein reines Leben und seinen vorbildlichen Charakter ein so vollständiges Bild von der Wahrheit des Islam vermittelt, dass die Menschen gar nicht anders konnten, als sich davon anleiten und beeinflussen zu lassen. Vor den gewöhnlichen Menschen blieb auf dem Weg zur Annahme des Islam nur noch ein einziges Hindernis bestehen: die frühere dschāhilitische Führung. Nachdem dieses Hindernis beseitigt war und mit Sicherheit bekannt wurde, dass die islamische Macht Medinas unbesiegbar war und von ihr kein Unheil für die Menschheit ausging, sondern fortwährend reines Wohl bewirkt wurde, öffneten sie ihre Herzen für Wahrheit und Gerechtigkeit. In ihrem Inneren verspürten sie selbst einen brennenden Durst, in dieses Licht der Wahrheit einzutauchen. Von diesem Durst überwältigt, eilten sie nach Medina und stillten dort ihren Durst.

So breitete sich ringsum eine Flut von Licht aus, und die Dunkelheit verschwand.

 

Der Beginn des internationalen Aufrufs zum Islam

Die von dem Gesandten (s.a.) geformte Gemeinschaft, der die Gunst zuteilwurde, die islamische Bewegung zu führen, war in ihrem Wirkungsbereich nicht nur auf die nationale und innerstaatliche Ebene beschränkt. Vielmehr war sie eine solche „Khaira Ummah“, also die beste Gemeinschaft, die zum Wohle der „Menschheit“ aller Zeiten und der ganzen Welt ins Leben gerufen worden war. Das heißt, sie war entsandt worden, um der gesamten Menschheit den Weg zur Verwirklichung der Gebote von Wahrheit, Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, Billigkeit und brüderlicher Verbundenheit zu weisen. Sein endgültiges und letztes Ziel war nicht nur die Reformierung, Organisation und staatliche Vereinigung der Araber, sondern der Aufbau eines islamischen Staates und der Aufruf an alle Völker und Länder der Welt, unter Einsatz aller verfügbaren Mittel und Möglichkeiten die islamischen Gebote zu verwirklichen. Wie konnte eine Reformbewegung angesichts des leidvollen und unterdrückten Zustands der Millionen Diener Allahs, die in jenem monarchischen Zeitalter unter der Herrschaft kleiner Klassen und Familien zermalmt wurden und weder richterliche Unabhängigkeit noch wirtschaftlichen Wohlstand oder politische Rechte besaßen, die Augen verschließen? In dem an den persischen Kaiser gerichteten Brief hat der Gesandte (s.a.) selbst den internationalen Rahmen seiner Daʿwa unmissverständlich dargelegt, indem er sagte: „Ich bin der von Allah entsandte Gesandte zu den Menschen der ganzen Welt.“

Tatsächlich hat Allah durch die Hand des Gesandten (s.a.) für die in unzählige regionale Volksgemeinschaften zersplitterte Menschheit, die den Monarchen und religiösen Priestern unterstand, das internationale Zeitalter eröffnet. Ein einziges Wort der Wahrheit und Gerechtigkeit hat sich unter Missachtung aller geografischen, abstammungsbezogenen, sprachlichen und politischen Trennungen mit großer Geschwindigkeit auf den drei Kontinenten der damals eng verbundenen Welt ausgebreitet. Der letzte Prophet Muhammad (s.a.) wurde genau zu einer Zeit mit dieser internationalen Daʿwa beauftragt, als das Aufkommen des Schießpulvers, der Druckerpresse und der Dampfkraft nicht mehr fernlag. Die ganze Erde war im Begriff, durch neue Mittel und Möglichkeiten zu einer einzigen Stadt zu werden. Fünf- bis siebenhundert Jahre sind auf der großen Bühne der Weltgeschichte keine besonders lange Zeit. Der Gesandte (s.a.) erschien zu einer Zeit, wenige Jahrhunderte nach der die Grenzen der Welt in materieller Hinsicht miteinander verschmelzen sollten. Noch vor dem Herannahen dieser Zeit wurde der internationale Aufruf zur Errichtung der wahren islamischen Ordnung verbreitet. Sein Zweck war, dass die Menschheit, je näher sie sich materiell kommen würde, auch geistig, weltanschaulich und moralisch immer stärker durch ein gemeinsames Band verbunden werden sollte. Dieser Zwischenzeit hätte für die Ausweitung der Daʿwa und die Vorbereitung der Völker der Welt auf das neue Zeitalter nicht ausgereicht. Es stimmt zwar, dass der Verlauf des internationalen Zeitalters damals der Kontrolle der muslimischen revolutionären Kräfte entglitt und in die Hände materialistischer Kräfte geriet. Denn obwohl die islamische Kraft bis dahin in der Geschichte ihr einflussreiches Ansehen bewahrt hatte, konnte sie die Kraft und Begeisterung ihrer revolutionären Daʿwa nicht aufrechterhalten. Dennoch erhielt das neue Zeitalter von der islamischen Bewegung den Respekt vor der Menschheit, die menschliche Gleichheit, das demokratische Bewusstsein, die gebührende Wertschätzung des intellektuellen und forschungsorientierten Wissens, den Wunsch, die Natur zu bezwingen, den Respekt vor internationalen Verträgen und Rechten, die Freiheit der Meinungsäußerung und des Wortes, das Bewusstsein für die Rechte der Minderheiten, die grundlegenden Prinzipien der Gerechtigkeit und noch weitere höhere Werte. Diese Dinge wurden unter dem Einfluss der materialistischen Denkweise entstellt und verdunkelt. Doch was immer sich in der modernen Zivilisation an Gutem und Wohltätigem findet, ist der Menschheit auf der ganzen Welt ein Verdienst des Gesandten (s.a.). Auch einige aufrichtige Orientalisten haben dies anerkannt.

Daher fordert die islamische Bewegung ihrem grundlegenden Wesen entsprechend, dass sich ihre Daʿwa, statt auf die Grenzen Arabiens beschränkt zu bleiben, über die ganze Welt ausbreitet. Zugleich ist es auch eine praktische Notwendigkeit, dass der Islam sich außerhalb Arabiens ausbreitet. Andernfalls wäre es nicht möglich gewesen, in Arabien einen auf islamischen Idealen beruhenden Staat aufrechtzuerhalten. Denn in diesem Fall wäre ein islamischer Staat von allen Seiten von nichtislamischen Staaten umgeben gewesen. Besonders das Römische und das Persische Reich blickten stets begehrlich auf das arabische Gebiet. Teile Arabiens befanden sich in ihrem Besitz, und einige arabische Stämme kauften sie auf und nutzten sie für ihre Zwecke. Mit der römischen Regierung hatte Medina zudem bereits einen Konflikt begonnen.

Die Geschwindigkeit, mit der der Gesandte (s.a.) die islamische Bewegung vorantrieb, ist für uns erstaunlich. Innerhalb von nur dreizehn Jahren vollendete er durch die anfängliche Daʿwa den Aufbau einer Mitarbeiterschaft, die die Bewegung führen konnte. Danach vollendete er innerhalb von acht Jahren faktisch den Aufbau eines islamischen Staates. In den verbleibenden zwei Jahren seines Lebens übermittelte er anschließend den umliegenden Staaten und Reichen die Daʿwa.

Der im sechsten Jahr nach der Hidschra geschlossene Vertrag von Hudaybiyya verschaffte ihm eine Ruhepause von den inneren Konflikten und Auseinandersetzungen des Landes und eröffnete ihm die Möglichkeit, die Daʿwa auch außerhalb Arabiens auszuweiten. Kurz nachdem er am ersten Muharram des siebten Jahres nach der Hidschra die Umrat al-Qada vollzogen hatte, lud der Gesandte (s.a.) durch Gesandte die Herrscher der benachbarten Staaten zum Islam ein. Für die heutige Zeit ist besonders bemerkenswert, warum der Gesandte (s.a.) anstelle der Bevölkerung anderer Länder deren Herrscher zum Islam einlud. Der Grund dafür ist offensichtlich. In jener Zeit hatten die Untertanen vor den Königen und Kaisern überhaupt keine Rechte. Sie besaßen keine grundlegende Freiheit, die es ihnen ermöglicht hätte, selbst Entscheidungen über ihre eigenen Angelegenheiten zu treffen. Außerdem waren diese Könige und Kaiser keineswegs bereit, anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, zu ihnen zu kommen, sich mit ihnen zu verbinden und sie von ihrer bisherigen Religion abzubringen. Ihre politische Macht gründete sich gerade auf ihrer religiösen Auffassung. Sie regierten ihre Länder mit Unterstützung der religiösen Führer. Wenn nicht nur eine Änderung der Religion, sondern eine umfassende Veränderung des Menschen angestrebt wird, wenn Geschmack, Maßstäbe und Werte der Menschen grundlegend verändert werden sollen und wenn unter denjenigen, die die Daʿwa des Islam annehmen, eine aufständische Haltung gegen das bestehende System und ein revolutionärer Wunsch nach der Errichtung einer neuen Ordnung geweckt werden sollen – wie konnten die Könige und Kaiser ihren Untertanen dann die Möglichkeit geben, den Islam still und ungehindert zu verbreiten? Die monarchischen Herrscher jener Zeit hatten sich zu Herren mit uneingeschränkter Macht über die Welt aufgeschwungen, sodass sich ohne ihre Erlaubnis nicht einmal ein Blatt an einem Baum bewegen konnte. Aus diesem Grund wandte sich der Gesandte (s.a.) mit der Daʿwa des Islam direkt an die Herrscher. In seinen Einladungsbriefen bezeichnete er sie als Vertreter ihres Volkes und übertrug ihnen die Verantwortung für dessen Wohl und Wehe. Die verschiedenen Könige und Großkönige sprach der Gesandte (s.a.) als „Führer“ des jeweiligen Volkes an. Dem persischen Kaiser und dem Muqawqis sagte er ausdrücklich: „Wenn du den Islam nicht annimmst, wirst du die Sünde deines gesamten Volkes selbst tragen müssen.“

Beim Schreiben an die Könige und Herrscher hielt er sich einerseits an die üblichen Gepflogenheiten: Er ließ einen Ring als Siegel anfertigen und die Worte „Muhammad, der Gesandte Allahs“ darin eingravieren. Andererseits führte er auch seine eigene, besondere Vorgehensweise ein. Jeden Brief begann er mit „Bismillāhir-Raḥmānir-Raḥīm“. Als Absender schrieb er seinen eigenen Namen sowie den Namen dessen, an den der Brief gerichtet war. Danach brachte er seine Botschaft in äußerst knapper, sehr wohlüberlegter und vorsichtiger Sprache vor. Die diplomatische Sprache, die der Gesandte (s.) in seinen Briefen vor dem Hintergrund jener Zeit verwendete, offenbart uns seine geistige Überlegenheit derart eindrucksvoll, dass wir sprachlos werden. So verwendete er in all diesen Briefen in äußerster Kürze den Satz: „Nimm den Islam an, und du wirst Frieden finden.“ Dies kann auch bedeuten: „Gehorche, und du wirst Frieden finden.“ Die Bedeutung der Worte „du wirst Frieden finden“ ist, dass dies der einzige Weg oder das einzige Mittel zum Frieden ist. Sie können aber auch eine verborgene Drohung enthalten: Wenn du den Islam nicht annimmst oder nicht gehorchst, steht dir Unheil bevor. Nur zwei Worte, und doch von umfassender Bedeutung. Ebenso sagte er: „Wenn du den Islam nicht annimmst, wirst du die Folgen der Sünde des gesamten Volkes tragen müssen.“ Auch dieser Satz ist doppeldeutig. Einerseits hat er eine religiöse Bedeutung: Vor Allah wirst du selbst dafür verantwortlich sein. Andererseits hat er eine politische Bedeutung: Die politischen Folgen davon wirst du bereits in dieser Welt tragen. Der Gesandte (s.) verwendete solche doppeldeutigen Sätze nicht, damit die Aussage unklar bliebe und Raum für verdrehte Auslegungen bestünde (Allah bewahre uns davor). Vielmehr wurden beide Bedeutungen zugleich in ein und demselben Satz vermittelt. Mit so wenigen Worten eine derart umfassende Bedeutung auszudrücken, ist ein Zeichen der „Balāgha“ des Gesandten (s.), also seiner sprachlichen und rhetorischen Überlegenheit. Außerdem verwendete er beim Schreiben an jeden Herrscher eine Sprache, die zu dessen Religion sowie zu seinen besonderen Lebensumständen und Verhältnissen passte. Er gebrauchte also nicht in allen Fällen eine einheitliche, formelhafte Sprache. Darüber hinaus sandte er zu jedem Herrscher einen Gesandten, der die Sprache dieses Landes beherrschte. [Einige der Sahāba hatten auf Handelsreisen verschiedene Länder bereist und mehrere Sprachen erlernt. Andere wiederum wies der Gesandte (s.) ausdrücklich an, fremde Sprachen zu lernen.]

Der Hauptzweck dieser Briefe war die Einladung zum Islam. Doch darüber hinaus machte er den Herrschern der Nachbarstaaten durch diese Briefe auch deutlich, dass Arabien kein ungeschütztes, frei zugängliches Gebiet mehr war wie früher. Vielmehr war es ein Land, das unter einer gut organisierten Regierung geführt wurde, die fähig war, sich jeder Art von Herausforderung zu stellen und sie anzunehmen. Diese Regierung ließ sich von niemandem durch Drohungen oder einschüchternde Blicke verängstigen. Dort war eine mächtige, tatkräftige und stets wachsame Regierung aktiv.

Nun schildere ich kurz, wie die Einladungsbriefe an die verschiedenen ausländischen Herrscher gesandt wurden und welches Ergebnis dies hatte.

1. Durch ʿAmr ibn Umayya al-Ḍamrī (r.) ließ der Gesandte (s.) dem Negus von Abessinien, Aṣḥama ibn Abjar, einen schriftlichen Einladungsbrief zukommen. In dem Brief wurde insbesondere an die zuvor nach Abessinien ausgewanderten Muslime, vor allem an Ǧaʿfar aṭ-Ṭayyār, erinnert. Es wurde angeordnet, die Auswanderer in Sicherheit zu halten. Danach wurden der König selbst und durch ihn auch seine Hofleute zum Islam eingeladen.

Der Negus war bereits zuvor vom Islam beeinflusst gewesen. In Gegenwart von Ǧaʿfar nahm er öffentlich den Islam an und sandte dem Gesandten (s.) auch einen Brief mit einem ausführlichen Bericht darüber. Seinen eigenen Sohn Arha schickte er als Gesandten. Er ließ außerdem mitteilen, dass er bereit sei zu erscheinen, falls der Gesandte (s.) ihm befehlen sollte, persönlich vor ihm zu erscheinen. [Wahrscheinlich handelt es sich hierbei nicht um jenen Negus, vor dem die Auswanderer erschienen waren, der Muslim geworden war und für den der Gesandte (s.) in Medina das Totengebet in Abwesenheit verrichtet hatte. Aṣḥama bestieg nach ihm den Thron. Jedenfalls herrscht über die Identität dieser Person Meinungsverschiedenheit.]

2. Durch al-ʿAlāʾ ibn al-Ḥaḍramī ließ der Gesandte (s.) Munḏir ibn Sāwī, dem tributpflichtigen Statthalter des persischen Kaisers und Herrscher von Bahrain, einen Einladungsbrief zukommen. Munḏir nahm den Islam an, und zugleich nahm ein großer Teil seiner Untertanen den Islam an. In seinem Antwortschreiben teilte er ebenfalls mit, dass er selbst Muslim geworden sei, und erwähnte, dass ein Teil seiner Untertanen bereit sei, den Islam anzunehmen. Zugleich teilte er mit, dass einige seiner Untertanen den Islam nicht annehmen wollten, sondern Juden oder Christen bleiben wollten. Aus Medina wurde daraufhin erneut geschrieben, dass diejenigen, die Juden oder Christen bleiben wollten, ihre Religion behalten dürften. Sie mussten jedoch die Dschizya-Steuer entrichten.

3. Ǧaifal und ʿAbd waren die beiden Söhne des Königs Ǧaifar von Oman. Der Einladungsbrief wurde durch ʿAmr ibn al-ʿĀṣ überbracht. ʿAmr ibn al-ʿĀṣ traf zunächst den jüngeren Bruder ʿAbd. ʿAbd führte darüber lange Gespräche. Von ihm erfuhr er, dass der Negus Muslim geworden war, sein Volk ihn jedoch nicht vom Thron gestürzt hatte und auch die Bischöfe und Priester ihn nicht daran hatten hindern können. Selbst der römische Kaiser hatte, nachdem er davon erfahren hatte, keine Maßnahmen ergriffen. Im Gegenteil: Nachdem der Negus den Islam angenommen hatte, hatte er auch aufgehört, dem Heraklius Tribut zu zahlen. Von ʿAmr ibn al-ʿĀṣ erfuhr er außerdem die wichtigsten Lehren des Gesandten (s.). Nach diesem Gespräch entstand in ʿAbd der Wunsch, den Islam anzunehmen. Doch bedauernd sagte er: „Wenn doch auch mein älterer Bruder bereit wäre, den Islam anzunehmen, und wir beide gemeinsam nach Medina gehen und den Islam annehmen könnten, wäre das gut.“ Danach wurde eine Audienz abgehalten. In Anwesenheit der beiden Brüder öffnete der Gesandte aus Medina den versiegelten Brief. Beide Brüder öffneten und lasen den Brief, woraufhin einige Fragen gestellt wurden. Auf die Fragen antwortete ʿAmr: „Die Quraisch haben sich gezwungenermaßen dem Gesandten (s.) unterworfen. Die Gemeinschaft des Gesandten (s.) besteht aus Menschen, die nach gründlichem Nachdenken und bewusster Einsicht an seiner Seite zusammengekommen sind.“ Dennoch blieb König Ǧaifar unentschlossen. Seine beiden Söhne jedoch nahmen den Islam an, ebenso eine große Zahl der Bewohner dieses Reiches.

4. Munḏir ibn al-Ḥāriṯ ibn Abū Schimr war der christliche Herrscher von Damaskus. Aus Medina brachte Schuraḥbīl ibn ʿAmr den Einladungsbrief. Auch er hielt die Bewegung des Gesandten (s.) für weltliche Politik und stellte die Bedingung, dass mir die Hälfte des islamischen Staates gehören müsse. Danach verkürzte sich seine Lebenszeit rasch. Als der Gesandte (s.) über ihn Bericht erhielt, sagte er: „Selbst wenn er nur einen Zoll Land oder die Fläche einer Dattel verlangt hätte, wäre ich nicht bereit gewesen, ihm dies zu geben. Jeder Zoll des Landes, auf dem der islamische Staat errichtet ist, ist ein anvertrautes heiliges Gut.“

5 – Jarih ibn Matta, genannt al-Muqauqis, war der christliche König von ganz Ägypten einschließlich Alexandrias. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sandte Hatib ibn Abi Balta’a als Gesandten an seinen Hof. Dieser überbrachte den Brief und sprach auch mit ihm. Seine mündliche Ansprache war so furchtlos und unerschrocken, dass man daran erkennen kann, welche Persönlichkeiten mit entschlossenem Charakter und welcher Gesinnung der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach dem Vorbild des Islam herangebildet hatte. Um al-Muqauqis zu warnen, sagte Hatib: „In diesem Land wurde schon einmal ein Mann geboren, der sich anmaßte, euer höchster Herr zu sein. Schließlich wurde er vom Zorn Allahs getroffen und vernichtet. Als die späteren Herrscher dieses Landes solltet ihr aus dem Schicksal eurer Vorgänger eine Lehre ziehen. Es darf nicht dazu kommen, dass andere aus eurem Schicksal eine Lehre ziehen müssen.“ Danach erläuterte er mit Beweisen und Argumenten die Überlegenheit des Islam und sagte: „Wir rufen euch dazu auf, die wahre und ursprüngliche Religion von Jesus, Friede sei mit ihm, anzunehmen. Dies ist keine neue Religion.“ Muqauqis war zwar nicht bereit, den Islam anzunehmen, erwies dem Brief des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, jedoch große Ehre, legte ihn in eine Elfenbeinschatulle und bewahrte ihn in der Schatzkammer auf. Danach sandte er dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, neben dem berühmten Maultier namens Duldul noch mehrere Geschenke. In seiner Antwort auf den Brief schrieb er: „Ich weiß, dass das Kommen des letzten Propheten noch aussteht. Doch ich vermute, dass er in Syrien geboren werden wird.“

6 – Herakleios war der Kaiser des östlichen Teils des Römischen Reiches. Seine Hauptstadt war Konstantinopel. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sandte Dihya ibn Khalifa al-Kalbi mit einem Einladungsbrief zu ihm. Dihya begab sich nach Bayt al-Maqdis und traf dort mit ihm zusammen. Herakleios veranstaltete zu Ehren des Gesandten aus Medina eine äußerst prunkvolle Feier und stellte ihm viele detaillierte Fragen über den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Außerdem erließ er den Befehl, jeder Mann aus Mekka, der sich in dieser Gegend aufhielt, solle zu ihm gebracht werden. Zufällig hielt sich zu dieser Zeit Abu Sufyan, der Anführer des gegnerischen Lagers des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dort auf einer Handelsreise auf. Er wurde zusammen mit all seinen Handelsgefährten an den Hof gerufen. Herakleios sagte zu ihnen: „Ich werde Abu Sufyan einige Fragen stellen. Falls er eine Frage falsch beantwortet, sagt es mir.“ Abu Sufyan sagte: „Wenn ich nicht befürchtet hätte, dass meine Gefährten meine Lügen aufdecken würden, hätte ich bei dieser Gelegenheit einige erfundene Aussagen gemacht.“ Doch Allah schuf eine solche Situation, dass selbst aus dem Mund des erbittertsten Feindes des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nur die Wahrheit hervorkam. Herakleios fragte nach der Geburt des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seiner Familie, seinem Charakter, dem Zustand seiner engsten Gefährten, der Geschwindigkeit seines Aufstiegs, der Lage der Muslime im Krieg, den Lehren des Islam und einigen weiteren Dingen. Nachdem Herakleios die Antworten Abu Sufyans auf all seine Fragen erfahren hatte, sagte er: „Abu Sufyan, wenn das, was du gesagt hast, wahr ist, wird dieser Mann eines Tages auch Herr über den Ort werden, an dem ich sitze. Ach, wenn ich doch zu jenem Propheten gelangen und ihm die Füße waschen könnte!“ Danach wurde der Brief des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vorgelesen. Die Höflinge zeigten darüber großen Unmut, denn angesichts des Gemütszustands des Herakleios waren sie bereits zuvor in große Aufregung geraten. Sie ließen die Vertreter aus Mekka eilends hinausbringen.

Durch das Gespräch mit Herakleios hinterließ die Überlegenheit des Islam selbst im Herzen Abu Sufyans einen tiefen Eindruck.

7 – Chosrau Parwez war der Kaiser von Iran und ein Feueranbeter. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sandte Abd Allah ibn Rawaha, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, als seinen Gesandten zu ihm und schickte ihm einen Einladungsbrief. In überheblichem Hochmut zerriss Chosrau Parwez den Brief des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Stücke und sagte: „Wie kann es ein Untertan von uns wagen, so etwas zu tun?“ Der unglückselige Chosrau wusste nicht, dass die arabische Welt am Vorabend einer gewaltigen Revolution stand und sich dort eine äußerst starke ideologische Kraft entwickelte. Chosrau Parwez befahl seinem in Jemen stationierten Statthalter Badhan: „Bring den Verfasser des Briefes unverzüglich verhaftet hierher.“ Badhan sandte eine Truppe aus, um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, festzunehmen und herzubringen. Als die Truppe Taif erreichte, freuten sich die führenden Männer dort sehr. Sie dachten, nun werde der Feind ihrer geliebten Gesellschaftsordnung der Zeit der Unwissenheit, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vollständig beseitigt werden. Die Truppe erreichte Medina, und ihr Anführer teilte Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit, dass sie auf Befehl des persischen Kaisers gekommen seien, um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, festzunehmen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte zu ihnen: „Kommt morgen früh wieder und trefft mich.“ Als sie am nächsten Morgen kamen, teilte ihnen der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit: „Heute Nacht hat Allah euren Kaiser durch die Hand seines eigenen Sohnes töten lassen. Geht und erkundigt euch, ob diese Nachricht wahr ist.“ Nachdem Badhan die Wahrheit der Nachricht sowie die Erhabenheit der Lehre und des Charakters des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erkannt hatte, trat er in die islamische Bruderschaft ein. Durch sein Beispiel nahmen auch viele andere Mitglieder des Hofes und Bewohner der Gegend den Glauben an.

Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hörte, dass der persische Kaiser seinen Brief zerrissen hatte, sagte er: „Er hat in Wirklichkeit sein eigenes Reich in Stücke gerissen.“ Es scheint, als sei Allahs Entscheidung durch den Mund des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ausgesprochen worden. Denn innerhalb von nur zehn bis fünfzehn Jahren wurde dieses viertausend bis fünftausend Jahre alte, fest gefügte, riesige und äußerst luxuriöse Reich vom Islam besiegt. In Wirklichkeit waren es die inneren Streitigkeiten und Konflikte, die dieses Reich zugrunde richteten.

Außerdem wurde die Einladung zum Islam auch den Herrschern anderer kleinerer Staaten überbracht. Einer von ihnen war Farwa ibn Umar, der Statthalter des Römischen Reiches, der infolge seiner Annahme des Islam sowohl sein Amt als auch sein Leben verlor. Der zweite war Thumama, der Herrscher von Nadschd, der im sechsten Jahr nach der Hidschra den Islam annahm. Der dritte war Dschabala al-Ghassani, der im siebten Jahr nach der Hidschra den Islam annahm. Der vierte war Ukaidir, der Herrscher von Dumat al-Dschandal, der den Islam annahm. Der fünfte, Dhu al-Kila al-Himyari, war der König des Stammes Himyar. Er behauptete, selbst Gott zu sein, und verlangte von seinen Untertanen, sich vor ihm niederzuwerfen. Schließlich nahm auch er den Islam an. Während der Herrschaft des Kalifen Umar al-Faruq gab er seine Herrschaft auf und kam nach Medina, um dort das Leben eines Derwischs zu führen. Aus Freude über seine Annahme des Islam ließ er achtzehntausend Sklavinnen und Sklaven frei.

Aus den oben genannten Ereignissen geht hervor, dass dieser schriftliche Kampf für die islamische Daʿwa sehr wichtige Ergebnisse brachte und die Ausbreitung und Entwicklung des Islam maßgeblich unterstützte. Erstens wurde die islamische Daʿwa dadurch in den benachbarten Staaten zu einem Gegenstand der Erörterung und Betrachtung. Zweitens nahmen dank dieser Briefe eine beträchtliche Anzahl regierender Herrscher den Islam an, obwohl die Muslime kulturell noch sehr rückständig waren. Dadurch wird bewiesen, dass der Islam eine wahre und natürliche Religion ist. Zusammen mit diesen Herrschern, die den Islam annahmen, wandten sich auch ihre Untertanen dem Islam zu. Selbst auf jene, die trotz des Briefes des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Islam nicht annahmen, übte dieser einen beträchtlichen Einfluss aus. Darüber hinaus trug der Beginn des internationalen Zeitalters durch den Versand dieser Briefe wesentlich dazu bei, auch im Landesinneren ein günstiges Umfeld zu schaffen. Der größte Nutzen dieses Unternehmens bestand jedoch darin, dass den Muslimen von Anfang an ein weitläufiges Betätigungsfeld eröffnet und ihnen auf nationaler wie internationaler Ebene ein großes und weitreichendes Ziel gesetzt wurde. Das Ergebnis war, dass die muslimischen Glaubenskämpfer selbst nach der Errichtung eines islamischen Staates in ganz Arabien nicht innehielten, sich nicht dem Luxus hingaben und nicht den Gedanken hegten, sie hätten bereits alles Notwendige getan. Vielmehr nahmen ihre Wünsche und Bestrebungen noch weiter zu. Indem der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seine Gefährten mit diplomatischen Aufgaben betraute, bildete er sie auf hervorragende Weise für die Verantwortlichkeiten der kommenden Zeit aus. Sie traten in unbekannten und fremden Umgebungen, in prächtigen gesellschaftlichen und kulturellen Kreisen sowie an ehrfurchtgebietenden königlichen Höfen auf und sammelten in öffentlichen Versammlungen Erfahrungen im Gespräch, in der Diskussion und im Halten von Ansprachen. Sie erhielten eine goldene Gelegenheit, die Psychologie der zeitgenössischen Herrscher und Verwaltungsbeamten zu verstehen. Die Treue, Entschlossenheit, Tatkraft, das Bewusstsein für die Überlegenheit des Ideals und die Aufrichtigkeit, mit denen sie für die Verkündung der Wahrheit Mut und Kühnheit bewiesen, schärften ihre Fähigkeiten und Begabungen weiter und machten ihren Charakter noch frischer und strahlender.

Die Ehre, den vom Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auf internationaler Ebene begonnenen, aber noch unvollendeten Feldzug der Daʿwa zu vollenden, fiel seinen Nachfolgern unter den Gefährten und der von ihm ausgebildeten Gruppe zu.

Die letzte aufrührerische Reaktion

Wenn eine Revolution alle Stufen des Konflikts und der Auseinandersetzung durchschritten, den Hochmut der alten Führung gebrochen und das goldene Zeitalter des endgültigen Erfolgs erreicht hat, beginnen manche kleingeistigen Menschen aus Neid auf diesen Erfolg innerlich zu grollen. Sobald sich eine Gelegenheit bietet, zeigen sie schließlich ihre äußerste Dreistigkeit und unternehmen den vergeblichen Versuch, dem Strom der Revolution einen Damm aus Sand entgegenzusetzen. Auch die islamische Revolution war mit einer solchen unerwünschten Situation konfrontiert. Als die Macht der Quraisch, der Juden und der örtlichen Führung erloschen war und die Menschen begannen, sich dem Islam zuzuwenden, trat eine letzte aufrührerische Reaktion in völlig neuer Gestalt hervor. Einige Menschen dachten: „Wie kann es sein, dass ein Mann mit dem Anspruch auf das Prophetentum auftritt, eine Handvoll Menschen seine Anhänger wird, sie in Konflikte und Auseinandersetzungen verwickelt und derselbe Mann anschließend zum Herrscher über ganz Arabien wird? Was würde es schaden, wenn auch wir diese Methode ausprobierten?“ Besonders wenn diese Leute sahen, wie die gewaltigen Zakat-Einnahmen nach Medina flossen, wurden sie habgierig. Sie kannten jene unter den Muslimen, die nicht aus aufrichtiger Überzeugung, sondern lediglich unter dem Druck der Umstände gezwungen Muslime geworden waren und in deren Herzen oppositionelle Gefühle schwelten. Sie beschlossen, diese zu vereinen und ihr letztes Spiel zu spielen. Sehr wohl wussten sie, dass sich nun keine Bewegung mehr auf heidnische Vorstellungen und polytheistische Lehren stützen konnte. Denn der Glaube an die Einheit Allahs, die Offenbarung, das Prophetentum und das Jenseits hatte die gesamte Umgebung vollständig erfasst. Deshalb versuchten auch sie, ihre gefälschten Waren mit all diesen Etiketten zu versehen, einen Laden zu eröffnen und die Menschen zu täuschen. Doch diese Dummköpfe wussten nicht, dass es zur Einführung einer neuen Münze auf dem Markt nicht genügt, lediglich ein gefälschtes Muster zu drucken; dafür ist auch reines Metall erforderlich. Das Metall, das in der Münze des Islam verwendet wurde – nämlich die vom Islam geformte menschliche Kraft –, war seiner Substanz nach vollkommen unverfälscht und rein. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Diejenigen von euch, die im Zeitalter der Unwissenheit gut waren, sind auch im Islam gut.“ Zudem war dieses Metall zehn oder zwanzig Jahre lang im Feuer erhitzt und dadurch von Rost befreit worden. Selbstsüchtige Menschen sind jedoch gewöhnlich nicht weitsichtig. Sie sehen nur ihre eigenen bevorzugten Interessen und schenken den Opfern und Entbehrungen, die hinter dem Erreichen eines Ziels stehen, keinerlei Beachtung. Kurz gesagt, auch im Fall der islamischen Bewegung bewahrheitete sich erneut diese ewige Wahrheit der Geschichte: Um jede populäre und dem Gemeinwohl dienende Bewegung sowie jede große Persönlichkeit zum Scheitern zu bringen, sind in der Gesellschaft stets die schlechtesten Schichten der Menschen aktiv. Über solche intriganten Verschwörer, die sich gegen die vom Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, geleitete islamische Bewegung erhoben, ist eine kurze Erörterung erforderlich.

1 – Wir haben bereits erörtert, dass ein gewisser Musailima ibn Habib, auch Musailima al-Kadhdhab, das heißt der lügnerische Musailima, zusammen mit einer Delegation nach Medina gekommen war. Der Anblick der Pracht in der Hauptstadt des islamischen Staates weckte in ihm eine heftige Machtbesessenheit. Er schrieb dem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einen Brief, forderte einen Anteil an der Macht der islamischen Regierung und sprach sogar Drohungen aus. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wies seine Forderung entschieden zurück. Daraufhin behauptete er in seiner Ungeduld, ein Prophet zu sein. Er war ohnehin ein Literat. Indem er den sprachlichen Stil der Koranverse nachahmte, bildete er aus Wörtern mit Endreim Sätze und trug sie den ungebildeten Wüstenbewohnern vor. Da manche Menschen noch immer mit der Dschahiliyya verbunden waren, in der islamischen Bildung und Erziehung noch keine ausreichende Reife erlangt hatten und außerdem regionale sowie stammesbezogene Feindseligkeiten und ein Gefühl des Hochmuts noch teilweise fortbestanden, fand er zwangsläufig einige Anhänger. Zudem waren in seiner selbst erfundenen Offenbarung das Gebet erlassen sowie Ehebruch und Glücksspiel erlaubt worden, weshalb sich sündige Menschen um ihn scharten. Die von ihm gegen die islamische Bewegung geschaffene Macht wurde während der Amtszeit des ehrwürdigen Abu Bakr vollständig vernichtet.

2 – Auch eine Nachbarin Musailimas erhob den Anspruch auf das Prophetentum. Musailima traf diese Frau namens Sajah, und durch geheime Gespräche entwickelte sich zwischen beiden eine geheime Verständigung. Schließlich ging ihre eigene Existenz in Musailima auf. Musailimas obszöne Literatur riss Sajah in eine Welle der Sexualität mit. Nachdem Musailima später im Kampf gegen die Muslime getötet worden war, bereute Sajah und blieb bis zu ihrem Lebensende dem Islam treu.

3. Nach der Abschiedswallfahrt erhob sich Aswad al-Ansi in der fruchtbaren und politisch bedeutenden Region des Jemen durch seinen Anspruch auf das Prophetentum zum Aufstand. Sein eigentlicher Name war Abhala ibn Ka’b, genannt Dhu’l-Khimar. Aus dem Stamm Madhhaj gewann er einige Anhänger. Sein Einfluss breitete sich auch in der Gegend von Nadschran aus. Der wichtigste Grund für seine zunehmende Macht waren seine Zauberkünste und dergleichen. Er ließ einige nichtstaatliche Beamte der islamischen Regierung und Mitarbeiter der Daʿwa töten und vertrieb mehrere Menschen aus ihrem eigenen Gebiet. Der Gesandte (s.a.w.) sandte den benachbarten Beamten die Anweisung, Kräfte zu sammeln und diesen Aufstand niederzuschlagen. Er ließ einen Muslim iranischer Abstammung töten und nahm dessen schöne Ehefrau gewaltsam in Besitz. Diese Frau war eine standhafte Gläubige. Mit ihrer Hilfe konnte die islamische Regierung Aswad besiegen. Dieser Intrigant wurde nur zwei oder drei Tage vor dem Tod des Gesandten (s.a.w.) beseitigt, und auch seine Verbündeten wurden vernichtet. Die von ihm verbreitete Irreführung breitete sich jedoch von Hadramaut bis Taif aus; erst im ersten Teil der Amtszeit des Kalifen Abu Bakr konnte sie vollständig beseitigt werden.

5. Auch im Kopf von Laqit ibn Malik al-Azdi, dem Nachfolger Hawza ibn Alis als Herrscher von Oman, begannen allerlei Würmer der Irreführung zu wimmeln.

All diese bösen Kräfte konnten sich in verschiedenen Gegenden erheben, weil sie von den alten Götzendienern der vorislamischen Unwissenheit, von Heuchlern, zu Verbrechen neigenden Menschen, den alten Anhängern von Unzucht, Alkohol, Glücksspiel und Zins, von Menschen, die anstelle der geeinten Kraft des Islam zum alten Stammesdenken zurückkehren wollten, von denjenigen, die nur widerwillig die Zakāt entrichteten, innerlich darüber erzürnt waren, dass die Zakāt-Gelder nach Medina gingen, sowie von Personen, die von der Faszination kleiner Führungspositionen berauscht waren, unterstützt wurden. Diese bösen Kräfte organisierten jene selbstsüchtigen alten Sünder, und die dem Untergang geweihte Macht der vorislamischen Unwissenheit unternahm einen letzten Versuch, ihre Vorherrschaft wiederherzustellen.

Doch die vom Gesandten (s.a.w.) geschaffene Führung unterdrückte selbst unter äußerst gefährlichen Umständen all diese bösen Kräfte mit entschlossener Hand und band alle Menschen Arabiens in ein unauflösliches Band der Ordnung.

Die größte Versammlung der islamischen Bewegung

Die Hajj ist eine besonders erhabene gottesdienstliche Handlung im Islam. Die edle Kaaba und ihr heiliger Vorhof, die das Zentrum der Daʿwa des Propheten Ibrahim waren, der heilige Bezirk, in dessen jedem kleinsten Teil äußerst wertvolle Erinnerungen aus der Geschichte des Islam eingraviert sind, an dessen Himmel und in dessen Luft die Bittgebete des Propheten Ibrahim und Ismail (a.s.) widerhallen und dessen gesamte Umgebung von den Erinnerungen an das Leben und Wirken des Gesandten selbst (s.a.w.) erfüllt ist – diese edle Kaaba wurde durch die Hajj für alle Zeiten zum weltweiten Zentrum der islamischen Daʿwa und Bewegung. Für jeden wohlhabenden Muslim ist es Pflicht, mindestens einmal im Leben an den festgelegten Hajj-Tagen in diesem Zentrum zu erscheinen, die vorgeschriebenen Handlungen der Hajj zu vollziehen, die Sunna des Opfers des Propheten Ibrahim wiederzubeleben, die Lebensgeschichten der früheren Propheten zu erörtern und daraus Lehren zu ziehen, Verbindung zu den islamischen Brüdern und Schwestern aufzunehmen, die aus aller Welt gekommen sind, und sich in umfassender Demut Allah hinzugeben, indem er sich von allen anderen Dingen abwendet. Das Gebot, die Hajj zur Pflicht zu machen, wurde im neunten Jahr der Hidschra erlassen.

Der Gesandte (s.a.w.) ernannte in diesem Jahr Abu Bakr as-Siddiq (r.a.) zum Amīr al-Hajj, also zum Leiter der Hajj-Delegation, und sandte ihn mit dreihundert Gefährten nach Mekka, damit er unter seiner Führung die Hajj vollziehe. Im Zusammenhang damit möchte ich einige wichtige Aspekte dieser Hajj erwähnen, denn dieses Ereignis ist sowohl in religiöser als auch in politischer Hinsicht von außerordentlicher Bedeutung für die Geschichte der islamischen Bewegung.

Neben der Ernennung Abu Bakr as-Siddiqs (r.a.) zum Amīr wurde auch Ali (r.a.) eine weitere Aufgabe übertragen. Er sollte die ersten vierzig Verse der Sure at-Tauba bei der Hajj-Versammlung vortragen und den Menschen die von Allah herabgesandten wichtigen Bekanntmachungen verkünden. Die erste Bekanntmachung lautete, dass denjenigen, die am früheren vorislamischen und polytheistischen System festhielten und ihre Interessen durch Verträge mit dem Gesandten (s.a.w.) oder mit der islamischen Regierung schützten, noch eine Frist von vier Monaten gewährt werde. Nach Ablauf dieser vier Monate würden alle Verträge dieser Art auf Allahs Befehl hin ungültig werden.

Innerhalb dieser vier Monate mussten sie ihre jeweilige Vorgehensweise festlegen: ob sie die Staatsbürgerschaft des islamischen Staates aufgeben, Krieg führen oder als Muslime im islamischen Staat leben wollten. Das heißt, auch für die öffentliche Aufkündigung von Verträgen dieser Art, durch die der islamische Staat innerhalb seines eigenen Hoheitsgebiets keine unabhängige Stellung bewahren und seine Ansprüche und Bedürfnisse nicht erfüllen konnte, war eine ausdrückliche Erklärung erforderlich. Außerdem war der Zeitraum von vier Monaten, der den Gegnern eingeräumt worden war, ausreichend. Ihnen wurde auch die Möglichkeit gegeben, dass jeder Götzendiener, der in dieser Zeit den Islam in Medina kennenlernen wollte, sicher dorthin reisen und wieder zurückkehren konnte. Darüber hinaus wurde denjenigen unter den Götzendienern, die den Vertrag ehrlich eingehalten hatten, der zusätzliche Vorteil gewährt, dass ihre Verträge nicht nach vier Monaten aufgehoben, sondern bis zum vereinbarten Ende ihrer Laufzeit gültig bleiben würden. Der eigentliche Druck richtete sich gegen jene Götzendiener, die erbitterte Feindschaft gegen den Islam gezeigt und Krieg gegen ihn geführt, im Verlauf der Auseinandersetzungen alle moralischen Regeln verletzt, wiederholt ihre Versprechen gebrochen und sämtliche Regeln der Menschlichkeit, Höflichkeit und des Anstands missachtet hatten. Es waren jene Götzendiener, die die Menschen daran hinderten, dem Weg der Wahrheit zu folgen, die versuchten, Fehler an Allahs Religion zu finden, die den Gesandten (saw.) aus seinem Haus vertreiben wollten und stets den ersten Angriff führten und Kriege und Feindseligkeiten auslösten.

Die zweite Erklärung lautete, dass künftig kein Götzendiener mehr zum Verwalter der Kaaba eingesetzt werden dürfe. Die dritte Erklärung lautete, dass künftig kein Götzendiener das Gebiet des Heiligen Bezirks betreten dürfe. In diesem Zusammenhang ließ Hadhrat Ali (r.a.) im Auftrag des Gesandten (saw.) außerdem verkünden, dass von nun an niemand mehr nackt die Kaaba umrunden dürfe. Die vierte Erklärung besagte, dass die vier heiligen Monate, die Allah festgelegt hatte, beibehalten würden und niemand das Recht habe, in diesen Monaten auch nur die geringste Änderung vorzunehmen. Bei dieser Gelegenheit wurde ebenfalls verkündet, dass Allah Seinen Gesandten nur deshalb in die Welt gesandt hatte, um Seine Religion trotz des Unwillens der Götzendiener vollständig zu etablieren und zum Sieg zu führen.

Manche erzählen im Zusammenhang mit dieser zusätzlichen Aufgabe Hadhrat Alis (r.a.) allerlei wunderliche und abwegige Geschichten. Tatsächlich ging es jedoch lediglich darum, dass der Gesandte (saw.) Hadhrat Abu Bakr (r.a.) dadurch, dass er ihn zum Befehlshaber ernannte, zu seinem Stellvertreter bestimmt hatte, während er Hadhrat Ali als persönlichen Vertreter, persönlichen Sekretär oder Gesandten entsandte, um eine wichtige religiöse und politische Erklärung abzugeben. Wer über ein richtiges Verständnis der Staatsführung verfügt, weiß, dass es in bestimmten Fällen keine andere Möglichkeit gibt, als auf diese Weise vorzugehen. Selbst wenn eine Regierung einen Gouverneur hat, muss sie aus besonderem Anlass einen gesonderten Gesandten entsenden.

Nun wollen wir von jener gewaltigen Hajj-Versammlung berichten, an der der Gesandte (saw.) persönlich teilnahm und bei der ein ganzes Meer an Anhängern der islamischen Bewegung zu ihm aufblickte und seinen Worten lauschte. Als der Gesandte (saw.) im zehnten Jahr der Hidschra den Entschluss zur Hajj fasste, wurde dies in allen Gegenden bekanntgegeben. Von allen Seiten begannen die Karawanen der heldenhaften Kämpfer der islamischen Revolution in Medina zusammenzuströmen. Auf dieser Reise begleiteten ihn alle Mütter der Gläubigen. In Dhul-Hulaifa legte er den Ihram an, und von dort aus erhob er jene historische Talbiya, die aus dem Innersten aller Pilger aufsteigt, wenn sie vor Allah treten. Diese Talbiya lautet: „Labbayka Allahumma labbayk …“ Das heißt: „Hier bin ich, o Allah, hier bin ich. Alles Lob gebührt Dir, alle Gnaden sind von Dir, die gesamte Herrschaft gehört Dir; Du hast keinen Teilhaber.“

Wann immer sie unterwegs einen Berg hinauf- oder hinabsteigen mussten, riefen alle einstimmig: „Labbayka, labbayka!“

Als er in die Nähe von Mekka kam, legte er in Dhū Tuwa eine kurze Reisepause ein. Danach zog er mit diesem gewaltigen Menschenmeer von Muslimen nach Mekka ein. Zuerst vollzog er den Tawaf. Danach ging er nach Safa und Marwa. Von dort wandte er sich der Kaaba zu und verkündete Allahs Einheit. Am 9. Dhul-Hiddscha traf er in Wadi Namira ein. Nach Mittag erreichte er die Ebene von Arafat. Dort bestieg er einen Hügel, setzte sich auf den Rücken seiner Kamelstute namens Qaswa und hielt eine Khutba. Ringsum standen Ausrufer, die jeden Satz wiederholten. So erreichte jedes Wort, das der Gesandte (saw.) sprach, die Ohren aller versammelten Menschen.

Heute erfüllte den Gesandten (saw.) ein außergewöhnliches Gefühl. Heute standen die Früchte seiner lebenslangen Arbeit vor ihm: einhundertvierundvierzigtausend – nach anderer Überlieferung einhundertvierundzwanzigtausend – Muslime.

Das internationale Manifest der islamischen Bewegung

Zu dieser Zeit hielt der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zwei Ansprachen. Die erste hielt er am 9. Dhul-Hiddscha auf dem Berg Arafat, die zweite am 10. Dhul-Hiddscha in Mina. In einigen Überlieferungen sind die Inhalte dieser beiden Ansprachen miteinander verschmolzen.

Diese beiden Ansprachen sind aus mehreren Gründen von außerordentlicher Bedeutung. Erstens hielt der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) eine Ansprache vor der größten islamischen Versammlung, und zwar zu einer Zeit, als der von ihm gepflanzte Setzling des Wortes der Wahrheit zu einem gewaltigen Baum herangewachsen war und begonnen hatte, Früchte zu tragen. Nach einer Epoche heftiger Opposition einen derart großen Erfolg zu erringen, ist an sich eine gewaltige Prüfung des Lebens und des Charakters. Wäre er in dieser Lage ein weltlich gesinnter Mensch gewesen, ein Eroberer, der lediglich politischen Erfolg und Sieg errungen hätte, so wäre er in allen Genüssen und Annehmlichkeiten aufgegangen und hätte sich aus Hochmut und Stolz selbst auf den Platz Gottes erhoben. Jeder selbstsüchtige Mensch außer dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), der diese Stufe erreicht hätte, hätte den gesamten Mantel der Frömmigkeit von sich geworfen und sich in einer anderen Gestalt gezeigt. Doch beim Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sieht man mehr Demut als zuvor und eine noch größere Dankbarkeit gegenüber Allah. Zweitens hatte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) durch seine Weisheit und innere Einsicht erkannt, dass dies seine letzte Gelegenheit war, vor einer so großen muslimischen Versammlung zu sprechen. Daher legte er darin ein Vermächtnis mit Anweisungen zum Abschied vor, dessen jedes Wort wertvoll ist. Drittens war dies, nachdem der Staat die höchste Stufe seiner Entwicklung erreicht hatte, der geeignete Zeitpunkt, im Namen der islamischen Bewegung eine Botschaft oder ein Manifest an die gesamte Menschheit zu richten. Diese Aufgabe erfüllte er daher auf vortrefflichste Weise. Viertens sind diese beiden Ansprachen ein Zeugnis für die herausragende Beredsamkeit des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und gehören zu seinen besten und sprachlich kunstvollsten Ansprachen. Dadurch wird es leichter, die Überlegenheit und Größe dieser erhabenen und heiligen Persönlichkeit zu erkennen.

Es sei darauf hingewiesen, dass ein Teil dieser beiden Ansprachen sich auf bestimmte innere Verhältnisse und Probleme bezieht, während ein anderer Teil ein internationales Manifest enthält. Die eigentliche Rede macht diese Zweiteilung deutlich.

Die Ansprache von Arafat

– Alles Lob gebührt Allah. Wir loben allein Ihn. Ihn allein bitten wir um Hilfe. Ihn allein bitten wir um Vergebung unserer Sünden. Ihm allein bringen wir unsere Reue dar. Wir suchen Zuflucht bei Ihm vor den schädlichen Regungen unserer Triebe und vor unseren ungerechten Taten. Wen Allah auf dem rechten Weg zu wandeln hilft, den kann niemand in die Irre führen. Und wen Allah nicht die Möglichkeit gewährt, Rechtleitung zu erlangen, den kann niemand auf den geraden und richtigen Weg führen.

– Ich bezeuge, dass es keinen Anbetungswürdigen außer Allah gibt. Er ist Einer und Einzig. Er hat keinen Teilhaber. Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ist Sein Diener und Gesandter.

– O Diener Allahs, ich ermahne und ermutige euch, allein Allah zu dienen und Ihm zu gehorchen.

– Ich beginne meine Ansprache mit guten und segensreichen Worten.

-O ihr Menschen, hört meine Worte aufmerksam an. Ich erkläre sie euch, denn ich glaube nicht, dass ich euch nach diesem Jahr an diesem Ort noch einmal begegnen werde.

-O ihr Menschen, das Leben und das Eigentum eines jeden von euch sind für den anderen unverletzlich. Haltet euch an diese Bestimmung, bis ihr zu eurem Herrn gelangt. Ebenso unverletzlich sind dieser euer Monat, diese eure Stadt und dieser euer Tag.

-Wisst, dass ich euch die Botschaft übermittelt habe. O Allah, sei Zeuge!

-Wer etwas als anvertrautes Gut in seiner Obhut hat, soll es seinem Eigentümer zurückgeben.

-Die Zinsen aus der vorislamischen Zeit sind abgeschafft. Als Erster erlasse ich die Zinsen meines Onkels Abbas.

-Alle Forderungen nach Vergeltung für Morde aus der vorislamischen Zeit sind aufgehoben. Als Erster erlasse ich die Forderung nach Vergeltung für den Mord an ʿAmir ibn Rabīʿa. Alle Ämter, Titel und Ehren aus der vorislamischen Zeit sind abgeschafft. Nur das Amt des Verwalters der Kaaba und das Amt der Versorgung der Pilger mit Wasser bleiben bestehen.

-Die Strafe für vorsätzlichen Mord ist die Todesstrafe. Für unbeabsichtigten Mord beträgt die Vergeltung einhundert Kamele. Mehr als einhundert Kamele zu fordern, wäre in diesem Fall eine Sitte der vorislamischen Zeit.

-O ihr Menschen, nachdem der Islam sich durchgesetzt hat, hofft Satan nicht mehr darauf, dass ihm in diesem Land gehorcht wird. Wenn ihr ihm jedoch bei Sünden gehorcht, die ihr für geringfügig haltet, wird er auch darüber erfreut sein.

-O ihr Menschen, die Veränderung der heiligen Monate ist ein noch größeres Zeichen des Unglaubens. Indem die Ungläubigen einen Monat in einem Jahr für heilig und im nächsten Jahr für erlaubt erklären und ihn vor- oder zurückverlegen, um die Zahl irgendwie vollständig zu machen, geraten sie noch tiefer in die Irreführung.

-Wisset, dass die Zeit heute auf dem Weg ihrer Umläufe zu ihrem ursprünglichen Ausgangspunkt zurückgekehrt ist, an dem sie sich am Tag der Erschaffung der Himmel und der Erde durch Allah befand. Wahrlich, bei Allah beträgt die Zahl der Monate zwölf. Seit Allah die Himmel und die Erde erschaffen hat, ist die Zahl der Monate in Seiner vorbestimmten Schrift so festgelegt. Vier davon sind heilig: drei aufeinanderfolgende Monate – Dhū l-Qaʿda, Dhū l-Hiddscha und Muharram – und ein einzelner Monat, nämlich Radschab, der zwischen Dschumādā ath-Thāniya und Schaʿbān liegt.

-Wisset, ich habe die Botschaft übermittelt. O Allah, sei du Zeuge.

-O ihr Menschen, euren Frauen sind euch gegenüber bestimmte Rechte gegeben worden.

Auch ihr habt ihnen gegenüber bestimmte Rechte. Es ist eure Pflicht, niemand anderen als euch den Zutritt zu eurem ehelichen Schlafgemach zu gestatten. Für eure Frauen ist es nicht recht, jemandem, den ihr nicht mögt, ohne eure Erlaubnis den Zutritt zum Haus zu gestatten. Sie sollen keine schamlosen oder sittenlosen Taten begehen. Wenn sie dies tun, hat Allah euch erlaubt, euch zeitweilig von ihnen fernzuhalten, um sie zu bessern. Wenn sie danach gehorsam leben, ist es eure Pflicht, ihnen in angemessener Weise den Unterhalt zu gewähren. Wahrlich, die Frauen stehen unter eurer Obhut. Sie können nicht selbst alles tun, was ihrem eigenen Wohl dient. Ihr habt sie als ein von Allah anvertrautes Gut zu euren Gefährtinnen genommen und ihre Körper nach Allahs Gesetz für euch erlaubt gemacht. Darum fürchtet Allah in Bezug auf die Frauen und erzieht und unterweist sie auf die beste Weise.

-Wisset, ich habe meine Botschaft übermittelt. O Allah, sei auch du Zeuge.

-O ihr Menschen, die Muslime sind untereinander Brüder. Es ist einem Bruder nicht erlaubt, das Eigentum eines anderen Bruders ohne dessen Einwilligung an sich zu nehmen.

-Seid gewarnt, ich habe die Botschaft übermittelt. O Allah, sei auch du Zeuge.

-Verlasst nach mir diese islamische Brüderlichkeit nicht, um ein Leben wie die Ungläubigen zu führen und einander die Kehlen durchzuschneiden.

-Ich hinterlasse euch etwas, an dem ihr festhalten sollt, damit ihr nicht in die Irre geht. Es ist Allahs Buch.

-Achtet darauf, ich habe die Botschaft überbracht. O Allah, sei auch du Zeuge.

-Ihr werdet nach mir gefragt werden. Sagt, was werdet ihr antworten? Die Menschen riefen einstimmig: „Wir bezeugen, dass Sie die Botschaft überbracht und alles getan haben, was zum Wohl der Umma zu tun war. Sie haben alle Schleier von der Wahrheit entfernt und uns Allahs anvertrautes Gut übermittelt.“

-O Allah, sei Zeuge. O Allah, sei Zeuge. O Allah, sei Zeuge.

-Diejenigen, die hier anwesend sind, sollen diese Worte den Abwesenden übermitteln. Vielleicht werden manche Abwesende diese Worte besser verstehen, bewahren und beherzigen als manche der Anwesenden.

-O Menschen, Allah, der Erhabene, hat jedem Erben seinen festgelegten Erbanteil bestimmt. Es ist nicht erlaubt, mehr als ein Drittel des Vermögens testamentarisch zu vermachen.

-Das Kind gehört demjenigen, in dessen Bett es geboren wird. Und dem Ehebrecher gebühren die Steine.“

– Auf demjenigen, der jemand anderen als seinen eigenen Vater als Vater anerkennt, oder auf dem Sklaven, der jemand anderen als seinen Herrn als Herrn anerkennt, liegt der Fluch Allahs, der Engel und aller Menschen! Am Tag der Auferstehung wird von ihm keine Gegenleistung angenommen.

– Mögen Allahs Barmherzigkeit und Frieden auf euch herabkommen.

Die Ansprache in Mina

– O ihr Menschen, nach mir wird kein neuer Prophet kommen. Nach euch wird keine neue Umma entstehen. Hört daher aufmerksam zu und dient eurem Herrn. Verrichtet die fünf täglichen Gebete. Fastet im Ramadan. Entrichtet weiterhin bereitwillig die Zakat eures Vermögens. Vollzieht die Hadsch und gehorcht euren Führern und Verantwortlichen, damit ihr in Allahs Paradies eintreten könnt.«

Was der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in diesen beiden Ansprachen als internationales Manifest dargelegt hat, übersteigt menschliches Denken und Vorstellungsvermögen. Vielmehr hat kein anderes Manifest tatsächlich vermocht, Menschen von einem so hohen Rang hervorzubringen wie dieses Manifest. Darin wird die revolutionäre Glaubensüberzeugung von der Einheit Allahs verkündet. Die Anbetung Allahs und der Gottesdienst werden als grundlegende Triebkraft der islamischen Lebensordnung dargestellt. Darin werden Leben und Eigentum der Muslime füreinander als unantastbar erklärt und als Strafe für Mord zwingend die Todesstrafe vorgeschrieben. Die Entscheidung zur Abschaffung der unwissenden Sitte des Wuchers wird verkündet. Die fortlaufende Kette von Vergeltung und Gegengewalt aus vorislamischer Zeit wird aufgehoben. Die Rangstellungen und Titel des Zeitalters der Unwissenheit werden abgeschafft. Darin werden die Rechte von Ehemann und Ehefrau festgelegt. Das Fundament der Familienordnung wird gefestigt. Die Frauen werden als Allah anvertrautes Gut bezeichnet, und es wird geboten, gut mit ihnen umzugehen. Darin wird das brüderliche Verhältnis unter den Anhängern des Islam für verpflichtend erklärt. Das Buch Allahs wird als Grundlage der islamischen Lebensordnung bezeichnet. Auf der Grundlage der Einheit Allahs und der Einheit des Vaters der Menschheit wird die Idee der menschlichen Einheit vermittelt. Geografische und stammesbezogene Unterschiede werden als bedeutungslos bezeichnet, während Aufrichtigkeit und Gottesfurcht als Maßstab für Ehre und Größe bestimmt werden.

Wann immer und wo auch immer auf der Erde die islamische Bewegung wirken und die islamische Ordnung verwirklicht werden wird, wird ihr Fundament auf diesen festen und unerschütterlichen Ideologien errichtet werden. Dieses Manifest ist das grundlegende Manifest des Islam, und die Menschheit kann zu ihm aufgerufen werden. Jede Lebensordnung, die im Gegensatz zu diesem Manifest errichtet wird, wird unislamisch sein, und kein aufrichtiger Muslim kann sie annehmen. Wir können dieses Manifest zum Prüfstein machen, an dem wir die Tätigkeit jeder unserer Führungen überprüfen, und jeden Schritt unserer Regierungen an ihm messen. Im Spiegel dieses Manifests können wir auch unser eigenes Antlitz und die anderen nichtislamischen Gesellschaftsordnungen betrachten.

Dies ist die letzte Ansprache unseres geliebten Propheten. Diese Ansprache hat er an uns gerichtet. Sie ist das Vermächtnis des Gesandten (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Nachdem er jeden wichtigen Teil davon dargelegt hatte, sagte der Gesandte (Allahs) mit schmerzerfüllter Stimme: „Ich habe Allahs Botschaft übermittelt.“ Bei diesen Worten sollten wir vorsichtig und wachsam werden. Wir sollten unser bisheriges Verhalten bereuen, die Ketten der Knechtschaft unter der unislamischen Ordnung abwerfen und zu Anhängern des Lebensideals des Gesandten (Allahs) werden. Für die Verwirklichung der Sendung, für die der Gesandte (Allahs) so viel Leid und Verfolgung ertragen hat und für die es kein Beispiel für eine solche grenzenlose Geduld und Standhaftigkeit gibt, sollten auch wir voranschreiten.

Der Gesandte (Allahs), Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vollzog die Hadsch ordnungsgemäß und in aller Ruhe. Er traf sich mit allen Muslimen, die die Hadsch vollzogen. Die Menschen stellten viele Fragen. Danach beendete er diese heilige Reise mit dem Abschiedstawaf.

Dies war das Bild von der Vollendung des Islam. Die von Begeisterung erfüllte und spontane Versammlung von anderthalb hunderttausend Menschen bezeugte, dass die islamische Bewegung den eigentlichen Sieg im Kampf um die öffentliche Meinung und im Ringen um die Veränderung im Innersten der Herzen errungen hatte. Und eben diese innere Veränderung hatte in der gesamten äußeren Welt eine Revolution ausgelöst.

 

Nach dem Ableben des Gesandten (s.a.)

Bis hierher haben wir die Ergebnisse der vom Gesandten (s.a.) geleiteten Bewegung dargestellt. Nicht lange danach verstarb er. Doch die von ihm ausgebildeten und erzogenen Muslime setzten diese Arbeit fort, und die islamische Bewegung breitete sich innerhalb von zehn bis fünfzehn Jahren über ein riesiges Gebiet aus.

Aus der Art und Weise, wie der Gesandte (s.a.) an der Abschiedswallfahrt teilnahm, wie er seine Gefährten ansprach und in welcher Sprache er Vermächtnisse hinterließ und Bitten vortrug, war zu erkennen, dass er sich von allen gemeinsam verabschiedete. Während der Rückkehr hielt er bei einem Rastplatz neben dem Teich namens „Ghadir Chumm“ eine weitere Ansprache an seine bedeutenden Gefährten. In dieser Ansprache trat die Stimmung des Abschieds noch deutlicher hervor. Auch seine Worte waren von solcher Art, dass einem beim Zuhören die Tränen kamen. Zunächst pries er Allah nach der herkömmlichen Weise. Dann sagte er:

„O ihr Menschen, ich bin ein Mensch. Vielleicht wird schon sehr bald der Rufer Allahs zu mir kommen, und ich werde seinem Ruf folgen. Ich hinterlasse euch zwei Lasten der Verantwortung. Die eine davon ist das Buch Allahs. Darin befinden sich die Rechtleitung zum richtigen Weg, Licht und Weisheit.“ Danach sagte er noch einige ermunternde und warnende Worte über den Koran. Dann sagte er: „Die zweite Last sind die Angehörigen meiner Familie. Im Hinblick auf die Angehörigen meiner Familie rufe ich euch dazu auf, Allah zu gedenken.“

Um die Irrwege jener zu beseitigen, die den Propheten übermenschliche und unmenschliche Eigenschaften zuschrieben und dadurch verschiedene Wege der Irreführung eröffneten, bezeichnete er sich selbst als einen Menschen. Die Propheten, die ihr ganzes Leben lang für die Ausmerzung des Schirks und die Errichtung der Einheit Allahs gekämpft hatten – welch grausame Ironie des Schicksals –, wurden von den Übertreibern als Söhne Allahs bezeichnet und als Teil Allahs und als ewige Wesen betrachtet. Kurz vor seinem Abschied warnte der Gesandte (s.a.) seine Gefährten mit den Worten: „Ich bin ein Mensch.“ Daher gilt auch für mich, wie für alle anderen Menschen, Allahs Gesetz. Danach wies er sie eindringlich an, dem Koran zu folgen, und bezeichnete dies als eine Last der Verantwortung. Denn die nahen Verwandten des Gesandten (s.a.) waren Augenzeugen seines Lebens und Treuhänder seiner kostbaren Lehren. In dieser Hinsicht sind sie für die Umma eine Quelle islamischer Lehren. Andererseits hinterließ er ihnen keinerlei Vermögen und überließ ihre Zukunft Allah. Daher ist es offensichtlich, dass nach dem Gesandten (s.a.) eine große Verantwortung auf den Muslimen hinsichtlich ihrer Angelegenheiten lag. Doch aufgrund seines ausgeprägten Ehrgefühls machte er hierzu keine ausdrückliche Aussage, sondern beschränkte sich auf einen Hinweis.

In dieser oder in einer späteren Ansprache sagte der Gesandte (s.a.) den gewöhnlichen Muslimen und den ehrenwerten Gefährten im Hinblick auf eine außergewöhnliche Notwendigkeit noch etwas. Es verhielt sich so, dass unter einigen Gefährten, die gemeinsam mit Hadhrat Ali in den Jemen entsandt worden waren, in einer Angelegenheit eine gewisse Meinungsverschiedenheit mit Hadhrat Ali entstanden war. Bei großen Aufgaben entstehen bisweilen schwierige Situationen, in denen neben unterschiedlichen Temperamenten auch Meinungsverschiedenheiten auftreten. Manchmal sammeln sich aufgrund eines bitteren oder hitzigen Wortwechsels, wenn auch nur vorübergehend, Groll oder Unzufriedenheit im Herzen an. Es ist schlichtweg unmöglich, dass eine von Menschen gebildete Organisation – mag sie auch eigens für eine rein islamische Aufgabe gegründet worden sein oder mögen an ihrer Spitze selbst untadelige Menschen wie die Propheten stehen – von sämtlichen natürlichen menschlichen Schwächen frei bleibt. Meinungsverschiedenheiten und emotionale Konflikte können selbst in einer durch und durch rechtschaffenen, aufrichtigen, reinen und vollkommenen Gesellschaft auftreten. Deshalb braucht man zur Durchführung großer Aufgaben jene großmütigen, toleranten, geduldigen und großzügigen Menschen, die trotz aufkommender Meinungsverschiedenheiten miteinander zurechtkommen können. Auch in der Gemeinschaft der ehrenwerten Gefährten kam es gelegentlich zu Auseinandersetzungen. Doch gerade aufgrund ihrer außergewöhnlichen Toleranz blieb die Zusammenarbeit trotz dieser Auseinandersetzungen bestehen. Selbst wenn Bitterkeit und Erregung entstanden, waren sie nur vorübergehend. Auch in diesem Fall war eine solche Situation entstanden. Besonders im Herzen von Hadhrat Buraida war die Wirkung der Auseinandersetzung so stark geworden, dass er sich beim Gesandten (s.a.) über Hadhrat Ali beschwerte. Doch dass eine Beschwerde gegen eine herausragende Persönlichkeit wie Hadhrat Ali entstand, fortbestand, die Form persönlichen Kummers annahm und schließlich dem Gesandten (s.a.) vorgetragen wurde, war eine etwas komplizierte Angelegenheit. Als der Gesandte (s.a.) die Beschwerde hörte, war er betrübt, und sein Gesicht veränderte sich. In diesem Zusammenhang sagte er nach seiner gewohnten Art, ohne jemanden namentlich zu erwähnen: „Wessen Freund ich bin, dessen Freund ist auch Ali. O Allah, sei auch du mit dem befreundet, der mit Ali befreundet ist, und sei du auch dem feindlich gesinnt, der Ali feindlich gesinnt ist.“

Es ist allen bekannt, dass auch Hadhrat Ali in jener Bewegung, der der Gesandte (s.a.) alles geopfert hatte, alles geopfert hatte. Der Verkünder derselben Daʿwa, der Fahnenträger derselben Mission, der Anhänger derselben Denkweise und der Wanderer auf demselben Weg – zudem ein so naher Verwandter, dass zwischen ihnen nicht der geringste Abstand entstehen konnte. Wie sollte es möglich sein, den einen von zwei solchen Menschen zu lieben und gegen den anderen Groll zu hegen? Eine solche Beziehung bestand zwischen dem Gesandten (s.a.) und seinen engsten Gefährten. Die gesamte Gemeinschaft war durch das Band der Brüderlichkeit in Glauben, Idealen und Zielen tief miteinander verbunden. Insbesondere unter den Persönlichkeiten der ersten Reihe, die der Gesandte (s.a.) besonders ausgebildet hatte, gab es keinerlei Raum dafür, Unterschiede zwischen ihnen zu machen, den einen zu lieben und gegen den anderen Kummer oder Groll zu hegen. Der Gesandte (s.a.) war deshalb bekümmert, weil die Muslime mit einem so großen Ziel nicht voranschreiten konnten, wenn in der von ihm über Jahre ausgebildeten Gruppe das Band der Brüderlichkeit derart schwach war, Unzufriedenheit und Groll gegenüber ihren führenden Persönlichkeiten gehegt wurden und Meinungsverschiedenheiten zu dauerhaftem persönlichem Groll führten.

Zu dieser Zeit sah der Gesandte (s.a.) seinen Abschied näher kommen. Er war ganz von dem Gedanken erfüllt, dass nun die gesamte Last der Verantwortung auf die Schultern dieser Organisation gelegt werden sollte. In Zukunft würden die Muslime anstelle des Gesandten (s.a.) dieser Führungslinie folgen müssen, in die er seine treuesten Gefährten aufgenommen und über lange Zeit ausgebildet hatte und deren einzelne Mitglieder er zutiefst liebte. Deshalb hatte er jene Worte in äußerst eindringlicher Sprache gesprochen, um sie zu warnen. Erstaunlicherweise haben manche gerade aus dieser Aussage eine Lehre über die Ernennung des Nachfolgers und Kalifen des Gesandten (s.a.) herausgelesen. Wie sie darauf gekommen sind, kann ich nicht nachvollziehen.

Diese Erörterung ergab sich lediglich am Rande. Unser eigentliches Anliegen war vielmehr, deutlich zu machen, dass der Gesandte (s.a.) während der gesamten Reise zur Abschiedspilgerfahrt spürte, dass seine Reise ins Jenseits unmittelbar bevorstand. Im Licht dieser Empfindung erteilte er weiterhin verschiedene wichtige Anweisungen und Vermächtnisse.

Seit Beginn des Monats Safar im elften Jahr nach der Hidschra begann die reine Seele des Gesandten (s.a.), sich auf die Reise ins Jenseits vorzubereiten. Eines Tages begab er sich nach Uhud und sprach dort in Niederwerfung ein Bittgebet für die Märtyrer von Uhud. Nach seiner Rückkehr hielt er erneut die folgende Ansprache:

„O Menschen, ich werde euch vorausgehen und bei Allah Zeugnis über euch ablegen. Bei Allah, ich sehe bereits hier, während ich sitze, das Becken al-Kawthar; und mir sind die Schlüssel zum Sieg über verschiedene Reiche gegeben worden. (Das bedeutet, dass infolge der Daʿwa verschiedene Länder erobert werden.) Ich fürchte nicht, dass ihr nach mir zu Götzendienern werdet. Meine einzige Sorge ist, dass ihr in Konflikte und Auseinandersetzungen um weltliche Interessen geratet.“

Dann begab er sich um Mitternacht zum Friedhof al-Baqi, bat um Vergebung für die dort Begrabenen und sagte: „Auch ich werde mich schon bald zu euch gesellen.“ Eines Tages versammelte er anschließend eigens seine herausragenden Gefährten und hielt ihnen folgende Ansprache:

„O Muslime! Meine Glückwünsche an euch! Möge Allah euch mit Seiner besonderen Barmherzigkeit segnen. Möge Er die Sorgen aus euren Herzen nehmen, euch den Lebensunterhalt gewähren, euch helfen, euch Erfolg schenken sowie euch Frieden und Sicherheit geben. Ich gebiete euch, Allah zu fürchten, übergebe euch Allahs Obhut und rufe euch dazu auf, vor Ihm auf der Hut zu sein. Denn ich bin ein offenkundiger Warner. Seht zu, dass ihr in den Städten Allahs unter Seinen Dienern kein hochmütiges und überhebliches Verhalten an den Tag legt. Allah, der Erhabene, hat zu mir und zu euch gesagt: „Jenes Haus des Jenseits bestimme Ich für diejenigen, die auf der Erde weder Hochmut hegen noch Unheil verbreiten wollen. Der Erfolg im Jenseits ist gewiss den Gottesfürchtigen bestimmt.“ Friede sei mit euch allen und mit all jenen, die nach Annahme des Islam in meine Bayʿa aufgenommen wurden.“

Nach seiner Rückkehr vom Friedhof al-Baqi begann ein leichter Kopfschmerz. Am 29. Safar wurde der Kopfschmerz stärker, weil er zu dem Totengebet für einen Verstorbenen ging und wieder zurückkehrte. Während der zunächst milden Phase seiner Krankheit kam er elf Tage lang in die Prophetenmoschee und leitete selbst das Gebet. Als die Krankheit zunahm, blieb er eine Woche lang im Haus auf seinem Bett liegen. Als sich sein Zustand danach weiter verschlechterte, bat er die übrigen Ehefrauen um Erlaubnis und zog in das Zimmer von Hadhrat Aischa.

Obwohl er infolge seiner Krankheit Schritt für Schritt dem Tod entgegenging, vergaß er die Verantwortung für die islamische Bewegung nicht. Das Ziel der Feldzüge von Tabuk und Muʾta war noch nicht verwirklicht. Bei der geringsten Nachlässigkeit bestand die Gefahr, dass die Feinde ermutigt würden. Deshalb befahl er den Muslimen unter diesen Umständen am 26. Safar, Vorbereitungen für einen Feldzug gegen Rom zu treffen. Am folgenden Tag ernannte er Hadhrat Usama ibn Zayd zum Befehlshaber dieses Feldzugs. Er sagte zu ihm: „Geh im Namen Allahs und begib dich zum Ort des Märtyrertodes deines Vaters; führe einen Angriff gegen diejenigen, die Allah ungehorsam sind.“ Eigenhändig fertigte er eine Fahne an und übergab sie Hadhrat Burayda ibn al-Khusayb al-Aslami. Da Usama noch jung war und zudem der Sohn Zayds, des freigelassenen Sklaven und Adoptivsohns des Gesandten (s.a.), war, begannen einige wegen seiner Ernennung zu tuscheln: Warum wurde dieser Jugendliche zum Befehlshaber ernannt, obwohl große Männer unter den Ansar und Muhadschirun zur Verfügung standen? Als dies dem Gesandten (s.a.) zu Ohren kam, war er zutiefst bekümmert. Trotz seiner heftigen Schmerzen band er sich ein Tuch um den Kopf und erschien in der Moschee. Dann hielt er eine Ansprache, die derjenigen von Ghadir Chumm ähnelte, und sagte:

„Ich habe gehört, dass ihr über Usama verschiedene Dinge gesagt habt. Schon zuvor habt ihr Einwände dagegen erhoben, dass sein Vater zum Heerführer ernannt wurde. Bei Allah, er war dafür geeignet. Ebenso ist sein Sohn für diese Aufgabe geeignet. Zaid ibn Haritha war uns von allen Menschen am liebsten. Und nun ist uns sein Sohn Usama von allen Menschen am liebsten.“

Zuvor (fünf Tage vor seinem Tod) hatte er sich mit sieben Schläuchen Wasser den Kopf gewaschen. Als sich sein Körper durch dieses Bad etwas leichter anfühlte, wurde er, von anderen gestützt, in die Moschee gebracht. Dort hielt er vor der Versammlung der Gefährten seine letzte Ansprache. Er sagte:

„Die Menschen vor euch pflegten die Gräber der Propheten und der frommen Menschen zu verehren. Tut dies nicht. Macht mein Grab nach meinem Hinscheiden nicht zu einem Ort der Verehrung. Es ist unausweichlich, dass Allahs gewaltiger Zorn über jene hereinbricht, die die Gräber der Propheten verehren. Ich verbiete euch, dies zu tun. Ich habe euch die wahre Botschaft überbracht. O Allah, sei Du selbst dafür Zeuge.“

Dann leitete er das Gebet und sagte nach dem Gebet erneut:

„Ich ermahne euch hinsichtlich der Ansar. Sie waren das Gewand meines Körpers und die Ausrüstung auf meinem Weg. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Nun müsst ihr noch ihre Rechte erfüllen. Andere werden Fortschritte machen. Die Ansar aber werden dort bleiben, wo sie waren. Achtet jene unter den Ansar, die rechtschaffen und tüchtig sind. Und vergebt jenen, die Fehler machen. Allah, der Erhabene, hatte Seinem Diener die Wahl gegeben: Er konnte, wenn er wollte, die Welt und ihre Pracht annehmen oder das annehmen, was bei Allah für ihn bestimmt ist. Doch der Diener nahm das an, was bei Allah für ihn bestimmt war.“

Alles, was der Gesandte während seiner Krankheit sagte, brachte im Allgemeinen eine Abschiedsstimmung zum Ausdruck. Doch in den letzten Sätzen der obigen Ansprache lag ein sehr deutlicher Hinweis. Hadhrat Abu Bakr verstand dies sofort und begann ungeduldig zu weinen.

Schließlich war er sogar nicht mehr in der Lage, am Gemeinschaftsgebet teilzunehmen. Daraufhin wies er Hadhrat Abu Bakr an, an seiner Stelle das Gebet zu leiten. Als die Krankheit immer schlimmer wurde, nahm die Unruhe unter den Muslimen zu. Als die Menschen voller Sorge immer wieder die Prophetenmoschee umkreisten, kam der Gesandte, auf den Schultern von Hadhrat Ali und Hadhrat Fadl ibn Abbas gestützt, in die Moschee, setzte sich auf die unterste Stufe der Kanzel und hielt dort seine wahrhaft allerletzte Ansprache mit folgenden Worten:

„O ihr Menschen, ich habe erfahren, dass ihr aus Furcht vor meinem Tod beunruhigt seid. Ist irgendeiner der Propheten, die auf die Erde kamen, ewig am Leben geblieben? Ich muss ebenso zu Allah gehen wie ihr. Ich ermahne euch, zu jenen, die als Erste ausgewandert sind, gut zu sein, und auch die Auswanderer sollen gut zueinander sein.“ Danach rezitierte er die Sure al-Asr und sagte: „Alle Angelegenheiten verlaufen nach Allahs Willen. Beeilt euch nicht bei einer Sache, die Aufschub erfordert. Nur weil jemand Eile bevorzugt, beeilt Allah sich nicht. Ich ermahne euch, gut zu den Ansar zu sein. Sie haben Medina schon vor euch zu ihrer Heimat gemacht und es als ihre Pflicht angesehen, den Glauben anzunehmen. Haben sie euch nicht an ihren Erträgen beteiligt? Haben sie nicht ihre Häuser erweitert, um euch Platz zu geben? Haben sie nicht trotz der Zurückstellung ihrer eigenen Bedürfnisse euch den Vorzug gegeben? Ich werde vor euch gehen. Später werdet ihr kommen und euch mir anschließen. Ich verspreche euch, dass wir uns am Hawd al-Kawthar treffen werden.“

Diese Reden wurden mit unterschiedlichen Zeitpunkten aus verschiedenen Überlieferungen in Verbindung gebracht. Einer Ansicht zufolge waren all diese Aussagen jedoch Teil ein und derselben Rede. Wahrscheinlich ist diese Ansicht die richtige.

Am Montag [über das Datum des Hinscheidens bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. In manchen Überlieferungen wird der 1., in anderen der 2., der 12. oder der 13. Rabīʿ al-auwal genannt. Das bekannteste Datum ist jedoch der 12. Rabīʿ al-auwal] besserte sich der Gesundheitszustand des Gesandten (s.a.) zum letzten Mal etwas. Er benutzte den Miswāk, hob den Vorhang und warf einen Blick auf die versammelten Gefährten, wobei er lächelte. Wenige Augenblicke später sagte er dreimal:

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Daraufhin ging er, den Kopf im Schoß von Hazrat ʿĀʾischa ruhend, zum erhabenen Allah. „Wahrlich, wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.“

Heute schied jene großartige Persönlichkeit aus dieser Welt, die der Menschheit ein neues Leben geschenkt und schreckliche Mühsal ertragen hatte, um die Karawane der Menschheit aus der Gewalt der Räuber zu befreien und auf dem richtigen Weg zu halten, ohne dafür im irdischen Leben irgendeine Gegenleistung zu verlangen.

Wie schmerzlich dieses tragische Ereignis für die engsten und lebenslangen Gefährten des Gesandten (s.a.) war, lässt sich kaum ermessen. Diejenigen, die schon durch einen einzigen Blick auf den Gesandten (s.a.) neue Kraft und Inspiration gewannen, müssen den Eindruck gehabt haben, dass Himmel und Erde vor ihren Augen kreisten. Ihnen mag es vorgekommen sein, als habe sich die gesamte Menschheitsgeschichte umgekehrt. Hazrat ʿUthmān (r.a.) verstummte, und Hazrat ʿAlī wurde still. Hazrat ʿUmar verlor das Gleichgewicht seines Verstandes. Und Hazrat ʿAbdullāh ibn Unais starb vor Kummer.

Dieses schreckliche tragische Ereignis war an sich schon ein Berg des Kummers. Zudem ereignete es sich in einer äußerst gefährlichen Lage. Einerseits bestand die Gefahr einer Aggression seitens des Römischen Reiches, weshalb Usāmas Heer gerade aufbrach. Andererseits kam es zu einer Welle des Abfalls vom Islam und der Verweigerung der Zahlung der Zakāt. Drittens hatte die islamische Bewegung die benachbarten Staaten neben der Einladung zum Islam auch ein Stück weit bedroht. Im Inneren bestand außerdem das Problem, dass die unterdrückte Gefahr der Heuchelei erneut ihr Haupt erheben konnte. Doch der Gesandte (s.a.) hatte die Muslime so umsichtig und vollkommen ausgebildet, dass sie ihre eigenen Gefühle unverzüglich unter Kontrolle brachten und ihre aufgewühlten Herzen beruhigten. Sie überwanden und verabschiedeten Verzweiflung und Unruhe und konzentrierten sich auf die Erfüllung ihrer großen Verantwortung. Für die Anhänger des Gesandten (s.a.) bestand eine weit größere Verantwortung, als beim Hinscheiden einer solchen Persönlichkeit zu trauern, darin, die Stabilität und Sicherheit dieser Bewegung und Staatsordnung zu gewährleisten, die unter solchen Umständen schon durch die geringste Nachlässigkeit auseinanderbrechen konnte. Durch das plötzliche Hinscheiden des Mannes, der jahrelang zur Lebenskraft der gesamten Bewegung geworden und Gegenstand des vollkommenen Vertrauens und der tiefen Liebe aller Gefährten gewesen war, konnte augenblicklich eine äußerst gefährliche Leere entstehen. Würde diese Leere nicht rechtzeitig ausgefüllt, konnte dies schreckliche Folgen haben. Die vom Gesandten (s.a.) geformte muslimische Organisation legte daraufhin einen beispiellosen Beweis ihres Verantwortungsbewusstseins und ihrer charakterlichen Festigkeit ab: Sie füllte diese Leere unverzüglich aus und ließ die Bande der Ordnung keineswegs locker werden. Es kam zu keinem Streit und Konflikt darüber, wer der Nachfolger des Gesandten (s.a.) werden sollte, zu keinem Schwertgeklirr und zu keinem Aufruhr. Auf dem Hof von Saqīfa Banū Sāʿida versammelten sich die führenden Persönlichkeiten der muslimischen Gemeinschaft zur Beratung, und nach einer kurzen Erörterung wurde im Rahmen der schūrā, also der auf Beratung beruhenden Demokratie des Islam, Hazrat Abū Bakr as-Siddīq zum ersten Kalifen gewählt. Später wurde dieser Beschluss bei der allgemeinen Versammlung der Muslime in der Prophetenmoschee einstimmig bestätigt.

Nach dem Hinscheiden des Gesandten (s.a.) sind in der Menschheitsgeschichte nur wenige Beispiele dafür zu finden, mit welcher Entschlossenheit, Weitsicht und Fähigkeit Hazrat Abū Bakr die großartige Daʿwa-Arbeit des Gesandten ausweitete und das vom Gesandten begonnene, aber unvollendete Werk vollendete, und wie Hazrat ʿUmar, ʿUthmān, ʿAlī und andere führende Gefährten ihn dabei unterstützten. Dieser vom Gesandten (s.a.) geformte Mensch bewies, dass er das vortrefflichste Beispiel für Menschlichkeit war. In Uneigennützigkeit, großer Tüchtigkeit und Weitsicht war er ohnegleichen. Selbst unter den schwierigsten Umständen vergaß er seine Verantwortung und seine Pflichten nicht.

Die Geschichte bezeugt, dass diese von dem Gesandten (s.a.w.) geformte Gemeinschaft und ihre Führer die islamische Bewegung innerhalb weniger Jahre in alle Winkel der Welt trugen und dass sich in ihrem Tempo zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tod kaum ein Unterschied zeigte.

O Allah, sende Segen und Frieden auf Muhammad!

Wenn die Existenz der Muslime auf der Erde heute noch fortbesteht, so ist dies das Ergebnis der unermüdlichen Anstrengungen dieser großen Persönlichkeit. Wenn die Botschaft von Wahrheit und Gerechtigkeit in unserem Denken und Fühlen lebendig ist, so ist auch dies das Ergebnis der Bemühungen dieses heiligen Wesens. Wenn er für das Wohl und den Aufstieg der Menschheit irgendwelche Ideale und ein Programm hinterlassen hat, so sind diese die Frucht der Hingabe und des Kampfes von Muhammad (s.a.w.). Wenn heute in unseren Herzen die Sehnsucht nach einer Wiederbelebung der islamischen Bewegung keimt, so wird sie gerade durch die heilige Erinnerung an die Opfer und die Geduld dieses geliebten Propheten genährt werden. Dies lässt sich nur aus der Methode der islamischen Bewegung und aus der praktischen Schulung durch diesen von Allah, dem Erhabenen, gesandten Wegweiser erkennen. Wenn heute jemand der Menschheit moralische Werte und die ewigen Grundsätze des Erfolgs lehren will, muss er dies unmittelbar von Muhammad (s.a.w.) lernen. Wenn nicht ein Verkünder der Daʿwa, ein Lehrer, Ausbilder und Führer wie der Gesandte (s.a.w.) auf der Welt erschienen wäre, wäre es nicht möglich gewesen, die Erde aus der tiefen Finsternis von Unwissenheit und geistiger Blindheit zu befreien. Daher kann man sagen, dass der Gesandte (s.a.w.) die eigentliche Lebenskraft der gesamten islamischen Revolution war.

Die gesamte Menschheit ist diesem großen Freund und Wohltäter für die außergewöhnliche und beispiellose Leistung zu Dank verpflichtet, dass der ehrwürdige Prophet (s.a.w.) sich zum Ziel einer furchtbaren Feindschaft machte, um unser und das Wohl der gesamten Menschheit willen, dass er im Kampf gegen das Falsche unsägliche Leiden ertrug und ohne irgendeine Gegenleistung sein gesamtes Hab und Gut auf diesem Weg hingab, danach ein neues Zeitalter der Geschichte, eine heilige Zivilisation und eine große internationale Gemeinschaft oder Umma schuf und immer neue Welten des Wissens, der Wissenschaft und des Denkens erschloss. Wir sind unfähig, auch nur den geringsten Teil dieser gewaltigen Wohltat zu vergelten. Deshalb bitten wir dich, o erhabener Allah: Nimm unsere dankbare Gesinnung an und gewähre ihm aus den grenzenlosen Schätzen deiner Barmherzigkeit von unserer Seite eine angemessene Vergeltung für diesen außergewöhnlichen Beitrag. Sende Barmherzigkeit, Segen und Frieden auf die Seele des Gesandten (s.a.w.), erhöhe seinen Rang und schenke der Daʿwa und der Bewegung des Gesandten (s.a.w.) erneut Sieg und Ausbreitung; lass noch mehr deiner Diener an den Wohltaten und Früchten der islamischen Ordnung teilhaben und dadurch bereichert werden. Wir bitten dich ferner, dem Verfasser und jedem muslimischen Diener die Fähigkeit zu verleihen, das heilige anvertraute Gut der Daʿwa des Gesandten (s.a.w.) zu tragen, und ihm das Glück zu schenken, sie der gesamten Menschheit zu übermitteln. Lass die von dem Gesandten (s.a.w.) ins Leben gerufene islamische Bewegung ein weiteres Mal zu einer lebendigen und verwirklichten Wahrheit werden. Gewähre uns allen das Glück, im Kampf um die Vollendung der von dem Gesandten (s.a.w.) begonnenen Aufgabe eine angemessene Rolle zu spielen, indem wir das von ihm vorgelegte Rechtssystem auf der Erde verwirklichen. Denn dies ist die beste Weise, Dankbarkeit für seine Wohltat zum Ausdruck zu bringen.

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Die Arbeit ist noch unvollendet

Es ist Allahs Gnade, dass Er einem unbedeutenden Diener wie mir die Gelegenheit zu dieser großen Arbeit gegeben hat, sodass ich einen Einblick in das Leben und die Lebensleistungen dieses vortrefflichsten Seiner Diener geben konnte. Bei dieser Arbeit bin ich meinen fähigen Vorgängern zutiefst zu Dank verpflichtet, die zu diesem Thema äußerst wertvolle Werke verfasst haben. Außerdem bin ich den beiden Forschern unserer Zeit, Maulana Sayyid Abul Aʿla Maududi und Doktor Hamidullah Siddiqi, M.A., P.H.D., zutiefst zu Dank verpflichtet. Von diesen beiden erhielt ich eine auf die Bewegung ausgerichtete Sichtweise, die mir viele neue Seiten der Prophetenbiografie erschlossen hat. Ich hoffe, dass der Leser beim Lesen dieses Buches einige Anregungen zu neuen Gedanken finden wird. Auch dem verehrten Verleger bin ich dafür dankbar, dass er mich bei dieser Arbeit besonders inspiriert und ermutigt hat. Möge Allah all diese Freunde, die Inspiration und Begeisterung vermittelt haben, auf beste Weise belohnen.

Die Umstände, unter denen diese Arbeit bis heute vorangeschritten ist, waren äußerst beklagenswert. Wie oft habe ich die Arbeit aufgenommen, und wieder haben lange Unterbrechungen ihr Hindernisse in den Weg gelegt. Oft wurde monatelang kein einziger Buchstabe geschrieben. Doch irgendeine unsichtbare Kraft hat mir immer wieder Kraft und Ermutigung verliehen. Eines Tages kam mir plötzlich der Gedanke, dass es vielleicht Allahs Wille ist, dass ich wenigstens ein Hundertstel oder ein Tausendstel der Erfahrungen jener großen Persönlichkeit erwerben muss, deren Lebensgeschichte ich der Welt vorstellen möchte. Woher sollte sonst der Lebensatem in das Geschriebene kommen? Nachdem mir dieser Gedanke gekommen war, wurde mein Wille so stark, dass ich die Arbeit jedes Mal, soweit ich konnte, voranbrachte. Den größten Teil der zweiten Hälfte des Buches musste ich im Liegen im Bett schreiben. Deshalb hoffe ich, dass Allah diese Arbeit annehmen und sie zu einem Mittel meiner Erlösung und meines Wohlergehens machen wird.

Gemäß dem vorgeschlagenen Entwurf bleibt im vorliegenden Buch noch ein großer Teil der Arbeit offen, die ich in diesem Umfang durchführen möchte. Wahrscheinlich wird sie sich auf zwei oder drei Bände erstrecken. Tatsächlich habe ich vorerst nur eine einzige ausführliche Abhandlung vorgelegt. Insofern ist sie einigermaßen detailliert, als sie zu einem großen Teil die Darstellung des kämpferischen Lebens des Gesandten (s.a.) enthält. In mancher Hinsicht ist sie jedoch kurz gefasst, da darin auch einige wichtige Themen aus dem Leben des Propheten lediglich angedeutet werden. Daher befürchte ich, dass manche Menschen dadurch zu Missverständnissen gelangen könnten. Es ist notwendig, auf die noch ausstehende Arbeit hinzuweisen.

Die noch ausstehende Arbeit ist folgende:

– Eine Darstellung des geografischen und kulturellen Umfelds, in dem der Gesandte (s.a.) geboren wurde.

– Eine Analyse der Daʿwa des Gesandten (s.a.) und seines Ziels: Welche grundlegenden Veränderungen wollte er im menschlichen Leben herbeiführen? Die Art seiner Daʿwa und der Umfang ihres Wirkungsfeldes.

– Die führungsbezogene Weisheit, Weitsicht und politische Umsicht des Gesandten (s.a.).

– Welche Art von Menschen ging aus der Daʿwa des Gesandten (s.a.) hervor?

– Wie hat die Frauenwelt den Gesandten (s.a.) in seinem Kampf unterstützt?

– In einem eigenständigen Band möchte ich die gesamten Reformarbeiten des Gesandten (s.a.) so darstellen, dass man daraus in der modernen Zeit Nutzen ziehen kann. In verschiedenen Abhandlungen müssen die neuen Grundsätze, die Methoden und die schrittweise Vorgehensweise herausgearbeitet werden, mit denen der Gesandte (s.a.) die verschiedenen Bereiche des Lebens gestaltet hat. Dazu gehören etwa die Verwirklichung göttlicher Handlungsstrategien, die Schaffung der Grundlagen eines Bildungssystems für die jüngere und ältere Generation der Gesellschaft, die Bildung des öffentlichen Charakters, wirtschaftliche Entwicklung und Reform, das Verteidigungssystem sowie seine Stabilität und Festigkeit, der Wiederaufbau der politischen Infrastruktur, die Neugestaltung von Gesellschaft und Kultur, die Einführung eines islamischen Justizsystems, die Ausbildung von Führungskräften, die Herstellung internationaler Beziehungen sowie die theoretische und praktische Analyse weiterer Reformmaßnahmen.

-Eine ausführliche Darstellung der Verteidigung und der militärischen Aktivitäten der islamischen Regierung des Gesandten Allahs (s).

-Möglicherweise wird ein eigener Band als Antwort auf die Einwände der Einwender verfasst. Eine forschergemäße Untersuchung zur Klärung der unterschiedlichen Auffassungen über Ereignisse, Persönlichkeiten und wichtige Daten.

-Die Quellen für das Verfassen der Biografie des Propheten sowie ein kritischer Überblick über die bisher auf diesem Gebiet geleistete Arbeit.

-Außerdem besteht die Absicht, einige wichtige Karten anzufertigen, durch die das Verständnis der Ereignisse erleichtert würde, wenn sie vorliegen. Auf diesem Gebiet wurden im Land bereits einige wertvolle Arbeiten geleistet. Es besteht die Absicht, dies weiter voranzutreiben. Es ist auch möglich, dass eine eigene Karte zur Biografie des Gesandten Allahs (s) und zur islamischen Bewegung erstellt wird. Die verschiedenen im Buch enthaltenen Informationen sollen auf einer Wandkarte zusammengeführt werden.

-Es ist beabsichtigt, dieses Buch zumindest ins Englische, Bengalische, Arabische und Hindi übersetzen zu lassen. Es ist zu hoffen, dass sein Nutzen dadurch noch größer wird. Möge Allah die Möglichkeit zur Verwirklichung dieses Plans gewähren und durch Seine besondere Barmherzigkeit die Bereitstellung der dafür erforderlichen Mittel und die Schaffung eines günstigen Umfelds ermöglichen.

Na’im Siddiqi

März 1960

 

Anhang 1

Ereignisse im Leben des Propheten: chronologische Ordnung

Die Themen des Buches sind im Großen und Ganzen chronologisch geordnet. Bei den Einzelheiten jedoch wurden Ereignisse aus verschiedenen Zeiten, die zu demselben Thema gehören, zusammengeführt, ohne diese chronologische Ordnung zu berücksichtigen. In der Geschichtsschreibung und der Biografik ist die zeitliche Abfolge der Ereignisse jedoch von großer Bedeutung. Um diesem Erfordernis Rechnung zu tragen, wird die folgende Übersicht als Anhang in das Buch aufgenommen, damit alle wichtigen Ereignisse aus dem Leben des Propheten auf einen Blick vor Augen stehen.

Die Gründe für die unterschiedlichen Angaben zu den Tagen und Daten verschiedener wichtiger Ereignisse sind folgende:

Die Ereignisse vor der Berufung des Gesandten zum Propheten werden entweder nach dem „Jahr des Elefanten“, also dem „Jahr des Angriffs der Elefantenarmee auf die Kaaba“, oder nach dem Geburtsjahr des Gesandten datiert; anschließend werden diese Jahre mit der christlichen Zeitrechnung in Einklang gebracht. Das erste Jahr des Jahres des Elefanten und das erste Jahr des Geburtsjahres des Gesandten sind zwar ungefähr dasselbe Jahr, doch war der erste Tag des Jahres des Elefanten der Tag des Angriffs der Elefantenarmee (das heißt Donnerstag, der 17. Muharram). Das Geburtsjahr des Gesandten begann hingegen 50 oder 55 Tage, also etwa zwei Monate, nach Beginn des Jahres des Elefanten. Historiker und Überlieferer haben diesen Unterschied zwischen den beiden Jahreszählungen entweder völlig außer Acht gelassen oder nicht angegeben, welche Jahreszählung sie meinten. Dadurch beginnt das eine Jahr mit Rabīʿ al-awwal, während das gewöhnliche Mondjahr mit Muharram beginnt. So nehmen die Unstimmigkeiten bei der Berechnung zu. Nimmt man beispielsweise an, dass das Geburtsjahr mit dem Monat Muharram beginnt, so fand die Hidschra im vierzehnten Geburtsjahr statt. Beginnt das Jahr dagegen mit Rabīʿ al-awwal, so fand die Hidschra im dreizehnten Jahr des Geburtsjahres statt. Historiker haben beide Jahreszählungen verwendet.

ʿUmar führte während seiner Kalifenherrschaft die islamische Hidschra-Zeitrechnung offiziell und systematisch ein, und zwar am Donnerstag, dem 20. Dschumādā ath-thāniya des Jahres 17 nach der Hidschra. Zuvor war die Hidschra-Zeitrechnung nicht regelmäßig in Gebrauch, und es war auch nicht üblich, die Zeitpunkte von Ereignissen nach ihr zu bestimmen. Daher findet man in den authentischen Hadith-Werken keine Angaben dazu, in welchem Hidschra-Jahr ein bestimmtes Ereignis stattgefunden hatte. Nachdem die Hidschra-Zeitrechnung eingeführt worden war, begann man, die zeitliche Abfolge früherer Ereignisse nach ihr zu ordnen.

Auch das Mondjahr, dessen Zählung mit der Hidschra begann, kann auf zwei Arten berechnet werden. Die eine besteht darin, die Jahreszählung mit dem Monat der Hidschra, Rabīʿ al-awwal, zu beginnen. Die andere besteht darin, das Hidschra-Jahr zu zählen, die Zählung des Mondjahres jedoch mit dem gewöhnlichen ersten Monat Muharram zu beginnen. Das bedeutet, dass das erste Hidschra-Jahr von Rabīʿ al-awwal bis Dhū l-Hiddscha über zehn Monate gezählt wird. Hadith-Gelehrte, Verfasser von Sīra-Werken und Historiker haben das Hidschra-Jahr auf beide Arten berechnet. Wie die Jahre jeweils berechnet wurden, wird jedoch nur sehr selten eindeutig angegeben.

Außerdem stimmen in verschiedenen Überlieferungen die zusammen mit dem Datum genannten Wochentage nicht miteinander überein. Man nimmt dasjenige von beiden als Grundlage, dessen Zuverlässigkeit feststeht oder zu dem Übereinstimmung zwischen den Überlieferungen besteht, und berechnet anhand dessen die andere Angabe.

Das schwierigste Problem entsteht beim Abgleich der Kalender und der verschiedenen Jahreszählungen. Denn in den Geschichtswerken wird kein bestimmter Kalender und keine bestimmte Jahreszählung genannt. Diese Abweichungen bei den Kalendern werden noch dadurch verstärkt, dass neben verschiedenen Sonnenkalendern auch innerhalb der christlichen Zeitrechnung bisweilen mehrere Kalender gleichzeitig in Gebrauch waren: einer als Sonnenkalender und ein anderer als Mondkalender. Zudem wurden die Regeln der christlichen und anderer Kalender immer wieder geändert. Wenn man nun mehrere Jahrhunderte später Tage und Daten miteinander in Einklang bringen will, ergeben sich daher aus verschiedenen Gründen zahlreiche Möglichkeiten für abweichende Auffassungen.

Einige Ereignisse und Handlungen wurden selbst in den maßgeblichen Hadithen nicht mit ihrem genauen Tag und Datum überliefert. Im Licht des Korans und der Hadithe lässt sich nur mit Sicherheit feststellen, dass ein bestimmtes Ereignis vor oder nach einem anderen Ereignis stattgefunden hat. Hinsichtlich einiger Ereignisse – etwa der Erlaubnis des Tayammum, des Verbots der Ehe auf bestimmte Zeit, also der Mutʿa-Ehe, der Umsetzung der Vorschriften zur Verschleierung sowie verschiedener Verträge, Kriege und der Entsendung von Truppen – widersprechen sich die Hadithüberlieferungen jedoch sogar bei der Festlegung einer lediglich groben zeitlichen Abfolge ohne genaue Datierung.

Im Großen und Ganzen kann man davon ausgehen, dass es schwierig ist, alle wichtigen Ereignisse im Leben des Gesandten (s.a.) mit ausführlich ermittelten und verlässlich gesicherten Tagen und Daten darzustellen. Selbst unter den bedeutenden Sira-Autoren, Koranexegeten, Hadithgelehrten und Faqihs – die es gewohnt sind, nach zuverlässig überlieferten Informationen zu forschen – finden sich beträchtliche Meinungsverschiedenheiten über die Daten, und für und gegen die Auffassung jedes Einzelnen gibt es ausführliche Argumente.

Beim Verfassen des vorliegenden Sira-Werks habe ich nach bestem Vermögen die verschiedenen Auffassungen und Kalenderberechnungen studiert, Informationen recherchiert und darüber nachgedacht; anschließend habe ich in der „Chronologischen Ereignisübersicht“ eine bestimmte Auffassung zugrunde gelegt und die wichtigsten abweichenden Meinungen kurz erwähnt. Den Leser mit einer ausführlichen Darstellung sämtlicher unterschiedlicher Auffassungen zu belasten, wäre ebenso wenig angemessen gewesen, wie hier der Raum dafür vorhanden war. Falls diese Arbeit überhaupt durchgeführt wird, müsste sie vollständig gesondert erfolgen. In unserer „Ereignisübersicht“ werden die Ereignisse vor der Auswanderung entweder nach dem Jahr ʿAm al-Fīl (dem Jahr des Angriffs der Elefantenarmee) oder nach dem Geburtsjahr des Gesandten (s.a.) angegeben; andernfalls wird an manchen Stellen, gerechnet nach den Jahren des Prophetentums, das Alter des Gesandten (s.a.) als Maßstab für die Zeitbestimmung genommen.

(1) Geburtstag des Gesandten (s.a.) –

(Montag im Frühling (über den Wochentag besteht Einigkeit), am 9. Rabīʿ al-auwal, im 1. Jahr des Elefanten, (50 Tage nach dem Angriff der Elefantenarmee), entsprechend dem 22. April 571 n. Chr., dem 1. Jyaiṣṭha 628 nach Vikrama, nach dem Morgengrauen (nach Sonnenaufgang). Nach der bekanntesten Auffassung am 12. Rabīʿ al-auwal.)

(At-Tabarī und Ibn Chaldūn geben den 12. Rabīʿ al-auwal an, Abū al-Miqdād dagegen den 10. Rabīʿ al-auwal. Da jedoch über den Montag Einigkeit besteht und der Montag auf den 9. Rabīʿ al-auwal fällt, haben Muḥammad Talʿat Beg (ein arabischer Historiker) und der Qāḍī Sulaimān Manṣūr Pūrī nach einer äußerst gründlichen Untersuchung der Kalenderberechnungen für den 9. Rabīʿ al-auwal votiert. Der berühmte ägyptische Astronom Maḥmūd Pascha erklärte anhand wissenschaftlicher Beweise, der Geburtstag des Gesandten (s.a.) sei der 9. Rabīʿ al-auwal, entsprechend dem 20. April 571 n. Chr. Auch der Gelehrte Schiblī Nuʿmānī unterstützte diese Auffassung. Nach der gregorianischen Berechnung fällt der Tag jedoch auf den 22. April. Nach dieser Berechnung wurde ab September 1752 der neue christliche Kalender eingeführt. Nach den Regeln des alten Kalenders wurde jener Tag auf den 19. April des Jahres 5284 nach dem julianischen Kalender festgelegt. Auch darüber, ob der Gesandte (s.a.) 55 oder 50 Tage nach dem Angriff der Elefantenarmee geboren wurde, bestehen Meinungsverschiedenheiten; offenbar scheint die Auffassung, dass es 50 Tage waren, die richtige zu sein.)

Der Verfasser des Werkes Aṣaḥḥ as-Siyar, Maulānā ʿAbd ar-Raʾūf Dānāpūrī, nennt den 8. oder 12. Rabīʿ al-auwal, führt jedoch keine Argumentation an. Einige nennen den 1. Muḥarram und als christliches Datum den 12. oder 15. Februar. Nach Ibn Isḥāq wurde der Gesandte (s.a.) geboren, nachdem die Nacht des 12. Rabīʿ al-auwal vergangen war. Meiner Ansicht nach ist die Auffassung bezüglich des 9. Rabīʿ al-auwal vorzuziehen.)

(2) Beginn der Stillzeit – im Alter von 4 Monaten (zwei oder drei Tage nach seiner Geburt trank er einige Tage lang die Milch der Sāwbiya, der Sklavin Abū Lahabs. Die reguläre Stillzeit verbrachte er im Haus der Amme Ḥalīma. Dieses Haus befand sich in der Wüste.

(3) Tod der Mutter des Gesandten (s.a.w.) – im Alter von 6 Jahren

(4) Tod des Großvaters des Gesandten (s.a.w.) – im Alter von 8 Jahren, 2 Monaten und 10 Tagen

(5) Erste Reise nach Syrien (mit seinem Onkel Abu Talib) – im Alter von 12 Jahren und 2 Monaten (auf dieser Reise begegnete er dem christlichen Mönch Buhaira)

(6) Erste Teilnahme am Fidschar-Krieg – im Alter von 15 Jahren oder etwas darüber

(7) Zweite Teilnahme am Fidschar-Krieg – einige Zeit nach der ersten; der genaue Zeitpunkt ist unbekannt

(8) Beitritt zur reformorientierten Organisation Hilf al-Fudul – im Alter von 16 Jahren

(9) Zweite Reise nach Syrien als Kaufmann – im Alter von 22 oder 25 Jahren

(10) Heirat mit Chadidscha – im Alter von 25 Jahren, 2 Monaten und 10 Tagen

(11) Beginn der geheimnisvollen Ereignisse – 7 Jahre vor der Berufung zum Propheten

(12) Zum Schiedsrichter gewählt – im Alter von 35 Jahren

(13) Berufung zum Propheten – im Alter von 40 Jahren und 11 Tagen. Am 9. Rabi al-awwal im 41. Jahr nach seiner Geburt, entsprechend dem Montag, dem 12. Februar 610 n. Chr.

Während der Erneuerung der Kaaba entstand ein Streit über die Wiedereinsetzung des Hadschar al-Aswad. Alle erklärten ihn für vertrauenswürdig und akzeptierten ihn als Schiedsrichter. Er legte den Streit auf vortreffliche Weise bei. Auch über dieses Datum bestehen erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Einer Ansicht zufolge war er nach dem Kalender des Mondjahres 40 Jahre, 6 Monate und 16 Tage alt, nach dem Sonnenkalender hingegen 39 Jahre, 3 Monate und 16 Tage. Die göttliche Verkündung seiner Berufung zum Propheten wurde in der Höhle des Berges Hira herabgesandt. Nach manchen war das Datum der 25. Ramadan, nach anderen der 13. Rabi al-awwal. Nach dem christlichen Kalender werden auch der 12. Februar und der 6. August 610 n. Chr. genannt. All diese unterschiedlichen Angaben gehen jedoch auf die Schwierigkeiten bei der Kalenderberechnung zurück. Ein weiterer Grund für die Unklarheit ist, dass in den Hadith-Überlieferungen zwei verschiedene Angaben zum Zeitpunkt der Verkündung seiner Berufung zum Propheten und zur Herabsendung des Korans vorkommen. In Zad al-Ma’ad ist der 8. Tag angegeben. Nach der Kalenderberechnung fällt der Montag jedoch auf den 9. Tag. Die Verkündung seiner Berufung zum Propheten erfolgte folgendermaßen: Hadhrat Dschibril kam in der Höhle vor ihn und sagte: „Nehmen Sie die frohe Botschaft entgegen. Sie sind Allahs Gesandter, und ich bin Dschibril.“ Als er Hadhrat Dschibril auf diese Weise offen sah, erschrak er etwas, woraufhin Hadhrat Chadidscha ihn tröstete.

(14) Die Verpflichtung des Gebets (je zwei Rakʿat im Fadschr- und im Asr-Gebet) – am 9. Rabi al-awwal, dem Tag seiner Berufung zum Propheten

(15) Beginn der Herabsendung des Korans – am 18. Ramadan, im 1. Jahr der Prophetenschaft, am Freitag (nachts)

Entsprechend dem 17. August 610 n. Chr.

(16) Beginn der geheimen Einladung zum Islam – vom 1. bis zum 3. Jahr der Prophetenschaft

In dieser Phase wurde die Sure al-ʿAlaq offenbart. Tabari hat beide Daten, den 17. und den 18., angegeben. Nach der Kalenderberechnung fiel der 18. Ramadan jedoch auf einen Freitag. Das auf dem Berg Safa gelegene Haus von Akram al-Makhzumi wurde zum Zentrum der islamischen Bewegung. In dieser Zeit nahmen etwa 40 Menschen den Islam an. Außerhalb der Stadt wurden heimlich die Gebete verrichtet.

(17) Verkündung der Prophetenschaft (erste Ansprache) – gegen Ende des 3. Jahres der Prophetenschaft

(18) Erste Phase des Widerstands (Spott, Hohn, Verleumdung und gelegentliche Verfolgung) – erstreckte sich vom 1. bis zum 5. Jahr der Prophetenschaft.

Die Beratungen der Delegation der Quraisch, um Abu Talib unter Druck zu setzen, wurden fortgesetzt. Zur Bekämpfung wurden verschiedene Strategien entwickelt.

(19) Zweite Phase des heftigen Widerstands (allgegenwärtige Unterdrückung und Verfolgung) – vom 5. bis zum 7. Jahr der Prophetenschaft

(20) Auswanderung nach Abessinien – im Monat Radschab des 45. Geburtsjahres, im 5. und 6. Jahr der Prophetenschaft

(21) Hazrat Hamza und Hazrat Umar nehmen den Islam an – 6. Jahr der Prophetenschaft

Hazrat Umar (ra.) nahm drei Tage nach Hazrat Hamza den Islam an. Nach Ansicht einiger nahm Hazrat Hamza im zweiten Jahr der Prophetenschaft den Islam an.

(22) Die Überwachung und Belagerung des Stammes Banū Hāschim des Gesandten (s) im Bergtal namens „Schiʿb Abū Tālib“ – 1. Muharram, 7. Jahr der Prophetie, 47. Lebensjahr, Dienstag.

(23) Ende der Überwachung und Belagerung – Ende des 9. Jahres der Prophetie oder Anfang des 10. Jahres der Prophetie.

(24) Das „Jahr der Trauer“: Der Tod von Abū Tālib und Hazrat Chadīdscha – 10. Jahr der Prophetie

(25) Reise nach Tāʾif – Dschumādā ath-Thāniya, 50. Lebensjahr, 10. Jahr der Prophetie

(Hazrat Chadīdscha verstarb im Monat Ramadan drei oder fünf Tage nach dem Tod Abū Tālibs.

Nach einer anderen Überlieferung am 26. oder 27. Schawwāl, 10. Jahr der Prophetie.)

(26) Miʿrādsch – 27. Radschab, 50. Lebensjahr, 10. Jahr der Prophetie, Montag (nachts)

(27) Die fünf täglichen Gebete werden verpflichtend – 27. Radschab, 50. Lebensjahr, 10. Jahr der Prophetie, Montag (nachts)

(28) Beginn des Islam in Medina – Dhul-Hiddscha, Geburtsjahr 50, 10. Jahr der Prophetie

(Ayas ibn Muʿadh nahm als Erster den Islam an.)

(29) Annahme des Islam durch sechs Bewohner Medinas – Dhul-Hiddscha, Geburtsjahr 51, 11. Jahr der Prophetie

(30) Erstes Treuegelöbnis von al-ʿAqaba (12 Personen) – Dhul-Hiddscha, Geburtsjahr 52, 12. Jahr der Prophetie

(31) Zweites Treuegelöbnis von al-ʿAqaba (75 Personen) – Dhul-Hiddscha, Geburtsjahr 53, 13. Jahr der Prophetie

(32) Die Hidschra – in der Nacht zum 26. Safar

(Zum Zeitpunkt dieses Ereignisses hatte der Gesandte Allahs (s.a.w.) das 53. Lebensjahr vollendet und trat in sein 54. Lebensjahr ein; ebenso waren 13 Jahre der Prophetie vergangen, und er trat in das 14. Jahr ein.)

a. Von Mekka zur Höhle am Berg Thawr – Geburtsjahr 53, 13. Jahr der Prophetie

b. Aufbruch von der Höhle am Berg Thawr – Montag, der 1. Rabīʿ al-auwal, entsprechend dem 15. September 621 n. Chr.

c. Ankunft in Qubāʾ – Montag, der 8. Rabīʿ al-auwal, im 53. Lebensjahr und im 13. Jahr der Prophetenschaft, entsprechend dem 23. September 622 n. Chr.

d. Aufbruch von Qubāʾ nach Medina und Einzug in Medina – Freitag, der 12. Rabīʿ al-auwal, im 1. Hidschra-Jahr und im 14. Jahr der Prophetenschaft

(Er verrichtete das Freitagsgebet im Gebiet des Stammes Banū Sālim. Nach Ansicht mancher blieb er 14 Tage in Qubāʾ.)

(33) Grundsteinlegung der Prophetenmoschee – Rabīʿ al-auwal, 1. Hidschra-Jahr

(34) Erhöhung der Anzahl der Rakʿa bei den Pflichtgebeten – Rabīʿ al-auwal, 1. Hidschra-Jahr

Die vier Rakʿa des Zuhr-, ʿAsr- und ʿIschāʾ-Gebets wurden als Pflicht festgelegt.

Im Haus von Anas fand eine Versammlung zur Besiegelung der Brüderlichkeit statt. Vor dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, waren dabei 90 Ansār und Muhādschirūn anwesend.)

(35) Formelle Verbrüderung zwischen den Muhadschirun und den Ansar – die ersten drei Monate des 1. Hidschra-Jahres.

(36) Gründung des islamischen Staates und Abschluss eines gegenseitigen Verfassungsvertrags unter den Bewohnern von Medina – Mitte des 1. Hidschra-Jahres.

(37) Beginn der Umsetzung der Verteidigungsmaßnahmen – zu Beginn des 7. Monats nach der Hidschra.

(Zur Durchführung militärischer Übungen und von Patrouillen wurden nacheinander drei Truppenabteilungen entsandt: (1) Im 7. Monat zog eine Truppenabteilung von 30 Männern unter der Führung von Hazrat Hamza bis nach Saiful Bahr. (2) Im 8. Monat, Schawwal, marschierte eine Truppe von 60 oder 80 Männern unter der Führung von Ubaida ibn al-Harith bis nach Rabigh. (3) Im 9. Monat, Dhul-Qa’da, zog eine Truppenabteilung von 20 Männern unter der Führung von Sa’d ibn Abi Waqqas bis nach Chaibar. Danach begab sich der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, selbst mit einer Abteilung bis nach Waddan. Aufgrund dieser tatsächlichen Situation konnte ich der Auffassung nicht zustimmen, dass der berühmte Vers, der die Erlaubnis zum Dschihad enthält, im 2. Hidschra-Jahr offenbart worden sei. Im 2. Hidschra-Jahr wurde tatsächlich die Entscheidung zum bewaffneten Dschihad getroffen. Zuvor hielt man sich davon zurück, in Auseinandersetzungen einzutreten. Für die Umsetzung der Verteidigungsmaßnahmen musste jedoch gewiss der eine oder andere Vers offenbart worden sein. Deshalb glaube ich, dass der Vers, der die Erlaubnis zum Dschihad enthält, bereits vor der Hidschra offenbart wurde. Sein Ziel war, dass sich die Gesinnung der muslimischen Gemeinschaft vom Zeitalter der Geduld bei der Da’wa dem bevorstehenden Zeitalter des Dschihad zuwendet und dass sie unmittelbar nach ihrer Ankunft in Medina mit der Organisation und Umsetzung der Verteidigungsmaßnahmen beginnt.)

(38) Ankunft Hazrat Aischas beim Gesandten im Haram – Schawwal, 1. Hidschra-Jahr.

(39) Annahme des Islam durch zwei herausragende Persönlichkeiten: den ehemaligen jüdischen Gelehrten Abdullah ibn Salam und den christlichen Mönch Abu Qays Sarha – 1. Hidschra-Jahr.

(40) Erlaubnis zum Dschihad (Erlaubnis zur Aufnahme aktiver militärischer Maßnahmen) – am 12. Safar des 2. Hidschra-Jahres oder 1 Jahr, 2 Monate und 1 Tag nach der Hidschra.

(41) Die erste persönliche militärische und politische Unternehmung des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: der Feldzug von Waddan – im 12. Monat nach der Hidschra.

(42) Vertragliche Bündnisse mit den außerhalb Medinas lebenden Stämmen – Banū Ḍamra, den Bewohnern von Buʿāṭ und Banū Mudlij – von Ṣafar bis Ǧumādā ath-Thāniya, im 2. Jahr der Hidschra.

(Aus den Berichten der Historiker ist außerdem bekannt, dass Maǧdī al-Ǧuhainī, der Anführer des Stammes Ǧuhaina, bereits vor dem Feldzug gegen den Stamm Banū Ḍamra freundschaftliche Beziehungen zu Medina unterhielt.)

(43) Der Raubzug von Karaz ibn Ǧābir al-Fihrī (die erste aggressive Handlung des Feindes) – Rabīʿ al-Awwal, im 2. Jahr der Hidschra.

(44) Der Vorfall von Nakhla (das erste Grenzgefecht mit einem muslimischen Heer) – Ende von Raǧab, im 2. Jahr der Hidschra.

(Ein Ungläubiger namens ʿAmr ibn al-Haḍramī wurde getötet. Zwei Gefangene wurden zusammen mit Kamelen und Beutegütern nach Medina gebracht. Der Gesandte Allahs brachte seine Missbilligung über dieses Gefecht zum Ausdruck.)

(45) Salmān al-Fārisīs Annahme des Islams – im 2. Jahr der Hidschra.

(46) Die Einführung des Adhān – im 2. Jahr der Hidschra.

(47) Die Zakāt wurde zur Pflicht erklärt – im 2. Jahr der Hidschra.

(48) Änderung der Qibla – am Montag, dem 15. Schaʿbān, im 2. Jahr der Hidschra.

(49) Das Fasten im Monat Ramadan wird zur Pflicht – am Mittwoch, dem 1. Ramadan, im 2. Jahr der Hidschra.

(Da der Tag der Schlacht von Badr, nämlich der 17. Ramadan, den meisten Überlieferungen zufolge ein Freitag war, müsste der 1. Ramadan nach der Berechnung ein Mittwoch gewesen sein.

Daher haben wir die Überlieferung, der zufolge der 1. Ramadan ein Sonntag gewesen sei, verworfen.)

(50) Die Verrichtung des Eid-al-Fitr-Gebets in der Gemeinschaft und die Vorschrift zur Entrichtung der Fitra werden eingeführt – am 1. Schawwāl, im 2. Jahr der Hidschra

(51) Die Schlacht von Badr (der erste reguläre Krieg) – am Mittwoch, dem 8. Ramadan, im 2. Jahr der Hidschra, oder am 12. Ramadan

– Reise nach Medina

– Schlacht

(Das Problem ist, dass zwar weitgehend Einigkeit über den Tag und das Datum der Schlacht besteht, hinsichtlich des Datums des Aufbruchs aus Medina jedoch manche den 12. und andere den 8. Ramadan angeben. Diejenigen, die den 8. angeben, erwähnen, dass dieser Tag ein Montag gewesen sei. Wenn der 17. jedoch ein Freitag war, kann der 8. keinesfalls ein Montag gewesen sein. Daher haben wir in der Angabe zum 8. Ramadan Mittwoch und in der Angabe zum 12. Ramadan Samstag genannt. Wenn man allerdings die Überlieferung, nach der der 17. Ramadan ein Dienstag gewesen sei, als richtig anerkennt, müssten der 1. und der 8. Ramadan ein Sonntag gewesen sein.)

-Rückkehr nach Medina als Sieger

(52) Die Heirat von Hazrat Ali und Fatima – nach der Schlacht von Badr, im 2. Jahr der Hidschra.

(53) Die Belagerung von Banu Qaynuqa – von der Mitte des Schawwal bis zum Beginn des Dhul-Qa’da, im 2. Jahr der Hidschra.

(54) Die Heirat des Gesandten (s.a.) mit Hafsa, der Tochter Hazrat Umars – im 3. Jahr der Hidschra.

(55) Die Heirat von Hazrat Uthman und Umm Kulthum (der Tochter des Gesandten (s.a.)) – im 3. Jahr der Hidschra.

(56) Das erste Verbot des Alkohols – im 3. Jahr der Hidschra.

(57) Die Tötung von Ka’b ibn Aschraf – im 3. Jahr der Hidschra.

(58) Die Geburt von Imam Hasan – im 3. Jahr nach der Hidschra.

(59) Die Schlacht von Uhud: Aufbruch von Medina am 5. Schawwal, im 3. Jahr nach der Hidschra, nach dem Freitagsgebet. Der 6. Schawwal – Samstag.

– Schlacht

– Verfolgung der Truppen Abu Sufyans bis Hamra al-Asad – 7. Schawwal – Sonntag.

(60) Erste Anweisung zur Aufgabe des Zinses – unmittelbar nach der Schlacht von Uhud.

(Siehe Sure Al Imran, Vers 130.)

(61) Anweisungen bezüglich des Vermögens der Waisen – unmittelbar nach der Schlacht von Uhud.

(62) Erbrechtliche Bestimmungen – im 3. Jahr nach der Hidschra, nach der Schlacht von Uhud.

(63) Ehegesetz, Rechte von Ehemann und Ehefrau, Verbot der Heirat mit polytheistischen Frauen – 3. Jahr nach der Hidschra.

(64) Die Heirat des Gesandten mit Hazrat Zaynab bint Khuzayma, möge Allah mit ihr zufrieden sein – gegen Ende des 3. Jahres nach der Hidschra.

(Sie wurde im Uhud-Krieg zur Witwe.)

(65) Das Unglück von Rajiʿ (das Martyrium einer zehn Mitglieder umfassenden Daʿwa-Gruppe) – Safar, 4. Jahr nach der Hidschra.

(66) Der Krieg gegen die Banu Nadir – Rabi al-Awwal, 4. Jahr nach der Hidschra.

(67) Das Ableben der Mutter der Gläubigen, Zaynab bint Khuzayma – in der ersten Hälfte des 4. Jahres nach der Hidschra.

(Sie verstarb bereits zwei bis drei Monate nach der Heirat.)

(68) Die Vorschrift zur Verschleierung tritt in Kraft – am 1. Dhu l-Qaʿda, 4. Jahr nach der Hidschra, Freitag.

(69) Das endgültige Verbot von Alkohol tritt in Kraft – 4. Jahr nach der Hidschra.

(70) Der zweite Feldzug von Badr – Dhul-Qaʿda, 4. Jahr nach der Hidschra.

(Abu Sufyan kam trotz seiner Herausforderung nicht zum Kampf; es kam zu keiner Schlacht.)

(71) Der Feldzug nach Dumat al-Dschandal – Rabiʿ al-awwal, 5. Jahr nach der Hidschra.

(72) Der Feldzug gegen die Banu al-Mustaliq – am 3. Schaʿban, 5. Jahr nach der Hidschra.

(73) Die Bestimmungen über den Tayammum – während der Reise zu den Banu al-Mustaliq.

(74) Die Heirat des Gesandten mit Juwayriya – Schaʿban, 5. Jahr nach der Hidschra.

(75) Der Vorfall der Verleumdung gegen Aischa – Schaʿban, 5. Jahr nach der Hidschra.

(76) Einführung der Bestimmungen über Unzucht, die Verleumdung der Unzucht und die gegenseitige Beschuldigung der Ehegatten der Unzucht sowie der detaillierten Bestimmungen zur Verschleierung – 5. Jahr nach der Hidschra (nach dem Vorfall der Verleumdung gegen Hazrat Aischa)

(77) Der Feldzug der Ahzab oder der Grabenschlacht – Schawwal oder Dhu l-Qaʿda, 5. Jahr nach der Hidschra.

Eine große Gruppe von 70 bis 80 muslimischen Familien war nach Medina gekommen.

(78) Ankunft einer Delegation des Stammes Daus in Medina – 5. Jahr nach der Hidschra.

(79) Vertreibung der Banu Quraiza – Dhu l-Hiddscha, 5. Jahr nach der Hidschra.

(80) Heirat des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit Zainab bint Dschahsch – 5. Jahr nach der Hidschra.

(81) Annahme des Islam durch Thumama ibn Uthal al-Hanafi, den Anführer von Nadschd – 6. Jahr nach der Hidschra.

(82) Der Vertrag von Hudaybiyya – Dhu l-Qaʿda, 6. Jahr nach der Hidschra.

(83) Rückkehr von Hudaybiyya nach Medina – Dhul-Hiddscha, 6 n. H.

(84) Annahme des Islams durch Khalid ibn al-Walid und Amr ibn al-As – Dhul-Hiddscha, 6 n. H.

(85) Beginn des internationalen Aufrufs zum Islam (Versendung von Briefen an die Staats- und Regierungsoberhäupter) – Mittwoch, 1. Muharram, 7 n. H.

(86) Der Feldzug von Khaybar – Muharram, 7 n. H.

(87) Die Heirat des Gesandten (s.a.w.) mit Safiyya – Muharram, 7 n. H.

(88) Die Rückkehr der Auswanderer aus Abessinien – zur Zeit des Sieges über Khaybar, 7 n. H.

(89) Errichtung eines unabhängigen muslimischen Lagers an einem Ort namens Saif al-Bahr – Anfang des Jahres 7 n. H.

(Gemäß den Bedingungen des Vertrags von Hudaybiyya war der Gesandte (s.a.w.) nicht in der Lage, den verfolgten Muslimen aus Mekka in Medina Zuflucht zu gewähren. Daher flohen etliche verfolgte Muslime, darunter Abu Jandal und Abu Basir, aus Mekka und versammelten sich in Saif al-Bahr.)

(90) Guerillaangriff auf die Quraisch-Karawane vom Weg der Kämpfer von Saiful Bahar aus – Safar, 7. Hijra.

(91) Umrat al-Qada – Dhul-Qaʿda, 7. Hijra.

(92) Die Bestimmungen über Ehe und Scheidung werden eingeführt – 7. Hijra.

(93) Die Eheschließung des Gesandten (s.a.w.) mit Maymuna (in Mekka) – 7. Hijra.

(94) Jabala al-Ghassani nimmt den Islam an – 7. Hijra.

(95) Die Schlacht von Muʾta – Dschumada al-Ula, 7. Hijra.

(96) Der Bruch des Vertrags von Hudaybiyya durch die Polytheisten von Mekka – Radschab, 8. Hijra.

(97) Der Feldzug nach Mekka:

-Abreise von Medina – 10. Ramadan, Mittwoch, 8. Jahr der Hidschra.

-Einzug in Mekka als Sieger – 20. Ramadan

(Aus zuverlässigen Quellen ist außerdem bekannt, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bis zum 18. Ramadan in Medina blieb. Demnach müsste das Datum des Einzugs in Mekka der 29. oder 30. Ramadan gewesen sein.)

-Entsendung einer Truppe unter dem Kommando von Khalid zur Zerstörung des in Nakhla befindlichen Heiligtums der al-ʿUzzā – 25. Ramadan, 8. Jahr der Hidschra.

-Entsendung einer Truppe unter dem Kommando von ʿAmr ibn al-ʿĀṣ zur Zerstörung des Heiligtums von Suwāʿ – Ramadan, 8. Jahr der Hidschra.

-Entsendung einer Truppe unter dem Kommando von Saʿd al-Aschhalī zur Zerstörung des Heiligtums von Manāt – Ramadan, 8. Jahr der Hidschra

-Aufenthalt in Mekka – bis zum 9. Schawwal.

(Nach einer anderen Überlieferung bis zum 18. Schawwal.)

-Schlacht von Hunain – Schawwal, 8. Hidschra-Jahr.

-Belagerung von Taif – Schawwal bis Dhū l-Qaʿda, 18 bis 20 Tage.

(Nach der Überlieferung von Maklul dauerte die Belagerung 40 Tage.)

-Nach der Verteilung der Beute in Jiʿrāna: die Umra von Jiʿrāna – Dhū l-Qaʿda, 8. Hidschra-Jahr.

(98) Gesetz zur endgültigen Abschaffung des Zinses – zur Zeit der Eroberung Mekkas, 8. Hidschra-Jahr.

(Alle Zinsforderungen annulliert – al-Baqara 2:278)

(99) Ankunft der Delegation von Sadar in Medina – 8. Hidschra-Jahr.

(100) Tod von Zaynab, der Tochter des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – 8. Hidschra-Jahr.

-Der Tod von Hazrat Ibrahim, dem Sohn des Gesandten (s.a.w.) – im 8. Jahr der Hidschra.

(101) Das Zakāt-System. Die erste Ernennung von Zakāt-Einnehmern – Muharram, 9. Jahr der Hidschra.

(102) Die Schlacht von Tabuk – Radschab, 9. Jahr der Hidschra, entsprechend November 635 n. Chr.

-Aufbruch von Medina – am Donnerstag.

(103) Die Bestimmung über die Dschizya – während des Feldzugs von Tabuk.

(Einer Überlieferung zufolge wurde sie bereits vor Tabuk im 8. Jahr der Hidschra eingeführt.)

(104) Die Verbrennung der Masdschid ad-Dirar – nach der Rückkehr von der Schlacht von Tabuk.

(105) Die Annahme des Islam durch Ukaidir, den Herrscher von Dumat al-Dschandal – im 9. Jahr der Hidschra.

(106) Kaʿb ibn Zuhayrs Bitte um Vergebung und Annahme des Islams – 9. AH.

(Vortrag des Gedichts mit dem Titel „Banāt Suʿād“)

(107) Einige Delegationen, die in diesem Jahr in Medina eintrafen:

– Delegation von ʿAdhra – Safar, 9. AH.

– Delegation von Balī – Rabīʿ al-auwal, 9. AH.

– Delegation von Chaulān – Schaʿbān, 9. AH.

– Delegation von Thaqīf – 9. AH.

(108) Der Haddsch wurde verpflichtend – am 9. Dhū l-Hiddscha, 9. AH.

Die erste Hadsch unter der Leitung von Abu Bakr as-Siddiq.

(In verschiedenen Hadithen wird erwähnt, dass die Hadsch im 6., 7., 8., 9. oder 10. Jahr der Hidschra zur Pflicht wurde. Meiner Ansicht nach ist jedoch die Überlieferung über das 9. Jahr der Hidschra vorzuziehen. Manche sagen, diese Hadsch habe aufgrund der Verwendung des Kalenders der Ungläubigen im Monat Dhul-Qaʿda stattgefunden. Diese Ansicht ist jedoch schwach.)

(109) Durch Ali erfolgte die Lossagung von den Polytheisten und die Erklärung der Aufhebung aller unbefristeten Verträge – 10. Rabi ath-Thani, Dhul-Hiddscha, Hidschra-Jahr 10. (Auch hinsichtlich der Verkündung der Lossagung besteht Uneinigkeit darüber, ob sie am Tag von Arafat oder am Opferfest, also am 9. oder 10. Dhul-Hiddscha, erfolgte. Im Licht des Korans und der Hadithe halte ich die Auffassung, dass sie am 10. Dhul-Hiddscha erfolgte, für vorzuziehen.)

(110) Die Gesandtschaft der Muharib – Hidschra-Jahr 10.

(Die meisten anderen Gesandtschaften kamen ebenfalls im 9. und 10. Jahr der Hidschra nach Medina. Der genaue Zeitpunkt ihrer Ankunft lässt sich jedoch nur schwer bestimmen.)

Die Gesandtschaft der Mohamed – Schaʿban, Hidschra-Jahr 10.

Die Gesandtschaft der Khawlan – Schaʿban, Hidschra-Jahr 10.

Die Gesandtschaft der Naisan – Ramadan, Hidschra-Jahr 10.

Die Delegation der Banū al-Ḥārith ibn Kaʿb – Schawwal, 10 n. H.

Die Delegation von Salām – Schawwal, 10 n. H.

(111) Zwanzig Tage Iʿtikāf des Gesandten (s.a.) im letzten Ramadan – Ramadan, 10 n. H.

(112) Der Briefwechsel zwischen dem Gesandten (s.a.) und Musailima al-Kadhdhāb – 10 n. H.

(113) Die Abschiedswallfahrt:

– Aufbruch von Medina – Samstag, 26. Dhū l-Qaʿda, 10 n. H., zwischen Zuhr- und ʿAsr-Gebet.

(Auch hinsichtlich dieses Datums gibt es Meinungsverschiedenheiten. Das von mir angenommene Datum ist jedoch zuverlässiger.)

– Aufenthalt in Dhū l-Ḥulaifa – die Nacht zwischen Samstag und Sonntag.

-Anlegen des Ihram – Sonntag (zur Zeit des Zuhr-Gebets).

-Aufenthalt in Dhu Tuwa – Sonntagnacht, 4. Dhul-Hiddscha, 10 n. H.

-Aufbruch von Dhu Tuwa nach Mekka – am 5. Dhul-Hiddscha, nach dem Fadschr-Gebet.

(Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, betrat Mekka von der Seite der Thanīyat al-ʿAliya.)

-Betreten der al-Masdschid al-Harām – am 5. Dhul-Hiddscha, mittags.

(Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, betrat sie durch das Tor der Banū ʿAbd Manāf.)

-Aufenthalt außerhalb von Mekka bis zum 8. Dhul-Hiddscha

(Alle Gefährten blieben beim Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und übernachteten in Mina.)

-Aufbruch nach Mina – Donnerstagmittag, 8. Dhu l-Hiddscha.

-Aufbruch von Mina nach Arafat – Freitag, 9. Dhu l-Hiddscha, nach Sonnenaufgang.

(Eintritt am östlichen Rand von Arafat über den Weg von Namira.)

-Halten der Hajj-Predigt oder Ansprache – Freitag, 9. Dhu l-Hiddscha, nach dem Zuhr-Gebet.

(Die Ansprache wurde vom Rücken der Kamelstute al-Qaswa aus gehalten.)

-Aufenthalt in Arafat – Freitag, 9. Dhu l-Hiddscha, nach dem Zuhr- und dem Asr-Gebet.

(Hier betete der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bis zum Maghrib unter Tränen zu Allah.)

-Aufbruch von Arafat in Richtung Muzdalifa – am 9. Dhu l-Hiddscha, nach dem Maghrib.

(Rückkehr über die Straße von al-Maʾzimein.)

– Von Muzdalifa

Aufbruch zum Maschʿar al-Harām – nach dem Fadschr-Gebet am 10. Dhu l-Hiddscha.

(Hier sprach der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, unter Tränen Dhikr und Bittgebete.)

– Aufbruch vom Maschʿar al-Harām in Richtung Mina – am 10. Dhu l-Hiddscha vor Sonnenaufgang.

– Werfen der Steinchen – am 10. Dhu l-Hiddscha nach Sonnenaufgang bis zum Mittag.

(Zu dieser Zeit war die Sonne sehr heiß.)

– Ansprache in Mina (am Opferfest) – am 10. Dhu l-Hiddscha vor Mittag.

-Opferung -nach der Predigt.

(Von den einhundert Opfertieren schlachtete er einundsechzig eigenhändig. Die übrigen übergab er Hazrat Ali. Danach ließ er sich den Kopf rasieren.)

-Reise von Mina nach Mekka -am 10. Dhu l-Hiddscha, nach der Kopfrasur.

(Nach seiner Ankunft in Mekka vollzog er vor dem Zuhr-Gebet den Tawaf um die Kaaba.)

-Rückkehr von Mekka nach Mina -am letzten Tag.

(Er verbrachte die Nacht in Mina.)

-Die zweite Predigt in Mina -am 11. Dhu l-Hiddscha.

(Das Thema dieser Predigt ist bei Abu Dawud erwähnt.)

-Reise von Mina nach Muhassab oder Abtah – Dienstag, der 13. Dhul-Hiddscha.

(Nachts begab er sich nach Mekka und vollzog den Abschiedstawaf.)

-Rückkehr aus Mekka – in der Nacht zwischen dem 13. und 14. Dhul-Hiddscha.

(114) Ankunft der Delegation von Nakhaʿ – Mitte Muharram, im 11. Jahr nach der Hidschra.

(Die letzte Delegation, die noch zu Lebzeiten des Gesandten Allahs eintraf.)

(115) Der Usama-Armee wurde der Befehl zum Aufbruch erteilt – am 26. Safar, im 11. Jahr nach der Hidschra.

(Der letzte militärische Feldzug auf Befehl des Gesandten Allahs.)

(116) Beginn der tödlichen Krankheit des Gesandten Allahs – gegen Ende des Safar, im 11. Jahr nach der Hidschra (wahrscheinlich am 29. Safar).

(Nach zuverlässiger Auffassung dauerte die Krankheit 13 Tage an.)

(117) Die Krankheit nahm ihre schwerste Form an (er hielt sich bis zu seinem Tod sieben Tage im Zimmer von Hazrat Aischa auf).

(118) Das letzte Gebet in der Gemeinschaft und die letzte Ansprache in der Prophetenmoschee – das Zuhr-Gebet am Donnerstag, fünf Tage vor seinem Tod.

(In verschiedenen Hadithen werden mehrere Ansprachen erwähnt. Wahrscheinlich sagte er all diese Dinge jedoch in ein und derselben Ansprache.)

(119) Tod – am Montag, dem 12. Rabi al-awwal, vor Mittag.

(Über den Montag herrscht Einigkeit. Hinsichtlich des Datums gibt es jedoch unterschiedliche Auffassungen. Manche nennen den 1., andere den 2. und wieder andere sogar den 13. Tag.)

(120) Bestattung (das Grab wurde im Zimmer von Hazrat Aischa ausgehoben) – in der Nacht zwischen dem 13. und 14. Rabi al-awwal.

(Das eigentliche Problem besteht darin, dass unwiderlegbar nachgewiesen ist, dass der 9. Dhul-hiddscha ein Freitag war. Wenn man davon ausgehend rechnet, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass der 12. Rabi al-awwal auf einen anderen Tag als Montag fiel. Das wäre nur möglich, wenn drei aufeinanderfolgende Mondmonate jeweils 30 Tage hätten. Einige sagen jedoch, dass dies trotz seiner Seltenheit möglich sei. Außerdem ist es aufgrund der Wetterbedingungen möglich, dass der Mond in Mekka und Medina mit einem Tagesunterschied gesichtet wurde.)

 

Anhang 2

Ereignisse, die sich als Erste und vor allen anderen ereigneten

– Beginn des Prophetentums: 9. Rabi al-awwal, Geburtsjahr oder Alter: 41.

– Beginn der Offenbarung des Korans: Sure al-ʿAlaq, 18. Ramadan, 1. Jahr des Prophetentums.

– Der Erste, der den Islam annahm und sich als Gefährte des Gesandten Allahs anschloss.

1. Sowohl unter Männern und Frauen gemeinsam als auch allein unter den Frauen war Hadhrat Chadidscha (r.a.) die Erste.

2. Unter den reifen, wissenden, bewussten und freien Männern war es Hadhrat Abu Bakr (r.a.).

3. Unter den jungen Männern war es Hadhrat Ali (r.a.).

4. Unter den Sklaven: Hazrat Zaid ibn Haritha (r.a.) (Sklave des Gesandten (s.a.s.), später freigelassen)

– Die erste Frau, die nach Hazrat Chadidscha den Islam annahm: Lubaba bint al-Harith. Sie war die Ehefrau von Hazrat Abbas.

– Der Erste, der während der auf das Haus von Hazrat Arqam ausgerichteten Daʿwa den Islam annahm: Aqil ibn Bukair (r.a.).

– Das erste Zentrum der islamischen Bewegung: Dar al-Arqam am Berg Safa (das Haus von Hazrat Arqam)

– Die erste öffentliche Ansprache: am Berg Safa im dritten Jahr der Sendung.

Der erste Vers, über den die Ungläubigen wütend wurden –

(*******)

– Der Gefährte, der nach dem Gesandten (s.a.s.) als Erster seinen Islam öffentlich bekannte, war Hazrat Chabbab ibn al-Aratt at-Tamimi.

– Die erste vollständige islamische Familie: die Familie von Hazrat Abu Bakr as-Siddiq.

– Die erste Frau, die seit ihrer frühesten Kindheit im Schoß muslimischer Eltern aufwuchs: Hazrat Aischa.

– Die erste unbeabsichtigte Tötung im islamischen Eifer: Durch die Hand von Hazrat Saʿd ibn Abi Waqqas wurde ein Ungläubiger getötet. Es verhielt sich so, dass die Muslime außerhalb von Mekka das Gebet verrichteten. Als die Ungläubigen sie dabei belästigten, warf Hazrat Saʿd einen Knochen nach ihnen. Der Knochen traf einen Ungläubigen am Körper, worauf dieser augenblicklich starb.

– Nach den Worten des Gesandten Allahs waren nach Hazrat Ibrahim und Hazrat Lut das erste muslimische Ehepaar, das auf Allahs Weg auswanderte, die nach Abessinien ausgewanderte Tochter des Gesandten Allahs, Ruqayya, und sein Schwiegersohn Hazrat Uthman.

– Die erste in der Geschichte der islamischen Bewegung gehisste Fahne: die von Hazrat Buraida al-Aslami gehisste Fahne. Zu dieser Zeit befand er sich auf dem Weg zur Auswanderung.

– Der Gefährte, der als Erster vor der Kaaba öffentlich und mit lauter Stimme das Glaubensbekenntnis sprach, den Islam annahm und daraufhin von den Ungläubigen zusammengeschlagen wurde, war Hazrat Abu Dharr al-Ghifari.

– Derjenige, der als Erster seine Annahme des Islam nachdrücklich öffentlich bekannt gab, war Hazrat Umar. – Derjenige, durch dessen Annahme des Islam erstmals in der Kaaba das Gebet verrichtet wurde: Hazrat Umar.

– Derjenige, dessen Annahme des Islam die Ungläubigen erstmals erkennen ließ, dass die islamische Bewegung stärker geworden war, war Hazrat Hamza.

– Der erste muslimische Anführer Medinas, der von den Ungläubigen aus Mekka geschlagen wurde: Hazrat Saʿd ibn Muʿadh (ra.).

– Der erste Muslim, der im Haram Scharif den Märtyrertod erlitt: Hazrat Harith ibn Abi Hala.

– Die erste Muslimin, die unter grausamster Folter den Märtyrertod erlitt: Hazrat Sumayya (ra.), die Ehefrau von Hazrat Yasir und die Mutter von Hazrat Ammar.

– Der erste Mann, der versuchte, das Boykottabkommen der Ungläubigen gegen die Banu Haschim aufzuheben: Hischam ibn Amr ibn Rabiʿa.

– Der erste Muslim, dessen Auge auf dem Weg des Islam geopfert wurde: Hazrat Uthman ibn Mazʿun (ra.). Als er in der Versammlung der Quraisch Einwand gegen eines von Labids islamfeindlichen Gedichten erhob, wurde ihm das Auge ausgestochen.

– Der erste Muslim, der nach Medina auswanderte: Hazrat Abu Muslima (ra.).

– Der erste Abtrünnige oder der Erste, der den Islam verließ: Ubaid ibn Jahsch, der nach Abessinien ausgewandert war. Dort wurde er Christ.

– Der erste, der zur Verteidigung des Islam einen Pfeil abschoss: Hazrat Saʿd ibn Abi Waqqas (ra.). In dem von Abd al-Harith angeführten Heer schoss er einen Pfeil auf den Feind. Dabei wurde jedoch niemand getötet oder verletzt.

– Der Erste, der zur Verteidigung des Islam ein Schwert führte: Hazrat az-Zubair ibn al-Awwam.

– Der erste Muhadschir bei der zweiten Auswanderung nach Abessinien: Hazrat Dschaʿfar ibn Abu Talib.

– Der erste junge Mann in Medina, der durch die Einladung des Gesandten (s.a.w.) zum Islam beeinflusst wurde: Suwaid ibn Samit.

– Der erste ansarische Sahabi, der nach der Auswanderung in Medina verstarb: Kulthum ibn al-Hidam, in dessen Haus in Quba der Gesandte (s.a.w.) nach der Auswanderung einige Tage blieb.

– Die erste persönliche Tötung einer Frau, die aus islamischem Ehrgefühl heraus erfolgte: Asma bint Marwan al-Khatamiyya. Diese Frau hetzte die Angehörigen ihres Stammes ständig gegen den Gesandten (s.a.w.) auf und verbreitete Verleumdungen. Schließlich tötete ihr Bruder Hazrat Umair ibn Adi al-Khatami, der den Islam angenommen hatte, sie in aufgebrachter Erregung. (Ramadan, 2 n. H.)

– Die erste persönliche Tötung eines Mannes, die aus islamischem Ehrgefühl heraus erfolgte: der Jude Abu Gafla. Er betrieb fortwährend üble, grob falsche Propaganda gegen den Gesandten (s.a.w.) und die Muslime. Hazrat Alim ibn Umair al-Ansari tötete ihn in aufgebrachter Erregung.

– Die erste Ernennung eines islamischen Lehrers in Medina: Der Gesandte (s.a.w.) sandte Hazrat Musʿab ibn Umair (in Begleitung von Ibn Umm Maktum) gemeinsam mit der Delegation der Ansar nach Medina. (14. Jahr der Prophetenschaft)

Der erste ansarische Sahabi, der beim zweiten Treueid von Aqaba den Treueid leistete: Barra ibn Marur.

– Die erste gemeinschaftliche Veranstaltung zum Erlernen des Korans in Medina fand in der Moschee von Banu Riza statt. (Wahrscheinlich war dies keine vollständige Moschee, sondern lediglich ein Gebetsplatz.

– Bau der ersten vollständigen Moschee: die Quba-Moschee. Sie wurde vom 8. bis zum 11. Rabi al-Awwal im 1. Jahr nach der Hidschra erbaut.

– Das erste Freitagsgebet unter der Leitung des Gesandten Allahs (saw.) fand am 12. Rabi al-Awwal des 1. Jahres nach der Hidschra im Gebiet des Stammes Banu Salim statt. Die Zahl der Betenden betrug einhundert.

– Das erste Ereignis in Medina, bei dem ein ganzer Stamm gemeinsam den Islam annahm: Banu Abd al-Aschhal. Nur ein Angehöriger dieses Stammes nahm den Islam erst etwas später an.

– Das erste Truppenkontingent, das im Auftrag des Islamischen Staates zur Patrouille auszog: Das unter der Führung von Hamza zusammengestellte Kontingent patrouillierte im siebten Monat nach der Hidschra bis nach Saiful Bahr.

– Der erste Fahnenträger im Rahmen des islamischen Verteidigungssystems: Abu Mursad al-Ghanawi.

– Die erste unmittelbare militärische und politische Maßnahme des Gesandten Allahs (saw.): der Feldzug von Waddan oder Abwa. Er fand im zwölften Monat nach der Hidschra statt.

– Der erste vom Gesandten Allahs (saw.) in Medina eingesetzte stellvertretende Statthalter: Saʿd ibn Ubada (möge Allah mit ihm zufrieden sein) (während des Feldzugs von Waddan).

– Die Ehre, auf dem Reittier des Gesandten Allahs erstmals ein Banner zu führen, hatte Hazrat Hamza beim Feldzug von Waddan.

– Die erste aggressive Aktion der Quraisch gegen den Islamischen Staat: der Überfall von Karz ibn Dschabir al-Fihri (Rabīʿ al-awwal, 2 n. H.).

– Das erste Grenzgefecht, bei dem ein Angehöriger der feindlichen Seite getötet wurde: Ein Ungläubiger wurde durch den Pfeil von Wāqid ibn ʿAbdullāh at-Tamīmī getötet, einem Mitglied der in der Gegend von Nachla patrouillierenden Truppe. (Radschab, 2 n. H.)

– Das erste Ereignis, bei dem die gesamte Beute und die Gefangenen nach Medina gebracht wurden: das oben erwähnte Ereignis in der Gegend von Nachla.

– Der Beginn des Gebetsrufs: im Jahr 2 n. H.

– Der erste Gebetsruf an der Kaaba: Er wurde von Hazrat Bilāl während der Eroberung Mekkas ausgerufen.

– Der erste Anspruchsteller auf ein falsches Prophetentum: Musailima al-Kadhdhāb.

– Der erste schriftliche Schutzbrief, den der Gesandte Allahs ausstellte: für Suraqa ibn Dschuʿschum während der Reise der Hidschra.

– Die erste offiziell schriftlich niedergelegte Bundesverfassung der Welt: im 1. Jahr nach der Hidschra in Medina vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verfasst und eingeführt.

– Der erste Freundschaftsvertrag des islamischen Staates außerhalb von Medina: mit ʿAmr ibn Fahschi ad-Damrī, dem Anführer der Banū Damra, oder mit dem Stamm der Banū Damra.

– Die Ersten, die wegen ihrer Annahme des Islam gekreuzigt den Märtyrertod erlitten: Hazrat Chubaib ibn ʿAdī und Zaid ibn Dathina, in Tanʿīm (in der Nähe von Mekka).

– Die erste aufrührerische und verräterische Tätigkeit der Juden in Medina: Als die Banū Qainuqāʿ eine muslimische Frau auf dem Markt öffentlich entblößten, kam es zu einem jüdisch-muslimischen Aufruhr.

– Das erste freie islamische Lager: das von Hazrat Abu Basir und Abu Dschandal in Saiful Bahr errichtete Lager.

– Der Erste, der bei der Eroberung Mekkas den Islam annahm: Abu Sufyan ibn al-Harith ibn Abd al-Muttalib.

– Der erste offizielle Krieg: die Schlacht von Badr (Ramadan, 2. Jahr nach der Hidschra).

– Der erste Krieg, an dem die Ansar und die Muhadschirun gemeinsam teilnahmen: die Schlacht von Badr.

– Die ersten drei kämpfenden Mudschaheddin der muslimischen Armee auf dem Schlachtfeld von Badr: Hazrat Ali, Hazrat Hamza und Hazrat Ubaida ibn al-Harith ibn Abd al-Muttalib.

– Der erste im Krieg von Badr getötete Feind: Aswad ibn Abd al-Asad.

– Der erste Märtyrer im Krieg von Badr: Mihdschah, der freigelassene Sklave von Hazrat Umar ibn al-Khattab.

– Der erste Bote, der nach Medina die frohe Nachricht vom Sieg bei Badr brachte: Zaid ibn Haritha, möge Allah mit ihm zufrieden sein.

– Das erste Eid-ul-Fitr-Gebet: am 1. Schawwal des Jahres 2 nach der Hidschra.

– Der erste Gesandte des islamischen Staates, der unterwegs getötet wurde: Harith ibn Umair al-Azdi. Schurahbil ibn Amr al-Ghassani, der Herrscher von Syrien, tötete ihn.

– Der erste vom Gesandten Allahs verliehene Ehrentitel für Tapferkeit: der Titel „Sayfullah“, den er Hazrat Khalid ibn al-Walid verlieh (Schlacht von Mu’ta, Jahr 8 nach der Hidschra).

– Die erste Verwendung eines Siegels auf amtlichen Schreiben und Dokumenten: am 1. Muharram des Jahres 7 nach der Hidschra.

– Der erste Fall eines politischen Schiedsverfahrens nach islamischem Recht: Im Jahr 5 nach der Hidschra wurde ein solches zwischen dem islamischen Staat und den Banū Quraiẓa durchgeführt.

– Der erste Gefährte, der in der islamischen Zeit als Schiedsrichter eingesetzt wurde: Saʿd ibn Muʿādh.

– Das erste königliche Geschenk, das dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zugesandt wurde: ein von König an-Naǧāschī gesandtes Geschenk.

– Die erste Person unter den Götzendienern Arabiens, deren Geschenk der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, annahm: Abū Sufyān (zur Zeit des Vertrags von al-Ḥudaybiyya).

– Der erste ehemalige Sklave, der zum Heerführer ernannt wurde: Zayd ibn Ḥāritha (Schlacht von Muʾta).

– Der erste Krieg, in dem ein Fünftel für das Bayt al-Māl abgeführt wurde: der Krieg gegen Banū Qaynuqāʿ oder der Krieg gegen Banū Quraiẓa.

– Der erste Fall der Tötung eines Kāfir, der die Kalima Ṭayyiba ausgesprochen hatte: Während des Feldzugs gegen die Dschuhaina wurde Nāhiq ibn Mardūs durch Usāma ibn Zayd getötet. (Ramaḍān, 7. Jahr nach der Hidschra).

– Der erste Zeitpunkt, zu dem ein überwältigender Teil der Muslime vorübergehend von Unentschlossenheit erfasst wurde: zur Zeit des Vertrags von al-Ḥudaybiyya.

– Der erste Mensch, der durch die Hand des Gesandten Allahs (s.a.) getötet wurde: Harith ibn al-Damma (Schlacht von Uhud).

– Der erste Märtyrer unter den Bewohnern des Paradieses, der nicht einmal die Gelegenheit bekam, das Gebet zu verrichten oder zu fasten: Hazrat Usayrim (r.a.). Dieser Mann aus dem Stamm Banu Abd al-Aschhal nahm am Tag der Schlacht von Uhud den Islam an, nahm sofort am Dschihad teil und erlangte das Martyrium.

– Der erste Märtyrer, der vor seinem Tod die Sunna des Gebets einführte: Hazrat Khubayb (r.a.).

– Der erste Märtyrer des Vorfalls von Bi’r Ma’una: Haram ibn Milhan (r.a.), der Onkel mütterlicherseits von Hazrat Anas.

– Das erste „Salat al-Khawf“ (Gebet der Furcht) wurde verrichtet: in der Schlacht von Usfan oder Dhat ar-Riqa.

– Der erste Betende, der das Gebet trotz dreier Pfeile, die seinen Körper durchbohrt hatten, nicht abbrach: Abbad ibn Bishr (in der Schlacht von Dhat ar-Riqa).

– Der erste Abtrünnige in Medina: Harith ibn Suwayd ibn Samit. Obwohl er an der Schlacht von Uhud noch als Muslim teilgenommen hatte, wurde er zum Abtrünnigen. Er tötete jedoch Mujazzir ibn Ziyad al-Balawi und floh nach Mekka. Später, als er nach Medina kam, wurde er verhaftet und getötet.

– Der erste Muslim, der auf dem Schlachtfeld versehentlich durch die Hand eines anderen Muslims getötet wurde: Hisham ibn Isaba (durch die Hand von Ubada ibn Samit).

– Der erste Spion der gegnerischen Seite, der gefangen genommen und getötet wurde: in der Schlacht gegen die Banu al-Mustaliq.

– Der erste muslimische Jugendliche, der den Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) um die Erlaubnis bat, seinen heuchlerischen Vater zu töten: Talha ibn Abdallah ibn Ubayy.

– Die erste Person, die über den Vorfall der Verleumdung gegen Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) Auskunft gab: die Mutter von Mistah ibn Uthatha.

– Die ersten Zeugen für die Keuschheit von Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr): unter den Männern Usama ibn Zayd, unter den Frauen Barira und unter den Ehefrauen des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Zaynab bint Jahsch.

– Die erste Anwendung der schariagemäßen Strafe für die Verleumdung des Ehebruchs: gegen Hassan ibn Thabit, Mistah ibn Uthatha und Himna bint Jahsch.

– Der erste Krieg, in dem die Muslime mehrere Gebete hintereinander nachholen mussten: die Schlacht am Graben.

– Der erste erfolgreiche diplomatische Versuch, die Stärke des Feindes zu schwächen: Dieser Versuch wurde in der Schlacht am Graben durch Nuʿaym ibn Masʿud unternommen.

– Der erste muslimische Bogenschütze, der allein eine Gruppe von Räubern besiegte: Salama ibn al-Akwaʿ.

– Der erste Anlass, bei dem der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, spontan ein Gedicht aus seinem Mund rezitierte: Als sich die muslimische Armee in der Schlacht von Hunain zerstreute, war der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, allein. Daraufhin ritt er auf seinem weißen Maultier und begann laut zu rezitieren:

(*************)

Das heißt: „Ich bin zweifellos ein Prophet. Ich bin ein Nachkomme von Abd al-Muttalib.“

– Die erste Ernennung von Mitarbeitern für die Zakat-Abteilung: im Muharram des 9. Jahres nach der Hidschra.

– Das erste Mal, dass eine muslimische Armee mithilfe von Kanonen eine Festung zerstörte: beim Feldzug von Taif.

– Der erste Austausch von Kriegsgefangenen zwischen der islamischen Regierung von Medina und den Bewohnern von Mekka: Saʿd ibn Abi Waqqas und ʿUtba ibn Ghazwan wurden im Austausch gegen die beiden gemeinsam beim Feldzug von Nakhla gefangenen Gefangenen ʿAttab ibn Abdallah und Hakam ibn Qaysar freigelassen.

– Der erste Krieg, in dem den Auswanderern ein Anteil an den Pferden zugeteilt wurde: der Krieg gegen die Banu Quraiza.

– Die erste Anweisung zur Erhebung der Dschizya: Sie wurde kurz vor dem Feldzug von Tabuk offenbart.

– Zum ersten Mal wurde man sich über die Zahlung der Dschizya einig: mit dem Herrscher von Dumat al-Dschandal (während des Feldzugs nach Tabuk).

– Zum ersten Mal wurde ein Vertrag über die Zahlung einer beträchtlichen Dschizya abgeschlossen: Die Christen von Nadschran verpflichteten sich, der islamischen Regierung jährlich zweitausend Kleidungsstücke zu liefern und bei Bedarf militärische Ausrüstung zu leihen.

– Der erste und einzige Mensch, der während des Vertrags von Hudaibiyya keinerlei Zweifel oder Bedenken hegte: Hadhrat Abu Bakr as-Siddiq, möge Allah mit ihm zufrieden sein.

– Die erste Person, die den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, während des Zögerns der Muslime hinsichtlich des Opferns und des Rasierens ihrer Haare nach dem Vertrag von Hudaibiyya beruhigte: die Mutter der Gläubigen, Hadhrat Umm Salama, möge Allah mit ihr zufrieden sein.

– Der erste Dichter, der vom Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine Belohnung erhielt: Nach der Eroberung Mekkas erschien Ka’b ibn Zuhayr, trug zur Bitte um Vergebung das Gedicht „Banat Su’ad“ vor, und der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schenkte ihm dafür seinen eigenen Umhang.

– Die erste Rezitation des „Qunut an-Nazila“ durch den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: nach den herzzerreißenden Ereignissen von Radschi und Bi’r Ma’una. Bei diesen beiden Ereignissen töteten die Feinde die fähigsten Mitglieder der Abordnungen, die zur Einladung zum Islam und zur Unterweisung entsandt worden waren. (H. 4)

– Das erste Auftreten muslimischer Frauen auf dem Schlachtfeld: in der Schlacht von Uhud (H. 3).

– Der erste Herrscher, der den Islam annahm: Asam ibn Abjar, der König von Abessinien.

– Der erste Mensch, den der Gesandte (Allahs) mit den Worten lobte, dass er noch großartiger sei als der gute Ruf, den er über ihn gehört hatte, war Zaid al-Chair, der Anführer des Stammes Tayy; sein früherer Name war Zaid al-Chail.

– Der erste nichtarabische Muslim, der wegen seines Übertritts zum Islam gekreuzigt und getötet wurde, war Farwa al-Dschudhami, der römische Statthalter Nordarabiens, der am Ort Muzan amtierte.

– Der erste Polytheist, der in der Schlacht von Uhud eine Herausforderung zum Zweikampf aussprach, war Talha.

– Der erste Muslim, der in der Schlacht von Uhud die Herausforderung zum Zweikampf annahm, war Ali.

– Der erste in der Schlacht von Uhud getötete Feind war Talha.

– Der erste Ausdruck von Stolz, den der Gesandte (Allahs) billigte, war, wie Abu Dschuʿana mit stolzgeschwellter Brust dahinschritt, nachdem er im Kampf von Uhud das Schwert des Gesandten (Allahs) erhalten hatte.

– Der erste Hadsch im Islam fand im neunten Jahr nach der Hidschra unter der Leitung von Abu Bakr as-Siddiq statt.

– Der erste Krieg außerhalb Arabiens war die Schlacht von Muʾta (Dschumada ath-Thani, 8. Jahr nach der Hidschra).

– Der erste Angehörige des Stammes Saqif aus Taif, der nach Medina kam, um die Lehren des Islam zu erlernen: Urwa ibn Masud al-Thaqafi.

 

Anhang 3

Die zunehmende Entwicklung der personellen Stärke der islamischen Bewegung

– Die ersten Gefährten des Gesandten in seiner islamischen Organisation: (1) Hadhrat Chadidscha, (2) Hadhrat Abu Bakr, (3) Hadhrat Ali, (4) Hadhrat Zaid ibn Haritha, möge Allah mit ihnen zufrieden sein.

– Die fünf Personen, die infolge der Einladungsbemühungen Hadhrat Abu Bakrs in der ersten Phase den Islam annahmen: (1) Hadhrat az-Zubair ibn al-Awwam, (2) Hadhrat Uthman ibn Affan, (3) Hadhrat Abd ar-Rahman ibn Auf, (4) Hadhrat Talha ibn Ubaidullah, (5) Hadhrat Saad ibn Abi Waqqas.

– Die ersten 46 Personen, die in den ersten drei Jahren der Einladung zum Islam den Islam annahmen: (1) Chabbab ibn al-Aratt at-Tamimi, (2) Said ibn Zaid (er nahm den Islam bereits vor der auf Dar al-Arqam ausgerichteten Bewegung an), (3) Fatima bint al-Chattab, (4) Lubaba bint al-Harith (die erste Frau, die nach Hadhrat Chadidscha den Islam annahm), die Ehefrau Hadhrat Abbas’, (5) Abdullah ibn Masud (nach Ansicht mancher war er die sechste Person, die den Islam annahm), (6) Uthman ibn Mazun (die vierzehnte Person, die den Islam annahm), (7) al-Arqam ibn Abi al-Arqam al-Machzumi (die elfte oder zwölfte Person, die den Islam annahm; nach einer anderen Überlieferung war er die siebte. Nach Ibn Hadschar nahm er gemeinsam mit Uthman ibn Mazun, Ubaida ibn al-Harith, Abd ar-Rahman ibn Auf und Abu Salama im Haus al-Arqams den Islam an), (8) Abu Salama ibn Abd al-Asad al-Machzumi, (9) Abu Ubaida ibn Amir al-Dscharrah (er nahm vor Hadhrat Umar den Islam an), (10) Qudama ibn Mazun, (11) Ubaida ibn al-Harith ibn Abd al-Muttalib, (12) Dschafar ibn Abi Talib, (13) Asma bint Umais, (14) Abdullah ibn Dschahsch, (15) Abu Ahmad ibn Dschahsch, (16) Saib ibn Uthman ibn Mazun, (17) al-Muttalib ibn Azhar, (18) Ramla bint Abi Auf, die Ehefrau von al-Muttalib ibn Azhar, (19) Umair ibn Abi Waqqas (der Bruder von Saad ibn Abi Waqqas), (20) Asma bint Abi Bakr, (21) Aischa bint Abi Bakr, (22) Hadhrat Ajasch ibn Abi Rabi’a (der Bruder Abu Dschahls), (23) Asma (die Ehefrau Ajaschs), (24) Sulait ibn Amr (nach der Überlieferung Hadhrat Abu Bakrs war er bereits vor der Zeit Dar al-Arqams Muslim), (25) Masud ibn Rabi’a (er nahm bereits vor der Zeit Dar al-Arqams den Islam an), (26) Chunais ibn Hudhafa, (27) Amir ibn Rabi’a, (28) Hatib ibn al-Harith al-Dschumahi, (29) Fatima bint al-Muhallal, die Ehefrau Hatibs, (30) al-Chattab ibn al-Harith, (31) Fukaia, die Ehefrau al-Chattabs, (32) Muammar ibn al-Harith (er nahm vor Hadhrat Umar den Islam an und lehrte dessen Schwester den Koran. Nach al-Waqidi steht er an zehnter Stelle, nach Ibn Chasjama an der 38. Stelle), (33) Nuaim ibn Abdullah, ein Angehöriger der Banu Adi (er war der vierte oder fünfte Muslim, hielt seinen Glauben jedoch aus Angst vor seinem Vater geheim), (34) Chalid ibn Said ibn al-As (nach Imam az-Zuhri steht er an 44. Stelle), (35) Amina (oder Hamina) bint Chalaf, die Ehefrau von Chalid ibn Said, (36) Hatib ibn Amr, (37) Waqid ibn Abdullah, ein Verbündeter der Banu Adi, (39) Chalid ibn Hizam (der Neffe Hadhrat Chadidschas), (40) Amir ibn Malik (er leistete in Dar al-Arqam als Erster den Treueid), (41) Aqil ibn Bukair (an 35. oder 36. Stelle), (42) Chalid ibn Bukair, (43) Amir ibn Bukair, (44) Ammar ibn Yassir (er nahm gemeinsam mit seinem Vater Yassir den Islam an), (45) Sumayya (die Mutter Ammars), (46) Suhaib ibn Sinan ar-Rumi, der freigelassene Sklave Ibn Dschadans.

– Die Zahl der ersten Auswanderer nach Abessinien: 12 Männer und 4 Frauen (insgesamt 16 Personen).

– Die Gesamtzahl während der zweiten Auswanderung nach Abessinien: 83 Personen. Die Zahl derjenigen, die zu dieser Zeit in Mekka blieben, entsprach mindestens der Zahl derjenigen, die nach Abessinien auswanderten. Daher muss die Gesamtzahl über 150 gelegen haben.

– Die Zahl der ersten Bannerträger des islamischen Aufrufs in Medina betrug insgesamt acht Personen. Sie leisteten dem Gesandten (s.a.) als Erste den Treueid: (1) al-Barāʾ ibn Maʿrūr, (2) Kaʿb ibn Mālik, (3) ʿAbd al-Haiṯam Mālik ibn Taihān, (4) Asʿad ibn Zurāra, (5) Rāfiʿ ibn Mālik, (6) Quṭba ibn ʿĀmir, (7) ʿUqba ibn ʿĀmir und (8) Jābir ibn ʿAbdallāh. (Nach der weithin bekannten Überlieferung leisteten sechs Personen beim ersten Treueid von al-ʿAqaba den Treueid. Nach al-Wāqidī nahmen Asʿad ibn Zurāra und Ḏakwān ibn ʿAbd al-Qais den Islam bereits vor dem ersten Treueid von al-ʿAqaba an.)

– Teilnehmer am zweiten Treueid von al-ʿAqaba: Insgesamt nahmen zwölf Personen teil. Die oben genannten Anṣār kamen mit Ausnahme von Jābir ibn ʿAbdallāh erneut und brachten fünf weitere Personen mit. Die neu Hinzugekommenen waren: (1) Muʿāḏ ibn al-Ḥāriṯ, (2) ʿAuf ibn al-Ḥāriṯ, (3) Ḏakwān ibn ʿAbd al-Qais, (4) Yazīd ibn Ṯaʿlaba und (5) ʿUwaimir ibn Mālik.

– Teilnehmer am zweiten Treueid von al-ʿAqaba: Dieses Mal nahmen insgesamt 73 Frauen und Männer den Islam an.

– Gesamtzahl der Muslime in der letzten Periode von Mekka (zur Zeit des dritten Treueids von al-ʿAqaba): Neben den 83 Auswanderern aus Abessinien und den 73 Anṣār, die den Treueid von al-ʿAqaba geleistet hatten, gab es in Mekka noch einige Muslime. Ebenso könnte es in Medina einige Muslime gegeben haben, die nicht zur Pilgerfahrt im 13. Jahr der Prophetenschaft gekommen waren. Auf diese Weise könnte sich die Gesamtzahl schätzungsweise auf zweihundertfünfzig belaufen haben. Wenn man außerdem die neuen Muslime in Naǧrān, bei den Ġifār (etwa die Hälfte des Stammes der Ġifār nahm innerhalb kurzer Zeit den Islam an) und im Jemen einbezieht, dürfte die Gesamtzahl der Muslime in Arabien nicht weniger als dreihundert betragen haben.

– Ungefähre Zahl der Muslime in Medina unmittelbar nach der Hidschra: Es ist weithin bekannt, dass am ersten Freitagsgebet im Gebiet des Stammes Banū Sālim einhundert Muslime teilnahmen. Rechnet man die Frauen und Kranken hinzu, die nicht teilnehmen konnten, muss die muslimische Bevölkerung Medinas mindestens dreihundert Personen umfasst haben. Ebenso ist bekannt, dass an der Versammlung, die der Gesandte (s.a.) ganz am Anfang einberief, um zwischen den Anṣār und den Auswanderern eine brüderliche Verbindung zu schaffen, 90 Personen teilnahmen. Die Angehörigen beider Seiten waren jeweils zur Hälfte vertreten. Zu dieser Versammlung wurden unter den Anṣār vermutlich nur wohlhabende Personen zugelassen, die entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten mindestens einen Auswanderer bei sich aufnehmen konnten. Frauen nahmen daran nicht teil. Daher entsteht auch aufgrund dieser Versammlung der Eindruck, dass die obige Schätzung zutreffend ist.

– Ungefähre Zahl der Muslime in Medina zur Zeit der Schlacht von Badr: Es ist allgemein bekannt, dass sich der Islam unter den Anṣār von Medina äußerst schnell verbreitete und es bei den Stämmen Aus und Chazradsch diesbezüglich kein Hindernis gab. Ebenso ist weithin bekannt, dass in der Zeit zwischen der Hidschra und der Schlacht von Badr weiterhin nach und nach einzelne Auswanderer eintrafen und ihre Gesamtzahl keineswegs gering war. Beim Feldzug von Buʿāṯ waren zweihundert Auswanderer beim Gesandten (s.a.). Ebenso belief sich ihre Zahl beim Feldzug von Ḏū l-ʿUschaira auf ungefähr 150 bis 200. Bei all diesen frühen Feldzügen setzte der Gesandte (s.a.) ausschließlich die Auswanderer ein.

Denn gemäß dem Treueid von al-ʿAqaba waren die Anṣār lediglich verpflichtet, sich innerhalb Medinas an Verteidigungsmaßnahmen zu beteiligen. Es versteht sich von selbst, dass die Gesamtzahl noch etwas höher gewesen sein muss, wenn bereits die Zahl der an den Kämpfen teilnehmenden Auswanderer 200 betrug. Man kann sie auf mindestens zweihundertfünfzig schätzen. [Im Allgemeinen beträgt der militärische Anteil der Männer in jeder Bevölkerung ein Viertel bis ein Fünftel. Die Lage der Auswanderer in Medina war jedoch aus zwei Gründen anders. Erstens war in der arabischen Stammesgesellschaft gewöhnlich jeder Mann kampffähig, und Ausnahmen gab es nur sehr wenige. Außerdem lebten die Auswanderer aufgrund ihrer glaubensmäßigen und revolutionären Motivation ständig in einem Dasein zwischen Leben und Tod. Kaum jemand bildete davon eine Ausnahme. Zudem waren nicht alle Auswanderer mit ihren gesamten Familienangehörigen gekommen. Es gab auch nur wenige Frauen, und die meisten alten Männer waren in Mekka geblieben. Aus diesen beiden Gründen haben wir diese Schätzung vorgenommen.] Die Zahl der Anṣār dürfte doppelt so hoch gewesen sein. Die Gesamtzahl könnte demnach sieben- bis achthundert betragen haben. [Aus verschiedenen historischen Überlieferungen ist bekannt, dass der Gesandte (s.a.) in Medina dreimal eine Volkszählung durchführen ließ. Beim ersten Mal betrug die Zahl der Menschen fünfhundert, beim zweiten Mal sieben- bis achthundert und beim dritten Mal etwas mehr als eintausend. Unserer Auffassung nach könnte die erste Volkszählung während der Wiederansiedlung der Auswanderer oder zu Beginn der Einrichtung von Verteidigungsmaßnahmen durchgeführt worden sein. Danach könnte die Zahl der verfügbaren Kräfte bei der Vorbereitung einer wichtigen Maßnahme erneut überprüft worden sein, etwa bei der Blockade der aus Syrien zurückkehrenden Handelskarawane der Quraisch. Die dritte Volkszählung dürfte ein Jahr später angesichts der Drohung Abū Sufyāns, Vergeltung zu üben, durchgeführt worden sein.]

Beim Anblick der Zahl der muslimischen Kämpfer in der Schlacht von Badr könnten manche in Verwirrung geraten. Nach unseren Untersuchungen rechnete der Gesandte (s.a.) nicht mit einem formellen bewaffneten Zusammenstoß, als er Medina mit 314 Gefährten verließ. Sein eigentliches Ziel war es, die Handelskarawane abzufangen. Außerdem mussten die Vorbereitungen in großer Eile getroffen werden, weshalb die Zahl der Reittiere und Waffen sehr gering war. Die muslimischen Bewohner Medinas hätten jedoch ein Mehrfaches an Reittieren und Waffen bereitstellen können. Es wäre auch möglich gewesen, mehr Kämpfer zu sammeln als die Zahl, die tatsächlich aufgeboten wurde. Der Beweis dafür ist, dass an der Schlacht von Badr insgesamt 86 Auswanderer teilnahmen, während bei manchen früheren Patrouillen bis zu 200 Auswanderer gezählt worden waren. Daher schätzen wir, dass die Gesamtzahl der muslimischen Bevölkerung Medinas in der Zeit um die Schlacht von Badr bei sieben- bis achthundert lag. Von ihnen hätten 400 bis 500 kampffähige Kämpfer aufgeboten werden können. Bei der Schlacht von Badr konnte jedoch nicht die gesamte militärische Stärke teilnehmen, weil nicht die gesamte militärische Stärke zur Teilnahme aufgefordert worden war. Unmittelbar war lediglich ein Trupp mit dem Gesandten (s.a.) aufgebrochen, um ein begrenztes Ziel zu erreichen.

Auch der Feldzug gegen die Banū Qaynuqāʿ bestätigt die Richtigkeit dieser Annahme. Unmittelbar nach der Schlacht von Badr wurde dieser gottlose und barbarische jüdische Stamm belagert, und nachdem er besiegt worden war, stimmte er zu, Medina zu verlassen. Es ist bekannt, dass seine kampffähige Stärke aus 600 jungen Männern bestand. Man kann davon ausgehen, dass die muslimische Armee mindestens vier- bis fünfhundert Kämpfer benötigte, um sie fünfzehn Tage lang zu belagern und schließlich zu bezwingen.

– Die Gesamtzahl der Muslime auf der ganzen Welt zur Zeit der Schlacht von Badr (ungefähr): Wenn wir zu den sieben- bis achthundert Menschen in Medina die in Abessinien lebenden Auswanderer sowie die verstreut in Nadschrān, Jemen, beim Stamm Ghifār, in Bahrain und in anderen Gebieten und Stämmen lebenden Muslime hinzurechnen, dürfte die Gesamtstärke wahrscheinlich eintausend oder etwas mehr betragen haben.

– Die muslimische Stärke in den verschiedenen Schlachten und Feldzügen: [Um die Stärke der islamischen Bewegung in späteren Zeiten zu berechnen, kann man sie anhand der Zahl der Teilnehmer an den Kriegen und Feldzügen ermitteln.]

– Schlacht von Uhud – 650, nach anderer Auffassung 700 [nachdem die dreihundert heuchlerischen Gefolgsleute von ʿAbdullāh ibn Ubayy abgezogen waren …].

– Zweiter Badr-Feldzug – (keine Schlacht) 1510.

– Feldzug nach Dūmat al-Dschandal (keine Schlacht) 1000.

– Schlacht am Graben – 3000.

– Reise nach Hudaybiyya – 1400.

– Schlacht von Khaybar – 1.420 (darunter 20 Frauen).

– Schlacht von Muʾta – 3.000.

– Feldzug zur Eroberung von Mekka – 10.000.

– Schlacht von Hunayn und Belagerung von Taʾif – 12.000.

– Feldzug von Tabuk – 30.000.

– Begleiter bei der Abschiedswallfahrt – 124.000, nach einer anderen Auffassung 144.000. [In manchen Überlieferungen wird eine höhere Zahl genannt.]

– Bei der Betrachtung der wachsenden Anhängerschaft der islamischen Bewegung muss man auch bedenken, dass Frauen von Anfang an in den revolutionären Kampf des Gesandten (s. a. s.) einbezogen waren. Auch sie erfüllten ihre jeweiligen Pflichten, um die Wendung der Geschichte herbeizuführen. Auch an der Feuerprobe von Mekka waren sie beteiligt. Während der Hidschra wurden viele von ihnen ebenfalls zu Weggefährtinnen. Sogar beim möglichen Dschihad leisteten sie Unterstützung. Vielmehr ist es für die Frauen eine Sache von außerordentlichem Ruhm, dass diejenige, die als Erste an den Gesandten (s. a. s.) glaubte, ihn tröstete und ihm umfassende Unterstützung gewährte, ebenfalls eine Frau war, nämlich Hadhrat Chadidscha. Tatsächlich wäre die umfassende grundlegende Veränderung, die der Gesandte (s. a. s.) einzuleiten beabsichtigte, ohne die Unterstützung der Frauen nicht umsetzbar gewesen. Wenn der familiäre Bereich von einem Kampf getrennt bleibt, verlangsamt sich der Fortgang der Arbeit äußerst stark. Die vom Gesandten (s. a. s.) geleitete islamische Bewegung erhielt von den Frauen ebenso wie von den Männern in vollem Umfang Inspiration, finanzielle Mittel, Arbeit und Opferbereitschaft. Eigentlich wäre zu diesem Thema ein eigener Artikel erforderlich. Vorerst stelle ich dies jedoch zurück. Hier möchte ich kurz lediglich zeigen, wie hoch der Anteil der Frauen in der islamischen Bewegung war. Unter den 56 Menschen, die in den ersten drei Jahren den Islam zuerst annahmen, waren 12 Frauen. Bei der ersten und der zweiten Hidschra nach Abessinien betrug ihre Zahl jeweils 5 und 17; an der Versammlung zum Treueid von al-Aqaba waren außerdem 2 Frauen aus Medina als Ansar anwesend. Auch unter denen, die vor dem Gesandten (s. a. s.) nach Medina auswanderten, befanden sich mindestens zehn Frauen.

[Ende]