Worte des Herausgebers
Das berühmte Werk von Schah Walīullāh Muhaddith Dehlawī (Allah erbarme sich seiner), „Al-Fauz al-Kabīr fī Usūl at-Tafsīr“, bedarf keiner erneuten Vorstellung. Herr Professor Akhtar Faruq übersetzte dieses Buch und gab ihm den Titel „Grundprinzipien der Koranexegese“.
Die erste Auflage war bereits vor langer Zeit vergriffen. In Anbetracht der Bedeutung und Notwendigkeit des Buches nahm sich die Kutub Khana Rashidia in Dhaka eines Neudrucks an und veröffentlichte ihn erstmals im Jahr 1993.
Da die Exemplare des Buches inzwischen vergriffen waren, wurde eine Neuauflage erforderlich. Beim erneuten Setzen und Korrekturlesen wurden in der Übersetzung einige Fehler entdeckt. Unser Vater, Hazrat Maulānā Muhammad Sahib, ehemaliger Muhaddith an der Madrasa-e Nuria in Dhaka, korrigierte diese Fehler anhand des Originalwerks und fügte an mehreren Stellen einige Dinge hinzu, darunter Überschriften und Quellenangaben. Dadurch ist die vorliegende Auflage im Vergleich zur früheren schöner und inhaltlich reichhaltiger geworden. Wir sind der Ansicht, dass durch die Veröffentlichung dieses Buches ein Teil der Verantwortung erfüllt wurde, welche die Kutub Khana Rashidia für die Herausgabe bedeutender, forschungsbezogener Werke übernommen hat.
Ich hoffe, dass auch die Übersetzung dieses unvergänglichen Werkes des großen Gelehrten ebenso nützlich und beliebt werden wird wie das Original. Möge Allah, der Erhabene, durch Seine Gnade den bescheidenen Einsatz des Verfassers, des Übersetzers, des Herausgebers und des Verlegers zu einem Mittel ihrer Erlösung machen. Amin!
Hochachtungsvoll
Noman und Imran
12.12.1424 H.
3/2/04 Jahr
Worte des Übersetzers
Einige Worte zu seiner Übersetzungsarbeit bleiben noch zu sagen. Hier möchte ich lediglich eben dies zum Ausdruck bringen.
In den gebildeten Kreisen dieses Landes bedarf Hadhrat Shah Waliullah Muhaddith Dehlawi (Möge Allah ihm barmherzig sein) wahrlich keiner Vorstellung. Ebenso wenig bedarf sein weltberühmtes Werk „Al-Fawz al-Kabir fi Usul at-Tafsir“ einer solchen. Dieses Werk ist in allen drei Sprachen – Arabisch, Persisch und Urdu – in der gesamten muslimischen Welt verbreitet. Seit langer Zeit gehört es in den höheren Klassen der islamischen Bildungseinrichtungen fast aller Länder zum Lehrstoff. Ich habe es ins Bengalische übersetzt und ihm den Titel „Grundprinzipien der Koranexegese“ gegeben.
Dieses Werk hat in einem Meer seinen Platz gefunden. Es ist daher keineswegs die Aufgabe eines beliebigen Tauchers, es aufzuwühlen, aus seiner Tiefe Perlen und Edelsteine zu bergen und sie allen zum Geschenk zu machen. Wenn in diesem Fall ein so unbedeutender Taucher wie ich auch nur einen geringfügigen Erfolg erzielt haben sollte, so ist dies nichts anderes als die Frucht der Gnade Allahs und der inspirierenden Kraft des Befehls des ursprünglichen Verfassers.
Daher erhebt dieser Übersetzer keinerlei Anspruch auf Verdienst oder Anerkennung für seine Übersetzungsarbeit. Der alleinige Herr und Gebieter über alle Welten ist der Besitzer von Lob und Verdienst. Vielmehr bringt der Übersetzer Allah an Seinem Hofe unendlichen Dank dafür dar, dass Er ihm die Gelegenheit gegeben hat, diesen großen Dienst erstmals in bengalischer Sprache zu leisten.
Wenn durch diese Arbeit auch nur einem Menschen aus der muslimischen Gesellschaft Bangladeschs ein wenig Gelegenheit und Hilfe zum Verständnis des Korans zuteilwird, werde ich meine Mühe als lohnend betrachten. Wenn der Erhabene Allah diese meine Mühe an Seinem Hofe als einen Dienst annimmt, werde ich mein Leben als erfüllt betrachten.
Der ergebenste Bittende
Akhtar Faruq
Kurze Biografie des Verfassers
Der eigentliche Name des Verfassers war Waliullah; seine Ehrentitel waren Qutbuddin und Hujjat al-Islam. Sein Beiname war Shah Waliullah Muhaddith Dehlavi, unter welchem Namen er in der Welt Berühmtheit erlangte. Sein Vater hieß Shah Abd ar-Rahim. Seine Abstammung reicht väterlicherseits bis zu Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und mütterlicherseits bis zu Musa Kazim (möge Allah mit ihm zufrieden sein). Er wurde im Jahr 1704 n. Chr., entsprechend dem 14. Schawwal 1114 n. H., an einem Mittwoch in Delhi geboren. Im Monat Muharram des Jahres 1176 n. H., entsprechend dem Jahr 1763 n. Chr., verstarb er am 29. Muharram zur Zeit des Zuhr-Gebets in Delhi.
Bereits im Alter von fünf Jahren wurde er zum Erlernen des Korans in eine Maktab-Schule aufgenommen. Im Alter von sieben Jahren wurde er zum Hafiz des Korans. Unmittelbar nach Abschluss des Hifz erlangte er ab seinem siebten Lebensjahr die Fähigkeit, Persisch zu lesen. Im Alter von zehn Jahren beherrschte er die Scharh-e Mulla Dschami.
Bereits im Alter von drei Jahren erlangte er in Nahw und Sarf eine solche Meisterschaft, dass selbst die Fachleute dieser Gebiete gezwungen waren, vor ihm das Haupt zu neigen. Bücher über Sprachwissenschaft, Rhetorik, Fiqh, Hadithe, Tafsir, Tasawwuf, Aqida, Logik, Medizin, Philosophie, Mathematik, Astronomie und andere Fächer studierte er bei seinem Vater, Shah Abd ar-Rahim Sahib (möge Allah ihm barmherzig sein). Bereits im Alter von fünfzehn Jahren hatte er in all diesen Fächern Gelehrsamkeit erlangt. Nachdem er alle Buchgelehrsamkeit abgeschlossen hatte, leistete er seinem Vater zum Erwerb spiritueller Erkenntnis den Bai’a. Auf dem Gebiet der spirituellen Übung erreichte er eine solche Stufe, dass er innerhalb kurzer Zeit auch in dieser Welt beträchtliche Berühmtheit erlangte. Nach Abschluss seiner spirituellen Unterweisung band ihm sein Vater den Dastar-e Fazilat um den Kopf und erteilte ihm die Erlaubnis, Suluk zu lehren.
Sein Vater ließ Shah Sahib im Alter von vierzehn Jahren die sunnatgemäße Eheschließung vollziehen.
Shah Waliullah (möge Allah ihm barmherzig sein) war der herausragendste Stern am Himmel der Gelehrsamkeit Indiens. Mehr noch: Für die Wissensdurstigen war er ein Becken des Kawthar, das ihren Durst löschte. Allah, der Erhabene, ließ durch Shah Waliullah (möge Allah ihm barmherzig sein), seine Nachkommen, Schüler und Gefolgsleute die Verbreitung, Ausdehnung und Weiterentwicklung der Hadithe und der Sunnah des Gesandten in Südasien bewirken. In Indien ist die Überlieferungskette der Hadithe von Shah Sahib abhängig. Die Stellung Shah Sahibs auf dem indischen Subkontinent gleicht dem Tuba-Baum des Paradieses: Seine Wurzel befindet sich im Haus Shah Sahibs, seine Zweige und Äste aber in den Häusern jedes einzelnen Muslims.
In jedem Zweig des Wissens finden sich seine Schriften; insbesondere sind seine Schriften über die Grundlagen der beiden Disziplinen Hadith und Tafsir herausragend für alle Zeiten.
1. Seine Übersetzung des Korans in persischer Sprache, in Anlehnung an die arabische Dichtung. (2) Al-Fauz al-Kabir fi Usul at-Tafsir. (3) Al-Irshad ila Muhimmat Ilm al-Isnad. (4) Hujjatullah al-Baligha. (5) Iqd al-Dschid fi Ahkam al-Ijtihad wa at-Taqlid. (6) Al-Insaf fi Bayan Sabil al-Ikhtilaf. (7) Izalat al-Khafa an Khilafat al-Khulafa. (8) At-Tafhimat al-Ilahiyya. (9) Al-Musaffa, ein Kommentar zum Muwatta (persisch). (10) Al-Musawwa, ein Kommentar zum Muwatta (arabisch). Darüber hinaus gibt es mehr als vierzig weitere Bücher aus der Feder des Schah Sahib.
Einleitung
Über diesen unfähigen Diener hat Allah, der Erhabene, unendliche Gnade und Barmherzigkeit erwiesen. Das Wichtigste darunter ist, dass Er mir die Fähigkeit verliehen hat, das großartige Buch, den Koran, zu verstehen. Auch dem Gesandten Allahs gegenüber steht dieser Geringe in unendlicher Schuld. Das Bedeutendste darunter ist, dass die Verbreitung des heiligen Korans ermöglicht wurde. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lehrte selbst die Muslime der ersten Generation den Koran. Sie gaben ihn an die Menschen späterer Generationen weiter. So blieb die Überlieferung des Korans fortbestehen. Schließlich gelangte er nicht nur durch mündliche Überlieferung, sondern auch durch die schriftliche Überlieferung bis zu diesem dem Glauben dienenden Diener.
(Arabisch********)
„O Allah! Lass Deine besten Gnaden und Segnungen auf dem erhabenen Propheten, dem Fürsprecher und Führer von uns, ruhen. Ebenso lass Deine Gnaden und Segnungen auf seinen Gefährten, seinen Nachkommen und allen Gelehrten seiner Umma ruhen. O Barmherzigster der Barmherzigen, gewähre dies durch Deine unermessliche Barmherzigkeit.“
Nach dem Lob Allahs und den Segensgebeten für den Gesandten lautet die Aussage Waliullahs, des Sohnes von Abd ar-Rahim: Als Allah, der Erhabene, mir durch das Verständnis Seines reinen Wortes Befreiung gewährte, fasste ich den Entschluss, ein Buch mit einigen notwendigen Regeln und Grundsätzen zu verfassen, damit durch Allahs Gnade denjenigen, die den Koran verstehen möchten, der Weg erleichtert werde, wenn sie nur diese wenigen notwendigen Regeln und Grundsätze befolgen. Obwohl viele ihr Leben dem Studium des Korans gewidmet und sogar die Hilfe vieler gelehrter Kommentatoren in Anspruch genommen haben, ist doch anzunehmen, dass nur sehr wenige von ihnen diese Regeln und Grundsätze kennen.
Ich gab diesem Buch den Namen „Al-Fauz al-Kabir fi Usul at-Tafsir“ (Der große Erfolg in den Grundsätzen der Koranauslegung).
In allen Angelegenheiten erhalten wir Kraft von Allah. Daher verlasse ich mich allein auf Ihn. Er ist der beste Beschützer, und Er genügt mir.
(Arabisch********): Die lexikalische Bedeutung von Tafsir ist, etwas zu erhellen und zu erklären. Terminologisch bezeichnet „Tafsir“ jenes Wissen, in dem die Darlegung der von Allah, dem Erhabenen, beabsichtigten Bedeutung im Heiligen Qur’an behandelt wird – entsprechend der menschlichen Fähigkeit und Leistungsvermögen.
(Arabisch********): „Kalāmullāh“ im Sinne der Absicht Allahs, des Erhabenen, und ihrer Erläuterung.
(Arabisch********): Nach der von Allah verliehenen Rechtleitung zu leben, das starke Seil fest zu ergreifen und den höchsten sowie immerwährenden Erfolg zu erlangen.
(Arabisch********)
(1) Allah, der Erhabene, hat selbst die Aufgabe übernommen, Sein eigenes Wort, den Heiligen Qur’an, zu erklären. (Arabisch********) (Sure al-Qiyāma 19). Gemäß diesem Vers ist Allah, der Erhabene, der erste Mufassir Seines eigenen Wortes; und dies allein genügt bereits, um den Rang des Tafsir zu würdigen.
(2) Der Tafsir des Qur’an (seine Erläuterung) wurde zur Aufgabe des ehrwürdigen Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gemacht.
(Arabisch********) (Sure an-Nahl 44). Der ehrwürdige Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, legte der Umma durch seine Worte und Taten den Tafsir des Heiligen Qur’an dar. Demnach ist der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der zweite Mufassir des Heiligen Qur’an; auch dies genügt, um den hohen Rang des Tafsir zu belegen.
(3) Der ehrwürdige, lichtvolle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sprach ein Bittgebet für seinen Cousin väterlicherseits, Abdullah ibn Abbas (Arabisch********) (Sahih al-Bukhari). In einem anderen Hadith wird berichtet (Arabisch********) (al-Hakim). Und der herausragende Gefährte, der Faqih der Umma, Hadhrat Abdullah ibn Masud, möge Allah mit ihm zufrieden sein, bestätigte Hadhrat Ibn Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, als den herausragendsten Mufassir. (Arabisch********) (al-Hakim). Auch dies genügt, um die Vorrangigkeit des Tafsir zu belegen.
(4) Im Hadith wird derjenige, der den Koran lernt und lehrt, als der vortrefflichste Mensch bezeichnet. (Arabisch********)In der umfassenden Bedeutung dieses Hadith sind sowohl die Worte als auch die Bedeutungen eingeschlossen. Dieser Hadith allein genügt, um die Vorzüglichkeit der Tafsir-Wissenschaft zu belegen.
Aḥkām
Schah Waliullah Dehlawi
Der Inhalt dieses Buches ist auf fünf Kapitel beschränkt. Erstes Kapitel: die Darstellung der fünf Wissenschaften: 1. ʿIlm al-Aḥkām. 2. ʿIlm al-Dschadal. 3. ʿIlm al-Tadhkīr bi-Ālāʾ Allāh. 4. ʿIlm al-Tadhkīr bi-Ayyām Allāh. 5. ʿIlm al-Tadhkīr bi-l-Maut. Der Koran wurde zur Darstellung dieser fünf Wissenschaften offenbart. Zweites Kapitel: die Darstellung der Ursachen für die Unverständlichkeit der Koranverse und ihrer Lösungen. Drittes Kapitel: die erstaunliche und wunderbare Darstellungsweise des Korans. Viertes Kapitel: die Darstellung der Methoden des Tafsir sowie die Beilegung der Meinungsverschiedenheiten über den Tafsir unter den edlen Gefährten und den Tābiʿūn. Fünftes Kapitel: die Darstellung des für die Mufassirūn unbedingt erforderlichen Wissens zur Erklärung der schwierigen Stellen des Korans und zur Lösung von Fragen wie dem Schān an-Nuzūl und Ähnlichem.
Erstes Kapitel: die fünf Wissenschaften
Die im Koran dargelegten Kenntnisse und lehrreichen Wahrheiten lassen sich in fünf Kategorien einteilen.
(1) ʿIlm al-Aḥkām oder die Wissenschaft der Rechtsbestimmungen:
Das heißt: das Wissen über die Angelegenheiten, die in jedem Bereich – sei es Gottesdienst, Handel und Geschäftsverkehr, Familienleben, Politik oder Wirtschaft – wājib (zwingend vorgeschrieben), mandūb (lobenswert), mubāḥ (erlaubt), makrūh (missbilligt) oder harām (zwingend zu unterlassen) sind. Diejenigen, die dieses Wissen umfassend und detailliert erwerben, werden Faqīh (Rechtsgelehrte) genannt.
(2) ʿIlm al-Jadal (Mukhasama) oder die Wissenschaft der Rechtsstreitführung:
Das heißt, das für die Erlangung von Geschicklichkeit in der Diskussion mit den vier irrgeleiteten Gruppen – Juden, Christen, Götzendienern und Heuchlern – erforderliche Wissen. Diejenigen, die mit der Darlegung und Ausarbeitung dieses Wissens betraut sind, werden Mutakallimūn genannt.
(3) ʿIlm al-Tadhkīr bi-Ālāʾ Allāh oder die Wissenschaft von der Lehre über den Schöpfer:
Das heißt, das Wissen über Allahs Gaben und Zeichen. Es umfasst Darstellungen über die Geheimnisse der Erschaffung von Himmel und Erde, die im täglichen Leben gewonnenen Erkenntnisse des Dieners sowie die Darstellung sämtlicher Eigenschaften des erhabenen Schöpfers.
(4) ʿIlm al-Tadhkīr bi-Ayyām Allāh oder die Wissenschaft von der Schöpfungslehre:
Das heißt, das Wissen über den Zustand der von Allah erschaffenen Dinge. Darin sind die Darstellungen über die Belohnung der Gehorsamen und die Bestrafung der Ungehorsamen enthalten.
(5) ʿIlm al-Tadhkīr bi-l-Mawt oder das Wissen über das Jenseits:
Das heißt, das Wissen über den Tod und den Zustand danach. Darin finden sich Darstellungen über die Auferstehung, die Versammlung, die Abrechnung sowie das Paradies und die Hölle. Diejenigen, die in diesen Angelegenheiten die Aussagen aus Koran und Hadith für alle verinnerlicht haben, werden Wāʿiẓ oder Warner genannt.
Die Darstellungsweise des Korans: Bei der Vermittlung dieser Kenntnisse folgt der Heilige Koran der Darstellungsweise der Araber jener Zeit. Später weist seine Darstellungsweise jedoch keinerlei Übereinstimmung mehr mit derjenigen der Araber auf. Bei der Darstellung der Verse über die religiösen Vorschriften wurde vielmehr auf Kürze Wert gelegt. Die Darstellung wurde nicht, wie bei Gesetzgebern, durch unnötige ausführliche Analysen und Erörterungen verlängert.
In den Versen über die Ilm al-Muchāsama hat Allah, der Erhabene, eine einfache und geradlinige Methode gewählt, die allgemein überzeugenden Grundsätzen und heilsamer Ermahnung entspricht. Er folgte nicht dem langwierigen Weg der schrittweisen Entwicklung von Argumenten, wie es die Streitgelehrten tun. Ebenso wenig verschwendete Er, wie moderne Verfasser, Zeit darauf, durch kunstvolle Verknüpfung vielfältiger Aussagen einen Gedanken zu vermitteln. Vielmehr hat Er den Dienern jeweils dort und dann das mitgeteilt, was Er für notwendig und in dem erforderlichen Maß hielt, ohne selbst auf eine chronologische Reihenfolge zu achten.
Anlass der Offenbarung und die Ausleger: Die übliche Methode der Tafsīr-Ausleger ist folgende: Wann immer sie einen Vers erklären – sei er auf Muchāsama oder auf Ahkām bezogen –, verbinden sie damit unbedingt irgendein Ereignis oder eine Geschichte. Sie meinen dann, diese Geschichte oder dieses Ereignis sei der einzige Anlass für die Offenbarung des Verses. Doch es besteht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass der Koran nur offenbart wurde, um die Menschen zu belehren und zu veredeln sowie sie von Aberglauben und schlechten Taten zu befreien. Die verschiedenen Arten seiner Verse haben jeweils unterschiedliche Anlässe ihrer Offenbarung. So wurden die Verse der Muchāsama offenbart, um falsche Glaubensvorstellungen und Aberglauben zurückzuweisen; ebenso wurden die Ahkām-Verse offenbart, um die Fehler im Handeln der Menschen zu korrigieren. Ihr Ziel ist es, den Strom von Unrecht und Unterdrückung unter ihnen einzudämmen. Der Anlass für die Offenbarung der Verse über Tadhkīr bi-Ālā Allāh und bi-Āyā’i Allāh liegt hingegen in der Geringschätzung und Gleichgültigkeit der Menschen gegenüber den Zeichen und Gaben Allahs. Sie sind sogar unwissend über das Gute und Schlechte, das Rechte und das Unrechte ihrer eigenen Handlungen. Ebenso unwissend sind sie über das Leben nach dem Tod. Daher wurden Verse offenbart, die all dies erläutern.
Tatsächlich ist es unnötig, dass die Ausleger sich so eingehend mit den Besonderheiten und der Analyse kleinster Ereignisse beschäftigen. Denn der Koran wurde nicht aufgrund ihrer Bedeutung offenbart. Wenn jedoch in bestimmten Versen auf ein Ereignis aus der Zeit des Propheten oder aus einer früheren Zeit hingewiesen wird, müssen diese Ereignisse bei der Erklärung erwähnt werden. Denn die Zuhörer können die Bedeutung des Verses nicht vollständig erfassen, solange sie das angedeutete Ereignis nicht kennen. Deshalb müssen die hier behandelten Wissenschaften so dargestellt werden, dass sich daraus keine Notwendigkeit ergibt, nebensächliche Einzelheiten und Ereignisse ausführlich zu schildern.
Erstes Kapitel:Die Muchāsama der Verse
Im Heiligen Koran wird die Unvernünftigkeit der Vorstellungen und Handlungen der vier Gruppen der Polytheisten, Juden, Christen und Heuchler beschrieben. Dies geschieht auf zwei Arten.
1. Ihre falschen Vorstellungen werden lediglich aufgezeigt, ihre Folgen dargestellt und als schlecht beurteilt.
2. Ihre Zweifel werden erwähnt und mithilfe von Argumenten, Gleichnissen und Ermahnungen ausgeräumt.
Die religiösen Überzeugungen der Polytheisten:
Die Polytheisten gaben vor, selbst Hanīfen (Anhänger des rechten Weges) zu sein, und nur die Anhänger der Religion des Propheten Ibrāhīm (Friede sei mit ihm) wurden als „Hanīfen“ bezeichnet. Die Vorschriften der Religion Ibrāhīms werden im Folgenden dargelegt:
1. Die Wallfahrt in der Kaaba zu vollziehen.
2. In Richtung der Kaaba zu beten.
3. Die Heirat mit Frauen als verboten anzusehen, die aufgrund der Abstammung (Nasab) oder des Stillens (Raḍāʿa) in den Rang von Mahram-Verwandten fallen.
4. Nach dem Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau die Ganzkörperwaschung (Ghusl) als verpflichtend anzusehen.
5. Die Beschneidung vorzunehmen.
6. Den ehrwürdigen Monaten und der Heiligkeit der Kaaba den gebührenden Respekt zu erweisen.
7. Das Darbringen von Opfergaben.
8. Tiere zu schlachten und ihr Fleisch zu essen.
9. Während der Hadsch-Saison durch das Darbringen von Opfern die Nähe Allahs zu suchen.
10. Die Ausführung naturgemäßer Handlungen.
Im Grunde enthielt die Dīn des Ibrāhīm auch die Vorschriften für die Gebetswaschung, das Gebet, das Fasten vom Sonnenaufgang an, die Almosengabe für Waisen und Bedürftige, die Hilfe in Notlagen sowie die Unterstützung von Verwandten. Die Befolgung dieser Vorschriften betrachteten sie einerseits als ehrenvoll und lobenswert.
Die Muschrikūn haben diese Dinge derart vollständig beseitigt, dass es scheint, als hätten sie in jener Religion niemals existiert. So waren in der Religion des Ibrāhīm Mord, Diebstahl, Unzucht, Wucher, Veruntreuung und dergleichen harām. Ihre Ausübung galt als verwerflich und abscheulich. Doch die Muschrikūn gingen öffentlich diesen Dingen nach. Ja, sie taten sogar, wonach ihnen gerade der Sinn stand.
Die grundlegenden Glaubensüberzeugungen der Religion des Ibrāhīm und die Gruppe der Muschrikūn:
Zu den in jener Religion bestehenden Glaubensüberzeugungen gehörten der Glaube an den einen Allah sowie der Glaube daran, dass Er allein der Schöpfer von Himmel und Erde, der eigentliche Urheber und Lenker der großen Ereignisse und Angelegenheiten, derjenige, der die Propheten entsendet und den Dienern ihre Taten vergilt, und dass jede Veränderung und jedes Unglück nur auf Seinen Wink hin eintritt. Dazu gehörte auch der Glaube, dass die Engel Allahs Ihm nahestehende Diener seien, und die Auffassung, dass sie verehrungswürdig seien. Dies lässt sich auch an den Symbolen jener Religion erkennen.
Doch die Polytheisten hatten in diese grundlegenden Glaubensvorstellungen Zweifel wie einen Wurmfraß eindringen lassen, die aus dem Empfinden ihrer Unmöglichkeit und Unbegreiflichkeit entstanden waren. Die Verwirrung, die sich daraus bei ihnen ergab, zeigte sich in den folgenden Angelegenheiten:
Schirk (Beigesellung), Tashbih (Verähnlichung), Tahrif (Verfälschung), die Leugnung des Jenseits, die Auffassung, dass die Prophetenschaft des letzten Propheten unmöglich sei, die Verbreitung von Unterdrückung und Unzucht, das Befolgen von Aberglauben, die Beseitigung der Gottesverehrung und dergleichen. Diese Dinge werden im Folgenden erläutert:
(1) Schirk
Schirk bedeutet, jemand anderem Eigenschaften zuzuschreiben, die ausschließlich Allah vorbehalten sind. Dazu gehört etwa, jemanden für befugt zu halten, auf der Erde zu tun, was immer er will, so wie Allah durch „Kun fa-yakūn“ wirkt. Oder jemanden für den Besitzer eines ursprünglichen Wissens zu halten, das nicht durch Sinneswahrnehmung, Beweise und Belege, Träume, Eingebung oder das Streben nach Wissen erworben wurde. Die Fähigkeit, Kranke zu heilen oder jemanden zu verfluchen, jemanden aufgrund von Missfallen krank, arm oder unglücklich zu machen, und jemandem aufgrund von Wohlwollen Wohlstand, Gesundheit und ein gutes Schicksal zu gewähren – all dies sind besondere Eigenschaften Allahs. Jemand anderem solche Eigenschaften zuzuschreiben oder zu glauben, dass jemand daran einen Anteil hat, ist Schirk.
Auch diese Polytheisten betrachteten niemanden neben Allah als Teilhaber an der Schöpfung oder als Lenker der Angelegenheiten der Schöpfung. Sie glaubten außerdem, dass niemand etwas verhindern könne, wenn Allah etwas tun wolle. Vielmehr begingen sie Schirk nur in besonderen Angelegenheiten, indem sie bestimmte Personen damit verbanden. Sie dachten, es verhalte sich damit ebenso, wie ein König einem Verwandten oder einem Emir seines Hofes die Verwaltung einer Region des Landes überträgt und ihm in kleineren Angelegenheiten Macht und Entscheidungsfreiheit gewährt, sodass er während der Abwesenheit des Königs nach eigener Auffassung und Entscheidung handeln kann.
Es ist offensichtlich, dass ein König nicht in der Lage ist, sich um kleine und nebensächliche Angelegenheiten zu kümmern. Daher übertrug er in solchen Dingen seinen Gesandten oder seinen eigenen Statthaltern und Emiren entsprechende Befugnisse. Sie handelten so, wie sie es für richtig hielten. Tatsächlich überließ er dadurch alle Bewohner jenes Gebietes der Autorität des jeweiligen Statthalters. In Angelegenheiten der Diener und Untertanen dort nahm er nur die Fürsprache der Herrscher an. Ebenso gewährt Allah, der Erhabene, einigen Seinen Dienern die Stellvertretung in Seiner Herrschaft. Dementsprechend wirken sich sowohl die Zufriedenheit als auch der Unmut dieser Diener auf die Untertanen aus. Unter dem Einfluss dieses Glaubens empfanden sie es als notwendig, ihre Nähe zu erlangen und ihre Zufriedenheit zu gewinnen, damit sie gleichsam auch am Hof des eigentlichen Herrn Anerkennung finden konnten. Und damit die Fürsprache dieser besonderen Diener bei Ihm in Angelegenheiten der Forderungen und der Erfüllung von Bedürfnissen angenommen werde.
Aus diesen Gründen hielten sie es für zulässig, sich vor diesen besonderen Dienern zu verneigen und ihnen die Niederwerfung darzubringen, in ihrem Namen Opfergaben oder Qurbani darzubringen, in ihrem Namen Eide zu schwören und in Notlagen sowie bei besonderen Angelegenheiten ihre Hilfe zu erbitten. Sie erkannten ihnen alle möglichen göttlichen Rechte und Kräfte zu. Ja, sie fertigten sogar aus Stein, Eisen oder verschiedenen Metallen Abbilder dieser besonderen Diener an. Diese Unwissenden hielten nach und nach eben diese Götzen für die wahren Ilāhs. Daraus entstand eine gewaltige Irreführung.
(2) Tashbih:
Taschbih bedeutet, Menschen oder ihre Eigenschaften mit Allah in Verbindung zu bringen. So glaubten sie beispielsweise, dass die Engel Allahs Kinder seien. Sie glaubten außerdem, dass Allah gezwungen sei, zugunsten bestimmter Sünder die Fürsprache besonderer Diener anzunehmen, selbst wenn Er dies nicht selbst wünsche. So nimmt etwa ein König bisweilen die Fürsprache von Emiren und Würdenträgern an, auch wenn sie ihm nicht willkommen ist. Da sie auf diese Weise unfähig waren, die Unendlichkeit von Allahs Wissen, Sehen und dergleichen zu begreifen, stellten sie sich diese Dinge entsprechend ihren begrenzten Fähigkeiten und ihrer sinnlichen Erkenntnis vor. Deshalb dachten sie sich für Allah, der körperlos ist, eine Gestalt nach ihrem eigenen Vorbild aus. Und sie bestimmten sogar einen Ort, an dem sich dieser Körper befinden sollte.
(3) Tahриф
Die grundlegende Erklärung des Tahриф lautet wie folgt: Die Nachkommen von Hadrat Ismail (Friede sei mit ihm) hielten sich geraume Zeit an die Religion Hadrat Ibrahims (Friede sei mit ihm). Schließlich wurde unter ihnen Amr ibn Hai Mal’un geboren. Er fertigte für sie verschiedene Arten von Götzen an und nahm auch deren Verehrung in die Religion auf. Für sie führte er außerdem 1. Bahira, 2. Sa’iba, 3. Ham sowie ein Losverfahren mit Hilfe von Pfeilen ein. Diese Missetat ereignete sich ungefähr dreihundert Jahre vor dem Erscheinen des letzten Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Für all diese Handlungen führten die Götzendiener die von ihren Vätern und Großvätern überlieferten Bräuche als Beweis an. Sie betrachteten sie als einen ihrer unumstößlichen Beweise.
(4) Die Gruppe der Götzendiener in Bezug auf den Gesandten und das Jenseits
Obwohl auch die früheren Propheten über die Auferstehung und die Abrechnung gesprochen hatten, erläuterten sie dies nicht so ausführlich und umfassend wie der letzte Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Deshalb waren die Götzendiener mit einem solchen Glauben nicht vertraut und hielten die Auferstehung und die Abrechnung für unbegreiflich.
Obwohl sie auf diese Weise auch an Hadrat Ibrahim (Friede sei mit ihm) glaubten, gerieten sie doch in Zweifel und Verwirrung, weil auch die Propheten einzelne Personen waren und ihre Persönlichkeiten ihnen jeweils wie eine Unterbrechung in der fortlaufenden Kette des Lichts der Prophetenschaft erschienen. Da sie nicht fähig waren, die Weisheit Allahs darin zu erkennen, dass Er zu verschiedenen Zeiten jeweils andere Propheten aus der Mitte der Menschen entsandte, und da sie daran gewöhnt waren, zwischen dem Sendenden und dem Gesandten Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten zu suchen, blieben sie ohne ein richtiges Verständnis der Prophetenschaft. Sie hielten es sogar für unmöglich, dass ein Prophet ein Mensch sein könne. Daher ersannen sie in dieser Angelegenheit viele unsinnige Zweifel und Fragen. Zum Beispiel: Warum sollte ein Prophet überhaupt Nahrung und Getränke benötigen? Warum machte Allah nicht die Engel zu Propheten? Wenn eine Offenbarung zu den Menschen kommt, warum kommt sie dann nicht zu jedem Einzelnen gesondert? Auf diese Weise äußerten sie noch viele weitere törichte Gedanken. Diese wurden schließlich zu einem Bestandteil ihres Glaubens.
Anmerkungen: 1. Ein Tier, dessen Milch im Namen von Göttern und Göttinnen geopfert wird. 2. Ein Tier, das im Namen von Göttern und Göttinnen freigelassen wird. 3. Ein Kamel, das freigelassen wird, sobald es zum Reiten geeignet ist.
Beispiele für die Götzendiener:
Wenn jemand auch danach noch Schwierigkeiten hat, sich ein zutreffendes Bild vom wahren Zustand der Polytheisten, ihren abwegigen Glaubensvorstellungen und ihrem Handeln zu machen, kann er den Zustand der damaligen Polytheisten zumindest annähernd anhand der deutlichen Irrtümer in den Vorstellungen und im Verhalten der unwissenden Menschen unserer Zeit nachvollziehen.
Welche Vorstellung haben sie heute von den Gottesfreunden und wie verhalten sie sich ihnen gegenüber? Obwohl sie die Existenz der Gottesfreunde der Vergangenheit anerkennen, halten sie das Erscheinen eines Gottesfreundes in unserer Zeit für unmöglich. Diese Menschen besuchen verschiedene Gräber und Mausoleen. Dort begehen sie allerlei polytheistische Handlungen. Achtet darauf, auf welch vielfältige Weise sich Taschbih und Tahrif unter ihnen eingebürgert haben. In einem sahih Hadith heißt es: „Auch ihr werdet den irreführenden Praktiken der Völker der Vergangenheit folgen.“ Tatsächlich gibt es unter den schlechten Handlungen und dem Aberglauben der irregeleiteten Völker nichts, was die Muslime heute nicht nachahmen würden. Möge Allah alle vor diesem Unheil bewahren.
Kurz gesagt: Nicht nur in Arabien, sondern in der ganzen Welt herrschten solche Zustände. Daher sandte Allah, der Erhabene, aus lauter Barmherzigkeit den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu den Arabern. Er beauftragte ihn außerdem mit der Wiederbegründung und Verkündigung der Religion Ibrahims. Zugleich trat der Heilige Koran mit diesen Polytheisten in einen Streit der Argumente ein. Bei der Darlegung dieser Argumente führte er gerade jene Dinge an, die damals noch als anerkannte wahre Zeichen der Religion Ibrahims fortbestanden. Das Ziel war, dass sie für sie zu beweiskräftigen Argumenten würden und sie sie keineswegs leugnen konnten.
Die Antwort auf den Schirk:
Tatsächlich wurde im Heiligen Koran auf ihren polytheistischen Glauben in vierfacher Weise geantwortet:
Erstens wurden sie aufgefordert, Beweise zur Unterstützung ihrer Vorstellungen vorzulegen. Gegen sie wurde der Vorwurf erhoben, dass ihre Glaubensvorstellungen im Grunde den Vorstellungen ihrer Vorfahren widersprachen. Dabei behaupteten sie, gerade ihren Vorfahren zu folgen.
Zweitens wurde ihnen erklärt, dass zwischen den Dienern, die sie Allah beigesellt hatten, und Allah keinerlei Gleichheit oder Vergleichbarkeit besteht. Vielmehr ist allein Allah, der Erhabene, derjenige, dem höchste Würde gebührt, nicht irgendeinem Diener.
Drittens wurde ihnen mitgeteilt, dass alle früheren Propheten an den Glauben an die Einheit Gottes glaubten. Im Koran wird dies folgendermaßen dargelegt: „O Gesandter! Auch den Propheten, die Wir vor dir entsandt haben, hatten Wir die Botschaft offenbart: Es gibt keinen Gott außer Mir. So bete nur Mich an.
Viertens wurde ihnen die Nichtigkeit ihrer Götzenverehrung verständlich gemacht. Ihnen wurde gesagt, dass das Steinstück, das sie verehren, in Wirklichkeit hinsichtlich seiner Würde sogar weit geringer und schwächer ist als der Mensch. Wie kann es unter diesen Umständen die Würde Allahs erlangen? Dieser Gesichtspunkt galt allerdings nur für jene Gruppe, die den Götzen selbst für Allah hielt und ihn deshalb verehrte, nicht aber für diejenigen, die sie als Stellvertreter irgendeiner unsichtbaren Macht betrachteten.
Die Antwort auf den Taschbih:
Erstens wurden auch von ihnen Beweise und Argumente zur Stützung ihrer Behauptung verlangt. Ihnen wurde klargemacht, dass diese ihre Glaubensvorstellungen den Glaubensvorstellungen ihrer Vorfahren widersprechen. Dennoch behaupteten sie lautstark, ihren Vorfahren zu folgen, und sagten, auch diese hätten sich an den „Taschbih“ gehalten.
Zweitens wurde ihnen klargemacht, dass nach ihrem eigenen Beweis auch bewiesen wäre, dass Vater und Sohn gleichartig sein müssten. Das ist jedoch nicht der Fall. Wie konnte es dann zwingend sein, dass Allah und Seine Schöpfung gleichartig sind?
Drittens wurde ihnen ebenfalls klargemacht: Wie können sie für sich selbst etwas als gut und rechtmäßig ansehen? Tatsächlich bevorzugen sie selbst keine Töchter. Sie betrachten sie als Schande und Unglück. Dennoch stellen sie sich für Allah Töchter vor und sagen, die Engel seien Allahs Töchter. „Wie kann es sein, dass ihr für euch selbst Söhne verlangt, für euren Herrn aber Töchter?“ (Koran) Diese Antwort galt jenen, die sich für erdachte Angelegenheiten begeisterten. Tatsächlich waren unter den Götzendienern die Anhänger des „Tahrif“ zahlenmäßig am stärksten vertreten. Ihre Handlungen wurden auf verschiedene Weise widerlegt.
Die Antwort auf den Tahrif:
Erstens wurde ihnen klargemacht, dass all das, was sie gesagt hatten, keinerlei Wahrheitsgehalt besitzt. Es war vollständig von ihnen erdichtet. Eine solche Aussage findet sich in keiner Überlieferung der frommen Menschen.
Zweitens wurde ihnen gesagt, dass auch die Glaubensvorstellungen, an denen sie festhielten, falsch und unbegründet seien. Denn all dies sind lediglich Schöpfungen und Erfindungen einfältiger und törichter Menschen. Mit der Religion haben diese Dinge keinerlei Verbindung.
Antwort an die Leugner des Jenseits:
Auch denen, die das Versammeltwerden, die Auferstehung und die Wiederbelebung nach dem Tod für unmöglich hielten, wurde dies auf verschiedene Weise verständlich gemacht. Auf unterschiedliche Art wurde versucht, ihre Zweifel auszuräumen.
Erstens wurde ihre Aufmerksamkeit vor allem auf den Zustand dieser Welt gelenkt. Nachdem die Erde trocken und leer geworden ist, wird sie wieder lebendig und erfüllt.
Aus dieser Veränderung der Erde lässt sich leicht verstehen, dass die Rückkehr zum Leben keineswegs unmöglich ist. So wie Allah der toten Erde ein zweites Mal Leben schenkt, kann Er ebenso den toten Menschen ein zweites Mal Leben schenken.
Zweitens wurde ihnen gesagt, dass es der einhellige Glaube der Völker vergangener Zeiten war, dass sie nach dem Tod wieder zum Leben erweckt und vor Allah erscheinen müssen, um Rechenschaft abzulegen. Da alle Religionen der Welt in dieser Angelegenheit übereinstimmen, ist damit eindeutig bewiesen, dass die Wiederbelebung nach dem Tod eine unbestreitbare Wahrheit ist.
Antwort auf die Zweifel bezüglich des Propheten:
Sie warfen in verschiedener Weise Fragen über das Prophetentum des Propheten auf. Alle ihre Fragen und Zweifel wurden einzeln beantwortet.
Ihre größte Frage war: Wie kann Allah, der Erhabene, einen Menschen zum Propheten machen? Darauf wurde geantwortet, dass diese Frage völlig unbegründet sei. Denn alle Propheten der vergangenen Zeiten waren Menschen. Ein Vers macht dies deutlich: „O Gesandter! Auch vor dir habe Ich nur Menschen als Propheten entsandt. Ihnen offenbarte Ich. Und diejenigen, die ungläubig sind, sagen: Du bist kein von Allah gesandter Gesandter. Sag ihnen: Als Zeugen zwischen euch und mir genügen Allah selbst, die Offenbarungsschrift und die Menschen mit Wissen.“ (Koran)
Die zweite Antwort auf ihren Einwand wurde folgendermaßen gegeben: Im Koran bedeutet Prophetentum die Offenbarung. So wurde unser Gesandter in einem Vers angewiesen: „O Gesandter! Sprich: Ich bin nur ein Mensch wie ihr. Doch mir wird Offenbarung zuteil.“
Auch die Art und Weise, in der die Offenbarung erklärt wurde, kann nicht als etwas Unmögliches erscheinen.
Ihre übrigen Fragen wurden im Großen und Ganzen beantwortet. Ihnen wurde erklärt, dass all dies – dass sie die von ihnen geforderten Wunder der Propheten nicht zu sehen bekamen, dass nicht die von ihnen bevorzugte geeignete Person zum Propheten gemacht wurde, dass die Engel nicht zu Propheten gemacht wurden und dass nicht jedem von ihnen auf unterschiedliche Weise Offenbarung gesandt wurde – einem großen, segensreichen Zweck diente, der ihnen nur aufgrund ihrer Unwissenheit nicht verständlich wurde.
Wiederholung der Antworten:
Da der Koran sich an eine Gruppe von Götzendienern wandte, wurden diese Probleme wiederholt in verschiedenen, jeweils neuen Formen dargelegt. Die Beweisführung wurde durch äußerst wirkungsvolle rhetorische Nachdrücklichkeit fest begründet. Deshalb scheute man sich nicht, sie immer wieder vorzubringen. Zudem ist es richtig, dass die Ermahnungsweise des allweisen Herrn, wenn Er solche Unwissenden unterweist, notwendigerweise so sein muss: Um solche Unverständigen aufzuklären, muss man immer wieder eindringlich zu ihnen sprechen und ihr Bewusstsein wachrütteln. „Dies ist die vom allwissenden und allmächtigen Herrn festgelegte Vorgehensweise.“
Die Lage der Juden:
Die Juden behaupteten, an die Tora zu glauben. Ihre Verirrung bestand darin, dass sie die Gebote und Verbote der Tora vertauscht hatten. Sie hatten die Veränderungen sowohl am Wortlaut als auch an der Bedeutung vorgenommen. Viele Verse hatten sie beseitigt, andere wiederum von sich aus hinzugefügt. Außerdem waren viele von ihnen nachlässig bei der Befolgung der Gebote und Verbote der Tora. Zugleich war ihre Parteilichkeit extrem ausgeprägt. Sie erklärten, es sei unmöglich, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) ein Prophet sei. Über ihn verbreiteten sie zahlreiche Verleumdungen und verhielten sich unanständig. Darüber hinaus äußerten sie sich in gleicher Weise unanständig sogar über Allah, den Erhabenen. Außerdem besaßen sie zahlreiche verderbte Charakterzüge wie Geiz, Habgier und Neid.
Die Verfälschung der Tora:
Die Juden nahmen die wörtlichen Veränderungen an der Tora nicht im ursprünglichen Buch selbst vor, sondern in den Kommentaren. Dies ist auch die Ansicht dieses Verfassers. Hadhrat Ibn Abbas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) hat dies ebenfalls gesagt. Die Art der von ihnen vorgenommenen inhaltlichen Veränderung bestand darin, dass sie die eigentliche Bedeutung eines Verses aufgaben und eine willkürliche Bedeutung annahmen. Ein Beispiel für die Art der Tahриф oder Veränderung, die die Juden an der Tora vornahmen, ist, dass sie eine allgemein formulierte Aussage in einem besonderen Sinne verwendeten. So wurde in ihrer Religion der Unterschied zwischen einem Fāsiq und einem Frommen sowie zwischen einem Kāfir und einem Heuchler dargelegt. Es wurde gesagt, dass die Kāfirūn (Ungläubigen) eine schwere Strafe erleiden und für immer in der Dschahannam bleiben werden. Ein Fāsiq (Sünder) hingegen könnte vielleicht durch die Fürsprache der Propheten gerettet werden.
Um diese Eigenschaft der Anhänger einer Religion zum Ausdruck zu bringen, wurden die Anhänger jeder Religion in allen Religionen mit einer besonderen Bezeichnung benannt. In der Tora wurde diese Bezeichnung den Juden und Hebräern, im Evangelium den Nasara und im Koran den Muslimen gegeben. Doch in all diesen Schriften bezeichnen diese Wörter ausschließlich diejenigen, die an Allah und das Jenseits glauben, ihrem jeweiligen Propheten folgen, ihre jeweilige Scharia befolgen und die religiösen Gebote und Verbote einhalten. Mit diesen Wörtern wurde keine bestimmte Gruppe bezeichnet. Die jüdische Gruppe jedoch verstand darunter, dass das Paradies ausschließlich für Juden und Hebräer bestimmt sei. Auch die Fürsprache der Propheten werde nur ihnen zuteil. Selbst wenn sie in die Dschahannam gelangten, würden sie nach kurzer Zeit wieder befreit werden – unabhängig davon, ob sie wirklich an Allah und Seinen Gesandten glaubten oder nicht. Ihre Vorstellung war jedoch nichts anderes als ein Ausdruck reiner Unwissenheit und Torheit.
Da der Koran allen göttlichen Schriften überlegen und erhaben ist und mehr Erläuterungen enthält als alle anderen Schriften, wurden in ihm alle Zweifel und Fragen bezüglich der früheren Schriften ausgeräumt; auch in dieser Angelegenheit hat er alle Zweifel beseitigt: „Ja, diejenigen, die Sünden begehen und von allen Seiten von der Irreleitung umgeben sind, sind die Bewohner der Dschahannam. Dort werden sie für immer bleiben.“ (Koran)
So ist es ebenfalls eine unumstößliche Wahrheit, dass in jeder Religion solche Vorschriften festgelegt wurden, die ausreichten, um den Anforderungen jeder Epoche gerecht zu werden. Bei den Bestimmungen und Einschränkungen in verschiedenen Angelegenheiten wurden die Eigenart und das Wesen einer bestimmten Epoche oder Gemeinschaft berücksichtigt. Man lehrte sie, diese Vorschriften und Gesetze als wahr und richtig zu erkennen.
Die ursprüngliche Absicht war, dass die Gültigkeit all dieser Vorschriften, die für bestimmte Menschen an bestimmten Orten erlassen worden waren, auf jene Epoche beschränkt bleiben sollte. Sie waren keine immerwährenden Vorschriften. Sie galten nur für die Gemeinschaften jener Zeit. Das heißt: Die Epoche des früheren Propheten dauerte an, bis ein anderer Prophet kam. Im Wesentlichen gibt es natürlich keinen Unterschied zwischen den Religionen. Die Juden verstanden dies jedoch anders. Sie dachten, die jüdische Religion und ihre Vorschriften könnten niemals aufgehoben werden. In Wirklichkeit bedeutet die Aufforderung, einer Religion zu folgen, nicht lediglich, dieser bestimmten Religion zu folgen; vielmehr sind damit Glaube und gute Taten gemeint. Die Juden jedoch glaubten an die Ausschließlichkeit ihrer Religion und nahmen an, Hadhrat Yaqub (Friede sei mit ihm) habe ausschließlich zur Befolgung der jüdischen Religion aufgefordert.
Damit ist die Darstellung der Verfälschung der Bedeutung ihrer religiösen Schrift durch die Juden abgeschlossen. Sie nahmen auch an einzelnen Wörtern und Begriffen der Verse Tahриф vor. So bezeichnete Allah, der Erhabene, in allen Religionen die Propheten und ihre Anhänger als Ihm nahestehende und geliebte Menschen. Diejenigen hingegen, die die Religion leugnen, erklärte Er für verflucht und missbilligt. Dafür wurden genau jene Wörter verwendet, die innerhalb dieser Gemeinschaft im alltäglichen Leben als allgemein gebräuchliche Begriffe verbreitet waren. Wenn daher irgendwo nicht das Wort „Freund“, sondern das Wort „Vats“ verwendet wurde, gibt es keinen Grund, darüber erstaunt zu sein.
Doch die Juden wichen dieser Wahrheit aus. Sie nahmen an, der Rang der Nähe und Freundschaft sei ausschließlich den Juden, Hebräern und Israeliten vorbehalten. Sie erkannten nicht, dass der Schutz zur Erlangung dieses Ranges in der Gehorsamkeit gegenüber Allah, dem Erhabenen, und in der Befolgung Seiner Vorschriften besteht.
Auf diese Weise nisteten sich noch viele weitere irrige Auslegungen in ihren Herzen ein. Sie hatten sie von ihren Vorvätern gelernt und als Erbe übernommen. Der Koran hat jedoch all diese falschen Vorstellungen vollständig beseitigt.
Kitmān al-Āyāt (das Auslassen von Versen)
Mit Kitmān al-Āyāt ist gemeint, dass sie die Verse, die ihrer Würde und ihren Interessen widersprachen, aus der Tora verbargen. Ihr Ziel war es, die Würde zu bewahren, die sie seit jeher besaßen. Das einfache Volk vertraute den religiösen Führern. Damit dieses Vertrauen nicht abnahm und niemand bemerkte, dass sie die Heilige Schrift nicht befolgten, handelten sie so. Einige Beispiele dafür werden im Folgenden angeführt:
1. In der Tora ist für Ehebrecher die Steinigung bis zum Tod vorgeschrieben. Nach übereinstimmender Ansicht der jüdischen Religionsführer wurde diese Vorschrift jedoch geändert. An ihre Stelle setzten sie die Vorschrift, den Schuldigen auszupeitschen und sein Gesicht mit Ruß zu beschmieren. Hätte die Allgemeinheit von einer solchen Änderung erfahren, hätte sie ihr Vertrauen in die Religionsführer verloren. Aus Angst vor jeder Art von Demütigung verbargen sie daher schließlich sogar jenen Vers über die Steinigung.
2. In der Tora gab es auch einige Verse, die die frohe Botschaft von der Berufung von Propheten aus der Nachkommenschaft von Hadschar (r.a.) und Ismail (a.s.) enthielten. Diese Verse kündigten auch ein Volk an, das in Arabien die Herrschaft erlangen würde. Die Berge von Arafat würden durch dieses Volk vom Ruf „Labbayk“ widerhallen. Menschen aus allen Ländern würden weiterhin zum Haddsch und zur Pilgerfahrt dorthin kommen.
Zunächst versuchten die Juden, die Auslegung dieser Verse zu verfälschen. Sie sagten, in diesen Versen werde lediglich das Auftreten einer neuen Gemeinschaft angekündigt; von ihrer Gefolgschaft und ihrem Gehorsam sei nicht die Rede. Unter ihnen war dies allerdings zu einem Sprichwort geworden: „Malḥamatun kutibat ʿalaynā“, das heißt: „Dies ist ein Krieg, der uns auferlegt wurde.“ Die Überlegenheit der Muslime über uns verwirklicht die in der Tora niedergeschriebene Ankündigung, dass die Ungläubigen die Oberhand über die Juden gewinnen werden. Als sie jedoch sahen, dass sich niemand durch diese Auslegung überzeugen ließ, blieb ihnen nichts anderes übrig, als den betreffenden Vers selbst zu verbergen. Sie rieten einander weiterhin, diesen Vers geheim zu halten. Schließlich beschlossen sie alle, den Vers nicht öffentlich bekannt zu geben. „Wollt ihr etwa im Angesicht Allahs Behauptungen gegen die von Allah offenbarte Wahrheit erfinden?“
Was für eine große Torheit! Wie konnten sie verstehen, dass Allah der Erhabene mit solcher Deutlichkeit das Erscheinen eines Propheten aus der Nachkommenschaft von Hadschar (r.a.) und Ismail (a.s.) sowie das Entstehen einer neuen Gemeinschaft nur zur bloßen Ankündigung mitgeteilt habe, nicht aber zum Zweck des Gehorsams und der Befolgung? In Wahrheit war dies keine bloße Dummheit, sondern ein gewaltiger Kunstgriff, um Maßlosigkeit zu betreiben und im Namen Allahs Lügen zu verbreiten.
Das Wesen des Iftirāʾ:
Iftirāʾ bedeutet, eigene erdichtete Aussagen im Namen Allahs auszugeben. Der Grund dafür war, dass unter den jüdischen Gelehrten und religiösen Führern eine besondere Form der Maßlosigkeit Einzug gehalten hatte: Sie erließen aus eigener Initiative einige Vorschriften, die nicht in der Heiligen Schrift enthalten waren, weil sie diese für wohltätig hielten – dies nannten sie Istiḥsān. Sie hielten es für verpflichtend, diese erdichteten Vorschriften ebenso zu befolgen wie die Vorschriften der Offenbarung. Außerdem betrachteten sie den übereinstimmenden Beschluss ihrer religiösen Führer als ebenso unanfechtbaren Beweis wie eine religiöse Vorschrift. Für die Leugnung des Prophetentums und der Sendung Jesu (a.s.) besaßen sie keinen anderen Beweis als den übereinstimmenden Beschluss ihrer eigenen Religionsführer. Dasselbe galt auch für viele andere Vorschriften.
Das Wesen der Musāhala:
Die religiösen Vorschriften gering zu achten und sich ihnen gegenüber sorglos zu verhalten, wird „Musāhala“ genannt. Sie folgten hinsichtlich der Vorschriften der Tora genau diesem Grundsatz und waren in niedere Charaktereigenschaften wie Geiz und Gier versunken. Es versteht sich von selbst, dass all dies nichts anderes als das Wirken schlechter Neigungen war. Schlechte Neigungen beeinflussen jeden und verleiten ständig zu schlechten Taten. Nur wer von Allah vor ihrer Herrschaft bewahrt wird, kann gerettet werden.
Willkür und das Spiel der Leidenschaften riefen in den Empfängern jener göttlichen Schriften eine völlig neue Einstellung hervor. Unter ihrem Einfluss gaben sie der Fehlinterpretation der Verse und selbst erdachten Vorschriften den Rang religiöser Vorschriften und führten sie als solche ein.
Das Wesen ihrer Zweifel hinsichtlich des letzten Propheten:
Die Gründe für die Zweifel und Probleme, die sich ihnen hinsichtlich des letzten Propheten (s.a.w.) stellten, werden im Folgenden dargelegt:
1. Die Zahl der Ehefrauen der Propheten war nicht gleich. In dieser Art persönlicher Handlungen und Gewohnheiten zeigten sich die Besonderheit und die Verschiedenheit der Propheten.
2. Die Scharia der Propheten scheint sich auch äußerlich in mancher Hinsicht zu unterscheiden. Bei den Einzelheiten der Vorschriften findet sich unter ihnen nur wenig Übereinstimmung.
3. Im Fall der verschiedenen Propheten waren Allahs Vorgehensweise und Handlungsweise jeweils unterschiedlich. Daher war auch das äußere Erscheinungsbild der Propheten nicht einheitlich.
4. Die meisten Propheten, die bis dahin gekommen waren, gehörten zum Stamm Israels. Nur der Hochgeehrte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) gehörte zum Geschlecht Ismaels (Friede sei mit ihm).
Einerseits bestanden Unterschiede in Gewohnheiten, Vorgehensweisen und der Scharia; andererseits konnten die Juden unserem Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) gerade wegen seiner ismaelitischen Abstammung kein Vertrauen entgegenbringen. In ihren Herzen kamen hinsichtlich seines Prophetentums allerlei Zweifel auf.
Die Grenzen der Verantwortung des Gesandten:
Doch all die Dinge, von denen die Juden beeinflusst wurden, haben keinerlei Zusammenhang mit dem Prophetentum. Denn die Aufgabe des Gesandten besteht lediglich darin, die Seelen der Menschen von Unreinheit zu läutern und ihre Anbetung und Gewohnheiten zu berichtigen. Es gehört nicht zur Aufgabe des Gesandten, die Vorschriften über Sünde und Tugend zu schaffen. Die Sitten und Bräuche sind in jeder Gemeinschaft verschieden. Ein Prophet kommt zu einer bestimmten Gemeinschaft. Er schafft nicht dadurch neue gesellschaftliche Sitten und Bräuche, dass er deren bestehende abschafft; vielmehr prüft er sie auf ihre guten und schlechten Seiten. Was er für nützlich und von Allah gewollt hält, daran rührt er nicht. Die übrigen lässt er mit den erforderlichen Verbesserungen bestehen. Daher besteht zwischen diesen Unterschieden in den gesellschaftlichen Sitten und Bräuchen und dem Prophetentum kein wesentlicher Zusammenhang.
Der Teil der Scharia der Propheten steht stets in Verbindung mit der Tadhkir bi-Allah und der Tadhkir bi-ayyāmillah. Deshalb zeigen sich äußerliche Unterschiede in den Schariah der Propheten. (Aufgrund der Unterschiede in Ort, Zeit und den jeweiligen Menschen müssen solche Unterschiede in der äußeren Form zwangsläufig sichtbar werden. Doch die grundlegende Botschaft der Scharia ist überall dieselbe.)
Der wesentliche Grund für die Unterschiede in der Scharia:
Dieser Unterschied ist genau wie die unterschiedlichen Behandlungen, die ein kundiger Arzt zwei Patienten verordnet. Dem einen gibt er kühlende Medizin und kühlende Nahrung, dem anderen hingegen wärmende Arznei und wärmende Nahrung. Doch in beiden Fällen bleibt das Ziel des Arztes dasselbe: die Krankheit zu beseitigen und den Patienten zu heilen. Mehr ist es nicht. Es ist möglich, dass ein kundiger Arzt in verschiedenen Ländern je nach den dortigen natürlichen Bedingungen und dem Klima unterschiedliche Medikamente und Ernährungsweisen verordnet. Ebenso wird er seine Arznei ändern, wenn sich Jahreszeit und Natur verändern. Genauso hat der eigentliche Arzt, nämlich Allah, der Erhabene, als Er die geistigen Krankheiten der Menschen behandeln, ihre Gemütsart verbessern und ihre Seele stärken und gesund machen wollte, den verschiedenen Gemeinschaften ihrer Sitten und Gewohnheiten entsprechend in den verschiedenen Zeitaltern selbstverständlich unterschiedliche Arten von Anordnungen gegeben.
Ein Beispiel für jüdische Gelehrte:
Wenn ihr in dieser Zeit ein Beispiel für jüdische Gelehrte sehen wollt, dann richtet euren Blick auf jene eurer eigenen Gelehrten, die zu Sklaven weltlicher Interessen geworden sind und weiterhin falschen und irrigen Handlungen folgen. Auch sie folgen ihren eigenen Bestrebungen. Auch sie sind an die blinde Nachahmung ihres eigenen Gesandten gewöhnt und wenden sich von den klaren Bestimmungen des Korans und der Sunna ab. Sie folgen den eigenmächtigen Rechtsgutachten einiger früherer Gelehrter. Und hinsichtlich der heiligen Scharia, der gesegneten Worte des Schöpfers und Herrn, haben sie ihre Augen verschlossen. Sie haben eigenmächtig erfundene Hadithe und Fehlinterpretationen zu ihren wegweisenden Imamen gemacht.
Die religiösen Glaubensvorstellungen der Christen:
Sie glaubten an die Gesandtschaft von Jesus, dem Ehrwürdigen (Friede sei mit ihm). Ihre Verirrung bestand jedoch darin, dass sie Allah den Erhabenen als eine Verbindung dreier Wesenheiten betrachteten, die in verschiedener Hinsicht einander widersprachen. Allerdings bestand in einigen Angelegenheiten auch Einigkeit zwischen den dreien. Sie nannten diese drei Wesenheiten „Aqānīm ath-Thalātha“. Eine dieser drei Aqānīm ist die Gestalt des „Vaters“. Diese Wesenheit besteht als bloße Grundlage der Schöpfung. Die zweite ist die Gestalt des „Sohnes“. Sie ist die erste Wesenheit der Schöpfung und daher selbst ein Teil der Schöpfung. Die dritte ist der „Rūḥ al-Qudus“, also die Wesenheit des Wissens oder der Erkenntnis.
Die Christen glaubten, dass der Ehrwürdige Messias in der Gestalt des „Sohnes“ in diese Welt kam. So wie der Ehrwürdige Dschibrīl (Friede sei mit ihm) in menschlicher Gestalt auf die Welt kommt, seien ebenso alle drei Wesenheiten in der Gestalt von Jesus, dem Ehrwürdigen (Friede sei mit ihm), erschienen. Tatsächlich sei Jesus, der Ehrwürdige (Friede sei mit ihm), selbst Allah, Allahs Sohn und zugleich ein Mensch. In ihm seien sowohl göttliche als auch menschliche Eigenschaften vorhanden. Zur Unterstützung dieser Behauptung führen sie verschiedene Verse der Juden an. Denn in jenen Versen wird er „Sohn“ genannt, und es wird dargelegt, dass er selbst solche Handlungen vollbracht habe, die ausschließlich Allah vorbehalten sind.
Antwort:
Erstens: Selbst wenn wir das heutige Evangelium als korrekt und unverändert anerkennen, beweist die darin enthaltene Anrede „Bats“ nicht, dass er unmittelbar Allahs Sohn ist. Denn in der alten Zeit war es üblich, geliebte und nahestehende Menschen mit „Bats“ anzureden. Daher ist auch hier mit „Bats“ eben dies gemeint. In anderen Versen der Juden findet sich ein Hinweis darauf.
Zweitens: (Da auch er selbst der Urheber göttlicher Handlungen war, sei ersichtlich, dass auch er göttliche Macht besaß und Allahs Sohn war.) Die göttlichen Handlungen, deren Urheber Jesus, der Ehrwürdige (Friede sei mit ihm), sich selbst genannt hat, sind nichts anderes als eine Beschreibung der eigentlichen Begebenheit. Wenn etwa ein königlicher Gesandter kommt und verkündet: „Wir haben jenes Land erobert und jeden einzelnen Stein jener Festung herausgerissen“, so ist in Wirklichkeit der König der eigentliche Urheber all dieser Handlungen; die Macht des Gesandten ist lediglich die Macht eines Sprechers.
Außerdem ist es möglich, dass die Offenbarung an Jesus, den Ehrwürdigen (Friede sei mit ihm), auf folgende Weise erfolgte: Alle göttlichen Wahrheiten und Satzungen offenbarten sich in seinem Inneren. Der Ehrwürdige Dschibrīl (Friede sei mit ihm) kam nicht mehr in menschlicher Gestalt, um die Offenbarung zu überbringen. Daher änderte sich mit der Art der Offenbarung auch die Art der Rede von Jesus, dem Ehrwürdigen (Friede sei mit ihm)! Er sprach alles im Namen Allahs. Die Worte Allahs offenbarte er als seine eigenen Handlungen. Das ist eine äußerst einfache und klare Angelegenheit.
Die Entscheidung des Korans:
Kurz gesagt: Der Koran beseitigte vollständig diese irrigen Vorstellungen der Christen. Der Koran erklärte, dass Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) lediglich ein besonderer Diener Allahs und sein Geist ist. Allah gewährte ihm im Leib Hazrat Maryams (Friede sei mit ihr) eine Wohnstätte. Durch den Ruh al-Qudus, das heißt Hazrat Jibril (Friede sei mit ihm), unterstützte Er seine Erscheinung. Darüber hinaus wurden ihm noch einige weitere Besonderheiten verliehen.
Wenn man annimmt, dass Allah selbst eine solche geistige Gestalt angenommen habe, die sich im Grunde überhaupt nicht von einem anderen Geist unterschied, und dass Er vor uns in menschlicher Gestalt erschienen sei, wird schon bei geringem Nachdenken klar, dass dies völlig der Wirklichkeit widerspricht. Denn unter diesen Umständen lässt sich keine Beziehung zwischen dem Diener und dem Angebeteten herstellen. Vielmehr müsste man diese Wahrheit mit dem Wort „Takwim“ (Etablierung) oder einem ähnlichen Ausdruck beschreiben. Für Allah wäre dies jedoch eine derart beleidigende Angelegenheit, dass Er weit darüber erhaben ist.
Das Beispiel der Christen:
Wenn ihr ein zutreffendes Beispiel für diese Gemeinschaft sehen wollt, dann richtet euren Blick auf die Nachkommen der frommen Menschen und Gottesfreunde der Vergangenheit. Seht, mit wie vielen verschiedenen Titeln sie ihre Väter und Großväter versehen haben. Um die Wahrheit zu sagen: Öffentlich nennen sie sie zwar nicht Allah. Doch durch die Eigenschaften und Fähigkeiten, die sie ihnen zuschreiben, lassen sie sie Allah in keiner Weise unterlegen sein. Bald werden diese Frevler die Folgen ihres Tuns erleiden.
Eine weitere irrige Vorstellung der Christen ist, dass Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) gekreuzigt worden sei. Tatsächlich waren sie hierin einer Täuschung erlegen und hielten die Erhebung Isas (Friede sei mit ihm) zum Himmel für eine Tötung. Jahrhundertelang hielten sie an diesem Irrtum fest. Der Koran kam und zerstörte diesen Irrtum; er erklärte: „Die Juden haben Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) weder getötet noch gekreuzigt; vielmehr waren sie in dieser Angelegenheit einer Täuschung erlegen.“
Die Beseitigung eines weiteren Irrtums:
Die Aussage im Evangelium über die Kreuzigung Hazrat Isas (Friede sei mit ihm), die Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) selbst zugeschrieben wird, bedeutet nicht, dass er tatsächlich getötet worden wäre. Vielmehr wird dadurch die Niederträchtigkeit der Juden verdeutlicht: Sie versuchten, ihn zu kreuzigen und zu töten. Davon unabhängig steht fest, dass Allah ihn von dort rettete.
Auch die Grundlage für die Aussage der Hawārī, der Gefährten von ʿĪsā (a.s.), die in dieser Angelegenheit zitiert wird, beruht auf Zweifel und Irrtum. Sie waren tatsächlich nicht in der Lage zu verstehen, dass jemand lebendig in den Himmel emporgehoben werden kann. Denn zuvor hatten sie so etwas weder gesehen noch gehört. Daher konnten sie es sich auch nicht vorstellen. Deshalb hielten sie das Emporgehobenwerden von Ḥaḍrat ʿĪsā (a.s.) in den Himmel für eine Tötung.
Auch hinsichtlich der im Injīl enthaltenen frohen Botschaft über das Kommen des Farqalīt sind die Christen einem Irrtum erlegen. Ihrer Auffassung nach war der verheißene Farqalīt im Grunde Ḥaḍrat ʿĪsā (a.s.) selbst. Nach seiner Tötung sei er zurückgekehrt, um sich erneut mit den Hawārī zu treffen, und habe ihnen aufgetragen, Anhänger des heiligen Injīl zu bleiben. Sie sagen ferner, Ḥaḍrat ʿĪsā (a.s.) habe testamentarisch verfügt: „Nach mir werden viele falsche Propheten kommen. Wer also kommt und von mir spricht, dessen Wort sollt ihr annehmen; wer euch jedoch nicht in meinem Namen ruft, dem sollt ihr keine Beachtung schenken.“
Der erhabene Koran erklärt eindeutig, dass die in der Prophezeiung von Ḥaḍrat ʿĪsā (a.s.) gemeinte Person unser Gesandter (s.a.w.) ist. Keineswegs bedeutet dies eine geistige oder körperliche Wiederkehr von Ḥaḍrat ʿĪsā (a.s.). Denn auch im Injīl heißt es, dass der verheißene Farqalīt eine Zeit lang unter euch bleiben und verschiedene Lehren vermitteln werde. Er werde die Seelen und den Charakter der Menschen verbessern. Wenn in der Prophezeiung gesagt wird, dass er kommen und den Namen Ḥaḍrat ʿĪsās (a.s.) nennen werde, bedeutet dies, dass auch der kommende Prophet die Wahrheit der Prophetenschaft Ḥaḍrat ʿĪsās (a.s.) anerkennen wird. Es bedeutet nicht, dass er ʿĪsā (a.s.) als Gott oder als dessen Sohn anerkennen wird.
Die Heuchler und ihre grundlegenden Glaubensvorstellungen:
Diejenigen, die mit dem Mund den Islam bekennen, im Grunde aber keine Muslime sind, werden Heuchler genannt. Es gab zwei Arten von ihnen. Eine Gruppe sprach zwar mit dem Mund das islamische Glaubensbekenntnis, war aber in Herz und Seele ungläubig. Was sie im Inneren trugen, sagten sie mit dem Mund genau entgegengesetzt. Über sie hat der Koran verkündet: „Sie werden ihren Platz in der untersten Stufe der Hölle finden.“
Heuchelei im Handeln:
Die zweite Gruppe nahm den Islam aus großer Charakterschwäche an. Im Grunde waren diese Menschen in ihren Überzeugungen und Gewohnheiten ihrer eigenen Gemeinschaft ergeben. Als die gesamte Gemeinschaft Muslime wurde, wurden auch sie Muslime. Wäre ihre Gemeinschaft ungläubig geblieben, wären auch sie dabei geblieben.
Zu dieser Gruppe gehörten auch diejenigen, die es für besser hielten, in den gewöhnlichen Freuden und Genüssen dieser Welt zu versinken. Die Verlockungen dieser Welt hatten von ihnen so sehr Besitz ergriffen, dass die Liebe zu Allah und zu Allahs Gesandtem niemals einen Platz in ihren Herzen finden konnte.
In dieser Gruppe gab es auch Menschen, in deren Herzen Gier, Begierde, Neid und Feindschaft so tief Wurzeln geschlagen hatten, dass sie die Fähigkeit verloren hatten, Freude aus ihrer Anbetung und ihrem Bittgebet zu schöpfen. Zwischen Allah und ihnen konnte keinerlei Beziehung entstehen.
Unter den Munafiqun gab es auch eine Gruppe, die völlig in weltlichen Angelegenheiten versunken war. Sie beschäftigte sich ausschließlich mit dem Erwerb des Lebensunterhalts. Daher blieb ihnen keine Gelegenheit, über die Vorbereitung auf das Jenseits nachzudenken. Infolgedessen fanden in Fragen des grundlegenden Glaubens, insbesondere in Bezug auf den Gesandten (s.), allerlei Spekulationen und Zweifel in ihren Herzen Raum. Doch gingen sie nicht so weit, dass sie den Islam verließen und offen Widerstand leisteten.
Grund für die Zweifel der Munafiqun:
Es gab mehrere Gründe für die Zweifel der Munafiqun am Prophetentum des Gesandten Allahs (s.). Der größte Grund war, dass auch der Gesandte ein Mensch war. Wie alle Menschen hatte er alltägliche Bedürfnisse und verrichtete alltägliche Tätigkeiten. Daher fiel es ihnen schwer, ihn von den gewöhnlichen Menschen zu unterscheiden. Ebenso erschien ihnen die Verbreitung des Islam und die Ausdehnung des islamischen Staates genauso wie die Ausbreitung der Reiche anderer Könige. Deshalb konnten sie keinen Unterschied zwischen der Erlangung der Herrschaft und der Ausdehnung des Reiches durch einen Gesandten und der Erlangung des Thrones und der Ausdehnung des Reiches durch einen König erkennen. Unter einem Gesandten stellten sie sich einen mächtigen Mann wie einen König vor. Daher wurde ihr Glaube an das Prophetentum nicht fester, sondern ihre Zweifel nahmen weiter zu.
Unter den Munafiqun gab es eine Gruppe, die trotz ihres Muslimseins ihre Zuneigung zu ihren kāfir Verwandten nicht aufgeben konnte. Diese Zuneigung zwang sie, ihren Verwandten zu helfen und deren Ziele zu verwirklichen. Es kümmerte sie überhaupt nicht, wie sehr sie dadurch dem Islam schadeten. Im Gegenteil: Bei dem Versuch, ihrem eigenen Stamm und ihren Angehörigen zu helfen, schreckten sie wissentlich nicht davor zurück, dem Islam Schaden zuzufügen.
Nifaq lässt sich demnach in zwei Arten einteilen: erstens Heuchelei im grundlegenden Glauben und zweitens Heuchelei im Handeln. Nach dem Gesandten (s.) ist es schwierig, die Munafiqun hinsichtlich ihres grundlegenden Glaubens zu erkennen, denn der Glaube gehört zum Verborgenen. Es ist nicht möglich, Kenntnis vom Inneren eines Menschen zu erlangen. Die Heuchelei im Handeln hingegen tritt allgemein und weit verbreitet zutage. Daher lässt sie sich sehr leicht erkennen. In unserer Zeit gibt es insbesondere sehr viele Heuchler dieser Art.
Der Gesandte (s.) wies in einem Hadith vor allem auf diese Art von Munafiqun hin. Er sagte: „Drei Eigenschaften gibt es; bei wem sie zu finden sind, der ist gewiss ein Munafiq. Die erste ist: Wenn er spricht, lügt er. Die zweite: Wenn er ein Versprechen gibt, bricht er es. Die dritte: Wenn er streitet, wird er beleidigend. Obwohl diese Menschen äußerlich Muslime sind, sind sie in Wirklichkeit Munafiqun.“ Es gibt noch viele weitere Hadithe mit derselben Bedeutung.
Allah Taʿālā hat im Edlen Quran das Wesen des Charakters und der Handlungen der Munafiqun dargelegt und ausführlich über diese beiden Gruppen der Munafiqun gesprochen, damit die Diener von ihnen Kenntnis nehmen und sich vor ihnen hüten.
Beispiele für Heuchler:
Wenn Sie in unserer Zeit ein Beispiel für einen Heuchler sehen möchten, gehen Sie zu den Versammlungen von Führern und Staatsoberhäuptern. Sehen Sie sich das Possenspiel ihrer Schmeichler an. Sie sind eifrig damit beschäftigt, die Zufriedenheit des Führers über die Zufriedenheit Allahs zu stellen. Die Wahrheit ist nämlich: Zwischen denjenigen, die heute trotz Kenntnis aller Worte des Gesandten Allahs wissentlich Heuchelei betreiben, und denjenigen, die damals zu Heuchlern wurden, nachdem sie die Wünsche und Abneigungen sowie die Gebote und Anweisungen des Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) unmittelbar erfahren hatten, besteht überhaupt kein Unterschied.
Ebenso gibt es unter den Studierenden der Natur- und Geisteswissenschaften eine Gruppe, in deren Herzen sich unzählige Zweifel verschiedenster Art angesammelt haben und die das Jenseits vergessen hat. Auch sie stehen den Heuchlern in nichts nach.
Unsere Pflicht:
Angesichts dieser Zustände der Heuchler besteht Ihre Pflicht darin, dass Sie, wann immer Sie sich zum Lesen des Qurʾān hinsetzen, keinesfalls denken, diese Worte seien an ein Volk aus einer bestimmten vergangenen Zeit gerichtet gewesen und dieses Volk sei inzwischen verschwunden. Behalten Sie den folgenden Hadith des Gesandten Allahs vor Augen: „Auch ihr werdet den Völkern der Vergangenheit folgen.“ Seien Sie fest davon überzeugt, dass es auf der Welt heute keine abartige Erscheinung gibt, für die es nicht bereits früher ein Beispiel gegeben hätte. Daher besteht die Wahrheit dessen, was gestern gesagt wurde, auch heute noch uneingeschränkt fort. Der eigentliche Zweck des Qurʾān besteht deshalb darin, die grundlegenden Ursachen des Unglücks darzulegen. Andernfalls wäre die wiederholte Erwähnung derselben Dinge völlig sinnlos.
Wie dem auch sei: Oben wurden die vier irregegangenen Gruppen – die Götzendiener, die Juden, die Christen und die Heuchler – kurz vorgestellt und ihre Glaubensvorstellungen so weit wie möglich beantwortet. Dadurch wird es, so Allah will, sehr leicht sein, die Verse der Auseinandersetzung zu verstehen.
Zweiter Abschnitt: Anhang zu den fünf Wissenschaften: Tadhkīr bi-Allāh
Es ist notwendig zu wissen, dass der Qurʾān zum Zweck der Schaffung von Zivilisation und geistiger Läuterung der gesamten Menschheit offenbart wurde. Dabei gibt es keinen Unterschied zwischen Arabern und Nichtarabern oder zwischen Stadtbewohnern und Landbewohnern. Daher verlangte die göttliche Weisheit, dass zur Erinnerung an die Zeichen Allahs nur solche Dinge erörtert werden, die der Mehrheit der Menschen bekannt sind. Deshalb wurden im Rahmen der Erörterung von ʿalā Allāh die Untersuchung und Betrachtung auf bestimmte Grenzen beschränkt, und die Namen und Eigenschaften Allahs wurden so beschrieben, dass auch ein Mensch mit gewöhnlichem Verstand sie leicht erfassen kann. Auf diese Weise sollte keine Notwendigkeit entstehen, die Wissenschaft des ʿIlm al-Kalām oder die theoretische Untersuchung der göttlichen Wirkweisen zu studieren.
Die ExistenzAllahs
Tatsächlich hat der Koran die Existenz Allahs nur sehr kurz behandelt. Eine ausführliche Darlegung zu ihrer Beweisführung findet sich darin nicht. Denn die Vorstellung von der Existenz Allahs ist unter den Menschen weit verbreitet. Auf der Erde gibt es kein gesundes und normales Land oder Volk, in dem die Existenz Allahs geleugnet wird.
Die Frage nach den Eigenschaften Allahs ist allerdings ohne Nachdenken und geistige Anstrengung nicht leicht zu verstehen. Um die Wahrheit zu sagen: Sowohl ihr Wesen zu begreifen als auch es zu erklären, ist unmöglich. Das Schwierigste dabei ist jedoch: Wenn man keinerlei Vorstellung von den Eigenschaften Allahs gewinnen kann, ist auch keine Erkenntnis Seiner möglich. Dabei ist eben diese Erkenntnis der einzige Weg zur Schaffung von Zivilisation und geistiger Läuterung. Durch Seine unermessliche Weisheit hat Allah dieses schwierige Problem auf folgende Weise gelöst: Er hat aus den menschlichen Eigenschaften einige ausgewählt, die allen Menschen bekannt sind. Diese Eigenschaften wurden anstelle der feinen und schwer verständlichen Eigenschaften Allahs so dargestellt, dass der unfähige Mensch sich davon ungefähr eine Vorstellung machen kann. Zugleich wurde ausdrücklich gesagt: „Nichts ist ihnen gleich.“
Damit der Mensch mit seinen begrenzten Eigenschaften nicht, indem er die Eigenschaften Allahs ihnen entsprechend vorstellt, einem falschen Verständnis und der Unwissenheit zum Opfer fällt.
Es gibt auch einige menschliche Eigenschaften, die nicht nur der Würde Allahs unangemessen sind; vielmehr verfällt der Mensch falschen Vorstellungen und falschem Glauben, wenn er sie Allah zuschreibt. Dazu gehören etwa das Zeugen eines Kindes, Weinen und von Trauer überwältigt sein. Daher ist es verboten worden, diese menschlichen Eigenschaften Allah zuzuschreiben. Die Unterscheidung zwischen Eigenschaften, deren Zuschreibung keine Abweichung und Verwirrung im grundlegenden Glauben bewirkt, und solchen, deren Zuschreibung falsche Vorstellungen hervorruft, ist allerdings eine derart feine und schwierige Angelegenheit, dass menschliches Denken und Wissen sie nicht zu erreichen vermögen. In diesem Bereich muss man unbedingt schweigen und sich zurückhalten. Daher ist es verboten worden, in dieser Frage eine Meinung nach eigenem Belieben vorzubringen.
Die Zeichen Allahs:
Ebenso wurden unter den Zeichen der Macht Allahs und Seinen Gaben nur jene ausgewählt, die Stadtbewohner wie Landleute, Araber wie Nichtaraber gleichermaßen verstehen können. Aus diesem Grund wurden jene geistigen Gaben nicht erwähnt, die ausschließlich für Gelehrte und Gottesfreunde bestimmt sind. Auch jene seltenen Gaben, die ausschließlich Königen und Herrschern vorbehalten sind, wurden nicht erwähnt. Zu den für die Erörterung ausgewählten Dingen gehören daher die Schöpfungswerke am Himmel und auf der Erde, der Regen, der aus den Wolken fällt und in Form von Flüssen und Bächen über die Erde strömt, das Hervorbringen verschiedener Arten von Blumen und Früchten daraus sowie die Vermittlung des für den Menschen notwendigen Wissens und dergleichen.
Ebenso wird an vielen Stellen auf die geistigen und charakterlichen Fehler und Verfehlungen der Menschen aufmerksam gemacht und vor ihnen gewarnt. Ihre geistige Verfehlung besteht darin, dass ihr Verhalten und ihre Wesensart in Glück und Unglück nicht gleichbleiben. Wenn ein Unglück über sie hereinbricht, verhalten sie sich auf eine bestimmte Weise; wenn das Unglück jedoch vorüber ist, werden sie anders.
Erinnerung an die Tage Allahs:
So wurden auch unter den Begebenheiten, in denen sich seitens Allahs der Lohn für die gehorsamen Diener und die Bestrafung der aufrührerischen Diener gezeigt hatte, im Koran solche Ereignisse ausgewählt, von denen die Menschen gewohnt waren zu hören. Im Großen und Ganzen hatten sie bereits zuvor davon gehört. So hatten sie etwa die Geschichten vom Volk Noahs und von den Völkern ʿĀd und Thamūd von Generation zu Generation überliefert gehört. Ebenso hatten die Araber durch ihren Umgang mit den Juden über viele Zeitalter hinweg von den Geschichten Abrahams und der israelitischen Propheten gehört. Tatsächlich werden im Koran gerade diese Ereignisse wiederholt erzählt. Dagegen werden Ereignisse, von denen die Araber nur wenig gehört hatten, oder historische Geschichten aus Iran oder Indien, zu denen sie keinerlei Bezug hatten, darin nicht erwähnt.
Die Anordnung der Geschichten im Koran:
So wie im Koran keine Ansammlung neuer und ungewöhnlicher Ereignisse vorgenommen wurde, wurde auch eine bis ins Kleinste gehende Darstellung der gesamten Ereignisse vermieden. Vielmehr wurde von einem Ereignis nur der Teil ausgewählt, der zum Erreichen des Zieles erforderlich war. Die Weisheit und der Nutzen dieser Art von Ereignissen liegen darin, dass die Allgemeinheit, sobald sie eine neue und ungewöhnliche Geschichte hört oder ihr die Geschichte ausführlich dargelegt wird, sich in dieser Geschichte verliert und das eigentliche Ziel ihrer Darstellung aus dem Blick gerät.
Ein berühmter Asket sagte: Seit die Menschen die „Tadschwīd“-Regeln des Korans (die Lehre von der korrekten Aussprache) erlernten, verloren sie im Gebet ihre Versenkung. Und seit die Kommentatoren begonnen haben, die äußerst feinen Lehrsätze der Koranauslegung und weit hergeholte Möglichkeiten zu erörtern, ist die Wissenschaft des Tafsīr nahezu verschwunden. Bei der Anordnung der Geschichten im Koran wurde eben diese Wahrheit berücksichtigt. Denn sobald der Mensch sich vom Vergnügen des Geschichtenerzählens mitreißen lässt, verfehlt er sein eigentliches Ziel. Die folgenden Ereignisse und Geschichten dieser Art werden im Koran wiederholt und auf unterschiedliche Weise erwähnt.
1. Die Erschaffung Adams aus Lehm, die Niederwerfung der Engel, die hochmütige Weigerung Satans, seine Bezeichnung als Verfluchter und sein Versuch, Adam in die Irre zu führen – dies ist eine Art von Ereignissen.
2. Die Auseinandersetzungen und Streitigkeiten Hazrat Noahs, Hazrat Hūds, Hazrat Ṣāliḥs, Hazrat Lūṭs und Hazrat Schuʿaibs mit ihren jeweiligen Völkern über die Verkündung der Einheit Allahs, die Aufforderung zur Wahrheit und die Zurückweisung des Falschen; die Geschichten darüber, wie jene Völker allerlei haltlose Zweifel aufwarfen und die Wahrheit leugneten; die Berichte darüber, wie die Propheten all ihre Zweifel beantworteten; die Schilderung, wie Allahs Zorn auf jene Unglückseligen herabkam; und die Geschichten darüber, wie die Propheten und ihre Anhänger seitens Allahs Hilfe und Unterstützung erhielten – dies ist eine besondere Art von Geschichten.
3. Die Ereignisse zwischen Hazrat Mūsā und dem Pharao sowie dessen Gefährten; die Angelegenheiten zwischen Hazrat Mūsā und den Kindern Israels; die Maßlosigkeit und Gewalttätigkeit jenes Volkes gegenüber Hazrat Mūsā; die Aussicht, dass Allahs Zorn auf jene Unglückseligen herabkäme; und die Ereignisse, bei denen Hazrat Mūsā ihnen zu verschiedenen Zeiten mehrmals zu Hilfe kam – dies ist eine besondere Art von Geschichten.
4. Die Geschichte von Hazrat Dawud (Friede sei mit ihm) und Hazrat Sulayman (Friede sei mit ihm), mit Erwähnung ihres Ranges und ihrer Führung; die Prüfung von Hazrat Ayyub (Friede sei mit ihm) und Hazrat Yunus (Friede sei mit ihm) sowie Allahs Gnade, die ihnen danach zuteilwurde; der Bericht darüber, wie das Bittgebet von Hazrat Zakariya (Friede sei mit ihm) vor Allahs Thron erhört wurde; das wunderbare Ereignis der Geburt von Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) und seine Geburt ohne Vater, sein Sprechen bereits in der Wiege sowie das Erscheinen verschiedener übernatürlicher Dinge durch ihn – all dies bildet eine Art von Erzählung. Je nach den Umständen wird dies an verschiedenen Stellen auf unterschiedliche Weise behandelt, manchmal nur zusammenfassend, manchmal etwas ausführlicher.
Die folgenden Geschichten werden im Koran nur ein- oder zweimal erzählt und dann abgeschlossen:
1. Die Erhebung von Hazrat Idris (Friede sei mit ihm) in den Himmel.
2. Die Auseinandersetzung von Hazrat Ibrahim (Friede sei mit ihm) mit Nimrod, der Bericht über die Wiederbelebung der Vögel nach ihrer Tötung sowie die Geschichte von Hazrat Ismail (Friede sei mit ihm) und seiner Bereitschaft zur Selbsthingabe.
3. Die Geschichte von Hazrat Yusuf (Friede sei mit ihm).
4. Die Geburt von Hazrat Musa (Friede sei mit ihm), wie er auf dem Nil ausgesetzt wurde, wie er einen Kopten tötete, seine Reise nach Madyan und seine Heirat in Madyan, wie er eine Flamme auf einem Baum sah, wie er aus jenem Feuer eine Stimme hörte sowie der Bericht über das Schlachten der Kuh.
5. Die Geschichte von Bilqis, die Geschichte von Dhul-Qarnain, die Geschichte der Bewohner der Höhle, die Geschichte der beiden Männer, die miteinander im Gespräch waren, die Geschichte der Bewohner des Paradiesgartens und die Geschichte der Leute des Elefanten (der Elefantenreiter).
Zum Zweck der Erzählung
Der Zweck der Darstellung all dieser Geschichten und Berichte besteht nicht darin, den Menschen die Geschichten in allen Einzelheiten richtig vorzutragen; vielmehr besteht ihr eigentlicher Zweck darin, ihnen zu zeigen, welch beklagenswertes Ende Schirk und die Muschrikūn erwartet und wie Allahs Zorn ihretwegen herabgesandt wird. Zugleich sollen sie Gewissheit darüber erlangen, dass Allah der Erhabene Seinen aufrichtigen, gehorsamen Dienern stets beisteht.
Tadhkīr bil-Maut:
In diesem Abschnitt des Korans werden der Tod und die Ereignisse danach beschrieben: wie hilflos der Mensch im Augenblick des Todes wird, wie nach dem Tod das Paradies oder die Hölle an die Reihe kommt, wie die Engel der Strafe erscheinen und anderes mehr. Außerdem werden Ereignisse im Zusammenhang mit den Zeichen des Jüngsten Tages erwähnt, etwa die Herabkunft des Propheten ʿĪsā aus dem Himmel sowie der Feldzug des Daddschāl und von Yaʾdschūǧ und Maʾdschūǧ. In diesem Zusammenhang wird auch dargelegt, wie in das Horn geblasen wird, wie Auferstehung und vollständige Wiederherstellung stattfinden, wie die Befragung erfolgt, wie die Gerechtigkeit aufgerichtet wird und wie das Buch der Taten in die rechte oder linke Hand gegeben wird. Ebenso wird erwähnt, dass die Muʾminūn ins Paradies und die Kāfirūn in die Hölle eintreten werden. Es wird auch beschrieben, wie die gewöhnlichen Höllenbewohner dort mit ihren Anführern streiten, wie sie einander die Schuld zuschieben und sich gegenseitig beschimpfen, wie die Muʾminūn Allah schauen werden und welche harte Strafe den Kāfirūn auferlegt wird.
In diesem Abschnitt werden die für die Strafe bestimmten feurigen Fesseln und Ketten sowie verschiedene Arten der Strafe beschrieben, etwa Ḥamīm, Ghassāq und Zaqqūm. Ebenso werden das Paradies und seine vielfältigen Gnaden und Freuden beschrieben: die Hūr und die Paläste, Flüsse aus Milch und Getränken, köstliche und wohlschmeckende Speisen, schöne und anziehende Kleidung sowie schöne Frauen. Ein Bild der wechselseitigen, herzergreifenden Beziehungen und der lieblichen Gespräche der Paradiesbewohner wird gezeichnet. All diese Berichte werden in verschiedenen Suren auf unterschiedliche Weise dargestellt, teils in zusammenhängender, teils in ungeordneter Reihenfolge. Je nach Gestalt und Art der Suren werden sie an manchen Stellen kurz, an anderen ausführlicher dargelegt. Dabei wird an jeder Stelle eine neue Darstellungsweise verwendet.
Grundprinzipien der Untersuchung der Verfassung (Aḥkām) des ʿIlm al-Aḥkām:
Das erste Grundprinzip bei der Erörterung der Verfassung (Aḥkām) lautet: Da unser Prophet inmitten des Volkes des Propheten Ibrāhīm entsandt wurde, bewahrte er die Verfassung Ibrāhīms angemessen. Wo es erforderlich war, wurde mancherorts das Allgemeine auf das Besondere eingeschränkt, das Unbestimmte näher bestimmt und an einigen Stellen etwas hinzugefügt oder weggelassen.
Das zweite Grundprinzip lautet: Allah wollte mithilfe unseres Propheten die Araber läutern und durch sie die Reform aller anderen Völker und Staaten bewirken. Daher war es unerlässlich, die Grundlage der islamischen Verfassung auf den Bräuchen und Gewohnheiten der Araber zu errichten.
Die Reform der entstellten Millat Ibrāhīms
Wenn die islamische Ordnung vor dem Hintergrund der Grundsätze der ibrahimitischen Religion sowie der Sitten und Gebräuche der Araber studiert wird, werden die Gründe für jede einzelne Bestimmung unseres Gesandten (S) und der Nutzen jedes einzelnen Gebots und Verbots deutlich erkennbar, die er zur Reform und Veränderung der Religion der den Ibrahim folgenden Araber überbrachte.
Zusammenfassend war es bei der Verrichtung der gottesdienstlichen Handlungen – nämlich der rituellen Reinheit, des Gebets, des Fastens, der Zakāt, des Haddsch und des Dhikr – zu erheblichen Missständen gekommen. Dafür gab es mehrere Gründe: (1) Nachlässigkeit und mangelnde Aufmerksamkeit bei der Verrichtung der gottesdienstlichen Handlungen, (2) gegenseitige Streitigkeiten über die Art ihrer Verrichtung aufgrund von Unwissenheit, (3) das Eindringen von Verfälschungen aus der Zeit der Unwissenheit. Aufgrund all dieser Ursachen entstandene Mängel innerhalb der Millat Ibrāhīms korrigierte und reformierte der Heilige Koran und machte sie einfach, geradlinig und gefestigt. So wurden die Grundsätze der Millat Ibrāhīms auf einer richtigen und äußerst soliden Grundlage etabliert.
Ebenso waren auch im familiären und gesellschaftlichen Leben allerlei Aberglauben, Unrecht und Ausschweifungen entstanden. Daher legte der Koran zu ihrer Verbesserung Grundsätze fest, erließ Gebote und Verbote und definierte die kleinen und die großen Sünden, damit die Menschen sich von all diesen sündhaften Handlungen fernhalten.
Auch die Frage des Gebets behandelte der Koran nur kurz. Er erließ lediglich die Anweisung zur „Errichtung des Salāt“. Unser ehrwürdiger Prophet (S) errichtete im Wesentlichen diesem Gebot entsprechend Moscheen und führte die Regeln für das Gemeinschaftsgebet, die Gebetszeiten und dergleichen ein. Ebenso wurde die Bestimmung über die Zakāt nur kurz dargelegt. Unser Gesandter (S) erläuterte sie.
Auf diese Weise finden sich in verschiedenen Suren des Korans für unterschiedliche Angelegenheiten jeweils eigene Bestimmungen. So werden in der Sure al-Baqara die Bestimmungen über das Fasten und den Haddsch behandelt, in den Suren al-Baqara, al-Anfāl und einigen weiteren die des Dschihād, in den Suren al-Māʾida und an-Nūr die Strafbestimmungen, in der Sure an-Nisāʾ die des Erbrechts und in den Suren al-Baqara, an-Nisāʾ und at-Talāq die Gebote und Verbote bezüglich der Ehescheidung.
Erläuterung der Verse, die Hinweise und Andeutungen enthalten:
Dies sind allgemeingültige, zum Wohl der gesamten Gemeinschaft erlassene Bestimmungen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch die Antworten vorhanden sind, die der ehrwürdige Prophet (S) zu verschiedenen Zeiten auf Fragen erteilte. Ebenso werden die Opfer beschrieben, die die Gläubigen unter Einsatz von Leben und Besitz darbrachten, sowie der Eigennutz und die Knauserigkeit, die die Heuchler in dieser Hinsicht zeigten. In diesem Zusammenhang lobte Allah die Gläubigen und tadelte die Heuchler. Man sieht auch, wie Allah, der Erhabene, die Muslime zu Lebzeiten des ehrwürdigen Propheten (S) vor ihren Feinden schützte. Indem Allah, der Allerheilige, all dies erwähnte, brachte Er Seine Gunst und Seine Wohltaten gegenüber den Muslimen zum Ausdruck. Man findet auch Stellen, an denen die Muslime durch Ermahnungen gewarnt oder durch Hinweise und Andeutungen auf etwas aufmerksam gemacht wurden. Wo sich in einer besonderen Angelegenheit die Notwendigkeit von Verboten und Einschränkungen ergab, wurde das betreffende besondere Ereignis sogleich kurz in dem entsprechenden Vers erwähnt. Auch besondere Kriege, die sich zur Zeit des Gesandten Allahs (S) ereigneten, werden im Koran erwähnt: die Schlacht von Badr in der Sure al-Anfāl, die Schlacht von Uhud in der Sure Āl ʿImrān, die Schlacht am Graben in der Sure al-Ahzāb, der Vertrag von Hudaybiyya in der Sure al-Fath, die Schlacht gegen die Banū Nadīr in der Sure al-Haschr sowie die Eroberung von Makka und der Feldzug von Tabūk in der Sure at-Tauba. Darüber hinaus werden bedeutende Ereignisse erwähnt: der Abschiedshaddsch in der Sure al-Māʾida, die Geschichte der Heirat Zaynabs in den Suren al-Ahzāb und at-Tahrīm, die Geschichte der falschen Verleumdung im Zusammenhang mit der ehrwürdigen ʿĀʾischa (R) in der Sure an-Nūr, die Beziehung des Gesandten (S) zu den Dschinn in den Suren al-Dschinn und al-Ahqāf, die Angelegenheit der Moschee von Dirār (der Spaltung) in der Sure at-Tauba und die Schilderung der Miʿrādsch in der Sure Banū Isrāʾīl.
Diese Verse gehören ihrem eigentlichen Wesen nach zu den „Ayyām Allāh“. Da jedoch das Verständnis ihrer Bedeutung von der jeweiligen Geschichte abhängt, wurden sie als eine eigene Kategorie dargestellt. Die Tafsīr-Gelehrten sollen daher bei der Erläuterung dieser Art von Versen unbedingt das betreffende Ereignis erwähnen.
Zweites Kapitel: Gründe für die Schwerverständlichkeit des Korans und ihre Lösung
Es ist wichtig zu wissen, dass der Koran in reinem und klar verständlichem Arabisch offenbart wurde. Daher erfassten die Araber sehr leicht den Sinn der koranischen Bestimmungen, die mit ihrem eigenen Verständnis vereinbar waren. Deren Beschreibung findet sich auch im Koran selbst –
(Arabisch*************)
Da außerdem der Wunsch des Gesetzgebers der Scharia (s.a.w.) war, dass man nicht versuchen solle, die Bedeutung der mutaschābih, schwer verständlichen Verse zu ergründen, dass keine Diskussionen über die subtilsten und feinsten Fragen zu den Eigenschaften Allahs aufkämen und dass niemand die vollständige Erzählung einer Geschichte verlangen solle, wurden in diesen Angelegenheiten nur sehr wenige Fragen gestellt. Daher sind auch nur wenige Hadithe zu diesem Thema überliefert worden.
Doch sobald diese Generation dahingegangen war, strömten Nichtaraber unter dem Schutz des Islam in großer Zahl herbei. Da Arabisch nicht ihre Muttersprache war, wurde es für sie naturgemäß an vielen Stellen schwierig, den richtigen Sinn des Korans zu erfassen. Nun entstand die Notwendigkeit, sich eingehend mit arabischen Wörterbüchern und der Grammatik zu beschäftigen.
Tatsächlich begann in dieser Angelegenheit eine Folge von Auseinandersetzungen. Man begann, Tafsīr-Werke zu verfassen. Daher entstand die Notwendigkeit, die schwer verständlichen Stellen des Korans zu erörtern. Zugleich mussten auch Beispiele angeführt werden. Dann wäre es bei der Betrachtung des eigentlichen Gegenstands nicht mehr nötig, die Ausführungen in die Länge zu ziehen. Auch die Erklärung jener Stellen würde keine Schwierigkeiten bereiten.
Die Gründe für die Schwerverständlichkeit des Gotteswortes:
Manchmal fällt es schwer, einen Koranvers oder eine seiner Stellen zu verstehen, weil darin ein Wort oder ein Fachausdruck verwendet wird, der nahezu außer Gebrauch gekommen oder nur selten verwendet wird. Da die Bedeutung dieses Wortes oder Fachausdrucks nicht eindeutig ist, wird es schwierig, den Sinn des gesamten Verses zu verstehen. Um diesem Problem abzuhelfen, muss man feststellen, wie die Sahāba, die Tābiʿūn und die früheren Gelehrten die Bedeutung dieses Wortes oder Fachausdrucks verstanden haben. Auf diese Weise kann seine richtige Bedeutung erfasst werden.
Ein weiterer Grund für die Unverständlichkeit des Korans:
Das Problem von Nasikh und Mansukh, das heißt, dass nicht bekannt ist, welcher später offenbarte Vers welchen früheren Vers aufgehoben hat. Daher scheint es im Koran Widersprüche zu geben. Folglich bleibt kein Weg, seine wahre Bedeutung zu verstehen.
Ebenso wird es dadurch schwierig, die Bedeutung und das eigentliche Ziel eines Verses eindeutig zu bestimmen, dass der besondere Anlass seiner Offenbarung, das heißt der Schān an-Nuzūl, nicht berücksichtigt wird. Es gibt auch einige andere Gründe für die Unverständlichkeit, die von den Grundlagen, der Grammatik, den Regeln der Darstellung und den Sprachkenntnissen abhängen. Auch weil man diese nicht kennt, erscheint der Koran unverständlich.
*Tatsächlich gibt es einige Verse, in denen das dazugehörige (Mudāf) oder das näher bestimmte (Mausūf) Element ausgelassen (Mahdhūf) ist.
*Manchmal wird anstelle eines Wortes ein anderes Wort, anstelle eines Buchstabens ein anderer Buchstabe, anstelle eines Verbs ein anderes Verb und anstelle eines Handelnden ein anderer Handelnder verwendet.
*Manchmal wird anstelle des Singulars der Plural und anstelle des Plurals der Singular verwendet.
*Manchmal wird anstelle der dritten Person die zweite Person und manchmal anstelle der zweiten Person die dritte Person verwendet.
*An manchen Stellen wird die Ausdrucksweise verwendet, bei der der frühere Teil eines Satzes später und der spätere Teil früher steht. An manchen Stellen bleibt das Pronomen unbestimmt.
* Manchmal werden durch dasselbe Wort verschiedene Bedeutungsnuancen erzeugt. An manchen Stellen wird die Sache durch Wiederholung und ausführliche Erörterung behandelt, an anderen dagegen kurz und andeutungsweise.
Wenn dies nicht berücksichtigt wird, wird es unweigerlich schwierig sein, die eigentliche Bedeutung zu erfassen.
Auf diese Weise werden im Koran an manchen Stellen rhetorische Figuren und Bedeutungsnuancen verwendet. Vielerorts finden sich Andeutungen, schwer verständliche Wörter und bildhafte Ausdrucksweisen. Auch dies muss berücksichtigt werden.
Daher müssen diejenigen, die sich an eine so schwierige Aufgabe wie die Auslegung des Korans wagen wollen, all dies von Anfang an verstehen. Sie sollten sich die entsprechenden Gleichnisse und Beispiele ansehen. Dann werden sie an solchen schwer verständlichen Stellen statt einer ausführlichen Erörterung mit Andeutungen auskommen können.
Erster Abschnitt: Die beste Methode der Auslegung
Die beste Methode zur Auslegung der schwer verständlichen Stellen des edlen Korans ist die von Ibn Abi Talha überlieferte Darstellung, die auf den frühen Ausleger Hazrat Abdullah ibn Abbas (r.a.) zurückgeht. Imam Buchari (r.a.) hat diese Methode in seinem berühmten Sahih Buchari häufig befolgt.
Die zweite Methode der besten Auslegung wurde von ad-Dahhak von Hazrat Abdullah ibn Abbas (r.a.) überliefert.
Die dritte Methode hat Hazrat Ibn Abbas (r.a.) als Antwort auf die Fragen von Nafi ibn al-Azraq überliefert. Diese drei Arten der Auslegung hat Allama as-Suyuti in seinem berühmten Werk „al-Itqan“ erwähnt.
Außerdem hat Allama al-Buchari (Allah sei ihm gnädig) eine weitere Erklärung der schwer verständlichen Stellen im Koran von den Imamen der Koranauslegung überliefert. Eine weitere Erklärung wurde von den kommentierenden Sahaba, Tabi’un und Tabi’ at-Tabi’in zitiert.
Meiner Ansicht nach wäre es richtig, wenn ich im fünften und letzten Kapitel dieses Buches solche Erklärungen zusammen mit den Offenbarungsanlässen jener Verse8 zusammentrage. Wenn dieses Kapitel als eigenständiges Buch verfasst wird, kann jeder, der dies möchte, es als Bestandteil dieses Werkes betrachten. Und wenn jemand es separat herausgeben möchte, kann er das ebenfalls tun. Jeder arbeitet gern nach seinem eigenen Geschmack.
Hier muss noch etwas verstanden werden: Durch die Erforschung der nächstliegenden Bedeutung und unter Berücksichtigung der verschiedenen Verwendungsweisen der Wörter wurde dem Thema größere Weite und Weiterentwicklung verliehen. Der einzige Zweck dieses Buches besteht darin, die früheren Tafsir-Werke zusammenzutragen. Es ist nicht der geeignete Ort, darauf ausführliche Anmerkungen und Kommentare zu verfassen. Jede Aussage ist an ihrem jeweils passenden Ort gültig.
Zweites Kapitel: Das Problem von Nasikh und Mansukh
Unter den schwierigen Fragen beim Verständnis des Korans, über die zahlreiche Debatten geführt wurden und hinsichtlich derer große Meinungsverschiedenheiten entstanden sind, gehört die Bestimmung der Verse als „Nasikh“ und „Mansukh“ zu den bedeutendsten.
Die größte Schwierigkeit bei der Bestimmung der Nasikh- und Mansukh-Verse liegt in den unterschiedlichen Fachbezeichnungen der früheren und späteren Tafsir-Gelehrten. Die Sahaba und Tabi’un verwendeten das Wort „Naskh“ in einem Sinn, in dem es die späteren Tafsir-Gelehrten nicht verwendeten.
Die Bedeutung von Naskh nach Auffassung der Früheren
Wenn man alle Aussagen der Sahaba und Tabi’un zu dieser Frage prüft, wird deutlich, dass sie das Wort „Naskh“ in seiner lexikalischen und ursprünglichen Bedeutung verstanden, nämlich „eine Sache durch eine andere Sache beseitigen“. Eine solche Verwendung steht jedoch völlig im Gegensatz zu derjenigen der Gelehrten der Grundsätze. Nach Auffassung der Gelehrten der Grundsätze bedeutet „Naskh“: „Die Rechtsbestimmung eines Verses durch eine andere Rechtsbestimmung eines anderen Verses aufzuheben.“
Tatsächlich kann es bei den Vertretern der Grundlagenlehre verschiedene Auffassungen von „Naskh“ geben. Eine davon ist folgende.
*Wenn für eine Handlung eine endgültige Frist festgelegt wird, wird sie nach Ablauf dieser festgelegten Frist von selbst aufgehoben. Eine andere Auffassung ist folgende: Durch das, was mittels Analyse später erkannt wird, wird die frühere Bestimmung mansūch oder aufgehoben.
Unter „Naskh“ verstehen sie auch diese Bedeutung.
Wenn also durch Analyse nachgewiesen wird, dass eine in einem Vers erwähnte Bedingung oder Verpflichtung unnötig ist, wirkt das äußerst unvermittelt.
*Oder eine allgemeine Bestimmung wird auf einen besonderen Fall eingeschränkt.
*Oder es wird ein Geheimnis entdeckt, durch das ein Unterschied zwischen der ursprünglichen Bestimmung und der erdachten Bestimmung erkennbar wird; ebenso können eine aus Unwissenheit entstandene Neuerung oder Bestimmungen aus früherer Zeit als mansūch verstanden werden.
Die Zahl der mansūch-Verse nach Ansicht der Früheren
Dadurch, dass die früheren (Gefährten und Tābiʿūn) genannten Tafsīr-Gelehrten das Wort „Naskh“ an verschiedenen Stellen unterschiedlich verwendet haben, wurde diese Diskussion sehr weitreichend. Wenn man dieser Richtung folgt, erweitert sich auch das Feld zur Prüfung des Wissens. Die unvermeidliche Folge davon ist eine zunehmende Uneinigkeit. Werden tatsächlich all ihre Auffassungen berücksichtigt, steigt die Zahl der mansūch-Verse auf über fünfhundert. Vielmehr wird sich bei einer zeitaufwendigeren Prüfung dieser unterschiedlichen Auffassungen zeigen, dass die Zahl der mansūch-Verse
Die Anzahl der aufgehobenen Verse nach Ansicht der Späteren
Unter der Berücksichtigung der Bedeutung, in der die späteren (Muta’akhkhirīn) Tafsīr-Gelehrten das Wort Naskh verwendet haben, ist die Anzahl der aufgehobenen Verse freilich weitaus geringer. Insbesondere nach der Auslegung, die wir angenommen haben, sind es nicht mehr als einige wenige Verse. Scheich Jalāluddīn as-Suyūṭī folgte in seinem berühmten Werk al-Itqān, nachdem er die von einigen Tafsīr-Gelehrten vertretene Bedeutung analysiert hatte, bei der Darstellung der aufgehobenen Verse der Auffassung der Muta’akhkhirīn und Ibn ʿArabī. Auf diese Weise führte er ungefähr zwanzig Verse an. Meiner Ansicht nach gibt es jedoch auch darunter einige Verse, die man nicht ohne Weiteres als aufgehoben bezeichnen kann.
Ibn ʿArabīs Auslegung:
Im Folgenden wird ein Teil von Ibn ʿArabīs Auslegung mitsamt einer Kritik daran wiedergegeben.
(1) Nach Ibn ʿArabī ist der folgende Vers aus der Sure al-Baqara aufgehoben worden.
(Arabisch*******************)
„Allah, der Erhabene, wird euch für diejenigen unter euch, die im Sterben liegen, die Vorschrift des Vermächtnisses auferlegen.“ (Sure al-Baqara 2:180)
Nach einer Auffassung wurde dieser Vers durch die Verse über das Erbrecht aufgehoben. Nach einer anderen Auffassung wurde er durch den Hadith über das Vermächtnis zugunsten des Erben aufgehoben. Eine dritte Auffassung besagt, dass dies durch den Konsens (Ijmāʿ) geschehen sei. Meiner Ansicht nach ist der folgende Vers der Nāsiḫ (Aufhebende) dieses Verses.“
(Arabisch*******************)
„Allah hat unter euren Kindern die Bestimmung über das Vermächtnis eingeführt.“
Außerdem hat der Hadith über das Vermächtnis diese Bestimmung nicht aufgehoben, sondern vielmehr erläutert.
2. Ein weiterer Vers aus der Sure al-Baqara – (Arabisch***********************0
„Auch diejenigen, die fasten können, dürfen anstelle des Fastens einen Bedürftigen speisen …“ (Sure al-Baqara 184)
Nach einer Auffassung ist der folgende Vers der Nasich des oben genannten Verses:
(Arabisch*****************)
„Wer von euch den Fastenmonat erlebt, der soll ihn fasten.“ (Sure al-Baqara 185)
Es gibt jedoch noch eine andere Ansicht: Dieser Vers ist ein „Muhkam“-Vers.
Meiner Ansicht nach gibt es noch einen weiteren Aspekt. Dieser besteht darin, dass gemäß diesem Vers die Zahlung der Fidyah für diejenigen verpflichtend ist, die die Möglichkeit haben, Bedürftige zu speisen. Mit „Fidyah“ ist hier gemeint, einen Bedürftigen zu speisen. Dass hier vor dem Pronomen das Nomen genannt wird, geschieht, um die Vorrangigkeit hinsichtlich der Rangordnung auszudrücken. Der Grund dafür, dass das Pronomen im Maskulinum verwendet wird, liegt darin, dass mit dem Wort „Fidyah“ hier „Taʿām“ gemeint ist. Und mit „Taʿām“ ist die Sadaqat al-Fiṭr gemeint. Denn zusammen mit der Anordnung des Fastens wurde auch die Anordnung der Sadaqat al-Fiṭr erlassen. Ebenso wird unmittelbar danach in einem weiteren Vers mit den Worten „wa-li-tukabbirū Llāha ʿalā mā hadākum“ auf den Takbīr des Festgebets hingewiesen; auch hier verhält es sich genau so.
3. Der dritte Vers der Sura al-Baqara:(Arabisch*******************)
„So wie das Fasten den früheren Gemeinschaften zur Pflicht gemacht worden war, ist es auch euch zur Pflicht gemacht worden.“ (Sura al-Baqara 183)
Dieser Vers wurde durch den folgenden Vers aufgehoben:
(Arabisch******************)
„Es ist euch in der Nacht des Ramadan erlaubt worden, mit euren Ehefrauen Geschlechtsverkehr zu haben …“ (Sura al-Baqara 187)
Denn dieser Vers enthält ein Beispiel. Dieses macht deutlich, dass die frühere Pflicht, sobald sie auch gemäß der gegenwärtigen Scharia zur Pflicht gemacht wurde, auch hinsichtlich ihrer Regeln und Bestimmungen in gleicher Weise übernommen wurde. Daher wären all jene Handlungen, die in der früheren Scharia während der Fastennacht verboten waren, etwa nach dem Einschlafen wieder aufzustehen und zu essen oder Geschlechtsverkehr zu haben, weiterhin verboten geblieben. Der oben erwähnte Vers hebt jedoch jene Bestimmung auf.
Dies ist ein Zitat von Ibn al-Arabi. Ibn al-Arabi hat auch eine andere Auffassung erwähnt. Diese besagt, dass der Sinn dieses Verses durch die auf der ursprünglichen Praxis beruhende Sunna als aufgehoben erwiesen worden sei.
Meine Auffassung ist allerdings nicht diese. Denn das Beispiel, das der Vers hinsichtlich der Verpflichtung des Fastens aus der früheren Scharia anführt, bezieht sich ausschließlich auf die Verpflichtung. Daher war damit beabsichtigt, den Brauch zu ändern, der vor der Herabsendung der Scharia in Arabien verbreitet war. Trotz eingehender Suche habe ich keinen Beleg gefunden, der beweisen könnte, dass der Gesandte zuvor eine solche Anordnung erlassen hatte. Und selbst wenn er eine solche Anordnung erlassen haben sollte, könnte man sie höchstens als Sunna bezeichnen.
4. Ein weiterer Vers aus der Sure al-Baqara:
(Arabisch******************)
„Sie fragen dich nach den heiligen Monaten. Sag: In ihnen zu kämpfen und Blut zu vergießen ist eine gewaltige Sünde … und so weiter.“ (Sure al-Baqara 217)
Der folgende Vers hat diesen Vers aufgehoben:
(Arabisch********************)
„Tötet die Polytheisten, wo immer ihr sie findet … und so weiter.“ (Sure at-Tauba 36)
Nach meiner Auffassung belegt der Vers jedoch nicht das Verbot des Tötens, sondern dessen Zulässigkeit. Seine Ausdrucksweise ist genau wie bei einer Begründung, bei der zugleich darauf hingewiesen wird, dass die Anerkennung und Annahme eines bestimmten Grundes Schwierigkeiten mit sich bringen kann. Der Sinn des Verses wäre demnach: Das Töten und Blutvergießen in den verbotenen Monaten ist zwar eine äußerst große Sünde. Doch noch schwerwiegender ist es, Unruhe und Verderben zu stiften. Um Unruhe und Verderben zu verhindern, kann daher erforderlichenfalls auch in den verbotenen Monaten getötet werden. Die Ausdrucksweise dieses Verses lässt einen solchen Sinn erkennen.
5. Ein weiterer Vers aus der Sure al-Baqara:(Arabisch****************)
„Diejenigen unter euch, die im Sterben liegen, sollen zugunsten ihrer Ehefrauen eine letztwillige Verfügung über deren einjährigen Unterhalt treffen.“ (Sure al-Baqara 240)
Dieser Vers wurde durch den später offenbarten Vers aufgehoben, der eine Wartezeit von vier Monaten und zehn Tagen festlegt; und die Bestimmung über die letztwillige Verfügung wurde durch die Bestimmungen über das Erbrecht aufgehoben. Nach Ansicht einer Gruppe wurde die Bestimmung über die Wohngelegenheit jedoch nicht aufgehoben. Nach Ansicht der anderen Gruppe wurde sie durch den Hadith „Kein Wohnrecht“ aufgehoben. Da alle Korankommentatoren darin übereinstimmen, dass dieser Vers aufgehoben wurde, halte auch ich ihn für aufgehoben. Man kann jedoch auch sagen, dass der Vers belegt, dass eine letztwillige Verfügung für einen Sterbenden zulässig und empfehlenswert ist. Für die Frau besteht keine Verpflichtung, diesem Vers zu folgen. Diese Auffassung geht auf Ibn Abbas zurück. Auch im Vers selbst zeigt sich eine deutliche Unterstützung dieser Auslegung.
6. Ein weiterer Vers aus der Sure al-Baqara:(Arabisch*****************)
„Ob ihr offenlegt, was in euch ist, oder es verbergt, darüber wird Allah euch zur Rechenschaft ziehen.“ (Sure al-Baqara 286)
Nach meiner Auffassung wird durch den zweiten Vers, nachdem der erste eine allgemeine Bestimmung gegeben hat, ein besonderer Aspekt davon erläutert. Denn mit „mā fī anfusikum“ im Vers sind die Aufrichtigkeit oder die Verschlagenheit des Herzens gemeint. Es handelt sich dabei lediglich um einen besonderen Zustand des Herzens. Gemeint sind nicht all jene Gedanken, die daraus spontan entstehen. In einer Angelegenheit, auf die der Mensch keinerlei Einfluss hat, kann von einer Verantwortlichkeit ihm gegenüber überhaupt keine Rede sein.
[Zwei] Sure Āl ʿImrān
7. Der folgende Vers aus der Sure Āl ʿImrān (Arabisch********************)
„Fürchtet Allah so, wie es Ihm gebührt, und so weiter.“
Es wird gesagt, dass der folgende Vers ihn aufgehoben habe: (Sure Āl ʿImrān 102)
(Arabisch*********************)
„Fürchtet daher Allah, soweit ihr dazu imstande seid.“ (Sure at-Taghābun 16)
Eine andere Auffassung besagt jedoch, dass der Vers nicht mansūch, sondern muḥkam sei.
Es ist eine andere Frage, dass, wenn man in der gesamten Sure Āl ʿImrān irgendeinen Vers als mansūch bezeichnen kann, es dieser ist. Meiner Auffassung nach bezeichnet „ḥattā tuqātihī“ im ersten Vers die Lossagung von Schirk, Kufr und derartigen irrigen Glaubensvorstellungen. Der Sinn ist, dass all dies im Bereich des Glaubens keinen Platz hat. Was der zweite Vers mit „mā istaṭaʿtum“ sagt, bezieht sich auf die Handlungen, nicht auf den Glauben, also auf die praktische Umsetzung. Wer beispielsweise nicht in der Lage ist, die Wuḍūʾ vorzunehmen, verrichtet Tayammum. Wer nicht im Stehen beten kann, betet im Sitzen. Zur Unterstützung dieser Auffassung finden wir den folgenden Vers:
(Arabisch*******************)
(Sterbt keinesfalls als Nichtmuslime.)
Daher hat jeder der beiden Verse an seinem jeweiligen Ort eine eigenständige Bedeutung. Keiner ist aufhebend, und keiner ist aufgehoben.
[Drei] Sure an-Nisāʾ
8. Der folgende Vers der Sure „an-Nisāʾ“: (Arabisch********************)
„Macht diejenigen, die sich unter eurer Sklavenherrschaft befinden, zu Teilhabern am Vermögen.“ (Sure an-Nisāʾ 33)
wurde durch den folgenden Vers der Sure al-Anfāl aufgehoben:
(Arabisch****************)
„Bei der Verteilung des Vermögens sind die Nachkommen maßgeblich. Eine Gruppe von ihnen erhält Vorrang vor einer anderen.“ (Sure al-Anfāl 75)
Nach meiner Auffassung ist gemäß der äußerlichen Bedeutung des Verses die Mīrāṯ nur den tatsächlichen Mawālī zugesprochen. Die Mawālī haben anstelle der Mīrāṯ Anspruch auf Geschenke und Zuwendungen. Daher stellt sich hier überhaupt nicht die Frage einer Aufhebung.
9. Ein weiterer Vers dieser Sure:(Arabisch***********************)
„Wenn es um die Verteilung geht … und so weiter.“ (Sure an-Nisāʾ 8)
Über diesen Vers gibt es einerseits die Auffassung, dass er aufgehoben sei, und andererseits die Auffassung, dass er nicht aufgehoben sei. Nach ihrer Ansicht zeigen diese Menschen in dieser Angelegenheit lediglich Nachlässigkeit. Ibn ʿAbbās (r.a.) sagt: Dieser Vers ist zwar nicht aufgehoben, weist jedoch anstelle einer Pflicht auf eine empfohlene Handlung hin. Meiner Ansicht nach ist die Auffassung von Ibn ʿAbbās (r.a.) richtig.
10. Ein anderer Vers derselben Sure:
(Arabisch*********************)
„Welche Frauen sich der Unzucht hingeben … und so weiter.“ (Sure an-Nisāʾ 25)
Es wird gesagt, dass der oben angeführte Vers durch einen Vers der Sure an-Nūr aufgehoben worden sei. Meiner Auffassung nach ist jedoch auch dieser Vers nicht aufgehoben worden. Vielmehr wurde darin bis zu einer bestimmten Grenze eine Erleichterung gewährt. Sobald diese Grenze erreicht war, erklärte der Gesandte (s.a.w.) die ursprüngliche Bestimmung. Daher kann dies nicht als Tansīkh (Aufhebung) bezeichnet werden.
[Vier] Sure al-Māʾida:
11. Der folgende Vers dieser Sure: (Arabisch**********************)
„Macht Blutvergießen in den heiligen Monaten nicht erlaubt … und so weiter.“ (Sure al-Māʾida 2)
Es wird gesagt, dass der Vers, der die Tötung in den heiligen Monaten erlaubt, gekommen sei und diesen Vers aufgehoben habe. Meiner Ansicht nach gibt es jedoch im erhabenen Koran keinen Vers, durch den dieser Vers aufgehoben werden könnte. Nicht einmal durch einen sahīh Hadith oder die Sunna des Gesandten wurde ihm eine andere Auslegung gegeben. Daher lautet die Bedeutung dieses Verses: „Wenn eine verbotene Tötung in einem heiligen Monat geschieht, nimmt das Ausmaß ihrer Abscheulichkeit zu.“ So sagte auch der Prophet (s) in einer Ansprache: „So ehrwürdig wie euer Besitz und euer Blut sind, ebenso ehrwürdig sind dieser heilige Monat und dieses heilige Land.“
Das bedeutet nicht, dass das Leben und der Besitz der Muslime an anderen Tagen anderer Monate irgendwo keine Achtung genießen. Gemeint ist vielmehr, dass sie unter allen Umständen heilig sind. In den Tagen dieser Monate ist das Maß ihrer Heiligkeit jedoch noch größer.
12. Vers: (Arabisch*********************)
„Wenn sie zu dir kommen, dann richte zwischen ihnen, oder enthalte dich dessen … und so weiter.“ (Sure al-Māʾida 42)
ist durch den folgenden Vers aufgehoben worden“ (Arabisch**************************)
„Richte unter ihnen nach Allahs Gesetz – usw.“ (Sure al-Māʾida 49)
Doch für mich lautet die Bedeutung des zweiten Verses: „Wenn du beabsichtigst, in einer Angelegenheit der Schutzbefohlenen eine Entscheidung zu treffen, musst du nach der Offenbarungsschrift entscheiden. Du sollst dich nicht darum kümmern, was sie wünschen. Kurz gesagt: Wenn es um Nichtmuslime geht, überlassen wir sie ihren Führern, damit diese nach ihren eigenen Gesetzen entscheiden; wenn aber wir selbst entscheiden, dann entscheiden wir nach Allahs Gesetz. Daher ist kein Vers aufgehoben. Vielmehr bringen beide unterschiedliche Bestimmungen.“
13. Vers: (Arabisch************************)
„Oder zwei andere als euch selbst usw.“ (Sure al-Māʾida 106)
wurde durch diesen Vers aufgehoben: (Arabisch********************)
„Sie sollen zwei vertrauenswürdige Männer aus eurer Mitte als Zeugen stellen – usw.“ (Sure at-Talāq 2)
Meiner Ansicht nach liegt die eigentliche Wahrheit darin, dass Imam Ahmad seine Aussage lediglich aufgrund der äußeren Wortbedeutung des Verses gemacht hat. Denn niemand hat diese Auffassung unterstützt. Nach Ansicht der anderen sind die beiden Verse als gegenseitige Erklärung zu verstehen. Die Bedeutung des ersten Verses ist: „Es müssen zwei Männer sein, die nicht mit euch verwandt sind.“ Somit genügen auch irgendwelche zwei Muslime. Im zweiten Vers bezeichnet „minkum“ die gesamte muslimische Gemeinschaft. Daher besteht zwischen den beiden Versen überhaupt kein Widerspruch. Die Frage nach Nāsikh und Mansūkh stellt sich hier folglich gar nicht.
[Fünf] Sure al-Anfāl:
14. Vers: Arabisch************************)
„Wenn sich unter euch zwanzig Geduldige befinden, werden sie zweihundert besiegen … usw. (Sure al-Anfal 65)
Dieser Vers wurde durch den darauffolgenden Vers aufgehoben. Was sie über diesen Vers gesagt haben, entspricht auch meiner Auffassung.
[Sechs] Sure Bara’a:
(Arabisch*****************)
„Ob ihr zahlenmäßig und von der Stärke her leicht oder schwer seid, zieht allesamt mit eurem Leben und eurem Besitz auf Allahs Weg in den Dschihad … usw.“
Der aufhebende Vers hierzu lautet: (Arabisch*****************
Das heißt: Wenn eure Schwachen, Kranken, Blinden und dergleichen nicht am Dschihad teilnehmen, trifft sie kein Vorwurf. (Sure al-Fath) (Sure at-Tauba 91)
Somit haben diese beiden Verse Personen, die aus besonderen Gründen dazu nicht in der Lage sind, davon entbunden. Daher wurde der oben genannte Vers aufgehoben.
Meiner Ansicht nach ist es jedoch nicht richtig, diesen Vers als aufgehoben zu betrachten. Denn er bezieht sich auf die Mittel des Dschihād, nicht auf die Person. Tatsächlich bedeutet das Wort „khifāfan“ die geringstmöglichen Mittel für den Dschihād – sei es ein geringfügiges Transportmittel, Diener und Dienerinnen oder irgendeine Art von Bewaffnung. Mit „thiqālan“ sind dagegen die größtmögliche Zahl an Soldaten und Transportmitteln für den Dschihād gemeint. Die beiden Verse, die als Aufhebende dieses Verses bezeichnet werden, beziehen sich auf Menschen, die dazu nicht in der Lage sind. Daher können diese beiden Verse den ersten Vers nicht aufgehoben haben. Zumindest kann man sagen, dass der aufhebende Vers hier nicht eindeutig bestimmt ist.
[Sieben] Sure an-Nūr
Vers 16(Arabisch*********************)
„Ein Unzuchttreibender heiratet nur eine Unzuchttreibende … usw.“ (Sure an-Nūr 3)
Nach Ibn ʿArabī wurde dieser durch den folgenden Vers aufgehoben:
(Arabisch*********************)
Meiner Ansicht nach hat sich auch hier Imām Aḥmad (möge Allah ihm barmherzig sein) lediglich auf die äußerliche Bedeutung des Verses gestützt. Nach Ansicht der anderen ist dieser Vers nicht aufgehoben. Denn es besteht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass nur jemand, der eine schwere Sünde begeht, ein ebenbürtiger Partner für eine Unzuchttreibende sein kann oder dass nur für ihn die Heirat mit einer Unzuchttreibenden zulässig ist. Der andere Vers, in dem dies für verboten erklärt wird, bezieht sich sowohl auf Unzucht als auch auf Beigesellung. Daher kann auch dieser Vers kein aufhebender Vers sein. Außerdem bezieht sich der Vers, den man als aufhebend betrachtet, auf eine allgemeine Rechtsbestimmung. Eine allgemeine Rechtsbestimmung kann jedoch nicht durch eine besondere Rechtsbestimmung aufgehoben werden. Auch unter diesem Gesichtspunkt ist die Annahme einer Aufhebung nicht zutreffend.
17. Vers: Sure an-Nur(Arabisch*******************)
„Dies ist deshalb so, weil euch in Bezug auf diejenigen, die unter eurer Gewalt stehen, Erlaubnis erteilt wird … usw.“ (Sure an-Nur 58)
Über diesen Vers besteht große Meinungsverschiedenheit. Einige betrachten ihn als „aufgehoben“. Andere wiederum tun dies nicht. Vielmehr zeigen die Muslime Nachlässigkeit bei seiner Umsetzung. Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen auf ihm) betrachtet diesen Vers nicht als aufgehoben; vielmehr ist seine Aussage die richtigste. Denn es gibt starke Argumente und Gründe zu ihren Gunsten. Daher kann man sich auf diese Ansicht stützen.
[Acht] Sure al-Ahzab
18. Vers: (Arabisch**************)
„Dir ist es danach nicht erlaubt, weitere Frauen zu heiraten … usw.“ (al-Ahzab 52)
Dieser Vers wurde durch den folgenden Vers aufgehoben. (Arabisch*******************)
„Gewiss, Wir haben dir deine Ehefrauen erlaubt … usw.“ (Sure al-Ahzab 50)
Meiner Ansicht nach ist die Rezitation des hier behandelten Verses aufgehoben worden. Dies ist die wahre und richtige Aussage.
[Neun] Sure al-Mudschādala
Vers 19: (Arabisch*********************)
„Wenn ihr mit dem Gesandten ein vertrauliches Gespräch führen wollt, dann bringt vorher eine Abgabe dar … usw.“
Nach Ibn ʿArabī (möge Allah mit ihm zufrieden sein) hat der darauffolgende Vers diese Bestimmung aufgehoben. Auch ich schließe mich hierin Ibn ʿArabīs Ansicht an.
[Zehn] Sure al-Mumtahina
Vers 20: (Arabisch**************)
„Entrichtet den Unterhalt für diejenigen, deren Ehefrauen aufgrund des Unterschieds zwischen Glauben und Unglauben getrennt wurden … usw.“ (Sure al-Mumtahina 11)
Nach einer Auffassung wurde dieser Vers durch den „Schwertvers“ aufgehoben. Einer anderen Auffassung zufolge wurde dieser Vers durch den Vers über die Beute aufgehoben. Die Auffassung der dritten Gruppe lautet, dass dieser Vers überhaupt nicht aufgehoben wurde. Er ist ein Muhkam-Vers. Meiner Ansicht nach ist der Vers zwar Muhkam, doch seine Bestimmung ist nicht allgemein (ʿāmm). Dieser Vers bezieht sich auf die Zeit, in der die mit der schwachen Lage der Muslime verbundenen Ungläubigen stark und mächtig waren.
[Elf] Sura al-Muzzammil
21. Vers: (Arabisch*********************)
„Verbringe fast die ganze Nacht im Gebet … und so weiter.“
Dieser Vers wurde durch den letzten Vers dieser Sura aufgehoben. Das heißt, die Vorschrift über die fünf täglichen Gebete hob ihn auf. Meiner Ansicht nach ist es jedoch nicht richtig, ihn durch die Vorschrift über die fünf täglichen Gebete als aufgehoben zu betrachten. Die eigentliche Wahrheit ist, dass die Vorschrift, zu Beginn der Sura nachts wach zu bleiben, ein nachdrücklich empfohlenes Muستahabb war; der nachfolgende Vers hob die Nachdrücklichkeit auf und ließ nur das Muستahabb bestehen.
Auch Allāma as-Suyūṭī sagte zur Unterstützung der von Ibn ʿArabī vertretenen Auffassung, dass nur der oben erwähnte Versabschnitt aufgehoben worden sei. Zwar besteht hinsichtlich der Aufhebung einiger darin enthaltener Verse Meinungsverschiedenheit, doch die Behauptung, dass außer diesen Versen noch andere Verse aufgehoben worden seien, ist völlig unbegründet. Genau genommen sind auch diese nicht aufgehoben. Demnach verringert sich die Zahl der aufgehobenen Verse noch weiter.
Aus der vorstehenden Erörterung ist deutlich geworden, dass nach meiner Auffassung nicht mehr als fünf Verse aufgehoben sind. Daher kann nur bei fünf Versen die Aufhebung der hier behandelten Verse behauptet werden.
Drittes Kapitel: Anlass der Offenbarung
Das zweite schwierige Thema beim Verstehen und bei der Tafsīr des Korans ist die Kenntnis des „Schān an-Nuzūl“, also des Anlasses der Offenbarung. Das bedeutet, genau zu wissen, welcher Vers wann und aus welchem Anlass offenbart wurde. Auch hier besteht das Problem darin, dass unter den Früheren (Mutakaddimūn) und den Späteren (Muta’akhkhirūn) Meinungsverschiedenheiten über die bei der Überlieferung des Schān an-Nuzūl verwendeten Fachausdrücke entstanden sind.
Bei der Überlieferung des Schān an-Nuzūl sagt man: „Nuzilat fī kadha“ – „Sie wurde in dieser Angelegenheit offenbart“. Wenn man jedoch alle Aussagen der Sahāba und Tābiʿūn überprüft, erkennt man, dass sie diesen Ausdruck auch in anderen Fällen verwendeten. Sie benutzten ihn also nicht ausschließlich dafür, anzugeben, bei welchem Anlass dieser Vers zu Lebzeiten des Propheten (s.) offenbart worden war. Vielmehr verwendeten sie ihn für alles, was in jener Zeit durch diesen Vers erklärt worden war – ganz gleich, ob es sich um die Zeit des Gesandten (s.) oder um eine spätere Zeit handelte. Bei einer solchen Verwendung hielten sie es nicht für notwendig, dass die betreffende Angelegenheit mit sämtlichen Bedingungen des Verses übereinstimmte. Sie gebrauchten den Ausdruck vielmehr überall dort, wo das Urteil des Verses Anwendung fand.
Es kam außerdem vor, dass dem Gesandten (s.) eine Frage gestellt wurde oder sich zu seinen Lebzeiten ein besonderes Ereignis ereignete und er dazu aus einem Koranvers ein Urteil ableitete und den Vers sogleich vortrug. Auch in solchen Fällen verwendeten die Sahāba denselben Fachausdruck. Wenn sie über diesen Vers sprachen, schilderten sie das betreffende Ereignis und sagten anschließend: „Nuzilat fī kadha“.
An solchen Stellen verwendeten sie neben „Nuzilat fī kadha“ auch andere Wendungen, etwa: „Fa-anzalallāhu taʿālā qawlahu“ – „Da offenbarte Allah, der Erhabene, Sein Wort“ – oder „Fa-nazalat“ – „Da wurde sie offenbart“. Damit wollten sie sagen, dass der Gesandte (s.) in diesen Angelegenheiten aus diesem Vers ein Rechtsurteil abgeleitet hatte.
Es ist auch möglich, dass sie den Ausdruck an den jeweiligen Stellen tatsächlich in seinem eigentlichen Sinn gebrauchten. Denn dass der Gesandte (s.) aus einem Vers ein Urteil ableitete oder seine Aufmerksamkeit in einer Angelegenheit auf einen bestimmten Vers gelenkt wurde, geschah letztlich durch Allahs Eingebung. Auch Allahs Eingebung ist eine Art Offenbarung. Daher war die Verwendung derselben Ausdrucksweise an all diesen Stellen in jeder Hinsicht angemessen.
Wenn jemand in einem solchen Fall sagt, dass die Verse, die der Prophet (s.) zu den jeweiligen Angelegenheiten vorgetragen hatte, ursprünglich von Allah her offenbart worden seien, muss auch dies als richtig anerkannt werden. Wie immer man den Grund erklären mag: Es ist eine Tatsache, dass die Sahāba die Wendung „Nuzilat fī kadha“ auch in anderen Fällen als beim eigentlichen Offenbarungsereignis verwendeten.
Die Vorgehensweise der Muhaddithūn:
Die Muhaddithūn überliefern bei der Erörterung von Koranversen vieles, was nicht zum Schān an-Nuzūl gehört. So führten die Sahāba manchmal Koranverse als Beweis in gegenseitigen Auseinandersetzungen an. Mitunter erwähnten sie einen Vers als Beispiel oder führten ihn zur Begründung ihrer eigenen Behauptung an. Manchmal erwähnten sie ihn zusammen mit einem Hadith, der mit diesem Vers zusammenhing. All dies überliefern die Muhaddithūn bei der Tafsīr des betreffenden Verses. Dabei wird zuweilen der Ort der Offenbarung genannt, zuweilen wird unbestimmt auf diejenigen hingewiesen, in deren Zusammenhang der Vers offenbart wurde. Manchmal wird die korrekte Aussprache der Koranwörter festgestellt, manchmal werden Beziehungen zwischen Sura und Vers aufgezeigt, und manchmal besteht das Ziel darin zu erklären, wie der Gesandte (s.) mit einem bestimmten koranischen Urteil verfuhr.
Die Aufgabe der Mufassirūn:
Was die Muhaddithūn über einen Vers überliefern, steht erstens nicht unbedingt in Beziehung zum Schān an-Nuzūl und muss zweitens von den Mufassirūn auch nicht notwendigerweise erörtert werden. Für die Mufassirūn ist nur die Kenntnis zweier Dinge erforderlich. Erstens müssen sie das Ereignis kennen, auf das der Vers hinweist, denn ohne diese Kenntnis ist ein richtiges Verständnis des Verses nicht möglich. Zweitens müssen sie wissen, welches Ereignis dazu führte, dass ein allgemeines Urteil eine besondere Form annahm. Das heißt: Ohne Kenntnis des Ereignisses, aufgrund dessen der äußere Sinn des Verses einen anderen Sinn erkennen lässt, ist es unmöglich, die richtige Bedeutung des Verses zu bestimmen. Außer diesen beiden Arten von Ereignissen ist für den Mufassir die Kenntnis aller übrigen Dinge nicht erforderlich.
In diesem Zusammenhang kommen auch die Geschichten und Ereignisse aus dem Leben der früheren Propheten zur Sprache. Die meisten dieser Geschichten sind jedoch unklar und unnötig. Deshalb werden ihre Geschichten auch in den Hadithen nur selten überliefert. Die langen und ausführlichen Geschichten, die Mufassirūn über sie erzählen, haben sie nicht aus den Hadithen, sondern von den Gelehrten der Ahl al-Kitāb erhalten. Über diese Geschichten werden wir in einer Überlieferung aus Sahīh al-Buchārī angewiesen: Wir sollen sie weder für wahr noch für falsch erklären. Daraus wird klar, dass wir ihnen keine besondere Bedeutung beimessen sollten.
Außerdem überlieferten sie viele kleinere Ereignisse, um die Glaubensvorstellungen und die aus Unwissenheit entstandenen Bräuche der Götzendiener und Juden aus der Zeit der Sahāba und Tābiʿūn darzustellen. Auch bei der Schilderung solcher Ereignisse verwendeten sie die Wendung „Nuzilat fī kadha“. Ihr Zweck war jedoch lediglich zu sagen, dass dieser Vers bei einer Angelegenheit dieser Art offenbart worden war.
Die Ereignisse, welche die Sahāba und Tābiʿūn über die Glaubensvorstellungen und Bräuche der Götzendiener und Juden erwähnten, dienten nicht bloß dazu, eine Geschichte einzuführen. Vielmehr wollten sie ein richtiges Bild davon vermitteln, bei welcher Art von Ereignis der Vers offenbart worden war. Deshalb finden sich in ihren Überlieferungen Widersprüche und Meinungsverschiedenheiten. Jede Aussage weist auf einen anderen Weg hin, während das eigentliche Ziel bei allen dasselbe war. Der berühmte Sahābī Abū ad-Dardā (r.) sagte: „Wer einen einzigen Vers nicht auf verschiedene Angelegenheiten anwenden kann, kann kein Faqīh sein.“ Auch hier wies er auf das zuvor beschriebene Geheimnis hin.
Im Koran gibt es viele Stellen dieser Art, aus denen gleichzeitig verschiedene Zustände hervortreten. Der eine Zustand ist von Tugend und Glück, der andere von Sünde und Unglück geprägt. Mit dem glücklichen Zustand werden einige glückbringende Eigenschaften verbunden, während beim unglücklichen Zustand bestimmte unheilvolle Fehler genannt werden. Beabsichtigt ist jedoch die Darlegung der Vorschriften über diese Eigenschaften und Fehler. Zum Beispiel:(Arabisch***************)„Wir haben dem Menschen aufgetragen, seinen Eltern Güte zu erweisen, die ihn unter Mühsal geboren und aufgezogen haben.“ (Sura al-Ahqāf 15)
Nach diesem Vers werden die Zustände beider Gruppen, der guten und der schlechten, beschrieben. Zum Beispiel:(Arabisch*****************)„Wenn ihnen die Worte vorgetragen wurden, die von eurem Herrn herabgesandt worden waren, sagten sie: Das sind doch nur alte und verfaulten Geschichten.“ (Sura an-Nahl 24)(Arabisch*****************)„Wenn den Gottesfürchtigen die Worte vorgetragen wurden, die von eurem Herrn herabgesandt worden waren, sagten sie: Das ist eine vortreffliche Botschaft.“ (Sura an-Nahl 30)
Auch nach diesem Vers werden die Zustände beider Gruppen, der Frommen und der Sünder, erwähnt. Die folgenden Verse sind ebenfalls in diese Art von Versen einzuordnen.(Arabisch***************)„Allah, der Erhabene, prägte das Gleichnis einer Stadt, die sicher und ruhig war.“ (Sura an-Nahl 112)(Arabisch*******************)„Er ist es, der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen und daraus seine Gattin gemacht hat, damit er bei ihr Ruhe finde … und so weiter.“(Arabisch****************)„Wahrlich, erfolgreich sind die Gläubigen: diejenigen, die in ihrem Gebet demütig und voller Ehrfurcht sind.“ (Sura al-Mu’minūn 1–2)(Arabisch***************)„Gehorche keineswegs jedem nichtsnutzigen Schwörer und Verleumder … und so weiter.“ (Sura al-Qalam 10)
In all diesen Fällen ist es nicht erforderlich, dass die im Vers erwähnten Eigenschaften bei einer bestimmten Person genau in dieser Form anzutreffen sind. So heißt es im folgenden Vers:(Arabisch**********************)„Das Gleichnis der Spende ist wie ein Korn, das sieben Ähren hervorbringt, und in jeder Ähre sind hundert Körner.“
Für das Gleichnis wird hier von einem Samenkorn gesprochen, aus dem sieben Ähren hervorgehen und aus jeder Ähre hundert Körner. Das bedeutet jedoch nicht, dass es tatsächlich ein solches Korn geben muss. Es soll lediglich das Ausmaß der Vervielfachung von Gegenleistung und Lohn veranschaulichen. An solchen Stellen ist es keineswegs eine notwendige Bedingung, dass alle oder auch nur die meisten genannten Eigenschaften vorhanden sind.
Im Koran ist außerdem eine weitere Darstellungsweise zu beobachten. Wenn bei der Darlegung von Rechtsbestimmungen ein Umstand auftritt, der Zweifel hervorrufen könnte, wird dieser Zweifel ausgeräumt. Oder wenn sich hinsichtlich der erwähnten Bestimmung eine spontane Frage ergibt, wird sie im Verlauf der Erörterung beantwortet. Der Zweck einer solchen Darstellung besteht lediglich darin, die zuvor dargelegte Aussage zu bekräftigen. Es bedeutet nicht, dass jemand beim Hören eines solchen Verses tatsächlich diese Frage gestellt oder wirklich einen Zweifel geäußert hätte.
Die Gewohnheit der Sahāba war jedoch, dass sie, sobald sie über solche Verse stritten, zunächst eine Frage formulierten. In Form von Frage und Antwort legten sie dann die Bedeutung des Verses dar. Wenn man diese Stellen eingehend betrachtet, erkennt man, dass der gesamte Abschnitt lediglich einen vollständigen Satz bildet. Es gibt darin keinen Raum, einzelne Teile unter Wahrung der Reihenfolge der Offenbarung vor- oder zurückzustellen. Es handelt sich um einen wohlgeordneten Satz; seine Teile umzustellen oder sein Gefüge aufzubrechen, widerspricht der üblichen Darstellungsweise.
Es gehörte ebenfalls zur Gewohnheit der Sahāba, bei der Erklärung der Bedeutung von Koranversen die Reihenfolge der Verse nicht immer einzuhalten. Das bedeutet nicht, dass sie glaubten, dies sei die Reihenfolge der Offenbarung. Bei einer solchen Anordnung berücksichtigten sie vielmehr die Bedeutung und den Rang der Verse.(Arabisch******************)„Diejenigen, die Gold und Silber horten … und so weiter.“ (Sura at-Tauba 34)
ʿAbdullāh ibn ʿUmar (r.) sagte über den oben genannten Vers, dass er vor dem Vers über die Zakāt offenbart worden sei. Bis dahin war das Horten von Gold und Silber verboten gewesen.
Durch den Zakāt-Vers wurde eine Regelung zur Reinigung des Vermögens eingeführt. Von da an wurde das Ansammeln desselben erlaubt.
Dabei weiß jeder, dass die Sura Barā’a zuletzt offenbart wurde. Dieser Vers gehört zu ihr. Der Vers über die Zakāt war dagegen lange zuvor offenbart worden. Wenn Ibn ʿUmar (r.) hier dennoch eine frühere und spätere Einordnung behauptete, beruhte dies auf dem Vorrang eines besonderen Urteils gegenüber dem allgemeinen Urteil.
Zusammengefasst besteht die Aufgabe der Tafsīr darin, bei diesen unterschiedlichen Umständen nur zwei Dinge zu beachten. Erstens sollen die Kriege und Ereignisse genannt werden, auf die der Vers hinweist und ohne deren Kenntnis seine Bedeutung nicht erschlossen werden kann. Zweitens soll der Schān an-Nuzūl genannt werden, wenn der Vers eine besondere Bedingung oder ein besonderes Geheimnis enthält, das ohne die Kenntnis seines Offenbarungsanlasses nicht verstanden werden kann.
Obwohl die zweite Bedingung nicht zur Tafsīr, sondern zur Tawjīh gehört, erweist sie sich auch in der Wissenschaft der Tafsīr als notwendig. Daher müssen die Mufassirūn auch dies darlegen. Die Wissenschaft der Tawjīh ist ein eigenständiges Gebiet. Sie enthält äußerst genaue Analysen des Satzes, durch die alle diesbezüglichen Fragen ausgeräumt werden.
Zusammenfassung:
Der Kern der gesamten obigen Erörterung ist folgender: Manchmal erscheint ein Vers unklar, und es wird schwierig, das zu beweisen, was sein äußerer Sinn nahelegt. Mitunter zeigt sich im Vers eine solche scheinbare Unzusammenhängendheit, dass es einem Anfänger schwerfällt, seine Bedeutung zu verstehen. Oder eine besondere Eigenschaft oder Bedingung des Verses kommt ihm nicht in den Sinn. Wenn der Mufassir diese Stellen erörtert, beseitigt er alle Schwierigkeiten. Dies nennt man Tawjīh (Analyse). Ein Beispiel ist der folgende Vers:(Arabisch**************)Durch die Anrede „O Schwester Hārūns“ wurden die Bewohner Palästinas nach der Geburt des Propheten ʿĪsā (a.) Maryam (r.) angesprochen. Natürlich wurde hier die Frage gestellt: Zwischen ʿĪsā (a.) und Mūsā (a.) liegen doch mehrere tausend Jahre. Wie konnte Hārūn also der Bruder Maryams sein?
Der Grund für diese Verwirrung liegt darin, dass man Hārūn, den Bruder Mūsās (a.), für den Bruder Maryams hielt. Der Prophet (s.) erklärte als Antwort auf diese Frage, dass es sich um einen anderen Hārūn handelte, der Maryams Bruder war, und dass er wegen des Segens des Namens Hārūns (a.) so genannt worden war. Es war unter den Kindern Israels üblich, Menschen nach den Namen angesehener und frommer Personen zu benennen.
In ähnlicher Weise wurde der Prophet (s.) zu einem Vers befragt: Wie wird der Mensch am Tag der Auferstehung, aus Furcht die Füße in die Luft hebend, vorankommen? Er antwortete: Derjenige, der dem Menschen in dieser Welt die Fähigkeit gab, auf seinen Füßen zu gehen, wird ihm dort die Kraft geben, auf seinem Kopf zu gehen.
Einmal wurde der frühe Koranexeget ʿAbdullāh ibn ʿAbbās (r.) nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen zwei Versen gefragt: Im einen Vers heißt es: „Sie werden einander keine Fragen stellen“, im zweiten: „Sie werden miteinander streiten.“ Wie ist beides miteinander zu vereinbaren?
Er antwortete: Im ersten Vers ist vom Tag des Gerichts die Rede, im zweiten vom Paradies. Am Tag des Gerichts wird niemand die Besinnung haben, etwas zu sagen; erst nachdem sie das Paradies erreicht haben, werden sie Gelegenheit zum Gespräch finden. Dann werden sie miteinander streiten.
Eines Tages wurde ʿĀ’ischa (r.) gefragt: Wenn das Hin- und Herlaufen zwischen Safā und Marwa verpflichtend ist, warum heißt es dann im Koran „lā junāh“ – „es ist kein Schaden“? Sie antwortete: Obwohl es verpflichtend war, vermieden es manche Menschen. An sie richtete sich die Aussage: Wenn ihr ohnehin die Hadsch vollzieht, schadet es euch nicht, auch diese Pflicht zu erfüllen.
ʿUmar (r.) fragte den Propheten (s.) einmal, warum der Bedingungssatz „in khiftum“ – „wenn ihr fürchtet“ – mit der Bestimmung über die Sadaqa verbunden worden sei. Der Prophet (s.) antwortete: Die Geber empfinden beim Spenden keine Mühe, sondern Freude. Allah hat diese Bedingung hier also nicht zu einem besonderen Zweck angebracht, sondern sie lediglich so erwähnt.
Kurz gesagt: Wenn man nach Beispielen für die Tawjīh sucht, findet man unzählige. Hier möchte ich lediglich eine richtige Vorstellung von der Tawjīh vermitteln.
In diesem Zusammenhang halte ich es für sinnvoll, im fünften Kapitel kurz das darzulegen, was Buchārī, Tirmidhī und Hākim über Schān an-Nuzūl und Tawjīh geschrieben haben, und die Überlieferung bis zum Propheten (s.) oder zu den Sahāba zurückzuverfolgen. Daraus ergeben sich zwei Vorteile. Erstens ist dieses Wissen für alle Mufassirūn unerlässlich, ebenso wie die Kenntnis dessen, was ich zur Erklärung der schwierigen Stellen des Korans erwähnt habe. Zweitens wird dadurch deutlich, dass man zum Verständnis der meisten Verse den Schān an-Nuzūl nicht benötigt. Tatsächlich müssen deshalb nur wenige Ereignisse erwähnt werden.
Aus diesem Grund enthalten die beiden zuverlässigsten und authentischsten Werke der Tafsīr nur wenige überlieferte Ereignisse. Muhammad ibn Ishāq, Wāqidī und Kalbī waren in dieser Hinsicht dagegen sehr großzügig. Zu jedem Vers erzählten sie irgendeine Geschichte. Der größte Teil davon wurde von den Muhaddithūn als unzuverlässig beurteilt, oder ihre Überlieferungsketten sind fragwürdig. Es ist ein schwerer Irrtum, solche zweifelhaften und falschen Geschichten zur Bedingung eines Tafsīr-Werkes zu machen. Solche Ereignisse zur Grundlage des Verständnisses des Korans zu nehmen bedeutet letztlich nichts anderes, als sich selbst vom Wissen über den Koran fernzuhalten.
Vierter Abschnitt: Anhang des Kapitels
In diesem Kapitel gibt es noch einige weitere Themen, die für das Verständnis des Korans erforderlich sind. Eines davon ist die Ḥadhf (Auslassung), das heißt, einen Teil eines Satzes unausgesprochen zu lassen und dadurch seine Bedeutung zunächst unbestimmt erscheinen zu lassen. Das zweite ist Ibādāl (Ersetzung), also die Ersetzung einer Sache durch eine andere. Das dritte ist Taqdīm-Taʾkhīr (Voran- und Zurückstellung), das heißt, das zuvor Erwähnte nach hinten und das später Erwähnte nach vorn zu stellen. Viertens geht es um die Verwendung von Mutaschābihāt (bildhaften) und taʿrīḍāt al-kināyāt (andeutenden) Ausdrücken: eine anschauliche und verständliche Darstellung von Sinn, Wesen und eigentlichem Ziel, die mit dem ursprünglichen Gegenstand in Beziehung steht. In der arabischen Fachsprache nennt man dies „istiʿāra bil-kināya“ oder „majāz ʿaqlī“. Bei all diesen Dingen kann es manchmal schwierig sein, den eigentlichen Gegenstand zu verstehen. Im Folgenden werden zu allen Punkten gesonderte Beispiele angeführt. Dadurch wird die Schwierigkeit beseitigt und der Koran leichter verständlich.
1. Ḥadhf
(a) Auslassung des Muḍāf (Genitivverbindungselements).
(b) Auslassung des Mauṣūf (des Gegenstands, dessen Eigenschaften genannt werden).
(c) Auslassung der Mutaʿallaqāt (verbundenen Satzteile).
(d) Auslassung anderer Elemente dieser Art.
Sehen Sie sich dazu die folgenden Beispiele an:
[Erstens] Vers(Arabisch********)
„Doch wahre Frömmigkeit besteht darin, gläubig zu sein … usw.“ (Sure al-Baqara 117)
Hier steht vor „man āmana“ das ausgelassene Wort „birr“. Der vollständige Satz lautet:Arabisch************)
[Zweitens] Vers:(Arabisch*******************)
„Und Wir gaben dem Volk der Thamūd eine Kamelstute als sichtbares Zeichen … usw.“ (Sure Banī Isrāʾīl 59)
In diesem Vers ist vor „mubṣira“ das Wort „āyatan“ ausgelassen. Das betreffende Wort bezieht sich auf „mubṣiratan“, nicht auf „nāqa“. Die Kamelstute ist hier also nicht selbst die Sehende, sondern lediglich ein Zeichen, das anderen die Augen öffnet.
[Drittens] Vers:(Arabisch*****************)
„In ihre Herzen wurde die Liebe zum Kalb eingegeben … usw.“ (Sure al-Baqara 93)
In diesem Vers ist vor „al-ʿijl“ (das Kalb) das Wort „ḥubb“ (Liebe) ausgelassen. Das heißt: In ihren Herzen hatte sich die Liebe zum Kalb festgesetzt.
[Viertens] Vers:(Arabisch**************)
„Hast du etwa einen unschuldigen Menschen getötet … usw.?“
In diesem Vers ist ein Wort ausgelassen, nämlich „qatl“ vor dem Wort „nafs“.(Arabisch*****)
In diesem Vers steht vor dem Wort „fasād“ das Wort „bi-ghayr“. Die Bedeutung lautet: Er hat niemanden getötet und auch kein Unheil gestiftet. Dennoch habt ihr diesen unschuldigen Menschen getötet?(Arabisch**************)
„Was auch immer in den Himmeln und auf der Erde ist … usw.“
Hier würde die Bedeutung lauten: „Was sich im Himmel befindet und auch auf der Erde.“ Doch es gibt nichts, was an beiden Orten zugleich vorhanden wäre. Daher ist hier vor „wa-l-arḍ“ die Wortgruppe „wa-man fī“ ausgelassen. Dann lautet die Bedeutung: „Alles, was im Himmel ist, und alles, was auf der Erde ist.“
[Siebtens] Vers:(Arabisch******************)
In diesem Vers ist vor den beiden Wörtern „ḥayāt“ und „mamāt“ das Wort „ʿadhāb“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Die Strafe während des Lebens wird vermehrt, und auch die Strafe während des Todes wird vermehrt.“
[Achtens] Vers:Arabisch****************)
„Befrage die Ortschaft.“ (Sure Yūsuf 82)
Eine Ortschaft kann man jedoch nicht befragen. Daher ist hier vor „qarya“ (Ortschaft) das Wort „ahl“ (Bewohner) ausgelassen. Die Bedeutung lautet also: „Befrage die Bewohner der Ortschaft.“
[Neuntens] Vers:Arabisch***********************
„Sie haben Allahs Gabe gegen Unglauben eingetauscht.“ (Sure Ibrāhīm 28)
Eigentlich lautet die Form: „fa-jaʿalū makāna schukri niʿmatillāhi kufran“. Die Bedeutung ist: „Statt für Allahs Gabe Dankbarkeit zu zeigen, verfielen sie dem Unglauben.“
[Zehntens] Vers:Arabisch**********************)
Das heißt: „Er führt zu dem, was geeigneter und besser ist.“ (Sure Banī Isrāʾīl 9) Hier ist vor dem Wort „allatī“ das Wort „khaṣlatan“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Er führt zu der Eigenschaft, die geeigneter und besser ist.“
[Elftens] Vers:(Arabisch*********************)
Hier ist vor dem Wort „allatī“ das Wort „khaṣlatan“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Durch jene Eigenschaft, die besser ist.“ (Sure Fuṣṣilat 34)
[Zwölftens] Vers:(Arabisch*****************)
Hier ist vor dem Ausdruck „al-ḥusnā“ das Wort „al-kalima“ oder „al-iʿdāda“ ausgelassen. Der vollständige Satz würde lauten: „al-kalima al-ḥusnā“ oder „iʿdāda ḥusnā“.
[Dreizehntens] Vers:(Arabisch*******************)
In diesem Vers ist vor dem Wort „mulk“ das Wort „ʿahd“ ausgelassen. Der Satz würde lauten: „ʿalā ʿahdi mulki Sulaymān“, das heißt: „zur Zeit der Herrschaft Salomos“.
[Vierzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
„Du hast es deinen Gesandten versprochen.“
Hier ist vor dem Wort „rusulika“ das Wort „alsina“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Du hast es durch deine Gesandten versprochen.“
[Fünfzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
Hier ist vor dem Pronomen „huwa“ das Substantiv „der Koran“ ausgelassen, da zuvor an keiner Stelle ein Substantiv erwähnt wurde.
[Sechzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
„Er verbarg sich hinter dem Vorhang.“ (Sure Ṣād 32)
Hier ist vor „bil-ḥijāb“ der Ausdruck „asch-schams“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Die Sonne verbarg sich hinter dem Vorhang.“
[Siebzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
In diesem Vers wurde das Pronomen „hā“ anstelle des Ausdrucks „qaṣlat aṣ-ṣabr“ verwendet.
[Achtzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
Hier ist zuvor die Wortgruppe „jaʿala minhum“ ausgelassen.
[Neunzehntens] Vers:(Arabisch*******************)
Hier müsste anstelle von „fa-zaʿalahu“ die Form „fa-jaʿala lahu“ stehen.
[Zwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
„Mūsā erwählte aus seinem Volk.“ (Sure al-Aʿrāf 150)
Hier ist vor dem Wort „qawmahu“ die Präposition „min“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Mūsā erwählte einige Menschen aus seinem Volk.“
[Einundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
„Das Volk von ʿĀd verleugnete seinen Herrn.“
Hier ist vor „rabbahum“ das Wort „niʿma“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Sie verleugneten die Gunst ihres Herrn.“
[Zweiundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************) anstelle davon (Arabisch****) bedeutet „stets“.
[Dreiundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
In diesem Vers ist vor „mā naʿbuduhum“, also vor dem Beginn des Verses, das Wort „yaqūlūna“ ausgelassen. Die Bedeutung lautet: „Sie sagten: Wir verehren die Götzen doch nur, damit sie uns Allah näherbringen.“
[Vierundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
„Gewiss, diejenigen, die das Kalb zum Herrn nahmen.“
Hier ist nach dem Wort „ittakhadha“ das Wort „ilāhan“ ausgelassen.
[Fünfundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
In diesem Vers ist nach „ʿan al-yamīn“ der Ausdruck „ʿan asch-schimāl“ ausgelassen.
Das heißt: „Von rechts und von links.“
[Sechsundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
In diesem Vers ist vor „innā la-mughramūn“ das Wort „taqūlūna“ ausgelassen. Das heißt: „Ihr sagt.“
[Siebenundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
„Wenn Wir gewollt hätten, hätten Wir an eurer Stelle Engel eingesetzt.“ (Sure az-Zukhruf 60)
Hier ist vor dem Wort „minkum“ das Wort „badalan“ ausgelassen.
[Achtundzwanzigstens] Vers:(Arabisch*******************)
„So wie dein Herr dich aus deinem Haus hinausgeführt hat … usw.“ (Sure al-Anfāl)
Hier wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen verwendet.
Weitere Arten der Ḥadhf:
Verschiedene Satzteile, etwa das Prädikat von „inna“ oder das Verbobjekt einer Bedingung sowie der Hauptbestandteil des Satzes, werden ausgelassen, sofern der ausgelassene Teil aus dem folgenden Wort oder Satzteil erschlossen werden kann. Diese Methode wird im Koran häufig angewandt, zum Beispiel:
1. Vers:(Arabisch*******************)
„Wenn Ich gewollt hätte, hätte Ich euch allen Rechtleitung geben können … usw.“
Hier ist bei „fa-law schāʾa“ „hidāyatukum“ ausgelassen.
2. Vers:(Arabisch*******************)
„Die Wahrheit ist das, was von deinem Herrn kommt.“
Am Anfang dieses Verses ist das Wort „hādhā“ ausgelassen.
3. Vers:(Arabisch*******************)
„Diejenigen von euch, die vor dem Sieg von Makka ihr Vermögen und ihr Leben eingesetzt haben, und diejenigen, die dies danach getan haben, sind nicht gleich.“
Nach „man min qabli fatḥi wa qitāl“ hätte in diesem Vers „wa-man anfaqa baʿda al-fatḥi wa-qātal“ stehen müssen. Der Sinn wird jedoch durch die abschließende Wortgruppe „ulāʾika aʿẓamu darajatan min alladhīna“ ausgedrückt. Das heißt: Diejenigen, die vor dem Sieg spendeten und kämpften, können hinsichtlich ihres Ranges nicht mit denen gleich sein, die dies danach taten.
4. Vers:(Arabisch*******************)
„Und wenn zu ihnen gesagt wird: Hütet euch vor dem, was vor euch und hinter euch liegt, damit ihr Barmherzigkeit erlangt, wenden sie sich ab, sobald ein Zeichen ihres Herrn zu ihnen kommt.“ In diesem Vers ist nach „khalfakum“ das Wort „aʿraḍū“ ausgelassen.
Wo das Ausgelassene nicht gesucht werden muss
Eine weitere koranische Ausdrucksweise ist dieser ähnlich und muss ebenfalls beachtet werden. Einige Verse beginnen mit dem Wort „idh“, zum Beispiel:
(Arabisch**************)
„Und als dein Herr zu den Engeln sagte … usw.“
Oder:(Arabisch******)
„Und als Mūsā sagte … usw.“
An diesen Stellen drückt „idh“ als Zeitangabe die Bedeutung des Verbs aus. Wenn jedoch mit „idh“ ein plötzliches Ereignis oder Schrecken ausgedrückt werden soll, kann man diesem Wort die Fähigkeit zuschreiben, dies allein auszudrücken, ohne irgendeine Satzgruppe für ein erschreckendes oder plötzliches Ereignis zu verwenden. Schon das Wort „idh“ beeinflusst die Gedanken. Daher muss man an solchen Stellen keinen syntaktischen Wirkfaktor suchen.
Das Auslassen des Ausdrucks nach „annā“ ist ebenfalls weit verbreitet.
Die Araber ließen gewöhnlich vor der betreffenden Wurzel die Präposition aus, die Kasra verlangt, und verwendeten sie in dieser Bedeutung. Auch im Koran wurde diese Ausdrucksweise an manchen Stellen übernommen.
Manchmal wird im Koran der Folgesatz eines Bedingungssatzes ausgelassen. Zum Beispiel:
Auch bei der Bedingungspartikel „law“ ist das Auslassen des Folgesatzes weit verbreitet:(Arabisch****************)
„Und wenn du sehen könntest, wie die Frevler im Todeskampf liegen … usw.“
(Arabisch****************)
„Wenn die Frevler nur die Strafe für ihr Unrecht sehen könnten! … usw.“
Bei solchen Versen wird der Folgesatz der Bedingung ausgelassen. Diese Redewendung wird jedoch nicht in ihrer ursprünglichen Bedeutung, sondern zum Ausdruck des Erstaunens verwendet. Daher muss auch hier nicht nach dem ausgelassenen Teil gesucht werden.
2. Ibādāl:
Ibādāl bedeutet, ein Wort an die Stelle eines anderen zu setzen. Im Koran wird dies häufig verwendet. Die Arten sind verschieden: Manchmal wird ein Verb durch ein Verb, ein Substantiv durch ein Substantiv, eine Präposition durch eine Präposition oder ein vollständiger Satz durch einen vollständigen Satz ersetzt. Außerdem werden das Bestimmte durch das Unbestimmte, das Maskulinum durch das Femininum und der Singular durch den Plural ersetzt. Im Folgenden wird dies ausführlich erläutert.
Ersetzung eines Verbs durch ein Verb:
Diese Ausdrucksweise ist sehr verbreitet. Ihre Zwecke sind zahlreich und verschieden, gehören jedoch nicht zum Gegenstand dieses Buches. Ein Beispiel ihrer Verwendung im Koran ist:
1. Vers:(Arabisch****************)
„War es dieser, der eure Götter erwähnte?“ (Sure al-Anbiyāʾ 36)
Hier wurde ein Verb verwendet, obwohl ursprünglich ein anderes Verb stand. Da das Verb „beschimpfen“ als unhöflich gilt, wurde stattdessen das Verb „erwähnen“ verwendet.
Eine solche Ausdrucksweise kommt auch in unserem täglichen Leben häufig vor. Wenn jemand krank ist, sagt man beispielsweise: „Der und der ist nicht wohlauf.“ Man sagt auch: „Durch die Ankunft des Ehrwürdigen sind wir geehrt“ oder „Der hochgeehrte Herr weiß über alles Bescheid“; gemeint ist damit: „Sie sind gekommen“ beziehungsweise „Sie wissen alles.“ Auch im Koran wird diese Ausdrucksweise verwendet. Zum Beispiel:
2. Vers:(Arabisch*****************)
„Mir wird keine Hilfe zuteil.“ (Sure al-Anbiyāʾ 43)
Hier wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen verwendet. Da Begleitung für Hilfe unerlässlich ist, wurde das Wort „Begleitung“ anstelle von „Hilfe“ gesetzt.
3. Vers:(Arabisch*****************)
„Was in den Himmeln und auf der Erde verborgen ist.“ (Sure al-Aʿrāf 187)
Hier wurde ein Wort anstelle eines anderen verwendet. Denn was den Bewohnern der Himmel und der Erde unbekannt ist, erscheint ihnen schwer erträglich. Deshalb erfolgte diese Ersetzung. Es handelt sich um eine Ersetzung, in der der ursprüngliche Ausdruck noch anklingt.
4. Vers:(Arabisch*****************)
„Was euren Neigungen zuträglich ist.“ (Sure an-Nisāʾ 4)
Ursprünglich lautete es:(Arabisch*****************)Manchmal wird ein Substantiv durch ein anderes Substantiv ersetzt. Zum Beispiel:
1. Vers:(Arabisch*****************)
„Aus Furcht werden sie vor ihm ihre Köpfe senken.“ (Sure asch-Schuʿarāʾ 4)
Hier wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen verwendet.
2. Vers(Arabisch*****************)
„Und sie war fest im Glauben und in der Überzeugung.“ (Sure at-Taḥrīm 12)
Hier wäre ursprünglich wegen des femininen Subjekts eine feminine Form verwendet worden.
3. Vers:(Arabisch*****************)
„Danach haben sie keinen Helfer.“ (Sure Āl ʿImrān 22)
In diesem Vers wäre ursprünglich der Singular verwendet worden.
4. Vers:(Arabisch*****************)
„Danach wird euch auf diesem Weg niemand hindern.“ (Sure al-Ḥāqqa 47)
Auch in diesem Vers wäre ursprünglich der Singular verwendet worden.
5. Vers:(Arabisch*****************)
„Bei der Nachmittagszeit! Der Mensch befindet sich wahrlich im Verlust.“ (Sure al-ʿAṣr 1–2)
In diesem Vers wurde für die gesamte Menschheit der Singular verwendet, weil er eine Gattungsbezeichnung ist.
6. Vers:(Arabisch*****************)
„O Mensch! Du strebst mit aller Kraft deinem Herrn entgegen.“ (Sure al-Inschiqāq 6)
Auch hier wurde aus demselben Grund der Singular „Mensch“ anstelle der gesamten Menschheit verwendet.
7. Vers:(Arabisch*****************)
„Und der Mensch nahm es auf sich.“ (Sure al-Aḥzāb 72)
Auch hier wird aus demselben Grund mit „Mensch“ die gesamte Menschheit bezeichnet.
8. Vers:(Arabisch*****************)
„Das Volk Noahs erklärte die Propheten für Lügner.“ (Sure asch-Schuʿarāʾ 105)
Hier wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen verwendet. Obwohl alle Propheten erwähnt werden, ist nur der ehrwürdige Noah gemeint.
9. Vers:(Arabisch*****************)
„Gewiss, Wir haben dir einen deutlichen Sieg verliehen.“ (Sure al-Fatḥ 1)
Hier wäre der Singular „fataḥtu“ zu erwarten gewesen, doch es wurde der Plural verwendet.
10. Vers:(Arabisch*****************)
„Gewiss, Ich bin mächtig.“ (Sure al-Maʿārij 40)
Hier wurde der Plural anstelle des Singulars verwendet.
11. Vers:(Arabisch*****************)
„Und Allah lässt Seine Gesandten siegen.“ (Sure al-Ḥaschr 6)
Auch hier wurde der Plural „Gesandte“ verwendet, obwohl inhaltlich nur der ehrwürdige Muḥammad gemeint ist.
12. Vers:(Arabisch*****************)
„Diejenigen, zu deren Gunsten alle sagten.“ (Sure Āl ʿImrān 173)
Hier wurde ein Ausdruck für die Gruppe von ʿUrwa ath-Thaqafī verwendet.
13. Vers:(Arabisch*****************)
„Da ließ Allah ihn den Geschmack des Gewandes des Hungers kosten.“ (Sure an-Naḥl 112)
Auch in diesem Vers wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen verwendet. Der Grund ist eine besondere Ähnlichkeit zwischen beiden: Auch der Hunger schwächt den Körper und legt sich wie ein Gewand um den ganzen Körper.
14. Vers:(Arabisch*****************)
„Allahs Farbe.“ (Sure al-Baqara 138)
Hier wurde das Wort „ṣibgha“ anstelle von „Dīn“ verwendet. Ein Grund dafür ist, dass die Religion das Herz ebenso färbt, wie Farbe an einem Kleid haftet. Ein zweiter Grund ist die Anknüpfung an einen besonderen Ausdruck der Christen.
15. Vers:(Arabisch*****************)
Hier wurde der Plural „sinīn“ anstelle des Singulars verwendet.
16. Vers:(Arabisch*****************)
In diesem Vers wurde „Ilyāsīn“ anstelle von „Ilyās“ verwendet. Der Grund ist die klangliche Übereinstimmung zwischen „mubaddal“ und „mubaddal minhu“. Außerdem verleiht dies der Darstellung mehr Schwung.
Ersetzung einer Präposition durch eine andere:
1. Vers:(Arabisch*****************)
„Und als sein Herr den Berg erstrahlen ließ.“ (Sure al-Aʿrāf 143)
In diesem Vers steht zusammen mit dem betreffenden Ausdruck eine Präposition, die Kasra verlangt. Sie wurde anstelle einer anderen Präposition verwendet. Das heißt: so, wie sich zuvor auf dem ersten Baum das Licht entfaltete.
2. Vers:(Arabisch*****************)
„Sie eilten dorthin.“ (Sure al-Muʾminūn 61)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
3. Vers:(Arabisch*****************)
„Bei Mir brauchen die Gesandten keine Angst zu haben, außer demjenigen, der Unrecht tut.“ (Sure an-Naml 10–11)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
4. Vers:(Arabisch*****************)
„Ich werde euch gewiss an den Stämmen der Palmen kreuzigen.“ (Sure Ṭā Hā 71)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
5. Vers:(Arabisch*****************)
„Haben sie etwa Leitern, auf denen sie hinaufsteigen und zuhören können?“ (Sure aṭ-Ṭūr 38)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
6. Vers:(Arabisch*****************)
„Der Himmel wird dadurch bersten.“ (Sure al-Muzzammil 18)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
7. Vers:(Arabisch*****************)
„Sie sind deswegen hochmütig.“ (Sure al-Muʾminūn 67)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
8. Vers:(Arabisch*****************)
„Sein Hochmut veranlasste ihn, sich in Sünde zu stürzen.“ (Sure al-Baqara 206)
Hier wurde ein Ausdruck anstelle eines anderen und eine weitere Präposition anstelle der ursprünglichen verwendet. Die Bedeutung lautet: „Würde und Macht trieben ihn zur Sünde.“
9. Vers:(Arabisch*****************)
„Befrage darüber einen Kundigen.“ (Sure al-Furqān 59)
Auch hier wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
10. Vers:(Arabisch*****************)
„Verzehrt nicht ihren Besitz zusammen mit eurem eigenen Besitz.“ (Sure an-Nisāʾ 2)
Auch hier wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
11. Vers: Ursprünglich lautete es: …; die Bedeutung ist: „einschließlich der Ohren.“ (Sure al-Māʾida 6)
12. Vers:(Arabisch*************)
„Allahs Diener trinkt daraus Wasser.“ (Sure al-Insān 6)
Ursprünglich lautete es:(Arabisch*************)
„Allahs Diener trinkt daraus Wasser.“
13. Vers:(Arabisch*************)
Wenn sie sagen: „Allah hat den Menschen nichts herabgesandt“, geben sie Allah nicht die Ihm gebührende Ehre. (Sure al-Anʿām 91)
In diesem Vers wurde eine Präposition anstelle einer anderen verwendet.
Verwendung eines Satzes anstelle eines anderen:
Manchmal wird ein vollständiger Satz ausgelassen und an seiner Stelle ein anderer Satz verwendet. Dies geschieht nur, wenn der zweite Satz die Bedeutung des ersten ausdrückt und auf dessen Existenz hinweist. Dadurch bleibt die Bedeutung zwar vollständig erhalten, doch die Satzstruktur wird verkürzt. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch*************)
„Wenn ihr mit ihnen zusammenlebt, werden sie eure Brüder. (Sure al-Baqara – 220)
Ursprünglich lautete es: (Arabisch**********************)
2. Vers: (Arabisch*************)
„Der von Allah erhaltene Lohn ist gewiss besser als dieser.“ (Sure al-Baqara – 103)
Der Satz hätte folgendermaßen gelautet:
3. Vers: (Arabisch*************)
„Wenn er gestohlen hat, dann hat auch sein Bruder zuvor gestohlen.“ (Sure Yusuf 77)
Der Satz lautete: (Arabisch****************)
„Wenn er gestohlen hat, ist das nicht verwunderlich. Denn sein Bruder ist ebenfalls ein Dieb.“
4. Vers: (Arabisch*************)
„Wenn jemand Dschibril zum Feind nimmt, sollte er sich daran erinnern, dass Allah allein ihn in dein Herz herabgesandt hat.“ (Sure al-Baqara 97)
Die ursprüngliche Form des Satzes: (Arabisch******************)
„Wer Dschibril zum Feind hat, ist Allahs Feind, ist Allahs Feind. Denn Er hat ihn zu dir gesandt. Wer ihm also Feindschaft entgegenbringt, wünscht sich eben die Feindschaft Allahs.“
Ersetzung eines unbestimmten Wortes durch ein bestimmtes Wort:
Manchmal verlangt der Sprachgebrauch, dass ein unbestimmtes Wort bestimmt verwendet wird. In diesem Fall werden die Kennzeichen und Regeln der Bestimmtheit angewandt. Die Bedeutung bleibt jedoch unbestimmt. Zum Beispiel:
1. (Arabisch************)Ursprünglich stand hier eine andere Form. Durch diese Änderung wurde der Satz verkürzt.
3. Ursprünglich war die Form anders. Doch ein Zusatz wurde ausschließlich zur Erleichterung der Aussprache eingefügt.
Änderung von Genus und Numerus::
Manchmal wird ein Pronomen entsprechend den natürlichen Erfordernissen des Sprachgebrauchs feminin, manchmal auch maskulin verwendet. Mitunter ist dabei die Verwendung des Singulars erforderlich. Der Grund für diese Änderung liegt darin, die ursprüngliche Bedeutung im Satz in Einklang zu bringen. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch*************)
„Als er die Sonne erstrahlen sah, sagte er: Das ist mein größter Herr.“ (Sure al-Anʿām 78)
In diesem Vers wurde anstelle des Maskulinums von „Schams“ in „Bāziʿātan“ das feminine Pronomen verwendet.
2. Vers: (Arabisch*************)
„Ihr Gleichnis ist das einer Gruppe, die ein Feuer entzündete; und sobald es ringsum erhellt war, nahm Allah ihnen ihr Augenlicht.“ (Sure al-Baqara 17)
In diesem Vers wurde anstelle des Pluralpronomens von „Adāt“ der Singular verwendet. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch*************)
In diesem Vers steht das Verb (***) im Singular, obwohl seine Subjekte Allah und der Gesandte sind, also zwei Personen. Dasselbe gilt für das Pronomen von (***). Da sich die Handlung Allahs und des Gesandten auf dieselbe Sache bezieht, wurde anstelle des Duals der Singular verwendet.
2. Vers: (Arabisch*************)
„Wenn ich ein Zeichen von meinem Herrn erhalten habe und auch Barmherzigkeit von Ihm erlangt habe … usw. (Sure Hūd 28)
Hier bezieht sich (***) sowohl auf (****) als auch auf (***). Daher hätte (***) im Dual stehen müssen. Da jedoch der Zustand beider derselbe ist, wurde der Singular verwendet.
Änderung von Satzteilen
Je nach den Erfordernissen des Sprachgebrauchs müssen bei Bedingungs- und Schwursätzen bisweilen sowohl der Bedingungsteil und der Schwurteil als auch der Antwortteil vollständig vorhanden sein. Auch in einem solchen Fall wird ein Teil zu einem eigenständigen Satz gemacht. Denn diese Änderung wird vorgenommen, ohne den Zusammenhang mit der Bedeutung zu lösen. Allerdings muss darin ein Hinweis enthalten sein, der auf irgendeine Weise diese Änderung andeutet. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch*************)
Beim Schwur auf jene Engel, die streng zugreifen, die die Seelen aus ihren Fesseln lösen, mit ihnen auf dem Luftweg allen vorauseilen und verschiedene Angelegenheiten verwalten; an dem Tag, an dem der Erschütternde erschüttern wird. (Sure an-Nāziʿāt 1–6)
In diesem Vers wird vom Anfang bis zum Ende geschworen. Doch die Aussage, die auf den Schwur folgt, wird nicht erwähnt. Sie lautet, dass Haschr und Naschr wahr sind. Stattdessen wurde jedoch gesagt: „Yawma tarzifu ar-rādifa“, und genau dieser Satz bringt die eigentliche Aussage zum Ausdruck.
2. Vers: (Arabisch*************)
„Beim Himmel mit den Umlaufbahnen! Beim verheißenen Tag! Beim Zeugen und beim Bezeugten! Vernichtet wurden die Leute des Feuergrabens.“ (Sure al-Burūǧ 1–4)
Auch in diesem Vers fehlt die Aussage, die auf den Schwur folgt. Sie lautet, dass die Vergeltung für die Taten wahr ist.
3. Vers: (Arabisch*************)
„Wenn der Himmel sich spaltet, seinem Herrn gehorchend, und dies ihm gebührt; und wenn die Erde ausgebreitet wird und alles, was in ihr ist, herauskommt, ihrem Herrn gehorchend, und dies ihr gebührt. O Mensch! Gewiss, du wirst dich mit großer Anstrengung abmühen.“ (Sure al-Inšiqāq 1–6)
Der Sinn dieses Verses ist, dass die Vergeltung für die Taten und die Abrechnung wahr sind. Auch hier wurde lediglich die Bedingung genannt. In ihrer Antwort wurde nichts gesagt.
Änderung der Darstellungsweise:
Mitunter ändert sich die Darstellungsweise eines Satzes. Der Satz verlangt vielleicht eine Aussage in der zweiten Person. Stattdessen wird dort eine Aussage in der dritten Person vorgelegt. Zum Beispiel:
Vers: (Arabisch*********************)
„Selbst wenn ihr euch auf den Schiffen befindet und sie mit Hilfe einer sanften Brise dahingleiten.“ (Sure Yunus 22)
Hier steht (***) im Plural der zweiten Person. Es verlangt, dass der vollständige Satz in dieser Form lautet. Doch die Darstellungsweise wurde geändert. (***) wurde in der dritten Person verwendet.
Auf diese Weise wird bisweilen durch eine Änderung der Satzform die „Inschāʾ“ in eine Aussage und die Aussage in eine „Inschāʾ“ umgewandelt. Ebenso wird ein durch ein Verb gebundener Satz in einen Inschāʾ-Satz und ein Inschāʾ-Satz in einen verbbasierten Satz umgewandelt. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch***************)
Hier ist das hinweisende Wort Bestandteil eines Inshāʾ-Satzes. Der Bedeutung nach handelte es sich jedoch um einen verbalen Satz. Die Form des genannten Wortes war ein imperfektives Verb. (Sure al-Mulk, 15)
2. Vers:(Arabisch*********************)
„Wenn ihr gläubig seid.“ (Sure al-Baqara, 93)
Da der Satz mit einem Bedingungswort beginnt, wurde auch er zu einem Inshāʾ-Satz. Der ursprüngliche Satz ist jedoch ein Aussagesatz oder ein verbaler Satz. Er lautet:
Das heißt: Dies ist es, was euer Glaube verlangt.
3. Vers:(Arabisch*********************)
„Aus diesem Grund habe Ich es den Kindern Israels zur Pflicht gemacht.“ (Sure al-Māʾida, 32)
Der Satz lautete: „Auf der Grundlage des Zustands der Kinder Adams oder nach diesem Beispiel habe Ich dies den Kindern Israels zur Pflicht gemacht.“ Die Wendung „auf der Grundlage des Zustands der Kinder Adams oder nach dem Beispiel für den Zustand der Kinder Adams“ wurde jedoch durch die Wendung „aus diesem Grund“ (min ajali dhālik) ersetzt. In der Regel beruht Qiyās auf einem bestimmten Grund. Die ausführliche Formulierung würde lediglich eine Analyse liefern. Um dies zu vermeiden und den Satz zu verkürzen, wurde so verfahren.
4. (**) Dies ist ein Fragepartikel. Es wurde aus dem Wort „sehen“ gebildet. Hier jedoch wurde es zur Warnung in einen Fragepartikel umgewandelt. Dies geschieht, um die Aufmerksamkeit auf den folgenden Satz zu lenken. So sagen wir auch im täglichen Leben, etwa: Haben Sie gesehen? Haben Sie gehört?
Voran- und Nachstellung von Satzteilen::
Manchmal wird in der Satzstruktur der vordere Teil eines Satzteils nach hinten und der hintere Teil nach vorn versetzt. Dadurch wird es schwierig, die ursprüngliche Bedeutung zu verstehen. Dies lässt sich anhand der beiden folgenden berühmten arabischen Verse verstehen:
Fernbezug::
Manchmal bezieht sich ein Wort auf ein weit entferntes anderes Wort oder einen weit entfernten Gedanken. Auch aus diesem Grund wird der Satz schwer verständlich.
Viele weitere solcher Fälle gibt es. Dadurch bleibt es schwierig, die Bedeutung eines Verses zu verstehen. Zum Beispiel die fortlaufende Verwendung von „illā“ (außer).
1. Vers:(Arabisch*********************)
„Wir haben alle gerettet, außer der Familie Lots, außer seiner Frau.“ (Sure al-Higri 59)
Hier ist nach einer Ausnahme noch eine weitere Ausnahme eingefügt worden, wodurch die Bedeutung unverständlich geworden ist.
2. Vers: (Arabisch*********************)
„Was hat dich danach dazu gebracht, das Jenseits zu leugnen? (Sure at-Tin 7)
In diesem Vers steht es unmittelbar verbunden. (Arabisch*******************)
„Allah hat den Menschen gewiss in einer schönen Gestalt erschaffen.“ (Sure at-Tin 4)
Dabei besteht dem Anschein nach keinerlei Übereinstimmung zwischen der Bedeutung dieser beiden Verse. Deshalb ist sie unverständlich geworden.
3. Vers: (Arabisch*********************)
Die Bedeutung lautet: Er ruft denjenigen an, dessen Schaden näher liegt als sein Nutzen. Eigentlich ist gemeint, dass er gerade denjenigen anruft, dessen Schaden seinem Nutzen näher liegt. Hier ist das Verständnis der Bedeutung dadurch erschwert worden, dass ein Wort durch ein anderes ersetzt wurde. (Sure al-Haddsch 13)
4. Vers: (Arabisch*********************)
Die ursprüngliche Form des Verses lautete: (Arabisch************)
Da sich jedoch die Ausdrucksweise geändert hat, kam es auch zu einer gewissen Veränderung der Wörter; aus diesem Grund ist die Bedeutung schwer verständlich geworden. (Sure al-Qasas 26)
5. Vers: (Arabisch*********************)
„Und streicht über eure Köpfe und eure Füße … Am Ende hätte stehen sollen: (Arabisch***********)
Hier ist eine durch ein entferntes Präpositionselement verursachte Unverständlichkeit entstanden. (Sure al-Ma’ida 6)
6. Vers: (Arabisch*********************)
„Wenn euer Schicksal und ein bestimmter Zeitpunkt nicht zuvor festgelegt gewesen wären, wärt ihr ergriffen worden.“ (Sure Taha 129)
Hier hätte stehen müssen: (Arabisch***********)
Diese Unverständlichkeit entstand durch die Abweichung in der Satzstellung.
7. Vers: (Arabisch*********************)
„Wenn ihr dies nicht tut, werdet ihr in Bedrängnis geraten.“ (Sure al-Anfal – 73)
Damit zusammen )(Arabisch*********)
„Danach ist euch Beistand unerlässlich.“ (Sure al-Anfal – 72)
Aufgrund des fehlenden gegenseitigen Zusammenhangs ist Unverständlichkeit entstanden.
8. Vers: (Arabisch***************)
„mit Ausnahme des Ausspruchs Ibrahims.“ Sure al-Mumtahina 4)
Der zu diesem Vers gehörende Vers lautet: ((Arabisch***************)
„In Ibrahim habt ihr ein vortreffliches Vorbild.“
Da die Verbindung zwischen diesen beiden unklar ist, ist die Unverständlichkeit entstanden.
9. Vers: (Arabisch***************) (Sure al-Aʿrāf 187)
In diesem Vers ist die Unverständlichkeit aufgrund einer Abweichung in der Satzstellung entstanden. Im Vers stand „anhā“ unmittelbar nach „yasʾalūnaka“. Im Satz jedoch kam es nach „hafīyan“, wodurch es schwierig wurde, die gegenseitige Beziehung der Wörter zu verstehen; deshalb entstand diese Unverständlichkeit.
Die Gestalt des Verses wäre folgende:
Aufgrund eines zusätzlichen Wortes innerhalb des Satzes:
Manchmal ergibt sich die Schwierigkeit eines Verses, abgesehen von Ausnahmen bei Redewendungen oder im Satzbau, aus mehreren weiteren Gründen. Zum Beispiel:
1. Durch die Verwendung eines Adjektivs (Ṣifa):
(a) Vers:(Arabisch***************)
Und es gibt keinen Vogel, der nicht mit seinen beiden Flügeln fliegt. (Sure al-Anʿām 38)
(b) Vers:(Arabisch***************)
„Der Mensch ist gewiss als ein weichherziges Wesen erschaffen worden. Wenn ihn ein Unglück trifft, bricht er zusammen, und wenn es ihm gut geht, gerät er in Hochstimmung.“ (Sure al-Maʿāriǧ 19–21)
2. Durch die Wiederholung des Ersatzes (Badal) eines Satzteils:(Arabisch***************)
für diejenigen, die als schwach angesehen wurden, unter ihnen für diejenigen, die glaubten. (Sure al-Aʿrāf 75)
3. Manchmal, wenn in einem zusammengesetzten Satz der eine Teil den anderen erklärt: (Arabisch***************)
Selbst als er volljährig wurde und das vierzigste Lebensjahr erreichte. (Sure al-Ahqāf 15)
4. Wenn ein Buchstabe wiederholt oder ein Wort wiederholt erwähnt wird—
(a) Vers: (Arabisch***************)
Diejenigen, die anstatt Allahs andere Teilhaber folgen, folgen bei dem, was sie befolgen, nichts anderem als einer Vermutung. (Sure Yūnus 66)
Die ursprüngliche Form des Satzes lautet: (Arabisch***************)
(b) Vers (Arabisch***************)
„Und als zu ihnen eine Schrift kam, die ihre Schrift bestätigte, obwohl sie zuvor mit ihrer Hilfe über die Ungläubigen zu siegen pflegten, erkannten sie sie, als sie dann kam, nicht und verleugneten sie.“ (Sure al-Baqara 89)
In diesem Vers ist die Bedeutung durch die Wiederholung von (***) unverständlich geworden.
(c) Vers: (Arabisch***************)
„Und diejenigen sollten Allah fürchten, die sich davor fürchten würden, unmündige Kinder zurückzulassen, weil sie sich fragen, was nach ihnen aus ihnen werden soll. Daher sollten sie Allah fürchten.“ (Sure an-Nisāʾ 9)
Auch hier ist die Bedeutung dadurch unklar geworden, dass die „Gottesfurcht“ zweimal erwähnt wird.
5. Vers: (Arabisch***************)
Sie fragen dich nach den Neumonden. Sag: Sie sind Zeitbestimmungen für die Menschen und ein Zeichen für die Zeit des Hadsch. (Sure al-Baqara 189)
Hier hätte es kurz heißen können: (Arabisch***************)
„Die Neumonde sind für die Menschen ein Zeichen für die Zeit ihres Hadsch.“ Doch durch die Hinzufügung von (**) wurde der Ausdruck zwar etwas länger, aber der Nutzen ist größer. Das heißt: Der Mond dient nicht nur dazu, die Zeit des Hadsch anzuzeigen, sondern auch dazu, den Kalender der Menschen festzulegen.“
6. Vers: (Arabisch***************)
„Warne die Bewohner von Mekka und die in seiner Umgebung, und warne vor dem Tag der Auferstehung.“ (Sure asch-Schura-7)
Die ursprüngliche Form lautet: (Arabisch***************)
Hier hat (**) für Verwirrung gesorgt.
7. Vers: (Arabisch***************)
„Wenn du die Berge siehst, wirst du meinen, sie seien festgefügt.“ (Sure an-Naml-88)
Hier ist (**) überflüssig. Unter den verschiedenen Bedeutungen von (**) wurde es hier eingefügt, um (**) verständlich zu machen. Dadurch wurde der Satz kompliziert.
8. Vers: (Arabisch***************)
„Die Menschen waren eine einzige Gemeinschaft. Dann sandte Allah die Propheten, um ihnen frohe Botschaft zu verkünden und sie zu warnen, und sandte mit ihnen das Buch der Wahrheit herab, damit es die Streitigkeiten der Menschen untereinander schlichte. Niemand erhob dagegen Einwand. Nur die Anhänger der früheren Schriften stellten sich dagegen – und auch das erst, nachdem die neue Schrift herabgesandt worden war, aus bloßem Trotz. Allah leitet, wen Er will, auf den geraden Weg.“ (Sure al-Baqara 2:213)
Jeder Satz des oben genannten Verses ist wohlgeordnet und in sich geschlossen. Dennoch wurde in der Mitte die Formulierung (*****) eingefügt. Dies geschah, damit das Pronomen im Abschnitt (****) eindeutig sei. Mit anderen Worten: Es soll klargestellt werden, dass diejenigen unter den Empfängern der früheren Offenbarungsschriften, deren Uneinigkeit und Meinungsverschiedenheiten erwähnt wurden, diese Widersprüche unmittelbar nach Erhalt der Schrift hervorbrachten. Sie befolgten einige Bestimmungen der Schrift und leugneten andere.
Aufgrund der Hinzufügung eines Präpositionsbuchstabens im Satz:
Der Koran verwendet an manchen Stellen zusammen mit dem Subjekt oder Objekt einen Präpositionsbuchstaben und macht ihn dadurch zu einem vom Verb regierten Ausdruck. Dadurch wird die Bedeutung von Verbindung und Nachfolge verstärkt. Zum Beispiel:
1. Vers (Arabisch***************)
Eigentlich hätte es heißen müssen: (***)
2. Vers: (Arabisch***************)
„Und Wir ließen Jesus, den Sohn Marias, ihnen auf ihren Spuren folgend nach ihnen kommen. (Sure al-Ma’ida 5:46)
Eigentlich hätte es heißen müssen: (Arabisch***************)
„Nach ihnen entsandte Ich Jesus.“
„Aufgrund des zusätzlichen Wāw der Verbindung:
Hier muss noch ein weiteres Geheimnis offengelegt werden. Das ist: Der Buchstabe „Wāw“ dient gewöhnlich dazu, zwei Sätze miteinander zu verbinden. In vielen Fällen dient er jedoch auch dazu, die Aufeinanderfolge zu bekräftigen. Zum Beispiel:
(a) vom Vers (Arabisch***************) an
(b) (Arabisch***************) bis
(c) Vers: (Arabisch***************)
(d) Vers: (Arabisch***************)
Aufgrund der zusätzlichen Verbindung des „Fa“
An manchen Stellen wird auf diese Weise ein „Fa“ verwendet. Es hat keine eigenständige Bedeutung, sondern dient lediglich dazu, die Schönheit des Satzes zu steigern.
Allāma Qustalānī schreibt in seiner Erläuterung des Kitāb al-Haddsch, wo er die Frage behandelt, ob der Abschiedstawāf verpflichtend ist, wenn jemand mit der Absicht zur Umra aufbricht, die Umra vollzieht und Mekka anschließend verlässt, hierzu beiläufig: „Wenn beabsichtigt wird, die Beziehung zwischen Eigenschaft und Bezugswort zu bekräftigen, ist es zulässig, zwischen diesen beiden eine Konjunktion zu verwenden. Zum Beispiel:
Vers:(Arabisch***********)
Als die Heuchler und diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist, dies sagten. (Sure al-Anfāl 49)
Hier bezeichnen „die Heuchler“ und „diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist“ ein und dieselbe Person; es handelt sich um Eigenschaft und Bezugswort. Das „Wāw“ wurde lediglich verwendet, um dem Satz Nachdruck zu verleihen.
Der berühmte Grammatiker Sībawaih schreibt im Zusammenhang mit der Erläuterung dieses Verses, dass dieser Vers genau dem folgenden Satz entspricht:(Arabisch***********)
„Ich ging mit Zaid und deinem Freund.“
Wenn hier mit „deinem Freund“ Zaid gemeint ist, dann ist „Zaid“ das Mawsuf und „dein Freund“ die Sifat. Dennoch befindet sich zwischen beiden eine Konjunktion.
Allama Zamachschari sagt über den folgenden Vers:(Arabisch***********)
„Wir haben keine Ortschaft vernichtet, deren Bewohner nicht eine besondere Schrift besaßen. (Sure al-Hidschr-4)
Hier steht die Konjunktion zwischen der Sifat und dem Mawsuf lediglich dazu, die Sifat zu betonen. Im folgenden Vers wurde genau diese Methode angewandt.
„Wir haben keine Ortschaft vernichtet, für die es keinen Warner gab.“ (Sure asch-Schura-208)
Hier dient die Konjunktion dazu, eine Beziehung zwischen der Sifat und dem Mawsuf herzustellen; auch hier besteht der Zweck darin, die Sifat zu betonen. Dieser Vers entspricht dem folgenden Satz:(Arabisch***********)
An ihrer Stelle: „Zaid ist gekommen und an seinem Körper befindet sich ein Gewand.“
Zwischen den beiden Teilen des Satzes steht die Konjunktion nur dem Namen nach. Sie hat keinen Bedeutungsunterschied bewirkt. Hier hätte man auch ohne die Konjunktion auskommen können.
Verstreute Pronomen:
Manchmal wird ein Vers unverständlich, weil ein Pronomen nicht näher bestimmt ist. Manchmal entstehen Schwierigkeiten auch dadurch, dass dasselbe Wort zwei Bedeutungen ausdrückt. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch***********)
„Und wahrlich, sie halten sie von ihrem rechten Weg ab, während sie meinen, selbst rechtgeleitet zu sein. (Sure az-Zuḫruf 37)
In diesem Vers werden drei Pronomen verwendet. Alle drei sind unbestimmt. Daher ist nicht zu erkennen, wer vom geraden Weg abbringt und wer sich trotz des Beschreitens des falschen Weges für rechtgeleitet hält. Werden die Pronomen näher bestimmt, lautet der Vers folgendermaßen:“
(Arabisch***********)
„Wahrlich, die Satane halten die Menschen vom rechten Weg ab, und die Menschen meinen, dass sie gewiss den richtigen Weg beschreiten.
Und (***) bedeutet an einer Stelle Satan, an einer anderen Stelle Engel.
2. Vers:(Arabisch***********)
„Sie fragen dich, wem sie spenden sollen. Sprich: Was immer sie spenden, ist gut.“ (Sure al-Baqara 215)
3. Vers:(Arabisch***********)
„Sie fragen dich, was sie spenden sollen. Sprich: Was darüber hinausgeht, sollen sie spenden.“ (Sure al-Baqara 219)
Die Antwort im ersten Vers ist deshalb richtig, weil sie nach den Empfängern der Spende gefragt hatten. Daher wurde gesagt: „Wohin auch immer sie spenden, es ist gut.“ Aus der Art der Antwort im zweiten Vers wird dagegen ersichtlich, dass sie nach der Höhe der Spende gefragt hatten. Daher war für sie diese Antwort richtig: „Sie sollen ihr überschüssiges Vermögen spenden.“
Auf diese Weise werden die Verse bisweilen auch dadurch unverständlich, dass verschiedene Wörter dieser Art an verschiedenen Stellen jeweils unterschiedliche Bedeutungen ausdrücken. Zum Beispiel: (a) Ein Wort wird im Sinne eines anderen Wortes verwendet. Zum Beispiel: Allah hat Finsternis und Licht erschaffen. (Sure al-Anʿām 1)
(b) Bisweilen wird es im Sinne der ʿAqīda, also des Glaubens, verwendet. Zum Beispiel:(Arabisch******************)
„Ihre Auffassung über Allah besteht darin, dass auch Er etwas wie irgendein von ihnen gesehenes Ding sei.“ (Sure al-Anʿām 136)
So wird das Wort (**) manchmal als Subjekt, manchmal als Objekt und in anderen Funktionen verwendet. Zum Beispiel:
1. Vers: (Arabisch******************)
Das heißt: Sind sie etwa ohne irgendetwas einfach so erschaffen worden? (Sure at-Tur, 35)
Hier wird (***) als (***) verstanden, das heißt als Schöpfer.
2. Vers: (Arabisch******************)
„Fragt mich nicht nach einer solchen Angelegenheit. (Sure al-Kahf, 70)
Hier bezeichnet (***) etwas, das die menschlichen Möglichkeiten übersteigt.
Manchmal bezeichnet man mit „Khabar“ (Prädikat) das mit dem „Khabar“ verbundene Ereignis. Zum Beispiel: (*****) (eine gewaltige Nachricht); hier bezeichnet (***) jenes schreckliche damit verbundene Ereignis, für das dieses Wort verwendet wird.
Auf diese Weise werden durch (***) und (***) oder durch deren Synonyme an verschiedenen Stellen unterschiedliche Bedeutungen angenommen. Daher wird es auch hier, wie bei den anderen, schwierig zu bestimmen, welche Bedeutung jeweils gemeint ist.
Zerstreut angeordnete Verse:
Auch wenn die Verse zerstreut angeordnet sind, entsteht Unverständlichkeit. Manchmal ist ein Vers seinem Sinn nach als Schluss einer Geschichte am Ende zu erwarten, doch er ist bereits vorher gekommen. Danach wird die Geschichte erneut erzählt.
Manchmal kommt ein Vers, obwohl er hinsichtlich der Offenbarung früher an der Reihe war, beim Lesen später. Dadurch wird es schwierig, die Bedeutung zu erfassen. Zum Beispiel:
(Arabisch******************)
Gewiss, Ich habe dein wiederholtes Schauen bemerkt. (Sure al-Baqara-143)
Dieser Abschnitt wurde früher offenbart.
Und (*****) werden die Toren bald sagen. (Sure al-Baqara-142)
wurde später offenbart.
während es beim Vortrag umgekehrt angeordnet ist.
Manchmal geschieht es, dass mitten in der Darstellung der Aussagen der Ungläubigen auch deren Widerlegung gegeben wird. Auf diese Weise endet der Vers in einem Durcheinander von Frage und Antwort. Auch dadurch entsteht Unverständlichkeit. Zum Beispiel:
(Arabisch******************)
„Setzt euer Vertrauen auf niemanden außer auf diejenigen, die eurer Religion folgen. Sag: Wahrlich, die Rechtleitung ist allein Allahs Rechtleitung. Wenn sie jemandem gegeben wird, wird sie ihm so gegeben, wie sie euch gegeben wurde.“ (Sure Āl ʿImrān 3:73)
In diesem Vers wird auf die Aussage der Ungläubigen geantwortet. Die Aussagen davor und danach stammen von den Ungläubigen.
Kurz gesagt: Diese Erörterung ist sehr umfangreich. Es würde viel Zeit in Anspruch nehmen, all diese Hindernisse und Schwierigkeiten einzeln darzulegen. Was oben erörtert wurde, reicht aus, um die Schwierigkeiten zu beseitigen. Wenn ein begabter Leser sich dies merken kann, wird er durch ein wenig Nachdenken bei jeder Schwierigkeit selbst eine Lösung finden können. Aus dem Gesagten und den angeführten Beispielen ist es nicht besonders schwierig, auch das zu verstehen, was nicht gesagt wurde, sowie die Beispiele, die nicht angeführt wurden.
Fünftes Kapitel: Verse über Muhkam, Mutashabih, Kināya, Taʿrīḍ und Majāz ʿAqlī
Im Koran gibt es zwei Arten von Versen: Muhkam und Mutaschabih. Mit Muhkam sind jene Verse gemeint, bei deren Verständnis kein Arabischkundiger Zweifel hat. Außer der einfachen und klaren Bedeutung, die sich daraus ergibt, kann nichts anderes gemeint sein. Maßstab für Sprachkenntnis und Erfahrung sind dabei die frühen Araber, nicht jene Erbsenzähler unserer Zeit, die durch ihre Forschungseitelkeit die Muhkam-Verse zu Mutaschabih und einfache, klare Verse zu schwer verständlichen machen und die naheliegende Bedeutung zugunsten einer fernliegenden verwerfen.
Mit Mutaschabih-Versen sind jene gemeint, aus denen sich gleichzeitig zwei Bedeutungen ableiten lassen. Äußerlich findet sich kein Anzeichen, durch das eine der beiden Bedeutungen eindeutig bestimmt werden könnte. Beide sind gleichermaßen möglich. Die Gründe für eine solche Mehrdeutigkeit können vielfältig sein. Manchmal wird im Satz ein Pronomen verwendet, das sich gleichermaßen auf zwei Personen beziehen kann. So könnte jemand sagen:
(Arabisch******************)
Der Befehlshaber hat mich angewiesen, den Soundso zu verfluchen. Möge Allah ihn verfluchen.
Wem wurde hier befohlen, verflucht zu werden? Dem Soundso oder dem Befehlshaber? Das Pronomen „hu“ kann sich gleichermaßen auf beide beziehen. Hier hängt alles von der Absicht ab. Ein anderer kann dazu nichts sagen.
Manchmal wird in einem Vers ein mehrdeutiges Wort verwendet, dessen zwei Bedeutungen gleichrangig sind. Zum Beispiel (**) – das heißt: „du hast ihn berührt“. (Sure an-Nisa 4:43)
** Damit ist wiederum auch Geschlechtsverkehr gemeint. Diese beiden Bedeutungen sind so gleich stark, dass man ohne ein entsprechendes Anzeichen keiner von ihnen den Vorzug geben kann.
** Manchmal wird in einem Vers ein Wort verwendet, das mit zwei verschiedenen Sätzen verbunden werden kann. Es gibt jedoch kein Anzeichen, anhand dessen man es eindeutig mit dem näherstehenden oder dem weiter entfernten Satz verbinden könnte. Zum Beispiel:
(Arabisch******************)
Und streicht über eure Köpfe und eure Füße. (Sure al-Māʾida 6)
Das heißt: Wenn der Buchstabe Lām hier mit Kasra gelesen wird, kann er mit dem Vorhergehenden verbunden werden; wird er jedoch mit Fatha gelesen, kann er mit dem weiter zurückliegenden Wort verbunden werden. Dadurch entsteht ein Bedeutungsstreit darüber, ob die Füße gewaschen werden müssen oder ob es genügt, nur über sie zu streichen.
Wenn man bei einem Satz oder Satzteil ebenfalls nicht erkennen kann, ob er mit dem Vorhergehenden verbunden ist oder einen neuen Anfang bildet, und sich kein Hinweis darauf findet, gerät man in Zweifel. Zum Beispiel:
(Arabisch******************)
Niemand kennt seine Auslegung außer Allah und den im Wissen Festen. (Sure Āl ʿImrān 7)
Hier ist der Status des Satzes unbestimmt. Er lässt ebenso die Möglichkeit zu, mit dem vorhergehenden Wort verbunden zu sein, wie die Möglichkeit, einen neuen Anfang zu bilden.
Kināya:
Kināya bedeutet, etwas so auszudrücken, dass nicht die äußerliche Bedeutung gemeint ist, sondern vielmehr die daraus notwendigerweise folgende Bedeutung.
Diese Notwendigkeit kann von zweierlei Art sein: natürlich oder logisch begründet. Wenn sich die Folge einer Aussage von selbst erkennen lässt, ist sie natürlich. Wenn man jedoch mithilfe der Aussage die Folge erst erschließen muss, ist sie logisch begründet. Zum Beispiel: Aus seiner Küche steigt ständig Rauch auf. Er hat viele Gäste. Das heißt, er lädt jeden ein, den er antrifft. Und weil ständig gekocht wird, brennt in der Küche immer der Herd. Ein solcher Kināya-Satz lautet:(Arabisch******************)
Das heißt: „Seine Hand ist weit geöffnet.“ Gemeint ist: Er ist sehr freigebig. (Sure al-Māʾida 6–64)
Ebenso verhält es sich, wenn etwas Erdachtes mithilfe eines realen Gegenstands verständlich gemacht wird; dann handelt es sich um eine Istiʿāra, die der Kināya ähnelt.
Die Verwendung solcher Sätze ist unter den Arabern weit verbreitet. Auch im Koran und in den Hadithen gibt es zahlreiche Beispiele dafür. Zum Beispiel:
(Arabisch******************)
Das heißt: Lass gegen sie die Fußsoldaten und die Reiter vorrücken. (Sure al-Isrāʾ 64)
In diesem Vers wird ein Anführer von Räubern erwähnt, der seinen Gefährten den Befehl gibt: Greift die Reisenden an, ein Teil von euch von dort und ein anderer Teil von hier aus.
(Arabisch******************)
„Ich habe vor ihnen eine Mauer errichtet und hinter ihnen ebenfalls eine Mauer errichtet. (Sure Yasin, 9)
(Arabisch******************)
Und ich habe ihnen Fesseln um den Hals gelegt.“ (Sure Yasin, 8)
Hier werden die Hilflosigkeit und die Enge der Gesinnung und der Absichten der Ungläubigen zum Ausdruck gebracht. Es ist, als befänden sich rings um sie Mauern und um ihren Hals Fesseln. Daher können sie sich aus dem Zustand, in dem sie sich befinden, nicht einmal um Haaresbreite bewegen. Und sie können weder Gutes noch Schlechtes sehen.
(Arabisch******************)
„Und aus Furcht sollst du dich zusammenkauern und Arme und Beine an dich ziehen.“ (Sure al-Qasas, 32)
Das heißt: Beruhige deinen Geist und entsage der Unordnung und der Unreinheit des Denkens.
In den Gesprächen der Araber finden sich viele Beispiele dieser Art. Wenn sie beispielsweise die Tapferkeit eines Menschen schildern, deuten sie auf sein eigenes Schwert und sagen: „Mal schlägt er in diese Richtung, mal in jene.“ Damit wollen sie sagen, dass es auf der Welt niemanden gibt, der ihm an Tapferkeit gleichkommt. Dabei hat er vielleicht in seinem ganzen Leben kein Schwert in die Hand genommen. Manchmal sagen sie: „So und so sagt, dass es auf der Welt niemanden gibt, der sich ihm entgegenstellt.“ Manchmal sagen sie nur: „So und so tat dies“, und führen dabei etwas vor, als ob ein großer Held auf dem Schlachtfeld einen Feind überwältigt hätte und gerade eine Heldentat vollbrächte. Vielleicht hat der arme Mann weder so etwas getan noch gesagt. Manchmal sagen sie: „So und so hat mich an der Kehle gepackt.“ Manchmal sagen sie: „So und so hat mir mit dem Finger den Bissen aus der Kehle genommen.“
Es ist offensichtlich, dass mit solchen Worten nicht ihre gewöhnliche Bedeutung gemeint ist. Auch in unserer Sprache und in unseren Redewendungen sind viele derartige Ausdrücke gebräuchlich.
Taʿrīḍ
Es bedeutet eine indirekte Erörterung: Man äußert die Aussage ganz allgemein und deutet damit auf eine bestimmte Person hin. Daher nennt man nur ein oder zwei ihrer Merkmale und lässt die Zuhörer sie andeutungsweise erkennen.
Wenn im Koran eine solche Darstellungsweise vorkommt, muss man die entsprechende Geschichte oder das betreffende Ereignis kennen, um sie zu verstehen.
Wenn unser Hazrat (s.) seinen Unmut über jemanden zum Ausdruck brachte, sagte er, ohne dessen Namen zu nennen:
(Arabisch******************)Was ist mit ihnen los? Warum tun sie all dies?
Oder im Koran heißt es: (Arabisch******************)
„Nach einer Entscheidung Allahs und Seines Gesandten haben gläubige Männer und Frauen keinerlei Entscheidungsbefugnis. (Sure al-Ahzab 36)
Hier sind mit der allgemeinen Bezeichnung der gläubigen Männer und Frauen hauptsächlich Hazrat Zainab (r.a.) und ihr Bruder gemeint. Und:
(Arabisch******************)
In diesem Vers weist der Koran durch die Erwähnung derjenigen, denen Würde und Wohltaten zuteilwurden, hauptsächlich auf Hazrat Abu Bakr (r.a.) hin. (Sure an-Nur 22)
In all diesen Fällen wird es unmöglich, die Bedeutung zu erfassen, wenn man das ursprüngliche Ereignis nicht kennt.
Majāz ʿaqlī
Das heißt, eine Handlung statt ihrem eigentlichen Urheber einem anderen Urheber zuzuschreiben oder etwas anderes als die eigentliche Handlung als deren Ausführung zu bezeichnen.
Dies geschieht, wenn zwischen der Handlung und ihrem zugeschriebenen Urheber oder Objekt irgendeine Ähnlichkeit besteht oder wenn derjenige, über den der Sprecher dies sagt, weder der eigentliche Urheber noch das eigentliche Objekt ist, aber mit ihm in Verbindung steht. Beispielsweise sagt man gewöhnlich: (Arabisch******************) (Amir hat das Gebäude errichtet.
Doch der Amīr hat es nicht selbst errichtet. Ebenso heißt es: (Arabisch******************)
Der Frühling hat Gemüse hervorgebracht.
Doch der Frühling bringt es hier keineswegs hervor.
Diese Art der Darstellungsweise findet sich an den meisten Stellen des Korans.
Drittes Kapitel: Die feine Satzfügung des Korans, seine verblüffende und erstaunliche Darstellungsweise
Erster Abschnitt: Wortfügung und Besonderheiten der Darstellung
Der Koran wurde nicht nach der Methode anderer Bücher verfasst, in der die Themen oder ihre Einteilung in Kapitel und Abschnitte gegliedert werden. Daher gibt es darin keine Möglichkeit, anhand eines Inhaltsverzeichnisses von Kapiteln und Abschnitten das jeweils Gesuchte zu einem bestimmten Thema herauszufinden. Man kann den Koran ein Briefbuch nennen oder auch eine Sammlung von Erlassen. Es ist, als hätte ein König seinen Untertanen unter besonderen Umständen besondere Erlasse verkündet. Je nach den Umständen verkündete er abgeänderte, neue Erlasse. Nachdem sich auf diese Weise im Laufe einiger Zeit viele Erlasse angesammelt hatten, trug jemand sie zusammen und gab ihnen die Form eines Buches. Ebenso sandte der König der gesamten Schöpfung Seinem geliebten Gesandten zu verschiedenen Zeiten, je nach den Umständen, unterschiedliche Verse und Suren zur Führung Seiner Diener. Bereits zu Lebzeiten des Propheten (s) wurden diese Suren geordnet und bewahrt. Doch sie wurden nicht bekannt gegeben. Zur Zeit von Hadrat Abū Bakr (ra) und Hadrat ʿUmar (ra) wurden diese Suren in eine besondere Reihenfolge gebracht und in Buchform zusammengestellt. Man gab ihm den Namen „Muṣḥaf“.
Die Gefährten des Gesandten (s) ordneten die Suren in vier Teile und gaben ihnen vier Namen.
1. as-Sabʿ at-Tiwāl: Dazu gehören die sieben längsten Suren.
2. al-Miʾūn: Dazu gehören Suren mit hundert oder mehr Versen.
3. al-Mathānī: Eine Zusammenstellung von Suren mit weniger als hundert Versen.
4. al-Mufaṣṣal: Alle übrigen Suren außer den drei oben genannten Kategorien.
Der Koran zur Zeit von ʿUthmān:
Solange der Koran noch nicht ordnungsgemäß angeordnet war, war diese Reihenfolge und Einteilung gültig. Als er jedoch ordnungsgemäß zusammengestellt wurde, kam es zu erheblichen Veränderungen. Entsprechend dem Sinn und der Aussagekraft der Verse wurden zwei Drittel der al-Mathānī in den Abschnitt al-Miʾūn aufgenommen. Auch an den übrigen Teilen wurden mehr oder weniger Veränderungen vorgenommen. Während seiner Kalifenzeit ließ ʿUthmān (Allah möge mit ihm zufrieden sein) mehrere Abschriften des Muṣḥaf anfertigen und in verschiedene Landesteile senden, damit alle diesem folgten und nicht versuchten, ihm eine andere Gestalt zu geben.
Anfang und Ende des Korans in der Form eines königlichen Erlasses
Da die Suren des Korans genau nach der Art königlicher Erlasse verfasst sind, haben ihre Anfänge und Enden genau die Form von Urkunden und Briefen. So beginnt manche Urkunde mit dem Lob Allahs, eine andere mit dem Zweck ihrer Abfassung; in manchen stehen am Anfang die Namen des Verfassers und des Empfängers, während manche Briefe ohne Überschrift verfasst werden. Manche Briefe sind lang, andere kurz. Ebenso hat Allah, der Erhabene, manche Suren mit Lob begonnen und andere mit einer Hervorhebung ihres Zwecks. Zum Beispiel:
(Arabisch*****************)
„Dies ist das einzigartige Buch. Es gibt darin keinen Raum für Zweifel. Ein Wegweiser für geradlinige Menschen.“ (Sure al-Baqara-2)
Oder (Arabisch*****************)
Diese Sure habe Ich herabgesandt. Und Ich habe sie verpflichtend gemacht. (Sure an-Nur-01)
Das entspricht genau der gewöhnlichen Briefweise. Zum Beispiel (Arabisch*****************)
Dies ist der Brief, über den Soundso und Soundso übereingekommen sind.
Oder (Arabisch*****************)
Dies ist das Dokument, das Soundso als Vermächtnis hinterlassen hat.
Auch der Beginn des Eides und des Friedensvertrags von Hudaibiya, den unser ehrwürdiger Herr (s) niederschreiben ließ, lautete folgendermaßen: (Arabisch*****************)
Dies ist der Vertrag, den Muhammad (s) schloss.
Einige Suren beginnen genau wie ein Brief mit der Nennung des Absenders und des Empfängers. Zum Beispiel:
(Arabisch*****************)
„Dies ist das von Allah, dem Erhabenen, Hochgeehrten, Allweisen und Höchsten, herabgesandte Buch.“ (Sure al-Dschāthiya-2)
(Arabisch*****************)
Dies ist das Buch, dessen Verse festgefügt und anschließend ausführlich dargelegt worden sind. (Sure Hūd-1)
Oder (Arabisch*****************)
Dies ist von jenem Herrn gekommen, der der Weiseste und Allwissende ist.
Die am Anfang dieser Verse befolgte Form scheint einem Erlass oder dem Schreiben eines Höhergestellten zu entsprechen. Auch dieses beginnt folgendermaßen:
„Der Erlass des hochgeehrten Kalifen ist ergangen.“ Oder: „Den Bewohnern der Stadt X wurde der Erlass des hochgeehrten Kalifen verkündet.“
Auch der Brief, den der Prophet (s.) an den römischen Kaiser Heraklius schrieb, begann auf diese Weise:
(Arabisch*****************)
Von Muhammad (s.), dem Gesandten Allahs, an Heraklius, den römischen Kaiser.
Einige Suren wurden im Stil eines Briefes ohne jede Überschrift offenbart. Zum Beispiel:
(Arabisch*****************)
Allah hat die Worte jener Frauen gehört, die mit ihren Ehemännern stritten. (Sure al-Mudschādala, 1)
(Arabisch*****************)
O Gesandter! Warum erklärst du das für verboten, was Allah erlaubt hat? (Sure at-Tahrīm, 1)
Die edelsten arabischen Ausdrucksformen sind in der Gestalt von Qasīden aufgezeichnet. In der Qasīda wird vor der eigentlichen Aussage als Einleitung ein Taschbīb verfasst. Im Taschbīb ist es ein sehr alter Brauch, ungewöhnliche und seltene Verse sowie erstaunliche und erschreckende Ereignisse zu erwähnen. Auch in einigen Suren des Korans wurde diese Methode angewandt.
(Arabisch*****************)
Wenn die Sonne sich verfinstert und die Sterne ihren Glanz verlieren … und so weiter. (Sure at-Takwīr, 1–2)
(Arabisch*****************)
Bei den in Reihen Aufgereihten und denjenigen, die die Satanas mit Nachdruck vertreiben, sei es ein Schwur. (Sure as-Sāffāt, 1–2)
Das Zerstreuen des Zerstreuenden und das Tragen der Last durch den Träger schwerer Wolken … usw. (Sure adh-Dhariyat, 1–2)
In Form des abschließenden Gebots der Sure:
So wie am Ende eines Briefes die Zusammenfassung gegeben wird, manchmal wertvoller Rat und eine Ermahnung enthalten sind, manchmal im Schluss die vorausgegangenen Ausführungen betont werden und manchmal diejenigen gewarnt werden, die den im Brief genannten Geboten und Verboten zuwiderhandeln wollen, so wurden auch verschiedene Suren des Korans bisweilen mit Versen abgeschlossen, die etwas mit Nachdruck hervorheben. Manchmal wurde eine Sure auch genau auf diese Weise begonnen.
Unter den Suren, die auf diese Weise begonnen wurden, finden sich mancherorts Verse von großem Nutzen. Darin wird Allah auf besonders vortreffliche und kunstvolle Weise gepriesen. Ebenso wird mancherorts über Allahs Gaben und Gnaden gesprochen.
So wurde eine Sure mit der Darstellung des Unterschieds und der Verschiedenheit zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung begonnen. In ihrer Mitte steht dieser Vers:
(Arabisch*****************)
Sag: Alles Lob gebührt allein Allah. Und über jenen Dienern, die Er geehrt hat, liegt Allahs Strafe. Er ist besser als diejenigen, die sie Ihm als Teilhaber beigesellt haben. (Sure an-Naml, 59)
Danach wird dieses Thema in fünf aufeinanderfolgenden Versen auf besonders vortreffliche und kunstvolle Weise dargelegt. Dieselbe Methode wurde auch in der Sure al-Baqara befolgt, an der Stelle, an der die Argumentation mit den Kindern Israels vorgebracht wird. Die Auseinandersetzung wurde folgendermaßen eingeleitet:(Arabisch*****************)
O ihr Kinder Israels! Gedenkt Meiner Gunstbezeugungen. (Sure al-Baqara – 48/122) und so weiter. Auch diese Auseinandersetzung wurde mit diesem Vers beendet. Eine Auseinandersetzung genau mit den Worten zu beenden, mit denen sie begonnen wurde, beruht auf höchster Kunstfertigkeit.
Auf diese Weise wurde in der Sure Al ʿImrān die Auseinandersetzung mit den Leuten der Schrift mit folgendem Vers eröffnet:
(Arabisch*****************)
Wahrlich, die Religion bei Allah ist nur der Islam. (Sure Al ʿImrān – 19)
Da die Anerkennung des Islam durch die Leute der Schrift das Thema der Erörterung war, wurde die Auseinandersetzung mit der Darlegung der eigentlichen Hauptthese begonnen, damit der Kernpunkt der Auseinandersetzung im Bewusstsein gegenwärtig bleibt. Die Erörterung sollte sich daran orientieren, und auch bei der Erwiderung sollte dieses Ziel vor Augen bleiben.
Zweites Kapitel: Die Unterteilung der Suren des Korans in verschiedene Verse und ihre Kompositionsweise
Ein bemerkenswertes Merkmal der Art und Weise des Heiligen Wortes besteht darin, dass die Suren des Korans ebenso wie eine Qasida, ein Lobgedicht, in mehrere Verse verschiedener Art gegliedert sind. Allenfalls kann man sagen, dass zwischen den Koranversen und den Verszeilen einer Qasida ein gewisser Unterschied besteht. Hinsichtlich des Zwecks ist es jedoch in beiden Fällen gleichermaßen wichtig, dass die Leser oder Zuhörer sie nicht lediglich zum ästhetischen Genuss und zur Unterhaltung lesen oder hören sollten.
Der Unterschied zwischen den Koranversen und den Verszeilen der Dichtung:
Ein deutlicher Unterschied zwischen den Verszeilen der Dichtung und den Versen des Korans besteht darin, dass man in der Dichtung die von Khalil Nahwi (dem Grammatiker) festgelegten Regeln, Metren und rhetorischen Bedingungen einhalten muss. Andere Dichter hatten diesbezüglich von ihm gelernt. Das Metrum und der Rhythmus, die in den Koranversen festgelegt sind, unterscheiden sich hingegen völlig von den in der Dichtung bestimmten Fesseln des Versmaßes und -rhythmus und entsprechen eher der Natur. Sie stehen in keinerlei Zusammenhang mit den künstlichen und starren Regeln der Dichter. Die Gemeinsamkeiten zwischen Dichtung und Versen sind nicht bloß allgemeiner Art. Sie zu überprüfen oder zu erörtern, ist nutzlos. Wohl aber müssen die Faktoren, die den Unterschied zwischen beiden hervorbringen, erörtert und analysiert werden.
Gemeinsamkeiten zwischen Koran und Dichtung
Nun folgt die Analyse der vorangegangenen kurzen Erörterung. Jeder Kenner der Dichtung kann aus metrischer und rhetorisch kunstvoller Dichtung Genuss schöpfen. Sie besitzt eine besondere Art von Gefühl und Anziehungskraft. Wenn man deren Ursachen untersucht, wird man feststellen, dass jeder Satz, dessen Teile miteinander harmonieren und miteinander verbunden sind, auf den Zuhörer einwirkt. Zugleich steigert er dessen Verlangen, weiterzuhören. In diesem Augenblick des Interesses und Erwartens, sobald ein weiterer derart kunstvoll gestalteter Satz vor ihm erscheint, wallt er vor Freude auf. Wenn die Verszeile neben dem Metrum auch hinsichtlich der rhetorischen Kunst ebenso gelungen ist, bleibt ohnehin nichts mehr zu wünschen übrig. Das Geheimnis der Anziehungskraft und des Vergnügens an der Dichtung ist daher in der angeborenen Natur des Menschen zu finden. Tatsächlich gibt es kein Land und kein Volk, dessen gebildete und geschmackvolle Menschen nicht durch Dichtung beeinflusst würden.
Trotz dieser natürlichen und allgemeinen Beziehung zwischen dem Gefüge von Metrum und Rhythmus ist deren Auffassung nicht überall gleich. Vielmehr hat jedes Volk hinsichtlich der Bestandteile des Versmaßes und der Bedingungen des Rhythmus eigene Vorstellungen und Anschauungen. Daher haben sich für die Schaffung von Dichtung in den verschiedenen Sprachen unterschiedliche Regeln und Methoden herausgebildet. Die Araber folgen den von dem berühmten Grammatiker Khalil aufgestellten Regeln. Die Inder haben diesbezüglich nach ihren eigenen Bräuchen und Gepflogenheiten gesonderte Regeln geschaffen. Darüber hinaus verändern sich die Regeln für Metrum und Rhythmus mit dem Wandel der Zeiten. Wenn alle Regeln von Metrum und Rhythmus vorgelegt werden können und man in ihnen nach gemeinsamen Verbindungslinien sucht, wird sich zeigen, dass sich darin außer hypothetischen und relativen Zusammenhängen keinerlei Übereinstimmung findet.
Arabische und iranische Regeln:
Beispielsweise kann man sagen, dass die Araber beim Metrum und Rhythmus ebenso viel Freiheit gewähren, wie die Iraner in dieser Hinsicht Strenge walten lassen. Für die Araber ist eine geringfügige Abweichung beim Versmaß kein Vergehen. So gestatten sie, beim Versmaß „Mafāʿīlun“ anstelle von „Muftaʿilun“ und „Mustafʿilun“ zu verwenden, und folgen dieser Regel ohne Bedenken. Sie zögern sogar nicht, „Fāʿilātun“ und „Fulātun“ als gleiches Metrum zu bezeichnen. Viele weitere derartige kleinere Abweichungen halten sie in der Dichtung für zulässig und wenden sie darin ungehemmt an.
Die Iraner hingegen halten solche Abweichungen beim Versmaß nicht für zulässig und betrachten keinerlei Fehler oder Unregelmäßigkeit in dieser Hinsicht als verzeihlich. Beim Rhythmus ist es ebenso. Für die Araber führt der Reim eines Wortes wie „Kabūr“ mit dem Wort „Munīr“ nicht zu einem fehlerhaften Reim; bei den Iranern dagegen schon. Die arabischen Dichter betrachten Wörter wie „Ḥāṣil“ und „Nāzil“ als gleich gereimt. Die Iraner stimmen dem jedoch nicht zu. Bei den Arabern ist es zulässig, die eine Hälfte der Bedeutung eines Wortes in einer Verszeile und die übrige Hälfte in der anderen zu verwenden. Die Iraner halten die Verwendung von Wörtern dieser Art dagegen für völlig unzulässig.
Kurz gesagt: Angesichts der zahlreichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Arabern und Iranern über die Regeln der Dichtung muss man feststellen, dass die Verbindung zwischen dem Metrum und dem Rhythmus beider Länder nichts anderes als hypothetisch und relativ ist.
Indische Satzkunst
Die indische Dichtkunst unterscheidet sich von der iranischen und der arabischen. Das Versmaß, das sie für die Dichtung festgelegt haben, beruht auf der Anzahl der Buchstaben, unabhängig davon, ob diese mit einem Sukūn oder mit einem Vokalzeichen versehen sind. Dennoch vermag dieses Versmaß gleichermaßen Gefühl und Anziehungskraft zu vermitteln. Ich habe viele ungebildete Dorfbewohner gesehen, die Gedichte verfassten. Sie fügten auf der Grundlage einer Melodie Reime zu kleinen Versen zusammen. Dazu kamen kurze Zeilen, in denen ein oder mehrere Wörter als Refrain wiederholt wurden. Auch sie wichen nicht von dem Versmaß und Rhythmus ab, die sie festgelegt hatten. Bei der Art, ihre Gedichte vorzutragen, folgten sie genau der Vortragsweise der Araber bei der Rezitation der Qaṣīda. Und gerade daran fanden alle Gefallen und Freude. Auf diese Weise folgt jede Gemeinschaft und jedes Volk einer eigenen Dichtkunst. Äußerlich unterscheiden sie sich stark voneinander. Dennoch gibt es in allen ein grundlegendes verbindendes Element.
Musiktradition
Wie die Dichtung übt auch der Gesang von Natur aus eine Anziehungskraft auf die Menschen aus. Und die Menschen in allen Teilen der Welt finden Freude am Gesang. Hinsichtlich der Regeln und Formen zeigen sich jedoch auch hier Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern. Die Griechen gaben der Methode, die sie zur Pflege der Musik eingeführt hatten, und dem von ihnen festgelegten Versmaß den Namen Maqāmāt. Sie betrachten die Maqāmāt als ein umfassendes Ganzes und entwickeln daraus verschiedene Melodien und Tonarten. Auf diese Weise entwickelte sich die Musiktradition allmählich zu einer eigenständigen und umfassenden Wissenschaft.
Die Inder hingegen legten für ihre eigene Musikpraxis sechs Grundprinzipien fest. Sie gaben ihnen den Namen Rāga. Aus diesen Rāgas entstehen verschiedene Rāgiṇīs. Auf dem Weg einer fortschreitenden Entwicklung machten auch sie daraus eine umfassende und eigenständige Wissenschaft. So nahm sie eine von der griechischen Musiktradition unabhängige Gestalt an. Wenn wir jedoch die Dorfbewohner betrachten, erkennen wir, dass sie sowohl die griechischen als auch die indischen Rāgas verwerfen und entsprechend ihrem eigenen Geschmack und Ansehen eine eigenständige musikalische Methode verfolgen. Sie brechen alle Regeln und Vorschriften und veranstalten ein wirres Durcheinander und ausgelassenes Treiben. Dennoch empfinden auch sie dabei nicht weniger Freude als die Anhänger der griechischen und indischen Musiklehre.
Wenn wir all diese Dinge vor Augen führen und nach den verschiedenen Wissenschaften der Musikpflege sowie dem verbindenden Element in ihrem Inneren suchen, erkennen wir, dass diese Gemeinsamkeit des Gesangs ebenso wie die der Dichtung rein imaginär und relativ ist.
Kurz gesagt: Ob es sich um Musikwissenschaft oder um Dichtkunst handelt – das verbindende Element zwischen den verschiedenen Formen beider ist die Schaffung von Melodie. Sie steht in Beziehung zu jenem Versmaß oder jener Rāga, die wir in allen Formen der Dichtung und des Gesangs gleichermaßen vorfinden. In Wahrheit ist diese Grundmelodie von Gesang und Dichtung das einzige verbindende Element zwischen allen Wissenschaften. Geschmack und ästhetisches Empfinden sind durch die Spur dieser Melodie miteinander verbunden. Sie lässt sich jedoch keineswegs an die Fesseln irgendwelcher Regeln und Vorschriften binden.
Die Auswahl der ewigen Schönheit in der Darstellungsweise des Korans:
Als Allah tatsächlich mit den Menschen aus Lehm sprechen wollte, wählte Er die ewige Schönheit, die grundlegende Einheitsmelodie aller Dichtung und Musik, und verwarf die verschiedenen Sitten und Gebräuche der Länder, die ständigem Wandel unterliegen. In Wahrheit offenbart die Form, die die Menschen im Laufe der Zeiten mit ihrem begrenzten Wissen entwickeln, fortwährend ihre Unwissenheit. Daher besteht die zweifellos erstaunliche und großartige Darstellungsweise darin, die gesamte Schönheit von Sprache, Vers oder Musik so zu nutzen, dass jeder einzelne Aspekt der Darstellung angemessen und harmonisch ausgestaltet wird.
Die Gestaltungsweise der Āyāt:
Obwohl das Metrum der Āyāt des Korans sich von allen gebräuchlichen Formen unterscheidet, ist es keineswegs regellos. Es besitzt seine eigenen besonderen Regeln und Gesetzmäßigkeiten.
Tatsächlich lässt sich aus den grundlegenden Merkmalen all der verschiedenen Formen, die innerhalb der unterschiedlichen Suren des Korans angewandt werden, eine neue Gestaltungsweise bestimmen. Dem Metrum des Korans wurden Atem und Stimme zugrunde gelegt. Auf festgelegte Metren wie den „Baḥr Ṭawīl“ (****) und den „Baḥr Madīd“ (****) wurde nicht zurückgegriffen. Ebenso wurde für den Rhythmus nicht jene Methode befolgt, die wir in der Dichtung vorfinden. Vielmehr wird das Wort, das mit einem Atemzug ausklingt, in der Āya des Korans zum rhythmischen Knotenpunkt, selbst wenn es unserer geplanten Rhythmusform entgegensteht. Dies ist die äußerst kurze Darstellung des Metrums und der Rhythmusform des Korans. Natürlich bedarf dies einer ausführlichen Erklärung.
Der natürliche Wechsel von Ein- und Ausatmung ist die Rhythmusform der Āyāt des Korans:
Im Grunde ist der Wechsel von Ein- und Ausatmung in der Brust ein ewiger und natürlicher Vorgang. Obwohl die Verstärkung und Abschwächung der Atmung vom Willen des Menschen abhängt, folgt ihr Kommen und Gehen einer bestimmten Zeit, wenn man sie ihrem natürlichen Zustand überlässt. Wenn ein Mensch einmal einatmet, beginnt in ihm ein bestimmter Ausatmungsvorgang. Dieser kommt allmählich zum Stillstand, und dann entsteht das Bedürfnis des Menschen, ein zweites Mal einzuatmen. Der Wechsel von Ein- und Ausatmung nimmt eine bestimmte Zeitspanne in Anspruch. Zwar handelt es sich nicht um eine exakt festgelegte Zeit und es kommt zu geringfügigen Abweichungen, doch bleiben diese Schwankungen innerhalb eines begrenzten Rahmens.
Wenn also der Satz oder Vers auf diesem Ein- und Ausatmen aufgebaut wird, gibt es zwischen den verschiedenen Versen keinen größeren Unterschied als zwei oder drei Wörter. Genauer gesagt findet sich kaum eine Abweichung von mehr als einem Viertel oder einem Drittel eines Wortes. Dieser geringfügige Unterschied ist keineswegs so gravierend, dass der Vers dadurch die Grenzen der Form überschreiten oder sein Metrum verlieren würde.
Tatsächlich entsteht dadurch kein nennenswerter Nachteil; vielmehr gewinnt man bei der Gestaltung die Freiheit, etwas zu erweitern oder zu verkürzen, sowie die Möglichkeit, Elemente vor- oder zurückzustellen. Dadurch bleibt die Schönheit des Satzes innerhalb der Regeln und Gesetzmäßigkeiten gewahrt und kann sogar noch gesteigert werden. (Es versteht sich von selbst, dass der Koran bereits vor vierzehnhundert Jahren den modernen freien Vers eingeführt hat.)
Das Metrum oder der Takt der Verse
Es versteht sich von selbst, dass gerade diese Zeitspanne des Atems zum Maßstab für das Metrum des Korans gemacht wurde. Sie wurde wiederum in drei Kategorien eingeteilt: lang (****), mittel (**) und kurz (***). Ein Beispiel für das lange Metrum ist die Sure an-Nisāʾ, für das mittlere die Suren al-Aʿrāf und al-Anʿām und für das kurze die Suren asch-Schūrā und ad-Duchān.
Die Kafiya oder das Reimschema der Verse:
Wie beim Metrum der Verse bildet auch bei ihrem Reimschema die Dauer des Atems die Grundlage. Das Wort, bei dem der Atem ausklingt, bestimmt in einem Vers die „Kafiya“. Nur ein feines Empfinden kann dies deutlich erfassen. Ob der Atem nun auf einem „Alif“ oder einem „Yāʾ“ endet, ob der letzte Buchstabe des Satzes ein „Bāʾ“ oder ein „Ǧīm“ ist – als „Kafiya“ wird dies dennoch ein Gefühl für Wohlklang hervorrufen.
Auf diese Weise stehen „Yaʿlamūn“, „Muʾminīn“ und „Mustaqīm“ trotz ihrer unterschiedlichen Formen miteinander in Beziehung und werden füreinander zu einer „Kafiya“. Und mögen „Churūǧ“, „Marāǧ“, „Tauḥīd“, „Tibār“, „Firāq“, „Īǧāb“ und andere auch noch so verschieden voneinander sein, so bleiben sie doch innerhalb des festgelegten Schemas eingeschlossen.
Der durch das Alif erzeugte Rhythmus:
Durch die Hinzufügung eines Alif am Ende entsteht der Rhythmus der „Kafiya“. Ebenso erzeugt die Hinzufügung eines Alif am Ende eines Satzes eine „Kafiya“, mögen auch die jeweils vorausgehenden Buchstaben verschieden sein. Beispiele dafür sind „Karīma“, „Ḥadīsa“ und „Baṣīra“. Denn nach den im Koran festgelegten Regeln können sie trotz dieser großen Unterschiede eine „Kafiya“ bilden.
Auch die Gleichheit des vorausgehenden Buchstabens ist besonders wohlklingend:
Wenn unter solchen Umständen auch die Gleichheit des vorhergehenden Buchstabens zur Bedingung gemacht wird, ist dies zwar vom Prinzip her unnötig, gewiss aber noch wohlklingender. Die Suren Maryam und al-Furqān tragen dessen Kennzeichen. Ebenso wird das Maß der klanglichen Wirkung noch gesteigert, wenn für alle Verse die Bedingung eines Abschlusses mit demselben Buchstaben gestellt wird, wie etwa die Verse der Sure Qitāl mit dem Buchstaben „Mīm“ und die Verse der Sure ar-Raḥmān mit dem Buchstaben „Nūn“ enden.
Auf diese Weise entsteht auch durch die wiederholte Erwähnung eines Verses nach einer bestimmten Versgruppe eine besondere Art von klanglicher Wirkung, wie etwa in der Darstellungsweise der Suren aš-Šūrā, ar-Raḥmān, al-Qamar und al-Mursalāt.
Veränderung am Anfang und Ende der Sure des „Kāfiya“-Reims:
Manchmal wird mit Rücksicht auf den Geschmack des Hörers oder zur Erzeugung eines Schönheitsempfindens im Satz die Art des Kāfiya-Reims im ersten und im letzten Vers verändert. So finden sich am Ende der Sure Maryam „Iddā“ und „Haddā“, am Ende der Sure al-Furqān „Salāman“ und „Kirāman“ und am Ende der Sure Ṣād „Ṭīn“, „Sājidīn“ und „Munḏirīn“. Dabei ist allgemein bekannt, dass die Reimweise (Kāfiya) am Anfang all dieser Verse völlig anderer Art ist.
Der „Kāfiya“-Reimstil des Korans
Auf der Grundlage der oben dargelegten Maß- und Kāfiya-Regeln sind die meisten Suren des Korans verfasst. Wenn sich bei einem Vers entgegen dieser Regel am letzten Buchstaben kein Kāfiya-Reim erkennen lässt, wird er mit einem Satz verbunden, an dessen Ende ein Kāfiya-Reim vorhanden ist. Der hinzugefügte Satz unterliegt dabei keinen besonderen Geboten oder Verboten. Er enthält lediglich eines der Zeichen Allahs oder eine allgemeine Warnung. Zum Herstellen des Kāfiya-Reims werden gewöhnlich Sätze folgender Art hinzugefügt:
(Arabisch***************) (und Er (Allah) ist der Weiseste und Allwissende.
(Arabisch***************) und Allah Taʿālā ist an Wissen und Weisheit unübertroffen.
(Arabisch***************) Und Allah, der Erhabene, weiß über alles, was ihr tut, bestens Bescheid.
(Arabisch***************) damit ihr euch fürchtet.
(Arabisch***************)
Gewiss, darin liegt für die Wissenden ein sicheres Zeichen. Ebenso hat der Koran auch dort, wo er anstelle der Verkürzung das Prinzip der Erweiterung angewandt hat, diese Methode befolgt.
(Arabisch***************) Und frage diejenigen, die darüber Bescheid wissen.
So kam es in der Abfolge der Verse bisweilen zu Umstellungen. Manchmal wurde etwas vorgezogen oder nachgestellt. Bisweilen wurden Buchstaben hinzugefügt. Beispielsweise steht anstelle von (***) (****).
(***) anstelle von (****)
Das Geheimnis, kurze Verse auf dasselbe Versmaß wie lange Verse zu bringen:
Im Koran gibt es in dieser Hinsicht einige Verse ohne einheitliches Metrum. Manche Verse sind kurz, während unmittelbar daneben ein langer Vers steht. Tatsächlich sind jedoch auch sie nicht metrisch unausgewogen. Denn an solchen Stellen wurde entweder eine besondere Art der poetischen Anordnung verwendet, ein Sprichwort übernommen oder dieselbe Satzphrase wiederholt. Dadurch gelangt auch der kurze Vers schließlich auf dasselbe Maß wie der lange Vers.
Manchmal wurde die anfängliche Satzphrase im Vergleich zur abschließenden verkürzt. Dadurch haben Schönheit und Ausdruckskraft des Satzes erheblich zugenommen. Zum Beispiel:
(Arabisch***************)
Bei all diesen Versen sind die ersten beiden Teile kurz und der dritte, das heißt der letzte Teil, lang. So fasst der Zuhörer unbewusst die ersten beiden Teile zu einem Vers zusammen und bringt den letzten Teil als zweiten Vers auf die andere Waagschale, wodurch er das Maß ausgleicht.
Dreigliedrige Verse:
Auf diese Weise sind Sätze manchmal auch in drei durch Pausen gegliederten Teilen verfasst. Das heißt: Drei Teile bilden zusammen eine vollständige Verszeile, während der vierte Vers allein eine Verszeile bildet. Zum Beispiel:
(Arabisch***************)
In diesem Vers haben die drei Teile zusammen ein vollständiges Metrum gebildet, und der darauffolgende Vers ist im gleichen Maß gehalten:
(Arabisch***************)
Doch diejenigen, die dieses Geheimnis nicht verstehen, betrachten sie nicht als zwei Verse, sondern als mehrere aufeinanderfolgende Verse. Daher erkennen sie diese schöne Übereinstimmung nicht.
Verse mit zwei Zäsuren:
Manchmal hat ein Vers zwei Zäsuren oder Reime, wie sie gewöhnlich in der Dichtung vorkommen. Zum Beispiel:
(Arabisch***************)
Das Geheimnis, einen langen Vers im gleichen Maß wie einen kurzen Vers zu verwenden:
Manchmal ist von zwei unmittelbar aufeinanderfolgenden Versen einer lang und der andere kurz. Dennoch bleibt das Maß zwischen beiden gewahrt. Das Geheimnis dieser Ausgewogenheit liegt im Wesentlichen in der Darstellungsweise der beiden Verse. Das eigentliche Geheimnis ist folgendes: Wenn auf der einen Seite ein schöner, maßvoller und gereimter Satz steht und auf der anderen Seite ein einfacher, flüssiger und ansprechender Satz, dann misst der gute Geschmack dem inhaltlich wichtigeren Satz größeren Wert bei. Unter diesen Umständen ist es möglich, dass man einen Reim unberücksichtigt lässt und das Maß mit einem anderen Reim abschließt. Wer über gesunden Geschmack verfügt, wird dann zwischen beiden keinen Missklang empfinden.
In einigen Suren wurde das erwähnte Reimmaß nicht verwendet:
Gleich zu Beginn dieser Erörterung wurde dargelegt, dass in einigen Suren diese Stilform angewandt wurde. Dies wurde jedoch deshalb gesagt, weil in einigen Versen wiederum eine andere Stilform befolgt wurde. Darin wurden weder ein solcher Reim noch ein solches Metrum eingehalten. Vielmehr sind manche Verse in einer besonderen Stilform verfasst, die einer wirkungsvollen Redeweise oder den aus dem Mund von Gelehrten hervorgegangenen Sprichwörtern ähnelt. Vielleicht haben auch Sie die von ʿĀʾischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) überlieferte Geschichte über die Frauen gehört. Sie haben sicherlich auch die Bedeutung ihres Reims erkannt. Darin finden sich keineswegs jenes Metrum und jener Reim, die oben erwähnt wurden.
In einigen Suren wurde in der Redeweise die Form des Vortrags aufgegeben und die Form des Briefeschreibens angewandt. Sie ist ganz schlicht und klar. Dort wurde keinerlei klangvolle Ausschmückung angestrebt. So wie die Menschen sich frei miteinander unterhalten und ein schlichtes, einfaches Gespräch führen, wurde auch hier das Gespräch dort beendet, wo es seiner natürlichen Art nach zu Ende war. Das Geheimnis dafür, in einer solchen Satzform Anmut und Anziehungskraft zu erzeugen, liegt darin, dass die Araber von Natur aus dort innehielten, wo ihr Atem aussetzte. Selbstverständlich endete der Satz beim letzten Mīm ihres Atems. Daher entstand in diesen Sätzen ganz natürlich eine besondere Art von Ausgewogenheit und Übereinstimmung. Obwohl sie dabei von allen Bedingungen und Regeln frei war, bereitete es keine Schwierigkeit, darin Anziehungskraft zu erzeugen.
In einigen Suren des Korans wurde genau diese Stilform angewandt. Nach eben dieser Stilform wurden jene Verse in die Länge gezogen. Wie dem auch sei: Ich habe alles gesagt, was ich verstanden habe. Die eigentliche Wahrheit kennt nur Allah.
Drittes Kapitel: Die segensreichen Aspekte der Wiederholung der Verse der fünf Halme
Eine bemerkenswerte Besonderheit der koranischen Darstellungsweise besteht darin, dass Verse gleichen Inhalts an verschiedenen Stellen wiederholt werden. Dies beschränkt sich nicht auf eine bestimmte Angelegenheit, sondern betrifft nahezu alle Angelegenheiten. Für die meisten Menschen ist daher die Frage naheliegend: Warum geschieht dies? Warum wird eine Angelegenheit nicht einfach an einer Stelle dargelegt und damit abgeschlossen?
Im Grunde liegen darin große Kunstfertigkeit und viel Heilbringendes. Wenn wir jemandem etwas beibringen oder verständlich machen wollen, gibt es dafür grundsätzlich zwei Wege. Der eine ist folgender: Wenn es unser Ziel lediglich ist, dem Zuhörer eine neue Nachricht mitzuteilen, dann sagen wir sie ihm nur einmal und belassen es dabei. Wenn unser Ziel jedoch darin besteht, eine Sache dem Zuhörer so einzuprägen, dass er ihren wesentlichen Gehalt und ihre Schönheit versteht, seine gesamte Denkweise davon geprägt wird und all sein Handeln dadurch gelenkt wird, dann gibt es keinen anderen Weg, als sie wiederholt verständlich zu machen.
Nehmen wir ein gutes Gedicht als Beispiel. Wir hören das Gedicht einmal und erfassen seinen Sinn. Wir schöpfen daraus Genuss. Dennoch möchten wir es immer wieder hören und empfinden jedes Mal einen neuen Geschmack. Daran wird deutlich, dass Wiederholung auch Freude bereitet. Sie lässt das Gedicht im Herzen und im Verstand heimisch werden. Auch im Koran wird dieses Ziel durch Wiederholung erreicht.
Im Grunde hatte die Offenbarung des Korans zwei Ziele. Einige Dinge sollten lediglich mitgeteilt werden; dies wurde als ausreichend erachtet. Bei anderen Dingen hingegen bestand das Ziel darin, sie im Herzen und im Verstand zu verankern. Daher wurden die erstgenannten Dinge einmal erwähnt und damit abgeschlossen, während die letztgenannten Dinge wiederholt und in verschiedenen Wendungen dargelegt wurden. Bei den Versen über Vorschriften und Rechtsbestimmungen, die nicht wiederholt wurden, bestand das Ziel lediglich darin, sie mitzuteilen. Es war nicht beabsichtigt, sie dauerhaft in Herz und Verstand einzuprägen. Allerdings ist es eine andere Sache, dass die Scharia auch bei diesen Dingen eine einmalige Lektüre zum Verständnis nicht als ausreichend erachtet, sondern wiederholtes Lesen anordnet.
Auch wenn sich im Koran Wiederholungen desselben Themas finden, wurde sorgfältig darauf geachtet, dass nicht derselbe Satz wiederholt wird. Tatsächlich wurde das Thema jedes Mal in einem neuen Satz und in einer neuen Form vorgetragen, damit die Anziehungskraft zunimmt und die menschliche Natur keine Langeweile empfindet. Wäre derselbe Satz immer wieder gesagt worden, hätte sich die menschliche Natur so sehr daran gewöhnt, dass sie darin keine Anziehungskraft mehr gefunden hätte. Da jedoch Form und Gestalt des Satzes verändert werden, findet die menschliche Natur jedes Mal eine neue Anziehungskraft. Dadurch richtet sich der Geist immer wieder darauf und die Aussage nimmt vollständig im Herzen ihren Platz ein.
Zersplitterung des Inhalts
Hier kann eine weitere Frage aufkommen: Warum sind alle Themen innerhalb derselben Sura verstreut angeordnet? Warum wurden sie nicht in zusammenhängender Reihenfolge dargestellt? Das heißt: Zuerst wären die Zeichen und das Lob Allahs beschrieben worden, danach die Ereignisse erwähnt und anschließend die Auseinandersetzung mit den Ungläubigen eingeleitet worden. Auf diese Weise wären alle Dinge eines nach dem anderen geordnet worden.
Diese Frage ist durchaus berechtigt. Es trifft auch zu, dass dies für Allah nicht schwierig gewesen wäre. Wenn Er gewollt hätte, hätte Er alles in zusammenhängender Reihenfolge darlegen können. Doch ebenso wahr ist, dass in allem, was Allah tut, irgendeine Kunst, Weisheit und ein segensreicher Zweck verborgen liegt. Das können nur diejenigen verstehen, zu denen ein Gesandter kommt und denen diese Botschaft übermittelt wird. Da der Koran auf den arabischen Gesandten (s) herabgesandt wurde und die Araber erreichte, wurde er unter Berücksichtigung ihrer Sprache und ihrer Darstellungsweise verfasst, damit er sich vollkommen ihrer Natur, also ihrem Denken und Verstand, anpasste. Der Koranvers „Lau lā fussilat āyātuhu aʿjamiyyun wa ʿarabiyyun“ weist genau auf diese Wahrheit hin.
Der Kern der Sache ist: Zur Zeit der Herabsendung des Korans besaßen die Araber weder ein göttliches noch ein menschliches Buch. Die zusammenhängende Darstellung und die Regeln und Methoden, auf denen die arabischen Literaten heute bestehen, waren den Arabern jener Zeit unbekannt. Wenn man die Schriften derjenigen studiert, die in der islamischen Zeit lebten, sowie die Briefe des Propheten (s) und von Umar (ra), wird diese Wahrheit von selbst deutlich.
Wenn daher bei der Anordnung der koranischen Ereignisse eine den damaligen Arabern unbekannte Methode angewandt worden wäre, wären sie beim Hören darüber völlig bestürzt gewesen. Ihr Verstand wäre derart verwirrt worden, dass es ihnen sogar schwergefallen wäre, einfache und klare Aussagen zu verstehen. Der Koran sollte sich jedoch nicht damit begnügen, ihnen lediglich etwas mitzuteilen; vielmehr war sein Ziel, seine Aussagen in ihrem Herzen und Verstand zu verankern. Dieses Ziel hätte durch eine unvermittelte Darstellung besser erreicht werden können als durch geordnete und sorgfältig arrangierte Worte. Gerade weil eine dramatische Darstellung den Verstand des Zuhörers stärker fesselt, hat der Koran diesen Weg gewählt.
Viertes Kapitel: Die Einzigartigkeit und die wunderbaren Aspekte des Korans
Wenn gefragt wird: Warum folgte der Koran, obwohl er Metrum und Reim verwendete, nicht der in der arabischen Dichtkunst üblichen Methode? Diese war doch anziehender als die Darstellungsweise des Korans. Die Antwort lautet: Anziehungskraft ist eine relative Angelegenheit. Aufgrund der Unterschiede zwischen Ländern und Völkern gibt es auch darin Unterschiede. Selbst wenn man die Richtigkeit der Frage zugesteht, kann man sagen, dass der Prophet (s) als Analphabet bekannt war. Für ihn war es einerseits erstaunlich, eine völlig neue Methode in die arabische Literatur einzuführen, andererseits war dies ein glänzender Beweis für sein Prophetentum. Hätte der Koran dagegen die arabischen Dichter nachgeahmt, hätten die Araber keinen Unterschied zwischen den Werken der Dichter und dem Koran gemacht. Wegen des Fehlens einer anziehenden Besonderheit hätte der Koran sie daher nicht beeinflussen können.
Daher sehen wir, dass ein hochrangiger Literat einen völlig neuen Weg einschlägt, um unter seinen kunstvoll schreibenden Zeitgenossen Autorität und Überlegenheit zu erlangen. Und er behauptet, dass niemand in dieser Art schreiben könne. Tatsächlich erkennen alle seine Einzigartigkeit an. Leicht erkennen sie seine Überlegenheit an. Wenn dagegen jemand in der herkömmlichen alten Art etwas schreibt und einen solchen Anspruch erhebt, erkennt außer ein oder zwei scharfsinnigen Kritikern kaum jemand die Berechtigung seines Anspruchs ohne Weiteres. Daher erkennt man auch seine Überlegenheit nicht leicht an. Genau dieses Geheimnis hat der Koran zum Wegweiser gemacht. Daher hat der Koran einen völlig neuen Weg erschlossen und alle gezwungen, sich vor seiner Überlegenheit zu beugen.
Die erstaunlichen Aspekte des Korans
Wenn gefragt wird, wodurch der Koran erstaunlich geworden ist, so werden wir antworten: aus verschiedenen Gründen.
1. Einer davon ist die einzigartige und besondere Darstellungsweise des Korans. Die Araber zeigten ihre Begabung vor allem in einigen wenigen Bereichen. Gerade dort wetteiferten sie um Überlegenheit. Das waren die Bereiche der Dichtung, der Redekunst, der Briefe und der sprachlichen Ausdrucksweise. Außer diesen vier Wegen hatten sie keinen anderen. Sie besaßen auch nicht die Kraft, einen neuen Weg zu erschaffen. In genau dieser Lage erregte der in Arabien als des Lesens und Schreibens unkundig bekannte Hazrat Muhammad (s) gewiss Staunen, indem er eine völlig neue Darstellungsweise hervorbrachte.
2. Ist es nicht auch höchst erstaunlich, ohne Bildung und ohne vorherige Kenntnis die richtigen Vorschriften und Bestimmungen vergangener Völker sowie ihren allgemein anerkannten Zustand zu schildern?
3. Ist es nicht ebenso erstaunlich, über das, was in der Zukunft geschehen wird oder nicht geschehen wird, bis ins kleinste Detail genaue Nachrichten zu geben? Es ist nicht nur erstaunlich; vielmehr handelt es sich um eine fortwährende Abfolge von Wundern, damit die Menschen Zeitalter um Zeitalter durch das Eintreten dieser Prophezeiungen immer wieder Staunen empfinden.
4. Darüber hinaus ist auch die rhetorische Überlegenheit des Korans ein vollkommenes Wunder. Diese Überlegenheit ist derart, dass kein Mensch sie erreicht. Da wir viel später als die Frühzeit der arabischen Sprache und Literatur aufgetreten sind, haben wir nur eine geringe Vorstellung von der Schönheit der arabischen Sprache. Daher können wir weder ihre Tiefe erreichen, noch sind wir in der Lage, sie zu bewerten. Allerdings lässt sich sagen, dass nur Kenner der alten und der modernen arabischen Literatur eine derart weit entwickelte und geistig fesselnde Satzgestaltung sowie einen solch spontanen und freien Gebrauch der Wörter wie im Koran wahrnehmen können. Daher können nur Kenner der alten und der modernen arabischen Literatur dies wahrnehmen. Die Feinfühligkeit des Geschmacks und die gesunde Urteilskraft, die dafür erforderlich sind, besitzt niemand außer Dichtern und Literaten hohen Ranges.
Ein weiterer erstaunlicher Aspekt des Korans ist folgender: Obwohl seine Darstellungsweise und Ausdrucksform sich von Augenblick zu Augenblick bewegt und verändert, ist innerhalb seiner festgelegten und bestimmten Art keinerlei Unterschied festzustellen. Tatsächlich wurde niemals an mehreren Stellen eine gleichförmige Darstellung verwendet, ganz gleich, ob es um die Sinngehalte, Zeichen und Aussagen des Korans oder um Erzählungen und Streitgespräche ging. So oft eine Sache auch behandelt wurde, jedes Mal wurde sie in einer anderen Gestalt und einer neuen Weise dargestellt. An jeder Stelle bleibt die einzigartige Schönheit der Darstellung erhalten. Der Gedanke, dass dort jemand Hand anlegen könnte, ist völlig ausgeschlossen.
Wenn auch diese Erörterung jemandem nicht dabei hilft, die Wahrheit zu erkennen, soll er sich die Stellen in den Suren al-Aʿrāf, Hūd und asch-Schūrā ansehen, in denen der Zustand und die Ereignisse früherer Propheten geschildert werden. Danach sollte er auch die Geschichten in der Sure aṣ-Ṣāffāt sowie die Sure adh-Dhāriyāt lesen. Wenn er auf diese Weise ein und dieselbe Sache an verschiedenen Stellen in unterschiedlichen Formen dargestellt sieht, wird ihm die grundlegende Wahrheit gewiss deutlich vor Augen treten.
Ebenso werden auch dort, wo die Bestrafung der Sünder und die Belohnung der Rechtschaffenen erwähnt werden, völlig neue Darstellungsweisen verwendet. Auch an den Stellen, an denen von Streitgesprächen und Auseinandersetzungen mit den Bewohnern der Hölle die Rede ist, werden jeweils neue Darstellungsformen angewandt. Wie dem auch sei, solche Beispiele gibt es nicht nur ein oder zwei; vielmehr ist der gesamte Qurʾān davon erfüllt. Eine Erörterung all dessen würde viel Zeit beanspruchen.
Anwendung rhetorischer Stilmittel:
Im Qurʾān finden sich sowohl schmucklose als auch ausgeschmückte Darstellungen. Wo jeweils welche Form erforderlich war, wurde sie angewandt. Um die Einzelheiten dieser Verwendung kennenzulernen, muss man sich mit der Rhetorik beschäftigen. Auch um etwas über metaphorische oder andeutende Ausdrucksweisen zu erfahren, ist dies erforderlich. Obwohl der Qurʾān sich der Unfähigkeit seiner Zuhörer und ihrer Unkenntnis der Rhetorik bewusst war, hat er diese Formen mit einer derart erstaunlichen Sorgfalt angewandt, dass Menschen aller Art sie gleichermaßen aufnehmen konnten. Eine solche einzigartige Darlegung zu schaffen und dabei alle Seiten gleichermaßen zu wahren, ist wahrlich erstaunlich.
(Arabisch***************)
Schlussfolgerung
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es neben diesen Aspekten noch eine weitere erstaunliche Seite gibt, die für diejenigen, die mit den tiefen Geheimnissen der Scharia nicht vertraut sind, schwer zu verstehen ist. Diese besteht in der Gesamtheit des Qurʾān selbst und in den von ihm dargelegten Bedeutungen. Seine umfassende Reichweite, seine Tiefe, seine Universalität und seine Unwiderlegbarkeit – all dies ist ein gewichtiges Beweisstück für seine Überlegenheit. Und eben dies beweist, dass der Qurʾān nichts anderes ist als ein von Allah herabgesandtes Buch zur Rechtleitung Seiner Diener.
Wenn ein Gelehrter und fachkundiger Arzt ein berühmtes Werk der Medizin studiert, darin eine sachkundige Analyse der Ursachen und Symptome von Krankheiten findet und die Darstellung der Arzneimittel sowie die Erörterung ihrer Eigenschaften betrachtet, muss er zu dem Schluss gelangen, dass der Verfasser dieses Werkes ein umsichtiger Arzt und medizinischer Wissenschaftler ist. Ein gewöhnlicher Mensch hingegen kann daraus keinerlei Schlussfolgerung ziehen.
Das Verständnis der Erhabenheit des Korans verhält sich genau ebenso. Ein Mensch gewöhnlicher Bildung, dem die Fähigkeit zur Erkenntnis der tieferen Wahrheiten fehlt, kann die Erhabenheit des Korans niemals verstehen. Wer hingegen mit den Geheimnissen der Scharia, also den gesetzlichen Bestimmungen, vertraut ist, weiß, was und in welchem Umfang zur Reform des Einzelnen und der Gesellschaft erforderlich ist. Wenn er daher den Koran studiert, erkennt er sofort, dass dessen innerer Gehalt auf jenem höchsten Gipfel der Erkenntnis gründet, zu dem Menschen überhaupt keinen Zugang haben. Deshalb ist er gezwungen, die wunderbare Kraft des Korans und seine Eigenschaft als Wort Allahs aus eigener Überzeugung anzuerkennen.
(Arabisch***************)
Viertes Kapitel: Methoden der Koranexegese und die Beilegung der Meinungsverschiedenheiten zwischen den Gefährten und den Tābiʿūn
Bei der Darlegung der Bedeutung und Auslegung des Korans haben sich die Exegeten hinsichtlich ihrer Methode in mehrere Gruppen geteilt.
Eine Gruppe bilden die „Muhaddith-Mufassirūn“. Um die Bedeutung und Tragweite der Verse zu ergründen, halten sie es für notwendig, unterschiedslos alle möglicherweise einschlägigen Überlieferungen zusammenzutragen – seien es Hadithe mit oder ohne Überlieferungskette, von Tābiʿūn überlieferte sachfremde Berichte oder von Juden überlieferte Erzählungen, für deren Wahrheitsgehalt es keinerlei Grundlage gibt.
2. Die zweite Gruppe bilden die „Mutakallim-Mufassirūn“. Sie halten es für notwendig, die Namen und Eigenschaften Allahs auszulegen. Allerdings sind sie nicht bereit, bis zur eigentlichen Wesensergründung vorzudringen, weil sie darin eine Herabwürdigung Allahs sehen. Diesen Grundsatz haben sie auch in der Koranexegese beibehalten. Das heißt: Wenn sie die allgemeine Bedeutung eines Verses als Allah gegenüber herabwürdigend erachteten, wandten sie die Auslegung in eine andere Richtung und kritisierten diejenigen, die den Vers in seinem unmittelbaren Sinn verstanden hatten.
3. Die dritte Gruppe bilden die „Faqīh-Mufassirūn“. Ihre Auslegungsmethode besteht darin, aus den Versen rechtliche Bestimmungen abzuleiten. Zu der jeweiligen Frage tragen sie dann Beweise und Argumente für die von ihnen erreichte Schlussfolgerung zusammen sowie gegen jede andere Schlussfolgerung, die jemand daraus gezogen hat oder ziehen könnte.
4. Die vierte Gruppe bilden die „Lughawī-Mufassirūn“. Ihre Methode besteht darin, die Grammatik und Sprachwissenschaft des Korans zu erörtern. Für die Auffassung, die sie zu einem Vers vertreten, tragen sie sämtliche verfügbaren Belege aus der arabischen Sprache und Literatur zusammen, selbst wenn dies überhaupt nicht erforderlich sein sollte.
5. Die fünfte Gruppe bilden die „adabī-Mufassirūn“. Ihre Aufgabe besteht darin, anhand der Maßstäbe der Rhetorik und der Kritik herauszufinden, wo im Koran welche Geheimnisse verborgen sind. Sie bemühen sich mit letzter Hingabe darum, all dies auf jede mögliche Weise so umfassend wie möglich offenzulegen und eindringlich darzustellen.
6. Die sechste Gruppe bilden die „Qārī-Mufassirūn“. Ihr Hauptinteresse gilt den verschiedenen Qirāʾāt beziehungsweise den unterschiedlichen Arten des Kor vortrags. Tatsächlich führen sie lediglich die von verschiedenen Meistern auf diesem Gebiet überlieferten Qirāʾāt an. Allerdings halten sie es auch nicht für zulässig, wegen feinster Einzelheiten der verschiedenen Lesarten Aufruhr zu verursachen.
7. Die siebte Gruppe bilden die „sufischen Mufassirūn“. Die Sufis sind damit beschäftigt, nach den spirituellen und charakterbildenden Leitlinien des Korans zu suchen. Wann immer sie etwas derartiges entdecken, betrachten sie es als die einzige Aufgabe eines Mufassirs, eben dies zu erläutern.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Feld der Koranauslegung äußerst weit ist. Jeder Muslim betrachtet es als religiöse Pflicht, den Koran zu verstehen und über ihn zu forschen. Daher kann die Zahl der Ausleger keineswegs gering sein. Doch anstatt den Koran auf eine einheitliche Weise zu verstehen oder sich darum zu bemühen, hat jeder von ihnen den Weg gewählt, der ihm jeweils in den Sinn kam. Sie bemühten sich, ihre eigene Begabung und Gelehrsamkeit in höchstem Maße zur Geltung zu bringen. Die Unterstützung ihrer eigenen Auffassung und ihrer Anhänger betrachteten sie als eine ihrer wichtigsten Pflichten. So hat sich dieses Fachgebiet in einem Ausmaß ausgeweitet, das sich nicht beschreiben lässt. Zählt man sogar alles zusammen, was in den Tafsir-Werken enthalten ist, muss man zugeben, dass es schwerfällt, ihre Zahl überhaupt zu zählen.
Umfassende Tafsir-Werke::
Einige Menschen haben versucht, diese Tafsir-Werke zusammenzutragen. Manche schrieben sie auf Arabisch, andere wiederum auf Persisch. Einige verfassten sie kurz, andere hingegen ausführlich. Dadurch hat sich die Zahl der Tafsir-Werke noch weiter erhöht. Allah hat mir ein außergewöhnlich großes Verständnis für die Koranauslegung geschenkt.
Alle diese Werke liegen mir vor. Darüber hinaus sind mir auch ihre Grundlagen und Methoden bekannt. Ich habe sie unabhängig voneinander studiert und erforscht. Das Studium und die Erforschung dieser Tafsir-Werke haben mir den Rang eines Forschers und Gelehrten auf diesem Gebiet verliehen.
Was ich bisher über die verschiedenen Tafsir-Ausleger gesagt habe, ist mir durch die Überlieferungsketten zugetragen worden. Darüber hinaus erlange ich auch unmittelbare Kenntnis von einigen Tafsir-Werken. Um die Wahrheit zu sagen: Auf diesem Gebiet habe ich von Grund auf Inspiration erhalten. Und dies ist ein solches Glück, für das ein Mensch unmöglich ausreichend Dankbarkeit erweisen kann. Daher halte ich es für erforderlich, in diesem Buch einige Ausführungen über die verschiedenen Arten des Tafsir und die damit zusammenhängenden Fragen zu machen.
Erstes Kapitel: Die Überlieferungen der Muhaddith-Tafsirgelehrten
Der wichtigste Gegenstand der Tafsirwissenschaft ist die Frage des Schan an-nuzūl, also die Untersuchung und Analyse des Ereignisses, anlässlich dessen ein Vers offenbart wurde. Diese Erörterung ist sehr umfangreich und bedarf einer eingehenden Analyse.
Schan an-nuzūl ist von zweiArten:
Beim Schan an-nuzūl gibt es grundsätzlich zwei Arten. Die erste umfasst jene Ereignisse, ohne deren Kenntnis die genaue Bedeutung eines Verses nicht verstanden werden kann. So ereignete sich zur Zeit des Propheten (s.) ein Vorfall, durch den der Glaube der Gläubigen und die Heuchelei der Heuchler offenbar wurden. Dadurch traten die beiden Gruppen klar voneinander unterschieden hervor. Eine ähnliche Situation entstand etwa in den Schlachten von Uhud und al-Ahzāb. Daraufhin offenbarte Allah, der Erhabene, Verse, in denen die Gläubigen gelobt und die Heuchler getadelt wurden, damit die Handlungsweise beider Gruppen für alle deutlich sichtbar wurde und sie voneinander unterschieden werden konnten. In solchen Versen finden sich zahlreiche Hinweise, deren Zusammenhang mit verschiedenen Aspekten des betreffenden Ereignisses verbunden ist. In einem solchen Fall ist es ohne Kenntnis dieses Ereignisses nicht möglich, die Bedeutung des Verses zu erfassen.
In solchen Fällen wird es zur unerlässlichen Pflicht der Tafsirgelehrten, dieses Ereignis kurz zu erwähnen, damit es den Lesern leichter fällt, aus dem Anlass des Verses dessen Bedeutung zu verstehen.
Die zweite Auffassung des Schan an-nuzūl umfasst jene Ereignisse, anlässlich derer ein Vers offenbart wurde, die jedoch keinerlei Zusammenhang mit seiner Bedeutung hatten. Ereignisse, die mit Versen verbunden sind, welche allgemeine Rechtsbestimmungen enthalten, fallen nicht notwendig in diese Kategorie. Daher besteht bei solchen Versen kein Bedarf, den Schan an-nuzūl zu überliefern. Dennoch hielten die früheren Tafsirgelehrten die Erwähnung solcher Ereignisse für notwendig. Wahrscheinlich taten sie dies, um zu verdeutlichen, auf welche Art von Situationen diese Bestimmung Anwendung findet.
Die Überlieferungstradition der Sahaba::
Meiner Ansicht nach sind die Missverständnisse bezüglich des Schan an-nuzūl aufgrund des unterschiedlichen Überlieferungsstils der Sahaba und der Tabi’un entstanden. Bei der Überlieferung des Schan an-nuzūl verwendeten sie allgemein den Ausdruck „Nāzalatil āyatu fī qaḍā“ („Der Vers wurde in dieser Angelegenheit offenbart“). Das Problem besteht jedoch darin, dass sie diese Aussage nicht nur in Bezug auf das besondere Ereignis machten, das mit dem Vers verbunden war. Vielmehr verwendeten sie sie auch für alle Ereignisse, auf die dieser Vers Anwendung findet. Ihr Ziel war es, auch alles zu erwähnen, was sich aus dem Vers verstehen lässt. Sie fragten nicht danach, ob das Ereignis vor oder nach dem Vers stattgefunden hatte und ob es mit den Überlieferungen der Banū Isrā’īl oder mit der vorislamischen beziehungsweise islamischen Zeit zusammenhing. Sie berücksichtigten sogar nicht, ob dieses Ereignis vollständig mit den im betreffenden Vers genannten Bedingungen übereinstimmte.
Aus diesen Erörterungen wurde ersichtlich, dass der gegenwärtige Gegenstand der Diskussion über die Tafsīr nicht ausschließlich auf den Hadithen des Gesandten (s) und den Überlieferungen der Sahāba beschränkt ist; vielmehr umfasst er auch die Erforschung der persönlichen Ansichten der Sahāba und der Tābiʿūn. Zweitens sind im Zusammenhang mit ein und demselben Vers mehrere Ereignisse unterschiedlicher Art überliefert worden, ohne dass unbedingt eine vollständige Verbindung zwischen ihnen und der rechtlichen Bestimmung des Verses bestehen muss. Wenn man diese beiden Gesichtspunkte berücksichtigt, lässt sich jede Frage zum Schān an-nuzūl schon bei ein wenig Aufmerksamkeit lösen.
In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage nach einer ausführlichen Darstellung des Ereignisses. Der Koran verzichtet auf eine detaillierte Schilderung des Ereignisses und deutet lediglich darauf hin. Wenn ein Tafsīr-Gelehrter beginnt, über einen solchen Vers zu schreiben, sucht er nach der gesamten Geschichte. Dann durchsucht er die Überlieferungen der Juden oder ihre Geschichtswerke, um das vollständige Ereignis zusammenzutragen. Doch nicht jeder Hinweis im Koran bedarf einer Analyse. Bei vielen Versen lässt sich ihre Bedeutung ohne die Analyse des betreffenden Ereignisses nicht verstehen; deren Erwähnung gehört gewiss zu den Pflichten der Tafsīr-Gelehrten. Bei denjenigen jedoch, bei denen dies nicht der Fall ist – etwa ob die Kuh der Banū Isrāʾīl eine Kuh oder ein Stier war oder ob der Hund der Aṣḥāb al-Kahf rot oder schwarz war –, handelt es sich um völlig überflüssige Erörterungen. Die Sahāba hielten solche unnötigen Diskussionen für Unrecht und für eine Verschwendung von Zeit.
In dieser Angelegenheit müssen zwei Fragen berücksichtigt werden. Erstens darf man sich bei den im Koran geschilderten Ereignissen auf keinerlei Vermutung stützen. Man muss sie genau so wiedergeben, wie sie überliefert wurden. Doch eine Gruppe früherer Tafsīr-Gelehrter folgte einer völlig neuen Methode. Ausgehend vom Hinweis des Korans vermuteten sie den ungefähren Verlauf des Ereignisses und gaben ihn mit Vorbehalt wieder. Das Ergebnis dieser Methode war, dass spätere Tafsīr-Gelehrte den Ausgangspunkt dieses Vorbehalts aufgriffen und das Ereignis als gesichert betrachteten.
Da bis dahin für unterschiedliche Arten von Aussagen keine unterschiedlichen Überlieferungsweisen festgelegt waren, entstand aus der Vermischung von Aussagen mit Vorbehalt und sicheren Aussagen ein heilloses Durcheinander. So wurde das Unsichere als sicher und das Sichere bisweilen als unsicher betrachtet.
Tatsächlich ist diese Art, Ereignisse niederzuschreiben, nicht eindeutig festgelegt. Auch die Darstellungsmethode ist von Zweifeln hinsichtlich der tatsächlichen Sachverhalte geprägt; ebenso ist dieser Bereich der Tafsīr nicht frei von persönlicher Forschung und dem Einsatz von Vermutungen. Daher gibt es auch hier großen Raum für Überlegung und kontroverse Erörterung. Wer dies bedenkt, wird verstehen, dass das Erfassen der Art der Meinungsverschiedenheiten unter den Tafsīr-Gelehrten und das Erreichen einer richtigen Schlussfolgerung darüber keine endgültige Entscheidung der Sahāba darstellt. Vielmehr bedarf auch dies der Forschung. Die gesamte Angelegenheit ist lediglich eine Mischung aus den Diskussionen, Zweifeln und Vermutungen der Sahāba.
Meiner Ansicht nach verhielt sich ʿAbdullāh ibn ʿAbbās in der Frage der Wuḍūʾ ebenso.
(Arabisch****************)
Und streicht über eure Köpfe und eure Füße bis zu den Knöcheln.
Über diesen Vers sagte er: „Aus dem Buch Allahs habe ich nur die Anweisung zum Wischen erhalten. Doch manche erkennen außer dem Waschen nichts an.“
Was ich tatsächlich aus dieser Aussage von Ibn ʿAbbās verstanden habe, ist, dass er nicht der Ansicht war, man solle über die Füße wischen, und dies auch nicht als Voraussetzung der Gebetswaschung betrachtete. Seiner Auffassung nach ist das Waschen der Füße erforderlich. Hier wies er lediglich auf das Problem hin, das sich gewöhnlich aus der Anordnung des Verses ergibt. Mit diesen Worten wollte er daher erfahren, welche Lösung die zeitgenössischen Kommentatoren für dieses Problem anbieten wollten. Jene jedoch, die seine Absicht nicht kannten und mit ihrer Darstellungsweise nicht vertraut waren, hielten diese Aussage für seine endgültige Entscheidung und erklärten das Wischen anstelle des Waschens zu seiner Rechtsschule. Das steht jedoch völlig im Widerspruch zur Wahrheit.
Die Überlieferungen der Juden::
In diesem Zusammenhang ziehen die Überlieferungen der Juden unsere Aufmerksamkeit auf sich. Auf Grundlage ihrer Überlieferungen wurden viele Ereignisse des Qurʾān erläutert. Hinsichtlich der Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Überlieferungen mussten wir jedoch schweigen. Daher müssen wir bei den betreffenden Ereignissen zwei Dinge beachten. Bei den im Qurʾān angedeuteten Ereignissen, zu denen uns kein Hadith vom Gesandten Allahs (s) vorliegt, ist es keineswegs angebracht, die Überlieferungen der Leute der Schrift heranzuziehen und sie dadurch zu erläutern. Sobald sich dazu etwas im Hadith findet, müssen wir dies als ausreichend betrachten. Zum Beispiel:(Arabisch****************)
Und gewiss prüften Wir Salomo und ließen seinen Thron schief niederfallen; danach richteten Wir ihn wieder auf. (Sure Ṣād 37)
Im Zusammenhang mit diesem Vers wird vom Propheten (s) überliefert, dass Salomo (a) einmal, als er beabsichtigte, etwas zu tun, vergaß, „inschāʾa llāh“ zu sagen. Deshalb nahm Allah, der Erhabene, ihn zur Rechenschaft. Die Juden hingegen überliefern hierzu die Geschichte von einem Stein und einer Schlange. Welche Gültigkeit kann eine solche Überlieferung in einem solchen Fall gegenüber der Überlieferung des Propheten (s) haben?
Zweitens sollte man bei der Schilderung von Ereignissen das bekannte Sprichwort im Gedächtnis behalten: „Man braucht nur so viel, wie nötig ist.“ Das bedeutet: Man sollte genau so viel vom Ereignis schildern, wie mit dem Hinweis des Qurʾān zusammenhängt. Dann wird das Gesagte auch im Qurʾān seine Bestätigung finden. Eine übermäßige Erläuterung ist zu vermeiden.
Der Qurʾān erklärt sich selbst::
Hier gibt es noch eine äußerst interessante Angelegenheit. Im Qurʾān wird nämlich dasselbe Ereignis an einer Stelle kurz und an einer anderen etwas ausführlicher dargestellt. So wird etwa über den Einwand der Engel an einer Stelle gesagt:
(Arabisch************)
Allah sagt: „Ich weiß auch sehr wohl, was ihr nicht wisst.“ (Sure al-Baqara 30)
Dann heißt es in einem anderen Vers:
(Arabisch************)
„Habe ich euch nicht gesagt, dass Ich alles weiß, was ihr im Himmel und auf der Erde offen oder verborgen habt?“ (Sure al-Baqara 33)
Dies ist genau dieselbe Aussage wie zuvor. Der einzige Unterschied besteht darin, dass sie zuvor kurz und diesmal etwas ausführlicher dargelegt wurde. Was im ersten Vers einer näheren Erklärung bedurfte, wurde somit im zweiten Vers vervollständigt. Auf diese Weise wurde der zweite Vers gleichsam zum Tafsīr des ersten Verses.
Auf diese Weise wird die Geschichte von Hazrat ʿĪsā (a.) in der Sure Maryam kurz dargestellt. Zum Beispiel:
(Arabisch************)
Und Wir machten ihn für die Menschen zu Unserem Zeichen und zu einer Barmherzigkeit. Dies war Unser Wille, dass es so geschehe. (Sure Maryam 19:21)
Und eben dieses Ereignis wird in der Sure Āl ʿImrān ausführlich dargelegt:(Arabisch************)
Und Wir entsandten ihn als Propheten zu den Kindern Israels. (Er sagte:) »Ich bin mit einem Zeichen von Allah zu euch gekommen.« (Sure Āl ʿImrān 3:49)
In diesem Vers wird die frohe Botschaft tatsächlich ausführlich dargelegt. Da diese Botschaft im ersten Vers nur kurz erwähnt wurde, habe ich daraus den Schluss gezogen, dass … Die Bedeutung des zweiten Verses lautet also:
(Arabisch************)
Ich habe einen Gesandten zu den Kindern Israels entsandt, um ihnen diese Botschaft zu überbringen, (der sagen wird:) »Ich bin mit dem Zeichen Allahs und einer Gnade zu euch gekommen.«
Tatsächlich gehört eben diese Bedeutung zur frohen Botschaft. Allama Suyuti hat diese Aussagen stattdessen mit einer anderen unausgesprochenen Handlung verbunden und sie folgendermaßen erklärt:(Arabisch************)
Als Allah, der Erhabene, ihn zu den Kindern Israels sandte, sagte er: „Ich bin der von eurem Herrn gesandte Mann. Denn ich bin zu euch mit den Zeichen und der Gnade Allahs gekommen.“
Meiner Ansicht nach ist die Auffassung von Allāma as-Suyūṭī nicht richtig. Doch Allah weiß am besten, was wahr ist.
Die Ursachen für die Meinungsverschiedenheiten der Salaf bei der Erklärung unklarer Wörter und ihre Lösung
Die Erklärung unklarer Wörter:
Auch die Frage der Erklärung der „gharīb“ genannten, also vergleichsweise unbekannten und schwer verständlichen Wörter im Koran verdient Aufmerksamkeit. Denn sie beruht auf zwei Dingen: Erstens darauf, ihre Bedeutung im arabischen Wörterbuch nachzuschlagen. Zweitens auf dem Versuch, ihre Bedeutung aus der Satzstruktur, den Hinweisen und dem Zusammenhang mit anderen Wörtern zu erschließen. Beide Dinge hängen jedoch von der Anwendung der persönlichen Auffassung und der eigenen Denkkraft ab. Somit tritt auch hier der Verstand vermittelnd in Erscheinung. Hieraus ergibt sich die Möglichkeit von Meinungsverschiedenheiten.
In dieser Angelegenheit muss man sich an zwei Tatsachen erinnern. Die eine ist, dass dasselbe arabische Wort in verschiedenen Bedeutungen verwendet werden kann. Die zweite ist, dass die geistigen Fähigkeiten der Menschen nicht gleich sind. Wenn daher verschiedene Menschen unter Berücksichtigung der Satzstruktur, der Hinweise und der anderen Wörter eine der verschiedenen Bedeutungen eines Wortes bestimmen, gelangen sie aufgrund ihrer unterschiedlichen Wissensfähigkeit naturgemäß zu unterschiedlichen Ergebnissen. Aus diesem Grund entstehen Meinungsverschiedenheiten.
Das ist der Grund, weshalb es unter den Gefährten und den Tābiʿūn zu Meinungsverschiedenheiten kam. Jeder von ihnen vertrat eine neue Auffassung. Daher muss der unparteiische Tafsīr-Gelehrte bei der Erklärung eines unklaren Wortes es von zwei Seiten und in zwei Schritten prüfen. Erstens muss er alle Bedeutungen betrachten, in denen die Araber dieses Wort verwendet haben, und überlegen, welche davon hier am ehesten zutrifft. Zweitens muss er die Satzstruktur und die Hinweise prüfen, um festzustellen, welche Bedeutung hier am passendsten erscheint. Danach muss er das richtige und geeignete Wort auswählen.
Meine Schlussfolgerung:
Ich habe in dieser Angelegenheit nach gründlicher Überlegung gehandelt. Nachdem ich alle Voraussetzungen eingehend geprüft, am Ort ihrer Anwendung alle relevanten Aspekte sorgfältig erwogen und untersucht hatte, gelangte ich zu einer neuen Schlussfolgerung. Sie ist derart präzise und zutreffend, dass niemand sie bestreiten kann, sofern er nicht voreingenommen ist. Im Folgenden gebe ich einige Beispiele: Sie werden helfen, ihre Richtigkeit zu verstehen. (Arabisch************)
Die Annahme des Blutgeldes für einen Getöteten wurde euch zur Pflicht gemacht. (Sure al-Baqara – 178)
Das grundlegende Geheimnis der hier enthaltenen Anordnung zur Qisās-Vergeltung besteht darin, dass eine Übereinstimmung zwischen dem Getöteten und der Qisās-Vergeltung hergestellt werden muss. In diesem Vers werden die Bedingungen für Schaden und Vergeltung erläutert; auch dies muss als Teil der Anordnung zur Qisās-Vergeltung verstanden werden. Selbst die darin enthaltene Bedingung hinsichtlich des Geschlechts darf nicht entfallen. Es besteht keine Notwendigkeit für eine solche Veränderung, durch die entweder die Bedingung hinsichtlich des Geschlechts entfiele oder die allgemeine Bedeutung des Wortes für unnötig erklärt würde und die schon bei geringem Nachdenken sinnlos erscheinen kann.
(Arabisch************)
Die Menschen fragen dich nach dem Mond? (Sure al-Baqara – 189)
Nach meiner Untersuchung ist hier mit dem Wort „Ihillāl“ (Mond) die Bedeutung von „Ashhur“ (Monate) gemeint. Denn da unmittelbar danach der Hadsch erwähnt wird, wurde hier nach den Monaten des Hadsch gefragt. Darauf wurde geantwortet:
(Arabisch************)
Dies dient den Menschen zur Zeitbestimmung und als Mittel für den Hadsch.
Hier weist insbesondere die Erwähnung des Haddsch auf die von mir vertretene Bedeutung hin. Andernfalls hätte es genügt, lediglich eine Zeitangabe zu machen.
(Arabisch************)
Er ist es, der diejenigen unter den Leuten der Schrift, die Allah verleugnen, für die erste Versammlung aus ihren Wohnstätten vertrieben hat. (Sure al-Haschr, 2)
Hier wird meiner Ansicht nach mit diesem Ausdruck „das zuerst ausgesandte Heer“ gemeint. Auf den ersten Blick scheint zwischen beiden keine große Ähnlichkeit zu bestehen; doch bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass das Wort „Haschr“ an manchen Stellen im Sinne von „Heer“ verwendet wird. Zum Beispiel:
(Arabisch************)
Und entsende ein Heer nach Madyan. (Sure asch-Schuʿarāʾ, 36)
An einer anderen Stelle wird über Hazrat Sulayman (a.) gesagt.(Arabisch************)
In diesem Satz wird das Wort „Haschr“ im Sinne einer Heeresversammlung verwendet.
Es ist hier davon die Rede, dass der Vers die Ungläubigen unter den Leuten der Schrift erwähnt; im Grunde steht er jedoch im Zusammenhang mit dem Vorfall der Banū Naḍīr. Daher bin ich der Auffassung, dass die von mir dargelegte Bedeutung hier eher zutrifft.
Unterschiede zwischen den früheren und den späteren Gelehrten bei der Erklärung von Nāsikh und Mansūkh:
Auch die Frage der Aufhebung von Versen ist eines der schwierigsten Probleme der Koranauslegung. Denn ohne eine zutreffende Kenntnis davon muss es schwierig sein, den Sinn eines Verses zu erfassen. Daher muss man die damit verbundenen Schwierigkeiten verstehen.
Zunächst muss man sich hier vor Augen halten, dass verschiedene Gruppierungen das Wort „Naskh“ in unterschiedlichen Bedeutungen verwendet haben. Die Ṣaḥāba und die Tābiʿūn verwendeten es in einer Bedeutung, die Hadith-Gelehrten in einer anderen und die Uṣūlī-Gelehrten – die Gelehrten der Grundlagenlehre – in einer dritten. Dasselbe Wort in drei Bedeutungen musste selbstverständlich Verwirrung stiften; und genau das ist geschehen.
Die Anwendungsweise der Ṣaḥāba:
Die Ṣaḥāba und die Tābiʿūn verwendeten das Wort „Naskh“ häufig in seiner lexikalischen Bedeutung, also im Sinne des Beseitigens oder Tilgens von etwas. Ihrem Sprachgebrauch zufolge bedeutet „Naskh“, dass eine Anweisung aus einem früheren Vers durch einen späteren Vers aufgehoben wird; dies kann verschiedene Formen annehmen. Vielleicht erklärt der spätere Vers ausdrücklich, dass die Geltungsdauer der Anweisung des früheren Verses abgelaufen ist. Oder der spätere Vers enthält eine Aussage, durch die sich die Betrachtungsweise in eine andere Richtung bewegt, anstatt der allgemeinen Anweisung des früheren Verses zu folgen. Dadurch wird die Bestimmung des ersten Verses von selbst aufgehoben. Beim Naskh findet sich mitunter auch folgende Vorgehensweise: Indem im späteren Vers eine bestimmte Bedingung besonders hervorgehoben wird, wird die umfassende Anweisung des früheren Verses eingeschränkt. In diesem Fall gilt die allgemeine Anweisung als mansūkh. Mitunter findet sich im späteren Vers auch eine Information, durch die eine unklare Bedeutung des früheren Verses eindeutig hervortritt. Dadurch wird die frühere Bedeutung als mansūkh betrachtet.
Dies ist ein Bereich, in dem der menschlichen Vernunft reichlich Gelegenheit zur Anwendung gegeben ist. Dadurch sind zahlreiche Meinungsverschiedenheiten entstanden. Infolgedessen ist die Zahl der als mansūkh geltenden Verse auf bis zu fünfhundert angewachsen.
Das zweite Beachtenswerte hinsichtlich der als mansūkh geltenden Verse ist, dass alles von der Kenntnis der Geschichte abhängt. Denn aufgrund der verschiedenen Bedeutungen, die „Naskh“ im Sprachgebrauch der Ṣaḥāba hatte, ist es schwierig festzustellen, welcher Vers tatsächlich mansūkh ist und welcher nicht. Um daher zu bestimmen, welche Verse mansūkh sind, muss man die Geschichte der Vergangenheit eingehend untersuchen. Mitunter wird der allseits übereinstimmenden Auffassung der frommen Menschen früherer Zeiten Beweiskraft zugeschrieben. Ganz zu schweigen von den einfachen Leuten: Selbst bedeutende Rechtsgelehrte sind diesen Weg gegangen. Doch es ist falsch, sich auf einen solchen Konsens oder Ijmāʿ zu stützen. Denn es bleibt die Möglichkeit bestehen, dass der Sinn des Verses falsch verstanden worden war. Wo bleibt dann das Vertrauen in die Einstufung als mansūkh? Kurz gesagt: Die Auseinandersetzung über die als mansūkh geltenden Verse ist eine äußerst verwickelte Angelegenheit. Ihr Ende zu erreichen, ist schwierig.
Der Weg der Muhaddithūn:
Die Muhaddithūn haben einen eigenen Weg entwickelt. Dabei hielten sie nicht nur die hier behandelten Kategorien für ausreichend. Darüber hinaus führten sie weitere Dinge an. Wenn etwa unter den Gefährten über eine Angelegenheit gestritten wurde und jemand einen Vers als Beweis oder Beispiel anführte oder der Gesandte selbst eine Bestimmung aus diesem Vers vortrug, zitieren die Muhaddithūn all diese Stellen. Wenn es außerdem einen Hadith gibt, der den Vers erhellt, oder wenn der Gesandte oder einer seiner Gefährten eine besondere Lesart oder Bedeutung des Verses genannt hat, führen sie dies ebenfalls in diesem Zusammenhang an.
Zweites Kapitel: das verbleibende wichtige Thema dieses Kapitels: Istinbāṭ, die Erörterung von Tawǧīh und Taʾwīl
Istinbāṭ:
Zu den wichtigen Themen, die in diesem Kapitel erörtert wurden, gehört insbesondere die Ableitung von Rechtsfragen aus den Versen des Korans, also der Istinbāṭ. Dies ist ein Thema, das eine eingehende Analyse erfordert. Denn um aus einem Vers eine bestimmte rechtliche Bestimmung zu erkennen, muss man den Sinn, die Hinweise und die Erfordernisse des Verses betrachten und verstehen. Daher ist dies ein weites Feld für die Feinheiten des Verstandes. Hier eröffnet sich auch umfassender Raum für Meinungsverschiedenheiten. Das führt dazu, dass es schwierig wird, zu einer richtigen Entscheidung oder zu sicherem Wissen zu gelangen. Die verschiedenen Methoden, die zur Ableitung rechtlicher Bestimmungen angewandt wurden, habe ich in zehn Kategorien eingeteilt. Ich habe sie nach einer besonderen Methode geordnet und in einer Abhandlung niedergeschrieben. Diese Abhandlung ist ein äußerst wichtiger Maßstab für die Prüfung der Regeln und Bestimmungen des Istinbāṭ.
Tawǧīh oder Analyse:
Ein weiterer wichtiger Bereich der Koranauslegung ist der Tawǧīh. Er ist ein eigenständiges Thema. Er besitzt viele Verzweigungen und Formen. Wenn die Kommentatoren eines Buches beginnen, ein Werk zu verfassen, folgen sie einer dieser Formen. Die Art und Weise, in der sie den Tawǧīh, also die Auslegung, vornehmen, wird zum Maßstab für ihren Verstand und ihr Verständnis und legt zugleich ihre Stufe als Kommentatoren fest. Dadurch wird ersichtlich, dass nicht alle auf dieselbe Weise auslegen und nicht zu denselben Schlussfolgerungen gelangen. Daher entstehen Meinungsverschiedenheiten bei der Bestimmung des Sinns und der Ableitung von Bestimmungen. Zur Zeit der Gefährten hatte sich der Tawǧīh noch nicht zu einer eigenständigen Wissenschaft entwickelt. Daher waren seine Methoden und Regeln ebenfalls noch nicht festgelegt. Dennoch haben jene hochgeehrten Männer die Verse des Korans in großem Umfang analysiert und erläutert.
Tawǧīh bezeichnet im Wesentlichen die Lösung von Schwierigkeiten. Wenn etwa in einem Text eines Autors eine schwierige Stelle vorkommt, hält der Kommentator inne und legt sie so ausführlich dar, dass jeder die Angelegenheit leicht verstehen kann. Dies wird in der arabischen Terminologie Tawǧīh genannt.
Da nicht alle Leser auf demselben Niveau stehen und ihr Auffassungsvermögen nicht gleich ist, reicht dieselbe Analyse nicht für alle aus. Tatsächlich muss die Art der Analyse für die Propheten eine andere sein. Für die Fachkundigen wird sie dagegen wiederum anders ausfallen. Für sie genügt in dieser Hinsicht bereits ein Hinweis. Für einen Anfänger hingegen ist es unmöglich, sich all diese feinen und schwierigen Zusammenhänge auch nur vorzustellen. Es versteht sich von selbst, dass das, was einem Anfänger schwierig erscheint, für Fachkundige nichts ist. Und was für Fachkundige schwierig ist, darüber können Anfänger nicht einmal nachdenken.
Die beste Art der Analyse:
Fachkundige tragen dem geistigen Entwicklungsstand und Auffassungsvermögen der Anfänger Rechnung und legen ihre Ausführungen entsprechend dar. Wenn es in bestimmten Versen um Streitfragen zwischen Anhängern verschiedener Auffassungen geht, besteht die beste Art ihrer Analyse darin, zunächst diese Auffassungen zu erklären. Danach sollen die gegen sie erhobenen Vorwürfe vollständig geprüft werden. Bei Versen, die sich auf Vorschriften und Bestimmungen beziehen, soll die Analyse alle möglichen Formen dieser Bestimmungen aufführen. Sie soll die darin enthaltenen Bedingungen und Einschränkungen erörtern und untersuchen, welche Folgen sich daraus ergeben, ob diese vorhanden sind oder nicht. Auf diese Weise soll jeder einzelne Aspekt behandelt werden, sodass die zentrale Sachfrage beleuchtet werden kann.
Bei Versen, die sich auf die Gaben Allahs beziehen, soll die Analyse darin bestehen, ein Bild dieser Gaben zu zeichnen und alle damit verbundenen Aspekte darzulegen. Bei Versen, die sich auf Ereignisse oder Zwischenfälle beziehen, soll die Analyse alle derartigen Ereignisse in ihrer zeitlichen Abfolge darlegen. Außerdem soll sie alle darin enthaltenen Geheimnisse und Hinweise aufdecken.
Verse, die sich auf den Tod und die Zustände danach beziehen, sollen so analysiert werden, dass die angekündigten Zustände anschaulich und deutlich dargestellt und all diese Zustände vollständig erläutert werden.
Bis hierher wurde nur eine Art der Analyse behandelt. Es gibt noch viele weitere Arten. Wenn beispielsweise der Sinn eines Verses aufgrund seiner Schwierigkeit widersprüchlich erscheint, besteht die Art der Analyse darin, durch entsprechende Beispiele seine Bedeutung dem Vorstellungsvermögen des Lesers näherzubringen. Wenn der Leser wegen zweier einander widersprechender Beweise Schwierigkeiten mit dem Verständnis hat, soll die Analyse den Widerspruch zwischen diesen beiden Beweisen beseitigen. Wenn zwei Bedeutungen einander widersprüchlich erscheinen oder wenn ein Widerspruch zwischen der allgemeinen Bedeutung und der Vernunft entsteht, ist ebenfalls eine Analyse erforderlich, die diesen Widerspruch beseitigt. Ebenso ist eine Analyse notwendig, wenn zwei verschiedene Sachverhalte miteinander vermischt werden und dadurch ein Durcheinander entsteht, damit die Ursache des Irrtums beseitigt wird. Wenn ein und derselbe Vers als Beweis für zwei verschiedene Bestimmungen erscheint, soll versucht werden, zwischen diesen beiden Bestimmungen Übereinstimmung herzustellen. An manchen Stellen kann die Art der Analyse auch darin bestehen, die Wahrheit und Richtigkeit der im Vers enthaltenen Verheißungen klar herauszustellen. Eine weitere Art der Analyse besteht darin, aus dem Leben des Gesandten Allahs (s.) Beispiele heranzuziehen und die betreffende Angelegenheit dadurch schlüssig zu belegen.
Zusammenfassend gibt es in der Tafsir der Gefährten viele Beispiele für diese Art der Analyse. Tatsächlich ist es nicht möglich, diesen Gegenstand angemessen zu erklären, ohne die wichtigsten Ursachen aller Schwierigkeiten ausführlich darzulegen. Erst wenn alle einer Analyse bedürftigen Fragen durch eine Analyse geklärt worden sind, kann die vollständige Behandlung dieses Gegenstands als gelungen gelten.
Ta’wil oder die verborgene Bedeutung:
Taʾwīl wird gewöhnlich bei den mutaschābih-Versen vorgenommen. Taʾwīl bedeutet, einem Satz eine Bedeutung zuzuschreiben, die seinem äußeren Sinn widerspricht. Die Mutakallimūn sind in dieser Angelegenheit sehr weit gegangen. Sie haben versucht, nahezu alle mutaschābih-Verse einer Taʾwīl zu unterziehen. Ich jedoch bevorzuge Taʾwīl nicht. Denn die meisten mutaschābih-Verse beziehen sich unmittelbar auf Allah und Seine Eigenschaften. Die Erörterung des Wesens Allahs und der Wirklichkeit Seiner Eigenschaften entspricht nicht meiner Auffassung. Ich vertrete vielmehr dieselbe Ansicht wie Imam Mālik, Sufyān ath-Thaurī, Ibn al-Mubārak und alle früheren Gelehrten. Sie besteht darin, auch bei den mutaschābih-Versen ihrem äußeren Sinn zu folgen und weder Nachforschungen darüber anzustellen noch Taʾwīl zu betreiben. Denn es ist meiner Ansicht nach nicht erlaubt, über die aus solchen Versen abgeleiteten Ahkām zu streiten, die eigene Lehre in dieser Angelegenheit zu verankern, die Lehre anderer zu widerlegen und die eindeutigen Beweise des Qurʾān umzudeuten. Der zulässige Weg besteht darin, das anzunehmen, was dieser Vers eindeutig zum Ausdruck bringt, und genau dies als die eigene Lehre zu betrachten. Es ist nicht angebracht, sich darum zu kümmern, was andere gesagt oder nicht gesagt haben.
Ich habe bereits dargelegt, aus welchen Gründen in den Versen Zweifel und Unklarheiten entstehen. Hier werden für jeden einzelnen Grund jeweils unterschiedliche Vorgehensweisen erörtert.
Lughat al-Qurʾān
Wenn ein Wort die Ursache der Ungewissheit (Tašābuh) ist, besteht die Vorgehensweise darin, zu prüfen, in welcher Bedeutung die frühen Araber dieses Wort verwendeten. Danach ist der Sprachgebrauch der Gefährten und der Tābiʿūn zu beachten. Die Bedeutung, über die sie übereinstimmten, soll man annehmen.
Nahw al-Qurʾān
Auch durch die Erörterung der nahwī-Lehre (Sprach- und Aussprachelehre) im Qurʾān sind gewisse Schwierigkeiten entstanden. Denn eine Gruppe hat, indem sie der Grammatik Sibawaihs folgte, alles, was ihr widersprach, mit allen möglichen, wahrscheinlichen wie unwahrscheinlichen Umdeutungen zur Stützung ihrer eigenen Ansicht herangezogen. Meiner Ansicht nach ist das Unrecht. Man sollte dem folgen, was nach der Form und dem Hinweis des Verses am sachdienlichsten erscheint, sei es nun mit der Grammatik al-Farrāʾs vereinbar oder mit derjenigen Sibawaihs. Zum Beispiel:(Arabisch***************)
und diejenigen, die das Gebet verrichten und die Zakāt entrichten
Zu diesem Vers sagte der geehrte ʿUthmān (möge Allah mit ihm zufrieden sein) –(Arabisch***************)
Meiner Ansicht nach stehen diese Ausdrucksweise und diese Redewendung zwar dem im täglichen Gebrauch der Araber üblichen Sprachgebrauch äußerlich entgegen, im Grunde tun sie das jedoch nicht. Denn die Araber sind die Begründer der arabischen Sprache. Was aus ihrem Mund kommt, wird selbst zum Beleg. Es ist keineswegs etwas Neues, dass die Araber in der alltäglichen Unterhaltung auch gegen fortlaufende Regeln und Gepflogenheiten verstoßen, ohne dass irgendjemand dies als Unrecht betrachtet.
Auch der Koran wurde in der Sprache der alten Araber offenbart. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn an irgendeiner Stelle ‘***) anstelle von (***) erscheint oder der Dual durch den Singular beziehungsweise das Maskulinum durch das Femininum ersetzt wird. Deshalb besteht allgemeine Übereinstimmung darüber, dass (***) ursprünglich im Sinne von (***) verwendet worden ist.
ʿIlm al-Ma’ʿānī und al-Bayān
ʿIlm al-Maʿānī und ʿIlm al-Bayān (die Wissenschaft von Sprache und Rhetorik) sind eine vollständig neue Angelegenheit. Sie nahmen erst nach den Gefährten und den Tābiʿūn Gestalt an. Daher kommt ihnen hinsichtlich der Darstellungsweise des Korans keine besondere Bedeutung zu. Folglich werden wir uns vorbehaltlos dem anschließen, was die Araber gewöhnlich ohne Weiteres verstehen können, und darauf unser Augenmerk richten. Wir erkennen jedoch nicht an, dass es im Koran irgendwelche derart feinsten Geheimnisse einer erdichteten Wissenschaft gibt, die außer besonderen Fachgelehrten niemand verstehen kann. Für das Verständnis des Sinns des Korans sind solche Dinge weder erforderlich, noch sollte man sich unnötigerweise in sie verstricken.
Die Andeutungen der Sufis::
So verhält es sich auch mit den von den Anhängern des Tasawwuf beziehungsweise den sufischen Korankommentatoren geschaffenen Verwicklungen. Die feinen Geheimnisse, auf die sie hinweisen, haben überhaupt keinen Zusammenhang mit der Koranauslegung. In Wahrheit erwacht im Herzen der Sufis beim Hören des Korans eine besondere Empfindung. Die Anordnung des Korans und die Gedankenwelt sowie die Spiritualität der Sufis verbinden sich und schaffen in ihrem Inneren einen besonderen Zustand. Nur sie selbst können daraus Freude schöpfen; für andere hat er überhaupt keinen Wert. Wenn beispielsweise ein wahrhaft Liebender die Geschichte von Layla und Majnun liest, erinnert er sich dabei sogleich an seine eigene Geliebte und versinkt in der Vorstellung von allem, was zwischen den beiden geschehen ist, wodurch er tiefe Freude empfindet. Was hat das mit anderen zu tun? Daher stehen auch die mystischen Geheimnisse der Sufis in keinem Zusammenhang mit der Wissenschaft der Koranauslegung.
ʿIlm al-Iʿti’ bār oder die Wissenschaft der Gerechtigkeit:
Im Zusammenhang mit dieser Erörterung muss noch eine wichtige Angelegenheit im Gedächtnis behalten werden. Sie besteht darin, dass auch der Prophet (s) das „ʿIlm al-Iʿtibār“ beziehungsweise die Wissenschaft der Gerechtigkeit für zulässig erklärt hat. Er selbst hat es ebenfalls befolgt, damit es für die Umma zu einer Sunna und einem Vorbild werde. So soll ein Weg eröffnet werden, das von Allah verliehene Wissensgut zu verstehen und zu seinem innersten Sinn vorzudringen. Zum Beispiel: (Arabisch***************)
Wer spendete und Allah fürchtete. (Sure al-Lail, 5)
Dieser Vers wird als Beispiel für die Frage der Vorherbestimmung angeführt. Seine allgemeine Bedeutung ist jedoch folgende: Für diejenigen, die solche Taten vollbringen, gibt es das Paradies und seine Gnaden, und für diejenigen, die den entgegengesetzten Weg einschlagen, gibt es die Hölle und ihre Qualen. Nach den Regeln der Argumentation kann die Bedeutung dieses Verses jedoch auch darin bestehen, dass jeder für einen bestimmten Zustand erschaffen wurde. Ob er will oder nicht, wissentlich oder unwissentlich, wird er sich in diesem Zustand befinden.
Ebenso lautet der folgende Vers: (Arabisch***************)
Allah hat über Sünde und Tugend Auskunft gegeben. (Sure asch-Schams, 7)
Es ist jedoch wahr, dass zwischen der ursprünglichen Gestalt von Sünde und Tugend und der Sünde und Tugend, die zum Zeitpunkt der Belebung des menschlichen Wesenskerns in ihm angelegt sind, eine Übereinstimmung besteht. Daher ist dies auf Grundlage der rationalen Beweisführung ein weiterer Beleg für die Frage der Vorherbestimmung.
Drittes Kapitel: Bemerkenswerte Stellen im Koran
Auch die bemerkenswerten Stellen des Korans sind ein wichtiges Thema. In den Hadith-Werken wurden zur Darstellung der Bedeutung und des Ranges dieser Suren und Verse unter verschiedenen Überschriften eigene Kapitel verfasst. Sie lassen sich in mehrere Arten einteilen.
1. Bemerkenswerte Stellen in den Versen über die Zeichen Allahs:
Bei den Versen, die sich auf die großen Zeichen Allahs beziehen, bestehen die besonderen Stellen in der Erörterung der ewigen Eigenschaften Allahs. Dazu gehören etwa Āyat al-Kursī, die Sura al-Ichlāṣ, der Schlussteil der Sura al-Ḥaschr und der Anfangsteil der Sura al-Muʾmin.
2. Besondere Stellen in den Versen des Tadhkīr bi-ayyām Allāh:
Bei den Versen, die Geschichten und Ereignisse enthalten, besteht die besondere Stelle entweder in dem, was darin erörtert wird, oder darin, dass lediglich die notwendigen ergänzenden Einzelheiten eines bekannten Ereignisses genannt werden, oder in einem Ereignis, das eine äußerst nützliche Weisheit enthält. So sagte der Prophet (s) über die Geschichte von Moses und Khiḍr (a): „Ich wünschte, Moses (a) hätte noch eine Zeit lang Geduld mit Khiḍr (a) bewahren können, und Allah hätte uns noch mehr Geschichten über ihn erzählt.“
3. Besondere Stellen in den Versen des Tadhkīr bi-l-mawt:
Unter den Versen, die sich auf den Tod und das Jenseits beziehen, sind diejenigen besonderen Stellen, in denen die Auferstehung ausführlich beschrieben wird. In einem Hadith heißt es tatsächlich: Wer den Zustand des Jüngsten Tages so kennenlernen möchte, als würde er ihn mit eigenen Augen sehen, der soll die Suren „Idhā sch-schamsu kuwwirat“, „Idhā s-samāʾu infatarat“ und „Idhā s-samāʾu schaqqat“ rezitieren.
4. Besondere Stellen im ʿIlm al-aḥkām:
Mit besonderen Versen in Rechtsangelegenheiten sind diejenigen gemeint, in denen Allah die Anweisung zur Vorschrift von ((******) gegeben oder eine besondere Regelung dafür festgelegt hat. Dazu gehören beispielsweise die Strafe für Unzucht von hundert Peitschenhieben, die Wartezeit der Geschiedenen von drei unreinen und drei reinen Zeiträumen sowie die Bestimmungen zur Verteilung des Erbes.
5. Besondere Stellen im ʿIlm al-mujādala:
In den Versen, in denen die Einwände Andersdenkender und ihre Antworten auf neuartige Weise dargelegt werden, finden sich außergewöhnliche Stellen, an denen alle Fragen auf äußerst schöne und höchst erstaunliche Weise beantwortet oder ihre vollständigen Darstellungen gegeben werden. Zum Beispiel:
(Arabisch***************)
Ihr Gleichnis ist wie das eines Menschen, der ein Feuer entzündete und damit Licht schuf. (Sure al-Baqara – 17)
In diesem Vers wird das wahrheitsgemäße Bild der Ungläubigen auf äußerst eindrucksvolle Weise gezeichnet. Ebenso gehören die dargestellten Mängel und Fehler der Götzenverehrung, der Unterschied zwischen Schöpfer und Schöpfung sowie zwischen Herr und Diener, der aufgezeigt und anhand neuer, schöner Gleichnisse verständlich gemacht wird, zu den außergewöhnlichen Versen. Auch die bildhafte Darstellung dessen, wie vor den Menschen zur Schau gestellte Taten zunichtewerden, gehört zu den außergewöhnlichen Versen.
Die oben genannten seltenen und erstaunlichen Eigenschaften des Korans beschränken sich nicht nur darauf. Es gibt noch viele weitere Stellen, an denen er äußerste Vollkommenheit erreicht. Manchmal zeigt sich die Wunderbarkeit eines Verses allein in seiner kunstvollen Form oder seiner Darstellungsweise. Alle Verse der Sure ar-Rahman sind von dieser Art und außergewöhnlich und erstaunlich. Daher wird sie in einem Hadith als „die Braut des Korans“ bezeichnet. Manchmal wird ein Vers auch dadurch außergewöhnlich, dass er ein anziehendes Bild des Sünders und des Frommen zeichnet.
Der Bauch und der Rücken des Korans
In einem Hadith wird über den Koran gesagt:
(Arabisch***************)
Jeder Vers des Korans hat eine äußere und eine innere Seite.
Tatsächlich wurden oben fünf Wissenschaften behandelt, die sich auf die äußere Seite des Korans beziehen. Mit der äußeren oder offensichtlichen Seite, dem Zāhir, ist das gemeint, was der Satz gewöhnlich beweist und was jeder daraus versteht. Die innere Seite, der Bātin, der Verse ist wie folgt:
** Das Innere von Tazkīr bi-Allāh ist die Forschung, das heißt, über Allahs Zustand und Sein nachzudenken und zu forschen.
** Das Innere von Tazkīr bi-Ayyāmillāh besteht darin, die Geheimnisse der in den Versen geschilderten Ereignisse zu erforschen, also über die Gründe nachzudenken, aufgrund derer etwas gelobt oder getadelt wurde, und aus dem darin enthaltenen Wissen und den darin liegenden Zielen aus seinem Inneren Ermahnung zu gewinnen.
** Das Innere von Tazkīr bi-l-Dschanna wa-n-Nār besteht darin, im Herzen des Menschen Gefühle der Hoffnung und Sehnsucht zu erwecken. Es soll ein solcher Eindruck entstehen, als würde er Paradies und Hölle mit eigenen Augen sehen.
*** Die innere Seite der Verse über die Ahkām besteht darin, aus der Form und den Andeutungen der Verse deren verborgene rechtliche Bestimmungen zu erkennen.
*** Das Innere der Verse über die Mukhāsama besteht darin, die grundlegenden Abweichungen und Ungerechtigkeiten zu erkennen und auf dieser Grundlage alle Ungerechtigkeiten, die daraus entstehen können, unter Kontrolle zu bringen.
Im zweiten Teil des oben erwähnten Hadiths heißt es: „Jede Grenze hat einen Wächter“ (****). Hier ist mit „Muttali“ in der äußeren Bedeutung des Verses das Verständnis der arabischen Sprache gemeint. Außerdem werden die ergänzenden notwendigen Dinge erläutert, die zum Verständnis der Bedeutung des Korans erforderlich sind.
(***) Im inneren Sinn des Verses bezeichnet Muttali die Schärfe des Verstandes, die Gesundheit des Gewissens, den Glanz des Herzens und die Seelenruhe.
Viertes Kapitel: ʿIlm-e Ladunnī–Das von Allah verliehene Wissen und die Bedeutung der Geschichten der Propheten
Zu den von Allah verliehenen Wissensgebieten, die mit der Tafsīr-Wissenschaft verbunden sind, gehört das Wissen über die Taʾwīl der Geschichten der Propheten. Zu diesem Thema habe ich ein eigenes Buch verfasst und ihm den Namen „Taʾwīl al-Ahādīth“ gegeben.
*** Es muss daran erinnert werden, dass alles, was sich zur Zeit der Propheten ereignet hat, unbedingt eine grundlegende Quelle besitzt, die mit der Eignung jenes Propheten und seiner Umma verbunden ist. Zugleich gibt es einen Hinweis auf die von Allah in jener Zeit bevorzugte Vorgehensweise. Diese Geschichte beruht auf drei Grundlagen: der Eignung des Propheten, der Tauglichkeit der Umma und den Erfordernissen der Zeit. Die Taʾwīl einer Geschichte bedeutet daher, ihren Zweck im Licht dieser drei Dinge zu bestimmen. Diese Aufgabe ist nicht leicht. Ohne eine Gabe Allahs ist sie nicht zu bewältigen. Wie es offenbar im folgenden Vers heißt:(Arabisch***************)
Und Wir lehrten dich die Taʾwīl der Ahādīth.
*** Die fünf Wissensgebiete, die die zentralen Themen des Korans bilden und deren Erläuterung und Analyse ich am Anfang dieser kleinen Schrift vorgenommen habe, gehören zu den von Allah verliehenen Wissensgebieten, die mit der Tafsīr-Wissenschaft verbunden sind. Daher möchte ich sie dort behandelt sehen.
*** Bei der Anfertigung meiner Übertragung des Korans ins Persische und des ʿIlm-e Ladunnī (des von Allah verliehenen Wissens) habe ich den Koran auf Persisch in einer der arabischen Sprache entsprechenden Weise wiedergegeben, sodass er hinsichtlich Umfang und Maß der Wörter und Sätze, der Reichweite der Sätze und seiner besonderen Form dem Koran gleicht. Ich habe sie „Fath ar-Rahmān fī tarjumat al-Qurʾān“ genannt. Von einer ausführlichen Erörterung einiger Aspekte dieses Themas habe ich jedoch abgesehen, weil die Leser sie nicht würden verstehen können.
Besondere Aspekte des Korans::
Die vierte mit der Ilm at-Tafsīr verbundene Wissenschaft ist die Kenntnis der besonderen Angelegenheiten des Korans. Zwar haben sich schon früher einige damit befasst, doch wäre es um vieles besser gewesen, wenn sie über dieses Thema gar nichts geschrieben hätten. Denn sie haben den Kern der besonderen Angelegenheiten des Korans verfehlt. Einige haben sie auf Bittgebete reduziert, andere haben daraus beinahe Zauberei und Amulette gemacht.
Doch Allah, der Erhabene, hat mich in dieser Angelegenheit vom bisher beschrittenen Weg abgebracht und mir einen neuen Weg gewiesen. Er hat mir die heiligen Namen, die erhabenen Verse und die gesegneten Bittgebete gemeinsam zugänglich gemacht. Und diese Gabe hat Allah ausschließlich mir zuteilwerden lassen. Daher ist das, was ich in dieser Angelegenheit erkannt habe, völlig eigenständig, einzigartig und vorzüglich.
Die reine Wahrheit ist, dass jeder Vers des Korans, jeder der heiligen Namen Allahs und jedes im heiligen Wort überlieferte Bittgebet bestimmten Bedingungen unterliegt. Dafür lassen sich jedoch keine Regeln und Vorschriften festlegen. Wenn überhaupt etwas zu tun ist, dann dies: „Warte ab und sieh, ob sich etwas aus dem Verborgenen offenbart.“ So wie man bei der Istikhāra abwartet und schaut, ob von Allah ein Hinweis auf einen bestimmten Vers oder Namen kommt, ist es auch hier. Wenn man jedoch gemäß festgelegten Regeln etwas über die Verse und die schönsten Namen sagen will, sollte man sich dabei an einen Fachkundigen halten.
Ich halte es nicht für richtig, in diesem Buch mehr zu diesem Thema zu sagen. Ich habe gesagt, was ich dazu zu sagen hatte.
Fünftes Kapitel: Muqaṭṭaʿ’āt-Verse – ihre Entschlüsselung
Zu den Erkenntnissen, die Allah in den armseligen Verstand des Dieners herabgesandt hat, gehört auch die Fähigkeit, die Muqaṭṭaʿāt-Verse zu entschlüsseln und ihre Bedeutung zu erfassen. Doch bevor der eigentliche Gegenstand erörtert wird, bedarf es einer kurzen Einleitung.
Einleitung: Die Bedeutung jedes einzelnen Buchstabens des Alphabets, von dem Sätze und Wörter abhängen, ist äußerst umfassend. Und diese Bedeutung ist so wertvoll, dass sie sich nicht mit ein oder zwei Worten erklären lässt. Daher sollte man, wenn auch nur kurz, einiges dazu sagen.
Zu den Besonderheiten des arabischen Alphabets gehört, dass die Grundbedeutungen aller Buchstaben einander eng verwandt und ähnlich sind und ihre Bedeutungen übereinstimmen. Selbst wenn sie nicht völlig gleich sind, werden sie doch einander nahekommen. Gelehrte und kundige Literaten haben dieses Geheimnis ausführlich erörtert. Ihrer Erklärung zufolge bringt ein Wort, in dem Nūn und Fāʾ zusammentreffen, auf irgendeine Weise die Bedeutung „herauskommen“ zum Ausdruck. So bezeichnen etwa nafar, nafs, nafḥ, nafkh, nafq, nafad und nafj jeweils das „Herauskommen aus dem Inneren“ von etwas. Ob es nun aus einem Baum oder aus der Hand herauskommt. Kurz gesagt: Die Grundlage all dieser Wörter ist das Herauskommen.
Wenn sich also „Fā“ und „Lām“ in einem Wort verbinden, vermitteln sie die Bedeutung des Aufbrechens oder Zerbrechens. So bedeutet jedes der Wörter Falak, Falah und Falaj in irgendeiner Weise das Aufbrechen oder Zerbrechen von etwas – sei es das Brechen eines Beins, das Aufreißen der Dunkelheit oder das Aufbrechen eines Samens, aus dem ein Keim hervorkommt.
Zu den Erkenntnissen, zu denen nachdenkliche Schriftsteller über das arabische Alphabet gelangt sind, gehört folgende: Wenn alle Buchstaben eines Wortes einzeln vertauscht werden und ihre Ursprünge und ihre Aussprache einander nahestehen, kann dasselbe Wort in unzähligen Bedeutungen verwendet werden. Die Araber haben diese Art des Gebrauchs vielfach gezeigt. Indem sie die Buchstaben eines Wortes einzeln umstellten, verwendeten sie dasselbe Wort in verschiedenen Bedeutungen. So ist es in der arabischen Sprache weit verbreitet, (**) von (**) zu (**) zu verändern, (**) von (**) zu (**) zu verändern und (**) zu verwenden. Viele weitere Beispiele ließen sich anführen. Da es mir jedoch lediglich darum geht, auf diese Eigenschaft des Alphabets aufmerksam zu machen, und dies damit bereits erreicht ist, bedarf es keiner ausführlichen Erörterung.
Obwohl diese Eigenschaft des Alphabets mit der arabischen Sprache und der Lexikographie zusammenhängt, steht doch fest, dass die frühen Araber dies nicht wussten – jedenfalls nicht im Einzelnen. Von den gewöhnlichen Arabern ganz zu schweigen, waren selbst große Sprachgelehrte nicht in der Lage, es zu verstehen. Wenn man sie nämlich nach der Definition von „Dschins“ oder dessen Wesen fragte oder nach den Besonderheiten verschiedener Satzfügungen und diese erläutern ließ, wären sie dazu nicht imstande. In diesem Fall wäre es für sie noch schwieriger, deren grundlegende Wahrheit darzulegen. Dennoch gebrauchten sie all dies ganz selbstverständlich, ohne die Notwendigkeit zu sehen, auf seine grundlegenden Prinzipien zu achten.
Außerdem war das Maß an gedanklicher Tiefe unter denen, die in der arabischen Sprache eine äußerst genaue Sprachanalyse betrieben, nicht gleich. Einige von ihnen waren so tiefgründige Gelehrte, dass viele andere nicht einmal von diesem Bereich Kenntnis hatten. Obwohl diese Wissenschaft mit der arabischen Sprache verbunden ist, waren doch viele nicht fähig, diese Stufe zu erreichen.
Hauptausführung:
Nach dieser kurzen Einleitung sind wir nun an dem Punkt angelangt, die Hurūf al-Muqattaʿāt zu erörtern. Zunächst muss man sich die Tatsache vor Augen halten, dass ihre Bedeutung mit derjenigen Sura verbunden ist, an deren Anfang sie stehen. Tatsächlich ist in den Anfangsbuchstaben in groben Zügen das enthalten, was in der Sura ausführlich behandelt wird. Wenn man beispielsweise ein Buch verfasst, gibt man ihm einen Namen, und zwischen diesem Namen und dem Inhalt des Buches besteht ein Zusammenhang, sodass man schon beim Hören des Namens eine ungefähre Vorstellung vom Inhalt erhält. So gab Allāma Buchārī der von ihm zusammengestellten Hadith-Sammlung den Namen „Dschāmiʿ as-Sahīh al-Musnad fī Ahādīth Rasūlallāh (s)“; sobald wir diesen Namen hören, verstehen wir, dass in diesem Werk die authentischen Hadithe des Gesandten (s) gesammelt sind.
(***) (Alif, Lām, Mīm): Dies ist in der Tat der Titel der Sura. Seine Bedeutung ist: „Die verborgene Wahrheit der unsichtbaren Welt, die an ihrem eigentlichen Ort bestimmt, in der sichtbaren Welt jedoch unbestimmt war, ist von nun an bestimmt geworden.“ Die zuvor genannte Bedeutung von (**) beruht darauf, dass „Hamza“ und „Hā“ zwei Buchstaben des Alphabets sind, die die Bedeutung unsichtbarer Dinge ausdrücken. Der Unterschied zwischen ihnen besteht jedoch darin, dass sich „Hā“ auf die unsichtbaren Dinge dieser Welt bezieht, während sich „Hamza“ auf die Dinge bezieht, die dieser Schöpfungswelt unsichtbar sind.
(***) (Hamza): Unter den übrigen Buchstaben des Alphabets bezieht sich Hamza auf ein unsichtbares Ding, das unbestimmt ist. Der Beweis dafür ist, dass man im gewöhnlichen Sprachgebrauch „Hamza“ verwendet, wenn nach etwas gefragt wird, das noch unbestimmt ist. Deshalb wird am Anfang eines Fragesatzes „Am“, also Hamza, verwendet. Wenn ein solcher Fragesatz mit einem anderen Satz verbunden wird, wird ebenfalls „Am“ verwendet. Sein erster Buchstabe ist Hamza. Durch diese Verbindung wird erwiesen, dass das unsichtbare Ding, nach dem gefragt wurde, noch unbestimmt ist.
Tatsächlich weisen diese Buchstaben oder Buchstabengruppen des Istifhām (Frageform) und des ʿAtf (Verbindung) darauf hin, dass der Gegenstand, nach dem gefragt wird, noch außerhalb unseres Wissens liegt. Er ist unsichtbar und unbekannt. Diese Ungewissheit erwecken sie in unserem Inneren. Dann wird „. “ am Satzanfang verwendet. Das weist darauf hin, dass der Fragende eine unklare Vorstellung von der unsichtbaren Angelegenheit hat, nach der gefragt wird, und dass sie sich auf einen bestimmten Gegenstand bezieht.
(Hā): Ebenso wie das Pronomen und der Istifhām stehen beide mit dem Verborgenen oder Unsichtbaren in Verbindung. Der Istifhām bezieht sich auf einen unbekannten Gegenstand. Auch das Pronomen tritt an die Stelle eines Gegenstands oder Wortes, das unsichtbar, das heißt im Satz nicht vorhanden ist. Für das Pronomen wird Hā verwendet. Das bedeutet, dass die Beziehung des Hā zum Unsichtbaren eine Beziehung zu einem bestimmten Unsichtbaren ist. Ein Pronomen ist, ob ausdrücklich oder unausgesprochen, stets bestimmt. Daraus ergibt sich: Die Hamza steht in Beziehung zu einem aus der Welt verborgenen, unbestimmten Gegenstand, das Hā hingegen zu einem bestimmten Unsichtbaren innerhalb der Welt.
(Lām): So wie die „Hamza“ und das Hā das Unsichtbare bezeichnen, bestimmt das Lām auch das, womit es verbunden wird. Wenn man daher etwas Unbestimmtes bestimmen will, muss man (**) an dieses Wort anfügen.
(**) (Mīm): Wenn sich Hamza und Lām mit dem Mīm verbinden, weisen sie auf eine reale Wesenheit hin, in der die Verbindung und Zusammenfügung verschiedener materieller Wesenheiten stattfindet. Diese verlässt die leere Welt und nimmt Zuflucht in dieser sichtbaren und wirklichen Welt.
Zusammenfassend ergibt sich aus den soeben erläuterten Eigenschaften dieser drei Buchstaben als gemeinsame Bedeutung von (**) (Alif-Lām-Mīm): jene unendliche Inspiration, die bislang in der leeren Welt eingeschlossen war, diese Welt nun verlassen hat, in dieser sichtbaren Welt Zuflucht nahm und gemäß den Regeln dieser Welt sowie dem menschlichen Wissen bestimmt wurde. Sie wurde damit beauftragt, die Härte und Verschlagenheit der Menschheit zu beseitigen. Sie will deren unerlaubte Taten und ungerechte Worte durch die Warnung vor der Strafe beseitigen.
Wenn man die gesamte Sure erfasst, wird deutlich, dass sie von Anfang bis Ende von der Erläuterung und Analyse der zuvor dargelegten Bedeutung von „Alif-Lām-Mīm“ erfüllt ist.
(***) (Alif-Lām-Rā): In den beiden Versen besteht der einzige Unterschied im Rā und Mīm. Daher handelt es sich auch hier nahezu um eine Analyse von „Alif“, „Lām“ und „Mīm“. Der einzige Unterschied besteht darin, dass „Alif-Lām-Rā“ auch Wiederholung und wiederholtes Geschehen ausdrückt. Demnach bedeutet es: Das Unsichtbare, das einst in dieser Welt bestätigt worden war, kam zusammen mit einer anderen Gruppe erneut in diese Welt und wurde auf neue Weise bestätigt.
Mit dem Koran (***) ist jenes Wissen gemeint, das dazu bestimmt ist, die ungerechten Taten und Sünden der Kinder Adams zu beseitigen. Alles, was die Propheten einer nach dem anderen zur Rechtleitung und Reform an Lehren und Vorgehensweisen befolgten, ist in diesem Wissen enthalten.
(****) Ṭā und Ṣād: Diese beiden Buchstaben haben ebenfalls eine annähernd gleiche Bedeutung. Sie besteht in einem Schritt zur Höherentwicklung – das heißt, im Aufstieg aus dieser materiellen Welt in die höhere Welt. Der Unterschied besteht darin, dass der Aufstieg des Menschen in die höhere Welt bei „Ṭā“ mit seinen menschlichen Eigenschaften in Verbindung mit seiner Größe und Vorzüglichkeit steht, während die Höherentwicklung bei „Ṣād“ mit Reinheit und Feinheit, das heißt mit der Nähe zu Allah, verbunden ist.
(**) (Sīn): Dieser Buchstabe beweist, dass die unsichtbare Kraft der immateriellen Welt, die in der materiellen Welt Gestalt angenommen hatte und bestimmt hervorgetreten war, sich nun über die gesamte Schöpfung verbreitet hat.
(**) (Ṭā-Hā): „Ṭā-Hā“ und die Muqaṭṭaʿāt-Verse. Unter den oben erläuterten Besonderheiten der Buchstaben beweisen die beiden Buchstaben „Ṭā“ und „Hā“ die Höherentwicklung und Würde in der materiellen Welt. Zusammen weisen sie auf eine Stufe hin, die ausschließlich den Propheten vorbehalten ist. Das heißt: Durch die Hinwendung der Propheten zur immateriellen Welt und die Herstellung einer Beziehung zu ihr entsteht ein unsichtbarer Zustand, in dem das Wissen über alle Wesen annähernd enthalten ist. Mit anderen Worten bezeichnet „Ṭā-Hā“ die Würde, durch die die Propheten eine Beziehung zur immateriellen Welt herstellen und vieles Unbekannte erfahren. Dieses Wissen ist in den Schriften niedergelegt, die sie von Allah erhalten.
(***) (Ṭā-Sīn-Mīm): Unter diesen drei Buchstaben bezeichnet „Ṭā“ die Höherentwicklung und Würde in der materiellen Welt, „Sīn“ die Verbreitung in der Schöpfung und „Mīm“ die Bestimmtheit. Zusammen bezeichnen sie eine besondere Stufe der Propheten. Das heißt: Durch den Schritt von der materiellen zur immateriellen Welt erlangen sie eine Erkenntnis, wodurch diese Erkenntnis und dieses Wissen in der materiellen Welt offenbar und weit verbreitet werden. So bedeutet „Ṭā-Sīn-Mīm“, dass das von den Propheten erlangte Wissen in der gesamten Welt offenbar wurde und sich verbreitete.
(**) Die Bedeutung von (Hā) ist die eines unsichtbaren Gegenstands, ebenso wie die von ‘**). Der Unterschied besteht nur darin, dass der unsichtbare Gegenstand, auf den (**) hinweist, völlig unsichtbar bleibt. Dagegen weist (**) auf einen unsichtbaren Gegenstand hin, in dem ein Aufleuchten des Lichts, ein Anzeichen von Offenbarung und Besonderheit vorhanden ist. Wo also „**“ vorkommt, weist es auf Offenbarung und Besonderheit hin.
(***) (Hā-Mīm): Die beiden Buchstaben dieses Verses haben weitgehend eine ähnliche Bedeutung. „Mīm“ bezeugt die Verdichtung und die Suche. Und obwohl „Hā“ auf das Unsichtbare hinweist, enthält es dennoch das Verlangen nach dem Glanz des Lichts und nach Offenbarung. Daher wird durch (***) auf eine unsichtbare Wirklichkeit hingewiesen, die den Ruhm einer leuchtenden Offenbarung besitzt. Sie hat die Eigenschaft der materiellen Welt deshalb angenommen, weil sie die irrigen Vorstellungen und die ungerechten Handlungen der Menschen korrigieren wird. Damit wird auf jene Wirklichkeit des Qurʾān hingewiesen, in der den Aussagen der Irregeleiteten widersprochen, ihre Gewohnheiten und Regeln sowie ihre größten Zweifel und Bedenken kritisiert und das Licht der Wahrheit offenbar gemacht wurde.
(**) (ʿAin): Dieser Buchstabe bezeugt das Hervortreten eines strahlenden Glanzes und dessen Annahme einer bestimmten Gestalt.
(**) Qāf): Der Bedeutung nach ähnelt dieser Buchstabe dem „Mīm“. Auch er bezeugt Besonderheit und Bestimmtheit. Der Unterschied besteht nur darin, dass er das Äußerste an Besonderheit und Bestimmtheit bezeichnet. Alle ihre Formen haben darin ihren Platz gefunden. Demnach ist (***) vollständig: Die Liebe Allahs, die sich nach und nach offenbarte, breitete sich vollständig in der materiellen Welt aus.
(***) (Nūn): Mit diesem Buchstaben wird das Ausstrahlen von Licht in der Finsternis bezeichnet. Das heißt, Nūn bringt jenen Zustand zwischen Licht und Dunkelheit zum Ausdruck, der im Morgengrauen oder am Abend zu sehen ist. Auch wenn es nicht genau dasselbe ist, weist es doch eine gewisse Ähnlichkeit damit auf.
(Yā und Nūn haben dieselbe Bedeutung. Der Unterschied besteht darin, dass Nūn das Hervortreten des Lichts stärker bezeichnet, während dies hier nicht in demselben Maße der Fall ist. Zugleich besteht eine Ähnlichkeit mit der Bedeutung des zuvor genannten Buchstabens. Auch dort liegt der Unterschied darin, dass Hā eine größere Bestimmtheit bezeichnet. Yā weist im Großen und Ganzen auf weniger Licht und geringere Bestimmtheit hin.
(***) (Yā-Sīn): Yā und Sīn zusammen bezeichnen das Ausstrahlen eines gewissen Maßes an bestimmtem Licht. Demnach lässt sich daraus jene Wahrheit und jenes Wesen erkennen, die sich über die gesamte Schöpfung verbreiten.
(Ṣād): Dieser Buchstabe bringt den besonderen Zustand und die Wirkungsweise dessen zum Ausdruck, was bis zu diesem Punkt erschaffen worden ist. Wenn die Propheten sich zum Erhalter der gesamten Schöpfung hingezogen fühlen – sei es von Natur aus oder durch Erwerb –, wird auch ihr damaliger Zustand durch diesen Buchstaben zum Ausdruck gebracht.
(Qāf): Die Gleichheit und Ungleichheit, die zwischen den beiden Buchstaben besteht, zeigt sich ebenso in ihrer Bedeutung. Die Aussprache des einen ist vergleichsweise leicht und weich. Daher bringt es die Bedeutung des anderen mit einer gewissen Begrenztheit und Schwäche zum Ausdruck. Das heißt: mit weniger Kraft und weniger Härte.
(***) (Kāf-Hā-Yā-ʿAyn-Ṣād): Dieser Vers ist aus fünf Buchstaben zusammengesetzt, in denen allgemeine Kraft und Härte, zwei bestimmte unsichtbare Dinge, Leuchtkraft, Offenbarkeit, Feinheit und Reinheit sowie weitere Eigenschaften zusammengefasst sind. Daher bezeichnet dieser Vers eine wirkliche Welt der Finsternis, in der manches Wissen klar und leuchtend hervortritt, während anderes Wissen undeutlich und ohne Leuchtkraft vorhanden ist.
Zusammenfassend gesagt: In den Muqaṭṭaʿāt-Versen ist eine gewaltige Welt von Wesen und Wissen verborgen. Nur Interesse und die Kraft der Wahrnehmung können dabei helfen, sie zu erfassen. Soweit es einen Weg gibt, diese zusammengefasste Bedeutung durch schriftliche Darlegung oder Erörterung zum Ausdruck zu bringen, ist dieser in diesem Buch beschritten worden. Mehr darüber zu sagen oder es ausführlicher zu beschreiben, liegt außerhalb des menschlichen Vermögens.
Es ist ebenfalls wahr, dass all das, was gesagt wurde, nicht vollkommen mit der Bedeutung jener Wörter und Sätze übereinstimmt. Ihre eigentliche Bedeutung ist dadurch ebenfalls nicht zum Ausdruck gebracht worden. In mancher Hinsicht steht es sogar im Gegensatz zur ursprünglichen Bedeutung. Doch wurde bereits eingeräumt, dass mehr zu sagen außerhalb des menschlichen Vermögens liegt. Ich habe lediglich das gesagt, was zu sagen möglich war; und Allah, der Erhabene, weiß am besten, was richtig ist.
— Ende —