Wort des Herausgebers der ersten Ausgabe

Das gegenwärtige Problem der muslimischen Welt besteht darin, dass die muslimische Welt nicht ordnungsgemäß geführt wird. Die muslimische Welt ist nicht dynamisch. Der Hauptgrund dafür ist, dass die Führung der muslimischen Welt nicht in der Lage war, die grundlegenden Probleme der Umma zu erkennen. Sie ist daran gescheitert, eine wirksame Strategie zu entwickeln und ein Programm zu verabschieden, das sie aus dem gegenwärtigen instabilen Zustand herausführen kann. Das ist die Gesamtsituation.

Diejenigen, die in Bangladesch im Namen von Reform und Renaissance tätig sind, sind daran gescheitert, die Bestrebungen des Volkes zu erfüllen, weil sie nicht in der Lage waren, die Prioritäten ihrer Arbeit festzulegen. Die Geschichte der jüngsten Zeit ist ein herausragendes Beispiel dafür. Leider ist es wahr, dass diejenigen, die heute in Bangladesch führen, nicht in der Lage waren, eine theoretische Grundlage für die Prioritäten ihrer Arbeit zu schaffen – welche Aufgabe zuerst erledigt werden muss und warum?

Das Islamic Information Bureau Bangladesh ist eine private, autonome, gemeinnützige Einrichtung. Ziel des Bureaus ist es, eine intellektuelle Grundlage für die gesellschaftliche Reform zu schaffen. Zu diesem Zweck legt das Bureau den Lesern das von Professor Dr.. Yusuf al Qaradawi verfasste Werk Prioritäten der kommenden islamischen Bewegung in der kommenden Phase – in bengalischer Übersetzung – vor. Wir sind überzeugt, dass dieses Werk denjenigen in Bangladesch, die an der gesellschaftlichen Reform arbeiten, helfen wird, ihren selbstzufriedenen Schlaf zu beenden, und dazu beitragen wird, unter ihnen Dynamik zu schaffen. Es ist zu hoffen, dass das Buch die in der Gesellschaft Tätigen inspirieren und durch die Belebung ihrer Kräfte die Rolle eines aktiven Katalysators beziehungsweise einer treibenden Kraft bei der Herbeiführung der gewünschten gesellschaftlichen Veränderungen spielen wird.

Dieses wichtige Buch von Dr. al-Qaradawi wurde von dem bekannten Journalisten Muhammad Sanaullah Akhunji aus der ersten, von Dar al-Nasr in Kairo veröffentlichten Ausgabe übersetzt. Als die Übersetzungsarbeit nahezu abgeschlossen war, gelangte eine überarbeitete und korrigierte Ausgabe des Buches, die von Awakening Publications im Vereinigten Königreich herausgegeben worden war, in unsere Hände. Daher wurde eine Neuordnung der bengalischen Übersetzung erforderlich. Da Herr Sanaullah Akhunji wegen seiner vielfältigen Verpflichtungen nicht in der Lage war, Zeit für die Neuordnung, Überarbeitung und Korrektur aufzubringen, musste der Verlag selbst die schwierige Aufgabe der Neuordnung und Bearbeitung des Buches übernehmen. Dabei unterstützten mich der bekannte Journalist Shafik Chowdhury und der Dichter Omar Biswas. Es sei darauf hingewiesen, dass, falls die bengalische Übersetzung dennoch irgendwelche Fehler oder Mängel enthalten sollte, die alleinige Verantwortung dafür vollständig beim Herausgeber und beim Verleger des Buches liegt. Denn die bengalische Übersetzung wurde in Übereinstimmung mit der überarbeiteten englischen Übersetzung gestaltet, die Herr Sanaullah wegen seiner körperlichen Erkrankung nicht überprüfen konnte. Bei der Übersetzung der Verse des Heiligen Koran haben wir hier keine veröffentlichte bengalische Koranübersetzung zu Hilfe genommen. Vielmehr wurden die Koranverse anhand des Buches mit Dr. al-Qaradawis überarbeiteter englischer Übersetzung ins Bengalische übertragen. Aus diesem Grund haben wir keine Anführungszeichen verwendet. Dies gilt ebenso für die Übersetzung der Hadithe. Herr Shafik Chowdhury übersetzte das Vorwort, das Wort des Herausgebers der englischen Ausgabe und das Vorwort des Autors. Der Dichter Omar Biswas übersetzte die Vorstellung des Autors und das Wort des Verlegers.

Der renommierte Forscher Mohammed Abdul Mannan stellte das in Kairo veröffentlichte Buch zur Verfügung, wodurch wir mit der Übersetzung des Buches beginnen konnten. Herr Shah Abdul Hannan übergab uns die im Vereinigten Königreich veröffentlichte korrigierte Ausgabe des Buches. Dadurch wurden die Überarbeitung, Korrektur und Neuordnung des Buches erleichtert. Wir sind ihnen beiden dankbar. Auf unsere Bitte hin sandte [email protected] eine kurze Vorstellung von Dr. al-Qaradawi. Dafür sind wir auch www.islamonline.net dankbar. Herrn Shafik Chowdhury und dem Dichter Omar Biswas danken wir für ihre freiwillige Unterstützung bei der Neuordnung und Bearbeitung des Buches. Der Dichter Omar Biswas übernahm als Zeichen seiner Verbundenheit die mühevolle Arbeit, die Druckfahnen des Buches zu korrigieren. Es sei erwähnt, dass bei der Rechtschreibung des Buches, abgesehen von ein oder zwei Ausnahmen, so weit wie möglich dem „Bangla বানান-Abhidhan“ der Bangla Academy gefolgt wurde. Der liebenswürdige Ahmad Hossain Manik widmete dem Buch wertvolle Zeit. Vor allem aber schenkte uns Herr Sanaullah Akhunji eine schöne Übersetzung des Buches. Ich bin ihnen allen zu Dank verpflichtet.

Im Mai 1995 veröffentlichte das Islamic Information Bureau Bangladesh Dr.. Ismail Raji al- Faruqis Werk Wissen: islamische Gestaltung. Mein angesehener Freund Mahbubul Haq veranlasste auf meine Bitte hin die Übersetzung dieses Buches. Sein bedeutender Beitrag zur Übersetzung des Buches ist unbestreitbar. Für die Möglichkeit, dieses herausragende Buch von Dr. Ismail Raji al-Faruqi zu veröffentlichen, bin ich Herrn Mahbubul Haq besonders zu Dank verpflichtet. Der liebenswürdige Ata Sarkar bereicherte dieses Buch durch die umfassende Betreuung der Veröffentlichung. Auch wenn dies spät geschieht, erkenne ich ihnen hiermit meine Dankesschuld an.

Schah Abdul Halim

Vorsitzender

Islamisches Informationsbüro Bangladesch

Einleitende Worte

Der junge, vielversprechende Hasan al-Banna hat durch die überarbeitete Übersetzung des Buches „Die Prioritäten der islamischen Bewegung in der kommenden Phase“ in seine Muttersprache Englisch eine wichtige Arbeit geleistet. Der wichtige Grund für die englische Übersetzung dieses Buches ist folgender:

1.. Zeitgenössischer Fiqh

Für gebildete muslimische Jugendliche ist ein zeitgenössischer Fiqh notwendig, insbesondere für diejenigen, die im Westen leben. Viele von ihnen folgen unterschiedlichen Richtungen. Dazu gehören Extremismus, Fitna oder irreführende Lehren, die Neigung, andere zu Ungläubigen zu erklären, sowie eine unnachgiebige Haltung. Sie behandeln andere Muslime grob und zeigen den Menschen in dem Land, in dem sie leben, gegenüber Feindseligkeit, obwohl sie dort eine schwache Minderheit sind. Sie wurden von ihrer Heimat verlassen; viele von ihnen wurden aus ihrem Heimatland vertrieben. Ja, die Regierungen ihrer Heimatländer stacheln sogar die Regierungen westlicher Länder gegen sie auf. Dabei gewähren die westlichen Regierungen ihnen neben dem Schutz auch vielfältige soziale Vergünstigungen. Sie erhalten dort die Möglichkeit, Bildung und Geschäfte zu betreiben sowie Moscheen, soziale Zentren und Schulen zu errichten.

Diese Menschen sollten denjenigen dankbar sein, die sie willkommen geheißen haben. Im Koran heißt es: „Was könnte die Vergeltung für gute Taten anderes sein als eine bessere Belohnung(Sure ar Rahman: 60)“. Eine ähnliche Aussage findet sich auch in einem Hadith: Wer den Menschen nicht dankbar ist, ist auch Allah nicht dankbar. Stattdessen lassen sie sich von jener Literatur beeinflussen, die in muslimischen Ländern verfasst wurde, in denen der Islam seit mehreren Jahrhunderten etabliert ist. Wenn Irreführung und Verwirrung auftreten, wenden sich Gelehrte und Prediger des Islam mit scharfer Kritik und verwerflicher Sprache gegen sie und rufen sie dazu auf, zur unverfälschten Grundlage zurückzukehren.

Solche Aufrufe und Bücher werden aus jenen muslimischen Ländern importiert, in denen Gelehrte und Prediger der Religion durch ihre Haltung gegen autoritäre und diktatorische Herrscher erschreckende Erfahrungen gemacht hatten. Dies brachte eine unausgewogene islamische Denkweise hervor, deren Grundlage die Absonderung von der Gesellschaft und die Erklärung anderer zu Ungläubigen war. Sie führte sogar dazu, Konflikte zwischen Herrschern und Gesellschaft zu schaffen und jeden Aufruf zum Dialog oder zur Freiheit mit Misstrauen zu betrachten. Diese Literatur wurde aus ihrem ursprünglichen Umfeld in den Westen importiert. Dabei wurde das grundlegende Prinzip des Fiqh in keiner Weise berücksichtigt – nämlich, dass sich eine Fatwa je nach Ort, Zeit und Person ändert. Auch die gegenwärtige schwache Lage der Muslime wurde nicht berücksichtigt.

Welche Weisheit und welcher Zweck können dahinterstehen, Feindschaft gegenüber jenen Regierungen zu schaffen, die – während die ganze Welt sie zurückwies – die Durchführung der Daʿwa ermöglicht sowie den Predigern der Religion verschiedene Möglichkeiten, Freiheiten und Ansehen gewährte? Welche Berechtigung kann es haben, die Verantwortung für die Wiedererrichtung eines islamischen Staates den im Westen lebenden Minderheiten aufzubürden, die der Bedrohung durch Rassismus ausgesetzt sind, wenn die muslimischen Regierungen dabei versagt haben? Welchen Nutzen hätte es, diese Minderheiten in die Spaltungen zwischen verschiedenen muslimischen Gruppen hineinzuziehen, wenn diese Meinungsverschiedenheiten keinerlei Bezug zum Islam haben? Unter den Gelehrten der Umma bestand zudem niemals Konsens darüber, eine bestimmte muslimische Gruppe als ungläubig zu bezeichnen.

Für die durch die oben erwähnte Unwissenheit entstandenen Probleme gibt es keine Erklärung. Dr. al-Qaradawi hat in seinem Buch eine ausführliche Darstellung davon gegeben und die Grundzüge des Fiqh der Prioritäten, des Fiqh des Gleichgewichts und des Fiqh der Realität dargelegt.

2.Fiqh des Handelns Fiqh

Dieses Buch eröffnet einen neuen Horizont auf dem Gebiet des islamischen Denkens – obwohl Dr. al-Qaradawi seine Inhalte aus dem heiligen Koran, der Sunna, der Tradition der rechtgeleiteten Kalifen, den Gelehrten des Fiqh sowie den religiösen und spirituellen Reformern zusammengetragen hat.

Dennoch ist es wahr, dass vor Dr. al-Qaradawi niemand zuvor erfolgreich alle zusammengetragenen Inhalte durch ihre systematische Anordnung mit der Realität in Beziehung setzen konnte. Er analysierte unsere gegenwärtigen Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln und fand auch Lösungen für sie. Dies tat er durch präzise Erklärungen sowie logische und kenntnisreiche Analysen.

Neben Scheich Muhammad al-Ghazali ist dieses Buch das Ergebnis einer intensiven Anstrengung Dr. al-Qaradawis. In diesem Buch hat er die islamische Bewegung der Gegenwart bewertet und analysiert. Dabei legte er die Hauptursachen für die Krankheiten der Bewegung offen und zeigte Wege zu ihrer Lösung auf. Diese Themen hat er auch in verschiedenen anderen Büchern behandelt. Dazu gehören „Das Phänomen des Extremismus beim Takfir“, „Das islamische Erwachen zwischen Ablehnung und Extremismus“ und „Wo liegt der Fehler?“.

Darüber hinaus werden in diesem Buch alternative islamische Perspektiven und Methoden skizziert. In den früheren Büchern hingegen wurden ausführliche Analysen, Kritiken und Bewertungen behandelt. Sein Beitrag zur Entwicklung und Einführung neuer Usul beziehungsweise grundlegender Prinzipien, des Aktivismus im Islam, des Fiqh, des Fiqh der praktischen Erfahrung, des Bedarfs an religiösem Fiqh sowie von Methoden zu dessen Umsetzung ist anerkennenswert.

Tatsächlich ist der Mangel an islamischer Literatur einer der Hauptgründe für die gegenwärtige Lage des Islam. Es wurde viel Literatur über die islamische Daʿwa verfasst, die von unrealistischen Argumenten geprägt ist und keinen Bezug zu den zeitgenössischen Problemen und den Besonderheiten des jeweiligen Ortes hat. Was die Vorfahren für uns hinterlassen haben, gilt als das letzte Wort. Es gibt keine Möglichkeit zu dessen Weiterentwicklung, Innovation oder Erneuerung. Gedanken und Verhaltensweisen aus unterschiedlichen islamischen Umfeldern haben auch in den islamischen Kreisen des Westens dieselbe Art von Kontroversen ausgelöst. Dadurch entstand Verwirrung darüber, was eindeutig und unveränderlich und was nicht eindeutig und veränderbar ist. Diese unnötigen Streitigkeiten haben keinerlei Nutzen gebracht. Ziel dieses Buches ist es, diese Verwirrungen zu korrigieren und zu zeigen, dass der Islam und seine Tradition die Wirklichkeit durch eine vernünftige, praxisorientierte Methode bewältigen, verstehen und verändern.

3. des Autors Gelehrsamkeit

Es wäre keine Übertreibung, Dr. Yusuf al-Qaradawi als eine der herausragenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen intellektuellen islamischen Denkens und der Daʿwa zu bezeichnen. Dafür gibt es folgende Gründe:

a. Seine gemäßigte Methode sowie seine moderne und ausgewogene Ansprache. Zwischen der blinden Nachahmung einer bestimmten Madhhab unter gleichzeitiger Zurückweisung aller anderen Madhhabs und der Ablehnung jeder Madhhab nimmt er eine mittlere Position ein. Ebenso nimmt er in Bezug auf das vom rechten Weg abgeirrte und neu eingeführte tasawwuforientierte Sufitum sowie auf diejenigen, die sich gegen die auf dem rechten Weg befindlichen Sufis wenden, eine mittlere Position ein; ebenso zwischen denjenigen, die sich zwar von der Offenbarung abwenden, aber vom Verstand leiten lassen, und denjenigen, die die Rolle des Verstandes beim Verständnis der Offenbarung ablehnen. Die Madhhab der praktischen Mitte setzt sich in der Umma durch, während alle Formen des Extremismus an Bedeutung verlieren.

b. Er verfügt über umfassende und weitreichende Kenntnisse des Islam. Er hat seinen intellektuellen Beitrag nicht auf ein einziges Gebiet beschränkt. So hat er über die Aqida ebenso geschrieben wie über den Fiqh der Gottesdienste oder den Fiqh der Wirklichkeit. Er schreibt nicht nur über diese Bereiche, sondern auch über andere. Er hat zahlreiche Werke über den Fiqh des Korans und der Sunna sowie über den Fiqh der Wirklichkeit und ihrer Anwendung verfasst.

Er ist nicht vom Weg der herausragenden Gelehrten abgewichen, die in der Geschichte des Islam genannt werden. Er beurteilt und analysiert die Dinge anhand der Maßstäbe des Korans und der Sunna und weist sie zurück, wenn sie diesen widersprechen. Er gehört nicht zu den blinden Nachahmern irgendeiner Madhhab, ist jedoch auch nicht dafür, die reiche islamische Tradition zu verwerfen. Seine Aussagen und Ratschläge sind sehr klar. Sein Herz ist von Gottesfurcht und Liebe zu Allah erfüllt. Er ist ein Salafi wie Ibn al-Qayyim, ein großer Schriftsteller und Dichter wie der Sufi-Gelehrte Imam asch-Schafiʿi sowie ein sachkundiger Gelehrter in zeitgenössischen Fragen wie Imam Ibn Taymiyya.

c. Sein tiefer Glaube, dass der Islam nicht nur ein religiöses Bekenntnis ist, sondern vielmehr ein notwendiges Gefüge, eine Organisation, eine Bewegung und ein Kampf – ein Glaube, der ihn als jungen Mann mit der größten und ältesten islamischen Bewegung der damaligen Zeit, den Muslimbrüdern, verband. Wegen dieser Bewegung musste er vor Gericht erscheinen und wurde inhaftiert. Durch Allahs Barmherzigkeit bewies er äußerste Geduld, bis seine Haftzeit abgelaufen war.

Trotzdem ist er mit dem Banner seiner islamischen Mission vom Osten in den Westen gereist, obwohl er inzwischen über 70 Jahre alt ist. Möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen. Möge Er ihm ein langes Leben schenken. Diese Reisen durch die ganze Welt haben ihn mit den muslimischen Denkern der Gegenwart, der muslimischen Bevölkerung, den muslimischen Jugendbewegungen und deren Weggefährten vertraut gemacht und eng verbunden.

Er steht zahlreichen Fatwa-Räten in Europa und Amerika vor. Zugleich ist er Gründer vieler zeitgenössischer Fiqh-Räte, Universitäten und Forschungseinrichtungen und aktiv an deren Arbeit beteiligt. Er selbst glaubt an freies Denken und ruft dazu auf, im Bereich des zeitgenössischen islamischen Denkens freies Denken zu praktizieren. Durch seine Teilnahme an Debatten und interkonfessionellen Dialogen in verschiedenen Foren – islamischen und säkularen, muslimisch-christlichen sowie arabisch-nationalistischen und islamischen Instituten – erlangte er große Bekanntheit.

In der Tat ist das Übersetzungsbemühen des jungen Hasan al-Banna anerkennenswert. Er hat Dr. al-Qaradawi den englischsprachigen Lesern vorgestellt.

Als Anerkennung dieses bedeutenden Beitrags für den Islam und die Muslime im Westen möge Allah Professor Dr. Yusuf al-Qaradawi sowie S. M. Hasan al-Banna für die Übersetzung ins Englische belohnen. Amin.

Scheich Raschid Ghannouchi

Vorsitzender

Ennahda-Partei Tunesien

April 2000

Worte des Herausgebers zur englischen Ausgabe

Leider hat das zwanzigste Jahrhundert die Wiedererrichtung des islamischen Kalifats nicht erlebt. Dennoch lässt sich zweifellos sagen, dass sich Bedingungen für eine islamische Erneuerung und Wiedergeburt herausgebildet haben. Bei vielen, insbesondere bei Gebildeten und Jugendlichen, ist das Bewusstsein erwacht, dass der Islam eine umfassende Lebensordnung ist, die den Menschen sowohl im Diesseits als auch im Jenseits den Weg zu wahrhaftigem Glück weist.

Die gegenwärtige Lage der muslimischen Umma ist derart, dass sie sich zahlreichen inneren und äußeren Herausforderungen stellen muss. Heute ist die islamische Zivilisation, ebenso wie andere eng mit ihr verbundene Bereiche, dem Verfall ausgesetzt. Dadurch sind zahlreiche Krankheiten und Probleme entstanden.

Der Islam ist eine vollständige Lebensordnung – doch das Versäumnis, dies zu erkennen, ist heute unter Muslimen zu einer allgemeinen Erscheinung geworden. Menschen dieser Art glauben, der Islam könne sich vollständig mit dem Säkularismus vereinbaren lassen. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich der islamischen Daʿwa-Arbeit aufrichtig widmen, beim Verständnis und bei der Umsetzung des Islam jedoch entweder extremistisch oder nachlässig sind. Viele verstehen auch nicht, dass umfassende Probleme umfassende Lösungen erfordern. Wieder andere hegen große Hoffnungen und überaus hohe Ziele, verfügen jedoch nicht über die erforderliche geistige Fähigkeit, diese Hoffnungen und Träume zu verwirklichen.

Darüber hinaus sind zahlreiche islamische Bewegungen entstanden, um die Mängel und Fehler der gegenwärtigen Lage zu korrigieren und jene lange ersehnte, gewünschte Gesellschaft wiederherzustellen, in der Allah allein als der einzig Anbetungswürdige gelten kann. Es zeigt sich, dass Bewegungen dieser Art sich zunächst entwickeln und das umfassende Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Doch schon nach kurzer Zeit verfallen sie in einen Zustand der Stagnation. Genau diese Zeit durchleben wir gegenwärtig. Doch so bedauerlich es auch ist: Die islamische Bewegung ist von denselben Mängeln und Problemen infiziert, unter denen die muslimische Umma leidet.

Die Frage lautet also: Wo sollen wir anfangen? Worin bestehen unsere Defizite? Was sollten wir tun? Wie sollten wir es tun? Haben wir das Wesen der Daʿwa, der Bewegung (Haraka) und der Erneuerung (Islah) klar verstanden? Welche Methode sollten wir anwenden? Wie sollten wir mit den verschiedenen Teilen der Gesellschaft umgehen? Welche Prioritäten hat die islamische Bewegung? Vor dem Hintergrund dieser Fragen schrieb Professor Dr. Yusuf al-Qaradawi dieses Buch.

Dr. Qaradawi ist, Allah sei Dank, einer der wenigen noch lebenden Gelehrten auf dem Gebiet des Fiqh. Durch die Verbindung derjenigen, die für die Moderne stehen, mit denjenigen, die die Tradition vertreten, ist er in der Lage gewesen, ausgewogene moderne Rechtsentscheidungen und Ansichten vorzulegen. Seine umfassende Erfahrung und sein reiches Wissen haben der Umma Wohlstand und Nutzen gebracht.

Dr. Qaradawi denkt stets über die Probleme, Möglichkeiten und den weiteren Weg der islamischen Bewegung nach. Wenn er sich für fähig hält, zu einer Angelegenheit der Bewegung einen Rat oder eine Anweisung zu geben, tut er dies ohne Zögern.

Dieses Buch ist aus seiner umfassenden Erfahrung auf dem Gebiet der islamischen Daʿwa und der islamischen Bewegung hervorgegangen. Aus diesem Buch sollte man nicht nur Rat, sondern auch Anleitung schöpfen. Denn wir leben in einer Zeit, in der jeder seine eigene Meinung und Sichtweise hat. Doch nur wenige sind in der Lage, Orientierung zu geben.

Das Originalbuch wurde auf Arabisch verfasst. Bereits zehn Auflagen sind erschienen. Wenige Monate nach der Veröffentlichung des Buches erschien eine erste englische Fassung. Sie war jedoch unvollständig. Daher entstand der Bedarf nach einer überarbeiteten englischen Übersetzung, die dem wesentlichen Inhalt des arabischen Originals näherkommt.

Ich bin Herrn, dem verehrten Lehrer Scheich Rashid Ghannushi, zutiefst dankbar dafür, dass er sich bereit erklärt hat, das Vorwort zu dieser neuen englischen Ausgabe zu verfassen. Dr. Kamal Hilbawi hat wertvolle Ratschläge und Empfehlungen gegeben, wofür ich ihm dankbar bin. Yusra Ghannushi hat auf vielfältige Weise geholfen, unter anderem bei der Übersetzung des Vorworts. Möge Allah sie für diese Unterstützung belohnen. Darüber hinaus war die Veröffentlichung des Buches nur durch die Unterstützung von Wali, Umar, Nadim, Bara, Sahera und vielen anderen möglich. Möge Allah sie alle belohnen.

Abschließend erinnere ich mich mit Dankbarkeit an meinen verehrten Vater Hafiz Abdul Qadir sowie an die anderen Lehrer, die mich die Sprache des Korans gelehrt haben. Ich habe erkennen können, dass sich die wahre Schönheit des Islam nur durch die arabische Sprache erschließen lässt.

Möge Allah uns alle auf dieser Erde auf dem von Allah und Seinem Gesandten gewiesenen Weg standhaft halten und uns das Ziel erreichen lassen, Allahs Souveränität wiederherzustellen.

S M Hasan al Banna

London, Vereinigtes Königreich.

April 2000

des Autors Vorwort

Alles Lob gebührt dem allmächtigen Allah, durch dessen Barmherzigkeit jedes gute Werk Früchte trägt. Frieden sei über Seinen gesandten Propheten, seine Familie und seine Gefährten.

Es war mein Glück, dass ich im Winter des vergangenen Jahres 1989, als ich am Jahreskongress der Arab Muslim Youth Association of North America teilnahm, dort den Schriftsteller Mohammed al-Hashemi al-Hamedi traf. Dort brachte er mir gegenüber das „Center for Studies on Islamic Future“ zur Sprache. Es war auf Initiative einer Gruppe muslimischer Denker gegründet worden. Er bat mich, dieses Zentrum zu unterstützen und ihm beizustehen.

Er sprach mit mir über die Veranstaltung eines vom Zentrum initiierten Symposiums zu Fragen, die mit dem künftigen Wohl und Wehe des Islam zusammenhängen, und nannte auch dessen Themen und die Namen der Referenten. Als er mich nach meiner Meinung dazu fragte, begrüßte ich die Initiative zur Gründung des Zentrums und zur Veranstaltung des Symposiums und gab nach besten Kräften meinen Rat. Dennoch wollte er von mir eine ausdrückliche Zusage für eine aktive Beteiligung an diesem Vorhaben. Um seinen Vorschlag für mich noch ansprechender zu machen, sagte er: Wir werden das Symposium in einem Land veranstalten, das Sie mögen – und dieses Land ist Algerien. Er bat mich, mich für das Symposium auf die Abfassung eines Beitrags über die Prioritäten der islamischen Bewegung in den kommenden drei Jahrzehnten zu konzentrieren. Weil er an meinen Überlegungen zur Bestimmung der Prioritäten der islamischen Bewegung interessiert war, legte er dieses Thema fest. Ich habe meine Gedanken auf diesen Bereich des Fiqh konzentriert und viel darüber gesprochen und diskutiert. Es ist ein Thema, das mir am Herzen liegt, um die islamische Bewegung auf den richtigen Weg zu führen und die Notwendigkeit einer islamischen Erneuerung zu begründen. Es ist von solcher Bedeutung, dass ich Allah um Hilfe bitte, damit ich es nach gründlichem Nachdenken angemessen darlegen kann. Die Umstände waren so, dass mir nichts anderes blieb, als die Einladung der Organisatoren des Symposiums anzunehmen. Das Thema, der Einladende, die Teilnehmer und der Veranstaltungsort – all diese Faktoren haben mich nicht nur inspiriert, sondern mich geradezu dazu gezwungen, die Einladung anzunehmen.

Zu jener Zeit musste ich wiederholt reisen, wodurch meine Überlegungen und meine Forschungsarbeit beeinträchtigt wurden. Ich wandte mich mit der Bitte um Allahs Hilfe der Abfassung des Beitrags zu.

Das Ergebnis dieser Forschungsarbeit ist mein vorliegendes Buch. Ich hoffe, dass der darin enthaltene Lichtstrahl auch schwach sein mag, uns dennoch den richtigen Weg weisen wird. Es genügt jedoch, dass wir das Thema auf die Ebene der Forschung und Diskussion heben konnten. Sollte dies nicht der Fall sein, wird es zumindest als Anregung dienen. Alles, was ich hier geschrieben habe, ist eine Ergänzung und Fortführung meiner früheren Bücher, Abhandlungen, Aufsätze und sonstigen Schriften über die islamische Bewegung im Besonderen und die islamische Erneuerung im Allgemeinen.

Der Unterschied zwischen Bewegung und Erneuerung besteht darin, dass eine Bewegung eine organisierte Gruppe oder Gruppen vertritt, die bestimmte Ziele und Zwecke sowie eine klare Vorgehensweise haben. Die Erneuerung hingegen ist ein allumfassender Strom, der Einzelne und Gemeinschaften, organisierte wie nicht organisierte, umfasst. Die Erneuerung ist eine Flut, die die Bewegung stärkt und schärft. Die Bewegung wiederum ist ein Wegzehrung, die der Erneuerung die Richtung zum richtigen Weg weist. Zwischen beiden besteht ein Verhältnis von Wechselwirkung. Wie die Rationalisten zu sagen pflegen, besteht es zwischen der absoluten Allgemeinheit, der „absolute generality“, und der absoluten Besonderheit, der „absolute particularity“. Jede Bewegung ist Erneuerung. Aber nicht jede Erneuerung ist eine Bewegung. Daher ist die Erneuerung hinsichtlich ihres Ziels umfassender und weiter als die Bewegung.

In diesem Zusammenhang möchte ich die Aufmerksamkeit auf einen wichtigen Punkt lenken. Wenn ich von der islamischen Bewegung spreche, meine ich stets die allumfassende islamische Bewegung, nicht eine bestimmte Art von Organisation oder Bewegung. Als Beispiel werde ich freilich meistens die Muslimbruderschaft nennen. Denn innerhalb dieser Bewegung hatte ich die Möglichkeit, mich zu entwickeln. Durch die verschiedenen Erschütterungen und Widerstände dieser Bewegung habe ich Erfahrungen gesammelt und den Verlauf der Ereignisse über einen Zeitraum von nahezu einem halben Jahrhundert miterlebt.

Ich habe für dieses Buch den Titel „Prioritäten der islamischen Bewegung in der kommenden Phase“ gewählt. Entsprechend der Bitte habe ich den Gegenstand der Erörterung nicht auf drei Jahrzehnte begrenzt. In diesem Zeitalter des raschen Wandels sehe ich keinen Grund für eine derart zeitlich begrenzte Erörterung.

Professor Dr.. Yusuf R. al-Qaradawi

Doha, Katar.

April 1990

 

ErstesKapitel

Islamische Bewegung: Einführung

Definition der islamischen Bewegung

Unter der islamischen Bewegung versteht man das von der Bevölkerung organisierte kollektive Bemühen, das den Islam in der Führung der Gesellschaft, ja in allen Lebensbereichen, wieder als treibende Kraft etablieren will.

Vor allem ist die islamische Bewegung eine Tätigkeit, ein unablässiges und hartes Bemühen. Diese Arbeit besteht nicht lediglich aus wohlklingenden Worten, Reden und Erklärungen oder dem Verfassen von Büchern und Schriften. All dies ist gewiss notwendig, bildet jedoch nur einen Teil der Bewegung – es ist nicht die Bewegung selbst. Allah, der Allmächtige, hat gesagt: Und sprich (o Muhammad): Wirkt weiter; Allah, Sein Gesandter und die Gläubigen werden euer Wirken sehen. (Sure at-Tawba: 105)

Die Bewegung ist das Handeln der Bevölkerung

Die islamische Bewegung ist das von der breiten Bevölkerung, insbesondere von einzelnen Menschen, aus eigener Initiative und auf der Grundlage tiefen Glaubens unternommene Bemühen. Der Glaube ist die Grundlage dieses Bemühens, und diese Arbeit wird allein um Allahs Wohlgefallen willen verrichtet, in der Hoffnung, die Belohnung nicht von irgendeinem Menschen, sondern allein von Allah zu erhalten. Wenn ein Muslim sich der islamischen Wiedergeburt bewusst wird, empfindet er in sich Selbstantrieb, Unruhe und Erregung. Sobald ein Muslim einerseits einen Widerspruch zwischen seinem Glauben und andererseits der ihn umgebenden Wirklichkeit wahrnimmt, entsteht in der Tiefe seines Herzens ein Aufruhr. Aus einer solchen seelischen Unruhe nimmt in ihm die Eigeninitiative ihren Anfang.

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnis stürzt er sich spontan in die Bewegung: aus Liebe zur Religion, aus seinem Glauben an Allah, Seinen Gesandten und den Koran, aus seinem Mitgefühl für die muslimische Umma und weil ihn die Nachlässigkeit seiner selbst und seiner Landsleute bei der Erfüllung ihrer Pflichten schmerzt. Auf diese Weise wird er zu Folgendem angespornt: mit großem Eifer seine Pflichten zu erfüllen; die Wurzel der Schwäche auszurotten; sich an den Bemühungen zur Wiedererrichtung der vernachlässigten Pflichten zu beteiligen, um die von Allah gegebene Scharia zu verwirklichen; die muslimische Umma unter dem Schatten des Korans zu vereinen; die Freunde Allahs zu unterstützen; gegen die Feinde Allahs zu kämpfen; die muslimischen Gebiete von jeder Aggression oder nichtmuslimischen Herrschaft zurückzugewinnen; das Kalifat gemäß den Forderungen der Scharia von Neuem wiederherzustellen; sich erneut zur Erfüllung der notwendigen Pflicht zu verpflichten, die Botschaft des Islam zu verbreiten; das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verbieten; und den Dschihad auf Allahs Weg in Worten, Taten oder zumindest im Herzen fortzuführen. Mit dem Ziel, dass Allahs Wort auf allen Ebenen des Lebens über allem erhaben sei, widmet er sich diesen Kämpfen.

Staatlicher Arbeit Unzulänglichkeit

Tatsächlich wird die islamische Bewegung nur durch Aktivitäten verwirklicht, die mit dem alleinigen Ziel betrieben werden, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Die Bildung von Vorständen, Hohen Räten, Vereinen oder Gewerkschaften unter der Aufsicht des Waqf-Ministeriums zur Durchführung staatlicher oder halbstaatlicher Arbeiten, also islamischer Aktivitäten, oder die Einrichtung irgendeiner staatlichen Organisation und deren engagierte Arbeit im Interesse des Islam hängt vom Interesse und Eifer der in diesen staatlichen Einrichtungen beschäftigten Personen ab. Das Ergebnis der islamischen Arbeit hängt auch davon ab, inwieweit sowohl sie als auch diejenigen, die sie in diese Positionen berufen, dem Dīn verpflichtet sind und nicht dem diesseitigen Leben zugeneigt sind.

Wie dem auch sei, die Tätigkeit dieser staatlichen und halbstaatlichen Einrichtungen ist stets in verschiedener Hinsicht unzulänglich und fehlerhaft. Zum Beispiel:

1. Ihre jeweiligen Tätigkeiten werden ausschließlich innerhalb des Rahmens der staatlichen Politik durchgeführt. Denn die Regierung selbst hat diese Einrichtungen ins Leben gerufen und finanziert sie. Aufgrund ihrer Bindung an die betreffende Politik können diese Einrichtungen nicht nach ihren eigenen Wünschen und Plänen arbeiten. Daher vertreten sie zwar die Interessen des jeweiligen Staates in gewissem Maße, nicht aber in gleichem Maße die Interessen des Islam und der größeren muslimischen Umma.

2. In den meisten Fällen werden diese Einrichtungen nicht von bewährten Personen geleitet, die durch Bewegung und Kampf auf dem betreffenden Gebiet Sachkenntnis erworben und sich im unmittelbaren Einsatz bewährt haben. Vielmehr werden sie von Personen geleitet, die eine staatliche Finanzierung befürworten. Solche Menschen schmeicheln dem Staatsapparat entweder, um ihre Begierden zu befriedigen, oder aus Angst. Menschen dieser Art können einerseits die Anweisungen des Staates nicht missachten und besitzen andererseits auch nicht die Fähigkeit, in irgendeiner Angelegenheit „Warum?“ oder „Nein“ zu sagen; die meisten von ihnen sind von diesem Charakter. Andererseits gibt es unter den Staatsbediensteten, zumindest in der Mehrheit der Fälle, auch einige, die ihre Arbeit besser verrichten als die Mitarbeiter der privaten islamischen Bewegung. Denn aus Gehorsam gegenüber Allah, aus ihrer Verbundenheit mit dem Dīn und als Teil ihres verzweifelten Bemühens, den Dīn auf dem richtigen Weg zu verwirklichen, widmen sie sich aus eigenem Antrieb dem Dienst am Islam.

3. In vielen Fällen fehlt es auch an aufrichtiger Sorge um den Schutz der Interessen des Islam. Ja, diese Tätigkeiten können sogar ausschließlich betrieben werden, um politische Ziele zu erreichen. In den meisten Fällen ähneln diese Tätigkeiten der im Koran erwähnten „Moschee des Unheils“, deren äußerer Zweck die Verrichtung von Gottesdiensten und die Pflege der Gottesfurcht ist. Ihre verborgene Absicht besteht jedoch darin, unter den Gläubigen Zwietracht zu säen und die Aktivitäten der Mitarbeiter der islamischen Bewegung zu behindern.

4. Aus diesen Gründen stoßen die islambezogenen Programme der Regierung auf Beschwerden seitens der Bevölkerung. Infolgedessen bleiben diese Programme der Sympathie und Unterstützung der Bevölkerung beraubt. Selbst jene staatlichen Gelehrten, die sich der Umsetzung der staatlichen Politik widmen, verlieren die Unterstützung der Bevölkerung. Sie sprechen entsprechend den Bedürfnissen des Staates und schweigen auf staatliche Anweisung. Daher verlieren sie das Vertrauen der Bevölkerung. Die Bevölkerung bezeichnet sie als „staatliche Gelehrte“ oder als „Agenten der Polizei“.

Aus diesen Gründen kann sich in Abwesenheit einer islamischen Herrschaft durch staatliche und halbstaatliche islamische Programme keine echte islamische Bewegung herausbilden. Wenn diese Programme jedoch angemessen genutzt werden, können sie auf intellektuellem und praktischem Gebiet einen gewissen Beitrag leisten und der islamischen Bewegung sowie ihren Einrichtungen finanzielle und moralische Unterstützung geben. Insbesondere dann, wenn die staatlichen und halbstaatlichen islamischen Programme unter der Leitung gläubiger und mutiger Menschen durchgeführt werden.

Bewegung ist gemeinschaftliches Bemühen

Auch wenn die islamische Bewegung ausschließlich um Allahs willen erfolgt, ist sie ein organisiertes und gemeinschaftliches Bemühen. Es genügt nicht, im Interesse des Islams auf eigene Initiative, getrennt voneinander und verstreut an verschiedenen Orten weiterzuarbeiten. Zwar werden ihre Taten und Bemühungen in die Abrechnung am Tag der Auferstehung einbezogen. Denn Allah wird den Lohn der Taten weder eines Mannes noch einer Frau zunichtemachen. Jeder wird nach der Prüfung seiner Absicht und der Richtigkeit seiner Tat belohnt werden. Im Koran heißt es: Und wer auch nur das Gewicht eines Stäubchens an Gutem tut, wird es sehen. (Sure al-Zilzal: 7)

Angesichts der gegenwärtigen Lage der muslimischen Umma werden individuelle Bemühungen nicht ausreichen, um die Spaltung zu beenden und das angestrebte Ergebnis zu erzielen; deshalb muss unbedingt ein gemeinschaftliches Bemühen unternommen werden. Dies ist sowohl eine religiöse Verpflichtung als auch eine Forderung der realen Verhältnisse.

Der Islam fördert den Geist organisierter und gemeinschaftlicher Bemühungen und lehnt Absonderung ab. Mit gemeinschaftlichen Bemühungen ist Allahs Hilfe verbunden. Wer sich jedoch absondert, wird in die Hölle geworfen. Ein Schaf, das sich von der Herde entfernt und abgesondert ist, fällt dem Wolf zum Opfer. Wenn daher jemand ohne die Gemeinschaft allein betet oder beim Gebet die Ordnung der Gemeinschaft verletzt, ist sein Gebet nicht vollständig. Ein Gläubiger ist für einen anderen Gläubigen wie ein festes Mauerwerk aus miteinander verbundenen Ziegeln. Die gegenseitige Unterstützung bei guten und rechtschaffenen Werken gehört zu den wichtigsten religiösen Pflichten, und einander zur Wahrheit und zur Geduld zu ermahnen ist eine der wichtigsten Voraussetzungen dafür, vor weltlichem und jenseitigem Schaden bewahrt zu bleiben.

Unter diesen schwierigen Umständen ist es nur natürlich, dass man gemeinsam handeln muss, wenn man das gewünschte Ergebnis erreichen will. Beifall entsteht durch das Zusammenschlagen beider Hände; in der Einsamkeit liegt die Schwäche, in der Zusammenarbeit mit vielen die Stärke. Große Erfolge werden durch gemeinsame Anstrengungen erzielt. Gewiss kann man den endgültigen Kampf nur als geeinte Gemeinschaft gewinnen. Im Koran heißt es: „Allah liebt gewiss diejenigen, die auf Seinem Weg in Reih und Glied kämpfen, als wären sie ein fest gefügtes Bauwerk.“ (Sure Saff’: 4)

Durch gemeinsame Anstrengungen sollte man sich gut organisieren. Diese Bemühungen müssen unter einer verantwortungsvollen Führung, auf einem festen Fundament und im Licht einer klaren Sichtweise unternommen werden. Gerade eine klare Sichtweise bestimmt im Rahmen des Grundsatzes der verpflichtenden Beratung (Schura) und des Grundsatzes des Gehorsams die Beziehungen zwischen der Führung und der Basis.

Der Islam erkennt keine gemeinsame Anstrengung an, die nicht den entsprechenden Regeln und Bräuchen folgt. Selbst das Gebet, das gemeinsam in der Gemeinde verrichtet wird, beruht auf guter Organisation und Disziplin. Allah wird gewiss nicht auf eine Reihe blicken, die nicht geordnet ist. Darüber hinaus müssen die Reihen auch eng geschlossen sein. Zwischen den Betenden in den Reihen darf keine Lücke bleiben, denn in diesen Lücken nimmt der Satan seinen Platz ein. Deshalb muss man Schulter an Schulter und Fuß an Fuß stehen. Die Verbeugung, die Niederwerfung und die äußere Form des Gebets sind ein Zeichen der Einmütigkeit im Denken. „Lasst euch nicht in Spaltungen verwickeln, damit nicht auch eure Herzen von Spaltung befallen werden.“

Aus diesem Grund muss der Imam vor Beginn des Gebets darauf achten, ob die Reihen hinter ihm gerade ausgerichtet sind, und die Betenden dazu anhalten, „ihren Brüdern beizustehen“. Denn im Interesse der allgemeinen Disziplin sind beim gemeinschaftlichen Gebet eine Haltung des Mitgefühls und der gegenseitigen Unterstützung unerlässlich.

Danach stellt sich die Frage des Gehorsams gegenüber dem Imam. Der Imam wird gerade dazu eingesetzt, dass man ihm folgt. Wenn er „Allahu akbar“ ausruft, muss man es ebenfalls sagen; wenn er sich verbeugt, muss man sich verbeugen, und wenn er sich niederwirft, muss man sich niederwerfen. Wenn er dagegen den Koran rezitiert, muss man zuhören.

Niemand darf die Disziplin verletzen oder sich vor dem Imam verbeugen beziehungsweise niederwerfen, damit niemand in diesem gut organisierten und gut koordinierten Gefüge Unordnung und Regelwidrigkeit verursachen und dadurch Verwirrung stiften kann. Wer so handelt, sollte sich fürchten.

Wenn der Imam jedoch einen Fehler macht, ist es für die hinter ihm in Reihen stehenden Betenden nicht nur zulässig, sondern auch ihre Pflicht, diesen Fehler zu korrigieren. Die Betenden dürfen den Imam auf seinen Fehler aufmerksam machen, ganz gleich, ob es sich um eine falsche oder unangemessene Handlung, ein Vergessen, die Koranrezitation oder irgendeine andere grundlegende Angelegenheit des Gebets handelt. Selbst die Frauen in den hinteren Reihen dürfen in die Hände klatschen, um auf den Fehler des Imams aufmerksam zu machen.

Das gemeinschaftliche Gebet ist ein kleines Abbild des gesamten gemeinschaftlichen Systems des Islam und dessen, wie die gegenseitigen Beziehungen zwischen Befehlshabern und Soldaten gestaltet sein sollten. Mit anderen Worten: Die Führung kann niemals unfehlbar sein, und für absoluten und blinden Gehorsam gibt es ebenfalls keinen Raum.

Das Ziel ist des Islams die Wiederbelebung

Was ist das Ziel der islamischen Bewegung? Die islamische Bewegung wurde mit dem Ziel ins Leben gerufen, den Islam nach Beseitigung aller Hindernisse in allen Lebensbereichen wiederzubeleben und erneut zu etablieren. Der Ausdruck „Wiederbelebung des Islams“ ist nicht neu. Es sind die Worte des Gesandten Allahs (s.a.w.), die Abu Huraira (r.a.) in einem authentischen Hadith überliefert hat. Der Hadith lautet: Allah, der Erhabene, wird zu Beginn jedes Jahrhunderts jemanden entsenden, der diese Religion wiederbeleben wird (Abu Dawud und al-Hakim).

Die meisten Kommentatoren dieses Hadiths wollten damit sagen, dass sich das Wort „derjenige“ hier auf eine bestimmte Person bezieht, durch die die Religion wiederbelebt werden soll. In diesem Zusammenhang nannten sie auch die Namen einiger berühmter Rechtsgelehrter und Imame, die gegen Ende eines Hidschra-Jahrhunderts verstorben waren und die Religion wiederbelebt hatten. Dazu gehören beispielsweise Hazrat Umar ibn Abd al-Aziz (r.a.) (gest. 101 Hidschra) und al-Schafi’i (r.a.) (gest. 204 Hidschra) sowie andere. Doch darüber, wer der Erneuerer des dritten Hidschra-Jahrhunderts gewesen sein könnte, herrscht unter ihnen Uneinigkeit.

Einige Kommentatoren des Hadiths vertraten die Ansicht, dass das Wort „derjenige“ in diesem Hadith ebenso wie im Singular auch im Plural verstanden werden könne. Mit anderen Worten: Unter dem „Wiederbeleber“ könne nicht nur eine einzelne Person, sondern auch eine Gruppe verstanden werden. Ibn al-Athir bezeichnete dies in seinem Werk „Al-Dschamilil Usul“ als sehr wahrscheinlich. Al-Hafiz al-Dhahabi und andere unterstützten ebenfalls diese Ansicht.

Darüber hinaus muss gesagt werden, dass es nicht erforderlich ist, dass eine bestimmte Person oder bestimmte Personen an der Gruppe beteiligt sind, die den Islam wiederbelebt. Jeder, der eine bestimmte Richtung des Denkens und Handelns vertritt, kann sich dieser Gruppe anschließen, sofern er daran interessiert ist, gemeinsam an der Wiederbelebung der Religion zu arbeiten.

Dies könnte die wahrscheinlichste Erklärung für das Verständnis und die Anwendung des erwähnten Hadiths am Ende eines Jahrhunderts und zu Beginn eines neuen Jahrhunderts sein. Wir bitten Allah darum, dass die Tage des neuen Jahrhunderts besser sein mögen als die vergangenen Tage und dass Allah unsere kommenden Tage noch heller machen möge.

Die Strategie der Wiederbelebung

Die islamische Bewegung kann auf drei Wegen eine Wiederbelebung herbeiführen.

Der erste Weg besteht darin,, eine Vorhut der islamischen Bewegung zu bilden. Diese Vorhut, die im Geist der Geschlossenheit und Zusammenarbeit aufgebaut wird, wird in der Lage sein, die zeitgenössische Gesellschaft geschickt zum Islam zu führen. Dabei wird sie sich weder absondern noch der Gleichgültigkeit Vorschub leisten. Nur durch die vom Islam vorgegebenen Richtlinien wird sie in der Lage sein, dem Verfall der muslimischen Gesellschaft entgegenzuwirken. Diese Vorhut muss aus Menschen gebildet werden, die durch festen Glauben, tiefes Wissen, Verständnis und enge Beziehungen in einem Herzensbund miteinander verbunden sind.

Der zweite Weg besteht darin,, unter den Muslimen öffentliche Meinung zu bilden. Darin wird sich die Meinung der breiten Mehrheit widerspiegeln; diese öffentliche Meinung wird, nachdem sie die umfassenden Ziele der islamischen Bewegung erkannt und verstanden hat, Vertrauen in den Glauben und die Fähigkeiten der Aktivisten haben und ihnen Liebe und Unterstützung entgegenbringen. Zugleich wird diese Bevölkerungsgruppe sich vor den schädlichen Auswirkungen der Verleumdungskampagnen gegen den Islam, die islamische Bewegung und ihre Führung bewahren.

Der dritte Weg besteht darin,, weltweit ein solches Klima zu schaffen, dass die Menschen in der Welt die eigentliche Botschaft des Islam sowie das wahre Wesen seiner Zivilisation und Kultur erkennen und die Existenz der muslimischen Umma anerkennen. Zugleich werden sie von den im Mittelalter aufgekommenen religiösen Fanatismus sowie von den schädlichen Auswirkungen der Lügen, erfundenen Verzerrungen und Verleumdungskampagnen der islamfeindlichen Kreise frei bleiben. Diese öffentliche Meinung wird neben den anderen Weltmächten auch gegenüber dem Aufstieg der muslimischen Macht tolerant sein. Denn sie wird erkennen können, dass die Muslime, da sie in ihren jeweiligen Ländern die Mehrheit bilden, das Recht haben, gemäß ihrem religiösen Glauben ihr eigenes Regierungssystem zu errichten. Dies ist eine Forderung der vielgepriesenen und weithin propagierten demokratischen Ordnung; und dieser Ordnung gemäß haben sie auch das Recht, als eines der edelsten Ideale der Welt das universale und humanistische Ideal des Islam zu verkünden. Dieses Ideal hat eine Vergangenheit, eine Gegenwart und eine Zukunft, und von Bedeutung ist, dass es in der heutigen Welt mehr als eine Milliarde Anhänger hat.

Islamischen Bewegung Prioritäten

Die Bereiche, in denen die Islamische Bewegung künftig tätig werden muss, sind zahlreich und weit gefächert. Die aktiven Führer und Theoretiker der Bewegung sollten diese Bereiche sorgfältig überprüfen. Eine solche Überprüfung muss unbedingt auf nachgewiesenen, korrekten Daten und Statistiken beruhen.

Bildungsbereich

Die Arbeit in diesem Bereich ist von großer Bedeutung für die Heranbildung einer Generation, die den Sieg erwartet, von Mitgliedern mit menschlichen Tugenden und einer islamischen Vorhut. Die Mitglieder dieser Gruppe werden den Islam in seiner Gesamtheit verstehen und an ihn glauben, einschließlich Wissen, praktischer Tätigkeit, Daʿwa und Einsatz. Ihre erste Aufgabe wird darin bestehen, ihren Landsleuten die Daʿwa des Islam zu überbringen und anschließend diese Botschaft in der ganzen Welt zu verbreiten. Diese Aufgabe wird ihnen erst dann möglich sein, wenn sie sich dem Islam verpflichtet haben, eine klare Vorstellung davon in ihrem Inneren tragen, das Ideal tief in ihren Herzen verankert ist und die islamische Ethik als Verhaltensregel für alle Lebensbereiche ihre leitende Kraft bildet. Sie werden Allah dienen und die Menschen gemäß der Scharia behandeln. Sie werden erkennen, dass der Islam über eine eigene Ordnung und Zivilisation verfügt, die den gegenwärtigen Zustand der muslimischen Umma verbessern, die Menschheit auf der Grundlage des Wortes Allahs vereinen und der irregeleiteten menschlichen Gesellschaft die beste und richtige Orientierung geben wird.

Politischer Bereich

Das Ziel der politischen Tätigkeit wird darin bestehen, die Macht den Händen aller Schwächlinge und Verräter zu entreißen und sie mutigen und aufrichtigen Menschen zu übertragen – Menschen, die weder selbst hohe Ämter an sich reißen und ihre Macht zur Schau stellen noch das Land korrumpieren wollen. Vielmehr werden sie, wenn Allah sie an die Macht setzt, dafür sorgen, dass das Gebet verrichtet und die Zakat entrichtet wird, und sie werden das Gute gebieten und das Verwerfliche verbieten.

Sozialer Bereich

Das Ziel des sozialen Programms wird darin bestehen, Armut, Unwissenheit, Krankheiten und Sündhaftigkeit zu beseitigen und jenen verdächtigen Organisationen entgegenzutreten, die sich sozialen und humanitären Tätigkeiten widmen und diese als Mittel einsetzen, die Identität der muslimischen Umma und ihre Verbindung zur Religion zu lockern.

wirtschaftlicher Bereich

Das Programm für den wirtschaftlichen Bereich wird die Gesellschaft von finanzieller Not und der Last zinsbasierter Schulden befreien und durch die Schaffung der Grundlage für die Errichtung eines islamischen Wirtschaftssystems zur Entwicklung der Gesellschaft beitragen.

Dschihad- bereich

Das Ziel des Dschihad wird darin bestehen, muslimische Gebiete zurückzugewinnen, gegen die islamische Daʿwa und die muslimische Umma gerichtete Kräfte zu bekämpfen sowie die Willensfreiheit der Muslime und ihr Recht auf freie Entscheidungsfindung zu bewahren.

Medien und Verbreitungs- bereich

Ziel dieses Programms ist es, die islamischen Ideale so zu verbreiten und die islamische Lehre so auszulegen, dass die Merkmale der Ausgewogenheit und die umfassende Tragweite dieser Ideale deutlich hervortreten. Dadurch werden alle Arten von Unklarheiten und Lügen beseitigt, die die Klarheit der Wahrheit beeinträchtigen könnten. Zu diesem Zweck müssen alle Arten von Medien genutzt werden, angefangen bei Veröffentlichungen bis hin zu audiovisuellen Medien.

intellektueller Bereich

Ziel dieser Arbeit wird es sein, die in den Köpfen von Muslimen und Nichtmuslimen über den Islam verbreiteten falschen Vorstellungen über die islamische Bewegung zu korrigieren und ein richtiges Verständnis zu schaffen sowie jene falschen Vorstellungen und fehlerhaften Fatwas (Rechtsgutachten) zu korrigieren. In manchen islamischen Gruppen sind falsche Lehren weit verbreitet. Daher müssen sie beseitigt werden, damit die islamische Bewegung richtig verstanden werden kann. Dieses Verständnis wird auf einer legitimen Grundlage beruhen, die aus den Grundprinzipien von Koran und Sunna sowie der Scharia hervorgeht, und dieses Bewusstsein und Verständnis muss insbesondere unter gebildeten Muslimen geschaffen werden. Denn dieser Gruppe bietet sich tatsächlich keine Möglichkeit, den Islam richtig und angemessen kennenzulernen.

Aufgaben verteilung

Es ist dringend, in allen Bereichen zu arbeiten, und keiner sollte vernachlässigt oder beiseitegelassen werden. Dabei muss einerseits berücksichtigt werden, was jeder Bereich benötigt, und andererseits, über welche personellen Kräfte und Fähigkeiten wir verfügen, und dementsprechend müssen jedem Bereich personelle Kräfte und Fähigkeiten zugewiesen werden.

Zur Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.) wurde den Muslimen im Heiligen Koran untersagt, allesamt zum Dschihad auszuziehen. Welches war jenes heilige Gebiet, auf das sich dieses Verbot bezog? Es war dem Schlachtfeld des Dschihad keineswegs an Heiligkeit und Bedeutung unterlegen. Vielmehr war dieses Gebiet bisweilen sogar bedeutender. Denn es erinnert die Muslime an den Dschihad, ebnet ihm den Weg und warnt davor, es zu vernachlässigen. Dieses Gebiet ist das Streben nach Wissen und Wissenschaft mit dem Ziel, die Religion zu verstehen.

In der Sure At-Tauba werden diejenigen, die sich vom Dschihad abwenden, getadelt und mit harter Strafe bedroht.In dieser Sure, im 122. Vers sagt der erhabene Allah: Es ist nicht richtig, dass die Gläubigen allesamt zum Dschihad ausziehen. So soll aus jeder ihrer Gruppen ein Teil zum Dschihad ausziehen, damit die Übrigen sich dem Erwerb religiösen Wissens und der Forschung widmen können und damit sie, wenn die am Dschihad Teilnehmenden zu ihrem Volk zurückkehren, es vor schlechten Taten warnen können.

Dies ist der entschiedene Aufruf zur Aufteilung der Aufgaben der betreffenden Mitarbeiterschaft und zur Spezialisierung.

Bedeutungs- und Prioritäten grundlage

Im Lichte der zuvor dargelegten Überlegungen zu Prioritäten muss die Islamische Bewegung künftig einigen besonders bedeutsamen Themen Aufmerksamkeit widmen. Diese Themen sind:

1. Im intellektuellen Bereich muss der klaren Erläuterung einiger Denkrichtungen sowie ihrer für alle verständlichen und tiefgehenden Darstellung Aufmerksamkeit gewidmet werden. Wir können dies als „neuen Fiqh“ bezeichnen.

2. Die Aufmerksamkeit darauf zu richten, auf welche gesellschaftlichen Schichten die Bewegung ausgeweitet werden kann und welche Schichten bei der Verbreitung des Islam in den Hauptstrom der islamischen Erneuerung einbezogen werden können.

3. Im Bildungsbereich, insbesondere dort, wo es um die Verfeinerung von Iman und Aqida geht, ist bei der Vorbereitung künftiger Führungspersönlichkeiten und der Entwicklung ihrer Eigenschaften auf bestimmte qualitative Standards zu achten.

4. Die Entwicklung von Denken und Bewusstsein im Hinblick auf lokale und globale politische Entwicklungen sowie internationale Beziehungen zu berücksichtigen, damit durch das Durchbrechen der Fragmentierung und Blockade der muslimischen Welt die Universalität und Dynamik der Bewegung im politischen Bereich sichergestellt werden können.

Anschließend werden die vier Arbeitsbereiche einzeln beleuchtet.

 

ZweitesKapitel

Islamische Bewegung: intellektuellen und Wissens Bereichen

intellektuellen und Wissens Bereichen

Der intellektuelle Bereich ist der erste und wichtigste Bereich. Denn er bildet die Grundlage für die Verbreitung islamischer Lehre und Daʿwa. Tatsächlich ist die intellektuelle Krise das Hauptproblem. Vielen Menschen fehlt es an einer klaren Vorstellung vom Islam; ebenso besteht ein gravierender Mangel an Wissen über die Lehren des Islam und deren Rangordnung, das heißt darüber, was am wichtigsten, was von gewöhnlicher Bedeutung und was überhaupt nicht wichtig ist.

Auch hinsichtlich der umgebenden Realität des Zeitalters, in dem wir gegenwärtig leben, zeigt sich ein gravierender Mangel an Wissen. Unsere Unkenntnis über andere ist so groß, dass wir ihnen entweder übermäßige Bedeutung beimessen oder sie geringschätzen. Andere hingegen sind über uns in jeder Hinsicht informiert und über unsere Angelegenheiten eingehend unterrichtet.

Selbst über uns selbst sind wir unwissend. Bis heute haben wir unsere Stärken und Schwächen nicht gründlich untersucht. Stattdessen machen wir häufig aus Kleinigkeiten große Dinge oder entfachen einen Sturm im Wasserglas. Ganz gleich, ob wir unsere Stärke und Leistungsfähigkeit oder unsere Fehler und Mängel betrachten: In beiden Fällen ist die Lage dieselbe. Diese Unwissenheit ist nicht auf die einfachen Muslime beschränkt. Sie ist sowohl bei der führenden Gruppe, von der die Verantwortung für die Förderung der Interessen des Islam abhängt, als auch bei denjenigen, auf deren grundlegender Arbeit die Islamische Bewegung aufgebaut werden soll, offenkundig.

Neues Fiqh

In der Tat benötigen wir ein neues Fiqh, damit wir die Befähigung erlangen, zu denen zu gehören, die Allah als verständige Menschen bezeichnet hat. Mit Fiqh ist hier nicht das Fiqh gemeint, wie es als islamischer Fachbegriff verwendet wird, also jene Rechtswissenschaft, die detaillierte Sonderbestimmungen zu Themen wie der Gebetswaschung, ritueller Reinheit, Gottesdienst und Andachtsübungen, Geschäften, Ehe, Scheidung sowie den Bedingungen der Kindererziehung festlegt. Wie wichtig diese Bestimmungen auch sein mögen, sie sind hier nicht gemeint. Ebenso wenig ist hier die Bedeutung gemeint, in der das Wort Fiqh im Koran und im Hadith in diesem Zusammenhang verwendet wird, da es dort inmitten von Wörtern und Vorstellungen ausgesprochen wurde, die sich nach einer bestimmten Zeit verändert haben. Auch Imam al-Ghazali hat diese Erklärung im Wissenskapitel seines berühmten Werkes „Ihya’ ‘Ulum ad-Din“ gegeben.

Noch bevor die detaillierten Bestimmungen von Geboten und Verboten im Rahmen der Scharia, ja sogar sämtliche Vorschriften zu den Pflichten, den Hudud (Strafbestimmungen) und der Rechtsprechung eingeführt wurden, findet sich die Erwähnung des Grundbegriffs Fiqh.

In der in Mekka offenbarten Sure al- An’ʿām, 65 . Vers sagt der allmächtige Allah: Sagt: Er ist so mächtig, dass Er über euch eine Strafe vom Himmel oder von der Erde senden, euch in Gruppen und Parteien spalten und dadurch in Verwirrung stürzen oder euch den Geschmack des Kampfes des einen gegen den anderen kosten lassen kann. Siehe! Wir legen die Beweise auf verschiedene Weise dar, damit sie verstehen können.

In derselben Sure, im 98. Vers heißt es außerdem: Und Er ist es, der euch aus einem einzigen Wesen erschaffen und euch einen Aufenthaltsort (auf der Erde oder im Mutterleib) sowie einen Aufbewahrungsort gegeben hat. Wahrlich, Wir haben die Zeichen für diejenigen ausführlich dargelegt, die begreifen.

In diesen beiden Versen bedeutet das Wort Fiqh, im Licht von Seele, Herz und Erfahrung die unveränderlichen Gebote Allahs, Seine Schöpfung und die Strafe, die Er für diejenigen bestimmt hat, die von dem von Ihm festgelegten rechten Weg abweichen, tief zu erfassen.

Die mekkanische Sure al- A’raf 179. Vers wird über diejenigen berichtet, die der erhabene Allah dazu bestimmt hat, in die Hölle zu gehen. Er sagt über sie: Sie haben Herzen, aber sie begreifen damit nicht. Danach wird über sie gesagt: Diese Menschen sind wie das Vieh, ja, sie sind noch weiter vom Weg abgeirrt als dieses. Diese Menschen sind achtlos.

In verschiedenen Suren wird die Haltung der Polytheisten gegenüber dem Koran beschrieben. Dazu sagt Allah, der Erhabene: Und Wir haben über ihre Herzen Hüllen gelegt, damit sie den Koran nicht verstehen, und Wir haben ihre Ohren verschlossen (Al- An-’ʿām: 25, Banī Isrāʾīl: 46, Al- Kah‌f: 57)।

In mehreren medinensischen Suren des Al-Koran wird das Wort Fiqh im Sinne des mangelnden Verständnisses vieler Polytheisten und Heuchler verwendet. Sure Al -An‌fal 65 , Nr. Vers Allah, der Erhabene, sagt dort, indem Er Seinen Gesandten und die Gläubigen anspricht: Wenn sich unter euch zwanzig standhafte Männer befinden, werden sie über zweihundert siegen; und wenn sich unter euch einhundert befinden, werden sie über eintausend Ungläubige siegen, weil diese Leute sind, die nicht verstehen.

Die Warnung hier, dass es den Ungläubigen an Wissen mangelt, bedeutet, dass ihnen das Wissen über Allahs unveränderliche Bestimmungen fehlt sowie darüber, wie Er allen Menschen abwechselnd verschiedene Tage des Erbarmens und des Glücks gewährt.

In der Sure At-Tauba, Vers 87, hat Allahdie Heuchler getadelt und gesagt: Diese waren damit zufrieden, bei den Frauen im Harem zu bleiben, und ihre Herzen wurden versiegelt, damit sie nicht begreifen.

Hier bedeutet Begreifen, die Notwendigkeit des Dschihad zu verstehen; und die Bedeutung des Begreifens der Bewahrung der Religion besteht darin, die Notwendigkeit zu erkennen, sich für den Schutz des Lebens, der Ehre, des Eigentums und, im umfassenden Sinne, der Gesellschaft einzusetzen. Diese Aufgaben haben Vorrang vor jedem persönlichen Interesse – so dringend es auch sein mag.

In derselben Sure, in Vers 127 sagt der allmächtige Allah über solche Menschen (denen es an Verständnis mangelt): „Und wenn eine Sure herabgesandt wird, schauen sie einander an (und sagen): ‚Sieht euch jemand?‘ Dann wenden sie sich ab. Allah hat ihre Herzen abgewandt, weil sie nichts als ein törichtes Volk sind.“

Diese törichten Menschen vergessen, dass Allah sie sieht, bevor irgendein Mensch sie sieht. Wahrhaftig, sie haben ihr Fiqh und ihr Verständnis verloren.

In der Sure al-Haschr , Vers 13 , sagte der erhabene Allah über die Heuchler, indem Er sich an die Gläubigen wandte: „Wahrlich, in ihren Herzen ist die Furcht vor euch größer als die vor Allah; dies deshalb, weil sie nicht begreifen.“

In der Sure al- Munāfiqūn , Vers 3 , sagt Allah, der Allmächtige: Dies geschieht, weil sie zunächst gläubig waren und dann ungläubig wurden. Deshalb wurden ihre Herzen versiegelt, sodass sie nicht verstehen.

Im Vers 7 derselben Sure sagt der allmächtige Allah ferner: Sie sagen: Gebt nichts für diejenigen aus, die sich beim Gesandten Allahs befinden, bis sie ihn verlassen. Doch Allah besitzt die Schätze der Himmel und der Erde, aber die Heuchler verstehen nicht.

Daran zeigt sich, dass ein großer Teil des Korans gerade über die Heuchler berichtet – über jene Menschen, die nicht verstehen. Denn die Heuchler halten sich für klug. Daher ergreifen sie keine Partei, sondern nehmen eine opportunistische Haltung ein und versuchen mit einer doppelzüngigen Politik, Allah und die Gläubigen zu täuschen. Wenn sie mit den Gläubigen zusammenkommen, sagen sie: Wir glauben. Wenn sie sich jedoch mit ihren bösen Gesinnungsgenossen versammeln, sagen sie: Wir stehen auf eurer Seite.

Doch der allmächtige Allah hat in zahlreichen Versen ihr Geheimnis, ihr Schwanken und ihre Täuschung offengelegt. In der Sure al- Baqara , Vers 9 , sagt Allah, der Allmächtige: Sie meinen, Allah und die Gläubigen zu täuschen, doch in Wirklichkeit täuschen sie nur sich selbst, ohne dies zu begreifen.

Tatsächlich ist ihre Heuchelei vor Allah und den Menschen offenbar geworden. Sie haben sowohl das diesseitige als auch das jenseitige Leben verloren und werden gewiss in die unterste Stufe der Hölle geworfen werden. Welche schlimmere Folge könnte es geben?

Wenn daher gemäß dieser Darstellung bei jemandem Anzeichen von Heuchelei festzustellen sind, muss man zweifellos verstehen, dass ihm auch nur das geringste Maß an Verstand fehlt.

Schlussfolgerung

Gemäß der Ausdrucksweise des Korans bezeichnet das Wort Fiqh in der heutigen Sprache nicht die terminologische Bedeutung von Rechtswissenschaft. Vielmehr bedeutet es, die Rede Allahs sowie Seine Bestimmungen hinsichtlich der Schöpfung, des Lebens und der Gesellschaft zu verstehen und Wissen darüber zu erlangen.

Selbst in Sure at-Tauba, im 122. Vers heißt es: Aus jeder Gruppe soll ein Teil zum Dschihad aufbrechen, damit die Zurückbleibenden sich dem Erwerb religiösen Wissens widmen können und die am Dschihad Teilnehmenden, wenn sie zu ihrem Volk zurückkehren, es vor schlechten Taten warnen können.

Das Wort Fiqh in diesem Vers wurde nicht in seiner herkömmlichen Bedeutung verwendet. Würde man es in diesem Sinne als Rechtswissenschaft verstehen, enthielte der Vers nicht jene Warnung, die den Betreffenden davor bewahren soll, Bedeutungen zu verdrehen oder sich selbst zu schützen und bei der Erfüllung seiner grundlegenden Pflicht zur Daʿwa-Arbeit nachlässig zu sein.

Die Verwendung des Wortes „Fiqh“ im oben genannten Koranvers steht in Einklang mit seiner Verwendung in einem Hadith des Gesandten Allahs (s.a.). Dieser Hadith lautet: Wenn Allah jemandem Gutes tun will, lässt Er ihn im religiösen Wissen bewandert werden. Das bedeutet, dass Allah seinen Blick erhellt, damit er sich nicht mit bloßen Worten und oberflächlichen Bedeutungen zufriedengibt, sondern sich intensiv darum bemüht, die Wahrhaftigkeit, die tiefen Geheimnisse und die Ziele der Religion besser zu verstehen.

Der Fiqh, den wir benötigen

Einige der verschiedenen Arten von Fiqh, die wir benötigen, wurden in meinem Buch „Islamic Awakening Between Rejection and Extremism“ behandelt. Darin wurden der Fiqh der religiösen Praxis und der Fiqh der Reihenfolge der Handlungen erläutert.

Ein weiterer Teil dieser Ausführungen wurde in mein Buch „Islamic Awakening Between Permitted Differences and Blameworthy Disunity“ aufgenommen. Darin wird einer unserer wichtigsten Bedürfnisse behandelt: der „Fiqh der Meinungsverschiedenheiten“. Es wird darin erwähnt, dass wir fünf Arten von Fiqh benötigen. Hier wurden lediglich zwei davon behandelt:

1. Fiqh der Abwägungen (Fiqh al-Muwāzanāt)

2. Fiqh der Prioritäten (Fiqh al-Awlawiyyāt)

Jede dieser Arten des Fiqh bedarf einer Erläuterung.

Fiqh der Abwägungen

Unter dem Fiqh der Abwägungen verstehen wir mehrere Dinge:

1. Ein Gleichgewicht hinsichtlich dessen zu wahren, was im Hinblick auf Umfang und Fähigkeit, Wert und Ergebnis sowie die Belastbarkeit wichtiger ist als anderes, damit bestimmt werden kann, was Vorrang erhalten und was zurückgestellt werden soll.

2. Wie zwischen guten Dingen ein Gleichgewicht zu wahren ist, so ist auch zwischen schlechten Dingen ein Gleichgewicht zu wahren, damit bestimmt werden kann, was angenommen und was vermieden werden soll.

3. Wenn gute und schlechte Dinge miteinander in Konflikt stehen, dem Vermeiden des Schlechten Vorrang vor dem Erlangen des Guten zu geben und festzulegen, in welchen Fällen und wann das Schlechte um des Guten willen unbeachtet bleiben kann.

zwei’Arten von Fiqh

In diesem Kontext benötigen wir zwei Ebenen des Fiqh:

Fiqh der Scharia Fiqh

Erstens geht es um den Fiqh der Scharia. Seine Grundlage bildet das tiefe Verständnis des eigentlichen Wesens der Scharia. Ziel ist es, die Unbestreitbarkeit des oben genannten „Prinzips des Ausgleichs“ nachzuweisen und seine Gültigkeit zu bestimmen. Dies muss jenen klar sein, die sich bemühen, die ursprünglichen Quellen und Rechtsbestimmungen der Scharia zu verstehen und ihre tiefen Weisheiten zu ergründen.

Die Scharia wurde nur unter Berücksichtigung bestimmter angeborener Bedürfnisse des Menschen zu dessen diesseitigem und jenseitigem Wohl herabgesandt. Ihre Stufen des Wohls sind: das Notwendige (ad-Daruriyyah), das Erforderliche (al-Hajiyyah) und das Verschönernde (at-Tahsiniyyah).

der Fiqh der Realität

Der Fiqh dieser zweiten Ebene ist in Wirklichkeit positiv; seine Grundlage ist die Erforschung der zeitgenössischen Realität. Eine äußerst genaue, auf Daten und Fakten gestützte Forschung muss umsichtig in breitem Umfang betrieben werden. Dabei muss man sich vor propagandistischen Daten sowie vor irreführenden und unrealistischen Statistiken auf der Grundlage von Fragebögen hüten. Denn dahinter steckt eine Absicht. Sie zielt insgesamt nicht darauf ab, die Wahrheit offenzulegen.

Zusammenführung der Fiqh

Zwischen dem Fiqh der Scharia und dem Fiqh der Realität ist eine Verbindung erforderlich, damit wir zu einem angemessenen Prozess des theoretischen Ausgleichs gelangen können, der zugleich frei von Extremismus und Gleichgültigkeit ist. Grundsätzlich ist die Frage des Fiqh der Scharia hier eindeutig. Sie wurde in den Werken über Usul al-Fiqh – angefangen bei „Al-Mustasfa“ (Imam al-Ghazali) bis hin zu „Al-Muwafaqat“ (Imam al-Shatibi) – sowie in Büchern über Regeln, Analogieschlüsse und Unterschiede erörtert.

Wenn vielfältige Interessen miteinander in Konflikt geraten, müssen die niedrigeren Interessen den höheren Interessen und die persönlichen Interessen den Interessen der Allgemeinheit geopfert werden. Allerdings sollte dem Träger des persönlichen Interesses sein Verlust ausgeglichen werden. Bei miteinander konfligierenden Interessen müssen langfristige oder dauerhafte Interessen gegenüber kurzfristigen, tatsächliche Interessen gegenüber belanglosen und sichere Interessen gegenüber unsicheren Interessen vorrangig behandelt werden.

Wir haben gesehen, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beim Vertrag von Hudaybiyya in manchen Fällen den tatsächlichen, grundlegenden und zukünftigen Interessen den Vorrang gab – Interessen, auf die sonst niemand verzichten wollen hätte. Er akzeptierte Bedingungen, die auf den ersten Blick ungerecht und demütigend für die Muslime erschienen. Er erklärte sich damit einverstanden, die Formulierung „Im Namen Allahs, des Allerbarmers“ zu streichen. An ihrer Stelle wurde „In deinem Namen, o Herr“ geschrieben. Er war auch bereit, im Vertrag nicht die Worte „Gesandter Allahs“ zu erwähnen, sondern lediglich seinen Namen „Muhammad ibn Abdullah“ zu schreiben. Dafür gibt es viele weitere Beispiele.

Wenn schädliche Dinge miteinander in Konflikt stehen und eines von ihnen unvermeidlich ist, sollte man von zwei Übeln das weniger schlimme und das vergleichsweise weniger schädliche Übel wählen. Muslimische Gelehrte haben empfohlen, schädliche Dinge so weit wie möglich zu beseitigen. Ein weniger schädliches Übel sollte jedoch nicht an die Stelle eines schwerwiegenden schädlichen Übels gesetzt werden. Ein kleiner Schaden sollte hingenommen werden, wenn dadurch ein größerer Schaden vermieden werden kann. Ebenso sollte zum Schutz der Allgemeinheit ein persönlicher Schaden in Kauf genommen werden. Viele Beispiele dafür werden in den Werken „Al-Qawa’id al-Fiqhiyya“ und „Al-Ashbah wa-n-Naza’ir“ angeführt.

Wenn Nutzen und Schaden miteinander in Konflikt geraten, muss dies nach Ausmaß, Folgen und Dauer beurteilt werden. Ein geringfügiger Schaden kann im Hinblick auf die Erlangung eines größeren Interesses außer Acht gelassen werden. Für langfristige oder dauerhafte Interessen sollte ein vorübergehender Schaden hingenommen werden. Selbst ein großer Schaden kann hingenommen werden, wenn die Möglichkeit besteht, dadurch einen noch größeren Schaden zu beseitigen. Unter normalen Umständen sollte man versuchen, schädliche Dinge zu vermeiden, bevor man ein Interesse verwirklicht.

Diese Denkweise sollte nicht lediglich als Theorie betrachtet werden; vielmehr müssen wir sie in der Praxis anwenden. Denn gerade in Bezug auf diese Ausgewogenheit bestehen unter den aktiven islamischen Gruppen zahlreiche Meinungsverschiedenheiten.

Mit feindlichen Kräften Bündnisse schließen

Kann man eine Verständigung oder einen Friedensvertrag mit Regierungen schließen, die dem Islam nicht treu sind?

Sollte man sich an einer Regierung beteiligen, die keinen rein islamischen Charakter hat, durch eine fehlerhafte Verfassung geleitet wird oder der unsere uneingeschränkte Unterstützung fehlt?

Sollten wir uns einer aus verschiedenen politischen Parteien gebildeten Oppositionsfront anschließen, um eine religionsfeindliche, despotische, tyrannische und ruchlose Regierung zu stürzen?

Dürfen wir in einem Umfeld, das vom Einfluss eines zinsbasierten, von Menschen geschaffenen Wirtschaftssystems geprägt ist, islamische Wirtschaftsinstitutionen errichten?

Sollte man Muslimen im Allgemeinen gestatten, in zinsbasierten Banken und Institutionen zu arbeiten, oder sollte man gottesfürchtige Menschen, die den Lehren des Islam folgen, davon abhalten, in solchen Einrichtungen zu arbeiten?

Die Anwendung im wirklichen Leben

Grundsätze zu formulieren ist einfach, aber es ist schwierig, sich an sie zu halten. Für die Allgemeinheit und für diejenigen, die wegen geringfügiger Anlässe Aufsehen erregen, ist es nicht leicht, den Fiqh der Ausgewogenheit zu verstehen.

Als Maulana Sayyid Abul Ala Maududi und seine Partei, Jamaat-e-Islami Pakistan, in den sechziger Jahren im Lichte des Fiqh der Ausgewogenheit die Ansicht vertraten, es sei weniger schädlich, bei der Wahl des pakistanischen Präsidenten Fatima Jinnah anstelle von Ayub Khan zu unterstützen, waren er und seine Anhänger heftigem Widerstand und Schikanen ausgesetzt. Gegen sie wurde eine aggressive Kampagne geführt, die sich auf den Hadith stützte: „Niemals wird ein Volk Erfolg haben, das eine Frau zu seiner Anführerin macht.“ Was aber ist mit einem Volk, das einen Despoten zu seinem Anführer macht? Wird es seine Sache etwa sehr gut machen? Keineswegs. Hier besteht die Aufgabe des Fiqh der Ausgewogenheit darin, zwischen zwei Übeln das geringere zu wählen und dadurch den größeren Schaden abzuwenden.

Als Dr. Hasan al-Turabi, der Führer der islamischen Bewegung im Sudan, und seine Gefährten beschlossen, der Sozialistischen Union beizutreten, und sogar Ämter in der Regierung Jaafar Numeiris übernahmen, noch bevor die Einführung der islamischen Scharia im Sudan angekündigt worden war, übten einige Islamisten scharfe Kritik an ihnen.

Unsere verbündeten Brüder in Syrien waren einer ähnlichen Opposition ausgesetzt, weil sie beschlossen hatten, sich im Widerstand gegen die despotische Herrschaft, die darauf aus war, sie vollständig zu vernichten, mit einigen nichtislamischen Kräften zu verbünden. Doch der edle Prophet Muhammad (s.a.w.) selbst schloss ein Bündnis mit dem polytheistischen Stamm der Khuzāʿa und unterstützte bisweilen eine Gruppe von Polytheisten gegen eine andere.

Ich ergreife hier allerdings für keine Seite Partei. Ich lege lediglich ein Prinzip dar: die Fiqh des Ausgleichs, auf der das Gerüst der „Scharia-Politik“ errichtet werden sollte. Für die Auffassung, dass eine Beteiligung an einer nichtislamischen Herrschaft oder ein Bündnis mit nichtmuslimischen Kräften zulässig ist, gibt es zahlreiche Belege in den von Allahs Gesandtem (s.a.w.) und seinen Gefährten eingenommenen Positionen sowie in den umfangreichen Bestimmungen unserer Scharia.

Belege für die Fiqh’des Ausgleichs

Wenn wir die mekkanischen und medinensischen Suren des Al-Koran sorgfältig studieren, werden wir viele Belege für das Fiqh des Ausgleichs und Wege zur Bemessung der Bedeutung einer Sache im Verhältnis zu einer anderen finden.

Ein Beispiel für die Interessen des Ausgleichs finden wir in der Antwort von Hārūn (a.s.) auf die Frage von Mūsā (a.s.) beim Abwägen verschiedener Interessen: O Sohn meiner Mutter! Ergreife nicht meinen Bart und berühre nicht meinen Kopf. Ich befürchtete, dass du sagen würdest: Du hast unter den Kindern Israels Spaltung verursacht und meine Worte nicht geehrt. (Sure Ṭāhā: 94)।

Ein weiteres Beispiel für das Abwägen zwischen schädlichen Dingen findet sich in der Erklärung dafür, dass al-Chidr (a. s.) das Schiff beschädigte: „Was das Schiff betrifft, so gehörte es einigen armen Menschen, die damit auf dem Meer ihren Lebensunterhalt suchten. Daher wollte ich es beschädigen, denn hinter ihnen war ein König, der jedes unbeschädigte Schiff gewaltsam an sich nahm“ (Sure Al Kah‌f: 79)।

Für den Besitzer ist es weniger schädlich, das beschädigte Schiff zu behalten, als das Schiff vollständig zu verlieren. Das heißt, zweifellos ist es weitaus besser, etwas zu retten, statt alles zu verlieren.

Auch im Wort Allahs wird die Frage des Fiqh des Abwägens deutlich: Die Menschen fragen dich nach dem Kämpfen im heiligen Monat. Sag: In dieser Zeit vorsätzlich zu kämpfen, ist bei Allah ein schweres Vergehen. Doch die Menschen daran zu hindern, Allahs Weg zu beschreiten, Ihn zu verleugnen, den Zugang zur Heiligen Moschee zu versperren und ihre Bewohner von dort zu vertreiben, ist bei Allah ein noch schwereres Vergehen. Und Fitna zu verursachen ist schlimmer als Töten (Sure Al Baqara: 217)।

Der allmächtige Allah sagt uns: Im verbotenen Monat zu kämpfen, ist ein schweres Vergehen; doch zur Abwehr eines noch tödlicheren Vergehens darf gekämpft werden.

Zum Vergleich zwischen den konkreten und den abstrakten Interessen wollen wir jenen Vers lesen, in dem Allah, der Erhabene, die Muslime nach der Schlacht von Badr tadelte: Es ziemt dem Propheten nicht, Gefangene zu haben und sie gegen Lösegeld freizulassen, solange er im Land nicht ein großes Blutbad unter den Ungläubigen angerichtet hat. Ihr wollt die Güter dieser Welt, Allah aber will das Jenseits; und Allah ist allmächtig und weise (Sure al -An‌fal: 67)।

Zur Frage nach dem Gleichgewicht zwischen Gutem und Bösem wollen wir sehen, was der Erhabene Allah sagt: Sie fragen dich nach dem Wein und dem Glücksspiel. Sag: In ihrem Gebrauch liegt eine schwere Sünde, und auch mancherlei Nutzen für die Menschen. Doch ihre Sünde ist größer als ihr Nutzen (Sure al -Baqara: 219)।

Beim Vergleich verschiedener nichtmuslimischer Gruppen und Gemeinschaften miteinander hat Allah, der Erhabene, in den ersten Versen der Sure ar-Rum den Sieg der Römer über die Perser vorausgesagt. In dieser Sure wird erwähnt, dass die Gläubigen an jenem Tag froh sein werden, obwohl beide Seiten nichtmuslimisch sind. Dennoch stehen die Römer den Muslimen näher als die feueranbetenden Perser. Da sie zu den Leuten der Schrift gehören, sind sie den Muslimen näher.

Ibn Taymiyyas Ansicht

Shaykh al-Islam Ibn Taymiyya hat die Übernahme eines staatlichen Amtes durch einen Muslim in einem nichtislamischen Staat nachdrücklich für zulässig erklärt, sofern der betreffende Amtsträger bereit ist, gegen bestimmte Formen von Unrecht und Ungerechtigkeit vorzugehen oder sittenwidrige Handlungen und Korruption zu bekämpfen(Anhang–1)।

Er hat außerdem einen ausführlichen Abschnitt darüber verfasst, wie mit dem Konflikt zwischen Gutem und Bösem umzugehen ist oder, wenn beide zugleich auftreten und sich weder miteinander verbinden noch voneinander trennen lassen, vorübergehend etwas anzunehmen oder abzulehnen(Anhang–2)।

bei einem Symposium über islamische Wirtschaft [in Algerien 1990 fand vom 2. –bis 5. März die 6. Barakat- Konferenz statt . । Dabei hatte ich mit mehreren Fiqh-Gelehrten die Gelegenheit zur Teilnahme. । Sie waren: , Scheich Abd al-Hamid al- Sayeh, , Scheich Mukhtar al- Salami, , Dr. . Abd al-Sattar Abu Ghuddah, , Dr. . Sayyid Darsh und Dr. . Talal Bafaqih. ।]Mehrere der teilnehmenden Fiqh-Gelehrten und Ökonomen vertraten die Ansicht, dass der Handel mit Aktien von Unternehmen und Institutionen, die in den zulässigen Bereichen muslimischer Länder tätig sind, aus Sicht der Scharia zulässig ist, auch wenn bei solchen Geschäften ein geringfügiger Verdacht auf Zinsbeteiligung besteht. Nach Prüfung dieser Frage im Lichte des Fiqh des Ausgleichs wurde auf dem Symposium die Auffassung vertreten, dass derartige wichtige und leistungsfähige Bereiche nicht in den Händen von Nichtmuslimen oder unreligiösen Muslimen belassen werden sollten. Denn dieser Schritt würde insbesondere in manchen Ländern eine ernste Gefahr hervorrufen. Vielmehr können die Anteilseigner denjenigen Teil der Dividenden, den sie nach ihrem Ermessen aus zinsbezogenen Geschäften erhalten, anteilig als Sadaqa oder für gemeinnützige Zwecke spenden.

Gemäß diesem Fiqh wurde gewissenhaften muslimischen Jugendlichen geraten, ihre Arbeitsstellen bei Unternehmen wie Banken und Versicherungen nicht aufzugeben. Auch wenn dort zweifellos die Gefahr einiger Sünden besteht, können sie die dort erworbenen Erfahrungen für die Entwicklung der islamischen Wirtschaft nutzen. Auf diese Weise lehnen sie innerlich zwar die schädliche Seite ab, beteiligen sich zugleich aber an den Bemühungen derjenigen, die sich für die Islamisierung des gesamten Systems einsetzen.

Das Fehlen des Fiqh des Ausgleichs

Wenn wir den Fiqh des Ausgleichs nicht anwenden, werden wir selbst die Türen zu vielen Wohltaten und Vorteilen verschließen. In der Folge wird die Philosophie der Ablehnung in allen Dingen zu einem Instrument werden: Unter dem Vorwand, Schwierigkeiten zu vermeiden, werden wir uns isolieren und den Weg wählen, eine Auseinandersetzung mit dem Gegner nach dessen eigener Argumentationsweise zu vermeiden. Dann wird es uns leichtfallen, in jeder Frage, die dem Idschtihad unterliegt, „Nein“ oder „Das ist haram“ zu sagen.

Wenn wir jedoch den Fiqh des Ausgleichs anwenden, werden wir einen Weg finden, eine Situation mit einer anderen zu vergleichen und auf kurze und lange Sicht sowie auf individueller und gemeinschaftlicher Ebene den Nutzen anstelle des Schadens abzuwägen. So können wir den Weg wählen, auf bestmögliche Weise Nutzen zu erlangen und Schaden zu vermeiden.

1980 erhielt ich eine Anfrage, für das in Katar erscheinende Magazin „Doha“ zu schreiben. Es handelt sich um eine literarische und kulturelle Publikation, deren redaktionelle Mitarbeiter größtenteils säkular eingestellt sind. Ihre Grundausrichtung ist zwar nicht islamfeindlich, aber auch nicht islamistisch oder islamfreundlich. Nachdem ich lange gezögert hatte, prüfte ich den Vorschlag nach dem Prinzip des Ausgleichs und entschied, dass es besser sei, nicht zum Boykott der Zeitschrift aufzurufen, sondern für sie zu schreiben. Denn ihre Leser repräsentieren eine breit gefächerte kulturelle Gruppe, die gewöhnlich keine islamischen Zeitschriften liest. Da die Leser dieser Zeitschrift nicht derselben Schicht angehören wie die Leser von Publikationen wie „Al-Ummah“, müssen wir die Gelegenheit nutzen, ihnen unsere Botschaft zu vermitteln. Und dies ist eine von Allah auferlegte Verantwortung für uns.

Aus diesem Grund sollten wir bereit sein, diesen Zeitungen und Zeitschriften Interviews zu geben oder für sie zu schreiben, auch wenn ihre redaktionelle Linie unseren Ansichten nicht entspricht. Noch immer machen viele denjenigen Vorwürfe, die in Tageszeitungen schreiben, welche nicht eindeutig der islamischen Richtung folgen. Viele haben mich sogar dafür kritisiert, dass mein Buch „Islamic Awakening Between Permitted Differences and Blameworthy Disunity“ in der saudi-arabischen Tageszeitung „Sharq al-Awsat“ als Fortsetzungsserie veröffentlicht wurde, weil sie manche Ansichten dieser Zeitung nicht unterstützen. Ich habe jedoch vor allem den Nutzen berücksichtigt, der sich daraus ergab, das Buch in dieser viel gelesenen Zeitung zu veröffentlichen.

Es gibt viele Menschen, die glauben, aufgrund fehlgeleiteter Gedanken und Vorstellungen sollten sämtliche Massenkommunikationsmittel, einschließlich Audio und Video, boykottiert werden. Sie vergessen, dass ein Boykott der Massenkommunikationsmittel bedeutet, dass diese eine noch verwerflichere Gestalt annehmen und Menschen mit säkularer und schmutziger Gesinnung die Möglichkeit erhalten werden, in großem Umfang einzudringen und zerstörerische Aktivitäten zu betreiben. Und wir würden die Gelegenheit verlieren, für die es keinen Ersatz gibt.

Wenn wir diese Angelegenheit im Licht des Fiqh des Ausgleichs prüfen, werden wir feststellen, dass die Arbeit in diesem äußerst wichtigen Bereich nicht nur erlaubt und wünschenswert, sondern vielmehr unerlässlich ist. Denn sie kann ein legitimes Mittel sein, um unsere Daʿwa-Arbeit fortzusetzen und dem Unheil nach Kräften entgegenzuwirken.

der Prioritäten Fiqh

Unter der Fiqh der Prioritäten verstehen wir, jede Angelegenheit in ihrem tatsächlichen Kontext zu betrachten. Keine große Angelegenheit darf aufgeschoben werden, keine geringfügige Angelegenheit darf als groß angesehen werden, und eine große Angelegenheit sollte nicht herabgesetzt werden. Ebenso ist es nicht richtig, einer kleinen Angelegenheit übermäßige Bedeutung beizumessen. Die Naturgesetze und die Vorschriften der Scharia weisen genau in diese Richtung. Ich denke, Allahs Schöpfung und Seine Vorschriften machen es unabdingbar, diesen tatsächlichen Kontext zu beachten. In der Sure al- A’raf , Vers 54 , heißt es: Gewiss, ihm obliegt die Schöpfung und der Befehl.

Im Leben des Propheten gilt die Fiqh der Prioritäten

In der mekkanischen Phase war die Mission des Gesandten Allahs auf einen einzigen Bereich beschränkt. Das Programm dieser Mission bestand lediglich darin, die Menschen auf Allahs Weg zur Daʿwa aufzurufen und eine gläubige Gemeinschaft aufzubauen, die diese Daʿwa später unter den Arabern und danach in der ganzen Welt verbreiten würde. In dieser Phase konzentrierte der Gesandte Allahs seine Arbeit auf die Festigung der religiösen Glaubensüberzeugung, die Verwirklichung des Tauhid, die Beseitigung von Polytheismus und Götzendienst sowie die Pflege guter und rechtschaffener Taten.

Die Unterstützung des Korans für die Vorgehensweise in dieser Phase bestand in folgender Bestimmung: Der Koran forderte die Muslime nicht auf, sich einer bestimmten nebensächlichen Regelung zuzuwenden, sondern drängte sie, alle Anstrengungen auf die Entwicklung der islamischen Geisteshaltung zu konzentrieren, wie sie in der Sure al-Asr dargelegt wird. In dieser Sure heißt es in Vers Nummer 3: Aber diejenigen, die glauben, gute Werke tun und einander die Wahrheit und die Geduld ans Herz legen.

Während der Daʿwa-Arbeit in der mekkanischen Phase erlaubte der Gesandte Allahs (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) den Muslimen nicht, Äxte in die Hand zu nehmen, um die Götzen zu zerstören, die sie täglich im Hause der Kaaba sahen, oder Schwerter zu ziehen, um gegen sie und die Feinde Allahs zu kämpfen, obwohl die Ungläubigen jene Muslime misshandelten. Wenn sie damals geschlagen und verwundet zum Gesandten Allahs (Allah segne ihn und schenke ihm Frieden) kamen, sagte er ihnen in den Worten des Korans stets: Haltet eure Hände zurück und verrichtet das Gebet ((Sure an- Nisa: 77))।

Für alles gibt es eine geeignete Zeit. Wenn man etwas schon vor dem festgelegten Zeitpunkt zu erlangen hofft, kann dies eher Schaden als Nutzen bringen.

des Fiqh der Prioritäten und des Fiqh des Gleichgewichts – ihr wechselseitiger Zusammenhang

Der Fiqh der Prioritäten steht in einem engen Zusammenhang mit dem Fiqh des Gleichgewichts. In manchen Fällen greifen beide ineinander oder verlaufen parallel zueinander, während der Prozess des Ausgleichs sich bisweilen in Richtung der Prioritäten neigt. Damit fällt er dann in den Bereich des Fiqh der Prioritäten.

der Proportionen Wahrung und Aufrechterhaltung – die Notwendigkeit

Nach dem Fiqh der Prioritäten ist es erforderlich, bei den Vorschriften und Bestimmungen (Taklif) der Scharia sowie bei den Taten die richtigen Proportionen zu wahren. Wenn von den durch den Islam und die Scharia festgelegten Proportionen abgewichen wird, führt dies sowohl im religiösen als auch im weltlichen Leben zu großem Schaden.

Im Islam kommt der Glaube vor den Taten. Denn der Glaube ist das Fundament und die Taten sind das Bauwerk. Ohne Fundament gibt es kein Bauwerk. Der Glaube geht den Taten voraus. Die Taten sind vielfältig. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte in einem sahih Hadith: Der Glaube ist in 77 Zweige unterteilt; der höchste ist: Es gibt keinen Gott außer Allah, und die niedrigste Stufe besteht darin, Schädliches vom Weg zu entfernen.

Im Koran wird dargelegt, dass die Taten vor Allah nicht nur eine einzige Rangstufe haben, sondern in höhere und niedrigere Stufen eingeteilt sind. Der Allmächtige Allah spricht: Habt ihr etwa die Versorgung der Pilger mit Wasser und die Betreuung der Heiligen Moschee der Tat dessen gleichgestellt, der an Allah und den Tag der Auferstehung glaubt und auf Allahs Weg kämpft? Sie sind bei Allah nicht gleich. Und Allah leitet die ungerechten Menschen nicht recht. Diejenigen aber, die glauben, auswandern und mit ihrem Besitz und ihrem Leben auf Allahs Weg kämpfen, stehen bei Allah auf einer viel höheren Rangstufe. Und sie sind es, die erfolgreich sind (Sure at-Tawba: 19––20)।

Aus diesem Grund sagte Schaykh al-Islam Ibn Taymiyya, dass die Teilnahme am Dschihad besser sei als die Verrichtung des Haddsch. Die hanbalitischen und andere Rechtsgelehrte bezeichneten den Dschihad sogar als die beste freiwillige körperliche gottesdienstliche Handlung. In vielen Hadithen wird der Dschihad gepriesen. Dazu gehört auch der von Abu Huraira, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, überlieferte Hadith. Er berichtet: Ein Gefährte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, durchquerte ein enges Tal, in dem sich eine Quelle mit Süßwasser befand. Das Tal gefiel ihm, und er sagte: Wie könnte ich mich für die Anbetung Allahs von den anderen Menschen absondern? Ich werde dies nicht tun, ohne zuvor die Erlaubnis des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einzuholen. Der Mann äußerte dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gegenüber seinen Wunsch, worauf dieser sagte: Tu das nicht. Der Kampf auf Allahs Weg ist viel besser, als siebzig Jahre lang in deinem Haus Allah zu dienen (at-Tirmidhi und al- Hakim)।

In einem von Salman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, überlieferten Hadith wird die Bedeutung des Bewachens der Muslime vor den Ungläubigen (Ribat) erläutert: Ein Tag und eine Nacht des Ribat sind besser als ein Monat des Fastens und des nächtlichen Gottesdienstes. Wenn jemand während des Ribat stirbt, wird die Abrechnung seiner rechtschaffenen Taten zu seinen Gunsten fortgeführt, als wäre er noch am Leben; und wenn er am Leben bleibt, ist er vor den Verlockungen Satans sicher (Muslim)।

Ein Gelehrter wie Imam Abdullah ibn al-Mubarak schrieb während des Dschihad aus einem Militärlager seinem Freund al-Fudail ibn Iyad ein Gedicht, der ständig zwischen den beiden heiligen Orten Mekka und Medina hin- und herreiste. Die Verse lauten:

O du, der du an den beiden heiligen Orten Allah dienst,

Wenn du uns sehen würdest,

dann würdest du erkennen, dass deine Anbetung lediglich ein Spiel ist.

Manche benetzen ihre Wangen mit ihren Tränen;

und wir benetzen unsere Brust mit unserem eigenen Blut…..

[Im Tafsīr zum letzten Vers der Sure Āl ʿImrān, hat Ibn Kathīr diese Geschichte überliefert .। Andere Historiker haben dieselbe Geschichte überliefert .।]

Nach der überlieferten Fiqh sollte die freiwillige Anbetung (freiwillige Handlungen, die im Gegensatz zu den verpflichtenden gottesdienstlichen Handlungen nicht verbindlich sind) nicht höher gewichtet werden als die verpflichtenden Handlungen; die individuelle Verpflichtung (Fard al-ʿAin) ist wichtiger als die kollektive Verpflichtung (Fard al-Kifaya); eine kollektive Verpflichtung, die überhaupt von niemandem erfüllt wird, hat Vorrang vor einer Verantwortung, für deren Erfüllung genügend Menschen vorhanden sind. Ebenso hat eine Verantwortung, die mit einer Gruppe oder einer Nation verbunden ist, Vorrang vor dem Recht des Einzelnen, und eine Aufgabe, deren Erfüllungsfrist begrenzt ist, muss vor einer Aufgabe erledigt werden, für deren Erfüllung ausreichend Zeit zur Verfügung steht.

In der Fiqh über die Rangordnung der von der Scharia anerkannten Interessen wird dargelegt, welche Angelegenheit den größeren Vorrang erhält. Denn die notwendigen Interessen (al-Masalih al-Hajiyya) haben Vorrang vor den schmückenden Interessen (al-Masalih al-Tahsiniyya), während die unverzichtbaren Interessen (al-Masalih al-Daruriyya) den notwendigen und den schmückenden Interessen übergeordnet sind. Ebenso werden die notwendigen Interessen höher gewichtet als die Tahsiniyya. Wenn jedoch ein Konflikt zwischen den Interessen der Nation und denen des Einzelnen entsteht, haben die nationalen Interessen Vorrang. Hier treffen die Fiqh des Gleichgewichts und die Fiqh der Prioritäten an einem Punkt zusammen.

Der Fiqh der Prioritäten wird vernachlässigt

Das Problem bei vielen Gruppen, die mit der islamischen Erneuerungsbewegung verbunden sind, besteht darin, dass der Fiqh der Prioritäten für sie nicht existiert, da sie häufig Nebensächliches vor Wesentlichem hervorheben. Statt die Gesamtinteressen zu erfassen, widmen sie sich der Untersuchung eines einzelnen Aspekts. Und anstatt sich mit den etablierten Angelegenheiten zu befassen, klammern sie sich an umstrittene Fragen. Bedauerlicherweise diskutieren wir über das Vergießen von Ameisenblut, kümmern uns aber nicht um das Vergießen des Blutes von Imam Husain (r. a.). Oder wir werden kämpferisch, um die freiwillige Anbetung zu verteidigen, während die Menschen die verpflichtenden Handlungen vernachlässigen. Wir streiten über die äußere Form, ohne uns um den wesentlichen Inhalt zu kümmern.

Insgesamt ist dies der Zustand der Muslime von heute. Ich sehe, dass jedes Jahr im Ramadan oder in anderen Monaten Millionen Menschen die Umra vollziehen, und manche verrichten die Hadsch zehn-, ja sogar etwa zwanzigmal. Wenn sie das für diese freiwilligen Handlungen verwendete Geld sparen würden, könnten sie zig Millionen ansammeln. Wir bemühen uns jahrelang darum, für islamische Hilfsorganisationen einen Fonds von einer Milliarde US-Dollar aufzubringen. Doch wir können nicht einmal ein Zehntel, ja nicht einmal ein Zwanzigstel oder ein Dreißigstel dieses Betrags sammeln. Wenn man diejenigen, die diese zusätzlichen Hadsch- und Umrareisen unternehmen, bittet, das Geld für ihre freiwilligen Reisen zur Verhinderung der Christianisierung in Asien und Afrika oder zugunsten der Hungernden einzusetzen, geben sie nichts. Es handelt sich um eine derart alte Krankheit, dass kein Kardiologe sie jemals heilen kann. [Baschar al Hafi’betreffend : ein Vorfall wird ‘im Werk Al-Ihya’ im dritten Band auf Seite 409 beschrieben .।]

Durch die Anwendung des Fiqh der Prioritäten können wir erkennen, welchem Anliegen im Vergleich zu anderen Anliegen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss, damit wir diesem Anliegen mehr Mühe und Zeit widmen können. Im Rahmen des Fiqh der Prioritäten wird außerdem deutlich, gegen welchen Feind wir mehr Kräfte einsetzen und auf welchen wir unseren Angriff konzentrieren müssen und welcher Kampf vergleichsweise ausgetragen werden sollte. Denn aus islamischer Sicht gibt es verschiedene Arten von Menschen: Muslime, Ungläubige und Heuchler.

Unter den Ungläubigen gibt es friedliebende und militant gesinnte Gruppen. Zu ihnen gehören nicht nur gewöhnliche Ungläubige, sondern auch solche, die den Weg Allahs behindern. Unter den Heuchlern gibt es Menschen mit geringerer Heuchelei und andere, die sich in hohem Maße der Heuchelei hingeben. Wo sollen wir also beginnen? Welcher Bereich eignet sich am besten für unsere Arbeit? Welchem Anliegen müssen wir mehr Aufmerksamkeit schenken?

Der Fiqh der Prioritäten macht uns darauf aufmerksam, entsprechend den Erfordernissen der Zeit zu handeln, damit die jeweilige Aufgabe ohne Verzögerung und angemessen erfüllt werden kann. Denn wenn eine Gelegenheit einmal verpasst wurde, kann sie wiederkehren oder auch nicht. Und selbst wenn sie wiederkehrt, kann es lange dauern. Ein Dichter sagte über den Wert der Zeit:

Nutze die Gelegenheit, denn eine Gelegenheit

Wenn du sie verpasst, kehrt sie als Reue zurück.

In einem arabischen Sprichwort heißt es: Verschiebe nicht die Arbeit von heute auf morgen.

Als man ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz (r.) riet, einige Aufgaben auf den nächsten Tag zu verschieben, antwortete er: Ich bin bereits von der Arbeit eines einzigen Tages erschöpft; wie wird es mir dann morgen ergehen, wenn ich die Arbeit von zwei Tagen erledigen muss?

Ein lehrreicher Ausspruch von Ibn ʿAtāʾ (r.) lautet: Es gibt viele Aufgaben, für deren Erledigung ausreichend Zeit zur Verfügung steht und die innerhalb dieser Zeit bewältigt werden können. Doch es gibt auch Aufgaben, die nicht mehr erledigt werden können, wenn man sie nicht innerhalb ihrer festgelegten Frist erledigt. Denn mit jeder neuen Zeit kommen neue Pflichten und neue von Allah bestimmte Aufgaben.

Ghazali und der Fiqh der Prioritäten

Imam al-Ghazali (r.) kritisierte im Werk „Al-Ihya“ diejenigen, die sich nicht auf gute Taten konzentrieren, sondern sich lediglich mit gottesdienstlichen Handlungen zufriedengeben. Er sagt: Eine weitere Gruppe ist an freiwilligen Handlungen ebenso interessiert wie an den verpflichtenden, aber nicht mehr. Wir sehen, dass sie sich sehr darüber freuen, freiwillige Morgengebete und das nächtliche Tahadschud-Gebet sowie andere Gebete zu verrichten, aber keine Freude an der Erfüllung verpflichtender Pflichten haben. Oder sie bemühen sich nicht einmal darum, die Pflichtgebete rechtzeitig zu verrichten. Sie vergessen den vom Gesandten Allahs (s.) überlieferten Hadith: Außer den Handlungen, deren Verrichtung Ich meinem Diener als Pflicht auferlegt habe, gibt es keine andere Handlung, durch die er Meine größere Nähe erlangen kann((Buchari)). Die Vernachlässigung der Rangordnung der guten Taten nach ihrer Bedeutung fällt unter schlechtes Verhalten. Wenn jemand in eine Lage gerät, in der er von zwei verpflichtenden Aufgaben nur eine erfüllen kann, oder wenn eine Aufgabe innerhalb kurzer Zeit erledigt werden muss, während für die andere reichlich Zeit bleibt, dann ist er irregeleitet, wenn er diese Rangordnung nicht einhält.

Es gibt zahlreiche Beispiele dieser Art, in denen sowohl die Verbindlichkeit als auch der Ungehorsam gegenüber Allahs Gebot deutlich werden. Was tatsächlich zweideutig ist, besteht darin, bestimmten verpflichtenden Handlungen gegenüber anderen Handlungen den Vorrang zu geben. Beispielsweise den verpflichtenden Handlungen Vorrang vor den freiwilligen zu geben, der individuellen Pflicht gegenüber der gemeinschaftlichen Pflicht den Vorrang einzuräumen, nicht aufschiebbare Aufgaben gegenüber weniger wichtigen, aufschiebbaren Aufgaben zu bevorzugen und die Bedürfnisse der Mutter gegenüber den Bedürfnissen des Vaters vorrangig zu erfüllen.

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wurde gefragt: Wer hat den größten Anspruch darauf, dass ich mich um ihn kümmere? Er antwortete: Deine Mutter. Der Mann fragte: Wer danach? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Deine Mutter. Der Mann fragte erneut: Und wer danach? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Deine Mutter. Der Mann fragte zum vierten Mal: Und wer danach? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Dein Vater. Der Mann fragte wieder: Wer danach? Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, antwortete: Derjenige unter deinen Verwandten, der dir am nächsten steht, und danach derjenige, der ihm am nächsten steht. Jeder soll seinen Verwandten entsprechend dem Grad der Verwandtschaft gerecht werden. Wenn zwei seiner Verwandten den gleichen Rang haben, muss er demjenigen helfen, der der Hilfe dringender bedarf. Wenn ihre Bedürfnisse gleich sind, sollte er demjenigen helfen, der frommer ist.

Ebenso sollte jemand, der die Ausgaben seines Vaters nicht bestreiten kann und dennoch die Hadsch vollziehen möchte, nicht zur Hadsch gehen. Wenn er doch geht, handelt er wie ein Narr. Denn er sollte der Wahrung der Interessen seines Vaters Vorrang geben. Auf diese Weise räumt er einer religiösen Verpflichtung höheren Ranges den Vorrang vor einer religiösen Pflicht niedrigeren Ranges ein.

Wenn ferner für jemanden während der Zeit einer zuvor vereinbarten Arbeit die Zeit des Freitagsgebets eintritt, muss er sich dem Gemeinschaftsgebet anschließen. Wenn er zu der zuvor vereinbarten Arbeit geht, wird er Allah ungehorsam sein – auch wenn die Erfüllung der versprochenen Arbeit ebenfalls verpflichtend ist. Wenn jemand eine Unreinheit an seiner Kleidung bemerkt und seine Eltern schlecht behandelt, ist die Unreinheit zwar unzulässig, doch auch die Verletzung der Eltern ist nicht zulässig. Es ist wichtiger, darauf zu achten, die Eltern nicht zu verletzen, als sich vor der Unreinheit in Acht zu nehmen.

Es gibt unzählige Beispiele für das Verhältnis zwischen verbotenen Handlungen und verpflichtenden Aufgaben. Wer in irgendeiner dieser Angelegenheiten die Rangfolge der Prioritäten missachtet, ist zweifellos fehlgeleitet. [Siehe ‘Al- Ihya’, dritter Band, Seiten 400––404, siehe auch mein Buch siehe: ‘Imam al- Ghazali: Between His Praisers and His Critics’, Seiten 87––93]

Ibn al-Qayyims Ansicht

Welche Form der Anbetung ist besser – die, deren Ausübung sehr schwierig ist, oder die, die sehr viel Nutzen bringt? Zu diesen Fragen vertrat Imam Ibn al-Qayyim verschiedene Ansichten.

Er vertrat die Ansicht, dass es keine einzige bevorzugte Form der Anbetung gibt. Doch zu manchen Zeiten kann die Verrichtung bestimmter Formen der Anbetung vorzuziehen sein. [Madāriǧ al- Sālikīn, ersten Band, Seiten 85––90, mein Buch ‘ʿIbāda im Islam’।] Während einer Hungersnot ist die Bereitstellung von Lebensmitteln die beste Tat; dadurch erlangt ein Muslim größere Nähe zu Allah. Wenn kufrische Kräfte ein muslimisches Land angreifen, ist der Dschihad die beste Tat. Danach steht die Versorgung der Mudschahedin mit Waffen und finanziellen Mitteln an erster Stelle. Wenn ein Gelehrter stirbt, ohne Erben zu hinterlassen, ist der Erwerb religiösen Wissens die beste Tat. Dafür kann ein Muslim auf eine Belohnung von Allah hoffen, und sie erlangen auch das Lob Allahs und der Gläubigen. Auf diese Weise kann entsprechend den Eigenschaften der guten Taten ein Gleichgewicht zwischen ihnen gewahrt werden.

 

DrittesKapitel

Islamische Bewegung: Verbreitungs- kampagne und im Bereich des Wissens

Verbreitungs- kampagne

Die islamische Bewegung sollte intensive Anstrengungen unternehmen, um unter allen Gruppen und Klassen der Gesellschaft Daʿwa-Aktivitäten zu entfalten und in der Bevölkerung überall das Bewusstsein für die islamische Wiederbelebung zu wecken. Wenn sie auf diese Weise arbeitet, wird keine gesellschaftliche Schicht ohne die Präsenz und Tätigkeit der islamischen Bewegung bleiben. Der Aufruf der Bewegung wird überallhin gelangen. Auch ihre engagierte Mitarbeiterschaft wird sich an diesen Bemühungen beteiligen. So wird sich die Zahl der Anhänger, Unterstützer und Fürsprecher der Bewegung vielfach erhöhen.

Durch die Arbeit im Bereich der Information und der Massenmedien kann diese Stufe erreicht werden. Dazu müssen die neuesten wissenschaftlichen Errungenschaften sowie Informations- und Massenkommunikationstechnologien organisiert und sorgfältig geplant eingesetzt werden. Für eine solche Arbeit müssen alle Techniken und Möglichkeiten des Westens und des Ostens, soweit möglich und wo immer sie verfügbar sind, genutzt werden. Diese Methode muss so lange angewandt werden, wie sie zur Erreichung unseres angestrebten Ziels beiträgt. Ein aufrichtiger Gläubiger sollte stets nach gehaltvollen Weisheiten suchen. Wann immer er eine solche findet, steht sie ihm zu.

Die Bewegung sollte die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen, die darin erfahren sind, wie man vor einer allgemeinen Versammlung und vor jeder einzelnen Gruppe sprechen muss. Diese Fachleute sind Experten auf den Gebieten der Psychologie, Soziologie, Politik und Kommunikationswissenschaft und wissen, wie dieses Wissen und diese Erfahrung im besten Interesse der Bewegung und des Islam eingesetzt werden können.

Die Bewegung muss noch heute planen, eine Daʿwa-Gruppe zu bilden, die in der Sprache unserer Zeit sprechen und die gegenwärtigen Verhältnisse mit gleicher Kompetenz bewältigen kann. Ihre Mitglieder sind mit der Erhabenheit, Weite, Universalität und Ausgewogenheit der islamischen Daʿwa vertraut. Eine Gruppe von Medienmitarbeitern, die fähig ist, den Menschen durch den Einsatz zeitgemäßer Argumente die Daʿwa nahezubringen, muss durch eine hochwertige Ausbildung herangebildet werden.

Nun werden wir erörtern, wie die Arbeit der Erneuerung und der Bewegung unter den wichtigsten Teilen der Gesellschaft – den Gebildeten, Arbeitern, Geschäftsleuten und anderen Schichten – ausgeweitet werden kann.

Kulturelle Gruppe

Zuerst muss die islamische Bewegung unter den kulturellen Gruppen verbreitet werden, damit ihr Denken über den Islam und seine Botschaft, sein Recht, seine Kultur und seine Geschichte in die richtige Richtung gelenkt wird und sie über die islamische Bewegung, ihre Ziele, ihren Zweck und ihre Ergebnisse informiert werden.

Irrige Vorstellungen

Obwohl sich die islamische Erneuerung unter vielen kulturell gebildeten Jugendlichen ausbreitet, sind einige noch immer unwissend über den Islam oder ihr Wissen über den Islam ist unvollständig, verfälscht oder unklar. Verantwortlich dafür sind die jahrhundertelange Rückständigkeit oder die Folgen des neuen, verfälschenden Einflusses fremder ideologischer Aggression.

Viele von ihnen glauben trotz ihrer Ausbildung an Universitäten noch immer an Aberglauben und Legenden. In ihrem Glauben dulden sie den Polytheismus, vermischen in ihrer Anbetung und ihren religiösen Verrichtungen Bräuche und Traditionen, und in ihrem Verhalten herrscht Unordnung. Dennoch halten gerade sie sich für wahrhaft fromm. Viele kulturell gebildete Menschen besuchen noch immer die Mausoleen und Schreine von Heiligen und Derwischen, als wären diese Mausoleen und Heiligtümer der Kaaba gleich. Sie bitten Verstorbene um Hilfe, tragen Amulette, glauben an das Herbeirufen von Geistern, schwören bei anderen als Allah und schlachten Tiere im Namen Verstorbener.

Obwohl die Zahl solcher Menschen aufgrund der weitreichenden materialistischen Strömung und der ideologischen Aggression des Westens vergleichsweise gering ist, bestehen sie unter dem Einfluss eines fehlgeleiteten Sufismus fort. In vielen muslimischen Ländern zeigen sie noch immer ihre Macht, und staatliche Stellen unterstützen sie offen wie im Verborgenen. Für einen verständigen Menschen gibt es keinen Grund, die Bedeutung dessen nicht zu verstehen. Diese gebildeten Menschen sollten die eigentlichen Grundlagen des Glaubens und der Aqida erkennen und Wissen über die von Allah gebilligte Art der Anbetung und des Gottesdienstes erwerben. Viele gebildete Menschen sind noch immer über zahlreiche Aspekte der ewigen Gestalt, Stärke und Erhabenheit des Islam unwissend. Man könnte beinahe sagen, dass sie von den Grundsätzen und Besonderheiten des Islam überhaupt nichts wissen. Ihr Wissen über den Islam beziehen sie aus den Darstellungen der Orientalisten und Missionare sowie aus dem gegenwärtigen Zustand der Muslime. Sie meinen, der Islam müsse so sein, wie es der Zustand der Muslime in ihrer Umgebung zeigt. Folglich sei der Islam für die Rückständigkeit, Verderbtheit und Unwissenheit der Muslime verantwortlich. Doch all dies hat mit dem Islam überhaupt nichts zu tun.

Gebildete Menschen sollten wissen, wo sie Wissen über den Islam erwerben können und welche Quellen ihnen die wahren Lehren des Islam vermitteln können. Sie sollten wissen, dass nicht der Islam nach dem Maßstab der Muslime beurteilt werden darf, sondern die Muslime nach dem Maßstab des Islam. Irregeführte Muslime sind nicht der Maßstab des Islam; vielmehr sind die wahrhaftigen Muslime der Maßstab des Islam.

Manche gebildeten Menschen meinen noch immer, gerade sie könnten wahrhaft fromme Muslime sein. Dennoch akzeptieren sie die Herrschaft anderer Gesetze als der islamischen Scharia und leben in einem Land, dessen Gesetze und Regierung nicht islamisch sind.

Sie sollten begreifen, dass der Islam eine Lebensordnung und ein Rechtssystem ist und dass Allah den Koran nicht deshalb herabgesandt hat, damit er für die Toten rezitiert wird. Vielmehr dient er der Leitung der Lebenden. Der Allmächtige Allah hat gesagt: „Wahrlich, Wir haben dir dieses wahre Buch, den Koran, hinabgesandt, damit du zwischen den Menschen nach dem richtest, was Allah dir durch die Offenbarung gezeigt hat(Sure an- Nisāʾ: 105).“ Sie sollten auch verstehen, dass diejenigen, die nicht nach dem richten, was Allah herabgesandt hat, gemäß der Darstellung des Buches unter Unglauben, Unrecht oder Frevel fallen oder dass all diese Verfehlungen gemeinsam auf sie zutreffen.

Manche gebildeten Menschen meinen noch immer, der Islam sei eine Form des Christentums und das Christentum akzeptiere die gesellschaftliche Klassenteilung der Menschen sowie die Aufteilung des Lebens zwischen Gott und dem Kaiser. Matthäus 22:21 heißt es: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist.“ Auf diese Weise beschränken sie den Islam auf die Beziehung zwischen Mensch und Allah. Der einzige Ort dieser besonderen Beziehung sei das menschliche Gewissen. Wenn diese Beziehung über das Gewissen hinausgeht, habe sie ihren einzigen Platz in der Moschee und nirgendwo sonst. Was hat der Islam mit dem Leben und seiner Ordnung, der Kultur und ihrer Entwicklung, der Bildung und ihren Lehrplänen, der Wirtschaft und ihrer Anwendung sowie mit Recht und Strafrecht zu tun?

Noch bedauerlicher ist, dass manche von ihnen nicht nur für sich den Anspruch erheben, Muslime zu sein, sondern sogar stolz darauf sind, Muslime genannt zu werden. Sie verrichten das Gebet und vollziehen die Umra oder den Haddsch. Zugleich preisen sie den Säkularismus, bevorzugen anstelle des Islam nationalistische Bindungen und übernehmen vollständig das westliche Denken, ohne überhaupt zu prüfen oder zu hinterfragen, wonach sie eigentlich streben.

Sie übernehmen Darwins Evolutionstheorie, Freuds Theorie der Psychoanalyse, Marx’ materialistische Deutung der Geschichte und Durkheims Theorie über den Ursprung der Religion. Doch sie sehen nicht, welche Rolle der Islam in diesen Theorien spielt. Einer von ihnen erklärte sogar einmal: „Ich bin ein muslimischer Marxist.“ Es ist unverständlich, wie diese beiden Dinge in einer Person nebeneinander bestehen können. Woher bezog er diese Anregung – aus dem Koran oder aus Das Kapital beziehungsweise dem Kommunistischen Manifest? Wenn ein Konflikt entsteht, wer soll dann sein Vorbild und Schiedsrichter sein – Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, oder Marx?

Wenn jemand sagt: „Ich bin ein muslimischer Buddhist“ oder „ein muslimischer Christ“ – kann man das akzeptieren? Wenn die Antwort „Nein“ lautet, wie kann er dann sagen: „Ich bin ein muslimischer Marxist“? Liegt das etwa daran, dass der Marxismus keine Religion ist, sondern gegen alle Religionen kämpft und die Religion als „Opium des Volkes“ betrachtet? Wenn dem so ist, dann ist es umso ratsamer, den Marxismus zurückzuweisen. Denn der Islam kann sich nicht mit einer anderen Religion verbinden, selbst wenn es sich um eine Buchreligion handelt. Wie kann der Islam sich dann mit einer Ideologie verbinden, die allen Religionen widerspricht?

Tatsächlich hat der Marxismus, obwohl er alle Religionen leugnet, einen religiösen Charakter. Dieser besteht darin, dass der Marxismus von seinen Anhängern unbedingte Loyalität verlangt; deshalb konnte er sich nicht mit einer anderen Religion oder Ideologie verbinden.

Der Marxismus ist eine absolut autoritäre Philosophie. In ihm ist weder für den Islam noch für irgendeine andere Religion ein Platz vorgesehen. Ja, selbst die Religion hat darin, außer aus Notwendigkeit, keinerlei Rolle, und in der marxistischen Gesellschaft wird sie nicht als grundlegend, sondern als nebensächlich betrachtet.

Manche kultivierten Menschen glauben, dass der Grund für die politische Schwäche, die militärischen Niederlagen, die kulturelle Rückständigkeit und die Unzulänglichkeit der Muslime auf wissenschaftlichem und technologischem Gebiet im Islam liegt. Der Sieg und der Fortschritt des Westens seien dagegen dadurch möglich geworden, dass er sich von der Kontrolle der Religion befreit und die säkulare Ideologie angenommen habe, die Religion und Staat voneinander trennt.

Diese kulturelle Gruppe muss anhand der beiden grundlegenden Quellen, des Heiligen Korans und der Sunna des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, über die wahre Gestalt der Religion unterrichtet werden – so, wie die vorzüglichste Generation der Umma, die Sahaba und ihre Nachfolger, Wissen erlangten. Dann werden sie erkennen, dass die besten Ergebnisse erzielt werden können, wenn man die wahre Lehre des Islam richtig versteht und ihr von ganzem Herzen folgt.

Die wahre Lehre des Islam ist nichts anderes. Sie befreit den Geist, läutert die Nafs, stärkt den Willen und baut den Körper auf einem starken und soliden Fundament auf. Durch Wissenschaft, Glauben, gegenseitige Abhängigkeit und Moral führt sie die Gesellschaft zum Fortschritt. Sie errichtet eine auf Gerechtigkeit und Beratung beruhende Regierung, regiert nach dem Gesetz Allahs und weist der gesamten Menschheit den besten Weg.

Durch das Studium der Geschichte des Islam müssen sie außerdem die Ursachen für den Aufstieg und Niedergang, die Siege und Niederlagen, die Entwicklung und die Katastrophen sowie die Stärke und Schwäche des Islam kennenlernen. Bei einer Betrachtung der Geschichte wird sich gewiss zeigen, dass die Muslime nur dann Sieg, Fortschritt und Stärke erlangten, wenn sie sich im Rahmen einer Bewegung unter der Führung eines Kalifen, eines Heerführers oder eines Gelehrten an den Islam, seine Werte und seine Lehren hielten. So geschah es zur Zeit der rechtgeleiteten Kalifen, von Umar ibn Abd al-Aziz, Abu Dschaʿfar al-Mansur, Harun ar-Raschid, Nur ad-Din Mahmud asch-Schahid, Saladin und anderen.

Andererseits kam die Zeit der Niederlagen, Katastrophen, Schwäche und des Niedergangs erst, als die Muslime von der Wahrheit des Islam abwichen. Je weiter sie abwichen, desto mehr wurden sie von Unheil heimgesucht.

Manche kultivierten Menschen sind noch immer unwissend über vieles, was im Namen des Islam verbreitet wird. So haben wir beispielsweise gesehen, dass ein Schriftsteller die Kreuzigung als Gegenstand auswählt, weil er sie für wahr hält. Der Islam jedoch hat die angebliche Kreuzigung von Hazrat Isa (a.) unmissverständlich zurückgewiesen. Manche erzählen auch die Geschichte davon, wie Bibi Hawwa (a.) Adam (a.) dazu verführte, von der verbotenen Frucht zu essen, und wie beide infolgedessen aus dem Paradies vertrieben wurden und der Menschheit auf der Erde Leid und Elend brachten.

Diese Lehre wurde aus der Tora und dem Alten Testament übernommen; im Islam hat sie keinerlei Grundlage. Denn Adam allein hatte von der verbotenen Frucht gegessen, und Adam allein hatte Allahs Gebot missachtet. In Sure Ṭā-Hā’, Vers 115 , sagt Allah: Wir hatten Adam zuvor eine Verpflichtung auferlegt, doch er vergaß sie, und Wir fanden bei ihm keine Standhaftigkeit. Nach den Versen 121––122 derselben Sure sagt Allah: Adam widersetzte sich seinem Herrn, und so ging er irre. Doch sein Herr erwählte ihn zur Barmherzigkeit, wandte sich ihm zu und leitete ihn recht.

Es zeigt sich, dass die eigentliche Verantwortung bei Adam lag und seine Frau ihm lediglich darin folgte, von der verbotenen Frucht zu essen.

Viele kultivierte Menschen beurteilen die Kultur noch immer aus westlicher Perspektive. Für sie ist das Tanzen der wichtigste Bestandteil der Kultur. Wer also nicht tanzt, ist nicht kultiviert. Unser Tanz wird mit Schwertern aufgeführt. Sagen Sie ihnen außerdem, dass wir den libanesischen Darqa-Volkstanz haben und, wie jedes andere Land auch, zahlreiche weitere Volkstänze, die bei Hochzeiten und anderen Festen aufgeführt werden. Wenn Sie ihnen all dies sagen, werden Sie zum Gespött der anderen. Denn Sie haben die einzige Bedeutung des Tanzes überhaupt nicht verstanden. Und diese besteht darin, dass Tanzen bedeutet, dass eine Frau mit einem fremden Mann und ein Mann mit einer fremden Frau tanzt. Dabei spüren sie die Berührung ihrer Körper und bewegen sich im Takt der Musik. Aber seien Sie gewarnt: Hegen Sie keine schlechten Vorstellungen von ihnen, denn sie sind keine gewöhnlichen Menschen wie Sie und ich, die Triebe und Begierden haben. Sie stehen über jedem Verdacht und jedem tierischen Trieb, ja, sie sind gleichsam Engel, die auf der Erde wandeln.

Und Halal und Haram schreiben einem Muslim vor, dass er nicht nach Belieben irgendetwas tun darf. Vielmehr muss er innerhalb der unverletzlichen Grenzen handeln, die Allah festgelegt hat. Allah, der Erhabene, sagt in derSure At-Talaq’, im ersten Vers: Wer Allahs festgelegte Grenzen überschreitet, der fügt sich selbst Unrecht zu. Für die kultivierten Menschen ist dies eine seltsame Lehre, die sie nicht anzunehmen bereit sind.

Umgang mit den kultivierten Menschen

Um die kulturelle Gruppe für die islamische Wiederbelebung zu gewinnen, sollten zwei Wege eingeschlagen werden: ein heilender und ein vorbeugender.

Der Abhilfeansatz besteht aus Maßnahmen zur Beseitigung der von kultivierten Menschen gehegten irrigen Vorstellungen. Durch ruhige, sachliche und theoretische Erörterungen muss ihnen die Argumentation dargelegt werden, nicht durch Beleidigungen, wahllose Äußerungen oder hitzige Wortgefechte. Vielmehr müssen ihnen maßgebliche Quellen aufgezeigt werden, aus denen sie ein richtiges Wissen über den Islam, das Kitab, den Rasul, die Theologie, die Scharia, die Geschichte und die Kultur erlangen können.

Dieser Ansatz eignet sich am besten für jene jungen Menschen, die nicht in den Bann des Extremismus geraten sind, ihn nicht als Grundsatz angenommen haben und nicht versuchen, ihr Leben danach zu gestalten. Auch für junge Menschen, die um der Wahrheit willen nach der Wahrheit streben, kann dieser Ansatz fruchtbar sein. Mitjenigen, die am Extremismus, Progressivismus, Liberalismus, rechten oder linken Positionen und Ähnlichem festhalten, zu streiten, ist nutzlos. Bei der Erklärung oder Widerlegung eines bestimmten Themas kann dies jedoch vielleicht hilfreich sein.

Der zweite Ansatz ist präventiver Natur. Ziel dieses Vorhabens wird es sein, die reine und authentische Gestalt der islamischen Kultur mit präziser Lehre und klarer Ausdrucksweise darzustellen, Orientierung zum Verständnis des Islam zu geben, die unter den Kultivierten entstandenen vielfältigen Fehlvorstellungen auszuräumen und zugleich falsche sowie auf Vorstellungen beruhende Gedanken und Überzeugungen zu bekämpfen.

Eines der wesentlichen Ziele des präventiven Ansatzes besteht darin, die Jugend vor dem giftigen Stich einer aggressiven Ideologie zu schützen. Das Wissen, das die Jugendlichen durch die Arbeit nach diesem Ansatz erwerben, wird als Impfstoff zur Vorbeugung gegen die ideologische Epidemie wirken, die sich in unserem Land heimlich oder offen ausbreitet.

Gewöhnliche Muballigh oder religiöse Prediger müssen von den kulturellen Kreisen ferngehalten werden. Diese Muballigh und Waiz können weder in der Sprache der Zeit sprechen noch ihre Botschaft durch verständliche und akzeptable Argumente vor den Kultivierten darlegen. Diese religiösen Prediger können durch ihre leidenschaftliche Beredsamkeit lediglich unter den Betenden Begeisterung wecken. Die Herzen liberal gesinnter Menschen vermögen sie jedoch nicht zu berühren. Diese liberalen Menschen sagen nur selten „Ja“, vielmehr lautet ihre ständige Frage: „Warum, wie?“

Beliebte Muballigh sind wie beliebte Schriftsteller. Erstere wecken durch ihre wohlklingenden Waz-und-Nasihat-Predigten Begeisterung, während Letztere durch ihre flüssige Schreibweise Gefühle und Empfindungen hervorrufen. Nach einem alten arabischen Sprichwort ist die Feder eine der beiden Zungen. Die Zunge ist weit wirksamer darin, den Zuhörer durch Stimme und Klang zu erregen und zu überwältigen. Kommt dazu noch die Vorstellungskraft, dann versteht es sich von selbst. Die Rolle und der Nutzen dieser Waiz und Schriftsteller sind nur so groß wie das Wissen, über das sie verfügen. Doch der Schaden, den sie in kultivierten Kreisen anrichten, übersteigt gewöhnlich den Nutzen, den sie stiften.

Das Volk

Die Aufmerksamkeit auf die kulturellen Kreise zu richten bedeutet nicht, die einfachen Menschen zu vernachlässigen. Die Arbeit in beiden Bereichen steht nicht im Widerspruch zueinander. Das grundlegende Merkmal der islamischen Bewegung ist ihre Popularität. Die Bewegung ist insofern populär, als sie weder eine staatliche noch eine elitäre Bewegung ist. Sie ist eine Bewegung, die aus den Herzen des Volkes hervorgeht und dessen Empfindungen zum Ausdruck bringt. Durch gegenseitige Wechselwirkung spiegelt die Bewegung die Meinung des Volkes wider, spricht in seinem Namen und hilft ihm, seine Pflichten zu erfüllen und seine Rechte einzufordern.

Die ausländischen Feinde der Bewegung und ihre Agenten im Land versuchen, die islamische Bewegung vom Volk zu trennen – bisweilen durch Verleumdung und Verfälschung, bisweilen durch Einschüchterung oder Druck. Andere setzen diesen verhängnisvollen Versuch auf unterschiedliche Weise fort.

Noch gefährlicher ist es, wenn die Bewegung sich selbst unter dem Vorwand von Hochmut, Vorwürfen, Respektlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und Überlastung vom Volk absondert. Die eigentliche Gefahr beginnt, wenn die Bewegung ihre Wechselbeziehung mit dem Volk vergisst, die Probleme und das Leid des Volkes missachtet und nur noch damit beschäftigt ist, sich mit sich selbst zu befassen und sich selbst zuzuhören. Auf diese Weise trennt sich die Bewegung vom Volk und zieht sich in eine einsame Kammer zurück.

Die islamische Bewegung wird erst dann erfolgreich sein, wenn sie fähig ist, gemeinsam mit dem Volk voranzuschreiten. Das Volk wird sich mit den Interessen der Bewegung identifizieren und deren Probleme oder Krisen als seine eigenen Gefahren und Nöte betrachten. Die Freude der Bewegung wird zum Grund ihrer Freude werden; sie werden all ihre Rollen, Positionen und Bemühungen loben und den Feind verfluchen. Die islamische Bewegung wird erst dann erfolgreich sein, wenn sie ihre Bemühungen darauf konzentriert, sich mit dem Volk zu vermischen wie Blut, das durch Adern und feine Blutgefäße fließt. Die Beziehung der Bewegung wird der Beziehung der Seele zum Körper und des Sehens zum Auge gleichen. Dann werden der Strom der Volksmassen und die islamische Bewegung zu einer Einheit verschmelzen, sodass sie nicht mehr voneinander getrennt werden können.

Dies ist erst dann möglich, wenn die islamische Bewegung die Interessen des Volkes zu ihren eigenen macht, seinen Empfindungen und seinem Ausdruck mit Einfühlung begegnet, sein Leid und seinen Kummer mitempfindet, ihm in Not und Gefahr beisteht und sich mit ihm zu einer Einheit verbindet.

Unwirkliche Träume

Gerade weil wir Vertrauen in das Volk und Zuversicht in seine Kraft haben, dürfen wir es nicht davon abhalten, sich der harten Wirklichkeit zu stellen, oder es in unwirklichen Träumen schwelgen lassen. Die Sprecher und Theoretiker der islamischen Bewegung müssen der Nation ihre tatsächliche Krankheit vor Augen führen. Die Krankheit darf nicht verborgen werden, wie man es bei einem Patienten mit einer unheilbaren Krankheit tut. Die Nation muss die wahre Wahrheit erfahren, so bitter sie auch sein mag. Man darf keine solchen unwirklichen Träume wecken, wenn sie nicht verwirklicht werden können.

Muslimische Sufi-Gelehrte haben den Unterschied zwischen Hoffnung und Wunsch erklärt und gesagt: Mit Hoffnung geht tätiges Handeln einher; andernfalls ist sie nur ein Wunsch. Hoffnung ist das Ziel der Gläubigen, während der Wunsch die List derer ist, die nichts tun wollen. Der Koran richtet sich an diejenigen, die behaupten, das Paradies gehöre allein ihnen, obwohl sie weder glauben noch gute Werke tun. In Sure Al- Baqara’, 111 , heißt es: Das sind ihre Wunschvorstellungen. Sprich: „Bringt euren Beweis vor, wenn ihr wahrhaftig seid.“

Ali ibn Abu Talib, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte zu seinem Sohn Hasan, möge Allah mit ihm zufrieden sein: „Hüte dich davor, dich überhaupt auf Wünsche zu verlassen. Der Wunsch ist die Stütze der Toren.“ Ein arabischer Dichter sagte: „Sei nicht der Sklave des Wunsches, denn der Wunsch ist der Besitz der Besitzlosen.“

Für eine Bewegung, die die Finsternis der dunkelsten Nacht mit hellem Licht erleuchten will, sind Hoffnung, Sehnsucht und der Wunsch nach einer schönen Zukunft die treibenden Kräfte. Hoffnung und Sehnsucht unterscheiden sich vom Wunsch. Denn wenn man das Gewünschte nicht erhält, führt der Wunsch zur Verzweiflung; in Hoffnung und Sehnsucht hingegen gibt es keinen Platz für Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit.

Wir müssen dem Volk unbedingt die harte Wirklichkeit vor Augen führen. Wir müssen es vor den Gefahren der Zukunft warnen, damit es sich auf die Bewältigung dieses Leidens vorbereiten kann. Es darf nicht der Illusion erliegen, der Weg der Zukunft sei mit Blumen gesäumt und dornenlos oder man könne dort ohne Mühe Früchte ernten.

Der Fehler, den die islamische Bewegung bei der Verbreitung islamischer Slogans und Aussagen zur Lösung der Probleme unter der muslimischen Bevölkerung begeht, muss korrigiert werden. Wenn in Slogans gesagt wird: „Der Islam ist die Lösung“, „Außerhalb des Islam gibt es keine Hoffnung“ oder „Der Islam ist die einzige Lösung für unsere wirtschaftlichen, sozialen und politischen Probleme“, glauben die einfachen Menschen, dass all ihre Probleme wie durch die Berührung eines Zauberstabs oder auf übernatürliche Weise gelöst würden, sobald diese Slogans die Luft erfüllen, sie bei den Wahlen die Kandidaten der Bewegung unterstützen und sie mit einer Mehrheit ins Parlament schicken.

Die Aktivisten der islamischen Bewegung und die Intellektuellen der Bewegung müssen dem Volk direkt und verständlich erklären, dass der Islam die Probleme des Volkes durch das Volk selbst lösen will. Allah wird keine Engel auf die Erde herabsenden, um für sie die Aufgaben zu übernehmen – das Land zu bestellen, Viehzucht zu betreiben, die Industrialisierung und den Handel auszubauen, die Infrastruktur aufzubauen, muslimische Arbeitskräfte für produktive Tätigkeiten zu mobilisieren oder die Nation vor Müßiggang und der Verschwendung ihrer Kräfte zu bewahren.

Für ein gutes Leben braucht man eine gerechte Gesellschaft. Für die Errichtung einer solchen Gesellschaft muss das Volk selbst tätig werden. Zu einigen Männern, die in Erwartung von Allahs Hilfe in der Moschee verweilten, sagte Umar ibn al-Khattab (r. a.): Ihr sollt nicht untätig dasitzen und nicht versuchen, sofort zu erhalten, was Allah für euch bestimmt hat. Danach sagte er: O Allah, sende mir, was immer für mich bestimmt ist. Dabei wusste er, dass kein Gold und kein Silber vom Himmel regnen würde. Allah sagt: Wenn das Freitagsgebet beendet ist, dann zerstreut euch im Land und sucht durch eure Arbeit nach der von Allah gewährten Versorgung (Sure al-Dschum’ʿa: 10). Im Koran wird dieses unverbrüchliche Gebot eindeutig folgendermaßen verkündet: Wahrlich, Allah verändert den Zustand eines Volkes nicht, solange sie nicht das verändern, was in ihnen selbst ist (Sure ar-Ra’ʿd: 11)।

Dies ist der Ausgangspunkt. Unsere falschen Vorstellungen, schlechten Denkweisen, verwerflichen Charaktereigenschaften und inakzeptablen ethischen Grundsätze müssen in richtige Vorstellungen, klares und aufrichtiges Denken, lobenswerte Charaktereigenschaften und eine höhere Moral verwandelt werden. Die Lebensweise, an die die Menschen derzeit gewöhnt sind, muss unbedingt verändert werden. Das Leben muss auf Arbeit und Produktivität ausgerichtet werden. Man darf nicht träge und umherstreifend sein. Das Leben muss als eine ernste Angelegenheit und nicht als ein Zeitvertreib betrachtet werden. Das Leben ist eines der Genügsamkeit, nicht des Luxus; der Gerechtigkeit, nicht des Unrechts; der Anstrengung, nicht der Untätigkeit.

Korrektur falscher Vorstellungen

Die Verantwortung der Islamischen Bewegung und ihrer Vertreter besteht darin, die falschen Vorstellungen über den Islam zu korrigieren, die sich unter den Muslimen verbreitet haben. Denn islamisches Denken und Bewusstsein können ein Mittel zur Gestaltung und zum Fortschritt der Gesellschaft sein.

Viele religiöse Menschen hegen falsche Vorstellungen über einige der wichtigsten Werte des Islam. Dazu gehören Īmān, Taqwā, Ehrlichkeit und Offenheit.

Im Heiligen Koran heißt es: Wenn die Bewohner dieser Orte geglaubt hätten und gottesfürchtig gewesen wären, hätte Ich ihnen gewiss die Segnungen des Himmels und der Erde eröffnet (Sure al- A’raf: 96). Weiter heißt es: Wer Allah fürchtet und seine ihm obliegenden Pflichten erfüllt, dem eröffnet Allah einen Ausweg aus allen Bedrängnissen. Und Er wird ihm Versorgung zukommen lassen, von wo er es sich nicht einmal vorstellen kann (Sure at-Talaq: 2––3). Oder es heißt: Und wahrlich, Wir haben in der Zabur, nach der Lauh Mahfuz, die Ermahnung niedergeschrieben, dass Meine rechtschaffenen Diener die Erde erben werden (Sure al-Anbiya: 105). In einer anderen Sure heißt es: Wenn diese (die Nichtmuslime) an Allah geglaubt und den rechten Weg des Islam beschritten hätten, hätten Wir sie gewiss mit reichlich fallendem Wasser getränkt (Sure al-Dschinn: 16)।

Wenn gewöhnliche Menschen diese Verse rezitieren, meinen sie, dass in diesen Versen von bestimmten religiösen Riten und der Erfüllung verpflichtender religiöser Pflichten die Rede ist. Dazu gehören etwa das Verrichten des Gebets, das Fasten, Tasbih, Tahlil, Takbir und andere Formen des Gedenkens und Lobpreises sowie das Meiden aller verbotenen Handlungen wie Alkohol und Glücksspiel. Zweifelsohne sind dies untrennbare Bestandteile der Religion; daran besteht kein Zweifel. Doch Din, Iman und Taqwa sind nicht allein darauf beschränkt. Sure adh-Dhariyat’s 56 . Vers Der erhabene Allah hat gesagt: „Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur dazu erschaffen, damit sie Mir dienen.“ Als Allah, der Erhabene, den Menschen zu Seiner Anbetung erschuf, machte Er damit auch deutlich, dass der Mensch Sein Stellvertreter oder Khalifa auf der Erde sein soll, der die Erde durch Wissen und Arbeit bebaut und gestaltet. Allah sagt: „Gewiss, Ich werde auf der Erde einen Statthalter einsetzen“ (Sure al- Baqara: 30). Er ist es, der euch aus der Erde hervorbrachte und euch dort ansiedelte und sie bebauen ließ (Sure Hud: 61). Das Wort „bebauen“ bedeutet hier, dass Er möchte, dass ihr sie bebaut und gestaltet. Auch diese Arbeit des Bebauens und Gestaltens zählt zur Anbetung.

Die Forderungen von Īmān, Taqwā, Aufrichtigkeit und Offenheit bestehen darin, ein Gleichgewicht zwischen unserem materiellen Leben und unserem religiösen Leben zu schaffen, Allah zu dienen, indem wir die universellen Verhaltensregeln des Islam befolgen, uns mit all unserer Kraft auf die Auseinandersetzung mit unseren Feinden vorzubereiten, das Land zu bebauen und in Fabriken zu arbeiten. Nutzt alle Bereiche von Wissenschaft und Industrie, die für das religiöse und materielle Leben der Nation erforderlich sind. Denn die muslimischen Rechtsgelehrten betrachten diese Aufgabe als eine gemeinschaftliche Pflicht (Farḍ kifāya) der gesamten Nation. Wenn diese Pflicht nicht von allen gemeinsam erfüllt wird, ist dies ein verwerfliches Vergehen.

Die erwünschte Frömmigkeit besteht weder in der Gebetskette in der Hand eines Derwischs noch im Turban auf dem Kopf eines selbsternannten Scheichs und auch nicht in dem abgeschiedenen Ort oder der Khanqah, die ein Betender für Gottesdienst und Anbetung auswählt. Frömmigkeit bedeutet, Wissen und Werke zu erwerben, religiöses und weltliches Leben, Körper und Seele, Planung und Organisation, Produktion und Entwicklung sowie Vollkommenheit und Exzellenz zu erlangen. In einem Hadith wird überliefert: Allah ist erfreut, wenn ein Mensch eine Aufgabe genau so gut ausführt, wie sie ausgeführt werden sollte ((al-Bayhaqī)). Wahrlich, Allah hat in alle Dinge handwerkliche Meisterschaft gelegt ((Muslim))।

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, drängte die Muslime dazu, in allen Dingen tüchtig zu sein – sogar beim Töten eines kleinen Reptils. In einem Hadith des Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wird überliefert: Wer einen Gecko mit einem Schlag tötet, erhält den Lohn von hundert guten Taten. Wer ihn mit zwei Schlägen tötet, erhält ebenfalls Lohn, jedoch weniger als der Erste, und wer ihn mit drei Schlägen tötet, erhält ebenfalls Lohn, jedoch weniger als der Zweite ((Muslim)). Man muss sich bemühen, jede Aufgabe gut auszuführen, selbst wenn sie unbedeutend ist.

Die Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, betrachteten den Islam nicht als die Religion der Armen und Derwische. Sie trennten Īmān und Frömmigkeit nicht vom Leben und beschäftigten sich auch nicht ausschließlich mit den verpflichtenden gottesdienstlichen Handlungen, indem sie auf den Versuch verzichteten, ein besseres Leben aufzubauen. Als ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAwf, möge Allah mit ihm zufrieden sein, das Angebot erhielt, von Saʿd ibn ar-Rabīʿ, möge Allah mit ihm zufrieden sein, eine ausreichende Spende anzunehmen, lehnte er demütig ab und sagte: „Ich bin ein Händler. Wo ist der Markt? Zeig ihn mir.“ Durch seinen Handel erzielte er enorme Gewinne. Dieser Handel beeinträchtigte seinen Īmān und seine Frömmigkeit nicht im Geringsten. Im Gegenteil, er war ein so gläubiger und frommer Mann, dass er zu den zehn Menschen gehörte, denen die frohe Botschaft vom Eintritt ins Paradies verkündet worden war. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte ihm schon zu Lebzeiten die frohe Botschaft seines Eintritts ins Paradies überbracht und bei seinem Tod seine Zufriedenheit mit ihm zum Ausdruck gebracht. ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAwf, möge Allah mit ihm zufrieden sein, war außerdem Mitglied des sechsköpfigen Schūrā-Rates, den ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, gebildet hatte. ʿUmar hatte diesen Rat eingesetzt, damit sie nach seinem Tod aus ihrer Mitte einen Kalifen wählten.

Wahrhaft fromme Gläubige sind diejenigen, die neben ihrem festen Glauben an Allah und ihrer Aufrichtigkeit stets darum bemüht sind, durch harte Arbeit weltliches Wohlergehen zu erlangen und zugleich gute Taten zu vollbringen. Deshalb wird Allah ihnen für ihre Bemühungen in dieser Welt Barmherzigkeit schenken und ihnen auch im Jenseits die Belohnung nicht vorenthalten.

Arbeitende Menschen

Mit arbeitenden Menschen meine ich Industriearbeiter und Handwerker aus verschiedenen Bereichen. Gegenwärtig bilden sie eine riesige Bevölkerungsgruppe, die in den großen Städten arbeitet. Diese organisierte und geeinte Arbeiterklasse kann durch den Aufruf zum Streik, mit dem sie gegen die Verletzung ihrer Rechte sowie gegen Unrecht und Ungerechtigkeit protestiert, das alltägliche Leben zum Stillstand bringen.

Wenn man diesen Bereich betrachtet, wird deutlich, dass die islamische Bewegung bisher nur sehr wenig Einfluss auf die Arbeiterklasse ausüben konnte. In dieser Schicht unserer Gesellschaft sind die Linken noch immer einflussreicher und treten mit lautstärkerer Stimme auf. Die Linken machen sich die Forderungen und Wünsche der Arbeiter weitgehend für ihre eigenen Interessen zunutze. In Ägypten hatte die wichtigste Organisation der islamischen Bewegung, die von Imam Hasan al-Bannā geführte Muslimbruderschaft, begonnen, mit einer Gruppe ägyptischer Arbeiter zu arbeiten. Diese Arbeiter leisteten in Ismailia den Treueid und bekundeten damit ihre Verpflichtung, das Ziel zu unterstützen, für das der Imam wirkte.

Obwohl es in den meisten muslimischen Ländern (Ägypten, Sudan, Jordanien, Tunesien, Algerien, Pakistan usw.) möglich war, die Wurzeln der islamischen Bewegung unter Schülern und Studenten tief zu verankern, ist ihre Präsenz in der Arbeiterklasse unbedeutend. Obwohl die islamische Bewegung in der sudanesischen Gesellschaft äußerst einflussreich ist, erwähnte Dr. Hasan al-Turabi, der Führer der Sudan National Islamic Front, diesen Umstand in seinem Buch „Die islamische Bewegung im Sudan“. In manchen Bereichen besitzt die Bewegung eine unangefochtene Vorherrschaft, und auch in anderen Bereichen vermag sie beträchtlichen Einfluss auszuüben.

Ich kenne die Gründe für das Scheitern der islamischen Bewegung, sich unter der Arbeiterklasse auszubreiten, nicht. Liegt der Grund etwa in der schwachen religiösen Gesinnung der Arbeiter? Doch warum ist ihr religiöses Bewusstsein schwach, obwohl die Arbeiter Teil der größeren Bevölkerung sind, für die die Religion ein untrennbarer Bestandteil ist? Liegt es am Mangel an Wissen über den wahren Islam und seine Rolle im Leben sowie am Einfluss importierter, fremder Denkvorstellungen? Diese Frage muss eingehend untersucht werden.

Oder liegt es daran, dass die islamische Bewegung es versäumt hat, die Interessen der Arbeiter anzuerkennen und Maßnahmen zu ihrem Schutz zu ergreifen sowie ihre berechtigten Forderungen zu unterstützen, oder liegt es am Handeln gieriger Kapitalisten und ausbeuterischer Herrscher? Oder ist es der Erfolg der Linken, die die Arbeiter gezielt beeinflussen und fördern, um sie für die Verbreitung ihrer zerstörerischen Politik und materialistischen Weltanschauung einzusetzen? Die Linken beherrschen diese Tätigkeiten meisterhaft. Auch die Methoden der Verlockung sind ihnen vertraut, und sie verstehen sich darauf, die verleumderische Propaganda zu verbreiten, die islamische Bewegung werde den Arbeitern niemals von Nutzen sein.

Was auch immer der Grund sein mag, die Vorgehensweise der islamischen Bewegung in dieser Hinsicht sollte überprüft werden. Denn die Arbeiterklasse ist ein wichtiger Teil der muslimischen Gesellschaft. Der Islam ist nach wie vor eine starke treibende Kraft im Leben der arbeitenden Menschen. Sie glauben nämlich, dass der Islam die einzige Religion ist, die der Arbeit über alles andere hinaus Würde verleiht und sich kompromisslos für gerechte Behandlung der Arbeiter einsetzt. Die wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Vorschriften des Islam schützen die Arbeiter und ihre Rechte, und gegen diejenigen, die ihnen Unrecht tun oder versuchen, sie zur Durchsetzung eigener Interessen auszunutzen, steht der Islam an der Seite der Arbeiter. Der Islam fordert gesellschaftliche Maßnahmen zur Beschäftigung jedes arbeitslosen Arbeiters und zur Versorgung aller arbeitsfähigen Menschen in der Gesellschaft.

Bei der Schaffung einer der islamischen Bewegung gegenüber wohlwollenden Haltung in der Arbeiterschaft kommt nun ein neuer Faktor zum Tragen. Dieser besteht im Niedergang der kommunistischen Ideologie und Methode. Infolgedessen ertönte das Abschiedsgeläut für die diktatorischen Regierungen Osteuropas. Die Arbeiterklasse rebellierte gegen die Diktaturen, die angeblich zu ihrem eigenen Schutz errichtet worden waren. Selbst die Sowjetunion, die Wiege des Sozialismus, hat im Licht der Perestroika-Ideologie einen neuen Weg zur gesellschaftlichen Neuordnung eingeschlagen. Die marxistischen und sozialistischen Regierungen, die für die Arbeiter und durch die Arbeiter errichtet worden waren, haben es nicht vermocht, den Arbeitern das erhoffte Glück und den ersehnten Frieden zu bringen – jenes Glück, dessentwegen die arbeitenden Menschen gegen feudale und kapitalistische Regierungen rebelliert hatten. Es hat sich erwiesen, dass es den Arbeitern unter der Herrschaft einer freien Regierung weitaus besser geht als unter den Fesseln der kommunistischen Herrschaft.

Um diesen Sachverhalt ausführlich zu verstehen, sind die beiden Teile Deutschlands vor der Wiedervereinigung ein hervorragendes Beispiel. Wie lebten die Arbeiter in den beiden Teilen, und wie empfanden sie? Die Menschen in Ostdeutschland hatten das Gefühl, in einem gewaltigen Gefängnis zu leben. Sobald sich ihnen die geringste Gelegenheit bot, flohen sie massenhaft nach Westdeutschland. Welchen besseren Beweis könnte es dafür geben?

Geschäftsleute und Kapital anleger

Zu den Bereichen, in denen die islamische Bewegung ihren Einfluss ausweiten muss, gehören auch die Gruppen der Kaufleute, Geschäftsleute und Kapitalanleger. Die Angehörigen dieser Gruppe leben in einer Welt des Geldes und Kapitals, von Gewinn und Verlust, Monopolen und Wettbewerb. Die Menschen dieser Gruppe vergessen gewöhnlich die Vorschriften von Halal und Haram und vernachlässigen das Gedenken an Allah, die Verrichtung des Salat und die Entrichtung der Zakat. Aus diesem Grund war der Gesandte Allahs stets darauf bedacht, den Geschäftsleuten hinsichtlich der schädlichen und gefährlichen Seiten der Handelstätigkeit Anleitung und Ermahnung zu geben.

Er warnte sie vor Betrug und sagte: „Wer betrügt, gehört nicht zu uns.“ Er warnte vor monopolistischem Handel und sagte: „Wer mit einer Ware monopolistisch handelt, tut Unrecht, das heißt, er ist ein Sünder.“ Er warnte die Händler davor, übermäßig im Namen Allahs zu schwören. Über jene Händler, die den Allmächtigen Allah zur Ware machen, sagte er tadelnd, sie könnten nicht kaufen und verkaufen, ohne bei Allah zu schwören. Er warnte auch vor falschen Eiden – einem Eid, durch den vielleicht der Umsatz steigt, der Verkäufer jedoch der Barmherzigkeit Allahs beraubt wird. Er warnte vor Zinsnahme und sagte: „Allah verflucht diejenigen, die Zinsen nehmen, diejenigen, die sie zahlen, diejenigen, die den Vertrag darüber aufschreiben, und diejenigen, die dafür Zeugnis ablegen.“ Er warnte auch davor, Waren zu verkaufen, die nicht vorrätig sind (Gharar). Denn der Käufer wird über die Ware im Unklaren gelassen, und wenn die Ware schließlich bereitgestellt wird, kommt es unweigerlich zu Streit.

Auch im Heiligen Koran wird der Betrug bei Maß und Gewicht getadelt: „Wehe denjenigen, die beim Maß und Gewicht kürzen (und dadurch das Recht anderer schmälern), die, wenn sie von den Menschen zugemessen bekommen, das volle Maß nehmen, wenn sie ihnen aber zumessen oder abwiegen, weniger geben. Denken sie denn nicht daran, dass sie auferweckt werden und am Großen Tag, an dem alle Menschen vor dem Herrn der Welten stehen werden(Sure Mutaf‌fifin: 1––6)।

Andererseits lobt der Koran jene Händler, die bei der Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber Allah und der vorgeschriebenen Pflichten nicht nachlässig sind. Über ihre regelmäßigen Besuche in der Moschee zum Gebet heißt es im Heiligen Koran: „(Sie befinden sich) in Häusern oder Moscheen, deren Erhöhung und Ehrung Allah befohlen hat. In ihnen preisen Ihn morgens und abends Männer, die sich durch Kauf und Verkauf nicht vom Gedenken Allahs, vom Verrichten des Gebets und vom Entrichten der Zakāt ablenken lassen; sie fürchten einen Tag, an dem sich viele Herzen und Augen umkehren werden (Sure Nur: 36––37)।

Die Geschäftsleute und Händler kontrollieren den größten Teil des Vermögens der Nation. Sie kontrollieren die Versorgung der Bevölkerung mit Waren und legen die Preise für Konsumgüter fest. Auf diese Weise üben sie Einfluss auf die nationale Wirtschaft und die Finanzpolitik aus. Daher müssen die Händler davor gewarnt werden, jemals etwas zu tun, was sie nicht tun sollten, und dazu angehalten werden, die Zakāt auf ihr Vermögen zu entrichten sowie darüber hinaus weitere Spenden und Almosen zu geben.

Die Kaufmannschaft fällt nicht in den Bereich der islamischen Erweckungsbewegung und ist ausschließlich mit weltlichen Angelegenheiten beschäftigt; dennoch sollte man nicht meinen, dass die Arbeit unter ihnen nutzlos sei. Auch sie sind Menschen wie alle anderen. Ermahnungen und Warnungen bewegen sie, und auch sie können durch kluge Worte sowie eine geduldige und angemessene Darlegung beeindruckt werden.

In den frühen Tagen der Daʿwa des Gesandten Allahs (s.a.w.) nahmen zahlreiche Händler den Glauben an Allah und Seinen Gesandten (s.a.w.) an. Selbst angesichts der Gefahr, dass ihr Geschäft und ihr Kapital zugrunde gehen oder Schaden nehmen könnten, folgten sie dem Ruf zum Tauḥīd. Zu denjenigen, die ganz am Anfang den Islam annahmen, gehörten, wie sich zeigt, Abū Bakr (r.a.), ʿUthmān (r.a.) und ʿAbd ar-Raḥmān ibn ʿAwf (r.a.). Sie gehörten zu den zehn, denen die frohe Botschaft des Paradieses verkündet worden war. In der Hoffnung auf Allahs Wohlgefallen und Seine Barmherzigkeit sowie um Allah und Seinen Gesandten zu unterstützen, waren sie gezwungen, ihre Häuser und ihren Besitz zurückzulassen und nach Medina auszuwandern. Diese Veränderung ihres Schicksals nahmen sie um Allahs willen frohen Herzens an.

In unserer Zeit sehen wir, dass viele rechtschaffene Händler dem jenseitigen Leben gegenüber dem diesseitigen Leben den Vorrang geben und freiwillig Geld für religiöse Zwecke ausgeben. Sie klammern sich nicht an den Reichtum, den sie als Zeichen von Allahs Barmherzigkeit erhalten haben. Denn sie betrachten ihr Leben und ihren Besitz als Eigentum der islamischen Daʿwa und Bewegung.

Die christlichen Kapitalisten des Westens geben christlichen Einrichtungen auf der ganzen Welt Milliarden von Dollar für die Verbreitung ihrer Religion. Dasselbe gilt für die jüdischen Kapitalisten. Trotz ihrer Geizigkeit und ihrer Neigung zur Geldverehrung geben sie vor und nach der Gründung des Staates Israel freigebig Geld für jüdische Interessen aus. Die wohlhabenden Muslime dürfen dahinter nicht zurückstehen. Denn sie wissen, dass Allah der Eigentümer des Vermögens ist. Daher müssen sie diesen Reichtum auf Allahs Weg ausgeben. Dafür wird Allah, der Erhabene, sie belohnen.

Ich möchte einen wichtigen Aspekt der materiellen Wohltätigkeit beleuchten. Unter den Muslimen gibt es viele wohlhabende Menschen, die ehrlich und wahrhaftig sind und ihren Reichtum gerne zur Erlangung von Allahs Wohlgefallen ausgeben. Sie spenden großzügig. Doch sie müssen wissen, wie und für wen sie ihr Geld ausgeben sollen.

Das geeignete Feld für diese Ausgaben ist die islamische Arbeit. Daher müssen diejenigen, die zu wohltätigen Spenden fähig sind, verstehen, dass nicht das Ausgeben von Geld an sich entscheidend ist, sondern dass es auf dem richtigen Weg ausgegeben wird. In diesem Zusammenhang ist es unerlässlich, die Ausgabenbereiche nach ihrer Priorität zu ordnen: Welcher Bereich ist jetzt wichtiger, und welcher wird in der nächsten Phase dringender sein? Es ist wirklich bedauerlich, dass die meisten wohlhabenden Muslime, insbesondere diejenigen, die Geld für gemeinnützige Zwecke ausgeben, gewöhnlich vor allem für den Bau von Moscheen oder für ähnliche religiöse Einrichtungen spenden möchten. Deshalb gibt es unter den Aktivisten der islamischen Bewegung erhebliche Unzufriedenheit und Beschwerden.

Die „Islamische Daʿwa-Organisation“ Afrikas hat diese Beschwerde vorgebracht. Auch Dr. Muhammad Naser und seine Mitarbeiter, die mit dem „Obersten Rat für Islamische Daʿwa“ Indonesiens verbunden sind, haben dieselbe Beschwerde geäußert. Dieselbe Art von Beschwerden kommt auch von jenen, die sich für die Verbreitung islamischer Ideale und Lehren einsetzen, um dem Säkularismus, dem Marxismus und anderen Ideologien entgegenzutreten.

Experten und überzeugte Unterstützer, die mit der islamischen Bewegung und Daʿwa verbunden sind, sind sich darin einig, dass es Arbeitsbereiche gibt, die wichtiger sind als der Bau von Moscheen. Dazu gehört etwa die Heranbildung von Menschen – von Menschen, die Zivilisation schaffen, in der Daʿwa Erfolg herbeiführen, im Schwung der Hoffnung voranschreiten, Moscheen bauen und Schritt für Schritt daran arbeiten, verschiedene Einrichtungen nach islamischem Vorbild zu gestalten.

Die Einrichtung eines Zentrums zur Ausweitung der Daʿwa-Aktivitäten des Islams und zur Schaffung von Bewusstsein unter den Muslimen ist eine der vorrangigen Maßnahmen, um Allah näherzukommen und dem Islam angemessen zu dienen. Die Ausgabe von Geld für diesen Zweck verdient daher Priorität, und durch eine edle Tat kann ein Muslim zweifellos Allahs Wohlgefallen erlangen. Ein solches Zentrum wird dazu beitragen, muslimischen Jugendlichen die Botschaft des echten islamischen Ideals zu vermitteln und ihre Vorstellungen zu läutern sowie ihr Verhalten zu verbessern. Durch verschiedene Mittel und Methoden, darunter Bildungslager, Workshops und Diskussionsveranstaltungen, kann dieses Zentrum dazu beitragen, in den Herzen der Jugendlichen Anziehung und Begeisterung für den Islam zu wecken.

Eine gebildete, kultivierte, hochqualifizierte und angemessen ausgebildete Mitarbeiterschaft der islamischen Bewegung, die über religiöses und weltliches Wissen verfügt und deren Lebensunterhalt gesichert ist, wird in der Lage sein, ihre Pflichten mit voller Hingabe und ordnungsgemäß zu erfüllen. Sie wird die Vernachlässigung dieser Pflicht als Sünde betrachten und die Erfüllung dieses edlen Werkes als etwas ansehen, das eine Belohnung von Allah und das Lob der Menschen verdient. Tatsächlich erfordert dieses Vorhaben neben Geld und Zeit auch unermüdliche Anstrengungen zu seiner Umsetzung.

Die Aktivität der Frauen

Seit Beginn der Daʿwa-Arbeit hat sich die islamische Bewegung den Frauen zugewandt. Imam Hasan al-Banna gründete unter dem Namen „al-Akhawat al-Muslimat“ eine Organisation für Frauen und übertrug ihnen die Aufgabe, die Daʿwa unter muslimischen Frauen zu verbreiten und eine Gruppe von Frauen heranzubilden, die sich an den Bemühungen der Ikhwan al-Muslimin beteiligen würden, Allahs Religion auf der Erde zu errichten, und ihnen dabei zur Seite stehen würden. Die Frauen dieser Organisation spielten eine bedeutende Rolle. Trotz vieler Entbehrungen übernahmen sie eine wirksame Rolle bei der Betreuung der Familien inhaftierter Mitglieder der Ikhwan al-Muslimin sowie bei der Versorgung mit Lebensmitteln und finanzieller Unterstützung – eine Rolle, die erwähnenswert ist. Sie erfüllten diese riskante Aufgabe, obwohl sie die Gefahr der Schikanierung durch Mitarbeiter des Geheimdienstes in Kauf nehmen mussten. Mehrere von ihnen mussten äußerstes Leid ertragen. Eine von ihnen war Zaynab al-Ghazali.

Bei Frauen: islamische Arbeit fehlt

Doch wir müssen zugeben, dass die islamische Arbeit unter den Frauen noch nicht das gewünschte Niveau erreicht hat. Zwar ist die Daʿwa zu den Frauen gelangt, insbesondere zu Studentinnen an Universitäten und weiterführenden Schulen.

Obwohl seit Beginn der Bewegung sechzig oder siebzig Jahre vergangen sind, wurden kaum weibliche Führungspersönlichkeiten hervorgebracht, die Säkularismus und Marxismus eigenständig und kompetent entgegentreten können. Dieser Zustand ist durch die anhaltenden Bemühungen der Männer entstanden, die Bewegung der Frauen zu kontrollieren. Die Männer haben den Frauen niemals die Möglichkeit gegeben, ihre Eigenschaften und Fähigkeiten zu entfalten und ihre Führungsbegabung und -kompetenz unter Beweis zu stellen. Hätten sie diese Möglichkeit erhalten, hätten die Frauen beweisen können, dass sie fähig sind, die Verantwortung für ihre Arbeit zu übernehmen, ohne der Vorherrschaft der Männer zu unterliegen.

Bedingungen für den Erfolg

Ich glaube, dass die islamische Bewegung erfolgreich islamische Arbeit unter Frauen leisten kann, wenn sie im Bereich der Daʿwa, des Denkens, der Wissenschaft, der Literatur und der Bildung eine weibliche islamische Führung hervorbringen kann.

Ich glaube nicht, dass dies eine unmögliche oder schwierige Aufgabe ist. Ebenso wie es begabte Männer gibt, gibt es auch begabte Frauen. Hervorragende Leistungen sind kein ausschließliches Vorrecht der Männer. Der Heilige Koran hat uns diese Geschichte nicht ohne Grund überliefert, in der ein Volk unter der klugen und mutigen Führung einer Frau an die Schwelle des Erfolgs gelangte. Sie war die Königin von Saba. Die Geschichte von der Königin und dem Propheten Salomo, Allahs Friede sei mit ihm, Sure an-Naml überliefert.

An der Universität Katar habe ich festgestellt, dass die Mädchen im Studium viel besser sind als die Jungen. Auch meine anderen Kollegen an der Universität sind dieser Meinung. Dies gilt insbesondere deshalb, weil die Mädchen mehr Zeit zum Lernen haben als die Jungen. Die Jungen sind dagegen mit nutzlosen Dingen beschäftigt.

Ausbreitung einer rigiden Haltung

Ich möchte offen sagen, dass in der islamischen Bewegung hinsichtlich der Beziehungen zwischen Männern und Frauen eine rigide Haltung vorherrscht. In dieser Frage wurden derart strenge Auffassungen angenommen, wie man sie zuvor nie gesehen hatte. Genau solche Regelungen habe ich auf zahlreichen Konferenzen und Symposien, sogar in Europa und Amerika, beobachtet. Mitte der 1970er Jahre nahm ich mehrere Jahre hintereinander an den Jahreskonferenzen der Muslimischen Studentenvereinigungen in den Vereinigten Staaten und Kanada teil. Frauen und Männer beteiligten sich dort gleichermaßen an Vorträgen und Debatten. Sie beteiligten sich an Stellungnahmen, Frage-und-Antwort-Runden und Diskussionen zu allen wichtigen islamischen Fragen. Dazu gehörten auch theoretische, soziale, bildungsbezogene und politische Fragen. In den Sitzungen, die ausschließlich Frauen vorbehalten waren, wurden nur Fragen erörtert, die Frauen betrafen.

Als ich in den 1980er Jahren an mehreren Konferenzen in den Vereinigten Staaten und Europa teilnahm, stellte ich fest, dass Frauen von einem großen Teil der zentralen Inhalte wichtiger Vorträge und Debatten ferngehalten wurden. Mehrere Frauen beklagten, dass sie sich langweilig fühlten, wenn sie immer wieder Vorträge über die Rolle, die Rechte, die Pflichten und die Stellung der Frau im Islam anhören mussten. Die Wiederholung dieser Vorträge erschien ihnen wie eine auferlegte Strafe. Auf mehreren Konferenzen kritisierte ich diese Haltung scharf und sagte, dass es die Regel sei, dass alle an Gottesdienst und dem Erwerb religiösen Wissens teilnähmen. Im Islam gab es niemals eine Moschee, die ausschließlich Frauen vorbehalten war und an der Männer nicht teilnahmen. Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, bei einer Versammlung eine Ermahnung gab, waren auch Frauen anwesend. Sie nahmen gemeinsam mit den Männern am Freitagsgebet, an den Gebeten zu den beiden Festen und an anderen Gemeinschaftsgebeten teil oder waren zumindest anwesend. Die Frauen stellten Fragen zu ihren besonderen Angelegenheiten. Sie enthielten sich nicht unter dem Vorwand ihrer natürlichen Scham, religiöse Vorschriften kennenzulernen. Hadhrat Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, hat dies selbst gesagt.

In den Hadith-Werken finden sich zahlreiche Beispiele dafür, dass Frauen dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Fragen stellten. Darunter waren Fragen, die Frauen ausschließlich zu Angelegenheiten der Frauen stellten, aber auch Fragen, die einige Frauen im Namen aller Frauen vorbrachten. So sagte eine Frau: „O Gesandter Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, die Frauen haben mich zu dir geschickt.“

Die Frauen baten den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, auch darum, ihnen einen eigenen Tag und eine eigene Zeit zuzuteilen, damit sie ohne die Anwesenheit von Männern vertraulich und offen über jede Angelegenheit sprechen konnten. Auf diese Weise wurde den Frauen neben der allgemeinen gemeinsamen Bildung mit den Männern noch eine weitere besondere Möglichkeit eingeräumt.

Probleme bei den Aktivitäten

Das Problem bei den islamischen Aktivitäten der Frauen besteht darin, dass Männer und nicht Frauen die Führung übernehmen. Die Männer sind außerdem eifrig darum bemüht, ihre Vorherrschaft in diesem Bereich aufrechtzuerhalten, denn sie wollen den Aufstieg weiblicher Führung nicht sehen. Bei der islamischen Arbeit der Frauen drängen die Männer ihnen ihre Autorität auf, sogar bei den Versammlungen und Zusammenkünften der Frauen. Sie nutzen die Schüchternheit der Frauen aus und geben ihnen niemals die Möglichkeit, in ihren Aktivitäten die Führung zu übernehmen. Dadurch erhalten Frauen im Prozess der islamischen Bewegung keine Gelegenheit, ihre Begabung und Befähigung unter Beweis zu stellen oder ihre Erfahrungen und ihr Streben zur Vollendung zu bringen. Ebenso erhalten sie keine Möglichkeit, durch Wissen, Beharrlichkeit und die umfassende Schule des Lebens etwas zu lernen.

Natürlich sind auch unsere muslimischen Schwestern nicht völlig frei von Schuld. Sie haben ihre Vorlieben und Abneigungen den Männern überlassen, sich mit Bequemlichkeit und Wohlleben zufriedengegeben und sich dieser bedauerlichen Lage unterworfen. Jetzt ist die Zeit gekommen, die Türen für Anstrengungen zu öffnen, Schritte zur Ausweitung der Daʿwa-Arbeit zu unternehmen und jene selbsternannten weiblichen Stimmen zum Schweigen zu bringen, die behaupten, Sachverständige für die Grundsätze, Ideale, Vorschriften und Werte der muslimischen Umma zu sein. Wie laut diese Stimmen auch sein mögen, sie vertreten lediglich eine besiegte und niedergetretene Minderheit. Weder im Din noch in der Welt haben sie irgendeinen Wert.

1989 wurde ich eingeladen, an die Studentinnen der algerischen Universitäten einen Vortrag zu halten. Nach dem Vortrag beantwortete ich, wie es üblich war, die schriftlichen und mündlichen Fragen der Studentinnen. Auch einige junge Männer waren anwesend. Ein junger Mann sammelte eigenständig die Fragen, wählte selbst aus, welche beantwortet und welche ausgelassen werden sollten, und brachte sie mir. Ich wandte mich gegen diese Rolle und sagte: Warum übernimmt nicht eine Studentin diese Aufgabe im Namen ihrer Kommilitoninnen?

Ich sagte: Warum mischt ihr Jungen euch in die Angelegenheiten der Mädchen ein? Haltet euch zurück. Lasst sie die Sache auf ihre eigene Weise erledigen. Sie selbst sollen die Fragen auswählen und entscheiden, welche beantwortet werden müssen, und eine von ihnen soll die Fragen laut vorlesen.

Es war, als hätte ich den Mädchen eine gewaltige Last von der Seele genommen. Eine Studentin trat rasch vor und übernahm die Rolle, die bis dahin der junge Mann ausgeübt hatte, der mich begleitet und zu mir gebracht hatte.

Im Winter 1990 ereignete sich bei einer muslimischen Studentenkonferenz im britischen Manchester ein ähnlicher Vorfall. Nach meinem Vortrag vor den muslimischen Frauen gab es eine Fragerunde. Auch dort übernahm ein eifriger junger Mann die Aufgabe, die Fragen zu sammeln und auszuwählen. Ich sagte ihm unmissverständlich: Es gibt keinen Grund für dich, hier zu bleiben. Eine der Mädchen genügt, um diese Aufgabe zu übernehmen. Denn die Frauen haben das Recht, ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu führen. Doch der betreffende freundliche junge Mann sagte mir, dass ihm diese Aufgabe gemäß den hiesigen Regeln übertragen worden sei und er sie deshalb nicht beenden könne. Er gab dafür seine eigene Erklärung ab, und ich musste sie hinnehmen.

Die Schwestern aus Ägypten und Algerien erheben noch eine weitere Beschwerde. Wenn eine aktive Mitarbeiterin der islamischen Bewegung durch ihre Tätigkeit bekannt geworden ist und einen aktiven männlichen Mitarbeiter der Bewegung geheiratet hat, stellt sich heraus, dass er ihr nicht nur die Teilnahme an der Bewegung verbietet, sondern sie auch zwingt, zu Hause zu bleiben. Auf diese Weise löscht er eine Fackel aus, die einst einer anderen muslimischen Frau den Weg zum Licht gewiesen hatte.

Dies sind so gewöhnliche Vorkommnisse geworden, dass mir ein algerisches Mädchen, das in der islamischen Bewegung tätig war, einmal schrieb und fragte, ob es für sie haram sei, die Heirat zu verweigern, um eine solche Situation zu vermeiden. Denn viele Schwestern haben sich von der Bewegung und der Daʿwa-Arbeit abgewandt und ein untätiges Leben gewählt – zu einer Zeit, in der kommunistische, säkulare und liberale Frauen für ihre Interessen arbeiten.

Einwände und Widerlegung

Die Hardliner könnten fragen, wie wir muslimischen Frauen Führungsverantwortung übertragen können, damit sie eine aktive Rolle in der islamischen Bewegung übernehmen und ihre Präsenz in den islamischen Aktivitäten unter Beweis stellen – wo doch der Heilige Koran ihnen gebietet, in ihren Häusern zu bleiben: Und bleibt in euren Häusern und stellt euch nicht zur Schau wie in der Zeit der Unwissenheit (Sure al-Ah-‌zab: 33)।

Als Antwort auf die Frage dieser übereifrigen Brüder möchte ich sagen, dass sich dieser Vers an die Ehefrauen des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) richtet; sie genießen einen besonderen Status, den andere Frauen nicht haben. Für sie galten Einschränkungen, die auf andere Frauen nicht zutrafen. Der Allmächtige Allah sagt im Heiligen Koran, an sie gerichtet: O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie die anderen Frauen (Sure al-Ah-‌zab: 32)।

Doch dieser Vers konnte Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) nicht davon abhalten, zur Kamelschlacht zu ziehen. Ihrer Auffassung nach nahm sie an dieser Schlacht teil, um den Anforderungen der Aufrichtigkeit in der Politik gerecht zu werden. Zwei ältere Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) unterstützten sie. Diese beiden Gefährten waren für das Kalifat nominiert worden und gehörten zu den Gefährten, denen die frohe Botschaft vom Eintritt ins Paradies verkündet worden war. Nach den Berichten der Historiker bedauerte Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) diese Situation später nicht deshalb, weil ihr Verlassen des Hauses unrechtmäßig gewesen wäre, sondern weil ihre politische Einschätzung nicht richtig gewesen war. Möge Allah ihr vergeben und Frieden auf ihrer Seele sein.

Wenn wir jedoch die Auffassung jener prüfen, die behaupten, alle Frauen seien mit diesem Vers gemeint, stellen wir fest, dass er nicht bedeutet, dass Frauen im Haus bleiben und daran gehindert werden sollen, nach draußen zu gehen. Denn der Koran schrieb das Verbleiben im Haus auf diese Weise als Strafe für jene Frauen vor, deren Ehebruch durch vier Zeugen bewiesen worden war. Diese Regelung galt vor der Einführung der in Koran und Hadith überlieferten strengen Strafbestimmung „Hadd“ (Todesstrafe). Der allmächtige Allah sagt: Und nehmt gegen jene eurer Frauen, die Unzucht begehen, vier Zeugen aus eurer Mitte. Wenn sie dann Zeugnis ablegen, so haltet sie im Haus zurück, bis der Tod sie ereilt oder Allah ihnen einen anderen Weg bestimmt(Sure an Nisa: 15)।

Außerdem lautet Allahs Gebot: Und stellt euch nicht zur Schau wie im Zeitalter der Unwissenheit (Ah‌zab: 33). Hier wird angedeutet, dass es Frauen erlaubt ist, in anständiger Kleidung nach draußen zu gehen, ohne sich prunkvoll zur Schau zu stellen. Es ist einer Frau nicht verboten, sich im Haus zu schmücken, denn dort ist es ihr gestattet, sich nach ihrem Wunsch schön zu kleiden und zu schmücken. Nur wenn sie außerhalb des Hauses auf die Straßen, zum Markt oder an einen anderen Ort geht, wird sie angewiesen, auf prunkvollen Schmuck zu verzichten.

 

ViertesKapitel

Islamische Bewegung: Bildung und Ausbildung

Schulung im Lichte des Glaubens

Für jede islamische Bewegung, die durch eine Veränderung innerhalb der Bevölkerung eine Veränderung der Verhältnisse herbeiführen will, sind Bildung und Ausbildung die grundlegende und notwendige Strategie. Das grundlegende Ziel des Bildungsprogramms sollte darin bestehen, eine muslimische führende Gruppe heranzubilden, die dazu beiträgt, die Sache des Islam voranzubringen. So wie die Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in seiner Zeit waren, ist die Bedeutung einer führenden Gruppe für uns in der heutigen Zeit ebenso groß.

Die erste und wichtigste Qualifikation der Mitglieder dieser führenden Gruppe wird der Glaube sein. Ich meine damit den im Koran und in der Sunna beschriebenen Glauben, der mehr als siebzig Zweige im Zusammenhang mit Wertvorstellungen und Moral umfasst und über den zahlreiche Bücher zusammengestellt worden sind. Denn der Glaube entsteht weder aus Laune noch aus Vorstellung. Der Glaube geht aus dem Herzen hervor und wird durch Taten oder Handlungen bewiesen.

Glaube bedeutet daher nicht bloß ein intellektuelles Wissen, als dessen Folge das Herz nicht vom Licht berührt wird und das den Willen nicht bewegt. Ebenso wenig bedeutet er, Begriffe wie Allah, Herr, Din und Gottesdienst, Tawhid und Taghut sowie Dschahilija zu verinnerlichen. Es bedeutet auch nicht, sich damit zu brüsten, diese Dinge im Verstand zu tragen und dadurch die Eigenschaften erworben zu haben, die wahre Gläubige besitzen müssen. Im Grunde handelt es sich dabei um den äußersten und vollkommenen Glauben. Glaube bedeutet nicht, mit anderen über Worte und Begriffe in Argumentationen und Wortgefechte einzutreten.

Weder eine Debatte noch ein Wortgefecht wird einen solchen Glauben erwecken, wie ihn die Zauberer des Pharao an den Herrn von Musa, Friede sei mit ihm, und Harun, Friede sei mit ihm, fanden oder wie die Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an das Wort Allahs glaubten. Der benötigte Glaube ist der im Koran und in der Sunna beschriebene Glaube ersten Ranges. In diesem Zusammenhang genügt es, auf den Vers des Heiligen Korans hinzuweisen, in dem Allah der Erhabene den arabischen Beduinen auf ihre Aussage „Wir glauben“ erwidert, dass der Glaube nicht in ihre Herzen eingedrungen sei. Allah der Erhabene sagtin der Sure al-Hudschurat, Vers 15 , :Nur diejenigen sind wahrhaft gläubig, die an Allah und Seinen Gesandten glauben und danach keinen Zweifel hegen, sondern mit ihrem Leben und ihrem Besitz auf Allahs Weg kämpfen; sie sind es, die wahrhaftig sind.

Es wird von Anas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, überliefert, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gesagt hat: Wer drei Eigenschaften besitzt, wird die Süße des Glaubens erfahren. Sie sind: Allah und Seinen Gesandten mehr zu lieben als alles andere, jemanden allein um Allahs willen zu lieben und es zu verabscheuen, zu dem Unglauben zurückzukehren, vor dem Allah ihn bewahrt hat, ebenso wie man es verabscheut, ins Höllenfeuer geworfen zu werden ((Buchari und Muslim)।

Für die gewöhnlichen Menschen, die einem Führer folgen, mögen halber Gehorsam oder ein Viertelgehorsam ausreichen; die Vorhut der islamischen Bewegung jedoch muss unbedingt über aufrichtigen Glauben verfügen. Ihr Glaube darf niemals schwach oder unvollständig sein.

Imam Hasan al-Banna sagte zu seinen Schülern: „Gebt mir zwölftausend Gläubige, und ich werde Berge überqueren, Meere durchqueren und Länder erobern.“ [Imam Banna (r.). scheint die Bedeutung aus dem, in den, Hadith-Sammlungen, von Ahmad, Abu, Dawud, at-Tirmidhi, Ibn Khuzayma, Ibn Hibban und al-Hakim enthaltenen Hadith dessen Bedeutung übernommen zu haben.। In diesen unter Berufung auf Ibn Abbas wird berichtet, dass eine Gruppe, von zwölf tausend Gläubigen eine Gruppe unbesiegbar ist,, auch wenn diese Zahl gering erscheinen mag.। Der Gesandte Allahs (s.a.w.). zufolge wird dieser Hadith überliefert, dass dieser Hadith।]überliefert worden ist. Reicht diese Zahl aus, um die Bestrebungen der Islamischen Umma zu verwirklichen? Ich sage: Ja, das ist möglich. Mit zwölftausend wirklichen Gläubigen können wir das angestrebte Ziel erreichen. Ich sage aber auch, dass die Aufgabe mit vierundzwanzigtausend Halbgläubigen oder achtundvierzigtausend Viertelgläubigen nicht zu bewältigen ist. Ebenso wenig mit einer Gruppe von Gläubigen, deren gewaltige Zahl jeden in Erstaunen versetzen könnte, deren Truppe aber zur Zeit der Not zu nichts zu gebrauchen wäre.

Wir wollen Gläubige wie die Ansar von Medina, die sich während des Krieges in großer Zahl einreihten, von denen man jedoch bei der Verteilung der Kriegsbeute nur sehr wenige zu sehen bekam.

Diejenigen, die zahlreich sind, aber in Wirklichkeit zu nichts taugen, sind nicht besser als der Schaum [Von Saubān überliefert wurde vom Gesandten Allahs (s.). in einem Hadith erwähnt : Eine solche Zeit wird kommen , in der von jeder Seite aus verschiedene Völker euch umzingeln und euch besiegen und überwältigen। werden — genau wie hungrige Menschen auf eine Schüssel mit Essen zustürzen und sich darauf stürzen। Der Gesandte Allahs (s.). wurde gefragt : Wird, die Feinde übertreffen die Muslime zahlenmäßig geringer zu sein der Grund dafür sein , dass es so kommen wird?? Er sagte, : Nein,; die Muslime werden zu jener Zeit wie der starke Wasserstrom erzeugter Schaum sein — schwach sein। werden eure Herzen schwach werden und eure Feinde werden nicht mehr von euch aus Furcht vor euch in Schrecken versetzt werden — nicht। der Grund dafür ist, dass ihr haben werdet an der Welt eine Bindung und gegen den Tod einen Hass।] Nichts ist besser als dieser Schaum. Selbst wenn sie zu Millionen zählten, wären sie dennoch niemals würdig, der führenden Gruppe der Bewegung anzugehören. Eine auf dem Glauben beruhende oder durch das Wort Allahs inspirierte Erziehung und Ausbildung ist die Voraussetzung dafür, eine Generation heranzubilden, die die Interessen des Islam schützt. Über diese Gruppe hat der Erhabene Allah im Koran gesagt: O ihr Gläubigen! Wenn jemand von euch von seiner Religion, dem Islam, abfällt, wird Allah bald ein Volk hervorbringen, das Er liebt und das Ihn liebt. Sie werden den Gläubigen gegenüber demütig und sanft sein, gegenüber den Ungläubigen jedoch streng; sie werden auf Allahs Weg kämpfen und die Rüge keines Tadlers fürchten. Das ist Allahs Gunst; Er gewährt sie, wem Er will. Wahrlich, Allah ist unabhängig und allwissend (Sure al-Māʾida: 54)।

Authentische sufische Bildung

Eine auf dem Koran und der Sunna beruhende authentische sufische Bildung ist notwendig. Eine solche Bildung trägt zur Herausbildung eines sufischen Charakters bei, der Allah vor Seiner Schöpfung, das Jenseits vor dem Diesseits und die Verwirklichung religiöser Ziele vor der Befriedigung der eigenen Wünsche bevorzugt.

Obwohl manche dies meinen, ist dennoch nicht jeder Tasawwuf (Sufismus) schlecht. Auch nicht alle Sufis sind irregeleitet, obwohl viele dies aus Unwissenheit oder aufgrund eines mangelnden richtigen Verständnisses behaupten. Die Sufis sind wie andere Gruppen eine Gruppe. Der Schaich al-Islam Ibn Taymiyya schrieb hierzu in einer seiner Abhandlungen mit dem Titel „Al-Fuqara“: Unter den Sufis wirst du Rechtschaffene und Irregeleitete finden. Einige von ihnen verderben ihre Nafs, andere folgen dem Mittelweg, und wieder andere sind durch Allahs Gnade äußerst rechtschaffen.

Wir weisen selbstverständlich alle irrigen Lehren des philosophischen Tasawwuf zurück, etwa Hulul (die Lehre von der göttlichen Inkarnation) und Ittihad (im Sinne einer spirituellen Vereinigung mit Allah), ebenso verschiedene Äußerungen irregeleiteter Sufis über angeblich erlangte spirituelle Vollkommenheit sowie einen auf Geldgewinn ausgerichteten, eigennützigen Sufismus. Wir wünschen uns einen solchen reinen Sufismus, dessen hervorragende Vorbilder die ehrwürdigen Sufis sind, etwa al-Hasan al-Basri, al-Fudayl ibn Iyad, Ibrahim ibn Adham, Abu Sulayman ad-Darani, Abul-Qasim, al-Dschunaid und andere.

Wir wünschen uns einen dem Mittelweg von Koran und Sunna folgenden Sufismus – einen Sufismus, der der Läuterung des Herzens Bedeutung beimisst und in dem es keinen Platz für verschiedene körperliche Übungen der Glieder gibt. Der Tasawwuf betrachtet vor der äußeren Erscheinung deren innere Wirklichkeit. In einem authentischen Hadith heißt es ausdrücklich: Allah wird weder auf eure Körper noch auf eure Gesichter schauen, sondern auf eure Herzen (Muslim)।

Wir wünschen uns jenen Sufismus, der die Krankheiten der Seele beseitigt, den Wegen des Eindringens des Satans in das Herz den Zugang versperrt und die Neigung des menschlichen Herzens zur Befriedigung seiner Begierden eindämmt, damit der Mensch Sündhaftigkeit aufgibt und wahrhaftige moralische Werte sowie Tugend erlangt.

Ein Weiser hat den Sufismus folgendermaßen beschrieben: Sufismus bedeutet, Allah gegenüber aufrichtig und den Menschen gegenüber wohltätig zu sein. Der allmächtige Allah sagt: Wahrlich, Allah ist mit denjenigen, die Ihn fürchten und rechtschaffen sind (Sure an-Nahl‌: 128)।

Allama Ibn al-Qayyim sagte unter Berufung auf die Sufis der frühen Zeit: Sufismus bedeutet gutes Benehmen; wenn jemand dich im guten Benehmen übertrifft, ist er besser als du. Dazu bemerkte Ibn al-Qayyim: Nein, die Religion besteht in gutem Benehmen, und wenn jemand dich in Taqwa und Gottesfurcht übertrifft, ist er aus religiöser Sicht ein besserer Mensch mit guten Sitten als du. In diesem Zusammenhang genügt es, sich an einen Hadith des Gesandten zu erinnern: Ich wurde als Überbringer der Botschaft entsandt, um die Moral zu vervollkommnen (Buchari)।

Wichtige vier Angelegenheiten

Im Bildungsbereich müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf vier Angelegenheiten konzentrieren:

a. Aufrichtige Absicht

Die erste wichtige Angelegenheit besteht darin, die eigene Absicht zu läutern. Man muss ausschließlich um Allahs Wohlgefallen willen handeln, nicht um Reichtum, Macht, die Gunst der Menschen oder irgendein anderes, im Innersten verborgenes Ziel zu erlangen.

Die Aufgabe des Islam besteht in Gottesdienst und Dschihad. Der Gottesdienst ist nur dann nützlich, wenn er mit aufrichtiger Absicht allein für Allah verrichtet wird. Allah, der Erhabene, sagt: Und ihnen wurde nichts anderes befohlen, als Allah allein zu dienen, und keinem anderen außer Ihm zu dienen (Sure al-Bayyina: 5)।

Der Dschihad auf Allahs Weg ist erst dann wahrhaftig, wenn er mit aufrichtiger Absicht ausschließlich mit dem Ziel geführt wird, Allahs Wort zu erhöhen. Er nimmt keine Tat an, die zu einem anderen Zweck als für Allah allein vollbracht wird, und auch keine Tat, an deren Glauben jemand anderes Anteil hat. Deshalb wählte Imam Hasan al-Banna als seinen ersten Leitspruch: Allah ist unser Ziel. Damit sollte betont werden, dass Allahs Wohlgefallen und Belohnung unser höchstes und ersehntes Ziel sind.

Wir können sagen, dass wir die Errichtung einer islamischen Gesellschaft anstreben. Wir wünschen uns einen islamischen Staat oder ein islamisches Regierungssystem, oder wir arbeiten an der Wiederherstellung einer umfassenden islamischen Lebensordnung beziehungsweise an der Verwirklichung eines anderen kurz- oder langfristigen Ziels. Unser übergeordnetes Ziel wird jedoch sein, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, damit Er uns in die Reihen Seiner rechtschaffenen Diener aufnimmt. Jeder islamische Aktivist sollte sich diese beiden Verse merken: Sag: Wahrlich, mein Gebet, mein Opfer, mein Leben und mein Tod gehören Allah, dem Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Dies ist mir befohlen worden, und ich bin der Erste unter den Ergebenden (Sure An’ʿām: 162––163)।

Die Bemühungen derer, die Ruhm und Anerkennung anstreben, führen bei keinem Ziel zum Erfolg. Nach der Überlieferung des Hadith wird der Sieg durch die Bemühungen jener errungen, die wohlwollend, rechtschaffen und bescheiden sind; wenn sie anwesend sind, bemerkt man es nicht, doch wenn sie abwesend sind, wird ihr Fehlen empfunden, und ihre Herzen sind Leuchten auf Allahs Weg (Al- Hakim)।

b.. Allahs Gegenwart spüren

Der zweite Punkt, auf den die Aufmerksamkeit konzentriert werden muss, besteht darin, bei jeder Tätigkeit Allahs Gegenwart zu spüren, damit sich darin Vollkommenheit wahrhaft widerspiegelt. Als deshalb der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) von Gabriel nach der Vollkommenheit gefragt wurde, sagte er: Die höchste Stufe der Vollkommenheit besteht darin, Allah so anzubeten, als würdest du Ihn sehen. Und auch wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er dich doch.

Dies ist die Voraussetzung für jede religiöse oder weltliche Tätigkeit. Denn Vollkommenheit im Handeln ist eine Pflicht, nach deren Verwirklichung jeder Muslim streben sollte. Allah hat in allen Angelegenheiten zur Vollkommenheit angespornt. Bei seinem Streben nach Vollkommenheit sollte jeder Mensch kein anderes Empfinden haben als das Bewusstsein, dass Allah ihn sieht, sein Wort hört und alles weiß, was er tut.

Vollkommenheit ist noch notwendiger, wenn die Tätigkeit religiöser Natur ist, insbesondere wenn sie der islamischen Daʿwa und der islamischen Bewegung dient – ganz gleich, ob es sich bei einer solchen Tätigkeit um eine individuelle oder eine gemeinschaftliche Pflicht handelt. In der Arbeit der islamischen Daʿwa und der islamischen Bewegung übernehmen die Aktivisten die Verantwortung anstelle der anderen Muslime, die ihre Zeit lediglich untätig verbringen und beobachten. Ja, wenn sich ihnen die Gelegenheit bietet, greifen sie die islamischen Aktivisten sogar an und versuchen, sie dazu zu bewegen, diese religiöse Arbeit aufzugeben.

An der Betreuung der islamischen Aktivisten besteht kein Mangel. Eine administrative Kontrolle ihrer Arbeit ist ebenfalls nicht erforderlich, denn sie unterstehen der Selbstkontrolle und sind selbst die ersten Kontrolleure ihrer Arbeit. In ihren Herzen bleibt Allahs Wort stets lebendig: „Und Er ist mit euch, wo immer ihr seid, und Allah sieht alles, was ihr tut“ ((Sure Hadid: 4)।

c.. Selbstkritik

Das dritte zentrale Thema ist die Selbstkritik (Ihtisab). Wenn vor Beginn der Arbeit unsere Absicht klar ist und während der Arbeit das Bewusstsein entsteht, dass Allah gegenwärtig ist, dann ist dies Selbstkritik. Und genau das ist Rechenschaftspflicht. In einem Hadith heißt es: „Der Kluge ist, wer mit sich selbst abrechnet und sich auf das vorbereitet, was nach dem Tod kommt; und hilflos ist, wer nach den Neigungen seines Nafs handelt und danach auf Allah vertraut“ ((Tirmidhi)।

Es wird auch überliefert, dass Hadhrat Umar (r.a.) sagte: Zieh selbst über dich Rechenschaft, bevor über dich Rechenschaft gefordert wird. Wiege deine Taten, bevor sie gegen dich gewogen werden. Maimun ibn Mehran sagte: Wahrhaft gottesbewusst ist, wer mit sich selbst strenger abrechnet als ein despotischer Herrscher und ein Geizhals. Die Grundlage dafür ist das Wort des Erhabenen: „Und ich schwöre bei der Seele, die sich selbst tadelt“(Sure al-Qiyama: 2)।

Die Selbstabrechnung verstärkt stets das Bemühen, Fehler zu berichtigen und Schwächen zu beseitigen. Dadurch strebt man ständig nach Vollkommenheit und gibt die Gewohnheiten der Selbstbeweihräucherung, der Überheblichkeit und der Verurteilung anderer auf.

Im Islam ist dieses Prinzip der Selbstabrechnung eines der grundlegenden Prinzipien im moralischen und pädagogischen Bereich. Deshalb haben alle Sufis und Gelehrten dieses Prinzip als unerlässlich betrachtet.

Heutzutage gebrauchen die Menschen häufig den Ausdruck Selbstkritik. Es ist nicht falsch, diesen Ausdruck zu verwenden. Der eigentliche Fehler besteht jedoch darin, ihn in seiner geläufigen Bedeutung zu verstehen und ihn für eine Übernahme von anderen zu halten. Denn Selbstkritik ist nichts anderes als die eigene Selbstabrechnung. Sie ist ihrem Wesen nach durch den Koran, die Sunna und unsere Kultur vorgegeben.

d.. Vertrauen auf Allah

Das vierte zentrale Thema besteht darin, Vertrauen auf Allah (Tawakkul) zu haben. Dies ist eine geistige Waffe, die Schwäche in Stärke verwandelt. Es ist die Waffe, mit der der Gesandte (s.a.w.) den despotischen Herrschern verschiedener Völker entgegentrat. Ihre Tyrannei hat ihn niemals in Angst versetzt, und ihre hinterhältigen Pläne konnten ihn nicht schwächen. Der Erhabene Allah sagt: „Und warum sollten wir nicht auf Allah vertrauen, wo Er uns doch den Weg gewiesen hat, dem wir folgen? Wir werden gewiss geduldig ertragen, was ihr uns an Leid zufügt. Und auf Allah sollen die Geduldigen vertrauen“(Sure Ibrahim: 12)।

Auf Allah zu vertrauen bedeutet, Allah als Wegweiser anzunehmen, Seinen Anweisungen zu folgen und sich allein auf Ihn zu verlassen. Allah, der Erhabene, sagt hierzu: Er ist der Herr des Ostens und des Westens. Es gibt keinen Gott außer Ihm. So nimm Ihn zum Sachwalter deiner Angelegenheiten(Sure al-Mu‌zzam‌mil: 9)।

Natürlich sollte man sich vorbereiten, alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen und erst dann Allah zum Sachwalter annehmen; danach muss man im Vertrauen darauf voranschreiten, dass Allah einen nicht im Stich lassen wird. Auf Allah zu vertrauen darf keineswegs bedeuten, dass jemand seine eigenen Pflichten vernachlässigt, die festgelegten Mittel zum Erreichen seines Ziels aufgibt, den erlaubten Regeln gegenüber Gleichgültigkeit zeigt oder erwartet, eine Ernte einzubringen, ohne zuvor gesät oder das Feld gepflegt zu haben. Tawakkul bedeutet vielmehr das, was der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) und die Propheten und Gesandten vor ihm praktiziert haben. Es bedeutet, im Vertrauen auf Allah, mit festem Glauben an Sein Versprechen und in der Hoffnung auf Seine Unterstützung selbst sein Möglichstes zu tun und das Ergebnis Allah zu überlassen.

Der edle Prophet (s.a.w.s.) traf für die Hidschra die bestmöglichen Vorbereitungen. Dennoch gelangten die Ungläubigen zu der Höhle, in der er sich verborgen hielt. Als Hazrat Abu Bakr (r.a.) sagte: „Wenn einer von ihnen unter seine Füße blickt, wird er uns gewiss sehen“, sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.s.): „Abu Bakr, was denkst du über zwei Menschen, bei denen ein Dritter ist – nämlich Allah? “Sure at-Tauba, 40 . Vers wird berichtet: Seid nicht traurig oder ängstlich; gewiss, Allah ist mit uns.

Auch Hazrat Musa (Friede sei mit ihm) sagte dies zu seinem Volk, als der Pharao sie mit seinem Heer verfolgte. Das Volk Hazrat Musas war zwischen dem Meer vor ihnen und dem Heer des Pharaos hinter ihnen eingeschlossen. Allah sagt: Als nun die beiden Gruppen einander erblickten, sagten die Gefährten Musas: „Wir sind ihnen gewiss ausgeliefert.“ Musa sagte: „Keineswegs! Denn mein Herr ist mit mir. Er wird uns den Weg weisen“(Sure asch Schuʿ’ara: 61––62)।

Was wir wirklich brauchen, ist ein derart fester Glaube. Gestärkt durch den Glauben, dass Allah mit uns ist, müssen wir den Nachkommen des Pharaos und Abu Dschahls entgegentreten. Diejenigen, mit denen Allah ist, können nicht scheitern. Im Koran heißt es: „Wenn Allah euch hilft, kann niemand euch besiegen. Wenn Er euch jedoch nicht unterstützt, wer ist dann außer Ihm, der euch helfen könnte? Und auf Allah allein sollen die Gläubigen vertrauen“(Sure Āl ʿImrān: 160)।

Die richtige Handlung Bedeutung

Bei der Bildung der erforderlichen Vorhut müssen wir die Verbindung zweier Dinge sicherstellen: Aufrichtigkeit in der Absicht und richtiges Handeln.

Für jede islamische Handlung sind eine reine Absicht und guter Wille unerlässlich. Denn jede islamische Handlung ist gleichbedeutend mit Gottesdienst und Dschihad. Wir haben bereits gesagt, dass kein Gottesdienst und kein Dschihad angenommen wird, wenn ihm keine reine Ordnung zugrunde liegt. Deshalb haben unsere Gelehrten dem Hadith des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) – „Handlungen werden entsprechend den Absichten bewertet oder bemessen“ – größte Bedeutung beigemessen. Die Gelehrten insgesamt betrachten die Absicht als ein Viertel, ein Drittel, ja sogar als die Hälfte des Islam.

Doch eine aufrichtige Absicht allein genügt nicht, um die islamische Bewegung durch heftige Stürme und Unwetter voranzubringen. Neben einer aufrichtigen Absicht sollte man die Fähigkeit besitzen, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, ja sogar zu erkennen, welche von zwei Ansichten richtiger ist, und unter zwei Übeln das weniger üble oder unter zwei guten Dingen das beste auszuwählen. Es heißt, jener Mensch ist klug der das Schlechte vom Guten zu unterscheiden vermag, und jener Mensch ist weise der unter’zwei Übeln das weniger üble zu erkennen vermag .।

Tatsächlich muss ein Muslim versuchen herauszufinden, was richtig ist. Wenn jemand trotz seines Bemühens einen Fehler macht, wird ihm vergeben, und er wird sogar belohnt werden. In diesem Zusammenhang wird in einem Hadith berichtet: Wenn jemand versucht, die Wahrheit zu erkennen, und dann dennoch zu einer falschen Entscheidung gelangt, erhält er eine Belohnung; wenn jemand sich nach ernsthaftem Bemühen auf den richtigen Weg begibt, erhält er eine doppelte Belohnung. Eine Belohnung gilt seinem Bemühen, die zweite seiner richtigen Entscheidung. Die Zusage einer doppelten Belohnung für die richtige Entscheidung beruht darauf, dass das Ziel all jener, die sich ernsthaft bemühen, stets darin bestehen muss, die „eigentliche Wahrheit“ zu erkennen, und dass alle einsichtigen Gläubigen bei ihrem Bemühen ihren Blick auf die Erkenntnis der eigentlichen Wahrheit richten können. An dieser Stelle werde ich zwei Dinge beleuchten.

Erstens sollten diejenigen, die für ihr Bemühen belohnt werden, zunächst dazu befähigt sein, dieses Bemühen zu unternehmen; das heißt, sie müssen über ein Mindestmaß an Fähigkeit zur persönlichen Anwendung von Verstand und Urteilskraft (Idschtihad) verfügen. Mit Idschtihad meine ich hier nicht die rechtliche und terminologische Bedeutung, die in den Fiqh-Werken für eine solche Anstrengung beschrieben wird, sondern eine in einem bestimmten Bereich unternommene intellektuelle Anstrengung, für die besondere Kenntnisse erforderlich sind. Der Idschtihad in politischen Angelegenheiten unterscheidet sich gewiss von dem in militärischen, wirtschaftlichen und erzieherischen Angelegenheiten. Denn in jedem Bereich sind besondere Kenntnisse unerlässlich.

Wenn jedoch jemand beginnt, ein Gebiet zu erforschen, über das er selbst keine ausreichenden Kenntnisse besitzt, und ohne das nötige Wissen ein Urteil fällt, tut er sich selbst Unrecht, behandelt seine Forschung ungerecht und schädigt seine Nation. Er wird keineswegs belohnt werden, sondern verdient wegen einer unbestreitbaren Sünde Bestrafung. Denn er fällt ein Urteil, obwohl er unwissend ist, so wie jemand ins Wasser steigt und so tut, als schwimme er, obwohl er nicht schwimmen kann. Deshalb sagte Allahs Gesandter (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Es gibt drei Arten von Richtern: Einer wird ins Paradies eingehen, die beiden anderen werden in die Hölle eingehen. Der erste ist jener Richter, der die Wahrheit kennt und auf ihrer Grundlage urteilt; deshalb wird er ins Paradies eingehen. Der zweite Richter ist unwissend und fällt dennoch ein Urteil; er wird in die Hölle eingehen. Der dritte Richter kennt die Wahrheit, urteilt aber ungerecht; auch er wird zu den Bewohnern der Hölle gehören (Abu Dawud, at-Tirmidhi, Ibn Madscha, an-Nasa’i und al- Hakim)।

In diesem Hadith werden der Richter, der trotz seiner Unwissenheit ein Urteil fällt, und der Richter, der trotz Kenntnis der Wahrheit ein ungerechtes Urteil fällt, auf dieselbe Stufe gestellt. Denn er hat sich in einen Bereich eingemischt, in dem er keine Erfahrung besitzt. In einem solchen Fall wäre es besser, sich daraus zurückzuziehen und die Angelegenheit einer dafür qualifizierten Person zu überlassen.

Ein solcher Richter wird selbst dann nicht belohnt, wenn er das Richtige tut. Denn das Richtige wurde ausgehend von einer falschen Position gesagt. Da diese Handlungen nicht auf einer angemessenen Methode beruhen, haben sie keinen Wert. In einem Hadith heißt es: Wer ohne Wissen eine Meinung über den Koran äußert, liegt selbst dann falsch, wenn seine Meinung richtig erscheint. [Abu Dawud und at-Tirmidhi bezeichneten diesen Hadith als von einem Überlieferer überliefert und nannten ihn ‘„gharīb“’ während an-Nasa’i und andere den Hadith als schwach oder ḍaʿīf bezeichneten und ihn entsprechend einstuften.।]Dies gleicht einem Schuss aus ungeübter Hand.

Die Auffassung eines solchen Richters wird selbst dann als falsch angesehen, wenn sie richtig ist. Denn sein Idschtihad wurde nach Belieben und nicht unter strikter Befolgung einer sachgerechten Methodik ausgearbeitet. Daher kann man sich nicht auf Entscheidungen verlassen, die durch solche willkürlichen Bemühungen zustande gekommen sind.

Zweitens werden nur diejenigen für ihre Bemühungen um den Idschtihad belohnt – und erhalten sogar eine einzige Belohnung –, die sich mit größtem Einsatz um die Suche nach der Wahrheit bemühen und ihre volle Aufmerksamkeit darauf richten, die Angelegenheit wirklich und gewiss zu verstehen. Dabei müssen sie alle Mittel und Möglichkeiten, die ihnen zur Aufdeckung der Wahrheit zur Verfügung stehen, sowie alle dabei gewonnenen Informationen und Daten verstehen und nutzen. Sie müssen sich auch mit sachkundigen Menschen beraten, um ihre richtige Auffassung und wertvolle Erfahrung zu bereichern. All dies wird ihnen helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

Zukünftige Führung

Das Problem der islamischen Bewegung in vielen Ländern besteht darin, dass ihre Basis so breit geworden ist, dass es an Führungspersönlichkeiten fehlt, die sie bewältigen können. Es gibt keinen Grund, davor zurückzuscheuen, dies anzuerkennen.

Der Grund für diese Lage ist, dass sich die zeitgenössische islamische Bewegung weltweit ausgebreitet hat. In allen Ländern haben ihre Wurzeln tief Fuß gefasst. Daher nimmt ihre Ausbreitung zunehmend zu. Doch parallel zu dieser Entwicklung werden auf ideologischer, bildungsbezogener und politischer Ebene keine geeigneten Führungspersönlichkeiten hervorgebracht. Die gegenwärtige Führung muss sich unter Berücksichtigung dieser Situation auf die kommende Phase vorbereiten.

Die erste zu berücksichtigende Frage ist hier die Treue zur Daʿwa-Arbeit. Opfer zu bringen oder zu den ersten Teilnehmern der Bewegung zu gehören, sind nicht die einzigen Eigenschaften, die zur Führung der islamischen Bewegung befähigen. Obwohl diese Eigenschaften sowohl in den Augen Allahs als auch der Menschen ihren eigenen Wert haben. Die erforderliche Art von Führung setzt voraus, dass die mit Führungsverantwortung betrauten Personen über besondere intellektuelle, psychologische und praktische Fähigkeiten verfügen. Diese Eigenschaften kommen zusätzlich zu den üblichen moralischen, verhaltensbezogenen und glaubensmäßigen Voraussetzungen hinzu.

Wenn ich von Führung spreche, meine ich nicht die obersten Ämter der Bewegung. Vielmehr meine ich jene Gruppe, die für die Planung, Umsetzung, Anleitung und Kontrolle der Arbeit verantwortlich ist und von den ihr unterstellten Personen möglichst viel Einsatz verlangt. Sie führt die betreffenden Mitarbeiter von schädlichen Tätigkeiten zu einem konstruktiven Prozess, von Streit und Debatten zu geschäftigem Handeln und von Untätigkeit zu harter Arbeit.

Die Führung ist kein lebenslanges Recht, sodass diejenigen, die von Anfang an Führungsverantwortung getragen haben, den neuen Führungspersönlichkeiten nicht den Weg versperren dürfen, in dem Glauben, nur der Tod könne ihnen dieses Recht nehmen. Andernfalls wird begabten und fähigen jungen Menschen voller Tatkraft der Weg in die Führung versperrt. Uns wurde aufgetragen, die rechtgeleiteten Kalifen als unser Vorbild zu nehmen, die auf unbestimmte Zeit eingesetzt worden waren. Unter den gegenwärtigen Umständen müssen wir die Haltung aufgeben, jemanden auf Lebenszeit zum Führer zu wählen.

Tatsächlich sind diese historischen Präzedenzfälle kein Gesetz, an das die Umma bis zum Tag der Auferstehung gebunden wäre. Wir haben dieses Thema an anderer Stelle erörtert. Hier müssen wir unbedingt betonen, dass für die nächste Phase eine Führung vorbereitet werden muss, damit entschlossene, aufrichtige, vertrauenswürdige und kluge Führungspersönlichkeiten die Bewegung gewiss anführen können. Wir müssen Führungspersönlichkeiten auf ideologischem, pädagogischem und politischem Gebiet heranbilden.

Wir müssen diese Angelegenheit ernsthaft durchdenken, praktische und wirksame Schritte unternehmen und die Theorie in die Praxis umsetzen.

Führungskräfte- aufbau- Spezial- institut

Im Hinblick auf dieses Ziel schlage ich die Gründung eines Instituts zur Heranbildung islamischer Führungspersönlichkeiten vor. Als Studierende dieses Instituts müssen begabte und überzeugte Menschen ausgewählt werden, die über die erforderlichen intellektuellen, psychologischen, charakterlichen und imanbezogenen Eigenschaften verfügen. Diese Studierenden sollten auf der Grundlage der Empfehlungen sachkundiger Personen ausgewählt werden, die fähig sind, die Eigenschaften und Charakterzüge von Menschen zu beurteilen. Vor ihrer Aufnahme zur Ausbildung am Institut müssen sie außerdem schriftliche und grundlegende Prüfungen ablegen. Am besten wäre ein Internatsinstitut, in dem die Studierenden als Gemeinschaft zusammenleben. Die grundlegenden Elemente ihres Lebens dort sollen Religion, Wissen, Daʿwa-Aktivitäten, Brüderlichkeit und Dschihad sein.

Der Lehrplan dieses Instituts sollte umfassend, tiefgründig und vielseitig sein. Er muss eine Verbindung von Tradition und zeitgenössischem Wissen und den Wissenschaften sowie im islamischen Kontext eine Verbindung von Religion und Geisteswissenschaften umfassen. Zugleich muss den lokalen, arabischen, islamischen und internationalen Angelegenheiten angemessene Bedeutung beigemessen werden. In diesem Zusammenhang muss der Lehrplan der Untersuchung und Analyse der Kreise, die unserer Religion, der Umma und unserem Voranschreiten entgegenstehen, besondere Bedeutung beimessen. Diese Einrichtung soll Wissen mit Handeln und Theorie mit praktischer Anwendung verbinden.

Für die Vermittlung dieses Lehrplans müssen hochgebildete und vertrauenswürdige Lehrkräfte ausgewählt werden, die über reifes Denken und festen Glauben verfügen. Diese Lehrkräfte sollten weit von Nachgiebigkeit ebenso wie von Härte entfernt sein. Sie sollen über ein geschlossenes und ausgewogenes Denken und Bewusstsein verfügen. Niemand von ihnen darf die Meinung eines anderen für wertlos halten; niemand soll ein Vertreter ausschließlich westlicher oder östlicher Gelehrsamkeit oder der Linken beziehungsweise der Rechten sein. Andernfalls würden sie Widersprüche und Verwirrung im Denken hervorrufen, wodurch der Prozess der Charakterbildung der Studierenden beeinträchtigt würde.

Damit will ich nicht sagen, dass diese sachkundigen Lehrkräfte genaue Ebenbilder voneinander sein sollen. Ich möchte lediglich sagen, dass zwischen ihrer allgemeinen Denkweise in den wichtigsten Fragen und der grundlegenden Philosophie, die das Institut angenommen hat, Übereinstimmung bestehen muss.

Nun werde ich einige Merkmale des Ideals erörtern, das wir durch diese ehrgeizige Initiative verwirklichen wollen.

angestrebten Ideals Merkmale

Ohne jeden Zweifel oder jede Zweideutigkeit möchte ich mit Nachdruck eines sagen: Für die künftigen Führer der islamischen Bewegung müssen neben einer auf dem Glauben beruhenden Bildung auch eine solide ideologische Ausbildung und Schulung als Schlüssel zur moralischen Entwicklung gewährleistet werden. Dies wird die bereits beschriebene fiqhbasierte Bildung und Schulung sein, die für die Bewegung von morgen erforderlich ist.

Für uns steht der Glaube weder im Widerspruch zur Vernunft noch zum Verstand. Vielmehr gründet der Glaube auf der Vernunft und wird von ihr geleitet, und im Koran werden die Gläubigen als verständige Menschen beschrieben. Der Koran ist eine Rechtleitung für diejenigen, die verständig sind und tief nachdenken. Für die herausragenden Intellektuellen der Umma ist die Grundlage der Vernunft das gesamte überlieferte Wissen der Offenbarung. Denn ohne das Wissen der Offenbarung lassen sich weder die Existenz Allahs noch die Gültigkeit der Risala beweisen.

Die im Koran dargelegten Anweisungen schaffen eine logische Denkweise, die das Fundament der Anbetung legt und jeden Aberglauben sowie die Nachahmung der Vorfahren oder angesehener Persönlichkeiten zurückweist. [Mein Buch ‘Der Prophet und das Wissen’, Seiten 38–40)]

Wissenschaftlich fundiertes Ideal

Das Ideal, auf dessen Grundlage wir die gewünschte Bildung und Ausbildung organisieren wollen, weist bestimmte Merkmale auf. Die Lehrkräfte sollten diese Merkmale verstehen und umsetzen. Außerdem müssen diese Merkmale im Bildungscurriculum vermittelt werden.

Im wörtlichsten Sinne wird diese Bildung wissenschaftsbasiert sein. Mit „wissenschaftsbasiert“ meine ich nicht die mit theoretischen und praktischen Wissenschaften verbundenen Wissenschaften. Obwohl Muslime diese Bereiche der Wissenschaft studieren sollten. Es handelt sich jedoch um ein Ideal, bei dem keine Behauptung ohne Beweis, kein Ergebnis ohne eine These, keine Zeugenaussage ohne Beleg und kein Vorschlag akzeptabel ist, sofern er nicht völlig frei von Zweifel ist.

Wir wünschen uns in jedem Lebensbereich wissenschaftlich geprägtes Denken und wissenschaftliches Bewusstsein, die uns den Weg weisen, damit wir jedes Thema, jede Frage, jede Situation und jeden Menschen auf wissenschaftliche Weise betrachten können und, frei vom Einfluss von Emotionen, Impulsivität, Selbstbezogenheit, Gruppeninteressen und verschiedensten alltäglichen Ausreden, mit wissenschaftlicher Denkweise in Wirtschaft, Politik, Bildung und allen anderen Bereichen umsichtige und strategische Entscheidungen treffen können. Die oben genannten negativen Faktoren kontrollieren unser Verhalten in hohem Maße. Wenn eine entscheidungstragende Person vom Einfluss ihrer eigenen Launen oder der Launen ihrer Gruppe gelenkt wird, wird sie den Menschen gefallen wollen, indem sie tut, was die Bevölkerung bevorzugt; sie wird nicht auf das achten, was zum Wohl der Bevölkerung, des Vaterlandes und der Zukunft der Nation insgesamt gereicht.

Mein ‘Die islamische Lösung: Eine religiöse Pflicht und eine Notwendigkeit’“ habe ich in meinem Werk anlässlich der Erörterung der Selbstkritik in der islamischen Bewegung einige wesentliche Merkmale des wissenschaftlichen Bewusstseins hervorgehoben. Ich halte es für notwendig, diese Merkmale hier erneut zu nennen, wobei nicht der importierte Säkularismus, sondern die Bedürfnisse der Umma im Mittelpunkt stehen.

Erforderlich ist wissenschaftliches Bewusstsein

Wichtige Merkmale des wissenschaftlichen Bewusstseins sind:

1. Eine objektive Sichtweise in Bezug auf verschiedene Themen, Situationen und Zusammenhänge einzunehmen, ohne darauf zu achten, aus welcher Quelle sie stammen. Hazrat Ali (r.a.) sagte: Versuche nicht, die Wahrheit durch Menschen zu erkennen, sondern erkenne zuerst, was die Wahrheit ist; dann wirst du die damit verbundenen Menschen leicht erkennen können.

2. Der Spezialisierung Bedeutung beimessen. Im Koran heißt es: Befragt die Kenner der Schrift (Sure an-Nah‌l: 43), frage den, der über Ihn Kenntnis hat (Sure al-Furqan: ‍ 59), und niemand kann dich so unterrichten wie Allah, der Allwissende (Sure Fatir: 14)।

Der Dīn hat seine eigenen Fachleute, ebenso wie die Wirtschaft, die Verteidigung und andere Wissensgebiete, besonders in unserer Zeit. Wer über den Dīn, Politik, Wirtschaft und Verteidigung Bescheid weiß und zu allen Themen seine Meinung äußert, weiß in Wirklichkeit überhaupt nichts.

3. Es muss die Bereitschaft zu Selbstkritik, zum Eingeständnis von Fehlern, zum Lernen aus ihnen und zu einer klaren Überprüfung der Erfahrungen der Vergangenheit vorhanden sein. Eine selbstzufriedene Haltung ist zu vermeiden. Denn sie sieht die Vergangenheit nur von Ruhm und Siegen erfüllt.

4. Um den Erfolg sicherzustellen, müssen die modernsten und besten Strategien angewandt und die Erfahrungen aller anderen, einschließlich der Feinde, genutzt werden. Wissen ist das verlorene Gut der Gläubigen, ganz gleich, wo es gefunden wird. Der Gläubige hat mehr Anspruch auf dieses Wissen als jeder andere Mensch.

Alle Angelegenheiten mit Ausnahme unzweifelhafter religiöser und ideologischer Lehren müssen geprüft und untersucht werden, und ihre Ergebnisse sind anzunehmen, ohne zu berücksichtigen, ob sie für oder gegen jemanden sprechen.

Bei der Fällung von Entscheidungen und der Abgabe von Meinungen darf man sich nicht überstürzen. Wenn man erst nach einer sorgfältigen Prüfung auf der Grundlage von Untersuchungen und Überprüfungen sowie nach einem konstruktiven Dialog mit der anderen Seite eine Sichtweise entwickelt, werden alle guten und schlechten Seiten des betreffenden Themas sichtbar.

Die Meinungen derjenigen, die in den verschiedenen Fragen des Fiqh und in allen Wissensgebieten gegensätzliche Auffassungen vertreten, sind ernsthaft zu bewerten. Solange in jeder Frage in ihrem jeweiligen Bereich Belege und Argumente vorhanden sind, sollte die Angelegenheit im Lichte von Koran und Sunna so entschieden werden, dass Streit vermieden werden kann. Unsere Gelehrten haben entschieden, dass es keine Einschränkung hinsichtlich auf Ijtihad beruhender Meinungen gibt. Wenn daher jemand eine auf Ijtihad beruhende Meinung äußert, sollte er deshalb nicht als besser als andere angesehen werden. Durch Ijtihad dürfen jedoch konstruktive Gespräche sowie theoretische und unvoreingenommene Prüfungen in einer toleranten und aufrichtigen Atmosphäre nicht unterbunden werden.

Wissenschafts feindliche Haltung

Komplexe Sachverhalte übermäßig zu vereinfachen, schwerwiegende Fragen abzuwerten, schwierige Probleme auf die leichte Schulter zu nehmen oder die wichtigsten Fragen auf ungebildete und dervischhafte Weise anzugehen, widerspricht wissenschaftlichem Denken.

Unsichtbare Hände und böswillige ausländische Mächte schmieden wie Übeltäter Pläne und warten geduldig darauf, uns ins Unglück zu stürzen, bis wir selbst in die Falle treten. In dieser Lage wittern wir überall Verschwörungen und glauben, dass wir nicht die Kraft haben, diesen bösartigen Kreisen entgegenzutreten. Deshalb sei es besser, die Hände in den Schoß zu legen. Eine solche Denkweise ist für uns schädlich. In manchen Fällen mag sie zutreffen, doch es ist falsch, sie als allgemeine Erklärung anzusehen. Eine solche Deutung des Verlaufs historischer Ereignisse ist in Wahrheit selbst das Ergebnis von Verschwörungen und ausgeklügelten Plänen. Unabhängig davon, ob diese Ereignisse politischer, wirtschaftlicher, sozialer oder kultureller Art sind, hat ihre Beurteilung aus der oben genannten Perspektive zwei schlechte Folgen:

Erstens wird eine solche Haltung, wenn sie zunimmt, eine Form des Fatalismus hervorbringen, als könnten wir gegen diese teuflischen Verschwörungen nichts unternehmen. Denn angesichts der gewaltigen finanziellen und intellektuellen Macht dieser bösartigen Kreise sind wir äußerst schwach und minderbemittelt. So werden wir zu Schachfiguren. Eine solche Denkweise wird lediglich eine zerstörerische Haltung der Verzweiflung und der Niederlage hervorbringen.

Zweitens bewirkt diese Einstellung, dass wir uns von der Selbstkritik abwenden und kein Interesse daran entwickeln, ernsthafte Anstrengungen zu unternehmen, um Mängel zu erkennen, Probleme zu beheben oder Misserfolge und Vergehen zu untersuchen. Infolgedessen wird auch der Versuch behindert, die Ursache der Krankheit zu diagnostizieren und Heilung zu suchen. Dieser Zustand wird fortbestehen, solange wir glauben, dass die Ursache unserer Schwäche, Gleichgültigkeit, Korruption oder unseres Untergangs eine bösartige ausländische Verschwörung und nicht das Ergebnis unseres eigenen Verhaltens ist.

Wir hegen häufig eine solche Haltung, doch der Koran lehrt uns, dass wir, wenn wir jemals Unglück, Katastrophen und Niederlagen ausgesetzt sind, ausschließlich uns selbst die Schuld geben müssen. Der Allmächtige Allah sagt: „Und was immer euch an Unglück trifft, es ist aufgrund dessen, was eure Hände erworben haben. Und vieles verzeiht Er (Sure Schura: 30)।

In der Schlacht von Uhud gerieten die Muslime in eine schwere Katastrophe, nachdem sie siebzig ihrer tapferen Kämpfer verloren hatten. Dabei hatte genau diese muslimische Armee in der Schlacht von Badr einen glänzenden Sieg errungen. Als sie sich selbst nach dem Grund dafür fragten, sandte der Allmächtige Allah folgende Antwort: „Was ist mit euch, als euch ein Unglück widerfuhr, obwohl ihr euren Feinden einst das Doppelte davon zugefügt hattet, sagtet ihr: Woher kommt das? Sag ihnen: Dieses Unglück ist durch euch selbst verursacht worden (Sure Āl ʿImrān: 165)।

Realistisches Ideal

Die Merkmale des wissenschaftlich fundierten Ideals, die wir künftig für die islamische Bewegung sehen möchten, werden realitätsbezogen sein, nicht illusorisch und nicht auf Träumen beruhend.

Ambition und Fähigkeit im Gleichgewicht

Eine reale Tatsache müssen wir uns fest einprägen: Unser ehrgeiziges Programm sollte im Verhältnis zu unseren Fähigkeiten ausgewogen sein. Außerdem müssen wir prüfen, was wir erreichen wollen und wie viel wir tatsächlich erreichen können. Wir sollten nicht hoffen, etwas zu erlangen, worauf wir nicht vorbereitet sind oder wofür uns die notwendigen Mittel und Möglichkeiten fehlen. Der Koran gestattet einem Kämpfer, sich entweder beim Versuch, eine Kampfstrategie umzusetzen, oder mit dem Ziel, sich wieder mit seinem Heer zu vereinen, zurückzuziehen.

Einem Mudschahid ist es nur dann gestattet, sich vom Schlachtfeld zurückzuziehen, wenn die Lage aufgrund der Anwesenheit einer mehr als doppelt so großen Zahl feindlicher Soldaten im Vergleich zum muslimischen Heer für ihn ungünstig ist. Allah, der Erhabene, sagt: „Nun hat Allah euch die Last erleichtert, denn Er weiß, dass es unter euch Schwäche gibt. Wenn es also unter euch einhundert Standhafte gibt, werden sie zweihundert besiegen; und wenn es unter euch eintausend gibt, werden sie mit Allahs Erlaubnis zweitausend besiegen. Und Allah ist mit den Geduldigen ( (Sure al-‌Anfal: 66).)।

In der Schlacht von Muʾta war das römische Heer dem muslimischen Heer zahlenmäßig um ein Vielfaches überlegen. Den anderthalb Millionen römischen Soldaten standen nur dreitausend Muslime gegenüber. Aufgrund dieses Verhältnisses der Truppenstärken fasste der kriegserfahrene Khalid ibn al-Walid den Plan, das muslimische Heer an einen sicheren Ort zurückzuführen, statt es in eine möglicherweise selbstzerstörerische Schlacht zu treiben.

Als er mit seinem Heer nach Medina zurückkehrte, empfingen die zornigen Jugendlichen Medinas sie, indem sie Steine nach ihnen warfen und sie als Flüchtlinge bezeichneten. Doch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte zu ihrer Unterstützung: „Nein, sie werden, so Allah will, die Angreifer sein.“

Ein weiser Heerführer ist jemand, der auf seine Soldaten achtet. Umar ibn al-Khattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, zeigte deshalb zu Beginn seiner Regierungszeit kein Interesse an einem Feldzug gegen Byzanz. Zu denen, die ihn dazu drängten, sagte er: „Bei Allah, ein einziger Muslim ist mir lieber als das Byzantinische Reich und all seine Schätze.“

Der weise Muslim übernimmt keine Aufgabe, zu deren Erfüllung er nicht in der Lage ist. In diesem Zusammenhang sagt der allmächtige Allah: So gehorcht Allah und fürchtet Ihn, soweit ihr dazu imstande seid (Sure At-Taghabun: 16)।

In einem Hadith wird überliefert: Einem Muslim ist es nicht erlaubt, sich selbst zu erniedrigen. Man fragte den Gesandten Allahs: „Wie erniedrigt sich jemand selbst, o Gesandter Allahs?“ Der Gesandte Allahs antwortete: „Indem er sich eine Last auf die Schultern lädt, die er nicht tragen kann.“

Die islamische Bewegung kann leicht einen Fehler begehen. Dieser besteht darin, wichtige Entscheidungen zu treffen, indem sie sich von den Gefühlen der einfachen Bevölkerung treiben lässt. In manchen Ländern drängt die muslimische Bevölkerung einige Führer der Bewegung dazu, in den politischen Kampf einzutreten. Dort stürzen sie sich in diese Aufgabe, ohne zuvor die dafür erforderlichen psychischen, politischen und besonderen Fähigkeiten vollständig erworben zu haben. Dabei laden sie sich eine größere Last auf die Schultern, als sie tragen können. Das Scheitern dieses Vorgehens ist sicher.

Aufgrund von Übereilung, falschen Vorstellungen, einer Überschätzung der Fähigkeiten mancher Menschen und einer Unterschätzung der Fähigkeiten anderer sieht man sich mit solchen Misserfolgen konfrontiert. Vor uns steht das Beispiel des Gesandten Allahs, der seinen Gefährten nicht erlaubte, bewaffnet gegen die Götzendiener zu kämpfen, selbst als sie verfolgt und geschädigt wurden. Er sagte: „Haltet eure Hände vom Kampf zurück und verrichtet das Gebet.“

Der Gesandte Allahs folgte dieser Vorgehensweise, bis er von Allah ein freies Gebiet und eine feste Basis erhalten hatte, um den Dschihad zu beginnen und Kriegszüge durchzuführen. Dazu sagte der allmächtige Allah: „Denjenigen, gegen die Krieg geführt wird, ist die Erlaubnis zum Kämpfen erteilt worden, weil ihnen Unrecht zugefügt wurde; und Allah hat gewiss volle Macht, ihnen zum Sieg zu verhelfen.“(Sure Haddsch: 39)।

Alte Probleme aus dem Weg räumen

Wir wollen durch die Annahme eines neuen Ideals jene alten Probleme lösen, die unser Gemüt belasten und an denen die zahlreichen Bemühungen der Muslime seit langer Zeit scheitern. Zu diesen Problemen gehören die Existenz Allahs und Seine Ṣifāt. Sind Allahs Ṣifāt Seine grundlegende Natur oder etwas anderes? Oder sind diese Eigenschaften weder Seine grundlegende Natur noch etwas anderes?

Zu diesen Problemen gehörte auch die Frage, ob der Koran erschaffen ist oder nicht, was später dazu führte, dass einige bedeutende Imame des Islam dem Schwert zum Opfer fielen. Bei der Auslegung der Koranverse zu diesen Fragen suchte man nach verborgenen Bedeutungen (Taʾwīl), entfachte unnötige und übertriebene Debatten zwischen den früheren und späteren Generationen und versuchte unter den Gelehrten der Universitäten der muslimischen Welt – etwa al-Azhar, az-Zaytūna, al-Qarawiyyīn und Deoband – die Lehren der Aschʿariten, Māturīditen und ihrer Vertreter zu widerlegen.

Wir sollten uns mit keinem dieser Probleme beschäftigen. Wir müssen unseren Geist darauf vorbereiten, in der kommenden Phase den Vertretern des Judentums, den Kreuzfahrern, dem Marxismus sowie den zerstörerischen Philosophien des Ostens und des Westens entgegenzutreten.

Unnötige Debatte

Das realistische Ideal, das wir benötigen, besteht darin, unsere Aufmerksamkeit nicht auf Verhandlungen und Debatten, sondern auf konstruktives Handeln zu richten. Denn wenn Allah eine Nation bestrafen will, stürzt Er sie in Debatten und Untätigkeit. Mit Debatten meine ich Auseinandersetzungen über Probleme, die historischer Natur, rein spekulativ oder von Natur aus umstritten sind.

Eine häufig aufgeworfene Debatte, die nicht notwendig ist und aus der wir heute keinen Nutzen ziehen werden, betrifft die Natur des bewaffneten Dschihad im Islam. Geht es dabei um einen defensiven Dschihad zur Verteidigung des islamischen Glaubens, der heiligen Stätten und des islamischen Territoriums, oder um einen offensiven Dschihad zur weltweiten Verbreitung des Islam?

Viele zeitgenössische Gelehrte haben über dieses Thema geschrieben und sich in zwei Gruppen geteilt. Für die Auffassung, dass der Dschihad defensiv sein soll, treten unter anderem Sayyid Muhammad Rashid Rida, Scheich Mahmud Shaltut, Scheich Muhammad Abu Zahra, Scheich Muhammad al-Ghazali und Scheich Abdullah ibn Zaid Al Mahmud ein.

Ihre Argumentationsgrundlage bilden zahlreiche Verse des Koran: „Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen, aber überschreitet nicht das Maß. Wahrlich, Allah liebt diejenigen nicht, die das Maß überschreiten“ (Sure al- Baqara: 190)). An anderer Stelle heißt es: „Wenn sie sich jedoch von euch fernhalten, nicht gegen euch kämpfen und euch Frieden anbieten, dann hat Allah euch keinen Weg gegen sie eröffnet“ (Sure an- Nisa: 90)।

Zu den Vertretern der gegenteiligen Auffassung gehören Maulana Sayyid Abu’l A’la Maududi, der Märtyrer Sayyid Qutb und andere.

Die Grundlage ihrer Argumentation bildet der Schwertvers (Ayat as-Saif). Ihrer Auffassung zufolge hat dieser Vers alle früheren Verse aufgehoben, und die Umstände, unter denen sie offenbart worden waren, sind nicht mehr gegeben. Doch selbst hinsichtlich des Schwertverses waren sie unterschiedlicher Meinung, weil sie nicht einvernehmlich bestimmen konnten, welcher Koranvers in diesem Fall anzuwenden sei.

Aus drei gegenwärtigen Gründen ist eine Debatte über diese Frage nicht mehr erforderlich:

Erstens, haben wir Muslime die Pflicht zum Dschihad nicht erfüllt, die für jedes islamische Land verpflichtend ist. Insbesondere geht es darum, muslimische Gebiete aus den Händen von Besatzern und Aggressoren zurückzugewinnen. Zu diesen muslimischen Gebieten gehören Palästina, Eritrea, die Philippinen, Afghanistan, Taschkent, Buchara, Samarkand, Usbekistan, Aserbaidschan, die Sowjetunion [1991 vor dem Zerfall der Sowjet union, also der Zustand vor ihrem Zerfall। Heute sind sechs muslimische Republiken zu unabhängigen Staaten geworden .। Diese sind: Aserbaidschan,, Usbekistan,, Tadschikistan,, Kirgisien,, Kasachstan und Turkmenistan; andere muslimische Republiken sowie weitere Gebiete in Ländern wie China, Äthiopien und Thailand. Kein Muslim kann gegen die Notwendigkeit argumentieren, diese Länder aus den Händen antiislamischer Kräfte zu befreien. Die auf sie anzuwendende Entscheidung Allahs lautet nach diesem Vers des Koran: „Was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft und für jene schwachen, misshandelten und unterdrückten Männer, Frauen und Kinder, die beten: Unser Herr! Führe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner ungerecht sind, und bestimme für uns von Dir einen Schutzherrn, der uns beschützt, und sende uns von Dir jemanden, der uns hilft!“ ।] Andere muslimische Republiken sowie weitere Gebiete in Ländern wie China, Äthiopien und Thailand. Kein Muslim kann gegen die Notwendigkeit argumentieren, diese Länder aus den Händen antiislamischer Kräfte zu befreien. Die auf sie anzuwendende Entscheidung Allahs lautet nach diesem Vers des Koran: „Was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft und für jene schwachen, misshandelten und unterdrückten Männer, Frauen und Kinder, die beten: Unser Herr! Führe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner ungerecht sind, und bestimme für uns von Dir einen Schutzherrn, der uns beschützt, und sende uns von Dir jemanden, der uns hilft!“ (Sure an- Nisāʾ: 75)।

Wenn die muslimische Umma diese verpflichtende defensive Pflicht nicht erfüllt hat, wie kann dann jetzt von offensivem Dschihad die Rede sein?

Zweitens, ist offensiver Dschihad nach Ansicht seiner Befürworter die Beseitigung jener Kräfte, die den Weg der Diener Allahs versperren und versuchen, die Muslime daran zu hindern, Allahs Botschaft den Menschen zu übermitteln. Doch heute kann niemand unseren Weg versperren, wenn wir uns mit Aufrichtigkeit und Hingabe darum bemühen, unsere Daʿwa in der ganzen Welt fortzusetzen. Durch grundlegende, schriftliche und audiovisuelle Medien kann die Daʿwa in allen Sprachen überall auf der Welt verbreitet werden. Heute kann die Botschaft der Daʿwa über Radio, Fernsehen, Bücher, Zeitungen und die muslimischen Gemeinschaften aller Länder der Welt vermittelt werden.

Doch in dieser Hinsicht ist die Nachlässigkeit unserer Leute grenzenlos. Wenn wir unsere Arbeit mit derjenigen der christlichen Missionare vergleichen, wird deutlich, dass sie zur Verbreitung ihrer Religion die Bibel in mindestens tausend Sprachen und Dialekte übersetzen und Tausende von Missionarinnen und Missionaren in alle Welt entsenden. Ihre Missionskampagne hat ein solches Ausmaß erreicht, dass sie nun sogar beabsichtigen, auch uns zum Christentum zu bekehren, damit wir ihnen folgen.

Drittens, sind wir im Bereich der militärischen Stärke abhängig von anderen. Gerade diejenigen, gegen die wir einen offensiven Dschihad beginnen wollen, stellen alle möglichen Waffen her und verkaufen sie an uns. Wenn sie dies nicht täten, wären wir ihnen gegenüber unbewaffnet, schutzlos und zu nichts fähig. Wenn dies die Lage ist, wie können wir dann von offensivem Dschihad sprechen, um die ganze Welt in den Bereich unserer Daʿwa einzubeziehen? Wir können nur jene Waffen beschaffen, die sie uns geben, und nur jene Waffen können in unsere Hände gelangen, die sie bereit sind, uns zu verkaufen.

Traditionelles Ideal

Eines der herausragenden Merkmale dieses Ideals ist, dass es ein traditionalistisches (salafitisches) Ideal ist. Mit „traditionalistisch“ meinen wir hier eine intellektuelle Methode, die auf den Grundsätzen des Korans und der Sunna beruht und deren richtige Anwendung zunächst von den Gefährten der Umma in der ersten Generation und später von denjenigen praktiziert wurde, die ihrem Weg korrekt folgen.

Salafitische Methode: Grundprinzipien

Im Allgemeinen bildet Folgendes die Grundlage dieser Methode:

1. Nicht im Licht der Aussage irgendeines Menschen, sondern im Licht der unfehlbaren Urschrift analysieren.

2. Zur Bestimmung der Bedeutung der schwer verständlichen (Mutaschābihāt) Aussagen der Urschrift auf die klar und deutlich (Muhkamāt) formulierten Aussagen zurückgreifen und bei unbestimmten (Zannīyāt) Angelegenheiten die eindeutigen (Qatʿīyāt) Aussagen heranziehen.

3. Die nachgeordneten (Furūʿ) Vorstellungen und ergänzenden (Dschuzʾīyāt) Schlussfolgerungen im Licht der grundlegenden Prinzipien und allgemeinen Regeln verstehen.

4. Individuelle Forschung (Idschtihād) und Erneuerung (Tadschdīd) fördern und Unnachgiebigkeit sowie Nachahmung (Taqlīd) missbilligen.

5. Im Bereich der Moral nicht zur Nachlässigkeit, sondern zur Standhaftigkeit in angemessener Praxis ermutigen.

6. Im Bereich des Fiqh Einfachheit statt Kompliziertheit fördern.

7. Bei der Rechtleitung und Führung dazu ermutigen, anstelle der Einschüchterung (Tan fīr) der Menschen durch grobes Verhalten ihnen mit Herzlichkeit zu begegnen und ihnen ein geordnetes, schönes Beispiel (Tabschir) vor Augen zu führen – und diesen Grundsatz anzuwenden.

8. Nicht über den Glauben (Īmān) debattieren, sondern sich auf den Aufbau eines reinen und festen Glaubens konzentrieren.

9. Bei der Anbetung auf die Befriedigung und nicht auf die Methode achten.

10. Auf die Befolgung religiöser Vorschriften achten und sich bemühen, Regeln für weltliche Angelegenheiten zu entwickeln.

Dies ist der Kern der von den Gläubigen der frühen Zeit befolgten Methode, und diese Methode wurde in den theoretischen und praktischen Lehren der Gelehrten jener Generation der Umma angewandt. Der Allmächtige Allah und Allahs Gesandter (s.a.w.) haben die Anhänger dieser Methode gelobt. Auch aus der Geschichte erfahren wir, dass diese Methode tatsächlich lobenswert ist.

Denn die Gelehrten der frühen Zeit hinterließen ihren Nachfolgern die Lehren des Heiligen Korans. Im Licht dieses Korans gestalteten sie ihr Leben, bewahrten die erlaubte Lebensweise, errangen Siege, verbreiteten Gerechtigkeit und Wohltätigkeit und festigten die Tradition von Wissen und Glauben. Auf diese Weise legten sie das Fundament einer universalen, ethischen, humanistischen und religiösen Zivilisation, deren unvergängliche Erinnerung in den Seiten der Geschichte bis heute lebendig ist.

Fehl interpretation des salafischen Ideals

Die Anhänger und die Gegner haben den Begriff „Traditionalismus (Salafiyya)“ gleichermaßen falsch ausgelegt.

Viele Vertreter des salafischen Ideals und ihre Unterstützer haben die intellektuelle Theologie (Ilm al-Kalam, Fiqh) oder die Fragen der Sufis auf einen formalen Rahmen und argumentative Auseinandersetzungen beschränkt. Diejenigen, die in diesen Fragen der salafischen Auffassung widersprechen oder die salafische Auffassung in Einzelheiten widerlegen, üben Tag und Nacht scharfe Kritik an den Salafiten.

Ihre Sichtweise ist so unvernünftig, dass manche das salafische Ideal für eine Methode der Dialektik halten, die weder konstruktiv noch handlungsorientiert ist, oder dass diese Methode statt dem Universalen detaillierten Auslegungen, statt anerkannten Auffassungen umstrittenen Auffassungen und statt der tieferen Bedeutung dem Äußerlichen größeres Gewicht beimisst.

Die Gegner der salafitischen Methode betrachten sie als rückständiges Denken. Diese Methode blicke stets zurück, schreite nicht voran und kümmere sich niemals um die Gegenwart oder die Zukunft. Sie bezeichneten die Salafiten als starrsinnig; diese seien, geschweige denn, dass sie die Meinungen anderer berücksichtigten, nicht einmal bereit, ihnen zuzuhören. Die Gegner hielten diese Einstellung der Salafiten für unvereinbar mit Erneuerung (Tadschdid), Innovation (Ibda) und Idschtihad, da keinerlei Zeichen von Flexibilität darin zu erkennen seien. Tatsächlich ist dies eine Ungerechtigkeit gegenüber dem wahren salafitischen Ideal und seinen echten Vertretern.

Die wohl berühmtesten Vertreter des salafitischen Ideals in der früheren Epoche waren Schaich al-Islam Ibn Taimiyya und sein Schüler Ibn al-Qayyim. Sie waren in jeder Hinsicht die qualifiziertesten Vertreter der islamischen Erneuerungsbewegung ihrer Zeit. Sie stellten sich gegen die blinde Nachahmung (Taqlid) sowie gegen die ideologische, theologische und fiqhbezogene Engstirnigkeit, die seit mehreren Jahrhunderten das islamische Denken beherrschten. Ihre gesamte Bewegung zielte auf die Erneuerung der islamischen Wissensgebiete.

Obwohl sie sich gegen die starre Methode des Taqlid wandten, erwiesen sie den Imamen der Madhahib die ihnen gebührende Achtung. Ein Beleg dafür findet sich in Ibn Taimiyyas Werk „Die Aufhebung der Anschuldigungen gegen die großen Imame“.

Darüber hinaus führten Ibn Taimiyya und Ibn al-Qayyim zwar eine Bewegung gegen ideologische und theoretische Abweichungen an, insbesondere gegen die Verderbtheit der Grundsätze der Vertreter von Hulul und Idschtihad sowie gegen die sittlichen Verirrungen, die durch Unwissende, Heuchler und gedungene Leute in den Sufismus eingeschleust worden waren; dennoch erwiesen sie dem wahren Sufismus und seinen Vertretern Gerechtigkeit und Achtung. Sie verfassten hierzu zahlreiche Werke. Dazu gehören Ibn Taimiyyas zweibändiges Werk mit seinen Fatwas „Madschmuʿ Fatawa“ sowie unter den zahlreichen Büchern Ibn al-Qayyims insbesondere „Madaris as-Salikin“ und „Scharh Manazil as-Sa’irin“ in drei Bänden.

Methode Übernahme

Ich möchte nachdrücklich betonen, dass man von den Muslimen der frühen Epoche nicht nur ihre Entscheidungen in einer bestimmten Angelegenheit, sondern auch die von ihnen befolgte Methode übernehmen muss. Denn jemand kann ihre Entscheidung in einer bestimmten Angelegenheit anwenden, ohne irgendetwas über ihre ausgewogene und wohlgeordnete Methode zu wissen.

Jemand kann sich darum bemühen, die Bedeutung dieser Methode anzuwenden und ihr Ziel zu begreifen, und zugleich mit einigen Entscheidungen der Muslime der frühen Epoche nicht übereinstimmen.

Meine Haltung gegenüber Imam Ibn Taimiyya und Imam Ibn al-Qayyim ist folgende: Ich respektiere ihre umfassende Methode und bewerte sie angemessen. Das bedeutet jedoch nicht, dass ich alle ihre Ansichten übernehme. Wenn ich alle ihre Aussagen übernähme, würde ich sie nachahmen. Damit würde ich gerade die Methode verletzen, deren Vertreter sie waren. Weil sie dieser Methode folgten, waren sie heftigem Widerstand und großen Leiden ausgesetzt. Denn ihre Methode beruht nicht auf einer Person, die Entscheidungen durch tiefes Nachdenken und beweisgestützte Urteile trifft. Jede Entscheidung muss vielmehr anhand der Argumente für eben diese Entscheidung und ihrer Bedeutung geprüft und abgewogen werden.

Wie kann jemand, der Ibn Taymiyya und Ibn al-Qayyim blind nachahmt (Taqlid), diejenigen kritisieren, die Imam Abu Hanifa und Imam Malik nachahmen?

Es wäre ungerecht, sich ausschließlich auf die theoretischen und intellektuellen Aspekte im Leben dieser beiden Imame zu konzentrieren und die anderen herausragenden Seiten ihres Lebens zu übergehen. Wir sollten jene vorzüglichen Charaktereigenschaften Ibn Taymiyyas nicht außer Acht lassen, die sich in seiner folgenden Aussage widerspiegeln: „Eines sage ich oft: Wenn die Bewohner des Paradieses ein Leben wie ich geführt haben, dann führen sie wahrhaftig ein schönes Leben.“ Selbst während Zeiten des Unglücks und der Gefangenschaft konnte er sagen: „Welchen Schaden können meine Feinde mir zufügen? Meine Gefangenschaft dient doch der Anbetung in der Abgeschiedenheit. Mein Exil ist doch eine religiöse Reise, die im Wesentlichen der Suche nach Wissen dient. Und mein Tod ist das Martyrium.“

Er war ein spirituell geprägter Mensch, und sein Schüler Ibn al-Qayyim war ebenso. Wer ihre Werke aufmerksam und mit aufrichtiger Absicht studiert, wird dies gewiss erkennen. Darüber hinaus sollten wir auch den Aspekt im Leben dieser beiden Imame nicht außer Acht lassen, dass sie Daʿwa und Dschihad unterstützten. Ibn Taymiyya selbst nahm an mehreren militärischen Kämpfen teil. Neben seinem persönlichen Einsatz im Kampf entzündete er durch die Worte seiner Stimme auch in den Herzen anderer Mudschahedin die Flamme der Inspiration. Diese beiden Imame setzten ihren unermüdlichen Kampf für die Wiederbelebung des Islams fort. Aufgrund ihres hingebungsvollen Einsatzes kamen sie mehrmals ins Gefängnis. Scheich al-Islam Ibn Taymiyya starb im Jahr 728 nach der Hidschra im Gefängnis. Dies ist das einzigartige Beispiel für den wahren Traditionalismus.

Wenn wir unsere Zeitgeschichte betrachten, sehen wir, dass die berühmteste Persönlichkeit, Sayyid Muhammad Raschid Rida, durch seine Schriften, Bücher und seine eigene Zeitschrift eine führende Rolle bei der Verbreitung des modernen traditionalistischen Gedankens und der salafitischen Methode spielte. Er war der Gründungsherausgeber der Zeitschrift „Al-Manar“. In dieser Zeitschrift veröffentlichte er auch den „Tafsir al-Manar“, der in der gesamten muslimischen Welt Anerkennung fand.

Imam Muhammad Raschid Rida war zu seiner Zeit in Wahrheit ein Erneuerer des Islams. Jeder, der seinen Tafsir, seine Fatwas oder seine Bücher „Die Inspiration Muhammads“, „Die Leichtigkeit des Islams“, „Ein Aufruf an das schöne Geschlecht“, „Der Kalif“, „Die Argumente des Reformators und des Nachahmers“ sowie viele andere Bücher und Schriften liest, wird gewiss erkennen, dass sein Denken wahrhaftig ein Leuchtturm (Manar) war. Dieser „Manar“ wies den Anhängern des Islams den Weg des Lichts; auch sein Leben war ein lebendiges Beispiel für das salafitische Ideal.

Imam Rida war der Urheber eines goldenen Grundsatzes, dem später auch Imam Hasan al-Banna folgte. Der Grundsatz lautet: In allem, worin wir übereinstimmen, sollten wir zusammenarbeiten. Bei den Angelegenheiten, in denen Meinungsverschiedenheiten bestehen, sollten wir einander besser aus dem Weg gehen.

Welch wunderbares Prinzip.[Ich habe die Gültigkeit dieses Prinzips bestätigt und zu seiner Unterstützung Belege aus der Scharia angeführt ‘im Buch „Zeitgenössische’ Fatwas“.।] Wie gut wäre es doch gewesen, wenn die Verfechter des Traditionalismus dieses Prinzip nur richtig verstanden und befolgt hätten.

Erneuerungsorientiertes Ideal

Ein weiteres Merkmal des Ideals, das wir anstreben, besteht darin, dass es erneuerungsorientiert ist. Es ist weder auf die alte Tradition beschränkt noch erblich überliefert, noch folgt es den geltenden Sitten oder Gewohnheiten. Es ist ein Ideal, das an den Idschtihad glaubt und sich auf Kreativität stützt, denn dieses Ideal lehnt blinde Nachahmung (Taqlid) und bedingungslose Gefolgschaft ab und betrachtet Stagnation als gleichbedeutend mit dem Tod. Es glaubt an eine Erneuerung in Fiqh, Bildung, Politik und allen anderen Bereichen.

Die Erneuerungsbewegung ist dem Traditionalismus nicht entgegengesetzt .

In meinem Werk „The Islamic Awakening and the West of the Arab Muslim World“ habe ich dieses Thema erläutert. Zwischen erneuerungsorientierten und traditionalistischen Idealen besteht keinerlei Unvereinbarkeit oder Widerspruch. Vielmehr sind sie zwei Seiten derselben Medaille. Eine echte Erneuerung ist nur möglich, wenn sie traditionsorientiert ist, und die Tradition kann nur bewahrt werden, wenn sie an das Erneuerungsideal glaubt.

Die Anerkennung der Erneuerungsbewegung

Wir sollten niemals sagen, dass die islamische Bewegung hinsichtlich ihrer Quellen, ihrer Orientierung, ihrer Ziele und ihrer Prinzipien eine starre Angelegenheit sei und dort kein Raum für Erneuerung bestehe.

Der Islam selbst bestätigt die Legitimität der Erneuerung. In einem sahih Hadith heißt es: Allah, der Erhabene, wird zu Beginn jedes Jahrhunderts jemanden entsenden, der diese Religion erneuern wird (Abu Dawud und al- Hakim)।

Die Erneuerungsbewegung (Tajdid) ist legitim und durch Hadithe belegt. Was könnte besser sein als das, was der Gesandte Allahs (s.) gesagt hat? Daher brauchen wir keine Angst zu haben, wenn wir von der durch einen sahih Hadith belegten Erneuerung in der Religion hören. Was wir tun sollten, ist, die Bedeutung der Erneuerung zu verstehen, damit keine interessierte Gruppe die Religion im Namen ihrer sogenannten Erneuerung für ihre Zwecke nutzen kann. Denn diese Menschen sind von der Erneuerung weit entfernt.

In einem Artikel, den ich nach einer Untersuchung dieses Hadiths verfasst habe, erläuterte ich die Bedeutung der Erneuerung, ihre verschiedenen Aspekte und die Frage, wer sie in die Wege leiten kann. Kurz gesagt bedeutet Erneuerung nicht, etwas auf den Höhepunkt zu bringen und es an die Stelle von etwas anderem zu setzen. Vielmehr bedeutet sie, etwas möglichst in der Gestalt wiederherzustellen, in der es bei seiner Entstehung war, und dabei seine grundlegende Natur, seine Eigenschaften und seine Form bis ins kleinste Detail zu bewahren, ohne die geringste Veränderung vorzunehmen. Dies gilt sowohl im theoretischen als auch im praktischen Sinne. Die Wiedererrichtung eines alten Gebäudes, etwa eines Palastes, eines Denkmals oder einer Moschee, bedeutet nicht, es abzureißen und an seiner Stelle ein anderes Gebäude nach den modernsten Bauweisen zu errichten, sondern alle erdenkliche Sorgfalt darauf zu verwenden, es möglichst in seiner ursprünglichen Gestalt zu restaurieren. Das ist die wirkliche Erneuerung.

Die Erneuerung der Religion bedeutet die Erneuerung ihres Fiqh oder ihres Verständnisses. Das ist eine ideologische Erneuerung. Die Erneuerung des Glaubens an die Religion ist ein spirituelles Empfinden. Sich zur Unterstützung der Religion einzusetzen und mit neuem Elan Anstrengungen zu unternehmen, um die Daʿwa zu verbreiten, ist wahre Erneuerung. In jedem Zeitalter ist eine zeitgemäße Erneuerung erforderlich, die die zeitgenössischen Mängel beseitigt und die Krankheiten jener Epoche heilt.

Doch es gibt einen Bereich, in den die Erneuerung unter keinen Umständen eingreifen darf. Das ist der bestimmte Bereich, in Bezug auf den der Islam eine endgültige Entscheidung getroffen hat. Dazu gehören verschiedene Aspekte der Glaubenslehre, des Gottesdienstes und der Rechtsnormen (Ahkam), durch die sich die geistige, intellektuelle und verhaltensbezogene Einheit der muslimischen Umma widerspiegelt. Ich habe dieses Thema in anderen Büchern ausführlich erörtert. [meines ‘Ijtihad im islamischen Scharia-Recht Buches’ Leitlinien ‘und Kontrollen für einen angemessenen zeitgenössischen Ijtihad betitelten Abschnitt’ im von Ustad। Umar Abed Hasana verfassten Werk Die ‘Fiqh der Daʿwa: Ihre Merkmale und Horizonte des Buches’ Ijtihad ‘und Erneuerung zwischen rechtlichen Kontrollen und zeitgenössischen Bedürfnissen betitelten’ Abschnitt Seiten, 147 bis–188।]

Strategie Neugestaltung

Obwohl die Bewegung hinsichtlich ihrer Herkunft, ihres Umfelds, ihrer Prinzipien und ihrer Ziele islamisch ist, müssen Strategien und Methoden angewandt werden, die im jeweiligen Kontext von Zeit, Ort und Umständen bei der Befolgung des Din helfen und zur Etablierung des Din auf der Erde geeignet sind.

Strategien, Methoden und Organisationsformen sind nicht ebenso unvergänglich wie der Islam. Ebenso wenig sind sie mit den grundlegenden Prinzipien und Lehren des Islam in gleicher Weise unveränderlich. Denn Strategien und Methoden entstehen durch menschliche Anstrengungen, die auf die Wiederbelebung und erneute Etablierung des Islam im Herzen und im praktischen Leben abzielen.

Imam Hasan al-Banna legte für die koordinierte Arbeit der islamischen Bewegung zur Verwirklichung der islamischen Erneuerung entsprechende Richtlinien fest. Er behauptete weder von sich selbst noch von der Strategie, die er mit Allahs Gnade entwickelt hatte, dass sie unfehlbar sei. Dennoch war seine Strategie so wirkungsvoll, dass Sayyid Qutb, der Märtyrer, sie als eine klug durchdachte Organisationsstrategie bezeichnete. Umar al-Tilmisani, der Murshid al-Am der Ikhwan, beschrieb ihn als einen inspirierenden und begabten Führer. Scheich Muhammad al-Ghazali sagte zudem, Imam Hasan al-Banna sei der Mujaddid des vierzehnten Jahrhunderts nach der Hidschra gewesen. Diese Methoden und Strategien müssen von Zeit zu Zeit überprüft werden, so wie Pädagogen Lehrpläne und Nachschlagewerke jedes Jahr überprüfen und Ergänzungen, Auslassungen oder Korrekturen vornehmen. Dies ist bei jedem menschlichen Handeln erforderlich, unabhängig davon, ob das betreffende Bemühen der Genauigkeit oder Vollkommenheit nahekommt oder nicht.

Hasan al- Banna war flexibel

Imam Hasan al-Banna selbst war flexibel. Er überprüfte und verbesserte stets die Struktur, die Institutionen sowie die praktischen Methoden und Vorgehensweisen der Bewegung. Wenn einer seiner überzeugten Anhänger in einer Frage, zu der er zuvor eine bestimmte Meinung geäußert hatte, eine gegenteilige Ansicht vertrat, wurde er darüber nicht zornig. In einer meiner Schriften über das Mehrparteiensystem im islamischen Staat hatte ich seiner Auffassung widersprochen.

Auch wenn jemand seinen Grundprinzipien etwas Ergänzendes hinzufügte, nahm er daran keinen Anstoß. So verfuhr etwa Scheich Muhammad al-Ghazali in seinem Werk „Die Verfassung der kulturellen Einheit der Muslime“, als er die zwanzig Grundprinzipien von Hasan al-Banna erläuterte. Bei der Ausbildungsmethode der Usra und Katiba der Ikhwan-Ausbildung [Katiba ist der Ikhwan eine spirituelle Ausbildungs- methode। Die Ausbildungsteilnehmer Mitglieder jede Woche oder alle zwei’Wochen freiwillige Gottesdienste Anbetung hindurch übernachten sie।] Bei der Neubewertung der Lehr- und Ausbildungsmethoden gab es keine rechtlichen, traditionellen oder psychologischen Hindernisse, die eine Ergänzung der Vorgehensweise um etwas Neues verhindert hätten.

Es ist nicht schädlich, die politische Strategie im Licht lokaler, regionaler und internationaler Veränderungen und Entwicklungen zu überprüfen. Unter den gegenwärtigen Umständen kann man im umfassenderen Interesse des Islam, der Umma und der Bewegung an einer Front oder Allianz teilnehmen oder einem Abkommen oder Bündnis beitreten. Jedes Land hat seine eigene besondere Umgebung, jede Epoche ihre besonderen Regeln, und jede Gruppe verfügt über eigene Fähigkeiten, Bedürfnisse und Positionen, mit denen die betreffende Gruppe besser vertraut ist als jede andere Gruppe.

Eine islamische Bewegung kann ohne beharrliches und schöpferisches Denken – wie es im Fiqh und in anderen schariarechtlichen Disziplinen zu finden ist – weder bestehen noch gedeihen und sich weiterentwickeln. Gerät die Bewegung jedoch in den Bann der Mentalität blinder Nachahmer, droht sie lediglich starr, eingeengt und kraftlos zu werden. Denn im Denken und Bewusstsein blinder Nachahmer wird schöpferisches Denken nicht durch die von ihren fruchtbaren Verstandeskräften hervorgebrachten Ideen gefördert.

Unnachgiebigkeit ist eine Krankheit

Unnachgiebigkeit ist eine Krankheit, die die wohlgeordnete Methode der islamischen Bewegung beeinträchtigt und auch von innen zu einem der größten Hindernisse auf dem Weg der Bewegung wird. In meinem Buch „The Islamic Solution: A Fard and a Necessity“ habe ich dies ausführlich erläutert.

Unnachgiebigkeit bedeutet in der Organisation eine eigensinnige Tendenz, in der Bildung einen stagnierenden Prozess, in der Daʿwa-Arbeit eine einseitige Strategie und zur Erreichung des Ziels eine starre Methode; wenn jemand versucht, die Strategie zu ändern oder zu korrigieren, wird sein Bemühen nicht nur neidisch zurückgewiesen, sondern er sieht sich auch zahlreichen Verleumdungen und Beschuldigungen ausgesetzt.

Ich möchte erneut mit Nachdruck sagen: Die von uns gewünschte Erneuerung (Tadschdid) bedeutet nicht die Abschaffung des alten Weges, sondern dessen Modernisierung, Weiterentwicklung, Qualitätssteigerung und neue Ergänzungen, insbesondere im Bereich der Techniken und Methoden, die naturgemäß flexibel und wandelbar sein werden. So sollten wir diese zeitgemäßen Techniken und Methoden, die uns zur Verfügung stehen, ebenso wie andere einsetzen können.

Wovor ich Angst habe

Was ich in Bezug auf die islamische Bewegung am meisten fürchte, ist, dass sie sich dem freien Denken entgegenstellt, die Türen zu Tadschdid und Idschtihad schließt und sich auf eine einzige Denkweise beschränkt, die keine andere Sichtweise oder Meinung anerkennt. Diese Meinungen empfehlen für die Bewegung die Festlegung anderer Ziele, Strategien und Vorgehensweisen. Es werden andere Analysen der Entwicklungen, der Umstände und der Menschen vorgelegt, oder man vertritt bei einer Angelegenheit, die in den Bereich des menschlichen Idschtihad fällt, eine andere Auffassung als das einseitige Denken. Denn der menschliche Idschtihad ist angesichts veränderlicher Verhältnisse stets Veränderungen unterworfen. Unsere Faqih haben schon vor langer Zeit gesagt: Mit der Veränderung von Ort, Zeit, Sitte und Umständen müssen sich auch die Fatwas notwendigerweise verändern.

Wenn meine Befürchtung Wirklichkeit wird, werden denkende Menschen, die zu immer neuen Ideen und Innovationen fähig sind, aus der Struktur der Bewegung herausgedrängt werden, wie Wasser zwischen den Fingern hindurchrinnt. Zurückbleiben werden jene konservativen Menschen, die lediglich blinde Nachahmung beherrschen und alles beibehalten wollen, ganz gleich, wie alt es auch sein mag. Sie glauben, dass das, was wir wissen, besser sei als das, was wir nicht wissen, und dass alles, was wir getan haben, besser sei als das, was wir bisher noch nicht tun konnten.

Die Folge wird sein, dass die Bewegung Menschen mit schöpferischer Begabung aus ihrer Organisationsstruktur verliert und unausweichlich der Stagnation oder Leblosigkeit anheimfällt, so wie es in der Zeit des Taqlid dem Fiqh und der Literatur ergangen ist. Die übrigen Mitglieder der Bewegung werden sich heimlich zurückziehen, weil sie keine Hoffnung auf einen fruchtbaren Einsatz zur Unterstützung des Islam sehen; oder sie werden eigenständig arbeiten oder sich einer anderen gemeinsamen Initiative anschließen, deren Ausgang niemand kennt.

Dieses Sprichwort hat dem muslimischen Denken im Laufe der Zeiten den größten Schaden zugefügt: Die Vorfahren hätten ihren Nachkommen nichts hinterlassen, um etwas Neues hinzuzufügen. Oder, anders ausgedrückt: Es könne nichts Besseres geben als das Bestehende.

Derzeit kann für das muslimische Denken nichts nützlicher sein, als diesen Ausspruch zu beherzigen, nämlich: Die Vorgänger haben viele ihrer begonnenen Aufgaben für ihre Nachfolger zurück gelassen . Oder es kann immer etwas Besseres geben. Der allmächtige Allah sagt: Und Er erschafft auch viele Dinge, von denen ihr nichts wisst (Sure an-Nahl‌: 8)।

Ausgewogenes Ideal

Ein weiteres Merkmal des Ideals, das wir anstreben, ist, dass es im Hinblick auf die Ziele und die jeweiligen Umstände ausgewogen ist. Denn es ist ein ausgewogenes Ideal, das eine gemäßigte, ganzheitliche und umfassende Sichtweise gegenüber dem Menschen und dem Leben widerspiegelt. Dies ist die ausgewogene Sichtweise einer geeinten und ausgewogenen Umma, die frei von Extremismus und Gleichgültigkeit ist.

Ausgewogenes Ideal bei den wichtigsten Themen

Die Ausgewogenheit der Sichtweise dieses Ideals bei den verschiedenen wichtigen Themen ist offenkundig:

1. Dieses Ideal ist ausgewogen zwischen denjenigen, die auf den Gebieten der Theologie, des Fiqh und Ähnlichem die strikte Befolgung eines bestimmten Madhhab befürworten, und denjenigen, die keinem Madhhab folgen.

2. Dieses Ideal nimmt eine ausgewogene Haltung zwischen denjenigen ein, die den Sufismus im Bereich der Anbetung unterstützen, unabhängig davon, ob er fehlgeleitet oder trügerisch ist, und denjenigen, die ihn ablehnen, ganz gleich, wie richtig und schariakonform der Sufismus auch sein mag.

3. Dieses Ideal bewahrt eine ausgewogene Position zwischen den Befürwortern einer unkontrollierten Politik der offenen Tür und den Befürwortern einer unvernünftigen Politik der geschlossenen Tür.

4. Wenn eine Angelegenheit dem Koran und der Sunna widerspricht, nimmt dieses Ideal eine ausgewogene Sichtweise zwischen denjenigen ein, die auf die Vernunft zurückgreifen, und denjenigen, die bei der Erfassung des Korans und der Sunna niemals auf die Vernunft zurückgreifen.

5. Dieses Ideal hält die Balance zwischen jenen, die die Überlieferung trotz ihrer menschlichen Unzulänglichkeiten für heilig halten, und jenen, die sie trotz der in ihr enthaltenen göttlichen Eingebung missachten.

6. Dieses Ideal ist ausgewogen zwischen jenen, die sich unter Ausschluss der Bildung der Politik widmen, und jenen, die unter dem Vorwand, sich der Bildung zu widmen, die Politik völlig vernachlässigen.

7. Dieses Ideal hält die Balance zwischen jenen, die den Nutzen erlangen wollen, bevor die Frucht reif ist, und jenen, die die Frucht erst dann sehen, wenn sie reif geworden und in die Hände anderer gefallen ist.

8. Dieses Ideal ist ausgewogen zwischen jenen, die ausschließlich mit der Gegenwart beschäftigt sind und nicht an die Zukunft denken, und jenen, die sich übermäßig mit der Zukunft befassen.

9. Dieses Ideal ist ausgewogen zwischen jenen, die die Arbeit innerhalb einer organisatorischen Struktur als Gottesdienst betrachten, und jenen, die der Arbeit außerhalb jeder organisatorischen Struktur den Vorzug geben.

10. Dieses Ideal hält die Balance zwischen den beiden Gruppen: jenen, die bei ihrer Loyalität gegenüber dem Leiter der Organisation ein Maß an übermäßiger Verehrung erreichen, und jenen, die sich unabhängig und eigenmächtig verhalten, als gehörten sie der Organisation überhaupt nicht an.

11. Dieses Ideal hält die Balance zwischen jenen, die globale Aktivitäten befürworten, ohne die örtlichen Gegebenheiten zu berücksichtigen, und jenen, die an eng begrenzte regionale Aktivitäten glauben, ohne irgendeine Verbindung zur globalen Bewegung zu unterhalten.

12. Dieses Ideal hält die Balance zwischen jenen, die ungeachtet der Hindernisse übermäßig optimistisch sind, und den übermäßig pessimistischen Menschen, die nichts als Dunkelheit sehen.

Dieses Ideal wahrt das Gleichgewicht zwischen denen, die beim Verbieten ein solches Extrem erreichen, dass es auf der Welt überhaupt nichts Halales mehr gibt, und denen, die beim Gewähren von Ausnahmen so weit gehen, als gäbe es überhaupt nichts Harames.

Dieses ausgewogene Ideal ist es, das wir wollen. Obwohl es in unserer heutigen Gesellschaft üblich ist, an irgendeiner extremen Haltung festzuhalten, sei sie nun maßlos übertrieben oder von äußerster Gleichgültigkeit geprägt. Ausnahmen davon gibt es nur sehr wenige.

Die ausgewogene Sichtweise im Niedergang

Manche Islamisten sehen nur zwei Farben – Weiß und Schwarz. Sie erkennen und sehen keine anderen Farben, weder die Grundfarben noch die Mischfarben, die andere sehen können. Einige von ihnen schließen alle Farben aus und beschränken ihre Sichtweise, ja sogar ihr Leben, auf eine einzige schwarze Farbe. Sie sehen Menschen und Dinge durch Augen, die mit einem schwarzen Film überzogen sind.

Mit diesem schwarzen, pessimistischen Blick halten sie für jede Frage bereits eine Antwort bereit und schleudern sie wie Raketen ab, ohne sich darum zu kümmern, wen oder welchen Ort sie treffen. Für sie ist die gesamte Gesellschaft genauso unwissend wie in der vorislamischen Zeit. Alles im Leben ist Sünde. Alle Menschen sind entweder treulos oder Heuchler. Die Welt ist voller böser Kräfte, die gesamte Welt voller Unheil.

In ihren Augen ist alles, was die Menschen in der heutigen Zeit tun, nichts anderes als haram. Jegliche Musik, Schauspiel, Theater und bildende Kunst sind haram.

Die Pessimisten verkünden diese bereits erwähnte Entscheidung mit großer Entschlossenheit. Unsere Vorfahren hingegen gingen mit der Verwendung des Wortes haram äußerst vorsichtig um, solange sie nicht zweifelsfrei sicher waren, dass etwas haram ist. In zwei Versen des Al-Qur’an wird der Wein getadelt: Sie fragen dich nach Wein und Glücksspiel. Sprich: In ihrem Gebrauch liegt eine schwere Sünde, und für die Menschen gibt es auch manchen Nutzen. Doch ihre Sünde ist größer als ihr Nutzen.(Sure Al- Baqara: 219)।

Andernorts heißt es: „Und nähert euch nicht dem Gebet, wenn ihr betrunken seid (Sure an- Nisāʾ: 43)“). Doch einige Gefährten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) tranken weiterhin Wein, und einige sagten: „O Allah, sende uns bezüglich des Weins eine endgültige Entscheidung“, und die endgültige Entscheidung wurde verkündet in Sure al-Māʾida, 90 . Vers : „Haltet euch davon vollständig fern, auf dass ihr Erfolg erlangt.“

Wir müssen anerkennen, dass in den fünfziger Jahren eine Reihe dschahilischer Denkrichtungen aufkam. Diese Denkrichtungen breiteten sich auch in der islamischen Gesellschaft in einem solchen Maß aus, dass die Tendenz, alles abzulehnen, zu verzweifeln, zu zweifeln und andere, einschließlich der Muslime, zu beschuldigen, zur vorherrschenden Denkrichtung wurde.

In jener Zeit entstanden die Voraussetzungen für die Tendenz, andere als Sünder, Ungläubige oder gar Kafir zu verurteilen, und ein solches unterdrückerisches Umfeld begünstigte die Entwicklung dieser Denkrichtung. In genau einem solchen Umfeld sahen sich die islamische Bewegung und ihre Anhänger jener Zeit gegenüber. Damals wurden Anhänger der islamischen Bewegung öffentlich gehängt. Heimlich wurden sie gefoltert und an die Schwelle des Todes getrieben. Auch alle anderen Formen der Unterdrückung wurden angewandt. Andererseits wurden den Kommunisten, Säkularisten und Feinden des Islam alle Türen geöffnet.

Zu dieser Zeit wurden die Bücher des Märtyrers Sayyid Qutb veröffentlicht, in denen sich seine späteren Denkrichtungen widerspiegeln. Diese Werke kennzeichneten die Gesellschaft als eine ungläubige Gemeinschaft und forderten dazu auf, die islamische Daʿwa einzustellen. Die neue Initiative zur Wiederbelebung und Weiterentwicklung des islamischen Fiqh sowie zur Wiederbelebung des Ijtihad wurde verspottet. Dazu wurde aufgerufen, sich von der Gesellschaft abzusondern und allgemein einen offensiven Jihad gegen alle Menschen zu beginnen. Befürworter von Toleranz und Flexibilität wurden als unreif und als Menschen bezeichnet, die eine geistige Niederlage gegenüber der westlichen Zivilisation erlitten hätten.

Eine deutliche Widerspiegelung dieser Denkrichtung des Märtyrers Sayyid Qutb findet sich in seinem berühmten Tafsir „Fi zilāl al-Qurʾān“, „Der Verlauf der Revolution der islamischen Gesellschaft“, „Der Islam und die Probleme der Zivilisation“ sowie in weiteren Werken. Obwohl diese Schriften einen großen positiven Einfluss hatten, ist auch ein negativer Einfluss erkennbar.

Darüber hinaus vertrat Scheich Sayyid Hawwa (Allah erbarme sich seiner) in seinen Büchern ähnliche Aussagen mit Nachdruck.

Unterdessen entstand vor uns eine neue, von den Neo-Zahiriten entwickelte Art des Fiqh; diese erklären den Koran anhand der wörtlichen Bedeutung. Obwohl sie behaupten, Anhänger der Denkrichtung von Imam Ibn Taymiyya zu sein, lässt sich zwischen der wörtlichen Koranexegese und Ibn Taymiyya sowie seinen Anhängern nicht die geringste Verbindung finden. Sie haben sich niemals auf die äußere Form und Anordnung beschränkt – gerade auf diesen Aspekt legen die Neo-Zahiriten besonders großen Wert.

Auf diese Weise gewannen Unnachgiebigkeit und Starrsinn im islamischen Denken die Oberhand, und der tolerante Geist eines richtig ausgewogenen Denkens blieb eine Zeit lang unterdrückt. Meiner Ansicht nach sollte die Islamische Bewegung sich von einer solchen abnormen Denkweise lösen, damit sie auf dem Weg eines flexiblen, ausgewogenen Ideals voranschreiten und dadurch eine ausgewogene muslimische Umma sowie den Ausdruck einer vollkommen ausgewogenen Denkweise hervorbringen kann. Es ist ein Ideal, durch das Allah für Seine Diener Erleichterung und nicht Härte will.

Mittelweg und Erleichterung

Um Erleichterung zu gewährleisten, gehen meiner Ansicht nach der Mittelweg oder die Ausgewogenheit Hand in Hand. Im Bereich der Religion stellt dieser Ansatz eine ausgewogene Sichtweise zwischen Unnachgiebigkeit und unnötiger Übertreibung auf der einen Seite sowie Nachlässigkeit und Zügellosigkeit auf der anderen Seite dar.

Der leichtere Weg

Die Islamische Bewegung muss unbedingt den leichteren statt den komplizierten Weg beschreiten. In den Ansichten islamischer Rechtsgelehrter über die Gesellschaft sowie in den Bereichen Wirtschaft, Recht, Verhalten und internationales Recht muss sie diesen Grundsatz der Erleichterung anwenden. Ich sage dies aus mehreren Gründen.

Erstens beruht unsere Scharia auf den Grundlagen der Erleichterung, Vergebung und Toleranz. Sie will Härte und Mühsal beseitigen. In den grundlegenden Schriften der Scharia kommt eben dieser Geist zum Ausdruck.

Der allmächtige Allah sagt: Allah will es euch leicht machen und will euch keine Erschwernis auferlegen (Sure al- Baqara: 185). Anderswo sagt Allah, der Erhabene: Allah will euch keine Erschwernis auferlegen (Sure al-Ma’ida: 6). Der erhabene Allah sagt: Allah will eure Last erleichtern, denn der Mensch wurde schwach erschaffen (Sure an- Nisa: 28). Allah, der Erhabene, sagt: Dies ist eine Erleichterung und Barmherzigkeit von eurem Herrn (Sure al- Baqara: 178)।

Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Erleichtert die Angelegenheiten und erschwert sie nicht(al-Buchari und Muslim).“ In einem anderen Hadith heißt es: „Ihr seid gesandt worden, um die Angelegenheiten zu erleichtern, und macht sie nicht schwierig(“ (at-Tirmidhi).)।

ʿAmr ibn al-ʿĀs (möge Allah mit ihm zufrieden sein) verrichtete in einer kalten Nacht das Gebet, ohne trotz ritueller Unreinheit die vorgeschriebene Ganzkörperwaschung vorzunehmen. Als seine Gefährten sich daraufhin beim Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) über ihn beschwerten, verteidigte ʿAmr sich und sagte: „Ich erinnerte mich an jenen Vers des Korans, in dem Allah, der Erhabene, sagt: ‚Und tötet euch nicht selbst; gewiss, Allah ist zu euch barmherzig(“ (Sure an- Nisāʾ: 29),) und der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) lächelte milde.

Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verurteilte eine solche Haltung mancher Menschen ebenfalls aufs Schärfste. Sie hatten darauf bestanden, dass ein verletzter Mann wegen ritueller Unreinheit unbedingt eine Ganzkörperwaschung vornehmen müsse, woraufhin der Mann sich wusch und infolge ihrer grausamen Entscheidung starb. In diesem Zusammenhang sagte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Sie haben ihn getötet. Warum haben sie nicht gefragt, wenn sie es nicht wussten? Das Heilmittel gegen Unwissenheit ist, Fragen zu stellen. Es hätte genügt, seine Wunde zu verbinden und Tayammum zu vollziehen.(Ahmad,, Abu Dawud und al- Hakim, sowie in Sahih al- Dschami as- Saghir ist dieser Hadith überliefert worden.)।

Zweitens ist in unserer Zeit die Notwendigkeit von Erleichterungen zum Wohl der Menschen größer als zu jeder anderen Zeit. Denn heutzutage ist die Willenskraft der Menschen derart verfallen, dass ihr Interesse an guten und nützlichen Taten abgenommen hat, während ihre Neigung zu schlechten Taten zugenommen hat.

Daher ist es wünschenswert, die Menschen zu Erleichterungen anzuspornen, statt sie zum Befolgen der strengsten Vorschriften bei der Erfüllung der religiösen Gebote und Bestimmungen anzuhalten. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verhielt sich in der Anfangszeit des Islams gegenüber den Menschen, die den Islam annahmen, sowie gegenüber den Beduinen der Wüste auf eben diese Weise. Sie verpflichteten sich nicht dazu, neben der Verrichtung der vorgeschriebenen religiösen Pflichten weitere freiwillige Gottesdienste zu verrichten. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahm auch sie an und sagte über einige von ihnen: „Wenn er gemäß seinem Wort gute Taten verrichtet, wird er ein rechtschaffener Mensch sein; oder wenn er sein Versprechen hält, wird er ins Paradies eingehen. Wenn jemand von euch einen Bewohner des Paradieses sehen möchte, soll er diesen Mann ansehen.“

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erwies ihnen nur aus Mitgefühl und unter Berücksichtigung ihrer schwierigen Lage eine solche Güte.

Drittens kann jeder Einzelne sich selbst Strenge auferlegen und die Grenzen seiner eigenen Willenskraft erproben. Doch der Mittelweg ist der beste und zweckmäßigste Weg. Denn Rasulullah (s.a.w.) sagte: Allah liebt jene Menschen, die die von Ihm gewährte Erleichterung annehmen, weil Er es hasst, dass sie Sünden begehen (Ahmad, Ibn Hibban und Bayhaqi sowie Sahih al Dschami as- Saghir ebenfalls ist dieser Hadith enthalten.)।

Daher sollte ein Faqih der überwältigenden Mehrheit der muslimischen Bevölkerung keine strengen Bedingungen auferlegen. Er muss berücksichtigen, dass es unter der Allgemeinheit neben den Schwachen und den Alten auch Menschen gibt, gegenüber denen triftige Gründe für Nachsicht bestehen. In einem Hadith über die Leitung des Gemeinschaftsgebets heißt es: Wer beim Gebet als Imam vorsteht, sollte das Gebet verkürzen, denn unter den Menschen hinter dem Imam können sich Alte, Kranke und beschäftigte Reisende befinden. Die Salat ist ein Symbol, in dem sich die verschiedenen Aspekte des Lebens widerspiegeln.

Daher können die Faqihs der islamischen Bewegung keine Entscheidungen treffen, die Mauern von Einschränkungen errichten, keinen Weg der Erleichterung weisen, nur Verbote aussprechen und keine Erlaubnis gewähren. Dies gilt insbesondere für Fragen, die Frauen, Familie, die Künste, Unterhaltung und ähnliche Bereiche betreffen.

Andere Fragen dieser Art gelten auch für den Bereich der Transaktionen, in dem die Gewährung von Erleichterungen die normale Regel sein sollte und Verbote als Ausnahme gelten sollten. Das gilt auch für das Strafrecht. Es sollte die Mindeststrafe verhängt werden. Die Auffassung, dass Reue die Strafe aufhebt, sollte hier berücksichtigt werden. So fällt beispielsweise die Strafe für Alkoholkonsum unter Taʿzīr [Amr Artikel ‘die Faktoren der Flexibilität in der islamischen Scharia’।] deren Ausmaß im Koran und in der Sunna nicht erwähnt wird und das von Gerichten oder Gesetzgebungsorganen festgelegt wird usw.

An dieser Stelle möchte ich im Licht der Aussage von Imam Sufyan ath-Thaurī unser Ziel darlegen: Nur vertrauenswürdige Faqihs können über Erleichterungen ein Urteil abgeben; wie Verbote zu erlassen sind, weiß hingegen jeder.

Zukunftsorientiertes Ideal

Das Ideal, das wir für die islamische Bewegung anstreben, zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass es ein zukunftsorientiertes Ideal ist; das heißt, es beschränkt sich nicht auf die Gegenwart, sondern richtet seinen Blick stets auf die Zukunft. Daran ist nichts Verwunderliches. Die islamische Bewegung ist um die Zukunft bemüht, denn dies liegt in der Logik des Islam selbst, und im Koran und in der Sunna findet sich eine deutliche Widerspiegelung dieser Logik.

Der–Koran und die Zukunft

Bei aufmerksamer Lektüre des heiligen Korans wird man feststellen, dass der Koran die Muslime schon seit der mekkanischen Zeit auf eine verheißungsvolle Zukunft ausgerichtet und ihnen gesagt hat, dass sich die Welt verändert und auch die Umstände im Wandel sind. Die Sieger der Gegenwart werden besiegt, und die Schwachen werden stark. Sowohl auf regionaler als auch auf internationaler Ebene kommt jeder an die Reihe, Macht zu übernehmen.

Auch die Muslime müssen ihr Haus in Ordnung bringen und sich darauf vorbereiten, die Zeit des Wandels zu begrüßen, die, ob heute oder morgen, gewiss kommen wird, unausweichlich kommen wird, so Allah will.

In den mekkanischen Versen der Sure al-Qamar, 45––46 , wird gesagt, dass Allah über die starken, bewaffneten und zahlenmäßig zahlreichen Götzendiener sagt: „Bald werden sie in großer Zahl die Flucht ergreifen und den Rücken kehren. Vielmehr ist die Stunde für sie der festgesetzte Zeitpunkt ihrer vollständigen Vergeltung; und die Stunde ist noch schrecklicher und bitterer.“

Ibn Kathir berichtet in seinem berühmten Tafsir unter Berufung auf Ikrima: Als der Vers „Bald werden sie in großer Zahl die Flucht ergreifen“ offenbart wurde, fragte Umar ibn al-Khattab (r.a.): „Welche gewaltige Armee wird die Flucht ergreifen?“ Am Tag von Badr sah ich den mit einem Panzer bekleideten Gesandten Allahs (s.a.w.) in Bewegung. Er sagte: „Bald werden sie in großer Zahl die Flucht ergreifen.“ Da erkannte ich sogleich die Bedeutung dieses Verses.

Imam Bukhari berichtet nach dem Zeugnis von Hazrat Aischa (r.a.): Hazrat Aischa (r.a.) sagte: Als Hazrat Muhammad (s.a.w.) in Mekka war, wurde dieser Vers offenbart, und zu jener Zeit war ich noch ein kleines Mädchen. Der Vers lautet: Vielmehr ist die Stunde ihre versprochene Zeit für ihre vollständige Vergeltung, und die Stunde ist äußerst schrecklich und noch bitterer.

Das Ziel solcher Verse besteht darin, den muslimischen Geist auf den unvermeidlichen Wandel und die bevorstehende Zukunft vorzubereiten.

Auf internationaler Ebene finden wir im Heiligen Koran einen Hinweis auf den historischen Konflikt zweier zeitgenössischer Großmächte – der Römer und der Perser –; in Mekka hegten sowohl die Muslime als auch die Ungläubigen Sorge wegen des Konflikts. Vor diesem Hintergrund verhieß der Koran den Muslimen, dass der Tag nahe sei, an dem die Herrschaft den Römern, den Leuten der Schrift, gehören und die Feueranbeter, die Perser, besiegt werden würden. Obwohl sie heute siegreich sind, werden sie innerhalb weniger Jahre besiegt werden. In diesem Zusammenhang heißt es in derSure Rūm in den Versen–1 bis 5: Alif Lam Mim. Die Römer sind an einem nahen Ort innerhalb weniger Jahre besiegt worden. Und nach ihrer Niederlage werden sie bald siegen. Die Entscheidung liegt zuvor wie danach bei Allah. Und an jenem Tag werden sich die Gläubigen über diese Hilfe Allahs freuen. Er hilft, wem Er will. Er ist der Allmächtige, der Barmherzige.

Die genannten Verse weisen uns auf zwei Aspekte hin:

1. Obwohl die Muslime zahlenmäßig und hinsichtlich ihrer Mittel und Ressourcen gering waren, waren sie über den Verlauf der Ereignisse in der Welt, die Konflikte und Auseinandersetzungen zwischen den Großmächten in ihrer Umgebung sowie die Auswirkungen dieser Konflikte auf sie durchaus gut informiert.

2. Der Heilige Koran hat durch die Erwähnung dieser Ereignisse die Aufmerksamkeit der Muslime auf die Elemente des Wandels und den Übergang von der Gegenwart in die Zukunft gelenkt.

In der Sure al-Mu‌zzam‌mil , im letzten Vers sagte Allah der Erhabene, dass er die strengen Anforderungen hinsichtlich des Tahadschud-Gebets und der Koranrezitation für den Gesandten Allahs (s.a.w.) und die Muslime gelockert habe. Denn sie mussten sich dem Feind entgegenstellen. Diese Feinde kämpften gegen die Muslime und behinderten deren Voranschreiten auf Allahs Weg. Daher war es notwendig, dass sie ihre Kräfte sammelten, um diese den Muslimen aufgezwungene Auseinandersetzung zu bewältigen.

Allah, der Allmächtige, sagt: Dein Herr weiß, dass du und einige von denen, die bei dir sind, fast zwei Drittel der Nacht, manchmal die Hälfte der Nacht und manchmal ein Drittel der Nacht zum Gottesdienst aufstehen. Allah allein kann das genaue Maß von Nacht und Tag bestimmen. Er weiß, dass ihr nicht in der Lage seid, die ganze Nacht im Gottesdienst zu verbringen. Daher hat Er euch Gnade erwiesen. Rezitiert also so viel vom Koran, wie euch leichtfällt. Er weiß, dass einige unter euch krank sein werden, einige auf der Suche nach dem Lebensunterhalt in verschiedenen Ländern umherreisen werden und einige auf Allahs Weg kämpfen werden. Rezitiert daher so viel vom Koran, wie euch leichtfällt. (Sure al-Mu‌zzam‌mil: 20)।

Weitblickende Perspektive

Ein aufmerksames Studium der Sira des Gesandten Allahs (s.a.) zeigt, dass der Gesandte Allahs (s.a.) der Zukunft seiner Daʿwa gegenüber nicht gleichgültig war. Vielmehr dachte er stets über die Zukunft nach und plante für sie im Lichte aller von Allah gewährten Möglichkeiten und Mittel.

Schon eine Betrachtung der Bemühungen und Aktivitäten des Gesandten Allahs (s.a.) während der Hadsch-Saison reicht aus, um dies zu verstehen: Während der Hadsch versammelten sich alle Stämme Arabiens, und der Gesandte Allahs (s.a.) trug ihnen seine Daʿwa vor. Er bat sie um ihre Unterstützung und versprach ihnen Zugang zu den Reichtümern des Römischen und des Persischen Reiches. Daraus wird deutlich, wie weit sein Blick in die Zukunft reichte.

Der Gesandte Allahs (s.a.) glaubte an zwei grundlegende Prinzipien:

Erstens: Eine Veränderung der Lage ist unvermeidlich, denn die Ursachen für eine Veränderung waren vorhanden. Die Alternative zur bestehenden Situation war der Islam. Das Licht der Morgendämmerung wird unweigerlich durch die Dunkelheit der Unwissenheit hindurch erstrahlen. Daher müssen die Muslime standhaft und geduldig sein und dürfen nicht schon vor dem richtigen Zeitpunkt Ergebnisse erwarten.

Die Drangsal der Ungläubigen gegenüber den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) in Mekka, insbesondere gegenüber den Schwachen unter ihnen, nahm derart zu, dass Chabbab ibn al-Aratt (r.a.) zum Gesandten Allahs (s.a.w.) kam, klagte und um Hilfe bat. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) schlief damals im Schatten der Kaaba. Chabbab sagte: »O Gesandter Allahs, wirst du Allah nicht um Hilfe für uns bitten? Wirst du nicht für uns zu Allah beten?« Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: »Unter den Völkern vor euch wurden manche Menschen ergriffen, in ein Loch im Boden gelegt und darin begraben. Danach wurde ihr Schädel mit einer Säge gespalten und ihr Fleisch mit eisernen Kämmen von ihren Knochen getrennt. Doch auch danach konnten sie nicht von ihrer Religion abgebracht werden. Bei Allah, Er wird diese islamische Religion so mächtig machen, dass ein Reisender von San’a bis Hadramaut (Jemen) niemanden außer Allah fürchten wird. Er wird jedoch weiterhin seine Karawane bewachen, damit Wölfe nicht über seine Schafherde herfallen. Aber ihr seid nicht geduldig genug, um abzuwarten, bis ihr diese Wahrheit in der Wirklichkeit seht((Buchari))।

Zweitens glaubte der Gesandte Allahs (s.a.w.), dass diese ersehnte Zukunft erst dann Wirklichkeit werden würde, wenn die Menschen ihre Pflichten gemäß den von Allah gebilligten Vorschriften erfüllen, sich nach Kräften vorbereiten, alle Hindernisse aus dem Weg räumen und alles darüber hinaus dem Schöpfer überlassen würden. Denn was der Mensch tun kann, ist für Allah keineswegs schwierig.

Durch die Hidschra des Gesandten Allahs (s.a.w.) nach Medina wurde diese Wahrheit bestätigt. Er wählte den Ort der Hidschra innerhalb der Arabischen Halbinsel, weil er ihn für geeignet hielt, und nicht einen Ort wie Abessinien. Die Ansar betrachtete er als echte Araber. Sie hatten sich verpflichtet, ihn wie ihre eigene Familie zu schützen. Er räumte der Hidschra seiner Gefährten den Vorrang ein, damit es ihnen leichter fiel, Mekka zu verlassen. Tatsächlich sollte dadurch die Ankunft des Gesandten Allahs (s.a.w.) in Medina nach ihnen noch bedeutungsvoller werden.

Nachdem er Allahs Erlaubnis erhalten hatte, bestimmte der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Reittiere für die Reise. Er legte auch fest, wer sein Begleiter und wer der Führer auf dem Weg sein sollte. Sogar welche Höhle er aufsuchen und sich dort verbergen würde, bis die Ungläubigen aufgehört hätten, nach ihm zu suchen, hatte er im Voraus bestimmt.

Er traf alle möglichen Vorbereitungen und wahrte dabei jede Geheimhaltung, die dem Menschen möglich ist, und überließ Allah jene Dinge, über die er keine Kontrolle hatte. Er hatte keinerlei Zweifel daran, dass Allah ihm helfen würde. Als Hadhrat Abu Bakr (r.a.) in der Höhle zu ihm sagte: »O Gesandter Allahs (s.a.w.), wenn einer von ihnen unter seine Füße blickt, wird er uns gewiss sehen«, sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): »Abu Bakr, was denkst du über zwei Menschen, mit denen ein Dritter ist, und dieser Dritte ist Allah?« Im Koran heißt es: »Wenn ihr ihm (Muhammad) nicht helft, so ist es gleichgültig. Allah hat ihm bereits geholfen, als die Ungläubigen ihn vertrieben hatten, als er einer von zweien war, als sie beide – Muhammad und Abu Bakr – in der Höhle waren und er zu seinem Gefährten sagte: ›Sei nicht traurig und fürchte dich nicht; Allah ist gewiss mit uns.‹ Da sandte Allah Seine innere Ruhe auf ihn herab und stärkte ihn mit Heerscharen von Engeln, die ihr nicht saht, und Er machte das Wort der Ungläubigen zum niedrigsten; Allahs Wort aber blieb das höchste. Allah ist allmächtig und allweise.(Sure at-Tauba: 40)।

 

FünftesKapitel

Islamische Bewegung: politischer und internationaler Ebene

Vernünftige politische Fiqh

widrige ideologische Situation

Im Bereich der islamischen Bewegung, insbesondere auf dem politischen Gebiet, herrscht eine derart widrige ideologische Situation, dass sie keinem aufmerksamen Beobachter entgehen kann.

Im Bereich der Ideologie bestehen zahlreiche schädliche Denkströmungen, die noch immer auf die eine oder andere Weise die politische Gedankenwelt beeinflussen – einschließlich der Führungspersönlichkeiten und der Schriftstellergruppen der islamischen Bewegung sowie der für die Daʿwa- oder Bildungsarbeit verfassten Bücher und Schriften. Die Bewegung muss sich vom Einfluss dieser Denkströmungen befreien und ihre Aktivitäten im Hinblick auf die Menschen, das Leben und die Welt als Ganzes im Licht einer heilsamen Ideologie gestalten.

Die zahiritische Denkweise begnügt sich damit, die wörtliche Bedeutung der grundlegenden Schriften zu übernehmen, und befasst sich darüber hinaus nicht mit den eigentlichen Zielen der Scharia. Daher schenkt sie den Interessen der Menschen keinerlei Beachtung. Bedeutende Gelehrte haben nachdrücklich erklärt, dass das Ziel der Scharia darin besteht, das Wohl der Menschen im Diesseits und im Jenseits zu verwirklichen. In den Worten von Imam Ibn al-Qayyim: Jede Regelung, die das Gute zugunsten des Bösen aufgibt und die Torheit begünstigt, indem sie die Klugheit verwirft, hat keinerlei Beziehung zur Scharia – selbst wenn man sie aufgrund eines Irrtums für einen Bestandteil der Scharia hält.

Eine solche Ideologie mag bei Bräuchen oder Regelungen, die für einzelne Personen gelten, annehmbar sein; im Bereich einer auf der Scharia beruhenden Politik kann diese Methode jedoch niemals akzeptabel sein. Denn die Grundlage einer schariabasierten Politik sollten Flexibilität und Toleranz sein sowie die Berücksichtigung der Veränderungen von Ort, Zeit, Umständen und Menschen.

Obwohl die Vertreter der charidschitischen Denkweise als von Aufrichtigkeit und Mut geprägt erscheinen, sind sie engstirnig, und ihre Sichtweise in Bezug auf Religion und Welt ist kurzsichtig. Außerdem sind sie im Umgang mit anderen gewalttätig und geradezu besessen davon, stets alle Menschen, sogar die Mitglieder der islamischen Bewegung, zurückzuweisen, zu beschuldigen und zu verdächtigen. Sie loben ausschließlich ihre eigenen Ansichten. Diese Selbstzufriedenheit ist äußerst gefährlich.

Daneben gibt es die taqlidische Denkweise, die nichts anderes als blinde Nachahmung ist. Die Anhänger dieser Methode suchen Antworten auf ihre ideologischen, politischen und rechtlichen Fragen in den von den früheren Imamen und Faqihen ihrer jeweiligen Rechtsschule verfassten Büchern und Schriften. Sie wollen niemals ihren eigenen begrenzten Rahmen verlassen. Die Anhänger der Rechtsschulen betrachten die Scharia nicht aus einer umfassenden Perspektive. Sie beurteilen die Dinge im Licht ihrer jeweiligen Lehrweise und Methode und haben ebenso wenig Interesse am gegenwärtigen Zeitalter, an zeitgenössischen Entwicklungen oder an der Lösung neu entstandener Probleme. Eine solche Sichtweise macht eng, was Allah weit gemacht hat, und erschwert, was der Islam leicht gemacht hat.

Wenn es der islamischen Bewegung nicht gelingt, ihre Anhänger von diesen unnatürlichen Denkweisen und deren negativen Auswirkungen zu befreien, und wenn sie nicht die Pflege und Praxis jener neuen Richtung des Fiqh fördert, auf die wir unsere Aufmerksamkeit zu konzentrieren beabsichtigen – eines Fiqh, das den Fiqh der erlaubten Handlungen oder Fiqh as-Sunan, den Fiqh der Ziele der Scharia, den Fiqh des Gleichgewichts und den Fiqh der Prioritäten miteinander verbindet –, wird die islamische Bewegung keine vernünftige politische Ideologie entwickeln können.

Politische Fiqh Unvollständigkeit

Die fehlerhaften, ungewöhnlichen Vorstellungen und Entscheidungen der islamischen Bewegung sowie ihre ungewöhnlichen Ausgrenzungsmethoden müssen korrigiert werden.

Im Bereich des politischen Fiqh sind diese sonderbaren Vorstellungen, Regeln und Methoden weitgehend deutlich erkennbar. In der Vergangenheit erlangten sie selbst in Bereichen wie Gottesdienst, معاملات und Ehe nicht eine derartige Bedeutung.

In den heutigen politischen Fiqh sind verschiedenartige irrige Vorstellungen und schwache Entscheidungen eingedrungen. Sie haben in den Denkweisen der Islamisten auf so unterschiedliche Weise Wurzeln geschlagen, dass die Anwendung einer Regel durch den einen zu einem Abstand wie zwischen Osten und Westen gegenüber den Regeln des anderen führt.

Manche betrachten Beratung oder Schura nicht als verpflichtende Pflicht, sondern lediglich als einen Austausch von Informationen. Andere übertragen dem Staatsoberhaupt die Befugnis, ohne Beratung mit den Vertretern der Nation den Krieg zu erklären und Verträge abzuschließen. Wieder eine andere Gruppe betrachtet die Demokratie als eine kufrische Ideologie.

Es gibt auch Menschen, die glauben, Frauen hätten in der islamischen Politik keinen Platz und ihr einziger Platz sei das Elternhaus. Von dort aus könnten sie zu zwei Zielen gelangen – in das Haus des Ehemannes oder ins Grab. Nach Ansicht dieser Gruppe kommt es überhaupt nicht infrage, dass Frauen bei Wahlen zur Kommunalverwaltung oder zum Parlament kandidieren; auch bei Wahlen hätten sie kein Recht, ihre Stimme abzugeben.

Es gibt noch eine weitere Gruppe von Menschen, die meint, der Islam habe das Mehrparteiensystem und die demokratische Ordnung verworfen. Sie glauben, dass es in einem muslimischen Staat keinerlei Parteien oder Gruppen geben dürfe, die irgendeiner politischen Richtung oder Auffassung folgen.

Als einige religiöse Brüder mir den von einem gewissen eifrigen Autor verfassten Artikel mit dem Titel „Der Eintritt ins Parlament steht dem Tawhid entgegen“ zeigten, war ich bestürzt. Denn in diesem Artikel wurde die Mitgliedschaft im Parlament als dem Tawhid entgegenstehend bezeichnet. Darin bemerkte ich eine sonderbare Verwirrung zwischen Handlungen und Glaubenslehre. Mit den Handlungen sind Recht und Unrecht verbunden, nicht Glaube und Unglaube. Dies gehört zur Scharia-Politik, bei der für den Ijtihad eine zweifache Belohnung festgelegt ist, wenn er richtig ist, und selbst im Falle eines Fehlers eine Belohnung.

Auch die Charidschiten jener Zeit begingen denselben Fehler, indem sie Imam Ali (r.a.) wegen einer weltlichen Angelegenheit politischer Natur zum Ungläubigen erklärten. Die Angelegenheit, die sie zu einem Bestandteil des grundlegenden Glaubens machten, war folgende: Er habe die Herrschaft der Menschen über Allahs Religion errichtet, obwohl niemand außer Allah das Recht habe, Entscheidungen zu treffen. Der Imam erwiderte ihre Anschuldigung in äußerst klaren Worten und sagte: Zur Festigung eines Irrtums wurde eine richtige Aussage herangezogen.

Politische Fiqh Anwendung

Die Gelehrten Afghanistans haben den Dschihad mit Tapferkeit und Mut angeführt. Doch ich war erstaunt, dass einige von ihnen die Bildung von Frauen für haram halten und ebenso die Frage, ob Wahlen als Verfahren zur Bestimmung von Volksvertretern oder für das Amt des Staatspräsidenten eingesetzt werden dürfen. Sie glauben, dass sowohl die Festlegung der Amtszeit des Präsidenten als auch die Verbindlichkeit der Schura haram seien.

Einige religiöse Brüder, die an diese Auffassungen glauben, sagten mir im Gespräch über diese Angelegenheiten: Der Grund für das Scheitern der islamischen Bewegung in der heutigen Zeit liegt darin, dass man an Auffassungen glaubt, die sie für nichtislamisch halten, und wir Muslime werden keinen Erfolg haben, solange wir zur Verwirklichung der Ziele des Islam nicht islamische Methoden einsetzen.

Ich fragte sie: Wenn die Muslime die Amtszeit des Präsidenten in ihrem eigenen Interesse festlegen, welchen Grund kann es dann dafür geben, dies für haram zu erklären?

Sie antworteten: Dies widerspricht der muslimischen Tradition, die seit der Zeit des ersten Kalifen, Hazrat Abu Bakr as-Siddiq (r.a.), besteht. Kein Kalif wurde für eine bestimmte Amtszeit gewählt. Insbesondere blieben die rechtgeleiteten Kalifen lebenslang an der Herrschaft, und der Gesandte Allahs (s.a.w.) hat uns angewiesen, jede Tradition der rechtgeleiteten Kalifen strikt zu befolgen. In einem Hadith wird überliefert, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) uns vor neu eingeführten Angelegenheiten oder Bidʿa warnte und sagte: Jede Neuerung oder Bidʿa in der Religion ist ein Abweichen vom geraden Weg. Und dies ist eine neue, von Menschen eingeführte Angelegenheit (Abu Dawud und at-Tirmidhi)।

Darauf erwiderte ich: Uns wurde befohlen, der Sunna des Gesandten (s.a.w.) zu folgen, bevor wir der Tradition der rechtgeleiteten Kalifen folgen. Denn da die Sunna die zweite Quelle des islamischen Rechts ist, müssen wir uns bei jeder Meinungsverschiedenheit neben dem Koran auch an die Sunna wenden. In dem von al-Irbad überlieferten Hadith heißt es: Folgt meiner Sunna und der Tradition der rechtgeleiteten Kalifen. Daher müssen Sie sich zuerst an die Sunna des Gesandten (s.a.w.) halten.

Alle wissen, dass die Sunna des Gesandten (s.a.w.) aus seinen Worten, seinen Handlungen oder seiner Zustimmung zu einer Handlung besteht. Seine Handlung ist in bestimmten Fällen möglicherweise nicht verpflichtend, sondern deutet lediglich auf Zustimmung oder Billigung hin, sofern es dafür keine Belege gibt, aufgrund derer seine Zustimmung den Rang einer Verpflichtung erreicht.

Daher beschlossen die rechtgeleiteten Kalifen, wann immer sie feststellten, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine Handlung zu einem bestimmten Zweck vorgenommen hatte, diese Handlung oder Maßnahme unter veränderten Umständen jedoch nicht im Interesse der Muslime lag, entgegen der Handlung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.

Ein Beispiel dafür ist, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach dem Sieg über Chaibar die Kriegsbeute unter den Soldaten verteilte. Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, tat dies jedoch nach der Eroberung der ländlichen Gebiete des Irak nicht. Denn unter den damaligen Umständen hielt er dies nicht für angemessen. Viele Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, brachten Argumente gegen diese Ansicht Umars vor, insbesondere weil seine Entscheidung wörtlich derSure al-‌Anfal, Vers 41 enthaltenen allgemeinen Regelung widersprach. In diesem Vers heißt es: „Und wisst: Was immer ihr als Kriegsbeute erlangt, ein Fünftel davon gehört Allah.“

Umar, Allah möge mit ihm zufrieden sein, kommentierte dazu: „Ich halte den Besitz für die Menschen in der Gegenwart und in der Zukunft für ausreichend. Wollt ihr, dass die kommenden Generationen in eine Lage geraten, in der nichts für sie zurückgelassen wurde?“

Das bedeutet, dass Umar (Allah möge mit ihm zufrieden sein) die oben dargelegten Erwägungen gerade im Hinblick auf die künftigen Generationen angestellt hat – ein bemerkenswerter Schritt mit dem Ziel der gegenseitigen Abhängigkeit der Generationen der muslimischen Umma. So sollte verhindert werden, dass allein die gegenwärtige Generation ein luxuriöses Leben führt und die Interessen der künftigen Generationen außer Acht lässt. Die rationale Grundlage für Hadhrat Umars Ergreifen dieses Schrittes war die Sure al- Haschr, Vers 10 . Dort wird unter Erwähnung der Bestimmung über die Verteilung der Kriegsbeute unter den Muhadschirun und den Ansar gesagt: „Und diejenigen, die nach ihnen gekommen sind.“ Imam Ibn Qudama erklärte den Unterschied zwischen den Maßnahmen des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und Umars mit den Worten: Beide taten das, was sie für ihre jeweilige Zeit als am angemessensten erachteten.

Obwohl einige Handlungen des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) einen untrennbaren Bestandteil der Sunna bilden, sind sie für die späteren Generationen nicht verpflichtend. Seine Gefährten haben bisweilen unter Berücksichtigung bestimmter Umstände anders gehandelt. Warum sollten dann die Maßnahmen späterer Muslime für jene verpflichtend sein, die nach ihnen kommen?

Kein Präzedenzfall kann einen triftigen Grund für eine rechtliche Verpflichtung darstellen. Ein Präzedenzfall ist nur für den jeweiligen Ort, die jeweilige Zeit und die jeweiligen Umstände maßgeblich. Wenn sich diese Faktoren ändern, muss auf dieser Grundlage gehandelt werden.

Der entscheidende Punkt ist hier, dass wir unter den früheren Regelungen und Bestimmungen jene auswählen müssen, die für unsere Zeit, unser Umfeld und unsere Umstände geeignet sind, und zwar innerhalb des Rahmens der grundlegenden Schrift und der Ziele unserer großzügigen Scharia.

Die Kontroverse über den angeblichen Konsens der muslimischen Gelehrten gegen die Begrenzung der Amtszeit von Herrschern ist ziemlich irreführend. Es besteht kein Anlass, den Konsens darüber infrage zu stellen, dass ein Herrscher auf Lebenszeit regieren kann. Die Begrenzung der Amtszeit wurde jedoch niemals erörtert oder untersucht. Es handelte sich dabei um eine völlig unerörterte Angelegenheit. Man sagt, über einen Schweigenden solle man keine Aussage treffen. Ebenso sollte man die Gelehrten nicht in eine Angelegenheit hineinziehen, zu der ihre Entscheidung weder negativ noch positiv ausgefallen ist.

Andererseits wird gesagt, die Festlegung der Amtszeit eines Staatsoberhaupts sei im Islam eine neu eingeführte Angelegenheit oder Bidʿa, und der einhellige Spruch hierzu laute, jede Bidʿa sei ein Irrweg. Den zweiten Teil dieser Aussage erkennen wir an, nämlich dass jede Bidʿa einen Irrweg bedeutet – für den ersten Teil jedoch, also für die Behauptung, eine solche Entscheidung falle aus Sicht der Scharia unter Bidʿa, gibt es keinen Beleg.

Es ist falsch anzunehmen, der Islam nehme unter der Bezeichnung Bidʿa gegen jede neue Sache oder Erfindung Stellung. Tatsächlich kann nur die Einführung von etwas in eine rein religiöse Angelegenheit eine Bidʿa sein, etwa in den Glauben, die gottesdienstlichen Handlungen und deren Unterbereiche. Die wandelbaren Bereiche des Lebens hingegen, wie Sitten, Traditionen, Gebräuche sowie administrative, gesellschaftliche, kulturelle und politische Verfahren, fallen nach den Worten der Gelehrten in den Bereich des „Volkes“, wie wir in dem Werk Al-Iʿtisam von Imam al-Schātibī erläutert finden. Deshalb taten die Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) vieles, was der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) selbst nicht getan hatte, etwa Abschriften des Korans anzufertigen, Register und Schriftstücke zu verwenden, eine Grundsteuer zu erheben und Gefängnisse zu errichten. Die Tābiʿūn, die nach den Gefährten kamen, taten in ihrer Zeit Dinge, die ihre Vorgänger, die Gefährten, nicht getan hatten, etwa Münzen herzustellen und einen Postdienst einzuführen.

Die Muslime haben noch vieles andere eingeführt, von dem man zur Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) oder seiner Gefährten nicht einmal gehört hatte, etwa die Entwicklung verschiedener Wissenschaftszweige wie Religionswissenschaft, Sprachwissenschaft und Geisteswissenschaften.

Der Sīra fehlerhafte Gebrauch

Eine der Hauptursachen für Irrtümer und Fehlentscheidungen im politischen Fiqh ist die Verwechslung von Sunnah und Sira des Gesandten. Neben dem heiligen Koran ist die Sunnah im Islam eine Quelle des Rechts. Der Koran ist die Grundlage und das Fundament des Rechts, während die Sunnah dessen Erklärung und Anwendung darstellt.

Manche jedoch machen den Fehler, die Sira an die Stelle der Sunnah zu setzen, und führen die Ereignisse der Sira so an, als seien sie ebenso verbindlich wie der Koran und die Sunnah.

Die Sira ist kein Synonym für die Sunnah. Denn die Sira enthält zahlreiche Einzelheiten, die für das Recht keinerlei Bedeutung haben. Deshalb haben die Faqih die Sira nicht in die Definition der Sunnah einbezogen. Sie sagten lediglich: Die Sunnah umfasst das, was der Gesandte Allahs gesagt, getan oder gebilligt hat. Die Sira haben sie darin nicht eingeschlossen.

Die Hadith-Gelehrten fügten jedoch den Taten, Worten und Billigungen des Gesandten Einzelheiten darüber hinzu, wie er aussah, wie sein Verhalten war und wie er sein Leben führte. Ohne darauf zu achten, ob diese Dinge mit den Rechtsvorschriften zusammenhingen, sammelten sie gewöhnlich alle Einzelheiten über den Gesandten Allahs. Sie schilderten ausführlich alles aus seinem Leben, einschließlich seiner Geburt, seiner Betreuung und Erziehung, seiner Eheschließung, seines Verhaltens, seiner körperlichen Merkmale sowie aller anderen Einzelheiten über seine Geburt und seinen Tod.

Besorgniserregend ist hier, dass manche islamischen Gruppen die Sira als endgültigen Beweis zur Unterstützung einer Entscheidung betrachten. Sie glauben, dass diese für alle Muslime verbindlich sei. Hier möchte ich zwei Dinge erwähnen.

Erstens enthält die Sira Ereignisse, die ohne unwiderlegbare Belege von einem Überlieferer zum nächsten weitergegeben wurden. Denn diese Überlieferer schilderten die Sira so nachlässig, dass sie bei den Darlegungen der Vorschriften der Scharia sowie des Erlaubten und Verbotenen keine Hadith-Quelle anführten.

Zweitens ist die Sira ein Bild vom praktischen Teil der Lebensführung des Gesandten. Keine Handlung des Gesandten legt eine Verpflichtung auf; sie deutet lediglich auf seine Billigung hin. Damit eine Verpflichtung verbindlich wird, bedarf es eines weiteren Beweises.

Es stimmt, dass es für uns verpflichtend ist, dem Vorbild des Gesandten Allahs zu folgen. Im heiligen Koran heißt es: Gewiss, im Gesandten Allahs gibt es ein vortreffliches Vorbild, dem ihr folgen sollt ((Sure Ahzab:‌21 ).) Die Befolgung des Vorbilds des Gesandten Allahs in ethischem Verhalten, Werten und allgemeinen Angelegenheiten ist verpflichtend, nicht jedoch in Einzelheiten.

Wenn die öffentliche Verbreitung der Daʿwa möglich und erlaubt ist, besteht keine Notwendigkeit für geheimes Handeln, um dem Vorbild des Gesandten Allahs zu folgen. Wenn es nicht notwendig ist, brauchen wir unsere Heimat nicht zu verlassen und an einen sicheren Ort auszuwandern, nur um dem Beispiel des Gesandten Allahs zu folgen und die Botschaft des Islams zu verbreiten.

Deshalb ist die Auswanderung nach Medina nach der Eroberung Mekkas für keinen Muslim mehr verpflichtend. Denn der Gesandte Allahs sagte: „Nach der Eroberung Mekkas gibt es keine Hidschra mehr, außer für den Dschihad und das innige Verlangen nach dem Dschihad; wenn ihr gerufen werdet, sollt ihr aufbrechen (Buchari und Muslim).“ Das bedeutet, dass keine Auswanderung mehr nach Medina erforderlich ist. Wenn Muslime jedoch in einem Land daran scheitern, die Religion zu etablieren, ist ihnen die Auswanderung von dort erlaubt.

Der Gesandte Allahs bat mächtige Stämme um Unterstützung, und die Stämme Aus und Chazradsch folgten seinem Ruf. Heute brauchen wir dies nicht mehr zu tun, denn diese Methode reicht in unserer Zeit nicht mehr aus.

Nur weil der Gesandte Allahs dreizehn Jahre lang in Mekka Daʿwa-Arbeit geleistet hat, müssen auch wir nicht dreizehn Jahre lang den Glauben einüben und Daʿwa-Arbeit leisten. Denn die muslimische Gemeinschaft, in deren Mitte wir heute leben, glaubt: Es gibt keine Gottheit außer Allah, und Muhammad ist der Gesandte Allahs. Daher benötigen wir nicht so lange Zeit, um unseren Īmān und unsere ʿAqīda zu erlernen.

Wenn wir uns heute Themen wie soziale Gerechtigkeit, Schura, Freiheit, den palästinensischen Aufstand und den afghanischen Dschihad widmen, steht dies nicht im Widerspruch zur Anleitung des Gesandten Allahs. In Medina war er mit solchen Aufgaben beschäftigt. Denn vor der Hidschra lebte der Gesandte Allahs in Mekka in einer unwissenden und polytheistischen Gesellschaft, die die Daʿwa hochmütig zurückwies. Daher bestand sein erster Kampf mit dieser Gesellschaft in der Auseinandersetzung um den Tauhid und die Daʿwa. Unsere Gesellschaft ist nicht vergleichbar. Sie glaubt an Allah, Seine Religion und Seinen Gesandten, auch wenn es in ihr Mängel und Abweichungen vom Weg Allahs geben mag.

Muslimische Gebiete: Rückeroberung

Seit ihren Anfängen hat die islamische Bewegung die Rückeroberung aller muslimischen Gebiete sowie die Sicherung von Befreiung und Unabhängigkeit als eines ihrer wichtigsten Programme angenommen. Kein vernünftig denkender Mensch kann dies leugnen.

Imam Hasan al-Banna sagte in einer seiner Reden: „Unsere Bemühungen und unser Dschihad konzentrieren sich auf zwei Hauptziele – das islamische Ideal und die muslimischen Gebiete.“

Er vereinte diese beiden Ziele aus dem Grund, dass das Ideal nur in einem unabhängigen und freien Land verwirklicht werden kann, in dem seine Werte bewahrt und die Bestimmungen des Gesetzes umgesetzt werden können. Darin liegt die Bedeutung des islamischen Staates oder Dar al-Islam. Nur in einem solchen Gebiet bleibt der Islam bestehen; von dort aus werden seine Aktivitäten geleitet und der Nation die Richtung gewiesen.

Aus diesem Grund sind die islamischen Rechtsgelehrten übereingekommen, dass es Pflicht ist, alle von Ungläubigen besetzten muslimischen Gebiete zurückzugewinnen und zu schützen. Sie haben erklärt, dass der Jihad für die Muslime dieser Gebiete als individuelle Pflicht ebenso verbindlich ist wie als gemeinschaftliche Pflicht für alle Muslime, die diesen Jihad mit ihrem Leben, ihrem Besitz und ihren Waffen unbedingt unterstützen müssen, bis ihre Gebiete von den Aggressoren befreit sind.

Wenn also auch nur ein Teil des muslimischen Gebiets in die Hände ausländischer Aggressoren fällt, kann die islamische Bewegung nicht wie ein stiller Zuschauer zusehen. Das ist keineswegs verwunderlich. Das Hauptquartier der Ikhwan in Kairo war auch ein Zentrum der Aktivitäten der Mujahidin und Revolutionäre, die in allen Teilen der arabischen und muslimischen Welt, von Indonesien bis Marokko, am Kampf gegen die Besatzer teilnahmen.

Hasan al-Banna legte einmal auf einem Nationalkongress die nationalen Forderungen der Ikhwan vor. Er sprach vom Aufbau einer muslimischen Heimat: einer kleinen Heimat, die Ägypten und den Sudan umfasst, einer großen Heimat der arabischen Welt, die sich vom Golf bis zum Atlantischen Ozean erstrecken würde, und einer noch größeren Heimat der muslimischen Welt, deren Grenzen vom Atlantischen Ozean bis zum Indischen Ozean reichen würden. Nachdrücklich erklärte er, dass es für jeden Muslim eine religiöse Pflicht und eines der wichtigsten Ziele der Ikhwan sei, die größte muslimische Heimat von allen ausländischen Einflüssen zu befreien, die den Muslimen auferlegt worden waren.

Hasan al-Banna setzte Palästina ganz oben auf die Liste der wichtigsten Anliegen. Er maß ihm besondere Bedeutung bei und forderte die muslimischen Massen auf, ihren Blick auf das heilige Land der Propheten und Gesandten, auf Isra und Miradsch, zu richten und sich vor der jüdischen Bedrohung zu hüten. Denn die Juden lauern darauf, ihre grausamen Krallen in dieses Land zu schlagen. Die arabischen und muslimischen Führer waren ahnungslos gegenüber dem Netz von Verschwörungen, das gegen die al-Aqsa-Moschee, die erste der beiden Qiblas, gesponnen wurde, obwohl al-Aqsa von Allahs Barmherzigkeit umgeben ist.

Hasan al-Banna schrieb zahlreiche Artikel zur Wahrung der palästinensischen Interessen, führte viele Demonstrationen an, organisierte zahlreiche Versammlungen, rekrutierte unzählige Menschen und sammelte große Mengen an Geld und Waffen. Für seine Verdienste genügt es, darauf hinzuweisen, dass der heldenhafte Kampf, den seine geistigen Anhänger und Kämpfer 1948 auf palästinensischem Gebiet führten, in goldenen Lettern in die Geschichte eingegangen ist. Dies wurde unter anderem von Generalmajor al-Mawabi und anderen Kommandeuren der ägyptischen Armee, ja sogar von den Juden selbst, anerkannt. In dem von Kamal al-Sharif verfassten Buch „Al-Ikhwan al-Muslimun and the Palestine War“ sind zahlreiche Einzelheiten dieses ruhmreichen Jihads dargelegt.

Die islamische Bewegung hat ihre Rolle beim Schutz aller Interessen aller muslimischen Völker und bei der Bekämpfung des Imperialismus aller Rassen wahrgenommen.

Aus diesem Grund ist die islamische Bewegung vorgetreten, um die Interessen Afghanistans zu schützen, des Symbols der ersten Verteidigungslinie gegen die kommunistische Aggression. Diese Interessen waren so tiefgreifend, dass manche meinten, die islamische Bewegung habe vielleicht die palästinensischen Interessen völlig vergessen. Tatsächlich hat die islamische Bewegung Palästina niemals vergessen und wird es niemals vergessen. Denn Palästina ist das erste und höchste islamische Interesse; seine Befreiung ist die erste und höchste Pflicht, woran auch die afghanischen Mujahidin von ganzem Herzen glauben.

Im palästinensischen Kampf wird jetzt eine islamische Flagge gebraucht, um die Menschen um sie zu versammeln und als eine Einheit zu vereinen. Dies ist durch die Ausbreitung der Revolution in den Moscheen und durch den Volksaufstand oder die Intifada geschehen, deren Hauptslogans „Es gibt keinen Gott außer Allah“ (La ilaha illallah) und „Allah ist der Größte“ (Allahu akbar) lauten. Die standhafte, mutige und wachsame islamische Widerstandsbewegung Hamas hat diesen Aufstand in eine geeinte Kraft verwandelt.

Hamas ist eine symbolische Institution des Glaubens des palästinensischen Volkes, das in muslimischen und arabischen Urtraditionen verwurzelt ist. Dieses Volk ist noch immer voller Lebenskraft. Mit Allahs Hilfe wird es niemals leblos werden, bis der Sieg errungen ist. Das Volk, das einen heiligen Körper und eine heilige Seele besitzt, wird das Banner des Dschihad vorantragen.

Die Bewegung muss bei jeder Tätigkeit, die islamische Interessen betrifft, die führende Rolle einnehmen. Woher auch immer der Ruf kommen mag, auf jeden Hilferuf muss reagiert werden. Die Islamische Bewegung muss sich dem Dschihad gegen die marxistisch-christliche Missregierung in Eritrea anschließen. Die dortige Junta will Eritrea verschlingen und das Land als Kolonie in ihrer Gewalt halten; sie will die Bevölkerung unter einem feudalen System in eine Sklavenklasse verwandeln.

Die Islamische Bewegung muss im Kampf gegen den verräterischen christlichen rassistischen Aufstand an der Seite des Sudan stehen. Die Christen wollen dem gesamten sudanesischen Staatsgebiet ihren rassistischen religiösen Fanatismus aufzwingen und das Land von der muslimischen Umma und der arabischen Welt abtrennen.

Auf den Philippinen muss den Muslimen gegen die parteiischen christlichen Herrscher Unterstützung gewährt werden. Denn die christliche Junta will dort die Muslime ausrotten und nur jene dort dulden, die ein Leben in Sklaverei hinnehmen – Menschen, die weder sich selbst noch anderen von Nutzen sein werden.

Bis Kaschmir ein Teil Pakistans oder unabhängig geworden ist, muss den kaschmirischen Muslimen im Kampf um ihr Selbstbestimmungsrecht eine helfende Hand gereicht werden, damit alle Verschwörungen der indischen Imperialisten zunichtegemacht werden können. Um Kaschmir zu einem Stützpunkt für Verschwörungen gegen Pakistan und die muslimische Welt insgesamt zu machen, bemüht sich der indische Imperialismus, durch die Verbreitung religionsloser Bildung, von Ausschweifungen und Drogenabhängigkeit die muslimische Identität dieser Region auszulöschen.

Die Islamische Bewegung sollte die Muslime im Kampf gegen den Diktator Somalias unterstützen. Die diktatorische Junta des Landes tötet muslimische Gelehrte und übt Unterdrückung und Verfolgung gegen jeden aus, der religiösen oder intellektuellen Charakters ist.

Die Islamische Bewegung muss über diese Befreiungsbewegungen genaue Informationen besitzen. Es ist wünschenswert, dass die Islamische Bewegung auf irgendeiner Ebene in der Führung und den Organisationsstrukturen dieser Befreiungsbewegungen vertreten ist. Sie muss unablässig daran arbeiten, auf den verschiedenen Ebenen der Organisation bestehende Distanzen zu überwinden und Einigkeit herzustellen, und sie muss sich bemühen, im Interesse der Erreichung des übergeordneten Ziels kleinere Meinungsverschiedenheiten auszuräumen. Das gefährlichste Symptom, das den Dschihad schädigen kann, ist die Uneinigkeit zwischen den Gruppen. Der allmächtige Allah sagt: Wahrlich, Allah liebt diejenigen, die auf Seinem Weg in Reih und Glied kämpfen, als wären sie ein fest gefügtes Bauwerk(Sure as-Saff’: 4)।

Die Islamische Bewegung muss auch die Verantwortung übernehmen, die Muslime der Welt für die palästinensischen Interessen zu organisieren. Denn die zionistische Bewegung hat die Juden der Welt im Interesse Israels organisiert. Die Islamische Bewegung muss sich dafür einsetzen, die Unterstützung gewissenhafter Menschen auf der ganzen Welt für unsere gerechten Interessen zu gewinnen.

Gegenwärtig ist es äußerst dringend, solche Bemühungen von der Plattform der Islamischen Bewegung aus zu unternehmen. Denn der palästinensische Kampf ist nun in eine entscheidende Phase eingetreten. Unter Missachtung der palästinensischen Interessen wurde ein Komplott geschmiedet, sowjetische Juden in den besetzten Gebieten anzusiedeln. Ziel dieses Komplotts ist es, den Traum von Großisrael zu verwirklichen, dessen Grenzen sich vom Nil bis zum Euphrat erstrecken sollen; danach besteht ihr Wunsch darin, es bis zum Hedschas, nach Medina und Chaibar auszudehnen.

Befreiungs bewegung

Die Islamische Bewegung darf ihren Blick nicht ausschließlich auf muslimische Gebiete richten. Selbstverständlich können muslimische Gebiete im Einklang mit den Prinzipien des Islam im Interesse gegenseitiger Abhängigkeit und Solidarität besondere Bedeutung erlangen. Doch die Islamische Bewegung muss allen Menschen in der ganzen Welt, Muslimen wie Nichtmuslimen, die für die Befreiung von Landbesetzung, Imperialismus, Unterdrückung und Ungerechtigkeit kämpfen, ihre helfende Hand reichen.

Der Islam ist mit einem allumfassenden Aufruf zur Befreiung der Menschen gekommen. Allah hat den Menschen geehrt, indem Er ihn als Seinen Statthalter auf der Erde eingesetzt hat, und aus diesem Grund hat Er ihm alles im Himmel und auf der Erde dienstbar gemacht.

Der Islam ist gekommen, um den Menschen aus der Knechtschaft jeder gottleugnerischen Taghut-Macht zu befreien und ihn so zu formen, dass er sich dem Taghut entgegenstellen kann.

Der Kern des Aufrufs von Moses (a.s.) bestand darin, die Kinder Israels von der Unterdrückung durch Pharao, Korah und Haman zu befreien. Der Zweck des Aufrufs von Muhammad (s.a.w.) bestand darin, die gesamte Menschheit aus der Gewalt aller Pharaonen, Korahs und Hamans zu befreien, die die Menschen in die Ketten der Knechtschaft legen und sich als übermächtige Herrscher über sie setzen, ohne dazu irgendein Recht zu haben. Diese Herrscher verhalten sich gegenüber den Dienern Allahs so hochmütig, als seien sie Teilhaber an Allahs Größe und Erhabenheit. Sie geben sich selbst als Götter aus und machen die Menschen zu ihren Sklaven.

Indem der Koran durch den Gesandten (s.a.w.) die Herrscher und Könige aufruft, verkündet er mit klarer und erhabener Stimme die Botschaft der Freiheit: Lasst uns zu einem Wort kommen, das zwischen uns und euch gerecht ist: Wir werden keinem außer Allah dienen, Ihm nichts beigesellen und niemanden von uns anstelle Allahs zum Herrn nehmen.(Sure Al Imran: 64)।

Rabi ibn Amir erklärte vor Rustam, dem Befehlshaber der persischen Armee: Allah hat uns gesandt, um die Menschen von der Knechtschaft durch Menschen zu befreien, sie ausschließlich Seinem Dienste zu widmen und sie von der Ungerechtigkeit und dem Unrecht verschiedener Religionen zur Gerechtigkeit des Islam zurückzuführen.

Der allmächtige Allah hat Seine Schrift und Seine Gesandten auf die Erde gesandt und ihnen ausschließlich die Aufgabe anvertraut, Gerechtigkeit zu etablieren. In diesem Zusammenhang heißt es im Heiligen Koran: Wahrlich, Wir haben Unsere Gesandten mit klaren Beweisen entsandt und mit ihnen die Schrift und die Waage herabgesandt, damit die Menschen die Gerechtigkeit aufrechterhalten (Sure Hadid: 25)।

Daher ist jede Tyrannei und Ungerechtigkeit eines Einzelnen gegenüber einem Einzelnen, einer Gruppe gegenüber einer Gruppe oder eines Volkes gegenüber einem Volk – insbesondere die Tyrannei und Ungerechtigkeit tyrannischer und mächtiger Menschen gegenüber den Schwachen und Unterdrückten – im Grunde eine Verletzung aller göttlichen Botschaften. Deshalb wird im Koran scharfe Kritik an den Tyrannen geübt und eine strenge Warnung ausgesprochen: Doch sie (die Gesandten) baten um Sieg und Hilfe, und jeder widerspenstige, trotzige Tyrann scheiterte völlig und wurde vernichtet. Vor ihm (jedem widerspenstigen und trotzigen Tyrannen) liegt die Hölle, und ihm wird kochendes Wasser zu trinken gegeben, vermischt mit Eiter und Blut (Sure Ibrahim: 15–16)।

So versiegelt Allah das Herz jedes hochmütigen Tyrannen (Sure Mu’’min: 35)।

Betretet also die Tore der Hölle und bleibt ewig darin; wie schlecht ist doch die Wohnstätte der Hochmütigen (Sure Nah‌l: 29)।

In den mekkanischen und medinensischen Suren des Korans werden die Übeltäter streng verurteilt: Gewiss, Allah weist jene Menschen nicht den Weg, die Unrecht tun (Sure Māʾida: 51)।

Wahrlich, diejenigen, die Unrecht tun, werden niemals Erfolg haben (Sure Yusuf: 23)।

Und diese Städte vernichteten Wir, als sie Unrecht taten (al- Kah‌f: 59)।

Das sind ihre Häuser, die wegen ihres Unrechts völlig zerstört daliegen (Sure an- Nam‌l: 52)।

Und so ist der Zugriff deines Herrn: Er ergreift die Bewohner der Ortschaften, wenn sie Unrecht tun. Wahrlich, Sein Zugriff ist schmerzhaft und äußerst hart (Sure Hūd: 102)।

Darauf wurden die Wurzeln der Ungerechten ausgerottet. Und Allah gebührt alles Lob und aller Dank, dem Herrn der Welten (Sure Al-An’ʿām: 45)।

Und neigt euch nicht zu den Ungerechten hin, damit das Feuer euch nicht berührt. Und außer Allah habt ihr keinen Beschützer. Dann werdet ihr nirgends Hilfe finden (Sure Hūd: 113)।

Der Islam hat das Unrecht und die Ungerechtigkeit nicht nur unmissverständlich für rechtswidrig und verboten erklärt, sondern auch dazu aufgerufen, mit allen Mitteln gegen sie zu kämpfen. Und diejenigen, die nichts zur Ausrottung der Ungerechtigkeit unternehmen, werden auf der Erde als Teilhaber der Übeltäter betrachtet und müssen auch im Jenseits Strafe erleiden.

Selbst wenn ein Volk offen und ungehindert Unrecht und Missetaten begeht und niemand gegen seine bösen Taten protestiert oder sie verhindert, betrachtet der Islam diese Volksgemeinschaft als der göttlichen Strafe würdig, und ihre Vernichtung ist unausweichlich. Wenn Allahs Strafe über ein solches Volk herabkommt, wird niemand davor gerettet werden. Die Sünder werden wegen ihrer Sünden und die schweigenden Zuschauer wegen ihres Schweigens der Bestrafung anheimfallen. Allah, der Erhabene, sagt: „Und hütet euch vor einer Drangsal, die nicht nur diejenigen von euch treffen wird, die Unrecht tun; und wisst, dass Allah hart bestraft“ (Sure al- An‌fāl: 25)।

Der Gesandte Allahs (s.a.) sagte: Wenn Menschen einen Übeltäter dabei sehen, wie er Unrecht tut, ihn aber nicht daran hindern, nähern sie sich der von Allah kommenden Strafe, und diese Strafe trifft sie alle (Abu Dawud, at-Tirmidhi, Ibn Majah, Ibn Hibban und Sahih al- Jami al- Saghir). In einem anderen Hadith wird überliefert: Wenn du siehst, dass meine Umma von Furcht und Schrecken ergriffen ist und niemand zu einem Übeltäter sagt: „Du tust Unrecht“, dann kannst du jede Hoffnung in sie aufgeben (al- Hakim)।

Alle Sünder fallen unter den Geltungsbereich der oben genannten Erklärung. Ihr Unrecht und ihre Ungerechtigkeit mögen sich gegen Muslime oder gegen andere richten, denn jedes Unrecht und jede böse Tat ist Sünde.

Daran ist auch nichts Verwunderliches, denn der Islam ermutigt zu allen positiven Maßnahmen, um Unrechtstäter abzuwehren und die Unterdrückten und Schwachen zu schützen. Ja, er betrachtet Widerstand und Verteidigung als Gottesdienst und als Dschihad auf Allahs Weg. Im Heiligen Koran wird zum Kampf gegen die Übeltäter und zum Schutz der Unterdrückten aufgefordert: „Und was ist mit euch, dass ihr nicht auf Allahs Weg kämpft und für jene schwachen, misshandelten und unterdrückten Männer, Frauen und Kinder, die beten: Unser Herr, führe uns aus dieser Stadt heraus, deren Bewohner Ungerechte sind, und bestelle für uns von Dir einen Schutzherrn, der uns beschützt, und entsende für uns von Dir jemanden, der uns hilft?“ (Sure an- Nisā: 75)।

Hier sind mit der schwachen Gruppe in erster Linie die Gläubigen gemeint. Daher wird in diesem Vers nur ihr Gebet erwähnt. Doch der Islam billigt kein Unrecht und keine Ungerechtigkeit gegenüber irgendjemandem, selbst wenn es sich um einen Ungläubigen handelt. In einem Hadith wird überliefert: „Hüte dich vor dem Bittgebet des Unterdrückten, selbst wenn er ein Ungläubiger ist. Denn auf dem Weg, auf dem sein Bittgebet Allah erreicht, gibt es kein Hindernis. (Ahmad und Sahih al Dschami al Saghir)।

Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hörte einmal von der Unterdrückung einer schwachen Frau durch einen mächtigen und grausamen Mann in Abessinien und kommentierte: Wie kann Allah jene Gemeinschaft als rein ansehen, in der die Rechte der Schwachen nicht aus den Händen der Mächtigen zurückgefordert werden(Ibn Madscha, Ibn Hibban und Sahih al Dschami al Saghir). Anzumerken ist, dass zu jener Zeit in Abessinien christliche Herrschaft bestand.

Tatsächlich bestand das Ziel der Eroberungszüge des Islam darin, die unterdrückten und misshandelten Menschen von der Tyrannei der Despoten und der Unterdrückung durch die Unterdrücker zu befreien und diese Völker von der Vorherrschaft der persischen und römischen Kaiser zu erlösen. Aus diesem Grund begrüßten diese Menschen den Islam und nahmen ihn freiwillig an.

In Wahrheit ist es die Pflicht derjenigen, die über Glauben und moralischen Mut verfügen, einander dazu anzuspornen, die Unterdrückung der Schwachen zu verhindern, und den Schwachen so lange beizustehen, bis ihre Rechte vollständig von den Unterdrückern zurückerlangt sind. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) berichtete uns von einer solchen Erfahrung. Als Jugendlicher hatte er in den Tagen der Dschāhilīya ein solches Ereignis miterlebt und war durch die soziale Wohlfahrtsorganisation Hilf al-Fudul daran beteiligt. Diese Organisation war von einer Gruppe aufrichtiger, gemeinwohlorientierter und gewissenhafter Menschen gegründet worden. Ihr Ziel war es, den Schwachen gegenüber den Starken beizustehen, damit die Rechte und die Würde der Schwachen wiederhergestellt würden.

Wenn der Islam sich schon für die Interessen unschuldiger, stummer Lebewesen lautstark einsetzt, warum sollte er dann nicht bei den unterdrückten, misshandelten und ungerecht behandelten Menschen stehen, um ihnen zu ihrem Recht zu verhelfen?

Muslimische Minderheiten

Die Islamische Bewegung muss den Interessen der über die ganze Welt verstreut lebenden muslimischen Minderheiten wachsame Aufmerksamkeit schenken.

Wichtige Informationen

In diesem Zusammenhang müssen wir mehrere Faktoren, darunter die folgenden Punkte, berücksichtigen:

1. Ungefähr ein Viertel oder mehr der gesamten muslimischen Bevölkerung weltweit besteht aus Minderheiten. Diese Information ergab sich aus einer Untersuchung der Imam-Muhammad-ibn-Saud-Islamischen-Universität in Riad vor etwa siebenundzwanzig Jahren.

2. Unter diesen muslimischen Minderheiten bilden die indischen Muslime aufgrund ihrer großen Zahl die zweitgrößte muslimische Gemeinschaft der Welt. In Indien leben mehr als zweihundert Millionen Muslime. Diese muslimische Gemeinschaft hat einen historischen, wissenschaftlichen und kulturellen Einfluss auf den indischen Subkontinent und allgemein auf die islamische Kultur ausgeübt.

3. Einige sogenannte Minderheitengemeinschaften sind die Bevölkerung tatsächlich muslimischer Länder. Diese Länder wurden gewaltsam in einige benachbarte Großstaaten eingegliedert, sodass die muslimischen Gemeinschaften in ihnen aufgingen und innerhalb der größeren Mehrheitsbevölkerung zu unterdrückten Minderheiten wurden. Beispiele hierfür sind die muslimischen Republiken Usbekistan, Turkmenistan und Aserbaidschan in der ehemaligen Sowjetunion. Untersuchungen haben nachgewiesen, dass diese Länder ein untrennbarer Teil der muslimischen Welt sind.

4. Einige muslimische Gemeinschaften werden in voreingenommenen weltweiten Statistiken als Minderheiten dargestellt. Das tatsächliche Bild ist das genaue Gegenteil. Aus wahrheitsgemäßen Statistiken geht hervor, dass Muslime in den betreffenden Ländern mit deutlicher Mehrheit die Bevölkerungsmehrheit bilden, obwohl in gefälschten Statistiken absichtlich eine geringere muslimische Bevölkerungszahl angegeben wird. Insbesondere stellen die Feinde des Islam die Muslime in einigen Regionen als Minderheiten dar, um politische Ziele zu erreichen. Die Muslime Äthiopiens sind eines der eindrucksvollsten Beispiele dafür. Obwohl die Muslime dieses Landes die Mehrheit bilden, werden sie der meisten grundlegenden Menschenrechte beraubt und mit Füßen getreten.

Was die Minderheiten benötigen

Diese Minderheiten haben von der größeren muslimischen Welt vieles zu erhalten:

1. Ihre religiösen Einrichtungen, insbesondere ihre Bildungseinrichtungen, benötigen Unterstützung, damit deren muslimischer Charakter bewahrt werden kann. Angesichts der schrecklichen Kampagne, welche die Befürworter und Institutionen der Christianisierung zur Ausrottung des Islam begonnen haben, ist diese Unterstützung äußerst dringend.

2. Es ist notwendig, diese muslimischen Minderheiten mit grundlegenden islamischen Büchern zu versorgen, die als verlässliche Wissensquellen die grundlegenden Glaubensüberzeugungen des Islam, Gottesdienst und Frömmigkeit, moralische Werte sowie Vorschriften und Bestimmungen in ihrer Sprache darlegen. Besonders benötigen sie eine Tafsir des Heiligen Korans sowie mehrere sahih und zuverlässige Hadith-Sammlungen.

3. Es ist dringend erforderlich, einigen Studenten aus den muslimischen Minderheiten die Möglichkeit zu geben, an den islamischen Universitäten der arabischen Länder zu studieren. Dort sollen sie Wissen erwerben, in ihre jeweiligen Länder zurückkehren und sich der Verbreitung und Förderung der Lehren des Islam widmen. Wie es im Koran heißt: Damit sie ihr eigenes Volk bei ihrer Rückkehr vor schlechten Taten warnen können (Sure At-Tauba: 122)।

Doch bedauerlicherweise haben diese Universitäten ihre Türen für Studenten aus den muslimischen Minderheiten verschiedener Länder in letzter Zeit geschlossen. Diese Entscheidung ist jedoch für die muslimischen Minderheiten, die islamische Daʿwa in den betreffenden Ländern und sogar für die muslimische Umma selbst gefährlich.

4. Es ist dringend erforderlich, in Ländern mit muslimischen Minderheiten Arabischunterricht sowie finanzielle und sonstige Unterstützung für arabische Schulen bereitzustellen. Doch auf diesem Gebiet kennt das Versagen der Araber keine Grenzen. Die entwickelten Länder geben Milliarden von Dollar dafür aus, ihre Sprachen zu lehren. Durch diese Sprachen verbreiten sie auch ihre Zivilisation und Kultur. Die Araber sind in dieser Hinsicht jedoch untätig. Sobald von der Verbreitung und Förderung der arabischen Sprache die Rede ist, halten sie an ihren Schätzen fest. Wenn die muslimischen Minderheiten nicht aus Liebe und Verbundenheit zu ihrer Religion, ihrem Gesandten (s.a.w.) und ihrem Buch aus eigener Initiative Schulen und Hochschulen gegründet hätten, um Arabisch zu lernen – als Grundlage für den Koran, Hadithe, Gottesdienst und religiöse Übungen, die islamische Kultur sowie Eintracht und Verständigung innerhalb der muslimischen Umma –, würden wir außerhalb der arabischen Welt keinen einzigen Menschen sehen, der Arabisch kann.

Unter der Leitung von Prinz Muhammad al-Faisal Al Saud und der Führung von Dr. Tawfiq al-Shaʿbi organisiert die „Association of Arab Schools“ in zahlreichen Ländern Afrikas und Asiens einige nützliche Kurse zur Lehre und Verbreitung der arabischen Sprache und leistet zu diesem Zweck auch Unterstützung für Bildungseinrichtungen. Diese Initiative ist lobenswert.

5. Für die muslimischen Minderheiten werden Prediger oder Mubaligh und Lehrer benötigt, die die Sprachen der Minderheiten beherrschen. Sie sollen unter ihnen leben, den Unwissenden Wissen vermitteln, die Irregeleiteten ermahnen, verschiedene Fragen beantworten und Fatwas erteilen sowie die Menschen auf der Grundlage von Frömmigkeit, Gottesfurcht, Harmonie und gutem Willen durch das Band der Einheit miteinander verbinden.

Allerdings müssen wir uns vor zerstörerischen Mubaligh hüten. Sie schaden der Gesellschaft nicht nur, sondern entfachen durch sinnlose Streitigkeiten und Auseinandersetzungen das Feuer von Hass und Feindschaft. Einige dieser Mubaligh mögen eine gute Absicht haben; wenn diese Absicht jedoch mit Unwissenheit verbunden ist, verursacht sie mehr Schaden als Nutzen. Ein altes Sprichwort sagt: Ein gebildeter Feind ist weniger gefährlich als ein unwissender Freund.

6. Es ist notwendig, Treffen, Begegnungen und Gespräche der Minderheiten mit herausragenden Intellektuellen, Pädagogen und Mubaligh zu organisieren. Dadurch werden sich vor ihnen neue Horizonte des Denkens eröffnen und ihr Kampfgeist wird neu belebt. Solche Begegnungen, Treffen und Symposien sollten so häufig wie möglich veranstaltet werden, damit die in verschiedenen Ländern fern vom Herzen der Umma lebenden Brüder aus den Minderheiten sich weder vom Hauptstrom der Umma vernachlässigt noch vom Mitgefühl des Zentrums und der Führungspersönlichkeiten der islamischen Bewegung abgeschnitten fühlen.

7. Wahrscheinlich besteht ihr dringendstes Bedürfnis darin, sich an einer gemeinsamen Front zu vereinen, damit sie ihre Existenz und ihre religiöse Identität bewahren können. Es ist bedauerlich, dass sich die Minderheiten auf der ganzen Welt, um ihre Existenz gegenüber den Mehrheiten zu stärken, unter Verzicht auf alle Unterschiede vereinen, während die muslimischen Minderheiten ständig gegeneinander vorgehen und ihre Zeit und Kraft mit unnötigen und sinnlosen Streitigkeiten verschwenden, insbesondere mit religiösen Auseinandersetzungen über Fragen des Fiqh und der Aqida.

Es ist die Pflicht aller Muslime, gemäß dem Gebot Allahs füreinander einzustehen. Für die Muslime genügt dies bereits: Sie verfügen über ein Gefühl der Einheit, von dem aus sie ihren Weg beginnen können. Sie sind im Glauben an Allah, den Gesandten und den Heiligen Koran vereint. Ich sage dies, obwohl ich weiß, dass auch die Muslime im Zentrum der muslimischen Welt viel Leid und Not erfahren. Wie sollte es dann möglich sein, dass die muslimischen Minderheiten außerhalb der muslimischen Welt keine Beschwerden und Klagen haben? Wenn schon die Muslime in muslimischen Ländern unter der Unterdrückung und Ungerechtigkeit von Herrschern leiden, die den Namen Muslim tragen, wie können wir dann erwarten, dass die Muslime in nichtmuslimischen Ländern unter nichtmuslimischen Herrschern – ob Christen, Kommunisten oder Heiden – keinerlei Beschwerden haben?

Führungsloses Volk

Das schwerwiegendste Problem der über die ganze Welt verstreuten Muslime und muslimischen Minderheiten besteht darin, dass diese gewaltige, wachsende Bevölkerungsgruppe keine Führung besitzt, die ihr in allen Angelegenheiten Orientierung geben kann.

Einst besaßen wir ein Kalifatssystem, das die muslimische Nation unter einem Banner vereinte. Wir hatten einen Kalifen, der die zentrale Führung der vereinten Umma verkörperte. Die Feinde des Kalifatssystems verschworen sich gegen es und zerschlugen diese erhabene Institution, das Symbol der Einheit der muslimischen Nation. Uns blieb weder eine gemeinsame Existenz noch ein Banner, unter dem wir uns versammeln konnten.

Wir haben das Kalifatssystem verloren. Doch wir konnten auch kein alternatives System entwickeln. Daher müssen wir ohne jede Führung unseren Weg gehen.

Das Christentum verfügt über eine eigene Führung, die von seinen Anhängern anerkannt wird. Diese Führung ist eine gut organisierte religiöse Leitung mit eigenen Institutionen, Traditionen und personellen Ressourcen. Hinsichtlich ihrer finanziellen Unterstützung und Mittel steht sie nach den Vereinigten Staaten und Russland an dritter Stelle. Christliche Missionare sind in der ganzen Welt, einschließlich der muslimischen Länder, verbreitet. Wir Muslime hingegen haben weder einen ehrwürdigen Kalifen noch einen Papst. Wir gleichen jenem Waisenkind, dessen Klopfen an jede Tür ihm unmittelbar vor dem Gesicht zugeschlagen wird.

Einst gab es ein Amt, das als Schaich al-Islam bekannt war. Zwar gab es im Islam kein staatliches Amt dieses Namens. Doch einige Gelehrte waren so wissend, angesehen und fromm, dass die muslimische Bevölkerung sie ehrerbietig mit diesem Titel anredete. Die heutige Gelehrtenschaft enthält sich im Gleichschritt mit den Herrschern nicht nur der Äußerung gerechter Worte, sondern gibt auch irreführende Stellungnahmen ab. Deshalb hat die Bevölkerung das Vertrauen in viele große Schaiche verloren. Daher wird heute kein Gelehrter mehr als Schaich al-Islam bezeichnet. Auf Anweisung ihrer Herren setzen diese Gelehrten große finanzielle Mittel und vielfältige Ressourcen ein, um die wahrhaftigen Gelehrten, die den Verlockungen trotzen, zu isolieren oder herabzusetzen, und zwar so lange, bis der Widerstand dieser wahrhaftigen Gelehrten gebrochen ist und sie von der Bevölkerung abgeschnitten sind.

Die Mission der Bewegung

Die Islamische Bewegung muss die Führung über diese verlorene Führung der muslimischen Nation mit all ihren Denkrichtungen und Gruppen übernehmen. Bis aus ihren Reihen ein wahrer Schaich al-Islam hervorgeht, der für Gefolgschaft und Unterstützung geeignet ist, wird die Bewegung mit Hilfe wahrhaftiger Gelehrter die Rolle der Führung ausüben. Der Schaich al-Islam, der künftig hervorgehen wird, muss in der Lage sein, im erforderlichen Augenblick die größere muslimische Umma aufzurufen, und dieser Aufruf muss auch Gehör finden.

Muslime im Ausland

Neben den muslimischen Minderheiten, die in Europa, Amerika, Australien und im Fernen Osten leben, muss die Islamische Bewegung auch den Einwanderern, die aus muslimischen Ländern ausgewandert sind, besondere Aufmerksamkeit widmen.

Gründe für die Bedeutung

Muslimische Einwanderer sind heute keineswegs mehr wenige. Ihre Zahl geht inzwischen in die Millionen. Besonders in Frankreich gibt es eine große Zahl von Nordafrikanern. In Großbritannien leben Bangladescher, Inder und Pakistaner. In Deutschland ist die Präsenz der Türken bemerkenswert. In den Vereinigten Staaten ist die Zahl der Muslime aufgrund der Präsenz muslimischstämmiger Amerikaner beträchtlich; ihre Vorfahren waren vor langer Zeit aus Afrika entführt und dorthin verschleppt worden. Darüber hinaus ist die Zahl der Muslime dort auch infolge der umfangreichen Einwanderung gestiegen. Es gibt kein westliches Land ohne vorübergehende Einwanderer, die dorthin zum Studium oder zur Arbeit gegangen sind. Viele andere gehen auch dorthin, um sich dauerhaft niederzulassen.

Seitens der Organisation der Islamischen Konferenz gibt es zahlreiche Empfehlungen zur Vergabe von Stipendien ausschließlich für das Studium von Wissenschaft und Technologie in denjenigen muslimischen Ländern, in denen es dafür keine entsprechenden Ausbildungsmöglichkeiten gibt. Darüber hinaus gehen täglich zahlreiche Studentinnen und Studenten auf eigene Kosten oder auf Kosten ihres Landes ins Ausland, um dort zu studieren. Andere verlassen muslimische Länder auf der Suche nach Arbeit oder aus Gründen der Sicherheit beziehungsweise der Freiheit. Der allmächtige Allah sagt in Sure al-Ankabut Nr. 56 im Vers: O meine gläubigen Diener! Wahrlich, Meine Erde ist weit; so dient allein Mir. In den westlichen Ländern begann die islamische Bewegung zunächst unter Allahs Führung, nicht nach dem Plan irgendeiner islamischen Organisation. Junge Männer und Frauen gingen in die westliche Welt, um angesichts der Konflikte und Auseinandersetzungen in ihrer Heimat ihren Glauben zu bewahren und Wissen, Freiheit und Sicherheit zu erlangen. Dort erhielten sie hervorragende Möglichkeiten zu arbeiten und unter den Einwanderern, Gelehrten und anderen Menschen aus dem Osten Daʿwa-Aktivitäten zu verbreiten.

Die Präsenz des Islam im Westen

In der heutigen Zeit ist die Präsenz islamischer Gruppen in den Gesellschaften erforderlich, die die Weltpolitik beeinflussen. Die Präsenz islamischer Gruppen in Europa, Süd- und Nordamerika sowie Australien ist unerlässlich. Denn:

1. Die Präsenz islamischer Gruppen ist erforderlich, um unter Nichtmuslimen durch gute Worte, vernünftige Gespräche und vorbildliches Verhalten die Botschaft des Islam zu verbreiten.

2. Die Existenz islamischer Gemeinschaften ist unerlässlich, um das Verhalten der Neubekehrten zu beaufsichtigen und ihren Glauben in einem islamischen Umfeld zu pflegen, das eine gesunde islamische Lebensweise unterstützt.

3. In den westlichen Ländern müssen Neuankömmlinge, insbesondere Gelehrte und Einwanderer, willkommen geheißen werden, damit diese neu eingetroffenen Muslime mit den Ansar in Kontakt kommen, die die Neuankömmlinge in ihren Ländern aufnehmen und den neu eingetroffenen Muhadschirun beim Aufbau eines islamischen Umfelds zu Hilfe kommen.

4. Die Präsenz islamischer Gruppen ist erforderlich, um die Interessen der muslimischen Umma und der muslimischen Gebiete gegen den aktiven Widerstand und die Propaganda islamfeindlicher Kräfte zu schützen.

Es ist nicht richtig, dass das Christentum in diesen Ländern ungehindert eine alleinige Vorherrschaft ausübt oder dass sich nur das Judentum als Gegenpartei mit ihnen verbündet und gegen die Muslime wendet. Dies habe ich unseren muslimischen Brüdern in Amerika, Kanada, Australien und anderen Ländern bereits vor mehreren Jahren dargelegt. Natürlich muss diese Aufgabe auf der Grundlage einer soliden Planung, einer geeigneten Organisation und des Fiqh der Prioritäten bewältigt werden. Deshalb sollten wir uns darum bemühen, die geeignetsten Orte, die besten Programme und die wirksamsten Strategien zu nutzen. In bekannten Ländern und Städten sollten die Muslime eigene soziale Einrichtungen sowie religiöse, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen haben. Unter den im Ausland lebenden Muslimen müssen sich auch Gelehrte und religiöse Führer befinden, damit die Auswanderer Fragen stellen und Antworten erhalten können und die Gelehrten bei Meinungsverschiedenheiten oder Konflikten die richtige Orientierung geben können.

Konservatismus und Liberalität

Zu den Brüdern, die im Ausland leben, sage ich: Bemüht euch, eure kleine Gemeinschaft innerhalb der größeren Gesellschaft zu bewahren. Andernfalls werdet ihr nicht in der Lage sein, eure Existenz zu bewahren, und ihr werdet aufgehen. Die Juden haben über mehrere Jahrhunderte hinweg durch ihre eigenen Denkweisen und Bräuche ihre besondere Eigenart bewahrt. Auch die Muslime müssen ihre Eigenart bewahren.

Ich sage nicht, dass wir unsere Türen für die Menschen um uns herum schließen sollen. Das käme dem Tod gleich. Was nötig ist, besteht darin, mit offenem Geist den Kontakt zu den Menschen aufrechtzuerhalten, um ihnen die Botschaft eines einheitlichen Ideals zu vermitteln. Diese Liberalität bedeutet weder, andere nachzuahmen, noch jedem ihrer Schritte zu folgen.

Seit langer Zeit hören wir eine Klage: Aufgrund des Fehlens geeigneter Möglichkeiten in der Heimat kommt es durch die Auswanderung zahlreicher Wissenschaftler und Fachleute zu einem Abfluss arabischer und muslimischer Talente.

Wenn diese Klage berechtigt ist, dürfen sie keinesfalls ihre Loyalität gegenüber ihrer eigenen Religion, Nation, Kultur und Heimat verlieren. Wir müssen alle Arten von Anstrengungen fortsetzen, um ihre Loyalität und Verbundenheit mit der Bevölkerung und ihrem Aufenthaltsland sicherzustellen. Dies ist jedoch nur möglich, wenn sie Allah, dem Gesandten Allahs (s.a.) und den Interessen der Muslime gegenüber loyal sind. Diese Loyalität ist auch dann zu erwarten, wenn sie nicht nur mit ihren eigenen Interessen, sondern auch mit dem Leid und den Nöten ihrer Nation Mitgefühl empfinden.

Es gehört ebenfalls zu den Pflichten der Islamischen Bewegung, darauf zu achten, dass die Auswanderer nicht im materialistischen Leben des Westens aufgehen. Die im Ausland Lebenden müssen auch dafür sensibilisiert werden, woher sie gekommen sind.

Verschiedene islamische Studentenorganisationen haben in den vergangenen drei Jahrzehnten auf diesem Gebiet eine lobenswerte Rolle gespielt. Zuvor hatten Linke, Nationalisten und Säkularisten diese Organisationen unter ihre Kontrolle gebracht, und ihre Aktivitäten wurden unter deren Leitung durchgeführt. Für diejenigen, die über die islamischen Aktivitäten in der westlichen Hemisphäre informiert sind, ist der Beitrag der Muslim Student Association (MSA) in den Vereinigten Staaten und Kanada nicht zu leugnen. Sie richteten an verschiedenen Orten Zweigstellen ein und organisierten auch mehrere Konferenzen. Aus der MSA als Hauptorganisation gingen die Union of Islamic Sociologists, die Society of Muslim Scientists and Engineers, die Islamic Medical Society, die Islamic Society of North America und weitere Organisationen hervor. Um den Vorteil zu haben, von einer normalen gesellschaftlichen Position aus zu arbeiten, wurde beschlossen, das Zentrum der Bewegung in den Vereinigten Staaten zu belassen.

Pflichten der im Ausland Lebenden

Ich habe mehrere Jahre an den von der Union of Muslim Students veranstalteten Konferenzen teilgenommen. Bei diesen Veranstaltungen finde ich eine Quelle der Freude. Das gilt auch für die Muslim Student Society of Britain, die Federation of Student Islamic Societies und andere Organisationen in Europa.

In meinen Gesprächen mit den im Ausland Lebenden habe ich sie stets an fünf Pflichten erinnert:

1.. Pflicht des im Ausland Lebenden gegenüber sich selbst : sich selbst zu schützen und seine Fähigkeiten zu erweitern.

2.. Pflicht gegenüber der Familie: die Familie vor dem Zerfall zu bewahren und sie auf der Grundlage des Islam zu führen.

3. Der eigenen muslimischen Gemeinschaft gegenüber besteht die Pflicht: sie auf einer Plattform zu vereinen.

4. Der benachbarten nichtmuslimischen Gemeinschaft gegenüber besteht die Pflicht: sie durch Weisheit und gute Ermahnung auf den Weg Allahs einzuladen.

5. der muslimischen Umma zum Schutz ihrer Interessen die Pflicht des im Ausland lebenden Muslims : ihre Interessen zu berücksichtigen und ihnen eine helfende Hand zu reichen.

Warnender Hinweis

Ich möchte vor zwei Dingen warnen: einer rassistischen und nationalistischen Gesinnung sowie Extremismus und Uneinigkeit. Bedauerlicherweise sehen wir unter einigen muslimischen Gruppen zum Ausdruck kommende rassistische und nationalistische Gesinnungen. Jede solche Gruppe hält ihre Mitglieder voneinander getrennt. Die einzige Ausnahme bilden diejenigen, die Allahs Barmherzigkeit vor diesem Unrecht bewahrt.

Sogar Moscheen werden als den verschiedenen Gruppen zugehörig gekennzeichnet. Das ist nicht verwunderlich. Wenn Sie in eine Stadt kommen, kann man Ihnen sagen: Dies ist die Moschee der Türken, jene Moschee gehört den Marokkanern, die dritte den Jugoslawen, die vierte den Indern, die fünfte den Pakistanern, die sechste den Arabern oder einer anderen arabischen Gruppe. Und in den Vereinigten Staaten gibt es selbstverständlich besondere Moscheen für schwarze Muslime.

Der Islam ist gekommen, um die verschiedenen Meinungsverschiedenheiten unter den Menschen zu beseitigen und sie auf den Rang der Gleichheit zu stellen. Die Moschee ist der von Allah gewiesene Weg, dieses Ziel zu erreichen. Wie kann sie dann ein Weg der Spaltung sein?

Es stimmt, dass diese Trennung bei der ersten Generation der im Ausland lebenden Muslime anfangs notwendig war, weil sie die örtliche Sprache nicht beherrschte. Doch bis sich in jedem Land oder jeder Stadt unter den verschiedenen muslimischen Bevölkerungsgruppen eine verständliche gemeinsame Sprache herausgebildet hätte, hätte man diese Situation dadurch beheben können, dass in derselben Moschee für jede Gruppe eigene Ansprachen angeboten wurden. Obwohl diese getrennte Regelung in den meisten Fällen inzwischen unnötig geworden ist, bestehen manche Moscheen weiterhin unter dem Namen einer bestimmten Gruppe oder Volksgemeinschaft. Eine Moschee sollte ausschließlich allen Muslimen offenstehen. Und die Flagge, unter der sich alle im Ausland lebenden Muslime versammeln sollten, ist selbstverständlich die Flagge des Islam.

Die im Ausland lebenden Muslime werden nur dann stark sein, wenn sie sich vereinen und einander zu Hilfe kommen. Denn Einigkeit ist Stärke, Uneinigkeit Schwäche. Zusammenhalt ist immer wünschenswert, aber in einem fremden Land ist er noch notwendiger, da jeder die Gesellschaft eines anderen wie er selbst braucht, um die Einsamkeit zu überwinden.

Zweitens möchte ich vor Extremismus und der Beschäftigung mit unbedeutenden Kleinigkeiten warnen. Obwohl diese abnorme Erscheinung seit einiger Zeit in den westlichen Ländern beobachtet wird, befindet sie sich noch im Anfangsstadium.

Die muslimischen Brüder aus dem Osten sollten ihre Meinungsverschiedenheiten und Probleme nicht in den Westen importieren. Andernfalls werden diese negativen Aspekte in ihrer neuen Heimat wieder ihr Haupt erheben. Denn Ort, Zeit und Umstände haben sich für sie verändert. Die im Ausland lebenden Muslime haben von ihren religiösen Lehrern gelernt, dass sich mit der Veränderung von Ort, Zeit und Umständen auch die Fatwas verändern. Warum handeln sie also nicht entsprechend dem, was sie gelernt haben?

Vor etwa zehn Jahren besuchte ich das Islamische Zentrum von Los Angeles. Dort fragten mich einige Menschen mit negativer Einstellung: Sollte man in der Moschee Filme zeigen, selbst wenn sie lehrreich sind? Ich antwortete: Welchen Schaden könnte das anrichten? Wenn diese Filme zu guten Taten erziehen, ist es doch eine Form des Gottesdienstes, sie anzusehen. Und die Moschee ist schließlich ein Ort des Gottesdienstes sowie ein Forum für Wissen und Bildung.

Ich sagte außerdem, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Abessiniern erlaubt hatte, in seiner Moschee mit Speeren zu tanzen, und seine Ehefrau, Hazrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, dazu ermutigt hatte, ihnen beim Tanzen zuzusehen und sie zum Weitermachen anzuspornen.

Andere fragten: Darf man Frauen, die keine islamische Kleidung tragen, zum Anhören von Predigten und Ermahnungen die Moschee betreten lassen? Ich antwortete: Ja. Wenn wir ihnen verbieten, in die Moschee zu kommen, wo sonst werden sie die Botschaft des Islam und das Wort Allahs hören? Wenn wir ihnen den Eintritt in die Moschee verbieten und sie daran hindern, Predigten und Ermahnungen zu hören, werden wir sie für immer verlieren. Die Einladung zur Religion wird sie nicht erreichen. Wenn sie jedoch die Möglichkeit erhalten, in die Moschee zu kommen, besteht die Hoffnung, dass Allah sie rechtleiten und sie auf den Weg des Islam führen wird.

Als ich dieses Manuskript für die Druckerei vorbereitete, erhielt ich einen Brief von meinem verehrten Bruder, dem Wissenschaftler, Dichter und Fürsprecher des Islam, Dr. Hasan. In dem Brief schilderte er zahlreiche Aktivitäten des Islamischen Zentrums von Los Angeles sowie dessen Arbeit zur Unterstützung aller Menschen, seien sie Muslime oder Nichtmuslime. Jeder Muslim würde sich freuen, diesen Brief zu lesen. Denn er macht deutlich, dass der Islam niemals verschwinden wird, wenn die Menschen ihre Anstrengungen mit richtigem Verständnis und aufrichtiger Absicht fortsetzen.

Politische Freiheit und Demokratie

In der kommenden Phase besteht die Aufgabe der Islamischen Bewegung darin, sich gegen autokratische und diktatorische Herrschaft, politische Willkür und die Beraubung der Rechte des Volkes zu stellen. Die Bewegung muss sich lautstark für politische Freiheit einsetzen, die nicht eine Scheindemokratie, sondern eine echte Demokratie verkörpert. Sie muss unmissverständlich erklären, dass sie ungerechte Herrscher nicht anerkennt und keinerlei Beziehungen zu Diktatoren unterhält. Dies gilt selbst dann, wenn ein ungerechter Herrscher vorübergehend und zum Erreichen eigener Interessen scheinbar Wohlwollen gegenüber der Bewegung zeigt.

Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Wenn du siehst, dass meine Umma in Angst und Schrecken versetzt worden ist und niemand zu einem Unrechtbegehenden sagt: „Du begehst Unrecht“, dann kannst du jede Hoffnung in sie(al- Hakim)aufgeben. Was ist dann im Falle hochmütiger, ungerechter Herrscher zu tun, die das Volk dazu zwingen, zu ihnen zu sagen: „Wie gerecht, wie großartig Sie sind, o unser Held, unser Retter und Befreier!“

Der Koran hat nicht nur Nimrod, Pharao, Haman und andere tyrannische Herrscher verurteilt, sondern auch jene Menschen getadelt, die ihnen folgen und ihren Befehlen gehorchen. Der allmächtige Allah tadelte das Volk Noahs und sagte: Sie folgten Menschen, deren Besitz und Kinder nicht ihren Wohlstand, sondern ihren Schaden mehrten (Sure Nuh: 21)।

Der erhabene Allah sagt auch über das Volk Huds: Sie folgten dem Befehl jedes hochmütigen Tyrannen (Sure Hud: 59)।

Über die Leute des Pharao wird berichtet: Sie folgten weiterhin dem Befehl des Pharao, und der Befehl des Pharao war keineswegs richtig (Sure Hud: 97). An anderer Stelle heißt es im Al-Qur’an: Und sie gehorchten ihm. Wahrlich, sie waren zutiefst gegen Allah rebellisch (Sure Az-Zuchruf: 54)।

Wenn man die Geschichte der muslimischen Umma und der islamischen Bewegung in der modernen Zeit aufmerksam betrachtet, wird deutlich, dass sich islamisches Denken, die islamische Bewegung und das islamische Erwachen ohne ein demokratisches und freies Umfeld weder entwickelt noch als wirksam erwiesen haben. Der Wunsch der Menschen, am Islam festzuhalten, wurde während der Herrschaft autoritärer und unterdrückerischer Herrscher unterdrückt, wodurch Bewegung und Erwachen behindert wurden. Die Diktatoren zwangen der Bevölkerung neben geheimer Folter und öffentlichen Hinrichtungen auch durch andere grausame Methoden Sozialismus, Kommunismus und Säkularismus auf.

Wir haben dieses grausame Verhalten zu verschiedenen Zeiten in zahlreichen muslimischen Staaten während der Herrschaft von Diktatoren erlebt, darunter in der Türkei, Ägypten, Syrien, Irak, Südjemen, Somalia und den Ländern Nordafrikas.

Andererseits wird die islamische Bewegung unter Bedingungen der Freiheit und demokratischen Herrschaft wirksam und entwickelt sich weiter. Nach dem Sturz jener Regierungen, die über die Bevölkerung eine Herrschaft des Schreckens und der Unterdrückung errichtet hatten, konnte man beobachten, wie die islamische Bewegung neues Leben gewann. Daher kann ich mir nicht einmal vorstellen, dass die islamische Bewegung irgendetwas anderes als politische Freiheit und Demokratie unterstützen könnte oder dass Diktatoren jede Stimme außer der Stimme des Islam laut werden lassen und jede Denkweise und Ideologie außer dem islamischen Denken und Bewusstsein – sei es in politischer oder irgendeiner anderen Form – zum Ausdruck kommen lassen würden. Dabei bringt gerade das islamische Denken zum Ausdruck, was im Herzen dieser Umma lebt, und verkörpert deren Glaubensüberzeugungen, Werte, Bewusstsein und Existenz.

Allerdings lehnen manche Islamisten die Demokratie ab. Sie sind nicht einmal gegenüber dem Wort „Demokratie“ tolerant. Hier möchte ich mit Nachdruck sagen: Der Islam ist keine Demokratie, und die Demokratie ist kein Islam. Vielmehr würde ich sagen, dass der Islam mit keinem anderen Prinzip oder Verfahren gleichzusetzen ist. Hinsichtlich seiner Ziele, Wege und Methoden ist der Islam einzigartig. Ich möchte nicht, dass die westliche Demokratie samt ihren schlechten Seiten im Islam einen Platz findet. Nur indem wir unsere eigenen Werte und Ideale hinzufügen, können wir die westliche Demokratie in unser umfassendes Gefüge integrieren.

Die politischen Grundsätze, die der Islam auf der Welt verwirklicht, um den Wünschen und Launen der Herrscher Einhalt zu gebieten, stehen jedoch den von der Demokratie entwickelten Mechanismen und Schutzvorkehrungen sehr nahe. Diese Grundsätze sind: die Beratung oder Schura, guter Rat, das Gebieten des Guten und das Verwehren des Schlechten, der Ungehorsam gegenüber ungerechten Befehlen, der Widerstand gegen den Kufr und die Beseitigung von Unrecht und Ungerechtigkeit, notfalls unter Einsatz von Gewalt. Nur in der Demokratie kommt die Macht des Parlaments innerhalb der politischen Freiheit deutlich zum Ausdruck. Wenn die Verfassung verletzt wird, können die Vertreter des Volkes jeder Regierung das Misstrauen aussprechen. Nur in einem solchen Umfeld sind eine freie Presse, ein freies Parlament, Oppositionsparteien und die Stärke des Volkes in größtmöglichem Maße spürbar.

In diesem Zusammenhang befürchten viele, dass die Demokratie das Volk sogar im Bereich der Gesetzgebung als Quelle der Macht betrachtet, obwohl das Gesetz allein Allah gehört. Diese Befürchtung ist unbegründet, denn die Bevölkerung, von der wir sprechen, besteht mehrheitlich aus Muslimen und hat Allah als ihren Herrn, Muhammad (s.a.w.) als Gesandten und den Islam als ihre Religion anerkannt. Von dieser Bevölkerung ist gewiss nicht zu erwarten, dass sie ein Gesetz erlässt, das dem Islam und den unverletzlichen Grundsätzen sowie den endgültigen Vorschriften des Islam widerspricht.

Jede Bestimmung, die den unverletzlichen Vorschriften des Islam widerspricht, gilt als nichtig. Diese Befürchtung kann jedoch durch die Aufnahme eines Artikels ausgeräumt werden, der dies ausdrücklich festlegt. Denn der Islam ist die Staatsreligion, und da der Staat die Quelle der Legitimität aller Institutionen und Bräuche ist, darf dieser Grundsatz nicht verletzt werden.

Es muss festgehalten werden, dass das Gesetz Allah gehört. Die Anerkennung dieses Grundsatzes entzieht der Nation nicht ihr Recht, die notwendigen Gesetze und Regelungen für das sich ständig wandelnde Leben und die weltlichen Angelegenheiten zu erlassen.

Wir wollen Gesetze und Regelungen innerhalb der Grenzen des grundlegenden Korans, der übergeordneten Ziele der Scharia und der wesentlichen Botschaft des Islam erlassen. Die Zahl der verpflichtenden Gebote und Verbote ist sehr gering, während der Bereich des Erlaubten beziehungsweise der offene Raum für die Gesetzgebung sehr weit ist. Die Vorschriften und Bestimmungen des Korans sind so flexibel und umfassend, dass sie Raum für mehrere Erkenntnisse lassen und mehrere Auslegungen zulassen. Daher sind im weitläufigen Rahmen des Islam mehrere Rechtsschulen und Denkrichtungen entstanden.

Vor Kurzem haben wir einige in Katar eingeführte Gesetze untersucht und festgestellt, dass sie zahlreiche Artikel enthalten, die auf der Grundlage der Verwirklichung des Wohls und der Abwendung des Übels formuliert wurden. Im Koran werden diese Angelegenheiten jedoch, abgesehen von ein oder zwei Fällen, nicht unmittelbar erwähnt.

Die größte Bedrohung für die muslimische Umma und die islamische Bewegung ist die pharaonische Gesetzgebung. Die Pharaonen glaubten, ihre Meinung sei unfehlbar und richtig und könne niemals falsch sein. Solche Herrscher folgen der Argumentation des Pharao: Ich zeige nur den Weg, den ich für richtig halte, und weise euch nur den Weg zum Guten (Sure al-Mu’ʾmin: 29)।

Diese Herrscher weisen jede ihnen widersprechende Meinung zurück und beschuldigen sie sogar, ebenso wie der Pharao über Musa sagte: Ich fürchte, dass er eure Religion verändern oder im Land Unruhe stiften wird (Sure al-Mu’ʾmin: 26)।

Ethnische und religiöse Minderheiten

Die Islamische Bewegung muss gegenüber den ethnischen oder nationalen und religiösen Minderheiten in der muslimischen und arabischen Welt eine eindeutige Haltung einnehmen.

Ethnische Minderheiten: Lösung des Problems

In der islamischen Ordnung stellen anthropologische oder ethnische Minderheiten kein Problem dar. Denn der Islam versammelt alle Bevölkerungsgruppen auf der Grundlage eines einzigen Glaubens, einer einzigen Gebetsrichtung und enger Brüderlichkeit auf einer gemeinsamen Plattform.

Aus islamischer Sicht bilden alle Muslime unabhängig von Rasse, Sprache und Heimat ein Volk. Der Islam betrachtet alle Muslime arabischer, persischer, berberischer, kurdischer, türkischer, indischer oder jeder anderen ethnischen Herkunft gleich. Selbst der gesellschaftlich niedriggestellte Mensch unter ihnen ist kraft seiner eigenen Identität ebenso berechtigt zu sprechen wie der höchstgestellte, und sie treten als ein Leib und eine Seele dem Feind entgegen. Der Allmächtige Allah sagt über sie: Die Gläubigen sind allesamt Brüder (Sure al-Hudschurat: 10)।

Kein Araber ist einem Nichtaraber, kein Nichtaraber einem Araber, kein Weißer einem Schwarzen und kein Schwarzer einem Weißen überlegen, außer durch Taqwa. Der erhabene Allah hat gesagt: Wahrlich, der Angesehenste von euch bei Allah ist derjenige unter euch mit der größten Taqwa (Sure al-Hudschurat: 13)।

Welche angesehene Stellung Sulaiman aus Persien, Bilal aus Abessinien und Suhaib aus dem römischen Reich in den Augen aller Muslime aller Zeiten innehatten, ist jedem wohlbekannt.

Kein Gelehrter des Islam kann den Beitrag leugnen, den nichtarabische Gelehrte für den Islam und die arabische Sprache geleistet haben. Die Geschichte des Islam ist reich an Beispielen solcher berühmten Gelehrten und herausragenden Persönlichkeiten, etwa al-Hasan al-Basri, Ibn Sirin, Ata, Said ibn Dschubair, Abu Hanifa, al-Buchari, Muslim, Abu Dawud, at-Tirmidhi, an-Nasai, Ibn Madscha und andere.

Obwohl sie im Grunde alle Nichtaraber waren, wurden sie dank des Islam als Araber bekannt. Arabisch wurde zu ihrer Sprache, damit sie in der Sprache des Korans sprechen, schreiben und forschen konnten. In einem von Ibn Asakir überlieferten Hadith heißt es: Um Araber zu sein, braucht man keine arabischen Eltern; die Sprache genügt. Wer Arabisch spricht, ist ein Araber.

Die Herzen und Gemüter derjenigen, die bei ihrer Annahme des Islam – wie die Kurden, Berber, Perser, Malaysier und andere Nichtaraber – Arabisch nicht als Muttersprache annahmen, wurden durch die islamische Kultur beziehungsweise den Einfluss des Islam arabisiert. Denn vor vielen Jahrhunderten betraten gerade die Araber, von Allah inspiriert, ihre Länder und brachten ihnen die Botschaft des Islam, um ihnen den geraden Weg zu weisen.

Jeder Muslim liebt die arabische Sprache, denn sie ist die Sprache des Korans, der Sunna und der Anbetung. Jeder Muslim liebt das arabische Land, denn dort befinden sich die Kaaba, die Prophetenmoschee und das gesegnete Grabmal des Gesandten Allahs (s.a.w.). Jeder Muslim liebt die Araber, denn sie sind die unermüdlichen Wächter des Gesandten Allahs (s.a.w.) und des Islam und haben den Islam in der ganzen Welt verbreitet. Ein altes Sprichwort lautet: Wenn die Araber stark sind, wird auch der Islam stark sein; wenn sie schwach sind, wird auch der Islam schwach sein.

Aus islamischer Sicht gibt es kein ethnisches oder Rassenproblem; vielmehr kann allein die islamische Sichtweise eine unfehlbare Lösung für ethnische oder Rassenprobleme bieten. Wenn die Araber jedoch zum arabischen Nationalismus aufrufen, der keinen Bezug zum Islam hat, werden die Kurden den kurdischen Nationalismus fordern und die Berber Parolen des berberischen Nationalismus anstimmen. Wenn dies so weitergeht, wird eine Umma zweifellos zerrissen werden. Sogar in den einzelnen Ländern werden ethnische Gefühle wie in den Tagen der Dschahiliyya wieder aufleben – jene Engstirnigkeit, die allein durch den Islam und die islamische Brüderlichkeit überwunden worden war. Unser ehrwürdiger Prophet (s.a.w.) hat sich von jedem losgesagt, der blinden Nationalismus oder Stammesdenken propagiert, dafür kämpft oder dafür stirbt.

Die Lösung des Minderheitenproblems

Der Lösung des Problems der religiösen Minderheiten sollte angemessene Aufmerksamkeit gewidmet werden. In einem Artikel bezeichne ich sie als nichtmuslimische Gemeinschaften innerhalb der muslimischen Gesellschaft. Das Problem der nichtmuslimischen Gemeinschaften sollte offen und mit unvoreingenommenem Geist gelöst werden, nicht durch politische Hintergedanken und Heuchelei.

Meine Forschungsarbeit „The Inevitability of the Islamic Solution“ befasst sich mit der islamischen Sichtweise gegenüber diesen Minderheiten. Ohne mich zu wiederholen, möchte ich einige ihrer Aspekte kurz darlegen:

Erstens behaupten gewöhnlich die Säkularisten, die weder dem Islam noch dem Christentum gegenüber loyal sind, dass die islamische Lösung und das islamische Recht der Freiheit der Nichtmuslime entgegenstehen. Diese Behauptungen entbehren jeder Grundlage. Denn sie vergessen oder ignorieren einen weiteren wichtigen, ja noch bedeutenderen Aspekt: Der Verzicht auf das islamische Recht und die islamische Lösung im Interesse der nichtmuslimischen Minderheiten steht dem freien Recht der muslimischen Mehrheit entgegen, ihre religiösen Gebote zu befolgen. Wenn die Rechte der Minderheit den Rechten der Mehrheit widersprechen, welches Recht soll dann größeres Gewicht haben?

Die Demokratie, für die sich die Säkularisten lautstark einsetzen, beruht auf dem Argument, dass die Rechte der Mehrheit Vorrang vor den Rechten der Minderheit haben sollen. Diese Regel gilt in allen Ländern der Welt. Ein Verfahren, das die Zustimmung aller finden würde, ist bisher nicht entwickelt worden. Denn der Mensch wurde mit vielfältigen Neigungen erschaffen. Nicht alle können jemals dieselbe Sache akzeptieren. Für ein etabliertes Verfahren genügt es, dass die Mehrheit der Menschen es annimmt und dass es der Minderheit kein Unrecht oder keine Ungerechtigkeit zufügt und nicht gegen die religiösen Vorschriften der Minderheit verstößt. Wenn Christen und Angehörige anderer Religionsgemeinschaften ihre Rechte aufgeben, damit die Muslime ihre Angelegenheiten gemäß ihrer Religion regieren und in der Hoffnung auf Allahs Barmherzigkeit Sein Gesetz durchsetzen können, entsteht ihnen daraus kein Schaden.

Wenn die religiösen Minderheiten dies nicht tun, sondern darauf drängen, dass die Mehrheit ihre Rechte aufgibt, käme dies der Auferlegung einer Diktatur der Minderheiten über die Mehrheit gleich. Beispielsweise wäre es die Herrschaft von drei Millionen Angehörigen der Minderheit über vierzig Millionen Angehörige der Mehrheit. Eine solche Situation ist weder aus religiösen noch aus säkularen Gründen akzeptabel. Außerdem stellt sich die Frage eines Verzichts der muslimischen Mehrheit auf ihre Rechte überhaupt nicht, denn dies käme einem Abfall vom Glauben gleich, dessen von Allah festgelegte Strafe die Hölle ist.

Zweitens beruht die erwähnte Behauptung der Säkularisten auf der Annahme, dass ein Widerspruch zwischen den Rechten der muslimischen Mehrheit und denen der nichtmuslimischen Minderheit besteht. Tatsächlich gibt es zwischen beiden keinen Widerspruch. Wenn ein Christ unter einer nichtreligiösen, säkularen Herrschaft Bürger sein kann, gibt es keinen vernünftigen Grund für ihn, sich gegen ein Leben unter islamischer Herrschaft zu wenden.

Darüber hinaus sollte ein Christ, der seine Religion richtig versteht, die islamische Herrschaft begrüßen. Denn das Fundament einer solchen Herrschaft sind der erhabene Allah, Seine Offenbarung und die Belohnung im Jenseits. Diese Herrschaft will jene Werte des Glaubens und der Moral verwirklichen, zu denen alle Propheten und Gesandten aufgerufen haben. Der Islam betrachtet Jesus, Maria und das Evangelium mit Achtung und gewährt den Leuten der Schrift eine besondere Stellung. Wie könnten daher die Anhänger einer Religion, die Allah, Seine Propheten und Gesandten sowie das Jenseits anerkennt, eine Herrschaft fürchten, die von göttlichen Vorschriften sowie moralischen und menschlichen Werten erfüllt ist? Die Anhänger des Christentums fürchten oder beunruhigen sich hingegen nicht über eine religionslose säkulare Herrschaft, die alle Religionen hasst und, selbst wenn sie gelegentlich die Religionsausübung erlaubt, sie auf einen kleinen Lebensbereich beschränkt?

Für gläubige Christen ist es besser, die islamische Herrschaftsordnung wie jede andere Herrschaftsordnung zu betrachten und zu akzeptieren. Die Muslime hingegen betrachten diese Herrschaftsordnung als ihre religiöse Lebensordnung, durch die sie hoffen, Allahs Wohlgefallen zu erlangen und Seine Nähe zu gewinnen.

Das ist gerade für die Christen besser. Denn, in den Worten Hasan al-Hudaybis, wird dieser Glaube dazu führen, dass die Muslime bei der Durchsetzung des islamischen Rechts darauf achten, keinerlei Fehler oder Irrtümer zu begehen. In ihnen wird das Gefühl wirken, dass sie unter dem wachsamen Blick Allahs stehen; dort wird die Furcht vor irgendeinem Herrscher keinen Platz in ihren Herzen finden – eine Furcht, die gewöhnlich überwunden werden kann. [Ikhwanul Muslimin des ehemaligen obersten Führers der Muslimbruderschaft, Hasan al Hudaybi, ‘„Our Constitution“’ Werk von।]

Daher haben vernünftige und aufgeschlossene Menschen die islamische Herrschaft als ein unüberwindliches Hindernis zur Eindämmung des Fortschritts des Materialismus begrüßt. Denn der Materialismus hat mit der Unterstützung des Weltkommunismus alle Religionen einer Bedrohung ausgesetzt. Der berühmte Gelehrte Faris al-Churi hat genau dies gesagt.

Ich möchte hier eine falsche Vorstellung korrigieren. Viele meinen, dass die aus dem christlichen Westen importierten menschengemachten Gesetze mit dem Christentum in Verbindung stünden. Dies ist zweifellos eine falsche Vorstellung. Diejenigen, die sich mit dem Ursprung und den historischen Quellen der Gesetze befassen, wissen dies sehr wohl. Es entspricht der Wahrheit, dass das Christentum und die Anhänger der christlichen Religion der islamischen Fiqh näherstehen als diese westlichen Gesetze – zum einen aus religiösen Gründen und zum anderen aufgrund des Einflusses der sie umgebenden Verhältnisse.

Drittens ist auch die Behauptung falsch, dass die muslimische Herrschaft in der Praxis Nichtmuslime dazu zwingen werde, Handlungen auszuführen, die ihrem religiösen Glauben widersprechen. Die vier Bereiche des Islam sind: Glaube, Gottesdienst, moralische Werte und Scharia. Der Islam zwingt Nichtmuslimen keinesfalls seinen religiösen Glauben oder seine Gottesdienste auf.

In dieser Hinsicht gibt es im Koran zwei eindeutige Verse. Einer ist mekkanisch, der andere medinensisch. Im ersten Vers spricht der erhabene Allah Seinen Gesandten (s.a.w.) an und sagt: „Willst du etwa die Menschen zwingen, bis sie gläubig werden (Sure Yunus: 99)?

Im zweiten Vers hat Allah, der Erhabene, noch deutlicher verkündet: „Es gibt keinen Zwang in der Religion (Sure al- Baqarah: 256)।

Die Gefährten des Gesandten (s.) pflegten über die Ahl al-Dhimma [Ahl al-Dhimma sind im muslimischen Staat lebende nichtmuslimische Untertanen।] zu sagen pflegten: Lasst sie ihrer Religion folgen.

Seit der Zeit der rechtgeleiteten Kalifen genossen Juden und Christen ungehindert ihre Rechte, einschließlich der Religionsausübung. Der Beweis dafür sind die zwischen den Muslimen und ihnen während der Regierungszeit von Abu Bakr (r.a.) und Umar (r.a.) geschlossenen Verträge. Einer der bedeutendsten darunter ist der zwischen Umar (r.a.) und der Bevölkerung Jerusalems geschlossene Vertrag.

Die islamischen Bestimmungen sind so wohlüberlegt, dass von Nichtmuslimen keine Zakat erhoben wird und sie auch nicht am Dschihad teilnehmen müssen. Denn beide gehören zu den wichtigsten Gottesdiensten im Islam. Die Zakat ist eine Art finanzielle Abgabe und der Dschihad ein militärischer Dienst. Stattdessen erhebt der Islam von Nichtmuslimen eine andere Abgabe, die in der islamischen Terminologie Dschizya genannt wird. Frauen, Kinder, Arme und Menschen mit Behinderungen sind jedoch von dieser Abgabe ausgenommen.

Wenn jemand nicht bereit ist, die Bezeichnung Dschizya zu akzeptieren, soll man sie nennen lassen, wie sie wollen. Die Angehörigen des arabisch-christlichen Stammes Banu Taghlib baten Umar ibn al-Khattab um die Erlaubnis, anstelle der Dschizya die doppelte Zakat zu entrichten. Umar stimmte dem zu und schloss mit ihnen einen entsprechenden Vertrag. Dazu bemerkte er: Diese Leute sind töricht; sie akzeptieren die Bedeutung, lehnen aber die Bezeichnung ab.

Was die ethischen Werte des Islam betrifft, so kann man sagen, dass sie sich von denen anderer Religionen nicht unterscheiden. Denn aus der Sicht aller Religionen ist die Moral dieselbe.

Im Islam haben die Ahkam oder die Scharia eine besondere Bedeutung. Gemeint sind damit jene Gesetze, die die gegenseitigen Beziehungen zwischen den Menschen regeln. Diese Gesetze bestimmen das Verhältnis des Einzelnen zur Nation, zu seiner Gemeinschaft und zu seinem Staat sowie das Verhältnis des Staates zu seinen Bürgern und zu anderen Staaten.

In Familien- und Eheangelegenheiten wie Heirat, Scheidung und Ähnlichem können Nichtmuslime zwischen ihrer Religion und unserer wählen. Sie sind nicht verpflichtet, die Bestimmungen der Scharia anzunehmen. Beispielsweise können sie sich bei der Verteilung des Eigentums, wenn sie wollen, an das islamische Recht halten. So haben Christen in einigen arabischen Ländern dies freiwillig angenommen. Wenn sie das islamische Recht nicht auf ihr tägliches Leben anwenden wollen, findet es auf sie keine Anwendung.

Deshalb ist es wünschenswert, dass die Ahl al-Dhimma eigene Gerichte haben, bei denen sie Recht suchen können. Sie können sich aber auch an islamische Gerichte wenden. Dafür gibt es historische Beispiele.

In anderen Bereichen, etwa im zivilrechtlichen, Handels- oder Verwaltungsrecht, unterliegen Nichtmuslime ebenso wie alle anderen jedem Recht, das aus dem Orient oder dem Okzident stammt und von der Mehrheit anerkannt wird.

Somit sehen wir, dass der Islam Nichtmuslime weder dazu gezwungen hat, irgendeinen wesentlichen Bestandteil ihrer Religion aufzugeben, noch ihnen befohlen hat, etwas zu tun, was ihr Glaube verbietet. Ebenso hat er sie nicht dazu gezwungen, an etwas zu glauben, das ihrer Religion widerspricht.

Es gibt lediglich einige Dinge, die im Islam verboten sind, die Nichtmuslime jedoch für erlaubt halten, etwa Alkohol und Schweinefleisch. Auch erlaubte Dinge kann eine Person oder eine Gruppe von Personen nach freiem Willen meiden. Wenn Christen also auf Alkohol verzichten, sind sie aus der Sicht ihrer Religion nicht schuldig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendeine Religion zum Alkoholkonsum ermutigt und Trunkenheit infolge von Sucht gutheißt. Was die Bibel über Alkohol sagt, ist, dass ein geringer Konsum gut für den Magen sei. Aus diesem Grund sind sogar die Christen selbst hinsichtlich des Alkoholkonsums geteilter Meinung.

Ein Christ kann sein ganzes Leben verbringen, ohne auch nur einen Bissen Schweinefleisch zu essen. Denn es zu essen ist keine religiöse Praxis und auch keine über Generationen hinweg überlieferte Regel, die von den Propheten und Gesandten stammt. Schweinefleisch war bereits im Judentum der vorislamischen Zeit verboten.

Allerdings haben viele Gelehrte die Ansicht vertreten, dass Christen in ihrem eigenen Gebiet Schweinefleisch essen, Alkohol trinken und sogar untereinander mit beiden Produkten Handel treiben dürfen. Sie dürfen jedoch nicht in der muslimischen Gemeinschaft verbreitet werden, und die muslimischen Gefühle dürfen durch sie nicht missachtet werden. Das ist eine einzigartige Toleranz. [das in meinem ‘Die Belege für die islamische Lösung und die Mehrdeutigkeiten der Säkularisten und Okzidentalisten’ Buch ‘Religiöse Minderheiten und die islamische Lösung’ betitelte Kapitel।]

Bewegung und Dialog

In der kommenden Phase darf sich die islamische Bewegung nicht darauf beschränken, nur ihre eigenen Probleme zu lösen. Ihr Wirkungskreis muss unbedingt erweitert werden, damit auch die Probleme anderer in den Blick genommen werden können.

Viele islamische Autoren und Denker schreiben nur für ihresgleichen. Das heißt, sie schreiben für diejenigen, die ihren Schritten folgen und sich der Verbreitung ihrer Ansichten widmen. Sie können diesen Kreis, in dem sie lediglich miteinander sprechen, nicht überschreiten, als gäbe es auf der Welt außer ihnen niemanden. Wenn sie diesen Kreis verlassen, schreiben sie nur für andere islamische Gruppen, die in Fragen des Islam und der Daʿwa ihre Auffassungen teilen, jedoch andere Strategien und eine andere Denkweise anwenden.

Wenn sie den zweiten Kreis verlassen, schreiben sie nur noch für religiöse Menschen im Allgemeinen – unabhängig davon, ob diese einer bestimmten religiösen Gruppe oder Bewegung angehören oder nicht.

Da die islamische Bewegung nun eine wünschenswerte Entwicklungsstufe erreicht hat und ihre Grundlage breiter geworden ist, sollte sie sich denjenigen zuwenden, die in ihren Idealen und ihrer Denkweise anderer Auffassung sind. Man sollte sie nicht, ohne zu versuchen, ihnen die richtige Richtung zu weisen oder ihnen den Weg des Lichts zu zeigen, der aus dem alten, ererbten Unglauben, dem Misstrauen gegenüber dem Islam und den Händen der Verleumder überlassen.

Daher ist jetzt der geeignete Zeitpunkt gekommen, die selbst auferlegte Isolation der islamischen Bewegung zu beenden, damit die Bewegung alle Muslime als Teil von sich betrachten und zunächst den Dialog mit ihnen aufnehmen kann. Danach ist es notwendig, einen Dialog zwischen der Bewegung und diesen gleichgesinnten Muslimen auf der einen Seite und ihren Gegnern, ja sogar ihren Rivalen, auf der anderen Seite zu beginnen. In einem vernünftigen, besonnenen und theoretischen Dialog werden diejenigen, die dem Din gegenüber Geringschätzung empfinden, Interesse zeigen; diejenigen, die beunruhigt sind, werden Beruhigung finden; und diejenigen, die in der Ungewissheit schwanken, werden ihr Vertrauen zurückgewinnen. Selbst die Haltung derer, die feindselige Abneigung hegen, kann dadurch beendet werden. Der allmächtige Allah sagt: Es ist zu hoffen, dass Allah zwischen euch und denjenigen, mit denen euch Feindschaft verbindet, Freundschaft stiften wird; und Allah ist allmächtig sowie überaus vergebend und barmherzig ((Sure al-Mumtahana: 7)।

Ich möchte ein Symposium erwähnen, das im jordanischen Amman stattfand und zu dem ich eingeladen worden war. Das Thema der Diskussion lautete „Das islamische Erwachen und die Nutzung der arabischen Welt“.

An dem Symposium nahmen Muslime, Christen, Kommunisten und Nationalisten aller Richtungen teil. Als ich mich wegen dieses Symposiums mit einigen religiösen Brüdern beriet, waren sie der Ansicht, ich solle nicht hingehen. Denn meine Teilnahme an solchen Symposien, die ohne die Befolgung der wahrhaft islamischen Richtung veranstaltet würden, könnte ihnen Legitimität verleihen. Doch ich schenkte solchen Befürchtungen und rein hypothetischen Dingen keine Beachtung. Denn eine solche Vorstellung ist, als würde man Gespenster in Senfkörnern sehen. Ich nahm die Einladung an und reichte dem Symposium einen Beitrag ein. Später wurde dieser als eigenständiges Buch veröffentlicht.

Dort übten die von der gemäßigten islamischen Strömung vorgebrachten Ansichten der Islamisten in Anwesenheit von mir und mehreren islamischen Denkern, darunter Dr. Hasan al-Turabi, Fahmi Huwaidi und Kamal al-Sharif, einen äußerst bedeutenden Einfluss aus. Ich möchte betonen, dass ich an die gemäßigte islamische Strömung glaube und mich lautstark für sie einsetze. Obwohl die Islamisten auf dem Symposium zahlenmäßig in der Minderheit waren, war ihr Einfluss doch am größten, und ihre Aussagen erregten die größte Aufmerksamkeit.

Ich werde die Worte eines nationalistischen christlichen Redners nie vergessen. Er sagte mir am Esstisch: „Unsere Vorstellung von Ihnen hat sich völlig verändert.“ Ich fragte: „Welche Vorstellung hatten Sie von mir?“ Er antwortete: „Dass Sie ein Extremist und religiöser Fanatiker seien.“ Ich fragte: „Woher hatten Sie diese Vorstellung?“ Er erwiderte: „Ich weiß es nicht, aber offen gesagt war dies unsere Vorstellung von Ihnen.“ Ich fragte: „Und jetzt?“ Er sagte: „Nachdem wir Sie nun beobachtet, mit Ihnen diskutiert und direkten Kontakt mit Ihnen gehabt haben, hat sich unsere unbegründete Vorstellung von Ihnen aufgrund dessen, was wir erfahren haben, vollständig verändert. Jetzt sehen wir, dass Sie die Vernunft achten. Ihr Denken ist von Vernunft geprägt. Sie wissen, wie man die Meinung anderer anhört. Denn Sie sind kein starrsinniger oder eigensinniger Mensch, sondern äußerst flexibel und tolerant.“

Mit der Schilderung dieses Ereignisses möchte ich lediglich sagen, dass direkter Kontakt und ein vernünftiger, ruhiger Dialog auf Augenhöhe im Interesse der islamischen Bewegung notwendig sind. Die Bewegung wird davon profitieren und hat überhaupt nichts zu verlieren.

Aufgrund meiner Erfahrungen mit allen Versammlungen und Zusammenkünften, an denen Islamisten und Nicht-Islamisten teilnahmen, bezeuge ich dies selbst. Das letzte Symposium dieser Art fand in Algerien statt. Das Thema lautete „Issues of the Islamic Future“.

Daher können wir sagen, dass das Motto der islamischen Bewegung in der kommenden Phase lauten sollte: „Dialog mit den anderen ist willkommen.“ Mit den anderen meine ich diejenigen, die hinsichtlich der Ziele, des Vorgehens, der Sichtweise, der Ideale und sogar des Glaubens der islamischen Bewegung anderer Meinung sind. Die Bewegung sollte den Dialog mit allen Andersdenkenden begrüßen. Und die Gespräche mit denjenigen, mit denen bereits ein Austausch begonnen hat, müssen fortgesetzt werden.

Die Bewegung sollte sich auch darum bemühen, die Unterstützung aller islamischen Kräfte zu gewinnen, die mit ihr übereinstimmen. Sie muss auch die Unterstützung jener Gruppen oder Personen gewinnen, die intellektuellen und theoretischen Einfluss besitzen. Der Koran hat uns den Dialog mit denjenigen angeordnet, die anderer Meinung sind als wir. Uns wurde zudem nahegelegt, nicht zu glauben, dass es hinsichtlich dieser Menschen keinerlei Hoffnung gebe, und uns nicht von ihnen getrennt zu fühlen. Im Koran heißt es: „Rufe zum Weg deines Herrn mit Weisheit und guter Ermahnung und streite mit ihnen auf die beste Art“ (Sure an-Nah‌l: 125)।

Was der Koran verlangt, ist, Argumentation und Dialog auf die beste Weise und mit der besten Methode zu führen, damit der Glaube im Verstand und das Erwachen im Herzen gewährleistet werden. In diesem Vers spiegelt sich ein erstaunliches Beispiel für den Ausdruck des koranischen Gedankens wider. Aus der Sicht des Korans muss die Daʿwa-Arbeit auf vortreffliche Weise geleistet werden; doch nur jene Argumentation und Diskussion kann angenommen werden, die auf die beste Weise vorgetragen wird. Denn die Daʿwa richtet sich gewöhnlich an jemanden, der bereits zugestimmt hat, während Argumente gegenüber jemandem vorgebracht werden müssen, der nicht zustimmt. Daher ist es unter allen Umständen angemessen, die Daʿwa oder Argumente auf die beste Weise darzulegen.

Säkularisten im Dialog

Zum notwendigen Dialog gehört auch der Dialog mit den Säkularisten. Gemeint sind jene Säkularisten, die rational denken, im Großen und Ganzen gute Menschen sind, bereit sind, den Islamisten zuzuhören, und versuchen, ihre Ziele und Programme zu verstehen.

Diese Säkularisten sind im Grunde Muslime. Viele von ihnen sind sogar stolz darauf, sich als Muslime zu bezeichnen. Manche befolgen muslimische religiöse Bräuche, verrichten das Gebet, fasten und vollziehen möglicherweise die Hadsch und die Umra. Ihr Problem besteht jedoch darin, dass sie, wie viele gebildete Menschen, nie versucht haben, den Islam richtig zu verstehen. Der Grund dafür ist, dass sie nie die Gelegenheit hatten, die Lehren des Islam aus grundlegenden oder authentischen Quellen zu beziehen oder einen zuverlässigen Gelehrten beziehungsweise einen nachdenklichen Menschen zu treffen. Stattdessen haben sie ihre Vorstellungen von der Religion von Orientalisten oder christlichen Missionaren und deren Schülern und Gefolgsleuten übernommen. Oder sie haben sich aufgrund der gegenwärtigen extremen Rückständigkeit der Muslime beziehungsweise durch das, was sie von Extremisten oder fehlgeleiteten Menschen, die den Anspruch erheben, Anhänger des Islam zu sein, gehört oder gelesen haben, ein Bild vom Islam gemacht.

Jedenfalls haben ihre Erziehung, Bildung und Lebensweise ihnen nie die Gelegenheit gegeben, den unverfälschten, reinen Islam kennenzulernen. Diese schmerzliche Vergangenheit und Gegenwart, einschließlich falscher Vorstellungen, fehlerhafter Anwendung und Missbrauchs, hat dem Islam geschadet.

Neben dem Glanz der westlichen Zivilisation, die ihren Höhepunkt erreicht hat, ist die in der muslimischen Welt herrschende dunkle Lage für die Säkularisten zu einem Vorwand geworden, den Islam, die islamische Scharia und die islamische Lebensweise falsch zu verstehen. Daher glauben sie, der Weg, der gegenwärtigen doppelten Krise zu entkommen, bestehe darin, den Weg des Westens einzuschlagen, um Fortschritt zu erzielen. Denn nachdem sich der Westen von der Religion, den religiösen Bräuchen und dem Klerus befreit hatte, beschritt er, allein auf den Wagen der Wissenschaft gestützt, den Weg der Entdeckung, Erfindung, Produktion sowie des Bauens und Schaffens und machte sich die Kräfte der Natur zum Wohl und zur Wohlfahrt der Menschen dienstbar.

Im Sommer 1985 begannen wir in Kairo auf Einladung der Physicians Association in Dar al-Hikma einen historischen Dialog mit den Säkularisten. Die Islamisten wurden dabei von Scheich Muhammad al-Ghazali und mir vertreten. Ihr einziger Vertreter war Dr. Fuad Zakaria.

Journalisten und intellektuelle Kreise begrüßten das Symposium herzlich. Denn es spiegelte die Bedeutung des Dialogs zwischen verschiedenen Seiten innerhalb derselben Heimat wider.

Viele Autoren, darunter Fahmi Huwaydi, hoben bei diesem Treffen einige positive Aspekte hervor. Der bedeutendste Aspekt war, dass jede Seite die Ausführungen der anderen Seite unmittelbar anhörte. Allerdings stellte ich bei dieser Versammlung einen Mangel fest. Statt eines Dialogs zwischen Islamisten und Säkularisten entwickelte sich das Symposium zu einer Debatte.

Debatten erzeugen Spannung, insbesondere wenn sich dort eine große Zahl von Zuhörern befindet. Zudem war der Vertreter der Säkularisten bei diesem Dialog ein starrsinniger Mensch, dem es an jeglicher Flexibilität, Toleranz und Höflichkeit fehlte. Daher war er nicht bereit, den Standpunkt der Gegenseite anzuhören – einen Standpunkt, durch dessen Anhörung er etwas über den Islam hätte erfahren können. Ich muss leider sagen, dass seine Unkenntnis über den Islam abgrundtief war.

Als er in Wirklichkeit die Schwäche seiner Aussage und die Haltlosigkeit seiner Argumentation erkannte, begann er, in den ihm nahestehenden Zeitungen Artikel zu veröffentlichen, in denen er allgemein alle Zuhörer, insbesondere die Islamisten, und unter Nennung meines Namens äußerst gehässig kritisierte. Als Antwort auf diese Kritik erläuterte ich die gesamte Problematik in meinem Buch „Islam and Secularism: Face to Face“.

Ich plädiere erneut für einen Dialog, nicht für eine Debatte. Schon im Wort „Debatte“ liegt ein herausfordernder Ton und die Einstellung, siegen zu wollen. Daher versucht jede Seite, die Gegenseite mit aller Härte zu schlagen.

Ich glaube nicht, dass eine solche Debatte viel Nutzen bringen wird. Denn bei einer Debatte wird wahrscheinlich keine Seite bereit sein, Zugeständnisse zu machen oder von ihrer eigenen Position abzurücken; vielmehr könnte sie noch starrsinniger und intoleranter werden.

Nur wenn sich die islamische Seite angesichts der Herausforderung der Gegenseite bedrängt fühlt, kann eine Debatte für sie akzeptabel sein. Dann bleibt den Islamisten, um dem Vorwurf zu entgehen, sie würden aus Angst vor einer Konfrontation fliehen und auf dem Schlachtfeld die Niederlage erklären, kein anderer Weg, als die Herausforderung anzunehmen. Das Prinzip des Dialogs besteht jedoch darin, die gebotene Höflichkeit zu wahren – der Koran nennt dies: „Argumentiert auf die beste Weise.“

Dialog mit den Herrschern

Eine weitere Art des Dialogs ist notwendig: der Dialog mit weisen und vernünftigen Herrschern, die nicht deshalb eine aggressive Haltung gegen den Islam einnehmen, weil sie eine abweichende Auffassung vertreten. Ein Dialog mit Herrschern, die eine abweichende Auffassung annehmen und sich gegen den Islam stellen, ist nutzlos. Denn sie wünschen nichts Gutes außer der Auslöschung und vollständigen Vernichtung des Islam. Allah aber sagt: „Sie wollen Allahs Licht mit ihren Mündern auslöschen, doch Allah wird dies nicht zulassen, sondern Sein Licht vollenden, auch wenn es den Ungläubigen verhasst ist“ ((Sure at-Tauba: 32)।

Es gibt jedoch noch eine andere Art von Herrschern: Sie hassen den Islam nicht, fürchten ihn aber. In den meisten Fällen beruht diese Furcht auf ihrer Unkenntnis der Wirklichkeit des Islam sowie der Merkmale der islamischen Scharia und der Daʿwa. Viele von ihnen kann man deshalb nachsichtig beurteilen, weil sie keine Gelegenheit hatten, zu erfahren, was der Islam wirklich ist, und kein Wissen aus reinen Quellen und von zuverlässigen Gelehrten schöpfen konnten. Nach dem Maßstab dieser Unwissenheit kann man sie in die Reihe unserer zuvor erwähnten kultivierten und herausragenden Persönlichkeiten einordnen. Verschiedene Vorstellungen haben sich in ihren Köpfen zu einem Wirrwarr verknüpft, und tatsächliche Ereignisse erscheinen ihnen ebenso wie erfundene Geschichten.

Wenn man diesen Herrschern, so Gott, der Allmächtige und Erhabene, es will, den wahren Islam als ganzheitliche Lehre ohne Aufspaltung, als unverfälschte Auffassung ohne jede Verfälschung und als etwas Einfaches statt etwas Schwieriges erklärt und dabei seine wohltätigen Seiten hervorhebt, werden sie verstehen, dass der Islam dem Leben des Einzelnen, der Familie und der Gesellschaft zuträglich ist und dass er alle schädlichen Bestrebungen beseitigen will, um die sittliche Kraft und den materiellen Wohlstand der Nation zu bewahren. Wenn sie diese Erklärung aufgeschlossen annehmen, wird sich in ihnen zweifellos eine Veränderung vollziehen, und sie werden gegenüber dem Islam und der Daʿwa teilweise oder insgesamt eine andere Haltung einnehmen. Denn Herrscher sind Menschen wie wir. Daher können auch in ihnen Veränderung, Einfluss und Einsicht entstehen – auf eine Weise, die letztlich sogar eine Veränderung ihrer Ideale und ihres Verhaltens bewirken kann.

Die Geschichte ist voller Beispiele von Herrschern, deren Gesinnung sich unter dem Einfluss wahrhaftiger islamischer Gelehrter und anderer Gelehrter verändert hat. Viele Herrscher hegen eine besorgte Haltung gegenüber dem Islam, weil sie den falschen Warnungen ihrer intriganten Berater unterliegen oder Opfer der Machenschaften ausländischer „Teufel“ geworden sind.

Man muss auf Grundlage der noch in den Herzen dieser Herrscher verbliebenen Vernunft an sie herantreten und das muslimische Blut, das noch immer durch ihre Adern fließt, neu beleben. Man muss ihnen versichern, dass sie, wenn auch nur vorübergehend, auf dem Thron beziehungsweise an der Macht belassen werden, sofern sie die Freiheit zur Durchführung islamischer Daʿwa-Aktivitäten gewähren – Aktivitäten mit dem Ziel, die Jugend im Licht moralischer Werte, ihres Erwachens und eines reinen Charakters zu formen, sie vor Rauschmitteln, Drogen und Prostituierten zu schützen und zerstörerischen Politiken entgegenzutreten, die sowohl für Herrscher als auch für Beherrschte schädlich sind.

An einem solchen Pakt oder einer solchen Verständigung mit den Herrschern ist nichts Schlechtes, selbst wenn die Bewegung ihr Verhalten und ihren Umgang mit anderen nicht billigt. Denn die Bewegung, die sich an der Fiqh des Gleichgewichts orientiert, ist der Ansicht, dass diese Haltung besser ist, als die Herrscher zu verachten oder ihnen gegenüber anhaltende Feindschaft zu hegen.

In diesem Zusammenhang möchte ich eine Warnung aussprechen. Eine solche Haltung gegenüber diesen Herrschern darf keinesfalls Schmeichelei oder eine unehrliche, leere „Phrase“ sein. Zwischen Verständigung und Heuchelei besteht ein gewaltiger Unterschied.

Dialog mit den westlich Orientierten

Ein Dialog zwischen der islamischen Bewegung und dem Westen ist notwendig, obwohl auf dem Weg zu diesem Dialog viele Hindernisse und Schwierigkeiten liegen.

Zwischen uns und dem Westen bestehen einige Unterschiede. Es gibt einen Unterschied in der Religion. Der Westen ist im Wesentlichen christlich, wir hingegen sind Muslime. Auch hinsichtlich der Denkweise gibt es Unterschiede. Der Westen ist materialistisch und realistisch, wir hingegen sind spirituell und idealistisch. Auch in der Politik gibt es Unterschiede. Der Westen steht gewöhnlich auf der Seite Israels und gegen uns. Je nach den Möglichkeiten und der Stellung der einzelnen westlichen Länder kann diese Haltung jedoch von einem Land zum anderen unterschiedlich ausgeprägt sein.

Trotzdem können wir dem Dialog mit dem Westen nicht ausweichen. Ob es uns gefällt oder nicht, es steht fest, dass der Westen seit Jahrhunderten die Welt beherrscht. In der heutigen Welt herrscht seine Zivilisation vor. Er regiert verschiedene unserer Länder und hatte unsere Gebiete für unterschiedliche Zeiträume besetzt. Später verließ er die besetzten Länder freiwillig oder gegen seinen Willen, übt aber noch immer direkt oder indirekt Einfluss auf uns aus. Auf die Entscheidungsträger unserer Länder übt er auf die eine oder andere Weise Einfluss aus. Auch sein Einfluss auf die Gesinnung und die Wünsche unserer Herrscher kann nicht geleugnet werden.

Darüber hinaus ist es für kein Volk möglich, sich von der Welt um es herum abzukapseln und ausschließlich mit seinem eigenen religiösen Glauben und seinen eigenen Grundsätzen in einer imaginären Welt zu leben. Der unablässige technologische Wandel im Bereich der Kommunikation hat die Erde, wie ein Schriftsteller es ausdrückt, in ein globales Dorf verwandelt.

Daher ist der Dialog mit dem Westen für uns eine unabdingbare Pflicht, damit wir den Menschen im Westen erklären können, was wir für uns selbst und für andere wollen. Denn wir sind Verkünder eines Ideals, keine Plünderer. Wir sind Überbringer einer Botschaft des Guten, keine Träger des Unheils. Wir treten für den Frieden ein, nicht für den Krieg. Wir unterstützen Gerechtigkeit und Recht, nicht Unrecht und Ungerechtigkeit.

Unser Ziel ist es, die irregeleitete Menschheit auf Allahs Weg zu führen, das diesseitige Leben mit dem jenseitigen Leben, die Erde mit dem Himmel und die Menschen miteinander zu verbinden, damit ein Mensch für andere dasselbe wünscht, was er für sich selbst wünscht, und anderen dasselbe missbilligt, was er für sich selbst verabscheut – damit die Menschheit von der allen Völkern gemeinsamen Krankheit des Neides und des Hasses befreit werden kann. Diese Krankheit macht die Menschheit religionslos.

Wir wissen, dass der Westen uns noch immer vor dem Hintergrund eines von Trauer überschatteten Bildes betrachtet – eines Bildes, das seine Sicht auf uns seit der Zeit der Kreuzzüge getrübt hat und noch heute in den Herzen der meisten Menschen im Westen verwurzelt ist.

Viele unvoreingenommene Denker im Westen, darunter der französische Philosoph und Soziologe Gustave Le Bon, haben dies anerkannt. In einigen Fußnoten seines Buches „Die Zivilisation der Araber“ hat er dies offen ausgesprochen. Wenn ein westlicher Gelehrter sich mit islamischen Themen befasst, verliert er seinen natürlichen, unvoreingenommenen Charakter und wird voreingenommen und islamfeindlich. Er ist sich dessen nicht einmal bewusst, während diese Gelehrten andere Fragen mit einer natürlichen und unvoreingenommenen Haltung beurteilen. In jüngerer Zeit hat der Orientalist Montgomery Watt in seinem Buch „Was ist Islam?“ dasselbe gesagt.

Wir beobachten außerdem, dass dieser Kreuzzugsgeist zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Bereichen immer wieder hervortritt. Auch in der Haltung des Westens gegenüber dem aggressiven Israel und dem palästinensischen Volk, das Opfer der Aggression ist, ist dieser Einfluss erkennbar. Ebenso zeigt er sich in der westlichen Haltung gegenüber dem christlichen Litauen und dem muslimischen Aserbaidschan in der Sowjetunion.

Auch im Verhalten französischer, spanischer und italienischer Amtsträger sind solche Anzeichen zu erkennen. Aus Angst vor dem Aufkommen des islamischen Bewusstseins in Algerien führen sie gezielte Maßnahmen durch. Auch in Bezug auf Südsudan, Eritrea, Kaschmir, die Philippinen und andere politische Fragen ist diese Haltung des Westens erkennbar.

Wir haben diesen Einfluss auch bei einigen gesellschaftlichen Fragen beobachtet. Die wichtigste davon ist Salman Rushdie. Dieser Rushdie hat seine Hülle gewechselt und seinen eigenen religiösen Überzeugungen und seinem eigenen Volk den Verrat erklärt. Auch in der Hijab-Frage in Frankreich ist dieser Einfluss erkennbar. Wie kann ein Land sich selbst als „Wiege der Freiheit“ bezeichnen, wenn es einigen muslimischen Schülerinnen nicht einmal zugestehen konnte, aus Gründen der Schamhaftigkeit und um Allahs Wohlgefallen zu erlangen und der Hölle zu entgehen, die religiösen Bekleidungsvorschriften einzuhalten? Das Land, das als Land der Freiheit und der Menschenrechte gilt, hat den Mädchen nicht einmal in einer rein persönlichen Angelegenheit das Recht zugestanden, Allahs Wohlgefallen zu erlangen.

Es ist bedauerlich, dass der Geist, die Sichtweise und die Umstände der Kreuzzüge noch immer in einem Ausmaß gegenwärtig sind, das schwer einzuschätzen ist. Selbst die Türkei, die sich fast ein Jahrhundert lang mit großer Begeisterung am Westen orientierte, durch das Schwert Blut vergoss, den Muslimen den aus dem Westen importierten Säkularismus aufzwang und überall die islamische Scharia verdrängte, erhielt trotz ihres Antrags auf Mitgliedschaft im Europäischen Gemeinsamen Markt keine Unterstützung des Westens. Der Bundeskanzler Westdeutschlands erklärte den Grund für die Ablehnung des türkischen Antrags mit den Worten, die Türkei besitze eine Kultur, die sich von der des Westens unterscheide. Sie seien Träger der muslimischen Kultur, während wir Träger der jüdischen und christlichen Kultur seien.

Trotz alledem dürfen wir gegenüber dem Westen nicht enttäuscht oder verzweifelt sein. Wir dürfen ihn auch nicht mit dem Gedanken aufgeben, dass er vielleicht niemals zu einem Dialog bewegt werden kann. Zwar unterscheidet sich unsere Zivilisation von der ihren. Doch kann es ohne zwei Seiten überhaupt einen Dialog geben? Daher kann gerade über Zivilisation ein Dialog geführt werden. Der berühmte Denker Roger Garaudy hat dies so formuliert: Nicht ein Zusammenprall der Zivilisationen, sondern ein Dialog der Zivilisationen ist erforderlich.

Warum sollten wir also keinen Dialog mit dem Westen führen, wenn der Koran uns dazu auffordert, mit Andersdenkenden in Dialog zu treten? Auf diese Weise ist der Dialog zu einem Mittel geworden, zur Einladung auf Allahs Weg aufzurufen.

Außerdem wird im Koran von einem Dialog zwischen dem allmächtigen Allah und Iblis, Seiner übelsten Schöpfung, berichtet. Der allmächtige Allah hat die Tür zum Dialog nicht einmal vor dem verfluchten Satan verschlossen. Sure Sad–, 71––  85 wird in den Versen berichtet: Und als dein Herr zu den Engeln sagte: „Ich werde gewiss einen Menschen aus Lehm erschaffen. Wenn Ich dann seine Erschaffung vollendet und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann werft euch alle vor ihm nieder.“ Da warfen sich alle Engel vor Adam nieder, außer Iblis. Er war hochmütig und wurde zu einem der Ungläubigen. Allah sagte: „Was hat dich davon abgehalten, dich vor dem niederzuwerfen, den Ich mit Meinen eigenen Händen erschaffen habe? Bist du hochmütig oder gehörst du zu den Höhergestellten?“ Iblis sagte: „Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber aus Lehm.“ Allah sagte: „So geh von hier fort, denn gewiss bist du verstoßen. Und gewiss wird Mein Fluch bis zum Tag der Auferstehung auf dir liegen.“ Er sagte: „Mein Herr, gewähre mir Aufschub bis zu dem Tag, an dem die Toten auferweckt werden.“ Allah sagte: „Gewiss gehörst du zu denen, denen bis zum Tag der festgesetzten Frist Aufschub gewährt ist.“ Er sagte: „Bei Deiner Erhabenheit! Ich werde sie gewiss allesamt in die Irre führen, außer Deinen auserwählten Dienern unter ihnen.“ Allah sagte: „Die Wahrheit ist es – und Ich sage gewiss die Wahrheit –: Ich werde die Hölle gewiss mit dir und mit all denen unter ihnen füllen, die dir folgen.“

Der Dialog mit dem Westen sollte auf mehreren Ebenen geführt werden. Dieser Dialog kann auf religiöser, intellektueller und politischer Ebene stattfinden.

Religiöser Dialog

Zwischen Islam und Christentum kann ein religiöser Dialog mit verschiedenen Zielsetzungen geführt werden. Zu den wichtigsten gehören:

1. Die atheistischen und materialistischen Denkrichtungen zu bekämpfen. Diese Denkrichtungen stehen in entschiedenem Gegensatz zur göttlichen Offenbarung, machen sich über den Glauben an das Unsichtbare lustig und leugnen Allah, Seine Propheten und Gesandten, Seine Strafe sowie die moralischen Werte. Dieser Dialog wird sich außerdem mit der freien Vermischung der Geschlechter und dem moralischen Verfall auseinandersetzen, die die von der Offenbarung verliehenen edlen menschlichen Eigenschaften nahezu vollständig zerstört haben.

2. Die verbindenden Elemente zwischen den beiden Religionen herauszuarbeiten. Im Hinblick darauf, wie man mit den Leuten der Schrift sprechen soll, weist der Koran an: Wir glauben auch an das Buch, das auf uns herabgesandt wurde und das auf euch herabgesandt wurde; unser Gott und euer Gott ist einer, und Ihm sind wir als Muslime ergeben. ((Sure al-Ankabut: 46)।

3. Neben der Normalisierung der feindseligen Beziehungen, die aus den vergangenen Kreuzzügen und dem gegenwärtigen Imperialismus hervorgegangen sind, durch die Schaffung von Brüderlichkeit, Menschlichkeit und wohlwollenden Gesinnungen ein neues Kapitel schönerer und unbelasteter Beziehungen zu beginnen. Dazu gehört, dass die Kirche bei den Konflikten zwischen Muslimen und Christen aufhört, die christliche Seite zu unterstützen. Derartige Konflikte und Auseinandersetzungen gibt es im Südsudan, auf den Philippinen und in anderen Regionen. Die Kirche unterstützt sogar Kommunisten und Heiden gegen die Muslime.

Ich weiß, dass viele Islamorientierte solchen Dialogen gegenüber misstrauisch sind. Sie meinen, dass eine unsichtbare Hand, die hinter diesem Dialog wirksam ist, ihn von besonderen Zielen getrieben benutzt. Denn ihrer Auffassung nach sind die Muslime im Dialog zweifellos die schwächere Seite, sodass ein starker Gegner sie ohne ihr Wissen für seine Zwecke benutzt. Daher wird jeder, der an einem solchen Dialog teilnimmt, als Dummkopf oder Agent beschuldigt.

Ich glaube, dass ein solches Misstrauen unbegründet ist. In manchen Fällen kann ihr Misstrauen berechtigt sein, aber nicht immer und in allen Fällen. Warum sollten wir das Vertrauen in uns selbst so sehr verlieren? Warum sollten wir uns als die schwächere Seite betrachten? Mit allem, was wir besitzen, sind wir doch stark. Warum sollten wir annehmen, dass jemand, der an einem Dialog teilnimmt, dadurch sein Recht auf den Iman verloren und sich der anderen Seite ergeben hat? Wichtig ist vielmehr, dass wir in den Dialog eintreten, nachdem wir uns vergewissert haben, dass diejenigen, die uns vertreten, auf einem festen Fundament stehen, und im Glauben daran, dass der Dialog dem Konflikt oder einer Haltung des Davonlaufens vorzuziehen ist.

Tatsächlich ist der Dialog eine der Strategien der Verkündigung, die der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) durch seine historischen Schreiben an Heraklius, den obersten christlichen Herrscher Ägyptens, al-Muqawqis, den Negus von Abessinien und andere Herrscher von den Leuten der Schrift eingeleitet hat. Diese Schreiben beendete er mit folgendem Vers: O Leute der Schrift! Kommt zu einem gemeinsamen Wort, das zwischen uns und euch gerecht ist: dass wir nur Allah dienen, Ihm nichts beigesellen und keiner von uns anstelle Allahs einen anderen zum Herrn nimmt. Wenn sie sich jedoch abwenden, dann sagt: Bezeugt, dass wir Muslime sind. ((Sure Āl ʿImrān: 64)।

Kürzlich fand ein solcher Dialog statt, dessen Ergebnis positiv war. Ustadh Muhammad al-Mubarak (r.) teilte uns dies mit. Dieser Dialog fand in Rom statt – zwischen der Rabita al-Alam al-Islami und einer Delegation des Vatikans. Die Delegation der Rabita wurde von ihrem Generalsekretär, Scheich Muhammad al-Harkan, geleitet. Ihn begleiteten Maruf al-Dawalibi und Muhammad al-Mubarak.

Infolge dieses Dialogs wurde das Ansehen der einen Seite in den Augen der anderen aufgewertet. Dies gilt insbesondere für das Ansehen des Islam, gegenüber dem eine ungerechte und feindselige Haltung eingenommen worden war. Bisweilen zeigte sich dies auch in den muslimisch-christlichen Beziehungen.

Ein weiterer Dialog fand in Libyen zwischen einigen muslimischen Intellektuellen und hochrangigen Mitgliedern der Kirche statt. Auch dieser habe gute Ergebnisse erbracht, teilte Dr. Izz al-Din Ibrahim mit. Er hatte ebenfalls daran teilgenommen. Ich habe den von ihm bei diesem Dialog vorgetragenen Aufsatz gelesen. Die Ausführungen des Aufsatzes waren sehr argumentativ und ausgewogen. Darin war keinerlei Spur von Radikalismus oder Überheblichkeit zu finden.

Intellektueller Dialog

Neben dem religiösen Dialog mit dem Westen ist ein weiterer, ergänzender Dialog notwendig. Es handelt sich um einen Dialog zwischen West- und Orientwissenschaftlern, die sich für das Studium von Themen interessieren, die den Islam, den Koran, den Gesandten, den religiösen Glauben, die Geschichte, die Kultur, das Wissen, die Völker sowie die Gegenwart und die Zukunft betreffen. Besonders wichtig ist der Dialog mit jenen Gelehrten, die sich für intellektuelle Strömungen, moderne Erweckungsbewegungen und das zeitgenössische Wiedererwachen interessieren.

Dieser Dialog ist notwendig, um das Denken zu läutern, alle Sichtweisen eingehender kennenzulernen und den Weg für eine weitere Verbesserung des Klimas und der Beziehungen zwischen beiden Seiten zu ebnen. Wenn ein Dialog mit der Geistlichkeit und den Vertretern der Kirche möglich ist – die ihre Standpunkte und ihren über Generationen hinweg gepflegten tiefen Glauben verkörpern –, dann sollte ein Dialog mit den Orientalisten erst recht leichter und segensreicher sein. Obwohl viele meinen, zwischen der westlichen Geistlichkeit und den westlichen Denkern oder zwischen Missionaren und Orientalisten gebe es keinen Unterschied. Ihrer Ansicht nach bestehe der Unterschied lediglich in ihrer Kleidung. Die Geistlichen trügen die Kleidung von Priestern, die West- und Orientwissenschaftler dagegen die Kleidung von Gelehrten; in Wirklichkeit seien sie zwei Seiten derselben Medaille.

Wenn jedoch ein fester Wille, ein klares Bewusstsein für das Ziel und ein klarer Weg vorhanden sind, sollte ein Dialog nicht unmöglich sein. Universitäten und intellektuelle Foren können Vertreter beider Seiten zusammenbringen und einen Dialog initiieren, um die Forschung zu bestimmten, von Voreingenommenheit und Provokation freien Themen aufzunehmen.

Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Haltung der Orientalisten gegenüber dem Islam, der muslimischen Umma und der islamischen Erweckung nicht einheitlich ist. Über die orientalischen Gelehrten ist viel geschrieben worden, etwa al-Aqiqis Buch. Ebenso wurde viel geschrieben, um auf ihre Vorwürfe zu antworten oder sie zu verteidigen. Auch durch die Klassifizierung dieser Schriften wurden Aufsätze und Artikel verfasst, etwa der Aufsatz von Dr. Muhammad al-Bahai. Er gab dem behandelten Thema den Titel „Orientalists and Their Attitudes Towards Islam“.

Ich muss sagen, dass die meisten Orientalisten einige gemeinsame Schwächen aufweisen.

Erstens sind die Orientalisten in der arabischen Sprache nicht ausreichend versiert und können daher deren verschiedene Bedeutungsnuancen nicht vollständig erfassen. Folglich stoßen sie beim Verständnis der grundlegenden islamischen Quellen, insbesondere des Korans und der Sunna, zwangsläufig auf Schwierigkeiten. Daher bleibt ihr Verständnis des Islams und seiner Botschaft unklar und unvollständig.

Zweitens leiden die Orientalisten in Bezug auf den westlichen Geist, die westlichen Menschen und die westliche Zivilisation unter einer gewissen Überheblichkeit. Sie betrachten den Westen als den Herrn der Welt und Europa als die Mutter aller Länder. Ihrer Ansicht nach begann die Geschichte im Westen und wird dort auch ihr Ende finden.

Drittens beginnen sie, Themen zu erforschen, die sich nicht überprüfen lassen. Denn sie sind der Ansicht, dass der Koran nicht von Allah offenbart wurde und Muhammad nicht Sein Gesandter ist. Auf diese Weise bilden sie sich bereits vor Beginn ihrer Forschung eine Vorstellung, forschen auf deren Grundlage und versuchen, diese Vorstellung um jeden Preis zu beweisen. Dabei übernehmen sie Berichte aus schwachen Quellen, glauben Lügen, machen aus einer Mücke einen Elefanten, aus einem Termitenhügel einen Berg, akzeptieren einen Verdacht als Beweis und weisen alles zurück, was ihren Vorstellungen widerspricht – selbst wenn ihre selbst erdachten Vorstellungen ihnen ins eigene Gesicht schlagen.

Viertens führen die Orientalisten ihre Forschungen in vielen Fällen auf Bestellung bestimmter Kreise durch, um politische Ziele zu erreichen. Für diese Forschungsarbeiten werden in den meisten Fällen beträchtliche Geldsummen ausgegeben. Daher sind diese Forschungen nicht völlig frei von Parteilichkeit und eigennützigen Absichten.

Trotz alledem ist ein Dialog in vielen Fällen nach wie vor notwendig. Er kann mit Menschen geführt werden, die freies Denken vertreten und deren Zahl von Tag zu Tag wächst. Denn viele Menschen lösen sich von alten Denkweisen und lassen sich von neuen Gedanken beeinflussen.

Wenn wir die Initiative zur Aufnahme dieses Dialogs ergreifen, müssen wir jene Orientalisten auswählen, die gegenüber allen Völkern besonders unparteiisch und flexibel sind. Zu ihnen gehört insbesondere Professor Jacques Berque. Er wurde mehrmals an die Universität Katar eingeladen.

Aus den übersetzten Werken zeitgenössischer Orientalisten scheint jedoch hervorzugehen, dass die heutigen Orientalisten der Neutralität sehr viel näher stehen als die Orientalisten jener Zeit und sich weiter von Übertreibung und Extremismus entfernt haben. Insbesondere lesen Muslime heute ihre Bücher, diskutieren ihre Auffassungen oder widerlegen sie, wenn sie ihnen missfallen. Die Orientalisten der Vergangenheit dagegen schrieben für ihresgleichen, das heißt füreinander. Daher wirkten ihre Schriften in den meisten Fällen eher wie Sonderberichte als wie Darstellungen allgemein erörterter Themen.

Politischer Dialog

Nach Abschluss des religiösen und intellektuellen Dialogs muss die Islamische Bewegung einen weiteren Dialog mit dem Westen führen, und zwar mit den politischen Entscheidungsträgern – mit jenen Politikern, die auf der politischen Bühne offen oder hinter den Kulissen eine Rolle spielen.

Ich glaube, dass die beiden bereits erwähnten Dialoge den Weg für diesen wichtigen Dialog ebnen werden. Obwohl die Kirche sich offiziell aus der Politik heraushält, übt sie noch immer beträchtlichen Einfluss auf die Steuermänner des Staates aus und zieht in außenpolitischen Fragen, insbesondere in Angelegenheiten, die den Islam und die Muslime betreffen, hinter den Kulissen die Fäden.

Obwohl Orientalisten äußerlich als Theoretiker gelten, sind ihre Verbindungen zu Nachrichtendiensten, nationalen Sicherheitsbehörden und Außenministerien unbestreitbar.

Manche versuchen, Zweifel an jedem Versuch eines politischen Dialogs mit dem Westen zu säen. Andere zitieren wiederum einen alten westlichen Dichter und sagen: „East is East, West is West, they never meet“ (Der Osten ist der Osten, der Westen ist der Westen, sie treffen niemals aufeinander). Doch wir haben gesehen, dass der Westen sich mit Indien, Japan und erst vor Kurzem auch mit China verständigt hat.

Andere sagen, der Westen könne sich mit Indien, Japan, China oder mit Hindus, Buddhisten und Kommunisten verständigen, aber nicht mit Muslimen. In diesem Zusammenhang zitieren sie auch aus den äußerst islamfeindlichen Äußerungen von Missionaren, Orientalisten und westlichen Politikern.

Es gibt auch Menschen, die jeden, der versucht, mit dem Westen Kontakt aufzunehmen oder einen Dialog zu organisieren, mit Misstrauen betrachten. Um solche Initiatoren zu verleumden, halten sie stets Anschuldigungen wie Aufruhr, Kollaboration und Verrat gegen sie bereit. Niemand kann vergessen, welche Leiden unser treuer Bruder, der zweite Murshid al-ʿĀmm der Ikhwan al-Muslimun, Hasan al-Hudaybi, wegen seines Kontakts zu Mr. Evans erdulden musste. Die Führer der ägyptischen Revolution wussten von diesem Kontakt und hatten ihn sogar unterstützt. Doch letztlich benutzten sie diesen Kontakt als Waffe gegen Hudaybi. Sie nutzten seinen Kontakt zu Evans, um Hudaybi, die Islamische Bewegung, ihre Anhänger und das Ansehen ihrer Prinzipien zu verleumden.

Wir müssen in diesen Fragen vorsichtig sein, damit die Feinde der Bewegung solche Kontakte nicht ausnutzen können, um ihr zu schaden. Ich muss hier sagen, dass eine ungewöhnliche Art von Angst und Feindseligkeit gegenüber dem Islam noch immer allgemein das Verhalten westlicher Politiker beeinflusst. Die Schlachten von Yarmuk und Ajnadayn, die Kreuzzüge sowie die arabischen und osmanischen Eroberungen sind für sie noch immer ein Albtraum. Namen wie Khalid ibn al-Walid, Tariq ibn Ziyad, Saladin und Muhammad al-Fatih, der Eroberer Konstantinopels, rauben ihnen noch immer den Schlaf.

Doch wir sollten nicht Opfer der aus einer solchen anormalen Denkweise erwachsenden Ängste werden. Wir müssen alle unsere psychologischen Schranken niederreißen und uns von allen neuen und alten mentalen Verwicklungen befreien.

Obwohl Europa durch Kriege, Konflikte und Blutvergießen über mehrere Jahrhunderte hinweg schwer verwundet wurde, schließen sich die Länder dieses Kontinents zusammen und werden sich in naher Zukunft zu einem einzigen Land vereinen.

Die Amerikaner und die Sowjets haben ihren heißen und kalten Krieg beendet und die Kluft zwischen ihnen überbrückt. Warum sollte dann keine Verständigung mit den Muslimen möglich sein?

Die diesbezügliche Argumentation des Westens ist wohlbekannt. Es gibt weder ewige Freundschaft noch ewige Feindschaft. Es gibt nur dauerhafte Interessen.

Wir haben nichts dagegen, im Lichte des Prinzips des Schutzes gegenseitiger Interessen zwischen uns und ihnen einen Dialog zu beginnen. Ich glaube, dass die Interessen des Westens darin liegen, die Feindschaft von Hunderten Millionen Muslimen zu vermeiden und ihr Vertrauen, ihre Freundschaft und ihren Respekt zu gewinnen. Im Gegenzug wollen wir unser Ansehen in den Augen des Westens verbessern, damit Vorstellungen, die sich durch bittere Konflikte über Jahrhunderte hinweg angesammelt haben und nicht frei von Übertreibungen und Fiktionen waren, verändert werden können.

Wir leugnen nicht, dass es unter uns Menschen gibt, die durch ihre Denkweise oder ihr Verhalten nicht das beste Ansehen des Islam vermitteln. Sie stellen den Islam so dar, als billige er Gewalt, Fanatismus und Konflikte mit anderen sowie die Geringschätzung von Freiheit und Menschenrechten, insbesondere der Rechte von Minderheiten und Frauen. Die tatsächlichen Zustände in vielen muslimischen Ländern haben dazu beigetragen, ein solches Bild zu schaffen, das als Folge des Islam und des islamischen Rechts angesehen wird.

Solche gefährlichen Irrtümer können weder von selbst verschwinden noch über Nacht beseitigt werden. Vielmehr können sie nur durch guten Willen und einen langfristigen Dialog ausgeräumt werden. Dieser Dialog muss auf Offenheit und Aufrichtigkeit beruhen, nicht auf taktischen Manövern und Täuschung. Gewiss kann man in der Politik keinen solchen Dialog erwarten, aber er ist nicht unmöglich. Denn in der heutigen Politik gibt es nichts Unmögliches.

Wenn wir die westlichen Führer und diejenigen, die Einfluss auf die Politik haben, davon überzeugen können, dass wir das Recht haben, unser Leben nach der Aqida, dem Glauben, der Scharia, den Werten und den moralischen Maßstäben des Islam zu führen, ohne irgendwelche unlauteren Absichten gegenüber dem Westen oder den Wunsch zu hegen, ihm zu schaden, werden wir auf dem Weg zur Verwirklichung des Ziels, für unsere Heimat eine gewünschte muslimische Gesellschaft zu errichten, weit vorankommen.

Es besteht kein Zweifel daran, dass das erste Hindernis auf dem Weg zur Erreichung dieses Ziels unsere Herrscher sind, die uns unter strenger Beobachtung halten, jeden unserer Schritte überwachen und jeden Versuch vereiteln, den Islam als Ordnung des gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens zu etablieren.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der mächtige Westen und seine führenden Vertreter Einfluss auf unsere Herrscher ausüben und sie vor dem Islam warnen. Sie säen in ihnen Angst vor den Islamisten. Durch direkte und indirekte Methoden sowie durch offene und geheime Reden und Erklärungen lassen sie sie der islamischen Bewegung gegenüber misstrauisch werden.

Wenn es dem Westen daher gelänge, die Notwendigkeit des Aufstiegs des Islam als richtungsweisende und große Macht zu erklären, wäre es vielleicht auch möglich, die arabischen und muslimischen Führer davon zu überzeugen. Und das wäre ein großer Erfolg.

Staatliche religiöse Einrichtungen

Die islamische Bewegung muss sich nachdrücklich darum bemühen, die Unterstützung religiöser Einrichtungen zu gewinnen. Zu den bedeutendsten dieser Einrichtungen gehören Al-Azhar in Ägypten, Al-Zaytuna in Tunesien, Al-Qarawiyyin in Marokko und Deoband auf dem indischen Subkontinent.

Die Bewegung muss in ihrem unverzichtbaren Plan die Verwirklichung eines großen Ziels ins Auge fassen: Sie muss mit ihrer eigenen Ideologie und ihren eigenen Kräften in die staatlichen religiösen Einrichtungen eindringen und Einfluss auf sie ausüben. Wenn die Bewegung bei diesem Vorhaben Erfolg hat, wird sie unter anderem bedeutende Ergebnisse erzielen:

1. Die Bewegung wird in der Lage sein, Konflikte mit den Mitgliedern jener Einrichtungen zu vermeiden, die in der muslimischen Bevölkerung noch Unterstützung genießen. Diese Mitglieder, insbesondere die Diener der Herrscher, sind noch immer dazu in der Lage, durch wahre und unwahre Anschuldigungen das Ansehen der Bewegung in den Augen ungebildeter oder halbgebildeter Menschen zu beschädigen.

Ihre Anschuldigungen behindern den Vormarsch der Bewegung, und die Bewegung muss oft viel Zeit darauf verwenden, sich zu verteidigen und unwahre Anschuldigungen zu widerlegen. Wenn sie daher Konflikte mit diesen Leuten vermeiden kann, wird die Bewegung ungehindert gegen jene eigentlichen Feinde des Islam vorgehen können, die das Licht von Allahs Din durch ihr Geschrei auslöschen wollen.

2. Es wird die Möglichkeit geschaffen, in diesen wichtigen Institutionen Reformen durchzuführen, damit sie durch diese Reformen ihre grundlegende und verpflichtende Aufgabe erfüllen können, die wahren Lehren des Islam zu verbreiten. Diese Institutionen werden die umfassende, wahre und unverfälschte Gestalt des Islam so darstellen, dass die betreffenden Institutionen von der Kontrolle tyrannischer Herrscher, des Kommunismus und der Christen befreit werden. Dadurch wird die Institution zu einer uneinnehmbaren Festung der islamischen Daʿwa im Kampf gegen die Verschwörungen der Feinde des Islam. Wenn diese staatlichen religiösen Institutionen reformiert werden können, werden Menschen hervorgebracht, die sich nicht nur staatlichen Aufgaben widmen, sondern sich auch dem Dienst an der Daʿwa und am Din hingeben.

3. Die Mittel und Möglichkeiten dieser staatlichen religiösen Institutionen werden genutzt werden können, um das Volk zu erreichen und zu beeinflussen und dadurch ein Bewusstsein für die wichtigsten Interessen des Islam zu schaffen. Zu den wichtigsten Interessen des Islam gehören die Probleme der Muslime in aller Welt sowie die Pflichten der muslimischen Bevölkerung gegenüber der islamischen Ideologie und den muslimischen Gebieten. Hinzu kommen die Aktivitäten der Bewegung zur Verwirklichung einer islamischen kulturellen Erneuerung auf den Gebieten des Wissens, des Handelns, der Bildung und der Bildung muslimischer Persönlichkeiten.

Auch im Kampf gegen die verderbliche Strömung, die unter dem Einfluss der Verschwörungen der Feinde des Islam und der Unterstützung innerer Heuchler heimlich und offen versucht, in die Umma einzudringen, werden die Mittel und Möglichkeiten staatlicher Institutionen genutzt werden können.

Durch eine solche Zusammenarbeit und Solidarität zwischen der volkstümlichen islamischen Bewegung und den staatlichen Institutionen wird die Unterstützung der Bevölkerung für die islamische Daʿwa und ihre großartige kulturelle Bestrebung weiter wachsen.

4. Es wird möglich sein, die Vorwände zu widerlegen, mit denen Regierungen zu begründen versuchen, dass sie die islamischen Gesetze als treibende Kraft des Lebens und der Gesellschaft vermeiden. Die Regierung nimmt einige schwache und irreführende Fatwas der Beamten dieser staatlichen religiösen Institutionen zur Grundlage ihrer Auffassung.

Ein weiteres Ziel besteht darin, den rechtmäßigen Status der Forderung und der Bemühungen der Bewegung zur Errichtung eines islamischen Staates zu begründen – eines Staates, der nach dem von Allah gesandten Gesetz regiert wird und den Islam als grundlegenden Glauben, als Lebensordnung und als Botschaft annimmt, um allen Menschen Führung und Entwicklung zu ermöglichen.

Imam Hasan al-Banna war stets daran interessiert, den Dialog mit den Gelehrten von al-Azhar fortzusetzen. Viele von ihnen waren seine Freunde. Einmal waren bei einer Konferenz in Tanta zahlreiche Gelehrte der al-Azhar-Universität anwesend. Dort hörte ich Imam Hasan al-Banna sagen: „Ihr, die Gelehrten, seid die reguläre Armee des Islam, und wir stehen als Reservekräfte hinter euch.“

Natürlich gilt dies nicht für jene Institutionen, die den Din im Austausch für die Freuden und Genüsse dieser Welt verkauft haben, zu Sprachrohren der Diktatoren geworden sind und sich in Schwerter in den Händen tyrannischer Herrscher verwandelt haben – Schwerter, die dazu eingesetzt werden, die wahrhaft Islamischen anzugreifen. Diese Institutionen dürfen nicht ignoriert oder verschont werden. Vielmehr müssen ihre Masken vor der Bevölkerung fallen, damit diese vor den verderblichen Aktivitäten dieser Institutionen gewarnt ist und weiß, wer sie sind.

Wir müssen zwischen jenen unterscheiden, die in den Händen der Diktatoren zu bloßen Werkzeugen geworden sind, und jenen, die die Diktatoren hassen, aber wegen ihrer Schwäche und Furcht nicht den Mut haben, ihnen entgegenzutreten. Denn die Schwachen sind so sehr verängstigt, dass sie es für besser halten, zu schweigen, und sich sogar fürchten, ein gerechtes Wort auszusprechen. Doch sie machen sich auch nicht mit ungerechten Äußerungen gemein. Angesichts dieser unnatürlichen Lage sollte man ihnen daher helfen, ihre Schwäche und Furcht zu überwinden.

Bei der Revolution gegen den Schah im Iran fungierten die religiösen Institutionen als treibende Kraft. Gemäß der Forderung nach uneingeschränkter Gefolgschaft des Volkes entsprechend den Vorgaben der jaʿfaritischen Ideologie erhielt die Revolution eine überwältigende Resonanz und Unterstützung. Außerdem war das Volk auf die Aufrufe der Scheiche und Ajatollahs hin stets bereit, für die Revolution Leben und Besitz zu opfern.

Auch die freiwilligen Spenden des Volkes unterstützten diese Revolution. Nach dem jaʿfaritischen Fiqh beträgt die Abgabe den Chumus, also ein Fünftel, das auf Grundlage des Gesamteinkommens festgelegt wird. Diese Abgaben wurden den Gelehrten übergeben, die den „verborgenen Imam“ vertraten.

Auf diese Weise waren die religiösen Führer Irans nicht von der Gunst der Regierung abhängig. Wäre es so gewesen, hätte die Regierung ihre Gehälter und Zulagen gezahlt und das Schicksal ihrer selbst und ihrer Familien kontrolliert. Auch die Befugnis, sie nach Belieben einzusetzen und zu entlassen, hätte allein in den Händen der Regierung gelegen.

Daher gehört es zu den wesentlichen Grundsätzen der Reform religiöser Institutionen, dass diese Institutionen theoretische, administrative und finanzielle Unabhängigkeit genießen und auch die Freiheit haben, beschlagnahmtes Waqf-Eigentum zurückzufordern und es in geeigneten Bereichen zu verwenden, damit die religiösen Institutionen ihre ihnen bestimmte Autorität zurückerlangen. Über das Geheimnis einer solchen Macht Imam Hasan al-Basris sagte einst ein Herrscher: „Seine Religion ist unsere Regierung, aber unser Geld braucht er nicht.“

Das ist das eigentliche Problem: Die religiösen Führer werden zu Staatsbeamten, obwohl der Staat ihre Religion überhaupt nicht braucht, sie aber das Geld des Staates benötigen.

Islamische Wiederbelebung

Die islamische Bewegung muss sich nach Kräften bemühen, alle islamischen Gruppen und alle Gruppen der islamischen Wiederbelebung auf einer gemeinsamen Plattform zu vereinen, um den Islam in der Welt zu etablieren und allen aggressiven Kräften entgegenzutreten, die sich der islamischen Daʿwa widersetzen. Diese Front muss unbedingt eine aktive Rolle dabei spielen, den geeigneten Weg für den Dialog festzulegen und die Ansichten der Gegenseite sachgerecht zu erwidern, damit wir eine Grundlage für Zusammenarbeit in den Fragen schaffen können, in denen wir übereinstimmen, und für Toleranz in den Fragen, in denen wir unterschiedlicher Meinung sind.

Imam Hasan al-Banna unternahm größtmögliche Anstrengungen, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den islamischen Gruppen Ägyptens zu beenden, und formulierte als minimales Programm, auf das man sich einigen konnte, die berühmten zwanzig Grundsätze.

Um die wichtigsten Ziele zu erreichen, sollte die Islamische Bewegung stets genau dies tun. Denn nur die gebündelte Kraft aller im islamischen Bereich tätigen Gruppen kann die Islamische Bewegung stärken. Ich meine hier die islamischen Gruppen, die mit Ernsthaftigkeit und Hingabe aktiv sind – nicht jene unbedeutenden oder vom rechten Weg abgekommenen Gruppen und auch nicht jene, die im Namen des Islam Schwindel betreiben.

Wenn eine islamische Gruppe meint, sie allein sei in der Lage, in der gegenwärtigen Zeit eine islamische Herrschaft zu errichten und innere Probleme sowie ausländische Verschwörungen zu bekämpfen, wird sie einen schweren Fehler begehen.

Was alle islamischen Gruppen und Bewegungen tatsächlich tun sollten, ist, ihre gesamten Anstrengungen auf die Bildung eines starken islamischen Bündnisses zu konzentrieren und ihre Meinungsverschiedenheiten zu beenden, damit dieses Bündnis die Verbündeten des Islam unterstützen und dessen Feinde abwehren kann.

Am meisten fürchte ich, dass der Eigennutz den Geist der islamischen Brüderlichkeit beeinträchtigt. Jede Gruppe stellt sich selbst als großartig dar und bemüht sich, die anderen als unfähig hinzustellen – und zwar so weit, dass sie all ihre Aktivitäten darauf konzentriert, die anderen zu vernichten, anstatt die eigene Gruppe zu einem starken Bestandteil des gesamten Bündnisses zu machen.

Ich fürchte auch jene Engstirnigkeit, die die islamischen Gruppen erfasst und ihr Denken und Bewusstsein beherrscht. Sie bauschen ihre Konflikte und Auseinandersetzungen auf, machen aus einem Termitenhügel einen Berg, erklären Nebensachen zu Grundprinzipien und nehmen Fragen des Idschtihad in die grundlegenden Prinzipien der Scharia auf, wie es der Verfasser des Aufsatzes „Die richtige Auffassung vom Widerspruch zwischen der Mitgliedschaft im Parlament und dem Tauhid“ getan hat.

Um jene starke islamische Herrschaft zu errichten, die die religiöse Wiederbelebung der Umma bewirken und unser diesseitiges Leben verbessern kann, bedarf es gemeinsamer Anstrengungen aller islamischen Gruppen und Kräfte, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Auffassungen, Wege und Grundsätze. Darüber hinaus müssen auch jene frommen und engagierten Menschen in diese Bemühungen einbezogen werden, die keiner Gruppe oder Organisation angehören.

Ich glaube, dass der Erfolg der Islamischen Bewegung gesichert ist, wenn sie die Anstrengungen aller islamischen Kräfte zur Erreichung dieses Ziels auf einer gemeinsamen Plattform koordinieren kann, auf der alle denken werden: Dieser Staat ist ihr Staat, diese Herrschaft ist ihre Herrschaft, sein Sieg ist ihr Sieg und seine Niederlage ist ihre Niederlage.

 

SechstesKapitel

Schlussfolgerung

Was nicht ungesagt bleiben darf

Am Ende des Buches möchte ich mit besonderem Nachdruck darauf hinweisen, dass die Islamische Bewegung hinsichtlich der Zukunft auf regionaler und internationaler Ebene eine klare Sichtweise vertreten muss. Auf der Grundlage dieser Sichtweise wird die Bewegung einen klaren und detaillierten Plan zur Erreichung konkreter Ziele auf rechtmäßige Weise annehmen. Ein solcher Plan muss auf der Grundlage moderner Denkansätze, einer Aufteilung in festgelegte Phasen und eines theoretischen Prozesses ausgearbeitet werden. Dieser Plan muss flexibel sowie leicht durchführbar und umsetzbar sein. Die gesamte Verantwortung dafür muss gleichmäßig auf geeignete Institutionen und Organisationen verteilt werden; sie darf nicht von einer einzelnen Person abhängen. Denn wenn die Umsetzung des Plans von einer oder einigen wenigen Personen abhängt, wird der Plan nur so lange bestehen, wie diese aktiv sind.

Der Plan muss auf der Grundlage umfassender Forschung erstellt werden, unter Heranziehung authentischer Daten, tatsächlicher Statistiken, umfassender Überprüfungen, wissenschaftlicher Analysen, einer objektiven Perspektive sowie aller verfügbaren und potenziellen materiellen und menschlichen Ressourcen und ohne alle inneren und äußeren psychologischen und materiellen Hindernisse zu unterschätzen oder zu übertreiben. [Um die Merkmale des besprochenen Plans kennenzulernen, lesen Sie mein Buch ‘The Islamic Solution: A Farida and A Necessity“.’। Im theoretischen Kontext wurde diese Diskussion geführt .।]

Ein solches Konzept muss von einem Team qualifizierter Fachleute aus verschiedenen Wissensbereichen ausgearbeitet werden. Jeder Fachmann wird seine Fähigkeiten und sein Wissen in das Team einbringen. Dieses Team kann nach eigenem Ermessen auch von anderen qualifizierten Personen Meinungen oder Informationen einholen.

Vor und nach der Ausarbeitung des Konzepts muss auf drei Aspekte geachtet werden: hauptamtliche Arbeit, die Qualifikation der Fachleute sowie Informationen und Forschung. Diese drei Aspekte werden wir im abschließenden Teil ausführlich erörtern.

Hauptamtliche Arbeit

In der künftigen Planung der Bewegung sollten in allen strategischen und anderen wichtigen Bereichen, insbesondere in den Bereichen Wissen und Wissenschaft, Bildung, Information, Massenmedien, Politik und Planung, unbedingt mehrere qualifizierte Personen hauptamtlich eingesetzt werden.

Die Bewegung sollte sich nicht ausschließlich auf die Arbeit von Teilzeit-Freiwilligen verlassen. Da diese Menschen den größten Teil ihrer Zeit für ihre persönlichen Angelegenheiten aufwenden müssen, kann man nicht erwarten, dass sie mit der geringen Zeit, die sie der Bewegung widmen, größere Verantwortung übernehmen. Natürlich darf man die Freiwilligen, die auch nur ein wenig Zeit um Allahs willen einsetzen, keineswegs geringschätzen. Im Gegenteil: Ihr Beitrag ist äußerst wichtig und in hohem Maße wirkungsvoll. Denn die Freiwilligen schaffen die sich erweiternde Grundlage der Bewegung. Abgesehen von einigen Personen, die im Interesse der Daʿwa-Arbeit hauptamtlich tätig sind, sind alle Mitglieder der Bewegung unentgeltlich arbeitende Freiwillige.

Imam Hasan al-Banna arbeitete noch mehrere Jahre als Lehrer innerhalb der Bewegung, bis er angesichts des Drucks der Daʿwa-Arbeit und der Dynamik der Bewegung gezwungen war, seine gesamte Zeit und seine ganzen Anstrengungen der Arbeit der Bewegung zu widmen.

In mehreren Ländern waren viele Mitglieder und Führungspersönlichkeiten der Bewegung einst Universitätsprofessoren, hochrangige Regierungsbeamte oder unabhängige Geschäftsleute beziehungsweise Kaufleute. Doch der bestmögliche Einsatz besteht wohl darin, dass sich jemand hauptamtlich dem Dienst an der Bewegung und der Verwirklichung ihrer Ziele widmet.

Bei der Einstellung hauptamtlicher Mitarbeiter muss selbstverständlich darauf geachtet werden, dass Fachleute aus den verschiedenen Bereichen die Verantwortung übernehmen. Sie sollen einander ergänzen. Auf diese Weise muss in allen Arbeitsbereichen die Fachkompetenz von Experten genutzt werden. Dadurch wird verhindert, dass einige Bereiche außer Acht gelassen und nur wenige ausgewählte Bereiche spezialisiert bearbeitet werden. So werden Ausgaben außerhalb der jeweils richtigen Bereiche vermieden.

In diesem Fall sollte Geld kein Problem darstellen. Denn die Verwendung von Geld für diesen Zweck ist eines der besten Mittel, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Die erforderlichen Mittel können aus Zakat, Sadaqa, Waqf und ähnlichen anderen Quellen beschafft werden.

Auch die aus dem bei inländischen und ausländischen Banken angelegten Kapital erzielten Zinsen können für diesen Zweck verwendet werden. Da diese Zinsen aus einer haram Quelle stammen, sollten wir bei der Verwendung dieses Geldes keine Bedenken haben. Denn haram ist dies nur für denjenigen, der das Kapital angelegt hat. Es ist jedoch halal, dieses Geld im Interesse des Islam auszugeben. Vor allem kann es für die Vollzeitmitarbeiter der islamischen Bewegung verwendet werden.

Engagierte Mitarbeiter sollten nicht davor zurückschrecken, ein angemessenes Gehalt zu beziehen, das dem für eine gleichwertige Tätigkeit an anderen Orten entspricht, damit sie die Arbeit der Bewegung zufrieden fortsetzen können. Wegen eines niedrigen Gehalts sollte unter ihnen keine Unzufriedenheit entstehen. Als gerechtes Gehalt kann weder eine allzu hohe noch eine allzu niedrige Vergütung gelten.

Dennoch ist es notwendig, ohne jede Parteilichkeit die geeigneten Eigenschaften zu prüfen und die richtige Person an die richtige Stelle zu setzen. Qualifikation und Redlichkeit sollten die einzigen Maßstäbe bei der Auswahl von Personen sein. In diesem Zusammenhang heißt es im Koran: Gewiss, derjenige ist als dein Bediensteter am besten, der stark und vertrauenswürdig ist ((Sure al-Qasas: 26).)।

der Experten Qualifikation

Die Bemühungen zur Heranbildung von Experten mit den erforderlichen Qualifikationen in allen Lebensbereichen sollten verstärkt werden. Wir leben heute im Zeitalter der Spezialisierung, und seine Experten sind wahrhaftig Experten. Wir leben nicht in jener Zeit, in der gelehrte, hochbegabte Menschen zu allen Bereichen von Wissen und Wissenschaft Stellung nahmen. Nicht nur der bloße Verstand ist nicht ausreichend, ebenso wenig sein Glanz oder Begabung.

Erforderlich sind spezielle Bildungsqualifikationen, die mit der Zeit Schritt halten können, den Bedarf decken und bei der Ausführung bestimmter Aufgaben hervorragende Leistungen erkennen lassen. In einem sahih Hadith wird überliefert: Wahrlich, Allah, Allah, hat in allen Dingen Vollkommenheit angelegt. [Nach An-Nawwās ibn Samʿān in Muslim– überliefert .।] Und Allah, der Erhabene, freut sich, wenn jemand unter euch eine Aufgabe vollkommen ausführt. [Nach ʿĀʾischa (r.). bei al- Bayhaqī überliefert.।]

In unserer Zeit ist Spitzenleistung nur durch Spezialisierung möglich. Auch der Schritt, der unternommen wird, um eine Wajib zu vervollkommnen, ist selbst Wajib.

Nehmen wir zum Beispiel die Öffentlichkeitsarbeit und die vielfältige Spezialisierung, die damit verbunden ist. Ein Manuskript zu verfassen ist eine Wissenschaft; es in ein Drehbuch umzuwandeln, ist ebenfalls eine Wissenschaft, und auch seine Regie ist eine Wissenschaft. Ebenso sind das Schauspiel darin und seine Vermarktung Wissenschaften. Auf diese Weise lässt sich bis hinunter zur niedrigsten Ebene eine lange Liste spezialisierten Wissens erstellen.

Die Programmregie für das Radio ist eine Tätigkeit eigener Art. Die Programmregie für das Fernsehen ist eine andere. Ebenso sind Bühnenregie und Filmregie zwei völlig verschiedene Dinge. Heute ist die Arbeit in den Massenmedien ein Bereich, in dem alle Künste zusammenkommen. Um diese Disziplinen fachkundig zu erlernen, gibt es zahlreiche Institute und Hochschulen, an denen die Studierenden auf höherer und postgradualer Ebene ausgebildet werden.

Die Islamisierung dieser Wissenszweige wird niemals möglich sein, wenn wir nicht die Hilfe von Fachleuten in Anspruch nehmen. Nur sie können in diesem Bereich eine islamische Alternative darstellen.

Die Islamische Bewegung ist reich an Begabungen. Doch ihre begabten Mitarbeiter werden nicht angemessen in den geeigneten Bereichen und Positionen eingesetzt. Oft sehen wir Ansammlungen von Fachleuten in einigen wenigen Bereichen wie Medizin, Pharmakologie oder Ingenieurwesen. In den seltenen Zweigen der Wissenschaft ist die Zahl der Fachleute, die mit der Islamischen Bewegung verbunden sind, jedoch sehr gering.

Dieser Zustand gilt auch für die Geistes- und Sozialwissenschaften wie Psychologie, Soziologie, Wirtschaftswissenschaften, Politikwissenschaft und Öffentlichkeitsarbeit. Im Allgemeinen verachten junge Menschen diese Fächer und wenden sich den angewandten Wissenschaften zu. Dabei sind diese Wissenschaften für die Gesellschaft weitaus notwendiger und beeinflussen sie. Deshalb haben die Juden in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern auf diesem Gebiet eine monopolartige Vorherrschaft errichtet und die meisten wichtigen Positionen besetzt, damit sie diese nach ihrem Willen und im eigenen Interesse lenken können.

Viele begabte junge Menschen sind zwar für das Studium der Geisteswissenschaften und der Literatur geeignet und daran interessiert, werden jedoch aufgrund des gesellschaftlichen Drucks gezwungen, angewandte Wissenschaften zu studieren. Könnte man ihre Begabung dort einsetzen, wohin ihre Fähigkeiten und Interessen weisen, wären in den betreffenden Bereichen größere Erfolge möglich.

Tatsächlich ist der Mangel an Muslimen in diesem Bereich trotz der Bedeutung der Geisteswissenschaften und ihres erheblichen Einflusses äußerst deutlich. Selbst auf dem Gebiet der Literatur, also etwa bei Kurzgeschichten und Literaturkritik, ist der Mangel beträchtlich. Man kann fast sagen, dass es dort keine herausragenden jungen Menschen gibt. Einige von ihnen betreiben zwar literarische Arbeit, erhalten jedoch nicht die notwendige Unterstützung bei der Bekanntmachung wie andere, während die Linken und andere sich in diesem Bereich gegenseitig helfen und unterstützen.

Informationen und Forschung

In der heutigen Zeit besteht ein äußerst dringender Bedarf der islamischen Bewegung darin, eine Datenbank oder ein Informations- und Forschungszentrum einzurichten, das in der Lage ist, den Anforderungen der Informationsrevolution unserer Zeit gerecht zu werden. Geeignete, ausgebildete Fachleute müssen in diesem Zentrum eingestellt werden. In diesem Zusammenhang lautet die Anweisung Allahs, des Allwissenden: Niemand kann dich so unterrichten wie Allah, der Allwissende (Sure Fātir: 14). Gleichzeitig muss dieses Zentrum entsprechend den Anforderungen des einundzwanzigsten Jahrhunderts mit modernster Ausstattung und ausreichend Personal ausgestattet werden.

Auch die Quellen und Methoden der Informationsbeschaffung sowie die Methoden der Informationsspeicherung, -klassifizierung und -wiedergewinnung sind vielfältiger geworden. Haben wir irgendwelche Schritte unternommen, um diese Methoden und Hilfsmittel zu nutzen?

Selbst wenn wir die Angelegenheiten anderer, seien es Feinde oder Freunde, außer Acht lassen, kennen wir nicht einmal die Hälfte der Informationen über uns selbst. Die Feinde hingegen wissen alles über uns.

Ich reiste mit einigen arabischen Brüdern, die im islamischen Bankwesen tätig waren, nach Istanbul. Dort trafen wir einige Brüder aus der turkmenischen Republik der ehemaligen Sowjetunion. Sie fragten uns: Wo ist jetzt eure Hilfe für eure Brüder in Turkmenistan und den anderen Republiken, die hinter dem Eisernen Vorhang eingeschlossen waren und nun frei arbeiten und handeln können? Sie brauchen jetzt jede Art von Hilfe und Fachwissen in den Bereichen Religion, Kultur, Bildung und Wirtschaft. Wo ist diese Hilfe und dieses Fachwissen? Wer wird ihnen helfen?

Sobald die Auswirkungen von Glasnost und Perestroika sichtbar wurden, wurden die christlichen religiösen Autoritäten aktiv. Sie verfügten über alle Informationen, Daten, Statistiken und Karten mit entsprechenden Kennzeichnungen. Daher begannen sie sofort, Bibeln und andere Bücher zu verteilen und überall Missionare auszusenden. Seitdem wurden in dieser kurzen Zeit etwa 2.000 Kirchen an neuen Orten errichtet oder wiederaufgebaut beziehungsweise vom Verfall bedrohte Kirchen erneut instand gesetzt. Die Kirchen und ihre Mitarbeiter setzen diese Arbeit dort noch immer fort. Wo aber bleibt die islamische Arbeit in den muslimischen Ländern?

Ich fragte sie: Was wisst ihr über unsere dortigen Brüder? Wie groß ist ihre Zahl, wie heißen ihre Länder, wie sehen ihre Geschichte, ihr materieller und kultureller Hintergrund und ihre Bedürfnisse aus? Ich erfuhr, dass wir nur sehr wenig über sie wissen und nicht einmal von einer islamischen Institution Kenntnis haben, die über ausreichende und verlässliche Informationen über sie verfügt, die genutzt werden könnten.

Die islamische Bewegung muss auf regionaler und internationaler Ebene zeitgemäß gestaltet werden. Dafür müssen umfassende Anstrengungen unternommen werden, und um das Ziel zu erreichen, müssen alle Kräfte der Muslime im Umfeld der Bewegung mobilisiert werden. Im Hinblick auf dieses Ziel wollen wir folgendes Gebet sprechen:

O Allah, mache unseren heutigen Tag besser als den gestrigen und den morgigen Tag besser als den heutigen. Überströme all unsere Werke mit Deiner Barmherzigkeit. Amen!

 

Anhang: Ibn Taymiyyas Fatwa

1.. zur Bekämpfung von Unrecht und zur Unterdrückung der Übeltäter durch die Übernahme eines staatlichen Amtes

Scheich al-Islam Ibn Taymiyya, möge Allah ihm barmherzig sein, wurde nach einem Mann gefragt, der ein Regierungsamt angenommen und die Verantwortung für mehrere Lehen übernommen hatte, deren Untertanen verpflichtet waren, die gemäß den staatlichen Vorschriften auferlegten Steuern zu entrichten. Dieser Mann setzte all seine Anstrengungen dafür ein, die gesamte Last des Unrechts und der Ungerechtigkeit von den Schultern der Bevölkerung zu nehmen, in der Erwägung, dass die Ungerechtigkeit bestehen bleiben, wenn nicht sogar schlimmer werden würde, falls er zurückträte. Wenn der Mann die Hälfte der Abgaben erlassen, dadurch die Last der Untertanen erleichtern und die andere Hälfte einziehen und zum Wohl der Bevölkerung verwenden könnte: Sollte er dann in seinem Regierungsamt bleiben, weil er beabsichtigt, die Ungerechtigkeit so weit wie möglich zu vermindern, oder sollte er zurücktreten und das Lehen einem anderen überlassen, obwohl er weiß, dass die Ungerechtigkeit nicht beseitigt, sondern durch seinen Rücktritt noch zunehmen könnte? Würde er sich versündigen, wenn er an seinem Regierungsamt festhielte? Falls nicht, wäre es dann richtig, ihm zu raten, in seinem Amt zu bleiben? Was wäre für ihn besser: im Amt zu bleiben und sich um die Beseitigung der Ungerechtigkeit zu bemühen oder zurückzutreten und dadurch zuzulassen, dass die Ungerechtigkeit fortbesteht und zunimmt? Wenn die Untertanen es wegen des Nutzens, den sie durch die Beendigung der ihnen zugefügten Unterdrückung erfahren, begrüßen, dass dieser Mann an der Macht bleibt, sollte er dann bleiben?

Imam Ibn Taymiyya antwortete: „Alles Lob gebührt Allah. Ja, er sollte an der Macht bleiben, wenn er ein rechtschaffener Mann ist und sich bemüht, die Last der Ungerechtigkeit so weit wie möglich zu beseitigen. Dies gilt, wenn sein Verbleib besser ist als der eines anderen Mannes und es als wohltätiger angesehen wird, dass das Lehen unter seiner Kontrolle bleibt, als dass es einem anderen übergeben wird. Er darf im Regierungsamt bleiben, und dadurch versündigt er sich nicht. Wenn er keine bessere Pflicht als diese zu erfüllen hat, ist es besser, im Amt zu bleiben, als es aufzugeben.“

Wenn niemand sonst vorhanden ist, ist es für einen solchen Mann Pflicht, in diesem Amt zu bleiben. Denn die Herstellung von Gerechtigkeit auf alle möglichen Weisen und die Beseitigung dieser Ungerechtigkeit sind eine gemeinschaftliche Pflicht. Wenn jemand sich dazu fähig sieht und niemand sonst vorhanden ist, sollte er diese Pflicht übernehmen. Derjenige, der die Verantwortung übernimmt, darf jedoch nicht dazu gedrängt werden, eine Ungerechtigkeit zu beseitigen, die sich seiner Kontrolle entzieht.

Man sollte von diesem Mann nicht verlangen, die von den Herrschern den Untertanen des Lehens auferlegten Steuern abzuschaffen, wenn dies möglicherweise nicht in seiner Macht steht. Außerdem können die von den Herrschern und ihren Vertretern geforderten Gelder nicht gezahlt werden, wenn die Abgaben nicht eingezogen werden. Wenn dieser Mann diese Forderung nicht erfüllt, werden sie jemand anderen mit der Verantwortung für das Lehen betrauen. Dieser wird dann die Unterdrückung und Ungerechtigkeit fortsetzen oder deren Ausmaß noch vergrößern. Daher ist es viel besser, einen Teil der Abgaben zu entrichten, als den Herrschern die Möglichkeit zu geben, sämtliche Abgaben einzuziehen. Wenn dieser Mann sich nach Kräften bemüht, gerecht zu sein, ist er besser als andere, selbst wenn er einige Forderungen der Übeltäter erfüllt, um die Menschen vor deren Ungerechtigkeit zu bewahren. Wenn dieser Mann von den Muslimen Steuern einzieht, ohne selbst Unrecht zu tun, wird er dafür belohnt; und selbst wenn er unter den genannten Umständen Steuern einzieht, wird er nicht bestraft. Wenn er sein Möglichstes tut, um Gerechtigkeit sicherzustellen, wird er weder in dieser Welt noch im Jenseits bestraft.

Dieser Mann ist wie der Vormund von Waisen, der Treuhänder einer Stiftung, ein Geschäftspartner oder jemand, der im Namen anderer oder an deren Stelle eine Verantwortung übernimmt. Er ist wie jemand, der im Namen seiner Kunden einen Teil ihres Kapitals einem ungerechten Herrscher übergibt, wenn dies der einzige Weg ist, die Interessen der Kunden zu schützen. In diesem Fall tut dieser Mann das Richtige und nicht das Falsche. Was er den Herrschern gibt, ist wie die Immobilien- und Verkaufssteuern, die an die Steuereinnehmer entrichtet werden müssen. Denn jeder, der in diesen Ländern eine solche Transaktion für sich selbst oder im Namen anderer durchführt, muss diese Steuern einziehen und an die Behörden abführen. Wenn er die Steuern nicht einzieht, kann er die Interessen der ihm Unterstellten ohne diese Abgaben nicht schützen. Infolgedessen würden sowohl die Interessen seiner Unterstellten als auch seine eigenen Interessen geschädigt.

Viele meinen, man dürfe eine solche Situation nicht entstehen lassen, nur um den Untertanen auch die geringste Ungerechtigkeit zu ersparen. Wenn die Bevölkerung diese Auffassung annimmt, werden Ungerechtigkeit und Korruption mit Sicherheit zunehmen. Denn ihre Lage wäre dann wie die von Reisenden, die von Räubern überfallen werden. Wenn die Reisenden die Räuber nicht durch die Zahlung eines Teils ihres Geldes besänftigen, werden die Räuber sie töten und ihr gesamtes Geld und ihre Habe rauben. Wenn jemand den Reisenden sagt: ‚Es ist Unrecht, den Räubern euer Geld zu geben‘, bedeutet das, dass er ihnen rät, den Räubern nicht einmal diesen geringen Betrag zu überlassen. Wenn sie jedoch diesem Rat folgen, werden sie nicht nur diesen kleinen Betrag, sondern ihr gesamtes Geld und ihre Habe verlieren. Ganz zu schweigen von der Religion: Kein vernünftiger Mensch könnte einen solchen Rat geben. Allah, der Allmächtige, hat Seinen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, entsandt, um den Menschen nach Kräften Nutzen zu bringen, die Übeltäter zu unterdrücken und das Übel auszurotten.

Wenn ein rechtschaffener Mann, der unter einem ungerechten Herrscher ein Regierungsamt übernommen hat, die Menschen dadurch vor großem Schaden bewahren kann, dass er so wenig Abgaben wie möglich einzieht, und wenn dieser Mann beim Verlassen seines Regierungsamtes nicht nur nichts anderes bewirken könnte, sondern an seiner Stelle ein anderer käme, der sämtliche Abgaben von der Bevölkerung einziehen und sie vor keinem Schaden bewahren würde, dann wird der Mann, der das Regierungsamt mit guter Absicht übernommen hat, für seine Tätigkeit belohnt und dafür weder in dieser Welt noch im Jenseits bestraft werden.

Solche Menschen sind wie der Vormund eines Waisen und der Treuhänder einer Stiftung, die ihre Pflichten erfüllen, obwohl sie die von der Regierung ungerecht auferlegten Steuern entrichten. Wenn sie dies nicht tun und ihre Verantwortung aufgeben, könnte jemand an ihre Stelle treten, der das Ausmaß der Ungerechtigkeit vergrößert. Daher ist es zulässig, dass rechtschaffene Menschen in Regierungsämtern bleiben, und wenn sie solche Steuern an einen ungerechten Herrscher entrichten, trifft sie dafür keine Sünde. Vielmehr ist es eine Pflicht, in ihren Ämtern zu bleiben, und diese Pflicht sollten sie erfüllen.

Dieses Prinzip gilt auch für einen Soldaten, der mit der Erhebung von Steuern in einem Lehen betraut ist. Selbst wenn er von der Bevölkerung nur geringe Steuern erhebt, führt er nicht alles an die Regierung ab. Denn aus diesen Einnahmen soll er Waffen, Pferde und andere Ausrüstungsgegenstände kaufen. Ein gut ausgerüsteter Soldat hat auch im Krieg bessere Möglichkeiten, den Muslimen zu dienen. Wenn jemand ihm sagt, er habe kein Recht, Steuern zu erheben, und solle dieses Lehen aufgeben, dann sagt er das aus Unkenntnis der Religion. Denn infolge seines Verzichts auf das Lehen könnte jemand an seine Stelle treten, der das Maß der Unterdrückung noch erhöhen und nichts zum Wohl der Muslime beitragen würde. Selbst die Anwesenheit türkischer Soldaten ist besser als die arabischer Soldaten, denn sie sind besser als andere Soldaten. Sie sind an der gerechten Behandlung der Bevölkerung interessiert und bemühen sich nach Kräften, Ungerechtigkeit und Rechtsverletzungen zu beseitigen. Dieser Soldat ist für die Muslime von Nutzen. Daher könnte es weniger nützlich und ungerechter sein, das Lehen stattdessen einem anderen zu überlassen.

Jeder solche gerechte und am Gemeinwohl orientierte Amtsträger und Bedienstete wird für seine guten Taten belohnt und nicht dafür bestraft, dass er keine guten Taten vollbringen konnte, die außerhalb seiner Möglichkeiten lagen. Daher werden sie für das, was sie einnehmen und ausgeben, nicht zur Rechenschaft gezogen, wenn sie nichts anderes tun können. Denn wenn sie keine Steuern erheben und sie nicht zum Wohl der Allgemeinheit ausgeben, kann dies größeren Schaden verursachen. [Scheich al- Islam Ibn Taymiyas ‘Fatwa’, 3. Band, Seite 356–360।]

2. Unter denselben Umständen Gut und Bösem Konflikt

In einem Kapitel über den Konflikt zwischen Gut und Böse sagt Shaykh al-Islam Ibn Taymiyya: Da erwiesen ist, dass das Gute Nutzen bringt, gilt es als Unrecht, keine gute Tat zu vollbringen, und Unrecht ist schädlich. Auch in einer unerwünschten Sache kann ein gewisser Nutzen liegen. Wenn zwei gute Taten nicht gemeinsam vollbracht werden können, sollte die bessere Tat zuerst vollbracht werden. Wenn zwei Übel nicht vermieden werden können, kann das geringere Übel gewählt werden. Wenn es sich hingegen um etwas Gutes und etwas Böses handelt, die entweder gemeinsam angenommen oder aufgegeben werden müssen, muss man unter Berücksichtigung des größeren Nutzens annehmen oder verwerfen. Das heißt: Wenn das Gute einen größeren Nutzen bringt, muss es angenommen werden; oder das Böse muss angenommen werden, wenn dadurch ein größerer Schaden vermieden werden kann.

Die erste Art des Konflikts besteht in einem Gegensatz zwischen einer Pflicht (Wajib) und einer empfohlenen Handlung (Mustahabb). Ein Beispiel dafür ist, die Rückzahlung einer Schuld der Sadaqa vorzuziehen. Oder es geht darum, welche Vorrang verdient: eine für alle Muslime verpflichtende Fard-Handlung oder eine Fard-Pflicht, die ein beliebiger Muslim im Namen aller Muslime erfüllen muss.

Der Konflikt der zweiten Kategorie betrifft eine Angelegenheit, bei der man etwa den Ausgaben für die Ehefrau und die Familie den Vorrang vor den Ausgaben für den Jihad gibt. Hier handelt es sich beim Jihad nicht um eine persönliche Verpflichtung. Ebenso sollte die finanzielle Unterstützung der Eltern Vorrang vor dem Jihad haben. In diesem Zusammenhang heißt es in einem authentischen Hadith: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wurde gefragt, welche Handlung die vorzüglichste sei. Er antwortete: das Gebet zur vorgesehenen Zeit zu verrichten, danach die Eltern gut zu behandeln und anschließend den Jihad auf Allahs Weg zu führen.

Ebenso hat der Jihad Vorrang vor dem Hajj, wenn er den Rang einer persönlichen Verpflichtung einnimmt, obwohl der Hajj eine Fard-Handlung ist. Auch zwischen zwei erlaubten Handlungen muss der Vorrang in gleicher Weise im Licht von Koran und Sunna bestimmt werden.

Das Rezitieren des Korans verdient Vorrang vor dem Gedenken an Allah, wenn bei beiden gleichermaßen Herz und Zunge eingesetzt werden. Das Gebet wiederum hat Vorrang vor diesen beiden, wenn es mit der Beteiligung des Herzens verrichtet wird. Andernfalls ist dem Gedenken an Allah Vorrang vor der Koranrezitation einzuräumen, wenn bei dieser Rezitation keine innere Aufmerksamkeit vorhanden ist. Dies ist allerdings eine Angelegenheit, die einer ausführlichen Erörterung der Fiqh bedarf.

Der dritte Typ des Konflikts betrifft einen Widerspruch wie die Reise einer Frau ohne Mahram und den Aufenthalt im Dar al-Harb. So hielt sich beispielsweise Umm Kulthum im Dar al-Harb auf. In diesem Zusammenhang wurde offenbart: O ihr Gläubigen! Wenn muslimische Frauen zu euch auswandern, dann prüft sie (Sure al-Mumtahina: 10)।

In der Fiqh des Dschihad ist es zwar haram, nicht an Kampfhandlungen beteiligte Frauen und Kinder zu töten, doch wenn sie in irgendeine Art von Kampf verwickelt sind, können sie nötigenfalls getötet werden, etwa durch den Einsatz raketenartiger Waffen oder bei Nachtangriffen. In der Sunna wird in diesem Zusammenhang davon berichtet, dass bei der Belagerung von Taif Angriffe durchgeführt und mit raketenartigen Waffen Steine geschleudert wurden. Außerdem werden Nachtangriffe gegen die in muslimischen Ländern lebenden Kafir erwähnt. Ziel dieses Rechtsurteils ist es, zur Vermeidung von Fitna die daran Beteiligten zu töten, da sie andernfalls nicht getötet werden dürften.

des von den Rechtsgelehrten beschriebenen Tatarrus [Tatarrus ist die Situation wenn die Feinde ihre eigenen Frauen und Kinder oder muslimische Kriegsgefangene als menschliche Schutzschilde verwenden und sein। Zweck darin besteht die muslimischen Streitkräfte vom Angriff abzuhalten und sie davon abzuhalten, dazu zu zwingen,।] dass auch diese Frage ähnlich gelagert ist. Der Dschihad ist der Kampf gegen den Keim des Aufruhrs, den die Ungläubigen säen. Dieser Krieg muss geführt werden, selbst wenn man dabei das vergleichsweise geringere Übel in Kauf nimmt. Daher sind sich die Rechtsgelehrten darin einig, dass die als Schutzschilde eingesetzten Beteiligten getötet werden dürfen, wenn sich der Schaden für die Muslime nur dadurch abwenden lässt. Allerdings besteht auch in dieser Frage Uneinigkeit.

Eine weitere Art von Widerspruch liegt vor, wenn ein Muslim in äußerstem Hunger gezwungen ist, das Fleisch eines verendeten Tieres zu essen. In diesem Fall kann nur durch diese schlechte Handlung eine gute Handlung wie die Rettung des Lebens ermöglicht werden. Ebenso stellt sich die Frage, ob ein schädliches Medikament eingenommen werden darf, wenn sein Schaden größer ist als sein Nutzen bei der Heilung einer Krankheit und die Heilung durch ein anderes verfügbares Medikament unsicher wäre. Dasselbe gilt für den Gebrauch von Alkohol als Arzneimittel.

Ein Übel darf in zwei Fällen hingenommen werden: wenn dadurch ein schwerwiegenderes Übel vermieden werden kann, das auf keine andere Weise abzuwenden ist, und wenn dadurch ein Wohl erreicht wird, auf das nicht verzichtet werden kann oder das auf keine andere Weise zu erlangen ist. Ein Nutzen oder ein Wohl darf in zwei Fällen aufgegeben werden: wenn dadurch ein größerer Nutzen geschädigt werden könnte oder wenn dadurch ein noch größerer Schaden zu befürchten wäre. Dies steht im Zusammenhang mit dem religiösen Gleichgewicht.

Eine Befreiung von einer Pflicht aufgrund eines Schadens im weltlichen Leben oder die Erlaubnis zu einer unerlaubten Sache in der Hoffnung auf einen weltlichen Nutzen – etwa die Befreiung vom Fasten während einer Reise, die Erlaubnis bestimmter verbotener Handlungen während des Haddsch wegen Krankheit oder die Befreiung von einigen grundlegenden Bedingungen des Gebets aufgrund einer Krankheit – fällt unter religiöse Erleichterung und die Minderung von Härte. In dieser Frage kann es Meinungsverschiedenheiten zwischen den verschiedenen Rechtsschulen geben. Im zuvor genannten Fall kann es jedoch keinen Grund für Meinungsverschiedenheiten geben, zumindest nicht bei Einzelheiten, die nach allgemeiner Betrachtung zu beurteilen sind. Auch dies muss anhand der Vernunft bestimmt werden. Hierzu lässt sich ein Sprichwort anführen: Weise ist nicht derjenige, der sagen kann, was unter dem Guten und dem Schlechten das Gute ist, sondern derjenige, der unter zwei guten Dingen das bessere und unter zwei schlechten Dingen das weniger schlechte zu bestimmen vermag.

So ist es für die Menschen eine unbestreitbare Tatsache, dass Regen während einer Dürre eine Barmherzigkeit ist, auch wenn der despotische Herrscher dadurch mehr Ertrag erhält. Ohne Regen jedoch würden alle Menschen Schaden erleiden. Die Menschen ziehen es vor, einen ungerechten Herrscher zu haben, statt überhaupt keinen Herrscher zu haben. Ein Weiser sagte: Sechzig Jahre unter der Herrschaft eines ungerechten Herrschers zu leben ist besser, als eine einzige Nacht ohne Regierung zu verbringen.

Außerdem kann ein Herrscher für die von ihm begangene Unterdrückung und Tyrannei sowie dafür zur Verantwortung gezogen werden, dass er die Rechte der Menschen beschneidet. Wenn jedoch ein Herrscher oder Amtsträger nicht in der Lage ist, seine Pflichten zu erfüllen, sich zugleich von allen unerlaubten Handlungen fernhält und versucht, jede falsche Handlung zu vermeiden, während andere diese Handlungen absichtlich begehen, sollte ihm ein staatliches Amt übertragen werden. Denn zu den Pflichten eines staatlichen Amtes können Aufgaben gehören, die erfüllt werden müssen, etwa der Dschihad gegen den Feind, die Verteilung des Fai (im Krieg nicht erbeutete Güter), die Anwendung der Hudud (Kapitalstrafen) und die Gewährleistung der Sicherheit. Dieses Amt muss besetzt werden. Andernfalls würde es jemandem übertragen, der dafür nicht geeignet ist, und der betreffende Amtsträger könnte dies nicht verhindern. In diesem Fall ist sein Vorgehen zur Erfüllung der Pflicht als unvermeidbar anzusehen. Der damit verbundene Schaden ist daher hinnehmbar, wenn er geringer ist als der Nutzen der Erfüllung dieser Pflicht. Wenn darüber hinaus ein staatliches Amt von einem schlechten Menschen besetzt ist und jemand anderes dieses Amt übernimmt, um Unrecht und Ungerechtigkeit zu vermindern, die meisten Belastungen zu beseitigen und dafür eine geringere Belastung auf sich zu nehmen, wird sein Handeln aufgrund seiner Absicht als gut angesehen. Selbst wenn er bei der Erfüllung seiner Aufgabe einige schlechte Handlungen begeht, um einem größeren Übel zu entgehen, gilt dies als eine gute Handlung.

Dies ist ein Bereich, in dem die Absicht der entscheidende Faktor ist. Wenn ein despotischer Herrscher einer Person befiehlt, einen bestimmten Geldbetrag zu hinterlegen, und ein Vermittler, um die Person vor Ungerechtigkeit zu schützen, einen Teil dieses Betrags von ihr einzieht und ihn dem grausamen Herrscher übergibt, um sie vor dessen Zorn zu bewahren, dann hat dieser Vermittler eine gute Tat vollbracht. Wenn er jedoch etwas tut, um den Tyrannen zu unterstützen, begeht er eine schlechte Tat.

In den meisten Fällen zeigt sich jedoch ein Fehler zwischen der Absicht und der Handlung. Wenn eine Handlung absichtlich mit dem Ziel begangen wird, Unrecht zu tun, oder wenn eine Pflicht aufgegeben wird, muss davon ausgegangen werden, dass die Absicht fehlerhaft ist.

Auch wenn die Übernahme eines staatlichen Amtes zulässig, wünschenswert oder sogar unerlässlich ist, kann es für denjenigen, der in dieses Amt berufen werden soll, andere Erwägungen geben, die noch unerlässlicher oder wünschenswerter sind. Er muss nämlich manchmal gezwungenermaßen und manchmal aus freier Entscheidung dem Besseren von zwei guten Dingen den Vorrang geben.

Dass Hazrat Yusuf (a.s.) vom König von Ägypten die Verantwortung für die Getreidespeicher des Landes erbat, fällt unter diese Einordnung. Dabei waren der König und sein Volk ungläubig. Im Koran wird berichtet: „Und gewiss war Yusuf schon vor euch mit deutlichen Zeichen zu euch gekommen, doch ihr bliebt stets im Zweifel über das, was er euch brachte“ (Sure Al -Mu’’min: 34). Über Hazrat Yusufs Rolle während seiner Gefangenschaft wird im Koran berichtet: „O ihr beiden Gefährten im Gefängnis! Sind viele und verschiedene Götter besser oder Allah, der Eine, der Allmächtige? Ihr verehrt anstelle Allahs nur einige unwirkliche Namen, die ihr und eure Vorväter euch ausgedacht habt“ (Sure Yusuf: 39––40)।

Da sie Ungläubige waren, bestand für das Einziehen ihrer Einnahmen und deren Ausgaben für den königlichen Hof, die Soldaten und die Untertanen eine bestimmte Vorgehensweise und Tradition. Diese Vorgehensweise und Tradition stimmten in keiner Weise mit den Regeln und der Gerechtigkeit der Propheten und Gesandten überein. Daher konnte Yusuf (a.s.) nicht alles gemäß Allahs Gesetz tun, was er tun wollte. Was er jedoch tun konnte, war, Gerechtigkeit und rechtschaffene Taten zu verwirklichen und durch seine Macht einen Nutzen für die gläubigen Mitglieder seiner Familie zu erlangen, was ihm auf keine andere Weise möglich gewesen wäre. All dies fällt unter die Worte Allahs des Erhabenen: „So gehorcht Allah und fürchtet Ihn, soweit ihr könnt“ (Sure at-Taghabun: 16)।

Wenn zwei Pflichten gleichzeitig eintreten, aber nur eine von ihnen erfüllt werden kann und die wichtigere Pflicht gewählt werden muss, besteht die andere in diesem Fall nicht mehr als Pflicht. Wer diese Aufgabe unterlässt und die wichtigere Aufgabe erfüllt, kann nicht als nachlässig bei der Erfüllung seiner Pflichten bezeichnet werden.

Wenn ebenso zwei verbotene Handlungen vor einem stehen, muss man die weniger verbotene Handlung begehen, um die schwerwiegendere verbotene Handlung zu vermeiden. In diesem Fall gilt diese Handlung eigentlich nicht mehr als verboten.

Wenn jedoch in beiden Fällen die Handlung nicht ausgeführt wird, gilt dies im ersten Fall als Vernachlässigung einer Pflicht und im zweiten Fall als Begehen einer verbotenen Handlung. In diesem Zusammenhang wird gesagt, dass es für das Unterlassen einer Pflicht eine Entschuldigung gibt, während die schlechte Handlung im Interesse eines größeren Wohls, aus Notwendigkeit oder zur Vermeidung eines anderen schwerwiegenden Schadens begangen wird.

Der Bereich von Interessenkonflikten ist äußerst weitreichend, besonders dort, wo es aus der Zeit der Sunna und des Kalifats nur wenige Beispiele dafür gibt. Dadurch treten konfliktreiche Fragen besonders deutlich hervor. Je seltener die überlieferten Beispiele sind, desto umfassender wird der Konflikt und desto mehr Anlass zu Meinungsverschiedenheiten unter der Umma entsteht. Wenn Gutes und Böses in ein Rätsel geraten, entsteht eine solche Unklarheit, dass manche Menschen etwas äußerst Böses wählen, weil sie es für gut halten. Andere wiederum halten eine Sache für schädlich und wählen eine andere, von der kein erhoffter Nutzen zu erwarten ist. Allerdings gibt es auch viele Menschen, die über beide Möglichkeiten gründlich nachdenken.

Ein sachkundiger Mensch sollte die Angelegenheiten mit Bedacht prüfen. Denn wie ich bereits gesagt habe, muss er bei der Entscheidung über manche Fragen möglicherweise flexibel sein, anstatt etwas mit Bestimmtheit für erlaubt oder verboten zu erklären. So kann es sein, dass er die Anordnung zu einer Handlung geben muss, bei der ein erheblicher Schaden zu befürchten ist; diese Handlung darf jedoch nicht angeordnet werden, um einen geringeren Schaden zu vermeiden. Beispielsweise darf jemand einen schuldigen Menschen nicht einem tyrannischen Herrscher ausliefern, der ihn härter bestraft, als es seinem Vergehen entspricht. Ebenso darf er keine Handlung des Bösen verbieten, die zugleich eine gute Seite enthält, wenn das Gute das Böse überwiegt. In einem solchen Fall sollte niemand ein Verbot erlassen, das dazu führt, dass man das verwirft, was Allah, der Erhabene, und Sein Gesandter (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) angeordnet haben. Die von Allah und Seinem Gesandten angeordneten Handlungen sind nützlicher, als diese Übel zu vermeiden. [Scheich al- Islam Ibn Taymiyyas ‘Fatwa, ’, 20 . Band, , Seiten 48––61.।]

Terminologie

Ahl adh-Dhimma: Wörtlich: eine Gemeinschaft unter einem Sicherheitsvertrag. Nichtmuslimische Bürger wie Juden, Christen und Sabäer unter einer muslimischen Regierung, die durch die Entrichtung der Dschizya in einem muslimischen Land Sicherheit für Leib und Eigentum genießen.

Ahl al-Kitab: Wörtlich: die Gemeinschaft der Anhänger einer heiligen Schrift – Juden und Christen.

Awqaf: religiöse Stiftung oder Einrichtung für öffentliche Dienste.

Dar al-Harb: ein in einen Krieg verwickeltes Gebiet. Ein Land, in dem zwischen Muslimen und Ungläubigen kein Frieden hergestellt worden ist.

Dar al-Islam: islamischer Staat. Ein Gebiet, in dem der Islam und das islamische Recht etabliert sind.

Fard: unbedingt vorgeschriebene Pflicht. Verpflichtende gottesdienstliche Handlungen.

Fatwa: rechtliches islamisches Rechtsgutachten.

Fiqh: wörtlich der Entwurf des Wissens. Im terminologischen Sinne die Bestimmungen des islamischen Rechts.

Halal und Haram: jeweils die im Islam erlaubten und verbotenen Dinge.

Hidschra: die Auswanderung der Muslime nach Medina.

Dschāhilīya: die vorislamische Zeit und die polytheistischen Bräuche jener Zeit.

Dschanāba: rituelle Unreinheit, aufgrund derer die Ganzkörperwaschung verpflichtend wird.

Dschihad: das Ringen auf Allahs Weg.

Masālih mursala: das öffentliche Interesse.

Nāfila: Nafl, freiwillige Anbetung.

Ribāṭ: Schutz der Muslime vor den Ungläubigen.

Ṣadaqa: zusätzliche Spenden und Almosen über die Zakāt hinaus.

Taḥlīl: das Aussprechen des Glaubensbekenntnisses „lā ilāha illā llāh“. Das heißt: das Aussprechen, dass es außer Allah keine Gottheit gibt.

Takbīr: das Aussprechen des Rufs „Allāhu akbar“. Das heißt: Allah ist der Größte.

Takfīr: jemanden als Ungläubigen einstufen.

Tasbīḥ: das Aussprechen des Rufs „Subḥān Allāh“. Das heißt: Allah, dem alle Herrlichkeit gebührt.

Uṣūl al- fiqh: Grundsätze der islamischen Rechtswissenschaft.

………. Ende ……….