Worte des Herausgebers
„Bibel, Koran und Wissenschaft“ ist ein weltweit berühmtes Werk. Verfasst wurde es von dem bekannten französischen Chirurgen, Wissenschaftler und Forscher Dr. Maurice Bucaille. Als sein auf Französisch verfasstes Buch „La Bible, le Coran et la Science“ erstmals im Mai 1976 in Paris veröffentlicht wurde, erregte es sofort die Aufmerksamkeit der gebildeten Öffentlichkeit. Es wurde in zahlreiche Sprachen der Welt, darunter Englisch und Arabisch, übersetzt.
Der erhabene Koran ist der Schlüssel zur Erlösung und zum Wohlergehen der Menschheit im Diesseits und im Jenseits sowie das einzige fehlerfreie himmlische Buch. Dennoch wurde zu allen Zeiten versucht, diese Wahrheit zu leugnen. Dieser Versuch ging hauptsächlich von jüdischen und christlichen Gelehrten sowie von Wissenschaftlern aus.
In diesem Buch hat er die Übereinstimmung zwischen den Erkenntnissen aus der modernen wissenschaftlichen Forschung und den Darstellungen in der Bibel auf eindrucksvolle Weise herausgearbeitet. Da dieses Buch all jenen, die im Zeitalter des höchsten wissenschaftlichen Fortschritts die wahre Wahrheit entdecken möchten, großen Nutzen bringt, wird es weltweit ausführlich besprochen und gelobt. Als der renommierte Journalist und Kolumnist Herr Osman Gani dieses außergewöhnliche Werk ins Bengalische übersetzte, wurde es zunächst mehrere Jahre lang fortlaufend in der Monatszeitschrift Prithibi veröffentlicht. Kürzlich betonten angesehene Teilnehmer bei einer Dua-Versammlung anlässlich des zweiten Todestages des verstorbenen Osman Gani, wie wichtig die Veröffentlichung des Buches in gebundener Form sei. Sie erklärten, dass seine Veröffentlichung ein Mittel zu der Erlösung des Verstorbenen im Jenseits sein könne und dass er auch nach seinem Tod Anspruch auf den Lohn einer fortdauernden Wohltätigkeit haben könne.
Unter Berücksichtigung dieses Aspekts stimmten die würdigen Kinder und Familienangehörigen des Verstorbenen der Veröffentlichung des Buches freudig zu, woraufhin die Al-Quran-Akademie beschloss, das Buch herauszugeben.
Die Al-Quran-Akademie ist eine missionarische Organisation, die gegründet wurde, um die Lehren und Botschaften des Korans zu verbreiten, zu fördern und unter den Menschen weitgehend bekannt zu machen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, koranbezogene Forschung zu betreiben sowie deren Ergebnisse zu veröffentlichen und zu verbreiten. Mit unserer Unterstützung wurden bereits das von Hafiz Muniruddin Ahmed, dem Direktor der Al-Quran-Akademie London, verfasste „DICTIONARY OF THE HOLY QURAN“ („Wörterbuch des Heiligen Koran“), das von Asad bin Hafiz, dem Direktor der Al-Quran-Akademie Dhaka, verfasste „Sachwörterbuch des Korans“ sowie die außergewöhnliche Korangeschichte „Du bist schön, du Allheiligster“ von Ata Sarkar veröffentlicht.
Die Al-Quran-Akademie Dhaka schreitet mit dem Plan voran, noch umfassender am Koran zu arbeiten. Inzwischen wurde mit Unterstützung der Al-Quran-Akademie London und unter unserer Betreuung mit der Übersetzung des weltberühmten Tafsir „Fi Zilalil Quran“ begonnen.
Wir bitten alle um das Gebet, dass Allah unsere guten Absichten erfüllt und den Verfasser, den Übersetzer und den Herausgeber dieses Werkes im Jenseits zu denjenigen zählen lässt, die Erlösung erlangen. Möge Allah uns allen die Fähigkeit schenken, Sein Wort zu kennen, zu verstehen und danach zu handeln.
Amen.
Einleitung
Jede der drei monotheistischen Religionen besitzt ihre eigene Schrift. Ob Jude, Christ oder Muslim – diese Schrift bildet jeweils die Grundlage seines Glaubens. Für alle ist ihre jeweilige Schrift die niedergeschriebene Gestalt des himmlischen Wortes. Zu Hazrat Ibrahim und Hazrat Musa kam dieses Wort unmittelbar von Allah. Zu Hazrat Isa und Hazrat Muhammad (s.) kam es jedoch durch einen Vermittler. Hazrat Isa sagte, dass er im Namen seines Vaters gesprochen habe. Und das Wort, das Hazrat Muhammad (s.) verkündete, empfing er von Allah durch den Engel Dschibril.
Nach den historischen Fakten zu urteilen, gehören das Alte Testament, das Evangelium und der Koran derselben Kategorie an. Das heißt, sie sind schriftliche Sammlungen des himmlischen Wortes. Die Muslime glauben an diese Auffassung. Die westlichen Bewohner jedoch, die hauptsächlich vom jüdisch-christlichen Einfluss geprägt sind, wollen dem Koran nicht den Rang des himmlischen Wortes zuerkennen.
Wenn man die Haltung betrachtet, die die Angehörigen einer Religion gegenüber den Schriften der beiden anderen Religionen einnehmen, lässt sich vielleicht eine Erklärung für diese westliche Auffassung finden.
Die himmlische Schrift der Juden ist die Hebräische Bibel. Ihr Unterschied zum Alten Testament der Christen besteht darin, dass das Alte Testament einige Kapitel enthält, die in der Hebräischen Bibel nicht enthalten waren. Dieser Unterschied bereitet in der Praxis natürlich keine nennenswerten Schwierigkeiten. Denn die Juden erkennen nach ihrem eigenen Buch keine weitere offenbarte Schrift an.
Die Christen haben zwar die Hebräische Bibel als ihre eigene Schrift anerkannt, aber noch einiges hinzugefügt. Sie haben jedoch nicht alle Schriften angenommen, die zum Zweck der Verkündung der Botschaft Hazrat Isas verfasst und veröffentlicht wurden. Die christlichen Geistlichen haben viele Schriften über das Leben und die Lehre Hazrat Isas verworfen. Im Neuen Testament haben sie nur eine sehr geringe Zahl von Schriften beibehalten. Unter ihnen sind die vier kanonischen Evangelien die wichtigsten. Die Christen erkennen kein himmlisches Wort an, das nach Hazrat Isa und seinen Gefährten offenbart wurde. Daher erkennen sie auch den Koran nicht als himmlische Schrift an.
Der Koran wurde sechshundert Jahre nach Hazrat Isa offenbart. In dieser Schrift werden viele Informationen aus der Hebräischen Bibel und den Evangelien erneut dargestellt. Denn der Koran enthält zahlreiche Zitate aus der Tora und den Evangelien. (Mit Tora sind die ersten fünf Bücher der Bibel gemeint, das heißt die fünf Bücher Hazrat Musas – Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium.) Im Koran selbst gibt es für die Muslime das Gebot, an alle vor dem Koran offenbarten himmlischen Schriften zu glauben (Sure 4, Vers 136). Außerdem wird im himmlischen Wort der Rolle von Propheten wie Hazrat Nuh, Hazrat Ibrahim und Hazrat Musa besondere Bedeutung beigemessen. Hazrat Isa wird eine besondere Stellung eingeräumt. Denn im Koran und in den Evangelien wird seine Geburt als ein übernatürliches Ereignis beschrieben. Auch seiner Mutter Maryam wird eine besondere Stellung eingeräumt. Einen Hinweis auf diese besondere Stellung gibt die Tatsache, dass die elfte Sure des Korans nach ihrem Namen benannt ist.
Die Bewohner des Westens sind im Allgemeinen über diese Tatsachen des Islam nicht informiert. Wenn man bedenkt, wie sie seit mehreren Generationen religiös unterrichtet und in Bezug auf den Islam unwissend gehalten worden sind, erscheint dieser Zustand keineswegs ungewöhnlich. Hinter ihrer Unwissenheit spielt – selbst in der heutigen Zeit – die Verwendung von Ausdrücken wie „mohammedanische Religion“ und „mohammedanische Nation“ eine große Rolle. Durch die Verwendung dieser Ausdrücke und Redewendungen haben sie sich die falsche Vorstellung gebildet, dieser Glaube sei von einem Menschen namens Muhammad begründet worden und Allah spiele dort – im christlich-religiösen Sinne – keinerlei Rolle. Viele angesehene und gebildete Menschen im Westen sind heute daran interessiert, die philosophischen, sozialen und politischen Lehren des Islam kennenzulernen; doch sie erkundigen sich überhaupt nicht nach dem eigentlichen himmlischen Wort des Islam. Dabei sollten sie sich gerade zuerst nach diesem Wort erkundigen.
Viele können sich gar nicht vorstellen, mit welcher Verachtung Muslime in manchen christlichen Kreisen betrachtet werden. Ich habe diesbezüglich eine persönliche Erfahrung gemacht. Einmal wollte ich die in der Bibel und im Koran geschilderten Geschichten zu demselben Thema vergleichend analysieren. Doch meine Zuhörer wollten nicht einmal für eine vorläufige Erörterung irgendeine Darstellung des Korans als Grundlage akzeptieren. Ihrer Ansicht nach bedeutete es, den Satan selbst ins Spiel zu bringen, wenn man etwas aus dem Koran zitierte.
Auf höchster Ebene der christlichen Welt sind jedoch gegenwärtig Anzeichen für gewisse Veränderungen zu erkennen. Auf der Grundlage der auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil erörterten Themen wurde vom Vatikanischen Sekretariat für die Beziehungen zu den Nichtchristen ein Buch in französischer Sprache veröffentlicht. Sein Titel lautet „Orientations pour un dialogue entre chrétiens et musulmans“ – Grundlage für den Dialog zwischen Christen und Muslimen. Herausgeber: Ancora, Rom, dritte Auflage 1970. Dieses Buch deutet auf weitreichende Veränderungen in der offiziellen Lehre der Christen hin.
In diesem Dokument wurde die überkommene Vorstellung abgelegt, die im Denken der Christen über die Muslime seit alter Zeit durch ererbte, unbegründete Feindseligkeit und Abneigung entstellt war; vielmehr wurde darin „das frühere Unrecht gegenüber den Muslimen anerkannt“ und erklärt, dass dafür die christlich gebildete westliche Mentalität verantwortlich sei. Das Buch kritisiert die bisherigen falschen Vorstellungen der Christen über den Fatalismus, den Legalismus und den Traditionalismus der Muslime, betont nachdrücklich den Glauben an die Einheit Allahs und erinnert daran, wie erstaunt die Zuhörer waren, als Kardinal König im März 1969 bei einer offiziellen Konferenz in der berühmten Moschee der muslimischen Universität al-Azhar diese Einheit nachdrücklich verkündete. Ferner wird daran erinnert, dass das Vatikanische Büro die Christen 1967, am Ende des Fastens im Monat Ramadan, aufgefordert hatte, den Muslimen „mit aufrichtiger religiöser Empfindung“ Grüße zu übermitteln.
Nach diesen ersten Bemühungen um engere Beziehungen zwischen der Römisch-katholischen Kurie und dem Islam wurden noch einige weitere Schritte unternommen, und durch Meinungsaustausch und Kontakte zwischen beiden Seiten wurden diese Beziehungen vertieft. Obwohl diese Ereignisse äußerst wichtig waren, fanden sie kaum Beachtung. Dabei ereigneten sich all diese Vorgänge im Westen, wo es an Kommunikationsmitteln wie Zeitungen, Radio und Fernsehen keineswegs mangelt.
Am 24. April 197 reiste Kardinal Pignedoli, Präsident des Vatikanischen Sekretariats für die Beziehungen zu den Nichtchristen, zu einem offiziellen Besuch nach Saudi-Arabien und traf sich mit König Faisal. Diese wichtige Nachricht erhielt jedoch in den Zeitungen keinerlei Beachtung. Die französische Zeitung Le Monde brachte die Nachricht am 25. April 1974 in nur wenigen Zeilen und äußerst knapp. Wenn man jedoch betrachtet, was bei diesem Treffen geschah, wird deutlich, wie wichtig die Nachricht war. Bei diesem Treffen überreichte der Kardinal König Faisal eine Botschaft Seiner Heiligkeit Papst Pauls VI. In der Botschaft bekundete Seine Heiligkeit, „von tiefem Glauben an die Einheit der islamischen und der christlichen Welt in der Anbetung des einen Gottes beseelt“, Seiner Majestät König Faisal als dem Oberhaupt der islamischen Welt seine tiefe Hochachtung.
Sechs Monate später, im Oktober 1974, reiste eine Delegation führender Gelehrter aus Saudi-Arabien zu einem offiziellen Besuch in den Vatikan und traf dort mit dem Papst zusammen. Bei dieser Gelegenheit fand eine Gesprächsrunde zwischen Christen und Muslimen über „die kulturellen Rechte des Menschen im Islam“ statt. Am 26. Oktober 1974 veröffentlichte die Vatikanzeitung „L’Osservatore Romano“ auf ihrer Titelseite einen ausführlichen Bericht über diese Versammlung. Am selben Tag wurde auf derselben Seite der Bericht über den Abschlusstag der in Rom abgehaltenen Bischofssynode in wesentlich kleinerem Umfang veröffentlicht.
Später empfingen der Ökumenische Rat der Kirchen in Genf und der Lordbischof von Straßburg, Seine Gnaden Elchinger, die saudischen Gelehrten. Der Lordbischof bat sie, in seiner Gegenwart mitten in der Kathedrale das Zuhr-Gebet zu verrichten. Diese Nachricht wurde zwar veröffentlicht, vermutlich jedoch als ungewöhnliches Ereignis und nicht wegen ihrer tiefen religiösen Bedeutung. Diejenigen, die ich dazu befragt habe, sagten, sie seien sich der religiösen Bedeutung dieses Ereignisses nicht bewusst gewesen.
Diese aufgeschlossene Haltung und Gesinnung von Papst Paul VI. gegenüber dem Islam wird im Verhältnis zwischen den beiden Religionen zweifellos ein eigenes Kapitel bleiben. Er selbst sagte, er sei „von einem tiefen Glauben an die Einheit der islamischen und der christlichen Welt in der Anbetung des einen Gottes beseelt“. Es ist notwendig, dieses Empfinden des Oberhaupts der katholischen Kirche gegenüber den Muslimen erneut hervorzuheben. Da viele Christen in einer Atmosphäre offenen Hasses erzogen wurden, lehnen sie grundsätzlich jede Diskussion über den Islam ab. Das vatikanische Dokument hat dies bedauert. Gerade deshalb sind sie völlig unwissend darüber, was der Islam eigentlich ist, und hegen hinsichtlich des Charakters des Islam als himmlische Offenbarung nach wie vor völlig falsche Vorstellungen.
Dennoch ist es bei der Beurteilung irgendeines Merkmals der himmlischen Offenbarung einer monotheistischen Religion notwendig, sie mit den entsprechenden Merkmalen der beiden anderen Religionen zu vergleichen. Eine ganzheitliche Betrachtung einer Sache ist gewiss besser als eine einseitige Betrachtung. Daher werden in diesem Buch einige in den himmlischen Offenbarungen der drei Religionen behandelte Themen vergleichend erörtert und ihnen die von der Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckten Erkenntnisse gegenübergestellt. In diesem Zusammenhang muss man sich darüber im Klaren sein, dass angesichts ihrer engen gegenseitigen Beziehung eine besondere Notwendigkeit für die drei Religionen entstanden ist, sich nun zu vereinigen. Denn alle drei Religionen sind gleichermaßen dem Angriff des Materialismus ausgesetzt. Die Vorstellung, Religion und Wissenschaft stünden in keinem guten Verhältnis zueinander, ist in islamischen Ländern ebenso wie in den vom jüdisch-christlichen Einfluss geprägten Ländern weit verbreitet, insbesondere in wissenschaftlichen Kreisen. Um diese Frage in ihrer Gesamtheit zu untersuchen, wäre eine ausführliche Erörterung erforderlich.
In diesem Buch möchte ich nur eine einzige Seite dieses Themas darlegen, nämlich die himmlischen Offenbarungen der drei Religionen im Licht des modernen wissenschaftlich begründeten Wissens untersuchen.
Bevor wir uns jedoch dieser Aufgabe zuwenden, muss eine grundlegende Frage gestellt werden: In welchem Maß ist die gegenwärtige Gestalt der himmlischen Offenbarung ursprünglich und authentisch? Die Antwort
darauf erfordert eine sorgfältige Untersuchung der Umstände und Verhältnisse, unter denen jene Offenbarung niedergeschrieben wurde, sowie der Art und Weise, wie sie durch Überlieferung und Verbreitung bis zu uns gelangt ist.
Im Westen hat die Untersuchung der himmlischen Offenbarung erst in jüngster Zeit begonnen. Hunderte von Jahren lang haben die Menschen die Bibel des Alten und des Neuen Testaments so hingenommen, wie sie sie vorfanden. Diese Bibel haben sie anschließend lediglich verteidigt und nichts weiter getan. Denn selbst die geringste Kritik betrachteten sie als Sünde. Die Geistlichen hatten den Vorteil, dass sie die gesamte Bibel gelesen hatten und mit ihr vertraut waren. Die meisten gewöhnlichen Menschen hingegen hörten in der Kirche lediglich die Lesung einzelner Teile.
Auf der Ebene der Fachwissenschaft hat die Kritik am Urtext zur Entdeckung und Verbreitung schwerwiegender Probleme geführt. Daher ist man beim Lesen mancher sogenannter kritischer Abhandlungen häufig enttäuscht. Denn es zeigt sich, dass der Kritiker, nachdem er bei der Auslegung des Originals auf ein tatsächliches Problem gestoßen ist, einen Satz oder Abschnitt zitiert hat, aus dem klar hervorgeht, dass er versucht hat, das eigentliche Problem zu verbergen. Wendet man unter diesen Umständen eine objektive Beurteilung und vernünftiges Denken an, so zeigt sich, dass die Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche weiterhin in gleicher Weise bestehen. Dennoch gibt es unzählige Bemühungen, solche Sätze oder Abschnitte der Bibel als richtig zu behaupten.
Diese Bemühungen können sich für den Glauben denkender und vernünftiger Menschen an Allah als äußerst schädlich erweisen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass manche Menschen diese Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche zwar erkennen, die meisten Christen jedoch in religiösen Angelegenheiten weder ihre Vernunft noch ihr Urteilsvermögen anwenden.
Bestimmte Hadithe des Islam können mit den Evangelien verglichen werden. Die Sammlung der Aussagen und Handlungen des Propheten Muhammad (s.) wird als Hadith bezeichnet. Das Evangelium ist nichts anderes als ein Hadith über Jesus. Einige Hadithe wurden viele Jahre nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.) niedergeschrieben. Ebenso wurden die Evangelien viele Jahre nach dem Tod Jesu niedergeschrieben. In beiden Fällen liegen menschliche Zeugnisse über vergangene Ereignisse vor. Hinsichtlich der Evangelien gibt es jedoch einen Unterschied. Wir werden sehen, dass die Verfasser der vier kanonischen Evangelien keine Augenzeugen der von ihnen geschilderten Ereignisse waren. Dasselbe gilt für einige Hadithe, die im letzten Teil dieses Buches erwähnt werden.
Doch hier endet die Ähnlichkeit. Denn über die Authentizität bestimmter Hadithe wurde bereits früher diskutiert, und dies geschieht noch immer. Im Fall der meisten Evangelien wurde jedoch schon in der Frühzeit der Kirchengeschichte eine endgültige Entscheidung getroffen. In dieser Entscheidung wurden nur vier Evangelien als kanonisch, das heißt als offiziell, anerkannt. Obwohl zwischen diesen vier Evangelien in vielen Punkten Widersprüche bestehen, stellte dies kein Hindernis für die Annahme dieser Entscheidung dar. Danach wurde angeordnet, alle übrigen Evangelien geheim zu halten. Deshalb nennt man sie „Apokryphen“, das heißt unecht.
Ein weiterer grundlegender Unterschied zwischen den christlichen und den islamischen Schriften besteht darin: Im Christentum gibt es keine himmlische und schriftlich überlieferte Offenbarungsschrift. Der Koran des Islam ist sowohl himmlisch offenbart als auch schriftlich überliefert.
Der Koran ist das himmlische Wort, das dem Propheten Muhammad (s.) durch den Engel Gabriel offenbart wurde. Unmittelbar nach seiner Offenbarung wurde dieses Wort niedergeschrieben, von den Muslimen auswendig gelernt und im Gebet, insbesondere in den Gebeten des Monats Ramadan, rezitiert. Muhammad (s.) selbst teilte dieses Wort in verschiedene Suren ein und ordnete es; unmittelbar nach seinem Tod, innerhalb eines Zeitraums von zwölf bis vierundzwanzig Jahren, wurde es während der Herrschaft des Kalifen Uthman in Form eines Buches zusammengestellt. Der Koran, den wir heute vor uns haben, ist dieses zusammengestellte Buch. [Tatsächlich ist hier eine geringfügige sachliche Ungenauigkeit enthalten. Im Jahr 12 nach der Hidschra (633 n. Chr.) wurde der Koran nach der Schlacht von Yamama auf Anweisung des Kalifen Abu Bakr (r.) in Buchform zusammengestellt. Uthman (r.) ließ während seiner Herrschaft zahlreiche Kopien dieser Zusammenstellung anfertigen und in verschiedene Regionen senden – der Übersetzer.]
Demgegenüber sind die Schriften der Christen Sammlungen indirekter Berichte verschiedener Menschen. Sie enthalten keinen Bericht von jemandem, der die Ereignisse im Leben Jesu mit eigenen Augen gesehen hat. Viele Christen nehmen dies jedoch an. Die Frage nach der Authentizität der christlichen und der islamischen Schriften ist nun auf diese Weise entschieden worden.
Die Gegenüberstellung der Darstellungen in den himmlischen Schriften mit wissenschaftlichen Erkenntnissen hat den Menschen stets Anlass zum Nachdenken gegeben.
Eine Zeit lang nahm man an, dass eine himmlische Schrift, um als wahr anerkannt zu werden, mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen müsse. Der heilige Augustinus stellte diesen Grundsatz in seinem 82. Brief förmlich auf. Später werden wir aus diesem Brief zitieren. Mit dem Fortschritt der wissenschaftlichen Entdeckungen wurde jedoch deutlich, dass zwischen der Bibel und der Wissenschaft Widersprüche bestehen. Daraufhin wurde beschlossen, derartige Vergleiche nicht mehr anzustellen. So entstand eine Situation, in der wir heute gezwungen sind anzuerkennen, dass die Bibel und die Wissenschaft einander widersprechen. Wir können allerdings keine himmlische Offenbarung anerkennen, deren Darstellungen fehlerhaft und unwahr sind. Es gibt nur eine Möglichkeit, diesen Widerspruch zu lösen, nämlich: Den Abschnitt, der eine der wissenschaftlichen Erkenntnis widersprechende Aussage enthält, nicht als wahr anzuerkennen. Diese Lösung wurde jedoch nicht angenommen. Stattdessen wurde mit Nachdruck verkündet, dass die Bibel wahr sei. Dadurch nahmen die geistlichen Fachgelehrten eine Position ein, die für Wissenschaftler keineswegs akzeptabel ist.
Indem der Islam an dem von Augustinus hinsichtlich der Bibel formulierten Grundsatz festhielt, nahm er stets an, dass die Darstellungen des Korans vollständig mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen. In jüngster Zeit wurde die Offenbarung des Islam eingehend geprüft. Es ergab sich jedoch keinerlei Notwendigkeit, diesen Grundsatz zu ändern. Später werden wir sehen, dass der Koran zahlreiche Darstellungen von Dingen enthält, die mit der Wissenschaft zusammenhängen. Auch die Bibel enthält solche Darstellungen, allerdings nicht annähernd so viele. Diese wenigen Darstellungen der Bibel widersprechen den wissenschaftlichen Erkenntnissen. Demgegenüber stimmen die zahlreichen Darstellungen des Korans mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen überein. Unter diesem Gesichtspunkt ist kein Vergleich zwischen diesen beiden Büchern möglich. Aus unserer Untersuchung ist als grundlegende Wahrheit hervorgegangen, dass keine Angabe des Korans aus wissenschaftlicher Sicht zurückgewiesen werden kann. Im letzten Teil dieses Buches werden wir jedoch sehen, dass dies auf die Hadithe nicht zutrifft. Es wurde bereits gesagt, dass Hadithe Sammlungen der Aussagen und Handlungen des Propheten Muhammad (s.) sind und sich grundlegend von der Offenbarung des Korans unterscheiden. Die Darstellungen mancher Hadithe sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht akzeptabel. Zur Feststellung ihrer Authentizität sind im Koran selbst Grundsätze für die Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und der Vernunft festgelegt; anhand dieser Grundsätze wurden jene Hadithe geprüft.
Es ist notwendig, die Frage, inwieweit die Aussagen bestimmter himmlischer Bücher aus wissenschaftlicher Sicht akzeptabel oder inakzeptabel sind, noch etwas näher zu erläutern. Zunächst muss mit Nachdruck gesagt werden, dass mit wissenschaftlichen Fakten hier ausschließlich solche wissenschaftlichen Erkenntnisse gemeint sind, die genau und eindeutig bewiesen und anerkannt sind. Wenn man sich dieses Grundprinzip vor Augen hält, wird man feststellen, dass alle Theorien, die einst zur Erhellung eines bestimmten Gegenstands oder Sachverhalts notwendig waren, aufgrund des Fortschritts der wissenschaftlichen Forschung heute jedoch nicht mehr von solcher Bedeutung sind, aus unserer gegenwärtigen Betrachtung vollständig ausgeschlossen wurden. Hier werde ich ausschließlich solche Fakten verwenden, die über jeden Streit und jede Kontroverse erhaben sind. Obwohl wissenschaftliche Entdeckungen nur unvollständige Erkenntnisse liefern können, werden selbst diese unvollständigen Erkenntnisse allgemein anerkannt sein, sobald keine Gefahr eines Irrtums mehr besteht.
Als Beispiel kann angeführt werden, dass die Wissenschaftler nicht einmal ein ungefähres Datum für das Auftreten des Menschen auf der Erde angeben können. Sie haben jedoch Überreste menschlicher Tätigkeit entdeckt, die wir ohne jeden Zweifel auf zehntausend Jahre vor der Geburt Jesu datieren können. Daher können wir die biblische Darstellung in dieser Hinsicht nicht als mit den wissenschaftlichen Fakten vereinbar anerkennen. Denn die im Buch Genesis der Bibel angegebenen Daten und Stammbäume setzen das Auftreten des Menschen auf der Erde, also die Erschaffung Adams, etwa siebenunddreißighundert Jahre vor der Geburt Jesu an. Vielleicht wird die Wissenschaft uns in Zukunft noch genauere und präzisere Erkenntnisse liefern als unsere gegenwärtigen Berechnungen. Eines steht jedoch mit Sicherheit fest: Die Wissenschaft wird uns niemals sagen, dass der Mensch erstmals vor 4.376 Jahren auf die Erde gekommen sei. Genau dies wird im hebräischen Kalender des Jahres 1975 behauptet. Somit zeigt sich, dass die biblischen Angaben über das Auftreten des Menschen auf der Erde völlig falsch sind.
Aus dieser Auseinandersetzung mit der Wissenschaft wurden alle eigentlich religiösen Fragen ausgeklammert. So gibt es beispielsweise keine wissenschaftliche Erklärung dafür, wie oder auf welche Weise Allah sich Mose offenbarte. Dasselbe lässt sich über das Geheimnis der Geburt Jesu ohne biologischen Vater sagen. Auch in keinem himmlischen Buch findet sich eine gegenständliche Erklärung für diese Dinge. In diesem Buch werden ausschließlich jene ungewöhnlichen Naturerscheinungen behandelt, die in den himmlischen Büchern beschrieben und mehr oder weniger ausführlich erklärt werden. Wenn man dies bedenkt, fällt uns sehr leicht auf, dass der Koran zu einem bestimmten Thema umfangreiche Informationen enthält, während sich in den beiden anderen Büchern zu demselben Thema nur sehr wenige Informationen finden.
Zunächst untersuchte ich die Offenbarung des Korans mit völlig unvoreingenommenem Geist und ohne jede vorgefasste Meinung und achtete auf die Übereinstimmung der koranischen Darstellungen mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft. Nach der Übersetzung des Korans erfuhr ich, dass dieses Buch zahlreiche Naturerscheinungen und Sachverhalte erwähnt. Damals verfügte ich jedoch noch über keine eingehenden Kenntnisse darüber. Als ich dann begann, den Koran in seiner ursprünglichen arabischen Sprache zu lesen und zu untersuchen, stellte ich eine Liste all dieser Erscheinungen und Sachverhalte zusammen. Nachdem diese Liste fertiggestellt war und ich die Beweise geprüft hatte, musste ich zugeben, dass es im Koran keine einzige Darstellung gibt, der aus moderner wissenschaftlicher Sicht widersprochen werden könnte.
Mit derselben Unvoreingenommenheit führte ich auch beim Alten Testament und bei den Evangelien eine gleichartige Untersuchung durch. Beim Alten Testament stellte ich noch vor dem Abschluss des ersten Buches, der Genesis, fest, dass es dort Darstellungen gibt, die den bewiesenen Erkenntnissen der modernen Wissenschaft völlig widersprechen.
Als ich mich danach den Evangelien zuwandte, stieß ich sogleich auf ein ernstes Problem. Bereits auf der ersten Seite findet sich der Stammbaum Jesu. In dieser Frage besteht jedoch ein deutlicher Widerspruch zwischen der Darstellung des Matthäus und der des Lukas. Ein weiteres Problem besteht darin, dass die Darstellung des Lukas über das erstmalige Auftreten des Menschen auf der Erde den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen völlig widerspricht.
Meiner Ansicht nach lassen all diese Widersprüche, Unwahrscheinlichkeiten und Unstimmigkeiten jedoch keinen Mangel an Glauben an Allah erkennen. Aus diesen Widersprüchen lässt sich lediglich die Verantwortungslosigkeit der Menschen ablesen. Niemand kann heute mehr sagen, was im ursprünglichen Text stand. Ebenso kann niemand mehr feststellen, wie er auf der Grundlage von Vorstellungen bearbeitet oder wie die Offenbarung unbewusst verändert wurde. Was uns heute jedoch sehr leicht auffällt, ist Folgendes: Sobald wir auf diese Widersprüche und Selbstwidersprüche in der Bibel aufmerksam werden, tun die Fachleute entweder so, als seien sie ihnen nicht aufgefallen, oder sie versuchen durch Wortklauberei eine frei erfundene Erklärung zu liefern. Bei der Erörterung der von Johannes und Matthäus verfassten Evangelien werde ich ein Beispiel für dieses geschickte sprachliche Täuschungsmanöver der Fachleute vorlegen. Unwahrscheinlichkeiten und Selbstwidersprüche verbergen sie hinter dem Wort „Problem“. Bei ihren Bemühungen, dieses „Problem“ zu verbergen, sind sie gewöhnlich erfolgreich. Deshalb wissen viele Christen überhaupt nichts von diesen schwerwiegenden Fehlern im Alten Testament und in den Evangelien. Im ersten und zweiten Kapitel dieses Buches wird der Leser konkrete Beispiele für diesen Zustand finden.
Im dritten Kapitel findet sich ein Beispiel für die sachgemäße Anwendung der Wissenschaft auf die Offenbarung. Durch die Anwendung moderner säkularer Erkenntnisse konnte die Bedeutung einiger Verse des Korans besser verstanden werden. Die Bedeutung dieser Verse war bisher zwar nicht unverständlich, aber doch rätselhaft. Das ist natürlich nicht verwunderlich. Denn im Islam gelten Religion und Wissenschaft seit jeher als Geschwister. Von Anfang an hat der Islam zum Betreiben der Wissenschaft aufgerufen, und gerade dadurch, dass dieser Aufruf befolgt wurde, kam es im Goldenen Zeitalter der islamischen Zivilisation zu einem gewaltigen Aufschwung der Wissenschaft, von dem auch die westliche Welt vor der Renaissance in besonderem Maße profitierte. Das Licht, das moderne wissenschaftliche Erkenntnisse auf bestimmte Verse des Korans geworfen haben, hat im gegenseitigen Verhältnis von Offenbarung und Wissenschaft einen erweiterten Horizont des Einvernehmens und Verstehens eröffnet. Aufgrund des Mangels an dem zur Auslegung erforderlichen Wissen waren diese Verse zuvor unklar und unverständlich.
Das Alte Testament: allgemeine Eingrenzung
Wer ist der Verfasser des Alten Testaments? Auf diese Frage werden die meisten Leser des Alten Testaments wahrscheinlich das antworten, was sie in der Einleitung der Bibel gelesen haben. Sie werden vielleicht sagen, dass zwar Menschen unter der Eingebung des Heiligen Geistes (Gabriel) geschrieben haben, der eigentliche Verfasser jedoch Allah ist.
Der Verfasser der Einleitung der Bibel belässt es manchmal bei dieser Aussage. Somit bleibt kein Raum für weitere Fragen. Mitunter erklärt er auch, dass dem ursprünglichen Text später möglicherweise menschliche Verfassungen hinzugefügt worden seien. Dadurch sei jedoch die grundlegende „Wahrheit“ irgendeines umstrittenen Abschnitts nicht verändert worden. Auf das Wort „Wahrheit“ wird dabei besonderer Nachdruck gelegt. Die kirchlichen Autoritäten haben diese Verantwortung übernommen. Denn nur sie können mit Hilfe des Heiligen Geistes gläubigen Christen den wahren Weg weisen. Nach den Versammlungen der christlichen Konzile im vierten Jahrhundert veröffentlichten die kirchlichen Autoritäten die Liste der heiligen Schriften; diese Liste wurde vom Konzil von Florenz (1441), vom Konzil von Trient (1546) und vom Ersten Vatikanischen Konzil (1870) bestätigt. Die so bestätigten Schriften sind heute als Kanon bekannt. Nach umfangreichen Forschungen und Überprüfungen veröffentlichte das Zweite Vatikanische Konzil erst vor kurzer Zeit eine äußerst wichtige Darstellung über die Offenbarung. Dafür waren drei Jahre (1962–1965) intensiver Hingabe und Arbeit erforderlich. Die meisten Leser waren beruhigt, als sie diese Darstellung am Anfang moderner Bibelausgaben sahen. Anschließend waren sie von den seit mehreren Jahrhunderten abgegebenen Versicherungen über die Wahrheit der Bibel überzeugt und zufrieden. Dass hierzu Fragen aufkommen könnten, kam ihnen überhaupt nicht in den Sinn.
Es gibt viele Schriften von Priestern, die gewöhnlich nicht für die Allgemeinheit veröffentlicht werden. Liest man diese Schriften, wird deutlich, dass die Frage nach der Authentizität der verschiedenen Bücher der Bibel in Wirklichkeit weitaus komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint. Als Beispiel kann die moderne französische Übersetzung der Bibel dienen. Sie wurde unter der Aufsicht der École biblique de Jérusalem angefertigt und in mehreren Bänden veröffentlicht (Verlag Cerf, Paris). Bei der Prüfung dieser Übersetzung fällt ein deutlicher Unterschied in der Darstellungsweise auf. Es wird klar ersichtlich, dass es im Alten Testament ebenso wie im Neuen Testament einige umstrittene Fragen gibt, die von den Kommentatoren in den meisten Fällen nicht verschwiegen worden sind.
Auch im Werk von Professor Edmond Jacob finden sich noch genauere Informationen. Das Werk trägt den Titel Das Alte Testament (französischer Titel: L’Ancien Testament; Verlag: Presses Universitaires de France, Paris). In diesem kurzen, aber sehr sachlich gehaltenen Werk findet sich eine ausgezeichnete analytische Betrachtungsweise.
Edmond Jacob sagt, dass viele nicht wissen, dass es ursprünglich nicht nur eine, sondern mehrere Bibeln gab und dass ihre Texte voneinander abwichen. Im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt gab es in hebräischer Sprache mindestens drei voneinander verschiedene Bücher. Das erste wurde später als masoretischer Text bezeichnet, das zweite wurde teilweise ins Griechische übersetzt, und das dritte wurde als samaritanische Schrift bekannt. Im ersten Jahrhundert vor Christi Geburt zeigte sich eine deutliche Tendenz, auf der Grundlage dieser dritten Fassung und an ihrer Stelle nur ein einziges Buch einzuführen. Diese Tendenz setzte sich jedoch erst ein Jahrhundert nach Christi Geburt in die Tat um; erst damals wurde ein einziger Bibeltext endgültig festgelegt.
Wenn wir alle drei Texte besäßen, wäre ein Vergleich leicht, und wir könnten zu einer Vorstellung davon gelangen, wie der ursprüngliche beziehungsweise der Urtext aussah. Leider steht uns eine solche Möglichkeit nicht zur Verfügung. So ist die Lage folgende: Abgesehen von den in den Qumran-Höhlen gefundenen Schriftrollen vom Toten Meer (am Meer der Lot gefundenen Schriften) aus der vorchristlichen Zeit nahe der Zeit Jesu, den auf Blättern geschriebenen Zehn Geboten aus dem zweiten Jahrhundert nach Christi Geburt, die eine abweichende Form des Urtextes enthalten, und einigen fragmentarischen Schriften aus dem fünften Jahrhundert nach Christi Geburt (der Kairoer Geniza) ist der älteste erhaltene hebräische Text der Bibel ein Text aus den Jahrhunderten nach Christi Geburt.
Die Septuaginta war wahrscheinlich die erste Übersetzung ins Griechische. Im dritten Jahrhundert vor Christi Geburt verfassten Juden dieses Werk in Alexandria. Auf Grundlage dieses Werkes wurde das Neue Testament erstellt. Bis zum siebten Jahrhundert nach Christi Geburt galt dieses Werk als authentisch. Der im christlichen Bereich allgemein verbreitete griechische Urtext wurde aus den im Vatikan aufbewahrten Handschriften Codex Vaticanus und dem im British Museum in London aufbewahrten Codex Sinaiticus zusammengestellt. Beide Handschriften stammen aus dem vierten Jahrhundert nach Christi Geburt.
In diesem Zusammenhang können auch die aramäische und die syrische (Peschitta-)Version erwähnt werden. Sie sind jedoch unvollständig.
Aus all diesen verschiedenen Versionen waren die Fachleute in der Lage, einen „mittleren“ Text zu erstellen. Man kann ihn als einen Kompromiss zwischen den verschiedenen Versionen bezeichnen. Außerdem gibt es zweisprachige und dreisprachige Bibeln, in denen Griechisch, Latein, Hebräisch, Syrisch, Aramäisch und sogar Arabisch verwendet wurden. Die berühmte Walton-Bibel (London, 1657) ist ein solches Werk. Im Interesse einer umfassenden Betrachtung muss noch eine weitere Angelegenheit erwähnt werden. In den christlichen Kirchen unterschiedlicher Konfessionen wird nicht dasselbe Werk verwendet, und auch bei der Übersetzung in dieselbe Sprache wird nicht dieselbe Auffassung vertreten. Der Grund dafür ist, dass in den verschiedenen Bibeln unterschiedliche Vorstellungen vertreten wurden und diese unterschiedliche Kirchengruppen beeinflusst haben. Das Werk, an dem gegenwärtig verschiedene katholische und protestantische Fachleute unter dem Titel „The Ecumenical Translation of the Old Testament“ arbeiten, kann jedoch als ein einheitliches und zusammengeführtes Werk angesehen werden. (Anmerkung des englischen Übersetzers: Es wurde im Dezember 1975 veröffentlicht. Verleger: Les Éditions du Cerf und Les Belles Lettres, Paris.)
Somit zeigt sich, dass menschliches Eingreifen im Fall des Alten Testaments eine gewaltige Rolle spielt. Aus den Veränderungen und Korrekturen, die sich naturgemäß von einer Version zur anderen und von einer Übersetzung zur anderen ergeben haben, lässt sich leicht schließen, dass der ursprüngliche Text des Alten Testaments im Verlauf von mehr als zweitausend Jahren mehrfach verändert wurde.
Die Quellen der Bibel
Bevor die Bibel in Buchform zusammengestellt wurde, war sie als Volkssage von Mund zu Mund im Umlauf und wurde auch melodisch wie ein Lied überliefert. Wie alle anderen alten Vorstellungen beruhte auch diese Volkssage vollständig auf dem Gedächtnis.
Edmond Jacob schrieb: „In der ersten Phase sangen alle Völker. Wie überall sonst kam auch in Israel die Dichtung vor der Prosa. Dort wurde lange Zeit gesungen, und man sang gut. Das Volk Israel sang mit tiefem Gefühl Lieder der Freude und des Schmerzes über die Ereignisse seiner Geschichte. In seinen Augen hatte jedes Ereignis eine Bedeutung. Daher brachte es diese durch Lieder auch in verschiedenen Formen zum Ausdruck. Aus verschiedenen Gründen sang es, und Edmond Jacob hat viele davon erwähnt. Auch in der Bibel werden viele Lieder erwähnt – Mahlzeitenlieder, Erntelieder, Arbeitslieder, Brunnenlieder (Numeri 21 und 17), Hochzeitslieder und Klagelieder. Es gibt auch viele Kriegslieder, unter denen besonders das Lied der Debora hervorzuheben ist. (Richter 5,1–32.) Denn in diesem Lied wird der von Jahwe selbst angeordnete und geführte Sieg gefeiert (Numeri 10 und 35): ‚Als die verbündeten Streitkräfte vorrückten, sagte Mose: O Jahwe, erwache! Deine Feinde sollen zerstreut werden, und diejenigen, die dich hassen, sollen vor dir fliehen, sobald sie dich sehen.‘“
Daneben gibt es auch Ermahnungen und Sprüche (das Buch der Sprüche, die Sprüche der Geschichtsbücher und Maximen), Segenssprüche und Flüche sowie die Weisungen der Propheten an die Menschen nach dem Empfang der Offenbarung.
Jacob sagte, all diese Worte und Geschichten seien entweder von Familie zu Familie weitergegeben oder durch die Religionsschulen als Darstellung der Geschichte des von Allah auserwählten Volkes verbreitet worden. Danach sei die Geschichte rasch zur Volkssage geworden, wie im Fall von Jotams Fabel (Richter 9,7–12). In dieser Fabel „machten sich die Bäume daran, einen König unter sich auszuwählen und ihn zu salben, und baten nacheinander den Olivenbaum, den Feigenbaum, den Weinstock und den Dornbusch darum“. Zu dieser Darstellung bemerkte Jacob: „Aus Begeisterung für gutes Geschichtenerzählen machten sich die Erzähler keine Gedanken über unbekannte Sachverhalte oder die Unwahrscheinlichkeit vergangener Zeitalter.“ Aus diesem Grund gelangte er zu dem Schluss: „Aus den Darstellungen über Mose und die Anführer im Alten Testament lässt sich möglicherweise eine annähernde zeitliche Abfolge historischer Ereignisse gewinnen. Bei der ursprünglichen Überlieferung haben die Erzähler mit Hilfe von Anmut und Fantasie vielleicht eine solche Frühgeschichte von der Erschaffung des Menschen und der Welt geschaffen, dass sie selbst vielen bewusst denkenden Menschen einigermaßen glaubwürdig erschien.“
Es gibt berechtigten Grund zu der Annahme, dass die Juden, als sie sich gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts vor Christi Geburt in Kanaan niederließen, mit dem Schreiben begannen, um die Überlieferungen zu bewahren und weiterzugeben. Doch bei der Niederschrift und Bewahrung des Gesetzes, von der man damals die größte Dauerhaftigkeit erwartete, herrschte keine vollständige Genauigkeit. Denn es zeigt sich, dass selbst die Zehn Gebote, von denen man annimmt, dass sie von Allah eigenhändig geschrieben wurden, an zwei Stellen des Alten Testaments in zwei verschiedenen Fassungen erscheinen – im Exodus (20, 1–21) und im Deuteronomium (5, 1–30). Die wesentliche Aussage mag zwar dieselbe sein, doch die Unterschiede in der Wortwahl, im Ausdruck und in den Redewendungen sind sehr deutlich. Damals bestand großes Interesse daran, Briefe, Verträge, Namenslisten bedeutender Personen (Richter und hochrangiger städtischer Beamter), Genealogien sowie Verzeichnisse der Beute und der als Opfergaben dargebrachten Güter schriftlich festzuhalten. Zur Aufbewahrung all dieser Dokumente wurden Archive eingerichtet. Später wurden auf Grundlage dieser Dokumente Bücher verfasst, und einige dieser Bücher sind sogar bis zu uns gelangt. Bei eingehender Prüfung zeigt sich, dass in jedem einzelnen Buch mehrere Arten der Darstellung und des Ausdrucks verwendet wurden. Es scheint, dass in ein und dasselbe Buch die Werke verschiedener Verfasser aufgenommen wurden. Fachleute und Forscher können hierzu vermutlich Aufschluss geben.
Obwohl das Alte Testament ursprünglich im Wesentlichen auf mündlichen Überlieferungen beruhte, weist seine Darstellung Brüche auf. Die einzelnen Teile stehen nicht miteinander in Zusammenhang. Daher kann man den Entstehungsprozess dieses Werkes mit den ursprünglichen Entstehungsprozessen der alten Literatur anderer Zeiten und Orte vergleichen.
Beispielsweise kann man die Entwicklung der französischen Literatur während der Herrschaft der fränkischen Dynastie betrachten. Kriege, insbesondere die Kriege zur Verteidigung der christlichen Religion, die Tapferkeit und der Mut von Helden sowie andere aufregende Ereignisse wurden damals noch in diesen mündlichen Überlieferungen bewahrt. Auch mehrere Jahrhunderte nach den Ereignissen inspirierten diese Überlieferungen Dichter, Schriftsteller und Historiker. So begann man ab dem elften Jahrhundert, auf Grundlage dieser mit Wirklichem und Erfundenerem vermischten Erzählungen Gedichte und Epen zu verfassen. Unter ihnen ist das „Rolandslied“ das berühmteste. Als Kaiser Karl der Große von seinem Feldzug in Spanien zurückkehrte, war Roland (La Chanson de Roland) der Befehlshaber seiner Nachhut. In diesem Epos werden sein Leben, seine Tapferkeit und sein Opfermut geschildert. Das Ereignis seines Opfers ist keineswegs erfunden. Es ereignete sich am 15. August 778 während des Angriffs des in den Bergen lebenden Baskenstammes. Daher wird man die betreffende Darstellung des Epos nicht als reine Geschichte anerkennen wollen.
Es scheint, dass auch der Entstehungsprozess der Bibel auf genau diese Weise verlief. Diejenigen, die die Existenz Allahs nicht anerkennen, betrachten die gesamte Bibel als eine Sammlung von Legenden und erfundenen Geschichten. Dem stimmen wir jedoch nicht zu. Es ist durchaus möglich, an die Wirklichkeit der Schöpfung, die Offenbarung der Zehn Gebote an Moses durch Allah und übernatürliche Eingriffe in menschliche Angelegenheiten, wie etwa zur Zeit Salomos, zu glauben. Das bedeutet jedoch nicht, dass unser Glaube allumfassend sein muss. Wir können durchaus davon ausgehen, dass das, was wir durch die Bibel erhalten, lediglich eine Zusammenfassung der ursprünglichen Ereignisse ist und dass alle darin enthaltenen ausführlichen Darstellungen einer strengen Kritik und Prüfung bedürfen. Denn als die ursprünglichen mündlichen Überlieferungen schriftlich festgehalten wurden, bestand eine große Wahrscheinlichkeit dafür, dass die menschliche Vorstellungskraft und Ausschmückungen Eingang fanden.
Die verschiedenen Bücher des Alten Testaments
Das Alte Testament ist eine Sammlung von Schriften unterschiedlicher Länge, Form und Art. Auf der Grundlage mündlicher Überlieferungen wurden sie über mehr als neunhundert Jahre hinweg in verschiedenen Sprachen verfasst. Danach wurden viele Schriften zu unterschiedlichen Zeiten, in größeren Abständen, aufgrund bestimmter Ereignisse oder aus besonderen Erfordernissen heraus überarbeitet und vervollständigt.
Diese umfangreichen Schriften wurden wahrscheinlich zu Beginn der Herrschaft der israelitischen Dynastie im elften Jahrhundert vor Christi Geburt verfasst. Zu jener Zeit waren viele Mitglieder der königlichen Familie Schriftsteller. Sie waren gebildet und gelehrt, und ihre Tätigkeit beschränkte sich nicht nur auf das Schreiben. Das erste der im vorigen Kapitel erwähnten unvollständigen Werke wurde wahrscheinlich in dieser Zeit verfasst. Damals gab es auch einen besonderen Grund dafür, diese Überlieferungen schriftlich festzuhalten. Zu jener Zeit legte man großen Wert auf die Bewahrung zahlreicher Lieder, epischer Dichtungen, der Ermahnungen Jakobs und Moses, der Zehn Gebote und königlicher Erlasse, durch die religiöse Bräuche geschaffen wurden. In den verschiedenen Büchern des Alten Testaments finden sich diese heute wieder. Einige Zeit später, wahrscheinlich im zehnten Jahrhundert vor Christi Geburt, wurde das „Jahwistische“ Werk des Pentateuch verfasst. Da Allah in diesem Werk mit dem Namen Jahwe bezeichnet wird, erhielt es diese Bezeichnung. Dieses Werk bildet die Hauptquelle der fünf Bücher, die unter dem Namen Moses überliefert sind. Später kamen dazu ein Werk namens „Elohist“ und dessen „Priesterschrift“-Fassung. Da Allah darin mit dem Namen Elohim bezeichnet wird, wird das Werk „Elohist“ genannt. Die betreffende Fassung ist nach den Priestern namens Sadok, den Predigern des Jerusalemer Tempels, als „Priesterschrift“ bekannt. In jenem frühen jahwistischen Werk, das aus dem südlichen Reich Juda stammt, wird die Geschichte von den Anfängen der Welt bis zum Tod Jakobs erzählt.
Bereits im achten Jahrhundert vor Christi Geburt traten schriftkundige Propheten auf. Aus Israel sind zwei von ihnen namens Amos und Hosea bekannt, und aus Juda ein schriftkundiger Prophet namens Micha.
Durch den Fall Samariens im Jahr 721 v. Chr. ging das Königreich Israel unter, und das religiöse Erbe ging in die Hände des Königreichs Juda über. Von dieser Zeit an begann man, religiöse Legenden zu bewahren. Damals wurden die Schriften der Jahwisten und der Elohisten zusammengeführt und in ein einziges Buch mit dem Namen Tora umgewandelt. Zu dieser Zeit wurde auch das Deuteronomium verfasst.
In der zweiten Hälfte des siebten Jahrhunderts v. Chr., während der Herrschaft Josias, trat der Prophet Jeremia auf; die Berichte über seine Botschaften und sein Wirken wurden jedoch erst ein weiteres Jahrhundert später schriftlich festgehalten.
Vor der ersten Verschleppung nach Babylon im Jahr 589 v. Chr. wurden die Bücher Jechonjas, Nahums und Habakuks schriftlich verfasst. Nach dieser Zeit verkündete Ezechiel weiterhin seine Prophezeiungen. Die zweite Verschleppung begann 587 v. Chr. mit dem Fall Jerusalems und dauerte bis 538 v. Chr. an.
Ezechiel war ein berühmter Prophet. Doch sein Buch war zu seinen Lebzeiten nicht in der Form zusammengestellt, in der es heute vorliegt. Die Schreiber, die es nach seinem Tod in dieser Weise ordneten, galten als seine geistigen Nachfolger. Diese Schreiber stellten die dritte Fassung der Genesis zusammen, die als sacerdotale Fassung bekannt ist. Diese Fassung enthält den Bericht eines Abschnitts der Genesis, nämlich über die Zeit von den Anfängen der Welt bis zum Tod Jakobs. Auf diese Weise wurde zwischen den ursprünglichen Text der jahwistischen und der elohistischen Schriften der Tora ein drittes Werk eingefügt. Später werden wir in einigen zwei bis vier Jahrhunderte zuvor verfassten Büchern ein charakteristisches Merkmal dieses dritten Werkes erkennen. In derselben Zeit wurden auch die Klagelieder veröffentlicht.
Im Jahr 538 v. Chr. endete auf Befehl des Kyros die Verschleppung. Die Juden kehrten nach Palästina zurück, und der Tempel in Jerusalem wurde wiederaufgebaut. Dadurch nahmen die Propheten und Verkünder ihre Tätigkeit wieder auf. In dieser Zeit wurden die Bücher Haggais, Sacharjas, Maleachis und Daniels sowie das dritte Buch Jesajas und das Buch Baruchs in griechischer Sprache verfasst.
Tatsächlich wurden die wichtigsten religiösen Bücher in der Zeit nach der Verschleppung verfasst. Um 480 v. Chr. entstanden die Sprichwörter, im fünften Jahrhundert das Buch Hiob und im dritten Jahrhundert der Ecclesiastes oder Kohelet, das Hohelied, das erste und das zweite Buch der Chronik sowie Esra und Nehemia. Ebenso wurden im zweiten Jahrhundert v. Chr. Jesus Sirach oder Ecclesiasticus und im ersten Jahrhundert v. Chr. das Buch der Weisheit sowie das erste und das zweite Buch der Makkabäer geschrieben. Wann jedoch die Bücher Rut, Ester und Jona verfasst wurden, lässt sich nicht leicht bestimmen. Dasselbe gilt für die Bücher Tora und Judit. Da die Schriften des Alten Testaments erst ein Jahrhundert vor Christi Geburt in Buchform zusammengestellt wurden, muss man davon ausgehen, dass die betreffenden Werke auch nach den hier genannten Zeitpunkten noch verändert und erweitert worden sein können. Denn ein Jahrhundert vor Christi Geburt hatte die Mehrzahl dieser Werke noch keine genaue oder festgelegte Form angenommen.
So betrachteten die Juden vom Altertum bis zum Auftreten des Christentums das Alte Testament als ihr religiöses und literarisches Denkmal. Die verschiedenen Bücher, Kapitel und Abschnitte dieses Werkes wurden zwischen dem zehnten und dem ersten Jahrhundert v. Chr. verfasst, abgeschlossen und überarbeitet. Dies ist nicht meine persönliche Ansicht. Diese Angaben und den Bericht der historischen Untersuchung habe ich einem allgemein anerkannten und zuverlässigen Werk entnommen. Es handelt sich um den Artikel „Die Bibel“ in der Encyclopaedia Universalis (Paris 1974, Band 3, S. 246–253), verfasst von J. P. Samdrol, Professor an der Dominikanischen Fakultät von Solkoy. Diese Angaben sind von hochqualifizierten Fachleuten als wahr und korrekt bestätigt worden. Daher muss man sich diese Informationen vor Augen halten, um den Inhalt des Alten Testaments zu verstehen und zu erfassen.
Es gibt Gründe für die Annahme, dass die Schriften des Alten Testaments Offenbarung enthielten. Doch in dem Zustand, in dem wir das Buch heute vorfinden, bestehen Zweifel daran, ob diese Offenbarung noch erhalten ist. Denn wie wir bereits gesehen haben, wurde die ursprüngliche Darstellung vielfach verändert, und zahlreiche Schreiber haben eingegriffen. Daher kann man leicht annehmen, dass sie entsprechend ihrer jeweiligen Umgebung, ihren Umständen und ihren Vorlieben nur das bewahrten, was sie für gut hielten, und dass bis zu uns nur dieses Wenige gelangt ist.
Wenn diese sachlichen Informationen mit den Darstellungen verglichen werden, die in den Vorworten der heute verbreiteten verschiedenen Bibelausgaben gegeben werden, wird deutlich, dass die ursprünglichen Informationen und die Wahrheit völlig anders dargestellt worden sind. Über die Geschichte, die bei der Abfassung verschiedener Bücher vollständig verschwiegen wurde, wird geschwiegen. Sachverhalte, die wegen ihrer Mehrdeutigkeit Verwirrung stiften könnten, wurden genau in diesem Zustand belassen. Um den falschen Eindruck zu erwecken, Unwahres sei wahr, wurde der Informationsgehalt auf ein Minimum beschränkt. Auf diese Weise wurde in den meisten Vorworten der Bibel die Wahrheit und die Wirklichkeit verborgen und ein anderes Bild vermittelt. Bei Büchern, die mehrfach überarbeitet wurden, wie etwa dem Pentateuch, wird nicht direkt darauf hingewiesen; stattdessen heißt es lediglich, einige Einzelheiten seien später hinzugefügt worden. Gerade dort jedoch, wo eine ausführliche Erklärung erforderlich wäre, wird selbst über äußerst wichtige Fragen geschwiegen. Es ist wirklich bedauerlich, dass die in großer Zahl für die Allgemeinheit gedruckten und verbreiteten Bibeln solche falschen und unzutreffenden Informationen enthalten.
Die Tora oder der Pentateuch
Der Name Tora, also Tōrāh, ist semitischen Ursprungs. Im Griechischen wird sie Pentateuch genannt, das heißt ein in fünf Bänden abgeschlossenes Buch. Die fünf Bände sind Genesis, Exodus, Levitikus, Numeri und Deuteronomium. Der wesentliche Inhalt der Sammlung von neunundzwanzig Bänden, die sich im Alten Testament befindet, besteht in diesen fünf.
Dieses Buch enthält die Geschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Eintritt der Juden in Kanaan. Es sei daran erinnert, dass den Juden nach ihrem Exil in Ägypten und, genauer gesagt, nach dem Tod von Moses, versprochen worden war, dass ihnen jenes Land gegeben werden würde. Vom Anfang bis zum Ende des Buches werden neben der Darstellung verschiedener Ereignisse auch zahlreiche Vorschriften für das religiöse und gesellschaftliche Leben der Juden gegeben. Deshalb wird dieses Buch auch Gesetz oder Tora genannt.
Im Judentum und im Christentum wurde Moses viele Jahrhunderte lang als Verfasser der Tora anerkannt. Die Grundlage dieser Vorstellung ist vermutlich, dass Allah zu Moses sagte: »Schreibe dieses Ereignis – die Niederlage Amaleks – als Gedenkschrift in ein Buch.« (Exodus 17,14). Oder wie es im Bericht über den Auszug der Juden aus Ägypten heißt: »Moses schrieb die Namen ihrer Aufbruchsorten auf.« (Numeri 33,2) und: »Moses schrieb dieses Gesetz nieder.« (Deuteronomium 31,91). Seit dem ersten vorchristlichen Jahrhundert gilt Moses als Verfasser der Tora. Flavius Josephus aus Alexandria und Philo vertraten dieselbe Auffassung.
Heute ist diese Auffassung jedoch vollständig aufgegeben worden, und darüber besteht allgemeine Einigkeit. Dennoch wird im Neuen Testament erneut Moses als Verfasser bezeichnet. Im Brief an die Römer (10,5) zitierte Paulus aus dem Levitikus und sagte: »Moses hat geschrieben: Der Mensch, der nach dem im Gesetz beschriebenen Maßstab gerecht handelt«, und so weiter. In seinem Evangelium (5,46–47) ließ Johannes Jesus sagen: »Wenn ihr Moses glauben würdet, würdet ihr auch mir glauben; denn er hat über mich geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie könnt ihr dann meinen Worten glauben?« Hier finden sich Anzeichen einer Bearbeitung, das heißt einer Veränderung in Übersetzung und Ausdrucksweise. Denn im griechischen Originaltext wird das Wort »episteuete« verwendet, das heißt, die Aussage wird Jesus zugeschrieben. Hier jedoch wird sie so dargestellt, als habe er selbst dies gesagt. Das ist völlig falsch. Wie ich dies erkläre, werde ich nun darlegen.
Den Aufbau und das Beispiel für diese Erklärung habe ich von Pater de Vaux, dem Leiter der Bibelschule von Jerusalem, übernommen. In seinem Vorwort zu der französischen Genesisübersetzung, die er 1962 anfertigte, gab er eine wertvolle und schlüssige Einführung in den Pentateuch. Die von den Evangelisten vertretene Auffassung, Moses sei der Verfasser der Tora, erkannte er nicht an, sondern vertrat vielmehr das Gegenteil. Er erinnerte uns daran, dass »der jüdische Brauch, den Jesus und seine Gefährten befolgten«, bis zum Ende des Mittelalters anerkannt wurde. Der Einzige, der sich dieser Lehre entschieden widersetzte, war der Gelehrte Ibn Esra im zwölften Jahrhundert. Im sechzehnten Jahrhundert wies dann Karlstadt darauf hin, dass es Moses wohl kaum möglich gewesen sein könne, im Deuteronomium (34,15–12) den Bericht über seinen eigenen Tod zu schreiben. Er zitierte auch die Schriften einiger Kritiker, die sich weigerten, die Tora – wenn auch nicht vollständig, so doch teilweise – als Werk Moses anzuerkennen. In dieser Angelegenheit war jedoch wahrscheinlich die Arbeit des Oratorianerpaters Richard Simon am bedeutendsten. In seinem Buch »Kritische Geschichte des Alten Testaments« (Histoire critique du Vieux Testament, 1678) legte er ausführlich die Widersprüche in der Abfolge der Ereignisse der Tora, die zahlreichen Wiederholungen desselben Themas, die Unstimmigkeiten der Erzählung und die Unterschiede im Schreibstil dar. Nach der Veröffentlichung dieses Buches entstand überall eine beschämende Situation. Doch zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts wurde Richards Simons Argumentation in keinem Geschichtswerk mehr besonders weiterverfolgt. Damals sagte man im Zusammenhang mit den Ereignissen der Frühzeit weiterhin: »Moses hat geschrieben.« Zuvor haben wir gesehen, dass Jesus selbst im Neuen Testament die Auffassung bestätigt hat, Moses habe die Tora geschrieben. Dadurch wurde eine alte Legende noch stärker. Wie schwierig es unter diesen Umständen sein musste, ihr zu widersprechen, lässt sich leicht ermessen. Doch Jean Astruc, der Arzt Ludwigs XV., hat vermutlich das stärkste Argument geliefert.
1753 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel »Conjectures on the Original Writings Which It Appears Moses Used to Compose the Book of Genesis« (»Conjectures sur les mémoires originaux dont il paraît que Moïse s’est servi pour composer le livre de la Genèse«). Darin zeigte er ausführlich, dass der Pentateuch oder die Tora eine Zusammenstellung von Schriften aus zahlreichen Quellen ist. Viele mögen dies bereits vor ihm bemerkt haben, doch er war der Erste, der es mutig öffentlich aussprach. Anhand von Zitaten zeigte er, dass sich in der Genesis zwei Schriften nebeneinander finden: In der einen wird Allah Jahwe genannt, in der anderen Elohim. Daher können diese beiden Schriften unmöglich aus derselben Quelle stammen. Eichhorn (1780–1783) entdeckte dieselbe Art von Befunden auch bei den übrigen vier Büchern. Danach stellte Ilgen (1798) fest, dass die von Astruc beschriebene Schrift, in der Allah Elohim genannt wird, tatsächlich in zwei Teile gegliedert ist. Damit war das Fundament des Pentateuch im wörtlichen Sinne auseinandergerissen.
Im neunzehnten Jahrhundert wurden die Quellen eingehender erforscht. Im Jahr 1854 wurden insgesamt vier Quellen anerkannt. Diese sind die jahwistische Fassung, die elohistische Fassung, das Deuteronomium und die priesterliche Fassung. Sogar ihre zeitliche Einordnung konnte bestimmt werden:
(1) Die jahwistische Fassung wird auf das neunte vorchristliche Jahrhundert datiert (in Juda verfasst).
(2) Die elohistische Fassung stammt vermutlich aus einer etwas späteren Zeit (in Israel verfasst).
(3) Was das Deuteronomium betrifft, halten es einige für ein Werk des achten vorchristlichen Jahrhunderts (E. Jacob), während andere es in die Zeit Josias datieren (Pater de Vaux).
(4) Die priesterliche Fassung stammt aus der Zeit des Exils im sechsten vorchristlichen Jahrhundert oder aus einer späteren Zeit.
Daraus ist ersichtlich, dass sich die Entstehungszeit der Schriften des Pentateuch über mindestens drei Jahrhunderte erstreckt. Doch das Problem ist in Wirklichkeit noch komplizierter. 1941 stellte A. Lods fest, dass die jahwistische Fassung drei Quellen enthält. Ebenso gibt es in der elohistischen Fassung vier, im Deuteronomium sechs und in der priesterlichen Fassung neun Quellen. Dabei ist noch nicht einmal berücksichtigt, dass Pater de Vaux von der Zusammenfügung der Werke acht verschiedener Verfasser gesprochen hat. In jüngerer Zeit wird außerdem angenommen, dass die meisten Gesetze oder Vorschriften des Pentateuch außerhalb der Bibel an anderer Stelle zu finden sind und aus einer noch früheren Zeit stammen. Darüber hinaus stammen die in den Schriften des Pentateuch geschilderten Geschichten tatsächlich aus einer weitaus früheren Zeit und aus einem anderen Umfeld als der Zeit und dem Umfeld, aus denen die Dokumente beziehungsweise Schriften des Pentateuch vermutlich hervorgegangen sind. Daher ist das Interesse daran gewachsen, wie die Legenden entstanden sind. Mit anderen Worten: Das Problem ist so kompliziert geworden, dass es kaum möglich ist, Anfang und Ende auszumachen.
Aufgrund der zahlreichen Quellen sind nicht nur Unterschiede, sondern auch Wiederholungen entstanden. Pater de Vaux hat anhand von Beispielen gezeigt, dass zwischen den verschiedenen Berichten über die Flut, die Entführung Josephs und seine Aktivitäten in Ägypten Unterschiede und Unstimmigkeiten bestehen. Außerdem wurde dieselbe Person mit verschiedenen Namen bezeichnet, und über wichtige Ereignisse wurden widersprüchliche Berichte gegeben.
Obwohl der Pentateuch somit eine Sammlung verschiedener Quellen und Legenden ist, waren die Verfasser im Großen und Ganzen in der Lage, sie geschickt zusammenzuführen und zu einem Werk zu gestalten. Manchmal stellten sie zwei Berichte nebeneinander, ein anderes Mal vermischten sie zwei Berichte und legten sie als einen einzigen Bericht vor. Dennoch sind die Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche bestehen geblieben. Daher sah sich die moderne Zeit veranlasst, die ursprünglichen Quellen eingehend und objektiv zu untersuchen.
Bei einer Prüfung des ursprünglichen Werkes des Pentateuch oder der Tora lässt sich sehr leicht erkennen, dass es sich um ein menschliches Werk handelt. Dieses Buch entstand auf der Grundlage mündlicher Erzählungen, Legenden und von Generation zu Generation bewahrter Schriften aus verschiedenen Epochen der Geschichte des jüdischen Volkes. Die Darstellung beginnt mit einer jahwistischen Überlieferung aus dem frühen zehnten Jahrhundert v. Chr., in der Israels eigene Bestimmung beschrieben wird. Diese Bestimmung besteht, in den Worten von Pater de Vaux, in der „Rückkehr an den ihr gebührenden Platz im großen Plan Allahs für die Menschheit“. Sie endet mit einer priesterlichen Überlieferung aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr., in der Daten und Genealogien ganz genau angegeben werden. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, dass die Darstellungen in der priesterlichen Fassung über das Auftreten des Menschen auf der Erde, seine Stellung im Verlauf der Zeit und den Schöpfungsvorgang angesichts moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse völlig falsch sind. Offensichtlich ist dieser Zustand dadurch entstanden, dass man am ursprünglichen Text Veränderungen vorgenommen hat.
Pater de Vaux schrieb: „In den Erzählungen dieser Überlieferung steht die Frage der rechtlichen Legitimität im Vordergrund. Dazu gehören etwa die Ruhe am Sonntag nach der Vollendung der Schöpfung, der Bund mit Noah, der Bund und die Beschneidung Abrahams sowie der Kauf der Höhle von Machpela, durch den die Priester Land in Kanaan erlangten.“ Wir müssen uns vor Augen halten, dass diese Überlieferung von der Verbannung nach Babylon bis zur Rückkehr nach Palästina im Jahr 538 v. Chr. reicht. Daher sind hier neben den religiösen Problemen auch vollständig politische Probleme miteinander verbunden.
Für die Genesis ist inzwischen festgestellt und anerkannt, dass der Inhalt des Buches aus drei Quellen zusammengetragen wurde. Pater de Vaux hat in seiner analytischen Erörterung seiner Übersetzung eine Liste vorgelegt, aus der hervorgeht, welcher Abschnitt der Genesis auf welcher Quelle beruht. Auf dieser Grundlage lässt sich annähernd genau bestimmen, wie viel Inhalt welcher Quelle in den einzelnen Kapiteln enthalten ist. So lässt sich beispielsweise feststellen, dass in den ersten elf Kapiteln der Genesis die Darstellungen der Schöpfung, der Sintflut und des Zeitraums von der Sintflut bis zur Zeit Abrahams teils der jahwistischen Fassung und teils der priesterlichen Fassung entnommen sind. Dieser Zustand besteht von Anfang bis Ende der gesamten Darstellung fort. In diesen ersten elf Kapiteln findet sich kein Inhalt aus der elohistischen Fassung. Allerdings ist deutlich zu erkennen, dass die jahwistische und die priesterliche Darstellung miteinander vermischt worden sind. In den ersten fünf Kapiteln zeigt sich bei der Darstellung der Schöpfung und der Zeit bis Noah, dass von Anfang bis Ende auf einen jahwistischen Abschnitt jeweils ein priesterlicher Abschnitt folgt. In der Darstellung der Sintflut, insbesondere in den Kapiteln sieben und acht, wurde diese Anordnung noch häufiger vorgenommen; das heißt, auf einen kurzen Abschnitt der einen Darstellung folgt ein kurzer Abschnitt der anderen Darstellung, und sogar innerhalb einzelner Sätze ist diese Anordnung zu erkennen. An einer Stelle zeigt sich, dass innerhalb von insgesamt hundert Zeilen auf diese Weise siebzehnmal die Darstellung gewechselt wird. Deshalb treten beim Lesen der Genesis die Unwahrscheinlichkeiten und inneren Widersprüche deutlich zutage. Die folgende Tabelle ist in diesem Zusammenhang beachtenswert.
Ende der jahwistischen und der priesterlichen Darstellung in den Kapiteln 1 bis 11 der Genesis.
* Die erste Zahl ist die Kapitelnummer.
* Die zweite Zahl in Klammern ist die Nummer der Spalte. Da die Spalten manchmal in zwei Teile geteilt sind, werden sie als a und b angegeben.
* J bezeichnet die jahwistische und P die priesterliche Darstellung.
* Das Beispiel in der ersten Zeile der Tabelle zeigt, dass der Inhalt von Spalte 1 des ersten Kapitels bis Spalte 4a des zweiten Kapitels der derzeit gebräuchlichen Bibel der priesterlichen Darstellung entnommen ist.
Kapitel — Spalte von — Kapitel — Spalte — Quelle
১ — (১) — ২ (৪-ক) — P
২ — (৪-খ) — ৪ — (২৬) — J
৫ — (১) — ৫ — (৩২) — P
৬ — (১) — ৬ — (৮) — J
৬ — (৯) — ৬ — (২২) — P
৭ — (১) — ৭ — (৫) — J
৭ — (৬) — – — – — P
7 — (7) — 7 — (10) — I
7 — (11) — – — – — S
7 — (12) — – — – — I
7 — (13) — 7 — (16-a) — S
7 — (16-b) — 7 — (17) — I
7 — (18) — 7 — (21) — S
7 — (22) — 7 — (23) — I
7 — (24) — 8 — (2-a) — S
8 — (2-b) — – — – — I
8 — (3) — 8 — (4) — S
8 — (6) — 8 — (12) — I
8 — (13-a) — – — – — S
8 — (13-b) — – — – — I
8 — (14) — 8 — (19) — S
8 — (20) — 8 — (22) — I
9 — (1) — 9 — (17) — S
9 — (18) — 9 — (27) — I
9 — (28) — 10 — (7) — S
10 — (8) — 10 — (19) — I
10 — (20) — 10 — (23) — S
10 — (24) — 10 — (30) — I
10 — (31) — 10 — (32) — S
11 — (1) — 11 — (9) — I
11 — (10) — 11 — (32) — S
Aus der Übersicht lässt sich sehr leicht erkennen, wie die Menschen die Bibel eigenhändig zusammengestellt haben.
Die historischen Bücher
In diesen Büchern finden wir die Geschichte des jüdischen Volkes. Diese Geschichte erstreckt sich von ihrem Einzug in das verheißene Land bis zu ihrer Verbannung nach Babylon. Sie zogen wahrscheinlich gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts in das verheißene Land ein und wurden im sechsten Jahrhundert v. Chr. nach Babylon verbannt.
Hier wurde der sogenannten „nationalen Angelegenheit“ Nachdruck verliehen, und das Ereignis wurde als Erfüllung des Versprechens Allahs dargestellt. Bei der Darstellung wurden jedoch historische Wahrheit und Genauigkeit außer Acht gelassen. In diesem Zusammenhang sagte E. Jacob, dass der wesentliche Inhalt des Buches der Richter (Book of Judges) im Zusammenhang mit der behaupteten Zerstörung von Ai und Jericho in der Verteidigung des auserwählten Volkes gegen die umgebenden Feinde und in Allahs Unterstützung für dieses Volk besteht. Father und A. L. Crampon haben in der Einleitung zur Bibel äußerst sachlich erklärt, dass dieses Buch mehrmals verändert worden ist. Der Beweis dafür findet sich in der Einfügung zahlreicher Vorworte und verschiedener Anhänge in das ursprüngliche Buch. Auch die Geschichte von Ruth wurde der ursprünglichen Darstellung hinzugefügt.
Das Buch Samuel (Book of Samuel) und die beiden Bücher der Könige (Book of Kings) sind im Wesentlichen biografische Bücher über Samuel, Saul, David und Salomo. Über ihren historischen Wert lässt sich streiten. Bei seiner historischen Untersuchung fand Jacob in diesen Büchern zahlreiche Fehler. Denn es gibt mehrere einander widersprechende Darstellungen desselben Ereignisses. Auch von den Propheten Elija, Elisa und Jesaja ist in diesen Büchern die Rede. Das heißt, Geschichte und Legende sind miteinander vermischt worden. Andere Kritiker wie Father L. Crampon sind jedoch der Ansicht, dass diese Bücher einen grundlegenden historischen Wert besitzen.
Die Bücher der Chronik, eins und zwei (Chronicles One and Two), und das Buch Esras (Book of Nehemia) wurden im vierten Jahrhundert v. Chr. von ein und demselben Autor verfasst, der den Namen des Chronisten trug. Er schilderte die Geschichte der Schöpfung bis zu jener Zeit, obwohl sich in dem von ihm vorgelegten Stammbaum nur eine Auflistung bis David findet. Tatsächlich entnahm er seine Angaben jedoch aus dem Buch Samuel. E. Jacob sagte: „Ohne auf die Widersprüche zu achten, hat er wortgetreu abgeschrieben.“ Dennoch lieferte er einige neue Angaben, die durch archäologische Beweise als richtig bestätigt worden sind. E. Jacob sagte: „Der Autor hat bisweilen die Geschichte den Erfordernissen der Religion entsprechend geschrieben. König Manasse herrschte trotz seines Unglaubens und seiner Grausamkeit lange Zeit in Frieden und Wohlstand. Zur Erklärung dieses Ereignisses sagte er, dass der König sich während seines Aufenthalts in Assyrien für einige Zeit bekehrt habe (Chronik II, 33, 11). Doch weder in der Bibel noch in irgendeinem außerbiblischen Buch findet sich ein Hinweis auf dieses Ereignis.“ Auch das Buch Esras und das Buch Nehemias sind strenger Kritik unterzogen worden. Es wurde gesagt, dass die beiden Bücher voller unklarer und schwer verständlicher Dinge seien. Die Epoche, in der sich die darin beschriebenen Ereignisse abspielten (das vierte Jahrhundert v. Chr.), ist selbst nicht gut bekannt, und es gibt aus jener Zeit auch kaum außerbiblische Dokumente.
Auch das Buch Tobit (Book of Tobit), das Buch Judith (Book of Judith) und das Buch Ester (Book of Esther) gelten als historische Bücher. Doch in diesen Büchern ist die Geschichte aufs Äußerste entehrt worden. Aus religiösen Gründen wurden die Namen von Personen und Orten verändert und Figuren und Ereignisse erfunden. Tatsächlich handelt es sich um erfundene, lehrhafte Geschichten, in denen historische Unwahrheiten und Unwahrscheinlichkeiten miteinander vermischt sind.
Die Bücher der Makkabäer (Book of Maccabees) sind wiederum etwas anderer Art. Die in diesen Büchern beschriebenen Ereignisse stammen aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr. Dies ist die genaueste Darstellung der Ereignisse jener Zeit. Deshalb sind diese Bücher von großer Bedeutung.
Somit zeigt sich, dass die unter der Bezeichnung „historische Bücher“ zusammengefassten Bücher keinerlei Gemeinsamkeiten miteinander haben. In einigen Büchern wird die Geschichte zwar korrekt dargestellt, in anderen jedoch nach Belieben.
Die Bücher der Propheten
Unter dieser Überschrift finden wir die Darstellung der Lehren jener Propheten, die im Alten Testament getrennt von den großen Propheten wie Mose, Samuel, Elija und Elischa eingeordnet werden. Die Lehren dieser großen Propheten sind in anderen Büchern enthalten.
Die Bücher der Propheten enthalten Berichte über Ereignisse vom achten bis zum zweiten Jahrhundert v. Chr.
Aus dem achten Jahrhundert v. Chr. sind die Bücher der Propheten Amos, Hosea, Jesaja und Micha überliefert. Das Buch des Propheten Amos ist für seine Verurteilung sozialer Ungerechtigkeit berühmt. Hosea ist für seine religiöse Abweichung bekannt. Weil er gezwungen wurde, eine Dienerin der naturverehrenden Gemeinschaft, also eine heilige Prostituierte, zu heiraten, erkrankte er und litt körperliche Qualen. Zur Erklärung dieses Ereignisses wird gesagt, dass es sich ebenso verhält, wie Allah leidet, wenn die Menschen sündig sind, sie aber dennoch liebt. Jesaja ist eine Gestalt der politischen Geschichte. Könige und Herrscher nahmen seinen Rat an und handelten danach. Er führte ein äußerst prunkvolles Leben. Neben seinen eigenen Predigten veröffentlichten seine Anhänger bis zum dritten Jahrhundert v. Chr. auch die Antworten, die er auf verschiedene Fragen gegeben hatte. Seine Lehre enthält den Protest gegen das Unrecht und die Aufforderung, Allahs Gericht zu fürchten. Er schilderte auch die Befreiung der Juden nach ihrem Auszug aus Ägypten und ihre Rückkehr nach Palästina. Im Fall des zweiten und des dritten Jesaja ist nahezu sonnenklar, dass ihre prophetische Tätigkeit von politischen Zielen geleitet war. Auch die Lehre Michas, eines Zeitgenossen Jesajas, war im Großen und Ganzen von gleicher Art.
Im siebten Jahrhundert v. Chr. erlangten Zefanja, Jeremia, Nahum und Habakuk durch ihre religiöse Verkündigung Bekanntheit. Jeremia wurde zum Märtyrer, und Baruch sammelte und vereinigte seine Lehren und Botschaften. Baruch ist vermutlich auch der Verfasser der Klagelieder (Lamentationen).
Zu Beginn des sechsten Jahrhunderts v. Chr., während des Exils der Juden in Babylon, nahm die Tätigkeit der Propheten besonders stark zu. Unter ihnen spielte Ezechiel die bedeutendste Rolle. Er spendete seinen Glaubensgenossen Trost und verkündete ihnen Botschaften der Hoffnung. Im Buch Obadja werden das Elend und die Not des eroberten Jerusalem beschrieben.
Nach dem Ende des Exils im Jahr 538 v. Chr. begann die Tätigkeit der Propheten Haggai und Sacharja. Sie forderten den Wiederaufbau des Tempels. Nach dessen Fertigstellung wurden einige Schriften unter dem Namen Maleachi veröffentlicht. Diese Schriften waren im Wesentlichen Erklärungen und Analysen geistlicher Themen.
Obwohl es im Alten Testament keinen nennenswerten Text dazu gibt, lässt sich kein vernünftiger Grund dafür finden, wie das Buch Jona in die Bücher der Propheten aufgenommen wurde. Die wichtigste Lehre des Buches Jona ist die Notwendigkeit, sich dem Willen Allahs zu unterwerfen.
Das Buch Daniel ist in drei Sprachen verfasst: Hebräisch, Griechisch und Aramäisch. Christliche Kritiker sind der Ansicht, dass sich bei einer historischen Betrachtung zeigt, dass dieses Buch zwar eine Botschaft enthält, diese jedoch ungeordnet und widersprüchlich ist. Dieses Buch stammt wahrscheinlich aus der Makkabäerzeit des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts. E. Jakob meint, der Verfasser habe den Glauben seiner Landsleute bewahren wollen, indem er sagte, der Tag der Erlösung stehe sehr nahe bevor.
Bücher der Dichtung und der Weisheit
Die unter diesem Titel klassifizierten Bücher weisen eine unbestreitbare literarische Einheitlichkeit auf.
Unter ihnen sind die Psalmen (Gebetslieder) die bedeutendsten und zugleich die herausragendsten Beispiele der hebräischen Dichtung. Die meisten Gebetslieder wurden von David verfasst. Die übrigen stammen von verschiedenen Priestern. Der Inhalt dieser in Gebet und Gottesdienst verwendeten Lieder besteht aus Lobpreis, Betrachtung, Anbetung sowie Bitten und Flehen.
Das zwischen 400 und 500 v. Chr. verfasste Buch Hiob (Hazrat Ayyub) ist ein hervorragendes Buch der Weisheit und des Wissens.
Das Buch, das nach dem Fall Jerusalems zu Beginn des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts unter dem Namen Klagelieder (Lamentationen) verfasst wurde, stammt wahrscheinlich von Jeremia.
Außerdem müssen einige Buchtitel erneut erwähnt werden. Das Hohelied ist eine Sammlung allegorischer Lieder über die göttliche Liebe, das Buch der Sprichwörter ist eine Sammlung von Aussprüchen Salomos und anderer Weiser an seinem Hof, und der Prediger beziehungsweise Kohelet ist eine Sammlung von Schriften über das Wesen weltlicher Freuden und der Weisheit.
Daraus wird ersichtlich, dass die Schriften, die verschiedene Autoren unter Verwendung verschiedener Quellen über unterschiedliche Themen hinweg mindestens sieben Jahrhunderte lang verfasst hatten, zusammengetragen, miteinander vermischt und zu einem einzigen Buch zusammengestellt wurden. Wie kann unter diesen Umständen ein Teil dieses Buches den anderen ergänzen, und wie konnte dieses Buch Jahrhunderte hindurch als vollständig und in sich abgeschlossen gelten? Doch die noch wichtigere Frage lautet: Nach welcher Logik wird dieses Buch als „Offenbarungsschrift der Juden und Christen“ angesehen? Zwar gibt es zwischen einigen Gemeinschaften in dieser Frage gewisse Meinungsverschiedenheiten, doch ist der Widerspruch in der Hauptsache nicht besonders ausgeprägt. Da in diesem Buch die Vorstellung des Unsichtbaren zum Ausdruck gebracht wurde, wurde es im Griechischen „Kanon“ genannt.
Die Sammlung dieser Schriften begann jedoch nicht im christlichen, sondern im jüdischen Zeitalter. Die anfänglichen Arbeiten begannen wahrscheinlich bereits im siebten Jahrhundert v. Chr. Für diese Zusammenstellung wurden zunächst einige Schriften ausgewählt. Die übrigen Schriften wurden später hinzugefügt. Bemerkenswert ist jedoch, dass den fünf Büchern der Tora bzw. des Pentateuch stets der höchste Rang eingeräumt wurde. Nachdem sich die Ankündigungen der Propheten – die Vorhersagen von Strafen, die dem Fehlverhalten entsprechen – erfüllt hatten, stand der Aufnahme der Darstellung ihrer Lehren in das Hauptwerk kein Hindernis mehr im Wege. Dasselbe gilt für ihre Botschaften der Hoffnung. Bis zum zweiten Jahrhundert v. Chr. hatte der „Kanon“ der Propheten eine klare Gestalt angenommen.
Da sie im Gottesdienst verwendet wurden, wurden auch andere Schriften wie die Psalmen (Gebetslieder) zusammen mit Werken wie den Klageliedern, dem Buch der Weisheit und dem Buch Hiob aufgenommen.
In der Anfangszeit war das Christentum mit dem Judentum vermischt. Später werden wir sehen, dass moderne, hochgelehrte Autoren wie Kardinal Daniélou dies eingehend untersucht haben. Bevor das Christentum unter dem Einfluss des heiligen Paulus eine neue Gestalt annahm, akzeptierte es das Erbe des Alten Testaments vorbehaltlos. Die Verfasser der Evangelien hielten sich streng an die Überlieferung des Alten Testaments. Später wurde das Evangelium zwar durch den Ausschluss der Apokryphen (religiöse Legenden) überarbeitet, am Alten Testament wurden jedoch kaum Änderungen vorgenommen. Dort wurde fast alles beibehalten.
Vor dem Ende des Mittelalters hatte zumindest in den westlichen Ländern niemand den Mut, gegen diese merkwürdige Zusammenstellung Einspruch zu erheben. Nicht ein Einziger. In der Zeit vom Ende des Mittelalters bis zum Beginn der Neuzeit traten zwar ein oder zwei Kritiker offen hervor, doch die kirchlichen Behörden brachten sie stets zum Schweigen. Heute gibt es selbstverständlich keinen Mangel an kritischen Schriften; doch obwohl Religionsgelehrte zahlreiche Themen eingehend erforscht haben, haben sie es vermieden, den Dingen nachzugehen, die sie selbst als „unbequem“ bezeichnen. Sie waren nicht einmal bereit, diese im Licht des modernen Wissens zu überprüfen. Wo die biblischen Berichte mit historischen Tatsachen übereinstimmen, haben sie sich große Mühe gegeben, diese Übereinstimmung zu beweisen und zu erhärten; den Vergleich der biblischen Berichte mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen haben sie jedoch sorgfältig vermieden. Denn sie erkannten, dass ein solcher Vergleich die einfachen Menschen dazu bringen würde, die Wahrheit der jüdischen und christlichen heiligen Schriften anzuzweifeln und Fragen zu stellen. Dabei stehen diese heiligen Schriften seit jeher über jedem Zweifel und jeder Frage.
Das Alte Testament und die Wissenschaft: Einige nachgewiesene Tatsachen
Im Alten Testament und in den Evangelien gibt es einige Aussagen, die den durch die moderne Erkenntnis gewonnenen Tatsachen widersprechen. Wenn dieser Widerspruch gegenüber der Wissenschaft auftritt, zeigt sich, dass es sich um äußerst wichtige Fragen handelt.
Wir haben bereits gesehen, dass die Bibel viele historisch falsche Angaben enthält. Einige solcher von jüdischen und christlichen Fachleuten erwähnten Fehler haben wir ebenfalls angeführt. Aus durchaus naheliegenden Gründen haben sie diese Fehler heruntergespielt. Denn ihnen erschien es selbstverständlich, dass religiöse Schriftsteller historische Tatsachen im Einklang mit der Religion darstellten und Geschichte nur schrieben, um den Erfordernissen der Religion zu dienen. Später werden wir sehen, dass im von Matthäus (Matthew) verfassten Evangelium auf dieselbe Weise die Wahrheit entstellt wurde und dass eine gleichartige Erklärung gegeben wurde, um diese Entstellung als Wahrheit annehmbar zu machen. Doch von keiner Seite kann dieses Vorgehen akzeptiert werden.
Bei einer auf logischer Grundlage vorgenommenen Betrachtung wird man zahlreiche Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten feststellen. Wenn verschiedene Autoren bei der Darstellung eines Ereignisses unterschiedliche Quellen verwendet haben, ist es ganz natürlich, dass dasselbe Ereignis auf unterschiedliche Weise beschrieben wird. Doch das ist nicht der einzige Grund: Einige Fachleute haben auch deutlich aufgezeigt, dass ein und dasselbe Ereignis mehrfach umgestaltet, der ursprünglichen Darstellung später etwas hinzugefügt und zunächst eine Erklärung verfasst wurde, für die man anschließend die ursprüngliche Darstellung erstellte. Als Beispiel lässt sich im Fall der Tora anführen, dass Pater de Vaux in der Einleitung zu seiner Übersetzung der Genesis (S. 13–14) auf zahlreiche derartige Unstimmigkeiten und Widersprüche hingewiesen hat. Später werden wir einige Beispiele vorlegen. Wenn der Leser jedoch nach der Lektüre der ursprünglichen Darstellung zu dem Eindruck gelangt, dass das Gelesene überhaupt nicht glaubwürdig ist, kann man ihm dies wohl kaum zum Vorwurf machen. Zunächst legen wir einige Beispiele vor:
In der Genesis (6,3) heißt es, dass Allah unmittelbar vor der Flut beschloss, die Lebensdauer des Menschen künftig auf einhundertzwanzig Jahre zu begrenzen: „Seine Lebenszeit soll einhundertzwanzig Jahre betragen.“ Später jedoch zeigt sich wiederum in derselben Genesis (11,11; 10,32), dass die zehn Nachkommen Noahs zwischen 148 und 600 Jahre alt wurden (siehe in der später hinzugefügten Liste die Lebensalter der zehn Nachkommen Noahs bis Abraham). Der Widerspruch zwischen diesen beiden Darstellungen ist offensichtlich. Doch worin liegt sein Grund? Der Grund ist, dass die erste Darstellung (Genesis 6,3) einem jahwistischen Werk aus dem zehnten vorchristlichen Jahrhundert entnommen wurde, während die zweite Darstellung (Genesis 11,10–32) aus der Priesterschrift des sechsten vorchristlichen Jahrhunderts stammt. Diese Fassung ist die Hauptquelle des Stammbaums. Zwar wird in diesem Stammbaum das Lebensalter jedes Propheten durch eine bestimmte Zahl angegeben, doch bei einer Gesamtbetrachtung erscheint die Sache unmöglich.
Gerade in dieser Genesis finden wir das herausragendste Beispiel für einen Widerspruch zur modernen Wissenschaft. Dieser Widerspruch besteht in den folgenden drei wichtigen Punkten:
(1) Die Erschaffung der Welt und ihre verschiedenen Entwicklungsphasen.
(2) Der Zeitpunkt der Erschaffung der Welt und der Zeitpunkt des Auftretens des Menschen auf der Welt.
(3) Die Darstellung der Flut.
Nun werden wir diese drei Themen nacheinander erörtern.
Die Erschaffung der Welt
Pater de Vaux hat darauf hingewiesen, dass sich gleich am Anfang der Genesis zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Berichte über die Erschaffung der Welt finden. Nun werden wir nacheinander prüfen, ob diese beiden Berichte mit den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen.
Erster Bericht
Dieser erste Bericht findet sich im ersten Kapitel der Genesis und bereits im ersten Vers des zweiten Kapitels. Aus wissenschaftlicher Sicht wird bei einer Prüfung leicht ersichtlich, dass sich nirgendwo sonst eine derartige Ansammlung von Fehlern und Unwahrheiten findet. Daher ist es notwendig, jeden einzelnen Abschnitt gesondert zu untersuchen. Das hier angeführte Zitat stammt aus der revidierten Standardausgabe der Bibel (Revised Standard Version; herausgegeben im Auftrag der British and Foreign Bible Society von W. M. Collins and Sons, 1952).
Erstes Kapitel, Verse 1–2:
„Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde. Die Erde aber war wüst und leer, und Finsternis lag über der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.“
Es ist durchaus möglich anzunehmen, dass das, was wir heute das Weltall nennen, vor der Erschaffung der Welt in Dunkelheit gehüllt war. Die Erwähnung, dass damals jedoch Wasser vorhanden gewesen sei, ist reine Einbildung. Später werden wir sehen, dass es deutliche Hinweise darauf gibt, dass in der Frühphase der Entstehung des Weltalls Gas oder Rauch vorhanden war. Von Wasser kann dort überhaupt keine Rede sein.
Verse 3–5:
„Da sprach Gott: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war, und Gott schied das Licht von der Finsternis. Und es ward Abend und ward Morgen: ein (erster) Tag.“
Das Licht, das im Bereich der Himmelskörper ausgestrahlt wird, ist das Ergebnis der komplexen Wechselwirkungen der Sterne. Später werden wir dieses Thema ausführlich erörtern. Nach der Darstellung der Bibel waren die Sterne in diesem Stadium der Schöpfung noch nicht gebildet. Tatsächlich werden vor Vers 14 überhaupt keine „Lichter“ erwähnt. Erst in diesem Vers wird gesagt, dass am vierten Tag Licht geschaffen wurde – „um die Nacht vom Tag zu scheiden“ und „um der Erde Licht zu geben“. Diese Beschreibung ist zutreffend. Wenn jedoch die Ursache des Lichts erst drei Tage später erschaffen wurde, ist die Erwähnung des Lichts am ersten Tag unvernünftig. Außerdem ist auch die Erwähnung von Abend und Morgen bereits am ersten Schöpfungstag reine Einbildung; denn die Vorstellung von Abend und Morgen kann erst dann entstehen, wenn die Erde erschaffen ist und sich, vom Licht ihres eigenen Himmelskörpers, der Sonne, erhellt, einmal um ihre eigene Achse gedreht hat.
Verse 6–8:
„Dann sprach Gott: Es soll eine Feste inmitten der Wasser sein und die Wasser voneinander scheiden. Und Gott machte die Feste und schied die Wasser unterhalb der Feste von den Wassern oberhalb der Feste. Und es geschah so. Und Gott nannte die Feste Himmel. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: der zweite Tag.“
Auch hier findet sich diese Geschichte von den Wassern, und es wird beschrieben, dass der Himmel die Wasser in zwei Teile geteilt habe. Gerade aufgrund dieser Teilung konnte bei der Beschreibung der Sintflut gesagt werden, dass die Wasser von oben den Himmel überschritten und auf die Erde herabfielen.
Die Vorstellung jedoch, dass die Wasser auf diese Weise in zwei Teile geteilt wurden, ist aus wissenschaftlichen Gründen nicht haltbar.
Verse 9–13:
„Dann sprach Gott: Es sollen sich die Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort sammeln, und das Trockene soll sichtbar werden; und es geschah so. Und Gott nannte das Trockene Erde, und die Ansammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Die Erde lasse Gras hervorsprießen, Pflanzen, die Samen hervorbringen, und fruchttragende Bäume, die Früchte tragen nach ihrer jeweiligen Art, in denen ihr Same ist, auf der Erde; und es geschah so. Und die Erde brachte Gras hervor, Pflanzen, die Samen nach ihrer jeweiligen Art hervorbringen, und Bäume, die Früchte tragen, in denen ihr Same nach ihrer jeweiligen Art ist; und Gott sah, dass es gut war. Und es wurde Abend und es wurde Morgen: der dritte Tag.“
Die Vorstellung, dass während der Zeit, in der die Erde unter Wasser lag, allmählich Land auftauchte, ist wissenschaftlich durchaus plausibel. Die Vorstellung jedoch, dass vor der Erschaffung der Sonne ein geordnetes System aus Gräsern, Kräutern und Bäumen sowie ein auf Samen beruhender Fortpflanzungsprozess entstanden sei, kann keineswegs vernünftig sein; aus demselben Grund ist auch die Entwicklung von Tag und Nacht nicht akzeptabel. Bemerkenswert ist, dass die Sonne nach der Darstellung der Genesis erst vor dem vierten Tag nicht erschaffen wurde.
Verse 14–19:
„Dann sprach Gott: Es sollen Lichter am Gewölbe des Himmels sein, um den Tag von der Nacht zu scheiden; sie sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung der Zeiten, der Tage und der Jahre, und sie sollen am Gewölbe des Himmels als Leuchten dienen, um die Erde zu erhellen. Und es geschah so. Gott machte die zwei großen Lichter: das größere Licht zur Herrschaft über den Tag und das kleinere Licht zur Herrschaft über die Nacht, dazu die Sterne. Und Gott setzte sie an das Gewölbe des Himmels, um die Erde zu erhellen, über den Tag und über die Nacht zu herrschen und das Licht von der Finsternis zu scheiden. Und Gott sah, dass es gut war. Da wurde es Abend und Morgen: der vierte Tag.“
Obwohl diese Darstellung im Großen und Ganzen annehmbar ist, enthält sie einen großen Widerspruch. Wir wissen, dass die Erde und der Mond aus abgetrennten Teilen ihres ursprünglichen Himmelskörpers, der Sonne, entstanden sind. Daher steht die Vorstellung, dass die Sonne und der Mond erst nach der Entstehung der Erde geschaffen wurden, in völligem Widerspruch zu der allgemein anerkannten und überall akzeptierten Auffassung von der Entstehung des Sonnensystems.
Verse 20–23:
„Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von einer Fülle lebender Wesen, und Vögel sollen über der Erde am Gewölbe des Himmels fliegen. Da schuf Gott die großen Meerestiere und alle Arten von Lebewesen, von denen das Wasser wimmelt, sowie alle Arten von Vögeln. Und Gott sah, dass es gut war. Und Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und vermehrt euch, füllt das Wasser im Meer, und die Vögel sollen sich auf der Erde vermehren. Da wurde es Abend und Morgen: der fünfte Tag.“ Dieser Abschnitt enthält einige Aussagen, die nicht annehmbar sind. Es wird gesagt, dass das Tierreich mit dem Auftreten der Meerestiere und der geflügelten Vögel begonnen habe. Und dies soll am fünften Tag geschehen sein. Im folgenden Vers wird jedoch gesagt, dass das Tierreich auf der Erde erst am darauffolgenden Tag, also am sechsten Tag, begonnen habe. Gleich danach werden wir den Vers über den sechsten Tag zitieren. Es stimmt, dass das Leben im Meer begonnen hat und dass sich von dort aus Leben auf der Erde angesiedelt hat; dies werden wir jedoch später erörtern. Vorerst möchten wir uns auf den Inhalt des Verses beschränken. Es wird angenommen, dass die auf dem Land lebenden Tiere, insbesondere die Vögel, aus einer Reptilienart des zweiten Erdzeitalters hervorgegangen sind. Aufgrund einiger ähnlicher körperlicher Merkmale beider Arten hält man diese Annahme für möglich. In der Bibel wird das Auftreten des Lebens auf dem Land jedoch für den sechsten Tag, nach dem Auftreten der Vögel, erwähnt. Daher kann diese Reihenfolge des Auftretens anderer Lebewesen auf dem Land nach den Vögeln nicht als annehmbar gelten.“
Verse 24–31:
„Und Gott sprach: Die Erde bringe lebende Wesen aller Arten hervor: Vieh, Kriechtiere und wilde Tiere, jedes nach seiner Art. Und es geschah so. Gott machte die wilden Tiere nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Und Gott sah, dass es gut war. Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Abbild, uns ähnlich; sie sollen herrschen über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die sich auf der Erde bewegen. Und Gott schuf den Menschen nach seinem Abbild; nach dem Abbild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und vermehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie; herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Lebewesen, die sich auf der Erde bewegen. Und Gott sprach weiter: Seht, ich gebe euch alle Pflanzen auf der ganzen Erde, die Samen hervorbringen, und alle Bäume mit samenhaltigen Früchten; sie sollen euch zur Nahrung dienen. Und allen Tieren des Landes, allen Vögeln des Himmels und allem, was sich auf der Erde bewegt, allem, was Lebensatem hat, gebe ich alles grüne Kraut zur Nahrung. Und es geschah so. Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. Da wurde es Abend und Morgen: der sechste Tag.“
Hier endet die Schilderung der Schöpfung. Der Verfasser hat hier die zuvor nicht erwähnten Lebewesen aufgelistet und auch die Nahrung von Menschen und Tieren beschrieben.
Wir haben bereits erwähnt, dass es falsch war, vom Auftreten anderer Lebewesen vor den Vögeln zu sprechen. Richtig ist hingegen die Aussage, dass der Mensch nach dem Auftreten der anderen Lebewesen erschien. Nach dem ersten Kapitel der Bibel wird die Schöpfungsgeschichte in den ersten drei Versen des zweiten Kapitels folgendermaßen abgeschlossen:
Kapitel 2: Vers 13
„So wurden der Himmel und die Erde und alle ihre Scharen vollendet. Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht hatte, und ruhte am siebten Tag von all seinem Werk, das er gemacht hatte. Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn, denn an ihm ruhte er von all seinem Werk, das Gott geschaffen und gemacht hatte.“ Hierüber ist nun eine Erörterung erforderlich.
Das hebräische Wort „Schabbat“ wird gemäß einer Übersetzungstradition mit „er ruhte“ wiedergegeben. Auch hier ist es so geschehen. Tatsächlich ist die Vorstellung, dass Gott geruht habe, jedoch lediglich eine Legende.
Die hier zitierte Darstellung stammt aus der sacerdotalen Fassung der Bibel. Diese Fassung wurde im sechsten Jahrhundert v. Chr. verfasst. In der einige Jahrhunderte früher verfassten jahwistischen Fassung findet sich jedoch keinerlei Hinweis darauf, dass Gott geruht habe. Diejenigen, die über den Ruhetag schrieben, behaupteten lediglich in der Absicht, im Gemüt der einfachen Menschen Glauben und Ehrfurcht zu erzeugen, dass Gott selbst diesen Tag zuerst eingehalten habe. Außerdem beschrieben sie die Schöpfungstätigkeit der übrigen sechs Tage recht ausführlich und in einer bestimmten Reihenfolge. Wenn man dies jedoch anhand der in der Wissenschaft entdeckten Erkenntnisse über die Schöpfung beurteilt, zeigt sich, dass diese Reihenfolge keineswegs richtig, sondern lediglich willkürlich ist.
Die Vorstellung, dass die aufeinanderfolgenden Phasen der Schöpfung auf den Zeitraum von nur einer Woche beschränkt werden könnten, ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht akzeptabel. Denn inzwischen wissen wir mit Sicherheit, dass die Entstehung der Himmelskörper und der Erde sich stufenweise über viele Tage, ja über lange Zeiträume hinweg vollzogen hat. (Die Darstellung des Korans zu diesem Thema werden wir später untersuchen.) Selbst wenn die Schöpfungsgeschichte nicht mit dem Hinweis auf den Ruhetag, sondern bereits mit der Darstellung des sechsten Tages abgeschlossen worden wäre, und selbst wenn man die Tage nicht als wirkliche Tage, sondern wie in der koranischen Darstellung als lange Zeiträume verstehen könnte, wäre die biblische Darstellung wegen der Unwahrscheinlichkeit ihrer Abfolge der Ereignisse aus wissenschaftlicher Sicht dennoch nicht akzeptabel. Diese Darstellung ist erdichtet und frei erfunden. Sie wurde nicht zur Offenbarung der Wahrheit verfasst, sondern zu einem anderen Zweck und verfälscht.
Die zweite Darstellung
Unmittelbar nach dem Ende der ersten Darstellung beginnt im Buch Genesis, also im ersten Buch Mose, ohne irgendeinen Kommentar oder eine Zwischenbemerkung die zweite Schöpfungsgeschichte. Hier besteht allerdings keine Möglichkeit, denselben Einwand zu erheben. Es muss jedoch daran erinnert werden, dass diese Darstellung noch drei Jahrhunderte älter und sehr kurz ist. Hier wird der Erschaffung des Menschen und seiner bewohnbaren Umwelt mehr Raum gewidmet als der Erschaffung der Erde und des Himmels.
Kapitel 2: Verse 4–7
„An dem Tag, an dem Jahwe, Gott, die Erde und den Himmel erschuf, gab es auf der Erde noch kein Gewächs des Feldes, und kein Kraut des Feldes war aufgegangen. Denn Jahwe, Gott, hatte es auf der Erde noch nicht regnen lassen, und es gab keinen Menschen, der den Acker bestellte. Aber eine Flut stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Oberfläche des Erdbodens. Da bildete Jahwe, Gott, den Menschen aus dem Staub der Erde und blies ihm den Atem des Lebens in die Nase; so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.“
In der heutigen Bibel findet sich diese jahwistische Darstellung. Später wurde auch die priesterschriftliche Darstellung hinzugefügt. Es bleibt jedoch die Frage, ob die Darstellung ursprünglich tatsächlich so kurz war. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob sie im Laufe der Zeit gekürzt und verkürzt wurde. Ebenso wenig lässt sich sicher feststellen, ob das, was heute überliefert ist, tatsächlich die ursprüngliche Darstellung ist.
Diese Darstellung enthält keine ausführliche Beschreibung der Erschaffung der Erde und des Himmels. Es wird lediglich gesagt, dass es auf der Erde kein Gewächs gab, als Gott den Menschen erschuf (damals hatte es auch noch nicht geregnet), obwohl Wasser aus dem Erdboden aufgestiegen war und die gesamte Erdoberfläche befeuchtet hatte. Unmittelbar danach wird gesagt: „Zur selben Zeit, in der der Mensch erschaffen wurde, bereitete Gott einen Garten.“ Demnach wurden der Mensch und die Pflanzenwelt zur gleichen Zeit erschaffen. Wie viele Millionen Jahre zwischen diesen beiden Schöpfungen vergangen sind, wissen wir allerdings nicht.
Jedenfalls kann gegen diese Darstellung nur jener Einwand erhoben werden. In der priesterschriftlichen Darstellung wird erwähnt, dass der Mensch und die Erde in derselben Woche erschaffen wurden; in der jahwistischen Darstellung wird jedoch nichts dergleichen gesagt. Daher besteht gegen diese Darstellung kein Anlass zu einem besonders schwerwiegenden Einwand.
Das Datum der Erschaffung der Erde und des Auftretens des Menschen auf ihr
Im jüdischen Kalender, der auf den Angaben des Alten Testaments beruht, sind diese beiden Daten genau angegeben. Nach dieser Berechnung begann in der zweiten Hälfte des christlichen Jahres 1975 das 5736. Jahr der Erde. Das heißt, die Erde war im Jahr 1975 5736 Jahre alt. Der Mensch wurde einige Tage nach der Erschaffung der Erde erschaffen. Folglich betrug auch das Alter des Menschen ebenso viele Jahre.
In diesem Zusammenhang scheint eine kleine Korrektur notwendig zu sein. In der Antike wurde die Zeit auf der Grundlage von Mondjahren berechnet, während sie in der westlichen Welt heute auf der Grundlage von Sonnenjahren berechnet wird. Um die Berechnung genau zu machen, wäre diese Korrektur erforderlich; wenn sie jedoch nicht vorgenommen wird, beträgt die Abweichung lediglich drei Prozent. Daher lassen wir diese Abweichung der Einfachheit halber außer Acht. Wenn eine Berechnung über tausend Jahre um dreißig Jahre in die eine oder andere Richtung abweicht, wird unsere grundsätzliche Aussage wohl nicht wesentlich falsch sein. Auf der Grundlage der hebräischen Berechnung können wir daher ziemlich genau sagen, dass die Erde etwa siebenunddreißig Jahrhunderte vor der Geburt Christi erschaffen wurde.
Aber was sagt die moderne Wissenschaft hierzu? Eine direkte Antwort auf diese Frage ist schwierig. Über die Entstehung des Sonnensystems lassen sich jedoch einige Informationen gewinnen. Auch eine vernünftige Berechnung in dieser Angelegenheit ist möglich. Man geht davon aus, dass seit der Entstehung des Sonnensystems bis zur Gegenwart viereinhalb Milliarden Jahre vergangen sind. Daher lässt sich der Unterschied zwischen dieser allgemein anerkannten Berechnung und der im Alten Testament angegebenen Berechnung leicht ermitteln. Wir werden dies etwas später ausführlich erörtern. Zuvor wollen wir die Methode zur Berechnung anhand der Bibel näher beleuchten.
Bei einer sorgfältigen Prüfung der biblischen Darstellung lässt sich diese Berechnung ermitteln. In der Genesis, also dem Ersten Buch Mose, finden sich genaue Angaben darüber, wie viel Zeit von Adam bis Abraham vergangen ist. Für die folgende Periode, also für die Zeit von Abraham bis zum Beginn des Christentums, sind die verfügbaren Angaben jedoch unzureichend. Daher werden zur Ergänzung weitere Informationen benötigt.
Von Adam bis Abraham
In der Genesis bzw. im Ersten Buch Mose, in den Kapiteln 4, 5, 11, 21 und 25, ist die genaue Genealogie aller Vorfahren Abrahams bis hin zu Adam angegeben. Für jeden werden die Lebensdauer sowie das Alter des Vaters bei der Geburt des Sohnes genannt. Daher lässt sich leicht ermitteln, wie viele Jahre nach der Erschaffung Adams jemand geboren wurde oder starb. Alle in der folgenden Tabelle verwendeten Angaben stammen aus der sacerdotalen Fassung der Genesis; diese Angaben finden sich ausschließlich in der Bibel. Aus dieser Berechnung geht hervor, dass Abraham 1.948 Jahre nach Adam geboren wurde.
Die Genealogie Abrahams
—- Geburtsjahr nach der Erschaffung Adams — Lebensalter — Todesjahr nach der Erschaffung Adams
1) Adam — – 930 — 930
Seth — 130 — 912 — 1042
Enosch — 235 — 905 — 1140
Kenan — 325 — 910 — 1235
Mahalalel — 395 — 895 — 1290
Jared — 460 — 962 — 1422
Henoch — 622 — 365 — 987
Methusalem — 687 — 969 — 1656
Lamech — 874 — 777 — 1651
10) Noah — 1056 — 950 — 2006
Sem — 1556 — 600 — 2156
Arpachschad — 1658 — 438 — 2096
Schelach — 1693 — 433 — 2122
Eber — 1723 — 464 — 2187
Peleg — 1757 — 239 — 1996
Regu — 1787 — 239 — 2026
Serug — 1819 — 230 — 2049
Nahor — 1849 — 148 — 1997
Terach — 1878 — 205 — 2983
20) Abraham — 1948 — 175 — 2123
Von Abraham bis Jesus
Für diese Zeitspanne liefert die Bibel keine numerischen Angaben. Daher müssen wir nach einer anderen Quelle suchen, um die Zeit von Abraham bis Jesus zu bestimmen. Gegenwärtig wird Abrahams Zeit ungefähr achtzehn Jahrhunderte vor Jesus angesetzt. Berechnet man anhand der in der Genesis enthaltenen Angaben über die Zeit zwischen Abraham und Adam, so zeigt sich, dass Adam ungefähr achtunddreißig Jahrhunderte vor Jesus gelebt haben soll. Diese Berechnung ist offensichtlich falsch, und dieser Fehler ergibt sich aus der biblischen Berechnung der Zeit von Adam bis Abraham. Dennoch beruht der jüdische Kalender noch immer auf dieser Berechnung. Aufgrund der Unstimmigkeit zwischen den ungefähren Berechnungen jüdischer Priester des sechsten Jahrhunderts v. Chr. und den modernen Erkenntnissen können wir die traditionellen Hüter der Wahrheit der Bibel sehr leicht zur Rede stellen. Dennoch wurden viele Jahrhunderte lang anhand dieser Berechnung die Zeiten der frühen Ereignisse im Leben Jesu bestimmt.
Vor Beginn der modernen Zeit wurde jeder Bibelausgabe ein Vorwort beigefügt. Darin wurde die zeitliche Abfolge der Ereignisse von der Erschaffung der Erde bis zur Abfassung der jeweiligen Ausgabe erklärt. In den verschiedenen Ausgaben gab es beträchtliche zeitliche Abweichungen. So wurde beispielsweise in der Clementinischen Vulgata-Ausgabe von 1621 Abrahams Zeitalter noch früher angesetzt und die Erschaffung der Erde ungefähr in das vierzigste Jahrhundert v. Chr. datiert. Dagegen wurde in Waltons im siebzehnten Jahrhundert in mehreren Sprachen verfasster Bibel die Zeit der Vorfahren Abrahams in einer Form dargestellt, die der hier wiedergegebenen Genealogie entspricht. Fast alle Berechnungen stimmen mit dieser Genealogie überein. Die Bibelherausgeber der modernen Zeit haben jedoch aufgehört, diese Berechnungen und Vorworte aufzunehmen. Sie haben erkannt, dass die modernen wissenschaftlichen Entdeckungen ergeben haben, dass die Erde noch früher erschaffen wurde; daher wird diese alte Berechnung nun niemandem mehr annehmbar sein. Zugleich hätten sie den Lesern klar sagen müssen, dass der biblische Bericht überholt ist und keine wirkliche Wahrheit enthält. Doch das haben sie nicht gesagt. Stattdessen haben sie durch Wortverdrehungen eine geheimnisvolle Hülle geschaffen, sodass der biblische Bericht ohne jede Änderung, genau so, wie er vorliegt, überall als annehmbar erscheinen kann.
Aus diesem Grund wird die in der sakerdotalen Fassung enthaltene Genealogie noch immer anerkannt, obwohl eine auf solchen Märchen beruhende Berechnung im zwanzigsten Jahrhundert keineswegs annehmbar sein kann. Aufgrund der Erkenntnisse, die durch die modernen wissenschaftlichen Entdeckungen gewonnen wurden, ist es nicht möglich, ein genaues Datum für das Auftreten des Menschen auf der Erde zu bestimmen. Allenfalls lassen sich einige Hinweise gewinnen. Wir können jedoch nahezu sicher davon ausgehen, dass der Mensch eine bestimmte Zeit nach der Erschaffung der Erde aufgetreten ist. Es sei darauf hingewiesen, dass es weitere Lebewesen gibt oder geben kann, die dieselbe Gestalt wie der Mensch haben. Doch seine Fähigkeiten und seine geistigen Leistungen kennzeichnen den Menschen als von ihnen verschieden. Aus dem ältesten bisher entdeckten Knochen eines Menschen lässt sich schließen, dass der Mensch vor Millionen von Jahren aufgetreten ist.
Die Grundlage dieser Annahme bilden die jüngsten Entdeckungen von Knochen des Menschen aus der prähistorischen Zeit. In der Sprache der Fachleute wird dieser Mensch als Cro-Magnon-Mensch bezeichnet. Zwar wurden an verschiedenen Orten der Erde auch sehr alte Knochen von Lebewesen mit derselben Gestalt wie der Mensch entdeckt, und sie stammen offensichtlich aus einer noch früheren Zeit. Es bestehen jedoch Zweifel daran, ob es sich dabei tatsächlich um menschliche Knochen handelt.
Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse auf eine wesentlich frühere Zeit hinweisen als diejenige, von der die Genesis beim Auftreten des Menschen spricht. Somit zeigt sich, dass zwischen der Bibel und der modernen Wissenschaft ein deutlicher Unterschied und Widerspruch besteht.
Die Sintflut und die Überschwemmung
In den Kapiteln 6, 7 und 8 der Genesis wird die Sintflut beschrieben. Tatsächlich handelt es sich um zwei Darstellungen, die jedoch nicht nebeneinander präsentiert, sondern miteinander verschmolzen und als eine einzige Darstellung vorgelegt wurden. Diese Verschmelzung ist so vorgenommen worden, dass sie hinsichtlich der Abfolge und des Zusammenhangs äußerlich ganz natürlich als eine einzige Darstellung erscheint. In diesen drei Kapiteln bestehen deutliche Widersprüche. Der Grund ist derselbe: Der Inhalt wurde aus zwei Quellen übernommen. Die eine ist die jahwistische, die andere die priesterschriftliche Fassung.
Aus den Darstellungen dieser beiden Fassungen wurden Absätze oder Sätze entnommen und abwechselnd so angeordnet, dass sich innerhalb von etwa hundert Zeilen der englischen Übersetzung mindestens siebzehn Wechsel der Quelle feststellen lassen.
Jedenfalls lässt sich die Darstellung ungefähr folgendermaßen zusammenfassen: Weil die Sündhaftigkeit der Menschen grenzenlos geworden war, beschloss Allah, sie zusammen mit den anderen Lebewesen zu vernichten. Er warnte Noah und befahl ihm, ein Schiff zu bauen. Auf dieses Schiff sollte Noah zusammen mit den anderen Lebewesen seine Frau, seine drei Söhne und deren Frauen bringen. Von hier an unterscheiden sich die beiden Darstellungen. In der einen Darstellung (der priesterschriftlichen) wird gesagt, Noah sei befohlen worden, von jeder Tierart ein Paar mitzunehmen. Doch gleich im folgenden Absatz (der jahwistischen Darstellung) heißt es, Noah solle von jeder Art der sogenannten „reinen“ Tiere sieben Männchen und sieben Weibchen sowie von jeder Art der „unreinen“ Tiere ein Männchen und ein Weibchen mitnehmen. Später wird allerdings gesagt, dass Noah tatsächlich von jeder Tierart ein Paar mit sich nahm. Fachleute wie Father de Vaux sind der Ansicht, dass dieser Absatz eine entstellte Form der jahwistischen Darstellung ist.
Im jahwistischen Absatz wird erwähnt, dass die Sintflut durch Regen verursacht wurde. Im Gegensatz dazu ist im priesterschriftlichen Absatz von Regen und von Wasser die Rede, das aus der Erde hervorquoll.
Die gesamte Erde war, bis hinauf zu den Gipfeln der Berge, von Wasser bedeckt. Alle Lebewesen waren gestorben. Als das Wasser nach einem Jahr zurückging, lief das Schiff auf dem Berg Ararat auf, und Noah stieg aus.
Bemerkenswert ist auch, dass die Angaben über die Dauer der Sintflut voneinander abweichen. In der jahwistischen Darstellung ist von vierzig Tagen die Rede, in der priesterschriftlichen von hundertfünfzig Tagen.
Die jahwistische Darstellung sagt nichts darüber aus, in welchem Lebensabschnitt Noahs die Sintflut stattfand. In der priesterschriftlichen Darstellung wird jedoch gesagt, dass Noah damals sechshundert Jahre alt war. In dieser Darstellung wird auch Noahs Genealogie angegeben, indem seine Beziehung zu Adam und Abraham aufgezeigt wird. Berechnet man dies auf der Grundlage der in der Genesis enthaltenen Angaben, zeigt sich, dass Noah 1056 Jahre nach Adam geboren wurde (siehe die Genealogie). Somit fand die Sintflut 1656 Jahre nach der Erschaffung Adams statt. Im Zusammenhang mit Abraham heißt es in der Genesis, dass die Sintflut 292 Jahre vor seiner Geburt stattgefunden hatte.
Nach der Genesis waren infolge der Flut die gesamte Menschheit und alle übrigen Lebewesen auf der Erde vernichtet worden. Später besiedelten die drei Söhne Noahs und ihre Frauen die Welt wieder mit Menschen. Das heißt, die Menschheit wurde neu aufgebaut. Als daher etwa drei Jahrhunderte später Abraham geboren wurde, war die Menschheit bereits in verschiedenen Gemeinschaften neu entstanden. Doch wie konnte dieser Wiederaufbau in so kurzer Zeit erfolgen? Schon diese eine Frage lässt die Möglichkeit dahinschwinden, dass dieser Bericht wahr ist.
Außerdem steht dieser Bericht auch nicht im Einklang mit den modernen historischen Erkenntnissen. Abrahams Geburt wird auf die Zeit zwischen 1800 und 1875 v. Chr. datiert. Wenn die Flut jedoch dreihundert Jahre vor seiner Geburt stattgefunden hätte, müsste er im einundzwanzigsten oder zweiundzwanzigsten Jahrhundert v. Chr. geboren worden sein.
Aus den modernen historischen Erkenntnissen wissen wir, dass sich zu jener Zeit in mehreren Gebieten der Welt Zivilisationen entwickelten und ihre Überreste noch heute zu sehen sind.
In Ägypten stammt jene alte Zivilisation aus der Zeit vor dem Mittleren Reich (2100 v. Chr.). Diese Zeit entspricht ungefähr der Ersten Zwischenzeit vor der elften Dynastie. In Babylon herrschte damals die Dritte Dynastie von Ur. Wir wissen mit Sicherheit, dass dieser Strom der Zivilisation nicht unterbrochen wurde und dass nicht die gesamte Menschheit vernichtet worden war. Dennoch wird genau dies in der Bibel behauptet.
Daher können wir nicht anerkennen, dass diese drei biblischen Berichte wahr sind. Bei unvoreingenommener Prüfung bleibt uns nichts anderes übrig, als zuzugeben, dass der Text der Bibel, der heute vor uns liegt, keinen Bezug zur Wirklichkeit hat. Unter diesen Umständen müssen wir uns selbst fragen, ob es überhaupt möglich ist, dass Allah etwas anderes als die Wahrheit herabgesandt hat. Es ist undenkbar anzunehmen, dass das, was Allah den Menschen mitgeteilt hat, nicht nur unwirklich, sondern auch widersprüchlich sein könnte. Daher sind wir ganz selbstverständlich zu dem Schluss gelangt, dass der ursprüngliche Text der Bibel entstellt worden ist und dass diese Entstellung durch Menschen erfolgte. Sie muss entweder bei der mündlichen Weitergabe von einer Generation an die nächste oder nach der Verschriftlichung beim Abschreiben oder Bearbeiten entstanden sein. Wenn bekannt ist, dass ein Werk wie die Genesis innerhalb von etwa dreihundert Jahren mindestens zweimal bearbeitet und überarbeitet wurde, ist es wohl nicht verwunderlich, dass dieses Buch Unwirkliches und Unwahrscheinliches enthält. Dass diese Unwirklichkeiten und Unwahrscheinlichkeiten für uns heute erkennbar geworden sind, liegt natürlich daran, dass wir durch moderne Forschung und Untersuchungen, wenn auch nicht vollständig, so doch zumindest einen Teil der Wahrheit erkennen können und die Möglichkeit haben, ihn mit den alten Berichten zu vergleichen. Außer den Menschen für die Fehler und Irrtümer der Bibel verantwortlich zu machen, gibt es keine vernünftige Erklärung, und wahrscheinlich kann es auch keine geben. Erstaunlicherweise wollen jedoch die meisten Kommentatoren sowohl der jüdischen als auch der christlichen Gemeinschaft diese Argumentation nicht akzeptieren. Sie haben dazu ihre eigenen Argumente und Auffassungen. Diese müssen sorgfältig geprüft werden.
Die Auffassungen christlicher Kommentatoren zu den Irrtümern der Bibel
Wenn man die vielfältigen Äußerungen und Erklärungen christlicher Kommentatoren zu den Irrtümern, Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen betrachtet, die sich bei der Prüfung der Bibel anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse finden lassen, muss man staunen. Einige Kommentatoren räumen bestimmte Fehler ein und versuchen, einige schwierige Probleme zu lösen. Andere wiederum umgehen die Fehler und unterstützen die Aussage des ursprünglichen Textes. Sie breiten vermutlich ein Dickicht unvernünftiger Argumente aus und hoffen, dass die Menschen leicht vergessen werden, was vernünftigerweise nicht akzeptabel ist.
Pater de Vaux hat in der Einleitung zu seiner Übersetzung der Genesis zwar das Vorhandensein solcher umstrittener Aussagen eingeräumt, doch statt ihre Unrechtmäßigkeit zu erklären, erläuterte er ihre Berechtigung. Allerdings zeigte er kein Interesse daran, die alten Ereignisse in einer vernünftigen Form zu rekonstruieren. Seiner Ansicht nach hat die Tatsache, dass die Erinnerung an eine oder zwei gewaltige Überschwemmungen im Gebiet von Tigris und Euphrat im Laufe der Zeit mündlich weitergegeben wurde, schließlich die Gestalt einer weltweiten Flut annahm und in dieser Form in der Bibel niedergeschrieben wurde, keine eigene Bedeutung. Die eigentliche Bedeutung dieses Ereignisses besteht darin, dass Allahs Gerechtigkeit dem menschlichen Hass und Seine Barmherzigkeit den rechtschaffenen Menschen gegenüber sichtbar werden. Der Verfasser dieses biblischen Berichts hat gerade diese Bedeutung eindrucksvoll herausgearbeitet.
Auf diese Weise wurde die Berechtigung begründet, eine volkstümliche Legende mit himmlischer Heiligkeit zu bekleiden. Der Verfasser verwendete die Legende, um seine religiöse Lehre anhand von Beispielen verständlich zu machen; mit dieser Begründung wurde auch jene Legende als Bestandteil des menschlichen Glaubens präsentiert. Wenn man eine solche Argumentation als stichhaltig anerkennt, kann in einem Werk, das als heilig und als das Wort Allahs bezeichnet wird, natürlich jede Art des Unmöglichen ohne Weiteres als möglich ausgegeben werden. Wenn man außerdem zugibt, dass auf diese Weise ein menschlicher Eingriff in das Wort Allahs stattgefunden hat, lässt sich selbstverständlich auch für jede Art menschlicher Eingriffe und Veränderungen am Bibeltext eine plausible Begründung finden. Wenn eine Veränderung des ursprünglichen Textes schon aus religiösen Gründen zulässig wird, bleibt dazu nichts mehr zu sagen. Wir haben bereits gesehen, wie die priesterschriftlichen Verfasser des sechsten Jahrhunderts den ursprünglichen Text nach eigenem Gutdünken verändert haben. Dann gibt es auch keine Möglichkeit mehr, gegen sie Einwände zu erheben.
Viele christliche Kommentatoren erklären die Fehler, Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche in der biblischen Darstellung damit, dass die Verfasser der Bibel ihre Gedanken vor unterschiedlichen kulturellen oder geistig geprägten sozialen Hintergründen zum Ausdruck gebracht hätten; daher seien Unstimmigkeiten nicht ungewöhnlich. Aus dieser Erklärung hat sich die Rede von verschiedenen „literarischen Stilen“ entwickelt. Mit anderen Worten: Man hat ein Allheilmittel für das Problem gefunden. Wenn zwischen zwei Texten eine Unvereinbarkeit festgestellt wurde, wurde sie eben mit den unterschiedlichen sozialen Hintergründen und den unterschiedlichen Stilen erklärt. Diese Argumentation wird zwar nicht von allen anerkannt. Dennoch ist ihre Anwendung und Verwendung bis heute nicht eingestellt worden. Später werden wir im Zusammenhang mit dem Neuen Testament sehen, dass genau dieses Argument sogar zur Erklärung offenkundiger Widersprüche herangezogen wurde. Um etwas Unvernünftiges akzeptabel zu machen, wird noch eine weitere Methode angewandt. Rund um die eigentliche Frage werden allerlei Rechtfertigungen oder erläuternde Nebenfragen aufgeworfen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit des Lesers von der Hauptfrage abgelenkt.
Kardinal Daniélou hat bei seiner Erörterung der Flut genau diese Methode angewandt. In dem in der Zeitschrift „Dieu vivant“ (Nr. 38, 1974, S. 95–112) veröffentlichten Artikel „Das Urteil der Fluttaufe“ sagt er: „In der ältesten Legende der Kirche heißt es, dass die religiöse Bedeutung der Flut ein Abbild Jesu und der Kirche enthält. Sie ist ein ganz besonders bedeutsames Ereignis, gleichsam ein Urteil über die gesamte Menschheit.“ Danach zitiert er aus „Oxygen“ und sagt in seinem Werk „Homilien über Ezechiel“: „Das Schiffbruch erleidende Universum wird auf dem Gipfel gerettet.“ Anschließend erklärt er die Bedeutung der Zahl Acht und sagt: „Auf dem Gipfel des Berges werden acht Menschen gerettet: Noah, seine Frau, seine drei Söhne und deren Frauen. Deshalb ist die Zahl Acht von großer Bedeutung.“ Unter Anwendung des Arguments, das Justin in seinem Werk „Dialog“ vorgebracht hat, sagt er zu seinen eigenen Gunsten: „Auf dem Gipfel des Berges werden acht Menschen gerettet. Diese acht sind in Wirklichkeit nur ein Symbol für Jesus, der am achten Tag von den Toten auferstanden ist. Noah ist ein Abbild Jesu. Nach der Flut ist er zudem der erste Stammvater. Was Jesus in Wirklichkeit getan hat, davon hat Noah zuvor lediglich einen Hinweis gegeben.“ Bei diesem Vergleich fügt er außerdem hinzu, dass Noahs
Arche aus Holz und Jesu Kreuz ebenfalls aus Holz gewesen seien. Gerade wegen der außerordentlichen Bedeutung dieser Ähnlichkeit und Übereinstimmung sei der religiöse Wert der Flut angeblich besonders gesteigert worden. Mit anderen Worten: Der Herr Kardinal wollte sagen, dass etwas, das keine Beziehung oder Ähnlichkeit zu Jesus besitzt, überhaupt keine Bedeutung hat.
Über einen solchen parteiischen Vergleich ließe sich vieles sagen. Wir müssen jedoch bedenken, dass es sich bei diesem Vergleich lediglich um eine Auslegung handelt, und zwar zu einem Ereignis, das auf Grundlage der Bibel nicht einmal als weltweites Ereignis erwiesen ist. Wenn wir es auch zeitlich als zutreffend annehmen, können wir höchstens bis ins Mittelalter gelangen; das Mittelalter aber war eine Epoche, in der über die Bibel außer zustimmenden Erörterungen keinerlei andere Art der Auseinandersetzung möglich war.
Glücklicherweise wurde bereits vor jener verbotenen Epoche eine vernünftige Haltung eingenommen und auch zum Ausdruck gebracht. In diesem Zusammenhang kann man den heiligen Augustinus nennen. Seine Gedanken waren im Vergleich zu seiner Zeit eindeutig weit fortgeschritten. In jener Zeit, im Zeitalter der Kirchenväter, müssen bei der Erörterung des ursprünglichen Bibeltextes gewiss Probleme aufgetreten sein. Denn der heilige Augustinus erwähnt solche Probleme in seinem 82. Brief.
Er sagte: „Vor den kanonischen Schriften habe ich die tiefste Ehrfurcht, und ich hege keinerlei Zweifel daran, dass die Verfasser beim Schreiben richtig geschrieben und keinen Fehler gemacht haben. Wenn ich jedoch in diesen Schriften eine Darstellung finde, die der Wirklichkeit widerspricht, bleibt mir kein Zweifel, dass entweder meine Abschrift fehlerhaft ist oder der Übersetzer das Original nicht richtig übersetzen konnte oder ich selbst die Sache nicht richtig verstanden habe.“
Der heilige Augustinus konnte sich nicht einmal vorstellen, dass die Heilige Schrift einen Fehler enthalten könnte. Er betonte nachdrücklich, dass die Heilige Schrift fehlerlos sei. Wenn er jedoch mit einer Darstellung konfrontiert wurde, die der Wahrheit und der Wirklichkeit widersprach, erwähnte er unter den möglichen Fehlerursachen keine eines Fehlers des ursprünglichen Verfassers. Dies ist die Haltung eines neugierigen Gläubigen. Wenn man die Probleme, die zu seiner Zeit zwischen Bibel und Wissenschaft auftraten, mit einem ebenso forschenden Geist beurteilt wie er, lassen sich die meisten dieser Probleme sehr leicht lösen.
Andererseits wollen die Fachleute der Gegenwart keineswegs anerkennen, dass die Bibel Fehler enthält. Diesen Vorwurf nehmen sie überhaupt nicht ernst und verteidigen mit aller Kraft, was in der Bibel steht. Obwohl die biblische Darstellung offensichtlich im Widerspruch zu Geschichte und Wissenschaft steht, hat Pater de Vaux in der Einleitung zur Genesis erklärt, warum sie dennoch verteidigt werden müsse. „Die heute für das Studium der Geschichte befolgte Methode“
Gemäß dieser Methode hat er dazu aufgefordert, die in der Bibel dargestellte Geschichte nicht zu studieren. Seiner Ansicht nach kann Geschichte also auf unterschiedliche Weise geschrieben werden. Es ist allgemein anerkannt, dass eine fehlerhafte Darstellung in der Geschichtsschreibung zu einem historischen Roman wird. In einem solchen Fall sind Wahrheit oder Tatsachen niemals der entscheidende Maßstab. Dennoch weigern sich die Kommentatoren, die biblischen Darstellungen mit geologischen, paläontologischen oder prähistorischen Erkenntnissen zu vergleichen. Sie sagen: „Die Bibel muss mit den Erkenntnissen oder Grundsätzen dieser Wissenschaften nicht übereinstimmen. Wer nach einer Übereinstimmung sucht, betreibt einen unrealistischen Vergleich und einen künstlichen Vergleich.“
(Einleitung zur Genesis, S. 35). Offensichtlich wurde diese Bemerkung im Hinblick auf all jene Inhalte der Genesis gemacht, die im Widerspruch zu wissenschaftlichen Tatsachen stehen, insbesondere im Hinblick auf den Inhalt der ersten elf Kapitel. Als jedoch einige Darstellungen derselben Bibel durch moderne Forschungen als wahr bestätigt wurden, zögerte Pater de Vaux nicht, seine Freude darüber zum Ausdruck zu bringen: „Diejenigen, die an der Wahrheit dieser Darstellungen gezweifelt haben, können nun sehen, dass sie durch die Erkenntnisse der Geschichte und der antiken Archäologie Unterstützung erhalten haben.“ (Einleitung zur Genesis, S. 34).
Das heißt: Wenn die Wissenschaft die Bibel bestätigt, kann dies als gültiger Beweis angenommen werden; wenn eine solche Bestätigung jedoch ausbleibt, darf überhaupt kein Vergleich angestellt werden. Dies ist die Argumentationsweise der Kommentatoren und Fachleute.
Die modernen Theologen haben jedoch einen Weg gefunden, dieses unlösbare Problem zu lösen. Sie haben den Schritt unternommen, die ewige Vorstellung von Wahrheit selbst zu verändern. Diese neue Theorie wird in dem 1972 in Paris von Le Centurion veröffentlichten und von dem Theologen Lorez verfassten Buch „Was ist die Wahrheit der Bibel?“ (Quelle est la vérité de la Bible?) erläutert. Im begrenzten Rahmen der vorliegenden Erörterung ist es nicht möglich, sie ausführlich darzustellen. Es dürfte genügen, hier lediglich das Urteil über die Wissenschaft wiederzugeben, das diese neue Theorie fällt: „Das Zweite Vatikanische Konzil hat davon abgesehen, Regeln zur Feststellung der Wahrheit oder Unwahrheit der biblischen Darstellungen aufzustellen. Bei einer grundlegenden Betrachtung wird sich zeigen, dass es überhaupt nicht möglich ist, solche Regeln aufzustellen. Denn es gibt keine wissenschaftliche Methode, mit der sich die Gültigkeit oder Ungültigkeit der wissenschaftlichen Methode zur Feststellung der Wahrheit biblischer Darstellungen bestimmen ließe.“
Offensichtlich ist die Kirche nicht in der Lage, über die Gültigkeit der „wissenschaftlichen Methode“ als Mittel zur Erkenntnis der Wahrheit zu urteilen. Doch darum geht es hier nicht. Die Frage betrifft erwiesene Tatsachen, nicht irgendeine Theorie oder Methode. Nach der Bibel wurde die Erde vor siebenunddreißig oder achtunddreißig Jahrhunderten erschaffen. Um zu wissen, dass dies keineswegs wahr ist, muss man heute kein besonders großer Gelehrter sein. Wir wissen, dass der Mensch zu jener Zeit noch nicht erschienen war, und die auf Grundlage der biblischen Genealogien vorgenommene Berechnung ist zweifelsfrei als falsch erwiesen. Der Autor Lorez ist darüber sicherlich informiert. Um sich der Auseinandersetzung mit dem eigentlichen Problem zu entziehen, hat er deshalb diese ausweichende Bemerkung über die Wissenschaft gemacht.
Die Tatsache, dass christliche Fachleute angesichts der wissenschaftlich erwiesenen falschen Angaben der Bibel solche unterschiedlichen Bemerkungen machen, beweist bereits, dass diese Angelegenheit für sie wirklich unangenehm ist; zugleich wird dadurch noch etwas anderes bewiesen: Diese Angaben der Bibel sind von Menschen verfasst und keine Offenbarung.
Dieses Unbehagen der christlichen Welt trat auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–1965) am deutlichsten zutage. Nach langjährigen Beratungen und fünf Entwürfen gelang es ihnen, sich auf eine Erklärung über die Offenbarung zu einigen. In der Einleitung zum vierten Konzilsdokument über die Offenbarung, das 1966 in Paris von Le Centurion veröffentlicht wurde, sagte His Grace Weber: „Die schmerzhafte Lage, die das Konzil beinahe verschlungen hätte, fand schließlich auf diese Weise ihr Ende.“
In jenem Dokument werden die Unvollständigkeit (Kapitel 4, Seite 53) und die Widersprüchlichkeit des Alten Testaments freimütig anerkannt: „Vor der Errichtung der Erlösung durch Jesus Christus spielten die Bücher des Alten Testaments unter den menschlichen Verhältnissen eine wichtige Rolle. Aus diesen Büchern erfuhren alle, wer Allah und wer der Mensch ist und wie Allah in Seiner Gerechtigkeit und Barmherzigkeit mit den Menschen verfährt. Obwohl die Bücher einige Inhalte enthalten, die unvollständig und überholt sind, sind gerade diese Bücher Träger und Beweis der wahrhaft himmlischen Lehre.
Die Inhalte, auf die die Adjektive „unvollständig“ und „überholt“ angewandt wurden, sind offensichtlich kritikwürdig, und eines Tages könnten jene Abschnitte vielleicht sogar verworfen werden. Doch was auch immer in Zukunft geschehen mag, das Grundprinzip ist nun ganz klar anerkannt und verkündet worden.
Die oben zitierte Äußerung ist Teil der allgemeinen Erklärung, die auf dem Vatikanischen Konzil angenommen wurde. Die Erklärung wurde mit 2.344 Stimmen angenommen; nur 6 Stimmen entfielen auf die Gegenposition. Dennoch kann man wohl nicht sagen, dass die Erklärung vollständig einstimmig angenommen wurde. Denn bei der Erläuterung dieser angenommenen Erklärung machte His Grace Weber selbst eine Äußerung, durch die die ursprüngliche Erklärung praktisch abgeändert wurde. Er sagte: „Einige Bücher der jüdischen Bibel können nur vorübergehend angenommen werden, und diese Bücher enthalten einige unvollständige Inhalte.
Wo im ursprünglichen Dokument „überholt“ gesagt wird, heißt es in der Erläuterung „vorübergehend annehmbar“ – kann man diesen beiden Ausdrücken dieselbe Bedeutung zuschreiben? Außerdem wollte Weber durch die Verwendung des Wortes „jüdisch“ den Eindruck erwecken, im ursprünglichen Dokument sei die hebräische Bibel kritisiert worden. Doch im ursprünglichen Dokument wurde das Wort „jüdisch“ überhaupt nicht verwendet. Tatsächlich ist das Buch, das auf dem Konzil wegen seiner teilweisen Unvollständigkeit und Überholtheit kritisiert wurde, das Alte Testament der Christen selbst.
Schlussfolgerung
Die Bibel sollte genau in der Form geprüft werden, in der sie vorliegt. Wer sich dieser Entwicklung und der aufeinanderfolgenden Veränderungen bewusst ist, kann glauben, dass das Alte Testament verschiedene Darstellungen desselben Ereignisses sowie Widersprüche, historische Irrtümer, Unwahrscheinlichkeiten und Unvereinbarkeiten mit erwiesenen wissenschaftlichen Tatsachen enthalten kann. Dass ein von Menschen verfasstes altes Buch solche Fehler und Mängel aufweist, ist ganz natürlich. Auch in jedem anderen Buch, das zur gleichen Zeit und unter denselben Umständen verfasst wurde, wird man solche Fehler und Mängel finden.
Als es noch überhaupt nicht möglich war, Fragen auf der Grundlage wissenschaftlicher Fakten aufzuwerfen, und persönliches vernünftiges Nachdenken das einzige Mittel zur Feststellung von Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüchen war, erkannte der heilige Augustinus, dass Allah den Menschen keine Lehre geben kann, die nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt. Daher stellte er den Grundsatz auf, dass nichts, was der Wahrheit widerspricht, für von Allah kommend beansprucht werden kann. Und auf der Grundlage dieses Grundsatzes war er dafür, alles aus der Bibel zu entfernen, was seiner Ansicht nach entfernt werden sollte.
Als später einige Abschnitte der Bibel als unvereinbar mit dem modernen Wissen beurteilt wurden, wurde diese Haltung jedoch nicht mehr befolgt. Diese Haltung, die sich weigerte, die Wahrheit einfach anzunehmen, wurde allmählich so stark, dass zahlreiche Bücher geschrieben wurden, um die Beibehaltung jener Abschnitte in der Bibel zu rechtfertigen, die mit Wahrheit und Wirklichkeit nicht übereinstimmen.
Das Zweite Vatikanische Konzil hat die Strenge dieser kompromisslosen Haltung allerdings erheblich abgeschwächt. Denn in Bezug auf einige Bücher des Alten Testaments äußerten sie den Verdacht, dass diese Bücher Inhalte enthielten, die „unvollständig und überholt“ seien. Nun stellt sich die Frage, ob diese Ansicht lediglich eine Ansicht bleiben oder ob man Maßnahmen ergreifen wird, um diese Abschnitte aus der Bibel zu entfernen. Tatsächlich läuft es jedoch darauf hinaus, dass diese Abschnitte, solange sie nicht entfernt werden, weiterhin als „Träger und Beweis der von Allah kommenden Lehre“ gelten.
Die Evangelien: Ursprung und Geschichte
Beim Lesen der Evangelien fühlen sich viele Leser angesichts der Bedeutung mancher Schilderungen befangen und sogar beschämt. Auch wenn sie in den verschiedenen Evangelien unterschiedliche Darstellungen desselben Ereignisses lesen, geraten sie in dieselbe Lage. Dies bemerkte Pater Roset in seinem Buch „Initiation to the Gospels“ („Initiation aux Évangiles“, Verlag Éditions du Seuil, Paris, 1973). Durch seine langjährige Tätigkeit für eine katholische Wochenzeitung, bei der er die Briefe der Leser beantwortete, erkannte er, wie besorgt und beunruhigt gewöhnliche Christen in dieser Hinsicht sind. Diese Leser stammen aus unterschiedlichen Bildungs- und Vermögensschichten der Gesellschaft, und er stellte fest, dass die Abschnitte oder Themen, deren Erklärung sie verlangten, „selbst wenn sie nicht widersprüchlich, lächerlich oder anstößig waren, doch unklar, vage und unverständlich“ blieben. Wenn ein Christ die gesamten Evangelien aufmerksam liest, gibt es tatsächlich keinen anderen Ausweg, als zutiefst bedrückt und beunruhigt zu sein.
Das Buch von Pater Roset wurde 1973 veröffentlicht. Seine Bemerkung ist daher sehr aktuell. Bis vor wenigen Jahren kannten die meisten Christen von den Evangelien nur den Teil, den die Priester im Gottesdienst oder bei einer religiösen Feier vorlasen oder erläuterten. Abgesehen von den Protestanten lasen die übrigen Christen gewöhnlich niemals das gesamte Evangelium. In religiösen Schulbüchern fanden sich lediglich Auszüge. Der vollständige Wortlaut des Originals wurde niemals wiedergegeben. In einer römisch-katholischen Schule sah ich Bücher von Vergil und Platon, aber kein Neues Testament. Auch eine griechische Ausgabe des Neuen Testaments hätte sehr nützlich sein können. Erst viel später verstand ich, warum jenes Buch oder irgendein anderes Werk über das Christentum nicht dort vorhanden war. Hätten diese Bücher dort gestanden, hätten wir Schüler vielleicht Fragen gestellt, bei deren Beantwortung die Lehrer tatsächlich in Verlegenheit geraten wären.
Aufgrund solcher Erkenntnisse haben die kirchlichen Behörden die Leser der christlichen Bibel im Voraus gewarnt. In den Worten von Pater Roset: „Die meisten Christen müssen darin geschult werden, wie man die Evangelien liest.“ Ob man seiner Erklärung zustimmt oder nicht, eines lässt sich nicht leugnen: Er hat sich dieser heiklen Lage zumindest gestellt. Ein solcher Erklärungsversuch ist jedoch bei sehr vielen Offenbarungen nicht unternommen worden.
In den Vorworten der für eine weite Verbreitung gedruckten Bibeln findet sich niemals der geringste Hinweis darauf, dass Anlass zu Zweifeln am ursprünglichen Wortlaut der Schilderungen, an ihrer Wahrhaftigkeit oder an der Persönlichkeit ihrer Verfasser besteht. Über die ursprünglichen Verfasser, deren Identität überhaupt nicht bekannt ist oder nicht ermittelt werden kann, werden in diesen Vorworten zahlreiche „genaue und ausführliche“ Informationen gegeben. Häufig werden bloße Vermutungen als erwiesene Tatsachen dargestellt. Oder es wird behauptet, ein bestimmter Priester sei Augenzeuge eines bestimmten Ereignisses gewesen, obwohl die Fachleute genau das Gegenteil gesagt haben. Die Zeit zwischen dem Abschluss der Verkündigung Jesu und dem Auftreten der betreffenden Schriften wird als sehr kurz dargestellt. Man versucht den Eindruck zu erwecken, dass sämtliche Berichte der Bibel von einem einzigen Verfasser niedergeschrieben wurden, der sie aus dem Mund eines Augenzeugen und unmittelbaren Hörers aus der Zeit Jesu Christi vernommen habe. Die Fachleute haben jedoch erklärt, dass kein Zweifel daran besteht, dass der ursprüngliche Wortlaut vielfach verändert worden ist. Zwar wird in manchen Vorworten das Problem erwähnt, das mit der Erklärung von ein oder zwei Abschnitten verbunden ist, doch der geringschätzige Versuch, dieses Problem zu umgehen, verstärkt im Bewusstsein des aufmerksamen Lesers eher den Verdacht. Solchen Vorworten werden Anhänge, insbesondere Anmerkungen, beigefügt. In diesen Anmerkungen wird versucht, alle Arten von Unwahrscheinlichkeiten, Widersprüchen und offenkundigen Irrtümern durch geschickte Erklärungen zu verdecken. Doch für aufmerksame und wissbegierige Leser, die die Wahrheit aufdecken wollen, bleibt nichts verborgen.
Nun möchte ich ein Thema ansprechen, das den Leser noch mehr überraschen wird. Besonders diejenigen, die mit Problemen dieser Art nicht vertraut sind, werden geradezu verblüfft sein.
Matthäus oder Johannes sagen überhaupt nichts über die Himmelfahrt Jesu. Lukas hingegen sagt in seinem Evangelium, dass die Himmelfahrt am Tag der Auferstehung stattgefunden habe. Im Buch „Apostelgeschichte“ wird dagegen gesagt, sie habe vierzig Tage später stattgefunden. Das Merkwürdige ist jedoch, dass gerade Lukas als Verfasser dieses Buches gilt. Markus erwähnt zwar die Himmelfahrt, nennt aber keinen Tag und keine Zeit. Daher gilt seine Darstellung heute nicht als korrekt. Unter diesen Umständen wird klar, dass es auf der Grundlage keines religiösen Buches möglich ist, das Ereignis der Himmelfahrt Jesu als sicher anzunehmen. Die religiösen Kommentatoren wollen jedoch dieser fehlenden Grundlage überhaupt keine Bedeutung beimessen.
Tricot hat in seinem Werk „Little Dictionary of the New Testament“ (Petit Dictionnaire du Nouveau Testament, Verlag: Desclée & Company, Paris, 1960) keinerlei Erwähnung der Himmelfahrt gemacht. Dabei wurde dieses Buch gerade zur weiten Verbreitung und Bekanntmachung geschrieben und veröffentlicht. Demgegenüber haben Pater Benoit und Pater Boismard, Lehrer an der Bibelschule von Jerusalem, auf den Seiten 451–452 des zweiten Bandes ihres Werkes „The Synopsis of the Four Gospels“ (Synopsis des quatre Évangiles, Verlag: Éditions du Cerf, Paris, 1972) gesagt, dass es wohl nicht besonders leicht sei zu verstehen, was mit „literarischer Technik“ eigentlich gemeint ist, wenn man die Unterschiede zwischen der Darstellung im Lukasevangelium und im Buch der Apostelgeschichte betrachtet.
Jedenfalls besteht wohl kein Zweifel daran, dass Pater Roset dies nicht verstanden und dieses Argument auch nicht akzeptiert hat. Doch auch seine eigene Erklärung ist genau von derselben Art. In seinem Werk „Initiation to the Gospel“ (1973, S. 187) sagt er: „Wie bei vielen anderen Ereignissen wird auch in diesem Fall überhaupt keine Erklärung gefunden werden können, wenn die biblische Darstellung unter Erfassen ihrer religiösen Bedeutung lediglich im wörtlichen Sinn verstanden wird. Es geht in Wirklichkeit nicht darum, ein reales Ereignis durch ein unzusammenhängendes Symbol auszudrücken. Wir müssen die religiöse Absicht derer beachten, die uns dieses Geheimnis offenbart haben. Sie haben uns diese geheimnisvollen Ereignisse genau in derjenigen Form übermittelt, in der sie für uns als verkörperte Menschen mit unseren Empfindungen und unserem Verständnis annehmbar sind.“
Aber wie kann diese Erklärung akzeptiert werden? Wenn man allerdings die Haltung einnehmen kann, alles bedingungs- und fraglos anzunehmen, dann gibt es offenbar überhaupt kein Problem mehr.
Ein weiterer bemerkenswerter Punkt in Pater Rosets Auslegung ist, dass er zugibt, dass es „viele andere Ereignisse“ dieser Art gibt. Daher ist es notwendig, die Angelegenheit eingehend, objektiv und umfassend zu untersuchen. Es erscheint angemessen und sachgerecht, die zu der Zeit der Abfassung der Evangelien herrschenden Umstände und insbesondere das damalige religiöse Umfeld zu prüfen und gerade darin nach Erklärungen und Lösungen zu suchen. Die ursprüngliche mündliche Überlieferung nahm irgendwann eine schriftliche Form an, wurde danach im Laufe der Zeitalter verändert und erfuhr auf ihrem Weg bis in unsere Zeit zahlreiche weitere Veränderungen. Wenn man dies bedenkt, bleibt wohl kaum noch Anlass, sich über unverständliche, schwer verständliche, widersprüchliche oder lächerliche Darstellungen zu wundern. Dasselbe lässt sich auch über jene Darstellungen sagen, die mit den in der Gegenwart feststehenden wissenschaftlichen Tatsachen unvereinbar erscheinen. Aus diesem Gedankengang ergibt sich eindeutig, dass sowohl die ursprüngliche Abfassung als auch ihre Veränderungen von Menschen vorgenommen wurden.
Die Forschung über religiöse Schriften und insbesondere die objektive Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, und auch die Veränderungen in den religiösen Vorstellungen infolge dieser Forschung sind deutlich zu erkennen. Pater Kannengiesser, Professor am Katholischen Institut von Paris, sagt in seinem Werk „Faith in the Resurrection, Resurrection of Faith“ (Foi en la Résurrection, Résurrection de la Foi, Verlag: Beauchesne, Paris, 1974): „Die Gläubigen sind sich der Revolution, die nach der Amtszeit von Papst Pius XII. in der Bibelauslegung eingetreten ist, kaum bewusst.“ Pius XII. war von 1939 bis 1959 Papst. Die vom Autor erwähnte „Revolution“ ist somit ein sehr neuzeitliches Ereignis, und einige Fachleute haben unter ihrem Einfluss begonnen, die einfachen Christen entsprechend zu unterrichten. Pater Kannengiesser sagt: „Mit dem Einsetzen dieser Revolution im Auslegungsverfahren begann die bislang als sicher geltende alte Tradition abgeschafft zu werden.“
Er warnte: „Die im Evangelium über Jesus berichteten Nachrichten sollten nicht wörtlich genommen werden. Denn sie wurden im Zusammenhang mit bestimmten Ereignissen zu seiner Unterstützung oder zu seiner Bekämpfung verfasst, und die Verfasser haben lediglich die in ihren jeweiligen Gemeinschaften über Jesus umlaufenden Überlieferungen niedergeschrieben.“ Über die Auferstehung Jesu betonte er, dass keiner der Verfasser der Evangelien behauptet habe: „Ich habe dieses Ereignis mit eigenen Augen gesehen.“ Er sagte ferner, dass dasselbe auch für das übrige öffentliche Leben Jesu gelte. Denn aus den Berichten der Evangelien geht hervor, dass kein Apostel außer Judas Iskariot Jesus von der Zeit seines Wirkens bis zum letzten Tag seines Lebens verlassen hat.
Wir sind inzwischen weit über jenes alte Dogma hinausgelangt, das noch vor zehn Jahren vom Zweiten Vatikanischen Konzil unterstützt und gebilligt wurde. Zwar wird dieses alte Dogma in vielen modernen Schriften noch immer verbreitet. Dennoch bahnt sich die Wahrheit allmählich ihren Weg.
Doch diese Wahrheit ans Licht zu bringen, ist keine leichte Aufgabe. Denn der Widerstand gegen das Dogma, das seit der Antike nachdrücklich verteidigt und unterstützt wird, ist keineswegs schwach. Um dieses Hindernis zu überwinden, muss man es an der Wurzel packen. Das heißt, zuerst müssen die Anzeichen für das Aufkommen des Christentums untersucht werden.
Historische Denkmäler: Jüdisches Christentum und der heilige Paulus
Die meisten Christen glauben, dass die Evangelien von denjenigen verfasst wurden, die unmittelbar am Leben Jesu beteiligt waren. Somit sind diese Schriften ein unanfechtbarer Beweis für sein Leben und seine Lehre. Es gibt daran keinen Grund zu zweifeln. Wenn man also diese Gewissheit über ihren ursprünglichen und authentischen Charakter gewonnen hat, bleibt kein Raum mehr für eine Erörterung der Lehre Jesu. Außerdem kann man, solange die Kirche damit beschäftigt ist, die von Jesus selbst erlassenen Gebote und Vorschriften zu verkünden und durchzusetzen, auch an ihrer Legitimität als Institution keinen Zweifel hegen. In den jüngst veröffentlichten populären Ausgaben der Evangelien werden solche Vorstellungen unter dem Namen von Einleitungen oder Kommentaren verbreitet.
Die Behauptung, die Evangelisten seien Augenzeugen gewesen, wird stets als selbstverständlich erwiesene Tatsache vorgetragen. Das heißt, man hält es nicht für notwendig, diese Behauptung durch Zeugnisse, Beweise und Informationen als wahr zu erweisen. Darüber hinaus bezeichnete der heilige Justin in der Mitte des zweiten Jahrhunderts die Evangelien als „Erinnerungen der Apostel“. Dadurch wird es äußerst schwierig, überhaupt Zweifel an diesen apostolischen Verfassern zu äußern. Über Matthäus heißt es, er sei eine bedeutende Persönlichkeit, ein Zollbeamter in Kapernaum und der aramäischen sowie der griechischen Sprache kundig gewesen. Markus lässt sich ohne Weiteres als Mitarbeiter des Petrus identifizieren, und offensichtlich war auch er ein Augenzeuge. Lukas war Arzt, und Paulus hat viel über ihn gesagt. Daher sind ausführliche Informationen über ihn vorhanden. Dann Johannes: Er war ein Fischer am Galiläischen Meer, der Sohn des Zebedäus und ein ständiger Begleiter Jesu.
Aus den in jüngster Zeit durchgeführten Forschungen über die Verhältnisse zur Zeit des Aufkommens des Christentums geht hervor, dass es damals keineswegs möglich war, Informationen in derart detaillierter Form vorzulegen. Wer die Verfasser der Evangelien tatsächlich waren und welcher Art von Menschen sie waren, werden wir gleich sehen. Zunächst muss jedoch festgehalten werden, dass die Ereignisse nach dem Beginn der Verkündigung Jesu tatsächlich nicht so verliefen, wie behauptet wird; auch wurde das Fundament der Kirche nicht durch die Reise des Petrus nach Rom gelegt. Vielmehr herrschten vom Fortgang Jesu aus dieser Welt bis zur zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts Streit und Zwietracht zwischen zwei Gruppierungen. Die eine Gruppierung stand für das Christentum des Paulus, die andere für das jüdische Christentum. Im Laufe der Zeit siegte das Christentum des Paulus, und das jüdische Christentum verschwand.
Über die jüngsten Entdeckungen zum Ursprung des Christentums sind viele Bücher geschrieben worden. Unter den Autoren ist besonders der Name des Kardinals Daniélou hervorzuheben. Im Dezember 1967 wurde in einer französischen Zeitschrift namens „Études“ (Studien) ein bedeutender Aufsatz von ihm veröffentlicht. Der Titel des Aufsatzes lautete: „Eine neue Darstellung der Ursprünge des Christentums: das jüdische Christentum.“ In diesem Aufsatz zeigte er durch eine Untersuchung der Geschichte, dass der Hintergrund der Evangelien, wie er in populären Büchern und Broschüren dargestellt wird, völlig anders ist als die tatsächlichen Verhältnisse. In diesem Zusammenhang geben wir die wichtigsten Aussagen seines Aufsatzes wieder.
Nach dem Fortgang Jesu aus dieser Welt bildete die kleine Gruppe der Apostel eine jüdische Sekte und blieb der im Tempel üblichen
Gottesdienstordnung treu.“ Als später die Anhänger der Naturreligionen bekehrt wurden, fügte man für sie einige Elemente ihrer alten Gottesdienstordnung hinzu und entwickelte „eine besondere Ordnung“. Danach wurden sie auf dem Jerusalemer Konzil im Jahr 49 n. Chr. von der Beschneidung und einigen anderen jüdischen Bräuchen befreit. Doch „viele Judenchristen (jüdische Christen“ weigerten sich, diese Befreiung anzuerkennen. Diese Gruppe war von der Gruppe des Paulus völlig verschieden, und zwischen den beiden Gruppen herrschte hinsichtlich der aus den Anhängern der Naturreligionen zum Christentum Bekehrten ein Konflikt (das Ereignis von Antiochia im Jahr 49 n. Chr.). Paulus vertrat die Auffassung, dass selbst für die Juden die Beschneidung, der Sabbat und die gottesdienstlichen Vorschriften des Tempels äußerst altmodisch und reaktionär seien. Das Christentum müsse von dieser politischen und religiösen Bindung an die jüdische Religion befreit und der gebildeten Gesellschaft zugänglich gemacht werden.“
Für diejenigen unter den Judenchristen, die „loyale Juden“ waren, war er ein Verräter. In ihren Schriften wurde er als „Feind“ bezeichnet, und man beschuldigte ihn, eine „doppelzüngige Politik“ zu verfolgen.“ Bis zum Jahr 70 n. Chr. bildeten die Judenchristen innerhalb der Kirche die Mehrheit, und Paulus war völlig isoliert.“ Ihr Anführer war Jakobus, ein Verwandter Jesu, und bei ihm waren Petrus (anfangs) und Johannes.“ Jakobus war der Sprecher der judenchristlichen Gruppe, und im Gegensatz zum Christentum des Paulus blieb diese Gruppe bewusst der jüdischen Religion treu.“ In der judenchristlichen Kirche Jerusalems spielte die Familie Jesu eine wichtige Rolle. Nach Jakobus wurde „Simeon, der Sohn des Kleopas“ zum Anführer, und Kleopas war der Neffe Jesu.
Kardinal Daniélou hat mehrere Zitate aus den jüdisch-christlichen Schriften angeführt, in denen Ansichten über Jesus geäußert werden. Zu diesen Schriften gehören das Hebräerevangelium (das bei der jüdisch-christlichen Gemeinschaft Ägyptens gefunden wurde), die von Clemens verfassten Homilien und Rekognitionen, die Hypotyposen, die zweite Apokalypse des Jakobus und das Thomasevangelium. (Hier sei darauf hingewiesen, dass all diese Schriften später als Apokryphen betrachtet wurden. Das heißt, nachdem sich die von Paulus geprägte Kirche durchgesetzt hatte, wurden sie von ihr verborgen. Später wurden sie gekürzt und verändert, und nur vier kanonische Evangelien blieben erhalten.) Kardinal Daniélou sagte: „Die ältesten Schriften des Christentums stammen von den Judenchristen.“ Er hat dies ausführlich dargestellt.
„In den ersten hundert Jahren der Kirche hatte nicht nur in Jerusalem und Palästina, sondern überall das judenchristliche Bekenntnis die Vorherrschaft. Dieser Zustand bestand bis zum Sieg des Paulus fort. Darin liegen der Grund und die Erklärung für den Widerstand, den Paulus in seinen Briefen erwähnt.“ In Galatien, Korinth, Kolossä, Rom und Antiochia stieß Paulus überall auf diesen Widerstand.
Dass die syrisch-palästinensische Küste von Gaza bis Antiochia unter dem Einfluss des Judenchristentums stand, wird in den Schriften der Apostel und des Clemens erwähnt. Auch in Kleinasien bestand dieser Einfluss, wie aus den Briefen des Paulus an die Galater und die Kolosser hervorgeht. Von einem solchen Einfluss in Phrygien berichtet das Werk des Papias. Über Griechenland, insbesondere die Gegend von Apollos, erfahren wir aus einem eigenen Brief des Paulus, seinem ersten Brief an die Korinther. Aus dem Brief des Clemens und der Beschreibung im Hirten des Hermas geht hervor, dass Rom ein „wichtiges Zentrum“ des Judenchristentums war. Bei Sueton und Tacitus wurde mit „Christen“ eine jüdische Glaubensrichtung bezeichnet. Kardinal Daniélou ist der Ansicht, dass sich das Judenchristentum auch in Afrika zunächst verbreitet habe. Das Hebräerevangelium und die Schriften des Clemens geben einen entsprechenden Hinweis.
Um den Hintergrund, vor dem das Evangelium, also die Bibel beziehungsweise das Neue Testament, verfasst wurde, richtig zu verstehen, ist es besonders wichtig, über diese Informationen zum Konflikt zwischen den beiden Gemeinschaften Bescheid zu wissen. Die heute vorliegende Fassung der Bibel entstand nach den umfassenden Veränderungen des ursprünglichen Werkes, nachdem die Christen nach dem jüdischen Krieg und dem Fall Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. mächtig geworden waren. Kardinal Daniélou erklärte den Vorgang folgendermaßen: „Nachdem das Ansehen der Juden geschädigt worden war, begannen die Christen, den Kontakt mit ihnen zu meiden. Danach gewannen die griechischen Christen die Vorherrschaft, Paulus errang nach seinem Tod den Sieg, und indem sich das Christentum politisch und sozial vom Judentum trennte, wurde es zu einem dritten Volk. Dennoch konnte das Judenchristentum bis zum jüdischen Aufstand von 140 n. Chr. seine kulturelle Vorherrschaft bewahren.“
Die Evangelien von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes erschienen zwischen 70 und 110 n. Chr. Sie waren jedoch nicht die ersten schriftlichen religiösen Schriften. Denn die Briefe des Paulus waren lange vor ihnen verfasst worden. O. Cullmann ist der Ansicht, dass Paulus wahrscheinlich um 50 n. Chr. an die Thessalonicher schrieb. Wahrscheinlich starb er einige Jahre, bevor die Abfassung des Markusevangeliums abgeschlossen war.
Im Christentum ist Paulus die umstrittenste Persönlichkeit. Die Apostel, die zur Familie Jesu gehörten oder Jakobus, den in Jerusalem lebenden Bruder Jesu, unterstützten, betrachteten ihn als Verräter an Jesu Gedankengut. Unter Ausschluss derjenigen, die Jesus für die Verkündigung der Religion ausgewählt und zu sich genommen hatte, erfand Paulus das Christentum. Er hatte Jesus nie im Leben gesehen; dennoch konnte er die Legitimität seiner Verkündigung dadurch beweisen, dass er behauptete, Jesus sei ihm einst auf dem Weg nach Damaskus als Auferstandener erschienen. Mit gutem Grund kann man die Frage aufwerfen, wie das Christentum ohne Paulus ausgesehen hätte, und auf diese Frage lassen sich viele mögliche Szenarien vorstellen. Über das Evangelium lässt sich jedoch zumindest mit Nachdruck sagen, dass dieses Werk überhaupt nicht entstanden wäre, wenn sich jene konfliktreiche Situation zwischen den verschiedenen Gemeinschaften nicht entwickelt hätte. Das Werk entstand in der Zeit heftiger Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen zwischen den beiden Lagern. Pater Kannengiesser bezeichnete das Evangelium daher als „ein Werk des Krieges“. Aus den zahlreichen Schriften über Jesus, die damals von beiden Seiten verfasst wurden, wurde durch Auswahl eine Sammlung zusammengestellt. Zu jener Zeit siegte das paulinische Christentum, und infolgedessen wurden die Schriften um Paulus herum aufgebaut. Diese Schriften wurden „Kanon“ genannt und von der Kirche anerkannt. Alle anderen Schriften wurden damals als unglaubwürdig verurteilt und verworfen.
So verschwand das Judenchristentum. Heute hat es nirgendwo mehr irgendeinen Einfluss. Wenn man jedoch „judäistisch“ sagt, ist noch immer diese Religion gemeint. Kardinal Daniélou beschrieb ihr Verschwinden folgendermaßen: „Da sich die Kirche von allen jüdischen Verbindungen befreit hatte, wurde das Judenchristentum vollständig isoliert und verschwand im Westen rasch. Im Osten dagegen lassen sich im dritten und vierten Jahrhundert, insbesondere in Palästina, Arabien, Transjordanien, Syrien und Mesopotamien, noch schwache Spuren dieser Religion finden. Alle übrigen Gebiete schlossen sich der Mutterkirche an, obwohl ihre Kultur stark semitisch geprägt war. In den Kirchen Äthiopiens und Chaldäas ist dieser Einfluss noch heute zu erkennen.
Die vier Evangelien: Ursprung und Geschichte
In den Schriften der frühen Zeit des Christentums findet sich keinerlei Erwähnung der Evangelien. Die erste Erwähnung findet sich lange nachdem die Schriften des Paulus veröffentlicht worden waren. Erst nach der Mitte des zweiten Jahrhunderts, also nach dem Jahr 140, beginnt man von einer Sammlung religiöser Schriften zu hören. Dennoch heißt es: „Seit Beginn des zweiten Jahrhunderts haben zahlreiche christliche Schriftsteller bekundet, dass sie mit vielen Briefen des Paulus vertraut waren.“ Diese Bemerkung findet sich in der Einleitung zu dem 1972 in Paris veröffentlichten Buch „Ökumenische Übersetzung der Bibel – Neues Testament“. Dabei ist zu erwähnen, dass dieses Buch das gemeinsame Werk von mehr als hundert katholischen und protestantischen Fachleuten ist.
Obwohl die Abfassung der Evangelien, die später als kanonisch, das heißt als offiziell, angenommen wurden, zu Beginn des zweiten Jahrhunderts abgeschlossen war, waren sie lange Zeit niemandem bekannt. In der Ökumenischen Übersetzung heißt es, dass um die Mitte des zweiten Jahrhunderts einige der in diesen Evangelien geschilderten Geschichten an anderer Stelle zitiert wurden. Dennoch lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, ob die Geschichten aus dem ursprünglichen Werk zitiert wurden oder ob die Verfasser sie aus der Erinnerung an mündlich überlieferte Legenden übernahmen.
In der Einleitung zu jener Übersetzung der Bibel heißt es: „Vor dem Jahr 140 konnte keine solche Sammlung nachgewiesen werden.“ Diese Bemerkung steht genau im Gegensatz zu dem, was Tricot in der Einleitung zu seiner Übersetzung des Neuen Testaments (1960) gesagt hat. Er sagte: „Seit Beginn des zweiten Jahrhunderts verwendeten die Menschen das Wort ‚Evangelium‘, und mit Evangelium war damals eben jenes Werk gemeint, das der heilige Justin um das Jahr 150 als ‚Die Erinnerungen der Apostel‘ bezeichnete.“ Leider haben gerade solche Aussagen und Bemerkungen in der breiten Öffentlichkeit falsche Vorstellungen über die Entstehungszeit und Datierung der Evangelien hervorgerufen.
Es gibt allerdings noch weitere falsche Vorstellungen. Die Behauptung, die vier Evangelien hätten von Anfang an in vollständiger Form vorgelegen, ist keineswegs richtig. Tatsächlich erlangten die Evangelien erst im Verlauf von mehr als einem Jahrhundert nach Jesus ihre vollständige Gestalt. Nach der Ökumenischen Übersetzung wurden die Evangelien um das Jahr 170 vollständig und erhielten den Rang offizieller Schriften.
Der heilige Justin bezeichnete die Verfasser der Evangelien als Apostel (Sahaba). Diese seine Ansicht ist jedoch keineswegs annehmbar. Denn wenig später werden wir sehen, dass keiner der Verfasser ein Apostel war.
Tricot sagte, die Evangelien von Matthäus, Markus und Lukas seien vor dem Jahr 70 verfasst worden. Diese Aussage ist jedoch, vielleicht mit Ausnahme des Markus, nicht annehmbar. Wie viele andere Schriftsteller bezeichnete auch er die Verfasser der Evangelien als Gefährten Jesu. Deshalb legte er die mögliche Entstehungszeit der Evangelien so fest, dass sie nahe an der Lebenszeit Jesu liegen konnte. Über Johannes sagte Tricot, dass er bis zum Jahr 100 lebte und die Christen daran gewöhnt waren, ihn bei verschiedenen religiösen Zeremonien in unmittelbarer Nähe Jesu gegenwärtig zu sehen. Dennoch ist es schwer zu beweisen, dass das unter seinem Namen verbreitete Evangelium tatsächlich von ihm verfasst wurde. Wie viele andere Kommentatoren meint auch Tricot, dass Johannes (und Matthäus) selbst die geeignetsten Zeugen für alle von ihnen geschilderten Ereignisse waren. Die meisten Kritiker akzeptieren dies jedoch nicht. Sie erkennen ihn nicht einmal als Verfasser des vierten Evangeliums an. Wenn man aber die vier Evangelien vernünftigerweise nicht als „Erinnerungen“ der Gefährten Jesu annehmen kann, woher stammen dann diese Schriften?
In dem Buch „Das Neue Testament“ (Presses Universitaires de France, Paris, 1967) sagte der Autor Cullmann: „Die frühen christlichen Gemeinden schrieben die mündlich überlieferten Geschichten nieder, und die Evangelisten ordneten die Geschichten entsprechend ihrem eigenen Glauben und ihren eigenen Vorstellungen. Sie stellten Verbindungen zwischen den Berichten über die Ereignisse und den Aussprüchen her und versuchten, anstelle von Widersprüchen Übereinstimmung zu schaffen. Indem sie Ausdrücke wie ‚danach‘, ‚als er‘ und Ähnliches einfügten, stellten sie Beziehungen zwischen zwei Aussagen Jesu her und vermittelten den Eindruck einer zeitlichen Ordnung und eines Zusammenhangs der Ereignisse. Das heißt, die Evangelien von Markus, Matthäus und Lukas – diese drei werden als synoptische Evangelien bezeichnet – sind nicht auf der Grundlage von Geschichte verfasst, sondern stellen ihrer Struktur nach lediglich reine literarische Bemühungen dar.“
Er sagte außerdem: „Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Verfasser, als die mündlich überlieferten Geschichten über das Leben und Wirken Jesu zum ersten Mal niedergeschrieben wurden, nicht so sehr das Bedürfnis verspürten, eine Biografie zu verfassen, sondern vielmehr das Bedürfnis nach Verkündigung, Gottesdienst und Belehrung. Deshalb schrieben sie alle Berichte entsprechend diesem Zweck nieder. Zur Unterstützung des Glaubens, den sie verkündeten, führten sie Beispiele aus dem Leben Jesu an. Eigentlich war ihre eigene Lehre die Hauptsache. Die Beispiele aus dem Leben Jesu dienten ihnen als ergänzendes Material. Zwar zitierten sie bisweilen auch Worte Jesu, doch ebenfalls zu demselben Zweck. Ihr Hauptziel war also nicht, eine Biografie zu schreiben oder Geschichte zu verfassen, sondern die Religion zu verkünden.“
Auch die Kommentatoren der „Ökumenischen Übersetzung der Bibel“ haben bei ihrer Darstellung der Entstehungsgeschichte der Evangelien genau das Richtige gesagt: Mündlich überlieferte Geschichten wurden mit den Reden der Jünger Jesu vermischt, und dieser vermischte Stoff wurde in den Evangelien niedergeschrieben. Da die Evangelien von verschiedenen Verfassern geschrieben wurden, spiegeln sich darin verständlicherweise unterschiedliche Sichtweisen wider, und in den Schriften der einzelnen Verfasser werden jeweils andere Legenden erzählt.
Bei der Auslegung des Neuen Testaments haben mehr als hundert katholische und protestantische Fachleute gemeinsam diese Auffassung vertreten. Bemerkenswert ist, dass die Beschlüsse, die das Zweite Vatikanische Konzil zwischen 1962 und 1965 in Bezug auf die Bibel fasste, dieser Auffassung in hohem Maße widersprechen. Bereits bei unserer früheren Erörterung des Alten Testaments haben wir einmal das betreffende Dokument des Vatikanischen Konzils erwähnt. Über das Alte Testament erklärte das Konzil, dieses Buch enthalte „Inhalte, die unvollständig und überholt sind“. Über die Evangelien äußerte es jedoch keinen solchen Zweifel. Im Gegenteil erklärte es: „Niemand kann diese Wahrheit leugnen: Unter allen religiösen Schriften, einschließlich des Neuen Testaments, nimmt das Evangelium den höchsten Rang ein. Denn das Evangelium stellt die herausragenden Zeugnisse für das Leben und die Lehre unseres Erlösers dar. Die Kirche hat stets und in allen Bereichen erklärt und erklärt es auch heute noch, dass alle vier Evangelien von den Gefährten Jesu stammen. Was sie auf Jesu eigene Anweisung verkündeten, genau das haben sie unter der Eingebung des Heiligen Geistes niedergeschrieben, und eben diese Schriften bilden das Fundament des Glaubens. Diese Schriften sind die von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes verfassten Evangelien. Unsere Heilige Mutter, die Kirche, billigt diese vier Evangelien ohne Zögern und erklärt wie zuvor auch heute, dass sie historisch zuverlässig sind und dass in ihnen mit größter Treue festgehalten ist, was Jesus, der Sohn Gottes, bis zu seiner Himmelfahrt zum ewigen Heil der Menschen getan und gelehrt hat. Damit wir stets wahrheitsgetreue und aufrichtige Informationen über das Leben Jesu erhalten können, haben die heiligen Verfasser die Evangelien genau so niedergeschrieben.“
In dieser Erklärung gibt es kein Zögern und keinen Zweifel. Mit Nachdruck wird hier betont, dass das Leben, das Wirken und die Lehre Jesu in den Evangelien zutreffend wiedergegeben sind.
Damit zeigt sich, dass zwischen den Auffassungen der Autoren, deren Aussagen wir oben angeführt haben, und der offiziellen Auffassung des Vatikanischen Konzils keinerlei Übereinstimmung besteht. Besonders sollte in diesem Zusammenhang noch einmal daran erinnert werden, was Pater Kannengiesser gesagt hat. Er erklärte, die Aussagen der Evangelien dürften „nicht im wörtlichen Sinn genommen werden; sie wurden aus einem bestimmten Anlass verfasst“ und seien „lediglich Schriften aus Kriegszeiten“. Die Verfasser der Evangelien hätten lediglich „die Legenden ihrer jeweiligen Gemeinschaften über Jesus niedergeschrieben“.
Auch die in dem Buch „Ökumenische Übersetzung der Bibel“ enthaltene Bemerkung kann in diesem Zusammenhang in Erinnerung gerufen werden. Die Evangelien wurden so verfasst, dass sie für verschiedene Kreise geeignet waren, den Bedürfnissen der Kirche entsprachen und zur Erklärung bestimmter Aussagen der Heiligen Schrift dienten. In manchen Fällen wurden sie zur Korrektur von Fehlern und in anderen Fällen zur Erwiderung auf die Gegner verfasst. Die evangelistischen Verfasser wählten aus den mündlich überlieferten Geschichten jeweils den Stoff aus, der ihnen zusagte, und verfassten daraus ihre Schriften.
Somit stehen wir offenbar vor zwei einander widersprechenden Auffassungen. Auf der einen Seite steht die Auffassung des Vatikanischen Konzils, auf der anderen die moderne Auffassung der Fachleute. Das Konzil erklärt, die Evangelien enthielten eine zutreffende Darstellung der Taten und Worte Jesu. Doch mit dieser Aussage lässt sich keineswegs in Einklang bringen, dass eben diese Evangelien Widersprüche, Unwahrscheinlichkeiten, naturwidrige Vorstellungen und Aussagen enthalten, die nachweislich der Wahrheit widersprechen.
Wenn man dagegen annimmt, dass die Verfasser aus den Legenden Stoff ausgewählt und die Evangelien entsprechend ihrer jeweiligen Sichtweise verfasst haben, oder wenn man sie als aus einem besonderen Anlass entstandene beziehungsweise als Schriften aus Kriegszeiten betrachtet, dann lassen sich die in diesen Schriften feststellbaren Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten leicht erklären. Dass die Evangelien tatsächlich menschliche Verfassungen sind und unter den geschilderten Umständen entstanden, wird vor allem durch diese Fehler belegt. Die Verfasser waren vermutlich sehr vertrauenswürdig; doch sie schrieben alles nieder, ohne den Verdacht zu hegen, dass irgendeine Information oder Darstellung fehlerhaft sein könnte. Daher ist anzunehmen, dass ihre Darstellungen durch die Auseinandersetzungen der zeitgenössischen Gemeinschaften beeinflusst wurden. Außerdem lässt sich keine Übereinstimmung zwischen ihren Darstellungen und denen anderer Verfasser feststellen. Tatsächlich legten sie die Lebensgeschichte Jesu aus einer Sichtweise dar, die sich grundlegend von derjenigen ihrer Gegner unterschied.
Wir haben bereits gezeigt, dass aus historischer Sicht die moderne Auffassung der Fachleute über die Evangelien die richtige ist. Die Darstellung der Evangelien selbst bestätigt dies.
Das Evangelium nach Matthäus (das von Matthäus verfasste Evangelium)
An erster Stelle im Neuen Testament steht das Evangelium nach Matthäus. Danach folgen die drei anderen Evangelien. Das Evangelium nach Matthäus ist eigentlich eine besondere Erweiterung des Alten Testaments. In diesem Sinne wurde ihm sein Platz zu Recht zugewiesen.“ Die Kommentatoren des Buches „Ökumenische Übersetzung der Bibel“ haben festgestellt, dass dieses Evangelium geschrieben wurde, um zu beweisen, dass „Jesus die Geschichte Israels vollendet hat“. Deshalb führt Matthäus häufig Zitate aus dem Alten Testament an. In all diesen Zitaten wird gezeigt, dass Jesus sich so verhielt wie der Erlöser (Messias), auf den die Juden warteten.
Dieses Evangelium beginnt mit dem Stammbaum Jesu. (Später werden wir zeigen, dass dieser Stammbaum dem von Lukas beschriebenen Stammbaum widerspricht.) Matthäus führt die Abstammung Jesu über David bis zu Abraham zurück. Den Fehler in der ursprünglichen Darstellung werden wir gleich erwähnen. Die meisten Kommentatoren übergehen diesen Fehler allerdings stillschweigend. Dennoch war es Matthäus’ ausdrückliches Ziel, gleich zu Beginn die Grundstimmung seines Werkes festzulegen, indem er die Abstammung bis Abraham zurückverfolgte. Zu demselben Zweck stellte er stets Jesu Haltung gegenüber dem jüdischen Gesetz heraus. Die Grundprinzipien des jüdischen Gesetzes (Gottesdienst, Fasten und Almosengeben) werden hier kurz beschrieben.
Jesus richtete seine Lehre hauptsächlich an sein eigenes Volk. Zu den zwölf Aposteln sagte er: „Geht nicht auf den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ (Matthäus 10, 4–6).“ (Die Tora oder der Pentateuch war das religiöse Buch der Samariter. Sie befolgten die meisten jüdischen Bräuche und hofften auf das Erscheinen des Erlösers. Doch sie hatten als Gegenstück zum Tempel in Jerusalem einen eigenen Tempel errichtet.) „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt worden“ (Matthäus 15,24).“ Doch unmittelbar danach erweiterte Matthäus im letzten Teil seines Evangeliums die Mission der ersten Jünger Jesu auf alle Völker. Durch Jesu Mund ließ er den Befehl verkünden: „Darum geht hin und macht alle Völker zu Jüngern“ (Matthäus 28,19).“ Das erste Ziel war jedoch eindeutig das Haus Israel. Über dieses Evangelium sagt Tricot: „Unter der griechischen Hülle sind Knochen und Fleisch dieses Buches jüdisch, und auch seine Seele ist es; die Grundstimmung des gesamten Buches ist jüdisch, und auch seine deutlichen Kennzeichen finden sich in eben diesem Buch.“
Allein auf der Grundlage dieser Beweise und Äußerungen kann gesagt werden, dass das Evangelium nach Matthäus und dergleichen auf den Legenden der christlichen Gemeinschaft verfasst worden sind. Cullmann sagte, diese Gemeinschaft „versuchte, sich vom Judentum zu lösen, bemühte sich aber gleichzeitig, die Kontinuität mit dem Alten Testament zu bewahren. Aus der Hauptaussage und der allgemeinen Stimmung dieses Evangeliums lässt sich erkennen, dass man sich um ein solches Gleichgewicht bemühte.“
Darüber hinaus finden sich im ursprünglichen Text auch politische Aussagen. Da Palästina unter römischer Besatzung stand, wollte es naturgemäß unabhängig werden und bat deshalb um Allahs Hilfe. Da sie unter allen Völkern für sich den Anspruch erhoben, Allahs auserwähltes Volk zu sein, hofften sie, dass Allah ihnen als der Allmächtige unmittelbar helfen könne. Denn in der Vergangenheit hatte Er ihnen viele Male auf diese Weise geholfen.
Wenden wir uns nun der Person des Matthäus zu. Was für ein Mensch war er? Zunächst sollte direkt gesagt werden, dass er heute nicht mehr als einer der Gefährten Jesu anerkannt wird. Dennoch stellt Tricot ihn in seinem Kommentar zu seiner Übersetzung des Neuen Testaments (1960) weiterhin so dar. Er sagte: „Als Jesus ihn berief, sein letzter Jünger zu werden, war Matthäus, auch Levi genannt, im Zollhaus oder Zollamt von Kafarnaum als Zollbeamter angestellt.“ Auch die Kirchenväter Origenes, Hieronymus und Epiphanius vertraten diese Ansicht. Heute wird diese Ansicht jedoch nicht mehr als richtig anerkannt. Denn in einer Hinsicht besteht überhaupt kein Streit: Matthäus „schrieb zwar für griechischsprachige Menschen, kannte aber die jüdischen Bräuche und die aramäische Sprache.“
Die Kommentatoren der Ökumenischen Übersetzung meinen vermutlich, dass dieses Evangelium folgendermaßen entstanden ist: „Im Allgemeinen wird angenommen, dass dieses Evangelium in Syrien, wahrscheinlich in Antiochia oder Phönizien, geschrieben wurde. Denn dort lebten viele Juden.“ (Bemerkenswert ist, dass die jüdisch-christliche Gemeinschaft, der Matthäus angehörte, möglicherweise auch in Alexandria ansässig war. Wie viele andere Kommentatoren erwähnt auch Cullmann diese Möglichkeit.) „In Jamnia fand im Jahr 80 eine Synagogenversammlung statt; wir haben Anzeichen für eine solche Auseinandersetzung mit der Synagoge und dem starren Judentum der Pharisäer gefunden.“ Unter diesen Umständen gibt es viele Autoren, die meinen, dass das erste Evangelium zwischen 80 und 90 verfasst wurde oder sogar etwas früher entstanden sein könnte. Darüber lässt sich nichts Sicheres sagen, und es ist nicht möglich, eine genaue Aussage zu machen. Da wir die wirklichen Namen der Verfasser nicht kennen, sind die einzigen Anhaltspunkte, die uns zur Verfügung stehen, die Hinweise im Evangelium selbst – so wie wir unseren Verfasser anhand seiner Berufsbezeichnung erkennen müssen. Wir erfahren, dass er in den jüdischen Schriften und Traditionen sehr bewandert ist. Er kennt und achtet die religiösen Führer seines Volkes, fordert sie aber zugleich scharf heraus. Er ist sehr geschickt darin, zu predigen und Jesus der breiten Bevölkerung verständlich zu machen. Außerdem legt er großen Wert darauf, dass seine Lehre im wirklichen Leben der Menschen zum Ausdruck kommt. Aus dieser Darstellung ergibt sich das Bild eines Menschen, der ein gebildeter Jude war, später aber Christ wurde; eines Hausherrn, „der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt“ (Matthäus 13,52).“ Diese Beschreibung passt nicht recht zu jenem Zollbeamten; ebenso wenig passt sie zu dem Matthäus, den Markus und Lukas Levi nennen und der einer der zwölf Apostel war.
Es besteht allgemeine Einigkeit darüber, dass auch Matthäus, ebenso wie Markus und Lukas, sein Evangelium unter Verwendung derselben Quellen und desselben Stoffes verfasst hat. Dennoch werden wir gleich sehen, dass seine Darstellung sich in einigen wichtigen Punkten etwas unterscheidet. Trotzdem ist Cullmann der Ansicht, dass Matthäus in großem Umfang Stoff aus dem Evangelium des Markus übernommen hat, obwohl Markus keineswegs ein Jünger Jesu war.
Matthäus hat sogar den ursprünglichen Text des Alten Testaments verändert. Wenn wir das von ihm an den Anfang seines Evangeliums gesetzte Geschlechtsregister mit der Darstellung des Alten Testaments vergleichen, werden wir diese Veränderungen erkennen. In seinem Werk hat er eine Darstellung gegeben, die „buchstäblich unglaublich“ ist. Diese Bezeichnung verwendete Pater Canangisar hinsichtlich der Rolle der Wachen im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu. Unter Hinweis auf die Unwahrscheinlichkeit der Geschichte, dass sich am Grab Jesu militärische Wachen befanden, sagte er: „Wachen dieser Art erstatteten ihren vorgesetzten Offizieren keinen Bericht, sondern meldeten es den Hohenpriestern, und diese Priester bezahlten sie dafür, eine Lüge zu erzählen.“ Dennoch sollte man Matthäus deswegen nicht mit einem verächtlichen Lächeln begegnen, denn seine Absicht war ernst und bedeutsam. Er hat die Angaben der Legende auf seine eigene Weise in sein Buch eingefügt. Dadurch ist eine Szene entstanden, die gerade für den amerikanischen Film ‚Jesus Christ Superstar‘ passend ist.“
Es muss erwähnt werden, dass derjenige, der diese Bemerkung gemacht hat, ein bedeutender Theologe und Professor am Katholischen Institut von Paris ist.
Aus der von Matthäus gegebenen Darstellung der Ereignisse zur Zeit des Todes Jesu ergibt sich ein weiteres Beispiel für seine blühende Vorstellungskraft.
„Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss von oben bis unten in zwei Stücke, die Erde erbebte, und die Felsen spalteten sich; die Gräber öffneten sich, und viele Leiber der entschlafenen Heiligen wurden auferweckt. Nach seiner Auferstehung kamen sie aus den Gräbern hervor, gingen in die heilige Stadt und erschienen vielen.“
Dieses von Matthäus geschilderte Ereignis (27, 51–53) wird in keinem anderen Evangelium erwähnt. Es ist wirklich schwer zu verstehen, wie die Leiber der Heiligen beim Tod Jesu lebendig wurden (nach den anderen Evangelien ereignete sich dies am Vorabend des Sabbats) und nach seiner Auferstehung aus den Gräbern hervorkamen (nach den anderen Evangelien geschah dies am Tag nach dem Sabbat). Doch damit ist es noch nicht getan. Die wohl bemerkenswerteste Unmöglichkeit findet sich wahrscheinlich gerade im Evangelium des Matthäus. Von all den Worten, die die Evangelisten als eigene Äußerungen Jesu ausgeben, ist diese Darstellung des Matthäus am schwersten zu erklären. Über das Zeichen des Jona sagte er in Kapitel 12, den Versen 38–40: „Als Jesus mit den Schriftgelehrten und Pharisäern zusammen war, sagten sie zu ihm: Herr, wir wünschen, dass du uns ein Zeichen zeigst. Er antwortete ihnen: Diese böse und ehebrecherische Generation verlangt nach einem Zeichen; doch ihr wird kein anderes Zeichen gegeben werden als das Zeichen des Propheten Jona. Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des großen Fisches war, so wird auch der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein.“
Somit zeigt sich, dass Jesus gesagt hat, er werde drei Tage und drei Nächte unter der Erde bleiben. Deshalb datiert Matthäus (ebenso wie Lukas und Markus) den Tod und die Bestattung Jesu auf den Vorabend des Sabbats. Dadurch beträgt die Dauer von Jesu Aufenthalt im Grab zwar drei Tage, aber nicht drei Nächte; tatsächlich sind es zwei Nächte. An einer anderen Stelle (16, 1–4) erwähnt Matthäus diesen Zusammenhang ebenfalls, nennt dort jedoch keine bestimmte Dauer. Auch Lukas nennt keine Dauer (11, 29–32). Später werden wir sehen, dass es in der Darstellung des Markus (8, 11–12) heißt, Jesus habe gesagt, dieser Generation werde kein Zeichen gegeben werden.
Die Kommentatoren der Evangelien übergehen diesen Punkt stets. Dennoch wies Pater Rosset auf diese Unwahrscheinlichkeit hin und sagte, Jesus habe nur drei Tage im Grab gelegen – einen ganzen Tag und zwei Nächte. Er erklärte dies allerdings mit den Worten: „Das ist lediglich eine besondere Ausdrucksweise; tatsächlich bedeutet es drei Tage.“ Es ist kaum anzunehmen, dass die Kommentatoren ein derart sinnloses Argument vorbringen können. Ihr Verhalten ist wirklich bedauerlich. Wenn sie wenigstens gesagt hätten, diese Unstimmigkeit sei durch einen Fehler des Verfassers oder des Abschreibers entstanden, wäre dies in moralischer Hinsicht befriedigender und akzeptabler gewesen.
Doch abgesehen von all diesen Widersprüchen und Unwahrscheinlichkeiten weist das Matthäusevangelium ein besonders bemerkenswertes Merkmal auf. Dieses Merkmal besteht darin, dass sich die jüdisch-christliche Gemeinschaft zwar von der ursprünglichen jüdischen Religion loslöst, dennoch aber ihre Treue zum Alten Testament bewahrt; im gesamten Werk ist diese Denkweise und Grundhaltung am stärksten ausgeprägt. Aus der Perspektive der Geschichte der jüdisch-christlichen Gemeinschaft ist dieses Merkmal von großer Bedeutung.
Das Markusevangelium (das von Markus verfasste Evangelium)
Von den vier Evangelien ist dieses das kürzeste und zugleich das älteste. Dieses Werk wurde jedoch nicht von einem Apostel verfasst. Der Verfasser war höchstens ein Schüler irgendeines Apostels.
Cullmann hat gesagt, dass er Markus nicht als Jünger Jesu betrachtet. Denjenigen jedoch, die daran zweifeln, dass Markus die Verfasserschaft dieses Evangeliums zuzuschreiben ist, gibt er zu bedenken: Wenn Matthäus und Lukas gewusst hätten, dass dieses Werk nicht auf der Lehre eines Apostels beruhte, hätten sie es nicht in der Weise verwendet, wie sie es getan haben. Doch aus diesem Argument lässt sich keine endgültige Schlussfolgerung ziehen. Zur Unterstützung seiner eigenen Zweifel sagt Cullmann, dass er aus dem Neuen Testament häufig Äußerungen einer Person namens „Johannes, genannt Markus“ zitiert. In all diesen Zitaten wird jedoch weder der Name eines Evangelienverfassers genannt, noch findet sich im ursprünglichen Text des Markuswerks der Name eines Verfassers.
Aufgrund des Mangels an Informationen zu diesem Thema haben die Kommentatoren allerlei Einzelheiten angeführt, die offensichtlich überflüssig erscheinen. Im Markusevangelium findet sich folgende Schilderung: „Und ein junger Mann, der ein Leinentuch um seinen nackten Körper gewickelt hatte, folgte ihm; sie ergriffen ihn, doch er ließ das Leinentuch fahren und floh nackt.“ (Markus 14, 51–52). Da nur das Markusevangelium über dieses Ereignis berichtet, haben die Kommentatoren angenommen, dass jener junge Mann Markus selbst gewesen sein müsse, jener treue Jünger, der versucht hatte, seinem Lehrer zu folgen. (Ökumenische Übersetzung). Nach Ansicht anderer Kommentatoren handelt es sich bei diesem Ereignis um „eine persönliche Erinnerung, einen Wahrheitsbeweis, eine anonyme Unterschrift und einen Beleg dafür, dass er Augenzeuge war“.
Cullmann ist der Ansicht, dass „die Annahme, der Verfasser sei jüdischer Abstammung gewesen, durch zahlreiche Wörter und Wendungen Unterstützung findet“. Aus den im Werk verwendeten lateinischen Wörtern und Wendungen lässt sich jedoch schließen, dass er dieses Evangelium in Rom verfasst hat. Er richtete seine Worte an jene Christen, die nicht in Palästina lebten, und erklärte die verwendeten aramäischen Wörter sorgfältig.
Seit langer Zeit ist die Vorstellung verbreitet, dass Markus in Rom ein Gefährte des Petrus war. Grundlage dieser Vorstellung ist der letzte Abschnitt des Ersten Petrusbriefes (vorausgesetzt natürlich, dass dieser Brief tatsächlich von Petrus verfasst wurde). Petrus schrieb: „Die Gemeinde in Babylon, die ebenso auserwählt ist wie ihr, lässt euch grüßen, und auch mein Sohn Markus lässt euch grüßen.“ In der Erläuterung der Ökumenischen Übersetzung heißt es: „Mit Babylon ist wahrscheinlich Rom gemeint.“ Aufgrund dieser Annahme haben die Kommentatoren geschlossen, dass Markus der Verfasser gewesen sein müsse, da man davon ausgeht, dass er Petrus nach Rom begleitet habe. Das ist also eine Vermutung auf der Grundlage einer anderen Vermutung. Genau dieselbe Art von Argumentation wurde auch hier angewandt wie bei der Begründung, mit der Papias, der Bischof von Hierapolis, im Jahr 150 Markus als Verfasser dieses Evangeliums bezeichnete und ihn als „Dolmetscher des Petrus“ und möglicherweise als „Mitarbeiter des Paulus“ erwähnte.
Aus dieser Perspektive betrachtet fällt die Abfassungszeit des Markusevangeliums in die Zeit nach dem Tod des Petrus, also nach der Ökumenischen Übersetzung zwischen die Jahre 65 und 70 und nach Cullmann in das Jahr 70.
Im ursprünglichen Text findet sich jedoch eine große Unordnung. Nirgends in der Schrift wird die zeitliche Abfolge der Ereignisse eingehalten. Gleich zu Beginn des Berichts (1, 16–20) erzählt Markus von jenen vier Fischern, die auf ein einziges Wort Jesu hin alles zurückließen und seine Gefährten wurden. Sie kannten Jesus nicht; doch sobald er sagte: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen“, gingen sie sogleich mit ihm. Offenbar kam Markus nicht der Gedanke, dass jedes Ereignis eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzen muss.
Pater Rosette zufolge ist Markus ein „ungeordneter Schriftsteller“, unter den vier ein „schwacher und der unreifste Schriftsteller“. Er weiß nicht einmal, wie man den Bericht über ein Ereignis verfasst. Zur Unterstützung dieser Bemerkung zitierte Pater Rosette den Bericht über die Auswahl der zwölf Apostel. Der Bericht lautet: „Danach stieg er auf den Berg und rief die zu sich, die er selbst erwählt hatte; und sie kamen zu ihm. Und er setzte zwölf ein, die bei ihm sein sollten und die er aussenden wollte, um zu predigen, und die Vollmacht haben sollten, Dämonen auszutreiben. So setzte er die Zwölf ein und gab Simon den Namen Petrus“ (Markus 3, 13–16).
Pater Rosette ist der Ansicht, dass es auf diese Weise überhaupt nicht möglich gewesen wäre, Gefährten auszuwählen.
Es wurde bereits erwähnt, dass Markus in Bezug auf das Zeichen des Jona das genaue Gegenteil von Matthäus und Lukas gesagt hat. Über das Zeigen eines Zeichens vor den Menschen (als Beweis der Prophetie) während Jesu Verkündigung schildert Markus eine Geschichte, die keineswegs glaubwürdig ist. Er sagt: „Danach kamen die Pharisäer heraus und begannen, mit ihm zu streiten; um ihn zu prüfen, verlangten sie von ihm ein Zeichen vom Himmel. Da seufzte er tief in seinem Geist und sagte: Warum verlangt dieses Geschlecht nach einem Zeichen? Wahrlich, ich sage euch: Diesem Geschlecht wird kein Zeichen gegeben werden. Danach ließ er sie zurück, stieg wieder in das Boot und fuhr ans andere Ufer.“ (Markus 8, 11–13)
Hier findet sich von Jesu eigener Seite eine Bestätigung seines Entschlusses, nichts zu tun, was als übernatürlich erscheinen könnte. Daher haben die Kommentatoren der ökumenischen Übersetzung ihr Erstaunen zum Ausdruck gebracht. Denn während Lukas sagt, dass Jesus nur ein einziges Zeichen zeigen werde (das Zeichen des Jona, wie auch Matthäus sagt), erklärt Markus, dass überhaupt kein Zeichen gezeigt werden soll. Lukas berichtet allerdings ausführlicher, dass Jesus „selbst einige übernatürliche Ereignisse als Zeichen zeigte“ (Lukas 7, 22 und 11, 20).
Das gesamte Evangelium des Markus wird von der Kirche als ursprünglich und echt anerkannt. Dennoch sind die modernen Kommentatoren der Ansicht, dass das letzte Kapitel (16, 19–20) später hinzugefügt wurde. Die Kommentatoren der ökumenischen Übersetzung äußern sich hierzu besonders ausführlich.
Von den vollständigen Handschriften aus dem vierten Jahrhundert, die unter den Namen Codex Vaticanus und Codex Sinaiticus bekannt sind, enthält keine dieses letzte Kapitel. Kullmann sagte: „Später wurde dieser Schluss einigen griechischen Handschriften und einigen anderen Übersetzungen hinzugefügt, und sein Inhalt wurde den anderen Evangelien entnommen.“ Tatsächlich sind mehrere Lesarten dieses hinzugefügten Schlusses überliefert. Es gibt eine lange und eine kurze Lesart, und in der 1952 veröffentlichten Revised-Standard-Version der Bibel sind beide Arten von Lesarten aufgenommen worden. In einigen der langen Lesarten finden sich außerdem noch bestimmte zusätzliche Inhalte.
Pater Kannengiesser kommentierte dies mit den Worten: „Die Gemeinschaft, deren Angehörige das Evangelium des Markus als echt beglaubigt hatten, ließ gerade zu der Zeit, als ihnen dieses Buch offiziell übergeben wurde, die letzten Verse weg. Matthäus, Lukas oder Johannes hatten diese Verse nicht gesehen. Doch alle empfanden, dass etwas fehlte, das eigentlich vorhanden sein sollte, und dass die Lücke ausgefüllt werden müsse. Viele Jahre später, als die gleichartigen Werke von Matthäus, Lukas und Johannes überall verbreitet waren, wurde für das Evangelium des Markus ein passendes letztes Kapitel verfasst; dazu entnahm man den Inhalt den anderen Evangelien. Dass dieser Zusatz nicht mit dem Original übereinstimmt, lässt sich leicht erkennen, wenn man im Evangelium des Markus die Verse 9 bis 20 des 16. Kapitels liest. Aus diesem Ereignis kann man deutlich erkennen, in welchem Ausmaß bis zum ersten Teil des zweiten Jahrhunderts mit großer Freiheit in die Schriften der Evangelien eingegriffen wurde.“
Hier findet sich von einem berühmten Theologen selbst das offene Eingeständnis, dass die Menschen die religiösen Schriften verändert haben.
Das Evangelium des Lukas (das von Lukas verfasste Evangelium)
Nach Cullmann ist Lukas ein „Historiker“, während Pater Kanengisser ihn für einen „echten Romancier“ hält. Im Vorwort an Theophilus sagte Lukas, dass er, denjenigen folgend, die zuvor Berichte über Jesus verfasst hatten, selbst einen Bericht über dasselbe Thema schreiben wolle und zu diesem Zweck neben den von den Aposteln verkündeten Informationen auch die Aussagen und Berichte von Augenzeugen verwenden werde. Das heißt, er selbst war kein Augenzeuge. Daher ist zu erwarten, dass der Bericht sorgfältig geplant und geordnet sein wird. Das Vorwort zu diesem Bericht schrieb er folgendermaßen:
„Viele haben sich daran gemacht, die Ereignisse, die sich in unserer religiösen Geschichte zugetragen haben, sowie all die Informationen und Berichte, die uns durch Augenzeugen und Verkündiger übermittelt worden sind, zu sammeln und zusammenzustellen. Da ich glaube, über all diese Dinge von Anfang bis Ende genau unterrichtet zu sein, hielt ich es für gut, auch selbst für Sie einen zusammenhängenden und geordneten Bericht darüber zu schreiben, damit Sie die wahrheitsgemäße Darstellung der Dinge erkennen können, über die man Sie unterrichtet hat.“
Schon aus dem ersten Satz dieses Vorworts wird der Unterschied zwischen Lukas und Markus deutlich. Das Evangelium des Lukas ist ein hervorragendes literarisches Werk in klassischem Griechisch und frei von ungehobenen Inhalten.
Lukas war als Angehöriger der gebildeten Oberschicht zum Christentum übergetreten. Seine Haltung gegenüber den Juden ist sehr deutlich. Cullmann hat gezeigt, dass Lukas die meisten judenbezogenen Abschnitte des Markus weggelassen, den Unglauben der Juden gegenüber Jesus hervorgehoben und dargestellt hat, dass er ein gutes Verhältnis zu den Samaritern hatte, die Jesus nicht mochte. Matthäus hingegen sagte, Jesus habe den Aposteln stets befohlen, sich von den Samaritern fernzuhalten. Dies ist eines von unzähligen Beispielen dafür, dass die Evangelisten Jesus entsprechend ihrer jeweiligen persönlichen Haltung Worte in den Mund gelegt haben. Vielleicht taten sie dies in schlichtem Glauben. Kann man nach diesem Beweis noch leugnen, dass die Evangelien „Kriegszeitschriften“ oder „aus einem besonderen Anlass verfasst“ sind? Vergleicht man die Stimmung und den Ton der Evangelien des Lukas und des Matthäus, wird diese Aussage noch deutlicher werden.
Aber wer war Lukas eigentlich? Man hat zu zeigen versucht, dass der Arzt gleichen Namens, den Paulus in einigen seiner Briefe erwähnt, und Lukas, der Verfasser des Evangeliums, ein und dieselbe Person seien. Die Kommentatoren der Ökumenischen Übersetzung meinen: „Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass die ärztliche Tätigkeit des Verfassers des Evangeliums durch die genaue und präzise Sprache erwiesen wird, mit der er die leidende Person beschrieben hat.“ Diese Bemerkung ist übertrieben und überflüssig. Lukas hat in Wirklichkeit keine derartige „Beschreibung“ gegeben. „Die von ihm verwendete Sprache ist die Sprache der gebildeten Menschen der damaligen Gesellschaft.“ Es gab einen Reisegefährten des Paulus namens Lukas, aber war er tatsächlich diese Person? Cullmann ist dieser Ansicht.
Der Entstehungszeitraum des Lukasevangeliums lässt sich anhand einiger Ereignisse erschließen: Lukas hat die Evangelien des Markus und des Matthäus als Vorlage verwendet. Aus der Darstellung der Ökumenischen Übersetzung scheint hervorzugehen, dass er möglicherweise im Jahr 70 die Belagerung und Zerstörung Jerusalems durch das Heer des Titus miterlebt hatte. Wahrscheinlich schrieb er sein Evangelium nach dieser Zeit. Einige geben allerdings an, es sei schon früher verfasst worden.
Die verschiedenen Darstellungen des Lukas stimmen keineswegs mit den Darstellungen seiner Vorgänger überein. Zu diesem Thema wurde bereits ein allgemeiner Eindruck vermittelt. Von Seite 181 an werden in der Ökumenischen Übersetzung auf mehreren aufeinanderfolgenden Seiten Beispiele für diese Unterschiede gegeben. Und Cullmann hat auf Seite 18 seines Buches mit dem Titel „Das Neue Testament“ einige Darstellungen aus dem Lukasevangelium zitiert, die in keinem anderen Evangelium zu finden sind; dabei handelt es sich nicht um unbedeutende Kleinigkeiten.
Die Darstellung der Kindheit Jesu ist ein herausragendes Thema der Evangelien. Matthäus schildert dieses Thema anders als Lukas, während Markus die Kindheit Jesu nicht einmal erwähnt.
Matthäus und Lukas haben zwei unterschiedliche Stammbäume Jesu überliefert. Die Unterschiede und Unwahrscheinlichkeiten dieser beiden Stammbäume sind aus der Sicht von Logik und Wissenschaft so beträchtlich, dass ihnen in einem eigenen Kapitel dieses Buches eine ausführliche Erörterung gewidmet wurde. Da Matthäus für die Juden schrieb, ist leicht zu verstehen, warum er den Stammbaum bei Abraham beginnen ließ und David einbezog; ebenso ist verständlich, warum Lukas als gebildeter Mann, der zum Christentum bekehrt worden war, seinen Stammbaum noch früher beginnen ließ. Dass diese Stammbäume seit David einander widersprechen, werden wir gleich sehen.
Matthäus, Markus und Lukas haben viele Darstellungen der Lehre und Verkündigung Jesu auf unterschiedliche Weise wiedergegeben. Auch hinsichtlich der Eucharistie, eines so bedeutenden Ereignisses des Christentums (das Mahl des Passahfestes – die letzte gemeinsame Mahlzeit Jesu und seiner Jünger mit Brot und Wein), stimmt die Darstellung des Lukas nicht mit denen des Matthäus und Markus überein. (Ein Vergleich mit der Darstellung des Johannes ist nicht möglich, weil er nicht erwähnt, dass die Eucharistie beim Passahmahl als religiöser Ritus eingeführt worden sei.) Pater Rosette sagt auf Seite 75 seines Buches „Initiation to the Gospel“, dass die von Lukas bei der Beschreibung der Einführung der Eucharistiefeier verwendete Sprache (22, 19–24) sich völlig von der Sprache des Matthäus (26, 26–29) und des Markus (14, 22–24) unterscheidet, während die Sprache von Matthäus und Markus nahezu gleich ist. Dagegen ähnelt die Wortwahl des Lukas fast derjenigen des heiligen Paulus (Erster Brief an die Korinther 11, 23–25).
Wie wir bereits gesehen haben, sagt Lukas in seinem Evangelium über die Auferstehung Jesu etwas, das dem, was er in der Apostelgeschichte sagt, genau entgegengesetzt ist. Er gilt als deren Verfasser und wird als solcher anerkannt; und dieses Buch ist ein untrennbarer Bestandteil des Neuen Testaments. Im Evangelium sagt er, dass das Ereignis der Auferstehung am Ostertag stattgefunden habe, während er in der Apostelgeschichte etwas anderes sagt – welche seltsamen Erklärungen dafür gefunden werden mussten, haben wir bereits gesehen.
Alle Kommentatoren der Ökumenischen Übersetzung, die sich um Objektivität bemühen wollten, mussten hilflos zugeben, dass es grundsätzlich nicht Lukas’ Hauptziel war, „eine genaue Darstellung zu verfassen, die mit den tatsächlichen Gegebenheiten übereinstimmt“. Beim Vergleich der Darstellung des Lukas in der Apostelgeschichte über die Auferstehung Jesu aus dem Grab mit der Darstellung des Paulus sagte Pater Kannengiesser: „Unter den vier Evangelisten ist Lukas der gefühlvollste und literarischste. In ihm sind alle Eigenschaften eines echten Romanautors vorhanden.“
Das Evangelium des Johannes (das von Johannes verfasste Evangelium)
Das Johannesevangelium unterscheidet sich vollständig von den drei anderen Evangelien. Dieser Unterschied ist so stark und auffällig, dass die Bemerkung, die Pater Rosette in seinem Werk „Initiation to the Gospel“ nach seinen Kommentaren zu den drei anderen Evangelien über das Johannesevangelium macht, beim Leser einen unmittelbaren Überraschungseffekt hervorruft. Er sagt: „Dies ist eine eigene Welt.“ Und tatsächlich ist es so. Dieses Werk ist in der Auswahl und Anordnung der Themen sowie in der Art der Darstellung und der Gespräche einzigartig. Auch sein Schreibstil, seine Geografie und die zeitliche Abfolge der Ereignisse sind einzigartig. Und nach Cullmann ist es auch hinsichtlich der religiösen Perspektive eigenständig und einzigartig. Johannes hat die Aussprüche Jesu anders als die anderen wiedergegeben. Pater Rosette hat festgestellt, dass die Aussprüche Jesu in den anderen Evangelien „wie mündliche Gespräche, lebendig und wirklichkeitsnah erscheinen“, während im Johannesevangelium alles in einer Art Sprache der Betrachtung gehalten ist; diese Stimmung ist so stark, dass man sich bisweilen „fragt“, ob dies wirklich Aussprüche Jesu sind! Oder ob Johannes, ohne es selbst zu wissen, durch seine eigenen Gedanken und Vorstellungen das Bild Jesu erweitert hat.“
Doch wer war Johannes? Wer war er? Die Antwort auf diese Frage ist äußerst umstritten. Viele Menschen haben dazu unterschiedliche Aussagen gemacht. Pater Roset und A. Tricot gehören in dieser Frage zu einem Lager, das keinerlei Zweifel an der Identität des Johannes hegt. Sie sagen, dass das Johannesevangelium von einem Augenzeugen verfasst worden sei; Johannes sei der Sohn des Zebedäus und der Bruder des Jakobus gewesen. Über ihn sind viele Einzelheiten weithin bekannt und auch in zahlreichen verbreiteten Büchern veröffentlicht worden. Nach Ansicht der Porträtfachleute ist Johannes auf fast allen Darstellungen neben Jesus zu sehen, etwa beim Letzten Abendmahl. Johannes ist eine so bekannte Person, dass man sich wohl kaum vorstellen kann, das Evangelium stamme nicht von ihm.
Auch wenn dieses vierte Evangelium so spät verfasst wurde, lässt sich diese Verzögerung wohl nicht als besonders schwerwiegendes Argument gegen Johannes anführen. Das Werk entstand vermutlich gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach dem Tod Jesu. Nimmt man an, dass es sechzig Jahre nach dem Tod Jesu verfasst wurde, so steht dies durchaus im Einklang damit, dass Johannes zu Jesu Lebzeiten noch jung war und bis zu seinem hundertsten Lebensjahr gelebt haben soll.
Pater Kanengisser ist in seiner Untersuchung über die Auferstehung Jesu aus dem Grab zu dem Schluss gekommen, dass außer Paulus kein anderer unter den Verfassern des Neuen Testaments behaupten kann, dieses Ereignis mit eigenen Augen gesehen zu haben. Dennoch scheint Johannes zu sagen, dass Jesus sich bei seinem ersten Erscheinen einigen Aposteln außer Thomas, vermutlich einschließlich Johannes, zeigte (20, 19–24), und sich acht Tage später ein zweites Mal allen Aposteln gemeinsam zeigte (20, 25–29).
Doch Kuhlmann konnte in seinem Werk mit dem Titel Das Neue Testament dieses Ereignis nicht als wahr anerkennen.
Im Ökumenischen Übersetzungswerk heißt es, dass die meisten Kommentatoren nicht bereit sind, dieses Evangelium als ein Werk des Johannes anzuerkennen. Allerdings lässt sich die Möglichkeit, dass es nicht von Johannes stammt, keineswegs völlig ausschließen. Denn alle Anzeichen deuten darauf hin, dass der Wortlaut des Evangeliums, wie wir ihn heute vorfinden, wahrscheinlich das Werk mehrerer Verfasser ist. In diesem Werk heißt es außerdem: „Das Evangelium in der Form, in der wir es heute vorfinden, wurde wahrscheinlich von den Jüngern des Verfassers überliefert; sie selbst fügten Kapitel 21 und sehr wahrscheinlich einige Anmerkungen (4, 2 und 4, 1; 4, 44; 7, 37c; 11, 2; 19, 35) hinzu. Hinsichtlich der Geschichte von der ehebrecherischen Frau (8, 2–11) sind sich alle einig, dass der Ursprung dieses Ereignisses unbekannt ist und die Geschichte später eingefügt wurde. Dennoch haben die kirchlichen Autoritäten diese Geschichte als Bestandteil des ursprünglichen Werkes anerkannt.“ Kuhlmann meint, dass Vers 19, 35 als „Zeugnis eines Augenzeugen“ in das Werk aufgenommen worden sei. Im gesamten Evangelium findet sich nur diese eine eindeutige Unterschrift, obwohl die Kommentatoren der Ansicht sind, dass sie später eingefügt wurde.
Kuhlmann meint, dass die nachträglichen Hinzufügungen in diesem Evangelium sehr deutlich erkennbar sind, etwa in Kapitel 21. Dieses Kapitel ist wahrscheinlich „das Werk eines Jüngers, der möglicherweise auch geringfügige Änderungen am ursprünglichen Wortlaut vorgenommen hat“.
Es ist hier nicht nötig, die verschiedenen Vermutungen der Fachleute über den Verfasser dieses Evangeliums ausführlich darzulegen. Denn die Unklarheit und Unsicherheit in dieser Frage wird bereits durch die oben zitierten Äußerungen namhafter christlicher Schriftsteller hinreichend belegt.
Über den historischen Wert der verschiedenen von Johannes berichteten Geschichten sind viele Fragen aufgeworfen worden. Die Unterschiede zwischen diesen Geschichten und den Berichten der drei anderen Evangelien sind sehr deutlich. Kuhlmann hat eine Erklärung für diese Unterschiede gegeben. Im Gegensatz zu den drei anderen Evangelisten erkannte er bei Johannes eine eigene religiöse Sichtweise; aus dieser Sichtweise heraus habe Johannes „Geschichten, Worte und Darstellungsweise ausgewählt. Dadurch wurde sein Bericht länger, und er ließ Jesus als historische Persönlichkeit durch seinen Mund das sagen, was ihm der Heilige Geist selbst mitgeteilt hatte.“ Aus diesem Grund unterscheidet sich sein Bericht.
Man kann annehmen, dass Johannes sein Evangelium als Letzter verfasst und deshalb die Geschichten ausgewählt hat, die der Unterstützung seiner eigenen Gedankenwelt dienten. Es besteht kein Grund, sich darüber zu wundern, dass manche Darstellungen der anderen Evangelien im Evangelium des Johannes nicht vorkommen. Auf Seite 282 des Buches „Ecumenical Translation“ werden einige Beispiele solcher Darstellungen angeführt. Doch es erscheint ungewöhnlich, dass bestimmte Ereignisse überhaupt nicht erwähnt werden. So wird beispielsweise die Einführung der Eucharistiefeier überhaupt nicht beschrieben. Dabei ist diese Feier ein grundlegender Bestandteil des Christentums und gleichsam die Grundlage der religiösen Versammlung. Dass ein bedeutender Denker wie Johannes, der so großen Wert auf die Meditation gelegt hat, dieses Ereignis nicht erwähnt, ist geradezu unvorstellbar. Tatsächlich beschränkt er seine Darstellung jedoch auf das Letzte Abendmahl, die Fußwaschung der Jünger, die Ankündigung des Verrats durch Judas und die Darstellung der Verleugnung durch Petrus.
Andererseits enthält das Evangelium des Johannes viele Geschichten, die in den drei anderen Evangelien nicht vorkommen. Dies wird auf Seite 283 des Buches „Ecumenical Translation“ erwähnt. In diesem Fall kann man vermutlich annehmen, dass die anderen diese Geschichten nicht für wichtig hielten, Johannes hingegen schon. Erstaunlich ist jedoch, dass nach der Darstellung des Johannes (21, 1–14) Jesus nach seiner Auferstehung aus dem Grab den Jüngern am Ufer des Sees von Tiberias erschienen ist. Dieses Ereignis ist nichts anderes als eine genaue Nachahmung der wundersamen Geschichte vom Fischfang bei Lukas; Johannes hat allerdings viele Einzelheiten hinzugefügt. In der Darstellung des Lukas (5, 1–11) wird dagegen gesagt, dass sich der Fischfang zu Jesu Lebzeiten ereignete. Diese Darstellung enthält einen Hinweis darauf, dass Johannes am Ort des Geschehens anwesend war, und der Überlieferung zufolge war Johannes damals ein Prediger. Da sich die betreffende Darstellung des Johannes in Kapitel 21 seines Evangeliums findet und eingeräumt wird, dass dieses Kapitel später hinzugefügt wurde, kann man leicht vermuten, dass die Geschichte gerade deshalb später in das Evangelium des Johannes aufgenommen wurde, weil im Lukasevangelium der Name des Johannes erwähnt wird; mit anderen Worten: Um ein Ereignis aus dem Leben Jesu erst lange danach zu schildern, scheute sich der Verfasser eines Evangeliums nicht einmal davor, den Wortlaut zu verändern.
In einer weiteren Frage unterscheidet sich das Evangelium des Johannes von den drei anderen Evangelien. Es geht um die Dauer von Jesu Wirken. Matthäus, Markus und Lukas sagen, dass Jesus ein Jahr lang predigte. Johannes sagt, es seien zwei Jahre gewesen. Kuemann hat diesen Unterschied besonders hervorgehoben. Die Kommentatoren der Ecumenical Translation erklären dazu: „Die ersten drei sagen, dass Jesus lange in Galiläa blieb; dann machte er sich auf den Weg nach Judäa, und unterwegs verbrachte er viele Tage. Schließlich hielt er sich nur kurze Zeit in Jerusalem auf. Johannes dagegen sagt, dass Jesus häufig von einem Gebiet in ein anderes reiste. Danach hielt er sich lange in Judäa, insbesondere in Jerusalem, auf (1, 19–51; 2, 13–3, 36; 5, 1–47; 14, 20–31). Er erwähnt auch mehrere Passahfeiern (das Fest der Juden mit Essen und Trinken; der Jahrestag jenes Ereignisses, bei dem die Engel die Ortschaften in Ägypten zerstörten, die Häuser der Juden jedoch verschonten). Daher beträgt die Dauer des Wirkens Jesu nach seiner Auffassung mehr als zwei Jahre.“
Wessen Aussage sollen wir unter diesen Umständen glauben? Der des Matthäus, des Markus und des Lukas? Oder der des Johannes?
Die Quellen der Evangelien
Aus der bereits gegebenen allgemeinen Darstellung der Evangelien und insbesondere nach einer Prüfung ihres Wortlauts entsteht der Eindruck, dass die Schriften „unzusammenhängend und ohne Kontinuität“ und offensichtlich „nicht miteinander vereinbar und widersprüchlich“ sind. Zu diesem Urteil gelangen die Kommentatoren des Werkes „Ecumenical Translation of the Bible“. Es ist sehr wichtig, diese gelehrten Fachleute zu zitieren, denn die Angelegenheit ist so empfindlich, dass eine objektive Bewertung schwerwiegende Reaktionen hervorrufen kann. Wir haben bereits gesehen, wie sich aus bestimmten Vorstellungen von der zeitgenössischen Religionsgeschichte der Abfassung der Evangelien Antworten auf die Fragen gewinnen lassen, die sich einem nachdenklichen Leser angesichts einiger verstörender Merkmale der Evangelienliteratur stellen. Nun ist es notwendig zu erfahren, was in den Büchern der heutigen Zeit gesagt wird, insbesondere, was über die Quellen gesagt wird, die die Evangelisten bei der Abfassung der Evangelien verwendeten. Man kann auch untersuchen, ob sich aus der späteren Geschichte nach der Vollendung der Schriften Antworten auf die heute aufgeworfenen verschiedenen Fragen gewinnen lassen.
Zur Zeit der Kirchenväter wurde die Frage nach den Quellen ganz einfach behandelt. In der Frühzeit des Christentums verstand man unter der Quelle ausschließlich das vollständige Manuskript des von Matthäus verfassten Evangeliums. Im Zusammenhang mit Markus und Lukas wurde die Angelegenheit zu einem Problem. Bei Johannes gab es überhaupt kein Problem, da man ihn als einen Verfasser eigener Art betrachtete. Über Markus, der als zweiter Verfasser eines Evangeliums anerkannt wurde, sagte der heilige Augustinus, dass er, von der Schrift des Matthäus angeregt, lediglich eine Zusammenfassung von dessen Werk angefertigt habe. Über Lukas, den dritten Verfasser, war er der Ansicht, dass dieser seine Informationen aus den Werken der beiden, Matthäus und Markus, gesammelt habe. Dass auch aus dem eigenen Vorwort des Lukas eine Bestätigung dieser Auffassung hervorgeht, haben wir bereits erwähnt.
Mit anderen Worten: Die Übereinstimmungen und Ähnlichkeiten zwischen den Berichten der verschiedenen Evangelien waren schon den Lesern jener Zeit, ebenso wie uns, aufgefallen. In der heutigen Zeit haben die Kommentatoren der Ecumenical Translation durch Untersuchung und Vergleich folgende Berechnung erstellt:
1) In den drei Evangelien gibt es 330 gleiche Verse.
2) In Matthäus und Markus gibt es 178 gleiche Verse.
3) In Markus und Lukas gibt es 100 gleiche Verse.
4) In Matthäus und Lukas gibt es 230 gleiche Verse.
Andererseits gibt es in jedem Evangelium einige Verse, die in keinem anderen Evangelium vorkommen. Ihre Anzahl beträgt bei Matthäus 330, bei Markus 53 und bei Lukas 500.
Von der Zeit der Kirchenväter bis zum letzten Teil des achtzehnten Jahrhunderts, also fünfzehn Jahrhunderte lang, hat sich niemand mit der Frage nach den Quellen der Evangelien beschäftigt. Alle hielten die Überlieferungen und Legenden für wahr. Nachdem diese Informationen in der Neuzeit ans Licht gebracht worden waren, setzte ein neues Verständnis ein, und es wurde möglich festzustellen, wie ein Evangelist Informationen von einem anderen Evangelisten übernahm und entsprechend seiner persönlichen Auffassung seinen eigenen Bericht verfasste. In diesem Zusammenhang wurde der Sammlung von Informationen für die Abfassung des Berichts besondere Bedeutung beigemessen. Diese Informationen stammten einerseits aus der mündlichen Überlieferung der betreffenden Gemeinschaft und andererseits aus schriftlichen aramäischen Dokumenten. Ob diese Dokumente in gesammelter Form leicht zugänglich waren, lässt sich nicht feststellen. Sicher ist jedoch, dass jeder Evangelist nur diejenigen Teile davon verwendete, die er für seine eigenen Zwecke benötigte.
Im vergangenen Jahrhundert wurde zu diesem Thema noch umfassender geforscht, und infolgedessen sind mehrere Theorien entstanden. Diese Theorien sind umfangreich und detailliert und können im Laufe der Zeit immer komplexer werden. Die erste Theorie ist als „Hozmanns Zwei-Quellen-Theorie“ (1863) bekannt. Cullmann und die Kommentatoren der Ökumenischen Übersetzung haben erklärend dargelegt, dass diese Theorie besagt, Matthäus und Lukas seien einerseits möglicherweise von Markus beeinflusst worden und hätten andererseits vielleicht ein gemeinsames Dokument benutzt, das später verloren ging. Außerdem hatten sie möglicherweise jeweils eigene, voneinander verschiedene Quellen. Aus dieser Darstellung lässt sich die folgende Tabelle ableiten:
Cullmann bemerkte dazu Folgendes:
1) Das Werk des Markus, das Matthäus und Lukas verwendet haben, war möglicherweise nicht sein Evangelium, sondern könnte ein früheres Werk gewesen sein.
2) Der mündlichen Überlieferung wurde hier nicht genügend Bedeutung beigemessen. Gerade auf diesen Bereich hätte jedoch größter Wert gelegt werden müssen; denn die Berichte über Jesu dreißig oder vierzig Jahre währende Worte und Wirksamkeit waren ausschließlich in dieser mündlichen Überlieferung bewahrt worden, und jeder Evangelist war lediglich der Sprecher jener christlichen Gemeinschaft, die diese Überlieferung niedergeschrieben hatte. Auf diese Weise können wir vielleicht zu dem Schluss gelangen, dass sich in den heute vorliegenden Evangelien all das widerspiegelt, was die verschiedenen frühchristlichen Gemeinschaften über Jesu Leben und Verkündigung wussten. Auch ihre Glaubensvorstellungen und religiösen Auffassungen spiegeln sich darin wider. Und die Evangelisten waren die Sprecher eben jener Gemeinschaften.
In jüngster Zeit ist man bei der Untersuchung des Textes und der Erforschung der Quellen der Evangelien auf einen noch komplizierteren Prozess ihrer Entstehung gestoßen. In dem von den beiden Professoren der Biblischen Schule von Jerusalem, Pater Benoit und Pater Boismard, verfassten Werk „Synopsis der vier Evangelien“ (1972–73) wird mit besonderem Nachdruck erklärt, dass sich neben der allmählichen Entwicklung der mündlichen Überlieferungen und Traditionen auch die Entwicklung des Textes in gleicher Weise stufenweise vollzogen hat. Pater Benoit hat in seiner Einleitung zu dem von Pater Boismard verfassten Teil die Ergebnisse dieser Entwicklung beschrieben. Er sagte: „Durch die lang andauernde Entwicklung der Überlieferung haben die heute vorliegende Wortwahl und Darstellungsweise offensichtlich und aus verständlichen Gründen nicht mehr die ursprüngliche Gestalt. Manche Leser werden vielleicht erstaunt oder befremdet sein, wenn sie erfahren, dass einige Aussprüche und Gleichnisse Jesu oder Prophezeiungen über sein eigenes Schicksal von ihm selbst nicht genau in der Form geäußert wurden, in der wir sie heute lesen. Diejenigen, die uns diese Worte überliefert haben, veränderten oder gestalteten sie nach ihrer eigenen Auffassung um. Für diejenigen, die mit einer solchen historischen Untersuchung nicht vertraut sind, kann diese Tatsache erstaunlich und sogar skandalös erscheinen.“
Pater Boismard hat anhand eines komplexen Schaubilds die Veränderungen und Umgestaltungen des ursprünglichen Textes erklärt. Dieses Schaubild geht auf die sogenannte „Zwei-Quellen-Theorie“ zurück und wurde auf der Grundlage der Untersuchung und des Vergleichs verschiedener Textformen erstellt. Da die Angelegenheit äußerst kompliziert ist, kann hier keine Zusammenfassung davon gegeben werden. Neugierige Leser können das von Les Éditions du Cerf in Paris veröffentlichte Originalwerk „Synopsis des quatre évangiles“ selbst lesen.
Die vier Arten ursprünglicher Dokumente wurden als Symbole für die Hauptquellen der Evangelien angesehen und mit A, B, C und D bezeichnet.
A – Die Quelle A stammt aus einem jüdisch-christlichen Ursprung. Matthäus und Markus wurden von dieser Quelle inspiriert.
B – Quelle B ist eine Neuinterpretation der Quelle A. Diese Neuinterpretation wurde für den Gebrauch in jenen Kirchen vorgenommen, in denen der alte Götzendienst und der christliche Gottesdienst gleichzeitig praktiziert wurden. Alle Evangelisten außer Matthäus wurden von dieser Quelle inspiriert.
C – Quelle C ist die Inspirationsquelle von Markus, Lukas und Johannes.
Quelle D ist das Symbol für den größten Teil der Quellen, die Matthäus und Lukas verwendet haben. Diese Quelle ist die gemeinsame Quelle der „Zwei-Quellen-Theorie“.
Doch die Textgestalt der Evangelien, wie wir sie heute vorfinden, wurde nicht unmittelbar auf der Grundlage einer dieser vier ursprünglichen Quellen verfasst. Dazwischen gab es einen Zwischen- oder Sekundärtext, der als sekundärer Matthäus, sekundärer Markus, sekundärer Lukas und sekundärer Johannes bekannt ist. Aus diesen vier sekundären Quellen wurden die endgültigen Fassungen der vier Evangelien erstellt; außerdem gaben sie Anregungen zur Abfassung anderer ähnlicher Evangelien. Die komplizierte Beziehung zwischen einer Quelle und mehreren anderen Quellen wird später in einer Tabelle dargestellt. Die Ergebnisse dieser Forschung über die Heilige Schrift haben eine besondere Bedeutung. Aus dieser Forschung geht hervor, dass die Textgestalt der Evangelien ebenso eine „Geschichte“ hat, wie sie nach den Worten von Pater Boismard auch eine „Geschichte der Entstehungsphasen“ hat. Das heißt, vor der endgültigen Fassung war auch eine sekundäre Fassung erstellt worden. Ein bekanntes Ereignis aus dem Leben Jesu, nämlich der wundersame Fischfang, wird im Werk des Lukas als ein Ereignis geschildert, das sich zu Jesu Lebzeiten ereignet habe. Dieser Widerspruch ist offensichtlich sehr groß. Wenn man jedoch die Verwendung verschiedener Quellen und die Erstellung verschiedener Fassungen berücksichtigt, lässt sich vielleicht eine stimmige Erklärung finden. Daraus müssen wir schließen, dass wir beim Lesen der Evangelien keine Gewissheit haben, dass wir die von Jesus selbst gesprochenen Worte lesen. Auch wenn Pater Benoît dies etwas indirekt formuliert hat, wollte er genau das sagen. Er hat die Leser zugleich gewarnt und getröstet: „Auch wenn der Leser die Hoffnung aufgeben muss, die unmittelbar aus dem Mund Jesu gesprochenen Worte zu hören, so soll er doch wissen, dass er die Worte der Kirche hört, und er soll daran glauben, dass die Kirche der vom Herrn Jesus himmlisch eingesetzte Sprecher und Ausleger ist. Er soll ferner wissen, dass der Herr Jesus schon vor langer Zeit auf dieser Erde zu uns gesprochen hat und jetzt in seiner Herrlichkeit und seinem Glanz zu uns spricht.“
Wie lässt sich diese offizielle Erklärung, dass die Textgestalt der Bibel nicht aus den eigenen Worten Jesu besteht, mit der gegenteiligen Erklärung des Zweiten Vatikanischen Konzils in Einklang bringen? Das Konzil erklärte: „Die Kirche bekräftigt und anerkennt vorbehaltlos, dass diese vier Evangelien historisch zuverlässig und echt sind; und dass in diesen Büchern das, was Jesus, der Sohn Gottes, bis zu seiner Himmelfahrt während seines irdischen Lebens zur ewigen Erlösung und zum Heil der Menschen getan, gesagt und gelehrt hat, richtig und zuverlässig überliefert ist.“
Offensichtlich wird die Wahrheit dieser Erklärung in dem Buch der Bibelschule von Jerusalem (Synopsis der vier Evangelien) unmittelbar bestritten.
Pater M. E. Boismard
Synopsis der vier Evangelien
Allgemeine Tabelle
Quellen A, B, C, D = die ursprünglichen Quellen, die bei der Zusammenstellung der Textgestalt verwendet wurden
Sekundär = sekundäre Fassung des Wortlauts
Die Geschichte des Wortlauts
Es wäre falsch anzunehmen, dass die Evangelien nach ihrer Niederschrift zur grundlegenden heiligen Schrift der neuen Religion des Christentums wurden und ebenso wie das Alte Testament zitiert wurden. Denn zu jener Zeit waren die mündliche Überlieferung das wichtigste Mittel und die wichtigste Quelle für die Worte Jesu und die Lehren der Apostel. In schriftlicher Form waren jedoch die Briefe des Paulus schon seit langer Zeit verbreitet. Diese Briefe waren mehrere Jahrzehnte vor den Evangelien verfasst worden.
Wir haben bereits gesehen, dass es vor dem Jahr 140 keinerlei Belege für die Existenz einer Sammlung von Evangelien gibt. Einige Kommentatoren schreiben allerdings noch immer das Gegenteil. Wir haben ferner gesehen, dass die Evangelien bis vor dem Jahr 170 nicht den Rang heiliger Literatur erlangt hatten.
In der Frühzeit des Christentums waren zahlreiche Schriften über Jesus im Umlauf. Später wurden sie jedoch nicht als richtig und echt anerkannt; auf Anordnung der Kirche wurden alle derartigen Schriften verborgen. Deshalb wurden sie als „Apokryphen“ bezeichnet. Obwohl sie verborgen oder entfernt worden waren, wurden einige Schriften sorgfältig bewahrt. Denn nach Ansicht der Kommentatoren der ökumenischen Übersetzung galten sie gewöhnlich als wichtig und wertvoll. Dieselbe Auffassung wurde auch im Hinblick auf den Brief des Barnabas vertreten; andere Schriften jedoch wurden „rücksichtslos beseitigt“, sodass heute nur noch Bruchstücke davon erhalten sind. Da diese Schriften als Überbringer von Irrlehren betrachtet wurden, wurden sie den Augen gläubiger Christen entzogen. Soweit sich aus den Zitaten der Kirche erkennen lässt, standen jedoch die Bibel der Nazarener, die Bibel der Hebräer und die Bibel der Ägypter in enger Übereinstimmung mit der ursprünglichen Bibel. Dasselbe lässt sich auch über die Bibel des Thomas und die Bibel des Barnabas sagen.
In einigen der verborgenen Schriften finden sich ausführliche, erdichtete Darstellungen bestimmter Ereignisse. Sie sind lediglich populäre Volkserzählungen. Die Verfasser schilderten diese grotesken Einzelheiten offenbar mit großer Befriedigung. Derartige Volkserzählungen finden sich allerdings auch in allen anderen Bibeln. In diesem Zusammenhang kann man an die erfundene Darstellung des Matthäus von den angeblichen Ereignissen zur Zeit des Todes Jesu erinnern. Tatsächlich findet man in allen Schriften aus der Frühzeit des Christentums ein gewisses Maß an Belanglosigkeit und Unterhaltsamkeit. Diese Tatsache sollte man ehrlich anerkennen.
Als die Kirche gut organisiert geworden war, nahmen die Verantwortlichen angesichts der Vielzahl von Schriften über Jesus eine gewisse Auswahl und Kürzung vor. Wahrscheinlich wurden etwa hundert Bibeln verworfen und nur vier beibehalten. Allein diese vier Bibeln gelten heute als „kanonisch“ oder anerkannt.
In der Mitte des zweiten Jahrhunderts übte Markion von Sinope starken Druck auf die religiösen Autoritäten aus, damit in dieser Angelegenheit eine Entscheidung getroffen wurde. Er war ein erbitterter Feind der Juden und verwarf damals das gesamte Alte Testament, sämtliche nach dem Auftreten Jesu verfassten Schriften im Zusammenhang mit dem Alten Testament sowie alle auf jüdisch-christlicher Überlieferung beruhenden Schriften. Als richtig erkannte er ausschließlich das Evangelium des Lukas an. Denn er war der Ansicht, Lukas sei der einzige Sprecher des Paulus und seiner Schriften.
Aus diesem Grund erklärte die Kirche Marcion zu einem Häretiker. Dennoch erkannte sie neben den Evangelien von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes auch die Briefe des Paulus an. Dieser Liste wurden, ähnlich der Apostelgeschichte, noch einige andere Schriften hinzugefügt. Diese Liste galt jedoch niemals als endgültig, denn während der ersten Jahrhunderte wurde sie fortwährend verändert. Schriften, die später als verworfen galten, waren einst in der anerkannten Liste enthalten; umgekehrt galten Schriften, die heute zum anerkannten Neuen Testament gehören, damals als verworfen. Diese Unentschiedenheit bestand bis zum Konzil von Hippo Regius im Jahr 393 und zum Konzil von Karthago im Jahr 397 fort. Die vier genannten Evangelien waren jedoch stets in der anerkannten Liste enthalten.
Pater Boismard hat sein Bedauern darüber ausgedrückt, dass eine große Zahl von Schriften, obwohl sie aus historischen Gründen wichtig waren, dadurch vernichtet wurde, dass die Kirche sie für verworfen erklärte. Auch wir möchten an seinem Bedauern Anteil nehmen. Er hat allerdings versucht, diese Übereilung der Kirche teilweise zu korrigieren. In seinem Werk mit dem Titel „Synopsis der vier Evangelien“ hat er neben den vier anerkannten Evangelien auch einige der verworfenen Schriften teilweise aufgenommen. Er weist darauf hin, dass diese Bücher bis zum Ende des vierten Jahrhunderts noch in verschiedenen Bibliotheken zu finden waren.
Die verschiedenen Bücher und Schriften jenes Jahrhunderts wurden streng geordnet und klassifiziert. Auch die ältesten Handschriften der Evangelien stammen aus jener Zeit. Von den Schriften aus der Zeit davor sind nur die Papyri des dritten Jahrhunderts und ein kleiner Teil eines anderen Buches aus dem zweiten Jahrhundert bis zu uns gelangt. Die beiden ältesten auf Baumrinde in griechischer Sprache geschriebenen Handschriften wurden im vierten Jahrhundert verfasst. Eine von ihnen ist der „Codex Vaticanus“. Dieses Buch wird heute in der Vatikanischen Bibliothek aufbewahrt; wo und wie es gefunden wurde, ist jedoch überhaupt nicht bekannt. Die andere ist der „Codex Sinaiticus“. Diese Handschrift wurde auf dem Berg Sinai gefunden und wird heute im British Museum in London aufbewahrt. Sie enthält zwei Schriften, die von der Kirche für verworfen erklärt wurden.
In dem Werk „Ökumenische Übersetzung“ wird erwähnt, dass man weiß, dass es an verschiedenen Orten der Welt noch zweihundertfünfzig weitere Handschriften gibt, die auf Baumrinde geschrieben sind, und dass die jüngste unter ihnen im elften Jahrhundert verfasst wurde. Doch die bis zu uns gelangten Abschriften des Neuen Testaments sind keineswegs alle gleich. Hinsichtlich ihres Inhalts bestehen zwischen ihnen zahlreiche wichtige Unterschiede, und ihre Zahl ist groß. In manchen Fällen sind die Unterschiede grammatischer, lexikalischer oder syntaktischer Art. Anderswo haben sie jedoch ein Ausmaß angenommen, durch das sich die Bedeutung des gesamten Abschnitts verändert hat. Wer Beispiele für diese Unterschiede sehen möchte, kann das Werk „Novum Testamentum Graece“ (Nestle-Aland, United Bible Societies, London, 1971) durchsehen. Dieses Werk enthält den sogenannten „mittleren“ Text in griechischer Sprache sowie Beispiele für die Unterschiede zwischen sämtlichen Fassungen einschließlich der Anmerkungen und Randbemerkungen.
Wie alt oder angesehen eine Handschrift auch sein mag, die Richtigkeit ihres Textes ist stets umstritten. Der Codex Vaticanus ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Im Jahr 1965 wurde unter der Herausgeberschaft des Vatikans eine Faksimileausgabe dieses Werkes veröffentlicht, und die Herausgeber erklärten in ihrer Einleitung: „Einige Jahrhunderte nach der Anfertigung dieser Handschrift (man nimmt an, dass sie im zehnten oder elften Jahrhundert kopiert wurde) fuhr ein Schreiber erneut mit der Feder über sie, um die Schrift lesbarer zu machen; über den Teil der Schrift jedoch, den er für fehlerhaft hielt, fuhr er nicht mit der Feder.“ Daher sind die nicht nachgezogenen Stellen zwar sehr blass, aber die Schrift ist noch undeutlich zu erkennen. Es gibt jedoch keinerlei Anzeichen dafür, dass die Arbeit, den ursprünglichen Text durch erneute Tintenführung klarer zu machen, mit großer Zuverlässigkeit ausgeführt wurde. Die Herausgeber sagten: „Die genaue Identität derjenigen, die diese Handschrift über mehrere Jahrhunderte hinweg korrigiert oder ihre Randbemerkungen geschrieben haben, konnte bisher nicht festgestellt werden. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass beim erneuten Nachziehen der Schrift einige Korrekturen vorgenommen wurden.“ In verschiedenen religiösen Büchern wird dieser Text als eine im vierten Jahrhundert angefertigte Abschrift bezeichnet. Wenn man jedoch selbst in den Vatikan geht und Nachforschungen anstellt, wird deutlich, dass sein Text danach über mehrere Jahrhunderte hinweg zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Händen verändert wurde.
Manche mögen sagen, dass man das Richtige und das Falsche bestimmen könne, indem man den Text einfach mit anderen Texten vergleiche. Ja, das stimmt, aber wenn die Bedeutung der verschiedenen Texte jeweils eine andere wird, wie soll man dann den einen als ursprünglich und echt auswählen, um ihn zum Vergleich heranzuziehen? Außerdem ist inzwischen bekannt, dass eine Korrektur, die in alter Zeit ein Schreiber vorgenommen hatte, indem er mit der Feder über die Schrift eines anderen fuhr, heute als richtig angesehen wird. Später werden wir sehen, wie sich durch die Verwendung eines einzigen Wortes in einem von Johannes verfassten Abschnitt über den „Parakleten“ dessen Bedeutung und Aussage in religiöser Hinsicht vollständig verändert. (Paraklet ist ein griechisches Wort und bedeutet unter anderem „Tröster“, „der höchst Gelobte“ und „Träger der Wahrheit“. Durch dieses Wort wurde in der Bibel das Kommen des letzten Propheten, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vorausgesagt. Johannes 16,13. An anderen Stellen der Bibel gibt es noch deutlichere Hinweise. Anmerkung des bengalischen Übersetzers.)
Über die Unterschiede zwischen den verschiedenen Texten sagt Cullmann in seinem Werk „Das Neue Testament“: „Die Unterschiede, die in späteren Texten auftreten, sind in manchen Fällen durch Unachtsamkeit entstanden. Der Abschreiber hat vielleicht ein Wort ausgelassen oder es statt einmal zweimal geschrieben; oder wenn ein und dasselbe Wort in einem Satz zweimal vorkam, hat er vielleicht den zwischen diesen beiden Wörtern liegenden Satzteil vollständig ausgelassen. All dies kann versehentlich geschehen sein. In manchen Fällen haben sie jedoch vielleicht auch absichtlich Änderungen vorgenommen oder in dem bewussten Bemühen, die Unterschiede zu verringern, den Text so geändert, dass er mit einem anderen Text übereinstimmte. Als die Schriften des Neuen Testaments sich allmählich von der altchristlichen Literatur unterschieden und als heilig angesehen wurden, wurden auch die Abschreiber vorsichtiger. Ohne die Fehler ihrer Vorgänger zu wiederholen oder eigene Gedanken einzubringen, kopierten sie aus Ehrfurcht vor dem Heiligen wortgetreu und bewahrten dadurch die früheren Unterschiede unverändert. Außerdem schrieben manche Abschreiber Randbemerkungen, um einen schwer verständlichen Abschnitt zu erklären. Ein späterer Abschreiber hielt den Teil der Randbemerkung vielleicht für versehentlich außerhalb des Textes geschrieben und nahm deshalb die Randbemerkung in den Text auf. Durch diesen Vorgang wurde der neue Text in Wirklichkeit noch schwerer verständlich.“
Die Abschreiber mancher Handschriften haben den Text umfassend verändert. Sind die lateinischen Übersetzungen, etwa Jeromes „Vulgata“ aus dem sechsten Jahrhundert oder die noch frühere „Vetus Itala“, zuverlässiger, oder die syrischen und koptischen Übersetzungen? Diese Übersetzungen wurden möglicherweise anhand der oben erwähnten Handschriften angefertigt, und später ist jene Handschrift verschwunden. Über die genauen Tatsachen wissen wir überhaupt nichts.
Diese verschiedenen Textfassungen lassen sich anhand einiger gemeinsamer Merkmale in mehrere voneinander getrennte Klassen einteilen. Nach Cullmann sind diese Klassen folgende:
Erste Klasse: der sogenannte syrische Text. Die meisten alten griechischen Handschriften könnten auf der Grundlage dieses Textes angefertigt worden sein. Dank der Druckerpresse wurde dieser Text seit dem sechzehnten Jahrhundert in ganz Europa weit verbreitet. Die Fachleute sagen jedoch, dass gerade dieser Text wahrscheinlich der schlechteste ist.
Zweite Klasse: der sogenannte westliche Text. Zu dieser Klasse gehören die alten lateinischen Fassungen sowie der Codex Bezae Cantabrigiensis in griechischer und lateinischer Sprache. Nach den Kommentatoren der Ökumenischen Übersetzung besteht ein deutliches Merkmal dieses Textes darin, Erklärungen zu geben, durch die Verwendung anderer Wörter dieselbe Bedeutung auszudrücken, falsche Angaben und Zahlen zu liefern und zu versuchen, Widersprüche miteinander in Einklang zu bringen.
Dritte Klasse: der sogenannte neutrale Text. Der Codex Vaticanus und der Codex Sinaiticus gehören zu dieser Klasse. Von diesem Text wird behauptet, dass er eine beträchtliche Reinheit und Genauigkeit aufweise. In modernen Ausgaben des Neuen Testaments wird hauptsächlich dieser Text zugrunde gelegt; nach der Ökumenischen Übersetzung weist jedoch auch er erhebliche Fehler auf. Was die Kritiker der modernen Zeit in dieser Angelegenheit einzig tun können, ist nach der Ökumenischen Übersetzung, sich nach Kräften zu bemühen, einen solchen Text zu rekonstruieren, der zumindest dem Original nahekommen kann. Dennoch gibt es, wie die Umstände auch sein mögen, keine Möglichkeit, dieses Original wiederzuerlangen.
Die vier Evangelien und die moderne Wissenschaft
In den vier Evangelien gibt es nur sehr wenige Ereignisse, die den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen standhalten können.
Nehmen wir zunächst die Rede von den Wundern. Es gibt zahlreiche Berichte über solche Ereignisse, doch über kein Wunder ist eine wissenschaftlich begründete Aussage möglich. Es gibt zwei Arten von Wundern. Die Ereignisse der ersten Art betreffen den Menschen, insbesondere die Heilung von Kranken – etwa die Heilung von Wahnsinnigen, Blinden, Gelähmten und Aussätzigen sowie die Auferweckung des Lazarus. Die Ereignisse der zweiten Art betreffen das Verhalten von Dingen auf eine Weise, die außerhalb der Naturgesetze liegt – etwa dass Jesus über das Wasser ging oder dass Wasser in Wein verwandelt wurde. Manchmal wurden allerdings auch rein natürliche Ereignisse aus einem ungewöhnlichen Blickwinkel betrachtet. Der zeitliche Abstand war nämlich sehr kurz – etwa wenn ein Sturm augenblicklich aufhörte oder ein Feigenbaum plötzlich seine Blätter verlor und verdorrte, oder wenn eine riesige Menge Fische auf einmal gefangen wurde, sodass es schien, als hätten sich alle Fische des Meeres zuvor an der Stelle versammelt, an der das Netz ausgeworfen wurde.
Da Allah allmächtig ist, kann Er all diese Ereignisse ohne Weiteres herbeiführen, und es gibt keinen Grund, darüber erstaunt zu sein. Was den Menschen schwierig oder unmöglich erscheint, ist für Allah keineswegs so. Wer jedoch an Allah glaubt, kann deshalb nicht die Naturgesetze außer Acht lassen. Zwischen dem Glauben an Allahs wundersame Macht und dem Glauben an die Naturgesetze besteht überhaupt kein Widerspruch. Denn beide sind in Wirklichkeit lediglich verschiedene Erscheinungsformen ein und derselben gewaltigen Macht.
Persönlich bin ich bereit zu glauben, dass Jesus einen Aussätzigen geheilt hat. Wenn jedoch ein Text, der besagt, dass zwischen dem ersten Menschen und Abraham nur ein Abstand von zwanzig Generationen lag, als richtig und von Allah inspiriert erklärt wird, bin ich unfähig, dies zu akzeptieren. Lukas hat genau dies in seinem Evangelium gesagt (3, 23–28). Warum diese Darstellung des Lukas und die Darstellung des Alten Testaments zu demselben Thema lediglich menschliche Einbildung sind, werden wir wenig später darlegen.
Über die Geburt Jesu gibt es im Koran und in der Bibel dieselbe Darstellung. Bei der Entstehung Jesu im Mutterleib kam das für die gesamte Menschheit geltende allgemeine Naturgesetz nicht zur Anwendung. Das Ereignis geschah außerhalb des Geltungsbereichs dieses Naturgesetzes. Die im Eierstock der Mutter entstandene Eizelle musste sich nicht mit einem Spermium verbinden. Nach dem gewöhnlichen Naturgesetz kann ein Kind jedoch erst geboren werden, nachdem sich die Eizelle der Mutter mit einem männlichen Spermium verbunden hat. Allerdings kann sich bei manchen Lebewesen auch ohne die Vereinigung mit einem Männchen eine natürliche Geburt ereignen; in der wissenschaftlichen Fachsprache wird dieser Vorgang „Parthenogenese“ genannt. Bei manchen Insekten, wirbellosen Tieren und Vögeln wird gelegentlich eine Fortpflanzung durch diesen Vorgang beobachtet. Solche Fälle sind jedoch gewiss selten und außergewöhnlich. Durch Experimente an bestimmten Säugetieren, insbesondere an weiblichen Kaninchen, wurde festgestellt, dass sich aus einer Eizelle ohne Vereinigung mit einem Männchen ein sehr früher Embryo entwickeln kann. Doch dabei bleibt es. Eine weitere Entwicklung war nicht möglich, und eine vollständige Geburt ohne die Vereinigung mit einem Männchen ist bislang weder auf natürlichem Wege noch im Labor beobachtet worden. Der Fall Jesu ist ein einzigartiges Ereignis. Maria war eine jungfräuliche Mutter. Ihre Keuschheit blieb unversehrt, und außer Jesus hatte sie kein weiteres Kind. Jesus ist daher eine Ausnahme von den Gesetzen der Biologie.
In der Bibel wird bisweilen von den Brüdern und Schwestern Jesu gesprochen (Matthäus 13, 46–50 und 54–58; Markus 6, 1–6; Johannes 7, 3 und 2, 12). Die beiden verwendeten griechischen Wörter sind „adelphoi“ und „adelphai“, und sie bedeuten leibliche Brüder und leibliche Schwestern. Das semitische Wort im Original bedeutet Verwandte und wurde wahrscheinlich im Sinne von Cousins und Cousinen sowie anderen verwandten Brüdern und Schwestern verwendet. Bei der Übersetzung ins Griechische wurde offensichtlich ein Fehler gemacht.
Der Stammbaum Jesu
Die beiden Stammbäume in den Evangelien des Matthäus und des Lukas werfen hinsichtlich der Wahrheit ihres Inhalts und ihrer Übereinstimmung mit wissenschaftlichen Tatsachen zahlreiche Fragen auf. Mit anderen Worten: Es gibt ernsthafte Gründe, an der Genauigkeit der beiden Stammbäume zu zweifeln. Christliche Kommentatoren sind in dieser Angelegenheit sehr verlegen. Denn sie wollen keineswegs anerkennen, dass diese Stammbäume in Wirklichkeit der menschlichen Einbildung entsprungen sind. Die Verfasser des priesterlichen Textes der Genesis aus dem sechsten Jahrhundert v. Chr. stellten unter Einsatz ihrer Vorstellungskraft einen Stammbaum der ersten Menschen zusammen. Matthäus und Lukas entnahmen diesem Stammbaum zahlreiche Angaben und erstellten durch deren Vermischung mit der Darstellung des Alten Testaments ihre eigenen Stammbäume.
Zunächst muss klargestellt werden, dass ein väterlicher Stammbaum im Falle Jesu überhaupt keinen Wert hat. Denn er hatte keinen Vater. Wenn also jemand seinen Stammbaum erstellen will, muss es sich in Wirklichkeit um den Stammbaum seiner Mutter Maria handeln.
Der von Matthäus überlieferte Stammbaum wird im Folgenden aus der 1952 veröffentlichten revidierten Standardausgabe der Bibel zitiert. Bemerkenswert ist, dass dieser Stammbaum gleich am Anfang des Evangeliums des Matthäus steht:
Der Stammbaum Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams
Abraham —- war Isaaks Vater
Isaak —- war Jakobs Vater
Jakob —- war der Vater Judas und seiner Brüder
Juda —- war der Vater von Perez und Serach, die Tamar geboren hatte
Perez —- war Hezrons Vater
Hezron —- war Rams Vater
Ram —- war Amminadabs Vater
Amminadab —- war Nachschons Vater
Nahschon —- war der Vater Salmons
Salmon —- war der Vater von Boas, der von Rahab geboren wurde
Boas —- war der Vater von Obed, der von Rut geboren wurde
Obed —- war der Vater Isais
Isai —- war der Vater von König David
David —- war der Vater Salomos, der von Urias Frau geboren wurde
Salomo —- war der Vater Rehabeams
Rehabeam —- war der Vater Abijas
Abija —- war der Vater von Asa
Asa —- war der Vater von Josaphat
Joram —- war der Vater von Usija
Usija —- war der Vater von Jotam
Jotam —- war der Vater von Ahas
Ahas —- war der Vater von Hiskia
Hiskia —- war der Vater von Manasse
Manasse —- war der Vater von Amon
Amos —- war der Vater von Josia
Josia —- war der Vater von Jekonja und seinen Brüdern
Diese Situation bestand zur Zeit der Wegführung nach Babylon. Nach der Wegführung:
Jekonja —- war der Vater von Schealtiël
Schealtiël —- war der Vater von Serubbabel
Serubbabel —- war der Vater von Abiud
Abiud —- war der Vater von Eliakim
Eliakim —- war der Vater von Azor
Azor —- war der Vater von Zadok
Zadok —- war der Vater von Achim
Achim —- war der Vater von Eliud
Eliud —- war der Vater von Eleasar
Eleasar —- war der Vater von Mattan
Mattan —- war der Vater von Jakob
Jakob —- war der Vater von Joseph, und dieser Joseph war der Ehemann Marias; aus dem Schoß Marias wurde Jesus geboren, und er wurde Christus genannt.
Somit gibt es von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Verbannung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Verbannung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen (Matthäus 1, 1–77). Der Stammbaum, den Lukas (2, 23–38) gegeben hat, unterscheidet sich von dem des Matthäus. Sein Wortlaut wird hier aus der Bibel in der revidierten Standardfassung zitiert:
„Und Jesus selbst war, als er sein Wirken begann, ungefähr dreißig Jahre alt; er galt als Sohn Josefs (Yusufs), des Sohnes Elis, des Sohnes Mattats, des Sohnes Jannais, des Sohnes Josefs, des Sohnes Mattathias, des Sohnes des Amos, des Sohnes Nahums, des Sohnes Es lis, des Sohnes Naggais, des Sohnes Maaths, des Sohnes Mattathias, des Sohnes Simeis, des Sohnes Josechs, des Sohnes Jo d as, des Sohnes Joannas, des Sohnes Resas, des Sohnes Serubbabels, des Sohnes Schealtiëls, des Sohnes Ner is, des Sohnes Melchis, des Sohnes Addis, des Sohnes Kosams, des Sohnes Elmadams, des Sohnes Ers, des Sohnes Josuas, des Sohnes Eliesers, des Sohnes Mattats, des Sohnes Levis, des Sohnes Simeons, des Sohnes Judas, des Sohnes Josefs, des Sohnes Jonams, des Sohnes Eliakims, des Sohnes Meleas, des Sohnes Mennas, des Sohnes Mattathas, des Sohnes Nathans, des Sohnes Davids, des Sohnes Isais, des Sohnes Obeds, des Sohnes Boas, des Sohnes Salmons, des Sohnes Nachschons, des Sohnes Amminadabs, des Sohnes Admins, des Sohnes Arnis, des Sohnes Hezrons, des Sohnes Perez, des Sohnes Judas, des Sohnes Jakobs, des Sohnes Isaaks, des Sohnes Abrahams, des Sohnes Terachs, des Sohnes Nahors, des Sohnes Serugs, des Sohnes Reus, des Sohnes Pelegs, des Sohnes Ebers, des Sohnes Schelachs, des Sohnes Kenans, des Sohnes Arpachschads, des Sohnes Sems, des Sohnes Noahs, des Sohnes Lamechs, des Sohnes Methusalachs, des Sohnes Henochs, des Sohnes Jareds, des Sohnes Mahalaleels, des Sohnes Kenans, des Sohnes Enos, des Sohnes Seths, des Sohnes Adams, des Sohnes Gottes.“
Wenn man diese Genealogie in zwei Teile gliedert und in zwei getrennten Listen darstellt, wird sie noch klarer verständlich. Die erste Liste reicht bis zu David, die zweite umfasst die Zeit nach David.
Vor David
Bericht des Matthäus —————————– Bericht des Lukas
—– ——- —————————– 1) Adam
—– ——- —————————– 2) Set
—– ——- —————————– 3) Enos
—– ——- —————————– 4) Kenan
—– ——- —————————– 5) Mahalalel
—– ——- —————————– 6) Jared
—– ——- —————————– 7) Henoch
—– ——- —————————– 8) Metuschelach
—– ——- —————————– 9) Lamech
—– ——- —————————– 10) Noah
—– ——- —————————– 11) Sem
—– ——- —————————– 12) Arpachschad
—– ——- —————————– 13) Kainan
—– ——- —————————– 14) Schelach
—– ——- —————————– 15) Eber
—– ——- —————————– 16) Peleg
—– ——- —————————– 17) Regu
—– ——- —————————– 18) Serug
Matthäus: vor Abraham ——————19) Nahor
Er erwähnte keinen Namen. ————– 20) Terach
1) Abraham ——————————– 21) Abraham
2) Isaak ——————————– 22) Isaak
3) Jakob ——————————– 23) Jakob
4) Juda ——————————– 24) Juda
5) Perez ——————————– 25) Perez
6) Hezron —————————— 26) Hezron
7) Ram ———————————— 27) Arni
8) Amminadab ————————— 28) Admin
9) Nachschon —————————— 29) Amminadab
10) Salmon —————————— 30) Nachschon
11) Boas ——————————- 31) Sala
12) Obed ——————————– 32) Boas
13) Isai ——————————– 33) Obed
14) David ——————————– 35) David
Nach David
Bericht des Matthäus —————————— Bericht des Lukas
14) David ——————————– 35) David
15) Salomo —————————– 36) Nathan
16) Rehabeam ———————— 37) Maatha
17) Abija ————————- 38) Menna
18) Asa —————————– 39) Melea
19) Joschafat ——————– 40) Eljakim
20) Joram ————————— 41) Jonam
21) Usija —————————- 42) Josef
22) Jotham —————————- 43) Juda
23) Ahas —————————– 44) Simeon
24) Hiskia ————————- 45) Levi
25) Manasse ————————— 46) Mattat
26) Amos —————————– 47) Jorim
27) Josia —————————– 48) Elieser
28) Jekonja ————————- 49) Josua
Exil nach Babylon ———————– 50) Er
29) Schealtiël ————————- 51) Elmadam
30) Serubbabel ———————– 52) Kosam
31) Abiud —————————– 53) Addi
32) Eljakim ————————- 54) Melchi
33) Azor —————————- 55) Neri
34) Zadok —————————— 56) Schealtiël
35) Achim ——————————- 57) Serubbabel
36) Eliud —————————– 58) Rhesa
37) Eleasar ————————– 59) Joanan
38) Maon ——————————— 60) Joda
39) Jakob —————————— 61) Josef
40) Josef —————————– 62) Semein
41) Jesus ———————————- 63) Mattathias
——————————————— 64) Maath
——————————————— 65) Naggai
——————————————— 66) Esli
——————————————— 67) Nahum
——————————————— 68) Amos
——————————————— 69) Mattathias
——————————————— 70) Joseph
——————————————— 71) Jannai
——————————————— 72) Melchi
——————————————— 73) Levi
——————————————— 74) Matthat
——————————————— 75) Heli
——————————————— 76) Josef
——————————————— 77) Jesus
Unterschiede der Übereinstimmung mit dem Alten Testament im Manuskript
Abgesehen von den Unterschieden in der Schreibweise sind bei den beiden Evangelien die folgenden Punkte bemerkenswert:
Das Matthäusevangelium
In dem äußerst bedeutenden Manuskript des sechsten Jahrhunderts namens Codex Bezae Cantabrigiensis, das sowohl in griechischer als auch in lateinischer Sprache verfasst ist, gibt es keine Genealogie. Die Genealogie ist zwar aus dem griechischen Manuskript verschwunden, doch auch aus dem lateinischen Manuskript ist sie größtenteils verschwunden. Die ersten Seiten sind vermutlich verloren gegangen.
Es ist besonders bemerkenswert, wie Matthäus in dieser Angelegenheit das Alte Testament verfälscht hat. Für eine eindrucksvolle Darstellung von Zahlen begann er, die in der Genealogie genannten Namen paarweise anzuordnen, aber wie wir bereits gesehen haben, vollendete er dies letztlich nicht.
Das Evangelium des Lukas
Vor Abraham – Lukas erwähnt 20 Namen, im Alten Testament werden jedoch nur 19 Namen genannt (siehe die zuvor angeführte Liste der Nachkommen Adams). Nach dem Namen Arpachschads (Nr. 12) fügte Lukas den Namen Kenan (Nr. 13) hinzu, obwohl er im Buch Genesis nicht als Sohn Arpachschads erwähnt wird.
Von Abraham bis David – In den Handschriften finden sich für diesen Zeitraum 14 bis 16 Namen.
Von David bis Jesus
Im Codex Bezae Cantabrigiensis findet sich das bemerkenswerteste Beispiel für einen Unterschied. Der Grund für diesen Unterschied ist, dass Lukas anhand der Informationen aus der Genealogie des Matthäus selbst eine fantasievolle Genealogie anfertigte und die Abschreiber ihr noch fünf Namen hinzufügten. Unglücklicherweise ging jedoch die Genealogie aus dem Matthäusevangelium in dieser Handschrift verloren. Daher gibt es jetzt keine Möglichkeit mehr, sie zu vergleichen.
Kritik an den Evangelien
Die beiden Genealogien, die uns vorliegen, weisen beide ein gemeinsames Merkmal auf: Beide Linien verlaufen über Abraham und David. Um die Angelegenheit zu untersuchen, werden wir die Genealogie in drei Abschnitte unterteilen: (1) von Adam bis Abraham, (2) von Abraham bis David, (3) von David bis Jesus.
(1) Von Adam bis Abraham
Matthäus beginnt sein Geschlechtsregister mit Abraham. Daher findet sich seine Darstellung hier nicht. Nur Lukas nennt die Namen von zwanzig Vorfahren Abrahams bis zurück zu Adam. Wie wir jedoch bereits gesehen haben, werden im Buch Genesis (Kapitel 4, 5 und 11) nur neunzehn Namen genannt.
Aber ist es glaubwürdig, dass vor Abraham nur neunzehn oder zwanzig Generationen existierten? Dieses Problem wurde bei der Erörterung des Alten Testaments untersucht. Wenn man die im Buch Genesis beschriebene Liste der Nachkommen Adams betrachtet und die in der Bibel angegebenen Zeitspannen berücksichtigt, zeigt sich, dass von der ersten Erscheinung des Menschen auf der Erde bis zur Geburt Abrahams ungefähr neunzehn Jahrhunderte vergangen sind. Gegenwärtig wird angenommen, dass Abraham im Jahr 1850 v. Chr. lebte; auf dieser Grundlage und nach den Angaben des Alten Testaments ergibt sich, dass der Mensch ungefähr im achtunddreißigsten Jahrhundert v. Chr. erstmals auf der Erde erschien. Wir haben bereits die schlagkräftige historische Begründung dafür gesehen, dass er bei dieser Berechnung eine offenkundige Unwahrheit behauptet hat und zu diesem Schluss gelangt ist.
Alle erkennen an, dass die Angaben des Alten Testaments heute nicht mehr als annehmbar gelten. Auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurden Angaben dieser Art als „überholt“ bezeichnet. Die Ansicht, dass im Evangelium gerade diese wissenschaftlich widersprüchlichen Angaben verwendet wurden, ist äußerst wichtig, und dieses Argument kann gegen diejenigen vorgebracht werden, die die historische Genauigkeit des Evangeliums verteidigen.
Die Kommentatoren haben nicht gezögert, diese Gefahr zu erkennen. Deshalb versuchen sie, sich mit der Behauptung zu retten, dieses Geschlechtsregister sei nicht vollständig und Lukas habe einige Namen ausgelassen. Sie behaupten, dass er die Namen absichtlich ausgelassen habe, weil sein „einziges Ziel darin bestand, auf der Grundlage historischer Wirklichkeit eine ungefähre Linie des Geschlechtsregisters mit den wesentlichen Merkmalen festzulegen“ (A. Tricot, Little Dictionary of the New Testament, Paris). Doch auf der Grundlage dessen, was im Evangelium steht, gibt es keinerlei Grund für diese Aussage. Denn im Evangelium heißt es, dass ক der Vater von খ war oder dass খ der Sohn von ক war. Besonders für die Zeit vor Abraham stützte sich Lukas ausschließlich auf das Alte Testament, und dort wird es folgendermaßen dargestellt: Als ক প Jahre alt war, wurde er der Vater von খ; als খ ধ Jahre alt war, wurde er der Vater von গ. Daher gibt es keine Möglichkeit für eine Lücke.
Auf der Grundlage aller in der heutigen Zeit gesammelten Daten kann das von Lukas dargestellte Geschlechtsregister Jesu vor Abraham keinesfalls als zuverlässig anerkannt werden.
(2) Von Abraham bis David
Für diesen Zeitraum stimmen die Geschlechtsregister der beiden, abgesehen von ein oder zwei Namen, fast überein. Die Namen, die nicht übereinstimmen, lassen sich ohne Weiteres als Fehler des Abschreibers erklären.
Muss man deshalb jedoch annehmen, dass die Verfasser der Evangelien, Matthäus und Lukas, fehlerfreie Darstellungen geliefert haben?
Nach den Berechnungen der Historiker lebte David etwa um 1000 v. Chr., und Abraham etwa um 1800–1850 v. Chr. Wenn man nun die Angaben von Matthäus oder Lukas als richtig anerkennen will, muss man zugeben, dass in einem Zeitraum von ungefähr achthundert Jahren vierzehn bis sechzehn Generationen gelebt haben. Aber ist das glaubwürdig? Angesichts dessen, was in den Evangelienberichten über diese Epoche gesagt wird, sind die Grenzen des Wahrscheinlichen und Glaubwürdigen nahezu überschritten.
(3) Die Zeit nach David
Wenn man die Genealogie von David bis Josef, also bis Jesus, miteinander vergleicht, stellt man fest, dass der Bericht des Matthäus mit dem des Lukas überhaupt nicht übereinstimmt.
Abgesehen von der offensichtlichen Fälschung im Codex Bezae Cantabrigiensis in Bezug auf Lukas können wir nun vergleichen, was in den beiden angesehensten Handschriften, dem Codex Vaticanus und dem Codex Sinaiticus, ausgesagt wird.
In der Genealogie des Lukas gibt es nach David (Nr. 35) bis zu Jesus (Nr. 77) insgesamt 42 Namen. Dagegen enthält die Genealogie des Matthäus von David (Nr. 14) bis Jesus (Nr. 41) insgesamt 27 Namen. Die Namen der (fiktiven) Vorfahren Jesu nach David unterscheiden sich in den beiden Berichten. Außerdem stimmen die dort aufgeführten Namen nicht miteinander überein. Doch damit ist es noch nicht getan.
Matthäus hat uns mitgeteilt, dass er entdeckt habe, wie die vierzehn Namen in der Genealogie von Abraham bis Jesus in drei Gruppen aufgeteilt worden seien. Die erste Gruppe reicht von Abraham bis David, die zweite von David bis zur Verschleppung nach Babylon und die dritte von der Verschleppung bis Jesus. Zwar enthalten die ersten beiden Gruppen seines Berichts jeweils vierzehn Namen – in der dritten Gruppe finden sich jedoch nur dreizehn statt vierzehn Namen. Aus seiner Liste geht hervor, dass der Name Schealtiël an 29. Stelle und der Name Jesus an 41. Stelle steht. Es lässt sich keine Textfassung seines Berichts finden, in der die dritte Gruppe vierzehn Namen enthält.
Matthäus hat den Bericht des Alten Testaments erheblich verändert, um die Zahl der Namen in seiner zweiten Gruppe auf vierzehn zu bringen. Die Namen der sechs Nachkommen Davids (Nr. 15 bis 20) stimmen mit dem Bericht des Alten Testaments überein; doch die drei Nachkommen Jorams (Nr. 20), deren Namen im zweiten Buch der Chronik als Ahasja, Joasch und Amazja angegeben werden, hat er verschwiegen. An anderer Stelle sagt Matthäus, Jechonja (Nr. 28) sei der Sohn Josias; doch im zweiten Buch der Könige des Alten Testaments zeigt sich, dass zwischen Josia und Jechonja noch jemand steht, dessen Name Eljakim ist.
Somit zeigt sich, dass Matthäus die im Alten Testament überlieferte Genealogie verändert hat, um für den Zeitraum von David bis zur Verschleppung nach Babylon eine künstliche Liste mit vierzehn Namen vorzulegen. Außerdem fehlt in der dritten Gruppe des Matthäus ein Name. Das heißt, in keiner der gegenwärtig gebräuchlichen Bibelausgaben gibt es vollständig vierzehn Namen. Man könnte versuchen, das Fehlen eines Namens als Fehler eines antiken Abschreibers abzutun, doch das ist eigentlich keine große Sache. Das Entscheidende ist vielmehr, dass jeder Kommentator dazu geschwiegen hat, ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Wie lässt sich dieses Schweigen möglicherweise erklären? W. Trilling hat in seinem Buch „Das Evangelium nach Matthäus“ (Verlag Desclée, Paris) diese fromme Verschwörung des Schweigens mit einem einzigen Satz zunichtegemacht. Die Sache ist äußerst bedeutsam, denn verschiedene Kommentatoren dieses Evangeliums, darunter die Ökumenische Übersetzung und Kardinal Daniélou, haben die große symbolische Bedeutung von Matthäus’ Rechnung 3×14 besonders betont. Das bedeutet, dass diese Bedeutung für Matthäus so wichtig war, dass er nicht davor zurückschreckte, die im Alten Testament überlieferten Namen zu verschweigen, um zu dieser Rechnung zu gelangen.
Es besteht überhaupt kein Zweifel daran, dass die Kommentatoren zur Verteidigung dieses Vorgehens des Matthäus irgendeine Ausrede vorbringen können. Aber wie können sie der Tatsache ausweichen, dass durch das Verschweigen der Namen gerade das Hauptziel zunichtegemacht wurde, das Matthäus zeigen wollte?
Darlegungen und Kommentare moderner Fachleute
Kardinal Daniélou hat in seinem Werk „Gospels of Childhood“ (Verlag Éditions du Seuil, Paris) erklärt, dass Matthäus’ „numerologische Konstruktion“ eine besondere symbolische Bedeutung habe, weil durch diese Darstellung die Abstammung Jesu nachgewiesen worden sei und auch Lukas dies bestätigt habe. Seiner Ansicht nach waren Matthäus und Lukas tatsächlich Historiker; sie hätten „historische Nachforschungen“ abgeschlossen und jene Genealogien „aus den Familienunterlagen Jesu zusammengetragen“.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass niemals irgendeine Spur von Familienunterlagen Jesu gefunden wurde. Der Autor sagt, er habe aus der von Eusebius Pamphili verfassten Kirchengeschichte von der Existenz dieser Unterlagen erfahren. Doch über Pamphilis eigene Qualifikation und Zuverlässigkeit gibt es vieles zu sagen. Außerdem: Warum sollte es in den Familienunterlagen Jesu zwei verschiedene Genealogien geben? Musste man in diesen Unterlagen etwa deshalb zwei unterschiedliche Genealogien entdecken, weil zwei sogenannte „Historiker“ zwei verschiedene Genealogien vorgelegt haben?
Kardinal Daniélou ist gegen alle vorgegangen, die diese Sichtweise kritisiert haben: „Bei der Auslegung des Evangeliums haben viele Fachleute aufgrund ihrer westlichen Mentalität, ihrer Unkenntnis der jüdisch-christlichen Religion und ihres Mangels an semitischer Perspektive den Weg verloren. Sie haben ihre eigenen, von Platon, Descartes, Hegel und Heidegger beeinflussten Sichtweisen in jene Auslegung hineingetragen. Daher ist leicht zu erkennen, dass sie die verschiedenartigsten Inhalte miteinander vermischt haben.“ Doch was könnten Philosophen wie Platon, Descartes, Hegel oder Heidegger damit zu tun haben, eine kritische Haltung gegenüber jener erfundenen Genealogie einzunehmen?
Auf der Suche nach der Bedeutung von Matthäus’ Lehrsatz 3×14 hat der Autor eine groteske These aufgestellt und analysiert. Seine eigenen Worte können hier zitiert werden: „Tatsächlich ist hier von den allgemeinen zehn Wochen der jüdischen Offenbarung die Rede. Für den Zeitraum von Adam bis Abraham müssen die ersten drei Wochen abgezogen werden; dann bleiben sieben Wochen der Jahre übrig. Die ersten sechs dieser Wochen sind das Sechsfache von sieben und stehen in Beziehung zu den drei Gruppen von vierzehn; die verbleibende siebte Woche hat mit der Zeit Jesu begonnen, denn mit Jesus begann zugleich das siebte Zeitalter der Welt.“ Eine solche Auslegung ist offensichtlich keines Kommentars würdig.
Auch die Kommentatoren der Ecumenical Translation – New Testament haben eine ebenso lächerliche numerologische Auslegung geliefert. Sie haben Matthäus’ Lehrsatz 3×14 folgendermaßen erklärt:
(a) Die Zahl 14 könnte die numerische Summe der Konsonanten des hebräischen Namens David sein: D = 4 und W = 6, also 4 + 6 + 4 = 14.
(b) 3X14=16X7, und Jesus erscheint am Ende der sechsten Woche jener heiligen Geschichte, die mit dem Auftreten Abrahams begonnen hat.“
Bei Lukas werden in jenem Werk von Adam bis Jesus 77 Namen genannt, und die Zahl 7 wird erneut auf folgende Weise verwendet: 77 wird durch 7 geteilt, also 7X11=77. Offensichtlich sind die überall auftretenden 77 Namen, die durch das Hinzufügen oder Weglassen von Wörtern entstandene numerische Unterschiede hervorgerufen haben, vollständig künstlich und erfunden. Bemerkenswert ist jedoch, dass dieses Zahlenspiel recht gut mit dem Lehrsatz übereinstimmt.
Auf Grundlage der beiden Genealogien Jesu in den Evangelien haben christliche Kommentatoren ebenso viel geistige Akrobatik betrieben wie Matthäus und Lukas ihrer Vorstellungskraft entsprechend.
Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten in den Darstellungen
In jedem der vier Evangelien finden sich zahlreiche Berichte über Ereignisse, die entweder nur in einem, in mehreren oder in allen Evangelien vorkommen. Wenn der Bericht über ein solches Ereignis nur in einem einzigen Evangelium zu finden ist, ergeben sich einige ernste Probleme. Mitunter stellt sich heraus, dass ein äußerst wichtiges Ereignis vielleicht nur in einem einzigen Evangelium geschildert wird. Als Beispiel sei die Himmelfahrt Jesu am Tag seiner Auferstehung genannt. An anderer Stelle werden verschiedene Ereignisse in zwei oder mehr Evangelien auf sehr unterschiedliche Weise dargestellt. Christen pflegen solche Widersprüche gewöhnlich zu übersehen; wenn sie jedoch jemals einen solchen Unterschied zwischen mehreren Evangelien entdecken, sind sie tatsächlich erstaunt. Der Grund für ihr Erstaunen liegt darin, dass man ihnen seit langer Zeit versichert hat, die Verfasser des Neuen Testaments hätten jedes einzelne der von ihnen beschriebenen Ereignisse mit eigenen Augen gesehen.
Einige Fälle solcher Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche wurden bereits erwähnt. Doch gerade in den Berichten über die letzten Lebensjahre Jesu und insbesondere über die Ereignisse nach seinem Leiden finden sich besonders viele Unterschiede und Widersprüche.
Die Darstellung der Leiden
Pater Rosette hat selbst festgestellt, dass das Passahereignis (das Gedenkfest zur Befreiung der Juden aus der Sklaverei in Ägypten) in den verschiedenen Evangelien im Zusammenhang mit Jesu letztem Mahl mit seinen Jüngern als zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden erwähnt wird. Johannes sagt, dass das letzte Mahl „vor dem Passahfest“ stattfand, während die drei anderen Evangelisten sagen, dass das Mahl während dieses Festes selbst stattfand. Aus diesem Unterschied ergibt sich eine deutliche Unwahrscheinlichkeit – aufgrund des Zusammenhangs mit dem Passahfest ist das Mahl selbst unmöglich geworden. Wie können diejenigen, die mit der Bedeutung des Passahfestes in der jüdischen Geschichte und mit der Bedeutung des Mahles, bei dem Jesus in der christlichen Geschichte von seinen Jüngern Abschied nahm, vertraut sind, glauben, dass die Evangelisten die Abfolge dieser beiden Ereignisse völlig vergessen haben?
Ebenso haben die einzelnen Evangelisten die Passion (das Geschehen der Misshandlung und Kreuzigung Jesu) jeweils unterschiedlich beschrieben. Besonders die Darstellung des Johannes unterscheidet sich völlig von den Darstellungen der drei anderen. Außerdem ist die von Johannes gegebene Beschreibung des Letzten Abendmahls und der Passion sehr lang – beinahe doppelt so lang wie die Darstellungen des Markus und des Lukas und etwa eineinhalbmal so lang wie die des Matthäus. Im Evangelium des Johannes findet sich über vier Kapitel hinweg (14–17) eine lange Rede Jesu an seine Jünger. In dieser Rede sagt er, dass er ihnen seine letzten Ermahnungen gebe und sein letztes religiöses Vermächtnis hinterlasse. In den drei anderen Evangelien findet sich jedoch nicht die geringste Spur dieser Rede. Umgekehrt erwähnt Johannes mit keinem Wort die von Matthäus, Lukas und Markus gegebene Schilderung des Gebets Jesu im Garten Gethsemane.
Im Werk des Johannes gibt es keine Darstellung der Eucharistie
Beim Lesen der Passionsdarstellung im Werk des Johannes fällt dem Leser vor allem auf, dass er keinerlei Erwähnung der Eucharistie (der Vereinigung mit Jesus durch den Verzehr von heiligem Brot und Wein) während des Letzten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern macht.
Wahrscheinlich wird sich kein Christ finden lassen, der nicht mit dem gemalten Bild des Letzten Abendmahls vertraut ist. Auf diesem Bild sieht man Jesus zum letzten Mal mit seinen Jüngern an einem Tisch sitzen. Fast alle berühmten Künstler der Welt haben dieses Bild gemalt, und darauf ist zu sehen, dass Johannes unmittelbar neben Jesus sitzt. Bemerkenswert ist, dass wir gerade diesen Johannes als den Verfasser des unter diesem Namen bekannten Evangeliums zu betrachten gewohnt sind.
Obwohl es vielen erstaunlich erscheinen mag, ist es eine Tatsache, dass die meisten Fachleute Johannes nicht für den Verfasser des vierten Evangeliums halten. Und in diesem Evangelium findet sich kein Hinweis auf die Eucharistie. Dabei ist jenes Geschehen, bei dem Brot und Wein geheiligt und in den Leib und das Blut Jesu verwandelt werden, ein unverzichtbarer Bestandteil des christlichen Gottesdienstes. Die anderen Evangelisten haben dieses Thema, wenn auch auf unterschiedliche Weise, erwähnt; Johannes jedoch sagt darüber überhaupt nichts. In den Berichten der vier finden sich nur in zwei Punkten Übereinstimmungen: in der Verleugnung durch Petrus und in der Ankündigung des Verrats durch einen der Apostel (nur Matthäus und Johannes nennen den Namen Judas Iskariot). Dass Jesus seinen Jüngern vor jenem Mahl die Füße gewaschen hat, findet sich hingegen nur im Bericht des Johannes.
Doch warum wird in der Schrift des Johannes jene Eucharistie nicht erwähnt? Bei unvoreingenommener Betrachtung drängt sich zunächst folgende Antwort auf: Wenn die Erzählung der drei anderen Schriften wahr ist, dann ist dieser Abschnitt der Schrift des Johannes vermutlich verloren gegangen. Die christlichen Kommentatoren sind jedoch zu keiner solchen Schlussfolgerung gelangt. Einige ihrer Ansichten zu diesem Thema können untersucht werden.
A. Tricot schreibt in seinem Werk The Little Dictionary of the Testament unter der Überschrift „Letztes Abendmahl“: „Jesus aß mit den zwölf Jüngern das letzte Mahl, und bei dieser Gelegenheit setzte er die Eucharistie ein. In den ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) gibt es darüber einen Bericht, und im vierten Evangelium (Johannes) wird es ausführlich dargestellt.“ Unter der Überschrift „Eucharistie“ schreibt er jedoch: „In den ersten drei Evangelien findet sich eine kurze Beschreibung der Einsetzung dieses Ritus; sie ist ein wichtiger Bestandteil der religiösen Lehrmethode des Propheten. Im Zusammenhang mit dem Bericht über Jesu Rede vom ‚Brot des Lebens‘ hat Johannes (6,32–58) jener kurzen Beschreibung noch viele weitere Informationen und Einzelheiten hinzugefügt.“ Erstaunlicherweise erwähnt er jedoch überhaupt nicht, dass Johannes keinerlei Bericht über die Einsetzung der Eucharistie gibt. Die vielen Informationen und Einzelheiten, von denen er spricht, haben mit der Einsetzung der Eucharistie nichts zu tun, denn Johannes schildert im Wesentlichen nur das Geschehen, bei dem Jesus den Jüngern die Füße wusch. Die Erwähnung des „Brotes des Lebens“, auf die der Kommentator Tricot eingeht, betrifft eine völlig andere Angelegenheit. Sie steht in keinem Zusammenhang mit dem Letzten Abendmahl. Jesus erwähnte in seiner Rede lediglich, dass die Juden während ihres Aufenthalts in der Wüste nach ihrer Flucht aus Ägypten unter der Führung Moses’ täglich von Allah die Speise namens Manna erhielten. Und nur in der Schrift des Johannes ist diese Erwähnung überliefert. Als Jesus über das Brot sprach und dabei beiläufig die Eucharistie erwähnte, nahm Johannes auch dies im folgenden Abschnitt auf; in den drei anderen Schriften findet sich jedoch kein Hinweis auf dieses Thema.
Somit zeigt sich, dass Johannes nichts über das gesagt hat, was die drei anderen gesagt haben; ebenso haben diese nichts über das gesagt, was Johannes gesagt hat (die von Jesus ausgesprochene Prophezeiung). Wahrlich, eine erstaunliche Sache!
Die Kommentatoren der ökumenischen Übersetzung der Bibel des Neuen Testaments haben eingeräumt, dass das Johannesevangelium keinen Bericht über die Eucharistie enthält. Sie sagen: „Die breite Öffentlichkeit ist an den Legenden oder Bräuchen des alten Israel nicht besonders interessiert. Wahrscheinlich hat er deshalb das Ereignis der Einführung der Eucharistie nicht beschrieben.“ Wie kann man dieses Argument akzeptieren? Johannes mag kein Interesse an den alten Bräuchen der Juden gehabt haben, aber wie konnte er ein derart wichtiges Ritual der neuen christlichen Religion übergehen?
Christliche Fachleute fühlen sich in dieser Frage derart verlegen, dass sie im Werk des Johannes ein Ereignis aus dem Leben Jesu entdecken möchten, in dem sich ein Bericht oder Hinweis auf ein der Eucharistie ähnliches Geschehen finden lässt. Als Beispiel kann Oscar Cullmann genannt werden. In seinem Werk „Das Neue Testament“ sagt er: „In der Verwandlung von Wasser in Wein und in der Speisung von fünftausend Menschen mit fünf Broten liegt ein Vorauszeichen des Letzten Abendmahls beziehungsweise der Eucharistie.“ Man erinnere sich daran, dass Jesus bei einer Hochzeitsfeier in Kana Wasser in Wein verwandelte, als der Wein zur Neige ging. Johannes beschreibt dieses Ereignis in seinem Werk (2,1–12) als das erste Wunder Jesu; unter den vier Evangelisten erwähnt nur er dieses Ereignis. Die fünf Gerstenbrote vermehrten sich auf wundersame Weise so sehr, dass fünftausend Menschen problemlos satt wurden. Bei der Schilderung dieser beiden Ereignisse machte Johannes keine besondere Bemerkung, und die von modernen Fachleuten behauptete Andeutung einer solchen Parallele kann höchstens als ungewöhnliche Ausweitung ihrer Vorstellungskraft bezeichnet werden. Cullmann hat noch weitere Argumente dieser Art vorgebracht. Er sagt, in der Heilung eines Gelähmten und eines Blinden durch Jesus liege „eine Vorhersage der Taufe“, und darin, dass nach Jesu Tod Wasser und Blut aus einer Seite seines Körpers hervortraten, liege „ein Beweis dafür, dass Taufe und Eucharistie in demselben Zusammenhang verwurzelt sind“. Was lässt sich zu Argumenten dieser Art noch sagen?
Pater Roset hat in seinem Werk „Einführung in das Evangelium“ ein weiteres merkwürdiges Argument Oscar Cullmanns folgendermaßen wiedergegeben: „Einige Theologen, etwa Oscar Cullmann, betrachten das Geschehen, dass Jesus den Jüngern vor dem Letzten Abendmahl die Füße wusch, als Symbol für die Einführung der Eucharistie.“
Wenn man betrachtet, auf welch niedriges Niveau Theologen herabgestiegen sind und welche Argumente sie vorgebracht haben, um das Fehlen eines Hinweises auf die Eucharistie im Johannesevangelium für gewöhnliche Christen leichter akzeptabel zu machen, kann man wirklich nur staunen.
Das Erscheinen Jesu nach seinem Tod
Es wurde bereits als Beispiel erwähnt, mit welcher ungezügelten Vorstellungskraft im Matthäusevangelium beim Bericht über ein angebliches Wunder zur Zeit des Todes Jesu vorgegangen wurde. Über die Ereignisse nach Jesu Auferstehung aus dem Grab haben die vier Evangelisten vier verschiedene, also einander widersprechende Berichte gegeben. Pater Roset führt auf Seite 182 seines Werkes „Einführung in das Evangelium“ einige Beispiele für diese widersprüchlichen und sogar lächerlichen Berichte an.
Er sagt: „Die Zahl der Frauen, die sich am Grab versammelt hatten, wird in den ersten drei Evangelien auf drei verschiedene Arten angegeben. Im Johannesevangelium ist nur von einer Frau die Rede, und zwar von Maria Magdalena. Doch auch er spricht anschließend im Plural: ‚Wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat‘ – daher scheint sie nicht allein gewesen zu sein. Im Matthäusevangelium verkündet ein Engel den Frauen, dass sie Jesus in Galiläa sehen würden. Doch wenig später erscheint Jesus ihnen direkt an seinem Grab. Lukas hat diesen Widerspruch offenbar vorausgeahnt und den Bericht in seinem eigenen Werk ein wenig verändert. Der Engel sagte: ‚Erinnert euch daran, was er euch gesagt hat, als er noch in Galiläa war …‘ Tatsächlich berichtet Lukas von drei Erscheinungen Jesu. Auch Johannes berichtet von drei Erscheinungen – zweimal in Jerusalem in einem Oberzimmer, im Abstand von einer Woche, und einmal am Ufer des Sees von Galiläa. Matthäus berichtet von nur einer Erscheinung in Galiläa.“
Pater Roset hat den entsprechenden Bericht des Markus aus seiner Untersuchung ausgeschlossen, weil er der Ansicht ist, dass dieser Abschnitt „wahrscheinlich von jemand anderem verfasst wurde“.
Aus all diesen Informationen geht hervor, dass die Angabe im ersten Brief des Paulus an die Korinther (15, 5–7), Jesus sei mehr als fünftausend Menschen, Jakobus, allen Aposteln und auch Paulus selbst erschienen, keinerlei Grundlage hat.
In dieser Lage ist es erstaunlich, dass Pater Rosset in demselben Werk die überschwänglichen Darstellungen kindlicher Fantasie in manchen Schriften über die Auferstehung Jesu scharf kritisiert hat. Diese Bemerkung trifft jedoch am meisten auf Matthäus und Paulus zu, denn ihre Aussagen in dieser Angelegenheit widersprechen den Aussagen der anderen Apostel vollständig.
Außerdem weicht die Darstellung, die Lukas in der „Apostelgeschichte“ über das Erscheinen Jesu vor Paulus gegeben hat, erheblich von Paulus’ eigener Darstellung dieses Ereignisses ab. Angesichts dieser Lage erklärte Pater Kanengisser in seinem Werk „Glaube an die Auferstehung, Auferstehung des Glaubens“ (1974) nachdrücklich, Paulus sei der „einzige unmittelbare Zeuge der Auferstehung Jesu, und kein anderer Verfasser des Neuen Testaments kann diesen Anspruch erheben; durch seine Schriften ist sein Wort unmittelbar zu uns gelangt“. Dennoch erwähnte er niemals, dass er dem auferstandenen Jesus persönlich begegnet sei. Zwar sprach er das Thema dreimal mit größter Vorsicht an, doch gab er niemals eine Schilderung davon.
Der Widerspruch zwischen den Darstellungen der Evangelien und derjenigen des Paulus, der trotz seiner Eigenschaft als Augenzeuge nichts deutlich gesagt hat, ist offensichtlich und tritt klar zutage.
Auch Oscar Cullmann hat in seinem Werk „Das Neue Testament“ einen Widerspruch zwischen den Darstellungen des Lukas und des Matthäus festgestellt. Lukas sagt, Jesus sei in Judäa erschienen, Matthäus dagegen, in Galiläa.
In diesem Zusammenhang lässt sich auch der Widerspruch zwischen den Darstellungen des Johannes und des Lukas feststellen. Johannes sagt (21, 1–14), dass Jesus nach seiner Auferstehung aus dem Grab den Fischern am Ufer des Sees von Tiberias erschien; daraufhin fingen sie so viele Fische, dass es ihnen kaum möglich war, sie fortzutragen. Diese Geschichte ist in Wirklichkeit nichts anderes als eine Wiederholung der Geschichte vom wundersamen Fischfang an eben diesem Ort, die Lukas (5, 1–11) als ein Ereignis aus der Zeit des irdischen Lebens Jesu dargestellt hat.
Zu diesem Erscheinen Jesu bemerkte Pater Rosset in seinem Werk beruhigend, der „zusammenhangslose, unklare und ungeordnete Charakter“ des Geschehens erzeuge vielmehr Glauben. Denn aus all diesen Informationen gehe hervor, dass unter den Evangelisten in dieser Angelegenheit keine Absprache bestanden habe; andernfalls hätten sie sich gewiss gemeinsam auf eine einzige Darstellung verständigt. Aber war eine solche Absprache unter ihnen überhaupt möglich? Dieses Argument ist wirklich erstaunlich. Tatsächlich haben sie vielleicht lediglich die in ihren jeweiligen Gemeinden verbreiteten Legenden aufgezeichnet, und in allen diesen Legenden hatte sich, ohne ihr Wissen, die Fantasie entfaltet. Wegen der zahlreichen Widersprüche und Unwahrscheinlichkeiten in der Darstellung des Geschehens bleibt keine andere Möglichkeit, als zu diesem Schluss zu gelangen.
Die Himmelfahrt Jesu
Weitere Widersprüche gibt es, und zwar bis zum allerletzten Teil des Berichts. Denn weder Johannes noch Matthäus erwähnen die Himmelfahrt Jesu überhaupt; nur Markus und Lukas berichten davon.
Markus sagt (16,19), Jesus sei „in den Himmel emporgehoben worden und habe sich zur Rechten Gottes gesetzt“, doch er sagt nichts darüber, wie viele Tage nach dem von ihm berichteten Ereignis, dass Jesus aus dem Grab hervorkam, die Himmelfahrt stattgefunden habe. Bemerkenswert ist, dass dieser Satz im letzten Abschnitt der Bibel des Markus steht. Pater Röset hält den Abschnitt für „gefälscht“, doch nach Auffassung der Kirche ist er völlig authentisch.
Nun zum Bericht des Lukas. Als Einziger hat Lukas einen widerspruchsfreien Bericht über die Himmelfahrt gegeben (24,51). Er sagt: „Er schied von ihnen und wurde empor in den Himmel getragen.“ Mit „ihnen“ sind hier die elf Apostel gemeint, denn Judas, der zwölfte Apostel, war bereits verstorben. Die Himmelfahrt wird nach dem Bericht über das Hervorkommen aus dem Grab und die Erscheinungen vor den Aposteln erwähnt; daher scheint es, als seien das Hervorkommen aus dem Grab und die Auffahrt in den Himmel am selben Tag geschehen. Wie Lukas, den alle für den Verfasser der „Apostelgeschichte“ halten, die Erscheinungen vor den Aposteln in der Zeit zwischen der Passion und der Himmelfahrt schildert, heißt es: „Nach seinem Leiden zeigte er sich ihnen lebendig, mit vielen Beweisen. Vierzig Tage hindurch erschien er ihnen und sprach über das Reich Gottes“ (Kapitel 1,3).
Auf Grundlage dieses Berichts wird das Fest der Himmelfahrt vierzig Tage nach Ostern (dem Fest der Auferstehung Jesu aus dem Grab) gefeiert. Es zeigt sich also, dass das Datum dieses Festes dem Bericht des Lukasevangeliums unmittelbar widerspricht. In keinem anderen Evangelium wird die Berechtigung dieses Datums auf irgendeine andere Weise dargelegt.
Jeder Christ, der sich dieses Widerspruchs bewusst ist, fühlt sich in dieser Angelegenheit unbehaglich. Im Werk „Ökumenische Übersetzung“ wird diese Angelegenheit zwar angesprochen, aber nicht erklärt. Es wird lediglich gesagt, dass diese vierzig Tage vielleicht irgendeinen Zusammenhang mit der Mission Jesu haben könnten.
Doch diejenigen Kommentatoren, die alles erklären und alle Widersprüche miteinander in Einklang bringen wollen, haben dazu einige seltsame Erklärungen vorgelegt.
In dem 1972 von der Biblischen Schule von Jerusalem herausgegebenen Werk „Die Synopse der vier Evangelien“ (zweiter Band, Seite 451) findet sich eine solche seltsame Erklärung. Bei der Kritik am Wort „Himmelfahrt“ heißt es dort: „Tatsächlich hat im körperlichen Sinne keine Himmelfahrt stattgefunden, denn ebenso wenig wie Gott unten ist, ist er oben?“ Der Sinn dieser Bemerkung ist nur sehr schwer zu verstehen. Denn wenn Lukas nicht den Aufstieg in die obere Welt gemeint hat, was hat er dann eigentlich gemeint? An einer anderen Stelle dieses Werkes heißt es: „Der Bericht in der Apostelgeschichte, wonach die Himmelfahrt vierzig Tage nach dem Hervorkommen aus dem Grab stattfand, ist ein literarischer Kunstgriff; dieser Kunstgriff wurde angewandt, um nachdrücklich zu verdeutlichen, dass Jesu Erscheinen in der Welt zu einem Abschluss gekommen ist. Im Lukasevangelium wird dagegen erwähnt, dass die Himmelfahrt am Abend des Ostersonntags stattfand. Denn bei der Schilderung der verschiedenen Ereignisse nach der Entdeckung des leeren Grabes am Morgen des Tages der Auferstehung ließ Lukas zwischen den beiden Ereignissen keinen Abstand. Dies ist ganz gewiss ein literarischer Kunstgriff. Dieser Kunstgriff wurde angewandt, damit zwischen dem Hervorkommen Jesu aus dem Grab und seinen Erscheinungen vor den Jüngern etwas Zeit vergehen konnte.“
Was diese Erklärung eigentlich bedeutet, ist keineswegs klar verständlich. Es ist jedoch wohl nicht allzu schwer zu erkennen, dass der Kommentator ein Netz aus Worten geknüpft und damit versucht hat, sich selbst aus einer peinlichen und unangenehmen Lage zu befreien. In der Erklärung, die Pater Röset in seinem Werk zu diesem Thema gegeben hat, tritt seine eigene Verlegenheit noch deutlicher zutage. Er hat nicht nur einmal, sondern zweimal von der Himmelfahrt gesprochen: Aus der Perspektive Jesu sind Auferstehung und Himmelfahrt zwar zwei Teile desselben Ereignisses, doch aus der Perspektive der Jünger fand die Himmelfahrt erst statt, nachdem die Erscheinungen vor ihnen beendet waren. Nachdem er die Jünger dazu angeregt hatte, damit das Zeitalter der Kirche beginnen konnte, beendete er seine Erscheinungen vor ihnen und fuhr in den Himmel auf.
Father Rosette hat jene Leser gewarnt, die unfähig sind, die Bedeutung oder Tragweite dieser tiefgründigen Argumentation (für die es keine Grundlage in der Heiligen Schrift gibt) zu erfassen, und gesagt: „Wie bei vielen anderen Begebenheiten auch wird das Problem in diesem Fall unlösbar erscheinen, wenn man die biblische Darstellung wörtlich nimmt und dabei ihre religiöse Bedeutung außer Acht lässt. Hier geht es nicht darum, ein tatsächliches Ereignis durch ein widersprüchliches Symbol auszudrücken. Vielmehr haben die religiösen Verfasser die Geheimnisse durch genau solche Dinge und Gegenstände offenbart, die wir mit den Empfindungen und der Vernunft unseres irdischen Lebens zu verstehen vermögen; daher muss man stets ihre religiöse und geistige Absicht im Auge behalten.
Tatsächlich breiten die Kommentatoren solche sinnlosen Wortgeflechte aus, wenn sie versuchen, etwas Unerklärbares zu erklären. Wenn man etwas verteidigen will, das nicht zu verteidigen ist, bleibt einem freilich kein anderer Weg.
Jesu letztes Gespräch und der Paraklet im Johannesevangelium
Nur Johannes berichtet von dem letzten Gespräch Jesu mit den Jüngern. Dieses Ereignis fand nach dem letzten Abendmahl und vor der Verhaftung Jesu statt. Es endete mit einer langen Rede Jesu. Das Johannesevangelium enthält in vier Kapiteln (14–17) eine Darstellung dieses Ereignisses und dieser Rede. In keinem anderen Evangelium findet sich dazu auch nur die geringste Erwähnung. Die in diesen vier Kapiteln geschilderten Dinge sind für die künftige Handlungsweise und Einstellung der Christen von großer Wichtigkeit und Bedeutung. Das Ereignis wird in einer feierlichen und heiligen Atmosphäre geschildert, die dem Abschied eines hochverehrten Meisters von seinen Jüngern angemessen ist.
Dennoch fehlt diese ergreifende Abschiedsszene, die von Jesu Geistigkeit zeugt, in den Schriften von Matthäus, Markus und Lukas vollständig. Welche mögliche Erklärung könnte es für dieses Fehlen geben? Man könnte fragen: War dieser Bericht ursprünglich in den ersten drei Evangelien enthalten? Wurde er später entfernt? Warum? Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Nirgendwo ist eine Antwort zu finden. Die Angelegenheit ist tatsächlich von Geheimnis umhüllt und schwer zu verstehen.
Die wichtigsten Inhalte dieses Ereignisses, die in Jesu Rede vorkommen, sind die von Jesus geschilderte künftige Lage der Menschen, sein besonderes Bestreben, zu einer Versammlung der Jünger zu sprechen, durch sie der gesamten Menschheit die Wahrheit darzulegen, den Wegweiser vorzustellen, dem die Menschen nach ihrem Fortgang aus der Welt unbedingt folgen müssen, und seine eigenen Anweisungen und Empfehlungen hierzu in klaren Worten mitzuteilen. Im Johannesevangelium wird dieser Wegweiser auf Griechisch „Parakletos“ genannt; auf Englisch heißt er „Paraklet“. Die entsprechenden grundlegenden Passagen dieses Evangeliums lauten wie folgt:
„Wenn ihr mich liebt, werdet ihr alle meine Gebote halten. Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand (Paraklet) geben.“ (14, 15–16) Doch was bedeutet das Wort Paraklet? In der heute verbreiteten Fassung des Johannesevangeliums wird das Wort folgendermaßen erklärt:
„Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (14, 26)
„Er wird von mir Zeugnis ablegen.“ (15, 26)
„Wenn der Geist der Wahrheit kommt, wird er euch den Weg weisen und euch in die ganze Wahrheit führen; denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern was immer er hören wird, das wird er reden, und auch das Kommende wird er euch verkünden. Er wird mich verherrlichen.“ (16, 13–14)
Die vier Kapitel des Johannes (14–17) werden hier nicht vollständig zitiert. Doch in dem zitierten Teil wird die Kernaussage richtig wiedergegeben.
Beachtenswert ist, dass im Text „Paraklet“ und „Heiliger Geist“ im selben Sinn verwendet werden. Dies ist nicht ohne Weiteres erkennbar. Das liegt insbesondere daran, dass bei Übersetzungen gewöhnlich nur die Zwischenüberschriften des Textes verwendet werden und die Kommentatoren sich in ihren Werken bemühen, die alten Vorstellungen hervorzuheben. Sollte dennoch jemand auch nur den geringsten Zweifel am Verständnis der Bedeutung haben, kann er irgendeine Erklärung anderer Fachleute lesen. A. T. Tricott hat das Wort „Paraklet“ in seinem Werk „Little Dictionary of the New Testament“ folgendermaßen erklärt:
„Dieses Wort ist aus dem Griechischen übersetzt worden, und allein Johannes hat diese Bezeichnung oder diesen Titel im Neuen Testament verwendet. In dem von ihm überlieferten Bericht über Jesu Rede nach dem letzten Abendmahl hat er dieses Wort viermal verwendet (14, 16 und 26; 15, 26 sowie 16, 7). Ein weiteres Mal hat er es in seinem ersten Brief verwendet (2, 1). Im Evangelium wird das Wort auf den Heiligen Geist und im Brief auf Jesus angewandt. Das Wort Paraklet war im ersten Jahrhundert nach der Geburt Christi unter den griechischen Juden gebräuchlich. Es bedeutet: Anwalt, Fürsprecher, Beistand, Vermittler. Jesus sagte voraus, dass der Vater und der Sohn den Geist senden würden. Dieser Geist würde die Rolle übernehmen, die der Sohn während seines irdischen Lebens zum Nutzen seiner Jünger gespielt hatte. An Jesu Stelle würde er als Paraklet oder mächtiger Fürsprecher vermitteln.“
Nach Ansicht dieses Kommentators ist also zu erkennen, dass dieser Heilige Geist nach Jesu Fortgang aus der Welt der letzte Wegweiser der Menschen sein wird. Stimmt diese Auffassung mit dem Text des Johannes überein? Diese Frage muss gestellt werden, denn aus einer Ursache folgt eine Wirkung. Beurteilt man dies auf dieser Grundlage, so zeigt sich, dass die folgenden Worte nicht richtig auf den Heiligen Geist passen: „Er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern was immer er hören wird, das wird er reden, und auch das Kommende wird er euch verkünden.“ Die Vorstellung, der Heilige Geist besitze die Fähigkeit zu sprechen und zu hören, ist unvorstellbar. Im Interesse von Logik und Kohärenz sollte diese Frage gestellt werden, doch meines Wissens hat kein Kommentator sie gestellt oder berücksichtigt.
Um eine richtige Vorstellung von diesem Thema zu gewinnen, muss man den griechischen Urtext betrachten. Denn alle räumen ein, dass Johannes nicht in einer anderen Sprache, sondern auf Griechisch geschrieben hat. Ich habe die griechische Bibel mit dem Titel „Novum Testamentum Graece“ (Nestle und Aland, United Bible Societies, London, 1971) gelesen.
Bei der Textkritik muss man zunächst nach Varianten suchen. Unter den zahlreichen erhaltenen Handschriften des Johannesevangeliums findet sich nur in Abschnitt 14, 26 der berühmten syrischsprachigen Palimpsest-Handschrift eine Variante, durch die sich die Bedeutung des Satzes verändern könnte. (Diese Handschrift wurde im vierten oder fünften Jahrhundert geschrieben und 1812 von Agnes S. Lewis am Berg Sinai entdeckt. Über den ersten Text war ein weiterer Text geschrieben worden; nachdem dieser zweite Text entfernt worden war, wurde das Original gefunden. Deshalb erhielt die Handschrift den Namen Palimpsest.) Hier steht nicht „Heiliger Geist“, sondern lediglich „Geist“. Hat der Abschreiber das Wort „heilig“ versehentlich weggelassen, oder hat er es absichtlich nicht geschrieben, weil er die Lächerlichkeit bemerkte, dem Heiligen Geist die Fähigkeit zuzuschreiben, zu sprechen und zu hören? Außerdem weist diese Handschrift noch einige weitere Varianten auf, doch diese sind im Wesentlichen grammatischer Art und verändern die Bedeutung nicht; daher besteht kein Anlass, sie weiter zu erörtern. Wichtig ist hier, dass die Verben „sprechen“ und „hören“ in der Bedeutung, in der sie hier verwendet werden, auch in allen anderen Handschriften des Johannesevangeliums genau in diesem Sinn gebraucht werden.
Das Verb „hören“ ist die Übersetzung des griechischen Verbs „akouō“, das „einen Laut wahrnehmen“ bedeutet; aus diesem Wort ist auch das Wort „Akustik“ (Schalllehre) entstanden.
Das Verb „sprechen“ ist die Übersetzung des griechischen Verbs „laleō“; im allgemeinen Sinn bedeutet es, Laute hervorzubringen, im besonderen Sinn zu sprechen. Im griechischen Text des Evangeliums wird dieses Wort häufig verwendet, und jedes Mal, wenn Jesus während der Verkündigung eine wichtige Erklärung abgab, wurde dieses Wort gebraucht. Somit zeigt sich, dass dieses besondere Wort nicht verwendet wird, wenn jemand unter der Eingebung des Heiligen Geistes spricht, sondern vielmehr beim gewöhnlichen, natürlichen Sprechen des Menschen. Im Griechischen wird dieses Wort gebraucht, wenn Laute im ganz beiläufigen Sinn hervorgebracht werden.
Daher können die beiden Verben „akouō“ und „laleō“ nur auf Lebewesen angewandt werden, die zum Sprechen und Hören geeignete Organe besitzen. Auf den Heiligen Geist können sie keinesfalls angewandt werden.
Aus diesem Grund ist die Stelle im griechischen Manuskript des Evangeliums nach Johannes, in der die beiden Wörter „Heiliger Geist“ vorkommen (14,26), überhaupt nicht verständlich – „aber jener Beistand“; auf den Heiligen Geist kann dieses Wort überhaupt nicht angewandt werden.
Wenn man die beiden Wörter „Heiliger Geist“ weglässt, wird der Sinn des gesamten Textes klar und verständlich. Johannes hat in seinem ersten Brief tatsächlich eine ebenso verständliche Aussage gemacht. Dort verstand er unter dem Parakleten Jesus, und dieser Paraklet ist der von Gott eingesetzte Vermittler (in vielen Übersetzungen und Auslegungen des Evangeliums, besonders in den alten Übersetzungen und Auslegungen, wurde das Wort Paraklet mit „Tröster“ übersetzt; doch diese Übersetzung ist völlig falsch). Nach Johannes sagt Jesus (14,16): „Und ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Parakleten geben“, das heißt, er sagt, dass ebenso, wie er selbst in diesem irdischen Leben für die Menschen der von Gott eingesetzte Vermittler war, „ein anderer“ Vermittler gesandt werden wird.
Wenn man dies daher im Licht von Logik und Folgerichtigkeit beurteilt, zeigt sich, dass der von Johannes beschriebene Paraklet ebenso wie Jesus ein Mensch ist und die Fähigkeit zum Sprechen und Hören besitzt. Die Prophezeiung Jesu besagt demnach, dass Gott später einen weiteren Menschen auf die Welt senden wird und dass dieser die von Johannes beschriebene Rolle erfüllen wird; nimmt man also die genau entsprechende Bedeutung der für einen Propheten verwendeten Wörter an, so ist dies die vernünftige Erklärung seiner Aussage.
Die beiden Wörter „Heiliger Geist“, die im heutigen Text zu finden sind, wurden wahrscheinlich später absichtlich hinzugefügt. Diese Maßnahme wurde offenbar ergriffen, um die ursprüngliche Bedeutung zu verändern, nach der Jesus die Ankunft eines weiteren Propheten vorausgesagt hatte. Denn als die christliche Kirche gegründet wurde, gehörte zu ihren grundlegenden Lehren, dass Jesus der letzte Prophet sei und nach ihm kein weiterer Prophet kommen werde.
Schlussfolgerung
Die vier Evangelien sind historisch zuverlässig, ursprünglich und authentisch, und durch sie ist zuverlässig überliefert worden, was Jesus getan und gelehrt hat. Diese traditionalistische Auffassung der Christen wurde auch auf dem jüngsten Konzil des Vatikans bekräftigt. Doch die in diesem Werk festgehaltenen Informationen und die angeführten Ansichten bedeutender christlicher Theologen widerlegen unmittelbar diesen Anspruch auf Zuverlässigkeit und Authentizität.
Hierzu lassen sich mehrere Argumente anführen.
Die Berichte mehrerer Evangelien über ein und dieselbe Sache widersprechen einander, und zwei einander widersprechende Ereignisse können nicht beide glaubwürdig sein. Außerdem fallen vielen Christen weder Behauptungen noch Unwahrscheinlichkeiten und Widersprüche auf, die den aus der modernen Erkenntnis gewonnenen Tatsachen widersprechen. Wenn sie gelegentlich darauf stoßen, sind sie erstaunt; denn ihr Denken und Empfinden ist durch die fantasievollen, geheimnisvollen und poetischen Auslegungen von Priestern und Kommentatoren bereits im Voraus geprägt worden. Einige Beispiele für das unnötige Wortgeflecht, das die Kommentatoren zur Erklärung bestimmter als „problematisch“ bezeichneter Themen entfalten, wurden bereits angeführt. Darüber hinaus enthalten die Evangelien einige Abschnitte, von denen man zugibt, dass sie gefälscht sind, die die Kirche jedoch für authentisch erklärt.
Nach Ansicht von Pater Kannengiesser hat die moderne Kritik der Evangelien Informationen zutage gefördert, die „für die religiöse Darstellungsweise der Bibel revolutionär“ sind. Daher ist es nicht mehr nötig, die in den Evangelien niedergeschriebenen Informationen und Ereignisse über Jesus wörtlich zu nehmen, denn diese Berichte wurden aus bestimmten Anlässen heraus verfasst; mit anderen Worten, es handelt sich um „Schriften aus Kriegszeiten“. Durch die moderne Forschung sind detaillierte Kenntnisse über die Geschichte des jüdisch-christlichen Glaubens sowie über den Hass und die Feindseligkeit zwischen verschiedenen Gemeinschaften gewonnen worden. Die vor diesem Hintergrund verfassten Berichte über verschiedene Ereignisse sind für den modernen Leser daher äußerst befremdlich. Obwohl viele Christen noch immer meinen, die Evangelisten, die Verfasser der Evangelien, seien Augenzeugen der von ihnen beschriebenen Ereignisse gewesen, hat sich diese Vorstellung inzwischen als völlig unbegründet erwiesen. Die am Bibelinstitut von Jerusalem durchgeführte Forschung (von Pater Benoît und Pater Boismard) hat eindeutig erwiesen, dass die Evangelien mehrfach niedergeschrieben, überarbeitet und korrigiert wurden. Außerdem haben die beiden Patres die Leser gewarnt, sie sollten in den Evangelien nicht erwarten, „irgendeine Äußerung Jesu genau oder unmittelbar vorzufinden“.
Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Evangelien einen historischen Charakter besitzen. Durch die Berichte über Jesus können wir aus diesen Werken die Identität und den Charakter ihrer Verfasser erkennen; wir erfahren, dass sie Sprecher der Überlieferungen und Legenden ihrer jeweiligen ursprünglichen christlichen Gemeinschaften waren, und insbesondere erfahren wir von den Auseinandersetzungen und Konflikten zwischen Paulus und den jüdisch-christlichen Gemeinschaften. Das Werk von Kardinal Daniélou ist in all diesen Fragen ein zuverlässiges Nachschlagewerk.
Ist es etwa verwunderlich, dass manche Evangelisten bestimmte Ereignisse aus dem Leben Jesu zugunsten ihrer eigenen Lehre verfälscht haben? Ist es etwa verwunderlich, dass sie bestimmte Ereignisse ausgelassen haben? Und ist es etwa verwunderlich, dass manche der berichteten Ereignisse völlig frei erfunden sind?
Diese Fragen wecken in uns ganz natürlich das Interesse, die Evangelien mit den erzählenden Dichtungen des Mittelalters zu vergleichen. Der passendste Vergleich dürfte wohl das Gedicht „Das Rolandslied“ (Chanson de Roland) sein. In diesem Gedicht wird ein tatsächliches Ereignis im Licht der Fantasie geschildert, und unter den Dichtungen dieser Art ist es das berühmteste. Es geht um Folgendes: Roland wurde, während er die Nachhut König Karls des Großen führte, auf einem Gebirgspass im Kampf überraschend vom Feind angegriffen. Nach historischer Auffassung ereignete sich dies am 15. August 778 (Eginhard) und war kein besonders bedeutendes Ereignis. In der dichterischen Darstellung jedoch wurde dieses unbedeutende Geschehen zu einem ruhmreichen Kapitel des Glaubenskrieges und zum Inbegriff höchster kriegskünstlerischer Meisterschaft erhoben. Das Gedicht enthält zwar eine weitreichende Ausschmückung durch die Fantasie, doch dadurch ist das tatsächliche Ereignis nicht unwahr geworden. Denn es ist wahr, dass Karl der Große viele Kriege führen musste, um sein Land vor den Angriffen der Feinde zu schützen, und das Ereignis im Zusammenhang mit Roland war ein Teil davon.
Dasselbe lässt sich auch über die Evangelien sagen. Matthäus’ Fantasiereichtum, die Widersprüche zwischen den verschiedenen Evangelien, die Unwahrscheinlichkeiten, ihre Abweichungen von den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen und die wiederholte Verfälschung des Wortlauts beweisen, dass es in der Bibel viele Abschnitte und Kapitel gibt, deren einzige Grundlage die menschliche Fantasie ist. Doch dadurch wird Jesu Sendung nicht unwahr. An Jesu Sendung besteht überhaupt kein Zweifel. Zweifel bestehen an ihrer Art und ihrem Verlauf.
Der Koran und die moderne Wissenschaft
Einleitung
Die Beziehung zwischen dem Koran und der Wissenschaft ist in der logischen Kette von Ursache und Wirkung erstaunlich, insbesondere wenn man erkennt, dass es sich um eine Beziehung der Übereinstimmung und nicht des Widerspruchs handelt. Heutzutage meinen viele, die Auseinandersetzung zwischen den religiösen Schriften und den säkularen Vorstellungen der Wissenschaft sei ein besonderes Labyrinth. Mit wenigen Ausnahmen sind die meisten Wissenschaftler der Gegenwart tatsächlich im Geflecht des Materialismus gefangen. Sie halten Religion für nichts anderes als eine Legende und sind religiösen Angelegenheiten gegenüber entweder gleichgültig oder hegen ihnen gegenüber offenen Hass. Wenn im Westen außerdem über Religion und Wissenschaft gesprochen wird, erwähnt man gewöhnlich nur das Judentum und das Christentum; an den Islam denkt dabei niemand. Tatsächlich sind aufgrund falscher Informationen derart weitverbreitete Irrvorstellungen über den Islam entstanden, dass es dort wirklich schwierig ist, ein zutreffendes Bild vom wahren Islam zu gewinnen.
Bevor wir zu einem vergleichenden Gespräch über den Islam und die Wissenschaft übergehen, ist es besonders notwendig, eine kurze Darstellung des Islam zu geben. Denn im Westen ist diese Religion nur sehr wenig bekannt.
Im Westen werden über den Islam teils aus Unwissenheit und teils mit der Absicht, ihn herabzusetzen, verschiedenartige falsche Aussagen und Kommentare verbreitet. Unter solchen Aussagen sind diejenigen, die Tatsachen betreffen, am schwerwiegendsten; denn eine irrige Auffassung mag verzeihlich sein, doch wenn anstelle tatsächlicher Informationen erfundene Angaben vorgelegt werden, ist dies unverzeihlich. Viele gebildete und angesehene Persönlichkeiten des Westens haben in ihren Schriften sogar derart offenkundige Lügen aufgenommen, dass man beim Lesen geradezu empört sein muss. Ein solches Beispiel zitiere ich aus dem sechsten Band der „Universalis-Enzyklopädie“. In der Abhandlung unter der Überschrift „Evangelium“ sagte der Verfasser beim Vergleich der Bibel mit dem Koran: „Im Fall der Bibel haben die Evangelisten nicht wie im Fall des Korans behauptet, sie gäben lediglich die Biografie weiter, die Gott dem Propheten auf übernatürliche Weise geschildert habe.“ Doch der Koran ist keine Biografie. Wenn der Verfasser auch nur eine der schlechtesten Übersetzungen des Korans gründlich gelesen hätte, hätte er verstehen können, dass der Koran in Wirklichkeit ein Buch der Lehre und ein Buch der Führung ist. Aber das tat er nicht, und ohne Kenntnis und ohne sich informiert zu haben, machte er diese falsche Aussage. Dabei ist er ein gelehrter Professor an der Jesuitenfakultät für Theologie in Lyon. Solche falschen Aussagen haben zur Entstehung irriger Vorstellungen über den Koran und den Islam geführt.
Inzwischen ist jedoch neue Hoffnung entstanden. Denn die verschiedenen Religionen sind nicht mehr so nach innen gekehrt wie früher. Sie bemühen sich, untereinander Einigkeit zu schaffen. Die Nachricht, dass die römischen Katholiken auf höchster Ebene ihrer religiösen Institutionen den Kontakt zu den Muslimen aufzunehmen versuchen, wird hoffentlich alle erfreuen. Auch innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft bemühen sie sich, die Unwissenheit über den Islam zu beseitigen und irrige Vorstellungen auszuräumen.
Die großen Veränderungen der vergangenen Jahre habe ich in der Einleitung zu diesem Buch erwähnt und auch auf eine vom Vatikanischen Büro für nichtchristliche Angelegenheiten veröffentlichte Broschüre mit dem Titel „Orientations for a Dialogue between Christians and Muslims“ hingewiesen. Da diese Broschüre die neue Sichtweise auf den Islam darlegt, ist sie ein äußerst wichtiges Dokument. In der dritten, 1970 erschienenen Auflage dieser Broschüre wird dazu aufgerufen, „unsere Sichtweise des Islam zu korrigieren und unsere Feindseligkeit objektiv zu prüfen“. Es heißt dort: „Wir müssen zunächst damit beginnen, die Sichtweise, mit der unsere christlichen Brüder den Islam betrachten, nach und nach zu verändern. Dieser erste Schritt ist der wichtigste von allen. Das alte Bild, das wir aus der Vergangenheit als Erbe übernommen haben und das durch Feindseligkeit und Verurteilung entstellt ist, muss beseitigt werden; und wir müssen das Unrecht anerkennen, das wir den Muslimen in der Vergangenheit angetan haben. Ebenso müssen wir anerkennen, dass der Westen, der in christlicher Lehre erzogen wurde, für dieses Unrecht verantwortlich ist.“
In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass es früher eine Zeit gab, in der die höchsten Führer der katholischen Kirche jede Opposition oder Feindseligkeit gegenüber dem Islam bereitwillig unterstützten, gleich in welcher Form sie auftrat, selbst wenn sie von den erklärten und bekannten Feinden der Kirche ausging. Als Beispiel kann Papst Benedikt XIV. genannt werden, der als der bedeutendste Kirchenmann des 18. Jahrhunderts, als Pontifex, bekannt war. Als Voltaire ihm ein von ihm verfasstes Buch mit dem Titel „Mohammed oder der Fanatismus“ – auf Französisch „Mahomet ou le fanatisme“, 1941 – widmete, sandte der Papst ihm dafür ohne Zögern seinen Segen, obwohl das Buch eine äußerst minderwertige, von Spott und Hohn erfüllte Tragödie war und jeder geschickte, des Schreibens fähige und von bösen Absichten angetriebene Mensch ein solches Werk über jedes beliebige Thema hätte verfassen können. Auf der Bühne war das Stück nicht besonders erfolgreich, doch die christlichen Zuschauer unterstützten es trotzdem begeistert, und allein aus diesem Grund wurde es schließlich in eine Sammlung französischer Tragödien aufgenommen.
Dieses Buch des Vatikans umfasst insgesamt 150 Seiten und widerlegt die alten christlichen Lehrmeinungen über den Islam, indem es die wahre Sachlage darlegt.
Unter dem Titel „Der Versuch, uns von unseren schlimmsten Vorurteilen und vorgefassten Meinungen zu befreien“ richteten die Autoren an die Christen folgende Worte: „Auch in diesem Fall müssen wir uns hingeben, um unsere Sichtweise in jeder Hinsicht zu reinigen. Besonders gilt dies für die sogenannten ‚vorgefassten Urteile‘, die in Bezug auf den Islam häufig und äußerst leichtfertig übernommen werden. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht einmal im Innersten unseres Herzens eine solche Haltung hegen; gläubige Muslime betrachten derartige Vorstellungen unsererseits als irreführend.“
Ein Beispiel für eine solche Vorstellung ist, dass Christen zur Bezeichnung des Gottes der Muslime stets das Wort „Allah“ verwenden, als wollten sie damit sagen, dass der Gott, an den die Muslime glauben, ein völlig anderes Wesen sei als der christliche Gott. Im Arabischen bedeutet das Wort Allah „Gottheit“, ein himmlisches Wesen. Die Bedeutung dieses arabischen Wortes kann durch das englische Wort „God“ – der eine und einzige Gott – wiedergegeben werden. Derjenige, den die Muslime Allah nennen, ist kein anderer als der Gott von Moses und Jesus.
In dem vom Vatikanischen Büro für nichtchristliche Angelegenheiten vorbereiteten Dokument wird unter Nachdruck auf diese grundlegende Frage hingewiesen: „Die Vorstellung, Allah sei in Wirklichkeit nicht Gott, ist völlig unvernünftig. Dennoch vertreten einige Kreise im Westen diese Ansicht. In den Dokumenten der christlichen Konzilien wird diese falsche Vorstellung widerlegt und ihre wahre Bedeutung an der entsprechenden Stelle dargelegt. Eine Aussage aus Lumen gentium (dem Namen eines auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil von 1962–1965 erarbeiteten Dokuments) kann als hervorragendes Beispiel und als Erklärung für den Glauben der Muslime an Gott angeführt werden. Dort heißt es: ‚Die Muslime bekennen sich zum Glauben Abrahams und verehren gemeinsam mit uns den einen barmherzigen Gott, den einzigen Richter am Tag des Jüngsten Gerichts.‘“
Daher ist leicht zu verstehen, weshalb Muslime dagegen protestieren, dass man in verschiedenen europäischen Sprachen „Gott“ statt „Allah“ schreibt. Aus demselben Grund haben gelehrte Muslime de Masson dafür gelobt, dass er in seiner französischen Übersetzung des Korans anstelle des Wortes „Allah“ das Wort „Dieu“ (Gott) verwendet hat.
In jenem vatikanischen Dokument heißt es: „Für die Bezeichnung Gottes gibt es in der arabischen Sprache der Christen nur ein einziges Wort, und dieses lautet Allah.“
Muslime und Christen verehren ein und denselben einzigen Gott.
Anschließend werden in jenem Dokument weitere irrige Vorstellungen über den Islam sachlich geprüft.
Weit verbreitet wird die irrige Vorstellung verbreitet, dass es im Islam einen Fatalismus gebe. In dem Dossier wird dieser Vorstellung widersprochen und anhand von Zitaten aus dem Koran gezeigt, dass der Mensch eine eigene persönliche Verantwortung trägt und auf der Grundlage seiner Taten beurteilt werden wird. Auch der verbreiteten Vorstellung, dass es nach islamischen Grundsätzen zulässig sei, Menschen durch Zwang zur Annahme des Islam zu nötigen, wird in dem Dossier widersprochen; vielmehr wird erklärt, dass bereits der Glaube an diesen Grundsatz dem Islam widerspricht. In diesem Zusammenhang werden die folgenden zwei Verse aus dem Koran zitiert und es wird darauf hingewiesen, dass im Westen hinsichtlich dieser beiden Verse große Verwirrung herrscht:
„Es gibt keinen Zwang in der Religion“ – Sure al-Baqara, Vers 256.
„(Allah) hat euch in religiösen Angelegenheiten keine Härte auferlegt.“ Sure al-Haddsch, Vers 78.
Der Vorstellung, die verbreitet wird, der Islam sei eine Religion der Angst, wird in dem Dossier widersprochen und erklärt, dass der Islam in Wirklichkeit eine Religion der Liebe sei. Den Nächsten auf der Grundlage des Glaubens an Allah zu lieben, sei die Lehre des Islam. Zu der Vorstellung von Juden und Christen, dass es im Islam keine Moral, sondern Fanatismus gebe, wird im Dossier des Vatikans erklärt, dass diese Vorstellung völlig unbegründet und falsch sei: „Als das Christentum in der Geschichte politische Bedeutung erlangte, war es niemals weniger dogmatisch als der Islam. In diesem Zusammenhang wird anhand eines Zitats aus dem Koran gezeigt, dass das Wort ‚Dschihad‘ im Westen falsch übersetzt wird: ‚Im Arabischen lautet der Ausdruck al-Dschihad fi سبيل الله, das heißt, sich auf dem Weg Allahs anzustrengen. Diese Anstrengung dient der Verbreitung des Islam und dem Schutz des Islam vor seinen Angreifern. Dieser Dschihad ist nicht das biblische ‚Cherem‘; er wird nicht zur Zerstörung geführt, sondern zur Errichtung der Rechte Allahs und der Menschen in neuen Ländern. Zwar kam es in der Vergangenheit während des Dschihad zu Gewaltanwendung und Blutvergießen, doch geschah dies nicht aufgrund des Dschihad, sondern gemäß den allgemeinen Regeln des Krieges. Außerdem haben während der Kreuzzüge nicht nur die Muslime abscheuliche Massaker verübt.“
Es muss in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen werden, dass die Übersetzer des Korans, selbst die auf diesem Gebiet bekannten, ihre säkularen Gewohnheiten und Neigungen nicht aufgegeben und in ihre Übersetzungen vieles eingefügt haben, was im arabischen Originaltext nicht enthalten ist. Selbst ohne den Originaltext zu verändern, kann man ihm bisweilen eine Überschrift geben, durch die sich die allgemeine Bedeutung dieses Textes verändern kann. Als Beispiel sei die bekannte Übersetzung von Blachère genannt (Verlag Maisonneuve und Larose, Paris 1966). Auf Seite 115 hat er eine Überschrift („Pflicht zum Religionskrieg“) eingefügt, die im Koran nicht vorkommt. Unter diese Überschrift wurde ein Absatz gesetzt, der zweifellos zum Ergreifen der Waffen aufruft; doch der Charakter, den die Formulierung der Überschrift ihm verleiht, findet sich nirgends. Wenn daher jemand, der das arabische Original nicht liest, sondern nur diese Übersetzung, annimmt, dass die Muslime stets verpflichtet seien, Religionskrieg zu führen, kann man ihm das wohl kaum zum Vorwurf machen.
In jenem Dossier des Vatikans wurde eine weitere wichtige Widerlegung vorgenommen. Im Westen wird gewöhnlich angenommen, der Islam sei eine Religion, die die Muslime stets in den Grenzen des Mittelalters gefangen halte und sie unfähig mache, mit dem Fortschritt des modernen wissenschaftlichen Zeitalters Schritt zu halten. Im Vergleich mit der entsprechenden Situation in den christlichen Ländern heißt es in dem Dossier: „In der traditionellen Entfaltung des muslimischen Denkens sehen wir jedoch die Entwicklung einer fortschrittlichen Gesellschaft.“
Ich bin sicher, dass viele Gläubige – ob Muslime, Juden oder Christen – von dieser Unterstützung des Islam durch den Vatikan überrascht sein werden. Denn eine solche Haltung, die von Aufrichtigkeit und Offenheit zeugt, war im Vatikan in der Vergangenheit niemals zu beobachten. Die Haltung der Vergangenheit war stets von Gegnerschaft und Feindseligkeit geprägt. Über diese neue Sichtweise der obersten Autorität der katholischen Kirche wissen im Westen jedoch nur sehr wenige Menschen Bescheid.
Wer davon wusste, war über den nächsten Schritt natürlich keineswegs überrascht. So besuchte der Präsident des vatikanischen Office for Non-Christian Affairs offiziell Saudi-Arabien und traf mit König Faisal zusammen; anschließend besuchte eine Delegation saudischer Gelehrter den Vatikan, und Papst Paul VI. selbst empfing sie offiziell. Beide Ereignisse fanden 1947 statt. Wenn man diesen Hintergrund im Gedächtnis behält, lässt sich die geistige Bedeutung eines weiteren wichtigen Ereignisses leicht verstehen. Der Bischof von Straßburg, His Grace Elchinger, empfing die Gelehrten in seiner Kathedrale und bat sie, dort ihr Gebet zu verrichten. Die Gelehrten kamen dieser Bitte nach, und zu ihren Ehren wurde der Gebetsaltar der Kirche vor ihnen in Richtung der Qibla, zur Kaaba hin, aufgestellt. Auf diese Weise erklärten sich Vertreter der höchsten Ebenen der muslimischen und der christlichen Welt zu einem Dialog bereit. Denn sie glauben an denselben einzigen Allah und begegnen den Meinungsverschiedenheiten des jeweils anderen mit Respekt. Unter diesen Umständen ist es nur natürlich, die Offenbarungen beider Seiten in allen übrigen Fragen miteinander zu vergleichen. Eine naheliegende Aufgabe dieses Vergleichs besteht darin, im Licht moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse und Kenntnisse die Wahrheit der Darstellungen in den Schriften beider Seiten, also im Koran und in der Bibel, zu überprüfen.
Das Verhältnis zwischen Religion und Wissenschaft hat sich von Land zu Land und von Zeitalter zu Zeitalter verändert. Doch keine der Lehren einer monotheistischen Religion hat sich jemals der Wissenschaft entgegengestellt. Allerdings trifft es auch zu, dass manche religiösen Autoritäten Wissenschaftler häufig in Bedrängnis gebracht haben. In der christlichen Welt haben sich religiöse Autoritäten viele Jahrhunderte lang der wissenschaftlichen Entwicklung allein mit Gewalt entgegengestellt, ohne die eigentliche Offenbarung zu berücksichtigen. Wir wissen auch von den strengen Strafmaßnahmen, die gegen Wissenschaftler ergriffen wurden. Niemandem ist heute mehr unbekannt, dass diejenigen, die ihre Sichtweise nicht änderten, ihre Forschungen nicht einstellten und nicht um Vergebung baten, auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden und dass viele Wissenschaftler aus Angst davor flohen und sich ins geheime Exil begaben. In diesem Zusammenhang kann Galileo erwähnt werden. Die kirchlichen Autoritäten bestraften ihn schwer, weil er die Entdeckung des Kopernikus über die Bewegung der Erde als wahr anerkannte. Offensichtlich ergriffen sie diese Maßnahme aufgrund einer falschen Auslegung der Bibel, denn keinen einzigen Bibelvers konnten sie unmittelbar gegen Galileo anführen.
(Anmerkung des bengalischen Übersetzers: Die römisch-katholischen Autoritäten des Vatikans haben Galileo kürzlich, nach 350 Jahren, freigesprochen und verabschiedet. Sie erklärten: „Das Gericht, das Galileo verurteilte, hatte sich geirrt.“ Weil er die Auffassung des Kopernikus, dass nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne kreist, schriftlich und nachdrücklich unterstützt hatte, wurde der italienische Wissenschaftler Galileo 1633 im Alter von 69 Jahren von der römisch-katholischen Kirche verurteilt und verbüßte anschließend neun Jahre Hausarrest. 1980 setzte Papst Johannes Paul II. eine Kommission aus Wissenschaftlern, Historikern und Theologen ein, um die Beweise und Zeugenaussagen dieses Prozesses erneut zu prüfen. Aufgrund der Empfehlung der Kommission wurde das Urteil über seinen Freispruch kürzlich offiziell veröffentlicht. [Weekly Time, 12. März 1984]
Die Haltung des Islam gegenüber Wissenschaftlern ist jedoch völlig anders. Im Hadith gibt es dazu eine klare Anweisung: „Geht auf der Suche nach Wissen sogar bis nach China.“ In einem anderen Hadith heißt es, dass das Streben nach Wissen für jeden Mann und jede Frau eine zwingende Pflicht ist.
Im weiteren Verlauf dieser Erörterung werden wir sehen, dass schon im Koran zur Beschäftigung mit der Wissenschaft aufgerufen wird. Außerdem hat sich erwiesen, dass die im Koran enthaltenen Aussagen und ausführlichen erläuternden Darstellungen verschiedener Naturerscheinungen mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmen. In den Offenbarungsschriften der Juden und Christen gibt es keinen solchen Inhalt und kein entsprechendes Beispiel.
Natürlich haben manche Gläubige in der Geschichte des Islam auch eine andere, nämlich eine ablehnende Haltung gegenüber der Wissenschaft eingenommen. Es trifft zu, dass in manchen Zeiten die Pflicht zum Lernen und Lehren vernachlässigt wurde. Ebenso trifft es zu, dass man in der muslimischen Welt, wie auch anderswo, bisweilen versucht hat, den wissenschaftlichen Fortschritt zu behindern. Dennoch muss man sich vor Augen halten, dass während des glanzvollen Zeitalters des Islam, vom achten bis zum zwölften christlichen Jahrhundert, an islamischen Universitäten vielfältige Forschungen und Entdeckungen auf wissenschaftlichem Gebiet betrieben wurden, während in der christlichen Welt wissenschaftliche Verbote galten. Dort wurden damals auch die bedeutenden Schätze jener Zeit an Zivilisation sowie an Wissen und Wissenschaft bewahrt. Die Bibliothek des Kalifen in Córdoba enthielt 400.000 Bücher. Abu Ruschd lehrte dort, und es gab dort auch Einrichtungen für den Unterricht in griechischer, indischer und persischer Wissenschaft. Deshalb kamen damals Lernende und Gelehrte aus ganz Europa nach Córdoba, so wie heute alle in die Vereinigten Staaten reisen, um ihre Ausbildung abzuschließen. Die Araber wirkten damals als Träger der Zivilisation und Kultur der von ihnen eroberten Länder, und gerade aufgrund ihrer gebildeten und menschenfreundlichen Haltung gelangten durch sie unzählige alte Handschriften in unseren Besitz. Außerdem sind wir den Arabern besonders für die Mathematik (die Algebra wurde von den Arabern erfunden), die Astronomie, die Physik (Optik und Lichtwissenschaft), die Geologie, die Botanik, die Medizin (Abu Ali Sina) und andere Gebiete zu Dank verpflichtet. Wissenschaft und wissenschaftliche Forschung erlangten erstmals an den islamischen Universitäten des Mittelalters internationalen Charakter und internationales Ansehen. Die Menschen jener Zeit waren im Vergleich zu heute viel stärker von religiöser Inspiration erfüllt; doch das hinderte sie in der islamischen Welt nicht daran, zugleich gläubig und Wissenschaftler zu sein. Damals war die Wissenschaft eine Verbündete der Religion, und die Veränderung dieses Zustands war niemals gerechtfertigt.
Für die christliche Welt war das Mittelalter ein Zeitalter der Enge und der starren Verehrung religiöser Rituale. In diesem Zusammenhang muss jedoch mit Nachdruck gesagt werden, dass die Verlangsamung des wissenschaftlichen Forschens damals nicht durch die jüdisch-christliche Offenbarung verursacht wurde, sondern durch Menschen, die behaupteten, deren Diener zu sein. Nach der Renaissance änderte sich diese Lage, und die Wissenschaftler begannen aus ihrer natürlichen Reaktion heraus, sich an ihren früheren Feinden zu rächen. Diese Vergeltung dauert bis heute an und hat im Westen inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass man in wissenschaftlichen Kreisen beinahe mit Misstrauen betrachtet wird, wenn jemand von Allah spricht. Diese Haltung beeinflusst besonders alle jungen Menschen mit universitärer Bildung, einschließlich der Muslime.
Da angesehene Wissenschaftler extreme Ansichten vertreten, ist wohl kaum zu erwarten, dass ihre jungen Anhänger eine davon abweichende Haltung einnehmen. Ein mit dem Nobelpreis ausgezeichneter Mediziner versucht seit einigen Jahren, alle davon zu überzeugen, dass aus einigen Grundelementen durch Zufall lebende Materie oder Lebewesen entstehen können. Zu diesem Thema hat er auch ein Buch geschrieben. Er sagt, dass sich unter dem Einfluss von Umwelt und Umständen aus jenem ursprünglichen Lebewesen wohlgeformte und geordnete Tiere entwickeln und dass daraus schließlich der komplexe Organismus Mensch entsteht.
Die Neuartigkeit dieser modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Entstehung des Lebens kann einen nachdenklichen Menschen durchaus zu einer entgegengesetzten Schlussfolgerung führen. Je mehr man die Gesetzmäßigkeiten und Verfahren der Entstehung und Erhaltung des Lebens untersucht, desto komplexer erscheinen sie, und je größer der Umfang des Wissens wird, desto stärker gerät der Wissende ins Staunen. Er kann erkennen, dass die Wahrscheinlichkeit, dass in diesem langen und fein abgestimmten Vorgang etwas zufällig geschieht, äußerst gering ist. Je mehr feinste Einzelheiten und Prozesse er entdeckt, desto stärker werden auch seine Argumente für die Existenz eines Schöpfers. Doch es gibt auch Menschen, die nicht voller Staunen und Ehrfurcht den Kopf neigen, sondern sich in Stolz und Auflehnung erheben. Beim Wort Allahs rümpfen sie die Nase; sie werfen diese Vorstellung verächtlich von sich, weil sie sie als ein Hindernis betrachten, genau wie sie jede Störung eines Augenblicks der Unterhaltung geringschätzig übergehen. Dies ist das Spiegelbild der materialistischen Gesellschaft, deren Siegeszug in der westlichen Welt gefeiert wird.
Viele moderne Wissenschaftler sind heute Träger und Verfechter dieser verdrehten und verdorbenen Denkweise. Welche geistige Kraft kann eingesetzt werden, um ihnen entgegenzutreten und sie zu korrigieren?
Judentum und Christentum geben nahezu offen zu, dass sie nicht in der Lage sind, die Welle des Materialismus und Atheismus zurückzudrängen, die gegenwärtig über den Westen hereinbricht. Beide Religionen sind dieser Welle nun völlig hilflos ausgeliefert, und ihre Fähigkeit zum Widerstand nimmt von einem Jahrzehnt zum nächsten weiter ab. Die Welle wird allmählich überall überwältigend. Für einen materialistischen Atheisten stellt sich das traditionelle Christentum heute so dar, als sei dieses System in den vergangenen zweitausend Jahren einzig zu dem Zweck entwickelt worden, die Macht und Autorität einiger weniger über die Mehrheit der Menschen aufrechtzuerhalten. Er glaubt auch nicht, dass die Sprache des jüdisch-christlichen Glaubens irgendeine Ähnlichkeit mit seiner eigenen Sprache besitzt. Denn die darin enthaltenen Darstellungen weisen im Vergleich zu modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen so viele Unwahrscheinlichkeiten, Widersprüche und Unvereinbarkeiten auf, dass er sie keineswegs für beachtenswert hält; dennoch fordern die meisten Theologen dazu auf, eben diese Darstellungen als selbstverständliche Wahrheiten in ihrer Gesamtheit anzunehmen.
Wenn man einem materialistischen Atheisten vom Islam erzählt, lächelt er wissend. Tatsächlich hat er überhaupt keine richtige Vorstellung vom Islam. Wie die meisten westlichen Intellektuellen jeglicher Religionszugehörigkeit vertritt er über den Islam eine falsche und irreführende Auffassung.
Für diese Lage gibt es allerdings nachvollziehbare Gründe. Sieht man von den Anzeichen einer neuen Sichtweise ab, die sich neuerdings in höheren katholischen Kreisen erkennen lässt, wird im Westen im Allgemeinen nur Verunglimpfung des Islam verbreitet. Alle, denen es dort gelungen ist, umfassende Kenntnisse über den Islam zu erwerben, wissen, wie stark seine Geschichte, seine Grundsätze und seine Ziele verzerrt dargestellt worden sind. Außerdem sind die Bücher über den Islam, die in europäischen Sprachen veröffentlicht wurden, mit wenigen Ausnahmen für den gewöhnlichen Leser nicht besonders leicht verständlich.
Aus diesem Blickwinkel wird verständlich, wie wichtig es ist, ihnen den Inhalt des Korans korrekt und verständlich darzulegen. Bedauerlicherweise sind jedoch einige Koranverse, insbesondere solche mit wissenschaftlichen Angaben, so schwach übersetzt und so unbeholfen ausgelegt worden, dass die Wissenschaftler sie scheinbar zu Recht kritisieren. Doch der Koran verdient diese Kritik überhaupt nicht. Dieser Frage muss von nun an besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden. Denn Übersetzungsfehler oder Fehlinterpretationen (zwischen beiden besteht häufig ein enger Zusammenhang), die vor ein oder zwei Jahrhunderten vielleicht niemanden hätten überraschen können, machen moderne Wissenschaftler heute unmittelbar feindselig. Wenn der Inhalt aufgrund einer mangelhaften Übersetzung aus wissenschaftlicher Sicht unannehmbar wird, ist kein Wissenschaftler bereit, ihn mit Aufrichtigkeit und Konzentration zu prüfen. Im Kapitel über die Entstehung des Menschen wird ein hervorragendes Beispiel für einen solchen Fehler aufgezeigt werden.
Warum aber finden sich solche Fehler in den Übersetzungen? Ein möglicher Grund ist, dass moderne Übersetzer die Auslegungen der alten Kommentatoren übernehmen, ohne sie zu prüfen und zu erwägen. Wenn ein arabisches Wort mehrere Bedeutungen besitzt, haben die alten Kommentatoren vielleicht eine davon ausgewählt, wodurch ihre Auslegung möglicherweise ungeeignet geworden ist. Dafür kann man ihnen jedoch wohl kaum große Schuld geben. Denn die Bedeutung eines Wortes, die durch moderne wissenschaftliche Entdeckungen heute vielleicht sehr leicht verständlich geworden ist, war es in der Antike nicht. Daher ist es notwendig geworden, Übersetzung und Auslegung nun zu korrigieren. In der Vergangenheit war eine solche Korrektur niemals möglich, weil das Wissen und die Erkenntnisse, über die wir heute verfügen, damals noch gar nicht entdeckt waren. Diese Frage der Übersetzung und Auslegung betrifft jedoch ausschließlich den Koran. Im Fall der Bibel ist sie überhaupt nicht relevant.
Die besondere Eigenart dieser wissenschaftlichen Betrachtung des Korans hatte mich zunächst sehr erstaunt. Niemals zuvor hätte ich gedacht, dass ein vor nahezu vierzehn Jahrhunderten zusammengestellter Text die Darstellung so vieler verschiedener Themen enthalten und dabei mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen derart vollständig übereinstimmen könnte. Anfangs hatte ich überhaupt keinen Glauben an den Islam. Dennoch begann ich, den Text des Korans mit offenem Geist und völlig unvoreingenommener Haltung zu untersuchen. Wenn irgendein Einfluss auf mich wirksam war, dann war es der Einfluss der Erziehung, die ich in meiner Jugend erhalten hatte. Die Menschen sagten nicht „Muslim“, sondern „Mohammedaner“. Damit sollte zum Ausdruck gebracht werden, dass diese Religion, da sie von einem Menschen begründet worden sei, in Bezug auf Gott überhaupt keinen Wert haben könne. Wie viele Menschen im Westen mochte auch ich damals diese falsche Vorstellung vom Islam übernommen haben. Diese falsche Vorstellung ist im Westen inzwischen so weit verbreitet, dass ich wirklich erstaunt bin, wenn ich jemanden, der kein Fachmann ist, korrekt über den Islam sprechen sehe. Daher gestehe ich, dass ich vom Islam völlig unwissend war, bis ich zu einer Auffassung gelangte, die sich von der im Westen verbreiteten unterschied.
Dass die im Westen verbreitete Auffassung falsch ist, erkannte ich durch einige außergewöhnliche Umstände. Einen ersten Hinweis darauf, dass diese Auffassung fehlerhaft sein könnte, erhielt ich in Saudi-Arabien.
Meine Dankesschuld gegenüber dem verstorbenen König Faisal ist sehr groß, und ich entbiete seinem Andenken mit tiefem Respekt meine Grüße. Die seltene Ehre, die er mir erwies, seine Ausführungen über den Islam anzuhören, sowie die Gelegenheit, ihm Fragen zu einigen Problemen der Auslegung des Korans im Zusammenhang mit der modernen Wissenschaft zu stellen – an diese Erinnerung halte ich bis heute sorgfältig fest. Ich hatte die seltene Gelegenheit, von ihm selbst und von seinen Gefährten viele wertvolle Informationen zu sammeln.
Nachdem ich von der gewaltigen Kluft zwischen der tatsächlichen Lage des Islam und der westlichen Vorstellung davon erfahren hatte, empfand ich das Bedürfnis, Arabisch zu lernen, ganz besonders. Denn Arabisch ist nicht meine Muttersprache, obwohl es die Sprache des ursprünglichen Buches jener Religion ist, die in solcher Weise missverstanden wird. Mein erstes Ziel war, den Koran in der Originalsprache zu lesen und jeden Satz im Licht der von verschiedenen Kommentatoren verfassten Erläuterungen zu analysieren. Mein zweites Ziel war, die im Koran enthaltenen Beschreibungen verschiedener Naturerscheinungen besonders eingehend zu untersuchen. Denn diese Beschreibungen enthalten viele Einzelheiten, die beim Lesen auf Arabisch schon bei der ersten Lektüre als genau und vollkommen erscheinen und mir von Anfang an völlig mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinzustimmen schienen. Damals kam mir außerdem der Gedanke, dass es für keinen Menschen aus der Zeit Muhammads (s. a. w.) überhaupt möglich gewesen sein konnte, solche Informationen zu kennen. Später las ich einige von muslimischen Autoren verfasste Bücher über die wissenschaftlichen Angaben des Korans und zog daraus großen Nutzen. Doch habe ich bis heute nicht erfahren, dass im Westen auf diesem Gebiet irgendwelche Forschungen durchgeführt worden wären.
Was dem ersten Leser des Korantextes zunächst auffällt, ist, dass in diesem Buch zahlreiche Themen behandelt werden: die Schöpfung, die Astronomie, Erläuterungen zu bestimmten Fragen über die Erde, die Tierwelt, die Pflanzenwelt, die menschliche Fortpflanzung und anderes. In all diesen Fragen habe ich in der Bibel zahlreiche falsche Angaben gefunden, im Koran jedoch keinen einzigen Fehler. Daher hielt ich inne und fragte mich: Wenn der Koran tatsächlich von einem Menschen verfasst worden sein sollte, wie konnte dieser dann im siebten Jahrhundert all diese Informationen niederschreiben, die wir heute als mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmend erkennen? Und es besteht überhaupt kein Anlass zu bezweifeln, dass der Korantext, der heute in unseren Händen liegt, aus genau jener Zeit stammt (in einem späteren Kapitel werde ich dies ausführlich darlegen). Welche Erklärung könnte der Mensch also für diese Tatsache geben? Ich glaube, dass es dafür keine Erklärung gibt und auch keine geben kann.
Dass ein Bewohner der Arabischen Halbinsel zur Zeit der Herrschaft des französischen Königs Dagobert (629–639) über wissenschaftliche Kenntnisse verfügte, die in manchen Bereichen selbst in unserem zwanzigsten Jahrhundert als mindestens tausend Jahre ihrer Zeit voraus angesehen werden, dafür kann es meines Erachtens aus menschlicher Vernunft und Überlegung keine stichhaltige Erklärung geben.
Der Koran wurde insgesamt etwa zwanzig Jahre lang vor und nach dem Beginn der Hidschra-Zeit (622 n. Chr.) offenbart. Heute gilt als erwiesene Tatsache, dass bis zu jener Zeit mehrere Jahrhunderte lang auf dem Gebiet des wissenschaftlichen Wissens kein Fortschritt erzielt worden war und dass erst nach Abschluss der Offenbarung des Korans eine Epoche islamischer Zivilisationstätigkeit begann, einschließlich wissenschaftlicher Forschung. Wer dies nicht weiß, äußert viele unmögliche und lächerliche Ansichten. Eine solche Ansicht habe ich selbst mehrmals gehört. Sie lautet etwa so: Wenn der Koran überhaupt erstaunliche Darstellungen wissenschaftlicher Art enthält, dann liegt der Grund dafür darin, dass die arabischen Wissenschaftler außerordentlich kundig und fortschrittlich waren und Muhammad (s. a. w.) von ihnen beeinflusst wurde. Jeder, der auch nur die geringste Kenntnis der Geschichte des Islam besitzt, wird verstehen, dass diese Bemerkung nicht nur lächerlich, sondern auch eine bloße Fantasie ist. Denn er weiß, dass das Mittelalter des kulturellen und wissenschaftlichen Fortschritts in der arabischen Welt erst nach Muhammad begann. Außerdem ist eine solche Bemerkung noch aus einem weiteren Grund widersinnig und unbegründet. Denn die wissenschaftlichen Angaben im Koran, ob sie nun angedeutet oder ausdrücklich und klar beschrieben werden, sind gerade durch die Forschungen der modernen Zeit bestätigt worden.
Aus diesem Grund haben die Korankommentatoren über Jahrhunderte hinweg, ja selbst die Kommentatoren aus jener glanzvollen Epoche der islamischen Kultur, bei der Auslegung mancher Verse zwangsläufig Fehler gemacht. Offensichtlich war es ihnen damals nicht möglich, die eigentliche Bedeutung zu erfassen. Erst viel später, annähernd in unserer Zeit, wurde es möglich, diese Verse richtig zu übersetzen und auszulegen. Mit anderen Worten: Um die Verse des Korans richtig zu verstehen, genügt allein die Kenntnis der Sprache nicht. Dazu ist auch ausreichendes Wissen über die verschiedenen Zweige der Wissenschaft erforderlich. Tatsächlich ist zum Verständnis des Korans Wissen über vielfältige Themen notwendig; in dieser Hinsicht könnte man eher sagen, dass man einen Wissensschatz wie eine Enzyklopädie zur Hand haben muss. Im weiteren Verlauf dieser Untersuchung werden wir bei der Prüfung verschiedener Themen feststellen, dass für das Erfassen der Bedeutung mancher Verse vielfältige wissenschaftliche Kenntnisse und Informationen unerlässlich sind.
Doch es ist nicht das Ziel des Korans, die Gesetzmäßigkeiten zu erklären, die das Weltall lenken und bestimmen. Sein eigentliches Ziel ist ausschließlich religiöser Natur. Gerade die Darlegung der Souveränität Allahs regt den Menschen dazu an, über das Geheimnis der Schöpfung nachzudenken. Im Zusammenhang mit dieser Darlegung werden für den Menschen wahrnehmbare Erscheinungen und verständliche Gesetzmäßigkeiten erwähnt. Denn Allah allein lenkt und bestimmt das Weltall, das den Menschen und die Natur umfasst. Ein Teil dieser Aussage mag wohl leicht verständlich sein, doch zum Erfassen des anderen Teils ist wissenschaftliches Wissen unerlässlich. Deshalb war es den Menschen früher bei manchen Versen nur möglich, die vordergründige Bedeutung anzunehmen; und da das Wissen, das sie vor einem falschen Schluss hätte bewahren können, damals noch nicht entdeckt war, konnten sie es nicht kennen.
Viele halten die Zahl der Verse, die wegen ihres wissenschaftlichen Inhalts untersucht werden müssen, für gering. Diejenigen, die sich vor mir diesem Thema zugewandt haben, haben dies vermutlich ebenfalls so gesehen. Ich selbst habe allerdings etwas weniger Verse ausgewählt als jene muslimischen Autoren. Ich habe jedoch einige Verse ausgewählt, die zuvor aus wissenschaftlicher Sicht nicht als besonders wichtig betrachtet worden waren – zumindest ist das meine eigene Einschätzung. Sollte ich versehentlich einen Vers ausgewählt haben, den frühere Autoren bereits ausgewählt hatten, hoffe ich, dass sie mir dies nicht übelnehmen. In manchen Büchern habe ich zwar wissenschaftliche Auslegungen des Korans gesehen, doch erschienen sie mir nicht ganz überzeugend. Mit offenem Geist und reinem Gewissen habe ich versucht, für diese Verse meine eigene Auslegung vorzulegen.
In gleicher Weise habe ich im Koran nach einem Thema gesucht, das für den Menschen zwar verständlich, aber durch moderne wissenschaftliche Erkenntnisse nicht bestätigt ist. Ich glaube, im Koran ein Thema gefunden zu haben, in dem vom Vorhandensein weiterer Planeten im Weltall, ähnlich unserer Erde, die Rede ist. Viele Wissenschaftler erkennen zwar die Möglichkeit eines solchen Sachverhalts an, doch liegen noch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse vor, die eine genaue Aussage erlauben würden. Zwar besteht weiterhin genügend Anlass zu Zweifeln, dennoch halte ich es für meine Pflicht, dieses Thema zu erwähnen.
Wäre dieses Buch vor dreißig Jahren geschrieben worden, hätte noch eine weitere vom Koran vorausgesagte Tatsache erwähnt werden müssen. Es handelt sich um eine astronomische Angelegenheit: die Eroberung des Weltraums durch den Menschen. Nach den ersten Versuchen mit Langstreckenraketen konnte der Mensch damals einigermaßen vorhersehen, dass ihm eines Tages Mittel und Geräte zur Verfügung stehen würden, mit denen er sich leibhaftig von der Erde aus in den Weltraum begeben und dort Forschungen durchführen könnte. Damals war ihm auch bekannt, dass in einem Koranvers vorhergesagt wird, dass der Mensch eines Tages den Weltraum erobern werde. Diese Vorhersage hat sich nun als wahr erwiesen.
In der gegenwärtigen Auseinandersetzung zwischen den Schriften und der Wissenschaft werden die Aussagen sowohl der Bibel als auch des Korans im Hinblick auf wissenschaftlich festgestellte Tatsachen geprüft. Dabei muss die wissenschaftliche Tatsache vollkommen zuverlässig und schlüssig nachgewiesen sein; jeglicher Raum für Zweifel muss ausgeschlossen sein. Diejenigen, die die Notwendigkeit wissenschaftlicher Hilfe zum Verständnis der Bedeutung der religiösen Schriften nicht anerkennen, meinen, die Wissenschaft könne keine stimmige und gültige Vorstellung entwickeln, anhand deren man sie mit religiösen Aussagen vergleichen könne; dies gelte gleichermaßen für die Bibel und den Koran. Doch wir haben bereits gesehen, dass die Aussagen der Bibel der Konfrontation mit wissenschaftlichen Tatsachen nicht standhalten, während die Aussagen des Korans mit ihnen genau übereinstimmen. Sie sagen, die Wissenschaft verändere sich fortwährend. Was heute als wahr anerkannt werde, könne nach einiger Zeit verworfen werden. Das mag stimmen; auch in dieser Hinsicht gibt es einiges zu sagen.
Theorien ändern sich, aber die Wahrheit ändert sich nicht. Im Vergleich mit den religiösen Schriften sprechen wir von der Wahrheit, nicht von Theorien. Eine Theorie ist lediglich eine Vermutung, die Wahrheit dagegen eine geprüfte und bewiesene Schlussfolgerung. Ziel einer Theorie ist es, ein Ereignis oder eine Erscheinung verständlich zu machen, die nicht ohne Weiteres verständlich ist. Wenn daher neue Informationen über dieses Ereignis oder diese Erscheinung entdeckt werden, kann die frühere Theorie korrigiert oder verworfen und durch eine neue Theorie ersetzt werden. Wenn die Wahrheit jedoch nach Prüfung und Untersuchung bewiesen und etabliert ist, verändert sie sich nicht mehr. Auch ihre Bestimmung wird einfacher als zuvor. Heute ist die Wahrheit bewiesen und etabliert, dass die Erde sich um die Sonne dreht und der Mond sich um die Erde dreht. Diese Wahrheit wird sich nicht mehr ändern; künftig könnten jedoch diese Umlaufbahnen noch genauer bestimmt werden.
Ein muslimischer Physiker machte mich auf einen Koranvers aufmerksam und sagte, dieser Vers enthalte eine Vorhersage des Konzepts der Antimaterie. Ich konnte ihm jedoch nicht zustimmen. Denn jede Theorie ist wandelbar, und die Theorie der Antimaterie ist noch immer umstritten. Dem Koranvers, in dem die Entstehung des Lebens aus Wasser beschrieben wird, sollte man jedoch große Aufmerksamkeit widmen. Vielleicht werden wir diese Aussage niemals praktisch beweisen können, doch gibt es viele Argumente zu ihren Gunsten. Bei sichtbaren Erscheinungen wie dem menschlichen Embryo wird man dagegen vollkommene Übereinstimmung und Harmonie feststellen, wenn man die im Koran beschriebenen verschiedenen Entwicklungsstadien mit den Erkenntnissen der modernen Embryologie vergleicht.
Diese Auseinandersetzung des Korans mit der Wissenschaft wurde außerdem auf der Grundlage zweier weiterer Vergleiche durchgeführt. Zunächst wurden die im Vergleich mit der Wissenschaft in der Bibel dargelegten Informationen verglichen; der zweite Vergleich erfolgte zwischen den Informationen des Koran, der Offenbarungsschrift, und den Informationen der Hadithe über die Worte und Taten Muhammads.
Im letzten Teil dieser Erörterung werden die Ergebnisse eines Vergleichs zwischen den biblischen und den koranischen Darstellungen eines bestimmten Ereignisses vorgelegt. Es wird auch gezeigt, wie sich diese beiden Darstellungen bei wissenschaftlicher Prüfung und Kritik bewährt haben. Beispielsweise wurden die Themen der Erschaffung der Welt und der großen Flut untersucht, und die Widersprüche zwischen der biblischen Darstellung und den wissenschaftlichen Erkenntnissen wurden aufgezeigt. Ebenso wurde die vollständige Übereinstimmung der koranischen Darstellung desselben Themas mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen dargestellt. So können wir in der heutigen Zeit richtig erkennen, welche Darstellung eines Buches annehmbar und welche nicht annehmbar ist.
Diese Angelegenheit ist besonders wichtig; denn im Westen behaupten Juden, Christen und Atheisten gemeinsam und ohne jeden Beweis, Muhammad habe den Koran selbst nach dem Vorbild der Bibel verfasst oder ihn von jemandem verfassen lassen. Sie behaupten außerdem, die im Koran enthaltenen Geschichten aus der Religionsgeschichte seien lediglich Wiederholungen der biblischen Geschichten. Eine solche Behauptung zeugt von äußerster Dummheit. Es wäre von genau derselben Dummheit, zu behaupten, Jesus habe sich bei der Verkündung seiner Religion vom Alten Testament inspirieren lassen und dadurch seine Zeitgenossen getäuscht; obwohl wir bereits gesehen haben, dass das Matthäusevangelium vollständig in der Tradition des Alten Testaments verfasst wurde. Kann aber irgendein Religionsgelehrter sich vorstellen, Jesus deshalb seinen Rang als Prophet Allahs abzusprechen? Im Westen wird Muhammad jedoch genau auf diese Weise beurteilt. Es heißt: „Er hat nichts anderes getan, als die Bibel zu kopieren.“ Diese Bemerkung kann bestenfalls als ein dilettantisches Urteil bezeichnet werden. Denn diejenigen, die sie äußern, dringen nicht zu der Tatsache vor, dass die Bibel und der Koran dasselbe Ereignis auf unterschiedliche Weise darstellen; daher kann von einer Kopie überhaupt keine Rede sein. Sie wollen diesen Unterschied allerdings nicht erörtern und nehmen an, beide Bücher enthielten Darstellungen derselben Art. Folglich sehen sie keine Notwendigkeit, die Aussagen der Wissenschaft gegenüberzustellen. Bei der Erörterung der Erschaffung der Welt und der großen Flut werden wir dieses Thema noch eingehender beleuchten.
Das Verhältnis Jesu zum Evangelium ist genau dasselbe wie das Verhältnis Muhammads (s.) zu den Hadithen. In beiden Fällen handelt es sich lediglich um Berichte über die Worte und Taten der beiden Propheten. In beiden Fällen waren die Verfasser keine Augenzeugen. Im Falle der Hadithe gab es allerdings auch zahlreiche Verfasser, die Augenzeugen waren. Doch auch diejenigen, die die Hadithe lange nach Muhammads (s.) Lebenszeit sammelten, gelten als äußerst zuverlässig. Weder die Hadithe noch die Evangelien sind Offenbarungsschriften. Sie sind nicht Allahs Wort, sondern lediglich die Aussagen der Propheten. In diesen weithin gelesenen Schriften finden sich einige Berichte, die aus wissenschaftlicher Sicht, insbesondere als Heilmittel gegen Krankheiten, falsch sind. Religiöse Fragen haben wir von unserer Betrachtung ausgeschlossen, weil wir dieses Problem im Zusammenhang mit den Hadithen in diesem Buch nicht erörtert haben. An der Echtheit und Zuverlässigkeit vieler Hadithe bestehen Zweifel, und muslimische Gelehrte haben dies selbst erörtert. In diesem Buch wurden wissenschaftliche Inhalte mancher Hadithe erwähnt, weil es im Koran keine wissenschaftliche Darstellung gibt, die für Fachleute unannehmbar wäre. Der Unterschied zwischen den Hadithen und ihm, wie wir sehen werden, ist höchst erstaunlich.
Gegenüber dem Argument derjenigen, die behaupten, Muhammad (s.) sei der Verfasser des Korans, kann keine ihrer Aussagen mehr als überzeugend gelten. Wie könnte ein Analphabet im Hinblick auf die literarische Qualität der bedeutendste Verfasser der gesamten arabischen Literatur sein? Und wie konnte er in jener Zeit wissenschaftliche Wahrheiten verkünden, die damals kein anderer Mensch überhaupt hätte entdecken können – und zwar ohne einen einzigen Fehler?
Die verschiedenen Gedankengänge dieses Buches wurden aus rein wissenschaftlicher Sicht entwickelt. Daraus hat sich die Schlussfolgerung ergeben, dass man sich nicht einmal vorstellen kann, ein Mensch des siebten Jahrhunderts habe im Koran über verschiedene Themen Darstellungen gegeben, die nicht seiner eigenen Zeit entsprachen und deren Richtigkeit erst mehrere Jahrhunderte später erkannt wurde. Deshalb bin ich zumindest der Ansicht, dass es keine menschliche Erklärung des Korans geben kann.
Die Ursprünglichkeit des Korans – wie er niedergeschrieben wurde
Da es keine Meinungsverschiedenheit über die Ursprünglichkeit des Korans gibt, nimmt dieses Buch unter den verschiedenen Offenbarungsschriften eine einzigartige Sonderstellung ein. Diese Eigenschaft besitzen weder das Neue Testament noch das Alte Testament. Wie diese beiden Schriften durch fortwährende Veränderungen ihre heutige Form erhalten haben, haben wir in den ersten beiden Kapiteln dargelegt. Im Falle des Korans ist jedoch nichts Derartiges geschehen, denn der Koran wurde bereits zu Muhammads (s.) Lebzeiten niedergeschrieben. Wie er niedergeschrieben wurde, das heißt, wie dieser Vorgang ablief, werden wir gleich schildern.
In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass der Unterschied zwischen dem Koran und der Bibel keineswegs grundsätzlich mit der Frage des Zeitpunkts ihrer Offenbarung zusammenhängt. Manche stellen zwar eine solche Frage, berücksichtigen jedoch nicht die damaligen Umstände und Verhältnisse, unter denen die jüdisch-christlichen Schriften und der Koran niedergeschrieben wurden. Sie sagen, ein Buch aus dem siebten Jahrhundert habe größere Chancen, ohne Veränderungen bis in unsere Zeit überliefert zu werden, als ein fünfzehn Jahrhunderte altes Buch. Das ist richtig, reicht aber als Erklärung nicht aus. Diese Aussage wird lediglich als Entschuldigung für die Veränderungen in den jüdisch-christlichen Schriften vorgebracht; sie enthält jedoch keine Anerkennung der Tatsache, dass überhaupt keine Gefahr einer Veränderung des Korantextes durch Menschen bestand.
Da im Falle des Alten Testaments viele Verfasser dieselbe Geschichte erzählt haben und einige Schriften seit vorchristlicher Zeit mehrfach überarbeitet wurden, kam es zwangsläufig zu Fehlern und Widersprüchen. Was das Neue Testament, also die Evangelien, betrifft, kann niemand behaupten, dass in diesem Buch die Worte Jesu oder die Berichte über seine Taten korrekt und wirklichkeitsgetreu niedergeschrieben sind. Außerdem haben wir bereits gesehen, dass keine der zu verschiedenen Zeiten nacheinander angefertigten Textfassungen ursprünglich war und dass keiner ihrer Verfasser ein Augenzeuge war.
In diesem Zusammenhang ist es notwendig, den Unterschied zwischen Koran und Hadithen richtig zu verstehen. Der Koran ist eine schriftliche Offenbarungsschrift, während die Hadithe eine Sammlung von Berichten über die Worte und Taten Muhammads (s.) sind. Unmittelbar nach dem Tod des Propheten begannen einige seiner Gefährten, diese Berichte aufzuschreiben. Weitere Berichte wurden jedoch auch später niedergeschrieben. [Natürlich wurden einige Berichte bereits zu Lebzeiten des Propheten von ihm selbst und auch von seinen Gefährten niedergeschrieben.] Bei mündlicher Überlieferung oder Erinnerung sind Fehler für jeden Menschen ganz natürlich. Deshalb wurden alle Werke dieser Art erst nach strenger Kritik und eingehender Prüfung angenommen. Wie bei den biblischen Berichten kann auch die Echtheit der verschiedenen Hadithe unterschiedlich zuverlässig sein. Dennoch ist bemerkenswert, dass kein biblischer Bericht zu Lebzeiten Jesu niedergeschrieben wurde, sondern erst viel später. Auch die Hadithe wurden nicht zu Muhammads (s.) Lebzeiten gesammelt; mit ihrer Sammlung wurde jedoch unmittelbar nach seinem Tod begonnen.
Im Falle des Korans war die Situation jedoch völlig anders. Sobald eine Offenbarung herabgesandt worden war, prägten der Prophet und seine Gefährten sie sich ein, und seine Anhänger sowie die von ihm eingesetzten Schreiber schrieben sie nieder. Somit begann der Koran mit zwei charakteristischen Merkmalen – dem Auswendiglernen und dem Niederschreiben –, und beide sind Belege für seine Authentizität. Im Falle der Bibel gibt es weder solche Merkmale noch Belege für ihre Authentizität. Dieser Prozess des Auswendiglernens und Niederschreibens des Korans dauerte bis zum Tod Muhammads (s.). In jener Zeit, in der viele Menschen weder lesen noch schreiben konnten, während alle auswendig lernen und rezitieren konnten, bestand der seltene Vorteil darin, dass man die Offenbarung beim Zusammentragen in schriftlicher Form mit den Rezitationen mehrerer Menschen vergleichen konnte.
Die Offenbarung des Korans wurde Muhammad (s.) durch den Engel Gabriel herabgesandt. Diese Herabsendung dauerte mehr als zwanzig Jahre an. Zuerst wurden einige Verse der 96. Sure (al-ʿAlaq) herabgesandt, danach erfolgte drei Jahre lang keine weitere Offenbarung. Nach drei Jahren begann die Offenbarung erneut und dauerte bis zum Tod des Propheten im Jahr 632 n. Chr. insgesamt zwanzig Jahre lang an. Die ersten zehn Jahre dieser zwanzig Jahre lagen vor der Hidschra (dem Wegzug Muhammads (s.) von Mekka nach Medina im Jahr 622 n. Chr.), die folgenden zehn Jahre danach.
Die erste Offenbarung lautete wie folgt (Sure 96, al-ʿAlaq, Verse 1–5):
„Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat – den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen hat.
Lies! Dein Herr ist der Höchstgeehrte, der durch den Stift gelehrt hat – den Menschen gelehrt hat, was er nicht wusste.“
Von dieser Offenbarung war Muhammad (s.) völlig überwältigt. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass er weder schreiben noch lesen konnte, werden wir diese Offenbarung später erläutern.
Professor Hamidullah erwähnt im Vorwort zu seiner französischen Übersetzung des Korans, dass ein Thema dieser ersten Offenbarung „das Lob des Stifts als Mittel menschlichen Wissens“ sei und dass „der Prophet sich deshalb darum bemühte, den Koran in schriftlicher Form zu bewahren“.
Aus dem Wortlaut des Korans selbst lässt sich offiziell nachweisen, dass die bis dahin herabgesandten Offenbarungen bereits vor der Hidschra Muhammads (s.) von Mekka nach Medina niedergeschrieben worden waren. Dass der Koran in dieser Hinsicht tatsächlich authentisch ist, werden wir sogleich erkennen können. Denn in einer späteren Offenbarung wird erwähnt, dass die frühen Offenbarungen bereits niedergeschrieben worden waren. Wir wissen, dass Muhammad (s.) und seine Gefährten daran gewöhnt waren, den Wortlaut der Offenbarung auswendig, also aus dem Gedächtnis, zu rezitieren. Wenn daher in einer späteren Offenbarung erwähnt wird, dass eine frühere Offenbarung niedergeschrieben worden war, war es sehr leicht, die Wahrheit dieser Aussage zu überprüfen. Man hätte lediglich diejenigen fragen müssen, die mit dem Niederschreiben des Korans beauftragt waren, und dadurch wäre dieser Beweis erbracht worden.
Dass die bis zu jener Zeit offenbarten Offenbarungen bereits vor der Hidschra niedergeschrieben worden waren, wird in vier Suren aus jener Zeit erwähnt.
– Sure Abasa (80:11–16): „Dieses Verhalten ist unangemessen; dies ist eine Ermahnung. Wer will, wird ihrer gedenken. Sie befindet sich in einer erhabenen, hochgeehrten, reinen Schrift, niedergeschrieben von den Händen edler, untadeliger Schreiber.“
Allama Yusuf Ali sagte im Kommentar zu seiner 1934 veröffentlichten Übersetzung des Korans, dass zu der Zeit, als diese Sure offenbart wurde, zweiundvierzig oder fünfundvierzig Suren (von insgesamt 114 Suren) niedergeschrieben worden waren und die Muslime sie in Mekka aufbewahrten.
– Sure Burudsch (85:21–22): „Wahrlich, dies ist ein ehrenvoller Koran, niedergeschrieben auf einer wohlverwahrten Tafel.“ – Sure Waqia (56:77–80): Wahrlich, dies ist ein ehrenvoller Koran, der sich befindet
in einer geschützten Schrift; niemand außer den Reinen darf ihn berühren. Dies ist eine Offenbarung vom Herrn der Welten.“
– Sure Furqan (25:5): „Sie sagen: ‚Dies sind doch nur die Geschichten der Früheren, die er sich niederschreiben ließ; sie werden ihm morgens und abends vorgetragen.‘“
Hier wird der Vorwurf der Feinde des Propheten erwähnt. Sie hielten ihn für einen Betrüger. Sie verbreiteten das Gerücht, dass ihm alte Geschichten vorgetragen würden und er sie niederschreiben lasse. Somit zeigt sich, dass auch die Feinde Muhammads erwähnten, dass schriftliche Dokumente angefertigt wurden.
In einer nach der Hidschra offenbarten Sure wird zum letzten Mal auf die schriftlich niedergelegten himmlischen Ermahnungen hingewiesen.
– Sure al-Bayyina (98:2–3): „Ein Gesandter von Allah, der ein Buch verliest, in dem klare Vorschriften enthalten sind.“
Somit findet sich bereits im Koran selbst der Beweis, dass der Koran schon zu Lebzeiten des Propheten niedergeschrieben worden war. Es ist allgemein bekannt, dass es unter seinen Anhängern mehrere Kātib, also Schreiber, gab; unter ihnen ist der Name Zaid ibn Thābit am bekanntesten.
Professor Hamidullah hat in der Einleitung zu seiner französischen Koranübersetzung (1971) über den Tod des Propheten
bis zu diesem Zeitpunkt eine anschauliche Darstellung der Verhältnisse gegeben, unter denen der Korantext niedergeschrieben wurde. Er sagte: „Alle Fachleute sind sich darin einig, dass der Prophet Muhammad (s.) jedes Mal, wenn eine Offenbarung herabgesandt wurde, einen seiner lese- und schreibkundigen Gefährten zu sich rief und sie niederschreiben ließ; zugleich wies er ihn an, an welcher Stelle diese neue Offenbarung in die Folge der zuvor herabgesandten Offenbarungen einzufügen sei. … Nachdem der Text niedergeschrieben war, ließ er ihn sich vom Schreiber vorlesen und korrigierte etwaige Fehler in der Niederschrift. … Einer anderen Überlieferung zufolge trug der Prophet in jedem Jahr während des Monats Ramadan dem Engel Gabriel die bis dahin herabgesandten Offenbarungen vollständig vor … Im Ramadan vor seinem Tod ließ Gabriel ihn den gesamten Koran zweimal vortragen. … Es ist allgemein bekannt, dass die Muslime neben der täglichen Koranrezitation in den fünf Gebeten bereits seit der Zeit Muhammads (s.) daran gewöhnt sind, im Monat Ramadan den gesamten Koran mit besonderer Sorgfalt zu lesen. Einige Fachleute haben darauf hingewiesen, dass Zaid, der Schreiber Muhammads (s.), bei der endgültigen Zusammenstellung des Offenbarungstextes persönlich anwesend war. Andernorts wird erwähnt, dass auch zahlreiche weitere angesehene Personen anwesend waren.“
Zunächst wurde der Koran auf verschiedensten Materialien niedergeschrieben. Man verwendete Leder, Holztafeln, die Schulterknochen von Kamelen, Steine und allerlei andere Materialien. Zugleich forderte Muhammad (s.) seine Gefährten auf, den Koran auswendig zu lernen, und sie taten dies. So lernten damals viele den gesamten Koran auswendig, wurden als Hafiz bekannt und verbreiteten die Botschaft des Korans in verschiedenen Ländern. Auf diese Weise erwies sich die Bewahrung des Korans in schriftlicher und auswendig gelernter Form im Laufe der Zeit als äußerst wertvoll und bedeutsam.
Kurz nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.) im Jahr 632 n. Chr. bat Abu Bakr, der erste Kalif des Islam, Zaid ibn Thābit, den ehemaligen leitenden Schreiber des Propheten, darum, eine vollständige Abschrift des Korans anzufertigen. Unter der Aufsicht Umars, des späteren zweiten Kalifen, begann Zaid in Medina mit der Sammlung der Belege. Er trug die auf verschiedenen Materialien niedergeschriebenen Korantexte zusammen, die sich bei unterschiedlichen Menschen befanden, beriet sich mit den Hafiz und verglich sie mit den auswendig bewahrten Fassungen; so stellte er eine vollständige Abschrift her. Auf diese Weise entstand eine fehlerfreie und vollkommen zuverlässige Zusammenstellung.
Fachleuten zufolge ließ Kalif Umar, der nach Abu Bakr im Jahr 634 Kalif wurde, später einen einzigen vollständigen Band des gesamten Korans anfertigen und bewahrte ihn auf. Vor seinem Tod übergab er diesen Band seiner Tochter Hafsa, der Witwe des Propheten.
Der dritte Kalif, Uthman, war von 644 bis 655 n. Chr. an der Macht. Um die Zusammenstellung weiter zu verbessern und zu vereinheitlichen, bildete er eine Kommission aus Fachleuten. Diese Kommission nahm ihre Arbeit auf der Grundlage der unter Abu Bakr angefertigten und damals von Hafsa verwahrten Zusammenstellung auf. Sie hörte sich die auswendig bewahrten Fassungen der Hafiz an und nahm ihre Aussagen zu Protokoll. Auf diese Weise führten sie eingehende Prüfungen und Untersuchungen durch, um sich von der Echtheit mehrerer Textstellen zu überzeugen. Dabei wurde äußerste Vorsicht walten gelassen; selbst in den geringsten Zweifelsfällen wurde keine Textstelle als echt und fehlerfrei anerkannt, bevor nicht die Aussagen aller Zeugen übereinstimmten. Es ist allgemein bekannt, dass in einigen Koranversen bestimmte Anweisungen durch andere Verse geändert worden sind. Bedenkt man, dass sich die prophetische Sendung Muhammads (s.) über mehr als zwanzig Jahre erstreckte, lässt sich dieser Umstand leicht erklären. Die Kommission vollendete ihre Arbeit, indem sie genau die Reihenfolge befolgte, in der der Prophet Muhammad (s.) den gesamten Koran während des Monats Ramadan rezitierte, und die Suren entsprechend dieser Reihenfolge anordnete.
Während der Amtszeit der ersten drei Kalifen, insbesondere unter ʿUthmān, könnte sich mancher fragen, warum die Sammlung und Zusammenstellung des Korans notwendig wurde. Die Antwort auf diese Frage ist jedoch sehr einfach. In den ersten Jahrzehnten nach dem Tod des Propheten breitete sich der Islam rasch aus, und die Völker, unter denen diese Ausbreitung stattfand, hatten nicht Arabisch als Muttersprache. Daher musste vor einer Übersetzung in andere Sprachen sichergestellt werden, dass der Wortlaut in der ursprünglichen Sprache rein und unverfälscht blieb. Dies war Zweck und Ziel der Kommission ʿUthmāns.
Kalif ʿUthmān sandte die auf diese Weise zusammengestellten Korankopien an verschiedene Zentren des islamischen Staates; deshalb sagte Professor Hamidullah, dass sich dieser Koran der ʿUthmānischen Zusammenstellung noch heute in den alten Sammlungen von Taschkent und Istanbul finden lasse. Die ältesten Koranexemplare, die gegenwärtig an verschiedenen Orten der islamischen Welt gefunden werden, sind – abgesehen von ein oder zwei geringfügigen Abschreibfehlern – alle gleich. Dasselbe gilt für die an verschiedenen Orten Europas aufbewahrten Koranexemplare. (Das im Pariser Bibliothèque Nationale aufbewahrte Fragment eines alten Korans wird von Fachleuten in das christliche achte oder neunte Jahrhundert, also in die Zeit des zweiten oder dritten islamischen Jahrhunderts, datiert.) Jedenfalls besteht die entscheidende Tatsache darin, dass alle bisher gefundenen Exemplare des alten Korans gleichartig sind. In manchen Fällen mag es geringfügige Unterschiede geben, doch die allgemeine Bedeutung seines Wortlauts verändert sich dadurch überhaupt nicht. Wenn ein Zusammenhang mehrere Auslegungsmöglichkeiten zuzulassen scheint, könnte dies vermutlich daran liegen, dass die Schreibweise des Korans einfacher ist als die Schreibweise der Gegenwart. So kann beispielsweise ein Verb mangels der die Aussprache anzeigenden Zeichen (Kasra, Fatha, Damma und Ähnliches) sowohl transitiv als auch intransitiv verstanden werden; ein grammatisches Geschlecht kann sowohl als Maskulinum als auch als Femininum verstanden werden. Da die Bedeutung jedoch aus dem Satzzusammenhang klar hervorgeht, stellt diese Schwierigkeit in Wirklichkeit überhaupt keine Schwierigkeit dar.
Die 114 Suren des Korans sind ihrer Länge nach geordnet, wobei auf die längeren Suren die kürzeren folgen; von dieser Regel gibt es jedoch auch Ausnahmen. Obwohl in den meisten Fällen die Reihenfolge der Offenbarung gewahrt ist, gilt dies nicht überall. Viele Darstellungen desselben Themas finden sich an verschiedenen Stellen des Wortlauts; dadurch entsteht der Eindruck von Wiederholungen. Häufig wird ein Thema in einem Abschnitt ausführlich dargestellt, während es in einem anderen Abschnitt unvollständig beschrieben ist. Wie viele der im Koran behandelten Themen sind auch verschiedene Informationen über die moderne Wissenschaft über das gesamte Buch verstreut. Eine systematische Einteilung gibt es nicht.
Die Erschaffung der Himmel und der Erde
Ähnlichkeiten und Unterschiede zur Darstellung in der Bibel
Während das Alte Testament an einer einzigen Stelle eine lange, zusammenhängende Darstellung der Erschaffung der Welt enthält, gibt es im Koran keine solche Einzeldarstellung. Anstelle einer einzigen fortlaufenden Darstellung finden sich an verschiedenen Stellen des Korans viele Abschnitte, in denen bestimmte Aspekte der Schöpfung beleuchtet und vielfältige Informationen über die späteren Ereignisse in der Entwicklung der Schöpfung gegeben werden. Diese Informationen sind teils ausführlich, teils knapp. Um eine klare Vorstellung davon zu gewinnen, wie jene Ereignisse dargestellt werden, müssen Verse aus zahlreichen Suren gesammelt und zusammengeführt werden.
Dieser Zustand besteht jedoch nicht nur im Hinblick auf die Erschaffung der Welt. Im Koran gibt es viele wichtige Themen, zu denen verschiedene Informationen und Zusammenhänge an unterschiedlichen Stellen dargelegt werden. Als Beispiele seien verschiedene Fragen bezüglich der Erde oder der Himmel sowie unterschiedliche Themen im Zusammenhang mit der Menschheit genannt, für die Wissenschaftler Interesse oder Neugier empfinden könnten. Bei jedem dieser Themen wurde mit erheblichem Aufwand versucht, die entsprechenden Verse zusammenzutragen.
Viele europäische Kommentatoren sind der Ansicht, dass die Darstellungen der Schöpfung im Koran und in der Bibel gleicher Art seien, und erwähnen diese beiden Darstellungen deshalb nebeneinander. Ich aber bin der Meinung, dass diese Auffassung völlig falsch ist. Denn zwischen den beiden Darstellungen bestehen offensichtlich viele Unterschiede. Im Koran finden sich Darstellungen zu vielen Themen, die aus wissenschaftlicher Sicht keineswegs belanglos sind; doch für viele Themen, die aus der Bibel keineswegs belanglos sind, gibt es im Koran Darstellungen, während die Bibel dafür keinerlei Entsprechung besitzt. Umgekehrt enthält auch die Bibel Darstellungen, denen im Koran nichts Entsprechendes gegenübersteht.
Die offensichtliche Ähnlichkeit der beiden Texte ist allgemein bekannt. Auf den ersten Blick zeigt sich in dieser Ähnlichkeit, dass in beiden Fällen gesagt wird, das Schöpfungswerk sei in sechs Phasen vollendet worden. In der Bibel ist von sechs Tagen die Rede, und auch im Koran wird von sechs Tagen gesprochen. Doch in Wirklichkeit ist die Sache nicht so einfach, sondern ziemlich kompliziert; daher muss sie etwas näher untersucht werden.
Die sechs Zeiträume der Schöpfung
Nach der biblischen Darstellung wurde die Schöpfung in sechs Tagen vollendet, und der siebte Tag war der Sabbat, also der Ruhetag. Diese sieben Tage entsprechen den sieben Tagen der Woche. Diese biblische Darstellung enthält keinerlei Unklarheit. Die hier angeführte Darstellung entstammt der priesterschriftlichen Fassung der Bibel, die bereits zuvor besprochen wurde. Die Darstellung der jahwistischen Fassung ist inzwischen auf wenige Zeilen gekürzt worden. Daher ist sie in diesem Zusammenhang überhaupt nicht von Bedeutung. Da die Priester des sechsten Jahrhunderts v. Chr. dieser Darstellung folgten, wurden die einfachen Menschen zur Einhaltung des Sabbats ermutigt. So wie Gott nach sechs Tagen Arbeit am siebten Tag ruhte, wurde auch von den Juden erwartet, am Sabbattag zu ruhen (das hebräische Wort Sabbat bedeutet Ruhe).
So wie es in der Bibel erklärt wird, bedeutet „Tag“ die Zeit zwischen zwei Sonnenaufgängen oder zwei Sonnenuntergängen, wie sie ein Mensch, der auf der Erde lebt, versteht. Wenn „Tag“ in diesem Sinne gemeint ist, woher kam dann dieser „Tag“, als die Erde noch nicht erschaffen war, die Sonne noch nicht erschaffen war und es noch keine Möglichkeit gab, dass sich die Erde um sich selbst oder um die Sonne drehte? Wie konnte man die Tage überhaupt berechnen? Angesichts von Logik und Folgerichtigkeit kann die biblische Darstellung daher keineswegs als annehmbar gelten. Gleich am Anfang dieses Buches
wurde diese Unwahrscheinlichkeit erörtert.
Vergleicht man die meisten Übersetzungen des Korans miteinander, so zeigt sich, dass auch im Koran, ebenso wie in der Bibel, von einer Vollendung der Schöpfung in sechs Tagen gesprochen wird. Den Übersetzern kann man wohl kaum einen großen Vorwurf machen, weil sie die ganz gewöhnliche Bedeutung des betreffenden arabischen Wortes zugrunde gelegt haben. Der 54. Vers der 7. Sure des Korans (al-Aʿrāf) wird gewöhnlich folgendermaßen übersetzt:
„Euer Herr ist Allah, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat.“
Nur in sehr wenigen Übersetzungen und Kommentaren des Korans findet sich der Hinweis, dass mit „Tag“ eigentlich ein „Zeitraum“ gemeint ist. Andererseits wird auch gesagt, dass im Koran deshalb von „Tagen“ die Rede sei, um einen direkten Konflikt mit dem damals unter Juden und Christen weit verbreiteten Glauben zu vermeiden.
Ohne diese Sichtweise zu verwerfen, können wir vielleicht im Koran selbst nach einer Lösung des Problems suchen und, allgemeiner ausgedrückt, die Bedeutung und Tragweite des Wortes in der damals gebräuchlichen Sprache untersuchen. Das Wort, das viele Übersetzer mit „Tag“ übersetzt haben und noch immer übersetzen, lautet im Arabischen „Yaum“, im Plural „Ayyam“.
Die gewöhnliche allgemeine Bedeutung des Wortes ist „Tag“. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass es in diesem Sinne eher den Zeitraum vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang eines Tages bezeichnet als den Zeitraum vom Sonnenuntergang eines Tages bis zum Sonnenuntergang des folgenden Tages. Das Wort „Ayyam“ im Plural bedeutet nicht nur „Tage“, sondern auch einen „sehr langen Zeitraum“. Es bezeichnet zwar eine unbestimmte Zeitspanne, meint jedoch stets eine lange Dauer. Dass im Wort die Bedeutung einer „Zeitspanne“ liegt, zeigt sich auch an anderer Stelle im Koran. Siehe dazu Vers 5 der 32. Sure (As-Sadschda):
„… an einem Tag (Yaum), dessen Dauer nach eurer Berechnung tausend Jahren entspricht.“
Bemerkenswert ist, dass bereits im unmittelbar vorausgehenden Vers erwähnt wird, dass die Schöpfung in sechs Zeitspannen vollendet wurde.
Siehe ferner Vers 4 der 70. Sure (Al-Ma’aridsch):
„… an einem Tag (Yaum), der fünfzigtausend irdischen Jahren entspricht.“ Dass „Yaum“ eine völlig andere Zeitspanne bezeichnet als das, was mit „Tag“ gemeint ist, hatten die frühen Kommentatoren bereits erkannt; doch verfügten sie nicht über das Wissen, das wir heute über die Dauer der verschiedenen Entwicklungsstadien bei der Entstehung des Weltalls besitzen. So ist beispielsweise anzunehmen, dass Abu as-Su’ud im 16. Jahrhundert nicht über das astronomische Wissen verfügen konnte, das erforderlich ist, um zu verstehen, was ein Tag auf Grundlage der Bewegung der Erde bedeutet; dennoch war er der Ansicht, dass die Zeit der Schöpfung in verschiedene Zeitspannen unterteilt gewesen sei, dass es sich dabei jedoch nicht um Zeitspannen im gewöhnlichen Sinne des Wortes „Tag“ gehandelt habe. Vielmehr sei die Schöpfungszeit in verschiedene „Ereignisse“ (auf Arabisch Nawba) unterteilt gewesen.
Auch die modernen Kommentatoren vertreten diese Auffassung. Bei der Auslegung jedes Verses, der sich auf die verschiedenen Stadien der Schöpfung bezieht, betonte Yusuf Ali in seinem Kommentar (1934) nachdrücklich, dass es nicht richtig sei, die Bedeutung des Wortes „Yaum“ mit „Tag“ wiederzugeben; seine eigentliche Bedeutung sei „ein sehr langer Zeitraum oder Zeitalter um Zeitalter, ja sogar ein Zeitraum von Jahrhunderten und Jahrtausenden“.
Daher kann gesagt werden, dass der Koran für den Schöpfungsvorgang den Ablauf von sechs sehr langen Zeitspannen angibt. Auch wenn der moderne, wissenschaftlich gebildete Mensch nicht feststellen kann, welche sechs Stadien im komplexen Prozess der Entstehung und Bildung des Weltalls durchlaufen wurden, steht doch mit Sicherheit fest, dass in diesem Prozess mehrere äußerst lange Zeitspannen vergingen; es wäre daher lächerlich, diese Zeitspannen im Sinne dessen zu bemessen, was wir gewöhnlich unter „Tag“ verstehen.
In einem der längsten Abschnitte des Korans wird bei der Darstellung der Schöpfung neben mehreren Ereignissen, die die Erde betreffen, auch ein Ereignis erwähnt, das den Himmel betrifft. In Sure 41 (Hā-Mīm as-Sadschda), in den Versen 9–12, heißt es: (Allah sagte zum Gesandten:)
„Sprich: Wollt ihr wirklich den verleugnen, der die Erde in zwei Tagen erschaffen hat, und Ihm seinesgleichen zur Seite stellen? Er ist doch der Herr der Welten.“
„Er setzte auf ihr fest verankerte Berge und legte Segen auf sie; und innerhalb von vier Tagen bestimmte Er darin die Nahrung, gleichmäßig für alle, die danach suchen. Danach wandte Er sich dem Himmel zu, der eine Art Rauchmasse war. Dann sagte Er zu ihm und zur Erde: ,Kommt beide, freiwillig oder widerwillig, um meinem Befehl zu gehorchen.‘ Sie sagten: ,Wir kommen gehorsam.‘“
Danach formte Er den Himmel in zwei Tagen zu sieben Himmeln und offenbarte jedem Himmel seine Bestimmung. Den untersten Himmel schmückte Er mit Leuchten und machte ihn geschützt. Dies ist die wohlgeordnete Schöpfung Allahs, des Allmächtigen, des Allwissenden.“
Die in diesen vier Versen erwähnten Dinge müssen ausführlich erörtert werden. Besonders die ursprüngliche gasförmige Beschaffenheit der Himmelskörper und die symbolische Bedeutung der Zahl sieben für die Himmel verdienen eine eingehende Untersuchung. Wir werden die innere Bedeutung und Tragweite dieser Zahl erkennen können. Auch das Gespräch Allahs mit dem Himmel und der Erde ist symbolischer Art.
Hier wird jedoch lediglich zum Ausdruck gebracht, dass der Himmel und die Erde sich nach ihrer Entstehung Allahs Befehl unterwarfen.
Die Kritiker haben hier allerdings einen Widerspruch zu den sechs Zeitabschnitten der Schöpfung gesehen. Sie sagen, dass die zwei Zeitabschnitte für die Erschaffung der Erde, die vier Zeitabschnitte für die Verteilung der Nahrung unter ihren Bewohnern und die zwei Zeitabschnitte für die Erschaffung der Himmel insgesamt acht Zeitabschnitte ergeben. Somit entsteht ein deutlicher Widerspruch zu den zuvor erwähnten sechs Zeitabschnitten
von denen zuvor gesprochen wurde.
Doch diese Passage regt den Menschen dazu an, Allahs Souveränität zu erkennen, und ist eigentlich in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil ist von der Erde und im zweiten vom Himmel die Rede. Diese beiden Teile werden durch das arabische Wort „thumma“ miteinander verbunden. Das Wort kann „auch“, „darüber hinaus“ oder „dann“ bedeuten. Es kann somit entweder die Reihenfolge der beschriebenen Ereignisse oder die Reihenfolge im Verständnis des Menschen anzeigen. Ebenso kann es sich lediglich um eine Beschreibung von Ereignissen handeln, ohne irgendeine Vorstellung einer Reihenfolge vermitteln zu wollen. Wie dem auch sei, dies lässt sich ohne Weiteres mit den zwei Zeitabschnitten der Erschaffung des Himmels vereinbaren. Wie der Vorgang der Welterschaffung im Koran dargestellt wird, werden wir wenig später sehen; durch Untersuchung und Vergleich werden wir ferner feststellen, dass dieser Vorgang gleichermaßen auf die Erschaffung des Himmels und der Erde anwendbar ist und mit der modernen Wissenschaft übereinstimmt. Erst dann werden wir richtig erfassen können, wie logisch die Vorstellung ist, dass die in diesen vier Versen beschriebenen Ereignisse gleichzeitig stattfanden.
Somit besteht keinerlei Widerspruch zwischen der hier angeführten Darstellung und der an anderer Stelle im Koran erwähnten Erschaffung der Welt in sechs Zeitabschnitten.
Im Koran wird keine Reihenfolge der Erschaffung der Erde und des Himmels angegeben
In den beiden oben angeführten Suren des Korans wird die Schöpfung thematisiert. In Vers 54 der Sure al-A’raf wird von der Erschaffung des Himmels und der Erde gesprochen, während in den Versen 9–12 der Sure Fussilat von der Erschaffung der Erde sowie des Himmels und der Erde gesprochen wird. Daraus ist ersichtlich, dass der Koran keine Reihenfolge angibt, welches von beiden, Himmel oder Erde, zuerst erschaffen wurde.
Die Zahl der Suren, in denen zuerst die Erde erwähnt wird, ist sehr gering: nur zwei. In Vers 29 der Sure al-Baqara und in Vers 4 der Sure Ta-Ha heißt es: „Er ist es, der die Erde und die hohen Himmel erschaffen hat.“ Demgegenüber ist die Zahl der Suren, in denen zuerst der Himmel erwähnt wird, wesentlich größer, insgesamt neun: Sure al-A’raf, Vers 54; Sure Yunus, Vers 3; Sure Hud, Vers 7; Sure al-Furqan, Vers 59; Sure as-Sadschda, Vers 4; Sure Qaf, Vers 38; Sure al-Hadid, Vers 4; Sure an-Nazi’at, Verse 27–33; und Sure asch-Schams, Verse 5–10.
Tatsächlich wird außer in der Sure an-Nazi’at nirgendwo eine eindeutige Reihenfolge angegeben. An anderen Stellen werden die beiden Dinge durch das Wort „wa“, also „und“, miteinander verbunden; oder es wird das Wort „thumma“, also „darüber hinaus“ oder „auch“, verwendet. Daher kann sowohl eine bloße Verbindung als auch eine Reihenfolge gemeint sein.
Meines Erachtens wird nur in einer einzigen Sure des Korans eine bestimmte Reihenfolge der verschiedenen Ereignisse der Schöpfung beschrieben. In den Versen 27–33 der Sure an-Nazi’at heißt es:
„Ist eure Erschaffung schwieriger oder die des Himmels? Er hat ihn erbaut; Er hat ihn emporgehoben und vollkommen gestaltet.
Er lässt die Nacht dunkel werden und bringt am Tage das Sonnenlicht zum Vorschein; danach breitet Er die Erde aus; aus ihr lässt Er ihre Quellen und Weideflächen hervorkommen, und die Berge verankert Er fest; all dies ist zum Genuss für euch und euer Vieh.“
Diese Darstellung der Gnaden Allahs für die Menschen auf der Erde wird in einer Sprache gegeben, die den Bauern und Beduinen des arabischen Tals angemessen ist. Zuvor jedoch wird dazu aufgerufen, über die Erschaffung des Himmels nachzudenken. Die Phase, in der Allah nach dem Wechsel von Nacht und Tag die Erde ausbreitete und fruchtbar machte, ist in der zeitlichen Abfolge genau an der richtigen Stelle eingefügt. Somit werden hier zwei Kategorien von Ereignissen erwähnt: die eine betrifft den Himmel, die andere die Erde; ihre Stellung in der zeitlichen Abfolge wird festgelegt. Aus der Art, wie der Zusammenhang hier dargestellt wird, lässt sich erkennen, dass die Erde vor ihrer Ausbreitung zweifellos bereits existierte; folglich existierte die Erde, als Allah den Himmel erschuf. Außerdem vermittelt auch die Ausbreitung und gegenseitige Verbindung von Himmel und Erde den Eindruck ihrer gleichzeitigen Existenz. Daher besteht kein Anlass, in den Erwähnungen der Erschaffung der Erde vor dem Himmel oder des Himmels vor der Erde in den Koranversen eine besondere Bedeutung zu suchen. Sofern dies nicht ausdrücklich beschrieben wird, gibt es keinen Grund anzunehmen, dass die zeitliche Abfolge der Schöpfung durch die Stellung der Wörter beeinflusst wird.
Der grundlegende Prozess der Entstehung der Himmelskörper und die daraus folgende Bildung von Planeten und Satelliten
Eine kurze Darstellung des grundlegenden Prozesses der Erschaffung der Himmelskörper findet sich in zwei Koranversen.
Sure al-Anbiya, Vers 30: „Danach wandte Er sich dem Himmel zu, der eine Art Rauchmasse war. Dann sagte Er zu ihm und zur Erde: ‚Fügt euch beide meinem Befehl, freiwillig oder widerwillig.‘ Sie sagten: ‚Wir fügen uns bereitwillig.‘“
Die Entstehung des Lebens aus Wasser werden wir später zusammen mit anderen im Koran erwähnten biologischen Fragen erörtern. Gegenwärtig müssen zwei der folgenden Punkte im Gedächtnis behalten werden:
(a) die Beschreibung des Vorhandenseins einer Rauchmasse aus kleinen und winzigen Teilchen; das arabische Wort „Duchān“ bezeichnet eben einen solchen Stoff. Rauch besteht gewöhnlich aus einer dampfförmigen Grundsubstanz. In ihr bleiben feine Teilchen schwebend und einigermaßen stabil. Bei höheren oder niedrigeren Temperaturen können diese Teilchen sogar in festem oder flüssigem Zustand vorliegen.
(b) der Hinweis auf den Vorgang, durch den die Bestandteile der einheitlichen Rauchmasse, die zunächst miteinander verbunden (arabisch Ratq) worden waren, getrennt (arabisch F atq) wurden. Bemerkenswert ist, dass das arabische Wort „Fatq“ zerbrechen, voneinander lösen und trennen bedeutet, während das Wort „Ratq“ die Vereinigung oder Verschmelzung mehrerer Bestandteile zur Herstellung eines einheitlichen Stoffes bezeichnet.
In anderen Versen des Korans findet sich im Zusammenhang mit Planeten und Satelliten die Vorstellung, einen ursprünglichen Körper in mehrere Teile zu teilen. Gleich am Anfang des Korans, unmittelbar nach der einleitenden Anrufung „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen“, heißt es bereits im ersten Vers der ersten Sure: „Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.“
Das Wort „Welten“ wird im Koran vielfach erwähnt. Ebenso wird der Himmel im Plural erwähnt, und zwar nicht nur wegen der Vielzahl, sondern auch wegen der symbolischen Zahl 7.
Zur Bezeichnung verschiedener zahlenmäßiger Mengen wird diese Zahl (7) im Koran 24-mal verwendet. Häufig trägt sie die Bedeutung „viele“; warum das so ist, wissen wir nicht. Es ist bekannt, dass die Griechen und Römer die Zahl 7 verwendeten, um eine unbestimmte Mehrzahl auszudrücken. Im Koran bezeichnet die Zahl 7 die Himmel selbst (Samāwāt). Ja, diese Zahl allein bezeichnet sogar die Himmel. Einmal werden die sieben Wege der Himmel erwähnt:
„Er ist es, der für euch alles erschuf, was auf der Erde ist. Dann wandte Er sich dem Himmel zu und gestaltete ihn zu sieben Himmeln; und Er weiß über alle Dinge genau Bescheid.“ (Sure al-Baqara, Vers 29)
„Und über euch habe Ich sieben Wege erschaffen, und Ich bin der Schöpfung gegenüber nicht unachtsam.“ (Sure al-Mu’minūn, Vers 17)
„Er ist es, der die sieben übereinander angeordneten Himmel erschaffen hat. In der Schöpfung des Allerbarmers wirst du keinen Mangel sehen. Blick noch einmal hin: Kannst du irgendeinen Fehler erkennen?“ (Sure al-Mulk, Vers 3)
„Habt ihr nicht gesehen, wie Allah sieben übereinander angeordnete Himmel erschaffen und dort den Mond als Licht und die Sonne als Leuchte eingesetzt hat?“ (Sure Nūḥ, Verse 15–16)
(Bemerkenswert ist, dass in der Bibel sowohl der Mond als auch die Sonne als „Licht“ bezeichnet werden. Im Koran wird der Mond jedoch als Licht (Nūr) bezeichnet, während die Sonne in diesem Vers als eine Licht spendende Lampe (Sirāj) bezeichnet wird. Später werden wir sehen, dass auch andere Bezeichnungen auf die Sonne angewandt werden.)
„Ich habe über euch sieben fest gefügte Himmel errichtet und eine leuchtende Lampe erschaffen.“ (Sure an-Naba, Verse 12–13)
Mit der leuchtenden Lampe ist hier die Sonne gemeint. Die Koranausleger sind sich darin einig, dass die Zahl 7 nichts anderes als eine Mehrzahl bezeichnet. Auch in anderen Überlieferungen aus der Zeit Muhammads (Friede sei mit ihm) findet sich, dass die Zahl 7 eine Mehrzahl bezeichnete. Außerdem findet sich dieselbe Bedeutung auch in den schriftlich überlieferten Hadithen aus dem ersten Jahrhundert nach seiner Zeit.
Demnach gibt es auch viele Himmel und viele Erden. Der Leser des Korans mag daher erstaunt sein, dass es vielleicht noch weitere Erden wie unsere geben könnte. Bis zu unserer Zeit ist diese Tatsache zwar noch nicht von den Menschen bewiesen worden, doch in Vers 12 der 65. Sure (at-Talaq) findet sich folgende Vorankündigung:
„Allah ist es, der sieben Himmel erschaffen hat und ebenso die Erde; Sein Befehl steigt zwischen Himmel und Erde auf allen Ebenen herab, damit ihr erkennen mögt, dass Allah zu allen Dingen allmächtig ist und dass alles Seinem Wissen unterliegt.“
Da wir bereits gesehen haben, dass die Zahl 7 eine unbestimmte Mehrzahl oder eine große Anzahl bezeichnet, ist es möglich, zu dem Schluss zu gelangen, dass die Darstellung des Korans andeutet, dass es im Weltall noch viele weitere Erden wie die unsere gibt.
Der Leser des zwanzigsten Jahrhunderts wird überdies erstaunt sein, dass im Koran drei Klassen von Geschöpfen erwähnt werden: (1) die Dinge in den Himmeln, (2) die Dinge auf der Erde und (3) die Dinge in dem Raum zwischen den Himmeln und der Erde.
In diesem Zusammenhang sind die folgenden Koranverse bemerkenswert:
„Ihm gehört, was in den Himmeln, auf der Erde, zwischen beiden und unter der Erde ist.“ (Sure Ta-Ha, Vers 6).
„Er erschuf die Himmel, die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, in sechs Tagen.“ (Sure al-Furqan, Vers 9)
„Allah, Er hat die Himmel, die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, in sechs Tagen erschaffen.“ (Sure as-Sadschda, Vers 4)
„Wir erschufen die Himmel, die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, in sechs Tagen; und keine Ermüdung berührte Uns.“ (Sure Qaf, Vers 38)
[Die Aussage, dass die Schöpfung Allah nicht ermüdet hat, kann als Antwort auf eine biblische Darstellung betrachtet werden. Dort wird gesagt, dass Allah, nachdem Er sechs Tage gearbeitet hatte, am siebten Tag Ruhe nahm.]
Außer in den oben genannten Versen wird in den folgenden Versen das Thema „alles, was zwischen den Himmeln und der Erde ist“ erwähnt: Sure 21 (al-Anbiya), Vers 16; Sure 44 (ad-Duchan), Verse 7 und 38; Sure 78 (an-Naba), Vers 37; Sure 15 (al-Hidschr), Vers 85; Sure 46 (al-Ahqaf), Vers 3; und Sure 43 (az-Zuchruf), Vers 85.
Es ist sehr schwierig, sich erschaffene Dinge außerhalb der Himmel und außerhalb der Erde vorzustellen. Um die Bedeutung dieser Verse zu verstehen, muss man vom Einfachen zum Komplexen fortschreiten: Zunächst muss man sich mit dem vertraut machen, was die Menschen über Dinge außerhalb des Sonnensystems herausfinden konnten, und anschließend muss man auch wissen, zu welcher Vorstellung die moderne Wissenschaft hinsichtlich des Aufbaus des Universums gelangt ist. Später werden wir dieses Thema erörtern.
Bevor wir zu den rein wissenschaftlichen Themen übergehen, können wir noch einmal betrachten, welche Auskunft der Koran über die Schöpfung gibt. Aus den oben angeführten Versen ergibt sich Folgendes:
1) Für die Schöpfung gibt es im Allgemeinen sechs Zeitspannen.
2) Die Verbindung von Himmel und Erde in den verschiedenen Stadien ihrer Erschaffung.
3) Die Entstehung des Universums aus einer ursprünglichen Rauchmasse, nachdem diese zerteilt worden war.
4) Die große Zahl von Himmeln und Erden.
5) Die Existenz erschaffener Dinge im Raum zwischen den Himmeln und der Erde.
Einige Erkenntnisse der modernen Wissenschaft über den Aufbau des Universums
Das Sonnensystem
Die Erde und die Planetensysteme, die sich um die Sonne bewegen, bilden ein derart gewaltiges und geordnetes Ganzes, dass es nach menschlichen Maßstäben riesig erscheint. Dennoch ist die Erde ungefähr 93 Millionen Meilen von der Sonne entfernt. Nach menschlichem Maßstab ist diese Entfernung zweifellos sehr groß, doch ist sie im Vergleich zur Entfernung des am weitesten von der Sonne entfernten Planeten (Pluto) gering. Pluto ist 3,672 Milliarden Meilen von der Sonne entfernt, also ungefähr 40-mal weiter als die Erde. Wird diese Entfernung verdoppelt, erhält man eine Vorstellung von der größtmöglichen Ausdehnung des Sonnensystems. Das Licht der Sonne benötigt etwa sechs Stunden, um den Planeten Pluto zu erreichen, obwohl sich das Licht mit einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde bewegt. Daher benötigt das Licht der Sterne am Rand des uns bekannten Sonnensystems Milliarden von Jahren, um uns zu erreichen.
Die Sterne
Unsere Erde ist lediglich ein Satellit der Sonne. Die Sonne und die verschiedenen Planeten, die um sie kreisen, sind im Reich von Abermilliarden Sternen ihrer Größe und Gestalt nach äußerst klein. In einer Sommernacht scheint der gesamte Weltraum voller Sterne zu sein, und dieses Sternenreich wird als „Milchstraße“ bezeichnet. Diese Milchstraße ist gewaltig und riesig. Würde man die Lichtgeschwindigkeit im Sonnensystem sogar in Stunden berechnen, würde das Licht ungefähr 90.000 Jahre benötigen, um von einem Ende bis zum anderen Ende der dichtesten Sternengruppe im gesamten Sternenreich zu gelangen. Das Sternenreich, zu dem unsere Erde gehört, ist zwar unglaublich riesig, aber dennoch nur ein winziger Teil des Himmelsraums. Außerdem gibt es außerhalb unseres Sternenreichs zahlreiche Sternhaufen wie die Milchstraße. Erst etwas mehr als fünfzig Jahre ist es her, dass diese Sternhaufen infolge des Fortschritts der Astronomie und nach dem Bau feiner und leistungsfähiger Teleskope wie des Mount-Wilson-Teleskops in den Vereinigten Staaten entdeckt werden konnten. Sie sind außerordentlich zahlreich und so weit voneinander entfernt, dass für die Messung dieser Entfernungen eine besondere Maßeinheit namens „Lichtjahr“ festgelegt werden musste. Die Entfernung, die das Licht bei einer Geschwindigkeit von 186.000 Meilen pro Sekunde in 326 Jahren zurücklegt, wird als Lichtjahr bezeichnet.
Aufbau und Entwicklung von Sternen, Sternhaufen und Planetensystemen
Was befand sich ursprünglich an dem Ort, den das Sternenreich heute einnimmt? Die moderne Wissenschaft hat keine Antwort auf diese Frage. Im Verlauf der Entwicklung des Universums kann man vielleicht von einer gewissen Zeitspanne sprechen. Es gibt jedoch keine Möglichkeit zu sagen, wie lange diese Zeitspanne vor unserer gegenwärtigen Epoche lag.
Die älteste Nachricht, die sich aus der modernen Wissenschaft gewinnen lässt, lautet, dass das Universum aus einer Dampfmasse entstanden ist. Diese Dampfmasse, die hauptsächlich aus Wasserstoff und einer gewissen Menge Helium bestand, drehte sich langsam. Später zerfiel sie in zahlreiche gewaltige Bruchstücke. Physiker haben vermutet, dass die Größe jedes einzelnen Bruchstücks dem 300.000-Fachen des heutigen Volumens der Erde entsprach. Aus diesen Bruchstücken entstanden die Sternhaufen.
Danach zerfielen die Bruchstücke erneut, und aus jedem einzelnen entstand ein Stern. Die Bruchstücke drehten sich mit immer größerer Geschwindigkeit. Zu einem bestimmten Zeitpunkt begann der Abkühlungsprozess, und sie wurden durch den Einfluss von Druck, Gravitation, Magnetismus und Strahlungsenergie beeinflusst. Infolge der Verdichtung und der Umwandlung der Rotationsenergie in Wärmeenergie wurden die Sterne leuchtend. Als danach die Wirkung von Wärme und Kernenergie einsetzte, bildeten sich aus der Verbindung leichter Atome schwere Atome. Auf diese Weise begann der Entwicklungsprozess: Aus Wasserstoff entstand Helium, danach Kohlenstoff und Sauerstoff und schließlich Metalle und Metallrückstände. So lässt sich ein eigener Entstehungsprozess der Sterne erkennen, und in der modernen Astronomie werden sie entsprechend dem gegenwärtigen Entwicklungsstand klassifiziert. Auch Sterne sterben. Nachdem sie das Endstadium ihrer Entwicklung erreicht haben, wurde beobachtet, dass es im Inneren mancher Sterne zu Explosionen kam; infolgedessen wurden sie tatsächlich zu „Leichen“.
Es wurde bereits gesagt, dass sich die ursprüngliche Dampfmasse getrennt und abgesondert hat und daraus verschiedene Planeten, insbesondere die Erde, entstanden sind. Seit mehr als fünfundzwanzig Jahren besteht über eine Sache überhaupt keine Meinungsverschiedenheit mehr: Die Sonne verdichtete sich im Inneren eines einzelnen Bruchstücks der Dampfmasse, während die übrigen Planeten in den sie umgebenden, in Stücke zerfallenen Dampfgebilden Verdichtung erfuhren. In diesem Zusammenhang muss ein Punkt besonders betont werden, der für das vorliegende Thema sehr wichtig ist: Bei der Entstehung von Himmelskörpern wie der Sonne oder dunklen Körpern wie der Erde gibt es keine zeitliche Reihenfolge und kein Vorher oder Nachher. Hinsichtlich ihrer Entstehung und Entwicklung bestehen Gleichartigkeit und Gleichzeitigkeit.
Die Wissenschaft versucht, einige Auskünfte darüber zu geben, wann all diese Ereignisse stattgefunden haben. Man nimmt an, dass unser Sternenreich zehn Milliarden Jahre alt ist, und sagt, dass sich das Sonnensystem fünfzig Milliarden Jahre danach gebildet habe. Nach den strahlenwissenschaftlichen Untersuchungen von Fachleuten sind Erde und Sonne viereinhalb Milliarden Jahre alt. Daraus ist ersichtlich, dass Astrophysiker hinsichtlich des allgemeinen Entstehungsprozesses des Himmelsraums ein beträchtliches Maß an Wissen erlangen konnten. Die Kurzfassung dieses Wissens lautet: Eine rotierende Dampfmasse wurde dichter und verdichtete sich; anschließend zerfiel sie in Stücke, aus denen die Sonne und die verschiedenen Planeten entstanden und ihre jeweiligen Positionen einnahmen. Zu ihnen gehörte auch diese Erde des Himmels. Hinsichtlich des Mondes wird heute allgemein die Möglichkeit anerkannt, dass er sich allmählich von der Erde ablöste, als die Rotationsbewegung langsamer wurde. Aufgrund des Wissens, das die Wissenschaftler über den Entstehungsprozess der ursprünglichen Dampfmasse und der daraus in verschiedene Klassen gegliederten unzähligen Sternenreiche erlangen konnten, besteht kein Anlass mehr, an der Möglichkeit mehrerer Welten zu zweifeln. Damit ist jedoch keineswegs bestätigt oder bewiesen, dass es weitere Erden wie unsere Erde gibt.
Die Vorstellung von vielen Welten
Dennoch sind Fachleute der Astrophysik der Ansicht, dass es sehr wahrscheinlich weitere Planeten wie die Erde gibt. Unter Berücksichtigung des allgemeinen Zustands des Himmelsraums wird jedoch angenommen, dass dort keine der Erde entsprechende Umgebung existieren kann. Wenn man also nach einer anderen Erde suchen will, muss man dies außerhalb des Sonnensystems tun; aus den folgenden Gründen wird angenommen, dass es dort sehr wahrscheinlich andere Erden gibt.
Wissenschaftler sind der Ansicht, dass mindestens die Hälfte der hundert Milliarden Sterne unserer Sternenwelt über ein Planetensystem wie die Sonne verfügt. Diese fünfzig Milliarden Sterne drehen sich tatsächlich langsam wie die Sonne, und aus dieser Eigenschaft lässt sich schließen, dass jeder von ihnen mehrere eigene Satelliten besitzt. Die Sterne sind so weit von der Erde entfernt, dass ihre Satelliten nicht zu sehen sind. Da die Umlaufbahnen der Sterne jedoch etwas gekrümmt und wellenförmig sind, wird es für sehr wahrscheinlich gehalten, dass sie Satelliten besitzen. Der Stern Barnards hat mindestens einen solchen Begleitsatelliten, der viel größer als Jupiter ist; möglicherweise hat er sogar zwei Satelliten. Darüber schrieb P. Guérin: „Alle Beweise weisen darauf hin, dass Planetensysteme im gesamten Universum weit verbreitet sind. Sie existieren nicht nur im Sonnensystem und auf der Erde.“ Und infolgedessen ist natürlich „Leben im gesamten Universum verbreitet, ebenso wie auf Planeten, die Leben erhalten können, insbesondere an allen Orten, an denen materielle und chemische Bedingungen für die Entwicklung des Lebens vorhanden sind.“
Interstellare Materie
Wir haben bereits gesehen, dass sich Sterne, Planeten und Satelliten bildeten, nachdem der Urstoffdampf kondensiert und in Stücke zerfallen war. Doch der Dampf, der danach „übrig“ blieb, nimmt nun den Raum zwischen den verschiedenen Sternen ein. Dadurch wird das Licht der Sterne an ihm reflektiert. Ein Teil des Dampfes ist wiederum dunkel und vergleichsweise wenig dicht; offenbar behindert er die Vermessungsarbeiten der Astronomen. Diese Materie besteht als Verbindung zwischen den verschiedenen Sternenwelten fort. Wenn man die gewaltigen Entfernungen zwischen den verschiedenen Sternenwelten bedenkt, scheint es, dass diese Materie zwar vergleichsweise wenig dicht ist, ihre Gesamtmenge jedoch wahrscheinlich weitaus größer ist als die Menge sämtlicher Sterne. Dieses Werk hat der Beschaffenheit dieser Materie große Bedeutung beigemessen und erklärt, dass allein „aufgrund dieser Materie“ die Vorstellung von der Entwicklung des Universums erheblich verändert werden könnte.
Nun können wir im Licht dieser modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse die Vorstellung des Korans von der Erschaffung der Welt betrachten.
Im Vergleich zu den Angaben des Korans
Wir werden die Angaben zur Schöpfung, die der Koran in fünf Bereichen macht, untersuchen.
1) Nach der Darstellung des Korans umfassen die in den sechs Zeitabschnitten der Erschaffung des Himmelsraums und der Erde vollendeten Vorgänge die Bildung des Himmelsraums und der Erde. Die im Koran beschriebenen Ereignisse auf der Erde bis zu ihrer Bewohnbarkeit für den Menschen, einschließlich der Bereitstellung von Nahrung, nahmen vier Zeitabschnitte in Anspruch. Diese vier Zeitabschnitte stimmen mit den vier geologischen Zeitaltern der modernen Wissenschaft überein. Und wir wissen, dass die Besiedlung durch den Menschen im letzten Zeitabschnitt begann. Allerdings ist diese Einteilung der Zeitabschnitte durch die Wissenschaft lediglich eine Vermutung. Niemand kann genaue Angaben machen.
Es ist bemerkenswert, dass im Koran, in der Sure Fussilat (41), Verse 9–12, erwähnt wird, dass die Himmelskörper und die Erde in zwei Phasen entstanden sind. Wenn wir nun die Sonne und die aus ihr hervorgegangene Erde als Beispiel nehmen (das einzige Beispiel, das wir verstehen können), sehen wir, dass die Wissenschaft uns mitteilt, dass sich aus dem ursprünglichen Dampf durch Verdichtung und anschließende Trennung die Sonne und die Erde gebildet haben. Genau dies wird im Koran gesagt. Es wird klar und deutlich erklärt, dass sich aus dem vereinigten „Rauch“ durch anschließende Trennung die Sonne und die Erde gebildet haben. Somit zeigt sich, dass zwischen dem Koran und der Wissenschaft in sachlicher Hinsicht vollständige Übereinstimmung besteht.
2) Die moderne Wissenschaft spricht von einem Zusammenhang zwischen den beiden Phasen der Entstehung eines Sterns (zum Beispiel der Sonne) und seines Satelliten (zum Beispiel der Erde). In dem Koranvers, den wir untersucht haben, wird eben dieser Zusammenhang ausdrücklich erwähnt.
3) Der „Rauch“, dessen Existenz der Koran in der Anfangsphase der Erschaffung des Universums erwähnt, ist offensichtlich der „ursprüngliche Dampf“ der modernen Wissenschaft.
4) Die moderne Wissenschaft bestätigt ohne jeden Zweifel die koranische Aussage, dass es mehr als einen Himmel gibt. Diese Bestätigung liegt in den Ansichten der Astrophysiker über die Vielzahl der Sterne und ihre große Anzahl. Andererseits vermittelt der Koran die Vorstellung, dass es viele weitere Erden wie die unsere gibt, zumindest in mancher Hinsicht; die moderne Wissenschaft konnte die Wahrheit dieser Vorstellung jedoch noch nicht feststellen. Fachleute halten die Existenz mehrerer Erden allerdings für sehr wahrscheinlich.
5) Der Koran erwähnt an der Stelle zwischen den „Himmeln“ und der „Erde“ eine „Zwischenschöpfung“. Die moderne Wissenschaft erkennt außerhalb der strukturierten Himmelskörper die Existenz einer „Brücke unbekannter Materie“ an. Zwar war es nicht möglich, alle in der koranischen Darstellung angeführten Dinge durch wissenschaftliche Fakten vollständig zu bestätigen; doch stehen die Aussagen des Korans über die Erschaffung des Universums keineswegs im Widerspruch zum modernen Wissen. Es ist besonders wichtig, diese koranische Aussage hervorzuheben, weil die Angaben, die das Alte Testament unserer Zeit zu demselben Thema enthält, aus wissenschaftlicher Sicht überhaupt nicht annehmbar sind. Die Darstellung, die die priesterliche Fassung der Bibel zu demselben Thema enthält, wurde von den Priestern selbst während des babylonischen Exils verfasst; ihr Hauptzweck bestand darin, ihre religiösen Lehren mit einem Anschein der Legitimität zu versehen. Die Darstellung in der jahwistischen Fassung ist so kurz und unklar, dass sie für eine wissenschaftliche Betrachtung überhaupt nicht geeignet ist. Auf diesen gewaltigen Unterschied zwischen der Darstellung des Korans und der Bibel muss erneut besonders hingewiesen und die Aufmerksamkeit gelenkt werden. Denn seit den frühesten Zeiten des Islam wird gegen Muhammad (Friede sei mit ihm) die haltlose Anschuldigung erhoben, er habe die Darstellung der Bibel übernommen. Diese Anschuldigung ist völlig unwahr und unbegründet. Wie konnte ein Mensch vor vierzehnhundert Jahren aus wissenschaftlicher Sicht falsche Angaben aus der damaligen Darstellung entfernen und sie berichtigen? Und wie konnte er aus eigener Kraft Angaben und Darstellungen hinzufügen, deren Wahrheit erst die Wissenschaft der Gegenwart feststellen und beweisen konnte? Daher ist die Anschuldigung, er habe die Bibel kopiert oder berichtigt, völlig unbegründet. Die Darstellung der Schöpfung im Koran unterscheidet sich vollständig von derjenigen der Bibel.
Antwort auf einige Einwände
Hinsichtlich anderer Themen, insbesondere der Darstellung der Religionsgeschichte, besteht kein Streit darüber, dass es zwischen dem Koran und der Bibel Ähnlichkeiten gibt. Bemerkenswert und amüsant ist in diesem Zusammenhang, dass niemand den Vorwurf erhebt, der Koran habe viele Angaben und Lehren des Alten Testaments übernommen, obwohl sie übereinstimmen. Gerade wegen dieser Übereinstimmungen wird Muhammad (Friede sei mit ihm) im Westen jedoch als Betrüger (Gott bewahre) bezeichnet, und es wird behauptet, er habe trotz der Übernahme aus der Bibel diese Lehren als Offenbarung ausgegeben. Auch der Vorwurf, er habe von christlichen Priestern Unterricht erhalten und dann dieselben Dinge als Offenbarung ausgegeben, ist in gleicher Weise unbegründet. Ich empfehle denjenigen, die diese Vorwürfe erheben, noch einmal das von R. Blachère verfasste Buch „Das Problem Muhammads“ (Le problème de Mahomet, Presses Universitaires de France, Paris, 1952) zu lesen. Er bezeichnete all diese Vorwürfe als „absurde Fabeln“.
Es wird angedeutet, dass auch andere Darstellungen des Korans mit vielen früheren Überzeugungen der Bibel übereinstimmen.
In den heiligen Schriften wird gewöhnlich nach einer Bestätigung der Schöpfungsmythen gesucht. So heißt es beispielsweise, unter den Polynesiern sei der Glaube verbreitet, dass das Urwasser in Dunkelheit versunken gewesen sei und sich, nachdem Galo erschienen war, geteilt habe. Auf diese Weise seien Himmel und Erde entstanden. Dieser Mythos wird mit der in der Bibel geschilderten Schöpfung verglichen. Zwar gibt es zwischen beiden Ähnlichkeiten, doch gibt es deshalb keinen Grund zu behaupten, die biblische Darstellung sei durch die Nachahmung dieses Mythos verfasst worden.
Ebenso ist die Behauptung unbegründet, die im Koran enthaltene Vorstellung von der ursprünglichen Trennung der Grundbestandteile des Universums – eine Vorstellung, die von der modernen Wissenschaft unterstützt wird – sei aus verschiedenen Mythen in unterschiedlichen Formen übernommen und in den Koran eingefügt worden. Dennoch können diese Mythen und märchenhaften Erzählungen sorgfältig untersucht werden. In ihnen findet sich häufig eine ursprüngliche Vorstellung, die vernünftig erscheint und, wenn man die wunderlichen Beschreibungen außer Acht lässt, mit dem übereinzustimmen scheint, was wir heute als wahr erkennen (oder zu erkennen glauben). Diese Vorstellung besteht darin, dass Himmel und Erde am Anfang miteinander verbunden waren und sich später voneinander trennten. Wenn man dieser Vorstellung in Japan jedoch noch ein Ei, einen Samen darin und allseitiges Chaos hinzufügt, verliert die ganze Angelegenheit ihre Bedeutung. In anderen Ländern wird anstelle des Eis ein Keimling eingefügt. Der Keimling wächst langsam, und gleichzeitig trennt sich der Himmel von der Erde und erhebt sich über sie. Auch hier ist gerade diese ausgeschmückte, fantastische Darstellung das Kennzeichen des Mythos. Die grundlegende Vorstellung findet sich jedoch überall.
Wie die menschliche Vorstellungskraft Schmuck und Ausschmückungen hervorgebracht hat und welcher grundlegende Unterschied zur Darstellung des Korans besteht,
soll hier durch den Hinweis auf diese Mythen gezeigt werden. In der Darstellung des Korans gibt es keine wunderlichen Einzelheiten; Sprache und Wortwahl sind maßvoll und stehen mit den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen im Einklang. Für die Frage, wie eine derart zutreffende Darstellung der Schöpfung schon vor vierzehn Jahrhunderten in den Koran gelangte, ist keine menschliche Erklärung möglich.
Die Astronomie im Koran
Im Heiligen Koran finden sich vielfältige Gedanken und Hinweise über die Himmel. Bei der Erörterung der Schöpfung haben wir bereits gesehen, dass im Koran mehrere Himmel und mehrere Erden erwähnt werden und dass im Raum zwischen den Himmeln und der Erde von einer „Zwischenschöpfung“ die Rede ist. Die moderne Wissenschaft hat Beweise für diese „Zwischenschöpfung“ gefunden. Über das, was sich im Himmel, das heißt außerhalb der Erde, befindet, wird in den Schöpfungsversen eine ungefähre Vorstellung vermittelt.
Neben den ausdrücklich die Schöpfung betreffenden Versen gibt es im Koran noch etwa vierzig weitere Verse, die astronomische Informationen enthalten. Sie geben Hinweise und Anregungen zum Nachdenken über die Bestandteile, aus denen das Himmelsgewölbe besteht. Einige Verse enthalten allerdings nichts weiter als einen Aufruf, die Erhabenheit des Schöpfers als desjenigen zu erkennen, der die Sterne und Planetensysteme ordnet. Jedenfalls wissen wir, dass sich Sterne und Planetensysteme in einem vollkommen ausgeglichenen Zustand befinden, und Newton hat ausführlich erklärt, dass dieser Zustand dauerhaft und stabil ist – in seinem Prinzip der „gegenseitigen“ Anziehung der Planeten.
In den Versen, die wir zunächst zitieren werden, finden sich zwar kaum Informationen für eine wissenschaftliche Analyse; dennoch ist dieses Zitieren notwendig, um die Aufmerksamkeit auf Allahs Allmacht zu lenken. Darüber hinaus ist es notwendig, um die realitätsgerechte Darstellung der Ordnung des Universums zu verstehen, die der Koran vor eineinhalbtausend Jahren gegeben hat.
In diesem Fall bilden all diese Informationen und Zusammenhänge ein in sich geschlossenes Ganzes. Denn dieses Thema der kosmischen Ordnung findet sich weder im Alten Testament noch in der Bibel. Gewiss werden einige Vorstellungen erwähnt, doch bei der Erörterung der biblischen Schöpfungsgeschichte haben wir gesehen, dass sie völlig falsch und bloße Einbildung sind. Im Koran hingegen wird dieses Thema ausführlich und eingehend behandelt. Was darin dargelegt wird, ist äußerst wichtig; doch auch das, was nicht dargelegt wird, ist von großer Bedeutung. So erwähnt der Koran beispielsweise keine der damals zur Zeit seiner Offenbarung verbreiteten Theorien über die Ordnung der Himmelskörper.
Später haben die Wissenschaftler all diese Theorien als völlig falsch erwiesen. Ein konkretes Beispiel dafür wird später angeführt werden.
Obwohl diese Angelegenheit rein negativer Natur ist, muss sie unbedingt erwähnt werden. Denn viele von denen, die Himmel und Erde durchforschen, um die im Koran enthaltenen Informationen ausschließlich menschlich zu erklären – nicht auf irgendeine andere Weise, sondern rein menschlich –, habe ich sagen hören: „Wenn der Koran erstaunliche astronomische Beschreibungen enthält, dann liegt das daran, dass die Araber auf diesem Gebiet sehr wissenskundig waren.“ Doch sie beachten nicht, dass die wissenschaftliche Beschäftigung in den muslimischen Gesellschaften im Allgemeinen erst nach der Offenbarung des Korans einsetzte und dass selbst das damalige wissenschaftliche Wissen für keinen Menschen ausreichte, die entsprechenden Verse des Korans zu verfassen. Später werden wir anhand von Informationen und Beispielen die Richtigkeit dieser Aussage nachweisen.
Allgemeine Leitlinien für das Denken und die Vorstellungen über den Himmel
„Schauen sie denn nicht zum Himmel über ihnen und sehen, wie Wir ihn errichtet haben und dass er keine Risse hat?“ – Sure 50 (Qāf), Vers 6: Allgemeines Thema: der Mensch.
„Er hat die Himmel ohne Säulen erschaffen – ihr seht sie …“ – Sure 13 (ar-Raʿd), Vers 2.
„Allah ist es, der die Himmel ohne Säulen über euch errichtet hat – ihr seht sie. Dann nahm Er auf dem Thron Platz und stellte die Sonne und den Mond unter eine Ordnung …“
Der verbreitete Glaube, die Himmel seien auf Säulen errichtet und würden deshalb nicht herabfallen und die Erde zerstören, wird durch diese beiden Verse als falsch erwiesen.
„Er hat den Himmel emporgehoben …“ Sure 55 (Rahman), Vers 7.
„Er hält den Himmel zurück, damit er nicht ohne seine Erlaubnis auf die Erde herabfällt.“ – Sure 22 (Hadsch), Vers 65.
Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass das Gleichgewicht der verschiedenen Himmelskörper und Satelliten auf der Grundlage ihrer gewaltigen gegenseitigen Entfernungen sowie ihrer Größe und ihres Volumens bestimmt und aufrechterhalten wird. Je größer die Entfernung ist, desto geringer ist die Kraft der gegenseitigen Anziehung. Ist die Entfernung geringer, ist die Anziehungskraft größer.
Da der Mond sich nahe an der Erde befindet, übt er nach dem Gesetz der Anziehungskraft einen Einfluss auf das Wasser der Meere der Erde aus, und dies
Phänomen ist als Ebbe und Flut bekannt. Wenn zwei Planeten einander sehr nahe kommen, ist ein Zusammenstoß unvermeidlich. Der Grund dafür, dass es jedoch nicht zu einem Zusammenstoß kommt, ist, dass alle Planeten und Satelliten einer Gesetzmäßigkeit unterworfen sind. Dass Allah sie dieser Gesetzmäßigkeit unterworfen hat, wird an vielen Stellen im Koran erwähnt.
Allah sagte zum Propheten: „Frag: Wer ist der Herr der sieben Himmel und des mächtigen Thrones?“ – Sure 23 (Muminun), Vers 86.
Wir haben bereits erklärt, dass mit den sieben Himmeln nicht nur sieben Himmel gemeint sind, sondern eine unbestimmte Vielzahl von Himmeln.
„Er hat euch aus Seiner Gnade alles in den Himmeln und auf der Erde dienstbar gemacht; darin liegt wahrlich ein Zeichen für nachdenkliche Menschen.“ – Sure 45 (Dschathiya), Vers 13.
„Die Sonne und der Mond bewegen sich auf einer festgelegten Umlaufbahn.“ Sure 25 (ar-Rahman), Vers 5.
„Er hat die Nacht zur Ruhe und den Mond und die Sonne zur Zeitberechnung erschaffen.“ Sure 6 (al-An’am), Vers 96.
„Er hat euch die Sonne und den Mond dienstbar gemacht, die unablässig derselben Ordnung folgen, und hat euch die Nacht und den Tag dienstbar gemacht.“ – Sure 14 (Ibrahim), Vers 33.
Hier ergänzt ein Vers den anderen. Gerade weil die Planeten und ihre Trabanten derselben Ordnung unterworfen sind, bewegen sie sich regelmäßig auf ihren festgelegten Umlaufbahnen. Um diese Bedeutung auszudrücken, wurde das arabische Wort „dāʾib“ verwendet, dessen ursprüngliche Bedeutung darin besteht, „mit Hingabe und Eifer für etwas tätig zu sein“. Doch die Bedeutung und Tragweite des Wortes in diesem Zusammenhang ist: „auf der Grundlage eines festgelegten Verhaltens unveränderlich und hingebungsvoll etwas fortwährend zu tun“.
Sure 36 (Yā-Sīn), Vers 39: Allah hat gesagt: „Und dem Mond haben Wir verschiedene Stationen bestimmt, bis er schließlich die Gestalt eines trockenen, gekrümmten Dattelpalmenzweigs annimmt.“
Ein Dattelpalmenzweig trocknet aus, schrumpft und nimmt die Gestalt einer gekrümmten Mondsichel an. Später wird dieser Sachverhalt noch näher erläutert.
Sure 16 (an-Nahl), Vers 12: „Er hat euch die Nacht, den Tag, die Sonne und den Mond dienstbar gemacht; auch die Sterne sind seinem Gebot unterworfen. Wahrlich, darin liegen Zeichen für Menschen mit Verstand.“
Die Angelegenheit wurde gerade aus dem praktischen Blickwinkel betrachtet, nämlich im Hinblick auf die wichtige Rolle, die die Himmelskörper den Menschen bei Reisen zu Land und auf dem Wasser sowie bei der Zeitrechnung spielen. Wenn man daran denkt, dass die Botschaft des Korans an diejenigen gerichtet ist, die die einfache Sprache des täglichen Lebens verstehen, wird die Bedeutung dieser Bemerkung leichter verständlich. Deshalb findet sich im folgenden Vers eine noch einfachere Ausdrucksweise.
Sure 6 (al-Anʿām), Vers 97: „Er hat für euch die Sterne erschaffen, damit ihr durch sie in den Finsternissen des Landes und des Meeres den Weg findet. Für ein wissendes Volk legt Er die Zeichen ausführlich dar.“
Sure 16 (an-Naḥl), Vers 16: „Und Er hat Wegzeichen erschaffen, und durch die Sterne finden sie ebenfalls die Richtung des Weges.“
Sure 10 (Yūnus), Vers 5: „Er ist es, der die Sonne strahlend und den Mond lichtvoll gemacht und ihm seine Stationen bestimmt hat, damit ihr die Anzahl der Jahre und die Berechnung der Zeit erkennen könnt. Allah hat dies nicht zwecklos erschaffen. Für ein wissendes Volk legt Er all diese Zeichen ausführlich dar.“
Hier ist anzumerken, dass in der Bibel sowohl die Sonne als auch der Mond als „Licht“ bezeichnet werden und der eine mit dem Attribut „mehr“ und der andere mit „weniger“ versehen wird. Im Koran hingegen wird nicht ein Unterschied im Grad, sondern ein grundlegender Unterschied hervorgehoben, indem sie als „strahlend“ beziehungsweise „lichtvoll“ bezeichnet werden. Dieser Unterschied könnte vielleicht auch als bloß sprachlicher Unterschied betrachtet werden; doch wie hätte man, ohne Verwirrung zu stiften, sonst verdeutlichen können, dass die beiden nicht dasselbe Licht sind?
Das Wesen der Himmelskörper: Sonne und Mond
Die Sonne ist ein strahlender Glanz (Ḍiyā), und der Mond ist ein Licht (Nūr). Diese Übersetzung erscheint genauer. In manchen anderen Übersetzungen tragen die beiden Wörter nahezu dieselbe Bedeutung. Das Wort „Ḍiyā“ stammt von der Wurzel „sw“. In dem von Kazi Mirsky verfassten arabisch-französischen Wörterbuch wird seine Bedeutung mit „hell werden“ und „leuchten“ (wie Feuer) angegeben. Allerdings wird auch das Wort „Licht“ verwendet. Daher tritt der wesensmäßige Unterschied zwischen Sonne und Mond hinsichtlich der Bedeutung nicht besonders deutlich hervor. Um diesen Unterschied zu bestimmen, können wir jedoch den ursprünglichen Koran selbst zu Hilfe nehmen.
Sure 25 (al-Furqān), Vers 61: „Wie großartig ist Er, der den Himmel mit den Tierkreiszeichen erschaffen und darin die Sonne und den lichtvollen Mond gesetzt hat.“
Sure 71 (Nūḥ), Verse 15–16: „Habt ihr nicht gesehen, wie Allah die sieben übereinander geschichteten Himmel erschaffen und darin den Mond als Licht und die Sonne als Leuchte eingesetzt hat?“
Sure 78 (An-Naba), Verse 12–13: „Wir haben über euch sieben fest gefügte Himmel errichtet und eine hell lodernde Lampe erschaffen.“
Mit der hell lodernden Lampe ist offensichtlich die Sonne gemeint. Der Mond hingegen wird als ein Himmelskörper bezeichnet, der Licht spendet (Munir). Das Wort Munir stammt von der Wurzel „Nur“ ab. Daraus ergibt sich, dass das Licht (Nur) im Falle des Mondes (Munir) verwendet wird. Die Sonne dagegen wird mit einer Lampe (Siraj) beziehungsweise einer hell lodernden (Wahhaj) Lampe verglichen.
Für jeden Menschen zur Zeit Muhammads (s.a.w.) war es sehr leicht, diesen Unterschied zu erkennen. Denn die Bewohner der Wüste waren mit der glühenden, hell lodernden Gestalt der Sonne und dem kühlen Licht des Mondes sehr vertraut. Daher war der Vergleich, der im Koran zur Bezeichnung dieser beiden Himmelskörper verwendet wurde, sehr natürlich. Bemerkenswert ist jedoch, dass bei diesem Vergleich nichts verwendet wurde, was damals vorhanden war, heute aber nicht mehr existiert. Deshalb haben auch wir nach so langer Zeit keine Schwierigkeiten, die Sache zu verstehen.
Wir wissen, dass die Sonne ein Stern ist, der in seinem Inneren brennt und dadurch Wärme und Licht ausstrahlt. Der Mond hingegen gibt kein eigenes Licht ab, sondern reflektiert als lebloser Körper – zumindest im Hinblick auf seine äußere Schicht – lediglich das von der Sonne empfangene Licht.
Somit zeigt sich, dass das, was wir heute durch die Wissenschaft über die Sonne und den Mond wissen, in keiner Weise dem Koran widerspricht.
Sternsystem
Wie die Sonne sind auch die Sterne Himmelskörper. In diesen Himmelskörpern finden viele natürliche Vorgänge statt; unter ihnen ist leicht zu erkennen, dass sie Licht erzeugen. Das bedeutet, dass ein Stern sein eigenes Licht selbst hervorbringt.
Das Wort „Stern“ kommt im Koran dreizehnmal vor. Das arabische Wort „Nadschm“ – im Plural „Nudschum“ – stammt von einer Wurzel ab, deren Bedeutung „erscheinen“ oder „sichtbar werden“ ist. Dieses Wort vermittelt lediglich die Bedeutung eines sichtbaren Himmelskörpers; es gibt jedoch keinen Hinweis darauf, ob der Himmelskörper selbst Licht erzeugt oder das Licht eines anderen reflektiert. Um jedoch klar zu verdeutlichen, dass es sich bei dem Himmelskörper um einen Stern handelt, wird im Koran ein Eigenschaftswort verwendet.
Sure 86 (At-Tariq), Verse 1–3: „Beim Himmel und bei dem, was in der Nacht erscheint! Und was weißt du über das, was in der Nacht erscheint? Es ist ein leuchtender Stern!“
Im Al-Koran wird „Saqib“ als Eigenschaftsbezeichnung des Abendsterns verwendet. Das Wort bedeutet „das, was etwas durchdringt“. Hier wird es im Sinne des Durchdringens der Dunkelheit der Nacht gebraucht. Auch zur Bezeichnung des Meteorenfalls wird in der Sure As-Saffat (Sure 37, Vers 10) dasselbe Wort verwendet. Bemerkenswert ist, dass Meteore durch Verbrennung von Sternmaterie entstehen.
Das Planetensystem
Es ist schwer zu sagen, ob die verschiedenen Planeten im Koran genauso mit bestimmten Namen bezeichnet werden, wie dies in der heutigen Zeit der Fall ist.
Planeten besitzen kein eigenes Licht; sie kreisen um die Sonne. Die Erde ist ein solcher umlaufender Planet. Vielleicht gibt es auch anderswo Planeten, doch alle Planeten, von denen man bisher weiß, befinden sich im Sonnensystem.
Schon in der Antike war den Menschen neben der Erde die Existenz von Planeten bekannt. Diese fünf Planeten sind Merkur (Budh), Venus (Mangal), Mars (Mangal), Jupiter (Brihaspati) und Saturn (Shani). In jüngerer Zeit wurden drei weitere Planeten entdeckt – Uranus, Neptun und Pluto. Im Koran wird mit dem Wort „Kawkab“ (im Plural „Kawakib“) das Planetensystem bezeichnet, doch die Zahl der Planeten wird nicht genannt. Im Traum Josephs (Sure 12 – Yusuf) werden elf Planeten erwähnt, doch diese Darstellung ist als Definition imaginär.
Eine gute Definition der Bedeutung des Wortes „Kawkab“ scheint in einem berühmten Koranvers gegeben zu werden. Der spirituelle Charakter der tieferen Bedeutung dieser Definition ist sehr ausgeprägt, und unter religiösen Fachleuten gibt es darüber auch eine Debatte. Dennoch scheint die sinnbildliche Beschreibung dieses Wortes in jenem Vers darauf hinzudeuten, dass wahrscheinlich von einem „Planeten“ die Rede ist.
Sure 24 (An-Nur), Vers 35: „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis Seines Lichtes ist wie eine Nische, in der sich eine Lampe befindet; die Lampe steht in einer gläsernen Hülle, und die gläserne Hülle ist wie ein leuchtender Stern.“ Hier geht es um die Abstrahlung von Licht auf einen Gegenstand, der dieses Licht (das Glas) reflektiert und selbst leuchtet, genau wie der Mond durch das Licht der Sonne erhellt wird. Im Koran findet sich nur diese eine erläuternde Beschreibung des Wortes „Kawkab“.
Das Wort kommt auch in anderen Versen vor. In einigen von ihnen ist jedoch schwer festzustellen, welcher Himmelskörper damit bezeichnet wird. Zum Beispiel in Sure 6 (al-An’am), Vers 76, und Sure 82 (al-Infitar), Verse 1–2.
Betrachtet man dies jedoch im Licht der modernen Wissenschaft, scheint zumindest in einem Vers ausdrücklich auf einen der uns bekannten Planeten hingewiesen zu werden.
Sure 37 (as-Saffat), Vers 6: „Ich habe den euch nächstgelegenen Himmel mit Sternen geschmückt.“
Bezeichnet der Ausdruck „der euch nächstgelegene Himmel“ im Koran das Sonnensystem? Heute ist allgemein bekannt, dass es unter den uns nächstgelegenen Himmelskörpern außer den Planeten keinen anderen dauerhaften Körper gibt und dass im Sonnensystem die Sonne der einzige Stern mit einem eigenen Namen ist. Wenn also nicht von den Planeten die Rede ist, lässt sich nur schwer feststellen, worauf sonst Bezug genommen worden sein könnte. Daher scheint die vorgelegte Übersetzung des Verses richtig zu sein, und vermutlich sind im Koran genau jene Himmelskörper gemeint, die wir heute als Planeten bezeichnen.
Der unterste Himmel
Im Koran wird mehrmals der unterste Himmel erwähnt. Zugleich werden die Himmelskörper erwähnt, und es heißt, dass sie sich eben in diesem untersten Himmel befinden. Wie wir bereits gesehen haben, muss unter den verschiedenen Himmelskörpern den Planeten der erste Rang eingeräumt werden. Wenn im Koran rein geistige naturkundliche Beschreibungen mit Vorstellungen von Dingen verbunden werden, die wir dank der modernen Wissenschaft kennengelernt haben, können wir ihre Bedeutung nicht immer ganz klar erfassen.
So können wir beispielsweise die Bedeutung des soeben angeführten Verses (Sure 37, as-Saffat, Vers 6: „Ich habe den euch nächstgelegenen Himmel mit Sternen geschmückt“) leicht verstehen. Im unmittelbar folgenden Vers derselben Sure (Vers 7) heißt es jedoch: „Und Wir haben ihn vor jedem aufständischen Satan geschützt.“ Vom Schutz ist auch in Sure al-Anbiya (Sure 21, Vers 32) die Rede: „Und den Himmel haben Wir zu einem geschützten Dach gemacht“, ebenso in Sure Hamim as-Sadschda (Sure 41, Vers 12): „Und Er schmückte den nächstgelegenen Himmel mit Lampen und machte ihn geschützt.“ Hier begegnen wir jedoch einer völlig anderen Bedeutung.
Außerdem heißt es in Sure al-Mulk (Sure 67), Vers 5: „Wir haben den nächstgelegenen Himmel mit Lampen geschmückt und sie zu Werkzeugen gemacht, um die Satane zu bewerfen, und für sie die Strafe des brennenden Feuers bereitet.“ Was kann hier im nächstgelegenen Himmel mit „Werkzeugen zum Bewerfen der Satane“ gemeint sein? Sind etwa eben diese Lampen die Wurfgeschosse? (Wir wissen natürlich, dass ein Meteor, wenn er die oberen Schichten der Atmosphäre erreicht, ein hell leuchtendes Ereignis hervorruft, das dem Herabstürzen eines Sterns gleicht.)
Doch all diese Fragen liegen vermutlich außerhalb des Rahmens unserer gegenwärtigen Erörterung. Dennoch wurden sie hier im Interesse einer vollständigen Darstellung erwähnt. Da diese Fragen bisher außerhalb des menschlichen Verständnisses liegen, ist es wohl auch mit ihrer Hilfe nicht möglich, eine verständliche Erklärung zu finden.
Die Struktur des Firmaments
Die Informationen, die der Koran zu diesem Thema enthält, beziehen sich hauptsächlich auf das Sonnensystem. Allerdings gibt es auch zahlreiche Hinweise auf Dinge außerhalb des Sonnensystems, und all diese Dinge sind erst vor sehr kurzer Zeit entdeckt worden. Über die Umlaufbahnen von Sonne und Mond enthält der Koran zwei äußerst wichtige Verse.
Sure 21 (Al-Anbiya), Vers 33: „Allah ist es, der die Nacht und den Tag sowie die Sonne und den Mond erschaffen hat. Jeder von ihnen bewegt sich auf seiner eigenen Umlaufbahn.“
Hier wird eine wichtige Information gegeben, nämlich dass Sonne und Mond eigene Umlaufbahnen haben. Außerdem erfahren wir, dass sich diese beiden Himmelskörper mit ihrer eigenen Bewegung fortbewegen. Aus den beiden Versen lässt sich auch eine negative Information gewinnen. Es wird gesagt, dass die Sonne sich auf einer Umlaufbahn bewegt, aber in Bezug auf die Erde wird nicht gesagt, um welche Umlaufbahn es sich handelt. Zur Zeit der Offenbarung des Korans glaubte man, dass sich die Sonne drehe und die Erde stillstehe. Dieser Glaube war von der Zeit des Ptolemäus im zweiten Jahrhundert vor Christus bis zur Zeit des Kopernikus im sechzehnten Jahrhundert nach Christus verbreitet. Auch zu Muhammads (s.) Zeiten vertraten die Menschen diese Ansicht, dennoch findet sich im Koran nirgends ein Hinweis darauf.
Die Umlaufbahnen von Mond und Sonne
Das arabische Wort „falak“ wurde hier mit „Umlaufbahn“ übersetzt. Viele persische Übersetzer des Korans haben dem Wort die Bedeutung „Sphäre“ gegeben. Seine ursprüngliche Bedeutung scheint tatsächlich darauf hinauszulaufen. Hamidullah hat es jedoch ausdrücklich mit „Umlaufbahn“ übersetzt.
Diejenigen, die den Koran in früheren Zeiten übersetzten, waren hinsichtlich dieses Wortes ziemlich verwirrt. Denn sie konnten sich nicht vorstellen, dass die Bewegungsbahnen von Mond und Sonne kreisförmig sind. Daher vermuteten sie für diese Bahn eine Form, die möglicherweise ungefähr richtig oder völlig falsch war. C. Hamza Boubekar erwähnte in seiner Koranübersetzung verschiedene Erklärungen des Wortes und sagte: „eine besondere Achse wie eine Eisenstange, um die sich ein Rad dreht; die Sphäre der Himmelskörper; Umlaufbahn; die Zeichen des Tierkreises; Bewegung; Welle.“ Zugleich zitierte er auch die folgende Bemerkung des berühmten Korankommentators at-Tabari aus dem zehnten Jahrhundert: „Wenn wir es nicht wissen, sollten wir schweigen.“ Wenn den Menschen also zu Muhammads (s.) Zeiten der Begriff einer Umlaufbahn bekannt oder vertraut gewesen wäre, dann wäre es damals nicht so schwierig gewesen, die Bedeutung jener beiden Koranverse zu verstehen. Somit war im Koran ein völlig neuer Begriff eingeführt worden, dessen genaue Bedeutung erst mehrere Jahrhunderte später erkannt werden konnte.
Die Umlaufbahn des Mondes
Die Vorstellung, dass der Mond ein Satellit der Erde ist und sich neunundzwanzig Mal um die Erde bewegt, ist heute weit verbreitet. Seine Umlaufbahn ist jedoch keineswegs kreisförmig, sondern wird in der modernen Astronomie als etwas gekrümmt beschrieben. Daher ist die Entfernung des Mondes von der Erde (240.000 Meilen) eine durchschnittliche Entfernung.
Wir haben bereits festgestellt, welche Bedeutung der Koran der Notwendigkeit beimisst, die Bewegung des Mondes zur Berechnung der Zeit zu beobachten. (Sure 10, Yunus, Vers 5, bereits zitiert.)
Als der Koran offenbart wurde, waren die Bewohner dieser Region daran gewöhnt, die Zeit anhand der Bewegungen des Mondes zu berechnen, und zwar nach dem julianischen Kalender für den Umlauf der Erde um die Sonne. Da der Koran zunächst vor allem für sie offenbart worden war, war es angemessen, ihre Gewohnheiten nicht dadurch zu erschüttern, dass man in einer ihnen verständlichen Sprache von den Zeichen und Merkmalen des Himmels und der Erde sprach. Außerdem war ihre mondbasierte Zeitrechnung genau und praktisch brauchbar. Heute ist allgemein bekannt, dass die Bewohner der Wüste die Himmelsbeobachtung hervorragend beherrschten; anhand der Stellung der Sterne steuerten sie ihre Schiffe, und anhand der Gestalt des Mondes berechneten sie die Zeit. Damals war dieses Verfahren für sie das einfachste und zuverlässigste.
Viele Menschen wissen, auch wenn sie keine Experten sind, dass zwischen dem julianischen (solaren) und dem Mondkalender eine vollständige Übereinstimmung besteht: 235 Mondmonate entsprechen nach julianischer Rechnung genau 19 Jahren von jeweils 365,25 Tagen. Aber auch unsere Rechnung mit 365 Tagen pro Jahr ist nicht exakt, weil sie alle vier Jahre korrigiert werden muss (Schaltjahr). Beim Mondkalender tritt diese Abweichung alle 19 Jahre auf (man erinnere sich an die 19 Jahre des julianischen oder solaren Kalenders). Dies ist der metonische Zyklus. Er wurde nach dem griechischen Astronomen Meton benannt, der im fünften Jahrhundert v. Chr. diese genaue Beziehung zwischen der solaren und der lunaren Zeitrechnung entdeckte.
Die Umlaufbahn der Sonne
Die Vorstellung von der Umlaufbahn der Sonne ist noch schwieriger. Denn wir sind daran gewöhnt, das gesamte Sonnensystem um die Sonne angeordnet zu sehen. Um den Koranvers zu verstehen, müssen wir unsere Vorstellungskraft zu Hilfe nehmen.
Unsere Galaxie enthält unzählige Sterne. Die gesamte Galaxie hat die Form einer Scheibe; in ihrem Zentrum ist die Verteilung der Sterne sehr dicht und zu den Rändern hin dünner. In dieser Scheibe befindet sich die Sonne weit vom Zentrum entfernt. Die Himmelskörper kreisen um ihr eigenes Zentrum. Folglich kreist auch die Sonne auf einer Umlaufbahn um dasselbe Zentrum. Die moderne Astronomie konnte eine detaillierte Beschreibung dieses Vorgangs erarbeiten. Im Jahr 1917 bestimmte ein Wissenschaftler namens Shapley die Entfernung von der Sonne zum Zentrum der Galaxie mit 10 Kiloparsec, also mit einer Entfernung in Meilen, die der Zahl 2 gefolgt von 17 Nullen entspricht. Die Galaxie und die Sonne benötigen für einen Umlauf um ihr eigenes Zentrum etwa 250 Millionen Jahre, und bei dieser Bewegung beträgt die Geschwindigkeit der Sonne ungefähr 150 Meilen pro Sekunde.
Das ist genau das, was der Koran vor vierzehn Jahrhunderten über die Bewegung der Sonne auf ihrer Umlaufbahn gesagt hat. Die moderne Astronomie ist in der Lage gewesen, die Existenz dieses Vorgangs und seine genaue Funktionsweise praktisch aufzuzeigen und zu beweisen; auch dieser Erfolg ist nur einer von vielen.
Die Bewegung von Mond und Sonne im Weltraum aus eigener Kraft
In keiner der Übersetzungen des Korans durch gelehrte Männer findet sich diese Vorstellung. Da sie nichts von Astronomie verstanden, wählten sie aus den verschiedenen Bedeutungen des betreffenden arabischen Wortes eine aus, nämlich „schwimmen“, und übersetzten es entsprechend. In allen französischen Übersetzungen ist dies der Fall; ebenso in der ansonsten sehr lobenswerten englischen Übersetzung von Allama Yusuf Ali (Verleger: Scheich Muhammad Ashraf, Lahore, Pakistan). (Anmerkung des bengalischen Übersetzers: Diese Bemerkung von Herrn Bucaille trifft auch auf die bengalische Koranübersetzung der Islamic Foundation zu.)
Die Bedeutung des arabischen Verbs „sahaba“ (in den beiden zitierten Versen „yasbahun“) ist, sich aus eigener Kraft zu bewegen. Aus allen Bedeutungen dieses Wortes ergibt sich die Vorstellung, dass die Antriebskraft der Bewegung vom eigenen Körper des sich bewegenden Gegenstands ausgeht. Wenn die Bewegung, also das Fortbewegen, im Wasser stattfindet, bedeutet es „schwimmen“; wenn sie auf dem Boden stattfindet, bedeutet es „gehen“, also sich mit der Kraft der Füße fortzubewegen. Wenn die Bewegung jedoch im Weltraum stattfindet, bleibt offenbar nichts anderes übrig, als die ursprüngliche Bedeutung des Wortes anzuwenden, nämlich sich aus eigener Kraft zu bewegen. Daher kann man wohl nicht sagen, dass in der Übersetzung ein Fehler vorliegt. Denn erstens dreht sich der Mond, während er die Erde umkreist, auch um seine eigene Achse, und zwar im Durchschnitt in 29,5 Tagen. Deshalb bleibt uns stets dieselbe Seite des Mondes zugewandt. Zweitens benötigt die Sonne für eine Umdrehung um ihre eigene Achse ungefähr 25 Tage. Bei dieser Bewegung gibt es gewisse Unterschiede zwischen dem Äquator und den Polarregionen (auf eine ausführliche Erklärung werden wir hier nicht eingehen); insgesamt entsteht die Energie dieser Bewegung jedoch aus dem eigenen Körper der Sonne.
Es zeigt sich also, dass die Bedeutungsnuance des im Koran verwendeten Wortes gerade die Bewegung von Mond und Sonne aus eigener Kraft bezeichnet. Die von der modernen Wissenschaft entdeckten Tatsachen haben diese Wahrheit bestätigt. Wie ein Mensch des siebten Jahrhunderts, ganz gleich, wie gebildet er zu jener Zeit auch gewesen sein mag, zu dieser Vorstellung gelangt sein konnte, lässt sich wohl überhaupt nicht erklären. Außerdem kann man Muhammad (s.) auf dem Gebiet der Astronomie gewiss nicht als gelehrt bezeichnen.
Manche akzeptieren dieses Argument nicht. Sie sagen, dass viele weise Menschen der Antike Prophezeiungen gemacht hätten, die sich heute durch moderne wissenschaftliche Untersuchungen als wahr erwiesen haben. Sie hätten sich gewiss nicht auf wissenschaftliche Fakten, sondern auf philosophische Erkenntnisse gestützt. In diesem Zusammenhang wird als Beispiel auf die Pythagoreer verwiesen: Sie hätten bereits im sechsten Jahrhundert v. Chr. nachdrücklich vertreten, dass sich die Erde um ihre eigene Achse dreht und die Planeten die Sonne umkreisen. Später sei dies durch moderne wissenschaftliche Untersuchungen als wahr erwiesen worden. Ebenso könnte der geniale Denker Muhammad (s.) etwas erdacht haben, was viele Jahrhunderte später als wahr bestätigt wurde. Bei diesem Argument vergessen sie jedoch zu erwähnen, dass jene philosophischen Rationalisten auch äußerst schwerwiegende Fehler begingen. Als Beispiel sei daran erinnert, dass die Pythagoreer mit Nachdruck auch behaupteten, die Sonne stehe im Weltraum still, die Sonne sei der Mittelpunkt des Universums und die Himmelskörper seien ebenfalls sonnenzentriert. In den Schriften der Philosophen der Antike findet man sehr häufig eine Mischung aus richtigen und falschen Vorstellungen über das Universum. Diese begabten Menschen hinterließen zwar Gedanken, die ihrer Zeit weit voraus waren, zugleich aber auch viele irrige Vorstellungen. Genau darin liegt bei einer korrekten wissenschaftlichen Beurteilung der Unterschied zwischen ihnen und dem Koran. Der Koran enthält zahlreiche Aussagen und Beschreibungen über das Universum, und jede einzelne davon ist durch moderne wissenschaftliche Untersuchungen als wahr bestätigt worden; keine einzige hat sich als im Widerspruch zu wissenschaftlichen Tatsachen erwiesen.
Die Aufeinanderfolge von Tag und Nacht
Als man die Erde für das Zentrum des Universums hielt und glaubte, die Sonne kreise um die Erde, warum wurde dann bei der Darstellung des Aufeinanderfolgens von Tag und Nacht überhaupt keine Bewegung der Sonne erwähnt? Im Koran findet sich dieser genaue Ausdruck nicht; der Sachverhalt wird jedoch folgendermaßen beschrieben:
Sure 7 (Araf), Vers 54: „Er ist es, der den Tag mit der Nacht bedeckt, sodass sie einander in rascher Folge folgen …“
Sure 36 (Yasin), Vers 37: „Und ein Zeichen für sie ist die Nacht: Wir ziehen von ihr das Tageslicht ab, und siehe, sie befinden sich in Finsternis.“
Sure 31 (Luqman), Vers 5: „Siehst du nicht, dass Allah die Nacht in den Tag und den Tag in die Nacht überführt?“
Sure 39 (Zumar), Vers 5: „Er hüllt den Tag in die Nacht und hüllt die Nacht in den Tag.“
Der zitierte erste Vers bedarf keiner Erklärung. Im zweiten Vers wird ein Bild entworfen. Tatsächlich enthalten erst der dritte und der vierte Vers bemerkenswerte Angaben darüber, wie der Tag in die Nacht und die Nacht in den Tag übergeht. Die beste Möglichkeit, das arabische Verb „Kawwara“ zu übersetzen, besteht wohl darin, die Wörter „wickeln“ oder „umwickeln“ zu verwenden. Die französischen Übersetzungen und auch die russische haben es so wiedergegeben. Die Grundbedeutung des Verbs ist das „Umwickeln“ eines Turbans um den Kopf, und diese Vorstellung spiegelt sich in allen Bedeutungsnuancen des Wortes wider.
Doch was geschieht tatsächlich im Weltraum? Amerikanische Astronauten haben dieses Phänomen während ihres Aufenthalts auf dem Mond, weit von der Erde entfernt, von ihrem Raumschiff aus beobachtet und auch fotografiert. Sie stellten fest, dass die Sonne stets – außer während einer Finsternis – die Hälfte der Erdoberfläche beleuchtet, während die andere Hälfte im Dunkeln bleibt. Die Erde dreht sich um ihre eigene Achse, und die Beleuchtungsverhältnisse bleiben gleich. Daher dreht sich die beleuchtete Hälfte des Globus ebenso wie die dunkle Hälfte innerhalb von vierundzwanzig Stunden einmal. Dieser ständige Wechsel von Tag und Nacht ist im Koran klar beschrieben. Da wir heute über die Rotation der Erde und die (relative) Unbeweglichkeit der Sonne Bescheid wissen, fällt es uns leichter, den Vorgang zu erfassen und zu verstehen. Dieser fortwährende Wickelvorgang und das Eintreten der einen Hälfte des Globus in die Lage der anderen Hälfte werden im Koran so beschrieben, als sei die Vorstellung von der Kugelgestalt der Erde damals bekannt gewesen; doch offensichtlich ist das nicht richtig.
Neben dieser Vorstellung von der Aufeinanderfolge von Tag und Nacht muss auch die Vorstellung mehrerer Osten und mehrerer Westen erwähnt werden. Da der Sachverhalt auf einer allgemeinen Beobachtung beruht, ist er lediglich beschreibender Natur. Im Koran heißt es dazu:
Sure 70 (Ma’aridsch), Vers 40: „Der Herr der Orte des Sonnenaufgangs und der Orte des Sonnenuntergangs.“
Sure 55 (ar-Rahman), Vers 17: „Er ist der Herr der beiden Orte des Sonnenaufgangs und der beiden Orte des Sonnenuntergangs.“
Sure 43 (az-Zuchruf), Vers 38: „Hier wird die Entfernung zwischen den beiden Osten erwähnt, und damit wird die Vorstellung einer gewaltigen Entfernung zwischen zwei Orten zum Ausdruck gebracht.“
Wenn man Sonnenaufgang und Sonnenuntergang aufmerksam beobachtet, wird man feststellen, dass Aufgang und Untergang nicht immer genau am gleichen Ort stattfinden. Je nach Jahreszeit verändert sich der Ort. Die beiden äußersten Punkte im Osten, an denen die Sonne aufgeht, können als die beiden Osten bezeichnet werden. An den verschiedenen dazwischenliegenden Orten geht die Sonne zu verschiedenen Zeiten des Jahres auf und unter. Dies ist so alltäglich, dass man es mit bloßem Auge sehen kann und kein wissenschaftliches Experiment erforderlich ist, um seine Richtigkeit zu beweisen.
Die Entwicklung des Universums
Im Zusammenhang mit der modernen Vorstellung von der Entstehung des Universums wurde erklärt, dass sich aus einem ursprünglichen Nebel nach und nach die Himmelskörper, die Sterne, die Sonne und die übrigen Planeten und Satelliten bildeten. Nach Ansicht der modernen Wissenschaft setzt sich diese Entwicklung und Entfaltung im Sonnensystem und allgemein im gesamten Universum bis heute fort.
Diejenigen, die mit dieser Vorstellung vertraut sind, könnten daran interessiert sein, sie mit einigen Versen des Korans zu vergleichen. In diesen Versen wird die Offenbarung der Souveränität Allahs erwähnt.
Der Koran erinnert uns wiederholt daran: „(Allah) hat die Sonne und den Mond einer Ordnung unterworfen; jeder von ihnen zieht bis zu einer bestimmten Frist seine Bahn.“
Dieser Satz findet sich in Sure ar-Rad, Vers 2, in Sure Luqman, Vers 29, in Sure Fatir, Vers 13, und in Sure az-Zumar, Vers 5.
Außerdem ist in Sure Luqman, Vers 38, die Vorstellung eines Zielortes mit der Vorstellung eines bestimmten Ortes verbunden: „Die Sonne zieht innerhalb ihrer festgelegten Bahn dahin. Dies ist vom Allmächtigen, Allwissenden bestimmt.“
„Festgelegte Grenze“ ist die bengalische Übersetzung des arabischen Wortes „Mustaqarr“. Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass mit diesem Wort die Vorstellung eines genau bestimmten Ortes verbunden ist. Was lässt sich nun erkennen, wenn man all diese Beschreibungen mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft vergleicht?
Im Koran werden sowohl eine Grenze der Bewegung der Sonne als auch ihr Zielort erwähnt. Auch von einer festgelegten Grenze des Mondes ist die Rede. Um die Bedeutung dieser Beschreibung zu verstehen, muss man mit den Vorstellungen der modernen Wissenschaft über die Bewegung der Himmelskörper im Allgemeinen und insbesondere über die Bewegung der Sonne vertraut sein. Darüber hinaus muss man auch die Bewegungsbahnen jener Himmelskörper, einschließlich des Mondes, kennen, die der Bewegung der Sonne folgen.
Astrophysikern zufolge ist die Sonne 450 Milliarden Jahre alt. Wie bei anderen Sternen lässt sich auch bei der Sonne eine Entwicklungsphase bestimmen. Gegenwärtig befindet sich die Sonne in der Anfangsphase. Das Merkmal dieser Phase ist die Umwandlung von Wasserstoffmolekülen in Heliummoleküle. Diese Phase wird noch weitere 550 Milliarden Jahre andauern. Denn man geht davon aus, dass die Lebensdauer eines solchen Sterns insgesamt 1.000 Milliarden Jahre beträgt. Bei anderen Sternen dieser Art hat man beobachtet, dass nach der ersten Phase eine zweite Phase beginnt. Dann ist die Umwandlung von Wasserstoff in Helium abgeschlossen, die äußere Hülle des Sterns dehnt sich aus und die Temperatur der Sonne nimmt ab. In der letzten Phase nimmt die Leuchtkraft erheblich ab und ihre Dichte steigt stark an. Dieser Zustand ist bei Sternen der Art „Weißer Zwerg“ zu beobachten.
Die oben angegebene ungefähre Jahreszahl soll eine Vorstellung von der Dauer des Zeitraums vermitteln; tatsächlich geht es jedoch vor allem darum, den Entwicklungsprozess hervorzuheben. Auf der Grundlage moderner wissenschaftlicher Beobachtungen lässt sich nun annehmen, dass der gegenwärtige Zustand des Sonnensystems in 300 bis 500 Milliarden Jahren nicht mehr bestehen wird. Wie bei all den anderen Sternen, deren Strahlungsprozess und Entwicklung bis zur letzten Phase aufgezeichnet wurden, lässt sich vorhersagen, dass auch die Sonne eines Tages erlöschen wird.
Es sei daran erinnert, dass in Sure Luqman, Vers 38, davon die Rede ist, dass die Sonne sich auf einen ihr eigenen Zielort zubewegt.
In der modernen Astronomie konnte dieser Ort genau bestimmt werden, und man hat ihm auch den Namen Sonnenapex (Solar Apex) gegeben. Das Sonnensystem entwickelt sich tatsächlich im Weltraum weiter und bewegt sich auf einen besonderen Ort im Sternbild Herkules zu, dessen Position inzwischen genau bestimmt worden ist und dessen Geschwindigkeit mit etwa 12 Meilen pro Sekunde ermittelt wurde.
Im Zusammenhang mit den oben zitierten Koranversen müssen diese astronomischen Erkenntnisse erwähnt werden. Denn es zeigt sich, dass die Beschreibung im Koran vollständig mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft übereinstimmt.
Die Ausdehnung des Universums
Die erstaunlichste Entdeckung der modernen Wissenschaft ist, dass sich das Universum ständig ausdehnt. Diese Auffassung ist inzwischen bewiesen und anerkannt, doch darüber, wie dies geschieht, bestehen einige Meinungsverschiedenheiten.
Zunächst entstand diese Vorstellung aus der allgemeinen Relativitätstheorie, und später fand sie durch die physikalischen Untersuchungen der Sternsysteme Bestätigung. Da sich jedes Sternsystem allmählich zu seinem eigenen Zentrum hin bewegt, nimmt seine Entfernung von den anderen Sternsystemen zu. Auch die Größe des Universums wird im gleichen Verhältnis zunehmen. Gleichzeitig mit diesem Ausdehnungsprozess bewegen sich die Himmelskörper mit einer Geschwindigkeit fort, die größer ist als die Lichtgeschwindigkeit.
Diese moderne Vorstellung kann mit dem 47. Vers der Sure adh-Dhariyat verglichen werden. Allah hat gesagt: „Ich habe den Himmel mit meiner Macht erbaut, und gewiss, Ich breite ihn aus.“
„Himmel“ ist die Übersetzung des arabischen Wortes „Sama“, und mit diesem Wort ist die Welt gemeint, die sich über der Erde befindet. „Musi’una“ ist die Pluralform im Präsens des arabischen Verbs „Awsa“. Das Wort „Awsa“ bedeutet: erweitern, ausdehnen, vergrößern, umfassend machen und größer machen. „Musi’una“ bedeutet: „Wir breiten ihn aus.“
Da einige Übersetzer diese Bedeutung nicht erkannten, fertigten sie Übersetzungen an, die mir falsch erscheinen; so sagte beispielsweise der französische Übersetzer R. Blachère: „Wir geben großzügig.“ Einige Übersetzer wagten es wiederum nicht, die Bedeutung zum Ausdruck zu bringen, obwohl sie sie verstanden hatten. Hamidullah sprach zwar von der Ausdehnung des Himmels und des Weltraums, setzte jedoch auch ein Fragezeichen. Viele Übersetzer verwendeten in ihren Erläuterungen jedoch die hier angegebene Bedeutung, nachdem sie von den korrekten wissenschaftlichen Erkenntnissen Kenntnis erlangt hatten. In dem vom Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten in Kairo herausgegebenen Kommentarwerk „Muntaḫab“ wurde genau diese Bedeutung wiedergegeben. Dort wird in klaren Worten von der Ausdehnung des Universums gesprochen.
Die Eroberung des Weltraums
Aus dieser Perspektive ist es notwendig, sich eingehend auf drei Verse des Korans zu konzentrieren. In einem Vers wird klar gesagt, welchen Erfolg der Mensch in diesem Bereich erreichen kann und erreichen wird. In den beiden anderen Versen wird im Zusammenhang mit den Ungläubigen von Mekka gesagt, dass sie, wenn sie in den Himmel aufsteigen könnten, beim Anblick dessen, was sich dort befindet, vor Staunen überwältigt wären. Hier wird ein Sachverhalt angesprochen, dessen Verständnis jenen Ungläubigen nicht möglich war.
Erstens handelt es sich bei dem Vers um Sure ar-Rahman, Vers 33: „O ihr Dschinn und Menschen! Wenn ihr die Grenzen der Himmel und der Erde zu überschreiten vermögt, dann überschreitet sie; doch werdet ihr dies nicht vermögen, außer mit Macht.“
Diese Übersetzung bedarf einiger Erläuterungen und einer Analyse. Erstens bringt das Wort „wenn“ zum Ausdruck, dass der Erfolg des Vorhabens von einer möglichen oder unmöglichen Bedingung abhängt. Im Arabischen lässt sich jedoch für diesen Sachverhalt eine wesentlich eindeutigere Bedeutung vermitteln. Für die Bezeichnung einer Möglichkeit kann das Wort „idhā“, für eine ausführbare Handlung „in“ und für eine unausführbare Handlung „law“ verwendet werden. Da im betreffenden Vers das Wort „in“ gebraucht wird, ist daraus zu verstehen, dass die Handlung ausführbar ist. Das heißt, dass es für den Menschen tatsächlich möglich ist, die Grenzen der Himmel und der Erde zu überschreiten. Die rein philosophischen Auslegungen mancher Kommentatoren erweisen sich bereits aufgrund dieser Besonderheit des Wortgebrauchs als falsch.
Zweitens hat Allah die Dschinn und die Menschen angesprochen, nicht irgendein imaginäres Wesen. Drittens steht dort das Verb „nafadha“, gefolgt von der Präposition „min“, und es wurde mit „überschreiten“ übersetzt. Nach dem Wörterbuch von Qazi Miraski bedeutet dieses Wort: „in das Innere eines Gegenstandes eindringen und auf der anderen Seite wieder herauskommen“ (so wie ein Pfeil auf der einen Seite in einen Gegenstand eindringt und auf der anderen Seite wieder herauskommt). Somit ist ein tiefes Eindringen und das Hinausgelangen aus dem durchdrungenen Gebiet gemeint.
Viertens scheint die für diese Handlung des Menschen erforderliche Macht (Sultan) vom Allmächtigen selbst zu kommen. Denn unmittelbar im folgenden Vers wird dazu aufgerufen, Allahs Barmherzigkeit zu erkennen.
Somit enthält dieser Vers einen deutlichen Hinweis darauf, dass der Mensch eines Tages den Weltraum erobern wird. Bemerkenswert ist, dass der Vers nicht nur auf die Eroberung des Himmels, sondern auch auf das Durchdringen der Erde, das heißt auf die Eroberung der Unterwelt, hinweist.
Die beiden anderen Verse finden sich in Sure al-Hidschr, Verse 14 und 15. Aus dem Zusammenhang wird deutlich, dass Allah hier von den Ungläubigen in Mekka spricht: „Und wenn Wir ihnen ein Tor zum Himmel öffnen würden und sie am Tage darin emporstiegen, würden sie dennoch sagen: ‚Unsere Blicke sind benommen; vielmehr sind wir ein verzaubertes Volk.‘“
In diesen Worten wird das Staunen über den Anblick einer außergewöhnlichen Szene zum Ausdruck gebracht. Es handelt sich um eine Szene, die der Mensch sich niemals auch nur vorgestellt hatte.
Es ist zu beachten, dass der Satz im Arabischen mit „law“, also „wenn“, beginnt. Das bedeutet, dass das im Satz formulierte Vorhaben einer Bedingung unterworfen wird, deren Erfüllung für die im Vers genannten Menschen niemals möglich ist.
In den Versen über die Eroberung des Weltraums haben wir gesehen, dass erwähnt wird, der Mensch werde eines Tages dank der von Allah verliehenen Intelligenz und Erfindungsgabe den Weltraum erobern. In diesem Vers jedoch wird eine Szene beschrieben, die die ungläubigen Menschen von Mekka niemals sehen werden. Für andere ist es jedoch möglich, diese Szene zu sehen, und der Vers beschreibt das Gefühl, das sich dabei in ihnen – den Astronauten – einstellen wird: Ihr Blick wird verwirrt sein, wie im Zustand der Trunkenheit oder der Verzauberung.
Seit die Astronauten 1961 zum ersten Mal mit einem Raumfahrzeug die Erde im Weltraum umrundet haben, haben sie genau diese Erfahrung gemacht und bei ihrer Beschreibung genau dies gesagt. Heute ist allgemein bekannt, dass der Himmel, von oberhalb der Erdatmosphäre aus gesehen, nicht mehr blau erscheint. Denn der Himmel erscheint von unten blau, weil die Atmosphäre das Sonnenlicht absorbiert. Wenn der Mensch über die Erdatmosphäre hinaus aufsteigt, sieht er den Himmel schwarz und die Erde aufgrund desselben Vorgangs, bei dem die Atmosphäre das Sonnenlicht absorbiert, von Blau umhüllt. Da der Mond keine Atmosphäre besitzt, ist der völlig neuartige und beispiellose Anblick des schwarzen Himmels in diesem Zustand heute den Menschen sehr vertraut, ebenso wie die Bilder dieser Szene.
Auch in diesem Fall muss man angesichts der Übereinstimmung der koranischen Beschreibung mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft voller Staunen und Bestürzung sein. Diese Beschreibung im Koran kann daher keinesfalls die Beschreibung eines Menschen vor vierzehnhundert Jahren sein.
Die Erde
Wie die anderen Themen, die in diesem Buch bisher behandelt wurden, sind auch die Verse über die Erde über verschiedene Stellen des Korans verstreut. Es ist schwierig, diese Verse zu klassifizieren, und die Einteilung, die ich hier vorgenommen habe, folgt ausschließlich meiner eigenen Methode.
Um ihre Bedeutung richtig zu erfassen, kann man zunächst jene Verse auswählen, in denen mehrere Themen zugleich erwähnt werden. Diese Verse besitzen eine allgemeine Anwendbarkeit und enthalten auf der Grundlage der angeführten Beispiele einen Aufruf an die Menschen, Allahs Großmut zu erkennen.
Andere Verse behandeln noch spezifischere Themen, wie den Kreislauf des Wassers und das Meer, die Beschaffenheit der Erdoberfläche sowie das Klima der Erde.
Verse mit allgemeinen Beschreibungen
In dieser Kategorie von Versen findet sich gewöhnlich eine Begründung dafür, die Barmherzigkeit und Großzügigkeit des Schöpfers gegenüber Seinen Geschöpfen zu erkennen; gelegentlich gibt es jedoch darin Beschreibungen, die aus der Sicht der modernen Wissenschaft das Interesse wecken. Besonders bedeutsam waren sie für die Menschen zur Zeit der Offenbarung des Korans. Später sind all diese Vorstellungen und Überzeugungen auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse und Wissens als irrig erwiesen worden.
Demgegenüber werden in jenen Versen einfache Vorstellungen zum Ausdruck gebracht, die für die Araber leicht verständlich waren. Denn aus geografischen Gründen richtete sich der Koran zunächst an sie. Sie waren die Bewohner von Mekka und Medina sowie die Beduinen der Arabischen Halbinsel. Darüber hinaus enthalten jene Verse jedoch allgemeiner Natur auch Vorstellungen, aus denen ein weiter fortgeschrittener Mensch jeder Zeit und jedes Ortes tiefere Erkenntnisse gewinnen kann; und dies ist ein Zeichen für die Universalität und internationale Gültigkeit des Korans.
Wie ich bereits gesagt habe, gibt es keine Klassifizierung der Verse. Daher folgen wir hier der Reihenfolge der Nummern der Suren.
Sure 2 (al-Baqara), Vers 22: „(Allah,) Er ist es, Der die Erde für euch zu einem Lager und den Himmel zu einem Bau gemacht und vom Himmel Wasser herabgesandt hat, wodurch Er für euch Früchte als Versorgung hervorgebracht hat. So stellt wissentlich niemanden Allah gleich.“
Sure 2 (al-Baqara), Vers 164: „In der Schöpfung der Himmel und der Erde, im Wechsel von Nacht und Tag, in den Schiffen, die auf dem Meer fahren mit dem, was den Menschen nützt, in dem Wasser, das Allah vom Himmel herabgesandt hat und womit Er die Erde nach ihrem Tod wieder lebendig macht, in der Verbreitung allerlei Getier auf ihr, im Wechsel der Winde und in den dienstbar gemachten Wolken zwischen Himmel und Erde liegen wahrlich Zeichen für ein Volk, das Verstand besitzt.“
Sure 13 (ar-Raʿd), Vers 3: „Er ist es, Der die Erde ausgebreitet und auf ihr fest gegründete Berge und Flüsse gemacht hat. Und von allen Früchten hat Er auf ihr ein Paar erschaffen. Er lässt die Nacht den Tag bedecken. Darin liegen wahrlich Zeichen für ein nachdenkendes Volk.“
Sure 15 (al-Hidschr), Verse 19–21: „Und die Erde haben Wir ausgebreitet und auf ihr fest gegründete Berge gesetzt und auf ihr von allem etwas im ausgewogenen Maß erschaffen. Und Wir haben auf ihr für euch und für diejenigen, deren Versorger ihr nicht seid, Lebensunterhalt bereitgestellt. Bei Uns befinden sich die Schatzkammern aller Dinge, und Wir senden davon nur in einem bestimmten Maß hinab.“
Sure 20 (Taha), Verse 53–54: „(Er ist es,) Der die Erde für euch zu einem Lager gemacht und auf ihr für euch Wege angelegt hat; und Er lässt vom Himmel Wasser herabkommen und bringt dadurch verschiedene Arten von Pflanzen hervor. Esst und weidet euer Vieh. Darin liegen wahrlich Zeichen für diejenigen, die Verstand besitzen.“
Sure 27 (An-Naml), Vers 61: „(Er ist Allah,) der die Erde bewohnbar gemacht, in ihr Flüsse und Bäche fließen lassen, auf ihr fest gegründete Berge gesetzt und zwischen den beiden Meeren eine Schranke errichtet hat. Gibt es neben Allah einen anderen Ilah? Dennoch wissen die meisten von ihnen nichts davon.“
Hier ist von der allgemeinen Festigkeit der obersten Erdschicht die Rede. Wir wissen, dass diese Schicht in der ersten Phase der Entstehung der Erde, bevor sie abkühlte, nicht fest war. Auch heute ist sie nicht überall gleich fest, denn es gibt viele Gebiete, in denen häufig Erdbeben auftreten. Im Zusammenhang mit der Schranke zwischen den beiden Meeren sei daran erinnert, dass sich das Wasser großer Flüsse an den Mündungen mit dem Meerwasser vermischen würde.
Sure 67 (Al-Mulk), Vers 15: „Er hat euch die Erde gangbar gemacht. So zieht in alle Richtungen umher und esst von dem Lebensunterhalt, den Er euch gewährt hat; und zu Ihm ist die Rückkehr nach der Auferstehung.“
Sure 79 (An-Nazi’at), Verse 30–33: „Danach hat (Allah) die Erde ausgebreitet; aus ihr ließ Er ihre Quellen und Weideplätze hervorgehen, und die Berge hat Er fest verankert – all dies zum Genuss für euch und euer Vieh.“
In vielen solchen Versen wird die Bedeutung des Wassers und der Nutzen des Wassers im Boden, nämlich die Fruchtbarkeit des Bodens, betont. Es besteht kein Zweifel, dass in einem Wüstenland das Leben und Sterben der Menschen vom Wasser abhängt. Doch im Koran ist die Behandlung dieses Themas nicht auf diese geringe geografische Bedeutung beschränkt. Nach moderner wissenschaftlicher Auffassung gibt es im Sonnensystem nur auf dem Planeten Erde Wasser, und gerade diese Besonderheit wird im Koran betont. Ohne Wasser wäre die Erde wie der Mond zu einem toten Planeten geworden. Unter den verschiedenen Themen, die im Koran im Zusammenhang mit der Erde behandelt werden, wird zuerst das Wasser erwähnt. Außerdem wird auch der Wasserkreislauf im Koran vollkommen und fehlerfrei beschrieben.
Der Wasserkreislauf und das Meer
Wenn die Koranverse über die Rolle des Wassers im menschlichen Leben nacheinander vorgetragen werden, wird man feststellen, dass darin Dinge gesagt werden, die für uns sehr leicht verständlich sind. Denn in der heutigen Zeit sind wir fast alle mehr oder weniger mit dem natürlichen Wasserkreislauf vertraut.
Wenn man die Vorstellungen betrachtet, die in der Antike zu diesem Thema verbreitet waren, zeigt sich, dass sie im Wesentlichen auf Vermutungen und Vorstellungen beruhten. Obwohl diese Vorstellungen zur Zeit der Offenbarung des Korans verbreitet waren, fanden sie im Koran selbst keinen Platz. Auch wenn ein Teil des für diese Aufgabe erforderlichen Wissens durch auf Vermutungen beruhendes logisches Schließen gewonnen werden konnte, können solche Vorstellungen in der heutigen Zeit nicht mehr akzeptiert werden.
Es war leicht anzunehmen, dass das Wasser unter der Erde von oben her durchsickert. In der Antike war Marcus Vitruvius Pollio, der im ersten Jahrhundert v. Chr. in Rom lebte,
ein Anhänger dieser Lehrmeinung. Viele hielten diese Ansicht jedoch für eine Ausnahme. Daher zeigt sich, dass die Menschen über viele Jahrhunderte hinweg – und gerade in der Zeit, in der der Koran offenbart wurde – völlig falsche Vorstellungen vom Wasserkreislauf hatten.
Zwei Experten, G. Pastini und B. Blavoux, haben in einem Artikel der Enzyklopädie Universalis eine ausgezeichnete Geschichte dieses Problems dargelegt. Sie schrieben: „Im siebten Jahrhundert v. Chr. vertrat Thales von Milet die Auffassung, dass das Meerwasser, vom Wind angetrieben, zum Festland hin getrieben werde und dass dieses Wasser, nachdem es auf die Erde gefallen sei, in den Boden eindringe. Platon glaubte an diese Auffassung und meinte, dass das Wasser durch einen tiefen unterirdischen Tunnelweg (Tartarus) wieder ins Meer zurückkehre. Bis zum achtzehnten Jahrhundert hatte diese Auffassung viele Anhänger; einer von ihnen war Descartes. Aristoteles meinte, dass das Wasser unter der Erde verdampfe, in der Kälte der Bergregionen gefriere und dadurch unterirdische Seen bilde; eben dieses Wasser fließe dann in Form von Quellen ab. Seneca (erstes Jahrhundert), Volger und viele andere vertraten diese Auffassung bis zum Jahr 1877. Im Jahr 1580 entwickelte Bernard Palissy eine klare Vorstellung vom Wasserkreislauf. Er sagte, dass das Wasser unter der Erde durch von oben her durchsickerndes Regenwasser entstehe. Bereits im siebzehnten Jahrhundert unterstützten und bestätigten Mariotte und P. Perrault diese Auffassung.“
In den folgenden verschiedenen Versen des Koran findet sich jedoch nicht die geringste Spur der zahlreichen Irrvorstellungen, die zu Muhammads (Friede sei mit ihm) Zeit verbreitet waren.
Sure 50 (Qaf), Verse 9–11: „Und vom Himmel lasse Ich nützlichen Regen niedergehen, und dadurch lasse Ich Gärten, Getreide und hohe Palmen wachsen, an denen Büschel von Datteln hängen, als Lebensunterhalt für Meine Diener; durch den Regen belebe Ich totes Land wieder. So wird auch die Auferstehung geschehen.“
Sure 23 (Al-Mu’minun), Verse 18–19: „Und Ich lasse vom Himmel Wasser in einem bestimmten Maß herabregnen; dann bewahre Ich es in der Erde auf, und Ich bin auch imstande, es wieder fortzunehmen. Danach lasse Ich dadurch für euch Gärten mit Palmen und Weinreben entstehen; darin gibt es für euch viele Früchte, und von ihnen esst ihr.“
Sure 15 (Al-Hidschr), Vers 22: „Und Ich sende fruchttragende Winde, dann lasse Ich vom Himmel Wasser herabregnen und gebe es euch zu trinken; ihr besitzt nicht seine Vorräte.“
Dieser Vers kann auf zwei mögliche Arten ausgelegt werden. „Regenbringende Winde“ oder „fruchtbare Winde“ kann bedeuten, dass durch den Wind die Samen und Pollen vieler Früchte und Blumen getragen werden. Eine andere Bedeutung könnte sein, dass durch den Wind viele regenlose Wolken in regenreiche Wolken verwandelt werden können. Wie in den folgenden Versen wird diese Funktion des Windes in vielen Fällen erwähnt:
Sure 35 (Fāṭir), Vers 9: „Allah ist es, der die Winde sendet, woraufhin sie die Wolken bewegen. Dann lenkt Er sie zu einem leblosen Land; danach belebt Er dadurch die Erde nach ihrem Tod wieder. So wird auch die Auferstehung sein.“
Bemerkenswert ist, dass der erste Teil des Verses beschreibend ist und danach, ohne irgendeine dazwischenliegende Pause, unmittelbar eine Verkündung von Allah erfolgt. Dieser abrupte Wechsel der Darstellungsweise ist im Koran häufig zu beobachten.
Sure 30 (Rūm), Vers 48: „Allah ist es, der die Winde sendet, woraufhin sie die Wolken bewegen; dann breitet Er sie, wie Er will, am Himmel aus, lässt sie danach in Stücke zerfallen, und du siehst, wie aus ihnen Regen hervorkommt. Er lässt ihn von Seinen Dienern zukommen, wem von ihnen Er will; da freuen sie sich.“
Sure 7 (Aʿrāf), Vers 57: „Er ist es, der die Winde als frohe Botschaft im Voraus vor Seiner Barmherzigkeit sendet. Wenn sie schwere Wolken tragen, treiben Wir sie zu einem leblosen Land; dann lassen Wir daraus Regen niedergehen und bringen dadurch Früchte jeder Art hervor. So beleben Wir die Toten wieder, auf dass ihr daraus eine Lehre zieht.“
Sure 25 (Furqān), Verse 48–49: „Er ist es, der die Winde als frohe Botschaft im Voraus vor Seiner Barmherzigkeit sendet und reines Wasser vom Himmel herabregnen lässt, um damit ein lebloses Land wiederzubeleben und den Durst unzähliger Tiere und Menschen zu stillen.“
Sure 45 (Jāṯiya), Vers 5: „Zeichen liegen für ein nachdenkendes Volk im Wechsel von Nacht und Tag, in dem Wasser, das Allah vom Himmel herabregnen lässt und durch das Er die Erde nach ihrem Tod wiederbelebt, und im Wechsel der Winde.“
Hier ist besonders bemerkenswert, dass die Veränderung des Kreislaufs des Regens durch die Winde betont wird.
Sure 13 (Raʿd), Vers 17 (Auszug): „Er lässt vom Himmel Wasser herabregnen, woraufhin die Täler entsprechend ihrem Fassungsvermögen überströmen und die Flut den darauf befindlichen Unrat mit sich führt.“
Sure 67 (al-Mulk), Vers 30: »Sag: Habt ihr darüber nachgedacht: Wenn das Wasser im Erdreich versickert und für euch unerreichbar wird, wer wird euch dann fließendes Wasser bringen?«
Sure 39 (az-Zumar), Vers 21 (Auszug): »Siehst du nicht, dass Allah Wasser vom Himmel herabsendet und es dann als Ströme durch die Erde fließen lässt und dadurch Pflanzen verschiedener Farben hervorbringt?«
Sure 36 (Ya-Sin), Vers 34: »Darin lasse Ich Palmen- und Rebgärten entstehen und lasse Quellen entspringen.«
In den letzten drei Versen wird die Quelle und der Vorgang, durch den sie mit Regenwasser gespeist wird, hervorgehoben. Darüber muss gründlich nachgedacht werden; in diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass man im Mittelalter glaubte – und auch Gelehrte wie Aristoteles waren dieser Ansicht –, das Wasser der Quellen komme aus dem Erdinneren. Professor M. R. Réméniéras von der Französischen Nationalen Hochschule für Agronomie hat in seinem Artikel über Hydrologie (Wasserwissenschaft) in der Encyclopaedia Universalis die wichtigsten Phasen des Wasserkreislaufs beschrieben und auf die hervorragenden Bewässerungssysteme in der Antike, insbesondere im Nahen Osten, hingewiesen. Er stellte fest, dass die einfachen Menschen sich bei ihren Bewässerungsarbeiten stärker auf ihre Erfahrungen verließen, weil die damaligen Vorstellungen und Lehrmeinungen falsch waren. Er sagt: »Bis zur Renaissance (1400–1600 n. Chr.) herrschte ausschließlich die philosophische Lehrmeinung. Danach wurde sie verworfen, als man auf der Grundlage objektiver Beobachtungen mit der Forschung begann. Leonardo da Vinci (1452–1519) protestierte gegen die Lehre des Aristoteles. In seinem Werk ›Wonderful Discourse on the Nature of Water and Fountains, Both Natural and Artificial‹ (Paris, 1570) legte Bernard Palissy die tatsächlichen Erkenntnisse über den Wasserkreislauf und die Speisung der Quellen durch Regenwasser dar.«
Genau dies, nämlich dass Regenwasser in den Untergrund eindringt und als Quelle genutzt wird, wird in Vers 21 der Sure az-Zumar beschrieben.
In Vers 43 der Sure an-Nur werden Regen und Hagel erwähnt: »Siehst du nicht, dass Allah die Wolken bewegt, sie dann zusammenfügt und danach zu Wolkenmassen auftürmt? Du siehst, wie der Regen aus ihnen hervortritt. Und Er lässt aus den Hagelwolken am Himmel Hagel niedergehen; damit trifft Er, wen Er will, und wendet ihn von wem Er will ab. Der Blitz der Wolken nimmt beinahe das Augenlicht.«
In diesem Zusammenhang muss dem Inhalt der drei Verse (68–70) der Sure al-Waqi’a besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden:
»Habt ihr über das Wasser nachgedacht, das ihr trinkt? Seid ihr es, die es aus den Wolken herabkommen lassen, oder lasse Ich es herabregnen? Wenn Ich wollte, könnte Ich es salzig machen. Warum seid ihr dennoch nicht dankbar?«
Dass Allah allmächtig ist und alles tun kann, was Er will, wird auch dadurch in Erinnerung gerufen, dass auf Seine Macht hingewiesen wird, Süßwasser in Salzwasser zu verwandeln. In der modernen Zeit ist der Mensch allerdings in der Lage, auf künstliche Weise Regen zu erzeugen. Ist es angesichts dessen irgendjemandem möglich, die koranische Aussage über die Fähigkeit des Menschen, Regen zu erzeugen, zu widerlegen oder ihr zu widersprechen?
Die Antwort auf diese Frage lautet: Nein, das ist nicht möglich. Allerdings muss man die Grenzen der menschlichen Fähigkeiten in dieser Hinsicht anerkennen. Der französische Meteorologe M. A. Fassi schrieb in der Encyclopaedia Universalis unter dem Stichwort „Regen“: „Es wird niemals möglich sein, aus einer Wolke Regen fallen zu lassen, die für Regen noch nicht reif ist oder diese Eigenschaft noch nicht erlangt hat.“ Mit anderen Worten: Wenn die natürlichen Bedingungen nicht günstig sind, wird es dem Menschen niemals möglich sein, durch den Einsatz technischer Kenntnisse den Regenprozess zu beschleunigen. Andernfalls könnte es keine Dürren oder ausbleibenden Regenfälle geben. Tatsächlich aber zeigt sich, dass Dürren und ausbleibende Regenfälle sehr häufig vorkommen. Daher wird die Möglichkeit, Regen oder das Wetter zu kontrollieren, für den Menschen ein Traum bleiben.
Die festen Naturgesetze, die den Kreislauf des Wassers bestimmen, kann der Mensch nicht nach Belieben verletzen. Nach den Erkenntnissen der modernen Wasserwissenschaft lautet dieses Naturgesetz wie folgt:
Durch die von den Sonnenstrahlen kommende Wärme verdunstet das Wasser der Meere und der Erdoberfläche. Dieser Dampf steigt in die Atmosphäre auf, kondensiert und verwandelt sich in Wolken. Der Wind trägt diese Wolken über unterschiedliche Entfernungen hinweg. Die Wolken können sich dann auflösen, ohne Niederschlag zu bringen, oder sich mit anderen Wolken verbinden und noch stärker verdichten, oder sich auflösen und in irgendeiner Phase des Kreislaufs Niederschlag hervorbringen. Nachdem dieser Regen auf das Meer gefallen ist (70 Prozent der Erdoberfläche sind von Meer bedeckt), beginnt der Kreislauf von Neuem. Wenn der Regen auf den Boden fällt, kann er von den Pflanzen aufgenommen werden und auf diese Weise ihr Wachstum und ihre Entwicklung fördern. Ein Teil des Wassers kehrt von den Pflanzen wieder in die Atmosphäre zurück. Das übrige Wasser dringt in den Boden ein und fließt von dort unterirdisch zum Meer zurück oder strömt in Quellen und Flüsse.
Vergleicht man die in diesem Kapitel angeführten Koranverse mit den modernen Erkenntnissen der Wasserwissenschaft, so zeigt sich zwischen beiden eine erstaunliche Übereinstimmung und Ähnlichkeit.
Das Meer
Die Angelegenheit des Meeres ist allerdings etwas anders geartet. Im Koran gibt es keine Beschreibung des Meeres, die sich mit modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen vergleichen ließe. Es ist jedoch äußerst wichtig festzuhalten, dass der Koran keinerlei Unterstützung für die Theorien, Legenden oder abergläubischen Vorstellungen bietet, die zur Zeit der Offenbarung des Korans über das Meer verbreitet waren.
In einigen Versen geht es um das Meer und die Schifffahrt. Sie geben Anlass, anhand allgemein sichtbarer Dinge über Allahs uneingeschränkte Macht nachzudenken. Die folgenden Verse können beispielhaft angeführt werden:
Sure 14 (Ibrahim), Vers 32: „Er hat die Schiffe eurem Dienst unterstellt, damit sie nach Seinem Befehl auf dem Meer fahren.“
Sure 16 (an-Nahl), Vers 14: „Er ist es, der euch das Meer dienstbar gemacht hat, damit ihr daraus frisches Fleisch esst und daraus Schmuck gewinnt, mit dem ihr euch schmückt; und du siehst die Schiffe es durchschneiden, damit ihr nach Seiner Huld strebt und dankbar seid.“
Sure 31 (Luqman), Vers 31: „Siehst du nicht, dass die Schiffe durch Allahs Gunst auf dem Meer fahren, damit Er euch Seine Zeichen zeigt? Darin liegen wahrlich Zeichen für jeden geduldigen, dankbaren Menschen.“
Sure 55 (ar-Rahman), Vers 24: „Und die auf dem Meer fahrenden schiffsgleichen Berge stehen unter Seiner Herrschaft.“
Sure 36 (Ya-Sin), Verse 41–44: „Und ein Zeichen für sie ist, dass Wir ihre Vorväter in dem beladenen Schiff getragen haben und für sie ähnliche Fahrzeuge erschaffen haben, auf denen sie fahren. Wenn Wir wollen, ertränken Wir sie; dann haben sie niemanden, der ihnen hilft, und sie werden nicht gerettet – außer durch Unsere Barmherzigkeit und damit sie eine Zeit lang das Leben genießen.“
Hier ist eindeutig von dem Ereignis die Rede, bei dem Menschen in einem Schiff befördert wurden, das heißt, Noah (a.s.) zusammen mit den anderen Fahrgästen in einem Schiff getragen und auf trockenes Land gebracht wurde.
Ein weiteres sichtbares Merkmal des Meeres fällt gerade wegen seiner ungewöhnlichen Beschaffenheit leicht ins Auge, und dieses Merkmal ist auch an den Mündungen großer Flüsse und am Zugang zum Meer sichtbar. Im Koran wird dieses Merkmal ausdrücklich erwähnt.
Dieses Merkmal besteht darin, dass sich das Süßwasser des Flusses nicht mit dem Salzwasser des Meeres vermischt. Dieses Schauspiel ist dort zu sehen, wo der Tigris (Didschla) und der Euphrat (Furat) zusammenfließen. Diese Mündung ist ein mehr als hundert Meilen langer Meeresarm und wird Schatt al-Arab genannt. Wenn die Meereswellen in diesen Golf eindringen, drücken sie das Süßwasser des Flusses in Richtung des trockenen Landes und unterstützen auf diese Weise die Bewässerung. Um die Bedeutung der koranischen Aussage in dieser Angelegenheit zu verstehen, muss man sich vergegenwärtigen, dass das arabische Wort „Bahr“ eine große Wassermenge bezeichnet und in diesem Sinne sowohl das Meer als auch große Flüsse wie den Nil, den Tigris und den Euphrat meint. Auch das englische Wort „Sea“ trägt diese allgemeine Bedeutung.
Die Besonderheit, dass sich Süßwasser und Salzwasser nicht vermischen, wird in den folgenden drei Versen beschrieben:
Sure 25 (Al-Furqan), Vers 53: „Er ist es, der die beiden Meere strömen lässt: das eine mit süßem, wohlschmeckendem Wasser und das andere mit salzigem, bitterem Wasser. Zwischen ihnen hat Er eine Schranke und eine unüberwindbare Trennung gesetzt.“
Sure 55 (Fatir), Vers 12: „Die beiden Meere sind nicht gleich: Das Wasser des einen ist süß und wohlschmeckend, das des anderen salzig und bitter. Aus jedem von beiden könnt ihr Fische fangen und Schmuck gewinnen, den ihr tragen könnt.“
Sure 55 (Ar-Rahman), Verse 19, 20 und 22: „Er lässt die beiden Meere strömen, die einander begegnen; doch zwischen ihnen befindet sich eine Trennung, die sie nicht überschreiten können. Aus beiden Meeren kommen Perlen und Korallen hervor.“
Nach der Beschreibung des eigentlichen Vorgangs wird erwähnt, was aus beiden Arten von Wasser gewonnen wird, nämlich Fische, Perlen und Korallen. Das Phänomen, dass sich Süßwasser und Salzwasser nicht vermischen, ist bei den Flüssen Tigris und Euphrat kein einzigartiges oder einmaliges Ereignis. Es kommt auch anderswo vor. Obwohl der Koran die Namen Tigris und Euphrat nicht nennt, wird gewöhnlich angenommen, dass auf diese beiden Flüsse hingewiesen wird. Ihr Süßwasser vermischt sich nicht mit dem Salzwasser, bis es das entfernteste tiefe Meer erreicht.
Die Erdoberfläche
Der Aufbau der Erde ist äußerst komplex. Heute lässt sich ungefähr annehmen, dass die Erde aus einer sehr dicken Schicht unter äußerst großer Hitze entstanden ist. In ihrem Zentrum befinden sich Gesteinsstoffe noch immer in geschmolzenem und heißem Zustand, während die obere Schicht abkühlte und eine feste Form annahm. Die obere Schicht oder die Haut der Erde ist sehr dünn; ihre Dicke wird in Meilen oder höchstens in Einheiten von zehn Meilen angegeben. Die Entfernung vom Erdzentrum bis zum Umfang beträgt etwas mehr als 3.750 Meilen. Somit beträgt die Dicke der Haut im Durchschnitt nicht einmal ein Hundertstel des Umfangs der Kugel. Dennoch haben sich alle geologischen Vorgänge auf dieser Haut ereignet. Die Gebirge entstanden infolge der Falten, die sich zu Beginn dieses Prozesses in der Haut der Erde bildeten. Dieser Prozess ist den Geologen unter dem Namen „Orogenese“ bekannt und von großer Bedeutung. Denn genau durch die Faltung, durch die die Berge entstanden, senkte sich die Erdkruste proportional ab, wodurch auf diese Weise ein festes Fundament für die Berge geschaffen wurde.
Die Verteilung und das Verhältnis von Meer und Land auf der Erdoberfläche sind erst seit sehr kurzer Zeit festgestellt, und selbst hinsichtlich der jüngsten und uns bekannten Zeiträume ist unser Wissen noch unvollständig. Es wird angenommen, dass die Meere wahrscheinlich vor fünfzig Millionen Jahren entstanden sind. In der Anfangsphase bestand die gesamte Landmasse vermutlich aus einem einzigen Stück und zerfiel später, sodass verschiedene Kontinente entstanden. Einige Kontinente oder Teile davon – der nordatlantische Kontinent und Teile Europas – sind durch die Bildung von Gebirgen in Meeresgebieten entstanden.
Nach heutiger Auffassung spielte die Entstehung und Entwicklung der Gebirge bei der Bildung des Festlandes eine bedeutende Rolle. Vom Präkambrium bis zum Quartär beeinflussten die geologischen Formationen des Festlandes verschiedene Gleichgewichte. Teile des Festlandes bildeten sich neu, wodurch sich über Millionen von Jahren die Verteilung und das Verhältnis von Meer und Land veränderten. Im Laufe dieser Veränderungen ist die heutige Fläche des Festlandes auf lediglich drei Zehntel der Meeresfläche angewachsen.
Eine ungefähre Beschreibung der Veränderungen, die sich in den vergangenen mehreren hunderttausend Jahren vollzogen haben, ist heute möglicherweise möglich.
Im Zusammenhang mit der Erdoberfläche wird im Koran lediglich der Entstehungsprozess der Gebirge beschrieben. In den folgenden Versen wird im Zusammenhang mit der Gestaltung der Erde von Allahs Barmherzigkeit gegenüber den Menschen gesprochen. Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es dazu wohl nichts Weiteres zu sagen.
Sure 71 (Nuh), Verse 19–20: „Und Allah hat euch die Erde zu einem ausgedehnten Gelände gemacht, damit ihr euch auf breiten Wegen bewegen könnt.“
Sure 51 (adh-Dhāriyāt), Vers 48: „Und die Erde haben Wir ausgebreitet; wie trefflich haben Wir sie ausgebreitet.“ Es wird davon gesprochen, dass die Erde wie ein Teppich ausgebreitet wurde. Dieser Teppich ist die Haut der Erde, eine äußerst harte Kruste, auf der wir leben. Ohne diese Haut wäre die Erde für kein Lebewesen als Lebensraum geeignet. Denn ihr Inneres ist flüssig, heiß und lebensvernichtend. Die Beschreibung im Koran, wie Gebirge und die Erdoberfläche durch Faltungen fest und widerstandsfähig wurden, ist von großer Bedeutung.
Sure 88 (al-Ghāschiya), Verse 19–20: „Wie die Gebirge aufgerichtet worden sind (wie ein Zelt) und wie die Erdoberfläche eingeebnet worden ist?“ In den folgenden Versen wird ausführlich beschrieben, wie die Gebirge im Erdreich verankert worden sind.
Sure 78 (an-Nabaʾ), Verse 6–7: „Habe Ich nicht die Erde zu einem Lager und die Gebirge zu Pflöcken gemacht?“ Ein Pflock ist ein in den Boden geschlagener Pfosten, an dem die gespannten Seile eines Zeltes befestigt werden (Awtād, der Plural von Watad). Moderne Geologen erkennen an, dass gerade die Falten des Erdreichs als Grundlage der Gebirge dienen. Ihrer Auffassung nach kann die Größe einer einzelnen Falte ein bis zehn Meilen betragen. Diese Falten stärken auch die Erdkruste. Vor diesem Hintergrund kann man die folgenden Verse beachten:
Sure 79 (an-Nāziʿāt), Vers 32: „Und die Gebirge hat Er fest verankert.“
Sure 31 (Luqman), Vers 10: „Er ist es, der auf der Erde Berge errichtet hat, damit sie nicht mit euch ins Wanken gerät.“
In Vers 15 der Sure an-Nahl wird dasselbe gesagt, und auch in Vers 31 der Sure al-Anbiya wird derselbe Gedanke folgendermaßen zum Ausdruck gebracht: „Und Ich habe auf der Erde feste Berge geschaffen, damit die Erde mit ihnen nicht hin und her schwankt.“
In diesen Versen wird der Gedanke zum Ausdruck gebracht, dass die Art und Weise, in der die Berge errichtet wurden, die Stabilität gewährleistet. Dieser Gedanke steht vollkommen im Einklang mit den modernen geologischen Erkenntnissen.
Die Atmosphäre der Erde
Die ausführlichen Beschreibungen des Korans über den Himmel haben wir bereits untersucht; nun werden wir einige Verse über bestimmte Erscheinungen in der Atmosphäre untersuchen. Wir werden nun sehen, dass die in diesen Versen beschriebenen Informationen keineswegs im Widerspruch zur modernen Wissenschaft stehen.
Höhe
Wenn der Mensch emporsteigt, empfindet er Unbehagen. Mit zunehmender Höhe nimmt auch das Unbehagen zu. Dieses bekannte Gefühl wird in Vers 125 der Sure al-An’am beschrieben: „Wenn Allah jemanden rechtleiten will, öffnet Er dessen Herz für den Islam; und wenn Er jemanden in die Irre gehen lassen will, macht Er dessen Herz eng und bedrängt. Für ihn wird die Annahme des Islam so schwierig wie das Emporsteigen in den Himmel.“
Einige Kommentatoren haben behauptet, dass den Arabern zur Zeit Muhammads (s.) das Unbehagen beim Emporsteigen nicht bekannt gewesen sei. Diese Behauptung ist jedoch keineswegs wahr. Denn in der arabischen Region gab es damals Berge, die höher als zwei Meilen waren; daher ist es nicht anzunehmen, dass ihnen die Atembeschwerden in dieser Höhe unbekannt waren. Zur Zeit des Propheten war Sana, die Hauptstadt des Jemen, bewohnt, und die Stadt lag etwa 7.900 Fuß über dem Meeresspiegel. Einige Kommentatoren haben in diesem Vers auch eine Prophezeiung über die Eroberung des Weltraums gesehen, aber auch das ist nicht wahr. Eine Prophezeiung über die Eroberung des Weltraums findet sich in diesem Vers jedenfalls nicht.
Elektrizität in der Atmosphäre
In den folgenden einigen Versen wird davon gesprochen, dass in der Atmosphäre Elektrizität vorhanden ist und dass dies Blitzeinschläge und Hagel verursacht:
Sure 13 (Ar-Ra’d), Verse 12–13: „Er ist es, der euch den Blitz sehen lässt, der Furcht und Hoffnung hervorruft, und Er lässt die schweren Wolken entstehen. Der Donnerschlag und die Engel verkünden aus Furcht lobpreisend Seine Herrlichkeit und Seine Heiligkeit. Und Er schleudert die Blitze und trifft damit, wen Er will; dennoch streiten sie über Allah, obwohl Er gewaltig an Macht ist.“
Sure 24 (An-Nur), Vers 43: „Siehst du nicht, wie Allah die Wolken treibt, sie dann zusammenfügt und danach zu einer Masse ballt? Dann siehst du, wie der Regen aus ihnen hervortritt. Und aus den am Himmel befindlichen Hagelmassen lässt Er Hagel niedergehen und wendet ihn von wem Er will ab. Der Blitz der Wolken nimmt dem Augenlicht beinahe die Sehkraft.“
In diesen beiden Versen wird eindeutig der Zusammenhang zwischen der Bildung von Regen- oder Hagelwolken und Blitzeinschlägen beschrieben. Bei den Wolken entsteht wegen ihres Nutzens Hoffnung, während der Donner Furcht hervorruft, denn wenn er niedergeht, geschieht dies allein auf den Willen Allahs, des Allmächtigen. Der Zusammenhang zwischen diesen beiden Erscheinungen ist durch das moderne wissenschaftliche Wissen über das Vorhandensein von Elektrizität in der Atmosphäre nachgewiesen und bestätigt worden.
Schatten
Dass Schatten existieren und sich bewegen können, lässt sich heute sehr leicht erklären. In den folgenden einigen Versen wird dieses Thema beschrieben:
Sure 16 (An-Nahl), Vers 81: „Aus dem, was Er erschaffen hat, hat Allah für euch Schatten geschaffen.“
Sure 16 (an-Nahl), Vers 48: „Sehen sie denn nicht die von Allah erschaffenen Dinge, deren Schatten sich demütig vor Allah niederwerfen und sich nach rechts und links neigen?“
Sure 25 (Luqman), Verse 45–46: „Siehst du nicht, wie dein Herr den Schatten ausbreitet? Wenn Er wollte, könnte Er ihn stillstehen lassen; doch hat Er die Sonne zu seinem Wegweiser gemacht. Danach zieht Er ihn allmählich zu sich zurück.“
In diesen Versen wird neben demütiger Ergebenheit gegenüber Allah bei allen von Ihm erschaffenen Dingen und ihren Schatten sowie dem Hinweis darauf, dass Allah, wenn Er will, alle Zeichen Seiner Macht zurücknehmen kann, auch die Beziehung zwischen Sonne und Schatten erwähnt. In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass man zu Muhammads (S.) Zeit glaubte, die Bewegung des Schattens werde durch die Bewegung der Sonne von Osten nach Westen gesteuert; auch bei der Sonnenuhr wurde dieses Prinzip zur Messung der Zeit vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang angewandt. Ohne irgendeinen Hinweis auf diese damals verbreitete Erklärung wird das Ereignis im Koran beschrieben, und die Art dieser Erklärung war so beschaffen, dass sie noch viele Jahrhunderte nach Muhammad (S.) ohne Weiteres akzeptiert wurde. Letztlich erwies sie sich jedoch als falsch. Im Koran wird lediglich von der Rolle der Sonne als Richtweiser des Schattens gesprochen. Offensichtlich besteht zwischen der Art und Weise, in der der Schatten im Koran beschrieben wird, und den modernen Erkenntnissen und Daten zu diesem Thema kein Widerspruch.
Das Tier- und Pflanzenreich
In diesem Kapitel wurden zahlreiche Verse über den Ursprung des Lebens zusammengestellt. Daneben wurden einige Verse aufgenommen, die bestimmte allgemeine und besondere Merkmale der Pflanzen- und Tierwelt enthalten. Die Verse zu diesem Thema sind an verschiedenen Stellen im Koran verstreut. Ich hoffe, dass die von mir vorgenommene Klassifizierung dieser Verse einen allgemeinen Überblick über die im Koran dargelegten Informationen vermitteln wird.
Aufgrund einiger inhärenter Schwierigkeiten bei der Bedeutung der Wörter hat die Untersuchung des koranischen Wortlauts in diesem und im folgenden Kapitel bisweilen eine äußerst heikle Situation geschaffen. Mithilfe moderner wissenschaftlicher Erkenntnisse auf dem jeweiligen Gebiet konnte dieses Problem jedoch überwunden werden. Diese Unterstützung erwies sich insbesondere im Bereich der Tierwelt, der Menschenwelt und der Pflanzenwelt als notwendig; ohne sie wäre es nicht möglich gewesen, zur eigentlichen Bedeutung und Tragweite der koranischen Darstellung vorzudringen.
Aus dieser Perspektive betrachtet wird klar erkennbar sein, dass die Übersetzungen des Korans, die gelehrte Männer angefertigt haben, aus Sicht eines Wissenschaftlers zwangsläufig als falsch gelten müssen. Dasselbe gilt in gleicher Weise für die Auslegungen derjenigen, die ohne die erforderlichen wissenschaftlichen Kenntnisse Kommentare verfasst haben.
Der Ursprung des Lebens
Die Entstehung des Lebens hat im menschlichen Geist stets Fragen aufgeworfen – nicht nur hinsichtlich des eigenen Lebens, sondern auch hinsichtlich der verschiedenen Lebewesen, die ihn umgeben. Wir werden diese Frage aus einer allgemeinen Perspektive prüfen. Da das Auftreten des Menschen auf der Erde und seine zahlenmäßige Zunahme eine ausführliche Erörterung erfordern, werden wir dies im nächsten Kapitel behandeln.
Dort, wo der Quran die Entstehung des Lebens allgemein beschreibt, ist diese Darstellung sehr kurz. In dem Vers, der diese Beschreibung enthält, wird auch der Entstehungsprozess des Universums beschrieben:
Sure 21 (Al-Anbiya), Vers 33: „Sehen diejenigen, die die Wahrheit leugnen, nicht, dass die Himmel und die Erde miteinander verbunden waren? Dann trennten Wir beide voneinander und erschufen aus Wasser jedes Lebewesen. Wollen sie denn nicht glauben?“
Die Vorstellung, dass aus etwas etwas anderes hervorgeht, gibt keinen Anlass zu Zweifel. In diesem Licht kann die Bedeutung des Verses sein, dass jedes Lebewesen unter Verwendung von Wasser als unerlässlichem Bestandteil erschaffen wurde; oder dass das Leben im Wasser entstanden ist. Beide Bedeutungen stehen mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft in Einklang. Das Leben entstand tatsächlich im Wasser, und Wasser ist auch der Hauptbestandteil aller lebenden Zellen. Ohne Wasser kann Leben überhaupt nicht möglich sein. Wenn die Frage geprüft wird, ob es auf einem anderen Planeten Lebewesen gibt, wird zunächst gefragt, ob es dort Wasser gibt.
Aus modernen Erkenntnissen geht hervor, dass die ältesten Lebewesen zum Pflanzenreich gehörten. Meeresalgen sind bereits vor dem Kambrium, also im Zeitalter der ältesten bekannten Landmassen, nachgewiesen worden. Die Zellen von Tieren, also des Tierreichs, entstanden wahrscheinlich etwas später und ebenfalls im Meer.
Das Wort Wasser (englisch „water“) wird als Übersetzung des arabischen Wortes „Māʾ“ verwendet. Mit dem Wort „Māʾ“ kann Wasser aus dem Himmel, Meerwasser oder jede Art von Flüssigkeit gemeint sein. Wasser im ersten Sinne ist für alles Leben im Pflanzenreich unerlässlich.
Sure 20 (Ta-Ha), Vers 53: „Er lässt vom Himmel Wasser herabkommen und bringt dadurch verschiedene Arten von Pflanzen paarweise hervor.“
Dies ist die erste Erwähnung der Paare im Pflanzenreich / Dieses Thema werden wir später erörtern. Im anderen Sinne, wenn nicht eine bestimmte Art, sondern lediglich eine Flüssigkeit gemeint ist, bildet eine Art des damit bezeichneten Wassers die Grundlage für die Entstehung des Lebens aller Lebewesen. Sure 24 (An-Nur), Vers 45: „Allah hat jedes Lebewesen aus Wasser erschaffen.“ Dass das Wort Wasser auch auf Samenflüssigkeit angewandt wird, werden wir später sehen.
Ob es nun allgemein um den Ursprung des Lebens, um das Hervorkommen der Pflanzen aus der Erde oder um den Samen der Tiere geht – alle Darstellungen im Koran stimmen vollkommen mit der modernen Wissenschaft überein. Von den damals zur Zeit der Offenbarung des Korans über den Ursprung des Lebens verbreiteten Sprichwörtern und Mythen wird im Koran auch nicht eines erwähnt.
Pflanzenreich
Alle Verse, in denen im Zusammenhang mit dem durch den Regen hervorgerufenen Hervorbringen von Bäumen, Pflanzen und Ranken Allahs Barmherzigkeit erwähnt wird, vollständig zu zitieren, wäre möglich. Hier führen wir jedoch nur drei Verse an:
Sure 16, An-Nahl, Verse 10–11: „Er ist es, der Wasser vom Himmel herabsendet. Darin ist für euch ein Trank, und daraus wachsen Pflanzen, an denen ihr euer Vieh weiden lasst. Durch dieses lässt Er für euch Getreide, Oliven, Dattelpalmen, Weintrauben und allerlei Früchte wachsen.“
Sure 6, Al-An’am, Vers 99: „Er ist es, der Wasser vom Himmel herabsendet. Damit lässt Er Pflanzen aller Art sprießen; daraus lässt Er grüne Blätter hervorkommen, aus denen Er dicht aneinandergereihte Körner hervorbringt. Und aus den Blütenständen der Dattelpalmen lässt Er herabhängende Fruchtbüschel entstehen. Ebenso lässt Er Gärten mit Weinreben sowie Oliven und Granatäpfel wachsen – einander ähnlich und doch verschieden. Betrachtet ihre Früchte, wenn sie Früchte tragen und reif werden. Darin liegen wahrlich Zeichen für ein gläubiges Volk.“
Sure 50, Qaf, Verse 9–11: „Und vom Himmel senden Wir gesegneten Regen herab und lassen dadurch Gärten, Getreide und hochragende Dattelpalmen wachsen, an denen Büschel hängen, als Versorgung für Unsere Diener. Durch den Regen beleben Wir das tote Land wieder. So wird auch die Auferstehung sein.“
Neben solchen Informationen allgemeiner Art sind im Koran auch Informationen zu spezifischen Sachverhalten enthalten.
Gleichgewicht im Pflanzenreich
Sure 15 (Al-Hidschr), Vers 19: „Und Wir haben auf der Erde jedes Ding in wohlbemessenem Maß erschaffen.“
Die Verschiedenheit der Eigenschaften verschiedener Nahrungsmittel
Sure 13 (Ar-Rad), Vers 4: „Und auf der Erde liegen benachbarte Gebiete, Weinberge, Getreidefelder und Dattelpalmen mit mehreren Stämmen oder mit nur einem Stamm. Sie werden mit demselben Wasser bewässert, und Wir bevorzugen manche von ihnen gegenüber anderen hinsichtlich ihrer Früchte. Darin liegen wahrlich Zeichen für Leute, die Verstand besitzen.“
Die Existenz dieser Verse ist besonders bemerkenswert, weil hier grundlegende Wahrheiten in äußerst schlichter Sprache beschrieben werden und keinerlei damalige Sprichwörter oder Legenden erwähnt werden. Besonders zieht jedoch die Darstellung des Korans über die Fortpflanzung im Pflanzenreich unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Die Fortpflanzung im Pflanzenreich
Im Pflanzenreich gibt es zwei Arten der Fortpflanzung – die geschlechtliche und die ungeschlechtliche. Eigentlich kann nur die erste Art als Fortpflanzung bezeichnet werden, denn dabei wirkt ein körperlicher Vorgang, dessen Zweck darin besteht, ein neues Lebewesen hervorzubringen, das dem Elternorganismus gleicht.
Die ungeschlechtliche Fortpflanzung hingegen ist lediglich eine Vermehrung der Anzahl: Ein vom Muttergewächs abgetrennter Teil entwickelt sich aufgrund der Eigenschaften des Muttergewächses weiter. Guiliermond und Mangenot bezeichneten diesen Vorgang als „eine besondere Art der Geburt“. Ein einfaches Beispiel für diesen Vorgang ist die Vermehrung durch Stecklinge: Man schneidet einen Zweig ab, pflanzt ihn in die Erde und lässt daran neue Wurzeln entstehen. Nicht von allen Pflanzen können Stecklinge gezogen werden; einige Pflanzen eignen sich dafür besonders gut. Bei manchen Pflanzen entstehen Knollen oder Ausläufer, die ebenso wie Samen verwendet werden können. Bemerkenswert ist, dass Samen als Ergebnis des geschlechtlichen Vorgangs entstehen.
Im Pflanzenreich erfolgt die Fortpflanzung auf geschlechtlichem Wege durch die Verschmelzung der männlichen und weiblichen Teile derselben oder mehrerer Pflanzen. Im Koran wird ausschließlich dieser Vorgang erwähnt.
Sure 20 (Taha), Vers 53: „Er lässt Wasser vom Himmel herabregnen und lässt dadurch verschiedene Arten paarweise hervorgehen.“
Das Wort ‚Dschauz‘ bedeutet eines eines Paares. Der Plural dieses arabischen Wortes ist ‚Aswādsch‘. Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist etwas, das sich mit etwas anderem verbindet und ein Paar bildet. In diesem Sinne wird das Wort sowohl für ein verheiratetes Ehepaar als auch für ein Paar Schuhe verwendet.
Sure 22 (Haddsch), Vers 5: „Du siehst die Erde trocken; wenn Wir dann Wasser auf sie herabregnen lassen, gerät sie in Bewegung, quillt auf und lässt allerlei ansehnliche Pflanzen paarweise hervorsprießen.“
Sure 31 (Luqman), Vers 10: „Er ist es, der auf der Erde allerlei nützliche Pflanzen paarweise hervorsprießen lässt.“
Sure 13 (Raʿd), Vers 3: „Er hat auf der Erde von jeder Frucht zwei Arten paarweise erschaffen.“
Wir wissen, dass bei höher entwickelten Pflanzen die Frucht das Endprodukt des Fortpflanzungsprozesses ist. Der Aufbau dieser Pflanzen ist sehr entwickelt und komplex. Das der Frucht vorausgehende Stadium ist die Blüte, und diese Blüte besitzt männliche und weibliche Organe. Nachdem sich Pollen auf dem weiblichen Organ abgesetzt haben, bildet sich die Frucht; nachdem diese Frucht gereift ist, entstehen die Samen. Somit belegt jede Frucht die Existenz männlicher und weiblicher Organe. Genau dies wird im Koran gesagt. Bemerkenswert ist, dass bei manchen Arten auch aus unbefruchteten Blüten (ohne die Verschmelzung männlicher und weiblicher Pollen) Früchte entstehen können, etwa bei Bananen, einigen Arten von Ananas, Feigen, Orangen und Weintrauben. Diese Früchte können wiederum auch aus befruchteten Blüten entstehen.
Wenn sich die Samenhülle, die oft sehr hart ist, öffnet und die Keimung einsetzt, erreicht der Fortpflanzungsprozess sein letztes Stadium. Durch das Öffnen der Samenhülle können Wurzeln sprießen; diese Wurzeln nehmen dann Nährstoffe aus dem Boden auf und helfen dabei, einen neuen Keimling hervorzubringen.
Im Koran wird dieser Keimungsprozess folgendermaßen beschrieben:
Sure 6 (al-An’am), Vers 95: „Allah lässt den Samen und den Kern keimen.“ Indem der Koran die Existenz von Paaren in der Pflanzenwelt erwähnt, wird dieser Gedanke auf einen noch umfassenderen und allgemeineren Bereich angewandt.
Sure 36 (Ya-Sin), Vers 36: „Preis und Erhabenheit gebühren Ihm, der alle Pflanzen, die Menschen und jene, die sie nicht kennen, jeweils paarweise erschaffen hat.“
Zur Zeit Muhammads (s.a.w.) mag es zu dem Ausdruck „jene, die sie nicht kennen“ verschiedene Vermutungen und Spekulationen gegeben haben. Heute wissen wir jedoch genau, dass es in der belebten und unbelebten Welt auf allen Ebenen, von der kleinsten bis zur größten, Paare gibt. Bemerkenswert ist, dass all diese Vorstellungen des Korans vollständig mit dem modernen Wissen und der modernen Wissenschaft übereinstimmen.
Das Tierreich
Im Koran gibt es einige Themen, deren Auslegung und Analyse der modernen Wissenschaft gegenübergestellt werden müssen. Wenn jedoch jemand den unten angeführten Vers mit großer Aufmerksamkeit betrachtet, wird er dadurch nicht vollständig erkennen können, was der Koran zu dem betreffenden Thema tatsächlich aussagt.
In diesem Vers wird die Erschaffung einiger Bestandteile der Tierwelt beschrieben, damit der Mensch Allahs Barmherzigkeit ihm gegenüber erkennt. Die Darstellung, dass (verschiedene Bestandteile) entsprechend den Bedürfnissen des Menschen erschaffen wurden, ist ein allgemeines Merkmal des Korans; im Wesentlichen führen wir diesen Vers gerade als ein Beispiel für dieses Merkmal besonders an. Der Vers richtet sich an die Bewohner ländlicher Gebiete, und außer aus dieser Perspektive gibt es keinen Spielraum, die Angelegenheit anders zu betrachten.
Sure 16 (an-Nahl), Verse 5–8: „Und Er hat das Vieh erschaffen. In ihm habt ihr wärmende Kleidung und vielfältigen Nutzen, und von ihm erhaltet ihr Nahrung. Und wenn ihr es am Abend von der Weide nach Hause führt und am Morgen zur Weide hinausführt, erfreut ihr euch an seiner Schönheit. Und Er hat für euch Pferde, Maultiere und Esel erschaffen, damit ihr auf ihnen reitet und sie zur Zierde dienen; und Er erschafft vieles, was ihr nicht wisst.“ Neben dieser allgemeinen Darstellung werden im Koran einige besondere Informationen gegeben. Diese Themen sind: (1) die Fortpflanzung in der Tierwelt, (2) der Hinweis auf die Existenz von Gesellschaften in der Tierwelt, (3) die Darstellung der Bienen, der Spinnen und der Vögel, (4) die Beschreibung der Herkunft der Bestandteile der Tiermilch. Nun werden wir diese Themen nacheinander erörtern.
1) Die Fortpflanzung in der Tierwelt
In den Versen 45–56 der Sure an-Nadschm wird das Thema sehr kurz beschrieben: „Er ist es, der das Paar, das männliche und das weibliche, aus einem vergossenen Samentropfen erschafft.“ Mit „Paar“ ist hier das gemeint, was in dem Vers über die Pflanzenwelt als „Zweierpaar“ bezeichnet wurde. Wir haben dies bereits erörtert. Bemerkenswert ist jedoch, dass hier das Geschlecht des Paares erwähnt wird. Die Beschreibung, dass für die Fortpflanzung nur eine geringe Menge Flüssigkeit erforderlich ist, ist zutreffend, präzise und in höchstem Maße bemerkenswert. Im Arabischen wurde ein Wort verwendet, das eindeutig „Sperma“ bedeutet. Die Bedeutung dieser Beschreibung werden wir später erörtern.
2) Der Hinweis auf die Existenz von Gemeinschaften in der Tierwelt
Sure 6 (al-Anʿām), Vers 38: „Es gibt kein Tier auf der Erde und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wie ihr wären. Wir haben im Buch nichts ausgelassen; dann werden sie alle zu ihrem Herrn versammelt werden.“ Einige Aspekte dieses Verses bedürfen einer Erörterung. Erstens scheint die Aussage des Verses Hinweise darauf zu enthalten, was nach dem Tod mit den Tieren und Vögeln geschehen wird. Offenbar gibt es im Islam hierzu jedoch keine entsprechende Lehre. Zweitens scheint hier allgemein auf das vorherbestimmte Schicksal (Taqdīr) hingewiesen zu werden. (Was unter Taqdīr beim Menschen zu verstehen ist, haben wir bereits zu Beginn des dritten Teils dieses Buches erörtert.) Taqdīr kann entweder als souveräne oder als bedingte Macht aufgefasst werden. Mit bedingtem oder konditioniertem Taqdīr meinen wir ein Verhalten, das durch strukturelle oder funktionale Eigenschaften gesteuert wird; so handelt ein Tier in einer bestimmten Umgebung entsprechend seinen besonderen Empfindungen. Diese Empfindungen entstehen aufgrund der äußeren Umgebung seines Körpers.
Blachère sagt, dass die Kommentatoren früherer Zeiten der Ansicht seien, in diesem Vers sei von der Anbetung Allahs durch die Tiere mittels Handlungen die Rede, die aus inneren Empfindungen hervorgehen. Scheich C. Boubaker Hamza sagt in seinem Kommentar zu seiner Koranübersetzung: „Aufgrund von Empfindungen, die durch himmlisches Wissen hervorgebracht werden, schließen sich alle Tiere zu Gemeinschaften zusammen und fordern, dass die Tätigkeit jedes Mitglieds im Interesse der gesamten Klasse ausgeübt wird.“
In den letzten Jahrzehnten wurden umfangreiche und tiefgehende Untersuchungen über das Verhalten von Tieren und Vögeln durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass sie tatsächlich in Gemeinschaften leben. Nach langjähriger Beobachtung der Tätigkeit mancher solcher Gemeinschaften konnte nachgewiesen werden, dass diese Gemeinschaften eine bestimmte Struktur und Organisation besitzen. Bei einigen Tierarten ist es erst vor kurzer Zeit gelungen, die Existenz von Funktionsträgern ihrer gesellschaftlichen Organisation zu entdecken. Über die Honigbiene ist zweifellos am meisten gearbeitet worden, und mit der Erforschung ihres Verhaltens ist der Name von Frisch verbunden. Für diese Arbeit erhielten Frisch, Lorenz und Tinbergen 1973 den Nobelpreis.
3) Beschreibungen über die Honigbiene, die Spinne und den Vogel
Wenn Fachleute für das Nervensystem ein bemerkenswertes Beispiel für die Nervenmechanismen anführen möchten, die das Verhalten von Tieren steuern und kontrollieren, sprechen sie zuerst von der Honigbiene, der Spinne und dem Vogel, insbesondere vom Zugvogel. Bei diesen drei Tieren findet man zweifellos äußerst hoch entwickelte Formen gesellschaftlicher Organisation. Die Besonderheit, die sich daraus ergibt, dass diese drei Tiere im Koran erwähnt werden, steht aus wissenschaftlicher Sicht vollkommen im Einklang damit. Ihr Wesen und ihr Verhalten sind tatsächlich außergewöhnlich. Nun werden wir diese drei Tiere nacheinander erörtern.
Die Honigbiene
Im Koran findet sich die längste Beschreibung über die Biene. Sure 16 (an-Nahl), 68–69: „Dein Herr hat der Biene eingegeben: ‚Baue dir Häuser in den Bergen, in den Bäumen und in dem, was die Menschen errichten. Dann iss von allen Früchten und folge den Wegen deines Herrn, die Er dir leicht gemacht hat.‘ Aus ihrem Leib kommt ein Getränk von verschiedener Farbe; darin liegt Heilung für die Menschen.“
[Bemerkenswert ist, dass der Koran nur auf diese Weise von Heilung für die Menschen spricht. Bei einigen Krankheiten ist Honig tatsächlich nützlich. Was auch immer im Widerspruch dazu gesagt werden mag: An keiner anderen Stelle des Korans wird eine Heilung von Krankheiten erwähnt.]
Es ist schwer zu bestimmen, was mit der Aufforderung, den Wegen des Herrn zu folgen, tatsächlich gemeint ist; vermutlich kann diese Anweisung im allgemeinen Sinne verstanden werden. Auf Grundlage der bisher über das Verhalten der Bienen gewonnenen Erkenntnisse lässt sich lediglich sagen, dass ihr gesamtes Verhalten von ihrem Nervensystem gesteuert wird. Dasselbe gilt gleichermaßen für Spinnen und Vögel. Der Tanz der Bienen ist ein Mittel zur Verständigung mit anderen Bienen. Auf diese Weise teilen sie einander mit, in welcher Entfernung und in welcher Richtung sich Blüten befinden, von denen Honig gesammelt werden kann. Außerdem wurde durch die Forschungen von Karl von Frisch nachgewiesen, durch welche Arten von Körperbewegungen Nachrichten zwischen den Arbeiterinnen ausgetauscht werden.
Die Spinne
Die Spinne wird im Koran gerade deshalb erwähnt, um die Vergänglichkeit ihrer Behausung besonders deutlich zu machen. Nichts kann so leicht, vergänglich und zerbrechlich sein wie die Behausung der Spinne, also ihr Netz. Der Koran sagt, dass die Behausung der Spinne ebenso fest ist wie die Behausung derjenigen, die außer Allah andere Herren angenommen haben.
Sure 29 (al-Ankabut), Vers 41: „Das Gleichnis derjenigen, die sich anstelle Allahs andere zu Schutzherren nehmen, ist das der Spinne: Sie baut sich ein Haus; doch das schwächste der Häuser ist gewiss das Haus der Spinne, wenn sie es nur wüssten.“
Mithilfe einer aus ihren Drüsen austretenden Speichelart bauen sie ihr Haus. Dieser seidenähnliche Faden ist äußerst fein und leicht. Das Netz der Spinne ist so schwach und kurzlebig, dass es dem Menschen überhaupt nicht möglich ist, etwas Derartiges herzustellen. Beim Anblick der erstaunlichen und außergewöhnlichen kunstvollen Gestaltung dieses Netzes sind Naturwissenschaftler sprachlos geworden. Bemerkenswert ist, dass dieses geometrisch vollkommene Webwerk gerade aufgrund der unterschiedlichen Lage der Nervenzellen der Spinne entsteht.
Die Vögel
Im Koran werden Vögel an vielen Stellen erwähnt. Auch im Zusammenhang mit Ereignissen aus dem Leben der Propheten Ibrahim, Yusuf, Dawud, Sulayman und Isa werden Vögel erwähnt. Für das Thema, das wir hier erörtern, sind diese Erwähnungen jedoch nicht relevant.
Der folgende Koranvers erwähnt, dass es auf der Erde Gemeinschaften von Tieren und am Himmel eine Gemeinschaft der Vögel gibt. Sure 6 (Al-An’am), Vers 38: „Es gibt kein Tier, das auf der Erde umhergeht, und keinen Vogel, der mit seinen Flügeln fliegt, die nicht Gemeinschaften wie ihr wären. Wir haben im Buch nichts ausgelassen; dann werden sie alle zu ihrem Herrn versammelt werden.“
In zwei weiteren Versen wird die völlige Unterwerfung der Vögel unter Allahs Macht erwähnt.
Sure 16 (An-Nahl), Vers 79: „Sehen sie denn nicht die Vögel, die sich leicht im leeren Raum des Himmels bewegen? Allah hält sie dort fest.“
Sure 67 (Al-Mulk), Vers 19: „Sehen sie denn nicht die über ihnen fliegenden Vögel, die ihre Flügel ausbreiten und wieder anlegen? Der Barmherzige allein hält sie fest.“
Die Übersetzung auch nur eines Wortes in diesen beiden Versen ist äußerst schwierig. Die hier vorgelegte Übersetzung vermittelt die Vorstellung, dass Allah die Vögel durch Seine eigene Macht festhält. Das ursprüngliche arabische Verb lautet ‚amsaka‘; seine Grundbedeutung ist: „die Hand auflegen, festhalten, ergreifen, jemanden festhalten“.
Im Koran wird diese völlige Abhängigkeit der Vögel von Allahs Befehl erwähnt. Dies lässt sich mit Erkenntnissen der modernen Wissenschaft vergleichen, denen zufolge bestimmte Vogelarten hinsichtlich ihrer Zugwege einem festgelegten Muster folgen. Diese Vögel, selbst ihre unerfahrenen Jungen, legen äußerst lange und komplizierte Strecken mühelos und fehlerlos zurück und kehren an einem bestimmten Datum zu ihrem Ausgangsort zurück. Damit ist eindeutig bewiesen, dass das Programm für diese Reise in ihrem Nervensystem vorgegeben verankert ist. Eine andere mögliche Erklärung für dieses Verhalten gibt es nicht. Professor Hamburger führt in seinem Buch „Power and Fragility“ (La Puissance et la Fragilité; Verlag Flammarion, Paris, 1972) das berühmte Beispiel einer im pazifischen Raum beheimateten Vogelart, des Sturmvogels, an. Dieser Vogel legt innerhalb von sechs Monaten eine Strecke von mehr als 15.500 Meilen zurück und kehrt höchstens eine Woche verspätet zu seinem Ausgangsort zurück. Man muss zugeben, dass die komplizierten Anweisungen für diese Reise im Nervensystem des Vogels verankert sind. Gewiss, dieser Reiseplan ist vorgegeben – aber wer hat ihn vorherbestimmt?
4) Die Herkunft der Bestandteile der Tiermilch
Die Definition, die der Koran zu diesem Thema gibt (Sure 16, an-Nahl, Vers 66), stimmt genau mit den Erkenntnissen der modernen Wissenschaft überein. Die Übersetzung und Auslegung dieses Verses, die ich hier gegeben habe, stammen von mir selbst. Denn selbst in den modernsten Übersetzungen dieses Verses haben die Übersetzer meines Erachtens eine Bedeutung angegeben, die keineswegs akzeptabel ist. Ich möchte zwei Beispiele anführen:
Übersetzung von Blachère (Verlag: G. P. Maisonneuve-Larose, Paris, 1966): „Wahrlich, im Vieh habt ihr eine Lehre. Wir geben euch von dem, was sich in ihrem Bauch zwischen der verdauten Nahrung und dem Blut befindet, reine Milch zu trinken, die den Trinkenden bekömmlich ist.“
Übersetzung von Professor Hamidullah (Verlag: Club français du Livre, Paris, 1971): „Wahrlich, im Vieh habt ihr eine Lehre. Aus dem, was sich in ihren Bäuchen befindet, zwischen ihrem Kot und ihrem Blut, lassen Wir euch reine Milch trinken, die den Trinkenden bekömmlich ist.“
Wenn man diese beiden Übersetzungen einem Anatomiefachmann vorlegt, wird er sagen, dass die Sache unklar und nicht recht verständlich ist. Der Grund dafür ist, dass die in der Übersetzung vermittelte Vorstellung nicht einmal im Ansatz mit der modernen Auffassung übereinstimmt, obwohl diese beiden Übersetzer sehr bedeutende Arabischgelehrte sind. Es ist allgemein bekannt, dass ein Übersetzer zwar auf Übersetzungen spezialisiert sein kann, aber bei der Übersetzung einer wissenschaftlichen Darstellung Fehler machen kann, wenn er nicht auch auf dem betreffenden wissenschaftlichen Gebiet Fachmann ist. Meiner eigenen Ansicht nach lautet die richtige Übersetzung des Verses folgendermaßen: „Wahrlich, im Vieh habt ihr eine Lehre. Wir geben euch von dem, was sich in ihren Körpern befindet, jene Milch zu trinken, die aus der Verbindung des Darminhalts mit dem Blut entsteht und für diejenigen, die sie trinken, rein und bekömmlich ist.“
In dem vom Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten in Kairo herausgegebenen und 1973 veröffentlichten Werk mit dem Titel „Muntakhab“ wird dieser Vers ausgelegt; meine Auslegung kommt der dortigen sehr nahe. Bemerkenswert ist, dass der Oberste Rat für seine Auslegung die Hilfe der modernen Anatomie in Anspruch genommen hat.
Was die Wortwahl betrifft, kann ich zur Unterstützung meiner Auslegung anführen, dass ich „in ihren Körpern“ verwendet habe; Blachère und Professor Hamidullah dagegen übersetzten mit „in ihren Bäuchen“. Ich habe festgestellt, dass das arabische Wort „bātin“ sowohl „Mitte“ oder „innerer Teil von etwas“ als auch „Bauch“ bedeuten kann. Das Wort hat hier keine spezifische anatomische Bedeutung. Im Zusammenhang scheint jedoch „in ihren Körpern“ recht passend und folgerichtig zu sein.
Die Vorstellung von der „ursprünglichen Quelle“ der Milchbestandteile ergibt sich aus dem arabischen Wort „min“ (englisch „from“, bengalisch „von“), und die Vorstellung einer Verbindung ergibt sich aus dem arabischen Wort „baini“. „Baini“ kann „inmitten“ (englisch „among“) oder auch „zwischen“ (englisch „between“) bedeuten. Das Wort wird selbstverständlich auch in dem Sinne verwendet, dass zwei Stoffe oder zwei Menschen zusammengebracht werden.
Um die Bedeutung des Verses aus wissenschaftlicher Sicht zu verstehen, ist die Hilfe der Anatomie erforderlich. Die Grundlage für die allgemeine Ernährung des Körpers entsteht durch die überall auf dem für die Verdauung bestimmten Bereich oder Weg des Körpers wirkenden chemischen Veränderungen. Diese Grundlage stammt aus dem Darminhalt. Nachdem der Stoff im entsprechenden Stadium des chemischen Veränderungsprozesses in den Darm gelangt ist, bewegt er sich durch die Darmwand zu dem für den Kreislauf bestimmten Bereich. Diese Bewegung oder dieser Strom erfolgt auf zwei Wegen: entweder direkt durch die als „Lymphgefäße“ bekannten Gefäße oder über den großen Kreislauf. Danach gelangt der Stoff zur Leber und wird, nachdem er dort umgewandelt worden ist, in den Kreislauf aufgenommen. Auf diese Weise durchläuft alles den Blutstrom.
Die Bestandteile der Milch werden von den Milchdrüsen abgesondert. Diese Bestandteile beziehen ihre Nährstoffe aus den Nährstoffen der verdauten Nahrung, die auf dem Weg des Blutstroms dorthin gelangen. Das Blut dient somit als Sammler und Transporteur dieser Nährstoffe, und eben diese Stoffe ernähren die Milch produzierenden Milchdrüsen. Natürlich ernähren diese Nährstoffe auch alle anderen Organe und Körperteile.
Der grundlegende Vorgang, der hier alles in Gang setzt, besteht darin, dass sich auf der Ebene der Darmwand der Darminhalt und das Blut miteinander verbinden. Genau diese Vorstellung wurde durch chemische und physiologische Untersuchungen des Verdauungsvorgangs entdeckt. Zur Zeit des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) war diese Tatsache völlig unbekannt und wurde erst in jüngster Zeit für den Menschen verständlich. Bemerkenswert ist, dass Harvey den Blutkreislauf im Körper, das heißt die Tatsache, dass das Blut ständig durch den Körper strömt, etwa zehn Jahrhunderte nach der Offenbarung des Korans entdeckte.
Daher bin ich der Meinung, dass es für das Vorhandensein all dieser Informationen im Koran keine menschliche Erklärung geben kann.
Die Fortpflanzung des Menschen
Wann immer in den ältesten Schriften der Menschen die Fortpflanzung behandelt wurde, wurden falsche Darstellungen gegeben. Im Mittelalter und sogar noch in jüngerer Zeit war dieses Thema von Legenden und Aberglauben umgeben. Im Übrigen gab es auch keine andere Möglichkeit; denn um den komplizierten Prozess der Fortpflanzung zu verstehen, mussten die Menschen zunächst Kenntnisse über die Organe des Körpers erwerben, das Mikroskop erfinden und grundlegende wissenschaftliche Erkenntnisse in verschiedenen Bereichen wie Anatomie, Embryologie und Geburtshilfe gewinnen.
Beim Koran ist die Lage jedoch völlig anders. An verschiedenen Stellen dieses Buches wird der genaue Prozess der Fortpflanzung erwähnt, die verschiedenen Entwicklungsstadien werden richtig beschrieben, und nirgendwo findet sich auch nur eine einzige falsche Darstellung. Alles wird in einfacher, für den Menschen verständlicher Sprache leicht verständlich beschrieben, und zwar genau so, wie der Mensch es erst lange danach entdeckte.
Die Fortpflanzung des Menschen wird in einigen Dutzend Versen im Zusammenhang mit verschiedenen Themen erwähnt. In manchen Fällen wird ein oder werden mehrere genau bestimmte Stadien erläutert. Um den gesamten Vorgang zu verstehen, ist es daher notwendig, die Verse zusammenzutragen. Wie bei den anderen in diesem Buch behandelten Themen wurde auch in diesem Fall versucht, die einschlägigen Verse zusammenzustellen und zu erklären und zu analysieren.
Einige grundlegende Vorstellungen
Es ist notwendig, einige grundlegende Vorstellungen in Erinnerung zu rufen, bevor wir zu einer ausführlichen Erörterung übergehen. Zur Zeit der Offenbarung des Korans und viele Jahrhunderte danach waren diese Tatsachen den Menschen unbekannt.
Der Fortpflanzungsvorgang des Menschen ist derselbe wie bei allen anderen Säugetieren. Er beginnt mit der Befruchtung einer aus dem Eierstock ausgestoßenen Eizelle. Diese Befruchtung findet in der Mitte des Menstruationszyklus der Frau in der Gebärmutter statt und wird durch den männlichen Samen, genauer gesagt durch ein Spermium, bewirkt. Ein einziges Spermium reicht dafür aus. Für die Befruchtung ist daher nur eine äußerst geringe Menge Samen oder Sperma erforderlich, denn selbst diese Menge enthält Millionen von Spermien. Die Hoden des Mannes erzeugen die Spermien, und auch die anderen Drüsen, die neben den mit der Harnröhre verbundenen Zellen und Gängen liegen, erzeugen Sekrete, die sich mit dem Samen vermischen.
Die befruchtete Eizelle setzt sich an einer genau bestimmten Stelle im weiblichen Mutterleib fest. Nach ihrem Abstieg durch die Gebärmutter in den Mutterleib bildet sich der Embryo, der zwischen Muskeln und Kanälen seinen Platz einnimmt. Wenn sich die befruchtete Eizelle jemals statt im Mutterleib in der Gebärmutter festsetzt, wird die Schwangerschaft behindert.
Wenn der Embryo mit bloßem Auge sichtbar wird, sieht er wie ein winziges Stück Fleisch aus, und die menschliche Gestalt in seinem Inneren ist zunächst nicht sichtbar. Die verschiedenen Entwicklungsstadien, die der Embryo nach und nach durchläuft und in denen er wächst, sind heute allgemein bekannt. In diesen Stadien bilden sich unter anderem Knochen, Muskeln, Nerven, der Blutkreislauf und die inneren Organe.
Nun werden wir die koranische Darstellung der menschlichen Fortpflanzung mit diesen modernen, anerkannten Tatsachen vergleichen.
Die menschliche Fortpflanzung im Koran
Die Aussagen des Korans über die Fortpflanzung zu verstehen, ist keine sehr leichte Aufgabe. Die erste Schwierigkeit besteht darin, dass die Darstellung dieses Themas über verschiedene Stellen des Korans verstreut ist. Auf diese Schwierigkeit habe ich bereits zuvor hingewiesen. Eine noch größere Schwierigkeit liegt jedoch in der Problematik der Wortbedeutungen, und dadurch können wissbegierige Leser leicht irregeführt werden.
Tatsächlich sind gegenwärtig viele Übersetzungen und Kommentare des Korans im Umlauf, die einem Wissenschaftler in dieser Angelegenheit sehr leicht einen völlig falschen Eindruck vermitteln können. Beispielsweise wird in den meisten Übersetzungen beschrieben, der Mensch sei aus „geronnenem Blut“ oder „klebrigem Blut“ gebildet worden. Eine solche Darstellung ist für einen Wissenschaftler, der auf diesem Gebiet spezialisiert ist, keineswegs akzeptabel. Warum bedeutende arabische Sprachgelehrte ohne wissenschaftlichen Hintergrund solche Fehler gemacht haben, werden wir bei der Erörterung des Abschnitts über die Einnistung der Eizelle im Mutterleib sehen.
Schon aus dieser Bemerkung lässt sich erahnen, wie unerlässlich neben Sprachkenntnissen auch wissenschaftliche Kenntnisse sind, um die Aussagen des Korans über die Fortpflanzung zu verstehen.
Im Koran werden die verschiedenen Entwicklungsstadien, die ein Embryo durchläuft, bevor er im Mutterleib seine vollständige Entwicklung erreicht, mit großer Aufmerksamkeit beschrieben.
Sure 82 (Al-Infitar), Verse 6–8: „O Mensch! Was hat dich hinsichtlich deines Herrn irregeführt? Der dich erschaffen, dich dann wohlgestaltet und wohlproportioniert und dich in der von Ihm gewünschten Gestalt gebildet hat.“
Sure 71 (Nuh), Vers 14: „Er hat euch stufenweise erschaffen.“
Neben dieser allgemeinen Darstellung lassen sich die Aspekte, auf die der Koran im Zusammenhang mit der Fortpflanzung aufmerksam macht, wie folgt auflisten:
1) Die Befruchtung kann bereits durch die geringste Menge an Samen erfolgen.
2) Die Bestandteile des Samens.
3) Der Ort, an dem sich die befruchtete Eizelle befindet.
4) Die Entwicklung des Embryos.
Diese Themen werden wir nun nacheinander erörtern.
(1) Befruchtung kann bereits durch eine äußerst geringe Menge Samenflüssigkeit bewirkt werden
Im Koran wird dieser Gedanke elfmal in der folgenden Ausdrucksweise erwähnt. Sure 16 (an-Nahl), Vers 4: „Er erschuf den Menschen aus einer geringen Menge (Samenflüssigkeit).“
Da es kein genau entsprechendes Wort gibt, wurde das arabische Wort „Nutfah“ hier mit „eine geringe Menge (Samenflüssigkeit)“ übersetzt. Das Verb, von dem dieses Wort abgeleitet ist, bedeutet „tropfenweise fallen, tröpfeln“; außerdem wird dieses Wort für den Bodensatz verwendet, der nach dem Leeren eines Eimers am Boden zurückbleibt. Das Wort bezeichnet demnach eine geringe Menge einer Flüssigkeit. Mit der Flüssigkeit ist hier Samenflüssigkeit gemeint, da das Wort in einem anderen Vers mit der Samenflüssigkeit in Verbindung gebracht wird.
Sure 75 (al-Qiyāma), Vers 37: „War er nicht lediglich ein vergossener Tropfen Samenflüssigkeit?“ Hier bezeichnet das arabische Wort „Manī“ die Samenflüssigkeit. In einem anderen Vers wird gesagt, dass dieser „bloße Tropfen“ in ein festes, sicheres Behältnis (arabisch „Kabab“) eingesetzt wird, und das Behältnis ist offensichtlich das Geschlechtsorgan.
Sure 23 (al-Mu’minūn), Vers 13: „Danach setzten Wir ihn (den Menschen) als einen Tropfen (Samenflüssigkeit) in ein festes, sicheres Behältnis.“
In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass es nahezu unmöglich ist, das arabische Wort „Makīn“ zu übersetzen, das zur näheren Bestimmung des festen, sicheren Behältnisses verwendet wird. Dieses Wort vermittelt die Vorstellung eines festen, sicheren und geehrten Ortes. Wie auch immer man es ausdrückt, bezeichnet das Wort genau jenen Ort im Mutterleib, an dem der Mensch heranwächst. Es ist besonders hervorzuheben, dass für den Befruchtungsvorgang nur eine tropfenförmige Menge Samenflüssigkeit erforderlich ist; denn durch die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft wissen wir heute genau dies.
(2) Die Bestandteile des Samens
Die Sprache, in der der Koran die befruchtende Flüssigkeit beschreibt, ist äußerst bemerkenswert.
(a) „Samen“ – genauer gesagt – Sure al-Qiyāma, Vers 37.
(b) „Der Mensch wurde aus einer hervorsprudelnden Flüssigkeit erschaffen“ – Sure aṭ-Ṭāriq, Vers 6.
(c) „Verachtete Flüssigkeit“ – Sure as-Saǧda, Vers 8, und Sure al-Mursalāt, Vers 20.
Die Verwendung des Wortes „verachtet“ (arabisch „mahīn“) für die Flüssigkeit (arabisch „amšāǧ“) – „Wahrlich, Wir erschufen den Menschen aus einem Tropfen gemischter Flüssigkeit“ – Sure ad-Dahr, Vers 2. Viele Kommentatoren, darunter Professor Hamidullah, verstanden unter diesem „Gemisch“ eine Mischung aus der Flüssigkeit von Frau und Mann. Auch viele frühere Kommentatoren haben dasselbe gesagt, weil es ihnen nicht möglich war, eine richtige Vorstellung von der anatomischen Grundlage der Befruchtung und insbesondere von den biologischen Vorgängen bei der Frau zu gewinnen. Sie nahmen an, dass mit „Gemisch“ lediglich die Mischung der Flüssigkeiten von Mann und Frau gemeint sei.
Moderne Autoren, wie der Kommentator des von dem Obersten Rat für Islamische Angelegenheiten in Kairo herausgegebenen Werkes „Muntaḫab“, haben diese Vorstellung jedoch korrigiert und erklärt, dass der „Samentropfen“ aus verschiedenen Bestandteilen besteht. Der Kommentator von „Muntaḫab“ gab keine ausführliche Darstellung; doch was er gesagt hat, ist meiner Ansicht nach durchaus schlüssig und objektiv.
Welche Bestandteile hat der Samen?
Die Flüssigkeit, die als Samen bezeichnet wird, besteht aus den Sekreten der folgenden Drüsen.
(a) Hoden: Die von dieser Stelle abgesonderte Flüssigkeit enthält Spermien, die eigentlich besondere längliche Zellen sind. Sie besitzen einen verlängerten, schwanzartigen Teil und sind in eine Art dünne Flüssigkeit eingebettet.
(b) Samenbläschen: In diesen nahe dem Penis gelegenen Bläschen wird der Samen gespeichert. Aus diesem Behälter wird auch eine eigene Flüssigkeit abgesondert, die jedoch keinen Bestandteil zur Befruchtung enthält.
(c) Prostatadrüse: Das von dieser Drüse abgesonderte Sekret verleiht dem Samen seine Dichte und seinen Geruch.
(d) Mit der Harnröhre verbundene Drüsen: Die drei hier vorhandenen Drüsen sind nach drei Wissenschaftlern als Cooper-Drüsen, Méry-Drüsen und Littré-Drüsen bekannt. Aus den ersten beiden Drüsen wird ein zähflüssiges Sekret abgesondert, aus der dritten ein schlamm- oder fettartiges Sekret.
Dies sind die Quellen und Bestandteile der im Koran erwähnten „gemischten Flüssigkeit“.
Darüber gibt es gewiss noch mehr zu sagen. Dort, wo im Koran von einer aus verschiedenen Bestandteilen gebildeten, befruchtenden Flüssigkeit die Rede ist, wird auch gesagt, dass aus den dieser Flüssigkeit entnommenen Bestandteilen die menschliche Nachkommenschaft fortgeführt werden soll. Genau diese Bedeutung findet sich in Vers 8 der Sure as-Sadschda:
„Dann ließ (Allah) seine Nachkommenschaft aus dem Extrakt einer gering geachteten Flüssigkeit entstehen.“
Das arabische Wort „Sulāla“ wurde mit „Extrakt“ übersetzt. Die Bedeutung dieses Wortes ist: „der beste Teil einer Sache, der aus einer anderen Sache entnommen wurde und aus einer weiteren Sache hervorgegangen ist“. Wie auch immer man es ausdrückt, bezeichnet dieses Wort einen Teil eines vollständigen Ganzen.
Die Zelle, durch die die Eizelle befruchtet wird, wodurch die Fortpflanzung stattfindet, ist länglich. Ihr Durchmesser beträgt ein Zehntausendstel eines Millimeters. Bei einem normalen Geschlechtsverkehr produziert ein Mann mehrere zehn Millionen Zellen, von denen gewöhnlich eine in die Eizelle eindringt. Die übrigen bleiben unterwegs zurück. Berechnungen haben ergeben, dass ein Mann bei einem einzigen Geschlechtsverkehr einige Kubikzentimeter Samenflüssigkeit ejakuliert und dass ein Kubikzentimeter Samenflüssigkeit 25 Millionen Spermatozoen enthält. Somit zeigt sich, dass die Fortpflanzung durch einen winzigsten Teil dieser aus vielfältigen Bestandteilen in einem äußerst komplexen Prozess gebildeten Flüssigkeit vollzogen wird. Angesichts der vollständigen Übereinstimmung und Harmonie zwischen den durch moderne Forschung gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Darstellung im Koran können wir angesichts dieses Wunders nur staunen.
(3) Die Einnistung der befruchteten Eizelle im weiblichen Geschlechtsorgan
Nach der Befruchtung sinkt die Eizelle in die Gebärmutter hinab und nistet sich dort ein. Genau dieser Vorgang wird im Koran folgendermaßen beschrieben:
Sure 22 (Al-Haddsch), Vers 5: „Was immer Wir wollen, lassen Wir für eine bestimmte Frist im Mutterleib verweilen.“ Die Eizelle nimmt eine längliche Form an, haftet sich wie die Wurzeln eines Baumes an den fleischigen Teil der Gebärmutter (des Mutterleibs) an und nimmt von dort Nährstoffe auf. Aufgrund dieser Form haftet die Eizelle im wörtlichen Sinne an der Gebärmutter. Diese Tatsache wurde erst in jüngster Zeit entdeckt.
Dieser Vorgang des Anhaftens wird an fünf Stellen im Koran beschrieben. Sure 96 (Al-ʿAlaq), Verse 1–2: „Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, der den Menschen aus dem erschaffen hat, was anhaftet.“
„Was anhaftet“ ist die Übersetzung des arabischen Wortes „ʿAlaq“. Dies ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes. Als weitere Bedeutungen werden „geronnenes Blut“ oder „Blutklumpen“ angegeben, und in vielen Übersetzungen wird diese Bedeutung verwendet. Diese Verwendung ist jedoch falsch, und man muss sich davor hüten. Denn im menschlichen Entstehungsprozess gibt es niemals ein Stadium von „geronnenem Blut“ oder einem „Blutklumpen“. Dasselbe gilt auch für eine andere Übersetzung.
Diese Übersetzung lautet „Leim oder Anhaftung“, und auch diese Übersetzung ist nicht zutreffend. Die ursprüngliche Bedeutung „was anhaftet“ stimmt genau mit den durch moderne Untersuchungen bestätigten Tatsachen überein. Dieser Gedanke kommt in vier weiteren Versen vor, in denen die schrittweise Entwicklung bis zur vollständigen Gestalt des Samentropfens beschrieben wird.“
Sure 22 (Haddsch), Vers 5: „Wir haben euch erschaffen … aus dem, was anhaftet.“
Sure 23 (Mu’minun), Vers 14: „Wir verwandeln den Samenerguss in etwas, das anhaftet.“
Sure 40 (Mu’min), Vers 67: „Er hat euch erschaffen … aus einem Samentropfen und danach aus dem, was anhaftet.“
Sure 74 (Qiyama), Verse 37–38: „War er nicht ein vergossener Samentropfen? Wurde er danach nicht zu etwas, das anhaftet? Hat Allah ihm danach nicht Gestalt verliehen und ihn wohlgeformt?“
Das Wort, das im Koran für das Organ verwendet wird, in dem die Schwangerschaft stattfindet, wird in der arabischen Sprache noch immer zur Bezeichnung der Gebärmutter verwendet. In einigen Suren wird es außerdem als „sichere Ruhestätte“ bezeichnet, und offenbar ist damit der Mutterleib gemeint; auch diese Erwähnung erfolgt genau in diesem Zusammenhang, und offenbar ist damit der Mutterleib gemeint. Persönlich bin ich der Ansicht, dass dieser Vers diese Bedeutung hat, aber da die Erörterung sonst zu lang würde, gebe ich hier keine ausführliche Erklärung. Ein anderer Vers bedarf einer äußerst vorsichtigen Auslegung. Sure 39 (Zumar), Vers 6: „Er erschafft euch nacheinander in den dreifachen Finsternissen eurer Mütterleiber.“
„Finsternisse“ ist die Übersetzung des arabischen Wortes „Zulumat“. Nach Ansicht moderner Korankommentatoren sind hier die drei Hüllen gemeint, die das Kind während der Bildung seines Körpers schützen. Diese drei Hüllen sind die Bauchwand, die Gebärmutter und die Flüssigkeit, die den Embryo umgibt.
Für meine eigentliche Erörterung war es nicht nötig, diesen Vers anzuführen, aber ich habe ihn im Interesse der Vollständigkeit des Zusammenhangs zitiert. Gegen die hier gegebene Erklärung kann ich vom Standpunkt der Anatomie aus kein stichhaltiges Argument vorbringen; aber wird im Koran wirklich genau diese Bedeutung ausgedrückt?
(4) Die Entwicklung des Embryos in der Gebärmutter
Die Beschreibung einiger Entwicklungsstadien des Embryos im Koran steht vollständig im Einklang mit unserem modernen Wissen, und im Koran gibt es keine einzige Beschreibung, die der Kritik der modernen Wissenschaft ausgesetzt sein könnte. Nach der Beschreibung dessen, was „anhaftet“, teilt uns der Koran mit, dass der Embryo in einem Stadium die Gestalt von „zerkautem Fleisch“ annimmt. Danach entstehen die Knochen, und sie werden mit Fleisch bedeckt. Sure 23 (Al-Mu’minun), Vers 14: „Dann verwandeln Wir das, was anhaftet, in einen Klumpen zerkauten Fleisches; danach verwandeln Wir es in ein Knochengerüst, das Wir anschließend mit Fleisch bekleiden.“
Das arabische Wort „Mudgha“ wird mit „zerkautes Fleisch“ übersetzt, während das Wort „Lahm“ gewöhnliches oder nicht zerkautes Fleisch bezeichnet. Dieser Unterschied muss beachtet werden. Zu Beginn hat der Embryo die Form eines kleinen Fleischklumpens. In einem Stadium der Entwicklung sieht er mit bloßem Auge wie zerkautes Fleisch aus. Innerhalb dieses Fleisches bildet sich das Knochengerüst, und die Knochen werden später von Muskeln bedeckt; in diesem Zusammenhang wird das Wort „Lahm“ verwendet.
Heute weiß man, dass während der Entwicklung des Embryos einige seiner Organe vollständig ausgebildet werden. Genau dies ist wohl die Bedeutung des in der Sure Al-Hadsch verwendeten Wortes „Muchallaq“ (vollständig geformt).
Sure 22 (Al-Hadsch), Vers 5: „Wir verwandeln den Tropfen in etwas, das anhaftet … und Wir verwandeln sie in einen Fleischklumpen, der vollständig geformt oder unvollständig geformt ist.“
Im Koran wird auch das Entstehen der Sinnesorgane und des Darms im Bauchraum beschrieben. Sure 32 (As-Sadschda), Vers 9: „Er gab euch Augen, Ohren und Eingeweide.“
Auch die Bildung der Geschlechtsorgane wird erwähnt. Sure 53 (An-Nadschm), Verse 45–46: „Er ist es, der das Paar, das männliche und das weibliche, aus einem vergossenen Samentropfen erschafft.“
Sure (Fatir), Vers 11: „Allah hat euch aus Erde erschaffen, danach aus einem Samentropfen, danach hat Er euch zu Paaren gemacht, männlich und weiblich.“
Sure 5 (Al-Qiyama), Vers 39: „Hat Er daraus nicht das Paar erschaffen, den Mann und die Frau?“
Wie bereits erwähnt, müssen alle Darstellungen des Korans unbedingt mit den in der modernen Zeit festgestellten und anerkannten Tatsachen und Vorstellungen verglichen werden. Dann wird sich zeigen, dass zwischen beiden vollständige Übereinstimmung und Harmonie bestehen. Zugleich ist es notwendig und sehr wichtig, die Darstellungen des Korans mit den Vorstellungen zu vergleichen, die zur Zeit seiner Offenbarung unter den Menschen verbreitet waren. Denn dann wird sich zeigen, wie unvereinbar und gegensätzlich diese Vorstellungen mit den Darstellungen des Korans waren. Die Auslegung und Analyse des Korans, wie wir sie heute vornehmen können, war den Menschen jener Zeit selbstverständlich nicht möglich. Denn ihnen stand keinerlei Möglichkeit offen, die Hilfe des modernen Wissens und der modernen Wissenschaft in Anspruch zu nehmen, über die wir heute verfügen. Tatsächlich begannen die Menschen erst im neunzehnten Jahrhundert, in diesen Fragen eine einigermaßen klare Vorstellung zu entwickeln.
Während des gesamten Mittelalters wurden unter Berufung auf unbegründete Überlieferungen, Vorstellungen und mythologische Erzählungen vielfältige Auffassungen und Theorien entwickelt, die mehrere darauffolgende Jahrhunderte Bestand hatten. Als Harvey dann 1651 erklärte: „Alles Leben stammt zunächst aus einem Ei“, begann ein grundlegendes Kapitel in der Geschichte der Embryologie. Obwohl die Entdeckung des Mikroskops zu dieser Zeit den Fortschritt der Wissenschaft beschleunigte, stritten die Menschen noch immer über die jeweils unterschiedliche Rolle von Ei und Spermium. Der berühmte Naturforscher Buffon vertrat die Eitheorie, während Bonnet an die Theorie der „ineinander verschachtelten“ Keime glaubte. Nach dieser Theorie waren in der Eizelle Eva, der Mutter der Menschheit, die Keime aller Menschen ineinander verschachtelt enthalten. Im achtzehnten Jahrhundert fand gerade diese Theorie Anklang.
Als diese absurden Theorien vor mehr als tausend Jahren, also zu einer Zeit, die über tausend Jahre vor unserer Zeitrechnung liegt, besonders stark verbreitet waren, wurde den Menschen der Koran bekannt. Es dauerte mehrere Jahrhunderte, bis die Menschen die zahlreichen wichtigen grundlegenden Wahrheiten entdeckten, die in diesem Buch in einfacher Sprache dargestellt sind.
Der Koran und Sexualerziehung
Es heißt, dass in der modernen Zeit auf allen möglichen Gebieten zahlreiche Entdeckungen gemacht worden seien. Auch auf dem Gebiet der Sexualerziehung, so wird angenommen, habe es bahnbrechende Entdeckungen gegeben, und der Wissensschatz, der den Kindern zu diesem Thema eröffnet worden sei, werde als ein großer Erfolg der modernen Welt betrachtet. In der Vergangenheit habe man in dieser Frage absichtlich Unklarheit geschaffen, und manche sagen, dass die Religion dafür verantwortlich sei. Welche Religion dafür verantwortlich sein soll, haben sie allerdings nicht ausdrücklich genannt.
Schon aus den oben dargestellten Informationen wird deutlich, dass die theoretischen Fragen der menschlichen Fortpflanzung den Menschen bereits vor vierzehnhundert Jahren zur Kenntnis gebracht wurden. Da es damals noch keine Kenntnisse über den Aufbau des Körpers und die Biologie gab, wurden für eine weitergehende Erklärung nur so viele Informationen vermittelt, wie möglich war. Dabei muss außerdem bedacht werden, dass das Thema in einfacher Sprache dargestellt wurde, die sich an der Auffassungsgabe der damaligen Zuhörer orientierte.
Die tatsächlichen Gegebenheiten wurden jedoch keineswegs außer Acht gelassen. Der Koran enthält zahlreiche Anweisungen über das tägliche Leben der Menschen und darüber, wie sie sich unter diesen Umständen verhalten sollen. Auch die Sexualwissenschaft wurde dabei nicht ausgelassen.
In zwei Versen des Korans wird der Geschlechtsverkehr behandelt. Die Präzision und Schamhaftigkeit der Sprache dieser Verse werden darin deutlich zum Ausdruck gebracht. Doch die Unterschiede in den verschiedenen Übersetzungen und Auslegungen dieser beiden Verse sind wirklich erstaunlich. Ich habe über dieses Thema viel nachgedacht und zahlreiche Übersetzungen gelesen. Letztlich erschien mir jedoch die Übersetzung von Dr. A. K. Gird, dem ehemaligen Professor für Medizin an der Universität Beirut, als die richtige, weshalb ich ihm zu Dank verpflichtet bin. Seine Übersetzung lautet wie folgt:
Sure 86 (At-Tariq), Verse 6–7: „(Der Mensch) ist aus einer ergossenen Flüssigkeit erschaffen worden. Sie tritt infolge des Zusammentreffens der Geschlechtsregionen des Mannes aus.“
Im Koran bezeichnet das Wort „sulb“ (Singular) die männliche Geschlechtsregion und das Wort „taraib“ (Plural) die weibliche Geschlechtsregion. Diese Übersetzung erscheint mir am befriedigendsten. Die englischen und französischen Übersetzer haben ganz anders übersetzt: „(Der Mensch) ist aus einer ergossenen Flüssigkeit erschaffen worden, die zwischen der Wirbelsäule und den Rippen hervortritt.“ Das erscheint eher eine Auslegung als eine Übersetzung zu sein. Dennoch bleibt die Sache unverständlich.
Das Verhalten des Mannes im Hinblick auf intime Beziehungen mit seiner Frau wird klar beschrieben. Bezüglich der Menstruation seiner Frau gab Allah Seinem Gesandten folgende Anweisung:
Sure 2 (Al-Baqara), Verse 222–223: „Sie fragen dich nach der Menstruation. Sprich: Sie ist eine Unreinheit. So haltet euch während der Menstruation von den Frauen fern und habt keinen Geschlechtsverkehr mit ihnen, bis sie rein sind. Wenn sie sich dann gründlich gereinigt haben, geht zu ihnen genau so, wie Allah es euch befohlen hat. Wahrlich, Allah liebt die Reumütigen und diejenigen, die sich rein halten.“
„Eure Frauen sind für euch ein Ackerfeld. So geht zu eurem Ackerfeld, wie ihr wollt. Und tut zuvor etwas Gutes für euch.“
Die Bedeutung des ersten Teils des Verses ist sehr klar. Hier wird dem Mann ausdrücklich verboten, während der Menstruation Geschlechtsverkehr mit seiner Frau zu haben. Im zweiten Teil wird der Vorgang des Ackerbaus beschrieben, also das, was der Landwirt vor der Aussaat vollbringen muss. Aus dem Samen keimt der Keimling, und eine neue Pflanze entsteht. Durch dieses Gleichnis wird betont, dass man den Zweck des Geschlechtsverkehrs, nämlich die Fortpflanzung, im Gedächtnis behalten soll. In der Übersetzung, die Blachère vom letzten Teil des Verses angefertigt hat, scheint auf die vorbereitenden Maßnahmen vor dem Geschlechtsverkehr hingewiesen zu werden.
Die in diesem Vers erteilte Anweisung ist allgemeiner Natur. In diesem Zusammenhang wird die Frage der Empfängnisverhütung aufgeworfen. Doch weder in diesem Vers noch irgendwo sonst wird dieses Thema erwähnt.
Auch ein Schwangerschaftsabbruch wird nirgendwo erwähnt. Wenn man die oben angeführten Verse betrachtet, wird klar, dass der Mensch aus dem Embryo durch die fortschreitende Entwicklung dessen entsteht, „was anhaftet“. Daher ergibt sich ganz natürlich aus der im Koran wiederholt betonten vollständigen Achtung und Ehrerbietung gegenüber dem einzelnen Menschen ein Verbot und eine Verurteilung des Schwangerschaftsabbruchs. Diese Auffassung wird heute in allen monotheistischen Religionen vertreten. Während des Fastens im Monat Ramadan ist in der Nacht Geschlechtsverkehr erlaubt.
Sure 2 (al-Baqara), Vers 187: „Während der Nächte des Fastens ist der eheliche Verkehr für euch erlaubt. Sie sind eure Kleidung, und ihr seid ihre Kleidung. …… So geht mit ihnen ein und begehrt, was Allah für euch vorgeschrieben hat.“
Während der Zeit des Haddsch in Mekka ist der Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau jedoch verboten. Sure 2 (al-Baqara), Vers 197: „Wer in diesen Monaten den Haddsch zu vollziehen beabsichtigt, für den ist während des Haddsch der eheliche Verkehr nicht erlaubt.“ Dieses Verbot gilt auch für die Jagd sowie für Streit und Auseinandersetzungen. Im Zusammenhang mit der Scheidung wird im Koran erneut die Menstruation erwähnt.
Sure 65 (at-Talaq), Vers 4: „Wenn ihr hinsichtlich der Wartezeit jener eurer Frauen, von denen ihr keine Menstruation mehr erwartet, Zweifel habt, dann wisst, dass ihre Wartezeit drei Monate beträgt; ebenso die Wartezeit jener, die noch nicht menstruieren, und die Wartezeit der Schwangeren dauert bis zur Entbindung.“
Mit der Wartezeit oder Frist ist die Zeit von der Verkündung der Scheidung bis zu ihrem Wirksamwerden gemeint. Mit „denen, von denen keine Menstruation mehr erwartet wird“ sind Frauen gemeint, deren Menstruation dauerhaft aufgehört hat. Dennoch wurde ihnen vorsorglich eine Wartezeit von drei Monaten vorgeschrieben. Danach dürfen sie wieder heiraten.
Auch diejenigen, die noch nicht menstruieren, sollen drei Monate warten, und die Schwangeren sollen bis zur Entbindung warten. Diese Bestimmungen stimmen vollständig mit den Regeln und Grundsätzen der modernen Physiologie überein. Auch für die Witwenschaft der Frau enthält der Koran entsprechende gerechte Bestimmungen.
Somit zeigt sich, dass keine der theoretischen Darstellungen über die Fortpflanzung und keine der praktischen Anweisungen und Empfehlungen zum Sexualleben im Koran mit irgendeiner Erkenntnis der modernen Naturwissenschaften unvereinbar ist.
Darstellungen im Koran und in der Bibel: Gemeinsame Merkmale
Viele der in der Bibel dargestellten Themen werden auch im Koran erwähnt. Zu diesen gemeinsamen Inhalten gehören zunächst die Geschichten der Propheten – die Geschichten von Noah, Abraham, Joseph, Elija, Jona, Hiob und Mose – sowie die Geschichten der israelitischen Könige: die Geschichten von Saul, David und Salomo. Außerdem gibt es genaue Darstellungen wichtiger Ereignisse wie der Erschaffung der Himmelswelt, der Erschaffung des Menschen, der Sintflut und des Exodus; bei all diesen Ereignissen kam übernatürliche Kraft zum Einsatz. Schließlich werden gemäß dem Neuen Testament auch die Ereignisse im Leben Jesu und seiner Mutter Maria erwähnt.
Welche Reaktion entsteht in uns, wenn wir die in diesen beiden himmlischen Schriften beschriebenen Inhalte im Licht des modernen Wissens betrachten, das wir aus Quellen außerhalb der himmlischen Schriften gewonnen haben? Was erkennen wir?
Allgemeines Thema: Koran, Evangelium und modernes Wissen
Im Zusammenhang mit den gemeinsamen Inhalten des Korans und des Evangeliums muss zunächst festgehalten werden, dass kein einziger der Inhalte des Evangeliums, die am Anfang dieses Buches aus wissenschaftlicher Sicht kritisiert wurden, auch im Koran erwähnt wird.
Im Koran wird Jesus vielfach erwähnt – die Verkündigung seiner wundersamen Geburt an Maria, die Verbreitung dieser Nachricht durch Maria, die hohe Stellung Jesu als Prophet, seine Rolle als Retter, die Verkündigung der ihm zuteilgewordenen Offenbarung an die Menschen, die Bestätigung und Berichtigung der Tora durch diese Offenbarung, seine Verkündigung, seine Gefährten und Nachfolger sowie seine Wundertaten, seine Erhebung zu Allah, seine Rolle am Tag der Auferstehung und anderes.
Im Koran gibt es in den Suren Imran und Maryam eine ausführliche Darstellung der Familie Jesu. Dort werden die Geburt seiner Mutter Maria, ihre Jugendzeit und ihre wundersame Mutterschaft beschrieben. Jesus wird stets als „Sohn Marias“ bezeichnet, und seine Abstammung wird ausschließlich über die mütterliche Linie angegeben. Unter diesen Umständen war es aus natürlicher und vernünftiger Sicht so, dass er im biologischen Sinne keinen Vater hatte. Wir haben bereits gesehen, dass sich der Koran in dieser Hinsicht von den Darstellungen des Matthäus und des Lukas im Evangelium unterscheidet; denn sie führen die väterliche Abstammung Jesu an und geben zwei unterschiedliche Darstellungen.
Der Koran führt Jesus in der über seine mütterliche Linie dargestellten Genealogie auf die Abstammung Noahs, Abrahams und Imrans, des Vaters Marias, zurück.
Sure 3 (Imran), Verse 33–34: „Allah hat Adam, Noah, die Familie Abrahams und die Familie Imrans vor allen Welten auserwählt; sie waren Nachkommen voneinander …“
Somit ist Jesus über seine Mutter Maria und über Marias Vater Imran ein Nachkomme Noahs und Abrahams. Auch der im Evangelium enthaltene Fehler bei den Namen der Vorfahren Jesu findet sich im Koran nicht. Am Anfang dieses Buches haben wir dieses Thema ausführlich erörtert.
Dennoch muss man sich aus Gründen der Objektivität noch einmal mit diesem Thema befassen. Darüber hinaus ist es wichtig, die Bedeutung dieses Themas im Hinblick auf die haltlosen Behauptungen zu erkennen, Muhammad (s.) habe den Koran selbst verfasst und ihn zu diesem Zweck hauptsächlich aus der Bibel abgeschrieben. Wenn Muhammad (s.) den Koran tatsächlich selbst verfasst und aus der Bibel abgeschrieben hätte, warum hat er dann nicht die biblische Darstellung der Vorfahren Jesu übernommen? Warum setzte er stattdessen eine Darstellung ein, die im Licht des modernen Wissens über jeden Zweifel erhaben ist?
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die Darstellungen des Evangeliums und des Alten Testaments zu diesem Thema einander widersprechen und daher keine von beiden als akzeptabel gelten kann.
Gemeinsame Themen: Der Koran, das Alte Testament und das moderne Wissen
Einige gemeinsame Themen des Korans und des Alten Testaments wurden bereits behandelt. Es sei daran erinnert, dass bei der Erörterung des Alten Testaments anhand der Schöpfung der Erde gezeigt wurde, dass die Darstellung des Alten Testaments vollständig mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen übereinstimmt. Da dieses Thema bereits einmal geprüft und erörtert worden ist, besteht keine Notwendigkeit, es zu wiederholen.
Sowohl im Koran als auch im Alten Testament finden sich Darstellungen der Könige Israels. Doch die historischen sowie die archäologischen Informationen und Berichte zu diesem Thema sind so dürftig, dass es auf ihrer Grundlage überhaupt nicht möglich ist, die Wahrheit oder Unwahrheit jener Darstellungen festzustellen. Das moderne Wissen ist in dieser Hinsicht tatsächlich unzureichend.
Über die Propheten kann man annähernd dasselbe sagen. Beide Schriften enthalten hierzu Darstellungen. Doch erst wenn genau festgestellt worden ist, wie viele Informationen über Ort, Zeit und die beteiligten Personen der Ereignisse bis zu uns gelangt sind, kann dieses Thema im Licht des modernen Wissens betrachtet werden.
Dennoch gibt es in beiden Schriften zwei Themen, die im Licht des modernen Wissens untersucht werden können und müssen. Diese beiden Themen sind die Flut zur Zeit Noahs und der Auszug zur Zeit Moses.
Das Ereignis der Flut kann untersucht werden, weil jene Flut in der Geschichte der menschlichen Zivilisation keine Spuren hinterlassen hat, die zur Unterstützung der Darstellung des Alten Testaments angeführt werden könnten. Andererseits gibt es im modernen Wissen keine Information, auf deren Grundlage die Darstellung des Korans kritisiert werden könnte.
Auch das Ereignis des Exodus lässt sich untersuchen, weil die Darstellung dieses Themas in beiden Büchern im Allgemeinen offensichtlich einander ergänzt und die durch die moderne Wissenschaft gewonnenen Erkenntnisse beide Darstellungen stützen.
Die Flut zur Zeit Noahs: Die Darstellung des Alten Testaments
Zu Beginn dieses Buches haben wir im Rahmen der Erörterung des Alten Testaments das Ereignis der Flut ausführlich untersucht, und es sei daran erinnert, dass wir zu folgendem Schluss gelangt sind:
Über die Flut gibt es nicht eine, sondern zwei Darstellungen, die in zwei verschiedenen Epochen verfasst wurden. Die erste ist die jahwistische Darstellung und stammt aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Die zweite ist die priesterliche Darstellung und stammt aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. Da diese Darstellung von den damaligen Priestern verfasst worden sein soll, wird sie als priesterliche Darstellung bezeichnet.
Diese beiden Darstellungen lassen sich nicht voneinander getrennt erkennen. Die eine ist mit der anderen vermischt. Einige Abschnitte der einen finden sich auch in der anderen. Pater de Vaux, Professor an der Bibelschule von Jerusalem, hat in seinem Kommentar zu seiner Übersetzung der Genesis anhand von Beispielen ausführlich beschrieben, wie Abschnitte der einen Darstellung wortgetreu in die andere eingefügt wurden. Eine der Darstellungen enthält insgesamt zehn jahwistische Abschnitte. Am Anfang und am Ende stehen jahwistische Abschnitte, und in der Mitte wurde jeweils zwischen zwei jahwistischen Abschnitten ein priesterlicher Abschnitt eingefügt. Da die beiden Darstellungen in bestimmten Punkten einander widersprechen, wird keine von ihnen vernünftig oder sinnvoll erscheinen, wenn man sie nicht unter Beachtung der Abfolge der Ereignisse liest. Pater de Vaux selbst sagte: „In den beiden Darstellungen scheint die Flut auf zwei verschiedene Weisen eingetreten zu sein; auch ihre Dauer ist unterschiedlich, und die Zahl der Lebewesen, die Noah in seine Arche mitnahm, ist in den beiden Darstellungen ebenfalls verschieden.“
Aus der Sicht der modernen Wissenschaft zeigt sich, dass die biblische Darstellung der Flut aus den folgenden Gründen keineswegs annehmbar ist:
(1) Im Alten Testament wird die Flut als weltweit beschrieben.
(2) In der jahwistischen Darstellung wird keine Zeitangabe für die Flut gemacht; in der priesterlichen Darstellung wird jedoch eine Zeit angegeben, und zwar eine Zeit, in der sich eine solche Katastrophe überhaupt nicht hätte ereignen können.
Die Begründung dieser Auffassung lautet wie folgt
Im sacerdotalen Bericht wird ausdrücklich gesagt, dass die Sintflut eintrat, als Noah 600 Jahre alt war. Aus dem im fünften Kapitel der Genesis enthaltenen Stammbaum (dem sacerdotalen Text entnommen und am Anfang dieses Buches zitiert) geht hervor, dass Noah 1.056 Jahre nach Adam geboren wurde. Demnach hätte die Flut 1.655 Jahre nach der Erschaffung Adams stattgefunden. Andererseits geht aus dem im selben sacerdotalen Text der Genesis (11,10–32) enthaltenen Stammbaum Abrahams hervor, dass Abraham 292 Jahre nach der Flut geboren wurde. Aus der Bibel selbst erfahren wir, dass Abraham ungefähr im Jahr 1950 v. Chr. lebte. Somit lässt sich feststellen, dass die Flut im 21. oder 22. Jahrhundert v. Chr. stattgefunden haben soll. Diese Berechnung stimmt mit den Angaben in den alten Fassungen der Bibel überein. Damals war es den Menschen nicht möglich, ein Gegenargument vorzubringen, da sie über diese Angelegenheit keinerlei Kenntnis hatten. Deshalb akzeptierten alle die von der Bibel angegebene Chronologie ohne zu zögern. Da heute jedoch eine klare Vorstellung von der Chronologie der Ereignisse der Antike allgemein anerkannt ist, haben die von den Verfassern des sacerdotalen Textes des Alten Testaments angegebenen erfundenen Jahreszahlen und Datierungen ihre Glaubwürdigkeit verloren. Daher wurden diese Jahreszahlen und Datierungen aus späteren Bibelausgaben entfernt. Doch wenn man anhand derjenigen Stammbäume, die noch nicht entfernt worden sind, eine Berechnung anstellt, lässt sich dieser schwerwiegende Fehler ohne Weiteres erkennen. Die modernen Bibelkommentatoren weisen die Leser allerdings nicht auf diesen Fehler hin oder sind dazu nicht in der Lage.
Wie ist es heute möglich, anzunehmen, dass im 21. oder 22. Jahrhundert v. Chr. eine solche Katastrophe stattgefunden habe, durch die alle Lebewesen auf der Erde – außer den Insassen der Arche Noahs – vernichtet worden seien? Damals hatten sich in mehreren Teilen der Welt menschliche Zivilisationen entwickelt, und ihre Überreste sind bis zu uns gelangt. Beispielsweise endete zu jener Zeit nach dem Alten Reich die Erste Zwischenzeit, und das Mittlere Reich begann. Angesichts der Kenntnisse, die wir heute über die Geschichte gewonnen haben, erscheint die Behauptung, jene Flut habe alle menschlichen Zivilisationen vernichtet, geradezu lächerlich.
Aus historischer Sicht zeigt sich somit, dass der biblische Bericht über die Flut den modernen Erkenntnissen völlig widerspricht. Dass der Bibeltext von Menschen verändert wurde, findet bereits dadurch einen formalen Beweis, dass zu ein und derselben Angelegenheit zwei Textfassungen vorliegen.
Die Darstellung des Korans zur Flut
Im Koran findet sich eine allgemeine Darstellung der Flut. Diese Darstellung unterscheidet sich völlig von der biblischen Darstellung und gibt auch aus historischer Sicht keinen Anlass zu Fragen oder Kritik.
Im Koran gibt es keine zusammenhängende Darstellung der Flut. Es wird lediglich von der Strafe berichtet, die über das Volk Noahs hereinbrach. Die ausführlichste Darstellung findet sich in Sure 11 (Hud), in den Versen 25–29. In Sure 71 (Noah) und in Sure 26 (Asch-Schuʿara), in den Versen 105–155, wird vor allem Noahs Ermahnung beschrieben. Bevor wir den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse betrachten, werden wir zunächst die im Koran geschilderte Flut vor dem allgemeinen Hintergrund betrachten, dass Allahs Zorn auf Gesellschaften herabkommt, die Allahs Gebot missachten.
In der Bibel wird von einer weltweiten Flut als Strafe für die gesamte Menschheit berichtet, die Allahs Gebot missachtete. Im Koran hingegen wird berichtet, dass bestimmte Strafen über bestimmte Gesellschaften herabgesandt wurden. So heißt es beispielsweise in Sure 25 (Al-Furqan), in den Versen 35–39: „Wir gaben Moses gewiss die Schrift und machten seinen Bruder Aaron zu seinem Helfer und sagten: ‚Geht zu jenem Volk, das Unsere Zeichen verleugnet.‘ Danach vernichtete Ich jenes Volk vollständig. Und als das Volk Noahs die Gesandten der Lüge bezichtigte, ertränkten Wir sie und machten sie zu einem Zeichen für die Menschheit. Für die Übeltäter habe Ich eine schmerzhafte Strafe bereitet. Auch Ad, Thamud, die Bewohner von Ar-Rass und viele Völker zwischen ihnen vernichtete Ich. Jeden von ihnen warnte Ich durch Beispiele, und wegen ihres Ungehorsams vernichtete Ich sie alle vollständig.“
Ebenso wird in den Versen 59–93 der Sure 7 (al-Aʿraf) an die Strafe erinnert, die über das Volk Noahs, die Völker von ʿAd und Thamud, das Volk Lots (Sodom) und Midian herabgesandt wurde.
Somit zeigt sich, dass die Flut im Koran ausdrücklich als Strafe für das Volk Noahs dargestellt wird. Dies ist der erste grundlegende Unterschied zwischen der Darstellung im Koran und der Darstellung in der Bibel.
Der zweite grundlegende Unterschied besteht darin, dass im Koran weder ein Jahr oder Datum der Flut noch ihre Dauer angegeben wird, während die Bibel beides angibt.
Die Ursache der Flut wird in beiden Büchern im Großen und Ganzen ähnlich beschrieben. In der priesterlichen Darstellung der Bibel (Genesis 7,11) heißt es, dass gleichzeitig zwei Ursachen wirksam wurden: „An jenem Tage zerbarsten alle Quellen der großen Tiefe, und die Fenster des Himmels wurden geöffnet.“ Im Gegensatz dazu heißt es in den Versen 11–12 der Sure 54 (al-Qamar): „Ich öffnete die Tore des Himmels mit strömendem Regen und ließ Quellen aus der Erde hervorbrechen; danach traf das Wasser des Himmels mit dem Wasser der Erde zusammen, gemäß einem Plan.“
Die Darstellung des Korans über die Passagiere der Arche ist eindeutig. Der Befehl, den Allah Noah erteilt, wird genau befolgt. In dem Befehl wird aufgetragen, Folgendes zu tun.
Sure 11 (Hud), Vers 40: „Nimm darin von jeder Art ein Paar an Bord, deine Familie und diejenigen, die geglaubt haben – ausgenommen jene, über die der Beschluss bereits ergangen ist.“ Nur wenige glaubten mit ihm.
Derjenige, der von der Familie ausgeschlossen wurde, war ein sündiger Sohn Noahs. Trotz Noahs Flehen wurde Allahs Entscheidung über ihn nicht geändert (Sure Hud, Verse 45–46). Neben Noahs Familie, mit Ausnahme jenes Sohnes, erwähnt der Koran als Passagiere der Arche auch einige Menschen, die an Allah geglaubt hatten.
In der Bibel wird allerdings kein solcher Mensch erwähnt. Tatsächlich gibt es in der Bibel drei voneinander verschiedene Darstellungen über die Passagiere der Arche.
Erste Darstellung – nach dem jahwistischen Text wird zwischen „reinen“ und „unreinen“ Tieren und Vögeln unterschieden. Von jeder „reinen“ Art wurden sieben Paare (sieben männliche und sieben weibliche Tiere) und von jeder „unreinen“ Art ein Paar (ein männliches und ein weibliches Tier) in die Arche genommen. (Bemerkenswert ist, dass „sieben“ in allen semitischen Sprachen jener Zeit gewöhnlich „viele“ bedeutete. Auch hier ist es in diesem Sinne zu verstehen.)
Zweite Darstellung – nach der überarbeiteten jahwistischen Darstellung (Genesis 7–8) wurde unabhängig davon, ob es sich um „reine“ oder „unreine“ Tiere handelte, von jeder Art nur ein Paar in die Arche genommen.
Dritte Darstellung – nach dem priesterschriftlichen Text befanden sich in der Arche Noah (niemand aus seiner Familie war ausgenommen) und je ein Paar von jeder Art.
Die eigentliche Darstellung der Sintflut findet sich im Koran in Sure 21 (Hud), den Versen 25–49, und in Sure 23 (Al-Mu’minun), den Versen 23–30. Auch die biblische Darstellung ist im Wesentlichen gleich; es gibt keine nennenswerten Unterschiede.
Der Berg, an dem Noahs Arche nach der Bibel festen Boden erreichte, heißt Ararat (Genesis beziehungsweise 1. Mose 8,4), im Koran dagegen Judi (Sure Hud, Vers 44). Dieser Berg soll der höchste Berg des armenischen Ararat-Gebirges sein; doch gibt es keinen Beweis dafür, dass die Menschen seinen Namen nicht geändert haben, um ihn mit den beiden Darstellungen in Einklang zu bringen. Blachère hat dies unterstützt und darauf hingewiesen, dass es in Arabien einen Berg namens Judi gibt. Diese Übereinstimmung der Namen könnte jedoch auch künstlich sein.
Abschließend lässt sich sagen, dass die wesentlichen Unterschiede zwischen der biblischen und der koranischen Darstellung der Sintflut genau und eindeutig festgestellt werden können. Einige Unterschiede lassen sich mangels objektiver Daten allerdings nicht überprüfen. Beurteilt man die Darstellungen jedoch anhand anerkannter und allgemein akzeptierter Erkenntnisse, so zeigt sich, dass die biblische Darstellung mit den in jüngerer Zeit entdeckten Informationen und Erkenntnissen unvereinbar ist; dies gilt insbesondere für die Datierung der Sintflut und ihre geografische Ausdehnung. In der koranischen Darstellung findet sich dagegen nichts, gegen das sich eine objektive Kritik vorbringen ließe. Man könnte jedoch fragen, ob es den Menschen in der Zeit zwischen der Offenbarung der Bibel und der des Korans möglich gewesen sei, sich ein Wissen anzueignen, durch das sie genaue Informationen über das Ereignis erlangen konnten. Die Antwort lautet: nein. Denn von der Zeit des Alten Testaments bis zur Zeit des Korans besaßen die Menschen über diese alte Geschichte außer der Bibel keinerlei weitere Belege. Somit zeigt sich, dass der Mensch an den später erfolgten Veränderungen in Bedeutung und Sinn der Darstellung des Ereignisses, durch die sie mit dem modernen Wissen in Einklang gebracht wurde, keinen Anteil hatte. Daher muss man für diese Veränderungen eine andere Erklärung oder Ursache annehmen, nämlich eine nach der biblischen Darstellung offenbarte Offenbarung.
Der Exodus
Der Exodus von Mose und seinen Anhängern aus Ägypten (die erste Etappe auf dem Weg nach Kanaan) ist ein äußerst bedeutendes Ereignis. Obwohl manchmal behauptet wird, es handle sich im Grunde um eine Legende, ist das Ereignis eine erwiesene Tatsache und in einem bekannten historischen Kontext angesiedelt.
Im zweiten Buch des Pentateuch, also der Tora, des Alten Testaments (Exodus), wird dieses Ereignis geschildert. Dort findet sich ein Bericht über die Reise durch die Wüste und den Bund, den Gott auf dem Berg Sinai schloss. Auch im Koran gibt es hierzu eine ausführliche Darstellung. In mehr als zehn Suren, darunter al-Aʿrāf, Yunus, Tāhā und asch-Schuʿarāʾ, wird ausführlich über die Beziehung zwischen dem Pharao und Mose sowie seinem Bruder Aaron und über ihren Auszug aus Ägypten berichtet. Auch an anderen Stellen wird dieses Ereignis kurz oder als Erinnerung erwähnt. Soweit ich weiß, wird der Name des Pharaos, des Haupthelden auf ägyptischer Seite, in insgesamt 27 Suren 74-mal erwähnt.
Vergleicht man die Darstellungen im Koran und in der Bibel, so zeigt sich, dass es bei diesem Ereignis – im Vergleich zur Sintflut – viele Übereinstimmungen zwischen beiden Berichten gibt. Selbstverständlich bestehen auch Unterschiede; dennoch werden wir sehen, dass der biblische Bericht einen beträchtlichen historischen Wert besitzt. Denn anhand dieses Berichts lässt sich der betreffende Pharao oder, genauer gesagt, die beiden betreffenden Pharaonen identifizieren. Dieser Identifizierungsprozess begann bereits mit der Bibel und wurde durch die im Koran enthaltenen Informationen vervollständigt. Wenn man zusätzlich die in jüngster Zeit entdeckten Informationen berücksichtigt und sie prüfend und analysierend auswertet, lässt sich das Ereignis in einen historischen Hintergrund einordnen.
Der in der Bibel geschilderte große Auszug
Der biblische Bericht beginnt mit der Erinnerung an den Einzug der Juden zusammen mit Jakob nach Ägypten. Dort traf Jakob mit Josef zusammen. Danach heißt es in Exodus 1,8: „Da kam ein neuer König über Ägypten auf, der Josef nicht gekannt hatte.“
Dann begann die Unterdrückung. Der Pharao befahl, die Juden bei den Bauarbeiten in den Städten Pitom und Ramses (Exodus 1,11) als Arbeiter einzusetzen. Damit ihre Zahl nicht zunehmen konnte, befahl er außerdem, jedes neugeborene jüdische Knaben in den Fluss zu werfen. Nachdem Mose geboren worden war, versteckte seine Mutter ihn drei Monate lang irgendwie; danach setzte sie ihn in einem Körbchen am Ufer des Flusses aus. Die Tochter des Pharaos entdeckte das Kind zufällig, nahm es mit nach Hause und übertrug einer Dienerin die Verantwortung für seine Pflege. Diese Dienerin war in Wirklichkeit Moses Mutter. Moses Schwester beobachtete aus der Ferne, wie die Prinzessin ihren Bruder mitnahm, und stellte sich, als kenne sie das Kind nicht. Sie schlug vor, eine gute Pflegerin zu suchen, und sorgte dafür, dass seine eigene Mutter diese Aufgabe übernahm. Das Kind wurde als einer der Söhne des Pharaos aufgezogen, und man gab ihm den Namen Mose.
In seiner Jugend ging Mose in ein Land namens Midian (Mādyan). Dort heiratete er und lebte viele Jahre. An dieser Stelle enthält die Bibel (Exodus 2,23) eine wichtige Nachricht: „Zu dieser Zeit starb der König von Ägypten.“
Gott befahl Mose, zum Pharao zu gehen und seine Brüder aus Ägypten herauszuführen (in der Bibel wird dieser Befehl in der Geschichte vom brennenden Busch erwähnt). Bei der Erfüllung dieser Aufgabe half ihm sein Bruder Aaron. Nach seiner Rückkehr nach Ägypten ging Mose zusammen mit Aaron zum Pharao. Dieser Pharao war der Nachfolger und Erbe des Pharaos, unter dessen Herrschaft Mose geboren worden war.
Der Pharao erlaubte den Juden, die Mose folgten, nicht, Ägypten zu verlassen. Gott sandte Mose erneut eine Offenbarung und befahl ihm, den Pharao noch einmal darum zu bitten. Nach der Bibel war Mose zu dieser Zeit achtzig Jahre alt. Durch Magie zeigte er dem Pharao, dass er über übernatürliche Kräfte verfügte. Doch das bewirkte nichts. Gott ließ in Form von Plagen Zorn über Ägypten kommen. Das Wasser des Flusses wurde zu Blut, Millionen und Abermillionen Frösche, Stechfliegen und Fliegen verbreiteten sich überall in den Siedlungen, auf den Körpern von Menschen und Tieren traten Geschwüre auf, Haustiere starben, häufig fiel Hagel, Heuschrecken bedeckten das Land, überall breitete sich Dunkelheit aus, und die Erstgeborenen begannen zu sterben. Dennoch erlaubte der Pharao den Juden nicht, Ägypten zu verlassen.
Daraufhin zogen sie aus der Stadt Ramses aus. Abgesehen von den Frauen und Kindern waren sie sechshunderttausend an der Zahl (Exodus 12,37). Später werden wir allerdings sehen, dass diese Zahl übertrieben ist. „Der Pharao ließ seinen Wagen bereitmachen und nahm seine Leute mit. Er nahm sechshundert auserlesene Wagen und die Befehlshaber über alle seine Wagen mit. So jagte der König von Ägypten den Israeliten nach; damals zogen die Israeliten erhobenen Hauptes aus.“ (Exodus 14,6 und 8). Das Heer des Pharao holte die Leute des Moses am Meeresufer ein. Moses hob seinen Stab hoch, das Meer teilte sich, und er gelangte mit seinem Volk hinüber, ohne dass sie ihre Füße nass machten. „Da jagten die Ägypter ihnen nach und zogen hinter ihnen her mitten ins Meer hinein, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und seine Reiter.“ (Exodus 14,23). „Da kehrte das Wasser zurück und bedeckte die Wagen und Reiter; nicht einer von ihnen blieb übrig. Aber die Israeliten gingen auf trockenem Weg mitten durch das Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken.“ (Exodus 14,28–29)
Der Bericht des Exodus ist sehr eindeutig. Der Pharao befand sich an der Spitze seines Heeres und ertrank im Wasser. Denn im Bericht heißt es: „Nicht einer von ihnen blieb übrig.“ Dieses Ereignis wird auch in den Psalmen der Bibel, in Psalm 106, Vers 11, und in Psalm 136, den Versen 13 bis 15, erwähnt. Dort wird Allah Dank erwiesen, denn „Er teilte das Schilfmeer und führte Israel mitten hindurch, aber den Pharao und sein Heer stieß er ins Schilfmeer.“ Nach der Bibel besteht somit kein Zweifel daran, dass der Pharao in dem Meer ertrank und starb. Doch darüber, was mit seinem Leichnam geschah, berichtet die Bibel nichts.
Der im Koran beschriebene Exodus
Der Bericht über diesen Exodus im Koran entspricht im Großen und Ganzen dem biblischen Bericht. Allerdings ist der Bericht über mehrere Suren verstreut, sodass man ihn zusammenführen und als Ganzes lesen muss.
Im Koran wird der Name des zur Zeit des Exodus regierenden Pharaos nicht genannt. Daher ist es nicht möglich, ihn zu identifizieren. Auch in der Bibel wird sein Name nicht genannt; man weiß lediglich, dass einer seiner Minister Haman hieß. Im Koran wird er sechsmal erwähnt (Sure al-Qasas, Verse 6, 8 und 38; Sure al-Ankabut, Vers 39; sowie Sure al-Mu’min, Verse 24 und 36).
Der Pharao war der Unterdrücker der Juden. Sure 14 (Ibrahim), Vers 6: „Moses sagte zu seinem Volk: ‚Gedenkt der Gunst Allahs, als Er euch vor schrecklicher Pein bewahrte, eure Söhne abschlachten und eure Frauen am Leben lassen ließ.‘“
Auch in Sure al-A’raf, Vers 141, wird dieselbe Unterdrückung beschrieben. Der Name der Stadt, die die Juden während ihres Sklavenlebens in Ägypten erbauten, wird im Koran nicht genannt. In der Bibel wird er genannt.
Das Ereignis, bei dem Moses als Kind am Ufer des Flusses ausgesetzt wurde, wird in Sure Ta-Ha, den Versen 39–40, und in Sure al-Qasas, den Versen 7–13, beschrieben. Nach dem Bericht des Korans wurde Moses von den Angehörigen des Pharaos aufgenommen. Sure 28 (al-Qasas), Verse 8–9: „Die Leute des Pharaos nahmen ihn auf. Das Ergebnis sollte sein, dass er ihnen zum Feind und zum Kummer würde. Der Pharao, Haman und ihre Heere waren wahrhaftig Übeltäter. Die Frau des Pharaos sagte: ‚Dieses Kind ist eine Augenweide für mich und dich. Tötet es nicht; vielleicht wird es uns von Nutzen sein, oder wir nehmen es als Sohn an.‘“ In Wirklichkeit erkannten sie nicht, welches Ende ihm bestimmt war.
Nach muslimischer Überlieferung zog Asiya, die Frau des Pharaos, Moses auf. Aus der koranischen Darstellung geht jedoch hervor, dass nicht die Frau des Pharaos, sondern Angehörige seines Hauses Moses am Ufer des Flusses fanden.
Die Verse 13–28 der Sure al-Qasas berichten über Moses’ Jugend, seinen Aufenthalt in Madyan und seine Heirat. Besonders das Ereignis mit dem brennenden Busch wird im ersten Teil der Sure Tā-Hā sowie in den Versen 30–35 der Sure al-Qasas geschildert.
Im Koran ist nicht davon die Rede, dass zehn himmlische Plagen über Ägypten herabgesandt wurden (in der Bibel wird davon berichtet); kurz werden fünf Plagen erwähnt (Überschwemmung, Heuschrecken, Läuse, Frösche und Blut) (Sure al-Aʿrāf, Vers 133).
Im Koran wird der Auszug aus Ägypten geschildert, doch die geografischen Angaben und die Erwähnung einer großen Menschenmenge, die es in der Bibel gibt, fehlen im Koran. Die biblische Darstellung, wonach sechshunderttausend Männer mit ihren Familien über lange Zeit in der Wüste blieben, erscheint nicht glaubwürdig. Der Tod des Pharaos, der die Juden verfolgte, wird im Koran folgendermaßen geschildert: Sure 20 (Tā-Hā), Vers 78: „Als daraufhin der Pharao sie mit seinem Heer verfolgte, verschlang das Meer sie vollständig. Die Juden gelangten hinüber. Der Pharao starb, und seine Leiche wurde gefunden.“ Die Bibel erwähnt dieses wichtige Ereignis, dass die Leiche gefunden wurde, nicht.
Sure 10 (Yūnus), Verse 90–92: „Wir führten die Kinder Israels durch das Meer, und der Pharao und sein Heer verfolgten sie aus Feindseligkeit und in Überschreitung der Grenzen des Rechts. Als er schließlich zu ertrinken begann, sagte er: Ich glaube, dass es keinen Gott außer Dem gibt, an Den die Kinder Israels glauben, und ich gehöre zu den Ergebenen.“
„Jetzt hast du dich zuvor widersetzt und zu den Unheilstiftern gehört. Heute werden Wir deinen Körper retten, damit du für die Nachkommenden ein Zeichen seist. Doch viele Menschen sind Unseren Zeichen gegenüber gewiss achtlos.“
In dieser Angelegenheit müssen zwei Punkte erklärt werden.
Erstens muss die Feindseligkeit des Pharaos und seine Überschreitung der Grenzen des Rechts im Licht von Moses’ Bemühungen verstanden werden, ihn rechtzuleiten; und zweitens ist unter der Rettung oder Bewahrung des Pharaos die Rettung oder Bewahrung seiner Leiche zu verstehen, denn der Koran sagt ausdrücklich, dass der Pharao bestraft wurde. Sure 11 (Hūd), Vers 98.
„Er (der Pharao) wird am Tag der Auferstehung an der Spitze seines Volkes stehen und mit ihnen ins Feuer eingehen.“
In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass sich bei der Darstellung derjenigen Ereignisse, die anhand von Geschichte, Geografie und Architekturwissenschaft überprüft werden können, folgende Unterschiede zwischen dem Koran und der Bibel finden:
– Der Koran erwähnt weder die Namen der Städte, die die Juden, Moses’ Anhänger, erbauten, noch die Namen der Orte, die sie auf dem Weg des großen Auszugs durchquerten.
– Der Koran erwähnt nicht, dass während Moses’ Aufenthalt in Midian ein Pharao gestorben sei.
– Im Koran wird nicht angegeben, wie alt Moses war, als er versuchte, den Pharao rechtzuleiten.
– Der Koran nennt keine Zahl für die Anhänger Moses’; in der Bibel wird ausdrücklich übertrieben von sechshunderttausend Männern und ihren Familien gesprochen, also insgesamt von mehr als zwei Millionen Männern und Frauen.
– Die Bibel erwähnt nicht, dass nach dem Tod des Pharaos seine Leiche geborgen wurde. Für unsere gegenwärtige Betrachtung sind folgende gemeinsamen Aspekte der Darstellungen beider Bücher bemerkenswert:
– Das im Koran bestätigte Ereignis der in der Bibel geschilderten Unterdrückung der Juden, der Anhänger Moses’, durch den Pharao.
– Weder im Koran noch in der Bibel wird der Name des Königs von Ägypten erwähnt.
– Die biblische Darstellung vom Tod des Pharao während des Auszugs wird im Koran bestätigt.
Die Informationen der Schrift im Vergleich mit dem modernen Wissen
In den biblischen und koranischen Darstellungen über die Dauer des Aufenthalts der Kinder Israels in Ägypten und den Ablauf ihres Auszugs aus Ägypten finden sich einige Angaben, die mit dem modernen Wissen verglichen werden können. Dieser Vergleich muss jedoch zwangsläufig unausgewogen sein, denn einige Angaben werfen vielfältige Probleme auf, sodass eine Erörterung der übrigen Angaben äußerst schwierig wird.
1) Betrachtung einiger in der Schrift überlieferter Angaben
Die Kinder Israels in Ägypten:
Offenkundig kann man mit nahezu keinem Fehlerrisiko sagen, dass die Juden nach der biblischen Darstellung (Genesis 15,13 und Exodus 12,40) 400 beziehungsweise 430 Jahre in Ägypten verweilten. Trotz dieses geringfügigen Unterschieds zwischen den Darstellungen in Genesis und Exodus kann man sagen, dass der Aufenthalt der Juden in Ägypten zu der Zeit begann, als Joseph, der Sohn Jakobs, lange nach Abraham mit seinen Brüdern nach Ägypten kam. Es ist jedoch zu beachten, dass diese Angabe ausschließlich in der Bibel zu finden ist. Im Koran wird lediglich der Zug nach Ägypten erwähnt, nicht aber ein Jahresdatum, und darüber hinaus liegt uns kein Beleg vor, der dieses Thema näher beleuchten könnte.
Von P. Montet bis Daniel-Rops sind moderne Kommentatoren der Ansicht, dass vermutlich im siebzehnten Jahrhundert v. Chr., als Joseph und seine Brüder in Ägypten eintrafen, auch die Hyksos nach Ägypten aufbrachen und vermutlich ein Herrscher der Hyksos sie in Avaris im Niltal gastfreundlich empfing.
Es besteht jedoch keinerlei Zweifel daran, dass diese Annahme der biblischen Darstellung völlig widerspricht. Denn in der Bibel heißt es (1. Könige 6,1), dass im Jahr 171 v. Chr. bereits 480 Jahre vor der Errichtung des Tempels Salomos
die Juden ungefähr im Jahr 1450 v. Chr. aus Ägypten auszogen und Ägypten in den Jahren 1880–1850 v. Chr. betreten haben sollen. Doch gerade zu dieser Zeit soll Abraham gelebt haben, und aus anderen Angaben der Bibel ist bekannt, dass zwischen seiner Zeit und der Zeit Josefs ein Abstand von 250 Jahren liegt. Daher kann diese biblische Darstellung unter dem Gesichtspunkt der chronologischen Abfolge der Ereignisse keineswegs als glaubwürdig gelten. Später werden wir hierzu die Erklärung von Pater de Fox sehen. Die einzige Grundlage für den Einwand gegen die Annahme der modernen Kommentatoren ist jene Darstellung in der Bibel (1. Könige); doch wir haben bereits gesehen, dass diese Darstellung keineswegs glaubwürdig ist.
Außer der Darstellung in den Schriften gibt es kaum andere Beweise oder Spuren für den Aufenthalt der Juden in Ägypten. In den Bildinschriften des alten Ägypten findet sich zwar die Erwähnung einer Gruppe von Arbeitern namens Apiru, Hapiru oder Habiru, die man – richtig oder falsch – als Hebräer, also Juden, identifiziert hat. Zu ihnen gehörten unter anderem Bauarbeiter und Landarbeiter. Doch es lässt sich nicht feststellen, woher sie kamen. Pater de Fox sagte: „Sie sind keine Einheimischen, beanspruchen nicht, einer Klasse der einheimischen Gesellschaft anzugehören, und besitzen weder Berufe noch einen Rang wie die Einheimischen.“
In einem Papyrusdokument aus der Regierungszeit des ägyptischen Königs Thutmosis III. werden sie als „Arbeiter in den Stallungen“ bezeichnet. Im fünfzehnten Jahrhundert v. Chr. soll Amenophis II. 3.600 von ihnen aus Kanaan gefangen nach Ägypten gebracht haben. Pater de Fox stellte fest, dass viele von ihnen aus Syrien und Palästina stammten. Während der Regierungszeit Sethos’ I. (um 1300 v. Chr.) verursachten die Apiru in der Region Beth-Schean in Kanaan erhebliche Unruhen. Unter Ramses II. wurden einige von ihnen als Bergarbeiter eingesetzt, andere mussten Steine für die Errichtung der hohen Eingangstore eines Tempels transportieren. Aus der Bibel erfahren wir außerdem, dass sie zu derselben Zeit beim Bau der nördlichen Hauptstadt Ägyptens eingesetzt wurden. In ägyptischen Schriften findet sich im zwölften Jahrhundert v. Chr., während der Regierungszeit Ramses’ III., einmal eine Erwähnung der Apiru.
Das Wort Apiru wurde nicht ausschließlich in Ägypten verwendet; daher ist schwer zu sagen, ob damit nur die Hebräer gemeint waren. Ursprünglich könnte es Zwangsarbeiter oder Sklaven bezeichnet haben und später zum Namen eines Berufs geworden sein. In diesem Zusammenhang kann man sich an ein Beispiel für die Verwendung eines modernen Wortes erinnern. Das französische Wort suisse (Schweizer) hat mehrere Bedeutungen: ein Einwohner der Schweiz, ein aus diesem Land stammender Söldner im Dienst des alten französischen Königs, ein Wächter des Vatikans oder ein Angestellter der christlichen Kirche.
Wie die Umstände auch gewesen sein mögen, es besteht kein Zweifel daran, dass die Arbeit, zu der sie unter dem Pharao Ramses II. gezwungen wurden, Zwangsarbeit war. Ebenso wenig besteht Zweifel daran, dass er die Juden unterdrückte. Die in der biblischen Exodusgeschichte erwähnten Städte Ramses und Pitom lagen im östlichen Teil des Niltals. Im selben Gebiet liegen heute die Städte Tanis und Qantir, und die Entfernung zwischen ihnen beträgt etwa fünfzehn Meilen. Auch die von Ramses II. errichtete Hauptstadt befand sich in diesem Gebiet, und er war es, der die Juden unterdrückte.
In eben diesem Umfeld wurde Mose geboren. Seine Rettung aus dem Wasser des Flusses ist bereits geschildert worden. Er hatte auch einen ägyptischen Namen. P. Montet hat in seinem Buch Egypt and the Bible (Verlag Delachaux & Niestlé, Neuchâtel, 1959) gezeigt, dass der von Ranke verfasste Wörterbuch der Bilderschrift in der Liste der gebräuchlichen Personennamen auch den Namen Mesu oder Mesi enthält. Im Koran wird allerdings ausschließlich der Name Mose verwendet.
Katastrophen in Ägypten
In der Bibel wird unter der Überschrift „Plagen“ berichtet, dass Ägypten von Allah zehn verschiedene Plagen heimgesucht wurde, und jede Plage wird ausführlich beschrieben. Bei einigen Plagen werden zudem wundersame Merkmale geschildert. Im Koran werden lediglich fünf Plagen erwähnt, von denen die meisten Naturkatastrophen sind: eine großflächige Überschwemmung, Heuschrecken, Läuse, Frösche und Blut.
Die Bibel berichtet von der raschen Vermehrung der Frösche und Heuschrecken. Sie berichtet auch davon, dass das Wasser des Flusses zu Blut wurde und das ganze Land überschwemmte. Im Koran wird lediglich Blut erwähnt, ohne weitere Einzelheiten. Offensichtlich lassen sich auf der Grundlage der Erwähnung von Blut vielfältige Fantasiegeschichten erfinden. Die anderen Plagen, von denen die Bibel berichtet, sind giftige Insekten, Schwärme von Fliegen, schmerzhafte Geschwüre, Hagel, Dunkelheit, der Tod der Erstgeborenen und der Tod des Viehs. Wie eine Überschwemmung begannen auch diese Plagen auf unterschiedliche Weise und werden an verschiedenen Stellen der Bibel beschrieben.
Der Weg des Auszugs
Der Koran enthält keinerlei Hinweis auf den Weg des Auszugs. Die Bibel hingegen bietet eine ausführliche Darstellung. Father de Fox und P. Montet haben beide den Weg zu einer erneuten Erörterung dieses Themas eröffnet. Wahrscheinlich begann der Zug im Gebiet von Tanis-Kantir, doch von dem weiteren Weg, der in der Bibel beschrieben wird, konnte keine Spur gefunden werden. Außerdem ließ sich nicht feststellen, an welcher genauen Stelle sich das Wasser teilte, damit Mose und seine Gefolgschaft hindurchgehen konnten.
Die wundersame Teilung des Wassers
Einige Kommentatoren sind der Ansicht, dass die wundersame Teilung des Wassers möglicherweise durch Ebbe und Flut oder durch den Ausbruch eines weit entfernten Vulkans verursacht worden sein könnte. Die Juden könnten bei Ebbe hinübergegangen sein, während die Ägypter bei der darauffolgenden Flut ertrunken sein könnten. Doch all dies sind lediglich Vermutungen.
Der Platz des Auszugs in der Geschichte der Pharaonen
Es ist möglich, genauere Belege dafür zu ermitteln, an welcher Stelle der Geschichte der Auszug zeitlich einzuordnen ist. Seit Langem wird die Auffassung vertreten, dass Marneptah, der Nachfolger Ramses’ II., der Pharao zur Zeit des Auszugs war. Der berühmte Ägyptologe Maspero schrieb in seinem Werk „Digital Guide to the Cairo Museum“ (1900) am Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts: „Der Überlieferung Alexandrias zufolge war Marneptah der Pharao zur Zeit des Auszugs und ertrank im Roten Meer.“ Die Belege, auf deren Grundlage Maspero dies sagte, sind mir nicht zugänglich gewesen. Doch die Äußerung eines so bedeutenden und berühmten Kommentators verdient es, mit größter Aufmerksamkeit berücksichtigt zu werden.
Außer P. Montet hat kein anderer Ägyptologe oder Bibelwissenschaftler eine nennenswerte Untersuchung für oder gegen diese Auffassung durchgeführt. In den vergangenen Jahrzehnten wurden zwar zahlreiche Hypothesen zu diesem Thema entwickelt, doch ihre Urheber haben offenbar nur ein einziges Merkmal der Darstellung im Buch berücksichtigt. Und unter der Darstellung im Buch ist nicht nur die biblische Darstellung zu verstehen. Darüber hinaus haben die Urheber dieser Hypothesen kaum darauf geachtet, dass jede Hypothese mit den Erkenntnissen der Geschichte und der Archäologie übereinstimmen muss.
Die ungewöhnlichste Hypothese stellte jedoch de Miceli (1960) auf. Er legte sogar ein genaues Datum fest und erklärte, der Auszug habe am 9. April 1495 v. Chr. stattgefunden. Er berechnete dieses Datum auf der Grundlage des Kalenders und behauptete, dass damals Thutmosis II. der Pharao von Ägypten gewesen sei. Somit sei er der Pharao zur Zeit des Auszugs gewesen. Zur Unterstützung dieser Behauptung führte er an, dass die Mumie Thutmosis’ II. Hautläsionen aufweise und dass es sich bei diesen Läsionen um Leprageschwüre handle. Er erklärte allerdings nicht, wie diese Läsionen entstanden und warum sie nicht auf einen anderen Grund zurückzuführen seien. Eines der zehn in der Bibel beschriebenen Übel sind Geschwüre. Er hielt gerade diese Geschwüre für leprabedingt und gelangte so zu seiner Schlussfolgerung. Insbesondere der Hinweis in der Bibel auf den Bau der Stadt Ramses beweise, dass der Auszug nicht stattgefunden haben könne, bevor ein Ramses Pharao geworden war.
Auch anhand der Hautflecken Thutmosis’ II. lässt sich nicht feststellen, dass er der Pharao des Auszugs war. Dieselben Flecken hatte auch sein Sohn Thutmosis III. und sein Enkel Amenophis II.; an ihren im Kairoer Museum aufbewahrten Mumien sind diese Flecken noch heute deutlich zu erkennen. Die Kommentatoren sind der Ansicht, dass diese Flecken durch eine Erbkrankheit entstanden sein dürften. Daher ist de Micelis Hypothese keineswegs annehmbar.
Ebenso wenig ist die Hypothese von Daniel-Rops annehmbar. In seinem Buch „The People of the Bible“ (Verlag: Desclée de Brouwer, Paris, 1970) erklärte er Amenophis II. zum Pharao der Zeit des Auszugs. Sein Vater, Thutmosis III., war ausgesprochen nationalistisch gesinnt. Auf dieser Grundlage erklärte er Amenophis II. zum Unterdrücker der Juden und behauptete, dessen Stiefmutter, die berühmte Königin Hatschepsut, habe das Kind Moses aufgezogen.
Pater de Vaux hat Ramses II. als den Pharao des Auszugs identifiziert, und seine Argumentation scheint weitgehend stichhaltig zu sein. Was er in seinem Werk „Die alte Geschichte Israels“ (Verlag J. Gabalda & Co., Paris, 1971) gesagt hat, stimmt zwar nicht in allen Punkten mit dem biblischen Bericht überein, doch ein von ihm vorgelegter Beweis ist von großer Bedeutung. Die Städte Ramses und Pithom wurden während der Regierungszeit Ramses’ II. erbaut, und auch die Bibel selbst berichtet von diesem Bau. Daher kann nicht mehr behauptet werden, der Auszug habe vor der Thronbesteigung Ramses’ II. stattgefunden. Der Bau dieser Städte erfolgte nach der von Drioton und Vandier angegebenen Chronologie im Jahr 1301 v. Chr. und nach der von Baughton angegebenen Chronologie im Jahr 1290 v. Chr. Ein weiterer Grund dafür, dass die beiden oben genannten Annahmen nicht annehmbar sind, besteht darin, dass gemäß dem biblischen Bericht Ramses II. der Pharao war, der die Juden unterdrückte.
Pater de Vaux ist der Ansicht, dass der Auszug im ersten oder mittleren Abschnitt der Regierungszeit Ramses’ II. stattgefunden habe. Diese zeitliche Bestimmung ist nicht genau. Es scheint, dass er diesen Zeitpunkt festgelegt hat, um Moses und seinen Anhängern etwas Zeit zu geben, sich in Kanaan niederzulassen und Merneptah Zeit zu lassen, mit den Juden einen Friedensvertrag zu schließen. Bemerkenswert ist, dass eine Inschrift aus dem fünften Jahr seiner Regierungszeit berichtet, der Pharao Merneptah habe nach dem Tod seines Vaters Ramses II. den Thron bestiegen, sich mit den Juden verständigt und an der Grenze Frieden hergestellt. Gegen diese Annahme lassen sich jedoch zwei gewichtige Argumente vorbringen:
(a) Aus der Bibel geht hervor, dass der König von Ägypten starb, als Moses sich in Midian aufhielt (Exodus 2,23). An anderer Stelle in der Bibel wird eben dieser König als derjenige identifiziert, der die Städte Ramses und Pithom durch Zwangsarbeit der Juden erbauen ließ. Dieser König war Ramses II. Daher ist es nur natürlich anzunehmen, dass der Auszug während der Regierungszeit seines Nachfolgers stattfand. Pater de Vaux hat jedoch erklärt, dass er Zweifel an der Herkunft dieses Berichts in Vers 23 des zweiten Kapitels des biblischen Buches Exodus hegt.
(b) Noch erstaunlicher ist, dass Pater de Vaux trotz seiner Tätigkeit als Direktor der Biblischen Schule von Jerusalem in seiner Annahme über den Auszug zwei wichtige Abschnitte der Bibel überhaupt nicht erwähnt hat. In diesen beiden Abschnitten wird nämlich gesagt, dass der König von Ägypten starb, als er die fliehenden Juden verfolgte. Aus diesem Bericht geht eindeutig hervor, dass der Auszug nur gegen Ende der Regierungszeit eines Königs und zu keinem anderen Zeitpunkt stattgefunden haben kann. Pater de Vaux nimmt jedoch an, dass er im ersten oder mittleren Abschnitt stattgefunden habe. In diesem Zusammenhang muss erneut darauf hingewiesen werden, dass kein Zweifel daran bestehen kann, dass der Pharao gerade bei der Verfolgung der Juden ums Leben kam. Denn die Bibel selbst enthält darüber einen eindeutigen Bericht.
„Da ließ er seinen Wagen anspannen und nahm seine Leute mit sich (Exodus 14,6). (Der ägyptische König, der Pharao)“ eilte den Kindern Israels nach, als sie auszogen.“ (Exodus 14,8). Und: „Das Wasser kehrte zurück und bedeckte die Wagen und die Reiter, sodass von allen Heeren des Pharaos, die ihnen ins Meer nachgefolgt waren, kein Einziger übrig blieb“ (Exodus 14,28–29). Auch in den Psalmen (136,15) wird des Todes des Pharaos gedacht und zur Lobpreisung Gottes aufgerufen: „Er stieß den Pharao und sein Heer ins Schilfmeer.“
Somit zeigt sich, dass zu Moses’ Lebzeiten zwei Pharaonen gestorben sind. Als Mose in Midian war, starb ein Pharao, und der andere Pharao ertrank während des Auszugs im Wasser des Meeres. Offensichtlich waren diese beiden verschiedene Pharaonen. Unter diesen Umständen kann man nicht annehmen, dass es zu Moses’ Zeit nur einen Pharao gegeben habe. Pater de Fox hingegen sprach nur von einem Pharao (Ramses II.). Da jedoch bei der Annahme eines einzigen Pharaos nicht alle damit verbundenen Fragen zufriedenstellend beantwortet werden können, kann die Vermutung von Pater de Fox nicht als richtig akzeptiert werden.
3) Der Pharao der Unterdrückung war Ramses II. und der Pharao des Auszugs Merneptah. Dieser Unterschied ist hinreichend deutlich. Die von Maspero erwähnte alexandrinische Legende hat P. Montet sehr klug genutzt. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass während des goldenen Zeitalters der Ptolemäer in Alexandria alte historische Dokumente aufbewahrt wurden und zur Zeit der römischen Eroberung vernichtet wurden. Diesen Verlust haben inzwischen alle zutiefst erkannt.
Jedenfalls findet sich dieselbe Darstellung auch in den viel später entstandenen islamischen und christlichen Legenden. (Bemerkenswert ist, dass in einer in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu religiösen Lehrzwecken verfassten Geschichte sowie in der von dem Araber H. Lester verfassten Geschichte erwähnt wird, dass sich das Ereignis des Auszugs in Ägypten während der Herrschaft Merneptahs ereignet habe.) Montet hat dieselbe Auffassung in seinem Werk „Ägypten und die Bibel“ (Verlag Delachaux & Niestlé, Neuenburg, 1959) vorgetragen. Zu ihrer Unterstützung gibt es weitere Argumente, insbesondere findet sie Unterstützung in der Darstellung des Korans, obwohl der berühmte Archäologe Montet den Koran nicht als Quelle anführte. Bevor wir jedoch all diese Informationen prüfen, wollen wir zunächst die Bibel betrachten.
Obwohl im Exodus der Name des betreffenden Pharaos nicht erwähnt wird, wird das Wort „Ramses“ verwendet. In der Bibel wird eine von den Hebräern unter Zwangsarbeit errichtete Stadt „Ramses“ genannt. Heute wissen wir allerdings, dass diese Städte in der Region Tanis-Kantir im östlichen Niltal lagen. In dem Gebiet, in dem Ramses II. seine nördliche Hauptstadt errichtete, hatte es schon zuvor einige Gebäude gegeben. Doch archäologische Ausgrabungen der vergangenen Jahrzehnte haben bewiesen, dass Ramses II. diesen Ort erst in eine bedeutende Stadt verwandelte und dafür gerade die Zwangsarbeit der Hebräer einsetzte.
In der heutigen Zeit ist niemand mehr überrascht, wenn er in der Bibel das Wort „Ramses“ liest. Vor anderthalb Jahrhunderten entdeckte Champollion einen Weg zur Entzifferung der Hieroglyphen und stellte die Verwendung dieses Wortes fest; seitdem ist es allgemein bekannt. Wir haben uns daran gewöhnt, das Wort auszusprechen, zu lesen und seine Bedeutung zu verstehen. Man muss jedoch bedenken, dass die Bedeutung der Hieroglyphen im dritten Jahrhundert v. Chr. verloren ging und der Name außer in der Bibel sowie in einigen griechischen und lateinischen Büchern nirgendwo überliefert ist. Selbst in diesen Büchern findet man den Namen mehr oder weniger entstellt. Tacitus verwendete das Wort in seinen „Annalen“ in der Form „Rhampses“. Nur in der Bibel findet man das Wort in der korrekten Form, nämlich „Ramses“. Im Alten Testament, also in der Tora, wird das Wort an fünf Stellen erwähnt: Genesis 47,11; Exodus 1,11 und 12,37 sowie Numeri 33,3 und 33,5.
Im Hebräischen findet man das Wort Ramses in zwei Schreibweisen: „Raims“ und „Raiams“ (der englische Buchstabe „i“ wird gleichwertig mit dem hebräischen Buchstaben Ajin verwendet). In der griechischen Fassung der Bibel wird das Wort als „Ramisse“ geschrieben, in der lateinischen Fassung hingegen als „Ramses“. In der französischen Clementinischen Fassung (Erstausgabe 1621) wird das Wort ebenfalls, nämlich als „Ramses“, verwendet. Zur Zeit von Champollions Forschungen war gerade diese französische Fassung gebräuchlich, und in seinem Werk „Summary of the Hieroglyphic System of the Ancient Egyptians“ (zweite Ausgabe, 1828, S. 276) erwähnt er die in der Bibel verwendete Schreibweise des Wortes.
Somit zeigt sich, dass der Name Ramses in den hebräischen, griechischen und lateinischen Fassungen der Bibel auf wundersame Weise überliefert worden ist. Erstaunlich ist jedoch, dass die Kommentatoren in den alten Bibelfassungen die Bedeutung des Wortes überhaupt nicht verstehen konnten. So ist beispielsweise die Bedeutung, die dem Wort in der französischen Clementinischen Bibel von 1621 gegeben wird, lächerlich. Dort heißt es, das Wort Ramses bedeute „der Donner eines wilden Tieres“.
Aus der vorstehenden Erörterung lassen sich leicht folgende Schlussfolgerungen ziehen:
(a) Der Exodus hat nicht stattgefunden, bevor ein Pharao namens Ramses den Thron Ägyptens bestieg, und es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass er vorher stattgefunden hätte. Bemerkenswert ist, dass es in Ägypten elf Könige namens Ramses gab.
(b) Moses wurde während der Herrschaft jenes Pharaos geboren, der die Städte Ramses und Pithom erbaut hatte, also während der Herrschaft Ramses’ II.
(c) Während Moses’ Aufenthalt in Midian starb Ramses II., und die weiteren Ereignisse in Moses’ Leben ereigneten sich während der Herrschaft seines Nachfolgers Merneptah.
Darüber hinaus enthält die Bibel einige weitere wichtige Angaben, auf deren Grundlage sich möglicherweise bestimmen lässt, an welchem Punkt in der Geschichte der Pharaonen der Exodus stattgefunden hat. In der Bibel heißt es, dass Mose im Alter von achtzig Jahren versuchte, den Pharao dazu zu bewegen, seine Brüder zu befreien. „Als Mose achtzig Jahre alt und Aaron dreiundachtzig Jahre alt war, redeten sie mit dem Pharao.“ (Exodus 7,7). An einer anderen Stelle der Bibel (Exodus 2,23) wird gesagt, dass der Pharao, der zur Zeit von Moses’ Geburt auf dem Thron saß, während Moses’ Aufenthalt in Midian starb. Bemerkenswert ist, dass die Bibel in der Schilderung der späteren Ereignisse keinen Wechsel im Namen des Königs erwähnt. Aus diesen beiden Berichten geht hervor, dass die gesamte Regierungszeit der beiden Pharaonen, die während Moses’ Aufenthalt in Ägypten regierten, mindestens achtzig Jahre betrug.
Es ist ziemlich genau bekannt, dass die Regierungszeit Ramses’ II. siebenundsechzig Jahre dauerte. Nach den Berechnungen von Drioton und Vandier erstreckte sich dieser Zeitraum von 1301 bis 1235 v. Chr., nach den Berechnungen von Rowton von 1290 bis 1224 v. Chr. Im Fall von Merneptah, dem Nachfolger Ramses’ II., sind die Ägyptologen allerdings nicht in der Lage, ein genaues Datum anzugeben. Es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass seine Regierungszeit mindestens zehn Jahre dauerte, denn Pater de Fox weist darauf hin, dass sich dafür ein Beleg in den Dokumenten findet. Drioton und Vandier haben zwei Möglichkeiten genannt: zehn Jahre von 1234 bis 1224 v. Chr. oder zwanzig Jahre von 1224 bis 1204 v. Chr. Die Ägyptologen können keinen eindeutigen Hinweis darauf geben, wie Merneptahs Herrschaft endete; man kann jedoch vermutlich sagen, dass Ägypten nach seinem Tod fünfundzwanzig Jahre lang von schweren inneren Unruhen betroffen war.
Wie ungenau die Angaben über die Dauer dieser Regierungszeiten auch sein mögen, außer Ramses II. und Merneptah lassen sich keine zwei Pharaonen finden, deren zusammengezählte Regierungszeiten mit der biblischen Schilderung übereinstimmen und achtzig Jahre oder mehr ergeben. Als Mose die Hebräer befreite, war er achtzig Jahre alt; diese Angabe der Bibel stimmt nur mit der zusammengerechneten Regierungszeit Ramses’ II. und seines Nachfolgers Merneptah überein. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass auch die zusammengerechnete Regierungszeit Sethos’ I. und Ramses’ II. mit etwa achtzig Jahren angegeben wird. Diese Zeitspanne kann jedoch für unsere Betrachtung nicht relevant sein. Erstens war die Regierungszeit Sethos’ I. sehr kurz und kann daher nicht mit Moses’ langem Aufenthalt in Midian während seiner Jugend übereinstimmen. Zweitens hielt sich Mose während der Regierungszeit des ersten der beiden Pharaonen seines Lebens lange Zeit in Midian auf; deshalb kann dieser erste Pharao nicht Sethos I. gewesen sein. Die Zeugnisse und Belege bestätigen vielmehr, dass Mose zu Beginn der Regierungszeit Ramses’ II. geboren wurde, dass Ramses II. während Moses’ Aufenthalt in Midian nach einer siebenundsechzigjährigen Herrschaft starb und dass Mose nach der Thronbesteigung von Ramses’ II. Sohn Merneptah nach Ägypten zurückkehrte und bei diesem neuen Pharao die Befreiung der Hebräer ansprach. Wenn man annimmt, dass Merneptah zwanzig Jahre regierte, lässt sich sagen, dass Mose die Befreiung der Hebräer in der zweiten Hälfte seiner Regierungszeit bei ihm ansprach. Rowton hielt diese Möglichkeit für glaubwürdig. Daher kann man annehmen, dass Mose den Exodus gegen Ende der Regierungszeit Merneptahs anführte. Es scheint nichts geschehen zu sein, das diesem Szenario widerspricht, denn sowohl aus der Bibel als auch aus dem Koran erfahren wir, dass der Pharao getötet wurde, als er die fliehenden Hebräer verfolgte.
Die in den heiligen Schriften über Moses’ Kindheit und seine Aufnahme im Palast des Pharaos überlieferte Schilderung stimmt genau mit diesem Ablauf der Ereignisse überein. Es ist allgemein bekannt, dass Ramses II. in sehr hohem Alter starb. Zum Zeitpunkt seines Todes war er zwischen neunzig und hundert Jahre alt. Daraus ergibt sich, dass er im Alter zwischen dreiundzwanzig und dreiunddreißig Jahren Pharao wurde und siebenundsechzig Jahre regierte. Er könnte bereits vor seiner Thronbesteigung geheiratet haben. Daher gibt es weder in dem Fall, dass ein Mitglied seiner Familie Mose fand (nach dem Koran), noch in dem Fall, dass die Frau des Pharaos Mose am Ufer des Nils fand und ihren Mann um Erlaubnis bat, das Kind im Königspalast aufzunehmen, irgendeinen Einwand oder irgendwo eine Information beziehungsweise einen Bericht, der diesem Geschehen widerspricht. In der Bibel heißt es, dass die Tochter des Pharaos Mose fand. Angesichts des Alters, das Ramses II. bei seiner Thronbesteigung hatte, war es nicht ungewöhnlich, dass er zu jener Zeit eine jugendliche Tochter hatte. Somit zeigt sich, dass in dieser Frage kein Widerspruch zwischen der Darstellung des Korans und der Bibel besteht.
Diese Annahme steht vollkommen im Einklang mit der Darstellung des Koran und widerspricht nur einer einzigen Darstellung der Bibel. Diese Darstellung findet sich, wie wir bereits gesehen haben, in 1. Könige 6,1: „Im vierhundertachtzigsten Jahr nach dem Auszug der Kinder Israels aus dem Land Ägypten, im vierten Jahr der Herrschaft Salomos über Israel, im Monat Siw, dem zweiten Monat, begann Salomo, dem HERRN ein Haus zu bauen.“ Es ist jedoch bemerkenswert, dass dieses Buch nicht zur Tora gehört. Diese Darstellung ist weithin umstritten, und Pater de Vaux hat sie ausdrücklich verworfen, da die historischen Angaben in diesem Teil des Alten Testaments nicht zuverlässig seien.
Bemerkenswert ist, dass in dieser Darstellung das Datum des Exodus im Zusammenhang mit dem Bau des Heiligtums Salomos bestimmt wird. Da die Darstellung umstritten und zweifelhaft ist, kann sie nicht als Argument gegen den oben beschriebenen Ablauf der Ereignisse des Exodus gelten.
Das Problem der Inschrift
Die Kritiker meinen, in der geschilderten Geschichte des Exodus, wonach die Verfolgung der Juden die letzte Handlung der Regierungszeit Merenptahs gewesen sei, einen Einwand gegen diese Darstellung gefunden zu haben. Sie stützen diesen Einwand auf eine Inschrift aus dem fünften Jahr der Regierungszeit Merenptahs.
Die Inschrift ist äußerst wichtig. Denn in der gesamten Hieroglyphenschrift ist nur in diesem Dokument das Wort „Israel“ erwähnt, und mit ihm steht ein beschreibendes Beiwort, aus dem klar hervorgeht, dass es auf eine „menschliche Gruppe oder Gemeinschaft“ angewandt wurde. Die Inschrift wurde im Totentempel des Pharaos in Theben entdeckt, und die Darstellung der darin aufgezeichneten Ereignisse beginnt bereits mit der frühen Zeit der Regierungszeit Merenptahs. Gegen Ende der Inschrift wird von einem besonderen Sieg unter den Siegen berichtet, die Pharao Merenptah über die Nachbarländer Ägyptens errungen hatte: „Israel ist verwüstet, sein Same ist nicht mehr.“ Aufgrund dieser Darstellung wird behauptet, die Verwendung des Wortes „Israel“ zeige, dass die Juden bereits zuvor, nämlich spätestens im fünften Jahr der Regierungszeit Merenptahs, nach Kanaan gegangen waren und sich dort niedergelassen hatten. Folglich hätten sie ihren Exodus aus Ägypten schon vorher vollendet.
Diese Annahme ist keineswegs akzeptabel. Um diesen Einwand anzunehmen, müsste man anerkennen, dass die Juden zuvor niemals in Kanaan gelebt hätten und stets in Ägypten gewesen wären. Daher kann dieser Einwand keineswegs als stichhaltig gelten. Obwohl Pater de Vaux zu denjenigen gehört, die Ramses II. als den Pharao zur Zeit des Exodus ansehen, schrieb er in seinem Werk „The Ancient History of Israel“ über die Ansiedlung der Juden in Kanaan: „Der Zeitpunkt, zu dem sich mit den Israeliten verbundene Gemeinschaften in der Region südlich von Kadesch niederließen, lässt sich nicht genau bestimmen; diese Ansiedlung stammt aus der Zeit vor dem Exodus.“ Damit räumte er die Möglichkeit ein, dass schon vor Mose und seinen Gefährten einige Menschen Ägypten verlassen hatten. Die als Apiru oder Habiru bezeichneten Menschen, die bisweilen mit den Israeliten identifiziert werden, lebten schon lange vor Ramses II. und dem Exodus in Syrien-Palästina; außerdem besitzen wir dokumentarische Belege dafür, dass Amenophis II. 3600 Gefangene als Zwangsarbeiter nach Ägypten zurückführte. Darüber hinaus gab es zur Zeit Sethos’ I. weitere Menschen dieser Art in Kanaan, und sie verursachten in der Region von Bet Sche’an Unruhen. P. Montet erwähnt dies in seinem Werk „Egypt and the Bible“. Daher kann man annehmen, dass Merenptah gegen diese Aufständischen an der Grenze energisch vorging und dass diejenigen, die sich im Landesinneren befanden, sich unter der Führung Moses zusammenschlossen und später aus dem Land flohen. Diese Annahme steht keineswegs im Widerspruch zur Darstellung der Inschrift aus dem fünften Jahr der Regierungszeit Merenptahs; sie widerspricht ihr auch nicht.
Außerdem steht die Erwähnung des Wortes „Israel“ in der Geschichte des jüdischen Volkes in keinerlei Zusammenhang mit der Vorstellung, dass Mose und seine Anhänger sich in Kanaan niederließen. Der Ursprung des Wortes Israel ist folgender:
Nach Genesis 32,29 ist Israel der zweite Name Jakobs, des Enkels Abrahams und Sohnes Isaaks. Die Kommentatoren des Werkes „Ecumenical Translation of the Bible – Old Testament“ (1975) meinen, das Wort bedeute wahrscheinlich: „Allah hat sich in seiner Kraft offenbart.“ Da dieser Name einem Menschen gegeben wurde, ist es nicht verwunderlich, dass seine Nachkommen ihm zu Ehren mit diesem Namen bezeichnet wurden.
Somit war der Name „Israel“ bereits mehrere hundert Jahre vor Mose gebräuchlich. Daher gibt es keinen Grund anzunehmen, dass der Exodus vor dem fünften Regierungsjahr des Pharaos Merneptah stattgefunden habe, nur weil der Name in einer Inschrift aus der Regierungszeit Merneptahs vorkommt.
In der Inschrift ist lediglich von einer Gruppe von Menschen die Rede, die als „Israel“ bezeichnet wird. Sie kann keinen Hinweis auf eine politisch organisierte Gemeinschaft enthalten. Denn das Königreich Israel war vor dem zehnten Jahrhundert v. Chr. überhaupt noch nicht entstanden. Somit muss die Inschrift von einer zahlenmäßig kleinen Gemeinschaft gesprochen haben. In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Professor Father B. Carrière von der Jerusalem Biblical School in seinem Kommentar zu seiner Übersetzung des „Buches Exodus“ (Verlag: Éditions du Cerf, Paris, 1968, S. 12) sagt: „Bei den anderen Namen der Inschrift wird das Wort ‚Land‘ verwendet, beim Namen Israel jedoch das Wort ‚Gemeinschaft‘.“
Heute wissen wir, dass „Israel“ nach einer Vorbereitungszeit von acht oder neun Jahrhunderten in die Geschichte eintrat. In jener Zeit besiedelten zahlreiche halbnomadische Gemeinschaften, insbesondere Amoriter und Aramäer, das gesamte Gebiet. In derselben Zeit traten viele Stammesväter hervor, darunter Abraham, Isaak und Jakob sowie Israel. Jakobs Stamm wurde unter seinem anderen Namen „Israel“ bekannt, und dieser Stamm entwickelte sich später, lange nach der Regierungszeit Merneptahs, zu einer politischen Einheit. Denn das Königreich Israel bestand von 931 beziehungsweise 930 bis 821 v. Chr.
4) Die Darstellung des Todes des Pharaos beim Exodus in den religiösen Schriften:
Der Tod des Pharaos zur Zeit des Exodus ist in der Darstellung des Korans und der Bibel ein wichtiges Thema. Im ursprünglichen Text beider Schriften ist dieses Thema auffallend präsent. In der Bibel wird es nicht nur im Pentateuch beziehungsweise in der Tora erwähnt, sondern auch im Buch der Psalmen; auf diesen Zusammenhang wurde bereits zuvor hingewiesen.
Es ist erstaunlich, dass die christlichen Kommentatoren dieses Ereignis völlig ignoriert haben. Father de Vaux hat gesagt, der Exodus aus Ägypten habe in der ersten Hälfte oder in der Mitte der Regierungszeit Ramses’ II. stattgefunden. Aber offenbar hat er nicht beachtet, dass eben jener Pharao zur Zeit des Exodus gestorben ist. Das bedeutet, dass bereits dieses Ereignis beweist, dass der Exodus erst im letzten Abschnitt seiner Regierungszeit stattgefunden haben kann. Dennoch ist der Leiter der Jerusalem Biblical School und Verfasser des Werkes „Ancient History of Israel“ keineswegs darüber beunruhigt, dass seine Aussage mit den Angaben in der Tora und den Psalmen der Bibel überhaupt nicht übereinstimmt.
P. Montet hat in seinem Werk „Egypt and the Bible“ gesagt, dass der Exodus zur Zeit Merneptahs stattgefunden habe. Über den Tod des Pharaos, der die Hebräer verfolgte, sagt er jedoch nichts.
Diese äußerst erstaunliche Haltung der Christen steht in völligem Gegensatz zur Sichtweise der Juden. In Psalm 136, Vers 15, wird Allah dafür gedankt, dass er „den Pharao und sein Heer im Schilfmeer versenkte“. Dieses Psalm wird im jüdischen Gebet ständig rezitiert. Die Christen wissen außerdem, dass diese Darstellung in den Psalmen vollständig mit Exodus 14, Verse 28–29, übereinstimmt: „Das Wasser kehrte zurück und bedeckte ihre Wagen und Reiter; von den Truppen des Pharaos, die ihnen ins Meer gefolgt waren, blieb nicht einer übrig.“ Daher dürfte bei ihnen keinerlei Zweifel daran bestehen, dass der Pharao und sein Heer vollständig vernichtet wurden; all dies steht in ihrer eigenen Bibel.
Den christlichen Kommentatoren zufolge ignorieren sie jedoch absichtlich den Tod des Pharaos, entgegen allen Beweisen und Zeugenaussagen. Viele von ihnen gehen sogar noch einen Schritt weiter und verleiten die Leser durch den Hinweis auf das im Koran geschilderte Ereignis zu abwegigen Vorstellungen. In der von der Jerusalem Biblical School genehmigten und herausgegebenen Bibelübersetzung (Le Livre de l’Exode – Exodus, 1968, S. 73, Les Éditions du Cerf, Paris) sagte Pater Couroyer in seinem Kommentar zum Tod des Pharaos: „Im Koran (Sure 10, Verse 90–92) wird dieses Ereignis (der Tod des Pharaos) erwähnt, und es gibt eine volkstümliche Legende, wonach der zusammen mit seinem Heer untergegangene Pharao (für den es im heiligen Text keinerlei Hinweis gibt) auf dem Meeresgrund lebt und dort als König der Bewohner, also der Robben, herrscht.“
Mit „heiligem Text“ oder „Heiliger Schrift“ meinte der Kommentator offensichtlich die Bibel, und er äußerte vorsätzlich eine Unwahrheit, indem er behauptete, dass dieses Buch keinen Hinweis auf den Untergang des Pharaos mitsamt seinem Heer enthalte. Zweitens erwähnte er die koranische Darstellung in einer Weise, die den Eindruck erweckt, sie stehe in völligem Widerspruch zur Bibel. Drittens führte er unmittelbar nach dem Hinweis auf die koranische Darstellung unter dem Namen einer sogenannten volkstümlichen Legende eine abwegige Geschichte ein, wodurch im Bewusstsein unaufmerksamer Leser und insbesondere der mit dem Koran nicht vertrauten Leser der falsche Eindruck entstehen wird, diese abwegige Geschichte stehe mit der koranischen Darstellung in Zusammenhang. Tatsächlich hat das, worauf dieser Kommentator hingewiesen hat, überhaupt keinen Bezug zum Inhalt der koranischen Verse. In den Versen 90–92 der zehnten Sure des Korans (Yunus) wird mitgeteilt, dass die Kinder Israels das Meer überquerten, während der Pharao und sein Heer sie verfolgten, und dass der Pharao beim Untergang ausrief: „Ich glaube, dass es keinen Gott gibt außer Dem, an Den die Kinder Israels glauben, und ich gehöre zu den Sich-Ergebenden.“ Allah antwortete: „Jetzt? Zuvor hast du dich gewiss widersetzt und gehörtest zu den Unheilstiftern. Heute werden Wir deinen Leib bewahren, damit du für deine Nachkommen ein Zeichen seist.“
Mehr als diese kurze Darstellung über den Tod des Pharaos enthält die Sure nicht. Weder in dieser Sure noch irgendwo anders im Koran findet sich jene vom biblischen Kommentator angeführte abwegige Geschichte. Im Koran wird klar gesagt, dass der Leib des Pharaos bewahrt werden wird, und diese Information ist von großer Bedeutung.
Als der Koran offenbart wurde, waren die Leichname aller Pharaonen, die heute – zu Recht oder zu Unrecht – mit dem Exodus in Verbindung gebracht werden, auf dem Friedhof von Theben begraben, der auf der anderen Seite des Nils gegenüber von Luxor liegt. Damals wusste jedoch niemand davon; erst viel später, gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts, wurden diese Gräber entdeckt. Wie im Koran gesagt wird, wurde der Leichnam des Pharaos aus der Zeit des Exodus tatsächlich geborgen, und unabhängig davon, wie sein Name lautet, kann heute jeder diesen Leichnam in der königlichen Mumienhalle des Ägyptischen Museums in Kairo sehen. Die historische Tatsache unterscheidet sich daher vollständig von der Geschichte, die Pater Couroyer mit dem Koran verknüpfen wollte.
(5) Die Mumie des Pharaos Merneptah:
Alle Beweise und Zeugenaussagen lassen erkennen, dass Loret 1898 im Tal der Könige bei Theben den mumifizierten Leichnam von Merneptah, dem Sohn Ramses’ II. und dem Pharao zur Zeit des Exodus, entdeckte und dass er von dort nach Kairo gebracht wurde. Am 8. Juli 1907 entfernte Elliot Smith die Umhüllung der Mumie; in seinem Werk „The Royal Mummies“ (1912) gab er eine ausführliche Beschreibung dieses Vorgangs und der Untersuchung des Leichnams. Obwohl die Mumie an einigen Stellen beschädigt war, befand sie sich damals in zufriedenstellendem Erhaltungszustand. Seit jener Zeit wird sie im Kairoer Museum zur Besichtigung ausgestellt, mit freiem Kopf und Hals, während der übrige Körper mit einem Tuch bedeckt ist. Vermutlich aus Angst vor weiteren Schäden darf die Bedeckung des Leichnams nicht mehr entfernt werden, und außer den 1912 von Elliot Smith aufgenommenen Fotografien gibt es im Museum keine weitere Aufnahme des vollständigen Leichnams.
Im Juni 1975 erteilten mir die zuständigen ägyptischen Behörden freundlicherweise die Genehmigung, den bedeckten Teil des Leichnams zur Untersuchung und zur Anfertigung von Fotografien freizulegen. Ein Vergleich des gegenwärtigen Zustands der Mumie mit ihrem Zustand vor sechzig Jahren macht deutlich, dass sich ihr Zustand verschlechtert hat und einige Teile inzwischen überhaupt nicht mehr vorhanden sind. Viele Gewebe des mumifizierten Leichnams sind teils durch menschliche Einwirkung, teils im Lauf der Zeit beschädigt worden.
Seit ihrer Entdeckung gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts ist dieser Schaden aufgrund der veränderten Konservierungsbedingungen ganz natürlich. Vor ihrer Entdeckung hatte die Mumie mehr als dreitausend Jahre in einem Grab auf dem Friedhof von Theben gelegen. Heute wird sie in einer einfachen gläsernen Vitrine aufbewahrt. Dadurch ist sie nicht gegen äußere Einwirkungen wie Luft und feinste Partikel geschützt. Zudem wirken sich die Temperaturschwankungen und die jahreszeitlichen Veränderungen der Luftfeuchtigkeit ständig auf sie aus. Die gegenwärtigen Bedingungen unterscheiden sich völlig von der Umgebung, in der die Mumie etwa dreitausend Jahre lang vollständig unversehrt geblieben war. Der Schutz, den die um ihren Körper gewickelte Umhüllung bot, ist nicht mehr vorhanden. Während ihres Aufenthalts im Grab könnten einst, in jener fernen Zeit, Schatzsucher und Diebe gewisse Schäden verursacht haben; auch ein Insektenbefall ist möglich. Doch ihrem Zustand nach zu urteilen, befand sich die Mumie damals in einer weitaus günstigeren Umgebung als in dem Zustand, in dem sie sich heute befindet.
Während meiner Reise im Juni 1975 veranlassten die zuständigen Behörden auf meine Empfehlung hin eine spezielle Untersuchung der Mumie. Dr. al-Meligi und Dr. Ramses fertigten Röntgenaufnahmen der Mumie an und hielten ihre Befunde auf dieser Grundlage schriftlich fest. Dr. Mornialabi untersuchte den Bauch und prüfte durch einen Zugang nahe dem Hals den inneren Brustbereich. Dadurch konnten wir den Zustand des Körperinneren eingehend betrachten und fotografieren. Außerdem begann Professor Sicaldi mit einer allgemeinen medizinischen und gerichtsmedizinischen Untersuchung. Nach der mikroskopischen Untersuchung der vom Körper der Mumie von selbst abgefallenen Gewebestücke wird der gesamte Vorgang abgeschlossen sein. Professor Minot und Dr. Duri werden diese Untersuchung durchführen.
Als dieses Buch an die Druckerei geschickt wurde (erste französische Ausgabe, November 1975), war der Untersuchungsprozess noch nicht abgeschlossen. Daher ist es hier nicht möglich, ihre Ergebnisse festzuhalten.
Bisher konnte jedoch festgestellt werden, dass sich an verschiedenen Stellen der Knochen Spuren von Verletzungen befinden und dass an manchen Stellen Teile der Knochen fehlen. Ob dieser Zustand vor oder nach dem Tod des Pharaos eingetreten ist, konnte noch nicht festgestellt werden. Sein Tod könnte, der Darstellung der Heiligen Schrift entsprechend, durch Ertrinken im Wasser eingetreten sein oder unmittelbar vor dem Ertrinken infolge eines durch Angst verursachten schweren seelischen Schocks oder durch eine Verbindung beider Ursachen.
Die oben beschriebenen Schwierigkeiten bei der Erhaltung der Mumie, insbesondere die Schäden an den Knochen, könnten zunehmend problematischer werden. Wenn daher nicht unverzüglich bessere Maßnahmen zur Verhinderung des Verfalls und zur Erhaltung ergriffen werden, wird die Mumie vermutlich nicht mehr lange unversehrt erhalten bleiben können. Es muss daran erinnert werden, dass der Tod des Pharaos beim Exodus und die Bergung seiner Leiche allein auf Allahs Anordnung hin geschahen; diese Mumie ist dafür Zeugnis und Beweis. Deshalb muss ganz besonders darauf geachtet werden, dass dieses Zeugnis und dieser Beweis im Laufe der Zeit nicht verloren gehen.
Die Erhaltung historischer Zeugnisse und Gegenstände ist eine natürliche Pflicht des Menschen. Im Fall dieser Mumie hat diese Pflicht jedoch eine weitaus größere und umfassendere Bedeutung angenommen. Denn diese Mumie ist die reale körperliche Gegenwart der Leiche eines Menschen, der Moses kannte, seine Rechtleitung zurückwies, ihn während seiner Flucht verfolgte und dabei sein Leben verlor. Der Darstellung des Korans zufolge wurde seine Leiche auf Allahs Anordnung vor dem Verfall bewahrt, damit sie für die späteren Menschen ein Zeichen sei.
Wie die Mumie von Merenptah wurde kürzlich auch die Mumie Ramses’ II. untersucht, eines weiteren Augenzeugen der Geschichte Moses’. Auch in diesem Fall müssen ähnliche Maßnahmen zur Verhinderung des Verfalls und zur Erhaltung ergriffen werden.
Anmerkung des englischen Übersetzers: Nachdem die Ergebnisse der 1975 in Kairo durchgeführten Untersuchungen vorlagen, stellte der Verfasser, Dr. Maurice Bucaille, sie Anfang 1976 auf den Sitzungen einiger französischer gelehrter Gesellschaften, darunter der Nationalen Medizinischen Akademie, vor. Auf der Grundlage der bei dieser Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse beschloss die ägyptische Regierung, die Mumie Ramses’ II. zur medizinischen Untersuchung nach Frankreich zu schicken. Dementsprechend traf die Mumie am 26. September 1976 in Paris ein.
Wer zur Unterstützung der Wahrheit der Darstellung der Heiligen Schrift nach modernen Erkenntnissen sucht, kann im Saal der Königlichen Mumien des Ägyptischen Museums in Kairo ein reales Bild der Koranverse über die Leiche des Pharaos sehen.
Koran, Hadith und modernes Wissen
Im Islam ist der Koran nicht die einzige Quelle für Vorschriften und Bestimmungen. Zu Lebzeiten Mohammeds (s.a.w.) und nach seinem Tod wurde in seinen Worten und Taten nach ergänzenden normativen Informationen gesucht.
Obwohl es von Anfang an üblich war, Hadithe schriftlich festzuhalten, wurden viele Hadithe auch mündlich überliefert. Diejenigen, die Hadithe sammelten und zusammenstellten, untersuchten die vergangenen Ereignisse eingehend, bevor sie sie schriftlich niederlegten, und bemühten sich mit großer Sorgfalt um die Ermittlung zuverlässiger Informationen. In allen zuverlässigen Sammlungen der Worte des Propheten findet man fortlaufend, beginnend mit dem Namen desjenigen, der die betreffende Aussage zunächst von einem Mitglied seiner Familie oder von einem seiner Gefährten, also einem Begleiter, gehört hatte, die Namen aller nachfolgenden Überlieferer. Allein daraus lässt sich die Hingabe, Ehrlichkeit und Mühe der Sammler erkennen.
Auf diese Weise wurden zahlreiche Berichte über die Worte und Taten Mohammeds (s.a.w.) gesammelt. Sie sind als Hadithe bekannt. Das Wort Hadith bedeutet „Aussage“, doch ist es auch üblich, Berichte über seine Taten als Hadithe zu bezeichnen.
In den Jahrzehnten nach dem Tod Mohammeds (s.a.w.) wurden einige derartige Sammlungen veröffentlicht. Einige wichtige Sammlungen erschienen sogar erst zweihundert Jahre später. Die genauesten und zuverlässigsten Informationen und Überlieferungen finden sich in den Sammlungen von al-Buchari und Muslim; auch diese beiden Sammlungen wurden zweihundert Jahre nach dem Tod Mohammeds (s.a.w.) veröffentlicht. Kürzlich hat Dr. Muhammad Muhsin Khan von der Islamischen Universität Medina eine arabisch-englische kommentierte Zusammenstellung dieser Sammlung erstellt (Verlag: Sh. Board Mills (Conversion) Limited und Ta’lim-ul-Quran Trust, Gujranwala Cantonment, Pakistan. Sahih al-Buchari, erste Ausgabe, 1971). Nach dem Koran gilt gewöhnlich die Sammlung al-Bucharis als die zuverlässigste. Houdas und Marcais übersetzten diese Sammlung unter dem Titel „Les Traditions Islamiques“ („Islamische Traditionen“) ins Französische (1903–1914). Dadurch wurden die Hadithe auch für diejenigen verständlich, die kein Arabisch beherrschen. Gegen einige Übersetzungen von Europäern, darunter diese französische Übersetzung, ist jedoch eine gewisse Vorsicht geboten. Denn sie enthalten Fehler und Unwahrheiten, die nicht auf Übersetzungs-, sondern auf Auslegungsgründe zurückzuführen sind. In manchen Fällen wurde die Bedeutung des betreffenden Hadiths so verändert, dass der Übersetzung eine Vorstellung auferlegt wurde, die im ursprünglichen Hadith nicht enthalten ist.
Was die Quellen betrifft, zeigt sich bei einigen Hadithen und den Evangelien eine Ähnlichkeit. Sie besteht darin, dass keiner der Sammler ein Augenzeuge der berichteten Ereignisse war und ihre Berichte erst lange nach dem Geschehen niederschrieb. Wie bei den Evangelien wurden auch nicht alle Hadithe als fehlerlos anerkannt. Nur eine geringe Zahl von Hadithen erhielt im Großen und Ganzen die Zustimmung der Fachgelehrten. Daher finden sich außerhalb von al-Muwatta, Sahih Muslim und Sahih al-Buchari in ein und demselben Werk neben Hadithen, die als zuverlässig anerkannt sind, auch solche, die zweifelhaft oder sogar eindeutig zurückzuweisen sind.
Obwohl im Hinblick auf die kanonischen Evangelien in der Neuzeit viele Fragen aufgeworfen wurden, haben die obersten christlichen Autoritäten niemals ihre Fehlerlosigkeit infrage gestellt. Im Gegensatz dazu unterzogen die Fachgelehrten bereits in der Frühzeit des Islam selbst die als höchst zuverlässig angesehenen Hadithe einer eingehenden Kritik. Was jedoch den Koran, das grundlegende Werk und den Maßstab der Beurteilung, betrifft, hat ihn niemals jemand infrage gestellt.
Um zu untersuchen, wie Mohammed (s.a.w.) diejenigen Dinge, über die später infolge des wissenschaftlichen Fortschritts Erklärungen und Erkenntnisse gewonnen wurden, außerhalb der schriftlich niedergelegten Offenbarung zum Ausdruck gebracht haben soll, habe ich selbst versucht, tief in die Hadith-Literatur einzudringen. Obwohl Sahih Muslim fehlerlos ist, habe ich für meine Untersuchung al-Buchari ausgewählt, der als besonders zuverlässig gilt. Ich habe stets versucht, daran zu denken, dass die Sammler der Hadithe teilweise auf die mündlichen Berichte anderer angewiesen waren und diese Berichte mitsamt den Fehlern oder der Zuverlässigkeit der Überlieferer niederschrieben. Ein auf diese Weise schriftlich überlieferter Hadith, der von vielen Menschen über dieselbe Angelegenheit berichtet wird, ist zweifellos zuverlässig. (Im Werk Sahih Muslim werden Hadithe der ersten Kategorie als „zanni“ oder zweifelhaft und Hadithe der zweiten Kategorie als „qati“ oder zuverlässig bezeichnet.)
Ich habe die Ergebnisse, zu denen ich durch den Vergleich des Korans mit der modernen Wissenschaft gelangt bin, mit den Überlieferungen der Hadithe verglichen. Das Ergebnis ist äußerst ernüchternd. Im Vergleich zur Wissenschaft erweisen sich die Aussagen des Korans stets als fehlerfrei. Die im Wesentlichen wissenschaftlichen Aussagen der Hadithe hingegen erscheinen im Vergleich zu den wissenschaftlichen Fakten als zweifelhaft. Hier habe ich allerdings ausschließlich Hadithe zu wissenschaftlichen Themen untersucht.
Bei den erläuternden Hadithen zu manchen Koranversen finden sich stellenweise Auslegungen, die in der heutigen Zeit überhaupt nicht mehr akzeptabel sind.
Die Bedeutung und besondere Tragweite der Aussage über die Sonne im 38. Vers der Sure Yasin haben wir bereits betrachtet. In diesem Vers heißt es: „Die Sonne bewegt sich innerhalb ihrer festgelegten Bahn.“ In einem Hadith wird dies jedoch folgendermaßen erklärt: „Wenn die Sonne untergeht, … erreicht sie den Bereich unterhalb des Thrones, wirft sich nieder und bittet um die Erlaubnis, wieder aufzugehen; diese wird ihr gewährt. Dann wird ein Tag kommen, an dem sie sich niederwerfen will … Sie wird erneut um die Erlaubnis bitten, ihren eigenen Weg zu nehmen (aufzugehen) … Dann wird ihr befohlen werden, auf dem Weg zurückzukehren, auf dem sie gekommen ist, und sie wird im Westen aufgehen …“ (Sahih al-Buchari, Kitab badʾ al-chalq oder Das Buch vom Beginn der Schöpfung, Band 4, S. 283, Abschnitt 54, Kapitel 4, Nr. 421). Der ursprüngliche Text ist unklar und schwer zu übersetzen. Die sinnbildliche Erzählung in dieser Überlieferung vermittelt jedoch die Vorstellung, dass die Sonne die Erde umkreist. Diese Vorstellung widerspricht den modernen wissenschaftlichen Entdeckungen. Daher ist die Zuverlässigkeit dieses Hadiths zweifelhaft.
Im selben Werk (Sahih al-Buchari, Kitab badʾ al-chalq oder Das Buch vom Beginn der Schöpfung, Band 4, S. 283, Abschnitt 54, Kapitel 6, Nr. 430) werden die Entwicklungsstadien des Embryos im Mutterleib zeitlich angegeben. Für die Ausbildung der Bestandteile des menschlichen Körpers seien vierzig Tage vorgesehen, für das Stadium „das, was anhaftet“, weitere vierzig Tage und für das Stadium „zerkautes Fleisch“ ein dritter Zeitraum von vierzig Tagen. Danach wird ihm, nachdem sein Schicksal durch die Vermittlung der Engel festgelegt worden ist, die Seele eingehaucht. Diese Darstellung der Entwicklung des Embryos stimmt nicht mit den wissenschaftlichen Fakten überein.
Abgesehen von einer einzigen Bemerkung über die mögliche Verwendung von Honig als Heilmittel (ohne eine Krankheit zu nennen) (Sure an-Nahl, Vers 69) gibt der Koran überhaupt keine Hinweise zur Behandlung von Krankheiten. In den Hadithen hingegen finden sich hierzu ausführliche Anweisungen und Ratschläge. Ein vollständiger Abschnitt des Sahih al-Buchari (Abschnitt 76) ist den Arzneimitteln gewidmet. In der französischen Übersetzung von Houdas und Marçais umfasst dieser Abschnitt im vierten Band die Seiten 62 bis 91, in der zweisprachigen arabisch-englischen Ausgabe von Dr. Muhammad Muhsin Khan im siebten Band die Seiten 395 bis 452. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese ausführliche Darstellung zahlreiche auf Vermutungen beruhende Hadithe enthält. Dennoch ist diese Darstellung insofern von Bedeutung, als sie einen Einblick in die Vorstellungen vermittelt, die man damals in verschiedenen Bereichen der Medizin haben konnte. Hinzu kommen die einschlägigen Hadithe über die Behandlung in anderen Kapiteln von al-Buchari.
Auf diese Weise finden wir auch Darstellungen über den bösen Blick, Besessenheit und deren Vertreibung. Allerdings ist die Verwendung des Korans zu diesem Zweck gegen Bezahlung verboten. In einem Hadith heißt es, dass eine bestimmte Sorte Datteln als Schutzmittel gegen Zauberei wirkt und dass Zauberei gegen Giftschlangen angewandt werden kann. In diesem Zusammenhang muss jedoch daran erinnert werden, dass zu jener Zeit, als weder Arzneimittel noch ihre angemessene Anwendung möglich waren, naturgemäß allerlei Hausmittel verbreitet waren. Blutentzug, das Ausbrennen mit Feuer, das Rasieren des Kopfes bei Läusebefall sowie die Verwendung von Kamelmilch und verschiedenster Tiere und Pflanzen waren weit verbreitet. Um Blutungen zu stillen, wurde eine Matte aus Palmblättern verbrannt und ihre Asche auf die Wunde aufgetragen. In Notsituationen handelte man nach dem damaligen Verstand und den damaligen Erfahrungen. Die Empfehlung, Kamelurin zu trinken, war allerdings wohl keine besonders gute Maßnahme.
Was in den Hadithen über verschiedene Krankheiten zu finden ist, lässt sich heutzutage nur schwer als richtig akzeptieren. Dazu seien einige Beispiele angeführt:
Ursprung des Fiebers: „Fieber entsteht durch die Hitze der Hölle.“ Zur Unterstützung dieser Aussage gibt es vier Überlieferungen (al-Buchari, Kitab at-Tibb, Band 7, Kapitel 28, S. 416).
-Für jede Krankheit gibt es ein Heilmittel: „Allah hat keine Krankheit erschaffen, ohne auch ein Heilmittel dafür erschaffen zu haben“ (ebd., erstes Kapitel, S. 395).
Dieser Gedanke wird am Beispiel eines Hadith über die Fliege erläutert: „Wenn eine Fliege in ein Gefäß fällt, tauche die ganze Fliege unter, denn auf einem ihrer Flügel befindet sich die Krankheit und auf dem anderen ihr Heilmittel“ (ebd., Kapitel 15–16, S. 452–453, sowie Kitab al-Badʾ al-Chalq, Teil 54, Kapitel 15–16).
-Der Blick einer Schlange verursacht eine Fehlgeburt (und kann auch blind machen). (Ebd., Kitab al-Badʾ al-Chalq, vierter Band, Kapitel 13–14, S. 333–334.)
-Blutungen zwischen zwei Menstruationsperioden: Dazu heißt es in einem Hadith (ebd., Kitab al-Haid, sechster Band, Teil 6, Kapitel 21 und 28, S. 490). In einem Hadith wird die Blutung kurz beschrieben und gesagt, dass Blut aus einem Blutgefäß austritt. Ein anderer Hadith erwähnt, dass eine Frau sieben Jahre lang an dieser Krankheit litt; welche Gründe für eine solche Diagnose vorlagen, lässt sich nicht erkennen. Die Ursache war jedoch vielleicht richtig. Diese Krankheit ist als Metrorrhagie bekannt.
-Krankheiten sind nicht ansteckend: Neben allgemeinen Aussagen zu diesem Thema an verschiedenen Stellen (ebd., Kitab at-Tibb, siebter Band, Teil 76, Kapitel 19, 25, 30, 31, 53 und 45) werden einige bestimmte Krankheiten genannt: Lepra (S. 408), Pest (S. 418 und 422) und Räude bei Kamelen (S. 447). Obwohl jedoch gesagt wird, dass sie nicht ansteckend seien, wird zugleich geraten, Gebiete mit Pest zu meiden und Abstand von Leprakranken zu halten.
Aufgrund dieser Situation kann man zu dem Schluss kommen, dass es einige Hadithe gibt, die wissenschaftlich nicht akzeptabel sind. Auch an der Echtheit solcher Hadithe bestehen berechtigte Zweifel. Dennoch ist es notwendig, diese Hadithe zu erwähnen. Vergleicht man sie mit den oben angeführten Koranversen, so zeigt sich, dass in den Koranversen kein einziges Wort falsch und keine einzige Aussage unzutreffend ist. Offensichtlich ist diese Feststellung von großer Bedeutung.
Es ist in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass es nach dem Tod des Propheten zwei Quellen gab, um sich anhand seiner Lehren leiten zu lassen: den Koran und die Hadithe.
-Die erste Quelle war der Koran. Viele Muslime hatten den gesamten Koran auswendig gelernt und rezitierten ihn, ebenso wie der Prophet, unzählige Male. Außerdem lag der Koran damals auch in schriftlicher Form vor. Denn schon zu Lebzeiten des Propheten, ja sogar bereits vor der Hidschra (im Jahr 622 n. Chr., also zehn Jahre vor dem Tod des Propheten), hatte man begonnen, den Koran niederzuschreiben.
– Die zweite Quelle ist der Hadith. Die engen Gefährten des Propheten (die Sahaba) und andere Muslime, die Augenzeugen seiner Taten und Worte gewesen waren, erinnerten sich an diese Dinge und konnten sich bei der Verbreitung der neuen Lehre neben dem Koran auch auf ihr eigenes Gedächtnis stützen.
Nach dem Tod des Propheten wurden der Koran und die Hadithe gesammelt und zusammengestellt. Etwa vierzig Jahre nach der Hidschra wurden erstmals Hadithe gesammelt. Die erste Sammlung des Korans war bereits unter dem Kalifen Abu Bakr und insbesondere unter dem Kalifen Uthman abgeschlossen worden. Während seiner Kalifenzeit – zwischen dem zwölften und vierundzwanzigsten Jahr nach dem Tod des Propheten – veröffentlichte Kalif Uthman eine verbindliche Lesart des Korans.
Wir möchten den Unterschied zwischen dem Koran und den Hadithen hinsichtlich ihres Inhalts und ihrer literarischen Eigenschaften besonders betonen und ihm große Bedeutung beimessen. Ein Vergleich zwischen dem Stil des Korans und dem Stil der Hadithe ist überhaupt nicht vorstellbar. Betrachtet man darüber hinaus den Inhalt im Licht moderner wissenschaftlicher Entdeckungen, muss man angesichts der Unterschiede und Widersprüche zwischen beiden bestürzt sein. Ich hoffe, nachgewiesen zu haben, dass:
– Einerseits erscheinen die Darstellungen des Korans häufig sehr einfach, doch enthalten sie Bedeutungen und Informationen, die später durch wissenschaftliche Forschung entdeckt worden sind oder noch entdeckt werden.
– Andererseits stehen manche Darstellungen der Hadithe zwar vollständig im Einklang mit den Vorstellungen ihrer Zeit, haben sich jedoch heute aus wissenschaftlicher Sicht als nicht akzeptabel erwiesen. Dies gilt nicht für jene Hadithe über islamische Grundsätze und Vorschriften, deren Echtheit über jeden Zweifel erhaben ist.
In diesem Zusammenhang ist besonders hervorzuheben, dass Muhammad selbst hinsichtlich seiner eigenen Aussagen nicht dieselbe Haltung einnahm wie hinsichtlich des Korans. Er erklärte den Koran zum Wort Allahs. Wir haben bereits gesehen, dass er während langer zwanzig Jahre die Suren und Verse des Korans mit größter Sorgfalt und Umsicht ordnete. Noch zu seinen Lebzeiten war der Koran niedergeschrieben, viele Menschen hatten ihn auswendig gelernt, und im Gebet wurde er ständig rezitiert. Die Hadithe hingegen gelten im Wesentlichen als Berichte über seine Taten und persönlichen Ansichten. In dieser Angelegenheit hinterließ er selbst keine Anweisung – jeder, der wollte, konnte in seinen Worten und Taten Beispiele für sein persönliches Verhalten suchen und diese auch verbreiten. Er selbst äußerte sich hierzu nicht.
Da nur sehr wenige Hadithe die eigenen Gedanken Muhammads widerspiegeln, spiegeln die übrigen Hadithe, insbesondere jene zu den verschiedenen hier erwähnten Themen, offensichtlich die Gedanken der Menschen seiner Zeit wider. Ein Vergleich mit dem Koran lässt leicht erkennen, wie weit diese zweifelhaften oder gefälschten Hadithe davon entfernt sind. Bei diesem Vergleich tritt ein Unterschied sehr deutlich hervor (falls ein solcher überhaupt noch festgestellt werden muss): In den Hadithen, also den Schriften jener Zeit, finden sich zahlreiche wissenschaftlich falsche Informationen und Darstellungen; in dem schriftlich überlieferten Offenbarungsbuch, dem Koran, gibt es dagegen keinerlei solchen Fehler.
Aus religiöser Sicht ist die Wahrhaftigkeit der Hadithe unzweifelhaft. Bei Hadithen, die weltliche Angelegenheiten betreffen, besteht jedoch kein anderer Unterschied in Bezug auf den Propheten. In einem Hadith werden die eigenen Worte Muhammads folgendermaßen überliefert: „Wenn ich in religiösen Angelegenheiten eine Anweisung gebe, dann befolgt sie; wenn ich jedoch nach meinem eigenen Ermessen eine Anweisung gebe, dann denkt daran, dass ich nur ein Mensch bin.“ Al-Sarakhsi schrieb diese Überlieferung in seinem Werk über die Grundlagen (Al-Usul) folgendermaßen nieder: „Wenn ich euch etwas über eure Religion vortrage, dann handelt danach; wenn ich euch jedoch etwas über diese Welt vortrage, dann wisst ihr selbst viel besser über eure weltlichen Angelegenheiten Bescheid.“
Allgemeines Fazit
Am Ende dieses Buches ist eine Sache sehr deutlich geworden: Die im Westen derzeit vorherrschende Vorstellung von den heute verbreiteten verschiedenen Religionsschriften entspricht keineswegs der Realität. Wir haben gesehen, unter welchen Bedingungen, zu welcher Zeit und auf welche Weise die Berichte und Inhalte des Alten Testaments, der Evangelien und des Korans gesammelt und niedergeschrieben wurden. Die Umstände, unter denen diese drei Offenbarungsschriften in Buchform zusammengestellt wurden, waren völlig verschieden, und dieser Unterschied hat die Genauigkeit ihrer Darstellung sowie einige ihrer inhaltlichen Merkmale erheblich beeinflusst.
Im Alten Testament finden sich zahlreiche literarische Werke, die über einen Zeitraum von nahezu neunhundert Jahren verfasst wurden. Die zahlreichen fragmentarischen und voneinander losgelösten Schriften dieses Buches wurden im Laufe verschiedener Jahrhunderte von Menschenhand verändert. In manchen Fällen wurden einzelnen Schriften neue Werke hinzugefügt. Daher ist es heute sehr schwierig festzustellen, welchen Ursprung die einzelnen Schriften haben.
Durch die Evangelien, die Berichte über die Worte und Taten Jesu enthalten, wurde versucht, den Menschen die Lehre zu vermitteln, die Jesus nach der Erfüllung seiner Aufgabe auf Erden hinterlassen wollte. Leider waren die Verfasser der Evangelien keine Augenzeugen der von ihnen niedergeschriebenen Informationen und Ereignisse. Sie haben lediglich die Nachrichten und Geschichten über Jesu Wirken aufgezeichnet, die aufgrund mündlicher Überlieferungen und einiger inzwischen verschwundener Schriften in verschiedenen jüdisch-christlichen Gemeinschaften verbreitet waren. Das heißt, sie haben die Informationen nicht unmittelbar aus der ursprünglichen Quelle gesammelt, sondern sich auf Darstellungen zweiten und dritten Grades gestützt.
Unter diesem Gesichtspunkt müssen wir nun die jüdisch-christlichen Religionsschriften betrachten; und im Interesse der Objektivität müssen wir alle alten Lehrmeinungen, die jüdische und christliche Religionsgelehrte vertreten, vollständig zurückweisen.
Als natürliche Folge der Vielzahl von Quellen sind Widersprüche und Gegensätze entstanden, von denen wir bereits viele Beispiele angeführt haben. Als die mittelalterlichen französischen Dichter in ihren erzählenden Gedichten übertrieben, zeigten die Verfasser der Evangelien beim Schreiben über Jesus genau dieselbe Neigung. Daher wurde jedes Ereignis aus dem jeweiligen Blickwinkel des betreffenden Verfassers dargestellt, und die wenigen Angaben über modernes Wissen in den beschriebenen jüdisch-christlichen Religionsschriften müssen mit größter Strenge geprüft werden.
Vor diesem Hintergrund lässt sich die eigentliche Ursache der Widersprüche, Unwahrscheinlichkeiten und Unstimmigkeiten leicht erkennen. Wenn Christen diesen Zustand begreifen, sind sie sehr erstaunt. Besonders nachdem sie lange Zeit von den Wortklaubereien, den argumentativen Kunstgriffen und der sprachlichen Rhetorik christlicher Kommentatoren beeindruckt und überwältigt waren, mit denen diese die Ergebnisse moderner Entdeckungen zu verbergen suchten, sind sie bei dieser Erkenntnis umso überraschter. In diesem Zusammenhang können die beiden von Matthäus beziehungsweise Lukas überlieferten Stammbäume Jesu erwähnt werden. Es ist daran zu erinnern, dass diese beiden Stammbäume einander widersprechen und aus wissenschaftlicher Sicht nicht annehmbar sind. Viele weitere Beispiele, die Christen in Erstaunen versetzen dürften, wurden bereits angeführt. Bemerkenswert ist, dass wir dem Evangelium des Johannes etwas mehr Aufmerksamkeit gewidmet haben, weil es sich in vielerlei wichtiger Hinsicht von den drei anderen Evangelien unterscheidet. Insbesondere enthält das Johannesevangelium keinen Bericht über die Eucharistiefeier, was vielen Menschen nicht bekannt ist.
Die Geschichte der Offenbarung des Korans unterscheidet sich völlig von der entsprechenden Geschichte der beiden anderen Religionsschriften. Der Koran wurde etwa zwanzig Jahre lang offenbart, und sobald der Engel Gabriel Muhammad (Friede sei mit ihm) jeweils einen Teil mitgeteilt hatte, lernten die Gläubigen ihn unmittelbar danach auswendig. Darüber hinaus wurde er noch zu Muhammads (Friede sei mit ihm) Lebzeiten niedergeschrieben. Unter dem Kalifen Uthman wurde die endgültige und abschließende Zusammenstellung des Korans zwischen dem zwölften und vierundzwanzigsten Jahr nach dem Tod des Propheten abgeschlossen. Diese Zusammenstellung wurde von jenen überprüft, die die Offenbarungen bei ihrem Empfang sofort auswendig gelernt und sie später täglich im Gebet rezitiert hatten. Heute wissen wir, dass der Koran seit jener Zeit unverändert und korrekt bewahrt worden ist. Seine Authentizität ist niemals in Frage gestellt worden.
Der Koran setzt dort an, wo die beiden vor ihm offenbarten himmlischen Schriften enden. Seine Darstellung enthält keine Widersprüche, und ebenso wenig finden sich darin irgendwelche Anzeichen menschlicher Eingriffe oder Veränderungen, wie sie beim Evangelium zu beobachten sind. Bei einer objektiven Prüfung wird man im gesamten Koran ohne Weiteres ein einzigartiges stilistisches Merkmal erkennen. Und bei einer Prüfung aus wissenschaftlicher Sicht wird sich zeigen, dass die Angaben und Darstellungen des Korans vollständig mit modernen wissenschaftlichen Entdeckungen übereinstimmen. Darüber hinaus enthält der Koran Einzelheiten über wissenschaftliche Fragen (wie wir bereits gesehen haben), von denen man sich nicht einmal vorstellen kann, dass sie von einem Menschen aus der Zeit Muhammads (s.a.w.) stammen. Deshalb können wir die Bedeutung derjenigen Koranverse, die bisher ausgelegt werden konnten, mithilfe unseres modernen wissenschaftlichen Wissens verstehen.
Vergleicht man die Darstellungen der Bibel und des Korans zu denselben Themen, tritt ein grundlegender Unterschied sehr leicht zutage. Die Darstellungen der Bibel sind aus wissenschaftlicher Sicht keineswegs akzeptabel, während die Darstellungen des Korans vollständig mit wissenschaftlichen Tatsachen übereinstimmen. Als Beispiele können die ursprüngliche Schöpfung und die Flut genannt werden. Hinsichtlich der Geschichte des Exodus lässt sich allerdings eine wichtige Übereinstimmung zwischen der Bibel und dem Koran feststellen, und diese Übereinstimmung steht bei der Bestimmung der Zeit Moses’ vollständig mit modernen archäologischen Erkenntnissen im Einklang. Abgesehen von dieser einen Übereinstimmung bestehen in allen anderen Fragen wichtige Unterschiede zwischen Bibel und Koran. Allein aus diesen Unterschieden erweist sich die Anschuldigung, Muhammad (s.a.w.) habe den Koran durch eine Abschrift der Bibel verfasst, unmittelbar als unbegründet—eine Anschuldigung, die ohne jeden Beweis erhoben wird.
Vergleicht man die in den Hadithen enthaltenen Angaben über die Wissenschaft mit den Darstellungen des Korans, tritt der Unterschied so deutlich hervor, dass die Möglichkeit einer gemeinsamen Quelle beider sofort ausgeschlossen werden muss.
Diese Hadithe mögen als Aussprüche Muhammads (s.a.w.) überliefert worden sein, doch bestehen sehr ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit dieser Behauptung. Es ist jedoch anzunehmen, dass Hadithe dieser Art lediglich die allgemeinen Vorstellungen jener Zeit widerspiegeln.
Beurteilt man die wissenschaftlichen Darstellungen des Korans vor dem Hintergrund des Entwicklungsstands menschlichen Wissens zur Zeit Muhammads (s.a.w.), ist es keineswegs möglich, sie als Werk eines Menschen anzusehen. Daher ist es nicht nur angemessen, den Koran als Offenbarung zu betrachten; angesichts der Gewissheit seiner Authentizität, die der Koran selbst bezeugt, und der Tatsache, dass seine wissenschaftlichen Darstellungen keine menschliche Erklärung zulassen, ist es vielmehr auch vernünftig, diesem Buch einen besonderen Rang einzuräumen.
— Ende —

