Worte des Verlegers

Das Werk „Die künstlerische Schönheit des Al-Qur’an“ wurde 1997 erstmals und 2001 in einer zweiten Auflage von Adhunik Prakashani veröffentlicht. Vor etwa drei Monaten brachte der Übersetzer das Werk zu uns, damit wir eine dritte Auflage herausgeben. Nachdem wir vom Übersetzer die Übersetzungsrechte erworben haben, veröffentlichen wir nun die dritte Auflage.

So wie der Autor dafür, dass er diesen von Allah offenbarten Qur’an in einer einzigartigen Schreibweise dargeboten hat, beim erhabenen Allah belohnt werden wird, so ist er auch in den Augen der heutigen muslimischen Gemeinschaft unsterblich geworden. Zugleich bleibt auch sein Übersetzer dafür, dass er den bengalischsprachigen Menschen dieses wunderbare Werk geschenkt hat, in ein Netz der Dankbarkeit eingebunden.

Auch der Verlag Khayrun bleibt dafür, dass er dieses Werk geschenkt hat, in ein Netz der Dankbarkeit eingebunden.

Der Verlag Khairun erfüllt durch die Veröffentlichung dieses Werkes weiterhin sein Versprechen gegenüber der Nation, ihr gute und wertvolle Bücher zu schenken.

Der Verleger

Kurze Vorstellung des Autors

Name und Abstammung: Sein Name war Sayyid. Qutb ist der Familienname seiner Abstammung. Seine Vorfahren kamen von der Arabischen Halbinsel und ließen sich an einem Ort namens Musa im Norden Ägyptens nieder. Sein Vater hieß Hadschi Ibrahim Qutb. Seine Mutter hieß Fatima Husain Osman. Sie war eine äußerst fromme und gottesfürchtige Frau. Sayyid Qutb wurde am Freitag, dem 20. Januar 1906, im Haus seiner väterlichen Familie geboren. Er war das älteste Kind. Der zweitälteste war Muhammad Qutb. Danach kamen drei Schwestern: Hamida Qutb, Amina Qutb; der Name der dritten Schwester ist nicht bekannt.

Bildungsweg: Auf Wunsch seiner Mutter lernte er bereits in seiner Kindheit den Heiligen Koran auswendig (Hifz). Danach wurde er in die dörfliche Grundschule eingeschult. Damals gab es ein Gesetz: Wenn jemand sein Kind an der al-Azhar-Universität in Ägypten studieren lassen wollte, musste es zuerst den Koran auswendig lernen. Da seine Eltern unbedingt wollten, dass ihr ältester Sohn Sayyid an der al-Azhar studierte, machten sie ihn zu einem Hafiz des Korans. Später verließ sein Vater Musa das Dorf, ließ sich an den Rand von Kairo in einem Ort namens Helwan nieder und schrieb ihn an der Madrasa Tajhiziyat Dar al-Ulum ein. In diese Madrasa wurden nur diejenigen aufgenommen, die nach ihrem Abschluss dort an der Universität Kairo studieren wollten. 1929 schloss er diese Madrasa mit hervorragenden Leistungen ab und schrieb sich am Dar al-Ulum Kairo (heute Universität Kairo) ein. 1933 erwarb er an dieser Universität den Bachelor of Arts sowie ein Diplom in Erziehungswissenschaften. Dieser Abschluss galt damals als Beweis dafür, dass der junge Mann außerordentlich begabt war.

Berufsleben: Nach seinem Universitätsabschluss wurde er dort als Professor angestellt. Nachdem er einige Zeit erfolgreich gelehrt hatte, wurde er dem Bildungsministerium unterstellt als Schulinspektor eingesetzt. Diese Stellung war in Ägypten äußerst angesehen. Das Bildungsministerium schickte ihn 1949 nach Amerika, damit er einen höheren wissenschaftlichen Abschluss auf dem Gebiet der Bildungsforschung erwarb. Nach zwei Jahren des Studiums und der Forschung kehrte er 1951 in sein Land zurück. Während seines Aufenthalts in Amerika erkannte er die missliche Lage der materialistischen Gesellschaft, und er gelangte zu der festen Überzeugung, dass allein der Islam die menschliche Gesellschaft im wahrsten Sinne des Wortes auf den Weg des Wohlergehens führen könne.

Danach kehrte er in sein Land zurück und begann mit umfassendem Studium und intensiver Forschung über den Islam. Die Früchte dieser Forschung waren „Das im Koran gezeichnete Bild des Jüngsten Tages“ und „Die künstlerische Schönheit des Korans“.

Beitritt zur islamischen Bewegung: Unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Amerika prüfte er die Ziele, Grundsätze und das Programm der islamischen Bewegung namens „Ikhwan al-Muslimun“. Da sie ihm zusagten, wurde er Mitglied dieser Gruppe. Im Juli 1952 wurde er zum Mitglied des zentralen Arbeitsausschusses der Ikhwan al-Muslimun gewählt. Von da an widmete er sich vollständig der islamischen Bewegung. 1954 wurde unter der Redaktion von Sayyid Qutb eine Zeitschrift der Ikhwan herausgegeben. Doch bereits zwei Monate später ließ die Regierung von Oberst Nasser sie schließen.

Verhaftung und Bestrafung: Nun begannen die Verhaftungen und die Folterungen der Führer und Aktivisten der Ikhwan. Unter den Verhafteten befand sich auch Sayyid Qutb. Sayyid Qutb wurde in verschiedene Gefängnisse gebracht und unmenschlich gefoltert. Einer seiner Mitarbeiter, Herr Yusuf al-Azm, schrieb: „Ein Berg von Folter wurde über ihn gebracht. Man versengte ihn mit Feuer, ließ Hunde auf ihn los und zerfleischte ihn; manchmal goss man ihm äußerst heißes, manchmal äußerst kaltes Wasser über den Kopf. Auch durch Tritte, Faustschläge, Stockhiebe und dergleichen wurde er gefoltert. Doch er blieb fest und furchtlos in seinem Glauben und seiner Gewissheit. – (Der Märtyrer Sayyid Qutb, S. 30)“

Am 13. Juli 1955 wurde unter dem Vorwand eines Gerichtsverfahrens eine Farce veranstaltet, und er wurde zu fünfzehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Durch die Folter wurde er so krank und schwach gemacht, dass er nicht einmal vor Gericht erscheinen konnte. Nachdem er ein Jahr der Zwangsarbeit verbüßt hatte, bot ihm die Regierung Nasser an, ihn freizulassen, wenn er über die Zeitungen um Vergebung bäte. Die Antwort, die dieser gläubige Mann auf dieses Angebot gab, wird den Aktivisten der islamischen Bewegung durch alle Zeiten hindurch als Leuchtfeuer dienen. Er sagte:

„Ich wundere mich über dieses Angebot gerade deshalb, weil ich nicht begreife, wie ein Unterdrücker einen Unterdrückten auffordern kann, um Vergebung zu bitten. Bei Allah! Selbst wenn einige Worte der Bitte um Vergebung mich vor dem Galgen bewahren könnten, wäre ich nicht bereit, sie auszusprechen. Ich möchte so vor Allah treten, dass Er mit mir zufrieden ist und ich mit Ihm zufrieden bin.“

Freilassung aus dem Gefängnis: Mitte 1964 besuchte der irakische Präsident Abd as-Salam Arif Ägypten und setzte sich für die Freilassung von Sayyid Qutb ein. Daraufhin wurde er aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest gestellt. Während seiner insgesamt zehn Jahre im Gefängnis verfasste er die weltberühmte Koranexegese „Fi Zilal al-Qur’an“.

Zweite Verhaftung und Märtyrertod:

Noch ehe ein Jahr vergangen war, wurde er erneut unter dem Vorwurf verhaftet, versucht zu haben, die Macht zu ergreifen. Zusammen mit ihm wurden zwanzigtausend Menschen verhaftet, darunter vier seiner Geschwister und etwa siebenhundert Frauen.

Daraufhin wurden er und zwei seiner Gefährten nach einem Scheinprozess zum Tode durch Erhängen verurteilt; das Urteil wurde am Montag, dem 29. August 1966, vollstreckt. (Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.)

Die von Sayyid Qutb verfassten Werke

(a) Forschungsarbeiten:

(1) Fī Ẓilāl al-Qurʾān (6 Bände)

(2) At-Taṣwīr al-Fannī fī al-Qurʾān (Die künstlerische Schönheit des Qurʾān)

(3) Mašāhid al-Qiyāma fī al-Qurʾān (Die im Qurʾān dargestellten Szenen des Jüngsten Tages)

(4) Al-Adālat al-Iǧtimāʿiyya fī l-Islām (Islam und soziale Gerechtigkeit)

(5) as-Salām al-ʿĀlamī wa-l-Islām (Weltfrieden und Islam)

(6) Dirāsāt Islāmiyya (Islamische Schriften)

(7) Maʿrifat al-Islām wa-r-Risāliyya (Der Konflikt zwischen Islam und Kapitalismus)

(8) Naḥwa Muǧtamaʿ Islāmī (Das Gesellschaftsbild des Islam)

(9) Muʿallim fī ṭ-Ṭarīq (Der Verlauf der islamischen Gesellschaftsrevolution)

(10) Hāḏā d-Dīn (Islam als Lebensordnung)

(b) Dichtung und Gedichte

1. Kafilatur Raqiq (Dichtung)

2. Hulmul Fadschri (Dichtung)

3. Asch-Schatiyyul Madschhul (Dichtung)

(c) Romane:

1. Aschwaq (Dornen)

2. Tiflun minal Qariya (Ein Dorfjunge)

3. Madinatul Maschhur (Zauberstadt)

(d) Für Kinder und Jugendliche:

1. Qasas ad-Diniyya (Prophetengeschichten)

(e) Sonstiges:

1. Muhimmat asch-Schaʿir fil-Hayat (Die eigentliche Aufgabe des Dichters im Leben)

2. Al-Atʿyaf al-Arbaʿa (Die Gedankenwelt von vier Geschwistern)

3. Amerika al-Lati Raʾaytu (Amerika, die ich gesehen habe)

4. Kitab wa Schakhsiyyat (Buch und Persönlichkeiten)

5. An-Naqd al-Adabi, Usuluhu wa Manahijuhu (Grundlagen und Methoden der Literaturkritik)

Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen

Widmung

Verehrte Mutter! Ich widme dieses Buch Ihnen.

Meine liebe Mutter! Ein Bild steht mir noch immer lebhaft vor Augen: Jeden Ramadan kam der Qari zu uns nach Hause und rezitierte den Koran. Und Sie lauschten ihm stundenlang, völlig versunken, hinter dem Vorhang. Wenn ich kindlich zu schreien begann, bedeuteten Sie mir, still zu sein. Dann nahm auch ich gemeinsam mit Ihnen am Hören der Koranrezitation teil, obwohl ich sie damals noch nicht verstehen konnte. Doch die genauen Aussprachen prägten sich meinem Gedächtnis unauslöschlich ein. Als ich dann, Ihre Hand haltend, gehen gelernt hatte, meldeten Sie mich in der Dorfschule an. Ihr größter Wunsch war, dass Allah mein Herz dafür öffnen möge, Sein Wort auswendig zu lernen. Allah hatte mich tatsächlich mit einer wohlklingenden Stimme gesegnet, sodass ich oft vor Ihnen sitzen und es rezitieren konnte. Ich lernte den gesamten Koran auswendig. Ein Teil Ihres Stolzes war damit erfüllt.

Meine liebe Mutter! Heute sind Sie meiner Berührung und meinem Zugriff entrückt. Doch jenes Bild von Ihnen ist in meiner Erinnerung noch immer unauslöschlich. Ich habe bis heute die Erinnerung daran nicht vergessen, wie Sie zu Hause neben dem Radio saßen und der Rezitation des Qari lauschten. Noch immer steht mir in meinem Herzen lebendig vor Augen, welche schöne und reine Gestalt Ihr Gesicht beim Hören der Rezitation annahm und welche Wirkung sie auf Ihren Geist und Ihre Seele ausübte.

O meine leibliche Mutter! Ihr einst unschuldiges Kind ist heute ein junger Mann. Die Frucht Ihrer Bemühungen widme ich heute Ihrem Namen. Möge Allah Frieden wie Morgentau auf Ihr Grab herabsenden und Ihr Kind ebenfalls bewahren.

Ihr Kind

Sayyid Qutb

Worte des Übersetzers

Möchten Sie den Qur’an verstehen? Erkennen Sie an, dass der Qur’an ein lebendiges Wunder und eine Quelle hypnotischer Kraft ist? Sie lesen den Qur’an zwar, doch er vermag Sie nicht vollständig in seinen Bann zu ziehen – aber warum? In diesem Qur’an gibt es Geschichten, die selbst Märchen in den Schatten stellen, Bilder, die bis heute kein Künstler zu malen vermochte, sowie Melodien und Klänge des Schmerzes, die die ganze Welt der Töne in ihren Bann schlagen – sind Sie mit ihnen vertraut? Wenn nicht, dann lesen Sie dieses Buch von Sayyid Qutb über den Al-Qur’an. Es wird Ihnen den Weg zu einem neuen Horizont weisen und vor Ihnen die Tore zu sämtlichen Geheimnissen des Qur’an öffnen. Sie werden sich in der Unendlichkeit und den unergründlichen Tiefen des Qur’an verlieren. Keine Macht wird Sie aus jenem tiefen Zauberreich zurückholen können.

Sayyid Qutb war ein Forscher und islamischer Denker; unter diesem Gesichtspunkt kennt ihn die islamische Welt. Doch wie viele wissen, dass er ein herausragender Literat der modernen arabischen Literatur und ein unsterblicher Erzähler war? Darüber hinaus war er auch in den Bereichen der bildenden, schönen und dekorativen Künste bewandert. Daher betrachtete er den Al-Qur’an aus verschiedenen Blickwinkeln. Während seiner Gefangenschaft forschte er Stunde um Stunde und Tag um Tag über diesen Qur’an. Einerseits war er ein Hafiz des Qur’an, andererseits war Arabisch seine Muttersprache; beide Aspekte waren ihm bei seiner Forschungsarbeit eine Hilfe. Er selbst sagte:

Meiner Ansicht nach ist es eine außerordentliche Gunst Allahs, die einem Menschen zuteilwird: Als ich begann, über den Al-Qur’an nachzudenken, öffnete Er für mich alle Tore der Barmherzigkeit und brachte mich dem Geist des Al-Qur’an so nahe, dass es mir vorkam, als hätte der Qur’an selbst für mich die Tore zu all seinen Wahrheiten und Geheimnissen geöffnet. – (Aus der ursprünglichen Einleitung zu „Fi Zilal al-Qur’an“)

Dieses wertvolle Buch ist durch und durch von Literatur durchdrungen; es ist eine Perlenkette von Worten. Die Sprache ist so erhaben und reich, dass ich bereits dreimal beabsichtigt hatte, dieses Buch zu übersetzen, und jedes Mal davon abließ. Mir fehlte der Mut. Dennoch konnte ich der Versuchung, es zu übersetzen, nicht widerstehen. Schließlich machte ich mich beim vierten Mal daran, nachdem ich den erhabenen Allah inständig und demütig um Gnade und Hilfe gebeten hatte. Obwohl die Arbeit im Tempo einer Ameise voranschritt, gelangte sie durch die Berührung der Barmherzigkeit des Allerbarmers zur Vollendung. Ich behaupte jedoch nicht, das hohe literarische Niveau vollständig bewahrt zu haben; doch bei der getreuen Darlegung dessen, was der Autor zum Ausdruck bringen wollte, habe ich nicht absichtlich den geringsten Fehler gemacht. Dennoch bleibt festzuhalten, dass ich erstens kein großer Gelehrter bin. Außerdem besitze ich, wenn überhaupt, nur sehr geringe Kenntnisse der modernen arabischen Literatur; darüber hinaus bin ich ein schwacher Mensch, dessen tägliche Begleiter Fehler und Mängel sind. Daher kann es sein, dass mir bei dieser Arbeit an irgendeiner Stelle ein Fehler unterlaufen ist, dessen ich mir bislang nicht bewusst bin. Sollte irgendein Diener Allahs einen solchen Fehler bemerken, wäre ich dankbar, wenn er mich darauf aufmerksam machte; ich werde dann, so Allah will, bei einer späteren Gelegenheit versuchen, ihn zu korrigieren.

Zum Schluss erhebe ich im göttlichen Hof demütig mein Haupt im Gebet und bitte darum, dass Er dem Autor dieses Buches im Paradies eine hohe Rangstufe gewähren möge. Möge Allah ebenso diesem geringsten Übersetzer, dem Herausgeber und den Lesern vergeben und ihnen die Gunst gewähren, im Paradies mit dem Autor vereint zu werden. Ferner bitte ich darum, dass Allah auch uns, wie dem Autor, die Tore zu sämtlichen Geheimnissen Seines weisen Qur’an öffne. Amin.

Hochachtungsvoll

Muhammad Khalilur Rahman Mumin

Inhaltsverzeichnis

Thema

Worte des Autors

Wie habe ich den Koran gefunden?

Erstes Kapitel

Die hypnotische Kraft des Korans

Die Annahme des Islams durch Umar (r.a.)

Die Geschichte von Walid ibn al-Mughira

Der Koran – die Quelle der hypnotischen Kraft

Die wichtigste Triebkraft für die Annahme des Islam

Wo liegt die Quelle der faszinierenden Kraft des Al-Qur’an?

Zweites Kapitel

Die Erforschung und der Tafsir des Al-Qur’an

Der Tafsir im Zeitalter der edlen Gefährten und der Tābiʿūn

Drittes Kapitel

Künstlerische Darstellung

Die Vermittlung von Gedanken in verständlicher Sprache

Psychologische Darstellung

Menschliche Darstellung

Darstellung der eingetretenen Katastrophe

Darstellung sinnbildlicher Ereignisse

1. Die Geschichte der Gartenbesitzer

2. Die Geschichte des Besitzers zweier Gärten

Darstellung tatsächlicher Ereignisse

1. Der Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) und der Prophet Ismail (Friede sei mit ihm)

2. Die Sintflut des Propheten Noah (Friede sei mit ihm)

Das Bild des Jüngsten Tages

Szenen des Friedens und der Strafe

Viertes Kapitel

Vorstellung und Darstellung

Fünftes Kapitel

Die künstlerische Gestaltung des Al-Kur’an

Arten der künstlerischen Gestaltung

Sechstes Kapitel

Ton und Rhythmus des Korans

Erster Zustand

Zweiter Zustand

Satzschluss, Pausen und Endreim

Siebtes Kapitel

Die Elemente der koranischen Bilder

Ein feiner Aspekt der künstlerischen Gestaltung

Dauer der koranischen Bilddarstellungen

Lange Bilddarstellung

Achtes Kapitel

Thema: Zweck und Ziel der im Koran geschilderten Ereignisse

1. Anerkennung der Offenbarung und der Gesandtschaft

2. Eine einzige und einheitliche Religion

3. Der Glaube an Allah

4. Alle Propheten und Gesandten verkündeten dieselbe Botschaft

5. Der Zusammenhang zwischen der Religion jedes Propheten und Gesandten 6. Der Erfolg der Propheten und Gesandten und der Untergang der Lügner

7. Die Wahrhaftigkeit der frohen Botschaft und der Warnung

8. Die Beschreibung der den Propheten und Gesandten gewährten Gaben

9. Die Nachkommen Adams vor der Feindschaft Satans warnen

10. Einige weitere Gründe

Neuntes Kapitel

Der Beweis dafür, dass die Erzählungen im Koran den religiösen Zielen folgen

Kürze und Ausführlichkeit der Erzählung

Darstellung von Schluss und Ausgang

Religiöse und künstlerische Verbindung in der Erzählung

Die künstlerische Gestalt der Erzählung

Zehntes Kapitel

Künstlerische Merkmale der Erzählung

Vielfalt der Darstellung

Die plötzliche Auflösung des Geheimnisses

Eine Pause beim Szenenwechsel

4. Szenische Darstellung durch Ereignisse

Darstellung von Emotionen und Gefühlen

Der Abdruck von Persönlichkeit in der Geschichte

1. Der Anführer mit unruhigem Wesen

2. Die sanftmütige, geduldige Persönlichkeit

3. Der ehrenwerte Yusuf (a.s.)

4. Der ehrenwerte Adam (a.s.)

5. Die Geschichte des ehrenwerten Sulayman (a.s.)

Elftes Kapitel

Das Wesen des Menschen

1. Die menschliche Natur

2. Der wankelmütige Gläubige

3. Der opportunistische, listige Mensch

4. Der ängstliche Feigling

5. Der zum Lachen und Scherzen anregende Mensch

6. Nur der Gestalt nach ein Mensch

৭. Lobgierig

৮. Opportunistisch

৯. Seltsam arrogant

১০. Ängstlich und schamlos

১১. Schwacher Heuchler

১২. Ausreden und Einwände vorbringend

১৩. Törichter Betrüger

১৪. Unheil stiftend

15. Von den Verlockungen des irdischen Lebens betört

16. Sture und unbeugsame Menschen

17. Eine willkürliche Gruppe

18. Ob es wahr oder falsch ist, sie werden auf jeden Fall streiten

19. Geizig

20. Der Widerspruch zwischen Innerem und Äußerem

21. Einer, der im Todeskampf Buße tut

22. Ein Mensch von geringer Intelligenz

23. Wahrhaft gläubig

24. Arm, aber genügsam

25. Allah fürchtend

26. Ein wahrer Diener Allahs

27. Freigebig und großzügig

28. Geduldig

29. Den anderen Bruder bevorzugend

30. Den Zorn bezähmend und anderen vergebend

Zwölf Kapitel

Weisheitsgeleitete Argumentation

Die einfache und klare Darlegung des Korans

Das Problem des Tawhid (Monotheismus)

Die Auferstehung nach dem Tod

Die Darstellungsweise des Korans

Schlussfolgerung]

Ein weiteres Merkmal der Darstellungsweise des Korans

Anhang 1

Anhang 2

Die chronologische Reihenfolge der Offenbarung der Suren des Korans

Worte des Autors

Wie habe ich den Koran kennengelernt?

Bevor ich mit dem Buch beginne, das Sie jetzt in den Händen halten, muss ich von einem damit verbundenen Ereignis berichten. Solange dieses Buch in meinem Gedächtnis bewahrt war und noch keine bestimmte Gestalt angenommen hatte, bestand kein besonderer Anlass, dieses Ereignis zu schildern. Als es jedoch zum Drucktisch gelangte, um Gestalt anzunehmen, blieb auch das Ereignis nicht länger auf mich selbst beschränkt. Nun muss es veröffentlicht werden.

Damals war ich noch sehr klein. Ich hatte gerade erst begonnen, den Koran zu lesen, doch sein Sinn und seine Auslegung lagen außerhalb meines Verständnisses. Außerdem war es unmöglich, seine erhabenen Inhalte im Rahmen meines Wissens zu erfassen. Dennoch empfand ich eine starke Anziehung zu ihm. Während der Rezitation tauchten zahlreiche erstaunliche Begebenheiten vor meinem geistigen Auge auf. Diese Bilder waren schlicht und farblos. Trotzdem stellte ich sie mir immer wieder mit großer Anteilnahme vor. Dieser Zustand hielt lange an und bereitete mir Freude.

Unter diesen schlichten Bildern erschien eines, das sich meinem Geist tief eingeprägt hatte, jedes Mal vor mir, sobald ich den folgenden Vers rezitierte.

(Arabisch**********)

Unter den Menschen gibt es einige, die Allah an einem Randstandpunkt dienen. Wenn sie einen weltlichen Vorteil erkennen, neigen sie sich ihm zu. Wenn sie jedoch in eine Prüfung oder ein Unglück geraten, wenden sie ihr Gesicht ab. Wahrlich, sie sind im Diesseits und im Jenseits verloren. (Sure al-Haddsch: 11)

Wenn ich dieses fantasievolle Bild jemandem vor Augen führe, sollte er nicht lachen. Sobald ich diesen Vers hörte, tauchte ein solches Bild in meiner Erinnerung auf: Damals lebte ich in einem Dorf. Neben dem Dorf, mitten in einem Tal, stand jemand auf einem Hügel und verrichtete das Gebet, doch er konnte auf dem schmalen Gipfel nicht stehen bleiben; dieser zitterte unaufhörlich. Jeden Augenblick konnte er zusammenbrechen. Ich stand in einiger Entfernung, sah diesen Zustand und war innerlich voller Verwunderung und Erregung.

Eines der vielen erdachten Bilder, die vor meinem geistigen Auge umherzogen, wurde beim Vortrag des folgenden Verses lebendig. Der Vers lautet:

(Arabisch**************)

Und trage ihnen die Geschichte dessen vor, dem Wir Unsere Zeichen gegeben hatten, der sich jedoch von ihnen abwandte und fortging. Da folgte ihm der Satan, und so wurde er einer der Verlorenen. Hätten Wir gewollt, hätten Wir ihn dadurch erhöht; doch er neigte sich der Erde zu und war damit beschäftigt, dem Verlangen seines eigenen Nafs zu folgen. Sein Zustand gleicht dem eines Hundes: Greifst du ihn an, streckt er seine Zunge heraus und hechelt; lässt du ihn in Ruhe, streckt er ebenfalls seine Zunge heraus. (Sure al-Aʿrāf: 175–176)

Ich verstand die Bedeutung und Tragweite dieses Verses nicht. Doch sobald er rezitiert wurde, erschien in meinem geistigen Spiegel ein Bild. Ich sah einen Mann, der mit weit geöffnetem Mund, die Zunge herausgestreckt und heftig hechelnd, auf mich zukam und vor mir stehen blieb. Ich betrachtete ihn unverwandt. Doch ich konnte nicht verstehen, warum er sich so verhielt. Allerdings wagte ich nicht, auf ihn zuzugehen. Tausende solcher Bilder gefielen mir sehr. Daher empfand ich eine starke Anziehung zur Rezitation des Qurʾān und suchte jenes Bild in den Weiten meiner Vorstellung.

Diese Zeit verging zusammen mit meinen süßen Vorstellungen und meiner kindlichen Unreife. Im Laufe der Jahre bin ich nun in gewissem Maß mit Wissen und der Wirklichkeit konfrontiert worden. Mit eigenen Anstrengungen und mithilfe meiner Lehrer habe ich versucht, einige Tafsīr-Werke zu verstehen. Doch es ist äußerst bedauerlich, dass ich während der schönen, lieblichen und erhabenen Rezitation des Qurʾān keinerlei Aufmerksamkeit mehr darauf richte, was ich in meiner Kindheit getan habe. Ist der Qurʾān von heute etwa ein anderer als jener Qurʾān meiner Kindheit? Besteht zwischen ihnen keinerlei Zusammenhang? Vielleicht war es nur der Zauber einer ausgedachten Auslegung.

Auch nachdem ich mehrere Tafsīr-Werke zum Koran gelesen hatte, hatte ich das Gefühl, dass irgendwo noch eine kleine Lücke geblieben war. Daher widmete ich mich dem Versuch, den Koran unmittelbar durch den Koran zu verstehen. So erstaunlich es auch klingt: Gerade damals entdeckte ich diesen geliebten und von Schönheit erfüllten Koran. Wieder schwebte jenes anziehende, liebliche Bild vor meinen Augen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass es nun nicht mehr so schlicht wie zuvor war, sondern sich durch eine gewisse Reife des Verständnisses verändert hatte. Damals begriff ich, dass es sich nicht um ein Bild, sondern um ein Gleichnis handelte. Es war lediglich beschrieben worden, um den Koran verständlich zu machen. Im Grunde war es kein Abbild eines realen Ereignisses. Deshalb war es jedoch keineswegs etwas Unwirkliches.

Alhamdulillah! Nun begann ich mit voller Aufmerksamkeit zu studieren. Plötzlich kam mir der Gedanke, die Bilder, die ich sah, der Allgemeinheit vorzustellen, damit sie daraus Nutzen ziehen könne. Daher wurde im Jahr 1939 in der Zeitschrift „Al-Muqtataf“ eine Abhandlung unter dem Titel „Einige Bilder des Korans und eine Erörterung seiner künstlerischen Schönheit“ veröffentlicht.

Dort zeigte ich beweiskräftig, dass die Bilder, die Allah, der Herr der Welten, im Koran gezeichnet hat, weder mit einer Farbkamera noch mit dem Pinsel eines Künstlers wiedergegeben werden können. Es handelt sich um ein rätselhaftes, bezauberndes Bild. Dort sagte ich auch, dass es möglich sei, zu diesem Thema ein eigenständiges Buch zu verfassen.

Dann vergingen einige Jahre. Inzwischen begannen die koranischen Bilder einen gewaltigen Einfluss auf mich auszuüben. Überall darin entdeckte ich künstlerische Schönheit. Da fasste ich den Entschluss, dieses Thema in vollständiger und umfassender Weise zu behandeln – ein Gebiet, zu dem bis heute niemand die Feder angesetzt hatte. Zu diesem Zweck widmete ich mich eingehend dem Studium des Korans und versuchte, daraus jene feinen Bilder zusammenzutragen. Dennoch kam der Fortgang der Arbeit bisweilen ins Stocken.

Schließlich begann ich im Namen Allahs mit der Zusammenstellung. Meine Aufgabe bestand darin, die künstlerischen Bilder des Korans zusammenzutragen und seine Darstellungsweise sowie seine künstlerische Schönheit zu beleuchten. Eine sprachliche Analyse des Korans oder eine fiqhbezogene Erörterung war nicht mein Anliegen.

Während ich voranschritt, offenbarte sich mir ein neues Geheimnis. Ich stellte fest, dass die im Koran gezeichneten Bilder nichts von den übrigen Erörterungen und Abschnitten Getrenntes waren. Sie besaßen auch keinen eigenen Rang. Vielmehr bildete die gesamte Darstellungsweise des Korans die künstlerische Grundlage von Szenen und Bildern. Eine Ausnahme bildeten lediglich die schariatischen Anweisungen. Da konzentrierte ich mich nicht länger darauf, die Bilder zusammenzutragen, sondern darauf, ihren eigentlichen Zweck und ihre Grundlagen zu entdecken. Anschließend beschloss ich, diese Grundlagen und ihre Erklärung darzulegen – etwas, das bis heute noch niemand berührt hatte.

Als die Arbeit an der Zusammenstellung beendet war, hatte ich das Gefühl, dass der Koran in einer neuen Gestalt in meinem Inneren erschienen war. Ich hatte einen Koran entdeckt, wie ich ihn zuvor noch nie gefunden hatte. Schon zuvor war der Koran für mich von Schönheit erfüllt gewesen, doch diese Schönheit hatte sich mir nur in voneinander getrennten und verstreuten Formen gezeigt. Nun wurde die gesamte Schönheit gleichsam in ununterbrochener Gestalt sichtbar. Es war, als beruhe sie auf einer besonderen Grundlage, in der erstaunliche und seltene Zusammenhänge bestanden – Zusammenhänge, die ich niemals wahrgenommen hatte, von denen ich niemals geträumt hatte und die sich auch sonst niemand je vorgestellt hatte.

Wenn Allah mir Erfolg dabei schenkt, bei der Darstellung dieser Szenen und Bilder des Korans den berechtigten Ansprüchen meiner Vorstellungen und meines Denkens angemessen gerecht zu werden, dann wird dies der Maßstab für den vollständigen Erfolg dieses Buches sein.

Erstes Kapitel

Die hypnotische Kraft des Al-Qur’an

Kurz vor der Herabsendung des Al-Qur’an hatte der Qur’an selbst die Araber durch seine hypnotische Kraft in seinen Bann gezogen. Sowohl diejenigen, deren Herzen Allah für den Islam geöffnet hatte, als auch diejenigen, deren Herzen und Augen verhüllt worden waren, wurden von der hypnotischen Wirkung dieses Qur’an beeinflusst, obwohl sie daraus keinen Nutzen ziehen konnten. Doch es gab einige Persönlichkeiten, zu denen insbesondere die geehrte Ehefrau des edlen Propheten (s), Chadidscha (ra), sowie sein freigelassener Sklave, der ehrenwerte Zaid (ra), gehörten. Abgesehen von diesen war der Gesandte (saw) in der frühen Zeit nicht so mächtig und einflussreich, dass die Menschen den Islam angenommen hätten, weil sie von seiner Macht und Stärke beeindruckt gewesen wären. Vielmehr lag der Grund für ihre Annahme des Islam in der zauberhaften Anziehungskraft des Al-Qur’an.

Die Geschichte von Hadhrat Umars (ra) Annahme des Islam und die Geschichte von Walid ibn al-Mughira, der beeinflusst wurde, bestätigen und beweisen beide die obige Aussage: Die hypnotische Kraft des Al-Qur’an ist außerordentlich stark. Sie beeinflusste nicht nur die Gläubigen, sondern auch die Ungläubigen.

Hadhrat Umars (ra) Annahme des Islam

Im Zusammenhang mit Hadhrat Umars (ra) Annahme des Islam überlieferten Ata und Mujahid eine Erzählung, die Ibn Ishaq von Abdullah ibn Abi Nadschih zusammengetragen hat. Hadhrat Umar (ra) berichtet:

Auch an jenem Tag war ich noch weit vom Islam entfernt und berauschte mich am Wein. Wir hatten einen Versammlungsort, an dem sich die Quraisch zu versammeln pflegten. An jenem Tag ging ich auf die Suche nach ihnen, fand dort aber niemanden. Ich dachte, ich könnte zu diesem oder jenem Weinhändler gehen und sie vielleicht dort antreffen. Doch auch dort fand ich keinen von ihnen. Da beschloss ich, zur Heiligen Moschee zu gehen und den Tawaf zu vollziehen. Ich ging dorthin und sah, dass Hadhrat Muhammad (s) im Gebet vertieft war. Er stand mit dem Gesicht nach Syrien gewandt im Gebet. Die Kaaba befand sich zwischen ihm und Syrien. Er betete zwischen dem Rukn al-Aswad und dem Rukn al-Yamani. Als ich ihn sah, dachte ich: Heute Nacht werde ich heimlich zuhören, was er rezitiert. Als ich ihn sah, dachte ich: Heute Nacht werde ich heimlich zuhören, was er rezitiert. Dann kam mir wieder der Gedanke, dass ich ertappt werden würde, wenn ich näher heranginge, um zuzuhören. Deshalb kam ich von der Seite des Hatim, stellte mich unter den Überwurf der Kaaba und blieb dort still stehen. Zwischen ihm und mir gab es außer dem Überwurf der Kaaba keine weitere Verdeckung. Als ich die Rezitation des edlen Propheten (s) hörte, vollzog sich in mir eine innere Wandlung. Ich begann zu weinen, und schließlich wurde mir das Glück zuteil, den Islam anzunehmen.

In einer weiteren Überlieferung von Ibn Ishaq heißt es: Eines Tages machte sich Umar (ra) mit einem gezückten Schwert auf den Weg, um den edlen Gesandten (s) zu töten. Der edle Prophet (s) lebte am Fuß des Berges Safa mit einigen Gefährten in einem Haus. Dort befanden sich ungefähr vierzig Männer und Frauen. Unterwegs traf er Naim ibn Abdullah. Dieser fragte: „Umar, wohin gehst du?“ Umar erklärte ihm sein Vorhaben. Naim sagte: „Kümmere dich, bevor du die Feindschaft gegen die Banu Abd Manaf aufnimmst, zunächst um deine eigene Schwester Fatima und deinen Schwager Said ibn Zaid. Sie sind Muslime geworden.“ Darauf ging Hadhrat Umar (ra) dorthin und sah, dass Khabbab (ra) ihnen aus dem Heiligen Qur’an vorlas.

Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) trat direkt durch die Tür ein und packte seinen Schwager Saʿīd. Er schlug seine eigene Schwester Fātima auf den Kopf und brachte sie zum Bluten. Nach einer kurzen Auseinandersetzung wollte er sehen, was sie rezitierten. Daraufhin wurden ihm einige Verse aus der Sure Tā-Hā vorgetragen. Als man ihm einige Verse aus der Sure Tā-Hā vorgetragen hatte, bemerkte er: „Das sind wahrhaftig ausgezeichnete Worte.“ Danach ging er zum edlen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), nahm den Islam an und wurde dadurch geehrt. (Sīrat Ibn Hišām)

Der Kern aller Überlieferungen zu diesem Thema ist derselbe: Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) suchte Zuflucht im Schatten des Islam, nachdem er einige Teile des Korans gelesen oder gehört hatte. Wir hören oder erzählen zwar dieses Ereignis, doch niemand lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass der Grund für Hadhrat Umars (möge Allah mit ihm zufrieden sein) Veränderung die Anziehungskraft und die unbezwingbare, betörende Macht des Korans war.

Die Geschichte von Walīd ibn al-Mughīra

Walīd ibn al-Mughīra war durch den Einfluss einiger Teile des weisen Korans beeindruckt worden. Als die Quraisch dies sahen, begannen sie zu sagen, er sei Muslim geworden. Walīd war unter den Quraisch ein vornehmer und angesehener Mann. Abū Dschahl wurde zu ihm geschickt, damit er seinen Hass und seine Feindschaft gegenüber dem Koran bekunde, sodass die Quraisch durch seine Worte beeinflusst würden. Walīd begann zu sagen: „Was soll ich über den Koran sagen? Bei Allah! Ich kenne mich mit Gedichten und Dichtkunst besser aus als ihr, aber nichts von dem, was ich gehört habe, gleicht dem Koran, den ich von Muhammad gehört habe. Bei Allah! Was zu ihm herabgesandt wird, ist äußerst wunderbar und bezaubernd und wurde in klarer Sprache herabgesandt. Es zerschmettert alles, was sich ihm entgegenstellt. Er ist gekommen, um zu siegen, nicht, um besiegt zu werden.“

Als Abū Dschahl dies hörte, sagte er: „Solange du den Koran nicht verachtest, wird dein Volk dir gegenüber unzufrieden bleiben.“ Walīd sagte: „Gib mir etwas Zeit zum Nachdenken.“ Dann verkündete er: „Das ist offenkundig Zauberei. Seht ihr nicht, dass sie jeden, der mit ihr in Berührung kommt, von seiner Familie und seinen Freunden trennt?“ [In der Sīrat Ibn Hišām und im Tafsīr von Ibn Kathīr findet sich hierzu eine ausführliche Darstellung. – Der Verfasser.]

In diesem Zusammenhang heißt es im Heiligen Koran:

(Arabisch**************)

Er dachte nach und fasste einen Entschluss. Verderben über ihn! Wie fasste er diesen Entschluss? Noch einmal: Verderben über ihn! Wie fasste er diesen Entschluss? Dann betrachtete er es, zog die Stirn kraus und verzog das Gesicht. Danach wandte er sich ab und sagte hochmütig: „Das ist nichts anderes als überlieferte Zauberei.“ (Sure al-Muddaththir: 18–24)

Dies ist die Aussage jenes Mannes, der dem Islam feindselig gegenüberstand. Sobald sie zu Muhammad (s) gelangten, beugten sich ihre Herzen und Häupter unwillkürlich; kehrten sie jedoch zu ihren Freunden und Verwandten zurück, erhob sich ihr Widerstand erneut, um ihre Ehre und ihr Ansehen zu wahren. Dies beweist, wie gewaltig die Anziehungskraft des edlen Korans ist – so gewaltig, dass sie sogar die Zauberei übertrifft.

Denken Sie nun darüber nach: Der edle Koran beeinflusste sowohl Umar (r.a.) als auch al-Walid ibn al-Mughira. Doch zwischen ihrem Verhalten lag ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. Weil Umar (r.a.) Allah fürchtete, öffnete Allah sein Herz für den Islam. Al-Walid ibn al-Mughira hingegen wurde durch Stolz, Hochmut und die Faszination der Führerschaft vom Islam ferngehalten.

Auch die im edlen Koran angeführten Zitate aus den Worten der Ungläubigen sind ein Beweis für die betörende Kraft des Korans.

(Arabisch***********)

Hört diesen Koran nicht an und beginnt während seiner Rezitation Lärm zu machen, damit ihr vielleicht die Oberhand gewinnt. (Sure Ha-Mim Sajda: 26)

Auch hierin zeigt sich die betörende Kraft des edlen Korans. Sie fürchteten, dass seine Wirkung unweigerlich auf die Zuhörer übergehen und diese zu seinen Anhängern werden würden, wenn man ihnen erlaubte, diesen Koran in Ruhe anzuhören, oder wenn sie ihn in Ruhe anhörten. Deshalb war es angebracht, Lärm zu machen, damit niemand morgens und abends beim Hören des Korans in seinen Bann gezogen würde. Natürlich zog der Koran auch sie ständig an. Doch nur diejenigen, in deren Herzen auch nur ein geringes Maß an Gottesfurcht vorhanden war, vermochten den Kreis der Dschahiliya zu verlassen. Wenn sie davon nicht beeinflusst worden wären oder keine Angst gehabt hätten, davon beeinflusst zu werden, warum hätten sie sich dann so unnötig gegen den Koran ins Zeug gelegt? Dies beweist, wie stark und unbezwingbar die Anziehungskraft dieses Korans ist.

Im edlen Koran werden die Aussagen der ungläubigen Quraisch auf eindrucksvolle Weise wiedergegeben – jene Aussagen, mit denen sie sich vom Koran abwandten.

(Arabisch***********)

Sie sagen: Das sind doch nur Märchen aus alten Zeiten, die er aufgeschrieben hat. Sie werden ihm morgens und abends diktiert. (Sure al-Furqan: 5)

(Arabisch************)

(Nachdem sie Allahs Wort gehört hatten, sagten sie:) Wenn wir wollten, könnten auch wir so etwas sagen. Das sind doch nichts als Geschichten aus längst vergangenen Zeiten.

(Arabisch************)

(Dieser Quran) ist nur ein Hirngespinst. Nein, vielmehr hat er es selbst erdichtet; (nein), vielmehr ist er ein Dichter. (Sure al-Anbiya: 5)

(Arabisch*********)

O Gesandter, sag ihnen: (Wenn ihr wahrhaftig seid,) bringt zehn Suren hervor, die dieser gleich sind.

(Arabisch***********)

(Oder) Bringt doch eine einzige Sure wie diese hervor. (Sure al-Baqara: 23)

Doch sie waren dieser Herausforderung nicht gewachsen und konnten nicht einmal eine einzige Sure hervorbringen – von zehn ganz zu schweigen. Genau genommen nahmen sie diese Herausforderung überhaupt nicht an. Zwar erhoben nach dem Tod des edlen Propheten (s) einige Schurken den Anspruch, Propheten zu sein, doch ihr Ende nahm keinen guten Verlauf. Niemand schenkte diesem Unsinn irgendeine Bedeutung.

Als der Gesandte (s) den Islam verkündete, fiel der Einfluss des Korans auf diejenigen unter den Anhängern früherer Propheten, die wahrhaftig Gelehrte und fromme, ehrwürdige Menschen waren, besonders stark aus. So erhielten sie das Glück, unter dem Schutz des Korans Zuflucht zu finden. Über diese Glücklichen wird gesagt:

(Arabisch************)

Unter allen Menschen werden Sie gewiss die Juden und die Götzendiener als die erbittertsten Feinde der Muslime finden. Und diejenigen, die sich Christen nennen, werden Sie in ihrer Freundschaft den Muslimen am nächsten finden. Der Grund dafür ist, dass es unter den Christen Gelehrte und Mönche gibt, die nicht hochmütig sind. Sobald sie hören, was dem Gesandten herabgesandt wurde, sehen Sie ihre Augen von Tränen überströmen, weil sie die Wahrheit erkannt haben. Sie sagen außerdem: »Unser Herr, wir sind Muslime geworden; so nimm uns in die Reihe der Ergebenen auf.« (Sure al-Ma’ida: 82–83)

Das hier dargestellte Bild eines starken Verlangens nach Erkenntnis entstand allein dadurch, dass sie den Koran hörten. Ja, beim Hören des Korans vergossen sie sogar unbewusst Tränen. So konnten sie der Wahrheit begegnen. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Botschaft und die Lehre der Wahrheit, die der Koran vermitteln will, ohne seine eigene Wirkung keineswegs möglich wären. An anderer Stelle im Koran heißt es:

(Arabisch*************)

Diejenigen, denen zuvor Wissen gegeben worden war, fallen, wenn ihnen der Koran vorgetragen wird, mit gesenktem Haupt in Anbetung nieder. Und sie sagen: »Erhaben und heilig ist unser Herr. Wahrlich, das Versprechen unseres Herrn wird erfüllt werden.« (Sure Bani Isra’il: 107–108)

Auch im folgenden Vers wird das Bild der Gottesfurcht beim Hören des Korans dargestellt:

(Arabisch**********)

Allah hat die schönste Botschaft herabgesandt, ein in sich stimmiges und immer wieder vorgetragenes Buch. Davon erschauern die Häute derjenigen, die ihren Herrn fürchten. Danach werden ihre Häute und ihre Herzen beim Gedenken an Allah sanft und demütig. (Sure az-Zumar: 23)

Aus den oben angeführten Versen wird deutlich, dass im Koran eine solche Wirkung verborgen liegt, dass er seinen Leser oder Hörer unweigerlich beeinflusst. Er bringt das Herz in Aufruhr und lässt die Augen von Tränen überströmen. Wer am Glauben interessiert ist, senkt, sobald er den Koran hört, demütig den Kopf in Gehorsam. Selbst wenn jemand in Unglauben und Starrsinn versunken ist und diesen Koran hört, wirkt er auf ihn ein; doch er tut ihn als Magie ab. Er verbietet den Menschen, ihm zuzuhören. Dennoch wagt er es nicht, den Koran herauszufordern.

Die Quelle der hypnotischen Kraft des Korans

Nun stellt sich die Frage: Wie hat der Koran die Araber besiegt, und wie konnte er unter Gläubigen und Ungläubigen eine derart gewaltige Wirkung entfalten?

Die Gelehrten, die beim Verständnis des Korans besondere Fähigkeiten erlangt und über die Eigenschaften des Korans geschrieben haben, versuchten, diese Frage nach besten Kräften zu beantworten. Einige Gelehrte erörterten sie auf andere Weise, ohne auf die Übereinstimmungen und Zusammenhänge der koranischen Inhalte einzugehen. Der Koran kündigte auch bestimmte Ereignisse an, die bereits innerhalb der folgenden Jahre eintraten. Außerdem behandelte der Koran die Weltordnung und die Erschaffung des Menschen und anderes mehr. Nun stellt sich die Frage: Diese genannten Eigenschaften werden im Koran ausführlich beschrieben und weisen auf seine Erhabenheit und Vorzüglichkeit hin. Doch was ist über jene kurzen Suren zu sagen, in denen keine religiös-rechtlichen Bestimmungen dargelegt werden? Oder in denen weder die unsichtbare Welt beschrieben noch Wissen über die irdische Welt vermittelt wird? Zwar werden in diesen kurzen Suren nicht alle Themen zusammenfassend behandelt, wie dies in vielen Suren des Korans geschieht. Dennoch faszinierten sie die Araber in der frühen Zeit der Herabsendung des Korans. Durch diese Suren wurde ihre Gedankenwelt erschüttert und eine intensive Anziehung zu ihrer Schönheit geweckt. Man muss anerkennen, dass die zauberhafte Wirkung dieser kurzen Suren so stark und unwiderstehlich war, dass der Hörer gar nicht anders konnte, als in ihren Bann gezogen zu werden. Durch die Wirkung seiner eigenen Eigenschaften vermochte der Koran Gläubige und Ungläubige in seinen Wirkungsbereich zu ziehen. Denjenigen, die durch die Annahme des Islam glücklich wurden, hat der Koran den größten Dienst erwiesen. Es lässt sich keineswegs leugnen, dass eine kurze Sure des Korans oder ein Teil davon die Richtung ihres Lebens verändert hatte.

Gewiss wirkten bei denjenigen, die den Islam erst nach seiner Vervollkommnung annahmen, neben dem Koran auch bestimmte Verhaltensweisen und äußere Aktivitäten mit. Doch bei den glücklichen Gläubigen der frühen Zeit war hinsichtlich ihres Glaubens ausschließlich der Koran wirksam und nichts anderes.

Die eigentliche Triebkraft für die Annahme des Islams

Nachdem der Islam vollständig und umfassend entwickelt war, nahmen die Menschen aus unterschiedlichen Gründen beeinflusst den Islam an. Zum Beispiel:

(1) Einige Menschen nahmen den Islam an, weil sie vom Verhalten und Charakter des edlen Gesandten (s) und der edlen Gefährten beeindruckt waren.

(2) Diejenigen, die zuvor den Islam angenommen hatten, stellten die Religion über alles andere und ertrugen um des Wohlgefallens Allahs willen alle Arten von Leid, Not und Verfolgung. Einige Menschen wurden davon beeinflusst und wurden Muslime.

(3) Einige Menschen nahmen den Islam in dem Gedanken an, dass Muhammad (s) und seine Gefährten zwar zahlenmäßig wenige waren, doch keine Großmacht sie besiegen konnte; dies war ohne Allahs Hilfe und Fürsorge keineswegs möglich.

(4) Einige Menschen nahmen den Islam an, als der Islam staatlich etabliert war und seine Gerechtigkeit und sein Rechtssystem Anwendung fanden – etwas, das sie zuvor niemals erlebt hatten.

Aus vielen weiteren solchen Gründen nahmen die Menschen den Islam an. Einer der bedeutendsten Gründe jedoch war die das Herz berührende Anziehungskraft und der bezaubernde Reiz des Al-Qur’an, die in der frühen Phase des Islams einen einzigartigen Beitrag leisteten.

Wo liegt die Quelle der hypnotischen Kraft des Al-Qur’an?

Man sollte über eines nachdenken: Bis dahin war die Scharia noch nicht vollständig, es gab keine Kunde aus der unsichtbaren Welt, über das Leben und die Welt war noch nichts Nachdrückliches gesagt worden, und der Koran hatte noch keinerlei praktische Anleitung gegeben. Im Koran war nur ein sehr kleiner Teil für die Aufgabe der islamischen Daʿwa vorhanden. Dennoch lag darin die Quelle einer magischen und hypnotischen Kraft verborgen. Unter ihrem Einfluss waren sie gezwungen zu sagen:(Arabisch***************)

Das ist nichts anderes als überlieferte Magie.

Der Vorfall, dass Walīd ibn al-Mughīra den Islam annehmen wollte, ihn aber dennoch nicht annahm, wird in der Sure al-Muddaththir geschildert. In der chronologischen Reihenfolge der Offenbarung steht diese Sure an dritter Stelle. Sie wurde vor der Sure al-ʿAlaq und der Sure al-Muzzammil offenbart. Wenn wir aufmerksam hinsehen, werden wir erkennen, wie diese Suren Walīd ibn al-Mughīra beeinflussten. Welche Magie lag darin, die ihn derart beunruhigte?

Wenn wir diese kleinen, in Mekka offenbarten Suren studieren, finden wir darin nicht den geringsten Hinweis auf ein schariatisches Gesetz oder irgendeine weltliche Angelegenheit. Gewiss wird in der Sure al-ʿAlaq ganz kurz ein wenig über das Geheimnis der Erschaffung des Menschen gesprochen. Dort heißt es, dass der Mensch aus einem geronnenen Blutklumpen erschaffen wurde. Außerdem wurden die Ereignisse der kommenden Jahre vorausgesagt. So wurde etwa in der Sure ar-Rūm der Sieg über die Perser vorausgesagt. Nun stellt sich die Frage: Wo im Koran findet sich das, was Walīd nach gründlichem Nachdenken als Magie bezeichnete?

Die Antwort lautet: Der Teil des Korans, den Walīd als Magie bezeichnete, war gewiss etwas, das außerhalb der schariatischen Bestimmungen und jedes weltlichen Wissens lag. Darin gab es kein Thema, über das er etwas hätte sagen können. Allerdings ist auch wahr, dass er dessen feine Geheimnisse erfassen konnte, ohne sich um den Erwerb islamischer Glaubensüberzeugung und Spiritualität zu bemühen.

Betrachten wir nun ein wenig die zuerst offenbarte Sure al-ʿAlaq. Wenn man die ersten 15 Verse aufmerksam betrachtet, wird man feststellen, dass ihre Wörter den von den Dichtern und Literaten der vorislamischen Zeit verwendeten Wörtern ähneln, mit denen ganz Arabien vertraut war; doch in ihren Schriften fanden sich viele unzusammenhängende Wörter und Sätze. Oft waren in ihren Werken weder ein Reim noch ein Zusammenhang zu finden. Ist die Sure al-ʿAlaq etwa ebenso?

Keineswegs. Vielmehr findet sich darin eine wunderbare Verbindung von Harmonie und Bedeutungsfülle. Jede Aussage ist die Verkörperung gehobener Literatur. Und doch gehören diese Verse zu den allerfrühesten Offenbarungen. Darin heißt es: „Lies!“ Dies soll jedoch im Namen Allahs, des Heiligen und Ehrwürdigen, geschehen. Mit dem Wort Iqraʾ oder „Lies!“ ist die Rezitation oder das Studium des Korans gemeint. Deshalb ist es notwendig, Allahs Namen zu nennen, denn Er ruft mit Seinem eigenen Namen zur Daʿwa auf. Einer der attributiven Namen Allahs ist „Rabb“, was „Erhalter“ bedeutet. Daher befahl Er zu lesen, damit man Seine Erhaltung und Schulung empfängt. Diese Worte lauten in Allahs Sprache:

(Arabisch***********)

Lies im Namen deines Herrn, der dich erschaffen hat.

Damals befand sich der islamische Aufruf noch in seinen Anfängen. Daher wurde zur Erläuterung des Begriffs Rabb ein Wort gewählt, das mit dem Beginn des Lebens verbunden ist. Das heißt: Er ist der „Rabb“, (Arabisch*****)der erschaffen hat.“

(Arabisch***********)– Er hat den Menschen aus „ʿAlaq“ erschaffen. Mit anderen Worten: Er hat das menschliche Leben aus einem geronnenen Blutklumpen entstehen lassen. Welch kleiner und gewöhnlicher Ausgangspunkt!

Doch da Allah zugleich Rabb oder Erhalter, Khaliq oder Schöpfer, und überaus barmherzig ist, formt Er den kleinen Fleischklumpen allmählich zu einem voll entwickelten Menschen. Und seine Natur ist so beschaffen, dass er fähig ist zu lernen, wenn man ihm etwas beibringt. Deshalb heißt es:

(Arabisch*************)

Lies den Koran; dein Herr ist überaus barmherzig. Er hat durch den Stift gelehrt. Er hat den Menschen gelehrt, was er nicht wusste. (Sure al-ʿAlaq: 3–5)

Beachten Sie, wie schön in einem Vers die Methode beschrieben wird, den Menschen von seinem Anfang zur Vollkommenheit zu führen. Schritt für Schritt wird die Zeit zwischen Geburt und Tod erwähnt. So sollen das Denken und der angeborene Instinkt des Menschen auf diesen Aufruf reagieren.

Es wäre die Forderung von Verstand und Gewissen gewesen, darüber nachzudenken, was er einst war und wo er inzwischen angelangt ist. Doch bedauerlicherweise geschieht nicht einmal das.

(Arabisch************)

Wahrlich, der Mensch überschreitet die Grenzen, weil er sich für unabhängig hält (das heißt, er hat seinen Anfang und sein Ende vergessen). (Al-ʿAlaq: 6–7)

Da er es aus Hochmut und Überheblichkeit vergessen hat, wird er mit Worten gewarnt, die Ermahnung und Tadel miteinander verbinden:

(Arabisch***********)

Zweifellos werden sie zu deinem Herrn zurückgebracht werden. (Sure Al-ʿAlaq: 8)

Während von der Auflehnung und Überheblichkeit des Menschen die Rede ist, wird dies zu ihrer vollständigen Darstellung angeführt. Sie sind nicht nur selbst aufsässig, sondern versuchen auch, andere aufsässig zu machen.(Arabisch***********)

Hast du denjenigen gesehen, der einen Diener Allahs davon abhält, wenn er zum Gebet aufsteht? (Sure Al-ʿAlaq: 9–10)

Jemanden am Gebet zu hindern, ist eine äußerst verwerfliche Tat. Diese verwerfliche Tat nimmt noch größere Ausmaße an, wenn der Betende auf dem Weg der Rechtleitung standhaft bleibt und versucht, in anderen die Gottesfurcht zu wecken.

(Arabisch***********)

Hast du gesehen, ob er auf dem rechten Weg wäre oder zur Gottesfurcht aufforderte? (Sure al-ʿAlaq: 13)

Denken Sie darüber nach: Der Mensch ist gegenüber allem unachtsam. Er weiß nicht einmal, wie er geboren wurde und wo sein Ende liegt.

(Arabisch************)

Hast du gesehen, ob er die Wahrheit leugnet und sich abwendet? Weiß er etwa nicht, dass Allah alles sieht? (Sure al-ʿAlaq: 13–14)

Daraufhin wurden sie ermahnt:(Arabisch*************)

Keineswegs! Wenn er nicht davon ablässt, werde Ich ihn gewiss an der Stirnlocke packen – an der Stirnlocke eines Lügners und Sünders. (al-ʿAlaq: 15–16)

Hier wurden die Wörter so gewählt, dass das Wort selbst seine Härte zum Ausdruck bringt. Wenn an seiner Stelle ein sinngleiches Wort verwendet worden wäre, hätte es der Bedeutung nach nicht eine derartige Härte vermittelt, wie sie durch dieses Wort zum Ausdruck gebracht wird. Dieses Wort erweckt den Eindruck, dass jemand an einem erhöhten Ort steht, die Haarlocke eines anderen fest gepackt hält und ihn rasch nach unten zieht. Die Bedeutung dieses Wortes besteht darin, einen Aufständischen oder Hochmütigen von einem erhöhten Ort an der Stirnlocke zu packen, ihn mit einem kräftigen Ruck zu Boden zu schleudern und hinter sich herzuschleifen. Während er fortgeschleift wird, schreit er natürlich nach seinen Gefährten und bittet sie um Hilfe. Wie Allah selbst gesagt hat:(Arabisch*********)– So soll er denn seine Gefährten herbeirufen. Und(Arabisch*******) Ich werde die Wächter der Hölle herbeirufen.

Wenn sie dies hören, könnten die Zuhörer meinen, dass es an jenem Tag zu einem Zusammenstoß zwischen den Wächtern der Hölle und den Gefährten dieses Mannes kommen werde. Dies ist ein imaginäres Bild, das die Welt der Vorstellungskraft erfüllt. Der Gesandte bleibt fest auf seinem Standpunkt und fährt fort, seine Aufgabe als Gesandter zu erfüllen. Es kümmert ihn nicht, wenn jemand seine Sendung leugnet und sich abwendet. Es heißt:

(Arabisch*************)

Lass dich niemals durch seine Worte beeinflussen; wirf dich nieder und suche Meine Nähe. (Sure al-ʿAlaq: 19)

Dies war der kraftvolle Beginn der islamischen Daʿwa. Auch wenn die Sätze dieser Sure ihrem äußeren Anschein nach ungeordnet wirken mögen, sind sie doch geordnet und miteinander verbunden. Dies ist die erste Sure des Al-Qurʾan, in deren Darstellungsstil ihre innere Harmonie deutlich hervortritt. Nun betrachten wir die zweite Sure in der Reihenfolge ihrer Offenbarung, die unter dem Namen Sure al-Muzzammil bekannt ist. Allerdings könnten die ersten Verse der „Sure al-Qalam“ schon zuvor offenbart worden sein. Jedenfalls bezeichnete Walid den Qurʾan als Zauberei, nachdem er die folgenden Verse aus der Sure al-Muzzammil gehört hatte:

(Arabisch****************)

An dem Tag, an dem die Erde und die Berge erbeben und die Berge zu dahinströmenden Sandhaufen werden. Wir haben euch einen Gesandten geschickt, der über euch Zeugnis ablegt, ebenso wie Wir zu Pharao einen Gesandten geschickt haben. Doch Pharao verleugnete diesen Gesandten, woraufhin Wir ihn mit einer schweren Strafe bestraften. Wie wollt ihr euch also schützen, wenn ihr jenen Tag verleugnet, der das Kind zu einem Greis macht? An jenem Tag wird sich der Himmel spalten. Seine Verheißung wird gewiss erfüllt werden. (Sure al-Muzzammil: 14–18)

In den genannten Versen wird ein erschreckendes Bild des Jüngsten Tages entworfen. Es ist ein so furchtbares Bild, dass nicht nur die Menschen, sondern die gesamte Schöpfung davon erfasst wird. Unter den Geschöpfen sind die Erde und die Berge die festesten und schwersten. An jenem Tag werden sie erbeben und in Stücke zerfallen, und niemand wird ohne Schuld festgenommen werden. Nur diejenigen werden festgenommen, zu denen ein Gesandter gekommen ist und denen seine Daʿwa übermittelt wurde. Zugleich sind alle Beweise vollständig erbracht worden.

An die ungläubigen Mekkaner wird gesagt: Der Gesandte, der zu euch geschickt wurde, ist als Gesandter weder neu noch der erste; er ist ein Gesandter wie jene, die zu Pharao und anderen seinesgleichen gesandt wurden. Euer Ansehen, eure Pracht und eure Machtbefugnisse sind gewiss nicht größer als die Pharaos. Sogar Pharao wurde einer schweren Strafe unterworfen. Wollt auch ihr also in eine solche Strafe gestürzt werden? Wenn die Frist der Erde abgelaufen sein wird, wie wollt ihr, die ihr im Unglauben verharrt, der Ergreifung durch Allah entkommen? Angesichts des Schreckens jenes Tages werden sogar die Kinder vor Sorge alt werden. Der Himmel wird sich spalten, und Erde und Berge werden erbeben. Kein Geschöpf wird vor dem Schrecken dieses furchterregenden Bildes sicher bleiben. Wenn sich dieses Bild des Grauens in der Vorstellung widerspiegelt, kann niemand unberührt bleiben. Das menschliche Herz selbst bezeugt, dass Allahs Verheißung eine Verheißung ist, die gewiss erfüllt werden wird. An ihrer Verwirklichung besteht kein Zweifel. Daher besteht die vernünftige Handlungsweise darin, sich noch rechtzeitig auf Allahs Weg zu begeben. Auf Allahs Weg zu gehen ist weitaus leichter, als den Weg zu jener schrecklichen Katastrophe einzuschlagen.

Die Geschichte von Hadhrat Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein), der den Islam annahm, wurde bereits geschildert. Daraus ging hervor, dass er durch das Lesen oder Hören einiger Verse am Anfang der Sure Taha zum Islam bewegt wurde. Die Sure Taha war der Reihenfolge ihrer Offenbarung nach die 45. Sure. Die Suren, die davor offenbart wurden, werden im Folgenden der Reihe nach aufgeführt:

(1) Sure al-ʿAlaq

(2) Sure al-Muzzammil

(3) Sure al-Muddaththir

(4) Sure al-Qalam

(5) Sure al-Fātiha

(6) Sure al-Lahab

(7) Sure at-Takwīr

(8) Sure Al-Aʿlā

(9) Sure Al-Lail

(10) Sure Al-Fajr

(11) Sure Ad-Duha

(12) Sure Al-Inshirah

(13) Sure Al-Asr

(14) Sure Al-Adiyat

(15) Sure Al-Kawthar

(16) Sure at-Takāthur

(17) Sure al-Māʿūn

(18) Sure al-Kāfirūn

(19) Sure al-Fīl

(20) Sure al-Falaq

(21) Sure an-Nās

(22) Sure al-Ichlāṣ

(23) Sure an-Najm

(24) Sure Abasa

(25) Sure al-Qadr

(26) Sure asch-Schams

(27) Sure al-Burudsch

(28) Sure at-Tin

(29) Sure al-Quraisch

(30) Sure al-Qāriʿa

(31) Sure al-Qiyāma

(32) Sure al-Humaza

(33) Sure al-Mursalat

(34) Sure Qaf

(35) Sure al-Balad

(36) Sure at-Tariq

(37) Sure al-Qamar

(39) Sure al-A’raf

(40) Sure al-Dschinn

(41) Sure Yasin

(42) Sure al-Furqan

(43) Sure al-Fatir

(44) Sure al-Maryam

(45) Sure at-Taha [Eine Liste der Offenbarungsreihenfolge der übrigen Suren findet sich in Anhang 2. – Der Übersetzer]

Alle oben genannten Suren wurden in Mekka offenbart. Allerdings wurden einige Verse dieser Suren in Medina offenbart. Werfen wir nun einen allgemeinen Blick auf die genannten Suren; eine eingehende Untersuchung dieser Suren, wie wir sie im Fall von Walid vorgenommen haben, ist hier nicht möglich. Wir möchten lediglich kurz erörtern, welche besondere Wirkung in diesen Suren verborgen liegt, durch die die Menschen früherer Zeiten beeinflusst wurden und den Islam annahmen. Damals war die Stärke des Islam durch Umars (ra) Annahme des Islam noch nicht gewachsen, und der Islam befand sich auch keineswegs in einer siegreichen Lage.

Wenn wir über diese Suren gründlich nachdenken, wird uns klar, dass die meisten der Merkmale, die Fachleute zur Verdeutlichung der Würde und Erhabenheit des Korans angeführt haben, in den hier behandelten Suren nicht vorhanden sind. Selbst wenn man annimmt, dass in Sure al-Fatir das Geheimnis der Erschaffung des Menschen beschrieben wird und eine ähnliche Erörterung auch in Sure at-Tariq vorkommt, muss man dennoch zugeben, dass dort keine weltlichen Themen behandelt werden und sich dort auch nicht die geringste Spur irgendeiner schariatischen Vorschrift findet. Doch es steht fest, dass die übrigen Suren – abgesehen von den hier behandelten – diese Themen auf schöne und anziehende Weise erörtern, ganz gleich, ob es sich um eine mekkanische oder eine medinensische Sure handelt.

Wir möchten, wenn auch nur für eine kurze Zeit, versuchen, uns über Ort, Zeit und Umstände zu erheben und jene künstlerische Schönheit und jenes Geheimnis des edlen Korans zu erfassen (hinsichtlich der Heiligkeit der Religion des edlen Korans sowie des Ziels und der Bedeutung der islamischen Daʿwa), die den Rang eines grundlegenden Prinzips besitzen. Sie sind ebenso ewig und unvergänglich wie der Koran selbst. Diese künstlerische Schönheit macht den edlen Koran von allem anderen unabhängig. Dadurch erlangen die religiöse Bedeutung und das religiöse Ziel ihre Vollendung und schreiten auf das angestrebte Ziel zu.

Betrachten wir nun, aus welcher Perspektive die Menschen bis heute die künstlerische Schönheit des Qurans betrachtet haben.

Zweites Kapitel

Forschung und Tafsir des Qurans

Die Kafir und Muschrik, die zur Zeit der Offenbarung des Qurans in Arabien lebten, waren von dieser künstlerischen Schönheit angezogen und bezeichneten den Quran manchmal als Dichtung und manchmal als Magie. Über sie können wir jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen, welche Maßstäbe für künstlerische Schönheit sie hatten. Eines wissen wir allerdings sehr genau: Sie waren vom Quran tiefgreifend beeinflusst. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Quran zur Zeit seiner Offenbarung sowohl auf die Gruppe der Mu’min als auch auf die der Kafir wie Magie wirkte. Manche wurden unter dem Einfluss dieser Magie Muslime. Andere gerieten zwar in ihren Bann, entkamen ihm jedoch wieder. Danach brachten beide Gruppen ihre Reaktionen zum Ausdruck. Doch niemand konnte klar sagen, welcher Teil des Qurans sie durch seinen bezaubernden Einfluss in seinen Bann gezogen hatte. In einer von Hadhrat Umar (ra) überlieferten Überlieferung heißt es: „Als ich den Quran hörte, veränderte sich etwas in mir, sodass ich zu weinen begann und den Islam annahm.“ In einer anderen Überlieferung von Hadhrat Umar (ra) heißt es: „Ich sagte: Wie bedeutend sind diese Worte, und wie groß ist ihre Erhabenheit.“

Al-Walid ibn al-Mughira leugnete sowohl den Quran als auch den Gesandten (s). Darüber hinaus hegte er eine erbitterte Feindschaft gegen den Gesandten (s). Auch aus seinem Mund kamen folgende Worte:

Bei Allah! Im Quran liegt Süße. Es scheint, als sei er eine ewige Botschaft. Er besiegt alles. Nichts, was erhabener und würdevoller ist, kann besser sein als er.

Al-Walid ibn al-Mughira sagte außerdem:

Im Quran liegt eine magische Wirkung. Seht ihr nicht, wie er einen Menschen von seinen Verwandten und seinen Gefährten trennt?

Der Koran selbst bezeugt, welche Wirkung die Rezitation dieses Wortes Gottes in den Gläubigen hervorruft:

(Arabisch*************)

Dadurch (das heißt durch die Rezitation des Korans) sträuben sich bei denen, die ihren Herrn fürchten, die Haare auf ihrer Haut; ihr Körper und ihr Herz werden eins im Gedenken an Allah. (Sure az-Zumar: 23)

Über diejenigen, die zu den Leuten der Schrift gehören und gläubig sind, heißt es:

(Arabisch**********)

Wenn denen, die schon zuvor Wissen empfangen haben, der Koran vorgetragen wird, fallen sie mit gesenktem Haupt anbetend nieder und sagen: Unser Herr ist heilig und erhaben. Das Versprechen unseres Herrn wird sich gewiss erfüllen. Weinend fallen sie mit gesenktem Haupt zu Boden, und ihre Demut nimmt noch zu. (Sure Bani Isra’il: 107–109)

Die ungläubigen Quraisch hingegen beharrten auf ihrem Unglauben und ihrer Widersetzlichkeit und sagten:

(Arabisch**********)

Und sie sagen: Das sind Geschichten aus längst vergangenen Zeiten, die ihm morgens und abends vorgelesen werden. (Sure al-Furqan: 5)

In Mekka lebte ein niederträchtiger Mann namens Nadhr ibn al-Harith. Als der Gesandte (s) den Menschen in der Moschee den Qur’an vortrug, begann er, persische Märchen und Geschichten auf Arabisch zu erzählen. Sein Ziel war es, die Menschen daran zu hindern, dem Qur’an zuzuhören. Doch dieser Wunsch erfüllte sich nicht. Dennoch ließen die ungläubigen Quraisch nicht davon ab; vielmehr sagten sie:

(Arabisch************)

Hört diesem Qur’an nicht zu; wenn er vorgetragen wird, verursacht Lärm, damit ihr vielleicht die Oberhand gewinnt.

Solche Worte äußerten sie über den Qur’an ständig, und solche Taten begingen sie immer wieder. Doch eine Frage ist bis heute offen geblieben: Wie kommt die künstlerische Schönheit des Qur’an zum Ausdruck? Was die Ungläubigen vom Qur’an zu hören bekamen, war aufgrund ihrer arabischen Muttersprache vollständig ausreichend, um ihr Herz und ihren Verstand zu beeinflussen. Danach nahmen sie mit dem Ausruf „Labbayk“ den Islam an oder kehrten ihm den Rücken und flohen. Es sei darauf hingewiesen, dass dies im Bereich der Kunst ganz natürlich ist.

Der Tafsīr im Zeitalter der edlen Gefährten und der Tābiʿūn

Wenn wir die Zeit nach der Offenbarung des Qur’an betrachten, sehen wir, dass die edlen Gefährten durch verschiedene Überlieferungen viele Stellen des Qur’an erklärt haben, die hinsichtlich seines Inhalts und seiner Aussage direkt vom Gesandten (s) überliefert worden waren. Viele unter den Gefährten erklärten manche Verse nur mit großer Furcht. Andere hielten die Erklärung des Qur’an für eine Sünde und hielten sich daher von Auslegung und eingehender Erklärung fern. Über Sayyid ibn al-Musayyib (r) wird sogar berichtet, dass er, wenn man ihn nach der Erklärung irgendeines Teils des Qur’an fragte, sagte: „Ich möchte über die Erklärung des Qur’an nichts sagen.“

Muhammad ibn Sīrīn (r) berichtet: „Als ich Hadhrat ʿUbayda (r) etwas über den Qur’an fragte, sagte er: Fürchtet Allah und folgt dem geraden Weg. Errettet werden diejenigen, die zu erkennen versuchen, zu welchem Zweck der Qur’an offenbart wurde.“

Hischam ibn Urwa ibn az-Zubair (r.a.) sagte: Ich habe meinen Vater niemals die Auslegung des Korans erklären hören. [Fazlul Islam – Dr. Ahmad Amin.]

Aus der obigen Erörterung wird ersichtlich, dass die meisten der edlen Gefährten überhaupt kein Interesse an der Auslegung und Analyse des Korans hatten. Deshalb erreichte die Koranauslegung und -analyse zu ihrer Zeit nicht das gewünschte Niveau.

Als nach der Zeit der Gefährten die Zeit der Tabi’un anbrach, wurde die Auslegung und Analyse des Korans etwas umfassender als zuvor. Ihre Methode bestand jedoch darin, die Auslegung eines Verses mit einem entsprechenden Satz oder Wort vorzunehmen, damit man die allgemeine Bedeutung verstehen konnte. Zum Beispiel:(Arabisch**********) – diesen Vers legten sie folgendermaßen aus:(Arabisch**********): Das heißt: Sei nicht jemand, der die Absicht zur Sünde hegt. Ebenso legten sie(Arabisch**********)aus: Im Zeitalter der Unwissenheit pflegte jemand, wenn er eine Reise unternehmen wollte, mit zwei Pfeilen zu losen. Auf einem Pfeil stand (***) – Tu es, und auf dem anderen (***) – Tu es nicht. Mit geschlossenen Augen zog er einen Pfeil und handelte nach dessen Anweisung. In diesem Vers verbot Allah, dies zu tun. Einige von ihnen überlieferten allerdings auch den Anlass der Offenbarung beziehungsweise den Hintergrund dieses Verses. Ja, bei der Auslegung wurde es sogar zu ihrer Gewohnheit, einige Geschichten der Juden und Christen zu erzählen.

Gegen Ende des zweiten islamischen Jahrhunderts erfuhr die Wissenschaft der Koranexegese eine bedeutende Ausweitung. Anstatt jedoch die künstlerische Schönheit des Korans zum Gegenstand zu machen, gewannen dort Geschichte, Morphologie, Philosophie und Logik als Themen Vorrang. Auf diese Weise ließen sie die Gelegenheit ungenutzt verstreichen, die künstlerische Schönheit des Korans zu erkennen.

Unter den späteren Gelehrten konnte Allama Zamachschari die künstlerische Seite des Korans bis zu einem gewissen Grad erfassen. Daher machte er auf diesem Gebiet einige Fortschritte. Ebenso schrieb er zu(Arabisch**********)– als sich der Zorn von Musa (a.s.) gelegt hatte. In der Auslegung dieses Verses schrieb er: „Vermutlich war Musa (a.s.) über all jene Taten erzürnt, die sie während seiner Abwesenheit begangen hatten. Er wandte sich an sein Volk und sagte: Was tut ihr da? Nach diesen Worten warf er die beschrifteten Tafeln der Tora hin und begann, seinen Bruder am Bart zu packen und zu sich zu ziehen.“

Dennoch lässt sich sagen, dass Zamachschari in dieser Aufgabe keinen vollständigen Erfolg erzielt hat. Denn in seiner Darstellung und Präsentation ist nur wenig Tiefe zu erkennen.

Um diesen Vers angemessen auszulegen, muss man auf die Vorstellungskraft zurückgreifen. Man kann (***) (den Zorn) als einen Menschen auffassen, der spricht und dann wieder schweigt. Der zwar Musa (a.s.) antreibt, selbst aber im Hintergrund bleibt. Es scheint, dass die eigentliche Schönheit darin liegt, (***) (r.a.) in menschlicher Gestalt vorzustellen. Zamachschari hatte zwar dieses Gefühl, konnte es jedoch nicht zum Ausdruck bringen. Alles, was er sagte, blieb auf den Rahmen seiner Zeit beschränkt.

Zamachschari legte die Sure al-Fatiha folgendermaßen aus: „Wenn der Diener bei der Lobpreisung seines Schöpfers und Beschützers sagt (***) , wird deutlich, dass aller Lob ausschließlich Ihm gebührt. Danach wendet er sich diesem Wesen zu und sagt (******) , das heißt: dem Herrn und Eigentümer aller Welten. Nichts liegt außerhalb des Bereichs Seines Eigentums und Seiner Fürsorge. Dann sagt er: (******) , dem Barmherzigen gegenüber Kleinen und Großen sowie gegenüber allen Völkern und Arten. Auf diese Weise gewinnt dieser Mensch die Inspiration, sich Allah zuzuwenden.“

Wenn er ausruft(Arabisch**********)– Er allein ist der Herrscher über den Tag des Gerichts. An diesem Punkt angelangt, wird er von seinen Gefühlen überwältigt, übergibt sich völlig jenem Wesen und, da er allein auf Seine Hilfe und Unterstützung angewiesen ist, ruft er aus: (Arabisch**********)– Nur dich allein bete ich an, und nur dich allein bitte ich um Hilfe.

Das beim Studium der Sure al-Fātiha wahrnehmbare Gefühl ist ein hervorragender Versuch, die künstlerische Gestaltung anschaulich werden zu lassen. Diese Sure ist eine derjenigen frühen Suren, in denen der Stil angewandt wurde, durch den im Edlen Koran eine Kontinuität von Rhythmus und thematischer Anordnung geschaffen werden sollte.

Viele Korankommentatoren haben versucht, die Stellen im Koran zu analysieren, an denen sich eine solche rhythmische und kompositorische Gestaltung findet. In dieser Hinsicht waren sie jedoch keineswegs erfolgreich. Das einzige Ergebnis ihrer Arbeit bestand vielmehr darin, lediglich die Stellen zu kennzeichnen, an denen eine ähnliche Anordnung und Übereinstimmung zu finden ist. Eine Methodik konnten sie in dieser Angelegenheit jedoch nicht darlegen. Selbst dafür mussten sie sich allerdings gewaltig abmühen.

Nun zu den Gelehrten, die über die Rhetorik und die Unnachahmlichkeit des Korans debattierten. Man hätte erwartet, dass sie den Korankommentatoren in dieser Hinsicht voraus sein und die künstlerische Gestaltung des Koran und ihre Schönheit erklären könnten; doch sie haben sich lediglich in fruchtlosen Streitigkeiten und Debatten verloren.

So etwa in der Debatte darüber, ob die rhetorische Gestaltung in den Wörtern oder in der Bedeutung zu finden sei. Unter ihnen gab es einige Gelehrte, die die grundlegenden Regeln und Prinzipien der Rhetorik bis ins Kleinste beherrschten. Auf dieser Grundlage versuchten sie, die künstlerische Schönheit des Korans zu beschreiben. Bisweilen ging dies über die Grenzen des Erträglichen hinaus.

Betrachten Sie nun die Beschreibung der Schönheit eines kleinen Abschnitts des Korans. Es heißt:

(Arabisch*************)

Wenn du doch sehen könntest, wie die Übeltäter mit gesenkten Häuptern vor ihrem Herrn stehen! (Sure as-Sajda: 12)

Diejenigen, die den Islam leugnen, werden am Tag der Auferstehung in größter Erniedrigung und Schande auferstehen; dieser Vers ist ein lebendiges Abbild davon. Sobald dieser Vers rezitiert wird, erscheint vor den Augen das Bild eines Schuldigen, der in äußerster Niedrigkeit und Erniedrigung mit gesenktem Kopf dasteht. Vor wem steht er? Vor Allah selbst, dem Herrn der Welten. Das ist nicht bloß eine Vorstellung, sondern scheint Wirklichkeit und unmittelbare Anschauung zu sein. Denken Sie nun ein wenig darüber nach: Die Aussage der Rhetorik über all die Verse dieser Art ist lediglich eine. Sie lautet: In diesem Vers ist das Wort „du wirst sehen“ eine Anredeform. Eine Anrede richtet sich grundsätzlich an eine bestimmte Person. Doch bisweilen wird auch eine unbestimmte Person angesprochen. So kann man etwa sagen: „Dieser und jener Mensch ist sehr schlecht. Wenn du ihn ehrst, wird er dich demütigen. Und wenn du gut zu ihm bist, wird er sich dir gegenüber unhöflich verhalten.“

Für einen solchen Dialog lässt sich keine bestimmte Person festlegen. Damit ist nicht gemeint, dass er, wenn du dich so verhältst, sich ebenfalls so verhalten wird. Vielmehr ist gemeint, dass man als Gegenleistung eben eine solche Behandlung erfährt, wenn man sich ihm gegenüber auf diese Weise verhält. Das Wort wird deshalb als Anredeform verwendet, weil keine bestimmte Person gemeint ist. Beispiele dieser Art gibt es im edlen Koran in großer Zahl. Auch in diesem Vers wurde(Arabisch**********)gerade in Form einer Anrede dargestellt, um Allgemeingültigkeit auszudrücken. Es ist völlig klar, dass der Zustand der Schuldigen äußerst elend sein wird. Dies ist eine so eindeutige Aussage, dass kein Raum für Zweifel bleibt. Deshalb wurde niemand Bestimmtem das Schauen dieses furchterregenden Zustands zugeschrieben. Vielmehr ist jeder, der für dessen Betrachtung geeignet ist, in diese Anrede eingeschlossen.

Das lebendige Bild, das der Inhalt der folgenden Verse vermittelt, haben die gelehrten Kenner der Rhetorik kompliziert gemacht, so wie sie den zuvor erwähnten Vers auslegen. Schließlich beenden die Rhetorikexperten ihre Ausführungen mit der Feststellung, dass dieser Vers vom schmerzlichen Ausgang der Schuldigen spricht, der in höchstmöglicher Ausdruckskraft dargestellt worden ist.

Auch bei der Auslegung anderer Verse des edlen Korans kann ihre Sichtweise berücksichtigt werden. Beispielsweise kann man die Auslegung jener Verse erörtern, in denen die Auferstehung, das Paradies und die Hölle geschildert werden. Es heißt:

(Arabisch**********)

Es wird in die Trompete geblasen, und alle, die sich in den Himmeln und auf der Erde befinden, werden bewusstlos niederstürzen, außer denen, die Allah davon ausnimmt. Danach wird ein weiteres Mal in die Trompete geblasen, und sogleich werden sie dastehen und um sich schauen.

(Arabisch***********)

An dem Tag, an dem Ich die Berge in Bewegung setzen werde, wirst du die Erde als eine offene Ebene sehen. Dann werde Ich alle versammeln; niemand wird zurückgelassen werden, weder der Frühere noch der Spätere. (Sure al-Kahf: 47)

(Arabisch**************)

Die Bewohner der Hölle werden den Bewohnern des Paradieses zurufen: „Gebt uns etwas von der Nahrung oder den Getränken, die Allah euch gegeben hat.“ Die Bewohner des Paradieses werden sagen:

„Allah hat beides den Ungläubigen verboten.“ (Sure al-Aʿrāf: 5)

In den obigen Versen sind mehrere vollständige Bilder vor unserem geistigen Auge erschienen. Diese Bilder sind äußerst erschütternd und tragisch. Das Auge sieht sie, das Ohr hört sie, und tief im Inneren hinterlassen sie ihre Wirkung. Doch erstaunlicherweise werden die Gelehrten der Rhetorik lediglich sagen, dass zukünftige Ereignisse durch Verben der Vergangenheitsform ausgedrückt wurden, damit deutlich wird, dass sie bereits geschehen seien.

Unter den Gelehrten, die für die Rhetorik und die Unnachahmlichkeit des Qurʾān eintraten, gab es einen Vorgänger von ʿAllāma Zamachšarī, der auf diesem Gebiet außerordentliches Geschick und großen Erfolg bewiesen hat. In dieser Angelegenheit kann man ihn als einen ausgewiesenen Forscher bezeichnen. Er war ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī. Zweifellos ist sein Werk „Dalāʾil al-iʿdschāz“ ein bedeutendes Buch zu diesem Thema. Bedauerlicherweise ist jedoch das gesamte Werk mit Ausführungen über die Wörter und Bedeutungen des Qurʾān angefüllt, aus denen gewöhnliche Menschen nur sehr schwer Nutzen ziehen können. Dennoch lässt sich sagen, dass es jene Gelehrten überragt, die zu diesem Thema geschrieben haben. Selbst in der heutigen Zeit konnte niemand auf diesem Gebiet seine Ebenbürtigkeit erreichen.

Wir haben Beispiele dafür angeführt, wie weit ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī bei seiner Untersuchung der künstlerischen Schönheit des Qurʾān vorangekommen ist, obwohl der Leser außerordentliche Geduld und Ausdauer benötigt, um daraus Nutzen zu ziehen. Denn als in der Literatur über Logik (Logic) und die Wissenschaft des Kalām diskutiert wurde, folgte man genau dieser Methode der Erklärung und Darstellung. ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī schrieb:

„Die Beschreibung der Schönheit und Hässlichkeit einer angeführten Textstelle ist erst dann möglich, wenn jemand ein echtes Verständnis für den Aufbau und den Rhythmus eines Satzes besitzt. Ihr wisst, dass der ästhetische Charakter jenes Abschnitts allein vom Zitieren abhängt, wenn die Menschen diesen Vers rezitieren:(Arabisch**********)– „Auf meinem Haupt hat das Alter seine Spuren hinterlassen“ (Sure Maryam: 4). Darüber hinaus ist nichts erforderlich. Die tatsächliche Sachlage ist jedoch nicht so. Die Reaktion, die beim Hörer entsteht, sobald er diesen Vers hört, hängt nicht allein vom Zitieren ab. Der eigentliche Grund ist folgender: Wenn in einem Satz ein Substantiv zum Subjekt gemacht wird, muss es nach der allgemeinen Regel im Nominativ stehen. Tatsächlich ist es jedoch nicht das Subjekt. Wenn nach diesem Substantiv ein weiteres, mit ihm verbundenes Substantiv gesetzt wird, ist dieses das eigentliche Subjekt des Verbs. Das heißt: Weil das Verb aufgrund des zweiten Substantivs auf das erste Substantiv bezogen wird, entsteht zwischen den beiden Substantiven eine Übereinstimmung. Zum Beispiel:“

(Arabisch*************)

Es gibt noch viele weitere Sätze, in denen das Verb nicht mit dem eigentlichen Handelnden, sondern mit dessen Ursache in Beziehung gesetzt wird. Denn wir wissen genau, dass der eigentliche Handelnde des Verbs (****) (****) ist, auch wenn äußerlich (****) als Handelnder erscheint. Ebenso ist im anderen Beispiel der eigentliche Handelnde von (****) (***) und der eigentliche Handelnde des Verbs (***) (***) sowie der eigentliche Handelnde von (****) (****). In all diesen Sätzen wurde das Verb mit einem Substantiv in Beziehung gesetzt, das in Wirklichkeit nicht der Handelnde dieses Verbs ist. Die in den angeführten Beispielen zum Ausdruck kommende Schönheit wurde gerade dadurch ermöglicht, dass das Verb mit einem Substantiv in Beziehung gesetzt wurde, das äußerlich nicht als Handelnder erscheint. Hätte man es dagegen mit dem eigentlichen Handelnden in Beziehung gesetzt und gesagt: “(Arabisch**********)dann wäre die eigentliche Schönheit verschwunden. Wenn man fragt, worin der Grund für das Verschwinden der Schönheit liegt, lautet die Antwort: “(Arabisch**********)Die allgemeine Schönheit, die im Satz vorhanden ist, findet sich im Satz (****) nicht. Die Bedeutung des ersten Satzes besteht darin, dass der gesamte Kopf weiß geworden ist und kein Teil davon ohne weiße Haare geblieben ist. Aus dem zweiten Satz lässt sich diese Bedeutung jedoch nicht entnehmen; vielmehr versteht man daraus, dass ein Teil seines Kopfes weiß geworden ist, nicht der gesamte Kopf. Wenn man ebenso sagt: “(Arabisch**********)dann versteht man, dass das ganze Haus in Flammen aufgegangen ist. Ein Teil des Hauses ist verbrannt. Dass das gesamte Haus Feuer gefangen hat und vollständig niedergebrannt ist, lässt sich aus diesem Satz nicht entnehmen. Ein weiteres Beispiel aus dem edlen Koran ist dieser edle Vers

(Arabisch**********)

Wir haben die Erde aufbrechen lassen und Quellen hervorströmen lassen.

In diesem Vers ist (****) tatsächlich das Objekt des Wortes (***), (****); äußerlich jedoch wurde das Wort (***) zum Objekt (***) gemacht. Ebenso wurde im zuvor erwähnten Vers (***) als Handelnder von (***) festgelegt. Durch eine solche Veränderung wird im Allgemeinen eine umfassende Bedeutung erzeugt; auch in diesem Satz wird eine entsprechende umfassende Bedeutung zum Ausdruck gebracht. Es wird deutlich, dass die gesamte Erde aufgebrochen wurde und an allen Stellen Quellen entstanden. Der Satz könnte so formuliert werden: (***) oder auch so: “(Arabisch**********)Doch damit wird der eigentliche Zweck nicht vollständig erreicht. Der eigentliche Zweck besteht darin, deutlich zu machen, dass an verschiedenen Stellen der Erde Quellen hervorsprudeln. (Dalāʾil al-Iʿǧāz, al-Dschurdschānī)

Möge Allah, der Erhabene, Abd al-Qāhir al-Dschurdschānī Barmherzigkeit erweisen. Es besteht kein Zweifel daran, dass er die eigentliche Bedeutung erfassen konnte. Doch konnte er nicht alles in Worte fassen. (Arabisch**********) und (Arabisch**********)Die künstlerische Schönheit, die zwischen den beiden Sätzen verborgen liegt, ist aus der Sicht der Wissenschaft des Kalām genau das, was er niedergeschrieben hat. Doch darüber hinaus gibt es noch eine weitere Seite der künstlerischen Schönheit. Sie besteht darin, die Welt des Denkens rasch zu erschüttern; dies wird durch das Wort (***) ausgedrückt. Äußerlich wurde die Beziehung der weißen Haare zum Kopf hergestellt, sodass sie sich über den gesamten Kopf ausbreiten. Ebenso liegt in (***) beziehungsweise im Aufbrechen eine Schnelligkeit, die das menschliche Denken und Bewusstsein tief erschüttert und nachhaltig beeinflusst.

Es ist so klar wie das Tageslicht, dass zur Erschütterung der Welt des Denkens (Arabisch**********)der Satz von größerer Bedeutung und stärkerer Wirkung ist. Denn die weißen Haare wurden mit der Jugend in Beziehung gesetzt. Tatsächlich findet sich jedoch keine Jugend in ihr. Hier liegt die eigentliche Quelle der Schönheit. Ein Beleg dafür ist der Satz (***). Die in ihm enthaltene Schönheit entspricht derjenigen des zuvor erwähnten koranischen Verses. Genau genommen lassen sich in dem genannten Vers zwei Arten von Schönheit erkennen.

Erstens zeigt sie sich darin, dass die Jugend mit dem ergrauten Haar in Beziehung gesetzt wird.

Zweitens zeigt sie sich darin, dass das ergraute Haar mit dem Kopf in Beziehung gesetzt wird.

Diese beiden Arten der Schönheit ergänzen einander. Lässt man eine von ihnen außer Acht, kann die Schönheit eines Verses niemals vollständig zur Geltung kommen.

ʿAbd al-Qāhir al-Ǧurǧānī (möge Allah ihm barmherzig sein) ist hier stehen geblieben. Weiter vorzudringen vermochte er nicht. Offenbar war sein Ziel nicht mehr als dies. Denn in seinen Ausführungen findet sich nichts, was darüber hinausginge. In jeder Epoche gibt es einen bestimmten Stil der Sprache und Literatur. Wir können nicht erwarten, dass er den Stil seiner eigenen Epoche überschreitet.

Um die Wahrheit zu sagen: Die Dienste, die die Gelehrten bisher auf dem Gebiet der Koranauslegung und der Unnachahmlichkeit des Korans geleistet haben, sind an einer bestimmten Grenze stehen geblieben. Weiter vorzudringen vermochten sie nicht. Auch bei der Untersuchung und Bewertung der alten arabischen Sprache und Literatur gab es bestimmte Gesichtspunkte. Jedes Werk wurde im Licht dieser Gesichtspunkte beurteilt. Man ging nicht darüber hinaus, um das Gesamtwerk zu untersuchen und seine Besonderheiten und Eigenständigkeit herauszuarbeiten. Ebenso verhielt es sich mit der koranischen Rhetorik. Statt sie lediglich zum Gegenstand einer Untersuchung zu machen, hätte man sie umfassend erörtern müssen. Daher taten die auf die Rhetorik ausgerichteten Gelehrten Folgendes: Sie machten sämtliche Wörter, Rhythmen und Arten der Anordnung im Koran zum Gegenstand der Rhetorik. Danach setzten sie alles daran, zu beweisen, dass der gesamte Koran von Rhetorik und sprachlicher Klarheit erfüllt ist.

Die ehrenwerten Gelehrten, die sich mit der Rhetorik des Korans beschäftigten, vermochten nicht einmal in die Nähe seiner allgemeinen Wesenszüge zu gelangen. Zwar versuchten sie, die künstlerische Schönheit des Korans jeweils in einzelnen Bereichen zu bestimmen. Doch dies führte zu keinem Ergebnis. Wie ich bereits zuvor dargelegt habe, befanden sich die Bemühungen jener auf die Rhetorik ausgerichteten Gelehrten ganz am Anfang und waren unvollständig.

Das letzte Wort hierzu lautet: Es ist bedauerlich, dass die Gelehrten der Rhetorik jene Grenze weder in der arabischen Literatur noch im edlen Koran zu berühren vermochten. Denn die wichtigen künstlerischen Wesenszüge des edlen Korans zu bestimmen und zu beschreiben, ist bis heute ein Geheimnis geblieben. Für die Lehre und das Studium dieses wunderbaren Buches wurde es als unerlässlich erachtet, eine neue Methode anzuwenden und seine künstlerische Schönheit auf der Grundlage allgemeiner Prinzipien zu erörtern, um die Aufmerksamkeit darauf zu lenken. Dabei wurden die Wunderaspekte auf eine Weise erklärt und analysiert, die ausschließlich den entsprechenden Themen des edlen Korans selbst entnommen ist.

Eines ist zu beachten: Die Eigenschaft, die dieses erhabene Buch auszeichnet, ist nicht auf einen bestimmten Teil beschränkt; vielmehr erstreckt sie sich gleichmäßig über das gesamte Buch. Auch die Darstellungsweise sämtlicher Ziele und Absichten ist einheitlich. Ob nun das Ziel darin besteht, frohe Botschaft zu verkünden, vor Allahs Strafe zu warnen, ein vergangenes Ereignis zu schildern, etwas Zukünftiges anzukündigen, jemandem eine tröstliche Zusicherung zu geben, zum Glauben aufzurufen, Anleitung für das Leben in dieser Welt zu geben, etwas zur Veranschaulichung bildlich darzustellen, einen sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand zu beschreiben, ein anschauliches Beispiel aus der inneren Welt des Menschen zu geben oder etwas Übersinnliches zu schildern – zwischen Darstellung und Ausdrucksweise besteht grundsätzlich kein Unterschied.

In sämtlichen Darstellungen des erhabenen Korans findet sich ein gemeinsames Prinzip. Um dieses Prinzip nachzuweisen, haben wir dieses Buch verfasst. Ich habe dieses Prinzip „künstlerisches Bild“ genannt.

Drittes Kapitel

Künstlerische Darstellung

Die Darstellung ist ein besonderes Merkmal des edlen Koran. Sie ist ein Mittel, die Absichten des Koran in das Herz einzuprägen. Durch die Darstellung werden imaginierte Bilder unausgesprochener und schwer verständlicher Dinge im Spiegel des Geistes widergespiegelt. Diese kunstvoll gestalteten Bilder wirken sich auf das Leben und Handeln aus. Denn das Vorgestellte nimmt dann konkrete Gestalt an und tritt vor die Augen. Der tote Mensch verwandelt sich in einen lebendigen Menschen und steht vor den Augen.

In der Darstellung schweben Beschreibungen, Zeugnisse und Ereignisse in sichtbarer Form vor den Augen auf, und dadurch werden Leben und Handlung belebt. Wenn Dialoge und Sprache hinzukommen, erscheinen sie als lebendige Schauspieler. All dies wird auf jene Leinwand oder jenen Vorhang projiziert, der sich auf der Bühne befindet. Der Zuhörer oder Leser wird so völlig davon eingenommen, dass er für einen Augenblick vergisst, dass hier Allahs Wort rezitiert wird und solche Beispiele nur zum Verständnis angeführt wurden. Vielmehr sieht er dann mit klarer Sicht alle Ereignisse unmittelbar vor sich. Eine Szene löst die andere ab. Er beginnt zu empfinden, dass dies nicht bloß ein Bild ist, sondern gleichsam das Abbild des Lebens selbst.

Wenn die verborgenen Gedanken des Verstandes, die seelischen Zustände und die Bewegungen und Verhaltensweisen des Menschen dargestellt werden, geschieht dies lediglich durch einige leblose Sätze. Sie sind nicht mit irgendeiner Farbe überzogen, und aus ihrem Mund kommt weder ein Laut noch ein Satz. Dennoch fällt es uns nicht schwer, das Wunder und die Faszination des edlen Koran zu verstehen. Der edle Koran ist erfüllt von gelungenen Darstellungen und treffenden Gleichnissen verschiedenster Dinge dieser Art. Wo immer sich ein solcher Zweck findet, von dem wir vor kurzem gesprochen haben, trägt er ihn in koranischer Weise und Ausdrucksform vor – etwa alte Themen, menschliche Beispiele, die Wiedererzählung bereits geschehener Ereignisabläufe, die Darstellung der Szenen der Auferstehung, die anschauliche Schilderung des Friedens im Paradies und der Strafe in der Hölle oder die Darstellung von Streitgesprächen und Ähnlichem. Dies geschieht nicht lediglich, um die Ausdrucksweise des Koran anziehend zu machen. Es ist eine bestimmte und besondere Methode des Koran, die wir als Methode der Darstellung bezeichnen können.

Wir werden versuchen, die Bedeutung der Darstellung ausführlich zu erörtern, damit deutlich wird, welche Grenzen und welchen Umfang die künstlerische Darstellung im edlen Koran hat. Ein Bild kann mithilfe von Farben und Pinseln gemalt werden, ebenso aber mithilfe von Denken und Betrachtung. Auch durch die Melodie der Musik kann eine Darstellung wirkungsvoll zur Geltung gebracht werden. Mitunter werden sogar Sätze, Wörter, die Art des Vortrags und begleitende Dinge als Mittel der Darstellung eingesetzt. Wenn solche Bilder vor uns erscheinen, werden sie mit Augen und Ohren, Denken und Bewusstsein, Herz und Verstand insgesamt genossen.

Eines muss man sich merken: Die koranischen Bilder sind nicht mithilfe von Skizzen und Farben gezeichnet worden, sondern mithilfe des menschlichen Lebens und der Welt. Es sind Bilder, die dem Bewusstsein und dem Empfinden entspringen. Die Bedeutungen werden zu den Farben des Bildes und spiegeln sich im Geist des Menschen wider.

Nun werden wir einige Beispiele dafür vorlegen.

Ausdruck des Gedankens in verständlicher Sprache

1. Es sollte verdeutlicht werden, dass die Ungläubigen am Tag der Auferstehung vor Allah keine Beschwerde und kein Gesuch vorbringen können und nicht ins Paradies eintreten dürfen. Dass sie angenommen werden und ins Paradies eintreten könnten, ist nichts anderes als eine vergebliche Hoffnung. Wie wunderschön ist doch dieses Bild gezeichnet, um dies zu verdeutlichen.

(Arabisch**************)

Denjenigen, die Meine Zeichen für Lüge erklärt und sich ihnen gegenüber hochmütig verhalten haben, werden die Tore des Himmels nicht geöffnet, und sie werden nicht ins Paradies eintreten, solange nicht ein Kamel durch das Nadelöhr hindurchgeht. (Sure al-Aʿrāf: 40)

Sobald der Leser diesen Vers liest oder hört, steigen zwei Bilder vor ihm auf. Das eine ist das Bild der sich öffnenden Tore des Himmels, das andere das Bild eines wohlgenährten Kamels, das sich bemüht, durch das Nadelöhr zu gelangen. Um eine unverständliche und komplizierte Angelegenheit verständlich zu machen, wird sie in einem vertrauten Bild dargestellt. In den Gedanken des Menschen entsteht dadurch nicht bloß eine Vorstellung; vielmehr tritt sie als ein reales und unmittelbar wahrnehmbares Bild hervor.

2. Allah, der Erhabene, will verdeutlichen, dass Er am Tag der Auferstehung die guten Taten der Ungläubigen derart zunichtemachen wird, dass es scheint, als hätten sie niemals existiert. Im folgenden Satz wird dies in einem wunderschönen Bild dargestellt:

(Arabisch***********)

Ich werde mich ihren Taten zuwenden und sie dann in zerstreute Staubteilchen verwandeln. (Sure al-Furqān: 23)

Wenn der Leser diesen Vers liest und über die zerstreuten Staubteilchen nachdenkt, steigt vor seinem geistigen Auge das Bild der Nichtigkeit dieser ihrer Taten auf.

3. Auch im folgenden Vers wird ein weiteres solches Bild dargestellt:

(Arabisch**************)

Das Beispiel der Taten derjenigen, die nicht an die Existenz ihres Herrn glauben, ist das einer Asche, über die an einem Tag des Sandsturms ein heftiger Wind hinwegfegt. Kein Teil dessen, was sie erworben haben, wird ihnen zugutekommen. (Sure Ibrahim: 18)

Durch das Beispiel des Tages des Sandsturms wird ein solch trauriges Bild dargestellt, dass jeder Mensch vor seinem geistigen Auge sieht, wie ein heftiger Sturm alles zerstört und verstreut davonträgt, sodass es selbst nach hundert Versuchen nicht mehr zusammengetragen werden kann. Ebenso werden die Taten der Ungläubigen zunichtegemacht und vergeblich sein.

Allah, der Erhabene, will sagen: Wenn jemand einem anderen etwas spendet und ihn später daran erinnert, um ihn dadurch zu erniedrigen, dann ist diese Spende vergeblich. Im folgenden Vers wird davon ein anschauliches, lebendiges Bild dargestellt:

(Arabisch************)

O ihr, die ihr glaubt! Macht eure Almosen nicht dadurch zunichte, dass ihr eure Wohltätigkeit hervorhebt und den Empfänger verletzt, wie jener, der sein Vermögen ausgibt, um von den Menschen gesehen zu werden, und nicht an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Sein Beispiel ist das eines glatten Steins, auf dem etwas Erde lag, den aber ein heftiger Regen abwusch und sauber zurückließ. Sie werden keinen Lohn für das erhalten, was sie erworben haben. (Sure al-Baqara: 264)

In diesem Vers wird ein zweifaches Bild dargestellt. Das erste Bild ist ein nackter Stein, auf dem lediglich eine dünne Erdschicht lag, den jedoch ein heftiger Regen abwusch und sauber zurückließ. Sie werden keinen Lohn für das erhalten, was sie erworben haben. (Sure al-Baqara: 264)

In diesem Vers wird ein zweifaches Bild gezeichnet. Das erste Bild ist ein nackter Stein, der lediglich mit einer dünnen Erdschicht bedeckt ist; doch sobald Regen fällt, wird diese abgewaschen, sodass der Stein weiterhin in seiner steinernen Gestalt dasteht. Dieses Beispiel gilt für diejenigen, die mit ihren Spenden prahlen. Danach wird gesagt, dass das Beispiel derjenigen, die ausschließlich um Allahs Wohlgefallen willen spenden, einem Garten gleicht. Ob der Regen nun wenig oder reichlich fällt – kein Regen ist dort vergeblich. Der Garten wird mit Blüten und Früchten geschmückt. Selbst wenn kein Regen fällt, wird er dennoch Früchte hervorbringen.

Ich möchte hier nicht darlegen, wie weit in den beiden zuvor genannten Bildern eine Übereinstimmung von Ort und Zeit besteht oder mit welcher Art von Schönheit ihre Ähnlichkeit ausgeschmückt wurde. Ebenso ist es nicht meine Absicht zu sagen, dass mit der dünnen Erdschicht auf dem Stein jene Person gemeint sei, die Almosen gibt und anschließend den Empfänger ihrer Gabe verletzt – dass also diese Gabe vorübergehend ihre hässliche Gestalt verdeckt, diese jedoch schon kurz darauf unbedeckt zum Vorschein kommt.

Ich möchte über die Bestandteile des Bildes sprechen. Selbstverständlich ist diesem Thema in diesem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet.

5. Ein weiteres Bild zu diesem Thema ist:

(Arabisch***********)

Das Gleichnis dessen, was sie in diesem irdischen Leben ausgeben, ist wie das eines stürmischen Windes, in dem eisige Kälte steckt und der ein Saatfeld trifft, dessen Besitzer sich selbst Unrecht getan haben, und es daraufhin vernichtet. (Sure Āl ʿImrān: 117)

In diesem Vers wird das Bild eines Feldes gezeichnet, über das ein Schneesturm hinwegfegt und dadurch seine gesamte Ernte und Frucht vernichtet. Die ganze Arbeit und Mühe des Feldbesitzers ist vergeblich gewesen. Trotz all dieser Anstrengung konnte er die Ernte nicht nach Hause bringen. Genauso ergeht es denjenigen, die mit dem Unglauben verbunden sind, auf Allahs Weg spenden und dafür auf eine Vergeltung hoffen, deren gute Werke jedoch durch ihren Unglauben zunichtegemacht werden.

In diesem Bild ist das Wort „Sirrun“ mit großer Bedachtsamkeit gewählt worden, und durch dieses Wort wurde die Szene bis an die äußerste Grenze der Schönheit geführt. Es scheint, als würde das Saatfeld durch kleine kalte Kugeln zerstört. Das Wort hat dem gesamten Bild Leben eingehaucht. Der Erörterung einer solchen Wortwahl haben wir ein eigenes Kapitel gewidmet.

6. Allah, der Erhabene, will zu verstehen geben: Wenn jemand Ihn anruft, erhört Er seinen Ruf und erfüllt seine Wünsche. Wenn jedoch jemand außer Ihm einen anderen anruft, hört dieser seinen Ruf nicht einmal und kann auch keinen seiner Wünsche erfüllen. Denn er ist nicht der Herr über alle Dinge. Zu diesem Thema ist im folgenden Vers ein besonders schönes Bild gezeichnet worden.

(Arabisch**************)

Der Ruf zur Wahrheit gilt allein Ihm; diejenigen aber, die sie außer Ihm anrufen, sind ihnen in keiner Weise von Nutzen. Ihr Beispiel ist das eines Menschen, der beide Hände nach dem Wasser ausstreckt, damit es seinen Mund erreicht, obwohl das Wasser seinen Mund niemals erreichen wird. Jeder Ruf der Ungläubigen ist vergeblich. (Sure ar-Raʿd: 14)

Dies ist ein äußerst anschauliches Bild, das den Menschen zu sich hinzieht. Mit Worten lässt sich kein anziehenderes Bild zeichnen. Sehen Sie, wie klar dieses Bild ist: Ein Mensch steht am Wasser, streckt beide Hände aus und ruft das Wasser, damit es in seinen Mund gelangt, doch dieses Wasser wird niemals in seinen Mund gelangen.

7. Gemeint ist, dass diejenigen, die außer Allah verehrt werden, weder hören noch sehen können und jeglicher Erkenntnis, Vernunft und Kraft beraubt sind. Daher muss die Verehrung derjenigen, die ihnen dienen, vergeblich bleiben. Die zur Darstellung dieser Aussage gewählte Methode ist so eindringlich, dass sie auf keine andere Weise hätte veranschaulicht werden können.

(Arabisch*************)

Das Gleichnis der Ungläubigen ist das eines Menschen, der nach Tieren ruft, die außer Schreien nichts hören können. Sie sind stumm, taub und blind und begreifen nichts. (Sure al-Baqara: 171)

Die Gottheiten, die die Ungläubigen anrufen, sind völlig unfähig, auf den Ruf zu antworten. Sie können weder den Wert des Rufs ermessen noch dessen Sinn und Zweck verstehen. Dies ist ein Gleichnis. In diesem Vers wird das Bild einer Gemeinschaft gezeichnet, die ihre Gottheiten zwar anruft, deren aus Lehm gefertigte Götzen jedoch weder die Bedeutung noch den Zweck dieses Rufs verstehen. Sie sind so gleichgültig, dass sie nicht einmal wissen, ob ihr Ruf den richtigen Ort erreicht hat oder ob darauf irgendeine Antwort erfolgt ist.

8. Gemeint ist hier, dass diejenigen, die außer Allah angerufen und verehrt werden, äußerst schwach sind. Wie können also diejenigen, die selbst so schwach sind, andere beschützen? Dies wird in diesem Vers auf eindrucksvolle Weise dargestellt:

(Arabisch*****************)

Das Gleichnis derjenigen, die sich außer Allah andere zu Schutzherren nehmen, ist das der Spinne. Sie baut sich ein Haus. Doch von allen Häusern ist allein das Haus der Spinne äußerst schwach. (Sure al-Ankabut: 41)

Im Vers heißt es, dass diejenigen, die außer Allah andere zu Herren nehmen, in einem schwachen Haus Zuflucht suchen, dem Haus der Spinne gleich. Es wird schon durch den geringsten Schlag zerstört. So erstaunlich es auch ist, bleibt selbst nach diesem so anschaulichen Gleichnis jede Reaktion bei ihnen aus; sie sind in Unwissenheit und Hochmut versunken.

9. Gemeint ist hier Folgendes: Die Götzendiener haben sich auf eine Sache eingelassen, die nichtig ist und keinen Bestand hat. Sie wird mit einem Gegenstand verglichen, der schwimmt, dessen Schwimmen jedoch ebenfalls schwierig ist.

(Arabisch************)

Wer Allah Teilhaber zur Seite stellt, ist, als wäre er vom Himmel herabgestürzt. Dann hat ihn entweder ein Vogel im Flug gepackt und fortgetragen, oder der Wind hat ihn fortgeweht und an einen fernen Ort geschleudert. (Sure al-Haddsch: 31)

In diesem Vers wird das trostlose Bild der Götzendiener dargestellt. Unbewusst scheinen sie im selben Augenblick vom Himmel herabzustürzen; doch noch bevor sie den Boden berühren, packt sie ein fleischfressender Vogel mit seinen Klauen und trägt sie fort, oder der Wind verschleppt sie an einen Ort, von dem eine Rückkehr niemals möglich ist.

10. Vor dem Aufkommen des Islam hatte Allah den Leuten der Schrift himmlische Bücher gegeben. Sie hatten erklärt und geschworen, an Allah zu glauben. Doch sie waren nicht in der Lage, sich über geringfügige weltliche Interessen zu erheben. So zerstörten sie selbst ihre Versprechen. Daher wird durch diesen edlen Vers bildlich dargestellt, wie viel Leid und Erniedrigung sie am Tag der Auferstehung ertragen werden.

(Arabisch************)

Diejenigen, die den Bund und das Versprechen, das sie im Namen Allahs gegeben haben, für einen geringen Preis verkaufen, haben im Jenseits keinen Anteil. Am Tag der Auferstehung wird Allah nicht mit ihnen sprechen, sie nicht ansehen und sie nicht läutern. Für sie gibt es wahrlich eine schmerzhafte Strafe. (Sure Āl ʿImrān: 77)

Hier wird vom bösen Schicksal der Leute der Schrift gesprochen. Doch statt das vorzuenthaltende Gut ausdrücklich zu nennen, werden einige Anzeichen angeführt, aus denen sich von selbst erkennen lässt, worum es sich bei diesem vorenthaltenen Gut handelt. So heißt es, dass Allah nicht mit ihnen sprechen, sie nicht ansehen und sie nicht läutern wird. Mit diesen Worten wollte Allah verdeutlichen, dass sie in die Hölle geworfen und der immerwährenden Glückseligkeit des Paradieses beraubt werden.

Psychologisches Bild

1. Der folgende Vers wird angeführt, um zu verdeutlichen, in welche Bedrängnis ein Mensch gerät, der statt des Tauhīd ein Leben im Schirk wählt. Dieser Vers schildert anschaulich, wie sein Herz zwischen vielen Göttern aufgeteilt wird, wie sein psychischer Zustand ist und wie sein Herz zwischen Rechtleitung und Irrweg schwankt:

(Arabisch************)

Sag: Sollen wir außer Allah etwas anrufen, das uns weder nützen noch schaden kann? Sollen wir, nachdem Allah uns rechtgeleitet hat, umkehren wie jener, den Satan in der Wildnis vom Weg abgebracht hat, sodass er verwirrt umherirrt, während seine Gefährten ihn zum Weg rufen und sagen: Komm zu uns! (Sure al-Anʿām: 71)

In diesem Vers wird das Bild eines Menschen gezeichnet, den der Satan in die Irre geführt hat. Seine Gefährten rufen ihn zur Rechtleitung auf, doch er ist im Netz der Verirrung gefangen und kann sich nicht entscheiden, auf welche der beiden Seiten – auf seine Gefährten oder auf den Satan – er hören und wohin er seine Schritte setzen soll.

2. Allah, der Erhabene, möchte den Zustand jener Menschen beschreiben, die, nachdem Allah ihnen den Weg gewiesen hat, unaufhörlich bemüht sind, weit davonzulaufen. Es ist, als bemühten sie sich darum, sich von der Strömung des Niedergangs fortreißen zu lassen. Zugleich haben menschliche Bedürfnisse und Begierden sie überwältigt. Sowohl Wissen als auch Unwissenheit sind für sie ein Grund der Erniedrigung. Wegen ihrer Unwissenheit finden sie keinen Frieden, und auch ihr Wissen vermag sie nicht zu irgendeinem Nutzen zu führen. Wie wunderbar dieses Bild in den folgenden wenigen Sätzen zum Ausdruck gebracht wird!

(Arabisch************)

Trage ihnen die Geschichte jenes Menschen vor, dem Ich Meine Zeichen (die Rechtleitung) gegeben hatte, der sich jedoch von ihnen abwandte und davonging. Der Satan setzte ihm nach, und so geriet er in die Irre. Hätte Ich gewollt, hätte Ich ihn durch diese Zeichen emporheben können. Doch er verfiel und wurde von seinen Begierden beherrscht. Sein Gleichnis ist das eines Hundes: Wenn du ihn hetzt, hechelt er, und wenn du ihn in Ruhe lässt, hechelt er ebenfalls. (Sure al-Aʿrāf: 175–176)

Dieses Bild ist die anschauliche Verkörperung von Erniedrigung und Schmach. Es ist ein äußerst ergreifendes Bild, immerdar leuchtend. Es ist ein Bild, das seinen Zweck und sein Ziel selbst offenbart. Hier sind die religiöse Bedeutung und die Bedeutung des Gegenstands miteinander verschmolzen. Eine solche Verbindung findet sich in allen Bildern, die der Koran zeichnet.

3. Nun möchte Allah, der Erhabene, von einem Menschen sprechen, dessen Glaube brüchig ist und nicht tief in seinem Herzen verwurzelt liegt. Ihm fehlt die Festigkeit des Glaubens. Obwohl er gläubig ist, ist er nicht bereit, auf dem Weg des Glaubens Drangsal und Verfolgung zu ertragen. Er möchte seinen Glauben bewahren, ohne gestört zu werden. Sein Glaube ist noch nicht so fest, dass er angesichts jeder Art von Gefahr standhaft bliebe. Ein Bild eines Menschen, der in den Schwankungen von Gewinn und Verlust hin und her gerissen ist:

(Arabisch************)

Unter den Menschen gibt es manche, die Allah in einem Zustand des Zweifels und inneren Widerstreits anbeten. Wenn ihnen Gutes widerfährt, bleiben sie bei ihrer Anbetung, doch wenn sie von einer Prüfung heimgesucht werden, kehren sie in ihren früheren Zustand zurück. Sie erleiden Verlust in dieser Welt und im Jenseits. Das ist ein offenkundiger Verlust. (Sure al-Haddsch: 11)

Allein durch die Erwähnung des Wortes Harfin (***) oder „äußerste Grenze“ wird das Bild vor Augen geführt. Man sieht darin, wie ein Mensch mit schwachem Glauben auf eine Weise Gottesdienst verrichtet, die bereits in seinem Gottesdienst beweist, dass er nicht dazu fähig ist, auf dem geraden Weg standhaft und unbeirrbar zu bleiben. Dieses Bild prägt sich dem menschlichen Geist auf eine Weise ein, die sich nicht in Worte fassen lässt.

Als ich die Grundschule besuchte, tauchte jedes Mal, wenn ich beim Rezitieren des Korans an diese Stelle gelangte, ein lebendiges Bild vor dem Spiegel meines Geistes auf, das ich bis heute nicht vergessen habe.

Zwischen jenem Bild von damals und meinem heutigen Empfinden besteht kein großer Unterschied. Damals hielt ich es lediglich für ein Bild, heute aber scheint es mir nur ein Gleichnis zu sein – kein wirkliches Bild.

Ich meine, dass der Koran seine Aussage auf so wundersame Weise dargelegt hat, dass jeder Leser, ob gebildet oder ungebildet, sie verstehen kann und sie sich jedem Leser als lebendiges Bild vor Augen stellt.

4. Das Bild jener Muslime, die sich vor der Annahme des Islams am Rand der Höllengrube befanden, wird folgendermaßen dargestellt:

(Arabisch**************)

Haltet allesamt fest an Allahs Seil und spaltet euch nicht. Und erinnert euch an die Gnade, die Allah kürzlich unter euch geschaffen hat. So seid ihr nun durch Seine Gunst untereinander Brüder. Ihr befandet euch am Rand einer Feuergrube, und Er hat euch daraus gerettet. (Sure Āl ʿImrān: 103)

Das Bild veranschaulicht, dass ihr euch am Rand einer Feuergrube befandet. Ein geringes Ausrutschen des Fußes hätte dort bereits zu einem verhängnisvollen Unglück geführt. Das heißt: Wenn ihr den Islam nicht angenommen hättet, wäre die Hölle für euch unausweichlich gewesen.

Hier geht es nicht um die Plausibilität und Wahrhaftigkeit des Gleichnisses. Wichtig ist vielmehr das Bild der Muslime, das sich in ihrem Inneren abzeichnet: Es scheint, als wären sie zuvor unweigerlich in eine Höhle des Feuers gestürzt. Hätte irgendein Künstler mit Farben und Pinsel ein derart vollkommenes, statisches psychologisches Bild malen können? Der Koran hingegen hat ohne Farben, Pinsel und Leinwand mit nur wenigen Worten ein so schönes und vollkommenes Bild geschaffen.

In diesem Bild sehen wir eine feurige Grube und einige Menschen, die an ihrem Rand sitzen. Der Zwischenraum stellt das diesseitige Leben dar. Nachdem sie Muslime geworden waren, entstand zwischen ihnen und dieser Grube eine gewaltige Mauer, sodass keinerlei Möglichkeit mehr bestand, sie zu überqueren und in die Grube zu stürzen.

5. Ein weiteres solches Bild sehen wir bei einem Menschen, der die Grundlage all seiner Werke nicht auf Gottesfurcht, sondern auf etwas anderem errichtet hat:

(Arabisch**********)

Ist etwa derjenige besser, der das Fundament seines Hauses auf Gottesfurcht und Allahs Wohlgefallen gegründet hat, oder derjenige, der das Fundament seines Hauses an den Rand einer einstürzenden Grube gelegt hat, die ihn mit sich in das Feuer der Dschahannam hinabstürzt? (Sure at-Tauba: 109)

In diesem Vers wird das Bild des Augenblicks unmittelbar vor dem Sturz in die Dschahannam eindrucksvoll dargestellt. Im Vers heißt es:(Arabisch*****) Das heißt: Das Gebäude stürzt mit ihm in die Dschahannam. Das diesseitige Leben wird hier als so unbedeutend dargestellt, dass es nicht einmal angedeutet werden musste. An dieser Stelle hätte man anstelle dieses Ausdrucks auch den anderen verwenden können, doch das ist nicht geschehen. Denn der eine Ausdruck wird gebraucht, wenn etwas bezeichnet werden soll, dessen Eintreten sich noch ein wenig verzögert; mit dem anderen wird hingegen ausgedrückt, dass sich das Gebäude bereits im Sturz befindet. In kürzester Zeit wird es in der Dschahannam verschwunden sein. Der Abstand zwischen der Dschahannam und dem stürzenden Gebäude ist das diesseitige Leben, das der Dschahannam immer näher kommt.

Menschliche Bilder

Neben psychologischen Bildern des Menschen hat der Koran auch Bilder menschlicher Zustände dargestellt. Wir haben bereits zuvor(Arabisch*******) im Zusammenhang mit demjenigen, der Allah anbetet, während er in Zweifel und Schwanken verstrickt ist, darüber gesprochen. Dazu werden im Folgenden noch einige weitere Beispiele gegeben:

1. In den folgenden Versen wird anschaulich dargestellt, dass es keinerlei Nutzen hat, selbst wenn man nutzlose Streitgespräche und haltlose Argumente widerlegt und stichhaltige Beweise vorlegt.

(Arabisch*************)

Wenn Ich ihnen ein Tor zum Himmel öffnen würde und sie den ganzen Tag hindurch darin aufsteigen würden, würden sie dennoch sagen: „Unsere Blicke sind verwirrt worden oder wir sind verzaubert worden.“

Anderswo heißt es:

(Arabisch**********)

Wenn Wir ihnen etwas aufgeschriebenes zu ihnen hinabgesandt hätten und sie es mit ihren Händen berührt hätten, würden sie dennoch sagen: „Das ist nichts anderes als offenkundige Zauberei.“ (Sure al-Anʿām: 7)

2. Was hier veranschaulicht wird, ist Folgendes: Der Mensch erkennt seinen Herrn erst dann, wenn er von Leid und Not heimgesucht wird. Wenn gute Zeiten kommen, vergisst er den Retter. Diese Aussagen werden nicht schlicht erzählt, sondern in einem anschaulichen Bild dargestellt. Während der filmartigen Veränderungen tritt in diesem Bild das Abbild eines Menschen hervor, wie man ihn in der menschlichen Gesellschaft mehrheitlich findet.

(Arabisch************)

Er ist es, der euch auf dem Meer und auf dem Land reisen lässt. Wenn ihr an Bord eines Schiffes geht und es mit den Menschen an Bord bei günstigem Wind dahinfährt, freuen sie sich. Doch plötzlich gerät das Schiff in einen heftigen Sturm, und von allen Seiten kommen Welle um Welle. Sie erkennen, dass sie eingeschlossen sind. Da rufen sie Allah an und widmen Ihm den Gottesdienst aufrichtig: „Wenn Du uns aus dieser Gefahr rettest, werden wir dankbar sein.“ Sobald Er sie jedoch gerettet hat, verüben sie auf der Erde zu Unrecht wieder Unheil. (Sure Yunus: 22–13)

Auf diese Weise ist dies als ein lebendiges und bewegtes Bild dargestellt worden. Das Schiff schwankt im Wellengang, einmal nach oben, dann wieder nach unten. Es scheint, als würde das Schiff unter dem Wasser versinken. Die Passagiere sind an die Schwelle des Todes gelangt, und die Todesangst ergreift sie. In diesem Zustand erinnern sie sich mit aller Kraft an Allah. Wenn der Mensch bis zum Ende des Verses gelangt, gerät er in Bann. Das gesamte Bild wird lebendig und bewegt sich vor seinen Augen. Man kann sagen, dass dieser Vers seine Aussage voll und ganz auf die beste Weise vor uns ausgebreitet hat.

3. Es geht darum, den Zustand eines Menschen zu schildern, dessen äußere Erscheinung äußerst anziehend und betörend ist, dessen Inneres jedoch äußerst hässlich und gefährlich ist. Seht, wie wunderbar dieses Bild gezeichnet worden ist.

(Arabisch************)

Diejenigen, die gläubig sind, sagen: „Warum wird keine Sure herabgesandt?“ Wenn dann eine eindeutige Sure herabgesandt wird und darin der Dschihad erwähnt wird, wirst du diejenigen, deren Herzen krank sind, dich wie vom Todesfurcht überwältigte Menschen anblicken sehen. (Sure Muhammad: 20)

Lässt sich der Zustand eines Menschen im Augenblick des Todes überhaupt mithilfe eines Bildes veranschaulichen? Und doch ist dieses Bild im oben genannten Vers so wunderbar zum Vorschein gebracht worden. Zugleich tritt das erbärmliche Bild ihrer erniedrigten Gesichter vor Augen.

4. Oft wird dieser menschliche Aspekt des Menschen durch ein gewöhnliches Ereignis dargestellt. Doch indem es über jenes konkrete Ereignis hinausweist, tritt es als ein zeitloses Bild hervor.

(Arabisch***********)

Hast du nicht die Schar der Kinder Israels nach Mose gesehen? Als sie zu ihrem Propheten sagten: „Bestimme für uns einen König, damit wir unter seiner Führung auf Allahs Weg kämpfen können.“ Der Prophet sagte: „Ist von euch etwa zu erwarten, dass ihr nicht kämpfen werdet, wenn euch der Befehl zum Kämpfen erteilt wird?“ Sie sagten: „Was ist mit uns, dass wir nicht auf Allahs Weg kämpfen sollten, wo wir doch aus unseren Häusern und von unseren Kindern vertrieben worden sind?“ Als ihnen dann der Befehl zum Kämpfen erteilt wurde, kehrten sich alle bis auf wenige ab. Und Allah kennt die Ungerechten sehr wohl. (Sure al-Baqara: 246)

Hier wird deutlich, dass die Kinder Israels, als sie in großem Wohlstand und Behaglichkeit lebten, mit falschem Heldenmut prahlten. Sobald der Befehl zum Dschihad erging, fiel der Ballon ihres Heldenmuts in sich zusammen und ihre Feigheit wurde offenbar. Dies ist kein Ereignis, das sich nur einmal zugetragen hätte. Über die Grenzen von Raum und Zeit hinweg wiederholen sich solche Ereignisse immer wieder. Solche Menschen gab es in der menschlichen Gesellschaft, es gibt sie und es wird sie weiterhin geben.

Bis hierher habe ich nur jene Beispiele beschrieben, in denen nicht bloß Bilder psychischer und menschlicher Zustände dargeboten, sondern diese Bilder lebendig und bewegt dargestellt wurden. Nun möchte ich einige Beispiele anführen, in denen der Koran lebendige und fesselnde Bilder von tatsächlichen Ereignissen, Sprichwörtern und verschiedenen Geschichten und Erzählungen zeichnet. Dabei ist anzumerken, dass zwischen ihnen keine Isolierung besteht, sondern vielmehr eine enge Verbindung zwischen dem einen und dem anderen.

Die Darstellung eines eingetretenen Unglücks

1. Denkt darüber nach: Das Bild, das der Koran von der Niederlage der Ungläubigen in der Schlacht von al-Ahzab zeichnet, lässt das gesamte Schlachtfeld vor den Augen erscheinen. Die dort ablaufenden Vorgänge tauchen lebendig und bewegt vor unseren Augen auf. Wahrnehmung und Vorstellung verschmelzen miteinander. Beim Anblick dieses Bildes entsteht der Eindruck, als würde diese Schlacht direkt vor uns stattfinden und kein Teil von ihr bliebe unserem Blick verborgen. Durch die folgende Wortfolge ist dieses Bild gezeichnet worden.

(Arabisch************)

O ihr Gläubigen! Erinnert euch an Allahs Gunst euch gegenüber. Als die feindlichen Heere euch umzingelt hatten, sandte Ich gegen sie einen stürmischen Wind und Heerscharen, die ihr nicht sehen konntet. Allah sieht, was ihr tut. Als sie von den Anhöhen und aus den Niederungen auf euch zukamen, gerieten eure Blicke in Verwirrung, eure Seelen stiegen euch bis an die Kehle, und ihr begannt, über Allah schlechte Gedanken zu hegen. Damals wurden die Gläubigen geprüft und heftig erschüttert. Da begannen die Heuchler und diejenigen, deren Herzen krank waren, zu sagen: „Allahs und des Gesandten Versprechen sind nichts als Täuschung.“ Eine Gruppe sagte: „O ihr Bewohner von Yathrib! Dies ist kein Ort zum Bleiben; kehrt um!“ Und eine andere Gruppe bat den Propheten um Erlaubnis und sagte: „Unsere Häuser sind ungeschützt.“ In Wahrheit waren sie nicht ungeschützt; sie wollten nur fliehen. (Sure al-Ahzab: 9–13)

Denkt darüber nach, welch vollkommenes Bild von den körperlichen und seelischen Leiden sowie den sichtbaren und verborgenen Ereignissen auf dem Schlachtfeld gezeichnet worden ist. Dieses Bild schwebt vor den Augen. Die feindlichen Soldaten haben sie von allen Seiten umzingelt, und die Muslime blicken völlig ratlos nur mit weit aufgerissenen Augen umher. Ihre Füße drohen sogar wegzurutschen. Unterdessen bemühen sich die Heuchler, Unheil zu stiften. Sie begannen zu sagen: „Das Versprechen, das der Gesandte euch all diese Zeit gegeben hat, ist nichts als eine Lüge. Ihr könnt ihnen nicht entgegentreten und auf dem Schlachtfeld standhalten. Macht euch davon, solange noch Zeit ist.“ Einige erhoben den Vorwand, ihre Häuser seien ungeschützt, und suchten nach einer Gelegenheit zur Flucht.

Um die Wahrheit zu sagen: Es gibt keinen Aspekt des Schlachtfeldes, der in diesem Bild nicht dargestellt wäre. Die gesamte Szenerie des Schlachtfeldes wird so vor Augen geführt, als stünde sie leibhaftig vor uns. Es handelte sich um ein tatsächliches Ereignis, das sich zugetragen hatte. Doch die koranische Darstellung kann über jene einzigartige Szene der Niederlage der Ungläubigen hinausgehen und sie in gewisser Weise abwandeln; dennoch ist sie zeitlos und ewig gültig. Wo immer zwei Parteien aufeinandertreffen und eine von ihnen besiegt wird, taucht dieses Bild vor den Augen auf.

2. Ein weiteres, dem oben beschriebenen ähnliches Bild wird in der folgenden Begebenheit gezeichnet. Es ist wie das vorherige zeitlos und ewig gültig und lässt keine Möglichkeit zu, es losgelöst davon zu betrachten. Denken Sie darüber nach.

(Arabisch**********)

Und Allah hat dieses Versprechen wahr gemacht, als ihr sie mit Seiner Erlaubnis vernichtetet. Dies geschah, bis ihr den Mut verliertet und über die Angelegenheit strittet und ungehorsam wurdet, nachdem Er euch das gezeigt hatte, was ihr begehrt. Unter euch gab es einige, die das Diesseits begehrten, und andere, die das Jenseits begehrten. Dann wandte Er euch von ihnen ab, um euch zu prüfen. Wahrlich, Allah hat euch vergeben, denn Allah ist den Gläubigen gegenüber voller Gunst. Ihr stiegt empor und saht euch nach niemandem hinter euch um, während der Gesandte euch von hinten zurief. Daraufhin traf euch Kummer über Kummer, damit ihr weder über das trauert, was euch entgangen war, noch über das, was euch widerfuhr, bekümmert seid. Allah ist über das, was ihr tut, wohl unterrichtet. Danach ließ Er auf euren Kummer Beruhigung herabkommen, in Gestalt eines Schlummers. Während dieses Schlummers wurden einige von euch schläfrig, während andere um ihr Leben bangten. Sie hegten über Allah dieselben falschen Vorstellungen wie die Menschen der Unwissenheit. Sie sagten: Haben wir überhaupt irgendeine Möglichkeit, etwas zu unternehmen? Sag: Die ganze Angelegenheit liegt in Allahs Hand. Auch das, was sie in ihrem Inneren verbergen und dir nicht offenbaren. Sie sagen: Wenn wir in dieser Angelegenheit etwas zu bestimmen gehabt hätten, wären wir hier nicht getötet worden. (Sure Āl ʿImrān: 152–154)

Wenn ich diese Verse lese, habe ich den Eindruck, all jene Menschen und jene Zeit mit eigenen Augen zu sehen – alles, was sich auf dem Schlachtfeld ereignete. (Diese Darstellung stammt vom Schauplatz der Schlacht von Uhud – der Übersetzer.)

Darstellungen allegorischer Ereignisse

1. Die Geschichte der Gartenbesitzer

Nun möchte ich jene Darstellung allegorischer Ereignisse vorstellen, die im Koran gezeichnet wurde.

Wir stehen nun vor den Besitzern des Gartens. Dieser Garten existiert nicht im Jenseits, sondern in dieser Welt. Die Besitzer des Gartens fassen nachts einige Überlegungen. Arme und Bedürftige pflegten die Früchte dieses Gartens zu essen. Doch die Besitzer des Gartens wollen sie davon ausschließen und ausschließlich selbst davon profitieren. Nun wollen wir sehen, wie das Ende ausfällt.

(Arabisch**********)

Ich habe sie geprüft, wie Ich die Besitzer des Gartens geprüft hatte, als sie schworen, die Früchte des Gartens zu ernten. Doch sie sagten nicht: »So Allah will.« (Sure al-Qalam: 17–18)

In der Nacht beschlossen sie, die Früchte sehr früh zu ernten und den Armen und Bedürftigen keinen Anteil daran zu lassen. Nun wollen wir in der Dunkelheit der Nacht einen Blick darauf werfen, was dort geschieht. Nur Dunkelheit. Das Lebensdrama dort ist zum Stillstand gekommen. In der Dunkelheit der Nacht ist plötzlich ein Anzeichen irgendeiner Bewegung wahrzunehmen, doch sie ist formlos – irgendein körperloses Wesen.

(Arabisch*************)

Daraufhin kam über den Garten ein Unheil vonseiten deines Herrn, während sie schliefen. Bis zum Morgen war alles darin zu verstreutem Stroh und Reisig geworden.

All dies geschah, ohne dass sie davon wussten. Als der Morgen anbrach, riefen sie einander zu: »Kommt, lasst uns die Früchte ernten gehen!« Doch sie wussten nicht einmal, welch verheerendes Unheil in der Dunkelheit der Nacht über ihren Garten hereingebrochen war.

(Arabisch********)

Am Morgen riefen sie einander zu: Wenn wir die Früchte sammeln wollen, lasst uns schnell in den Garten gehen. Dann machten sie sich auf den Weg und flüsterten dabei miteinander: Heute darf kein Bedürftiger den Garten betreten. (Sure al-Qalam: 21–24)

Nun sollten die Zuschauer eine Weile schweigen. Niemand soll sagen, was in ihrem Garten geschehen ist. Und es wäre auch nicht angebracht, dass jemand angesichts dieses Spottes lauthals zu lachen beginnt. Zuschauer, wartet ein wenig und seht, welch große Täuschung auf sie wartet. Sie flüstern miteinander, damit kein Bedürftiger durch das Gespräch davon erfährt. Zuschauer! Wie lange wollt ihr noch euer Lachen unterdrücken? Nun lacht. Lacht aus vollem Herzen. Mit ihnen geschieht gerade ein großer Spott:

(Arabisch***************)

Sie gingen vor lauter Freude hüpfend weiter.

Zweifellos sind sie fähig, andere zu berauben, aber sie sind nicht fähig, sich selbst vor der Beraubung zu schützen.

Plötzlich schrien sie auf, als sie den verwüsteten Zustand des Gartens sahen. Angesichts dieses Anblicks dürfen die Zuschauer nach Herzenslust lachen.

(Arabisch**********)

Als sie ihren Garten sahen, sagten sie: Wir haben gewiss den Weg zu unserem Garten verfehlt und sind anderswohin gegangen.

Beim Anblick des Zustands des Gartens konnten sie es nicht glauben und sagten:

Das ist doch nicht unser Garten, der voller Früchte war. Wir müssen den Weg verfehlt haben und an einen anderen Ort gelangt sein.

(Arabisch***********)

Oder unser Schicksal ist besiegelt. (Sure al-Qalam: 27)

(Arabisch*********)

Der Beste unter ihnen sagte: Habe ich euch nicht gesagt: Warum preist ihr Allah, den Erhabenen, nicht weiterhin? Sie sagten: Wir verkünden die Heiligkeit unseres Herrn. Wahrlich, wir haben Unrecht getan. (Sure al-Qalam: 28–29)

Doch was nützt es, nach dem Verstreichen der Zeit Reue zu empfinden? Es ist eine Gepflogenheit: Wenn sich ein Unglück ereignet, geraten die Betroffenen untereinander in Streit und versuchen, einander die Schuld zu geben. Ebenso begannen auch sie damit.

(Arabisch*********)

Darauf begannen sie, einander Vorwürfe zu machen. (Spalte: 30)

Dann gelangten sie zu einer Entscheidung.

(Arabisch***********)

Sie sagten: „Wehe uns! Wir waren wahrlich Übertreter. Vielleicht wird unser Herr uns zum Ersatz einen besseren Garten geben. Auf unseren Herrn hoffen wir.“ (Sure al-Qalam: 21–22)

2. Die Geschichte des Besitzers der beiden Gärten

Nun werde ich euch die Geschichte eines weiteren Gartenbesitzers erzählen. Doch sein Garten war nicht einer, sondern zwei. Und diese Gärten standen dem Garten, von dessen Geschichte ihr gehört habt, in nichts nach. In dieses Geschehen ist noch ein anderer Mann einbezogen. Er besitzt jedoch keinen Garten, sondern ein Herz, das im Licht des Glaubens erstrahlt. Beide legten offen dar, was sie in ihrem Inneren empfanden. Der Besitzer der beiden Gärten wird dabei zum Sinnbild jenes Menschen gemacht, der, vom Zauber seines Reichtums geblendet und dem Hochmut verfallen, jene Macht vergisst, in deren Hand sein Leben, sein Tod und sein gesamter Besitz liegen. Der Grund dafür ist, dass er gegenwärtig über große Pracht, großen Reichtum und beträchtliche Kraft verfügt. Sein Gefährte hingegen erinnert sich stets an Allah, bittet Ihn allein um Hilfe und Unterstützung und hält sich unter allen Umständen von Unglauben und Verderben fern.

(Arabisch**********)

Erzähle ihnen die Geschichte von zwei Männern. Dem einen von ihnen gab Ich zwei Weingärten, die von Dattelpalmen umgeben waren, und zwischen den beiden Gärten legte Ich ein Getreidefeld an. Beide Gärten trugen Früchte; an ihnen fehlte nicht das Geringste, und zwischen ihnen ließen Wir Bäche fließen. (Sure al-Kahf: 32–36)

Aus diesem Vers treten zwei Szenen der Gärten hervor, die reich an Wasser und Früchten sowie grün und üppig waren. Dies ist die erste Szene. Die zweite lautet:

(Arabisch**********)

Er erntete ihre Früchte. Eines Tages sagte er dann im Verlauf des Gesprächs zu seinem Gefährten: „Ich glaube nicht, dass dieser Garten jemals zugrunde gehen wird. Und ich glaube nicht, dass die Stunde eintreten wird. Und wenn ich jemals zu meinem Herrn zurückgebracht werde, werde ich dort gewiss etwas Besseres als diesen Garten finden.“ (Sure al-Kahf: 34)

Aus ihrem Gespräch wird deutlich, dass die beiden damals gemeinsam auf diesen Garten zugingen und sich unterhielten. Sie waren in die Nähe des Gartens gelangt. Denn gleich danach heißt es:

(Arabisch***********)

Während er sich selbst Unrecht zufügte, betrat er seinen Garten. Er sagte:

„Ich glaube nicht, dass dieser Garten jemals zugrunde gehen wird. Und ich glaube nicht, dass die Stunde eintreten wird. Und wenn ich jemals zu meinem Herrn zurückgebracht werde, werde ich dort gewiss etwas Besseres als diesen Garten finden.“ (Sure al-Kahf: 35–36)

Wir sehen, dass dieser Mann den äußersten Grad an Hochmut und Überheblichkeit erreicht hatte. Überlegen Sie, welche Wirkung seine Worte auf seinen armen Gefährten gehabt haben müssen. Dieser besaß keinen Garten und auch keinen Überfluss an Reichtum und Besitz. Er hatte nicht einmal zwei Männer, die für ihn den Stock erhoben hätten. Zwar besaß er sonst nichts, doch er verfügte über den Reichtum des Glaubens; deshalb hielt er sich nicht für gering. Die Ehre und Würde seines Herrn hatte er niemals vergessen. Daher erinnerte er den Besitzer des Gartens daran: Denk darüber nach, aus welch minderwertigem Stoff du erschaffen wurdest. Es steht dir also nicht an, stolz zu sein.“

(Arabisch***********)

Sein Gefährte sagte zu ihm: „Leugnest du etwa Denjenigen, der dich aus Erde erschaffen, dann aus einem Samentropfen und dich danach zu einem vollständigen Menschen gestaltet hat? Ich aber sage nur: Allah ist mein Herr, und ich werde neben Ihm keinen anderen als meinen Herrn anerkennen. Wenn du mich an Besitz und Gefolgschaft für geringer hältst als dich selbst, warum hast du beim Betreten deines Gartens nicht gesagt: Mā schāʾ Allāh, lā quwwata illā billāh (Was Allah will, geschieht; es gibt keine Kraft außer durch Allah)? Ich hoffe, dass mein Herr mir etwas Besseres als deinen Garten geben und Feuer vom Himmel auf deinen Garten herabsenden wird, sodass er am Morgen zu einer kahlen Fläche geworden sein wird. Oder sein Wasser wird am Morgen versickert sein, und du wirst es nicht mehr finden können. (Sure al-Kahf: 38–41)

Hier endet die Szene der beiden Gefährten. Der eine von ihnen gibt sich wie ein Hahn mit erhobenem Hals großspurig. Vor Stolz über seine Gärten wollen seine Füße den Boden kaum noch berühren. Der andere hingegen ist ein gläubiger Mann; den Glauben hält er für seinen größten Reichtum. Er ermahnt seinen Gefährten und sagt ihm, was er angesichts des Genusses all dieser Gnaden tun sollte. Offenbar hatte sein Gefährte auf diese Worte keinerlei Acht gegeben. Dass der andere Gefährte angesichts der Überheblichkeit seines Gefährten zornig wurde, ist nur natürlich. Schließlich sprach er aus Kummer sogar ein Bittgebet gegen ihn, und im Zorn trennten sie sich voneinander. Nun wollen wir sehen, was danach geschah. Es wird berichtet:

(Arabisch***********)

Danach wurden alle seine Früchte vernichtet, und am Morgen begann er, sich wegen dessen, was er dafür ausgegeben hatte, reuevoll die Hände zu ringen. Der Garten war vollständig verbrannt. Er sagte: „Wehe mir! Hätte ich doch niemanden meinem Herrn beigesellt.“ (Sure al-Kahf: 42)

In Wahrheit hatte Allah das Bittgebet dieses gläubigen Mannes erhört. Wir haben das Elend und die Reue des Gefährten jenes gläubigen Mannes gesehen. Was nützen Bedauern oder Reue noch, nachdem der Garten zugrunde gegangen ist? Er brachte sein Bedauern darüber zum Ausdruck, dass er Allah einen anderen beigesellt hatte. Lassen wir diese Szene des Kummers und des Istighfār enden. Der Vorhang fällt, und die Szene ist beendet.

Darstellung der tatsächlichen Ereignisse

Bis hierher haben wir die Darstellung sinnbildlicher Ereignisse vorgelegt. Nun werden wir einige tatsächliche Ereignisse erörtern.

1. Abraham (a.s.) und Ismael (a.s.): Nun werden wir die Geschichte Abrahams (a.s.) bildhaft darstellen. Als er gemeinsam mit seinem Sohn Ismael (a.s.) das Haus der Kaaba errichtete. Es scheint, als liege dieses Ereignis nicht Hunderte von Jahren zurück; vielmehr sehen wir gerade jetzt, wie Vater und Sohn das Haus der Kaaba erbauen und ihr Gebet sprechen.

(Arabisch***********)

Gedenke, als Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses der Kaaba errichteten und dabei beteten: „Unser Herr, nimm unseren Dienst an! Wahrlich, Du bist der Allhörende, der Allwissende. Unser Herr, mache uns beide Dir ergeben und erwecke aus unserer Nachkommenschaft eine Dir ergebene Gemeinschaft. Zeige uns die Riten der Pilgerfahrt und vergib uns. Wahrlich, Du bist der Reue-Annehmende, der Barmherzige. Unser Herr, sende unter ihnen einen Gesandten aus ihrer Mitte, der ihnen Deine Verse vorträgt, sie das Buch und die Weisheit lehrt und sie läutert. Wahrlich, Du bist der Allmächtige, der Allweise.“

Das Gebet ist beendet, und der Vorhang fällt über der Szene.

Die Rückkehr vom Bericht zur Gebetsform ist ein äußerst erstaunlicher Wechsel. Tatsächlich ist es gerade dieser Wechsel, der die gesamte Szene lebendig gemacht und vor unseren Augen erscheinen lässt. Der Bericht lautet:

(Arabisch*********)

Als Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses Allahs emporhoben.

Die Rückkehr vom Bericht zur Gebetsform ist ein äußerst erstaunlicher Wechsel. Tatsächlich ist es gerade dieser Wechsel, der die gesamte Szene lebendig gemacht und vor unseren Augen erscheinen lässt. Der Bericht lautet:

(Arabisch***********)

Als Ibrahim und Ismail die Grundmauern des Hauses Allahs emporzogen.

Infolge dieser Mitteilung hebt sich der Vorhang. Die Bühne, das heißt das Haus der Kaaba, tritt vor den Augen hervor: Ibrahim und Ismail (a.s.). Vater und Sohn sind beide in ein langes Bittgebet vertieft.

Die künstlerische Schönheit und das Wunderbare an dieser Stelle bestehen darin, dass die Darstellung des Geschehens unmittelbar mit einem Übergang zum Bittgebet beginnt. Kein einziges Wort deutet hier darauf hin, dass Vater und Sohn ihre Bauarbeit für einen Augenblick unterbrachen, um dieses Bittgebet zu sprechen. Nimmt man an, dass das Geschehen noch andauert und nicht beendet ist, so steigert sich sein Wundercharakter noch mehr. Hätte man so begonnen: „Als Ibrahim und Ismail die Wände des Hauses der Kaaba errichteten, sprachen sie dieses Bittgebet“, so hätte eine solche Formulierung keinen Überraschungseffekt gehabt. Es wäre als gewöhnliches, alltägliches Geschehen erschienen. Doch die Art und Weise, in der es im Koran dargestellt wird, ist nicht bloß ein Ereignis. Es ist eine lebendige und fortdauernde Szene; es scheint, als werde sie noch heute auf der Bühne aufgeführt. Nicht einen Augenblick lang ist die Bühne leer. Die ganze Szene wird in Bewegung gesetzt und zieht vor unseren Augen vorüber. Der Lebenspuls, der in diesem Bild erzeugt wurde, ist allein dadurch möglich geworden, dass ein einziges Wort – „sie beteten“ (*** ) – planmäßig ausgelassen wurde. Genau hierin liegt die Besonderheit des Korans.

2. Die Überschwemmung von Hazrat Nuh (a.s.): Nun wollen wir das Bild der Überschwemmung von Hazrat Nuh (a.s.) vor Augen führen. Dort heißt es:

(Arabisch***********)

Und die Arche trug sie dahin, mitten in Wellen, die Bergen glichen. (Sure Hud: 42)

In diesem gefährlichen Augenblick erwacht Hazrat Nuhs (a.s.) Vaterliebe, und er ist zutiefst erschüttert. Denn sein Sohn leugnet nun alles. Klar sieht er voraus, dass auch sein Sohn zusammen mit den Ungläubigen ein nasses Grab finden wird. Nuh (a.s.) erliegt menschlicher Schwäche. Der Mensch in Nuh (a.s.) gewinnt Vorrang vor dem Propheten. Da rief er seinen Sohn mit größtem Flehen und Bitten.

(Arabisch***********)

Und Noah rief seinen Sohn, der sich abseits hielt. Er sagte: „Mein Sohn! Komm mit uns an Bord und bleibe nicht bei den Ungläubigen.“ (Sure Hūd: 42)

Doch der widerspenstige Sohn schenkte den hundert flehentlichen Bitten seines Vaters keinerlei Beachtung. Er war vom Stolz auf seine Jugend, seine Kraft und seine Fähigkeiten aufgebläht.

(Arabisch***********)

Er sagte: „Ich werde bald auf einem Berg Zuflucht suchen, der mich vor dem Wasser schützen wird.“ (Sure Hūd: 43)

Der Vater rief verzweifelt ein letztes Mal:

(Arabisch***********)

Noah sagte: „Heute gibt es keinen Beschützer vor Allahs Befehl, außer dem, dessen Er sich erbarmt.“ (Sure Hūd: 43)

Dann kam eine Welle und riss alles mit sich fort.

(Arabisch***********)

Da stellte sich eine Welle zwischen die beiden, und so ertrank er. (Sure Hūd: 43)

Was für eine erschütternde Szene! Vor Angst stockt den Zuhörern der Atem. Das Schiff fährt zwischen berghohen Wellen. Der ehrenwerte Noah (a. s.) ruft voller Sorge seinen Sohn. Doch der Sohn weist diesen Ruf zurück und prahlt mit seiner Kraft und Stärke. Während dieses Gespräch noch andauert, kommt plötzlich eine Welle und reißt alles mit sich fort. Beim Anblick dieser Szene entsteht im Menschen derselbe Zustand, der zwischen Vater und Sohn, nämlich Noah (a. s.) und seinem Sohn, entstanden war. Und nicht nur der Mensch, auch jedes andere Lebewesen bleibt davon nicht unberührt und ungerührt.

Die Darstellung des Jüngsten Tages

Nun werden wir zunächst die Szenen des Jüngsten Tages schildern und anschließend die im edlen Koran dargestellten Bilder von Glückseligkeit und Strafe beleuchten. Denn ihre Beziehung zur künstlerischen Darstellung ist äußerst tiefgreifend.

1. Bei der Darstellung des Jüngsten Tages spricht Allah, der Herr der Welten:

(Arabisch***********)

Am Tag, da der Rufer zu etwas Unliebsamem ruft, werden sie mit gesenkten Blicken aus den Gräbern hervorkommen, wie verstreute Heuschrecken. Sie werden zum Rufer hin eilen. Die Ungläubigen werden sagen: „Das ist ein schwerer Tag.“ (Sure al-Qamar: 6–8)

Dies ist eine der Szenen des Jüngsten Tages. Sie ist zwar kurz, doch stark genug, um das Herz zu erschüttern. Wie wunderbar wird das Bild durch den Vergleich mit Heuschrecken dargestellt! Wenn Heuschrecken fliegen, wirken sie zerstreut und ungeordnet. Ebenso werden die Menschen, wenn sie aus den Gräbern auferstehen und zum Rufer eilen, orientierungslos in alle Richtungen laufen. Es wird wirken, als flögen verstreute Heuschrecken umher. Doch sie werden nicht wissen, wohin oder warum sie gehen. Sie werden zu etwas Unliebsamem gerufen. Ihre Blicke werden gesenkt sein. Dies ist das letzte Merkmal, durch das das Bild seine Vollendung erreicht.

Angesichts der sie umgebenden Zustände werden die Ungläubigen sagen: „Das ist wahrlich ein überaus schwerer Tag.“ Mit kurzen Sätzen wird das gesamte Bild auf wunderbare Weise vor Augen geführt. Vor dem inneren Auge des Zuhörers erscheint ein gewaltiges Feld; es scheint, als würden alle zugleich aus den Gräbern hervorkommen und davonlaufen. Alle haben den Kopf gesenkt. Ihre Gesichter sind vor Angst verstört. Es ist wie ein lebendiges und sich bewegendes Bild.

2. Dies ist die zweite unter den Szenen des Jüngsten Tages. Diese Szene schildert sowohl, wie die Menschen fliehen, als auch ihren Zustand voller Angst und Bestürzung. Doch sie ist noch erbarmungswürdiger und furchterregender als die vorherige Szene.

(Arabisch***********)

Meint nicht, Allah sei dessen, was die Ungerechten tun, jemals unachtsam. Er gewährt ihnen nur Aufschub bis zu dem Tag, an dem die Augen vor Entsetzen starr hervorquellen werden. Die Menschen werden atemlos und völlig verängstigt dahineilen (zum Ort der Versammlung). Ihre Blicke werden nicht zu ihnen zurückkehren, und ihre Herzen werden vor Angst davonfliegen. (Sure Ibrahim: 42–43)

Hier werden vier Zustände genannt, die nacheinander eintreten werden. Es sind vier Szenen desselben Geschehens, die nacheinander vorgeführt werden. Von Angst, Scham und Erniedrigung gesenkte Häupter. Darüber hinaus werden Herz und Seele von Sorge, Angst und quälender Furcht erfüllt. Dieses Bild wird den Lebenden gezeigt, und auch diejenigen, deren Bild gezeigt wird, sind Menschen. Zwischen den Menschen auf dem Bild und den Zuschauern und Zuhörern besteht eine enge gemeinsame menschliche Verbundenheit. Selbst ihre Empfindungen sind ein und dieselben. Es scheint, als würden sich die Sorge und Beklemmung der einen Gruppe auf die andere übertragen und deren Herzen und Verstand erfüllen. Der Leser hat den Eindruck, dass dieser Zustand gerade über ihn selbst hereinbricht.

3. Danach wird ein weiteres Bild von Angst und Schrecken entworfen. Dieses Bild ist noch furchterregender als das vorherige. Die Worte scheinen nicht in der Lage zu sein, diesen schrecklichen Zustand vollständig zu beschreiben. Wir haben dieses grauenvolle Bild vor Augen geführt, damit es seinen eigenen Zustand selbst zum Ausdruck bringen kann.

(Arabisch***********)

O ihr Menschen, fürchtet euren Herrn. Wahrlich, das Beben der Auferstehung ist eine gewaltige Sache. An dem Tag, an dem ihr es erleben werdet, wird jede Stillende ihr gestilltes Kind zurücklassen und davonlaufen. Aus Furcht wird jede Schwangere eine Fehlgeburt erleiden. Du wirst die Menschen wie Betrunkene sehen, obwohl sie nicht berauscht sein werden. Die Strafe Allahs wird überaus schrecklich sein. (Sure al-Haddsch: 1–2)

Dieses Grauen wird die Menschen derart verstören, dass eine stillende Mutter sogar ihr gestilltes Kind vergessen wird. Die Schwangere wird alles wahrnehmen, doch niemand wird auf sie achten. Sie wird zwar umherlaufen, aber nicht einmal das Gefühl haben, dass sie umherläuft. Daher wird sie aus Furcht und Schrecken eine Fehlgeburt erleiden. Die Menschen werden zwar zu laufen beginnen, doch es wird ihnen vorkommen, als klebten ihre Füße am Boden. Sie werden sehen, wie sich alles ereignet, doch es wird sich so schnell ereignen, dass sie nichts begreifen können. Verstand und Einsicht werden ihnen schwinden. Beim Anblick wird es scheinen, als seien sie betrunken. Doch sie werden nicht berauscht sein; vielmehr werden sie sich so verhalten, weil sie nicht wissen, was sie tun sollen. Dies sind nur die geringsten Auswirkungen der Strafe Allahs. Es wird scheinen, als sähen die Menschen all dies unmittelbar vor ihren Augen geschehen. Ihr Verstand wird versuchen, es zu erfassen, doch das furchtbare Grauen lässt sie alles vergessen. Daher kann es sich in ihrer inneren Welt nicht dauerhaft festsetzen.

4 Zuvor wurden drei erschreckende Szenen der Auferstehung geschildert, deren Bild lebendig vor den Augen erscheint. Doch es gibt auch Szenen, die lediglich die Gefühle erschüttern:

(Arabisch***********)

An jenem Tag wird jeder nur eine Sorge haben, die ihn völlig in Anspruch nehmen wird.

(Arabisch***********)

An jenem Tag wird selbst ein inniger Freund keinen anderen Freund nach ihm fragen.

Was könnte ein kürzeres und zugleich ergreifenderes Bild von Sorge und Bekümmernis sein als dieses? Im Herzen findet sich kein Raum für etwas anderes als Sorge und Bekümmernis. Die Bekümmernis nimmt Herz und Verstand so vollständig in Beschlag, dass man keine Gelegenheit mehr findet, an etwas anderes zu denken.

5. Eine weitere Darstellung des Eintretens der Auferstehung und der Versammlung der aus den Gräbern Auferstandenen auf dem Feld der Versammlung. Diese Darstellungen sind etwas ausführlicher. Dennoch ist zwischen den einzelnen Szenen jeweils eine kurze Pause wahrzunehmen.

(Arabisch***********)

Sie warten nur auf einen einzigen furchtbaren Schrei, der sie treffen wird, während sie miteinander streiten. Dann werden sie weder imstande sein, ein Vermächtnis zu hinterlassen, noch werden sie zu ihren Familien zurückkehren können. (Sure Yasin: 49–50)

Hier ist vom ersten Posaunenstoß die Rede. Mit dem ersten Schall wird das Unheil beginnen. Es wird sich so schnell ereignen, dass sie nicht einmal Zeit haben werden, ein Vermächtnis zu hinterlassen. Die Bewohner der Gräber werden sich aus ihren Gräbern erheben. Was wird dann geschehen? Es wird gesagt:

(Arabisch***********)

Es wird in die Posaune geblasen, und sogleich werden sie sich aus den Gräbern erheben und zu ihrem Herrn eilen. Sie werden sagen: „Ach, weh uns! Wer hat uns aus unserem Schlaf erweckt?“ Der Allerbarmer Allah hatte dies doch versprochen, und die Gesandten haben die Wahrheit gesprochen. (Yasin: 51–52)

Hier ist vom zweiten Posaunenstoß die Rede. Beim ersten Posaunenstoß wird alles zerstört werden. Nach dem zweiten Posaunenstoß werden sich alle verwirrt und bestürzt aus den Gräbern erheben. Erstaunt werden sie (die Gläubigen) einander fragen: „Wer hat uns aus einem solchen beglückenden Schlaf erweckt?“ Dann werden sie angesichts der Umgebung und der Situation selbst zu dem Schluss kommen und sagen: „Das Versprechen, das der barmherzige Herr uns gegeben hatte, und die Nachricht, die die Propheten und Gesandten uns überbracht hatten, ist heute wahr geworden.“

(Arabisch***********)

Dies wird ein gewaltiger Schrei sein. In diesem Augenblick werden sie allesamt vor Mir vorgeführt. An jenem Tag wird niemandem Unrecht getan; vielmehr wird euch nur das vergolten, was ihr tut. (Yā-Sīn: 53–54)

Dies ist der letzte Posaunenstoß, durch den die Menschen gleichsam vor Allah stehen. An jenem Tag werden die Menschen entsprechend ihren Taten dort versammelt werden. Damit endet diese Szene zunächst.

Wer nun den Qur’an rezitiert, wird selbst all diese Bilder vor Augen haben. Es wird ihm so vorkommen, als würde direkt zu ihm gesagt: „An jenem Tag wird niemandem Unrecht getan; euch wird nur das vergolten, was ihr tut.“

6. Wenn am Tag der Auferstehung alle Menschen versammelt sein und vor Allah Rechenschaft ablegen werden, sehen wir eine Gruppe, deren Angehörige auf der Erde Nachbarn gewesen waren, aber kein gutes Verhältnis zueinander hatten. Sie waren von Hochmut und Überheblichkeit erfüllt. Sie bezeichneten ihren Nachbarn als irregeleitet und fügten vielen der Gläubigen unter ihnen Leid zu. Wenn die Gläubigen den Anspruch erhoben, ins Paradies zu gelangen, begann man, sie zu verspotten und zu verhöhnen. An jenem Tag werden sie gruppenweise in die Hölle geführt. Sobald eine Gruppe eintritt, wird ihr vom Eintreten einer anderen Gruppe berichtet.

(Arabisch***********)

Hier ist eine Gruppe, die mit euch eintritt. (Sūrat Ṣād: 59)

Als Antwort wird gesagt: (Arabisch***********)

Für sie gibt es keinen Willkommensgruß; sie werden in die Hölle eintreten. (Sure Sad: 59)

Wird derjenige, den er zu quälen pflegte, dies hören und schweigen? Sicherlich nicht. Er wird dann sagen:

(Arabisch***********)

Sie werden sagen: Auch für euch gibt es keinen Willkommensgruß. Ihr habt uns doch diesem Unglück ausgesetzt. Welch abscheuliche Wohnstätte! (Sure Sad: 60)

Dann werden sie einstimmig ausrufen:(Arabisch***********)

Sie werden sagen: O unser Herr! Lass denjenigen, der uns dem ausgesetzt hat, die doppelte Strafe erleiden. (Sure Sad: 61)

Was wird dann geschehen? Sie werden dort die Gläubigen nicht sehen können, die sie auf der Erde verspottet und an denen sie ihren inneren Ärger ausgelassen hatten. Wie kommt es, dass sie heute nicht mit ihnen in der Hölle sind?

(Arabisch***********)

Und sie werden sagen: Was ist mit uns geschehen, dass wir diejenigen, die wir für schlecht hielten, nicht sehen? Haben wir sie etwa grundlos zum Gegenstand des Spottes gemacht, oder sehen unsere Augen falsch? Darüber werden die Bewohner der Hölle gewiss miteinander streiten. (Sure Sad: 62–64)

Der Streit und die Auseinandersetzung der Höllenbewohner werden uns so vor Augen geführt, als würden wir alle sie unmittelbar miterleben. Jeder Mensch meint, dass hier sein eigenes Bild dargestellt wird. Daher bemüht er sich, diesem elenden Zustand zu entkommen. Durch diese Bemühung könnte es vielleicht möglich sein, diesem Zustand zu entkommen.

Szenen des Friedens und der Strafe

In der bisherigen Erörterung haben wir die Szenen des Grabes, des Jüngsten Tages, der Auferstehung und der Versammlung am Tag des Gerichts betrachtet. Nun werden wir einige Szenen des Friedens und der Strafe im Paradies und in der Hölle unmittelbar betrachten.

1. Über die Bewohner der Hölle wird gesagt:

(Arabisch************)

Die Ungläubigen werden in Gruppen zur Hölle getrieben. Wenn sie dort eintreffen, werden ihre Tore geöffnet, und die Wärter der Hölle werden zu ihnen sagen: Sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch die Verse eures Herrn vortrugen und euch vor der Begegnung mit diesem Tag warnten? Sie werden sagen: Ja. Doch das Strafurteil gegen die Ungläubigen ist bereits fällig geworden. Dann wird gesagt werden: Tretet durch die Tore der Hölle ein, für immer. Wie übel ist doch die Wohnstätte der Hochmütigen.

Über die Bewohner des Paradieses wird gesagt:

(Arabisch**********)

Diejenigen, die ihren Herrn fürchteten, werden in Gruppen zum Paradies geführt. Wenn sie durch dessen geöffnete Tore eintreten, werden die Torwächter des Paradieses zu ihnen sagen: „Friede sei mit euch! Seid glücklich und tretet für immer in dieses Paradies ein.“ Sie werden sagen: „Alles Lob gebührt Allah, der Sein Versprechen uns gegenüber erfüllt und uns zu Erben dieses Ortes gemacht hat. Wir werden uns im Paradies dort niederlassen, wo immer wir wollen.“ (Seht,) wie vortrefflich ist doch der Lohn derjenigen, die sich abgemüht haben! (Sure az-Zumar: 73–64)

Mit dem folgenden Vers wird der Vorhang über diese Szene gezogen:

(Arabisch*************)

Du siehst die Engel, wie sie den Thron umringen und die Heiligkeit ihres Herrn verkünden. Zwischen ihnen allen wird nach Gerechtigkeit entschieden. Und es wird gesagt werden: „Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten.“

Diese Bilder sind so anschaulich, dass sie keiner gesonderten Erklärung bedürfen. Doch kommen wir, indem wir den Höllenbewohnern und den Paradiesbewohnern folgen, um etwas über ihren Zustand zu erfahren.

2. Über die Höllenbewohner wird gesagt:

(Arabisch***********)

Wahrlich, der Zaqqum-Baum wird die Nahrung der Sünder sein. Er wird in ihren Bäuchen wie geschmolzenes Kupfer brodeln, so wie Wasser kocht. (Es wird gesagt werden:) „Ergreift ihn und zieht ihn in die Hölle und gießt über seinen Kopf die Strafe kochend heißen Wassers.“ (Weiter wird gesagt werden:) „Koste! Du warst doch mächtig und edel. Darüber warst du im Zweifel.“

Unmittelbar danach werden die Worte über die Paradiesbewohner so wiedergegeben:

(Arabisch*************)

Wahrlich, die Gottesfürchtigen werden sich an einem sicheren Ort befinden, inmitten von Quellen und Gärten. Sie werden feine und grobe Seidengewänder tragen und einander gegenübersitzen. So wird es sein. Und Wir werden sie mit schönäugigen Huris vermählen. Dort werden sie in aller Ruhe verschiedene Früchte verlangen. Dort werden sie keinen Tod kosten, außer dem ersten Tod, und sie werden vor der Strafe der Hölle bewahrt werden. (Sure ad-Duchan: 51–56)

3. Wir haben die Szenen der Auferstehung an einer Stelle beendet, an der zwei gegensätzliche Bilder standen. Auch hier finden sich einige weitere Bilder dieser Art:

(Arabisch************)

Die Bewohner des Paradieses werden den Bewohnern der Hölle zurufen: Wir haben wahr gefunden, was unser Herr uns versprochen hatte. Habt auch ihr das Versprechen eures Herrn als wahr befunden? Sie werden sagen: Ja. Daraufhin wird ein Rufer zwischen beiden stehen und verkünden: Allahs Fluch liegt auf den Ungerechten, die vom Weg Allahs abhielten und darin nach Abweichung suchten. Sie waren auch gegenüber dem Jenseits ungläubig.

(Arabisch***********)

Zwischen beiden wird eine Mauer sein, und auf den Höhen werden sich viele Menschen befinden. Sie werden jeden an seinem Kennzeichen erkennen. Sie werden die Bewohner des Paradieses rufen: „Friede sei mit euch!“ Sie werden noch nicht ins Paradies eingetreten sein, aber sehnsüchtig darauf hoffen. Wenn ihre Blicke auf die Bewohner der Hölle fallen, werden sie sagen: „Unser Herr, stelle uns nicht zu den Ungerechten!“ (Sure al-Aʿrāf: 46–47)

(Arabisch*************)

Die Bewohner der Höhen werden diejenigen, die sie an ihren Kennzeichen erkennen, rufen und sagen: „Eure Anhängerschaft und euer Hochmut haben euch nichts genützt. Sind das etwa jene, von denen ihr eidlich zu behaupten pflegtet, Allah werde ihnen keine Barmherzigkeit erweisen?“ (Es wird gesagt werden:) „Tretet ins Paradies ein! Keine Furcht soll über euch kommen, und ihr werdet nicht traurig sein.“ Die Bewohner der Hölle werden die Bewohner des Paradieses rufen: „Schüttet uns etwas Nahrung und etwas zu trinken herab oder gebt uns etwas von dem Lebensunterhalt, den Allah euch gewährt hat.“ Sie werden antworten: „Allah hat beides für die Ungläubigen verboten.“

In den oben angeführten Zitaten treten zahlreiche Szenen hervor, die eine nach der anderen vor unseren Augen erscheinen.

Beim Lesen dieser Verse scheint es, als stünden wir vor den Bewohnern des Paradieses und der Hölle. Die Bewohner des Paradieses sagen zu den Bewohnern der Hölle: „Wir haben das Versprechen, das unser Herr uns gegeben hatte, als wahr vorgefunden. Habt ihr auch das Versprechen, das Er euch gegeben hatte, als wahr vorgefunden?“ Der Spott, mit dem in dieser Frage die Bewohner der Hölle bedacht werden, ist deutlich. Das Erstaunliche aber ist, dass sie es nicht leugnen können; vielmehr sind sie gezwungen, es einzugestehen. In diesem Augenblick wird ein Rufer zwischen den beiden Gruppen stehen und ausrufen: „Allahs Fluch liegt auf den Ungerechten!“

Dann treten wir vor die Bewohner der Höhen und sehen, dass sie sich zwischen dem Paradies und der Hölle befinden. Eine Gruppe von Menschen versammelt sich auf einer erhöhten Mauer, von der aus sowohl das Paradies als auch die Hölle zu sehen sind. Sobald sie die Bewohner des Paradieses erblicken, begrüßen sie sie mit dem Friedensgruß und erweisen ihnen Ehre. Wenn ihre Blicke jedoch auf die Bewohner der Hölle fallen, tadeln und schelten sie sie sogleich und sagen zu ihnen: „Ihr habt doch auf der Erde bei Allah geschworen, dass Allah den Bewohnern des Paradieses keine Barmherzigkeit erweisen werde. Seht nur, wo sie heute sind! Sie befinden sich im Paradies in größter Pracht, Ehre und Würde.“

Dann sehen wir, wie die Bewohner der Hölle um Nahrung und Getränke bitten. Allah hat den Bewohnern des Paradieses alle Gnaden gewährt, doch sie weisen sie mit den Worten ab: „Allah hat den Ungläubigen sowohl die Speise als auch das Getränk des Paradieses verboten.“

Dies ist die Szene der Auferstehung, die Szene der Seligkeit und der Bestrafung im Paradies und in der Hölle. Nun stellt sich die Frage: Wenn die Leser diese Verse lesen, meinen sie dann, dass diese Ereignisse erst in der Zukunft geschehen werden? Oder meinen sie, dass die Ereignisse gerade in diesem Augenblick und vor ihren eigenen Augen geschehen?

Bei Allah! Jedes Mal, wenn ich diese Verse gelesen habe, habe ich mich selbst verloren. Ich habe völlig vergessen, dass ich diese Ereignisse im Gewand eines koranischen Themas betrachtete. Vielmehr hatte ich das Gefühl, die gesamten Ereignisse mit eigenen Augen vor mir geschehen zu sehen – ein Bild, das keine Einbildung, sondern Augenzeugenschaft war. Um die Wahrheit zu sagen: Dies ist nichts anderes als eine wunderbare Methode und künstlerische Meisterleistung des Korans.

Ich wollte diese Erörterung hier beenden. Doch Tatsache ist, dass es unter den Zielen und Zwecken, zu denen der Koran herabgesandt wurde, auch eines gibt, das äußerlich eine Ausnahme vom Prinzip der bildhaften Darstellung zu sein scheint. Dieses besteht darin, dass der Koran die Menschen mithilfe von Argumenten und Beweisen zur Religion aufruft.

Dafür kann er die Natur und die Mittel der bildhaften Darstellung beiseitelassen und sich erkenntnismäßiger Mittel bedienen. Doch selbst um dieses Ziel zu erreichen, hat der Koran die Methode der bildhaften Darstellung angewandt. Daraus wird deutlich, dass die Methode der bildhaften Darstellung gegenüber den anderen Methoden des Korans den Vorrang hat. In diesem Kapitel möchte ich genau diesen Aspekt erörtern. Ich werde ihn, so Allah will, kurz und anhand von Beispielen behandeln. Eine ausführliche Erörterung werden Sie gegen Ende des Buches in einem eigenen Kapitel finden.

4. Unter den Naturszenen ist der beständige und immerwährende Anblick der stets sichtbare Himmel. An vielen Stellen lenkt der Koran den Blick des Menschen zum Himmel und sagt: Sieh, dies ist ein gewaltiger Beweis für Allahs Allmacht. So wird gesprochen:

(Arabisch***********)

Er ist Allah, der die Winde sendet, woraufhin sie die Wolken in Bewegung setzen. Dann breitet Er die Wolken, wie Er will, am Himmel aus und lässt sie Schicht über Schicht liegen. Danach siehst du den Regen aus ihnen niedergehen. Er lässt ihn diejenigen unter Seinen Dienern erreichen, die Er will, und da freuen sie sich. Zuvor waren sie völlig verzweifelt, von Anfang an bis zu dem Zeitpunkt, bevor dieser Regen auf sie herabgesandt wurde. So sieh die Wirkung der Barmherzigkeit Allahs: wie Er die tote Erde lebendig macht. Wahrlich, Er wird die Toten wieder zum Leben erwecken und besitzt volle Macht über alle Dinge. (Sure ar-Rūm: 48–50)

Beachten Sie, wie Allahs Allmacht wirkt: Der Wind weht, dann nimmt dieser Wind den Wasserdampf auf, woraufhin er sich in Wolken verwandelt und schließlich Regen aus den Wolken niedergeht. Und dies wird zum Grund der Freude gewöhnlicher Menschen. Das Ziel besteht darin, die tote, ausgetrocknete Erde wieder lebendig und frisch zu machen. Wenn diese Szenen eine nach der anderen vor dem geistigen Auge erscheinen, kann das Unterbewusstsein des Menschen gar nicht anders, als davon beeinflusst zu werden. Schließlich gelangen sie zu der Schlussfolgerung, dass

(Arabisch*********)

Wahrlich, Er ist es, der die Toten lebendig macht und Macht über alle Dinge besitzt.

5. Der Umfang der vierten Szene war weit, während die fünfte Szene mit der Erde verbunden war. Die beiden Szenen sind völlig unterschiedlich. Denken Sie darüber nach:

(Arabisch**********)

Hast du nicht gesehen, dass Allah Wasser vom Himmel herabsendet und es in Quellen durch die Erde fließen lässt? Dann lässt Er durch dieses Wasser Pflanzen in verschiedenen Farben hervorsprießen. Danach verdorren sie, und du siehst sie gelb werden. Danach macht Allah sie zu dürrem Gerümpel. Darin liegt wahrlich eine Ermahnung für die Verständigen. (Az-Zumar: 21)

Dies ist ein Bild der Erde. In diesem Bild werden die verschiedenen Zustände der Erde beschrieben. Jeder Zustand gibt dem Menschen Gelegenheit, ihn mit den Augen zu betrachten und darüber nachzudenken. Sehen Sie: Vom Himmel fällt Regen. Durch diesen Regen wird die Erde mit verschiedenfarbigen Früchten und Pflanzen bedeckt. Dann reifen diese Pflanzen und nehmen eine bräunliche Farbe an. Schließlich werden sie zu dürrem Gerümpel und vermischen sich mit der Erde. In diesem Vers gewährt das Wort (***) (Thumma) durch die Art und den Ort seiner Verwendung den Augen und dem Herzen umfassende Gelegenheit zum Nachdenken, noch bevor der zweite Zustand vor den Augen sichtbar wird. Hier findet sich die Anordnung und Darstellung, die erforderlich ist, um eine Szene vor den Augen der Menschen entstehen zu lassen. (Darüber wird später ausführlicher gesprochen werden – so Allah will.)

6. Manche Bilder sind vollkommen lebendig. Sehen Sie: Der Vogel zieht seine Beine an, fliegt allein auf seinen Flügeln durch die Luft und schwebt umher. Im Augenblick der Landung steht er wiederum auf seinen Beinen. Es wird verkündet:

(Arabisch***********)

Beobachten sie denn nicht die über ihnen fliegenden Vögel, die ihre Flügel ausbreiten und wieder einziehen? Der Allerbarmer allein hält sie in der Luft. Er hat alles im Blick. (Sure al-Mulk: 19)

In diesem Vers werden zwei Szenen dargestellt. Zunächst fliegt der Vogel mit ausgebreiteten Flügeln am Himmel und zieht während des Fliegens seine Beine an. Zweitens streckt er im Augenblick der Landung zuvor beide Beine aus, um sich darauf abzustützen und stehen zu können. Dieses Bild sehen die Menschen ständig, doch nie schenken sie ihm besondere Beachtung. Der Qur’an hat den Menschen mit dem Finger darauf hingewiesen, dass darin ein machtvolles Zeichen Allahs liegt.

7. Auf der Erde spielt sich immer wieder eine weitere Szene ab, doch der Mensch sieht sie nicht mit offenen Augen und empfindet auch nicht das Bedürfnis, sie zu betrachten. Wenn der Mensch über ihr Geheimnis nachdenken würde, würden sich vor ihm neue Horizonte des Geheimnisses eröffnen. Es handelt sich um den Schatten körperlicher Gegenstände, der äußerlich unbeweglich erscheint, sich in Wirklichkeit jedoch auf feine Weise bewegt. Es heißt:

(Arabisch************)

Siehst du nicht, wie dein Herr den Schatten ausbreitet? Wenn Er wollte, könnte Er ihn unbeweglich machen. Danach habe Ich die Sonne zu seinem Hinweis gemacht. Dann ziehe Ich ihn allmählich zu Mir zurück. (Sure al-Furqān: 45–46)

Die beiden erwähnten Verse versetzen die Gedankenwelt des Menschen in Bewegung. Sie ziehen Herz und Verstand an. Auf der Erde gibt es keinen Mangel an solchen Szenen, die uns nicht jeden Augenblick vor Augen treten würden. Doch wenn die Aufmerksamkeit auf ihre innere Bedeutung gelenkt wird, erscheint sie als etwas völlig Neues. Das ist nur möglich, wenn eine Szene zugleich mit den Augen, dem Herzen und dem Verstand wahrgenommen wird.

8. Auf der Erde gibt es viele Dinge, die als lehrreich gelten. Doch was die Empfindungen des Menschen am stärksten bewegt, sind die Überreste eines Volkes. Das Auge nimmt sie äußerlich wahr, während das innere Auge sie eingehend betrachtet. Daher lenkt der Qur’an die Aufmerksamkeit der Menschen auf diese empfindliche Seite, um ihre Gedanken und ihr Bewusstsein hinsichtlich des Schicksals der Übeltäter zu beeinflussen. Es heißt:

(Arabisch**********)

Sind sie nicht auf der Erde umhergereist und haben gesehen, wie das Ende derer war, die vor ihnen lebten? Sie waren stärker als sie, bestellten das Land und brachten mehr Ernte hervor als sie. Zu ihnen kamen die Gesandten mit klaren Zeichen. Allah war gewiss nicht ungerecht gegen sie, vielmehr waren sie selbst gegen sich ungerecht. (ar-Rūm: 9)

Die vorangegangene Erörterung beweist, dass der Koran die Methode der Darstellung und Veranschaulichung als einen Stil übernommen hat. Deshalb kommt dieser Darstellungsweise eine grundlegende Bedeutung zu. Sie steht mit dem gesamten Inhalt und den Zielen in Verbindung. Sie ist ein unverzichtbares Merkmal des Korans, das die Koranexperten in jeder Zeile des Korans vorfinden.

Viertes Kapitel

Vorstellung und Darstellung

Wir sagen, dass der Koran seine Aussagen durch Veranschaulichung und Darstellung in seinem eigenen Stil vorgetragen hat. Dies bildet die Grundlage beziehungsweise das Fundament seiner Darstellungsweise. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bedeutung des umfangreichen Inhalts erschöpft sei und wir ihm bereits vollständig gerecht geworden wären. Vielmehr besitzt der Inhalt nach wie vor unabhängig davon seine volle Bedeutung. Auch unter Berücksichtigung dieser Tatsache empfinden wir die Notwendigkeit, ein gesondertes Kapitel zu verfassen.

Man könnte fragen: Auf welcher Grundlage beruhen diese Bilder? Zu Beginn des vorangegangenen Kapitels haben wir diesbezüglich einen Hinweis gegeben. Dort sagten wir, dass diese Methode bisweilen angewandt wurde, um den Blick von der Welt des Denkens auf die reale Welt zu lenken. Das heißt, einen vorgestellten Gegenstand in etwas sinnlich Wahrnehmbares zu verwandeln. Ebenso werden das Wesen des Menschen und auch die Natur in verständlichen Bildern dargestellt. Häufig wird etwas, das Gegenstand des Empfindens ist, in einem vorgestellten Bild zum Ausdruck gebracht. Danach wird in diesem Bild biologische Aktivität erzeugt, um es in Bewegung zu versetzen. Dadurch wird die Welt des Denkens erschüttert. Dann erscheint der übersinnliche Gegenstand vor den Augen als ein lebendiges, sich bewegendes Bild. Dabei kann es sich um das Bild eines Unfalls handeln oder um ein gewöhnliches beziehungsweise ereignishaftes Bild. Wenn man ihm neben Leben und Bewegung auch die Fähigkeit zu sprechen verleiht, sammeln sich darin alle Elemente der Vorstellung, und nichts bleibt mehr übrig. Die zahlreichen Beispiele und Gleichnisse, die ich in der vorangegangenen Erörterung angeführt habe, belegen die Richtigkeit dieser Aussage. Zwar bestand der Zweck ihrer Behandlung in jenem Kapitel darin, eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie der Koran bei der Darlegung seiner Aussagen die Methode der Darstellung anwendet. In diesem Kapitel werden wir uns jedoch nicht mit der Anführung bloß der früheren Gleichnisse begnügen. Denn der Koran liegt uns vor und ist voller neuer Beispiele und Gleichnisse. Daraus werden wir einige Gleichnisse auswählen, die auf ein bestimmtes Thema vollständig hinweisen; sie werden sich mit den Regeln und Prinzipien der Darstellung von Vorstellung und Empfindung befassen.

Takhīl oder Vorstellung

Unter den koranischen Bildern gibt es nur wenige, die in einem stummen und unbewegten Zustand vor uns treten. In den meisten Bildern finden sich offenbare und verborgene Impulse. Diese Impulse erwecken den Pulsschlag des Lebens und lassen das Bild sich bewegen. Man muss sich vor Augen halten, dass die Erschütterung des Denkens nicht nur in einigen Unfallbildern, den Szenen der Auferstehung oder den Szenen von Frieden und Strafe vorkommt, sondern auch an Stellen zu finden ist, an denen man sie nicht erwarten würde.

Wir wollen darlegen, welcher Art und welchem Wesen diese Erschütterung ist. Es sei darauf hingewiesen, dass sichtbare Gegenstände gerade aufgrund dieser Art von Lebensimpuls lebendig erscheinen. Auch das Leben, das dem Menschen verborgen ist, liegt außerhalb dieses Impulses nicht. Diesen Impuls werden wir als „Takhīl ḥissī“ oder vorgestellte Empfindung bezeichnen. In jedem Bild des Korans ist dieser Impuls vorhanden. Dieser Lebenspuls ist in jedem Bild so gegenwärtig, wie sich die verschiedenen Formen und Erscheinungsweisen des Lebens darin erkennen lassen.

Tajsim oder Verkörperung

Im Zusammenhang mit der bildlichen Darstellung im Koran findet sich ein weiterer Aspekt, der als Grundlage des Tajsim, der Verkörperung, angesehen werden kann. Auf diesem Gebiet ist der Koran sehr weit gegangen. Selbst Dinge, die von seinem eigentlichen Bereich getrennt gehalten werden müssten, stellt der Islam ausdrücklich und offen dar. Bisweilen werden auch sie in körperlicher Gestalt dargestellt, etwa das Wesen und die Eigenschaften Allahs. Daraus ergibt sich unzweifelhaft, dass der Koran dem Stil der Verkörperung gegenüber anderen Methoden den Vorzug gibt. Zugleich wird jedoch davor gewarnt, dass die Methode der Verkörperung bisweilen gefährliche Folgen nach sich zieht. Im Folgenden werde ich versuchen, dies anhand von Beispielen zu verdeutlichen.

Personifizierung: 1. Eine Art der Vorstellung können wir Taschchis oder Personifizierung nennen. Taschchis bedeutet, einem Ding, das ohne Leben ist, Leben zu verleihen. So werden beispielsweise Naturszenen oder andere leblose Gegenstände in einer lebendig verständlichen Gestalt dargestellt. Oft wird dieses Leben vervollkommnet und die Sache dem Menschen ähnlich gemacht. Dabei werden sogar äußere Mittel und Empfindungen einbezogen. Leblosen Dingen werden menschliches Interesse, Antrieb und Lebhaftigkeit verliehen. Dadurch treten sie dem Menschen nahe und treten mit ihm in Wechselwirkung. Sie erscheinen vor ihm in verschiedenen Farben und Gewändern. So wird der Mensch gezwungen, sie für lebendig zu halten. Es scheint, als sähe er sie mit eigenen Augen und empfände sie mit seinen Sinnen. Angesichts ihrer feinen Empfindungen und ihrer Aktivität gerät der Mensch sogar in Furcht und Verwirrung. So wird in einem Vers der Morgen als lebendig vorgestellt und davon gesprochen, dass er Atem holt.(Arabisch****)– Bei dem Morgen, wenn er Atem holt. (At-Takwir: 18)

Beim Lesen dieses Verses entsteht der Eindruck, dass die Morgenzeit ein lebendiges Wesen ist, weil sie Atem holt. Beim Einatmen scheinen sogar ihre Zähne sichtbar zu werden. Dieses Leben scheint nicht nur dem Morgen, sondern der gesamten Welt und der Natur innezuwohnen. So heißt es, dass die Nacht mit großer Geschwindigkeit hinter dem Tag herläuft, um ihn einzuholen, ihn aber nicht erreichen kann. Es wird verkündet:

(Arabisch*********)

Er legt die Nacht über den Tag. Dabei folgt der Tag laufend der Nacht. (Sure al-A’raf: 54)

So wie das gegenseitige Rennen von Nacht und Tag kein Ende nimmt, so läuft auch die menschliche Denkkraft ihnen gleichermaßen hinterher. Seht ferner, wie von der Bewegung der Nacht gesprochen wird.

(Arabisch*******)

Und bei der Nacht, wenn sie dahinschwindet. (Sure al-Fadschr: 4)

Sobald der Vers vorgetragen wird, erscheint vor den Augen des Lesers das Bild, wie das als Nacht bezeichnete Wesen auf den grenzenlosen Wegen der Erde unaufhörlich weiterwandert. Ein äußerst vertrautes Bild. Seht wiederum, wie Erde und Himmel als vernunftbegabte Wesen betrachtet und angesprochen werden und sogleich antworten:

(Arabisch*********)

Dann wandte Er sich dem Himmel zu, der noch Rauch war; darauf sagte Er zu ihm und zur Erde: „Kommt beide, willig oder widerwillig.“ Sie sagten: „Wir kommen freiwillig.“

Seht mit dem Auge der Vorstellungskraft, wie Himmel und Erde gerufen werden. Und seht, wie sie auf diesen Ruf antworten. Seht den Mond, die Sonne, die Nacht und den Tag, wie sie sich auf ihren eigenen Bahnen und in ihrer eigenen Bewegung fortbewegen. Doch—

(Arabisch*************)

Die Sonne kann den Mond nicht einholen, und die Nacht kommt dem Tag nicht zuvor. (Sure Yasin: 40)

Das Wandern von Nacht und Tag hat Allah, der Allmächtige, festgelegt, damit nicht einmal ausschließlich Nacht und ein anderes Mal ausschließlich Tag ununterbrochen andauern. Seht auf die Erde. Die tote Erde. Regenwasser fällt auf sie. Und sogleich erwacht sie zu neuem Leben.

(Arabisch***********)

Du siehst die Erde öde und unfruchtbar; wenn Ich dann Regen auf sie herabkommen lasse, wird sie frisch⁸ und schwillt an und bringt allerlei schöne Pflanzen hervor. (Sure al-Haddsch: 5)

Anderswo heißt es:

(Arabisch*******)

Zu Seinen Zeichen gehört auch dies: Du wirst die Erde öde und unfruchtbar daliegen sehen. Wenn Ich Regen auf sie herabkommen lasse, blüht sie auf und wird mit Früchten geschmückt. (Sure Ha-Mim as-Sadschda: 39)

So gewinnt die tote, öde Erde, kaum dass man sie betrachtet hat, neues Leben.

Die Szene der Dschahannam: Das ist die Dschahannam. Wie ist die Dschahannam? Ein zerstörerischer und äußerst qualvoller Ort, aus dem niemand entkommen kann. Dort wird nicht einmal die geringste Bewegung möglich sein. Jene Menschen wurden auf der Erde zur Rechtleitung aufgerufen, doch sie wandten sich von ihr ab. Das Erstaunliche ist, dass sie nun, sobald sie zur Dschahannam gerufen werden, herbeikommen und erscheinen werden. Das ist jene Dschahannam, die beim Anblick der Verbrecher vor Zorn bersten und furchtbar donnern und brüllen wird. In den folgenden wenigen Versen wird dieses Bild teilweise sichtbar:

(Arabisch***********)

An jenem Tag werde Ich die Hölle fragen: „Bist du voll?“ Sie wird antworten: „Gibt es noch mehr?“ (Sure Qāf: 30)

(Arabisch**********)

Wenn die Hölle sie aus der Ferne sehen wird, werden sie ihr Grollen und Brüllen hören. (Sure al-Furqān: 12)

(Arabisch************)

Wenn sie hineingeworfen werden, werden sie ihr wütendes Grollen hören. Vor Zorn wird die Hölle bersten. (Sure al-Mulk: 7–8)

(Arabisch************)

Keineswegs! Wahrlich, es ist ein loderndes Feuer, das die Haut versengt. Es wird denjenigen rufen, der der Wahrheit den Rücken kehrte und sich abwandte, der Vermögen anhäufte und es hortete.

Der Zustand des Schattens, in dem die Übeltäter Zuflucht suchen werden, ist folgender:

(Arabisch*******)

Der Schatten von Rauchwirbeln, der weder kühl noch angenehm ist. (Sure al-Wāqiʿa: 43–44)

In diesem Schatten werden die Bewohner der Hölle kaum noch atmen können und die Orientierung verlieren. Dieser Schatten wird für sie weder kühl noch angenehm sein. Nicht einmal schön anzusehen wird er sein.

Und betrachten Sie die Bewegung der mit Regenwasser gefüllten Luft:

(Arabisch**********)

Ich lenke die mit Wasser gefüllte Luft und lasse vom Himmel Regen herabregnen. (Sure al-Ḥidschr: 22)

Indem man den Wind „mit Regen schwanger“ nennt, wird in ihm ein Lebenspuls erzeugt. Es scheint, als werde die Luft durch Wasser schwanger und durch das Herabregnen davon von ihrer Schwangerschaft entbunden.

Weiter heißt es:

(Arabisch**********)

Als Moses’ Zorn sich gelegt hatte, nahm er die Tafeln an sich.

(Arabisch**********)

Nachdem Abrahams Schrecken gewichen war und die frohe Botschaft eingetroffen war, begann er, mit Uns über das Volk Lots zu disputieren.

Beachten Sie: In den beiden oben genannten Versen wird gesagt, dass (***) (der Zorn) heftige Gestalt annimmt und nachlässt, dass (***) (die Angst) schwindet und dass (***) (die frohe Botschaft) kommt und geht. Es scheint, als wären dies lebendige Dinge, in denen sich ein Lebenszeichen regt.

2. Eine weitere Art des Takhīl oder der Vorstellung besteht darin, als bewegtes Bild vor Augen zu treten, durch das ein Zustand oder eine bestimmte Bedeutung veranschaulicht wird. So etwa das Bild eines Menschen, der an einem äußersten Rand steht und Allah dient: Wenn er Gutes erfährt, ist er zufrieden; wenn er jedoch von einer Prüfung heimgesucht wird, wendet er sich vom Islam ab. Oder das Bild der Muslime vor ihrer Annahme des Islam, die am Rand einer Feuergrube standen. Oder das Beispiel eines Menschen, der das Fundament seines Hauses am Rand einer Grube errichtet, die ihn mitsamt dem Gebäude in das Höllenfeuer stürzen wird. Dies sind alles Bilder, die von lebhafter Bewegung erfüllt sind. Das letzte Bild hat sogar den Gipfel der Vollkommenheit erreicht. Ich habe es im Kapitel „Das künstlerische Bild“ behandelt.

Das Bild eines wohlgenährten Kamels, das versucht, durch das Nadelöhr zu gelangen, ist ein weiteres Beispiel für den Takhīl. Es wird im Zusammenhang mit den Ungläubigen angeführt: Sie werden unter keinen Umständen Vergebung erlangen und auch nicht ins Paradies eingehen. Bei einem solchen anschaulich bewegten Beispiel der Peinigung ist die Vorstellungskraft sprachlos. Denn solange der Gedanke ihm folgt, kann seine Bewegung nicht zur Vollendung gelangen, und selbst nachdem sie eine körperliche Gestalt angenommen hat, kann sie nicht lange bestehen bleiben. Es heißt:

(Arabisch**********)

Sprich: Wenn das Wasser des Meeres Tinte wäre, um die Worte meines Herrn niederzuschreiben, würde es aufgebraucht sein, bevor die Worte meines Herrn zu Ende geschrieben wären, selbst wenn wir noch ein weiteres Meer hinzubrächten. (Sure al-Kahf: 109)

Das Bild, das sich beim Rezitieren dieses Verses unablässig vor dem geistigen Auge hält, ist folgendes: Mit dem Wasser des Meeres wird Allahs Lob niedergeschrieben, doch es findet kein Ende. Es kann nicht zu Ende gebracht werden. Es ist ein dynamisches, ununterbrochenes Bild. Das Wasser des Meeres geht zur Neige, doch Allahs Lob kann nicht vollständig niedergeschrieben werden. Auf diese Weise gelangt diese Dynamik zu ihrer Vollendung.

Auch das Bild, das sich aus den folgenden Versen im geistigen Auge ergibt, stimmt mit dem oben erwähnten Bild überein.

(Arabisch**********)

Wer dann vom Höllenfeuer ferngehalten und ins Paradies eingelassen wird, der hat wahrlich Erfolg. (Sure Āl ʿImrān: 185)

(Arabisch**********)

Ein solch langes Leben wird sie nicht vor der Strafe bewahren. (Sure al-Baqara: 96)

Schon aus dem Wort (***) in diesem Vers wird die Dynamik spürbar, die sich in der Vorstellung als ein bewegtes Bild darstellt. Dies ist ein wichtiger Punkt, den wir etwas weiter fortschreitend noch klarer verstehen werden.

Aus dieser Dynamik steigt vor dem Auge der Vorstellung das Bild eines Menschen auf, der am Rand einer Feuergrube steht. Ihre lodernden Flammen sind bereits vor ihm aufgetaucht.

3. Takhyīl oder eine weitere Form der Imagination besteht darin, in der Vorstellung Bewegung zu erzeugen. Durch bestimmte Wörter wird sie im Menschen hervorgerufen. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Ich werde mich ihren Taten zuwenden und sie dann in verstreute Staubkörnchen verwandeln. (Sure al-Furqān: 23)

Wir haben bereits im Kapitel „Das künstlerische Bild“ erörtert, dass die Verwandlung der Taten in Staub bedeutet, ihre Werke zunichtezumachen. Dies ist ein sinnlich wahrnehmbares Bild. Nun werden wir die Bedeutung des Wortes „Qadimnā“ erörtern. Durch dieses Wort wird ausgedrückt, dass ihre guten Taten vor ihrer Vernichtung vorgeführt werden. Wird das Wort „Qadimnā“ aus dem Satz entfernt, reißt die Gedankenverbindung ab. Zugleich bleibt auch keinerlei Schönheit mehr übrig, die mit diesem Wort verbunden ist, obwohl die Bewegung der Staubkörnchen weiterhin anhält. Auch der folgende Vers ist ein schönes Beispiel.

(Arabisch**********)

Sag: Soll ich außer Allah etwas anrufen, das uns weder Nutzen noch Schaden bringen kann? Sollen wir auf unseren Fersen umkehren? (Sure al-Anʿām: 71)

In diesem Vers wird durch die Wendung das übersinnliche Abwenden von der Religion in sinnlich wahrnehmbarer Weise beschrieben. So tritt es vor uns, als wäre es sinnlich wahrnehmbar. Auch der folgende Vers ist ein solches Beispiel:

(Arabisch**********)

Und folgt nicht den Fußstapfen Satans; gewiss, er ist euer offenkundiger Feind. (Sure al-Baqara: 168)

Gemeint war eigentlich die Aussage: „Folgt nicht Satan.“ Doch durch die Wörter „folgt nicht“ und „Fußstapfen“ wird Satans Fortbewegung bildhaft dargestellt. Es scheint, als gehe Satan voraus und die Menschen, die ihm folgen, schritten hinter ihm her und folgten seinen Fußspuren. Ein erstaunliches Bild. Satan ist eine so verderbliche Macht, dass er dafür sorgte, dass Adam, der menschliche Vater (a.s.), aus dem Paradies vertrieben wurde. Dennoch folgen die Menschen ihm bis heute.

Ein weiterer Vers lautet:

(Arabisch**********)

Trage ihnen die Geschichte jenes Mannes vor, dem Wir Unsere Zeichen gegeben hatten, der sich jedoch von ihnen abwandte. Satan holte ihn ein, sodass er zu den Verirrten gehörte. (Sure al-A’raf: 175)

Zwischen diesem Vers und dem vorhergehenden besteht ein kleiner Unterschied. In diesem Vers wird Satan hinter den irregegangenen Menschen gesetzt. Im vorhergehenden Vers wird verboten, Satan zu folgen; hier hingegen verfolgt Satan selbst den Menschen.

Auch der folgende Vers steht mit diesem Thema in Zusammenhang:

(Arabisch**********)

(O Diener) Folge nicht dem, wovon du kein Wissen hast. (Sure Banī Isrāʾīl: 36)

Hier wird das Wissen als ein körperliches Wesen vorgestellt.

4. Eine weitere Form der Vorstellung besteht darin, dass sie sich schnell und in aufeinanderfolgenden Szenen vollzieht. Wir haben bereits Beispiele dieser Art angeführt, nämlich die Aktivitäten der Götzendiener, über die im folgenden Vers gesagt wird.

(Arabisch**********)

Wer Allah Teilhaber beigesellt, ist, als stürze er vom Himmel herab. Dann schnappt ihn ein aasfressender Vogel und trägt ihn fort, oder der Wind weht ihn davon und schleudert ihn an einen weit entfernten Ort. (Sure al-Haddsch: 31)

Auch im folgenden Vers findet sich eine Analogie:

(Arabisch**********)

Wer meint, dass Allah Seinem Gesandten weder im Diesseits noch im Jenseits jemals helfen werde, der soll ein Seil bis zum Himmel spannen, es dann durchschneiden und sehen, ob diese List seinen Groll beseitigen kann. (Sure al-Hadsch: 15)

In diesem Vers wird ein erstaunliches Bild entworfen. Wer den schlechten Gedanken hegt, dass Allah Seinem Propheten nicht helfen werde, belastet sein Herz völlig grundlos mit Kummer. Wer in dieser Lage keine Geduld aufbringen kann oder nicht bereit ist, auf die Erfüllung von Allahs Verheißung zu warten, sollte versuchen, seine Lage zu verändern und das gewünschte Ergebnis herbeizuführen. In Wirklichkeit ist es ebenso unmöglich, ein Seil am Himmel zu befestigen und daran hinaufzusteigen, wie es für ihn unmöglich ist, seine Lage zu verändern. Wenn er versucht, ein Seil am Himmel zu befestigen und daran hinaufzusteigen, dabei scheitert, das Seil durchschneidet und zur Erde fällt, erhält er vielleicht Gelegenheit, ein wenig darüber nachzudenken.

Auch im folgenden Vers wird eine ähnliche Aussage vorgetragen:

(Arabisch**********)

Und wenn ihre Ablehnung dir schwerfällt, dann suche einen Tunnel in der Erde oder bringe eine Leiter am Himmel an und bringe ihnen ein Zeichen, wenn du dazu imstande bist. (Sure al-An’am: 35)

Die Geringschätzung der Ungläubigen gegenüber dem Ruf des edlen Gesandten war für ihn sehr belastend. Er wünschte, er könnte ihnen ein passendes Wunderzeichen zeigen; vielleicht würden sie dann den Glauben annehmen und den geraden Weg beschreiten. Dieser Vers wurde unmittelbar an den edlen Propheten gerichtet und offenbart. Daher wurde seine Aufmerksamkeit in äußerst höflicher und vornehmer Sprache sowie mit feinem Humor auf diese Angelegenheit gelenkt, unter Berücksichtigung seiner Würde und seines Ansehens. Dies ist ein hervorragendes Beispiel für ein imaginatives Bild, in dem die künstlerische Schönheit in vollem Maß vorhanden ist.

5. Ein weiterer Stil der Vorstellungskraft besteht darin, unbelebte Dinge als bewegte Wesen darzustellen.(Arabisch**********)

Im hohen Alter ist das Haar auf dem Kopf weiß geworden. (Sure Maryam: 4)

In diesem Vers werden weiße Haare mit loderndem Feuer verglichen. In der Vorstellung werden die weißen Haare auf eine solche Stufe gehoben, wie trockenes Stroh durch die Flamme des Feuers entzündet wird. Eben dadurch ist in dem Vers Schönheit entstanden, wie wir bereits erörtert haben.

Veranschaulichung: Im vorherigen Kapitel haben wir einige Beispiele für Veranschaulichung angeführt. Vergleichende Aussagen werden gerade deshalb verwendet, damit ihr innerer Zustand in eine bestimmte Gestalt verwandelt werden kann. Dies steht auch mit der Verkörperung, also der Veranschaulichung, in Zusammenhang. Im Folgenden führen wir einige Beispiele an.

(Arabisch**********)

Die Werke derjenigen, die nicht an das Wesen ihres Herrn glauben, sind wie Asche, über die an einem Tag des Staubsturms ein heftiger Wind hinwegfegt. (Sure Ibrahim: 18)

(Arabisch**********)

O ihr Gläubigen! Macht eure Almosen nicht zunichte, indem ihr eure Wohltätigkeit hervorhebt und anderen Leid zufügt, wie jener, der seinen Besitz ausgibt, um von den Menschen gesehen zu werden, und nicht an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Sein Gleichnis ist das eines glatten Steins, auf dem etwas Erde lag.

(Arabisch**********)

Das Beispiel derjenigen, die ihren Besitz auf Allahs Weg spenden, um Sein Wohlgefallen zu erlangen und ihr eigenes Herz zu stärken, ist das eines Gartens auf einer Anhöhe. (Sure al-Baqara: 265)

(Arabisch**********)

Hast du nicht gesehen, wie Allah ein Gleichnis geprägt hat: Ein gutes Wort ist wie ein guter Baum. Seine Wurzel ist fest und seine Zweige reichen bis in den Himmel. Er bringt, mit der Erlaubnis seines Herrn, fortwährend Früchte hervor. Allah legt den Menschen Gleichnisse vor, damit sie nachdenken können. Das Gleichnis eines schlechten Wortes aber ist ein schlechter Baum. Er ist aus dem Erdboden herausgerissen worden und hat keinen Bestand. (Sure Ibrahim: 24–16)

Es muss bedacht werden, dass nach unserer Auffassung die Veranschaulichung nicht lediglich darin besteht, etwas mit einem verständlichen Gegenstand zu vergleichen. Denn es ist eine ganz allgemeine Aussage, dass etwas Übersinnliches mit etwas Sinnlich Wahrnehmbarem verglichen wird. Unter Veranschaulichung verstehen wir vielmehr, einen übersinnlichen Sachverhalt nicht nur durch Vergleich und Gleichnis zu verkörpern, sondern ihm durch ein Geschehen eine körperliche Gestalt zu geben und ihn dadurch anschaulich zu machen. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

An jenem Tag wird jeder vor Augen sehen, was er an Gutem getan hat, und ebenso, was er an Bösem getan hat. Dann werden sie sich wünschen, dass zwischen ihnen und diesen Taten ein weiter Abstand läge. (Sure Āl ʿImrān: 30)

(Arabisch**********)

Sie werden ihre Taten vor sich gegenwärtig finden. Dein Herr wird niemandem Unrecht tun. (Sure al-Kahf: 49)

(Arabisch**********)

Was immer ihr an guten Taten für euch voraus sendet, werdet ihr bei Allah vorfinden. (Sure al-Baqara: 110)

Aus den obigen Beispielen wird deutlich, dass die Tat etwas Unsichtbares und ohne Gestalt und Form ist. Doch an jenem Tag wird sie in einer verständlichen Gestalt und Form dargeboten werden. Dies wird Verkörperung oder Tajsīm genannt. Es scheint, dass die Tat an jenem Tag in menschlicher Gestalt zu dem Menschen kommen und vor ihm erscheinen wird. Zugleich wird daraus ersichtlich, dass die Tat, wenn man sie auf der Erde vollbringt, bei Allah als anvertrautes Gut verwahrt bleibt und am Tag der Auferstehung, nachdem ihr eine Gestalt verliehen wurde, den Dienern zurückgegeben wird.

Die Sünde wird an jenem Tag in eine Last von gewaltiger Größe verwandelt werden. Es heißt:

(Arabisch**********)An jenem Tag werden sie die Last ihrer Sünden auf ihrem Rücken tragen. (Sure al-Anʿām: 31)

(Arabisch**********)An jenem Tag wird niemand die Last eines anderen tragen. (Sure al-Anʿām: 164)

Auch in den folgenden Versen werden übersinnliche Dinge verkörpert dargestellt. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)Und nehmt Reisevorrat mit. Wahrlich, der beste Reisevorrat ist die Taqwa. (Sure al-Baqara: 197)

In diesem Vers wird die Taqwa als Reisevorrat bezeichnet.

(Arabisch**********)Wir haben Allahs Farbe angenommen. Kann es eine bessere Farbe geben als die Farbe Allahs? (Sure al-Baqara: 138)

In diesem Vers wird Allahs Religion als Farbe bezeichnet.

(Arabisch**********)

O ihr Gläubigen! Tretet vollständig in den Islam ein.

In diesem Vers wird der Islam in einer Gestalt dargestellt, in die man eintreten kann.

(Arabisch**********)

Meidet die offenkundigen und die verborgenen Sünden. (Al-Anʿām: 120)

In diesem Vers werden die Sünden mit dem Offenkundigen und dem Verborgenen in Beziehung gesetzt.

Die im übertragenen Sinne verwendeten Begriffe Enge, Kummer und Leid, Sorge und Niedergeschlagenheit und dergleichen sind abstrakte und transzendente Dinge; in den folgenden Versen werden sie jedoch anschaulich dargestellt:

(Arabisch**********)

Und auch die drei anderen, die zurückgelassen worden waren, bis die Erde ihnen trotz ihrer Weite eng wurde, ihr Leben ihnen unerträglich erschien und sie erkannten, dass es außer Allah keine Zuflucht gibt. (Sure at-Tawba: 118)

Es wird gesagt, dass die Erde ihnen eng geworden war. Diese Enge wird mit der Erde in Verbindung gebracht. Enge und Niedergeschlagenheit sind abstrakte und transzendente Dinge, doch in diesem Vers werden sie anschaulich dargestellt. Der Zustand jener Gefährten, die nicht mit dem edlen Propheten (s) in den Krieg gezogen waren, wird anschaulich geschildert. Weil sie zurückgeblieben waren, schämten sie sich zutiefst, bereuten zutiefst und waren derart verzweifelt, dass sie keine Zuflucht hatten. Sie empfanden nicht einmal für kurze Zeit Erleichterung, solange ihre Reue nicht bei Allah angenommen worden war.

Ein weiterer Vers ähnlicher Art lautet:

(Arabisch**********)

Warne sie vor dem nahenden Tag, wenn die Seelen die Kehlen erreichen und das Ersticken nahe ist. Für die Sünder gibt es weder einen Freund noch einen Fürsprecher, dessen Fürsprache angenommen wird. (Sure al-Mu’min: 18)

Aus diesem Vers scheint hervorzugehen, dass die Seele aufgrund der Bedrängnis von ihrem ursprünglichen Ort weichen und bis zur Kehle hinaufsteigen wird.

(Arabisch**********)

Wenn dann jemandes Seele die Kehle erreicht, während ihr zuschaut. (Sure al-Wāqiʿa: 83–84)

Aus diesem Vers lässt sich erkennen, dass der Rūḥ ein körperliches Wesen ist, das sich bewegt und bis zur Kehle gelangt.

(Arabisch**********)

Ausgenommen sind diejenigen, die sich einer Gemeinschaft anschließen, zwischen euch und der ein Vertrag besteht, oder die zu euch kommen, während ihre Herzen sich dagegen sträuben, sowohl gegen euch als auch gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. (Sure an-Nisāʾ: 90)

Das heißt, aufgrund dieser Verwirrung und Ungewissheit geraten sie in Bedrängnis und können sich nicht entscheiden, ob sie gemeinsam mit dir gegen ihr eigenes Volk kämpfen oder sich mit ihrem eigenen Volk zusammentun und gegen dich kämpfen sollen.

3. Der Koran will die intellektuellen und übersinnlichen Zustände der Ungläubigen beschreiben. Die Ungläubigen hören den Koran zwar durchaus, können daraus jedoch keinen Nutzen ziehen. Es scheint, als hätten sie ihn überhaupt nicht gehört. Der Koran stellt diese übersinnliche Angelegenheit so dar, dass es zwischen den Ungläubigen und dem Koran offenbar eine Barriere gibt, die sie daran hindert, zum Weg des Korans zu gelangen. Im Folgenden werden einige Beispiele angeführt:

(Arabisch**********)

Sie sind vom Ort des Hörens ferngehalten worden. (Sure asch-Schuʿarāʾ: 22)

(Arabisch**********)

Ich habe ihre Herzen verhüllt, sodass sie es nicht verstehen, und ihre Ohren mit Schwerhörigkeit belastet. (Sure al-Anʿām: 25)

(Arabisch**********)

Denken sie denn nicht über den Koran nach, oder sind ihre Herzen verschlossen? (Sure Muhammad: 24)

(Arabisch**********)

Ich habe ihnen Fesseln um den Hals bis zum Kinn gelegt, sodass ihre Köpfe nach oben gerichtet sind. Und Ich habe vor ihnen und hinter ihnen eine Mauer errichtet und sie dann verhüllt, sodass sie nicht sehen. (Sure Yā Sīn: 8–9)

(Arabisch**********)

Allah hat ihre Herzen und Ohren versiegelt und ihre Augen mit einer Hülle bedeckt. (Sure al-Baqara: 7)

(Arabisch**********)

Diejenigen, deren Augen gegenüber Meiner Ermahnung verhüllt sind, sind nicht fähig zu hören. (Sure al-Kahf: 101)

Das übersinnliche Hindernis, aufgrund dessen die Ungläubigen nicht auf den Weg des Koran gelangen konnten, ist vor uns anschaulich geworden. Es scheint wie eine massive Wand. Auf diese Weise wurde ein Stil der Darstellung gewählt, der eine außerordentlich starke Wirkung hervorruft.

4. Oft wird etwas in sinnlich wahrnehmbarer Weise beschrieben, doch ist die Art seiner Darstellung so beschaffen, dass sich bereits bei der ersten Anrede der Eindruck von Stärke und Vollkommenheit darin zeigt. Zum Beispiel: (Arabisch**********)

An dem Tag, an dem die Strafe sie von oben über ihren Köpfen und von unten unter ihren Füßen umschließen wird. (Sure al-Ankabut: 55)

Das bedeutet, dass die Strafe sie von allen Seiten umschließen wird. Der Grund dafür, nicht „alle Seiten“, sondern „oben und unten“ zu sagen, liegt darin, dass dies eine stärkere Wirkung erzielt als das Wort „alle Seiten“.

(Arabisch**********)

Als sie sich euch näherten, vom Hochland und vom Tiefland. (Sure al-Ahzab: 10)

(Arabisch**********)

Wenn sie die Tora, das Evangelium und das, was von ihrem Herrn zu ihnen herabgesandt worden war, vollständig befolgt hätten, hätten sie von oben und unter ihren Füßen essen können. (Sure al-Ma’ida: 66)

(Arabisch**********)

Ihre Gesichter, als wären sie mit Stücken einer finsteren Nacht bedeckt worden. (Sure Yunus: 27)

Es scheint, dass die Schwärze, die die Gesichter der Ungläubigen annehmen werden, keine Farbauftragung sein wird; vielmehr sind es Stücke einer schwarzen, finsteren Nacht, mit denen ihre Gesichter bedeckt worden sind.

5. Eine weitere Methode des Tajsim oder der Veranschaulichung besteht darin, ein außersinnliches mit einem sinnlich wahrnehmbaren Gegenstand in Beziehung zu setzen und es dadurch zu beschreiben. So wird in diesem Vers die Strafe oder Peinigung mit (***) (stark) in Beziehung gesetzt, und im folgenden Vers wird der Tag als (***) (schwer) bezeichnet.

 (Arabisch**********) Hinter ihnen liegt auch eine harte Strafe. (Sure Ibrahim: 17)

(Arabisch**********) Sie lassen den schweren Tag hinter sich. (Sure ad-Dahr: 27)

Im ersten Vers wird die Strafe mit einem besonderen Adjektiv charakterisiert, das sich als lang, breit und dick beschreiben lässt. Mit anderen Worten: Das Wort „schwer“ wird gerade auf Gegenstände angewandt.

Im zweiten Vers wird der Tag nicht als Zeit verstanden, sondern als ein dichter, massiver und schwerer Gegenstand dargestellt.

6. Einige Beispiele dafür, dass übersinnliche Dinge beschrieben werden, indem sie mit sinnlich wahrnehmbaren Dingen in Beziehung gesetzt werden:

(Arabisch**********) Allah hat keinem Menschen zwei Herzen in seinem Leib gegeben. (Sure al-Ahzab: 4)

(Arabisch**********) Werdet nicht wie jene Frau, die unter Mühen einen Faden spinnt und ihn danach in Stücke zerreißt. (Sure an-Nahl: 92)

(Arabisch**********)

Keiner soll über einen anderen lästern. Möchte etwa jemand von euch das Fleisch seines toten Bruders essen? (Sure al-Hudschurat: 12)

Im ersten Vers wird erklärt, dass es unmöglich ist, einander widersprechende Dinge in ein und demselben Herzen unterzubringen. Im zweiten Vers wird erklärt, dass ein Versprechen zu geben und es dann zu brechen eine ebenso nutzlose Handlung ist, wie wenn eine alte Frau selbst einen Faden spinnt und ihn anschließend wieder zerstört. Im dritten Vers wird versucht, Abscheu vor übler Nachrede zu erwecken. Es heißt, dass derjenige, der üble Nachrede verbreitet, das Fleisch seines verstorbenen Bruders Stück für Stück isst, denn der Abwesende wird mit einem Toten verglichen. Wenn also in Abwesenheit eines Menschen über seine Fehler gesprochen wird, ist dies nicht etwa eine Erörterung seiner Fehler, sondern so, als würde man sein Fleisch zerfetzen und essen.

7. Die Veranschaulichungsmethode besitzt den Rang eines allgemeinen Grundprinzips. So wird beispielsweise gesagt, dass die Taten am Tag des Jüngsten Gerichts eine Gestalt erhalten und gewogen werden. Es heißt:

(Arabisch**********)Am Tag der Auferstehung werde Ich die Waage der Gerechtigkeit aufstellen. (Sure al-Anbiya: 47)

(Arabisch**********)

Wessen Waagschale schwer wiegt, der wird ein glückliches Leben führen, und wessen Waagschale leicht ist, dessen Aufenthaltsort wird Hawiya sein. (Sure al-Qaria: 6–9)

(Arabisch**********)

Wenn eine Tat auch nur das Gewicht eines Senfkorns hat, werde Ich sie ebenfalls hervorbringen, und für die Abrechnung genüge Ich allein. (Sure al-Anbiya: 47)

(Arabisch**********)Ihnen wird nicht einmal das Unrecht des Gewichts eines Fadens zugefügt werden. (Sure an-Nisa: 49)

(Arabisch**********)Ihnen wird nicht einmal im Gewicht eines Sesamkorns Unrecht zugefügt. (Sure an-Nisāʾ: 124)

In den obigen Versen werden die Taten und die Waage als körperliche Gegenstände bezeichnet.

Das gemeinsame Auftreten von Vorstellung und Veranschaulichung

Oft kommen in ein und demselben Vers des Al-Qurʾān Vorstellung und Veranschaulichung gemeinsam vor. Das Übersinnliche löst sich dabei von seiner ursprünglichen Grundlage. Es tritt als körperlicher und sinnlich wahrnehmbarer Gegenstand hervor, und diesem körperlichen Gegenstand wird zudem eine imaginäre Bewegung verliehen. In den Beispielen, die wir zuvor angeführt haben, finden sich Muster dafür. Wir möchten jedoch noch einige neue Beispiele für diese Regel anführen, damit uns für jede Regel mehrere Beispiele vorliegen. Es heißt:

(Arabisch**********)

Vielmehr schleudere Ich die Wahrheit gegen die Lüge, woraufhin sie deren Haupt zerschmettert. (Sure al-Anbiyāʾ: 18)

(Arabisch**********)Er warf ihnen Furcht in die Herzen. (Sure al-Aḥzāb: 26)

(Arabisch**********)Ich habe unter ihnen bis zum Tag der Auferstehung Feindschaft ausgegossen. (Sure al-Māʾida: 64)

(Arabisch**********)Dann sandte Allah von sich aus Beruhigung auf Seinen Gesandten und die Gläubigen herab. (Sure at-Tauba: 26)

(Arabisch**********)Beuge dich ihnen gegenüber in Demut und Bescheidenheit. (Sure al-Isra: 24)

Lest die erwähnten Verse immer wieder und denkt über sie nach. Im ersten Vers scheint die Wahrheit eine Art Windgeschoss zu sein, das, wenn es auf das Falsche trifft, dieses in Stücke reißt. Im zweiten Vers wird die Furcht als ein harter Gegenstand dargestellt, der aus der Ferne geworfen wird und in das Herz eindringen kann. Beim dritten Vers scheint es, als sei Feindschaft und Feindseligkeit ein fester Gegenstand, der zwischen zwei Gruppen geworfen werden kann. Aus dem vierten Vers wird ersichtlich, dass der Trost eine Art Gegenstand ist, der über den ehrwürdigen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und die Gläubigen hinwegzog; und aus dem fünften Vers scheint hervorzugehen, dass für Demut und Bescheidenheit Arme eingesetzt wurden, die sich stets vor ihnen beugen.

In all den obigen Beispielen sind Vorstellung und Veranschaulichung miteinander verbunden. Denn in diesen Beispielen werden unkörperliche Dinge in körperlicher Gestalt dargestellt und in ihnen wird eine vorgestellte Bewegung erzeugt. Betrachten wir noch einige weitere Beispiele.

(Arabisch**********)

Ja, wer eine Sünde begangen hat und von dieser Sünde umgeben worden ist. (Sure al-Baqara: 81)

(Arabisch**********)

Wisset, sie sind bereits zuvor in die Versuchung gefallen, und gewiss umschließt die Hölle diese Ungläubigen. (Sure at-Tauba: 49)

Im ersten Vers wird die Sünde als ein fester Gegenstand bezeichnet, und durch die erneute Aussage, dass sie umschlossen gehalten wird, wird ihre Beweglichkeit veranschaulicht. Durch den zweiten Vers entsteht der Eindruck, dass die Fitna eine Grube ist. Und die Ungläubigen sind in diese Grube gefallen.

(Arabisch**********)Vermischt die Wahrheit nicht mit der Lüge. (Sure al-Baqara: 42)

Verkünde ihnen daher die Anweisung, die du von Allah erhalten hast. (Sure al-Hidschr: 94)

Aus dem ersten Vers wird ersichtlich, dass Wahrheit und Lüge zwei feste Gegenstände sind, von denen der eine den anderen bedeckt. Da im zweiten Vers ein Wort verwendet wird, das „zerspalten“ bedeutet, entsteht der Eindruck, dass Allahs Anweisung ein Gegenstand ist, den man zerspalten kann und der mit einem anderen Gegenstand vermischt werden kann.

(Arabisch**********)

Allah ist der Schutzherr derjenigen, die glauben. Er führt sie aus den Finsternissen ins Licht. Diejenigen aber, die ungläubig sind, haben den Taghut zum Schutzherrn. Sie führen sie aus dem Licht in die Finsternisse. (Sure al-Baqara: 257)

(Arabisch**********)

Wer den Taghut verleugnet und an Allah glaubt, hat eine Handhabe ergriffen, die niemals zerreißen wird. (Sure al-Baqara: 256)

Im ersten Vers wird die Rechtleitung mit Licht und die Sünde mit Dunkelheit verglichen; durch den Ausdruck „Herausführen“ wird versucht, das Denken in Bewegung zu setzen. Im zweiten Vers wird der Glaube mit einem festen Gegenstand verglichen, der keine Gefahr läuft, zerbrochen oder zerrissen zu werden.

An den angeführten Beispielen lässt sich erkennen: Wenn ein übersinnlicher Gegenstand von seinem Ursprung getrennt und in körperlicher sowie bewegter Gestalt dargestellt wird, wird diese Bedeutung anschaulich und nimmt unser Gehirn vollständig in Beschlag.

Auch an all jenen Stellen im weisen Koran, an denen das Wesen und die Eigenschaften Allahs beschrieben und die Absicht klar zum Ausdruck gebracht werden, ist im selben Stil ein körperliches Bild gezeichnet. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)Allahs Hand ist über ihren Händen. (Sure al-Fath: 10)

(Arabisch**********)Sein Thron befand sich damals auf dem Wasser. (Sure Hūd: 7)

(Arabisch**********)Sein Sitz (seine Macht) erstreckt sich über die Himmel und die Erde. (Sure al-Baqara: 225)

(Arabisch**********)Dann stellte Er sich über den Thron. (Sure al-Aʿrāf: 54)

(Arabisch**********)Dann wandte Er sich dem Himmel zu, und dieser war eine Rauchwolke. (Sure Hā-Mīm as-Sadschda: 11)

(Arabisch**********)

Am Tag der Auferstehung wird die ganze Erde in Seiner Hand liegen, und die Himmel werden in Seiner Rechten zusammengefaltet sein. (Sure az-Zumar: 67)

(Arabisch**********)

O Prophet! Als du Kieselsteine warfst, hast nicht du sie geworfen, sondern Allah hat sie geworfen. (Sure al-Anfal: 17)

(Arabisch**********)Allah verengt und erweitert. (Sure al-Baqara: 245)

(Arabisch**********)Und dein Herr und die Engel werden in Reihen herankommen. (Sure al-Fadschr: 22)

(Arabisch**********)

Die Juden sagen: „Allahs Hand ist gefesselt.“ Ihre eigenen Hände sollen gefesselt sein. Verflucht seien sie für das, was sie gesagt haben. Vielmehr sind Seine beiden Hände ausgestreckt. (Sure al-Ma’ida: 64)

(Arabisch**********)

Als Allah sagt: „O Jesus, Ich werde deine Zeit des Verweilens auf der Erde vollenden und dich zu Mir emporheben.“ (Sure Āl ʿImrān: 55)

Das war tatsächlich der eigentliche Sinn, wie wir oben dargelegt haben. Doch die Auseinandersetzung über die Verwendung der Sprache und der Sätze sowie deren Bedeutung ist zu einer Mode geworden; daher ist auch über die oben genannten Worte Uneinigkeit entstanden. Dabei bestand hier keinerlei Anlass zu einer solchen Wortstreitigkeit. Denn in all diesen Sätzen wurde eine Darstellungsweise gewählt, die dem allgemeinen Stil des Korans entspricht. Das heißt, die ursprüngliche Bedeutung wurde in der Weise der Verkörperlichung und Veranschaulichung dargestellt. Und dies ist ein Stil, in dem weder Rückständigkeit noch Verdrehung liegt.

Fünftes Kapitel

Die künstlerische Komposition des Korans

Wenn wir sagen, dass die Methode der Veranschaulichung unter den koranischen Ausdrucksmitteln den Rang einer Grundquelle oder Grundlage einnimmt und dass Vorstellung und Verkörperung die glänzendsten Beispiele der Veranschaulichung sind, dann ist damit die Diskussion noch nicht beendet. Allein dadurch, dass man dies sagt, wird weder dem Anspruch Genüge getan, die Besonderheit des Korans darzulegen, noch treten dadurch sämtliche Merkmale der szenischen Darstellung im Koran hervor. In Wahrheit gibt es im Koran neben Veranschaulichung, Vorstellung und Verkörperung noch viele weitere schmückende Aspekte. Solange man nicht in diesen Wald vordringt, kann man nicht von der künstlerischen Komposition des Korans sprechen, die bei der szenischen Darstellung eine wichtige Rolle spielt.

Arten der künstlerischen Komposition

Die künstlerische Komposition hat mehrere Ebenen. Es gibt einige künstlerische und schmückende Aspekte der Komposition, die von Fachleuten analysiert worden sind. Daneben gibt es auch bestimmte Aspekte, mit denen sie sich nicht einmal ansatzweise befasst haben.

1. Eine Form der Anordnung, die mit der Anordnung des Gottesdienstes zusammenhängt, etwa indem geeignete Wörter ausgewählt und auf eine bestimmte Weise angeordnet werden. Dadurch gelangt der Satz in Ausdruck und Verfeinerung an die Schwelle der Vollkommenheit. Hierüber ist bereits so viel geschrieben worden, dass nichts Neues mehr dazu verfasst werden muss.

2. Ein weiterer Zusammenhang der Anordnung besteht mit Melodie und Rhythmus. Diese entstehen durch die richtige Auswahl der Wörter und ihre Anordnung nach einer besonderen Methode. Diese Methode tritt im Koran in vollem Umfang zutage und ist mit seinem künstlerischen Fundament vollkommen verschmolzen. Dennoch konnten die früheren Gelehrten mit ihrem Blick nicht über die äußere Melodie und den äußeren Rhythmus hinausgehen. Sie wussten nicht einmal, wie viele Töne, Rhythmen und Taktmaße es in der Musik gibt und in welcher Weise und an welcher Stelle sie verwendet werden.

3. Eine der schmückenden Seiten der Anordnung des Korans, die die Fachleute der Rhetorik erkannt haben, besteht darin, dass das Ende der Koranverse oder das Ende der Aussage in Übereinstimmung mit dem Inhalt der Aussage gestaltet wurde. So wurden die Verse, in denen das Wesen und die Eigenschaften Allahs, des Erhabenen, beschrieben werden, mit folgendem Satz beendet:(Arabisch**********)durch den Satz. Wenn hingegen ein verborgenes Geheimnis erörtert wurde, endete die Aussage mit:(Arabisch**********)durch diesen Satz. Eine weitere Methode besteht darin, zunächst ein Ism Mausul (Relativausdruck) zu verwenden und dann, ohne eine Schilah oder ein Verbindungselement, den Satz zur Vollständigkeit zu führen. Danach wird die Dschaza, also die Vergeltung, erwähnt. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Für diejenigen, die Meine Zeichen für Lüge erklären und sich hochmütig von ihnen abwenden, werden die Tore des Himmels nicht geöffnet, und sie werden nicht ins Paradies eintreten, solange nicht ein Kamel durch ein Nadelöhr geht. (Sure al-Aʿrāf: 40)

Ebenso wird dort, wo von Lehre und Erziehung die Rede ist, das Wort „Rabb“ verwendet. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Lies im Namen deines Rabb, der dich erschaffen hat. Er hat den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen. Lies! Dein Rabb ist der Erhabenste an Güte, der durch den Schreibstift gelehrt hat. Er hat den Menschen das gelehrt, was er nicht wusste. (Sure al-ʿAlaq: 1–5)

Dort, wo Allahs Souveränität und hohes Ansehen zur Sprache kommen, wird das Wort (**) verwendet. Dazu heißt es:

(Arabisch**********)

Wahrlich, bei Allah allein ist das Wissen über die Auferstehungsstunde. Er lässt den Regen herabkommen, und Er weiß, was sich in den Mutterleibern befindet. (Sure Luqman: 34)

Ebenso wird das Wort (***) je nach Ort und Zeit auf unterschiedliche Weise verwendet. Manchmal wird das Wort Allah einmal genannt und in den folgenden Versen nur noch ein Pronomen verwendet. An manchen Stellen steht es am Anfang des Satzes, an anderen am Ende, und wieder an anderen werden das Wort Allah und sein Pronomen gemeinsam verwendet. An vielen Stellen dient es zur Einleitung einer Frage, an anderen zur positiven Darstellung. Für viele Gelehrte der Rhetorik gilt dies als ein herausragendes Beispiel rhetorischer Vollkommenheit.

4. Zwischen dem Inhalt und der Zielsetzung verschiedener Verse des Korans besteht eine semantische Kontinuität. Auch die Beziehung, die dadurch entsteht, dass die Zielsetzung des einen in die Zielsetzung eines anderen übergeht, ist ein Beispiel künstlerischer Komposition. Der Koran ist jedoch unabhängig von den Prinzipien, die die Rhetoriker hinsichtlich der künstlerischen Komposition formulieren.

5. Die höchste Stufe der künstlerischen Komposition, mit der die Rhetoriker bisher vertraut geworden sind, ist vermutlich die dem Koran eigene Komposition, die sich in der Abfolge der Darstellung einiger Verse zeigt. So haben wir im Zusammenhang mit der Sure al-Fatiha im Kapitel „Forschung und Tafsir des Korans“ aus dem Werk von al-Allama az-Zamachschari zitiert. Die Merkmale, die die Rhetoriker herausgearbeitet haben, werden von den Gelehrten, die die koranische Rhetorik erforschen, bis heute als hervorragender Ausdruck künstlerischer Komposition bezeichnet. Erstaunlich ist, dass sie auch die andere Seite der künstlerischen Komposition nicht erreicht haben. Als sie weitergingen, beschränkte sich ihr Beitrag darauf, etwas über die Melodie und den Rhythmus des Korans zu sagen. Vielleicht schien es ihnen, als besitze der Koran keine weiteren Besonderheiten. Tatsächlich ist dies lediglich eine der zahlreichen Besonderheiten des Korans. Doch hier waren sie zufrieden und blieben stehen.

Denn die Gelehrten der Rhetorik waren sich nicht darüber im Klaren, dass die durch bildhafte Darstellung und Veranschaulichung im Koran vermittelte Aussage den Rang einer Grundlage oder eines Fundaments einnimmt. Daher konnten sie die künstlerische Komposition nicht angemessen beleuchten. Dieses Buch wurde geschrieben, um hierzu unsere neuen Überlegungen und Forschungsergebnisse vorzulegen. Es ist nicht unser Ziel, über alte Themen zu streiten oder zu debattieren. Wir möchten versuchen, alles, was über die rhetorischen Aspekte des Korans geschrieben wurde, aus einer neuen Perspektive zu verstehen und den Weg unserer Vorgänger von dem Punkt aus weiterzugehen, an dem sie stehen geblieben sind. Denn hierfür gibt es reichlich Raum. In dieser Hinsicht halten wir jene Beispiele für ausreichend, die wir zu Beginn in der Auslegung der Sure al-Alaq und im Kapitel „Die Quelle der überwältigenden Kraft des Korans“ erörtert haben. Aus diesen Beispielen wird deutlich, dass im Koran ausreichend Gelegenheit und Raum besteht, die gedanklichen Verbindungen und den äußeren Kompositionsprozess aus einer neuen Perspektive zu behandeln.

Wir möchten lediglich darauf hinweisen, dass zwischen den im Koran geschilderten Ereignissen und den verschiedenen Orten, die mit diesen Ereignissen verbunden sind, ein unsichtbares geistiges Band besteht. Zugleich berücksichtigt der Koran auch die religiöse Zielsetzung, den Inhalt und die künstlerische Seite dieser Ereignisse. Beispiele für solche Übereinstimmungen werden unter der Überschrift „Thema: Die im Koran geschilderten Ereignisse“ angeführt. Auch in den Szenen der Auferstehung, den Szenen von Frieden und Strafe sowie in den Szenen der Gespräche zwischen den Bewohnern des Paradieses und den Bewohnern der Hölle findet sich eine solche Übereinstimmung, wie sie bei den im Koran geschilderten Ereignissen vorhanden ist. Bei der Darstellung all dieser Themen wurde auch auf Kontinuität und Verbindung geachtet. Dennoch wurde die eigentliche Zielsetzung, um derentwillen das betreffende Ereignis angeführt wurde, nicht unmittelbar zur Sprache gebracht.

Der Kernpunkt ist, dass Bedeutung und Tragweite sowie Zweck und Ziel des edlen Korans äußerst fein, tiefgründig und erhaben sind. Doch die verborgene Schönheit in der Darstellung und Erläuterung des Korans reicht weit über die bildhafte Veranschaulichung hinaus. Es ist uns nicht möglich, den einfachen und ebenen Weg der Erörterung zu verlassen und die Feder mit einem einzigen Sprung zum höchsten Gipfel dieses Gegenstands zu führen. Deshalb werden wir Schritt für Schritt voranschreiten und versuchen, diesen Gipfel zu erklimmen.

[5.1] Im edlen Koran gibt es einige Stellen, an denen die Aussage in bildhafter Weise dargeboten wird; dort besteht eine vollkommene Übereinstimmung zwischen Aussage und Situation. So erweist sich diese Art der sinnlich wahrnehmbaren Darstellung beziehungsweise die lexikalische Bedeutung als hilfreich, um die Merkmale des Bildes zu vervollständigen. Dies ist ein Wendepunkt, der in der Darstellung die Funktion eines Bindeglieds zwischen Erklärung und Bild einnimmt. Von hier aus trennen sich die Wege einer einfachen Darstellungsweise und einer hochrangigen kompositorischen Kunst. So heißt es im folgenden Vers:

(Arabisch**********)

Wahrlich, bei Allah sind die schlimmsten aller Lebewesen jene Stummen und Tauben, die nicht begreifen. (Sure al-Anfal: 22)

Das Wort (****) wird gewöhnlich für Tiere verwendet. Bisweilen wird damit jedoch auch der Mensch bezeichnet. Denn das Wort (****) umfasst alle Lebewesen, die auf der Erdoberfläche umhergehen; da auch der Mensch auf der Erdoberfläche umhergeht, kann dieses Wort auch auf ihn angewandt werden. Doch der Verstand ist nicht gezwungen, das Wort (***) im Sinne von „Mensch“ zu verstehen. Dies widerspricht der natürlichen Auffassung. Hier wird das Wort (***) für Menschen verwendet, um zu verdeutlichen, dass sich in ihrem Charakter und ihrem Verhalten eine tierische Gesinnung zeigt, die ihnen auf dem Weg der Rechtleitung zum Hindernis wird. Dadurch wird das Bild ihrer Achtlosigkeit und ihrer Bestialität vollständig. Durch die Worte (***) „sie begreifen nicht“ wird dies noch deutlicher gemacht.

In einem anderen Vers heißt es:

(Arabisch**********)

Diejenigen aber, die ungläubig sind, schwelgen im Genuss und essen wie das Vieh; ihre Wohnstätte ist die Hölle. (Sure Muhammad: 12)

In diesem Vers wird ein eindrucksvolles Bild gezeichnet, indem die Ungläubigen mit Tieren verglichen werden. Denn sie genießen während der wenigen Tage ihres irdischen Lebens große Freude und Vergnügen und bemühen sich auf verschiedene Weise, die weltlichen Zerstreuungen auszukosten. Doch gegenüber der jenseitigen Strafe, die auf sie wartet, sind sie völlig gleichgültig. Ein Verhalten, das nur Tieren angemessen ist. Diese sind mit Essen, Trinken und Vergnügen beschäftigt, denken aber kein einziges Mal darüber nach, dass das Messer des Schlachters auf sie wartet. Ihre einzige Aufgabe scheint darin zu bestehen, zu essen, zu trinken und sich zu vergnügen.

Sehen Sie noch ein weiteres Beispiel:

(Arabisch**********)

Eure Frauen sind für euch ein Acker. So bestellt euren Acker, wie ihr wollt. (Sure al-Baqara: 223)

In diesem Vers finden sich mehrere verborgene und offenkundige Übereinstimmungen. Hier wird die empfindsame Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau auf äußerst feine und ansprechende Weise dargestellt. Der eindrucksvollste Vergleich besteht darin, dass die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau mit einem Bauern und seinem Acker verglichen wird. So wie das Land der Erzeugung von Feldfrüchten dient, so dient auch die Ehefrau der Zeugung von Kindern. Wie die Ernte des Landes die Speicher füllt, so wird durch die Zeugung von Kindern durch die Ehefrau die Abstammungslinie ihrer Vollendung entgegeng ieführt. Mit wenigen Worten werden der gesamte Zweck und das gesamte Ziel treffend und schön dargestellt.

[5.2] Oft trägt nicht nur ein einzelnes Wort – nicht ein ganzer Satz – das Zeichen für die teilweise Vollständigkeit des Bildes in sich, sondern lässt vielmehr das gesamte Bild aufleuchten. In der bildhaften Darstellungsweise ist diese Übereinstimmung noch stärker als zuvor. Sie kommt der Vollständigkeit beinahe gleich. Ihre Bedeutung ist größer, weil ein einziges Wort, ohne einen vollständigen Satz, in der Lage ist, ein Bild hervorzubringen. Sobald dieses Wort zu hören ist, erscheint im Spiegel des Geistes ein vollständiges Bild.

(Arabisch**********)

O ihr Gläubigen! Was ist mit euch, dass ihr, wenn ihr aufgefordert werdet, auf Allahs Weg auszuziehen, an der Erde festhaltet? (Sure at-Tauba: 38)

Wenn man beim Rezitieren dieses Verses das Wort (***) hört, steigt sogleich das Bild eines schweren Gegenstandes in der Gedankenwelt auf. Es scheint, als würde jemand wiederholt versuchen, einen schweren Gegenstand hochzuheben, es aber wegen dessen Gewicht nicht schaffen. Es scheint, als wöge das Wort mehrere Tonnen. Wäre im Vers (***) gesagt worden (im Grunde haben die beiden Wörter dieselbe Bedeutung), hätte es nicht dieselbe Schwere wie das vorherige Wort vermittelt. Der Zweck wäre verfehlt worden. Doch das verwendete Wort ist so treffend eingesetzt, dass dem Hörer, sobald er es hört, das Bild einer schwer zu tragenden, gewaltigen Last vor dem inneren Auge erscheint.

Ein weiterer Vers dieser Art lautet:

(Arabisch**********)

Und unter euch gibt es gewiss einige, die absichtlich zurückbleiben werden. (Sure an-Nisāʾ: 72)

Sobald man diesen Vers liest, entsteht eine Vorstellung vom Verzögern; insbesondere steigt beim Lesen oder Hören des Wortes (***) sogleich ein Bild vor den Augen auf: Ihre Zungen werden steif, wenn sie dieses Wort aussprechen wollen. Erst mit großer Mühe und nach beträchtlicher Verzögerung gelangen sie schließlich ans Ziel.

Im Qurʾān wird die Aussage des Propheten Nūḥ folgendermaßen wiedergegeben:

(Arabisch**********)

(Nūḥ sagte:) O mein Volk! Was meint ihr: Wenn ich mich auf einen klaren Beweis von meinem Herrn stütze und Er mir von Sich aus Barmherzigkeit erwiesen hat, die euch jedoch nicht sichtbar ist – sollte ich sie euch dann gegen euren Willen aufzwingen? (Sure Hūd: 28)

Beim bloßen Rezitieren des Wortes (*****) in diesem Vers erscheint im Spiegel des Geistes das Bild von Abneigung und Drängen. Sein gesamtes Bewusstsein und seine Sprachfähigkeit werden so miteinander verflochten, wie (****) oder ein Hassender mit der Sache umgeht, die er hasst. Die enge Beziehung zwischen Wort und Bedeutung, die in diesem Vers zutage tritt, ist eine der kraftvollsten Anwendungen von Balāgha und Faṣāḥa. Die Mufassirūn früherer und heutiger Zeit haben sie als eines der charakteristischen Merkmale des Al-Qurʾān bezeichnet.

Anderswo heißt es:

(Arabisch**********)

Für diejenigen aber, die ungläubig sind, gibt es das Feuer der Jahannam. Ihnen wird nicht befohlen zu sterben, sodass sie sterben, und ihre Strafe wird ihnen nicht erleichtert. So vergelte Ich den Undankbaren. Dort werden sie qualvoll aufschreien: „Unser Herr! Führe uns von hier hinaus! Wir werden rechtschaffene Werke tun und nicht mehr das tun, was wir zuvor getan haben.“ (Sure Fāṭir: 36–37)

Sobald man in diesem Vers das Wort (****) hört, meint man, die Bewohner der Jahannam schrien auf und ihr Schrei hallte ringsum wider. Zugleich erscheint ein weiteres Bild vor Augen: Niemand hört ihren herzzerreißenden Schrei, und niemand kommt, um Abhilfe zu schaffen. Aus diesem Bild wird deutlich, wie schrecklich die Heftigkeit der Strafe ist.

Wenn ein einziges Wort die Aussage des ganzen Satzes zur Entfaltung bringt, dann ist das (***) oder die höchste Form der (künstlerischen) Anordnung. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)von harter Wesensart und zudem berüchtigt. (Sure Qalam: 13)

In diesem Vers genügt das Wort (***) dazu, ein vollständiges Bild von harter Wesensart und Grausamkeit zu zeichnen.

Ein weiterer solcher edler Vers lautet:

(Arabisch**********) Doch ein derart langes Leben wird sie nicht vor der Strafe bewahren. (Sure al-Baqara: 96)

In diesem Vers ist (***) der Handelnde von (****), wodurch ein vollständiges und lebendiges Bild gezeichnet wird. Sobald diese wenigen Worte ausgesprochen sind, erscheint dieses Bild vor den Augen.

Auch der folgende Vers ist ein treffendes Beispiel:

(Arabisch**********)

Dann werden sie und die Irregeführten – das heißt, die Götzen und die Götzendiener – kopfüber in die Hölle geworfen, ebenso wie alle Truppen des Iblis. (Sure asch-Schuʿara: 94–95)

In diesem Vers steht das Wort (****) für das Geräusch, das beim Hineinstürzen in die Hölle entsteht.

Es ist darauf hinzuweisen, dass in den beiden Versen allein die wörtliche Bedeutung der beiden Wörter (***) und ((***) das gesamte Bild vor den Augen entstehen lässt. Es geht nicht darum, dass ihre besondere Verwendung im Koran eine solche Vorstellung in ihnen hervorruft. Tatsächlich kommen die soeben erwähnten Wörter in einem bestimmten koranischen Zusammenhang vor, und jedes von ihnen wird nur einmal erwähnt. Zweifellos kann gesagt werden, dass die beiden genannten Wörter an der Stelle, an der sie verwendet wurden, zu den herausragendsten Darstellungen unter den bildhaften Beschreibungen zählen.

Im edlen Koran gehören zu den beschreibenden Bezeichnungen für den Tag der Auferstehung auch (***) (die Betäubende) und (***) (die sich über alles Ausbreitende). Das Wort (***) enthält ein solches Maß an Dröhnen und Härte, dass man beim bloßen Hören meint, die Ohren würden von diesem Dröhnen bersten. Dieses Wort durchdringt die Luft, trifft auf den Gehörgang und macht taub. Ebenso scheint sich das Wort (****) mit gewaltiger Geschwindigkeit zu bewegen. Es breitet sich in Sturmeseile über alles aus und verschlingt es. Ein weiterer Vers lautet:

(Arabisch**********)Beim Morgen, wenn er Atem schöpft (das heißt: erstrahlt). (Sure at-Takwir: 18)

Als ich eine derart feine und anmutige Wortwahl wie (***) sah und über mögliche Synonyme nachdachte, war ich sprachlos. Auch Sie werden über die Wundertätigkeit des Korans staunen und zugeben müssen, dass die Schönheit und Wundertätigkeit des edlen Korans dadurch gesteigert wird, dass am richtigen Ort das richtige Wort gewählt wird. An anderer Stelle heißt es:

(Arabisch**********)

Als Er von sich aus eine Decke des Schlafes über euch ausbreitete, um euch Ruhe zu schenken. (Sure al-Anfal: 11)

In diesem Vers wird durch das Wort (****) (Schläfrigkeit) die tiefgreifende Wirkung des Schlafes veranschaulicht. Es scheint, als wäre der Schlaf eine dünne und feine Decke, die alles mit großer Behaglichkeit und Sanftheit bedeckt. Das Wort (***) lässt den Eindruck entstehen, dass sich Ruhe und Sicherheit über die ganze Welt ausgebreitet haben.

Eine Darstellung durch Wörter und Lautung finden wir auch in der letzten Sure des edlen Korans, der Sure an-Nas. Denken Sie darüber nach:

(Arabisch**********)

Sprich: Ich suche Zuflucht beim Herrn der Menschen, beim wahren König der Menschen, beim Gott der Menschen, vor den bösen Einflüsterungen des Satans, der beim Erwähnen Allahs davonläuft und in die Herzen der Menschen einflüstert – sei es von den Menschen oder von den Dschinn. (Sure an-Nas: 1–6)

Lesen Sie diese Sure wiederholt und achten Sie darauf, wie Ihre Stimme ein vollständiges Flüstern hervorbringt, das genau dem in der Sure beschriebenen Flüstern entspricht. Besonders deutlich wird dies beim Rezitieren des folgenden Verses.

(Arabisch**********)

Beachten Sie ein weiteres Beispiel. Es heißt:

(Arabisch**********)

Wie ungeheuerlich sind die Worte aus ihrem Mund! Was sie sagen, ist nichts als Lüge. (Sure al-Kahf: 5)

Auch dieser Vers steht mit dem behandelten Thema in Einklang. Allerdings gibt es einen geringfügigen Unterschied. In diesem Vers wird als Verfehlung erwähnt, dass Allah einen Sohn habe. Diese äußerst lügnerische Behauptung wird auf jede mögliche Weise widerlegt. Zunächst wird durch die verwendete Formulierung das Subjekt verborgen. Außerdem wird ein weiteres Wort als Tamyiz und in unbestimmter Form gebraucht, wodurch das Ausmaß der Abscheulichkeit noch gesteigert wird. Danach wird durch eine weitere Formulierung verdeutlicht, dass diese Worte unwillkürlich und aus Unwissenheit aus dem Mund hervorgegangen sind. Der Ekel und die Niedrigkeit, die dadurch hervorgerufen werden, bleiben dadurch bestehen. Bei der Aussprache dieses Wortes wird der Mund leicht geöffnet, doch schließt er sich zugleich mit der Aussprache des letzten Mīm wieder. Dabei ist der Mund noch immer mit der aus der Kehle austretenden Luft erfüllt.

Es gibt eine Art von Wort, die zwar den Inhalt treffend wiedergibt, dies jedoch nicht dadurch tut, dass ihre Aussage und ihr Klang in das Ohr eindringen. Ihr Bildumfang gleicht lediglich jenem Schatten, der in der Gedankenwelt entsteht. Es sei darauf hingewiesen, dass Wort und Rede jeweils ihren eigenen Schatten oder ihr eigenes Spiegelbild besitzen, das sichtbar wird, sobald der Blick des Menschen darauf fällt. Ein Beispiel dafür ist der folgende Vers:

(Arabisch**********)

Trage ihnen den Zustand jenes Mannes vor, dem Ich Meine Zeichen gegeben hatte, der sich jedoch von ihnen loslöste und fortging. (Sure al-A’raf: 175)

In diesem Vers lässt das Wort „Fansalakha“ (***) erkennen, wie jener Mann sich von den Zeichen, die ihm gegeben worden waren, losgelöst hat. Der folgende Vers ist ein weiteres hervorragendes Beispiel:(Arabisch**********)

Danach betrat er am frühen Morgen die Stadt, voller Furcht und auf der Hut. (Sure al-Qasas: 18)

In diesem Vers wird durch das Wort (***) das Bild davon entfaltet, wie Hazrat Musa (a.) voller Furcht und Besorgnis war. Zugleich muss man beachten, dass Hazrat Musa (a.) als Ort des Ausdrucks der Angst „fil-Madinati“ (***) – also die Stadt – betrachtete, die gewöhnlich ein Ort des Friedens und der Sicherheit ist. Obwohl mit „Yattaraqqabu“ ((*****) jene Orte bezeichnet werden, an denen Furcht und Angst verborgen liegen, wird hier ein Ort des Friedens und der Sicherheit in einem erschreckenden Bild dargestellt.

Wir haben bereits im Kapitel „Vorstellung und Darstellung“ Beispiele dieser Art angeführt; auch sie stehen damit in vollständiger Übereinstimmung.

Manchmal sind Laut und Wirkung in ein und demselben Wort vereint. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)An dem Tag, an dem sie zum Feuer der Hölle gestoßen und hineingetrieben werden. (Sure at-Tur: 13)

In diesem Vers erzeugt das Wort (***) zusammen mit seinem Klang und seiner Wirkung ein Bild seiner Bedeutung. Bedenkenswert ist hier, dass (***) bedeutet, jemanden mit großer Kraft zu stoßen. Wenn jemand sehr heftig gestoßen wird, entweicht seinem Mund unwillkürlich der Laut (***) (Oh!). Dieser Laut steht mit dem Wort (***) in vollkommener Übereinstimmung. Beachten Sie auch den folgenden Vers:

(Arabisch**********)Packt ihn und schleppt ihn mitten in die Hölle. (Sure ad-Duchān: 47)

Sobald der Klang des Wortes (****) in diesem Vers das Ohr erreicht, entsteht in der Gedankenwelt eine Erschütterung, und vor den Augen erscheint ein lebendiges Bild.

In diesem Kapitel können wir jene Wörter erwähnen, von denen wir gesagt haben, dass bereits ihr Klang die Aufmerksamkeit auf ihre wörtliche Bedeutung lenkt. Zum Beispiel (****) (Schlummer), (***) (Atem holen), (****) (Auferstehung). Diese Wörter erzeugen neben ihrem Klang auch einen Schatten. Doch die feinen Unterschiede zwischen ihrem Klang und ihrem Schatten abzugrenzen, ist äußerst schwierig. Wenn ein Wort ein Bild seiner Bedeutung und seines Sinngehalts zeichnet, verbinden sich sein Klang und seine Bedeutung miteinander. Es weist dann nicht nur auf die Bedeutung, sondern auch auf Gedanken und Bildvorstellungen hin. Genau das ist unser Ziel.

[5.3] Zu den Methoden der Veranschaulichung, die der Koran verwendet, um seine Aussage darzustellen, gehört auch der Taqābul oder Gegensatz. Wo der Koran durch Wörter ein feines Bild zeichnen will, folgt er meistens der Methode des Taqābul. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Zu Seinen Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde und die Lebewesen, die Er zwischen beiden verbreitet hat. Wenn Er will, ist Er fähig, sie zusammenzubringen. (Sure asch-Schūrā: 29)

In diesem Vers gehören die beiden Wörter (***) (verstreut) und (***) (zusammenbringen) zum Taqābul oder Gegensatz. Durch die gemeinsame Verwendung dieser beiden entgegengesetzten Wörter in ein und demselben Vers wurde ein vollständiges Bild gezeichnet, das in der Gedankenwelt Bild für Bild erscheint. Obwohl die beiden Wörter gegensätzliche Bedeutungen haben, fügen sie sich doch auf schöne Weise zusammen.

In dem folgenden Vers werden zwei gegensätzliche Bilder von Leben und Tod miteinander verbunden.

(Arabisch**********)

Haben sie dadurch nicht die Augen geöffnet? Wir haben vor ihnen viele Völker vernichtet, in deren Wohnstätten sie nun umhergehen. Darin liegen wahrlich Zeichen. Hören sie denn nicht? Sehen sie denn nicht, dass Wir Wasser in das dürre Land leiten und dadurch Getreide hervorbringen, von dem sie und ihr Vieh essen? Warum schenken sie dieser Sache keine Beachtung? (Sure as-Sadschda: 26–27)

Seht, welch ein Unterschied in diesem Vers zwischen Leben und Tod besteht. Zuerst ist von jenen Menschen die Rede, die einst auf der Erde umhergingen. Heute sind sie tot, sie sind vernichtet worden. Ihre Wohnstätten sind verödet. Dann wird im Handumdrehen ein ganz anderes Bild entworfen: das Bild davon, wie die tote Erde grün und üppig gemacht und geschmückt wird. Hier besteht der Gegensatz, der Takābul, im Wesentlichen nicht zwischen einem Zustand und einem anderen, sondern zwischen Leben und Tod.

Bilder dieser Art von „Takābul“ (Gegensatz) finden sich in großer Zahl an den Stellen, an denen vom Frieden und von der Strafe im jenseitigen Leben die Rede ist. Einige Beispiele dieser Art führen wir im Folgenden an.

(Arabisch**********)

Keineswegs! Wenn die Erde zu Staub zermahlen wird und dein Rabb erscheint, die Engel in Reihen aufgestellt stehen und die Hölle herbeigebracht wird, an jenem Tag wird der Mensch sich erinnern. Doch was wird ihm diese Erinnerung nützen? Er wird sagen: „O dass ich doch für dieses Leben etwas vorausgeschickt hätte!“ An jenem Tag wird niemand eine Strafe verhängen wie seine Strafe, und niemand wird fesseln wie er fesselt. (Sure al-Fadschr: 30)

Selbst in einer derart schrecklichen Lage wird ein Muʾmin mit Worten voller Anteilnahme und Zärtlichkeit gerufen werden: „O du beruhigte Seele, kehre zu deinem Rabb zurück!“ In dieser Rückkehr zeigt sich die tiefe Liebe und das gegenseitige Wohlgefallen zwischen jenem Diener und seinem Rabb. (***) Das heißt: Beide bekunden einander ihre Liebe. Die Spuren von Liebe und Zuneigung, die sich in diesen Worten finden, lassen die gesamte Umgebung wie durch ein Band der Verbundenheit zusammengehalten erscheinen. Danach heißt es: (Arabisch**********)Schließe dich Meinen besonderen Dienern an und gewinne ihre Verbundenheit.(Arabisch**********)Dann tritt in Mein Paradies ein. Die Beschreibung der Hölle hatte die gesamte Umgebung mit einem Bild von Angst und Bedrängnis umgeben. Hier findet sich das genaue Gegenteil davon: ein Bild, das ganz von Liebe und Zuneigung erfüllt ist.

Das obige Beispiel war ein gegensätzliches Bild zwischen dem Kafir und dem Mumin. Nun stelle ich ein gegensätzliches Bild von der Pein der Höllenbewohner und den Gnaden der Paradiesbewohner dar.

(Arabisch**********)

Ist dir die Kunde von der überwältigenden Auferstehung erreicht? Viele Gesichter werden an jenem Tag erniedrigt, bedrückt und erschöpft sein. Sie werden in ein loderndes Feuer stürzen. Ihnen wird aus einer kochend heißen Quelle zu trinken gegeben, und außer einem dornigen Strauch haben sie keine Nahrung. Davon werden weder ihre Körper genährt noch ihr Hunger gestillt. Und viele Gesichter werden an jenem Tag strahlend sein, zufrieden aufgrund ihrer Taten. Sie werden sich in einem erhabenen Paradies befinden. Dort werden sie kein leeres Gerede hören. Dort wird es fließende Quellen, erhöhte und prächtig geschmückte Sitze, bereitgestellte Trinkgefäße, in Reihen angeordnete Polster und weit ausgebreitete Teppiche geben.

Die vorherigen Verse enthalten ein schönes gegensätzliches Bild von Pein und Gnade. Beispiele dieser Art gibt es im Al-Koran viele.

5.4 Die obigen Beispiele waren zwei gegensätzliche Bilder. Nun aber stelle ich einige Beispiele vor, die zwar ebenfalls gegensätzlich sind, von denen jedoch eines der Vergangenheit und das andere der Gegenwart angehört. Indem die Vergangenheit in der Vorstellung in die Gegenwart versetzt wird, ist ein gegensätzliches Bild zweier Zustände gezeichnet worden. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Er hat den Menschen aus einem Tropfen Samen erschaffen; dennoch ist er ein offenkundiger Streitsüchtiger. (Sure an-Nahl: 4)

Der Zustand, der gegenwärtig vor uns steht, ist der eines offenkundig streitsüchtigen (****) Menschen; in der Vergangenheit aber war er lediglich ein unbedeutender Tropfen Samen. Der gewaltige Abstand zwischen diesen beiden Zuständen soll hier verdeutlicht werden. Deshalb wurde der zwischen diesen beiden Zuständen liegende Zustand ausgelassen. Man könnte etwa sagen: Wenn der Anfang des Menschen darin bestand, dann steht es ihm nicht an, zu streiten. Ein weiteres ähnliches Beispiel:

(Arabisch**********)

Überlasse Mir die Leugner, die über Reichtum und Wohlstand verfügen, und gewähre ihnen noch ein wenig Aufschub. Gewiss, bei Mir sind Fesseln, ein Feuer, eine Nahrung, die im Hals stecken bleibt, und eine schmerzhafte Strafe. (Sure al-Muzzammil: 11–13)

Auch hier zeigt sich ein Gegensatz zwischen zwei Zuständen. Der eine Zustand ist gegenwärtig, nämlich der Hochmut, den Reichtum und Wohlstand hervorbringen. Der andere Zustand ist gegenwärtig nicht vorhanden und auf das Reich der Vorstellung beschränkt. In der Realität besitzt er keine Existenz. Dieses Beispiel offenbart sowohl eine künstlerische als auch eine religiöse Bedeutung. Beachtet die folgenden Verse:

(Arabisch**********)

Verderben über jeden Lästerer und Verleumder, der Vermögen anhäuft und es immer wieder zählt. Er meint, sein Vermögen werde für immer bei ihm bleiben. Keineswegs! Er wird gewiss in die „Hutamah“ geworfen werden. Und was lässt dich wissen, was die „Hutamah“ ist? Sie ist Allahs entzündetes Feuer, das bis zu den Herzen vordringt. Sie werden darin an lang aufgerichtete Säulen gefesselt. (Sure al-Humazah: 1–9)

In dieser Sure werden zwei gegensätzliche Zustände beschrieben. Der eine ist der Zustand im Diesseits und der andere der des Jenseits. Es gibt hochmütige und eingebildete Menschen, die sich am Reichtum und Wohlstand dieser Welt berauschen, das Jenseits vergessen und sich den Vergnügungen und dem Treiben der Welt hingeben. Doch am anderen Ende ihres Weges wartet die Dschahannam auf sie. Eine Dschahannam, die alles zermalmt und deren Feuer bis zu den Herzen vordringt – zu jenen Herzen, die heute von Hochmut und Überheblichkeit berauscht sind. Dort werden sie so fest und vollständig gefesselt, dass sie sich nicht aus eigenem Willen befreien können und auch niemand sonst sie befreien kann.

Im folgenden Vers heißt es:

(Arabisch*********)

Die Gefährten der Linken – o weh, was für eine Strafe wird über die Gefährten der Linken kommen! Sie werden in sengender Hitze, kochendem Wasser und im Schatten von Rauchwolken sein, der weder kühl noch angenehm ist. Zuvor lebten sie im Wohlstand. (Sure al-Wāqiʿa: 41–45)

Hier werden zwei Zustände einander gegenübergestellt. Der eine ist der gegenwärtige Zustand der Höllenbewohner: heiße Dämpfe, heißes Wasser und der Schatten des Rauchs, der nur dem Namen nach ein Schatten ist. Dieser qualvolle Zustand wird ihrem früheren Zustand, also ihrem Wohlleben und ihrem behaglichen Leben, gegenübergestellt.

Zwischen dem oben beschriebenen Zustand und den anderen damit verbundenen Zuständen liegt ein subtiler Gedanke. Die Menschen, von denen dieser Vers spricht, sind noch ganz und gar am Leben und bewegen sich auf der Erde. Alle Annehmlichkeiten dieser Welt stehen ihnen zur Verfügung; dieser Zustand besteht gegenwärtig. Das Leid, das sie im Jenseits erwartet, kommt erst später. Doch der Qurʾān lässt jenen späteren Zustand bereits in der Gegenwart eintreten. Der Leser hat den Eindruck, dass sie nach dem Abschluss ihrer irdischen Geschäfte schon in den Zustand eingetreten sind, der für sie vorbereitet wurde. Alle Freuden und Vergnügungen hinter ihnen sind zu Ende. Sie stehen einer heftigen Strafe gegenüber. In dieser Lage werden sie an das erinnert, was hinter ihnen liegt – an jenes frühere Glück.

Es mag scheinen, als sei dies eine außergewöhnliche Betrachtungsweise. Aber was tut das zur Sache? Der Qurʾān trägt seine Aussagen an vielen Stellen in diesem Stil vor. Diese Darstellung des Qurʾāns besitzt sowohl künstlerische als auch religiöse Wirkung. Der kunstsinnige Betrachter erkennt darin nicht bloß das Entwerfen eines Gleichnisses, sondern ein Geschehen, das die Grenzen des Empfindens und Verstehens überschreitet, unmittelbar vor den Augen stattfindet und sich gerade ereignet.

Die religiös Suchenden empfinden, dass man an die Ereignisse, die sich in der Hölle ereignen werden, mit einer solchen festen Gewissheit (Yaqīn) glauben sollte, als geschähen sie gerade jetzt. Das steht in Beziehung zum inneren Erfassen. Und diese feste Gewissheit bereitet den Menschen darauf vor, den Ruf zum Īmān anzunehmen.

Auch der folgende Vers steht in Beziehung zu dem oben angeführten Beispiel.

(Arabisch*********)

Ergreift ihn und zerrt ihn mitten in die Hölle. Dann gießt über seinen Kopf die Strafe siedenden Wassers. (Nun) koste! Du bist doch der Ehrwürdige, der Angesehene. (Sure ad-Duchān: 47–49)

Auch der folgende Vers stellt ein gegensätzliches Bild dar:

(Arabisch*********)

Keineswegs! Wenn die Seele die Kehle erreicht und gesagt wird: „Wer kann beschwören?“ Und er meint, dass der Augenblick des Abschieds gekommen ist und sich ein Bein um das andere schlingt. An jenem Tag wird alles zu deinem Herrn gebracht werden. Er hat nicht geglaubt und nicht gebetet, sondern es für eine Lüge erklärt und sich abgewandt. Dann kehrte er hochmütig zu seiner Familie zurück. (Sure al-Qiyāma: 26–33)

In den genannten Versen werden zwei gegensätzliche Zustände geschildert. Der eine liegt in der Vergangenheit und ist bereits vergangen. Es scheint, als habe die gesamte Schöpfung ihre ganze Schönheit verloren und sei verblasst. Es gab eine Zeit, in der der Verstorbene nicht gebetet und die Wahrheit des Qur’an nicht anerkannt hatte. Nun steht ein anderer Zustand – nämlich der Augenblick des Todes – vor seinen Augen, während er gleichgültig bleibt. Der Augenblick des Todes ist gekommen, und er ist vor Angst so bestürzt, dass seine beiden Beine zittern. Die Seele ist bis zur Kehle emporgestiegen, und jemand fragt: „Gibt es keinen Beschwörer, der ihn aus diesem Unglück retten kann?“ So wie man Zuflucht zu Beschwörungen nimmt, um sich vom Einfluss von Dschinn und Geistern zu befreien.

Der Sterbende meint, dass heute der Tag gekommen ist, an dem er von seiner Familie getrennt wird. Die Erinnerungen an vergangene Tage steigen in seinem Herzen auf. Beide Bilder treten vor seine Augen: dass er sich hochmütig von der Einladung des edlen Propheten (s.) abwandte, zu seiner Familie zurückkehrte und seine Einladung für eine Lüge hielt. Doch daraus wird kein Nutzen entstehen. Denn seine Beine sind bereits ineinander verschlungen. Jetzt ist keine Zeit mehr. Nun beginnt die Reise zur Rückkehr zu seinem Herrn.

Sechstes Kapitel

Melodie und Rhythmus im Qur’an

Was andere Autoren über Reim und Ähnlichkeit in den Wörtern des Qur’an erörtert haben, möchte ich lediglich kurz betrachten und anschließend jenen Aspekt der künstlerischen Gestaltung des Qur’an behandeln, über den bisher noch nichts ausführlich erörtert wurde und der zugleich mit dem Gegenstand dieses Buches zusammenhängt – insbesondere die Klangähnlichkeit in der Aussprache des Qur’an.

Ich habe zuvor angedeutet, dass im edlen Koran Klang und Rhythmus (Ähnlichkeit der Lautung von Wörtern) vorkommen und dass es davon verschiedene Arten und Formen gibt, die bei der Darlegung seiner Aussagen eine unterstützende Rolle spielen. Da der gesamte Koran rhythmisch gestaltet ist, finden sich überall Klang und Takt. Es zeigt sich, dass die verschiedenen Buchstaben desselben Wortes sowie jede Aya und ihr Schlusswort den Regeln der Verslehre folgen, sei die Aya kurz oder lang. Ich möchte die Sätze erörtern, in denen sich diese Übereinstimmung zwischen den Schlusswörtern zeigt. Im edlen Koran heißt es:

(Arabisch*********)

Ich habe ihn (d. h. den Gesandten) weder Dichtung noch Gedichte gelehrt. Und es ziemt sich auch nicht für ihn. Vielmehr ist dies eine Ermahnung, die als deutlicher Koran offenbart wurde. (Sure Yasin: 69)

Diese Aussage ist die Antwort auf jene Anschuldigung der Ungläubigen, die in der Sure al-Anbiya vorgetragen wird:

(Arabisch*********)(Sie sagten:) Er hat es erdichtet; nein, vielmehr ist er ein Dichter. (Sure al-Anbiya: 5)

Der Koran hat zu Recht gesagt, dass er keine Dichtung ist. Doch die Frage lautet: Waren die Araber, die ihn Dichtung oder Gedichte nannten, etwa verrückt oder unwissend in Bezug auf Dichtung und Poesie? Gewiss nicht. Da sie ihn Dichtung nannten, müssen darin zwangsläufig die Merkmale von Dichtung und Poesie vorhanden sein, von deren zauberhafter Wirkung auch sie bezaubert wurden. Sie waren mit der klanglichen Ähnlichkeit und der Schönheit der Koranrezitation vertraut; daher konnten sie erkennen, dass es sich um eine Dichtung handelte. Selbst wenn wir ihn lediglich unter dem Gesichtspunkt des Metrums und des Endreims betrachten, wird deutlich, dass die grundlegenden Merkmale von Dichtung und Poesie darin vorhanden sind.

Darüber hinaus hat der Koran sowohl Prosa als auch Versdichtung in schöner Weise in sich aufgenommen. Der Koran ist unabhängig von Metrum (****) und Endreim (****), und für ihn besteht keinerlei Verpflichtung, dass ein Reim vorhanden sein muss. Dennoch finden sich darin Klang und Rhythmus. Auch die Notwendigkeit eines Reims am Ende der Aya hat der Koran nicht beibehalten. Zugleich enthält er auch die Eigenschaften der Dichtung, die wir oben erörtert haben. Unter diesem Gesichtspunkt kann man sagen, dass der Koran sowohl Merkmale der Prosa als auch der Versdichtung aufweist. [Dr. Taha Hussein schrieb: Der Koran ist weder Versdichtung noch Prosa; der Koran ist einfach der Koran. Zwar scheint er Metrum und Endreim zu enthalten, doch beschränkt sich dies nur auf den sichtbaren äußeren Aspekt. Aus Sicht der arabischen Literatur besteht kein Zweifel daran, dass der Koran eine hervorragende und hochrangige Prosa ist. Zweitens ist die Prosagestalt des Korans völlig eigenständig und andersartig, sodass kein Vergleich und kein Beispiel dafür angeführt werden kann. – Der Verfasser.]

Um die Wahrheit zu sagen: Wenn man den Koran rezitiert, nimmt man in der äußeren Lautung Metrum und Endreim wahr. Besonders deutlich wird dies in den Suren mit kurzen Ayat oder an jenen Stellen, an denen eine Szene dargestellt wird. Auch in den Suren mit langen Ayat ist dies vorhanden, doch dort ist es nicht so deutlich. Beachten Sie das folgende Beispiel, in dem Klang, Rhythmus und Metrum vollständig zum Ausdruck kommen.

(Arabisch*********)

Beim Stern, wenn er untergeht. Euer Gefährte ist weder irregegangen noch vom rechten Weg abgekommen, und er spricht auch nicht aus eigener Neigung. Es ist nur eine Offenbarung, die ihm eingegeben wird. Belehrt wird er von einem mächtigen Engel, ausgestattet mit gewaltigen Kräften. Er erschien in seiner eigentlichen Gestalt am höchsten Horizont. (Sure an-Nadschm: 1–8)

(Arabisch*********)

Dann kam er näher und schwebte herab, sodass die Entfernung nur zwei Bogenlängen oder noch weniger betrug. Da offenbarte Er Seinem Diener, was Er ihm offenbarte. Das Herz des Gesandten hat nicht gelogen, was es gesehen hat. Wollt ihr etwa mit ihm über das streiten, was er gesehen hat? (Sure an-Nadschm: 9–12)

(Arabisch*********)

Und wahrlich, er sah ihn ein weiteres Mal beim Lotosbaum der äußersten Grenze, bei dem der Garten der Zuflucht liegt, als den Lotosbaum bedeckte, was ihn bedeckte. Sein Blick wich nicht ab und überschritt nicht das Maß. Wahrlich, er sah einige der größten Zeichen seines Herrn. (Sure an-Nadschm: 13–18)

(Arabisch*********)Habt ihr über al-Lāt und al-ʿUzzā nachgedacht und über Manāt, die dritte, die andere? (Sure an-Nadschm: 19–20)

(Arabisch*********)Sind etwa die männlichen Kinder für euch und die weiblichen für Allah? (Sure an-Nadschm: 21)

(Arabisch*********)Eine solche Verteilung ist eine äußerst unpassende Verteilung. (Sure an-Nadschm: 22)

Die Endsilben der genannten Verse weisen eine annähernde Übereinstimmung des Metrums auf. Dieses unterscheidet sich jedoch etwas vom Metrum der arabischen Dichtung. Am Ende aller Verse findet sich dieselbe Art des Endreims. Dank Metrum und Endreim besteht zwischen jedem Vers und den anderen eine klangliche Übereinstimmung. Dadurch entsteht eine wunderbare melodische Wirkung. Diese Übereinstimmung und Ähnlichkeit hat noch einen weiteren Grund, der allerdings nicht so deutlich hervortritt wie Metrum und Endreim. Sie entsteht durch einzelne Wörter, die Anordnung der Buchstaben und die Anordnung der Wörter im Satz. Ihr Empfinden und ihre Wahrnehmung hängen vom Umfang des religiösen Bewusstseins sowie vom Genuss an Melodie und Musik ab. Deshalb kann man zwischen dem wohlklingenden und dem misstönenden Klang einer Strophe unterscheiden; allein ein Endreim am Satzende berechtigt jedoch nicht dazu, ihn als Melodie oder Rhythmus zu bezeichnen.

Da die genannten Verse kurz sind, ist auch die Dauer der aus ihnen entstehenden Klangwellen nicht sehr lang. Da jedoch Rhythmus und Metrum in allen Versen gleich sind, weisen sie alle eine klangliche Übereinstimmung auf. Es besteht keinerlei Verpflichtung, dass die Verse denselben Endbuchstaben haben müssen.

Beim Schreiben einer Erzählung oder eines Romans in der modernen Literatur wird darauf beispielsweise keine Rücksicht genommen; bei der Melodie und dem Rhythmus des Korans jedoch wurde all dies berücksichtigt. Aus vielen Versen wird deutlich, dass dies für den Gleichklang am Satzende völlig bewusst und planmäßig so gestaltet wurde. Betrachten Sie beispielsweise den folgenden Vers aufmerksam.

(Arabisch*********)Wenn es nicht auf diese Weise, sondern wie im Folgenden beschrieben worden wäre:

(Arabisch*********)Dann wäre ein Unterschied im Endreim entstanden und der Rhythmus wäre gebrochen worden. Ebenso der folgende Vers:

(Arabisch*********)Wenn er nicht auf diese Weise, sondern wie folgt erwähnt worden wäre:

(Arabisch*********)Dann hätte es keine klangliche Übereinstimmung des Rhythmus gegeben. Das Wort „Izan“ wurde verwendet, um diese Übereinstimmung zu vervollständigen.

Daraus darf jedoch nicht geschlossen werden, dass die beiden Wörter „al-ukhra; (***)“ und „izan“ (***) aus einem anderen Grund als der Reimübereinstimmung verwendet wurden und überflüssig seien. Tatsächlich sind diese beiden Wörter nicht überflüssig, sondern wurden aufgrund einer feinen, für die dichterische Komposition unerlässlichen Notwendigkeit verwendet. Dies ist ein weiteres künstlerisches Merkmal des Al-Qur’an. Im Al-Qur’an wurden solche Wörter mit einer besonderen Bedeutung gewählt, und zugleich spielen sie eine wichtige Rolle dabei, auch das Maß der Melodie und des Taktes richtig zu halten.

Wie wir bereits erörtert haben, lässt sich beim Vortrag eines Verses des Al-Qur’an zusammen mit einem anderen Vers eine gewisse rhythmische Übereinstimmung erkennen, und am Ende tritt ein Endreim hervor. An vielen Stellen ist die Wortwahl außerdem so getroffen, dass die Schönheit verlorenginge, wenn man auch nur ein Wort vor- oder zurückstellte.

Erster Zustand: Der erste Zustand ist ein Beispiel für die Veränderung der natürlichen Stellung eines Wortes. Dies sind die Worte des Propheten Ibrahim (a.), die der Qur’an wortgetreu überliefert hat:

(Arabisch*********)

(Ibrahim (a.) sagte:) Habt ihr über jene nachgedacht, die ihr und eure Vorväter zu verehren pflegtet? Sie alle sind meine Feinde, außer dem Herrn der Welten, der mich erschaffen und rechtgeleitet hat. Er gibt mir Nahrung und zu trinken. Wenn ich krank werde, ist Er es, der mich heilt. Ich hoffe, dass Er mir am Tag des Gerichts meine Fehler vergeben wird. (Sure asch-Schuʿarā: 75–82)

In den erwähnten Versen wurde das „Ya“ der ersten Person am Ende der Wörter „yahdini“, „yaskini; (***)“, „yashfini“ (***) und „yuhyini“ (***) ausgelassen, um den Endreim des „Nun“ (***) wie bei den beiden Wörtern „taʿbuduna“ (***) und „al-aqdamuna“ (***) beizubehalten.

Ebenso wurde in den folgenden Versen das „Ya“ ausgelassen:

(Arabisch*********)

Bei der Morgendämmerung, bei den zehn Nächten, bei dem Geraden und dem Ungeraden und bei der Nacht, wenn sie dahingeht. Darin liegt wahrlich ein Schwur für den Verständigen. (Sure al-Fadschr: 1–5)

Im genannten Vers wurde das Jā aus dem Wort „Yasrī“ weggelassen, damit es mit den Wörtern „al-Fadschri“, „Aschrīn“ und „wal-Bitri“ und ähnlichen übereinstimmt.

Auch die folgenden Verse können hier beispielhaft angeführt werden.

(Arabisch*********)

So wende dich von ihnen ab. An dem Tag, an dem der Rufer zu etwas Unheilvollem ruft. Dann werden sie mit gesenkten Blicken aus den Gräbern hervorkommen, wie verstreute Heuschrecken. Sie werden eilends dem Rufer zulaufen. Die Ungläubigen werden sagen: „Das ist ein schwieriger Tag.“

Wenn in diesem Vers am Ende des Wortes „ad-Dāʿi“ das Jā nicht weggelassen worden wäre, hätte man den Eindruck, dass in dieser Verszeile der Rhythmus gestört sei. Und dieser Fehler wäre niemandem entgangen. Beachten Sie ebenso den folgenden Vers:

(Arabisch*********)

(Mūsā sagte:) „Wir suchten genau diesen Ort.“ Danach kehrten sie auf ihren eigenen Spuren um. (Sure al-Kahf: 64)

Wenn in diesem Vers das Wort (***) auf diese Weise (***) geschrieben worden wäre, wäre die Kontinuität des Reims beeinträchtigt worden.

Wenn ebenso bei den folgenden Versen am Ende des ursprünglichen „Yā“ und des Yā der ersten Person (***) das Pausen-Hā (**) weggelassen würde, würde der Reim zweifellos zusammenbrechen.

(Arabisch*********)

Wessen Waagschalen jedoch leicht sind, dessen Zuflucht wird Hāwiya sein. Weißt du, was das ist? Ein loderndes Feuer. (Sure al-Qāriʿa: 8–11)

Beachten Sie auch den folgenden Vers:

(Arabisch*********)

Wem dann sein Tatenbuch in die rechte Hand gegeben wird, der wird sagen: „Nehmt und lest mein Tatenbuch! Ich wusste, dass ich zur Rechenschaft gezogen werden würde.“ Danach wird er ein Leben voller Glück und Wohlstand führen. (Sure al-Ḥāqqa: 19–21)

Zweiter Fall: Zwar wurde die gewöhnliche Form der Wörter in keiner Weise verändert, doch durch eine kunstvolle Anordnung sind sie rhythmisch geworden. Wird diese Anordnung auch nur geringfügig verändert, bleibt vom Reim nichts mehr übrig. Der klangliche Wohlton geht verloren.

(Arabisch*********)

Dies ist die Erwähnung der Barmherzigkeit deines Herrn gegenüber Seinem Diener Zacharias, als er seinen Herrn im Verborgenen anrief und sagte: „O mein Herr! Meine Knochen sind vom Alter schwach geworden, und mein Haupt ist vom Alter ganz weiß geworden, doch niemals bin ich enttäuscht gewesen, wenn ich Dich angerufen habe.“ (Sure Maryam: 2–4)

Wenn man im obigen Vers lediglich das Wort Minnī verändert, es vor das Wort al-Aẓum setzt und es folgendermaßen formuliert: (Arabisch********)dann wird eindeutig verständlich, dass in diesem Satz vom Rhythmus nichts mehr übrig bleibt. Nur um Rhythmus und Metrum zu bewahren, wurde das Wort „Minnī“ an seiner vorgesehenen Stelle belassen. Sehen Sie nun, wie schön der Reim gestaltet ist. Am Anfang des Satzes heißt es: (Arabisch********)und unmittelbar danach heißt es: (Arabisch********)

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass Klang und Rhythmus innerhalb der Verse so fein sind, dass man sie lediglich wahrnehmen, aber nicht ausdrücken kann. Wir haben dies bereits zuvor teilweise erörtert. Um diese Art von Klang und Takt wahrzunehmen, die in der Anordnung einzelner Wortgruppen oder eines einzigen Satzes eingeschlossen ist, bedarf es ausschließlich des von Allah verliehenen Wissens und der von Ihm verliehenen Weisheit; auf keine andere Weise ist dies möglich.

Die obige Erörterung deutet darauf hin, dass der Darstellungsweise des Al-Qur’an eine Grundlage von Klang und Rhythmus zugrunde liegt. Diese muss jedoch äußerst fein bemessen sein. Sie ist so empfindlich, dass bereits jede Abweichung von der gewöhnlichen sprachlichen Anordnung zu einem Bruch des Rhythmus führt. Dennoch handelt es sich nicht um Poesie oder Dichtung. Sie ist nicht einmal verpflichtet, den Regeln und Grundsätzen der Dichtkunst zu folgen. Doch die Menschen nehmen sie als so kunstvoll geordnet und gestaltet wahr, dass sie nicht wissen, wie sie sie anders als Dichtung nennen sollen.

Satzendpausen und Endreim

Wie bei Klang und Rhythmus gibt es auch bei den Satzendpausen und dem Endreim mehrere Arten. Nun stellt sich die Frage: Gibt es für diese Arten der Satzendpausen und des Endreims bestimmte Regeln und Grundsätze? Und orientieren sie sich an einem bestimmten Ziel?

Die Antwort lautet: Nachdem erwiesen ist, dass im Al-Qur’an Klang und Rhythmus vorhanden sind, werden wir versuchen, diese Frage entsprechend den Regeln von Klang und Rhythmus zu beantworten. Die Formen der Satzendpausen und des Endreims unterscheiden sich von Sure zu Sure. Häufig lassen sich in ein und derselben Sure mehrere Regeln zugleich feststellen. Die Unterschiede bei den Satzendpausen in den verschiedenen Suren hängen davon ab, ob die Sätze kurz, lang oder mittellang sind. Ihr Wesen entspricht dem, was man in derselben Gedichtzeile beobachten kann, wenn eine Zeile kürzer und eine andere länger ist. Abschließend lässt sich dazu sagen: In kurzen Suren sind auch die Pausen am Ende der Verse kurz. In Versen mittlerer Länge sind die Pausen mittel, und in langen Versen sind sie annähernd lang. Betrachtet man den Endreim, so zeigt sich, dass in kurzen Suren die Beispiele dem Rhythmus ziemlich eng verbunden sind; in langen Suren ist diese Verbindung weniger eng. Unter den Endreimen, die in den Suren des Al-Qur’an vorkommen und besonders häufig verwendet werden, finden sich „Nūn“ und „Mīm“ sowie davor „Wāw“ oder „Yā“. Der Zweck besteht auch hier darin, wie bei Klang und Rhythmus Abwechslung zu schaffen.

Nun bleibt noch eine weitere Frage: Warum wurden bei demselben Sachverhalt Unterschiede in den Satzschlüssen, den Pausen und dem Endreim geschaffen? Die Antwort lautet: Das Beispiel, das wir an den meisten Stellen im Koran finden, dient nicht lediglich dazu, Abwechslung zu schaffen; vielmehr hat es bestimmte Ziele und Notwendigkeiten. An vielen Stellen können wir den Grund für diese Verschiedenheit erkennen, an anderen hingegen gelingt es uns nicht, ihn zu erfassen. Wo wir daran scheitern, unternehmen wir in Übereinstimmung mit den herkömmlichen Regeln und Gepflogenheiten vergeblich den Versuch, zu beweisen, dass auch diese Methode lediglich eine Methode wie Darstellung, Vorstellung und Veranschaulichung sei.

Zu den Stellen, an denen wir das Geheimnis der Satzschlüsse, der Pausen und des Endreims verstehen können, gehört die Sure Maryam. Bedenken Sie: Diese Sure beginnt mit der Geschichte von Hazrat Zakariya (a.s.) und Hazrat Yahya (a.s.). Danach wird damit die Geschichte von Hazrat Maryam und Isa (a.s.) verbunden. Die Satzschlüsse, Pausen und Endreime in dieser Sure sind wie folgt. Zu Beginn der Sure wird Folgendes geschildert:

(Arabisch********)

Dies ist eine Schilderung der Barmherzigkeit deines Herrn gegenüber Seinem Diener Zakariya. Als er seinen Herrn im Verborgenen anrief. Er sagte: O mein Herr! Meine Knochen sind im Alter schwach geworden, und mein Haupt ist im Alter weiß geworden, o mein Herr. Beim Anrufen Deinerseits bin ich niemals enttäuscht worden. (Sure Maryam: 2–3)

Danach beginnt die Geschichte von Maryam (a.s.) folgendermaßen:

(Arabisch********)

Und erwähne Maryam, als sie sich von ihren Angehörigen zurückzog und an einem Ort im Osten Zuflucht nahm. Danach verhüllte sie sich vor ihnen. Maryam sagte: Ich suche Zuflucht beim Allerbarmer vor dir, wenn du gottesfürchtig bist. (Sure Maryam: 16–18)

Die Geschichten von Hazrat Zakariya (a.s.) und Hazrat Maryam (a.s.) wurden am Schluss mit demselben Buchstaben beendet, nämlich mit dem vorhergehenden Buchstaben beziehungsweise dem Harf ar-Rawī (****). Dort hingegen, wo die Geschichte von Hazrat Isa (a.s.) endet, ist eine gewisse Abweichung von dieser Methode zu erkennen.

(Arabisch********)

(Das Kind sagte:) Ich bin wahrlich Allahs Diener. Er hat mir die Schrift gegeben und mich zu einem Propheten gemacht. Er hat mich gesegnet, wo immer ich auch bin, und mir befohlen, solange ich lebe, das Gebet zu verrichten, die Zakāt zu entrichten und meiner Mutter gegenüber gütig zu sein. Er hat mich weder hochmütig noch unselig gemacht. Friede sei über mir am Tag meiner Geburt, am Tag meines Todes und am Tag, an dem ich auferweckt werde. (Sure Maryam: 30–33)

(Arabisch********)

Das ist Īsā, der Sohn Maryams. Es ist das wahre Wort, über das sie zweifeln. Allah steht es nicht an, sich ein Kind zu nehmen. Er ist heilig und erhaben. „Wenn Er eine Angelegenheit beschließt, sagt Er nur zu ihr: Sei!, und sogleich ist sie. Und er sagte weiter: Gewiss, Allah ist mein Herr und euer Herr. So dient Ihm; das ist ein gerader Weg.“ Danach spalteten sich die Gruppen unter ihnen und schlugen jeweils verschiedene Wege ein. Wehe also den Ungläubigen beim Eintreffen des gewaltigen Tages! (Sure Maryam: 34–37)

Betrachten Sie die obigen Verse aufmerksam: In den Pausen am Ende der Verse ist eine Veränderung eingetreten, und sie sind länger geworden. Ebenso ist die Veränderung im System des Endreims deutlich erkennbar. Als Endbuchstaben wurden Nūn oder Mīm gewählt, während ihnen als vorangehende Buchstaben Wāw oder Yā vorangestellt wurden. Es scheint, als sei kurz zuvor ein Geschehen geschildert worden und werde nun sein Abschluss beschrieben, der aus der Geschichte selbst hervorgeht.

Zum Beweis der Richtigkeit dieser Aussage führen wir noch weitere Belege an: Dort, wo das betreffende Geschehen abgeschlossen ist, kehren die Pausen am Ende der Verse und der Endreim zur ursprünglichen Gestalt zurück. Dies geschieht, damit sich erneut der Horizont neuer Ereignisse eröffnet. Es heißt:

(Arabisch********)

Danach schlugen die Gruppen unter ihnen jeweils verschiedene Wege ein. Wehe also den Ungläubigen beim Eintreffen des gewaltigen Tages! Wie trefflich werden sie an jenem Tag hören und sehen, an dem sie zu Uns kommen werden! Doch heute befinden sich die Ungerechten in offenem Irrtum. Warne sie vor dem Tag der Reue, wenn die Angelegenheit entschieden sein wird. Sie sind in Achtlosigkeit und glauben nicht. (Sure Maryam: 37–39)

(Arabisch********)

Mir wird die endgültige Herrschaft über die Erde und über alles, was auf ihr ist, gehören. Und zu Mir werden sie alle zurückgebracht werden. Und trage ihnen in diesem Buch die Geschichte Ibrahims vor. Gewiss, er war ein wahrhaftiger Prophet. Als er zu seinem Vater sagte: „O mein Vater, warum betest du das an, was weder hört noch sieht und dir in keiner Weise nützt? O mein Vater, zu mir ist Wissen gelangt, das dir nicht zuteilgeworden ist. Folge mir also, ich werde dich auf einen geraden Weg führen. O mein Vater, ich fürchte, dass dich eine Strafe vom Allerbarmer treffen wird und du dadurch ein Gefährte des Satans wirst.“

Die Sure an-Naba beginnt mit der Verwendung des Endreims auf „Nun“ (**) und „Mim“ (**), wie etwa:

(Arabisch********)

Worüber befragen sie einander? Über die gewaltige Botschaft, über die sie uneinig sind. Nein! Bald werden sie wissen. Aber nein! Bald werden sie wissen. (Sure an-Naba: 1–5)

Als diese Beschreibung endet und stattdessen eine Erörterung im Stil eines Streitgesprächs beginnt, wird die Regel plötzlich geändert. Zum Beispiel:

(Arabisch********)

Habe Ich nicht die Erde zu einem Lager und die Berge zu Pflöcken gemacht? Ich habe euch paarweise erschaffen. Ich habe euren Schlaf zur Erholung gemacht, die Nacht zu einer Hülle und den Tag zur Zeit des Erwerbs des Lebensunterhalts.

In der gesamten Sure Āl ʿImrān findet sich der Endreim auf „Nūn“ und „Mīm“. Dies ist eine allgemeine Stilweise des Al-Qurʾān. Als die Sure sich ihrem Ende näherte und die Rede auf das Bittgebet einer Gruppe von Gläubigen kam, veränderte sich auch der Stil des Endreims. Zum Beispiel:

(Arabisch********)

(Die Gläubigen sagen:) O unser Herr! Du hast dies nicht zwecklos erschaffen. Gepriesen seist Du! Bewahre uns vor der Strafe der Hölle. O unser Herr! Gewiss, wen Du ins Höllenfeuer eingehen lässt, den hast Du gewiss der Schande preisgegeben. Und für die Ungerechten gibt es keinen Helfer. (Sure Āl ʿImrān: 191–192)

Diese Abfolge von Veränderungen der Pausen am Satzende und des Endreims ist an vielen Stellen des Al-Qurʾān zu beobachten. Doch können wir nicht an allen Stellen das Geheimnis und den Zweck dieser Veränderungen erklären. Auf einige der Veränderungsarten, von denen ich Kenntnis hatte, habe ich hingewiesen. Meiner Ansicht nach ist damit alles Wesentliche zu diesem Thema erörtert.

Eines bleibt noch festzuhalten: Die Regeln des Klangs und des Rhythmus im Al-Qurʾān verändern sich entsprechend den Veränderungen des behandelten Themas und des Ortes (***). Dennoch können wir mit Nachdruck sagen, dass Klang und Rhythmus des Qurʾān einer besonderen Ordnung unterliegen. Stets entsprechen sie dem Satz und seinem Umfang. Dies ist ein Grundsatz, von dem es keinerlei Ausnahme oder Abweichung gibt. Für die Arten und die Analyse von Klang und Rhythmus ist die Kenntnis ihrer spezifischen Regeln und Fachbegriffe unbedingt erforderlich. Andernfalls ist eine Erörterung darüber nicht möglich. Bedauerlicherweise fehlt es den Lesern in dieser Hinsicht ebenso an terminologischen Kenntnissen wie mir. Ich bin jedoch der Ansicht, dass unser Ziel erreicht sein wird, wenn wir die Formen des Klangs und des Rhythmus sowie einige grundlegende Ausführungen dazu darlegen.

In der Sure an-Nāziʿāt gibt es zwei Regeln des Klangs und des Rhythmus, die in dieser Sure anzutreffen sind. Die erste dieser Regeln findet sich in den folgenden Versen. Dieser Abschnitt der Sure besteht aus einer Reihe kurzer Sätze. In all diesen Sätzen wird der Verlauf des Todes und des Jüngsten Tages beschrieben. Dabei zeigt sich eine schnelle und kraftvolle Aktivität.

Es wird gesagt:

(Arabisch********)

Bei den Engeln, die die Seelen gewaltsam herausreißen, bei denen, die die Fesseln der Seelen sanft lösen, bei denen, die schnell dahinschwimmen, bei denen, die rasch vorauseilen, und bei denen, die alle Angelegenheiten ausführen. Die Auferstehung wird gewiss eintreten. An dem Tag, an dem der Erschütternde erschüttert und ihm der Nachfolgende folgt, werden viele Herzen voller Furcht und Bestürzung sein. (Sure an-Nāziʿāt: 1–8)

(Arabisch********)

Ihre Blicke werden gesenkt sein. Sie sagen: Werden wir etwa auch dann auf unseren Spuren zurückkehren, nachdem wir zu vermorschten Knochen geworden sind? Dann wäre diese Rückkehr wahrlich verlustbringend. (Sure an-Nāziʿāt: 9–11)

(Arabisch********)So wird es ein einziger gewaltiger Schrei sein. Und schon werden sie auf dem offenen Feld zugegen sein. (Sure an-Nāziʿāt: 13–14)

Die zweite Art von Melodie und Rhythmus findet sich in den folgenden Versen. Diese Verse sind langsam, gemächlich und von mittlerer Länge. All diese Verse ähneln jenen Versen, in denen ein Ereignis geschildert wird. Diese wenigen Verse sind ein Teil der Passagen über den Propheten Moses. Es heißt:

(Arabisch********)

Ist die Geschichte von Moses zu dir gelangt? Als sein Herr ihn im Tal von Tuwa rief und sprach: Geh zu Pharao, denn er überschreitet gewiss alle Grenzen. Dann sage: Hast du das Verlangen, dich zu läutern? Ich werde dich zu deinem Herrn führen, damit du Ehrfurcht vor Ihm hast. (Sure an-Nāziʿāt: 15–19)

Oben habe ich zwei Arten von Melodie und Rhythmus erörtert. Meiner Ansicht nach ist eine ausführliche Erörterung des Unterschieds und der Regeln dieser beiden Arten nicht erforderlich. Der Unterschied zwischen ihnen ist offensichtlich. Darüber hinaus sind auch die Schauplätze ihrer Erörterung ein und derselbe. In beiden Fällen strahlen Melodie und Rhythmus ihre eigene Besonderheit aus.

Lassen Sie uns nun über die dritte Art von Klang und Rhythmus sprechen. Diese Art von Klang und Rhythmus findet sich insbesondere in den Worten der Bittgebete. Darin werden die Gefühle des Herzens in sanften Klängen zum Ausdruck gebracht. Allerdings sind diese Verse etwas länger. Zum Beispiel:

(Arabisch********)

(Sie sagen:) O unser Herr! Du hast dies nicht sinnlos erschaffen. Gepriesen seist Du! Bewahre uns vor der Strafe der Hölle. O unser Herr! Wahrlich, wen Du in die Hölle wirfst, den hast Du gewiss der Schande preisgegeben. Und für die Ungerechten gibt es keinen Helfer. O unser Herr! Wir haben gewiss einen Rufer gehört, der zum Glauben aufruft: „Glaubt an euren Herrn!“ Und so haben wir geglaubt. O unser Herr! Vergib uns daher unsere Sünden, tilge unsere Verfehlungen und lass uns mit den Rechtschaffenen sterben. O unser Herr! Gewähre uns, was Du uns durch Deine Gesandten versprochen hast, und bringe uns am Tag der Auferstehung nicht in Schande. Gewiss, Du brichst Dein Versprechen nicht.

In einem anderen Bittgebet heißt es:

(Arabisch********)

O unser Herr! Du weißt gewiss, was wir verbergen und was wir offenlegen. Allah ist nichts verborgen, weder auf der Erde noch im Himmel. Alles Lob gebührt Allah, der mir trotz meines hohen Alters Ismael und Isaak geschenkt hat. Wahrlich, mein Herr erhört die Bittgebete. O mein Herr, mache mich zu einem, der das Gebet verrichtet, und auch meine Nachkommen. O unser Herr, vergib mir, meinen Eltern und allen Gläubigen, wenn die Abrechnung stattfinden wird. (Sure Ibrahim: 38–40)

Diese Art unterscheidet sich von den beiden vorherigen Arten von Klang und Rhythmus. Um dies zu erkennen, muss man weder die Regeln des Klangs und Rhythmus noch deren Fachbegriffe beherrschen. Es ist ein aus dem Herzen hervorgegangener Widerhall, der in den auf- und abschwingenden Klangwellen die Gestalt eines Bittgebets angenommen hat.

Ich wage es, noch eine weitere Art von Klang und Rhythmus zu erörtern. Die wogenden Wellen dieses Klangs und Rhythmus und seine Klangwellen sind sehr lang. Seine Beschaffenheit unterscheidet sich völlig von der zuvor behandelten. Ich kann mit voller Überzeugung sagen, dass der Unterschied zwischen dieser Art und dem zuvor behandelten Klang und Rhythmus so deutlich ist wie das Tageslicht.

Die Art von Klang und Rhythmus, über die ich sprechen möchte, weist neben den Wellen auch Tiefe und Weite auf. Darüber hinaus sind Furcht und Schrecken vorhanden. Denn dieser Klang und Rhythmus ist der des Sturms und der Überschwemmung. Bedenken Sie:

(Arabisch*********)

Und das Schiff trug sie durch die bergähnlichen Wellen. Und Noah rief seinen Sohn, der sich abseits hielt, und sagte: „Mein lieber Sohn, steig mit uns ein und bleib nicht bei den Ungläubigen!“ Er sagte: „Ich werde mich bald auf einen Berg zurückziehen, der mich vor dem Wasser schützen wird.“ Noah sagte: „Heute gibt es keinen Beschützer vor Allahs Befehl, außer dem, dessen Er sich erbarmt.“ Da türmte sich eine Welle zwischen ihnen auf, und so ging er unter. (Sure Hūd: 42–43)

Um eine tiefe Ähnlichkeit mit der furchtbaren Lage zu schaffen, die Sturm und Überschwemmung hervorgerufen haben, wird in diesem Vers ein Klang und Rhythmus entfaltet, der wie Wellen lang und ständig schwankend ist, bald hoch und bald niedrig. Die in diesem Vers erkennbare Anordnung der Wörter bildet ein vollkommen stimmiges Bild zu der von Sturm und Flut umgebenen schrecklichen Szene.

Wir wollen uns nun etwas weiter vorwagen und eine weitere rhythmische Form von Klangwellen erörtern. Doch sie wird nicht ebenso viel Aufmerksamkeit und Interesse erregen können wie das vorherige Beispiel. Es heißt:

(Arabisch*********)

O du beruhigte Seele, kehre zu deinem Herrn zurück, zufrieden und wohlgelitten. Tritt dann in die Schar Meiner Diener ein und tritt in Mein Paradies ein. (Sure al-Fadschr: 27–30)

Wenn der Rezitator diesen Vers laut vorträgt, wird seine sanfte Klangwelle spürbar. Die Klangwelle dieses Verses gleicht einer Welle, die allmählich zunimmt und ihren Höhepunkt erreicht. Die in diesem Vers wahrnehmbare Klangwelle steht sowohl in ihrem sanften als auch in ihrem kräftigen Zustand vollkommen im Einklang mit Frieden und Sicherheit. Wenn der Laut des ersten Alif von Yā laut erklingt und „Ayyu“ in vergleichsweise tiefer Stimme gelesen wird, lässt sich darin eine Art Klangwelle wahrnehmen; doch allein dadurch wird die Schönheit jener Klangwelle nicht sichtbar. Denn dadurch entsteht lediglich ein Gleichmaß innerhalb des Metrums, nicht zwischen den Tonhöhen. Daher wird der musikalische Klang davon gewiss beeinflusst. Auf die eintretende Seele hat dies jedoch keine Wirkung; ihre Beziehung zu diesem Merkmal beschränkt sich in Wirklichkeit auf die Tonhöhen und Klänge der Wörter. Dies kann nur derjenige entdecken, der den Koran mit geöffneten Augen und Ohren sowie mithilfe aller fünf Sinne rezitiert.

Wir ziehen hier den Vorhang über dieses Thema, damit wir nicht länger im bodenlosen Meer der Klangwellen herumtauchen müssen.

Siebtes Kapitel

Die Elemente der koranischen Bilddarstellung

Nun wollen wir einen weiteren Aspekt der künstlerischen Gestaltung erörtern, die in der bildhaften Darstellungsweise des Al-Qur’an zutage tritt. Es besteht kein Zweifel daran, dass der Al-Qur’an verschiedene Ereignisse in szenischer und bildhafter Form schildert. Deshalb möchten wir sagen: Wenn die folgenden Elemente in diesen Bildern zusammenkommen, gewinnt ihre künstlerische Gestaltung an Schönheit.

1. Das Bild hat ein Thema.

2. Ort, Zeit und Personen entsprechen dem Bild.

3. Alle Teile des Bildes stehen in gegenseitiger Harmonie.

4. Jeder Teil des Papiers oder Stoffstücks, auf dem das Bild gezeichnet wird, wird entsprechend dem Anteil der einzelnen Bildteile aufgeteilt.

Im Kapitel „Das künstlerische Bild“ haben wir einige Hinweise zu diesem Thema gegeben. Dort haben wir das Bild derjenigen dargestellt, die Vermögen um des Ruhmes und der Anerkennung willen ausgeben. Dazu kam das Bild jenes Steins, der von einer dünnen Erdschicht bedeckt ist. Neben dem Bild dieser Menschen wurde auch versucht, das Bild derjenigen zu zeichnen, die ihr Vermögen ausschließlich um Allahs willen spenden. Ebenso haben wir das Bild jenes Gartens gezeigt, der auf einem Hügel liegt. Dort haben wir dargelegt, wie viel Ausgewogenheit in den Bestandteilen dieser Bilder und ihren Begleiterscheinungen zu finden ist.

Die Seite der künstlerischen Komposition des Korans, die wir nun erörtern möchten, betrifft die Mittel und Verfahren der Komposition. Mit anderen Worten: Sie wird gleichsam der Schlüssel zu jenem Schloss sein.

Unserer Auffassung nach gestaltet sich die Komposition des Korans wie folgt:

Erstens: Der äußerst wichtige Punkt in dieser Angelegenheit ist die „Einheit des Bildes“. Jeder, der über ein grundlegendes Verständnis von Bildkunst verfügt, kann begreifen, was mit der „Einheit des Bildes“ gemeint ist. Wir wollen lediglich sagen, dass sie zu den grundlegenden und fundamentalen Regeln der Bildkunst gehört: Kein Teil darf mit einem anderen Teil in Konflikt stehen.

Zweitens: Der zweite notwendige Punkt besteht darin, das Papier- oder Stoffstück, auf dem das Bild gemalt wird, entsprechend den Erfordernissen des Bildes in einzelne Bereiche aufzuteilen, damit beim Malen keine Schwierigkeiten entstehen.

Drittens: Der dritte Bestandteil ist die Farbe, durch die dem Bild Gestalt verliehen wird, durch die seine Schönheit vollständig zum Vorschein kommt und durch die Gedanken und Inhalt miteinander verbunden werden.

Bei einem Bild, das durch Farben Gestalt annimmt, ist Harmonie beziehungsweise Übereinstimmung ebenso außerordentlich notwendig wie bei Vorführungen im Kino und im Theater. Auch das koranische Bild gründet auf demselben Prinzip. Zwar wird es ausschließlich durch eine Verbindung von Wörtern oder Buchstaben gezeichnet; andere Mittel der Bildgestaltung gibt es dort nicht. Dennoch übertreffen der Glanz und die Wunderhaftigkeit des koranischen Bildes jene Bilder, die mit Farben und Pinseln auf eine Leinwand gemalt werden.

1. Wenden wir uns der Sure al-Falaq zu, von der manche Menschen unter den kurzen Suren des Korans meinen, sie handle von der Zauberei der Zauberer. Man könnte fragen: Wann wird diese Sure rezitiert? Es zeigt sich ganz natürlich, dass sie im Augenblick des Zufluchtbittens rezitiert wird. In diesem Moment steigen Angst, die Schmähungen eines Tadlers oder eine unbekannte Furcht auf. Hört zu und denkt darüber nach:

(Arabisch**********)

Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung vor dem Unheil dessen, was Er erschaffen hat, vor dem Unheil der dunklen Nacht, wenn sie hereinbricht, vor dem Unheil der Zauberinnen, die auf die Knoten blasen, und vor dem Unheil des Neiders, wenn er neidet. (Sure al-Falaq: 1–5)

Denken Sie ein wenig darüber nach: Was ist „Falaq“ (***)? Weswegen es notwendig wird, bei seinem Herrn Zuflucht zu suchen. Von den vielen Bedeutungen haben wir die Bedeutung „Morgendämmerung“ ausgewählt. Denn nur die Morgendämmerung durchbricht die Dunkelheit. Daher ist es hier angemessen, die Bedeutung „Morgendämmerung“ anzunehmen. Denn hier findet sich eine besondere Art der Darstellung, deren Begründung wir verstehen werden, wenn wir weiter fortschreiten.

In dieser Sure wird beim Herrn der Morgendämmerung Zuflucht vor der gesamten Schöpfung gesucht. Im Ausdruck „ma khalaqa“ (****) verleiht der Buchstabe „ma“ (**) die Bedeutung eines Relativpronomens, also: die gesamte Schöpfung. Es scheint, als sei die gesamte Schöpfung in den Tiefen der Dunkelheit versunken. (***) – „Wenn die Dunkelheit der Nacht alles bedeckt, tritt ein beklemmender Zustand zutage.“

(Arabisch*******)– „Das Hineinblasen der Zauberinnen in die Knoten macht die gesamte Atmosphäre noch furchterregender. Denn Zauberei durch Blasen wird meistens in der Dunkelheit der Nacht vollzogen. (Arabisch*******) Hasad oder Neid bezeichnet eine verborgene Handlung, die in den dunklen Kammern des menschlichen Herzens verborgen liegt. In diesem Sinne ist auch der Neid eine schädliche und furchterregende Handlung. Hier sind Dunkelheit, Furcht und Schrecken bis zum Rand erfüllt. Derjenige, der Zuflucht sucht, möchte aus all diesen Dunkelheiten in Allahs Schutz gelangen.

Nun stellt sich die Frage: Allah ist doch der Herr über alles; welchen Sinn hat es dann, ausdrücklich „Rabb al-Falaq“ oder „Herr der Morgendämmerung“ zu sagen? Die Antwort lautet: Dies geschah, um Schönheit zu schaffen und eine Übereinstimmung mit Ort und Zeit herzustellen. Nach dem allgemeinen Verständnis hätte man Zuflucht vor der Dunkelheit beim „Rabb an-Nur“ oder „Herrn des Lichts“ suchen müssen. Doch dieser Gedanke ist nicht richtig, denn hier wird die Sache als ein empfindliches und geheimnisvolles Bild dargestellt, das bei der Berührung des Lichts verschwindet. Das Licht macht alles deutlich. Wenn im Gegensatz zur Dunkelheit das Wort Licht oder „Nur“ (***) verwendet worden wäre, hätte es nicht zu den beiden Begriffen „in die Knoten blasen“ und „Neid“ gepasst. Daher wurde stattdessen durch das Wort „Falaq“ versucht, Harmonie herzustellen. Es weist mittelbar ebenfalls auf das Licht hin. Die Zeit des „Falaq“ liegt vor der Helligkeit der Morgendämmerung, wenn ein Zustand von Licht und Dunkelheit herrscht. Diese Zeit ist zugleich undeutlich und aufregend.

Man könnte fragen: Aus welchen Dingen ist das Bild hier zusammengesetzt?

Die Antwort lautet: Wenn man die beiden Wörter „Falaq“ (***) und „al-Ghasiq“ (***) betrachtet, wird man sehen, dass es sich um zwei natürliche Bilder handelt, und wenn (***)

Wenn man über (****) und (****) nachdenkt, wird man erkennen, dass diese beiden Gruppen Menschen sind, die Allah erschaffen hat.

Wenn man die beiden Wörter „Falak“ und „Ghasiqun“ getrennt betrachtet, treten dort zwei Bilder hervor. Hinsichtlich der Zeit sind sie Gegensätze zueinander: „Falak“ bedeutet Morgendämmerung und „Ghasiqun“ bedeutet Nacht. Ebenso bezeichnen die beiden Wörter „An-Naffāthāt“ (***) und „Al-Ḥāsid“ (***) zwei Gruppen entgegengesetzten Geschlechts unter den Menschen. Es ist zu erkennen, dass alle Elemente des Bildes nacheinander auf der Leinwand angeordnet sind. Auf dem Bild beziehungsweise der Leinwand stehen sie einander gegenüber. Sogar Farbe und Ausgestaltung aller Teile sind einheitlich und gleich. In allen Teilen ist Angst und Schrecken das zentrale Thema. Die Dunkelheit hat alles verschlungen. Das Hauptthema des Bildes, seine verschiedenen Teile und Farben – alles ist auf ein und dasselbe Zentrum ausgerichtet.

Bei dieser Betrachtung wurden keine herkömmlichen Regeln und Methoden zu Hilfe genommen, und die unvergleichliche Schönheit dieses Bildes wird im Laufe der Zeit nicht verblassen. Denn hier geht es nicht lediglich um einige Wörter und Gegensätze in den Gedanken. Die Leinwand des Bildes, die Ausdehnung und der Umfang des Raumes, seine Harmonie und Kontinuität sowie das Thema des Bildes sind für die Gestaltung eines Gemäldes von großer Bedeutung. Wenn allein Wörter und Beschreibungen all diese Zwecke erfüllen, nimmt das Bild eine wunderbare Gestalt an.

2. Der edle Koran bezeichnet unbebautes und trockenes Land an einer Stelle als „Ḥāmidatun“ (***) (tot und darniederliegend) und an einer anderen Stelle als „Khāschiʿatan“ (***) (sich neigend). Viele meinen, dass zwei verschiedene Wörter verwendet wurden, um die Sprache wohlklingender zu machen. Betrachten wir nun, in welchem Zusammenhang diese beiden Wörter verwendet wurden.

Das Wort „Ḥāmidatun“ (***) kommt im folgenden Vers vor:

(Arabisch*******)

(O ihr Menschen! Wenn ihr über die Auferstehung Zweifel hegt, dann bedenkt: Wir haben euch aus Erde erschaffen, dann aus einem Samentropfen, dann aus einem Blutklumpen, dann aus einem Fleischklumpen, teils gestaltet und teils ungestaltet, um es euch deutlich zu machen. Und Wir lassen im Mutterleib, was Wir wollen, bis zu einer bestimmten Frist; dann bringen Wir euch als Kinder hervor. Danach erreicht ihr das Erwachsenenalter. Manche von euch sterben, und manche lassen Wir ein hinfälliges Alter erreichen, sodass sie, obwohl sie zuvor Wissen besaßen, nichts mehr wissen. Du siehst die Erde leblos; wenn Wir dann Wasser auf sie herabkommen lassen, regt sie sich, schwillt an und lässt allerlei schöne Pflanzen hervorsprießen. (Sure al-Ḥadsch: 5)

Das Wort „Khāschiʿatan“ (***) wurde im folgenden Vers verwendet:

(Arabisch*******)

Zu Seinen Zeichen gehören die Nacht und der Tag, die Sonne und der Mond. Werft euch nicht vor der Sonne nieder und auch nicht vor dem Mond, sondern werft euch vor Allah nieder, Der sie erschaffen hat, wenn ihr Ihm allein aufrichtig dient. Wenn sie sich jedoch hochmütig verhalten, so verkünden diejenigen, die bei deinem Herrn sind, bei Nacht und bei Tag Seine Verherrlichung und werden niemals müde. Zu Seinen Zeichen gehört auch, dass du die Erde demütig niedergestreckt (unfruchtbar) siehst. Wenn Wir dann Wasser auf sie herabregnen lassen, regt sie sich, quillt auf und wird fruchtbar. (Sure Hā-Mīm as-Sadschda: 37–39)

In den beiden oben genannten Versen tritt der Unterschied zwischen den beiden Wörtern „hamidatan“ und „chaschiʿatan“ deutlich hervor. Im ersten Vers ist von Leben, der Verwandlung des Lebens und der Auferstehung die Rede. Deshalb wird die Erde dort, im Einklang mit diesen Bedeutungen, als „hamidatan“, also tot, bezeichnet. Ebenso belebt Er die Erde wieder, so wie Er die Menschen auferstehen lassen wird; daraufhin quillt sie auf und wird mit Blüten und Früchten geschmückt.

Im zweiten Vers hingegen ist von Anbetung, demütigem Gehorsam und Niederwerfung die Rede. Daher wird die Erde dort als „chaschiʿatan“, also mit Demut das Haupt senkend, beschrieben. Das bedeutet: Die Erde, die auf Wasser angewiesen ist, wartet mit gesenktem Haupt auf Allahs Wasser; sobald sie Wasser erhält, quillt sie auf und wird üppig. Danach wird jedoch nicht, wie im zuvor erwähnten Vers, davon gesprochen, dass sie Früchte und Feldfrüchte hervorbringt. Denn die Erwähnung des Hervorbringens von Früchten und Feldfrüchten passt nicht schön und stimmig zu Anbetung und Niederwerfung. Deshalb werden in diesem Vers die beiden Wörter „frisch und aufquellend“ nicht in dem Sinn verwendet, in dem sie im vorherigen Vers gebraucht wurden. Hier dienen sie lediglich dazu, die Bewegung der Erde sichtbar zu machen. Denn zuvor hatte die Erde demütig niedergelegen. Nun wird dieser Zustand in Bewegung versetzt. In dieser Szene verändern alle durch ihre Bewegungen zum Zweck der Anbetung ihren Zustand; daher konnte die Erde hier nicht unbeweglich bleiben. Deshalb wird in dieser bewegten Szene auch die Erde gemeinsam mit den Anbetenden in Bewegung versetzt. Denn wenn sich auf dem Bild alles bewegt, warum sollte dann die Erde unbeweglich bleiben? Darin liegt eine äußerst feine Schönheit, die den Verstand und das Bewusstsein des Betrachters überwältigt.

Die Wörter „humūdun“ und „chuschūʿun“ sind ihrer Bedeutung nach gleich. Schon in der Bedeutung dieser beiden Wörter liegt ein Hinweis auf die Wiedererlangung des Lebens. Es wäre nicht nötig gewesen, beide Wörter lediglich zur Abwechslung in der Darstellung zu verwenden. Da der Koran jedoch zusammen mit seiner Aussage nicht nur in der Welt des Denkens, sondern auch im Spiegel des Herzens ein Bild hinterlassen will, wurde diese Methode angewandt. So entsteht innerhalb der gesamten Aussage ein verbindendes Band, und aus dem Zusammenspiel aller Elemente vollendet sich zugleich ein Bild.

Die Verschiedenheit der Wörter in den genannten Versen liefert einen unwiderlegbaren Beweis für ihre Einheit und zeigt, dass die bildhafte Darstellungsweise des Korans zu den grundlegenden Grundlagen der Beschreibung und Analyse gehört. Zudem begnügt sich der Koran nicht damit, lediglich eine verständliche Bedeutung mitzuteilen, sondern stellt zusammen mit der Bedeutung auch ein lebendiges Bild dar. Deshalb sind bei der Wahl der koranischen Wörter je nach Ort, Zeit und Situation feine Unterschiede festzustellen.

Nun wollen wir betrachten, welche besondere Eigenart zwischen diesen beiden Bildern und ihren Bestandteilen besteht. Die Besonderheit des ersten Bildes liegt darin, dass darin einige Dinge beschrieben werden, die zuvor nicht existierten, und ihnen durch Gestalt und Form Leben verliehen wird. Mit anderen Worten: In ihnen wird der Lebensimpuls erweckt und sichtbar gemacht. Ein Bestandteil davon ist der Samen, der verschiedene Entwicklungsstufen durchläuft und eine bestimmte Stufe erreicht. Ein anderer ist die tote Erde, die durch den Kontakt mit dem Regen lebendig wird. Nach und nach füllt sie sich mit Früchten und Feldfrüchten. Tatsächlich ist der Zustand und die Umgebung, die durch all diese Elemente gemeinsam geschaffen werden, ein Bild des Lebens.

Im zweiten Bild werden einige Naturerscheinungen beschrieben. Man kann auch sagen, dass mehrere Naturbilder dargestellt werden. Die Bestandteile dieses Bildes sind die Nacht, der Tag, der Mond, die Sonne und die Erde, die Allah in Gehorsam ihr Haupt entgegenneigen. Auf der Erde finden sich zwei lebendige Gruppen, deren Wesen verschieden, deren äußere Erscheinung jedoch gleich ist. Die eine Gruppe ist die menschliche Gesellschaft, die Allahs Anbetung gegenüber achtlos ist. Die andere Gruppe sind die Engel, die Tag und Nacht ununterbrochen mit der Anbetung Allahs beschäftigt sind. Aus all diesen Bestandteilen ergibt sich ein Bild der Anbetung. Auf der weiten Leinwand dieses Bildes ist jeder einzelne Bestandteil angemessen eingefügt.

3. An verschiedenen Stellen des Korans werden die Gnaden, die den Menschen gewährt wurden, auf unterschiedliche Weise beschrieben. Doch in jeder dieser Darstellungen wird eine umfassende Beschreibung der Gnaden gegeben, in der eine besondere Eigenart erkennbar ist. Wir führen hierfür zwei Beispiele an. Zum Beispiel:

(3. a)

(Arabisch*******)

Allah hat eure Häuser zu Orten des Aufenthalts gemacht und euch aus den Häuten des Viehs Zelte bereitet. Ihr könnt sie auf euren Reisen und während eures Aufenthalts zu Hause nutzen. Aus der Wolle der Schafe, dem Haar der Kamele und dem Fell der Ziegen habt ihr für eine bestimmte Zeit zahlreiche Einrichtungsgegenstände und Gebrauchsgegenstände hergestellt. Allah hat euch aus den von Ihm erschaffenen Dingen Schatten gegeben und euch in den Bergen Zufluchtsstätten geschaffen sowie euch Kleidung gegeben, die euch vor der Hitze und in Notzeiten schützt. Auf diese Weise vollendet Er Seine Gnade an euch, damit ihr euch Ihm ergebt. (Sure an-Nahl: 80–81)

(Arabisch*******)

Im Vieh gibt es für euch wahrlich Anlass zum Nachdenken. Wir geben euch von dem zu trinken, was sich in ihren Leibern befindet: Milch, die zwischen Kot und Blut abgesondert wird und den Trinkenden bekömmlich ist. Aus den Früchten der Dattelpalmen und den Trauben bereitet ihr berauschende Getränke und gute Nahrung; darin liegt gewiss ein Zeichen für Leute, die Verstand besitzen. Und dein Herr gab der Biene ein: Baue dir in den Bergen, auf den Bäumen und auf den hohen Gerüsten Häuser. Dann iss von allen Früchten und beschreite die offenen Wege deines Herrn. Aus ihren Leibern kommt ein Trank von verschiedenen Farben hervor, in dem Heilung für die Menschen liegt. Darin liegt wahrlich ein Zeichen für nachdenkliche Menschen. (Sure an-Nahl: 66–69)

Oben haben wir unter „a“ und „b“ zwei Arten von Versen angeführt. In beiden Arten von Versen wird an jene Gnaden erinnert, die Allah Seinen Dienern gewährt hat. Nun wollen wir untersuchen, ob es zwischen den beiden Arten von Versen einen Unterschied gibt und, falls dies der Fall ist, welcher Art er ist.

In den ersten Versen (3. a) werden Dinge beschrieben, in denen der Mensch Zuflucht findet, deren Schatten er nutzt oder die er trägt, um seine Blöße zu bedecken. Dazu gehören Häuser, Schatten, Kleidung und ähnliche Dinge. Das ist die Kernaussage der oben genannten Verse. Auch die Beschreibung des Viehs zeichnet sich in diesem Bild durch eine besondere Eigenart aus. Aus seiner Haut fertigt der Mensch beispielsweise Zelte an, die leicht zu transportieren sind. Aus seiner Wolle werden Decken und andere Kleidungsstücke hergestellt. Im Grunde werden in diesem Bild Wohnraum, Decken und Schatten beschrieben.

In den folgenden zwei Versen (3.b) wird die Herstellung von Getränken beschrieben. Dazu gehören berauschende Getränke (die aus Früchten hergestellt werden), Milch, Honig (der von Bienen gewonnen wird) sowie jene Tiere, von denen die Menschen Getränke erhalten.

Im Grunde wurde oben ein äußerst feines Bild entworfen. Es ist kein gewöhnliches, sondern ein außergewöhnliches Bild. Betrachten wir es: Rauschgetränke werden aus Früchten hergestellt, doch ihre Art und Beschaffenheit unterscheiden sich völlig von denen der Früchte. Auch Honig wird aus Blüten gewonnen, weist jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit ihnen auf. Milch entsteht aus Mist und Blut, doch zwischen der Beschaffenheit und den Eigenschaften der Milch und denen von Mist und Blut besteht nicht die geringste Beziehung. All diese Getränke entstehen aus anderen Stoffen. Betrachtet man die gesamte Szene, so spürt man in ihr den Pulsschlag des Lebens.

In jedem Teil des feinen Bildes der Verschiedenartigkeit, das in den erwähnten Versen hervortritt, sind Ähnlichkeit und Gleichheit zwischen den einzelnen Dingen vorhanden. Einerseits erblüht darin Schönheit, andererseits ist es auch erstaunlich. Beispiele dieser Art gibt es im Koran keineswegs wenige. Wir führen im Folgenden ein weiteres Beispiel an, das dieses Thema umfassend veranschaulicht.

(Arabisch**********)

Diejenigen, die dir den Treueid leisten, leisten in Wahrheit Allah den Treueid; die leisten in Wahrheit Allah den Treueid. Allahs Hand ist über ihren Händen. Wer also den Treueid bricht, zieht gewiss nur seinen eigenen Schaden auf sich; wer aber sein gegenüber Allah gegebenes Versprechen erfüllt, den wird Allah schon bald mit einem gewaltigen Lohn belohnen. (Sure al-Fath: 10)

Das in diesem Vers gezeichnete Bild ist das eines Treueschwurs, bei dem Hand in Hand geschworen wird. In diesem Zusammenhang heißt es: (Arabisch**********)– „Allahs Hand ist über ihren Händen.“ Hier wird ein besonderer Augenblick geprüft und untersucht. Dabei wurde jedoch die Ausdrucksweise „Yadullāh“ (Allahs Hand) verwendet. Damit soll die inhaltliche Angemessenheit und die Harmonie des Satzes hergestellt werden. Für die Gelehrten der Rhetorik lautet die Fachbezeichnung dafür „Murāʿāt an-naẓīr“ oder ein aufmerksamkeitserregender Vergleich. Die Rhetoriker richten ihren Blick jedoch nur auf die äußere Situation. Daher bleibt das Bild ihren Blicken verborgen. Wir hingegen erkennen, über ihre Fachbezeichnung hinaus, die vollkommene Verbindung von Rhythmus, Anordnung und Thema in der Darstellung. Diese Verbindung wurde geschaffen, damit sich die einzelnen Bestandteile des Bildes in die gesamte Szene einfügen.

Es muss jedoch daran erinnert werden, dass der Koran in dieser bildhaften Darstellung nicht nur feine Beziehungen zwischen einander nahestehenden Dingen nutzt, sondern durch die Vorstellungskraft oft auch entfernte Beziehungen ganz nahe zusammenführt. Wir sprechen im Grunde in der Sprache der bildlichen Darstellung und der Inszenierung von Szenen. Denn noch bevor wir unsere Aussage vortragen, stehen wir einem Bild gegenüber, das im oben erwähnten Vers dargeboten wird. Trotz der Entfernung werden Himmel und Erde häufig gemeinsam dargestellt. An vielen Stellen werden Naturszenen und Lebewesen innerhalb desselben Raumes zusammengebracht. Dies geschieht dort, wo die Bildfläche Raum für Weite und Ausdehnung bietet. Es heißt:

(Arabisch**********)

Schauen sie denn nicht auf die Kamele – wie sie erschaffen worden sind? Und auf die Berge – wie sie aufgerichtet worden sind? Und auf die Erde – sieh, wie sie ausgebreitet worden ist? (al-Ghāschiya: 17–20)

Seht, wie der Pinsel des Künstlers innerhalb desselben Bildes die Erde, den Himmel, die Kamele und die Berge so schön miteinander angeordnet hat. Ein kleines Bild mit einem sich bis zum Horizont erstreckenden Ausblick. Das, was hier beschrieben werden soll, ist gewaltig; beim Anblick dieser furchterregenden Dinge entstehen sie unwillkürlich im Inneren des Betrachters. Das hier dargestellte Bild erstreckt sich vom Himmel bis zur Erde. Andererseits sind die gewaltigen, himmelhohen Berge und die Kamele mit ihren hohen Höckern – alles ist auf einer kleinen Leinwand vollkommen angeordnet. Dies ist niemandem außer einem großen Künstler möglich. Nur ein Künstler von großem Rang vermag eine solche kunstvolle Gestaltung und Feinheit hervorzubringen.

Zweitens: Was nur das Auge eines Künstlers wahrnimmt, ist Folgendes: Auf der einen Seite der gesamten Leinwand der Himmel, auf der anderen die Erde, dazwischen gewaltige Berge und unter ihnen das lebendige Geschöpf, das Kamel – es zieht durch die sich bis zum Horizont erstreckende Wüste, ringsum von den Bergen eingeschlossen.

4. Mit geringfügigen Ausnahmen stehen auch die folgenden Verse in Beziehung zum oben behandelten Gegenstand.

(Arabisch**********)

Wahrlich, Ich habe am Himmel Burgen erschaffen und ihn für die Betrachtenden geschmückt. Ich habe den Himmel vor jedem verstoßenen Satan bewahrt. Doch wer heimlich lauscht und davonläuft, den verfolgt ein leuchtender Meteor. Und die Erde haben Wir ausgebreitet, auf ihr feste Berge errichtet und auf ihr jedes Ding wohlgeordnet hervorgebracht. Und Wir haben darin für euch die Mittel zum Lebensunterhalt erschaffen sowie für jene, deren Versorger ihr nicht seid.

In diesem Vers wird gesagt, dass es am Himmel große Burgen und Meteore gibt. Mit einem solchen Meteor wird der aufständische Satan beworfen. Auf der ausgedehnten Erde wurden feste Berge errichtet, und auf ihr wurden verschiedene Pflanzen hervorgebracht – äußerst wohlgeordnet und angemessen. Deshalb wurde das Wort „Mawzun“ verwendet. Die Wörter „Bahij“ oder „Latif“ wurden nicht verwendet. Die für den Lebensunterhalt notwendigen Schöpfungen werden mit dem Wort „Maʿayisch“, einem Pluralwort mit der Bedeutung von Fülle, bezeichnet. Ferner wird gesagt, dass es auf der Erde auch Lebewesen gibt, die der Mensch nicht versorgt. Dies wurde jedoch unausgesprochen gelassen.

Bei eingehender Betrachtung wird deutlich, dass die in diesen Versen dargestellte Szene und das Bild von gewaltigem Ausmaß und großer Schwere sind. Alles ist so miteinander verflochten, dass es sinnlich erfahrbar und bedeutungsvoll wird – so, wie in einem umfangreichen ganzen Buch sämtliche Druckbogen auf ein Band geheftet und zusammengenäht werden.

5. Oft wird die Breite der Leinwand nach oben und unten ausgedehnt, um dem Bild Ausdehnung und Weite zu verleihen. Dennoch ist es schwierig, darin alles einzubeziehen, was das Bild umfasst. Daher wird die gesamte Leinwand zum Malen verwendet. Ein Beispiel für ein solches Bild ist der folgende Vers:

(Arabisch**********)

Wahrlich, bei Allah allein befindet sich das Wissen über die Stunde. Er lässt den Regen herabkommen und weiß, was sich in den Mutterschößen befindet. Niemand weiß, was er morgen erwerben wird, und niemand weiß, wo er sterben wird. Allah ist allwissend und über alle Dinge bestens unterrichtet. (Sure Luqman: 34)

Betrachten Sie, wie sich die Leinwand oder Bildfläche in diesem Vers über alle vorstellbaren Grenzen hinaus erstreckt. Raum und Zeit, Gegenwart und Zukunft, Nachrichten aus der unsichtbaren Welt, die Auferstehung, der Regen, der im Mutterleib verborgene Embryo und anderes wurden darin einbezogen. Zugleich ist von einer Versorgung die Rede, die in der Zukunft erworben werden wird. Der Zeitpunkt ihres Erwerbs liegt nicht sehr fern, sondern unmittelbar vor Augen. Die Szene, wann der Tod eintritt und wo die Einhüllung und Bestattung stattfinden werden, umfasst alles.

Dieses Bild erstreckt sich sowohl zeitlich als auch räumlich in gewaltigem Maße. Seine Grenzen und sein gesamter Umkreis sind hinter dem Unsichtbaren verschwunden. Alles scheint vor einem kleinen Schrank zu stehen, dessen Tür geschlossen ist. Wenn sich dort eine winzige Öffnung, fein wie ein Nadelloch, erkennen ließe, würde man sehen: Was weit entfernt ist, befindet sich ganz nah, und was nahe ist, steht unmittelbar dahinter; zwischen beiden gibt es keinen Zwischenraum. Das heißt: Diese Dinge befinden sich zwar an den äußersten Grenzen der Entfernung, doch irgendwann tritt gerade das Unsichtbare leuchtend vor die Augen. Dann scheint alles gemeinsam auf derselben Plattform gegenwärtig zu sein.

Eine feine Seite der künstlerischen Gestaltung

Wir werden nun einen weiteren Aspekt der künstlerischen Harmonie und Gestaltung erörtern, die sich in den koranischen Szenen findet. Die bisherige Erörterung der künstlerischen Gestaltung und ihrer Harmonie machte Bilder und Szenen sichtbar; zudem handelte es sich um eine vollkommene künstlerische Gestaltung, die sich in einem Teil des Bildes oder im gesamten Bild finden konnte. Doch die Wunderbarkeit und Erhabenheit des Korans kann hier nicht Halt machen. Oft erscheint sie in Gestalt eines gerahmten Bildes oder einer bewegten Szene. Manchmal verschmilzt jedoch alles miteinander und schafft den Zauber einer einzigen Melodie, die alles in ihrer Umgebung umfängt. Die daraus hervorgehende Wirkung tritt im folgenden Beispiel deutlich hervor. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Bei der Vormittagshelle und bei der Nacht, wenn sie dunkel wird! Dein Herr hat dich nicht verlassen und ist dir nicht abgeneigt. Wahrlich, das Jenseits ist besser für dich als das Diesseits. Dein Herr wird dir bald geben, sodass du zufrieden sein wirst. Hat Er dich nicht als Waise vorgefunden und dir dann Zuflucht gewährt? Er fand dich auf dem Irrweg und führte dich recht. Er fand dich bedürftig und machte dich unabhängig. Darum behandle die Waise nicht hart, weise den Bittenden nicht zurück und verkünde die Gunst deines Herrn. (Sure ad-Duha: 1–11)

In den genannten Versen tritt eine gemeinsame Atmosphäre aus Gnade und Barmherzigkeit sowie Sorge und Hilflosigkeit hervor. Zum Beispiel:(Arabisch**********) Der Ton von Barmherzigkeit und Güte sowie von Kummer und Verzweiflung, der bis zu diesem Vers hervorgebracht wird, gleicht dem verheerenden Klang der feinen Saiten einer Herzensleier. Bei der Darbietung der Aussage wurden passende, sanfte und klagende Töne miteinander verbunden, in denen die traurige Melodie der Sorge unaufhörlich erklingt. Die Mittagszeit (***) und die Nacht, die ihre schwarzen Vorhänge ausbreitet, umschließen diesen Ton. Die Mittagszeit ist die beste Zeit zwischen Nacht und Tag. Als Symbol für Kummer und Schmerz wurde hingegen die Nacht gewählt. So wie die Nacht alles mit einer zarten Hülle der Dunkelheit bedeckt, so hat ein feiner Schleier des Leids namens Verwaisung und Armut den ehrwürdigen Gesandten (s.a.w.) bedeckt. Dann beginnt sich dieser Schleier allmählich zu heben, und der Morgen des Glücks wird immer heller, bis er den Mittag erreicht.

(Arabisch**********)

Dein Herr hat dich nicht verlassen. Er ist dir auch nicht abgeneigt. Das Jenseits ist besser als das Diesseits. Dein Herr wird dir bald geben, was dich zufrieden machen wird.

Diese frohe Botschaft wird verkündet. So hat das Bild in seiner Umgebung und Situation, in Farbe und Gestaltung sowie in seinen Vergleichen und bildlichen Darstellungen Vollkommenheit erlangt.

b. Hören Sie nun einen anderen Ton. Sowohl sein Hintergrund als auch sein Bild sind völlig andersartig.

(Arabisch**********)

Bei den schnaubend dahineilenden Pferden, bei denen, die mit ihren Hufen Funken sprühen, bei denen, die am Morgen zum Angriff stürmen und dabei Staub aufwirbeln, und bei denen, die mitten in die Reihen des Feindes eindringen! Wahrlich, der Mensch ist seinem Herrn gegenüber undankbar, und er ist dessen gewiss Zeuge. Und gewiss ist er in seiner Liebe zum Vermögen maßlos. Weiß er etwa nicht, dass das, was in den Gräbern ist, hervorgeholt und das, was in den Herzen ist, offengelegt werden wird? An jenem Tag wird ihr Herr über das, was mit ihnen geschehen wird, gewiss allwissend sein. (Sure al-Adiyat: 1–11)

Ton und Rhythmus dieser Sure ähneln denen der Sure an-Nāziʿāt. Doch sind Härte und Schärfe hier weitaus stärker als in an-Nāziʿāt. Außerdem sind Rauheit, Furcht, Zorn und Lärm deutlich wahrnehmbar. Diese Sure steht in vollkommener Harmonie mit Ort, Zeit und Personen. Wenn der Tote aus dem Grab aufersteht, wird Lärm entstehen, und alles Verborgene in seinem Inneren wird sichtbar gemacht und hervorgeholt werden. Hier ist eine gewisse Härte geschaffen worden, die vollkommen zur Atmosphäre von Undankbarkeit, Hochmut und Engstirnigkeit passt. Sobald für diese ganze Schönheit ein passender Hintergrund erforderlich wird, wird eine entsprechend lärmende Umgebung gewählt und durch den Staub unter den Hufen schnell laufender Pferde und ihr Schnauben gestaltet. Sie stürzen sich am Morgen auf den Feind. Bild und Hintergrund sowie Hintergrund und Bild sind auf wunderbare Weise miteinander verschmolzen. So ist das gesamte Bild mit all seinen Teilen zu einem Kunstwerk von großer Schönheit geworden.

c. Wir haben zuvor zwei Hintergründe von Bildern erörtert. Beide sind eigenständig und voneinander verschieden. Dennoch weisen Farbe und Stil dieser beiden Bilder eine Ähnlichkeit miteinander auf. Ein Hintergrund bleibt nicht immer auf dieselbe Farbe und denselben Stil beschränkt, sondern kann verschiedene Formen und Farben annehmen; ebenso verhält sich das darin enthaltene Bild. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Bei der Nacht, wenn sie alles verhüllt, bei dem Tag, wenn er hell erstrahlt, und bei Ihm, der das Männliche und das Weibliche erschaffen hat! Wahrlich, eure Bemühungen sind verschieden. Wer also gibt und gottesfürchtig ist und das Beste für wahr hält, dem werden Wir den Weg zum Glück leicht machen. Wer aber geizt, sich für unabhängig hält und das Beste für Lüge erklärt, dem werden Wir den Weg zum Unglück leicht machen. Wenn er ins Verderben stürzt, wird ihm sein Besitz nichts nützen. Uns obliegt die Rechtleitung, und Uns gehören das Diesseits und das Jenseits. Daher habe Ich euch vor einem lodernden Feuer gewarnt. Es wird nur der Unglücklichste betreten, der die Wahrheit leugnet und sich abwendet. Davon wird der Gottesfürchtige ferngehalten, der seinen Besitz zur Läuterung hingibt und damit keine Wohltat vergilt, sondern nur das Wohlgefallen seines höchsten Herrn sucht. Er wird gewiss bald zufrieden sein. (Sure al-Lail: 1–21)

In dem Bild, das in dieser Sure gezeichnet wird, sind sowohl Weiß als auch Schwarz (das heißt Sünde und Tugend) gegenwärtig. Dort heißt es: „Wer gibt und gottesfürchtig ist.“ Wie dies gesagt wird, heißt es unmittelbar daneben auch: „Wer geizt und sich für unabhängig hält.“ Ebenso heißt es: „Ich werde ihm den Weg zum Glück leicht machen.“ In gleicher Weise (Arabisch**********)– „der Unglückliche, der die Wahrheit leugnet und sich abwendet“ – wird zugleich gesagt: (Arabisch**********)– „der Gottesfürchtige, der seinen Besitz zur Läuterung hingibt.“ Auf diese Weise wurde der gesamte Hintergrund des Bildes in Weiß und Schwarz gewählt.

Einerseits heißt es: „Bei der Nacht, wenn sie alles verhüllt.“ Ebenso heißt es: „Bei dem Tag, wenn er hell erstrahlt.“ Hier wurde zusammen mit „al-Lail“ das Wort „yaghschā“ gewählt, während in der Sure ad-Duhā das Wort „sajā“ verwendet wurde. Wahrscheinlich geschah dies, um die Gegenüberstellung von Nacht und Tag deutlich hervorzuheben. Auch sind im Männlichen und Weiblichen derselben Gattung zwei einander entgegengesetzte Wesen gegeben. Daher lässt sich sagen, dass dieser Hintergrund vollkommen mit dem Bild übereinstimmt.

Der Ton und Rhythmus in der Sure al-Lail sind weit vollkommener als in der Sure ad-Duhā. Doch liegt in ihrem Klang weder Härte noch tiefer Schmerz des Herzens. Denn genau dies wird von der Darstellung und dem Hintergrund verlangt. Diese Einheit und Harmonie ist unbestreitbar überaus wunderbar.

Die Dauerhaftigkeit des koranischen Bildes

Wir wollen nun einen weiteren Aspekt der künstlerischen Harmonie im Koran erörtern.

Bei den Szenen und Bildern des Korans kann man nicht einfach sagen, es genüge, die verschiedenen Teile und Farben des Bildes und der Szene aufeinander abzustimmen und eine solche Harmonie von Klang und Rhythmus zu schaffen, die dem Kontext oder dem Hauptthema entspricht. Vielmehr ist es notwendig, noch einen Schritt weiterzugehen und dabei das Streben nach einer anziehenden, künstlerisch vollendeten und eigenständigen Gestaltung der Szene im Blick zu behalten. Denn es ist unerlässlich, die Zeit anzuhalten, damit diese Szene in der Welt der Vorstellung verankert bleibt. Erstaunlicherweise hat der edle Koran auch dieses Erfordernis auf äußerst schöne und zutreffende Weise erfüllt.

Manche vom Koran dargestellten Szenen verschwinden im Handumdrehen, sodass nicht einmal Gelegenheit bleibt, über sie nachzudenken. Manche Bilder sind so dauerhaft, dass der Leser meint, diese Szene werde niemals wieder aus seinem Blickfeld verschwinden. Einige Bilder sind bewegt, andere statisch. All dies findet sich im Inneren der Szene. Darüber hinaus spiegelt sich darin auch der allgemeine Zweck des Korans gleichermaßen wider. Die Länge oder Kürze einer Szene wird auf eine besondere Weise gestaltet. Alle darin enthaltenen Mittel und Elemente dienen dazu, den Zweck und das Ziel der Szene zu vollenden.

Auf diesem neuen Gebiet unseres Vorgehens werden wir nun der Reihe nach Beispiele dafür anführen:

1. Der Koran möchte den Menschen vor Augen führen, wie kurz die Zeitspanne dieses irdischen Lebens ist, wodurch sie gegenüber dem Leben im Jenseits gleichgültig werden. Der Koran stellt diese Szene folgendermaßen dar:

(Arabisch**********)

Und führe ihnen das Gleichnis vom irdischen Leben an: Es ist wie Wasser, das Wir vom Himmel herabregnen lassen. Dann sprießen durch seine Verbindung mit der Erde Rankengewächse und Gräser hervor. Danach werden sie dürr und fliegen wie Spreu im Wind davon. Allah ist zu allem fähig. (Sure al-Kahf: 45)

Hier werden drei Dinge genannt: 1. Wasser, das vom Himmel herabregnet. 2. Die Entfaltung der Fruchtbarkeit durch die Verbindung von Wasser und Erde. Und 3. dass es danach austrocknet und wie Spreu im Wind davonfliegt.

In diesen drei kurzen Sätzen wird gesagt, dass das irdische Leben in allen drei Szenen bereits zu Ende gegangen ist. Ach, wie kurz ist doch das Leben!

Die gesamte Entwicklung der Pflanzen wird in knapper Form beschrieben. Dabei wurde kein Aspekt ausgelassen. Allerdings wird die zweite Entwicklungsstufe nicht erwähnt. Zunächst wird das Wasser erwähnt, das die Pflanzen zur Erzeugung von Ertrag befähigt. Dann reift die Ernte nach einiger Zeit und trocknet aus, sodass die dürren Halme vom Wind davongetragen werden. Nun könnte man fragen: Was wurde außer der zweiten Entwicklungsstufe der Pflanzen noch ausgelassen?

Alle Elemente einer klaren Darstellung, einer angemessenen Betrachtungsdauer und einer ausgewogenen Schönheit und Harmonie haben sich in dem erwähnten Vers zusammengefügt. Die Darstellungsweise ist so klar und kraftvoll, dass von dem, was vermittelt werden sollte, nichts mehr übrig bleibt, was zur Erfüllung des religiösen Zwecks beitragen könnte. Die Betrachtungszeit hat dieses Bild zur Vollendung gebracht; dabei geht es über die Grenzen der ästhetischen Harmonie hinaus und schärft die Denkkraft.

Um diese Szene knapp zu schildern, wurden sowohl die Wortfügung als auch künstlerische Mittel eingesetzt. So etwa das dem Wort „fakhtalata“ folgende „fa“, das zur Darstellung der Abfolge von Ereignissen verwendet wird. Dieser Buchstabe stellt die gesamte Szene mit Vollständigkeit und Schnelligkeit dar. Gerade aus diesem „fa“ wird ersichtlich, dass das herabfallende Wasser sich eigentlich nicht mit der Erde verbindet, sondern mit den aus der Erde hervorgebrachten Ranken und Pflanzen. Es wird auf eine Weise dargestellt, die die gewünschte Schnelligkeit vollkommen zur Geltung bringt.

2. Ein weiteres, nahezu gleichartiges Beispiel ist der folgende Vers. Bedeutung, Zweck sowie Art und Weise der Aufmerksamkeitserregung sind dieselben, doch wird er in einem etwas anderen Stil dargestellt.

(Arabisch**********)

Wisset, dass das irdische Leben nur Spiel und Zerstreuung, Schmuck, gegenseitiges Prahlen und ein Überfluss an Besitz und Nachkommenschaft ist. Es ist wie der Regen: Seine grünen Pflanzen erfreuen die Landwirte; dann trocknen sie aus, sodass du sie gelb siehst, und schließlich werden sie zu dürrem Stroh.

Das Bild des vergänglichen Diesseits, das in diesem Vers gezeichnet wird, ähnelt dem des vorherigen Verses. Manche könnten meinen, dass zwischen den beiden Bildern kein Unterschied besteht. Tatsächlich gibt es jedoch einen feinen Unterschied zwischen diesen beiden Versen. Er besteht darin, dass die Kafir das Diesseits deshalb bevorzugen, weil es dort eine Atmosphäre wie beim Spielen und Scherzen gibt und alle Mittel des Vergnügens und der Freude unmittelbar verfügbar sind und sich mit ein wenig Mühe erlangen lassen. Man kann miteinander um Besitz und die Zahl der Menschen wetteifern. Allah sagt: Was die Kafir in Anspruch nimmt und ihnen das Leben lang und genussvoll erscheinen lässt, ist in Wirklichkeit äußerst kurz und vergänglich. Es ist wie der Regen, der den Boden fruchtbar macht und verschiedene Früchte hervorbringt, worüber sich die Landwirte freuen; doch nach einer bestimmten Zeit trocknen diese Pflanzen aus und werden wie dürres Stroh vom Wind davongetragen. So ist auch der Zustand des Diesseits.

Unter den Versen des Korans, die auf den ersten Blick gleichartig erscheinen, gibt es feine Unterschiede wie der zuvor erörterte. Zwischen zwei Versen, die äußerlich gleich wirken, wird ein Unterschied sichtbar. Dieser Unterschied kann zwar gewöhnlicher, aber auch bedeutsamer Art sein. Durch jene Verse wird einerseits Daʿwa-Arbeit geleistet, andererseits dienen sie auch als Träger künstlerischer Schönheit und Anmut. Zudem entsteht durch diese feinen Unterschiede sowohl etwas Neues in ihnen, als dass sie zugleich als eine eigene Art gelten.

3. In den beiden vorherigen Beispielen wurde die Darstellung verkürzt, indem die zweite Phase ausgelassen wurde. Nun werde ich jedoch ein Beispiel anführen, in dem die Zeit des Diesseits ebenso wie im vorherigen Beispiel verkürzt dargestellt wird. Diese Verkürzung ist jedoch noch stärker als im vorherigen Beispiel. Hier werden die beiden Zustände des Diesseits – sein Anfang und sein Ende – in einem einzigen Augenblick zusammengeführt. Zugleich wird verdeutlicht, wie lang die Zeit vom Anfang bis zum Ende des Diesseits ist. Es heißt:

(Arabisch**********)

Das Streben nach Mehr lenkt euch ab. So werdet ihr den Gräbern begegnen. (Sure at-Takāthur: 1–2)

Das in diesem Vers dargestellte Bild ist ein Bild von den Grenzen des Lebens: Es beginnt mit der Suche nach Besitz und Überfluss und endet mit dem Grab. Wie könnte man die äußerste Grenze des Lebens durch Darstellung oder Nachdenken noch kürzer und begrenzter zeichnen? Eine weitere Seite dieses Bildes besteht darin, dass auch die Zeit vom Anfang bis zum Ende des Lebens damit verstreicht, dass man sich den Spielen und Vergnügungen des Diesseits hingibt. Durch die Verwendung des Wortes „Hatta“ (***) wird verdeutlicht, wo am Ende seiner Dauer die Grenze liegt. Selbst in dieser äußerst kurzen Zeit beschäftigt sich der Mensch mit unnützen Dingen, obwohl er weiß, dass sein Leben sehr kurz ist. Mit zwei kurzen Versen wird der gesamte Zweck auf schöne und treffende Weise veranschaulicht.

4. Auch der folgende Vers behandelt ein ähnliches Thema, verfolgt jedoch einen anderen Zweck.

(Arabisch**********)

Wie könnt ihr Allah verleugnen, wo ihr tot wart und Er euch Leben gab? Dann wird Er euch sterben lassen, danach wird Er euch wieder lebendig machen. Schließlich werdet ihr zu Ihm zurückgebracht. (Sure al-Baqara: 28)

In den vier Teilen desselben Verses werden vier Zustände der Schöpfung beschrieben. Der erste Zustand ist der Zustand vor der Schöpfung, der zweite bezieht sich auf das Umherwandeln im weltlichen Leben nach der Schöpfung, der dritte Zustand besteht darin, dass man diese Erde eines Tages unweigerlich verlassen muss, und der vierte Zustand ist, dass es nach dem weltlichen Leben ein weiteres Leben gibt und alle dort erscheinen müssen.

Der Zustand vor dem weltlichen Leben wird Azal genannt. Der Zustand und Aufenthaltsort nach dem Erlangen der Existenz wurden festgelegt; er wird Hayat oder Leben genannt. Danach kommt der Tod, und nach dem Tod beginnt das Leben im Akhirah. Zur Kürze wurden die vier Zustände in nur vier Worten ausgedrückt. Doch der Verstand stellt sich dies als eine sehr lange Zeit vor, während diese lange Zeitspanne für die gewaltige Macht Allahs lediglich einem Augenblick gleicht. Die Allmacht sagt zu einem Ding nur: „Sei!“, und sogleich ist es. Diese Schnelligkeit wird hier noch eindrucksvoller dargestellt, insbesondere wenn jene lange Zeitspanne in die Dauer eines Augenblicks eingefügt wird. Wie kann man Allah da leugnen? Und wie kann man sich Ihm widersetzen? Er allein ist jenes Wesen, Dem von Anfang an alles von euch gehört. Und bis zum Ende wird Er allein der Besitzer sein. Und zu Ihm werdet ihr zurückkehren.

Im folgenden Vers wird die Verkürzung vollständig ausgeführt:

(Arabisch**********)

Er ist es, Der für euch alles, was auf der Erde ist, erschaffen hat; dann wandte Er sich dem Himmel zu und erschuf ihn in sieben Schichten. (Sure al-Baqara: 29)

So erschuf Er in einem einzigen Augenblick alles, was auf der Erde ist. Dann wandte Er sich dem Himmel zu und ordnete und erschuf ihn in einem einzigen Augenblick in sieben Schichten. In den Versen des Al-Qur’an, in denen dieses Thema behandelt wird, wird die Erschaffung von Himmel und Erde ausführlich beschrieben.

5. Bis hierher wurde bei den dargestellten Szenen von der Verkürzung Gebrauch gemacht. In diesen Szenen wurde die Darstellung an manchen Stellen verkürzt, indem ein Zwischenzustand ausgelassen wurde, und an anderen Stellen, indem ein Zustand in einen anderen übergehen gelassen wurde. Nun wollen wir ein Beispiel für eine solche Verkürzung vorführen, bei der der Künstler der Natur in seinem meisterhaften Kunstwerk eine wunderbare Kunstfertigkeit gezeigt hat, wobei er einen äußerst kraftvollen Pinsel eingesetzt hat. Durch die verstreuten Pinselstriche ist dort ein unvergessliches Bild erstrahlt, bei dessen Betrachtung man meinen könnte, dass hier niemals etwas gewesen sei. Sobald die Vorstellungskraft auf diese Leinwand blickt, entsteht der Eindruck, dass dort nichts gewesen sei.

(Arabisch**********)

Wer Allah einen anderen zur Seite stellt, ist, als stürze er vom Himmel herab; dann schnappt ihn ein aasfressender Vogel und trägt ihn davon, oder der Wind weht ihn fort und schleudert ihn an einen weit entfernten Ort. (Al-Hadsch: 31)

Wie schnell dies geschieht: der Sturz von der Erde, unmittelbar darauf das Ergreifen und Davontragen durch einen fleischfressenden Vogel oder das Fortwehen und Wegschleudern durch den Wind in weit entfernte Gegenden. Nun bleibt ein solches Bild vor den Augen zurück, dass man meint, hier habe es niemals etwas gegeben.

Denken Sie ein wenig darüber nach: Welches Geheimnis verbirgt sich in der Schnelligkeit des Zuschnappens und Davontragens? Das Geheimnis besteht darin, dass niemand meinen soll, die Götzendiener hätten irgendeine Bleibe oder Beständigkeit. Dennoch wurde ihnen auf der Erde für kurze Zeit ein Platz gewährt. Wie ihre Abstammung ist, welchen Glanz und welche Pracht sie besitzen, wie groß die Verzweigungen ihres Stammes und ihre Anhängerschaft sind – all das ist völlig belanglos. Sie kommen aus einem unbekannten Ort und verschwinden im Handumdrehen wieder in einem anderen unbekannten Ort. Im weltlichen Leben sesshaft zu werden, ist ihnen nicht beschieden.

Nun werden wir einige ausführliche Darstellungen vorlegen.

Ausführliche Darstellung

1. Wir haben den Vers besprochen, in dem gesagt wird, dass Regenwasser vom Himmel herabfällt. Danach treiben aus der Erde Keime verschiedenartiger Pflanzen hervor. Schließlich reifen sie, trocknen aus, verwandeln sich in dürres Stroh, und der Wind trägt sie davon. Die gesamte Szene wurde im Bruchteil eines Augenblicks dargestellt. Nun werden wir sehen, wie eine solche Szene an vielen Stellen ganz langsam und ausführlich beschrieben wird. Es heißt:

(a)

(Arabisch************)

Er ist Allah, der die Winde entsendet, woraufhin sie die Wolken in Bewegung setzen. Dann breitet Er die Wolken, wie Er will, am Himmel aus und ordnet sie Schicht um Schicht an. Danach siehst du den Regen aus ihnen hervorströmen. Er lässt ihn diejenigen unter Seinen Dienern erreichen, die Er will, und siehe, sie freuen sich. (Sura ar-Rum: 48)

Dieser Vers gehört zur ersten Phase, in der beschrieben wird, wie das Regenwasser die Erde erreicht. Der Regen schwebt in Gestalt von Wolken zusammen mit dem Wind am Himmel dahin. Wenn Allah will, verdichtet Er ihn, und er fällt als Regen auf die Erde herab. Obwohl die Menschen zunächst verzweifelt sind, freuen sie sich später, wenn sie den Regen sehen. Betrachten wir nun, was nach dem Niederschlag geschieht.

(b)

(Arabisch************)

Hast du nicht gesehen, dass Allah Wasser vom Himmel herabsendet und damit Pflanzen in verschiedenen Farben hervorbringt? Dann vertrocknen sie, sodass du sie gelb siehst. Danach macht Allah sie zu trockenem Stroh. Darin liegt wahrlich eine Ermahnung für die Verständigen. (Sura az-Zumar: 21)

Beachte, dass hier alles langsam und bedächtig vor sich geht. Wasser fällt vom Himmel herab, doch nicht sofort beginnt die Erde zu keimen. Vielmehr fließt dieses Wasser in Flüssen oder Quellen dahin. „Danach lässt Er daraus Pflanzen hervorgehen.“ Diese verändern sich in verschiedenen Farben. Der Wechsel der Farben erfordert Zeit. Danach beginnen sie sich zu bewegen, reifen schließlich und nehmen eine gelbe Färbung an. Es ist offensichtlich, dass dieser Zustand erst nach Ablauf einer gewissen Zeit eintritt; darauf weist das Wort „thumma“ hin. Der Satz „Danach macht Er sie zu zerbröseltem, zerriebenem Material“ zeigt, dass auch das Zerbröseln und Zersplittern eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt. Hier wird das entsprechende Wort in der Gegenwarts- beziehungsweise Zukunftsform verwendet. An anderer Stelle heißt es „ist zerbröselt und zersplittert“ und „zerbröselt und zersplittert“, was bedeutet, dass es ohne das Eingreifen von jemandem von selbst zerbröselt und zersplittert. Hier wird gesagt, dass es zerrieben wird und in diesem Zustand verbleibt. An einer anderen Stelle jedoch heißt es: „Der Wind trägt es davon.“ Danach bleibt keine Spur von ihm zurück.

Das Geheimnis dieser Langsamkeit, Ruhe und Ausdehnung liegt darin, dass dieser Vers von den Gaben Allahs handelt. Deshalb wird bei der Erwähnung dieser Gaben langsam vorgegangen, damit die Betrachter diese Szene in aller Ruhe betrachten und Nutzen daraus ziehen können und kein Wunsch unerfüllt bleibt. Nur aus diesem Grund wird die Szene in die Länge gezogen.

2. Betrachten wir eine weitere Szene, in der der edle Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und seine Gefährten mit einem Feld und einer Saat verglichen werden:

(Arabisch************)

In der Tora wird ihr Zustand so beschrieben, und im Evangelium wird ihr Zustand wie der eines Setzlings beschrieben, der seine Triebe hervorbringt. Dann wird er kräftig und stark und richtet sich fest auf seinem Stamm auf, sodass er den Bauern Freude bereitet, damit Allah durch sie die Ungläubigen erzürnt. (Sure al-Fath: 29)

Die Ernte des Feldes, von dem in diesem Vers die Rede ist, trocknet nicht aus, zerfällt nicht und wird nicht vom Wind fortgetragen. Vielmehr bleibt sie fest und unerschütterlich. Dieses Bild ist unvergänglich. Es schwindet niemals aus dem Geist und aus den Gedanken. Es ist ein Bild, das in der Welt des Geistes und der Gedanken eine lang anhaltende Wirkung hinterlässt.

Hier ist ein Punkt zu bedenken: Das Bild ist zwar ein langwieriges Bild, doch seine Anfangsphasen vollziehen sich schnell. Sobald etwa auf einem Feld Samen ausgestreut werden, keimen sie und werden sehr schnell zu einem gewaltigen Baum. Das dauert nicht lange. Dann gelangt er an einen Punkt, an dem er fest auf seinem eigenen Stamm steht. Dies war der anfängliche Zustand der Muslime. Erstens zögerten sie nicht, den Islam anzunehmen. Zweitens blieben sie in diesem Zustand gefestigt. Nachdem ihr Zustand seine Vollkommenheit erreicht hatte, trat dort keine weitere Veränderung ein.

3. Wir haben zuvor ein Bild erwähnt, in dem das gesamte Leben des Menschen, also von Anfang bis Ende, dargestellt wurde und im Handumdrehen zu Ende ging. Nun betrachten wir ein anderes Bild, nicht das gesamte Leben, sondern nur einen bestimmten Abschnitt des Lebens, der jedoch hinsichtlich seiner Dauer sehr viel länger ist. Es heißt:

(Arabisch************)

Wir erschufen den Menschen aus dem Auszug der Erde. Dann setzten Wir ihn als Samentropfen an einen geschützten Ort. Danach erschufen Wir den Samentropfen als haftendes Blutklümpchen. Dann machten Wir das Blutklümpchen zu einem Fleischklümpchen, darauf erschufen Wir aus diesem Fleischklümpchen die Knochen, danach bekleideten Wir die Knochen mit Fleisch und schließlich ließen Wir ihn in einer neuen Gestalt entstehen. Wie segensreich ist Allah, der beste der Schöpfer.

Sehen Sie, wie ausführlich allein ein Abschnitt aus dem Leben des Menschen behandelt wird. Hier wird der Zeitraum von der Empfängnis bis vor der Geburt beleuchtet. Die dadurch vermittelte Ermahnung und Unterweisung reicht aus, um jedes Gewissen zu beeinflussen. Daher lässt sich sagen, dass diese Ausführlichkeit hier nicht unangebracht ist.

4. Zu den Szenen, die in einer andauernden Darstellung geschildert werden, gehören unter anderem die Szenen des Tages des Jüngsten Gerichts und der Strafe in der Hölle. Wenn eine solche Angelegenheit feststeht und es notwendig wird, sie bildlich darzustellen, wird sie mithilfe einer andauernden Darstellung veranschaulicht. So kann dieses Bild das Denken und Bewusstsein jedes Menschen beeinflussen und der Eindruck seiner schrecklichen Folgen das Gewissen prägen.

Um bestimmte Bilder ausgedehnt darzustellen, wurden einige Mittel und Verfahren eingesetzt. Im Folgenden führe ich einige Beispiele dafür an. Wenn nicht zu befürchten wäre, dass dadurch der Umfang des Buches anwächst, hätte ich diesem Thema ein eigenes Kapitel hinzugefügt.

[4.1] Oft wird eine Szene mit solchen Worten und in einem solchen Stil dargestellt, dass der Eindruck einer Wiederholung entsteht, zum Beispiel:

(Arabisch************)

Diejenigen, die Unsere Zeichen verleugnen, werden Wir bald im Feuer verbrennen lassen. Wenn das Feuer ihre Haut versengt hat, werden Wir ihnen an ihrer Stelle neue Haut geben, damit sie die Strafe vollständig empfinden können. (Sure an-Nisāʾ: 56)

In diesem Vers wird eine schreckliche Szene dargestellt. Das Auge der Vorstellung betrachtet diese Szene immer wieder und wird von Angst und Schrecken erfüllt. Wenn Unruhe und Sorge zunehmen, wiederholt sie sich immer wieder. Denn wenn der Nafs danach strebt, die Grenzen zu überschreiten, hält dieses furchterregende Bild ihn davon ab und spornt ihn dazu an, Allah zu gehorchen.

[4.2] Oft wird durch die Anordnung und Abfolge der Worte eine ausführlichere Darstellung geschaffen. So wird beispielsweise ein Ereignis geschildert und anschließend ein Teil davon detailliert beschrieben. Es heißt:

(Arabisch************)

Und verkünde denen, die Gold und Silber horten und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, eine schmerzhafte Strafe. Am Tag, an dem es im Feuer der Hölle erhitzt und damit ihre Stirnen, ihre Seiten und ihre Rücken gebrandmarkt werden, wird gesagt werden: „Dies ist, was ihr gehortet habt. So kostet nun den Geschmack dieser Strafe.“ (At-Tauba: 34–35)

Zunächst wird mit den Worten „Verkünde ihnen eine schmerzhafte Strafe“ allgemein über die Strafe gesprochen. Für kurze Zeit wird der Fortgang der Schilderung unterbrochen, damit der Zuhörer sich innerlich darauf vorbereiten kann, die ausführliche Beschreibung der Strafe zu hören. Danach werden Art und Wesen dieser Strafe ausführlich dargestellt. Um die große Menge an Gold und Silber hervorzuheben, wurde statt der Dualform die Pluralform verwendet. Auf diese Weise wird ihre Fülle verdeutlicht. Ebenso wurde nicht die Einzahl, sondern die Pluralform verwendet. Seht: Nachdem Gold und Silber im Feuer erhitzt worden sind, schmelzen sie nicht; mit ihnen beginnt vielmehr eine schmerzhafte Strafe. Zuerst werden damit die Stirnen gebrandmarkt. Das Brandmarken an der Stirn ist beendet. Nun werden beide Arme nach vorn gebracht, und auch das Brandmarken ist beendet. Ihr denkt, die Strafe sei hier zu Ende. Halt! Die Szene ist hier noch nicht beendet. Nun steigt vor dem geistigen Auge das Bild auf, dass mehrere Gruppen nacheinander der Strafe unterworfen werden und sich dies immer wiederholt. Und es wird gesagt:

(Arabisch************)„Dies ist, was ihr gehortet habt. So kostet nun den Geschmack dieser Strafe.“ (Sure At-Tauba: 25)

[4.3] Oft wird eine Szene durch die ausführliche Darstellung der Vorgänge und ihrer Anzahl in die Länge gezogen. Zugleich entsteht auch unter den dabei verwendeten Wörtern der Eindruck einer Wiederholung. So heißt es in diesem edlen Vers:

(Arabisch************)

Diese beiden Streitparteien streiten über ihren Herrn. Für die Ungläubigen sind daher Gewänder aus Feuer bereitet. Über ihre Köpfe wird siedendes Wasser gegossen, wodurch das, was sich in ihren Bäuchen befindet, und ihre Haut zerschmelzen und herausfließen werden. Für sie gibt es außerdem eiserne Hämmer. Wann immer sie wegen der Qual versuchen, aus der Hölle herauszukommen, werden sie dorthin zurückgebracht. Es wird gesagt werden: „Kostet die Qual des Brennens.“ (Sure Al-Haddsch: 19–22)

Dies ist eine schreckliche Szene, die in diesem Vers beschrieben wird, erfüllt von Lärm und Wiederholung. Auf der einen Seite die Gewänder aus Feuer, auf der anderen das brodelnd siedende Wasser, das über die Köpfe gegossen wird und dadurch alles im Inneren des Bauches sowie die Haut zum Schmelzen bringt. Wenn jemand, von der Qual gepeinigt, zu fliehen versucht, wird er sogleich mit eisernen Hämmern zurück an seinen vorherigen Ort geprügelt, und es wird gesagt: „Koste die Qual des Brennens!“ Dieses Bild spiegelt sich immer wieder im Spiegel der Vorstellungskraft. Besonders die Ungläubigen versuchen herauszukommen, und sie werden hineingeprügelt. Es scheint, als vollzöge sich diese Szene vor den Augen der Zuhörer und Leser.

[4.4] Oft wird, um eine Szene in die Länge zu ziehen, jede Bewegung in ihrem Inneren angehalten. Stellen wir uns beispielsweise einen Unterdrücker auf dem Feld der Auferstehung vor. Völlig allein. Immer wieder bringt er Scham und Bedauern zum Ausdruck. Man möchte beim Anblick sagen: „Bruder, hör doch auf! Was bringt es jetzt noch, immer wieder Scham und Bedauern zu äußern?“ Die Zeit, in der sich die Szene ereignet, ist sehr kurz, doch in deinen Gedanken wird sie dir sehr lang erscheinen. Zum Beispiel:

(Arabisch************)

Der Frevler wird an jenem Tag sagen, während er sich in beide Hände beißt: „O weh! Wenn ich doch mit dem Gesandten den Weg gegangen wäre! Ach, wenn ich doch jenen nicht zum Freund genommen hätte! Nachdem die Ermahnung zu mir gekommen war, führte er mich von ihr ab. Der Satan täuscht den Menschen zur rechten Zeit.“ (Sure al-Furqān: 27–29)

In dem angeführten Vers wird die Reue eines Ungläubigen über seine vergangenen Taten geschildert. Zugleich erklingt eine so schmerzvolle, klagende Melodie, dass sich die Ausdehnung der Szene ganz von selbst entfaltet. Ihre Worte sind wenige, nicht viele. Doch indem sie innehält und dadurch die anhaltende Lage von Abscheu, Empörung und Trauer entstehen lässt, kann sich niemand ihrem Wirkungsbereich entziehen. Tatsächlich lag genau darin ihr Zweck und ihr Ziel. Es sei daran erinnert, dass Ort und Zeit des Schuldbekenntnisses des Schuldigen mit Trauer und Scham verschmolzen und eins geworden sind. Denkt darüber nach: Eine Gruppe der Schuldigen wird gefragt werden:

(Arabisch************)„Warum seid ihr in die Hölle geraten?“ (Sure al-Muddaththir: 42)

Darauf werden sie antworten: (Arabisch************)

Sie werden sagen: „Wir pflegten nicht zu beten, wir gaben den Bedürftigen keine Nahrung, wir beteiligten uns an der Kritik der Kritiker, und wir leugneten den Tag der Vergeltung, bis die Gewissheit darüber zu uns kam (das heißt: bis zum Tod).“ (Sure al-Muddaththir: 43–47)

Die Schuldigen hätten einfach sagen können: „Wir glaubten nicht und hielten es für eine Lüge.“ Doch gerade dadurch, dass sie den Zeitpunkt des Schuldbekenntnisses verlängern, wird eine eigene Schönheit geschaffen.

[4.5] Oft lässt sich auch beobachten, dass sämtliche zuvor genannten Mittel eingesetzt werden, um eine Szene zu verlängern. Beispielsweise wird die Unterstützung durch eine bestimmte sprachliche Anordnung und einen bestimmten Gleichklang genutzt, oder das Ereignis wird ausführlich geschildert, oder die Szene wird bisweilen zum Stillstand gebracht. Beachtet die folgenden Beispiele:

(Arabisch************)

Wenn ein einziges Mal in die Posaune gestoßen wird, dann werden die Erde und die Berge emporgehoben und zerschmettert. An jenem Tag wird die Stunde eintreten. An jenem Tag wird der Himmel gespalten und auseinandergerissen sein, und die Engel werden an seinen Rändern stehen; und acht Engel werden den Thron deines Herrn über sich tragen. An jenem Tag werdet ihr vorgeführt werden, und nichts von euch wird verborgen bleiben. (Sure al-Hāqqa: 13–18)

(Arabisch************)

Wem dann sein Tatenbuch in die rechte Hand gegeben wird, der wird sagen: »Nehmt, lest mein Tatenbuch! Ich wusste, dass ich zur Abrechnung gestellt werden würde.« Dann wird er in einem glücklichen Leben in einem hohen Paradies leben. Dessen Früchte werden herabhängen. (Es wird gesagt:) »Esst und trinkt genüsslich als Lohn für das, was ihr in den vergangenen Tagen vorausgeschickt habt.«

(Arabisch************)

Wem sein Tatenbuch in die linke Hand gegeben wird, der wird sagen: »O wäre mir doch mein Tatenbuch nicht gegeben worden! O hätte ich doch meine Abrechnung nicht gekannt! O wäre doch mein Tod das Ende gewesen! Mein Vermögen hat mir überhaupt nichts genützt. Meine Macht ist mir entschwunden.« Zu den Engeln wird gesagt werden: »Ergreift ihn und legt ihm eine Fessel um den Hals. Dann werft ihn in die Hölle. Danach fesselt ihn mit einer Kette von siebzig Ellen. Gewiss, er glaubte nicht an Allah, den Erhabenen, und er spornt nicht zur Speisung des Bedürftigen an. Daher hat er heute hier keinen Freund und keine Nahrung außer dem Eiter, der aus den Wunden quillt. Niemand außer den Sündern wird davon essen. (Sure al-Hāqqa: 25–27)

Hier wurden mehrere Methoden angewandt, um die erwähnte Szene darzustellen: Die Schilderung und Erläuterung wurden ausgedehnt, und auch der Nachhall der Melodie ist lang. Einige Teile der Szene wurden nicht in Bewegung dargestellt, sondern als unbewegt festgehalten. Auch in den Farben der gesamten Szene ist eine Harmonie zu erkennen. Die Beschreibung der Kette von siebzig Ellen erweitert den Gedankenhorizont. Tatsächlich verlangt all dies nach Ausführlichkeit.

5. Wo gegensätzliche Dinge behandelt und beispielsweise das diesseitige mit dem jenseitigen Leben verglichen werden, sind diese Szenen ausführlich dargestellt worden. Beispiele dafür sind die folgenden Verse:

(Arabisch************)

Wahrlich, das Verzeichnis der Taten der Rechtschaffenen befindet sich in Illiyyun. Weißt du, was Illiyyun ist? Es ist ein niedergeschriebenes Buch, das die Allah nahestehenden Engel bezeugen. Wahrlich, die Rechtschaffenen werden in höchster Glückseligkeit sein und, auf Thronen sitzend, zuschauen. Du wirst auf ihren Gesichtern die Zeichen des Wohlbehagens erkennen. Ihnen wird reines, versiegeltes Getränk zu trinken gegeben. Sein Siegel ist Moschus. Danach sollen die Wetteifernden wetteifern. Seine Mischung wird aus dem Trank von Tasnim bestehen. Es ist eine Quelle, aus der die Allah Nahestehenden trinken. (Sure al-Mutaffifin: 18–28)

(Arabisch************)

Diejenigen, die Verbrechen begingen, pflegten die Gläubigen zu verspotten. Wenn sie an ihnen vorbeikamen, zwinkerten sie einander zu. Wenn sie zu ihren Familien zurückkehrten, kehrten sie lachend und scherzend zurück. Und wenn sie die Gläubigen sahen, sagten sie: „Diese sind gewiss irregeleitet.“ Doch sie waren nicht als deren Hüter entsandt worden. Heute aber verspotten die Gläubigen die Ungläubigen.

In den genannten Versen werden zwei lange Szenen dargestellt. In der einen Szene genießen die Allah Nahestehenden verschiedene Gnaden, während in der zweiten Szene gezeigt wird, wie die Ungläubigen die Gläubigen auf der Welt behandelten. Es wird gezeigt, wie das Verspotten und Sich-lustig-Machen über die Gläubigen zu ihrer Sucht geworden war. Beide Szenen sind lang, insbesondere die zweite. Ihr letzter Teil ist überaus ergreifend. Genau dies verständlich zu machen, ist hier der eigentliche Zweck.

6. Die Stelle im Edlen Qur’an, an der die Gläubigen und ihre guten Taten bildhaft dargestellt werden, ist eine sehr lange Szene. Diese Ausführlichkeit wirkt sich in erschütternder Weise auf das Gewissen aus. In diesen Versen werden diejenigen, die sie betrachten, dazu aufgerufen, sich an der im Bild dargestellten Anbetung gemeinsam mit den Gläubigen zu beteiligen. Derartige Beispiele gibt es im Al-Qur’an viele. Hier haben wir nur ein einziges Beispiel angeführt.

(Arabisch**********)

Wahrlich, in der Erschaffung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag liegen Zeichen für die Verständigen, diejenigen, die Allah im Stehen, im Sitzen und im Liegen gedenken und über die Erschaffung der Himmel und der Erde nachdenken. (Sie sagen:) „Unser Herr! Du hast dies nicht sinnlos erschaffen. Gepriesen seist Du! Bewahre uns vor dem Feuer der Hölle. Unser Herr! Wen Du ins Höllenfeuer wirfst, den hast Du wahrlich der äußersten Schmach preisgegeben. Und die Ungerechten haben keinen Helfer. Unser Herr! Wir haben gewiss einen Rufer gehört, der zum Glauben aufrief: ‚Glaubt an euren Herrn!‘, und so haben wir geglaubt. O unser Herr! Vergib uns daher unsere Sünden, tilge unsere Verfehlungen und lass uns im Kreis der Rechtschaffenen sterben. Unser Herr! Gewähre uns, was Du uns durch Deine Gesandten versprochen hast, und lass uns am Tag der Auferstehung nicht zuschanden werden. Wahrlich, Du brichst Dein Versprechen nicht.“ (Al-i ʿImran: 190–195)

(Arabisch**********)

Da erhörte ihr Herr ihr Gebet und sprach: „Ich lasse gewiss keine eurer Mühen verlorengehen, sei es ein Mann oder eine Frau. Ihr gehört zueinander. Diejenigen also, die ausgewandert sind, aus ihren Heimatländern vertrieben und auf meinem Weg verfolgt wurden, sowie diejenigen, die gekämpft haben und getötet wurden – wahrlich, ich werde ihre Übel von ihnen nehmen und sie in Gärten eintreten lassen, unter denen Bäche fließen. Dies ist eine Vergeltung von Allah. Und bei Allah gibt es die beste Vergeltung.“ (Sure Āl ʿImrān: 195)

Wer könnte angesichts dieser höchst eindrucksvollen, von Demut erfüllten Szene sein Herz nicht dahinschmelzen lassen und sich, zu jenen Wissenden gehörend, wie sie im Angesicht des Erhabenen Schöpfers die Hände erheben und zu den höchsten Stufen von Demut und Bescheidenheit aufsteigen? Besonders dann, wenn die ausführliche Darstellung der Opfer der Gläubigen gegeben und von ihrem Warten auf die Gnaden des Jenseits berichtet wird. Der überaus barmherzige Allah kann das Gebet eines solchen Menschen nicht unerhört lassen. Gewiss wird Er ihm all das gewähren, was Er den Gläubigen zu gewähren versprochen hat.

Wann immer der Koran mit vollkommener Aufmerksamkeit und großem Interesse studiert wird, werden unzählige lebendige Szenen dieser Art sichtbar. Wenn ein Leser des Korans ihn mit gründlichster Analyse studiert, öffnen sich vor ihm immer neue Tore des Wissens und der Geheimnisse: die Übereinstimmung von Wort und Bedeutung, die Schönheit von Rhythmus und Anordnung, die bezaubernde Darstellung und ihre hypnotische Wirkung, die Verknüpfung und Zusammenfügung der Themen, die Feinheit und der Stil der Darbietung, die künstlerische Gestaltung der Ereignisse, die bezaubernde Melodie sowie die immer neuen Arten und Methoden, die Beziehung eines Abschnitts zum anderen darzustellen – all dies zusammen verleiht der Wunderhaftigkeit und Geheimnishaftigkeit des Korans ihre vollkommene Gestalt.

Achtes Kapitel

Thema: Die im Koran geschilderten Ereignisse

Es sollte daran erinnert werden, dass das Erzählen von Geschichten nicht das eigentliche Ziel des Korans ist. Zwar werden darin jene Inhalte und jener Stil verwendet, die für das Schreiben von Geschichten und Romanen unerlässlich sind. Es ist für uns durchaus notwendig, diese künstlerische Seite des Schreibens von Geschichten und Romanen zu beachten. Doch der vorliegende Fall ist etwas anders. Die Ereignisse gehören zu den Hilfsmitteln, die der Koran zur Verwirklichung religiöser Ziele verwendet hat. Das Hauptziel des Korans ist der Aufruf zur Religion, und die bildhafte Darstellung von Geschichten ist lediglich ein Mittel, diesen Aufruf den Menschen in einer zu Herzen gehenden Sprache nahezubringen. Zu genau demselben Zweck, aus dem der Koran Bilder von der Auferstehung und vom Lohn im Jenseits vermittelt, aus dem er die Kunde von der Wiedererweckung nach dem Tod vorlegt und aus dem er zur Erläuterung und Auslegung der Scharia Beispiele und Gleichnisse anführt, stellt er auch die bildhafte Darstellung von Geschichten vor. Das Ziel besteht darin, den religiösen Aufruf den Menschen auf ansprechende Weise nahezubringen.

Um die Wahrheit zu sagen: Die im Koran geschilderten Ereignisse und ihre Inhalte haben in ihrem eigenen Stil und auf vollkommene Weise den religiösen Zweck bis an die Schwelle seiner Vollendung geführt. (Im Folgenden werden wir ihre Arten und Beispiele darlegen.) Dass sie dem religiösen Zweck untergeordnet sind, bedeutet keineswegs, dass bei der Darstellung der Ereignisse die künstlerische Seite unbeachtet bleibt. Vielmehr tragen die Ereignisse neben der Erfüllung des religiösen Zwecks auch künstlerische Merkmale in sich. Tatsächlich ist die bildhafte Darstellung eines der wichtigsten Mittel der koranischen Schilderung und Darbietung. Sie ist ein unerlässliches besonderes Merkmal der Darstellung.

Wir haben bereits gesagt, dass jede Regel im Al-Qur’an sowohl den religiösen als auch den künstlerischen Zwecken und Zielen dient. Jedes im Al-Qur’an dargestellte Bild und jede Szene vereint beide Eigenschaften. Wir sagten ferner, dass die künstlerische Schönheit des Al-Qur’an dazu verwendet wird, auf die menschliche Innenwelt einzuwirken. Denn jenes religiöse Gefühl der Innenwelt wird in der Sprache der künstlerischen Schönheit zum Ausdruck gebracht. Es sei darauf hingewiesen, dass Religion und Kunst einander ergänzen und tief im menschlichen Herzen verankert sind. Daher nimmt das menschliche Gewissen dies erst dann an, wenn die künstlerische Schönheit ihren höchsten Gipfel erreicht hat und zugleich Verstand und Seele bereit sind, auf den Ruf dieser Schönheit und Harmonie zu antworten.

Im Kapitel „Künstlerische Darstellung“ haben wir zwei Beispiele für erzählerische Darstellungen angeführt. Dort hat die Natur mit ihrem Pinsel äußerst eindrucksvolle Bilder gemalt, die den Menschen unweigerlich beeinflussen. Wir hatten dort versprochen, dies ausführlich zu erörtern. Nun werden wir versuchen, dieses Versprechen einzulösen, so Gott will.

Zweck und Ziel der im Al-Qur’an geschilderten Begebenheiten

Wir haben zuvor gesagt, dass die verschiedenen Begebenheiten im Al-Qur’an allein mit dem Ziel geschildert werden, den religiösen Zweck seiner Vollendung zuzuführen. Die Begebenheiten werden eben zu diesem Zweck erzählt. Um Ziele wie die Anerkennung der Offenbarung und der Gesandtschaft, den Tauhid, die Einheit der Religion aller Propheten, die Einheit und Gleichheit des Umgangs mit allen Propheten, die Offenbarung der göttlichen Macht, die Folgen von Gut und Böse, Geduld und Standhaftigkeit, Schirk und Kufr sowie viele weitere Ziele zu verwirklichen, bedient sich der Qur’an der erzählerischen Darstellung.

1. Anerkennung der Offenbarung und der Gesandtschaft: Wir werden den Zweck und das Ziel der im Al-Qur’an geschilderten Begebenheiten erörtern, nicht jedoch, um deren Umfang und Ausdehnung vollständig zu erfassen. Einer der wichtigsten Gründe für die Schilderung der Begebenheiten im Al-Qur’an besteht darin, die Offenbarung und die Gesandtschaft anzuerkennen und die Begründung für deren Notwendigkeit und Bedeutung darzulegen.

Es sei darauf hingewiesen, dass der edle Prophet (s) im herkömmlichen Sinne weder lesen noch schreiben konnte. Er hatte nicht einmal irgendeine Verbindung zu einem jüdischen oder christlichen Gelehrten, durch die er in die Lage versetzt worden wäre, solche Begebenheiten im Qur’an zu schildern. Viele Begebenheiten schilderte er ausführlich, andere dagegen nur teilweise, etwa die Begebenheiten von Ibrahim (a), Yusuf (a) und Musa (a). Die Erörterung dieser Begebenheiten im Qur’an beweist, dass sie ihm durch die Offenbarung mitgeteilt wurden. Der Qur’an erklärt dies ausdrücklich, wie gleich zu Beginn der Sure Yusuf gesagt wird.

(Arabisch**********)Ich habe diesen Qur’an auf Arabisch herabgesandt, damit ihr verstehen könnt. (Sure Yusuf: 2)

(Arabisch**********)

Wir haben dir die schönste Geschichte erzählt, indem Wir dir diesen Koran offenbart haben. Du gehörtest zuvor gewiss zu den Unwissenden. (Sure Yusuf: 3)

Vor der Schilderung der Geschichte des Propheten Mose (a.) in der Sure al-Qasas heißt es:

(Arabisch**********)Ich schildere dir die Begebenheiten von Mose und Pharao wahrheitsgemäß für ein gläubiges Volk. (Sure al-Qasas: 3)

Dort, wo diese Geschichte endet, heißt es:

(Arabisch**********)

Als Ich Mose den Auftrag gab, warst du nicht an der westlichen Seite und hast es auch nicht miterlebt. Doch Ich hatte viele Völker erschaffen, und lange Zeit war ihnen vergangen. Auch bei den Bewohnern von Midian warst du nicht, als ihnen Unsere Zeichen verlesen wurden. Doch Ich war es, Der die Gesandten entsandte. Und als Ich Mose zurief, warst du nicht an der Seite des Berges Tur. Doch dies geschah aus Barmherzigkeit deines Herrn, damit du ein Volk warnst, zu dem zuvor kein Warner gekommen war, auf dass sie sich ermahnen lassen. (Sure al-Qasas: 44–46)

Bei der Schilderung der Geschichte Maryams (a.) wird in der Sure Āl ʿImrān gesagt:

(Arabisch**********)

Dies ist eine Nachricht aus dem Verborgenen, die Ich dir offenbare. Du warst nicht dabei, als sie darum wetteiferten, wer die Obhut über Maryam übernehmen sollte. Und du warst auch nicht dabei, als sie miteinander stritten. (Sure Āl ʿImrān: 44)

Vor der Schilderung der Geschichte des Propheten Ādam (a. s.) heißt es in der Sure Ṣād:

(Arabisch**********)Sprich: Dies ist eine gewaltige Botschaft, von der ihr euch abgewandt habt. Ich hatte kein Wissen über die hohe Welt, als die Engel miteinander sprachen. Mir wird nur offenbart, dass ich ein klarer Warner bin. (Sure Ṣād: 67–71)

Nach der Schilderung der Geschichte des Propheten Nūḥ (a. s.) in der Sure Hūd heißt es:

(Arabisch**********)

Dies ist eine Nachricht aus dem Verborgenen, die Wir dir durch die Offenbarung mitteilen. Zuvor wussten weder du noch dein Volk davon. (Sure Hūd: 49)

2. Eine einzige und einheitliche Religion: Im Koran wird ausdrücklich klargestellt, dass alle Religionen von Allah stammen. Die Gläubigen sind eine einzige Gemeinschaft oder Gruppe. Und Allah ist der Herr aller. An vielen Stellen des Korans werden die Geschichten verschiedener Propheten geschildert. Zu den Zielen der islamischen Einladung gehört auch die Aussage, dass die Religion aller Propheten eine einzige und einheitliche ist. Deshalb werden die Geschichten der Propheten an verschiedenen Stellen des Korans mit geringfügigen Änderungen erzählt, damit die Menschen verstehen können, dass alle Propheten und Gesandten mit derselben Aufgabe entsandt wurden. Im Folgenden führen wir einige Beispiele an. Es heißt:

(Arabisch**********)

Wir gaben Mose und Aaron das unterscheidende Buch als Licht und Ermahnung für die Gottesfürchtigen, die ihren Herrn im Verborgenen fürchten und vor dem Tag der Auferstehung ängstlich sind. (Sure al-Anbiya: 48–49)

(Arabisch**********)

Dies ist eine segensreiche Ermahnung, die Wir hinabgesandt haben. Wollt ihr sie dennoch leugnen? Und zuvor hatten Wir Abraham seine Rechtleitung gegeben und waren über ihn wohlwissend, als er seinen Vater und sein Volk fragte: „Was sind das für Statuen, denen ihr ergeben seid?“ (Sure al-Anbiya: 51–52)

(Arabisch**********)

Und Wir erretteten ihn (Abraham) und Lot und brachten sie in das Land, in dem Wir für die Welten Segen gelegt haben. Und Wir schenkten ihm Isaak und dazu Jakob als zusätzliche Gabe, und jeden von ihnen machten Wir rechtschaffen. Und Wir machten sie zu Führern, die nach Unserem Befehl leiteten. Und Wir offenbarten ihnen, Gutes zu tun, das Gebet zu verrichten und die Zakāt zu entrichten. Und sie waren Uns ergeben im Gottesdienst. (Sure al-Anbiya: 71–73)

(Arabisch**********)

Und Wir gaben Lot Weisheit und Wissen. Und Wir erretteten ihn aus dieser Stadt, deren Bewohner schändliche Taten begingen. Sie waren ein böses und ungehorsames Volk. Und Wir ließen ihn in Unsere Barmherzigkeit eingehen. Er gehörte zu den Rechtschaffenen.

(Arabisch**********)

Und gedenke Noahs, als er zuvor ein Bittgebet gesprochen hatte und Ich sein Bittgebet erhörte. Dann rettete Ich ihn und seine Angehörigen aus der großen Drangsal. Ich half ihm gegen jenes Volk, das Unsere Zeichen leugnete. Wahrlich, sie waren ein frevelhaftes Volk; deshalb ertränkten Wir sie allesamt. (Sure al-Anbiya: 76–77)

(Arabisch**********)

Und gedenke Davids und Salomos, als sie über ein Ackerfeld urteilten, in das nachts die Schafe einiger Leute eingedrungen waren; ihr Urteil wurde Uns vorgelegt. Dann ließen Wir Salomo das richtige Urteil verstehen und gaben beiden Weisheit und Wissen. Wir machten die Berge und die Vögel David dienstbar, sodass sie Unsere Reinheit und Erhabenheit priesen. All dies haben Wir getan. Und Wir lehrten ihn, für euch Rüstungen anzufertigen, damit sie euch im Kampf schützen. Werdet ihr also dankbar sein? (Sure al-Anbiya: 78–80)

(Arabisch**********)

Und dem Salomo machten Wir den starken Wind dienstbar. Er wehte auf seinen Befehl in das Land, dem Wir Segen verliehen hatten. Und Wir wissen über alle Dinge vollkommen Bescheid. Und Wir machten einige der Satane ihm dienstbar, die für ihn tauchten und darüber hinaus noch andere Arbeiten verrichteten. Und Wir hielten sie unter Kontrolle. (Sure al-Anbiya: 81–82)

(Arabisch**********)

Und gedenke Hiobs, als er seinen Herrn anrief und sagte: „Mich hat Leid und Kummer getroffen, und Du bist der Barmherzigste der Barmherzigen.“ Da erhörten Wir seinen Ruf und nahmen sein Leid von ihm. Und Wir gaben ihm seine Angehörigen zurück und ebenso viele weitere dazu – als Barmherzigkeit von Uns. Wahrlich, dies ist eine Ermahnung für die Dienenden. (Sure al-Anbiya: 83–84)

(Arabisch**********)

Und gedenke Ismails, Idrīs’ und Dhū l-Kifls. Sie alle waren geduldig. Wir ließen sie in Unsere Barmherzigkeit eingehen. Sie alle gehörten zu den Rechtschaffenen. (Sure al-Anbiyāʾ: 85–86)

(Arabisch**********)

Und gedenke des Mannes des Fisches, als er zornig fortging und meinte, dass Wir ihn nicht belangen könnten. Dann rief er in den Finsternissen: „Es gibt keinen Gott außer Dir; gepriesen seist Du, ich bin ein Sünder.“ Da erhörten Wir seinen Ruf und befreiten ihn von der Sorge. So erretten Wir die Gläubigen. (Sure al-Anbiyāʾ: 87–88)

(Arabisch**********)

Und gedenke Zakariyyās, als er seinen Herrn anrief: „Mein Herr, lass mich nicht allein; Du bist doch der beste Erbe.“ Da erhörten Wir sein Bittgebet, schenkten ihm Yaḥyā und machten seine Frau für ihn fruchtbar. Sie pflegten, sich im Guten zu beeilen, Uns in Hoffnung und Furcht anzurufen und waren Uns gegenüber demütig.

(Arabisch**********)

Und gedenke der Frau, die ihre Keuschheit wahrte – gemeint ist Maryam –, woraufhin Wir ihr von Unserem Geist einhauchten und sie und ihren Sohn zu einem Zeichen für die Gläubigen machten. (Sure al-Anbiyāʾ: 91)

(Arabisch**********)Sie alle glauben an dieselbe Religion wie ihr, und Ich bin euer Herr; so dient Mir.

Dies ist der eigentliche Zweck der Darstellung der Geschichten im Koran. Alle anderen Zwecke sind nicht primär, sondern sekundär.

3. Der Glaube an Allah: Der Zweck der Darstellung von Geschichten im Koran besteht nicht nur darin, zu beweisen, dass alle Religionen von dem einen, ohnegleichen seienden Allah stammen; vielmehr soll auch bewiesen werden, dass die Grundlage all dieser Religionen dieselbe ist. Wenn man die Geschichten aller Propheten zusammen betrachtet, wird deutlich, dass ihre allererste Einladung der Īmān billāh, also der Glaube an Allah, war. So heißt es in der Sure al-Aʿrāf:

(Arabisch**********)

Wahrlich, Wir entsandten Noah zu seinem Volk. Er sagte: O mein Volk, dient Allah! Ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. Ich befürchte für euch die Strafe eines schweren Tages. (Sure al-Aʿrāf: 59)

(Arabisch********)

Zum Volk der ʿĀd entsandten Wir ihren Bruder Hūd. Er sagte: O mein Volk, dient Allah! Ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. Wollt ihr denn nicht gottesfürchtig sein?

(Arabisch**********)

Zum Volk der Thamūd entsandten Wir ihren Bruder Ṣāliḥ. Er sagte: O mein Volk, dient Allah! Ihr habt keinen anderen Gott (Ilāh) außer Ihm. Zu euch ist ein deutlicher Beweis von eurem Herrn gekommen.

(Arabisch***********)

Ich sandte zu den Bewohnern von Madyan ihren Bruder Schuʿaib. Er sagte: „O mein Volk! Dient Allah; ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. (Sure al-Aʿrāf: 85)

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Tauhid das Fundament beziehungsweise die Grundlage der islamischen Glaubenslehren ist. Alle ehrwürdigen Propheten waren Verkünder des Tauhid. Da ihr aller Ziel dasselbe war, zeigt sich auch eine Übereinstimmung in ihren Geschichten.

4. Alle Propheten und Gesandten luden auf dieselbe Weise zum Glauben ein: Aus der vorangegangenen Erörterung wird ebenfalls deutlich, dass die Methode der Einladung jedes Propheten einheitlich und dieselbe war. Auch das Verhalten, das die Völker jedes Propheten ihnen gegenüber an den Tag legten, war nahezu gleich. Denn die Religion aller Propheten wurde vom erhabenen Allah herabgesandt, und die Grundlage aller Religionen ist dieselbe. Aus diesem Grund werden die Geschichten der Propheten an den meisten Stellen zusammen angeführt, und Berichte über ihre gleichartigen Handlungen werden wiederholt vorgelegt. So heißt es beispielsweise in der Sure Hūd:

(Arabisch**********)

Und wahrlich, Wir sandten Nūḥ zu seinem Volk. (Er sagte zu seinem Volk:) „Gewiss, ich bin für euch ein deutlicher Warner. Ihr sollt niemand anderem als Allah dienen. Denn ich fürchte für euch die Strafe eines schmerzhaften Tages.“ Da sagten die ungläubigen Anführer seines Volkes und die führenden Persönlichkeiten der Gesellschaft: „Wir halten dich nur für einen Menschen wie uns. Und wir sehen niemanden dir folgen außer denen unter uns, die mittellos und einfältig sind. Außerdem hast du keinen Vorrang vor uns; vielmehr halten wir dich für einen Lügner.“

Nūḥ (a) sagte: (Arabisch***********)

„O mein Volk! Ich verlange von euch weder Vermögen noch Besitz. Mein Lohn obliegt allein Allah. (Sure Hūd: 29)

Das Volk Noahs (a.s.) sagte:

(Arabisch***********)

O Noah! Du streitest mit uns und führst viele Auseinandersetzungen mit uns. Bring nun über uns jene Strafe, vor der du uns warnst, wenn du zu den Wahrhaftigen gehörst. (Sure Hud: 32)

(Arabisch***********)

Und zu dem Volk ʿAd sandten Wir ihren Bruder Hud, und er sagte: „O mein Volk! Betet Allah an; ihr habt keinen anderen Gott außer Ihm. Ihr alle leugnet die Wahrheit. O mein Volk! Ich verlange von euch keinen Lohn; mein Lohn ist allein bei Dem, Der mich erschaffen hat. Wollt ihr denn nicht verstehen? O mein Volk! Bittet euren Herrn um Vergebung und wendet euch Ihm zu. Er wird den Regen vom Himmel reichlich auf euch herabkommen lassen und eure Kraft um Kraft vermehren. Seid jedoch nicht wie die Übeltäter. Sie sagten: ‚O Hud! Du hast uns keinen Beweis gebracht, daher können wir auf dein Wort hin unsere Götter nicht verlassen. Und wir können dir auch nicht glauben. Vielmehr meinen wir, dass dich der Schlag eines unserer Götter getroffen hat.‘ Hud sagte: ‚Ich nehme Allah zum Zeugen, und auch ihr sollt Zeugen sein, dass ich nichts mit jenen zu tun habe, die ihr Ihm beigesellt – außer Ihm. Versucht nun allesamt, mir Schaden zuzufügen, und gewährt mir danach keinen Aufschub.‘ (Hud: 50–55)

(Arabisch***********)

Und zum Volk Thamud sandten Wir ihren Bruder Salih. Er sagte: „O mein Volk! Betet Allah an; ihr habt keinen Gott außer Ihm. Er hat euch aus der Erde erschaffen und euch auf ihr wohnen lassen. Bittet Ihn daher um Vergebung und wendet euch Ihm zu. Mein Herr ist nahe und erhört gewiss. Sie sagten: ‚O Salih! Zuvor hatten wir große Hoffnungen in dich gesetzt. Verbietest du uns nun, das zu verehren, was unsere Väter und Großväter verehrt haben? Doch in Bezug auf das, wozu du uns aufrufst, hegen wir einen solchen Zweifel, dass unser Herz dem überhaupt nicht zustimmen kann.‘ (Sure Hud: 61–62)

5. Die Verbindung zwischen der Religion aller Propheten und Gesandten: Ein weiterer Zweck der Erzählung von Geschichten im Koran besteht darin, zu beweisen, dass die Religion des edlen Propheten (s.a.w.) und die Religion aller früheren Propheten, darunter Ibrahim (a.s.), durch dasselbe Band miteinander verbunden sind. Insbesondere soll bewiesen werden, dass die Verbindung zwischen der Religion der Kinder Israels und der Umma Muhammads stärker ist als die Verbindung zu den Religionen der übrigen Propheten. Deshalb wird im Koran dort, wo die Geschichten von Ibrahim (a.s.) und Isa (a.s.) erzählt werden, darauf hingewiesen. Zum Beispiel:

(Arabisch***********)Dies ist in den früheren Schriften niedergeschrieben, insbesondere in den Schriften Ibrahims und Musas. (Sure al-Aʿla: 18–19)

(Arabisch***********)

Ist ihm nicht verkündet worden, was in der Schrift Musas und in der Schrift Ibrahims steht, der seine Pflicht erfüllte? In der Schrift steht, dass keine Person die Sünde einer anderen tragen wird. (an-Nadschm: 36–38)

(Arabisch***********)

Diejenigen unter den Menschen, die Ibrahim folgten, sowie dieser Prophet und diejenigen, die an ihn glauben, stehen Ibrahim am nächsten. Und Allah ist der Beschützer der Gläubigen. (Sure Āl ʿImrān: 68)

(Arabisch***********)Euer Stammvater Ibrahim. Er hat euch Muslime genannt. (Sure al-Haddsch: 78)

(Arabisch***********)

Und nach ihnen entsandte Ich ʿIsa, den Sohn Maryams. Er bestätigte die zuvor offenbarte Tora. Und Ich gab ihm das Evangelium. Darin sind Rechtleitung und Licht. Es bestätigt die zuvor offenbarte Schrift, die Tora, und weist den Weg; und es ist eine Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen. Diejenigen, denen das Evangelium gegeben wurde, sollen nach dem richten, was Allah darin offenbart hat. Diejenigen, die nicht nach dem richten, was Allah herabgesandt hat, sind Frevler. Und Wir haben dir das Buch in Wahrheit offenbart, das die zuvor offenbarten Schriften bestätigt und über sie wacht. (Sure al-Māʾida: 46–48)

6. Der Erfolg der Propheten und Gesandten und die Vernichtung der Lügner: Ein weiterer Zweck der Erzählung von Geschichten im heiligen Qur’an besteht darin, den Erfolg der ehrwürdigen Propheten und die Vernichtung der Lügner darzustellen. Dies soll für den edlen Propheten (S.) ein Grund zur Beruhigung sowie für diejenigen, die die Menschen zum Weg des Glaubens aufrufen, ebenfalls Trost und Vorbild sein. Es heißt:

(Arabisch***********)

Ich habe dir alle Berichte über die Propheten und Gesandten erzählt, durch die Ich dein Herz gefestigt habe. Auf diese Weise ist zu dir die höchste Wahrheit sowie Ermahnung und Erinnerung für die Gläubigen gekommen. (Sure Hud: 120)

Überall dort, wo im heiligen Qur’an von den Propheten und ihrem Erfolg berichtet wird, wird unmittelbar danach auch das Schicksal jener ungläubigen Götzendiener erwähnt, die die Propheten der Lüge bezichtigten. Zum Beispiel:

(Arabisch***********)

Wir sandten Noah zu seinem Volk. Er verweilte neunhundertfünfzig Jahre unter ihnen. Dann vernichtete die Sintflut sie, weil sie Sünder waren. Danach retteten Wir Noah und die Insassen der Arche und machten die Arche zu einem Zeichen für die Welten.

(Arabisch***********)

Und erinnere an Ibrahim, als er zu seinem Volk sagte: „Dient Allah und fürchtet Ihn. Das ist besser für euch, wenn ihr nur begreift.“ (Sure al-Ankabut: 16)

(Arabisch***********)

Ich entsandte Lot. Als er zu seinem Volk sagte: „Ihr begeht eine Abscheulichkeit, die vor euch niemand auf der Welt begangen hat. Begeht ihr etwa gleichgeschlechtliche Handlungen, verübt ihr Wegelagerei und tut ihr in euren Versammlungen verwerfliche Dinge?“ Die Antwort seines Volkes bestand nur in den Worten: „Bring uns doch Allahs Strafe, wenn du wahrhaftig bist.“ … Als die entsandten Engel zu Lot kamen, wurde er ihretwegen traurig und fühlte sich bedrängt. Sie sagten: „Fürchte dich nicht und sei nicht traurig. Wir werden dich und deine Angehörigen gewiss retten, außer deiner Frau; sie wird zu den Untergegangenen gehören. Wir werden über die Bewohner dieser Stadt wegen ihres frevelhaften Tuns eine Strafe vom Himmel herabkommen lassen. Wahrlich, Wir haben darin für verständige Menschen ein klares Zeichen hinterlassen.“

(Arabisch***********)

Und zu den Bewohnern von Midian entsandte Ich ihren Bruder Schuʿaib. Er sagte: „O mein Volk, dient Allah, hofft auf den Letzten Tag und stiftet auf der Erde kein Unheil.“ Doch sie bezichtigten ihn der Lüge. Daraufhin wurden sie von einem Erdbeben erfasst und lagen in ihren Häusern auf dem Gesicht. (Al-ʿAnkabūt: 36–37)

(Arabisch***********)

Ich ließ das Volk von ʿĀd und das Volk von Thamūd untergehen. An ihren Wohnstätten könnt ihr ihren Zustand erkennen. Satan hatte ihnen ihre Taten ausgeschmückt und sie vom rechten Weg abgehalten, obwohl sie einsichtig waren. Auch Qārūn, den Pharao und Hāmān ließ Ich untergehen. Mose kam zu ihnen mit klaren Zeichen, doch sie verhielten sich hochmütig und überheblich; dennoch konnten sie sich nicht durchsetzen. Jeden Einzelnen erfasste Ich wegen seiner Sünde. Über einige von ihnen sandte Ich einen Sturm, der Steine mit sich führte, einige traf der Donnerschlag, einige ließ Ich in der Erde versinken und einige ließ Ich ertrinken. Allah war ihnen gegenüber keineswegs ungerecht; vielmehr waren sie selbst gegen sich ungerecht. (Sūrat al-ʿAnkabūt: 38–40)

7. Die Wahrhaftigkeit der frohen Botschaft und der Warnung: Ein weiterer Grund für die Darstellung von Begebenheiten im Al-Qurʾān besteht darin, den Gläubigen die frohe Botschaft vom Paradies und seinen Gnadengaben zu verkünden und deren Wahrhaftigkeit zu beweisen, sowie die Ungläubigen vor der Hölle und ihren Qualen zu warnen und deren Wahrhaftigkeit zu beweisen. So heißt es etwa:

Es heißt:

(Arabisch***********) (O Prophet!) Verkünde Meinen Dienern, dass Ich überaus vergebend und barmherzig bin. Meine Strafe jedoch ist äußerst schmerzhaft. (Sure al-Hidschr: 49–50)

Unmittelbar nach diesem Vers wird auch das Geschehen im Zusammenhang mit der Wahrheit von Vergebung und Strafe geschildert:

(Arabisch***********)

Erzähle ihnen von den Gästen Ibrahims. Als sie zu ihm nach Hause kamen und sagten: „Friede!“, sagte er: „Wir haben Angst um euch.“ Sie sagten: „Fürchtet euch nicht. Wir verkünden euch die frohe Botschaft von einem wissenden Sohn.“ (Al-Hidschr: 51–53)

Unmittelbar darauf beginnt die Quelle der Barmherzigkeit Allahs hervorzuströmen:

(Arabisch***********)

Als dann die Gesandten zu Lots Haus kamen, sagte er: „Ihr seid fremde Leute.“ Sie sagten: „Nein, vielmehr sind wir zu dir mit dem gekommen, worüber sie zu streiten pflegten. Wir haben dir die Wahrheit gebracht, und wir sind wahrhaftig. So zieh du im letzten Teil der Nacht mit deiner ganzen Familie fort und folge ihnen nicht nach. Niemand von euch soll sich umdrehen. Geht dorthin, wohin euch befohlen wurde.“ Und Ich teilte Lot mit, dass sie am Morgen allesamt vernichtet werden würden. (Sure al-Hidschr: 61–66)

In den erwähnten Versen wird die Barmherzigkeit gegenüber Lot und die Vernichtung seines Volkes behandelt. Wenig weiter heißt es in derselben Sure:

(Arabisch***********)

Wahrlich, die Bewohner von al-Hidschr leugneten die Gesandten. Ich hatte ihnen Meine Zeichen gegeben, doch sie wandten sich von ihnen ab. In den Bergen meißelten sie in Sicherheit Häuser aus. Doch eines Morgens traf sie ein Schrei, und da nützte ihnen nicht, was sie erworben hatten. (Sure al-Hidschr: 80–84)

In diesen Versen wird die schmerzhafte Strafe offengelegt, die den Lügnern auferlegt wurde. Zugleich wird der Beweis erbracht, dass Allahs Verheißung wahr und wirksam ist. Diese Ereignisse werden genau so dargestellt, wie sie sich ereignet haben.

8. Die Darstellung der den Propheten und Gesandten gewährten Gnadengaben: Auch zur Darstellung der Gnaden und Gnadengaben, die den Propheten und Gesandten verliehen wurden, werden im Koran Erzählungen angeführt. Dazu gehören etwa die Geschichten von Hazrat Dawud (a.s.), Hazrat Sulayman (a.s.), Hazrat Ayyub (a.s.), Hazrat Ibrahim (a.s.), Maryam und Hazrat Isa (a.s.). Diese Geschichten werden an verschiedenen Stellen des Korans und in verschiedenen Suren behandelt. Das vorrangige Ziel besteht darin, die Gnadengaben und Gunstbezeugungen darzustellen; zugleich werden selbstverständlich auch einige ihrer Handlungen im jeweiligen Zusammenhang erwähnt.

9. Die Nachkommen Adams vor der Feindschaft Satans warnen: Ein weiterer Zweck der im Edlen Koran erzählten Geschichten besteht darin, deutlich zu machen, dass Satan jeder einzelne Mensch, der seit Hazrat Adam (a.s.) bis zum Tag der Auferstehung auf der Erde gelebt hat oder leben wird, ein Feind ist. In jedem Augenblick und bei jedem Schritt bemüht sich Satan, den Menschen in die Irre zu führen. Niemals wünscht er dem Menschen Gutes. Als eindringlicher Beweis dafür wird bei der Darstellung der Geschichte von Hazrat Adam (a.s.) an verschiedenen Stellen auf Satans Machenschaften hingewiesen.

10. Einige weitere Gründe: Neben den oben genannten Gründen werden im Koran aus den folgenden weiteren Gründen verschiedene Ereignisse und Geschichten erzählt, nämlich:

[10.1] Die Offenbarung von Allahs Allmacht – etwa durch die Darstellung der Geburt Adams und Isas (a.s.), der Geschichte von Hazrat Ibrahim (a.s.) und den Vögeln sowie der Geschichte jenes Mannes [Hazrat Uzair (a.s.)], der hundert Jahre nach seinem Tod wieder zum Leben erweckt wurde. Und noch einige weitere Ereignisse dieser Art.

[10.2] Die Darstellung der Folgen guter und segensreicher sowie schlechter und schädlicher Taten, etwa durch die Geschichte der beiden Söhne Adams (a.s.), die Geschichte der beiden Gartenbesitzer, die Geschichte der Kinder Israels, die Geschichte der Gefährten des Grabens und anderes mehr.

[01.3] Es liegt in der Natur des Menschen, sich zu beeilen und danach zu streben, etwas schnell zu erlangen. Deshalb bemüht er sich um das, was er sofort erhalten kann oder dessen Verwirklichung greifbar ist. Allah jedoch hat ihnen die Bedeutung des Wartens und der Geduld um des wahren Wohlergehens willen nahegelegt. Daher werden im Koran verschiedene Geschichten auch über die Folgen der Eile des Menschen und der Bedächtigkeit Allahs erzählt, etwa die Geschichte von Hadhrat Musa (a. s.) und einem Diener Allahs, Khwaja Khidr. Über diese werden wir später sprechen. Zu solchen Themen hat der Koran viele Geschichten erzählt und damit seine Zielsetzung zur Vollendung gebracht.

Neuntes Kapitel

Der Beweis dafür, dass die Geschichten des Korans religiösen Zielsetzungen folgen

1. Wir haben bereits gesagt, dass all jene Geschichten, die im Koran erzählt werden, religiösen Zielsetzungen und Zielen dienen. Der Beweis dafür, dass die Geschichten der Religion folgen, liegt auch in den Erzählungen selbst. Im Folgenden möchte ich einige bedeutende Beweise erörtern. Der erste Beweis dafür, dass diese Geschichten religiösen Zielsetzungen dienen, ist ihre Wiederholung an mehreren Stellen, teils ausführlich, teils in gekürzter Form.

Bedenkenswert ist jedoch, dass dort nicht die gesamte Geschichte erzählt wird, sondern nur bestimmte Teile der Geschichte. Insbesondere werden jene Teile erzählt, in denen Ermahnung und Lehre enthalten sind. Nur selten wird die gesamte Geschichte zusammen mit der darin enthaltenen Ermahnung und Lehre erzählt; nur selten ist dies geschehen. Auch dies geschah im Hinblick auf besondere Gründe, den Zusammenhang und die Zweckmäßigkeit. Darauf habe ich bei der Darstellung der Geschichten selbstverständlich hingedeutet.

Wenn der Leser die wiederholten Teile der Geschichte liest und seine Aufmerksamkeit auf den vorhergehenden und nachfolgenden Zusammenhang richtet, erkennt er die gesamte Geschichte als stimmig. Er ist der Auffassung, dass der jeweils ausgewählte Teil und die Art und Weise, in der er dargestellt wurde, angemessen sind. Er vergisst nicht, dass der Koran im Grunde ein Buch der Daʿwa ist. Deshalb wurde jeder Teil der Geschichte dort, wo er erzählt wird, vollständig im Einklang mit dem Anliegen der Daʿwa dargestellt. Auch die innere Übereinstimmung der Geschichte gehört zu den wichtigsten Zielen des Korans. Das ist stets der Fall. Dennoch scheint der künstlerische Gesichtspunkt der Geschichte davon nicht beeinflusst zu werden.

Für die wiederholte Darstellung verschiedener Teile derselben Geschichte gibt es ebenfalls ein geordnetes Prinzip. Dies wird deutlich, wenn man die Suren und die Teile der Geschichten entsprechend der Reihenfolge liest, in der die Suren des Korans offenbart wurden. Die meisten Geschichten beginnen mit einem kurzen Hinweis. Danach werden sie schrittweise zur Vollständigkeit geführt. Sobald der Leser die Stelle erreicht, an der die Darstellung abgeschlossen wird, erscheint das vollständige Bild vor seinen Augen.

Als Beispiel können wir die Geschichte von Hadhrat Musa (a. s.) anführen. Denn unter den Geschichten, die im Koran wiederholt erzählt werden, wird diese Geschichte besonders häufig erwähnt. Ihre Zahl dürfte bei ungefähr dreißig liegen. Wir werden einige der bedeutenden Stellen davon erörtern und auch jene Stellen kennzeichnen, an denen lediglich auf die Geschichte von Musa (a. s.) hingewiesen, aber nichts ausführlich erzählt wird. Wir werden sie in der Reihenfolge behandeln, in der die Suren offenbart wurden.

[১.১] Die Sure al-Aʿlā steht in der Reihenfolge der Offenbarung an achter Stelle. Dort wird kurz auf die Geschichte Mūsās (a.s.) hingewiesen. Es heißt:(Arabisch***********)]

Dies ist bereits in den früheren Schriften niedergeschrieben, in den Schriften Ibrāhīms und Mūsās.

Ein ähnlicher zusammengefasster Hinweis findet sich auch in der Sure an-Naǧm, die in der Reihenfolge der Offenbarung an 23. Stelle steht.

[১.২] Die Sure al-Faǧr steht in der Reihenfolge der Offenbarung an zehnter Stelle. Hier wird über den Pharao berichtet, jedoch nicht über Mūsā (a.s.). Auch die Völker ʿĀd und Ṯamūd werden erwähnt. Es heißt:

(Arabisch***********)

und über den Pharao, den Besitzer vieler Pflöcke. Sie überschritten im Land das Maß, woraufhin sie dort großes Unheil stifteten. Da ließ dein Herr die Geißel der Strafe auf sie niedergehen.

Eine solche andeutende Darstellung findet sich auch in der Sure al-Burūǧ, die in der Reihenfolge der Offenbarung an 27. Stelle steht.

[১.৩] Die Sure al-Aʿrāf steht in der Reihenfolge der Offenbarung an 39. Stelle. In dieser Sure wird über mehrere Propheten und Gesandte berichtet; darunter wird auch die Geschichte Mūsās (a.s.) einigermaßen ausführlich dargestellt. Es wird über jene Propheten berichtet, die bei der Verkündung des Islams an ihre Völker auf Hindernisse stießen. Alle bezeichneten ihren jeweiligen Propheten als Lügner, und schließlich wurden sie durch Allahs Strafe vernichtet.

In der Sure al-Aʿrāf beginnt die Darstellung des Geschehens mit der Entsendung der Propheten Musa und Harun (a.s.) zum Pharao. Danach wird über die Wunderzeichen des Stabes und der leuchtenden Hand berichtet. Anschließend werden die Versammlung der Zauberer und ihre Zaubervorführung gegen Musa (a.s.) erwähnt. Es wird geschildert, wie Musa (a.s.) über sie siegte, wie die Zauberer den Glauben annahmen und wie der Pharao daraufhin die Kinder Israels bedrückte. Danach wird berichtet, mit welchen Heimsuchungen der Pharao und sein Volk geprüft wurden. Zu diesen Prüfungen gehörten insbesondere Heuschrecken, Läuse, Frösche und Blut. Jedes Mal wurden sie dadurch gerettet, dass sie Hadhrat Musa (a.s.) um ein Bittgebet ersuchen ließen. Danach wird erneut die Bedrückung der Kinder Israels und anschließend ihr Auszug aus Ägypten unter der Führung von Musa (a.s.) beschrieben. Dann sagten sie zu Musa (a.s.): So wie die Ägypter viele Götter haben, sollten auch wir welche haben. Danach ging Musa (a.s.) zum Berg Tur, begegnete Allah nach dreißig Nächten, worauf die Frist auf vierzig Nächte verlängert wurde. Als die vierzig Nächte vergangen waren, bat Hadhrat Musa (a.s.) darum, Allah schauen zu dürfen. Der Berg zerfiel in Stücke, Musa (a.s.) wurde ohnmächtig und erlangte danach wieder das Bewusstsein. Als er zu seinem Volk zurückkehrte, sah er, dass sie ein Kalb angefertigt hatten und es anbeteten. Es kam zur Zurechtweisung seines Bruders. Danach wurden erneut siebzig Männer geprüft, um Allah zu schauen. Als sie in der Gegend des Tur darauf bestanden, Allah zu sehen, wurde der Berg Tur über ihnen emporgehoben. Danach wurden sie mit Allahs Barmherzigkeit beschenkt, und es wurde ihnen mitgeteilt, dass nur diejenigen Allahs Barmherzigkeit erlangen werden, die dem Propheten gehorchen.

[1.4] Danach werden in der nach der Reihenfolge ihrer Offenbarung 42. Sure, der Sure al-Furqān, und in der 44. Sure, der Sure Maryam, einige gemeinsame Ereignisse geschildert. In diesen Ereignissen wird über die Sendung der Propheten und das Schicksal derjenigen gesprochen, die sie der Lüge bezichtigten.

[1.5] Auch in der 45. Sure nach der Reihenfolge ihrer Offenbarung, der Sure Tā-Hā, wird ausführlicher über dieses Geschehen berichtet. In der Sure al-Aʿrāf hatte die Geschichte von Hadhrat Musa (a.s.) mit der Erwähnung seines Prophetentums und seiner Gesandtschaft begonnen. Das heißt, dort wurde das Geschehen nach seinem Prophetentum behandelt, während die Sure Tā-Hā mit dem Geschehen vor seinem Prophetentum beginnt, nämlich mit der Erscheinung eines Lichtes am Abhang des Berges Tur. Es wird gesagt:

(Arabisch***********)

Ist zu dir die Geschichte von Musa gelangt? Als er ein Feuer sah, sagte er zu seiner Familie: »Bleibt hier! Ich habe ein Feuer gesehen; vielleicht kann ich euch davon einen brennenden Scheit bringen oder am Feuer einen Wegweiser finden.« Als er dann zu dem Feuer kam, ertönte ein Ruf: »O Musa! Ich bin dein Herr. Ziehe deine Schuhe aus; du befindest dich im geheiligten Tal Tuwa. Ich habe dich auserwählt. Höre daher auf das, was dir offenbart wird.« (Sure Tā-Hā: 9–13)

Als Hadhrat Musa (a.s.) den Auftrag erhielt, den Pharao zum Glauben einzuladen, flehte er Allah an: »Mache meinen Bruder Harun zu meinem Helfer, damit er mir Mut und Kraft verleiht.« Allah erinnert Hadhrat Musa (a.s.) an die Gnaden, die Er ihm erwiesen, und an Seine Barmherzigkeit ihm gegenüber. Es wird von den Ereignissen seiner Kindheit berichtet sowie davon, wie seine Mutter ihn wieder zu sich nehmen durfte. Die weiteren Ereignisse werden ähnlich wie in der Sure al-Aʿrāf geschildert. Die Strafen durch Heuschrecken, Läuse, Frösche und Blut werden jedoch nicht erwähnt. Ebenso wird weder das Versprechen des Pharao gegenüber den Kindern Israels noch dessen Bruch geschildert. In der Sure Tā-Hā wird jedoch ein anderes Ereignis eingeführt: die ausführliche Darstellung des Kalbes, das ein Mann namens as-Sāmirī angefertigt hatte.

[1.6] Die Sure asch-Schuʿarāʾ ist nach der Reihenfolge ihrer Offenbarung die 46. Sure. Auch in dieser Sure wird über die Gesandtschaft von Hadhrat Musa (a.s.) berichtet. Danach wird der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten erwähnt. In dieser Sure werden jedoch zwei neue Dinge mitgeteilt.

Erstens: Musa (a.s.) hatte einen Kopten getötet. Danach verließ er aus Furcht, gefasst zu werden, Ägypten. Als er erneut zum Pharao gesandt wurde, erinnerte der Pharao Musa (a.s.) daran, dass er ihn in seiner Kindheit aufgezogen hatte, und auch daran, dass er den Kopten getötet hatte.

Zweitens: Es wird dargestellt, wie das Meer sich in zwei Teile teilte und am Meeresgrund ein Weg entstand, sowie die Themen des Streits zwischen Mose (a. s.) und dem Pharao. Die Beschreibung der Eigenschaften Allahs durch Mose (a. s.) und das Gespräch, das mit den Zauberern stattfand, werden in einer neuen Form präsentiert.

[1.7] Die 48. Sure in der Reihenfolge ihrer Offenbarung ist die Sure an-Naml. In dieser Sure werden einige Ereignisse über die Leugnung der Propheten und Gesandten sowie über das Schicksal derjenigen berichtet, die sie der Lüge bezichtigten.

[1.8] Die Sure al-Qasas ist in der Reihenfolge der Offenbarung die 49. Sure. Hier wird mit der Schilderung der Geburt von Mose (a. s.) begonnen. Mose (a. s.) wurde während der tyrannischen Herrschaft des Pharaos geboren; das Neugeborene wurde in eine Truhe gelegt und auf dem Fluss ausgesetzt, ein Vertrauter des Pharaos zog die Truhe heraus, und die Schwester von Mose (a. s.) erkundigte sich nach ihm. Danach wies sie den Pharao auf eine Amme hin, wodurch Mose (a. s.) die Möglichkeit erhielt, bei seiner Mutter aufzuwachsen.

Als Mose (a. s.) das Mannesalter erreicht hatte, tötete er eines Tages einen Ägypter. Als er einen anderen töten wollte, wurde er unter Hinweis auf den früheren Mord bedroht. Ein Mann kam eilends zu ihm und teilte ihm mit, dass sich in der Stadt die Nachricht über seine Tötung verbreite. Er zog von Ägypten nach Madyan. Dort lernte er die Tochter von Shuʿaib (a. s.) kennen und tränkte deren Schafe. Sie kehrten zu ihrem Vater nach Hause zurück und erzählten ihm alles. Mose (a. s.) arbeitete für eine bestimmte Frist bei Shuʿaib (a. s.). Unter der Bedingung, die ihm gestellt worden war, heiratete er dessen Tochter, kehrte mit seiner Familie in seine Heimat zurück und erhielt unterwegs, als er nach Feuer suchte – darüber wird in der Sure Ta-Ha berichtet – das Prophetentum.

Allerdings wird in der Sure al-Qasas ein neuer Aspekt erwähnt. Es handelt sich um die spöttische Reaktion des Pharaos, nachdem er zum Glauben aufgerufen worden war:

(Arabisch***********)

Der Pharao sagte: „O Haman! Brenne Ziegel, dann baue für mich einen Palast, damit ich einen Blick auf den Herrn des Mose werfen kann.“ (Sure al-Qasas: 38)

[1.9] Die Sure al-Isra (Banu Isra’il), die fünfzigste in der Reihenfolge der Offenbarung. Hier wird kurz auf das Begräbnis des Pharaos im Wasser und auf die Überquerung des Meeres durch die Kinder Israels hingewiesen.

[1.10] Sure Yunus, die einundfünfzigste in der Reihenfolge ihrer Offenbarung. Hier wird die Folge davon dargestellt, dass die Propheten und Gesandten zu Lügnern erklärt wurden. Darunter wird auch die Begebenheit von Musa (a.) kurz geschildert. Dort werden die Zauberer, der Übergang der Banu Isra’il über das Meer und auch das Ertrinken des Pharao kurz erwähnt. Danach wurde zusätzlich die folgende Aussage angefügt, die nirgendwo sonst erwähnt wird.

(Arabisch***********)

Als er zu ertrinken begann, sagte er: „Jetzt glaube ich, dass es keine Gottheit gibt außer Ihm, an den die Banu Isra’il glauben. Wahrlich, auch ich gehöre zu den Ihm Ergebenen.“ Jetzt sagst du das? Obwohl du zuvor ungehorsam warst und zu den Irregehenden gehört hast! Heute werde Ich deinen Körper bewahren, damit er für diejenigen, die nach dir kommen, ein Zeichen sein kann. (Sure Yunus: 90–92)

[1.11] Sure Hud, die zweiundfünfzigste in der Reihenfolge ihrer Offenbarung. In dieser Sure wird bei der Schilderung des Untergangs der Lügner an einer Stelle auch die Begebenheit von Musa (a.) erwähnt.

[1.12] Sure al-Mu’min, die sechzigste in der Reihenfolge ihrer Offenbarung. Auch in dieser Sure wird das Gespräch zwischen Musa (a.) und dem Pharao erwähnt. Allerdings wird die folgende Aussage zusätzlich angeführt, die nirgendwo sonst erwähnt wird.

(Arabisch***********)

(An einem Punkt des Streitgesprächs) sagte der Pharao: „Lasst mich, ich werde Musa töten; er soll seinen Herrn anrufen.“ (Sure al-Mu’min: 26)

Danach wird von einem Höfling des Pharao berichtet, der zwar gläubig geworden war, dies jedoch geheim gehalten hatte. Er sagte zu den Leuten: „Tötet Musa (a.) nicht; vielleicht ist sein Weg der richtige.“ Auch diese Aussage wird nur in dieser Sure erwähnt.

[1.13] In der Sure Fussilat (Sure Ha-Mim as-Sadschda), in der Offenbarungsreihenfolge an einundsechzigster Stelle, wird kurz auf das Geschehen um den geehrten Moses (a. s.) hingewiesen. Ebenso wird in der Sure az-Zuchruf (in der Offenbarungsreihenfolge an dreiundsechzigster Stelle) dieses Geschehen kurz behandelt. Dort werden jedoch die folgenden zusätzlichen Aussagen gemacht, die außer in der Sure az-Zuchruf nirgendwo sonst erwähnt werden. Der Pharao sagte:

(Arabisch*********)

„Bin ich nicht der Herrscher über Ägypten? Und fließen diese Flüsse nicht unter mir dahin – könnt ihr das nicht sehen? Ich bin besser als dieser da, der verächtlich ist und sich kaum verständlich ausdrücken kann.“ (Sure az-Zuchruf: 51–52)

[1.14] In der Sure adh-Dhāriyāt (in der Offenbarungsreihenfolge an siebenundsechzigster Stelle) wird kurz darüber gesprochen, dass der geehrte Moses als Gesandter zu dem Pharao entsandt wurde, dass der Pharao ihn der Lüge bezichtigte und dass der Pharao vernichtet wurde.

[1.15] In Sure al-Kahf (neunundsechzigste in der Offenbarungsreihenfolge) wird berichtet, dass der geehrte Moses (a. s.) einem Mann begegnete und seine Gesellschaft erlangte, dem Allah besonderes Wissen verliehen hatte. Moses (a. s.) bat ihn, ihm die Möglichkeit zu geben, in seiner Gesellschaft zu bleiben und daraus ein wenig Nutzen zu ziehen. Er antwortete: „Du wirst es nicht vermögen, Geduld zu zeigen.“ Moses (a. s.) versprach Geduld und Besonnenheit und begleitete ihn, konnte jedoch nicht lange geduldig bei ihm bleiben. Denn er sah einige Ereignisse geschehen, deren wahre Bedeutung er nicht erfassen konnte. Daher wurde die Trennung der beiden unvermeidlich. Im Al-Koran wird dieses Ereignis nur an einer einzigen Stelle berichtet.

[1.16] In den beiden Suren Sure Ibrahim (zweiundsiebzigste in der Offenbarungsreihenfolge) und Sure al-Anbiya (dreiundsiebzigste in der Offenbarungsreihenfolge) wird an insgesamt nur zwei Stellen auf dieses Ereignis hingewiesen. Der wichtige Teil des Hinweises in der zweiten Sure besteht darin, dass dort die Tora als „Furqan“ (das, was zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheidet) bezeichnet wird.

[1.17] In Sure al-Baqara (siebenundachtzigste in der Offenbarungsreihenfolge) wird die Diskussion über die Allah den Kindern Israels gewährten Gnaden und ihre Geringschätzung Ihm gegenüber dargelegt. Dort wird dies einigermaßen ausführlich beschrieben. In dieser Sure wird das Ereignis mit Moses (a. s.) mehrfach erwähnt. An einer Stelle wird auch davon berichtet, dass ihnen „Manna“ und „Salwa“ gegeben worden waren und dass die Kinder Israels dafür andere Nahrungsmittel verlangten. An anderer Stelle wird das Ereignis der Schlachtung einer Kuh geschildert. Die Anweisung war einfach, eine Kuh zu schlachten, doch sie machten die Angelegenheit durch verschiedene Fragen kompliziert. In diesem Zusammenhang heißt es:

(Arabisch**********)Danach schlachteten sie sie, obwohl es beinahe den Anschein hatte, als würden sie es nicht tun. (Sure al-Baqara: 71)

Die Geschichte von der Schlachtung der Kuh ist in dieser Sure völlig neu; zuvor war sie in keiner anderen Sure erwähnt worden.

[1.18] In der Sure an-Nisāʾ (in der Reihenfolge der Offenbarung die zweiundneunzigste) wird gesagt, dass die Kinder Israels darauf bestanden, Allah unvermittelt zu sehen.

[1.19] Bei der Schilderung der Geschichte der Kinder Israels wird in der Sure al-Māʾida (in der Reihenfolge der Offenbarung die einhundertste) gesagt:

(Arabisch**********)

Sie sagten: „O Musa! Dort befindet sich ein mächtiges und streitbares Volk. Wir werden niemals dorthin gehen, solange sie nicht von dort hinausgehen. Wenn sie von dort hinausgehen, werden wir gewiss dort eintreten.“ (Sure al-Māʾida: 22)

Etwas weiter heißt es:

(Arabisch**********)

Sie sagten: „O Musa! Wir werden niemals in unserem Leben dorthin gehen, solange sie dort bleiben. Geh du und dein Herr also dorthin und kämpft! Wir bleiben hier sitzen.“ Musa sagte: „O mein Herr! Ich habe nur über mich selbst und meinen Bruder Macht.“ Da sagte Allah: „Dieses Land ist ihnen für vierzig Jahre verwehrt. Sie werden auf der Erde wie Verstörte umherirren. Betrübe dich also nicht über das ungehorsame Volk.“

Danach wurden sie in einer Wüstengegend zurückgelassen, und dort ließen sie sich nieder. Danach wird über Musa (a.s.) und die Kinder Israels nichts mehr gesagt. Es wird jedoch erwähnt, dass die Kinder Israels Isa (a.s.) gegenüber feindselig waren.

Allein die Geschichte von Musa (a.s.) wird im Al-Qur’an am häufigsten erzählt. Aus der obigen Erörterung konnten wir verstehen, wie die Wiederholung gestaltet ist. Außer an sechs Stellen wird die Geschichte überall sehr kurz oder lediglich andeutungsweise wiedergegeben. Doch an all den Stellen, an denen dieselbe Geschichte wiederholt wird, wird stets irgendeine neue Aussage gemacht. Wenn nun ein Leser beim Lesen des Qur’an die Neuartigkeit der Darstellung nicht erkennt, was kann der Al-Qur’an dafür?

2. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Geschichten des Al-Qur’an den religiösen Zielen folgen, besteht darin, dass überall genau so viel von einer Geschichte (ohne Wiederholung) erzählt wird, wie zur Erreichung des jeweiligen Ziels ausreicht. Es wird nur jener Teil geschildert, der zum Inhalt passt. So wird manchmal der Anfang einer Geschichte behandelt, an anderer Stelle ihr Schluss, und manchmal nur so viel, wie mit Lehre und Ermahnung zusammenhängt. Denn die Darstellung von Geschichte ist nicht das Ziel des Qur’an; vielmehr besteht sein Ziel darin, anhand der Geschichte Lehren zu vermitteln. Einige Beispiele werden angeführt:

[2.1] Oft zeigt sich bei der Erzählung einer Geschichte, dass die Herkunft und Geburt des Helden der Geschichte geschildert werden. Denn in dieser Geburtsgeschichte finden sich viele lehrreiche Ereignisse. Ein Beispiel dafür ist die Geburtsgeschichte von Adam (a.s.). In der Geschichte von Adams (a.s.) Geburt offenbaren sich Allahs Macht sowie Seine Barmherzigkeit und Gnade in ihrer ganzen Fülle. Zugleich liegt auch hinter der geschilderten Geschichte Iblis’ ein religiöses Ziel.

Ebenso kann die Geburtsgeschichte von Isa (a.s.) erwähnt werden. Diese Begebenheit wird im Qur’an ausführlich geschildert. Denn die Geburtsgeschichte von Isa (a.s.) ist ein außergewöhnliches Ereignis und ein großes Wunder. Seine Geburt geschah auf eine Weise, die allen Argumenten und vernünftigen Erklärungen widerspricht. Alle ergänzenden Einzelheiten in Bezug auf Isa (a.s.) vor und nach dem Hervortreten des Islam werden dargelegt. Auch die Geschichte von Maryam (a.s.) ist bemerkenswert. Sie war Allah geweiht worden. Maryam (a.s.) wurde unter der Obhut von Zakariya (a.s.) aufgezogen; schon in ihrer Kindheit erhielt sie von Allah vortreffliche Versorgung. Einmal sah er bei Maryam (a.s.) viele Früchte und Speisen. Es wird berichtet:

(Arabisch**********)

Wann immer Zakariya das Mihrab betrat, fand er bei ihr Nahrung vor. Eines Tages fragte er: „O Maryam! Woher hast du dies?“ Sie antwortete: „Allah hat es gegeben.“ (Sure Āl ʿImrān: 37)

Die gesamte Begebenheit wird dargelegt. Sogar die Geburtsgeschichte von Isa (a.s.) wird erwähnt. Hier wird ein wichtiger Abschnitt aus dem Leben von Isa (a.s.) geschildert. Ebenso wird im Al-Qur’an auch die Geburtsgeschichte von Musa (a.s.) erzählt. Dafür gibt es mehrere Gesichtspunkte und Gründe:

a. Die Geburt von Hadhrat Musa (a.s.) ereignete sich zu jener Zeit, als der Pharao die Kinder Israels mit einer Schreckensherrschaft überzog.

b. Der Pharao ließ keinen männlichen Nachkommen der Kinder Israels am Leben.

c. Allah, der Erhabene, rettete Musa (a.s.) auf wundersame Weise und ließ ihn im Hause des Pharaos aufziehen.

Auf der Grundlage der oben genannten Informationen wird deutlich, dass die Schilderung der Geburt von Musa (a.s.) von außerordentlicher Bedeutung ist. Allah zeigte, dass Er denjenigen, den Er für das Prophetentum erschaffen hatte, auch dieses Ziel erreichen ließ. Niemand konnte ihm Schaden zufügen. Neben der Schilderung seiner Geburt werden auch andere wichtige Ereignisse aus seinem Leben erwähnt. Ebenso wird im Koran die Geburt von Hadhrat Ismail (a.s.) und Hadhrat Ishaq (a.s.) geschildert, denn auch mit ihrer Geburt sind Ermahnung und Lehre verbunden. Hadhrat Ismails (a.s.) Geburt ereignete sich zu einer Zeit, als Hadhrat Ibrahim (a.s.) alt geworden war und mit seiner Unterstützung das Haus der Kaaba errichtete. Als sich das hohe Alter in vollem Maße zeigte, wurde Hadhrat Ishaq (a.s.) geboren. Ebenso wurde Hadhrat Yahya (a.s.) im hohen Alter von Hadhrat Zakariya (a.s.) geboren. Damals war sein Haar bereits weiß geworden.

[2.2] Im Koran finden wir auch einige Begebenheiten, in denen der Zustand nach der Geburt geschildert wird. Die Geburt selbst wird nicht erwähnt. So etwa die Geschichte von Hadhrat Yusuf (a.s.), die mit einem Ereignis aus seiner Kindheit beginnt. In seiner Kindheit sah er einen Traum, der ein Abbild seines weiteren Lebens war. Er sah im Traum elf Sterne, den Mond und die Sonne. Sein verständiger Vater erkannte die Bedeutung dieses Traumes und begann, noch größere Aufmerksamkeit auf ihn zu richten und für ihn zu sorgen. Seine Brüder brannten vor Eifersucht und verzehrten sich daran. Danach nahm die Geschichte ihren Lauf.

Auch die Geschichte von Hadhrat Ibrahim (a.s.) beginnt in seiner Kindheit.

Eines Tages blickte er in seiner Kindheit zum Himmel und sah einen Stern. Da dachte er, vielleicht sei dieser sein Herr. Als er unterging, sagte er: „Ich liebe nicht, was untergeht.“ Dann ging der Mond auf, und er dachte: Dieser ist viel größer, also muss er mein Herr sein. Als am Ende der Nacht der Mond untergegangen war und die Sonne aufging und die ganze Erde erhellte, sagte er: Da diese die größte und hellste ist, muss sie eine Gottheit sein. Doch als die Sonne am Ende des Tages unterging, wandte er sich dem wahren Allah zu, den man nicht sehen, sondern nur fühlen kann. Danach rief er sein Volk und seinen Vater zu dieser Gottheit, doch sie wiesen seinen Aufruf zurück.

Eines Tages zerbrach Hadhrat Ibrahim (a.s.) die Götzen, die sie anbeteten, während sie unaufmerksam waren. Die Leute sagten: „Niemand außer einem jungen Mann namens Ibrahim hat dies getan.“ Daraufhin beschlossen sie, ihn im Feuer zu verbrennen. Doch Allah rettete ihn. Es wird gesagt:

(Arabisch**********)

Ich befahl: „O Feuer, werde kühl – eine Kühle, die für Abraham angemessen ist.“ (Sure al-Anbiyāʾ: 69)

Auch die Geschichte des Propheten David (a. s.) wird von seiner Kindheit an erzählt. Berühmt wurde er, indem er einen tyrannischen König namens Goliath tötete. Dies geschah ausschließlich durch die Macht Allahs. So beginnt die Geschichte des Propheten David (a. s.). Die Geschichte des Propheten Salomo (a. s.) setzt in seiner Jugend ein, als er dem Urteil seines Vaters David (a. s.) ein neues Urteil entgegensetzte. Es heißt:

(Arabisch**********)

Als einige Schafe darin eingedrungen waren, lag ihr Urteil vor Mir. (Sure al-Anbiyāʾ: 78)

[2.3] Im Heiligen Koran werden einige Geschichten erzählt, in denen nur der letzte Abschnitt geschildert wird. Dazu gehören etwa die Geschichten der Propheten Noah (a. s.), Hud (a. s.), Salih (a. s.), Lot (a. s.), Shuʿaib (a. s.) und anderer edler Propheten. Über sie wird außerhalb des erwähnten Abschnitts nichts Weiteres berichtet, weil gerade dieser Teil ihrer Geschichte von Bedeutung ist und in ihm Lehre und Ermahnung liegen.

Kürze und Ausführlichkeit der Geschichten

Bis hierhin beschränkte sich unsere Erörterung darauf, an welchem Punkt die jeweilige Geschichte begonnen wird. Nun werden wir erörtern, dass viele Geschichten im Heiligen Koran lang und ausführlich, andere dagegen kurz sind, während ihre lehrreichen Aspekte von sehr weitreichender Bedeutung sind. Im Folgenden geben wir dafür einige Beispiele.

1. Die Geschichte von Hazrat Musa (a. s.) war von großer Bedeutung. Daher wird sie im Qur’an vom Anfang bis zum Ende ausführlich geschildert. Die Geschichte beginnt mit der Geburt von Musa (a. s.) und endet damit, dass er sich dem Heiligen Land nähert und sich dort dauerhaft niederlässt. Seinem Volk wurde dort befohlen, vierzig Jahre lang zu verweilen. Dies war die Folge der Maßlosigkeit der Banu Isra’il. Diese Geschichte wird deshalb so ausführlich erzählt, weil sich in jedem ihrer Abschnitte religiöse Lehren und Ermahnungen offenbaren. Darüber hinaus steht sie vollständig im Einklang mit der qur’anischen Einladung und ihren Zielen.

Auch die Geschichte von Isa (a. s.) wird ausführlich geschildert, wobei einige mittlere Abschnitte verkürzt dargestellt werden. Seine Geburt und seine Wunder werden ausführlich beschrieben, ebenso die Unterstützung durch die Jünger, der Versuch der Juden, ihn als Lügner zu bezeichnen und zu kreuzigen, und anschließend seine Erhebung in den Himmel auf Allahs Geheiß. Der Qur’an berichtet auch von den Streitigkeiten und der Zerstreuung der Banu Isra’il nach seiner Erhebung. Im Qur’an wird ferner gesagt, dass Isa (a. s.) am Tag der Auferstehung gefragt werden wird, warum er und Maryam Allah gleichgesetzt worden seien. Hazrat Isa (a. s.) wird antworten:

Ich habe sie doch nur zum aufrichtigen Bekenntnis der Einheit Allahs aufgerufen. Danach wird er das gesamte Volk Allah überlassen und sagen: Wenn Du willst, so vergib ihnen; wenn Du willst, so bestrafe sie.

Die Geschichte von Hazrat Yusuf (a. s.) wird in einem zusammenhängenden Verlauf erzählt. Sie umfasst die Verschwörung seiner Brüder, seinen Verkauf als Sklave nach Ägypten, seine Übergabe an den Aziz von Ägypten, die Verführung durch dessen Frau, die unerträglichen Qualen des Gefängnisses, die Deutung der Träume zweier Gefangener, die Deutung des Traumes des Königs und seine Befreiung aus dem Gefängnis, die Übernahme der Verantwortung für die Lebensmittelversorgung Ägyptens, die Ankunft seiner Brüder in Ägypten, die Begegnung von Hazrat Yusuf (a. s.) mit Binjamin, die Festsetzung Binjamins, die Herbeiholung seiner Eltern nach Ägypten und schließlich den Entschluss, sich mit der ganzen Familie in Ägypten niederzulassen. Hinter der Erzählung dieser Geschichte stehen zwei Ziele: erstens die Anerkennung der Offenbarung und der Sendung, zweitens wichtige religiöse Lehren.

Die Geschichte von Hazrat Ibrahim (a. s.) beginnt mit der Annahme des Glaubens in seiner Kindheit. Danach werden sein Streitgespräch mit seinem Vater und seinem Volk, das Zerbrechen der Götzen, seine Auswanderung, die Geburt von Isma’il und Ishaq, der im Traum erhaltene Befehl, seinen Sohn zu opfern, der Bau der Kaaba und der Aufruf zur Hadsch, seine Bitte an Allah, ihm zur Beruhigung seines Herzens den Vorgang der Auferweckung der Toten zu zeigen, sowie das Lebendigwerden von vier Vögeln geschildert, nachdem er sie auf Allahs Geheiß geschlachtet, ihr Fleisch miteinander vermischt und es verteilt hatte.

Auch die Geschichte von Hazrat Sulaiman (a. s.) wird im Qur’an ausführlich erzählt. Sie behandelt das Urteil in einer Angelegenheit bezüglich eines Feldes, die Leitung des Reiches, die Prüfung durch edle Pferde, die Unterwerfung der Dschinn und des Windes unter seine Herrschaft sowie die Begebenheiten im Zusammenhang mit Hudhud, der Ameise und Königin Bilqis. Schließlich wird die Geschichte mit der Schilderung abgeschlossen, dass er nach seinem Tod an seinem Stab gelehnt stehen blieb und die Dschinn davon nichts wussten. Die gesamte Geschichte ist voller wichtiger Lehren und Ermahnungen.

2. Einige Geschichten im Qur’an stehen im Zusammenhang mit einem bestimmten Abschnitt des Lebens. Dazu gehört beispielsweise die Geschichte von Hazrat Nuh (a. s.), die sich auf die Darstellung seines Prophetentums und seiner Sendung beschränkt: der Aufruf zur Religion, die Zurückweisung durch sein Volk, der Bau der Arche, die Flut und das Ertrinken des Sohnes von Nuh (a. s.) (Auch der Sohn eines Propheten wurde ohne rechtschaffene Taten nicht vor Allahs Strafe gerettet). Ebenso werden die Erschaffung von Hazrat Adam (a. s.), seine Herabsendung aus dem Paradies auf die Erde, die Annahme seiner Reue und andere Ereignisse geschildert. Auch die Geburt von Maryam (a. s.) und Isa (a. s.) wird erwähnt. Diese Geschichten sind jedoch nicht so ausführlich wie die zuvor genannten. Dennoch kann man sie als ausführliche Darstellungen bezeichnen. Auch die Geschichte von Hazrat Dawud (a. s.) ist durchaus bemerkenswert. Sie ist jedoch nicht so ausführlich wie die Geschichte von Hazrat Sulaiman (a. s.). Dennoch wird die Geschichte von Hazrat Dawud (a. s.) in mehreren Abschnitten erzählt.

3. Einige Geschichten werden im Qur’an nur kurz dargestellt, etwa die Geschichten der Propheten Hazrat Hud (a. s.), Hazrat Salih (a. s.), Hazrat Lut (a. s.), Hazrat Shu‘ayb (a. s.) und anderer. Es werden lediglich die mit Sendung und Prophetentum verbundenen Ereignisse zusammengefasst. Die Geburt von Hazrat Isma’il (a. s.), seine Opferung sowie der gemeinsame Bau der Kaaba durch Vater und Sohn werden nur kurz erwähnt. Einige Einzelheiten über Hazrat Ya‘qub (a. s.) finden sich in der Geschichte von Hazrat Yusuf (a. s.). An anderer Stelle wird außerdem die Begebenheit seines Vermächtnisses in seinen letzten Augenblicken geschildert. Dieser Abschnitt ist deshalb bedeutsam, weil darin von der Einheit Allahs die Rede ist, die er in seinen letzten Augenblicken als Vermächtnis hinterlassen hat.

4. Einige Ereignisse werden äußerst knapp dargestellt. So wird die Geschichte von Hadhrat Zakariya (a.) auf die Geburt von Yahya (a.) und die Fürsorge für Maryam (a.) beschränkt. Die Geschichte von Hadhrat Ayyub (a.) wird nur in dem Abschnitt über seine Erkrankung, sein Flehen vor Allah und seine Errettung erzählt. Die Geschichte von Hadhrat Yunus (a.) wird auf den Abschnitt beschränkt, der von seinem Versuch berichtet, nach der Zurückweisung durch sein Volk, nachdem er es zur Daʿwa aufgerufen hatte, auszuwandern, von seinem Verschlungenwerden, seiner Befreiung aus dem Bauch des Fisches in einer öden Gegend und schließlich von der Annahme des Islam durch sein Volk handelt.

5. Bei manchen Ereignissen wurde es als ausreichend erachtet, nicht ausführlich davon zu berichten, sondern lediglich darauf hinzuweisen. Dazu gehören beispielsweise Hadhrat Idris (a.), Hadhrat al-Yasaʿ, Dhul-Kifl und andere. Es wurde lediglich darauf hingewiesen, dass sie zu den Propheten gehören. Mehr nicht.

6. Einige Geschichten werden im Zusammenhang mit einem anderen, eigenständigen Ereignis erwähnt. Dazu gehören beispielsweise die Gefährten des Grabens, die Gefährten der Höhle, die Geschichte der beiden Söhne Adams (a.), die Geschichte der beiden Gartenbesitzer, die Geschichte der Besitzer der Gärten und Ähnliches. Einige dieser Ereignisse wurden bereits zuvor behandelt, und andere werden später noch behandelt werden. An dieser Stelle möchten wir das Thema nun beenden. Unser Ziel war lediglich, Folgendes zu sagen: Der Koran behandelt von einem Ereignis nur den Teil, der mit dem religiösen Zweck zusammenhängt. Dieses Ziel ist erreicht.

Darstellung von Schluss und Ausgang

Ein weiterer Beweis dafür, dass die im Koran erzählten Geschichten dem religiösen Zweck folgen, besteht darin, dass zusammen mit der Darstellung des Ereignisses auch bestimmte religiöse Weisungen und der Ausgang dieser Geschichte dargelegt werden. Dies geschieht manchmal am Anfang der Geschichte, manchmal an ihrem Ende und manchmal zusammen mit der eigentlichen Geschichte.

Zunächst wird ein lehrreiches Ereignis genannt und danach die Geschichte begonnen. Wir haben zuvor zwei solche Beispiele behandelt. Dies hat allerdings zwei Aspekte:

1. Bei der Darstellung des Ereignisses wird ein Beweis für die Offenbarung und die Sendung vorgelegt. Das heißt, es wird klargestellt, dass dieses Ereignis durch die Offenbarung übermittelt wurde. Dazu gehören beispielsweise die Ereignisse aus dem Leben von Hadhrat Yusuf (a.) und Hadhrat Adam (a.). Wo immer davon berichtet wird, wird zunächst die Offenbarung als Quelle anerkannt.

2. Zunächst wird auf das Ereignis hingewiesen; anschließend wird es erzählt und dadurch seine Wahrhaftigkeit bewiesen. Zum Beispiel:

(Arabisch**********)

Verkünde meinen Dienern, dass Ich wahrlich überaus vergebend und barmherzig bin. Und dass Meine Strafe äußerst schmerzhaft ist. (Sure al-Hidschr: 49–50)

In diesem Vers wird zunächst von Barmherzigkeit und Strafe gesprochen; anschließend wird als Beleg dafür die gesamte Geschichte erzählt.

Wir haben ferner zwei Geschichten erwähnt, an deren Ende ihr Zweck dargelegt wird. Dafür gibt es ebenfalls zwei Gründe:

1. Es soll bewiesen werden, dass sämtliche Geschichten durch die Offenbarung mitgeteilt wurden, und sie sind auf eine Weise dargestellt, dass die Geschichte selbst dies belegt. So wird beispielsweise in der Sure al-Qasas nach der Darstellung der Geschichte von Musa (a.s.) die eigentliche Botschaft vorgetragen. Ebenso wird in der Sure Hud nach der Darstellung der Geschichte von Nuh (a.s.) die eigentliche Botschaft dargelegt.

2. Es soll bewiesen werden, dass Allah – Gott bewahre – nicht ungerecht ist und kein Volk bestraft hat, ohne ihm zuvor einen Propheten oder Gesandten zu schicken. So heißt es in der Sure al-Ankabut nach der Darstellung der Geschichten der Propheten und Gesandten:

(Arabisch**********)

Jeden von ihnen ergriffen Wir für seine Sünde. Gegen einige von ihnen sandten Wir einen Sturm mit Steinen, einige von ihnen ereilte der Donnerschlag, einige ließen Wir in der Erde versinken und einige ließen Wir ertrinken. Allah war ihnen gegenüber nicht ungerecht; vielmehr waren sie selbst gegen sich ungerecht. (Sure al-Ankabut: 40)

Ehrlich gesagt wird derjenige, der über diese Geschichten im Koran nachdenkt, ihre Geheimnisse erfassen und verstehen können, dass der Koran bei jeder Begebenheit zugleich deren Ausgang und die daraus zu ziehende Lehre schildert.

Nun wollen wir einige Beispiele oder Begebenheiten erörtern, bei denen zugleich mit der Schilderung des Geschehens auch auf die lehrreichen Aspekte hingewiesen wird.

1. Im Koran heißt es:

(Arabisch**********)

(Hast du nicht denjenigen gesehen,) der an einer Stadt vorbeikam, deren Häuser eingestürzt und auf ihre Grundmauern gefallen waren? Er sagte: „Wie wird Allah diese nach ihrem Tod wieder zum Leben erwecken?“ Da ließ Allah ihn hundert Jahre lang tot sein und erweckte ihn dann wieder. Er sagte: „Wie lange bist du so geblieben?“ Er antwortete: „Einen Tag oder einen Teil eines Tages.“ Allah sagte: „Nein, du bist hundert Jahre lang tot gewesen. Schau nun auf deine Speise und deinen Trank: Sie sind unverändert geblieben. Und schau auf deinen Esel. Wir wollen dich zu einem Zeichen für die Menschen machen. Und schau, wie Wir seine Knochen zusammenfügen und sie dann mit Fleisch bekleiden.“ Als dies geschehen war, sagte er: „Ich weiß, dass Allah wahrlich über alle Dinge mächtig ist.“ (Sure al-Baqara: 259)

Beachten Sie, dass Allah, der Erhabene, bereits mitten im Geschehen durch den Vers „Wir wollen dich zu einem Zeichen für die Menschen machen“ seine Absicht zum Ausdruck gebracht hat, während am Ende des Geschehens (Arabisch**********)–„Ich weiß, dass Allah wahrlich über alle Dinge mächtig ist“– die eigentliche Lehre herausgestellt wird.

2. In der Begebenheit von Hazrat Sulayman (a.s.) und Königin Bilqis heißt es aus dem Munde des Wiedehopfs:

(Arabisch**********)

Ich habe eine Frau gesehen, die über das Volk von Saba herrscht. Ihr ist alles gegeben worden, und sie besitzt einen gewaltigen Thron. Ich sah, dass sie und ihr Volk sich anstelle Allahs vor der Sonne niederwerfen. Der Satan hat ihnen ihre Taten anziehend erscheinen lassen und sie vom rechten Weg abgehalten. Daher befinden sie sich nicht auf dem rechten Weg. Warum werfen sie sich nicht vor Allah nieder, der Kenntnis von den verborgenen Dingen des Himmels und der Erde hat und weiß, was ihr offenlegt und was ihr geheim haltet? Es gibt keine Gottheit außer Allah; Er ist der Herr des gewaltigen Thrones. (Sure an-Naml: 23–26)

Bei der Schilderung des Geschehens wurden all diese Worte dem Wiedehopf in den Mund gelegt. Das Ziel ist, dass die Menschen durch die Worte des Wiedehopfs beeindruckt werden.

3. In der Geschichte des Propheten Yusuf deutete der Prophet Yusuf die Träume zweier Gefährten des Königs. Da sagte er:

(Arabisch**********)

Dieses Wissen hat mich mein Herr gelehrt. Ich habe die Religion jener Menschen verlassen, die nicht an Allah glauben und auch keinen Glauben an das Jenseits haben. (Sure Yusuf: 37)

(Arabisch**********)

Ich folge der Religion meiner Vorväter Ibrahim, Ishaq und Yaqub. Es steht uns nicht zu, Allah etwas beizugesellen. Dies ist eine Gunst Allahs für uns und für alle anderen Menschen, doch die meisten Menschen erkennen diese Gunst nicht an. (Sure Yusuf: 38)

Das Hauptziel besteht darin, neben der Schilderung der Geschichte aus verschiedenen Blickwinkeln lehrreiche Ermahnungen darzulegen. Sie wurden jedoch so mit der Geschichte verwoben, dass es scheint, als gehörten auch diese Worte zur eigentlichen Geschichte. Die Leser der Geschichte finden überall im Geschehen Darstellungen dieser Art.

Zweitens ist es gleichgültig, ob ihr Stil eben so oder etwas anders gestaltet ist; eines lässt sich jedoch mit Bestimmtheit sagen: Dieser Aspekt dient als eigentlicher Zweck und als Ziel der Geschichtsdarstellung. Genau genommen kann im Koran von einer Darstellung von Geschichten ohne ein religiöses Ziel und Anliegen überhaupt keine Rede sein.

Die Verbindung des Religiösen mit dem Künstlerischen in der Geschichtsdarstellung

Wir haben bereits erörtert, dass die Unterordnung der Geschichte unter religiöse Ziele nicht bedeutet, dass sie ein Hindernis für die künstlerischen Eigenschaften darstellt. Wir möchten nun sagen, dass diese Eigenschaften dadurch, dass die Geschichte den religiösen Zielen folgt, in der Welt der Kunst als das grundlegende Fundament der Erzählung gelten. Auch in dem, was wir zu Beginn dieses Kapitels gesagt haben, findet sich eine Bestätigung dafür. Es lautet:

Der Koran hat die künstlerische Schönheit als Mittel eingesetzt, um das Gewissen zu beeinflussen. Das heißt, der Koran hat die Mittel der künstlerischen Schönheit verwendet, um das religiöse Bewusstsein zu beeinflussen. Im Folgenden werden wir unter der Überschrift „Die künstlerische Form der Geschichte“ die künstlerischen Besonderheiten der Ereignisse erörtern.

Die künstlerische Form der Geschichte

1. Eines der Ziele der Darstellung verschiedener Ereignisse im weisen Koran besteht darin, die Religion, die Propheten und Gesandten, ihre Übereinstimmung sowie das einheitliche Verhalten der Ungläubigen und Götzendiener gegenüber jedem einzelnen Propheten und Gesandten und ähnliche Themen zu beleuchten. Natürlich wurde dies bereits im vorherigen Kapitel erörtert.

Die Aussage, die aus den Ereignissen im Koran deutlich hervorgeht, lautet: Die Religion jedes Propheten und Gesandten war dieselbe, und jeder von ihnen hat zu derselben Religion aufgerufen. Ebenso scheint jedes Volk der Propheten, das allein die Religion für eine Lüge erklärt hat, aus demselben Faden gewoben zu sein. Wann immer die Propheten kamen, mussten sie sich dieser Gruppe entgegenstellen. An verschiedenen Stellen des Korans werden diese Ereignisse wiederholt. Doch auch in dieser Wiederholung entsteht eine besondere künstlerische Schönheit. Bei eingehender Betrachtung scheint es, als seien dies nicht verschiedene Propheten, sondern ein einziger Prophet, und nicht verschiedene Völker, sondern ein einziges Volk. Ebenso scheinen die Leugner trotz des langen Zeitraums und der unterschiedlichen Umstände alle dieselbe Denkweise zu besitzen. Jeder Prophet ist gekommen und von der Erde geschieden, nachdem er zum Glaubensbekenntnis aufgerufen hatte. Die irregeleiteten Menschen aber haben sie stets der Lüge bezichtigt und sich über sie lustig gemacht. Beachtet die folgenden Verse:

(Arabisch**********)

Ich habe Noah zu seinem Volk gesandt. Er sagte: „O mein Volk! Dient Allah; es gibt keine Gottheit außer Ihm. Ich fürchte für euch die Strafe eines gewaltigen Tages.“ Die Anführer seines Volkes sagten: „Wir sehen dich in deutlicher Verirrung.“ Er sagte: „O mein Volk! Ich bin keineswegs verirrt, vielmehr überbringe ich euch einen guten Rat vom Herrn der Welten. Ich weiß von Allah Dinge, die ihr nicht wisst. Wundert ihr euch etwa darüber, dass eine Ermahnung von eurem Herrn durch einen Mann aus eurer Mitte zu euch gekommen ist, damit er euch warnt, auf dass ihr gottesfürchtig werdet und Barmherzigkeit erlangt?“ Daraufhin bezichtigten sie ihn der Lüge. So rettete Ich ihn und die Menschen auf dem Schiff, und jene, die ihn der Lüge bezichtigten, ließ Ich ertrinken. Wahrlich, sie waren blind. (Sure al-Aʿrāf: 59–64)

(Arabisch**********)

Und zu den ʿĀd sandte Ich ihren Bruder Hūd. Er sagte: „O mein Volk! Dient Allah; ihr habt keine Gottheit außer Ihm.“ Die Führer seines Volkes sagten: „Wir sehen, dass du ein Tor bist, und wir halten dich für einen Lügner.“ Er sagte: „O mein Volk! Ich bin keineswegs ein Tor, vielmehr bin ich ein Gesandter vom Herrn der Welten. Ich überbringe euch die Botschaft eures Herrn und bin euch ein aufrichtiger und treuer Ratgeber. Wundert ihr euch etwa darüber, dass eine Ermahnung von eurem Herrn durch einen Mann aus eurer Mitte zu euch gekommen ist, damit er euch warnt? Denkt daran, wie Er euch nach dem Volk Noahs zu Nachfolgern gemacht und euch an Körpergröße zunehmen lassen hat. Gedenkt der Gaben Allahs, auf dass es euch wohl ergehe.“

Sie sagten: „Bist du zu uns gekommen, damit wir Allah allein dienen und das verlassen, was unsere Väter verehrt haben? So bringe uns doch, womit du uns drohst, wenn du wahrhaftig bist.“ Er sagte: „Bereits festgesetzt ist über euch eine Strafe und ein Zorn von eurem Herrn. Wollt ihr mit mir über Namen streiten, die ihr und eure Väter gegeben habt? Allah hat dafür keine Ermächtigung herabgesandt. Wartet nur ab; auch ich warte mit euch ab.“ Daraufhin rettete Ich ihn und seine Gefährten durch Meine Barmherzigkeit und rottete jene aus, die Unsere Zeichen der Lüge bezichtigten. Denn sie waren keine Gläubigen. (Sure al-Aʿrāf: 65–72)

(Arabisch**********)

Und zu den Thamūd sandte Ich ihren Bruder Ṣāliḥ. Er sagte: „O mein Volk! Dient Allah; ihr habt keine Gottheit außer Ihm. Zu euch ist ein klarer Beweis von eurem Herrn gekommen. Dies ist Allahs Kamelstute. Lasst sie daher frei auf Allahs Erde weiden und berührt sie nicht in böser Absicht, sonst wird euch eine schmerzhafte Strafe ereilen. Denkt daran, wie Er euch nach den ʿĀd auf der Erde ansässig gemacht hat: Ihr errichtet Paläste in den Ebenen und meißelt Wohnungen in die Berge. So gedenkt der Gaben Allahs und richtet auf der Erde kein Unheil an.“ Die hochmütigen Anführer seines Volkes fragten die armen Gläubigen: „Glaubt ihr etwa, dass Ṣāliḥ von seinem Herrn gesandt worden ist?“ Sie sagten: „Wir glauben an das, womit er gesandt worden ist.“ Die Hochmütigen sagten: „Wir glauben nicht an das, woran ihr glaubt.“ Dann töteten sie die Kamelstute und widersetzten sich dem Befehl ihres Herrn. Und sie sagten: „O Ṣāliḥ! Bring uns doch jene Strafe, vor der du uns warnst, wenn du wirklich ein Gesandter bist.“ Daraufhin erfasste sie das Erdbeben, und am Morgen lagen sie in ihren Häusern mit dem Gesicht zu Boden. (Sure al-Aʿrāf: 73–78)

Überall dort, wo sich eine solche Szene im Koran wiederholt, stimmt sie mit dem Wirken aller Propheten und Gesandten überein. Dieser Zustand bestand zur Zeit jedes Propheten fort und gelangte schließlich bis zu Muhammad (s). Vor dem Auge unserer Vorstellung erscheint jene Szene: Er trägt den Ungläubigen die Einladung zum Kalima genau so vor, wie die früheren Propheten und Gesandten sie vorgetragen haben. Die Ungläubigen wiederum behandeln ihn genau so, wie man die Propheten und Gesandten schon zuvor behandelt hatte. Wer die Abfolge all dieser Ereignisse im Leben der Propheten und Gesandten eingehend betrachtet, erkennt darin eine grenzenlose Schönheit und Harmonie.

2. Eine weitere Folge davon, dass die Erzählung dem religiösen Zweck folgt, bestand darin, dass von einem Ereignis genau so viel dargestellt wird, wie mit diesem Zweck übereinstimmt. Dabei hat der Koran eine besondere Methode angewandt, die als eine besondere Regel betrachtet werden kann. So erreicht nach der Darstellung der Ereignisse in der Reihenfolge der Offenbarung die letzte Folge der Erzählung in derjenigen Sure, in der sie abschließend berichtet wird, zusammen mit dem religiösen Zweck auch ihre künstlerische Vollendung. Bisweilen ist jedoch auch zu erkennen, dass eine Geschichte aus künstlerischer Sicht abgeschlossen wird, ohne dass darin der religiöse Zweck dargelegt wird.

Wir haben dies in der Geschichte des Propheten Moses (a.s.) gesehen, deren letzter Abschnitt in der Sure al-Māʾida geschildert wird. Dort wird von den verschiedenen Gnaden berichtet, die Allah den Kindern Israels zu verschiedenen Zeiten erwiesen hatte. Doch trotz all dieser Gnaden besaßen sie nicht das geringste Gefühl der Dankbarkeit. Obwohl Allah ihnen dies befohlen hatte, waren sie nicht bereit, das Heilige Land zu betreten. Daher wurden sie in die Wüste von Tīh verbannt und einer solchen Strafe ausgesetzt, dass nur der Tod ihre einzige Möglichkeit zur Erlösung daraus war.

Hier lag ein religiöser Zweck vor. Durch den Abschluss der Geschichte in der Szene der Wüste von Tīh wurde eine höhere Entfaltung künstlerischer Schönheit erreicht. Hätte man diese Geschichte an einem anderen Ort als in der Szene der Wüste von Tīh beendet, wäre sie nicht annähernd so eindrucksvoll gewesen.

Lassen Sie uns dieses oben genannte Prinzip nun auch in einigen weiteren Geschichten aufspüren.

[2.1] Die Geschichte des Propheten Ibrahim (a.s.) wird im Al-Qurʾān an ungefähr zwanzig Stellen geschildert. Ihr letzter Abschnitt wird in der Sure al-Haddsch dargestellt. Die Geschichte wird folgendermaßen abgeschlossen:

(Arabisch**********)

Als Wir Ibrahim den Standort des Hauses Allahs zuwiesen und zu ihm sagten: „Stelle Mir nichts zur Seite und halte Mein Haus rein für diejenigen, die den Tawāf vollziehen, die im Gebet stehen sowie sich verbeugen und niederwerfen. Und rufe unter den Menschen den Haddsch aus. Sie werden zu dir zu Fuß und auf mageren Kamelen reitend aus weit entfernten Gegenden kommen.“ (Sure al-Haddsch: 26–27)

Aus religiöser Sicht zeigt sich, dass die Säulen des Haddsch im Glauben des Propheten Ibrahim (a.s.) dieselben waren, die in der Scharia des ehrwürdigen Propheten (s.) verpflichtend vorgeschrieben wurden. Genau dies soll hier erwähnt werden. Ebenso wird gegen Ende der Sure al-Haddsch (Offenbarungsreihenfolge: einhundertdrei) über den Propheten Ibrahim (a.s.) gesagt:

(Arabisch**********)

Haltet an der Religion eures Vaters Abraham fest. Er hat euch zuvor – und auch in diesem Koran – Muslime genannt. (Sure al-Haddsch: 78)

Wenn man es aus rein künstlerischer Sicht betrachtet, wird man feststellen, dass es keinen besseren Schauplatz und keine bessere Art gab, die Geschichte des Propheten Abraham (a.s.) zu beenden, als dort und auf diese Weise. Es gab keinen besseren Schauplatz, an dem diese Geschichte hätte beendet werden können. Es gab keinen besseren Schauplatz, an dem diese Geschichte hätte beendet werden können. Dort hätte die Geschichte beendet werden können, und zugleich wäre der religiöse Zweck in vollem Maße erfüllt worden. Gewiss hätte man die Geschichte auch dort beenden können, wo nach dem Bau der Kaaba die Menschen zum Haddsch aufgerufen wurden, oder dort, wo man vor dem Bau der Kaaba das geliebte Kind Ismail (a.s.) in einem abgelegenen Tal zurückließ. Doch damit wäre der religiöse Zweck nicht vollständig erfüllt worden.

Betrachten wir die Geschichte des Propheten Isa (a.s.), die im Koran an acht Stellen geschildert wird. Ihr letzter Abschnitt wird in der Sure al-Maida berichtet. (Reihenfolge der Offenbarung: 112.) Dort heißt es:

(Arabisch**********)

Wenn Allah sagen wird: „O Isa ibn Maryam! Hast du zu den Menschen gesagt: ‚Nehmt mich und meine Mutter anstelle Allahs zu Göttern?‘“, wird Isa sagen: „Gepriesen seist Du! Es steht mir nicht zu, dies zu sagen, und ich habe auch nicht das Recht dazu. Wenn ich es gesagt hätte, wüsstest Du es gewiss. Du weißt, was in meinem Inneren ist, ich aber weiß nicht, was in Deinem Inneren ist. Wahrlich, Du bist der Kenner des Verborgenen. Ich habe ihnen nichts anderes gesagt als das, was Du mir zu sagen befohlen hast: ‚Dient Allah, meinem und eurem Herrn.‘ Ich war ihr Zeuge, solange ich unter ihnen weilte. Als Du mich zu Dir nahmst, warst Du selbst ihr Beobachter. Du bist der Kenner aller Dinge. Wenn Du sie bestrafst, so sind sie Deine Diener; und wenn Du ihnen vergibst, so bist Du wahrlich der Allmächtige, der Allweise.“ (Sure al-Maida: 116–118)

Beachten Sie, dass auch der Abschluss der Geschichte des Propheten Isa (a.s.) im Einklang sowohl mit dem religiösen als auch mit dem künstlerischen Zweck gestaltet wurde.

Einerseits wurde der religiöse Zweck erfüllt, andererseits gelangte auch die künstlerische Schönheit zur Vollendung. Die Geburt von Isa (a.s.) war gerade das Außergewöhnliche und Wunderbare. Im letzten Augenblick dieser Verwicklungen steht er vor dem Schöpfer, bekennt sich zu seiner eigenen Dienerschaft, bezeugt, was seinem Volk gesagt wurde, und überlässt schließlich diese Angelegenheit Allah, dem Allmächtigen und Allweisen.

Dort, wo diese Geschichte beendet wurde, verlangte es auch die künstlerische Gestaltung, dass sie genau dort enden sollte. Es gab keinen besseren Ort, an dem diese Geschichte hätte beendet werden können.

[2.3] Die Geschichte von Hazrat Adam (a.s.) wird an allen Stellen des Korans mit der Schilderung seiner Herabsendung auf die Erde abgeschlossen. Hinzugefügt wird lediglich, dass er um Vergebung für seine Sünde bat und Allah ihm vergab. Danach schweigt der Koran – obwohl in der Tora eine weitere ausführliche Darstellung überliefert ist –, weil Hazrat Adam (a.s.) infolge der Befolgung des Rates seines alten Feindes, des Satans, und des Ungehorsams gegenüber Allahs Gebot auf die Erde gesandt wurde. Damit ist der religiöse Zweck erfüllt.

Aus künstlerischer Sicht zeigt sich, dass an jedem Endpunkt das vorhanden ist, wonach ein Künstler sucht. Für einen Künstler genügt es völlig zu wissen, dass Hazrat Adam (a.s.) wegen seiner Sünde aus dem Paradies vertrieben wurde. Danach ist die menschliche Vorstellungskraft in dieser Hinsicht völlig frei. Man kann sich fragen, wo Hazrat Adam und Hawwa unbeholfen umhergezogen sind und wie ihr Lebensunterhalt und ihre wirtschaftlichen Angelegenheiten aussahen. Fragen dieser und vieler anderer fantasievoller Art. Wären solche Dinge im Zusammenhang mit dieser Geschichte erörtert worden, hätte die künstlerische Schönheit gelitten. Daher hat sie an der Stelle, an der die Geschichte beendet wurde, keinen Einbruch erfahren.

[2.4] Die Geschichte von Hazrat Suleiman (a.s.) wird im Koran insgesamt an drei Stellen erzählt. Die letzte Sure, in der diese Geschichte dargestellt wird, ist die Sure al-Anbiya (Offenbarungsreihenfolge: dreiundsiebzig). In dieser Sure wird der letzte Abschnitt der Geschichte folgendermaßen wiedergegeben:

(Arabisch**********)

Und gedenke Davids und Salomos, als sie über ein Getreidefeld urteilten, in das nachts einige Schafe eingedrungen waren. Ihr Urteil lag Mir vor. Da ließen Wir Salomo das rechte Urteil verstehen und gaben beiden Wissen und Weisheit. Wir machten die Berge und die Vögel David dienstbar; sie priesen Unsere Heiligkeit und Herrlichkeit. Das taten Wir. Und Wir lehrten ihn, für euch Rüstungen anzufertigen, damit sie euch im Kampf schützen. Wollt ihr also dankbar sein? Und dem Wind machten Wir Salomo dienstbar; er strömte auf sein Geheiß zu dem Land, das Wir gesegnet hatten. Und Wir wissen über alle Dinge genau Bescheid. Und einige der Satane machten Wir ihm dienstbar; sie tauchten für ihn und verrichteten darüber hinaus noch andere Arbeiten. Wir hielten sie unter Kontrolle. (Sure al-Anbiya: 78–82)

In der Geschichte von Hazrat Suleiman (a.s.) finden sich zahlreiche Inhalte und Zielsetzungen. In ihr sind auch religiöse Weisheit und Klugheit vorhanden. Doch äußerlich betrachtet scheint es, als bestünde zwischen dem religiösen Zweck und dem künstlerischen Aspekt am Ende der Geschichte keine Übereinstimmung. Aus künstlerischer Sicht hätte die Geschichte von Hazrat Suleiman (a.s.) in jener Szene abgeschlossen werden müssen, in der sein Tod geschildert wird und er auch nach seinem Tod noch, auf seinen Stab gestützt, stehen blieb.

Zweifellos war diese Szene für den Abschluss der Geschichte besonders geeignet. Im Leben von Hazrat Suleiman (a.s.) fanden Verwaltung und Weisheit aus künstlerischer Sicht beide ihre Vollendung. Hazrat Suleiman (a.s.) war ebenso ein Richter wie ein weiser Mann. In dem im Koran geschilderten Beispiel zeigt sich die von Allah verliehene Weisheit und Weitsicht. Zugleich wird auch die Verwaltung eines gewaltigen Reiches dargestellt. Tatsächlich wird die Geschichte durch einen Schluss abgeschlossen, in dem eine zusammenfassende Darstellung des gesamten Lebens gegeben wird. Der betreffende Vers schildert die Tätigkeiten der Kindheit, der Jugend und des frühen Erwachsenenalters, und die Geschichte wird beendet, indem alles auf einen einzigen Mittelpunkt ausgerichtet wird.

[2.5] An vielen Stellen des Korans werden die Geschichten verschiedener Propheten und Gesandter in zusammengefasster Form erzählt; auch ihr Abschluss entspricht den künstlerischen Anforderungen, und darin kommt zugleich der religiöse Zweck zum Ausdruck. Es heißt:

(Arabisch**********)

Wenn sie dich der Lüge bezichtigen, so haben schon vor ihnen die Völker Noahs, ʿĀds, Thamūds, Ibrāhīms und Lots sowie die Bewohner von Midian und auch das Volk Moses’ die Gesandten der Lüge bezichtigt. Dennoch gewährte Ich den Ungläubigen Aufschub. Dann ergriff Ich sie. Sieh nur, wie schrecklich die Folge war, dass sie Mich verleugneten. (Sure al-Haddsch: 42–43)

Zweifellos haben sich in diesem Abschluss sowohl der religiöse Zweck als auch die künstlerische Schönheit in vollem Maße entfaltet, und die Geschichte wurde an der richtigen Stelle beendet.

[2.6] Die Geschichte des Propheten Yūsuf (a.) bildet vom Anfang bis zum Ende eine eigenständige Entwicklung. Sie beginnt mit Yūsufs (a.) Traum und endet mit dessen Erfüllung. Durch das Erscheinen der Brüder Yūsufs (a.) mit gesenkten Häuptern sowie durch die Rückkehr und Wiedervereinigung der Eltern wird die Geschichte abgeschlossen. Die Geschichte wird nicht wiederholt. Da der religiöse Zweck ihrer Erzählung erfüllt war, wurde sie an keiner anderen Stelle erneut erzählt.

3. Zu den religiösen Zwecken der Erzählung gehörte außerdem die Forderung, dass sie mit Ort, Zeit und den jeweiligen Personen übereinstimmen müsse, wo immer sie erzählt wird. In dieser Hinsicht stellt sie dieselbe Farbe und Kunst vollständig dar, die wir zuvor in einem Kapitel zu diesem Thema behandelt haben. In jenem Kapitel haben wir die verschiedenen Farben und Zustände der koranischen Darstellung ausführlich beschrieben.

Das Maß an Übereinstimmung und Harmonie, das sich unter den in der Geschichte dargestellten Themen finden lässt, haben wir unter der Überschrift „Die koranischen Geschichten als den religiösen Zwecken folgend“ behandelt und dort anhand des folgenden Verses ein Beispiel gegeben:

(Arabisch************)

Verkünde Meinen Dienern, dass Ich wahrlich der überaus Vergebende und Barmherzige bin und dass Meine Strafe wahrlich eine schmerzhafte Strafe ist. (Sure al-Hidschr: 49–50)

Danach wurde ein Ereignis geschildert, in dem sich die Wahrheit der oben genannten Aussage bestätigt. Nun werden wir noch einige Beispiele anführen, bei denen der religiöse Zweck und die künstlerische Gestaltung einander ergänzen.

[3.1] In der Sure al-Aʿrāf wird die Geschichte von Hazrat Adam (a.) folgendermaßen geschildert:

(Arabisch************)

Und Wir haben euch erschaffen und euch dann Gestalt gegeben. Danach sagten Wir zu den Engeln: „Werft euch vor Adam nieder!“ Da warfen sich alle nieder, außer Iblis; er gehörte nicht zu denen, die sich niederwarfen. Allah sagte: „Was hat dich daran gehindert, dich niederzuwerfen, als Ich es dir befohlen habe?“ Er sagte: „Ich bin besser als er. Du hast mich aus Feuer erschaffen, ihn aber hast Du aus Lehm erschaffen.“ Allah sagte: „Geh von hier hinunter! Du hast hier kein Recht, dich hochmütig zu verhalten. Geh hinaus! Du gehörst zu den Erniedrigten und Verachteten.“ Er sagte: „Gewähre mir Aufschub bis zum Tag der Auferstehung.“ Allah sagte: „Dir wird Aufschub gewährt.“ Er sagte: „Weil Du mich in die Irre geführt hast, werde ich ihnen gewiss auf Deinem geraden Weg auflauern. Dann werde ich von vorne und von hinten, von ihrer rechten und von ihrer linken Seite zu ihnen kommen. Und Du wirst die meisten von ihnen nicht dankbar finden.“ Allah sagte: „Geh von hier hinaus, verachtet und geschmäht! Wahrlich, diejenigen von ihnen, die dir folgen, mit ihnen werde Ich gewiss die Hölle füllen. O Adam! Du und deine Frau, bewohnt das Paradies und esst dort, was immer ihr wollt. Doch nähert euch nicht diesem Baum, sonst gehört ihr zu den Ungerechten.“ Daraufhin verführte Satan die beiden, damit er ihnen ihre Scham offenbarte, die ihnen verborgen gewesen war. Er sagte: „Euer Herr hat euch diesen Baum nur deshalb verboten, damit ihr nicht etwa zu Engeln werdet oder zu denen, die ewig bleiben.“ Und er schwor ihnen: „Ich bin euch gewiss ein aufrichtiger Ratgeber.“ So brachte er sie durch Täuschung dazu, ihm zu folgen. Als sie dann von dem Baum kosteten, wurden ihre Schamteile vor ihnen sichtbar, und sie begannen, sich mit den Blättern des Paradieses zu bedecken. Ihr Herr rief ihnen zu: „Habe Ich euch nicht diesen Baum verboten und euch gesagt: Satan ist euch ein offenkundiger Feind?“ Sie beide sagten: „O unser Herr! Wir haben uns selbst Unrecht getan. Wenn Du uns nicht vergibst und Dich unser nicht erbarmst, werden wir gewiss zu den Verlierern gehören.“ Allah sagte: „Geht hinab! Ihr seid einander Feinde. Auf der Erde habt ihr eine Wohnstätte und einen begrenzten Aufenthalt.“ Und Er sagte weiter: „Dort werdet ihr leben, dort werdet ihr sterben und aus ihr werdet ihr hervorgebracht werden.“ (Sure al-Aʿrāf: 11–25)

Danach wird der Zusammenhang fortlaufend weitergeführt. Den Kindern Adams wird geraten, sich vor der Täuschung Satans zu hüten, und es wird gesagt: „O Kinder Adams! Lasst euch nicht von Satan verführen, wie er eure Eltern (Adam und Eva) verführte. Infolgedessen wurden sie aus dem Paradies vertrieben.“

Den Menschen wird gesagt, dass sie sich sogar vor erlaubten Dingen hüten und nicht für verboten erklären sollen, was Allah erlaubt hat. Gehorcht den Propheten und Gesandten, die von Allah entsandt wurden. In diesem Zusammenhang heißt es: „Wir haben Satan zu ihren Freunden gemacht, weil sie nicht glauben.“ Danach wird das Bild des Tages der Auferstehung dargeboten. Diejenigen, die der von Allah gesandten Rechtleitung gefolgt waren, stehen vor Allah. Ebenso stehen diejenigen, die Satan gefolgt waren, zur Rechenschaft vor Allah. Es endet damit, dass eine Gruppe ins Paradies eintritt und eine andere in die Hölle. Im weiteren Verlauf heißt es, dass die Bewohner der Höhen den anderen zurufen werden: „Tretet ohne Furcht und Angst geradewegs ins Paradies ein.“ Von der anderen Seite werden die Engel rufen: „Dies ist das Paradies, das euch als Lohn für eure guten Taten gegeben wurde.“ Dies haben wir im Kapitel „Künstlerische Darstellung“ erörtert.

Die eigentliche Wahrheit ist, dass er gerade deshalb aus dem Paradies vertrieben wurde, weil er Satan folgte, und dass er gerade deshalb ins Paradies aufgenommen wird, weil er Satan nicht folgt. Ihre Rückkehr gleicht der Rückkehr eines Menschen, der sein eigenes Haus verlassen hat und nach einiger Zeit wieder in sein eigenes Haus zurückkehrt. Die künstlerische Schönheit liegt hier gerade im „Hinausgehen und Eintreten“. Der eigentliche Ort der Erörterung dieses Themas ist jener, an dem wir über die „künstlerische Gestaltung“ gesprochen haben.

Hiermit schließen wir diese Erörterung in der Hoffnung ab, dass die Leser im Lichte dessen auch andere Begebenheiten prüfen können.

Zehntes Kapitel

Die künstlerischen Merkmale der Erzählung

Nun möchte ich einige allgemeine künstlerische Merkmale darlegen. Wenn diese vorhanden sind, wird der religiöse Zweck eines Ereignisses auf dem Weg zu künstlerischer Schönheit und Ausgewogenheit vollendet, und die künstlerische Schönheit und Harmonie verleiht der Erzählung einen stärkeren Einfluss auf Herz, Verstand, Denken und Bewusstsein. Dadurch wird der menschliche Geist sehr leicht darauf vorbereitet, sie anzunehmen. Für eine solche Darstellung wurden vier künstlerische Grundsätze zugrunde gelegt, nämlich:

1. Vielfalt der Darstellung: Die erste Art der künstlerischen Besonderheiten besteht in den methodischen Unterschieden der Erzählweise. Bei der Betrachtung der im Qur’an berichteten Ereignisse erkennen wir vier verschiedene Formen. Diese werden im Folgenden nacheinander erörtert.

[1.1] So wird die Geschichte der Gefährten der Höhle im Al-Qur’an folgendermaßen eingeleitet:

(Arabisch************)

Glaubst du etwa, dass die Gefährten der Höhle und der Höhleninschrift unter Unseren Zeichen etwas Verwunderliches waren? Als die jungen Männer in der Höhle im Berg Zuflucht suchten, beteten sie: Unser Herr, schenke uns Barmherzigkeit von Dir und bereite uns in unserer Angelegenheit den rechten Weg. Da versiegelte Ich für einige Jahre ihre Ohren in der Höhle. Danach erweckten Wir sie wieder, damit Wir erkennen, welche der beiden Gruppen die Dauer ihres Aufenthalts genauer bestimmen konnte. (Sure al-Kahf: 9–12)

Dies ist die Zusammenfassung des Ereignisses. Danach beginnt die ausführliche Schilderung: etwa ihre gegenseitige Beratung vor dem Betreten der Höhle, die Umstände ihres Eintritts in die Höhle, ihr Einschlafen und Erwachen, die Entsendung eines von ihnen zum Kauf von Nahrung, die Gespräche und das Geflüster über ihn in der Stadt, seine Rückkehr, der Tod der Gefährten der Höhle, der Bau eines Denkmals über ihrem Grab sowie die unterschiedlichen Ansichten der Menschen hierzu und weitere Einzelheiten. Zu Beginn des Ereignisses wird eine solche Zusammenfassung gegeben, dass der Leser schon beim Lesen begierig wird, den weiteren Verlauf kennenzulernen.

[1.2] Bisweilen wird zunächst der Schluss oder Ausgang eines Geschehens geschildert und danach das gesamte Geschehen ausführlich dargestellt. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des Propheten Moses (a.s.), die in der Sure al-Qasas geschildert wird. Sie beginnt folgendermaßen:

(Arabisch************)

Ich verlese dir die Geschichte von Moses und dem Pharao wahrheitsgemäß für ein gläubiges Volk. Wahrlich, der Pharao hatte sich in seinem Land überheblich benommen und dessen Bewohner in verschiedene Gruppen geteilt. Eine von ihnen unterdrückte er; ihre Söhne ließ er töten, während er ihre Frauen am Leben ließ. Wahrlich, er gehörte zu den Unheilstiftern. Wir aber wollten denen, die im Land unterdrückt worden waren, unsere Gunst erweisen, sie zu Führern machen, sie zu Erben des Landes machen und ihnen Macht im Land verleihen. Und Wir wollten dem Pharao, Haman und ihren Heerscharen gerade das zeigen, wovor sie sich vonseiten der unterdrückten Gruppe fürchteten. (Sure al-Qasas: 2–6)

Danach wird die Geschichte des Propheten Moses (a.s.) ausführlich erzählt: seine Geburt, seine Erziehung, sein Gestilltwerden, sein Eintritt ins Erwachsenenalter, sein Exil nach der Tötung eines Kopten und anderes mehr. Danach beginnen die weiteren Ereignisse, von denen bereits am Anfang berichtet wurde. Der Beginn des Geschehens ist so gestaltet, dass die Spannung des Lesers zunimmt. Aus übergroßem Interesse entsteht in ihm die Frage: Was tat Moses (a.s.) unter diesen Umständen?

Auch die Geschichte des Propheten Joseph (a.s.) ist von gleicher Art. Sie beginnt mit einem Traum. Nachdem er ihn gesehen hat, erzählt er ihn seinem Vater. Der Vater erkennt, dass dieser Traum ein Hinweis darauf ist, dass Joseph auf der Erde zu Ansehen gelangen und Ruhm erlangen wird. Die Geschichte beginnt folgendermaßen:

(Arabisch************)

Als Joseph zu seinem Vater sagte: „Mein lieber Vater! Ich sah im Traum elf Sterne sowie den Mond und die Sonne; ich sah, wie sie sich vor mir niederwarfen.“ Der Vater sagte: „Mein Sohn! Erzähle deinen Brüdern nichts von diesem Traum, sonst schmieden sie gegen dich einen Plan. Wahrlich, Satan ist dem Menschen ein offenkundiger Feind. So wird dein Herr dich erwählen, dich die tiefere Bedeutung Seiner Worte lehren und Seine Gunst an dir und an der Familie Jakobs vollenden, wie Er sie zuvor an deinen Vorvätern Abraham und Isaak vollendet hat. Wahrlich, dein Herr ist Allwissend und Allweise.“ (Sure Yusuf: 4–6)

Unmittelbar danach setzt die Geschichte ein. Sie ist nichts anderes als die Verwirklichung seines Traumes, dessen Bedeutung sein Vater Jakob (a.s.) bereits zuvor erkannt hatte. Die Geschichte endet mit der vollständigen Verwirklichung des Traumes. Nach diesem schönen Abschluss schweigt der Koran. Über jene Aussagen, die in der Tora überliefert sind, wird nichts gesagt.

[1.3] Oft beginnen die Ereignisse unmittelbar, ohne Einleitung oder zusammenfassende Darstellung. Ebenso werden sie manchmal ganz plötzlich beendet. So wird bei der Schilderung der Geburt Jesu die Geschichte Maryams ohne jede Einleitung erzählt. Ebenso wird inmitten der Geschichte des Propheten Salomo und der Königin Bilqis plötzlich die Schilderung des Wiedehopfs und der Ameisen eingefügt.

[1.4] Bisweilen ist auch zu beobachten, dass die Darstellung eines Ereignisses mit den Farben der Vorstellungskraft ausgeschmückt wird. Das Ereignis hat begonnen, die Schilderung ist im Gange, und plötzlich werden durch den Mund des Protagonisten einige Bitten vorgetragen. So haben wir im Kapitel „Künstlerisches Bild“ die Szenen aus der Geschichte der Propheten Abraham und Ismael dargestellt. Dort heißt es:

(Arabisch************)

Und als Abraham und Ismael die Grundmauern des Hauses, der Kaaba, errichteten, (sagten sie:) „Unser Herr! Nimm es von uns an. Wahrlich, Du bist der Allhörende, der Allwissende.“ (Sure al-Baqara: 127)

Dies ist eine gewaltige Szene. In den im Koran geschilderten Ereignissen finden sich viele solcher Gleichnisse und Beispiele.

2. Die plötzliche Auflösung des Rätsels: Die zweite Art besteht darin, dass sich das Rätsel eines Ereignisses plötzlich auflöst.

[2.1] Oft bleibt das Geheimnis eines Ereignisses sowohl dem Leser als auch dem Protagonisten unbekannt. Doch an einer bestimmten Stelle des Geschehens wird es dem Leser plötzlich offenbar. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte des Propheten Moses, als er zu einem rechtschaffenen und wissenden Mann ging. Sie wird in der Sure al-Kahf erzählt:

(Arabisch************)

Als Moses zu seinem jungen Gefährten sagte: „Ich werde nicht aufhören weiterzugehen, bis ich den Zusammenfluss der beiden Meere erreicht habe, selbst wenn ich Zeitalter hindurch weitergehen muss.“ Als sie dann den Zusammenfluss der beiden Meere erreichten, vergaßen sie ihren Fisch. Der Fisch nahm seinen Weg ins Meer durch einen Tunnel. Nachdem er diesen Ort hinter sich gelassen hatte, sagte Moses zu seinem Gefährten: „Bring uns unser Frühstück. Wir sind auf dieser Reise müde geworden.“ Er sagte: „Hast du bemerkt, dass ich den Fisch vergessen habe, als wir an dem Felsstück Rast machten? Nur der Satan ließ mich vergessen, daran zu denken. Der Fisch hat auf erstaunliche Weise seinen Weg ins Meer genommen.“ Moses sagte: „Das ist es, wonach wir gesucht haben.“ Daraufhin kehrten sie, ihren Spuren folgend, um. Dann trafen sie unter Unseren Dienern einen, dem Wir Barmherzigkeit von Uns erwiesen und dem Wir von Uns besonderes Wissen gegeben hatten. Moses sagte zu ihm: „Darf ich dir folgen, unter der Bedingung, dass du mich etwas von dem Wissen lehrst, das dir als rechter Weg gelehrt wurde?“ Er sagte: „Du wirst es keineswegs vermögen, bei mir Geduld zu bewahren. Wie könntest du angesichts dessen Geduld haben, dessen Verständnis dir nicht gegeben ist?“ Moses sagte: „Wenn Allah will, wirst du mich geduldig finden, und ich werde keinem deiner Befehle ungehorsam sein.“ Er sagte: „Wenn du mir nun folgst, so frage mich nach keiner Sache, bis ich dir selbst darüber Auskunft gebe.“ Dann zogen sie weiter. Als sie schließlich ein Schiff bestiegen, schlug er ein Loch hinein. Moses sagte: „Hast du ein Loch hineingeschlagen, um seine Insassen ertrinken zu lassen? Du hast wahrlich eine schwere Freveltat begangen.“ Er sagte: „Habe ich nicht gesagt, dass du es keineswegs vermögen wirst, bei mir Geduld zu bewahren?“ Moses sagte: „Nimm mich nicht wegen meiner Vergesslichkeit zur Rechenschaft.“ Dann zogen sie wieder weiter. Schließlich trafen sie einen Knaben, und er tötete ihn. Moses sagte: „Hast du ein unschuldiges Leben beendet, ohne dass dafür ein anderes Leben genommen worden wäre? Du hast wahrlich eine schwerwiegende Ungerechtigkeit begangen.“ Er sagte: „Habe ich nicht gesagt, dass du es nicht vermögen wirst, bei mir Geduld zu bewahren?“ Moses sagte: „Wenn ich dich danach noch nach irgendeiner Sache frage, dann nimm mich nicht weiter mit. Von meiner Seite aus bist du nun von jedem Vorwurf entlastet.“ Dann zogen sie weiter. Als sie schließlich zu den Bewohnern einer Ortschaft gelangten und sie um Nahrung baten, weigerten sie sich, ihnen Gastfreundschaft zu gewähren. Danach baten sie sie dort um Nahrung, doch sie weigerten sich, ihnen Gastfreundschaft zu gewähren. Dann fanden sie dort eine einsturzgefährdete Mauer, und er richtete sie auf. Moses sagte: „Wenn du gewollt hättest, hättest du dafür von ihnen einen Lohn verlangen können.“ Er sagte: „Hiermit ist die Trennung zwischen mir und dir eingetreten. Nun werde ich dir die Bedeutung dessen erklären, worüber du keine Geduld aufbringen konntest.“ (Sure al-Kahf: 60–78)

Für die in den erwähnten Versen enthaltenen Elemente, die in uns ein Geheimnis hervorrufen, finden wir keine Erklärung. Angesichts dieses Geheimnisses sind wir ebenso sprachlos wie der Hauptakteur des Geschehens, der geehrte Moses (Friede sei mit ihm). Wir wissen auch nicht, wer es war, der dieses außerordentliche Geschehen herbeiführte. Der edle Koran hielt es nicht einmal für notwendig, seinen Namen zu nennen. Wozu sollte sein Name auch genannt werden? Dieser Mann hatte all seine Handlungen durch Allahs Macht und auf Seinen Befehl hin ausgeführt. Und Allah wird den Ausgang dieser Angelegenheit nicht so herbeiführen, wie wir es vor unseren Augen geschehen sahen. Denn Sein Blick ist auf weitreichende Ziele gerichtet, bis zu denen unser Blick nicht reicht. Ebenso steht auch das Verschweigen seines Namens vollkommen im Einklang mit der geheimnisvollen Natur des Geschehens.

Zweifellos lag von Beginn des Geschehens an ein unsichtbarer Schleier des Unbekannten darüber. Moses’ (Friede sei mit ihm) Verlangen, den rechtschaffenen Diener zu sehen und sich auf die Suche nach ihm zu begeben; dass Moses’ (Friede sei mit ihm) junger Gefährte vergaß, wie der Fisch in der Nähe des Felsens verschwunden war; dass sie zur Sühne für diesen Fehler erneut zu dem Felsen zurückkehrten; und dass sie den rechtschaffenen Mann trafen. Wenn sie nicht zurückgekehrt wären, hätte er ihn niemals wiedergetroffen. Auch das Geschehen, das sich ereignete, blieb geheimnisumwoben. Nicht einmal der Name dessen, der dieses Geschehen herbeiführte, wurde bekannt.

Soeben beginnt sich das Rätsel zu lösen. Nun wird Moses (Friede sei mit ihm) erfahren, warum diese Ereignisse herbeigeführt wurden. Zugleich wird auch uns ihre Bedeutung klar werden. Es wird verkündet:

(Arabisch**********)

Was das Schiff betrifft: Es gehörte einigen armen Menschen. Sie suchten auf dem Meer nach ihrem Lebensunterhalt. Ich wollte es beschädigen, denn auf der anderen Seite war ein König, der jedes Schiff gewaltsam an sich riss. Was den Jungen betrifft: Seine Eltern waren gläubig. Ich befürchtete, dass er sie durch Ungehorsam und Unglauben beeinflussen würde. Daher wollte ich, dass ihr Herr ihnen einen besseren Sohn gebe, der größer und ihnen an Reinheit und Liebe näher sei als dieser. Was die Mauer betrifft: Sie gehörte zwei vaterlosen Jungen in der Stadt. Unter ihr lag ihr verborgener Schatz, und ihr Vater war rechtschaffen. Daher wollte dein Herr aus Barmherzigkeit, dass sie das Erwachsenenalter erreichten und ihren verborgenen Schatz hervorholten. Ich tat dies nicht aus eigenem Ermessen. Dies ist die Erklärung für das, worüber du keine Geduld aufbringen konntest. (Sure al-Kahf: 79–82)

Nachdem das in diesem Geschehen geschaffene Geheimnis und das Geheimnis der Enthüllung der Wundertat des rechtschaffenen Mannes aufgedeckt worden ist, kommt der Leser ein wenig wieder zu sich. Er fragt: Wer ist er? Eine Antwort erhält er nicht. Das Geheimnis bleibt ein Geheimnis. So geheimnisumwoben, wie er anfangs war, bleibt er auch jetzt. In diesem Geschehen offenbart sich eine äußerst machtvolle Weisheit. Einen kleinen Schimmer davon konnten wir erblicken; danach verschwand er für immer hinter dem Schleier unserer Wahrnehmung.

[2.2] Oft kann man auch beobachten, dass das Geheimnis eines Geschehens den Zuschauern klar ist, während es dem Helden noch unbekannt bleibt. Dennoch setzt er sein Handeln fort. Die Zuschauer wissen selbstverständlich, wie es geschehen ist und warum es geschieht. Solche Geschehnisse treten häufiger auf, wenn jemandem etwas im Scherz oder spöttisch gesagt wird. Die Zuschauer sehen von Anfang an dessen Aktivitäten und lachen darüber. Zuvor haben wir das Geschehen der Besitzer der Gärten erwähnt. Dieses Geschehen ist ein hervorragendes Beispiel dafür. Es heißt:

(Arabisch**********)

Als sie schworen, am Morgen die Früchte des Gartens zu ernten. Doch sie sagten nicht: „Inschallah.“ Daraufhin befiel den Garten, während sie schliefen, ein Unglück vonseiten deines Herrn. So war er am Morgen zu zerfetztem Stroh geworden.

Wir kennen also bereits das Geschehen, doch die Besitzer des Gartens sind noch ahnungslos. Es wird verkündet:

(Arabisch**********)

Am Morgen riefen sie einander zu: „Wenn ihr die Früchte ernten wollt, dann geht früh am Morgen hinaus auf das Feld.“ Daraufhin machten sie sich flüsternd auf den Weg: „Heute soll kein Bedürftiger zu euch in den Garten kommen.“ Früh am Morgen brachen sie eilig und entschlossen auf. (Sure al-Qalam: 21–25)

Wir Zuschauer lächeln leise, während sie flüsternd zum Garten aufbrechen. Dort ist der Garten inzwischen völlig verwüstet worden. Während wir uns vor Lachen kaum halten können, beginnt sich für sie erst allmählich das Rätsel zu lösen.

(Arabisch**********)

Als sie daraufhin den Garten sahen, sagten sie: „Wir haben den Weg verfehlt, oder vielmehr sind wir beraubt worden.“ (Sure al-Qalam: 26–17)

Gewiss ist dies eine angemessene Strafe für diejenigen, die die Bedürftigen vom Erhalt ihres Anteils fernhalten wollen.

[2.3] Oft geschieht es auch, dass die Zuschauer teilweise über das Geschehen informiert werden, während der eigentliche Sachverhalt noch verborgen bleibt und ein Teil des Geschehens weder den Zuschauern noch dem Helden bekannt ist. Ein Beispiel dafür ist der Thron der Königin Bilqis, der im Nu herbeigebracht wurde. Wir wissen auch, dass dies unmittelbar vor Hazrat Sulaiman (a.s.) geschah. Die Königin Bilqis wusste jedoch überhaupt nichts davon. Als sie gefragt wurde: „Ist dies dein Thron?“, antwortete sie: „Es scheint, als sei er es.“ Dies ist ein Geheimnis, von dem wir von Anfang an wussten. Doch in Bezug auf den gläsernen Palast waren auch wir, ebenso wie Bilqis, im Ungewissen. Zusammen mit Bilqis erkannten auch wir erst in jenem Augenblick den Sachverhalt, als Bilqis ihr Gewand über ihre Unterschenkel hob, um das Wasserbecken zu überqueren. Hazrat Sulaiman (a.s.) sah dies und sagte: „Dies ist kein Wasserbecken. Dies ist ein Palast, unter dem Glas angebracht worden ist.“ [Später werden wir dies ausführlich darlegen.]

[2.4] Oft ist zu beobachten, dass es sich nicht um ein geheimnisvolles, sondern um ein ganz gewöhnliches Geschehen handelt, das zunächst nicht klar erkennbar ist, dann aber plötzlich sowohl den Leser als auch den Helden überrascht und in hellerem Licht erscheint. So war es bei der Geschichte von Hazrat Maryam (a.s.). Hazrat Maryam (a.s.) war von ihrer Familie getrennt und allein unterwegs. Da erschien Jibril (a.s.) in menschlicher Gestalt. Hazrat Maryam (a.s.) sagte: „Wenn du ein rechtschaffener Mensch bist, dann suche ich Zuflucht bei Allah vor dir.“ Sobald wir die Geschichte hören, verstehen wir, dass er Jibril (a.s.) ist. Doch kurz darauf gab er sich zu erkennen und sagte: „Ich bin ein Gesandter deines Herrn, zu dir gesandt, um dir die frohe Botschaft von einem rechtschaffenen Sohn zu bringen.“ Dann tritt das Geschehen plötzlich vor uns: Von den Wehen überwältigt, suchte Maryam (a.s.) Zuflucht unter einer Dattelpalme und sagte: „O wäre ich doch schon zuvor gestorben und völlig vergessen worden!“ Da rief ihr ein Engel von unten zu: „Sei nicht traurig. Dein Herr hat unter dir ein Bächlein fließen lassen.“ Bis zum Ende des Verses.

3. Die Unterbrechung beim Szenenwechsel: Das dritte künstlerische Merkmal der Erzählung besteht in den gelegentlichen feinen Unterbrechungen innerhalb des dargestellten Geschehens. Wie heutzutage im Theater und im Kino während der Pause der Vorhang fällt und dadurch die einzelnen Szenen voneinander unterschieden werden, gibt es auch in allen im Koran geschilderten Geschichten solche Unterbrechungen. In den zuvor erwähnten Geschichten lässt sich dies leicht untersuchen. Nun wollen wir beispielhaft die Geschichte von Hazrat Yusuf (a.s.) betrachten. Diese Geschichte wird insgesamt in 28 Szenen abgeschlossen. Wir werden jedoch nicht alle Szenen erörtern, sondern nur einige besondere.

Die Brüder von Hazrat Yusuf (a.s.) kamen während der Hungersnot zu ihm, um Rationen zu beschaffen. Damals war er mit der Verantwortung für die Lebensmittelversorgung betraut. Er wies seine Brüder an, bei ihrem erneuten Kommen ihren leiblichen Bruder mitzubringen. Obwohl Hazrat Yaqub (a.s.) seine Zustimmung nicht erteilt hatte, reisten sie mit Binyamin nach Ägypten, um Rationen zu holen. Während Hazrat Yusuf (a.s.) das Getreide abmaß, versteckte er einen Becher im Sack seines Bruders. Dann ließ er ihn des Diebstahls beschuldigen und behielt ihn auf diese Weise bei sich. Daraufhin berieten sich die Brüder und baten darum, jemand anderen an seiner Stelle festzuhalten; doch er lehnte dies entschieden ab. Es heißt:

(Arabisch**********)

Als sie dann jede Hoffnung auf ihn aufgegeben hatten, setzten sie sich zur Beratung an einen Ort. Ihr ältester Bruder sagte: „Wisst ihr nicht, dass euer Vater euch bei Allah beschworen hat und dass ihr euch zuvor in der Angelegenheit Yusuf schuldig gemacht habt? Daher werde ich dieses Land keinesfalls verlassen, bis mein Vater es mir erlaubt oder Allah für mich eine Entscheidung trifft. Er ist der beste derjenigen, die Entscheidungen treffen. Kehrt zu eurem Vater zurück und sagt: ‚Unser Vater, dein Sohn hat gestohlen. Wir bezeugen nur, was wir wissen, und wir konnten das Verborgene nicht erkennen. Frage die Bewohner der Stadt, in der wir waren, und die Karawane, mit der wir gekommen sind. Gewiss, wir sagen die Wahrheit.‘“ (Sure Yusuf: 80–82)

Der Vorhang fiel. Nun werden wir den Brüdern von Hazrat Yusuf (a.s.) in einer anderen Szene wiederbegegnen. Doch dies wird nicht in einer Stadt Ägyptens sein. Wir werden ihnen begegnen, während sie vor ihrem Vater stehen und damit beschäftigt sind, Rechenschaft abzulegen. Der Vorhang hob sich. Dort sehen wir ihren Vater, Hazrat Yaqub (a.s.), die folgende Bemerkung machen.

(Arabisch**********)

Jakob sagte: Das ist nichts anderes. Ihr habt nur eine erfundene Behauptung vorgebracht. Nun ist Geduld das Beste. Vielleicht wird Allah sie alle gemeinsam zu mir bringen. Er ist allwissend und weise. (Sure Yusuf: 83)

Der Vorhang fiel. Nun werden wir den Propheten Yusuf und seine Söhne in einer anderen Szene sehen. Dort werden wir Jakob tief in Gedanken versunken erblicken. Die Söhne sind angesichts des Zustands ihres Vaters beunruhigt. Der Vorhang hob sich.

(Arabisch**********)(Arabisch**********) Er wandte sich von ihnen ab und sagte: Wehe mir um Yusuf! Vor Kummer wurden seine Augen trübe. Er war von unerträglichem Schmerz gequält. Sie sagten: Bei Allah! Du wirst nicht aufhören, dich an Yusuf zu erinnern, bis du dem Tode nahe bist oder stirbst. Er sagte: Ich beklage nur meinen Kummer und meine Trauer bei Allah, und ich weiß von Allah, was ihr nicht wisst. Meine Söhne, geht und sucht nach Yusuf und seinem Bruder und verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit. Niemand verzweifelt an Allahs Barmherzigkeit außer den Ungläubigen. (Sure Yusuf: 84–87)

Nun wird der Vorhang wieder fallen. Die Brüder Yusufs machten sich auf den Weg. Danach wissen wir nichts weiter. Als sich der Vorhang erneut hob, hörten wir, wie sie in Ägypten zu Yusuf kamen und sagten:

(Arabisch**********)

Als sie dann zu Yusuf gelangten, sagten sie: O Herrscher! Uns und unsere Familien hat großes Leid getroffen, und wir sind mit unzureichendem Kapital gekommen. So gib uns unser volles Maß und erweise uns Wohltätigkeit. Allah belohnt die Wohltätigen. (Sure Yusuf: 88)

Auch die Geschichte der Gefährten der Höhle, die Geschichte des Propheten Maryam und die Ereignisse aus dem Leben des Propheten Suleiman werden in demselben Stil erzählt. Darüber werden wir später noch sprechen, so Allah will.

4. Szenische Darstellung durch das Geschehen: Wir haben bereits drei künstlerische Merkmale der Erzählung behandelt. Nun wollen wir erörtern, wie durch das Geschehen eine Szene dargestellt wird. Diese Art steht in Zusammenhang mit dem Kapitel „Das künstlerische Bild“ des vorliegenden Buches. Dort haben wir gesagt, dass alle im Koran geschilderten Ereignisse zwar der Vergangenheit angehören, dem Leser jedoch beim Lesen und dem Hörer beim Hören das gesamte Bild lebendig vor Augen tritt. Es scheint, als ereigne sich das Geschehen gerade jetzt vor seinen Augen.

Was wir nun sagen wollen, ist, dass die durch Ereignisse gezeichnete Szene oder das Bild verschiedene Stilformen annehmen kann. So kann etwa durch ein Geschehen ein Bild lebendig vor Augen treten. Oder in diesem Bild können Gefühle und Empfindungen zum Ausdruck kommen, beziehungsweise die Prägung einer Persönlichkeit sichtbar werden. Manchmal weist ein Ereignis oder eine Erzählung zwar zwei solcher Merkmale auf, doch tritt eines von ihnen deutlicher hervor als das andere. Daher wird das betreffende Ereignis nach diesem Merkmal benannt. In den Szenen sämtlicher Erzählungen zeigen sich diese künstlerischen Schönheiten. Wir wollen sie nicht lediglich mit Worten besprechen, sondern anhand von Beispielen verständlich machen.

Wir haben zuvor die Geschichte der Besitzer der Gärten geschildert. Ja, wir haben sogar die Darstellung dieses Geschehens gesehen. Wir haben Ibrahim und Ismail vor dem Hause der Kaaba stehen sehen. Wir haben Nuh und seinen Sohn im Augenblick der Überschwemmung gesehen. Diese Bilder sind stets lebendig und unvergänglich. Der Leser oder Hörer dieser Ereignisse meint, das Geschehen ereigne sich unmittelbar vor seinen Augen. Nun führen wir noch einige weitere Beispiele an.

Als die Leute der Höhle aus der Gemeinschaft der Götzendiener austraten und den Weg des Tauhid einschlugen, berieten sie sich miteinander. Der Koran führt uns diese Beratung vor Augen. Wann immer wir sie lesen oder hören, scheint es, als berieten sie sich unmittelbar vor unseren Augen und als hörten wir sogar ihre Worte.

(Arabisch**********)

Wir berichten dir ihre Geschichte wahrheitsgemäß. Sie waren einige junge Männer. Wir vermehrten ihre Rechtleitung. Und Wir festigten ihre Herzen, als sie aufstanden. Sie sagten: „Unser Herr ist der Herr der Himmel und der Erde. Niemals werden wir an seiner Stelle eine andere Gottheit anrufen. Wenn wir es täten, würden wir wahrlich etwas Ungeheuerliches sagen. Diese unsere Leute haben an seiner Stelle viele Götter angenommen. Warum bringen sie dafür keinen eindeutigen Beweis vor? Wer ist ungerechter als jener, der Allah eine Lüge andichtet? Wenn ihr euch von ihnen und von dem, was sie anstelle Allahs verehren, getrennt habt, dann nehmt Zuflucht in der Höhle. Euer Herr wird seine Barmherzigkeit über euch ausbreiten und für euch in eurer Angelegenheit Erleichterung schaffen.“ (Sure al-Kahf: 13–16)

Hier endet diese Szene; der Vorhang fällt. Wie im Kino und Theater des zwanzigsten Jahrhunderts gibt es auch hier zwischen den Szenen eine Pause. Wenn sich der Vorhang hebt, werden wir sehen, dass sie sich nach der Beratung nacheinander in die Höhle begeben haben. Wir sehen sie mit eigenen Augen die Höhle betreten. Daran besteht kein Zweifel. Es entsteht ein solch fester Eindruck von Gewissheit. Genau das beansprucht auch die Darstellung und Erklärung des Korans.

(Arabisch**********)

Du wirst die Sonne sehen, wenn sie aufgeht, an ihrer Höhle vorbeiziehen nach rechts, und wenn sie untergeht, an ihnen vorbei nach links ziehen, während sie sich in einem weiten Raum der Höhle befinden.

Das bedeutet, etwas vor den Augen erscheinen zu lassen. So wie man heute im Theater durch die Verteilung von Licht eine Szene deutlich sichtbar macht, geschieht dies auch hier durch das Sonnenlicht. Die Bewegung der Sonne hat diese Szene in Bewegung versetzt. Doch weder wenn die Sonne aufgeht noch wenn sie untergeht, dringt ihr Licht jemals in die Höhle ein. Den ganzen Tag über spielt sich dort ein Wechsel von Licht und Schatten ab. Darauf wird mit dem Wort „Tazāwaru“ (****) hingewiesen. Wie einfach dieses Bild dargestellt wird – und wie große Mühe hätte man aufwenden müssen, um diese Szene auf der Kinoleinwand zu zeigen!

Kommt, schaut die Gefährten der Höhle an. Es heißt: “(Arabisch**********)– „Sie befanden sich in einem weiten Raum der Höhle.“ Diese Aussage ist eine unvergleichliche Ergänzung, die einem Wunder in nichts nachsteht. Diese wenigen Worte lassen das gesamte Bild vor unseren Augen lebendig und beweglich werden. Es scheint, als bewegten sie sich direkt vor unseren Augen.

(Arabisch**********)

Du würdest meinen, sie seien wach, obwohl sie schlafen. Wir wenden sie nach rechts und nach links. Ihr Hund lag mit ausgestreckten Vorderpfoten am Eingang der Höhle. Wenn du sie heimlich erblickt hättest, hättest du dich umgedreht und wärst davongelaufen und von Furcht vor ihnen erfüllt worden. (Sure al-Kahf: 18)

Das durch diese wenigen Worte gezeichnete Bild ist vollkommen lebendig und in Bewegung.

Plötzlich regte sich wieder Leben in den Gefährten der Höhle. Sehen wir nun, was geschieht:

(Arabisch**********)

So ließ Ich sie erwachen, damit sie einander befragen konnten. Einer von ihnen sagte: „Wie lange seid ihr geblieben?“ Einige von ihnen sagten: „Einen Tag oder einen Teil eines Tages.“ Andere sagten: „Euer Herr weiß am besten, wie lange ihr geblieben seid. Nun schickt einen von euch mit dieser Münze in die Stadt. Er soll sehen, welche Speise am reinsten ist, und euch davon etwas zu essen bringen. Er soll sich dabei umsichtig verhalten und niemandem etwas von euch verraten. Wenn sie von euch erfahren, werden sie euch gewiss steinigen oder euch zu ihrer Religion zurückzwingen. Dann werdet ihr niemals Erfolg haben.“ (Sure al-Kahf: 19–20)

Dies ist die dritte Szene oder der Schlussteil der zweiten Szene. Nun sind sie alle wach. Ihre erste Frage lautet: Wie lange hatten sie geschlafen? Die Antwort lautet: einen Tag oder weniger. Dabei wissen wir, dass sie lange Zeit in der Höhle geblieben waren. Das haben wir aus der Zusammenfassung des Geschehens erfahren. Sie waren hungrig, deshalb machten sie sich darüber keine allzu großen Gedanken. Nun sagte jener gläubige Mann:(Arabisch**********)– „Euer Herr weiß, wie lange ihr geschlafen habt.“ Er wies einen von ihnen an, Lebensmittel zu kaufen, und warnte ihn in mehreren Punkten. Er sagte, er müsse äußerst umsichtig in die Stadt gehen, dürfe niemandem etwas über diesen Ort verraten und müsse die Lebensmittel nach ihrer Güte und Reinheit auswählen. Wenn jemand von ihnen erfuhr, würden sie sie vielleicht töten oder sie gewaltsam zur Religion ihrer Vorfahren zurückführen. Diese Worte wurden also von den Höhlenbewohnern (den Leuten der Höhle) gesprochen. Wir wissen, dass mehrere Jahrhunderte vergangen waren. Nun gab es niemanden mehr, der sie durch Steinigung hinrichten oder zur Religion ihrer Vorfahren zurückführen konnte. Denn alle hatten den Islam angenommen. Betrachten wir in der nächsten Szene die Handlungen ihres Abgesandten.

Wo ist die nächste Szene? Hier ist gewiss ein Nachdenken erforderlich. Wir wissen, dass die Menschen von ihnen erfahren hatten. Doch diejenigen Ungläubigen, vor denen sie sich gefürchtet hatten, waren zu jener Zeit in Wirklichkeit keine ungläubigen Götzendiener mehr. Zu jener Zeit waren alle gläubig geworden.

(Arabisch**********)

So ließen Wir ihre Geschichte bekannt werden, damit sie erkennen konnten, dass Allahs Verheißung wahr ist und dass es an der Auferstehung keinen Zweifel gibt. (Sure al-Kahf: 21)

An diesem Punkt tritt der religiöse Zweck des Geschehens zutage. Zugleich ist auch seine künstlerische Seite vollendet. Nun kreist in unserer Gedankenwelt die Frage: Was geschah mit demjenigen, der in die Stadt geschickt worden war? Und was tat er, als die Menschen sein Geheimnis entdeckt hatten?

Auch hier gibt es eine feine Unterbrechung. Danach wird verständlich, dass der Tod sie damals ereilte. Daraufhin standen die Menschen außerhalb der Höhle und begannen darüber zu streiten, weshalb sie am Din festgehalten hatten.

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Als sie über ihre Angelegenheit miteinander stritten, sagten sie: „Errichtet über ihnen ein Bauwerk. Ihr Herr weiß am besten über sie Bescheid.“ Diejenigen, deren Meinung in ihrer Angelegenheit vorherrschte, sagten: „Wir werden an ihrer Stelle gewiss eine Moschee errichten.“ (Sure al-Kahf: 21)

Wieder eine Pause. Wer möchte, kann sich nun in seiner Vorstellung über ihrem Heiligtum eine Moschee errichten. Die Menschen jedoch begannen, über verschiedene Dinge zu streiten. Die einen stritten darüber, wie viele sie gewesen waren, andere darüber, wie lange sie geschlafen hatten.

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Nun werden sie aufgrund von Vermutungen über das Unbekannte sagen: „Sie waren drei, und der vierte war ihr Hund.“ Andere werden sagen: „Sie waren fünf, und ihr Hund war der sechste.“ Wieder andere werden sagen: „Sie waren sieben, und der achte war ihr Hund.“ (Sure al-Kahf: 22)

Nachdem der religiöse Zweck durch die Wiedererweckung der Gefährten der Höhle erfüllt war, wurden sie erneut dem Geheimnis überlassen:

(Arabisch**********)

Sag: „Mein Herr weiß ihre Zahl am besten. Nur wenige kennen ihre Geschichte. Streite über sie nur in einer bloßen Erörterung und frage niemanden nach ihrem Zustand.“

Nachdem die Geschichte ihren Abschluss gefunden hat, legt der Koran seinen religiösen Zweck dar. Er lenkt die Aufmerksamkeit der Menschen auf die Offenbarung der Macht Allahs hin, die sich durch die Wiederbelebung der Gefährten der Höhle gezeigt hat, und sagt:

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Du sollst über keine Sache sagen: „Ich werde sie morgen tun“, ohne hinzuzufügen: „So Allah will.“ Und wenn du es vergisst, dann gedenke deines Herrn und sage: „Ich hoffe, dass mein Herr mich zu einem noch näheren Weg zur Wahrheit führen wird.“ (Sure al-Kahf: 23–24)

Hier wird dem edlen Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, eine besondere Aussage gegenüber gemacht. Wir brauchen uns nicht mit dieser Erörterung zu befassen. So viel lässt sich jedoch verstehen: Wie der Koran zugleich mit der Schilderung des Geschehens dessen religiöse Zielsetzung verdeutlicht, so tut er es auch hier. Welche bessere Gelegenheit hätte es für eine lehrreiche Ermahnung geben können?

Schließlich wurde die genaue Dauer ihres Aufenthalts in der Höhle genannt, und das ist auch unsere Aussage zu diesem Ereignis. Übrig bleibt ihre Zahl. Auch sie ist bis heute – ebenso wie die Gefährten der Höhle selbst – ein Geheimnis.

(Arabisch**********)In der Höhle verweilten sie dreihundert Jahre, zu denen noch neun weitere Jahre hinzukamen. (Sure al-Kahf: 25)

Die religiöse Lehre, die sich hinter diesem Ereignis verbirgt, wird in den folgenden Worten zum Ausdruck gebracht:

(Arabisch**********)

Sprich: Allah weiß am besten, wie lange sie verweilt haben. Ihm allein gehört das Wissen über das Verborgene der Himmel und der Erde. Wie trefflich sieht und hört Er! Sie haben außer Ihm keinen Helfer, und Er beteiligt niemanden an Seiner Herrschaft. Verlies, was dir von deinem Herrn aus dem Buch offenbart wurde. Niemand kann Seine Worte ändern, und du wirst außer Ihm keine Zuflucht finden. (Sure al-Kahf: 26–27)

Ich habe versucht, alle Merkmale der Erzählung zu untersuchen, und sie anschließend vor Ihnen dargelegt. Eines steht zweifellos fest: Im Al-Qur’an werden die Ereignisse so dargestellt, dass dem Leser beim Lesen alles wie ein Bild vor Augen tritt. Dies ist das wichtigste Merkmal. Und es übt Einfluss auf die Merkmale aus.

Das Bild von Emotionen und Gefühlen

Nun wenden wir uns einem weiteren Aspekt der szenischen Darstellung der Erzählung zu. Es handelt sich um die bildhafte Darstellung und den Ausdruck von Emotionen sowie der Neigungen und Regungen des Herzens.

Zuvor haben wir die Begebenheit des Gesprächs zwischen den beiden Gartenbesitzern und ihrem Gefährten geschildert. Ebenso haben wir die Begebenheit von Hadrat Mūsā (a.) und einem rechtschaffenen Mann geschildert. In diesen beiden Begebenheiten finden sich nicht nur Bilder von Emotionen und Gefühlen; zugleich wird auch die Persönlichkeit dargestellt, wodurch jene Szenen verkörpert und dem Auge vorgeführt werden. Nun lege ich Ihnen eine weitere Begebenheit dieser Art vor: die Begebenheit, als Hadrat Maryam (a.) Hadrat ʿĪsā (a.) gebar. Es heißt:

(Arabisch**********)

Und erwähne in diesem Buch Maryam, als sie sich von ihren Angehörigen absonderte und an einem Ort im Osten Zuflucht nahm. Dann verbarg sie sich vor ihnen hinter einem Vorhang. (Sure Maryam: 16–17)

Hadrat Maryam war mit ihrem einsamen, abgeschiedenen Leben zufrieden. Eines Tages ging sie jedoch gedankenversunken zu einem Badeort und sah dort plötzlich einen jungen Mann. Durch das unerwartete Ereignis war sie völlig ratlos; ihre Vorstellungswelt veränderte sich im Augenblick.

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Darauf sandte Ich ihr Unseren Geist, und er erschien ihr in vollkommener Menschengestalt. Maryam sagte: „Ich suche beim Allerbarmer Zuflucht vor dir, wenn du gottesfürchtig bist.“ (Sure Maryam: 17–18)

Diese Worte sind etwa so zu verstehen: Eine Jungfrau sitzt einsam und zurückgezogen, als plötzlich ein Mann vor ihr erscheint und sie bedroht. Da versucht sie mangels anderer Möglichkeiten, in ihm die Furcht vor Allah zu erwecken.

Obwohl wir verstehen, dass der Fremde kein junger Mann, sondern der Engel Gabriel, der Vertrauenswürdige, selbst war, hielt Maryam (a.s.) ihn für einen unbekannten jungen Mann. Denken Sie darüber nach: Warum sollte ein unbekannter junger Mann zu einem solch keuschen Jungfrauenmädchen kommen, das aus einer äußerst angesehenen Familie stammte, dessen gesamtes Verhalten auf die Grenzen der Religion beschränkt war und dessen Vormund selbst der ehrwürdige Zakaria (a.s.) war? Ihre Mutter hatte sie dem Dienst an der Religion gewidmet. Dies ist der erste Teil.

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Er sagte: Ich bin der Gesandte deines Herrn. Ich werde dir einen reinen Sohn schenken. (Sure Maryam: 19)

Wie der seelische Zustand und die Gefühle einer schüchternen Jungfrau sein mögen, die jemand unter Ausnutzung ihrer Einsamkeit plötzlich erschreckt, kann sich die Vorstellungskraft leicht ausmalen. Obwohl er behauptet, ein Gesandter Allahs (also ein Engel) zu sein, konnte sie ihm dennoch nicht vollständig glauben. Nur ein Gedanke kreiste immer wieder in ihrer Gedankenwelt: Vielleicht wollte er ihre Unschuld ausnutzen und ihre Jungfräulichkeit zerstören. Andernfalls würde er ihr die Nachricht von einem Kind auf eine Weise verkünden, für die es bis heute kein Beispiel gab. Dies ist der zweite Teil.

Nun trat Maryam (a.s.) in die Rolle eines mutigen Mädchens, das angesichts der Gefahr nicht in Panik gerät, sondern ihr tapfer entgegentritt.

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Sie rief aus: „Wie sollte ich einen Sohn haben, obwohl mich kein Mann berührt hat? Und ich war auch niemals eine Unzüchtige?“ (Sure Maryam: 20)

Maryam (a.s.) sprach diese Worte mit schwer von Schmerz belastetem Herzen. Noch immer standen Maryam (a.s.) und der erwähnte junge Mann allein da. Inzwischen hatte Maryam (a.s.) zwar den Zweck des Kommens des Fremden verstanden. Doch sie konnte sich keineswegs erklären, wie dies möglich sein sollte. Das Einzige, was ihr Trost spendete, war die Aussage des Herrn: „Ich bin der Gesandte deines Herrn.“ Dennoch schien es ihr, als könnte auch ein Betrüger hinter diesen Worten stecken – in jenem Zusammenhang, über den wir bereits gesprochen haben. Es handelte sich keineswegs um eine Angelegenheit, die Scham oder Anstand betraf; die Aussage musste noch deutlicher werden. Daher sagte Dschibril (a.s.):

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Er sagte: „So wird es geschehen. Dein Herr hat gesagt: Dies ist für Mich eine ganz leichte Angelegenheit. Und Wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit von Uns machen. Es ist eine beschlossene Angelegenheit.“ (Sure Maryam: 21)

Was geschah mit ihr? Hier folgt eine lange künstlerische Pause. Doch in den Momenten dieser Pause hallt in der Gedankenwelt der Leser immer wieder eine Frage wider: Was geschah mit Maryam (a.s.)? Erneut wechselt der Schauplatz der Geschichte. Auch diesmal sehen wir Maryam (a.s.) wegen einer anderen Angelegenheit beunruhigt – und zwar noch stärker als zuvor.

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Danach empfing sie ein Kind. Dann zog sie sich an einen weit entfernten Ort zurück. Die Wehen zwangen sie, am Fuß einer Dattelpalme Zuflucht zu suchen. Sie sagte: „O wäre ich doch zuvor gestorben und völlig aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden!“ (Sure Maryam: 23)

Dies ist der dritte Abschnitt.

Zu Beginn stand Hazrat Maryam (a.s.) allein da. Sie war in einer reinen und heiligen Umgebung aufgezogen worden. Doch schließlich sah sie sich einer völlig neuen Situation gegenüber. Auch ihr gegenwärtiges Verhalten war anders. Nun war sie vor ihrem Volk gedemütigt und beschimpft; sie litt nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Denn wegen der Wehen war sie gezwungen gewesen, unter einer Dattelpalme Zuflucht zu suchen. Hier war sie allein. Niemand war bei ihr. Außerdem hatte sie all die Beschwerden, die eine Frau bei ihrer ersten Schwangerschaft und Geburt durchmacht, und sie wusste nicht einmal, was sie in dieser Lage tun sollte. Es gab niemanden, der ihr auch nur ein wenig hätte helfen können. Deshalb sagte sie voller Verzweiflung: „O wäre ich doch vor diesem Zustand gestorben und völlig aus dem Gedächtnis der Menschen verschwunden!“ Daraus können wir ihren körperlichen und seelischen Schmerz sowie ihr Leid und ihre Not erkennen. Wir sehen, in welch große Bedrängnis sie geraten war. Es wird verkündet:

(Arabisch**********)Darauf rief ihr der Engel von unten zu: „Sei nicht traurig! Dein Herr hat unter deinen Füßen einen Bach fließen lassen. Schüttle den Stamm der Dattelpalme zu dir heran, dann werden reife Datteln auf dich herabfallen. So iss und trink und lass dein Auge sich erfreuen. Und wenn du einen Menschen siehst, dann sag: Ich habe dem Allerbarmer ein Fastengelübde abgelegt. Daher werde ich heute mit keinem Menschen sprechen.“ (Sure Maryam: 24–26)

Dies ist der vierte Teil.

Dieses Geschehen ist so erstaunlich und beunruhigend, dass wir angesichts seiner plötzlichen Wendung [nicht Maryam (a.s.)] bereit wären, davonzulaufen. Eine plötzliche Geburt, die Stimme eines Engels von unten, ein Kind, das für Maryam (a.s.) die Quelle von Schmerz und Vorwürfen ist, und unmittelbar darauf die vollständige Versorgung mit Nahrung und Getränken – zweifellos ist dies ein äußerst wunderbares Ereignis.

Wir nehmen an, dass auch Hazrat Maryam (a.s.) völlig erstaunt war: mit ihrem schwachen Körper den Dattelzweig zu schütteln, die frischen, reifen Datteln aufzusammeln und zu essen und sich anschließend etwas zu stärken, um den Weg nach Hause anzutreten. Doch eine weitere gedankliche Brücke muss hier noch überschritten werden.

(Arabisch**********)Darauf kehrte sie mit ihrem Kind zu ihrem Volk zurück. (Sure Maryam: 27)

Nachdem Maryam (a.s.) nun inneren Frieden erlangt hatte, sollte sie ihre Sorgen und ihren Schmerz auf die anderen übertragen.

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Sie sagten: O Maryam! Du hast etwas Unerhörtes getan. O Schwester Haruns! Dein Vater war kein schlechter Mann, und deine Mutter war keine Unzüchtige. (Sure Maryam: 27–28)

Die Leute ihres Stammes begannen, sie zu tadeln. Spöttisch redeten sie sie als „Schwester Haruns“ an und sagten: Du bist die Tochter einer so angesehenen Familie, in der sich zuvor niemals ein solcher Vorfall ereignet hat. Außerdem waren auch dein Vater und deine Mutter nicht so. Wie konntest du das Ansehen deiner Familie beflecken?

Maryam (a.) blieb mit schwerem Herzen sprachlos und deutete auf das Kind: Fragt nicht mich, sondern fragt es; ihr werdet eine Antwort erhalten. Offenbar glaubte Maryam (a.), dass durch ihr Kind ein Wunder geschehen würde. Deshalb hatte sie auf das Kind gedeutet. Als die Leute das hörten, waren sie erstaunt und begannen, sie noch heftiger zu tadeln. Denn die Menschen waren fassungslos: Ein junges Mädchen hatte ein Kind bekommen und freute sich über dieses Kind. Dass sie dann mit tiefem Vertrauen und auf herablassende Weise auf das Kind zeigte, trieb das Erstaunen der Menschen auf die Spitze.

(Arabisch**********)Sie sagten: Wie sollen wir mit einem Kind in der Wiege sprechen?

Da sprach Hazrat Isa (a.) auf wundersame Weise:

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Das Kind rief: Ich bin Allahs Diener. Er hat mir das Buch gegeben und mich zum Propheten gemacht. Wo immer ich mich befinde, hat Er mich gesegnet. Er hat mir befohlen, solange ich lebe, das Gebet und die Zakat zu verrichten und meiner Mutter zu gehorchen. Er hat mich weder hochmütig noch unglückselig gemacht. Friede sei auf mir am Tag meiner Geburt, am Tag, an dem ich sterben werde, und am Tag, an dem ich auferweckt auferstehen werde. (Sure Maryam: 30–33)

Wenn wir diese Begebenheit nicht schon vor wenigen Augenblicken gehört hätten, wären wir beim Hören davon erschrocken davongelaufen. Vor Sorge hätten wir nachts nicht schlafen können, und auf unseren Gesichtern wären die Spuren der Sorge sichtbar geworden. Doch wir haben von der Begebenheit erfahren. Deshalb möchte man, während man von Trauer beschwert ist und Tränen aus den Augen tropfen, zugleich vor überströmender Freude in die Hände klatschen. In diesem Augenblick fiel der Vorhang. Die Lage wurde so, dass angesichts der Tragik der Begebenheit Tränen aus den Augen tropften und zugleich vor Freude geklatscht wurde. Eine Stimme erklang und erschütterte das Herz in seiner tiefen Versunkenheit. Der Ausrufer verkündete:

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Das ist ʿĪsā, der Sohn Maryams – das wahre Wort, über das die Menschen gewarnt werden. Allah ist nicht so, dass Er ein Kind annimmt. Er ist heilig und erhaben. Wenn Er eine Sache beschließt, sagt Er nur: „Sei!“, und sie wird. (Das Kind sagte weiter:) Gewiss, Allah ist mein Herr und auch euer Herr. So dient Ihm; dies ist der gerade Weg. (Sure Maryam: 34–36)

An diesem Punkt sind sowohl Zweck und Ziel der Religion als auch die Szene und das Bild des Geschehens zur Vollendung gelangt. Zweifellos lässt sich sagen, dass dies ein hervorragendes Bild der Gefühle und Empfindungen ist. Diese Färbung liegt über dem gesamten Geschehen, wodurch die anderen Merkmale verblasst sind.

Der Abdruck der Persönlichkeit in der Erzählung

Nun erörtern wir die dritte Art der Darstellung im Koran. Sie ist eine der verschiedenen Arten der bildhaften Darstellung, doch bemühen wir uns, sie gesondert zu beschreiben. Sie steht mit der Persönlichkeit in Verbindung.

Auch in den zuvor erwähnten beiden Geschichten von den beiden Gartenbesitzern und ihrem Gefährten sowie von Ḥadhrat Mūsā (a. s.) und einem rechtschaffenen Mann ist der Abdruck der Persönlichkeit vollständig erkennbar. Das Geschehen ist mit der Persönlichkeit verbunden. Daher ist die Darstellung der Persönlichkeit in der Erzählung eine Kunst von höchstem Rang. Zweck und Ziel der gesamten Geschichte stehen mit der Persönlichkeit in Verbindung, ganz gleich, ob das Geschehen mit dem Koran oder mit der Kunst zusammenhängt.

Obwohl im Koran verschiedene Ereignisse und Geschichten ausschließlich zum Zweck des Aufrufs zur Religion erzählt werden, ist das Hauptziel jedes Ereignisses und jeder Geschichte somit der Aufruf zur Religion. Dennoch lässt sich die Darstellung der Persönlichkeit davon nicht getrennt betrachten. Dieses Merkmal findet sich in sämtlichen Geschichten des Korans. Die Person wird als menschliches Gleichnis dargestellt. Im Koran wird über einige Personen und Persönlichkeiten gesprochen, die die Grenzen der Persönlichkeit überschritten haben und als „Menschen als Gleichnis“ erscheinen. In diesem Zusammenhang werden wir im Folgenden einige Ereignisse untersuchen.

1. Ein Anführer von unruhigem Wesen

Als Beispiel können wir Mose (a.s.) anführen. Er war ein Anführer von ungestümer Art.

Hazrat Mose (a.s.) war im Palast des Pharaos aufgezogen worden und ins Erwachsenenalter eingetreten. Er besaß einen kräftigen und starken Körper.

(Arabisch**********)

Eines Tages betrat er die Stadt, während ihre Bewohner unachtsam waren. Dort sah er zwei Männer miteinander kämpfen. Der eine gehörte seiner eigenen Gruppe an, der andere der Gruppe seiner Feinde. Da bat derjenige aus seiner eigenen Gruppe ihn gegen den Mann aus der feindlichen Gruppe um Hilfe. Daraufhin schlug Mose ihn mit der Faust, und der Mann starb auf der Stelle. (Sure al-Qasas: 15)

Aus diesem Ereignis sind zwei Dinge deutlich geworden. Erstens: Hazrat Moses (a.s.) Parteinahme für sein Volk. Zweitens: seine ungestüme Wesensart. Denn als ein Mann aus seinem Volk ihn um Hilfe bat, ergriff er sofort dessen Partei, schlug den anderen mit der Faust und setzte damit dessen Leben ein Ende. Danach sagte er beschämt:

(Arabisch**********)

Mose sagte: „Das ist ein Werk des Satans. Wahrlich, er ist ein offenkundiger Feind und Verführer. Er sagte ferner: ‚O mein Herr! Ich habe mir selbst Unrecht getan. So vergib mir.‘ Da vergab Allah ihm. Wahrlich, Er ist der Allvergebende, der Barmherzige. Er sagte: ‚O mein Herr! Nach der Gunst, die Du mir erwiesen hast, werde ich niemals wieder ein Helfer der Übeltäter sein.‘ (Sure al-Qasas: 15–18)

Danach heißt es:

(Arabisch**********)Danach erhob er sich am Morgen in der Stadt voller Angst und Sorge. (Sure al-Qasas: 18)

In diesem Vers wird ein sehr vertrautes Bild gezeichnet. Wenn ein Mensch in Panik gerät, blickt er sich nach allen Seiten um und geht weiter, weil er einer solchen Situation nicht noch einmal gegenübertreten möchte. So ist der Zustand eines Menschen mit unruhigem Wesen.

Musa (a.s.) hatte versprochen, niemandem mehr in einer Notlage zu helfen. Sehen wir nun, wie standhaft er an diesem Entschluss festhielt. Plötzlich sah er:

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Plötzlich sah er, dass der Mann, der ihn am Vortag um Hilfe gebeten hatte, schreiend nach seiner Hilfe rief. Musa sagte zu ihm: „Du bist wahrlich ein offenkundig Verirrter.“ (Sure al-Qasas: 18)

Doch er vergaß sein Versprechen. Er ging auf ihn zu und wollte den vorherigen Vorfall wiederholen, denn er war ein Mensch mit unruhigem Wesen. Deshalb vergaß er, dass er sich wegen einer solchen Tat geschämt und im göttlichen Hof um Vergebung gebeten hatte. Als er an sein früheres Vergehen erinnert wurde, bekam er Angst.

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Als Musa daraufhin den Feind der beiden bestrafen wollte, sagte jener: „Willst du mich etwa ebenso töten, wie du gestern einen Menschen getötet hast? Du strebst danach, ein Tyrann im Land zu werden, und willst kein Verbesserer sein.“ (Sure al-Qasas: 19)

Da kam ein Mann zu ihm und riet ihm, aus der Stadt zu fliehen. Wir wissen, dass er diesem Rat folgte und das Land verließ. Lassen wir ihn vorerst beiseite. Kehren wir nach zehn Jahren zu ihm zurück. War in dieser langen Zeit irgendeine Beständigkeit in sein Wesen eingekehrt? War er zu einem ruhigen und gefassten Menschen geworden?

Gewiss nicht. In seinem Wesen hatte sich grundlegend nichts verändert. Als von der rechten Seite des Berges Ṭūr eine Stimme ertönte: „Wirf deinen Stab hin!“, warf er ihn hin. Doch als sich der Stab in eine sich bewegende Schlange verwandelte, ergriff ihn bei ihrem Anblick die Flucht, und er rannte atemlos davon. Kein einziges Mal blickte er zurück. Selbst im reifen Alter konnte er seine frühere Gewohnheit nicht ablegen. Natürlich würde in einer solchen Lage jeder davonlaufen – doch er lief allen voran. Nicht einmal für einen Augenblick hielt er inne, um zu sehen, was dort geschah.

Er besiegte die Zauberer, errettete die Kinder Israels aus der Unterdrückung durch den Pharao, führte sie über das Meer und gelangte dann zur festgesetzten Zeit zum Berg Ṭūr, um den Segen des Prophetentums zu erlangen. Dennoch stellte er Allah auf dem Berg Ṭūr eine seltsame Bitte:

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Moses sagte: „Mein Herr, zeige Dich mir, damit ich Dich sehen kann.“ Allah sagte: „Du wirst Mich niemals sehen können. Blick auf den Berg; wenn er an seinem Platz stehen bleibt, dann wirst auch du Mich sehen können.“ (Sure al-Aʿrāf: 143)

Was daraufhin geschah, vermag kein Mensch auf der Erde zu begreifen – und nicht nur Moses allein.

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Als sein Herr daraufhin Sein Licht auf dem Berg erstrahlen ließ, wurde dieser sogleich zerschmettert, und Moses blieb bewusstlos liegen. Als er wieder zu Bewusstsein kam, sagte er: „O Herr! Du bist erhaben und heilig. Ich bereue vor Dir, und ich bin der Erste, der glaubt.“ (Sure al-Aʿrāf: 143)

Moses tat also, was ein Mensch von unruhigem Wesen zu tun pflegt.

Damit war es jedoch noch nicht zu Ende. Als er von dort zurückkehrte und sah, dass sein Volk ein Kalb anbetete, während er die Tafeln der Tora in der Hand hielt, die ihm sein Herr gegeben hatte, schleuderte er sie, ohne nachzudenken, mit aller Kraft zu Boden, packte seinen Bruder am Bart und begann, ihn hin und her zu zerren. Nicht einmal seine Worte wollte er anhören. Da begann er zu sagen:

(Arabisch**********)

O Sohn meiner Mutter! Zieh nicht an meinem Bart und an meinem Kopfhaar! Ich fürchtete, du würdest sagen: Du hast unter den Kindern Israels Zwietracht gestiftet und mein Wort nicht beachtet. (Sure Ta-Ha: 94)

Als er erfuhr, dass ein Mann namens der Samaritaner die Anbetung des Kalbes veranlasst hatte, richtete sich sein ganzer Zorn gegen ihn. Mit donnernder Stimme verkündete er dem Samaritaner:

(Arabisch**********)

Moses sagte: Fort mit dir! Dir ist als Strafe bestimmt, dass du dein ganzes Leben lang sagen wirst: »Berührt mich nicht.« Für dich gibt es eine festgesetzte Verheißung, von der es keine Abweichung geben wird. Richte deinen Blick auf deinen Gott, an dem du festhieltest. Wir werden ihn verbrennen und ihn dann zerstreut ins Meer streuen. (Sure Ta-Ha: 97)

All dies tat der ehrwürdige Moses aus Zorn. Lassen wir ihm noch einige Jahre Zeit.

Das Volk von Moses hielt sich in der Wüste von Tih auf. Unserer Auffassung nach hatte er das Erwachsenenalter erreicht, als er sich von seinem Volk trennte. Er begegnete einem rechtschaffenen Mann und äußerte den Wunsch, von dessen Begleitung zu profitieren. Wir wissen, dass er auch dort nicht geduldig bleiben konnte. Schließlich trennte ihn der rechtschaffene Mann von sich, nachdem er ihm die Beweggründe für sein Verhalten erklärt hatte.

Dies war die Persönlichkeit von Moses, der im Verlauf der Geschichte als beispielhafte Gestalt dargestellt wird.

2. Eine weichherzige und nachsichtige Persönlichkeit

Der Charakter Abrahams war das völlige Gegenteil des Charakters von Moses. Abraham war ein leuchtendes Beispiel für eine weichherzige und ausgeglichene Persönlichkeit. Es heißt:

(Arabisch**********)Wahrlich, Abraham war ein überaus weichherziger und nachsichtiger Mensch. (Sure at-Tauba: 114)

Schon in seiner Kindheit dachte er tiefgründig nach, während er sich darum bemühte, Allah zu erkennen. Es heißt:

(Arabisch**********)

Als die Nacht ihn mit Dunkelheit bedeckte, erblickte er einen Stern. Er sagte: „Das ist mein Herr.“ Als dieser jedoch unterging, sagte er: „Ich liebe die Untergehenden nicht.“ Dann, als er den leuchtenden Mond sah, sagte er: „Das ist mein Herr.“ Als dieser jedoch verschwand, sagte er: „Wenn mein Herr mich nicht rechtleitet, werde ich gewiss zu den irregeleiteten Leuten gehören.“ Dann, als er die noch strahlendere Sonne sah, sagte er: „Das ist mein Herr; sie ist die größte.“ Als auch sie unterging, sagte er: „O mein Volk, ich bin frei von dem, was ihr Ihm beigesellt. Ich habe mein Angesicht, als ein sich Allah allein Zuwendender, demjenigen zugewandt, der die Himmel und die Erde erschaffen hat, und ich bin kein Götzendiener.“ Sein Volk begann mit ihm zu streiten. Er sagte: „Streitet ihr mit mir über Allah, obwohl Er mich rechtgeleitet hat? Ich fürchte nicht diejenigen, die ihr Ihm beigesellt, es sei denn, mein Herr will mir etwas Leid zufügen. Mein Herr umfasst mit Seinem Wissen alle Dinge. Wollt ihr denn nicht nachdenken?“ (Sure al-An’am: 76–81)

Als Hadhrat Ibrahim (a) an die Einheit Allahs glaubte, rief er als Allererstes seinen Vater in äußerst sanftem Ton und voller liebevoller Zuneigung zum Tauhid auf:

(Arabisch**********)

Als er zu seinem Vater sagte: „O mein Vater! Warum dienst du dem, der weder hört noch sieht und dir in keiner Weise nützt? O mein Vater! Zu mir ist ein Wissen gelangt, das nicht zu dir gelangt ist. So folge mir, ich werde dich auf den geraden Weg führen. Mein Vater! Folge nicht dem Satan; wahrlich, der Satan ist dem Allerbarmer ungehorsam. O mein Vater! Eine Strafe des Allerbarmers wird dich treffen, und dann wirst du zum Gefährten des Satans werden.“ (Sure Maryam: 42–35)

Doch Ibrahims (a) Vater wies seinen Aufruf zurück und sagte in drohendem Ton:

(Arabisch**********)

Er sagte: „O Ibrahim! Wendest du dich von meinen Göttern ab? Wenn du nicht davon ablässt, werde ich dich gewiss zu Tode steinigen. Halte dich für immer von mir fern.“

Doch trotz des harten Verhaltens seines Vaters sah man ihn weder die Grenzen von Geduld und Nachsicht überschreiten noch sich hochmütig zeigen. Vielmehr antwortete er höflich und sanft:

(Arabisch**********)

Ibrahim sagte: „Friede sei mit dir. Ich werde meinen Herrn um Vergebung für dich bitten. Gewiss, Er ist barmherzig zu mir. Ich wende mich von euch und von denen ab, die ihr außer Allah anbetet, und ich werde meinen Herrn anbeten. Ich hoffe, dass ich durch die Anbetung meines Herrn nicht enttäuscht werde.“ (Sure Maryam: 47–48)

Danach zerstörte der Prophet Ibrahim (a. s.) die Götzen. Vermutlich war dies die einzige Tat, die er mit einer harten Haltung ausführte. Nur dank Allahs unermesslicher Herrlichkeit konnte er die Götzen zerstören. Er nahm an, dass sein Volk, wenn es die zerstörten und verstreuten Götzen sehen würde, zu dem Schluss kommen müsste: Götzen können sich wegen ihres eigenen Leids und ihrer eigenen Not nicht einmal bewegen. Also musste jemand sie zerstört haben. Er dachte, dass sein Volk auf diese Weise den Glauben annehmen würde. Tatsächlich sagten sie in Gedanken:

(Arabisch**********)Darauf besannen sie sich und sagten: „O Leute! Ihr selbst seid die Ungerechten.“ (Sure al-Anbiya: 64)

Als sein Volk beschloss, ihn im Feuer zu verbrennen, sagte Allah:

(Arabisch**********)„Ich sagte: O Feuer! Sei kühl und sicher für Ibrahim.“ (Sure al-Anbiya: 69)

Danach wanderte der Prophet Ibrahim (a. s.) gemeinsam mit den Gläubigen aus. Zu den Gläubigen gehörte auch sein Neffe, der Prophet Lut (a. s.). In hohem Alter schenkte Allah ihm dann einen Sohn namens Ismail. Doch die Ereignisse nahmen eine andere Wendung: Er war gezwungen, seine Frau und seinen Sohn an einem anderen Ort zurückzulassen. Der Koran schweigt über den Grund dafür. Im alleinigen Vertrauen auf Allah ließ er sie in einem menschenleeren Land zurück. Darauf flehte er mit größter Demut und eindringlicher Stimme Allah an:

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„O mein Herr! Ich habe einen meiner Nachkommen in einem unbebauten Tal bei Deinem heiligen Haus angesiedelt. O mein Herr, damit sie das Gebet verrichten. So lass die Herzen einiger Menschen ihnen zugeneigt sein und versorge sie mit Früchten, auf dass sie dankbar sein mögen.“ (Sure Ibrahim: 37)

Hazrat Ismael (a.s.) war damals noch nicht in die Jugend eingetreten, sondern erst ein Knabe. In diesem Zustand sah Hazrat Ibrahim (a.s.) im Traum, dass er Ismael (a.s.) opferte. Nach dem Erwachen aus dem Traum machte er sich bereit, die Glaubensprüfung abzulegen. Darauf schenkte Allah ihm aus Barmherzigkeit anstelle Ismaels (a.s.) das „Zabh-e Azim“, ein großes Opfer.

Tatsächlich lässt alles, was an Ereignissen und Erzählungen über Hazrat Ibrahim (a.s.) überliefert ist, nur eine Schlussfolgerung zu: Er war ein äußerst sanftmütiger und geduldiger Mensch. Diesbezüglich gibt der Qur’an selbst ein Zeugnis:

(Arabisch**********)Gewiss, Ibrahim war überaus geduldig, sanftmütig und Allah zugewandt (Sure Hud: 75).

3. Hazrat Yusuf (a.s.)]

Hazrat Yusuf (a.s.) war die Verkörperung einer gelehrten und weisen Persönlichkeit.

Seht: Die Frau des Aziz verführte ihn zu einer unzüchtigen Handlung und drohte ihm sogar, weil er nicht auf sie hören wollte. Doch er wies dies entschlossen zurück. Er lebte im Haus des Aziz und begegnete daher allen mit Achtung und Respekt. Deshalb bemühte er sich stets darum, dass nichts gesagt oder getan würde, wodurch seine Ehre und sein Ansehen mit Füßen getreten werden könnten.

Es wird verkündet:

(Arabisch**********)

Gewiss, die Frau begehrte ihn, und auch er hätte sie begehrt, wenn er nicht das Zeichen seines Herrn gesehen hätte. Auf diese Weise wendeten Wir von ihm das Böse und die schändlichen Taten ab. Gewiss, er gehörte zu Unseren auserwählten Dienern. (Sure Yusuf: 24)

Schauen wir ein wenig zurück und betrachten wir das wahre Gesicht der Frau:

(Arabisch**********)

Beide eilten zur Tür, und die Frau zerriss Yusuf von hinten das Hemd. (Sure Yusuf: 25)

Plötzlich wurde jene Stimme vernommen, vor der die Ehefrau Angst hatte.

(Arabisch**********)Und beide fanden den Ehemann der Frau an der Tür.

Hier trat die Frau in ihrer wahren Gestalt hervor. Sie erhob gegen Yusuf eine Verleumdung:

(Arabisch**********)Die Frau sagte: Derjenige, der mit deiner Familie eine Schandtat begehen will.

Da die Frau in leidenschaftlicher Liebe zu Hazrat Yusuf (Friede sei mit ihm) entbrannt war, wollte sie nicht, dass er eine schwere Strafe erhielt. Daher deutete sie selbst eine etwas mildere Strafe an und sagte:

(Arabisch**********)Schickt ihn ins Gefängnis oder verhängt über ihn eine schmerzhafte Strafe (welche andere Strafe könnte man ihm sonst geben?). (Sure Yusuf: 25)

Er sagte die Wahrheit auf höfliche Weise.

(Arabisch**********)Er sagte: Sie war es, die mich dazu verleitet hat, meine Selbstbeherrschung aufzugeben. (Sure Yusuf: 26)

Damit war es bewiesen. Bemerkenswert ist, dass ein Mann aus dem engsten Umfeld ebenjener Frau als Zeuge auftrat.

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Ein Angehöriger der Frau bezeugte: Wenn sein Hemd vorne zerrissen ist, dann ist die Frau wahrhaftig und er ist ein Lügner. Wenn aber das Hemd hinten zerrissen ist, dann ist die Frau eine Lügnerin und er ist wahrhaftig. (Sure Yusuf: 26–27)

Damit war die Wahrhaftigkeit von Hazrat Yusuf (Friede sei mit ihm) bewiesen.

Diese Begebenheit verbreitete sich unter allen Frauen der ganzen Stadt. Die Frau des Aziz begann, sich vor Scham zutiefst zu grämen. Eines Tages lud sie alle Frauen der Stadt zu einem Gastmahl ein. Als die Frauen Messer in die Hand nahmen, um zu essen (damals war es in Ägypten üblich, dass die Gäste ihre Speisen mit Messern zerschnitten), wurde Yusuf (a.s.) vor ihnen erscheinen gelassen. Die Frauen betrachteten ihn wie gebannt. Während sie mit ihren Messern vor sich das Essen schnitten, verletzte sich jede von ihnen die eigene Hand.

(Arabisch**********)

Als sie ihn sahen, waren sie völlig verblüfft und schnitten sich in die eigenen Hände. Sie sagten: „Das kann unmöglich ein Mensch sein! Das ist gewiss ein edler Engel.“ (Sure Yusuf: 31)

Sie waren allesamt Frauen, und zu ihnen gehörte auch die Frau des Aziz. Sie wusste sehr wohl, wie völlig überwältigt die Frauen gewesen waren.

(Arabisch**********)Nachdem sie diese Zeichen gesehen hatten, hielten sie es für angemessen, ihn für einige Zeit ins Gefängnis zu werfen. (Sure Yusuf: 35)

Danach sehen wir, wie Yusuf (a.s.) im Gefängnis den Traum von zwei Dienern des Königs deutete. Bei einem von ihnen nahm er an, dass er freigelassen und wieder als Gefährte des Königs eingesetzt werden würde. Da sagte er zu ihm: „Geh zum König und erzähle ihm von mir.“ Doch als dieser hinausging, vergaß er es. So musste Yusuf (a.s.) noch einige Jahre die Leiden des Gefängnisses ertragen. Als der König einen Traum sah und beunruhigt war, seine Deutung zu erfahren, konnte niemand ihn richtig deuten. Da erinnerte sich jener Mann an Yusuf (a.s.). Er erzählte dem König die ganze Geschichte. Daraufhin ließ der König ihn aus dem Gefängnis holen, damit er ihm den Traum deute.

Hier zeigt sich die Klugheit von Yusuf (a.s.). Ohne irgendeine Schuld musste er die Misshandlungen im Gefängnis ertragen. Selbst als er nun den Ruf nach Freiheit hörte, fürchtete er, dass man ihn aufgrund eines erneuten Verdachts wieder ins Gefängnis werfen könnte. Deshalb wartete er auf eine Gelegenheit, die Angelegenheit zur Sprache bringen zu lassen. Daher ließ er dem Boten ausrichten:

(Arabisch**********)

Er sagte: „Kehrt zu eurem Herrn zurück und fragt ihn nach dem Zustand jener Frauen, die sich die Hände verletzt hatten. Mein Herr weiß gewiss alles über ihre List.“ (Sure Yusuf: 50)

Der König befragte all diese Frauen zu dem gesamten Vorfall. Sie erzählten alles. Sogar die Frau des Aziz gestand seine Keuschheit ein. Offensichtlich war diese Frau damals bereits alt geworden. Wir vermuten, dass sie zum Zeitpunkt dieses Vorfalls vierzig Jahre alt oder etwas älter war. Sie war damals bereits ins vorgerückte Alter eingetreten, sodass sie zu jener Zeit nicht mehr in der Lage war, sich eines Fehlverhaltens schuldig zu machen. Daher gestand sie offen:

(Arabisch**********)

Die Frau des Aziz sagte: „Jetzt ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Ich selbst habe versucht, ihn zu verführen. Er ist wahrhaftig.“ (Sure Yusuf: 51)

Aus der obigen Erörterung wird deutlich, dass der edle Yusuf (a. S.) äußerst weise und vernunftbegabt war. Jeden einzelnen Schritt mit Bedacht zu setzen, war eines seiner charakteristischen Merkmale. Deshalb heißt es:

(Arabisch**********)

Dies geschah, damit der Aziz wissen konnte, dass ich ihn nicht heimlich betrogen hatte. Außerdem lässt Allah die Täuschung der Verräter nicht zum Erfolg gelangen. Ich spreche mich nicht von Schuld frei. Gewiss neigt die menschliche Seele stark zum Schlechten. (Sure Yusuf: 52–53)

Als der edle Yusuf (a. S.) sah, dass der König von seinen Worten beeinflusst worden war und sich über die Kenntnis der Traumdeutung freute, sagte dieser sogar:

(Arabisch**********)Gewiss, du genießt von heute an bei mir den Rang eines Vertrauenswürdigen. (Sure Yusuf: 54)

Bei dieser Gelegenheit ließ er die Chance nicht ungenutzt und sagte zum König:

(Arabisch**********)

Setze mich mit der Verwaltung der Schatzkammern des Landes ein. Ich bin ein vertrauenswürdiger Bewahrer und erfahren. (Sure Yusuf: 55)

Auf diese Weise nutzte er die Gelegenheit gut. Sowohl in Zeiten des Wohlstands als auch während der Hungersnot leitete er alles umsichtig und stellte seine Befähigung unter Beweis. Vierzehn Jahre lang übte er dieses Amt aus. In dieser Zeit war er nicht nur der für die Lebensmittelversorgung Ägyptens zuständige Minister, sondern betrachtete sich auch als Verantwortlicher für die umliegenden Staaten und Gebiete. Denn auch sie waren von der Hungersnot heimgesucht worden. Daher waren sie gezwungen, bis zu sieben Jahre lang Lebensmittel aus Ägypten zu beziehen.

Als seine Brüder nach Ägypten kamen, um Rationen zu holen, erkannte er sie, sie aber erkannten ihn nicht. Er stellte ihnen die Bedingung, dass sie beim nächsten Mal keine Rationen erhalten würden, wenn sie ihren Bruder nicht mitbrächten. Als sie bei der nächsten Lieferung ihren Bruder Benjamin mitbrachten, ließ er, um ihn von ihnen zu trennen, einen königlichen Becher in dessen Gepäck legen und verkünden, dass ein Becher aus dem königlichen Palast gestohlen worden sei. „Leute der Karawane! Ihr habt gestohlen.“ Sie bestritten den Diebstahl und forderten dazu auf, ihr Gepäck zu durchsuchen. Sie sagten außerdem: „Haltet denjenigen fest, bei dem der vermisste Becher gefunden wird.“ Hier zeigt sich die Umsicht von Yusuf (a).

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Darauf begann Yusuf, anstelle des Gepäcks seines Bruders, ihr Gepäck zu durchsuchen. Schließlich holte er das Gefäß aus dem Gepäck seines Bruders hervor. (Sure Yusuf: 76)

Die Brüder von Hazrat Yusuf (a.s.) ließen Benjamin zurück, gingen in ihr Land und kehrten anschließend wieder zurück. Daraufhin gab Hazrat Yusuf (a.s.) sich zu erkennen. Zuvor hatte er sie in Verwirrung gestürzt und ihnen auf diese Weise eine kleine Lektion erteilt.

Hier wird die Persönlichkeit von Hazrat Yusuf (a.s.) in äußerst eindrucksvoller Weise dargestellt. Wissen und Weisheit, ruhiges Nachdenken sowie Rationalität und Ähnliches waren charakteristische Merkmale seiner Persönlichkeit.

4. Hazrat Adam (a.s.)

Wir hatten vor, die Persönlichkeiten von Hazrat Adam und Iblis ausführlich zu erörtern. Stattdessen beschreiben wir sie hier gemeinsam in aller Kürze, weil ich hoffe, diese Begebenheit an anderer Stelle ausführlich darzustellen.

Um die Wahrheit zu sagen: Hazrat Adam (a.s.) wird im Koran als das Beispiel eines Menschen dargestellt, in dem alle menschlichen Tugenden und Eigenschaften vorhanden sind. Unter den menschlichen Eigenschaften findet sich eine, die bereits in der frühen Phase des Lebens von Hazrat Adam (a.s.) zutage trat und die auch heute noch beim Menschen anzutreffen ist. Es handelt sich darum, dass Iblis die menschliche Schwäche ausnutzte. Deshalb glaubten sowohl Adam als auch Hawwa den Worten Iblis’.

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Iblis sagte: „O Adam! Soll ich dir den Baum des ewigen Lebens und ein unvergängliches Königreich zeigen?“ (Sure Ta-Ha: 120)

Deshalb sehnt sich der Mensch seit jeher nach einem Leben, das kein Ende hat. Wenn er versucht, dieses Ziel gemäß dem Rat des Satans zu erreichen, wird die Frage, ob etwas erlaubt oder verboten ist, für ihn nebensächlich. Manchmal möchte der Mensch durch seine Nachkommen auf der Erde weiterleben, und manchmal möchte er leben, indem er geistige Söhne seiner eigenen Glaubensüberzeugungen und Vorstellungen hervorbringt und in ihnen fortbesteht. Doch den wahren Weg des Weiterlebens hat der Islam gezeigt. Deshalb wurde der Mensch aufgefordert, an ein weiteres Leben nach dem Tod zu glauben. Aus dieser Perspektive ist der Islam der Garant für ein ewiges Leben. Was nun die Persönlichkeit Iblis’ betrifft: Seine Persönlichkeit ist die Persönlichkeit des Satans. Das genügt für Iblis vollauf.

5. Hazrat Sulaiman (a.s.)

Nun werde ich von einem Ereignis berichten, in dem sich eine Persönlichkeit in vollem Maße entfaltet hat. Diese Entwicklung übersteigt sogar unsere Vorstellungskraft. Zugleich sind darin künstlerische Schönheit und religiöse Zielsetzung in vollstem Maße vorhanden. Es handelt sich um die Geschichte von Hazrat Sulaiman (a.s.) und Bilqis.

In diesem Ereignis treten die Persönlichkeiten beider in besonderem Glanz hervor. Wir sehen darin die Persönlichkeit eines Mannes und daneben die einer Frau, ebenso wie die eines Königs und die einer Königin. Betrachten wir nun, wie ihre jeweiligen Persönlichkeiten dargestellt wurden.

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Sulaiman erkundigte sich nach den Vögeln und sagte dann: „Was ist los? Ich sehe den Wiedehopf nicht. Oder ist er abwesend? Ich werde ihn gewiss streng bestrafen oder zum Tode verurteilen, es sei denn, er bringt einen triftigen Grund vor.“ (Sure an-Naml: 20–21)

Dies ist die erste Szene. Hier zeigt sich ein weiser Herrscher, darüber hinaus ein Prophet und zugleich eine umsichtige Persönlichkeit. Der König erkundigt sich nach seinen Untertanen und wird zornig, als er feststellt, dass einer von ihnen ohne Erlaubnis abwesend ist. Dennoch ist er kein tyrannischer König. Oft gibt es einen vernünftigen Grund für eine Abwesenheit; liegt ein solcher triftiger Grund vor, ist die Sache erledigt. Andernfalls ist es ein Vergehen. Deshalb werde ich ihn bestrafen oder zum Tode verurteilen.

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Nach einiger Zeit kam der Wiedehopf und sagte: „Ich habe von etwas Kenntnis erlangt, von dem Sie nichts wissen. Ich bringe Ihnen eine sichere Nachricht aus Saba. Ich sah eine Frau über das Volk von Saba herrschen. Ihr wurde alles gegeben, und sie besitzt einen gewaltigen Thron. Ich sah, wie sie und ihr Volk sich anstelle Allahs vor der Sonne niederwarfen. Satan hat ihnen diese Tat verlockend erscheinen lassen und sie vom rechten Weg abgehalten, sodass sie den rechten Weg nicht finden. Warum werfen sie sich nicht vor Allah nieder, der das Verborgene in den Himmeln und auf der Erde ans Licht bringt und weiß, was ihr verbergt und was ihr offenlegt? Außer Allah gibt es keinen anderen Gott. Er ist der Herr des gewaltigen Thrones.“ (an-Naml: 22–26)

Der Wiedehopf war abwesend gewesen; mit seiner Ankunft wurde nun die zweite Szene eingeleitet. Er wusste, dass der König äußerst mächtig war und dass seine Strafe äußerst streng ausfallen würde. Daher begann er seine Rede in einer Weise, von der er glaubte, dass sie auf diese Weise die Aufmerksamkeit des Königs erregen und er der Bestrafung wegen seiner Abwesenheit entgehen würde. Seine Rede begann mit den Worten:

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Ich bin mit einer Nachricht gekommen, von der Sie keine Kenntnis haben. Es handelt sich um eine sichere Nachricht über Saba.

Wenn ein gewöhnlicher Untertan zum König sagt: „Ich weiß von einer Nachricht, von der Sie nichts wissen“, gibt es dann einen König, der ihm nicht zuhören würde? Der Wiedehopf sah, dass der König ihm aufmerksam zuhörte, und begann daraufhin, das Geschehen ausführlich zu schildern. Dann äußerte er, erstaunt über das Verhalten des Volkes von Bilqis:

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(Ich verstehe nicht,) warum sie sich nicht vor Allah niederwerfen, der über alle verborgenen Dinge in den Himmeln und auf der Erde Bescheid weiß? (Sure an-Naml: 25)

Hier ist der Wiedehopf der Schuldige. Der König hatte noch keine Entscheidung über ihn getroffen. Daher lenkte der Wiedehopf geschickt die Aufmerksamkeit des Königs darauf, dass allein Allah der Besitzer des gewaltigen Thrones ist. Sulaiman (a. s.) sagte:

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Jetzt werde ich sehen, ob du die Wahrheit sagst oder lügst. Nimm diesen meinen Brief, wirf ihn ihnen vor und zieh dich dann von ihnen zurück; sodann sieh, welche Antwort sie geben. (Sure an-Naml: 27–28)

Dies ist der letzte Abschnitt der zweiten Szene. In diesem Abschnitt tritt ein weiser und gerechter König auf, der trotz der Übermittlung einer so bedeutenden Nachricht das Vergehen, vom Heer abwesend zu sein, nicht verziehen hat. Daher bemühte er sich, die Wahrheit des Geschehens zu überprüfen. Ein Prophet und ein gerechter König haben die angemessene Entscheidung eines Königs getroffen. Wir sind lediglich gewöhnliche Zuschauer dieser Szene. Noch wissen wir nicht, was er in den Brief geschrieben hat. Bis der Brief die Hände der Kaiserin erreicht, haben wir keine Möglichkeit, es zu erfahren. Als die Kaiserin den Brief erhält, enthüllt sie seinen Inhalt. Damit beginnt die dritte Szene.

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Die Kaiserin sagte: Ihr Ratsmitglieder, mir ist ein ehrenvoller Brief übergeben worden. Er stammt von Salomo und lautet: Im Namen Allahs, des unendlich Freigebigen, des Allerbarmers. Zeigt mir gegenüber keine Stärke und kommt als Ergebene zu mir. (Sure an-Naml: 29–31)

Die Kaiserin wandte sich an die Ratsmitglieder, um sich mit ihnen über den Brief zu beraten, und sagte:

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Die Kaiserin sagte: Ihr Ratsmitglieder, beratet mich in meiner Angelegenheit! Ohne eure Anwesenheit treffe ich in keiner Angelegenheit eine Entscheidung. (Sure an-Naml: 32)

Überall und zu jeder Zeit gehört es zu den Gewohnheiten der Angehörigen des Heeres, stets ihre Tapferkeit und ihren Mut zur Schau zu stellen. Denn außer durch das Zurschaustellen ihrer Tapferkeit haben sie keine Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zugleich sagen sie, dass alle Macht und Befugnis beim König liegen. Was immer befohlen wird, wir sind bereit, es zu befolgen. Ihrer überlieferten Gewohnheit entsprechend riefen sie:

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Sie sagten: Wir sind stark und tapfere Krieger. Nun liegt die Entscheidung bei dir. Überlege, was du uns befehlen wirst. (Sure an-Naml: 33)

Hier trat Bilqis’ weibliches Wesen zutage. Frauen versuchen gewöhnlich, Aufruhr, Unruhen und Streit zu vermeiden, und mögen sie nicht. Es liegt in der Natur von Frauen, ohne Gewalt anzuwenden, durch geschicktes Vorgehen ihr Ziel zu erreichen. Zu ihren Eigenschaften gehört auch, dass sie einen Mann selbst ohne Streit und Auseinandersetzung als Gegner betrachten.

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Sie sagte: Wenn Könige in ein Land einfallen, verwüsten sie es und erniedrigen dessen angesehene Bewohner. Genau das werden sie tun. Ich werde ihm einige Geschenke schicken und sehen, welche Antwort die Gesandten mitbringen. (Sure an-Naml: 34–35)

Hier fällt der Vorhang über diese Szene. Nachdem der Gesandte bei Sulaiman (a.) eingetreten war, hob sich der Vorhang erneut.

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Als sie dann zu Sulaiman kamen, sagte Sulaiman: Wollt ihr mich etwa mit Reichtümern unterstützen? Was Allah mir gegeben hat, ist besser als das, was ihr mir angeboten habt. Vielmehr sollt ihr euch selbst an euren Geschenken erfreuen. Kehrt zu ihnen zurück! Ich werde unverzüglich ein Heer gegen sie entsenden, dem sie nichts entgegenzusetzen vermögen. Ich werde sie gewiss gedemütigt daraus vertreiben, und sie werden erniedrigt sein. (Sure an-Naml: 36–37)

Er schickte sie zusammen mit den Geschenken zurück, die der Gesandte zu ihm gebracht hatte. Lassen wir sie zurückkehren.

Sulaiman (a.s.) war nicht nur ein Prophet oder ein König, sondern auch ein tapferer Mann. Aufgrund seiner Erfahrung als König erkannte er, dass die Königin angesichts der Entschiedenheit, mit der ihre Geschenke zurückgewiesen worden waren, zu einer endgültigen Auseinandersetzung mit ihm bereit sein würde.

Dass die Königin Geschenke schickte, zeigt, dass sie bemüht war, Feindschaft zu vermeiden. Sie hatte die Geschenke geschickt, damit es zu einem Friedensschluss kommen konnte. Der König, Sulaiman, hingegen glaubte, dass sie die Einladung annehmen würde. Hier erwachte in Hazrat Sulaiman (a.s.) jene Männlichkeit, die durch eigene Stärke und List die Oberhand über eine Frau gewinnen will.

Hazrat Sulaiman (a.s.) wollte ihren Thron noch vor der Ankunft der Königin herbeibringen lassen und ihr einen Palast aus Glas bauen lassen, doch der Vorgang wird nicht ausdrücklich beschrieben. Für Zuschauer wie uns blieb er ein Rätsel. Als die Königin bei Hazrat Sulaiman (a.s.) eintraf, erfahren wir von der zweiten Szene im Palast:

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Sulaiman sagte: „O ihr Würdenträger! Wer von euch wird mir ihren Thron bringen, bevor sie sich mir ergeben und zu mir kommen?“ Ein mächtiger Dschinn sagte: „Ich werde ihn dir bringen, bevor du dich von deinem Platz erhebst, und ich bin dazu fähig und vertrauenswürdig.“ (Sure an-Naml: 38–39)

Doch ein religiöses Ziel steht nicht im Einklang mit den Fähigkeiten der Dschinn. Als der gläubige Mann, der mit Allahs Buch vertraut war, sah, dass Sulaiman (a.s.) schwieg, sagte er: „Ich stehe dir zu Diensten.“ Seine Fähigkeit war natürlich größer als die jenes Dschinns.

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Derjenige, der über Wissen aus der Schrift verfügte, sagte: „Ich werde es dir bringen, noch bevor du dein Augenlid bewegst.“ (Sure an-Naml: 40)

Hier gibt es eine kurze Pause – gerade so lange, wie man einmal die Augen schließt und wieder öffnet. Dann beginnt die Szene von Neuem.

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Als Sulaiman es vor sich aufgestellt sah, sagte er: „Dies ist eine Gunst meines Herrn, damit Er mich prüft, ob ich dankbar oder undankbar bin. Wer dankbar ist, ist nur zu seinem eigenen Vorteil dankbar; und wer undankbar ist, soll wissen, dass mein Herr auf keinen angewiesen und großzügig ist.“ (an-Naml: 40)

Der Prophet in Sulaiman (a.) erwachte nun durch Allahs Gnade. Diese Gnade wurde durch einen seiner Diener sichtbar, der den Thron der Königin in einem einzigen Augenblick herbeibrachte. Daher dankt Sulaiman (a.) mit ruhigem Herzen immer wieder Allah, damit sein religiöses Ziel verwirklicht wird.

Kurz darauf erwachte wieder Sulaimans (a.) männlicher Stolz.

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Er sagte: „Verändert die Gestalt ihres Thrones. Wir wollen sehen, ob sie ihn erkennt oder ob sie zu denjenigen gehört, die keinerlei Verstand besitzen.“ (Sure an-Naml: 41)

Nun die Szene des Empfangs der Königin. Die Zuschauer warten mit angehaltenem Atem auf die Ankunft der Königin.

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Als die Königin eintraf, wurde sie gefragt: „Ist dein Thron so?“ Sie sagte: „Es scheint, dass es derselbe ist.“

Was geschah danach? Offenbar hatte die Königin den Islam noch nicht angenommen.

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Derjenige, den sie anstelle Allahs anbetete, forderte sie auf, davon abzulassen. Sie gehörte zuvor gewiss zu einem ungläubigen Volk. (Sure an-Naml: 43)

Hier endet die zweite Szene für die Königin und die Zuschauer, zu denen auch ich gehöre.

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Man sagte zu ihr: „Betritt diesen Palast.“ Als sie dorthin blickte, hielt sie ihn für ein klares Wasserbecken. Sie hob das Gewand über ihren Füßen an. Sulaiman sagte: „Es ist ein aus durchsichtigem Kristall erbauter Palast.“ Bilqis sagte: „O mein Herr! Ich habe mir selbst Unrecht getan. Ich ergebe mich gemeinsam mit Sulaiman Allah, dem Herrn der Welten.“ (Sure an-Naml: 44)

Im Licht dieses Geschehens wird deutlich, dass Bilqis für eine vollkommene weibliche Persönlichkeit steht. Da sie eine Frau war, versuchte sie, das Problem auf friedliche Weise zu lösen und Unruhe und Unheil zu vermeiden. Bemerkenswert ist auch, dass sie nicht sofort beeindruckt war, sondern zunächst beobachtete. Dennoch blieb sie, was sie war. In der zweiten Szene dachte sie über die Lage nach, die für sie geschaffen worden war, und über das, was sie bedenken musste: Er [Hazrat Sulaiman (a.)] erwies ihr Ehre und bereitete ihr zu seinen Ehren einen überwältigenden Empfang. Daher übergab sie sich ihm. Vor seiner Pracht, seinem Glanz und seiner Tapferkeit erkannte sie seine Überlegenheit an. Obwohl sie wusste, dass alle Vorbereitungen für sie getroffen worden waren, ließ sie dennoch weibliche Vorsicht walten – jene weibliche Verhaltensweise, die Hawwa (a.) gegeben worden war. Der Vorhang fällt.

Diesen Ereignissen fehlt es weder in religiöser noch in künstlerischer Hinsicht an etwas. Es gibt keinen Aspekt, der noch ergänzt werden müsste. Es ist auch nicht einfach eine bloße Geschichte oder ein Roman ohne jeden Bezug zu einer künstlerischen Sichtweise. Vielmehr beruht sie auf einer religiösen Grundlage.

Die darin unter der Überschrift „Das Wesen des Menschen“ enthaltenen Ausführungen über die Gefühle, Empfindungen und Wirkungen des Menschen sind in einem schönen Stil angeordnet, der ausgesprochen erfreulich ist.

Hiermit beende ich meine Erörterung der koranischen Geschichten. Wer danach weiterforschen möchte, wird durch diese Erörterung Orientierung erhalten.

Elftes Kapitel

Das Wesen des Menschen

Neben der Darstellung verschiedener religiöser Themen werden im Koran auch kurze Schilderungen der unterschiedlichen menschlichen Wesensarten und Eigenschaften gegeben. Erstaunlich ist, dass das Wesen des Menschen durch ein oder zwei Sätze auf eine Weise enthüllt wird, als träte es lebendig und beweglich vor uns.

Vermutlich ist dies eine Darstellung des wahren Wesens aller Menschen. Der Mensch wird mit bestimmten Eigenschaften und Wesenszügen dargestellt, die auf der Erde am häufigsten zu beobachten sind. Diese Wesenszüge des Menschen sind beständig. Keine Nation und kein Stamm steht außerhalb all dieser Eigenschaften (jeder muss zumindest Träger irgendeiner dieser Eigenschaften sein).

Diese Verse wurden ursprünglich im Zusammenhang mit einer besonderen Situation offenbart, doch durch sie wurden einige lebendige und reale Bilder des Menschen gezeichnet, die ihrem Inhalt nach wundersam und zeitlos sind. Denn diese Bilder wiederholen sich im Lauf von Raum und Zeit, Jahrhundert um Jahrhundert, immer wieder und sind stets lebendig, kraftvoll und anschaulich.

Nun führen wir kurz einige Beispiele an, so wie sie im Koran dargelegt werden. Einige Beispiele dieser Art haben wir bereits unter der Überschrift „Künstlerische Darstellung“ vorgestellt. Eigentlich gehörten sie in jenes Kapitel. Da sie jedoch mit Ereignissen oder Geschichten zusammenhängen, möchten wir sie in diesem Kapitel erörtern.

1. Die menschliche Natur

Im folgenden Vers wird ein Bild gezeichnet, das alle Menschen betrifft. Es heißt:

Wenn der Mensch von einer Notlage heimgesucht wird, ruft er Mich in jeder Lage an, im Stehen, im Liegen und im Sitzen. Wenn Ich seine Not beseitige, verhält er sich, als hätte er Mich in seiner Not niemals angerufen. (Sure Yunus: 12)

In dem erwähnten kurzen Beispiel sind sämtliche Elemente des Wahren, des Schönen und der künstlerischen Schönheit vereint. Tatsächlich ist die Natur und das Wesen des Menschen so beschaffen. Zur Fitra des Menschen gehört, dass er, wenn ihn eine Not befällt und er die Schwelle zwischen Leben und Tod erreicht, den Namen Allahs, des Allmächtigen und Allgewaltigen, in einer Weise anruft, dass es scheint, als gebe es für seine Rettung niemanden außer Ihm. Sobald die Not beseitigt ist, weicht er vom Weg der Wahrheit und Schönheit ab und lebt weiter wie zuvor. Er glaubt, dass ihn überhaupt keine Not heimgesucht habe. Nicht einmal die Zeit, kurz zurückzublicken, nimmt er sich. Sein leidvoller Zustand wird mit künstlerischer Meisterschaft folgendermaßen dargestellt:

(Arabisch*********)

Dann rufen sie Mich im Liegen, Sitzen und Stehen (in Verzweiflung) an. (Sure Yunus: 12)

Wenn die Not daraufhin beseitigt ist, wird das entsprechende künstlerische Bild folgendermaßen dargestellt.

(Arabisch*********)Wenn die Not beseitigt ist, verhalten sie sich, als hätten sie Mich niemals angerufen. (Sure Yunus: 12)

Aus diesen beiden Bildern wird ersichtlich, dass das Leben der Menschen zum Stillstand kommt, wenn sie von Not und Unglück heimgesucht werden. Manchmal dauert dieses Hindernis länger an. Wenn jedoch die Not und das Unglück beseitigt sind, setzt das Lebensschiff seine Fahrt wieder fort, als wäre es niemals auf ein Hindernis gestoßen.

Im Koran werden solche Szenen äußerst eindrucksvoll dargestellt. Obwohl ihre Formen nicht gleich sind, ist ihr Grundcharakter derselbe. Alle laufen in einem gemeinsamen Zentrum zusammen. Zum Beispiel:(Arabisch*********)

Wenn Ich dem Menschen Gunst erweise, wendet er sich ab und zieht sich hochmütig zurück; wenn ihn ein Übel berührt, verfällt er völlig in Verzweiflung. (Sure Bani Isra’il: 83)

(Arabisch*********)

Und wenn Ich den Menschen Meine Barmherzigkeit kosten lasse und sie ihm daraufhin wieder entziehe, wird er verzweifelt und undankbar. Wenn Ich ihn aber nach dem Leid und Unglück, das ihn getroffen hat, Wohlstand genießen lasse, sagt er: „Mein Unglück ist gewichen.“ Dann gerät er vor Freude außer sich und wird hochmütig und überheblich. (Sure Hud: 9–10)

(Arabisch*********)

Der Mensch ist wahrlich als ungeduldiges Wesen erschaffen worden. Wenn ihn ein Unheil trifft, klagt und jammert er. Wenn ihm jedoch Gutes zuteilwird, wird er geizig. (Sure al-Maʿāriǧ, 19–21)

Solche Verse gibt es im Koran viele. Ihr Zweck ist es, dem Menschen seine beständigen Wesenszüge aus verschiedenen Blickwinkeln vor Augen zu führen. Doch diese Aktivitäten im menschlichen Leben laufen letztlich in einem einzigen Charakterzug zusammen: in der Neigung, das Streben nach Überlegenheit durch Macht und Zurschaustellung unablässig fortzusetzen. Wenn er sich völlig in diesen Zustand verstrickt, widmet er diesem Streben sein kostbares Leben. Und wenn ein Unglück oder eine Heimsuchung eintritt und sich als Hindernis für seine Hoffnung erweist, scheut er sich nicht, sich zurückzuziehen.

2. Der oberflächliche Gläubige

Unter den Menschen gibt es eine Art, deren Glaube äußerst oberflächlich ist. Sie können in ihrem Glauben nicht standhaft bleiben. Sie bleiben auf dem Weg des Glaubens, solange sie daraus sicher und unbeschwert Nutzen ziehen können. Wird ihnen jedoch irgendeine Prüfung oder Härte auferlegt, zögern sie nicht, sofort ihren Glauben aufzugeben.

(Arabisch*********)

Unter den Menschen gibt es manche, die Allah inmitten von Zweifel und Zwiespalt anbeten. Wenn ihnen Gutes zuteilwird, bleiben sie in der Anbetung standhaft; wenn sie jedoch einer Prüfung ausgesetzt werden, kehren sie in ihren früheren Zustand zurück. Sie erleiden Verlust im Diesseits und im Jenseits. Das ist wahrlich ein offenkundiger Verlust. (Sure al-Ḥaǧǧ: 11)

(Arabisch*********)

Manche Menschen sagen: „Wir glauben an Allah“, doch wenn sie auf Allahs Weg verfolgt werden, halten sie die Verfolgung durch die Menschen für ebenso schlimm wie Allahs Strafe. Wenn dann Hilfe von deinem Herrn kommt, sagen sie: „Wir waren doch mit euch.“ Weiß Allah etwa nicht, was sich in den Herzen der Gläubigen befindet? (Sure al-Ankabut: 10)

3. Opportunistisch-durchtriebene Menschen

Es gibt Menschen, die von opportunistisch-durchtriebener Art sind. Eine auf der Wahrheit beruhende Sache führen sie selbst aus und ziehen Nutzen daraus; sobald jedoch jemand anderes dieselbe Sache tut, verleugnen sie sie.

(Arabisch*********)

Als zu ihnen ein Buch von Allah kam, das bestätigte, was sich bereits bei ihnen befand, und obwohl sie stets um den Sieg über die Ungläubigen gebeten hatten, verleugneten sie es wissentlich, als zu ihnen das kam, was sie erkannt hatten. Daher liegt Allahs Fluch auf den Leugnern. (Sure al-Baqara: 89)

Wenn sie zur Entscheidung vor Allah und den Gesandten gerufen werden, wendet sich ein Teil von ihnen ab. Ist die Wahrheit jedoch auf ihrer Seite, kommen sie demütig zum Gesandten gelaufen. (Sure an-Nur: 48–49)

4. Feige Männer

Es gibt auch Menschen, die die Wahrheit mit Hass und Verachtung betrachten und sie nicht kennenlernen wollen. So halten sie einerseits ihre Sturheit und Widerspenstigkeit von der Wahrheit ab, während andererseits die Feigheit von ihnen Besitz ergreift. Deshalb finden sie niemals den Mut, der Wahrheit gegenüberzutreten.

(Arabisch*********)

Obwohl Wahrheit und Recht ihnen deutlich geworden waren, stritten sie mit dir, als würden sie zum Tod getrieben und sähen ihn vor sich. (Sure al-Anfal: 6)

5. Menschen, die Lachen und Spott hervorrufen

Manche Menschen sind von sonderbarer Art. Ohne auch nur einen Augenblick über die Folgen nachzudenken, versuchen sie, vor der Wahrheit zu fliehen.

(Arabisch*********)

Was ist mit ihnen, dass sie sich von der Ermahnung abwenden? Als wären sie aufgeschreckte Wildesel, die vor dem Lärm fliehen. (Sure al-Muddaththir: 49–51)

6. Menschen nur dem äußeren Anschein nach

Es ist, als wäre dies ein sich bewegender lebloser Gegenstand, dessen Anblick die Menschen zum Lachen bringt.

(Arabisch*********)

Wenn du sie siehst, erscheinen dir ihre Gestalten äußerst anziehend. Und wenn sie sprechen, hörst du ihnen zu. Doch sie sind wie an eine Wand gelehnte Holzstücke. (Sure al-Munāfiqūn: 4)

Dies ist ein äußerst eindrucksvolles Bild der Heuchler – ein mit Schmerz vermischter Spott.

7. Die nach Lob Strebenden

Sie selbst tun nichts, wünschen jedoch, dass die Menschen sie für Dinge loben, die sie nicht getan haben.

(Arabisch*********) und sie wünschen, dass die Menschen sie für Dinge loben, die sie nicht getan haben. (Sure Āl ʿImrān: 188)

In jedem Zeitalter und an jedem Ort begegnet man solchen Menschen.

8. Opportunisten

Es gibt Menschen, die sich einer Gruppe anschließen, sobald sie darin einen Vorteil sehen, und sich einer anderen Gruppe anschließen, sobald dort Schwierigkeiten auftreten.

(Arabisch*********)

Das sind Menschen, die stets auf der Lauer liegen und auf euer Wohlergehen oder euer Unglück warten. Wenn ihr durch Allahs Willen siegreich seid, sagen sie: „Waren wir nicht mit euch?“ Wenn hingegen die Ungläubigen einen Teilsieg erringen, sagen sie zu ihnen: „Haben wir euch nicht umzingelt und euch vor den Händen der Muslime geschützt?“

9. Der außergewöhnliche Hochmütige

In den beiden folgenden Versen wird das Bild eines Hochmütigen von ungewöhnlicher Art gezeichnet. In diesen beiden Versen wird es auch unter der Überschrift „Künstlerische Darstellung“ erwähnt.

(Arabisch*********)

Und wenn Wir ihnen sogar ein Tor zum Himmel öffnen würden und sie den ganzen Tag hindurch darin aufstiegen, würden sie dennoch sagen: „Unsere Blicke sind verwirrt worden, oder vielmehr sind wir verzaubert worden.“ (Sure al-Hidschr 14–15)

(Arabisch*********)

Wenn Wir ihnen etwas auf einem Blatt Niedergeschriebenes hinabgesandt hätten und sie es anschließend mit ihren Händen berührt hätten, würden die Ungläubigen dennoch sagen: „Das ist nichts anderes als offenkundige Zauberei.“ (Sure al-Anʿām: 7)

10. Der feige Schamlose

Das Beispiel eines Menschen, der ängstlich und zugleich schamlos oder dreist ist, wird folgendermaßen angeführt:

(Arabisch*********)

Und wenn du nur sehen könntest, wie sie über der Hölle aufgestellt werden! Sie werden sagen: „O wäre es doch gut, wenn wir noch einmal auf die Erde zurückgeschickt würden! Dann würden wir die Zeichen unseres Herrn nicht für Lüge erklären und gläubig werden.“ Was sie zuvor verborgen hatten, ist ihnen nun offenkundig geworden. Doch selbst wenn sie zurückgeschickt würden, würden sie wieder das tun, was ihnen verboten worden war. Wahrlich, sie sind Lügner. (Sure al-Anʿām: 27–28)

11. Der schwache Heuchler

Hier wird das Beispiel eines schwachen Heuchlers angeführt. Er kann ebenso wenig selbst eine Entscheidung treffen, wie er die Wahrheit anzuerkennen vermag. In jedem Augenblick schwankt er unentschlossen zwischen Zweifel und innerem Konflikt.

(Arabisch*********)

Und wann immer eine Sure herabgesandt wird, schauen sie einander an und fragen sich gegenseitig, ob irgendein Muslim euch gesehen hat; dann machen sie sich davon. Allah hat ihre Herzen von der Wahrheit abgewandt. Gewiss, sie gehören zu den törichten Leuten. (Sure at-Tauba: 127)

Wenn solche Leute sich heimlich davonstehlen, ist das wahrlich ein Anblick, den man sehen muss.

12. Diejenigen, die Ausreden vorbringen

Hier wird das Beispiel von Menschen angeführt, die feige und vertragsbrüchig sind und falsche Ausreden vorbringen.

(Arabisch*********)

Wenn ein unmittelbarer Vorteil in Aussicht gestanden hätte und der Reiseweg kurz gewesen wäre, wären sie gewiss deine Weggefährten gewesen. Doch als ihnen der Reiseweg lang erschien, werden sie schwören und sagen: „Wenn wir dazu in der Lage gewesen wären, wären wir gewiss mit euch ausgezogen.“ In Wahrheit stoßen sie sich selbst ins Verderben. Allah weiß, dass sie Lügner sind. (Sure at-Tauba: 42)

13. Es gibt Menschen, die in Betrug und Heuchelei verstrickt sind. Obwohl sie sich für klug halten, haben sie nichts als Spreu im Kopf. Sie versuchen, die Menschen zu täuschen, doch leider täuschen sie in Wahrheit nur sich selbst.

(Arabisch*********)

Unter den Menschen gibt es manche, die sagen: „Wir glauben an Allah und an den Jüngsten Tag“, doch sie sind keine Gläubigen. Sie versuchen, Allah und die Gläubigen zu täuschen, doch in Wirklichkeit täuschen sie niemanden außer sich selbst, ohne sich dessen bewusst zu sein.

14. Unruhestifter

Es gibt eine Art von Menschen, die unwissentlich und ohne Verständnis Unheil stiften; doch wenn man ihnen sagt, sie sollen davon ablassen, geraten sie in heftige Wut.

(Arabisch*********)

Und wenn man ihnen sagt: „Stiftet auf der Erde kein Unheil und keine Verderbnis!“, sagen sie: „Wir sind doch nur dabei, Verbesserungen herbeizuführen.“ Wisse: In Wahrheit sind sie selbst die Unheilstifter, doch diese Erkenntnis fehlt ihnen.

15. Von der Verlockung des weltlichen Lebens betört

Es gibt manche Menschen, die dem weltlichen Leben größere Bedeutung beimessen. Wo immer sie sich befinden, sind für sie die körperlichen Bedürfnisse das Wichtigste. Sie messen ihnen eine derart große Bedeutung bei, dass sie nötigenfalls sogar bereit sind, ein Leben in Erniedrigung zu führen (doch nicht bereit sind, dagegen zu protestieren und ihr Leben zu riskieren), was für einen freiheitsliebenden Menschen unmöglich ist. Es heißt:

(Arabisch*********)Du wirst sehen, dass sie unter allen Menschen am gierigsten nach dem Leben sind.

16. Starrköpfige und träge Menschen

Es gibt auch Menschen, deren Füße scheinbar aus Stein gefertigt sind. Sie unternehmen keinerlei Anstrengung, sich aus diesem Zustand zu befreien.

(Arabisch*********)

Und wenn ihnen gesagt wird: „Befolgt, was Allah herabgesandt hat“, sagen sie: „Keineswegs! Wir befolgen nur das, worauf wir unsere Vorväter vorgefunden haben.“ Obwohl ihre Vorväter nichts wussten und den geraden Weg nicht kannten. (Sure al-Baqara: 170)

17. Eine eigenmächtige Gruppe

Es gibt Menschen, die weder einem bestimmten Weg folgen noch einer Gruppe oder Jamāʿa angehören. Über sie heißt es:

(Arabisch*********)

Wie erstaunlich! Wenn sie einen Bund eingehen, verwirft ein Teil von ihnen ihn. Vielmehr sind die meisten keine Gläubigen. (Sure al-Baqara: 100)

18. Ob wahr oder falsch – sie werden auf jeden Fall streiten.

Es gibt Menschen, die auf jeden Fall streiten oder Streit verursachen werden, ob es nun um Wahrheit oder Unwahrheit geht, ob sie es wissentlich oder unwissentlich tun. Wo immer man solche Menschen auch sieht, kann man nicht anders, als traurig zu werden.

(Arabisch*********)

Hört! Über das, wovon ihr zuvor etwas wusstet, habt ihr gestritten. Warum streitet ihr nun über etwas, wovon ihr überhaupt nichts wisst? Allah weiß sehr wohl, was ihr nicht wisst. (Sure Āl ʿImrān: 66)

(Arabisch*********)

Manche Menschen beginnen, über Allah zu streiten, ohne Wissen, Beweis oder ein erleuchtendes Buch zu besitzen. Er streitet, indem er sich hin und her wendet, um vom Weg Allahs abirrezuführen. (Sure al-Hadsch: 8–9)

Hier wird ein vollkommenes Bild des Streitenden und des Hochmütigen dargestellt. Getrieben von Hochmut streitet er weiter, wobei er den Hals nach dieser und jener Seite wendet.

19. Der Geizhals

Diejenigen, die im Augenblick des Bedarfs nichts ausgeben, sind geizig. Wenn jemand nach seiner Ausgabe einen Verlust erleidet, sagt er mit einem triumphierenden Lächeln: „Zum Glück habe ich nichts ausgegeben; ich habe gut daran getan. Mein Geld ist mir geblieben.“ Wenn jedoch im Dschihad ein Vorteil erzielt wird, sagt er bedauernd: „Ach, es wäre doch gut gewesen, wenn auch ich etwas ausgegeben hätte.“

(Arabisch*********)

Unter euch gibt es einige, die zögern werden und, wenn euch ein Unglück trifft, sagen: „Zum Glück bin ich nicht mit ihnen gegangen; Allah hat mich gerettet.“ Wenn euch jedoch eine Gunst von Allah zuteilwird, beginnen sie auf eine Weise zu sprechen, als hätten sie keinerlei Verbundenheit mit euch gehabt. Sie sagen: „Ach, wenn ich nur bei ihnen gewesen wäre, dann hätte auch ich Erfolg erlangt.“ (Sure al-Baqara: 204–205)

20. Widerspruch zwischen dem Inneren und dem Äußeren

Es gibt Menschen, deren Äußeres und Inneres keinerlei Übereinstimmung aufweisen. Er wirkt völlig widersprüchlich, als wäre er nicht ein, sondern zwei Menschen.

(Arabisch*********)

Es gibt Menschen, deren Worte über das weltliche Leben dich in Erstaunen versetzen. Sie nehmen Allah zum Zeugen für das, was in ihren Herzen ist. In Wahrheit sind sie streitsüchtige Menschen. Wenn sie sich abwenden, stiften sie dort Unheil, bemühen sich um die Zerstörung von Feldern und die Vernichtung von Leben. Doch Allah liebt weder Verderben noch Aufruhr. (Sure al-Baqara: 204–205)

21. Der im Sterben Reue Übende

Manche Menschen leben ihr ganzes Leben nach Belieben und bereuen unmittelbar vor dem Tod. Doch diese Reue ist nicht annehmbar.

(Arabisch*********)

Und es gibt keine Vergebung für diejenigen, die weiterhin Schlechtes tun und, wenn der Tod über ihren Köpfen schwebt, sagen: „Jetzt bereue ich.“ Und es gibt keine Reue für diejenigen, die im Zustand des Unglaubens sterben. (Sure an-Nisāʾ: 18)

22. Menschen von beschränktem Verstand

Manche Menschen sind von so beschränktem Verstand, dass es ihnen völlig gleichgültig ist, was vor ihnen gesagt wird und was nicht.

(Arabisch*********)

Manche von ihnen hören deinen Worten durchaus zu, doch sobald sie hinausgehen, sagen sie zu den Gebildeten: „Was hat er gerade gesagt?“ (Sure Muhammad: 16)

23. Die wahrhaft Gläubigen

Über Menschen dieser Art heißt es:

(Arabisch*********)

Zu ihnen sagte man: »Gegen euch haben sich viele Menschen versammelt und zahlreiche Waffen und Ausrüstungen zusammengetragen. Fürchtet sie!« Da wurde ihr Glaube noch fester, und sie antworteten: »Allah genügt uns, und welch vortrefflicher Beschützer ist Er!« (Sure al-Baqara: 273)

24. Arm, doch genügsam

Über einige Menschen spricht Allah, der Herr der Welten:

(Arabisch*********)

Almosen sind für jene Armen bestimmt, die auf Allahs Weg gebunden sind und nicht in der Lage sind, auf der Erde umherzuziehen, um ihren Lebensunterhalt zu suchen. Die Unwissenden halten sie wegen ihres Verzichts darauf, die Hand aufzuhalten, für wohlhabend. Du wirst sie an ihren Merkmalen erkennen. Sie bitten die Menschen nicht aufdringlich um Almosen. (Sure al-Baqara: 273)

25. Die Allah Fürchtenden

Über diese Menschen lautet Allahs Gebot:

(Arabisch*********)

Die Gläubigen sind diejenigen, deren Herzen erbeben, wenn Allahs Name vor ihnen erwähnt wird, deren Glaube zunimmt, wenn vor ihnen Allahs Wort vorgetragen wird, und die auf ihren Herrn vertrauen. (Sure al-Anfal: 2)

26. Die wahren Diener Allahs

(Arabisch*********)

Die wahren Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die bescheiden auf der Erde umhergehen; und wenn die Unwissenden zu ihnen sprechen, ziehen sie sich mit den Worten „Friede“ zurück. (Sure al-Furqan: 63)

27. Freigebig und großzügig

Über die freigebigen Menschen sagt der erhabene Allah:

(Arabisch*********)

Sie geben den Bedürftigen, den Waisen und den Gefangenen aus Liebe zu Allah zu essen und sagen: „Wir geben euch nur um Allahs Wohlgefallen willen Nahrung. Wir erwarten von euch weder eine Vergeltung noch Dankbarkeit.“

28. Die Geduldigen

Über die Geduldigen wird verkündet:

(Arabisch*********)

Wenn sie ein Unglück trifft, sagen sie: „Gewiss, wir gehören Allah, und zu Ihm werden wir zurückkehren.“ (Sure al-Baqara: 156)

29. Derjenige, der dem anderen Bruder den Vorzug gibt

(Arabisch*********)

Sie lieben die Muhādschirūn, empfinden in ihren Herzen keinen Neid wegen dessen, was den Muhādschirūn gegeben wurde, und geben ihnen den Vorzug, selbst wenn sie bedürftig sind. (Sure al-Haschr: 9)

30. Diejenigen, die den Zorn bezähmen und anderen vergeben

Über diejenigen, die ihren Zorn bezähmen und vergeben, lautet Allahs Anordnung:

(Arabisch*********)Sie halten ihren Zorn zurück und vergeben den Menschen. (Sure Āl ʿImrān: 134)

Die oben erörterten Eigenschaften finden sich bei Menschen aller Zeiten und bei allen Menschen. Der Koran stellt sie so dar, dass es selbst nach Hunderten von Jahren den Anschein hat, als stünden sie alle vor uns.

Zwölftes Kapitel

Weisheitsbasierte Argumentation

Wie andere Aufrufe auf verschiedene Weise zurückgewiesen wurden, so wurde auch der islamische Aufruf zurückgewiesen. Denjenigen, die Argumente und Einwände vorbrachten, um den islamischen Aufruf als nichtig zu erweisen, begegnete der Islam ebenfalls mit einer Herausforderung durch Argumente und Beweise. Da der Koran grundsätzlich mit dem islamischen Aufruf verbunden ist, finden sich darin auch Argumente und Beweise. Nun stellt sich die Frage: Wie ist die Art der koranischen Argumentation? Oder welche Methode wurde für diese Argumentation und Erörterung angewandt, und welche Belege und Beweise wurden dafür vorgebracht?

Bevor wir diese Frage beantworten, sollten wir betrachten, warum der Koran gekommen ist und was der Zweck seiner Offenbarung ist.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Koran gekommen ist, um die größte Glaubenslehre – die Lehre des Tauhid – wiederzubeleben und wiederherzustellen. Diese Glaubenslehre sollte in einem Volk wiederbelebt werden, das neben Allah auch andere als Teilhaber betrachtete. Daher konnte es für sie nichts Erstaunlicheres geben, als dass jemand sagte: Allah ist Einer.

(Arabisch*********)

Hat er etwa beschlossen, statt vieler Götter nur einen anzubeten? Das ist wahrlich eine erstaunliche Sache. Einige ihrer vornehmen Männer gingen fort und sagten: Geht und bleibt bei der Verehrung eurer Götter. Diese Aussage ist gewiss von einer bestimmten Absicht geleitet. Wir haben zuvor noch nie etwas so Seltsames gehört. Das ist nichts anderes als eine Erfindung. (Sure Sad: 5–7)

Wenn wir heute diese Aussagen und Gedanken der Götzendiener betrachten, müssen wir lachen. Ihre Worte erscheinen uns als außerordentlich töricht. Doch wir müssen uns ansehen, welche allgemeine Vorstellung man damals vom Tauhid hatte.

Es besteht kein Zweifel daran, dass die Glaubenslehre des Tauhid damals als äußerst erstaunlich betrachtet wurde.

Eine weitere Sache muss man verstehen: Nicht alle Menschen in Arabien, an die sich der Koran richtete, waren Götzendiener. Dort lebten auch Leute der Schrift (Anhänger früherer Schriften). Sie wollten jedoch nicht, dass eine andere Religion kommt und ihre Religion beseitigt. Ebenso wenig wollten sie, dass eine himmlische Schrift einem Mann offenbart wird, der nicht aus ihrer Gemeinschaft stammte – ganz gleich, wie sehr die Grundsätze und die Verbindung dieser neuen Religion mit ihrer eigenen Religion übereinstimmen mochten.

(Arabisch*********)

Und zuvor pflegten sie den Sieg über die Ungläubigen zu erflehen. Als nun das, was sie genau kannten, zu ihnen kam, verleugneten sie es. (Sure al-Baqara: 89)

Bemerkenswert ist, dass der Islam hinsichtlich der religiösen Grundlagen und Prinzipien mit den Leuten der Schrift übereinstimmte. (Denn vor der Verfälschung war auch ihre Religion Islam.) Doch die Glaubensüberzeugungen der Juden und Christen waren damals auf einer Stufe angelangt, die der Islam keineswegs zu dulden bereit war. Die Juden hatten Uzair (a.s.) zum Sohn Allahs gemacht und die Christen Isa (a.s.). Daher behaupteten die Juden und Christen: Wir sind die Söhne Allahs und Seine Nächsten und Geliebten. Wenn wir überhaupt in die Hölle kommen müssen, dann nur für wenige Tage. Dies hat der Koran selbst an verschiedenen Stellen erklärt.

Vor dem Hintergrund des oben Dargelegten lässt sich sagen, dass der Ruf des Islam zur Wiederbelebung der Tauhīd-Glaubensüberzeugung für Juden und Christen etwas völlig Unerhörtes war. Darüber hinaus bestand die erste Forderung des edlen Korans darin, die große Glaubensüberzeugung – das heißt die Tauhīd-Glaubensüberzeugung – in einer neuen Form darzustellen und wiederzubeleben.

Wir haben die Tauhīd-Glaubensüberzeugung als die größte Glaubensüberzeugung bezeichnet, obwohl sie für uns heute keineswegs etwas Verwunderliches ist, sondern eine Selbstverständlichkeit darstellt. Denn für einen Menschen war es keineswegs leicht, die von den Vorfahren überlieferte Glaubensüberzeugung einfach aufzugeben. Die Glaubensüberzeugung verschmilzt seit der Kindheit mit der menschlichen Natur, und es war nicht leicht, dass ein Mensch angesichts der zahllosen offenen und verborgenen Ereignisse seines Lebens, die Denken und Bewusstsein auslöschen, sich einem einzigen Ilāh zuwendet, der all seine körperlichen und geistigen Kräfte beherrscht.

Um die Wahrheit zu sagen: Der Islam ist nicht die erste Religion, die zum Tauhīd aufruft. Auch andere Religionen rufen zum Tauhīd auf, und auch sie mussten wegen dieses Aufrufs zum Tauhīd Gefahren, Leid und Kummer ertragen; ebenso ist der Islam durch solche Leiden gegangen. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass der Tauhīd, zu dem der Islam aufruft, vollkommen frei von Schirk ist. Er ist sogar von jedem Anflug eines Zweifels an Schirk rein und frei. Es handelt sich um unverfälschten Tauhīd. Der Islam widersetzt sich vollkommen selbst dem geringsten Keim einer Vorstellung von Gestalt oder Verkörperung, der im menschlichen Wesen zu finden sein könnte.

Aus der obigen Darstellung wird deutlich, dass die erste Aufgabe des Korans darin besteht, die reine und heilige Glaubensüberzeugung des Tauhīd zum Leuchten zu bringen. Es sei darauf hingewiesen, dass das dauerhafte Zentrum der Glaubensüberzeugung oder des Bewusstseins das Herz und das Gewissen des Menschen ist. Nicht nur die religiöse Glaubensüberzeugung, sondern jede Glaubensüberzeugung hat ihren eigentlichen Ort im menschlichen Herzen. Der nächstliegende Weg zum Herzen ist die unmittelbare Einsicht. (Das heißt: Was selbstverständlich und einfach dargelegt wird, nimmt das Herz an.) Der leichteste Weg zum Gewissen führt über Wahrnehmung und Empfindung. (Das heißt: Durch Empfindung wird das Gewissen beeinflusst.) In dieser Angelegenheit ist die Stellung des Verstandes nicht mehr als die eines Verbindungskanals. Der Verstand ist ein Tunnel. Neben diesem Tunnel gibt es noch viele andere. Dieser Verstandestunnel ist weder der breiteste noch der zuverlässigste von allen Tunneln. Ebenso ist er kein Tunnel, der näher liegt als die anderen. Tatsächlich besitzt der Verstand keine Besonderheit, durch die er Herz und Gewissen voneinander trennen könnte.

Heutzutage messen manche Menschen angesichts des Fortschritts von Wissenschaft und Technik dem menschlichen Verstand und seinen Fähigkeiten übermäßige Bedeutung bei. Sogar einige engstirnige religiöse Menschen verfallen dieser Versuchung und versuchen, religiöse Sichtweisen sowie religiöses Denken und Bewusstsein anhand verstandesmäßiger Argumente und der Erkenntnisse der Wissenschaft zu überprüfen. Diese Menschen befinden sich in einem verhängnisvollen Irrtum.

Diese Menschen räumen dem menschlichen Wissen und Verstand eine Bedeutung ein, die ihm keineswegs zusteht. Man sollte ihm genau so viel Achtung entgegenbringen, wie ihm tatsächlich zusteht. Das bedeutet nicht, dass der Islam das Wissen und den Verstand des Menschen geringschätzt. Der Umfang des menschlichen Wissens ist sehr groß. Dennoch kann der Mensch den gesamten Bereich des Wissens und Erkennens nicht vollständig erfassen, sei es auf intellektuelle oder auf empfindungsmäßige Weise. Außerdem sind der Verstand und die geistigen Fähigkeiten des Menschen nur einer von unzähligen Wegen, gleichsam Tunneln. Ein Mensch kann diesen Tunnel für sich erst dann verschließen, wenn seine Seele geschwächt ist und seine Kräfte erschöpft sind. Dadurch wird er der Fähigkeit beraubt, in dieser großen Angelegenheit eine Entscheidung zu treffen.

Zweifellos ist es richtig, dass der Verstand die Angelegenheiten und Bedürfnisse des täglichen Lebens regelt. Darüber hinaus dringt er auch in jene Probleme ein, die in irgendeiner Weise mit dem menschlichen Leben verbunden sind. Wo jedoch die Frage des Glaubens und der Glaubensüberzeugung berührt wird, ist deren Rang weit höher. Das menschliche Denken kann nicht bis an ihre äußerste Grenze gelangen. Den Gipfel der Glaubensüberzeugungen kann nur derjenige erreichen, der sich auf dem Weg der Rechtleitung befindet und mit einer von Allah verliehenen inneren Einsicht ausgestattet ist. Tatsächlich kann nur ein solcher Mensch sein Herz und seine Empfindungen mit dem Licht der Rechtleitung erleuchten.

In allen Religionen konnten stets nur jene Menschen wahrhaft glauben, die den Weg der Rechtleitung und der inneren Einsicht beschritten. Die Rationalisten sind über Jahrhunderte hinweg in intellektuelle Streitgespräche über die Glaubensüberzeugung des Tawhid verwickelt gewesen, doch haben sie dadurch nichts erreicht. Was der edle Koran in nur wenigen Jahren bewirkt hat, konnten die Gelehrten der Logik nicht einmal zu einem Tausendstel leisten. Sehen wir nun, welche einfache und für die Allgemeinheit verständliche Methode der edle Koran zu diesem Zweck angewandt hat.

Die einfache und schlichte Darlegung des edlen Korans

Um die innere Einsicht des Menschen zu schärfen, bemüht sich der edle Koran stets darum, das menschliche Bewusstsein und Empfinden zu erwecken. Noch einen Schritt weitergehend, möchte er das Gewissen des Menschen beeinflussen. Was der Koran zu diesem Zweck unternimmt, steht im Zusammenhang mit der Verständlichkeit und Sichtbarkeit von Bildern. Mit anderen Worten könnte man es auch als ein zu einer argumentativen Kunstform gewordenes Kunstwerk bezeichnen. Der edle Koran arbeitet außerdem mit jenen selbstverständlichen Wirklichkeiten, die ewig und beständig sind. Es handelt sich um Wirklichkeiten, durch die sich die leuchtenden Tore der inneren Einsicht öffnen und die der Mensch durch seine natürliche Veranlagung erkennt.

Daher hat der edle Koran eine ganz einfache Methode angewandt: Er stellt einen Gegenstand durch Vorstellung und bildhafte Darstellung anschaulich dar – wie wir dies im vorigen Kapitel bereits erläutert haben. Hier verwenden wir das Wort „Tajsim“ (Vergegenständlichung) im Sinne eines künstlerischen Ausdrucks, nicht in einem religiösen Sinne. Denn der Islam ist eine reine, von materialistischen Vorstellungen freie Religion und bedarf keiner Vergegenständlichung.

Die Methode, mit der der edle Koran die Argumente und Beweise seiner Widersacher darlegt und den Gegner besiegt, können wir als ein von Weisheit hervorgebrachtes Argument bezeichnen. Dieses Argument wird bald durch Worte, bald durch verschiedene Geschichten und Erzählungen und bald durch Bilder vorgetragen. Durch die Verbindung all dessen hat der Koran sein Ziel erreicht. Wir haben dies bereits zuvor erörtert.

Auch die Darstellung des Jüngsten Tages sowie die Bilder von Seligkeit und Strafe gehören zu den von Weisheit hervorgebrachten Argumenten. Sie schlagen an die Tore des Unterbewusstseins des Menschen. Sie schärfen sein Denken und erweitern seine innere Einsicht. Sie wecken den Menschen aus müßigen Träumen und führen ihn in die wirkliche Welt. Dadurch wird das menschliche Herz darauf vorbereitet, die Wahrheit anzunehmen und an ihr festzuhalten.

Neben den menschlichen und psychologischen Bildern, den Geschichten und Erzählungen, der Darstellung des Jüngsten Tages sowie den Bildern von Strafe und Seligkeit hat der edle Koran zur Annahme des Aufrufs noch eine weitere Methode angewandt: die von Weisheit hervorgebrachten Argumente durch Bilder darzustellen. Deshalb habe ich beschlossen, dies in einem eigenen Kapitel zu erörtern.

Doch das Thema der Erörterung in diesem Kapitel ist nicht die Argumentation. Wir möchten lediglich erörtern, welcher Art oder Beschaffenheit diese Argumente und Beweise sind. Denn unsere eigentliche Erörterung gilt der Beschaffenheit und Art der Bilder, auf deren Grundlage sich der fortlaufende Vortrag des Korans bewegt. Der Inhalt dieses Buches ist nämlich ausschließlich auf die künstlerische Seite des Al-Qur’an beschränkt. Auf nichts anderes. Die Erörterung der übrigen Themen des Al-Qur’an ist nicht unser Anliegen.

Das Problem des Tawhid (Glaube an die Einheit Gottes)

Wir haben bereits gesagt, dass die erste Einladung und die erste Forderung des Islam der Tawhid sind. Diejenigen, an die sich der Qur’an richtete, waren entschiedene Gegner des Tawhid. Sie hielten dies für etwas Erstaunliches. Es ist nun zu betrachten, wie der Qur’an seine Argumente und Beweise gegenüber den Leugnern des Tawhid vorgetragen hat.

Es besteht kein Zweifel daran, dass Al-Qur’an die Einladung zum Tawhid in einer äußerst einfachen und zu Herzen gehenden Sprache vorträgt und versucht, das Gewissen der Menschen aufzurütteln. Die Aussage des Al-Qur’an ist so selbstverständlich und klar, dass sie weder irgendeine Schwierigkeit noch Raum für Gegenargumente enthält. Es heißt:

(Arabisch***********)

Haben sie etwa Götzen aus Lehm zu Göttern genommen, in der Hoffnung, dass diese sie lebendig machen würden? Wenn es im Himmel und auf der Erde außer Allah andere Götter gäbe, wären beide gewiss zugrunde gegangen. Erhaben ist daher Allah, der Herr des Thrones, über das, was sie behaupten. Er wird nicht nach dem befragt, was Er tut; sie aber werden befragt. Oder haben sie sich außer Allah andere Götter genommen? Sprich: „Bringt euren Beweis herbei! Dies ist die Botschaft meiner Gefährten und auch die Botschaft derer vor mir.“ Doch die meisten von ihnen kennen die Wahrheit nicht und weichen daher aus. (Sure Al-Anbiya: 21–24)

(Arabisch***********)

Allah hat sich kein Kind genommen, und es gibt keinen Gott neben Ihm. Sonst würde jeder Gott mit dem, was er erschaffen hat, fortgehen, und einige von ihnen hätten sich über die anderen erhoben. Erhaben ist daher Allah über das, was sie behaupten. (Sure Al-Mu’minun: 23:91)

Es gibt noch viele weitere solche selbstverständlichen und eindeutigen Beweise für den Tawhid. Die Bedeutung dieser Verse ist, dass wir keinerlei Unordnung oder Zusammenbruch in Erde und Himmel wahrnehmen. Alles verläuft geordnet. Daraus wird ersichtlich, dass die Verwaltung dieses gewaltigen Reiches allein in der Hand eines Einzigen liegt. Und Er ist Allah, der Herr der Welten, der Allwissende und Allweise.

Zugleich hat der Koran erklärt: Wenn es im Himmel und auf der Erde mehrere Götter gäbe, würde jeder von ihnen mit seiner eigenen Schöpfung davonziehen. Das ist äußerst lächerlich: Jede Schöpfung würde bei ihrem Gott Zuflucht suchen. Danach würde jeder Gott mit seiner Schöpfung getrennt seinen eigenen Weg gehen. Doch niemand weiß, wo dieser Weg enden würde. Auch wir haben darauf keine Antwort. Deshalb müssen wir lachen, sobald wir an mehrere Götter denken. Gäbe es mehrere Götter, wäre im Himmel und auf der Erde ein heilloses Durcheinander entstanden.

Eine weitere Frage könnte lauten: Wenn es tatsächlich noch einen anderen Gott gäbe, was hätte er dann getan? Himmel und Erde sind bereits erschaffen und liegen vor unseren Augen. Was hätte er also neu erschaffen?

(Arabisch***********)

Sprich: Habt ihr über jene nachgedacht, die ihr anstelle Allahs anbetet? Zeigt mir, was sie auf der Erde erschaffen haben! Oder haben sie etwa einen Anteil an der Erschaffung der Himmel? Bringt mir ein früheres Buch oder ein überliefertes Wissen, wenn ihr wahrhaftig seid. (Sure al-Ahqaf: 4)

Schauen wir nochmals: Allahs Schöpfung ist an den verschiedensten Orten gegenwärtig. Die Berührung von Allahs Macht wird an jedem Ort und an jedem Ding sichtbar. Unsere Sinne nehmen sie wahr, unser Gewissen erkennt sie an, und unser inneres Empfinden spürt sie. Im Koran heißt es:

(Arabisch***********)

Sprich: Aller Lobpreis gebührt Allah, und Friede sei auf Seinen auserwählten Dienern. Wer ist besser: Allah oder jene, die sie Ihm beigesellen? Sag: Wer hat die Himmel und die Erde erschaffen? Und wer lässt vom Himmel Wasser für euch herabkommen? (Gewiss, ich lasse es herabkommen.) Dann habe Ich durch dieses Wasser liebliche Gärten hervorgebracht. Ihr wärt nicht imstande, ihre Bäume wachsen zu lassen. Gibt es also neben Allah einen anderen Schöpfer? In Wahrheit sind sie ein abirrendes Volk. Sag: Wer hat die Erde bewohnbar gemacht, mitten durch sie Flüsse fließen lassen, auf ihr Berge errichtet, damit sie feststeht, und zwischen die Meere eine Schranke gesetzt? Gibt es also neben Ihm einen anderen Gott? Doch die meisten von ihnen wissen es nicht. Sag: Wer erhört den in Not Geratenen, wenn er Ihn anruft, beseitigt das Leid und macht euch zu Nachfolgern auf der Erde? Gibt es also neben Allah einen anderen Gott? Wie wenig ihr nachdenkt! Sag: Wer führt euch auf dem Land und auf dem Meer und in der Finsternis? Und wer sendet die Winde als frohe Botschaft vor Seiner Barmherzigkeit? Gibt es also neben Allah einen anderen Gott? Erhaben ist Allah über das, was sie Ihm beigesellen. Sag: Wer erschafft zum ersten Mal und lässt es dann wiedererstehen? Und wer versorgt euch mit Nahrung vom Himmel und von der Erde? (Sprich nochmals:) Gibt es neben Allah einen anderen Gott? Sprich: Bringt euren Beweis vor, wenn ihr wahrhaftig seid. (Sure an-Naml: 59–64)

Die verschiedenen Themen der erwähnten Verse sind jeweils Teile voneinander und ergänzen einander, um das Tawhid-Bewusstsein im Menschen zu festigen und zu stärken. Dazu gehören etwa die Erscheinungen an Himmel und Erde, die verschiedenen Ereignisse und Missgeschicke des täglichen Lebens sowie die natürlichen Empfindungen, die den Menschen aufgrund der Mühsal um seinen Lebensunterhalt dazu zwingen, sich Allah zuzuwenden. All dies beeinflusst das Denken, die Gefühle, das Gewissen und die innere Einsicht und führt das menschliche Wesen zum Tawhid-Bewusstsein. Verse dieser Art gibt es im Al-Qur’an unzählige. Ebenso gibt es im Al-Qur’an zahlreiche Darstellungen der Auferstehung, des Paradieses und der Hölle. Auch an Versen, die die Aqida des Tawhid (das Tawhid-Bewusstsein) im menschlichen Denken und Herzen fest verankern, besteht kein Mangel. All dies steht im Wesentlichen mit der auf Weisheit beruhenden Argumentation in Verbindung und gehört zu diesem Kapitel.

Die Auferstehung nach dem Tod

Die Behauptung, deren Vermittlung dem Islam am schwersten fällt, ist die Auferstehung nach dem Tod, die Qiyama, die Auferweckung und dergleichen. Der Islam richtete sich an jene Araber, die gesagt hatten:

(Arabisch***********)

Unser diesseitiges Leben ist das einzige Leben. Wir sterben oder leben – alles geschieht hier, und wir werden niemals auferweckt werden. (Sure al-Mu’minun: 37)

Das Thema der Auferstehung war unter den Arabern noch erstaunlicher als der Aufruf zum Tawhid. Diejenigen, die an die Auferstehung glaubten, nannten sie verrückt. Sie waren der Ansicht, dass kein Mensch mit gesundem Verstand dies akzeptieren könne.

Die Ungläubigen sagten: Sollen wir euch etwa auf einen Mann hinweisen, der behauptet, dass ihr neu erschaffen werdet, selbst wenn ihr vollständig zerfallen seid? Er lügt Allah etwas an oder ist verrückt? (Sure as-Saba: 7–8)

Die Auferweckung und Versammlung (Haschr-Naschr) betrachteten sie aus einer derart erstaunlichen Perspektive. Sehen wir nun, welche Art von Argumenten und Beweisen der Al-Qur’an ihnen angesichts einer solchen erstaunlichen Situation vorgelegt hat.

Der Koran hat ihnen eine Vorstellung vom sichtbaren und unsichtbaren Zustand der Schöpfung vermittelt. Insbesondere wurde ihre Aufmerksamkeit darauf gelenkt, dass auf der Erde durch das Erwecken des Lebens ein besonderes Leben verliehen wird. Der Zweck des Korans war hier zu zeigen, dass Allah, so wie Er die Schöpfung beginnen kann, sie auch wiederholen kann und dazu fähig ist.

(Arabisch***********)Bin Ich etwa durch die erste Schöpfung ermüdet? Nein, vielmehr hegen sie Zweifel an einer neuen Schöpfung. (Sure Qāf: 15)

In der bildhaften Darstellungsweise des Korans, die eine besondere Ausdrucksform des Korans ist, wird die Ähnlichkeit des Lebens zwischen Erde und Mensch in eben dieser besonderen Weise dargestellt.

(Arabisch***********)

Möge der Mensch zugrunde gehen! Wie undankbar ist er! Aus was für einem Stoff hat Er ihn erschaffen? Er hat ihn aus einem Samentropfen erschaffen und ihn wohlgeformt. Dann hat Er ihm den Weg erleichtert. Danach lässt Er ihn sterben und bestattet ihn. Wenn Er will, erweckt Er ihn wieder zum Leben. Nein, er ist nie dankbar gewesen und hat nicht erfüllt, was Er ihm befohlen hat. Der Mensch soll auf seine Nahrung achten. Wir haben darauf auf wunderbare Weise Wasser herabregnen lassen, dann die Erde aufgespalten und darauf Getreide, Trauben, Gemüse, Oliven, Datteln, dicht bewachsene Gärten, Früchte und Gras hervorgebracht – zu eurem Nutzen und zum Nutzen eurer vierfüßigen Tiere. (Sure ʿAbasa: 17–32)

An anderer Stelle heißt es:

(Arabisch***********)

Er bringt das Lebendige aus dem Toten und das Tote aus dem Lebendigen hervor und belebt die tote Erde wieder. Auf diese Weise werdet ihr auferweckt werden. Zu Seinen Zeichen gehört, dass Er euch aus Erde erschaffen hat; dann seid ihr Menschen und breitet euch auf der Erde aus. Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er für euch aus euch selbst Gattinnen erschaffen hat, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und dass Er zwischen euch Zuneigung und Barmherzigkeit geschaffen hat. Darin sind wahrlich Zeichen für nachdenkliche Menschen. Zu Seinen weiteren Zeichen gehören die Erschaffung der Himmel und der Erde sowie die Verschiedenheit eurer Sprachen und eurer Farben. Darin sind wahrlich Zeichen für die Wissenden. Und zu Seinen Zeichen gehört euer Schlaf in der Nacht und am Tag sowie euer Streben nach Seiner Gunst. Darin sind wahrlich Zeichen für aufmerksame Menschen. Und zu Seinen Zeichen gehört, dass Er Wasser vom Himmel herabsendet und dadurch die tote Erde wiederbelebt. Darin sind wahrlich Zeichen für vernünftige Menschen. (Sure ar-Rūm: 19–24)

Der Koran hat ihnen Bilder vor Augen geführt, die für sie verständlich waren und mit denen sie bestens vertraut waren. Ihre Sinne nahmen diese Bilder ständig wahr. Diese Bilder zogen ihr Wissen und ihren Verstand fortwährend zu seiner (Lehre) hin.

Diese Szenen standen in tiefem Zusammenhang mit dem Leben und Lebensunterhalt der Araber sowie mit ihrem Gewissen und ihren Empfindungen. Diese Szenen waren mit ihrem Wesen verschmolzen. Der Koran lenkte ihre Aufmerksamkeit auf diese Szenen, als wären sie etwas völlig Neues. Wer diese natürlichen Erscheinungen jedoch mit offenen Augen und Ohren betrachtet, findet darin gewiss Neues – sofern er nicht auf seiner eigenen Sturheit beharrt. Die vom Verstand hervorgebrachte Argumentation besitzt keine Beständigkeit; höchstens kann sie als Beweis für Geschicklichkeit dienen.

Sowohl der menschliche Verstand als auch seine Sinne wollen bis in die Tiefe der Aqida (des Bewusstseins) vordringen. Der Mensch ist begierig darauf, Unbekanntes zu erfahren. Je verborgener und ferner eine Aqida dem Bewusstsein und den Empfindungen ist, desto stärker begehrt man, bis zu ihr vorzudringen. Deshalb hat der Koran auch bei der Aqida eine Darstellungsweise in Form von Bildern und Vorstellungen gewählt.

(Arabisch***********)

Siehst du nicht, dass alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, und die Vögel, die ihre Flügel ausbreiten, Allahs Heiligkeit und Erhabenheit verkünden? Jeder kennt die ihm angemessene Art, Ihm zu dienen, Seine Heiligkeit zu verkünden und Seine Erhabenheit zu preisen. (Sure an-Nur: 41)

Die sieben Himmel und die Erde und alles, was sich in ihnen befindet, verkünden Seine Heiligkeit und Erhabenheit. Es gibt nichts, was nicht Seine Erhabenheit und Heiligkeit verkündet. Doch ihr könnt ihre Verkündung Seiner Erhabenheit und Heiligkeit nicht begreifen. (Sure Bani Isra’il: 44)

(Arabisch***********)

Diejenigen, die den Thron tragen, und diejenigen, die sich rings um ihn befinden, verkünden das Lob ihres Herrn und Seine Heiligkeit. Sie glauben an Ihn und bitten um Vergebung für die Gläubigen und sagen: »Unser Herr, Deine Barmherzigkeit und Dein Wissen umfassen alles. So vergib denjenigen, die bereuen und Deinem Weg folgen, und bewahre sie vor der Strafe der Hölle. Unser Herr, lass sie und diejenigen unter ihren Vätern, ihren Ehepartnern und ihren Kindern, die rechtschaffen handeln, in die immerwährenden Gärten eingehen, die Du ihnen versprochen hast. Gewiss, Du bist der Allmächtige, der Allweise. Und bewahre sie vor dem Bösen. Wen Du an jenem Tag vor dem Bösen bewahrst, dem erweist Du wahrlich Barmherzigkeit. Das ist der große Erfolg.« (Sure al-Mu’min: 7–9)

Die in diesen Ayat gezeichneten Bilder lösen im menschlichen Wesen eine solche Furcht aus, dass der Mensch beim Anblick des Bildes eines unbekannten Gegenstands erschrocken und verwirrt wird. Zugleich erwecken sie in ihm Neugier auf eine unbekannte, fremde Welt. Es ist eine Welt, in der die Engel den Thron tragen und Ihn zugleich preisen. Gleichzeitig gibt es auf der Erde nichts, was Allah nicht verherrlicht und preist.

Oft befinden sich unsichtbare Dinge ganz in unserer Nähe, doch aufgrund der Begrenztheit des menschlichen Verstandes ist es nicht möglich, sie zu erfassen. Dennoch erfüllen sie das Denken und Bewusstsein des Menschen, und daraus wird Allahs Allmacht ersichtlich. Unter ihrem Einfluss erstrahlt das Herz des Menschen im Licht des Iman.

(Arabisch***********)

Für Allah ist nichts in den Himmeln und auf der Erde verborgen. Er ist es, der euch im Mutterleib nach Seinem Willen gestaltet hat. (Sure Āl ʿImrān: 5–6)

Dieser Vers belegt, dass Allah über die gesamte unsichtbare Welt Bescheid weiß. Im Grunde handelt es sich um einen Beweis, der mit dem Gewissen verbunden ist, nicht um den Gegenstand einer intellektuellen Untersuchung. Im folgenden Vers wird ein noch umfassenderes und eindrucksvolleres Bild gezeichnet.

(Arabisch***********)

Bei Ihm befinden sich die Schlüssel der unsichtbaren Welt. Niemand außer Ihm kennt sie. Er weiß, was sich auf dem Meer und auf dem Land befindet. Kein einziges Blatt fällt, ohne dass Er davon weiß. Kein Samenkorn fällt in die Finsternis der Erde, und nichts Nasses oder Trockenes fällt irgendwohin, ohne dass Er davon weiß. Alles ist in einem offenkundigen Buch niedergeschrieben. (Sure al-Anʿām: 59)

In dem behandelten Vers wird Allahs Macht auf äußerst feine und zugleich eindringliche Weise beschrieben. Es wird gezeigt, wie weit der Umfang von Allahs Wissen reicht. Um diese Bedeutung zu vermitteln, wurden die treffendsten Worte gewählt, und mit diesen Worten wurde ein großartiges Bild gezeichnet. Die Worte dieses Verses bringen die Weite von Allahs Ilm zum Ausdruck. Darüber hinaus wird mit diesen Worten ein erstaunliches imaginatives Bild gezeichnet. So heißt es: „Kein Blatt fällt, ohne dass Er davon weiß. Und in keinem finsteren Winkel der Erde befindet sich ein Samenkorn, von dem Er nichts weiß. Außerdem weiß Er über alles Nasse und Trockene Bescheid.“ Es scheint keine bloße Beschreibung zu sein, sondern vielmehr ein genau vor Augen geführtes Bild.

Beim Rezitieren dieses Verses möchte der Mensch mit den Augen der Vorstellungskraft die ganze Erde durchstreifen und sehen, wo jenes herabgefallene Blatt liegt. Er sucht auch nach jenem Samenkorn, das in der dunklen Erde verborgen ist. Doch niemand außer Allah kann davon Kenntnis haben. Wenn der Mensch beim Nachdenken zu sich selbst zurückkehrt, wird er von der Ehrfurcht vor Allah und seiner Erhabenheit überwältigt. In diesem Augenblick wendet er sich dem Hofe des Bārī Taʿālā zu und bezeugt in höchster Versunkenheit immer wieder Sein Wissen.

Das ist die Beweisführung des Al-Qurʾan, die man auch als ein Bild der Beweisführung bezeichnen könnte. Welchen Zusammenhang kann sie mit den vom Verstand hervorgebrachten Argumenten haben, die unsere Rationalisten uns über Jahrhunderte hinweg geliefert haben?

An vielen Stellen hat der Al-Qurʾan die vom Verstand hervorgebrachten Argumente und Streitgespräche vermieden. Wir führen ein Beispiel dafür an. Es heißt:

(Arabisch***********)

Ihr und diejenigen, die ihr anstelle Allahs verehrt, werdet Brennstoff der Hölle sein. Und ihr werdet alle dort eintreten. (Sure al-Anbiyāʾ: 98)

Als die arabischen Polytheisten diesen Vers hörten, meinten sie, dass es unter den Christen Menschen gebe, die ʿĪsā (a.s.) für einen Gott hielten. Würde also auch ʿĪsā (a.s.) in die Hölle kommen? Ihr Ziel war es, die Beziehungen zwischen Muslimen und Christen zu verschlechtern. Zu diesem Zweck brachten sie ein vom Verstand hervorgebrachtes Argument vor.

Zu diesem Einwand wird im folgenden Vers eine schöne Antwort gegeben.

(Arabisch***********)Das Beispiel, das sie dir vortragen, bringen sie nur zum Zwecke des Streitens vor. In Wahrheit sind sie ein streitendes Volk. (Sure az-Zukhruf: 58)

In diesem sehr schlicht formulierten Satz wurde keinerlei Hilfe der Mantiq oder der Logik in Anspruch genommen.

Wenn der Koran im Stil verstandesmäßiger Argumentation und Debatte sprechen würde, wäre damit nichts erreicht. Denn auf diese Weise würde das eigentliche Ziel des Korans nicht erreicht. Durch Streitgespräche oder Debatten lässt sich nämlich kein Glaube begründen. Der Glaube steht über der Debatte.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Koran versucht hat, das Gewissen des Menschen aufzurütteln. Deshalb hat er die Methode der Schilderung von Geschichten gewählt. Ebenso hat er seine zentrale Botschaft in einem bildhaften Stil dargestellt und so sein Ziel erreicht. Da der Koran sowohl religiöse als auch künstlerische Inhalte trägt und bewahrt, steht der Stil, den er zur Darlegung seiner Aussagen gewählt hat, auf dem Gipfel von Schönheit und Ausgewogenheit.

Die Darstellungsweise des Korans

Der Kern aller bisherigen Erörterungen besteht darin, dass der Koran in einem einzigartigen und außergewöhnlichen Stil seine Aussagen darlegt und versucht, das angestrebte Ziel zu erreichen. Selbst bei der Darlegung von Belegen und Argumenten hat er dieselbe Methode angewandt. Darüber hinaus hat er durch Vorstellungskraft und bildhafte Gestaltung jedes Ereignis wie ein Bild vor Augen geführt. Das heißt, der Koran stellt immaterielle Bedeutungen körperlich und sinnlich wahrnehmbar dar.

Wir wollen untersuchen, wie erfolgreich und wirksam diese künstlerische Darstellungsweise ist. Dies ist der Gegenstand unseres vorliegenden Buches. Die Themen, die der Koran behandelt, sind nicht unser Untersuchungsgegenstand. In den Erörterungen, die wir zuvor geführt haben, sind diese Themen teilweise zur Sprache gekommen; dies geschah nur deshalb, um darauf aufmerksam zu machen, wie der Koran den jeweiligen Gegenstand dargestellt hat und welcher Art und Methode er sich dabei bedient.

Wenn manche Menschen den Inhalt des Korans eingehend betrachten und über seine Weite, seine umfassende Reichweite und seine Erhabenheit nachdenken, rufen sie aus: Dieser Inhalt ist bereits sein unterscheidendes Merkmal. Und das genügt. Die Darstellungsweise des Korans, die Art seiner Herangehensweise und seine bis ins Kleinste gehenden Analysen seien nebensächlich. Ihrer Auffassung nach liegt das gesamte Wunder des Korans in seinem Inhalt. Andere wiederum befassen sich mit den Wörtern und Sätzen und sagen: Das Wunder des Korans steht jeweils mit beiden eigenständig in Verbindung.

Unsere Auffassung hierzu lautet: Der Stil, den der Koran in seiner Darstellung gewählt hat, ist aus dem angestrebten Inhalt selbst hervorgegangen. Daher kommt beiden derselbe Rang zu. Wir möchten uns nicht in eine fruchtlose Auseinandersetzung über Wort und Bedeutung verstricken, obwohl berühmte Literaten und Sprachwissenschaftler über diese Wörter und Bedeutungen gestritten haben.

Literaten und Sprachwissenschaftler wie Ibn Qutayba, Qudāma und Abū Hilāl al-ʿAskarī haben sich mit diesem Thema befasst. Wir sind jedoch der Ansicht, dass das, was ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī in seinem Werk „Dalāʾil al-Iʿǧāz“ zu diesem Thema gesagt hat, von großer Gelehrsamkeit und Ausgewogenheit zeugt. Er sagte: Ein vernünftiger Mensch kann nicht einmal daran denken, dass über ein Wort allein deshalb eine Auseinandersetzung geführt werden könne. Natürlich kann man darüber sprechen, in welcher Bedeutung das Wort verwendet werden soll. Über eine Bedeutung, die Zustimmung findet, kann ebenfalls keine Auseinandersetzung geführt werden. Ja, die einzige Auseinandersetzung, die sich im Zusammenhang mit der Bedeutung führen lässt, ist die Frage, mit welchem Wort die verständliche Bedeutung verbunden ist. Das Wort repräsentiert eben diese Bedeutung. Darüber hinaus kann diese Bedeutung nur dann zum Ausdruck kommen, wenn sie in einem bestimmten Rhythmus und Maß zusammengefügt werden kann; andernfalls nicht. Es ist unmöglich, dass Wortfügung und Rhythmus voneinander abweichen und dennoch die Bedeutung übereinstimmt.

Wenn ʿAbd al-Qāhir al-Dschurdschānī zu diesem Zweck etwas kurz gefasst geschrieben hätte, würden wir es wörtlich wiedergeben. Leider hat er jedoch das gesamte Buch mit dieser Erörterung gefüllt. Deshalb können wir seine Gedanken nicht vollständig darlegen. Nicht einmal einen Teil davon können wir zitieren. Wir haben festgestellt, dass sein Material äußerst kompliziert ist.

Was sich jedoch mit Nachdruck sagen lässt, ist: Er besaß die Fähigkeit, diese Fragen zu lösen. Wäre er in dieser Angelegenheit noch etwas weiter vorgedrungen, hätte er den Gipfel der Kunst erreichen können.

Wir möchten den Standpunkt ʿAbd al-Qāhirs darlegen: Die Anordnung und der Rhythmus seines Werkes sind eine eindrucksvolle Darstellung der Bedeutung. Wo zwei Methoden angewandt werden, um eine verborgene Bedeutung zu vermitteln, treten im Geist und in der Seele zwei verschiedene Bedeutungen hervor. Es scheint, dass zwischen dieser Bedeutung und der Art ihrer Darstellung eine solche Beziehung besteht, dass nach ihrer Erfassung keine Möglichkeit mehr bleibt, Wort und Bedeutung getrennt voneinander zu betrachten. Eine Bedeutung kommt in dieser Weise zum Ausdruck, wenn Anordnung und Reim übereinstimmen. In dem Maß, in dem sich der Zustand des Wortes verändert, vollzieht sich auch in der Bedeutung eine entsprechende Veränderung. Oft wird die verstandesmäßige Seite nicht beeinflusst, während sich die innere Haltung und die Psyche verändern. Es liegt auf der Hand, dass die künstlerische Art der Darstellung einer Aussage ausschließlich dazu dient, die innere Welt zu beeinflussen. Wenn daher durch die Wirkung des Satzes eine Veränderung einsetzt, verändert sich auch die Bedeutung.

Die vorangegangene Erörterung deutet darauf hin, dass die im Koran angewandte Methode der Veranschaulichung von größter Bedeutung ist. Denn es handelt sich um eine Darstellungsweise, in der den koranischen Bedeutungen, Zielen und Gegenständen genau die Gestalt verliehen wird, in der wir sie sehen können. Dieser Zustand ist ein Maßstab für ihren Rang und ihre Bedeutung. Wäre dort nicht dieser Zustand, sondern etwas anderes gegeben, wäre sie nicht in demselben Maß bedeutend wie heute.

Anhand von Beispielen möchten wir die Sache noch deutlicher machen. Zwar finden sich an verschiedenen Stellen dieses Buches Beispiele dieser Art, und wir haben sie ausführlich erläutert, sodass die Darstellungsweise des Korans deutlich geworden ist. Da dies jedoch das letzte Kapitel des Buches ist, führen wir gleichsam als „ein Bündel Kräuter auf einer bereits beladenen Last“ noch einige weitere Beispiele aus der Erörterung an. Denn an Beispielen fehlt es uns wahrlich nicht.

Das erste Merkmal der Darstellungsweise des Korans besteht darin, das Übersinnliche in eine bildhafte Form zu bringen und es dadurch verständlich zu machen. Auf dieselbe Weise hat der Koran Naturbilder, die Geschichte der Vergangenheit, Ereignisse und Beispiele, die Szenen des Jüngsten Tages, die Szenen von Strafe und Frieden sowie das Wesen des Menschen so dargestellt, dass es scheint, als stünden sie alle vor unseren Augen. Auf diese Weise hat der Koran gedankliche Gegenstände in den Bereich der sinnlichen Wahrnehmung gebracht. Zugleich wurde durch die Kraft des Denkens Bewegung in ihnen erzeugt, sodass sie dem Auge der Vorstellungskraft stets in Bewegung zu sein scheinen.

Nun stellt sich die Frage: Warum ist die vom Koran angewandte Methode der Veranschaulichung bedeutender als andere Methoden, bei denen Bedeutung und Zustand in ihrer ursprünglichen Gestalt beschrieben werden? Warum werden ebenso ein Ereignis oder eine Geschichte in ihrem tatsächlichen Zustand beschrieben? Wenn das Ziel in der Beschreibung einer Szene besteht und sie dennoch nur mit einigen schlichten Worten geschildert wird, ohne ein vorgestelltes Bild von ihr zu zeichnen?

Über die Bedeutung der vom Koran übernommenen Formen und Methoden genügt es, Folgendes zu sagen: Zunächst betrachten wir sie in ihrer ursprünglichen, unverhüllten Gestalt. Danach führen wir sie in bildhafter Vorstellung vor unser inneres Auge. Auf diese Weise werden beide Zustände einander klar erkennbar.

Im ersten Zustand wendet sich die Bedeutung an den Verstand und das Empfinden und erreicht diese, losgelöst von dem vermittelnden Abbild. Bei der bildhaften Darstellung hingegen wendet sich die Bedeutung an die Sinne und das Bewusstsein und erreicht den Menschen auf einem anderen Weg. Auf diese Weise wird das Bewusstsein beeinflusst. Diese Wirkung erreicht den Menschen auf ungewöhnlichen Wegen. Der Verstand ist einer dieser Wege. Es kann nicht gesagt werden, dass der Verstand der einzige Weg sei oder dass es außer diesem Weg und dieser Methode keinen anderen gebe.

Es besteht kein Zweifel daran, dass der Stil, den der Koran für die bildhafte Darstellung gewählt hat, äußerst bemerkenswert ist.

Diese Methode ist ausgewogen, um alle Glaubenslehren zu vermitteln; wir wollen jedoch nur ihre künstlerische Schönheit untersuchen. Zweifellos ist diese Darstellungsweise aus künstlerischer Sicht äußerst bedeutsam. Die erste künstlerische Forderung besteht daher darin, das Bewusstsein zu beeinflussen und darin eine künstlerische Anziehungskraft zu erzeugen. Diese Wirkung soll genutzt werden, um das Innere des Lebens zu erhellen und durch die Szene der Vorstellungskraft Nahrung zu geben. Auf diese Weise wird die beabsichtigte Aussage bildhaft und anschaulich. Von den Gleichnissen, die wir zuvor angeführt haben, greifen wir hier eines erneut auf.

1. Der Ausdruck heftiger Abneigung gegen den Glauben: Der Koran hätte denjenigen, die sich vom Weg des Glaubens abwenden, ganz direkt sagen können: Dieser und jener Mensch hasst den Glauben. Sobald man diesen Satz gehört hätte, hätte sich der Gedanke an Hass im menschlichen Bewusstsein festgesetzt, und man hätte dieses Wort mit voller Gewissheit und innerer Beruhigung erfassen können. Doch das Bild, in dem sich dieser Hass ausdrückt, wird durch den folgenden Satz vermittelt:

(Arabisch***********)

Was ist mit ihnen, dass sie sich von der Ermahnung abwenden? Als wären sie aufgeschreckte Wildesel, die wegen des Lärms fliehen. (Sure al-Muddaththir: 49–51)

Bei dieser Darstellungsweise beteiligen sich neben dem Verstand auch das Sehvermögen und die Vorstellungskraft. Zugleich wird ein eindrucksvolles Spottbild von denjenigen gezeichnet, die den Glauben hassen. Wie Wildesel beim Hören von Lärm in alle Richtungen umherlaufen und eilig zu fliehen versuchen, so versuchen auch die Ungläubigen und Götzendiener zu fliehen, sobald sie das Wort Allahs hören. Künstlerische Schönheit entsteht in diesem Bild erst dann, wenn in der Vorstellung die Szene vor den Augen erscheint: eine Herde von Eseln, die wegen des Lärms in panischer Bewegung davonrennt, während ein Löwe sie verfolgt.

2. Man hätte die Schwäche und Hilflosigkeit der falschen Götter, die die Araber verehrten, schlicht zum Ausdruck bringen können: „Diejenigen, die ihr außer Allah anruft, sind schwächer als eines der unbedeutendsten Geschöpfe Allahs.“ Auf diese Weise hätte die Aussage, ohne mit etwas anderem verbunden zu sein, unmittelbar die Tür zum menschlichen Denken erreicht.

Doch das tat man nicht, sondern stellte es bildhaft dar. Und zwar so:

(Arabisch***********)

Diejenigen, die ihr statt Allahs anbetet, werden niemals auch nur eine Fliege erschaffen können, selbst wenn sie sich alle zusammentäten. Und wenn die Fliege ihnen etwas wegnähme, könnten sie es nicht einmal von der Fliege zurückholen. Wie hilflos sind doch sowohl der Bittende als auch der, an den gebetet wird! (Sure al-Haddsch: 73)

Das gesamte Bild tritt nun anschaulich und bewegt vor unsere Augen und erscheint in drei Stufen.

(1) Ihre falschen Götter sind nicht einmal in der Lage, eine Fliege zu erschaffen.

(2) Selbst wenn sie sich alle gemeinsam darum bemühten, wären sie dazu nicht imstande.

(3) Von Erschaffen ganz zu schweigen: Wenn die Fliege ihnen etwas wegnähme, wären sie völlig unfähig, diesen Gegenstand der Fliege wieder abzunehmen.

Dies ist ein Bild ihrer (der falschen Gottheiten) Schwäche und Unfähigkeit. In diesem Bild wird die Sache auf eine Weise dargestellt, die im Herzen der Menschen Geringschätzung und Abscheu gegenüber den falschen Gottheiten hervorruft.

Nun stellt sich die Frage: Wurde hier eine Übertreibung der Vermischung vorgenommen? Und ist die Balāgha (die sprachliche Kunst) in der Übertreibung der Vermischung aufgegangen? Gewiss nicht. Hier gibt es kein Element der Übertreibung. Die Hauptsache ist, dass all diese falschen Gottheiten, selbst wenn sie versuchten, eine Fliege zu erschaffen, dazu nicht imstande wären. Zweifellos ist die Fliege ein äußerst kleines und unbedeutendes Lebewesen. Doch hinter ihrer Erschaffung steht [die Herausforderung]. Dieses „Wunder“ steht mit der Erschaffung des Lebens in Verbindung, ganz gleich, ob es um die Erschaffung eines großen oder eines kleinen Lebewesens geht. Nicht nur die Erschaffung großer Lebewesen ist ein Wunder; auch in der Erschaffung eines äußerst unbedeutenden und geringfügigen Lebewesens liegt etwas Übernatürliches.

Die künstlerische Schönheit, die in diesem Bild liegt, besteht darin, dass sie (die falschen Gottheiten) nicht einmal die Fähigkeit besitzen, eine kleine Fliege zu erschaffen; wozu wären sie dann überhaupt fähig? Dadurch tritt ihre Schwäche ganz von selbst zutage. Danach wird gesagt: Von der Erschaffung ganz zu schweigen – wenn diese kleine Fliege ihnen etwas wegnehmen würde, wären sie nicht einmal fähig, es zurückzuholen. All dies sind Elemente der künstlerischen Schönheit.

3. Bei der Schilderung der Schrecken des Jüngsten Tages hätte man allgemein sagen können: „An jenem Tag wird der Freund den Freund vergessen, und diejenigen, denen gefolgt wurde, werden ihre Anhänger zurückweisen.“ Eine solche Darstellung wäre keineswegs völlig unzulänglich gewesen. Doch damit hat die Art und Weise, in der der Qurʾān dieses Bild zeichnet, nichts gemein; vielmehr ist sie von lebendiger Bewegung erfüllt.

(Arabisch***********)

(An jenem Tag werden die Anhänger zu den Anführern sagen:) „Wir waren doch eure Anhänger; werdet ihr uns nun vor Allahs Strafe retten?“ Sie werden sagen: „Wenn Allah uns den rechten Weg gezeigt hätte, hätten auch wir euch gewiss den rechten Weg gezeigt. Ob wir nun die Geduld verlieren oder geduldig bleiben, es ist alles gleich; für uns gibt es keine Rettung.“ Wenn über alle Angelegenheiten entschieden worden ist, wird Satan sagen: „Gewiss, Allah hatte euch ein wahres Versprechen gegeben, und auch ich hatte euch ein Versprechen gegeben, doch heute breche ich es. Ich hatte keine Macht über euch, außer dass ich euch gerufen habe und ihr meinem Ruf gefolgt seid. So macht mir keine Vorwürfe, sondern macht euch selbst Vorwürfe. Ich kann euch keinen Nutzen bringen, und ihr könnt mir ebenfalls keinen Nutzen bringen. Zuvor habt ihr mich Allah beigesellt; ich sage mich nun davon los.“ Wahrlich, für die Ungerechten gibt es eine schmerzhafte Strafe. (Sure Ibrāhīm: 21–22)

In dem oben genannten Vers werden drei Gruppen dargestellt. Sie werden lebendig und treten in einer vorgestellten Szene vor unsere Augen.

a. Die Schwachen

Sie waren Bettler, die um die Gunst der Großen flehten. Wegen ihrer eigenen Schwäche, Dummheit und Abhängigkeit waren sie stets eifrig bemüht, Zuflucht unter den Rockschößen der Führer zu suchen. Am Tag der Auferstehung werden sie sich zunächst an ihre Führer wenden und sie darum bitten, sie aus diesem Zustand zu befreien. Danach werden sie sie dafür verantwortlich machen, dass sie sie in die Irre geführt haben.

b. Die Hochmütigen

Diese Gruppe, zu der führende Persönlichkeiten und Leute aus der Art der Emire und Würdenträger gehören, wird dann von Schmach und Erniedrigung überwältigt sein. Sie werden ihr eigenes Ende vor Augen sehen. Beim Anblick ihrer Anhänger werden sie äußerst zornig werden. Die Anhänger wiederum werden, obwohl sie den gedemütigten und erniedrigten Zustand der Führer sehen, nicht davon ablassen, diese um Befreiung zu bitten. Dabei werden gerade sie selbst zu jener Zeit von der Hilfe anderer abhängig sein. Doch niemand wird für sie eintreten. Dann werden die Anhänger immer wieder sagen: „Diese Führer haben uns doch irregeführt.“ Das wird ihnen an jenem Tag allerdings keinerlei Nutzen bringen. Die Führer werden nur sagen und dann schweigen: „Wenn Allah uns den Weg der Rechtleitung gezeigt hätte, hätten auch wir euch den Weg weisen können.“

c. Der Satan

Iblis ist der Urheber allen Übels, einschließlich Täuschung, Betrug und satanischen Handelns. An jenem Tag wird er sich an seine Anhänger wenden und sagen: „Allah hatte euch ein wahres Versprechen gegeben, doch das Versprechen, das ich euch gegeben hatte, war eine Lüge und Betrug.“ Dann wird er ausdrücklich sagen: „Ich habe euch nicht gewaltsam irregeführt. Ich habe euch lediglich gerufen, und schon seid ihr herbeigelaufen. So macht heute nicht mir Vorwürfe, sondern macht euch selbst Vorwürfe.“

Danach wird er sein letztes Wort sprechen: „Von der Verantwortung für all jene Taten, bei denen ihr mich als Teilhaber betrachtet habt, erkläre ich mich selbst für frei.“

Die Szene, die im obigen Bild dargestellt wird, besitzt einzigartige und unvergleichliche Eigenschaften. In dieser Szene sehen wir, dass die Führer und die Anhänger einander nicht mehr erkennen. Alle gestehen ihre eigenen Verbrechen ein. Dennoch bringt dieses Geständnis keinerlei Nutzen. Darüber hinaus entfährt einem beim Anblick dieser grässlichen Szene unwillkürlich der Ausruf: Wenn er solche Worte nicht sagen würde, warum sollte man ihn dann noch Satan nennen? Dieses Bild nimmt den ganzen menschlichen Geist gefangen. Wären die Worte einfach in dieser Weise ausgesprochen worden, hätte sich jene künstlerische Schönheit, die in diesem Bild zum Ausdruck kommt, nicht entfaltet.

4. Im Allgemeinen hätte man einfach sagen können, dass die von den Kafir und den Götzendienern verrichteten Taten nicht annehmbar sind. Daher leben die Kafir, die dieser unannehmbaren Praxis den Vorrang geben, zweifellos im Narrenparadies. Sie sind einer dauerhaften Verirrung verfallen; niemand kann sie daraus zurückführen oder ihnen den rechten Weg zeigen. Ihr Verstand hat diese Vorstellung angenommen. Wenn diese Aussagen jedoch so formuliert werden, wie sie im folgenden Vers formuliert sind, entstehen in ihnen der Pulsschlag und die Bewegung des Lebens. Die Welt der Wünsche und Gefühle wird dadurch erschüttert.

(Arabisch*************)

Die Werke derjenigen, die ungläubig sind, gleichen einer Luftspiegelung in der Wüste, die der Durstige für Wasser hält. Wenn er dorthin kommt, findet er jedoch nichts vor, sondern findet Allah dort. Dann begleicht Allah seine Abrechnung. Allah ist ja schnell im Abrechnen. Oder ihre Werke gleichen tiefster Finsternis auf dem Grund eines aufgewühlten Meeres, über dem Welle auf Welle wogt und dichte schwarze Wolken liegen: Finsternis über Finsternis. Wenn er seine Hand ausstreckt, kann er sie kaum sehen. Und wem Allah kein Licht gibt, der findet überhaupt kein Licht. (Sure an-Nur: 39–40)

In den hier behandelten Versen ist ein solch kunstvolles Bild gezeichnet, dass es einen Menschen vollkommen in seinen Bann zieht. Es ist wie ein Märchen. Die Vorstellungskraft hat hier ihre ganze Kraft entfaltet; doch für die farbige Ausgestaltung des Bildes und dafür, es in Bewegung zu setzen, bedarf es noch eines seltenen Pinsels und einer hervorragenden Kamera.

Die Frage ist: Woher soll man einen solchen Pinsel und eine solche Kamera nehmen, die jene in diesem Vers erwähnte Finsternis hell und deutlich sichtbar machen könnten? Und dann sieht man das Bild des Durstigen, der hinter der Luftspiegelung herläuft; wenn er dort ankommt, findet er nichts vor. Ja, plötzlich findet er dort etwas, woran er nicht einmal im Traum gedacht hatte: das Wesen Allahs, des Erhabenen. Danach begleicht Allah seine Abrechnung im Handumdrehen.

In diesem Vers erkennen wir den religiösen Zweck, um dessentwillen diese Szene dargestellt wurde. Zugleich lernen wir eine hochmoderne Kunstform kennen, die in diesem stets lebendigen Bild gegenwärtig ist.

5. In den folgenden Versen wird ein eindrucksvolles Bild von denjenigen gezeichnet, die, nachdem sie Rechtleitung erlangt haben, in die Irre gehen. Es weist eine Ähnlichkeit mit dem zuvor angeführten Beispiel auf. Auch hier begegnen uns nacheinander einige lebendige Bilder. So heißt es:

(Arabisch*************)

Sie sind es, die die Irreleitung im Tausch gegen die Rechtleitung erkauft haben. Ihr Handel hat ihnen gewiss keinen Gewinn gebracht, und sie haben auch keine Rechtleitung erlangt. Ihr Zustand gleicht dem eines Menschen, der irgendwo ein Feuer entzündet. Als das Feuer seine Umgebung erhellte, nahm Allah ihnen ihr Licht und ließ sie in Finsternis zurück. So können sie nichts sehen. Sie sind taub, stumm und blind. Daher kehren sie nicht um. Oder ihr Beispiel gleicht dem von Menschen, die in einer Unwetternacht unterwegs sind, in der Finsternis, Donner und Blitze herrschen. Sie wollen den Blitz und den Donnern entkommen, doch Allah umfasst die Ungläubigen allesamt. Wenn der Blitz ihnen ein wenig Licht spendet, gehen sie ein Stück weiter. Wenn es wieder dunkel wird, bleiben sie reglos stehen. Allah hat ja Macht über alle Dinge. (Sure al-Baqara: 16–20)

In den genannten Versen wird Schritt für Schritt ein eindrucksvolles Bild gezeichnet. Einige Menschen entzünden in der Dunkelheit der Nacht ein Feuer, wodurch ihre Umgebung erhellt wird. Doch plötzlich verschwindet das Licht, und sie versinken in grenzenloser Finsternis; in eben dieser Finsternis gehen sie weiter. Zugleich setzen Sturm und Regen ein.

Auf der einen Seite herrschen undurchdringliche Dunkelheit, Sturm, Regen und Blitze, auf der anderen Seite ertönt das anfängliche, dumpfe Grollen der Wolken, begleitet vom Aufleuchten der Blitze. Von Angst überwältigt, verlieren sie die Orientierung. Sobald sie auch nur einen schwachen Blitz sehen, pressen sie aus Furcht vor dem Donnerschlag die Finger in die Ohren. Wieder erhellt der Blitz für einen kurzen Augenblick die Umgebung; in diesem Licht gehen sie einige Schritte und bleiben dann erneut stehen. Sie können sich nicht entscheiden, was sie tun sollen.

Um ein solch lebendiges und bewegtes Bild aufzunehmen, wäre eine äußerst wertvolle und automatische Kamera erforderlich. Doch hier wird das lebendige und bewegte Bild nicht durch eine Kamera, sondern durch wenige Worte dargestellt. Gibt es hier etwas, das eine Kamera vermag, Worte jedoch nicht? Im Gegenteil: Der Mensch empfindet beim Betrachten eines sprachlich geschaffenen Bildes noch größere Freude. Denn dabei wirkt auch seine Vorstellungskraft mit. Sie zeichnet das Bild, löscht es wieder aus und bringt es sogar in Bewegung. In diesem Augenblick gehen Wellen der Emotion durch den Menschen. Sein Gewissen wird berührt, sein Herzschlag beschleunigt sich. Wissen Sie, warum das geschieht? Nur durch die Wirkung einiger weniger Worte.

Schlussfolgerung

Zum Abschluss unserer Betrachtung der im edlen Koran angewandten Methode der Darstellung möchten wir jene Lebenskraft erörtern, die innerhalb der Szenen geschaffen wird und deren Beispiele an verschiedenen Stellen dieses Buches erwähnt wurden. Einer besonderen Eigenschaft dieser Methode besteht darin, manche Szenen mit dem Pulsschlag des Lebens zu versehen und sie in Bewegung zu setzen.

Die im edlen Koran dargestellten Bilder bestehen nicht lediglich darin, dass ihre eigentliche Bedeutung in ein Bild verwandelt wird; vielmehr wird in diesen Bildern der Pulsschlag des Lebens erweckt. Sie können sogar mit lebenden Wesen verglichen und an ihnen überprüft werden.

Als Beispiel sei das schreckliche Bild des Tages der Auferstehung genannt. Dort wird gezeigt, wie eine stillende Mutter ihr Kind vergisst und davonläuft. Schwangere Frauen werden ihre Schwangerschaft verlieren. Die Menschen werden verwirrt und wie Betrunkene taumelnd umherlaufen; tatsächlich aber werden sie nicht betrunken sein. Dieser Zustand wird nicht durch Worte, sondern durch den Schrecken hervorgerufen, der auf die Menschen einwirkt. Er entsteht nicht aus den Worten, sondern aus jenem furchtbaren Geschehen, das über die Menschen hereinbricht.

An anderer Stelle wird jenes schreckliche Bild folgendermaßen gezeichnet: An jenem Tag werden die Menschen vor ihren Vätern, Müttern, Brüdern und Freunden davonlaufen.

(Arabisch*************) An jenem Tag wird jeder mit einer Angelegenheit beschäftigt sein, die ihn völlig in Anspruch nimmt. (Sure Abasa: 37)

Das schreckliche Bild des Tages der Auferstehung wird so dargestellt, dass der Mensch beim Anblick davon in Angst und Verwirrung gerät. Um das Geschehen zu überprüfen und zu beurteilen, bedarf es keinerlei weiterer Beweise. In diesem schrecklichen und erschütternden Bild werden sogar unbewegliche und leblose Dinge zum Leben erweckt, als würden auch sie sich ihnen anschließen. Es wird verkündet:

(Arabisch*************)

An jenem Tag werden die Erde und die Berge erbeben, und die Berge werden zu Staub zermahlen und sich in Sandhügel verwandeln. (Sure al-Muzzammil: 24)

Es scheint, als wäre die Erde ein lebendiges Wesen, das vor Angst erbeben wird.

(Arabisch*************)

Wie wollt ihr euch also schützen, wenn ihr jenen Tag leugnet, der das Kind zum Greis machen wird, und an dem sich der Himmel spalten wird? (Sure al-Muzzammil: 17–18)

In diesem Vers wird zunächst erwähnt, dass das Kind zum Greis gemacht wird, und danach, dass der Himmel aufreißen wird.

In der Geschichte von Noah (a. s.) wird das erschreckende Bild der Sintflut einerseits durch Naturszenen veranschaulicht, andererseits durch Vater und Sohn ein ergreifendes Bild gezeichnet. Der Vater besteigt die Arche und entkommt der Überschwemmung, doch ist er wegen seines geliebten Sohnes zutiefst besorgt. Die Flut verschlingt den Sohn. (Der Vater ruft:) „Heute wird nur der gerettet werden, dem Allah Barmherzigkeit erweist.“ Bei der Schilderung des erschreckenden Bildes von Sturm, Unwetter und Überschwemmung heißt es: Ein Schiff begann, sich durch Wellen zu bewegen, die hohen Bergen glichen. Durch die Trennung von Vater und Sohn wird diese Szene noch in eine schmerzlichere Lage geführt. Diese schmerzhafte Situation war von solcher Art, dass selbst das Grauen von Sturm und Unwetter sie nicht verdecken konnte.

Das Leid und die Qualen der Höllenbewohner werden durch Schreie zum Ausdruck kommen; ihr Bild ist in den folgenden Worten gezeichnet:

(Arabisch*************)

Sie werden schreiend sagen: „O Malik! Bitte deinen Herrn, uns sterben zu lassen.“ Er wird sagen: „Ihr werdet so bleiben.“ (Sure az-Zuḫruf: 77)

(Arabisch*************) und sie werden dort weiter schreien.

In welcher Lage ein Höllenbewohner am Tag der Auferstehung gedemütigt und entehrt ankommen wird, ist nicht nur durch einige wenige Worte dargestellt; vielmehr wird es so vermittelt, als würde es aus dem Mund eines lebenden Menschen ausgesprochen:

(Arabisch*************)

Und wenn du sehen könntest, wie sie vor ihren Herrn gestellt werden. Er wird sagen: „Ist dies nicht die wirkliche Wahrheit?“ Sie werden antworten: „Ja, bei unserem Herrn!“ Dann wird Er sagen: „Kostet heute wegen eures Unglaubens die Strafe.“ (Sure al-Anʿām: 30)

Die Bewohner der Hölle werden am Tag der Auferstehung öffentlich Reue und Bedauern zeigen, so wie ein Mensch über eine verpasste Gelegenheit Reue empfindet.

(Arabisch*************)

Die Ungerechten werden an jenem Tag sagen, während sie sich in die Finger beißen: „O wäre ich doch! Wenn ich nur den Weg des Gesandten eingeschlagen hätte. O wehe mir! Wenn ich nur den und den nicht zum Freund genommen hätte.“ (Al-Furqan: 27–28)

Indem das Schicksal des Gläubigen und des Ungläubigen geschildert wird, wird auf diese Weise zum Dschihad angespornt:

(Arabisch*************)

Lasst in ihrer Verfolgung nicht nach. Wenn ihr verwundet worden seid, so sind auch sie ebenso verwundet worden wie ihr. Doch ihr erhofft von Allah, was sie nicht erhoffen. (Sure an-Nisa: 104)

Durch einige wenige Worte wird der Unterschied zwischen den Gläubigen und den Ungläubigen aufgezeigt und ein Bild gezeichnet. Dieser Unterschied betrifft die Stellung beider Gruppen und deren Folgen.

Wir wollen die in verschiedenen Kapiteln beschriebenen Szenen nicht wiederholen. Ich denke, diese Erörterung über die Arten der koranischen Szenen und ihre Lebenskraft wird genügen. So wie der Pulsschlag eines Lebens auf ein anderes Leben übertragen wird, so wie eine Wirkung von einem lebendigen und wirklichen Körper ausgehend einen anderen lebendigen Körper berührt, so dringt auch die Wirkung von Bild und Darstellung in das menschliche Herz ein, und der Mensch wird mit ihnen eins.

Ein weiteres Merkmal der Darstellungsweise des Al-Qur’an

Durch die außergewöhnliche und unvergleichliche Berührung des allmächtigen Allah sind in den leblosen Dingen, die sie berührt hat, die Lebensimpulse erwacht. Was alt war und von ihr berührt wurde, ist in neuer Gestalt erschienen. Dies ist nichts anderes als ein Wunder Allahs, des Herrn der Welten, der über allumfassende Macht und Herrschaft verfügt. Diese Schöpfung steht den anderen Wundern oder Machtbeweisen in keiner Weise nach.

Die Szene des Morgens ist jeden Tag zu sehen; dieser Morgen kehrt im Leben immer wieder. Doch in der besonderen Darstellung des Qur’an hat er eine lebendige Gestalt angenommen, die kein menschliches Auge erblickt.

(Arabisch*************)Bei dem Morgen, wenn er Atem holt (erstrahlt). (Sura at-Takwir: 18)

Die Nacht ist die Bezeichnung für einen bestimmten Teil der Zeit, doch in der Darstellung des Qur’an erscheint sie lebendig und neu:

(Arabisch*************)Und bei der Nacht, wenn sie dahinschwindet. (Sura al-Fadschr: 4)

Dem Al-Qur’an zufolge verfolgt der Tag die Nacht mit großer Geschwindigkeit, um sie einzuholen:

(Arabisch*************)Er legt den Tag über die Nacht. Dabei folgt der Tag der Nacht eilends. (Sura al-A‘raf: 54)

(Arabisch*************) Und sein Schatten wird aus Rauch bestehen, der weder kühlend noch angenehm ist. (Sure al-Wāqiʿa: 43–44)

Eine Wand ist ebenso wie ein Stein ein unbelebter Gegenstand, doch der Koran hat sie als ein lebendiges Wesen mit Wahrnehmung und Empfindung dargestellt:

(Arabisch*************)

Dann fanden sie dort eine Wand, die geneigt war und kurz davorstand einzustürzen. Da richtete er sie auf. (Sure al-Kahf: 77)

(Arabisch*************)

Sehen sie denn nicht die Vögel über ihren Köpfen, wie sie ihre Flügel ausbreiten und einziehen? Allah, der Erhabene, hält sie fest. (Sure al-Mulk: 19)

Zu den Dingen, die der Koran bildhaft dargestellt hat, gehören unter anderem der Himmel, die Erde, der Mond, die Sonne, die Berge, die Wälder, bewohnte Gebiete, unbebautes Land und die Pflanzenwelt. Durch ihre lebendigen Bilder wurde die Aufmerksamkeit der Menschen auf sie gelenkt. Niemand kann diese Bilder tot nennen; sie sind vollkommen lebendig und in Bewegung.

Dies ist die Art und Weise der Darstellung und Präsentation des Korans. Sie hat die Ziele und Zwecke des Korans an die Schwelle ihrer Vollendung geführt.

Anhang 1

Dieses Buch wurde vor sieben Jahren erstmals veröffentlicht. Alhamdulillah! Unter Sprachwissenschaftlern, Literaten und religiösen Gelehrten wurde es gleichermaßen anerkannt. Daraus wird deutlich, dass die Religion kein Hindernis für die Pflege von Wissenschaft und Kunst ist, sofern diese sich von allen Bindungen und Bedingungen frei mit ihren Zielen und Inhalten befassen. Darüber hinaus wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Kunst und Wissenschaft keineswegs im Widerspruch zum religiösen Bewusstsein steht, wenn die Absicht aufrichtig ist und weder Selbstgefälligkeit noch Geltungssucht vorliegen. Die Freiheit des Denkens und der Sichtweise bedeutet jedoch keineswegs, dass man sich vollständig von der Religion lossagen muss – wie es eine Gruppe sogenannter Intellektueller behauptet. Denn sie betrachten diese Angelegenheit auf der Grundlage einer bestimmten Nation und ihrer Geschichte. Wie im Westen ein Gegensatz und Konflikt zwischen Religion, Wissenschaft und Kunst entstanden ist, so wollen sie einen ebensolchen Zustand auch in der islamischen Welt herbeiführen. Doch im Islam ist zu keinem Zeitpunkt ein Konflikt zwischen Religion, Wissenschaft und Kunst entstanden. Die Geschichte bezeugt dies.

Ein weiterer Punkt, der an dieser Stelle unbedingt erwähnt werden muss, ist folgender: Hat die bildhafte Darstellungsweise im Koran tatsächlich den Rang der wichtigsten und grundlegenden Methode?

Diese Frage habe ich im Vorwort zu meinem Werk „Die Szenen der Auferstehung im Koran“ folgendermaßen beantwortet:

Um diese Frage zu beurteilen und zu analysieren, müssen die Verse des Korans eingehend untersucht und betrachtet werden. Es besteht kein Zweifel, dass sich – wenn man zu den koranischen Geschichten, den Szenen der Auferstehung, der Darstellung menschlicher Gleichnisse und den auf Weisheit beruhenden Argumenten auch psychische Zustände, Denken und Nachdenken, Vorstellung und Gestaltung sowie Beispiele einiger Ereignisse aus der Geschichte der Prophetenschaft hinzuzählt – zeigen wird, dass ihr Verhältnis ungefähr 4:3 beträgt. Alle genannten Themen werden in bildhafter Darstellungsweise präsentiert. Ausgenommen sind lediglich jene Stellen und Darstellungsweisen, in denen eine religiös-rechtliche Anweisung dargelegt, die Methode der Beweisführung angewandt oder eine Angelegenheit schlicht und direkt beschrieben wird. Eine solche schlichte Darstellung ohne bildhafte Darstellungsweise macht im Koran etwa ein Viertel aus. Daher ist meine Aussage keineswegs übertrieben: „In der Darstellungsweise des Korans wird der bildhaften und szenischen Darstellung gegenüber den anderen Methoden ein größerer Vorrang eingeräumt.“

Wenn Allah mir Erfolg gewährt und ich die folgenden Themen des Korans veröffentliche, werden die Menschen ebenso viel Gewissheit erlangen, wie ich selbst in meinem Herzen besitze. Dazu gehören:

1. Die Geschichten der Thora und des Korans.

2. Das Wesen des Menschen im Koran.

3. Argumente und Beweise im Koran.

4. Künstlerische Mittel im Koran.

Es erfüllt mich mit großer Freude, dass ich durch dieses Buch zumindest in geringem Maße versucht habe, die Aufmerksamkeit auf die Darstellungsmethode des Korans zu lenken. Es ist ein Verdienst dieses Buches, dass die meisten Leser des Korans und die Lehrer der Medresen auch an Stellen künstlerische Einsichten entdecken, deren Beschreibung in meinem Buch nicht zu finden ist. Wenn sie an einer Stelle künstlerische Schönheit wahrnehmen, geraten sie vor Freude außer sich. Ebenso beginnen sie, auch in verschiedenen Gedichten und Prosawerken außerhalb des Korans nach künstlerischer Schönheit zu suchen.

Für einen Schriftsteller ist es keineswegs selbstverständlich, dass andere Schriftsteller die künstlerische Schönheit, die er entdeckt hat, bereitwillig annehmen. Dieses Glück hat mich mit Freude erfüllt. Dafür spreche ich Allah, dem Erhabenen, hunderttausendfachen Dank aus.

Der missbräuchliche Gebrauch des Begriffs „Kunst“

Hier muss noch eine weitere Sache erwähnt werden. Der Begriff „Kunst“ wird in der modernen Kunst missbräuchlich verwendet, oder seine Bedeutung und Tragweite werden nicht richtig verstanden. Auch in der Auslegung des edlen Korans wird dieses Wort falsch erklärt.

Ich gebe zu, dass ich vor sieben Jahren, als ich diesem Buch den Titel „At-Taswīr al-Fannī fī al-Qurʾān“ (Die künstlerische Schönheit des Korans) gab, nur einen Gedanken hatte: Ich wollte die Schönheit der Darstellung und Erklärung sowie deren Form und Wesen erörtern. Der Gedanke, dass die Verbindung der Kunst mit dem Koran daraus etwas Erfundenes machen könnte, das auf Einbildung beruht, kam mir niemals. Denn aufgrund meines eingehenden Studiums des Korans lässt sich eine solche Bedeutung nicht annehmen.

Ich möchte es klar sagen und gestehe es auch ein: Ich habe nichts, was dem menschlichen Verstand entsprungen ist, als religiöse Glaubenslehre angenommen. Ich habe es jedoch aus diesem Grund angenommen, weil es keinen anderen Weg gab. Zwar erkenne ich die menschliche Vernunft und ihr Urteil an, doch mein Gewissen hat mich dazu gezwungen, ihre Grenzen nicht zu überschreiten: eine Aussage allein aufgrund von Wissen anzunehmen, hinter der kein Beleg und kein Beweis steht.

Ich wundere mich darüber, warum der Begriff „Kunst“ in einer derart willkürlichen und neuartigen Bedeutung verwendet wird, für die es keinen stichhaltigen Beleg gibt. Warum tut man so etwas? Ist es etwa nicht möglich, wahre Ereignisse in wissenschaftlicher und künstlerischer Weise darzustellen, ohne ihre Wahrhaftigkeit und ihren erzählerischen Gehalt zu beeinträchtigen?

Hat Homer etwa die Grundlage der Ilias auf einer frei erfundenen Fantasiegeschichte aufgebaut?

Findet sich in den Werken der westlichen Erzähler, Romanciers und Dramatiker nicht auch nur die geringste Spur von Wahrheit?

Natürlich kann auch eine erfundene Geschichte mit Kunst verbunden sein. Doch die Kunst ist nicht darauf beschränkt. Zweifellos besitzen Wahrheit und Wesensgehalt jene Eigenschaft, die sich vollständig auf künstlerische Weise darstellen lässt. Um dies zu verstehen, bedarf es keiner großen Anstrengung. Man muss lediglich die geistige Hörigkeit gegenüber dem Westen ablegen und der praktischen Seite des Sprachgebrauchs eingehende Aufmerksamkeit schenken.

Die Freiheit des Denkens und der Sichtweise bedeutet nicht, dass der Mensch sagen darf, was er will, und tun darf, was ihm beliebt. Im Hinblick auf das Heil der Religion wollen wir den Qur’an aus einer historischen Perspektive betrachten. Dabei wird uns deutlich werden, dass es in der gesamten Schöpfung kein Buch gibt, das derartige historische Zeugnisse der Menschheitsgeschichte enthält, in denen sich wissenschaftliche Analysemöglichkeiten finden – in einem solchen Umfang, wie sie im historischen Teil des Qur’an vorhanden sind.

Die Richtigkeit der Aussagen des Qur’an

Zur Überprüfung der Richtigkeit der im Qur’an geschilderten Ereignisse stehen uns nur zwei Wege offen. Keiner von ihnen ist schlüssig. Außerdem besitzen sie nicht die Beweiskraft, die im Qur’an zu finden ist.

Einer der beiden genannten Wege sind historische Belege. Wird der Qur’an nicht unter dem Gesichtspunkt seiner religiösen Heiligkeit, sondern lediglich als historisches Buch bewertet, so wird sich zeigen, dass sein Rang aus wissenschaftlicher Sicht über dem aller Geschichtswerke der Welt steht. Der Überlieferer dieses Buches ist Muhammad ibn Abdullah, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Hinsichtlich seiner Persönlichkeit mussten selbst seine früheren und späteren Feinde anerkennen, dass er ein äußerst wahrhaftiger Mann war.

Nur jemand, der darauf beharrt, andere zu verleumden, kann dem widersprechen. Die Zusammenstellung und Anordnung des edlen Korans ist so weise erfolgt, dass kein Raum bleibt, darin einen Mangel zu finden oder mit dem Finger darauf zu zeigen. Dies mussten alle anerkennen.

Die wissenschaftliche Analyse, die im Koran dargelegt wird, ist in keinem anderen Buch so leicht zu finden – sei es nun ein heiliges Buch oder eines der anderen himmlischen Bücher der Geschichte, die im Laufe der Zeit verändert und erweitert wurden. Kein anderes Buch ist uns in dem geschützten Zustand überliefert worden, in dem der Koran uns schrittweise erreicht hat. Was die Geschichtsbücher betrifft, so bleibt bei ihnen stets Raum für Zweifel und Unsicherheit. Unter all den Geschichtswerken der Menschheit gibt es kein einziges, dessen sämtliche Informationen und Angaben als zweifelsfrei gesichert gelten könnten.

Daher kann es auch für Vernunft und Logik nicht akzeptabel sein, den historischen Teil des Korans nach dem Maßstab einer gewöhnlichen Geschichtsschreibung zu beurteilen, insbesondere im Vergleich mit einer Geschichtsschreibung, die nicht zuverlässig ist.

Das zweite Mittel ist Wissen und Verstand. Ich möchte unmissverständlich sagen, dass menschliches Wissen und menschliche Vernunft bis zu einer bestimmten Grenze anerkennenswert und akzeptabel sind. Das sage ich nicht auf der Grundlage der Religion, sondern auf der Grundlage des Denkens und der Forschung. Wenn die menschliche Vernunft und das Gewissen behaupten, sie hätten alles erkannt und es gebe nichts, was außerhalb ihres Wissens liege, zerstören sie dadurch selbst ihre Ehre und Würde. Die Vernunft weiß selbst nicht, was sie ist. Wie könnte sie also die abstrakten Gegenstände geistiger Vorstellungen erfassen? Das bedeutet nicht, dass ich die Bedeutung des menschlichen Verstandes, des Gewissens und der Freiheit leugne. Ich will lediglich sagen, dass man dem menschlichen Verstand und Denken nur so viel Achtung erweisen sollte, wie ihnen gebührt.

Obwohl die religiösen Gruppen Europas in einer materialistischen Welt lebten, wollten sie in intellektuellen Diskussionen keine freien Meinungen zulassen. Die Folge davon war, dass Feindschaft zwischen Intellektuellen und religiösen Gruppen entstand. Deshalb wollen wir diese Angelegenheit nicht auf den frühen Islam beschränken. Denn der Ausdruck eines solchen freien Denkens und einer solchen Sichtweise wird andere ohne jeden Beleg beeinflussen; dies können wir als den tadelnswerten Taqlid oder als blinde Nachahmung bezeichnen. Daraus wird ersichtlich, dass die Freiheit des Denkens ein Weg zur Freundschaft ist. Dank dieser Freundschaft ahmen wir andere weiterhin wie Affen nach.

Es besteht kein Zweifel, dass diejenigen, die über „die Ereignisse des Korans und das im Koran gezeichnete Bild des Jüngsten Tages“ nachdachten und forschten, ebenso wie ich auf Hindernisse stießen. Ich fragte mich, ob sich die im Koran dargestellten Szenen tatsächlich so ereignet haben oder ob sie in Form von Gleichnissen geschildert wurden.

Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, doch ich fand kein einziges historisches Ereignis, von dessen unumstößlicher Wahrheit ich überzeugt war und das ich mit dem Koran hätte vergleichen können. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass man ein Ereignis allein auf der Grundlage von Vorstellungen und Annahmen mit dem Koran vergleichen könnte. Damals gab es auch keinen religiösen Menschen, der mir ein offenes Gespräch über religiöse Angelegenheiten untersagt hätte. Andererseits konnte ich immerhin verstehen, dass niemand meine Worte als auf einer Lüge beruhend abtun sollte.

Wenn jemand eine Wahrheit entdeckt, die sich mit dem Koran vergleichen lässt, bin ich bereit, in Ruhe über seine Ausführungen nachzudenken. Wenn jedoch mein Buch vor einer solchen Wahrheitsuntersuchung aufgrund einer unbegründeten Sichtweise als falsch abgetan wird, wäre das ein Zeichen beschränkter Vernunft – ganz gleich, welchen Rang dieses Buch aus religiöser Sicht haben mag.

Im Licht der koranischen Terminologie werden seltene Aussagen, die Schönheit der Erklärungen und Analysen sowie kraftvolle Darstellungen als „Kunst“ bezeichnet. Nichts davon behauptet, dass all dies ausschließlich auf bloßen Hirngespinsten beruhe und sich darauf begründen lasse. Voraussetzung ist jedoch, dass der Betreffende über die erforderliche Festigkeit, das erforderliche Verständnis und die erforderliche Auffassungsgabe verfügt.

Anhang 2

Die Reihenfolge der Offenbarung der Suren des Korans

Name der SureReihenfolge der OffenbarungReihenfolge der Zusammenstellung
Sure al-ʿAlaq / Sure Iqra bi-ismi0196
Sure al-Muzzammil0273
Sure al-Muddassir0374
Sure al-Qalam0468
Sure al-Fātiha / as-Sabʿ al-Mathānī0501
Sure Lahab / Sure Masa06111
Sure at-Tawir0781
Sure al-A’la0887
Sure al-Lail0992
Sure al-Fadschr1089
Sure ad-Duha1193
Sure al-Inschirah / Sure Alam naschrah / Sure asch-Scharh1294
Sure al-Ar13103
Sure al-ʿĀdiyāt14100
Sure al-Kawthar15108
Sure at-Takāthur16102
Sure al-Māʿūn17107
Sure al-Kāfirūn18109
Sure al-Fīl19105
Sure al-Falaq20113
Sure an-Nās21114
Sure al-Ichlās22112
Sure Abasa2480
Sure al-Qadr25ṅ97
Sure asch-Schams2785
Sure at-Tin2895
Sure Quraisch29106
Sure al-Qāriʿa30101
Sure al-Qiyāma3175
Sure al-Humaza32104
Sure al-Mursalat3377
Sure Qaf3450
Sure al-Balad3590
Sure at-Tariq3686
Sure al-Qamar3754
Sure Sad3838
Sure al-A’raf3907
Sure al-Dschinn4072
Sure Yasin4136
Sure al-Furqan4225
Sure Fatir4335
Sure Maryam4419
Sure Tā-Hā4520
Sure al-Wāqiʿa4656
Sure asch-Schuʿarāʾ4726
Sure an-Naml4827
Sure al-Qasas4928
Sure Banī Isrāʾīl / Sure al-Isrāʾ5017
Sure Yunus5110
Sure Hud5211
Sure Yusuf5312
Sure al-Hijr5415
Sure al-Anʿām5505
Sure as-Sāffāt5637
Sure Luqman5731
Sure Saba5834
Sure az-Zumar5939
Sure al-Mu’min/Sure Ghafir6040
Sure Ha-Mim as-Sadschda/Sure Fussilat6141
Sure asch-Schura6242
Sure az-Zuḫruf6343
Sure ad-Duchān6444
Sure al-Dschathiya6545
Sure al-Ahqaf6646
Sure adh-Dhariyat6751
Sure al-Ghāshiya6888
Sure al-Kahf6918
Sure an-Nahl7014
Sure Noah7171
Sure Ibrahim7214
Sure al-Anbiya7321
Sure al-Mu’minun7423
Sure as-Sadschda7532
Sure at-Tur7652
Sure al-Mulk7767
Sure al-Haqqa7869
Sure al-Ma’aridsch7970
Sure an-Naba8078
Sure an-Nazi’at8179
Sure al-Infitar8282
Sure al-Inschiqaq8384
Sure ar-Rum8430
Sure al-Ankabut8529
Sure al-Mutaffifin8683
Sure al-Baqara8702
Sure al-Anfal8808
Sure Āl ʿImrān8903
Sure al-Ahzāb9033
Sure al-Mumtaḥina9160
Sure an-Nisa9204
Sure az-Zilzal9399
Sure al-Hadid9457
Sure Muhammad / Sure Qitāl9547
Sure ar-Raʿd9613
Sure ar-Rahman9755
Sure ad-Dahr/Sure al-Insan9876
Sure at-Talaq9965
Sure al-Bayyina10098
Sure al-Haschr10159
Sure an-Nur10234
Sura al-Hadsch10322
Sura al-Munāfiqūn10463
Sure al-Mudschādila10558
Sure al-Hudschurāt10649
Sure at-Tahrīm10766
Sure at-Taghābun10864
Sure as-Saff10961
Sure al-Dschumʿa11062
Sure al-Fath11148
Sure al-Ma’ida11205
Sure At-Tauba / Sure Bara’a11309
Sure An-Nasr114110