Die Wirklichkeit des Īmān
Die Notwendigkeit von Wissen, um Muslim zu sein
Jeder Muslim weiß sehr wohl, dass der Islam auf dieser Welt eine der größten Gaben Allahs des Erhabenen ist. Allah der Erhabene hat ihn als Angehörigen der Umma von Hazrat Muhammad Mustafa, sallallahu alaihi wa sallam, erschaffen und ihm eine so große Gabe wie den Islam geschenkt. Daher erweist jeder Muslim Allah Dank. Ja, Allah der Erhabene selbst hat den Islam als die größte und vorzüglichste Gabe für die Menschen verkündet. Er sprach:
الْيَوْمَ أَكْمَلْتُ لَكُمْ دِينَكُمْ وَأَتْمَمْتُ عَلَيْكُمْ نِعْمَتِي وَرَضِيتُ لَكُمُ الْإِسْلَامَ دِينًا ۚ
„Heute habe Ich für euch eure Gehorsamsordnung (Lebensordnung) vervollkommnet, Meine Gunst an euch vollendet und den Islam für euch als Lebensordnung erwählt.“ (Sure al-Māʾida: 3)
Es ist die Pflicht der Muslime, das Recht dieser Gunst zu erfüllen, die Allah der Erhabene ihnen erwiesen hat. Denn wer das Recht einer Gunst, die ihm ein anderer erwiesen hat, nicht erfüllt, ist äußerst undankbar. Die größte Undankbarkeit aber besteht darin, diese gewaltige Gunst Allahs des Erhabenen gegenüber den Menschen zu vergessen. Wenn ihr mich nun fragt, wie das Recht der Gunst Allahs des Erhabenen erfüllt werden kann, so werde ich euch antworten: Als Allah der Erhabene euch als Angehörige der Umma von Hazrat Muhammad Mustafa, sallallahu alaihi wa sallam, erschaffen hat, wird das Recht dieser Gunst Allahs des Erhabenen erst dann erfüllt, wenn ihr seine vollkommenen und aufrichtigen Gefolgsleute werdet. Da Allah der Erhabene euch als Angehörige der muslimischen Gemeinschaft erschaffen hat, müsst ihr aufrichtig Muslime sein, um das Recht dieser Gunst und Barmherzigkeit zu erfüllen. Auf keine andere Weise und mit keinem anderen Mittel könnt ihr das „Recht“ dieser großen Wohltat erfüllen. Wenn ihr dieses „Recht“ nicht erfüllen könnt oder nicht erfüllt, werdet ihr wegen dieser Undankbarkeit große Schuld auf euch laden. Möge Allah uns alle vor dieser großen Sünde bewahren. Āmīn.
Wenn ihr mich danach fragt, wie man ein vollkommener Muslim werden kann, wird die Antwort darauf sehr ausführlich und lang sein. In diesem Buch werde ich nach und nach jeden einzelnen Teil davon ausführlich darlegen. Zuerst werde ich über eine Sache sprechen, die jeder benötigt, bevor er Muslim werden kann und die man als den ersten Schritt auf dem Weg zum Muslimsein bezeichnen kann.
Denkt einmal in Ruhe darüber nach: Was bedeutet das Wort „Muslim“, das ihr ständig gebraucht? Bringt ein Mensch die Religion des Islam bereits aus dem Mutterleib mit? Wird man etwa dadurch Muslim, dass man der Sohn oder Enkel eines Muslims ist? So wie der Sohn eines Brahmanen ein Brahmane, der Sohn eines Chaudhary ein Chaudhary und der Sohn eines Shudra ein Shudra ist – kann man in gleicher Weise dadurch Muslim werden, dass man der Sohn eines Menschen ist, der sich Muslim nennt? Ist „Muslim“ etwa der Name einer Abstammung oder einer Klasse? Wird jemand, der unter den Engländern geboren ist, Engländer genannt, und jemand, der in die Familie der Chaudharys hineingeboren ist, Chaudhary genannt; werden also auch Muslime nur deshalb „Muslime“ genannt, weil sie in die Abstammung eines Volkes namens „Muslime“ hineingeboren wurden? Werdet ihr auf all diese Fragen nicht antworten: „Nein, so wird man nicht Muslim genannt“? Niemand wird bereits als Muslim aus dem Mutterleib geboren. Vielmehr wird man erst durch die Annahme des Islam Muslim, und sobald man den Islam verlässt, bleibt man kein Muslim mehr, sondern wird vollständig aus der muslimischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Jeder Mensch – ob Brahmane oder Pathan, Engländer oder Amerikaner, Bengali oder Abessinier – gilt in dem Augenblick als Muslim, in dem er den Islam annimmt. Wer jedoch in einer muslimischen Gesellschaft geboren wurde, aber die Regeln und Vorschriften des Islam nicht befolgt, kann nicht als Muslim gelten; ganz gleich, ob er der Sohn eines Sayyid oder der Sohn eines Pathan ist.
Aus der Antwort auf meine zuvor gestellten Fragen wurde nun deutlich, dass die große Gunst Allahs, die Gunst, Muslim zu sein, die Sie erlangt haben, nichts Angeborenes ist. Sie können sie nicht bereits mit Ihrer Geburt aus dem Schoß Ihrer Mutter erlangen, und sie ist auch nichts, was für immer von selbst bei Ihnen bleibt, ganz gleich, ob Sie ihr Ihr ganzes Leben lang Beachtung schenken oder nicht. Sie ist eine Gunst, die man durch Anstrengung erlangt; um sie zu erlangen, müssen Sie sich ernsthaft bemühen. Wenn Sie sie durch Bemühung und Streben erlangen, können Sie sie auch besitzen. Wenn Sie ihr dagegen überhaupt keine Beachtung schenken, werden Sie ihrer Schönheit beraubt werden (Allah bewahre uns davor).
Somit ist erwiesen, dass ein Mensch Muslim wird, sobald er den Islam annimmt. Doch was bedeutet es, den Islam anzunehmen? Muss man jeden, der mit Worten ausruft: „Ich bin Muslim“ oder „Ich bin Muslim geworden“, für einen Muslim halten? Oder kann man Muslim werden, indem man, wie die Brahmanen bei ihren Götzenzeremonien unverständige Sanskrit-Mantras aufsagen, einige arabische Wörter ausspricht, ohne ihre Bedeutung zu verstehen? Besteht die Bedeutung der Annahme des Islam darin? Würden Sie auf diese Frage nicht antworten, dass dies nicht die Bedeutung der Annahme des Islam ist? Die Annahme des Islam bedeutet, die von Hadhrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vermittelte Lehre und Ordnung zu verstehen, sie aufrichtig als wahr zu glauben, sie als einziges Ziel und Vorbild des Lebens anzunehmen und dementsprechend zu handeln; darin liegt die Bedeutung der Annahme des Islam. Wer dies nicht tut, kann daher kein Muslim werden. Aus Ihrer Antwort wurde deutlich, dass die Annahme des Islam zunächst darin besteht, den Islam kennenzulernen und zu verstehen und ihn danach in die Tat umzusetzen. Jemand kann Brahmane sein, ohne irgendetwas zu wissen, weil er im Haus eines Brahmanen geboren wurde; daher wird er Brahmane bleiben. Jemand kann auch ohne irgendwelche Kenntnisse ein Chowdhury sein, weil er als Sohn eines Chowdhury geboren wurde – er wird ein Chowdhury bleiben. Aber niemand kann Muslim sein, ohne den Islam zu kennen; denn allein dadurch, dass man als Sohn eines Muslims geboren wird, wird man nicht Muslim – erst wenn man den Islam kennt, versteht, glaubt und danach handelt, wird man Muslim. Bedenken Sie: Wie sollte es möglich sein, Hadhrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu glauben und entsprechend zu handeln, ohne seine Lehre und seine Lebensordnung zu kennen? Und wie sollte ein Mensch Muslim werden können, ohne zu wissen, zu verstehen und zu glauben? Es wird also deutlich, dass es keineswegs möglich ist, in Unwissenheit Muslim zu werden und Muslim zu bleiben. Nicht alle, die im Haus von Muslimen geboren wurden, sich als Muslime bezeichnen und behaupten, Muslime zu sein, sind in Wirklichkeit Muslime. In Wirklichkeit ist nur derjenige Muslim, der weiß, was der Islam ist, und ihn nach verständiger Überzeugung als wahr angenommen hat. Der Unterschied zwischen Ungläubigen und Muslimen besteht nicht in ihren Namen. Es kann also nicht sein, dass der eine Hindu ist, weil er Ramprasad heißt, und der andere Muslim, weil er Abdullah heißt. Ebenso besteht der eigentliche Unterschied zwischen Ungläubigen und Muslimen nicht bloß in ihrer Kleidung. Deshalb kann man den einen nicht als Hindu und den anderen nicht als Muslim betrachten, nur weil der eine einen Dhoti und der andere eine Pyjama-Hose oder einen Lungī trägt. Vielmehr besteht der eigentliche Unterschied zwischen Muslimen und Ungläubigen im Unterschied zwischen ihrem Wissen und ihrer Erkenntnis. Ein Mensch ist deshalb ungläubig, weil er nicht weiß, in welcher Beziehung er zu seinem Schöpfer steht und welches der richtige Weg ist, nach Seiner Ordnung zu leben. Wenn aber auch der Zustand eines muslimischen Kindes so ist, in welcher Hinsicht könnte man dann zwischen ihm und einem Ungläubigen unterscheiden? Und wie wollten Sie, indem Sie zwischen diesen beiden unterscheiden, den einen Ungläubigen und den anderen Muslim nennen? Diese Worte müssen mit besonderer Aufmerksamkeit und in Ruhe bedacht werden. Die große Gunst Allahs, für die Sie Dankbarkeit zeigen, zu erlangen und zu bewahren, hängt vollständig vom Wissen ab. Ohne Wissen kann ein Mensch sie nicht erlangen; selbst wenn er ein wenig davon erlangt, ist es äußerst schwierig, sie zu bewahren. Ständig bleiben die Furcht, sie zu verlieren, und eine quälende Unruhe im Herzen verankert. Dass sich manche Menschen, obwohl sie keine Muslime sind, selbst für Muslime halten, hat als einzigen Grund ihre Unwissenheit. Wer überhaupt nicht weiß, worin der Unterschied zwischen Islam und Kufr sowie zwischen Islam und Schirk besteht, gleicht einem Wanderer auf einem dunklen Weg. Während er auf der geraden Linie weitergeht, wird er nicht wissen, wann seine beiden Füße von selbst ausgleiten oder auf einen anderen Weg abbiegen. Auf seinem Lebensweg wird er nicht einmal bemerken, wann er vom geraden Weg abgewichen ist. Es kann sogar geschehen, dass unterwegs ein betrügerischer Satan zu ihm sagt: „Mein Freund, du hast dich in der Dunkelheit verirrt. Komm mit mir, ich werde dich zu deinem Ziel bringen.“ Wenn der arme Reisende in der Dunkelheit den geraden und richtigen Weg mit eigenen Augen nicht sehen kann, wird er aus Unwissenheit seine Hand in die Hand irgendeines Dajjāl legen und ihm zu folgen beginnen; wohin dieser ihn vom rechten Weg abbringen und führen wird, dafür wird es keinerlei Gewissheit geben. Weil er selbst kein Licht besitzt und den Weg nicht sehen, erkennen und auf ihm gehen kann, ist er einer so großen Gefahr ausgesetzt. Wenn er jedoch Licht bei sich hat, wird er den Weg nicht verfehlen, und auch niemand anderes wird ihn in die Irre führen und auf einen falschen Weg bringen können. Daher können Sie ermessen, wie große Gefahr es für einen Muslim bedeutet, den Islam nicht zu kennen und die von dem Heiligen Qur’an dargelegten Vorschriften sowie die von Hadhrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vermittelte Lehre nicht gründlich zu kennen! Wegen dieser Unwissenheit kann er selbst vom Weg abirren, und irgendein anderer Dajjāl kann ihn ebenfalls ins Verderben führen. Wenn er jedoch das Licht des Wissens besitzt, wird er in jedem Bereich und auf jedem Schritt des Lebens den geraden Weg des Islam sehen können. Bei jedem Schritt wird er die krummen Wege und verbotenen Handlungen erkennen und meiden können, die ihm begegnen – Kufr, Irreleitung, Sünde, Zina, Haram und anderes. Und wenn jemand, der andere irreleitet, zu ihm kommt, wird er ihn schon nach wenigen Worten erkennen können. Er wird klar verstehen, dass dieser Mensch ein Verführer ist und dass man ihm keinesfalls folgen darf.
Dass Muslimsein und Muslimbleiben von Ihnen und Ihren Kindern und Nachkommen vollständig von dem Wissen abhängt, das ich erwähnt habe, ist eine unumstößliche Tatsache. Es ist keine gewöhnliche Sache, und man darf sie auch nicht vernachlässigen. Ein Bauer ist bei der Arbeit auf seinen Feldern nicht nachlässig; er versäumt es nicht, seine Felder zu bewässern und seine Ernte zu schützen, und er vernachlässigt es nicht, seinen Kühen und Kälbern Gras und Futter zu geben. Denn wenn er in diesen Dingen nachlässig wäre, bestünde die Gefahr, dass er verhungert und sein Leben verliert. Warum aber vernachlässigen die Menschen den Erwerb des Wissens, von dem Muslimsein und Muslimbleiben abhängen? Besteht dabei nicht die Gefahr, dass die so geliebte und wertvolle Gunst des Īmān verloren geht? Ist der Īmān nicht kostbarer als das Leben? Können Muslime nicht einmal ein Zehntel der Zeit und Mühe, die sie für die Rettung ihres Lebens aufwenden, für die Bewahrung ihres Īmān einsetzen?
Ich sage nicht, dass jeder von euch ein Maulvi werden, große Bücher lesen und zehn oder zwölf Jahre seines Lebens ausschließlich dem Studium widmen und ein großer Allama werden müsse. Um Muslim zu sein, ist es nicht notwendig, so viel zu lernen oder einen hohen akademischen Grad zu erwerben. Ich möchte nur sagen, dass ihr von den vierundzwanzig Stunden des Tages und der Nacht lediglich eine Stunde darauf verwenden sollt, religiöses Wissen (islamische Lehre) zu erlernen. Wenigstens sollte jeder muslimische Junge, jeder Jugendliche und jeder alte Mensch so viel Wissen erwerben, dass er den Zweck der Offenbarung des Heiligen Qurans erkennen, ihn gut verstehen und richtig begreifen kann. Außerdem sollte er genau erfahren, welche ungerechten Bräuche und Aberglauben Hazrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beseitigen wollte und was Er an ihre Stelle setzen wollte; ebenso sollte er sich gut mit den besonderen Regeln und Vorschriften vertraut machen, die Allah der Erhabene für das menschliche Leben festgelegt hat. Um dieses Maß an Wissen zu erwerben, braucht man nicht sehr viel Zeit. Und wenn der Iman jemandem wirklich lieb und wertvoll ist, dann ist es für ihn keineswegs schwierig, dafür lediglich eine Stunde aufzuwenden.
Der besondere Unterschied zwischen Muslimen und Ungläubigen
Jeder Muslim weiß gewiss, dass die Würde und das Ansehen eines Muslims weit höher sind als die der Ungläubigen. Allah der Erhabene liebt den Muslim und missbilligt den Ungläubigen. Die Sünden eines Muslims werden vergeben, für die Vergehen eines Ungläubigen gibt es keine Vergebung. Der Muslim wird ins Paradies kommen und der Ungläubige in die Hölle. Doch weshalb besteht ein derart großer Unterschied zwischen Muslimen und Ungläubigen? Darüber muss man gründlich nachdenken.
So wie die Ungläubigen Nachkommen Hazrat Adams, Allahs Frieden sei auf ihm, sind, sind es auch die Muslime. So wie die Muslime Menschen sind, sind auch die Ungläubigen Menschen. Wie die Muslime haben auch sie Hände und Füße, Augen und Ohren und alles Übrige. Auch sie atmen die Luft dieser Erde, leben auf diesem Boden und essen Nahrung. Sie werden ebenso geboren und sterben ebenso wie die Muslime. Derselbe Allah, der die Muslime erschaffen hat, hat auch sie erschaffen. Warum also soll die Stellung der Muslime hoch und ihre Stellung niedrig sein? Warum werden die Muslime ins Paradies kommen, während sie in die Hölle geworfen werden? Darüber muss man besonders nachdenken. Manche Muslime heißen Abdullah, Abdur Rahman oder ähnlich; deshalb sind sie Muslime. Andere Menschen heißen Dinanath, Tara Singh, Robertson und so weiter; deshalb sind sie Ungläubige. Oder die Muslime lassen sich beschneiden, während jene es nicht tun; die Muslime essen Rindfleisch, jene essen es nicht – allein wegen solcher Dinge kann zwischen Menschen kein derart großer Unterschied bestehen. Da Allah der Erhabene alle Menschen erschaffen hat und sie alle versorgt und erhält, kann Er niemals eine solche Ungerechtigkeit begehen. Es ist daher unmöglich, dass Er wegen solcher geringfügigen Dinge einen so großen Unterschied zwischen den Menschen macht und eine von Ihm selbst erschaffene Menschengruppe ohne Grund in die Hölle wirft.
Wenn dem tatsächlich nicht so ist, muss man darüber nachdenken, worin der eigentliche Unterschied zwischen den beiden besteht. In Wahrheit besteht der grundlegende Unterschied zwischen ihnen einzig in Unglaube und Islam. Islam bedeutet, Allah dem Erhabenen zu gehorchen; Unglaube bedeutet, Allah zu leugnen, sich Ihm zu widersetzen und Ihm ungehorsam zu sein. Muslim und Ungläubiger sind beide Menschen, beide von Allah dem Erhabenen erschaffene Geschöpfe und beide Seine gehorsamspflichtigen Diener. Doch einer von ihnen ist dem anderen deshalb überlegen, weil er seinen wahren Herrn erkennen kann, Seinen Befehlen gehorcht und die traurigen Folgen des Ungehorsams gegenüber Ihm fürchtet. Der andere hingegen erkennt seinen Herrn nicht, fürchtet die traurigen Folgen seines Ungehorsams gegenüber Ihm nicht und befolgt Seine Befehle nicht; deshalb sinkt er ins Verderben. Aus diesem Grund ist Allah der Erhabene den Ungläubigen abgeneigt, hat den Muslimen das Paradies versprochen und den Ungläubigen damit gedroht, sie in die Hölle zu werfen.
Daraus wird ersichtlich, dass sich der Muslim vom Ungläubigen nur aufgrund zweier Dinge unterscheidet: erstens durch Ilm oder Wissen und zweitens durch Amal oder Taten. Das heißt, jeder Muslim muss zunächst wissen, wer sein wahrer Herr ist, wodurch Er zufrieden und wodurch Er unzufrieden wird. Nachdem er dies ausführlich erfahren hat, muss er sich seinem wahren Herrn völlig unterwerfen, nach Seinem Willen leben und seine eigene Unabhängigkeit und Eigenmächtigkeit aufgeben. Wenn sein Herz etwas begehrt, das dem Willen des „Herrn“ widerspricht, wird er nicht auf sein eigenes Herz hören, sondern auf den „Herrn“. Wenn ihm eine Handlung gut erscheint, der Herr sie aber nicht gutheißt, wird er sie für schlecht halten. Wenn ihm eine Handlung wiederum sehr schlecht erscheint, der „Herr“ sie jedoch für gut hält, und wenn ihm eine Handlung für sich selbst schädlich erscheint, der „Herr“ aber befiehlt, sie auszuführen, dann wird er sie unbedingt ausführen, ganz gleich, wie großen Schaden er an Leib und Besitz erleidet. Wenn ihm eine Handlung nützlich erscheint, der „Herr“ sie aber verbietet, wird er sie niemals ausführen, selbst wenn er dadurch den gesamten Reichtum der Welt gewinnen könnte. Gerade wegen dieses Wissens und solcher Taten ist der Muslim ein von Allah dem Erhabenen geliebter Diener. Seine Barmherzigkeit wird über ihn herabgesandt, und Allah der Erhabene verleiht ihm Ehre. Der Ungläubige weiß jedoch nichts von den genannten Dingen, und gerade aus diesem Mangel an Wissen sind seine Handlungen nicht dementsprechend; denn er ist Allah dem Erhabenen gegenüber völlig unwissend und ein ungehorsamer Diener. Daher wird er der Gunst Allahs des Erhabenen beraubt werden.
Das Fazit dieser Erörterung ist: Wer sich als Muslim bezeichnet, dabei aber ebenso unwissend und Allah dem Erhabenen ungehorsam ist wie ein Ungläubiger, kann allein wegen des Unterschieds bei Namen, Kleidung und Essen und Trinken keineswegs höher stehen als ein Ungläubiger und kann aus keinem Grund in dieser Welt oder im Jenseits Anspruch auf die Barmherzigkeit Allahs des Erhabenen haben.
Islam ist nicht der Name einer Nation, einer Abstammung oder einer Gemeinschaft. Daher kann man ihn nicht automatisch vom Vater auf den Sohn und vom Sohn auf den Enkel übertragen. Selbst wenn der Sohn eines Brahmanen unwissend und charakterlos ist, genießt er allein deshalb, weil er der Sohn eines Brahmanen ist, das Ansehen eines Brahmanen und gilt als von hoher Abstammung. Der Sohn eines Chamar hingegen bleibt niedrig und verachtet, selbst wenn er gebildet und tugendhaft ist, weil er im Haus eines niedrigen Volkes wie der Chamar geboren wurde. Im Islam haben solche Vorzüge aufgrund von Abstammung oder Stammeszugehörigkeit jedoch nicht den geringsten Platz. Hier hat Allah der Erhabene in Seinem heiligen Buch, dem Quran, klar gesagt:
اِنَّ اَكۡرَمَكُمۡ عِنۡدَ اللّٰهِ اَتۡقٰٮكُمۡؕ
„Derjenige unter euch, der Allah, den Erhabenen, am meisten fürchtet und von allen seine Gebote am gewissenhaftesten befolgt, ist bei Ihm auch der Geehrteste.“
Hadhrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, wurde im Hause eines Götzendieners geboren; doch nachdem er Allah, den Erhabenen, erkannt hatte, befolgte er Seine Gebote. Deshalb machte Allah, der Erhabene, ihn zum Führer oder Imam der ganzen Welt. Der Sohn Hadhrat Nuhs, Friede sei mit ihm, wurde im Hause eines Propheten geboren; doch weil er Allah, den Erhabenen, nicht erkennen konnte, wurde er Ihm gegenüber ungehorsam. Deshalb wurde seine Abstammung nicht berücksichtigt. Vielmehr wurde er mit einer Strafe belegt, aus der die ganze Welt eine Lehre ziehen kann. Verstehen Sie also: Jeder Unterschied, den es vor Allah, dem Erhabenen, zwischen den Menschen gibt, beruht allein auf Ilm und Amal, auf Wissen und Handeln. Seine Gunst können im Diesseits und im Jenseits nur diejenigen erlangen, die Ihn gemäß der von Ihm gegebenen Ordnung erkennen und ihr folgen.
Bei denen jedoch, die diese Eigenschaften nicht besitzen, macht es für Allah, den Erhabenen, keinen Unterschied, ob sie Abdullah, Abdur Rahman, Din Nath oder Tarasing heißen – keiner von ihnen kann einen Anspruch darauf erwerben, Allahs Gunst zu erhalten.
Die Muslime halten sich selbst für Muslime und glauben, dass Allahs, des Erhabenen, Barmherzigkeit auf die Muslime herabkommt. Doch öffnen Sie einmal die Augen und schauen Sie hin: Wird Allahs, des Erhabenen, Gunst ihnen tatsächlich zuteil? Die Angelegenheit des Jenseits lassen wir zunächst beiseite; unbedingt muss man einmal die Notlage betrachten, in der sich die Muslime in dieser Welt befinden.
Wenn der Muslim tatsächlich Allahs, des Erhabenen, geliebter Diener wäre, warum würden dann diese von Allah Geliebten in dieser Welt auf so viele Arten gedemütigt und entehrt? Ist Allah etwa ein Ungerechter (Allah bewahre uns davor)? Wenn der Muslim Allahs, des Erhabenen, „Recht“ kennen und Seine Gebote befolgen würde, warum sollte Er dann Seine ungehorsamen Diener zu Herren über Leben und Tod der Muslime machen? Und aus welchem Grund sollte Er sie als Gegenleistung für ihren Gehorsam bestrafen? Allah, der Erhabene, ist gewiss kein Ungerechter, und die Gegenleistung für den Gehorsam Ihm gegenüber ist weder Demütigung noch Strafe. Wenn man dies vorbehaltlos glaubt, muss man zugeben, dass mit dem Anspruch der Muslime, Muslime zu sein, etwas nicht stimmt. Ihre Namen sind in den staatlichen Registern gewiss als Muslime eingetragen; doch vor Allah, dem Erhabenen, wird nicht nach der Bescheinigung dieses staatlichen Registers geurteilt. Allah, der Erhabene, besitzt ein eigenes Register, und dieses ist völlig anders. Deshalb muss man prüfen, ob die Namen der Muslime in Seinem Register in der Liste Seiner gehorsamen oder in der Liste Seiner ungehorsamen Diener eingetragen sind. Allah, der Erhabene, hat den Muslimen ein Buch gesandt, durch dessen Lesen sie den wahren „Herrn“ erkennen können; doch haben die Muslime auch nur den geringsten Versuch unternommen, zu erfahren, was in diesem Buch geschrieben steht? Allah, der Erhabene, hat ihnen einen Propheten gesandt, der ihnen den Weg und die Regeln dafür lehrte, Muslim zu sein; doch haben sie sich jemals darum bemüht, zu erfahren, was Sein Prophet nach seiner Ankunft in dieser Welt lehrte? Allah, der Erhabene, hat ihnen den Weg gezeigt, auf dem sie im Diesseits und im Jenseits Ehre erlangen können; doch gehen sie diesen Weg? Allah, der Erhabene, hat ihnen einzeln all jene Handlungen genannt, durch die der Mensch im Diesseits und im Jenseits entehrt und gedemütigt wird; doch haben die Muslime diese Handlungen aufgegeben? Wie könnten diese Fragen beantwortet werden? Wenn man zugibt, dass die Muslime ebenso wenig versucht haben, aus Allahs, des Erhabenen, Buch Wissen zu erlangen, wie sie Seinem gewiesenen Weg auch nicht im Geringsten gefolgt sind, wie sind sie dann Muslime geworden, und wie können sie eine Belohnung erwarten? Sie erhalten genau die Folgen jener Art von Muslimsein, die sie für sich beanspruchen, und ebenso wird ihre Belohnung im Jenseits ausfallen.
Ich habe bereits zu Beginn gesagt, dass es zwischen Muslim und Kafir außer Ilm und Amal – Wissen und Handeln – keinen weiteren Unterschied gibt. Wenn das Wissen und Handeln eines Menschen dem Wissen und Handeln eines Kafir gleichen und er sich dennoch als Muslim bezeichnet, muss man erkennen, dass es keinen größeren Lügner als ihn gibt. Der Kafir liest den Heiligen Koran nicht und weiß nicht, was darin geschrieben steht. Wenn der Zustand des Muslims jedoch ebenso ist, mit welchem Recht bezeichnet er sich dann als Muslim? Der Prophet Mustafa, Allahs Segen und Friede seien mit ihm, lehrte die Menschen der Welt und zeigte ihnen den geraden Weg, auf dem sie Allah, dem Erhabenen, nahekommen können; die Kafir wissen davon überhaupt nichts. Wenn nun auch der Muslim in gleicher Weise unwissend ist, wie kann man ihn dann „Muslim“ nennen? Der Kafir richtet sich nicht nach Allahs Willen, sondern nach seinem eigenen Willen; wenn auch der Muslim einer solchen Willkür verfällt, Allah gegenüber ebenso gleichgültig und unbekümmert ist und ein gehorsamer Sklave seiner eigenen Begierden wird, welches Recht hat er dann, sich selbst „Muslim“, also „jemanden, der Allahs Gebote befolgt“, zu nennen? Der Kafir unterscheidet nicht zwischen Halal und Haram. Was immer ihm Gewinn und Vergnügen zu bringen scheint, tut er ohne Bedenken, ganz gleich, ob es bei Allah, dem Erhabenen, erlaubt oder verboten ist. Wenn auch der Muslim diesen Grundsatz annimmt, worin besteht dann noch der Unterschied zwischen ihm und dem Kafir? Kurz gesagt: Wenn der Muslim ebenso wie der Kafir unwissend über den Islam ist und die Handlungen von Kafir und Muslim gleich sind, warum sollten dann in dieser Welt ausschließlich die Muslime anstelle der Kafir geehrt werden? Aus welchem Grund sollten die Muslime im Jenseits nicht ebenso wie die Kafir bestraft werden? Dies ist eine äußerst ernste Angelegenheit, über die wir ruhig und gründlich nachdenken müssen.
Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass ich die Muslime zu den Ungläubigen zähle, denn das wäre niemals angebracht. Auch ich selbst denke äußerst intensiv darüber nach, und ich wünsche, dass jeder in unserer Gemeinschaft darüber nachdenkt. Warum werden wir der Barmherzigkeit Allahs, des Erhabenen, beraubt, und warum kommen von allen Seiten diese Scharen von Unglück über uns? Warum sind diejenigen, die wir für „Ungläubige“, also für Allahs ungehorsame Diener, halten, in jeder Hinsicht über uns siegreich? Und warum sind gerade wir, die behaupten, Allahs Gebote zu befolgen, überall besiegt? Je mehr ich über den Grund dafür nachdenke, desto fester wird meine Überzeugung, dass zwischen uns und den Ungläubigen gegenwärtig nur dem Namen nach ein Unterschied besteht. In Wirklichkeit stehen wir den Ungläubigen darin, Allah gegenüber Nachlässigkeit, Furchtlosigkeit und Ungehorsam zu zeigen, nicht im Geringsten nach. Gewiss gibt es einige geringe Unterschiede zwischen ihnen und uns, doch dafür können wir keinerlei Belohnung oder Auszeichnung erwarten; vielmehr verdienen wir dafür eine noch härtere Strafe. Denn wir wissen, dass der Koran Allahs Buch ist, und dennoch gehen wir mit ihm genauso um wie die Ungläubigen. Wir wissen, dass Hadhrat Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, der wahre, vorzüglichste und letzte Prophet ist, und dennoch haben wir aufgehört, ihm zu folgen, genau wie die Ungläubigen. Wir wissen, dass Allah, der Erhabene, den Lügner verflucht hat, dass sowohl Bestechungsgeldnehmer als auch Bestechungsgeldgeber mit Gewissheit in die Hölle kommen werden, und dass Er Zinsnehmer und Zinsgeber als abscheuliche Sünder bezeichnet hat. Den Verleumder und denjenigen, der üble Nachrede führt, hat Er damit verglichen, das Fleisch des eigenen Bruders zu essen, und wegen Unzüchtigkeit und Schamlosigkeit hat Er eine harte Strafe angedroht. Doch trotz unseres Wissens um all dies begehen wir diese Taten weiterhin ebenso sorglos wie die Ungläubigen. Es scheint, als gäbe es in uns überhaupt keine Gottesfurcht. Deshalb sind wir den Ungläubigen gegenüber zwar in gewisser Hinsicht „Muslime“, doch in unserem Leben zeigt sich davon keinerlei Wirkung; vielmehr erhalten wir nur Strafen – auf vielfältige Weise und von allen Seiten. Dass die Ungläubigen über uns siegen und wir ständig unterliegen, ist die Strafe für eben dieses Vergehen. Uns wurde die große Gnade des Islams geschenkt, doch wir haben sie nicht im Geringsten gewürdigt. Welches größere Vergehen könnte es geben als dieses?
Was ich oben gesagt habe, habe ich nicht in der Absicht gesagt, jemanden zu tadeln; auch habe ich nicht zu diesem Zweck zur Feder gegriffen. Mein eigentliches Ziel ist vielmehr, dass wir uns bemühen, alles zurückzugewinnen, was wir verloren haben. Der Gedanke, einen verlorenen Gegenstand wiederzuerlangen, kommt einem Menschen genau dann, wenn er sicher weiß und versteht, was für ein Gegenstand ihm abhandengekommen ist und wie wertvoll er war. Deshalb bemühe ich mich, die Muslime zu warnen. Wenn sie wieder zur Besinnung kommen und erkennen, dass sie in Wirklichkeit etwas äußerst Wertvolles verloren haben, werden sie sich bemühen, es wiederzuerlangen.
Im ersten Aufsatz habe ich gesagt, dass ein Muslim vor allem eine reine islamische Bildung und echtes Wissen über den Islam benötigt, um ein wahrer Muslim zu werden. Was lehrt der Heilige Koran? Welchen Weg hat der edle Gesandte gezeigt? Was bedeutet Islam? Worin besteht der eigentliche Unterschied zwischen Unglauben und Islam? Jeder Muslim muss diese Dinge klar kennen. Ohne dieses Wissen kann kein Mensch Muslim sein. Doch leider bemühen sie sich überhaupt nicht, dieses Wissen zu erwerben. Daraus wird ersichtlich, dass sie bis jetzt nicht erkannt haben, welch großer Gnade und Barmherzigkeit sie beraubt sind. Wenn ein Kind nicht zu weinen beginnt, gibt ihm auch die Mutter keine Milch; ein Durstiger sucht selbst nach Wasser, sobald er Durst empfindet, und Allah lässt ihn Wasser finden. Wenn die Muslime selbst keinen Durst verspüren, nützt ihnen auch ein mit Wasser gefüllter Brunnen nichts, selbst wenn er an ihren Mund gebracht würde. Sie selbst sollten erkennen, welch großer und schrecklicher Schaden es ist, über den Islam unwissend zu sein. Allahs Buch befindet sich in ihrem Besitz, und dennoch wissen sie nicht, worum sie Allah im Gebet bitten – was könnte unglücklicher sein als das? Sie kennen nicht einmal die Bedeutung des „Kalima“, durch dessen Rezitation sie in den Islam eintreten. Sie wissen auch nicht, welche Pflichten ihnen durch die Rezitation dieses Kalima auferlegt werden. Für einen Muslim kann es in der Tat keinen größeren Schaden und kein größeres Unglück geben als dieses. Jeder weiß, welche Folgen die Zerstörung von Feldern und Äckern hat. Wenn die Ernte vernichtet ist, muss man verhungern; daran besteht kein Zweifel. Doch sie können nicht ermessen, wie schrecklich und furchtbar die Folgen der Unwissenheit über den Islam sind. Wenn sie diesen Schaden erst einmal erkennen können, werden sie sich selbst bemühen, sich aus diesem schrecklichen Schaden zu retten; dann wird sich, so Allah will, auch eine Möglichkeit finden, sie vor diesem Schaden zu bewahren.
Ein Anlass zum Nachdenken
In der heutigen Welt besitzen allein die Muslime Allahs Wort in vollkommen unverfälschter und unveränderter Form. Die Worte des Korans, die auf Allahs Propheten herabgesandt wurden, sind bis heute genau so erhalten geblieben. In dieser Hinsicht sind die Muslime der Welt zweifellos ein vom Glück begünstigtes Volk. Zugleich sind gerade diese Muslime der Welt die einzigen Unglückseligen: Obwohl Allahs heiliges Wort in seiner ursprünglichen Form bei ihnen vorhanden ist, bleiben sie seiner Segenskraft und seiner unerschöpflichen Gnaden beraubt.
Der Heilige Koran war ihnen deshalb herabgesandt worden, damit sie ihn lesen, verstehen und danach handeln. Er war gekommen, um ihnen Kraft und Ehre zu verleihen. Er war gekommen, um sie auf der Erde zu Allahs wahren „Statthaltern“ zu machen. Die Geschichte bezeugt, dass der Koran sie, solange sie seiner Rechtleitung folgten, zu den bedeutendsten Führern der Welt machte. Heutzutage jedoch tun sie mit dem Koran nichts anderes, als Dschinn und Gespenster zu vertreiben. Sie schreiben seine Verse auf und hängen sie sich um den Hals, schreiben sie auf, lösen sie in Wasser auf und trinken dieses, und sie rezitieren ihn ohne Verständnis lediglich in der Absicht, Verdienste zu erwerben; bei ihm suchen sie heute keine Rechtleitung. Sie fragen den Koran nicht, wie ihr Glaube beschaffen sein sollte. Sie fragen ihn nicht, wie ihre Taten sein sollten, welchen Charakter sie haben müssten, wie sie in dieser Welt leben, wie sie Geschäfte führen, nach welchen Regeln sie mit den Menschen Freundschaft oder Feindschaft schließen, welche Pflichten sie gegenüber Allahs übrigen Dienern und sich selbst haben und wie sie diese erfüllen sollen, wessen Gebot sie in der Welt befolgen und wessen Gebot sie missachten, mit wem sie Beziehungen pflegen sollten und mit wem nicht, wer ihr Freund und wer ihr Feind ist, wodurch sie Ehre und Erfolg erlangen, durch welche Tätigkeit sie Reichtum gewinnen können und wodurch ihr Misserfolg und ihr Schaden entstehen könnten – die Muslime haben aufgehört, beim Koran Antworten auf all diese Fragen zu suchen. Nun suchen sie bei Ungläubigen, Götzendienern, Irregeführten und selbstsüchtigen Menschen sowie beim schaitanischen Ego Rat in all diesen Angelegenheiten, und sie handeln genau nach deren Rat. Daher ist nun das eingetreten, was die Folge davon sein kann, wenn man Allah verlässt und nach dem Gebot anderer handelt. Diese Folge erleiden sie heute in den verschiedenen Ländern der Welt und in den einzelnen Regionen dieser Länder am eigenen Leib. Der Heilige Koran ist die Quelle allen Guten. In der Art und in dem Maß, in dem die Menschen bei ihm Gutes suchen, wird der Koran ihnen genau dieses und genau dieses Maß gewähren. Wenn sie von ihm die Vertreibung von Dschinn und Gespenstern, die Behandlung von Erkältung und Husten, den Sieg in Rechtsstreitigkeiten, eine Anstellung und all diese kleinen und geringwertigen Dinge erbitten, wird er ihnen dies gewähren. Wenn sie jedoch die Herrschaft über die Welt sowie Führung und Macht über die gesamte Menschheit wünschen, wird er ihnen auch das geben. Ja, wenn sie bis zum Thron Allahs gelangen wollen, wird der Koran sie bis dorthin führen. Im Grunde hängt dies allein von der Fähigkeit des Gefäßes ab, das es aufnehmen soll. Heute nehmen sie aus dem großen Ozean gerade einmal zwei Tropfen Wasser, obwohl der Ozean ihnen große Flüsse schenken kann.
Die Art und Weise, wie unsere muslimischen Brüder mit Allahs heiligem Buch umgehen, ist so lächerlich, dass sie, wenn sie selbst sähen, wie jemand bei irgendeiner weltlichen Angelegenheit auf diese Weise verfährt, ihn ohne Zweifel verspotteten und ihn vielmehr für verrückt hielten. Was würden Sie sagen, wenn jemand sich von einem Arzt ein Rezept aufschreiben ließe, es in ein Tuch wickelte und sich um den Hals hängte oder es in Wasser abwüsche und dieses Wasser tränke? Würden Sie nicht über sein Verhalten lachen und ihn für einen völlig törichten Menschen halten? Doch mit dem unvergleichlichen Rezept, das der größte aller Ärzte zur Behandlung Ihrer Krankheiten und zu Ihrer Heilung niedergeschrieben hat, wird vor Ihren Augen Tag und Nacht auf genau diese Weise verfahren. Dennoch regt sich darüber bei niemandem auch nur das geringste Lachen. Niemand denkt darüber nach, dass ein Rezept nicht dazu bestimmt ist, es sich um den Hals zu hängen oder abzuwaschen und zu trinken, sondern dass es niedergeschrieben wurde, damit man nach seinen Anweisungen die Medizin herstellt und anwendet.
Wenn ein kranker Mensch ein ärztliches oder Hakim-Buch nähme, zu lesen begänne und meinte, durch das Lesen dieses Buches würden alle Krankheiten von selbst verschwinden, was würden Sie zu ihm sagen? Würden Sie nicht sagen: »Er ist verrückt geworden, bringt ihn in die Irrenanstalt«? Doch ach! Mit dem erhabenen Buch, das der einzige große Heiler, Allah, zur Behandlung Ihrer Krankheiten herabgesandt hat, verfahren Sie ganz genauso. Sie lesen es und meinen, allein durch das Lesen würden alle Krankheiten verschwinden – es sei überhaupt nicht nötig, nach seinen Vorschriften zu handeln. Auch halten Sie es nicht für nötig, all das zu meiden, was dieses Buch als schädlich bezeichnet und dessen Vermeidung anordnet. Warum äußern Sie dann über sich selbst nicht dasselbe Urteil, das Sie über denjenigen äußern, der glaubt, zur Heilung einer Krankheit genüge es, lediglich ein Buch zu lesen?
Wenn Sie einen Brief in einer Sprache erhalten, die Sie nicht verstehen, eilen Sie sofort zu jemandem, der diese Sprache beherrscht, um dessen Bedeutung zu erfahren. Solange Sie seine Bedeutung nicht kennen, finden Sie nicht die geringste Ruhe. Wegen eines Briefes über gewöhnliche Geschäfte werden Sie derart unruhig; vielleicht bringt er Ihnen einen Nutzen von zwei oder vier kleinen Münzen, mehr nicht. Doch den Brief, der von Allah, dem Herrn der Welten, zu Ihnen gekommen ist und in dem alles Gute für Ihr Diesseits und Ihr Jenseits enthalten ist, lassen Sie achtlos liegen; in Ihnen erwacht keinerlei Verlangen oder Unruhe, seine Bedeutung zu erfahren. Ist das nicht tatsächlich erstaunlich? Ich sage dies nicht zum Scherzen und zur Unterhaltung. Wenn Sie darüber nachdenken, wird Ihr eigenes Herz Ihnen sagen, dass das größte Unrecht auf der Welt darin besteht, diesem erhabenen Buch Allahs Unrecht zu tun. Und dieses Unrecht begehen nur diejenigen, die behaupten, an dieses Buch zu glauben, und verkünden, sie seien sogar bereit, dafür ihr Leben zu geben. Die Folgen davon, Allahs Wort Unrecht zu tun, sind schließlich allen bekannt. Verstehen Sie es gut: Allahs Wort ist nicht zu den Menschen gekommen, damit sie trotz seines Besitzes in Unglück und Leid und Not verbleiben. Der Heilige Koran ist vielmehr die einzige Quelle des Glücks und des Erfolgs; er kann niemals eine Ursache für Unglück und Erniedrigung sein. Allah selbst hat gesagt:
طه (١) مَآ أَنزَلۡنَا عَلَيۡكَ ٱلۡقُرۡءَانَ لِتَشۡقَىٰٓ (٢)
»Tā-Hā – o Prophet! Wir haben dir den Koran nicht herabgesandt, damit du dadurch unglücklich bleibst.« (Sure Tā-Hā: 1–2)
Dadurch besteht keinerlei Gefahr, dass das Schicksal der Menschen schlecht wird oder dass sie schlechter als alle anderen werden. Es ist völlig unmöglich, dass ein Volk, solange Allahs Wort bei ihm gegenwärtig ist, beschämt und entehrt wird, anderen unterworfen wird, gedemütigt und mit Füßen getreten wird, in den Fesseln der Sklaverei gefangen gehalten wird, seine gesamte Herrschaft in die Hände anderer gelegt wird und von anderen wie Vieh vertrieben und misshandelt wird. Ein solch leidvoller Zustand kann ein Volk erst dann treffen, wenn es beginnt, Allahs Wort Unrecht zu tun. Der Zustand der Kinder Israels ist Ihnen nicht unbekannt. Zu ihnen waren die Tora und das Evangelium herabgesandt worden, und es war ihnen gesagt worden:
٦٦ وَلَوْ أَنَّهُمْ أَقَامُوا التَّوْرَاةَ وَالْإِنْجِيلَ وَمَا أُنْزِلَ إِلَيْهِمْ مِنْ رَبِّهِمْ لَأَكَلُوا مِنْ فَوْقِهِمْ وَمِنْ تَحْتِ أَرْجُلِهِمْ ۚ مِنْهُمْ أُمَّةٌ
»Wenn sie die Tora, das Evangelium und die anderen Bücher, die zu ihnen herabgesandt worden waren, befolgt hätten, wäre ihnen Versorgung vom Himmel herabgesandt worden und aus der Erde wären Nahrung und Lebensmittel hervorgequollen.« (al-Māʾida: 66)
Doch sie hatten diese Worte Allahs, des Erhabenen, frevelhaft behandelt, und infolgedessen:
وَضُرِبَتْ عَلَيْهِمُ الذِّلَّةُ وَالْمَسْكَنَةُ وَبَاءُوا بِغَضَبٍ مِنَ اللَّهِ ۗ ذَٰلِكَ بِأَنَّهُمْ كَانُوا يَكْفُرُونَ بِآيَاتِ اللَّهِ وَيَقْتُلُونَ النَّبِيِّينَ بِغَيْرِ الْحَقِّ ۗ ذَٰلِكَ بِمَا عَصَوْا وَكَانُوا يَعْتَدُونَ
„Schmach und Bedürftigkeit wurden ihnen auferlegt, und sie waren von Allahs Zorn umgeben. Der Grund dafür war, dass sie begonnen hatten, Allahs Worte zu missachten und die Propheten zu Unrecht zu töten. Ein weiterer Grund war, dass sie Allah ungehorsam waren und die Grenzen überschritten, die Allah für sie festgelegt hatte.“ (Sure al-Baqara: 61)
Wenn also ein Volk trotz des Festhaltens an Allahs Buch auf der Welt erniedrigt und niedergetreten wird, anderen unterworfen und ihnen gegenüber machtlos ist, dann kann man ohne Zweifel annehmen, dass es Allahs Wort gewiss frevelhaft behandelt. Es kann keinen anderen Grund dafür geben, dass Stürme von Leid und Unglück über dieses Volk hereinbrechen. Es muss aufhören, Allahs Wort frevelhaft zu behandeln, und sich bemühen, ihm sein volles Recht zu erweisen. Wenn ihr von dieser großen Sünde nicht ablasst, wird sich an eurem elenden Zustand unter keinen Umständen etwas ändern. (Selbst wenn ihr in jedem Dorf Colleges eröffnet, jedes eurer Kinder Hochschulabsolvent wird und durch zinsbasierte Geschäfte wie die Juden zum Multimillionär wird – all das wird in Wirklichkeit keinerlei Ergebnis haben.)
Jeder Muslim muss zuallererst wissen, wer als Muslim bezeichnet wird und was das Wort „Muslim“ bedeutet. Denn wenn ein Mensch nicht weiß, was Menschlichkeit ist und worin der Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht, wird er anfangen, wie ein Tier zu handeln und den Wert seiner Menschlichkeit nicht verstehen. Ebenso wird jemand, der nicht weiß, was es bedeutet, Muslim zu sein, und wie man zwischen Muslimen und Nichtmuslimen unterscheidet, anfangen, wie ein Nichtmuslim zu handeln, und nicht in der Lage sein, die Würde seines Muslimseins zu wahren. Daher muss jeder Muslim und jedes Kind eines Muslims genau wissen, was es bedeutet, Muslim zu sein, wenn er sich selbst als Muslim betrachtet. Welche Veränderung und welchen Unterschied bringt das Muslimsein im Menschen hervor? Welche Pflichten und Verantwortungen erwachsen daraus? Innerhalb welcher Grenzen des Islam kann ein Mensch Muslim bleiben, und durch das Überschreiten welcher Grenze scheidet er aus dem Muslimsein aus? Wenn er diese Dinge nicht weiß, kann er mit seinem Mund noch so sehr behaupten, Muslim zu sein – es ist ihm unmöglich, Muslim zu bleiben.
Islam bedeutet, Allah zu gehorchen und Seine Gebote zu befolgen. Sich Allah, dem Erhabenen, zu unterwerfen – das ist Islam. Vor Allah freiwillig auf die eigene Freiheit und Unabhängigkeit zu verzichten – das ist Islam. Allahs Herrschaft und Seinen Gehorsam demütig anzuerkennen – das ist Islam. Derjenige ist Muslim, der all seine Angelegenheiten Allah anvertraut. Wer dagegen alles nach eigenem Willen erledigt oder seine Angelegenheiten jemand anderem als Allah anvertraut, ist kein Muslim. Sich Allah anzuvertrauen bedeutet, dass der Mensch die Rechtleitung und die Anleitung zum rechten Weg, die Er durch Sein Buch und durch Seinen Propheten gesandt hat, vollständig annimmt und nicht den geringsten Einwand dagegen erhebt. In jeder Angelegenheit und bei jeder Handlung des Lebens wird er ausschließlich den Regeln des heiligen Qur’an und der Hadithe folgen. Muslim ist allein derjenige, der seine eigene Vernunft, die weltlichen Bräuche und alles außer Allah zurückstellt und in jeder Angelegenheit ausschließlich in Allahs Buch und in den Hadithen des Gesandten nach Rechtleitung sucht – der fragt, was er tun und was er lassen soll –, und jede Regel, die er dort findet, ohne Einwand annimmt und alles ablehnt, was ihr widerspricht. Denn er hat sich Allah vollständig hingegeben. Nur durch diese Hingabe an Allah kann der Mensch Muslim werden. Wer dagegen überhaupt nicht auf den heiligen Qur’an und die Hadithe vertraut, sondern tut, was ihm sein eigenes Herz sagt, oder den von den Vorfahren überlieferten Regeln folgt, oder einfach das tut, was in der Welt geschieht, und bei irgendeiner Angelegenheit die Bestimmung des heiligen Qur’an und der Hadithe kennt, dann aber sagt: „Meine Vernunft will dies nicht annehmen, deshalb befolge ich es nicht“, oder: „Seit der Zeit meiner Vorfahren gilt das Gegenteil, daher werde ich dieser Bestimmung nicht folgen“, oder: „Die weltlichen Gepflogenheiten widersprechen dem, deshalb werde ich mich nach ihnen richten“ – ein solcher Mensch ist keineswegs Muslim. Wenn er sich als Muslim bezeichnet, ist er zweifellos ein Lügner.
Wenn Sie das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallah, Muhammadur Rasulullah“ sprechen und bekennen, Muslim zu sein, erkennen Sie damit auch an, dass Allahs Gesetz für Sie das einzige Gesetz ist und dass Allah, der Erhabene, allein Ihr Herr und Ihr Gebieter ist. Dann müssen Sie ausschließlich Allah gehorchen. Für Sie wird nur jene Regel als wahr anerkannt, die aus Allahs Buch und durch Seinen Gesandten gewonnen wird. Das bedeutet, dass Sie mit dem Muslimwerden Ihre Freiheit vor Allah aufgegeben haben.
Danach kann es keine eigenständige Meinung von Ihnen mehr geben, und auch die verschiedenen weltlichen Bräuche oder familiären Gepflogenheiten können keinerlei Bedeutung mehr haben. Ebenso können Sie dem Wort Allahs und der Sunna Seines Gesandten gegenüber nicht mehr anführen, was irgendein Hazrat oder irgendein frommer Ehrwürdiger gesagt hat. Ihre einzige Aufgabe besteht nun darin, jede Ihrer Angelegenheiten dem heiligen Qur’an und den Hadithen vorzulegen. Was mit ihnen nicht übereinstimmt, müssen Sie beiseiteschaffen und von sich weisen – ganz gleich, wessen Brauch es sein mag. Sich Muslim zu nennen und danach, unter Ausschluss des heiligen Qur’an und der Hadithe, der eigenen Meinung, weltlichen Bräuchen oder den Worten und Taten irgendeines Menschen zu folgen, ist vollkommen widersprüchlich. So wie ein Blinder sich nicht als Sehender bezeichnen kann und ein Mensch ohne Nase sich nicht als jemand mit einer Nase bezeichnen kann, so kann auch derjenige, der nicht all seine Handlungen nach dem heiligen Qur’an und den Hadithen richtet, sondern sie beiseitelässt und seiner eigenen Vernunft, weltlichen Bräuchen oder den Worten und Taten einer bestimmten Person folgt, sich keineswegs als Muslim bezeichnen.
Wenn jemand selbst kein Muslim bleiben möchte, darf man ihn nicht dazu zwingen, Muslim zu bleiben. Jeder Mensch hat die Freiheit, jede beliebige Religion anzunehmen und jeden beliebigen Namen zu tragen. Wenn sich jedoch jemand als Muslim bezeichnet, sollte er sehr wohl verstehen, dass er nur so lange Muslim bleiben kann, wie er sich innerhalb der Grenzen des Islams befindet. Die Grenzen des Islams bestehen darin, das Wort Allahs und die Hadithe Seines Gesandten als den einzigen Maßstab für Wahrheit und Güte anzunehmen und alles, was ihnen widerspricht, für nichtig und falsch zu halten. Wer innerhalb dieser Grenzen bleibt, ist Muslim; wer sie überschreitet, weicht vom Islam ab und fällt aus ihm heraus. Wenn er sich danach dennoch weiterhin für einen Muslim hält und behauptet, Muslim zu sein, besteht kein Zweifel daran, dass er sowohl sich selbst als auch die Welt täuscht.
وَمَنْ لَمْ يَحْكُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللَّهُ فَأُولَٰئِكَ هُمُ الْكَافِرُونَ
„Wer nicht nach dem richtet, was Allah herabgesandt hat, der ist ein Ungläubiger.“ (Sure al-Māʾida: 44)
Die Bedeutung des guten Kalimas
Ihr wisst, dass der Mensch durch das Sprechen eines Kalimas in die Grenzen des Islams eintritt. Dieses Kalima ist keineswegs lang oder umfangreich, sondern besteht nur aus einigen wenigen Worten.لا اله الإ الله محمد رسول الله – durch die Aussprache dieser wenigen Worte mit dem Mund verändert sich der Mensch völlig. Wenn ein Ungläubiger es spricht, wird er Muslim. Zuvor war er unrein, nun ist er rein geworden. Zuvor konnte Allahs Zorn über ihn kommen, nun ist er ein von Allah geliebter Diener geworden. Zunächst war er des Höllenfeuers würdig, nun sind ihm die Tore des Paradieses geöffnet worden.
Nicht nur das: Durch dieses Kalima entsteht auch zwischen den Menschen ein großer Unterschied. Diejenigen, die dieses Kalima sprechen, bilden eine Umma, während diejenigen, die es ablehnen, zu einer eigenen Volksgemeinschaft werden. Wenn der Vater das Kalima spricht, der Sohn es aber ablehnt, wird der Vater nicht länger als Vater und der Sohn nicht länger als Sohn betrachtet; dieser Sohn erhält keinen Anteil am Vermögen seines Vaters, und sogar seine Mutter und seine Schwester werden sich davor scheuen, ihn anzusehen. Wenn dagegen ein Andersgläubiger das Kalima spricht und die Tochter dieses Hauses heiratet, werden er und seine Kinder von diesem Haus erben. Das leibliche Kind hingegen wird allein deshalb, weil es dieses Kalima ablehnt, völlig zum Fremden werden. Daran lässt sich erkennen, dass dieses Kalima etwas ist, das Fremde zu Angehörigen macht, sie vereint und zusammenführt. Umgekehrt macht es Angehörige zu Fremden und bricht ihre Beziehungen zueinander ab.
Denkt einmal darüber nach: Was ist der eigentliche Grund dafür, dass zwischen den Menschen ein so großer Unterschied entsteht? Was enthält das Kalima außer einigen Buchstaben? Es sind doch nur Kāf, Lām, Mīm, Alif, Sīn und einige weitere Buchstaben dieser Art. Wie kommt es, dass sich der Mensch allein dadurch, dass er diese Buchstaben verbindet und ausspricht, gleichsam durch die Berührung eines Zaubers so sehr verändert? Kann allein durch diese wenigen Worte ein derart gewaltiger Unterschied zwischen den Menschen entstehen? Wenn ihr ein wenig nachdenkt, werdet ihr verstehen – euer Verstand und euer Gewissen werden euch sagen –, dass eine so große Wirkung unmöglich allein dadurch entstehen kann, dass einige Buchstaben miteinander verbunden und ausgesprochen werden. Die Götzendiener und Polytheisten glauben allerdings, dass sich durch das Sprechen eines Zauberspruchs die Berge bewegen, die Erde sich spalten und Wasser aus ihr hervorsprudeln werde! Ob jemand die Bedeutung des Zauberspruchs kennt oder nicht, spielt ihrer Ansicht nach keine Rolle. Denn sie glauben von ganzem Herzen, dass alle Kraft in den Buchstaben selbst verborgen liegt. Sobald er daher ausgesprochen wird, sollen sich die Tore aller Geheimnisse öffnen. Im Islam hat eine solche Vorstellung jedoch keinerlei Wert. Hier ist die Bedeutung das Wesentliche; jede Wirkung oder jeder Einfluss, den Worte haben, entsteht gerade aufgrund ihrer Bedeutung. Wenn ein Wort keine Bedeutung hat, sich nicht tief im Herzen verankert und infolgedessen keine Veränderung in den Gedanken, im Glauben, im Charakter und im Handeln des Menschen bewirkt, dann nützt allein das Aussprechen der Worte nichts.
Ich möchte euch diese Sache an einem einfachen Beispiel verständlich machen. Stellt euch vor, dass euch schrecklich kalt ist. Wenn ihr nun beginnt, mit dem Mund immer wieder „Decke und Bettzeug, Decke und Bettzeug“ zu rufen, wird eure Kälte dadurch nicht im Geringsten nachlassen. Selbst wenn ihr die ganze Nacht dasitzt und tausendmal „Decke und Bettzeug“ als Tasbih sprecht, wird es nichts bewirken. Wenn ihr jedoch tatsächlich eine Decke und Bettzeug besorgt und euch damit zudeckt, wird die Kälte gewiss aufhören. Stellt euch ebenso vor, dass ihr durstig seid. Wenn ihr nun vom Morgen bis zum Abend immer wieder „Wasser, Wasser“ ruft, wird euer Durst dadurch nicht gestillt. Wenn ihr aber ein Glas Wasser nehmt und es trinkt, wird eure Brust gewiss Erleichterung finden. Stellt euch vor, dass ihr krank geworden seid. Wenn ihr nun beginnt, „Medizin, Medizin“ als Tasbih zu sprechen, wird eure Krankheit dadurch nicht verschwinden. Wenn ihr jedoch die richtige Medizin kauft und einnehmt, werdet ihr gesund werden. Mit dem Kalima verhält es sich genauso. Allein dadurch, dass man sechs oder sieben Worte mit dem Mund spricht, kann kein so großer Unterschied entstehen, dass ein Mensch, der ungläubig war, dadurch völlig zum Muslim wird, aus Unreinheit rein wird, ein feindseliger Mensch plötzlich zum Freund und ein Bewohner der Hölle plötzlich zum Bewohner des Paradieses wird. Es gibt nur einen Weg, wie ein solcher Unterschied zwischen den Menschen entstehen kann: Zuerst muss man die Bedeutung dieser Worte verstehen und sich bemühen, dass diese Bedeutung im Innersten des menschlichen Herzens Wurzeln schlägt. Wenn ihr das Kalima auf diese Weise wissend und verstehend aussprecht, werdet ihr erst begreifen, welch gewaltiges Bekenntnis ihr damit vor eurem Allah abgelegt habt und welch große Verantwortung dadurch auf euch übergegangen ist. Wenn ihr das Kalima mit diesem Verständnis sprecht, wird es sich vollständig über eure Gedanken und euer ganzes Leben erheben. Danach darf kein Gedanke, der diesem Kalima widerspricht, auch nur den geringsten Platz in eurem Herzen oder Verstand finden. Ihr müsst für immer daran festhalten, dass alles, was diesem Kalima widerspricht, falsch ist und dass dieses Kalima allein die Wahrheit ist. In all euren Lebensangelegenheiten wird dieses Kalima der einzige Befehlshaber sein. Nachdem ihr das Kalima gesprochen habt, könnt ihr nicht mehr wie die Ungläubigen frei tun, was ihr wollt. Nun müsst ihr den Anweisungen dieses Kalimas folgen: Was es zu tun befiehlt, müsst ihr tun, und wovon es abrät, davon müsst ihr euch fernhalten. So kann das Sprechen des Kalimas den zuvor erwähnten Unterschied zwischen den Menschen hervorbringen.
Nun werde ich erörtern, was das Wort „Kalima“ bedeutet, was der Mensch mit seinem Aussprechen anerkennt und nach welcher Ordnung er zu leben verpflichtet ist, sobald er dies anerkannt hat, sowie weitere damit zusammenhängende Fragen.
Die Bedeutung der Kalima: „Es gibt keinen Ilah außer Allah; Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ist Allahs Gesandter oder der von Ihm entsandte Mann.“ Das Wort „Ilah“ in der Kalima bedeutet: der Besitzer, der Schöpfer, derjenige, der für die Menschen Vorschriften erlässt, derjenige, der die Bittgebete der Menschen hört und annimmt – nur Er ist der einzig Würdige, angebetet zu werden. Wenn Sie nun „La ilaha illallah“ sprechen, bedeutet dies zunächst, dass Sie anerkennen: Diese Welt konnte nicht ohne Allah entstehen; ihr Schöpfer existiert gewiss, und dieser Schöpfer ist nicht vielfältig, sondern nur Einer. Außer Ihm gibt es nirgends jemanden, der Göttlichkeit oder Herrschaft besitzt. Zweitens anerkennen Sie durch das Sprechen der Kalima, dass dieser eine Allah allein der Besitzer der Menschen und der gesamten Welt ist. Sie selbst, alles, was Ihnen gehört, und jeder Gegenstand der Welt gehören Ihm. Er ist der Schöpfer, Er ist der Versorger; Leben und Tod geschehen nach Seinem Befehl. Glück und Not kommen von Ihm. Was der Mensch erhält, erhält er von Ihm; in Wahrheit ist Er der Geber von allem. Und was der Mensch verliert, das nimmt in Wahrheit Er fort. Nur Ihn sollte man fürchten, nur vor Ihm sollte man das Haupt neigen. Nur Ihm zu dienen und Ihn anzubeten ist Pflicht. Außer Ihm gibt es niemanden, der unser Herr, Besitzer und Gesetzgeber wäre. Nur Seinem Befehl zu gehorchen und ausschließlich nach Seinem Gesetz zu handeln, ist unsere eigentliche und einzige Pflicht.
لا اله الإ الله
Wenn Sie die Kalima sprechen, geben Sie Allah dieses Versprechen, und die ganze Welt wird Zeuge dieses grundlegenden Bundes. Wenn Sie entgegen diesem Versprechen handeln, werden Ihre Zunge, Ihre Hände und Füße, jedes einzelne Haar an Ihrem Körper sowie jedes kleinste Teilchen im Himmel und auf der Erde, vor denen Sie dieses Versprechen abgelegt haben, vor Allahs Gericht gegen Sie aussagen. Dort werden Sie völlig hilflos sein. Nirgends werden Sie einen Zeugen finden, der Ihre Verteidigung beweisen könnte. Kein Anwalt oder Barrister wird dort zu Ihrer Unterstützung stehen. Vielmehr werden selbst die Herren Anwälte und Barrister, die vor den weltlichen Gerichten mit juristischen Winkelzügen arbeiten, dort allesamt ebenso völlig hilflos dastehen wie Sie. Vor jenem Gericht werden Sie sich weder durch falsche Zeugen, gefälschte Dokumente noch durch falsche Plädoyers eines Anwalts retten können. Vor den Augen der weltlichen Polizei können Sie Ihre Verbrechen verbergen, vor den Augen Allahs jedoch ist dies nicht möglich. Die weltliche Polizei kann Bestechungsgeld annehmen; Allahs Polizei nimmt niemals Bestechungsgeld an. Weltliche Zeugen können lügen, Allahs Zeugen aber sind allesamt wahrhaftig – sie lügen nicht. Weltliche Richter können Unrecht tun, Allah, der Erhabene, tut jedoch kein Unrecht. Und aus dem Gefängnis, in dem Allah die Sünder gefangen halten wird, ist eine Flucht auf keinerlei Weise möglich. Es besteht daher kein Zweifel, dass es größte Torheit und äußerste Dummheit ist, Allah ein falsches Versprechen zu geben. Wenn Sie vor Allah ein Versprechen ablegen, tun Sie es nach gründlichem Verständnis und Überlegung und bemühen Sie sich, es einzuhalten; andernfalls zwingt Sie niemand, lediglich mit dem Mund ein Versprechen abzugeben. Denn ein bloßes mündliches Bekenntnis hat keinerlei Wert.
Nach „La ilaha illallahu“ muss man „Muhammadur Rasulullah“ sagen. Damit anerkennen Sie, dass Allah, der Erhabene, durch Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, Seine Gesetze zu den Menschen gesandt hat. Nachdem Sie Allah als unseren Herrn, Besitzer und König anerkannt haben, war es unbedingt notwendig zu wissen, worin die Gesetze und Befehle dieses Königs beider Welten bestehen. Bei welchen Handlungen wird Er zufrieden sein und bei welchen wird Er unzufrieden sein? Nach welchem Gesetz wird Er uns vergeben, und nach welchem Gesetz wird Er uns bestrafen? Damit wir dies erfahren, hat Allah, der Erhabene, Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zu Seinem Gesandten bestimmt. Durch ihn hat Er uns Sein Buch gesandt, und Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hat uns in der Praxis gezeigt, wie man gemäß Allahs Befehl leben muss.
Wenn ihr also „Muhammadur Rasulullah“ sagt, erkennt ihr damit an, dass ihr dem Gesetz und der Ordnung folgen werdet, die Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verkündet hat. Und jedes Gesetz, das diesem widerspricht, werdet ihr mit Füßen treten. Wenn ihr nach diesem Versprechen das von Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verkündete Gesetz aufgebt und den Gesetzen der Welt folgt, dann gibt es niemanden, der ein größerer Lügner und Treuloser wäre als ihr. Denn ihr seid nur dadurch in die Grenzen des Islam eingetreten, dass ihr das von Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, verkündete Gesetz als das einzig wahre Gesetz anerkannt und euch verpflichtet habt, ihm zu folgen. Durch dieses Bekenntnis seid ihr zu Brüdern der Muslime geworden. Deshalb wurdet ihr Erben eines muslimischen Vaters, und eure Kinder konnten rechtmäßig als eure Kinder gelten. Deshalb haben die Muslime euch geholfen, euch Zakat gegeben und die Verantwortung für den Schutz eures Lebens, eures Besitzes und eurer Ehre übernommen. Wenn ihr trotz alledem euer Versprechen brecht, welche größere Treulosigkeit könnte es dann noch auf der Welt geben? Wenn ihr die Bedeutung vonلا اله الإ الله محمد رسول الله kennt und sie bewusst anerkennt, dann ist es eure Pflicht, unter allen Umständen Allahs Gesetz zu befolgen. Auch wenn Allahs Gesetz nicht in Kraft ist, solltet ihr es in Kraft setzen. Wer meint, dass Allahs Polizei, Armee, Gerichte und Gefängnisse nirgendwo vorhanden seien und es deshalb leicht sei, Sein Gesetz zu übertreten, während die Polizei, Armee, Gerichte und Gefängnisse der Regierung überall vorhanden seien und es deshalb sehr schwierig sei, deren Gesetz zu brechen – über einen solchen Menschen erkläre ich unmissverständlich: Die Kalima hat er nur als Lüge gesprochen.لا اله الإ الله محمد رسول اللهDamit täuscht er ohne jeden Zweifel Allah, die ganze Welt, alle Muslime und sogar sein eigenes Gewissen.
Zuvor habe ich die Bedeutung der Kalima Tayyiba dargelegt. Nun bitte ich Sie, dieselbe Angelegenheit noch von einer anderen Seite her zu betrachten.
Ihr erkennt an, dass Allah Taala der Eigentümer von euch und von allem ist. Doch was bedeutet das? Es bedeutet, dass euer Leben und euer Besitz, ja euer eigener Körper, Allah gehören. Eure Hände, eure Ohren und kein einziges Glied eures Körpers gehören euch selbst. Das Land, das ihr bebaut, die Tiere, mit denen ihr arbeitet, und all die Dinge, die ihr ständig benutzt – nichts davon gehört euch selbst; alles habt ihr als Eigentum Allahs Taala und als Gabe Allahs erhalten. Welches Recht könntet ihr nach diesem Bekenntnis noch haben zu sagen: Mein Leben, mein Körper, mein Besitz, dieses gehört mir und jenes gehört mir? Nachdem ihr einen anderen zum Eigentümer einer Sache erklärt habt, ist es völlig sinnlos, diese Sache anschließend als euer Eigentum zu beanspruchen. Wenn ihr Allah tatsächlich als den Eigentümer aller Dinge in der Welt betrachtet, ergeben sich daraus von selbst zwei Pflichten für euch. Die erste ist: Wenn Allah allein der Eigentümer ist und Er euch die Dinge Seines Eigentums anvertraut hat, müsst ihr diese Dinge nach dem Befehl ihres Eigentümers gebrauchen. Wenn ihr sie gegen Seinen Willen verwendet, begeht ihr gewiss einen Vertrauensbruch. Ihr habt nicht einmal das Recht, eure Hände und Füße zu etwas zu gebrauchen, das dem Willen dieses Eigentümers widerspricht. Auch mit euren Augen dürft ihr nichts Verbotenes ansehen, was Seinem Willen widerspricht. Ihr habt keinerlei Recht, dieses Land und diesen Besitz gegen die Anordnung des Eigentümers zu verwenden. Die Ehefrauen und Kinder, die ihr als die euren beansprucht, sind euch von Allah Taala anvertraut und dadurch zu den euren geworden; deshalb müsst ihr mit ihnen nicht nach eurem eigenen Wunsch, sondern nach dem Befehl des Eigentümers umgehen. Wenn ihr mit ihnen gegen Seinen Willen umgeht, verdient ihr es, Räuber genannt zu werden. Wenn ihr das Eigentum anderer raubt oder fremdes Land mit Gewalt in Besitz nehmt, nennt ihr einen solchen Menschen treulos. Ebenso werdet ihr, wenn ihr die von Allah gegebenen Dinge als euer Eigentum betrachtet und sie nach eurem eigenen Willen oder nach dem Willen irgendeines anderen außer Allahs gebraucht, wegen dieses Treubruchs schuldig sein. Wenn ihr nach dem Willen des Eigentümers handelt, dann soll es euch nichts ausmachen, selbst wenn ihr dadurch Schaden erleidet, euer Leben verliert, Hände und Füße gebrochen werden, eure Kinder Schaden nehmen oder euer Besitz und euer Land zugrunde gehen. Wenn der Eigentümer einer Sache ihren Verlust oder Schaden wünscht, hat Er das Recht, dies zu tun. Ja, wenn ihr aber gegen den Willen des Eigentümers handelt und dadurch eine Sache zu Schaden kommt, seid allein ihr dafür schuldig, daran besteht kein Zweifel. Denn ihr habt fremdes Eigentum verdorben. Ihr dürft nicht einmal über euer eigenes Leben nach eurem eigenen Willen verfügen. Wenn ihr euer Leben nach dem Willen des Eigentümers opfert, erfüllt ihr das Recht des Eigentümers; wenn ihr aber euer Leben für eine seinem Willen widersprechende Sache hingebt, begeht ihr einen gewaltigen Treubruch.
Die zweite Sache ist: Wenn ihr jede Gabe, die der Eigentümer euch gegeben hat, für die Arbeit dieses Eigentümers verwendet, könnt ihr dadurch niemandem – auch nicht dem Eigentümer – einen Gefallen erweisen. Wenn ihr auf diesem Weg etwas spendet, irgendeinen Dienst leistet oder euer geliebtes Gut, ja euer Leben, opfert, ist das niemandem gegenüber auch nur im Geringsten ein Gefallen von euch. Ihr erfüllt damit lediglich das Recht, das der Eigentümer euch gegenüber hatte. Darin liegt nichts, worauf ihr stolz sein oder womit ihr Hochmut zeigen und Lob oder Anerkennung erwarten könntet. Denkt daran: Ein Muslim empfindet keinerlei Stolz, wenn er auf dem Weg des Eigentümers etwas ausgibt oder einen Teil seiner Arbeit verrichtet; vielmehr zeigt er Demut und Bescheidenheit. Stolz und Hochmut machen gute Taten zunichte. Wer auf Lob hofft und nur aus diesem Grund gute Taten vollbringt, will den Lohn seiner Tat bereits in dieser Welt erhalten – und genau das hat er dann erhalten. Seht die Gnade Allahs Taala, des Eigentümers der ganzen Welt: Er nimmt Sein eigenes Eigentum von uns an und sagt, dass Er diese Dinge von euch annimmt; ja, Er sagt: Diese Dinge habe Ich von euch gekauft und werde euch dafür auch ihren Preis geben. Allahu Akbar. Gibt es irgendeine Grenze für Allahs Gaben und Gnade? Im Heiligen Quran heißt es:
إِنَّ اللَّهَ اشْتَرَىٰ مِنَ الْمُؤْمِنِينَ أَنْفُسَهُمْ وَأَمْوَالَهُمْ بِأَنَّ لَهُمُ الْجَنَّةَ ۚ
„Allah Taala hat von den Gläubigen ihr Leben und ihren Besitz gekauft und ihnen dafür das Paradies bestimmt.“ (Sure At-Tauba: 111)
Ein solches Verhalten zeigt der Eigentümer euch gegenüber! Doch prüft einmal, wie ihr euch Ihm gegenüber verhaltet. Der Eigentümer hat euch eine Sache gegeben und sie anschließend selbst von euch gegen einen Preis gekauft; dennoch verkauft ihr diese Sache an andere – und zwar für einen äußerst geringen und minderwertigen Preis. Derjenige, an den ihr sie verkauft, verwendet diese Dinge für Arbeiten, die dem Willen des Eigentümers widersprechen, während ihr für ihn arbeitet und ihn für euren Versorger haltet. In Wahrheit habt ihr keinerlei Recht, die Kräfte eures Körpers auf diese Weise zu verkaufen. Was könnte eine größere Verderbtheit sein, als dass ihr den rebellischen Kräften gegen Allah alles verkauft, was sie kaufen wollen? Eine Sache, die man einmal verkauft hat, erneut an jemand anderen zu verkaufen, ist rechtlich und moralisch ein Verbrechen. In dieser Welt kann deshalb ein Betrugsverfahren gegen euch eingeleitet werden. Glaubt ihr etwa, dass wegen dieser Sache vor dem Gericht Allahs kein Verfahren stattfinden wird?
Die reine und die unreine Kalima
Die Bedeutung der Kalima Tayyiba habe ich bereits zuvor erklärt; hier möchte ich sie noch etwas näher erläutern, damit ihr sie versteht. Denn diese Kalima ist das eigentliche Fundament des Islam; durch sie tritt der Mensch in den Islam ein, und kein Mensch kann Muslim bleiben, ohne diese Kalima richtig zu verstehen und sein Leben danach zu gestalten. Allah Taala hat diese Kalima im Heiligen Quran folgendermaßen beschrieben:
أَلَمْ تَرَ كَيْفَ ضَرَبَ اللَّهُ مَثَلًا كَلِمَةً طَيِّبَةً كَشَجَرَةٍ طَيِّبَةٍ أَصْلُهَا ثَابِتٌ وَفَرْعُهَا فِي السَّمَاءِ
٢٥ تُؤْتِي أُكُلَهَا كُلَّ حِينٍ بِإِذْنِ رَبِّهَا ۗ وَيَضْرِبُ اللَّهُ الْأَمْثَالَ لِلنَّاسِ لَعَلَّهُمْ يَتَذَكَّرُونَ
٢٦ وَمَثَلُ كَلِمَةٍ خَبِيثَةٍ كَشَجَرَةٍ خَبِيثَةٍ اجْتُثَّتْ مِنْ فَوْقِ الْأَرْضِ مَا لَهَا مِنْ قَرَارٍ
٢٧ يُثَبِّتُ اللَّهُ الَّذِينَ آمَنُوا بِالْقَوْلِ الثَّابِتِ فِي الْحَيَاةِ الدُّنْيَا وَفِي الْآخِرَةِ ۖ وَيُضِلُّ اللَّهُ الظَّالِمِينَ ۚ وَيَفْعَلُ اللَّهُ مَا يَشَاءُ
„Das Gleichnis der Kalima at-Tayyiba ist wie das eines Baumes guter Art, dessen Wurzeln tief im Boden fest verankert sind. Seine Äste und Zweige breiten sich im weiten Raum des Himmels aus und bringen nach Allahs Befehl unaufhörlich Frucht um Frucht hervor. Allah hat dieses Gleichnis für die Menschen gegeben, damit sie daraus eine Ermahnung annehmen. Ihr gegenüber steht die Kalima al-Khabitha, das heißt eine schlechte Glaubensvorstellung und eine falsche Aussage. Ihr Gleichnis ist wie das der kleinen Unkräuter und Schlingpflanzen in Wald und Wildnis. Sie wachsen unmittelbar an der Oberfläche des Bodens und lassen sich schon mit einem leichten Zug herausreißen, weil ihre Wurzeln nicht tief und fest im Boden verankert werden können. Allah festigt die Gläubigen durch das feste Wort im Diesseits und im Jenseits und lässt die Ungerechten in die Irre gehen. Allah tut, was Er will.“ – Sure Ibrahim: 24–27
Allah, der Erhabene, hat damit ein so unvergleichliches Gleichnis gegeben, dass ihr daraus eine sehr große Lehre ziehen könnt, wenn ihr ein wenig darüber nachdenkt. Seht, wie tief die Wurzeln eines Mangobaums in den Boden reichen, wie hoch er nach oben wächst, wie weit sich seine Äste und Zweige nach allen Seiten ausbreiten und wie viele gute Früchte er jedes Jahr trägt. Doch wie kam es dazu? Weil sein Samen so kräftig war, hatte er das volle „Recht“, ein so großer Baum zu werden. Und dieses „Recht“ war so wahr, dass der Boden, das Wasser, die Luft, die Hitze des Tages und die Kälte der Nacht allesamt seinen Anspruch anerkannten, als er sein eigenes „Recht“ einforderte. Alles, was dieser Mangokern von ihnen verlangte, gaben sie ihm. So konnte er dank der Kraft seines Anspruchs zu einem so großen Baum heranwachsen. Später bewies er durch seine süßen Früchte, dass er tatsächlich das Recht gehabt hatte, ein solcher Baum zu werden. Selbst wenn sich alle Kräfte des Himmels und der Erde vereinten, um ihm zu helfen, so wäre das keineswegs ungerecht gewesen; vielmehr hätten sie genau so handeln müssen. Denn in der Erde, im Wasser, in der Luft und in den anderen Naturkräften liegt die Fähigkeit, Pflanzen zu ernähren und sie wachsen zu lassen, gerade deshalb, damit gute Baumarten daraus Nutzen ziehen.
Außerdem gibt es in Wald und Wildnis unzählige kleine Pflanzen, die von selbst wachsen. Welche Kraft steckt in ihnen? Ein kleines Kind kann sie mitsamt ihren kurzen Wurzeln herausziehen. Oder sie sind so weich und schwach, dass sie sich schon bei einem kurzen Windstoß zu Boden neigen. Sie sind voller Dornen, die bei jeder Berührung in die Haut stechen. Nimmt man sie in den Mund, verletzen sie den Mund. Wie viele von ihnen täglich wachsen und wie viele herausgerissen werden, weiß allein Allah. Warum befinden sie sich in diesem Zustand? Weil sie nicht annähernd die Kraft eines Mangobaums besitzen. Wenn auf dem Boden keine guten Baumarten wachsen, bleibt er brach liegen und wird völlig trostlos. Deshalb gewährt er diesen Unkräutern und Schlingpflanzen widerwillig einen Platz in seinem Schoß. Das Wasser hilft ihnen ein wenig, und die Luft verleiht ihnen etwas Kraft; doch nichts im Himmel und auf der Erde will irgendeinen Anspruch dieser Schlingpflanzen anerkennen. Deshalb lässt der Boden nicht zu, dass ihre Wurzeln sich in seinem Inneren ausbreiten, und das Wasser hilft ihnen nicht allzu sehr. Auch die Luft schenkt ihnen nicht aus vollem Herzen ihren Atem. Nach diesem fortwährenden Ringen, sobald sie ein wenig den Kopf heben, werden sie so bitter und giftig, dass dadurch bewiesen wird, dass die Kräfte des Himmels und der Erde ihrem Wesen nach nicht dazu bestimmt sind, dieses Unkraut hervorzubringen. Dass die Unkräuter überhaupt ein wenig Kraft aus dem Schoß der Natur erhalten haben, ist für sie bereits ein großes Glück.
Behaltet diese beiden Gleichnisse vor Augen und denkt dann gründlich über den Unterschied zwischen der Kalima at-Tayyiba und der Kalima al-Khabitha nach.
Was ist die Kalima at-Tayyiba? Eine wahre Aussage; eine derart wahre Aussage, dass es auf dieser Welt keine wahrere gibt. Der eine Allah allein ist der Gott der gesamten Welt, und jedes Ding im Himmel und auf der Erde bezeugt die Wahrheit dieser Aussage. Menschen, Tiere, Bäume, Steine, Sandkörner, fließende Quellen, die strahlende Sonne – welches dieser überall verbreiteten Dinge hat Allah, der Erhabene, nicht erschaffen? Hat irgendjemand außer Allah sie erschaffen? Leben sie durch die Gunst irgendeines anderen außer Seiner Barmherzigkeit und Gnade? Kann irgendjemand außer Allah auch nur einem von ihnen Leben oder Tod geben? Wenn diese gesamte Welt Allah, dem Erhabenen, gehört, wenn all dies durch Seine Gnade besteht und Er allein ihr Besitzer und ihr Gebieter ist, dann wird jedes Ding im Himmel und auf der Erde sofort ausrufen, sobald ihr sagt, dass es auf dieser Erde außer dem einen Allah keine Herrschaft und keine Gottheit gibt: Du hast die Wahrheit gesprochen; wir alle bezeugen die Wahrheit deiner Worte. Wenn ihr euch vor diesem Allah verneigt, wird sich jedes Ding des gesamten Universums gemeinsam mit euch vor Ihm verneigen. Denn auch all diese Dinge dienen einzig Ihm. Wenn ihr beginnt, auf Seinem Weg zu gehen, werdet ihr nicht allein sein; die unzähligen „Soldaten“ dieses gesamten Universums werden anfangen, mit euch zu gehen. Denn von der Sonne am Himmel bis zum kleinsten Staubkorn auf der Erde folgt alles stets dem von Ihm bestimmten Weg. Wenn ihr auf diesen einen Allah vertraut, wird euer Vertrauen auf einer gewaltigen Macht ruhen, die alleiniger Besitzer aller Kräfte und aller Reichtümer des Himmels und der Erde ist. Kurz gesagt: Wenn auch ihr diese tiefgründige Wahrheit im Blick behaltet und danach lebt, werdet ihr sehr wohl erkennen, dass alle Kräfte des Himmels und der Erde demjenigen zu Hilfe eingesetzt werden, der durch den Glauben an die Kalima at-Tayyiba sein Leben nach diesem Ideal gestaltet. Vom diesseitigen Leben bis ins Jenseits wird er sich fortwährend weiterentwickeln. Kein einziges seiner Bemühungen wird vergeblich sein, kein einziges Ziel wird unerreicht bleiben können. Genau das hat Allah, der Erhabene, in dem genannten Vers gesagt. Er hat verkündet: „Diese Kalima ist wie ein Baum, dessen Wurzeln tief im Erdreich fest verankert sind und dessen Äste und Zweige sich in den weiten Raum des Himmels ausbreiten. Und stets tragen sie nach Allahs Befehl Früchte.“
Sie vertritt eine Lehre, die der „Kalima Khabisa“ völlig entgegengesetzt ist. Die Kalima Khabisa bedeutet: Es gibt keinen Ilah oder Schöpfer dieser Welt, oder es gibt in dieser Welt mehrere Ilahs. Wenn Sie ein wenig darüber nachdenken, werden Sie verstehen, dass es nichts geben kann, was eine größere Lüge und unbegründeter wäre als diese Aussage. Jeder Gegenstand im Himmel und auf der Erde ruft: „Du bist ein Lügner; gewiss, Allah existiert. Er allein hat uns und euch erschaffen. Und Er allein hat euch jene Zunge gegeben, mit der ihr eine derart große Lüge aussprecht.“ Der Mushrik sagt, dass Allah nicht allein sei, sondern dass es neben Ihm noch viele Götter gebe. Auch sie gäben Versorgung; auch sie seien eure Herren; auch sie könnten euer Schicksal aufbauen oder zerstören. Auch sie hätten die Macht, Nutzen zu bringen oder Schaden zuzufügen. Auch sie könnten eure Duas hören. Auch sie könnten eure Wünsche erfüllen; man müsse sich vor ihnen fürchten. Man könne auf sie vertrauen. Auch ihr Befehl gelte bei der Leitung der Welt. Es sei Pflicht, neben Allah auch ihren Befehlen zu gehorchen. All dies ist die Kalima Khabisa. Als Antwort auf diese Aussagen ruft jedes Ding im Himmel und auf der Erde: „Du bist ein Lügner; jede deiner Aussagen steht der Wahrheit völlig entgegen.“ Denken Sie nun darüber nach: Wie kann derjenige, der diese Kalima annimmt und sein Leben danach gestaltet, in dieser Welt und im Jenseits Erfolg erlangen? Allah hat diesen Menschen aus Gnade Aufschub und Frist gewährt und ihnen auch die Versorgung zugesagt. Daher werden die Kräfte des Himmels und der Erde sie bis zu einem gewissen Maß versorgen – so wie sie Unkraut und Schmarotzerpflanzen in Wäldern und Dschungeln versorgen. Doch kein einziges Ding auf der Erde wird ihnen aus eigenem Antrieb helfen oder sie mit voller Kraft unterstützen. Sie werden ebenso wie der Dschungel nur einige Zeit bestehen können – mehr nicht.
Ein solcher Unterschied besteht auch hinsichtlich der Folgen dieser beiden Kalimas. Wenn die „Kalima Tayyiba“ Früchte trägt, werden diese sehr süß und schmackhaft sein. Durch sie wird auf Erden Frieden geschaffen. Überall werden Wahrheit und vollkommene Gerechtigkeit errichtet. Die gesamte Menschheit wird durch sie außerordentlichen Nutzen erlangen können. Doch je mehr die Kalima Khabisa zunimmt, desto mehr werden aus ihr nur dornige Zweige hervorgehen. An ihr werden bittere und giftige Früchte wachsen. Ihre Adern werden ganz und gar mit Gift erfüllt sein. Sie können dies mit eigenen Augen sehen. Was geschieht dort, wo Kufr, Shirk und Atheismus auf der Welt besonders stark sind? Dort trinkt der Mensch das Blut des Menschen. Die Vorbereitungen, Land um Land und Dorf um Dorf zu zerstören, werden mit größtem Nachdruck betrieben. Giftige Gase werden hergestellt. Eine Nation setzt alles daran, eine andere vollständig zu vernichten. Die Mächtigen haben die Schwachen zu ihren Sklaven gemacht – nur damit sie ihnen ihr Stück Brot wegnehmen können, werden die schwachen Menschen dort durch die Furcht vor Armee, Polizei, Gefängnis und Hinrichtung unterdrückt und dazu gezwungen, die Grausamkeiten der mächtigen Nation stillschweigend zu ertragen. Darüber hinaus ist der innere Zustand dieser Nationen noch viel schrecklicher. Ihr moralischer Charakter ist so abscheulich, dass selbst der Satan sich beim Anblick dessen schämt. Die Menschen tun dort Dinge, die niedriger sind als die der Tiere. Mütter töten dort eigenhändig ihre eigenen Kinder, damit diese Kinder ihren Vergnügungen und ihrem Genuss nicht im Wege stehen. Ehemänner stoßen dort ihre eigenen Ehefrauen in die Arme anderer, nur um die Ehefrau eines anderen an ihrer eigenen Brust zu haben. Clubs für Nackte wurden errichtet; dort bewegen sich Frauen und Männer wie Tiere nackt umher. Der Reiche nimmt Zinsen und behandelt die Armen wie gekaufte Sklaven. Es scheint, als seien diese Menschen nur dazu auf der Welt geboren worden, ihnen zu dienen. Kurz gesagt: Wegen dieser „Kalima Khabisa“ ist dort alles ringsum mit Dornen bedeckt, und jede Frucht, die an ihr wächst, ist schrecklich bitter und giftig.
Nachdem Allah, der Erhabene, diese beiden Gleichnisse erläutert hatte, sagte Er: Diejenigen, die an die „Kalima Tayyiba“ glauben, wird Allah, der Erhabene, in dieser Welt und im Jenseits durch ein festes Wort festigen – sie werden standhaft und unvergänglich sein. Denjenigen hingegen, die an die „Kalima Khabisa“ glauben, wird Allah all ihre Vorkehrungen und Bemühungen zunichtemachen. Sie werden niemals irgendeine leichte Aufgabe bewältigen können. Weder in dieser Welt noch im Jenseits kann ihnen dadurch auch nur der geringste Nutzen entstehen.
Sie haben den Unterschied zwischen der „Kalima Tayyiba“ und der „Kalima Khabisa“ sowie die Folgen beider gehört. Nun können Sie gewiss fragen: Auch wir glauben an die „Kalima Tayyiba“ – warum machen wir dennoch keinen Fortschritt? Und aus welchem Grund werden gerade die Kafir, die an die Kalima Khabisa glauben, so mächtig und erfolgreich?
Es obliegt mir, diese Frage zu beantworten. Ich werde sie beantworten, doch ich habe bereits zuvor gesagt, dass niemand zornig werden darf, nachdem er meine Antwort gehört hat. Sie sollen lediglich prüfen, ob meine Antwort richtig ist oder nicht.
Ihr behauptet, dem Kalima-e Tayyiba den Iman entgegengebracht zu haben, und dennoch macht ihr keinen Fortschritt; schon diese Aussage ist zunächst einmal falsch. Denn es genügt nicht, das Kalima-e Tayyiba lediglich mit dem Mund zu sprechen; man muss es mit dem Herzen sprechen. Es mit dem Herzen zu sprechen bedeutet, den Glauben und die Weltanschauung zu ändern. Keine Auffassung und keine Lehre, die diesem widerspricht, darf im Herzen eines Menschen, der an das Kalima glaubt, Raum finden, und er darf niemals etwas tun, das den Anweisungen des Kalima widerspricht. Doch sagt: Ist dies tatsächlich euer Zustand? Gibt es unter euch nicht Tausende von kufrischen und mushrikischen Vorstellungen, die dem Kalima-e Tayyiba widersprechen? Beugt sich der Kopf eines Muslims niemals vor jemand anderem als Allah? Fürchtet ein Muslim niemanden außer Allah? Vertraut er nicht auf die Hilfe anderer? Glauben sie nicht, dass jemand außer Allah derjenige ist, der ihnen ihren Rizq gewährt? Glauben sie nicht, dass jemand außer Allah derjenige ist, der ihnen ihren Rizq gewährt? Folgen sie nicht, nachdem sie Allahs Gesetz verlassen haben, bereitwillig dem Gesetz anderer? Sagen diejenigen, die für sich beanspruchen, Muslime zu sein, nicht vor Gericht ganz offen: Wir wollen kein Urteil nach der Scharia; wir wollen nach dem geltenden Brauch des Landes gerichtet werden? Gibt es unter euch nicht Menschen, die nicht im Geringsten davor zurückschrecken, Allahs Gesetz zu verletzen, um einen geringfügigen weltlichen Vorteil zu erlangen? Gibt es unter euch nicht Menschen, die aus Furcht vor dem Zorn der Kafir erschrecken, aber Allahs Zorn überhaupt nicht fürchten? Gibt es unter euch nicht Menschen, die zu nichts bereit sind, um die Gunst der Kafir zu erlangen? Gibt es nicht auch solche, die die Herrschaft der Kafir als „Herrschaft“ ansehen, aber überhaupt nicht daran denken, dass Allahs Herrschaft irgendwo gegenwärtig ist? Sagt aufrichtig: Sind diese Dinge etwa nicht wahr? Wenn sie tatsächlich wahr sind, mit welchem Recht könnt ihr dann behaupten, dass ihr das Kalima-e Tayyiba anerkennt und dennoch keinen Fortschritt macht? Glaubt zunächst mit aufrichtigem Herzen und gestaltet euer Leben nach dem Kalima-e Tayyiba. Wenn dann nicht jener großartige Baum entsteht, dessen Wurzeln tief in der Erde fest verankert sind und dessen Zweige sich in den leeren Himmel ausbreiten, könnt ihr sagen, dass Allah ein falsches Versprechen gegeben hat (na’udhu billah). Im Übrigen ist es völlig falsch zu glauben, dass die Menschen, die an das Kalima-e Khabisa glauben, in dieser Welt großen Fortschritt machen. Denn diejenigen, die das Kalima-e Khabisa annehmen, können keinen Fortschritt machen; in der Vergangenheit konnten sie es nie, und auch heute können sie es nicht. Wenn ihr ihren Reichtum, ihr Leben voller Glück, Frieden und Vergnügen, ihre Mittel zu Luxus und Freude sowie ihren äußeren Glanz und Prunk seht, habt ihr vielleicht gedacht, dass sie tatsächlich großen Fortschritt machen. Fragt sie jedoch nach ihrem Inneren und seht, wie viele von ihnen wirklich in Frieden leben. Sie besitzen reichlich Mittel für Luxus und Wohlleben; doch in ihrem Inneren lodern ständig feurige Meteoriten. Gerade deshalb können sie den Einen Allah nicht finden. Weil sie Allahs Gesetz missachten, verwandelt sich jede ihrer Familien in einen Feuerofen der Jahannam. Schlagt die Zeitung auf und seht: In Europa und Amerika ist eine Welle von Selbstmorden ausgebrochen. Zahllose Scheidungen finden Tag und Nacht statt. Seht, wie die Kinder jenes Landes zugrunde gerichtet und durch den Gebrauch von Medikamenten die Geburtenrate gesenkt wird. Seht, wie das Leben von Millionen Menschen durch verschiedenartige verderbliche Krankheiten zerstört wird. Seht, wie zwischen verschiedenen Bevölkerungsschichten um Nahrung gerungen und gestritten wird. Seht, wie Hass, Feindseligkeit und Feindschaft Menschen derselben Nation in Kriege gestürzt haben. Seht, wie sehr die Gier nach Luxus das Leben der Menschen verbittert hat. Selbst wenn man bedenkt, dass Millionen Menschen in diesen großen, glänzenden Städten der Welt, die ihr aus der Ferne seht und für ein Paradies haltet, ein leidvolles Leben führen, läuft einem der Schauder über den Körper! Kann man das jemals Fortschritt nennen? Seid ihr etwa nach diesem „Paradies“ begierig?
Denkt daran: Allahs Wort kann niemals eine Lüge sein. Tatsächlich gibt es außer dem Kalima-e Tayyiba kein anderes „Kalima“, durch dessen Befolgung der Mensch in dieser Welt Glück und im Jenseits großen Frieden erlangen kann. Öffnet eure Augen und schaut, wohin ihr wollt; nirgendwo werdet ihr etwas sehen, das dieser Wahrheit widerspricht.
Der Zweck, den Iman an das Kalima-e Tayyiba zu bringen
Bereits in zwei früheren Abhandlungen habe ich euch die ausführliche Bedeutung des Kalima-e Tayyiba dargelegt; in der vorliegenden Abhandlung werde ich versuchen, die Notwendigkeit und den Nutzen darzulegen, den Iman an das Kalima-e Tayyiba zu bringen.
Ihr alle wisst, dass allem, was der Mensch in dieser Welt tut, gewiss ein Zweck zugrunde liegt und dass der Mensch eine Handlung ausführt, um irgendeinen Nutzen daraus zu ziehen. Niemand tut etwas ohne Zweck, ohne Anlass und ohne Nutzen. Warum trinkt ihr Wasser? Ihr trinkt es, weil ihr es keinesfalls trinken würdet, wenn es euren Durst nicht stillte. Denn dann hätte das Trinken von Wasser keinen Nutzen. Warum esst ihr Nahrung? Zu dem Zweck, dass euer Hunger gestillt und eure Lebenskraft gestärkt wird. Wenn jedoch Essen und Nichtessen dasselbe Ergebnis hätten, würdet ihr das Essen für eine unnütze Handlung halten. Wenn ihr krank seid, nehmt ihr Medizin ein, damit die Krankheit verschwindet und ihr wieder vollkommen gesund werdet; wenn die Krankheit aber auch nach der Einnahme der Medizin nicht verschwindet, sondern der Zustand wie zuvor bleibt, werdet ihr gewiss sagen: Die Einnahme dieser Medizin ist völlig nutzlos. Warum arbeitet ihr in der Landwirtschaft so hart? Ihr tut es, damit ihr dadurch Getreide, Früchte und verschiedene Gemüsesorten erhaltet. Wenn jedoch auch nach der Aussaat auf dem Feld kein Getreide wüchse, würdet ihr keinesfalls solche Mühen auf euch nehmen, um zu pflügen, zu säen und das Feld zu bewässern. Kurz gesagt: Was auch immer ihr in dieser Welt tut, wenn der Zweck erreicht wird, gilt die Handlung als ordnungsgemäß ausgeführt. Wenn der Zweck verfehlt wird, sagt ihr, dass die Handlung nicht richtig ausgeführt wurde.
Behaltet diese tiefgründige Aussage im Gedächtnis und beantwortet danach weiterhin eine meiner Fragen nach der anderen. Die erste Frage lautet: Warum wird das Kalima gesprochen? Auf diese Frage könnt ihr nichts anderes antworten als: Der Zweck des Sprechens des Kalima besteht darin, dadurch einen Unterschied zwischen Kafir und Muslim zu schaffen. Doch ich möchte fragen: Was bedeutet es, einen Unterschied zwischen Kafir und Muslim zu machen? Bedeutet es etwa, dass der Kafir zwei Augen hat und der Muslim deshalb, wenn er das Kalima spricht, vier Augen bekommt? Oder dass der Kafir einen Kopf hat und der Muslim deshalb zwei Köpfe bekommt? Ihr werdet gewiss sagen: Nein, hier ist nicht von einem körperlichen Unterschied die Rede. Die eigentliche Bedeutung des Unterschieds besteht darin, dass das Ende des Kafir und das Ende des Muslims verschieden sein werden. Das Ende des Kafir besteht darin, dass er im Jenseits der Barmherzigkeit Allahs beraubt sein und der Zweck seines Lebens verfehlt werden wird. Das Ende des Muslims dagegen besteht darin, dass er Allahs Wohlgefallen erlangen und im Jenseits erfolgreich sein wird – er wird in größtem Glück sein Leben verbringen.
Nachdem ich diese eure Antwort gehört habe, werde ich sagen: Ihr habt genau richtig geantwortet. Doch sagt mir: Was versteht man unter dem Jenseits? Was bedeutet es, im Jenseits erfolglos oder erfolgreich zu sein? Und worin besteht die Bedeutung des Erfolgs und des Erlangens von Kamiyabi dort? Wenn ihr diese Dinge nicht gründlich versteht, kann die weitere Erörterung nicht begonnen werden.
Ihr braucht diese Frage nicht zu beantworten. Ihre Antwort wurde bereits zuvor gegeben. Es wurde gesagt:
„Das Diesseits ist das Ackerfeld des Jenseits.“
Diesseits und Jenseits sind nicht zwei voneinander verschiedene Dinge. Beide sind zwei Stationen desselben Weges des Menschen. Das Diesseits ist die erste Station dieses Weges, und das Jenseits ist die letzte. Zwischen dem Bestellen des Bodens und dem Einbringen der Ernte besteht genau dieselbe Beziehung wie zwischen Diesseits und Jenseits. Ihr pflügt das Feld, danach sät ihr den Samen aus, bewässert es bei Bedarf, und anschließend könnt ihr eine Ernte erhalten. Ihr bringt diese Ernte nach Hause und könnt euch das ganze Jahr über sicher davon ernähren. Was immer ihr auf dem Feld anbaut, das werdet ihr auch ernten. Säet ihr Reis, werdet ihr Reis ernten; säet ihr Jute, werdet ihr Jute ernten; säet ihr Weizen, werdet ihr eine Weizenernte erhalten; und wenn ihr Dorngewächse sät, werden in eurem Feld eben Dorngewächse wachsen. Wenn ihr jedoch überhaupt nichts sät, wird auf eurem Feld auch nichts wachsen. Die schlechten Folgen der Fehler, die euch beim Pflügen, Säen, nötigen Bewässern und bei der Pflege des Feldes unterlaufen, erkennt ihr erst zur Zeit der Ernte. Wenn ihr all diese Arbeiten jedoch sehr gut ausgeführt habt, werdet ihr zur Erntezeit auch deren tatsächliche Ergebnisse sehen. Ebenso verhält es sich mit dem Diesseits und dem Jenseits. Betrachtet das Diesseits als ein Feld. Der Mensch wurde hierher gesandt, um durch seine eigene Mühe und Anstrengung eine Ernte für sich hervorzubringen. Von seiner Geburt bis zu seinem Tod wurde ihm dafür Zeit gegeben. Welche Ernte der Mensch in dieser Zeit auch anbaut, genau diese Ernte wird er nach seinem Tod im Leben des Jenseits erhalten; und von der Ernte, die er dort vorfindet, wird sein jenseitiges Leben allein abhängen. Wenn jemand im Diesseits sein ganzes Leben lang eine gute Ernte anbaut, sie nach Bedarf bewässert und sie auch sehr gut pflegt, wird er, sobald er das jenseitige Leben betritt, als Ergebnis seiner Mühe einen grünen, von Früchten und Blumen erfüllten Garten vorfinden. In diesem jenseitigen Leben wird er keine weitere Mühe auf sich nehmen müssen; vielmehr wird sein Leben durch die unerschöpflichen Früchte jenes Gartens, den er im Diesseits durch lebenslange Arbeit geschaffen hat, glücklich und behaglich verlaufen. Dies wird Dschanna genannt. Wenn er sie erlangt, muss man verstehen, dass er im Jenseits erfolgreich und gerettet ist.
Wer jedoch in seinem diesseitigen Leben nur die Samen von Dornen sowie bitteren und giftigen Früchten sät, wird im jenseitigen Leben auch nur diese Ernte erhalten. Dort wird er keine Gelegenheit und keine Zeit mehr haben, die schlechte Ernte zu vernichten, eine gute Ernte hervorzubringen und anstelle seiner Torheit vernünftig zu handeln. Sein ganzes jenseitiges Leben wird er mit dieser schlechten Ernte verbringen müssen, denn im Diesseits hat er ausschließlich sie angebaut. Auf dem Dornenlager, das er selbst gepflanzt hat, wird er im Jenseits niedergelegt werden. Und die bitteren und giftigen Früchte, die er angebaut hat, wird er dort zu erleiden haben. Das ist die Bedeutung davon, im Jenseits erfolglos und verloren zu sein.
Soeben habe ich das Jenseits erklärt; auch aus dem Koran und den Hadithen geht genau dies hervor. Aus dieser Erklärung wird zweifellos deutlich, dass Erfolg oder Misserfolg des Menschen im jenseitigen Leben und der gute oder schlechte Ausgang seines Schicksals in Wirklichkeit ausschließlich das Ergebnis davon sind, ob Wissen und Handeln, Erkenntnis und Taten in seinem diesseitigen Leben gut oder schlecht waren. Daran besteht kein Zweifel.
Sobald ihr dies verstanden habt, werdet ihr auch sehr leicht verstehen können, dass der Unterschied zwischen dem Ausgang eines Muslims und dem eines Kafirs nicht grundlos bestehen kann. In Wirklichkeit ist der Unterschied im Ausgang lediglich die Folge des Unterschieds am Anfang. Wenn sich das Wissen und Handeln eines Muslims und eines Kafirs im Diesseits nicht unterscheiden, kann es auch im Jenseits hinsichtlich ihres Ausgangs keinerlei Unterschied geben. Es ist unmöglich, dass das Wissen und Handeln eines Menschen im Diesseits genau dem Wissen und Handeln eines Kafirs entspricht und er dennoch im Jenseits vor dem schmerzvollen Ausgang des Kafirs bewahrt bleibt.
Nun stellt sich wieder die grundlegende Frage: Was ist der Zweck des Sprechens der Kalima? Zunächst habt ihr diese Frage mit den Worten beantwortet, der einzige Zweck des Sprechens der Kalima bestehe darin, dass sich der Ausgang des Kafirs und der Ausgang des Muslims unterscheiden. Nach der Erklärung des Ausgangs und des Jenseits, die ihr anschließend gehört habt, müsst ihr über eure gegebene Antwort noch einmal nachdenken, und ihr müsst jetzt sagen, dass der Zweck des Sprechens der Kalima darin besteht, Wissen und Handeln des Menschen im Diesseits so zu gestalten, dass sein Ausgang im Jenseits gut wird. Das Jenseits lehrt den Menschen, in diesem Diesseits jenen Garten der Früchte anzulegen. Wenn der Mensch diese Kalima nicht anerkennt, wird er die Regeln für das Anlegen dieses Gartens überhaupt nicht kennenlernen. Wie sollte er diesen Garten dann anlegen, und wessen Früchte sollte er im Jenseits genießen? Wenn ein Mensch diese Kalima nur mit dem Mund spricht, sein Wissen jedoch dem eines Menschen entspricht, der die Kalima nicht gesprochen hat, und seine Taten und sein Verhalten denen eines Kafirs gleichen, dann wird ihm sein Gewissen sagen, dass das Sprechen der Kalima auf diese Weise überhaupt keinen Nutzen hat. Es kann keinen Grund geben, weshalb der Ausgang eines solchen Menschen besser sein sollte als der eines Kafirs. Dadurch, dass er die Kalima nur mit dem Mund gesprochen hat, hat er Allah keinen Gefallen getan. Daher kann kein Mensch, ohne die Regeln für das Anlegen eines Gartens zu lernen, ohne einen Garten anzulegen und indem er sein ganzes Leben lang nur Dornen anbaut, den grünen, blühenden und fruchtbaren Garten des Jenseits erlangen. Eine solche Vorstellung ist nichts anderes als eine völlig unrealistische Wunschvorstellung. Ich habe zuvor anhand einiger Beispiele dargelegt, dass eine Handlung, deren Ausführung und Unterlassung zum gleichen Ergebnis führen, keinen Wert hat und völlig bedeutungslos ist. Ein Arzneimittel, nach dessen Einnahme der Zustand des Kranken genau derselbe bleibt wie vor der Einnahme, ist in Wirklichkeit kein Arzneimittel. Genauso ist das Sprechen der Kalima völlig bedeutungslos, wenn Wissen und Handeln eines Menschen, der die Kalima spricht, genau denen der Menschen entsprechen, die sie nicht gesprochen haben. Wenn sich schon im Diesseits im tatsächlichen Lebenswandel des Kafirs und des Muslims keinerlei Unterschied zeigt, warum sollte ihr Ausgang im Jenseits dann verschieden sein?
Nun werde ich erörtern, welche Art von Wissen die Kalima Tayyiba den Menschen lehrt und welcher Unterschied sich nach dem Erwerb dieses Wissens im täglichen Handeln eines Muslims und eines Kafirs zeigen sollte.
Seht, aus dieser Kalima könnt ihr als Allererstes erfahren, dass ihr Diener Allahs seid und nicht Diener irgendeines anderen. Sobald ihr dies erkannt habt, wisst ihr ganz von selbst auch, dass ihr im Diesseits nach dem Willen dessen handeln müsst, dessen Diener ihr seid. Denn wenn ihr gegen Seinen Willen handelt oder euren Weg geht, lehnt ihr euch gegen euren Herrn auf.
Daher lehrt dich dieses Glaubensbekenntnis, dass Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der Gesandte Allahs ist. Sobald du dies weißt, hast du zugleich erfahren, dass du genau nach der Weise handeln musst, die der Gesandte Allahs gezeigt hat: Statt auf dem Acker dieser Welt Dornen und giftige Früchte anzubauen, soll man Gärten mit Blumen und süßen Früchten anlegen. Wenn du dieser Weise folgst, wirst du im Jenseits die entsprechende Ernte erhalten. Wenn du jedoch auf entgegengesetzte Weise handelst, wirst du in dieser Welt Dornen anbauen und im Jenseits genau diese Dornen als deine Ernte erhalten – nichts anderes.
Nachdem du dieses Wissen erlangt hast, musst du auch deine tägliche Lebensführung entsprechend gestalten. Wenn du fest daran glaubst, dass du eines Tages sterben musst, danach ein andersartiges Leben führen wirst und auch in diesem Leben von der Ernte abhängig sein wirst, die du in dieser Welt erworben hast, dann ist es für dich völlig unmöglich, einer anderen Lebensweise zu folgen, statt den von Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dargelegten Regeln und Bestimmungen. Warum betreibst du in dieser Welt Ackerbau? Du tust es, weil du ohne Ackerbau keine Ernte erhalten wirst. Und du glaubst fest daran, dass du ohne Ernte verhungern und sterben musst. Wenn du das nicht glaubtest und meintest, dass auch ohne Ackerbau eine Ernte wachsen oder dass du auch ohne Ernte leben könntest, würdest du dich niemals so sehr um den Ackerbau bemühen. Denke nun über dich selbst nach. Von einem Menschen, der mit seinen Lippen Allah als seinen Herrn und Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als Allahs Gesandten anerkennt und behauptet, an das Jenseits zu glauben, dessen tägliches Handeln jedoch völlig entgegen Allahs Koran und den Hadithen des Gesandten verläuft, sollst du wissen, dass sein Glaube in Wirklichkeit äußerst schwach ist. Wenn er ebenso sicher an die traurigen Folgen glaubte, im Jenseits keine Ernte hervorzubringen, wie er sicher an die schlimmen Folgen glaubt, wenn er seinen Acker nicht bestellt, könnte er niemals eine solche Nachlässigkeit bei den Werken für das Jenseits zeigen. Niemand baut wissentlich für seine Zukunft Dornen aus Samen an. Nur derjenige kann Dornen anbauen, der nicht glaubt, dass aus dem Pflanzen von Dornen Dornen hervorgehen und dass eben diese Dornen ihm Leid zufügen werden; kein anderer. Du kannst niemals wissentlich eine glühende Kohle in die Hand nehmen, denn du weißt sicher, dass sie deine Hand verbrennen wird. Ein unverständiges Kind aber fasst ins Feuer, weil es überhaupt nicht weiß, wie schmerzhaft die Folgen sein werden.
Das Wesen des Islam
Wen nennt man einen Muslim?
Hier werde ich die für einen Muslim erforderlichen Eigenschaften nennen. Das heißt, ich werde eingehend erörtern, welches die Mindestvoraussetzungen dafür sind, Muslim zu sein, und welche Mindesteigenschaften ein Mensch besitzen muss, damit man ihn Muslim nennen kann.
Damit du dies richtig verstehst, musst du dir zunächst eine korrekte und umfassende Vorstellung von Kufr und Islam aneignen. Im Allgemeinen sollt ihr wissen, dass die Weigerung, Allahs Gebote zu befolgen, als „Kufr“ oder Unglaube bezeichnet wird; demgegenüber wird es Islam genannt, ausschließlich Allahs Gebote zu befolgen und jede Regel, jedes Gesetz und jeden Befehl abzulehnen, der dem von Allah gegebenen heiligen Koran widerspricht. Dieser Unterschied zwischen Islam und „Kufr“ wird in dem folgenden Vers des erhabenen Korans in klaren Worten dargelegt:وَمَنْ لَّمْ يَحْكُمْ بِمَا أَنْزَلَ اللهُ فَأُولَئِكَ هُمُ الْكَفِرُونَ – المائدة : ٤٤
„Diejenigen, die nicht nach dem richten, was Allah herabgesandt hat, sind die Ungläubigen.“
Hier wird nicht nur gesagt, dass die Urteile und Entscheidungen in den Fällen, die vor Gerichten und Strafgerichten verhandelt werden, nach Koran und Hadith getroffen werden sollen. Vielmehr ist damit jede Entscheidung gemeint, die jeder Mensch bei jeder Handlung seines Lebens trifft. Bei jeder Angelegenheit stellt sich euch die Frage: Soll man diese Handlung tun oder nicht? Soll ich jene Handlung nach dieser Regel ausführen oder nach einer anderen? In solchen Situationen treten gewöhnlich zwei Arten von Regeln vor euch. Die eine Art wird euch vom Koran Allahs und den Hadithen des Gesandten gezeigt. Die andere Art wird durch euer eigenes Nafs, die von den Vorvätern überlieferten Bräuche und Gewohnheiten oder von Menschen erlassene Gesetze vorgegeben. Wenn jemand unter diesen Umständen beschließt, eine Handlung auszuführen, indem er andere Wege wählt und die von Allah gegebene Regel beiseitelässt, beschreitet er in Wirklichkeit den Weg des Kufr. Wenn er dies für sein gesamtes Leben beschließt und bei keiner Handlung der von Allah gegebenen Regel folgt, ist er vollständig ungläubig. Wenn er sich bei manchen Handlungen an Allahs Rechtleitung hält, andere jedoch nach dem Gebot seines Nafs, nach den Bräuchen seiner Vorväter oder nach von Menschen erlassenen Gesetzen ausführt, verfällt er genau in dem Maß dem Kufr, in dem er Allahs Gesetz widerspricht. Demnach ist der eine zur Hälfte ungläubig, der andere zu einem Viertel. Bei einem finden sich ein Zehntel Kufr und bei einem anderen ein Zwanzigstel. Kurz gesagt: In welchem Maß Allahs Gesetz widersprochen wird, in genau diesem Maß liegt Kufr vor, daran besteht kein Zweifel. Im Grunde bedeutet Islam, ausschließlich Allahs Diener zu sein und niemandem sonst zu gehorchen – weder dem eigenen Nafs, den Vorvätern, dem Stamm und der Sippe, dem Maulwi Sahib, dem Pir Sahib, dem Zamindar, dem Tahsildar, dem Richter, dem Magistrat noch irgendeinem anderen. Man darf niemandes Diener außer Allah sein und die Knechtschaft keinem anderen anerkennen – das ist die Pflicht eines Muslims. Im Koran heißt es:
قُلْ يَأَهْلَ الْكِتَبِ تَعَالَوْا إِلَى كَلِمَةٍ سَوَاءٍ بَيْنَنَا وَبَيْنَكُمْ أَلَّا نَعْبُدَ إِلَّا اللَّهَ ولا نُشْرِكَ بِهِ شَيْئًا ولا يَتَّخِذَ بَعْضُنَا بَعْضًا أَرْبَابًا مِّنْ دُونِ اللَّهِ ، فَإِنْ
تَوَلَّوْا فَقُولُوا اشْهَدُوا بِأَنَّا مُسْلِمُونَ – ال عمران : ٦٤
„(O Prophet!) Sag zu den Leuten der Schrift: Kommt her, lasst uns zu einem Wort zusammenkommen, das für euch und uns gleichermaßen annehmbar ist (das heißt: Was eure Propheten gesagt haben, sage auch ich, da ich ebenfalls Allahs Prophet bin). Nämlich: (1) Wir wollen niemanden außer Allah dienen, (2) wir wollen niemanden Allahs Göttlichkeit beigesellen und (3) niemand von uns soll außer Allah einen anderen als seinen Schutzherrn und Gebieter anerkennen. Wenn sie diese drei Dinge nicht anerkennen, dann sagt ihnen unmissverständlich: Bezeugt, dass wir Muslime sind – das heißt, wir nehmen alle drei Dinge vollständig an.“ – Sure Āl ʿImrān: 64
An anderer Stelle heißt es:
افغيْرَ بِيْنِ اللهِ يَبْغُونَ وَلَهُ أَسْلَمَ مَنْ فِي السَّمَوتِ وَالْأَرْضِ طَوْعًا
وكرها والَيْه يُرْجَعُونَ – ال عمران : ۸۳
„Wollt ihr etwa jemand anderem als Allah gehorchen? Dabei gehorcht jedes einzelne Ding in den Himmeln und auf der Erde Ihm, ob freiwillig oder unfreiwillig. Und alle werden zu Ihm zurückkehren.“
In diesen beiden Versen wird dieselbe Sache gesagt. Sie lautet: Die wahre Religion besteht darin, Allah zu gehorchen und Seine Gebote zu befolgen. Gottesdienst bedeutet nicht nur, dass die gesamte Pflicht des Gottesdienstes erfüllt sei, wenn man sich Tag und Nacht fünfmal vor Ihm niederwirft. Vielmehr besteht der eigentliche Gottesdienst darin, zu jeder Zeit, bei Tag und Nacht, ausschließlich Allah, dem Erhabenen, zu gehorchen. Von dem abzusehen, was Er verboten hat, und vollständig zu erfüllen, was Er befohlen hat – genau das ist Gottesdienst. Deshalb muss man sich bei jeder Angelegenheit und bei jedem Gebot ausschließlich nach Allah richten. Was das eigene Herz und der eigene Verstand sagen, was die Vorväter gesagt oder getan haben, was die Familie, die Sippe und die Verwandten meinen, was Herr Maulvi Sahib und Herr Pir Sahib Qibla sagen, welches Gebot dieser oder jener Herr erteilt oder welche Meinung dieser oder jener Herr vertritt – all das darf man keineswegs als Maßstab nehmen und darauf keinerlei Rücksicht geben. Wenn man unter Missachtung von Allahs Gebot das Gebot irgendeines von ihnen befolgt, begeht man Schirk gegenüber Allah, und demjenigen, dessen Gebot man befolgt, erweist man eine Ehre wie Allah. Denn die Macht, Gebote zu erlassen, gehört ausschließlich Allah, dem Erhabenen: „إن الحُكْمُ الأل „Der Mensch kann außer Allahs Gebot kein Gebot eines anderen befolgen.“ Gottesdienst und Anbetung des Menschen kann nur derjenige empfangen, der ihn erschaffen hat und durch dessen Gnade der Mensch lebt. Jedes einzelne Ding in den Himmeln und auf der Erde befolgt Sein Gebot. Ein Stein richtet sich nicht nach dem Gebot eines anderen Steins, ein Baum gehorcht nicht einem anderen Baum, und kein Tier dient einem anderen Tier als gehorsamer Untertan. Ist der Mensch aber etwa schlechter geworden als Tiere, Bäume und Steine, sodass diese nur Allah gehorchen, während der Mensch beginnt, Allah zu verlassen und sich nach den Anweisungen anderer Menschen zu richten? Genau dies wird in den drei erwähnten Versen des Korans klar dargelegt. Woher kommen dieser Unglaube und diese Irreleitung, und wie dringen sie in den Menschen ein? Darüber werde ich nun sprechen. Der Koran hat hierzu deutlich erklärt, dass der Gedanke des Ungehorsams gegenüber Allah auf drei Wegen in den Menschen eindringt.
Der erste Weg ist das eigene Begehren des Nafs des Menschen:
ومَنْ أَضَلُّ مِمَّنِ اتَّبَعَ هَيْهُ بِغَيْرِ هُدًى مِّنَ اللَّهِ إِنَّ اللَّهَ لا يَهْدِي
القوم الظَّلِمِينَ – القصص : ٥٠„Wer könnte wohl stärker irregeleitet sein als jemand, der dem Wunsch seines Nafs folgt und die von Allah gegebene Rechtleitung verlässt? Allah weist solche ungerechten Menschen niemals auf den geraden Weg.“
Das bedeutet, dass unter all den Dingen, die den Menschen irreführen können, sein eigener Nafs die wichtigste Kraft der Irreführung ist. Für jemanden, der zum Sklaven seiner eigenen Wünsche wird, ist es völlig unmöglich, Allahs Diener zu sein. Denn er wird nur nach den Tätigkeiten suchen, durch die er Geld erhält, durch die er Ansehen und Ehre gewinnt, durch die er mehr Geschmack und Vergnügen erlangt und durch die er mehr Bequemlichkeit und Glück findet. Und bei den Tätigkeiten, in denen er diese Dinge zu erkennen meint, wird er sich mit aller Kraft bemühen, nur sie auszuführen. Selbst wenn Allah diese Tätigkeiten verboten hat, wird er darauf keinerlei Rücksicht nehmen. Tätigkeiten, durch die er diese Dinge nicht erlangen kann, wird er niemals bereitwillig ausführen. Selbst wenn Allah, der Erhabene, sie angeordnet hat, wird er sich nicht im Geringsten darum kümmern. Unter diesen Umständen kann man klar sagen, dass er Allah, den Erhabenen, nicht als seinen Gott anerkannt, sondern seinen eigenen Nafs zum Rang seines einzigen Gottes erhoben hat. Daher kann ein solcher Mensch auf keine Weise Allahs Rechtleitung erlangen. Im Edlen Koran wird dies an anderer Stelle folgendermaßen gesagt:
اريت مَنِ اتَّخَذَ إِلَهَهُ هَنهُ ، أَفَأَنتَ تَكُونُ عَلَيْهِ وَكِيلاً ، أَمْ تَحْسَبُ أنْ أَكْثَرَهُمْ يَسْمَعُونَ أَوْ يَعْقِلُونَ ، إِنْ هُمْ إِلَّا كَالْأَنْعَامِ بَلْ هُمْ أَضَلُّ
سبيلاً ٥ – الفرقان : ٤٤٤٣
„(O Prophet!) Hast du über denjenigen nachgedacht, der sein eigenes Begehren zu seinem Gott gemacht hat? Kannst du über einen solchen Menschen wachen? Meinst du, dass viele von ihnen hören und verstehen? Keineswegs. Sie sind wahrlich wie Vieh, ja, sie sind noch weiter vom rechten Weg abgeirrt.“
Es besteht keinerlei Zweifel daran, dass jemand, der ein Sklave seines Nafs ist, schlechter ist als ein Tier. Ihr werdet kein Tier sehen, das die von Allah gesetzten Grenzen überschreitet. Jedes Tier frisst genau das, was Allah, der Erhabene, für es bestimmt hat, und es frisst genau die Menge an Nahrung, die für es festgelegt wurde. Und jedes Tier verrichtet genau die Aufgabe, die für die betreffende Tierart bestimmt wurde. Doch dieser Mensch ist eine solche Art von Tier, dass er, sobald er zum Sklaven seines Nafs wird, Dinge tut, vor denen sogar Satan zurückschrecken würde.
Dies ist der erste Grund, aus dem der Mensch irregeht. Der zweite Weg besteht darin, dass der Mensch aufgrund einer natürlichen Anziehung zu den von den Vorvätern überlieferten Bräuchen, Glaubensvorstellungen, Meinungen, Verhaltensweisen und Sitten deren Sklave wird. Er hält sie sogar für ehrenwürdiger als Allahs Gebot. Wenn ihm ein Gebot Allahs vorgelegt wird, das diesen Bräuchen widerspricht, ruft er sofort aus: „Das haben die Vorväter getan; kann ich etwa gegen die Regel handeln, die in meiner Familie seit langer Zeit besteht?“ Wer so sehr an der Verehrung der Bräuche seiner Vorfahren erkrankt ist, kann keineswegs ein aufrichtiger Diener Allahs werden. In Wirklichkeit werden seine Vorväter und die Angehörigen seiner Sippe zu seinen Göttern. Wenn er behauptet, Muslim zu sein, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass dies eine falsche Behauptung ist. Im Edlen Koran wird diesbezüglich mit großer Strenge gewarnt und gesagt:
وإِذَا قِيلَ لَهُمُ اتَّبِعُوا مَا أَنْزَلَ اللهُ قَالُوا بَلْ نَتَّبِعُ مَا الْفَيْنَا عَلَيْهِ
ابانا ، أوَلَوْ كَانَ آبَاؤُهُمْ لَا يَعْقِلُونَ شَيْئًا وَلَا يَهْتَدُونَ ٥ – البقرة : ١٧٠
„Wenn ihnen gesagt wird: ‚Befolgt, was Allah, der Erhabene, herabgesandt hat!‘, sagen sie nur: ‚Nein, wir folgen dem Weg, auf dem wir unsere Vorväter vorgefunden haben.‘ Aber selbst wenn ihre Vorväter nichts verstanden und nicht dem rechten Weg gefolgt wären – würden sie ihnen dann trotzdem folgen?“
Anderswo heißt es:
وَإِذَا قِيلَ لَهُمْ تَعَالَوْا إِلَى مَا أَنْزَلَ اللهُ وَإِلَى الرَّسُولِ قَالُوا حَسْبُنَا مَا
وَجَدْنَا عَلَيْهِ آبَاءَنَا ، أَوَلَوْ كَانَ آبَاؤُهُمْ لا يَعْلَمُونَ شَيْئًا وَلَا يَهْتَدُونَ ، يَأَيُّهَا
الَّذِينَ آمَنُوا عَلَيْكُمْ أَنْفُسَكُمْ : لا يَضُرُّكُم مِّنْ ضَلَّ إِذَا اهْتَدَيْتُمْ ، إِلَى الله مَرْجِعُكُمْ جَمِيعًا فَيُنَبِّئُكُمْ بِمَا كُنتُمْ تَعْمَلُونَ ٥ – المائدة : ١٠٤-١٠٥
„Wenn ihnen gesagt wird: Kommt zu dem, was Allah offenbart hat, und kommt zum Gesandten!, sagen sie sofort: Uns genügt der Weg, den unsere Vorväter gegangen sind. Was aber, wenn ihre Vorväter die Wahrheit nicht erkannt haben und nicht auf dem rechten Weg waren? Werden sie ihnen trotzdem blindlings folgen? O ihr Gläubigen! Ihr solltet nachdenken. Wenn ihr auf dem rechten Weg bleibt, wird euch die Irreleitung anderer nicht schaden. Letztendlich müsst ihr alle zu Allah zurückkehren. Dann wird Allah, der Erhabene, euch das Gute und Schlechte eurer Taten zeigen.“ – Sure al-Māʾida: 104–105
Im Allgemeinen versinken die unwissenden Menschen jeder Epoche in einer solchen Irreleitung, und diese hindert sie daran, die Einladung des Propheten Allahs anzunehmen. Als der Prophet Moses, Allahs Friede sei mit ihm, die Menschen jener Zeit zur Scharia Allahs einlud, sagten auch sie:
اجِئْتَنَا لِتَلْفِتْنَا عَمَّا وَجَدْنَا عَلَيْهِ أَبَاهُ نَا – يونس : ۷۸„Bist du zu uns gekommen, um uns von dem Weg abzubringen, den unsere Vorväter gegangen sind?“ – Sure Yunus: 78
Als der Prophet Abraham, Allahs Friede sei mit ihm, die Menschen seines Volkes aufforderte, sich vom Schirk fernzuhalten, sagten auch sie:
وَجَدَنَا آبَاءَ نَا لَهَا عَبدِينَ – الانبياء : ٥٣„Wir haben unsere Vorväter gefunden, wie sie gerade diesen Gott verehrten.“
Kurz gesagt haben die Menschen jeder Epoche, nachdem sie die Einladung ihres Propheten gehört hatten, immer nur Folgendes gesagt: „Was ihr sagt, widerspricht den Bräuchen unserer Vorväter. Deshalb können wir es nicht annehmen.“ Im ehrwürdigen Koran heißt es:
وكَذَلِكَ مَا أَرْسَلْنَا مِنْ قَبْلِكَ فِي قَرْيَةٍ مِّنْ نُذِيرٍ إِلَّا قَالَ مُتْرَفُوهَا إِنَّا
وجَدْنَا آبَاءَنَا عَلَى أُمَّةٍ وَإِنَّا عَلَى أَثَرِهِم مُّقْتَدُونَ قُلْ أَوَلَوْ جِئْتُكُمْ بِأَهْدَى مِمَّا وَجَدتُّمْ عَلَيْهِ آبَاءَكُمْ ، قَالُوا إِنَّا بِمَا أُرْسِلْتُمْ بِهِ كُفِرُونَ فَانْتَقَمْنَا مِنْهُمْ فَانْظُرْ كَيْفَ كَانَ عَاقِبَةُ الْمُكَذِّبِينَ – الزخرف : ٢٣-٢٥
„Solche Ereignisse geschehen immer wieder: Wann immer Ich in ein Land einen Propheten entsandt habe, sagten die wohlhabenden und in guten Verhältnissen lebenden Menschen jenes Landes: Wir haben unsere Vorväter einem bestimmten Weg folgen sehen, und wir folgen genau diesem Weg. Der Prophet sagte zu ihnen: Würdet ihr dennoch dem Weg eurer Vorväter folgen, selbst wenn ich euch etwas Besseres verkünde als deren Bräuche und Lebensweise? Sie antworteten: Wir akzeptieren deine Worte überhaupt nicht. Als sie diese Antwort gaben, ließ auch Ich eine harte Strafe über sie kommen. Nun seht selbst, wie schlimm das Ende derer war, die Meine Gebote missachteten.“ – Sure az-Zuḫruf: 23–25
Nachdem Allah, der Erhabene, diese Dinge dargelegt hat, sagt Er: Entweder folgt ihr den Bräuchen und der Lebensweise eurer Vorväter, oder ihr gehorcht aufrichtig ausschließlich Meinen Geboten; doch diese beiden Dinge könnt ihr niemals gleichzeitig und miteinander befolgen. Von den beiden Wegen könnt ihr nur einen einschlagen. Wenn ihr Muslime werden wollt, gebt alles andere auf und befolgt ausschließlich Meine Gebote:
وَإِذَا قِيلَ لَهُمُ اتَّبِعُوا مَا أَنْزَلَ اللهُ قَالُوا بَلْ نَتَّبِعُ مَا وَجَدْنَا عَلَيْهِ آبَاءَنَا ، أولَوْ كَانَ الشَّيْطَنُ يَدَعُوهُمْ إِلَى عَذَابِ السَّعِيرِ وَمَنْ يُسْلِمَ وَجْهَهُ إلى اللهِ وَهُوَ مُحْسِنٌ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَى ، وَإِلَى اللهِ عَاقِبَةُ الْأُمُورِ وَمَنْ كَفَرَ فَلَا يَحْزُنكَ كُفْرُهُ ، إِلَيْنَا مَرْجِعُهُمْ فَتُنَبِّئُهُمْ بِمَا عَمِلُوا – – لقمن : ۲۱-۲۳
„Als ihnen gesagt wurde: Folgt der von Allah gegebenen Weisung!, sagten sie: Wir werden nur dem Weg folgen, auf dem wir unsere Vorväter wandeln sahen. Aber selbst wenn Satan sie zur Hölle ruft? Wer sich Allah vollständig ergeben hat und rechtschaffen ist, der hat gewiss eine starke Handhabe ergriffen. Denn das Ende aller Angelegenheiten liegt in Allahs Hand. Und wenn jemand Allah verleugnet – o Prophet, brauchst du wegen seiner Leugnung nicht traurig zu sein. Sie alle werden zu Mir zurückkehren. Dann werde Ich ihnen das Ergebnis all ihrer Taten zeigen.“ – (Sure Luqmān: 21–23)
Dies ist die zweite Ursache dafür, dass Menschen irregeführt werden. Über den dritten Weg heißt es im Qurʾān, dass ein Mensch, wenn er die Gebote Allahs aufgibt und beginnt, den Geboten von Menschen zu gehorchen, etwa glaubt, die Worte eines bestimmten Menschen müssten gewiss wahr sein, weil er sehr reich sei; oder glaubt, sein Lebensunterhalt liege in der Hand eines bestimmten Menschen und man müsse deshalb unbedingt dessen Anweisungen befolgen; oder meint, die Macht und Stärke eines bestimmten Menschen seien sehr groß und man müsse ihm deshalb folgen; oder fürchtet, ein bestimmter Mensch könne ihn durch einen Fluch zugrunde richten; oder glaubt, ein bestimmter Mensch werde ihn mit ins Paradies nehmen, weshalb alles, was dieser sagt, als fehlerlos anzusehen sei; oder meint, ein bestimmtes Volk mache heutzutage große Fortschritte und man müsse deshalb dessen Regeln übernehmen – dann kann er keinesfalls gemäß Allahs Rechtleitung handeln.
وإن تُطِيعُ أَكْثَرَ مَنْ فِي الْأَرْضِ يُضِلُّوكَ عَنْ سَبِيلِ اللَّهِ .. الانعام ١١٦„Wenn du der Mehrheit der Menschen auf der Erde folgst, werden sie dich vom Weg Allahs abbringen und in die Irre führen.“
Das bedeutet: Der Mensch kann nur dann auf dem geraden Weg bleiben, wenn er nur einen einzigen Gott hat. Wer Hunderte und Tausende von Menschen als „Götter“ anerkennt und einmal nach den Worten des einen und ein anderes Mal nach den Worten eines anderen Gottes handelt, kann den geraden Weg niemals finden.
Aus der vorangegangenen Erörterung habt ihr deutlich verstanden, dass es drei große Ursachen dafür gibt, dass Menschen irregehen.
Erstens – die Knechtschaft des eigenen niederen Selbst.
Zweitens – die Knechtschaft unter den Bräuchen und Sitten der Vorväter, der Familie und der Abstammung.
Drittens – allgemein die Knechtschaft unter den Menschen dieser Welt; dazu zählen die Knechtschaft unter Reichen, Königen, Herrschern, falschen Führern und den irregeleiteten Völkern dieser Welt.
Diese drei großen „Götzen“ sitzen da und beanspruchen, die Götter der Menschen zu sein. Wer Muslim werden will, muss zunächst diese drei „Götzen“ allesamt verleugnen; erst wenn er dies tut, kann er ein wahrer Muslim werden. Wer jedoch diese drei Arten von Götzen in seinem Herzen bewahrt und nach ihren Anordnungen handelt, für den ist es äußerst schwer, ein wahrer Diener Allahs zu werden. Er kann zwar am Tag fünfzig Gebetseinheiten verrichten, den ganzen Tag zum Schein fasten und sich wie ein Muslim kleiden und damit die Menschen lediglich täuschen. Er kann sogar sich selbst täuschen und glauben, ein wahrer Muslim geworden zu sein. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass er Allah durch solche Machenschaften niemals täuschen kann.
Die Knechtschaft unter den drei „Götzen“, die ich oben erwähnt habe, ist der eigentliche Schirk. Ihr habt die steinernen Götzen zerschlagen und die aus Ziegeln und Kalk errichteten Statuen und Götzentempel zerstört; doch den Götzentempel, der sich in euren Herzen befindet, habt ihr überhaupt nicht beachtet. Dabei ist es für das Muslimsein die allerwichtigste Aufgabe und die allererste Bedingung, diese Götzen vollständig zu zerschmettern. Ich richte diese Worte zwar an alle Muslime der Welt und weiß, dass die Verehrung dieser drei Arten von Götzen der einzige Grund dafür ist, in welchem Ausmaß die Muslime der Welt Schaden erlitten haben, erleiden und künftig erleiden werden. Doch hier wende ich mich nur an die muslimischen Brüder dieses Landes: Die Ursache eures Niedergangs sowie eurer vielfältigen Mängel, Beschwerden und Nöte sind die drei genannten Dinge. Die Knechtschaft unter dem eigenen niederen Trieb, die Knechtschaft unter den ererbten Bräuchen und die Knechtschaft unter Menschen außer Allah sind bei euch noch immer in sehr starkem Maße vorhanden. Und gerade dies zerstört von innen her eure Kraft sowie eure Religion und euren Glauben vollständig.
Unter euch gibt es Unterschiede zwischen Ashraf und Atrāf, zwischen Vornehmen und gewöhnlichen Hausleuten sowie zwischen Geringen und Großen. Auf diese Weise ist die Bevölkerung eurer Gesellschaft in verschiedene Klassen geteilt worden. Der Islam aber wollte all diese Klassen und Gemeinschaften zu einer einzigen Nation und zu gegenseitigen Brüdern machen und sie wie eine feste Mauer zusammenfügen. Jeder einzelne Ziegel dieser Mauer sollte fest mit den anderen Ziegeln verbunden sein; das war der Wille Allahs, des Erhabenen. Dennoch haltet ihr noch immer an der alten hinduistischen Vorstellung der Kastenunterschiede fest. So wie bei den Hindus eine Gruppe von einer anderen getrennt bleibt und eine Gemeinschaft die andere hasst, handelt auch ihr. In Angelegenheiten der Eheschließung könnt ihr nichts miteinander tun. Ihr könnt nicht alle Muslime gleichermaßen als Brüder annehmen. Mit dem Mund nennt ihr einander Brüder, doch in eurem Handeln bleiben unter euch genau solche Unterschiede bestehen, wie sie vor dem Islam im arabischen Land herrschten. Deshalb könnt ihr nicht gemeinsam zu einer festen Mauer werden. Wie die Ziegel einer zerbrochenen Mauer, die in verschiedene Richtungen verstreut liegen, liegt jeder von euch als einzelner Mensch abgesondert da. Deshalb könnt ihr weder zu einer geeinten Kraft werden noch irgendeiner Not oder Gefahr gemeinsam begegnen.
Wenn man euch gemäß der klaren Lehre des Islam auffordert, all diese Trennungen und Unterschiede zu zerschlagen und euch miteinander zu vereinen, werdet ihr stets dasselbe sagen: Wir können den Brauch, der seit der Zeit unserer Vorväter besteht, nicht abschaffen. Wisst ihr aber, was Allah, der Erhabene, darauf antworten wird? Er wird sagen: Gut, dann zerschlagt all dies nicht und gebt diese unislamischen Bräuche nicht auf; infolgedessen werde auch Ich euch völlig in Stücke zerschlagen, und obwohl ihr auf der Welt zahlreich seid, werde Ich euch erniedrigt und im Niedergang belassen.
Allah, der Erhabene, hat euch befohlen, dass all eure Söhne und Töchter einen Anteil an eurem Besitz erhalten sollen. Doch wie habt ihr darauf geantwortet? Ihr habt gesagt: Nach dem Gesetz unserer Vorväter können die Töchter keinen Anteil am Besitz erhalten; nur die Söhne können ihn bekommen. Deshalb befolgen wir das Gesetz unserer Vorväter und können nicht das Gesetz Allahs befolgen. Denkt ein wenig darüber nach: Ist das etwa Islam? Euch wurde gesagt, ihr sollt die überlieferten und im Land geltenden Gesetze aufgeben, und jeder von euch wird darauf antworten: Wenn alle anderen sie aufgeben, werde auch ich sie aufgeben. Denn wenn andere ihren Töchtern keinen Anteil am Besitz geben, dann würde mein Besitz in die Häuser anderer übergehen, während aus den Häusern anderer nichts in mein Haus gelangte. … Denkt darüber nach, was bedeutet diese Antwort? Wenn Sie das Gesetz Allahs nur unter der Bedingung befolgen, dass die anderen es ebenfalls befolgen, haben Sie dann wirklich an das Gesetz Allahs geglaubt? Dann könnten Sie morgen auch sagen: Wenn andere Unzucht treiben, werde auch ich Unzucht treiben; wenn andere stehlen, werde auch ich stehlen. Kurz gesagt: Solange die anderen nicht alle Sünden aufgeben, werde auch ich weiterhin alle Sünden begehen.
Die eigentliche Wahrheit ist, dass wir euch in dieser Angelegenheit dazu bringen, eben jene drei von uns genannten Götzen zu verehren. Ihr dient eurem niederen Trieb, ihr dient auch den Bräuchen eurer Vorväter, und ihr seid außerdem den polytheistischen Völkern der Welt hörig. Zugleich erhebt ihr den Anspruch, Muslime zu sein. Ich habe hier nur zwei Beispiele angeführt. Wenn ihr jedoch die Augen öffnet und euch umseht, werdet ihr unter euch so viele große Krankheiten finden, dass man sie nicht einmal zählen könnte. Und wenn ihr genau hinschaut, werdet ihr feststellen: An einem Ort wird ein Götze verehrt, an einem anderen zwei, und wieder anderswo werden alle drei Götzen verehrt. Zugleich die Verehrung von drei Götzen zu praktizieren und den Anspruch zu erheben, Muslim zu sein, ist eine lächerliche Angelegenheit. Unter diesen Umständen zu hoffen, dass Allah, der Erhabene, uns genau die unermessliche Barmherzigkeit zuteilwerden lässt, deren Herabsendung Er den aufrichtigen Muslimen versprochen hat, ist nicht weniger lächerlich.
Die Prüfung des Glaubens
Im vorherigen Aufsatz wurde gesagt, dass es dem Koran zufolge drei Hauptursachen dafür gibt, dass der Mensch irregeht. Erstens: das Gesetz Allahs aufzugeben und Sklave der Begierden des eigenen Nafs zu werden; zweitens: gegenüber dem Gesetz Allahs den Bräuchen und Sitten der eigenen Abstammung sowie dem Weg der Vorväter zu folgen; und drittens: die von Allah und Seinem Propheten – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – gewiesene Rechtleitung beiseitezuschieben und den Menschen dieser Welt zu gehorchen, sei es, dass diese Menschen einflussreiche Angehörige der eigenen Nation oder einer anderen Nation sind.
Das wahre Kennzeichen eines Muslims besteht darin, dass er von diesen drei Arten von Krankheit und Irrweg vollkommen frei ist. Muslim nennt man nur denjenigen, der niemandem außer Allah dient und niemandem außer dem Gesandten folgt. Muslim ist derjenige, der aus voller Aufrichtigkeit glaubt, dass allein die Lehren Allahs und Seines Propheten vollkommen wahr sind und alles, was ihnen widerspricht, falsch ist. Das Wohl und der Fortschritt des Menschen in seiner Religion und seinem weltlichen Leben liegen ausschließlich in den erhabenen Lehren Allahs und des Gesandten. Wer dies zweifellos glaubt, wird bei jeder Handlung seines Lebens nur danach fragen: Was ist Allahs Gebot, was ist die Vorschrift des Gesandten? Und sobald er dies erfahren hat, wird er sich unmittelbar davor verneigen. Danach wird er sich nicht darum kümmern, wie unruhig sein Herz auch sein mag, wie sehr seine Angehörigen versuchen mögen, ihn davon abzubringen, und wie sehr die Menschen dieser Welt ihm auch widersprechen mögen. Denn jedem von ihnen wird er nur diese eine Antwort geben: „Nun, ich bin ausschließlich der Diener Allahs, des Erhabenen; ich bin nicht der Diener irgendeines von euch, und ich habe den Gesandten bejaht – nicht dich.“ Wenn jedoch jemand sagt: Wenn dies tatsächlich Allahs und des Gesandten Gebot ist, dann soll es eben so sein, aber mein Herz akzeptiert es nicht; oder ich befürchte, dadurch Schaden zu erleiden; deshalb werde ich das Gebot Allahs und des Gesandten verlassen und nach meiner eigenen Meinung handeln – dann bleibt im Herzen eines solchen Menschen nicht einmal die geringste Spur des Iman. Er ist kein Mu’min, sondern ein Munafiq. Mit seinem Mund behauptet er zwar, allein Allahs Diener und ein Anhänger des Propheten zu sein; in Wirklichkeit aber ist er der Diener seines eigenen Nafs und folgt seiner eigenen Meinung.
Ebenso muss jemand, der sagt: Was auch immer Allahs und des Gesandten Gebot sein mag, diese bestimmte Regel besteht doch seit der Zeit der Vorväter; wie könnte man sie also aufgeben? Oder: Diese bestimmte Regel besteht in meiner Familie oder meinem Stamm seit jeher; wie könnte ich heute das Gegenteil davon tun? – ebenfalls zur Gruppe der Munafiqs gezählt werden. Mögen durch das Gebet auch noch so viele Male Spuren auf seiner Stirn entstehen und mag er sich in der Öffentlichkeit noch so sehr das Äußere eines Frommen geben; in Wirklichkeit ist er zweifellos ein Munafiq. Der Grund dafür ist, dass das eigentliche Wesen der Religion in seinem Herzen überhaupt keinen Platz gefunden hat – sein Herz nimmt den Islam nicht aufrichtig an. Nicht bloß Ruku und Sadschda oder Fasten und Hadsch werden „Din Islam“ genannt. Und dadurch, dass man sein äußeres Erscheinungsbild dem eines Muslims angleicht, erfüllt man nicht den „Din“. Vielmehr bedeutet „Din“ oder Religion in Wirklichkeit, Allah und dem Gesandten zu gehorchen. Wer sich bei allen Angelegenheiten seines Lebens weigert, Allah und dem Gesandten zu gehorchen, in dessen Herzen findet sich in Wahrheit nicht einmal die geringste Spur des „Din“. Sein Gebet, sein Fasten und seine Frömmigkeit sind nichts als Täuschung.
Wenn ferner jemand gegenüber der Rechtleitung Allahs und Seines Propheten unbekümmert sagt: Weil eine bestimmte Sache bei den europäischen oder amerikanischen Völkern sehr verbreitet ist und sie Fortschritte gemacht haben, sollten auch wir sie übernehmen; oder: Eine bestimmte Nation hat eine bestimmte Handlung vollzogen, ein angesehener Mann hat dies gesagt, also müssen auch wir es befolgen – dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass ein solcher Mensch Iman besitzt. Wenn man Iman besitzt, kann man solche Worte nicht äußern. Wenn Sie tatsächlich Muslim sind und Muslim bleiben wollen, dann müssen Sie jedes Wort, das dem Gebot Allahs und Seines Gesandten widerspricht, von sich weisen. Wenn man dazu nicht fähig ist, ziemt es sich für niemanden, den Islam zu beanspruchen. Mit dem Mund zu behaupten: „Ich erkenne Allah und den Gesandten an“, aber bei allen Angelegenheiten des Lebens stets die Worte Allahs und des Gesandten beiseitezulassen und den Menschen dieser Welt zu folgen – das ist weder Iman noch Islam; dafür gibt es keinen anderen Namen als Nifaq.
Im 18. Para des Heiligen Korans hat Allah, der Erhabene, in klaren Worten gesagt:
لَقَدْ أَنْزَلْنَا أيت مُبَيِّنَتِ ، وَاللهُ يَهْدِي مَنْ يُشَاءُ إِلَى صِرَاطٍ مُسْتَقِيره
وَيَقُولُونَ أَمَنَّا بِاللهِ وَبِالرَّسُولِ وَأَطَعْنَا ثُمَّ يَتَوَلَّى فَرِيقٌ مِّنْهُم مِّنْ بَعْدِ ذلك ، وَمَا أُولَئِكَ بِالْمُؤْمِنِينَ وَإِذَا دُعُوا إِلَى اللَّهِ وَرَسُولِهِ لِيَحْكُمْ
بَيْنَهُمْ إِذَا فَرِيقٌ مِّنْهُمْ مُعْرِضُونَ ، وَإِنْ يُكُنُ لَهُمُ الْحَقُّ يَأْتُوا إِلَيْهِ مُنْعِتِينَ فِي قُلُوبِهِمْ مُرَضٌ أَمِ ارْتَابُوا أَمْ يَخَافُونَ أَنْ يُحِيفُ اللَّهُ عَلَيْهِمْ وَرَسُولَهُ ، بَلْ أُولَئِكَ هُمُ الظَّلِمُونَ إِنَّمَا كَانَ قَوْلَ الْمُؤْمِنِينَ إِذَا دُعُوا إِلَى اللَّهِ وَرَسُولِهِ لِيَحْكُمَ بَيْنَهُمْ أَنْ يَقُولُوا سَمِعْنَا وَأَطَعْنَا ، أولئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ وَمَنْ يُطِعِ اللَّهَ وَرَسُولَهُ وَيَخْشَ اللَّهَ وَيَتَّقُه فَأُولَئِكَ هُمُ الْفَائِزُونَ – النور : ٥٢٤٦
„Ich habe deutliche Ayat herabgesandt, die klar zwischen Wahrheit und Falschheit unterscheiden. Allah führt, wen Er will, durch diese Ayat auf den geraden Weg. Die Menschen sagen: ‚Wir glauben an Allah und Seinen Gesandten und erkennen ihren Gehorsam an‘; doch danach wenden sich einige von ihnen vom Gehorsam ab. Diese Menschen sind keine Mu’mins. Wenn sie aufgefordert werden, ihre Angelegenheiten nach dem Gesetz Allahs, des Erhabenen, entscheiden zu lassen, wenden sich einige von ihnen ab und gehen fort. Wenn aber die Entscheidung nach Allahs Gesetz ihren eigenen Wünschen entspricht, nehmen sie sie selbstverständlich an. Ist in ihren Herzen eine Krankheit? Oder versinken sie lediglich in grundlosen Zweifeln? Oder befürchten sie, dass Allah und Sein Gesandter ihnen ihr ‚Recht‘ vorenthalten könnten? Was auch immer der Grund sein mag: Sie selbst fügen sich Unrecht zu. Es ist die Haltung jedes gläubigen Menschen, dass er, wenn er aufgefordert wird, nach Allahs Gesetz richten zu lassen, den Kopf neigt und sagt: ‚Wir haben gehört und wir gehorchen.‘ Tatsächlich können nur diese Menschen Erlösung und Fortschritt erlangen. Und nur diejenigen, die Allah und dem Gesandten gehorchen, Allah fürchten und sich von Ungehorsam gegen Ihn fernhalten, werden erfolgreich sein und Erlösung erlangen.“ – Sure an-Nur: 46–52
Versuchen Sie, die in diesen Versen vermittelte Beschreibung des Īmān besonders aufmerksam zu verstehen. Tatsächlich bedeutet Īmān, sich dem Buch Allahs und der Rechtleitung des Gesandten zu unterwerfen. Beugen Sie Ihr Haupt vor jedem Gebot, das von dort kommt. Hören Sie auf kein Wort, das ihm widerspricht – weder auf die Stimme des eigenen Herzens noch auf die Worte der Vorfahren und der Familie und auch nicht auf die Worte der Menschen dieser Welt. Wer diese Eigenschaft in seinem Herzen trägt, ist in Wahrheit ein Mu’min und Muslim. Wem diese Eigenschaft fehlt, der kann nur als Heuchler bezeichnet werden.
Vielleicht haben Sie gehört, dass das Trinken von Alkohol im arabischen Land sehr weit verbreitet war. Männer und Frauen, Junge und Alte – alle waren geradezu verrückt nach Alkohol. Tatsächlich bestand in ihren Herzen eine tiefe Zuneigung zum Alkohol. Sie verfassten unzählige Gedichte und Lieder zu seinem Lob. Für Alkohol waren sie sogar bereit, ihr Leben zu geben. Sie wissen auch, dass es äußerst schwer ist, sich von einer einmal entstandenen Trunksucht zu befreien. Alkoholiker können für den Alkohol ihr Leben geben, aber sie können den Alkohol nicht aufgeben. Wenn ein Alkoholiker keinen Alkohol bekommt, wird sein Zustand schlimmer als der eines schwer Kranken.
Aber haben Sie jemals gehört, was geschah, als der Vers über das Verbot des Alkohols offenbart wurde? Dieselben Araber, die vom Alkohol besessen und bereit waren, ihr Leben dafür zu geben, zerbrachen sofort nach Erhalt dieses Gebotes eigenhändig die großen Gefäße mit Alkohol. In den Gassen Medinas floss der Alkohol wie Regenwasser. In einer Versammlung saßen einige Menschen beisammen und tranken Alkohol. Als der Ausrufer des Propheten in ihre Nähe kam und sagte, dass Alkohol verboten worden sei, hielt jede Hand genau dort inne, wo sie sich befand, und niemand machte auch nur die geringste Bewegung weiter. Wer den Becher bereits an den Lippen hatte, nahm ihn sofort weg. Danach gelangte kein einziger Tropfen Alkohol mehr in seinen Magen. Das ist das Kennzeichen echten Īmān. Und genau das nennt man Gehorsam gegenüber Allah und dem Gesandten.
Sie wissen gewiss, wie hart die Strafe für Unzucht im Islam ist. Sie besteht in hundert Peitschenhieben auf den Rücken. Schon der Gedanke daran lässt den Körper des Menschen erschauern. Ist der Unzüchtige verheiratet, wird er sogar zu Tode gesteinigt. Schon beim Hören des Namens dieser schweren Strafe zittert der Mensch vor Angst. Aber wissen Sie, wie es den Menschen erging, die einen echten Īmān besaßen und dennoch aus Versehen eine solche Tat begangen hatten? Ein Mann beging, durch die Täuschung Satans verleitet, Unzucht. Es gab keinen Zeugen, niemanden, der ihn vor Gericht bringen konnte, und auch niemanden, der die Polizei verständigen konnte. Doch in seinem Herzen war echter Īmān. Dieser Īmān sagte zu ihm: „Da du, ohne Allahs Gesetz zu fürchten, das Verlangen deines Nafs erfüllt hast, sei nun bereit, die nach Seinem festgelegten Gesetz bestimmte Strafe zu empfangen.“ Deshalb kam er selbst zum Dienst von Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und sagte: „O Gesandter Allahs! Ich habe Unzucht begangen; bestrafe mich dafür.“ Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wandte sich daraufhin ab. Der Mann ging erneut zu ihm, bat um die Bestrafung und sagte: „Bestrafe mich angemessen für die Sünde, die ich begangen habe.“ Das nennt man Īmān. Wer diesen Īmān besitzt, für den ist es leicht, auf dem unbedeckten Rücken hundert Peitschenhiebe zu empfangen oder sogar unter Steinwürfen zu sterben; aber Allah ungehorsam zu sein und vor Allah zu erscheinen, ist für ihn eine äußerst schwere Angelegenheit.
Sie wissen auch, dass den Menschen dieser Welt ihre Verwandten am liebsten sind. Besonders Vater, Sohn und Bruder sind dem Menschen so teuer, dass er bereit ist, für sie alles aufzugeben. Denken Sie jedoch einmal über die Schlachten von Badr und Uhud nach: Wer kämpfte dort gegen wen? Der Vater war auf der Seite der Muslime, der Sohn auf der Seite der Ungläubigen; der Sohn auf der einen, der Vater auf der anderen Seite; ein Bruder auf der Seite des Islam, der andere Bruder auf der Seite des Feindes. Die engsten Verwandten waren in zwei Gruppen geteilt und kämpften gegeneinander. Sie kämpften so, als würden sie einander überhaupt nicht kennen. Sie kämpften nicht um Geld, Land oder persönliche Feindschaft. Sie vergossen ihr Blut und kämpften allein um Allahs und des Gesandten willen gegen ihre eigenen Verwandten. In ihnen war ein gewaltiger Mut vorhanden, der sie befähigte, um Allahs und des Gesandten willen Vater, Bruder, Sohn und die gesamte Sippe ohne Zögern zu opfern.
Sie wissen ebenfalls, dass der Islam die meisten alten Bräuche und Sitten des arabischen Landes vollständig abgeschafft hatte. Die größte religiöse Feier jener Zeit war der Götzendienst. Dieser Brauch bestand seit Jahrhunderten. Doch der Islam verkündete in klaren Worten: „Gebt diese Götzen auf!“ Alkoholtrinken, Unzucht, Glücksspiel, Diebstahl und Raub waren im arabischen Land alltägliche Vorkommnisse. Der Islam sagte: „All das müsst ihr aufgeben.“ Die Frauen des arabischen Landes bewegten sich völlig unverschleiert in der Öffentlichkeit. Der Islam ordnete an: „So dürft ihr nicht weiterleben; führt die Verschleierung ein.“ Den Mädchen wurde dort kein Anteil am Vermögen gegeben. Der Islam verkündete, dass auch Mädchen ebenso wie Männer einen Anteil am Vermögen erhalten sollten. Ein Adoptivsohn wurde dort genau wie der leibliche Sohn betrachtet. Der Islam sagte: „Das darf nicht sein. Nur weil man den Sohn eines anderen aufzieht, wird er nicht zu einem leiblichen Kind.“ Sogar wenn ein Adoptivsohn seine Frau geschieden hatte, durfte man sie heiraten. Kurz gesagt, all diese alten Bräuche wurden dort einer nach dem anderen zerschlagen.
Wissen Sie, wie diejenigen handelten, die an Allah und den Gesandten glaubten? Die Götzen, die sie und ihre Vorfahren jahrhundertelang angebetet, vor denen sie verschiedene Opfergaben und Speisen dargebracht und vor denen sie sich mit der Stirn niedergeworfen hatten – die gläubigen Menschen zerschlugen sie eigenhändig einen nach dem anderen. Alle über Jahrhunderte bestehenden Sitten und Bräuche ihrer Sippen gaben sie auf. Dinge, die sie für groß und heilig gehalten hatten, traten sie, sobald sie Allahs Gebot erhielten, mit den Füßen nieder. Dinge, die sie verabscheut hatten, begannen sie sofort nach Erhalt von Allahs Gebot als gut anzusehen und anzunehmen. Dinge, die man seit jeher für rein und heilig gehalten hatte, begannen sie gemäß Allahs Gesetz als unrein zu betrachten. Und Dinge, die sie für unrein gehalten hatten, wurden plötzlich rein. Alles, worin sie aufgrund ihrer ungläubigen Lebensweise Wohlbehagen und Glück gesehen hatten, gaben sie sofort nach Erhalt von Allahs Gebot auf; und die Gebote des Islam, deren Befolgung den Menschen schwierig erschien, nahmen sie freudig an. Das ist Īmān, und genau das nennt man Islam.
Bedenken Sie nun: Wenn die Menschen im arabischen Land damals wie ihre Vorfahren gesagt hätten: „Diese und jene Dinge werden wir nicht anerkennen, weil sie uns schaden; diese und jene Dinge werden wir gewiss tun, weil sie seit der Zeit unserer Vorfahren üblich sind; und weil uns diese und jene Bräuche der Römer oder der Iraner sehr gefallen, können wir sie nicht aufgeben“ – und wenn sie auf diese Weise jedes einzelne Gebot des Islam verworfen hätten, gäbe es dann heute auch nur einen einzigen Muslim auf der Welt?
Im edlen Koran heißt es:
لَنْ تَنَالُوا الْبِرَّ حَتَّى تُنْفِقُوا مِمَّا تُحِبُّونَ – – ال عمران : ۹۲„Ihr werdet die wahre Güte niemals erlangen, solange ihr nicht von dem spendet, was ihr liebt.“ – Sure Āl ʿImrān, 92
Dieser Vers ist der Kern der Botschaft von Islam und Iman. Die eigentliche Forderung des Islam lautet, dass ihr das, was euch am liebsten ist, Allah opfert. Bei allen Angelegenheiten des Lebens werdet ihr feststellen, dass Allahs Gebot euch in die eine Richtung ruft, während eure Nafs euch genau in die entgegengesetzte Richtung ruft. Allah befiehlt eine Handlung, doch eure Nafs verleitet euch dazu, sie zu unterlassen, weil ihr dadurch schreckliche Mühe oder einen Verlust erleiden würdet. Allah verbietet eine Handlung, doch eure Nafs hält sie für äußerst angenehm und nützlich und ist nicht bereit, darauf zu verzichten. Bei jeder Handlung steht Allahs Wohlgefallen auf der einen Seite, während die Verlockungen aller weltlichen Annehmlichkeiten euch genau auf die andere Seite rufen. Kurz gesagt: Auf jedem Schritt des Lebens liegen dem Menschen zwei Wege vor; der eine ist der Weg des Islam, der andere der Weg von Kufr und Heuchelei. Unter diesen Umständen muss man davon ausgehen, dass nur derjenige den Weg des Islam eingeschlagen hat, der alles Weltliche mit Füßen tritt und sich allein vor Allahs Gebot beugt. Wer aber Allahs Gebot mit Füßen tritt, um die Wünsche seines eigenen Herzens oder die Wünsche der Welt zu erfüllen, von dem muss man verstehen, dass er den Weg des Kufr und der Heuchelei gewählt hat.
Die Menschen der heutigen Zeit haben eine völlig opportunistische Haltung angenommen. Die einfachen Regeln des Islam akzeptieren sie zwar mit großer Freude, doch wenn es zur tatsächlichen Konfrontation zwischen Kufr und Islam kommt, ändern sie ihre Haltung. Selbst unter den großen Anspruchsstellern auf den Islam gibt es eine solche Schwäche. „Islam! Islam!“ rufen sie laut, auch bei der Lobpreisung des Islam sprudeln ihnen die Worte nur so aus dem Mund, und zu diesem Zweck verrichten sie in ausreichendem Maße Schaubegierde und bloße Vorzeigehandlungen. Wenn man sie jedoch gemeinsam dazu auffordert, die vollständige Ordnung eben jenes Islam, den sie so sehr loben, über sich selbst in Kraft zu setzen, rufen sie sofort: „Diese Aufgabe ist nicht einfach, sie bringt vielerlei Schwierigkeiten mit sich“ oder „Jetzt ist das nicht möglich.“ Das bedeutet, dass der Islam für sie nur ein schönes Spielzeug ist. Stellt man es auf ein Regal, kann man seine Schönheit betrachten. Man kann ihn mit dem Mund sehr loben; ihn jedoch über sich selbst, die eigenen Familienangehörigen, Verwandten sowie die eigenen Geschäfte und Angelegenheiten als vollständiges Gesetz in Kraft zu setzen, gilt ihrer Ansicht nach als Verbrechen. So ist der Zustand der Menschen, die heutzutage als fromm bekannt sind – was soll man da erst über die übrigen Menschen der Welt sagen? Denkt daran: Genau aus diesem Grund ist die frühere Wirkung heute aus unserem Gebet, unserem Fasten, dem Rezitieren des Qur’an und der äußerlich sichtbaren Befolgung der Scharia gewichen, und deshalb können wir daraus in unserem praktischen Leben keinerlei Nutzen gewinnen. Denn wenn das Leben fehlt, welchen guten Einfluss kann dann der leblose Körper noch hervorbringen?
Der unfehlbare Maßstab des Islam
Allah, der Erhabene, hat in Seinem heiligen Buch gesagt:
قُلْ إِن صَلاتِي وَنُسُكِي وَمَحْيَايَ وَمَمَاتِي لِلَّهِ رَبِّ الْعَلَمِينَ الأَشَرِيكَ
له ، وبذلك أمرت وأنا أول المسلمين – الانعام : ١٦٣-١٦٤
„(O Muhammad!) Sag: Mein Gebet, alle meine gottesdienstlichen Handlungen sowie mein Leben und mein Tod – alles gehört Allah, dem Herrn der Welten. Er hat keinen Teilhaber. Dies zu sagen wurde mir befohlen, und als Erster beuge ich mein Haupt in Gehorsam vor Ihm.“ – Sure al-An’am: 163–164
Im Zusammenhang mit der Erläuterung dieses Verses sagte der edle Prophet (Friede sei mit ihm):
من أَحَبُّ لِلَّهِ وَأَبْغَضَ لِلَّهِ وَأَعْطَى لِلَّهِ وَمَنَعَ لِلَّهِ فَقَدِ اسْتَكْمَلُ الْإِيْمَانَ .
„Wer um Allahs willen liebt, um Allahs willen Feindschaft hegt, um Allahs willen gibt und um Allahs willen die Gabe verweigert, der hat seinen Iman vervollkommnet. Das heißt, er ist ein vollkommen Gläubiger geworden.“
Aus dem Vers, den ich zuerst erwähnt habe, geht hervor, dass der Islam den Menschen anweist, all seine Knechtschaft und seinen Gehorsam sowie sein Leben und seinen Tod ausschließlich Allah aufrichtig zu widmen und Ihm dabei niemanden beizugesellen. Mit anderen Worten: Der Mensch soll niemand anderem als Allah dienen und gehorchen. Auch sein Leben und sein Tod sollen niemand anderem als Allah gewidmet sein.
Aus dem, was im Zusammenhang mit der Erläuterung in den Worten des ehrwürdigen Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vorgetragen wurde, lässt sich erkennen, dass die Liebe und Feindschaft des Menschen sowie alle Angelegenheiten und Geschäfte seines weltlichen Lebens ausschließlich Allah gewidmet sein müssen; dies ist die eigentliche und aufrichtige Forderung des Glaubens. Andernfalls kann der Glaube nicht einmal vollendet werden, geschweige denn, dass man eine hohe Rangstufe erlangt. In dem Maß, in dem hierin ein Mangel besteht, bleibt auch der Glaube des Menschen mangelhaft. Je vollkommener der Mensch hingegen sein Herz Allah hingeben kann, desto vollkommener wird auch sein Glaube sein.
Die meisten Menschen meinen, dass es nur zum Erlangen einer hohen Stellung oder eines hohen Ranges notwendig sei, sich Allah vollständig zu widmen; eine solche umfassende Haltung sei für den Glauben und den Islam selbst keine notwendige Voraussetzung. Mit anderen Worten meinen sie, der Mensch könne auch ohne diese Gesinnung gläubig und Muslim sein. Eine solche Auffassung ist jedoch bereits in ihrem Kern falsch. Sie ist dadurch entstanden, dass die gewöhnlichen Menschen keinen Unterschied zwischen dem rechtlich anerkannten Islam und dem Islam machen, der bei Allah als der wahre Islam gilt.
Im fiqhgemäßen und rechtlich anerkannten Islam wird der tatsächliche Zustand des menschlichen Herzens nicht berücksichtigt – und er kann auch nicht festgestellt werden. Vielmehr richtet sich die Aufmerksamkeit darauf, dass bestimmte notwendige äußere Zeichen als tatsächlicher Beweis für das mündliche Bekenntnis vorhanden sind. Wenn jemand mit seinem Mund bekennt, an Allah, den Gesandten, den Koran, das Jenseits und andere notwendige Glaubensinhalte zu glauben, und anschließend die notwendigen Voraussetzungen erfüllt, die als tatsächlicher Beweis dieses mündlichen Bekenntnisses gelten, wird er dem Bereich des Islam zugerechnet. Man wird mit ihm in allen Angelegenheiten so umgehen, als sei er Muslim. Im Grunde sind diese Dinge jedoch nur auf das diesseitige Leben beschränkt; dadurch werden lediglich die rechtlichen und gesellschaftlichen Grundlagen geschaffen, die die muslimische Gemeinschaft aus weltlicher Sicht benötigt. Alle, die durch ein solches Bekenntnis in die muslimische Gemeinschaft eintreten, werden als Muslime betrachtet. Niemand von ihnen darf als Ungläubiger bezeichnet werden. Sie erhalten voneinander die durch die Scharia anerkannten sittlichen und gesellschaftlichen Rechte; untereinander können Ehen geschlossen, Erbschaften verteilt und andere gesellschaftliche Beziehungen hergestellt werden.
Die Erlangung der Errettung im Jenseits, die Einstufung eines Menschen als Muslim und Mu’min sowie seine Aufnahme unter die von Allah geliebten Diener ist jedoch nicht allein durch eine solche rechtliche und mündliche Anerkennung möglich. Vielmehr ist dafür unerlässlich, dass die Anerkennung im Herzen des Menschen verwurzelt ist, dass er sein Herz Allah zuwendet und sich mit aufrichtigem Verlangen und Eifer vollständig Allah hingibt. Der Wert eines mündlichen Bekenntnisses auf der Erde gilt nur vor dem Richter und unter den gewöhnlichen Menschen beziehungsweise Muslimen, denn sie können nur das Äußere sehen. Allah aber sieht das Herz des Menschen, seinen inneren tatsächlichen Zustand und seine Gesinnung. Allah bemisst den Glauben des Menschen. Ob ein Mensch sein Leben und seinen Tod, seine gesamte Dankbarkeit, Freundschaft, seinen Gehorsam, seine Knechtschaft und die ganze Ausrichtung seines Lebens Allah oder jemand anderem gewidmet hat – nach genau diesem Maßstab wird der Mensch vor Allah geprüft. Wenn sich bei dieser Prüfung erweist, dass er all dies ausschließlich Allah gewidmet hat, wird er als Muslim und Mu’min gelten; wenn er es jedoch jemand anderem gewidmet hat, wird er weder als Muslim noch als Mu’min gelten. In dieser Hinsicht wird sein Glaube und sein Islam genau in dem Maß unreif sein, in dem er sich als unausgereift und unvollkommen erweist. Selbst wenn er in der Welt als ein sehr großer Muslim gilt und ihm dort ein unvergleichlicher Rang verliehen wird, wird er bei Allah keinerlei Bedeutung haben. Der Wert eines Menschen bei Allah wird allein danach bestimmt, ob er alles, was Allah ihm gegeben hat, für Allah und auf dem von Allah gewiesenen Weg eingesetzt hat. Wenn Sie dies getan haben, wird Ihnen der Rang gewährt, der einem gehorsamen Diener und Freund gebührt. Wenn Sie jedoch irgendeine Sache vom Dienst an Allah fernhalten und sie nicht auf dem von Allah gewiesenen Weg einsetzen, wird Ihre mündliche Behauptung, Muslim zu sein – das heißt, sich Allah vollständig hingegeben zu haben –, als völlig falsch erwiesen. Durch diese falsche Behauptung mag es Ihnen vielleicht gelingen, die Menschen der Welt zu täuschen; sie könnten sich durch Ihre mündliche Erklärung täuschen lassen, Ihnen einen Platz in der muslimischen Gemeinschaft geben und Ihnen als Muslim alle Vorteile und Erleichterungen gewähren. Allah jedoch wird sich niemals dadurch täuschen lassen und Sie nicht zu seinen vertrauenswürdigen und gehorsamen Freunden zählen.
Wenn man die dargelegte Erklärung des Unterschieds zwischen dem rechtlichen Islam und dem wahren Islam gründlich bedenkt, wird deutlich, dass ihre Folgen nicht nur im Jenseits verschieden sein werden; vielmehr müssen sich die tatsächlichen Folgen dieses Unterschieds auch in der Welt voneinander unterscheiden. Daher können alle Muslime, die je auf der Welt gelebt haben und gegenwärtig auf ihr leben, in die beiden genannten Gruppen eingeteilt werden.
Man findet eine Art von Muslimen, die Allah und den Gesandten anerkennen und den Islam lediglich als eine Religion annehmen; dieser Religion räumen sie jedoch in ihrem gesamten Leben nur den Rang eines einzigen Teils oder Bereichs ein, nicht mehr. In diesem besonderen Teil und Bereich wird der Glaube an den Islam vollständig verwirklicht. Die gottesdienstlichen Handlungen werden ordnungsgemäß verrichtet. Tasbih wird gesprochen und Dhikr und Adhkar werden praktiziert. Beim Essen und Trinken sowie in manchen gesellschaftlichen Angelegenheiten wird Enthaltsamkeit geübt; fast alles, was zur Religionsausübung gehört, wird getan. Außerhalb dieses Teils und Bereichs wird jedoch in den übrigen Lebensbereichen keinerlei Raum für muslimisches Handeln gelassen. Wenn dort Liebe gezeigt wird, gilt sie dem eigenen Ich, den eigenen Interessen, dem Land, dem Volk oder einer anderen Sache; und wenn Feindschaft oder Krieg geführt wird, geschieht dies ebenfalls um eines solchen weltlichen Interesses willen. Ihre Geschäfte und Transaktionen, ihre Arbeit und ihr Erwerbsleben, ihre Beziehungen, ihre Kinder, ihre Abstammung und Familie, ihr Land und ihre Gesellschaft sowie ihr Umgang mit anderen Menschen – all dies richtet sich unter völliger Ausschließung des Islam nach rein weltlichen Gesichtspunkten. Ob Grundbesitzer, Kaufmann, Herrscher oder Soldat: Jeder arbeitet als unabhängiger Berufsmensch, nicht als Muslim. In dieser Hinsicht räumen sie dem Muslimsein nicht den geringsten Platz ein. Auch wenn ihre gemeinschaftlichen und kollektiven kulturellen, bildungsbezogenen und politischen Tätigkeiten teilweise vom Muslimsein beeinflusst werden, wird keinerlei Beziehung zum Islam hergestellt.
Eine zweite Art von Muslimen sind jene, die ihre vollständige Persönlichkeit und ihr gesamtes Wesen dem Islam anvertrauen. In allen Bereichen ihres Lebens erfüllen sie ihre Pflichten als Muslime. Ob sie muslimische Väter, muslimische Kinder, muslimische Ehefrauen, Kaufleute, Landbesitzer, Arbeiter oder Angestellte sind – ganz gleich, was sie sind: Überall führen sie ihr Leben als Muslime. Ihre Gesinnung, ihre Hoffnungen und Wünsche, ihr Denken und ihre Überzeugungen, ihre Urteile und Entscheidungen, ihr Hass und ihre Liebe, ihre Vorlieben und Abneigungen – alles richtet sich nach dem islamischen Ideal. Der Islam wird ihre Herzen und ihren Verstand, ihre Augen und Ohren, ihre Bäuche und Schamteile sowie alle Glieder ihres Körpers vollständig beherrschen. Ihre Zuneigung, Liebe und Feindschaft werden die Grenzen des Islam nicht überschreiten. Wenn sie eine Beziehung zu jemandem eingehen, tun sie es um des Islam willen; wenn sie gegen jemanden kämpfen, kämpfen sie um des Islam willen; wenn sie jemandem etwas geben, tun sie es nur deshalb, weil der Islam eine solche Gabe gebietet. Wenn sie hingegen jemandem etwas vorenthalten, tun sie dies genau gemäß der Anweisung des Islam. Diese Handlungsweise wird nicht nur in ihrem persönlichen Leben wirksam sein; auch ihr gesamtes Leben wird in jeder Hinsicht und vollständig auf dem Islam gegründet sein. Als Gemeinschaft wird ihr gesamtes Wesen dem Islam gewidmet und für ihn aufgeopfert sein. Ihr gesamter nationaler Charakter, ihre Rolle und ihre Tätigkeiten werden auf den Grundlagen der islamischen Prinzipien errichtet und geleitet.
Diese beiden Arten von Muslimen stehen einander ihrem Wesen nach völlig entgegen. Rechtlich werden zwar beide Klassen derselben Umma, also derselben Nation, zugerechnet, und das Wort „Muslim“ wird auf beide gleichermaßen angewandt; in Wirklichkeit sind sie jedoch völlig verschieden. Keine Tat der Muslime der ersten Art ist in der Geschichte des Islam als bemerkenswert oder ruhmreich angesehen worden. Sie haben nichts getan, was in der Geschichte der Welt einen ruhmreichen Einfluss des Islam hätte ausüben können. Die Welt hat die Bedeutung solcher Muslime niemals empfunden. Vielmehr besteht die tatsächliche Lage darin, dass der Niedergang des Islam durch diese Art von Muslimen und gerade ihretwegen möglich geworden ist. Weil diese Muslime in der muslimischen Gemeinschaft zahlreich waren, konnte die Herrschaft des Unglaubens über das menschliche Leben errichtet werden und konnten sich die Muslime damit zufriedengeben, ein äußerst begrenztes religiöses Leben zu führen. In Wahrheit wollte Allah niemals solche Muslime. Er sandte die Propheten nicht auf die Erde, um solche Muslime hervorzubringen, und offenbarte die Bücher nicht, um solche Muslime zu machen. Selbst wenn es solche Muslime auf der Welt nicht gäbe, wäre kein besonderer wichtiger Mangel zu spüren. Es hätte auch keiner langen fortdauernden Reihe von Offenbarungen bedurft, um diesen Mangel zu beheben. Die Muslime, für deren Hervorbringung Allah die Propheten sandte und die Bücher offenbarte, und die aus islamischer Sicht wertvolle und bedeutende Taten vollbracht haben und noch vollbringen können, sind ausschließlich die Muslime der zweiten Klasse.
Dies gilt nicht nur für den Islam. Menschen, die ihre Grundsätze und Ideale auf ein mündliches Bekenntnis beschränken, sie als bloßen Zusatz zu ihrem Leben betrachten und ihr Leben und ihren Tod einer anderen Sache widmen, können das Banner keines Ideals der Welt emporheben. Auch in der Gegenwart lässt sich dafür ein praktischer Beweis finden. Wahre aufrichtige Anhänger eines Ideals können nur jene sein, die sich ihm mit Herz und Seele, in seiner Befolgung und seinem Dienst, hingeben; jene, die ihre ganze Persönlichkeit ihm widmen und die nichts, was ihnen gehört, nicht einmal ihr eigenes Leben und ihre Kinder, mehr lieben als dieses Ideal. Tatsächlich können sich besondere Ideale in der Welt nur durch solche Menschen etablieren und ausbreiten. Deshalb wartet jedes Ideal auf Menschen dieser Art.
Allerdings besteht in einer Hinsicht ein Unterschied zwischen dem Islam und anderen Idealen. Auch andere Ideale verlangen von den Menschen eine solche Hingabe, aufrichtige Ergebenheit und Gehorsam, doch haben sie im Grunde keinerlei Recht, dies zu fordern. Es ist lediglich eine ungerechte Forderung an die Menschen. Die Forderung des Islam an den Menschen hingegen ist ewig gültig und natürlich. Aus den Gründen, aus denen ein Ideal von anderen Menschen verlangt, ihr ganzes Leben und ihre vollständige Persönlichkeit ihm zu widmen, kann der Mensch im Grunde keine seiner eigenen Sachen für eine Sache opfern. Der Islam aber verlangt vom Menschen vollständige Hingabe und aufrichtige Ergebenheit an Allah, und gerade deshalb ist es angemessen, dass der Mensch sich Ihm widmet. Alles, was sich in den Himmeln und auf der Erde befindet, gehört Allah. Der Mensch selbst ist Allahs Geschöpf. Alles, was sich beim und im Menschen befindet, ist Eigentum Allahs. Auch die Dinge, mit denen der Mensch in dieser Welt handelt, gehören Allah. Aus der Sicht von Vernunft und Gerechtigkeit kann daher nur dies vernünftig sein: Was Allah gehört, muss auf Allahs Weg gewidmet werden. Das Opfer, das der Mensch für jemand anderen oder für seine eigenen Interessen und begehrten Dinge bringt, ist im Grunde nichts anderes als Verrat und Missbrauch. Wenn man jedoch gemäß Allahs Anweisung handelt, ist es gewiss kein Verrat. Denn alles, was für Allah geopfert wird, dient im Grunde dazu, Allahs Recht zu erfüllen.
Doch die Muslime müssen aus den Taten jener lernen, die für falsche Lehren und Ideale sowie für ihre selbstgemachten Götter und Herren alles opfern und dafür mit Standhaftigkeit und Entschlossenheit historische Beispiele schaffen. Wenn der Mensch für das Falsche so viel Aufrichtigkeit und Hingabe zeigen kann, wie bedauerlich ist es dann, wenn er für die Wahrheit nicht einmal ein Tausendstel davon zu opfern bereit ist.
Entsprechend dem richtigen Maßstab für Glauben und Islam, der sich aus den erwähnten Versen und Hadithen erkennen lässt, ist es die Pflicht eines jeden von uns, sich selbst zu prüfen. Wenn Sie behaupten, den Islam angenommen und den Glauben erlangt zu haben, sollten Sie mit scharfem Blick prüfen, ob Ihr Leben und Ihr Tod ausschließlich Allah gewidmet sind. Sie müssen besonders prüfen, ob Sie ausschließlich für Allah leben und ob die gesamten Fähigkeiten und Kräfte Ihres Geistes und Verstandes, die Kraft Ihres Körpers und Ihrer Seele, Ihre Zeit und Ihre Arbeit ausschließlich dazu eingesetzt werden, Allahs Willen zu erfüllen und die Pflichten der muslimischen Umma wahrzunehmen. Sie sollten sorgfältig prüfen, ob Ihr Gottesdienst und Ihr Gehorsam ausschließlich Allah gelten und ob Ihr Leben vollständig von der Knechtschaft des Nafs sowie vom Dienst an Familie, Stamm, Freunden, Gesellschaft und Regierung frei ist. Auch sollten Sie besonders darauf achten, ob Ihre Vorlieben und Abneigungen gemäß Allahs Willen bestimmt sind. Prüfen Sie weiter, ob Sie denjenigen, den Sie lieben und dem Sie Zuneigung entgegenbringen, ausschließlich um Allahs willen lieben. Gilt auch Ihr Hass gegen jemanden Allah? Wirkt bei diesem Hass und dieser Liebe etwa kein eigenes Interesse mit? Geschieht auch das Geben und Vorenthalten um Allahs willen? Wenn Sie in dieser Welt jemandem – einschließlich Ihrem eigenen Bauch und Ihrem Herzen – etwas geben, wollen Sie dadurch ausschließlich Allahs Wohlgefallen erlangen? Geschieht auch Ihr Vorenthalten genau um Allahs willen? Geben Sie deshalb nicht, weil Allah, der Erhabene, das Geben verboten hat? Und erhoffen Sie durch das Nichtgeben ausschließlich Allahs Wohlgefallen? Wenn Sie in sich die Gesinnung finden, alles Allah zu widmen, dann danken Sie Allah. Denn Allah hat Ihren Glauben wahrlich vollendet. Wenn Sie jedoch in dieser Hinsicht irgendeinen Mangel an sich feststellen, bemühen Sie sich sofort, ihn zu beseitigen, und richtet all Ihre Anstrengungen und Tätigkeiten darauf. Denn von der Beseitigung dieses Mangels hängen Ihr Erfolg im Diesseits und Ihre Errettung im Jenseits ab. Selbst wenn Sie in der Welt einen gewaltigen Reichtum erlangen, kann dieser Mangel dadurch nicht behoben werden. Wenn Sie ihn jedoch beheben können, werden Sie in Wirklichkeit keinen Schaden erleiden, selbst wenn Sie in der Welt nichts erlangen.
Man muss sich daran erinnern, dass dieser Maßstab aus Koran und Hadith nicht dazu bestimmt ist, andere zu prüfen und sie als Mu’min oder Heuchler beziehungsweise als Muslim oder Ungläubigen zu bezeichnen. Dieser Maßstab wurde vielmehr festgelegt, damit man sich selbst rettet und seine eigenen Fehler bereits in dieser Welt erkennt und verbessert, bevor man vor dem Gericht des Jenseits auf der Anklagebank steht. Sie brauchen sich nicht darum zu sorgen, was die Muftis und Richter der Welt von Ihnen halten. Sie müssen vielmehr bedenken, welchen Rang Allah – der höchste Richter und der einzige Kenner alles Verborgenen und Offenkundigen – Ihnen gibt. Sie dürfen nicht schon deshalb selbstzufrieden sein, weil Sie im Bevölkerungsregister der Welt als Muslim geführt werden. Es ist Ihre Pflicht, darauf zu achten, welchen Rang man Ihnen im Register Allahs gewährt. Selbst wenn die ganze Welt Ihnen ein Zeugnis für Glauben und Islam ausstellt, bringt Ihnen das in Wirklichkeit keinen Gewinn. Der eigentliche Erfolg Ihres Lebens besteht darin, bei Demjenigen, in Dessen Hand das endgültige Urteil liegt, als Mu’min statt als Heuchler und als gehorsamer Diener statt als Ungehorsamer zu gelten.
Warum ist es notwendig, Allahs Gebote zu befolgen?
Schon in mehreren früheren Abhandlungen habe ich euch wiederholt erklärt, dass Islam bedeutet, Allahs und Seines Gesandten Gebote zu befolgen. Solange ein Mensch nicht aufhört, nach seinen eigenen Begierden, den abergläubischen Vorstellungen seiner Vorfahren sowie den Anordnungen weltlicher Könige, Herrscher und anderer Menschen zu leben, und sich ausschließlich Allah und dem Gesandten unterwirft, kann er kein Muslim werden.
Doch warum wird so großer Nachdruck darauf gelegt, Allahs und des Gesandten Gebote zu befolgen? Darüber möchte ich hier ausführlich sprechen. Ein Mensch könnte fragen: Warum ist es überhaupt notwendig, Allah zu gehorchen? Ist Er etwa auf unseren Gehorsam angewiesen? Verlangt Allah deshalb von uns, Seine eigenen Gebote und die Seines Gesandten zu befolgen? Sind Allahs Wünsche etwa denen der weltlichen Könige und Herrscher gleich, die darauf bedacht sind, ihre Herrschaft durchzusetzen? Sagt Allah etwa ebenfalls, wie die Menschen: „Erkennt meine Herrschaft an“? Auf diese Frage möchte ich nun antworten.
Die eigentliche Wahrheit ist, dass Allah der Erhabene den Menschen nicht zu Seinem eigenen Vorteil Gehorsam abverlangt. Vielmehr verlangt Er ihn zum Wohl eben dieses Menschen. Allah ist nicht wie die weltlichen Könige und Herrscher. Die weltlichen Könige und ihre Beamten üben ihre Herrschaft über die Menschen lediglich zu ihrem eigenen Vorteil aus und versuchen, die Menschen zu Sklaven ihres Willens zu machen. Allah der Erhabene aber hat keinerlei eigenen Vorteil nötig; Er ist über jede Niedrigkeit eigennütziger Interessen erhaben. Allah braucht von euch kein Geld. Er hat keinerlei Bedarf, Paläste zu bauen, Kraftfahrzeuge zu kaufen oder eure Geldmittel, euren Luxus und eure Annehmlichkeiten zu sammeln. Er ist rein und auf niemanden angewiesen. Alles auf der Welt gehört Ihm, und Er allein ist der Besitzer sämtlicher Reichtümer. Er fordert euch auf, Seine Gebote zu befolgen und Ihm zu gehorchen, nur zu eurem eigenen Wohl – Er will allein euer Wohlergehen.
Er hat den Menschen als „Ašraf al-Maḫlūqāt“, als das edelste und höchste Seiner Geschöpfe, erschaffen. Es missfällt Ihm zutiefst, dass dieses edelste Geschöpf, der Mensch, dem Satan dient, zum Sklaven eines anderen Menschen wird oder sich vor den unbedeutenden und niedrigen Dingen dieser Welt verbeugt. Er hat den Menschen zu Seinem Stellvertreter auf der Erde gemacht; deshalb gefällt es Ihm auch nicht, dass sie in der Finsternis der Unwissenheit umherirren, nach ihrem eigenen Belieben wie Tiere leben und zu den niedrigsten aller Geschöpfe werden.
Deshalb hat Er zu den Menschen gesagt: „O ihr Menschen! Befolgt nur Meine Gebote, richtet euch ausschließlich nach Meiner Anweisung und gehorcht allein Mir. Nehmt das Licht der Erkenntnis an, das Ich euch durch Meinen Propheten gesandt habe; dann werdet ihr den geraden und aufrichtigen Weg finden. Wenn ihr auf diesem geraden Weg geht, werdet ihr überall in dieser Welt und im Jenseits Ehre erlangen.“
لا إِكْرَاهَ فِي الدِّين بعد قد تبينَ الرُّشْدُ مِنَ الْغَيِّ ، فَمَنْ يُكْفُرُ بِالطَّاغُوتِ وَيُؤْمِنُ بِاللَّهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرْوَةِ الْوُثْقَى وَلَا انفِصَامَ لَهَا ، وَاللَّهُ سَمِيعٌ عَلِيمٌ ، اللهُ وَلِيُّ الَّذِينَ آمَنُوا يُخْرِجُهُم مِّنَ الظُّلُمَاتِ إِلَى النُّورِ وَالَّذِينَ كَفَرُوا أَوْلِيتُهُمُ الطَّاغُوتُ يُخْرِجُونَهُم مِّنَ النُّورِ إِلَى الظلمت ، أُولَئِكَ أَصْحَبُ النَّارِ هُمْ فِيهَا خَلِدُونَ – البقرة : ٢٥٦-٢٥٧„Im Islam gibt es keinen Zwang. Der gerade Weg der Rechtleitung ist deutlich vom krummen Weg des Irrtums unterschieden und klar aufgezeigt worden. Wer von euch nun die falschen Götter und diejenigen, die auf den Irrweg führen, verwirft und allein an Allah glaubt, der hat gewiss den festesten Halt ergriffen, der niemals zerreißen wird. Allah hört alles und weiß alles. Allah, der Erhabene, ist der Beschützer derjenigen, die glauben. Er führt sie aus den Finsternissen heraus zum strahlendsten Licht. Diejenigen aber, die Allah verleugnen, deren Beschützer sind ihre falschen Götter und die Führer, die sie in die Irre führen. Sie führen sie aus dem Licht in die Finsternis des Irrwegs. Sie werden in die Hölle gehen und dort ewig bleiben.“ – Sure al-Baqara 256–257
Warum versinkt der Mensch in Finsternis, wenn er den Befehlen anderer falscher Götter statt Allahs folgt und ihnen Gehorsam leistet, und warum kann er nur durch den Gehorsam gegenüber Allah den lichtvollen Weg erlangen? Darüber müsst ihr unbedingt nachdenken. Ihr seht, dass euer Leben auf dieser Welt mit unzähligen Arten von Beziehungen verbunden ist. Eure erste Beziehung besteht zu eurem eigenen Körper. Hände, Füße, Ohren, Augen, Zunge, Herz, Verstand und Magen – all dies hat Allah, der Erhabene, euch gegeben, damit sie euch dienen. Wie ihr euch jedoch durch sie dienen lassen werdet, müsst ihr selbst beurteilen. Was werdet ihr eurem Magen zu essen geben und was nicht? Was werdet ihr mit euren Händen tun und was nicht? Auf welchen Wegen werdet ihr eure beiden Füße führen und auf welchen nicht? Welche Tätigkeiten werdet ihr eure Augen und Ohren ausführen lassen und welche nicht? Welche Gedanken werdet ihr in eurem Herzen bewahren und welche nicht? Worüber werdet ihr mit Herz und Verstand nachdenken und worüber nicht? All dies müsst ihr nach reiflicher Erwägung von allen Seiten entscheiden. Sie alle sind eure Diener. Durch sie könnt ihr sowohl gute als auch sündhafte Taten vollbringen. Indem sie euch dienen, können sie euch zu Menschen von höchster Würde machen; ebenso können sie euch zu niedrigeren und schlechteren Wesen als Tiere machen.
Danach besteht eure engste Beziehung zu den Menschen eures Hauses – zu euren Eltern, Geschwistern, eurer Ehefrau, euren Söhnen und Töchtern sowie allen anderen Verwandten. Mit all diesen müsst ihr Tag und Nacht, zu jeder Zeit, in Beziehung stehen. Wie ihr euch ihnen gegenüber verhalten werdet, müsst ihr jedoch nach besonderem Nachdenken entscheiden. Ihr müsst genau wissen, welche „Rechte“ sie euch gegenüber haben und welche Rechte ihr ihnen gegenüber habt. Denkt daran: Euer Glück, euer Frieden und euer Erfolg in dieser Welt und im Jenseits hängen davon ab, ob euer Umgang mit ihnen recht und gut ist. Wenn ihr sie falsch behandelt, werdet ihr diese Welt für euch selbst in eine Hölle verwandeln. Und nicht nur in dieser Welt, sondern auch im Jenseits werdet ihr Allah gegenüber eine schwere Rechenschaft ablegen müssen.
Danach kommt eure Beziehung zu den unzähligen anderen Menschen auf der Welt. Viele Menschen sind eure Nachbarn, viele eure Freunde und manche eure Feinde. Viele Menschen dienen euch, und ihr dient vielen Menschen. Von manchen nehmt ihr etwas an, und manchen gebt ihr etwas. Jemand vertraut euch und überträgt euch die Verantwortung für seine Angelegenheit; umgekehrt vertraut ihr jemandem und übertragt ihm die Verantwortung für eure Angelegenheit. Einer ist euer Richter, und ihr seid der Richter eines anderen. Ihr gebietet jemandem etwas, und wiederum gebietet jemand euch etwas. Kurz gesagt: Ihr müsst Tag und Nacht mit sehr vielen Menschen in irgendeiner Beziehung stehen, deren Zahl ihr nicht einmal zählen könnt. Diese Beziehungen müsst ihr sehr gut bewahren. Euer Glück und euer Frieden, eure Vorlieben und Abneigungen, eure Freude, euer Erfolg, eure Ehre, Achtung und euer guter Ruf in dieser Welt hängen ganz und gar davon ab. Wenn ihr diese Beziehungen sehr gut wahrt, könnt ihr in dieser Welt Glück, Frieden, Freude und Ruhm erlangen; andernfalls könnt ihr dies nicht. Ebenso könnt ihr im Jenseits bei Allah Ansehen erlangen, wenn ihr vor Ihm erscheinen könnt, ohne als jemand zu gelten, der die Rechte anderer verletzt hat. Dazu müsst ihr vor Allah in einem Zustand erscheinen, in dem ihr niemandes Recht verletzt, niemandem Unrecht getan, niemand Anlass zu einer Beschwerde gegen euch gegeben, nicht die Verantwortung für die Vernichtung eines Menschenlebens getragen und das Leben, Eigentum oder Ansehen niemandes ungerechtfertigt geschädigt habt. Deshalb müsst ihr nun entscheiden, wie ihr mit diesen unzähligen Menschen richtige Beziehungen aufrechterhalten könnt. Ihr müsst die Ursachen kennen, durch die diese Beziehungen abgebrochen, zerstört oder bitter werden könnten, und euch von ihnen fernhalten.
Denkt nun darüber nach, wie notwendig es für euch ist, auf jedem Schritt des Lebens das helle Licht des Wissens zu erlangen, damit ihr zu eurem Körper, zu euren Familienangehörigen und zu allen anderen Menschen der Welt richtige Beziehungen unterhalten könnt. Auf jedem Schritt müsst ihr wissen: Was ist falsch? Was ist Gerechtigkeit und was ist Unrecht? Wer hat euch gegenüber welches Maß an Rechten, und wem gegenüber habt ihr welches Maß an Rechten? Bei welcher Handlung des Lebens wird wirklicher Nutzen erlangt, und worin liegt die Gefahr eines wirklichen Schadens? … Doch wo könnt ihr das Wissen über all dies erlangen? Wenn ihr euer Inneres danach fragt, werdet ihr es dort nicht finden. Denn euer Inneres selbst ist unwissend und töricht; es kennt nichts außer den eigenen Interessen und schlechten Begierden. Es wird sagen: Trink Wein, begehe Unzucht und verdiene Geld auf verbotene Weise. Denn an solchen Dingen ist viel Vergnügen. Es wird sagen: Nimm die Rechte aller an dich und gib niemandem sein Recht. Denn darin liegen Gewinn und Bequemlichkeit. Wenn ihr die Zügel eures Lebens einem solchen Unwissenden und Törichten überlasst und nur das tut, was euer Inneres begehrt, wird es euch bis an die äußerste Grenze des Verfalls führen. Schließlich werdet ihr zu einem äußerst selbstsüchtigen, niedrig gesinnten und sündigen Menschen werden. Dadurch wird alles in eurem religiösen und weltlichen Leben zugrunde gehen.
Der zweite Weg besteht darin, dass ihr nicht auf die Wünsche eures Inneren hört, sondern euch vollständig auf andere Menschen wie euch selbst verlasst und bei jeder Angelegenheit nach den Worten dieser Menschen handelt. Wohin sie euch führen, dorthin werdet ihr blindlings gehen. Wenn ihr diesen Weg einschlagt, besteht große Gefahr, dass ein selbstsüchtiger Mensch kommt, euch nach seinem eigenen Willen lenkt und euch zur Verwirklichung seiner eigenen Interessen benutzt. Oder ein unwissender und irregeleiteter Mensch könnte kommen und auch euch auf den Weg der Irreführung führen. Oder ein ungerechter Mensch könnte euch als Werkzeug benutzen und durch euch anderen Unrecht zufügen lassen. Kurz gesagt: Auch wenn ihr anderen Menschen folgt, könnt ihr nicht jenes notwendige Licht des Wissens erlangen, das euch den Unterschied zwischen Wahrheit und Falschheit erkennen lässt, euch Gerechtigkeit und Unrecht aufzeigt und euer Leben auf den richtigen Weg führt.
Danach bleibt nur noch eine einzige Quelle, aus der ihr das Licht dieses unbedingt notwendigen Wissens erlangen könnt. Dieser Weg führt zu Allah, dem Erhabenen, dem Schöpfer von euch und des gesamten Universums. Allah, der Erhabene, weiß über alles Bescheid, sieht alles und kennt und versteht die Natur jedes einzelnen Dinges aufs Beste. Nur Er kann euch sagen, worin euer wirklicher Nutzen und worin euer wahrer Schaden liegen kann, welche Handlung ihr tun und welche ihr nicht tun sollt. Allah, der Erhabene, mangelt es an nichts; Er hat kein eigenes Interesse und ist auf niemanden angewiesen. Er braucht nichts. Er wird nicht etwa durch Täuschung – Allah bewahre – irgendein eigenes Interesse von euch durchsetzen. Denn Er ist rein und heilig, Er ist der Besitzer von allem. In keinem Rat, den Er euch gibt, liegt auch nur der geringste Anflug eines eigenen Interesses; vielmehr dient er allein eurem Nutzen. Außerdem ist Allah, der Erhabene, ein gerechter Richter und tut niemandem jemals Unrecht. Deshalb werden all Seine Ratschläge gewiss unparteiisch, gerecht und segensreich sein. Wenn ihr nach Seinen Befehlen lebt, besteht keine Gefahr, dass euch selbst oder einem anderen Unrecht geschieht.
Der Nutzen aus dem Licht, das von Allah, dem Erhabenen, erlangt wird, hängt vollständig von zwei Dingen ab. Erstens müsst ihr wahrhaft an Allah, den Erhabenen, und an den Propheten glauben, durch den Er dieses Licht gesandt hat. Ihr müsst fest davon überzeugt sein, dass die Ordnung und die Unterweisung, die Allahs Gesandter von Allah gebracht hat, vollkommen wahr sind. Auch wenn ihr ihren wirklichen Nutzen nicht selbst spüren könnt, müsst ihr dennoch daran glauben. Zweitens müsst ihr nach dem Glauben in jeder einzelnen Handlung eures Lebens jener Ordnung Allahs folgen. Denn wenn ihr nach dem Glauben an sie nicht tatsächlich danach handelt, könnt ihr keinerlei Nutzen aus diesem Licht ziehen.
Stellt euch vor, jemand sagt zu euch: „Dieses bestimmte Ding ist Gift und vernichtet das Leben eines Lebewesens; iss es deshalb nicht.“ Ihr sagt: „Ja, Bruder, was du gesagt hast, ist vollkommen wahr. Dass es Gift ist und das Leben zerstört, steht völlig außer Zweifel.“ Doch obwohl ihr diese Wahrheit kennt, von ihr überzeugt seid und sie mit eurem Mund bekennt, esst ihr das Gift. Nun wird die eigentliche Wirkung des Giftes dennoch eintreten. Ob ihr es wissentlich oder unwissentlich esst, die Wirkung wird eintreten. Selbst wenn ihr es unwissentlich gegessen hättet, wäre das Ergebnis dasselbe gewesen wie beim bewussten Essen. Zwischen Wissen und Nichtwissen besteht in diesem praktischen Fall kein Unterschied. Den wirklichen Nutzen und die wahre Frucht des Wissens und Bekennens könnt ihr erst dann erlangen, wenn ihr, sobald ihr eine Wahrheit erkennt und anerkennt, auch entsprechend handelt. Ihr dürft euch nicht damit begnügen, die Handlung, zu der euch befohlen wurde, nur mit dem Mund als wahr anzuerkennen; vielmehr müsst ihr sie in die Tat umsetzen. Und bei der Handlung, die euch verboten wurde, genügt es nicht, nur mit dem Mund zu erklären, dass ihr euch von ihr fernhaltet; vielmehr müsst ihr euch in all euren Lebensangelegenheiten von dieser verbotenen Handlung fernhalten. Deshalb hat Allah, der Erhabene, immer wieder gesagt:
أَطِيعُوا اللَّهَ وَأَطِيعُوا الرَّسُول – النساء : ٥٩
„Befolgt Allah und befolgt den Gesandten.“ (Sure an-Nisāʾ: 59)
وإِن تُطِيعُوهُ تَهْتَدُوا — النور : ٥٤
„Wenn ihr dem Gesandten folgt, werdet ihr rechtgeleitet werden.“ – Sure an-Nūr: 54
فَلْيَحْذَرِ الَّذِينَ يُخَالِفُونَ عَنْ أَمْرِهِ أَنْ تُصِيبَهُمْ فِتْنَةٌ – النور : ٦٣
„Diejenigen, die dem Gebot meines Gesandten zuwiderhandeln, sollten sich davor fürchten, dass sie ein Unheil trifft.“ – Sure an-Nūr: 63
Ich sage euch immer wieder, dass man nur Allah und Seinem Gesandten gehorchen soll. Das bedeutet nicht, dass man den Anweisungen irgendeines Menschen überhaupt nicht folgen darf. Es bedeutet vielmehr, dass ihr nicht blind jemandem folgen sollt. Ihr sollt stets mit scharfem Blick nur darauf achten, ob das, wozu jemand euch auffordert, dem Gebot Allahs und des Gesandten entspricht oder ihm widerspricht. Wenn es damit übereinstimmt, ist es eure Pflicht, dem Folge zu leisten. Denn wenn ihr gemäß diesem Gebot handelt, gehorcht ihr in Wirklichkeit nicht dem persönlichen Gebot dieses Menschen, sondern Allah und dem Gesandten Allahs. Wenn er jedoch ein Gebot erlässt, das dem Gebot Allahs und des Gesandten widerspricht, dann weist es ihm ins Gesicht zurück, ganz gleich, wer er ist. Denn außer dem Gebot Allahs und des Gesandten irgendeinem anderen zu gehorchen, ist keineswegs erlaubt.
Ihr könnt leicht verstehen, dass Allah, der Erhabene, nicht selbst vor die Menschen tritt, um ihnen Befehle zu erteilen. Alle Gebote und Bestimmungen, die Er zu geben hatte, hat Er durch Seinen Gesandten übermittelt. Auch unser geliebter Prophet ist vor fast vierzehnhundert Jahren aus dieser Welt geschieden. Alle Gebote und Bestimmungen, die Allah, der Erhabene, ihm gegeben hatte, sind nun im heiligen Koran und in den Hadithen enthalten. Doch dieser edle Koran ist kein Gegenstand, der selbst vor euch treten, euch von Allah berichten und euch Befehle erteilen oder euch vom verbotenen Weg Allahs abhalten kann. Menschen werden euch gemäß dem Koran und den Hadithen führen. Daher gibt es keinen Weg, dem Folgen von Menschen zu entgehen. Unbedingt notwendig ist jedoch, dass ihr keinem Menschen blind folgt. Ihr sollt umsichtig nur darauf achten, ob diese Leute euch gemäß dem heiligen Koran und den Hadithen führen. Wenn sie euch gemäß dem Koran und den Hadithen führen, ist es eure Pflicht, ihnen zu folgen; führen sie euch jedoch auf einen entgegengesetzten Weg, ist es eindeutig haram, ihnen zu folgen.
Din und Scharia
Wenn ihr über Religion sprecht, hört ihr häufig zwei Wörter, und auch ihr selbst gebraucht sie oft. Das eine dieser beiden Wörter ist Din; das zweite ist Scharia. Doch nur sehr wenige Menschen kennen die Bedeutung und Tragweite dieser beiden Wörter wirklich gut. Wenn Menschen, die weder lesen noch schreiben können, ihre Bedeutung nicht kennen, ist das keine Schuld; bedauerlich ist jedoch, dass viele gut ausgebildete Menschen – ja, sogar zahlreiche Maulawis – über die genaue Bedeutung dieser beiden Wörter und ihren gegenseitigen Unterschied überhaupt nicht Bescheid wissen. Weil ihre Bedeutung nicht genau bekannt ist, werden Din und Scharia häufig völlig miteinander vermischt und gleichgesetzt. Dadurch entstehen viele Missverständnisse. In diesem Beitrag werde ich euch die Bedeutung dieser beiden Wörter in ganz einfachen Worten darlegen.
Din (دین) kann mehrere Bedeutungen haben. Erstens: Macht, Autorität, Herrschaft, Königtum, Oberhoheit und Regierungsgewalt. Zweitens: das genaue Gegenteil davon, nämlich Erniedrigung, Gehorsam, Knechtschaft, Unterordnung und Sklaverei. Drittens: Abrechnung, Urteil und die Vergeltung für alle Taten. Im heiligen Koran wird das Wort „Din“ (دین) in all diesen drei Bedeutungen verwendet:
إِنَّ الدِّينَ عِنْدَ اللهِ الْإِسْلَام تن – ال عمران : ۱۹
Das heißt: Der einzige Din bei Allah ist jener, bei dem der Mensch allein Allah, den Erhabenen, für mächtig hält und sich vor niemand anderem als Ihm demütig beugt. Er erkennt allein Allah als Herrn, Eigentümer, König und König der Könige an und wird außer Ihm nicht zum Diener, Knecht, Gehorsamen, Untergebenen oder Gefolgsmann irgendeines anderen. Er hält allein Allah für denjenigen, der Rechenschaft fordert und für alle Taten angemessene Vergeltung gewährt, und kümmert sich um keine Rechenschaft vor irgendjemand anderem; er erwartet keine Vergeltung von jemand anderem und fürchtet nicht die Strafe irgendeines anderen. Dieser Din wird Islam genannt. Wenn ein Mensch diesen Glauben aufgibt, jemand anderen außer Allah für den wahrhaft Mächtigen, den Gesetzgeber, den eigentlichen König und Eigentümer sowie den wahren Vergelter hält, sich vor ihm demütig beugt, ihm dient und sich ihm unterwirft, nach seinem Befehl handelt, seine Vergeltung erhofft und seine Strafe fürchtet, dann muss man diesen als einen falschen Din betrachten. Allah wird einen solchen Din niemals annehmen. Denn er widerspricht völlig der eigentlichen Wahrheit. In dieser gesamten Welt gibt es außer Allah niemanden, der wahrhaft mächtig und geehrt ist. Hier besitzt außer Allah niemand Herrschaft oder Königtum. Und der Mensch ist nicht dazu erschaffen worden, jemand anderem außer Allah zu dienen und sich ihm zu unterwerfen. Außer dem wahren Eigentümer besitzt niemand die Macht, Taten zu vergelten.
Dasselbe wird in einem anderen Vers folgendermaßen gesagt:
وَمَنْ يُبْتَغِ غَيْرَ الْإِسْلامِ دِينًا فَلَنْ يُقْبَلَ مِنْهُ – – ال عمران : ٨٥
Das heißt: Wer die Herrschaft und Oberhoheit Allahs aufgibt, jemand anderen als seinen Eigentümer und Gesetzgeber anerkennt, dessen Dienst und Unterwerfung annimmt und ihn für den Vergelter der Taten hält, dessen Din wird Allah, der Erhabene, niemals annehmen. Denn:
وَمَا أُمِرُوا إِلَّا لِيَعْبُدُوا اللَّهَ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ حُنَفَاءَ – البيئة : .
„Allah hat den Menschen als seinen eigenen Diener erschaffen, und ihnen wurde nicht befohlen, irgendjemand anderen außer Ihm zu dienen. Ihre einzige verpflichtende Pflicht besteht darin, sich von allen Seiten abzuwenden und ausschließlich für Allah ihren Din – das heißt Gehorsam und Unterwerfung – zu bestimmen, sich Ihm allein zuzuwenden und nur Seine Fähigkeit zur Abrechnung zu fürchten.“ – Sure al-Bayyina: 4–5
أفغير دينِ اللهِ يَبْغُونَ وَلَهُ أَسْلَمَ مَن فِي السَّمَوتِ وَالْأَرْضِ طَوْعًا وَكَرْها
وإِلَيْهِ يُرْجَعُونَ – ال عمران : ۸۳
„Will der Mensch etwa jemand anderem außer Allah dienen und dessen Befehlen gehorchen? In Wirklichkeit sind doch alle Dinge in den Himmeln und auf der Erde ausschließlich Allah, dem Erhabenen, völlig unterworfen und gehorchen Seinen Befehlen, und diese Dinge müssen für ihre eigene Abrechnung zu niemand anderem außer Allah zurückkehren. Will der Mensch dennoch entgegen allen Dingen in den Himmeln und auf der Erde einen anderen Weg als den Gehorsam gegenüber Allah einschlagen?“ – Sure Al Imran: 83
هُوَ الَّذِي أَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدَى وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ .
ولو كَرِهَ الْمُشْرِكُونَ ٥ – الصف : ٩
„Allah, der Erhabene, hat Seinen Propheten mit der islamischen Lebensordnung und der Ordnung des Gehorsams gegenüber der Wahrheit gesandt, damit Er die Herrschaft und das Götttliche aller ‚falschen Götter‘ auf der ganzen Welt zerstört und die Menschen so befreit, dass sie niemand anderem außer Allah dienen – ganz gleich, wie sehr die Ungläubigen und Götzendiener aus Unwissenheit schreien und dies verabscheuen.“ – Sure as-Saff: 9
وَقَاتِلُوهُمْ حَتَّى لا تَكُونَ فِتْنَةٌ وَيَكُونَ الدِّينُ كُلُّهُ لِلَّهِ – – الانفال : ٣٩
„Kämpft, damit die Herrschaft anderer als Allahs für immer aus der Welt verschwindet und in der Welt nur Allahs Gesetz errichtet wird. Mögen alle Allahs Königsherrschaft anerkennen und die Menschen nur Allah dienen.“ – Sure al-Anfal: 39
Ich hoffe, dass durch die obige Erklärung die Bedeutung des Wortes ‚Din‘ für den Leser deutlich geworden ist. Kurz gesagt bedeutet es: Allah als Eigentümer, Herrn und Gesetzgeber anzuerkennen, ausschließlich Allah zu dienen, Ihm zu gehorchen und Ihm zu folgen, Allahs Abrechnung und Seine Bestrafung zu fürchten und nur von Ihm eine Vergeltung zu erhoffen.
Da Allahs Gebote den Menschen jedoch durch Sein Buch und Seinen Gesandten übermittelt werden, gehört es ebenfalls zum ‚Din‘, den Gesandten als Allahs Gesandten und das Buch als Allahs Buch anzuerkennen und ihm in der Praxis zu folgen. Wie Allah gesagt hat:
يبَنِي آدَمَ إِمَّا يَأْتِيَنَّكُمْ رَسُلٌ مِّنْكُمْ يَقُصُّونَ عَلَيْكُمُ ايْتِي، فَمَنِ اتَّقَى وأصلح فَلَا خَوْفٌ عَلَيْهِمْ وَلَا هُمْ يَحْزَنُونَ ٥ – الاعراق: ٣٥
„O Kinder Adams! Wenn Meine Propheten zu euch kommen und euch die Gebote übermitteln, dann wird für diejenigen, die diese Gebote befolgen, ein vorbildliches Leben führen und ihre Angelegenheiten entsprechend regeln, kein Grund zur Furcht bestehen.“ – Sure al-A’raf: 35
Dadurch wurde klar, dass Allah Seine Gebote nicht unmittelbar zu jedem einzelnen Menschen sendet, sondern sie durch Seine Propheten übermittelt. Daher kann derjenige, der Allah als Gesetzgeber anerkennt, Allahs Geboten nur dadurch gehorchen, dass er den Befehlen der Propheten folgt und sich den von ihnen verkündeten Geboten unterwirft. Dies wird ‚Din‘ genannt.
Nun werde ich die Definition der Scharia erläutern. Das Wort Scharia bedeutet: Weg und Regel. Sobald ein Mensch anerkennt, dass Allah der Gesetzgeber ist, Ihm dient, und ebenso anerkennt, dass der Gesandte als ein von Allah bevollmächtigter Gesetzgeber gekommen ist und dass das Buch von Ihm herabgesandt wurde, tritt er in den Din ein. Die Regeln, nach denen er Allah dienen muss, und der Weg, den er zur Befolgung Seiner Gebote beschreiten muss, werden Scharia genannt. Diesen Weg und diese Handlungsweise hat Allah Ta’ala durch Seinen Gesandten gesandt. Wie man den Herrn anbeten muss, nach welchen Regeln man sich reinigt, was der Weg des Guten und der Gottesfurcht ist, wie man die Rechte anderer Menschen erfüllt, wie man Geschäfte führt und wie man sein Leben gestaltet – all dies hat der Prophet verkündet. Der Unterschied zwischen Din und Scharia besteht darin, dass der Din immer einer war, einer ist und immer derselbe bleiben wird; die Scharia jedoch ist in der Welt vielfach gekommen und vielfach verändert worden. Durch diese Veränderungen der Scharia hat sich der Din jedoch niemals verändert. Was der Din von Hadhrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, war, war auch der Din von Hadhrat Nuh, Friede sei mit ihm, und ebenso der Din von Hadhrat Musa, Friede sei mit ihm. Auch der Din von Hadhrat Shu’aib, Friede sei mit ihm, Hadhrat Salih, Friede sei mit ihm, und Hadhrat Hud, Friede sei mit ihm, war derselbe; und ebenso war der Din des letzten Propheten, Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. In der Scharia jedes einzelnen dieser Propheten bestanden jedoch gewisse Unterschiede. Die Regeln für das Gebet und das Fasten waren in den verschiedenen Scharias jeweils unterschiedlich. Die Bestimmungen über Verbotenes und Erlaubtes, die Regeln der rituellen Reinheit, die Gesetze über Heirat und Scheidung sowie über die Verteilung des Eigentums waren in jeder Scharia verschieden. Dennoch waren sie alle Muslime. Auch die Gemeinschaften von Hadhrat Nuh, Hadhrat Ibrahim und Hadhrat Musa, Friede sei mit ihnen, waren Muslime, und auch wir sind Muslime, denn der Din aller ist einer. Daraus wird ersichtlich, dass der Din einer bleibt, auch wenn die Bestimmungen der Scharia verschieden sind; es entsteht darin kein Unterschied, wie verschieden die Regeln und Wege des Handelns gemäß dem Din auch sein mögen.
Um diesen Unterschied zu verstehen, soll ein Beispiel gegeben werden. Stellen Sie sich vor, ein Herr habe eine große Zahl von Dienern. Wer diesen Herrn nicht als seinen Herrn anerkennt und nicht einmal für notwendig hält, seine Befehle zu befolgen, ist offenkundig ungehorsam und wird überhaupt nicht zu den Dienern gezählt. Diejenigen aber, die ihn als ihren Herrn anerkennen, glauben, dass sie seine Befehle befolgen müssen, und sich davor fürchten, ihm ungehorsam zu sein, werden alle zu den Dienern gezählt. Die Art, wie sie dienen und ihm zu Diensten sind, kann unterschiedlich sein; im Grunde sind sie jedoch alle gleichermaßen Diener desselben Herrn, daran besteht kein Zweifel. Wenn der Herr oder Gebieter einem Diener eine bestimmte Dienstregel und einem anderen eine andere Regel vorschreibt, kann keiner von ihnen sagen: Ich bin der Diener des Herrn, aber jener ist kein Diener. Wenn nun jeder Diener Sinn und Zweck des Befehls des Herrn auf andere Weise versteht und beide den Befehl nach ihrem eigenen Verständnis befolgen, sind sie hinsichtlich ihres Dienstes gleich. Es kann natürlich sein, dass ein Diener den Befehl des Herrn falsch verstanden hat, während der andere ihn richtig verstanden hat. Doch solange beide entsprechend dem Befehl gehandelt haben, kann keiner den anderen des Ungehorsams oder des Ausscheidens aus dem Dienst des Herrn beschuldigen.
Anhand dieses Beispiels können Sie den gegenseitigen Unterschied zwischen Din und Scharia sehr gut verstehen. Vor dem Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte Allah Ta’ala durch verschiedene Propheten verschiedene Scharias gesandt. Dem einen hatte Er eine bestimmte Dienstordnung vorgeschrieben und dem anderen eine andere. Alle, die nach diesen Regeln gemäß Allahs Befehl handelten, waren Muslime, obwohl ihre Dienstordnungen unterschiedlich waren. Als danach der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in die Welt kam, befahl Allah Ta’ala, der Herr aller: Nun habe Ich alle früheren Regeln aufgehoben. Wer künftig Mir dienen will, muss genau nach der Regel handeln, die Ich durch Meinen letzten Propheten verkünden werde. Danach hat niemand mehr das Recht, nach einer früheren Regel zu dienen. Denn wenn jemand diese neue Regel nicht anerkennt und weiterhin nach der alten Regel lebt, muss man sagen, dass er in Wirklichkeit den Befehl seines Herrn nicht befolgt, sondern nur seinem eigenen Willen folgt. Somit ist er nun aus dem Dienst entlassen worden. Mit den Begriffen der Religion bedeutet das, dass er zum Kafir geworden ist.
Dasselbe gilt für diejenigen, die den früheren Propheten weiterhin folgen wollen. Auf die Anhänger des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, passt jedoch der zweite Teil des angeführten Beispiels sehr gut. Alle, die die Scharia, die Allah Ta’ala uns durch Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gesandt hat, als Allahs Scharia anerkennen und es für ihre Pflicht halten, sie zu befolgen, sind Muslime. Wenn nun einer diese Scharia auf eine Weise versteht und ein anderer auf eine andere Weise und beide entsprechend ihrem eigenen Verständnis handeln, werden sie trotz aller Unterschiede in ihren äußerlichen Handlungen nicht aus dem Dienst ausgeschlossen. Denn jeder von ihnen ist vollkommen davon überzeugt, dass die Regel, nach der er handelt, von Allah gegeben ist, und folgt ihr in diesem Bewusstsein. Wie kann daher ein Diener sagen: Nur ich bin ein wahrer Diener, jener aber ist kein wahrer Diener? Selbst wenn er mehr behauptet, kann er höchstens sagen: Ich habe die genaue Bedeutung des Befehls meines Herrn verstanden, jener jedoch hat sie nicht richtig verstanden. Dennoch hat er kein Recht, den anderen aus dem Dienst zu entlassen oder ihn als entlassen zu betrachten. Wenn jemand es trotzdem wagt, eine solche Anmaßung zu begehen, nimmt er unrechtmäßig die Stellung des eigentlichen Herrn für sich in Anspruch. Der Sinn seiner Worte wäre: So wie du verpflichtet bist, den Befehl deines Herrn zu befolgen, bist du ebenso verpflichtet, meinen Befehl zu befolgen. Wenn du meinen Befehl nicht befolgst, werde ich dich durch meine eigene Macht aus dem Dienst deines Herrn entlassen. Denken Sie ein wenig darüber nach, welch ungeheure Anmaßung dies ist. Deshalb sagte der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: Wer einen Muslim ohne Grund als Kafir bezeichnet, auf den selbst fällt seine Aussage zurück. Denn Allah Ta’ala hat den Muslim zum Diener Seines eigenen Befehls gemacht. Jener aber sagt: Nein, du sollst meiner Vernunft und meiner Meinung dienen. Das bedeutet: Nicht Allah allein ist dein Ilah, sondern auch ich bin ein kleiner Ilah von dir; und wenn du meinen Befehl nicht befolgst, werde ich dich durch meine eigene Macht aus dem Dienst Allahs entlassen – ob Allah Ta’ala ihn nun entlässt oder nicht. Wer solche Worte spricht, bringt sich selbst in die Gefahr des Kufr, ganz gleich, ob der andere Muslim durch seine Worte zum Kafir wird oder nicht. Ich hoffe, Sie haben den Unterschied zwischen Din und Scharia nun gut verstanden. Zugleich haben Sie erfahren, dass der eigentliche Din trotz der Unterschiede in den äußerlichen Formen des Dienens keinen Unterschied aufweist. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass der Mensch, auf welche Weise er auch handelt, dies mit aufrichtiger Absicht tut und dabei im Bewusstsein handelt, dass die Regel, nach der er handelt, die Regel Allahs und Seines Gesandten ist.
Nun werde ich darlegen, welch großen Schaden unsere muslimische Gemeinschaft dadurch erleidet, dass sie den Unterschied zwischen Dīn und Scharia nicht versteht. Unter den Muslimen gibt es verschiedene Arten, das Gebet zu verrichten. Die einen verschränken die Hände auf der Brust, die anderen unterhalb des Nabels. Die einen rezitieren als Muqtadī hinter dem Imam die Sura al-Hamd, die anderen tun es nicht; die einen sprechen „Āmīn“ laut, die anderen leise in ihrem Herzen. Jeder von ihnen folgt seiner jeweiligen Vorgehensweise in der Überzeugung, dass dies die Vorgehensweise des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sei. Obwohl sich die äußerlichen Formen des Gebets unterscheiden, sind sie daher alle gleichermaßen Anhänger des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm. Doch jene ungerechten Menschen, die die Unterschiede in diesen Einzelheiten der Scharia als Unterschiede im eigentlichen Dīn ansehen, haben deshalb eigene Gruppen gebildet und getrennte Moscheen errichtet. Die einen beschimpfen die anderen, prügeln sie aus der Moschee hinaus, reichen Klagen ein und zerreißen auf diese Weise die Umma des Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, in Stücke.
Da die Herzen dieser Teufel selbst dadurch nicht zur Ruhe kommen, bezeichnen sie einander wegen kleiner und belangloser Dinge weiterhin als Kāfir, Fāsiq und irregeleitet. Ein Mensch leitet aus Koran und Hadith nach seinem eigenen Verständnis Allahs Gebot ab. Nun hält er es nicht für ausreichend, selbst gemäß dem zu handeln, was er verstanden hat; vielmehr will er seine eigene Ansicht auch anderen mit Gewalt aufzwingen. Wenn ein anderer sich weigert, dies anzunehmen, beginnt er, ihn als Kāfir und als jemanden zu betrachten, der aus Allahs Dīn ausgeschlossen ist.
Die verschiedenen Gruppen, deren Namen ihr unter den Muslimen hört – etwa Hanafiten, Schafiiten und Ahl al-Hadith –, glauben alle, dass der edle Koran und der Hadith das letztgültige Buch beziehungsweise die letztgültige Quelle sind, und erkennen daraus entsprechend ihrem eigenen Gewissen und Verstand Rechtsnormen und Vorschriften. Es ist möglich, dass die Entscheidung des einen richtig und stichhaltig ist, während die des anderen falsch ist. Auch ich folge einer bestimmten Vorgehensweise und halte sie für richtig. Mit den Menschen, die ihr widersprechen, führe ich Gespräche: Ich bemühe mich, ihnen zu erklären, was ich als richtig erkannt habe, und möchte ihnen auch die Mängel und Fehler dessen verständlich machen, was ich für falsch halte. Doch dass jemand eine falsche Entscheidung trifft, ist eine Sache; aus dem Dīn ausgeschlossen zu sein, ist etwas völlig anderes. Jeder Muslim hat das Recht, die Angelegenheiten der Scharia seinem eigenen Gewissen entsprechend zu praktizieren. Wenn zehn Muslime nach zehn verschiedenen Methoden handeln, bleiben sie, solange sie der Scharia folgen, allesamt Muslime und gehören derselben Umma an; es gibt keinerlei Grund, verschiedene Parteien und Gruppen zu bilden. Doch diejenigen, die diese tiefgründige Wahrheit nicht verstehen, streiten sich wegen äußerst kleiner und belangloser Dinge. Die eine Gruppe beginnt Streit mit der anderen, trennt Gebete und Moscheen voneinander, bricht für immer die Heirats-, Umgangs- und sonstigen Beziehungen zur anderen Gruppe ab und bildet mit den Menschen ihrer eigenen Ansicht eine eigene Partei. Es scheint, als gehörten sie der Umma eines anderen Propheten an.
Ihr könnt euch vorstellen, welch gewaltigen Schaden den Muslimen durch solche Spaltungen entstanden ist. Man sagt, die Muslime seien eine Gruppe – eine Umma. Auf diesem Subkontinent gibt es achtzig Millionen Muslime. [Anmerkung: Diese Ansprache wurde 1937–38 in Pathankot (in Darul Islam) gehalten.]
Wenn eine so große Gemeinschaft wirklich geeint gewesen wäre und in vollkommener Einigkeit dafür gearbeitet hätte, das Wort Allahs zu erhöhen, hätte keine Macht der Welt sie für schwach halten können. In Wirklichkeit aber ist diese Umma gerade wegen dieser Spaltungen in zahlreiche kleine Gruppen zerfallen. Die Herzen ihrer Angehörigen sind einander gegenüber von Gift und Respektlosigkeit erfüllt. Selbst in Zeiten großer Gefahren können sie sich nicht vereinen und der Gefahr gemeinsam entgegentreten. Die Muslime der einen Gruppe betrachten die Muslime der anderen Gruppe als ebenso sehr als Feinde, wie ein Jude einen Christen als Feind betrachtet – ja, sogar noch mehr. Es ist sogar vorgekommen, dass eine Gruppe von Muslimen sich mit den Kāfir verbündet und sich mit ihnen verschworen hat, um eine andere Gruppe von Muslimen zu besiegen. Wenn die Muslime der Welt unter solchen Umständen schwach geworden sind, ist das nicht verwunderlich. Dies ist die Frucht ihrer eigenen Taten. Über sie ist eben jene Strafe herabgesandt worden, von der Allah, der Erhabene, im edlen Koran gesagt hat:
أن يَلْبِسَكُمْ شِيَعًا وَيُذِيقَ بَعْضَكُم بَأْس بعض – – الانعام : ٦٥„Allah kann euch auch eine Strafe auferlegen, durch die Er euch in verschiedene Gruppen spaltet und die einen von euch die Gewalt der anderen kosten lässt.“ – Sura al-Anʿām: 65
Die oben erwähnte Strafe ist in dieser Gegend in besonders großem Ausmaß zu beobachten. Hier gibt es unzählige Gruppen unter den Muslimen; selbst die Gruppen der Gelehrten sind nicht zu zählen. Eben deshalb besitzen die Muslime und die Gelehrten dieser Gegend keine Stärke. Wenn ihr wirklich Gutes wollt, dann löst diese verschiedenen Gruppen unter euch und unter den Gelehrten auf. Schließt euch als Brüder zu einer einzigen Umma zusammen. In der islamischen Scharia gibt es keinen Raum dafür, getrennte Gruppen wie Hanafiten, Schafiiten, Ahl al-Hadith und ähnliche zu bilden. Solche Spaltungen entstehen nur aus Unwissenheit. Andernfalls hat Allah, der Erhabene, doch nur eine einzige Gruppe geschaffen, und diese eine einzige Gruppe sind die Muslime.
Das Wesen von Gebet und Fasten
ʿIbāda
Im letzten Aufsatz des Buches „Das Wesen des Islam“ wurden die eigentliche Bedeutung und Erklärung der beiden Begriffe „Dīn“ und „Scharia“ dargelegt. Hier werde ich euch die ausführliche Bedeutung des Wortes „ʿIbāda“ vortragen. Dieses Wort wird von der großen Mehrheit der Muslime häufig ausgesprochen; doch viele kennen seine eigentliche Bedeutung nicht. Allah, der Erhabene, hat im edlen Koran gesagt:
وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِ
„Ich habe die Dschinn und die Menschen nur zu dem Zweck erschaffen, dass sie allein Mir ʿIbāda erweisen.“ (Sura adh-Dhāriyāt: 56)
Daraus wurde zweifellos deutlich, dass die Geburt des Menschen sowie der Zweck und das Ziel seines Lebens in nichts anderem als der Ibadat und dem Dienen Allahs, des Erhabenen, bestehen. Nun können Sie leicht verstehen, wie wichtig es für uns ist, die wahre Bedeutung des Wortes „Ibadat“ zu kennen. Wenn Sie die Bedeutung dieses Wortes nicht kennen, können Sie das erhabene Ziel, zu dem Sie erschaffen wurden, unter keinen Umständen jemals erreichen. Und was sein Ziel nicht erreichen kann, bleibt erfolglos und fruchtlos.
Wenn ein Arzt einen Patienten nicht heilen kann, sagt man, dass er in seiner ärztlichen Behandlung gescheitert ist; wenn ein Bauer keine gute Ernte hervorbringen kann, wird sein Versagen in der Landwirtschaft ganz offensichtlich. Ebenso muss man sagen, dass Ihr Leben gescheitert ist, wenn Sie das Ziel Ihres Lebens, nämlich die Ibadat, nicht erfüllen können. Deshalb hoffe ich, dass Sie der Kenntnis der wahren Bedeutung und Tragweite des Wortes „Ibadat“ besondere Aufmerksamkeit schenken und sie fest in Ihrem Herzen und Verstand verankern werden. Denn der Erfolg oder Misserfolg des menschlichen Lebens hängt ganz und gar davon ab.
Das Wort „Ibadat“ ist vom arabischen Wort „ʿAbd“ (عْبُدُ) abgeleitet. „ʿAbd“ bedeutet Diener und Sklave. Daher bedeutet das Wort „Ibadat“, jemandem zu dienen und sich ihm als Sklave zu unterwerfen. Wenn jemand der Sklave eines anderen ist, seinem wirklichen Herrn vollkommen ergeben bleibt und sich ihm gegenüber genau wie ein Diener verhält, so nennt man dies Dienen und Ibadat. Wenn dagegen jemand der Diener eines anderen ist und von seinem Herrn den vollen Lohn erhält, sich aber dennoch nicht wie ein wirklicher Diener verhält, muss man sagen, dass er ungehorsam und rebellisch geworden ist. Eigentlich sollte man dies als Undankbarkeit bezeichnen. Daher müssen Sie zunächst wissen, wie man vor dem Herrn wie ein „Diener“ handelt und ihm seine Ergebenheit bekundet.
Ein Diener oder Sklave muss seinen Herrn zunächst als „Gebieter“ anerkennen und sich zu Herzen nehmen, dass es seine Pflicht ist, demjenigen gehorsam zu sein, der sein Besitzer ist, der ihm täglich seinen Lebensunterhalt gewährt und der ihn beschützt und versorgt. Niemand außer ihm hat das Recht, meinen Gehorsam zu erhalten. Den Herrn jederzeit zu gehorchen, seine Befehle auszuführen, ihm nicht einmal für einen Augenblick die Gefolgschaft zu verweigern, im Herzen keinen Gedanken gegen den Herrn aufkommen zu lassen und nicht den Befehlen irgendeines anderen zu folgen – das ist die zweite Pflicht des Dieners. Ein Sklave bleibt immer ein Sklave; er hat nicht das Recht zu sagen: „Ich werde diesem Befehl meines Herrn gehorchen, jenem aber nicht.“ Ebenso wenig kann er sagen: „Ich bin für eine bestimmte Zeit der Sklave meines Herrn, aber zu allen anderen Zeiten bin ich völlig frei und von seiner Knechtschaft losgelöst.“
Die dritte Aufgabe des Dieners besteht darin, seinem Herrn Respekt und Ehrerbietung zu erweisen und sich in seiner Gegenwart angemessen zu benehmen. Zu der Zeit, die der Herr für die Art und Weise der Bekundung von Anstand und Ehre festgelegt hat, unbedingt zu erscheinen und durch das Anerkennen des Gehorsams und der Knechtschaft gegenüber dem Herrn seine Entschlossenheit und aufrichtige Hingabe zu beweisen, ist unbedingt erforderlich.
Die Handlung, die durch die Verbindung dieser drei Vorgänge vollendet wird, nennt man in der arabischen Fachsprache „Ibadat“: erstens das Anerkennen der Knechtschaft gegenüber dem Herrn, zweitens der Gehorsam gegenüber dem Herrn und drittens die Wahrung des Respekts und der Ehrerbietung gegenüber dem Herrn.
Allah, der Erhabene, hat gesagt:
وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِ
Die eigentliche Bedeutung davon ist: Allah, der Erhabene, hat die Dschinn und die Menschheit einzig zu dem Zweck erschaffen, dass sie nur Ihm dienen und keinem anderen, nur Allahs Gebote befolgen und die Gebote keines anderen, und sich nur vor Ihm aus Ehrerbietung und Ehrfurcht verneigen und vor keinem anderen. Diese drei Dinge hat Allah, der Erhabene, mit dem umfassenden Begriff „Ibadah“ bezeichnet. Das ist die Bedeutung aller Verse, in denen Allah, der Erhabene, die Ibadah angeordnet hat. Die Quintessenz sämtlicher Lehren unseres letzten Propheten und der vor ihm erschienenen edlen Propheten lautet:
„Dient niemandem außer Allah“ – das heißt: Auf der ganzen Welt gibt es nur einen einzigen König, der Anspruch auf Dienstbarkeit und Gehorsam hat – und das ist Allah, der Erhabene. Es gibt nur eine einzige Ordnung oder ein einziges Gesetz, dem man folgen soll – nämlich die von Allah gegebene Lebensordnung. Und es gibt nur ein einziges Wesen, das man anbeten, verehren und verehrend anrufen darf. Dieses Wesen ist allein Allah.
يَا قَوْمِ اعْبُدُوا اللَّهَ مَا لَكُمْ مِنْ إِلَٰهٍ غَيْرُهُ
Behalten Sie diese Bedeutung des Wortes Ibadah im Gedächtnis und beantworten Sie weiterhin meine Fragen. Wenn ein Diener seine vom Herrn festgelegten Pflichten nicht erfüllt, sondern lediglich mit gefalteten Händen vor Ihm steht und hunderttausendmal nur Seinen Namen rezitiert – was würden Sie über einen solchen Diener sagen? Der Herr befiehlt ihm, den anderen Menschen ihre Rechte zu geben. Doch dieser bleibt einfach dort stehen, verneigt sich zehnmal vor seinem Herrn, grüßt Ihn und steht dann wieder mit gefalteten Händen da. Der Herr befiehlt ihm, schädliche Handlungen zu unterlassen. Doch er bewegt sich keinen Schritt von der Stelle, sondern verrichtet lediglich die Niederwerfung. Der Herr befiehlt ihm, die Hand eines Diebes abzuschlagen. Doch er bleibt stehen und rezitiert oder spricht zwanzigmal mit wohlklingender Stimme: „Schlagt die Hand des Diebes ab“, ohne auch nur einmal zu versuchen, eine solche Regierungsordnung zu errichten, unter der die Hand eines Diebes abgeschlagen werden könnte. Was würden Sie über einen solchen Diener sagen? Können Sie behaupten, dass er seinem Herrn tatsächlich dient und Ibadah verrichtet? Ich weiß nicht, was Sie zu einem Ihrer Diener sagen würden, wenn er sich so verhielte. Doch erstaunlicherweise bezeichnen Sie den Diener Allahs, der sich so verhält, als „großen Abid“ (jemanden, der Ibadah verrichtet, einen frommen und ehrwürdigen Menschen usw.). Diese Menschen lesen vom Morgen bis zum Abend Hunderte von Allahs Geboten im ehrwürdigen Koran, bemühen sich aber nicht im Geringsten, sie zu befolgen und in die Tat umzusetzen. Stattdessen verrichten sie immer weitere freiwillige Gebete, zählen Tausende von Perlen des Tasbih im Namen Allahs und rezitieren den edlen Koran mit lieblicher Stimme. Sie sehen solche Taten und rufen voller Bewunderung: „Oh, was für ein großer Abid und was für ein großer Gottesfürchtiger ist dieser Mann!“ Der Hauptgrund für dieses falsche Verständnis ist, dass Sie die eigentliche Bedeutung des Wortes Ibadah überhaupt nicht kennen.
Nehmen wir nun noch einen anderen Diener. Tag und Nacht arbeitet er ausschließlich für andere, hört auf die Befehle anderer und führt sie aus, befolgt die Gesetze anderer und widersetzt sich allen Befehlen und Anordnungen seines eigentlichen Herrn, wie zahlreich sie auch sein mögen. Doch wenn es Zeit ist, den „Gruß“ zu entrichten, erscheint er vor seinem eigentlichen Herrn und wiederholt mit den Lippen nur dessen Namen. Was würden Sie tun, wenn einer Ihrer Diener sich so verhielte? Würden Sie ihm seinen „Gruß“ nicht ins Gesicht zurückschleudern? Wenn er Sie mit den Lippen als seinen Herrn bezeichnet, würden Sie ihm dann nicht sagen: „Du bist ein durch und durch verlogener und treuloser Mensch! Du isst mein Gehalt, dienst aber anderen; mit dem Mund nennst du mich deinen Herrn, doch in Wirklichkeit arbeitest du ausschließlich für andere“? Dass dies eine Sache des gesunden Menschenverstandes ist, kann niemandem schwer verständlich sein. Doch welch erstaunliche Sache: Diejenigen, die Tag und Nacht Allahs Gesetz brechen, nach den Befehlen der Ungläubigen und Götzendiener handeln und in ihrem tatsächlichen Berufs- und Alltagsleben keinerlei Rücksicht auf Allahs Ordnung nehmen – deren Gebete, Fasten, Tasbih-Rezitation, Koranrezitation, Haddsch, Zakat und dergleichen halten Sie für Ibadah. Auch der Grund für dieses falsche Verständnis ist, dass Sie die eigentliche Bedeutung des Wortes Ibadah nicht kennen.
Nehmen wir noch das Beispiel eines weiteren Dieners. Der Herr hat für seine Diener eine bestimmte Art von Kleidung festgelegt, und dieser Diener trägt genau diese Kleidung in den vorgeschriebenen Maßen. Mit großer Höflichkeit und Sorgfalt erscheint er vor seinem Herrn und nimmt jeden Befehl, sobald er ihn hört, demütig an, als gäbe es keinen gehorsameren Diener als ihn. Wenn der „Gruß“ entrichtet wird, tritt er ganz offen vor alle hin und beweist unter allen Dienern seine Überlegenheit und Hingabe darin, den Namen seines Herrn zu rezitieren. Andererseits dient dieser Mann den Feinden und Aufständischen seines Herrn, beteiligt sich an all ihren Verschwörungen gegen ihn und unterstützt jede ihrer Bemühungen, den Namen seines Herrn sogar aus der Welt zu tilgen. Bei Nacht gräbt dieser Elende einen Tunnel in das Haus seines Herrn, und bei Tagesanbruch erscheint er wie der äußerst gehorsame Diener mit gefalteten Händen vor seinem Herrn. Was würden Sie über einen solchen Diener sagen? Sicherlich würden Sie nicht zögern, ihn als Heuchler, Aufständischen und undankbaren Verräter zu bezeichnen. Doch wie nennen Sie den Diener Allahs, wenn er sich so lächerlich verhält? Dann titulieren Sie den einen als „Pir Sahib“, den anderen als „Hazrat Maulana“, einen weiteren als „großen Vollkommenen“ oder als „Gottesfürchtigen“ und dergleichen. Der Grund dafür ist, dass Sie sich von ihren angemessen langen Bärten, ihren Hosen, die zwei Zoll über den Knöcheln enden, dem schwarzen Gebetsmal auf ihrer Stirn, ihren langen Gebeten und den großen Perlen ihres Tasbih täuschen lassen und sie für besonders religiöse und gottesdienstliche Menschen halten. Dieser Irrtum besteht nur deshalb, weil sich die falsche Bedeutung von „Ibadah“ und Frömmigkeit in Ihrem Denken festgesetzt hat.
Vielleicht meinen Sie, dass nur diese wenigen Handlungen die eigentliche Ibadah seien: mit gefalteten Händen in Richtung Qibla zu stehen, sich mit auf die Knie gelegten Händen zu verneigen, den Kopf auf den Boden zu legen und sich niederzuwerfen sowie einige bestimmte Worte auszusprechen. Vielleicht meinen Sie, Ibadah bestehe darin, vom ersten Tag des Ramadan bis zum Erscheinen des Neumonds von Schawwal jeden Tag vom Morgen bis zum Abend auf Essen und Trinken zu verzichten. Vielleicht meinen Sie auch, dass das Rezitieren einiger Rukuʿ aus dem edlen Koran Ibadah sei, oder Sie verstehen darunter, nach Mekka zu gehen und das Haus der Kaaba zu umrunden. Kurz gesagt: Sie haben diese äußerlichen Formen als „Ibadah“ betrachtet, und wenn Sie die genannten Handlungen unter Wahrung dieser äußerlichen Formen ausführen, meinen Sie, die „Ibadah“ vollendet zu haben und
وَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالْإِنسَ إِلَّا لِيَعْبُدُونِden Zweck erfüllt zu haben. Daher kann er in allen anderen Lebensbereichen völlig frei nach seinem eigenen Belieben handeln.
Doch in Wahrheit ist die Ibadat, für die Allah der Erhabene Sie erschaffen und zu der Er zu Ihnen befohlen hat, etwas völlig anderes. Diese Ibadat besteht darin, dass Sie in jedem Augenblick Ihres Lebens Allahs Gehorsam anerkennen und sich entschieden weigern, irgendetwas zu befolgen, was in dieser Welt Allahs Gesetz widerspricht. Jede Ihrer Handlungen und jede Ihrer Bewegungen muss innerhalb der von Allah festgelegten Grenzen bleiben. Ihr gesamtes Leben, das Sie auf diese Weise führen, wird als Ibadat gelten. In einem solchen Leben werden Ihr Schlafen und Wachsein, Ihr Essen und Trinken, Ihr Gehen und Kommen, Ihr Sprechen und sogar Ihre Gespräche als Ibadat betrachtet. Sogar der eheliche Verkehr mit Ihrer Frau und Ihre Zuneigung zu Ihren Kindern werden zur Ibadat gehören. Auch die Tätigkeiten, die Sie als „Dunyadari“ – weltliche Angelegenheiten – bezeichnen, können Ibadat und Dindari – religiöse Frömmigkeit – sein, wenn Sie alle Angelegenheiten innerhalb der von Allah festgelegten Grenzen und nach der von Allah gegebenen Ordnung regeln und bei jedem Schritt darauf achten, was bei Allah erlaubt und was unerlaubt ist, was halal und was haram, was verpflichtend und was verboten ist, durch welche Handlung Allah zufrieden ist und durch welche Er unzufrieden wird. Als Beispiel sei angeführt: Sie gehen hinaus, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen und Geld zu erwerben. Auf diesem Weg werden Ihnen unzählige leichte Möglichkeiten zu haramem Verdienst begegnen. Wenn Sie nun aus Gottesfurcht diese Gelegenheit nicht ergreifen, sondern ausschließlich halalen Lebensunterhalt und halal erworbenes Geld verdienen, dann zählt die gesamte Zeit, die Sie dafür aufwenden, als Ibadat. Wenn Sie dieses auf erlaubte Weise erworbene Geld nach Hause bringen, selbst davon essen und für die Ernährung Ihrer Familie sorgen und zugleich die Ansprüche der übrigen von Allah bestimmten Berechtigten erfüllen, werden Sie auch für diese Tätigkeiten unermesslichen Lohn erhalten. Wenn Sie unterwegs einen Dorn aus dem Weg entfernen, in dem Gedanken, dass dadurch vielleicht ein Diener Allahs verletzt werden könnte, wird auch dies als Ihre Ibadat gelten. Wenn Sie einen Kranken pflegen, jemandem beim Weitergehen helfen oder einer bedrängten Person beistehen, wird auch dies Ibadat sein. Wenn Sie beim Sprechen Lüge, üble Nachrede, Verleumdung und dergleichen vermeiden, ebenso anstößige Worte, durch die Sie andere verletzen, und aus Gottesfurcht nur die Wahrheit sagen, dann wird die gesamte Zeit, die Sie dafür aufwenden, als in Ibadat verbrachte Zeit gelten.
Daher bedeutet Allah zu dienen, von dem Augenblick an, in dem man zur Besinnung gelangt, bis zum Tod nach Allahs Gesetz zu leben und sein Leben gemäß den von Ihm bestimmten Vorschriften zu führen. Für diese Ibadat gibt es keine bestimmte Zeit. Sie muss jederzeit stattfinden; sie hat keine bestimmte äußerliche Form, vielmehr muss jede Handlung in jeder Form Allahs Ibadat sein. Sie können nicht sagen: „Zu dieser Zeit bin ich Allahs Diener, zu jener Zeit aber nicht.“ Ebenso können Sie nicht sagen: „Diese Zeit ist für Allahs Ibadat bestimmt, während ich zu jener Zeit keine Ibadat zu verrichten brauche.“ Durch diese Erörterung haben Sie die Bedeutung des Wortes Ibadat gut kennengelernt und verstanden, dass Ibadat bedeutet, in jedem Augenblick und unter allen Umständen Allah zu dienen und Ihm zu gehorchen. Hier könnten Sie fragen: Was ist dann mit Namaz, Fasten, Hadsch und Zakat und Ähnlichem? Ich werde antworten: Auch dies sind Ibadat. Diese Ibadat wurden Ihnen nur deshalb zur Pflicht gemacht, damit Sie durch sie das große Ziel Ihres Lebens erreichen: in jedem Augenblick und unter allen Umständen Allah zu dienen. Das Namaz erinnert Sie täglich fünfmal daran, dass Sie Allahs Diener sind und dass es Ihre Pflicht ist, nur Ihm zu dienen. Das Fasten bereitet Sie einmal im Jahr einen ganzen Monat lang gerade auf diesen Dienst vor. Die Zakat erinnert Sie immer wieder daran, dass das Geld, das Sie erworben haben, eine Gabe Allahs ist und dass Sie es nicht bloß nach Ihren eigenen Wünschen ausgeben dürfen; vielmehr müssen Sie damit die Ansprüche Ihres Herrn erfüllen. Der Hadsch prägt dem menschlichen Herzen ein solches Bild von Allahs Liebe, Zuneigung und Erhabenheit ein, dass es, sobald es sich einmal darin eingeprägt hat, während des ganzen Lebens nicht mehr daraus gelöscht werden kann. Wenn Ihr gesamtes Leben nach der Verrichtung dieser verschiedenen Ibadat geeignet wird, sich in Allahs Ibadat zu verwandeln, dann wird Ihr Namaz zweifellos ein wahrhaftiges Namaz, Ihr Fasten ein aufrichtiges Fasten, Ihre Zakat eine wirkliche Zakat und Ihr Hadsch ein echter Hadsch sein. Wird dieses Ziel jedoch nicht erreicht, so werden Sie nichts gewinnen, wenn Sie lediglich die Verbeugungen und Niederwerfungen vollziehen, Hunger und Durst ertragen, die Riten des Hadsch ausführen und unter dem Namen der Zakat Geld ausgeben. Die äußerlichen und formalen Ibadat kann man mit dem Körper eines Menschen vergleichen. Wenn er Leben in sich trägt und sich bewegen oder tätig sein kann, ist er zweifellos der Körper eines lebenden Menschen; andernfalls ist er nur ein lebloser Körper. Die Augen, Ohren, Hände und Füße eines Leichnams sind alle vorhanden; doch weil ihm das Leben fehlt, begraben Sie ihn in einer Erdgrube. Ebenso gilt: Wenn die Bestandteile und Vorschriften des Namaz ordnungsgemäß ausgeführt oder die Bedingungen des Fastens richtig eingehalten werden, aber im Herzen und in der Seele die Furcht vor Allah, die Liebe zu Allah und die Haltung, Ihm zu dienen und zu gehorchen, nicht vorhanden sind – genau das, dessentwegen diese Pflichten Ihnen auferlegt wurden –, dann wird auch dies zweifellos eine leblose und sinnlose Sache sein.
Wie die verschiedenen Ibadat, die Ihnen zur Pflicht gemacht wurden, Sie auf welche Weise und mit welchen Mitteln auf jene eigentliche und größte Ibadat vorbereiten und welche Auswirkungen ihre bewusste und verständnisvolle Verrichtung auf Ihr Leben haben wird, werde ich im nächsten Aufsatz ausführlich erörtern – so Allah will.
Namaz
Im vorherigen Aufsatz habe ich die wahre Bedeutung der Ibadat erläutert. Zu diesem Zweck – der Ibadat – hat Allah der Erhabene die Menschen und die Dschinn erschaffen. Um den Menschen zu aufrichtigen Dienern Allahs des Erhabenen zu machen, wurden im Islam mehrere bestimmte Ibadat zur Pflicht gemacht. Deshalb möchte ich diesmal nur kurz über das Namaz sprechen.
Im vorherigen Aufsatz haben Sie erfahren, dass die eigentliche Bedeutung von „Ibadat“ Dienst und Knechtschaft ist. Da Sie also ausschließlich zum Dienen erschaffen wurden, können Sie sich niemals und unter keinen Umständen von Allahs Dienstbarkeit befreien. Ebenso wenig, wie Sie sagen können: „Für diese Anzahl von Minuten oder Stunden bin ich Allahs Diener, während ich es zu allen anderen Zeiten nicht bin“, können Sie sagen: „Ich werde diese Zeit in Allahs Ibadat verbringen, während ich zu anderer Zeit völlig frei bin und dann tun kann, was ich will.“ Denn Sie wurden als Allahs Sklave – als Allahs Diener – geboren. Es ist unbedingt erforderlich, Ihr Leben ausschließlich in Seinem Dienst und in Seiner Dienstbarkeit zu verbringen; keinen einzigen Augenblick Ihres Lebens können Sie von Seiner Ibadat und Dienstbarkeit frei sein.
Ich habe Ihnen bereits zuvor gesagt, dass es keine Ibadat ist, die weltlichen Tätigkeiten aufzugeben, sich in eine Ecke zurückzuziehen und „Allahu, Allahu“ zu sagen. Vielmehr bedeutet Ibadat, jede Arbeit, die Sie in dieser Welt verrichten, genau nach Allahs Gesetz und Seinen Vorschriften auszuführen. Ihr Schlaf und Ihre Ruhe, Ihr Wachsein, Essen und Trinken, Ihr Gehen und Kommen – kurz gesagt, alles müssen Sie nach Allahs Gesetz und Seinen Vorschriften tun. Gegenüber Ihrer Ehefrau, Ihren Kindern, Ihren Brüdern und Schwestern sowie Ihren Verwandten müssen Sie sich genau nach Allahs Anweisungen verhalten. Auch wenn Sie mit Freunden scherzen und sich unterhalten, müssen Sie daran denken, dass wir nicht von den Fesseln der Knechtschaft Allahs befreit sind. Auch beim Verdienen des Lebensunterhalts sowie beim Umgang mit Geld müssen Sie in jedem Tun und jedem Wort Allahs Gebote und Verbote beachten und dürfen niemals die von Allah gesetzten Grenzen überschreiten. Wenn es in der Dunkelheit der Nacht sehr leicht wäre, eine Sünde zu begehen, und Sie meinen, niemand könne Sie dabei sehen, müssen Sie sich auch dann daran erinnern, dass Allah, der Erhabene, alles sieht, ob jemand anderes Sie sieht oder nicht. In Ihrem Herzen sollte die Furcht vor Allah fest verankert sein, nicht die Furcht vor den Menschen. Selbst wenn Sie tief im Wald sitzen und eine Sünde begehen möchten und meinen, dass weder die Polizei noch irgendein anderer Mensch Sie dabei sehen könne, werden Sie die Sünde dennoch allein aus Furcht vor Allah meiden. Wenn Sie durch Lüge, Korruption, Betrug, Unrecht und Ausbeutung große Vorteile erlangen könnten und niemand da wäre, der Sie daran hindert, werden Sie dennoch Allah fürchten und aus Angst vor Seinem Missfallen von diesem Vorteil absehen. Wenn Sie andererseits durch die Wahrung von Ehrlichkeit und Gerechtigkeit sogar schweren Schaden erleiden müssten, werden Sie dennoch keinen Augenblick zögern, diesen Schaden in der Hoffnung auf Allahs Wohlgefallen hinzunehmen. Daher kann man es nicht Ibadat nennen, das geschäftige Leben der Welt aufzugeben und sich in eine Ecke des Hauses oder der Moschee zu setzen, um den Tasbih zu rezitieren. Ibadat bedeutet vielmehr, mitten in diesem Labyrinth der Welt verstrickt zu sein und sein Leben nach Allahs Vorschriften zu führen. Nur die Worte „Allahu, Allahu“ mit dem Mund auszusprechen, kann man nicht Allahs Zikr nennen. Der wahre Zikr Allahs besteht darin, sich in den schwierigen Netzen weltlicher Arbeit und Sorgen zu befinden und Allah dennoch nicht zu vergessen. Auch wenn man in Dinge verstrickt ist, die den Menschen Allah vergessen lassen, Ihn nicht zu vergessen; auch wenn sich im weltlichen Leben eine Gelegenheit bietet, Allahs Gesetz zu übertreten, um große Vorteile zu erlangen oder sich vor gewaltigem Schaden zu bewahren, sich dennoch an Allah zu erinnern und Sein Gesetz standhaft zu befolgen – das ist der wahre Zikrullah oder Zikr Allahs. Auf diesen Zikr weist der folgende Vers des Qurans hin:
فَإِذا قُضِيَتِ الصَّلاةُ فَانتَشِروا فِي الأَرضِ وَابتَغوا مِن فَضلِ اللَّهِ وَاذكُرُوا اللَّهَ كَثيرًا لَعَلَّكُم تُفلِحونَ
„Wenn das Gebet vollständig verrichtet ist, dann breitet euch auf der Erde aus; bemüht euch um Allahs Gaben zum Lebensunterhalt und gedenkt Allahs während dieser Bemühungen sehr häufig. Dann werdet ihr vielleicht Erfolg haben.“
(Al-Dschumu’a: 10)
Behalten Sie diese Bedeutung der „Ibadat“ wach in Ihrem Herzen und denken Sie gründlich darüber nach, welche Dinge unerlässlich sind, um diese große und höchste „Ibadat“ ordnungsgemäß zu erfüllen, und wie das Namaz diese Dinge im Menschen hervorbringt. Um ein aufrichtiger „Diener“ Allahs zu sein, muss man sich immer wieder daran erinnern, dass man Allahs Diener ist und dass es die eigene Aufgabe ist, zu jeder Zeit und in jeder Angelegenheit allein Allah zu dienen. Diese Erinnerung ist deshalb immer wieder notwendig, weil im Herzen des Menschen stets ein „Schaitan“ gegenwärtig ist; er versucht ständig, den Menschen zu seinem eigenen „Sklaven“ zu machen.
Um diese Verführung und das Labyrinth des Schaitans zu durchbrechen, muss man den Menschen jeden Tag immer wieder unbedingt daran erinnern: „Du bist allein ein Diener Allahs, des Erhabenen; außer Ihm bist du niemandes Diener – weder des Schaitans noch irgendeines Menschen.“ Das Namaz lässt dieses Bewusstsein im Herzen des Menschen lebendig werden. Sobald Sie morgens aus dem Schlaf erwachen, erinnert es Sie als Erstes und noch vor allen Tätigkeiten daran. Auch während des Tages, wenn Sie mit den verschiedensten Arbeiten beschäftigt sind, erinnert es Sie dreimal daran, und wenn nachts die Zeit des Schlafens kommt, wiederholt es diese Erinnerung ein letztes Mal. Dass das Namaz den Menschen immer wieder daran erinnert, Allahs „Diener“ zu sein, ist sein erster Nutzen. Deshalb wird das Namaz im Edlen Quran „Zikr“ genannt, das heißt, durch es wird Allahs gedacht.
Danach müssen Sie in jedem Schritt dieses Lebens Allahs Gebote und Verbote befolgen. Deshalb ist es wünschenswert, dass das Bewusstsein für die Pflicht und das Verantwortungsgefühl in Ihrem Herzen stets wach sind; außerdem müssen Sie sich darin üben, diese Pflicht zu erfüllen. Wer nicht weiß, was eine „Pflicht“ ist, kann Allahs Vorschriften niemals befolgen. Wer andererseits die Bedeutung der Pflicht kennt, aber wegen mangelnder angemessener Schulung keinen tatkräftigen Eifer zeigt, diese Pflicht zu erfüllen, bei dem kann man keineswegs darauf vertrauen, dass er die Hunderttausende von Gesetzen und Vorschriften, die ihm Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden lang, auferlegt werden, mit aufrichtiger Hingabe und Festigkeit befolgen wird.
Wer bei der Polizei oder beim Militär arbeitet, weiß, mit welcher Strenge in diesen beiden Bereichen das Pflichtbewusstsein und die ordnungsgemäße Erfüllung der Pflicht trainiert werden. Mehrmals am Tag und in der Nacht wird die Trompete geblasen. Den Soldaten wird befohlen, sich an einem bestimmten Ort zu versammeln, und sie werden zum Exerzieren antreten gelassen. All dies geschieht ausschließlich, um sie an die Erfüllung ihrer Pflichten zu gewöhnen. Deshalb werden diejenigen, die sich in diesen Dingen als unfähig, untätig und ungeeignet erweisen, die trotz des Trompetensignals zu Hause sitzen bleiben oder beim Exerzieren den Anweisungen nicht folgen, als Erstes entlassen. Ebenso lässt das Namaz fünfmal am Tag und in der Nacht die „Trompete“ ertönen. Sobald die Soldaten Allahs diese „Trompete“ hören, werden sie herbeieilen und beweisen, dass sie unter allen Umständen bereit sind, Allahs Befehl zu befolgen. Wer dieses „Trompetensignal“ hört und dennoch sitzen bleibt und nicht bereit ist, sich auch nur einen Schritt von seinem Platz zu bewegen, kennt entweder die Bedeutung der „Pflicht“ nicht oder ist, obwohl er ihre Bedeutung versteht, nicht würdig, in die Armee Allahs aufgenommen zu werden.
Aus diesem Grund sagte der Prophet (s.a.w.): „Wenn ich den Ruf zum Gebet höre und sehe, dass manche Menschen dennoch ihre Häuser nicht verlassen, bekomme ich den Wunsch, ihre Häuser in Brand zu setzen.“ Und eben deshalb wird im Hadith als wichtigstes Kennzeichen zur Unterscheidung zwischen Kufr und Islam festgelegt, das Gebet zu verrichten. Zur Zeit des Propheten (s.a.w.) und der Sahaba wurde jemand, der nicht zum Gebet in der Gemeinschaft erschien, überhaupt nicht als Muslim bezeichnet. Selbst jene Heuchler, die sich als Muslime ausgeben mussten, waren gezwungen, am Gemeinschaftsgebet teilzunehmen. Deshalb werden die Heuchler im Qur’an nicht etwa dafür getadelt, dass sie nicht beten, sondern es wird gesagt, dass sie nicht mit aufrichtigem Eifer und voller Hingabe zum Gebet aufstehen, sondern nur mit größter Nachlässigkeit, Widerwillen und Geringschätzung.
(Arabisch)
Durch diese Ausführungen wird zweifellos bewiesen, dass es keinen Grund gibt, jemanden, der nicht betet, als „Muslim“ zu betrachten. Denn der Islam ist keine bloße Glaubensreligion, bei der die Pflichterfüllung darin bestünde, einige Dinge innerlich zu glauben. Vielmehr ist er eine vollständig praktisch ausgerichtete, lebensnahe Religion. Und zwar in einem solchen Maße, dass es zur Pflicht wird, in jedem Augenblick nach dem Islam zu handeln und unaufhörlich gegen Kufr und Frevelhaftigkeit zu kämpfen. Für ein solches umfassendes, tätiges Leben ist es für jeden Muslim unerlässlich, jederzeit zur Befolgung der Gebote Allahs bereit zu sein. Wer nicht in dieser Weise bereit ist, ist für den Islam völlig untätig. Genau aus diesem Grund wurden fünf Gebete täglich und nächtlich zur Pflicht gemacht. Diese fünf täglichen Gebete dienen dazu, in der Praxis zu prüfen und zu beweisen, ob die Muslime tatsächlich Muslime sind und ob sie im praktischen Leben bereit sind, Allahs Gebote zu befolgen. Wenn ein Muslim beim Hören des „Trompetensignals“ zu Allahs Parade nicht im Geringsten reagiert, wird klar bewiesen sein, dass er nicht bereit ist, sein Leben gemäß den Lehren des Islam zu führen. Wenn er danach behauptet, an Allah und den Gesandten zu glauben, ist das völlig bedeutungslos. Deshalb heißt es im Qur’an:
وَاستَعينوا بِالصَّبرِ وَالصَّلاةِ ۚ وَإِنَّها لَكَبيرَةٌ إِلّا عَلَى الخاشِعينَ
Das bedeutet: Nur für diejenigen, die nicht bereit sind, Allahs Dienerschaft und Gehorsam anzuerkennen, wird das Gebet zu einer schwierigen Angelegenheit. Und bei denen, die das Gebet als schwierig empfinden, zeigt sich eben dadurch, dass sie nicht bereit sind, Allahs Dienerschaft und Gehorsam anzuerkennen und ihr Leben entsprechend zu führen.
Drittens: die Furcht vor Allah. Diese Furcht muss im Herzen eines jeden Muslims ständig wach sein. Ein Muslim kann niemals nach dem Islam handeln, solange nicht der feste Glaube in seinem Herzen verwurzelt ist, dass Allah ihn jederzeit und überall sieht und über all seine Bewegungen vollständig Bescheid weiß. Allah sieht ihn auch in der Dunkelheit; selbst wenn er völlig ohne jeden Begleiter ist, ist Allah bei ihm. Es ist möglich, sich vor der gesamten Welt zu verbergen, aber es ist keineswegs möglich, sich Allahs Blick zu entziehen. Der Mensch kann allen Arten von Strafe und Zwangsmaßnahmen der ganzen Welt entgehen; vor Allahs Strafe und Gericht kann jedoch niemand gerettet werden. Dieser feste Glaube hält den Menschen davon ab, Allahs Gebote zu verletzen. Aufgrund dieses Glaubens ist der Mensch verpflichtet, in allen Angelegenheiten des Lebens die von Allah festgelegten Grenzen von Halal und Haram einzuhalten. Wenn dieser Glaube schwach wird, kann ein Muslim keineswegs ein wahrhaft muslimisches Leben führen. Allah hat die fünf täglichen Gebete zur Pflicht gemacht, damit dieser Glaube immer wieder in Erinnerung gerufen und durch die ständige Erinnerung fest im menschlichen Herzen verankert wird. Im Qur’an hat Allah selbst die Wirkung und Besonderheit des Gebets verkündet:إِنَّ الصَّلاةَ تَنهىٰ عَنِ الفَحشاءِ وَالمُنكَرِ ۗ
„Wahrlich, das Gebet hält den Menschen von Sünde, Unrecht, Schändlichkeit und schamlosen Taten ab.“
Die Wahrheit dieser Aussage können Sie selbst erkennen, wenn Sie darüber nachdenken: Wenn Sie zum Gebet gehen, gehen Sie im Zustand der Reinheit und mit vollzogenem Wudu. Wenn Ihr Körper unrein wäre und Sie zum Gebet erschienen, ohne die Ganzkörperwaschung vorzunehmen, oder wenn Sie in unreiner Kleidung zum Gebet gingen, oder wenn Sie trotz fehlendem Wudu sagen würden: „Ich komme mit Wudu“, könnte Sie niemand auf der Welt dabei ertappen. Dennoch tun Sie so etwas niemals.
Aber warum? Weil Sie ohne jeden Zweifel glauben, dass keine Sünde vor Allahs Blick verborgen bleiben kann. Selbst wenn Sie die Bittgebete und Suren, die im Gebet leise rezitiert werden müssen, nicht rezitieren, kann das niemand erfahren. Dennoch unterlassen Sie dies nicht, denn Allah hört alles und ist Ihnen ganz nahe. Ebenso beten Sie auch in einen dichten Wald, beten in der Dunkelheit der Nacht und beten sogar dann, wenn Sie in Ihrem eigenen Haus völlig allein sind. Dabei kann Sie zu diesen Zeiten niemand sehen, und niemand erfährt, ob Sie gebetet haben oder nicht. Was ist der Grund dafür? Der Grund ist, dass Sie sich davor fürchten, Allahs Gebot heimlich, fern von den Blicken aller Menschen, zu verletzen, und dass Sie ohne jeden Zweifel glauben, dass kein Vergehen vor Allahs Blick verborgen werden kann. Daran können Sie erkennen, wie das Gebet Allah im menschlichen Herzen wachhält und wie es den Glauben daran, dass Allah gegenwärtig und alles wahrnehmend, allwissend und der Kenner des Innersten ist, im menschlichen Herzen äußerst fest verankert. Wenn diese Furcht und dieser feste Glaube nicht in Ihrem Herzen verankert und stets wach wären, wie könnten Sie dann Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden lang, Allah dienen und Ihn anbeten? Wenn diese Furcht nicht in Ihrem Herzen wäre, wie könnten Sie dann bei den unzähligen Tätigkeiten des Tages und der Nacht aus Furcht vor Allah fest auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Guten stehen und sich von jeder Art von Sünde und Ungehorsam fernhalten?
Viertens ist es für Sie unerlässlich, Allahs Gesetz vollständig kennenzulernen, um Ihm zu dienen. Denn wie sollten Sie ein Gesetz befolgen, wenn Sie es nicht kennen? Das Gebet erfüllt dieses Bedürfnis. Deshalb wurde vorgeschrieben, im Gebet Verse aus dem Koran zu rezitieren. Dadurch können Sie Tag und Nacht mit Allahs Gesetz und Seinen Geboten vertraut werden. Auch die Khutba vor dem Freitagsgebet wurde zu diesem Zweck eingeführt; durch sie können Sie die islamischen Vorschriften kennenlernen. Ein weiterer Nutzen des Gebets in der Gemeinschaft und des Freitagsgebets besteht darin, dass Gelehrte und Ungebildete zu diesem Zweck immer wieder an einem Ort zusammenkommen und allen eine hervorragende Gelegenheit geboten wird, Allahs Gebote kennenzulernen. Trotzdem bemühen Sie sich nicht, aus dem, was Sie im Gebet rezitieren, Allahs Gebote zu erfahren. Die Khutba am Freitag wird so gehalten, dass Sie selbst nach wiederholtem Zuhören keinerlei Wissen über den Islam erlangen. Und obwohl Sie zum Gemeinschaftsgebet zusammenkommen, lehren die Gelehrten die Ungebildeten nichts, und die Ungebildeten fragen die Gelehrten nichts. Wie kann man das anders nennen als ein großes Unglück? Das Gebet bietet Ihnen in dieser Hinsicht ungehinderte Möglichkeiten. Wenn Sie daraus keinen Nutzen ziehen, was kann dann das Gebet dafür?
Fünftens kann der Muslim in diesem weiten Tätigkeitsfeld des Lebens nicht vereinzelt bleiben. Vielmehr ist es ihre Pflicht, dass alle Muslime sich zusammenschließen, gemeinsam Allahs Gebote befolgen, ihr Leben nach Seinen Geboten gestalten und einander dabei unterstützen, Allahs Gesetz in der Welt durchzusetzen. Sie wissen, dass in diesem Lebensbereich auf der einen Seite die Muslime stehen – Diener, die Allahs Geboten gehorchen –, und auf der anderen Seite die Gruppen der Allah widerspenstigen und ungläubigen Menschen. Tag und Nacht findet ein unaufhörlicher Konflikt und Kampf zwischen dem Befolgen von Allahs Geboten und dem Aufbegehren gegen Allah statt. Die Ungläubigen verletzen Allahs Gesetz und setzen in der Welt an dessen Stelle das Gesetz Satans durch. Ein einzelner Muslim kann ihnen niemals siegreich entgegentreten, wenn er isoliert bleibt. Daher ist es für Allahs Diener Pflicht, sich zu vereinen, den Feinden Allahs mit vereinter Kraft entgegenzutreten und sich darum zu bemühen, Allahs Gesetz in der Welt durchzusetzen. Doch außer dem Gebet kann nichts diese gewaltige Einheit und Kraft schaffen. Die fünf täglichen Gemeinschaftsgebete, die große wöchentliche Gemeinschaft beim Freitagsgebet und danach die gewaltigen Versammlungen bei den beiden Festgebeten im Jahr – all dies formt die Muslime gleichsam zu einer festen Mauer und weckt unter ihnen jene Einheit des Denkens, der Gefühle, der Ansichten und des Handelns, die unbedingt erforderlich ist, damit die Muslime einander in den alltäglichen Angelegenheiten zu Helfern werden.
Was rezitiert man im Gebet?
Wir haben bereits ausführlich erörtert, wie das Gebet den Menschen darauf vorbereitet, Allah zu dienen, sich Ihm zu unterwerfen und Ihm gehorsam zu folgen. Wenn Sie alles lesen, was hierzu geschrieben wurde, konnten Sie klar verstehen, dass ein Mensch, der das Gebet ordnungsgemäß verrichtet, weil er es als Gebot und Pflicht Allahs betrachtet, durch dieses Gebet gewiss stets die Furcht vor Allah, den Glauben daran, dass Allah gegenwärtig und alles wahrnehmend ist, sowie den Glauben an seine eines Tages erfolgende Anwesenheit vor Seinem Gericht in sich wachhalten wird, selbst wenn er die Bedeutung der Bittgebete und Suren im Gebet nicht versteht. Er wird sich stets bewusst sein, dass er niemandem außer Allahs Diener ist – Allah allein ist sein wahrer König und Herr. Dadurch wird er sich an die Erfüllung seiner Pflichten gewöhnen und in jeder Lage bereit sein, Allahs Gebote zu befolgen. Auch jene Eigenschaften, die notwendig sind, damit der Mensch sein gesamtes Leben unter Allahs Dienerschaft verbringt und sein ganzes Leben in Anbetung verwandelt, werden durch dieses Gebet in ihm hervorgebracht. Ich hoffe, dass Sie bereits im vorherigen Aufsatz gut verstanden haben, wie dieser Nutzen durch das Gebet erlangt werden kann.
Nun muss man verstehen und darüber nachdenken: Wenn man schon dadurch einen so großen Nutzen erlangen kann, dass man das Gebet verrichtet, ohne die Bedeutung seiner Bittgebete und Suren zu verstehen, welche gewaltige Veränderung kann sich dann in seinem Glauben, seinen Überzeugungen, seiner Denkweise, seinen Gewohnheiten und seinem Charakter vollziehen, wenn jemand das Gebet aufmerksam und verständig verrichtet und mit Herz und Verstand versteht und empfindet, was er rezitiert? Und nach welchem vorbildlichen Ideal kann sein ganzes Leben gestaltet werden? Diesen Gegenstand werde ich hier eingehend zu erörtern versuchen.
Denken Sie zunächst über den Adhan nach. Wozu werden Sie täglich fünfmal aufgerufen? Es wird gesagt:
ٱللهُ أَكْبَر– „Allah ist der Größte, Allah ist größer als alle anderen.“
أَشْهَدُ أَنْ لاَ إِلَـٰهَ إِلَّا ٱللهُ – „Ich bezeuge, dass es außer Allah keinen Anbetungswürdigen gibt. Niemand außer Allah ist der Anbetung würdig.“
أَشْهَدُ أَنَّ مُحَمَّدًا رُسُولُ ٱلله – „Ich bezeuge, dass Muhammad der von Allah gesandte Gesandte ist.“
حَيَّ عَلَىٰ ٱلصَّلاة – „Kommt zum Gebet.“
حَيَّ عَلَىٰ ٱلْفَلاَح – „Kommt zu dem, worin Glück und Wohlergehen liegen.“
الله أكبر – „Allah ist der Größte, Allah ist der Größte.“
لا إله إلا الله – „Es gibt keinen Anbetungswürdigen außer Allah.“
Bedenken Sie, welch machtvoller Ruf dies ist. Dieser Ruf erinnert Sie fünfmal täglich gerade daran: „Alle, die auf der Erde Anspruch auf Göttlichkeit erheben, sind Lügner; nur Einer ist in Himmel und Erde Inhaber der Göttlichkeit und Herrschaft, und nur Er ist der Anbetung würdig. Kommt, lasst uns Ihn alle gemeinsam anbeten. In der Anbetung liegen für uns alle das wahre Wohl dieser Welt und des Jenseits.“
Wer kann, nachdem er diese herzergreifende Stimme gehört hat, reglos sitzen bleiben? Für jemanden, in dessen Herzen auch nur ein Quäntchen Glauben ist, ist es keineswegs möglich, nach einem solch furchtlosen Zeugnis und einem so klaren Aufruf reglos sitzen zu bleiben; ebenso wenig kann er anders, als vor dem wahren Herrn und Besitzer zu erscheinen und sich vor Ihm niederzuwerfen.
Sobald Sie diesen Ruf hören, stehen Sie auf und überlegen als Allererstes: Bin ich rein oder unrein? Sind meine Kleider rein? Habe ich Wudu oder nicht? Mit anderen Worten: Sie empfinden ganz deutlich, dass das Erscheinen vor dem Hof des Königs beider Welten sich völlig von allen anderen Angelegenheiten der Welt unterscheidet. Andere Tätigkeiten kann man unter allen Umständen verrichten; doch vor diesem erhabenen Hof genügt nicht allein die Reinheit des Körpers und der Kleidung, vielmehr ist auch eine zusätzliche (besondere) Reinheit, nämlich Wudu, unbedingt erforderlich. Ohne diese Reinheit hier zu erscheinen, wäre äußerst respektlos. Mit diesem Bewusstsein denken Sie zunächst daran, sich zu reinigen, und beginnen danach mit dem Wudu. Wenn Sie während dieses Wudu beim Waschen jedes einzelnen Körperteils sowie nach dessen Abschluss die vom ehrwürdigen Propheten Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gelehrten Bittgebete sprechen und Allah angemessen gedenken, werden nicht nur Ihre Körperteile gewaschen, sondern auch Ihr Herz wird gereinigt. Nach Abschluss des Wudu ist folgendes Bittgebet zu sprechen:
اللَّهُمَّ اجْعَلْنِي مِنَ التَّوَّابِينَ وَاجْعَلْنِي مِنَ الْمُتَطَهِّرِينَ” “أَشْهَدُ أَنْ لَا إِلَهَ إلَّا اللهُ وَحْدَهُ لَا شَرِيكَ لَهُ، وَأَشْهَدُ أَنَّ مُحَمَّداً عَبْدُهُ وَرَسُولُهُ„Ich bezeuge, dass es keinen Anbetungswürdigen außer Allah gibt, dem Einen und Einzigen, der keinen Teilhaber hat, und ich bezeuge ferner, dass der ehrwürdige Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Sein Diener und Gesandter ist. O Allah, nimm mich in die Gemeinschaft der reumütig Umkehrenden auf und mache mich zu einem, der Reinheit wahrt.“
Danach stellen Sie sich zum Gebet auf. Ihr Gesicht ist zur heiligen Qibla gewandt. In vollkommener Reinheit erscheinen Sie vor dem Hof des Königs der gesamten Welt.
Als Allererstes kommt aus Ihrem Mund:ٱللهُ أَكْبَر„Allah ist der Größte.“
Nachdem Sie dieses gewaltige Bekenntnis im Herzen und mit dem Mund ausgesprochen haben, heben Sie beide Hände bis zu den Ohren – als Zeichen dafür, dass Sie sich von der Welt und allem, was zu ihr gehört, lossagen – und stehen mit gefalteten Händen vor Ihrem König. Danach tragen Sie in äußerster Demut vor:
سبحانك اللهم و بحمدك، وتبارك اسمك، و تعالى جدك، ولا إله غيرك
„O Allah! Ich preise Deine Heiligkeit; der Segen und die Erhabenheit Deines Namens zusammen mit Deinem Lob sind wahrlich unvergleichlich. Du bist der Allergrößte, Deine Ehre steht über der Ehre aller anderen. Es gibt keinen Anbetungswürdigen außer Dir.“
أعوذ بالله من الشيطان الرجيم
„Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem verfluchten, verworfenen Satan.“
بسم الله الرحمن الرحيم
„Ich beginne im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.“
الحمد لله رب العالمين
–„Alles Lob und jede Art von Preis gebührt Allah, dem Herrn der Welten.“
الرحمن الرحيم
–Er ist überaus barmherzig und gnädig.
مالك يوم الدين
-Er ist der alleinige Herrscher über den Tag des Gerichts. An diesem Tag werden alle Taten der Menschen beurteilt, und jeder wird die Folgen seiner Taten zu tragen haben.
إياك نعبدوإياك نستعين
-O Herr! Wir beten allein dich an und bitten allein dich um Hilfe.
اهدنا الصراط المستقيم
-Zeige uns den leichten, geraden, richtigen Weg.
صراط الذين أنعمت عليهم
-Den Weg derjenigen, die deine Gnade und Belohnung erhalten haben.
غير المغضوب عليهم ولأ الضا لين
– und nicht derer, die auf den Weg der Verfluchten und der Irregehenden geführt worden sind.
– O Allah! Nimm unser Bittgebet an und erfülle unsere Herzenswünsche.
Danach müssen einige Verse des edlen Korans rezitiert werden. Jeder einzelne Vers des Korans ist von Nektar erfüllt. Darin finden sich unschätzbare Ermahnungen und Lehren sowie ein Aufruf zum wahren Weg. In der Sure al-Fātiha wird um den einfachen und geraden Weg gebeten; sie enthält die Rechtleitung und Beschreibung eben dieses geraden Weges. Als Beispiele werden hier einige Suren erwähnt:
وَالعَصرِ إِنَّ الإِنسانَ لَفي خُسرٍ إِلَّا الَّذينَ آمَنوا وَعَمِلُوا الصّالِحاتِ وَتَواصَوا بِالحَقِّ وَتَواصَوا بِالصَّبرِ
„Bei der Zeit! Der gesamte Mensch befindet sich am Rande des Verderbens. Ausgenommen sind nur diejenigen, die glauben, rechtschaffene Werke tun (wie es der Anspruch des Glaubens verlangt), einander zur Wahrheit ermahnen und einander anraten, auf dem Weg der Wahrheit standhaft und fest zu bleiben (nur sie können vor dem Weg des Verderbens gerettet werden).“
Aus dieser kurzen Sure lernen wir, dass der Mensch nur auf eine einzige Weise vor Verderben und Misserfolg gerettet werden kann. Es genügt nicht, aufrichtig an Allah zu glauben und gemäß den von Allah gegebenen Vorschriften zu handeln; zugleich muss es eine gut organisierte Gemeinschaft gläubiger und rechtschaffener Menschen geben, die einander und die gesamte Menschheit der Welt zum Weg der Wahrheit und zur Gerechtigkeit aufruft und sich gegenseitig dabei hilft und unterstützt, in allen Arten von Leid und Not fest auf Allahs Religion, dem Islam, zu stehen.
Oder eine andere Sure, zum Beispiel:
أَرَأَيْتَ الَّذِي يُكَذِّبُ بِالدِّينِ
فَذَٰلِكَ الَّذِي يَدُعُّ الْيَتِيمَ
وَلَا يَحُضُّ عَلَىٰ طَعَامِ الْمِسْكِينِ
فَوَيْلٌ لِّلْمُصَلِّينَ
الَّذِينَ هُمْ عَن صَلَاتِهِمْ سَاهُونَ الَّذِينَ هُمْ يُرَاءُونَ
وَيَمْنَعُونَ الْمَاعُونَ
„Hast du gesehen, wie derjenige ist, der den Tag der Abrechnung – die Auferstehung – leugnet? Ein solcher Mensch weist die Waise zurück und gibt den armen Bedürftigen selbst keine Nahrung; ja, er nimmt nicht einmal die geringste Mühe auf sich, andere dazu anzuspornen. Verderben sei solchen Betenden bestimmt (weil sie das Jenseits leugnen), die beim Gebet achtlos sind. Selbst wenn sie beten, tun sie es nur, um gesehen zu werden, und ihre Herzen sind so eng, dass sie den Bedürftigen nicht einmal die geringsten und unbedeutendsten Dinge geben wollen.“
Die grundlegende Lehre dieser Sure ist, dass der Glaube an das Jenseits die Seele des Islams bildet. (Ohne ihn wären die islamischen Handlungen ebenso bedeutungslos wie ein lebloser Körper.) Außerdem kann kein Mensch auf dem von Allah gezeigten einfachen und geraden Weg gehen. Eine weitere Sure:
وَيْلٌ لِّكُلِّ هُمَزَةٍ لُّمَزَةٍ
الَّذِي جَمَعَ مَالًا وَعَدَّدَهُ
يَحْسَبُ أَنَّ مَالَهُ أَخْلَدَهُ
كَلَّا ۖ لَيُنبَذَنَّ فِي الْحُطَمَةِ
وَمَا أَدْرَاكَ مَا الْحُطَمَةُ
نَارُ اللَّهِ الْمُوقَدَةُ
الَّتِي تَطَّلِعُ عَلَى الْأَفْئِدَةِ
إِنَّهَا عَلَيْهِم مُّؤْصَدَةٌ
فِي عَمَدٍ مُّمَدَّدَةٍ
„Wehe allen, deren Gewohnheit es ist, nach den Fehlern anderer zu suchen und andere durch herabwürdigende, beleidigende Worte zu erniedrigen. Sie sammeln nur Geld und zählen es immer wieder, um zu sehen, wie es wächst. Sie meinen, ihr Vermögen werde für immer bei ihnen bleiben. Keineswegs! Eines Tages werden sie gewiss sterben und in die Dschahannam genannte Hölle, al-Hutama, geworfen werden. Und was lässt dich wissen, was al-Hutama ist? Es ist ein von Allah entzündetes Feuer; seine lodernden Flammen verbrennen sogar die Herzen. Es ist ein Feuer mit großen, hoch aufragenden Flammensäulen, die sie ringsum einschließen werden.“
Auf diese Weise enthalten die Suren und Verse des Qurʾān, die im Gebet rezitiert werden, jeweils wertvolle Lehren und Ermahnungen. Sie sagen dem Menschen in klaren Worten, dass er auf der Welt gemäß Allahs Gebot an die Menschen handeln muss. Nachdem Sie diese Verse voller Rechtleitung und Ermahnung rezitiert haben, gehen Sie mit den Worten „Allāhu akbar“ in den Rukūʿ. Legen Sie die Hände auf die Knie, neigen Sie den Kopf vor Allah, dem Herrn der Welten, und sagen Sie wiederholt:
„Hochheilig ist mein erhabener Herr und Erhalter.“ Danach richten Sie sich auf und sagen:(Arabisch***) „Allah hat die Worte dessen gehört, der Ihn lobt und preist.“ Danach werfen Sie sich mit den Worten „Allāhu akbar“ zur Niederwerfung nieder, bis Ihr Kopf den Boden berührt, und sagen:(Arabisch***) „Ich verkünde die Heiligkeit Allahs, des Großen und Allerhöchsten.“ Danach heben Sie den Kopf und setzen sich ehrerbietig hin, um zu rezitieren:
Es lautet: التحيات لله والصلوات والطيبات، السلام عليك أيها النبي ورحمة لله
وبركاته، السلام علينا و على عباد الله الصالحين، أشهد أن لا إله إلا الله، وأشهد أن محمدا عبده و رسوله.
„Alle unsere Grüße und Ehrbezeugungen, all unsere Gebete und jede Art von Reinheit gelten einzig Allah, dem Erhabenen.“
– O Prophet! Frieden sei mit dir; Allahs Barmherzigkeit und Gnade seien über dir.
– Allahs Barmherzigkeit sei über uns und über Allahs rechtschaffenen Dienern.
– Ich bezeuge, dass es keinen anderen Herrn und keine andere Gottheit außer Allah gibt. Und ich bezeuge ferner, dass der ehrwürdige Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Allahs Diener und Gesandter ist.“
Wenn Sie auf diese Weise das Glaubenszeugnis sprechen, müssen Sie den Zeigefinger erheben. Denn durch dieses Zeichen wird während des Gebets Ihr Bekenntnis und Ihre Glaubensüberzeugung verkündet; und wenn Sie die Worte dieses Glaubenszeugnisses mit dem Mund sprechen, müssen Sie sich ganz besonders darauf konzentrieren und Ihren Geist und Verstand intensiv darauf richten. Danach müssen Sie das folgende Segensgebet sprechen:
اللهم صل على محمد وعلى آل محمد، كما صليت على إبراهيم وعلى آل إبراهيم، وبارك على محمد وعلى آل محمد، كما باركت على إبراهيم
وعلى آل إبراهيم، في العالمين إنك حميد مجيد.
„O Allah! Erweise unserem Herrn und Führer, Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seinen Nachkommen Gnade und Barmherzigkeit, so wie Du Hazrat Ibrahim, Allahs Frieden sei auf ihm, und seinen Nachkommen Gnade erwiesen hast. Wahrlich, Du bist der Inbegriff vortrefflicher Eigenschaften und groß. O Allah! Sende Segen auf unseren Herrn und Führer Hazrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Nachkommen, so wie Du Segen auf Hazrat Ibrahim, Allahs Frieden sei auf ihm, und seine Nachkommen gesandt hast. Wahrlich, Du bist von vollkommen guter Wesensart und groß.“
Nach dem Sprechen des Durood betet man auf folgende Weise zu Allah:
اللهم إني أعوذ بك من عذاب جهنم، و من عذاب القبر، و من فتنة المحيا و الممات، و من فتنة المسيح الدجال، رب اغفر لي و لوالدي رب ارحمهما كما ربياني صغيرا.
„O Allah! Ich suche Zuflucht bei Dir, um vor der Strafe der Hölle bewahrt zu werden. Bei Dir suche ich Zuflucht vor der Strafe des Grabes. Ich suche Zuflucht bei Dir vor dem Unheil des irreführenden Daddschal, der sich auf der Erde ausbreiten wird. Ich suche Zuflucht bei Dir vor dem Unheil des Lebens und des Todes. O Allah! Auch vor unrechtmäßigen Taten und Schulden suche ich Zuflucht bei Dir.“
Nach dem Sprechen dieses Bittgebets ist das Gebet vollendet. Nachdem man sich vom Herrn der Welten verabschiedet hat, wendet man sich zunächst nach rechts und links und erbittet für alle Anwesenden und für jedes Ding auf der Welt Barmherzigkeit und Frieden und sagt:
السَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ
„Der Friede und die Barmherzigkeit Allahs seien mit euch.“ Dies ist gleichsam eine frohe Botschaft; mit dieser Botschaft sind Sie nach dem Gebet aus der Gegenwart Allahs zurückgekehrt. Auf diese Weise verrichten Sie das Gebet, indem Sie sehr früh aufstehen, noch bevor Sie alle weltlichen Tätigkeiten beginnen. Danach widmen Sie sich viele Stunden lang verschiedenen weltlichen Beschäftigungen. Kurz nach Mittag begeben Sie sich wieder in die Gegenwart Allahs und verrichten das Gebet; wenige Stunden später verrichten Sie dieses Gebet auch in der dritten Tageswache wieder. Nachdem Sie erneut einige Stunden gearbeitet haben, begeben Sie sich bei Sonnenuntergang wieder in die Gegenwart Allahs und verrichten dieses Gebet. Wenn dann die weltlichen Tätigkeiten beendet sind, treten Sie vor dem Schlafengehen ein letztes Mal vor Allah. Die letzten drei Rakʿat dieses letzten Gebets werden „Witr-Gebet“ genannt. In der dritten Rakʿa legen Sie vor Allah ein wichtiges Gelübde ab. Dieses Gelübde heißt „Duʿāʾ al-Qunūt“. Durch dieses Bittgebet schwört der Betende vor Allah in äußerster Demut und Bescheidenheit, Ihm zu gehorchen und Ihm zu dienen. Er verspricht, Ihm gehorsam zu folgen. Hören Sie aufmerksam, was Sie in diesem Gelübde sagen:
اللهم إنا نستعينك ونستغفرك ونؤمن بك ونتوكل عليك ونثني عليك الخير ونشكرك ولا نكفرك ونخلع ونترك من يفجرك
اللهم إياك نعبد ولك نصلي ونسجد وإليك نسعى ونحفد ونرجو رحمتك ونخشى عذابك إن عذابك بالكفار ملحق
„O Allah! Wir bitten Dich um Hilfe. Wir bitten Dich, uns unsere Sünden zu vergeben. Wir glauben an Dich. Wir verlassen uns einzig und allein auf Dich. Wir preisen Dich für alles Gute und jeden Segen. Wir danken Dir und leugnen Deine Gaben nicht. Wir versprechen Dir, dass wir zu denjenigen, die Dir ungehorsam sind, keinerlei Beziehung unterhalten, sondern sie verlassen werden. O Allah! Wir erkennen an, dass wir nur Dir dienen. Nur für Dich verrichten wir das Gebet, nur vor Dir werfen wir uns nieder, und all unsere Anstrengungen, all unser Streben und all die Mühen, die wir auf uns nehmen, gelten ausschließlich Deinem Wohlgefallen. Wir ertragen die Mühen allein in der Hoffnung, Deine Barmherzigkeit zu erlangen, und wir fürchten Deine Strafe. Wahrlich, nur die Ungläubigen werden in Deine Strafe geworfen werden.“
Denken Sie einmal darüber nach: Wer täglich fünfmal den Ruf zum Gebet hört und bedenkt, welch große Botschaft in diesem Ruf verkündet wird und zu welchem großen und erhabenen König er auffordert, vor Ihm zu erscheinen; wer bei jedem Hören des Gebetsrufs innerlich empfindet, dass er alle seine Tätigkeiten aufgibt und vor den Herrn und Besitzer der ganzen Welt tritt, sich vor jedem Gebet durch die Gebetswaschung an Körper und Seele reinigt und die im Gebet erwähnten Suren und Bittgebete immer wieder aufmerksam spricht – in dessen Herz und Gemüt muss wahrhaftig die Furcht vor Allah erwachen. Er kann sich unmöglich nicht davor schämen, Allahs Gebote zu missachten. Sein Innerstes wird gewiss erzittern, wenn er mit den schwarzen Spuren von Sünden und Unrecht immer wieder vor Allah tritt. Nachdem ein Mensch im Gebet davon gesprochen hat, Allah zu dienen und Ihm gehorsam zu folgen, und wiederholt anerkannt hat, dass Allah der Herrscher am Tag des Gerichts ist, kann er, wenn er in die äußere Welt und zu seinen Tätigkeiten zurückkehrt, unmöglich lügen, unehrlich sein, die Rechte anderer an sich nehmen, Bestechungsgeld nehmen oder geben, Zinsen nehmen oder geben, anderen Menschen ungerecht Leid zufügen, Schamlosigkeit, Unzucht und andere Ungerechtigkeiten begehen; ebenso wenig kann er nach solchen Taten den Mut aufbringen, wieder vor Allah zu treten und diese Dinge mit seinem Mund zu bekennen. Sie bekennen wissentlich und bewusst täglich unzählige Male vor Allah: „O Allah! Ich diene allein Dir und bitte allein Dich um Hilfe.“ Wie könnte es Ihnen nach diesem Bekenntnis möglich sein, jemand anderem außer Allah zu dienen und jemand anderen anzurufen? Wenn Sie dies einmal bekannt und dann dagegen gehandelt haben, wird Ihr Herz Sie tadeln, wenn Sie erneut vor Allah treten, und aus Scham wird sich Ihr Haupt senken. Wenn Sie wiederum dagegen handeln, werden Sie sich noch mehr schämen, und Ihr Gewissen wird Sie noch stärker quälen. Es ist schlechterdings unmöglich, dass Ihre Taten und Ihr Charakter nicht in Ordnung kommen und keine grundlegende Veränderung in Ihrem Leben eintritt, obwohl Sie Ihr ganzes Leben lang täglich fünfmal das Gebet verrichten. Deshalb sagte Allah, der Erhabene, über diese segensreiche Wirkung des Gebets:
إِنَّ الصَّلاةَ تَنهىٰ عَنِ الفَحشاءِ وَالمُنكَرِ
„Wahrlich, das Gebet hält den Menschen von Schamlosigkeit, Obszönität und jeder Art von Sünde ab.“
Doch trotz dieses so bedeutenden Mittels zur Verbesserung des menschlichen Herzens und Charakters und trotz der fünf täglichen Gebete: Wenn der Charakter eines Menschen nicht in Ordnung ist und er nicht vom Weg der Sünde ablässt, muss man verstehen, dass in Wahrheit sein eigenes Wesen verdorben ist. Das Gebet trifft daher keinerlei Schuld. Wasser und Seife reinigen zwar den Schmutz aus einem Kleidungsstück; wenn sich jedoch der Kohlenschmutz dadurch nicht entfernen lässt, kann man nicht Wasser und Seife dafür verantwortlich machen – die Schuld liegt bei der Kohle.
Doch es ist äußerst bedauerlich, dass wir überhaupt nicht verstehen, was wir im Gebet rezitieren, oder es rezitieren, ohne es zu verstehen. Dies ist ein sehr großer Mangel in unserem Gebet. Wenn man etwas Zeit darauf verwendet, dies zu lernen, kann der Mangel behoben werden – die Bedeutung und den Sinn der Gebete und Suren des Gebets können Sie ohne Schwierigkeit in Ihrer Muttersprache lernen. Ich glaube, dass dies Ihnen sehr großen Nutzen bringen wird.
Das Gebet in der Gemeinschaft
In den vorangegangenen Abhandlungen habe ich nur über die Eigenschaften und den Nutzen des Gebets gesprochen. Dadurch haben Sie sicherlich verstanden, welch große Bedeutung diese gottesdienstliche Handlung besitzt. Sie haben auch verstanden, wie dieses Gebet im Menschen eine lebenslange Haltung der Hingabe hervorruft und ihn dazu befähigt, dieser Hingabe ihr Recht zu geben. Nun werde ich Ihnen über den Nutzen des Gebets in der Gemeinschaft berichten. Dadurch werden Sie sehr gut verstehen können, wie Allah aus Barmherzigkeit und Gnade in ein und derselben Sache alle Arten von Gaben zusammengetragen hat. Das Gebet allein war für uns schon nicht wenig; doch indem Allah, der Erhabene, zugleich das Gebet in der Gemeinschaft angeordnet hat, machte Er es zu einer Quelle doppelten Nutzens und verlieh ihm eine außergewöhnliche Kraft, die darin unvergleichlich ist, eine grundlegende Veränderung im Menschen herbeizuführen.
Wie ich bereits gesagt habe, bedeutet Gottesdienst, sich zu jeder Zeit des Lebens als Allahs Diener zu betrachten, wie ein gehorsamer Sklave dem Herrn untergeordnet zu sein und stets bereit zu sein, den Befehl des Herrn auszuführen; und das Gebet bereitet den Menschen gerade auf diesen Gottesdienst vor. Alle Eigenschaften, die der Mensch für einen solchen Gottesdienst benötigt, lässt das Gebet in ihm entstehen. Das Gefühl, ein Diener zu sein, der Glaube an Allah, Seinen Gesandten und Sein Buch, der feste Glaube an das Jenseits, Gottesfurcht, Allah als den Kenner des Verborgenen anzuerkennen, Ihn jederzeit in seiner Nähe zu empfinden, sich stets zur Ausführung von Allahs Befehlen bereitzuhalten und Allahs Gebote gründlich zu kennen – all diese und viele weitere Eigenschaften lässt das Gebet im Menschen entstehen und formt ihn zu einem aufrichtigen Diener Allahs, des Erhabenen.
Schon bei ein wenig Nachdenken können Sie verstehen, dass ein Mensch, so viele gute Eigenschaften er auch besitzen mag, das Recht auf Allahs Anbetung nicht vollständig erfüllen kann, solange andere Menschen nicht seine Helfer und Unterstützer sind. Wenn diejenigen, mit denen er Tag und Nacht zusammenlebt und mit denen er ständig gemeinsam arbeitet, ihn bei der Befolgung Allahs nicht unterstützen, ist er keineswegs in der Lage, Allahs Befehle zu befolgen.
Der Mensch ist nicht allein auf diese Welt gekommen. Allein kann er auch nichts bewirken. Er ist auf vielfältige Weise mit seinen Nachbarn, seinen Arbeitskollegen sowie den Gefährten und Weggefährten seines Lebens verbunden. Allahs Gebote und Anordnungen sind nicht für einen einzelnen, vereinsamten Menschen bestimmt, sondern für alle Menschen – sie sind von Allah gerade dazu herabgesandt worden, alle Arten menschlicher Beziehungen im Leben richtig zu erhalten. Wenn nun alle einander bei der Befolgung Allahs Befehle helfen und unterstützen, können sie gemeinsam zu Menschen werden, die Allahs Befehle befolgen. Wenn dagegen alle gemeinsam beginnen, Allah ungehorsam zu sein, oder wenn ihre gegenseitigen Beziehungen so beschaffen sind, dass sie einander bei der Befolgung von Allahs Geboten nicht unterstützen, ist es für einen einzelnen Menschen völlig unmöglich, Allahs Befehle richtig und regelmäßig zu befolgen und nach Allahs Ordnung zu handeln.
Wenn ihr den Qur’an mit einem besonderen Ziel lest, werdet ihr erkennen, dass Allah, der Erhabene, euch nicht nur befohlen hat, Ihm untertan und gehorsam zu sein und Seine Gebote zu befolgen. Vielmehr ist euch zugleich auch befohlen worden, die gesamte Welt Allah untertan und gehorsam zu machen und Allahs Gesetz auf der Erde einzuführen. Überall dort, wo auf der Welt das Gesetz des „Satans“ gilt, sollt ihr es beseitigen und an seiner Stelle die Herrschaft des Gesetzes Allahs, des Einen und Einzigen, errichten. Die gewaltige Aufgabe, die Allah euch damit anvertraut hat, kann ein einzelner Mensch unmöglich erfüllen. Selbst wenn es Millionen von Muslimen gäbe, die an diese Lehre glauben, könnten sie die gut geordnete und fest etablierte Macht des „Satans“ keineswegs besiegen, wenn sie zerstreut und voneinander getrennt wären und keinerlei Verbindung oder Beziehung untereinander hätten. Deshalb ist es unerlässlich, dass die Muslime sich zusammenschließen, einander helfen, füreinander eintreten und sich gegenseitig unterstützen sowie gemeinsam für die Verwirklichung desselben Zieles kämpfen und sich darum bemühen.
Bei etwas eingehenderer Betrachtung wird ebenfalls deutlich, dass es zur Verwirklichung eines derart gewaltigen Zieles nicht genügt, dass die Muslime sich lediglich versammeln und vereinen. Sie müssen sich nach der richtigen Ordnung zusammenschließen, das heißt, eine muslimische Gemeinschaft bilden, in der die richtigen Beziehungen untereinander hergestellt sind und in deren Beziehungen keinerlei Mangel oder Fehler besteht. Zwischen ihren Ansichten, ihren Zielen und ihrer Arbeitsweise muss vollständige Übereinstimmung herrschen. Sie brauchen einen Amir und Führer, und in ihnen muss die Gewohnheit und der Wille vorhanden sein, nach den Anweisungen dieses Führers zu handeln. Sie müssen genau verstehen, dass sie den Befehlen des Führers zu gehorchen haben, wie weit dieser Gehorsam gehen muss und aus welchem Grund man sich dem Führer auch widersetzen darf. Behaltet diese Dinge im Gedächtnis und denkt darüber nach, wie diese wichtigen Gedanken beim Gebet in der Gemeinschaft unter den Betenden lebendig werden.
Sobald der Adhan ertönt, ist befohlen, alle Arbeiten und Beschäftigungen aufzugeben und zur Moschee zu gehen. Dass die Muslime unmittelbar nach dem Adhan ihre jeweiligen Tätigkeiten verlassen und sich alle auf dasselbe Zentrum, die Moschee, zubewegen, erinnert an eine gewaltige Armee. Sobald im Feldlager der Klang des Signalhorns ertönt, weiß jeder Soldat, dass der Befehlshaber alle ruft. In diesem Augenblick entsteht in allen derselbe Gedanke: die Pflicht und Verantwortung, den Befehl des Befehlshabers auszuführen. Sobald ihnen dies bewusst wird, tun alle dasselbe; das heißt, jeder läuft von dem Ort, an dem er sich befindet, sobald er den Klang hört, zum festgelegten Platz. Warum wird diese Ordnung für die Soldaten eingeführt? Erstens, damit jeder einzelne Soldat sich daran gewöhnt, Befehle auszuführen und jederzeit bereit zu sein, sie auszuführen. Zweitens wird dadurch aus all diesen gehorsamen Soldaten eine starke Einheit gebildet, und sie gewöhnen sich daran, auf den Befehl des Befehlshabers zur selben Zeit am selben Ort zusammenzukommen. Diese Gewohnheit ist notwendig, damit bei einem plötzlich eintretenden Ereignis alle Soldaten auf diesen Ruf hin am selben Ort erscheinen und handeln können. Mag jeder einzelne Soldat persönlich auch sehr tapfer sein: Wenn er auf einen Ruf hin im entscheidenden Augenblick nicht sofort erscheinen und kämpfen kann, ist seine Tapferkeit wertlos. Wenn die Soldaten sich auf einen Befehl hin nicht versammeln, sondern nach eigenem Willen in verschiedene Richtungen gehen, kann eine geordnete Einheit von fünfzig Soldaten des Feindes tausend solcher tapferen Soldaten vernichtend schlagen.
Genau nach dieser Ordnung ist den Muslimen befohlen, beim Hören des Adhan sofort ihre Arbeiten und Beschäftigungen zu verlassen und sich in der nächstgelegenen Moschee einzufinden, damit alle Muslime gemeinsam zu einer Armee Allahs werden können. Deshalb wird ihnen fünfmal täglich die Gewohnheit anerzogen, sich unmittelbar nach dem Adhan einzufinden: Die Pflichten dieser göttlichen Soldaten sind im Vergleich zu denen aller anderen Soldaten der Welt weit größer und weit strenger. Andere Armeen müssen vielleicht erst nach langer Zeit in den Krieg ziehen; und weil niemand weiß, wann der Krieg ausbrechen wird, erhalten sie lange im Voraus eine solche Ausbildung. Doch diese göttliche Armee muss in jedem Augenblick gegen die satanischen Kräfte kämpfen und jederzeit bereit sein, den Befehl des Befehlshabers auszuführen. Deshalb müssen die Muslime Tag und Nacht fünfmal beim Klang des göttlichen „Signalhorns“ – des Adhan – zum Lager Allahs, der Moschee, eilen. Man muss sagen, dass ihnen dies im Verhältnis zu ihren Pflichten und ihrer Verantwortung zweifellos als große Gunst erwiesen worden ist.
Bisher wurde nur über die Schönheit und den Zweck des Adhan gesprochen. Wenn sie den Adhan hören, finden sich alle Muslime in der Moschee ein. Schon in dieser bloßen Versammlung liegen viele schöne und nützliche Aspekte. Hier kommen die Muslime zusammen, sehen einander, lernen einander kennen und machen miteinander Bekanntschaft.
Doch wodurch kommt es, dass ihr einander begegnet und miteinander Bekanntschaft schließt? Dadurch, dass ihr Diener desselben Allah, Anhänger desselben Gesandten seid und der eine Qur’an für euch alle das Buch und die Lebensordnung ist und ihr alle dasselbe Lebensziel habt. Um dieses gleiche Ziel zu erreichen, seid ihr in der Moschee zusammengekommen, und nachdem ihr von hier zurückgekehrt seid, wird jeder von euch sich weiterhin um die Verwirklichung eben dieses Zieles bemühen. Eine solche Bekanntschaft und eine solche Gemeinschaft wecken ganz natürlich in euch den Gedanken, dass ihr alle einer Nation angehört und Soldaten derselben Armee seid. Ihr seid einander Brüder. Euer Lebensziel und eure Bestimmung auf der Welt sind dieselben; an eurem Gewinn und Verlust habt ihr alle Anteil, und euer Leben ist eng miteinander verbunden.
Wenn ihr einander anseht, sollt ihr mit offenem Herzen und in großzügiger, wohlwollender Weise blicken. Ihr sollt niemanden mit dem Blick ansehen, mit dem ein Feind den anderen betrachtet, sondern genau so, wie ein Freund seinen Freund und ein Bruder seinen Bruder ansieht; mit eben diesem Blick sollt ihr einander betrachten. Wenn ihr auf diese Weise einen Bruder seht, der alte und zerrissene Kleidung trägt, oder jemanden, der tief bekümmert, in Not oder hungrig ist, oder einen anderen, der unfähig, gelähmt, von Schlaganfall betroffen oder blind ist, wird ganz von selbst Mitgefühl und Barmherzigkeit in eurem Herzen entstehen. Ihr Wohlhabenden werdet den Schmerz der Armen, Hilflosen und Bedürftigen empfinden, und die Armen und Bedürftigen werden den Mut finden, zu den Reichen zu gehen und ihnen von ihrer Not zu erzählen. Wenn ihr erfahrt, dass jemand wegen Krankheit oder einer Notlage nicht in die Moschee kommen konnte, werdet ihr den Wunsch verspüren, ihn zu besuchen. Wenn ihr vom Tod eines Menschen hört, könnt ihr zum Totengebet gehen und seiner trauernden Familie euer Mitgefühl bekunden. Gerade dies wird tiefe Liebe und gegenseitiges Mitgefühl unter euch hervorbringen.
Denken Sie noch etwas weiter darüber nach: Der Ort, an dem Sie sich versammeln, ist ein reiner und heiliger Ort. An diesem reinen Ort kommen Sie mit einem erhabenen Ziel zusammen. Auch Diebe und Räuber, Trinker und Glücksspieler versammeln sich zwar an einem Ort; doch die Herzen all dieser Menschen sind von schlechten Absichten erfüllt. Ihre Versammlung kann jedoch keineswegs mit der ihren verglichen werden. Denn hier versammeln sich ausschließlich die aufrichtigen Diener Allahs – Ihre Zusammenkunft zur Anbetung Allahs findet im Hause Allahs statt. Alle kommen hier zusammen, um vor Allah mit aufrichtigem Herzen ihre Ergebung und Knechtschaft zu bekennen. Unter diesen Umständen erwacht in den Herzen der Gläubigen ganz von selbst ein Gefühl der Scham über ihre eigenen Sünden. Wenn andererseits jemand vor einem anderen Menschen eine Sünde begangen hat und dieser Mensch in der Moschee anwesend ist, stirbt der Sünder allein deshalb vor Scham. Wenn darüber hinaus unter den Muslimen der Geist gegenseitiger Ermahnung vorhanden ist und man mit Anteilnahme, Liebe und Mitgefühl sorgfältig darauf achtet, wie die Fehler des anderen beseitigt werden können, dann werden ohne den geringsten Zweifel Allahs unermessliche Barmherzigkeit und sein Segen auf diese Zusammenkunft herabkommen. Auf diese Weise kann ein Muslim bei der Gelegenheit des gemeinschaftlichen Gebets die Fehler eines anderen Muslims verbessern – und einer kann den Mangel des anderen ausgleichen. So kann allmählich die gesamte Gesellschaft rechtschaffen und gottesfürchtig werden.
Allein darin, dass man in der Moschee zusammenkommt, liegt bereits ein gewaltiger Segen. Denken Sie nun auch darüber nach, wie unermesslich der Nutzen und Segen des Gebets in der Gemeinschaft ist. Alle Betenden stehen gleichmäßig in derselben Reihe. Keiner von ihnen ist größer, keiner kleiner, keiner höher und keiner niedriger – am Hof Allahs, vor Allah, sind alle Menschen völlig gleich. Wenn jemand ihre Hand oder ihren Körper berührt, wird keiner von ihnen unrein. Für Unberührbarkeit gibt es hier keinen Raum. Alle sind rein und lauter; denn sie alle sind Menschen, sie alle sind Diener des einen Allah und Anhänger derselben Religion, des Islam. Unter diesen Betenden gibt es hinsichtlich Abstammung, Familie, Stamm, Land und Sprache überhaupt keinen Unterschied. Persönlich kann der eine ein Sayyid, der andere ein Pathan, der eine Khan Sahib, der andere ein Haoladar und wieder ein anderer ein Chowdhury Sahib sein. Ebenso kann der eine Bewohner eines Landes und der andere Bewohner eines anderen Landes sein. Der eine spricht eine Sprache, der andere bringt seine Gedanken in einer anderen Sprache zum Ausdruck. Doch trotz dieser persönlichen Unterschiede stehen sie alle in derselben Reihe und beten gemeinsam Allah an. Das bedeutet, dass sie alle Angehörige einer einzigen Nation sind. Hier sind die Unterschiede der Abstammung und der Stämme, der Länder und Regionen sowie der Nationalitäten völlig bedeutungslos. Die größte Verbindung zwischen den Menschen ist die Ergebung in Allah und die Anbetung Allahs. Wenn Sie in dieser Hinsicht alle eins sind, kann es auch in anderen Angelegenheiten keinerlei Grund geben, dass Sie verschieden und voneinander getrennt sein sollten.
Wenn Sie Schulter an Schulter in Reihen stehen, wirkt es, als stünde ein gewaltiges Heer vor seinem König, um seine Pflicht zu erfüllen. Dadurch, dass die Betenden in Reihen stehen und sich gemeinsam erheben und niederbeugen, entsteht in ihren Herzen ein tiefes Gefühl der Einheit. Auf diese Weise wird allen durch das Gebet die Gewohnheit eingeprägt, sich Allah zu unterwerfen: Ihre Hände werden sich alle gemeinsam heben, ihre Füße werden sich alle gemeinsam bewegen. Dadurch wird deutlich, dass die Betenden nicht zwanzig oder hundert einzelne Menschen sind, sondern gemeinsam zu einem unteilbaren Menschen geworden sind.
Was geschieht, nachdem die Gemeinschaft gebildet und die Reihen aufgestellt worden sind? Alle Betenden bringen Allah in derselben Sprache dasselbe Bittgesuch vor:اِيَّاكَ وَاِيَّاكَ نَسْتَعِيْنُO Allah, nur Dich beten wir an und nur Dich bitten wir um Hilfe.اِهْدِنَا الصِّرَاظَ الْمُسْتَقِيْمَO Allah, zeige uns den leichten und geraden Weg.رَبِّنَا لَكَ الْحَمْدُO Allah! Alles Lob und aller Preis gebühren allein Dir.اَلسَّلاَمُ عَلَيْنَا وَعَلى عِبَادِ اللهِ الصَّالِحِيْنَ ـFriede sei über uns und auch über den rechtschaffenen Dienern Allahs. Danach grüßen sie einander am Ende des Gebets mit den Worten:اَلسَّلاَمُ عَلَيْكُمْ وَرَحْمَةُ اللهِ ـDas bedeutet, dass jeder der Betenden das Wohlergehen des anderen wünscht und alle gemeinsam beim selben Herrn für das Wohlergehen aller bitten. Kein Betender ist allein, und keiner von ihnen bittet nur um sein eigenes Wohlergehen. Vielmehr lautet das Gebet auf aller Lippen: O Allah! Lass Deine Gunst und Dein Wohlergehen über uns alle kommen, gewähre uns allen die Fähigkeit, denselben leichten und geraden Weg zu gehen, und lass Frieden über allen sein. Auf diese Weise verbindet das Gebet die Herzen aller Betenden miteinander, erweckt in allen denselben Gedanken und dieselbe Gesinnung und lässt unter ihnen tiefe Liebe, Einigkeit und den Wunsch nach dem Wohlergehen des anderen entstehen.
Doch denken Sie daran: Das Gebet in der Gemeinschaft kann nicht ohne einen Imam verrichtet werden. Selbst wenn zwei Menschen gemeinsam beten, muss einer von ihnen Imam und der andere Muqtadi sein. Sobald das Gemeinschaftsgebet begonnen hat, ist es streng verboten, sich davon zu trennen und allein zu beten. Vielmehr gilt die Anweisung, dass jeder, der nach Beginn des Gemeinschaftsgebets kommt, hinter eben diesem Imam stehen und ihm folgen muss. Diese Angelegenheiten sind nicht nur auf das Gebet beschränkt; vielmehr wird dadurch eine große Lehre vermittelt: Wenn man als Muslim leben will, muss man auf diese Weise in einer Gemeinschaft verbunden bleiben. Wenn keiner von Ihnen Imam ist, kann Ihre Gemeinschaft überhaupt nicht gebildet werden. Wenn Sie sich nach der Bildung der Gemeinschaft von ihr absondern, ist Ihr Leben keineswegs ein islamisches Leben. Es hat überhaupt keinen Bezug zum Leben eines Muslims.
Damit ist es noch nicht getan. Durch das Gebet in der Gemeinschaft entsteht eine außerordentlich starke Beziehung zwischen dem Imam und den Muqtadis. Dadurch kann jeder Muslim erkennen, welchen Rang der „Imam“ in der großen, Erde genannten Moschee außerhalb dieser kleinen Moschee einnimmt, welche Pflichten er hat und welche „Rechte“ ihm zustehen. Wie müssen Sie dem Imam dieser „großen Moschee“ folgen? Was sollen Sie tun, wenn er einen Fehler macht? Wie lange sollen Sie seinen Fehler dulden? Wann dürfen Sie ihn auf seinen Fehler aufmerksam machen und seine Verbesserung fordern? Und unter welchen Umständen dürfen Sie den Imam seines Amtes entheben? All diese Dinge
Jeder Muslim wird in der Moschee durch das Gebet in der Gemeinschaft in gewisser Weise darin unterwiesen. Mit einem Wort: In der Moschee werden täglich fünfmal die Regeln und Gesetze für die Führung eines kleinen Staates gelehrt und eingeübt.
Es ist hier nicht möglich, diese Dinge ausführlich darzulegen. Ich möchte kurz einige notwendige Punkte festhalten.
Die Scharia schreibt vor, dass derjenige unter den Mitgliedern der Gesellschaft zum Imam des Gebets bestimmt werden muss, der am gottesfürchtigsten ist, über das meiste Wissen verfügt, den Heiligen Koran am besten von allen lesen und verstehen kann und zugleich das dafür geeignete Alter erreicht hat. Durch diese Regelung wurde deutlich gelehrt, welche Eigenschaften diejenigen unbedingt besitzen müssen, die im praktischen Leben Führer der Nation sein sollen.
Die Scharia hat angeordnet, dass es unangebracht ist, jemanden zum Imam zu ernennen, den die Mehrheit der Gemeinschaft nicht zum Imam machen möchte. Die Ablehnung einer kleinen Anzahl von Menschen ist nicht zu berücksichtigen, denn einen Menschen, gegen den niemand etwas einzuwenden hat, findet man niemals. Wenn jedoch die Mehrheit der Gemeinschaft eine bestimmte Person nicht leiden kann, darf sie unter keinen Umständen zum Imam ernannt werden. Dadurch wurde die Regel gelehrt, nach der der Imam oder Führer der Nation gewählt werden soll.
Die Scharia hat festgelegt, dass man einen solchen Menschen zum Imam des Gebets machen muss, der beim Gebet die Lage aller Betenden berücksichtigt. Denn unter den Betenden können sich viele Kranke, Alte, Gebrechliche und Schwache befinden. Wenn er unter solchen Umständen nur auf junge, kräftige und zeitlich ungebundene Menschen Rücksicht nimmt, lange Koranrezitationen vorträgt und lange Verbeugungen und Niederwerfungen vollzieht, kann dies für andere große Mühe und Schwierigkeiten verursachen. Deshalb muss der Imam daran denken, dass sich unter den Betenden viele Alte sowie kranke und schwache Menschen befinden und dass es viele gibt, die ihr Gebet schnell verrichten und zu ihrer jeweiligen Arbeit zurückkehren möchten. Der ehrwürdige Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zeigte in dieser Angelegenheit großes Mitgefühl. Selbst wenn er beim Leiten des Gebets das Weinen eines Kindes hörte, verkürzte er das Gebet sehr. Denn wenn die Mutter (oder der Vater) des Kindes an diesem Gemeinschaftsgebet teilnahm, konnte sie oder er dadurch bekümmert werden, und so konnte das Gebet gestört werden. Durch diese Regel wurden die Führer der Nation gelehrt, dass jemand, wenn er zum „Führer“ gemacht worden ist, bei jeder Handlung die Menschen aller Arten innerhalb der Nation berücksichtigen muss. Die Scharia bestimmt ferner, dass ein Imam, wenn er beim Leiten des Gebets in einen Zustand gerät, in dem er das Gebet nicht mehr leiten kann, unverzüglich zurücktreten muss und ein anderer Mann zum Imam gemacht werden muss. Daraus ergibt sich die Anweisung, dass ein Führer der Nation, wenn er seine Pflichten nicht mehr erfüllen kann, selbst zurücktritt und dafür sorgt, dass an seiner Stelle ein anderer geeigneter Mann eingesetzt wird. Dies zu tun ist für ihn eine Pflicht. Er sollte sich dessen nicht schämen, und darin liegt auch keine Selbstsucht.
Die Scharia schreibt vor, dass die Betenden dem Imam in allem folgen müssen, was er tut. Es ist dem Betenden absolut verboten, eine Handlung auszuführen, bevor der Imam sie ausführt. Sogar in einem Hadith wird erwähnt: „Wer sich vor dem Imam verbeugt oder niederwirft, wird am Tag der Auferstehung als Esel auferweckt.“ Hier wird der muslimischen Nation also gelehrt, dass es ihre unbedingte Pflicht ist, dem Führer zu folgen.
Wenn der Imam während des Gebets einen Fehler macht, also sich hinsetzt, wenn er stehen sollte, oder aufsteht, wenn er sitzen sollte, ist es die Pflicht der Betenden, ihn mit dem Ausruf „Subhanallah“ auf seinen Fehler aufmerksam zu machen. „Subhanallah“ bedeutet: „Allah, der Erhabene, ist rein und groß.“ Die Bedeutung des Ausrufs „Subhanallah“, wenn man den Imam auf seinen Fehler aufmerksam macht, ist: Nur Allah allein ist von jeder Art von Fehler und Mangel frei; du bist ein Mensch, und es ist keineswegs unmöglich, dass dir ein Fehler unterläuft. Dies ist die Regel, die der Islam für das Aufmerksam-Machen des Imams auf einen Fehler festgelegt hat.
Nach dieser Regel soll der Imam jedes Mal, wenn man ihn auf einen Fehler aufmerksam macht, ohne jede Scheu oder Verlegenheit seinen eigenen Fehler korrigieren. Wenn der Imam jedoch auch nach dem Hinweis auf den Fehler überzeugt ist, dass er keinen Fehler gemacht und richtig gehandelt hat, soll er das Gebet gemäß seiner eigenen Überzeugung ordnungsgemäß zu Ende führen. In diesem Fall ist es für die Mitglieder der Gemeinschaft Pflicht, dem Imam zu folgen, auch wenn sie seinen Fehler für einen Fehler halten. Nach dem Ende des Gebets hat jeder Betende das Recht, dem Imam seinen Fehler nachzuweisen und zu verlangen, dass er das Gebet erneut leitet.
Ein solches Verhalten der Mitglieder der Gemeinschaft gegenüber dem Imam gilt nur bei geringfügigen Fehlern. Wenn der Imam jedoch beginnt, das Gebet entgegen der Sunna des Propheten zu leiten, oder während des Gebets wissentlich den Heiligen Koran falsch rezitiert, oder beim Leiten des Gebets eine Handlung des Unglaubens, der Beigesellung oder eine offenkundige Sünde begeht, ist es für jeden Betenden Pflicht, das Gebet zu verlassen und diesen Imam aufzugeben.
Durch diese Weisungen der Scharia über das Gebet wurde der muslimischen Gesellschaft in hervorragender Weise gelehrt, wie sie im nationalen Leben mit ihren Führern umgehen muss.
Durch die hier genannten Vorzüge und Wohltaten des Gebets in Gemeinschaft konnten Sie klar erkennen, dass in dieser einen gottesdienstlichen Handlung Allahs – die nur fünfmal am Tag und in der Nacht jeweils wenige Minuten lang verrichtet werden muss – für die Muslime sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits und an jedem Ort großer Segen liegt. Daraus wird verständlich, dass allein diese eine Sache einen Muslim wahrhaft glücklich machen kann und ihn dazu befähigt, Allah zu dienen und auf der Erde Führung zu übernehmen. Nun könnte sich in Ihnen die Frage erheben: Wenn das Gebet von allen Wohltaten erfüllt ist, wo sind dann in der heutigen Zeit all diese Wohltaten geblieben? Die Antwort auf diese Frage wird im nächsten Aufsatz gegeben werden, so Allah will.
Warum bleiben die Früchte des Gebets aus?
In den vorherigen Aufsätzen habe ich auf verschiedene Weise die Vorzüge und Wohltaten dargelegt, die das Gebet bringt. Hier werde ich versuchen, die Frage zu beantworten, warum die Menschen heutzutage aus diesem Gebet nicht in gleicher Weise Nutzen ziehen können. Warum sind die Muslime in der heutigen Zeit trotz des Gebets so erniedrigt und schwach? Warum verbessert sich ihr Charakter nicht? Warum werden sie nicht zu einem unbesiegbaren und mächtigen Heer Allahs? Warum sind sie in der Welt gegenüber den Ungläubigen so machtlos und verachtet? Das ist wahrlich eine schwierige Frage.
Eine kurze Antwort auf diese Frage könnte lauten, dass die Muslime in Wirklichkeit überhaupt nicht beten; und wenn sie beten, dann nicht genau auf die Weise und nach den Regeln, wie Allah und Sein Gesandter es befohlen haben. Deshalb können die heutigen Muslime von diesem heutigen Gebet nicht hoffen, jene Wohltaten zu erlangen, durch die das Gebet einen gläubigen Menschen zur höchsten Stufe des Aufstiegs führen kann. Aber ich weiß, dass Sie mit einer so kurzen Antwort nicht zufrieden sein werden. Daher ist es notwendig, diese Frage etwas ausführlicher zu beantworten.
Hier hängt eine Wanduhr, und Sie wissen, dass in ihr viele Teile miteinander verbunden sind. Wenn sie aufgezogen wird, beginnt jedes einzelne Teil seine eigene Arbeit, und zugleich wird an den äußeren Zeigern das Ergebnis der Arbeit der inneren Teile sichtbar. Das heißt, die beiden Zeiger drehen sich und bilden Sekunde um Sekunde Minuten und Minute um Minute Stunden. Überlegen Sie nun: Was ist der Zweck, zu dem eine Uhr hergestellt wird? Jeder weiß, dass ihr einziger Zweck darin besteht, die Zeit genau anzuzeigen. Deshalb wurden in ihr all die kleinen Teile zusammengefügt, die die genaue Anzeige der Zeit ermöglichen. Danach wurden sie miteinander verbunden, damit alle ordnungsgemäß zusammenwirken und jeder Teil genau so viel Arbeit verrichtet, wie für die richtige Anzeige der Zeit nötig ist – nicht mehr und nicht weniger. Außerdem wurde vorgesehen, dass sie erneut aufgezogen werden kann. Denn wenn sie nicht aufgezogen wird, bleiben die Teile stehen und können nicht richtig arbeiten. Deshalb wird sie nach einer bestimmten Zeit aufgezogen und wieder in Bewegung gesetzt. Daraufhin beginnen alle Teile zu laufen. Wenn diese Teile richtig miteinander verbunden und die Uhr aufgezogen wird, kann sie genau den Zweck erfüllen, zu dem sie hergestellt wurde. Wird sie jedoch nicht richtig aufgezogen, kann sie die Zeit nicht genau anzeigen. Wird sie zwar aufgezogen, aber nicht vorschriftsgemäß, dann bleibt die Uhr stehen oder kann, selbst wenn sie läuft, die Zeit nicht richtig anzeigen. Werden einige ihrer Teile entfernt und sie dann aufgezogen, wird dieses Aufziehen keinerlei Wirkung haben. Entfernt man jedoch einen ihrer Teile, setzt an dessen Stelle ein Teil aus einer Singer-Nähmaschine ein und zieht sie auf, kann sie dennoch die Zeit nicht anzeigen; zugleich ist es ihr auch nicht möglich, damit Kleidung zu nähen. Wenn alle ihre Teile voneinander getrennt in ihr liegen, wird sie selbst durch Aufziehen nicht laufen. Äußerlich betrachtet müsste man zwar sagen, dass sich alle Teile der Uhr in ihr befinden; doch allein dadurch, dass die Teile in ihr vorhanden sind, kann ihr Zweck nicht erfüllt werden. Denn sie sind nicht miteinander verbunden und auch nicht geordnet und richtig angeordnet worden. Deshalb können sie nicht zusammenwirken. Unter den hier beschriebenen Umständen wird die Uhr zwar keinerlei Arbeit leisten und ihr Aufziehen nutzlos sein, doch Außenstehende werden beim Anblick nichts davon verstehen, dass dies keine Uhr ist oder dass sie nicht ordnungsgemäß aufgezogen wird. Sie werden vielmehr sagen, dass sie genau wie eine Uhr aussieht, und deshalb hoffen, von ihr eben den Zweck zu erhalten, den eine Uhr erfüllt. Wenn sie also aus der Ferne sehen, dass Sie die Uhr richtig aufziehen, werden sie folglich erwarten, von ihr genau die Vorteile zu erhalten, die man durch eine Uhr erlangen kann. Doch was nützt es, wenn sie von außen wie eine Uhr aussieht, während ihr Inneres nicht den richtigen Zustand einer Uhr aufweist? Es ist keineswegs möglich, mit ihr die eigentliche Funktion einer Uhr zu erhalten.
Durch das Beispiel der Uhr, das ich Ihnen vorgelegt habe, konnten Sie die ganze Angelegenheit klar verstehen. Stellen Sie sich den Islam wie diese Uhr vor: So wie der Zweck einer Uhr darin besteht, die genaue Zeit anzuzeigen, besteht der Zweck des Islam darin, dass der Mensch auf dieser Erde als Statthalter Allahs und als Soldat Allahs lebt. Er selbst soll nach Allahs Geboten handeln und auch andere unter der Herrschaft der göttlichen Ordnung führen.
Im edlen Koran wird dies klar gesagt:
كُنْتُمْ خَيْرَ اُمَّةٍ اُخْرِجََتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُوْنَ بِالْمَعْرُوْفِ وَ تَنْهَوْنَ عِنْ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُوْنَ بِاللهِ ط ـ عمران:
Ihr seid die beste Gemeinschaft, die zum Wohl der gesamten Menschheit erschaffen wurde. Eure Aufgabe ist es, allen Menschen das Gute zu gebieten, sie vom Unrecht abzuhalten und fest an Allah zu glauben. Sure Āl ʿImrān: 110
وَكَذَلِكَ جَعَلْنَكُمْ وَّسَطًا لَتِكُوْنُوْا شُهَدَا ءَ عَلَى النَّاسِ ـ
Und auf diese Weise haben Wir euch zu einer besten Gemeinschaft gemacht, damit ihr über alle Menschen Zeugnis ablegen könnt.
Sure al-Baqara: 143
وَعَدَ اللهُ الَّذِيْنَ امَنُوْا مِنْكُمْ وَعَمِلُوْا الصلِحتِ لَيَسْتَخْلِفَنَّهُمْ فِيْ الاَرْضِ النُوْر: 55
Allah hat denjenigen unter euch, die glauben und gute Werke tun, versprochen, dass Er sie gewiss zu Seinen Statthaltern auf Erden machen wird. Sure an-Nūr: 55
وَقَاتِلُوْهُمْ حَتّى لاَتَكُوْنَ فِتْنَةٌ وَّيَكُوْنَ الدِّيْنُ كُلُّهُ لِلَّهِ ـ
Bekämpft diese Ungläubigen, bis die Zwietracht vollständig beendet ist und die Religion gänzlich Allah gehört. Sure al-Anfāl: 39“ Um dieses Ziel zu verwirklichen, sind auch im Islam – wie die Bestandteile einer Uhr – viele Elemente zusammengefügt worden. Sie sind für die Verwirklichung des eigentlichen Ziels des Islam notwendig und zugleich aufeinander abgestimmt. Die grundlegenden Lehren des Islam, die Glaubenslehren, die Regeln und Grundsätze des sittlichen Charakters, die Regeln für Arbeit und Geschäfte, die Vorschriften des Austauschs und des Handels, die Rechte Allahs, die Rechte der Menschen, die eigenen Rechte und die Rechte all dessen, womit der Mensch in der Welt Beziehungen hat, die Regeln des Erwerbs und des Ausgebens, die Regeln und Methoden des Kampfes und des Dschihad, die Vorschriften für Waffenstillstand und Verständigung, die Bestimmungen und Methoden der Staatsführung sowie die Regeln für das Leben unter Anerkennung der Herrschaft eines islamischen Staates – all dies sind Bestandteile des Islam, die kleinen Bauteile des Islam. Sie sind wie die Bestandteile einer Uhr so miteinander verbunden, dass sie, sobald man sie aufzieht, alle richtig zu funktionieren beginnen. Durch ihr gemeinsames Funktionieren werden das eigentliche Ziel des Islam – seine Vorherrschaft und Oberhoheit – und die Verwirklichung der göttlichen Ordnung auf Erden ebenso schön und lückenlos erreicht, wie der äußere Zeiger durch das Funktionieren der Uhrwerke die richtige Zeit anzeigt. Um die verschiedenen Teile einer Uhr miteinander zu verbinden, werden einige Eisenplatten und kleine Eisenstifte verwendet. Ebenso wurde die Bildung einer Gemeinschaft eingerichtet, um die verschiedenen islamischen Aufgaben miteinander zu verbinden und sie in einer aufeinander abgestimmten Ordnung zu gliedern. Diese Gemeinschaft der Muslime soll einen Führer haben, der über richtiges Wissen und Verständnis des Islam sowie über die Eigenschaften von Gottesfurcht und Frömmigkeit verfügt. Die Mitglieder der Gemeinschaft werden ihm gehorchen und nach seinen Anweisungen handeln. Mit ihrer vereinten Kraft wird der Führer das islamische Gesetz unter den Menschen durchsetzen und sie davon abhalten, sich ihm zu widersetzen. Wenn auf diese Weise alle Bestandteile des Islam miteinander verbunden und in eine aufeinander abgestimmte Ordnung gebracht worden sind, ist es notwendig, sie aufzuziehen, damit sie in Bewegung kommen und richtig funktionieren. Tatsächlich erfüllt das Gebet im islamischen Lebenssystem die Aufgabe dieses Aufziehens. Dieses Aufziehen muss fünfmal am Tag und in der Nacht erfolgen. Danach muss diese Uhr auch gereinigt werden. Deshalb wurde das Fasten zur Pflicht gemacht. Einmal im Jahr erfüllt es diese Aufgabe dreißig Tage lang. Diese Uhr muss geölt werden; einmal im Jahr wird durch die Entrichtung der Zakāt diese Ölung vorgenommen. Dieses Öl wird nicht von außen eingeführt; ein Teil dieser Uhr erzeugt es selbst und macht die übrigen trockenen Teile funktionsfähig. Auch eine Uhr muss von Zeit zu Zeit überholt werden; durch die einmalige Pilgerfahrt im Leben wird diese Überholung vollzogen.
Nun kann jeder verstehen, dass das Aufziehen, Reinigen, Ölen und Überholen erst dann seinen Zweck erfüllt, wenn sich in dieser Uhr ausschließlich die Teile der Uhr miteinander verbunden und so angeordnet befinden, wie ihr Hersteller sie angeordnet hat. Nur in einem solchen Zustand kann sie nach dem Aufziehen richtig laufen und die Zeit korrekt anzeigen. Wenn ihr ein wenig nachdenkt, werdet ihr verstehen, dass der Zustand des Islams in dieser Hinsicht gegenwärtig äußerst schlecht ist. Erstens existiert die Gemeinschaft nicht mehr, durch deren Bildung alle Bestandteile des Islams miteinander verbunden worden waren. Daher sind nun alle Teile voneinander getrennt. Die Kraft der Einheit ist verschwunden. Jetzt tut jeder, was ihm beliebt. Niemand ist da, der ihn hindert, und niemand, der ihm den richtigen Weg zeigt. Wenn es ihm gefällt, hält er sich an die Gesetze des Islams; andernfalls gibt er den Islam auf und folgt einem anderen Weg. Damit haben sich die heutigen Muslime jedoch nicht begnügt. Vielmehr haben sie viele Teile aus dieser Uhr herausgenommen und nach eigenem Wunsch zahlreiche Teile hinzugefügt, die unter keinen Umständen Bestandteile dieser Uhr sein können. Der eine hat Teile einer „Singer-Nähmaschine“ eingesetzt, ein anderer ein Teil einer „Mehlmühle“ daran angebracht, und wieder andere haben nach ihrem Geschmack verschiedene Teile eines Kraftfahrzeugs gesucht und sie damit verbunden. So ist der Muslim auf der einen Seite, während er auf der anderen Seite Wuchergeschäfte betreibt, bei einer Versicherungsgesellschaft eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, vor Gerichten, die auf englischem Recht beruhen, falsche Klagen führt, den Ungläubigen unterwürfig ist und ihnen dient. Sie machen ihre Töchter, Schwestern und Ehefrauen zu Mems. Ihren Kindern geben sie eine materialistische Bildung. Einerseits ahmen sie Marx und Lenin nach, andererseits übernehmen sie auch die Grundsätze Großbritanniens und Amerikas. Kurz gesagt: Die Muslime selbst haben unzählige Dinge, die dem Islam widersprechen, herbeigebracht und mit dieser Uhr des Islams verbunden.
Wenn jemand trotz all dieser unerwünschten Handlungen hofft, dass die Uhr durch bloßes Aufziehen richtig laufen und dadurch auch den Zweck erfüllen werde, für den sie hergestellt wurde, und dass er damit ebenfalls den Nutzen erlangen könne, der sich aus ihrer Reinigung, ihrem Ölen und ihrer Überholung ergeben sollte, was kann man einen solchen Menschen dann anderes als einen vollkommenen Dummkopf nennen? Schon bei etwas gründlicherem Nachdenken lässt sich ohne Mühe verstehen, dass der eigentliche Zweck dieser Uhr – des Islams – in ihrem gegenwärtigen Zustand keineswegs erreicht werden kann, selbst wenn man sie ein Leben lang aufzieht, reinigt und ölt. Solange daher die Teile anderer Maschinen nicht aus ihr entfernt und an ihrer Stelle ihre ursprünglichen Teile nicht ordnungsgemäß angeordnet werden – so, wie sie bei der Herstellung der Uhr zuerst angeordnet worden waren –, besteht keinerlei Hoffnung, durch sie den eigentlichen Zweck zu erreichen.
Es ist unbedingt notwendig, diese Angelegenheit sehr gut zu verstehen. Genau darin liegt der Grund dafür, dass das Namaz, Roza, Hajj und die Zakat der Muslime völlig nutzlos sind. Erstens verrichten nur sehr wenige von ihnen regelmäßig das Namaz, halten das Roza, entrichten die Zakat und vollziehen den Hajj. Weil die gemeinschaftliche Bindung und Ordnung zerbrochen sind, ist jeder Mensch in der Gesellschaft völlig eigenmächtig geworden. Niemand ist da, der fragt, ob jemand diese Pflichten des Islams erfüllt oder nicht. Und wie erfüllen diejenigen, die sie erfüllen, diese Pflichten überhaupt? Heute ist das gemeinsame Gebet fast verschwunden. Selbst dort, wo es eine Gebetsgemeinschaft gibt, wird in der dortigen Moschee jemand zum Imam ernannt, der zu keiner anderen weltlichen Arbeit fähig ist – er besitzt diese Befähigung nicht. Meist werden gerade solche Leute zu Imamen der Moschee gemacht, die vom Brot der Moschee leben, die die Erfüllung religiöser Pflichten als Erwerbsquelle betrachten, die auf dem Gebiet von Wissen und Gelehrsamkeit zurückgeblieben, ohne moralische Kraft und ihrem Charakter nach äußerst rückständig sind. Dabei war die Ernennung von Imamen gerade zu dem Zweck eingerichtet worden, alle Muslime zu aufrichtigen Kalifen Allahs und zu Allahs Soldaten in der Welt zu machen. Der heutige Zustand von Namaz, Roza, Zakat und Hajj lässt sich auf diese Weise nicht in Worte fassen.
Trotz alledem mögen manche sagen, dass heutzutage viele Muslime ihre Pflichten erfüllen und ihre jeweiligen Aufgaben ordnungsgemäß wahrnehmen. Doch wie oben gesagt wurde, ist es nach dem Herausnehmen einiger Teile einer Uhr und dem Einsetzen verschiedener Teile anderer Maschinen an deren Stelle gleichgültig, ob man sie aufzieht oder nicht, reinigt oder nicht und ölt oder nicht – alles ist völlig nutzlos und bedeutungslos. Aus der Ferne betrachtet wird sie durchaus wie eine Uhr erscheinen. Jeder, der sie von außen sieht, wird selbstverständlich sagen: Das ist der Islam, und ihr seid Muslime. Wenn ihr diese Uhr aufzieht oder sie reinigt, glauben die Menschen beim Anblick aus der Ferne, dass ihr sie richtig aufzieht und reinigt. Niemand kann sagen: Das ist kein Namaz, das ist kein Roza. Aber wie sollen diejenigen, die sie von außen betrachten, erkennen, was sich in ihrem Inneren befindet?
Warum sind die religiösen Werke und Tätigkeiten der Muslime heute nutzlos? Ich habe euch die eigentliche Ursache dafür klar dargelegt. Ich habe euch auch erklärt, warum die Muslime trotz des Namaz und des Roza keine Soldaten Allahs werden können, sondern Diener der Ungläubigen und blinde Nachahmer ihrer Fußstapfen sind und auf vielerlei Weise unterdrückt werden. Wenn ihr mir das nicht übelnehmt, kann ich euch etwas sagen, das noch trauriger ist. Es besteht kein Zweifel, dass die Muslime über ihre gegenwärtige Notlage gewiss Kummer und Schmerz empfinden. Doch ebenso wahr ist, dass unter den heutigen Muslimen neunhundertneunundneunzig von tausend, ja sogar noch mehr, überhaupt nicht bereit sind, sich um die Beseitigung dieser Notlage zu bemühen. Die inneren Mechanismen dieser „Uhr“ des Islams sind voneinander getrennt worden, und jeder hat nach eigenem Belieben ein neues Teil daran angebracht. Die Muslime sind heute völlig abgeneigt, sie zu reformieren, das heißt, die Teile anderer Maschinen herauszunehmen, ihre ursprünglichen Teile richtig anzuordnen und sie dadurch wieder in Ordnung zu bringen. Ja, selbst wenn jemand dies tun möchte, können sie es nicht einmal dulden. Denn wenn die Dinge aus den anderen Maschinen herausgenommen werden, wird jeder sein geliebtes Teil verlieren. Dass aber die geliebten Dinge der anderen entfernt werden, während das Teil, das man selbst von außen angebracht hat, darin verbleiben soll – das kann nicht sein. Sie fürchten, dass sie selbst zugleich gefangen sein werden, wenn ihre ursprünglichen Teile richtig angeordnet und fest miteinander verbunden werden. Denn wenn alle fest gebunden werden, kann gewiss niemand frei und ungebunden bleiben. Eine solche beschwerliche Angelegenheit freiwillig zu ertragen, ist ihnen nicht möglich. Deshalb wollen sie, dass diese Uhr so, wie sie ist, weiterhängt und die Menschen aus der Ferne getäuscht werden, indem sie sie für eine Uhr halten. Andererseits sind diejenigen, die eine derart untaugliche Uhr überaus lieben, damit beschäftigt, sie sehr häufig aufzuziehen und zu reinigen. Doch dass sie sich auch nur eines Tages versehentlich dazu bereitfinden könnten, ihre Teile richtig anzuordnen und die Dinge aus den anderen Maschinen herauszunehmen, ist eine wahrhaft traurige Angelegenheit.
Wenn ich Ihrer Ansicht hätte zustimmen können, wäre die Sache damit erledigt gewesen. Aber das kann ich nicht. Es ist mir unmöglich, gegen die Wahrheit zu sprechen, die ich erkannt habe. Ich kann mit Gewissheit sagen: Selbst wenn unter den gegenwärtigen Umständen zusätzlich zu den fünf täglichen Gebeten auch Tahaddschud, Ischraq, Duha und andere Gebete verrichtet würden, täglich fünf Stunden der Koran rezitiert würden und neben dem Ramadan auch fünfeinhalb der übrigen elf Monate des Jahres gefastet würde, hätte dies dennoch keinen Nutzen. Wenn jedoch zunächst das eigentliche Uhrwerk in die Uhr eingesetzt und richtig angeordnet wird, wird sie schon nach wenigen Umdrehungen des Aufziehschlüssels weiterlaufen und die Zeit korrekt anzeigen können. Dann wird man schon durch ein wenig Reinigung und einige Tropfen Öl großen Nutzen erzielen. Andernfalls wird diese Uhr selbst dann, wenn man sie sein ganzes Leben lang aufzieht, niemals laufen, und ihr eigentlicher Zweck wird durch sie nicht erreicht werden.
Das Fasten
Das Fasten im Ramadan ist die gottesdienstliche Pflicht, die Allah, der Erhabene, den Muslimen unmittelbar nach dem Gebet auferlegt hat. Vom Morgen bis zum Abend auf Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr zu verzichten – das ist Fasten. Ebenso wie das Gebet wurde auch das Fasten seit jeher in der Scharia aller Propheten vorgeschrieben. Die Gemeinschaften aller früheren Propheten fasteten auf diese Weise, ebenso wie die Gemeinschaft des letzten Propheten, Hadhrat Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Allerdings gibt es in den Gesetzesordnungen der verschiedenen Propheten Unterschiede hinsichtlich der Bestimmungen des Fastens, seiner Anzahl sowie seiner Zeit und Dauer. Heute sehen wir, dass die Praxis des Fastens in irgendeiner Form in jeder Religion fortbesteht. Zweifellos haben sie jedoch nach eigenem Wunsch vieles hinzugefügt und seine Gestalt auf verschiedene Weise entstellt. Im Koran hat Allah verkündet:
يَآيُّهَا الذِّيْنَ اَمَنُوْا كُتِبَ عَلَيْكُمْ كَمَا كُتِبَ عَلَى الَّذِيْنَ مِنْ قَبْلِكُمْ لَعَلَّكُمْ تَتَّكُوْنَ ـ
O ihr, die ihr glaubt! Euch ist das Fasten vorgeschrieben, so wie es denen vorgeschrieben war, die vor euch waren. Sure al-Baqara: 183
Dieser Vers beweist, dass in jeder von Allah auf der Welt herabgesandten Gesetzesordnung Bestimmungen über das Fasten enthalten waren. Es ist bedenkenswert, welche Eigenschaft im Fasten verborgen liegt, dessentwegen Allah, der Erhabene, es in den Gesetzesordnungen aller Zeitalter vorgesehen hat.
Ich habe bereits mehrmals gesagt, dass der eigentliche Zweck des Islam darin besteht, das gesamte Leben des Menschen in Gottesdienst, das heißt in die Hingabe an Allah, zu verwandeln. Der Mensch ist von Natur aus Allahs Diener, und die Hingabe an Allah entspricht seiner natürlichen Veranlagung. Deshalb darf der Mensch die Hingabe an Allah – in Gedanken und Taten, also im Gottesdienst – auch nicht für einen einzigen Augenblick aufgeben. Bei jeder Handlung und zu jeder Zeit sollte er darüber nachdenken, worin Allahs Wohlgefallen und worin Sein Missfallen liegt. Dann sollte der Mensch dorthin gehen und das tun, wo er auf Allahs Wohlgefallen hoffen kann, und sich von dem fernhalten, was Sein Missfallen hervorruft, ebenso wie sich jeder Mensch vom Feuer fernhält. Den Weg zu beschreiten, den Allah liebt, und den Weg nicht zu beschreiten, den Er nicht liebt – das ist die Pflicht des Menschen. Wenn auf diese Weise das gesamte Leben eines Menschen gestaltet ist, wird sich zeigen, dass er Allah in angemessener Weise dient, undوَمَا خَلَقْتُ الْجِنَّ وَالاِنْسَ اِلاَّ لِيْعْبُدُوْنَ ـ (الذريتdie Menschen und die Dschinn nur dazu erschaffen habe, Mir zu dienen. Entsprechend dieser Erklärung Allahs konnte er den Zweck seiner Erschaffung erfüllen.
Es wurde bereits zuvor gesagt, dass der eigentliche Zweck der gottesdienstlichen Pflichten, die den Menschen unter den Bezeichnungen Gebet, Fasten, Pilgerfahrt und Zakat auferlegt wurden, darin besteht, den Menschen für den eigentlichen Gottesdienst zu formen. Dass diese Pflichten vorgeschrieben wurden, bedeutet nicht, dass der Mensch seine Pflicht gegenüber Allah vollständig erfüllt hätte, wenn er lediglich fünfmal täglich das Gebet verrichtet, dreißig Tage lang im Ramadan von morgens bis abends die Qualen von Hunger und Durst erträgt, als Wohlhabender einmal im Jahr Zakat entrichtet und einmal im Leben die Pilgerfahrt vollzieht und danach völlige Freiheit besitzt, also tun kann, was er will. Vielmehr besteht der eigentliche Zweck, diese gottesdienstlichen Pflichten vorzuschreiben, darin, den Menschen durch sie richtig zu formen und sein ganzes Leben für die Hingabe an Allah tauglich zu machen. Nun muss man im Hinblick auf diesen Zweck prüfen, wie das Fasten den Menschen auf den eigentlichen Gottesdienst vorbereitet.
Für die Verrichtung aller anderen Gottesdienste außer dem Fasten muss man sich in irgendeiner Weise äußerlich zeigen. Beim Gebet muss der Betende aufstehen, sich setzen sowie Rukūʿ und Suǧūd vollziehen. Das können andere Menschen sehen. Um den Haddsch zu vollziehen, muss man eine lange Reise antreten, und diese Reise unternimmt man gemeinsam mit Tausenden von Menschen. Auch bei der Entrichtung der Zakāt müssen zumindest zwei Personen davon wissen: Einer gibt sie, und ein anderer nimmt sie entgegen. Diese Gottesdienste können vor niemandem verborgen bleiben. Sobald man sie verrichtet, können andere Menschen davon erfahren. Vom Fasten jedoch kann außer Allah und dem Fastenden niemand wissen. Wenn jemand vor aller Augen das Sahūr einnimmt, zur Zeit des Iftār gemeinsam mit allen das Fasten bricht und tagsüber heimlich etwas isst oder trinkt, kann außer Allah niemand davon wissen. Nach außen hin werden ihn gewiss alle Menschen für einen Fastenden halten; in Wirklichkeit aber fastet er überhaupt nicht.
Bedenken Sie diese Seite des Fastens. Wie stark ist der Īmān eines Menschen, der tatsächlich fastet, heimlich weder isst noch trinkt, der keinen einzigen Tropfen Wasser trinkt, wenn ihm bei großer Hitze vor Durst beinahe das Herz zerreißt, und der trotz unerträglichen Hungers, bei dem ihm bereits Sterne vor den Augen erscheinen, keinerlei Verlangen danach hat, etwas zu essen! Wie fest glaubt er daran, dass Allah der Allwissende über das Verborgene ist! Wie zweifellos weiß er, dass zwar seine Handlungen den Menschen auf der Welt unbekannt bleiben mögen, dem Herrn der gesamten Welt jedoch nichts unbekannt ist. Wie stark ist die Furcht vor Allah in seinem Herzen: Trotz unerträglichen Leidens tut er allein aus Furcht vor Allah nichts, wodurch sein Fasten gebrochen werden könnte. Wie fest ist sein Glaube an das Gericht im Jenseits! Innerhalb eines Monats fastet er mindestens dreihundertsechzig Stunden. Während dieser langen Zeit entsteht in seinem Herzen niemals ein Zweifel am Jenseits. Hätte er diesbezüglich auch nur den geringsten Zweifel, ob es ein Jenseits gibt, oder wäre in seinem Herzen ein innerer Konflikt darüber, ob es dort Strafe oder Belohnung geben wird, könnte er sein Fasten keineswegs vollenden. Wenn ein solcher Zweifel entstünde, könnte ein Mensch nicht allein aufgrund des Gebots Allahs fest entschlossen bleiben, auf Essen und Trinken zu verzichten.
Auf diese Weise unterzieht Allah jedes Jahr einen Monat lang den Īmān der Muslime einer fortlaufenden Prüfung. Je stärker ein Mensch in dieser Prüfung wird, desto fester wird sein Īmān. Tatsächlich ist dies eine Prüfung über der anderen und ein Training über dem anderen. Wenn jemandem etwas anvertraut wird, gerät sein Īmān in eine große Prüfung. Wenn er diese Prüfung gut besteht und das anvertraute Gut nicht veruntreut, wächst in ihm eine noch größere Fähigkeit, die Last von anvertrauten Gütern zu tragen. Nach und nach wird er immer vertrauenswürdiger. Ebenso stellt Allah den Īmān der Muslime fortwährend einen Monat lang täglich zwölf bis vierzehn Stunden einer schweren Prüfung. Wenn er diese Prüfung vollständig besteht, erwacht in ihm in größerem Maß die Fähigkeit, aus Furcht vor Allah von anderen Sünden Abstand zu nehmen. Dann kann er, weil er Allah für den Kenner des Verborgenen hält, auch heimlich Allahs Gesetz nicht übertreten. Bei jeder Handlung wird er an jenen Tag der Auferstehung denken, an dem alles offenkundig werden und jede gute Tat unparteiisch mit Gutem und jede schlechte Tat mit Schlechtem vergolten werden wird. Dies wird im Heiligen Koran im folgenden Vers gesagt:
يَآيُّهَا الَّذِيْنَ اَمَنُوْا كُتِبَ عَلَيْكُوْمُ الصِّيِامُ كَمَا كُتِبَ عَلى الَّذِيْنَ مِنْ قِبْلِكُمْ لَعَلَّكُمْ تَتَّقُوْنَ ـ (البقرة: 183)
O ihr Gläubigen! Euch ist das Fasten vorgeschrieben worden, wie es auch denjenigen vorgeschrieben war, die vor euch lebten, auf dass ihr gottesfürchtig werdet. Sure al-Baqara: 183
Eine weitere Besonderheit des Fastens besteht darin, dass es den Muslim dazu zwingt, die Gebote der Scharia über einen langen Zeitraum hinweg ununterbrochen zu befolgen. Ein Gebet dauert nur wenige Minuten. Die Zakāt muss nur einmal im Jahr entrichtet werden. Der Haddsch nimmt zwar längere Zeit in Anspruch, doch bietet sich diese Möglichkeit im gesamten Leben nur einmal. Auch steht sie nicht allen Muslimen offen; nur wohlhabende Menschen haben diese Möglichkeit. Das Fasten unterscheidet sich jedoch völlig von diesen Gottesdiensten: Es gewöhnt jeden dazu befähigten Muslim ein ganzes Jahr lang, Tag und Nacht die islamische Scharia zu befolgen. In der letzten Nachtstunde muss man zum Sahūr aufstehen, vor einer festgelegten Zeit jegliches Essen und Trinken einstellen, den ganzen Tag bestimmte Dinge unter keinen Umständen tun und am Abend zu einer festgelegten Zeit das Fasten brechen – weder etwas früher noch etwas später. Nach dem Iftār sind Essen, Trinken und Erholung erlaubt. Doch gleich danach muss man zum Tarāwīh-Gebet eilen. Auf diese Weise wird man jedes Jahr einen ganzen Monat lang durch ein strenges Gesetz gebunden. Danach wird man für elf Monate in das Arbeitsfeld des Lebens entlassen. Das Training, das man in diesem Monat erhalten hat, soll sich in den folgenden elf Monaten in seinem Handeln und Wirken widerspiegeln; und falls danach noch etwas unvollständig ist, soll es im folgenden Jahr vervollständigt werden.
Wenn jeder Einzelne in der muslimischen Gemeinschaft dieses Training getrennt erhalten würde, wäre es überhaupt nicht wirksam. Soldaten lässt man niemals einzeln Parade abhalten; die gesamte Armee lässt man gemeinsam und zur selben Zeit antreten. Alle müssen zur gleichen Zeit beim Klang der Trompete aufstehen und sich entsprechend ihrem Klang an die festgelegte Aufgabe machen. Dadurch gewöhnen sich die Soldaten daran, als Gruppe zu arbeiten. Zugleich unterstützt einer den anderen bei seinem Training. Wenn das Training des einen in irgendeiner Weise unvollständig bleibt, vervollständigt es der zweite, und wenn das des zweiten unvollständig bleibt, vervollständigt es der dritte. Genau deshalb wurde im Islam der Monat Ramadan zum Fasten bestimmt. Allen Muslimen wurde befohlen, gemeinsam in dieser Zeit mit dem Fasten zu beginnen. Tatsächlich hat dieses Gebot den individuellen Gottesdienst des Menschen in einen gemeinschaftlichen Gottesdienst verwandelt. Wenn man eine Zahl mit einer Million multipliziert, ergibt sich eine gewaltige Zahl; ebenso ist der moralische und geistige Fortschritt, den jeder Einzelne durch sein eigenes Fasten erlangen kann, bei gemeinsamem Fasten von Millionen und Abermillionen Menschen millionenfach größer. Der Monat Ramadan erhellt die gesamte Umgebung mit der heiligen Atmosphäre von Frömmigkeit und Gottesfurcht. Im gesamten nationalen Leben wächst eine grüne, frische Ernte der Taqwa und Gottesfurcht. Jeder Mensch bemüht sich nicht nur darum, sich selbst von Sünden fernzuhalten, sondern wenn er irgendeine Schwäche hat, helfen und unterstützen ihn die anderen fastenden Brüder. Jeder Mensch schämt sich, während des Fastens zu sündigen; dagegen erwacht in jedem der Wunsch, etwas Gutes und Lohnenswertes zu tun. Wenn möglich, gibt er einem Armen eine Mahlzeit, schenkt einem unbekleideten Menschen Kleidung und hilft einem Notleidenden. Wo er eine gute Tat sieht, beteiligt er sich daran. Und wo offen Sünde begangen wird, versucht er, dies zu unterbinden. So entsteht überall eine ansprechende Atmosphäre der Frömmigkeit und Gottesfurcht. Eine günstige Zeit für die Zunahme aller Arten von Tugend und guten Taten beginnt. Tatsächlich trägt jede Ernte auf der Welt zu ihrer bestimmten Jahreszeit Früchte. Dann ist überall ein wunderbarer Anblick eben dieser Ernte zu sehen. Deshalb sagte der Letzte Prophet (S):
كُلُّ عَمَلٍ اِبنِ ادَمَ يُضُاعَفُ الْحَسَنَةَ بِعَشَرِ اَمْثَالِهَا اِلى سَبْعِ مَائَةِ ضِعْفٍ ـ قَالَ اللهُ تَعَالى الصَّوْمُ اِلاَّ الصَّوْمُ فَانَّهُ لِىْ وَاَنَا اَجْرِى بِه ـ
Der Lohn für jede Tat eines Menschen nimmt bei Allah in irgendeiner Weise zu; durch eine gute Tat kann er sich vom Zehnfachen bis zum Siebenhundertfachen vermehren. Doch Allah sagt: Das Fasten wird dabei nicht mitgerechnet, denn es wird ausschließlich für Mich gehalten. Und Ich allein werde dafür den Lohn geben.
Durch diesen Hadith wurde klar, dass der Lohn einer guten Tat entsprechend der Absicht dessen, der sie vollbringt, zwar überaus stark vermehrt wird, dass es dafür jedoch eine bestimmte Grenze gibt. Für die Vermehrung des Lohns des Fastens ist dagegen keine endgültige Grenze festgelegt. Da der Monat Ramadan eine Zeit des Segens, des Guten und der Vermehrung guter Taten ist, bewässern in dieser Zeit nicht nur einzelne Muslime, sondern Millionen und Abermillionen Muslime gemeinsam diesen Garten der guten Taten. Deshalb kann er Früchte ohne jede zahlenmäßige Begrenzung hervorbringen. Je mehr gute Taten in diesem Monat mit guter Absicht vollbracht werden, je mehr Segen der Fastende selbst erlangt und je mehr er sich bemüht, ihn seinem fastenden Bruder zu geben, und je stärker der Einfluss dieses Monats während der folgenden elf Monate auf den Fastenden bleibt, desto größer wird der Nutzen sein. Er wird sich auf eine Weise vermehren, für die es keinerlei Ende oder Grenze gibt. Wenn die Muslime selbst dies nun begrenzen, ist das eine andere Sache.
Wenn jeder von diesen erstaunlichen Wohltaten und dem Segen des Fastens hört, kann in ihm die Frage aufkommen: Wo sind sie heute geblieben? Die Muslime fasten heute und verrichten das Gebet. Warum erlangen sie aber überhaupt nicht die Wohltaten, die davon beschrieben werden? Einen Grund habe ich bereits zuvor genannt. Nachdem die verschiedenen Teile der umfassenden islamischen Ordnung voneinander getrennt und viele äußerliche neue Dinge eingeführt wurden, ist nicht zu erwarten, dass man daraus den eigentlichen Nutzen erlangt. Der zweite Grund ist, dass sich die Sichtweise der heutigen Muslime hinsichtlich des Gottesdienstes vollständig verändert hat. Sie meinen nun, Gottesdienst bestehe lediglich darin, von morgens bis abends nichts zu essen oder zu trinken. Man glaubt, dass der Gottesdienst eines Menschen vollständig sei, sobald er diese Handlung vollzieht. Ebenso hält man bei den anderen Gottesdiensten lediglich deren äußere Form und Zeremonien für den Gottesdienst. Deshalb fehlt den Muslimen das eigentliche Wesen des Gottesdienstes, das sich in jeder ihrer Handlungen spontan zeigen muss, zu 99 Prozent oder sogar noch mehr. Genau deshalb können die Gottesdienste nicht ihre volle Wirkung entfalten. Denn im Islam hängt alles von der Absicht, der Vernunft und Überlegung sowie der Aufrichtigkeit ab. Im folgenden Aufsatz wird dies, so Allah will, ausführlich erörtert werden.
Der eigentliche Zweck des Fastens
Was auch immer ein Mensch tut, es müssen darin zwei Dinge enthalten sein: Das eine ist sein Zweck – der Grund, aus dem die Handlung vollzogen wird. Das andere ist der Weg, den er zur Erreichung dieses Zwecks einschlägt. Als Beispiel kann man das Essen von Reis anführen. Der Zweck des Re Reises ist, am Leben zu bleiben und die körperliche Kraft zu erhalten. Um diesen Zweck zu erreichen, muss man einen Bissen formen, ihn in den Mund führen, kauen und schlucken. Dies ist der wirksamste und angemessenste Weg, um den Zweck des Essens zu erreichen. Daher ist dieser Weg des Essens nicht die eigentliche Sache, sondern dient dazu, den Zweck des Essens – den Grund, aus dem man isst – zu verwirklichen. Wenn nun jemand eine Handvoll Erde, Asche oder Sand in den Mund nimmt, kaut und schluckt, was soll man dann von ihm sagen? Man muss sagen, dass er den Verstand verloren hat. Aber warum? Weil der Zweck des Essens nicht dadurch erreicht wird, dass man lediglich diese vier Regeln des Essens befolgt. Ebenso erbricht jemand, der seinen Reis sofort nach dem Essen wieder von sich gibt. Wenn er sich dann beklagt: „Ich erhalte überhaupt keinen der Vorteile, die dem Essen von Reis zugeschrieben werden. Im Gegenteil, ich werde immer schwächer, und der Tod nähert sich mir“, dann hat dieser törichte Mensch das Essen für seine Schwäche verantwortlich gemacht, obwohl sie in Wirklichkeit nur das Ergebnis seiner eigenen Torheit ist. Er meint törichterweise, dass man Lebenskraft erlangen könne, sobald man nur die wenigen Regeln erfüllt, durch die der Vorgang des Essens vollzogen wird. Deshalb glaubt er, es habe keinen Nutzen, die Last des Reises im Magen zu behalten, und man müsse sie wieder herausbefördern. So werde der Magen leicht. Die äußeren Regeln des Essens seien ja befolgt worden. Dieser törichte Mensch hegt eine solche falsche Vorstellung und handelt tatsächlich danach. Daher muss er selbst sein Leiden tragen. Er hätte wissen müssen, dass man keinerlei Lebenskraft erlangen kann, solange der Reis nicht in den Magen gelangt, verdaut und in Blut umgewandelt wird, das sich im ganzen Körper verteilt. Die äußeren Regeln des Essens sind zwar unerlässlich, denn ohne sie kann der Reis überhaupt nicht in den Magen gelangen. Doch allein durch die Einhaltung dieser äußeren Zeremonien wird der eigentliche Zweck des Essens nicht erreicht. In diesen äußeren Zeremonien liegt keine Magie, durch die nach ihrer Vollendung auf wundersame Weise Blut durch alle seine Adern strömen würde. Die von Allah festgelegte Ordnung für die Bildung von Blut kann nur gemäß dieser Ordnung verwirklicht werden. Wer diese Ordnung verletzt, dessen Untergang ist unausweichlich.
Wenn man über das hier ausführlich dargestellte Beispiel ein wenig nachdenkt, kann man leicht den Grund dafür verstehen, warum der Gottesdienst der heutigen Muslime wirkungslos geworden ist. Wie ich bereits mehrfach gesagt habe, halten die heutigen Muslime die Arkan des Gebets und des Fastens (die innerlich notwendigen Handlungen) sowie deren äußere Zeremonien für den eigentlichen Gottesdienst. Doch es kann keinen größeren Irrtum geben als diesen. Sie meinen, wer diese Zeremonien ordnungsgemäß vollzieht, habe den Gottesdienst für Allah vollständig verrichtet. Man kann sie mit jenem Menschen vergleichen, der eine Handvoll Reis formte, sie in den Mund legte, kaute und wieder ausspuckte und meinte, allein diese vier Handlungen seien das Essen und der Zweck des Essens dadurch erreicht. Ob er auf diese Weise Erde oder Sand aß oder ihn wieder erbrach, spielte für ihn keine Rolle. Ich möchte fragen: Wenn dieser Irrtum nicht derjenige der Muslime wäre, wie könnte dann ein Fastender lügen und über andere „Ghiba“ treiben? Wie könnten sie bei jeder Gelegenheit Streit und Zank anfangen? Wie könnten Beschimpfungen und obszöne Worte aus ihrem Mund kommen? Wie könnten sie die Rechte anderer an sich reißen? Wie könnten sie verbotene Dinge essen und andere dazu bringen, Verbotenes zu essen, während sie behaupten, Allah zu dienen? Diejenigen, die Sand oder Erde essen und meinen, sie hätten damit den Vorgang des Essens vollendet, sind genau wie sie.
Besonders nachdenklich stimmt die Frage, warum nach 360 Stunden des Gottesdienstes für Allah während des gesamten Monats Ramadan, sobald die Muslime damit aufhören, am ersten Schawwal-Tag sämtliche Wirkungen dieses gewaltigen Gottesdienstes vollständig verschwinden. Was die Hindus bei ihren Jahrmärkten und Festen tun, tun die Muslime bei ihrem Eid-Fest ganz genauso. Sogar in den Städten beginnt am Eid-Tag eine Flut von Unzucht, Tanz und Gesang, Alkoholtrinken und Glücksspiel. Viele Menschen sieht man sogar tagsüber fasten und die ganze Nacht Alkohol trinken und Unzucht treiben. Die gewöhnlichen Muslime sind dank Allahs Gnade noch nicht in einem solchen Maß vom rechten Weg abgekommen. Doch die Frage ist: Bei wie vielen Menschen bleibt unmittelbar nach dem Ende des Ramadan die Wirkung von Gottesfurcht und Frömmigkeit bestehen? Wie viele Menschen fürchten sich davor, Allahs Gesetz zu verletzen? Wie viele Menschen beteiligen sich an guten Taten? Bei wie vielen verschwindet der Egoismus?
Überlegen Sie, was der eigentliche Grund dafür sein könnte. Ich möchte mit Nachdruck sagen: Der einzige Grund dafür ist, dass die Vorstellung der Muslime vom Sinn der Gottesverehrung und von dem, was damit zusammenhängt, völlig falsch ist. Sie meinen, Fasten bedeute, von morgens bis abends nichts zu essen und nichts zu trinken. Und genau dies nennen sie Gottesverehrung. Deshalb sieht man, dass die Muslime das Fasten sehr hoch achten und es mit großer Sorgfalt einhalten. Die Gottesfurcht in ihren Herzen ist so groß, dass sie sich von allem fernhalten, wodurch die Gefahr bestünde, das Fasten zu brechen. Selbst wenn Lebensgefahr besteht, ist niemand bereit, sein Fasten zu brechen. Doch die Muslime wissen, dass bloßes Hungern und Dürsten nicht die eigentliche Gottesverehrung ist, sondern nur ihre äußere Form. Der Zweck dieser äußeren Handlung besteht lediglich darin, in den Herzen der Muslime Gottesfurcht und Gottesliebe zu erwecken. In ihnen soll eine solche Kraft erwachsen, dass sie sogar große, gewinnbringende Vorhaben aus Furcht vor Allahs Missfallen aufgeben können, indem sie ihr Herz dazu überwinden. Und selbst bei schwierigen und gefährlichen Aufgaben sollen sie ihr Herz in der Hoffnung auf Allahs Wohlgefallen stärken und sich beherzt darauf einlassen können. Diese Kraft kann erst dann in den Muslimen entstehen, wenn sie den eigentlichen Zweck des Fastens verstehen, während des gesamten Ramadan in Gottesfurcht und Gottesliebe ihr Herz von den Begierden des Nafs abwenden und sich darauf vorbereiten, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Doch leider verliert die gegenwärtige muslimische Gesellschaft diese Gewohnheit und die dadurch erworbenen Eigenschaften unmittelbar nach dem Ramadan so vollständig, wie jemand, der gleich nach dem Essen von Reis alles wieder erbricht. Darüber hinaus erbrechen viele Muslime unmittelbar nach dem Iftar die während des ganzen Tages bewahrte Frömmigkeit und Gottesfurcht wieder aus. Jeder kann daher verstehen, dass der eigentliche Zweck des Fastens unter solchen Umständen keineswegs erreicht werden kann. Das Fasten ist kein Zauber; allein durch die Erfüllung seiner äußeren Form lässt sich kein großer Zweck verwirklichen. Aus Reis kann man so lange keine körperliche Kraft gewinnen, bis er im Magen verdaut und als Blut durch alle Adern des Körpers geleitet worden ist. Ebenso kann man durch das Fasten keine sittliche und geistige Kraft gewinnen, solange der Fastende den eigentlichen Zweck des Fastens nicht gut verstanden hat, dieser seinem Herzen und Verstand nicht eingeprägt ist und nicht vollständig auf sein Denken, seine Wünsche und alle seine Handlungen einwirkt.
Aus diesem Grund sagte Allah, der Erhabene, nachdem Er das Fasten angeordnet hatte:لَعَلَّكُمْ تَتَّقُوْنَ ـDas heißt: Das Fasten ist euch auferlegt worden, damit ihr vielleicht gottesfürchtig und fromm werdet. Allah, der Reine, sagte nicht, dass ihr durch das Fasten gewiss fromm und gottesfürchtig werden würdet. Denn der Nutzen, der aus dem Fasten gewonnen werden kann, hängt vollständig von der Absicht, den Wünschen und dem Streben des Fastenden ab. Wer dessen Zweck erkennen und gut verstehen und sich bemühen wird, durch ihn den eigentlichen Zweck zu erreichen, wird gewiss mehr oder weniger gottesfürchtig werden. Wer jedoch seinen Zweck überhaupt nicht kennt und sich nicht bemüht, ihn zu verwirklichen, von dem ist kein Nutzen des Fastens zu erwarten.
Der ehrwürdige Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat auf verschiedene Weise auf den eigentlichen Zweck des Fastens hingewiesen und erklärt, dass es keinen Sinn hat, hungrig und durstig zu bleiben, ohne diesen Zweck zu kennen. Er sagte:
مَنْ لَّمْ يَدْعْ قَوْلَ الزُّوْرِ وَالْعَمَلَ بِه فَلَيْسَ لِلَّهِ حَاجَةٌ فِيْ اَنْ يَّدْعَ طَعَامَهُ وَشَرَابَه ـ
Wenn jemand das Lügen in Wort und Tat nicht aufgibt, hat Allah kein Bedürfnis danach, dass er lediglich sein Essen und Trinken aufgibt.
In einem anderen Hadith sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm:
كَمْ مِنْ صَائِمٍ لَيْسَ لَهُ مِنْ صِيْامِه اِلاَّ الظَّمَاءُوَكُمْ مِنْ قَائِمٍ لَيْسَ لَهُ مِنْ قِيَامِه اِلاَّ السَّهَرُ ـ
Wie viele Fastende gibt es, denen außer Hunger und Durst nichts anderes zuteilwird! Ebenso gibt es viele Menschen, die nachts Gottesdienst verrichten und außer dem Wachbleiben in der Nacht nichts anderes erlangen. Die Bedeutung dieser beiden Hadithe ist völlig klar. Daraus wird deutlich, dass bloßes Hungern und qualvolles Dürsten keine Gottesverehrung ist, sondern lediglich ein Mittel zur eigentlichen Gottesverehrung. Die eigentliche Gottesverehrung besteht darin, aus Furcht vor Allah keine Sünde durch Übertretung Seines Gesetzes zu begehen, die Handlungen auszuführen, durch die Allahs Wohlgefallen erlangt werden kann, und das eigene Ich so weit wie möglich zu vernichten; aus Liebe zu Allah all diese Handlungen mit aufrichtigem Eifer zu verrichten. Wer diese Gottesverehrung nicht leisten kann, seinem Magen durch Hunger und Durst Leid zufügt und zwölf oder vierzehn Stunden fastet, hat davon keinerlei Nutzen. Allah, der Erhabene, hat den Menschen nicht allein deshalb befohlen, Essen und Trinken aufzugeben. Über den Zweck des Fastens sagte der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm:
مَنْ صَامَ رَمَضَانَ اِيْمَانًا وَّاِحْتِسَابًا غُفِرِلَه مَاتَقَدَّمَ مِنْ ذَنْبِهِ ـ
Wer mit Īmān und Iḥtisāb fastet, dem werden seine vergangenen Sünden und Verfehlungen vergeben. Mit Īmān – das heißt, man muss sich die Vorstellung und Glaubensüberzeugung bewahren, die ein Gläubiger von Allah haben sollte – und mit Iḥtisāb ist gemeint, dass der Muslim jederzeit selbst nachdenkt, seine Taten und Handlungen aufmerksam überprüft und sich fragt, ob er nicht gegen Allahs Willen handelt. Wer mit diesen beiden Dingen das vollständige Fasten im Ramadan einhält, dem können all seine vergangenen Sünden und Verfehlungen vergeben werden. Selbst wenn er früher ein ungehorsamer und Allah trotzender Diener gewesen sein sollte, wird durch ein solches Fasten bewiesen, dass er sich nun vollständig Allah, dem wahren Herrn, zugewandt hat. In einem Hadith wird überliefert:
اَلتَّائِبُ مِنَ الذَّنْبِ كَمَنْ لاَذَنْبَ لَهُ ـ
Wer seine Sünden bereut, wird völlig sündenlos.
In einem anderen Hadith heißt es:
اَلصِّيَامُ جُنَّةٌ وَاِذَاكَانَ يَوْمِ اَحَدِكُمْ فَلآ يَرْفُثُ وَلاَ يَصْخَبُ فَانْ سَابَّهُ اَحَدٌ اَوْقَاتَلَهُ فَلَيْقُلْ اِنِّيْ اِمْرُءٌ صَائِمٌ ـ
Das Fasten ist wie ein Schild (so wie ein Schild vor dem Angriff des Feindes schützt, ist auch das Fasten ein Schutzschild gegen die Täuschungen des Satans). Daher sollte derjenige, der fastet, sich von Streit und Unruhe fernhalten (denn dieser Schild muss benutzt werden). Selbst wenn jemand ihn beschimpft oder mit ihm streitet und kämpft, sollte er klar sagen: „Bruder, ich faste; du kannst nicht erwarten, dass ich mich mit dir an dieser unrechten Handlung beteilige.“
In einigen anderen Hadithen sagte der letzte Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dass man während des Fastens möglichst viele gute Taten vollbringen und sich an jeder guten Handlung beteiligen sollte. Besonders während des Fastens ist es erforderlich, dass der Fastende in seinem Herzen großes Mitgefühl für seine anderen Brüder empfindet. Denn dadurch, dass er selbst hungrig und durstig ist, kann er sehr gut nachempfinden, wie die armen Diener Allahs ihre Tage in Leid und Armut verbringen. Hadhrat Ibn Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, war im Ramadan barmherziger und mitfühlender als zu anderen Zeiten. In dieser Zeit wurde kein Bittsteller von seiner Tür abgewiesen. Auch kein Gefangener blieb zu dieser Zeit in Gefangenschaft. In einem Hadith heißt es:
مَنْ فَطَّرَ فِيْهِ صائِمًا كَانَ لَه مَغْفِرَةٌ لِذُوْنُوْبِه وَعَتْقُ رَقَبَتِه مِنَ النَّارِ وَكَانَ لَه مِثْلَ اَجَرِه مِنْ غِيْرَ اِنْ يَّنْتَقَصَ مِنْ اَجْرِه شَئٌ ـ
Wer im Monat Ramadan einem Fastenden das Fastenbrechen ermöglicht, dessen Tat wird zum Grund dafür, dass ihm seine Sünden vergeben und er vor dem Feuer der Hölle bewahrt wird. Er wird genau so viel Lohn erhalten wie der Fastende für sein Fasten. Der Lohn des Fastenden wird dadurch jedoch nicht im Geringsten vermindert.
Fasten und Selbstbeherrschung
Das Fasten hat unzählige sittliche und geistige Vorzüge. Einer davon besteht darin, im Menschen die Kraft zur Selbstbeherrschung zu schaffen. Um richtig zu verstehen, wie das Fasten diese Kraft im Menschen erweckt, muss man zunächst die Bedeutung der Selbstbeherrschung kennen. Es ist unerlässlich zu wissen, welche Art von Selbstbeherrschung der Islam befürwortet und wie das Fasten diese Kraft im Menschen entwickelt.
Selbstbeherrschung ist dann erreicht, wenn die „Khudi“ des Menschen, sein Selbstbewusstsein, seinen Körper und seine sonstigen Kräfte vollständig unter ihre Kontrolle bringen und alle Wünsche, Begierden und Gefühlsregungen des Herzens ihren eigenen Entscheidungen unterordnen und ihnen folgen lassen kann. In einem Staat besitzt die Khudi im gesamten Wesen des Menschen genau den Rang, den der oberste Herrscher in einem Staat innehat; die übrigen Körperteile sind ihre Werkzeuge. Die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen dienen allein der Khudi. Das Nafs oder die Triebnatur kann der Khudi lediglich ihre Wünsche und Begierden vortragen; zu mehr ist sie nicht fähig. Die endgültige Entscheidung darüber, zu welchem Zweck diese Waffen und Kräfte eingesetzt werden und ob den Anliegen des Nafs stattgegeben wird, steht allein der Khudi zu. Ist nun eine Khudi schwach, besitzt sie nicht die Macht, im Reich des Körpers nach ihrem Willen zu herrschen, und gleichen die Anliegen des Nafs Befehlen, dann ist diese Khudi äußerst hilflos, besiegt und untätig. Ein Reiter, der sein Pferd nicht beherrschen kann, sondern selbst dem Pferd unterworfen ist – ebenso unfähig ist die Khudi eines solchen Menschen. Ein derart schwacher Mensch kann auf der Welt niemals ein erfolgreiches Leben führen. Alle, die in der Geschichte der Menschheit einen bedeutenden Einfluss und ein leuchtendes Andenken hinterlassen haben, haben ihre gesamte innere Kraft, notfalls auch mit Gewalt, sich selbst unterworfen und dienstbar gemacht. Sie waren niemals Sklaven der Gier und Begierden des Nafs oder Knechte ihrer Gefühlsregungen, sondern blieben stets deren Herren und Lenker. Ihre Wünsche und ihr Wille waren äußerst stark, und ihre Entschlossenheit war unerschütterlich.
Zwischen der Khudi, die sich selbst zu Gott erhebt, und der Khudi, die Allahs Dienerin und Seinem Befehl gehorsam ist, besteht jedoch ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. Eine gehorsame Khudi ist für ein erfolgreiches Leben unbedingt erforderlich. Wenn aber eine Khudi den Schöpfer leugnet, sich Seiner Herrschaft und Seinem Gehorsam nicht unterwirft, sondern gegen Ihn rebelliert, wenn sie bereit ist, kein höheres sittliches Gesetz anzuerkennen und keine Furcht davor hat, einem Rechenschaft fordernden Richter Antwort zu stehen, und wenn sie dadurch, dass sie alle Kräfte von Körper und Geist unter ihre Kontrolle bringt, zu einer äußerst starken Khudi wird, dann kann sie große Unheilstifter wie die Pharaonen, Nimrod, Hitler und Mussolini hervorbringen. Eine solche Selbstbeherrschung kann jedoch niemals lobenswert sein. Der Islam befürwortet eine solche Selbstbeherrschung keineswegs. Der Islam befürwortet vielmehr eine Khudi, die sich zunächst vor Allah demütig beugt, ihr Haupt im Gehorsam senkt, sich das Streben nach Seinem Wohlgefallen und den Gehorsam gegenüber Seinem Gesetz zur Hauptaufgabe macht und sich vor Ihm als rechenschaftspflichtig betrachtet. Einen solchen Gehorsam wird sie zu ihrer Hauptaufgabe machen und sich vor Ihm als rechenschaftspflichtig betrachten – genau eine solche Khudi befürwortet der Islam. Eine solche gehorsame und treue Khudi wird ihre Herrschaft über den eigenen Körper und die Gesamtheit ihrer Kräfte sowie ihre Macht über den Geist und dessen Wünsche und Begierden festigen, damit sie sich auf der Welt als gewaltige Kraft zur Verbesserung und Reform erheben kann.
Das ist in den Augen des Islam tatsächlich das eigentliche und grundlegende Wesen der Selbstbeherrschung. Wie das Fasten eine solche starke Selbstbeherrschung im Menschen hervorbringt, wollen wir nun erörtern. Wenn man sämtliche Forderungen des Nafs und des Körpers prüft, wird klar, dass darunter drei grundlegende und wesentliche Forderungen sind. Tatsächlich sind dies die drei stärksten Forderungen. Die erste ist die Forderung nach der Befriedigung des Hungers. Die zweite ist die Forderung nach der geschlechtlichen Befriedigung; sie ist das einzige Mittel zur Erhaltung der menschlichen Nachkommenschaft und damit der Menschheit. Die dritte ist die Forderung nach Ruhe und Erholung. Sie ist unerlässlich, um die Arbeitskraft neu zu beleben und zu stärken. Wenn diese drei Forderungen des Menschen innerhalb ihrer jeweiligen Grenzen bleiben, entsprechen sie zweifellos der dem Weltganzen innewohnenden Ordnung. Für das Nafs und den Körper sind eben diese Dinge jedoch große Fallen. Sobald man ihnen ein wenig nachgibt und ihnen eine kleine Gelegenheit bietet, nehmen diese drei Fallen die Khudi des Menschen gefangen und machen sie zu ihrer Sklavin, ja zu ihrer völlig unterwürfigen Dienerin. Dadurch weitet sich jede einzelne dieser Forderungen aus und wird zu einer langen Liste unzähliger Forderungen. Wenn eine schwache Khudi diesen Forderungen unterliegt, macht die Forderung nach Nahrung sie zur Sklavin des Bauches, der Sexualtrieb stößt sie auf eine Stufe unterhalb des Tieres hinab, und die Vorliebe des Körpers für Ruhe lähmt ihre Willenskraft. Danach ist sie nicht mehr Herrin oder Lenkerin ihres Nafs und Körpers, sondern wird zu deren gehorsamer Untertanin und Sklavin; ihre einzige Aufgabe besteht darin, deren Anweisungen – ob gut oder schlecht, vernünftig oder unvernünftig – sämtlich zu befolgen.
Das Fasten zügelt diese drei Begierden des Nafs, bringt sie in eine regelgebundene Ordnung und gewöhnt die Khudi daran, Einfluss und Herrschaft über sie auszuüben. Das Fasten spricht zu der Khudi, die an Allah glaubt, und sagt: Allah hat dir heute den ganzen Tag über Essen und Trinken verboten und für haram erklärt; während dieser Zeit ist es dir nicht einmal erlaubt, irgendeine reine Speise oder irgendeine auf rechtmäßige Weise erworbene Nahrung oder ein Getränk zu dir zu nehmen.
Er sagt: Heute hat dein erhabener Herr, Allah, deiner sexuellen Begierde Schranken auferlegt. Vom Anbruch der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang hat Er dir sogar verboten, die Wünsche und Begierden des Nafs auf völlig erlaubte Weise zu befriedigen. Er sagt dir ferner, dass du, wenn du nach den unerträglichen Hunger- und Durstqualen des ganzen Tages dein Fasten brichst, statt dich erschöpft zur Ruhe zu legen, aufstehen und mehr Gottesdienst verrichten sollst als an den übrigen Tagen.
Gerade darin liegt das Wohlgefallen deines Rabb al-ʿĀlamīn. Das Fasten teilt ihm außerdem mit: Wenn du nach der Verrichtung des Gebets mit vielen Rakʿāt dich ausruhen willst, schlafe nicht bis zum Morgen bewusstlos weiter. Auch wenn dies von der gewöhnlichen Regel abweicht, wache im letzten Teil der Nacht auf, um Suhur zu essen, und stärke deinen Körper noch vor dem Aufleuchten der Morgendämmerung mit Nahrung. Das Khudi verkündet dem Menschen all diese Gebote und Bestimmungen des Fastens und legt die vollständige Verantwortung dafür, danach zu handeln, allein auf ihn. Hinter ihm wird weder ein Polizist noch ein Geheimdienst oder irgendeine andere Macht eingesetzt, die Einfluss auf ihn ausüben könnte. Wenn er heimlich Nahrung zu sich nimmt oder seine sexuelle Begierde befriedigt, kann dies niemand außer Allah sehen. Wenn er, um dem Tarāwīḥ-Gebet zu entgehen, irgendeinen Scharia-konformen Trick anwendet, kann keine weltliche Macht ihn daran hindern. Alles hängt von seinem eigenen Willen ab. Wenn das Khudi eines Gläubigen tatsächlich Allah unterworfen und gehorsam ist und seine Willenskraft die Fähigkeit besitzt, den Nafs zu beherrschen, dann wird er selbst den heftigen Wunsch nach Nahrung, die sexuelle Begierde und Lust sowie seine Neigung zur Ruhe fest in die von dem Fasten auferlegten außergewöhnlichen Regeln und Ordnungen binden.
Dies ist nicht nur eine Übung für einen einzigen Tag; ein einziger Tag reicht für eine solche Ausbildung keineswegs aus. Über volle 30 Tage muss der Mensch sein Khudi ununterbrochen einer solchen Ausbildung und Übung unterziehen. Einmal im Jahr wird für insgesamt 720 Stunden dieses Programm aufgestellt: Wache im letzten Teil der Nacht auf und iss Suhur; sobald das helle Licht der Morgendämmerung einsetzt, stelle Essen und Trinken ein. Verzichte den ganzen Tag auf jede Art von Speise und Trank. Brich dein Fasten unmittelbar nach Sonnenuntergang zur vorgeschriebenen Zeit. Verbringe danach einen Teil der Nacht mit dem Tarāwīḥ-Gebet, das gewöhnlich nicht verrichtet wird. Beginne nach einigen Stunden der Ruhe wieder nach dem neuen Tagesplan mit deinen Pflichten. Auf diese Weise wird der Nafs einen ganzen Monat lang fortwährend mit den drei größten und stärksten Forderungen und Begierden in die unzerreißbaren Fesseln einer strengen Ordnung gebunden. Dadurch erwächst im Khudi eine gewaltige Kraft, die es befähigt, gemäß Allahs Willen Herrschaft über den eigenen Nafs und Körper auszuüben. Dieses Programm wurde jedoch nicht nur einmal im ganzen Leben durchgeführt. Von der Geschlechtsreife bis zum Tod wird jedes Jahr ein ganzer Monat dieser Aufgabe gewidmet. Dadurch werden die Fesseln des Khudi über den Nafs immer wieder erneuert und verstärkt.
Das eigentliche Ziel dieser Erziehung besteht nicht lediglich darin, dass das Khudi des Gläubigen seinen Hunger, Durst, Sexualtrieb und sein Verlangen nach Ruhe beherrscht und dies nur im Monat Ramadan geschieht. Indem sein Khudi den drei wichtigsten, stärksten und schärfsten Waffen des Menschen entgegentritt, bringt es alle übrigen Gefühle und Regungen des Herzens sowie jede Art von Begierden und Lüsten in eine geregelte und geordnete Form. Dadurch entsteht eine neue Kraft, die nicht nur im Monat Ramadan, sondern auch während der übrigen elf Monate stark und geschärft bleibt und wirksam ist. In dieser Zeit kann es seinen Körper und alle seine Kräfte für jede von Allah vorgeschriebene Aufgabe einsetzen; es kann sich um jede gute Tat bemühen, durch die Allahs Wohlgefallen erlangt wird, es kann sich um jede gute Tat bemühen, durch die Allahs Wohlgefallen erlangt wird, es kann jeder von Allah verbotenen und missbilligten Sünde entgegentreten und ist fähig, all seine Begierden, Gefühle und Regungen des Herzens innerhalb der von Allah gesetzten Grenzen zu halten. Es überlässt sich nicht der Herrschaft des Nafs, sodass dieser es nicht nach Belieben in irgendeine Richtung ziehen kann.
Er hält die Zügel der Herrschaft selbst in der Hand. Die Begierden des Nafs erfüllt er zu der Zeit, in dem Maß und auf die Weise, wie Allah der Erhabene es erlaubt hat, und zwar genau nach dieser Ordnung. Seine Willenskraft wird auch nicht so schwach, dass er eine Fard-Pflicht, obwohl er sie als solche kennt und sie erfüllen will, nicht erfüllen könnte. Gerade dadurch wird er über das Reich des Körpers als ein äußerst mächtiger Herrscher eingesetzt. Tatsächlich besteht das eigentliche Ziel des Fastens darin, diese Kraft im Inneren des Menschen, in seinem Khudi, zu erschaffen. Wer diese Kraft trotz des Fastens nicht erlangt, hat sich lediglich durch Hunger und Durst erschöpft und gequält. Sein Fasten und sein Verzicht auf Essen und Trinken sind völlig nutzlos.
Im Koran und in den Hadithen wird dies ganz eindeutig erklärt. Im Koran heißt es, dass euch das Fasten auferlegt wurde, damit in euch Taqwa entsteht. Der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: Wer es nicht unterlassen kann, Lügen zu reden und nach ihnen zu handeln, dessen Verzicht auf Essen und Trinken benötigt Allah überhaupt nicht. Er sagte ferner, dass es viele Fastende gibt, die durch ihr Fasten nichts außer der Erschöpfung durch Hunger und Durst erlangen.
Das Wesen der Zakat
Die Bedeutung der Zakat
Nach dem Gebet ist die Zakat die wichtigste Säule des Islam. Da gewöhnlich unmittelbar nach dem Gebet das Fasten erwähnt wird, ist bei vielen der Glaube entstanden, dass auf das Gebet wohl das Fasten folgt. Doch aus dem Heiligen Koran erfahren wir, dass nach dem Gebet die Zakat die wichtigste Handlung ist. Diese beiden sind die Hauptsäulen des Islam – wenn sie zerstört werden, stürzt auch der Palast des Islam in den Staub.
„Zakat“ bedeutet Reinheit und Sauberkeit. Einen bestimmten Teil des eigenen Vermögens unter den Armen, Bedürftigen und Notleidenden zu verteilen, wird „Zakat“ genannt. Denn dadurch werden das gesamte Vermögen und zugleich die eigene Seele geläutert. Wer von dem von Allah gegebenen Vermögen nicht den für Seine Diener bestimmten Anteil ausgibt, dessen gesamtes Vermögen ist unrein, und zugleich müssen sein eigener Geist und seine Seele verdorben sein. Denn in seinem Herzen ist nicht einmal eine Spur von Dankbarkeit vorhanden. Sein Herz ist so eng, so selbstsüchtig und so sehr vom Geld besessen, dass es ihm sogar schwerfällt, Allah seine Dankbarkeit zu bezeugen, der ihm aus Seiner Gnade mehr Vermögen gegeben hat, als er benötigt. Kann man annehmen, dass ein solcher Mensch auf der Welt irgendeine Tat aufrichtig um Allahs willen vollbringen oder bereit sein kann, für den Schutz seiner Religion und seines Iman irgendein Opfer zu bringen? Daher kann ohne jeden Zweifel gesagt werden: Wer die Zakat nicht entrichtet, dessen Herz ist unrein, und ebenso ist sein angesammeltes Vermögen unrein.
Indem Allah, der Erhabene, die Zakat zur Pflicht machte, stellte Er jeden Menschen vor eine schwere Prüfung. Wer aus eigenem Willen den von Allah bestimmten Anteil von seinem überschüssigen Vermögen entrichtet und Allahs Dienern nach Kräften hilft, ist in Wahrheit allein dazu geeignet, Allahs Werk zu tun; allein er ist würdig, zu den gläubigen Menschen gezählt zu werden. Dagegen kann ein Mensch, dessen Herz so eng ist, dass er nicht bereit ist, auch nur ein so geringes Opfer für Allah zu bringen, keinerlei Werk Allahs vollbringen – er ist nicht würdig, zur islamischen Gemeinschaft gezählt zu werden. In Wirklichkeit kann man ihn als ein verfaultes Glied des menschlichen Körpers betrachten; je früher ein verfaultes Glied abgeschnitten und entfernt wird, desto besser ist es für die übrigen Glieder des Körpers. Andernfalls beginnt der gesamte Körper zu verfaulen. Deshalb erklärte der erste Kalif, Hadrat Abu Bakr as-Siddiq, möge Allah mit ihm zufrieden sein, nach dem Tod Hadrats Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, denjenigen Angehörigen eines arabischen Stammes, die sich weigerten, die Zakat zu entrichten, den Krieg – genau so, wie man gegen Ungläubige Krieg führt. Dabei verrichteten sie das Gebet, und ihr Glaube an Allah und Seinen Gesandten war ebenfalls vorhanden. Dadurch ist zweifelsfrei bewiesen, dass, wenn jemand die Zakat nicht entrichtet, keine seiner Handlungen – Gebet, Fasten und dergleichen – bei Allah angenommen werden kann und dass die Behauptung eines solchen Menschen, gläubig zu sein, keinerlei Wert besitzt.
Aus dem Erhabenen Koran ist zweifellos zu erfahren, dass seit ältester Zeit jeder Gemeinschaft eines jeden Propheten gleichermaßen streng befohlen wurde, das Gebet zu verrichten und die Zakat zu entrichten – in keinem Bereich der Religion des Islam wurde zu irgendeiner Zeit eines Propheten irgendein Muslim vom Gebet und von der Zakat befreit. Nachdem über Hadrat Ibrahim, Allahs Friede sei mit ihm, und die Propheten aus seiner Nachkommenschaft gesprochen worden war, heißt es im Heiligen Koran:
وَجَعَلْنَاهُمْ أَئِمَّةً يَهْدُونَ بِأَمْرِنَا وَأَوْحَيْنَا إِلَيْهِمْ فِعْلَ الْخَيْرَاتِ وَإِقَامَ الصَّلَاةِ وَإِيتَاءَ الزَّكَاةِ ۖ وَكَانُوا لَنَا عَابِدِينَ
Wir machten sie zu Führern der Menschen; sie führten und leiteten sie nach Unserer eigenen Ordnung. Durch die Offenbarung befahlen Wir ihnen, Gutes zu tun, das Gebet zu verrichten und die Zakat zu entrichten; sie dienten Uns aufrichtig und befolgten den Befehl. Sure al-Anbiya: 73
Über Hadrat Ismail, Allahs Friede sei mit ihm, heißt es:
وَكَانَ يَأْمُرُ أَهْلَهُ بِالصَّلَاةِ ص وَالزَّكَاةِ وَكَانَ عِندَ رَبِّهِ مَرْضِيًّا
„Er pflegte seinem Volk das Gebet und die Entrichtung der Zakat zu befehlen, und er besaß bei Allah eine besondere Stellung.“ Sure Maryam: 55
Hazrat Musa (Friede sei mit ihm) betete für sich selbst: „O Allah! Gewähre mir in dieser Welt Gutes und schenke mir auch im Jenseits Wohlergehen.“ Darauf sagte Allah in Sure al-A’raf, Vers 156:
عَذَابِي أُصِيبُ بِهِ مَنْ أَشَاءُ ۖ وَرَحْمَتِي وَسِعَتْ كُلَّ شَيْءٍ ۚ فَسَأَكْتُبُهَا لِلَّذِينَ يَتَّقُونَ وَيُؤْتُونَ الزَّكَاةَ وَالَّذِينَ هُم بِآيَاتِنَا يُؤْمِنُونَ
„Wen ich will, den werde ich in Meine Strafe werfen. Obwohl Meine Barmherzigkeit alle Dinge umfasst, werde ich sie doch nur für jene bestimmen, die Mich fürchten, die die Zakat entrichten und die an Meine Zeichen glauben.“ Sure al-A’raf: 156
Die Menschen aus dem Volk von Hazrat Musa (Friede sei mit ihm) waren äußerst engherzig. Um Reichtum zu erlangen, scheuten sie sich nicht einmal davor, ihr Leben zu opfern. Die Juden unserer Zeit sind dafür ein anschauliches Beispiel. Deshalb erklärte Allah Ta’ala als Antwort auf das Gebet dieses großen und geehrten Propheten unmissverständlich: Wenn dein Volk die Zakat ordnungsgemäß entrichtet, wird es Meine Barmherzigkeit erlangen können; andernfalls soll es klar wissen, dass es gewiss von Meiner Barmherzigkeit ausgeschlossen und von Meiner Strafe umgeben werden wird. Auch nach Hazrat Musa (Friede sei mit ihm) wurden die Kinder Israels immer wieder in dieser Angelegenheit gewarnt. Wiederholt wurde ihnen das Versprechen abgenommen: Sie sollten niemandem außer Allah dienen und regelmäßig das Gebet verrichten sowie die Zakat entrichten. (Sure al-Baqara, Ruku: 10.) Schließlich wurde ihnen mit folgenden klaren Worten eine unmissverständliche Warnung gegeben:
وَقَالَ اللهُ اِنِّي مَعَكُمْ لَئِنْ اَقَمْتُمُ الصًّلوةَ وَاتَيْتُمْ الزَّكوةَ وَامْنْتُمْ بِرُسُلِىِ وَعَزَّرتُمُوْهُمْ وَاَقْرَضْتُمْ اللهَ قَرْضًا حَسَنًا لاَّكَفِّرَنَّ عَنْكُمْ سَيَّاتِكُمْ ـ المائِدة : ١٢
Allah sagte: „O Kinder Israels! Wenn ihr das Gebet verrichtet, weiterhin die Zakat entrichtet, an Meine Gesandten glaubt, ihnen helft und Allah ein gutes Darlehen gebt, dann werde Ich mit euch sein und eure Fehler und Mängel tilgen (andernfalls könnt ihr keinerlei Hoffnung auf das Erlangen der Barmherzigkeit haben).“ Sure al-Ma’ida: 12
Vor Hazrat Rasul Karim (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) der letzte Prophet. Allah Ta’ala gebot auch ihm zugleich das Gebet und die Zakat. In Sure Maryam heißt es:
وَّجَعَلّنِى مُبرَكًا اَيْنَا مَاكُنْتُ وَاَوْضنِى بَالصَّلوةِ وَالزَّكوْةِ مَادُمْتُ حَيًا ـ مريم : ٣١
„Allah hat mich erhöht und mir befohlen, überall, wo ich mich befinde, und solange ich lebe, das Gebet zu verrichten und die Zakat zu entrichten.“ Sure Maryam: 31
Daraus lässt sich zweifellos erkennen, dass die Religion des Islam zur Zeit eines jeden Propheten auf diesen beiden Säulen – dem Gebet und der Zakat – beruhte. Kein Volk, das an Allah glaubte, wurde jemals von diesen beiden Pflichten entbunden.
Es ist bemerkenswert, wie diese beiden Pflichten in der von dem ehrwürdigen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündeten Scharia miteinander verbunden und untrennbar gemacht wurden. Der Vers, der gleich zu Beginn des Heiligen Quran erwähnt wird, lautet:
ذَلِكَ الْكِتبُ لاَرَيْبَ فِيْهِ هُدًى لِّلْمُتَّقِيْنَ ـ الَّذِيْنَ يُؤِْنُوْنَ بِالْغِيْبِ وَيُقِيْمُوْنَ الصَّلوةَ وَمِمَّا رَزَقْنَهُمْ يُنْفِقُوْنَ ـ البقرة :
٢ -٣
„Dies ist das Buch Allahs; es gibt keinen Zweifel daran. Es weist den Gottesfürchtigen, den Allah fürchtenden Menschen, den richtigen und geraden Weg im diesseitigen Leben. Gottesfürchtig sind diejenigen, die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von der Versorgung ausgeben, die Wir ihnen gegeben haben.“ Sure al-Baqara: 2–3
Danach heißt es:
أُوْلَـٰٓٮِٕكَ عَلى هُدًى مِّنْ رَّبِهِمْ وَاُولئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُوْنَ ـ البقرة : ٥
„In Wahrheit sind dies diejenigen, die die von ihrem Herrn gewährte Rechtleitung erlangt haben, und sie sind es, die erfolgreich sind.“ Sure al-Baqara: 5
Das heißt: Diejenigen, die keinen Glauben haben und weder das Gebet verrichten noch die Zakat entrichten, sind nicht nur von Allahs Rechtleitung ausgeschlossen; auch Wohlergehen und Erfolg werden ihnen nicht zuteil. Lesen Sie dann in dieser Sure al-Baqara weiter; schon wenige Seiten später wird befohlen:
وَأَقِيمُوا الصَّلَاةَ وَآتُوا الزَّكَاةَ وَارْكَعُوا مَعَ الرَّاكِعِينَ ـ البقرة : ٤٣
„Verrichtet das Gebet, entrichtet die Zakat und verbeugt euch gemeinsam mit denjenigen, die sich verbeugen (verrichtet das Gebet in der Gemeinschaft).“ Sure al-Baqara: 43
Nachdem man in dieser Sure ein Stück weitergelesen hat, heißt es:
لَيْسَ الْبِرَّ اَنْ تُوْلُّوْا وَجُوْهَكُمْ الْمَشْرِقِ وَالْمَغْرِبِ وَلكِنَّ البِرَّ مَنْ امَنَ بِاللهِ وَالْيُوْمِ الاخِرِ وَالْمَلئِكَةِ وَالْكِتبِ وَالنَّبِيْنَ وَاَتَى الْمَالَ عَلى حُبِّه ذَوِى الْقُرْبى وَالْيَتمى وَالْمَّسْكِيْنَ وَاَبْنَ السَّآئِلِيْنَ وَفِى ارِّقَابِ وَاَقامَ الصَّلوةَ وَاَتَى الزَّكوةَ وَالْمُؤْفُوْنَ بَعَهْدِهِمْ اِذَا عَهدُوْا الرِّقَابِ وَاَقَامَ الصَّلوَةَ وَاَتَى الزَّكوَةَ وَالْمُؤْفُوْنَ بَعَهْدِهِمْ اِذَا عَهدُوْا وَالصَّبِرِيْنَ فِى الْبَاسَآءِ وَالضَّرَّاءِ وَحَيْنَ الْبَاسِ اُوْلئِكَ الَّذِيْنَ صَدَقُوْا وَاُوْلئِكَ هُمْ الْمُتَّقُوْنَ ـ البقرة : ٧ ١٧
„Es ist keine Frömmigkeit, sich nach Osten oder Westen zu wenden. Vielmehr ist derjenige fromm, der an Allah, den Jüngsten Tag, die Engel, die himmlischen Bücher und die Propheten glaubt, aus Liebe zu Allah von seinem Vermögen seinen bedürftigen Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, den Reisenden und den Bittenden gibt, anderen Menschen hilft, sich von ihren Schulden, ihrer Knechtschaft oder ihrer Gefangenschaft zu befreien, das Gebet verrichtet und die Zakat entrichtet. Wahrlich, nur diese können Frömmigkeit erlangen. Und diejenigen, die ihre Versprechen erfüllen und in Zeiten von Not, Schaden und Verlust sowie im Krieg geduldig sind und fest auf Allahs wahrhaftigem Weg stehen, sind die Frommen. Sie sind die aufrichtigen Muslime, die Gottesfürchtigen und die rechtschaffenen.“ Sure al-Baqara: 177
Danach ist auch das zu beachten, was in der Sure al-Māʾida hierzu gesagt wird:
اِنَّمَا وَلَيُّكُمُ اللهُ وَرَسُوْلُهُ وَالَّذِيْنَ امَنُوْا الَّذِيْنَ يُقِيْمُوْنَ الصَّلوةَ وَيُؤْتُوْنَ الزَّكوةَ وَهُمْ رِكِعُوْنَ ـ وَمَنْ يَّتَوَلَّ اللهَ وَرَسُوْلَهُ وَالَّذِيْنَ امَنُوْا فِانَّ حِزْبَ اللهِ هُمُ الْغلِبُوْنَ ـ المائِدَة : ٥٥-٥٦
„Muslime! Eure wahren Freunde und Helfer sind einzig Allah, Sein Gesandter und die Gläubigen. Mit den Gläubigen sind diejenigen gemeint, die das Gebet verrichten, die Zakāt entrichten und sich vor Allah verneigen. Wer also Allah, den Gesandten und die Gläubigen zu seinen Freunden nimmt, wird als Angehöriger der Partei Allahs betrachtet; und gewiss wird allein die Partei Allahs siegreich sein.“ – Sure al-Māʾida: 55–56
In diesem Vers wird ein wichtiges Grundprinzip erwähnt. Erstens geht aus diesem Vers hervor, dass diejenigen Muslime sind, die das Gebet verrichten und die Zakāt entrichten. Der Anspruch eines Menschen, gläubig zu sein, ist im Grunde falsch, wenn er diese beiden Säulen des Islam nicht ordnungsgemäß erfüllt. Zweitens wird durch diesen Vers ebenfalls bewiesen, dass Allah, der Gesandte und die Gläubigen einer einzigen Partei angehören. Daher müssen die Gläubigen alle anderen Arten von Beziehungen abbrechen und sich dieser Partei anschließen. Wenn ein Muslim irgendeinen Menschen außerhalb dieser Partei – sei es sein Vater, sein Bruder, sein Sohn, sein Nachbar, sein Landsmann oder wer auch immer – zu seinem Freund nimmt und zu ihm eine Beziehung der Liebe und des Mitgefühls aufbaut, kann keinesfalls erwartet werden, dass Allah, der Erhabene, ihm gegenüber ebenfalls mitfühlend sein wird. Schließlich erfahren wir aus diesem Vers auch, dass die Gläubigen in dieser Welt nur dann siegreich sein können, wenn sie aufrichtig einzig Allah, den Gesandten und die Gläubigen zu ihren Schutzherren, Freunden, Helfern und Gefährten nehmen.
Nachdem man in der Sure at-Tawba noch ein Stück weiter vorangeschritten ist, hat Allah, der Erhabene, den Muslimen befohlen, gegen die Kāfirūn und die Muschrikūn zu kämpfen, und bis über mehrere aufeinanderfolgende Rukūʿ hinweg Anweisungen zu diesem Krieg gegeben. In diesem Zusammenhang heißt es:
فَاِنْ تَابُوْا وَاَقَامُوْا الصَّلوةَ وَاتَوُا الزَّكوةَ فَاِخْوَانَكُمْ فِىْ الدِّيْنِ ـ
„Wenn sie von Kufr und Schirk Tawba machen, aufrichtig den Īmān annehmen, das Gebet verrichten und die Zakāt entrichten, werden sie eure religiösen Brüder werden.“ – Sure at-Tawba: 11
Das heißt: Es genügt nicht, lediglich von Kufr und Schirk Tawba zu machen und zu bekunden, dass man den Īmān angenommen hat; als Beweis dafür, dass man tatsächlich von Kufr und Schirk Tawba gemacht und wahrhaftig den Īmān angenommen hat, ist es ebenso unerlässlich, ordnungsgemäß das Gebet zu verrichten und die Zakāt zu entrichten. Wenn sie also durch solche tatsächlichen Handlungen zum Ausdruck bringen, dass dies der Fall ist, sind sie gewiss eure religiösen „Brüder“; andernfalls kann man nicht nur davon absehen, sie als Brüder zu betrachten, sondern auch der Kampf gegen sie darf nicht eingestellt werden. In dieser Sure wird noch deutlicher gesagt:
وَالْمُؤْمِنُوْنَ وَالْمُؤْمِنتُ بَعْضُهُمْ اَوْلِيْآَءُ بَعْضٍ يَامُوْرُونَ بِامُرُوْنَ بَالْمَعْرُوْفِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَيُقِيْمُوْنَ الصَّلوةَ وَيُؤْتُوْنَ الزَّكوةَ وَيُطِيْعُوْنَ اللهَ وَرَسُوْلَهُ اُوْلئِكَ سَيَرْحَمُهُمُ اللهُ ـ التوبية : ٧١
„Die gläubigen Männer und die gläubigen Frauen sind in Wahrheit einander Freunde und Helfer. Ihr Kennzeichen und ihre Eigenschaft ist, dass sie das Gute gebieten, vom Unrecht und von sündhaften Taten abhalten, das Gebet verrichten, die Zakāt entrichten und Allahs und des Gesandten Bestimmungen befolgen. Wahrlich, ihnen wird Allah Barmherzigkeit erweisen.“ Sure at-Tauba: 71
Mit anderen Worten: Solange jemand zwar den Glauben annimmt, aber nicht tatsächlich das Gebet verrichtet und die Zakāt entrichtet, kann er nicht als religiöser Bruder der Muslime gelten. In Wirklichkeit wird die Gemeinschaft der Gläubigen erst durch die Verbindung dieser drei Dinge – Glaube, Gebet und Zakāt – gebildet. Wer diese Pflichten ordnungsgemäß erfüllt, gehört dieser reinen Gemeinschaft an, und zwischen ihren Mitgliedern werden Beziehungen der Freundschaft, Liebe und des Mitgefühls entstehen. Wer diese drei Dinge jedoch nicht erfüllt, gehört nicht zu dieser Gemeinschaft. Auch wenn sie dem Namen nach Muslime sind, können sie nicht in die islamische Gemeinschaft aufgenommen werden. Wenn man nun mit ihnen Beziehungen der Freundschaft, Zuneigung und Liebe knüpft, verstößt man gegen Allahs Gesetz und zerstört dadurch die Ordnung der Partei Allahs. Wie können solche Menschen dann hoffen, in dieser Welt siegreich zu bleiben?
Wenn wir weiter fortschreiten, sehen wir in der Sure al-Haddsch, dass Allah, der Erhabene, gesprochen hat:
وَلَيَنْصُرَنَّ اللهُ مَنْ يَّنْصُرُهُ اِنَّ اللهَ لَقَوِي عَزِيْزٌ ـ اَلَّذِيْنَ اِنْ مَّكَّنّهُمْ فِى الاَرْضِ اَقَامُوْا الصَّلوةَ وَاَتَوُا الزَّكوةَ وَاَمَرُوْنَ بِالْمَعْرُوْفِ وَنَهَوْا عَنِ الْمُنْكَرِۗ وَلِلهِ عَاقِبَةُ الاُمُوْرِ ـ الحج ـ ٤٠-٤١
„Wer Allah hilft, dem wird Allah gewiss helfen. Allah, der Erhabene, ist wahrlich stark und allmächtig. (Allah können nur jene helfen,) denen Wir, wenn Wir ihnen auf der Erde Macht geben, auftragen, das (gesellschaftliche) System zur Verrichtung des Gebets zu errichten, die Zakāt umfassend zu entrichten, den Menschen das Gute zu gebieten und sie vom Schlechten und Unrecht abzuhalten. Wahrlich, bei Allah liegt der Ausgang aller Dinge.“ – Sure al-Haddsch: 40–41
Die Anweisung, die den Kindern Israels zuvor gegeben worden war, ist in diesem Vers genau den Muslimen gegeben worden. Den Kindern Israels war zuvor gesagt worden, dass Allah so lange ihr Gefährte und Helfer bleiben werde, wie sie das Gebet verrichteten, die Zakāt entrichteten und die Arbeit der Propheten unterstützten, das heißt, Allahs Gesetz durchsetzten. Sobald sie diese Aufgabe jedoch aufgeben würden, würde Allah jede Hilfe von ihnen einstellen. Genau dies ist in diesem Vers den Muslimen gesagt worden. Allah hat ihnen klar mitgeteilt: Wenn sie, nachdem sie weltliche Macht erlangt haben, ein gesellschaftliches System zur Verrichtung des Gebets und eine umfassende Ordnung zur Entrichtung der Zakāt errichten, das Gute verbreiten und das Schlechte bekämpfen, dann wird Allah ihr Helfer sein. Wahrlich, niemand kann ein mächtigerer Helfer sein als Allah. Wenn die Muslime jedoch die Verrichtung des Gebets und die Entrichtung der Zakāt aufgeben und nach Erlangung weltlicher Macht statt des Guten das Schlechte verbreiten, weiterhin den Weg des Guten versperren, anstatt das Unrecht auszumerzen, beginnen, ihre eigene Herrschaft aufzurichten, anstatt Allahs Wort zum Sieg zu verhelfen, und die Erhebung von Steuern sowie die Schaffung eines irdischen Paradieses für sich selbst zum einzigen Ziel ihrer Herrschaft machen, dann wird Allahs Hilfe ihnen niemals zuteilwerden. Danach wird Satan ihr Helfer sein. Es ist erstaunlich, welch große Lehre darin liegt! Die Kinder Israels hielten diese von Allah gegebene Botschaft für grundlos und bloß mündlich. Weil sie daher entgegen ihr handelten, müssen sie nun überall auf der Welt entehrt und gedemütigt umherziehen und zugrunde gehen. Aus verschiedenen Orten werden sie vertrieben, und nirgends können sie dauerhafte Zuflucht finden. Sie sind die reichste Gemeinschaft der Welt; in ihren Schatzkammern häufen sich Milliarden, doch dieses Geld nützt ihnen in keiner Weise. Anstelle des Gebets bedienen sie sich schlechter Taten, und statt der Zakāt folgen sie dem verfluchten Weg des Wuchers. Dadurch werden sie einerseits selbst bei Allah verflucht, andererseits ziehen sie umher und verbreiten diesen Fluch überall auf der Welt wie Ratten der Pest. Auch den Muslimen ist dieses Gebot gegeben worden. Doch sie haben es unbeachtet gelassen, sind bei der Verrichtung des Gebets und der Entrichtung der Zakāt nachlässig geworden und haben vergessen, mithilfe der von Allah verliehenen Macht ihre Pflicht zu erfüllen, die Wahrheit zu verbreiten und Lüge und Unrecht zu bekämpfen. Die bitteren Folgen davon haben sie auf vielerlei Weise erfahren. Man hat sie der staatlichen Macht beraubt, der größten und mächtigsten Macht der Welt. Überall auf der Welt leiden sie unter der Unterdrückung aller tyrannischen Mächte. Sie sind schwach und besiegt. Die schlechten Folgen der Aufgabe von Gebet und Zakāt habt ihr nun gesehen. Jetzt ist unter diesen Leuten (unter den Kindern Israels) eine Gruppe entstanden, die entschlossen ist, unter den Muslimen Schamlosigkeit, Obszönität, die Ablehnung der Bedeckung und hässliche Taten einzuführen. Sie sagen zu den Muslimen: „Wenn ihr eure finanzielle Not beseitigen wollt, gründet Banken und Versicherungsgesellschaften und esst euch am Zins satt.“ Doch die Wahrheit ist, dass auch die Muslime, wenn sie sich darauf einlassen, wie die Juden in eine schwere Prüfung äußerster Erniedrigung gestürzt und mit einem ewigen Fluch verflucht werden.
Was die Zakāt ist und welche große Kraft Allah, der Erhabene, in sie gelegt hat, obwohl die Muslime sie für eine ganz gewöhnliche Sache halten, und welch gewaltige Möglichkeiten des Nutzens darin liegen – all dies werde ich in den folgenden Abhandlungen ausführlich erörtern. In dieser Abhandlung möchte ich nur sagen, dass Gebet und Zakāt grundlegende Bestandteile des Islam sind. Ihre Bedeutung im Islam ist so groß, dass dort, wo sie fehlen, ungeachtet dessen, was sonst vorhanden sein mag, zweifellos kein Islam vorhanden ist. Dennoch wollen viele Muslime heute als Muslime gelten, ohne das Gebet zu verrichten und die Zakāt zu entrichten, und einige ihrer sogenannten Religionsgelehrten haben ihnen diesbezüglich sogar Sicherheit zugesichert. Doch der Koran weist ihre Behauptung entschieden zurück. Wenn ein Mensch das Glaubensbekenntnis spricht, aber zum Beweis seiner Wahrheit weder das Gebet verrichtet noch die Zakāt entrichtet, dann ist dieses Sprechen des Glaubensbekenntnisses aus der Sicht des Korans völlig bedeutungslos. Deshalb ergriff Hadhrat Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, gegen diejenigen, die sich weigerten, die Zakāt zu entrichten, die Waffen, da er sie für Ungläubige hielt. Damals kam den edlen Gefährten der Zweifel, ob der Dschihad gegen jene geführt werden dürfe, die an Allah und den Gesandten glaubten und auch das Gebet verrichteten. Doch als Hadhrat Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, dem Allah eine dem Prophetentum nahe Ehre verliehen hatte, entschieden erklärte: „Bei Allah, ich werde gegen jeden die Waffen ergreifen, der sich heute weigert, auch nur ein Seil zum Anbinden seines Kamels zu geben, obwohl die Menschen zu Lebzeiten des edlen Gesandten die Zakāt entrichteten“, konnten schließlich alle Gefährten die Berechtigung dieser Aussage erkennen und erklärten einmütig, dass der Dschihad gegen diejenigen, die die Zakāt nicht entrichten, unerlässlich sei. Der Heilige Koran hat mit klaren Worten gesagt, dass die Nichtentrichtung der Zakāt allein die Tat der ungläubigen Götzendiener im Jenseits ist:
وَوَيْلٌ لِّلْمُشْرِكِيْنَ ـ الًّذِيْنَ لاَيُؤْتُوْنَ الزَّكوَةَ وَهُمْ بِالاخِرَةِ هُمْ كفِرُوْنَ ـ
„Unvermeidlich ist der Untergang jener Götzendiener, die keine Zakāt entrichten und das Jenseits leugnen.“ – Sūrat Hā-Mīm as-Sadschda: 6–7
Das Wesentliche der Zakāt
Wie bereits erwähnt, ist die Zakāt nach dem Gebet die wichtigste Säule des Islām. Ihre Bedeutung ist so groß, dass jemand, der das Gebet leugnet, zum Kāfir wird; ebenso wird derjenige, der sich weigert, die Zakāt zu entrichten, nicht nur zum Kāfir, sondern alle ehrwürdigen Gefährten erklärten sich einstimmig dafür, gegen ihn Dschihād zu führen.
Hier werde ich versuchen, das wahre Wesen der Zakāt und ihre ihr zugrunde liegende Weisheit zu erörtern. Aus dieser Erörterung wird deutlich werden, was die Zakāt im Grunde ist und warum der Islām ihr eine so große Bedeutung beimisst.
Viele Menschen unter uns schließen mit jedem beliebigen Menschen Freundschaft. Wenn sie jedoch jemanden als Freund anerkennen, werden sie in Fragen der tatsächlichen Freundschaft häufig getäuscht. Später empfinden sie großen Kummer und bereuen es. In Wirklichkeit prüfen und untersuchen kluge Menschen jene, mit denen sie verkehren, sehr sorgfältig. Nach dieser Prüfung schließen sie nur mit denjenigen Freundschaft, die sie als sehr gute, zuverlässige, aufrichtige und vertrauenswürdige Menschen ansehen; zu den anderen brechen sie die Beziehung ab.
Allah, der Erhabene, ist der weiseste und allwissendste von allen. Wie kann man erwarten, dass Er jeden beliebigen Menschen zu Seinem Freund macht, ihn in Seine Partei aufnimmt und ihm an Seinem Hof die Ehre und den Rang der Nähe gewährt? Wenn schon ein gewöhnlicher vernünftiger Mensch nicht bereit ist, mit jemandem Freundschaft zu schließen, ohne ihn zu prüfen und zu untersuchen, wie könnte Allah, der Erhabene, dem allein alles Wissen und alle Vernunft gehören, jemanden als Freund anerkennen, ohne ihn gründlich zu prüfen und zu untersuchen? Die vielen Millionen Menschen, die über die Welt verstreut leben und unter denen sich gute wie schlechte Menschen befinden, können unmöglich unterschiedslos und ohne Ausnahme allesamt in Allahs Partei aufgenommen werden. Deshalb will Allah, der Erhabene, diejenigen, die Er in der Welt zu Seinen Statthaltern machen und denen Er im Jenseits Seine Nähe gewähren will, anhand bestimmter Maßstäbe und unter besonderen Umständen und Prüfungen überprüfen. Nur diejenigen, die diese Prüfung in angemessener Weise bestehen, können zu Allahs Partei gezählt werden. Wer sie nicht besteht, wird sich selbst von ihr entfernen und klar erkennen, dass er nicht fähig war, seine Eignung für die Aufnahme in Allahs Partei zu beweisen. Was ist nun der Prüfstein, mit dem die Menschen geprüft werden? Da Allah selbst der weiseste und vernünftigste von allen ist, will Er zuerst die Vernunft und das Wissen des Menschen prüfen. Er achtet besonders darauf, ob ein Mensch überhaupt Verstand besitzt oder ein völliger Dummkopf ist. Denn törichte Menschen können niemals Freunde vernünftiger und gelehrter Menschen sein. (Und unwissende und törichte Menschen können unter keinen Umständen und niemals Freunde Allahs sein.) Wer anhand der Zeichen von Allahs Existenz erkennt, dass Er allein sein Herr und Schöpfer ist und dass es außer Ihm keinen Maʿbūd, keinen Fürsorger, keinen Erhörer der Bittgebete und keinen Helfer gibt; wer beim Betrachten des Wortes Allahs erkennt, dass es tatsächlich Allahs Wort ist, und fest daran glaubt, dass es nicht das Wort eines anderen sein kann; wer den grundlegenden Unterschied zwischen dem Leben, den Taten und der Lehre wahrer und falscher Propheten richtig versteht; wer unter denjenigen, die den Anspruch erheben, Propheten zu sein, den wahren Propheten als den von Allah gesandten und den Weg zur Wahrheit weisenden Propheten erkennt und den falschen Propheten als Daddschāl und Betrüger kennzeichnet – nur ein solcher Mensch ist geeignet, diese Prüfung zu bestehen. Allah, der Erhabene, erwählt ihn aus Millionen und Abermillionen Menschen und zählt ihn zu den auserwählten Anwärtern Seiner Partei. Die Übrigen, die an der ersten Prüfung scheitern, weist Er zurück.
Diejenigen Anwärter, die diese erste Prüfung bestehen, müssen sich anschließend der zweiten Prüfung stellen. Beim zweiten Mal werden neben der Vernunft des Menschen auch die Stärke seines moralischen Charakters und seine Willenskraft geprüft. Ziel dieser Prüfung ist festzustellen, ob er die Fähigkeit und Kraft besitzt, die Wahrheit und gute Taten zu erkennen, sie anzunehmen und entsprechend zu handeln, sowie nach dem Erkennen von Unrecht und Sünde diese aufzugeben. Es wird geprüft, ob dieser Mensch ein Sklave seiner eigenen Neigungen, ein blinder Nachahmer seiner Vorväter und ein Knecht familiärer Bräuche und der allgemeinen gesellschaftlichen Gepflogenheiten dieser Welt ist. Besitzt er etwa die Schwäche, eine Handlung trotz der Erkenntnis, dass sie Allahs Gesetz widerspricht, und trotz seiner Überzeugung, dass sie schlecht ist, weiterhin zu begehen? Andererseits wird auch geprüft, ob er den Mut besitzt, etwas anzunehmen, wenn er weiß, dass es von Allah erwählt und wahr ist. Auch diejenigen, die diese Prüfung nicht bestehen, werden nicht in Allahs Partei aufgenommen. Zu Allahs Partei können nur diejenigen gehören, über die Allah, der Erhabene, gesagt hat:
فَمَنْ يَّكْفُرْ بِالطَّاغُوْتِ وَيُؤْمِنْ بِاللهِ فَقَدِ اسْتَمْسَكَ بِالْعُرُوةِ الْوُثقى لاَ اَنْفِصَامَ لَهَا ـ
Das heißt: Wer die Allahs Geboten widersprechenden Gesetze und Wege sowie deren Gesetzgeber mutig verlässt, sich darum um niemanden kümmert und sich furchtlos bereit erklärt, sein Leben ausschließlich nach den von Allah gegebenen Geboten zu führen – ohne darauf zu achten, ob jemand darüber erfreut oder unzufrieden ist –, der hat eine starke Kette fest ergriffen, die niemals reißen wird.
Diejenigen, die diese Prüfung bestehen, müssen sich auf die dritte Prüfung vorbereiten. Zunächst wird ihre Bereitschaft geprüft, Allah zu folgen und Ihm Gehorsam zu leisten. Zu dieser Zeit wird ihnen befohlen: Wann immer von meiner Seite ein Befehl ergeht, sollt ihr sofort den Schlaf verlassen und vor mir erscheinen; ihr sollt eure Tätigkeiten aufgeben, eure eigenen Interessen und euch angenehme Beschäftigungen verlassen, Freude und Vergnügen aufgeben, kommen und die euch auferlegte Pflicht ordnungsgemäß erfüllen. Ob Sommer oder Winter – ganz gleich zu welcher Zeit – sollt ihr beim bloßen Ertönen des Rufes erscheinen, alle Mühsal und alles Leid ertragen, vor meiner Gegenwart erscheinen und eure Pflicht erfüllen. Wenn ich euch ferner befehle, von morgens bis abends weder zu essen noch zu trinken, und euch verbiete, die Wünsche des Nafs zu befriedigen, dann müsst ihr diesen Befehl vollständig befolgen, wie unerträglich auch die Qualen von Hunger und Durst sein mögen und wie viele süße Getränke und köstliche Speisen auch vor euch aufgetürmt sein mögen. Denjenigen, die diese Prüfung nicht bestehen, wird ebenfalls gesagt: Durch euch kann mein Werk nicht vollendet werden. Und nur diejenigen, die auch die dritte Prüfung bestehen, werden ausgewählt. Denn von ihnen kann man erwarten, dass sie jedes Gebot, das von Allah herabgesandt wird, im Verborgenen wie in der Öffentlichkeit, unter allen Umständen – bei eigenem Vorteil und Gewinn ebenso wie bei Freude, Leid und Mühsal – ordnungsgemäß befolgen können.
Danach wird die vierte Prüfung abgehalten: die Opferbereitschaft hinsichtlich des Vermögens der Menschen. Auch diejenigen, die die dritte Prüfung bestanden hatten, erwiesen sich noch nicht als geeignet, dauerhaft in Allahs Dienst eingesetzt zu werden. Denn ihr Herz ist klein und eng, ihnen fehlen Mut und Kraft, und sie sind niedrig gesinnt. Es gibt zwar unzählige Menschen, die mit dem Mund große Ansprüche auf Freundschaft und Liebe erheben; doch die Prüfung, ob sie um eines Freundes willen bereit sind, Geld aus ihrer Tasche auszugeben, steht noch aus. Sie gleichen nicht jenen Menschen, die mit den Lippen ständig „Mutter, Mutter“ rufen, vor Verehrung überströmen und für diese Mutter sogar zu kämpfen bereit sind, sie aber, sobald sie in Gestalt eines Tieres in das Getreidefeld eindringt, mit einem Stock vertreiben und so lange schlagen, bis ihr das Fell abgezogen ist. Einen solchen selbstsüchtigen, geldverehrenden und engstirnigen Menschen kann kein Mensch mit gesundem Verstand als Freund annehmen. Und selbst ein Mensch von großer, großzügiger Gesinnung wäre nicht bereit, einem solchen in seiner Nähe irgendeine Achtung zu erweisen. Wie könnte dann der erhabene Allah jemanden in Seine Gemeinschaft aufnehmen, der nicht bereit ist, den von Allah gegebenen Reichtum auf Allahs Weg auszugeben? Und wie könnte Allah, der so verständig und weise ist, einen solchen Menschen in Seine Gemeinschaft aufnehmen, dessen Freundschaft und Liebe nur aus leeren Worten bestehen und auf den man sich bei keiner Aufgabe auch nur im Geringsten verlassen kann? Deshalb wird auch denjenigen, die diese vierte Prüfung nicht bestehen, klar gesagt: In Allahs Gemeinschaft habt ihr keinen Platz; auch ihr seid untauglich – ihr besitzt nicht die Fähigkeit, die gewaltige Verantwortung zu erfüllen, die Allahs Statthalter auferlegt wird. In diese Gemeinschaft können nur diejenigen aufgenommen werden, die aus Liebe zu Allah die Liebe zu ihrem Leben und ihrer Seele, ihrem Vermögen, ihren Kindern, ihrer Abstammung und Familie, ihrer Heimat – zu allem – mit unbeschwertem Herzen opfern können:
لَنْ تَنَالُوْا الْبِرَّ حَتّى تُنْفِقُوْا مِمَّا تُحِبُّوْنَ ـ ال عمران : ٩٢
„Ihr könnt den höchsten Rang an Frömmigkeit und Vorzüglichkeit nicht erlangen, solange ihr nicht eure liebsten Dinge um Allahs willen ausgebt.“ – Sure Āl ʿImrān: 92
In Allahs Gemeinschaft gibt es für engstirnige Menschen keinerlei Platz; nur großzügige, hochgesinnte und von Herzen edle Menschen können dieser Gemeinschaft angehören.
وَمَنْ يُّوْقَ شُحَّ نَفْسِه فَأُوْلئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُوْنَ ـ التغابن : ١٦
„Nur diejenigen, die die Enge des Herzens und die Geizigkeit überwinden konnten, können umfassendes Wohlergehen erlangen.“ – Sure at-Taghabun: 16
In Allahs Partei können nur solche Menschen aufgenommen werden, die selbst dann, wenn jemand ihnen feindselig begegnet, sie betrübt, ihnen Schaden zufügt und ihr Herz in Stücke reißt, allein um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, nicht versäumen werden, ihnen Nahrung und Kleidung zu geben, und die auch in Zeiten der Not nicht zögern werden, ihnen zu helfen:
وَلاَ يَاتَلِ اُوْلُوْا الْفَضْلِ مِنْكُمْ وَالسَّعَةِ اَنْ يُّؤْتُوْا اُوْْلِى الْقُرْبى وَالْمَسكِيْنَ وَالْمُهجِرِيْنَ فِى سَبِيْلِ اللهِ وَلْيَعْفُوا وَاْيَصْفَحُوْا اَلاَ تَحِبُّوْنَ اَنْ يَّغْفِرَ اللهُ لَكُمْ وَ اللهُ غَفُوْرٌ رَّحِيْمٌ ـ النور : ٢٢
„Diejenigen unter euch, die wohlhabend und vermögend sind, sollen nicht aufhören, ihre Angehörigen, nahen Verwandten, Armen und Bedürftigen sowie denjenigen, die um Allahs willen ausgewandert sind, Unterstützung zu gewähren, nur weil sie ihnen wegen eines Vergehens grollen. Vielmehr ist es besser, ihnen zu vergeben. Wollt ihr nicht, dass Allah euch vergibt? Allah ist doch der Allvergebende und Barmherzigste.“¹ – Sure an-Nur: 22
Diese Partei braucht Menschen, die von den Gütern, die Allah ihnen gegeben hat, bewusst die besten Dinge allein um Allahs willen ausgeben:
يَآ يُّهَا الَّذِيْنَ امَنُوْا اَنْفِقُوْا مِنْ طَيِّبتِ مَاكَسَبْتُمْ وَمِمَّا اَخْرَجْنَا لَكُمْ مِّنْ الاَرْضِ وَلاَ تَيْمَّمُوْا الْخَبِيْثَ مِنْهُ تُنْفِقُوْنَ ـ الرقرة : ٢٦٧
„O ihr Gläubigen! Gebt von den guten Dingen aus, die ihr selbst erworben habt, und von dem guten Lebensunterhalt, den Ich euch aus der Erde gegeben habe. Gebt für diesen Weg nichts von den schlechten Dingen aus.“ – Sure al-Baqara: 267
1. Als ein ihm nahestehender Mann von Hazrat Abu Bakr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sich daran beteiligt hatte, die Reinheit seiner Tochter Hazrat Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, zu verleumden, und Hazrat Abu Bakr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, ihm deshalb zürnte und seine finanzielle Unterstützung einstellte, wurde dieser Vers offenbart. Sobald der Vers offenbart worden war, sagte er zitternd und voller Furcht: „Ich bitte Allah um Vergebung“, und nahm unverzüglich die finanzielle Unterstützung für diesen Mann wieder auf.
Hier bedarf es Menschen von großer innerer Stärke, die es trotz ihrer eigenen unerträglichen Not, Armut und Bedürftigkeit und trotz ihrer unverzichtbaren eigenen Bedürfnisse nicht als vergeblich ansehen, auf Allahs Weg Geld auszugeben. Vielmehr werden sie fest davon überzeugt sein, dass Allah für alles, was auf Seinem Weg ausgegeben wird, in dieser Welt und im Jenseits den besten Lohn gewähren wird. Deshalb geben sie ausschließlich in der Absicht aus, Allahs Wohlgefallen zu erlangen. Ob ihre Freigebigkeit in der Welt bekannt wird oder nicht und ob jemand ihnen für ihre Spende dankt oder nicht – darauf geben sie nicht das geringste.
وَمَا تُنْفِقُوْا مِنْ خَيْرٍ فَلاَنْفُسِكُمْ وَمَا تُنْفِقُوْنَ اِلاَّ ابْتِغَاءَ وَجْهِ اللهِ وَمَا تُنْفِقُوْا مِنْ خَيْرٍ يُّوْفَّ اِلَيْكُمْ وَاَنْتُمْ لاَتُظْلَمُوْنَ ـ البقرة : ٢٧٢
„Was immer ihr auf Allahs Weg ausgebt, wird zu eurem eigenen Wohl sein – vorausgesetzt, dass ihr mit dieser Ausgabe nicht das Wohlgefallen irgendeines anderen außer Allahs sucht. So werdet ihr für alles, was ihr an Gutem spendet, den vollständigen Lohn erhalten. In dieser Hinsicht wird euch nicht einmal im geringsten Unrecht getan werden.“ – Sure al-Baqara: 272
Auch unter den Wohlhabenden, die in Glück und Wohlstand versunken leben und Allah dennoch nicht vergessen, braucht Allahs Gruppe solche besonnenen Menschen. Selbst wenn sie in großen Palästen inmitten von Glück und Genuss leben, werden sie Allah nicht vergessen:
يَآيُّهَا الَّذِيْنَ امَنُوْا لاَتُلْهِكُمْ وَلاَ اَوْلاَدُكُمْ عَنْ ذِكْرِ اللهِ وَمَنْ يَّفْعَلِ ذلِكَ فَاوُلئِكَ هُمُ الْخسِرِوْنَ المنفقون : ٩
„O ihr, die ihr glaubt! Euer Besitz und eure Kinder sollen euch niemals vom Gedenken Allahs abhalten. Diejenigen, die Allah ihretwegen vergessen, werden die großen Verlierer sein.“ – Sure al-Munafiqun: 9
Die oben beschriebenen Eigenschaften müssen bei den Angehörigen der Gruppe Allahs vorhanden sein. Andernfalls kann niemand zu Allahs Freunden gezählt werden. In Wahrheit ist dies nicht nur eine äußerst schwere und bittere Prüfung des sittlichen Charakters eines Menschen, sondern auch seines Glaubens. Wer zögert, auf Allahs Weg auszugeben, wer eine solche Ausgabe als eine ihm auferlegte Strafe betrachtet, wer sich durch List und Täuschung davor zu schützen versucht und wer, selbst wenn er etwas ausgibt, sein Herz dadurch zu erleichtern sucht, dass er den Menschen seine Gunst erweist, oder seine Freigebigkeit in der Welt bekannt machen möchte – solche Menschen können in Wirklichkeit überhaupt keinen Glauben an Allah und das Jenseits besitzen. Er meint, alles, was er für Allah getan hat, sei völlig vergeblich gewesen. Sein eigenes Glück und sein eigener Frieden, sein Wohlleben, seine eigenen Interessen und sein Ruhm sind ihm lieber als Allah und Sein Wohlgefallen. Seiner Ansicht nach ist diese Welt alles. Selbst wenn er Geld ausgibt, muss er dafür in dieser Welt Ansehen und Ruhm erlangen. Denn dann kann er hier bereits eine Gegenleistung für sein Geld erhalten. Wenn er dagegen Geld ausgibt und niemand erfährt, dass dieser oder jener so viel Geld für eine gute Sache gegeben hat, dann wird all dies bedeutungslos. Im Edlen Koran ist eindeutig dargelegt worden, dass solche Menschen für keine Angelegenheit Allahs von Nutzen sein können. Selbst wenn er verkündet, ein Gläubiger zu sein, ist er keineswegs ein Gläubiger, sondern vielmehr ein offenkundiger Heuchler. Die folgenden Verse sind ein Beweis dafür:
يَآيُّهَا الَّذِيْنَ امَنُوْا صَدْقتِكُمْ بَالْمَنَ وَالاَذي كَالَّذِى يُنْفِقُ مَالَهُ رِئَآ ءَ النَّاسِ وَلاَ يُؤْمِنُ بِاللهِ وَالْيُوْمِ الاخِرِ ـ البقرة : ٢٦٤
„O ihr Gläubigen! Macht eure Spenden nicht dadurch zunichte, dass ihr eure Wohltätigkeit gegenüber anderen hervorhebt oder jemandem Leid zufügt, wie jener, der sein Geld nur ausgibt, um es anderen zu zeigen oder sich einen guten Ruf zu erkaufen, und nicht im Geringsten an Allah und das Jenseits glaubt.“
وَاَلَّذِيْنَ يَكْنِزُوْنَ الذَّهَبَ وَالْفِضَّةَ وَلاَيُنْفِقُوْنَهَا فِىْ سَبِيْلِ اللهِ فِبَشّرِهُمْ بِعَذَابِ اَلِيْمٍ ـ التوبة : ٣٤
„Verkünde denen, die Gold und Silber anhäufen und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, eine schmerzhafte Strafe.“ – Sure at-Tauba: 34.
لاَيَسْتَاْذِنُكَ الَّذِيْنَ يُؤْمِنُوْنَ بِاللهِ وَالْيَوْمِ الاخِرِ اَنْ يُّجَاهِدُوْنا يَاَمْوَالِهِمْ وَاَنْفٌسِهِمْ وَاللهُ عَلَيْمٌ بِالْمُتَّقِيْنَ ـ اِنَّمَا يَسْتَاذِنُكَ الَّذِيْنَ لاَيُؤْمِنُوْنَ بِاللهِ وَالْيَوْمِ الاخِرِ وَارْتَابَتْ قُلُبُهُمْ فَهُمْ فِىْ رَيْبِهِمْ يَتَرَدَّدُوْنَ ـ
„O Prophet! Diejenigen, die an Allah und das Jenseits glauben, werden niemals um Erlaubnis bitten, sich ihrer Pflicht zu entziehen, am Dschihad mit ihrem Leben und ihrem Besitz teilzunehmen. Allah, der Erhabene, kennt die wahrhaft gottesfürchtigen Diener sehr wohl. Um Erlaubnis können allerdings jene bitten, die überhaupt nicht an Allah und das Jenseits glauben, deren Herzen von Zweifeln erfüllt sind und die, in ihren Zweifeln versunken, unschlüssig bleiben.“ – Sure at-Tauba: 44–45
وَمَا مَنَعَهَمْ اَنْ تُقْبَلَ مِنْهُمْ نَفَقّهُمْ اِلاَّ اَنَّهُمْ كَفَرُوْا بِاللهِ وَرَسُوْلِه وَلاَ يَاتُوْنَ الصَّلوةَ اِلاَّ وُهُمْ كُسَالى وَلاَ يُنْفِقُوْنَ اِلاَّ وَهُمْ كرِهُوْنَ ـ
„Ihre Spenden auf Allahs Weg können nur deshalb nicht angenommen werden, weil sie im Grunde nicht an Allah und den Gesandten glauben; zum Gebet kommen sie zwar, aber missmutig; und auch Geld geben sie, jedoch höchst widerwillig.“ – Sure at-Tauba: 54
اَلْمُنفِقُوْنَ وَالْمُنفِقّتُ بَعْضُهُمْ مِّنْ بَعْضٍ يَامُرُوْنَ بِالْمُنْكَرِ وَيَنْهَوْنَ عَنِ الْمَعْرُوْفِ وَيقْبِضُوْنَ اَيْدِيْهِمْ نَسُوْا اللهَ فَنَسِيْهُمْ اِنَّ الْمُنفِقِيْنَ هُمْ الْفسِقُوْنَ ـ التوبة : ٦٧
„Die heuchlerischen Männer und die heuchlerischen Frauen gehören alle derselben Gemeinschaft an und unterstützen einander. Sie gebieten allesamt das Unrecht und beseitigen Recht und Wahrheit. Sie alle haben Allah vergessen, und so hat Allah sie vergessen. Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Heuchler Fāsiqūn (jene, die Allahs festgelegte Grenzen überschreiten) sind.“ – Sure at-Tawba: 67
وَمَنْ الاَعْرَابِ مَنْ يَّتَّخِذُ مَايُنْفِقُ نَغْرَمًا ـ التوْبة : ٩٨
„Viele dieser Araber (der Heuchler) geben zwar etwas auf Allahs Weg aus, tun dies jedoch nur widerwillig – als würden sie eine Geldstrafe entrichten.“
هآَ نْتُمْ هؤْلاَءٍ تُدْعَوْنَ لِتُنْفِقُوْا فِىْ سَبِيْلِ اللهِ فِمِنْكُمْ مَّنْ يَّبْخَلُ وَمَنْ يَّبْخَلْ فَانِّمَا يَبْخَلُ عَنْ نَّفْسِه وَاللهُ الْغَنِىُّ وَاَنْتُمْ الفُقَرَآءُ وَاِنْ تَتَوْلَّوْا يَسْتَبْدِلْ قَوْمًا غَيْرَكُمْ تُمَّ لاَيَكَوْنُوْا اَمْثَالَكُمْ ـ محمد : ٣٨
„Wisst, dass sich eure Lage inzwischen so sehr verschlechtert hat, dass ihr, wenn man euch auffordert, etwas auf Allahs Weg auszugeben, keineswegs dazu bereit seid; vielmehr beginnt dann ein großer Teil von euch, geizig zu sein. Doch wer in diesen Angelegenheiten geizig ist, schadet durch diesen Geiz nur sich selbst. Im Grunde ist Allah allein der Reiche, während ihr alle arm und auf Ihn angewiesen seid. Wenn ihr nicht bereit seid, auf Allahs Weg überhaupt Geld auszugeben, wird Allah der Erhabene als unausweichliche Folge dieses Vergehens an eurer Stelle ein anderes Volk einsetzen. Sie werden gewiss nicht so sein wie ihr (geizig).“ – Sure Muhammad: 38
Zusammenfassend ist die Zakat eine Säule des Islam, und darin liegt ihre eigentliche Bedeutung. Es ist ein schwerwiegender Irrtum, sie wie eine gewöhnliche staatliche Steuer zu betrachten. Denn in Wirklichkeit ist sie die Seele des Islam, seine Lebenskraft. Das Hauptziel hinter der Verpflichtung zur Zakat besteht darin, den Iman zu prüfen. So wie man durch fortlaufende Prüfungen einen akademischen Grad erlangt, bestimmt Allah ebenfalls mehrere Prüfungen, um den Iman der Menschen zu prüfen; jeder Mensch muss sich diesen Prüfungen stellen. Wenn ein Mensch eine solche Prüfung ablegt und auch die vierte Prüfung – nämlich die Prüfung des Gebens von Vermögen – erfolgreich besteht, wird er erst dann ein wahrer Muslim. Doch man muss bedenken, dass dies gewiss nicht die letzte Prüfung ist.
Danach kommt die Prüfung des Lebens. Auch darüber werde ich später sprechen. Doch unter den verschiedenen Aufnahmeprüfungen, die festgelegt wurden, damit man in die Grenzen des Islam eintritt – mit anderen Worten: der Gemeinschaft Allahs angehört –, ist die Zakat die letzte Prüfung. Gegenwärtig verkünden viele, den Muslimen seien schon so viele Predigten über das Ausgeben und Spenden von Geld gehalten worden; in dieser schwierigen Zeit des Mangels und der Armut sollte man ihnen lieber Predigten darüber halten, ein wenig zu verdienen und zu sparen. Doch sie verstehen nicht, dass gerade das, wovon sie die Nase rümpfen, diese Lebenskraft des Islam ist. Der Mangel an dieser Sache hat die Muslime an die äußerste Grenze des moralischen und wirtschaftlichen Niedergangs geführt. Diese Lebenskraft selbst hat sie nicht zugrunde gerichtet. Ihr umfassender Verfall ist nur deshalb eingetreten, weil eben diese Lebenskraft aus ihrem Körper entwichen ist.
Der Stellenwert der Zakat im gesellschaftlichen Leben
An verschiedenen Stellen des ehrwürdigen Korans wird zum Verständnis der Angelegenheit von Zakāt, Sadaqa und Ähnlichem der Ausdruck „Infaq fi sabilillah“ (Ausgaben auf Allahs Weg) verwendet. An manchen Stellen heißt es außerdem, dass alles, was ihr auf Allahs Weg ausgebt, bei Allah als Qard-e hasana (Darlehen) aufbewahrt werde. Mit einem Wort: Dadurch leiht man Allah tatsächlich etwas, und Allah wird den Menschen gegenüber zum Schuldner. An vielen Stellen wird auch gesagt, dass Allah für die Vergeltung dessen verantwortlich ist, was ihr auf Seinem Weg gebt. Er wird euch nicht nur genau dieselbe Menge zurückgeben, sondern euch weit mehr schenken.
Die erwähnten Aussagen des ehrwürdigen Korans sind in der Tat höchst bemerkenswert. Kann der Besitzer von Himmel und Erde jemals bedürftig sein? Könnte der erhabene und heilige Allah es nötig haben, von den Menschen Geld zu leihen? Sollte Allah, der König aller Könige und der alleinige Besitzer unermesslicher Schatzkammern, von den Menschen für Seine eigenen Bedürfnisse ein Darlehen verlangen? Niemals, das kann nicht sein. Durch Seine Gaben leben die Lebewesen und alle Dinge dieser Welt; durch die von Ihm gewährte Versorgung leben die Menschen. Alles, was jeder Reiche und Arme auf der Welt besitzt, ist Seine Gabe. Vom hilflosen Armen bis zum Millionär ist jeder auf Seine Gunst angewiesen. Er aber ist auf niemanden angewiesen. Er hat keinerlei Bedarf, die Menschen um ein Darlehen zu bitten und für sich selbst die Hand vor ihnen auszustrecken. Vielmehr befiehlt Er dies zum Wohl der Menschen und damit es für die Menschen ausgegeben wird. Diese Ausgaben rechnet Er als Ausgaben auf Seinem Weg oder als Darlehen an. In Wahrheit ist auch dies ein konkreter Ausdruck Seines Wohlwollens; auch dies ist eine besondere große Gunst von Ihm. Er sagt: Ihr helft Bedürftigen und Armen in eurer eigenen Gesellschaft finanziell – woher sollen sie euch dafür etwas zurückgeben? Die Vergeltung dafür werde Ich geben. Was immer ihr Waisen, Witwen, Hilflosen, von Unglück Betroffenen und mittellosen reisenden Brüdern spendet, das schreibt auf Meinen Namen an; die Forderung danach richtet nicht an sie, sondern an Mich. Ich werde es begleichen. Leiht euren armen Brüdern, nehmt jedoch keinen Zins von ihnen und setzt sie nicht durch Forderungen unter Druck oder in Verlegenheit. Wenn sie ihre Schulden nicht zurückzahlen können, schickt sie deshalb nicht ins Zivilgefängnis, pfändet nicht ihre Kleidung und ihre Haushaltsgegenstände und treibt ihre hilflosen Kinder nicht aus dem Haus, sodass sie ohne Obdach bleiben. Denn nicht sie, sondern Ich bin dafür verantwortlich, dass eure Darlehen zurückgezahlt werden. Wenn sie den ursprünglichen Betrag zurückzahlen, werde Ich den Zins für sie begleichen; und wenn sie nicht einmal den Hauptbetrag zahlen können, werde Ich sowohl Hauptbetrag als auch Zins begleichen. Was ihr auf diese Weise für soziale Wohlfahrtsaufgaben und zum Nutzen der Menschen ausgebt, davon werdet zwar ihr selbst den Gewinn haben; doch diese Gunst wird Mir zugerechnet, und Ich werde es euch mitsamt dem Gewinn vollständig berechnen und zurückgeben.
Hier zeigt sich die Wahrheit der Gunst Allahs des Erhabenen, des alleinigen Barmherzigen und Königs aller Könige: Alles, was die Menschheit besitzt, ist Seine Gabe – ihr erhaltet es weder von anderswo noch von jemand anderem. Ihr nehmt aus Seinen Schatzkammern, doch was ihr gebt, gebt ihr nicht Ihm, sondern euren Verwandten, nahen Angehörigen, Brüdern, Freunden und Mitmenschen aus eurem eigenen Volk. Oder ihr gebt es für soziale Wohlfahrtsaufgaben aus, deren Ergebnis letztlich ebenfalls euch selbst zugutekommt. Betrachtet jedoch die unermessliche Großzügigkeit dieses erhabenen Gebers: Von all diesen Spenden sagt Er, dass sie Ihm als Darlehen gegeben, auf Seinem Weg ausgegeben und Ihm dargebracht worden seien – und dass Er selbst euch deren Ertrag geben werde. Diese unvergleichliche Vollendung der Großzügigkeit steht wahrlich allein Allah dem Erhabenen zu; kein Mensch kann sich so etwas auch nur vorstellen.
Es ist der Überlegung wert, warum Allah der Erhabene diesen Weg wählte, um in den Menschen die Quelle der Freigebigkeit und Großzügigkeit zu erwecken. Je mehr man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird einem der reine, tiefere Sinn, der in der erhabenen Lehre des Islam verborgen liegt; das Herz ruft mit lauter Stimme aus: Eine so unvergleichliche Lehre kann von niemand anderem als Allah stammen.
Es ist allgemein bekannt, dass der Mensch von Natur aus gewissermaßen als Übeltäter und Unwissender geboren wird. Sein Blick ist äußerst eng und reicht nicht sehr weit. Sein Herz ist sehr klein; große und erhabene Vorstellungen finden darin nur wenig Platz. Der Mensch ist furchtbar selbstsüchtig, doch selbst von dieser Selbstsucht kann er sich keine umfassende und weitreichende Vorstellung machen. Der Mensch will alles sofort bekommen:خَلَقَ الاِنْسَانَ مِنْ عَجَلٍ ـEr ist bestrebt, das Ergebnis und die Folgen jeder Handlung so schnell wie möglich zu erlangen. Nur das Ergebnis, das unmittelbar vor ihm eintritt und das er mit eigenen Augen sehen kann, gilt ihm als das einzige Ergebnis und die einzige Folge. Bis zu den weitreichenden Ergebnissen reicht sein Blick überhaupt nicht. Zudem kann der Mensch ein Ergebnis, das in gewaltigem Ausmaß vor ihm erscheint und dessen Wirkung sich sehr weit erstreckt, nicht einmal wahrnehmen. Das ist in Wahrheit eine besondere natürliche Schwäche des Menschen. Wegen dieser Schwäche sieht der Mensch nichts außer seinem eigenen Vorteil. Und selbst dabei richtet sich sein Blick nur auf solche Vorteile, die geringfügig sind und sich sehr schnell erlangen lassen. Er sagt: Was ich verdient oder von meinen Vorfahren durch Erbschaft erhalten habe, gehört ausschließlich mir; niemand sonst hat daran irgendeinen Anteil oder Anspruch. Deshalb werde ich es nur für meine eigenen Bedürfnisse, nach meinem eigenen Willen und für mein eigenes Wohlleben ausgeben. Oder ich werde es nur für solche Dinge einsetzen, deren Ergebnis mir unverzüglich in die Hände zurückkehrt. Wenn ich Geld ausgebe, muss ich dafür unbedingt eine Steigerung meines Ansehens oder einen Titel erhalten. Die Menschen sollen vor mir den Kopf neigen, und mein Name soll in aller Munde sein. Wenn ich nichts davon bekomme, warum sollte ich dann Geld ausgeben? Selbst wenn ein armer, leidender oder als Waise lebender Bedürftiger in meiner Nähe verhungert, warum sollte ich ihm dann Nahrung verschaffen? Sein Vater hätte die Pflicht gehabt, etwas für sein eigenes Kind zurückzulassen. Wenn eine Witwe in meiner Nachbarschaft ihr Leben in Kummer verbringt, was geht mich das an? Ihr Ehemann hätte für sie sorgen sollen. Wenn ein Fremder mittellos wird, was könnte ich mit ihm zu tun haben? Er hat eine große Dummheit begangen, indem er sein Zuhause verließ, ohne für die Reise vorzusorgen. Wenn ein anderer Mensch in Not gerät, welche Verantwortung könnte ich ihm gegenüber haben? Allah der Erhabene hat ihm ebenso wie mir Hände und Füße gegeben. Es ist seine eigene Pflicht, so viel zu verdienen, wie er für seine Bedürfnisse braucht. Warum sollte ich ihm helfen? Und wenn ich ihm unbedingt etwas Geld gebe, dann nur als Darlehen, und zusätzlich zum Hauptbetrag werde ich gewiss auch Zinsen einfordern. Schließlich ist das Geld nicht ohne Mühe verdient worden. Wenn dieses Geld bei mir bliebe, könnte ich es für so vieles verwenden – Gebäude errichten, ein Auto kaufen oder es in ein anderes gewinnbringendes Vorhaben investieren. Wenn er durch mein Geld einen Nutzen erlangen kann, warum sollte ich dann nicht durch mein Geld irgendeinen Gewinn erzielen können? Warum sollte ich daraus nicht meinen Anteil einfordern?
Aufgrund einer solchen egoistischen Gesinnung wird der Mensch zunächst zu einem Geldteufel. Wenn er es ausgibt, dann nur für persönliche Interessen. Wo er keinen eigenen Vorteil erkennen kann, wird er keinen einzigen Pfennig ausgeben. Selbst wenn er einem Armen hilft, wird diese Hilfe dem Armen im Grunde keinen Nutzen bringen; vielmehr wird er ihn noch stärker ausbeuten und von ihm weit mehr zurückfordern, als er ihm gegeben hat. Wenn er einem Bedürftigen etwas spendet, wird er ihm seine eigene Gunst derart vorhalten, dass er ihn völlig demütigt, und ihn so sehr beschämen und erniedrigen, dass ihm kein Rest von Selbstachtung bleibt. Wenn ein solcher Mensch an einer Angelegenheit von nationaler Bedeutung teilnimmt, wird er zuerst auf seinen eigenen Vorteil achten. Für eine Sache, aus der er keinen persönlichen Nutzen ziehen kann, wird er keinen einzigen Pfennig zu geben bereit sein.
Haben Sie bedacht, wie furchtbar die Folgen einer solchen Gesinnung sind? Zweifellos wird dadurch nicht nur das gesamte gesellschaftliche Leben zerschmettert, sondern letztlich wird auch die Lage des betreffenden Menschen äußerst verhängnisvoll. Doch weil ihr Blick äußerst eng und sie überaus töricht sind, hoffen sie sogar daraus einen Nutzen für sich selbst zu ziehen. Sobald eine solche unproduktive Gesinnung im Menschen wirksam wird, konzentriert sich der gesamte nationale Reichtum in den Händen einer sehr kleinen Zahl von Menschen, während unzählige andere völlig hilflos und mittellos werden müssen. Der Reiche saugt dank seines Geldes noch größere Geldmengen ab, und das Leben der Armen wird zunehmend schlechter. In einer Gesellschaft, in der Armut zu einer allgemeinen Erscheinung wird, werden soziale Gesundheit und Widerstandskraft zerschlagen; verschiedenartige unheilbare Krankheiten greifen den gesellschaftlichen Körper an, wodurch die Menschen ihre Arbeits- und Produktionskraft verlieren. Unwissenheit und Bildungsferne nehmen unter ihnen zu, die moralische Gesundheit zerbricht. Um ihre Bedürfnisse zu befriedigen, werden sie zwangsläufig anfällig für Verbrechen und schrecken schließlich auch vor Plünderungen nicht zurück. In der Gesellschaft entsteht eine allgegenwärtige Unordnung: Reiche Menschen werden von den Armen getötet, ihre Häuser werden geplündert und in Brand gesetzt, und sie werden gezwungen, endgültig zugrunde zu gehen.
Nach Ansicht der Sozialwissenschaftler ist das persönliche Wohlergehen jedes Menschen untrennbar mit dem umfassenderen sozialen Wohlergehen verbunden. Wenn das Geld, das sich bei einem Menschen befindet, zur Hilfe für einen anderen Bruder ausgegeben wird, wird eben dieses Geld in Umlauf kommen und mit unerwartetem Segen zu ihm zurückkehren. Wenn er es dagegen aufgrund einer äußerst engen Sichtweise bei sich hortet oder für Angelegenheiten ausgibt, die seinem persönlichen Interesse dienen, wird dieses Geld letztlich verloren gehen. Nehmen wir zum Beispiel an, Sie ziehen ein Waisenkind auf, geben ihm eine angemessene Erziehung und Bildung und befähigen es, seinen Lebensunterhalt zu verdienen; dadurch wird der gesellschaftliche Reichtum vermehrt. Auch Sie können daran Anteil haben, denn auch Sie sind ein Mitglied dieser Gesellschaft. Vielleicht haben Sie den materiellen Gewinn, den Sie aufgrund der besonderen Fähigkeiten dieses Waisenkindes erlangt haben, mit keiner Rechnung überhaupt erfassen können. Wenn Sie sich jedoch von Anfang an weigern, es aufzuziehen und auszubilden, und sagen: „Warum sollte ich ihm helfen? Sein Vater hätte doch etwas für ihn zurücklassen sollen“, dann wird es wie ein Verwirrter umherirren, verwahrlost und orientierungslos umherstreifen, untätig werden und keinerlei Fähigkeit erwerben, den gesellschaftlichen Reichtum zu vermehren. Vielmehr wird es aus Veranlagung zum Verbrechen eines Tages bereit sein, sogar in Ihr eigenes Haus einzubrechen. Das bedeutet: Indem Sie ein Mitglied der Gesellschaft untätig und kriminell machen, fügen Sie nicht nur ihm, sondern auch sich selbst Schaden zu. Wenn man anhand dieses einzigen Beispiels den Blick weitet, wird klar erkennbar, dass das Geld eines Menschen, der selbstlos für das umfassendere soziale Wohlergehen ausgibt, äußerlich zwar aus seiner eigenen Tasche fließt; sobald es jedoch in den Umlauf gelangt, wächst und vermehrt es sich und kehrt schließlich in unzähligen Formen von Nutzen und Vorteil wieder in seine Tasche zurück. Derjenige dagegen, dessen Geld äußerlich in seiner eigenen Kasse bleibt oder durch Zinsen weiter anwächst, vernichtet in Wirklichkeit aufgrund seiner eigenen Torheit sein Vermögen und bereitet seinen eigenen Untergang vor.
Allah, der Erhabene, hat eben diese Wahrheit in dem folgenden Vers dargelegt:
يَمۡحَقُ ٱللَّهُ ٱلرِّبَوٰاْ وَيُرۡبِى ٱلصَّدَقَـٰتِۗ ـ البقرة : (٢٧٦)
„Allah lässt den Zins zugrunde gehen und lässt die Spenden anwachsen.“
وَمَا اتَيْتُمْ مِّنْ رٍّبًا لِّيَرۡبُوَاْ فِىٓ أَمۡوَٲلِ ٱلنَّاسِ فَلَا يَرۡبُواْ عِندَ ٱللَّهِ وَمَآ ءَاتَيۡتُم مِّن زَكوْةٍ تُرِيْدُوْنَ وَجْهَ اللهِ فَاُوْلئِكَ هُمُ الْمُضْعِفُوْنَ ـ الروم : ٣٩
„Was ihr an Zins gebt, damit es den Besitz der Menschen vermehre, vermehrt bei Allah den Besitz keineswegs; was ihr jedoch an Zakat entrichtet, wobei ihr allein Allahs Wohlgefallen erstrebt, das wird gewiss verdoppelt vermehrt.“ – Sure ar-Rum: 39
Doch die Beschränktheit des menschlichen Blicks und äußerste Unwissenheit sind zu gewaltigen Hindernissen geworden, um diese tiefgründige Wahrheit zu verstehen und entsprechend zu handeln. Diese Menschen sind Sklaven ihrer Sinne. Das Geld, das sie in der Tasche haben, können sie wahrnehmen und verstehen, dass es tatsächlich vorhanden ist. Auch über die stetige Zunahme des Geldbetrags in ihren Rechnungsbüchern sind sie sich sicher; doch dass das Geld, das ihnen entgeht, zunimmt und zu ihnen zurückkehren kann, vermögen sie überhaupt nicht zu verstehen oder zu erkennen. Sie verstehen nur: So viel Geld ist aus meiner Hand gegangen, und es ist für immer verloren.
Die Menschen konnten diese Fessel der Unwissenheit bis heute weder durch ihren eigenen Verstand noch durch ihre eigenen Bemühungen lösen. Überall auf der Welt ist die Lage so. Einerseits beruht in der Welt der Kapitalisten jede Tätigkeit auf dem Zinswesen, und trotz des Überflusses an Reichtum nehmen in diesen Ländern Leid, Armut, Mangel und Not immer weiter zu. Andererseits ist eine weitere Gruppe, die ihnen gegenübersteht, zunehmend stärker geworden. In ihren Herzen brennt das Feuer des Hasses lichterloh. Sie ist entschlossen, nicht nur die Schatzkammern der Kapitalisten zu plündern, sondern zugleich das gesamte Gebäude der menschlichen Zivilisation und Kultur dem Erdboden gleichzumachen.
Die Menschen konnten dieses Problem nicht lösen. Eine befriedigende Lösung dafür hat Allah Taala, der Schöpfer des Menschen, der Erhabene und Hocherhabene, gegeben. Das Buch, das Er zusammen mit einer befriedigenden Lösung für alle übrigen Probleme dieser Menschen herabgesandt hat, heißt der Edle Koran. Um dieses Problem zu lösen, müssen die Menschen an Allah und an das Jenseits glauben. Wenn der Mensch an Allah und an das Jenseits glauben muss. Wenn der Mensch an Allah glauben kann und zweifelsfrei erkennt, dass der wahre Besitzer der gesamten Schatzkammer des Himmels und der Erde Allah Taala ist, dass die Verwaltung aller Angelegenheiten der Menschen ausschließlich von Allah abhängt und bei Ihm die Abrechnung jedes kleinsten Teilchens vorhanden ist, und dass die Belohnung oder Bestrafung für die guten oder schlechten Taten des Menschen im Jenseits genau entsprechend erfolgen wird, dann wird es ihm sehr leicht, nicht auf seinen oberflächlichen Blick zu vertrauen, sondern auf Allah zu vertrauen, sein Vermögen gemäß Allahs Geboten auszugeben und zu verwenden und Gewinn und Verlust Allah zu überlassen. Was er mit einem solchen Glauben ausgibt, wird ausschließlich um Allahs willen ausgegeben. Auch dies wird in Allahs Register ordnungsgemäß verzeichnet. Selbst wenn kein Mensch auf der Welt von diesen Ausgaben erfährt, ist Allah Taala darüber vollkommen informiert. Und selbst wenn die Menschen auf der Welt ihm ihren Dank nicht aussprechen, besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass Allahs Versprechen, ihm dafür Vergeltung zu geben, erfüllt wird – sei es im Jenseits oder sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits, denn Allah selbst hat es versprochen.
Allgemeine Anweisung zum Ausgeben auf Allahs Weg
Allah Taala hat es in der islamischen Scharia so eingerichtet, dass Er zunächst eine allgemeine Anweisung zu guten und tugendhaften Taten erlässt, damit der Mensch in seinem Leben allgemein gute und segensreiche Wege einschlagen kann. Danach wird eine besondere Methode zur vollendeten Ausführung dieser guten Tat vorgeschrieben. Diese besondere Methode muss von allen ordnungsgemäß befolgt werden. Als Beispiel kann angeführt werden, dass Allahs zu gedenken eine sehr gute und die allerbeste Tat ist. Nicht nur das – tatsächlich ist dies die Quelle aller guten Taten. Deshalb lautet Seine Anweisung, Allah zu jeder Zeit und unter allen Umständen zu gedenken und Ihn keinen Augenblick zu vergessen:
فَاذْكُرُوْا اللهَ قِيْمًا وَّقُعُوْدُا وَّعَلى جُنُوْبِكُمْ ـ النساء : ١٠٣
„Gedenkt Allahs im Stehen, im Sitzen und im Liegen (zu jeder Zeit und unter allen Umständen).“ Sure An-Nisa: 103
وَاَذْكُرُوْا اللهَ كَثِيْرَ لَّعَلَّكُمْ تُفْلِحُوْنَ ـ الانفال : ٤٥
„Gedenkt Seiner sehr häufig, denn dadurch ist euer Wohlergehen zu erhoffen.“ – Sure al-Anfal: 45
اِنِّ فِىْ خَلْقِ السَّموتِ وَالاَرْضِ وَاَخْتِلاَفِ الَّيْلِ وَالنَّهَارِ لاَيْتٍ لاَوْلِىْ الاَلْبَابِ ـ الَّذِيْنَ يَذْكُرُوْنَ اللهَ قِيْمَامًا وَّقُعُوْادًا وَّعَلى جُنُوْبِهِمْ وَيَتَفَكَّرُوْنَ فِىْ خَلْقِ السَّموتِ وَالاْرْضِ رَبُّنَا مَا خَلَقْتَ هَذَا بَاطِلاً ـ
„In der Schöpfung der Himmel und der Erde und im Wechsel von Nacht und Tag liegen viele Zeichen (für die Existenz Allahs) für die Verständigen – jene, die im Stehen, Sitzen und Liegen Allahs gedenken, über die Schöpfung der Himmel und der Erde und die Geheimnisse ihrer Gestaltung nachdenken und (nach tiefem Nachdenken, nachdem sie die Erhabenheit jedes einzelnen Dinges erkannt haben) mit erhobener Stimme ausrufen: O Allah! Du hast nichts davon ohne Zweck erschaffen.“ – Sure Al-i-Imran: 190–191
وَلاَ تَطِعْ مَنْ اَغْفَلْنَا قَلْبَه عَنْ ذِكْرِنَا وَاتَّبَعَ هَوَٮٰهُ وَكَانَ اَمْرَهُ فُرُطًا ـ الكهاف : ٢٨
„Gehorcht nicht jenen und folgt ihnen nicht, in deren Herzen kein Gedenken Allahs ist, die ihren eigenen Neigungen folgen und in jeder Angelegenheit die gesetzten Grenzen überschreiten.“ – (Sure al-Kahf: 28)
In diesen Versen und in vielen weiteren, unzähligen Versen wird unmissverständlich angewiesen: O Menschen! Gedenkt Allahs zu jeder Zeit und in jeder Lage. Denn in Wirklichkeit bringt allein das Gedenken Allahs alle Handlungen des Menschen in Ordnung und macht sie gut. Wann immer und bei welcher Tätigkeit auch immer der Mensch Ihn vergisst, werden ihn dort die Begierden (die Wünsche des Nafs) und die Täuschungen des Satans überwältigen. Die unausweichliche Folge davon ist, dass der Mensch vom geraden Weg abweicht und beginnt, in seiner Lebensführung die Grenzen zu überschreiten.
Dies war eine allgemeine Anweisung, Allahs zu gedenken. Danach wurde eine besondere Form des Gedenkens Allahs festgelegt. Deshalb wurde vorgeschrieben, am Tag und in der Nacht fünfmal mehrere Rakaʿat Gebet zu verrichten. Bei jedem dieser Gebete werden nicht mehr als fünf bis sieben Minuten verbracht. Dass vorgeschrieben wurde, jetzt fünf Minuten und dann wieder fünf Minuten Allahs zu gedenken, bedeutet, dass der Muslim sich zumindest für diese kurze Zeit ganz dem Gedenken Allahs widmen muss. Danach soll er seinen jeweiligen Tätigkeiten nachgehen und auch dabei Allahs gedenken.
Genauso verhält es sich mit der Zakat im Islam. Auch hier gibt es eine besondere und eine allgemeine Anweisung. Einerseits wird in klaren Worten gesagt: Haltet euch von Geiz und Engherzigkeit fern, denn dies ist die Wurzel allen Unheils und die Quelle allen Verderbens. Nehmt in eurem sittlichen Leben die Farbe Allahs an. Denn Er überschüttet in jedem Augenblick die gesamte Schöpfung mit unendlicher Gunst und Barmherzigkeit, obwohl niemand ein besonderes Recht oder einen Anspruch Ihm gegenüber hat. Weiter wird gesagt: Gebt auf Allahs Weg weiterhin so viel und von dem, was immer ihr geben könnt; behaltet, was euch nach der Deckung eurer eigenen Bedürfnisse übrig bleibt, und spendet so viel ihr könnt, um die Bedürfnisse der anderen bedürftigen Diener Allahs zu erfüllen. Zögert nicht im Geringsten, mit eurem Leben und eurem Besitz für den Dienst an der Religion und zur Aufrichtung des Wortes Allahs zu streben. Wenn du Allah liebst, dann opfere dieser Liebe die Liebe zu deinem Vermögen und Besitz.
Dies ist das allgemeine Gebot, auf Allahs Weg Geld zu spenden. Zugleich gibt es die besondere Anweisung, dass ihr, wenn sich bei euch eine solche Geldmenge angesammelt hat, davon mindestens diesen Betrag unbedingt auf Allahs Weg ausgeben sollt. Wenn auf euren Feldern eine solche Erntemenge erzielt wird, sollt ihr davon unbedingt einen entsprechenden Anteil auf Allahs Weg spenden. So bedeutet auch die Verpflichtung, nur eine bestimmte Anzahl von Rakʿat im Gebet zu verrichten, nicht, dass eure Pflicht, Allah zu gedenken, erfüllt ist, sobald ihr nur diese wenigen Rakʿat verrichtet habt, und dass ihr Allah daher zu anderen Zeiten vergessen dürft. Ebenso bedeutet die Verpflichtung, einen bestimmten Geldbetrag auf Allahs Weg zu spenden, nicht, dass nur diejenigen, die über diesen Betrag verfügen, verpflichtet wären, auf Allahs Weg auszugeben, während diejenigen, die weniger besitzen, ihre Hände verschließen dürften. Es bedeutet erst recht nicht, dass die Wohlhabenden sich dadurch freikaufen könnten, dass sie nur den Betrag ausgeben, der ihnen als Zakat vorgeschrieben ist, und danach einen Bedürftigen fortschicken, wenn er zu ihnen kommt, oder bei der Aufforderung zu einem größeren Werk des Islams sagen könnten: „Mir war nur die Zakat vorgeschrieben, und ich habe sie entrichtet. Deshalb könnt ihr jetzt nichts mehr von mir erwarten.“ Die Verpflichtung zur Zakat bedeutet keineswegs dies. Die eigentliche Bedeutung der Zakatpflicht ist vielmehr, dass jeder Wohlhabende verpflichtet ist, zumindest diesen festgelegten Betrag auf Allahs Weg auszugeben. Wenn er darüber hinaus die Möglichkeit hat, mehr auszugeben, muss er auch das tun.
Das allgemeine Gebot, auf Allahs Weg Geld auszugeben, und seine Erläuterung werden hier dargelegt:
Der edle Koran legt zusammen mit der Anweisung zu einer Handlung auch deren innere Begründung klar dar. Das ist ein wesentliches Merkmal des edlen Korans. Dadurch kann der Mensch das eigentliche Ziel und die Begründung der Gebote Allahs richtig verstehen.
Der Vers, der am Anfang des edlen Korans ins Auge fällt, lautet:
ذَلِكَ الْكِتبُ لاَرَيْبَ فِيْه هُدًى لِّلْمُتَّقِيْنَ ـ الَّذِيْنَ يُؤْمِنُوْنَ بِالْغَيْبِ وَيُقِيْمُوْنَ الصَّلوةَ وَمِمَّا رَزَقْنهُمْ يُنْفِقُوْنَ ـ البقرة : ٢-٣
„Dieser Koran ist Allahs Buch; an ihm besteht keinerlei Zweifel. Er weist jene wahrhaftigen, gottesfürchtigen Menschen auf den geraden Weg, die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von der Versorgung, die Ich ihnen gegeben habe, auf Meinem Weg ausgeben.“ – Sure al-Baqara: 2–3
In diesem Vers wird ein grundlegendes Prinzip dargelegt. Für ein rechtschaffenes Leben auf der Erde sind drei Dinge unerlässlich. Erstens: Īmān bil-Ghaib, der Glaube an das Verborgene; zweitens: das Gebet verrichten; und drittens: von der Versorgung, die Allah, der Erhabene, gewährt hat, auf Allahs Weg ausgeben. An anderer Stelle heißt es:
لَنْ تَنَالُوْا الْبِرَّ حَتّى تُنْفِقُوْنَ مِمَّا تَحِبُّوْنَ ـ ال عمران : ٩٢
„Ihr könnt den hohen Rang der Frömmigkeit keineswegs erlangen, solange ihr nicht eure liebsten Dinge großzügig auf Allahs Weg ausgebt.“
Weiter heißt es:
اَلْشَّيْطنُ يَعِدُكُمْ الْفَقْرَ وَيَامُرُكُمْ بِالْفَحْشَآَءِ ـ البقرة : ٢٦٨
„Wenn ihr Geld ausgebt, droht Satan euch mit Armut und spornt euch zu einer schändlichen Tat – zum Geiz – an.“
Danach wurde gesagt:
وَاَنْفِقُوْا فِىْ سَبِيْلِ اللهِ وَلاَ تُلْقُوْا بِاَيْدِيْكُمْ اِلَى التَّهْلُكَةِ ـ ١٩٥
„Gebt auf Allahs Weg aus und stürzt euch nicht mit eigenen Händen ins Verderben (wer nicht auf Allahs Weg ausgibt, stürzt sich dadurch ins Verderben).“ – Sura al-Baqara: 195
Zuletzt wurde gesagt:
وَمَنْ يُّوْقَ شُحَّ نَفْسِه فَاُوْلَئْكَ هُمُ الْمُفْلِحُوْنَ ـ الحشر : ٩
„Nur diejenigen, die sich vor der Engherzigkeit ihres Herzens bewahren können, werden das höchste Wohlergehen erlangen.“ – Sure al-Haschr: 9
Aus den genannten Versen wird eindeutig ersichtlich, dass es im Leben des Menschen auf dieser Welt nur zwei Wege gibt. Der eine ist der Weg Allahs, an dessen Ende ewiges Glück, Frieden und höchstes Wohlergehen stehen. Auf diesem Weg ist es natürlich, dass das Herz des Menschen großzügig und offen ist. Von dem Lebensunterhalt, den Allah ihm in geringerem oder größerem Maß gewährt hat, wird er alle seine eigenen Bedürfnisse erfüllen, seine anderen Brüder nach Kräften unterstützen und auch für die Erhebung des Wortes Allahs oder für die Verwirklichung der Religion des Islam aufwenden. Der andere ist der Weg Satans. Auf diesem Weg scheint der Mensch äußerlich viel Freude und Glück zu finden. In Wirklichkeit gibt es auf diesem Weg jedoch nichts außer Verderben und Unheil. Auf diesem Weg versucht er naturgemäß, Geld und Besitz durch Ausbeutung anzuhäufen, und scheut sich nicht, Herz und Seele dem Geld zu widmen. Er ist auch nicht bereit, davon etwas auszugeben. Wenn er überhaupt etwas ausgibt, dann nur, um seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und die Begierden seines eigenen Herzens zu stillen.
Hier werden der Reihe nach die Regeln und Methoden dargelegt, die denjenigen, die auf Allahs Weg gehen, für das Ausgeben von Vermögen auf Allahs Weg vorgeschrieben worden sind:
Erstens: Das Wichtigste ist, dass du ausschließlich zum Erlangen von Allahs Wohlgefallen ausgibst; du darfst weder ausgeben, um jemandem eine Wohltat zu erweisen, noch um in dieser Welt Ansehen und Ruhm zu erlangen.
وَمَا تُنْفِقُوْنَ اِلاَّ اِبْتِغَاءَ وَجْهِ اللهِ ـ البقرة : ٢٧٢
„Was immer ihr ausgebt, dabei sollt ihr außer dem Erlangen von Allahs Wohlgefallen kein anderes Ziel haben.“
يَآ يُّهَا الَّذِيْنَ امَنُوْا لاَتُبْطِلُوْا صَدَقتِكُمْ بِالْمَنِّ وَاَلاَذى كَالَّذِيْ يُنْفِقُ مَالَهُ وِئَآءَ النَّاسِ وَلاَيُؤْمِنُ بِاللهِ وَالْيُوْمِ الاخِرِ فَمَثَلُه’ كَمَثَلِ صَفْوَانٍ عَلَيْهِ تُرَابٌ فَاصَابَه وَابِلٌ فَتَرَكَاهُ صَلْدًا البقرة : ٢٦٤
„O ihr Gläubigen! Fügt euren Almosen nicht dadurch Schaden zu, dass ihr eure Wohltätigkeit hervorhebt und andere dadurch verletzt, wie jener, der nur ausgibt, um von den Menschen gesehen zu werden, und nicht an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Sein Almosen gleicht Erde, die auf einem Felsblock liegt: Wenn dann ein heftiger Regenguss auf ihn niedergeht, wird die gesamte Erde abgewaschen, sodass der Felsblock völlig sauber und erdelos zurückbleibt.“ – Sure al-Baqara: 264
Zweitens: Wenn du jemandem etwas gibst, darfst du ihm gegenüber deine Wohltätigkeit nicht hervorheben und nichts tun, was ihn auch nur im Geringsten verletzen könnte:
اَلَّذِيْنَ يُنْفِقُوْنَ اَمْوَالَهُمْ فِىْ سَبِيْلِ اللهِ ثُمَّ لاَيُتْبِعُوْنَ مَآاَنْفَقُوْا مَنَّا وَّلاَ اَذّى لَّهُمْ اَجْرَهُمْ عِنْدَ رَبَّهِمْ وَلاَ خَوْفٌ عَلَيْهِمْ وَلاَهُمْ يَحْزَنُوْنَ ـ قَوْلٌ مَعْرُوْفٌ وَّمَغْفِرَةٌ خَيْرٌ مِنْ صَدَقَةَ يَّتْبَعُهَآ اّذّى : البقرة : ١٦٢-١٦٣
„Für diejenigen, die auf Allahs Weg ausgeben, danach ihre Wohltätigkeit nicht hervorheben und niemandem seelischen Schmerz zufügen, gibt es bei Allah großen Lohn; sie brauchen weder Furcht noch Verlust zu befürchten. Doch jemanden, der um eine Spende bittet, sanft zurückzuweisen und ihn mit den Worten ‚Bruder, vergib mir‘ zu verabschieden, ist besser als eine Spende, nach der man ihn verletzt.“ – Sure al-Baqara: 262–263
Drittens: Auf Allahs Weg sollte man immer gute Dinge spenden. Man sollte nicht absichtlich nur das Schlechte geben. Wer zerrissene Kleidung für die Armen heraussucht und einem Bedürftigen minderwertige Nahrung zu essen gibt, wird von Allah eine entsprechend schlechte Vergeltung erhalten:
يَآيُّهَا الَّذِيْنَ امَنُوْا مِنْ طَيِّبَةُ مِنْ طَيّبِتِ مَاكَسَبَتُمْ وَمِمَّآ اَخْرَجْنَا لَكُمْ مِّنْ الاَرْضِ وَلاَ تَيْمَّمُوْا الْخَبِيْثَ مِنْهُ تُنْفِقُوْنَ ـ البقرة : ١٦٧
„O ihr Gläubigen! Gebt auf Allahs Weg von den guten Dingen aus, die ihr erworben habt und die Wir für euch aus der Erde hervorgebracht haben; sucht nicht gerade das Minderwertige aus, um es auf Allahs Weg auszugeben.“ – Sure al-Baqara: 267
Viertens: Soweit wie möglich muss man auf Allahs Weg im Verborgenen ausgeben, sodass nicht die geringste Absicht, von den Menschen gesehen zu werden, darin Platz findet. Zwar ist gegen öffentliches Ausgeben nichts einzuwenden, dennoch ist es besser, im Verborgenen auszugeben.
اِنْ تُبْدُوْا الصَّدَقتِ فَنْعِمًا هِىَ وَاِنْ تُخْفُوْنَ وَتُؤْتُوْهَا الْفُقَرَاءَ فُهُمْ خَيْرَ لَّكُمْ وَيُكَفِّرُ عَنْكُمْ مِنْ سَيَّاتِكُمْ ـ البقرة: ١٧١
„Wenn ihr offen spendet, ist das gut; wenn ihr jedoch den Armen heimlich gebt, ist es für euch besser, und dadurch werden euch eure Sünden vergeben.“ – Sure al-Baqara: 271
Fünftens: Unverständigen und Unwissenden darf niemals Vermögen über ihren Bedarf hinaus gegeben werden. Denn es besteht die Gefahr, dass sie durch den Besitz größeren Reichtums irregeleitet werden und das Vermögen in ihren Händen verloren geht. Allahs Wille ist, dass für die Versorgung aller Menschen mit Nahrung und Kleidung gesorgt wird, ganz gleich, wie großer Sünder oder Allah-Feind jemand auch sein mag. Für den Genuss von Alkohol, Cannabis oder Opium sowie für Glücksspiele darf jedoch niemand auch nur einen Pfennig erhalten.
وَلاَ تُؤْتُوْا السُّفَهَآَءَ اَمْوَالَكُمْ الَّتِىْ جَعَلَ اللهُ لَكُمْ قِيْمًا وَّارزٌقُوْهُمْ فِيْهَا وَاكْسُوْهُمْ ـ النساء : ٥
„Allah, der Erhabene, hat euren Besitz zu einem Mittel für den Lebensunterhalt gemacht; überlasst ihn daher niemals den Unwissenden und Toren. Allerdings müsst ihr durch ihn gewiss für ihre Nahrung und Kleidung sorgen.“
Sechstens: Wenn ihr jemandem zur Deckung seines Bedarfs ein Darlehen gebt, belästigt ihn nicht durch wiederholte Mahnungen. Ihr müsst ihm zur Rückzahlung ausreichend Zeit lassen. Wenn zweifelsfrei feststeht, dass er nicht in der Lage ist, es zurückzuzahlen, und der Gläubiger über die Möglichkeit verfügt, ihm zu vergeben, ist es besser, ihm die Schuld zu erlassen:
وَاِنْ كَانَ ذُوْ عَسْرَةً فَنَظِرَةٌ اِلى مَيْسَرَةٍ وَاَنْ تَصَدَّقُوْا خَيْرَ لٌكُمْ اِنْ كُنْتُمْ تَعْلَمُوْنَ ـ البقرة : ٢٨٠
„Wenn sich der Schuldner in einer finanziell schwierigen Lage befindet, müsst ihr ihm Aufschub gewähren, bis er wieder wohlhabend ist. Ihm die Schuld zu erlassen, ist jedoch noch besser – wenn ihr nur dessen Vorzüglichkeit erkennen würdet.“ – Sure al-Baqara: 280
Siebtens: Auch für das Spenden an Menschen gibt es eine Grenze. Diese Grenze darf niemals überschritten werden. Allah, der Erhabene, hat nicht angeordnet – und es ist auch nicht Seine Absicht –, dass man andere beschenkt, indem man sich selbst und seine Kinder und Angehörigen ihrer Versorgung beraubt. Allahs Wille ist vielmehr, dass man alles ausgibt, was für eine einfache und gewöhnliche Lebensführung notwendig ist, und danach das, was übrig bleibt, auf Allahs Weg spendet:
وَيَسْئَلُوْنَكَ مَاذَا يُنْفِقُوْنَ قُلِ الْعَفْوَ ـ البقرة : ٢١٩
„Sie fragen: Was sollen wir ausgeben? Sag: Was über den notwendigen Bedarf hinausgeht, sollt ihr ausgeben.“ – Sure al-Baqara: 219
وَاَلَّذِيْنَ اِذَا اَنْفَقُوْآ لَمْ يُسْرِفُوْا وَلَمْ يُقتُرُوْا وَكَانَ بَيْنَ ذَلِكَ قَوَامًا ـ الفرقان : ٦٧
„Die rechtschaffenen Diener Allahs sind jene, die ausgeben, aber weder verschwenderisch sind noch übermäßig geizig. Vielmehr ist der mittlere Weg zwischen diesen beiden äußersten Grenzen ihr Vorbild.“ – Sure al-Furqan: 67
وَلاَ تَجْعَلْ يَدَكَ مَغْلُوْلَةً اِلى عُنُقِكَ وَلاَ تَبْسُطْهَا كُلَّ الْبَسْطِ فَتَقْعُدَ مَلُوْمًا مَّحْسُوْرًا ـ بنى اسرايل : 29
„Bindet eure Hand beim Spenden nicht so an den Hals, dass sie völlig gefesselt ist, und breitet sie auch nicht vollständig aus; sonst werdet ihr reuevoll dasitzen und von den Menschen getadelt werden.“ – Sure Bani Isra’il: 29
Achtens: Wer ist der geeignete Empfänger dieser Spende? Schließlich muss auch dies unbedingt bekannt sein. Allah, der Erhabene, hat im Heiligen Kalam eine vollständige Liste davon vorgelegt. Anhand dieser Liste lässt sich klar erkennen, wer Ihre Hilfe erhalten kann und für wen von Allah ein Anspruch auf Ihren Verdienst festgelegt wurde.
وَاتِ ذَا الْقُرْبى حَقَّهُ وَالْمِسْكِيْنَ وَابْنَ السَّبِيْلِ ـ بنى اسرائيل : ٢٦
„Gib den armen nahen Verwandten, was ihnen zusteht, ebenso den Bedürftigen und den armen Reisenden.“ – Sure Bani Isra’il: 26
وَاتِ الْماَلَ عَلى جُيَِه ذَوِى الْقُرْبى وَالْيَتَمى وَالْمَسْكِيْنَ وَابْنَ السَّبِيْلِ وَالسًَّآئِلِيْنَ وَفِىْ الرِّقَابِ ـ البقرة : ١٧٧
„Diejenigen, die um Sein Wohlgefallen zu erlangen den nahen Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen, dem Reisenden und dem Bittenden sowie zur Befreiung von Sklaven und Gefangenen Geld spenden, sind Allahs Lieblinge.“ – Sure al-Baqara: 177
وَّبِالْوَالِدَيْنِ اَحْسَانًا وَّبِذِى القُرْبى وَالْيَتمى وَالْمَسكِيْنَ وَالْجَارِذِى الْقُرْبِى وَالْجَارِ الْجُنُبِ وَالصَّاحِبِ بِالْجَنْبِ وَابْنِ السَّبِيْلِ وَمَا مَلَكَتْ اَيْمَانُكُمْ ـ النساء : ٣٦
„Behandelt die eigenen Eltern, die nahen Verwandten, die Waisen, die Bedürftigen, die verwandten und die nicht verwandten Nachbarn, den Weggefährten, den Reisenden sowie die eigenen Sklaven und Sklavinnen gut.“ Sure an-Nisa: 36
وَيُطْعِمُوْنَ الطّعَامَ عَلى حُبِّه مِسْكِيْنًا وَّيَتِيْمًا اِنَّمَا نُطْعِمُكُمْ لِوَجْه الله لاَنُرِيْدُ مِنْكُمْ جَزَآءً وَّلاَ شُكُوْرًا ـ اِنَّا نَخَافُ مِنْ رَّبِّنَا يُوْمًا عَبُوْسًا قَمْطَرِيْرًا ـ الدهر : ٨ – ١٠
„Die rechtschaffenen Diener Allahs geben den Waisen, den Bedürftigen und den Gefangenen Nahrung, um Allahs Wohlgefallen und Liebe zu erlangen. Sie sagen: Wir geben euch nur um Allahs willen zu essen. Wir verlangen von euch weder eine Gegenleistung noch Dankbarkeit. Wir fürchten nur Allah wegen jenes Tages, an dem die Menschen angesichts seiner schweren Not bleiche Gesichter bekommen und sich Falten auf ihrer Stirn bilden werden.“ – Sure ad-Dahr: 8–10
وَفِىْ اَمْوَالِهِمْ حَقٌ لِّلْسَّآئِلِ وَالْمَحْرُوْمِ ـ الذّريت : ١٩
„Und in seinem Vermögen steht dem Bittenden und dem Bedürftigen ein Anspruch zu.“
لِلْفُقَرَآءِ الَّذِيْنَ اُحْصِرُوْا فِىْ سَبِيْلِ اللهِ لاَيَسْتَطِيْعُوْنَ ضَرْبًا فِىْ الاَرْضِ يَحْسَبُهُمُ الْجَاهِلُ اَغْنِيَآءَ مِنَ التَّعَفُّفْ تَعْرِفُهُمْ بِسْيْمهُمْ لاَيَسْئَلُوْنَ النَّاسَ اِلْحَافًأ وَمَا تُنْفِقُوْا مِنْ خِيْرِ فَاِنَّ اللهَ بِه عَلِيْمٌ ـ
„Almosen stehen denjenigen zu, die sich ständig mit den Angelegenheiten Allahs beschäftigen und deshalb keine Arbeit verrichten können, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Wegen ihres Ehrgefühls halten zumindest die Unwissenden sie für wohlhabend. Doch allein an ihrem Äußeren und ihrem Auftreten könnt ihr erkennen, wie sehr sie Not leiden. Ihr sollt selbst vorangehen und ihnen geben. Denn sie gehören nicht zu denen, die sich an die Menschen klammern und um Hilfe bitten. Was immer ihr ihnen heimlich gebt, wird Allah gewiss wissen, und Er wird euch dafür gewiss belohnen.“ Sure al-Baqara: 273
Die Regeln für die Entrichtung der Zakat
Im vorherigen Artikel wurde die allgemeine Anweisung zum Ausgeben auf Allahs Weg dargelegt. Nun werden alle Bestimmungen im Zusammenhang mit der Zakat ausführlich erörtert.
Im Heiligen Qur’an hat Allah, der Erhabene, an drei Stellen jeweils unterschiedliche Anweisungen zur Zakat gegeben. In der Sure al-Baqara heißt es:
اِنْفِقُوْا مِنْ طَيِّبتِ مَاكَسَبْتُمْ وَمِمَّا اَخْرَجْنَا لَكُمْ مِنَ الارْضِ ـ
„Gebt auf Allahs Weg von all dem aus, was ihr selbst an reinem Vermögen erworben habt und was Ich euch an Erträgen aus der Erde gegeben habe.“ – Sure al-Baqara: 267.
Auch in der Sure al-Anʿam wird in diesem Zusammenhang gesagt, dass Ich für euch Gärten und Felder auf der Erde geschaffen habe. Daher: 141
كَلُوْ مِنْ ثَمَرِه اَثْمَرَ وَاتُوْا حَقَّه يَوْمَ حَصَادِه ـ الانعَام ـ ١٤١
„Wenn (in den Gärten und auf den Feldern) Früchte oder Ernten hervorgebracht werden, dann nehmt davon eure Nahrung und entrichtet am Tag der Ernte davon Allahs zustehenden Anteil.“ – Sure al-Anʿam: 141
In beiden Versen wird von der Zakat auf die Erträge des Bodens gesprochen. Nach Ansicht der Fiqh-Gelehrten der hanafitischen Rechtsschule besteht bei allen Arten von Getreide, Gemüse und Früchten – außer den natürlichen Ressourcen wie Holz, Gras und Bambus und Ähnlichem – ein Allah zustehender Anspruch, der unbedingt entrichtet werden muss. Im ehrwürdigen Hadith wird ausdrücklich gesagt, dass bei den Ernten, die durch Regen-, Fluss- oder Meerwasser entstehen, ein Zehntel der Gesamternte Allah zusteht; bei dem Land, das die Menschen künstlich bewässern mussten, beträgt Allahs Anteil ein Zwanzigstel der Gesamternte. Beide Arten dieses Anteils müssen unmittelbar nach der Ernte entrichtet werden; dies ist wajib.
Danach wird in der Sure at-Tauba gesagt:
وَالَّذِيْنَ يَكْنِزُوْنَ الْذِّهَبَ وَالْفِصَّةَ وَلاَ يُنْفِقُوْنَهَا فِىْ سَبِيْلِ اللهِ فَبَشِّرْهُمْ بِعَذَابٍ اَلَيْمٍ ـ يَّوْمَ يَحْمى عَلَيْهَا فِىْ نَارِ جَهَنَّمَ فَتُكْوْى بِهَا جِبَاهُهُمْ وَجُنُوْبُهُمْ وَظُهُوْرُهُمْ هَذّا مَاكَنَزْتُمْ لاَنْفُسِكُمْ فَذُوْقُوْا مَا كُنْتُمْ تَكْنِزُوْنَ ـ التوبة : ٣٤-٣٥
„Verkünde denjenigen, die Gold und Silber anhäufen und davon überhaupt nichts auf Allahs Weg ausgeben, eine schmerzhafte Strafe. Kündige ihnen die Qual jenes Tages an, an dem Gold und Silber im Feuer erhitzt und damit ihre Stirnen, ihre Seiten und ihre Rücken gebrandmarkt werden. Und man wird zu ihnen sagen: Das ist der Schatz, den ihr für euch selbst angesammelt habt. So kostet nun, was ihr angehäuft habt.“ – Sure at-Tauba: 34–35
Danach wurde gesagt:
اِنًَّمَا الصَّدَقتُ لِلْفُقََرَآءِ وَالْمَسْكِيْنَ وَالْعمِلِيْنَ عَلَيْهَا وَالْمُؤْلَّفَةِ قُلُوْبُهُمْ وَفِىْ الرَّقَابِ وَالْغَارِمِيْنَ وَفِىْ سَبِيْلِ اللهِ وَاَبْنِ السَّبيْلِ فَرِيْضضةٌ مِّنْ اللهِ ـ التوبة : ٦٠
„Die Zakat ist eine von Allah vorgeschriebene Pflicht. Sie ist den Bedürftigen, den Armen und den mit der Erhebung der Zakat beauftragten Beamten zu geben; sie ist ferner dafür aufzuwenden, die Herzen von Menschen anderer Religionen zu gewinnen, die Befreiung von Menschen aus den Fesseln der Sklaverei zu ermöglichen, die Schulden Schuldnern abzuzahlen, für die von Allah bestimmten allgemeinen Zwecke sowie zur Unterstützung mittelloser Reisender.“ – Sure at-Tauba: 60
Danach sagte Allah:
خَذُ مِنْ اَمْوَالِهِمْ صَدَقَةً تَطَهِّرُهُمْ وَتُزْكِّهِمْ : التورة : ١٠٣
„Nimm von ihrem Vermögen die Zakat und läutere und reinige sie dadurch.“ Sure at-Tauba: 103
Aus den drei genannten Versen geht hervor, dass angesammeltes und vermehrtes Vermögen unrein wird, wenn davon nichts auf Allahs Weg ausgegeben wird. Die einzige Möglichkeit, es zu reinigen, besteht darin, den Allah zustehenden Anteil davon unter den berechtigten Menschen zu verteilen. In einem Hadith wird berichtet, dass die Muslime äußerst ängstlich und bestürzt wurden, als die Nachricht von dieser Strafe für diejenigen eintraf, die Gold und Silber anhäuften. Denn aufgrund dieses Verses glaubten sie, es sei Unrecht, auch nur einen Pfennig bei sich zu behalten, und man müsse alles ausgeben. Schließlich begab sich Umar al-Faruq (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zum ehrwürdigen Propheten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und teilte ihm die Sorge der Muslime mit. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) erwiderte: „Allah hat euch die Zakat gerade deshalb zur Pflicht gemacht, damit euer verbleibendes Vermögen durch ihre Entrichtung für euch rein und halal wird.“ Auch von Abu Sa’id al-Chudri (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wird ein ähnlicher Hadith überliefert. Der ehrwürdige Gesandte (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: Wenn du die Zakat von deinem Vermögen entrichtet hast, dann hast du damit erfüllt, was dir als verpflichtende Pflicht (wajib) oblag.
Aus dem genannten Vers lässt sich lediglich die Anweisung zur Zakat auf Gold und Silber erkennen; aus den Hadithen ist jedoch bekannt, dass auch auf Handelswaren, Kamele, Rinder und Ziegen Zakat zu entrichten ist. Die Zakat wird bei zweiundfünfzig ein halb Tola Silber und bei sieben ein halb Tola Gold verpflichtend. Für vierzig Ziegen und dreißig Rinder ist Zakat zu entrichten; ebenso ist Zakat zu entrichten, wenn der Wert der Handelswaren dem Wert von zweiundfünfzig ein halb Tola Silber entspricht. Das heißt: Wer diese festgelegte Menge besitzt und bei dem ein Jahr unter diesen Bedingungen vergangen ist, muss als Zakat ein Vierzigstel davon entrichten. Die Imame der hanafitischen Rechtsschule sagten, dass auch dann Zakat zu entrichten ist, wenn die für die Verpflichtung der Zakat auf Gold beziehungsweise Silber jeweils erforderliche Menge nicht einzeln vorhanden ist, ihr zusammengerechneter Wert jedoch die Zakat-Mindestmenge (Nisab) erreicht.
Nach Ansicht von Hazrat Umar und Ibn Masʿud (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) ist die Zakat auf Schmuck aus Gold und Silber verpflichtend. Auch Imam Abu Hanifa, möge Allah ihm barmherzig sein, vertrat diese Ansicht. In einem Hadith wird berichtet, dass der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zwei Frauen mit goldenen Armreifen an den Händen sah und sie fragte, ob sie dafür Zakat entrichteten. Eine von ihnen antwortete: „Nein.“ Hazrat (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Würdest du am Tag der Auferstehung lieber Feuerreifen an deinen Händen tragen, weil du heute keine Zakat entrichtet hast?“ Von Hazrat Umm Salama, möge Allah mit ihr zufrieden sein, wird berichtet, dass sie eine Art Goldschmuck namens „Pajeb“ besaß. Sie fragte den heiligen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), ob dieser zu gehortetem Vermögen zähle. Hazrat, der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), sagte: „Wenn für seine Menge Zakat verpflichtend ist und davon Zakat entrichtet wird, dann ist er kein verbotenes gehortetes Vermögen.“ Aus diesen beiden Hadithen geht hervor, dass auch auf Schmuck aus Gold und Silber Zakat verpflichtend ist, ebenso wie auf vorhandenes Gold und Silber. Für Diamanten und Edelsteine oder für die Verzierung eines Ringes muss jedoch keine Zakat entrichtet werden.
Im heiligen Wort werden acht Gruppen von Menschen genannt, die zum Empfang der Zakat berechtigt sind. Ihre Einzelheiten werden hier dargelegt:
Die Armen: Menschen, die zwar etwas Vermögen besitzen, das jedoch nicht ausreicht, um all ihre Bedürfnisse zu decken, und die ihr Leben unter großer Bedrängnis verbringen und zudem niemanden um etwas bitten können, sind arm. Imam Zuhri, Imam Abu Hanifa, Ibn Abbas, Hasan al-Basri, Abu al-Hasan al-Karkhi und andere Rechtsgelehrte bezeichneten gerade diese Menschen als Faqir oder arm.
Die Bedürftigen: Menschen, deren Lage noch schlechter ist, die gezwungen sind, andere um Hilfe zu bitten, und die nicht einmal das Essen für ihren eigenen Lebensunterhalt beschaffen können, sind Bedürftige. Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, rechnete auch diejenigen zu den Bedürftigen, die arbeitsfähig sind, ihre Tage jedoch ohne Arbeit verbringen.
Mitarbeiter der Zakat-Abteilung: Diejenigen, die ein islamischer Staat zur Erhebung der Zakat als Mitarbeiter einsetzt, werden ebenfalls aus den Zakat-Mitteln bezahlt.
Diejenigen, deren Herzen gewonnen werden sollen: Dazu gehören diejenigen, denen man Geld geben muss, um den Islam zu unterstützen oder sie davon abzuhalten, sich dem Islam entgegenzustellen. Dazu gehören auch jene Menschen, die erst vor Kurzem Muslime geworden sind und unbedingt von ihren Schwierigkeiten befreit werden müssen. Wenn neue Muslime dadurch, dass sie die Verbindung zu nichtmuslimischen Völkern abbrechen und sich den Muslimen anschließen, arbeitslos werden oder in finanzielle Not geraten, ist es eine nationale Pflicht der Muslime, ihnen zu helfen. Selbst wenn sie reich sind, sollte man ihnen Zakat geben. Dadurch werden sie noch größeres Vertrauen in den Islam gewinnen. Nach dem Sieg in der Schlacht von Hunain schenkte der heilige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den neuen Muslimen einen großen Teil der Kriegsbeute. So entfielen auf jeden Einzelnen hundert Kamele. Als die Ansar sich darüber beschwerten, sagte der heilige Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Da sie erst vor Kurzem den Islam angenommen haben, möchte ich ihre Herzen erfreuen.“ Auf Grundlage dieses Hadiths sagte Imam Zuhri, dass Juden und Christen, die Muslime werden, oder Angehörige einer anderen Religion, die den Islam annehmen, auch dann Zakat erhalten sollen, wenn sie reich sind.¹
Die Befreiung von Sklaven und Gefangenen: Auch einem Menschen, der in den Ketten der Sklaverei gefangen ist und sich befreien möchte, darf Zakat-Geld gegeben werden. Mit diesem Geld kann er sich aus der Knechtschaft seines Besitzers freikaufen. In der heutigen Zeit gibt es die Sklaverei nicht mehr. Daher bin ich der Ansicht, dass Menschen, die wegen ihrer Unfähigkeit, eine Geldstrafe zu bezahlen, eine Gefängnisstrafe verbüßen müssen, mit Zakat-Geld befreit werden können; auch dies würde unter diese Kategorie fallen.
Die Begleichung der Schulden von Schuldnern: Menschen, die verschuldet sind oder nicht über die Mittel verfügen, ihre Schulden zu begleichen, können ebenfalls mit Zakat-Geld von ihrer Schuldenlast befreit werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass jemand Zakat erhalten darf, wenn er beispielsweise tausend Taka besitzt, aber nur hundert Taka Schulden hat. Wenn jemand jedoch nach der Begleichung seiner Schulden möglicherweise Zakat-pflichtig wäre, aber nicht über einen entsprechenden Betrag verfügt, darf ihm Zakat gegeben werden. Die Rechtsgelehrten haben außerdem gesagt, dass es verpönt ist, Menschen Zakat zu geben, die durch Verschwendung, Luxusleben und schlechte Taten in Schulden geraten sind. Denn wenn man ihnen unter diesen Umständen Zakat gibt, werden sie dieses Vermögen noch weiter verschwenden und im Vertrauen darauf, ihre Schulden mit Zakat begleichen zu können, noch mehr Schulden aufnehmen.
Auf dem Weg Allahs: Der Ausdruck „auf dem Weg Allahs“ ist äußerst umfassend. Die Zakat-Gelder dürfen für alle guten Werke der Muslime verwendet werden. Insbesondere bedeutet er jedoch, denjenigen zu helfen, die auf dem Weg Allahs den Dschihad führen. Der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte, dass es einem wohlhabenden Menschen nicht erlaubt ist, Zakat anzunehmen. Wenn jedoch gerade ein wohlhabender Mensch gezwungen ist, für den Dschihad Unterstützung anzunehmen, muss auch ihm Zakat gegeben werden. Der Grund dafür ist, dass ein Mensch zwar wohlhabend sein kann, die für den Dschihad erforderlichen gewaltigen Ausgaben aber nicht allein aus seinem eigenen Vermögen bestreiten kann. Für diese Aufgabe darf ihm mit Zakat-Geldern geholfen werden.
1. Eine ausführliche Darstellung des islamischen Rechts zu diesem Thema ist hier nicht möglich. Siehe hierzu die Auslegung der Sure at-Tauba in Tafhim-ul-Quran.
Reisende und Auswärtige: Ganz gleich, über wie viel Vermögen ein Reisender oder Auswärtiger in seinem eigenen Haus verfügt – wenn er unterwegs oder in der Fremde in Not gerät, muss ihm Zakat-Geld gegeben werden.
Nun stellt sich die Frage, wem unter den oben genannten acht Personengruppen unter welchen Umständen Zakat gegeben werden sollte und unter welchen Umständen dies zu unterlassen ist. Dies wird hier erörtert:
Erstens: Niemand darf seinem eigenen Vater oder Sohn Zakat geben; der Ehemann darf seiner Ehefrau und die Ehefrau ihrem Ehemann keine Zakat geben. Darüber besteht unter den Gelehrten des islamischen Rechts völlige Übereinstimmung. Einige Rechtsgelehrte haben außerdem gesagt, dass du denjenigen nahen Verwandten keine Zakat geben darfst, deren Unterhalt du zu tragen hast und die nach der Scharia deine Erben sind. Entfernte Verwandte hingegen sind berechtigt, deine Zakat zu erhalten. Ja, ihr Anspruch wird sogar stärker anerkannt als der anderer Menschen. Imam al-Auza’i sagte jedoch, dass man bei der Vergabe der Zakat nicht ausschließlich nach den eigenen Verwandten suchen solle.
Zweitens: Nur Muslime dürfen Zakat erhalten. Nichtmuslime dürfen keine Zakat erhalten. In einem Hadith wird die Zakat folgendermaßen definiert: تُؤْخَذُ مِنْ اَغْنِيَاءَ كُمْ وَتُرَدُّ عَلى فُقَرَاءَ كُمْ ـSie wird von euren Reichen genommen und unter euren Armen verteilt. Einem armen Nichtmuslim darf selbstverständlich allgemeine Almosenspende und Wohltätigkeit gegeben werden. Bei allgemeinen Spenden ist es vielmehr keineswegs angemessen, zwischen Muslimen und Nichtmuslimen zu unterscheiden, dem Muslim zu geben und dem Nichtmuslimen nichts zu geben.
Drittens: Imam Abu Hanifa, Imam Abu Yusuf und Imam Muhammad (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) sagen, dass die Zakat jeder Region unter den Armen dieser Region verteilt werden muss. Es ist nicht richtig, Zakat-Gelder von einer Region in eine andere zu schicken. Wenn es jedoch in einer Region überhaupt niemanden gibt, der Zakat annehmen kann, oder wenn eine andere Region von einer Notlage heimgesucht wird, aufgrund derer es dringend erforderlich erscheint, Zakat-Gelder aus einer entfernten Region dorthin zu schicken – etwa wegen einer Überschwemmung, einer Hungersnot und Ähnlichem –, ist es nicht falsch, die Zakat entsprechend zu verteilen. Auch die Ansicht von Imam Malik und Imam Sufyan ath-Thauri ist im Wesentlichen dieselbe. Man muss jedoch bedenken, dass es keineswegs grundsätzlich unangemessen oder unzulässig ist, Zakat von einer Region in eine andere zu schicken.
Viertens: Nach der Ansicht mancher Menschen sollte jemand, der für zwei Mahlzeiten am Tag ausreichend Nahrung hat, keine Zakat annehmen. Andere wiederum haben gesagt, dass jemand mit zehn Taka an Ersparnissen keine Zakat annehmen sollte; nach der Ansicht eines anderen gilt dies für jemanden, der zwölfeinhalb Taka besitzt. Imam Abu Hanifa und andere Gelehrte der hanafitischen Rechtsschule haben jedoch gesagt, dass jemand Zakat annehmen darf, wenn sein Barvermögen weniger als fünfzig Taka beträgt. Haushaltsgegenstände sowie Pferde und Diener werden dabei nicht mitgerechnet. Das heißt: Auch wenn jemand diese Dinge besitzt, kann er Zakat erhalten, sofern sein Vermögen weniger als fünfzig Taka beträgt. In dieser Angelegenheit gibt es einerseits die rechtliche Regel und andererseits den Maßstab der Vorzüglichkeit. Zwischen diesen beiden Dingen besteht ein Unterschied.
Über den Maßstab der Vorzüglichkeit sagte der ehrwürdige Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): Wer für seine Nahrung am Morgen und am Abend gesorgt hat und dennoch die Menschen um etwas bittet, der häuft damit nur Feuer für sich selbst an. In einem anderen Hadith sagte der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): Wenn jemand, statt seine Hand zum Betteln nach den Menschen auszustrecken, sogar Holz hackt und dadurch seinen Lebensunterhalt verdient, ist das mir lieber. In einem dritten Hadith heißt es, dass jemand, der Nahrung besitzt oder die Kraft hat, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, keine Zakat annehmen sollte. Dies ist die Lehre des Ehrwürdigen, um den Menschen Selbstachtung einzuflößen – es ist kein Gesetz. Es wurde lediglich eine äußerste Grenze des Gesetzes festgelegt und erklärt, bis zu welchem Maß ein Mensch Zakat annehmen darf. In einem Hadith sagte der edle Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm):
لِلسَّائِلِ حَقٌ وَاِنْ جَاءَ عَلَى الْفَرَسِ ـ
„Auch wenn der Bettler auf einem Pferd kommt, muss man ihm Almosen geben.“
Ein Mann fragte den Ehrwürdigen: „Wenn ich zehn Taka besitze, gelte ich dann als Bedürftiger?“ Der Ehrwürdige antwortete: „Ja.“ Einmal baten zwei Männer den Ehrwürdigen um Zakat. Der ehrwürdige Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) betrachtete sie mit scharfem Blick und sagte: „Wenn ihr sie annehmen wollt, werde ich sie euch zwar geben, doch grundsätzlich haben wohlhabende und leistungsfähige Menschen keinen Anteil daran.“ Aus diesen Hadithen geht klar hervor, dass auch diejenigen zu den Armen gezählt werden und Zakat erhalten dürfen, die nicht über den für die Zakatpflicht festgelegten Mindestbetrag verfügen. Es versteht sich von selbst, dass nur wirklich bedürftige Menschen die wahren Anspruchsberechtigten auf Zakat sein können.
Die grundlegenden Regeln der Zakat wurden hier dargelegt; in diesem Zusammenhang halte ich es jedoch für besonders notwendig, die Aufmerksamkeit der Leser auf eine äußerst dringende und wichtige Angelegenheit zu lenken. Denn die Sache, die ich ansprechen möchte, haben die heutigen Muslime vergessen. Sie besteht darin, dass alle Angelegenheiten des Islam gemeinschaftlich und kollektiv erfüllt werden müssen. Der Islam befürwortet keine individualistische Absonderung. Wenn ein Muslim, der weit von einer Moschee entfernt lebt, allein betet, ist sein Gebet zwar gültig; doch in der islamischen Scharia ist angeordnet, das Gebet gemeinsam mit der Gemeinde zu verrichten – dass die Muslime mit der Gemeinde beten, das ist es, was die Scharia anstrebt. Im edlen Koran wird darauf hingewiesen und gesagt:
خُذْ مِنْ اَمْوَالِهِمْ صَدَقَةٌ تُطَهِّرُ هُمْ وَتُزَكِّيْهِمْ بِهَا : التوبة : 103
Das bedeutet: Allah, der Erhabene, hat dem ehrwürdigen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) befohlen, von den Muslimen Zakat einzuziehen. Den Muslimen wurde nicht aufgetragen, die Zakat unabhängig und persönlich zu entrichten. Außerdem bedeutet die Festlegung eines Anteils der Zakatmittel für die mit ihrer Erhebung beauftragten Bediensteten, dass der Imam oder das Staatsoberhaupt der Muslime von allen Zakat einziehen und sie gemeinschaftlich ausgeben soll. Der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte hierzu:
اُمِرْتُ اَنْ اَخَذَ الصَّدَقَةَ مِنْ اغْنِيْاَءِ كُمْ وَاَرُدُّهَا فِىْ فُقَرَاءِ كُمْ ـ
Das heißt, ich bin dazu beauftragt worden, von euren Reichen die Zakat einzuziehen und sie unter euren Armen zu verteilen. Diese Methode der Erhebung der Zakat war auch zur Zeit des edlen Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und der rechtgeleiteten Kalifen in Kraft. Die Beamten des islamischen Staates erhoben die gesamte Zakat, und sie wurde seitens der Zentralregierung ordnungsgemäß verteilt.
Das Wesen des Hajj
Die Grundlagen des Hajj
Im Arabischen bedeutet „Hajj“, den Vorsatz zu fassen, einen Besuch abzustatten. Da die Muslime aus allen Teilen der Welt zu einem bestimmten Zentrum aufbrechen, um die Kaaba zu besuchen, wurde dies „Hajj“ genannt. Die Geschichte darüber, wann und wie der Hajj seinen Anfang nahm, ist äußerst interessant und lehrreich. Wenn der Leser diese Geschichte mit großer Aufmerksamkeit studiert, wird es ihm leichtfallen, den Nutzen des Hajj zu begreifen.
Ob Muslim oder Christ – der Name des Propheten Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) ist niemandem unbekannt. Mehr als zwei Drittel der Menschen auf der Welt erkennen ihn als „Führer“ an. Die drei großen Propheten Musa (Allahs Friede sei auf ihm), Isa (Allahs Friede sei auf ihm) und Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) stammen alle aus seiner Nachkommenschaft; vom Licht seiner leuchtenden Fackel breitete sich der Glanz der Wahrheit über die ganze Welt aus. Vor mehr als viertausend Jahren wurde er im Irak geboren. Damals hatte die gesamte Menschheit Allah vergessen. Kein Mensch auf der Erde kannte seinen wahren Besitzer und Herrn und beugte sein Haupt vor Ihm in Hingabe und Gehorsam. Obwohl das Volk, in dem er geboren wurde, damals das fortgeschrittenste Volk der Welt war, war es auch in der Verirrung führend. Ein erschaffenes Wesen kann niemals eine Gottheit oder ein Anbetungswürdiger sein. Trotz höchster Fortschritte in Wissenschaft, Wissen, Kunst und Bildhauerei konnten sie diese einfache Wahrheit nicht verstehen. Daher verehrten sie die Sterne am Himmel sowie Statuen, die aus Lehm oder Stein gefertigt waren. Astrologie, das Ziehen von Losen, um Gutes und Schlechtes zu erkennen, das Behaupten, über verborgenes Wissen zu verfügen, die Anwendung von Zauberei sowie Gebete, Amulette und Beschwörungen waren weit verbreitet. Wie bei den heutigen hinduistischen Gelehrten und Brahmanen gab es auch in jener Gesellschaft eine Klasse von Götzenpriestern. Sie unterhielten die Tempel, verrichteten im Namen anderer die Verehrung, führten in Zeiten der Not und des Glücks besondere Zeremonien durch und betrogen die Menschen, indem sie verborgene Dinge vorgaben zu kennen. Das einfache Volk hielt gerade sie für die Bestimmer des Schicksals. Es richtete sich nach jedem ihrer Fingerzeige und erfüllte schweigend und völlig blind ihre Wünsche. Denn es glaubte, diese Priester hätten Macht über die Götter. Wenn sie zufrieden seien, würden die Götter uns ihre Gnade zuteilwerden lassen; andernfalls würden wir zugrunde gehen. Diese Priestergruppe stand in geheimer Verbindung zu den damaligen Königen und Herrschern. Um die Bevölkerung zu willenlosen Sklaven zu machen, halfen Könige und Priester einander. Einerseits unterstützte die Regierung die Priester, andererseits pflanzten die Priester dem Volk die Vorstellung tief ein, dass auch die Könige und Herrscher zu den „Göttern“ gehörten; sie seien die alleinigen Herren über Land und Untertanen, ihr gesprochenes Wort sei Gesetz und sie hätten das Recht, über Leben und Besitz der Untertanen nach Belieben zu verfügen. Nicht nur das: Vor den Königen und Herrschern wurden sämtliche Formen ihrer Verehrung, einschließlich des Niederwerfens des Kopfes im Suǧūd, vollzogen, damit das Zeichen ihrer Herrschaft dauerhaft in Herz und Verstand der Untertanen eingeprägt werde.
In einer solchen Umgebung und in einer Familie dieses Volkes wurde der Prophet Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) geboren. Noch bemerkenswerter ist, dass gerade die Familie, in der er geboren wurde, aus berufsmäßigen und erblichen Priestern bestand. Sein Vater und seine Vorväter waren die gelehrten Priester und Brahmanen ihrer Familie. Daher erhielt der Prophet Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) genau jene Erziehung und Bildung, die ein Kind aus einer Brahmanenfamilie erhalten konnte. Von frühester Kindheit an hörte er Gespräche dieser Art. Unter seinen Geschwistern sah er Prunk und vornehme Lebensweise wie bei Pīren und den Söhnen von Pīren. Der hochgeehrte Sitz des Priestertums im örtlichen Tempel wartete auf ihn. Wenn er diesen Sitz einnähme, hätte er ohne Mühe zum „Führer des Volkes“ werden können. Die Geschenke, Frondienste und Opfergaben, die aus allen Richtungen für seine gesamte Familie zusammengetragen wurden, standen auch dem Propheten Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) zur Verfügung. Nach ihrer seit jeher bestehenden Gewohnheit waren die Menschen des Landes bereit, vor ihn zu treten, mit gefalteten Händen vor ihm zu sitzen und in Ehrfurcht und Verehrung den Kopf zu senken. Indem er vorgab, durch geheimes Wissen Zugang zu den Göttern zu haben, hätte er alle – vom einfachen Bauern bis zum damaligen König – zu gehorsamen Sklaven machen können. In dieser Finsternis, in der sich nirgendwo ein Mensch mit wahrer Erkenntnis und als wahrer Anhänger der Wahrheit befand, war es für ihn einerseits nicht möglich, das Licht der Wahrheit zu erlangen; andererseits war es für einen gewöhnlichen Menschen unmöglich, sowohl persönliche als auch familiäre gewaltige Interessen mit Füßen zu treten und sich allein um der Wahrheit willen in weltweite Gefahren zu stürzen.
Doch der Prophet Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) war kein gewöhnlicher Mensch. Er war aus einem besonderen Stoff erschaffen worden. Sobald er verstand, begann er nachzudenken: Der Mond, die Sonne und die Sterne folgen wie schlichte Diener den Regeln von Auf- und Untergang; die Götzen sind von Menschenhand aus Stein gefertigt; der König des Landes ist ein gewöhnlicher Mensch wie wir – wie können diese also Herren sein? Warum sollte der Mensch sich vor Dingen verbeugen, die sich aus eigenem Willen nicht einmal im Geringsten bewegen können, die nicht die Fähigkeit besitzen, sich selbst zu helfen, und die keinerlei Macht über Leben und Tod haben? Warum sollte der Mensch ihnen dienen und sie verehren? Warum sollte er sich um der notwendigen Dinge willen in ihre Knechtschaft begeben? Alles, was wir am Himmel und auf der Erde sehen, und alles, worüber wir auf irgendeine Weise Bescheid wissen, ist weder unabhängig noch selbstständig noch unvergänglich und ewig. Wenn der Zustand all dieser Dinge so ist, wie können sie dann die „Herren“ oder Gebieter der Menschen sein? Da keiner von ihnen mich erschaffen hat, da keiner von ihnen die Verfügung über mein Leben, meinen Tod, meinen Nutzen und meinen Schaden besitzt und da keiner von ihnen die Schlüssel zu meiner Versorgung und meinem Lebensunterhalt in der Hand hält – warum sollte ich einen von ihnen als „Herrn“ anerkennen? Und warum sollte ich mich vor ihm verbeugen, ihm dienen und ihn verehren? Wahrlich, mein „Herr“ kann nur Derjenige sein, Der alles erschaffen hat, auf Den alle angewiesen sind und in Dessen Hand die Quellen von Leben, Tod, Nutzen und Schaden aller liegen. Nachdem der Prophet Ibrahim (Allahs Friede sei auf ihm) über diese Dinge nachgedacht hatte, beschloss er, die von seinem Volk verehrten Götzen nicht anzubeten, sondern sie zurückzuweisen. Sobald er zu diesem Entschluss gelangt war, verkündete er mit lauter Stimme:
إِنِّي بَرِيءٌ مِمَّا تُشْرِكُونَ
„Mit denen, die ihr Allah zur Seite stellt, habe ich nichts zu tun.“ – Sure al-Anʿām: 78
إِنِّي وَجَّهْتُ وَجْهِيَ لِلَّذِي فَطَرَ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ حَنِيفًا وَمَا أَنَا مِنَ الْمُشْرِكِينَ
„Ich wende mein Gesicht von allen Seiten ab und widme mich ausschließlich jener erhabenen Wesenheit zur Anbetung und zum Gottesdienst, die alle Himmel und die Erde erschaffen hat, und ich gehöre nicht zu den Götzendienern.“ – Sure al-Anʿām: 79
Nach dieser revolutionären Erklärung brach über den Propheten Ibrahim (Friede sei mit ihm) ein Berg von Gefahren und Unglück herein. Sein Vater sagte: „Ich werde dich verlassen und dich aus dem Haus vertreiben.“ Das ganze Volk rief: „Keiner von uns wird dir Zuflucht gewähren.“ Auch die örtliche Regierung wandte sich gegen ihn, und vor dem König wurde eine Klage gegen ihn eingereicht. Doch obwohl Ibrahim (Friede sei mit ihm) allein und ohne Gefährten war, stand er für die Wahrheit vor allen mit erhobenem Haupt. Zu seinem Vater sagte er mit besonderem Respekt: „Das Wissen, das ich erlangt habe, besitzt ihr überhaupt nicht. Daher werde ich nicht auf euch hören; vielmehr solltet ihr alle auf mich hören.“
Als Antwort auf die Drohungen der Leute seines Volkes zerbrach er eigenhändig alle Götzen und bewies damit, dass jene, die ihr anbetet, keinerlei Macht besitzen. Im offenen Audienzsaal des Königs sagte er in klaren Worten: „Du bist nicht mein Rabb. Mein Rabb ist derjenige, in dessen Hand das Leben und der Tod von dir, von mir und von uns allen liegen und in dessen strengen Gesetzesfesseln Mond und Sonne allesamt gefangen sind.“ Schließlich wurde am königlichen Hof das Urteil gefällt, Ibrahim (Friede sei mit ihm) lebendig zu verbrennen und zu Asche zu machen. Doch das Herz Ibrahims (Friede sei mit ihm) war stärker als ein Berg, und allein auf Allah setzte er sein Vertrauen. Deshalb war er auch bereit, diese furchtbare Strafe unerschrocken zu ertragen. Als Allah der Erhabene ihn daraufhin aus dem Feuerofen der Ungläubigen rettete, verließ er seine Heimat, sein Volk und alle Verwandten und Freunde und zog nur mit seiner Frau und seinem Neffen von Ort zu Ort und von Land zu Land. Für ihn hatte zu Hause der Sitz des Priestertums bereitgestanden; auf diesem Sitz hätte er zum geistlichen Führer des ganzen Volkes werden und ihn erblich zu seinem Eigentum machen können. Doch für sich und seine Nachkommen hielt er die bitteren Leiden und Drangsale des Exils sowie die völlige Mittellosigkeit für besser und nahm sie an. Denn er konnte es keineswegs dulden, ein glückliches Leben zu führen, während die Bewohner der Welt in den Fesseln der Knechtschaft zahlloser „falscher Rabbs“ gefangen waren. Stattdessen nahm er die Knechtschaft gegenüber dem einzigen wahren Rabb an und begann, die ganze Welt dazu aufzurufen. Und wegen dieses „Verbrechens“ (?) konnte er nirgendwo auch nur ein wenig in Frieden leben.
Nachdem der Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) seine Heimat verlassen hatte, zog er durch Syrien, Palästina, Ägypten und die arabischen Länder. Auf dieser Reise trafen ihn zahllose Gefahren; Besitz oder Geld hatte er nicht bei sich. Auch im Ausland dachte er nicht im Geringsten daran, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Tag und Nacht beschäftigte ihn nur eine einzige Frage: Wie könnten die Menschen der Welt aus den Fesseln der Knechtschaft gegenüber zahllosen Rabbs befreit und zu Dienern des einzigen Allah gemacht werden? Wenn sein Vater und sein eigenes Volk diesen von solchen Gedanken und Sorgen erfüllten Menschen überhaupt nicht ertragen konnten, wer hätte ihn dann noch dulden können? Die Bewohner welches Landes hätten ihn freundlich empfangen? Überall erhoben sich Priester derselben Art von Tempeln und Könige und Herrscher, die Anspruch auf Göttlichkeit erhoben; überall lebten dieselben unwissenden und törichten Menschen, die im Netz der Knechtschaft dieser „falschen Götter“ gefangen waren. Wie hätte ein Mensch unter ihnen in Frieden leben können, der nicht bereit war, irgendjemand anderem als seinem eigenen Rabb zu dienen? Er sagte auch zu den anderen Menschen: „Außer Allah habt ihr keinen Besitzer, Herrn oder Gebieter. Zerbrecht den Thron der Herrschaft und Göttlichkeit aller anderen und lebt ausschließlich als Diener Allahs.“ Genau deshalb konnte der Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) nirgendwo in Frieden leben. Jahr um Jahr zog er wie ein umherirrender Wanderer umher. Bald gelangte er in die Siedlungen Kanaans, bald nach Ägypten und bald in die Wüsten Arabiens. So verging seine gesamte Jugend, und sein schwarzes Haar wurde weiß.
Als er sich am Ende seines Lebens, vier Jahre vor der Vollendung seines neunzigsten Lebensjahres, befand und jede Hoffnung auf ein Kind geschwunden war, schenkte Allah der Erhabene ihm ein Kind. Doch auch damals kam dieser Diener Allahs nicht im Geringsten auf den Gedanken: „Mein eigenes Leben ist ohne jede Sicherheit vergangen; nun sollte ich wenigstens meine Söhne für den Lebensunterhalt und das Erwerbsleben ausbilden.“ Nein, solche Gedanken kamen ihm nicht in den Sinn. Vielmehr erfüllte den alten Vater nur ein einziger Gedanke: Für die Aufgabe, deren Erfüllung sein Leben gewidmet gewesen war, gab es nach seinem Tod nur sehr wenige Menschen, die diese Aufgabe weiterführen und seine Botschaft überall verbreiten konnten. Genau deshalb bat er Allah um ein Kind. Und als Allah ihm ein Kind schenkte, bemühte er sich, es so zu erziehen, dass es nach seinem Tod sein Werk fortsetzen konnte. Das Leben dieses vollkommenen Menschen war das vorbildliche Leben eines wahren Muslims. Gleich zu Beginn seiner Jugend, sobald er nach Erlangung der Vernunft seinen Rabb erkannt hatte, sagte Allah zu ihm:أَسْلِمْ– Nimm den Islam an, unterwirf dich Mir freiwillig und erkenne Meine Knechtschaft an. Darauf antwortete er mit klaren Worten:أَسْلَمْتُ لِرَبِّ الْعَالَمِينَ– Ich habe den Islam angenommen. Ich habe mich dem Herrn der ganzen Welt hingegeben und mich Ihm ausgeliefert. Sein ganzes Leben lang erfüllte dieser aufrichtige Mensch diese Aussage und dieses Versprechen in jeder Hinsicht. Um Rabb al-ʿĀlamīn willen gab er die seit Jahrhunderten überlieferte Religion seiner Vorfahren mit all ihren Riten, Bräuchen und Glaubensüberzeugungen auf. Alle Vorteile und Vergünstigungen, die er als Priester auf dem Sitz des Priestertums hätte genießen können, gab er auf. Er verließ seine Sippe und Familie, sein Volk und seine Heimat. Er setzte sein eigenes Leben geringschätzig ein und sprang in das Feuer. Er ertrug die Leiden und Mühsale der Auswanderung und des Exils, durchreiste Land um Land und verbrachte jeden einzelnen Augenblick seines Lebens im Dienst und Gehorsam gegenüber Rabb al-ʿĀlamīn sowie in der Verkündigung Seiner Religion, des Islam. Als er im hohen Alter ein Kind bekam, bestimmte er auch für dieses Kind dieselbe Religion und dieselbe Aufgabe. Doch nach all diesen schweren Prüfungen blieb noch eine letzte und schwere Prüfung übrig. Solange er diese Prüfung nicht bestanden hatte, konnte nicht entschieden werden, ob der Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) Rabb al-ʿĀlamīn mehr liebte als alles andere. Nun stand er vor dieser schweren und harten Prüfung. Es wurde geprüft, ob er auch sein einziges Kind, das ihm nach völliger Hoffnungslosigkeit im hohen Alter geschenkt worden war, Allah zuliebe opfern konnte. Der Prophet Ibrahim (Friede sei mit ihm) bestand auch diese Prüfung. Sobald er Allahs Befehl erhalten hatte und bereit war, seinen eigenen Sohn eigenhändig zu schlachten, wurde endgültig verkündet: „Nun hast du den Anspruch, ein wahrer Muslim zu sein, als wahr erwiesen.“ Allah nahm auch dieses Opfer von ihm an und ließ ihm mitteilen: „Nun kannst du zum Imam oder Führer der ganzen Welt gemacht werden; nun bist du dafür vollkommen geeignet.“ Genau dies wird im folgenden Vers des Edlen Qurʾān gesagt:
وَإِذِ ابْتَلَى إِبْرَاهِيمَ رَبُّهُ بِكَلِمَاتٍ فَأَتَمَّهُنَّ قَالَ إِنِّي جَاعِلُكَ لِلنَّاسِ إِمَامًا قَالَ وَمِنْ ذُرِّيَّتِي قَالَ لَا يَنَالُ عَهْدِي الظَّالِمِينَ
„Und als Ibrahim von seinem Herrn in einigen Dingen geprüft wurde und diese Prüfung ordnungsgemäß bestand, wurde ihm verkündet: ‚Ich habe dich zum Imam (führenden Anführer) der gesamten Menschheit eingesetzt.‘ Er sagte: ‚Gilt dieser Befehl auch für meine Nachkommen?‘ Allah, der Erhabene, sprach: ‚Mein Versprechen gilt nicht für die Ungerechten.‘“ – Sure al-Baqara: 124
Auf diese Weise wurde Hazrat Ibrahim, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Führung auf Erden übertragen und er zum „Anführer“ der weltweiten Bewegung des Islam ernannt. Nun wurden einige Gefährten von ihm dringend notwendig, um diese Bewegung weiter auszudehnen, in verschiedenen Gebieten Verantwortung zu übernehmen und dort als seine Vertreter zu wirken. In dieser Hinsicht dienten drei Personen Hazrat Ibrahim, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als seine „rechte Hand“. Einer war sein Neffe, Hazrat Lut, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm; der zweite war sein älterer Sohn, Hazrat Ismail, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der sich, als er erfuhr, dass Allah sein Leben verlangte, mit großer Freude und Bereitwilligkeit zur Schlachtung bereitmachte; und der dritte war sein jüngerer Sohn, Hazrat Ishaq, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.
Seinen Neffen ließ er sich in der Gegend von „Sodom“ (Transjordanien) niederlassen. Dort lebte das lasterhafteste und ausschweifendste Volk jener Zeit. Seine Aufgabe bestand einerseits darin, die Moral dieses Volkes zu reformieren, und andererseits darin, die Botschaft des Islam auch in weit entfernte Gebiete zu bringen. Handelskarawanen aus Iran, Irak und Ägypten zogen durch dieses Gebiet. Daher war es für ihn besonders günstig, von hier aus die Verbreitung des Islam in beide Richtungen erfolgreich zu betreiben.
Seinen jüngeren Sohn, Hazrat Ishaq, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ließ er sich im Gebiet von Kanaan oder Palästina niederlassen. Dieses Gebiet liegt zwischen Syrien und Ägypten; außerdem war es eine an der Meeresküste gelegene Region, sodass sich von hier aus die Botschaft des Islam leicht auch in andere Länder tragen ließ. Von diesem Ort aus gelangte die islamische Bewegung durch Hazrat Ishaqs Sohn, Hazrat Yaqub, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der auch Israel hieß, und durch seinen Enkel, Hazrat Yusuf, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bis nach Ägypten.
Seinen älteren Sohn, Hazrat Ismail, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ließ er sich in der Stadt Mekka im Hedschas niederlassen und blieb selbst lange Zeit bei ihm, um die Lehren des Islam in allen Winkeln Arabiens zu verbreiten. Danach errichteten Vater und Sohn hier gemeinsam das weltberühmte Zentrum der islamischen Bewegung, die Kaaba. Allah, der Erhabene, hatte dieses Zentrum selbst bestimmt und selbst den Ort für seine Errichtung festgelegt. Die Kaaba ist nicht bloß ein Ort der Anbetung wie eine gewöhnliche Moschee; sie war vom ersten Tag an als Propagandazentrum der weltweiten Bewegung des Dīn Islam bestimmt. Der Zweck des Baus dieses Kaaba-Hauses war, dass alle Menschen, die an den einen Allah glauben, aus den entlegensten Gegenden der Erde hier zusammenkommen und gemeinsam den einen Allah anbeten, von hier aus aber auch mit der revolutionären Botschaft des Islam in ihre jeweiligen Länder zurückkehren sollten. Diese Versammlung der Muslime aus aller Welt wird „Hadsch“ genannt. Wie dieses Anbetungszentrum gegründet wurde, mit welchen heiligen Gesinnungen und Bittgebeten Vater und Sohn dieses Bauwerk errichteten und wie der „Hadsch“ begann, wird im Heiligen Koran ausführlich beschrieben:
إِنَّ أَوَّلَ بَيْتٍ وُضِعَ لِلنَّاسِ لَلَّذِي بِبَكَّةَ مُبَارَكًا وَهُدًى لِلْعَالَمِينَ – فِيهِ آَيَاتٌ بَيِّنَاتٌ مَقَامُ إِبْرَاهِيمَ وَمَنْ دَخَلَهُ كَانَ آَمِنًا
„Das erste Haus, das für die Menschen bestimmt wurde, ist zweifellos das Haus in Mekka. Es ist höchst heilig, gesegnet und ein Zentrum der Rechtleitung für die ganze Welt. In ihm befinden sich die offenkundigen Zeichen Allahs sowie der ‚Maqām Ibrahim‘; und wer auch immer es betritt, wird dort sicher sein.“ – Sure Āl ʿImrān: 96–97
أَوَلَمْ يَرَوْا أَنَّا جَعَلْنَا حَرَمًا آَمِنًا وَيُتَخَطَّفُ النَّاسُ مِنْ حَوْلِهِمْ
„Haben sie nicht gesehen, wie Wir für die Menschen ein vor jeder Gefahr geschütztes und friedliches Heiligtum geschaffen haben, während rings um es herum Menschen geplündert und beraubt wurden?“ – Sure al-Ankabut: 67
Das heißt: Selbst wenn rings um Arabien eine Flut von Unruhen wie Plünderungen, Schlägereien, Kriegen und Auseinandersetzungen dahinbrauste, herrschte in diesem Heiligtum stets Frieden. Selbst wenn ein unerschrockener Wüstenbeduine innerhalb seiner Grenzen den Mörder seines Vaters erblickte, hätte er nicht den Mut gehabt, ihn dort auch nur zu berühren.
وَإِذْ جَعَلْنَا الْبَيْتَ مَثَابَةً لِلنَّاسِ وَأَمْنًا وَاتَّخِذُوا مِنْ مَقَامِ إِبْرَاهِيمَ مُصَلًّى وَعَهِدْنَا إِلَى إِبْرَاهِيمَ وَإِسْمَاعِيلَ أَنْ طَهِّرَا بَيْتِيَ لِلطَّائِفِينَ وَالْعَاكِفِينَ وَالرُّكَّعِ السُّجُودِ – وَإِذْ قَالَ إِبْرَاهِيمُ رَبِّ اجْعَلْ هَذَا بَلَدًا آَمِنًا وَارْزُقْ أَهْلَهُ مِنَ الثَّمَرَاتِ مَنْ آَمَنَ مِنْهُمْ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الْآَخِرِ
„Und gedenke, als Wir dieses Haus zu einem Mittelpunkt für die Menschen und zu einem sicheren Zufluchtsort gemacht und den Ort, an dem Ibrahim betete, zu einer ‚Musalla‘ (Gebetsmatte) bestimmt hatten und Ibrahim und Ismail aufgetragen hatten, Mein Haus für die Umrundenden, die dort Verweilenden und die Betenden rein und sauber zu halten. Als Ibrahim daraufhin betete: ‚Mein Herr, mache diese Stadt zu einem friedlichen Gemeinwesen und gewähre denjenigen ihrer Bewohner, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben, Früchte als Lebensunterhalt.‘“ – Sure al-Baqara: 125–126
وَإِذْ يَرْفَعُ إِبْرَاهِيمُ الْقَوَاعِدَ مِنَ الْبَيْتِ وَإِسْمَاعِيلُ رَبَّنَا تَقَبَّلْ مِنَّا إِنَّكَ أَنْتَ السَّمِيعُ الْعَلِيمُ – رَبَّنَا وَاجْعَلْنَا مُسْلِمَيْنِ لَكَ وَمِنْ ذُرِّيَّتِنَا أُمَّةً مُسْلِمَةً لَكَ وَأَرِنَا مَنَاسِكَنَا وَتُبْ عَلَيْنَا إِنَّكَ أَنْتَ التَّوَّابُ الرَّحِيمُ – رَبَّنَا وَابْعَثْ فِيهِمْ رَسُولًا مِنْهُمْ يَتْلُو عَلَيْهِمْ آَيَاتِكَ وَيُعَلِّمُهُمُ الْكِتَابَ وَالْحِكْمَةَ وَيُزَكِّيهِمْ إِنَّكَ أَنْتَ الْعَزِيزُ الْحَكِيمُ
„Und gedenke, als Ibrahim und Ismail beim Legen der Grundmauern dieses Hauses beteten: ‚Unser Herr, nimm diese unsere Anstrengung von uns an; gewiss, Du bist der Allhörende, der Allwissende. Unser Herr, mache uns beide zu Muslimen – das heißt: zu Dir Ergebene – und erwecke aus unserer Nachkommenschaft ein Volk, das sich ganz Dir ergeben wird. Zeige uns die Wege, wie wir Dir dienen sollen, und schenke uns Deine Vergebung; gewiss, Du bist der große Vergebende, der Barmherzige. Unser Herr, entsende zu jenem Volk aus ihrer Mitte einen Gesandten, der ihnen Deine Worte vorträgt, sie das Buch und die Weisheit lehrt und ihren Charakter verbessert. Gewiss, Du bist der Inhaber der uneingeschränkten Macht und der Allweise.‘“ – Sure al-Baqara: 127–129
وَإِذْ قَالَ إِبْرَاهِيمُ رَبِّ اجْعَلْ هَذَا الْبَلَدَ آَمِنًا وَاجْنُبْنِي وَبَنِيَّ أَنْ نَعْبُدَ الْأَصْنَامَ – رَبِّ إِنَّهُنَّ أَضْلَلْنَ كَثِيرًا مِنَ النَّاسِ فَمَنْ تَبِعَنِي فَإِنَّهُ مِنِّي وَمَنْ عَصَانِي فَإِنَّكَ غَفُورٌ رَحِيمٌ – رَبَّنَا إِنِّي أَسْكَنْتُ مِنْ ذُرِّيَّتِي بِوَادٍ غَيْرِ ذِي زَرْعٍ عِنْدَ بَيْتِكَ الْمُحَرَّمِ رَبَّنَا لِيُقِيمُوا الصَّلَاةَ فَاجْعَلْ أَفْئِدَةً مِنَ النَّاسِ تَهْوِي إِلَيْهِمْ وَارْزُقْهُمْ مِنَ الثَّمَرَاتِ لَعَلَّهُمْ يَشْكُرُونَ
„Und gedenke, als Ibrahim betete: O Allah, mache diese Stadt sicher und bewahre mich und meine Kinder davor, Schirk durch Götzenverehrung zu begehen. O Allah, diese Götzen haben unzählige Menschen irregeführt. Wer daher meinem Weg folgt, gehört zu mir; wer aber meinem Weg zuwiderhandelt – dann bist Du gewiss überaus vergebend und barmherzig. O unser Herrscher! Ich habe einen Teil meiner Nachkommen in dieser öden Wüste nahe Deinem erhabenen Haus angesiedelt, damit sie das Gebet verrichten. O Allah, lenke daher die Herzen der Menschen so zu ihnen, dass sie für ihren Lebensunterhalt sorgen mögen. Vielleicht werden sie Dir dankbare Diener sein.“ – Sure Ibrahim: 35–37
وَإِذْ بَوَّأْنَا لِإِبْرَاهِيمَ مَكَانَ الْبَيْتِ أَنْ لَا تُشْرِكْ بِي شَيْئًا وَطَهِّرْ بَيْتِيَ لِلطَّائِفِينَ وَالْقَائِمِينَ وَالرُّكَّعِ السُّجُودِ – وَأَذِّنْ فِي النَّاسِ بِالْحَجِّ يَأْتُوكَ رِجَالًا وَعَلَى كُلِّ ضَامِرٍ يَأْتِينَ مِنْ كُلِّ فَجٍّ عَمِيقٍ – لِيَشْهَدُوا مَنَافِعَ لَهُمْ وَيَذْكُرُوا اسْمَ اللَّهِ فِي أَيَّامٍ مَعْلُومَاتٍ عَلَى مَا رَزَقَهُمْ مِنْ بَهِيمَةِ الْأَنْعَامِ فَكُلُوا مِنْهَا وَأَطْعِمُوا الْبَائِسَ الْفَقِيرَ
„Und gedenke, als Wir Ibrahim den Platz für dieses Haus bestimmten und sagten: Begeht hier keinerlei Schirk und haltet Mein Haus für die Tawaf-Vollziehenden und Betenden rein. Und rufe die Menschen öffentlich zum Hadsch auf, damit sie zu dir kommen, zu Fuß oder auf hageren Kamelen, die aus weit entfernten Gegenden herbeikommen. Sie sollen hier erkennen, welch schöne Vorkehrungen für ihr Wohlergehen in Din und Welt getroffen wurden, und an den bestimmten Tagen die von Allah gegebenen Opfertiere im Namen Allahs opfern; davon sollen sie selbst essen und auch die Armen und Bedürftigen speisen.“ – Sure al-Hadsch: 26–28
Dies ist die ursprüngliche Geschichte vom Beginn des Hadsch. Er wurde als die fünfte Säule des Islam festgelegt. Daraus ist ersichtlich, dass Mekka das Hauptquartier jenes Propheten war, der aufgetragen worden war, auf der Welt eine weltweite islamische Bewegung zu führen. Die heilige Kaaba war ihr Hauptzentrum, von dem aus der Islam in ferne Gebiete der Welt verbreitet wurde. Und damit alle Menschen auf der Welt, die dem einen Allah dienen und Ihm in ihrem praktischen Leben gehorchen wollen – gleich welcher Nation sie angehören und in welchem Land sie leben –, sich jedes Jahr an einem bestimmten Zentrum versammeln, wurde die Verrichtung des Hadsch festgelegt. Dadurch sollte deutlich gemacht werden, dass sich das Leben der Muslime ebenso um sein eigenes Zentrum dreht, wie sich ein Rad um seine eigene Achse dreht. Der Hadsch ist die äußere Erscheinung eben dieses tiefen Geheimnisses.
Die Geschichte des Hadsch
Wie und zu welchem Zweck der Hadsch begonnen wurde, habe ich im vorigen Artikel erörtert. Hazrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, hatte in Mekka das Zentrum der islamischen Bewegung errichtet und seinen ältesten Sohn Hazrat Ismail, Friede sei mit ihm, dort angesiedelt, damit dieser die Bewegung nach ihm weiterführen konnte; auch dies wurde im vorigen Artikel erwähnt. Wie lange die Nachkommen Hazrat Ismails, Friede sei mit ihm, nach ihm auf dem Weg des Din des Islam blieben, weiß allein Allah, der Erhabene. Doch besteht kein Zweifel daran, dass sie bereits innerhalb weniger Jahrhunderte die Lehren und den von den früheren großen Männern vorgezeichneten Weg vergessen und, gleich anderen „unwissenden“ Völkern, alle Arten von Irrwegen und sündigen Bräuchen eingeführt hatten. In eben jenem Haus der Kaaba, von dessen Mittelpunkt einst der Aufruf und die Verkündigung der Anbetung des einen Allah ihren Ausgang genommen hatten, wurden Hunderte von Götzen aufgestellt. Ja, man fertigte sogar Götzenbilder von Hazrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, und Hazrat Ismail, Friede sei mit ihm, an und stellte sie in der Kaaba auf, obwohl deren ganzes Leben dem Bemühen und Kampf gegen die Götzenverehrung gewidmet gewesen war. Auch die Gestirne wie Mond, Merkur, Venus und Saturn wurden verehrt. Ebenso verehrte man Gespenster, Engel und die „Geister“ verstorbener Vorfahren. Ihre Unwissenheit hatte ein derart extremes Ausmaß angenommen, dass sie, wenn sie beim Verlassen des Hauses kein Götzenbild ihrer Sippe vorfanden, unterwegs jeden farbigen Stein, den sie sahen, zu verehren begannen. Fanden sie keinen Stein, fertigten sie aus einer Mischung von Wasser und Erde ein Götzenbild; sobald sie Ziegenmilch darüber spritzten, wurde dieser leblose Klumpen ihrer Ansicht nach zu einem Gott, und sie verehrten ihn. Der Priester- und Götzendienst, gegen den ihr „Vater“ Hazrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, im ganzen Irak gekämpft hatte, war wieder in ihre Häuser eingezogen. Sie machten die Kaaba zu einem Treffpunkt der Götzenverehrung und spielten selbst die Priester dort. Sie machten den Hadsch zu etwas, das einer Pilgerfahrt glich, begannen vom Zentrum der Verkündigung des Tauhid, der Kaaba, aus die Götzenverehrung zu verbreiten, und erhoben von den aus verschiedenen Gegenden Arabiens kommenden Menschen, die zu den Verehrern kamen, unter Anwendung aller möglichen Tricks und Kniffe „Opfergaben, Weihegeschenke und Abgaben“. So wurde das große Werk, das Ibrahim, Friede sei mit ihm, und Hazrat Ismail, Friede sei mit ihm, begonnen hatten, vollständig zunichtegemacht.
Wie sehr der Hadsch in jener finsteren Zeit der Jahiliyya verkommen war, lässt sich an einer Begebenheit deutlich ermessen. In Mekka fand ein jährlicher Jahrmarkt statt. Die Dichter oder „Redner“ der großen arabischen Sippen und Stämme erfüllten die Luft mit Lobpreisungen des Ruhms, der Tapferkeit, der Macht, der Ehre und der Freigebigkeit ihrer jeweiligen Stämme und wetteiferten regelrecht darin, ihren gegenseitigen Ruhm und Stolz zur Schau zu stellen. Ja, es kam sogar dazu, dass sie einander verleumdeten. Auch in Höflichkeit und Freigebigkeit wurde miteinander gewetteifert. Jeder Stammeshäuptling ließ Kessel aufstellen, um seine Überlegenheit zu beweisen, und schlachtete Kamel um Kamel, um den anderen herabzusetzen. Hinter dieser Verschwendung und diesem Verprassen stand nur ein einziges Ziel: Wenn man sich zu dieser Zeit großzügig zeigte, würde sich der eigene Ruhm durch die Besucher des Jahrmarkts in ganz Arabien verbreiten, und in jedem Haus würde man davon zu erzählen beginnen, wie viele Kamele welcher Stammesführer geschlachtet und wie viele Menschen er gespeist hatte. Bei diesen Versammlungen wurden Tänze, Gesang, Alkoholkonsum, Unzucht und alle Arten schamloser Handlungen mit besonderem Prunk veranstaltet. Es ist zweifelhaft, ob während dieses Festes irgendjemand daran dachte, dem einen Allah zu dienen. Um die Kaaba wurde der Tawaf vollzogen. Doch seine Form war entstellt worden. Männer und Frauen zogen allesamt nackt gemeinsam umher und sagten: Wir werden vor Allah in demselben Zustand erscheinen, in dem unsere Mutter uns geboren hat. Es stimmt, dass in der von Hazrat Ibrahim, Friede sei mit ihm, errichteten Moschee „Gottesdienst“ verrichtet wurde; aber wie? Man klatschte sehr laut in die Hände, spielte Flöten und stieß in Hörner. Es ist nicht so, dass dort der Name Allahs überhaupt nicht erwähnt wurde. Doch auf welche Weise? Sie sagten:
لَبَّيْكَ اللّٰهُمَّ لَبَّيْكَ لاَ شَرِيْكَ لَكَ إِلاَّ شَرِيْكاً هُوَ لَكَ تَمْلِيْكُهُ وَمَا مَلَكَ
„Hier bin ich, o mein Gott! Hier bin ich. Du hast keinen Teilhaber; doch wer dir angehört, ist dein Teilhaber. Du bist sein Herr und auch Herr über das, was ihm gehört.“
Auch dort wurden im Namen Allahs Opfertiere dargebracht. Doch die Art und Weise war äußerst abscheulich und anmaßend. Sie beschmierten die Wände der Kaaba mit dem Blut der Opfertiere und ließen deren Fleisch vor dem Tor der Kaaba liegen. Denn ihrer Vorstellung nach nahm Allah dieses Blut und Fleisch von ihnen an (Allah bewahre uns davor). Schon zur Zeit des Propheten Ibrahim, Friede sei mit ihm, war das Blutvergießen in den vier Monaten der Hadsch für verboten erklärt und jede Art von Krieg und Feindseligkeit während dieser Zeit untersagt worden. Die Menschen späterer Zeiten hielten sich zwar einigermaßen an dieses Verbot; wenn sie jedoch kämpfen wollten, erklärten sie die verbotenen Monate eines Jahres für „erlaubt“ und holten im folgenden Jahr die versäumten Monate nach.
Auch andere Menschen, die ihrer eigenen Religion aufrichtig ergeben waren, hatten aus äußerster Unwissenheit zahlreiche erstaunliche Bräuche eingeführt. Eine Gruppe von Menschen brach ohne jegliche Mittel zur Hadsch auf und verbrachte unterwegs ihre Tage damit, zu betteln. Ihrer Ansicht nach war dies eine besonders verdienstvolle Handlung. Sie sagten: „Wir verlassen uns auf Allah und ziehen los, um das Haus Allahs zu umschreiten – wozu brauchen wir weltliche Vorräte?“ Während der Reise zur Hadsch galten Handel oder Arbeit zum Erwerb des Lebensunterhalts gewöhnlich als unerlaubt. Viele Menschen stellten während der Hadsch sogar Essen und Trinken ein und hielten auch dies für Gottesdienst. Manche stellten, wenn sie zur Hadsch aufbrachen, sogar das Sprechen ein. Dies wurde „stumme Hadsch“ oder „Hadsch des Verstummens“ genannt. So waren noch unzählige weitere Irrtümer und üble Bräuche verbreitet. Ich möchte keine Zeit damit verlieren, sie ausführlich aufzuzählen.
Ein solcher Zustand tiefster Finsternis bestand etwa zweitausend Jahre lang. Während dieser langen Zeit war in Arabien kein Prophet erschienen, und auch die wahre Lehre irgendeines Propheten hatte dieses Land nicht erreicht. Schließlich rückte die Zeit näher, in der das Bittgebet des Propheten Ibrahim, Friede sei mit ihm, erfüllt werden sollte. Als er das Haus der Kaaba errichtete, hatte er Allah gebeten: „O Allah! Sende aus diesem Volk selbst einen Propheten in dieses Land, der ihnen Deine Worte verkündet, sie Wissen und Weisheit lehrt und ihren sittlichen Charakter verbessert.“ Dieses Bittgebet wurde von Allah angenommen. Daher erschien aus seiner Nachkommenschaft ein vollkommener Mensch, dessen heiliger Name Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ibn Abdullah war.
Wie der Prophet Ibrahim, Friede sei mit ihm, in die Familie von Götzendienern und Priestern hineingeboren worden war, so wurde auch dieser „vollkommene Mensch“, der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in eine Familie hineingeboren, die seit Jahrhunderten das Priesteramt an der Kaaba ausübte. Wie der Prophet Ibrahim, Friede sei mit ihm, die priesterliche Tradition seiner eigenen Sippe mit aller Entschiedenheit bekämpft hatte, so führte auch der letzte Prophet, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einen gewaltigen Schlag gegen das priesterliche Ansehen und die Gelehrtenherrschaft seiner eigenen Sippe. Mehr noch: Durch seinen Schlag wurde dies vollständig ausgerottet. Wie der Prophet Ibrahim, Friede sei mit ihm, sich bemühte, falsche Glaubenslehren und jede Form einer falschen Vergöttlichung zu zerstören und die Herrschaft des einen Allah aufzurichten, so tat es auch der letzte Prophet, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Er stellte die wahre und reine Religion des Islam, die der Prophet Ibrahim, Friede sei mit ihm, verkündet hatte, vollständig wieder her. Als diese Arbeit nach einundzwanzig Jahren des Bemühens ihre Vollendung erreicht hatte, verkündete er auf Allahs Befehl, dass die Kaaba in der ganzen Welt als Zentrum der Gläubigen an den einen Allah errichtet werden solle, und rief die Menschen aus allen Teilen der Welt dazu auf, zur Kaaba zu kommen und sich dort zur Hadsch zu versammeln:
وَلِلَّهِ عَلَى النَّاسِ حِجُّ الْبَيْتِ مَنِ اسْتَطَاعَ إِلَيْهِ سَبِيلًا وَمَنْ كَفَرَ فَإِنَّ اللَّهَ غَنِيٌّ عَنِ الْعَالَمِينَ
„Allah gegenüber haben die Menschen die Pflicht, zu diesem Haus die Hadsch zu vollziehen, sofern sie dazu in der Lage sind. Diejenigen aber, die ungläubig sind (das heißt, trotz ihrer Fähigkeit nicht zur Hadsch kommen), sollen wissen, dass Allah auf die Welten nicht angewiesen ist.“ – Sure Āl ʿImrān: 97
Mit der Wiedereinführung der Hadsch auf diese neue Weise wurden zugleich alle Aberglauben abgeschafft, die im Zeitalter der Unwissenheit zweitausend Jahre lang verbreitet gewesen waren. Die Götzen im Haus der Kaaba wurden zerbrochen. Der dort neben Allah betriebene Götzendienst wurde vollständig beendet. Jahrmärkte sowie jede Art von Belustigung und Festlichkeiten wurden verboten. Die richtige und natürliche Art, Allah zu dienen, wurde eingeführt. Allahs Befehl lautete:
وَاذْكُرُوهُ كَمَا هَدَاكُمْ وَإِنْ كُنْتُمْ مِنْ قَبْلِهِ لَمِنَ الضَّالِّينَ
„Erinnert euch genau so an Allah (und verrichtet die Anbetung), wie Allah es euch gezeigt hat, obwohl ihr zuvor zu den Irrenden gehörtet (das heißt, ihr kanntet die richtige Art des Gedenkens und der Anbetung nicht).“ – Sure al-Baqara: 198
Jegliche ungerechte und nichtige Betätigung wurde strengstens verboten:
فَلَا رَفَثَ وَلَا فُسُوقَ وَلَا جِدَالَ فِي الْحَجِّ
– (Sure al-Baqara: 197)
„Während der Hadsch dürfen keinerlei Unzucht, Obszönität, Auflehnung gegen Allah, frevlerische Handlungen, Streit und Auseinandersetzungen oder Krieg und Kampfhandlungen stattfinden.“
Auch der Wettstreit in Dichtung und Dichterkunst, das Prahlen und Hochmuten mit den Taten der Vorfahren sowie das Verbreiten der Fehler anderer oder das Beschimpfen wurden abgeschafft:
فَإِذَا قَضَيْتُمْ مَنَاسِكَكُمْ فَاذْكُرُوا اللَّهَ كَذِكْرِكُمْ آَبَاءَكُمْ أَوْ أَشَدَّ ذِكْرًا
„Wenn die Riten der Hadsch vollendet sind, dann gedenkt Allahs ebenso oder noch inniger, wie ihr zuvor eurer Vorväter zu gedenken pflegtet.“ Sure al-Baqara: 200
All das Prahlen mit Großzügigkeit und Freigebigkeit, das nur dazu diente, den Menschen etwas vorzuzeigen oder Ruhm zu erlangen, wurde abgeschafft; an seine Stelle trat die aus der Zeit des Propheten Ibrahim, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, überlieferte Sitte des Schlachtens von Opfertieren. Denn dadurch erhielten auch die armen Hadsch-Pilger die Möglichkeit, vom Opferfleisch zu essen.
كُلُوا وَاشْرَبُوا وَلَا تُسْرِفُوا ۚ إِنَّهُ لَا يُحِبُّ الْمُسْرِفِينَ
„Esst und trinkt, aber verschwendet nicht; denn Allah liebt die Verschwender nicht.“ – Sure al-Aʿrāf: 31
فَاذْكُرُوا اسْمَ اللَّهِ عَلَيْهَا صَوَافَّ ۖ فَإِذَا وَجَبَتْ
جُنُوبُهَا فَكُلُوا مِنْهَا وَأَطْعِمُوا الْقَانِعَ وَالْمُعْتَرَّ„Schlachtet diese Tiere ausschließlich für Allah und in Seinem Namen. Wenn sie nach der Schlachtung vollständig verendet sind, dann esst selbst davon und gebt auch dem geduldig ausharrenden Bedürftigen, der darum bittet, davon zu essen.“ – Sure al-Ḥaddsch: 36
Die üble Sitte, das Blut der Opfertiere an die Wände der Kaaba zu schmieren und ihr Fleisch dorthin zu werfen, wurde abgeschafft. Es wurde eindeutig erklärt:لَن يَنَالَ اللَّهَ لُحُومُهَا وَلَا دِمَاؤُهَا وَلَٰكِن يَنَالُهُ
التَّقْوَىٰ مِنكُمْ ۚ„Weder das Blut noch das Fleisch dieser Tiere erreicht Allah; vielmehr erreicht Ihn eure Gottesfurcht und Frömmigkeit.“ Sure al-Ḥaddsch: 37
Der Tawāf in unbekleidetem Zustand wurde vollständig verboten, und es wurde gesagt:
قُلْ مَنْ حَرَّمَ زِينَةَ اللَّهِ الَّتِي أَخْرَجَ لِعِبَادِهِ
„O Prophet! Sag ihnen: Wer hat die schmückenden Dinge, die Allah für Seine Diener ausgewählt hat (das heißt Kleidung und Bekleidung), für verboten erklärt?“ – Sure al-Aʿrāf: 32
قُلْ إِنَّ اللَّهَ لَا يَأْمُرُ بِالْفَحْشَاءِ„O Prophet! Sag: Allah befiehlt niemals Schamlosigkeit.“ – Sure al-Aʿrāf: 28
يَا بَنِي آدَمَ خُذُوا زِينَتَكُمْ عِندَ كُلِّ مَسْجِدٍ„O Kinder Adams! Legt bei jeder gottesdienstlichen Handlung eure Zierde an (tragt Kleidung).“ Sure al-Aʿrāf: 31
Die Umkehrung der festgelegten Hajj-Monate und die Auffassung, dass ein verbotener Monat für den Krieg „erlaubt“ sei, wurde mit besonderer Strenge untersagt:إِنَّمَا النَّسِيءُ زِيَادَةٌ فِي الْكُفْرِ ۖ يُضَلُّ بِهِ الَّذِينَ كَفَرُوا يُحِلُّونَهُ عَامًا وَيُحَرِّمُونَهُ عَامًا لِّيُوَاطِئُواعِدَّةَ مَا حَرَّمَ اللَّهُ فَيُحِلُّوا مَا حَرَّمَ اللَّهُ ۚ„Die Verschiebung der Monate ist eine zusätzliche Steigerung des Unglaubens. Dadurch werden die Ungläubigen noch weiter in die Irre geführt. In einem Jahr erklären sie einen Monat für erlaubt und im nächsten Jahr einen anderen für verboten, damit die Anzahl der von Allah verbotenen Monate übereinstimmt. Doch durch ein solches Vorgehen wird das, was Allah verboten hat, für erlaubt erklärt.“ Sure at-Tauba: 37
Es wurde verboten, ohne Reisevorrat zum Hajj aufzubrechen, und eindeutig erklärt:
وَتَزَوَّدُوا فَإِنَّ خَيْرَ الزَّادِ التَّقْوَىٰ ۚ„Nehmt für die Reise zum Hajj unbedingt Reisevorrat mit. Denn der beste Vorrat für das Jenseits ist Taqwa.“ Sure al-Baqara: 197
Zur Zeit des Hajj Handel zu treiben oder auf andere Weise seinen Lebensunterhalt zu verdienen, galt als äußerst sündhaft, und gerade der Verzicht darauf wurde als große Frömmigkeit angesehen. Allah, der Erhabene, ließ zur Widerlegung dieser falschen Vorstellung offenbaren:
لَيْسَ عَلَيْكُمْ جُنَاحٌ أَن تَبْتَغُوا فَضْلًا مِّن رَّبِّكُمْ ۚ„Es ist kein Vergehen für euch, während der Reise zum Hajj durch Handel einen Teil der Gunst Allahs zu erwerben.“ – Sure al-Baqara: 198
Auch vom „stummen Hajj“ und vom „hungrig-durstigen Hajj“ wurden die Menschen abgehalten. Darüber hinaus wurden unzählige weitere Bräuche und Aberglauben aus der Zeit der Unwissenheit beseitigt und Taqwa, die Furcht vor Allah, Reinheit und Schlichtheit als umfassende Gebote für die Menschheit verkündet. Den Hajj-Pilgern wurde aufgetragen, beim Verlassen ihrer Häuser alle weltlichen Bindungen hinter sich zu lassen, die Wünsche und Begierden des Nafs aufzugeben, sich auf dem Weg zum Hajj des Geschlechtsverkehrs mit ihren Ehefrauen zu enthalten und sich von üblem Beschimpfen, Verleumdung, obszönen Äußerungen und ähnlichem abscheulichem Verhalten fernzuhalten. Auf jedem der Wege, die zur Kaaba führen, wurde ein bestimmter Ort festgelegt. Bevor sie diesen Ort überschreiten und zur Kaaba weiterziehen, sollen sie den Ihram anlegen und einfache, arme Kleidung tragen. Dadurch werden Reiche und Arme gleich, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Völkern und Stämmen verschwinden, und alle treten in gleicher Kleidung – in der Kleidung völlig Bedürftiger – mit Demut und Bescheidenheit vor den einen Allah. Nach dem Anlegen des Ihram ist nicht nur das Vergießen von Menschenblut, sondern sogar die Jagd auf Tiere verboten. Damit es unter den Menschen zu keinem Krieg und Streit kommt, wurden diese vier Monate zu heiligen, verbotenen Monaten erklärt. Dadurch werden alle Wege zur Kaaba sicher, und die Hajj-Pilger brauchen auf ihrem Weg keinerlei Gefahr zu befürchten. In dieser heiligen Geisteshaltung betreten sie das Heilige Heiligtum – nicht zum Zweck von Vergnügungen, Tanzen, Singen, Jahrmärkten oder Spielen. Hier muss man auf Schritt und Tritt Allahs gedenken, Allahs Namen erwähnen, beten, Gottesdienst verrichten, Opfer darbringen und das Haus der Kaaba umrunden (Tawaf). Und hier erklingt nur ein einziger Ruf, der an den Mauern des Heiligen Heiligtums und auf jedem Weg über die Bergauf- und Bergabstrecken ausgerufen wird:
„Deinem Ruf folgend bin ich hier, o Allah! Ich bin gekommen; du hast keinen Teilhaber. Ich bin allein zu dir gekommen. Alles Lob und jede Anerkennung gebühren einzig dir. Alle Gnaden sind deine Gabe; die Herrschaft und die Oberhoheit gehören dir allein. Du bist einzig; niemand ist dein Teilhaber.“
Über einen solchen reinen, lauter aufrichtigen Hajj hat der Prophet der gesamten Menschheit gesagt:
„Wer die Hadsch aufrichtig um Allahs willen vollzieht und sich dabei von jeder Art von Lüsternheit und Frevel fernhält, kehrt wie ein neugeborenes Kind (sündenlos) zurück.“
Danach ist es notwendig, vor der Darlegung des Nutzens und der Wirksamkeit der Hadsch zu erklären, welcher Art von Pflicht die Hadsch ist. Allah sagt im Heiligen Koran:
وَلِلَّهِ عَلَى النَّاسِ حِجُّ الْبَيْتِ مَنِ اسْتَطَاعَ إِلَيْهِ سَبِيلًا ۚ وَمَن كَفَرَ فَإِنَّ اللَّهَ غَنِيٌّ عَنِ الْعَالَمِينَ„Die Hadsch zum Hause Allahs ist für denjenigen eine unabdingbare, festgelegte Pflicht gegenüber Allah, der die Möglichkeit hat, dorthin zu gelangen. Wer sie dennoch leugnet, ist ein Ungläubiger; Allah ist der Welten nicht bedürftig.“ – Sure Al Imran: 97
In diesem Vers wird es eindeutig als Unglaube bezeichnet, die Hadsch trotz vorhandener Möglichkeit nicht zu vollziehen. Im Zusammenhang mit der Erklärung des edlen Propheten – Allahs Segen und Frieden seien auf ihm – werden zwei der von ihm überlieferten Hadithe angeführt:
مَنْ مَلَكَ زَادًا وَرَاحِلَةً تُبَلِّغُهُ إِلَى بَيْتِ اللَّهِ وَلَمْ يَحُجَّ فَلَا عَلَيْهِ أَنْ يَمُوتَ يَهُودِيًّا أَوْ نَصْرَانِيًّا
„Wem die Wegzehrung und das Reittier vorhanden sind, um zum Hause Allahs zu gelangen, und wer dennoch die Hadsch nicht vollzieht, dessen Tod wird in diesem Zustand dem Tod eines Juden oder Christen gleichgestellt.“ [Tirmidhi]
مَنْ لَمْ يَمْنَعْهُ مِنَ الْحَجِّ حَاجَةٌ ظَاهِرَةٌ أَوْ سُلْطَانٌ جَائِرٌ أَوْ مَرَضٌ حَابِسٌ فَمَاتَ وَلَمْ يَحُجَّ فَلْيَمُتْ إِنْ شَاءَ يَهُودِيًّا وَإِنْ شَاءَ نَصْرَانِيًّا
„Wer kein offenkundiges Hindernis hat, dessen Weg von keinem ungerechten Herrscher versperrt wurde und den keine Krankheit handlungsunfähig gemacht hat – wenn er dennoch stirbt, ohne die Hadsch vollzogen zu haben, kann er als Jude oder Christ sterben.“ [Darimi]
Hazrat Umar Faruq, möge Allah mit ihm zufrieden sein, erklärte dazu und sagte:
„Auf diejenigen, die trotz vorhandener Mittel den Hajj nicht vollziehen, muss die Dschizya-Steuer erhoben werden; denn sie sind keine Muslime, keine Muslime.“
Durch Allahs erwähnten Erlass sowie durch die Erklärung des ehrwürdigen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seines Kalifen kann jeder verstehen, dass der Hajj keine geringfügige Pflicht ist. Es wurde den Muslimen nicht freigestellt, ob sie ihn erfüllen oder nicht. Vielmehr ist es für jene Muslime, die die finanziellen Mittel haben, zur Kaaba hin- und zurückzureisen, und körperlich dazu in der Lage sind, unbedingt erforderlich, den Hajj einmal im Leben zu vollziehen. Ohne ihn zu vollziehen, gibt es keinesfalls Erlösung. Ganz gleich, in welchem Winkel der Welt jemand lebt, und ganz gleich, wie große Verantwortung ihm für seine Kinder, sein Geschäft oder seine Arbeit auferlegt ist: Wenn ein Muslim trotz vorhandener Mittel den Hajj vermeiden will und ihn unter dem Vorwand unzähliger Verpflichtungen Jahr für Jahr immer weiter aufschiebt und nicht rechtzeitig erfüllt, dann ist zu bezweifeln, ob er überhaupt Iman besitzt. Und diejenigen, denen während ihres ganzen Lebens nicht einmal der Gedanke kommt, die Pflicht des Hajj zu erfüllen, die in alle Richtungen und Länder der Welt reisen und auf ihren Reisen zwischen Europa und Amerika am Hedschas vorbeikommen – obwohl die Kaaba von dort nur wenige Stunden entfernt ist –, ohne dass ihnen auch nur der Gedanke kommt, den Hajj zu vollziehen, sind keinesfalls Muslime; sie haben keinerlei Recht, sich Muslime zu nennen, und selbst wenn sie es behaupten, ist diese Behauptung falsch. Diejenigen aber, die sie für Muslime halten, sind unwissend und ignorant gegenüber den Vorschriften des Koran. Mögen diese Menschen auch Mitgefühl für die muslimische Gemeinschaft empfinden; es hat keinerlei Wert. Denn es ist eine feststehende Tatsache, dass in ihren Herzen und ihrem Inneren weder Gehorsam gegenüber Allah noch der Glaube an Seine Vorschriften vorhanden ist.
Die Besonderheiten des Hajj
An der Stelle im Koran, an der der Befehl erwähnt wird, Hazrat Ibrahim, Allahs Frieden sei auf ihm, den allgemeinen Aufruf zum Hajj verkünden zu lassen, wird als erster Grund dafür Folgendes genannt:
„Die Menschen sollen kommen und sehen, welche Wohltaten für sie in der Verrichtung des Hajj enthalten sind“ – das heißt: Zur Zeit des Hajj werden sie zur ehrwürdigen Kaaba kommen und sich dort versammeln; mit eigenen Augen werden sie erkennen, dass der Hajj ihnen tatsächlich zum Wohl gereicht. Denn die darin enthaltenen Wohltaten kann der Mensch wahrnehmen, indem er sie mit eigenen Augen sieht. Einer Überlieferung zufolge konnte Hazrat Imam Abu Hanifa, möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen, bis zur Verrichtung des Hajj nicht recht erkennen, welche der islamischen gottesdienstlichen Handlungen die vortrefflichste sei. Als er jedoch den Hajj vollzogen und die in ihm enthaltenen Wohltaten wahrgenommen hatte, rief er mit deutlicher Stimme aus: „Der Hajj ist die vortrefflichste gottesdienstliche Handlung.“
Hier werden die Besonderheiten und der Nutzen des Hajj kurz beschrieben. Die Menschen unternehmen auf der Welt gewöhnlich zwei Arten von Reisen. Die eine Art dient dem Lebensunterhalt, die andere dem Vergnügen, der Freude und der Erholung. Bei beiden Arten von Reisen sind es der eigene Vorteil und die eigenen Neigungen des Menschen, die ihn zum Aufbruch bewegen. Er verlässt sein Zuhause aus eigenem Interesse und entfernt sich um eines persönlichen weltlichen Ziels willen von seinen Kindern, Nachkommen und Verwandten. Was immer er auf einer solchen Reise an Geld ausgibt, gibt er aus, um sein eigenes Ziel zu erreichen. Daher muss der Mensch auf solchen Reisen in Wirklichkeit keinerlei Opfer oder Selbstaufopferung bringen. Die Reise, die anlässlich des Hajj unternommen wird, unterscheidet sich jedoch völlig von den genannten Reisen. Sie wird weder aus eigenem Interesse noch zur Befriedigung der Begierden der eigenen Neigungen unternommen; vielmehr wird sie aufrichtig für Allah, den Erhabenen, und in dem Bestreben unternommen, das von Allah bestimmte Ziel zu erfüllen. Deshalb kann der Mensch sich keinesfalls zu dieser Reise aufmachen, solange in seinem Herzen nicht die Liebe zu Allah und die Furcht vor Allah erwacht sind und er die von Allah festgelegte Pflicht nicht als Pflicht anerkennt. Wenn also jemand für lange Zeit sein Zuhause und die Verbindung zu seinen Verwandten aufgibt, den Schaden für sein Geschäft, die Ausgaben und die Mühen der Reise auf sich nimmt und zum Hajj aufbricht, dann beweist schon sein Aufbruch auf diese Weise, dass sich in seinem Herzen Furcht und Liebe zu Allah befinden. Er betrachtet Allahs Pflicht als Pflicht und ist innerlich so weit vorbereitet, dass er, wenn es tatsächlich einmal notwendig wäre, auf Allahs Weg aufzubrechen, ohne Schwierigkeiten sein Zuhause verlassen könnte. Er könnte Mühsal ertragen und seinen Besitz, sein Vermögen sowie allen Komfort und alle Annehmlichkeiten für Allahs Wohlgefallen opfern.
Wenn er sich mit diesem heiligen Wunsch auf die Reise zum Hajj vorbereitet, wird sein Wesen völlig anders. In seinem Herzen wird die Regung der Liebe zu Allah tatsächlich spontan lebendig. Ja, er wird geradezu verrückt nach dieser Richtung; in seinem Herzen kann nun nichts anderes als fromme und heilige Gesinnung erwachen.
Er bereut alle zuvor begangenen Sünden, bittet jeden um Verzeihung für seine Fehler und erfüllt die Rechte anderer, die er bisher nicht erfüllt hat; denn es gefällt ihm überhaupt nicht, mit der Last von Schulden vor Allah zu treten. Sein Herz wird von allen sündigen und unrechten Gedanken gereinigt. Naturgemäß richtet sich sein Sinn auf das Gute, und je weiter er nach Beginn der Reise voranschreitet, desto mehr durchströmen sein Herz und seine Seele Wellen frommer und reiner Gefühle. Er bemüht sich ständig darum und denkt darüber nach, dass keine seiner Handlungen irgendjemandes Gefühle verletzen möge und dass er jedem so viel Nutzen wie möglich bringt. Von obszönen und törichten Gesprächen, Schamlosigkeit, Betrug und Täuschung sowie Streit und Unfrieden und dergleichen hält ihn sein Wesen ganz natürlich fern. Denn er ist ein Reisender zum „Heiligen Bezirk“ Allahs; deshalb kann er nicht anders, als sich zu schämen, wenn er auf diesem Weg unrechte Taten begeht. Da seine Reise selbst ein Gottesdienst ist, wie könnte es bei dieser gottesdienstlichen Handlung Raum für Unterdrückung und Sünde geben? Somit zeigt sich, dass sich diese Reise von allen anderen Arten des Reisens völlig unterscheidet. Diese Reise läutert und reinigt das Herz des Menschen unaufhörlich. Genau genommen ist sie ein umfassender Kurs zur Besserung; jeder muslimische Hadsch-Pilger muss diesen Abschnitt durchlaufen.
Nach einem Teil der Reise kommt man an einen Ort, an dem jeder muslimische Reisende nach Mekka verpflichtet ist, den „Ihram“ anzulegen. Ohne dies kann niemand weitergehen. Was ist dieser „Ihram“? Nichts anderes als ein ungenähtes Lendentuch, ein Tuch und ungenähte Schuhe. Das bedeutet: Ganz gleich, was du bisher gewesen sein magst, nun musst du Allah in der Kleidung eines Armen gegenübertreten. Bemühe dich nicht nur äußerlich, sondern in Wahrheit auch innerlich, ein Armer zu sein. Lege alle farbenprächtigen und prunkvollen Gewänder ab und trage schlichte, einem Derwisch angemessene Kleidung. Trage keine Socken, lass die Füße unbedeckt, benutze keinerlei Duftstoffe, schneide dein Haar nicht und verzichte auf allen Schmuck und jeden Prunk. Halte dich vom ehelichen Verkehr fern, tu nichts sexuell Erregendes, jage nicht und hilf auch keinem Jäger bei der Jagd. Wenn du im äußeren Leben ein solches Gewand annimmst, wird es auch einen tiefen Eindruck in deinem Inneren hinterlassen, und dein Herz wird wahrhaftig zu einem armen und bedürftigen Herzen werden. Hochmut und Stolz werden schwinden, und eine Haltung der Bedürftigkeit und Friedfertigkeit wird sichtbar werden. Die Verunreinigung, die deine Seele durch das Eintauchen in weltliche Freuden und Genüsse erfahren hatte, wird beseitigt, und die heilige Gesinnung des Dienstes an Allah wird sowohl dein inneres als auch dein äußeres Leben veredeln.
Sobald der Pilger den „Ihram“ angelegt hat, muss er ein bestimmtes Bittgebet immer wieder sprechen: nach jedem Gebet, bei jedem Auf- und Abstieg des Weges, beim Zusammentreffen mit der Karawane und jeden Tag beim Aufwachen. Das Bittgebet lautet:
لَبَّيْكَ اللَّهُمَّ لَبَّيْكَ لَبَّيْكَ لَا شَرِيكَ لَكَ لَبَّيْكَ إِنَّ الْحَمْدَ وَالنِّعْمَةَ لَكَ وَالْمُلْكَ لَا شَرِيكَ لَكَ
Tatsächlich wurde dieses Bittgebet eingeführt als Antwort auf den allgemeinen Aufruf, den der ehrwürdige Ibrahim, Friede sei mit ihm, vor viereinhalbtausend Jahren auf Allahs Geheiß zum Hadsch erlassen hatte. Vor fünfundvierzig Jahrhunderten rief dieser von Allah beauftragte Rufer: „Diener Allahs! Kommt zum Haus Allahs, eilt aus allen Winkeln der Erde herbei. Kommt zu Fuß oder reitet auf einem Transportmittel.“ Als Antwort darauf ruft bis heute jeder Reisende zum „Heiligen Bezirk“ mit lauter Stimme: „Ich bin gekommen, o Allah, ich bin erschienen. Du hast keinen Teilhaber; ich bin nur auf deinen Ruf hin gekommen. Alles Lob und aller Preis gebühren dir; in nichts hast du einen Teilhaber.“
Auf diese Weise wird durch jeden Klang des „Labbaik“ eine enge Verbindung des Pilgers mit der islamischen Bewegung hergestellt, die seit den Taten des ehrwürdigen Ibrahim, Friede sei mit ihm, und des ehrwürdigen Ismail, Friede sei mit ihm, überliefert ist. Die Entfernung von viereinhalbtausend Jahren weicht und verschmilzt zu einer Einheit. Es scheint, als riefe Ibrahim, Friede sei mit ihm, von dieser Seite im Auftrag Allahs, während von jener Seite jeder Pilger ihm antwortet und dabei weiter voranschreitet. Je weiter er voranschreitet, desto stärker strömen Begeisterung, Ermutigung und geistige Gefühle durch sein Herz und seine Seele. Bei jedem Auf- und Abstieg des Weges erklingt Allahs Ruf in seinen Ohren, und er schreitet voran, während er darauf antwortet. Karawane um Karawane kommt, und jeder ruft, nachdem er diese Botschaft wie ein liebestrunkener Verrückter gehört hat: „Ich bin gekommen, ich bin erschienen.“ Jeder neue Morgen bringt ihm die Botschaft des Freundes; sobald er beim Aufleuchten der Morgendämmerung die Augen öffnet, ruft er immer wieder: „Ich bin gekommen, o Allah! Ich bin erschienen.“ Kurz gesagt: Die wiederholten Rufe, die arme Kleidung des Ihram, der Zustand der Reise und das Gefühl, an jeder Station dem Haus der Kaaba näher zu kommen, schaffen eine solche Atmosphäre der Ekstase, dass der Pilger in einer tiefen, von Allah berührten Liebe versinkt und außer der Erinnerung an diesen einen Freund nichts anderes mehr in seinem Leben存在iert.
In diesem Zustand gelangt der Pilger nach Mekka und eilt bei seiner Ankunft sogleich zum eigentlichen Ziel. Er küsst die Stätte des Freundes. Dann umschreitet er das Zentrum seines Glaubens, seiner Überzeugung, seiner Lehre, seiner Religion und seines Glaubensbekenntnisses und küsst die Stätte ebenso oft.¹ Jeder Tawaf beginnt und endet mit dem Kuss auf den Schwarzen Stein² des Hauses der Kaaba. Danach muss er am „Maqam Ibrahim“ zwei Rakʿa beten. Von dort geht er hinaus und besteigt den Berg „Safa“; und wenn von dort sein Blick auf das Haus der Kaaba fällt, ruft er mit lauter Stimme:
لَا إِلَهَ إِلَّا اللَّهُ وَلَا نَعْبُدُ إِلَّا إِيَّاهُ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ وَلَوْ كَرِهَ الْكَافِرُونَ
„Es gibt keinen anderen Anbetungswürdigen außer Allah. Wir dienen niemand anderem; wir bekennen uns ausschließlich und aufrichtig zu Allahs Gehorsam – ganz gleich, wie unerträglich dies für die Ungläubigen sein mag.“
Danach muss man zwischen den beiden Bergen Safa und Marwa hin- und herlaufen. Damit beweist der Hadsch-Pilger, dass er jederzeit bereit sein wird, auf diese Weise zu laufen, um Allahs Nähe und Sein Wohlgefallen zu erlangen. Auch während dieses Laufs spricht er ständig:
أَللَّهُمَّ اسْتَعْمَلْنِيْ بِسُنَّةِ نَبِيِّكَ وَتَوَفَّنِيْ عَلَى مِلَّتِهِ وَأَعِذْنِيْ من مُّضِلاَّتِ الْفِتَنِ
„O Allah! Gewähre mir die Fähigkeit, nach dem Vorbild und der Lebensweise Deines Propheten zu handeln. Lass mich auf dem Weg Deines Propheten sterben und bewahre mich vor jeder Verführung, die vom geraden Weg abführt.“
1. Man küsst den in der heiligen Kaaba eingesetzten Hadschar al-Aswad (Schwarzen Stein) und erweist dadurch diesem Haus einen Kuss. Viele törichte Menschen erheben gegen diesen Kuss den Vorwurf, auch dies sei eine Art Götzenverehrung. Dabei ist es nichts anderes, als die Wohnstätte eines Freundes zu küssen. Während des Tawaf um die heilige Kaaba wird am Ende jeder Umrundung der Hadschar al-Aswad geküsst oder zumindest auf ihn gezeigt. Dies hat nicht das geringste mit der Verehrung dieses schwarzen Steins zu tun. In diesem Zusammenhang gibt es eine weithin bekannte Aussage von Umar al-Faruq (r.a.). Er sagte mit Blick auf diesen Stein: „Ich weiß, dass du nur ein Stein bist. Wenn der ehrwürdige Gesandte Allahs (s.a.w.) dich nicht geküsst hätte, hätte ich dich keineswegs geküsst.“
2. Die Sitte, die Wohnstätte der Kaaba, des Herzenszentrums der Muslime, zu küssen, wurde sowohl von Ibrahim (a.s.) als auch vom letzten Propheten, Muhammad (s.a.w.), eingeführt; deshalb wurde gerade dieser Stein dafür bestimmt. Abgesehen davon besitzt dieser schwarze Stein keine weitere Besonderheit, aufgrund derer man ihn küssen könnte. – Der Übersetzer
Manchmal wird folgendes Bittgebet gesprochen:
اغْفِرْ وَأَرْحَمْ وَتَجَا وَزَعَمَّا تَعْلَمُ إِنَّكَ أَنْتَ الْأَعَزُّ الْأَكْمُ رَب„O Herr! Vergib und erbarme Dich; vergib mir meine Vergehen, von denen Du weißt. Deine Macht ist die größte und Deine Barmherzigkeit unvergleichlich.“
Danach soll der Hadsch-Pilger gleichsam zu einem Soldaten Allahs werden. Deshalb muss er fünf oder sechs Tage lang ein Lagerleben führen. Einen Tag muss er im Lager von Mina verbringen, am folgenden Tag muss er sich in Arafat aufhalten und die Anweisungen des Befehlshabers in seiner Chutba anhören. Nachts muss er nach Muzdalifa gehen und dort ein Lager aufschlagen. Am Ende des Tages muss er wieder nach Mina zurückkehren und hier durch das Werfen von Steinen die „Steinigung“ vollziehen. Die Truppen und Gefolgsleute des Königs Abraha waren bis hierher vorgedrungen, um die Kaaba zu zerstören. Bei jedem geworfenen Stein ruft der Soldat Allahs:
اَللهُ أَكْبَرْ رَغَماً لِلشَّيْطَانِ وَحِزْبِهِ
„Allah ist groß. Mögen die Gesichter Satans und seiner Anhänger mit Staub bedeckt werden.“ Und – أَللَّهُمَّ تَصْدِيْقاً بِكِتَابِكَ وَإِتِّبَاعاً لِسُنَّةِ نَبِيِّكَ „O Allah! Gewähre uns die Fähigkeit, die Wahrheit Deines Buches zu bezeugen und dem Gebot Deines Propheten zu folgen.“
Das Werfen von Steinen auf die Zielscheibe bringt zum Ausdruck: O Allah! Wer immer versucht, Deine Religion, den Islam, zu zerstören oder Deine Stimme zum Schweigen zu bringen, gegen den werde ich ebenso kämpfen, um Dein Wort zu erhöhen und durchzusetzen. Danach wird an genau diesem Ort das Opfer dargebracht. Dadurch wird ein praktischer und aktiver Beweis für den Wunsch und das Verlangen erbracht, auf Allahs Weg das Leben hinzugeben. Anschließend begibt man sich von dort aus zur Kaaba – so, als würden die Kämpfer des Islam, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt haben, siegreich zu ihrem Hauptquartier zurückkehren. Nach dem Tawaf und dem Gebet von zwei Rakʿat wird der Ihram abgelegt. Die Handlungen, die durch das Anlegen des Ihram verboten waren, werden nun erlaubt, und das Leben des Hadschis nimmt wieder seinen normalen Verlauf. Nach Beginn dieses Lebens muss er erneut nach Mina gehen und dort sein Lager aufschlagen; am folgenden Tag muss er wieder mit Kieselsteinen auf die drei steinernen Säulen werfen. In der islamischen Terminologie wird dies „Jamarat“ genannt. Es ist lediglich ein Symbol für den Rückzug und die Niederlage des Heeres des Königs Abraha, das Mekka angegriffen hatte. Im Jahr der Geburt des ehrwürdigen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kam Abraha während der Hadschzeit mit dem Ziel, das Haus Allahs zu zerstören. Allah vernichtete sie, indem Er von Seiner Seite Vögel vom Himmel Kieselsteine werfen ließ. Nachdem der Hadschi am dritten Tag erneut Steine auf diese Säulen geworfen hat, kehrt er nach Mekka zurück und vollzieht siebenmal den Tawaf um die Kaaba, das Zentrum seiner Religion. Dieser Tawaf wird Abschiedstawaf genannt. Sobald er vollzogen ist, ist die Hadsch abgeschlossen.
Aus der obigen ausführlichen Darstellung lässt sich leicht ermessen, wie gewaltige und tiefe Gottesfurcht sich im Herzen und Geist des Hadschis während eines Zeitraums von ungefähr drei Monaten ansammelt – von der Absicht zur Hadsch und den Vorbereitungen und Besorgungen dafür bis zur Rückkehr in sein eigenes Zuhause. Von Anfang an muss er dafür Zeit opfern, Geld opfern, Wohlstand und Ruhe aufgeben und unzählige weltliche Beziehungen und Bindungen lösen. Viele Wünsche, Neigungen und Vergnügungen seines eigenen Herzens muss der Hadschi opfern. Und all dies muss er ausschließlich um Allahs willen tun – ein persönliches Interesse darf dabei keinen Platz haben. Während dieser Reise wächst neben Gottesfurcht und Frömmigkeit auch das Gedenken Allahs sowie die Sehnsucht und das Verlangen des Herzens nach Allah; auch dies wirkt dauerhaft auf das menschliche Herz ein, und diese Wirkung bleibt lange bestehen. Sobald der Hadschi den Haram Scharif betritt, sieht er auf Schritt und Tritt deutliche Spuren des vergangenen Wirkens jener großen Menschen, die Allah gedient und Ihm gehorcht und im Bestreben, Allahs Religion, den Islam, zu errichten, ihr ganzes Hab und Gut geopfert haben; die gegen die ganze Welt gekämpft, verschiedenes Leid und Demütigungen geduldig ertragen, Verbannung erduldet und unzählige Ungerechtigkeiten ertragen haben, ohne auch nur die geringste Ermüdung zu zeigen, bevor sie Allahs Religion errichtet hatten. Sie haben die Häupter all jener „falschen“ Mächte zerschmettert, die die Menschen dazu zwangen, außer dem einen Allah jemand anderem zu dienen, und haben die Fahne der Religion des Islam hoch erhoben.
Wenn ein gläubiger Mensch diese deutlichen Zeichen und von Segen erfüllten Zeugnisse mit eigenen Augen sieht, kann er daraus eine so eindringliche Lehre von starkem Wunsch und Verlangen, Mut und dem Einsatz auf Allahs Weg gewinnen, wie er sie aus keiner anderen Sache gewinnen kann. Durch den Tawaf um die Kaaba wird eine enge Beziehung zwischen dem Hadschi und dem Zentrum der Religion des Islam hergestellt. Durch die übrigen Riten der Hadsch wird das Leben des Hadschis durch eine Ausbildung zum Soldaten geformt. Wenn man dies zusammen mit Gebet, Fasten und Zakat betrachtet, wird klar, dass der Islam den Menschen mithilfe all dessen für ein großes Ziel ausbildet. Deshalb ist die Hadsch für jeden Muslim verpflichtend gemacht worden, der die Mittel besitzt, bis nach Mekka zu reisen. Das Ziel ist, dass jedes Jahr eine immer größere Zahl von Muslimen zu diesem Lebenszentrum des Islam kommt, dort Ausbildung erhält und anschließend in seine jeweiligen Tätigkeitsbereiche zurückkehrt.
Wenn man noch einen weiteren Aspekt nicht beachtet, kann man den Nutzen und die Bedeutung der Hadsch nicht vollständig verstehen. Kein Muslim vollzieht die Hadsch jemals allein. Für die gesamte muslimische Welt wurde ein bestimmter Zeitpunkt für die Hadsch festgelegt. Tausende und Abertausende Muslime versammeln sich und vollziehen die Hadsch zur selben Zeit. Aus dem bisher Gesagten können Sie lediglich verstehen, welche Wirkung eine Hadsch, die ein einzelner Muslim für sich allein vollzieht, auf ihn haben kann. Durch den folgenden Aufsatz werden Sie ausführlich erfahren, um wie viele Millionen Male der Nutzen der Hadsch dadurch vergrößert wurde, dass für die Muslime der Welt eine bestimmte Zeit festgelegt wurde: Nicht nur zwei Ergebnisse aus einer Handlung, sondern die Möglichkeit, mehrere Tausend Ergebnisse zu erzielen – das ist allein eine unvergleichliche Leistung des Islam. Auch das alleinige Gebet hat großen Nutzen. Doch dadurch, dass die Teilnahme am Gemeinschaftsgebet und das Gebet hinter dem Imam zur Bedingung gemacht wurden und dass das Freitagsgebet sowie die Gebete zu den beiden Festen gemeinschaftlich verrichtet werden, wurde sein Nutzen unzählige Male vergrößert. Auch das individuelle Fasten hätte die Herzen und den Charakter der Fastenden in nicht geringem Maße geformt. Doch dadurch, dass ein bestimmter Monat für alle Muslime zum Fasten festgelegt wurde, ist sein Nutzen so sehr vergrößert worden, dass er sich nicht mehr zählen lässt. Auch der Nutzen davon, dass jeder Einzelne persönlich Zakat entrichtet, ist nicht gering; doch dadurch, dass die Entrichtung der Zakat über das Bayt al-Mal eingerichtet wurde, ist ihr Nutzen derart gesteigert worden, dass man sich davon vor der Errichtung eines islamischen Staates keine richtige Vorstellung machen kann. Denn erst unter der Herrschaft eines islamischen Staates wird die Zakat aller Muslime im Bayt al-Mal gesammelt und geordnet unter den Berechtigten verteilt. Dadurch wird den Bedürftigen der Gesellschaft ein außerordentlicher Nutzen zuteil. Ebenso verhält es sich mit der Hadsch. Selbst wenn jemand die Hadsch allein vollzieht, kann dadurch im Leben Tausender Menschen eine gewaltige Revolution ausgelöst werden. Doch dadurch, dass die Muslime der Welt zusammenkommen und die Hadsch gemeinsam vollziehen, wurde ihnen die Möglichkeit zu grenzenlosem Nutzen eröffnet.
Die Weltversammlung der Hadsch
Die Muslime, denen die Hadschischa auferlegt ist, also diejenigen, die bis zur Kaaba reisen können, sind keineswegs nur einige wenige. In jeder Gegend gibt es davon eine beträchtliche Zahl. Genau genommen sind es in jeder Stadt mehrere Tausend und in jedem Land bis zu mehreren Hunderttausend. Jahr für Jahr verlassen die meisten von ihnen mit dem Wunsch, die Hadsch zu vollziehen, ihre Häuser. Es ist wirklich bemerkenswert zu beobachten, wie an den Orten auf der ganzen Welt, an denen Muslime leben, mit dem Herannahen der Hadsch-Saison ein neues Bewusstsein des islamischen Lebens erwacht. Etwa vom Ramadan bis zum Monat Dhul-Qaʿda brechen Hunderte von Menschen aus verschiedenen Gegenden nach entsprechenden Vorbereitungen zur Hadsch auf. Umgekehrt dauert die Rückkehr der Pilger etwa vom Ende des Monats Muharram über Safar und Rabi al-Awwal bis Rabi ath-Thani an. Während dieser sechs Monate herrscht in allen muslimischen Siedlungen eine Art religiöse Erregung. Diejenigen, die zur Hadsch aufbrechen und von ihr zurückkehren, sind selbstverständlich in diese religiöse Stimmung vertieft; aber auch diejenigen, die nicht zur Hadsch aufbrechen, erfahren ein Stück weit die Freude an der Hadsch, indem sie die Pilger verabschieden, sie an den einzelnen Stationen weiterziehen sehen, sie bei ihrer Rückkehr empfangen und von ihnen ausführliche Berichte über die Hadsch hören.
Wenn ein einzelner Pilger die Absicht zur Hadsch fasst, erwachen zugleich in ihm Gottesfurcht und Frömmigkeit, Reue und die Bitte um Vergebung sowie die Gesinnung eines hohen und reinen Charakters. Er verabschiedet sich von seinen geliebten Verwandten und Freunden, seinen Mitarbeitern und allen Menschen, die mit ihm verbunden sind. Er beginnt, all seine Angelegenheiten endgültig zu ordnen. Dadurch entsteht der Eindruck, dass er nun nicht mehr derselbe Mensch wie zuvor ist und dass sein Herz, das sich zu Allah hingezogen fühlt, rein geworden ist. So lässt sich ermessen, welch tiefen Einfluss die Veränderung jedes einzelnen Pilgers auf die Menschen in seiner Umgebung ausübt. Wenn jedes Jahr auch nur durchschnittlich hunderttausend Menschen aus den verschiedenen Zentren der Welt diese Hadsch vollzögen, müssten ihre Bewegungen und ihr Tun zwangsläufig den Charakter vieler weiterer Hunderttausender beeinflussen. Wenn die Karawane der Pilger einen Ort durchquert, sie dort sehen, ihnen begegnen und ihren Ruf „Labbaik“ hören, werden die Herzen vieler Menschen an diesem Ort auf wunderbare Weise erfüllt. Der Blick vieler Menschen richtet sich auf das Haus Allahs, und die schlummernden Seelen vieler werden durch den Wunsch nach der Hadsch geweckt. Wenn diese Menschen anschließend in ihre jeweiligen Länder – in die verschiedenen Teile der Welt – zurückkehren und dabei die lebensberührende geistige Wirkung der Hadsch verbreiten, wenn Scharen von Menschen ihnen begegnen und von ihnen über das Haus Allahs hören, erwacht in den Herzen unzähliger Menschen und in unzähligen Kreisen die islamische Gesinnung.
Deshalb möchte ich sagen: So wie der Monat Ramadan für die Muslime der ganzen Welt eine Zeit der Gottesfurcht und Frömmigkeit ist, so ist die Hadsch-Saison eine Zeit der weltweiten islamischen Erneuerung. Der erhabene und allweise Allah hat diese Einrichtung geschaffen, damit die weltweite islamische Bewegung nicht erlahmt. Die heilige Kaaba hat Er so als Mittelpunkt der Welt festgelegt, wie das Herz im menschlichen Körper liegt. So wie ein Mensch, solange der Herzschlag nicht aufhört und die Blutzirkulation im ganzen Körper nicht zum Stillstand kommt, trotz jeder Erkrankung des Körpers nicht stirbt, so wird auch die islamische Bewegung fortbestehen, solange diese Versammlung der Hadsch bestehen bleibt.
Wenn ihr nur kurz die Augen schließt und darüber nachdenkt, wird euch deutlich vor Augen stehen: Obwohl die unzähligen Menschen, die aus den entlegensten Gegenden der Erde kommen, sich in Gestalt, Hautfarbe, Sprache und Kleidung unterscheiden, ziehen sie, sobald sie sich dem Mittelpunkt nähern, an einem bestimmten Ort ihre jeweilige Kleidung aus und legen alle eine schlichte, gleichartige „Uniform“ an. Nach dem Anlegen dieser „Uniform“ des Ihram wird klar, dass die Millionen von Heerscharen, die aus den Tausenden von Völkern der Welt herbeikommen, die Heere Allahs, des einzigen Gottes, des Königs der Welt und des Herrschers über Himmel und Erde, sind. Sie sind aus Tausenden von Völkern und Gemeinschaften der Welt angeworben worden. Sie alle sind das Heer desselben Königs. Auf allen liegt das Zeichen der Unterwerfung und des Dienstes unter demselben Herrscher, durch das Band des Gehorsams gegenüber demselben König sind sie alle miteinander verbunden, und sie eilen derselben Hauptstadt entgegen, um vor dem großen Herrscher zu erscheinen. Wenn diese Soldaten in derselben „Uniform“ den Miqat überschreiten und weiter voranschreiten, widerhallt aus allen Kehlen derselbe Ruf und erfüllt die Luft und den Raum:لبيك اللهم لبيك لبيك لا شريك لك لبيك إن الحمد والنعمة لك والملك،
Die Stimmen der Aussprache sind verschieden – doch aus allen Kehlen erklingt derselbe Ruf. Je näher man dem Mittelpunkt kommt, desto geringer werden die Unterschiede. Die Karawanen aus den verschiedenen Ländern treffen aufeinander, und alle beten gemeinsam nach derselben Weise: Alle tragen dieselbe Kleidung, alle haben denselben Imam, alle verrichten das Gebet mit denselben Bewegungen und in derselben Sprache. Auf das Zeichen eines einzigen Rufs „Allahu akbar“ stehen sie auf und setzen sich, vollziehen Ruku und Sujud; alle lesen und hören den Koran in derselben arabischen Sprache. So werden die künstlichen Unterschiede von Sprache, Volk, Land, Abstammung und Stamm unter den Millionen Versammelten zerschlagen und aufgehoben. Aus der Gesamtheit der Menschen entsteht eine gewaltige Gemeinschaft der „Allah-Gläubigen“. Danach zieht diese große internationale Gemeinschaft weiter und ruft gemeinsam „Labbaik, Labbaik“. Wenn dieser Ruf an jeder Steigung und jedem Gefälle des Weges erschallt, wenn er zur Gebetszeit und am Morgen widerhallt, wenn er beim Zusammentreffen der Karawanen ertönt, entsteht ringsum eine außergewöhnliche Atmosphäre. In dieser Atmosphäre vergisst der Mensch sich selbst; er wird von einer unvorstellbaren Gesinnung ergriffen und eilt, vom Ruf „Labbaik“ angezogen, in eine Welt der inneren Schau. Danach erreicht er die Kaaba: Die aus den verschiedenen Zentren der Welt zusammenströmenden Menschen umschreiten in derselben Kleidung den festgelegten Mittelpunkt, laufen alle gemeinsam zwischen den Bergen Safa und Marwa, halten sich alle in Mina im Zeltlager auf und hören dort die Predigt (Khutba) aus der Stimme eines Imams. Dann verbringen sie die Nacht unter den Zelten in Muzdalifa, kehren alle gemeinsam nach Mina zurück, vollziehen gemeinsam in Aqaba die symbolische Steinigung mit Steinen, bringen anschließend alle gemeinsam das Opfer dar und verrichten das Gebet, indem sie sich am selben Mittelpunkt versammeln. Die heilige Atmosphäre und die geistige Haltung, die durch all diese Handlungen entstehen, haben in keiner anderen Religion oder Lebensordnung der Welt ihresgleichen.
Dass anschließend unzählige Menschen aus den verschiedensten Völkern der Welt an einem einzigen Zentrum zusammenkommen, sich mit solcher Aufrichtigkeit, Konzentration und solchem Gemeinschaftsgefühl vereinen und alle Handlungen mit so heiligen Absichten und einer solchen Gesinnung sowie in lauterem Tun vollenden – das ist in Wahrheit eine große Gnade für die Kinder Adams. Keine Religion außer dem Islam konnte diese Gnade gewähren. Dass Menschen aus den verschiedenen Völkern der Welt zusammenkommen, ist nichts Neues; so war es seit jeher. Doch ihre Zusammenkünfte finden auf dem Schlachtfeld statt, um einander die Kehlen durchzuschneiden, oder auf Friedenskonferenzen, um die besiegten Länder untereinander aufzuteilen, oder auf Weltkonferenzen der Völker, um gegen einzelne Nationen Netze aus Täuschung, Betrug, Unterdrückung und Treulosigkeit zu spinnen, oder mit dem Ziel, anderen zu schaden und den eigenen Vorteil zu erlangen. Dass die gesamte Bevölkerung der Völker mit reinen Herzen, gutem Charakter und einer heiligen Gesinnung, mit Liebe, Aufrichtigkeit sowie geistiger und seelischer Einigkeit zusammenkommt; dass sie sich mit vollkommener Konzentration auf Gedanken, Handlungen und Ziele vereint – und sich nicht nur einmal versammelt, sondern für alle Zeiten jedes Jahr an demselben Zentrum zusammenkommt: Hat irgendeine andere religiöse Ordnung außer dem Islam der Menschheit auf der Welt eine so große Gnade gewähren können? Hat irgendjemand ein besseres Mittel vorgeschlagen, um im Interesse des Weltfriedens die gegenseitigen Streitigkeiten und Konflikte der Völker beizulegen und anstelle von Kämpfen und Auseinandersetzungen eine Atmosphäre der Liebe, Freundschaft und Brüderlichkeit zu schaffen? Der Islam hat sich nicht damit begnügt; er hat noch viele weitere segensreiche Einrichtungen eingeführt.
Vier Monate des Jahres wurden für die Verrichtung von Hajj und Umra festgelegt. Der Islam hat angeordnet, dass während dieser vier Monate auf dem gesamten Weg zur Kaaba der Frieden gewahrt wird. Dies ist eine dauerhafte Einrichtung zur Herstellung und Bewahrung des Weltfriedens. Wenn die politische Herrschaft der Welt in die Hände des Islam gelangte, könnte die Welt aufgrund von Hajj und Umra mindestens ein Drittel eines jeden Jahres für immer vor Krieg und Blutvergießen bewahrt werden.
Der Islam hat den Menschen auf der Welt ein Heiligtum geschenkt. Dieses Heiligtum ist bis zum Tag der Auferstehung ein Zentrum des Friedens. Hier darf man nicht nur keinen Menschen töten, vielmehr darf auch kein Tier gejagt werden. Nicht einmal das Gras dort darf abgeschnitten werden. Kein Dorn dort darf zerbrochen werden, und wenn jemandes Eigentum dort liegen bleibt, ist es sogar verboten, es zu berühren. Der Islam hat auf der Erde eine Stadt eingerichtet. Niemand darf diese Stadt mit einer Waffe betreten. Hier Getreide oder andere notwendige Güter zu horten und dadurch einen Preisanstieg zu verursachen, ist offenkundiger Ungehorsam gegenüber Allah. Diejenigen, die dort andere unterdrücken, hat der erhabene Allah mit den Worten gewarnt: „Nuzīqhum min ʿadhābin alīm“ – das heißt: „Wir werden ihnen eine schmerzhafte Strafe auferlegen.“
Der Islam hat ein Zentrum für die gesamte Erde bestimmt. Über die Bedeutung dieses Zentrums wurde gesagt:سَوَاءً الْعَاكِفُ فِيهِ وَالْبَادِ ۚ„Wer Allahs Herrschaft und Königtum sowie das Prophetentum und die Führung des ehrwürdigen Propheten Muhammad Mustafa, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, anerkennt und in die islamische Bruderschaft eintritt, wird an diesem Zentrum des Islam gleiche Rechte haben wie alle anderen.“ Ob er in Amerika oder Afrika, in China oder in Bangladesch und Pakistan lebt – wenn er Muslim ist, wird sein Recht in Mekka dem der ursprünglichen Bewohner Mekkas gleich sein. Das gesamte Gebiet des Heiligtums ist wie eine Moschee. Wenn ein Muslim in der Moschee einen Platz für sich einnimmt, wird dieser Platz zu seinem Platz; niemand darf ihn von dort vertreiben, und niemand darf von ihm Miete verlangen. Doch selbst wenn er sein ganzes Leben an diesem Platz verbringt, darf er ihn weder als sein Eigentum beanspruchen noch verkaufen. Auch darf er dafür keine Miete verlangen. Wenn diese Person den Platz verlässt, kann jemand anderes kommen und sich dort niederlassen, wie es der vorherige Mann getan hatte. Genauso verhält es sich mit dem Heiligtum.“
Der ehrwürdige Prophet, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte: „Der Platz in der Stadt Mekka gehört demjenigen, der dort zuerst eintrifft und sich niederlässt.“ Für die Häuser und Wohnungen dort darf keine Miete erhoben werden. Umar al-Faruq, möge Allah mit ihm zufrieden sein, verbot den Bewohnern, die Tore zu den Vorplätzen ihrer Häuser zu schließen, damit die Menschen in ihren Höfen eintreten und sich dort aufhalten konnten. Einige Rechtsgelehrte gingen sogar so weit zu sagen, dass niemand Eigentümer der Häuser in der Stadt Mekka sei und dass sie auch nicht nach dem Erbrecht aufgeteilt werden dürften. Können die Menschen auf der Welt solche wertvollen Gnaden der Möglichkeiten, Annehmlichkeiten und Freiheit irgendwo außer im Islam finden?
Über einen solchen Hajj war gesagt worden: „Vollzieht ihn und seht selbst, welch großer Nutzen darin für euch verborgen liegt.“ Ich bin nicht in der Lage, all seinen Nutzen einzeln aufzuzählen. Dennoch wird man aus der knappen Darstellung, die ich bisher darüber gegeben habe, eine klare Vorstellung davon gewinnen können.
Doch nachdem Sie all dies gehört haben, hören Sie bitte auch ein wenig von dem Kummer meines eigenen Herzens. Ein Muslim, der nur durch seine Herkunft Muslim ist, gleicht einem Kind, das im Inneren einer Diamantenmine geboren wurde. Wenn dieses Kind vom Augenblick seiner Geburt an überall nur Diamanten sieht und mit Diamantstücken spielt, dann wird selbst ein so überaus kostbarer Schatz wie ein Diamant in seinen Augen ebenso wertlos wie ein gewöhnlicher Stein. Genauso ist die Lage der Muslime, die den Islam von ihren Vorfahren übernommen haben. Die kostbaren Gaben, denen die gesamte Welt beraubt ist und deren Verlust sie in allerlei Leid und Unglück versinken lässt, nach denen die gesamte Menschheit sehnsüchtig sucht – diese kostbaren Gaben haben die heutigen Muslime umsonst erhalten. Sie mussten sich dafür nicht im Geringsten anstrengen, suchen, forschen oder umsehen. Sie erhielten sie ohne all dies einzig deshalb, weil sie glücklicherweise in muslimische Familien hineingeboren wurden. Das Glaubensbekenntnis der Einheit Gottes, das alle komplizierten Probleme des menschlichen Lebens auf angemessene Weise lösen kann, drang ihnen schon seit ihrer Kindheit in die Ohren. Gebet und Fasten sind dafür, den Menschen zu wahren Menschen zu machen und die Menschen in Brüder und einander liebevolle Freunde zu verwandeln, wertvoller als der Stein der Weisen. Sie erhielten dies schon mit ihrer Geburt als Erbe ihrer Väter und Großväter. Die Zakat ist eine unvergleichliche Einrichtung der islamischen Gesellschaft. Durch sie wird nicht nur die Unreinheit des Herzens beseitigt, sondern auch die Wirtschaftsordnung der Welt verbessert – eben deren Fehlen dazu führt, dass die Menschen einander das Blut aus der Brust saugen. Dies sehen die Muslime unmittelbar vor Augen. Dennoch haben sie es ohne Kosten und ohne Mühe erhalten. Es ist gerade so, wie ein Kind eines großen Arztes zu Hause kostenlos ein Verzeichnis schwerer Krankheiten erhält, während andere Menschen eifrig danach suchen müssen. Auch der Hajj ist eine gewaltige Einrichtung; auf der ganzen Welt gibt es nichts, was ihm vergleichbar wäre. Um den Ruf der islamischen Bewegung bis in alle Winkel der Erde gelangen zu lassen und die Bewegung für alle Zeiten lebendig zu erhalten, kann es kein wirksameres Mittel geben. Tatsächlich ist bis heute keine bessere Methode erfunden worden, um die gesamte Menschheit aus jedem Winkel der Erde im Namen des einen Gottes an einem bestimmten Zentrum zusammenzuführen und unzählige Stämme, Völker und Nationen zu einer brüderlichen Gemeinschaft zu vereinen, die an den einen Gott glaubt, von guten Absichten erfüllt und von gegenseitiger Zuneigung geprägt ist. Auch diese seit Urzeiten lebendige und praktizierte Einrichtung haben die Muslime ohne Anstrengung und ohne Mühe als ihren Besitz erhalten. Doch es ist zutiefst bedauerlich, dass die Muslime den Wert dieses kostbaren Schatzes, den sie mühelos erhalten haben, nicht erkannt haben. Vielmehr spielen sie damit ganz genauso, wie ein in einer Diamantenmine geborenes Kind mit Diamantstücken spielt. Und sie halten ihn für ebenso wertlos wie einen gewöhnlichen Stein. Aus Dummheit und Unwissenheit spielen die Muslime in äußerst verächtlicher Weise mit diesem überaus wertvollen Schatz und dieser Quelle der Kraft. Sie verschwenden ihn – sie zerstören ihn –; all dies zu sehen, lässt mein Herz brennen. Es ist wahrlich schwer zu ertragen, wie kostbare Diamanten in den Händen eines Steinzermalmers zugrunde gehen. Ein Dichter sagte tatsächlich einmal:
„Auch wenn Isas Esel ins Land Mekka geht,
bleibt er dort ein Esel, merk dir das.“
Das bedeutet: Selbst wenn es der Esel eines großen Propheten wie Jesus, Friede sei mit ihm, wäre, könnte ihm der Anblick des heiligen Mekka keinerlei Nutzen bringen. Selbst wenn er dort bliebe, würde er genauso ein Esel bleiben, wie er zuvor ein Esel war.
Ob es sich um Gebet und Fasten oder um den Hajj handelt – ihr Zweck ist die Ausbildung des Menschen. Doch diejenigen, die ihren Sinn und Zweck nicht verstehen und nicht einmal im Geringsten daran denken, ihren Nutzen und Segen zu erlangen, ja, die nicht einmal die geringste Vorstellung davon haben, dass diese gottesdienstlichen Handlungen überhaupt einen Zweck oder ein Ziel haben könnten – wenn solche Menschen sie lediglich nach dem Vorbild früherer Generationen nachahmen, kann man davon nicht jene guten Ergebnisse erwarten. Bedauerlicherweise verrichten die Muslime von heute diese gottesdienstlichen Handlungen im Allgemeinen genau auf diese Weise. Die äußere Form aller gottesdienstlichen Handlungen bewahren sie zwar korrekt; doch weil sie das Ziel und den Zweck nicht im Blick haben, entsteht darin keinerlei Lebenskraft. Jedes Jahr reisen Tausende von Menschen zum Zentrum des Islam und kehren zurück, nachdem sie das Glück des Hajj erlangt haben. Doch die Veränderung in Charakter und Wesen, die bei einem Besucher des Heiligen Heiligtums wünschenswert wäre, ist ebenso wenig zu erkennen wie irgendeine geistige oder moralische Wirkung nach seiner Rückkehr vom Hajj. Ebenso hat sein vorbildlicher Charakter keinen positiven Einfluss auf die muslimischen und nichtmuslimischen Bewohner der Gegenden, die er auf seiner Pilgerreise durchquert. Im Gegenteil: Die schlechten Gewohnheiten, die Reizbarkeit, das unanständige Benehmen und die charakterlichen Schwächen vieler Menschen schädigen die Ehre des Islam. Aus eben diesen Gründen fragen auch viele unserer muslimischen Jugendlichen: „Erklären Sie uns den Nutzen des Hajj.“ Dabei war der Hajj doch etwas, dessen Nutzen selbst die Ungläubigen offen gesehen und den Islam angenommen hätten, wenn er in der richtigen Weise vollzogen worden wäre. Wenn sich jedes Jahr Millionen Mitglieder einer Bewegung aus allen Regionen der Welt an einem Ort versammelten und anschließend in ihre Heimatländer zurückkehrten, wobei sie auf ihrem Weg durch verschiedene Länder und Städte ihr heiliges Leben, ihr heiliges Denken und ihre heilige Moral sichtbar zum Ausdruck brächten; wenn sie an jedem Ort, an dem sie sich aufhielten oder den sie durchquerten, alle grundlegenden Lehren und Prinzipien ihrer Bewegung nicht nur mit Worten verkündeten, sondern sie auch in ihrem eigenen Verhalten und Wirken verwirklichten; und wenn dies nicht nur zehn oder zwanzig Jahre lang, sondern Jahr um Jahr, über Jahrhunderte hinweg andauerte – sagen Sie selbst: Könnte daraus etwas Unwirksames entstehen? Wenn der Hajj tatsächlich so wäre, müsste niemand nach seinem Nutzen fragen. Dann könnte selbst ein Blinder seinen Nutzen sehen, und selbst ein Tauber könnte von seinem Segen hören. Der Hajj jedes Jahres würde Millionen und Abermillionen Muslime in rechtschaffene Diener Gottes verwandeln, Tausende von Nichtmuslimen dazu bewegen, im Schatten des Islam Zuflucht zu suchen, und in den Herzen von Millionen Nichtmuslimen die Vorstellung von der Überlegenheit des Islam fest verankern. Doch leider wird aus Unwissenheit ein so überaus kostbarer Schatz von uns vergeudet.
Um den gewaltigen eigentlichen Nutzen und die große Bedeutung der Hadsch vollständig zu verwirklichen, sollte im Zentrum des Islam eine mächtige Autorität bestehen, die imstande wäre, diese großartige Weltkraft sinnvoll einzusetzen. Hier hätte ein Herz sein müssen, das jedes Jahr den gesamten Weltkörper mit frischem Blut durchströmen lassen könnte. Ebenso hätte es ein Gehirn geben müssen, das durch Tausende von Gesandten Allahs bemüht wäre, die revolutionäre Botschaft des Islam in alle Zentren der Welt zu tragen. Wenn schon nichts anderes, so hätte doch zumindest an diesem zentralen Ort die lebendige Gestalt eines reinen islamischen Lebens vorhanden sein sollen; dann hätten die Muslime der Welt jedes Jahr von dort die Lehren eines wahrhaft islamischen Lebens und der Frömmigkeit mitnehmen und in ihre eigenen Häuser zurückkehren können. Doch leider gibt es hier von alledem nichts. Über lange Zeit hat sich im arabischen Land die Dunkelheit der Unwissenheit verdichtet. Von der Abbasidenzeit bis zur osmanischen Zeit haben alle unfähigen und ungeeigneten Herrscher die Bewohner des Zentrums des Islam nicht etwa aufsteigen lassen, sondern sie über Jahrhunderte hinweg immer weiter in den Niedergang getrieben. So ist das arabische Land in Wissenschaft und Wissen, moralischem Charakter, Zivilisation und Kultur – in jeder Hinsicht – an die äußerste Grenze des Verfalls gelangt. Daher ist das Land, von dem einst der die ganze Welt überflutende Lichtstrom des Islam ausging und sich über die gesamte Erde verbreitete, heute wie in der vorislamischen Zeit der Dschahiliya zu einer finsteren Höhle geworden. Dort gibt es heute weder Wissen über den Islam noch eine islamische Lebensweise. Jahr für Jahr kommen Menschen aus weit entfernten Gegenden voller Hoffnung und Hingabe zum heiligen Haram. Doch wenn sie dieses Gebiet erreichen und ringsum nur Unwissenheit, Trübseligkeit, Habgier, Schamlosigkeit, Selbstvergötterung, Sittenlosigkeit, Zügellosigkeit und den erbarmungslosen Verfall der Bevölkerung sehen, zerreißt das Netz ihrer Hoffnungen und Erwartungen. Viele Menschen kehren heute von der Hadsch zurück, nachdem ihr Glaube dadurch nicht gestärkt, sondern noch mehr geschwächt wurde. Der Einfluss des Priestertums und des Götzendienstes, der sich nach Abraham und Ismael, Allahs Segen und Frieden seien auf ihnen, im Zeitalter der Dschahiliya in Arabien ausgebreitet hatte und den der letzte Prophet, der ehrwürdige Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beseitigt hatte, ist heute mit großer Macht wieder eingeführt worden. Die Verwalter des Haram der Kaaba haben sich wieder wie früher als Priester niedergelassen. Das Haus Allahs ist zu ihrem Eigentum geworden. Diejenigen, die diesem Haus Verehrung entgegenbringen, sind für sie eine besondere Beute. In verschiedenen Ländern sind zahlreiche gut bezahlte Agenten eingesetzt; sie ziehen die Gläubigen von allen Seiten heran. Sie lesen ihnen Koranverse und Hadithe vor und bewegen sie dadurch zur Hadschreise – nicht etwa, um sie daran zu erinnern, dass Allah ihnen die Hadsch zur Pflicht gemacht hat, sondern weil sie damit beträchtliche Einnahmen erzielen werden. Beim Anblick all dessen scheint klar, dass Allah und Sein Gesandter diese gewaltige Einrichtung lediglich zur Versorgung dieser Priester, „Pandas“, und Makler geschaffen hätten. Wenn die Menschen dann gezwungen sind, zur Hadsch aufzubrechen, treten ihnen vom Beginn der Reise bis zu ihrer Rückkehr nach vollzogener Hadsch an jedem Ort religiöse Tagelöhner und Religionsgeschäftemacher wie Blutegel entgegen. Der Mu’allim, der Lehrer des Tawaf, der Schlüsselträger der Kaaba und sogar die Regierung des Hedschas – sie alle sind gleichermaßen an diesem Religionsgeschäft beteiligt. Alle Riten der Hadsch müssen gegen Geld vollzogen werden. Ja, selbst die Tür des heiligen Hauses der Kaaba kann keinem Muslim ohne Bezahlung geöffnet werden. (Gott bewahre uns davor!) Diese sogenannten Diener des Islam und die Priester des zentralen Heiligtums haben schließlich ebenfalls den Beruf der Pandits und Priester von Benares und Haridwar angenommen, obwohl eben dieser Islam einst den Priestertumskult an der Wurzel ausgerottet hatte. Wo die Durchführung des Gottesdienstes zu einem besonderen Geschäft und der Gottesdienstort zu einem Mittel des Gelderwerbs geworden ist, werden Allahs Verse nur zu dem Zweck verwendet, dass die Menschen sie hören, sich zur Hadsch verpflichtet fühlen und man ihnen bei dieser Gelegenheit das Geld aus der Tasche zieht. Wo man für die Verrichtung des Gottesdienstes bezahlen muss und religiöse Pflichten zu Handelswaren werden – wie kann dort die Lebenskraft des Islam im Gottesdienst fortbestehen? Dass die Pilger den eigentlichen moralischen und geistigen Nutzen dieses Gottesdienstes erlangen könnten, ist keineswegs zu erwarten, wenn alle Handlungen zu einer Ware des Kaufens und Verkaufens geworden sind.
Mit dieser Erörterung beabsichtige ich nicht, irgendjemanden zu beschuldigen; ich möchte lediglich sagen, welche Dinge eine so gewaltige Kraft wie die Hadsch nahezu unwirksam und bedeutungslos gemacht haben.
Niemand soll aufgrund dessen auf den Gedanken kommen, dass im Islam oder in den von ihm eingeführten Regeln irgendein Mangel liege. Denn an ihnen gibt es in Wirklichkeit überhaupt keinen Mangel – der Mangel liegt bei jenen, die dem vollständigen Islam nicht richtig folgen. Verantwortlich für diesen Zustand sind daher die heutigen Muslime selbst. Deshalb kann aus der Ordnung, die sie zum vollkommenen Ideal der Menschlichkeit hätte führen können und durch deren Befolgung sie zu Führern hätten werden können, heute kein gutes Ergebnis gewonnen werden. Ja, die Lage ist so schlecht geworden, dass die Menschen allmählich sogar zu bezweifeln beginnen, ob diese Ordnung der Menschheit tatsächlich zum Wohl gereicht. Wenn ein hochqualifizierter Arzt diese Welt verlässt und eine Liste mit mehreren unfehlbaren Arzneien hinterlässt, wird sie in den Händen seiner untätigen und törichten Erben völlig „unbrauchbar“. Dadurch verliert nicht nur die Liste ihren Wert, sondern auch der Arzt selbst wird verleumdet – ganz gleich, wie gut, richtig und unfehlbar die ursprüngliche Liste auch sein mag. Um diese fehlerlose Liste wirksam zu machen, ist daher Sachkenntnis in der Heilkunst unerlässlich. Wenn ungeschickte und unwissende Menschen nach dieser Liste Arzneien herstellen, wird dies nicht nur keinen Nutzen bringen, sondern es besteht vielmehr die große Gefahr, dass dadurch Schaden entsteht. So beginnen schließlich gerade die unwissenden Menschen, die selbst nicht fähig sind, die Richtigkeit der Liste zu prüfen, zu glauben, dass die Liste an sich falsch sei. Genau diesen Zustand hat der Islam angesichts des umfassenden Niedergangs der heutigen Muslime erreicht.
Die wahre Bedeutung des Dschihad
Das Ziel des Dschihad
Über das Gebet, das Fasten, den Haddsch und die Zakat wurde bereits ausführlich gesprochen. Im Zusammenhang mit dieser Erörterung habe ich wiederholt gesagt, dass diese gottesdienstlichen Handlungen nicht, wie die Gottesdienste anderer Religionen, bloß aus Anbetung, Verehrung und zeremoniellen Ritualen bestehen; daher kann Allah, der Erhabene, nicht schon dadurch mit jemandem zufrieden sein, dass dieser einige wenige solcher Handlungen verrichtet und es dabei bewenden lässt. Vielmehr wurden diese gottesdienstlichen Handlungen den Muslimen auferlegt, um sie auf ein gewaltiges Ziel vorzubereiten und sie für eine äußerst verantwortungsvolle Aufgabe zu befähigen. Wie dies den Muslim auf jenes gewaltige Ziel vorbereitet und wie er dadurch die Fähigkeit und Befähigung für jene große Aufgabe erlangt, habe ich bereits ausführlich dargelegt. Nun werde ich versuchen, jenes gewaltige Ziel zu analysieren und es eingehend zu erläutern.
Kurz gesagt besteht das eigentliche Ziel dieser gottesdienstlichen Handlungen darin, die Herrschaft des Ghayr Allahs (der anderen Mächte außer Allah) über die Menschen zu beseitigen und allein die Herrschaft Allahs aufzurichten; und der Name für den umfassenden Einsatz von Herz und Seele zu diesem Zweck ist Dschihad. Die gottesdienstlichen Handlungen wie Gebet, Fasten und Zakat bereiten den Muslim allseitig auf diese Aufgabe vor. Doch die Muslime haben dieses erhabene Ziel und diese gewaltige Aufgabe seit Generationen vergessen. Ihre gesamte Anbetung und ihr Gottesdienst sind zu bloß bedeutungslosen Zeremonien geworden. Daher bin ich der Meinung, dass eine kurze Darstellung des Dschihad keineswegs ausreicht, um vollständig über dessen inneres, gewaltiges Ziel und seine Zielsetzung unterrichtet zu sein. Deshalb ist es notwendig, dieses Thema ausführlich zu erörtern.
Die grundlegende Ursache für all die Sünden, Unruhen und Leiden, die in der Welt fortbestehen, liegt in den grundlegenden Mängeln des Staates und des Regierungssystems. Die gesamte Macht und der gesamte Reichtum befinden sich in der Hand der Regierung. Die Regierung erlässt und vollstreckt die Gesetze; sämtliche Befugnisse zur Wahrung von Ordnung und Disziplin im Land, zur Verwaltung und zur Regierung gehören ausschließlich ihr. Die Macht der Polizei und der Streitkräfte befindet sich in der Gewalt der Regierung. Daher kann kein Zweifel daran bestehen, dass alles, was es an Unruhe und Sünde in der Welt gibt, entweder von der Regierung selbst geschaffen wird oder mit ihrer direkten oder indirekten Hilfe und Unterstützung ungehindert stattfinden kann. Denn die Macht, die für die Verbreitung und dauerhafte Etablierung irgendeiner Sache im Land erforderlich ist, kann niemand außer der Regierung besitzen. Schon bei aufmerksamem Hinsehen erkennt man, dass überall auf der Welt Unzucht ungehindert betrieben wird – in Gebäuden und Häusern wird diese Sünde offen begangen. Doch was ist der Grund dafür? Der einzige Grund ist, dass Unzucht in den Augen der staatlichen und Regierungsbehörden kein besonderes Verbrechen darstellt.
Vielmehr sind sie selbst in diese Tätigkeit verwickelt und ziehen auch andere in diese Richtung. Wenn die Regierung andernfalls diese sündhafte Praxis beenden wollte, könnte sie nicht so ungehindert fortbestehen. Andererseits geht das Zinsgeschäft ununterbrochen weiter. Die Reichen saugen den Armen das frische, heiße Blut aus der Brust und treiben sie dadurch in den völligen Ruin. Doch die Frage ist: Wie kann dies geschehen? Der einzige Grund ist, dass die Regierung selbst Zinsen nimmt und die Zinsnehmer unterstützt und fördert. Die Gerichte der Regierung erlassen Zinsurteile, und weil sie deren Unterstützung erhalten, stehen überall große Banken und wucherische Geldverleiher mit erhobenem Haupt da. In der heutigen Zeit nehmen Schamlosigkeit und Charakterlosigkeit in den verschiedenen Ländern und Gesellschaften der Welt von Tag zu Tag zu. Auch hierfür gibt es nur einen Grund: Die Regierung selbst lehrt die Menschen derartige Dinge und formt ihren Charakter entsprechend. Das Bild des menschlichen Charakters, das überall zu sehen ist, liebt und billigt die Regierung. Unter diesen Umständen kann ein Versuch, unter der Bevölkerung eine völlig andersartige Bildung und einen sittlichen Charakter zu entwickeln, keinen Erfolg haben. Denn für Privatleute ist es im Allgemeinen nicht möglich, die Mittel und Voraussetzungen zu beschaffen, die für diesen Erfolg unbedingt erforderlich sind. Und selbst wenn es ihnen nach besonderen Anstrengungen gelingt, einige solche Menschen heranzubilden, wird es für sie im bestehenden Gesellschafts- und Staatssystem schwierig, fest an ihren jeweiligen Idealen festzuhalten. Denn die Schlüssel zu allen verschlossenen Türen sämtlicher Möglichkeiten des Lebensunterhalts und aller Wege, auf denen Menschen mit einem solchen andersartigen Charakter ihr Leben fristen könnten, liegen in den Händen der heutigen verdorbenen und irregeleiteten Regierung. In der Welt geschehen zahllose Morde, Verwundungen und Blutvergießen. Der Verstand und das Wissen der Menschen sind heute damit beschäftigt, Mittel zur Vernichtung der gesamten Menschheit zu entwickeln. Die für den Lebensbedarf notwendigen Güter, die durch die harte Arbeit der Menschen erworben wurden, werden heute im Feuer verbrannt und zerstört. Unzählige kostbare Menschenleben werden auf unmenschliche Weise vernichtet, als wären sie wertlose Tongefäße. Doch warum geschieht dies? Der einzige Grund ist, dass diejenigen unter den Menschenkindern, die von allen am teuflischsten und charakterlosesten sind, heute zu „Führern“ der Völker der Welt geworden sind und die souveräne Macht der Herrschaft und Oberhoheit an sich gerissen haben.
Heute befindet sich die gesamte Macht in ihren Händen; deshalb ist die Welt heute gezwungen, in die Richtung zu gehen, in die sie sie lenken. Alles wird heute dem geopfert, was sie auf den Gebieten von Wissenschaft und Forschung, Reichtum, Arbeit und Mühe sowie beim Gebrauch und Einsatz des Lebens und der Lebenskraft festgelegt haben. In der Welt herrscht heute eine gewaltige Herrschaft von Unterdrückung und Unrecht. Das Leben der Schwachen ist äußerst beschwerlich geworden. Die hiesigen Gerichte sind keine Orte der Rechtsprechung mehr, sondern zu etwas wie den Läden von Kaufleuten geworden. Hier kann man heute „Gerechtigkeit“ allein mit Geld kaufen. Von den Menschen werden heute unter Zwang Steuern eingetrieben. Auch für die Höhe dieser Steuern gibt es keinerlei Begrenzung. Und die Regierung verschwendet den durch das Auspressen des Blutes der Armen erworbenen Reichtum bedenkenlos für königliche Gehälter und Zulagen hoher Beamter, für Teepartys und Cocktailpartys von Ministern und Gesandten, für den Bau großer Gebäude, für die Beschaffung von Munition und Waffen zu Kämpfen und Kriegen sowie für unzählige andere sinnlose Dinge. Unzählige Menschen – Wucherer und Geldverleiher, Großgrundbesitzer, Könige und Angehörige der Fürstenhäuser mit dem Titel „Sardar“ sowie solche, die diesen Titel anstreben, auf Thronen sitzende Pirs und Priester, Besitzer von Filmgesellschaften, Händler mit Alkohol, Herausgeber und Verkäufer obszöner Bücher und Zeitschriften sowie Glücksspieler und andere – zerstören heute alles: das Leben und Eigentum, die Ehre und Schamhaftigkeit, den Charakter und die Moral der hilflosen Menschen, die Allah erschaffen hat. Doch warum gibt es niemanden, der sie daran hindert? Weil der Staatsapparat zusammengebrochen ist. Die Mächtigen selbst sind verdorben. Sie begehen nicht nur selbst Unterdrückung, sondern unterstützen auch andere Unterdrücker. Kurz gesagt: Der einzige Grund für die Unterdrückung, die in den verschiedenen Ländern verübt wird, besteht darin, dass die gegenwärtige Regierung sie begünstigt und stillschweigend duldet.
Aus dieser langen Erörterung dürfte, so hoffe ich, klar geworden sein, dass die Hauptquelle allen Unheils im schlechten Zustand der Regierung liegt. Dass die Meinungen und das Denken der Menschen schlecht werden, dass der Glaube verdorben wird, dass menschliche Kräfte, Begabungen und Fähigkeiten auf falsche Weise verschwendet werden, dass in Handel und Geschäftsleben verderbliche Grundsätze und Bräuche Verbreitung finden, dass Unterdrückung, Ungerechtigkeit und hässliche Taten zunehmen und dass die Menschheit allmählich ihrem Untergang entgegengeht – all dies hat eine einzige Hauptursache: Die Führung und Macht von Gesellschaft und Regierung sind heute vollständig in die Hände ungerechter und verderbter Menschen gelangt. Wenn die Schlüssel zu Macht und Reichtum in den Händen schlechter Menschen liegen und auch alle Mittel des Lebensunterhalts ihnen unterworfen sind, dann werden nicht nur sie selbst noch schlechter werden; sie werden vielmehr die ganze Welt noch weiter in Richtung Zerstörung treiben, und das allumfassende Unheil ihrer Unterstützung und Förderung wird noch verheerender hervorbrechen. Es ist völlig klar, dass, solange die Macht in ihren Händen bleibt, auch tausend Versuche einer teilweisen Verbesserung keinen Erfolg haben können.
Nachdem man diese grundlegende Tatsache verstanden hat, kann der eigentliche Gegenstand sehr leicht begriffen werden. Um die Notlage der Menschen zu beseitigen, sie vor dem nahenden Untergang zu bewahren und sie auf einen großen, segensreichen Weg zu führen, gibt es keinen anderen Weg, als das Staatswesen und die Politik der Regierung zu ordnen und fest zu gestalten. Selbst ein Mensch mit gewöhnlichem Verstand kann verstehen, dass in einem Land, dessen Bewohner völlige Freiheit zum Ehebruch haben, dieser auch durch tausend Predigten gegen den Ehebruch keineswegs beendet werden kann. Wenn man jedoch die Staatsmacht ergreift und den Ehebruch mit Gewalt beendet, wird die Bevölkerung selbst gezwungen sein, den verbotenen Weg zu verlassen und erlaubte Mittel zu nutzen. Wenn man Alkohol, Cannabis, Wucher, Bestechung, obszöne Filme und Lichtbildtheater, halbnackte Kleidung, eine der Moral widersprechende Erziehung und alle derartigen sündhaften Bräuche allein durch Predigten und Ermahnungen beenden will, wird das niemals möglich sein. Wenn man sie allerdings durch den Einsatz der Staatsmacht beenden will, kann man sie mühelos beenden. Diejenigen, die die Bevölkerung ausbeuten und ihren Charakter verderben, kann man nicht allein durch Worte davon abhalten, aus ihren einträglichen Geschäften auszusteigen. Wenn man jedoch Macht erlangt und versucht, dieses ungerechte Verhalten zu beenden, werden sich die Tore aller Sünden sehr leicht schließen.
Wenn die Verschwendung der Arbeit und Mühe, des Vermögens, der Begabungen und Fähigkeiten der Menschen beendet und all dies auf richtige und gesunde Weise eingesetzt werden soll, wenn durch die Beendigung der Unterdrückung Gerechtigkeit und Recht eingerichtet werden sollen, wenn die Menschen vor der zerstörerischen Gewalt des Untergangs und Zerfalls der Welt sowie vor jeder Art von Ausbeutung gerettet werden sollen, wenn die gefallenen Menschen emporgehoben und unter allen Menschen durch gleiche Ehre und Würde, Bildung und Kultur wirkliche Gleichheit geschaffen werden soll, dann kann all dies keineswegs allein durch mündliche Predigten und Ermahnungen erreicht werden. Wenn zu diesem Zweck jedoch die Staatsmacht eingesetzt wird, kann es sehr leicht verwirklicht werden. Daher besteht kein Zweifel daran, dass kein Versuch einer Reform der Gesellschaft ohne den Einsatz der Staatsmacht erfolgreich sein kann. Dies ist heute so offensichtlich geworden, dass es dafür keiner besonders eingehenden Überlegung oder Untersuchung bedarf. Wer heute in Wahrheit Zwietracht und Unheil aus der Welt beseitigen und von Herzen den Menschen der Welt ihre Not nehmen sowie Frieden und Wohlstand errichten möchte, für den ist es heute völlig sinnlos, nur Prediger und Ermahner zu sein. Er muss sich heute erheben, das auf falschen Grundsätzen errichtete Regierungssystem beseitigen, den Anhängern falscher Grundsätze die Staatsmacht entreißen und einen Staat und eine Regierung auf der Grundlage richtiger und wahrer (islamischer) Grundsätze errichten.
Nachdem Sie diese Lehre verstanden haben, gehen Sie noch einen Schritt weiter. Es ist bereits bewiesen worden, dass die grundlegende Ursache all dessen, was sich an Verderbnis und Unfrieden im Leben der Menschen auf der Welt ausbreitet, in den falschen Grundlagen von Staat und Regierung liegt. Es wurde auch erklärt, dass eine Verbesserung, wenn sie vorgenommen werden soll, zuerst an der eigentlichen Wurzel ansetzen muss. Doch die Frage lautet: Was ist die grundlegende Ursache der Fehler und Mängel von Staat und Regierung selbst, und durch welche grundlegende Verbesserung kann das Tor dieses Unheils für immer geschlossen werden?
Die einzige Antwort lautet: Tatsächlich ist die Herrschaft von Menschen über Menschen die Hauptursache allen Unheils. Daher muss als einziges Mittel der Verbesserung die Herrschaft von Menschen über Menschen beendet und die Herrschaft Allahs errichtet werden. Es gibt keinen Grund, über die kurze Antwort auf eine so große Frage erstaunt zu sein. Je mehr man nämlich nach der Antwort auf diese Frage sucht und forscht, desto mehr wird man zu der Auffassung gelangen, dass nur dieser eine Satz ihre richtige Antwort sein kann.
Denken Sie ein wenig darüber nach: Hat Allah der Erhabene die Menschen erschaffen, die auf der Welt leben, oder jemand anderes? Hat Allah die Menschen auf dieser Erde erschaffen oder jemand anderes? Stellt Allah die unzähligen Mittel und Ressourcen bereit, durch die die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, oder eine andere Macht? Auf diese Fragen kann es nur eine einzige Antwort geben, und in Wahrheit ist keine andere Antwort möglich: Die Menschen der Erde und all diese Dinge und Güter hat einzig Allah der Erhabene erschaffen. Mit anderen Worten: Diese Erde gehört Allah, Allah ist der alleinige Besitzer des Reichtums, und der Mensch ist allein Allahs Untertan. Welches Recht kann unter diesen Umständen jemand anderes haben, im Reich Allahs zu herrschen? Wie können über Allahs „Untertanen“ Gesetze gelten, die jemand anderes als Allah erlassen hat, oder Gesetze, die die Untertanen selbst erlassen haben? Das Land und das Reich sollen dem einen gehören, aber dort sollen die Gesetze eines anderen gelten. Das Eigentum soll einem gehören, doch ein anderer soll sich zum Besitzer aufschwingen. Der Untertan soll einem gehören, doch über ihn sollen Herrschaft und Autorität eines anderen errichtet werden. Wie kann der gesunde Verstand der Menschen dies anerkennen? Vor allem widerspricht dies vollständig der wahren Wirklichkeit. Und weil es der wahren Wirklichkeit völlig zuwiderläuft, waren die Folgen überall und jederzeit äußerst verhängnisvoll, wo es dazu gekommen ist. Die Menschen, die das Recht erlangen, Gesetze zu erlassen und zu herrschen, sind aufgrund ihrer angeborenen Unwissenheit und Unfähigkeit gezwungen, selbst gewaltige Fehler verschiedenster Art zu begehen. Zugleich beginnen sie, zu einem großen Teil ihren tierischen Begierden folgend, absichtlich Unterdrückung und Unrecht zu verüben. Der erste Grund dafür ist, dass ihnen das Wissen, der Verstand und die Bildung fehlen, die erforderlich wären, um fehlerfreie Regeln und Gesetze für eine ordnungsgemäße Lösung und Leitung der menschlichen Probleme und Angelegenheiten zu erlassen.
Zweitens werden sie gerade deshalb zu völlig zügellosen Raubtieren, weil in ihren Herzen überhaupt keine Furcht vor Allah und keine Angst vor der Rechenschaft vor Allah vorhanden ist; und dies ist das Gefährlichste überhaupt. Wenn ein Mensch auch nicht das geringste Maß an Gottesfurcht besitzt und nicht einmal daran denkt, sich vor einer höheren Macht verantworten zu müssen, sondern sein Gewissen mit dem Gedanken beruhigt ist: „Es gibt nirgendwo eine Macht, die von mir Rechenschaft verlangen könnte“, was ist dann noch verwunderlich daran, dass solche Menschen, sobald sie Macht erlangen, zu zügellosen, wilden Tieren werden? Um dies zu verstehen, bedarf es nicht allzu großer Geistes- oder Verstandeskraft. Wenn solche Leute die uneingeschränkte Kontrolle über das Leben und die Existenz der Menschen sowie über deren Lebensunterhalt und die notwendigen Mittel des Lebens erlangt haben, wenn die Häupter von Millionen und Abermillionen Menschen sich vor ihnen beugen – kann man dann überhaupt erwarten, dass sie die Ideale der Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit und gerechten Rechtsprechung bewahren werden? Kann man ihnen etwa vertrauen, dass sie nicht versuchen werden, die Rechte anderer zu rauben, auf verbotene Weise Reichtum zu plündern und die Diener Allahs zu willenlosen Sklaven ihrer tierischen Triebe zu machen? Das kann man keineswegs. Gibt es irgendeinen Grund zu der Annahme, dass solche Menschen selbst auf dem rechten Weg bleiben und andere Menschen auf den richtigen Weg führen werden? Niemals. Im Grunde ist dies überhaupt nicht möglich; es widerspricht völlig Vernunft und Verstand. Die Erfahrungen von Jahrtausenden bezeugen das Gegenteil. Auch in der gegenwärtigen Zeit kann man mit eigenen Augen den praktischen Beweis dafür sehen, wie viel Unterdrückung, Verrat und äußerste Feindschaft gegen die Menschlichkeit jene begehen können, die keine Gottesfurcht und keine Angst vor der Rechenschaft im Jenseits kennen, sobald sie Macht und Herrschaft erlangen. Daher muss heute das staatliche und politische System an seinen Grundfesten mit aller Entschiedenheit angegriffen werden. Das bedeutet, dass die Herrschaft des Menschen über den Menschen beseitigt und an ihrer Stelle allein Allahs Herrschaft sowie das Recht, Gesetze zu erlassen, eingesetzt werden müssen.
Danach dürfen diejenigen, die auf der Grundlage von Allahs Herrschaft eine Regierung errichten und führen, selbst niemals zu Königen über Könige und uneingeschränkten Herren werden. Sie müssen allein Allah als den einzigen König anerkennen und als Seine Stellvertreter die staatlichen Angelegenheiten führen. Diese Aufgabe ist ein großes anvertrautes Gut, das ihnen von Allah übertragen wurde. Sie müssen sich stets vor Augen halten, dass sie früher oder später vor dem erhabenen Allah Rechenschaft über dieses anvertraute Gut ablegen müssen – vor Ihm, der alles Verborgene und Offenkundige kennt. Das Grundgesetz des Staates muss die von Allah gegebene Ordnung sein. Denn Er ist mit den tiefsten Wahrheiten aller Dinge vollkommen vertraut; Er allein ist die Quelle allen Wissens. Daher darf niemand die Macht oder das Recht besitzen, auch nur die geringste Änderung oder Ergänzung an Seinem Gesetz und Seiner Ordnung vorzunehmen. Nur dann können sie für immer vor dem unbefugten Eingreifen menschlicher Unwissenheit, Selbstsucht und unerwünschter tierischer Begierden geschützt bleiben.
Mit der Aufgabe dieser grundlegenden Korrektur ist der Islam in die Welt gekommen. Er will auf diese Weise die eigentliche Quelle allen Verderbens korrigieren. Denjenigen, die Allah als ihren König anerkennen – nicht bloß mündlich und in der Vorstellung, sondern als den wahren König – und an die Ordnung glauben, die Er durch die Vermittlung Seines Propheten in die Welt gesandt hat, stellt der Islam die Forderung, sich darum zu bemühen, im Reich ihres Königs Sein Gesetz und Seine Ordnung durchzusetzen. Die Untertanen dieses Königs, die rebellisch geworden sind und sich selbst zu Königen über Könige gemacht haben, müssen geschwächt werden; und Allahs Untertanen müssen davor bewahrt werden, zu „Untertanen“ einer anderen Macht zu werden. Aus islamischer Sicht genügt es keineswegs, Allah lediglich als „Allah“ und Sein Gesetz lediglich als Lebensordnung anzuerkennen. Vielmehr ergibt sich daraus von selbst die Pflicht, dass ihr, wo immer ihr lebt und in welchem Land oder Reich auch immer eure Heimat liegt, euch dort der Bemühung um die Verbesserung der Menschen widmen müsst. Ihr müsst das dortige falsche staatliche System ändern und ein richtiges System errichten. Ihr müsst denjenigen, die Allah leugnen, den Atheisten und denjenigen, die Allahs festgelegte Grenzen überschreiten, die Gesetzgebung und die Verantwortung aus den Händen nehmen und die staatlichen Angelegenheiten gemäß Allahs Ordnung führen – mit einem wachen Bewusstsein der Rechenschaft im Jenseits und in dem Bewusstsein, dass Allah der „Kenner des Verborgenen“ ist. Das Bemühen und Streben zu diesem Zweck wird im Wesentlichen Dschihad genannt.
Es besteht kein Zweifel daran, dass die Herrschaft und das Recht zur Führung eines Staates ihrem Wesen nach eine äußerst schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe sind. Sobald in jemandem der Wunsch erwacht, diese zu erlangen, entzündet sich in ihm ganz natürlich die lodernde Flamme der Gier. Sobald der Mensch Reichtum der Erde und das Recht erlangt, über andere Menschen zu herrschen, erwacht die verborgene Gier in ihm; dann entsteht das Verlangen, eine uneingeschränkte Herrschaft über die Menschen auszubreiten. Staatliche Macht in die Hand zu bekommen, ist keine besonders schwierige Aufgabe; doch nach ihrem Erwerb seine Pflicht nicht als eigener Gott, sondern als „Allah gehorsamer Diener“ zu erfüllen, ist weitaus schwieriger. Wenn du daher einen Pharao seines Amtes enthebst und dich selbst dort als „Pharao“ niederlässt, ist in Wahrheit nichts gewonnen. Deshalb hält es der Islam für unerlässlich, dich vor dem Auftreten zu dieser gewaltigen Feuerprobe umfassend darauf vorzubereiten. Solange du die Selbstsucht und den Hochmut nicht aus deinem eigenen Herzen und Verstand entfernst, solange dein Herz und deine Seele nicht geläutert sind, solange du nicht bereit bist, statt für deine eigenen oder nationalen Interessen zu kämpfen, in reiner Aufrichtigkeit nach Allahs Wohlgefallen und zum Wohle der gesamten Menschheit zu streben und zu kämpfen, und solange du nach dem Erwerb staatlicher Macht nicht die Fähigkeit entwickelst, den Staat mit aufrichtigem Eifer gemäß Allahs Ordnung zu führen, anstatt deinen eigenen Begierden und schlechten Neigungen zu folgen und dich selbst zum Gott zu machen – solange kann niemand das Recht haben, die Forderung nach dem Erwerb staatlicher Macht zu erheben und den Kampf gegen die nichtigen Mächte der Welt aufzunehmen.
Allein dadurch, dass du das Glaubensbekenntnis sprichst und in die Grenzen des Islam eintrittst, gibt dir der Islam noch nicht das Recht oder die Erlaubnis, Menschen anzugreifen. Denn dann würdest auch du genau jenes Unrecht beginnen, das die gegenwärtigen Allah feindlichen und ungerechten Menschen in der Welt begehen. Vielmehr will der Islam, bevor er dir den Auftrag erteilt, eine derart gewaltige Verantwortung zu übernehmen, in dir die Fähigkeit schaffen, diese Verantwortung angemessen zu erfüllen.
Tatsächlich sind die gottesdienstlichen Handlungen des Islam – Gebet, Fasten, Haddsch, Zakāt und andere – gerade zu dem Zweck der Vorbereitung darauf festgelegt worden. Alle staatlichen Mächte der Welt unterziehen ihre Soldaten, Polizisten und Beamten des zivilen Dienstes zunächst einer besonderen Ausbildung. Nachdem jemand sich in dieser Ausbildung als geeignet erwiesen hat, wird er mit einer bestimmten Aufgabe betraut. Auch der Islam will seine Mitarbeiter zunächst nach einer besonderen Methode ausbilden. Erst danach wird ihnen die Verantwortung übertragen, den Dschihad zu führen und eine islamische Regierung zu errichten. Zwischen beiden besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied. Bei den Aufgaben, mit denen die Staaten der Welt ihre Mitarbeiter betrauen, sind ein makelloser moralischer Charakter, die Reinheit und Lauterkeit des Herzens sowie die Entwicklung von Gottesfurcht überhaupt nicht erforderlich. Deshalb bemüht man sich lediglich darum, sie fachlich tüchtig zu machen. Wenn jemand nach seiner Ausbildung ein Ehebrecher, Trinker, unehrlich oder selbstsüchtig ist, gibt es darin dennoch keinen Anlass zu irgendeinem Einwand. Die Aufgabe jedoch, die der Islam seinen Mitarbeitern überträgt, ist von Anfang bis Ende eine durch und durch moralische Aufgabe.
Daher legt der Islam zwar ebenso großen Wert darauf, sie zu tüchtigen Menschen zu machen, doch noch weit größeren Wert darauf, in ihnen Gottesfurcht zu wecken und ihre Herzen und Seelen zu läutern. Der Islam möchte in ihnen eine solche Kraft erwecken, dass sie, wenn sie mit dem Anspruch auftreten, auf Erden Allahs Herrschaft zu errichten, die Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit dieses Anspruchs in der Praxis unter Beweis stellen können. Sie sollen niemals für den Erwerb eigenen Reichtums, eigener Ländereien, eigener Länder und Staaten, eigener Ehre und Herrschaft kämpfen. Sie sollen aufrichtig um Allahs willen und für die unzähligen Diener Allahs kämpfen, und dies soll sich ganz von selbst in ihren Taten und ihrem Verhalten zeigen. Wenn sie siegreich sind, sollen sie nicht hochmütig, anmaßend und Allah gegenüber aufsässig werden; auch dann sollen sie ihr demütig gesenktes Haupt vor Allah beugen. Wenn sie Herrscher werden, sollen sie die Menschen nicht zu ihren Sklaven und Knechten machen. Vielmehr sollen sie selbst als Diener Allahs leben und auch die anderen Menschen dazu anleiten, allein Allahs Diener zu sein. Wenn sie die Schätze des Staates in ihre Hände bekommen, sollen sie sie nicht lediglich dafür verschwenden, die Taschen ihrer selbst, ihrer Familie oder ihrer Landsleute zu füllen. Sie sollen Allahs Schatzkammer unter Seinen Dienern mit Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit verteilen und als aufrichtige Treuhänder handeln, eingedenk dessen, dass ein unsichtbares Auge sie gewiss beobachtet – dass es oben jemanden gibt, vor dessen Blick sie sich keinesfalls verbergen können und vor dem sie über jeden einzelnen Pfennig Rechenschaft ablegen müssen.
Tatsächlich ist es außer durch diese bestimmten gottesdienstlichen Handlungen, die der Islam vorgeschrieben hat, auf keinem anderen Weg möglich, den Menschen zu diesem Zweck zu formen. Und der Islam formt den Menschen auf diese Weise und sagt: Nun seid ihr auf Erden Allahs rechtschaffene und fromme Diener; schreitet voran, kämpft und ringt, verdrängt die Allah gegenüber aufsässigen Menschen aus der staatlichen Herrschaft und nehmt alle Macht und alle Rechte in eure Hände.
Es ist leicht zu verstehen, dass dort, wo die mit allen staatlichen Aufgaben – Armee, Polizei, Gerichten, Gefängnissen, Steuererhebung und dergleichen – betrauten Beamten gottesfürchtig und sich der unausweichlichen Rechenschaft vor Allah im Jenseits bewusst sind, und wo sämtliche Regeln und Vorschriften der Staats- und Regierungsführung auf Allahs Gesetz beruhen, kein Raum für Ungerechtigkeit und Unwissenheit bleibt; wo alle Wege zur Sünde und zu sündhaften Handlungen rechtzeitig versperrt werden und die Regierung selbst Kraft und Mittel dafür einsetzt, Gerechtigkeit, Tugend und eine reine Gesinnung zu fördern. Es kann nicht den geringsten Zweifel geben, dass die Menschheit dort umfassendes Wohlergehen erlangen wird. Wenn eine solche Regierung sich durch fortwährende Bemühungen einige Zeit lang der Formung des Charakters und der Wesensart der Menschen widmet, alle Quellen des unrechtmäßigen Gelderwerbs, der Sünde, der Unterdrückung, der Schamlosigkeit und der moralischen Verderbtheit verschlossen werden und sie damit beginnt, durch ein gesundes und vollendetes Bildungswesen die Einstellungen und Denkweisen der Menschen zu formen, anstatt eine fehlerhafte Bildungs- und Erziehungspolitik fortzuführen, dann werden die Menschen unter ihrer Herrschaft die Möglichkeit erhalten, in einer heiligen Umgebung von Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit, Frieden, Sicherheit, gutem Charakter und einer reinen Gesinnung zu leben; dann wird eine grundlegende Veränderung des Menschen einsetzen. Das Auge, das durch das lange Leben unter der Führung sündhafter und Allah gegenüber aufsässiger Menschen blind geworden war, wird allmählich von selbst wahrheitssehend und wahrhaftig werden. Und das Herz, das durch das Leben inmitten moralischer Verderbtheit beschmutzt und verdunkelt worden ist, wird allmählich klar wie ein Spiegel werden und die Fähigkeit erlangen, den Einfluss der Wahrheit aufzunehmen.
Tatsächlich wird es unter diesen Umständen für alle leicht sein, zutiefst zu begreifen, dass Allah allein der einzige Herr aller ist, dass niemand außer Ihm der Anbetung würdig ist und dass der Prophet, durch den sie die Botschaft dieser Wahrheit empfangen haben, ein wahrhaftiger und wahrer Prophet ist. Was heute äußerst schwer zu vermitteln scheint, wird sich dann von selbst in den Verstand aller einprägen. Was sich heute durch Reden und Bücher nicht verständlich machen lässt, wird damals so leicht verständlich sein, dass darin nicht die geringste Schwierigkeit empfunden werden wird. Wer den gewaltigen Unterschied unmittelbar erkennen kann zwischen dem Handeln nach von Menschen erdachten Meinungen und Wegen und dem Handeln nach den von Allah festgelegten Vorschriften, für den wird es sehr leicht sein, an Allahs vollkommene Einheit (Tauhid) und die Wahrhaftigkeit Seines Propheten zu glauben, während es ihm äußerst schwerfallen wird, dies zu leugnen. Tatsächlich ist es, nachdem man den Unterschied zwischen Blumen und Dornen erkannt hat, leicht, Blumen zu pflücken, und schwierig, Dornen zu sammeln. In jener Zeit wird es äußerst schwer sein, die Wahrheit des Islam zu leugnen und an Unglauben und Götzendienst festzuhalten. Vielleicht wird eine solche Verstocktheit selbst im schlimmsten Fall nur bei zehn von tausend Menschen zu finden sein, nicht bei mehr.
Ich hoffe, dass die Leser aus der vorangegangenen Erörterung klar verstanden haben, welchem höheren Zweck Gebet, Fasten, Pilgerfahrt und Zakāt vorgeschrieben worden sind. Bis heute jedoch hat man sie lediglich als bloße Riten betrachtet und diese irrige Vorstellung über lange Zeit fest verankert. Dass sie zur Vorbereitung auf eine große und erhabene Aufgabe vorgeschrieben wurden, ist bis heute nicht verkündet worden. Deshalb haben die Muslime diese Riten völlig ziellos vollzogen; in ihren Herzen ist jedoch keinerlei Vorstellung davon erwacht, sich auf die eigentliche Aufgabe vorzubereiten. Obwohl diese gottesdienstlichen Handlungen im Grunde gerade zu diesem Zweck vorgeschrieben wurden, möchte ich sagen, dass sie völlig sinnlos sind, wenn kein Verlangen nach Dschihad besteht und der Dschihad nicht zum Ziel gemacht wird. Wenn man meint, durch die Verrichtung solcher sinnlosen Riten Allahs Nähe erlangen zu können, wird sich am Tag des Gerichts endgültig erweisen, ob dies wahr ist.
Die Bedeutung des Dschihad
In verschiedenen früheren Schriften wurden die ausführlichen Bedeutungen islamischer Fachbegriffe wie Dīn, Scharia und Ibadah dargelegt. Hier soll es genügen, darauf kurz im Zusammenhang hinzuweisen.
„Dīn“ bedeutet Gehorsam,
als Gesetz wird die Scharia bezeichnet,
Ibadah bedeutet Anbetung und Knechtschaft.
Wenn Sie jemandem Gehorsam leisten, ihn als Ihren Herrscher und Gesetzgeber anerkennen und sich ihm unterwerfen, bedeutet das, dass Sie seinen „Dīn“ angenommen haben. Sobald Sie ihn als Ihren Gesetzgeber anerkennen und tatsächlich sein Untertan werden, erhalten seine Gebote und Verbote sowie die von ihm festgelegten Regeln und Wege für Sie den Rang eines Gesetzes beziehungsweise einer Scharia. In diesem Zustand leben Sie nach seiner „Scharia“: Sie erfüllen alles, was er fordert, befolgen jedes seiner Gebote, enthalten sich der von ihm verbotenen Handlungen und handeln innerhalb der Grenzen, in denen er Ihr Handeln für zulässig erklärt. Darüber hinaus regeln Sie auch Ihre gegenseitigen Beziehungen, Ihre Tätigkeiten, Verwandtschaftsverhältnisse, Feindschaften und Rechtsstreitigkeiten – alles nach den von ihm festgelegten Regeln und Vorschriften. Sie betrachten seine Ansicht und seine Entscheidung als endgültig und beugen sich vor ihm; daher kann Ihr Verhalten als seine Ibadah oder Anbetung bezeichnet werden.
Aus dieser Analyse wird eindeutig klar, dass mit Dīn im Grunde der Staat und die Regierung gemeint sind, dass die Scharia sein Gesetz ist und dass die ordnungsgemäße Befolgung seiner Gesetze, Regeln und Bräuche Ibadah genannt wird. Wen auch immer Sie als Herrscher und uneingeschränkte Staatsgewalt anerkennen und wem Sie sich unterwerfen, dessen Dīn werden Sie im Grunde angehören. Wenn dieser Herrscher und diese Staatsgewalt Allah ist, dann stehen Sie unter Seinem Dīn; wenn es ein König oder Monarch ist, wird der „Dīn“ des Königs als Ihr Dīn angenommen. Wenn Sie einer bestimmten Nation diesen Rang verleihen, nehmen Sie den Dīn eben dieser Nation an. Und wenn Sie Ihrem eigenen Volk oder den Bewohnern Ihres eigenen Landes dieses Recht gewähren, haben Sie den Dīn des Volkes angenommen. Kurz gesagt: Wem auch immer Sie gehorchen, in Wirklichkeit befolgen Sie dessen Dīn, und wessen Gesetz Sie auch befolgen, im Grunde beten Sie ihn an.
Nach dem Gesagten dürfte es nicht schwer sein, auch diese einfache Tatsache zu verstehen: Ein Mensch kann nicht im selben Zeitraum auf irgendeine Weise zwei „Dīn“ befolgen. Unter mehreren Herrschern kann man zu einer Zeit grundsätzlich und tatsächlich nur einem einzigen folgen. Unter verschiedenen Gesetzen kann nur ein Gesetz die Verantwortung für das Leben eines Menschen übernehmen, und unter unzähligen Anbetungswürdigen ist es Ihnen nur möglich, einen einzigen anzubeten. Wenn gefragt wird: Wir erkennen aufgrund unseres Glaubens den einen als Herrscher an, gehorchen in der Praxis aber einem anderen und dienen nach dem Gesetz eines Dritten – was sollte daran auszusetzen sein? Die Antwort lautet: Das ist möglich – tatsächlich geschieht es heute überall. Doch seien Sie sich bewusst, dass dies eindeutiger Schirk ist und dass der gesamte Schirk völlig falsch ist. In der Praxis werden Sie im Grunde den „Dīn“ dessen befolgen, dessen Gesetz Sie tatsächlich einhalten. Was kann es daher anderes als eine gewaltige Lüge sein, jemanden, dem Sie nicht gehorchen, als Herrscher und dessen „Dīn“ als Ihren eigenen „Dīn“ auszugeben? Was nützt es, dies mit dem Mund zu verkünden oder sich innerlich davon überzeugt zu halten, und welche Wirkung kann es in der äußeren Welt haben? Wenn alle Tätigkeiten Ihres Lebens die festgelegten Grenzen der Scharia des einen überschreiten, während Sie tatsächlich weiterhin die Scharia eines anderen befolgen, wird Ihr Anspruch, jener Scharia zu folgen, dann nicht völlig bedeutungslos? Wenn Sie in der Praxis einem einzigen dienen, wird es dann nicht zu einer künstlichen Angelegenheit, einen anderen als Ihren Anbetungswürdigen zu verkünden und Ihr Haupt vor ihm zu beugen? Denn tatsächlich befolgen Sie seine Gebote, enthalten sich der von ihm verbotenen Handlungen, verrichten alle Tätigkeiten innerhalb der von ihm festgelegten Grenzen und halten sich in der Praxis an die von ihm vorgelegten Regeln und Wege. Auch Ihre gegenseitigen Geschäfte führen Sie nach den von ihm gegebenen Regeln und Grundsätzen. In all Ihren Angelegenheiten und Tätigkeiten folgen Sie seinen Entscheidungen; auch Ihre gegenseitigen Beziehungen, Ihre Organisation und die Verteilung der Rechte regeln Sie nach den von ihm gegebenen Vorschriften. Darüber hinaus stellen Sie gemäß seinen Forderungen und Anweisungen die gesamte Kraft Ihres Verstandes, Ihres Geistes und Ihrer Hände und Füße, Ihre Fähigkeiten, Ihr durch Arbeit erworbenes gesamtes Vermögen und schließlich sogar Ihr kostbares Leben vor ihn.
Wenn Ihre Handlungen also Ihren Glaubensüberzeugungen widersprechen, dann sind Ihre tatsächlichen Handlungen das eigentlich Maßgebliche. Unter diesen Umständen haben bloße Glaubensüberzeugungen keinerlei Wert und können nicht in die Rechnung einbezogen werden. Welche Bedeutung können Glaubensüberzeugungen haben, die in der Wirklichkeit keinerlei Existenz besitzen? Wenn ein Mensch in der Praxis dem Dīn eines Königs folgt, kann der Dīn Allahs dort keinen Platz haben. Wenn die tatsächlichen Handlungen ebenso darin bestehen, dem Dīn des Volkes oder dem Dīn Englands, Deutschlands und der Königreiche zu folgen, kann auch dort der Dīn Allahs überhaupt keinen Platz haben. Wenn Sie dagegen dem Dīn Allahs folgen, wird dort kein anderer Dīn einen Platz haben. Mit einem Wort: Es muss endgültig festgehalten werden, dass Schirk nichts anderes als eine bloße Lüge ist.
Nachdem Sie diese Wahrheit verstanden haben, werden Sie ohne jede lange und komplizierte Erörterung von selbst erkennen können, dass ein Dīn, welcher Art er auch sein mag, ohne staatliche und Regierungsgewalt keinerlei Wert besitzt. Ob es sich um den Dīn des Volkes, den königlichen Dīn, den kommunistischen Dīn oder den Dīn Allahs handelt – die Errichtung auch nur eines einzigen Dīn ist ohne Staatsmacht überhaupt nicht möglich. So wie das bloß eingebildete Bild eines Palastes, der in Wirklichkeit keinerlei Existenz besitzt, bedeutungslos ist, ist auch ein Dīn (und eine Lebensordnung) ohne Staat und Regierung völlig sinnlos. Wenn Sie in einem tatsächlich errichteten Palast wohnen, durch dessen Tor Sie ein- und ausgehen und dessen Dach und Mauern Ihnen Schutz spenden, welchen Nutzen können Sie dann von einem farbenprächtigen Bild eines eingebildeten Palastes erwarten? Sie müssen Ihre gesamte Lebensführung nach dem tatsächlich errichteten Palast ausrichten. Wenn man ferner beginnt, in einem nach einem bestimmten Bild errichteten Palast zu wohnen, welchen praktischen Nutzen kann es dann haben, sich das Bild eines anderen Palastes vorzustellen oder ihm bloß Verehrung oder Glauben entgegenzubringen? Wie lächerlich es ist, im Herzen das Bild eines eingebildeten Palastes zu bewahren, während man tatsächlich in einem anderen Palast wohnt, lässt sich leicht ermessen. Das Palastbild, das sich im Geist befindet, kann niemals ein Palast genannt werden, und niemand kann darin wohnen. Nach diesem Beispiel hat es keinerlei Sinn, irgendeinen Dīn bloß als den wahren Dīn zu glauben. Wenn der Mensch sein tatsächliches Leben nach einem Dīn führt, ist es völlig sinnlos, gleichzeitig einen anderen Dīn in bloßer Einbildung zu glauben. Ein eingebildeter Dīn kann ebenso wenig Dīn genannt werden, und wie ein vorgestellter Palast kann auch ein eingebildeter Dīn von niemandem als wirklicher Dīn angenommen werden. Der Dīn gehört in Wirklichkeit demjenigen, dessen Macht in der Praxis anerkannt und dessen Herrschaft errichtet ist, dessen Gesetz tatsächlich gilt und nach dessen Anordnungen sämtliche Angelegenheiten des menschlichen Lebens ausgeführt werden. Daher verlangt jeder Dīn seiner Natur nach die Errichtung eines eigenen Staates, und ein Dīn ist gerade deshalb ein Dīn, weil Anbetung, Unterwerfung und Befolgung des Gesetzes allein der Macht zukommen sollen, die er zu errichten beabsichtigt. Dazu soll nun ein Beispiel gegeben werden:
Was bedeutet der Volks-Dīn? Die Bevölkerung eines Landes wird dort zur Besitzerin eigener Macht und Herrschaft, ihre selbst erlassenen Gesetze werden ihr auferlegt, und die gesamte Bevölkerung des Landes unterwirft sich gemeinsam der Gefolgschaft und Dienstbarkeit gegenüber ihrer eigenen Volksmacht – genau das ist der Volks-Dīn oder der demokratische Staat. Solange also in der tatsächlichen Staatsgewalt keine von der Bevölkerung erlassenen Gesetze gelten, kann dieser Volks-Dīn oder Volksstaat keineswegs errichtet werden. Man kann auch nicht annehmen, dass er errichtet worden sei. Wenn jedoch anstelle der Bevölkerung eine fremde Nation oder ein König die Macht und Herrschaft über das Land an sich bringt und im ganzen Land die von ihm erlassenen Gesetze gelten, wo bleibt dann die Existenz des Volks-Dīn? Welchen Wert kann es dort haben, wenn jemand an den Volks-Dīn oder den Staat glaubt? Denn solange der Dīn des Königs oder der fremden Nation besteht, kann er dem Volksstaat nicht folgen.
Nehmen wir nun den Königs-Dīn. Nach diesem Dīn besteht sein wesentliches Ziel darin, dem König, der als höchster Herrscher und Gebieter bestimmt ist, zu gehorchen und ihn zu verehren sowie seine Gesetze tatsächlich durchzusetzen. Wenn es sich aber nicht so verhält, welchen praktischen Nutzen hat es dann, den König als König anzuerkennen und ihn als höchsten Gebieter zu bekennen? Wenn in der Praxis der Volks-Dīn, der Volksstaat oder die Herrschaft einer fremden Nation errichtet ist, wo bleibt dann der „Königs-Dīn“? Und wer könnte ihm überhaupt folgen?
Es ist noch nicht lange her; schon der Gedanke an den englischen Dīn oder Staat in diesem Land (der inzwischen verschwunden ist) macht die Sache vollkommen klar. Dieser Dīn bestand, weil durch die Macht und Herrschaft der Engländer das Gesetz zur Regierung Indiens und das Zivilgesetz in Kraft waren. Alle Tätigkeiten der Landesbewohner wurden nach den von den Engländern festgelegten Regeln und Verfahren ausgeführt. Alle Menschen befolgten ihre Befehle mit gesenktem Haupt. Solange dieser Dīn mit solcher Stärke errichtet war, gab es hier tatsächlich keinen Raum für irgendeinen anderen Dīn. Wenn die Strafgesetze und die Zivilprozessordnung aufgehoben werden und die Befolgung des englischen Gesetzes tatsächlich aufhört, ebenso wie die Dienstbarkeit gegenüber den Engländern, wo bleibt dann der englische Staat oder Dīn? – Genau so verhält es sich mit dem Dīn des Islām. Der Kern dieses Dīn besteht darin, dass Allah, der Erhabene, der Besitzer der Erde und der einzige König aller Menschen ist.
Daher muss man ausschließlich Ihm gehorchen und sich Ihm unterwerfen, und alle Arten menschlicher Tätigkeiten müssen gemäß der von Ihm gegebenen Scharia ausgeführt werden. Die von Islām aufgestellte Lehre, dass die höchste Macht und Herrschaft ausschließlich Allah gehört, wird nur deshalb verkündet, damit auf der Erde ausschließlich Allahs Gesetz gilt und nicht das eines anderen. Die Gerichte werden nach Seiner Ordnung Recht sprechen, und die Polizei wird allein Seine Ordnung durchsetzen. Sämtliche zwischenmenschlichen Angelegenheiten, Geschäfte und dergleichen werden nach Seiner Ordnung geregelt. Nach Seinem Willen werden die Steuern festgesetzt, und auch ihre Verwendung erfolgt ausschließlich nach den von Ihm gegebenen Regeln. Der öffentliche Dienst und das Militär werden Seinem Befehl unterstehen. Alle Menschen werden Ehrfurcht haben und sich innerlich respektvoll verhalten; die Bürger des Landes werden ausschließlich Ihm gegenüber gehorsam sein. Mit einem Wort: Der Mensch wird außer Allah niemandes Dienstbarkeit annehmen. Daher ist es offenkundig, dass dieses Ziel keineswegs erreicht werden kann, wenn keine wahrhaft islamische Regierung errichtet wird. Mit keinem anderen Dīn besteht Übereinstimmung oder Teilhaberschaft; und die Wahrheit ist, dass kein Dīn die Teilhaberschaft eines anderen Dīn dulden kann. Wie andere Dīne beansprucht auch der Dīn des Islām, dass Macht und Herrschaft uneingeschränkt allein ihm gehören und jeder andere Dīn vor ihm unterworfen und besiegt bleibt. Wie wäre sonst seine Befolgung möglich? Mein Dīn wird kein „Volks-Dīn“, kein „Königs-Dīn“ und kein „kommunistischer Dīn“ sein. Kein anderer Dīn wird bestehen. Wenn hingegen ein anderer Dīn besteht, werde ich nicht bestehen. Wenn man mich dann nur mit dem Mund als wahr anerkennt, wird dies keinerlei praktische Wirkung haben. Der Edle Qur’an hat dies wiederholt verkündet:
وَمَا أُمِرُوا إِلَّا لِيَعْبُدُوا اللهَ مُخْلِصِينَ لَهُ الدِّينَ حُنَفَاء„Den Menschen wurde nur dieser eine Befehl gegeben – und keine andere Anweisung –, dass sie sich von allen Seiten abwenden, allein Allahs Dīn aufrichten und Ihm aufrichtig dienen sollen.“ – Sure al-Bayyina: 5
هُوَ الَّذِي أَرْسَلَ رَسُولَهُ بِالْهُدَى وَدِينِ الْحَقِّ لِيُظْهِرَهُ عَلَى الدِّينِ كُلِّهِ .
وَلَوْ كَرِهَ الْمُشْرِكُونَ – التوبة : ٣٣„Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und dem wahren Dīn gesandt hat, damit Er ihn über alle Dīne siegen lasse, auch wenn die Götzendiener dies keineswegs dulden.“ – Sure at-Tauba: 33
وَقَاتِلُوهُمْ حَتَّى لَا تَكُونَ فِتْنَةٌ وَيَكُونَ الدِّينُ كُلُّهُ لِلَّهِ – الانفال : ٣٩„Kämpft gegen sie, bis keine Verfolgung und Unterdrückung mehr besteht und der Dīn als Ganzes Allah, dem Erhabenen, aufgerichtet ist.“ – Sure al-Anfal: 39
إِنِ الْحُكْمُ إِلَّا لِلَّهِ ، أَمَرَ أَلا تَعْبُدُوا إِلَّا إِيَّاهُ – – يوسف : ٤٠„Niemand außer Allah hat das Recht, Befehle zu erlassen. Sein Befehl lautet, dass ihr niemandem außer Allah selbst dient.“ – Yusuf: 40
فَمَنْ كَانَ يَرْجُوا لِقَاءَ رَبِّهِ فَلْيَعْمَلَ عَمَلًا صَالِحًا وَلَا يُشْرِكْ بِعِبَادَةِ ربِّهِ أَحَدًا – الكهف : ١١٠„Wer die Begegnung mit seinem Herrn erhofft, soll rechtschaffene Werke tun und bei der Verehrung seines Herrn niemanden zum Teilhaber nehmen.“ – Sure al-Kahf: 110
أَلَمْ تَرَ إِلَى الَّذِينَ يَزْعُمُونَ أَنَّهُمْ آمَنُوا بِمَا أُنْزِلَ إِلَيْكَ وَمَا أُنْزِلَ مِنْ قَبْلِكَ يُرِيدُونَ أَنْ يُتَحَاكَمُوا إِلَى الطَّاغُوتِ وَقَدْ أَمِرُوا أَنْ يَكْفُرُوا بِهِ . …. وَمَا أَرْسَلْنَا مِنْ رَّسُولٍ إِلَّا لِيُطَاعَ بِإِذْنِ اللَّهِ – – النساء : ٦٤٦٠„Hast du nicht jene betrachtet, die behaupten, an das zu glauben, was zu dir und vor dir zu den Propheten hinabgesandt wurde? Sie wollen ihre Rechtsstreitigkeiten vor dem Tāghūt (einer Allah trotzenden Staatsgewalt und Rechtsprechung) entscheiden lassen, obwohl ihnen befohlen worden war, ihn zu verleugnen und ihm den Gehorsam zu verweigern. … Wir haben keinen Gesandten entsandt, außer damit ihm mit Allahs Erlaubnis gefolgt werde.“ – Sure an-Nisa: 60–64
Nach der vorangegangenen Erläuterung von Ibadat, Din und Scharia dürfte es den Lesern keineswegs schwerfallen, die grundlegende Bedeutung und den Sinngehalt dieser Koranverse zu verstehen.
Auch warum der Dschihad im Islam eine so große Bedeutung hat, ist aus der vorangegangenen Erörterung deutlich geworden. Allahs „Din“ kann nicht damit zufrieden sein, dass man ihn lediglich wie andere Religionen und Din als wahr anerkennt und als äußeres Zeichen dieses Bekenntnisses und Glaubens nur die Rituale von Verehrung und Anbetung vollzieht. Denn es ist überhaupt nicht möglich, Allahs Din zu gehorchen und ihm zu folgen, während man einem anderen Din untersteht; unter Beimischung eines anderen Din ist seine Befolgung unmöglich. Wenn ihr also wirklich glaubt, dass dieser Din Allahs der wahre Din ist, kann es kein anderes Mittel geben, als sich mit ganzer Kraft dafür einzusetzen und zu kämpfen, ihn in der Wirklichkeit zu errichten. Durch dieses Bemühen und diesen Kampf wird der Islam etabliert; andernfalls muss man sein Leben hingeben, indem man sich dieser Anstrengung widmet. In Wahrheit ist dies ein ewiger Maßstab, an dem die Wahrhaftigkeit eures Iman und eurer Aqida geprüft werden kann. Wenn ihr wahrhaft an den Islam glaubt, ist es euch unmöglich, unter der Herrschaft eines anderen Din in sorglosem Schlaf bewusstlos zu verharren; davon, ihm zu dienen und auch nur den geringsten Geschmack an dem dadurch erworbenen Lebensunterhalt zu finden, kann erst recht keine Rede sein. Wenn euer Leben nach eurem Bekenntnis zum Din Islam als dem einzig wahren dennoch unter der Herrschaft eines anderen Din verläuft, werden euch sogar euer Bett dornig und eure Nahrung giftig und bitter erscheinen, und ihr werdet keinen Augenblick Ruhe finden können, ohne euch mit ganzer Kraft für die Errichtung dieses wahren Din Allahs einzusetzen. Wenn ihr jedoch darin Befriedigung findet, euer Leben unter der Herrschaft eines anderen Din als dem Din Allahs zu führen, und euer Herz in diesem Zustand zufrieden und beruhigt ist, dann seid ihr überhaupt keine Mu’min – ganz gleich, wie aufmerksam ihr das Namaz verrichtet, wie lange ihr Murakaba praktiziert, den Koran und die Hadithe auslegt oder die Philosophie des Islam verkündet; daran, dass ihr keine Mu’min seid, besteht kein Zweifel. Dies ist das endgültige Urteil über jeden, der an den Din Islam glaubt und dennoch mit einem anderen Din zufrieden ist. Doch was ist über jene Munafiq zu sagen, die anderen Din hingebungsvoll dienen oder sich für die Errichtung eines anderen Din – etwa des Volks-Din – einsetzen und bemühen? … Der Tod ist nicht fern. Wenn er eintritt, wird Allah selbst ihnen das „Amalbuch“ ihres weltlichen Lebens vorlegen. Wenn diese Menschen sich tatsächlich für Muslime halten, ist das nichts anderes als äußerste Torheit. Bei gesundem Verstand hätten sie selbst verstehen können, dass es einander widersprechende Handlungen sind, einen Din als wahr anzuerkennen und zu bekennen, zugleich aber in der Wirklichkeit mit der Errichtung eines anderen Din zufrieden zu sein, daran teilzunehmen oder sich dafür einzusetzen. Feuer und Pasti mögen vielleicht zusammenkommen; mit dem Iman an Allah kann eine solche Handlungsweise jedoch überhaupt nicht vereinbar sein. Es ist nicht möglich, hier alle diesbezüglichen Koranverse anzuführen.
Hier werden nur einige wenige Verse zitiert:
احسب النَّاسُ أَنْ يُتْرَكُوا أَن يَقُولُوا آمَنَّا وَهُمْ لَا يُفْتَنُونَ وَلَقَدْ فتَنَّا الَّذِينَ مِنْ قَبْلِهِمْ فَلَيَعْلَمَنَّ اللَّهُ الَّذِينَ صَدَقُوا وَلَيَعْلَمَنَّ
الْكَذِبِينَ ٥ – العنكبوت : ٢-٣„Meinen die Menschen, sie würden in Ruhe gelassen, wenn sie sagen: ‚Wir glauben‘, und würden nicht geprüft? Wir haben bereits diejenigen geprüft, die vor ihnen waren, damit Allah gewiss diejenigen kennt, die wahrhaftig sind, und gewiss die Lügner kennt.“ – Sure al-Ankabut: 2–3
ومِنَ النَّاسِ مَنْ يَقُولُ آمَنَّا بِاللَّهِ فَإِذَا أُوذِيَ فِي اللَّهِ جَعَلَ فِتْنَةَ النَّاسِ كَعَذَابِ اللهِ ، وَلَئِنْ جَاءَ نَصْرُ مِّن رَّبِّكَ لَيَقُولُنَّ إِنَّا كُنَّا مَعَكُمْ ، أَوَ لَيْسَ اللَّهُ بِأَعْلَمَ بِمَا فِي صُدُورِ الْعَلَمِينَ .
„Unter den Menschen gibt es manche, die sagen: ‚Wir glauben an Allah.‘ Wenn ihnen jedoch um Allahs willen Leid zugefügt wird, betrachten sie die Verfolgung durch die Menschen als ebenso furchterregend wie Allahs Strafe. Wenn aber Hilfe und Sieg von deinem Herrn kommen, werden sie gewiss sagen: ‚Wir waren doch mit euch.‘ Weiß Allah etwa nicht am besten, was in den Herzen der Menschen ist? Dennoch wird Allah gewiss offenlegen, wer die wahren Mu’min und wer die Munafiq sind.“ – Sure al-Ankabut: 10–11
مَا كَانَ اللَّهُ لِيَذَرَ الْمُؤْمِنِينَ عَلَى مَا أَنْتُمْ عَلَيْهِ حَتَّى يَمِينَ الْخَبِيثَ مِنَ
الطيب – – ال عمران : ۱۷۹„Es entspricht nicht Allahs Vorgehensweise, die Mu’min in dem Zustand zu belassen, in dem ihr euch befindet – denn gegenwärtig sind die Wahrhaftigen und die Lügner sowie die aufrichtig Gläubigen und die Munafiq miteinander vermischt. Allah wird gewiss zwischen den Reinen und den Sündern unterscheiden.“ – Sure Al-i Imran: 179
أمْ حَسِبْتُمْ أَنْ تُتْرَكُوا وَلَمَّا يَعْلَمَ اللهُ الَّذِينَ جَهَدُوا مِنكُمْ وَلَمْ يَتَّخِذُوا مِنْ دُونِ اللَّهِ وَلَا رَسُولِهِ وَلَا الْمُؤْمِنِينَ وَلِيجَة – – التوبة : ١٦„Meint ihr, Allah werde euch einfach so in Ruhe lassen, obwohl Er noch nicht offengelegt hat, wer von euch gekämpft hat und wer außer Allah, Seinem Gesandten und den Mu’min keine anderen zu vertrauten Verbündeten genommen hat?“ – Sure at-Tauba: 16
الم ترَ إِلَى الَّذِينَ تَوَلَّوْا قَوْمًا غَضِبَ اللَّهُ عَلَيْهِمْ ، مَا هُمْ مِّنْكُمْ وَلَا مِنْهُم ….. أولَئِكَ حِزب الشيطن ، أَلَا إِنَّ حِزْبَ الشَّيْطَنِ هُمُ الْخَسِرُونَ إِنَّ الَّذِينَ يُحَادُونَ اللهَ وَرَسُولَهُ أُولَئِكَ فِي الْأَذَلِّينَ ، كَتَبَ اللهُ لأَغْلِبَنَّ أَنَا وَرُسُلِي ، إِنَّ اللهَ قَوِيٌّ عَزِيزٌ – المجادلة : ١٩١٤„Hast du nicht über jene nachgedacht, die sich mit Leuten anfreunden, auf denen Allahs Zorn liegt? Sie gehören weder zu euch noch zu ihnen … Sie gehören zur Partei des Satans! Wahrlich, die Partei des Satans wird am Ende die Verliererin sein. Gewiss, diejenigen, die Allah und Seinem Gesandten entgegentreten, gehören zu den Erniedrigsten. Allah hat bestimmt: ‚Gewiss werde Ich, Ich und Meine Gesandten, siegen.‘ Wahrlich, Allah ist stark und allmächtig.“ – Sure al-Mudschadala: 14, 19–21
Aus den erwähnten Versen wird unmissverständlich deutlich, dass, wenn irgendwo in der praktischen Wirklichkeit neben dem Dīn Allahs, dem Islam, ein anderer Dīn besteht, das Kennzeichen der dortigen wahrhaftigen, idealistischen Mu’minūn darin liegen wird, dass sie sich darum bemühen, diesen nichtigen „Dīn“ zu beseitigen und den wahren Dīn Allahs zu errichten. Wenn sie dies tatsächlich tun, ihre gesamte Kraft eben diesem Ziel widmen, sogar ihr Leben opfern und jede Art von Verlust und Schaden bereitwillig ertragen, dann besteht kein Zweifel daran, dass sie aufrichtige Gläubige sind. Ob ihr Bemühen und ihr Einsatz Erfolg haben oder nicht, ist dabei eine gegenstandslos gewordene Frage. Wenn sie sich jedoch mit der Errichtung des nichtigen Dīn zufriedengeben und dadurch beruhigt sind oder aus eigenem Antrieb an seiner Aufrechterhaltung und seinem Sieg mitwirken, dann ist ihr Anspruch, Gläubige zu sein, völlig falsch; daran besteht nicht der geringste Zweifel.
Darüber hinaus hat Allah in den erwähnten Versen auch jenen geantwortet, die verschiedene Arten von Hindernissen bei der Errichtung des Dīn Islam als Entschuldigung anführen. Wenn irgendwo versucht wird, den Dīn Islam zu errichten, wird dort zuvor notwendigerweise irgendein nichtiger Dīn mit voller Macht fest etabliert sein. Alle Arten von Macht und Autorität werden sich in seiner Hand befinden, die Mittel zum Lebensunterhalt werden sich in seinem Besitz konzentrieren, und in allen Bereichen des menschlichen Lebens wird sein Einfluss vorherrschen. Einen derart fest etablierten Dīn zu zerschlagen und einen anderen Dīn an seiner Stelle zu errichten, kann—wie auch immer man es betrachtet—kein mit Blumen bestreuter Weg sein. Wenn man in vollkommener Ruhe und Behaglichkeit, in herrschaftlich-gemächlicher Weise, ans Werk geht, kann dieses Ziel niemals erreicht werden; das ist schlicht unmöglich. Unter dem nichtigen Dīn weiterhin ein gewisses Maß an weltlichem Glück und Frieden zu genießen und zugleich den Dīn Islam zu errichten, ist völlig unmöglich. Diese gewaltige Aufgabe kann erst dann vollbracht werden, wenn ihr bereit seid, alle Rechte, Interessen sowie jeglichen Luxus und Komfort, die ihr durch den nichtigen Dīn erlangt habt, mit Füßen zu treten, und wenn ihr bereit seid, mutig jeden Verlust und Schaden zu ertragen, dem ihr bei diesem Werk begegnen mögt. Tatsächlich kann der Dschihād auf Allahs Weg nur von jenen ausgeübt werden, die zu dieser strengen Anstrengung bereit sind. Solche Menschen gibt es jedoch in jeder Gesellschaft nur in geringer Zahl. Über jene, die dem Dīn Islam zwar folgen möchten, aber nicht bereit sind, auf Wohlstand und Bequemlichkeit zu verzichten, möchte ich keine Vorhersage treffen; sie mögen weiterhin unbesorgt dem Dienst an ihrem eigenen Nafs nachgehen. Wenn die Kämpfer für die Wahrheit unter geduldigem Ertragen von Leid und Verfolgung und nach grenzenlosen Opfern auf diesem Weg den Dīn Islam errichtet haben, werden eben diese Leute kommen und sagen: „Wir gehören doch zu eurer Gruppe; gebt uns daher jetzt ebenfalls unseren zustehenden Anteil.“
Ende