Bismillāhir-Rahmānir-Rahīm
Einleitung
Sahāba – wer sind sie??
Das Wort „Sahābī“ ist eine Form des arabischen Wortes „Suhbat“. Im Singular werden „Sāhib“ und „Sahābī“ und im Plural „Sahāba“ verwendet. Die lexikalische Bedeutung ist Gefährte, Begleiter, Kamerad, jemand, der mit einem anderen zusammenlebt, oder jemand, der sich in seiner Gesellschaft aufhält. Als islamischer Fachbegriff bezeichnet „Sahāba“ die großen Gefährten und Begleiter des Gesandten Allahs (s.a.w.). Das Wort „Sāhib“ hat noch mehrere andere Pluralformen. Um jedoch die Gefährten und Begleiter des Gesandten Allahs (s.a.w.) zu bezeichnen, werden neben „Sahāba“ auch „Ashāb“ und „Sahb“ als Plural von „Sāhib“ verwendet.
Allāma Ibn Hadschar, rahimahullāh, ‘Al-–Isāba fī Tamyīz as- Sahāba’ definiert in seinem Werk den Sahābī und sagt: „Inna as-sahābiyya man laqiya an-nabiyya, sallallāhu alaihi wa sallam, mu’minan bihi wa māta alal-islām“ – das heißt: Ein Sahābī ist jemand, der den Gesandten Allahs (s.a.w.) im Glauben an ihn getroffen hat und im Islam gestorben ist.
In der obigen Definition werden drei Bedingungen dafür genannt, als Sahābī zu gelten: 1. der Glaube an den Gesandten Allahs (s.a.w.); 2. die Begegnung mit ihm im Zustand des Glaubens (al-liqā); 3. der Tod im Islam (maut alal-islām).
Aufgrund der ersten Bedingung gelten diejenigen nicht als Sahāba, die zwar den Gesandten Allahs (s.a.w.) getroffen, aber nicht den Glauben angenommen haben. Dazu gehören beispielsweise Abū Dschahl, Abū Lahab und andere ungläubige Mekkaner. Aufgrund der zweiten Bedingung, also der Begegnung, gilt auch jemand als Sahābī, der den Propheten getroffen hat, aber wegen Blindheit oder einer ähnlichen Beeinträchtigung nicht das Glück hatte, ihn mit eigenen Augen zu sehen. Ein Beispiel ist der blinde Sahābī Abdullah ibn Umm Maktūm, raḍiyallāhu anhu.
Aufgrund der dritten Bedingung, also des Todes im Islam, werden auch diejenigen zu den Sahāba gezählt, die den Gesandten Allahs (s.a.w.) im Zustand des Glaubens zu treffen gewürdigt wurden, danach vom Glauben abfielen und später wieder den Islam annahmen und als Muslime starben. Auch wenn sie nach ihrer erneuten Annahme des Islam den Gesandten Allahs (s.a.w.) nicht noch einmal trafen, gelten sie als Sahāba. Dies ist die zutreffendste Ansicht. Dazu gehören beispielsweise Hadhrat Aschʿas ibn Qais, raḍiyallāhu anhu, und andere. Die Hadith-Gelehrten zählen Aschʿas ibn Qais zu den Sahāba und haben die von ihm überlieferten Hadithe in den authentischen und den Musnad-Werken gesammelt. Dabei war er nach der Annahme des Islam vom Glauben abgefallen und kehrte während des Kalifats von Hadhrat Abū Bakr, raḍiyallāhu anhu, wieder zum Islam zurück.
Auf Grundlage der letztgenannten Bedingung gilt eine Person nicht als Gefährte, wenn sie den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, als Muslim getroffen hat, später jedoch als Abtrünniger starb. Dazu gehören beispielsweise ʿAbdullah ibn Dschahsch al-Asadi: Nachdem er als Muslim nach Abessinien ausgewandert war, wurde er Christ und starb dort als Abtrünniger. Ebenso gehören ʿAbdullah ibn Chatal, Rabiʿa ibn Umaiyya und andere Abtrünnige dazu. Bei den genannten Personen fehlte somit die Bedingung, auf dem Islam zu sterben, um als Gefährte zu gelten.
Gemäß der oben genannten Definition gehören alle diejenigen zu den Gefährten, die den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, im Zustand des Glaubens getroffen haben und im Zustand des Glaubens starben – unabhängig davon, ob sie nur kurze Zeit oder lange Zeit in seiner Gesellschaft waren, ob sie Hadithe von ihm überlieferten oder nicht und ob sie mit ihm an einem Krieg teilnahmen oder nicht. Dazu zählt sogar jeder, der ihn auch nur einen Augenblick in seinem Leben getroffen hat und im Zustand des Glaubens starb.
Wer nicht an den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, glaubte, ihn jedoch im Glauben an einen früheren Propheten traf, gilt nicht als Gefährte. Hinsichtlich der Gefährtenschaft solcher Personen wie des Mönchs Buhaira, die den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, vor seinem Prophetentum im Glauben an einen früheren Propheten trafen und glaubten, dass er künftig ein Prophet sein werde, bestehen jedoch Zweifel. Die muslimischen Gelehrten konnten in dieser Frage keine Entscheidung treffen.
Die Bedingungen der genannten Definition gelten auch für die Dschinn. Auch unter den Dschinn gab es Gefährten. Im Koran wird von einigen Dschinn berichtet, die durch das Hören der Koranrezitation des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zum Glauben gelangten. Zweifellos waren auch sie äußerst ehrenvolle Gefährten.
Die oben angeführte Definition des Gefährten gilt bei der Mehrheit der Gelehrten, darunter Imam al-Buchari und Imam Ahmad ibn Hanbal, als die zutreffendste. Zur Definition des Gefährten gibt es allerdings noch einige weniger bekannte Auffassungen. So haben manche anstelle des Treffens (al-liqa) die Bedingung des Sehens (ar-ruʾya) aufgestellt. Dadurch würden jedoch Personen ausgeschlossen, die trotz ihres Glaubens wegen ihrer Blindheit nicht das Glück hatten, den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, mit eigenen Augen zu sehen, wie etwa ʿAbdullah ibn Umm Maktum, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Dabei war er ein äußerst ehrenvoller Gefährte.
Der ehrwürdige Saʿid ibn al-Musayyib sagte: Voraussetzung dafür, als Gefährte zu gelten, ist, den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ein oder zwei Jahre begleitet oder mit ihm an einem oder zwei Feldzügen beziehungsweise Kriegen teilgenommen zu haben. Nach Ansicht einiger Gelehrter der Usul-Wissenschaft und der Kalām-Wissenschaft besteht die Voraussetzung für die Gefährtenschaft in einer langen Begleitung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sowie darin, dass man für die Befolgung der prophetischen Sunna bekannt und berühmt ist. Manche stellten außerdem die Bedingung der Volljährigkeit auf. Nach Ansicht einer Gruppe von Gelehrten ist jemand, der den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, nach Erreichen der Volljährigkeit auch nur einmal gesehen hat, ein Gefährte. Auch wer ihn vor Erreichen der Volljährigkeit gesehen hat, gilt als Gefährte – allerdings insofern, als der Gesandte, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ihn gesehen hat, nicht insofern, als er den Gesandten gesehen hat. Hinsichtlich der Überlieferung von Hadithen gilt eine solche Person jedoch nicht als Gefährte, sondern erlangt den Rang eines Tabiʿi. Es könnte die Frage gestellt werden: Wie ist über jemanden zu urteilen, der den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, nach dessen Tod, aber vor seiner Beisetzung gesehen hat, wie es beim berühmten arabischen Dichter Abu Dschuʿarib al-Hudhali geschehen sein soll? Unter den Gelehrten besteht hierzu Meinungsverschiedenheit. Die maßgebliche Ansicht lautet jedoch, dass eine solche Person nicht zur Gruppe der Gefährten gehört.
Die islamischen Fachgelehrten sind sich darin einig, dass die Begleitung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, beziehungsweise die Suhba ein Rang ist, dem für die Muslime kein anderer Rang gleichkommt. Über den Rang der Suhba hinaus besitzen die ehrwürdigen Gefährten in den Augen jedes Muslims eine heilige und hohe Stellung, weil sie durch ihre harte Arbeit und ihre Opfer den Grund des Din stärkten und festigten und sich für die Verkündigung des Islam sowie den Dienst an der Scharia einsetzten. Daher bezeichneten manche Gelehrte jemanden, der die Gefährten herabsetzt, als Zindiq. Nach Ansicht anderer ist dies ein strafbares Vergehen.
Die Gefährten Stellung
Unter den Gefährten kann es hinsichtlich ihres Ranges Abstufungen geben; doch kein Muslim einer späteren Zeit kann, selbst wenn er noch so gelehrt, tugendhaft und fromm ist, auch nur den Rang eines gewöhnlichen Gefährten erreichen. Darin stimmen der Koran, die Sunna und der Konsens der Gelehrten überein.
Diese Gefährten waren das erste Bindeglied zwischen Allahs Gesandtem und seiner Umma. Alles, was die späteren Generationen über Allahs Wort, den Heiligen Koran, seine Auslegung, die Person des Gesandten Allahs, seine Lehren und sein Vorbild – kurz: über alles, was zur Religion gehört – erfahren haben, erfuhren sie einzig durch diese Gefährten und über ihre Vermittlung. Wenn man daher dieses erste Bindeglied ignoriert, beiseitelässt oder Misstrauen gegenüber ihm entstehen lässt, stürzt das Fundament der Religion selbst ein. Das Misstrauen gegenüber dem Koran und dem Hadith nimmt seinen Anfang.
Hafiz Ibn Abd al-Barr sagt bei der Darlegung des Ranges der Gefährten: Allah, der Erhabene, hatte diesen großen Männern die seltene Ehre bestimmt, die Gesellschaft des Gesandten Allahs zu genießen und seine Sunna zu bewahren und zu verbreiten. Deshalb erlangten sie den Rang von „Khair al-Qurun“ und „Khairu Ummat“; das heißt, ihre Zeit war die beste aller Zeiten und sie waren die beste aller Gemeinschaften.
Hafiz Abu Bakr Ibn al-Khatib al-Baghdadi sagt: „Die Hadithe und Überlieferungen zu den genannten Bedeutungen und Themen sind zahlreich, und alle stimmen mit der Bedeutung des ‚Nas al-Qur’an‘ überein. Das heißt, sie bringen den erhabenen Rang, die Vertrauenswürdigkeit und die Lauterkeit der Gefährten und Ähnliches zum Ausdruck. Nachdem Allah und sein Gesandter ihre Vertrauenswürdigkeit erklärt haben, sind sie auf die Beglaubigung durch irgendeinen anderen Menschen auf der Welt nicht angewiesen. Selbst wenn Allah und der Gesandte Allahs keine Erklärung über sie abgegeben hätten, hätten ihre Auswanderung, ihr Dschihad, ihre Unterstützung, ihre Ausgaben auf Allahs Weg, die Tötung ihrer Väter und Söhne, ihre Ermahnungen in religiösen Angelegenheiten sowie ihre Festigkeit im Glauben und in der Gewissheit bewiesen, dass sie in Vertrauenswürdigkeit, Glauben, Lauterkeit und allen ähnlichen Eigenschaften besser waren als alle rechtschaffenen und lauteren Menschen, die bis zum Tag der Auferstehung auf der Welt geboren werden mögen.“
Einigen Gefährten verkündete der Gesandte Allahs bereits zu ihren Lebzeiten die frohe Botschaft vom Paradies. Viele muslimische Gelehrte haben jedoch die Ansicht vertreten, dass alle Gefährten im Paradies sein werden. Ibn Hadschar zitiert in seinem Werk „‘al-–Isaba’“ die Aussage des Imams Ibn Hazm aus Spanien. Er sagt: „As-Sahabatu kulluhum min ahlil-dschannati qat’an – Alle Gefährten gehören mit Sicherheit zu den Bewohnern des Paradieses.“
Der Gesandte Allahs verbot, seine Gefährten zu beschimpfen oder sie mit dem Ziel zu kritisieren, sie herabzusetzen. Er sagte: „Allah, Allah! Macht sie nach meinem Tod nicht zum Gegenstand eurer Kritik. Wer sie liebt, liebt sie um meiner Liebe willen; und wer sie hasst, hasst sie aus Hass gegen mich.“
Wie man einen Gefährten erkennt
Es mag die Frage aufkommen, wie man feststellen kann, wer ein Gefährte ist und wer nicht. Die Gelehrten der Wissenschaft von „Ridschal und Hadith“ haben dabei einige Grundsätze befolgt. Erstens: „Khabar at-Tawatur“, also wenn unzählige Menschen jeder Generation über eine Person berichten oder bezeugen, dass sie ein Gefährte war. Zweitens: „Khabar al-Maschhur“, also wenn zahlreiche Menschen jeder Generation bezeugen, dass jemand ein Gefährte war. Drittens: aufgrund der Überlieferung oder des Zeugnisses eines Gefährten. Viertens: aufgrund der Überlieferung oder des Zeugnisses eines bekannten Tābiʿī. Fünftens: wenn jemand selbst behauptet: „Ich bin ein Gefährte.“ In diesem Fall muss geprüft werden, ob er zwei Eigenschaften besitzt. 1. „Adala“ oder Rechtschaffenheit. Dies ist eine besondere Eigenschaft der Gefährten. Eine Person, die für sich in Anspruch nimmt, ein Gefährte zu sein, muss diese Eigenschaft unbedingt besitzen. 2. „Muʿāsara“ oder Zeitgenossenschaft. Die Zeit der Gefährten endete im Jahr 110 nach der Hidschra. Denn der Gesandte Allahs sagte einen Monat vor seinem Tod: „Keiner von denen, die heute auf dieser Erde leben, wird in hundert Jahren noch leben.“ Wenn also jemand nach dem Jahr 110 nach der Hidschra noch lebte und behauptete, ein Gefährte zu sein, erkannten ihn die Gelehrten der Ridschal-Wissenschaft nicht als Gefährten an. Viele hatten eine solche Behauptung aufgestellt; doch sie erwies sich als falsch. Ihre Biografien sind ebenfalls in der Ridschal-Wissenschaft niedergeschrieben. Darüber hinaus befolgten die Hadith-Gelehrten noch einige weitere Regeln und Grundsätze zur Bestimmung der Gefährten.
Anzahl der Gefährten
Die genaue Zahl der Gefährten lässt sich nicht bestimmen. Imam Abu Dharr ar-Razi sagte, dass die Zahl der Männer und Frauen, die den Gesandten Allahs gesehen und seine Worte gehört hatten, als er verstarb, mehr als hunderttausend betrug. Jeder von ihnen überlieferte Hadithe des Gesandten Allahs. Daraus lässt sich leicht ermessen, wie groß die Zahl der Gefährten gewesen sein muss, die keinen einzigen Hadith überlieferten. Abu Dharrs Aussage wird durch eine in den Werken von al-Buchari und Muslim überlieferte Aussage von Ka’b ibn Malik bestätigt. Im Zusammenhang mit dem Feldzug von Tabuk sagte er: „Die Zahl der Menschen war so groß, dass kein Register oder Diwan sie hätte erfassen können.“
Eine genaue Erfassung der Gefährten ist keineswegs möglich. Denn gegen Ende des Lebens des Gesandten Allahs nahmen die Menschen in Scharen den Islam an und leisteten ihm den Treueid. Manche haben gesagt, dass es im zehnten Jahr nach der Hidschra in Mekka und Taif keinen einzigen Nichtmuslim mehr gegeben habe. Alle nahmen den Islam an und nahmen an der Abschiedspilgerfahrt teil. Ebenso wurden zahlreiche arabische Stämme vollständig muslimisch. Die meisten von ihnen waren Wüstenbewohner. Ihre Zahl zu erfassen, war keineswegs möglich. Außerdem starben während des Kalifats von Abu Bakr zahlreiche Gefährten als Märtyrer, als sie gegen falsche Propheten und Abtrünnige kämpften. Die Identität vieler von ihnen konnte nicht bewahrt werden.
In mehreren Versen des Heiligen Qur’an und in zahlreichen Hadithen werden die Würde und die Vorzüge der Gefährten beschrieben. Im Folgenden wird die Bedeutung einiger Verse angeführt:
„Muhammad ist der Gesandte Allahs; seine Gefährten sind streng gegenüber den Ungläubigen und barmherzig zueinander. Du wirst sie sich vor Allahs Gunst und Wohlgefallen in Verbeugung und Niederwerfung neigen sehen. Auf ihren Gesichtern werden die Spuren der Niederwerfung sichtbar sein. Dies ist ihre Beschreibung in der Tora und auch im Evangelium.“ (Sure al-–Fath: 29)
„Diejenigen unter den Auswanderern und den Helfern, die als Erste vorausgingen, und diejenigen, die ihnen aufrichtig folgen, mit ihnen ist Allah zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden. Er hat für sie Gärten vorbereitet, unter denen Bäche fließen und in denen sie ewig verweilen werden. Das ist der großartige Erfolg.“ (Sure at-–Tauba: 100)
„Diese Beute ist für die bedürftigen Auswanderer bestimmt, die aus ihren Häusern und ihrem Besitz vertrieben wurden. Sie streben nach Allahs Gunst und Wohlgefallen und helfen Allah und Seinem Gesandten. Sie sind es, die wahrhaftig sind. Und diejenigen, die vor der Ankunft der Auswanderer in dieser Stadt (Medina) ansässig waren und den Glauben angenommen hatten, lieben die Auswanderer und empfinden in ihren Herzen kein Verlangen nach dem, was ihnen gegeben wurde; vielmehr geben sie ihnen den Vorzug vor sich selbst, auch wenn sie selbst bedürftig sind.“ (Sure al-–Haschr: 8––9) In diesem Vers werden zunächst die Auswanderer und danach die Ansar gelobt.
Ebenso werden in der Sure al- Fath: 18, Sure al- Waqi’a: 10, und Sure al- Anfal 64 genannten Versen sowie in verschiedenen anderen Versen die edlen Gefährten des Propheten sowohl unmittelbar als auch mittelbar gelobt.
In ähnlicher Weise sprach auch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, über den Rang seiner Gefährten. Er pries sie überschwänglich und bestimmte ihre Ehre, Würde und Stellung. So wird etwa von Hadhrat ʿAbdullah ibn Masʿud, möge Allah mit ihm zufrieden sein, überliefert. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte:
„Die besten Menschen unter meiner Umma sind die Menschen meiner Zeit. Danach kommen die Menschen der darauffolgenden Zeit, und danach die Menschen der darauffolgenden Zeit. Danach wird eine Gruppe von Menschen erscheinen, deren Eid ihrem Zeugnis vorausgeht. Sie werden Zeugnis ablegen, noch bevor sie um ein Zeugnis gebeten werden.“
„Beschimpft meine Gefährten nicht! Bei Dem, in dessen Hand mein Leben liegt: Wenn einer von euch Gold in der Größe des Berges Uhud ausgäbe, würde dies nicht dem Maß eines Mudd – oder auch nur der Hälfte davon – Gerste entsprechen, das einer von ihnen ausgegeben hat.“
Ibn Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, überlieferte vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm: „Ihr müsst nach dem handeln, was euch vom Buch Allahs gegeben wurde. Keiner von euch kann eine Entschuldigung oder einen Einwand dafür vorbringen, es zu unterlassen. Wenn ihr im Buch Allahs keine Entscheidung findet, dann sucht in meiner Sunna danach. Wenn ihr auch dort nichts findet, müsst ihr in den Aussagen meiner Gefährten danach suchen. Meine Gefährten sind wie die Sterne am Himmel. Welchen von ihnen ihr auch annehmt, ihr werdet den rechten Weg finden. Die unterschiedlichen Auffassungen meiner Gefährten untereinander sind für euch eine Barmherzigkeit.“
Saʿid ibn al-Musayyib überlieferte von Umar ibn al-Khattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte:
„Nach mir fragte ich meinen Herrn nach den unterschiedlichen Auffassungen meiner Gefährten. Darauf sandte Allah mir eine Offenbarung: ‚O Muhammad, deine Gefährten sind bei Mir wie die Sterne am Himmel. Wie bei den Sternen ist auch unter ihnen der eine heller als der andere. Wer an einer ihrer strittigen Angelegenheiten festhält, wird bei Mir auf der Rechtleitung sein.‘“
Imam asch-Schafiʿi überlieferte über die Überlieferungskette von Hadhrat Anas ibn Malik einen Hadith. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte: „Allah hat mich und meine Gefährten auserwählt. Er hat durch sie verwandtschaftliche Beziehungen durch Heirat zu mir hergestellt und sie zu meinen Helfern gemacht. In der Endzeit wird eine Gruppe von Menschen erscheinen, die sie herabwürdigen wird. Hütet euch davor, ihre Söhne oder Töchter zu heiraten oder eure Söhne und Töchter mit ihnen zu verheiraten. Hütet euch davor, mit ihnen zu beten oder ihr Totengebet zu verrichten. Auf ihnen liegt der Fluch Allahs.“
In Mischkat asch-Scharif wird ein Hadith überliefert. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte: „Unter meiner Umma wird nur eine Gruppe gewiss ins Paradies gelangen.“ Man fragte: „Wer sind sie?“ Er sagte: „Jene, die am Vorbild von mir und meinen Gefährten festhalten.“
In einem anderen Hadith sagte der Gesandte (s.a.w.): „Der Rang der Gefährten unter meiner Umma ist wie der Rang des Salzes unter den Speisen.“
Die Gesellschaft der Gefährten war eine vorbildliche menschliche Gesellschaft. Ihr Handeln war für die Menschheit ein herausragendes Beispiel. Ihre Aufrichtigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Höflichkeit, Opferbereitschaft und ihr gutes Benehmen waren in allen Lebensbereichen unvergleichlich. Sie begegneten einander mit Achtung und Mitgefühl. Den Bedürfnissen und Anliegen der Armen und Bedürftigen räumten sie stets Vorrang ein. In Tapferkeit und Mut waren sie beispiellos. Die Befolgung und Nachahmung des Gesandten Allahs (s.a.w.) war das Hauptziel ihres Lebens. Ihr Leben und ihr Tod galten gleichermaßen dem Islam.
Die ehrwürdigen Gefährten waren das erste Beispiel jener besten Gesellschaft, deren Grund der edle Gesandte (s.a.w.) gelegt hatte. Durch den Segen der Gesellschaft mit dem Gesandten (s.a.w.) verkörperten sie die große Menschlichkeit in ihrer praktischen Gestalt. Sie waren leuchtende Sinnbilder für ʿAdl, Taqwa, Diyanat, Ihsan und Khauf-e-Khuda. In ihnen war stets das Bewusstsein lebendig, dass sie auf diese Erde gekommen waren, um das Banner des Islam hochzuhalten und unter der Menschheit Gleichheit und Gerechtigkeit zu errichten. Hier mussten sie als treue Verwalter des göttlichen Kalifats Allahs Bestimmung erfüllen.
Reinheit und Lauterkeit hatten in ihnen ein so reines Herz und eine solche Liebe zur Gerechtigkeit hervorgebracht, dass sie sich in Fragen von Recht und Gerechtigkeit ebenso für andere wie für sich selbst verantwortlich fühlten. Obwohl sie hohe Ämter innehatten, konnten und wollten sie ihre Kinder sowie ihre Verwandten und Freunde nicht vor den Strafen der Scharia bewahren.
Kurz gesagt: Glaube und Überzeugung hatten ihre gesamten Fähigkeiten zum Leuchten gebracht. In sehr kurzer Zeit beeinflussten sie den größten Teil der Welt. Auf den Seiten der Geschichte finden sich unzählige Beispiele für ihre militärischen und organisatorischen Fähigkeiten.
Wenn wir heute eine Gesellschaft aufbauen wollen, die der vorbildlichen Gesellschaft der ehrwürdigen Gefährten gleicht, müssen wir unbedingt über sie Bescheid wissen. Wir müssen Charaktereigenschaften und Fähigkeiten wie die ihren erwerben. Damit das gegenwärtig unter der muslimischen Umma erwachende Bestreben, eine koranische Gesellschaft aufzubauen, in die richtige Richtung gelenkt werden kann, ist eine umfassende Beschäftigung mit dem Leben der Gefährten erforderlich. Aus ihrem Leben müssen wir Orientierung gewinnen. Doch so bedauerlich es auch ist, wahr bleibt, dass das Leben der Gefährten in der bengalischen muslimischen Gesellschaft nur sehr wenig behandelt wird. Die fiktiven Geschichten aus dem Leben von Pirs und Awliya werden hier in einem solchen Umfang besprochen, dass nicht einmal ein Bruchteil davon dem Leben der Gefährten gewidmet wird.
In Arabisch, Urdu und den anderen Sprachen der Welt sind zahlreiche umfangreiche Werke über das Leben der Gefährten verfasst worden. Wie in den anderen Bereichen der islamischen Literatur ist auch auf diesem Gebiet kein nennenswertes Werk in bengalischer Sprache entstanden. Professor Nazir Ahmad, geschäftsführender Herausgeber der Monatszeitschrift „Prithibi“ und Direktor des Bangladesh Islamic Center, äußerte den Wunsch, den Lesern durch seine Zeitschrift einiges aus dem Leben der Gefährten nahezubringen. Im Wesentlichen aufgrund seiner Ermutigung begann ich, fortlaufend auf den Seiten von „Prithibi“ zu schreiben. Die Texte aus „Prithibi“ werden nun unter dem Titel „Aschab-e-Rasuls Lebensgeschichte“ in Buchform veröffentlicht. Ohne die Ermutigung und den Beitrag von Professor Nazir Ahmad zum fortlaufenden Schreiben und zur Veröffentlichung in Buchform hätte ich vielleicht nie geschrieben, und es wäre auch nicht als Buch erschienen. Daher bete ich darum, dass Allah Taʿala ihm die beste Vergeltung zuteilwerden lasse.
Im ersten Band von „Aschab-e-Rasuls Lebensgeschichte“ wird das Leben von insgesamt dreißig Gefährten behandelt. Sie alle gehören zur Schicht der Muhajirin. Unter ihnen sind auch jene ruhmreichen zehn Gefährten enthalten, die zu den „Ashara Mubashshara“ gehören. Obwohl die Texte kurz gehalten sind, wurden die Informationen den grundlegenden Quellen in Arabisch und Urdu entnommen. Ich habe versucht, kontroverse Themen so weit wie möglich zu vermeiden.
Abschließend werde ich es als Lohn für meine Mühe betrachten, wenn die Leserinnen und Leser durch diese Schrift auch nur geringfügig Nutzen daraus ziehen. Ich bitte die Leser, mich auf etwaige Fehler oder Mängel aufmerksam zu machen.
Ich spreche allen, die an der Veröffentlichung beteiligt waren, insbesondere Bruder Kamrul Islam, meinen Dank aus. Möge Allah, der Erhabene, diese geringe Mühe von mir annehmen. Amin.
27.2.1989 n. Chr.
Muhammad Abdul Ma’bud
Abteilung für Arabistik, Universität Dhaka,
Dhaka
Chadidscha bint Chuwailid ((ra.))
Ihr Name war Chadidscha. Ihre Kunya war „Ummu Hind“ und ihr Laqab „Tahira“. Ihr Vater war Chuwailid, ihre Mutter Fatima bint Said. Sie wurde fünfzehn Jahre vor dem „Jahr des Elefanten“ in der Stadt Mekka geboren. Über ihren Vorfahren Qusayy väterlicherseits ist ihre Abstammung mit der Abstammung des Gesandten Allahs (s.a.w.) verbunden. Bereits in der Dschahiliyya erhielt sie wegen ihres makellosen Charakters den Beinamen „Tahira“. (Al-–Isaba) Zwischen dem Gesandten Allahs (s.a.w.) und Chadidscha (ra.) bestand eine entfernte Tante-Neffe-Verwandtschaft. Deshalb nahm Chadidscha (ra.) den Gesandten Allahs (s.a.w.) nach Beginn seiner Prophetenschaft zu dessen Cousin Waraka ibn Nawfal und sagte: „Höre dir an, was dein Neffe zu sagen hat.“ Vermutlich sagte sie dies aufgrund ihrer verwandtschaftlichen Beziehung.
Ihr Vater Khuwaylid hatte den angesehenen Taurāt- und Injīl-Gelehrten Waraqa ibn Nawfal als Ehemann für Khadīja ausgewählt, doch die Historiker schweigen darüber, warum es nicht zur Verwirklichung dieser Heirat kam. Schließlich heiratete sie in erster Ehe Abū Hāla ibn Zurāra at-Tamīmī. Er starb noch in der vorislamischen Zeit. Nach dem Tod Abū Hālas heiratete sie in zweiter Ehe ʿAtīq ibn ʿĀbid al-Makhzūmī. (Scharḥul Mawāhib, al–Istīʿāb) Jedoch ist überliefert, dass nach Qatāda ihr erster Ehemann ʿAtīq und danach Abū Hāla war. Yūnus ibn Bukayr berichtet, dass auch Ibn Isḥāq diese Ansicht vertrat. (al Iṣāba: 4/281) Jedoch erwähnt Ibn Ḥaǧar, dass die zuerst genannte Ansicht – neben Ibn ʿAbd al-Barr – diejenige der Mehrheit ist.
Khadīǧas Vater Khuwaylid ibn Asad war im Fidschār-Krieg der Befehlshaber seines Stammes. Er war Vater vieler Kinder. Sein erster Sohn war Ḥizām. Dessen Sohn, der berühmte Gefährte Ḥakīm, erhielt in der vorislamischen Zeit die Leitung von Dār an-Nadwa in Mekka. Das zweite Kind war Hazrat Khadīǧa. Das dritte Kind, ʿAwwām, war der Vater des berühmten Gefährten Hazrat Zubayr (r.a.). Ṣafiyya (r.a.), die Tante väterlicherseits des Gesandten Allahs (s.a.w.) und leibliche Schwester Hazrat Ḥamzas, war die Ehefrau ʿAwwāms beziehungsweise die Mutter Zubayrs (r.a.). Ṣafiyya war die Ehefrau von Khadīǧas jüngerem Bruder. Das vierte Kind war Hāla. Sie war die Mutter von Abū al-ʿĀṣ ibn ar-Rabīʿ, dem Ehemann Hazrat Zaynabs (r.a.), der Tochter des Gesandten Allahs (s.a.w.). Abū al-ʿĀṣ war der älteste Schwiegersohn des Gesandten Allahs (s.a.w.). Das fünfte Kind war Ruqayya. Von den fünf Geschwistern starben Ḥizām, ʿAwwām und Ruqayya noch vor dem Aufkommen des Islams. Hazrat Khadīǧa und Hāla hatten das Glück, den Islam anzunehmen.
Über den Zeitpunkt des Todes von Chadidschas Vater gibt es unterschiedliche Auffassungen. Einige sagen, er sei im Fidschar-Krieg gefallen. Nach Ansicht von Imam as-Suhaili starb er bereits vor dem Fidschar-Krieg. Damals war Chadidscha fünfunddreißig Jahre alt. Nach Ansicht einiger starb er erst nach der Heirat mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). (Hayāt as- Sahāba– 2/652)।
Ob es nun am Tod ihres Vaters oder ihres Ehemannes oder an einem anderen Grund lag: Wie viele Angehörige des Stammes Quraisch war auch Chadidscha eine bedeutende Geschäftsfrau. Ibn Saʿd sagt über ihr Geschäft: „Chadidscha war eine äußerst angesehene und wohlhabende Geschäftsfrau. Ihre Handelswaren wurden nach Syrien gebracht, und allein ihre Waren entsprachen der gesamten Warenmenge der Quraisch.“ Diese Aussage Ibn Saʿds vermittelt einen Eindruck vom Umfang von Chadidschas Geschäftstätigkeit. Durch die Einstellung geeigneter Personen gegen eine Beteiligung oder einen Lohn kaufte und verkaufte sie Waren im In- und Ausland.
Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war damals ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann. Inzwischen hatte er durch mehrere Handelsreisen mit seinem Onkel Abu Talib oder allein umfangreiche Erfahrungen im Geschäftsleben gesammelt. Auch seine Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit im Handel waren in Mekka in aller Munde. Für alle war er damals al-Amīn, der Vertrauenswürdige. Auch Chadidscha hatte von seinem guten Ruf gehört. Insbesondere dürfte sie von ihrer jüngeren Schwägerin Safiyya vieles über Muhammad al-Amīn (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gehört haben.
Einmal beschloss Chadidscha, Waren zum Kauf und Verkauf nach Syrien zu schicken. Sie suchte nach einer geeigneten Person. Dazu überliefert az-Zurqānī von al-Wāqidī: „Abu Talib rief Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und sagte: Neffe! Ich bin ein armer Mann, und die Zeiten sind äußerst schwierig. Wir sind von einer schweren Hungersnot heimgesucht worden. Wir verfügen weder über ein Geschäft noch über andere Mittel und Möglichkeiten. Eine Handelskarawane deines Stammes zieht nach Syrien. Chadidscha sucht jemanden, den sie mit ihren Waren schicken kann. Wenn du zu ihr gingest, würde sie vielleicht dich auswählen. Sie kennt deine untadelige Persönlichkeit. Zwar wünsche ich nicht, dass du nach Syrien gehst, und ich fürchte wegen der Juden um dein Leben, doch es gibt keinen anderen Ausweg.“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erwiderte, vielleicht werde sie selbst jemanden schicken. Abu Talib sagte: Vielleicht hat sie bereits jemand anderen eingestellt. Das Gespräch zwischen Onkel und Neffe gelangte an Chadidschas Ohr. „Da schickte sie jemanden zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm).“ (Anmerkung, Sīrat Ibn Hischām– 1/188)Es sei erwähnt, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in seiner Jugend einmal mit seinem Onkel nach Syrien gereist war. Damals hatte der Mönch Buhaira Abu Talib vor dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gewarnt. In der oben angeführten Überlieferung spielte Abu Talib darauf an.
Khadidscha ließ Muhammad durch jemanden ein Angebot übermitteln: Wenn er die Verantwortung für das Handelsgeschäft übernähme und nach Syrien reiste, würde sie ihm im Vergleich zu anderen den doppelten Gewinn geben. Muhammad stimmte zu.
Muhammad ﷺ reiste mit den Waren von Khadidscha رضي الله عنها und ihrem treuen Diener Maysara nach Syrien. Unterwegs saß er im Schatten eines Baumes neben einer Kirche. Der Priester der Kirche ging auf Maysara zu und fragte: „Wer ist der Mann, der unter dem Baum ruht?“ Maysara antwortete: „Ein Angehöriger des Stammes Quraisch, aus dem heiligen Bezirk von Mekka.“ Der Priester sagte: „Derjenige, der jetzt unter diesem Baum ruht, kann niemand anderes als ein Prophet sein.“ Historiker nennen diesen Priester Nastura.(Anmerkung, Sīrat Ibn Hišām– 1/188) Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī hingegen nennt diesen Priester Buhaira.(Al-–Iṣāba 4/281) Er berichtet ferner, dass der Gesandte Allahs ﷺ mit diesen Handelswaren zum Markt von Basra gereist sei. At-Tabarī überliefert von Ibn Schihāb az-Zuhrī, dass der Gesandte Allahs ﷺ mit Khadidschas Waren nicht nach Syrien, sondern zu einem abessinischen Markt im Jemen gereist sei. Die Überlieferung von der Reise nach Syrien ist jedoch am weitesten verbreitet.(Tārīch al-Umma al- Islāmiyya, Muhammad al-–Chidrī Bek: 1/64)
Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkaufte die Waren auf dem Markt von Syrien und kaufte, was gekauft werden musste. Dann machte er sich gemeinsam mit Maisara auf den Weg nach Mekka. Unterwegs bemerkte Maisara, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) auf seinem Kamel ritt und zwei Engel ihn in der sengenden Mittagshitze beschatteten. So kehrte er nach Mekka zurück und verkaufte Khadidschas Waren. Diesmal betrug der Gewinn das Doppelte oder nahezu das Doppelte. Nach ihrer Rückkehr schilderte der treue Diener Maisara seiner Herrin Khadidscha ausführlich die Bemerkung des Priesters und die wundersamen Ereignisse der Reise. (Sīrat Ibn Hischām– 1/189)
Hazrat Khadidscha (möge Allah mit ihr zufrieden sein) war eine kluge und verständige, vornehme Frau. Die Menschen aller Schichten Mekkas waren von ihrem Reichtum, ihrer Höflichkeit und ihrer gesellschaftlichen Gewandtheit beeindruckt. Viele vornehme junge Männer der Quraisch hofften, sie zur Ehefrau zu gewinnen. Sie wies sie alle zurück. Nachdem Khadidscha aus dem Mund Maisaras alles erfahren hatte, ließ sie selbst dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) einen Heiratsantrag übermitteln. (Sīrat Ibn Hischām– 1/189)
Über die Art und Weise, wie und unter welchen Umständen der Heiratsantrag gemacht wurde, gibt es verschiedene Überlieferungen. Doch alle Überlieferungen stimmen darin überein, dass Khadidscha dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als Erste diesen Antrag unterbreitete.
In einer Überlieferung heißt es, dass Chadidscha selbst mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sprach und ihn bat, ihrem Vater den Heiratsantrag vorzutragen. Er lehnte dies jedoch ab, weil ihr Vater ihn wegen seiner Armut vielleicht zurückweisen würde. Schließlich trug Chadidscha die Angelegenheit ihrem Vater selbst vor, als dieser infolge übermäßigen Alkoholkonsums betrunken war, und erlangte seine Zustimmung. Nachdem er wieder nüchtern geworden war, änderte er jedoch erneut seine Meinung. Chadidscha erlangte daraufhin abermals seine Zustimmung.(Hayātus Sahāba– 2/652) In einer anderen Überlieferung heißt es, dass Nafīsa bint Maniyya, die Ehefrau von Hadrat Yaʿlā und eine Freundin Chadidschas, die gesamte Initiative in dieser Angelegenheit ergriff. Sie unterbreitete dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, als Erste im Namen Chadidschas folgenden Antrag: „Wenn man Sie zu Wohlstand, Schönheit und gesichertem Lebensunterhalt einladen würde, würden Sie dies annehmen? … Diese Worte bezogen sich auf Hadrat Chadidscha.
Die Angelegenheit wurde endgültig geregelt. Am festgesetzten Tag erschienen Abū Tālib, Hamza und einige weitere Angehörige der Familie des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, im Haus Chadidschas. Auch Chadidscha hatte die angesehenen Angehörigen ihrer Familie eingeladen. In Anwesenheit aller hielt Abū Tālib die Trauansprache. Aufgrund ihrer literarischen Vollendung nimmt diese Ansprache in der arabischen Prosadichtung der vorislamischen Zeit einen besonderen Platz ein. Als Brautgabe wurden fünfhundert Goldmünzen festgesetzt. Chadidscha übernahm selbst sämtliche Kosten beider Seiten. Sie schickte dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zwei Uqiyya Gold und Silber und bat ihn, damit die Kleidung für beide sowie das Walīma-Fest zu organisieren.(Hayātus Sahāba– 2/652) Auf diese Weise wurde Hadrat Chadidscha zur „Mutter der Gläubigen“. Dies geschah fünfzehn Jahre vor dem Beginn der Prophetenschaft. Obwohl unter den Sīra-Fachgelehrten hinsichtlich ihres damaligen Alters Meinungsverschiedenheiten bestehen, war der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach der zuverlässigsten Ansicht fünfundzwanzig Jahre alt und Chadidscha vierzig.
Fünfzehn Jahre nach der Eheschließung wurde Hadrat der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zum Propheten berufen. Als Erste informierte er Chadidscha, möge Allah mit ihr zufrieden sein, darüber. Chadidscha war bereits zuvor fest davon überzeugt gewesen, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein Prophet werden würde. Im Kapitel „Der Beginn der Offenbarung“ von Sahīh al-Buchārī wird diese Angelegenheit in einem Hadith ausführlich behandelt. Hadrat ʿĀʾischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, berichtet: Die erste Offenbarung an den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, begann mit wahren Träumen im Schlaf. Alles, was er im Traum sah, wurde so deutlich wie das Licht der Morgensonne. Danach liebte er es, sich zurückzuziehen. Er nahm Nahrung und Getränke mit und ging zur Höhle Hirā. Dort widmete er sich mehrere Tage hintereinander der Anbetung. Wenn seine Vorräte aufgebraucht waren, kehrte er zu Chadidscha zurück. Dann nahm er erneut Lebensmittel mit und ging wieder in die Höhle. Eines Tages kam ihm in diesem Zustand die Wahrheit. Ein Engel kam zu ihm und sagte: „Lies!“ Er sagte: „Ich kann nicht lesen.“ Der Engel drückte ihn so fest, dass er Schmerzen verspürte. Dann ließ er ihn los und sagte erneut: „Lies!“ Wieder sagte er: „Ich kann nicht lesen.“ Auch beim zweiten und dritten Mal behandelte ihn der Engel genauso wie beim ersten Mal. Schließlich sagte er: „Lies im Namen deines Herrn, der erschaffen hat, der den Menschen aus einem Blutklumpen erschaffen hat …“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kehrte zitternd vor Angst nach Hause zurück. Er rief Chadidscha und sagte: „Bedecke mich mit einer Decke, bedecke mich mit einer Decke!“ Sie bedeckte ihn, und seine Angst legte sich. Er erzählte Chadidscha den gesamten Vorfall und äußerte seine Sorge um sein Leben. Chadidscha sagte: „Nein, das kann niemals geschehen. Ich schwöre bei Allah, Er wird dich nicht erniedrigen. Du pflegst die Bande der Verwandtschaft, hilfst den Armen und Bedürftigen, bewirtest Gäste und hilfst den Menschen in Not.“
Daraufhin nahm Hadīdscha (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit zu seinem Cousin Waraqa ibn Naufal. In jener Zeit der Dschāhilīya hatte er das Christentum angenommen. Er schrieb das Injīl in hebräischer Sprache. Er war alt und blind. Hadīdscha sagte: „Hören Sie doch, was Ihr Neffe sagt.“ Er fragte: „Neffe, was ist mit dir geschehen?“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) schilderte das gesamte Geschehen. Nachdem Waraqa es gehört hatte, sagte er: „Das ist gewiss der Namūs – Allah, den Er zu Mūsā (Friede sei mit ihm) gesandt hatte. O wäre ich doch an jenem Tag noch am Leben und bei Kräften, an dem deine Landsleute dich aus deinem Land vertreiben werden.“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) fragte: „Werden sie mich aus dem Land vertreiben?“ Er sagte: „Ja. Wann immer jemand etwas wie das bringt, was du gebracht hast, stellt sich die ganze Welt gegen ihn. Wenn ich bis zu jener Zeit noch lebe, werde ich dich mit jeder erdenklichen Hilfe unterstützen.“(Buchārī, 1. Band)Kurze Zeit nach diesem Ereignis starb Waraqa.
Nach ihrer Annahme des Islams stiftete Hadīdscha ihr gesamtes Vermögen für die Verbreitung der Religion. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) gab Handel und Geschäfte auf und widmete sich der Anbetung Allahs sowie der Verbreitung des Islams. Sämtliche Einkünfte des Haushalts versiegten. Damit wuchs auch Hadīdschas Sorge. Mit Geduld und Standhaftigkeit begegnete sie allen widrigen Umständen.Al-–IstīʿābIn dem Werk wird berichtet: „Der Schmerz, den der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) wegen der Zurückweisung und des Unglaubens der Götzendiener empfand, schwand, sobald er zu Hadīdscha kam. Denn sie tröstete den Gesandten, stärkte ihn und sprach ihm Mut zu. Sie glaubte all seinen Worten ohne jedes Zögern. Das grobe Verhalten der Götzendiener schilderte sie dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als etwas äußerst Leichtes und Belangloses.“(Tabakāt– 3/740)
Im siebten Jahr der Prophetie, im Monat Muharram, boykottierten die Quraisch die Muslime. Diese suchten Zuflucht im „Schiʿb Abi Talib“. Auch Khadidscha (ra.) wurde dort zusammen mit dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) eingeschlossen. Fast drei Jahre verbrachten die Banu Haschim inmitten einer schweren Hungersnot. Außer den Blättern der Bäume hatten sie keine andere Möglichkeit, ihr Leben zu fristen. Auch Khadidscha ertrug dieses Leid an der Seite ihres Ehemannes mit einem Lächeln. In diesen schweren Zeiten sorgte Hadhrat Khadidscha (ra.) gelegentlich durch ihren Einfluss und auf verschiedene Weise für etwas Nahrung. Ihre drei Neffen – Hakim ibn Hizam, Abu al-Buchtarī und Zumʿa ibn al-Aswad – gehörten allesamt zu den führenden Persönlichkeiten der Quraisch. Obwohl sie keine Muslime waren, spielten sie auf verschiedene Weise eine bedeutende Rolle dabei, den Muslimen Lebensmittel zu schicken. Eines Tages schickte Hakim ibn Hizam durch seinen Diener etwas Weizen zu seiner Tante Khadidscha (ra.). Unterwegs stellte sich Abu Dschahl ihm entgegen. Da erschien plötzlich Abu al-Buchtarī. Er sagte zu Abu Dschahl: „Ein Mann schickt seiner Tante ein wenig Nahrung, und du willst ihn daran hindern?“ ((Sīrat Ibn Hischām– 1/192)
Die Anweisung zur Verpflichtung des Gebets war noch nicht offenbart worden; Hadhrat Khadidscha (ra.) verrichtete jedoch von Anfang an gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) im Haus das Gebet. (at-Tabaqāt– 8/10)Ibn Ishaq berichtet, dass Ali (ra.) eines Tages sah, wie die beiden – nämlich der Prophet (sallallahu alaihi wa sallam) und Khadidscha (ra.) – das Gebet verrichteten. Ali (ra.) fragte: „Muhammad, was ist das?“ Daraufhin unterbreitete der Gesandte Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) Ali die Einladung zu der neuen Religion und untersagte ihm, dies jemandem mitzuteilen. (Hayāt as-Sahāba– 1/70) Aus diesem Bericht wird ersichtlich, dass Hadhrat Khadidscha (ra.) unter der Umma Muhammads (sallallahu alaihi wa sallam) als Erste die Ehre erlangte, gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam) das Gebet zu verrichten.
Ein Mann namens Afīq al-Kindī war nach Mekka gekommen, um einige Einkäufe zu tätigen. Er hielt sich im Haus von Hadhrat al-ʿAbbās (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) auf. Eines Morgens bemerkte er, dass ein junger Mann zur Kaaba kam und zum Himmel blickte. Dann stellte er sich mit dem Gesicht zur Gebetsrichtung auf. Ein Knabe kam und stellte sich neben ihn. Danach kam eine Frau. Auch sie stellte sich hinter die beiden. Nachdem sie das Gebet beendet hatten, gingen sie fort. Afīq al-Kindī hatte diese Szene beobachtet. Er sagte zu al-ʿAbbās: „Etwas Außergewöhnliches steht bevor.“ Al-ʿAbbās sagte: „Ja.“ Dann fügte er hinzu: „Dieser junge Mann ist mein Neffe Muhammad.“ „Der Knabe ist mein anderer Neffe ʿAlī, und die Frau ist Muhammads Ehefrau. Soweit ich weiß, sind sie die einzigen drei Menschen auf der Welt, die dieser neuen Religion folgen.“(Ṭabaqāt: 8/10–11)
Ibn al-Athīr sagt, dass unter der muslimischen Gemeinschaft Konsens darüber besteht, dass Hadhrat Khadīdscha (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) als Erste an den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) glaubte. Zum Zeitpunkt ihrer Annahme des Islams war sie fünfzig Jahre alt. Ihre Annahme des Islams beeinflusste auch die Menschen aus ihrer väterlichen Familie. Zur Zeit des Aufkommens des Islams lebten fünfzehn bekannte Persönlichkeiten aus dem väterlichen Stamm Banū Asad ibn ʿAbd al-ʿUzzā. Zehn von ihnen nahmen den Islam an. Die übrigen fünf wurden als Ungläubige in der Schlacht von Badr getötet.
Nachdem Hadhrat Khadīdscha (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) fünfundzwanzig Jahre mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) verheiratet gewesen war, verstarb sie im zehnten Jahr der Prophetie, am zehnten Ramadan, im Alter von fünfundsechzig Jahren, in Mekka. Die Vorschrift für das Totengebet war damals noch nicht erlassen worden. Daher wurde sie ohne Totengebet auf dem Friedhof von Mekka, in Jannat al-Muʿallā, beigesetzt. Der edle Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) ließ ihren Leichnam eigenhändig in das Grab hinab. (Al-–Iṣāba: 4/283)
Nur kurze Zeit nach dem Tod von Hadhrat Khadīdscha (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) verstarb ihr Onkel Abū Ṭālib, ein besonderer Unterstützer des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm). In einer Überlieferung bei al-Istiʿāb heißt es allerdings, dass Khadīdscha drei Tage nach dem Tod Abū Ṭālibs verstarb. In Notlagen pflegte gerade dieser Onkel den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) auf vielfältige Weise zu unterstützen. Wegen des Todes zweier naher Angehöriger des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) wurde dieses Jahr von der muslimischen Gemeinschaft „ʿĀm al-Ḥuzn“, also das Jahr der Trauer, genannt.
Hazrat Khadidscha (r.a.) war die Mutter vieler Kinder. Von ihrem ersten Ehemann Abu Hala wurden zwei Söhne namens Hala und Hind geboren. Beide nahmen den Islam an und erlangten die Ehre, Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) zu werden. Hind nahm an der Schlacht von Badr, nach einer anderen Überlieferung an der Schlacht von Uhud, an der Seite des Gesandten Allahs (s.a.w.) teil. Er war ein wortgewandter Redner. In der Kamelschlacht fiel er auf der Seite Alis (r.a.) als Märtyrer. Von ihrem zweiten Ehemann ʿAtiq wurde eine Tochter namens Hindah geboren. Auch sie nahm den Islam an und erlangte die Ehre, eine Gefährtin zu werden. (Scharḥ al- Mawāqib, al-–Istiʿāb, Ḥāschiya, Sīrat Ibn Hischām– 1/187)Nach einer anderen Überlieferung hatte sie aus ihrer ersten Ehe drei Kinder. Zwei Söhne: Hind und Harith. Harith wurde von einem Ungläubigen in der Nähe der jemenitischen Ecke der Kaaba als Märtyrer getötet. Eine Tochter war Zaynab. Die Tochter aus ihrer zweiten Ehe trug die Kunya Umm Muhammad. (Dāʾirat– al-–Maʿārif-i-’Islām–i-–ya)
Aus der gesegneten Ehe des ehrwürdigen Gesandten Allahs wurden sechs Kinder geboren. Das erste Kind war Hazrat Qasim. Er verstarb in jungen Jahren in Mekka. Nach seinem Namen erhielt der Gesandte Allahs die Kunya Abu al-Qasim. Vor seinem Tod hatte er bereits gelernt, auf eigenen Füßen die ersten Schritte zu machen. Das zweite Kind war Hazrat Zainab. Das dritte Kind war Hazrat Abdullah. Er wurde nach dem Empfang der Prophetenschaft geboren und erhielt daher die Beinamen Tayyib und Tahir. Er verstarb in jungen Jahren. Das vierte Kind war Hazrat Ruqayya. Das fünfte Kind war Hazrat Umm Kulthum. Das sechste Kind war Hazrat Fatima, möge Allah mit ihr zufrieden sein. Es sei darauf hingewiesen, dass Ibrahim ein Kind aus dem Schoß von Hazrat Maria war.
Hazrat Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, liebte ihre Kinder sehr. Sie war auch finanziell wohlhabend. Sie stellte Salama, die Sklavin von Uqba, gegen Lohn zur Betreuung der Kinder an.
Unter den ehrwürdigen Ehefrauen des edlen Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahm Hazrat Khadija die höchste Stellung ein. Sie war seine erste Ehefrau und heiratete den Gesandten Allahs im Alter von vierzig Jahren. Während ihrer Lebenszeit schloss der edle Prophet keine weitere Ehe. Außer Hazrat Ibrahim wurden alle Kinder des Gesandten Allahs von ihr geboren.
Die Vorzüge und die hohe Stellung der Mutter der Gläubigen, Hazrat Khadija, lassen sich nicht vollständig beschreiben. Mit staunender Bewunderung stellen wir fest, wie eine Frau in jener finsteren Zeit Arabiens ohne jedes Zögern an die Prophetenschaft des Gesandten Allahs glaubte. In ihrem Herzen gab es nicht den geringsten Zweifel oder die geringste Unsicherheit. Der erste Tag, an dem die Offenbarung herabgesandt wurde, ihr Gang zu Waraqa und ihre entschlossene Erklärung bezüglich der Prophetenschaft des Gesandten Allahs – all dies verdient ein eingehendes Nachdenken. Schon vor dem Empfang der Prophetenschaft durch den Gesandten Allahs scheint Khadija fest davon überzeugt gewesen zu sein, dass er ein Prophet werden würde. Daher zeigte sich in ihrem Herzen auch nach dem Erscheinen Jibrils nicht einen Augenblick lang irgendein Zögern. Dadurch wurden ihre tiefe Weitsicht und ihre scharfe Beobachtungsgabe deutlich. Sowohl vor als auch nach dem Empfang der Prophetenschaft erwies sie dem Gesandten Allahs stets Ehre und glaubte jedes seiner Worte. Während der fünfundzwanzig Jahre ihres Ehelebens konnte sich in ihrem Herzen auch nicht für einen Augenblick irgendein Zweifel festsetzen. Selbst in jener Zeit der Unwissenheit war sie vollkommen rein. Sie betete niemals Götzen an. Eines Tages sagte der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihr: „Ich werde Lat und Uzza niemals anbeten.“ Khadija sagte: „Lassen Sie Lat und Uzza beiseite. Erwähnen Sie sie überhaupt nicht.“(Musnad Ahmad– 4/222)
Sie war nicht nur die Erste, die an die Muhammadanische Prophetenschaft glaubte und mit ihm als Erste das Gebet verrichtete. Die Kraft, die sie dem Islam in jener äußerst schweren Zeit verlieh, wird für immer unvergessen bleiben. In jener Anfangszeit des Islam war sie in Wahrheit die Ratgeberin des Gesandten Allahs. Nach ihrer Heirat mit dem Gesandten Allahs übergab sie ihm ihr gesamtes Vermögen. Zaid ibn Haritha war ihr geliebter Sklave. Auch ihn übergab sie ihrem Ehemann. Der Gesandte Allahs liebte Zaid besonders und ließ ihn daher zu ihrer Freude frei.
Obwohl sie eine wohlhabende Frau aus Mekka war, kümmerte sie sich eigenhändig um ihren Ehemann. Einmal brachte sie in einem Gefäß etwas für den Gesandten Allahs. Hazrat Jibril, Friede sei auf ihm, sagte zum Gesandten: „Übermittle ihr den Friedensgruß Allahs, des Erhabenen, und meinen Friedensgruß.“(Buchari)
Der ehrwürdige Gesandte Allahs vergaß auch nach dem Tod seine geliebte Ehefrau Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, nicht. Wenn nach ihrem Tod zu Hause ein Tier geschlachtet wurde, ließ er nach ihren Freundinnen suchen und schickte ihnen Fleisch in jedes einzelne Haus. Hazrat Aischa sagte: „Obwohl ich Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, nie gesehen hatte, war ich auf sie eifersüchtig. Bei keiner anderen war es so. Denn der edle Prophet erinnerte sich stets an sie.“ Manchmal brachte Hazrat Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, den Gesandten Allahs zum Zorn. Der Gesandte sagte: „Allah hat ihre Liebe in meinem Herzen verankert.“
Nach dem Tod von Hazrat Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, kam ihre Schwester Hala einmal, um den ehrwürdigen Gesandten Allahs zu besuchen. Sobald der Gesandte Allahs ihre Stimme hörte, rief er aus: „Bist du gekommen, Hala?“ In diesem Augenblick stieg die Erinnerung an Khadija in seinem Geist auf. Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, sagte spontan: „Sie erinnern sich an eine alte Frau, die gestorben ist. Allah hat Ihnen Ehefrauen geschenkt, die weitaus besser sind als sie.“ Darauf erwiderte der edle Prophet: „Niemals! Als die Menschen mich der Lüge bezichtigen und zurückweisen wollten, hielt sie mich für wahrhaftig. Als alle ungläubig waren, war sie Muslimin. Als niemand mir zu Hilfe kam, half sie mir. Von ihr stammen meine Kinder.“ Wir sind der Ansicht, dass es keine treffendere Würdigung von Hazrat Khadija, möge Allah mit ihr zufrieden sein, geben kann.
Über die Vorzüge Hadhrat Chadidschas (r.a.) wurden zahlreiche Hadithe überliefert. In Sahih al-Buchari und Muslim heißt es: Die besten Frauen auf Erden sind Maryam bint Imran und Chadidscha bint Chuwailid. Hadhrat Dschibril (a.s.) saß beim Gesandten Allahs (s.a.w.s.). Da kam Chadidscha (r.a.). Dschibril (a.s.) sagte zum Gesandten Allahs (s.a.w.s.): „Verkünde ihr die frohe Botschaft von einem Paradiespalast aus Perlen und Edelsteinen.“ ((Buchari))
Abu Bakr Siddiq ((r.a.))
Sein Name war Abdullah, seine Beinamen waren Siddiq und Atiq, und seine Kunya war Abu Bakr. Sein Vater hieß Uthman und hatte die Kunya Abu Quhafa. Seine Mutter hieß Salma und hatte die Kunya Umm al-Chair. In der sechsten Generation aufwärts, bei Murra, traf sich seine Abstammung mit der Abstammung des Gesandten Allahs (s.a.w.s.). Er wurde etwas mehr als zwei Jahre nach der Geburt des Gesandten Allahs geboren, und beide verstarben in einem entsprechenden zeitlichen Abstand. Daher war er zum Zeitpunkt seines Todes genauso alt wie der Gesandte Allahs (s.a.w.s.).
Er hatte einen hellen, strahlenden Teint, war schlank und zierlich und hatte eine breite Stirn. Im hohen Alter waren seine Haare weiß geworden. Er färbte sie mit Henna. Er war äußerst barmherzig und geduldig.
Er gehörte zu den angesehensten Männern der Quraisch. Wegen seines Wissens, seiner Geistesgaben, Erfahrung, Intelligenz, Umsicht und seines guten Charakters genoss er bei allen Einwohnern von Mekka hohes Ansehen. In der Dschahiliyya wurde das gesamte Geld der Bewohner von Mekka für die Diya, also das Blutgeld, bei ihm hinterlegt. In der Kenntnis der Abstammung und Genealogie der Araber war er der größte Fachmann. Er besaß auch dichterische Begabung. Er sprach äußerst rein und klar. Er verfügte über eine von Gott verliehene Fähigkeit zu Redekunst und Beredsamkeit.
Er war in seinem Stamm äußerst beliebt, freundschaftlich und liebenswürdig. Er war Kaufmann, freigebig und charakterfest. Selbst in der Dschahiliyya trank er niemals Wein. Wegen seines liebenswürdigen Umgangs, seiner Gelehrsamkeit und seiner kaufmännischen Fähigkeiten schlossen viele Menschen Freundschaft und nähere Bekanntschaft mit ihm. In seinem Haus fanden täglich regelmäßige Zusammenkünfte angesehener Männer aus Mekka statt.
Der Vater Hadhrat Abu Bakrs, Abu Quhafa, war unter den Quraisch eine sehr angesehene Persönlichkeit. Er war hochbetagt und wohlhabend. Sein Haus war nicht nur für Handel und Geschäftsleben bekannt; auch bei gesellschaftlichen Angelegenheiten wurde seine Meinung mit größtem Respekt berücksichtigt. Obwohl er bis zur Eroberung Mekkas keine Zuneigung zum Islam entwickelte, gibt es in der Geschichte keinen Beleg dafür, dass er seinen Sohn Abu Bakr vom Islam abzubringen versucht hätte. Wenn er allerdings gelegentlich Hadhrat Ali (r.a.) sah, sagte er: „Diese Burschen haben meinen Sohn verdorben.“ Am Tag der Eroberung Mekkas begab er sich zum Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und bekannte sich zum Islam. Im 14. Jahr der Hidschra verstarb er im Alter von ungefähr hundert Jahren. Im hohen Alter hatte er sein Augenlicht verloren.
Die Mutter Hadhrat Abu Bakrs, Umm al-Chair, nahm bereits lange vor ihrem Ehemann in der frühen Phase des Islams in Mekka den Islam an. Sie gehörte zu denjenigen, die im Dar al-Arqam in Mekka den Islam annahmen. Wie ihr Ehemann erreichte auch sie ein hohes Alter. Im Alter von ungefähr neunzig Jahren verließ sie diese Welt, während ihr Sohn das Kalifat innehatte.
Abu Bakr war der einzige Sohn seines Vaters. Er wurde mit großer Liebe, Fürsorge und in Wohlstand aufgezogen. Von seiner Kindheit bis zum Beginn seiner Jugend war er von seinem Vater abhängig. Im Alter von zwanzig Jahren übernahm er selbst die Verantwortung für die Handelsgeschäfte seines Vaters.
Seit seiner Kindheit war Abu Bakr mit dem Gesandten Allahs (s) befreundet. Er begleitete ihn auf den meisten seiner Handelsreisen. Einmal reiste er mit dem Gesandten Allahs (s) zu Handelszwecken nach Syrien. Abu Bakr war damals etwa achtzehn und der Gesandte Allahs (s) zwanzig Jahre alt. Als sie die Grenze Syriens erreichten, setzte sich der Gesandte Allahs (s) zur Rast unter einen Baum. Abu Bakr ging ein wenig voraus und sah sich um. Dabei begegnete er einem christlichen Priester, und sie unterhielten sich eine Weile über die Religion. Mitten im Gespräch fragte der Priester: „Wer ist dort unter dem Baum?“ Abu Bakr antwortete: „Ein junger Quraisch, namens Muhammad ibn Abdillah.“ Der Priester rief aus: „Dieser Mann wird der Prophet der Araber sein.“ Diese Worte prägten sich Abu Bakr tief ins Herz ein. Von da an wurde seine Überzeugung immer stärker, dass der Gesandte Allahs (s) tatsächlich ein Prophet sei. In den Geschichtswerken wird der Name dieses Priesters als Buhaira oder Nastura überliefert.
Als der Gesandte Allahs (s) seine Berufung zum Propheten verkündete, herrschte in Mekka große Aufregung. Die einflussreichen und wohlhabenden Anführer Mekkas stellten sich entschlossen gegen ihn. Manche nannten ihn verrückt, andere behaupteten, er sei von einem Dschinn besessen. Auf das Betreiben der Anführer und nach ihrem Vorbild hielten sich auch die einfachen Leute vom Islam fern. Unter den wohlhabenden und angesehenen Männern der Quraisch war Abu Bakr der Einzige, der dem Gesandten Allahs (s) beistand, ihm Mut zusprach und ohne jedes Zögern an seine Prophetenschaft glaubte. In diesem Zusammenhang sagte der Gesandte Allahs (s): „Bei jedem, den ich zum Islam eingeladen habe, bemerkte ich – außer bei Abu Bakr – eine gewisse innere Zurückhaltung.“ So wurde Abu Bakr unter den erwachsenen freien Männern der Erste, der Muslim wurde.
Nach seinem Übertritt zum Islam widmete er sich gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s) der Da’wa, um die Grundlagen des Islam zu festigen. Er rief die Stämme in der Umgebung Mekkas zum Islam auf. Während der Hadsch-Saison ging er zu den verschiedenen Zelten und lud die Menschen zum Islam ein. Den von außerhalb Mekkas kommenden Menschen erklärte er den Islam und stellte ihnen den Gesandten Allahs (s) vor. Auf diese Weise erfuhren die Araber von der von ihm verkündeten Religion und glaubten an ihn. Durch seinen persönlichen Einfluss und seine Bemühungen nahmen zahlreiche Menschen den Islam an, darunter namhafte junge Männer des damaligen Quraisch-Geschlechts wie Uthman, Zubair, Abd ar-Rahman, Sa’d und Talha.
Als der Gesandte Allahs (s) seine Prophetenschaft öffentlich verkündete, besaß Abu Bakr vierzigtausend Dirham. Für den Islam stiftete er sein gesamtes Vermögen. Mit diesem Geld kaufte er jene Sklaven und Sklavinnen der Quraisch frei, die wegen ihres Übertritts zum Islam bedrängt und gefoltert wurden. Als er dreizehn Jahre später gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s) nach Medina auswanderte, waren ihm von diesem Geld nur noch zweieinhalbtausend Dirham geblieben. Schon bald wurden auch die übrigen Dirham für den Islam ausgegeben. Bilal, Chabbab, Ammar, Ammars Mutter Sumayya, Suhaib, Abu Fukaiha und viele andere Sklaven und Sklavinnen erlangten durch sein Geld die Freiheit von den Fesseln der Sklaverei. Daher sagte der Gesandte Allahs (s) später: „Ich habe jedem Menschen seine Wohltat vergolten. Doch die Wohltaten Abu Bakrs sind so groß, dass ich sie nicht vergelten kann. Allah wird ihn dafür belohnen. Kein Vermögen hat mir so viel Nutzen gebracht wie seines.“
Als viele Menschen nach den Worten des Gesandten Allahs (s) über die Mi’radsch zwischen Glauben und Unglauben schwankten, glaubte Abu Bakr ohne jedes Zögern daran. Hadhrat Hasan (r) berichtet: „Als sie von der Mi’radsch hörten, verließen zahlreiche Muslime den Islam. Die Menschen gingen zu Abu Bakr und sagten: ‚Abu Bakr, glaubst du deinem Freund? Er behauptet, in der vergangenen Nacht nach Bait al-Maqdis gegangen zu sein, dort gebetet zu haben und anschließend nach Mekka zurückgekehrt zu sein.‘“
Abu Bakr sagte: „Glaubt ihr ihm etwa nicht?“ Sie antworteten: „Ja, er sitzt dort in der Moschee und erzählt den Menschen genau dies.“ Abu Bakr sagte: „Bei Allah, wenn er das gesagt hat, dann hat er die Wahrheit gesagt. Was findet ihr daran so erstaunlich? Er sagt mir doch auch, dass er Offenbarung von Allah empfängt. Die Offenbarung kommt innerhalb eines einzigen Augenblicks vom Himmel herab. Auch das glaube ich ihm. Das, worüber ihr staunt, ist noch erstaunlicher als jenes.“ Danach ging er zum Gesandten Allahs (s). Dieser fragte ihn: „O Prophet Allahs, sagst du den Menschen, dass du in der vergangenen Nacht nach Bait al-Maqdis gereist bist?“ Er antwortete: „Ja.“ Abu Bakr sagte: „Du hast die Wahrheit gesagt. Ich bezeuge, dass du zweifellos der Gesandte Allahs bist.“ Der Gesandte Allahs (s) sagte: „O Abu Bakr, du bist der Siddiq.“ Auf diese Weise erhielt Abu Bakr den Beinamen „Siddiq“.
In Mekka pflegte der Gesandte Allahs (s) jeden Morgen und jeden Abend Abu Bakr zu Hause aufzusuchen. Wenn er in einer Angelegenheit Rat benötigte, beriet er sich mit ihm. Wenn der Gesandte Allahs (s) zur Da’wa und zur Verkündigung des Glaubens irgendwohin ging, begleitete Abu Bakr ihn gewöhnlich.
Als die Verfolgung der Muslime durch die Götzendiener ihren Höhepunkt erreichte, beabsichtigte er einmal, nach Abessinien auszuwandern. Doch ein Stammesführer namens Ibn ad-Daghina hielt ihn von diesem Entschluss ab. Er gewährte ihm den Schutz der Quraisch unter der Bedingung, dass Abu Bakr das Gebet nicht öffentlich verrichten würde. Doch schon bald wurde es ihm unmöglich, diese Bedingung weiterhin einzuhalten. Er gab Ibn ad-Daghina dessen Schutz zurück und war bereit, den Zustand, in dem sich die anderen muslimischen Brüder befanden, zufrieden anzunehmen.
Die Aufopferung, die Klugheit, die Geduld und die Freundschaft Abu Bakrs in jenem schwierigen Augenblick der Auswanderung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, werden in der Geschichte für immer unvergessen bleiben. Sein Gefährte-Sein wird im Heiligen Qur’an ausdrücklich bezeugt. Ibn Ishaq berichtet: „Als Abu Bakr den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, um die Erlaubnis zur Auswanderung bat, sagte der Gesandte Allahs zu ihm: ‚Übereile dich nicht. Vielleicht wird Allah dir einen Reisegefährten geben.‘ Als Abu Bakr dies hörte, dachte er, der Gesandte Allahs meine vielleicht sich selbst. Daher kaufte er schon damals zwei Kamele und versorgte sie mit größter Sorgfalt – in der Hoffnung, dass sie bei der Auswanderung von Nutzen sein könnten.“
Umm al-Mu’minin Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, berichtet: Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kam mindestens einmal am Tag zum Haus Abu Bakrs. An dem Tag, an dem er die Erlaubnis zur Auswanderung erhielt, kam er zur Mittagszeit zu uns – zu einer Zeit, zu der er sonst nie kam. Sobald Abu Bakr ihn sah, rief er aus: ‚Gewiss ist etwas geschehen. Sonst würde der Gesandte Allahs nicht zu dieser Zeit kommen.‘ Als er das Haus betrat, rückte Abu Bakr auf seinem Bett zur Seite. Im Haus Abu Bakrs waren damals außer meiner Schwester Asma und mir niemand. Der Gesandte Allahs sagte: ‚Schicke die anderen, die sich hier bei dir befinden, von mir weg.‘ Abu Bakr sagte: ‚O Gesandter Allahs, außer meinen beiden Töchtern ist niemand hier. Was ist mit dir geschehen?‘ Der Gesandte Allahs sagte: ‚Allah hat mir die Erlaubnis zur Auswanderung gegeben.‘ Abu Bakr fragte: ‚Darf auch ich dich begleiten?‘ Der Gesandte Allahs sagte: ‚Ja, du darfst.‘ Aischa sagt: ‚Vor diesem Tag wusste ich nicht, dass ein Mensch aus übergroßer Freude so weinen kann. Ich sah Abu Bakr an jenem Tag weinen.‘ Darauf sagte Abu Bakr: ‚O Gesandter Allahs! Sieh, ich habe diese beiden Kamele genau für diesen Zweck vorbereitet.‘
Sie mieteten Abdullah ibn Uraiqit als Wegführer und nahmen ihn mit. Er war ein Götzendiener, jedoch vertrauenswürdig. In der Dunkelheit der Nacht verließen sie das Haus Abu Bakrs durch die Hintertür und suchten Zuflucht in einer Höhle des Berges Thaur im Tiefland von Mekka. Ibn Hischam überliefert von Hasan al-Basri: Sie erreichten nachts die Höhle am Berg Thaur. Bevor der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eintrat, ging Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, in die Höhle und prüfte, ob sich dort ein gefährliches Tier oder eine Schlange beziehungsweise ein Skorpion befand. Er setzte sich dieser Gefahr aus, um den Gesandten Allahs vor Schaden zu bewahren.
Nachdem Umm al-Mu’minin Chadidscha in Mekka verstorben war und Abu Bakr sah, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, niedergeschlagen war, verheiratete er seine noch junge Tochter Aischa mit dem Gesandten Allahs – mit größter Aufrichtigkeit und gebührendem Anstand. Auch die Morgengabe entrichtete er selbst.
Nach der Auswanderung nahm er an allen Feldzügen an der Seite des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, teil. An keinem einzigen Feldzug blieb er unbeteiligt.
Im Feldzug von Tabuk trug er das Banner des muslimischen Heeres. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, während dieses Feldzugs zur Unterstützung aufrief, übergab er ihm alles Geld und Vermögen, das sich in seinem Haus befand. Der Gesandte Allahs fragte: ‚Hast du für deine Söhne und Töchter etwas zu Hause gelassen?‘ Er antwortete: ‚Für sie sind Allah und Sein Gesandter ausreichend.‘
Nach der Eroberung Mekkas, im neunten Jahr nach der Hidschra, ernannte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, anlässlich der ersten Durchführung des islamischen Haddsch zum ‚Amir al-Haddsch‘. Während der letzten Krankheit des Gesandten Allahs übernahm Abu Bakr auf dessen Anweisung die Leitung des Gebets in der Prophetenmoschee. Kurz gesagt: Abu Bakr erfüllte zu Lebzeiten des Gesandten Allahs die Rolle seines Wesirs und Beraters.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs wurde Abu Bakr sein Nachfolger. Nur ihm wurde der Beiname „Khalīfat Rasūlillāh“ verliehen. Die späteren Kalifen erhielten den Titel „Amīr al-Muʾminīn“.
Sein Beruf war der Handel. In der vorislamischen Zeit war er ein wohlhabender Kaufmann der Quraisch. Auch nach seinem Übertritt zum Islam übte er diesen Beruf weiterhin aus, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Nachdem er jedoch Kalif geworden war und die schwere Verantwortung des Kalifats auf seinen Schultern lag, musste er seine Geschäftstätigkeit aufgeben. Auf Drängen von Umar und Abu Ubaida erklärte er sich gemäß dem Beschluss des Schūrā-Rates bereit, je nach Bedarf eine minimale Zuwendung aus dem Bayt al-Māl anzunehmen. Diese betrug zweitausendfünfhundert Dirham im Jahr. Vor seinem Tod ordnete er jedoch an, sein gesamtes bewegliches und unbewegliches Vermögen zu verkaufen und den gesamten aus dem Bayt al-Māl erhaltenen Betrag zurückzuzahlen.
Als die Gefährten angesichts der Nachricht vom Tod des Gesandten Allahs völlig bestürzt waren und sich nicht einmal vorstellen konnten, dass der Gesandte Allahs gestorben sein könnte, erklärte sogar Umar mit einem gezückten Schwert in der Hand: „Wer behauptet, der Gesandte Allahs sei gestorben, den werde ich töten.“ Doch auch in dieser von tiefer Erschütterung geprägten Lage blieb Abu Bakr äußerst standhaft und unerschütterlich. Er wandte sich an die versammelten Menschen und erklärte: „Diejenigen, die Muhammad verehren, sollen wissen, dass Muhammad gestorben ist. Diejenigen aber, die Allah verehren, sollen wissen, dass Allah ewig lebt und nicht stirbt.“ Danach rezitierte er diesen Vers: „Muhammad ist nur ein Gesandter Allahs. Vor ihm sind bereits viele Gesandte dahingegangen. Wenn er stirbt oder getötet wird, werdet ihr dann auf euren Fersen umkehren? Wer auf seinen Fersen umkehrt, kann Allah keineswegs schaden. Allah wird den Dankbaren bald vergelten.“ (Sure Āl ʿImrān–144) Sobald die Menschen diesen Vers aus dem Mund Abu Bakrs hörten, schienen sie wieder zur Besinnung zu kommen. Es war ihnen, als hörten sie diesen Vers zum ersten Mal. So fand das erste schwerwiegende Problem, das unmittelbar nach dem Tod des Gesandten Allahs auftrat, durch Abu Bakrs entschlossenes Eingreifen seine Lösung.
Die Waschung und Bestattung des Gesandten Allahs waren noch nicht vollendet, da nahm die Frage seiner Nachfolge bereits eine komplizierte Wendung. Die Bewohner Medinas, insbesondere die Ansār, versammelten sich an einem Ort namens Saqīfa Banī Sāʿida. Die Ansār forderten: Da wir dem Gesandten Allahs Zuflucht gewährt und den schwachen Islam unter Einsatz unseres Lebens und Besitzes gestärkt und mächtig gemacht haben, muss einer aus unserer Mitte zum Nachfolger des Gesandten Allahs bestimmt werden. Für die Muhādschirūn war diese Forderung nicht akzeptabel. Sie sagten: Wir haben den Samen des Islam gesät und allein ihn bewässert. Daher sind wir in höherem Maße zur Führung des Kalifats berechtigt. Die Lage nahm eine andere Wendung. Abu Bakr wurde gerufen. Er befand sich gerade beim heiligen Leichnam des Gesandten Allahs. Er kam und sprach ruhig und besonnen. Vor seinen Argumenten und Beweisen beugten sich die Ansār. So wurde auch das zweite Problem, das nach dem Tod des Gesandten Allahs auftrat, durch Abu Bakrs Verstand und Klugheit auf schöne Weise gelöst.
Abu Bakr wurde zum Kalifen gewählt. In einer kurzen Ansprache an die versammelten Muhādschirūn und Ansār sagte er: „Gegen meinen Willen bin ich zum Kalifen gemacht worden. Bei Allah, ich wollte, dass jemand anderes aus eurer Mitte diese Verantwortung übernimmt. Ich möchte euch daran erinnern: Wenn ihr wollt, dass mein Verhalten dem Verhalten des Gesandten Allahs gleicht, dann haltet mich für unfähig, diese Stufe zu erreichen. Er war ein Prophet und vor Fehlern und Mängeln bewahrt. Ich besitze keine besondere Stellung wie er. Ich bin ein gewöhnlicher Mensch. Ich kann nicht behaupten, besser zu sein als irgendeiner eurer gewöhnlichen Menschen. … Wenn ihr seht, dass ich richtig handle, dann unterstützt mich. Wenn ihr seht, dass ich vom rechten Weg abweiche, dann weist mich zurecht.“ Diese kurze, richtungsweisende erste Ansprache wird für alle Staatsmänner der Welt auf immer vorbildlich bleiben.
Ein weiterer Ausdruck seiner grenzenlosen Charakterfestigkeit zeigte sich unmittelbar nach dem Tod des Gesandten Allahs darin, dass er das Heer Usāma ibn Zayds entsandte. Wenige Tage vor dem Tod des Gesandten Allahs stellte er ein Heer auf, um den Tod von Zayd ibn Hāritha, Jaʿfar ibn Abī Tālib und ʿAbdullāh ibn Rawāha zu rächen, die beim Feldzug von Muʾta den Märtyrertod erlitten hatten. Zum Befehlshaber dieses Heeres ernannte er den jungen Usāma ibn Zayd. Auf Anweisung des Gesandten Allahs brach Usāma mit seinem Heer nach Syrien auf. Kaum waren sie aus Medina hinausgezogen, erkrankte der Gesandte Allahs. Sie schlugen am Stadtrand von Medina ihr Lager auf und warteten auf die Genesung des Gesandten Allahs. Doch an dieser Krankheit verstarb der Gesandte Allahs. Abu Bakr wurde Kalif. Unterdessen erhoben sich nach der Nachricht vom Tod des Gesandten Allahs in verschiedenen Teilen der Arabischen Halbinsel zahlreiche zerstörerische Kräfte. Einige kehrten dem Islam den Rücken, andere verweigerten die Zahlung der Zakāt, und wieder andere beanspruchten sogar das Prophetentum. In einer derart schwierigen Lage rieten viele, die Entsendung des Heeres Usāmas aufzuschieben. Abu Bakr wies diesen Rat jedoch mit äußerster Entschiedenheit zurück. Wenn er gezögert oder die Entsendung dieses Heeres verzögert hätte, wäre dies nach Übernahme der Verantwortung des Kalifats der erste Ungehorsam gegenüber der Anweisung des Gesandten Allahs gewesen. Denn dieser hatte auf seinem Sterbebett den Befehl gegeben, das Heer Usāmas aufbrechen zu lassen.
Abu Bakr (r.a.) blieb bei seiner Entscheidung, Usamas Heer auszusenden. Daraufhin forderte eine Gruppe der Ansar, Usama zumindest vom Rang des Befehlshabers zu entheben und an seiner Stelle einen älteren Gefährten einzusetzen. Es sei angemerkt, dass Usama damals erst zwanzig Jahre alt war. Umar trug diesen Vorschlag im Namen aller vor. Als Abu Bakr (r.a.) den Vorschlag hörte, geriet er in heftigen Zorn. Er packte Umar (r.a.) am Bart und sagte: „Soll Abu Bakr denjenigen absetzen, den der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) eingesetzt hat?“ Auf diese Weise wies er den Vorschlag zurück.
Auch Umar war ein Soldat in diesem Heer Usamas. Für den neuen Kalifen war es jedoch damals äußerst notwendig, dass Umar in Medina blieb. Der Kalif hätte ihm auf eigenen Entschluss befehlen können, in Medina zu bleiben. Doch statt in Usamas Befugnisse einzugreifen, bat er ihn darum, Umar in Medina zurückzulassen. Usama entsprach der Bitte des Kalifen. Denn Abu Bakr hatte verstanden, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) selbst Usama zum Befehlshaber ernannt hatte. Daher stand Usamas Befugnis in diesem Fall über seiner eigenen. Auf diese Weise setzte Abu Bakr (r.a.) den Befehl des Gesandten Allahs ordnungsgemäß um und enthielt sich selbst des geringsten Widerspruchs dagegen.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) verweigerten die beiden Stämme ʿAbs und Dhubyan die Entrichtung der Zakat. Über diese Angelegenheit wurde am Hof des Kalifen beraten. Viele Gefährten rieten davon ab, gegen sie einen Feldzug zu führen. Abu Bakr (r.a.) blieb jedoch standhaft. Er sagte: „Bei Allah, wenn jemand nun auch nur das Kameljunge verweigert, das zur Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) als Zakat entrichtet wurde, werde ich gegen ihn den Krieg erklären.“
Einige Menschen erhoben den falschen Anspruch auf das Prophetentum. Mit unermesslichem Mut und großer Entschlossenheit führte Abu Bakr (r.a.) Feldzüge gegen diese falschen Propheten und machte alle Verschwörungen gegen den Islam zunichte. Daher bemerkten die Historiker: Wenn es nach Allahs Hilfe und Unterstützung nicht auch Abu Bakrs diese Entschlossenheit gegeben hätte, wäre die Geschichte der muslimischen Nation vielleicht anders geschrieben worden.
Dies wurde dadurch möglich, dass sich im Wesen Abu Bakrs (r.a.) zwei einander entgegengesetzte Eigenschaften vereinigten: grenzenlose Entschlossenheit und Sanftmut. Deshalb herrschte in seinem Charakter stets ein Gleichgewicht. Wenn im Wesen eines Menschen nur eine dieser beiden Eigenschaften vorhanden ist und die andere fehlt, besteht die große Gefahr, dass das Gleichgewicht seines Charakters zerstört wird. Doch durch Allahs Gnade waren beide Eigenschaften in seinem Charakter gleichermaßen vorhanden. Obwohl Abu Bakr (r.a.) das Oberhaupt der Muslime und Kalif war, führte er ein sehr schlichtes Leben. Trotz seines Kalifats ging er durch die Gassen Medinas, um sich nach der Lage der Menschen zu erkundigen, und erledigte von Zeit zu Zeit sogar ihre persönlichen Arbeiten eigenhändig. Umar (r.a.) berichtet: „Ich verrichtete jeden Morgen die Hausarbeit einer alten Frau. Eines Tages erschien ich wie gewöhnlich bei ihr, doch die alte Frau sagte: ‚Heute gibt es keine Arbeit. Ein rechtschaffener Mann hat die Arbeiten bereits vor dir erledigt.‘“ Später erfuhr Umar, dass dieser rechtschaffene Mann Abu Bakr (r.a.) war. Obwohl er Kalif war, pflegte er auf diese Weise die Arbeit einer verwaisten alten Frau zu erledigen. Abu Bakr (r.a.) leitete das Kalifat nur etwa zweieinhalb Jahre. Doch diese kurze Zeit gilt in der Geschichte des Islam als äußerst bedeutend. Sein größter Beitrag nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) bestand darin, die Einheit und Geschlossenheit der muslimischen Umma zu bewahren und die Aufstände in Arabien zu beseitigen. Er errichtete Staat und Regierung auf ein derart solides Fundament, dass die Muslime den Mut fassten, den Krieg gegen die beiden Großmächte Iran und Rom zu erklären, und innerhalb kurzer Zeit viele ihrer Gebiete eroberten.
Ein weiterer Beitrag Abu Bakrs (r.a.) war die Zusammenstellung und Bewahrung des Heiligen Qurans. Im ersten Abschnitt seiner Kalifatszeit brachen an verschiedenen Orten Arabiens Aufstände aus. Bei ihrer Niederschlagung erlitten mehrere Hundert Hafiz des Qurans den Märtyrertod. Allein in der Schlacht gegen Musailima al-Kadhdhab fielen siebenhundert Hafiz als Märtyrer. Danach stellte Abu Bakr (r.a.) auf Umars Rat den gesamten Quran in Buchform an einem Ort zusammen und bewahrte die Abschrift bei sich auf. Diese ursprüngliche Quran-Abschrift ist in der Geschichte als „Mushaf as-Siddiqi“ bekannt. Die Abschriften des Qurans, die später zur Zeit Uthmans (r.a.) angefertigt wurden, waren im Wesentlichen lediglich Kopien des „Mushaf as-Siddiqi“.
Im Heiligen Quran und in den Worten des Gesandten wurde Abu Bakrs grenzenlose Würde und Ehre immer wieder und an zahlreichen Stellen verkündet.
Abu Bakr (r.a.) überlieferte Hadithe vom Gesandten Allahs (s.a.w.s.). Allama adh-Dhahabi erwähnt in seinem Werk „‘Tadhkirat al- Huffaz’“ dass er bei der Überlieferung von Hadithen äußerst vorsichtig war. Wegen seiner übermäßigen Vorsicht ist die Zahl der von ihm überlieferten Hadithe im Vergleich zu anderen sehr gering. Umar, Uthman, Abd ar-Rahman ibn Auf, Ibn Masud, Ibn Umar, Ibn Amr, Ibn Abbas, Hudhaifa, Zaid ibn Thabit, Uqba, Maqil, Anas, Abu Huraira, Abu Umama, Abu Baraza, Abu Musa sowie seine beiden Töchter Aischa und Asma und andere Gefährten überlieferten von ihm Hadithe. Auch angesehene Tabiun überlieferten von ihm.
Am 7. Dschumādā ath-Thāniya des Jahres 13 nach der Hidschra erkrankte Hazrat Abū Bakr (r.a.) an Fieber. Nachdem er 15 Tage krank gewesen war, verstarb er im Monat August 634 n. Chr., entsprechend dem 21. Dschumādā ath-Thāniya des Jahres 13 nach der Hidschra. Er wurde in der Kammer von Hazrat ʿĀischa (r.a.), ein wenig östlich neben dem Gesandten Allahs (s.a.w.), beigesetzt. Er übte zwei Jahre, drei Monate und zehn Tage das Kalifat aus.
’ʿUmar ibn al- Chattab ((r.a.))
Sein Name war ʿUmar, sein Beiname al-Fārūq und seine Kunya Abū Hafs. Sein Vater war Chattab und seine Mutter Hantama. Er gehörte dem Stamm ʿAdī aus dem Stamm der Quraisch an. Durch einen Vorfahren namens Kaʿb, den achten Vorfahren ʿUmars, verband sich seine Abstammung mit der Abstammung des Gesandten Allahs (s.a.w.). Sein Vater Chattab war eine angesehene Persönlichkeit aus dem Stamm der Quraisch. Seine Mutter Hantama war die Tochter des berühmten Heerführers Hischām ibn al-Mughīra aus dem Stamm der Quraisch. Chālid ibn al-Walīd, einer der größten Heerführer des Islams, war ein Enkel dieses al-Mughīra. Am Fuß des Dschabal ʿAqib in Mekka lag im Zeitalter der Dschāhilīya die Siedlung der Banū ʿAdī ibn Kaʿb. Hier befand sich auch der Wohnsitz Hazrat ʿUmars. Im islamischen Zeitalter wurde der Berg nach ʿUmar „Dschabal ʿUmar“ genannt – der Berg ʿUmars. (Ṭabaqāt Ibn Saʿ’d 3/66) ʿUmars Cousin war Zaid ibn Nufail. Vor dem Erscheinen des ehrwürdigen Gesandten Allahs war Zaid einer jener Menschen, die in Arabien zur Zeit der Dschāhilīya mithilfe ihres eigenen Verstandes den Götzendienst aufgaben und zu Anhängern des Tauhīd wurden.
Er wurde dreizehn Jahre nach der Geburt des Gesandten Allahs (s.a.w.) geboren. Auch zum Zeitpunkt seines Todes war er ebenso alt wie der Gesandte Allahs (s.a.w.), nämlich 63 Jahre. Hinsichtlich des Jahres seiner Geburt und seines Eintritts in den Islam besteht unter den Historikern jedoch Uneinigkeit.
Sein Teint war hell und von strahlender, heller Farbe, sein Kopf war kahl, seine Wangen waren fleischlos, sein Bart dicht, beide Seiten seines Schnurrbartes waren lang und kräftig, und sein Körper war hochgewachsen. Selbst inmitten von tausend Menschen erschien er allen anderen gegenüber als der Größte.
Über seine Geburt und seine Kindheit ist nicht viel bekannt. Ibn ʿAsākir führt in seinem Tārīch eine Überlieferung von ʿAmr ibn al-ʿĀs (r.a.) an. Daraus erfahren wir, dass ʿAmr ibn al-ʿĀs eines Tages mit einigen Freunden zusammensaß, als er plötzlich Lärm und Aufregung hörte. Als er sich nach der Nachricht erkundigte, erfuhr er, dass Chattab einen Sohn bekommen hatte. Aufgrund dieser Überlieferung scheint es, dass anlässlich der Geburt von Hazrat ʿUmar ein großes Freudenfest veranstaltet wurde.
Über seine Jugendzeit ist ebenfalls nur sehr wenig bekannt. Wer hätte gewusst, dass sich dieser gewöhnliche, etwas starrköpfige junge Mann eines Tages in den „al-Fārūq al-Aʿẓam“ verwandeln würde? In seiner Jugend ließ ʿU mars Vater ihn als Kamelhirten arbeiten. Er hütete die Kamele an einem Ort namens „Dajnan“ in der Nähe von Mekka. Als er während seiner Kalifenzeit einmal dieses Feld durchquerte, erinnerte er sich gegenüber seinen Gefährten folgendermaßen an seine Kindheit: „Es gab eine Zeit, da hütete ich in wollener Kleidung unter der sengenden Sonne auf diesem Feld die Kamele des Chattab. Chattab war ein äußerst strenger und freudloser Mann. Wenn ich müde wurde und mich ein wenig ausruhte, wurde ich von meinem Vater erbarmungslos geschlagen. Doch heute ist ein Tag gekommen, an dem außer dem einen Allah niemand mehr Gewalt über mich hat.“ (Ṭabaqāt: 3/266–67)
Schon zu Beginn seiner Jugend eignete er sich die für die vornehmen Araber jener Zeit unerlässlichen Kenntnisse an, nämlich Kriegskunst, Ringen, Redekunst und Genealogie. Die Wissenschaft der Genealogie oder der Abstammungsregister erwarb er durch Vererbung. Sowohl sein Vater als auch sein Großvater waren auf diesem Gebiet besonders bewandert. Er war einer der größten Ringer seiner Zeit. Auf dem arabischen Markt von „ʿUkāẓ“ trat er im Ringkampf an. Der Gelehrte Yubayānī sagte: „ʿUmar war ein gewaltiger Ringkämpfer.“ Er war ein berühmter Reiter im Arabien der Dschāhilīya. Der Gelehrte al-Dschāḥiẓ sagte: „Wenn ʿUmar auf ein Pferd stieg, schien es, als sei sein Körper mit der Haut des Pferdes verschmolzen.“ (Al–Bayān wa-t- Tabyīn) Auch besaß er dichterische Begabung. Fast alle Gedichte der berühmten Dichter jener Zeit konnte er auswendig. Tatsächlich war er der Begründer der wissenschaftlich fundierten Richtung der arabischen Literaturkritik. Liest man seine Ansichten über Sprache und Literatur, erkennt man, wie umfassend seine Sachkenntnis auf diesem Gebiet war. Beredsamkeit war eine ihm angeborene Eigenschaft. In seiner Jugend lernte er auch ein wenig lesen und schreiben. al-Balādhurī schrieb: „Als der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, das Prophetentum empfing, konnten im gesamten Stamm der Quraisch nur siebzehn Menschen lesen und schreiben. ʿUmar war einer von ihnen.“
Handel und Geschäftstätigkeit waren in der Zeit der Dschāhilīya ein ehrenvoller Beruf des arabischen Volkes. Auch ʿUmar begann mit dem Handel und machte darin beträchtliche Fortschritte. Im Zuge seiner Geschäfte reiste er in weit entfernte Länder und erhielt Gelegenheit, mit vielen gelehrten und angesehenen Gesellschaften Umgang zu pflegen. Masʿūdī berichtet: „ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, reiste in der Zeit der Dschāhilīya aus geschäftlichen Gründen nach Syrien und in den Irak. Dadurch erhielt er Gelegenheit, mit vielen Königen und Herrschern der Araber und Nichtaraber Umgang zu pflegen.“ Schiblī Nuʿmānī sagt: „Schon in der Zeit der Dschāhilīya hatte sich ʿUmars guter Ruf in ganz Arabien verbreitet. Deshalb setzten die Quraisch stets ihn mit diplomatischen Missionen ein. Wenn es mit einem anderen Stamm zu einem Streit kam, wurde er als Gesandter geschickt, um ihn beizulegen.“(al-–Fārūq: 14)
ʿUmars Annahme des Islams ist ein bemerkenswertes Ereignis. Durch seinen Cousin Zaid war die Botschaft des Tauhīd in seiner Familie keineswegs unbekannt. Als Erster unter ihnen nahm Saʿīd, der Sohn Zaids, den Islam an. Saʿīd heiratete wiederum Fātima, ʿUmars Schwester. Gemeinsam mit ihrem Ehemann nahm auch Fātima den Islam an. Eine weitere angesehene Persönlichkeit aus ʿUmars Familie, Nuʿaim ibn ʿAbdullāh, nahm ebenfalls den Islam an. Bis dahin hatte ʿUmar jedoch überhaupt nichts über den Islam gewusst. Als er zum ersten Mal davon hörte, entbrannte er vor Zorn. Jene aus seiner Familie, die den Islam angenommen hatten, wurden von ihm zu erbitterten Feinden. Inzwischen erfuhr er, dass auch eine seiner Sklavinnen namens Lubaina den Islam angenommen hatte. Er ließ diejenigen, über die er Macht besaß, grausam quälen. Schließlich fasste er den Entschluss, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Hauptverkünder des Islams, aus der Welt zu schaffen. Gesagt, getan.
Überliefert von Anas ibn Mālik: „Mit dem Schwert über der Schulter ging ʿUmar seines Weges. Unterwegs begegnete er einem Mann aus den Banū Zuhra (nach einer anderen Überlieferung: Nuʿaim ibn ʿAbdullāh). Dieser fragte: ‚Wohin gehst du, ʿUmar?‘ Er antwortete: ‚Um Muhammad ein Ende zu bereiten.‘ Der Mann sagte: ‚Wie willst du Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, beseitigen und zugleich den Banū Hāschim und den Banū Zuhra entkommen?‘ Darauf rief ʿUmar: ‚Es scheint, dass auch du deine väterliche Religion aufgegeben und dich einer fremden Religion angeschlossen hast.‘ Der Mann sagte: ‚ʿUmar, höre eine erstaunliche Nachricht: Deine Schwester und dein Schwager sind vom Glauben abgefallen. Sie haben deine Religion aufgegeben.‘ (In Wirklichkeit wollte der Mann ʿUmar damit von seinem eigentlichen Ziel ablenken.) Als ʿUmar dies hörte, stürmte er vor Zorn außer sich zum Haus seiner Schwester und seines Schwagers. An der Haustür ertönte ʿUmars, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Klopfen. Die beiden lernten gerade bei Chabbāb ibn al-Aratt den Qurʾān. Als Chabbāb ʿUmars Ankunft bemerkte, versteckte er sich in einem anderen Raum des Hauses. Zuerst fragte ʿUmar seine Schwester und seinen Schwager: ‚Was war das für ein Gemurmel, das ich bei euch gehört habe?‘ Sie rezitierten gerade die Sure Tā-Hā aus dem Qurʾān. Sie antworteten: ‚Wir haben uns nur miteinander unterhalten.‘ ʿUmar sagte: ‚Wahrscheinlich seid ihr beide vom Glauben abgefallen.‘ Sein Schwager erwiderte: ‚Was wirst du tun, ʿUmar, wenn die Wahrheit irgendwo außerhalb deiner Religion zu finden ist?‘ ʿUmar stürzte sich auf seinen Schwager und begann, ihn heftig mit beiden Füßen zu treten. Als seine Schwester kam, um ihren Mann zu retten, packte ʿUmar sie und schlug sie so heftig, dass ihr Gesicht blutüberströmt war. Seine Schwester rief zornig und aufgebracht: ‚Wenn die Wahrheit außerhalb deiner Religion zu finden ist, so bezeuge ich: Es gibt keine Gottheit außer Allah, und ich bezeuge außerdem: Muhammad ist der Gesandte Allahs.‘
Schon einige Zeit vor diesem Ereignis hatte sich in ʿUmar eine innere Wandlung vollzogen. Die Quraisch hatten die Muslime in Mekka grausam verfolgt und misshandelt, doch keinen Einzigen dazu bringen können, abzufallen. Die Muslime hatten alles stillschweigend auf sich genommen. Wenn es nötig war, hatten sie ihre Häuser und ihre Heimat verlassen, aber den Islam nicht aufgegeben. Dies hatte ʿUmar innerlich erschüttert. Er schwankte in einem Strudel aus Zweifel und innerem Konflikt. Doch heute versetzten ihm das Blut im Gesicht und an den Augen seiner geliebten Schwester sowie ihr Zeugnis für die Wahrheit einen solchen Stoß, dass all seine Zweifel und inneren Konflikte wie Kampfer verflogen. Augenblicklich wurde sein Herz vom Licht der Wahrheit erhellt. Nachdem er sich gereinigt hatte, nahm er seiner Schwester den Abschnitt aus der Sure Tā-Hā aus der Hand und begann, ihn zu lesen. Als er damit fertig war, sagte er: ‚Bringt mich zu Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.‘ Als Chabbāb dies von ʿUmar hörte, kam er nun aus seinem Versteck im Haus hervor. Er sagte: ‚Frohe Botschaft, ʿUmar! In der Nacht zum Donnerstag betete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für dich. Ich hoffe, dass sein Gebet erhört worden ist. Er sagte: „O Allah, stärke den Islam durch ʿUmar ibn al-Chattāb oder durch ʿAmr ibn Hischām.“‘ Chabbāb fügte hinzu: ‚Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, befindet sich jetzt am Fuß von as-Safā im Dār al-Arqam.‘
Umar machte sich auf den Weg zum „Haus des al-Arqam“. Zusammen mit Hamza und Talha bewachten damals einige weitere Gefährten die Tür von al-Arqams Haus. Als sie Umar sahen, gerieten sie in Aufregung. Hamza beruhigte sie jedoch und sagte: Wenn Allah Umar Gutes will, wird er den Islam annehmen und zum Gefolgsmann des Gesandten werden. Andernfalls wäre es für uns sehr leicht, ihn zu töten. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) befand sich im Haus. Zu jener Zeit wurde ihm gerade die Offenbarung herabgesandt. Kurz darauf kam er heraus und trat zu Umar. Er packte Umars Gewand und den Griff seines Schwertes fest und sagte: „Umar, wirst du nicht davon ablassen?“ … Dann sprach er ein Bittgebet: „O Allah, hier ist Umar vor mir! O Allah, stärke die Religion durch Umar!“ Umar rief aus: „Ich bezeuge, dass du der Gesandte Allahs bist.“ Unmittelbar nach seiner Annahme des Islam forderte er auf: „O Gesandter Allahs, kommt aus dem Haus heraus!“ (aṭ-Ṭabaqāt al-kubrā/Ibn Sa’ʿd 3/267–69) Dies ereignete sich im sechsten Jahr der Prophetenschaft.
Imam az-Zuhri überliefert: Nachdem der Gesandte Allahs (s.a.w.) das Haus des al-Arqam betreten hatte, nahm Umar den Islam an. Vor ihm hatten insgesamt vierzig oder etwas mehr Männer und Frauen den Islam angenommen. Nachdem Umar den Islam angenommen hatte, kam Dschibril (a.s.) und sagte: „Muhammad, die Bewohner des Himmels haben sich über Umars Annahme des Islam gefreut.“ (aṭ-Ṭabaqāt: 3/269)
Mit Umars Annahme des Islam begann in der Geschichte des Islam ein neues Kapitel. Obwohl bis dahin vierzig bis fünfzig Menschen den Islam angenommen hatten und sich unter ihnen auch Hazrat Hamza befand, war es für die Muslime dennoch nicht sicher, in die Kaaba zu gehen und zu beten, geschweige denn, sich offen als Muslime zu erkennen zu geben. Mit Umars Annahme des Islam änderte sich diese Lage. Er verkündete den Islam öffentlich und begann, gemeinsam mit den anderen im Haus der Kaaba zu beten.
ʿUmar (r.a.) berichtet: In derselben Nacht, nachdem ich den Islam angenommen hatte, dachte ich darüber nach, wer unter den Bewohnern von Mekka der erbittertste Feind des Gesandten Allahs (s.a.w.) sei. Ich wollte selbst zu ihm gehen und ihm von meinem Übertritt zum Islam berichten. Ich dachte, dass Abu Dschahl der größte Feind sei. Bei Tagesanbruch klopfte ich an seine Tür. Abu Dschahl kam heraus und fragte: „Was führt dich her?“ Ich sagte: „Ich bin gekommen, um dir mitzuteilen, dass ich an Allah und Seinen Gesandten Muhammad (s.a.w.) glaube und die von ihm gebrachten Gebote und Botschaft angenommen habe.“ Kaum hatte er dies gehört, schlug er mir die Tür vor dem Gesicht zu und sagte: „Möge Allah dich und auch die Nachricht, die du gebracht hast, erniedrigen.“ (Sīrat Ibn Hišām)
Auf diese Weise sah sich die polytheistische Macht Mekkas zum ersten Mal einer offenen Herausforderung gegenüber. Saʿīd ibn al-Musayyib berichtet: „Nach seiner Annahme des Islam nahm der Islam in Mekka eine öffentliche Gestalt an.“ ʿAbdullāh ibn Masʿūd (r.a.) berichtet: „Kaum hatte ʿUmar den Islam angenommen, begann er, mit den Quraisch zu streiten. Schließlich setzte er durch, dass er in der Kaʿba betete. Auch wir alle beteten mit ihm.“ Suhayb ibn Sinān berichtet: „Nach seiner Annahme des Islam saßen wir in Gruppen neben der Kaʿba, vollzogen den Tawāf, vergolten jede grobe Behandlung, die uns jemand zuteilwerden ließ, und wehrten jeden Angriff gegen uns ab. (Tabaqāt: 3/269)). Deshalb verlieh der Gesandte Allahs (s.a.w.) ihm den Beinamen „al-Fārūq“. Denn durch ihn war zwischen dem Islam und dem Unglauben eine offenkundige Trennung entstanden. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Allah, der Erhabene, hat die Wahrheit auf ʿUmars Zunge und in seinem Herzen fest verankert. Deshalb ist er al-Fārūq. Durch ihn hat Allah zwischen Wahrheit und Falschheit unterschieden. (Tabaqāt: 3/270)
Denjenigen in Mekka, die unter der Verfolgung durch die Götzendiener schwer zu leiden hatten, befahl der Gesandte Allahs (s.a.w.), nach Medina auszuwandern. Nachdem Abū Salama, ʿAbdullāh ibn Ašhal, Bilāl und ʿAmmār ibn Yāsir nach Medina ausgewandert waren, machte sich ʿUmar mit zwanzig Verwandten und Freunden auf den Weg nach Medina. Zu diesen zwanzig gehörten auch sein Bruder Zayd, sein Neffe Saʿīd und sein Schwiegersohn Khunays. Im Dorf Qubā am Stadtrand von Medina fand er im Haus von Rifāʿa ibn ʿAbd al-Mundhir Zuflucht.
Zwischen Umars Hidschra und der Hidschra der anderen bestand ein besonderer Unterschied. Die Hidschra der anderen erfolgte heimlich, vor den Augen aller verborgen. Umars Hidschra hingegen erfolgte öffentlich. In ihr lag eine Herausforderung und Auflehnung gegen die Quraisch. Bevor er von Mekka nach Medina aufbrach, vollzog er zunächst den Tawaf um die Kaaba. Dann ging er zum Versammlungsort der Quraisch und verkündete: „Ich breche nach Medina auf. Wer seiner Mutter den Schmerz über den Verlust ihres Sohnes zufügen möchte, der soll mir am anderen Ende dieses Tals entgegentreten.“ Nachdem er eine solche Herausforderung ausgesprochen hatte, schlug er geradewegs den Weg nach Medina ein. Doch niemand wagte es, diese Herausforderung anzunehmen.(Ta’rikh al-Umma al-Islamiyya von–al-Islamiyya: Khidri Bek, 1/198)
Aus verschiedenen Überlieferungen ist bekannt, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu verschiedenen Zeiten mit verschiedenen Personen eine religiöse Bruderschaft zwischen ihnen und Umar begründete. Abu Bakr as-Siddiq, Uwais ibn Sa’ida, Itban ibn Malik und Mu’adh ibn Afra (Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen) waren Umars religiöse Brüder. Sicher ist jedoch, dass nach seiner Hidschra nach Medina mit Itban ibn Malik, dem Anführer der Banu Salim, eine religiöse Bruderschaft zwischen ihnen begründet wurde.(At-Tabaqat: 3/272)
Vom ersten Jahr der Hidschra bis zum Tod des edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war Umars (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) Wirken in Wirklichkeit ein Teil des arbeitsreichen Lebens des edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Es gibt kein einziges Ereignis aus den Kriegen, die der Gesandte führen musste, den Verträgen, die er schließen musste, den von Zeit zu Zeit eingeführten Vorschriften oder den Wegen, die er zur Verbreitung des Islam einschlug, das ohne Umars aktive Beteiligung vollzogen worden wäre. Deshalb würde eine ausführliche Darstellung dieser Ereignisse nicht zu einer Biografie Umars (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), sondern zu einer Biografie des edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) werden. Sein ereignisreiches Leben war eng mit dem Leben des edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verflochten.
Der edle Umar nahm an allen Kriegen an der Seite des Gesandten Allahs teil, darunter an Badr, Uhud und dem Grabenkampf. Außerdem führte er mehrere Saraya an (kleinere Feldzüge, bei denen der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nicht selbst anwesend war). Von der Beratung und Truppenführung im Kampf von Badr an arbeitete er in jedem Bereich entschlossen mit dem edlen Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zusammen. Seine Empfehlung bezüglich der Gefangenen der Schlacht von Badr fand Allahs Wohlgefallen. Seine besondere Rolle in diesem Krieg war folgende:
1. In diesem Krieg beteiligten sich Männer aus jedem Zweig des Stammes der Quraisch; aus den Banu Adi, also aus Umars Sippe, nahm jedoch kein einziger Mann teil. Dies geschah aufgrund von Umars Einfluss.
2. In diesem Krieg schlossen sich insgesamt zwölf Männer aus seiner Sippe und aus den mit ihnen verbündeten Gruppen auf der Seite Umars gegen den Islam an.
3. In dieser Schlacht tötete Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) eigenhändig seinen eigenen Onkel mütterlicherseits, Asi ibn Hischam. Durch diese Tötung bewies er als Erster, dass auf dem Weg der Wahrheit der Einfluss von Verwandten und geliebten Menschen keine Vorrangstellung genießen kann.
Auch in der Schlacht von Uhud war Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) ein Frontkämpfer. Als die muslimischen Soldaten im Verlauf der Schlacht in eine schwierige Lage gerieten und der verwundete Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sich mit einigen wenigen Gefährten an einen sicheren Ort am Berg zurückzog, kam der Quraisch-Führer Abu Sufyan näher, rief laut die Namen von Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein), Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) und anderen und fragte: „Seid ihr noch am Leben?“ Auf ein Zeichen des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) antwortete niemand Abu Sufyan. Als er keine Antwort erhielt, verkündete Abu Sufyan: „Gewiss, sie sind alle getötet worden.“ Diese Worte verletzten Umars Mannesmut. Er konnte nicht still bleiben und rief: „Du Feind Allahs! Wir sind alle am Leben.“ Abu Sufyan sagte: „Erhebe dich, Hubal – Sieg für Hubal!“ Auf ein Zeichen des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) antwortete Umar: „Allah ist erhabener und würdiger – Allah ist der Höchste und der Erhabenste.“
Auch in der Grabenschlacht spielte Umar eine aktive Rolle. Umar war mit der Bewachung einer besonderen Stelle des Grabens betraut worden. Noch heute steht dort eine nach ihm benannte Moschee und verkündet die Erinnerung an ihn. Eines Tages war er in dieser Schlacht so sehr mit der Verteidigung beschäftigt, dass sein Nachmittagsgebet beinahe verpasst worden wäre. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) tröstete ihn und sagte: „Auch ich konnte wegen der Beschäftigung bis jetzt das Gebet nicht verrichten.“ (Al–-Faruq: Schibli Nu’‘mani: 25)
Noch vor dem Treueeid von Hudaibiya begann Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein), sich für den Kampf zu rüsten. Er schickte seinen Sohn Abdullah, um von einem Ansari ein Pferd zu holen. Dieser kam zurück und berichtete: „Die Leute leisten dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Treueeid.“ Umar war zu diesem Zeitpunkt bereits kampfbereit gerüstet. In diesem Zustand eilte er hin und leistete dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Treueeid.
Die Bedingungen des Vertrags von Hudaibiya erschienen den Muslimen äußerlich betrachtet als demütigend. Umar geriet in Aufregung. Zuerst bei Abu Bakr und danach beim Gesandten Allahs selbst (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) protestierte er gegen diesen Vertrag. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Ich bin Allahs Gesandter. Ohne Allahs Anweisung tue ich nichts.“ Umar beruhigte sich. Er bereute. Indem er freiwillige Fasten einhielt, betete, Sklaven freiließ und Almosen gab, leistete er die Sühne für seine Ungebührlichkeit.
In Chaibar gab es zahlreiche befestigte Burgen der Juden. Einige wurden leicht erobert. Doch zwei konnten um keinen Preis eingenommen werden. Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) schickte am ersten Tag Abu Bakr und am zweiten Tag Umar, um die beiden Burgen zu erobern. Beide kehrten erfolglos zurück. Am dritten Tag verkündete der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Morgen werde ich die Standarte einem Mann geben, durch dessen Hand Allah den Sieg gewähren wird.“ Am nächsten Tag erschienen die ehrwürdigen Gefährten, mit Waffen gerüstet, beim Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Jeder von ihnen sehnte sich danach, diese Ehre zu erlangen. Umar sagte: „Außer bei diesem Ereignis in Chaibar habe ich niemals nach einer Befehls- oder Führungsposition verlangt.“ Die Ehre dieses Tages errang der Löwe Allahs, Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein).
Das eroberte Land von Chaibar wurde unter den Mudschahidin aufgeteilt. Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) stiftete seinen Anteil als Waqf für den Weg Allahs. Dies war der erste Waqf in der Geschichte des Islam. (Al–-Faruq: 30)
Während der Eroberung Mekkas begleitete Hadhrat Umar (r.a.) den Gesandten wie ein Schatten. Als Abu Sufyan, der größte Feind des Islam, kam, um sich zu ergeben, bat Umar den Gesandten Allahs (s.a.s.): „Erlaubt mir, ihn jetzt zur Strecke zu bringen.“ An diesem Tag leisteten die Männer Mekkas dem Gesandten Allahs (s.a.s.) den Treueid, während die Frauen dies auf seine Anweisung hin bei Umar taten.
Auch am Feldzug von Hunain nahm Hadhrat Umar teil und kämpfte tapfer. In dieser Schlacht wurde das zwölftausend Mann starke muslimische Heer durch den heftigen Angriff der Ungläubigen zerstreut. Ibn Ishaq berichtet: Nur wenige tapfere Männer aus den Reihen der Muhadschirun und Ansar blieben in dieser schweren Stunde standhaft beim Gesandten Allahs (s.a.s.). Unter ihnen sind besonders Abu Bakr, Umar und Abbas (r.a.) zu nennen.
Während des Feldzugs von Tabuk übergab Hadhrat Umar (r.a.) als Antwort auf den Aufruf des Gesandten Allahs (s.a.s.) die Hälfte seines gesamten Vermögens in die Hände des Gesandten Allahs (s.a.s.).
Als Hadhrat Umar die Nachricht vom Tod des Gesandten Allahs (s.a.s.) hörte, saß er eine Weile wie erstarrt da. Dann ging er vor die Prophetenmoschee, zog sein Schwert und verkündete: „Wer sagt, dass der Gesandte Allahs (s.a.s.) gestorben ist, dem werde ich den Kopf spalten.“ Aus diesem Ereignis lässt sich leicht das Ausmaß seiner Verehrung und Liebe für den Gesandten Allahs (s.a.s.) ermessen.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.s.) nahm Umar nach den langen Beratungen in der „Saqifa Bani Saida“ sehr schnell den Treueid auf Hadhrat Abu Bakr als Kalifen ab. Dadurch wurde die große Krise bei der Wahl des Kalifen leicht überwunden.
Als der Kalif Hadhrat Abu Bakr erkannte, dass seine letzte Stunde näher rückte, hielt er es für das Beste, noch vor seinem Tod den nächsten Kalifen zu bestimmen. Seiner Ansicht nach war Umar (r.a.) der geeignetste Mann für das Kalifat. Dennoch hielt er es für angebracht, sich in dieser Angelegenheit mit den hochrangigen Gefährten zu beraten. Er ließ Abd ar-Rahman ibn Auf (r.a.) zu sich rufen und sagte: „Teilen Sie mir Ihre Meinung über Umar mit.“ Dieser sagte: „Er ist besser als jeder andere; allerdings besitzt sein Charakter eine gewisse Strenge.“ Abu Bakr sagte: „Das liegt daran, dass er mich als nachsichtig erlebt hat. Wenn die Verantwortung des Kalifats auf seinen Schultern liegt, wird diese Strenge sich erheblich vermindern.“ Danach bat Abu Bakr ihn, das zwischen ihnen Besprochene niemandem zu verraten. Anschließend ließ er Uthman ibn Affan zu sich rufen und sagte: „Abu Abdallah, teilen Sie mir Ihre Meinung über Umar mit.“ Uthman sagte: „Sie kennen ihn besser als ich.“ Abu Bakr sagte: „Trotzdem teilen Sie mir Ihre Meinung mit.“ Uthman sagte: „Soweit ich ihn kenne, ist sein Inneres besser als sein Äußeres. Unter uns gibt es niemanden, der ihm gleichkommt.“ Abu Bakr (r.a.) verabschiedete ihn, nachdem er ihn gebeten hatte, das zwischen ihnen Besprochene geheim zu halten.
Nachdem er auf diese Weise die Meinungen verschiedener Menschen eingeholt hatte, ließ er Uthman ibn Affan rufen und diktierte ihm: „Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen. Dies ist eine Verpflichtung von Abu Bakr ibn Abi Quhafa gegenüber den Muslimen. Amma ba’d“ – nachdem er bis hierhin gesprochen hatte, verlor er das Bewusstsein. Daraufhin fügte Uthman ibn Affan eigenständig hinzu: „Ich bestimme für euch Umar ibn al-Khattab zum Kalifen und habe es in dieser Angelegenheit an keinem Bemühen um euer Wohl fehlen lassen.“ Danach erlangte Abu Bakr sein Bewusstsein wieder. Der niedergeschriebene Teil wurde ihm vorgelesen. Als er alles gehört hatte, rief er „Allahu akbar“ und sagte: „Ich hatte befürchtet, dass die Menschen uneins werden würden, falls ich im bewusstlosen Zustand sterben sollte.“ Zu Uthman sagte er außerdem: „Möge Allah, der Erhabene, euch seitens des Islam und der Muslime mit Gutem vergelten.“
At-Tabari berichtet: Danach blickte Abu Bakr (r.a.) zu den Menschen. Seine Frau Asma bint Umais hielt ihn zu diesem Zeitpunkt fest. Zu den versammelten Menschen sagte er: „Seid ihr mit demjenigen zufrieden, den ich für euch bestimmt habe? Bei Allah, ich habe mich nach Kräften bemüht, die Meinung der Menschen einzuholen. Ich habe keinen meiner nahen Verwandten in dieses Amt eingesetzt. Ich habe Umar ibn al-Khattab zu eurem Kalifen bestimmt. Hört auf ihn und gehorcht ihm.“ Auf diese Weise begann Umars (r.a.) Kalifat am 22. Dschumada ath-Thani des Jahres 13 nach der Hidschra, entsprechend dem 13. August 634 n. Chr.
Eine kurze Darstellung der Regierungsweise von Umar (r.a.) ist nicht möglich. In der kurzen Zeit von zehn Jahren brachte er den Untergang des gesamten Byzantinischen Reiches und des Persischen Reiches herbei. In seiner Zeit wurden einschließlich der verschiedenen Regionen insgesamt 1.036 Städte erobert. Die regelgerechte Einrichtung der islamischen Herrschaft erfolgte im Wesentlichen in seiner Zeit. Alle Zweige der Regierung beziehungsweise des Staates traten erst in seiner Zeit in Erscheinung. Die Kunde von seiner Herrschaft und seiner Gerechtigkeit hat sich unter den Menschen in aller Welt geradezu legendär verbreitet.
Umar (r.a.) war der erste Kalif, der den Titel „Amir al-Mu’minin“ erlangte. Er führte als Erster die Hidschra-Zeitrechnung ein, richtete das gemeinschaftliche Verrichten des Tarawih-Gebets ein, führte zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung die Verwendung der Durra beziehungsweise eines Stocks ein, setzte für den Genuss von Alkohol eine Strafe von achtzig Peitschenhieben fest, eroberte zahlreiche Länder, gründete Städte, legte die Rangstufen des Heeres fest und bestimmte die verschiedenen Bataillone, ließ ein staatliches Register beziehungsweise eine Bürgerliste erstellen, ernannte Richter und teilte den Staat in verschiedene Provinzen ein.
Umar (r.a.) gehörte zu den Schreibern des Gesandten Allahs (s.a.w.). Seine Tochter Hafsa (r.a.) gab er dem Gesandten Allahs (s.a.w.) zur Ehe. Er nahm gegenüber dem Gesandten Allahs (s.a.w.) und Abu Bakr (r.a.) die Rolle eines Ministers und Beraters ein. Vor und nach seiner Annahme des Islam war der Handel seine Lebensgrundlage. Auch nachdem er die schwere Verantwortung des Kalifats übernommen hatte, betrieb er noch einige Jahre lang Handel. Als dies später jedoch unmöglich wurde, legten die hochrangigen Gefährten, darunter Ali (r.a.), nach Beratung aus der Bait al-Mal lediglich eine jährliche Unterstützung von achthundert Dirham fest. Als im Hidschra-Jahr 15 die Unterstützungen für die übrigen Menschen aus der Bait al-Mal festgesetzt wurden, wurde auch seine Unterstützung in gleicher Höhe wie die der vornehmen Gefährten auf fünftausend Dirham festgelegt.
Umar (r.a.) betrachtete die Gelder der Bait al-Mal wie das Vermögen eines Waisenkindes. So wie der Vormund eines Waisenkindes dessen Vermögen verwaltet: Er darf für das Waisenkind und für sich selbst entsprechend dem Bedarf davon ausgeben, darf aber nicht verschwenderisch damit umgehen. Wenn kein Bedarf besteht, hält er sich vom Vermögen des Waisenkindes fern und bewahrt es lediglich; und wenn das Waisenkind erwachsen ist, gibt er ihm sein Vermögen zurück. Diese Auffassung Umars (r.a.) gegenüber der Bait al-Mal zeigte sich stets in seinen Taten und seinem Verhalten.
Hazrat Umar trug stets eine Durra oder einen Stock in der Hand. Selbst der Satan floh bei seinem Anblick. (Tazkiratul Huffaz) Dennoch war er kein Tyrann. Er war ein strenger und gerechter Richter. Er liebte die Menschen von ganzem Herzen, und auch die Menschen liebten ihn. In der Geschichte finden sich zahlreiche Berichte über seine fürsorgliche Herrschaft.
Über die Vorzüge und den hohen Rang von Hazrat Faruq al-A’zam gibt es im Quran und in den Hadithen so viele Andeutungen und ausdrückliche Aussagen, dass sie in einem kurzen Aufsatz nicht dargelegt werden können. Sein Rang bei Allah und Seinem Gesandten (s.a.w.) war außerordentlich hoch. Daher heißt es: „Stets wurden Quranverse zur Bestätigung jeder Auffassung Umars offenbart.“ Hazrat Ali (r.a.) bemerkte: „Khairul ummati ba’da nabiyyiha Abu Bakr summa Umar – Der beste Mensch unter der Umma nach dem Propheten ist Abu Bakr, danach Umar.“ Hazrat Abdullah ibn Mas’ud sagte: „Umars Annahme des Islam war der Sieg des Islam. Seine Auswanderung war Allahs Hilfe und sein Kalifat Allahs Barmherzigkeit.“ Im Hinblick auf all seine Eigenschaften sagte der edle Gesandte Allahs (s.a.w.): „Law kana ba’di nabiyyun lakana Umar – Wenn es nach mir noch einen Propheten gäbe, wäre es Umar.“ Denn in ihm fanden sich die Wesenszüge und Eigenschaften der Propheten.
Umar leistete auf dem Gebiet der Pflege und Verbreitung von Wissen und Wissenschaft einen bedeutenden Beitrag. Er legte großen Wert auf das Lesen, Studieren und Bewahren arabischer Dichtung. Auf die Bewahrung der Reinheit der arabischen Sprache achtete er äußerst aufmerksam; wenn jemand in seiner Gegenwart sprachlich einen Fehler machte, wies er ihn streng zurecht. Er war überzeugt, dass das korrekte Erlernen der arabischen Sprache ein Bestandteil der Religion sei. Der Gelehrte adh-Dhahabi erwähnt im Werk ‘Tazkiratul Huffaz’ , dass Umar bei der Überlieferung von Hadithen äußerst streng war und darauf bestand, denselben Hadith über verschiedene Überlieferungsketten zu überliefern.
Der bekannte Gefährte al-Mughira ibn Shu’ba (r.a.) wurde während des Fajr-Gebets von dem Feueranbeter und Sklaven Abu Lu’lu’a Firoz niedergestochen, während dieser große Kalif im Gebet stand. Am dritten Tag nach seiner Verwundung, am Mittwoch, dem 27. Dhu l-Hiddscha des Jahres 23 nach der Hidschra, verstarb er. Vor seinem Tod übertrug er den sechs angesehenen Gefährten Ali, Uthman, Abd ar-Rahman ibn Auf, Sa’d, az-Zubair und Talha (r.a.) die Aufgabe, aus ihrer Mitte einen von ihnen zum Kalifen zu wählen. Hazrat Suhaib (r.a.) leitete das Totengebet. Er wurde in der Rawda des Propheten neben Hazrat Abu Bakr as-Siddiq beigesetzt. Zum Zeitpunkt seines Todes war er 63 Jahre alt. Seine Amtszeit als Kalif dauerte zehn Jahre, sechs Monate und vier Tage.
’ʿUthmān ibn ’ʿAffān ((ra))
Name: ʿUthmān, Kunya: Abū ʿAmr, Abū ʿAbdallāh, Abū Laylā, und Laqab: Dhū n-Nūrayn. (Tabakāt 3/53, Tahdhīb at- Tahdhīb) Sein Vater war ʿAffān, seine Mutter ʿArwā bint Quraiz. Er entstammte dem umaiyadischen Zweig des Stammes Quraisch. Über seinen Vorfahren ʿAbd Manāf traf seine Abstammung mit der Abstammung des Gesandten Allahs (s.) zusammen. Er war der dritte Kalif der rechtgeleiteten Kalifen. Seine Großmutter mütterlicherseits, Baiḍāʾ bint ʿAbd al-Muṭṭalib, war die Tante väterlicherseits des Gesandten Allahs (s.). Er wurde im Jahr 576 n. Chr., sechs Jahre nach dem Jahr des Elefanten, geboren. (al-–Istiʿāb) Demnach war er sechs Jahre jünger als der edle Gesandte (s.). Über sein Geburtsjahr besteht jedoch große Uneinigkeit. Daher findet sich eine entsprechende Meinungsverschiedenheit darüber, wie alt er zum Zeitpunkt seines Märtyrertodes genau war. Einigen Überlieferungen zufolge wurde er in Ṭāʾif geboren. (Fitnat al- Kubrā, Dr. Taha Hussein)
Hadhrat ʿUthmān (Allahs Wohlgefallen auf ihm) war von mittlerer Größe und kräftigem Körperbau. Er hatte eingefallene Wangen, einen dichten Bart, einen hellen, lichten Teint, dichtes Haar, eine breite Brust und breite Hüften, bis zu den Ohren herabhängende Schläfenlocken, kräftige Unterschenkel, lange, behaarte Arme, Pockennarben im Gesicht, einen hennagefärbten Bart und goldverzierte Zähne.
Der frühe Lebensabschnitt Hadhrat ʿUthmāns liegt, wie bei den anderen Gefährten, im Dunkel des Zeitalters der Unwissenheit verborgen. Sein vorislamisches Leben ist derart verschwunden, als wäre er zugleich mit dem Islam geboren worden. Die Historiker konnten uns keine besonderen Angaben über sein vorislamisches Leben überliefern.
Hadhrat ʿUthmān war einer der herausragenden Kenner der Genealogie des Stammes Quraisch. Auch in der alten Geschichte der Quraisch besaß er umfassende Kenntnisse. Aufgrund seiner Weisheit, Erfahrung, Höflichkeit, seines Sinns für gesellschaftliche Umgangsformen und anderer Eigenschaften waren stets viele Menschen um ihn versammelt. Keine Untat des Zeitalters der Unwissenheit konnte ihn berühren. Schamhaftigkeit und ein ausgeprägtes Ehrgefühl waren die wichtigsten Merkmale seines edlen Charakters. In seiner Jugend begann er, wie andere angesehene Quraisch, Handel zu treiben. Dank grenzenloser Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit hatte er im Handel außerordentlichen Erfolg. In der Gesellschaft von Mekka erhielt er als bedeutender wohlhabender Kaufmann den Beinamen „Ghanī“.
Hadhrat ʿUthmān wird zu den „as-Sābiqūn al-Awwalūn“ (denen, die in der ersten Zeit den Islam annahmen), zu den „ʿAshara Mubaschschara“ und zu jenen sechs herausragenden Gefährten gezählt, mit denen der edle Gesandte zeitlebens zufrieden war. Er stand in enger Beziehung zu Abū Bakr as-Siddīq. Durch dessen Einladung zum Islam und Ermutigung nahm er den Islam an. (Sīrat Ibn Hischām) Im Gegensatz zum Verhalten vieler anderer Führer von Mekka folgte Hadhrat ʿUthmān bereits zu Beginn des Prophetentums des Gesandten Allahs dessen Einladung und setzte sich sein ganzes Leben lang mit Leib und Gut sowie seinem gesamten Besitz für das Wohl der Muslime ein. Hadhrat ʿUthmān sagte: „Ich war der Vierte unter denjenigen, die den Islam annahmen.“ (Usud al- Ghāba) Nach Ibn Ishāq war Hadhrat ʿUthmān nach Abū Bakr, ʿAlī und Zayd ibn Hāritha der erste, der den Islam annahm.
Die von den Verfassern der Sīra und den Hadith-Gelehrten über den Hintergrund von Hadhrat ʿUthmāns Annahme des Islam überlieferten Berichte lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Manche sagen, seine Tante Suʿdā sei eine bedeutende „Kāhin“ oder Wahrsagerin jener Zeit gewesen. Sie erzählte ʿUthmān einiges über den edlen Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und ermutigte ihn, an ihn zu glauben. Aufgrund ihrer Ermutigung nahm er den Islam an. (Al Fitnatul Kubra) Andererseits überliefern Ibn Saʿd und viele andere: Hazrat ʿUthmān befand sich auf einer Reise nach Syrien. Als er zwischen Muʿān und Zarqāʾ Rast machte, hörte er im Halbschlaf einen Rufer sagen: „O ihr Schlafenden, beeilt euch! Ein Gesandter namens Ahmad ist in Mekka erschienen.“ Nach seiner Rückkehr nach Mekka erfuhr er, dass dies tatsächlich geschehen war. Daraufhin nahm er auf Einladung Abū Bakrs den Islam an. (Ṭabaqāt: 3/55)
Als Hazrat ʿUthmān den Islam annahm, war er über dreißig Jahre alt. Bereits in vorislamischer Zeit stand er in enger Beziehung zu Abū Bakr. Fast täglich besuchte er Abū Bakrs Haus. Eines Tages bot Hazrat Abū Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, ihm den Islam an. Zufällig kam der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gerade diesen Weg entlang. Er sagte: „O ʿUthmān, nimm den Eintritt ins Paradies an! Ich bin als Sein Gesandter zu euch und zu allen Geschöpfen Allahs gesandt worden.“ Sobald er dies hörte, nahm er den Islam an. Nach Hazrat ʿUthmāns Annahme des Islam verfasste seine Tante Suʿdā zu seiner Gratulation eine Qaṣīda.
Hazrat ʿUthmāns leibliche Schwester Āmīna sowie seine Halbgeschwister al-Walīd, Khālid, ʿAmmāra und Umm Kulthūm waren alle Muslime geworden. Ihr Vater war ʿUqba ibn Abī Muʿayṭ. ad-Dāraquṭnī überliefert, dass Umm Kulthūm zu den frühen Auswanderinnen gehörte. Es heißt, sie sei die erste Quraisch-Braut gewesen, die dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Treueid leistete. Hazrat ʿUthmāns übrige Geschwister nahmen bei der Eroberung Mekkas den Islam an.
Obwohl er nach seiner Annahme des Islam ein angesehener Mann der Quraisch war, wurde er von den Feinden des Islam gedemütigt. Sein Onkel al-Ḥakam ibn Abī al-ʿĀṣ band ihn mit einem Seil und schlug ihn erbarmungslos. Er sagte: „Indem du eine neue Religion angenommen hast, hast du unsere Vorväter entehrt. Wir werden dich nicht freilassen, solange du diese Religion nicht aufgibst.“ Dadurch geriet Hazrat ʿUthmāns Glaube nicht im Geringsten ins Wanken. Er sagte: „Tut, was ihr wollt; diese Religion werde ich niemals aufgeben können.“ (Ṭabaqāt: 3/55)
Nachdem Hazrat ʿUthmān den Islam angenommen hatte, verheiratete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seine eigene Tochter Ruqayya mit ihm. Als Ruqayya im zweiten Jahr der Hidschra in Medina verstarb, verheiratete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seine zweite Tochter Umm Kulthūm mit ihm. Deshalb erhielt er den Beinamen „Dhū n-Nūrayn“ – der Besitzer der beiden Lichter.
Ruqayya war eine leibliche Tochter Hadhrat Chadīdschas, möge Allah mit ihr zufrieden sein. Ihre erste Ehe schloss sie mit ʿUtba ibn Abī Lahab, während Umm Kulthum mit ʿUtayba, dem zweiten Sohn Abū Lahabs, verheiratet wurde. Abū Lahab war ein erbitterter Feind des Gesandten Allahs. Nach der Offenbarung der Sure al-Lahab im Heiligen Koran befahlen Abū Lahab und seine Frau Umm Dschamīl (Hammā Lātal Ḥaṭab) ihren beiden Söhnen, die beiden Töchter Muhammads zu scheiden. Sie ließen sich scheiden. Imam as-Suyūtī ist jedoch der Ansicht, dass Ruqayya bereits vor ihrer Annahme des Islams mit ʿUthmān verheiratet wurde. Im Licht des oben erwähnten Ereignisses erscheint die Ansicht as-Suyūtīs nicht annehmbar.
Im fünften Jahr der Prophetenschaft gehörten ʿUthmān und seine Frau Ruqayya zu der ersten Gruppe, die angesichts der Verfolgung durch die Götzendiener von Mekka nach Abessinien auswanderten. Hadhrat Anas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: „Der erste Auswanderer auf dem Boden Abessiniens war ʿUthmān zusammen mit seiner Frau, der Tochter des Propheten, Ruqayya.“ Da der Gesandte Allahs lange Zeit keine Nachricht von ihnen erhielt, wurde er äußerst unruhig. Zu jener Zeit kam eine Quraisch-Frau aus Abessinien nach Mekka. Der Gesandte Allahs erkundigte sich bei ihr nach dem Befinden der beiden. Sie berichtete: „Ich sah Ruqayya auf einem Esel reiten, während ʿUthmān den Esel führte.“ Der Gesandte Allahs sprach für sie ein Bittgebet: „Möge Allah ihr beistehen.“ Nach Lot, auf ihm sei Friede, war ʿUthmān der Erste, der sich gemeinsam mit seiner Familie auf Allahs Weg zur Auswanderung aufmachte. (al-–Isāba) Während ihres Aufenthalts in Abessinien wurde ihr Sohn ʿAbdullāh geboren, und nach dem Namen dieses Sohnes erhielt ʿUthmān die Kunya Abū ʿAbdullāh. Im vierten Jahr nach der Hidschra starb ʿAbdullāh. Sein Eheleben mit Ruqayya war sehr glücklich. Die Leute pflegten zu sagen: Wenn jemand das beste Paar sehen wolle, solle er ʿUthmān und Ruqayya anschauen.
Hadhrat ʿUthmān hielt sich einige Zeit in Abessinien auf. Danach kehrte er nach Mekka zurück, nachdem er das Gerücht gehört hatte, die Führer Mekkas hätten den Islam angenommen. Nach der Auswanderung des Gesandten Allahs nach Medina wanderte auch er erneut nach Medina aus. So wurde er zu einem „Dhū l-Hidschratayn“ – einem Mann mit zwei Auswanderungen.
Er nahm an allen Schlachten außer an der Schlacht von Badr an der Seite des Gesandten Allahs teil. Als der Gesandte Allahs zur Schlacht von Badr aufbrach, lag Hadhrat Ruqayya krank danieder. Auf Anweisung des Gesandten Allahs blieb Hadhrat ʿUthmān in Medina, um seine kranke Frau zu pflegen. An dem Tag, an dem die Nachricht vom Sieg bei Badr Medina erreichte, verstarb Hadhrat Ruqayya. Der Gesandte Allahs sprach ʿUthmān den gleichen Lohn und Anteil an der Beute wie den Kämpfern von Badr zu. (Ṭabaqāt: 3/56) Somit zählt auch er indirekt zu den Gefährten von Badr.
Nach dem Tod Ruqayyas verheiratete der Gesandte (s.) ihre jüngere Schwester Umm Kulthum im dritten Jahr nach der Hidschra mit Uthman. Einer Überlieferung zufolge verheiratete der Gesandte (s.) Umm Kulthum auf Allahs Befehl hin mit Uthman. Im neunten Jahr nach der Hidschra starb auch Umm Kulthum kinderlos. Nach dem Tod Umm Kulthums sagte der Gesandte (s.): „Wenn ich eine dritte Tochter gehabt hätte, hätte ich auch sie mit Uthman verheiratet.“ (Hayat-i ’Uthman: Riza Misri)
Hazrat Uthman nahm auch an der Schlacht von Uhud teil. Doch er konnte nicht wie jene wenigen Kämpfer beim Gesandten Allahs standhaft bleiben. Wie die meisten Glaubenskämpfer verließ auch er das Schlachtfeld. Allah, der Erhabene, hat ihnen jedoch Vergebung zugesprochen. An allen späteren Schlachten nahm er ebenso teil wie die anderen herausragenden Gefährten.
Der Gesandte (s.) kündigte die Vorbereitung des Feldzugs nach Tabuk an. Auch in Mekka und unter den übrigen arabischen Stämmen ließ er zur Teilnahme an diesem Feldzug aufrufen. Er bat um Unterstützung bei der Aufstellung des islamischen Heeres und der Bestreitung seiner Kosten. Die Gefährten reichten großzügig ihre helfenden Hände. Abu Bakr übergab dem Gesandten sein gesamtes Vermögen. Umar erschien mit der Hälfte seines gesamten Vermögens. Uthman übernahm aus eigener Verantwortung die gesamten Kosten für ein Drittel der Soldaten dieses Krieges. Er stellte neunhundertfünfzig Kamele und fünfzig Pferde zur Verfügung. Ibn Ishaq sagt, dass Hazrat Uthman für das Heer von Tabuk so viel Geld ausgab, dass niemand ebenso viel ausgeben konnte. In manchen Überlieferungen heißt es, dass Uthman zur Kriegsvorbereitung in Tabuk eintausend Dinar in einem Beutel brachte und sie in den Schoß des Gesandten Allahs schüttete. Der Gesandte (s.) wendete die Dinar voller Freude hin und her und sagte: „Von heute an wird nichts von dem, was Uthman tut, ihm schaden.“ So spendete er bei den Vorbereitungen zu den meisten Schlachten großzügig. Einer Überlieferung zufolge bat der Gesandte (s.), erfreut über seine Spende in der Schlacht von Tabuk, um die Vergebung all seiner vergangenen und zukünftigen Sünden und versprach ihm das Paradies. (Al-–Fitnatul- Kubra)
Das Ereignis von Hudaybiyya. Der Gesandte (s.) rief Umar und sagte: „Geh nach Mekka. Unterrichte die Führer von Mekka über den Zweck unserer Ankunft.“ Umar sagte bescheiden: „O Gesandter Allahs! Ich fürchte um mein Leben vor den Quraisch. Du weißt, wie groß meine Feindschaft mit ihnen ist. Ich halte Uthman für den Geeignetsten für diese Aufgabe.“ Der Gesandte (s.) ließ Uthman rufen. Er sandte Uthman mit der Botschaft zu Abu Sufyan und den übrigen Führern der Quraisch, dass wir nicht zum Krieg, sondern zum Besuch des „Hauses Allahs“ gekommen seien.
Uthman erreichte mit der Botschaft des Gesandten Allahs (s.) Mekka. Als Ersten traf er Aban ibn Said ibn al-As. Aban gewährte ihm Schutz. In Abans Begleitung suchte er die Führer der Quraisch auf und überbrachte ihnen die Botschaft des Gesandten Allahs (s.). Sie sagten zu Uthman: „Wenn du möchtest, kannst du den Tawaf vollziehen.“ Uthman wies ihren Vorschlag jedoch zurück und sagte: „Solange der Gesandte Allahs (s.) keinen Tawaf vollzieht, kann ich keinen Tawaf vollziehen.“ Die Quraisch wurden über seine Worte zornig und hielten ihn fest.
In manchen Überlieferungen heißt es, dass sie Uthman drei Tage lang festhielten. Unterdessen verbreitete sich im muslimischen Lager in Hudaybiyya das Gerücht, Uthman sei als Märtyrer getötet worden. Der Gesandte (s.) erklärte: „Wir werden nicht zurückkehren, ohne Uthmans Blut zu rächen.“ Der Gesandte (s.) legte seine rechte Hand auf seine linke und sagte: „O Allah, diese Bai’a erfolgt an Uthmans Stelle. Er ist in einer Angelegenheit für Dich und Deinen Gesandten nach Mekka gegangen.“ Als Hazrat Uthman aus Mekka zurückkehrte, erfuhr er von der Bai’a. Auch er leistete dem Gesandten Allahs persönlich den Treueid. In der Geschichte ist dieses Ereignis unter den Namen Bai’at ar-Ridwan und Bai’at ash-Shajara bekannt geworden. Im Heiligen Quran wird diese Bai’a gelobt.
Als nach dem Tod des Gesandten Allahs Abu Bakr der Treueid geleistet wurde, eilte Uthman nach Erhalt der Nachricht dorthin und leistete Abu Bakr den Treueid. Das Schriftstück, das Abu Bakr auf seinem Sterbebett zur Ernennung Umars zum Kalifen verfasste, wurde von Uthman geschrieben. Er war der Erste, der dem Kalifen Umar den Treueid leistete.
Als Hadhrat ’Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, nach einer Stichverletzung auf dem Sterbebett lag, wurde er aufgefordert, einen Nachfolger als Kalifen zu bestimmen. Doch er zögerte und sagte: „Wenn ich einen Kalifen einsetze, gibt es dafür durchaus ein Vorbild, nämlich das meines Vorgängers, der besser war als ich – Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Und wenn ich keinen einsetze, gibt es auch dafür ein Vorbild, nämlich das dessen, der besser war als ich – des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.“ Er sagte außerdem: „Wenn Abu ’Ubaida noch am Leben wäre, würde ich ihn zum Kalifen einsetzen. Wenn mein Herr mich danach fragte, würde ich sagen: Ich habe euren Propheten sagen hören, dass er der treueste und vertrauenswürdigste Mann dieser Umma ist. Wenn Salim, der freigelassene Sklave Abu Hudhaifas, heute noch lebte, könnte ich auch ihn zum Kalifen einsetzen. Wenn mein Herr mich danach fragte, würde ich sagen: Ich habe euren Propheten sagen hören, dass Salim Allah sehr liebte.“ Da sagte ein Mann: „Abdullah ibn ’Umar ist doch da.“ Er rief: „Möge Allah dir Unheil zufügen! Bei Allah, ich wünsche mir das nicht von Allah. … Wenn in dieser Verantwortung des Kalifats etwas Gutes liegt, dann habe ich es durch einen Mann aus meiner Familie erlangt. Und wenn sie schlecht ist, dann haben auch wir sie erhalten. Für diese Angelegenheit genügt schon die Rechenschaft eines einzigen Mannes aus der Familie ’Umars. Ich habe gegen mein eigenes Nafs gekämpft und meine Familie um vieles gebracht. Wenn ich irgendwie davonkomme, ohne dafür belohnt oder getadelt zu werden, werde ich mich für glücklich halten.“
Als ihm dieselbe Angelegenheit erneut vorgetragen wurde, deutete er auf Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, und sagte: „Er ist am besten geeignet, euch auf dem Weg der Wahrheit zu führen. Doch ich bin weder im Leben noch im Tod bereit, diese Verantwortung zu tragen. Vor euch steht eine Gruppe von Männern, über die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gesagt hat, dass sie zu den Bewohnern des Paradieses gehören. Es sind Ali und ’Uthman, die beiden Söhne Abd Manafs, Abd ar-Rahman und Sa’d, die beiden Verwandten mütterlicherseits des Gesandten Allahs, az-Zubair ibn al-Awwam, der Helfer und Vetter des Gesandten Allahs, sowie Talha. Wählt einen von ihnen zum Kalifen. Wenn einer von ihnen zum Kalifen gewählt wird, dann unterstützt ihn und behandelt ihn gut. Wenn er einem von euch eine Verantwortung überträgt, dann erfüllt sie ordnungsgemäß.“
Hadhrat ’Umar rief die Mitglieder der genannten Gruppe zu sich und sagte: „Ich habe über euch nachgedacht. Ihr seid die Führer und Lenker des Volkes. Die Verantwortung des Kalifats sollte bei euch liegen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ist von euch geschieden, während er mit euch zufrieden war. Wenn ihr aufrichtig und rechtschaffen bleibt, habe ich wegen des Volkes keine Angst. Ich fürchte jedoch eure gegenseitigen Streitigkeiten. Dadurch wird das Volk in zwei Lager gespalten werden.“
Dann legte er für die Wahl eine Frist von drei Tagen und drei Nächten nach seinem Tod fest. Zu al-Miqdad ibn al-Aswad sagte er: „Nachdem ihr mich ins Grab gelegt habt, versammle diese Gruppe, damit sie aus ihrer Mitte einen auswählt.“ Zu Suhaib sagte er: „Leite drei Tage lang das Gemeinschaftsgebet.“ Er sagte: „Geh zu Ali, ’Uthman, Sa’d, Abd ar-Rahman, az-Zubair und Talha – falls Talha in Medina ist“ (Talha befand sich damals außerhalb Medinas). „Versammle sie an einem Ort. Bringe auch Abdullah ibn ’Umar herbei. Er hat jedoch keinen Anspruch auf das Kalifat. Behalte sie scharf im Auge. Wenn fünf von ihnen sich auf einen einigen und einer anderer Meinung ist, dann schlagt ihm mit dem Schwert den Kopf ab. Wenn vier sich einigen und zwei sich widersetzen, dann schlagt diesen beiden die Köpfe ab. Wenn sie sich in zwei Gruppen zu je drei Männern teilen, dann sollen diejenigen, deren Seite Abdullah ibn ’Umar unterstützt, einen aus ihrer Mitte wählen. Wenn die andere Seite Abdullah ibn ’Umars Entscheidung nicht akzeptiert, dann folgt der Seite, auf der sich Abd ar-Rahman ibn ’Auf befindet. Wenn die Widersacher die Entscheidung des Volkes nicht akzeptieren, dann zwingt sie, sich ihr zu fügen.“
Nachdem Hadhrat ’Umar bestattet worden war, versammelte al-Miqdad ibn al-Aswad die Mitglieder der Schura – nach einer anderen Überlieferung im Haus von al-Miswar ibn al-Machrama, nach einer weiteren in der Kammer von Hadhrat ’Aischa. Sie waren fünf Männer. Talha befand sich noch außerhalb Medinas. Abdullah ibn ’Umar schloss sich ihnen an. Abu Talha wurde als Wächter an der Haustür eingesetzt. Über die Angelegenheit wurde lange beraten, und es kam zu heftigen Wortwechseln. Schließlich sagte Abd ar-Rahman: „Wer von euch ist bereit, auf seinen Anspruch zu verzichten und mir die Verantwortung zu übertragen, den Besten unter euch auszuwählen? Ich verzichte auf meinen Anspruch auf das Kalifat.“ Hadhrat ’Uthman stimmte diesem Vorschlag als Erster zu und übertrug Abd ar-Rahman seine Befugnis. Danach folgten ihm alle anderen. Auf diese Weise lag die gesamte Verantwortung für die Wahl des Kalifen bei Abd ar-Rahman.
Hadhrat Abd ar-Rahman beriet sich Tag und Nacht mit den übrigen Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit allen in Medina stationierten Armeeoffizieren, den angesehenen Persönlichkeiten sowie den Volksvertretern aller Schichten – teils persönlich, teils gemeinsam. Fast alle äußerten ihre Unterstützung für Hadhrat ’Uthman.
In der Nacht vor dem Morgen, an dem die von ’Umar festgelegte Frist enden sollte, kam Abd ar-Rahman zum Haus al-Machramas. Zuerst rief er az-Zubair und Sa’d und setzte sich mit ihnen in der Suffa der Prophetenmoschee zusammen, um mit jedem einzeln zu sprechen. Ebenso unterhielt er sich bis zum Anbruch der Morgendämmerung vertraulich mit ’Uthman und Ali.
Unterdessen ist die Prophetenmoschee voller Menschen. Alle warten gespannt darauf, die endgültige Entscheidung zu hören. Nach einer kurzen Ansprache an die versammelten Bewohner Medinas nach dem Morgengebet verkündete Abd ar-Rahman den Namen Hazrat Uthmans als des Kalifen und leistete ihm den Treueeid. Unmittelbar danach leistete auch Hazrat Ali den Treueeid. Anschließend leistete die versammelte Menge Hazrat Uthman den Treueeid. Am Montagmorgen, dem 1. Muharram des Jahres 24 nach der Hidschra, übernahm er das Kalifat.(Tarikhul Umma al–Islamiyya, Chidri Bek)
Hazrat Uthman erfüllte seine Aufgabe als Kalif mit außerordentlichem Geschick. In der ersten Phase des Kalifats waren kaum Beschwerden gegen ihn zu hören. Gegen Ende jedoch begann sich in Regionen wie Basra, Kufa und Ägypten Unzufriedenheit gegen ihn zusammenzubrauen. Im Wesentlichen spielte die besiegte jüdische Macht eine besondere Rolle bei der Entstehung dieser Unzufriedenheit. Allmählich schlossen sie sich zusammen, erhoben sich zum Aufstand und belagerten den Wohnsitz des Kalifen in Medina. Unter diesen Aufständischen befand sich keine bedeutende Persönlichkeit. Sie drohten dem Kalifen mit seiner Ermordung und forderten ihn zum Rücktritt auf. Sie unterbrachen die Versorgung des Hauses des Kalifen mit Nahrung und Wasser. Sie hinderten ihn daran, das Gebet in der Moschee zu verrichten. Schließlich drangen sie in das Haus des Kalifen ein und ermordeten den betagten Kalifen, während er im Zustand des Fastens den Koran rezitierte. (Wahrlich, Allah gehören wir und wahrlich, zu Ihm kehren wir zurück) Dieses Ereignis ereignete sich am Freitag, dem 18. Dhu l-Hiddscha des Jahres 35 nach der Hidschra, nach dem Nachmittagsgebet. Zwischen dem Tod des Gesandten Allahs und dem Märtyrertod Hazrat Uthmans lagen 25 Jahre. Er übte das Kalifat zwölf Jahre weniger zwölf Tage aus.
Im als „Haschre Kaukab“ bezeichneten Teil des Jannatul-Baqi-Friedhofs wurde er beigesetzt. Seine Beisetzung wurde zwischen Maghrib und Isha vollzogen. Zubair ibn Mut’im (ra.) leitete sein Totengebet. Am Totengebet des Oberhaupts eines gewaltigen Kalifats, das sich von Kabul bis Marokko erstreckte, nahmen nur siebzig Menschen teil. Über sein Alter zum Zeitpunkt seines Todes herrscht Uneinigkeit. Es lag jedoch zwischen 82 und 90 Jahren. ((Al-–Fitnatul Kubra))
Nach der Einkesselung durch die Aufständischen hätte Kalif Uthman sie, wenn er gewollt hätte, vernichten können. Auch die anderen Sahaba waren dazu bereit. Doch Hazrat Uthman wollte nicht, dass für ihn das Blut irgendeines Muslims vergossen wurde. Er wollte nicht derjenige sein, der das Blutvergießen unter den Muslimen einleitete. Tatsächlich macht die Vorgehensweise, die Hazrat Uthman (ra.) in einem derart heiklen Augenblick wählte, den Unterschied zwischen einem Kalifen und einem König deutlich. Wäre an seiner Stelle ein König gewesen, hätte er nicht gezögert, jede beliebige Strategie anzuwenden, um seine Macht zu erhalten, ganz gleich, wie groß der dadurch verursachte Schaden oder die Zerstörung gewesen wäre. Doch er war ein rechtgeleiteter Kalif. Er hielt es für geringfügig, sein eigenes Leben zu opfern. Dennoch sollte nicht eine solche Ehre zugrunde gehen, die einem Muslim lieber sein sollte als alles andere.“ (Khilafat wa Mulukiyyat: Abul A’’la Maududi)
Die Verdienste Hazrat Uthmans für den Islam wird die muslimische Gemeinschaft niemals vergessen können. In jener Krisenzeit des Islam gab er auf Allahs Weg in einer Weise Geld aus, für die es unter keinem anderen wohlhabenden Muslim ein Beispiel gibt. Für eine beträchtliche Summe kaufte er den im Besitz eines Juden befindlichen Brunnen „Bir Ruma“ und stiftete ihn als Waqf für die Muslime von Medina. Im Gegenzug versprach ihm der Gesandte Allahs (s.) das Paradies. Es ist eine grausame Ironie des Schicksals, dass man ausgerechnet im Haus dessen, der einst durch die Stiftung von „Bir Ruma“ die Wasserknappheit der Bewohner Medinas gelindert hatte, das Wasser dieses Brunnens abstellte. Eines Tages während der Belagerung streckte er den Kopf aus dem Fenster und erinnerte die Bewohner Medinas daran: „Auf Anweisung des Gesandten Allahs war ich es, der Bir Ruma kaufte und ihn als Waqf für die Allgemeinheit stiftete. Heute verwehrt ihr mir sogar das Wasser dieses Brunnens. Heute breche ich mein Fasten aus Wassermangel mit schmutzigem Wasser.“
Die Kernaussage der vom Gesandten Allahs (s.) über die Vorzüge und den Rang Hadrat Uthmans überlieferten Hadithe lautet: Er war dem Gesandten Allahs (s.) außerordentlich lieb. Unter den ihm nahestehenden Menschen nahm er eine besondere Stellung ein. Der Gesandte Allahs (s.) überbrachte ihm wiederholt die frohe Nachricht vom Paradies. Der Prophet (s.) sagte: „Jeder Prophet hat einen Freund; mein Freund im Paradies wird Uthman sein.“ (Tirmidhi) Hadrat Abdullah ibn Umar sagte: Zur Zeit des Propheten (s.) hielten die Muslime Abu Bakr, Umar und Uthman für die angesehensten von allen. Keinem anderen Gefährten wurde eine besondere Vorrangstellung zuerkannt.
Hadrat Uthman (r.a.) war zur Zeit des Gesandten Allahs (s.) der „Kātib al-Wahy“ – der Schreiber der Offenbarung. In der Zeit von Siddiq und Faruq war er ein Ratgeber. Jedes Jahr verrichtete er die Hadsch. In dem Jahr jedoch, in dem er den Märtyrertod erlitt, konnte er wegen der Belagerung die Hadsch nicht vollziehen. Das ganze Jahr über fastete er. Die ganze Nacht verbrachte er im Gottesdienst. In einer Rakʿa vollendete er einmal die Rezitation des gesamten Korans. Nachts störte er niemanden beim Schlafen. Nachts nahm er die Dienste seiner Bediensteten nicht in Anspruch. Er war äußerst schamhaft. Der Gesandte Allahs (s.) sagte: „Unter meiner Gemeinschaft ist Uthman der schamhafteste.“ Er sagte ferner: „Selbst die Engel schämen sich in Uthmans Gegenwart.“ Seinen Verwandten und Freunden gegenüber war er überaus gütig. Seine Tugenden und sein Rang lassen sich in einem kurzen Aufsatz nicht darlegen.
’Ali ibn Abi Talib ((r.a.))
Sein Name war Ali, seine Beinamen Asadullah, Haidar und Murtada, und seine Kunyas Abu l-Hasan und Abu Turab. Sein Vater war Abu Talib Abd Manaf, seine Mutter Fatima. Beide Eltern entstammten dem haschimitischen Zweig des Stammes Quraisch. Ali war der leibliche Cousin des Gesandten Allahs (s.).
Er wurde zehn Jahre vor dem Empfang der Offenbarung durch den Gesandten Allahs (s.) geboren. Abu Talib war ein einfacher Mann. Um seinem Onkel ein wenig zu helfen, nahm der Gesandte Allahs (s.) Ali in seine eigene Obhut. So wuchs er als Mitglied der Familie des Propheten auf. Als der Gesandte Allahs (s.) zum Propheten berufen wurde, war Ali zwischen neun und elf Jahre alt. Eines Tages sah er im Haus den Gesandten Allahs (s.) und die Mutter der Gläubigen, Hadrat Chadidscha (r.a.), in der Niederwerfung. Verwundert fragte er: „Was ist das?“ Er erhielt zur Antwort: „Wir dienen dem einen Gott. Auch dich laden wir dazu ein.“ Ali nahm den Ruf seines Mentors ohne zu zögern an. Er wurde Muslim. Keine Missetat des Unglaubens, der Vielgötterei oder der Dschahiliyya konnte ihn berühren.
Als Erste verrichtete Hadrat Chadidscha al-Kubra (r.a.) gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s.) das Gebet. Darüber besteht kein Meinungsunterschied. Uneinigkeit besteht jedoch darüber, wer von diesen drei – Abu Bakr, Ali und Zaid ibn Haritha – zuerst den Islam annahm. (Tabakāt: 3/21) Nach den Überlieferungen von Ibn Abbas und Salman al-Farisi (r.a.) nahm Ali (r.a.) nach der Mutter der Gläubigen, Hadrat Chadidscha (r.a.), als Erster den Islam an. Doch alle sind sich darin einig, dass unter den Frauen Hadrat Chadidscha, unter den erwachsenen freien Männern Abu Bakr, unter den Sklaven Zaid ibn Haritha und unter den Jugendlichen Ali (r.a.) die Ersten waren, die Muslim wurden.
Im dritten Jahr der Prophetenschaft befahl der Ehrwürdige Gesandte Allahs ﷺ Ali, die Bewirtung einiger Menschen vorzubereiten. Alle Angehörigen des Stammes Abdul-Muttalib waren anwesend. Nachdem die Mahlzeit beendet war, wandte sich der Gesandte Allahs ﷺ an sie und sagte: „Ich habe etwas gebracht, das sowohl für die Religion als auch für diese Welt von Nutzen ist. Wer von euch wird mein Gefährte sein?“ Alle schwiegen. Da rief plötzlich Ali رضي الله عنه aus: „Obwohl ich noch jung, an einer Augenkrankheit erkrankt und von schwachem Körperbau bin, werde ich dich unterstützen.“
Die Zeit der Hidschra war gekommen. Die meisten Muslime hatten Mekka verlassen und waren nach Medina gegangen. Der Ehrwürdige Gesandte Allahs ﷺ wartete auf Allahs Befehl. Unterdessen hatten die islamfeindlichen Kräfte in Mekka beschlossen, den Ehrwürdigen Gesandten Allahs ﷺ für immer aus der Welt zu schaffen. Allah informierte Seinen Gesandten ﷺ darüber. Er erhielt die Erlaubnis, nach Medina auszuwandern. Damit die Ungläubigen keinen Verdacht schöpften, befahl der Gesandte Allahs ﷺ Ali, in seinem Bett zu schlafen, und brach gemeinsam mit dem Siddīq al-Akbar in der Dunkelheit der Nacht nach Medina auf. Ali رضي الله عنه schlief, in den Umhang des Ehrwürdigen Gesandten Allahs ﷺ gehüllt, unbesorgt und überaus glücklich. Er wusste, dass er unter diesen Umständen sein Leben verlieren konnte. Doch er war überzeugt, dass es kein größeres Glück geben würde, wenn er auf diese Weise sein Leben hingäbe. Bei Tagesanbruch drangen die erbarmungslosen Männer aus Mekka mit ihren bösen Absichten ein und sahen, dass anstelle des Ehrwürdigen Gesandten Allahs ﷺ ein ihm zutiefst ergebener Mann dalag, bereit, sein Leben zu opfern. Sie scheiterten, und Allah, der Erhabene, beschützte Ali رضي الله عنه.
Im Zusammenhang mit dieser Hidschra sagte Hadhrat Ali رضي الله عنه: „Bevor der Gesandte Allahs ﷺ nach Medina aufbrach, wies er mich an, in Mekka zu bleiben und den Menschen die ihnen gehörenden anvertrauten Güter zurückzugeben, die sich bei ihm befanden. Gerade deshalb wurde er al-Amīn genannt. Ich blieb drei Tage in Mekka. Danach machte ich mich auf dem Weg des Gesandten Allahs ﷺ nach Medina auf. Schließlich kam ich bei den Banū ʿAmr ibn ʿAwf an, wo der Gesandte Allahs ﷺ sich aufhielt. Ich fand Unterkunft im Haus von Kulthūm ibn Hidm.“ Nach einer anderen Überlieferung traf Ali رضي الله عنه in der Mitte des Monats Rabīʿ al-awwal in Qubā ein. Der Gesandte Allahs ﷺ befand sich damals noch in Qubā.(Ṭabaqāt: 3/22)
Zu Beginn des medinensischen Lebens, als der Gesandte Allahs ﷺ unter den Muslimen gegenseitig die „Muʾākhāt“, also die religiöse Bruderschaft, begründete, legte er eine Hand auf die Schulter von Ali رضي الله عنه und sagte: „Ali, du bist mein Bruder. Du wirst mein Erbe sein, und ich werde dein Erbe sein.“(Ṭabaqāt: 3/22)Später stiftete der Gesandte Allahs ﷺ zwischen Ali und Sahl ibn Hunayf eine brüderliche Beziehung.(Ṭabaqāt: 3/23)
Im zweiten Jahr nach der Hidschra erlangte Hadhrat Ali رضي الله عنه die Ehre, der Schwiegersohn des Ehrwürdigen Gesandten Allahs ﷺ zu werden. Er heiratete Hadhrat Fatima رضي الله عنها, die geliebte Tochter des Gesandten Allahs ﷺ und die Fürstin der Frauen des Paradieses.
Der Beitrag des ehrwürdigen ʿAlī, möge Allah mit ihm zufrieden sein, für den Islam ist unvergesslich. In allen Kriegen zur Zeit des ehrwürdigen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zeigte er den größten Mut und die größte Tapferkeit. Deshalb verlieh der Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihm den Beinamen „Ḥaidar“ und schenkte ihm ein Schwert namens „Dhū l-Fiqār“.
Außer am Feldzug von Tabūk nahm er an allen Schlachten teil. In Badr war er an seinem weißen Wolltuch zu erkennen. Dies wird von Qatāda überliefert. In jeder Schlacht, einschließlich Badr, trug ʿAlī das Banner des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. (Ṭabaqāt: 3/23) In Uhud, als alle anderen Mudschāhidūn besiegt waren und flohen, gehörte ʿAlī zu den wenigen Soldaten, die sich um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, geschart und eine Verteidigungsformation gebildet hatten. Den Flüchtenden wurde allerdings Allahs Vergebung zugesprochen.
Von Ibn Isḥāq wird überliefert: Am Tag des Grabens trat ʿAmr ibn Abd Wudd in voller Rüstung hervor. Er stieß einen Kampfruf aus: „Wer tritt zum Zweikampf gegen mich an?“ ʿAlī erhob sich und sagte: „O Prophet Allahs, ich bin bereit.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Das ist ʿAmr. Setz dich.“ ʿAmr rief erneut: „Gibt es niemanden, der gegen mich kämpft? Wo ist jetzt jenes Paradies von euch, von dem ihr glaubt, dass eure Gefallenen es betreten werden? Hat nun keiner von euch den Mut, gegen mich zu kämpfen?“ ʿAlī, möge Allah mit ihm zufrieden sein, erhob sich und sagte: „O Gesandter Allahs, ich bin bereit.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Setz dich.“ Nachdem ʿAmr zum dritten Mal herausgefordert hatte, begann er, ein selbstverfasstes Gedicht vorzutragen. Wieder erhob sich ʿAlī, möge Allah mit ihm zufrieden sein, und sagte: „O Gesandter Allahs, ich bin bereit.“ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Es ist doch ʿAmr.“ ʿAlī, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: „So sei es.“ Nun erhielt ʿAlī die Erlaubnis. Während er ein selbstverfasstes Gedicht vortrug, ging ʿAlī auf ʿAmr zu. ʿAmr fragte: „Wer bist du?“ Er antwortete: „ʿAlī.“ Jener fragte: „Der Sohn von Abd Manāf?“ ʿAlī sagte: „Ich bin ʿAlī, der Sohn Abū Ṭālibs.“ Jener sagte: „Neffe, ich möchte dein Blut nicht vergießen.“ ʿAlī sagte: „Bei Allah, ich möchte dein Blut jedoch nicht ungern vergießen.“ Als ʿAmr dies hörte, geriet er in Zorn. Er stieg hinab, zog sein Schwert und riss es heraus. Das Schwert war wie eine Flamme. Er ging vor und schlug auf ʿAlīs Schild ein, sodass er ihn spaltete. ʿAlī versetzte ihm seinerseits einen einzigen Schlag und streckte ihn nieder. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dies sah, rief er den Takbīr aus. Danach kehrte ʿAlī, während er ein eigenes Gedicht vortrug, zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zurück. (al-–Bidāya wa-n- Nihāya, Ibn Kathīr 4/106)
Im siebten Jahr nach der Hidschra wurde der Feldzug gegen Chaibar unternommen. Dort gab es mehrere äußerst befestigte Burgen der Juden. Zuerst wurde as-Siddīq al-Akbar und danach al-Fārūq al-Aʿẓam mit der Eroberung dieser Burgen beauftragt. Doch keiner von beiden war erfolgreich. Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verkündete: „Morgen werde ich einem Helden das Banner übergeben, der Allah und Seinem Gesandten besonders lieb ist. Durch seine Hand werden die Burgen fallen.“ Am nächsten Morgen hofften alle Gefährten, diese Ehre zu erlangen. Plötzlich wurde Ali gerufen. Durch seine Hand fielen jene uneinnehmbaren Burgen von Chaibar.
Als der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zum Feldzug von Tabuk aufbrach, setzte er Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) als seinen Stellvertreter in Medina ein. Ali fragte: „O Gesandter Allahs, du ziehst fort und lässt mich bei den Frauen und Kindern zurück?“ Der Gesandte Allahs antwortete: „Du bist für mich das, was Aaron für Mose war. Doch nach mir gibt es keinen Propheten.“ (Ṭabaqāt: 3/24)
Im neunten Jahr nach der Hidschra fand die erste islamische Pilgerfahrt unter der Herrschaft der Muslime statt. In diesem Jahr war as-Siddīq al-Akbar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) der Amīr al-Haddsch. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) entsandte jedoch Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) als Sondergesandten, um die Aufhebung sämtlicher mit den Ungläubigen geschlossener Verträge zu verkünden.
Im zehnten Jahr nach der Hidschra wurde Hazrat Chālid Saifullāh zur Verbreitung des Islams in den Jemen entsandt. Trotz sechsmonatiger Bemühungen konnte er keinen Erfolg erzielen und kehrte zurück. Der edle Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) kündigte an, Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) zu entsenden. Ali erschien beim Gesandten Allahs und sagte: „Du schickst mich zu Menschen, bei denen neue und unbekannte Angelegenheiten auftreten werden, obwohl ich keinerlei Erfahrung im Richten habe.“ Der Gesandte Allahs antwortete: „Allah wird dir richtige Urteile und deinem Herzen Festigkeit geben.“ Er legte seine Hand auf Alis Gesicht. Ali sagte: „Danach war ich bei keinem Urteil mehr unsicher.“ Vor seiner Abreise setzte der Gesandte Allahs Ali eigenhändig einen Turban auf und sprach ein Bittgebet für ihn. Ali kam im Jemen an und begann mit der Verkündigung des Islams. Innerhalb kurzer Zeit wandten sich alle Jemeniten dem Islam zu, und das gesamte Volk des Stammes Hamadān nahm den Islam an. Der Gesandte Allahs sehnte sich danach, Ali zu sehen. Er betete: „O Allah, lass mich nicht sterben, bevor ich Ali gesehen habe.“ Hazrat Ali kam während der Abschiedspilgerfahrt aus dem Jemen zurück.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs übernahmen nur seine nahen Verwandten die Verantwortung für seine Einhüllung und Beisetzung. Hazrat Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wurde die Ehre zuteil, ihn zu waschen. Die Muhādschirūn und die Ansār warteten damals vor der Tür.
Er akzeptierte das Kalifat von Hazrat Abu Bakr, Hazrat Umar und Hazrat Uthman (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) und leistete ihnen den Treueeid. Außerdem nahm er an allen wichtigen Entscheidungen ihrer Zeit teil. Selbst in äußerst schwierigen Situationen beriet er Hazrat Uthman. So wie Abu Bakr „as-Siddīq“, Umar „al-Fārūq“ und Uthman „al-Ghanī“ genannt werden, wurde auch er „Ali al-Murtaḍā“ genannt. Während der Zeit von Hazrat Abu Bakr und Umar erfüllte er die Rolle eines Ministers und Beraters. Auch Hazrat Uthman beriet sich stets mit ihm.(Murūǧ adh-Dhahab: 2/2)
Als Hazrat Uthman von den Aufständischen belagert wurde, spielte Ali (r.a.) die größte Rolle bei seinem Schutz. Während dieser Belagerung setzte er seine beiden Söhne Hasan und Husain (r.a.) zum Schutz von Hazrat Uthmans Haus ein.। (al–-Fitnatul Kubra: Dr.. Taha Husain)
Vor seinem Tod nannte Hazrat Umar (r.a.) die Namen von sechs herausragenden Gefährten und bestimmte, dass aus ihrer Mitte der nächste Kalif gewählt werden solle. Auch Ali war einer von ihnen. Vor seinem Tod äußerte er sich über Ali (r.a.): „Wenn die Menschen Ali zum Kalifen machen, wird er sie auf den rechten Weg führen können.“ (al–-Fitnatul Kubra) Während Hazrat Umar auf seiner Reise nach Bayt al-Maqdis war, setzte er Ali (r.a.) in Medina als seinen Stellvertreter ein.
Nach dem Märtyrertod Hazrat Uthmans (r.a.) drängten die Aufständischen Hazrat Talha, Zubair und Ali (r.a.), das Amt des Kalifen zu übernehmen. Jeder von ihnen lehnte dies entschieden ab. Aus verschiedenen Überlieferungen ist bekannt, dass Hazrat Ali (r.a.) diesen Vorschlag immer wieder zurückwies. Schließlich gingen die Einwohner Medinas zu Hazrat Ali (r.a.) und sagten: Dieses Amt des Kalifen kann nicht auf diese Weise unbesetzt bleiben. Gegenwärtig gibt es für dieses Amt niemanden, der geeigneter wäre als Sie. Sie allein haben darauf Anspruch. Unter dem Drängen der Menschen erklärte er sich schließlich bereit, das Amt des Kalifen zu übernehmen. Er stellte jedoch die Bedingung: „Meine Baiʿa darf nicht im Geheimen erfolgen. Dafür ist die Zustimmung der Muslime aller Schichten erforderlich.“ In der Prophetenmoschee fand eine allgemeine Versammlung statt. Mit Ausnahme von lediglich sechzehn oder siebzehn Gefährten leisteten alle Muhadschirun und Ansar Ali (r.a.) den Treueid.
Unter äußerst schwierigen Umständen begann die Amtszeit von Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, als Kalif. Seine erste Aufgabe nach seinem Amtsantritt war es, die Mörder Hadhrat Uthmans, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, zu bestrafen. Doch diese Aufgabe war nicht einfach. Erstens hatte niemand die Mörder identifizieren können. Hadhrat Uthmans Ehefrau, Hadhrat Naila, hatte die Mörder gesehen, konnte jedoch keinen von ihnen erkennen. Muhammad ibn Abi Bakr war mit der Absicht hingegangen, ihn zu töten. Doch angesichts einer zornigen Äußerung Hadhrat Uthmans zog er sich zurück. Auch Muhammad ibn Abi Bakr konnte die Mörder nicht erkennen. Zweitens befand sich Medina damals in der Gewalt Tausender Aufständischer. Sie waren in die Armee Hadhrat Alis eingedrungen. Viele Muslime jener Zeit erkannten jedoch seine hilflose Lage nicht. Sie forderten Hadhrat Ali unverzüglich auf, an Hadhrat Uthmans Mördern Qisas zu vollziehen. Zu denjenigen, die diese Forderung erhoben, gehörten neben der Mutter der Gläubigen, Hadhrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei mit ihr, auch bedeutende Gefährten wie Talha und Zubair, Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen. Unter der Führung Hadhrat Aischas zogen sie mit einer Armee von Mekka nach Basra. Dort war die Zahl ihrer Unterstützer größer. Auch Ali traf mit seinen Truppen dort ein. Am Stadtrand von Basra standen sich die beiden gegnerischen Heere gegenüber. Hadhrat Aischa trug Hadhrat Ali ihre Forderung vor. Auch Ali legte seine Schwierigkeiten dar. Da beide Seiten von Aufrichtigkeit und Hingabe erfüllt waren, kam es zu einer Einigung. Hadhrat Talha und Zubair machten sich auf den Rückweg. Auch Aischa begann, ihre Rückkehr vorzubereiten. Doch in beiden Heeren befanden sich Unruhestifter und diejenigen, die Zwietracht stiften wollten. Daher gerieten sie angesichts der Versöhnung in Furcht. Nach einem sorgfältig ausgearbeiteten Plan griff in der Dunkelheit der Nacht die eine Seite das Lager der anderen an. Dadurch entstand bei beiden Seiten der Eindruck, der Gegner habe sie unter dem Vorwand einer Versöhnung getäuscht und angegriffen. Ein umfassender Krieg brach aus. Ali siegte. Er konnte Hadhrat Aischa die Angelegenheit verständlich machen. Aischa kehrte von Basra nach Medina zurück.
Während der Schlacht ritt Aischa auf einem Kamel. Daher ist diese Schlacht in der Geschichte als „Kamelschlacht“ bekannt. Sie fand im Monat Dschumada ath-Thani des Jahres 36 nach der Hidschra statt. Auf beiden Seiten fielen insgesamt dreizehntausend Muslime als Märtyrer, darunter die Mitglieder der Aschara al-Mubaschschara, Hadhrat Talha und Zubair. Darüber besteht allerdings Meinungsverschiedenheit. Nach einem fünfzehntägigen Aufenthalt in Basra zog Hadhrat Ali nach Kufa weiter. Die Hauptstadt wurde von Medina nach Kufa verlegt.
Diese Kamelschlacht war der erste selbstzerstörerische Konflikt unter den Muslimen. Viele Gefährten schlossen sich in dieser Schlacht keiner der beiden Seiten an. Dieser selbstzerstörerische Konflikt erfüllte sie mit Schmerz. Als Alis Heer von Medina aufbrach, brachen die Bewohner Medinas in Tränen aus.
Mit Hadhrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei mit ihr, konnte man zwar zu einer Versöhnung gelangen, doch mit Muawiya, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, dem Gouverneur von Syrien, konnte keine Einigung erzielt werden. Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, enthob ihn seines Amtes als Gouverneur von Syrien. Hadhrat Muawiya widersetzte sich. Er weigerte sich, Alis Anweisung zu befolgen. Der Kern seiner Aussage war: „Solange an Uthmans Mördern kein Qisas vollzogen worden ist, wird er Ali nicht als Kalifen anerkennen.“
Im Monat Safar des Jahres 37 nach der Hidschra kam es an einem Ort namens „Siffin“ zu einem Zusammenstoß zwischen den Heeren Hadhrat Alis und Hadhrat Muawiyas, Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen. Dieser Zusammenstoß war noch furchtbarer als die Kamelschlacht. Auf beiden Seiten fanden insgesamt 90.000 (neunzigtausend) Muslime den Märtyrertod. Unter ihnen waren auch die berühmten Gefährten Hadhrat Ammar ibn Yasir, Chuzaima ibn ثابت und Abu Ammara al-Mazini. Sie alle wurden auf Alis Seite durch Muawiyas Truppen zu Märtyrern. Über Ammar ibn Yasir hatte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien mit ihm, gesagt: „Wehe! Eine aufständische Gruppe wird Ammar töten.“ (Sahih al- Buchari) Siebenundzwanzig berühmte Gefährten überlieferten diesen Hadith. Auch Hadhrat Muawiya war einer der Überlieferer dieses Hadith. Hadhrat Muawiya, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, legte den Hadith allerdings anders aus. Trotz alledem wurde die Angelegenheit nicht entschieden.
Im letzten Gefecht von Siffin, das „Lailat al-Har“ genannt wird, stand Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, kurz vor dem Sieg. Als Hadhrat Muawiya, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, Anzeichen einer Niederlage erkannte, rief er dazu auf, den Streit durch den Heiligen Koran zu schlichten. Seine Soldaten hängten Korane an die Spitzen ihrer Speere, hielten sie hoch und riefen: „Dieser Koran wird unseren Streit entscheiden.“ Ein Waffenstillstand wurde verkündet. Auf Seiten Hadhrat Alis wurde Abu Musa al-Aschari, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, und auf Seiten Hadhrat Muawiyas Hadhrat Amr ibn al-As als Hakem beziehungsweise Schiedsrichter eingesetzt. Es wurde vereinbart, dass beide gegnerischen Seiten sich dem gemeinsamen Urteil dieser beiden Männer fügen würden. An einem Ort namens „Dumat al-Dschandal“ fand eine große Versammlung der Muslime statt. Doch nach einer Analyse aller historischen Angaben lautet das Ergebnis: Hadhrat Amr ibn al-As, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, wich im letzten Augenblick von der Übereinkunft ab, die er mit Hadhrat Abu Musa al-Aschari, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, erzielt hatte; deshalb scheiterte dieses Schiedsgericht daran, Frieden zu stiften. Enttäuscht kehrten die Muslime aus Dumat al-Dschandal zurück. Danach schlossen Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, und Muawiya, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, einen Friedensvertrag, um unnötiges Blutvergießen zu beenden. Von diesem Tag an war das muslimische Kalifat im Wesentlichen in zwei Teile geteilt.
Zu dieser Zeit entstand eine neue Gruppe namens „Charidschiten“. Anfangs waren sie Anhänger Alis. Später begannen sie jedoch den Glauben zu verbreiten, es sei Kufr, in religiösen Angelegenheiten einen Menschen als Hakem oder Schiedsrichter einzusetzen. Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, habe dadurch, dass er Abu Musa al-Aschari als Hakem anerkannte, gegen den Koran gehandelt. Daher habe Hadhrat Ali die Berechtigung verloren, ihre Gefolgschaft zu beanspruchen. Sie trennten sich von Hadhrat Ali. Sie waren äußerst extremistisch. Es kam zu einer Schlacht zwischen ihnen und Ali, Allahs Wohlgefallen sei mit ihm, in der viele Menschen getötet oder verwundet wurden.
Drei Männer dieser charidschitischen Gemeinschaft – Abd ar-Rahman Muldschim, al-Barak ibn Abdillah und Amir ibn Bakr at-Tamimi – trafen sich nach der Schlacht von Nahrawan zu einer geheimen Zusammenkunft. Nach langen Beratungen kamen sie zu dem Schluss, dass hauptsächlich Ali, Muawiya und Amr ibn al-As, Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen, für die inneren Konflikte der muslimischen Umma verantwortlich seien. Daher müssten diese drei Männer aus der Welt geschafft werden. Gemäß dem Beschluss übernahm Muldschim die Aufgabe, Ali zu töten, während al-Barak und Amr jeweils Muawiya und Amr ibn al-As übernehmen sollten. Sie verpflichteten sich: Entweder würden sie töten oder selbst sterben. Als Zeitpunkt für diese Tat wurde das Morgengebet am 17. Ramadan des Jahres 40 nach der Hidschra festgelegt. Danach begab sich Ibn Muldschim nach Kufa, al-Barak nach Damaskus und Amr nach Ägypten.
In der Nacht zum Freitag, dem 16. Ramadan des Jahres 40 nach der Hidschra, lauerten die Attentäter an ihren jeweiligen Plätzen. Zur Zeit des Fadschr-Gebets ging Hazrat Ali (r.a.) wie gewöhnlich zur Moschee und rief die Menschen mit den Worten „As-Salat“ zum Gebet. Da sprang der ruchlose Ibn Mulschim mit einem geschärften Schwert auf ihn zu und verwundete ihn. Noch im verwundeten Zustand befahl er, den Attentäter festzunehmen. Er ließ seine Söhne rufen und erteilte ihnen sein Vermächtnis. Nachdem er vier Jahre und neun Monate das Kalifat geführt hatte, starb er am Samstag, dem 17. Ramadan des Jahres 40 nach der Hidschra, in Kufa den Märtyrertod.
Am selben Tag und zur selben Zeit wurde auch Hazrat Muawiya angegriffen, als er zur Moschee ging. Der Angriff scheiterte jedoch, und er wurde nur leicht verletzt. ‘Amr ibn al-‘As ging an jenem Tag wegen einer Krankheit nicht in die Moschee. An seiner Stelle ging der Polizeikommandant Charidsch ibn Hudhafa zur Moschee, um das Gebet zu leiten. Er wurde für ‘Amr ibn al-‘As gehalten und getötet. So entkamen Muawiya und ‘Amr ibn al-‘As (r.a.) dem Tod.(Tarikhul Umma al–Islamiyya: Chudri Bek)
Hazrat Hasan ibn Ali (r.a.) leitete das Totengebet für Hazrat Ali (r.a.). Er wurde neben der Dschami-Moschee von Kufa beigesetzt. Nach einer anderen Überlieferung wurde er jedoch in Nadschaf al-Aschraf bestattet. Zum Zeitpunkt seines Todes war er 63 Jahre alt.
Als der Attentäter Ibn Mulschim herbeigebracht wurde, befahl Ali (r.a.): „Er ist ein Gefangener. Sorgt gut für seine Unterkunft und Verpflegung. Wenn ich am Leben bleibe, kann ich ihn töten oder ihm vergeben. Wenn ich sterbe, fügt ihm nur genau den Schlag zu, den er mir zugefügt hat. Übertreibt nicht. Allah liebt diejenigen nicht, die maßlos handeln.“(Tabakat: 3/35)
Hazrat Ali (r.a.) führte das Kalifat fünf Jahre lang. Mit Ausnahme von Syrien und Ägypten standen alle Gebiete, darunter Mekka und Medina, unter seiner Herrschaft. Da seine Zeit von Bürgerkriegen erfüllt war, wurde kein neues Gebiet erobert.
Hazrat Ali (r.a.) bestimmte nach sich keinen Nachfolger. Als die Menschen ihn fragten, ob sie seinen Sohn Hazrat Hasan (r.a.) zum Kalifen wählen sollten, sagte er: „In dieser Angelegenheit gebe ich euch weder eine Anweisung noch ein Verbot.“ Als ihn ein anderer fragte: „Warum bestimmen Sie keinen Stellvertreter?“, antwortete er: „Ich möchte die muslimische Umma so zurücklassen, wie der Gesandte Allahs (s.a.w.) sie zurückgelassen hat.“
Nach dem Tod Hazrat Alis (r.a.) wählten die Bewohner von Kufa, der Hauptstadt und dem „Dar al-Chilafa“, Hazrat Hasan (r.a.) zum Kalifen. Er wollte den inneren Streit und das Blutvergießen unter der muslimischen Umma nicht. Als Hazrat Muawiya (r.a.) deshalb den Irak angriff, hielt er es für besser, ihm die Macht des Kalifats zu überlassen, statt Krieg zu führen. So bewahrte Hazrat Hasans beispielloses Opfer die muslimische Nation vor dem Bürgerkrieg. Das Jahr, in dem er auf das Kalifat verzichtete, wird in der islamischen Geschichte „Am al-Dschama’a“ – das Jahr der Einheit und Geschlossenheit – genannt. Nach seinem Rücktritt verließ Hazrat Hasan Kufa und ging nach Medina; neun Jahre später starb er im Jahr 50 nach der Hidschra. Nur sechs Monate lang hatte er das Kalifat führen können.
Hazrat Umar (r.a.) sagte über Ali (r.a.): „Unter uns ist Ali der beste Entscheider.“ Auch der Gesandte Allahs (s.a.w.) soll gesagt haben: „Aqḍāhum Ali – Ali ist der größte Richter unter ihnen.“ Als Hazrat Umar (r.a.) seine richtigen Entscheidungen bemerkte, sagte er wiederholt: „Lawlā Ali lahalaka Umar – Wenn Ali nicht gewesen wäre, wäre Umar zugrunde gegangen.“
ʿAlī (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) betrachtete sich als einem gewöhnlichen Muslim gleich und war stets bereit, sich für jeden Fehler zu verantworten. Einmal stahl ein Jude seinen Harnisch. Als ʿAlī ihn auf dem Markt beim Verkauf sah, erkannte er ihn wieder. Er hätte ihn notfalls mit Gewalt zurücknehmen können, doch er tat es nicht. Stattdessen erhob er gemäß dem Gesetz vor dem Gericht des Qādī Klage gegen den Juden. Auch der Qādī war ein strenger und gerechter Richter. Er verlangte von ʿAlī Beweise zur Unterstützung seiner Forderung. ʿAlī konnte sie nicht vorlegen. Daraufhin entschied der Qādī den Rechtsstreit zugunsten des Juden. Diese Entscheidung beeindruckte den Juden so sehr, dass er Muslim wurde. Er bemerkte: „Das ist eine Gerechtigkeit wie die der Propheten. ʿAlī hat mich als Amīr al-Muʾminīn vor den Qādī gebracht, und der von ihm eingesetzte Qādī hat gegen ihn entschieden.“ Bis zu seiner Heirat mit Fātima (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) lebte er im Haushalt des edlen Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Nach der Heirat begann er, in einem eigenen Haus zu wohnen. Nun entstand der Bedarf, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Doch woher sollten Kapital und Arbeitsmittel kommen? Er verdiente seinen Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit und aus seinem Anteil an der Kriegsbeute. Als zur Zeit ʿUmars (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) die staatlichen Bezüge eingeführt wurden, wurde seine jährliche Zuwendung auf fünftausend Dirham festgesetzt. Hasan berichtet, dass er bei seinem Tod lediglich siebenhundert Dirham hinterließ, die er angespart hatte, um einen Sklaven zu kaufen.(Ṭabaqāt: 3/39)
Mangel an Lebensunterhalt wich ʿAlīs (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) Schicksal keinen einzigen Tag. Einmal erinnerte er sich und sagte: Während der Zeit des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) habe ich aus Hunger einen Stein um meinen Bauch gebunden. (Hayātus Sahāba: 3/312) Auch nach seinem Amtsantritt als Kalif musste er gegen Hunger und Armut kämpfen. Doch sein Herz war außerordentlich weit. Keinen Bedürftigen wies er ab. Deshalb musste er häufig zusammen mit seiner ganzen Familie hungrig bleiben. Er war äußerst bescheiden. Alle Hausarbeiten erledigte er eigenhändig. Stets trug er grobe Kleidung, die zudem zerrissen und geflickt war. Er war das Tor des Wissens. Menschen kamen aus weit entfernten Gegenden zu ihm, um Wissen zu erwerben, und sahen ihn dabei, wie er Kamele hütete oder den Boden umgrub, um Felder anzulegen. Er war so anspruchslos, dass er sich bisweilen einfach auf den Erdboden legte. Einmal sah ihn der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in diesem Zustand und rief ihm zu: „Yā Abā Turāb“ – „O Bewohner und schlichter Mensch der Erde!“ Daher erhielt er den Beinamen „Abū Turāb“. Auch nach seinem Amtsantritt als Kalif führte er dieses einfache Leben weiter. Wie ʿUmar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) ging er stets mit einer Durra, also einem Stock, umher und ermahnte die Menschen. (Al–Fitnatul Kubrā)
Hadhrat Ali (r.a.) war ein Mitglied des Hauses des Propheten und wurde unter der unmittelbaren Aufsicht des Propheten (s.a.w.) ausgebildet. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Ana madinatul ilm wa Ali babuha“ – Ich bin die Stadt des Wissens, und Ali ist das Tor dieser Stadt. (Tirmidhi) Er war ein Hafiz des Korans und ein herausragender Mufassir. Er hatte auch einige Hadithe gesammelt. Bei der Überlieferung von Hadithen war er jedoch äußerst vorsichtig. Wenn jemand ihm einen Hadith überlieferte, ließ er den Überlieferer schwören. (Tadhkiratul Huffaz: 1/10) Er überlieferte viele Hadithe vom Gesandten Allahs (s.a.w.), und viele berühmte Sahaba und Tabi’un überlieferten Hadithe von ihm. In der Zeit der früheren Kalifen erteilten drei Muhadschirun und drei Ansar Fatwas. Sie waren: Umar, Uthman, Ali, Ubayy ibn Ka’b, Mu’adh ibn Jabal und Zayd ibn Thabit. Nach einer anderen von Masruq überlieferten Überlieferung erteilten unter den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) Fatwas: Ali, Ibn Mas’ud, Zayd, Ubayy ibn Ka’b und Abu Musa al-Asch’ari. (Tabaqat: 4/167, 175)
Ali war ein wortgewandter Redner und ein guter Dichter. (Kitāb al- ʿUmda: Ibn Rushaiq: 1//21) Wir besitzen einen „Diwan“ seiner Gedichte. Darin finden sich in zahlreichen Gedichten insgesamt 1.400 Verse. Die Forscher sind der Ansicht, dass viele der unter seinem Namen verbreiteten Gedichte ihm nachträglich zugeschrieben wurden. Dass er jedoch zu den herausragenden Vertretern der damaligen arabischen Dichtkunst gehörte, daran besteht unter den Gelehrten kein Zweifel. Unter dem Titel „Nahǧ al-Balāġa“ gibt es eine Sammlung seiner Ansprachen, die bis heute Zeugnis seiner unvergleichlichen Beredsamkeit ablegt. (Tārīkh al- Adab al-–ʿArabī: Dr. ʿUmar Farrūkh, , 1//309)
Seine erste Ehe schloss er mit Hazrat Fatima (r.a.), der Tochter des Propheten und der Herrin des Paradieses. Solange Fatima lebte, ging er keine zweite Ehe ein. Nach Fatimas Tod heiratete er mehrmals. Nach Tabaris Überlieferung wurden ihm vierzehn Söhne und siebzehn Töchter geboren. Von Hazrat Fatima wurden ihm drei Söhne – Hasan, Husain und Muhsin – sowie zwei Töchter, Zainab und Umm Kulsum, geboren. Muhsin starb bereits in seiner Kindheit. Nach Waqidis Überlieferung wird seine Nachkommenschaft nur durch fünf Söhne fortgeführt: Hasan, Husain, Muhammad (Ibn al-Hanafiyya), Abbas und Umar.
Imam Ahmad sagt: Über die Würde und die Vorzüge Alis wurde vom Gesandten Allahs (s.a.w.) so viel überliefert, wie über keinen anderen Gefährten. (Al–Isaba: 2/508) Es ist nicht möglich, in diesem kurzen Aufsatz auch nur einen Teil all der Vorzüge darzustellen, die ihm in der Geschichte zugeschrieben werden. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sprach unzählige Male Bittgebete für ihn und seine Kinder. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Nur die Gläubigen werden dich lieben, und nur die Heuchler werden dich hassen.“
Eines Tages kam Durar ibn Damra al-Kinani, ein Gefährte Hazrat Alis, zu Hazrat Muawiya. Muawiya bat ihn, die Vorzüge Alis (r.a.) zu schildern. Zunächst lehnte er ab. Doch auf Muawiyas Drängen hin gab er eine lange Schilderung. Darin kamen die Vorzüge Alis (r.a.) auf wunderbare Weise zum Ausdruck. Historiker berichten, dass Muawiya und alle, die mit ihm an dieser Versammlung teilnahmen, nach dem Hören dieser Schilderung in Tränen ausbrachen. Danach bemerkte Muawiya (r.a.): „Bei Allah, Abu al-Hasan (der Vater Hasans) war genau so.“(Al–Istiab: 3/44)
Zubair ibn al- Awwam ((r.a.))
Sein Name war Zubair, seine Kunya Abu Abdillah und sein Beiname „Hawariyyu Rasulillah“. Sein Vater hieß Awwam und seine Mutter Safiyya bint Abd al-Muttalib. Hazrat Safiyya war die Tante väterlicherseits des Gesandten Allahs (s.a.w.s.). Somit war Zubair der Cousin des Gesandten Allahs (s.a.w.s.). Umm al-Mu’minin Hazrat Chadidscha al-Kubra war seine Tante väterlicherseits. Da er andererseits Hazrat Asma, die Tochter von Hazrat Siddiq-e Akbar, heiratete, war der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) sein Schwager. Hazrat Asma (r.a.) war die Schwester von Umm al-Mu’minin Hazrat Aischa (r.a.). Auf diese Weise war er durch mehrere verwandtschaftliche Beziehungen mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) verbunden.
Hazrat Zubair (r.a.) wurde achtundzwanzig Jahre vor der Hidschra geboren. Über seine Kindheit ist nicht viel bekannt. Sicher ist jedoch, dass seine Mutter ihn von Anfang an so erzog, dass er als Erwachsener ein wagemutiger, entschlossener und selbstbewusster Mann werden sollte. Deshalb schlug sie ihn häufig und gewöhnte ihn an eine strenge Lebensweise. Eines Tages geriet sein Onkel Nawfal ibn Chuwailid wegen seiner Mutter Hazrat Safiyya heftig in Zorn und sagte: „Wenn du den Jungen so weiter schlägst, wirst du ihn noch umbringen.“ Außerdem rief er die Männer der Banu Haschim zusammen und sagte: „Warum redet ihr Safiyya nicht ins Gewissen?“ Safiyya erwiderte: „Diejenigen, die sagen, ich könne ihn nicht leiden, lügen. Ich schlage ihn, damit er klug wird und später in seinem Leben in der Lage ist, feindliche Soldaten zu besiegen und Kriegsbeute zu erlangen.
Diese Erziehung musste sich natürlich auf ihn auswirken. Schon in jungen Jahren rang er mit großen Ringkämpfern und starken Männern. Einmal kam es in Mekka zu einem Ringkampf mit einem kräftigen jungen Mann. Er schlug ihn so heftig, dass der Mann sich den Arm brach. Die Leute nahmen ihn und brachten ihn zu Hazrat Safiyya, um sich zu beschweren. Anstatt Reue über die Tat ihres Sohnes zu zeigen oder um Vergebung zu bitten, fragte sie sie zuerst: „Wie habt ihr Zubair erlebt – war er mutig oder feige?“
Zubair (r.a.) nahm bereits im Alter von nur sechzehn Jahren den Islam an. Unter denjenigen, die in der frühen Phase den Islam annahmen, besaß er eine herausragende und besondere Stellung.
Obwohl er noch jung war, stand er in Entschlossenheit und darin, sein Leben aufs Spiel zu setzen, niemandem nach. Einmal verbreitete jemand nach seinem Übertritt zum Islam das Gerücht, die Götzendiener hätten den Gesandten Allahs (s.a.w.s.) gefangen genommen oder getötet. Als er dies hörte, war er vor Erregung und Aufwallung so außer sich, dass er sofort mit einem einzigen Ruck sein Schwert aus der Scheide zog, sich durch die Menschenmenge drängte und sich zum Gesandten Allahs begab. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) sah ihn und fragte: „Was ist geschehen, Zubair?“ Er antwortete: „Ich hatte gehört, dass Sie gefangen genommen oder getötet worden seien.“ Der edle Gesandte (s.a.w.s.) freute sich sehr und sprach ein Bittgebet für ihn. Nach den Berichten der Verfasser der Sira war dies das erste Schwert, das ein Knabe in der Absicht der Selbstaufopferung gezogen hatte.
In der frühen Zeit wurde auch er wie die anderen Muslime von Mekka Opfer von Verfolgung und Unterdrückung. Sein Onkel scheute keine Anstrengung, ihn vom Islam abzubringen. Doch kann der Abdruck des Tauhid, der sich einmal in ein Herz eingeprägt hat, wieder ausgelöscht werden? In seinem Zorn begann der Onkel, noch härter gegen ihn vorzugehen. Er legte ihn mit dem Rücken auf glühende Steine und schlug ihn so heftig, dass er dem Tod nahekam. Trotzdem sagte er: „Egal, was ihr tut, ich kann nicht wieder zum Ungläubigen werden.“ Schließlich verließ er gezwungenermaßen seine Heimat Mekka und wanderte nach Abessinien aus. Nachdem er einige Zeit in Abessinien geblieben war, kehrte er nach Mekka zurück. Inzwischen wanderte auch der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) von Mekka nach Medina aus. Auch er ging nach Medina.
Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) hatte in Mekka eine islamische Bruderschaft zwischen Talha und Zubair gestiftet. Nach seiner Ankunft in Medina wurde jedoch erneut eine Bruderschaft zwischen ihm und Hazrat Salama ibn Salama al-Ansari begründet. Salama war eine angesehene Persönlichkeit aus Medina und gehörte zu denjenigen, die in Aqaba den Treueid geleistet hatten.
In seiner Teilnahme an den Schlachten war er einzigartig. In der Schlacht von Badr bewies er außerordentlichen Mut und großes Geschick. Er durchbrach und zerschmetterte die Verteidigungsreihen der Götzendiener. Ein götzendienerischer Soldat stieg auf einen Hügel. Als er zum Zweikampf aufforderte, packte Zubair ihn augenblicklich so fest, dass beide den Abhang hinunterzurollen begannen. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) dies sah, sagte er: „Wer von diesen beiden zuerst den Boden erreicht, wird getötet werden.“ Genau so geschah es. Der Götzendiener fiel zuerst zu Boden, und Zubair (r.a.) tötete ihn mit einem einzigen Schwertstreich. Ebenso trat er Ubaida ibn Said entgegen. Dieser war vom Kopf bis zu den Füßen so vollständig gepanzert, dass nur seine beiden Augen zu sehen waren. Zubair zielte sorgfältig auf sein Auge und schoss einen Pfeil ab. Das Ziel wurde genau getroffen. Die Pfeilspitze drang vollständig hindurch. Nur mit großer Mühe gelang es ihm, auf der Leiche sitzend, die Spitze herauszuziehen. Sie war jedoch etwas verbogen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) nahm diesen Pfeil als Andenken selbst an sich, und nach seinem Tod blieb er bis zum dritten Kalifen, Hazrat Uthman, bei verschiedenen Kalifen aufbewahrt. Nach dem Märtyrertod Hazrat Uthmans nahm Hazrat Abdullah ibn Zubair den Pfeil an sich; er blieb bis zu dessen Märtyrertod bei ihm.
In Badr kämpfte er so erbittert, dass sein Schwert stumpf wurde und sein ganzer Körper von den vielen Schlägen verwundet war. Eine der Wunden, die er an diesem Tag erlitt, war so tief, dass sie für immer wie eine Vertiefung zurückblieb. Sein Sohn Hazrat Urwa berichtet: „Wir steckten unsere Finger in diese Vertiefung und spielten damit.“ In dieser Schlacht trug er einen gelben Turban. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dies sah, sagte er: „Heute sind auch die Engel in dieser Aufmachung gekommen.“
Als der Kampf zwischen Wahrheit und Falschheit auf dem Feld von Uhud seinen Höhepunkt erreicht hatte, zog der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sein eigenes Schwert aus der Scheide und sagte: „Wer wird ihm heute gerecht werden?“ Alle Gefährten streckten voller Eifer ihre Hände aus. Auch Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, streckte dreimal seine Hand aus; doch letztlich wurde Hazrat Abu Dschuzana al-Ansari, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, die Ehre zuteil, es zu erhalten. Als sich in der Schlacht von Uhud wegen der Unachtsamkeit der Bogenschützen das Blatt des Krieges wendete und der sichere Sieg der Muslime in eine Niederlage umzuschlagen drohte, gehörte Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, zu den vierzehn Gefährten, die ihr Leben einsetzten und um den Gesandten, den Reinen, eine Verteidigungsstellung bildeten.
Im Kampf am Graben wurde Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, mit der Verteidigung jener Seite betraut, auf der sich die muslimischen Frauen aufhielten. Während dieser Schlacht brach der jüdische Stamm Banū Quraiza in Medina den mit den Muslimen geschlossenen Bündnisvertrag. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wollte jemanden zu ihnen schicken, um ihre Lage in Erfahrung zu bringen. Dreimal fragte er: „Wer von euch kann von ihnen Nachrichten bringen?“ Jedes Mal sagte Hazrat Zubair: „Ich.“ Der Gesandte Allahs war über seinen Eifer erfreut und sagte: „Jeder Prophet hat einen Hawārī. Mein Hawārī ist Zubair.“ „Hawārī“ bedeutet Gefährte, Begleiter und Anhänger.
Nach dem Kampf am Graben nahm er auch am Kampf gegen Banū Quraiza und am Treueid von Ridwan teil. In der Schlacht von Chaibar zeigte er unermesslichen Mut und große Tapferkeit. Nachdem der jüdische Anführer von Chaibar, Murahhib, getötet worden war, betrat dessen Bruder Yasir, ein Mann von gewaltiger Gestalt und großer Kraft, das Schlachtfeld und forderte mit lautem Gebrüll zum Zweikampf heraus. Hazrat Zubair sprang vor. Da sagte seine Mutter, Hazrat Safiyya: „O Gesandter Allahs, gewiss wird heute ein Stück meines Herzens den Märtyrertod erleiden.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Nein. Zubair wird ihn töten.“ Und tatsächlich tötete Zubair ihn schon nach kurzer Zeit.
Nach dem Sieg über Chaibar wurden Vorbereitungen für die Eroberung Mekkas getroffen. Aus einer menschlichen Schwäche heraus schrieb der berühmte Gefährte Hatib ibn Abi Balta’a einen Brief an die Quraisch von Mekka, in dem er ihnen alle Nachrichten mitteilte. Heimlich schickte er eine Frau mit dem Brief nach Mekka. Inzwischen wurde der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, durch die Offenbarung über alles informiert. Zu der Gruppe, die er aussandte, um die Frau mit dem Brief festzunehmen, gehörte auch Hazrat Zubair. Die Frau wurde mitsamt dem Brief festgenommen und nach Medina gebracht. Beschämt bereute Hatib ibn Abi Balta’a seine Tat. Auch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vergab ihm.
Am Tag der Eroberung Mekkas teilte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die muslimische Armee in mehrere Gruppen auf. In der letzten und kleinsten Gruppe befand er sich selbst. Der Fahnenträger dieser Gruppe war Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zog in Mekka ein. Als ringsum Frieden und Ordnung eingekehrt waren, erschienen Hazrat Miqdad und Hazrat Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, auf ihren jeweiligen Pferden beim Gesandten, dem Reinen. Der Gesandte Allahs erhob sich und wischte ihnen eigenhändig den Staub vom Gesicht.
Während der Schlacht von Hunain gelangte Hazrat Zubair in die Nähe eines geheimen Stützpunkts der Ungläubigen, woraufhin diese ihn überraschend angriffen. Mit außerordentlichem Mut räumte er den Stützpunkt innerhalb kurzer Zeit. Auch an den Kämpfen von Taif und Tabuk nahm er teil. Im zehnten Jahr nach der Hidschra begleitete er den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auch auf der Abschiedswallfahrt.
Während der Herrschaft des zweiten Kalifen, Hazrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, kam es auf dem Feld von Jarmuk in Syrien zu einer gewaltigen Schlacht zwischen dem muslimischen Heer und der großen römischen Armee. Dies war die entscheidende Schlacht für das Schicksal Syriens. Auch Hazrat Zubair nahm an dieser Schlacht teil. In einem entscheidenden Augenblick des Kampfes beschloss eine Gruppe muslimischer Soldaten, dass Hazrat Zubair einen heftigen Angriff auf das Zentrum der römischen Armee führen und die anderen ihn zu beiden Seiten unterstützen sollten. Dem Beschluss entsprechend griff Hazrat Zubair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, schnell und mit großer Wucht an, durchbrach die Reihen der römischen Armee und gelangte auf die andere Seite, doch die anderen konnten ihm nicht folgen. Als er allein erneut die römischen Reihen durchbrach und zurückkehrte, wurde er heftig angegriffen und erlitt eine schwere Wunde am Hals. Hazrat Urwa berichtet: „Nach Badr war dies die zweite Wunde, in die wir als Kinder unsere Finger steckten und damit spielten.“ Durch seinen tollkühnen Angriff wurde die römische Armee auseinandergetrieben.
Hazrat Amr ibn al-As hat einen Angriff auf Ägypten geführt und die Festung von Fustat belagert. Der Führer der Gläubigen, Hazrat Umar, sandte ihm zu seiner Unterstützung zehntausend Soldaten und viertausend Offiziere. In seinem Brief schrieb er außerdem, jeder dieser Offiziere entspreche tausend Reitern. Hazrat Zubair war einer dieser viertausend Offiziere. Die muslimischen Soldaten belagerten die Festung nun schon seit sieben Monaten. Es war keinerlei Aussicht auf Sieg oder Niederlage zu erkennen. Eines Tages sagte Hazrat Zubair voller Ungeduld: „Heute werde ich mein Leben für die Muslime opfern.“ Mit diesen Worten stieg er, das blanke Schwert in der Hand, über eine angelegte Leiter auf die Spitze der Festungsmauer. Einige weitere Sahaba schlossen sich ihm an. Plötzlich begannen sie von der Mauer herab „Allahu akbar“ zu rufen. Unten erfüllten zugleich alle muslimischen Soldaten die Luft mit ihren gemeinsamen Rufen „Allahu akbar“. Die christlichen Soldaten glaubten, die Muslime seien in die Festung eingedrungen. Sie gerieten in Angst und Verwirrung. Schließlich drang Hazrat Zubair mit großer Schnelligkeit in das Innere der Festung ein und öffnete das Tor; unmittelbar darauf drang auch das muslimische Heer hinein. Da ihm kein anderer Ausweg blieb, schlug der Herrscher Ägyptens, Muqawqis, einen Friedensvertrag vor, der angenommen wurde. Allen wurde Aman, also Sicherheit und Schutz, gewährt.
Im Jahr 23 nach der Hidschra erlitt der zweite Kalif, Hazrat Umar (r.a.), durch den Messerstich eines Feueranbeters eine schwere Verletzung und erlangte den Märtyrertod. Vor seinem Tod bildete er aus sechs angesehenen Sahaba ein Gremium und übertrug ihnen die Verantwortung für die Wahl des nächsten Kalifen. Er sagte: „Bis zum letzten Tag seines Lebens war der Gesandte Allahs mit ihnen zufrieden.“ Hazrat Zubair war eines der Mitglieder dieses Gremiums.
Während der Regierungszeit des dritten Kalifen, Hazrat Uthman, (r.a.) führte Hazrat Zubair ein zurückgezogenes Leben. Er übernahm kein staatliches Amt. Tatsächlich war er inzwischen auch älter geworden. Als Hazrat Uthman im Jahr 35 nach der Hidschra von Aufständischen belagert wurde, beauftragte Hazrat Zubair seinen Sohn Hazrat Abdullah mit dessen Schutz. Nachdem Hazrat Uthman den Märtyrertod erlangt hatte, verrichtete er heimlich im Schutz der Nacht dessen Totengebet und bestattete ihn.
Während der Herrschaft Hazrat Alis (r.a.) begaben er und Hazrat Talha sich nach Mekka und trafen dort Hazrat Aischa (r.a.). Sie berieten ausführlich über die damalige Lage der muslimischen Umma und beschlossen, nicht nach Medina, sondern nach Basra zu gehen. Eine große Zahl von Menschen schloss sich ihnen an. Hazrat Ali (r.a.) rückte seinerseits mit einem Heer vor, um ihnen entgegenzutreten, und am 10. Dschumada al-Uchra des Jahres 36 nach der Hidschra standen sich die beiden muslimischen Heere bei einem Ort namens Dhi Qar unweit von Basra gegenüber. In der Geschichte ist dieses Ereignis als Kamelschlacht bekannt.
Die Analyse dieses schmerzlichen Kapitels der islamischen Geschichte ist nicht das Hauptthema unseres Beitrags. Doch diejenigen, die einst Brüder waren, dürsteten nun danach, einander das Blut zu vergießen. Wie dem auch sei, wir können mit Gewissheit sagen, dass dies nicht auf persönliche Streitigkeiten oder Feindschaft zwischen ihnen zurückzuführen war. Sie handelten aus Begeisterung, Eifer und Antrieb für Wahrheit und Aufrichtigkeit. Deshalb sehen wir, dass damals Menschen desselben Stammes in zwei Lager gespalten waren. Darüber hinaus bestand das vorrangige Ziel der Führer beider Seiten darin, zu einer Einigung zu gelangen. Aus eben diesem Grund wurden zwischen beiden Seiten durch den Austausch von Gesandten Gespräche geführt. Aus demselben Grund sehen wir auch, dass Hazrat Ali allein auf seinem Pferd in die Mitte des Schlachtfeldes ritt und Hazrat Zubair zurief: „Abu Abdullah! Erinnerst du dich an jenen Tag, an dem wir beide Hand in Hand vor dem Gesandten Allahs (s.a.) vorübergingen? Der Gesandte Allahs (s.a.) fragte dich: ‚Liebst du Ali?‘ Du sagtest: ‚Ja, o Gesandter Allahs!‘ Erinnere dich, damals sagte der Gesandte Allahs (s.a.): ‚Eines Tages wirst du ungerechtfertigt gegen ihn kämpfen.‘ Hazrat Zubair antwortete: „Ja, jetzt erinnere ich mich daran.“
Nur ein einziger Satz. Nachdem Hazrat Ali (r.a.) dies gesagt hatte, kehrte er zu seinem Zelt zurück. In Zubairs Innerem vollzog sich unterdessen eine Revolution. Alle seine Entschlüsse und seine ganze Entschlossenheit zerbrachen vollständig. Er kam zu Umm al-Mu’minin Hazrat Aischa (r.a.) und sagte: „Ich war völlig im Unrecht. Ali hat mich an eine Aussage des Gesandten Allahs (s.a.) erinnert.“ Aischa (r.a.) fragte: „Was hast du nun vor?“ Er sagte: „Ich ziehe mich aus diesem Streit zurück.“ Sein Sohn Abdullah sagte: „Vater, lässt du uns in der Grube zurück und fliehst nun aus Angst vor Ali?“ Er sagte: „Ich habe geschworen, nicht mehr gegen Ali zu kämpfen.“ Abdullah sagte: „Für einen Eid kann eine Sühne geleistet werden.“ Daraufhin rief er seinen Sklaven Makhul und ließ ihn frei. Doch Zubair, der Hawari des Gesandten Allahs (s.a.), sagte: „Mein Sohn, Ali hat mich an etwas erinnert, wodurch all mein Eifer und meine Begeisterung erloschen sind. Ich bin vollkommen sicher, dass wir nicht auf der Seite des Rechts stehen. Komm, folge auch du mir.“ Hazrat Abdullah lehnte ab. Hazrat Zubair brach allein in Richtung Basra auf.
Als Ahnaf ibn Qais sah, dass Hazrat Zubair fortging, sagte er: „Soll jemand herausfinden, warum er fortgeht?“ Amr ibn Jarmuz sagte: „Ich gehe.“ Daraufhin bewaffnete er sich, trieb sein Pferd an und holte Hazrat Zubair ein. Dieser war bereits ein Stück weit von Basra entfernt. Als Ibn Jarmuz näher kam, sagte er:
– Abu Abdullah, in welchem Zustand hast du das Volk zurückgelassen?
– Sie alle schneiden einander die Kehlen durch.
– Wohin gehen Sie jetzt?
– Ich habe meinen Fehler erkannt. Deshalb möchte ich mich von diesem Streit fernhalten und irgendwo anders hingehen.
Ibn Jarmuz sagte: »Kommen Sie, auch ich muss ein Stück in diese Richtung gehen.« Die beiden gingen gemeinsam weiter. Zur Zeit des Zuhr-Gebets hielt Hadhrat Zubair an. Ibn Jarmuz sagte: »Auch ich werde mit Ihnen beten.« Die beiden stellten sich zum Gebet auf. Sobald Hadhrat Zubair sich vor seinem Herrn niedergeworfen hatte, trennte der verräterische Ibn Jarmuz ihm mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf vom Körper des Hawari des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm. Wir gehören Allah, und zu Ihm kehren wir zurück.
Ibn Jarmuz erschien mit dem Schwert, der Rüstung und anderen Gegenständen Hadhrat Zubairs bei Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, und schilderte voller Stolz seine Tat. Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, blickte voller Bedauern auf das Schwert und sagte: »Unzählige Male hat er die Wolken des Unheils vor dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, beseitigt. O Mörder des Ibn Safiyya, wisse, dass die Hölle auf dich wartet.« So erlitt Hadhrat Zubair im Jahre 36 nach der Hidschra den Märtyrertod und wurde im Tal von As-Siba beigesetzt. Er wurde 64 Jahre alt.
Hadhrat Zubair besaß einen äußerst edlen Charakter. Gottesfurcht, Wahrheitsliebe, Freigebigkeit, Großzügigkeit und Unerschrockenheit waren kennzeichnend für seinen Charakter. Sein Herz war zart wie das eines Kindes. Schon bei einer Kleinigkeit schmolz es wie Wachs dahin. Als dieser Vers offenbart wurde:
»Du wirst gewiss sterben, und auch sie werden sterben. Dann werdet ihr am Tag der Auferstehung vor eurem Herrn miteinander streiten.« (Zumar/31)fragte er: »O Gesandter Allahs! Werden wir am Tag der Auferstehung diesen Streit wieder austragen?« Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sagte: »Ja. Jeder Anspruchsberechtigte wird bis ins kleinste Maß für sein Recht entschädigt.« Als er dies hörte, bebte sein Herz. Er rief aus: »Allah ist am größten. Wie hart wird dieses Verfahren sein!«
Einmal ging er zu Ummu Ata, der Großmutter seines Dieners Ibrahim, und sah, dass sie auch nach den Taschriq-Tagen noch Opferfleisch übrig hatten. Er sagte: »Ummu Ata! Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, hat den Muslimen verboten, länger als drei Tage Opferfleisch zu essen.« Ummu Ata sagte: »Was soll ich tun? Die Leute schicken so viele Geschenke, dass sie einfach nicht aufgebraucht werden.« (Musnad von Imam Ahmad 1/166)
Obwohl Hadhrat Zubair der Hawari und ständige Gefährte des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) war, überlieferte er aus Gottesfurcht und Vorsicht nur sehr wenige Hadithe. Eines Tages fragte sein Sohn Abdullah: „Vater, warum überlieferst du nicht wie die anderen viele Hadithe?“ Er antwortete: „Mein Sohn, mein Anteil an der Gesellschaft und Freundschaft mit dem Gesandten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) war nicht geringer als der irgendeines anderen. Seit dem Tag, an dem ich den Islam annahm, bin ich keinen Augenblick von der Gesellschaft des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) getrennt gewesen. Doch diese warnenden Worte von ihm haben mich zutiefst gewarnt: ‚Wer mir absichtlich eine Lüge zuschreibt, der soll sich seinen Platz in der Hölle bestimmen.“
Er war der islamischen Gleichheit gegenüber so außerordentlich gewissenhaft, dass er es nicht für zulässig hielt, selbst unter zwei verstorbenen Muslimen einen auch nur geringfügig zu bevorzugen. In der Schlacht von Uhud erlitt sein Onkel mütterlicherseits, Hadhrat Hamza (möge Allah mit ihm zufrieden sein), den Märtyrertod. Seine Mutter, Hadhrat Safiyya (möge Allah mit ihr zufrieden sein), brachte zwei Stoffstücke für das Leichentuch ihres Bruders. Doch direkt neben ihrem Onkel lag die Leiche eines Ansari. Dass ein Leichnam mit zwei Tüchern bedeckt würde, während der andere ohne Leichentuch bliebe – das konnte er nicht hinnehmen. Er maß die beiden Tücher ab, um sie unter den beiden aufzuteilen. Zufällig war eines der beiden Tücher größer als das andere. Damit niemand bevorzugt würde, entschied er die Angelegenheit durch Losentscheid.
Hadhrat Zubair hielt jede Art von Not und Gefahr für gering. Die Furcht vor dem Tod konnte seinen festen Entschluss niemals auch nur im Geringsten erschüttern. Während der Belagerung von Alexandria wollte er eine Leiter an die Festungsmauer stellen und in das Innere der Festung eindringen. Seine Gefährten sagten: „Drinnen wütet eine schwere Pest.“ Er erwiderte: „Wir sind doch gerade wegen der Verwundungen und der Pest gekommen. Warum also die Furcht vor dem Tod?“ An jenem Tag drang er mit außerordentlichem Mut über eine Leiter in die Festung ein.
Hadhrat Zubair besaß eine außergewöhnliche Ehrlichkeit, Vertrauenswürdigkeit, Führungsfähigkeit und organisatorische Begabung. Wenn Menschen im Sterben lagen, äußerten sie den Wunsch, ihn zum Treuhänder ihrer Kinder und ihres Vermögens zu machen. Als Mut‘i ibn al-Aswad ihn zu seinem Testamentsvollstrecker machen wollte, lehnte er ab. Da begann jener mit klagender Stimme zu sagen: „Ich beschwöre dich bei Allah, dem Gesandten und der nahen Verwandtschaft: Ich habe den großen Umar al-Faruq sagen hören, dass Zubair eine Säule der Religion sei. Hadhrat Uthman, Miqdad, Abdullah ibn Masud, Abd ar-Rahman ibn Auf und andere Gefährten ernannten ihn bei ihrem Tod zu ihrem Testamentsvollstrecker. Mit größter Aufrichtigkeit bewahrte er ihr Vermögen und gab es für ihre Kinder und Familien aus.“
Hadhrat Zubair liebte seine Ehefrauen und Kinder von ganzem Herzen. Besonders seinen Sohn Abdullah und dessen Kinder liebte er außerordentlich. Bis zu seinem Tod war er sehr darauf bedacht, seine Kinder zu unterweisen und zu erziehen. Im Krieg von Jarmuk nahm er seinen Sohn Abdullah mit. Damals war dieser gerade zehn Jahre alt. Hadhrat Zubair setzte ihn auf ein Pferd und übergab ihn der Obhut eines Soldaten, damit dieser ihm die schrecklichen Szenen des Krieges zeigte und ihn in Tapferkeit und Mut unterwies.
In Großzügigkeit, Freigebigkeit und im Ausgeben auf Allahs Weg stand er niemals hinter jemand anderem zurück. Er besaß eintausend Sklaven. Jeden Tag ließ er sie gegen Lohn arbeiten und erzielte dadurch beträchtliche Einnahmen. Doch nicht einen einzigen Pfennig davon hielt er für angemessen, für sich selbst oder seine Familie auszugeben. Er verschenkte alles. Kurz gesagt: Jede Tugend, die ein Hawari des Propheten besitzen konnte, war auch in Hadhrat Zubair vereint.
Handel und Geschäftsleben waren Hadhrat Zubairs wichtigste Beschäftigung. Erstaunlicherweise erlitt er in keinem Geschäft, mit dem er sich befasste, jemals einen Verlust.
Im Kampf auf Allahs Weg erlitt er unzählige Treffer durch die Pfeile und Lanzen der Feinde. Ali ibn Khalid berichtet: „Ein Mann aus Mosul kam zu uns. Er erzählte: ‚Ich war ein Reisegefährte von Zubair ibn al-Awwam. Während einer Reise bemerkte ich an seinem Körper zahlreiche Verletzungsspuren, wie ich sie noch an keinem anderen Körper gesehen hatte. Als ich ihn danach fragte, antwortete er: Dies alles geschah im Gefolge des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und auf Allahs Weg.‘“
ʿAlī ibn Zaid sagte: „Ein Mann, der az-Zubair gesehen hatte, erzählte mir: Auf seiner Brust befanden sich unzählige Spuren von Pfeil- und Speerstichen, die wie kleine Quellen aussahen.“
Was Kleidung und Gewandung betraf, war er äußerst schlicht. Sein Schwert jedoch war außerordentlich prachtvoll. Der Griff des Schwertes war mit wunderschönen Mustern verziert.
Hazrat Muʿāwiya (r.a.) fragte ʿAbdullah ibn ʿAbbās (r.a.): „Was ist Ihre Meinung über Talha und az-Zubair?“ Er antwortete: „Möge Allah sich ihrer beiden erbarmen. Bei Allah, sie waren beide äußerst enthaltsam, tugendhaft, rechtschaffen, Allah ergeben, rein, sich läuternd und Märtyrer.“
Hazrat az-Zubair sagte: „Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) hat für mich, meine Kinder und meine Enkelkinder gebetet.“
Hazrat az-Zubairs größte Auszeichnung und sein größtes Glück bestand darin, dass er einer der zehn Gefährten war, die als die ʿAshara al-Mubashshara bekannt sind, also derjenigen, denen bereits auf dieser Welt die frohe Botschaft vom Paradies verkündet wurde.
Talha ibn Ubaidullah (r.a.)
Sein Name war Abu Muhammad Talha. Sein Vater war Ubaidullah und seine Mutter Saʿba. Er entstammte dem Taym-Zweig des Stammes der Quraisch. Auch Hazrat Abu Bakr (r.a.) gehörte diesem Taym-Stamm an. Seine Mutter Saʿba war die Schwester des berühmten, als Märtyrer gefallenen Gefährten Hazrat al-ʿAlā ibn al-Hadrami.
Hazrat Talha nahm bereits in der Frühzeit des Islams, im Alter von gerade einmal fünfzehn Jahren, den Islam an. Er nahm den Islam auf Einladung von Hazrat Abu Bakr as-Siddiq (r.a.) an. In der Zeit der Unwissenheit war er regelmäßiges Mitglied der Zusammenkünfte, die in Abu Bakrs Haus stattfanden.
Die Geschichte seiner Annahme des Islams ist äußerst bemerkenswert. Er war mit einer Handelskarawane der Quraisch nach Syrien gereist. Als sie die Stadt Bosra erreichten, trennten sich die anderen quraischitischen Händler der Gruppe von ihm und waren an verschiedenen Stellen des Marktes mit Kaufen und Verkaufen beschäftigt. Während er auf dem Markt umherging, ereignete sich etwas, das Talhas Leben eine entscheidende Wendung gab. Er berichtet:
„Ich befand mich damals auf dem Markt von Bosra. Ich hörte einen christlichen Priester ausrufen: ‚O ihr Kaufleute! Fragt die Menschen, die diesen Markt aufsuchen, ob sich unter ihnen jemand aus Mekka befindet.‘ Ich war ganz in der Nähe. Schnell ging ich zu ihm und sagte: ‚Ja, ich bin aus Mekka.‘ Er fragte: ‚Ist unter euch Ahmad erschienen?‘ Ich sagte: ‚Welcher Ahmad?‘ Er antwortete: ‚Der Sohn von Abdallah ibn Abd al-Muttalib. Dies ist der Monat, in dem er erscheinen wird. Er wird der letzte Prophet sein. Er wird in Mekka erscheinen und in das Land mit dem Schwarzen Stein und den Dattelgärten auswandern. Junger Mann, du solltest dich sehr bald zu ihm begeben.‘ Talha berichtet: ‚Seine Worte hinterließen in meinem Herzen einen tiefen Eindruck. Ich ließ meine Karawane zurück, bestieg mein Reittier und machte mich auf den Weg. Kaum war ich zu Hause angekommen, fragte ich meine Angehörigen: „Ist in Mekka nach meiner Abreise etwas Neues geschehen?“ Sie antworteten: „Ja, Muhammad ibn Abdallah hat behauptet, ein Prophet zu sein, und Abu Bakr, der Sohn Abu Quhafas, ist sein Anhänger geworden.“‘
Talha berichtet: Ich ging zu Abu Bakr und fragte ihn: Ist es wahr, dass Muhammad den Anspruch erhoben hat, ein Prophet zu sein, und dass du sein Anhänger geworden bist? Er sagte: Ja. Dann lud er auch mich zum Islam ein. Daraufhin erzählte ich ihm ausführlich von dem Erlebnis mit dem christlichen Priester. Anschließend nahm er mich mit zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Dort sprach ich das Glaubensbekenntnis und nahm den Islam an. Dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schilderte ich ausführlich, was der Priester gesagt hatte. Als er dies hörte, war er hocherfreut. So war ich der vierte Mensch, der durch Abu Bakr den Islam annahm.
Als Talha den Islam annahm, begann seine Mutter großen Aufruhr zu machen, denn ihr Wunsch war gewesen, dass ihr Sohn das Oberhaupt des Stammes würde. Die Stammesangehörigen setzten ihn unter Druck, um ihn vom Islam abzubringen, mussten jedoch feststellen, dass er wie ein Berg unerschütterlich war. Da sie meinten, mit freundlichem Zureden nichts erreichen zu können, griffen sie zur Folter. Masʿud ibn Chiras berichtet: ‚Eines Tages lief ich zwischen Safa und Marwa umher, als ich eine Gruppe von Männern sah, die einen jungen Mann mit gefesselten Händen herbeizerrte. Dann legten sie ihn bäuchlings nieder und begannen, ihn erbarmungslos auf Rücken und Kopf zu schlagen. Hinter ihnen schrie eine alte Frau heiser und beschimpfte ihn. Ich fragte: „Warum wird der Junge so behandelt?“ Sie antworteten: „Das ist Talha ibn Ubaidullah. Er hat die Religion seiner Vorväter verlassen und ist ein Anhänger jenes Mannes aus den Banu Haschim geworden.“ „Wer ist diese Frau?“ Sie antworteten: „Saʿba bint al-Hadrami, die Mutter des jungen Mannes.“‘
Naufal ibn Chuwailid, der als der Löwe der Quraisch bekannt war, kam zu Talha. Er fesselte ihn mit einem Seil und band auch Abu Bakr mit demselben Seil fest. Dann übergab er die beiden den halsstarrigen Leuten von Mekka, damit sie sie folterten. Weil die beiden mit demselben Seil gefesselt worden waren, wurden sie „al-Qarinan“ genannt.
Nach seiner Annahme des Islams wurde er auf diese Weise zum Opfer der Verfolgung und Misshandlung durch seine Angehörigen und die Quraisch. Dreizehn lange Jahre ertrug er alles mit unermesslicher Geduld und setzte sich aufrichtig für die Verkündung und Verbreitung des Islams ein. In den Tälern rund um Mekka suchte er nach fremden Besuchern, begab sich heimlich zu den Zelten der Beduinen und in die Häuser bekannter Götzendiener der Stadt und überbrachte ihnen die Einladung zur Religion. Wie die anderen besuchte auch er regelmäßig das Dar al-Arqam in Mekka. In dieser schweren Zeit für den Islam und die Muslime unternahm er für die Religion Allahs alle möglichen Anstrengungen und setzte sich mit ganzer Hingabe ein.
Im Oktober des Jahres 622 wanderte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gemeinsam mit Abu Bakr von Mekka nach Medina aus. Der Führer auf dieser beschwerlichen Reise war Abdallah ibn Urayqit. Nachdem er sie nach Medina gebracht hatte, kehrte er nach Mekka zurück und erzählte Abdallah, dem Sohn Abu Bakrs, ausführlich von ihrer Reise. Als die Familie Abu Bakrs Vorbereitungen zur Auswanderung nach Medina traf, schlossen sich Talha und Suhaib ibn Sinan ihnen an. Talha war der Anführer dieser Karawane. Nach ihrer Ankunft in Medina hielten sich Talha und Suhaib im Haus von Asʿad ibn Zurara auf. Ibn Hadschar sagt: Vor der Auswanderung hatte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Mekka ein Bruderschaftsverhältnis zwischen Talha und Zubair hergestellt; nach der Auswanderung wurde ein solches Verhältnis zwischen ihm und dem berühmten medinensischen Ansari-Gefährten Abu Ayyub al-Ansari begründet. Einer anderen Überlieferung zufolge hatte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihn jedoch mit Kaʿb ibn Malik als Bruder verbunden, und diese Beziehung blieb wie die zwischen leiblichen Brüdern bis zu ihrem Lebensende bestehen.
Obwohl er nicht unmittelbar am Feldzug von Badr teilnahm, nahm er mittelbar daran teil. Deshalb sprach der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihm einen Anteil an der Beute zu. Während des Krieges plante eine Gruppe von Ungläubigen einen Angriff auf die muslimische Siedlung von Medina. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, entsandte Talha, um Informationen über sie einzuholen. Außer Talha schickte der Gesandte Allahs sieben weitere Männer mit unterschiedlichen Aufgaben an verschiedene Orte. Daher konnten sie nicht unmittelbar am Kampf teilnehmen. Dennoch wurden sie zu den Badr-Teilnehmern gezählt.
Im dritten Jahr nach der Hidschra fand die Schlacht von Uhud gegen die Götzendiener von Mekka statt. In dieser Schlacht stellte Hazrat Talha einen beispiellosen Rekord an Tapferkeit und Mut auf. In Wirklichkeit war er der Held der Schlacht von Uhud. Als das muslimische Heer aufgrund des Fehlers der Bogenschützen eine schwere Niederlage erlitt, gehörte Talha zu den wenigen Soldaten, die den Gesandten Allahs umringten und Widerstand leisteten. Zu dieser Zeit fiel Hazrat Ammar ibn Yazid als Märtyrer. Als ein von einem Ungläubigen abgeschossener Pfeil Qatada ibn Nuʿmans Auge traf, trat der Augapfel aus der Augenhöhle hervor und hing auf seiner Wange. Abū Dujāna stellte sich mit dem Gesicht in Richtung des Gesandten Allahs und machte seinen ganzen Körper zu einem Schild für ihn. Saʿd ibn Abī Waqqās schoss zu dieser Zeit äußerst mutig Pfeile ab. Talha aber griff die Ungläubigen mit gewaltiger Wucht an, in der einen Hand das Schwert und in der anderen den Speer.
In einem Abschnitt der Schlacht hatten sich bis auf zwölf Ansar und den einzigen Muhadschir Talha alle vom Gesandten Allahs entfernt. Der Gesandte Allahs stieg auf einen Gipfel des Berges, als ihn plötzlich eine Gruppe feindlicher Soldaten umzingelte. Der Gesandte Allahs sagte zu seinen Gefährten: „Wer sie vertreiben kann, wird im Paradies mein Gefährte sein.“ Talha sagte: „Ich gehe, o Gesandter Allahs.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Nein, bleib zurück.“ Ein Ansari sagte: „Ich gehe.“ Er sagte: „Ja, geh.“ Der Ansari ging, kämpfte gegen die Götzendiener und fiel als Märtyrer. So rief der Gesandte Allahs immer wieder dazu auf, und jedes Mal bekundete Talha seinen Wunsch zu gehen; doch der Gesandte Allahs hielt ihn zurück und schickte stattdessen einen Ansari. Als auf diese Weise alle Ansar einer nach dem anderen den Märtyrertod erlitten hatten, sagte der Gesandte Allahs zu Talha: „Jetzt bist du an der Reihe, geh.“
Hazrat Talha griff an. Der Gesandte Allahs wurde verwundet, einer seiner gesegneten Zähne wurde ausgeschlagen, und er war blutüberströmt. In diesem Zustand griff Talha zunächst allein die Götzendiener an und trieb sie ein Stück zurück. Dann eilte er zum Gesandten Allahs, nahm ihn auf die Schultern und begann, ihn den Berg hinaufzutragen. An einer Stelle setzte er den Gesandten Allahs ab und griff erneut an. Auf diese Weise hielt er an jenem Tag die Götzendiener zurück. Hazrat Abu Bakr sagte: „Zu dieser Zeit hatten Abu Ubaida und ich uns vom Gesandten Allahs entfernt. Nach einiger Zeit kehrten wir zum Gesandten zurück und wollten uns um ihn kümmern, da sagte er: ‚Lasst mich, seht nach eurem Gefährten Talha.‘“ Wir sahen, dass er blutüberströmt und bewusstlos in einer Grube lag. Eine seiner Hände war beinahe vom Körper abgetrennt, und sein ganzer Körper wies mehr als siebzig Wunden von Schwertern, Pfeilen und Speeren auf. Daher sagte der Gesandte Allahs später über ihn: „Wenn jemand Freude daran haben möchte, einen Verstorbenen auf der Erde umhergehen zu sehen, dann soll er Talha ibn Ubaidullah ansehen.“ Aus diesem Grund wurde er der lebende Märtyrer genannt. Wann immer Hazrat as-Siddiq al-Akbar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, die Schlacht von Uhud erwähnte, sagte er: „Dieser ganze Tag gehörte Talha.“ In dieser Schlacht war der Gesandte Allahs Talha so sehr zugetan, dass er ihm die frohe Botschaft vom Paradies al-Firdaus verkündete.
Im Monat Dhul-Qaʿda des fünften Jahres nach der Hidschra begannen die vereinten Heere verschiedener arabischer Stämme und der Juden, Vorbereitungen für einen Angriff auf Medina zu treffen. Um sie abzuwehren, beschloss das muslimische Heer unter der Führung des Gesandten Allahs, am Stadtrand von Medina neben dem Berg Salʿ einen von Osten nach Westen verlaufenden, fünf Ellen tiefen Graben auszuheben. Hazrat Talha war mit dieser Arbeit beschäftigt. Kaum war der Graben fertiggestellt, da belagerten die vereinten Heere der Quraisch von Mekka und anderer arabischer Stämme Medina. Innerhalb Medinas begannen inzwischen die jüdischen Stämme, insbesondere die Banū Quraiza, nach dem Bruch des Vertrages, gegen die Muslime zu verschwören. Zu dieser Zeit waren die Muslime von Feinden innerhalb und außerhalb umgeben. In einer derart heiklen Lage wurden einige Muslime angesichts der Sorge um die Sicherheit ihrer Frauen, Kinder und Angehörigen verständlicherweise etwas unruhig. Doch die Standhaftigkeit der meisten Muslime und ihr Glaube an Allah blieben unerschütterlich. Sie waren vollständig bereit, ihr Leben und ihren Besitz auf Allahs Weg zu opfern. Hazrat Talha gehörte zu dieser letzteren Gruppe. Allah, der Erhabene, hat inder Sure al-Ahzab im zweiten und dritten Rukūʿ einwunderbares Bild der damaligen inneren Verfassung der Muslime gezeichnet.
Einige Muslime standen am Graben und unterhielten sich. Hazrat Talha ging gerade an ihnen vorbei. Er hörte, wie einer von ihnen sagte: „Wir sollten für die Sicherheit unserer Frauen und Angehörigen sorgen.“ Hazrat Talha blieb kurz stehen und sagte: „Allāhu khairun hāfizan“ – Allah ist der beste Beschützer. Diejenigen, die auf ihre eigene Kraft und Stärke vertraut haben, sind gescheitert. Die Leute sagten: „Sie haben recht.“ Daraufhin ließen sie von ihrem Vorhaben ab.
An allen Feldzügen, darunter an der Baiʿat ar-Ridwān, in Chaibar und in Muʾta, nahm er teil und spielte dabei eine bedeutende Rolle. Am Tag der Eroberung von Mekka gehörte Talha zu jener kleinen Gruppe der Muhadschirun, mit der der Gesandte Allahs nach Mekka einzog; gemeinsam mit dem Gesandten Allahs betrat er auch das Innere der heiligen Kaaba.
Am 25. Dhul-Qaʿda des zehnten Hidschri-Jahres brach der Gesandte Allahs, s.a.w., von Medina zur Hadsch auf. Dies war die historische Abschiedswallfahrt. Auch Talha begleitete den Gesandten Allahs, s.a.w., auf dieser Reise. Gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, s.a.w., erreichte er Dhul-Hulaifa und trat in den Ihram-Zustand ein. Auf dieser Reise führten außer dem Gesandten Allahs, s.a.w., und Talha alle anderen keine Opfertiere mit sich. (Sahih al- Buchari: Kitab al-Hadsch)
Der Tod des geliebten Propheten traf Hazrat Talha schwer. Von Trauer über den Gesandten Allahs, s.a.w., überwältigt, sagte er manchmal: „Allah, der Erhabene, hat befohlen, in jedem Unglück Geduld zu bewahren. Deshalb bemühe ich mich, angesichts seiner Trennung sabr-e jamīl zu üben, und bitte zugleich Allah um Tawfiq.“
Während des Kalifats von Hazrat Abu Bakr war er dessen besonderer Ratgeber. Durch Überlegung, Beratung und Taten unterstützte er ihn in allen Angelegenheiten. Während der Riddah-Kriege rieten viele angesehene Sahaba dem Kalifen zunächst, gegenüber den Beduinen, die die Zahlung der Zakat verweigerten, etwas nachsichtig zu sein und keinen Dschihad gegen sie auszurufen. Doch Hazrat Talha erklärte unmissverständlich: „Eine Religion, in der es keine Zakat gibt, kann nicht wahr und richtig sein.“
Im Monat Dschumada ath-Thani des 13. Hidschri-Jahres erkrankte Hazrat Abu Bakr, r.a. Sein Zustand verschlechterte sich rasch. Eines Tages ging Hazrat Talha zu ihm, um ihn zu besuchen. Nachdem er eingetroffen war, herrschte zunächst einige Zeit Schweigen; danach kam es zwischen den beiden zu folgendem Gespräch:
– Soll ich Umar zu meinem Nachfolger bestimmen? Abu Muhammad (Talha), wie ist deine Meinung?
– Unter den Sahaba besitzt Umar die vorzüglichsten Eigenschaften. Er vermag zwischen Wahrheit und Unwahrheit zu unterscheiden.
– Ich habe dich um deinen Rat gebeten, ob ich ihn zu meinem Nachfolger bestimmen soll.
– Sein Wesen ist etwas streng, und er pflegt etwas zu strenge Maßstäbe anzulegen.
– Welche Fehler hat er?
– Wenn er zu Ihrer Zeit schon so streng ist, wer weiß, wie viel strenger er nach Ihnen aus Verantwortungsbewusstsein werden wird.
– Wenn die schwere Verantwortung des Kalifats auf ihm lastet, wird er milde werden.
Schließlich sagte Talha: Ich bestreite nicht, dass seine Vorzüge und seine Befähigung die aller anderen übertreffen. Was meine Reaktion auf eine Seite seines Wesens betrifft, habe ich nicht gezögert, sie zum Ausdruck zu bringen.
Im Jahre 13 nach der Hidschra wurde Hazrat Umar Kalif. Auch er erwies Hazrat Talha die ihm gebührende Ehre und zog daher stets Nutzen aus seinem Rat.
Nach der Eroberung des Irak kam unter den Sahaba die Frage auf, ob dessen landwirtschaftliche Flächen wie Kriegsbeute unter den Mudschahidin verteilt werden sollten oder nicht. Eine Gruppe sagte, sie sollten verteilt werden. Doch der Kalif und eine andere Gruppe waren gegen eine Verteilung. Nach einer langen Beratung in der Schura-Versammlung wurde schließlich einstimmig die Ansicht des Kalifen angenommen. In dieser Angelegenheit unterstützte Hazrat Talha in der Schura-Versammlung unmissverständlich die Ansicht des Kalifen und hielt dazu eine nachdrückliche Rede.
Zu den sechs angesehenen Sahaba, denen Amir al-Mu’minin Hazrat Umar (r.a.) vor seinem Tod die Aufgabe übertragen hatte, aus ihrer Mitte einen Kalifen zu wählen, gehörte auch Hazrat Talha. Doch er zeigte äußerste Selbstaufopferung, zog sich selbst von der Forderung nach dem Kalifat zurück und gab seine Stimme Hazrat Uthman.
Hazrat Uthman (r.a.) wurde von den Aufständischen unter Hausarrest gestellt. Eines Tages streckte er den Kopf aus dem Fenster seines Hauses und wandte sich mit einer Ansprache an die aufständische Gruppe und die in Medina versammelten Menschen. Irgendwann fragte er: Ist Talha unter euch? Niemand antwortete. Als er dies zum dritten Mal fragte, erhob sich Hazrat Talha. Hazrat Uthman sagte zu ihm: Ich hätte nicht erwartet, dass Sie sich inmitten dieser Menge befinden und erst nach dreimaliger Aufforderung antworten würden. Ich beschwöre Sie bei Allah: Erinnern Sie sich an jenen Tag an jenem Ort, als außer Ihnen, mir und dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) niemand anwesend war und der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) zu Ihnen sagte: „Talha, jeder Prophet wird einen Gefährten aus seiner Umma im Paradies haben. Uthman ibn Affan wird mein Gefährte im Paradies sein.“ Erinnern Sie sich daran? Talha bejahte. Danach erhob er sich aus der Menge und ging fort.
Hazrat Uthman wurde als Märtyrer getötet. Ein Teil der muslimischen Umma erhob seine Stimme gegen die Ermordung Hazrat Uthmans und forderte Qisas. Hazrat Talha und Zubair gingen von Medina nach Mekka und trafen dort Hazrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr. Am Rand von Basra standen sie dem Heer Hazrat Alis, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, gegenüber. Durch Hazrat Qa’qa ibn Amr begannen Gespräche zwischen beiden Seiten. Hazrat Ali, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Umm al-Mu’minin Hazrat Aischa, Talha und Zubair gelangten zu einer Einigung über eine friedliche Lösung des Problems. Beide Seiten atmeten erleichtert auf. Doch die Leute des jüdischen Ibn Saba, die die Verschwörung angezettelt hatten, gerieten darüber in Unruhe. Im Grunde waren sie es, die Hazrat Uthman ermordet hatten. Sie hatten sich im Heer Hazrat Alis, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, verborgen. Im Schutz der Nacht begannen sie, in die eine Richtung Pfeile auf Hazrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, und in die andere Richtung auf das Heer Hazrat Alis zu schießen. Die Soldaten beider Seiten waren aufgrund des Beschlusses zu einem Friedensabkommen beruhigt eingeschlafen. Durch diesen überraschenden Angriff aus dem Schlaf gerissen, glaubten sie, der Gegner habe den Angriff begonnen. Die Verschwörung des Juden Ibn Saba war erfolgreich. Kaum war der Morgen angebrochen, entbrannte ein heftiger Kampf, der in der Geschichte als „Schlacht des Kamels“ bekannt wurde. In dieser Schlacht wurden auf beiden Seiten etwa zehntausend, anderen Angaben zufolge dreizehntausend Menschen getötet. Gleich zu Beginn dieser Schlacht drang ein von den Sabaiern abgeschossener Pfeil in Hazrat Talhas Fuß ein. Als Hazrat Qa’qa ibn Amr sah, dass die Blutung aus der Wunde nicht aufhörte, bat er ihn, sich zum „Dar al-Ilaj“ von Basra (Krankenhaus) zu begeben. Auf seine Bitte hin ging er, begleitet von einem Diener, zum „Dar al-Ilaj“. Inzwischen war sein Körper jedoch blutleer geworden. Wenige Augenblicke nach seiner Ankunft dort verschied er. Er wurde in Basra beigesetzt.
Ibn Asakir berichtet aus verschiedenen Quellen, dass Hazrat Talha am Tag der Schlacht des Kamels durch einen von Marwan ibn al-Hakam abgeschossenen Pfeil verwundet wurde. Er verschied im 36. Jahr nach der Hidschra, im Dschumada al-awwal, anderen Angaben zufolge am 10. Dschumada ath-thani, im Alter von 64 Jahren.
Hazrat Talha war ein wohlhabender Kaufmann. Doch er hatte keine Gier danach, Reichtum anzuhäufen. In der Geschichte finden sich viele Berichte über seine Freigebigkeit. In den Geschichtswerken wird er als „der freigebige Talha“ bezeichnet. Einmal gelangten siebzigtausend Dirham aus Hadramaut in seinen Besitz. In der Nacht wurde er bedrückt und unruhig. Seine Ehefrau Umm Kulthum, die Tochter Hazrat Abu Bakrs, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, sah den Zustand ihres Mannes und fragte ihn:
– Abu Muhammad, was ist mit dir geschehen? Es scheint, als hätte ich dich durch irgendein Verhalten verletzt.
– Nein, als Ehefrau eines muslimischen Mannes bist du ganz wunderbar. Aber seit jenem Abend denke ich darüber nach: Welche Vorstellung wird ein Mensch von seinem Herrn haben, wenn er mit so viel Geld im Haus schlafen geht?
– Warum solltest du deshalb bedrückt und besorgt sein? Wo willst du um diese späte Stunde die Armen, Bedürftigen und deine Verwandten finden? Sobald es Morgen ist, kannst du es verteilen.
– Möge Allah sich deiner erbarmen! Das nenne ich wahrlich: ganz die Tochter ihres Vaters.
Am nächsten Morgen teilte er alle Dirham in verschiedene Beutel und Gefäße auf und verteilte sie unter den armen Bedürftigen der Muhadschirun und Ansar. Über seine Freigebigkeit wird noch ein weiteres Ereignis berichtet. Ein Mann kam zu Hazrat Talha, erwähnte seine Verwandtschaft mit ihm und bat um Unterstützung. Talha sagte: „An dem und dem Ort besitze ich ein Stück Land. Uthman ibn Affan möchte mir dafür dreihunderttausend Dirham geben. Wenn du möchtest, kannst du dieses Stück Land nehmen, oder ich kann es verkaufen und dir die dreihunderttausend Dirham geben.“ Der Mann wollte lieber den Geldbetrag nehmen. Daraufhin schenkte er ihm den gesamten Erlös aus dem Verkauf.
Abd ar-Rahman ibn ’Auf ((r.a.))
Nach Imam al-Buchari hieß Abd ar-Rahman ibn Auf in der vorislamischen Zeit Abd Amr. Ibn Saʿd erwähnt in seinem‘Ṭabaqāt-Werk’, dass er in der vorislamischen Zeit Abd Kaʿba hieß. Nachdem er den Islam angenommen hatte, gab ihm der Gesandte Allahs (s.a.) den Namen Abd ar-Rahman. Beide Eltern gehörten dem Stamm Zuhra an. Der Name seiner Mutter war Schifāʾ bint Auf. Sowohl sein Großvater väterlicherseits als auch sein Großvater mütterlicherseits hieß Auf.
Ibn Saʿd berichtet nach einer Überlieferung von al-Wāqidī, dass er zehn Jahre nach dem Jahr des Elefanten geboren wurde. Demnach war er zehn Jahre jünger als der Gesandte Allahs (s.a.). Der Gesandte Allahs (s.a.) wurde fünfzig Tage nach dem Ereignis des Elefanten geboren. Ibn Hadschar hingegen bezeichnet ihn als dreizehn Jahre jünger als den Gesandten Allahs (s.a.).
Er gehörte zu denjenigen, die in der ersten Phase nach dem Beginn der Gesandtschaft des Gesandten Allahs (s.a.) den Islam annahmen. Die angesehenen Männer Mekkas versammelten sich fast täglich zu einer Beratung im Haus von Hazrat Abu Bakr. Auch Abd ar-Rahman war regelmäßiges Mitglied dieser Versammlung. Mit Abu Bakr verband ihn eine enge Freundschaft. Auf Abu Bakrs Einladung hin nahm er den Islam an. In der Geschichte sind die Namen von fünf regelmäßigen Mitgliedern dieser Versammlung im Haus Abu Bakrs überliefert: Uthman, Saʿd, Talha, Zubair und Abd ar-Rahman. Sie alle nahmen auf Abu Bakrs Einladung hin bereits in der ersten Phase den Islam an und erhielten für ihre unermesslichen Opfer für den Islam noch auf dieser Welt die frohe Botschaft vom Paradies.
Abd ar-Rahman gehörte zu der ersten Karawane von elf Männern und vier Frauen, die im Radschab des fünften Jahres der Gesandtschaft von Mekka nach Abessinien auswanderten. Nach der Auswanderung des Gesandten Allahs (s.a.) nach Medina wanderte auch er nach Medina aus. Diejenigen, die sowohl nach Abessinien als auch nach Medina ausgewandert waren, werden Sāhib al-Hidschratain genannt. In Medina fand er im Haus von Hazrat Saʿd ibn Rabīʿ al-Chazradschī Unterkunft, und der Gesandte Allahs (s.a.) stiftete zwischen ihnen eine Bruderschaft. Imam al-Buchari überliefert hierzu durch mehrere Überlieferungsketten zahlreiche Hadithe. Hazrat Anas (r.a.) berichtet hierzu: „Als Abd ar-Rahman ibn Auf nach Medina auswanderte, stiftete der Gesandte Allahs (s.a.) zwischen ihm und Saʿd ibn Rabīʿ eine Bruderschaft. Saʿd war das Oberhaupt des medinensischen Stammes Chazradsch und ein wohlhabender Mann. Er sagte zu Abd ar-Rahman: ‚Alle Ansar wissen, dass ich ein wohlhabender Mann bin. Ich möchte mein gesamtes Vermögen in zwei gleiche Teile teilen. Ich habe zwei Ehefrauen. Ich möchte, dass du sie dir ansiehst und eine von ihnen auswählst. Ich werde sie scheiden lassen, und danach wirst du sie heiraten.‘ Abd ar-Rahman sagte: ‚Möge Allah deiner Familie Segen und Wohlergehen schenken! Bruder, all das benötige ich nicht. Zeige mir nur den Weg zum Markt.‘
Ein solches Beispiel für Saʿds festes Vertrauen in die islamische Bruderschaft und seine unvergleichliche Großzügigkeit ist in der Geschichte der islamischen Umma und der Menschheit selten. Andererseits sind auch die Größe, die Selbstständigkeit und der feste Entschluss Hazrat Abd ar-Rahmans, aus eigener Kraft auf eigenen Füßen zu stehen, besonders bemerkenswert.
Am zweiten Tag seines Aufenthalts in Medina fragte Abd ar-Rahman seinen ansarischen Bruder Saʿd: „Gibt es hier einen Markt, auf dem Handel betrieben wird?“ Er antwortete: „Ja, in Yathrib (Medina) gibt es den Markt von Qaynuqa.“ Hazrat Abd ar-Rahman kaufte an einem Ort etwas Ghee und Käse und ging damit zum Markt. Am zweiten Tag tat er dasselbe. Auf diese Weise setzte er den Handel fort. Als er etwas Geld angesammelt hatte, heiratete er eine ansarische Frau.
Eines Tages nach seiner Heirat erschien er beim Gesandten Allahs (s.a.). Als dieser den Safranfleck auf seiner Kleidung sah, fragte er: „Hast du geheiratet?“ Er antwortete: „Ja.“ Er fragte: „Wen?“ Er sagte: „Eine ansarische Frau.“ Der Gesandte Allahs (s.a.) fragte: „Wie hoch hast du die Brautgabe festgesetzt?“ Er antwortete: „Etwas Gold.“ Darauf sagte der Gesandte Allahs (s.a.): „Veranstalte ein Hochzeitsmahl, selbst wenn es nur mit einem Schaf ist.“
Er setzte seine Geschäfte fort. Einige Zeit später, als sich in seinen Händen etwas mehr Geld angesammelt hatte, richtete er auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, das Walima-Fest aus. Allmählich weitete sich sein Geschäft weiter aus. Mit Umaiya ibn Chalaf aus Mekka schloss er außerdem ein Handelsabkommen.
Hazrat Abd ar-Rahman ibn Auf nahm an allen Schlachten teil, darunter Badr, Uhud und al-Chandaq, und bewies dabei außerordentlichen Mut und große Standhaftigkeit. Imam al-Buchari überliefert im „Kitab al-Maghazi“ einen Vorfall aus der Schlacht von Badr aus seinem eigenen Mund wie folgt: „In der Schlacht von Badr stand ich in der Reihe. Ein heftiger Kampf tobte. Ich blickte nach rechts und links und sah zu beiden Seiten von mir zwei junge Männer. Ich hatte nicht besonders viel Vertrauen in sie. Einer von ihnen fragte mich flüsternd: ‚Onkel, sag mir, in welcher Richtung ist Abu Dschahl?‘ Ich sagte: ‚Neffe, was willst du mit ihm?‘ Er antwortete: ‚Ich habe Allah gelobt, dass ich ihn entweder töten oder zu diesem Zweck mein eigenes Leben opfern werde.‘ Dasselbe sagte mir auch der andere flüsternd. Abd ar-Rahman sagte: ‚Nachdem ich ihre Worte gehört hatte, freute ich mich bei dem Gedanken, dass ich doch zwischen zwei so großartigen Männern stand. Ich zeigte mit einer Geste auf Abu Dschahl. Da stürzten sich beide plötzlich zugleich wie zwei Falken auf Abu Dschahl und töteten ihn im selben Augenblick. Diese beiden jungen Männer waren Muadh und Muawwidh, die beiden Söhne von Afra.‘ In der Schlacht von Badr wurde Abd ar-Rahman am Fuß verletzt.
Auch an der Schlacht von Uhud nahm er teil. Auch in dieser Schlacht bewies er außergewöhnlichen Mut. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte an einer Stelle des Berges Uhud Zuflucht gesucht, als Ubai ibn Chalaf mit der Absicht herankam, den Gesandten Allahs zu töten. Als Abd ar-Rahman vorrückte, um ihn in die Hölle zu schicken, hielt ihn der Gesandte Allahs davon ab. Daraufhin nahm der Gesandte Allahs selbst einen Speer von al-Harith ibn as-Simma und schleuderte ihn auf den Nacken von Ubai ibn Chalaf. Dieser wurde leicht verletzt, floh unter lautem Geschrei und trat am Ort Sarif auf dem Weg nach Mekka seine Reise in die Hölle an.
Ibn Sad ‘Tabaqat al- Kubra’ erwähnte in seinem Werk, dass Abd ar-Rahman in der Schlacht von Uhud unermesslichen Mut und Heldenhaftigkeit bewies. al-Baladhuri in seinem Futuh al- Buldan, Ibn Hadschar in seiner al-–Isaba und Ibn Chaldun in seiner Tarikh berichten, dass er in dieser Schlacht am ganzen Körper insgesamt einunddreißig Verletzungen erlitt.
Im Monat Schaʿban des sechsten Jahres nach der Hidschra beschloss der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einen Feldzug nach Dumat al-Dschandal zu unternehmen, etwa dreihundert Meilen nördlich von Medina. Er übertrug Abd ar-Rahman das Kommando über diese Truppe. Vor dem Aufbruch begab er sich zum Gesandten Allahs. Der Gesandte Allahs nahm eigenhändig den Turban von Abd ar-Rahmans Kopf, legte ihn beiseite und band ihm einen anderen schwarzen Turban um den Kopf. Danach gab er Abd ar-Rahman einige Anweisungen zur Kriegsführung und verabschiedete ihn.
Während der Eroberung von Mekka gehörte Abd ar-Rahman zu jener kleinen Gruppe der Auswanderer, bei der sich der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufhielt.
Nach der Eroberung von Mekka sandte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mehrere Gruppen in verschiedene Richtungen, um auf der Arabischen Halbinsel zur Religion aufzurufen. Die arabischen Stämme waren noch immer völlig in Unwissenheit und Stammesfanatismus versunken. Deshalb entsandte der Gesandte Allahs die Gruppen bewaffnet, damit sie sich nötigenfalls selbst verteidigen konnten. Eine solche aus dreißig Männern bestehende Gruppe wurde unter der Führung von Hazrat Chalid ibn al-Walid zu den Angehörigen der Banu Chuzaima geschickt. Zwischen Hazrat Chalid und den Banu Chuzaima kam es jedoch zu einem Missverständnis. Schließlich griff Hazrat Chalid die Banu Chuzaima an und tötete und verletzte viele von ihnen. Als der Gesandte Allahs davon erfuhr, ließ er Hazrat Chalid rufen, befragte ihn und bat Allah um Vergebung für dessen Fehler. Der Gesandte Allahs zahlte für die Getöteten das Blutgeld. Selbst wenn der Hund eines Menschen getötet worden war, wurde auch dafür der entsprechende Ersatzwert entrichtet.
Wegen dieses Vorfalls mit den Banu Chuzaima kam es zwischen Chalid und Abd ar-Rahman zu einem Wortwechsel und einer Auseinandersetzung. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, davon erfuhr, ließ er Chalid rufen und tadelte ihn. Er sagte: ‚Du hast mit einem Gefährten gestritten und debattiert, der zu den Sabiqun al-Awwabin‘ (denjenigen, die in der ersten Zeit den Islam annahmen) ‚gehört. Das war deiner nicht würdig. Bei Allah, selbst wenn du so viel Gold besäßest wie der Berg Uhud und alles davon auf Allahs Weg spendetest, könntest du dennoch nicht einmal einem dieser meiner älteren Gefährten gleichkommen.‘ Es sei angemerkt, dass Hazrat Chalid im sechsten Jahr nach der Hidschra, nach der Schlacht von al-Ahzab, den Islam annahm.
Auch die Glaubensprüfung, der die Muslime während des Tabuk-Feldzugs im neunten Jahr nach der Hidschra ausgesetzt waren, bestand er erfolgreich. Auf den Aufruf des Gesandten Allahs (s) hin spendeten Hazrat Abu Bakr, Uthman und Abd ar-Rahman (r) für diesen Feldzug eine beispiellose Geldsumme. Als Abd ar-Rahman dem Gesandten Allahs (s) achttausend Dinar überreichte, begannen die Heuchler zu tuscheln. Sie sagten: „Er ist ein Heuchler – sein Ziel ist nur, gesehen zu werden.“ Als Antwort auf sie sagt Allah: „Dies ist doch derjenige, auf den Allahs Barmherzigkeit herabgesandt werden wird.“ (Sure at-Tauba: 71) In einer anderen Überlieferung heißt es, dass Umar (r), als er diese Spende sah, ausrief: „Ich glaube, Abd ar-Rahman macht sich schuldig. Denn er hat für seine Familie nichts zurückbehalten.“ Als der Gesandte Allahs (s) dies hörte, fragte er: „Abd ar-Rahman, hast du etwas für deine Familie zurückbehalten?“ Er antwortete: „Ja. Für sie habe ich etwas zurückbehalten, das größer und besser ist als das, was ich gespendet habe.“ Der Gesandte Allahs (s) fragte: „Wie viel?“ Er sagte: „Das, was Allah und Sein Gesandter an Versorgung, Wohlergehen und Belohnung versprochen haben.“
Während des Tabuk-Feldzugs ging der Gesandte Allahs (s) eines Tages zur Zeit des Morgengebets hinaus, um sich zu erleichtern. Seine Rückkehr verzögerte sich etwas. Inzwischen war die Gebetszeit gekommen. Auf Bitten der versammelten Betenden trat Abd ar-Rahman als Imam vor und begann das Gebet. Da kam der Gesandte Allahs (s) zurück; eine Rakʿa war bereits beendet. Als Abd ar-Rahman die Anwesenheit des Gesandten Allahs (s) bemerkte, versuchte er, nach hinten zurückzutreten. Der Gesandte Allahs (s) gab ihm jedoch mit einer Handbewegung zu verstehen, an seinem Platz zu bleiben. Daraufhin beendete er auch die verbleibende zweite Rakʿa, und der Gesandte Allahs (s) betete hinter ihm in Befolgung seines Imams. Imam Muslim und Abu Dawud überlieferten diesen Hadith in ihren authentischen Werken.
Der erste Kalif, Hazrat Abu Bakr (r), lag auf seinem Sterbebett. Es gab keine Hoffnung mehr auf sein Leben. Er rief angesehene, nachdenkliche Gefährten zusammen und beriet sich mit ihnen darüber, wer nach ihm Kalif werden sollte. Auch mit Hazrat Abd ar-Rahman beriet er sich und schlug, indem er einige Eigenschaften Hazrat Umars hervorhob, dessen Namen als nächsten Kalifen vor. Nachdem Abd ar-Rahman dem Kalifen geduldig zugehört hatte, sagte er: „Sie haben recht. An seiner Eignung besteht kein Zweifel. Seinem Wesen nach ist er jedoch etwas streng.
Während der Kalifenzeit Hazrat Abu Bakrs (r) wurden acht herausragende Gefährten mit der Aufgabe von Rechtsgutachten und Rechtsprechung betraut; zugleich wurde allen anderen untersagt, Rechtsgutachten zu erteilen. Abd ar-Rahman war einer dieser acht.
Auch während seiner Kalifenzeit hielt Hazrat Umar alle außer den Gefährten, die über Wissen und Urteilskraft verfügten, von der Rechtsprechung fern. Sogar Abd Allah ibn Masʿud, den er als „Schatzkammer des Wissens“ bezeichnete, wurde, als er ohne vorherige Erlaubnis begann, Rechtsgutachten zu erteilen, angewiesen, davon Abstand zu nehmen. Hazrat Umar erlaubte nur demjenigen, der auf einem Gebiet des Wissens sachkundig war, in dieser Angelegenheit seine Meinung zu äußern. Während einer Reise nach Syrien sagte er darüber in einer Ansprache an einem Ort namens „Dschabija“: „Wer den Koran verstehen möchte, soll sich an Ubayy ibn Kaʿb wenden; wer etwas über die Erbanteile erfahren möchte, an Zayd ibn Thabit; und wer sich in Fragen der Rechtswissenschaft kundig machen möchte, an Muʿadh ibn Dschabal und Abd ar-Rahman ibn Auf.“
Der Kalif Hazrat Umar (r) verlieh Hazrat Abd ar-Rahman den Rang eines besonderen Beraters. Wenn er nachts umherging, um sich nach dem Zustand der Menschen in der Stadt zu erkundigen, nahm er Hazrat Abd ar-Rahman oft mit und beriet sich mit ihm über verschiedene Angelegenheiten.
Eines Nachts ging der Kalif Umar zusammen mit Abd ar-Rahman umher, um die Stadt zu erkunden. Aus der Ferne bemerkten sie Licht in einem Haus. Als sie näher kamen, sahen sie, dass alle Türen und Fenster des Hauses geschlossen waren; aus dem Inneren jedoch waren die lauten Stimmen einiger Menschen zu hören. Der Kalif Umar fragte Abd ar-Rahman: „Können Sie die Stimmen hören, die von drinnen kommen?
– „Ja, ich kann sie hören.“
– „Verstehen Sie, was sie sagen?“
– „Die Stimmen vieler Menschen, die gemeinsam sprechen. Man hört nur Lärm; was sie sagen, ist nicht zu verstehen.“
– „Wissen Sie, wem dieses Haus gehört?“
– „Das Haus gehört doch Rabīʿa ibn Umaiya.“
Umar sagte: „Wahrscheinlich haben sie Alkohol getrunken und sind betrunken. Was meinen Sie?“
– „Allah hat uns das Ausspionieren verboten. Er hat gesagt: Wa-lā tajassasū (spioniert nicht) und wa-lā taqfu mā laisa laka bihi ʿilm (folgt nicht dem, worüber ihr kein Wissen habt).“
Als Umar dies hörte, sagte er: „Sie haben recht, und Sie haben mich zur rechten Zeit daran erinnert.“ Damit ging er gemeinsam mit Abd ar-Rahman weiter. Die beiden Verse, an die Hadhrat Abd ar-Rahman den Befehlshaber der Gläubigen in diesem Zusammenhang erinnerte, sind von grundlegender Bedeutung für die Rechte des Einzelnen im Leben der muslimischen Gesellschaft.
Im Jahre 16 nach der Hidschra fiel infolge der Eroberung des Irak das persische Sassanidenreich im Irak, und nach der Schlacht von Jarmuk fiel in Syrien das Reich des byzantinischen Kaisers. Der Kalif leitete Schritte zur Festsetzung der Dschizya und der Charadsch ein. Dabei sah er sich jedoch dem heftigen Widerstand der Heerführer Chālid ibn al-Walīd, Bilāl und Abd ar-Rahman gegenüber. Schließlich wurde nach langen Beratungen in fortwährenden Sitzungen des Schūrā-Rates die Ansicht des Kalifen angenommen.
Der Kalif Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, beabsichtigte, die Bezüge für die Gefährten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, festzulegen. Diesen Wunsch äußerte er gegenüber Abd ar-Rahman, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Dieser schlug vor, drei Männer, die in der Genealogie bewandert waren – Makhzama ibn Nawfal, Chaybar ibn Mut’im und Aqil ibn Abu Talib –, mit der Erstellung einer Liste zu beauftragen. Entsprechend seinem Rat übertrug der Kalif ihnen diese Aufgabe. Als sie die Liste erstellt und dem Kalifen vorgelegt hatten, prüften der Befehlshaber der Gläubigen und Abd ar-Rahman sie beide. Nachdem Umar die Liste gesehen hatte, sagte er: „Ändert die Reihenfolge der vorliegenden Liste und tragt meinen Namen sowie die Namen der anderen Angehörigen meines Stammes jeweils an der Stelle ein, an der sie entsprechend ihrer verwandtschaftlichen Beziehung zum Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erscheinen.“ Ali und Abd ar-Rahman erhoben Einwand und sagten: „Ihr seid der Befehlshaber der Gläubigen. Die Liste sollte mit Eurem Namen beginnen.“ Er sagte: „Nein. Beginnt mit Abbas, dem Onkel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und schreibt danach den Namen Alis nieder, möge Allah mit ihm zufrieden sein.“ Die Höhe der Bezüge legte er ebenfalls nach Beratung mit Abd ar-Rahman fest. Danach legte er sie dem Schura-Rat vor.
Die reinen Ehefrauen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatten schon lange zuvor den Wunsch geäußert, die Hadsch zu vollziehen. Im dreiundzwanzigsten Jahr nach der Hidschra traf Kalif Umar die endgültigen Vorbereitungen für ihre Hadsch. Er selbst begleitete sie auf der Reise. Die gesamte Verantwortung für die Organisation ihrer Reise übertrug er Abd ar-Rahman und Uthman, möge Allah mit ihnen zufrieden sein. Während der Reise ritten Abd ar-Rahman bewaffnet vor der Karawane und Uthman bewaffnet hinter ihr und hielten Wache. Sie ließen niemanden in die Nähe ihrer Kamele kommen. Wenn sie irgendwo Halt machten, waren die beiden mit der Bewachung der Zelte betraut.
Im ersten Jahr seines Kalifats ernannte Umar Abd ar-Rahman zum Führer der Hadsch und schickte ihn nach Mekka. Außerdem schickte er mit ihm in seinem Namen ein Opfertier. In jenem Jahr vollzog die gesamte muslimische Gemeinschaft die Hadsch unter seiner Leitung.
Kalif Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, leitete das Morgengebet in der Gemeinschaft. Firus, der persische Sklave von al-Mughira ibn Schu’ba, stach auf ihn ein. Obwohl er verwundet war, ergriff er sofort die Hand Abd ar-Rahmans, der hinter ihm stand, ließ ihn an seiner Stelle stehen und brach zu Boden. Daraufhin beendete Abd ar-Rahman das restliche Gebet schnell.
Zehn Stunden nachdem Umar verwundet worden war, sagte er zu den versammelten Menschen: „Wie ihr es zu sagen pflegtet, hatte auch ich vor, einen Mann zum Befehlshaber zu ernennen, der in der Lage wäre, die Last dieser Gemeinschaft zu tragen. Dann dachte ich jedoch: Wenn ich dies tue, wird die Verantwortung dafür auch nach meinem Tod auf mir lasten. Deshalb wagte ich es nicht. Diese sechs Männer sind Ali, Uthman, Abd ar-Rahman, Sa’d, Zubair und Talha. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat ihnen die frohe Botschaft vom Paradies verkündet. Ihr sollt einen von ihnen zum Befehlshaber wählen. Außer diesen sechs gibt es auch meinen Sohn Abdullah. Er wird jedoch mit dem Kalifat nichts zu tun haben. Falls sich die genannten sechs Männer bei der Wahl des Kalifen in zwei gleich große Gruppen von je drei Männern teilen, soll derjenige Kalif werden, dessen Gruppe Abdullah unterstützt. Wenn Abdullahs Meinung jedoch von der Allgemeinheit nicht angenommen wird, soll die Meinung der Gruppe maßgeblich sein, der Abd ar-Rahman angehört.“ Aus dieser Beratung Umars wird seine klare Einschätzung Abd ar-Rahmans ersichtlich.
Umar verstarb. Abd ar-Rahman war nicht bereit, Kalif zu werden. Talha befand sich zu jener Zeit ebenfalls nicht in Medina. Die übrigen vier Männer übertrugen Abd ar-Rahman die vollständige Verantwortung für die Wahl des Kalifen.
Die ihm übertragene Aufgabe erfüllte Abd ar-Rahman mit größter Hingabe und Gewissenhaftigkeit. Drei Tage und drei Nächte hindurch beriet er sich mit Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten. Die Mehrheit sprach sich für Uthman aus. Schließlich forderte er die Menschen noch vor Ablauf der von Umar festgelegten Frist von drei Tagen und drei Nächten auf, am Morgengebet in der Gemeinschaft teilzunehmen. Nach dem Gebet verkündete er vor der versammelten Menge den Namen Uthmans als Kalifen. Seit Umar durch den Messerstich verletzt worden war, leitete er auf dessen Anweisung das Gemeinschaftsgebet und nahm alle Verwaltungsaufgaben wahr, bis Uthmans Name als des dritten Kalifen verkündet wurde, möge Allah mit ihm zufrieden sein.
Im Monat Muharram des vierundzwanzigsten Jahres nach der Hidschra wurde Uthman zum Kalifen gewählt. Noch im selben Jahr ernannte er Abd ar-Rahman zum Führer der Hadsch. Die muslimische Gemeinschaft vollzog in jenem Jahr die Hadsch unter seiner Leitung.
Hadhrat Abd ar-Rahman erwies der muslimischen Umma bis zu seinem Lebensende besondere Dienste, indem er als Mitglied des Schura-Rates des Kalifen Uthman in verschiedenen wichtigen Angelegenheiten beratend tätig war. Bei jedem der drei Kalifen – Hadhrat Abu Bakr, Umar und Uthman (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) – war er ein äußerst vertrauenswürdiger und zuverlässiger Mann.
Ibn Sa’d zufolge verstarb Hadhrat Abd ar-Rahman im Jahre 32 nach der Hidschra im Alter von 75 Jahren. Ibn Hadschar zufolge lebte er jedoch 72 Jahre. Ibn Hadschar berichtet außerdem, dass entweder Hadhrat Uthman oder Zubair ibn al-Awwam sein Totengebet leitete und er auf dem Friedhof Baqi in Medina beigesetzt wurde. Zu denen, die seine Leiche bis zum Friedhof trugen, gehörte auch der berühmte Gefährte Hadhrat Sa’d ibn Abi Waqqas.
Wie wir bereits gesehen haben, kam Abd ar-Rahman völlig mittellos nach Medina. Durch den Handel mit etwas Ghee und Käse begann er sein Geschäft. Mit der Zeit wurde er zu einem der erfolgreichsten Händler und wohlhabendsten Männer der damaligen muslimischen Umma. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) betete für die Vermehrung seines Vermögens, und dieses Gebet wurde bei Allah auch erhört. Dennoch entwickelte er nicht die geringste Gier oder Zuneigung zu diesem Vermögen. Zu Lebzeiten des Gesandten Allahs und auch nach dessen Tod gab er es bis zu seinem Lebensende großzügig auf Allahs Weg und zum Wohl der Menschen aus.
Einmal beschloss der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), einen Feldzug zu unternehmen. Er sagte: „Ich beabsichtige, Soldaten auf einen Feldzug zu schicken; helft mir dabei.“ Abd ar-Rahman kam, lief eilig nach Hause und kehrte wieder zurück. Er sagte: „O Gesandter Allahs, ich besitze diese viertausend. Zweitausend gebe ich meinem Herrn als zinsloses Darlehen, und die übrigen zweitausend behalte ich für meine Familie.“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Möge Allah alles segnen, was du gespendet und was du zurückbehalten hast.“
Einmal herrschte in Medina große Aufregung: Eine Handelskarawane mit einer gewaltigen Menge an Getreide war aus Syrien eingetroffen. Nur Kamele, überall Kamele. Die Mutter der Gläubigen, Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein), fragte: „Wem gehört diese Handelskarawane?“ Die Leute antworteten: „Abd ar-Rahman ibn Auf.“ Sie sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagen: Ich sah Abd ar-Rahman, wie er auf dem Sirat einmal zur Seite geneigt war und sich dann wieder aufrichtete.“ In einer anderen Überlieferung heißt es, dass Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) sagte: „Möge Allah alles segnen, was Er ihm in dieser Welt gegeben hat, und möge seine Belohnung im Jenseits noch größer sein. Ich hörte den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagen: Abd ar-Rahman wird kriechend ins Paradies eintreten.“
Diese Worte von Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) drangen an Abd ar-Rahmans Ohr. Er sagte: „So Allah will, muss ich aufrecht ins Paradies eintreten.“ Daraufhin spendete er seine gesamte Handelsware. Die Waren waren auf fünfhundert – einer anderen Meinung zufolge auf siebenhundert – Kamelen verladen. Manche sagen, dass er zusammen mit der Handelsware auch die Kamele spendete. Hadhrat Abd ar-Rahman war den Müttern der Gläubigen von ganzem Herzen ergeben. Für ihr Wohlergehen und ihren Komfort gab er sein ganzes Leben lang großzügig aus. Bei ihnen war er ein vertrauenswürdiger und zuverlässiger Mann. Einmal verkaufte er ein Grundstück für vierzigtausend Dinar und verteilte den gesamten Verkaufserlös unter den Banu Zuhra (dem väterlichen Stamm der Mutter des Gesandten Allahs, Hadhrat Amina), Muslimen, Bedürftigen und Armen, den Auswanderern und den reinen Ehefrauen des Gesandten Allahs. Als Hadhrat Aischas Anteil bei ihr eintraf, fragte sie: „Wer hat ihn geschickt?“ Man antwortete: „Abd ar-Rahman ibn Auf.“ Sie sagte: „Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat gesagt: Nach mir werden nur die Geduldigen Mitgefühl mit euch zeigen.“
Ibn Hadschar erwähnte im Werk „‘al-–Isāba’“ anhand einer Überlieferungskette von Ja’far ibn Barqan, dass Abd ar-Rahman insgesamt dreißigtausend Sklaven freigelassen hatte. Bereits in der vorislamischen Zeit hielt er den Genuss von Wein für verboten.
Hadhrat Abd ar-Rahman war ein lebendiges Beispiel für Gottesfurcht und die Furcht vor Allah. Wenn er nach Mekka kam, wandte er sich nicht einmal nach seinen früheren Häusern um. Die Leute fragten: „Warum bist du deinen Häusern gegenüber so ablehnend?“ Er sagte: „Diese Häuser habe ich doch um Allahs willen zurückgelassen.“
Einmal lud er seine Freunde zu sich ein. Es wurden vorzügliche Speisen aufgetragen. Als er die Speisen sah, begann er zu weinen. Die Leute fragten: „Was ist geschehen?“ Er sagte: „Der Gesandte Allahs (s) ist von uns gegangen. Zu seinen Lebzeiten konnte er in seinem eigenen Haus nicht einmal Gerstenbrot satt essen.“
Eines Tages fastete er. Nach dem Fastenbrechen blickte er auf das Essen, das man ihm vorgesetzt hatte, und sagte: „Musʿab ibn ʿUmair war ein besserer Mensch als ich. Als er den Märtyrertod erlitt, fand sich für ihn nur ein kleines Stück Leichentuch. Wenn damit sein Kopf bedeckt wurde, blieben seine Füße unbedeckt, und wenn seine Füße bedeckt wurden, blieb sein Kopf unbedeckt. Danach gewährte Allah der Erhabene uns diesen Wohlstand der Welt. Ich fürchte, dass uns unsere Belohnung vielleicht schon in dieser Welt zuteilwird.“ Danach begann er hemmungslos zu weinen.
Hazrat Umar bemerkte über ihn: „Abdurrahman ist einer der Führer der Muslime.“ Hazrat Ali überlieferte im Zusammenhang mit der Schilderung eines Ereignisses vom Gesandten Allahs (s): „Abdurrahman ist der Vertrauenswürdige des Himmels und der Erde.“
Hazrat Abdurrahman überlieferte Hadithe unmittelbar vom Gesandten Allahs (s) und von Umar (ra). Von ihm überlieferten seine Söhne, darunter Ibrahim, Humaid, Umar, Musʿab und Abu Salama, sein Enkel Miswar, sein Neffe Miswar ibn Makhrama sowie die Gefährten Ibn Abbas, Ibn Umar, Zubair, Dschabir, Anas, Malik ibn Aus (ra.) und andere Hadithe. Seine herausragendste Eigenschaft ist, dass er einer der zehn mit dem Paradies Verheißenen war.
Saʿ’d ibn Abī Wāqqāṣ ((ra.))
Sein Name war Abu Ishaq Saʿd, sein Vater Abu Waqqas Malik. In der Geschichte ist er unter dem Namen Saʿd ibn Abī Waqqāṣ bekannt. Er stammte aus dem Zweig Banu Zuhra des Stammes Quraisch. Der Name seiner Mutter war Hamna. Beide Eltern gehörten dem Stamm Quraisch an. Saʿds Vater Abu Waqqas nahm den Islam an und erlangte die Ehre, ein Gefährte des Gesandten Allahs (s) zu sein. Als er auf seinem Sterbebett lag, besuchte ihn der Gesandte Allahs (s). Auch seine Mutter Hamna nahm den Islam an. Als sie jedoch zunächst vom Übertritt ihres Sohnes Saʿd zum Islam hörte, begann sie zu lamentieren und versammelte die Leute um sich. Saʿd war über das Verhalten seiner Mutter aus Zorn und Trauer bestürzt, ging in eine Ecke des Hauses und setzte sich schweigend hin. Nachdem sie eine Weile lamentiert und Lärm gemacht hatte, erklärte die Mutter unmissverständlich: „Solange Saʿd nicht erklärt, dass er die Sendung Muhammads ablehnt, werde ich weder etwas essen noch trinken und auch nicht aus der Sonne in den Schatten gehen. Allah hat doch ebenfalls befohlen, der Mutter zu gehorchen. Wenn er nicht auf mich hört, wird er als ungehorsam gelten, und er wird keine Beziehung mehr zu seiner Mutter haben.“
Hazrat Saʿd geriet in große Unruhe. Er begab sich zum Gesandten Allahs (s) und berichtete ihm den gesamten Vorfall. Noch bevor er vom Gesandten Allahs (s) eine Antwort erhielt, wurde der achte Vers der Sure al-Ankabut offenbart:
„Wir haben dem Menschen aufgetragen, seinen Eltern Gutes zu tun. Wenn sie dich jedoch dazu zwingen wollen, Mir etwas beizugesellen, wovon du kein Wissen hast, dann gehorche ihnen nicht.“
Dieser Vers aus dem Koran beseitigte Hazrat Saʿds innere Unruhe. Seine Mutter nahm drei Tage lang keine Nahrung zu sich, sprach mit niemandem und ging nicht aus der Sonne in den Schatten. Ihr Zustand wurde äußerst beklagenswert. Immer wieder kam er zu seiner Mutter und versuchte, sie zu überzeugen; doch sie blieb bei ihrer Forderung, dass er den Islam aufgeben müsse. Schließlich war er gezwungen, ihr ins Gesicht zu sagen: „Mutter, selbst wenn tausend Mütter wie du aus Trotz gegen meinen Islam den Verzehr von Nahrung und Wasser verweigern und ihr Leben opfern würden, wäre es mir dennoch unmöglich, die wahre Religion aufzugeben.“ Diese äußerst entschiedenen Worte Hazrat Saʿds hinterließen einen tiefen Eindruck im Herzen seiner Mutter. Schließlich nahm auch sie den Islam an. Imam Muslim überliefert hierzu in seinem Ṣaḥīḥ-Werk im Kapitel „al-Faḍāʾil“ einen Hadith.
Hazrat Saʿds Bruder ʿUmayr nahm wenige Tage nach dem Empfang der prophetischen Offenbarung durch den Gesandten Allahs den Islam an. Er gehörte zu denjenigen, die in der frühesten Periode den Islam annahmen. Ibn Khaldun erwähnt in seinem ‘Tarīkh’ nach ʿUmayr die Annahme des Islam durch ʿAbdullah ibn Masʿud.
Hazrat Abu Bakr war ein enger Freund Hazrat Saʿds. Auf die Einladung Abu Bakrs hin nahm er den Islam an. Imam al-Bukhari überliefert in seinem Ṣaḥīḥ-Werk im Kapitel „al-Manāqib“ einen Hadith über Hazrat Saʿds Annahme des Islam. Saʿd sagte: „Nach meiner Annahme des Islam stellte ich fest, dass ich der dritte Muslim war.“ Tatsächlich nahm er mit dem Empfang der prophetischen Sendung durch den Gesandten Allahs den Islam an; doch wie viele andere verkündete auch er dies damals nicht öffentlich. Dafür sprechen sowohl die Geschichte mit seiner Mutter als auch die Offenbarung des Verses aus der Sure al-ʿAnkabūt. Denn dieser Vers wurde im vierten Jahr der prophetischen Sendung offenbart. Wahrscheinlich offenbarte er seiner Mutter zu dieser Zeit, dass er den Islam angenommen hatte.
Im dritten Jahr der prophetischen Sendung erschien ʿAmr ibn ʿAbasa aus dem Stamm Sulaym heimlich beim Gesandten Allahs und nahm den Islam an. Die Erlaubnis zu öffentlicher Einladung zum Islam war von Allah noch nicht erteilt worden. Nach seiner Annahme des Islam verrichtete ʿAmr in einer Ecke von Shiʿb Abi Talib das Gebet. Die Quraisch begannen, Steine zu werfen. Als Saʿd dies sah, kam auch er mit einigen Muslimen herbei, woraufhin sie mit den genannten ungläubigen Quraisch in Streit und Handgemenge gerieten. Hazrat Saʿd schlug einen Ungläubigen mit seiner Peitsche so heftig, dass dessen Körper mit Blut überströmt war. Dass durch die Hand eines Muslims das Blut eines Götzendieners vergossen wurde, war das erste Ereignis dieser Art in der Geschichte des Islam.
Hazrat Saʿd ibn Abi Waqqas war einer der vier Männer, die nach der Auswanderung von Hazrat Musʿab ibn ʿUmair und Ibn Umm Maktum von Mekka nach Medina nach Medina auswanderten. In Ṣaḥīḥ al-Bukhari wird ein Hadith von al-Bara ibn ʿAzib überliefert. Er sagte: „Als Erste kamen zu uns Musʿab ibn ʿUmair und Ibn Umm Maktum. Diese beiden Männer lehrten die Bewohner Medinas den Koran. Danach kamen Bilal, Saʿd und ʿAmmar ibn Yasir.“ Ibn Saʿd ‘Ṭabaqāt al- Kubrā“’ nach einer Überlieferung von al-Waqidi, dass Saʿd und sein Bruder ʿUmair von Mekka nach Medina auswanderten und sich dort bei ihrem anderen Bruder ʿUtba ibn Abi Waqqas aufhielten. Einige Jahre zuvor hatte ʿUtba einen Mann getötet, war aus Mekka geflohen und hatte in Medina Zuflucht gesucht.
Hazrat Saʿds Rolle im Dschihad auf Allahs Weg war äußerst bedeutend. Seine Tapferkeit und sein Mut trieben die Feinde des Islam einem äußerst schlimmen Schicksal entgegen. Er war der erste Muslim, der auf Allahs Weg einen Pfeil abschoss. Er selbst sagte:
– „Ich war der erste Araber, der um Allahs willen einen Pfeil abschoss.“
Nach der Hidschra von Mekka nach Medina befand sich die finanzielle Lage der muslimischen Muhadschirun längere Zeit in einem äußerst beklagenswerten Zustand. Sie hatten weder Lebensmittelvorräte noch Kleidung noch verlässliche Mittel für ihren Lebensunterhalt. Unter dem Druck der aus Mekka eingetroffenen Muhadschirun geriet das Fundament der ohnehin begrenzten Wirtschaftsordnung Medinas ins Wanken. Die gesamte muslimische Gemeinschaft in Medina, Ansar wie Muhadschirun, geriet in äußerste finanzielle Not. Inmitten dieser großen Armut setzten sie die Verbreitung des Islam fort und führten weiterhin einen Krieg nach dem anderen gegen die Ungläubigen. Über diese extreme Armut sagte Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm: „Wir nahmen gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an den Kämpfen teil, obwohl wir damals außer Blättern von Bäumen nichts zu essen hatten. (Davon lebten wir.) Und unser Kot glich dem Kot von Kamelen und Ziegen.“ – (Buchari und Muslim: Manaqib Saʿ’d r.a..)
Ein Jahr nach der Hidschra, im Monat Safar, entsandte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, eine Gruppe von sechzig Kamelreitern, um die Bewegungen der Quraisch zu beobachten. Auch Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, gehörte dieser Gruppe an. Schließlich erblickten sie eine große Gruppe der Quraisch unter der Führung von ʿIkrima ibn Abi Dschahl. Doch beide Seiten vermieden eine Auseinandersetzung. Als jedoch plötzlich jemand aus den Reihen der Quraisch laut aufschrie, schoss Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, sofort einen Pfeil ab. Dies war der erste Pfeil, der in der Geschichte des Islam auf die Ungläubigen abgeschossen wurde.
Im zweiten Jahr nach der Hidschra, im Monat Rabiʿ ath-thani, zog der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit zweihundert Gefährten von Medina aus. Das Ziel war, die Bewegungen der Feinde in der Umgebung Medinas zu beobachten und ihnen zu zeigen, dass die Muslime nicht schliefen. Der Bannerträger dieses Heeres war Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm. Bei einem Ort namens Buwat kam es diesmal auch zu einem kleineren Zusammenstoß mit den Quraisch. Sechs Monate später fand die Schlacht von Badr statt.
Wenige Tage vor der Schlacht von Badr war Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, einer von drei Männern, die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ausgesandt hatte, um Nachrichten über die Karawane der Quraisch zu sammeln. Sie lauerten in der Nähe der Brunnen von Badr zwei Männern der Gegenseite auf, nahmen sie gefangen und brachten sie zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Von ihnen erfuhr der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zahlreiche Informationen über die feindliche Seite.
In Badr kämpften Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, und sein Bruder ʿUmair, Allahs Wohlgefallen sei ihm, mit außerordentlichem Mut. Jeder von ihnen tötete mehrere Ungläubige und schickte sie in die Hölle. In dieser Schlacht erlitt ʿUmair, Allahs Wohlgefallen sei ihm, den Märtyrertod. Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, tötete Saʿid ibn al-ʿAs, nahm dessen Schwert und übergab es dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Er äußerte gegenüber dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Wunsch, das Schwert zu erhalten. Dieser erwiderte: „Dieses Schwert gehört weder dir noch mir.“ Kaum war Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufgestanden und ein kurzes Stück gegangen, da wurde die Sure al-Anfal offenbart. Daraufhin rief der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihn zurück und sagte: „Nimm dein Schwert!“
Die Schlacht von Uhud fand ein Jahr nach Badr statt. Auch an dieser Schlacht nahm Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, teil. Als sich der sichere Sieg aufgrund des Fehlers einiger muslimischer Soldaten in eine Niederlage verwandelte, gehörte Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm, zu den wenigen Soldaten, die unter Einsatz ihres Lebens einen Schutzring um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bildeten. Imam Buchari überliefert dieses Ereignis aus dem Mund von Saʿd, Allahs Wohlgefallen sei ihm:
„Am Tag von Uhud breitete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, seinen Köcher vor mir aus und sagte:
‚Schieß! Mögen meine Eltern dir geopfert sein.‘ Ibn Saʿd berichtet außerdem: ‚Zufällig befand sich in einem Köcher kein Pfeil. Saʿd sagte: „O Gesandter Allahs, dieser ist doch leer.“ Er sagte: „Schieß auch ihn ab.“‘
Ein Bruder von Saʿd, ʿUmair, fiel in der Schlacht von Badr als Märtyrer. In der Schlacht von Uhud kämpfte Saʿd gerade unter Einsatz seines Lebens, um den Gesandten vor dem heftigen Angriff der Ungläubigen zu schützen, als das Gesicht des geliebten Propheten durch einen von seinem anderen Bruder, dem niederträchtigen ʿUtba, geworfenen Stein verletzt wurde und ein Zahn zerbrach. Saʿd sagte oft: „Ich hatte niemals ein so starkes Verlangen, einen anderen der Ungläubigen zu töten, wie im Fall ʿUtbas. Doch als ich den Gesandten sagen hörte, dass Allahs Zorn denjenigen treffen werde, der das Gesicht des Gesandten Allahs blutig gemacht hatte, erlosch mein Verlangen, ihn zu töten, und Frieden kehrte in mein Herz ein.“
In der Schlacht von Uhud beobachtete er eine ungewöhnliche Szene. Er sagte: „Am Tag von Uhud sah ich zur Rechten und zur Linken des Gesandten Allahs zwei blendend weiß gekleidete Männer. Sie kämpften erbittert gegen die Ungläubigen. Weder zuvor noch danach habe ich sie jemals wieder gesehen.“
Die Schlacht am Graben fand zwei Jahre nach Uhud statt. Auch an dieser Schlacht nahm er teil. Er schoss auf einen geschickten ungläubigen Reiter und durchbohrte dessen Auge derart, dass der Gesandte Allahs beim Anblick plötzlich zu lachen begann. Während der Schlacht am Graben wurde in einem Tal des Berges Sala ein Zelt für den Gesandten errichtet. In einer kalten Nacht lag der Gesandte Allahs allein, in eine Decke gehüllt. Plötzlich hörte er im Zelt das Klirren von Waffen. Er fragte: „Wer ist da?“ Er erhielt die Antwort: „Saʿd, der Sohn von Abī Waqqās.“ „Warum bist du gekommen?“ Er sagte: „Der Gesandte Allahs ist mir lieber als tausend Leben Saʿds. In dieser dunklen, kalten Nacht fürchtete ich um dich. Deshalb bin ich gekommen, um Wache zu halten.“ Der Prophet Allahs sagte: „Saʿd! Meine Augen waren offen. Ich hatte gehofft, dass heute vielleicht ein rechtschaffener Diener mich beschützen würde!“
Auch Saʿd begleitete den Gesandten Allahs im zehnten Jahr nach der Hidschra auf seiner Abschiedspilgerfahrt. Doch noch vor der Pilgerfahrt erkrankte er in Mekka schwer. Er gab die Hoffnung auf sein Leben gewissermaßen auf. In dieser Zeit kam der Gesandte Allahs gelegentlich und erkundigte sich nach ihm. Saʿd sagte: „Eines Tages legte er mir, nachdem er mit mir gesprochen hatte, die Hand auf die Stirn. Dann strich er mit der Hand über mein Gesicht bis hinunter zu meinem Bauch und sprach ein Bittgebet: O Allah, schenke Saʿd Heilung und vollende seine Hidschra – das heißt, lass ihn an dem Ort seiner Hidschra, in Medina, sterben.“ Saʿd sagte: „Noch heute spüre ich in meinem Herzen jene kühle Berührung und den Frieden, die von der Hand des Gesandten Allahs ausgingen.“ Er genas und lebte noch weitere fünfundvierzig Jahre.
Das muslimische Heer unter der Führung von Abū ʿUbaida und al-Muthannā hatte das Heer des persischen Kisrā besiegt und den Irak erobert. Nun stand der Irak unter der Kontrolle des muslimischen Heeres. Die Verwandten des Kisrā legten alle ihre Meinungsverschiedenheiten beiseite, setzten Yazdegerd auf den Thron und stellten unter der Führung des Feldherrn Rustam erneut ein gewaltiges Heer auf, um die Muslime anzugreifen. ʿUmar erhielt Nachricht von diesen Vorbereitungen. Er äußerte den Wunsch, selbst mit einem Heer zur Unterstützung al-Muthannās zu ziehen. Da er jedoch nicht die Zustimmung des Schūrā-Rats erhielt, entsandte er gemäß dessen Beschluss Saʿd und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber des vereinigten Heeres an der iranischen Front. Saʿd erreichte mit seinem Heer von Medina aus al-Qādisiyya. Noch vor seiner Ankunft war al-Muthannā verstorben. Auf diesem Feld von al-Qādisiyya kam es unter der Führung des Feldherrn Saʿd zu einer entscheidenden und blutigen Schlacht zwischen dem muslimischen und dem persischen Heer. In dieser Schlacht wurde die Verteidigungsformation des gewaltigen persischen Heeres zerschlagen, und die Perser erlitten in den Kämpfen eine Niederlage nach der anderen.
Auf dem Weg nach Madāʾin, der Hauptstadt des Sassanidenreiches, hatte das muslimische Heer Bahrāsīr eingenommen. Zwischen Bahrāsīr und Madāʾin floss der Didschla, dessen stürmende Wellen das Wasser aufwühlten. Saʿd erfuhr, dass Schahanschah Yazdegerd alle wertvollen Güter aus der Hauptstadt Madāʾin fortschaffen ließ. Saʿd rückte mit seinem Heer rasch auf Madāʾin vor. Als er das Ufer des Didschla erreichte, sah er, dass die Iraner die Brücke über den Fluss bereits zerstört hatten. Dort am Ufer des Didschla hielt er eine historische Ansprache an die muslimischen Glaubenskämpfer. Ihre Zusammenfassung lautet wie folgt:
„O Diener Allahs, Soldaten der Religion! Die sassanidischen Herrscher haben die Diener Allahs in die Ketten der Sklaverei gelegt, sie durch Lügen und erfundene Behauptungen getäuscht und sie gezwungen, Feuer und Sonne anzubeten. Sie haben die unter Mühen und Schweiß erworbenen Güter der Menschen bei sich angehäuft. Als ihr nun als ihre Retter erschienen seid, haben sie die Flucht ergriffen und das Eigentum der armen Bevölkerung auf die Rücken von Pferden und Eseln geladen. Wir werden ihnen eine solche Gelegenheit niemals gewähren. Damit wir die auf ihren Reittieren aufgeladenen Schätze nicht an uns nehmen können, haben sie die Brücke zerstört. Doch die Iraner wissen nichts über uns. Sie wissen nicht, dass diejenigen, die auf Allah vertrauen und der Menschheit dienen, weder auf Brücken noch auf Boote vertrauen. Im Namen Allahs, des überaus Barmherzigen und Gebenden, lasse ich mein Pferd in den Fluss hinab. Folgt mir! Einer hinter dem anderen, einer neben dem anderen, überquert ihr den Didschla in Reih und Glied. Möge Allah euch helfen und euch beschützen.“
Nachdem er seine Ansprache beendet hatte, sprach Saʿd „Bismillah“ und lenkte sein Pferd in den Fluss. Die anderen Glaubenskämpfer folgten ihrem Feldherrn. Der Fluss war unruhig. Doch in den Reihen der Soldaten Allahs kam nicht die geringste Unordnung auf. Sie überquerten den Fluss in Reih und Glied und erreichten das andere Ufer. Die iranischen Soldaten beobachteten diese Szene aus einiger sicherer Entfernung. Sie waren vor Staunen wie gelähmt. Unwillkürlich schrien sie: „Ein Dämon kommt, ein Ungeheuer kommt! Flieht, flieht!“
Durch diesen plötzlichen Angriff der muslimischen Glaubenskämpfer verließ König Yazdegerd Mada’in, ließ unzählige Schätze zurück und zog in Richtung Hulwan. Hadhrat Saʿd (ra.) betrat den verlassenen weißen Palast. Die Atmosphäre war erschütternd. Jeder Raum des Palastes schien ein Mahnmal der Lehre und Ermahnung zu sein. Aus dem Mund von Hadhrat Saʿd (ra.) kamen die Verse derSure ad-Duchān zum Vorschein:
– Wie viele Gärten und Quellen, wie viele Getreidefelder und prächtige Paläste sowie wie viele Annehmlichkeiten, an denen sie sich erfreuten, hatten sie zurückgelassen! So geschah es, und Ich ließ ein anderes Volk all dies erben.‘ ((Sure ad-Duchān: 25––28))
Hadhrat Saʿd (ra.) betrat den weißen Palast und verrichtete acht Rakʿat Salāt al-Fath. Danach verkündete er, dass heute in diesem königlichen Palast das Freitagsgebet in Gemeinschaft verrichtet werde. Anschließend ließ er eine Kanzel errichten und verrichtete das Freitagsgebet. Dies war das erste Freitagsgebet in Persien.
Nach der Eroberung von Mada’in wies der Kalif ʿUmar (ra.) den Heerführer Saʿd an, nicht selbst die Iraner zu verfolgen, sondern jemand anderen für diese Aufgabe auszuwählen und damit zu beauftragen. Auf Befehl des Kalifen widmete er sich danach der inneren Wahrung von Frieden und Ordnung, dem Wiederaufbau der Verwaltung, der Verbreitung und Förderung des Islams sowie der Unterweisung und Erziehung der neuen Muslime. In Mada’in, das jahrhundertelang das Zentrum der Feueranbeter gewesen war und in dem man niemals den Namen des Einen Gottes gehört hatte, errichtete Hadhrat Saʿd zum ersten Mal eine große Freitagsmoschee. Auch in anderen Städten Irans ließ er Moscheen errichten. Für die Ansiedlung der arabischen Muslime erweiterte er die Stadt Kufa. Er war auch der Gründer der irakischen Stadt Basra.
Der Kalif Umar ernannte Hazrat Saʿd zum Gouverneur von Kufa. Einige Zeit später enthob er ihn aufgrund der Beschwerden einiger Einwohner Kufas dieses Amtes. Den Palast, den Saʿd in Kufa für sich erbaut hatte, ließ Muhammad ibn Maslama auf Anweisung von ʿUmar (r.a.) niederbrennen, nachdem er von Medina nach Kufa gereist war. (Majmūʿ’ Fatāwā–Ibn Taimiyya, Band 35 S. 40)
Der Mann aus Kufa namens Usama ibn Qatada, der gegen Hazrat Saʿd vor dem Kalifen Umar unter Eid eine falsche Aussage gemacht hatte, sprach Saʿd einen Fluch über ihn aus und bat Allah um drei Dinge für ihn: Allah möge ihn ein langes Leben gewähren, ihn durch die Drangsal der Armut peinigen und ihn zum Opfer von Fitna machen. Die Historiker berichten, dass dieses Bittgebet sich buchstäblich erfüllt habe. Das ist nicht verwunderlich, denn er war ja „Mujtajāb ad-Daʿwa“ – jemand, dessen Bittgebete erhört werden. Der Gesandte Allahs selbst sprach für ihn ein Bittgebet: „O Allah, erhöre Saʿds Bittgebet, wenn er bittet.“
Es trifft jedoch nicht zu, dass Hazrat Umar r.a. die gegen Sa’d erhobenen Vorwürfe für wahr hielt. Daher sagte er: „Ich habe Sa’d weder wegen seiner Unfähigkeit in der Staatsverwaltung noch aus Misstrauen ihm gegenüber abgesetzt.“ (Buchari: Kitab al- Manāqib) Hazrat Sa’d bis kurz vor dem Tod des Kalifen Umar dessen Vertrauen besaß, zeigt sich auch darin, dass Umar vor seinem Tod einen aus sechs Mitgliedern bestehenden Rat zur Wahl des nächsten Kalifen einsetzte und Hazrat Sa’d in diesen Rat aufnahm. Seine letzten Worte über Sa’d waren: „Wenn Sa’d das Kalifat übertragen wird, ist er dafür geeignet. Sollte dies jedoch nicht geschehen, so soll derjenige, der Kalif wird, seine Hilfe in Anspruch nehmen.“ (Buchari: Kitab al- Manāqib und al-–Isāba). Hazrat Uthman ernannte Sa’d bereits im ersten Jahr seines Kalifats erneut zum Gouverneur von Kufa. Doch als es innerhalb weniger Tage zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen Sa’d und Hazrat Abdullah ibn Mas’ud, dem Schatzmeister von Kufa, über eine Angelegenheit kam, berief der Kalif Sa’d ab.
Die aufständischen Unruhestifter Ibn Sabas waren nach Medina gekommen, um den Kalifen Uthman r.a. zu belagern. Der Kalif verurteilte die Unruhestifter während der Freitagspredigt in der Prophetenmoschee mit scharfen Worten. Daraufhin bewarfen sie den Kalifen mit Steinen und verletzten ihn. Als Erster trat Hazrat Sa’d ihnen entgegen. Danach erhoben sich auch die übrigen Gefährten gemeinsam und vertrieben sie.
Hazrat Uthman r.a. wurde durch die Hand der Aufständischen zum Märtyrer. Hazrat Sa’d befand sich zu dieser Zeit in Medina. Die Bewohner Medinas bestimmten Hazrat Ali zum Kalifen und leisteten ihm den Treueid. Als die Menschen zu Sa’ds Haus gingen, um Hazrat Ali den Treueid zu leisten, schloss er die Tür vor ihren Gesichtern und sagte: „Solange nicht alle Menschen den Treueid geleistet haben, werde ich es nicht tun. Von meiner Seite besteht jedoch keine Gefahr.“
Die Erörterung des schmerzhaften Kapitels, das nach dem Märtyrertod Hazrat Uthmans r.a. in der Geschichte des Islam begann, ist in diesem kurzen Rahmen nicht möglich. Zum Verständnis der Rolle Hazrat Sa’ds in dieser Zeit genügt jedoch der Hinweis, dass sich die islamische Umma damals in drei Gruppen spaltete. Eine Gruppe stand auf der Seite Hazrat Alis, eine gegen ihn, und eine blieb neutral. Sowohl in den beiden Gruppen, die für beziehungsweise gegen Hazrat Ali standen, als auch in der neutralen Gruppe befanden sich bedeutende Gefährten. Sie hielten es nicht für erlaubt, das Schwert gegen irgendeinen Muslim zu erheben. Deshalb sehen wir, dass Hazrat Sa’d weder am Kamelschlacht noch an der Schlacht von Siffin auf irgendeiner Seite teilnahm; er hielt sich damals in seinem Haus in Medina auf.
Kurz gesagt: Nach dem Märtyrertod Hazrat Uthmans zog er sich in die Abgeschiedenheit zurück. Einmal sah er seinen Sohn Umar zu seinem Kamelstall kommen und sagte: „Möge Allah mich vor dem Unheil dieses Reiters bewahren.“ Daraufhin kam Umar zu seinem Vater und sagte: „Du verbringst deine Zeit bei Kamelen und Ziegen, während die Menschen sich dort mit staatlichen Streitigkeiten beschäftigen.“ Hazrat Sa’d schlug seinem Sohn mit der Hand auf die Brust und sagte: „Schweig!“ Ich hörte den Gesandten Allahs, s.a.w., sagen: „Allah liebt denjenigen, der sich zurückzieht, den Gottesfürchtigen und denjenigen, der bei der richtigen Entscheidung keine Rücksicht auf die Zuneigung oder Abneigung der Menschen nimmt.“
Nachdem Sa’d r.a. Hazrat Ali den Treueid geleistet hatte, hielt er die von dessen Gruppe abgefallenen Kharidschiten weiterhin für Frevler. Nach dem Märtyrertod Hazrat Uthmans kam sein Sohn Umar zu ihm und sagte: „Für die Leitung des Kalifats braucht die muslimische Umma jetzt einen weisen Mann. Unserer Ansicht nach bist du dafür am besten geeignet.“ Kaum hatte er dies gesagt, rief Sa’d aus: „Lass es gut sein. Du brauchst mich nicht weiter zu ermutigen.“
Hazrat Sa’d verstarb, nachdem er einige Zeit im Tal von Aqīq, zehn Meilen von Medina entfernt, krank gewesen war. Unter den Biographen herrscht Uneinigkeit über das Jahr seines Todes. Am bekanntesten ist jedoch die Auffassung, dass er im Jahr 55 nach der Hidschra im Alter von 85 Jahren verstarb. Ibn Hadschar vertritt in seinem Werk „Tahdhīb“ ebenfalls diese Ansicht. Nach der rituellen Waschung und der Einhüllung in das Leichentuch wurde sein Leichnam nach Medina gebracht. Marwan, der damalige Statthalter von Medina, leitete das Totengebet. Durch mehrere Überlieferungen in Sahih Muslim sind die Einzelheiten seines Totengebets bekannt.
Nach dem Tod Hazrat Sa’ds ließ die Mutter der Gläubigen, Hazrat ʿA’ischa, den übrigen reinen Ehefrauen des Propheten ausrichten, sein Leichnam solle in die Moschee gebracht werden, damit sie am Totengebet teilnehmen könnten. Die Menschen waren jedoch unsicher, ob der Leichnam in die Moschee gebracht werden dürfe. Als Hazrat ʿA’ischa davon erfuhr, sagte sie: „Vergesst ihr denn so schnell? Der Gesandte Allahs hat doch das Totengebet für Suhail ibn Baida in dieser Moschee verrichtet.“ Daraufhin wurde der Leichnam in die Nähe der Gemächer der Mütter der Gläubigen gebracht, und sie verrichteten das Gebet.
Zur Zeit seines Todes besaß Hazrat Sa’d ein beträchtliches Vermögen. Dennoch bat er um eine sehr alte Woll-Dschubba und sagte: „Damit sollt ihr mich einhüllen. In dieser Dschubba habe ich in der Schlacht von Badr gegen die Ungläubigen gekämpft. Ich wünsche, dass ich damit vor Allah trete.“
Musʿab, der Sohn Hazrat Sa’ds, berichtet: Am Ende des Lebens meines Vaters lag sein Kopf auf meinem Schoß. Als ich seinen Zustand sah, kamen mir die Tränen. Er blickte mich an und fragte: „Mein Sohn, warum weinst du?“ Ich antwortete: „Wegen deines Zustands.“ Er sagte: „Weine nicht um mich. Allah wird mich niemals bestrafen; ich bin ein Bewohner des Paradieses. Allah wird den Gläubigen ihre guten Taten vergelten und den Ungläubigen wegen ihrer guten Taten ihre Strafe mildern.“ ((Hayatus Sahaba– 3/54)
Beim Gesandten Allahs, bei den rechtgeleiteten Kalifen und bei den übrigen Gefährten hatte Hazrat Sa’d eine sehr hohe Stellung und große Bedeutung. Zahlreiche Hadithe zeigen, welch große Bedeutung sie seiner Meinung beimaßen. Einmal überlieferte Sa’d einen Hadith über das Streichen über die Socken. Hazrat ʿAbdullah ibn Umar wollte die Echtheit dieses Hadiths bei seinem Vater, Hazrat Umar al-Faruq, überprüfen. Er fragte: „Hast du diesen Hadith von Sa’d ibn Abi Waqqas gehört?“ Er antwortete: „Ja.“ Umar sagte: „Ja. Wenn Sa’d euch einen Hadith überliefert, dann fragt niemand anderen danach.“
Ibn Ishaq berichtet: Unter den Gefährten des Gesandten Allahs waren vier besonders entschlossen: Umar, Ali, Zubair und Sa’d, Allah möge mit ihnen zufrieden sein.
Zu Lebzeiten des Gesandten Allahs rief Sa’d in Abwesenheit Hazrat Bilals dreimal zum Gebet. Der Gesandte Allahs hatte ihm befohlen: „Wenn du Bilal nicht bei mir siehst, dann rufe du zum Gebet.“ (Hayatus Sahaba 3/116)
Hazrat Saʿd überlieferte zahlreiche Hadithe vom Gesandten Allahs (s.a.s.). Von ihm überlieferten auch seine Söhne und Töchter, darunter Ibrahim, ʿAmir, Musʿab, Muhammad und ʿAischa, sowie bedeutende Gefährten, darunter ʿAischa, Ibn ʿAbbas, Ibn ʿUmar und Dschabir (r.a.), und bedeutende Tābiʿūn, darunter Saʿīd ibn al-Musayyib, Abu ʿUthman an-Nahdi, Qais ibn Abi Hazim, ʿAlqama, Ahnaf und andere Hadithe. (al-–Isāba 3/33)
Hazrat Saʿd besaß auch dichterisches Talent. In alten Quellen wurden einige seiner Gedichte gesammelt. Ibn Hadschar ‘al-–Isāba’ zitierte in seinem Werk einige Verse.
Hazrat Saʿds größte Auszeichnung besteht darin, dass er zu den zehn Personen der ʿAschara al-Mubaschschara gehört, denen noch zu Lebzeiten das Paradies verkündet wurde, und dass er der letzte Angehörige dieser Gruppe war, der aus dieser Welt schied.
Abu Ubaida Ibn al- Dscharrah ((r.a.))
Der Gesandte Allahs (s.a.s.) sagte: „Likulli ummatin amīn, wa amīnu hādhihil-umma Abu Ubaida – jede Gemeinschaft hat einen Vertrauenswürdigen, und der Vertrauenswürdigste dieser muslimischen Gemeinschaft ist Abu Ubaida.“
Er hatte ein strahlendes Gesicht, einen hellen Teint, eine schlanke, zierliche Statur und war hochgewachsen. Jeder, der ihn sah, empfand den Anblick als wohltuend; bei einer Begegnung erwachten im Herzen Ehrfurcht und Liebe, und es entstand ein Gefühl des Vertrauens. Er war äußerst scharfsinnig, sehr bescheiden und von zurückhaltender Natur. Doch in jedem Augenblick der Krise trat in ihm eine charakterliche Festigkeit wie die eines Löwen zutage. Der Glanz und die Schärfe seines Charakters waren wie die Schneide eines Schwertes. Nach den Worten des Gesandten Allahs (s.a.s.) war er der „Amīn“ der Umma Muhammads – der Vertrauenswürdige.
Sein vollständiger Name war ʿĀmir ibn ʿAbdullāh ibn al-Dschar-rāh al-Fihrī al-Quraischī. Doch war er unter allen lediglich unter dem Namen Abū ʿUbaida bekannt. Über seinen fünften Vorfahren Fihr waren seine Abstammung und die Abstammung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, miteinander verbunden. Auch seine Mutter war eine Tochter aus dem Stamm der Fihr. Nach Ansicht der Sīra-Gelehrten nahm er den Islam an.
ʿAbdullāh ibn ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: „Unter den Quraisch gab es drei Männer, die sich von allen anderen durch ihr schönes Aussehen, ihren vortrefflichen Charakter und ihre beständige Schamhaftigkeit auszeichneten. Wenn sie dir etwas sagten, würden sie dich nicht belügen, und wenn du ihnen etwas sagtest, würden sie dich nicht für einen Lügner halten. Es waren Abū Bakr as-Siddīq, ʿUthmān ibn ʿAffān und Abū ʿUbaida ibn al-Dschar-rāh.“
Abū ʿUbaida gehörte zu denen, die bereits in der frühen Phase der Verkündigung des Islam Muslime wurden. Er nahm am Tag nach der Annahme des Islam durch Abū Bakr den Islam an. In den Händen Abū Bakrs bekannte er sich zum Islam. Danach begab er sich gemeinsam mit ʿAbd ar-Rahmān ibn ʿAuf, ʿUthmān ibn Mazʿūn und al-Arqam ibn Abī al-Arqam zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Dort bekannten sie sich allesamt gemeinsam zum Islam. So waren sie die ersten Grundpfeiler des gewaltigen islamischen Bauwerks.
Abū ʿUbaida hatte von Anfang bis Ende an den bitteren Erfahrungen der Muslime in Mekka teil. In jeder Lage blieb er standhaft und bestand die äußerste Prüfung seines Glaubens an Allah und den Gesandten. Von der Verfolgung durch die Quraisch bedrängt, wanderte er zweimal nach Abessinien aus. Danach wanderte auch er nach der Auswanderung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina aus. In Medina wurde zwischen ihm und Saʿd ibn Muʿādh eine „religiöse Muʾāchāt“, also eine religiöse Brüderbindung, geschlossen. Doch am Tag der Schlacht von Badr überstieg die Härte von Abū ʿUbaidas Prüfung alle Vorstellungen und Einbildungen. Auf dem Schlachtfeld griff er die Ungläubigen so furchtlos an, als wäre er dem Tod gegenüber völlig gleichgültig. Die Götzendiener gerieten durch seine Angriffe in Angst und Schrecken, und ihre Reiter flohen aus Furcht um ihr Leben verwirrt in alle Richtungen. Doch ein Mann aus dem feindlichen Lager stellte sich ihm immer wieder entgegen. Auch er wich diesem Mann aus, als wolle er eine Begegnung vermeiden. Der Mann drang in die Menge ein. Auch dort versuchte Abū ʿUbaida, ihm auszuweichen. Schließlich stellte er sich zwischen den Feind und Abū ʿUbaida und versperrte ihm den Weg. Als seine Geduld erschöpft war, trennte er mit einem einzigen Schwerthieb den Kopf des Mannes von dessen Körper. Der Mann rollte zu Boden.
Wer war dieser Mann? Niemand anderes als Abū ʿUbaidas Vater, ʿAbdullāh ibn al-Dschar-rāh. In Wirklichkeit hatte Abū ʿUbaida nicht seinen Vater getötet; er hatte den Götzendienst beziehungsweise die Vielgötterei getötet, die in der Gestalt seines Vaters vor ihm stand. Nach diesem Ereignis offenbarte Allah, der Erhabene, hinsichtlich Abū ʿUbaidas und seines Vaters den folgenden Vers:
„Du wirst niemals Leute finden, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben und diejenigen lieben, die Allah und Seinem Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zuwiderhandeln – seien es auch ihre Väter, ihre Söhne, ihre Brüder oder ihre Familienangehörigen. Diese sind es, in deren Herzen Allah den Glauben fest verankert hat und die Er mit einem Geist von Sich stärkt. Er wird sie in Gärten eintreten lassen, unter denen Bäche fließen; darin werden sie ewig verweilen. Allah ist mit ihnen zufrieden, und sie sind mit Ihm zufrieden. Sie sind Allahs Partei. Wahrlich, Allahs Partei ist es, die erfolgreich sein wird.“ (Al Mudschādila– 22)
Es gibt keinen Grund, über ein solches Verhalten Abū ʿUbaidas erstaunt zu sein. Denn sein fester Glaube an Allah, seine Aufrichtigkeit gegenüber der Religion und seine Treue gegenüber der Gemeinschaft Muhammads hatten in ihm eine solche Vollendung erreicht, dass selbst viele große Männer beim Anblick dessen neidisch wurden. Muhammad ibn Dschaʿfar berichtet: „Eine christliche Delegation kam zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und sagte: ‚O Abū al-Qāsim! Schicke einen von deinen Gefährten, den du auswählst, mit uns. Er soll eine Entscheidung in einer strittigen Vermögensangelegenheit zwischen uns treffen. Eure muslimische Gemeinschaft ist uns allen angenehm und vertrauenswürdig.‘ Darauf sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: ‚Kommt am Abend wieder zu mir. Ich werde einen standhaften und vertrauenswürdigen Mann mit euch schicken.‘ ʿUmar ibn al-Chattāb, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: ‚An jenem Tag begab ich mich früh zur Moschee, um das Mittagsgebet zu verrichten. Noch an keinem anderen Tag hatte ich mich so sehr nach einer Führungsaufgabe gesehnt wie an diesem Tag. Der einzige Grund dafür war, dass ich vielleicht derjenige sein könnte, dem diese lobende Erwähnung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, galt.‘
Nachdem der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, das Mittagsgebet mit uns beendet hatte, begann er nach rechts und links zu schauen. Auch ich reckte meinen Hals ein wenig, damit er mich bemerkte. Doch während er seinen Blick umherschweifen ließ, erblickte er schließlich Abū ʿUbaida ibn al-Dschar-rāh. Er rief ihn und sagte: ‚Geh mit ihnen und entscheide ihre strittige Angelegenheit auf der Grundlage von Wahrheit und Gerechtigkeit.‘ Da sagte ich mir im Stillen: Abū ʿUbaida hat mir diese Ehre entrissen.
Abu Ubaida war nicht nur ein vertrauenswürdiger Mann; er sammelte auch stets all seine Kräfte, um diesem Vertrauen gerecht zu werden. Dies zeigte sich in verschiedenen Bereichen.
Kurz vor der Schlacht von Badr entsandte der Gesandte Allahs einige Gefährten, um die Bewegungen der Karawane der Quraisch zu verfolgen. Er ernannte Abu Ubaida zu ihrem Befehlshaber. Als Proviant erhielten sie einige Datteln. Jeden Tag gab Abu Ubaida jedem seiner Gefährten nur eine einzige Dattel. Sie verbrachten den ganzen Tag damit, diese Dattel wie Kinder die Brust ihrer Mutter saugen zu lassen, und tranken dazu Wasser. Auf diese Weise gab er ihnen von morgens bis abends nur eine einzige Dattel. Er verbrachte den ganzen Tag damit, diese Dattel wie Kinder die Brust ihrer Mutter saugen zu lassen, und trank dazu Wasser. Auf diese Weise genügte ihnen von morgens bis abends jeweils nur eine einzige Dattel. In manchen Überlieferungen wird das Ereignis folgendermaßen geschildert: Im Monat Radschab des achten Jahres nach der Hidschra entsandte der Gesandte Allahs unter der Führung Abu Ubaidas eine Truppe in das Küstengebiet, um die Bewegungen der Quraisch zu beobachten. Außer einigen Datteln hatten sie keinen weiteren Proviant bei sich. Der tägliche Anteil jedes Soldaten bestand aus nur einer Dattel. Einige Tage lang lebten sie allein von dieser einen Dattel. Schließlich beseitigte Allah der Erhabene ihre Not. Am Meeresufer fanden sie einen riesigen Fisch und kehrten, allein darauf angewiesen, nach Medina zurück. Vielleicht handelte es sich um zwei verschiedene Ereignisse.
Als die Muslime in der Schlacht von Uhud eine Niederlage erlitten und die Götzendiener laut riefen: „Wo ist Muhammad, wo ist Muhammad …?“, gehörte Abu Ubaida zu den zehn Männern, die den Gesandten mit ihren eigenen Körpern vor den Pfeilen der Götzendiener schützten. Nach der Schlacht stellte man fest, dass dem Gesandten Allahs ein Zahn ausgeschlagen worden war, seine Stirn blutüberströmt war und sich zwei Ringe seines Helms in seine Wangen gebohrt hatten. Hazrat Abu Bakr as-Siddiq eilte herbei, um die beiden Ringe herauszuziehen. Abu Ubaida sagte zu ihm: „Bei Allah! Überlass dies mir.“ Da ließ er ihn gewähren. Abu Ubaida befürchtete, dass der Gesandte Allahs Schmerzen erleiden könnte, wenn er die beiden Ringe mit der Hand herauszöge. Er biss daher fest mit den Zähnen zu und zog zunächst einen Ring heraus. Dabei brach ihm jedoch ebenfalls ein Zahn ab. Darauf bemerkte Abu Bakr: „Abu Ubaida ist der vortrefflichste Zahnlose.“ Auch an den Feldzügen gegen die Grabenschlacht und die Banu Quraiza nahm er teil. Den historischen Vertrag von Hudaibiya unterzeichnete er als Zeuge. Beim Feldzug von Chaibar zeigte er höchsten Mut und größte Tapferkeit. Beim Feldzug von Dhāt as-Salāsil entsandte der Gesandte Allahs Abu Ubaida mit zweihundert Soldaten nach hinten, um das Heer von Hazrat Amr ibn al-As zu unterstützen. Sie errangen den Sieg. An der Eroberung von Mekka, am Feldzug nach Taif und an allen weiteren Unternehmungen nahm Abu Ubaida teil. Auch beim Abschiedspilgerzug war er Reisegefährte des Gesandten Allahs.
Nach seiner Annahme des Islam folgte Abu Ubaida dem Gesandten Allahs bis zum letzten Tag seines Lebens in allen Angelegenheiten stets wie ein Schatten.
In der Saqifa der Banu Saida herrschte eine heftige Auseinandersetzung über die Wahl des Kalifen. Abu Ubaida hielt eine wichtige Ansprache an die Ansar. Er warnte sie und sagte: „O Gemeinschaft der Ansar! Ihr wart die ersten Helfer. Werdet heute nicht auch die Ersten, die Spaltung stiften.“ Nach einer Weile sagte Hazrat Abu Bakr zu Abu Ubaida: „Reich mir deine Hand, damit ich dir den Treueid leisten kann. Ich hörte den Gesandten Allahs sagen: ‚Jede Gemeinschaft hat einen Vertrauenswürdigen, und du bist der Vertrauenswürdige dieser Gemeinschaft.‘“ Abu Ubaida erwiderte: „Ich kann meine Hand nicht vor einem Mann ausstrecken, dem der Gesandte Allahs befohlen hat, unser Gebet zu leiten, und der uns bis zu seinem Tod im Gebet vorstand.“ Darauf wurde Abu Bakr der Treueid geleistet. Nachdem Abu Bakr Kalif geworden war, erfüllte Abu Ubaida in Fragen der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Wohlergehens die Rolle seines besten Ratgebers und Helfers. Nach Abu Bakr übernahm Hazrat Umar die Verantwortung des Kalifats. Auch ihm erwies Abu Ubaida Gehorsam.
Nachdem Hazrat Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, die Verantwortung des Kalifats übernommen hatte, beschloss er im Jahr 13 nach der Hidschra, einen Feldzug nach Syrien zu führen. Er befahl Abu Ubaida, nach Hims aufzubrechen, Yazid ibn Abu Sufyan nach Damaskus, Schurahbil nach Jordanien und Amr ibn al-As nach Palästina. Zum Oberbefehlshaber des vereinigten Heeres ernannte er Abu Ubaida. Damaskus, Hims, Latakia und andere Städte wurden durch Abu Ubaida erobert. Auch die furchtbare Schlacht von Jarmuk leitete er. Auf den Ruf Amr ibn al-As’ hin nahm er an der Eroberung von Bayt al-Maqdis teil. Als die Bewohner von Bayt al-Maqdis den Wunsch äußerten, mit dem Kalifen Umar selbst einen Friedensvertrag zu schließen, schrieb Abu Ubaida dem Kalifen und teilte ihm dies mit. Als der Kalif in Jabia eintraf, um den Friedensvertrag zu unterzeichnen, empfing Abu Ubaida ihn. Im Jahr 17 nach der Hidschra setzte Kalif Umar Hazrat Khalid Saifullah von seinem Amt als Befehlshaber und Statthalter von Damaskus ab und ernannte Abu Ubaida an seiner Stelle. Hazrat Khalid Saifullah sagte zu den Menschen: „Ihr solltet euch freuen, dass der Vertrauenswürdige der Gemeinschaft euer Statthalter ist.“
Unter der Führung Abu Ubaidas errang das muslimische Heer in Syrien einen Sieg nach dem anderen und war dabei, das gesamte syrische Gebiet einzunehmen. Zu dieser Zeit brach in Syrien eine Seuche aus, und täglich fielen ihr Tausende Menschen zum Opfer. Der Kalif Hazrat Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, begab sich selbst von der Hauptstadt Medina nach einem Ort namens Sargh, um sich nach der Lage zu erkundigen. Gemeinsam mit anderen Befehlshabern empfing Abu Ubaida dort den Kalifen. Er beriet sich mit den älteren Muhadschirun und Ansar über die Angelegenheit. Alle stimmten einstimmig dafür, dass die Mitglieder des Heeres den Ort verlassen sollten. Hazrat Umar forderte alle auf, am folgenden Tag mit ihm nach Medina zurückzukehren. Abu Ubaida, der fest an die göttliche Vorherbestimmung glaubte, widersetzte sich. Er fragte den Kalifen: „Fliehen wir vor Allahs Bestimmung – ist das nicht eine Flucht vor Allahs Bestimmung?“ Der Kalif sagte betrübt: „Ach! Wenn nur jemand anderes als du dies gesagt hätte! Ja, wir fliehen vor Allahs Bestimmung, aber zu einer anderen Bestimmung.“ Abu Ubaida blieb mit seinem Heer dort. Nachdem der Fürst der Gläubigen, Hazrat Umar, Medina erreicht hatte, schickte er Abu Ubaida durch einen Boten einen Brief. Darin schrieb er: „Ich brauche dich sehr. Ich rufe dich dringend zu mir. Wenn dieser mein Brief dich nachts erreicht, sollst du noch vor dem Morgen aufbrechen. Wenn er dich tagsüber erreicht, sollst du noch vor dem Abend aufbrechen.“ Als er diesen Brief des Kalifen Umar erhalten hatte, bemerkte er: „Ich habe verstanden, wozu der Fürst der Gläubigen mich braucht. Er will jemanden retten, der nicht mehr zu retten ist.“ Dann schrieb er: „O Fürst der Gläubigen, ich habe verstanden, wozu du mich brauchst. Ich befinde mich unter den muslimischen Glaubenskämpfern. Ich hoffe nicht, mich vor dem Unheil zu bewahren, das über sie gekommen ist. Ich will sie nicht verlassen, solange Allah zwischen mir und ihnen nicht endgültig entschieden hat. Wenn dieser mein Brief dich erreicht, dann nimm deine Entscheidung zurück und erlaube mir, hier zu bleiben.“
Als Hazrat Umar diesen Brief gelesen hatte, weinte er so erschüttert, dass ihm die Tränen in Strömen aus den Augen liefen. Als die Menschen um ihn herum dies sahen, fragten sie ihn: „O Fürst der Gläubigen, ist Abu Ubaida verstorben?“ Er antwortete: „Nein. Aber er steht an der Schwelle des Todes.“
ʿUmar hatte sich nicht geirrt. Schon nach wenigen Tagen erkrankte er an der Pest. Kurz vor seinem Tod hielt er an seine Armee eine kurze, ermahnende Ansprache. Er sagte: „Wenn ihr den Rat befolgt, den ich euch gebe, werdet ihr immer auf dem Weg des Guten bleiben. Verrichtet das Gebet, fastet im Monat Ramadan, entrichtet die Zakāt, vollzieht die Hadsch und die Umra, ermahnt einander, sprecht zu euren Herrschern und Anführern die Wahrheit und das Rechte, verheimlicht ihnen nichts und lasst euch nicht von den Freuden und dem Reichtum dieser Welt fortreißen. Selbst wenn jemand tausend Jahre lang leben würde, wird auch ihn dasselbe Schicksal ereilen, dessen Ausgang ihr heute an mir seht.“ Nachdem er allen den Friedensgruß entboten hatte, beendete er seine Ansprache. Dann wandte er sich an Muʿādh ibn Dschabal und sagte: „Muʿādh! Leite das Gebet.“ Unmittelbar danach trennte sich seine Seele von seinem heiligen Körper und eilte zum Allerhöchsten. Muʿādh erhob sich und sagte zu allen Versammelten: „O Leute! Ihr seid über den Verlust dieses Mannes tief betrübt. Bei Allah! Ich kenne keinen Menschen mit einer von größerem Wohlwollen erfüllten Brust, einem reineren Herzen, größerer Liebe zum Jenseits und größerer Bereitschaft, die Menschen zu ermahnen, als diesen Mann. Erbittet Barmherzigkeit für ihn, dann wird Allah sich eurer erbarmen.“ Dies geschah im Jahre 18 nach der Hidschra.
Danach versammelten sich die Menschen und brachten den Leichnam Abū ʿUbaidas heraus. Das Totengebet wurde unter der Leitung von Muʿādh ibn Dschabal verrichtet. Muʿādh ibn Dschabal, ʿAmr ibn al-ʿĀs und ad-Dahhāk ibn Qais stiegen in das Grab hinab und betteten seinen Leichnam in der Erde. Nachdem das Grab mit Erde bedeckt worden war, pries Muʿādh ihn in einer kurzen Ansprache und sagte: „Abū ʿUbaida, möge Allah sich deiner erbarmen! Bei Allah! Ich werde über dich nur das sagen, was ich über dich weiß, und nichts Unwahres sagen, denn ich fürchte Allahs Strafe. Soweit ich weiß, warst du einer jener Menschen, die Allah häufig gedenken und sich demütig auf der Erde bewegen. Und du gehörtest zu jenen, die die Nacht im Niederwerfen und Stehen für ihren Herrn verbringen und beim Ausgeben weder verschwenderisch noch geizig sind, sondern einen Mittelweg einhalten. Bei Allah, soweit ich weiß, warst du demütig und gütig zu Waisen und Bedürftigen. Du gehörtest zu den Feinden der tyrannischen Hochmütigen.“
Gottesfurcht, die Befolgung der Sunna, Gottesbewusstsein, Demut, ein Sinn für Gleichheit, Zuneigung und Barmherzigkeit waren besondere Merkmale seines Charakters. Eines Tages ging ein Mann zum Haus Abū ʿUbaidas und sah ihn laut schluchzend weinen. Der Mann fragte: „Was ist geschehen, Abū ʿUbaida? Warum weinst du so sehr?“ Er begann zu sagen: „Einmal kam der Gesandte Allahs auf das Thema Syrien zu sprechen, als er über die künftigen Siege und den Reichtum der Muslime sprach. Er sagte: ‚Abū ʿUbaida, wenn du dann noch am Leben bist, werden dir drei Diener genügen: einer für dich selbst, einer für deine Familie und einer, der dich auf deinen Reisen begleitet. Ebenso wirst du drei Reittiere für ausreichend halten: eines für dich, eines für deinen Diener und eines für den Transport deiner Sachen.‘ Doch nun sehe ich, dass mein Haus mit Dienern und mein Stall mit Pferden gefüllt ist. Wehe mir, wie soll ich dem Gesandten Allahs unter die Augen treten? Der Gesandte Allahs sagte: ‚Derjenige wird mir am liebsten sein, der mir in genau dem Zustand begegnet, in dem ich ihn zurückließ.‘“
Als der Kalif ʿUmar nach Syrien reiste, sah er, dass die Offiziere prächtige Kleidung trugen. Er geriet derart in Zorn, dass er vom Pferd stieg und ihnen Steine entgegenwarf, während er sagte: „Ihr habt euch so schnell an die Sitten der Nichtaraber gewöhnt!“ Abū ʿUbaida jedoch begegnete dem Kalifen als einfacher Araber: in äußerst schlichter arabischer Kleidung und mit einem einfachen Seil als Zügel für sein Kamel. Als Kalif ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, zu seiner Unterkunft ging, sah er dort noch deutlichere Zeichen eines äußerst einfachen Lebens. Außer einem Schwert, einem Schild und einer Sänfte für das Kamel befand sich nichts in seinem Haus. Der Kalif sagte: „Abū ʿUbaida, du hättest doch für die Dinge sorgen können, die du benötigst.“ Abū ʿUbaida erwiderte: „Fürst der Gläubigen, dies genügt uns.“
Einmal schickte ʿUmar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, Abū ʿUbaida als Geschenk vierhundert Dinar und viertausend Dirham. Dieser verteilte das gesamte Geld unter den Soldaten. Für sich selbst behielt er keinen einzigen Pfennig. Als ʿUmar davon hörte, bemerkte er: „Alles Lob gebührt Allah! Im Islam gibt es auch solche Menschen.“
Er war so demütig, dass man ihn trotz seines Ranges als Heerführer nicht von den gewöhnlichen Soldaten unterscheiden konnte. Kein Fremder hätte ihn als Heerführer erkannt. Einmal kam sogar ein römischer Gesandter und fragte: „Wer ist euer Heerführer?“ Als die Soldaten auf ihn zeigten, indem sie die Trauben emporhoben, war er angesichts der äußerst schlichten Kleidung und des einfachen Auftretens des Heerführers völlig verblüfft.
Saʿīd ibn Zayd ((r. a.))
Sein Name war Saʿīd, seine Kunya Abū al-Aʿwar. Sein Vater war Zayd und seine Mutter Fāṭima bint Baǧa. Über seinen Vorfahren Kaʿb ibn Luʾayy ist seine Abstammung mit der Abstammung des Gesandten Allahs verbunden.
Zayid, der Vater von Sa’id, war einer der wenigen glücklichen Männer in Mekka während der Dschahiliya, die sich bereits vor dem Aufkommen des Islam von Schirk und Götzendienst fernhielten und jede Art von Sünde und Unzüchtigkeit mieden. Sogar das Fleisch von Tieren, die von den Muschrikun geschlachtet worden waren, rührte er nicht an. Einmal begegnete er dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, vor dem Beginn seiner prophetischen Sendung im Tal von Baldah. Als dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Essen gebracht wurde, weigerte er sich zu essen. Als man Zayid zum Essen aufforderte, lehnte er ab und sagte zu ihnen: „Ich esse kein Fleisch von Tieren, die im Namen eurer Götter geschlachtet wurden.“
Hazrat Asma (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) berichtet: Einmal sah ich Zayid, wie er mit dem Rücken an die Kaaba gelehnt dastand und sagte: „O ihr Leute vom Stamm der Quraisch! Bei Allah, außer mir hält von euch niemand am Din al-Hanif fest.“
In der Dschahiliya wurden Mädchen gewöhnlich lebendig begraben. Wenn Zayid hörte, dass irgendwo ein Mädchen getötet oder begraben werden sollte, ging er zu seinem Vormund und nahm das Kind in seine Obhut. Wenn es dann herangewachsen war, brachte er es zu seinem Vater und sagte: „Wenn du möchtest, kannst du jetzt selbst die Verantwortung für sie übernehmen, oder du kannst sie meiner Obhut überlassen.“
Die Quraisch feiern eines ihrer Feste. Zayid ibn Amr ibn Nufayl steht etwas abseits von der Menschenmenge und beobachtet das Geschehen aufmerksam. Er sieht, wie die Männer kostbare Seidenturbane um den Kopf gebunden und wertvolle jemenitische Umhänge um den Körper gelegt haben. Die Frauen und Kinder sind prächtig gekleidet; sie schmücken die Tiere festlich und treiben sie herbei, um sie vor ihren Göttern zu opfern.
Er lehnte sich an die Wand der Kaaba und sagte dann:
„Leute vom Stamm der Quraisch! Allah, der Erhabene, hat diese Ziegen erschaffen. Er ist es, der ihnen Wasser zu trinken gibt, indem Er Regen vom Himmel herabsendet, und ihnen Nahrung gibt, indem Er Gras auf der Erde wachsen lässt. Und ihr schlachtet sie im Namen eines anderen? Ich sehe in euch ein unwissendes Volk.“
Als sein Onkel und der Vater von Umar ibn al-Chattab, al-Chattab, dies hörte, stand er auf, verpasste ihm eine Ohrfeige und sagte:
„Mögest du zugrunde gehen! Ständig hören wir aus deinem Mund solch unsinnige Worte und ertragen sie. Nun hast du die Grenze unserer Geduld überschritten.“ Danach hetzte er die törichten Leute seines Stammes gegen ihn auf, damit sie ihn quälten und belästigten. Schließlich sah Zayid sich gezwungen, Mekka zu verlassen und auf dem Berg Hira Zuflucht zu suchen. Doch auch damit gab al-Chattab sich nicht zufrieden. Er stellte eine Gruppe junger Quraischiten ab, die ständig darauf achten sollte, dass Zayid nicht einmal heimlich nach Mekka eindringen konnte.
Daraufhin traf sich Zaid ibn Amr heimlich, ohne dass die Quraisch davon wussten, mit Waraqa ibn Nawfal, Abdullah ibn Dschahsch, Uthman ibn al-Harith und Umayma bint Abd al-Muttalib, der Tante von Muhammad ibn Abdullah. Er beriet sich mit ihnen darüber, in welch äußerster Irre die Araber versunken waren. Zaid sagte zu ihnen:
„Bei Allah, wisst gewiss, dass dieses euer Volk auf keinerlei Grundlage steht. Sie haben die Religion Ibrahims entstellt und widersetzen sich ihr. Wenn ihr Rettung sucht, dann sucht für euch nach einer Religion.“
Daraufhin gingen diese vier Männer zu den Religionsgelehrten der Juden, der Christen und anderer Religionen, um etwas über die Religion Ibrahims, also die hanifitische Religion, zu erfahren. Waraqa ibn Nawfal nahm das Christentum an. Abdullah ibn Dschahsch und Uthman ibn al-Harith jedoch konnten zu keiner Entscheidung gelangen. Im Leben von Zaid ibn Amr ibn Nufail ereignete sich indes ein erstaunliches Ereignis. Wir geben dieses Ereignis nun aus seinem eigenen Mund wieder.
„Ich erlangte Kenntnis von der jüdischen und der christlichen Religion; doch da ich in diesen Religionen nichts fand, was mir inneren Frieden hätte geben können, weigerte ich mich, eine von ihnen anzunehmen. Schließlich kam ich nach Scham (Syrien). Ich hatte schon zuvor gehört, dass dort ein Rahib, ein weltabgewandter Mann, lebte, der mit den himmlischen Büchern vertraut war. Ich suchte ihn auf und erzählte ihm meine Geschichte. Nachdem er mir zugehört hatte, sagte er: ‚O Bruder aus Mekka, mir scheint, dass du nach der Religion Ibrahims suchst.‘“
Ich sagte: „Ja, danach suche ich.“
Er sagte: „Die Religion, nach der du suchst, ist heute nicht zu finden. Doch die Wahrheit befindet sich in deiner Stadt. Allah wird aus deinem Volk einen Mann entsenden, der die Religion Ibrahims wiederbeleben wird. Wenn du ihn antriffst, dann folge ihm.“
Zaid machte sich erneut auf den Weg nach Mekka. Um den verheißenen Propheten zu finden, beschleunigte er seine Schritte.
Als er sich noch in einiger Entfernung von Mekka befand, entsandte Allah, der Erhabene, den Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit Rechtleitung und der wahren Religion. Doch Zaid begegnete ihm nicht, denn noch bevor er Mekka erreichte, fiel eine Gruppe beduinischer Räuber über ihn her und tötete ihn.
So wurde ihm das Glück versagt, den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu sehen. Kurz vor seinem Tod blickte er zum Himmel und sprach ein Bittgebet:
„Allahumma, wenn Du mich dieses Guten beraubt hast, so beraube meinen Sohn Sa’id nicht dessen.“ – „O Allah, obwohl Du mich dieses Guten beraubt hast, mögest Du meinen Sohn Sa’id nicht davon fernhalten.“
Allah, der Erhabene, erhörte Zayids Bittgebet. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, begann, den Menschen den Islam zu verkünden. Sa’id gehörte zu denjenigen, die schon in der ersten Zeit an Allah und Seinen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, glaubten. Das ist nicht verwunderlich. Denn Sa’id war in einem Haus aufgewachsen, das alle abergläubischen Vorstellungen und Irrwege der Quraisch mit Abscheu zurückgewiesen und bekämpft hatte. Sein Vater war ein Mann, der sein ganzes Leben mit der Suche nach der Wahrheit verbracht hatte. Sa’id nahm den Islam nicht allein an; zusammen mit ihm nahm auch seine Ehefrau Fatima bint al-Khattab, die Schwester von Umar ibn al-Khattab, den Islam an.
Aufgrund seines Übertritts zum Islam wurde auch dieser junge Mann aus dem Stamm der Quraisch wie die anderen Opfer von Unrecht und Verfolgung. Doch anstatt ihn vom Islam abzubringen, entführten die Quraisch durch das Ehepaar vielmehr einen bedeutenden Mann der Quraisch und führten ihn zum Islam. Er war sein Schwager, der ehrwürdige Umar ibn al-Khattab, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Durch die beiden führte Allah, der Erhabene, Umar zum Islam.
Der ehrwürdige Sa’id widmete die gesamte Kraft seiner Jugend dem Dienst am Islam. Als er den Islam annahm, war er noch keine zwanzig Jahre alt. Außer an der Schlacht von Badr nahm er an allen anderen Schlachten an der Seite des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, teil. Auf Anweisung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hielt er sich wegen einer wichtigen Aufgabe in Syrien auf und konnte daher nicht an der Schlacht von Badr teilnehmen. Dennoch erhielt er seinen Anteil an der Beute der Schlacht von Badr. In diesem Sinne gehörte er, auch wenn nicht unmittelbar, so doch mittelbar zum Heer von Badr.
Bei der Unterwerfung der Throne des persischen Kisra und des römischen Kaisers nahm er aktiv an der Seite der muslimischen Streitkräfte teil. In jeder der zahlreichen Schlachten zwischen den Muslimen und ihnen leistete er einen bedeutenden Beitrag. In der Schlacht von Yarmuk zeigte er den Gipfel seiner Tapferkeit. Er selbst berichtet:
„In der Schlacht von Yarmuk waren wir sechsundzwanzigtausend Mann oder annähernd so viele. Auf der anderen Seite zählte das römische Heer einhundertzwanzigtausend Soldaten. Mit äußerst entschlossenen Schritten rückten sie in einer bergfesten Haltung auf uns zu. An ihrer Spitze befand sich eine gewaltige Schar von Bischöfen und Priestern. In ihren Händen trugen sie mit Kreuzen versehene Banner, und auf ihren Lippen erklangen Gebete und geistliche Gesänge. Hinter ihnen stimmte ein riesiges Heer in ihren Gesang ein. Ihre vereinten Stimmen hallten damals wie das Grollen von Wolken wider.
Beim Anblick dieser schrecklichen Szene und ihrer gewaltigen Überzahl war das muslimische Heer vor Staunen wie gelähmt. Auch ihre Herzen erbebten ein wenig vor Furcht. Da erhob sich der Heerführer Abu Ubayda, hielt eine Ansprache und spornte die muslimischen Soldaten zum Dschihad an. Er sagte: „Diener Allahs! Helft Allah, dann wird auch Er euch helfen und eure Füße festigen.
O Diener Allahs! Habt Geduld. Geduld ist der Weg, sich vom Unglauben zu befreien, die Zufriedenheit des Herrn zu erlangen und Demütigung und Schande abzuwehren. Schärft eure Pfeile und Speere und macht euch mit den Schilden in der Hand bereit. Lasst in euren Herzen alle Gedanken außer dem Gedenken Allahs beiseite. Wenn die Zeit gekommen ist, werde ich euch, so Allah will, Anweisungen geben.“
Saʿīd (r.a.) berichtet:
Da trat ein Mann aus den Reihen des muslimischen Heeres hervor und sagte zu Abū ʿUbaida:
„Ich habe beschlossen, in diesem Augenblick mein Leben zu opfern. Haben Sie eine Botschaft, die ich dem Gesandten Allahs (s.a.w.) überbringen soll?“ Abū ʿUbaida sagte: „Ja, die habe ich. Überbringe ihm meinen und den Friedensgruß der Muslime und sage: O Gesandter Allahs! Wir haben das Versprechen, das unser Herr uns gegeben hat, wahrhaftig erfüllt vorgefunden.“
Saʿīd (r.a.) berichtet:
„Kaum hatte ich seine Worte gehört, da sah ich, wie er sein Schwert aus der Scheide zog und zum Kampf gegen die Feinde Allahs vorrückte. Daraufhin sprang ich rasch zu Boden, rückte auf den Knien vor und machte mich mit meinem Speer in der Hand bereit. Den ersten Reiter der Feinde, der auf uns zukam, griff ich an. Dann stürzte ich mich äußerst mutig auf das feindliche Heer. Allah, der Erhabene, nahm jede Art von Furcht vollständig aus meinem Herzen. Danach griff das muslimische Heer das römische Heer mit aller Kraft an und besiegte es.“
Auch am Feldzug nach Damaskus nahm Saʿīd ibn Zaid teil. Nach der Eroberung von Damaskus ernannte Abū ʿUbaida ihn zum dortigen Wālī. Damit wurde er in der Geschichte von Damaskus der erste muslimische Wālī. Doch wegen seines starken Verlangens nach dem Dschihad konnte er sich mit diesem Amt nicht zufriedengeben. Er schrieb an Abū ʿUbaida: „Ihr werdet Dschihad leisten, während ich davon ausgeschlossen bin – eine solche Aufopferung und ein solches Opfer kann ich nicht erbringen.“ Sobald dieser Brief eintrifft, schickt jemanden an meiner Stelle. Ich werde bald zu Ihnen kommen. Abū ʿUbaida sah sich gezwungen, den ehrwürdigen Yazīd ibn Abī Sufyān zum Wālī von Damaskus zu ernennen, und der ehrwürdige Saʿīd kehrte auf das Feld des Dschihad zurück.
In der Zeit der Umayyaden ereignete sich im Zusammenhang mit dem ehrwürdigen Saʿīd ibn Zaid ein erstaunliches Ereignis. Die Bewohner Medinas erzählten sich dieses Ereignis lange Zeit.
Die Begebenheit war folgende: Eine Frau namens Arwa bint Uways begann, das Gerücht zu verbreiten, dass Saʿid ibn Zayd einen Teil ihres Landes gewaltsam an sich genommen und seinem eigenen Land hinzugefügt habe. Überall erzählte sie dies. Schließlich brachte sie die Angelegenheit beim Statthalter von Medina, Marwan ibn al-Hakam, vor. Um die Sache überprüfen zu lassen, schickte Marwan einige Männer zu Saʿid. Für den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.), Saʿid, war dies sehr schmerzlich. Er sagte:
„Sie glauben, dass ich ihr Unrecht tue. Wie könnte ich ihr Unrecht tun? Ich habe doch den Gesandten Allahs (s.a.w.) sagen hören: ›Wer auch nur eine Spanne Land widerrechtlich an sich nimmt, dem werden am Tag der Auferstehung sieben Erdschichten um den Hals gehängt.‹ O Allah! Sie glaubt, dass ich ihr Unrecht getan habe. Wenn sie lügt, dann lass sie erblinden, wirf sie in eben jenen Brunnen, um dessentwillen sie mit mir gestritten hat, und lass zu meinen Gunsten ein Licht erscheinen, durch das unter den Muslimen deutlich wird, dass ich ihr kein Unrecht getan habe.“
Schon wenige Tage nach diesem Ereignis wurde das Aqiq-Tal so stark überflutet, wie es zuvor niemals geschehen war. Dadurch trat das verborgene strittige Kennzeichen zwischen den beiden Grundstücken so deutlich zutage, dass die Muslime es sahen und erkannten, dass Saʿid die Wahrheit gesagt hatte. Noch bevor ein Monat vergangen war, erblindete die Frau. Eines Tages fiel sie in diesem Zustand, während sie auf ihrem Land umherging, in den strittigen Brunnen und starb.
Abdullah ibn Umar (r.a.) sagte:
„Wir hörten, dass die Menschen, wenn sie jemanden verfluchten, sagten: ›Möge Allah dich erblinden lassen, so wie Er Arwa erblinden ließ.‹ Es ist nicht besonders verwunderlich, dass dies geschah, denn der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte:
›Hütet euch vor dem Bittgebet des Unterdrückten. Denn zwischen diesem Bittgebet und Allah gibt es kein Hindernis.‹ Wenn dies schon der Zustand jedes Unterdrückten ist, wie sollte es dann noch verwunderlich sein, dass das Bittgebet eines Unterdrückten wie Saʿid ibn Zayd, einem der zehn mit der frohen Botschaft des Paradieses Bedachten, erhört wurde?
Abu Nuʿaim überlieferte von Birah ibn al-Harith: Mugira ibn Shuʿba saß in einer großen Moschee. Zu seiner Rechten und Linken saßen einige Menschen aus Kufa. Da kam ein Mann namens Saʿid ibn Zayd. Mugira grüßte ihn und ließ ihn am Fußende der Liege Platz nehmen. Danach kam ein Mann aus Kufa und begann, Mugira gegenüber Beschimpfungen auszustoßen. Er fragte: „Mugira, wen beschimpft dieser Mann?“ Er antwortete: „Ali ibn Abi Talib.“ Da sagte er: „O Mugira!“ So rief er ihn dreimal. Dann sagte er: „Vor dir werden die Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) beschimpft, und du wirst dich nicht dagegen aussprechen? Das möchte ich nicht sehen. Ich bezeuge, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) gesagt hat: Abu Bakr ist im Paradies, Umar ist im Paradies, Uthman ist im Paradies, Ali ist im Paradies, Talha ist im Paradies, Zubair ist im Paradies, Abd ar-Rahman ist im Paradies und Saʿd ibn Malik ist im Paradies. Auch ein neunter Mann ist im Paradies; wenn ihr wollt, kann ich euch auch seinen Namen nennen.“ Der Überlieferer sagte: Die Menschen schrien einstimmig und fragten: „O Gefährte des Gesandten Allahs (s.a.w.), wer ist der neunte Mann?“ Er sagte: „Der neunte Mann bin ich.“ Dann schwor er und sagte: „Wer auch nur an einer einzigen Schlacht mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) teilgenommen hat und dessen Gesicht dabei gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) vom Staub bedeckt wurde – diese eine Tat ist besser als alle guten Taten im Leben irgendeines Menschen, selbst wenn dieser das Alter Noahs erreichen sollte. “(Hayatus Sahaba/ 2.– 470 S.)
Er gehörte zu den hoch angesehenen Gefährten. Saʿid ibn Habib sagte: Bei dem Gesandten Allahs (s.a.w.) waren Abu Bakr, Umar, Uthman, Ali, Saʿd, Saʿid, Talha, Zubair und Abd ar-Rahman ibn Auf von gleicher Stellung und Bedeutung. Auf dem Schlachtfeld befanden sie sich vor dem Gesandten Allahs (s.a.w.), und beim Gemeinschaftsgebet standen sie hinter ihm.
Auch unter den Gefährten überlieferten Ibn ʿUmar und ʿAmr ibn Hurayth sowie unter den bedeutenden Tābiʿūn unter anderem Abū at-Tufayl, Abū ʿUthmān an-Nahdī, Saʿīd ibn al-Musayyib und Qays ibn Abī Hāzim Hadithe von Saʿīd ibn Zayd.
Al-Wāqidī berichtet: Er starb im ʿAqīq-Tal und wurde in Medina beigesetzt. Sein Todesjahr war das Jahr 50 nach der Hidschra; einer anderen Ansicht zufolge das Jahr 51 oder 52. Er lebte über siebzig Jahre. Saʿd ibn Abī Waqqās wusch ihn und hüllte ihn in das Leichentuch, während ʿAbdullāh ibn ʿUmar das Totengebet leitete. Nach al-Haytham ibn ʿAdī jedoch starb er in Kufa, und der berühmte Gefährte al-Mughīra ibn Schuʿba leitete sein Totengebet.
Hamza ibn ʿAbd al- Muttalib ((r.a.))
Sein Name war Hamza; seine Kunya waren Abū Yaʿlā und Abū ʿAmāra, und sein Beiname war Asadullāh. Er war der leibliche Onkel des Gesandten Allahs (s.a.w.). Die Mutter Hazrat Hamzas, Hāla bint Wahab, war eine Cousine der Mutter des Gesandten Allahs (s.a.w.), Hazrat Āmina. Außerdem war Hamza der Milchbruder des Gesandten Allahs (s.a.w.). Die Sklavin Abū Lahabs, Suwaiba, hatte ihnen beiden die Brust gegeben. Er war, verschiedenen Überlieferungen zufolge, zwei oder vier Jahre älter als der Gesandte Allahs (s.a.w.). Schon seit seiner Kindheit hatte er großes Interesse am Schwertkampf, Bogenschießen und Ringen. Reisen und die Jagd übten eine grenzenlose Anziehungskraft auf ihn aus. Einen großen Teil seines Lebens widmete er diesen Tätigkeiten.
Seit geraumer Zeit wurde in den Gassen und Straßen Mekkas zum Tauhīd aufgerufen. Doch Menschen mit einem kriegerischen Wesen wie Hamza schenkten diesem Aufruf kaum Beachtung.
Eines Tages kehrte er von der Jagd zurück. Als er in die Nähe des Berges Safā kam, rief ihn eine Sklavin von ʿAbdullāh ibn Judʿān und erzählte ihm die Neuigkeit. Sie sagte: „Abū ʿAmāra, ach, wenn du doch vor kurzem gekommen wärst und den Zustand deines Neffen gesehen hättest! Er ermahnte die Menschen neben der Kaaba. Abū Jahl beschimpfte ihn aufs Übelste und fügte ihm großen Schmerz zu. Doch Muhammad kehrte ohne jede Erwiderung völlig hilflos zurück.“ Als er dies hörte, wallte sein soldatisches Blut auf. Eilig ging er zur Kaaba. Wenn er auf dem Rückweg von der Jagd jemanden traf, pflegte er gewöhnlich eine Weile stehen zu bleiben und ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Doch heute war er vom Verlangen nach Vergeltung wie von Sinnen. Ohne irgendjemandem auf dem Weg Beachtung zu schenken, ging er geradewegs zur Kaaba und versetzte Abū Jahl mit seinem Bogen einen gewaltigen Schlag auf den Kopf. Abū Jahls Kopf wurde aufgeschlagen. Als die Lage bedrohlich wurde, eilten einige Männer aus Banū Machzūm Abū Jahl zu Hilfe. Sie sagten: „Hamza, vermutlich bist du vom Glauben abgefallen.“ Er erwiderte: „Wenn mir seine Wahrheit offenbar geworden ist, wer kann mich dann davon abhalten? Ja, ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist. Alles, was er sagt, ist wahr. Bei Allah, davon kann ich nicht mehr zurückweichen. Wenn ihr die Wahrheit sagt, dann versucht nur, mich daran zu hindern.“ Abū Jahl sagte zu den Leuten, die ihm zu Hilfe geeilt waren: „Lasst Abū ʿAmāra in Ruhe. Bei Allah, gerade eben habe ich seinen Neffen aufs Schwerste beschimpft.“
Später sagte Hazrat Hamza: „Ich hatte diese Worte im Zorn und in aufwallender Erregung ausgesprochen; doch dann begann ich, wegen des Abfalls meiner Vorfahren und meines Stammes von ihrer Religion von Reue verzehrt zu werden. Ich geriet in einen Strudel aus Zweifel und Ungewissheit und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Ich ging zur Kaaba und flehte Allah in großer Demut an, Er möge die Tür meines Herzens für die Wahrheit öffnen und die Zweifel aus meinem Inneren vertreiben. Nach diesem Bittgebet wurde mein Herz mit fester Überzeugung erfüllt. Danach begab ich mich zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und schilderte ihm meinen Zustand. Er sprach ein Bittgebet für die Festigkeit meines Herzens.“
Dies geschah in jener schweren Zeit für die Muslime, als der Gesandte Allahs (s.a.w.) im Haus von al-Arqam ibn Abī al-Arqam Zuflucht genommen hatte und heimlich zum Islam aufrief. Die Muslime waren damals nur eine kleine Gruppe schutzloser Menschen. In dieser Lage nahm die Annahme des Islam durch Hazrat Hamza die Dinge plötzlich in eine andere Richtung. Die grundlosen Übergriffe und die rücksichtslose Unverschämtheit der Ungläubigen gegenüber den Gläubigen hörten weitgehend auf, denn jeder in Mekka kannte seinen Wagemut und seine Tapferkeit.
Eines Tages, nachdem Hazrat Hamza den Islam angenommen hatte, ging Hazrat Umar (r.a.) zum Gesandten Allahs (s.a.s.), um seinen Übertritt zum Islam bekanntzugeben. Der Gesandte Allahs hielt sich damals mit einigen Gefährten im Haus Hazrat Arqams auf. Auch Hazrat Hamza war dort. Hazrat Umar war bewaffnet. Als die Anwesenden ihn sahen, gerieten sie in große Unruhe. Doch Hazrat Hamza rief: „Lasst ihn hereinkommen. Wenn er in guter Absicht gekommen ist, werden auch wir ihn gut behandeln. Andernfalls wird er mit seinem eigenen Schwert getötet werden.“ Kaum war Hazrat Umar eingetreten, begann er, das Glaubensbekenntnis des Monotheismus zu sprechen. Daraufhin erschallten unter den anwesenden Muslimen die Takbīr-Rufe, sodass Himmel und Erde davon widerhallten. Nachdem diese beiden großen Männer den Islam angenommen hatten, wurde der Islam zu einer unaufhaltsamen Kraft. Die Götzendiener von Mekka erkannten, dass es nicht mehr so leicht sein würde, Muhammad (s.a.s.) auch nur einen Kratzer zuzufügen.
Während seines Aufenthalts in Mekka begründete der Gesandte Allahs (s.a.s.) zwischen seinem geliebten Diener Zaid ibn Haritha und Hamza ein brüderliches Verhältnis. Seine Verehrung und Liebe zu Zaid wurden so tief, dass er ihn, wann immer er irgendwohin ging, mit allen Angelegenheiten betraute.
Im dreizehnten Jahr der Prophetenschaft wanderte auch Hazrat Hamza gemeinsam mit vielen anderen nach Medina aus. Hier bot sich ihm eine praktische Gelegenheit, seine von Gott verliehene Kraft und seinen Mut zu zeigen.
Im siebten Monat nach der Auswanderung entsandte der Gesandte Allahs (s.a.s.) eine kleine Truppe von dreißig Auswanderern in Richtung der Küste des Meeres in der Gegend von Īs. Ihr Zweck war es, die Bewegungen der Quraisch zu beobachten. In dieser Truppe befand sich kein einziger Ansār. Dort trafen sie an der Meeresküste auf eine dreihundert Reiter starke mekkanische Truppe unter der Führung Abu Dschahls. Diese kehrte aus Syrien zurück. Dank der Bemühungen von Madschdī ibn ʿAmr al-Dschuhanī konnte ein Zusammenstoß diesmal jedoch vermieden werden. Mit Madschdī bestand zwischen den beiden Seiten ein Friedensvertrag. Vor der Abreise aus Medina übergab der Gesandte Allahs (s.a.s.) Hazrat Hamza das Banner des Islam. Einige Historiker, darunter Ibn Abd al-Barr, sind der Ansicht, dass dies das erste Banner war, das der Gesandte Allahs (s.a.s.) einem Muslim übergab.(Sīrat Ibn Hischām)
Im Safar des zweiten Jahres nach der Hidschra führte der Gesandte Allahs (s.a.s.) selbst mit sechzig bewaffneten Gefährten den Feldzug von al-Abwāʾ auf der Handelsroute der Quraisch. Auch bei diesem Feldzug war Hazrat Hamza der Fahnenträger, und das gesamte Kommando der Truppe lag in seinen Händen. Da die Karawane der Quraisch vorbeigezogen war, bevor die muslimische Truppe eintraf, kam es auch diesmal zu keinem Zusammenstoß. Ebenso hatte Hazrat Hamza beim Feldzug von ʿUschaira im zweiten Jahr nach der Hidschra die Ehre, das Banner der muslimischen Truppe zu tragen.
Im zweiten Jahr nach der Hidschra fand die überaus bedeutende Schlacht von Badr statt, die in der Geschichte des Islam von größter Wichtigkeit ist. Er nahm an dieser Schlacht teil. Nachdem sich beide Seiten auf dem Schlachtfeld in Reihen aufgestellt hatten, traten ʿUtba, Schaiba und al-Walīd aus den Reihen der Quraisch hervor und forderten jemanden aus der muslimischen Armee zum Zweikampf heraus. Drei junge Ansār aus den Reihen der Soldaten der Religion gingen auf ihre Herausforderung ein und traten vor. Doch ʿUtba schrie: „Muhammad, schick uns Männer, die uns ebenbürtig sind. Wir wollen nicht mit diesen Ungeeigneten kämpfen.“ Der Gesandte Allahs (s.a.s.) befahl: „Hamza, ʿAlī und ʿUbaida, steht auf und tretet vor!“ Sie hatten nur auf diesen Befehl gewartet. Diese drei Helden traten mit ihren jeweiligen Schwertern und Speeren vor ihre Gegner. Mit seinem ersten Angriff schickte Hazrat Hamza ʿUtba in die Hölle. Auch Hazrat ʿAlī besiegte seinen Gegner. Zwischen Abu ʿUbaida und al-Walīd dauerte der Ringkampf jedoch lange an. Schließlich spaltete Abu ʿUbaida ihn mit ʿAlīs Hilfe in zwei Teile. Als Tuʿaima ibn ʿAdī den misslichen Zustand der feindlichen Seite sah, kam er ihr zu Hilfe. Mit Hamzas Unterstützung streckte ʿAlī (r.a.) ihn mit einem einzigen Schwerthieb nieder. Danach begann die Armee der Götzendiener einen umfassenden Angriff. Auch die muslimischen Glaubenskämpfer stürzten sich in den Kampf. Ein heftiges Gefecht entbrannte. In dieser Schlacht hatte Hazrat Hamza eine Straußenfeder in seinen Turban gesteckt. Deshalb war er überall, wohin er ging, deutlich zu erkennen. Mit beiden Händen das Schwert fest wie ein Blitz umklammernd, zertrümmerte er tapfer die Reihen der Ungläubigen. In dieser Schlacht erlitten die Feinde Allahs und Seines Gesandten (s.a.s.) eine schmähliche Niederlage. Umaiya ibn Chalaf fragte ʿAbd ar-Rahman ibn ʿAuf: „Wer ist dieser Mann mit der Straußenfeder?“ Als dieser antwortete: „Hamza, der Onkel des Gesandten Allahs (s.a.s.)“, sagte er: „Dieser Mann hat uns heute am schwersten zugerichtet.“
Am Stadtrand von Medina lag die Siedlung des jüdischen Stammes Banū Qainuqāʿ. Nachdem der Gesandte Allahs (s.a.s.) nach Medina gekommen war, hatte er mit ihnen einen Freundschaftsvertrag geschlossen. Doch als die Muslime in der Schlacht von Badr den Sieg errangen, entbrannte in ihnen das Feuer des Neides. Sie wurden aufsässig. Wegen ihres Bruchs dieses Vertrages führte der Gesandte Allahs (s.a.s.) im Schawwāl des zweiten Jahres nach der Hidschra einen Feldzug gegen sie. Auch bei diesem Feldzug hatte Hazrat Hamza die Verantwortung für das Tragen des Banners.
Die schmähliche Niederlage bei Badr verletzte den Stolz der Quraisch zutiefst. Eine gewaltige Quraisch-Armee, vom Verlangen nach Rache besessen, zog im dritten Jahr nach der Hidschra auf Medina zu. Der Gesandte Allahs (s.a.s.) stellte sich ihnen mit seinen Gefährten am Fuß des Berges Uhud entgegen. Im Monat Schawwāl begann die Schlacht. Von den Ungläubigen trat ein tapferer Soldat namens Siba hervor und forderte zum Zweikampf heraus. Hazrat Hamza kam mit gezogenem Schwert auf das Schlachtfeld, brüllte ihn an und sagte: „Du unreiner Sohn des schmutzigen Wassers von Umm Anmār, bist du gekommen, um gegen Allah und Seinen Gesandten zu kämpfen?“ Daraufhin griff er so heftig an, dass Siba mit einem einzigen Hieb erledigt war. Dann begann der umfassende Kampf. Durch Hazrat Hamzas blitzschnelle Angriffe wurden die Reihen der Ungläubigen zertrümmert. In dieser Schlacht tötete er allein dreißig ungläubige Soldaten.
Da Hazrat Hamza in der Schlacht von Badr die bedeutendsten Anführer der Quraisch getötet hatte, dürsteten alle Quraischiten ganz besonders nach seinem Blut. Wahschi, der Mörder Hazrat Hamzas, erzählte später, wie er Hamza auf dem Schlachtfeld von Uhud getötet hatte. Ibn Hischam erwähnt dies in seinem Werk „Sira“. Wahschi sagte: „Ich war ein abessinischer Sklave von Zubair ibn Mut’im. In der Schlacht von Badr wurde Zubairs Onkel Tu’aim ibn ‘Adi von Hamzas Hand getötet. Als Zubair nach Mekka zurückkehrte, sagte er zu mir: ‚Wenn du Muhammads Onkel Hamza tötest und damit den Tod meines Onkels rächst, werde ich dich freilassen.‘ Er bildete mich eigens dafür aus. Nur mit dem Ziel, Hamza zu töten, machte ich mich nach Uhud auf. Der Kampf begann. Ich versteckte mich hinter einem Felsen und wartete auf Hamza. Als er sich eines Tages in meine Nähe begab, griff ich ihn überraschend an und tötete ihn. Danach kehrte ich zu den Soldaten meiner Seite zurück und setzte mich untätig hin. Ich nahm nicht mehr am Kampf teil, denn mein Ziel war erreicht. Als ich nach Mekka zurückkehrte, wurde ich aus der Sklaverei entlassen.“
Dieses tragische Ereignis ereignete sich in der Mitte des Monats Schawwal im dritten Jahr nach der Hidschra. Hazrat Hamza war damals fast sechzig Jahre alt.
Nach Hazrat Hamzas Märtyrertod sangen die Frauen der Quraisch Freudenlieder. Hind bint Utba, die Frau Abu Sufyans, schnitt Hamza Nase und Ohren ab und fertigte daraus Schmuck an; sie schnitt seine Brust und seinen Bauch auf, holte seine Leber heraus, kaute darauf und spuckte sie aus. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, davon hörte, fragte er: Hatte sie auch einen Teil davon gegessen? Die Leute antworteten: Nein. Er sagte: Allah wird nicht zulassen, dass auch nur ein Teil von Hamzas Körper in die Hölle gelangt.
Nach dem Ende der Schlacht begann die Bestattung und Einhüllung der Märtyrer. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, trat an den Leichnam seines geehrten Onkels heran. Da Hind dessen Nase und Ohren verstümmelt hatte, brach er beim Anblick dieses Geschehens in Tränen aus. Er sagte: „Am Tag der Auferstehung wird Hamza der Sayyid asch-Schuhada, also der Anführer aller Märtyrer, sein.“ Er sagte ferner: „Allahs Barmherzigkeit sei über dir. Soweit ich weiß, warst du besonders auf die Pflege der Verwandtschaft bedacht und überaus rechtschaffen. Wenn ich nicht an Safiyyas Trauer und Schmerz denken müsste, würde ich dich so liegen lassen, damit die Tiere und Vögel dich fressen und Allah dich am Tag der Auferstehung aus ihren Bäuchen auferweckt. Bei Allah, deine Vergeltung ist mir zur Pflicht geworden. Ich werde siebzig von ihnen ebenso verstümmeln, wie deine Nase und Ohren abgeschnitten wurden.“ Nach diesem Schwur des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ließ Gabriel, Allahs Friede sei auf ihm, die folgenden zwei Verse aus derSure an-Nahlherabkommen:
„Und wenn ihr Vergeltung übt, dann übt sie in dem Maße, wie euch Unrecht zugefügt wurde. Doch wenn ihr geduldig seid, so ist dies gewiss besser für die Geduldigen. Sei geduldig; deine Geduld ist nur durch Allah möglich. Sei nicht traurig über sie und sei nicht bekümmert wegen ihrer Ränke.“ (Sure an-Nahl/126–27)
Nachdem dieser Vers offenbart worden war, leistete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Sühne für seinen Schwur.(Tabaqat Ibn Sa’d)
Ḥazrat Safiyya war die leibliche Schwester von Ḥazrat Ḥamza. Als sie von der Schahāda ihres Bruders hörte, eilte sie herbei, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Doch der Gesandte Allahs (s.a.w.) ließ sie ihn nicht sehen, tröstete sie ein wenig und schickte sie zurück. Für das Leichentuch ihres Bruders schickte Ḥazrat Safiyya zwei Tücher. Doch neben Ḥazrat Ḥamza lag noch eine weitere Leiche, die ohne Leichentuch war. Daher wurden die beiden Tücher zwischen den beiden aufgeteilt. Ḥazrat Khabbāb ibn al-Aratt (r.a.) berichtet: Wir fanden kein anderes Tuch, mit dem wir Ḥamza hätten einhüllen können. Wenn wir damit seine Füße bedeckten, blieben sein Kopf und wenn wir seinen Kopf bedeckten, seine Füße unbedeckt. Deshalb bedeckten wir seinen Kopf mit dem Tuch und seine Füße mit Iẕkhir-Gras. (Ḥayāt us Ṣaḥāba– 1/136) Der Sayyid asch-Schuhadāʾ Ḥazrat Ḥamza wurde auf dem Schlachtfeld von Uhud beigesetzt. Imam al-Buchārī überliefert von Ḥazrat Jābir, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Märtyrer der Schlacht von Uhud jeweils zu zweit in einem Grab beisetzte. Ḥamza und ʿAbdullāh ibn Dschahsch wurden in einem Grab beigesetzt.
Ibn Ḥadschar erwähnt im Werk „al-Iṣāba“ unter Berufung auf die „Fawāʾid des Abū Ṭāhir“, dass Ḥazrat Jābir (r.a.) sagte: An dem Tag, an dem Muʿāwiya bei Uhud einen Brunnen ausheben ließ, weinten wir um die Märtyrer von Uhud. Wir fanden die Märtyrer noch völlig frisch vor. Als ein Mann Ḥazrat Ḥamza am Fuß verletzte, spritzte Blut hervor.
Der Mörder von Ḥazrat Ḥamza, Ḥazrat Waḥschī (r.a.), nahm nach der Eroberung Mekkas den Islam an und erschien im Dienst des Gesandten Allahs (s.a.w.). Der Gesandte Allahs (s.a.w.) fragte ihn: „Bist du Waḥschī?“ Er antwortete: „Ja.“ „Bist du es, der Ḥamza getötet hat?“ Er antwortete: „Was der Gesandte Allahs gehört hat, ist wahr.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Kannst du dein Gesicht ein wenig vor mir verbergen?“ Daraufhin ging er sofort hinaus und stand dem Gesandten Allahs (s.a.w.) in seinem Leben nie wieder gegenüber. Nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.), während des Kalifats von Ḥazrat Abū Bakr aṣ-Ṣiddīq (r.a.), wurde ein Feldzug gegen den falschen Propheten Musailima geführt. Auch er nahm an diesem Feldzug teil, in der Absicht, Musailima zu töten und dadurch die Sühne für die Ermordung Ḥazrat Ḥamzas zu leisten. Er war erfolgreich. So ließ Allah durch ihn mehr Nutzen für den Islam entstehen, als er ihm Schaden zugefügt hatte.
Ḥazrat Ḥamza besaß auch dichterisches Talent. Nach seiner Annahme des Islam brachte er seine damaligen Empfindungen in Gedichten zum Ausdruck. In den Anmerkungen zum Kapitel „Ḥamzas Annahme des Islam“ in der Sīrat des Ibn Hischām sind einige Teile davon zitiert.
ʿAbbās ibn ʿAbd al- Muṭṭalib ((r.a.))
Sein Name war Abū al-Faḍl ʿAbbās. Sein Vater war ʿAbd al-Muṭṭalib, seine Mutter Nātila, nach einer anderen Überlieferung Nāṣila bint Chabbāb. Er war der Onkel des Gesandten Allahs (s.a.w.). Allerdings waren die beiden ungefähr gleich alt. Historiker vermuten, dass er wahrscheinlich zwei oder drei Jahre vor dem Gesandten Allahs (s.a.w.) geboren wurde.
Einmal verirrte er sich in seiner Kindheit. Seine Mutter gelobte, die Kaaba mit einer Seiden-Kiswa zu bedecken, wenn ʿAbbās zurückkehrte. Als er einige Tage später wohlbehalten zurückkehrte, erfüllte ʿAbd al-Muṭṭalib ihr Gelübde mit großer Prachtentfaltung.
Im Zeitalter der Dschāhilīya war er ein einflussreicher Anführer der Quraisch. Von seinen Vorfahren erbte er die Verantwortung für die Pflege der Kaaba und die Versorgung der Pilger mit Wasser.
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, empfing die Prophetenschaft. In Mekka begann er, offen zum Tauhid aufzurufen. Obwohl Hazrat Abbas lange Zeit nicht öffentlich den Islam annahm, war er einer der wichtigsten Unterstützer dieses Aufrufs. Deshalb war Hazrat Abbas auch bei jener geheimen Zusammenkunft anwesend, als zweiundsiebzig Ansar aus Medina während der Hadsch-Saison nach Mekka kamen und in einem geheimen Lager bei Mina den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zur Auswanderung nach Medina einluden und ihm den Treueid leisteten. Auch damals hatte er den Islam noch nicht angenommen. In der Geschichte wird dieser Treueid als der Zweite Treueid von Aqaba bezeichnet. Bei dieser Gelegenheit hielt er vor den anwesenden Bewohnern Medinas eine Ansprache und sagte: „Ihr Leute des Stammes Chazradsch! Ihr wisst, dass Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in seinem eigenen Stamm in Ehre und Ansehen lebt. Gegen die Feinde haben wir ihn stets beschützt. Nun möchte er zu euch kommen. Wenn ihr bereit seid, ihn unter Einsatz eures Lebens zu unterstützen, ist das sehr gut. Andernfalls sagt es jetzt offen und klar.“ Daraufhin versicherten die Bewohner Medinas ihre uneingeschränkte Unterstützung. Kurze Zeit später wanderte der Gesandte Allahs nach Medina aus.
Unter dem Druck der Quraisch von Mekka war er gezwungen, am Feldzug von Badr an der Seite des Heeres der Quraisch teilzunehmen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war über die tatsächlichen Umstände informiert. Daher wies er die Gefährten an: „Wenn euch während des Kampfes Abbas oder jemand aus den Banu Haschim gegenübersteht, dann tötet ihn nicht, denn sie wurden gewaltsam auf das Schlachtfeld gebracht.“
Im Feldzug von Badr gerieten Abbas, Aqil und Nawfal ibn al-Harith zusammen mit den anderen polytheistischen Quraisch in die Gefangenschaft der Muslime. Zufällig wurde Abbas so fest gefesselt, dass er vor Schmerzen stöhnte. Sein Stöhnen störte den nächtlichen Schlaf des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Als die ehrwürdigen Gefährten davon erfuhren, lockerten sie Abbas’ Fesseln. Abbas hörte auf zu stöhnen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fragte: „Warum hört man kein Stöhnen mehr?“ Man antwortete: „Seine Fesseln wurden gelockert.“ Da befahl der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Lockert die Fesseln aller Gefangenen.“
Die Kriegsgefangenen von Badr hatten keine zusätzliche Kleidung. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gab allen Kleidung zum Anziehen. Hazrat Abbas war großgewachsen. Kein Hemd passte ihm. Der Heuchler Abd Allah ibn Ubayy war ebenfalls so großgewachsen wie Abbas. Er schenkte Abbas ein Hemd. Deshalb schenkte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, trotz seiner Heuchelei nach dem Tod von Abd Allah ibn Ubayy auf Bitten dessen Sohnes eines seiner eigenen Hemden, damit dessen Leichnam damit bekleidet werde. Auf diese Weise erwiderte er die Wohltat, die ihm sein Onkel erwiesen hatte.
Es wurde beschlossen, die Gefangenen von Badr gegen Lösegeld freizulassen. Abbas’ Mutter war eine Tochter des medinensischen Ansar-Stammes Chazradsch. Deshalb wandten sich Angehörige dieses Stammes an den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und sagten: „Abbas ist unser Neffe mütterlicherseits. Wir erlassen ihm sein Lösegeld.“ Doch da dies dem Grundsatz der Gleichbehandlung widersprach, nahm der Gesandte Allahs diesen Vorschlag nicht an. Da Abbas hingegen wohlhabend war, verlangte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von ihm ein hohes Lösegeld. Abbas erklärte, er sei nicht in der Lage, eine so große Summe zu zahlen, und sagte: „Im Herzen war ich bereits zuvor Muslim geworden. Die Polytheisten haben mich gezwungen, an diesem Krieg teilzunehmen.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Allah weiß, wie es in deinem Herzen aussieht. Wenn deine Aussage wahr ist, wird Allah dir dafür vergelten. Doch nach dem äußeren Anschein kann dir keinerlei Vergünstigung gewährt werden. Auch deine Unfähigkeit, das Lösegeld zu zahlen, ist nicht anzuerkennen. Denn ich weiß, dass du in Mekka bei Umm al-Fadl eine beträchtliche Geldsumme zurückgelassen hast.“ Abbas rief erstaunt aus: „Bei Allah, außer mir und Umm al-Fadl weiß niemand von diesem Geld. Ich bin fest davon überzeugt, dass du der Gesandte Allahs bist.“ Danach entrichtete er für sich selbst, seinen Neffen Aqil und Nawfal ibn al-Harith ein hohes Lösegeld und erlangte seine Freiheit.
Dass Abbas lange Zeit in Mekka blieb und nicht öffentlich seinen Übertritt zum Islam erklärte, hatte einen besonderen Grund. Er informierte den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, stets aus Mekka über die Bewegungen der Ungläubigen. Außerdem war er für die Muslime mit schwachem Glauben, die sich damals noch in Mekka aufhielten, eine Stütze. Als er deshalb einmal den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, um die Erlaubnis zur Auswanderung bat, hielt dieser ihn mit den Worten davon ab: „Es ist besser, wenn du in Mekka bleibst. So wie Allah durch mich die Prophetenschaft abschließt, wird Er durch dich die Auswanderung abschließen.“
Einige Zeit vor der Eroberung Mekkas erhielt Hazrat Abbas die Erlaubnis zur Auswanderung. Er begab sich mit seiner ganzen Familie zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bekannte sich offen zum Islam und ließ sich dauerhaft in Medina nieder. Er nahm an der Eroberung Mekkas teil. Beim Feldzug von Hunain ritt er gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auf demselben Reittier. Er berichtet: „In diesem Krieg siegten die Ungläubigen, und die muslimischen Kämpfer zerstreuten sich. Da sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: ‚Abbas, rufe die Bogenschützen!‘ Ich hatte von Natur aus eine laute Stimme. Ich rief: ‚Ayna ashab as-sumra – wo sind die Gefährten des Akazienbaums?‘ Durch meinen Ruf wendete sich der Verlauf der Schlacht augenblicklich.“ Auch an der Belagerung von Taif, am Feldzug von Tabuk und an der Abschiedspilgerfahrt nahm er teil.
Nach seiner Rückkehr von der Abschiedspilgerfahrt erkrankte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Tag für Tag verschlimmerte sich seine Krankheit. Hazrat Ali, Hazrat Abbas und weitere Angehörige der Banu Haschim kümmerten sich um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Am Tag seines Todes trat Hazrat Ali vor das Haus. Die Menschen fragten ihn: „Wie geht es dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm?“ Da sich sein Zustand an jenem Tag etwas gebessert hatte, antwortete er: „Durch Allahs Gnade geht es ihm etwas besser.“ Doch Hazrat Abbas war ein erfahrener Mann. Er nahm Ali an einer Hand und sagte: „Was glaubst du? Bei Allah, in drei Tagen werdet ihr beginnen, euch wie Sklaven zu verhalten. Ich kann mit eigenen Augen sehen, dass der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an dieser Krankheit schon bald sterben wird. An den Gesichtern der Angehörigen des Hauses Abd al-Muttalib kann ich ihren Tod vorausahnen.“
An jenem Tag verstarb der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Mit der Unterstützung von Hazrat Ali und den anderen Angehörigen der Banu Haschim kümmerte sich Hazrat Abbas um die Vorbereitungen für die Einhüllung und Beisetzung. Da er der ehrenvolle Onkel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und das älteste Mitglied der Banu Haschim war, kamen Außenstehende zu ihm, um ihr Beileid und ihre Anteilnahme auszudrücken.
Der edle Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erwies seinem Onkel Abbas große Ehre. Schon über das geringste Leid, das ihn traf, war er zutiefst betrübt. Als Hazrat Abbas sich einmal über ein Verhalten der Quraisch beklagte, sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, äußerst erregt: „Bei Dem, in Dessen Hand mein Leben liegt! Wer euch nicht um Allahs und des Gesandten willen liebt, in dessen Herzen wird kein Licht des Glaubens sein.“
Einmal unterhielt sich der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in einer Versammlung mit Abu Bakr und Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen. Da kam Abbas hinzu. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ließ ihn zwischen sich und Abu Bakr Platz nehmen und begann, mit etwas leiserer Stimme zu sprechen. Nachdem Abbas gegangen war, fragte Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, nach dem Grund dafür. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Nur ein angesehener Mensch kann einem angesehenen Menschen die gebührende Ehre erweisen.“ Er sagte außerdem: „Dschibril hat mir aufgetragen, meine Stimme zu senken, wenn Abbas anwesend ist, so wie er mir aufgetragen hat, eure Stimmen in meiner Gegenwart zu senken.“
Nach dem Tod des edlen Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erwiesen die nachfolgenden rechtgeleiteten Kalifen Hazrat Abbas die ihm gebührende Ehre. Wenn Hazrat Umar und Hazrat Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen, zu Pferde an ihm vorbeikamen, stiegen sie ihm zu Ehren vom Pferd und sagten: „Dies ist der Onkel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.“ Hazrat Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, machte nur für Abbas Platz, indem er selbst von seinem Sitz rückte.
Hazrat Abbas verstarb im 32. Jahr nach der Hidschra, am 12. Tag des Monats Radschab/Muharram, im Alter von 88 Jahren. Der dritte Kalif, Hazrat Uthman, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, leitete das Totengebet, und Hazrat Abdullah ibn Abbas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, stieg in das Grab hinab und bestattete ihn. Er wurde auf dem Friedhof Baqi in Medina beigesetzt. Nach seiner Annahme des Islams lebte er 32 Jahre und im Zeitalter der Dschahiliyya 56 Jahre.
Im Zeitalter der Dschahiliyya war Hazrat Abbas außerordentlich wohlhabend. Deshalb nahm der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, während der Schlacht von Badr von ihm zwanzig Uqiyya Gold als Lösegeld. Handel und Geschäftsverkehr waren seine Lebensgrundlage. Er betrieb auch Zinsgeschäfte. Diese Geschäfte führte er bis zur Eroberung Mekkas fort. In seiner historischen Ansprache anlässlich der Abschiedswallfahrt im zehnten Jahr nach der Hidschra sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Von heute an werden alle Arten von Zinsgeschäften in Arabien für verboten erklärt, und als Erstes erkläre ich die Zinsgeschäfte von Abbas ibn Abd al-Muttalib für aufgehoben.“
Nachdem die Zinsgeschäfte beendet worden waren, unterstützte ihn der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aus dem Fünftel der Kriegsbeute und den Einnahmen des Gartens von Fadak. Nach dem Tod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, forderten er und Hazrat Fatima beim ersten Kalifen das Erbe des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ein. Nachdem sie aus dem Mund von Hazrat Abu Bakr, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, die diesbezügliche Aussage des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gehört hatten, dass die Propheten kein Erbe hinterlassen, schwiegen sie.
Hazrat Abbas war äußerst freigebig, gastfreundlich und barmherzig. Hazrat Saad ibn Abi Waqqas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, sagte: „Abbas ist der Onkel des Gesandten Allahs, unter den Quraisch der großzügigste und seinen Verwandten gegenüber der aufmerksamste.“ Er hatte ein sanftes Herz. Sobald er zum Bittgebet seine Hände erhob, strömten Tränen aus seinen Augen. Deshalb war bei seinen Bittgebeten eine besondere Wirkung festzustellen.
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, sprach Bittgebete für Abbas, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, und seine Kinder. Er bat um Vergebung für all ihre offenkundigen und verborgenen Verfehlungen. Er überlieferte vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zahlreiche Hadithe, und viele Gefährten und Tabi’un überlieferten von ihm Hadithe.
Hazrat Abbas besaß auch dichterisches Talent. Seine Erfahrungen in der Schlacht von Hunain brachte er in einem Gedicht zum Ausdruck. Einige seiner Verse wurden in „Al-Isti’ab“ und in Ibn Ishaqs Sira-Werk zitiert.
Bilal ibn Rabah ((r.a.))
Sein Name war Abu Abdullah Bilal. Sein Vater hieß Rabah und seine Mutter Hamamah. Er war ein Sklave habaschischer Herkunft, war jedoch in Mekka geboren. Banu Jumah waren seine Herren.
Obwohl Bilals Hautfarbe als habaschischer Sklave dunkel war, war sein Inneres von wunderbarer Klarheit. Während die hellhäutigen Araber, verblendet durch Vorstellungen von Vornehmheit und edler Abstammung, die Einladung zur Wahrheit weiterhin ablehnten, wurde sein Herz vom Licht des Glaubens erhellt. Obwohl nur wenige Menschen die Einladung zur Wahrheit annahmen, war dieser habaschische Sklave einer der sieben Männer, die den Mut aufbrachten, dies öffentlich zu bekunden.
Schon immer sind die Schwachen Opfer von Unrecht und Unterdrückung gewesen. Aufgrund Bilals gesellschaftlicher Stellung kamen unbeschreibliches Leid und schwere Qualen über ihn. Durch verschiedene Arten von Bestrafung und Folter wurde seine Geduld und Standhaftigkeit auf die Probe gestellt. Man legte ihn mit heißem Sand, Steinchen und glühenden Kohlen auf dem Hals nieder; man band ihm ein Seil um den Hals, und Kinder zogen ihn wie eine Ziege durch die Gassen und Straßen Mekkas. Dennoch ließ er das starke Seil des Tauhid nicht los. Abu Dschahl ließ ihn bäuchlings niederlegen und einen schweren Mühlstein auf seinen Rücken legen. Wenn er unter der glühenden Hitze der Mittagssonne unruhig wurde, sagte Abu Dschahl: „Bilal, kehre noch immer nicht vom Gott Muhammads ab?“ Doch auch dann drang aus seinem heiligen Mund nur der Ruf „Ahad, Ahad“.
Unter den tyrannischen Götzendienern war Umaiya ibn Chalaf der eifrigste. Er wandte ständig neue Methoden der Bestrafung und Folter an. Auf vielerlei Weise quälte er ihn. Manchmal steckte er ihn in die rohe Haut eines Rindes, manchmal legte er ihm eine eiserne Rüstung an, setzte ihn auf glühenden Boden und sagte: „Dein Gott sind al-Lat und al-Uzza.“ Doch auch dann kam aus der Zunge dieses Liebhabers des Tauhid kein anderes Wort als „Ahad, Ahad“. Die Götzendiener sagten: „Sprich doch einfach die Wörter aus, die wir dir vorsagen.“ Er antwortete: „Meine Zunge kann eure Wörter nicht richtig aussprechen.“
Wie jeden Tag wurde auch an jenem Tag im Tal von Baṭḥā die Walze der Folter über Hazrat Bilal hinweggerollt. Zufällig kam auch Hazrat Abu Bakr as-Siddiq diesen Weg entlang. Er war zutiefst erschüttert. Gegen eine hohe Geldsumme, die er Bilals Herrn zahlte, kaufte er ihn frei. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, davon erfuhr, sagte er: „Abu Bakr, lass auch mich an dieser Tat teilhaben.“ Er erwiderte: „O Gesandter Allahs, ich habe ihn doch bereits freigekauft.“
Nach seiner Hidschra von Mekka nach Medina war er Gast bei Hazrat Saʿd ibn Chuthayma (r.a.). Mit Hazrat Abu Ruwayha ʿAbdullah ibn ʿAbdurrahman al-Chathʿami (r.a.) wurde ein brüderliches Verhältnis begründet. Zwischen den beiden entstand eine enge Beziehung. Zur Zeit des zweiten Kalifen, Hazrat ʿUmar al-Faruq, beschloss Hazrat Bilal, am Feldzug nach Syrien teilzunehmen. Kalif ʿUmar (r.a.) fragte: „Bilal, wer wird dein Sold beziehen?“ Er antwortete: „Abu Ruwayha. Die Bruderschaft, die der Gesandte Allahs (s.a.s.) zwischen uns beiden begründet hat, kann niemals zerbrechen.“
Bis zur Hidschra war der Islam in Mekka schwach; nach der Hidschra wurde er in Medina stark. Mit dem Beginn dieses medinensischen Lebens begann die Errichtung der grundlegenden Basis islamischer Bräuche und kultureller Aktivitäten. Moscheen wurden gegründet, das fünfmalige Gebet und der Adhan zum Gebet eingeführt. Hazrat Bilal war der erste, dem die Verantwortung für den Adhan übertragen wurde. Beim Hören von Bilals lauter und zu Herzen gehender Stimme konnte niemand – weder Frauen noch Männer, weder Jugendliche und junge Männer noch Alte – ruhig zu Hause bleiben. Wenn sich in der Moschee eine Menge der Träger des Tauhid versammelt hatte, ging er zur Tür des Gesandten Allahs (s.a.s.) und rief: „Hayya ʿala s-salah, hayya ʿala l-falah, as-salah, o Gesandter Allahs – o Gesandter Allahs, das Gebet ist bereit.“ Der Gesandte (s.a.s.) kam heraus, und Bilal sprach den Takbir. Wenn Hazrat Bilal einmal nicht in Medina anwesend war, übernahmen Hazrat Abu Mahdhura und Hazrat ʿAmr ibn Umm Maktum (r.a.) seine Aufgabe. Bilal (r.a.) rief gewöhnlich schon vor dem Anbruch der Morgendämmerung zum Fajr-Gebet. Daher wurde am Morgen zweimal zum Gebet gerufen. Den letzten Adhan sprach ʿAmr ibn Umm Maktum (r.a.). Deshalb war es im Ramadan nach Bilals Adhan noch erlaubt, zu essen und zu trinken.
Während des Aufenthalts des Gesandten Allahs (s.a.s.) in Medina ebenso wie auf seinen Reisen war Bilal sein besonderer Muʾadhdhin. Einmal wurde es auf einer Reise des Gesandten Allahs (s.a.s.) unterwegs Nacht. Einige Sahaba baten: „O Gesandter Allahs, es wäre gut, wenn du befiehlst, hier irgendwo ein Zelt für die Übernachtung aufzuschlagen.“ Der Gesandte (s.a.s.) sagte: „Ich fürchte, dass der Schlaf euch vom Gebet ablenken könnte.“ Hazrat Bilal übernahm die Aufgabe, alle zu wecken. Nachdem sie die Erlaubnis des Gesandten Allahs (s.a.s.) erhalten hatten, schlugen alle ihre Zelte auf und legten sich zur Ruhe nieder. Bilal (r.a.) blieb inzwischen äußerst wachsam, lehnte sich an das Holz der Sänfte und wartete auf den Anbruch der Morgendämmerung. Doch zufällig fielen ihm in diesem Zustand die Augen zu, und er wurde in einen so tiefen Schlaf versetzt, dass er vor Sonnenaufgang nicht wieder erwachte. Als der Gesandte Allahs (s.a.s.) aufwachte, fragte er als Erstes Bilal: „Was ist aus deiner Aufgabe geworden?“ Er antwortete: „O Gesandter Allahs, heute bin ich auf eine Weise eingeschlafen, wie es mir gewöhnlich nicht geschieht.“ Der Gesandte (s.a.s.) sagte: „Wenn Allah will, nimmt Er eure Seelen zu sich, und wenn Er will, gibt Er sie euch zurück. Steh auf, rufe zum Gebet und versammle die Menschen zum Gebet.“
Hazrat Bilal (r.a.) nahm an allen bedeutenden Schlachten teil. In der Schlacht von Badr tötete er Umayya ibn Khalaf, einen der größten Feinde des Islam. Dieser Umayya gehörte zu denen, die Bilal in Mekka verfolgt und gefoltert hatten. Am Tag der Eroberung Mekkas war er der Begleiter des Gesandten Allahs (s.a.s.). Auch er erhielt das Glück, gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s.a.s.) das Innere der Kaaba zu betreten. Auf dessen Anweisung stand er auf dem Dach der Kaaba und erhob den Ruf zum Gebet.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.s.) wandte sich Hazrat Bilal (r.a.) an Hazrat as-Siddiq al-Akbar (r.a.), den Mann, der ihm die größte Güte erwiesen hatte, und sagte: „O Kalif des Gesandten Allahs! Hast du mich um Allahs willen freigelassen oder um mich zu deinem Gefährten zu machen?“ Er antwortete: „Um Allahs willen.“ Bilal sagte: „Ich habe aus dem Mund des Gesandten Allahs (s.a.s.) gehört, dass die beste Tat des Gläubigen darin besteht, um Allahs willen Dschihad zu führen. Deshalb möchte ich, dass ich diese große Tat bis zu meinem Lebensende zu einem untrennbaren Bestandteil meines Lebens mache.“ Hazrat Abu Bakr (r.a.) sagte: „Bilal, entferne dich nicht von mir und stürze mich nicht in den Schmerz der Trennung.“ Auf Abu Bakrs Bitte hin nahm Bilal während dessen Lebenszeit an keinem Krieg teil.
Nach Hazrat Abu Bakr wurde Hazrat ʿUmar Kalif. Auch ihn bat Bilal um die Erlaubnis, am Dschihad teilzunehmen. Wie der erste Kalif wollte auch der zweite Kalif ihn zunächst zurückhalten. Als Kalif ʿUmar jedoch seinen übermäßigen Eifer und seine unbeugsame Haltung sah, erlaubte er ihm zu gehen. Bilal nahm am Feldzug nach Syrien teil. Während Hazrat ʿUmars Reise nach Syrien im Jahre 16 nach der Hidschra begrüßte auch Bilal den Kalifen gemeinsam mit den anderen militärischen Befehlshabern am Ort namens Dschabiya und begleitete ihn auf seinem Besuch in Bayt al-Maqdis. Während der Reise bat der Kalif Bilal eines Tages, den Adhan zu rufen. Bilal sagte: „Obwohl ich versprochen habe, nach dem Gesandten Allahs (s.a.s.) für niemanden mehr den Adhan zu rufen, werde ich heute deinen Wunsch erfüllen.“ Daraufhin rief er den Adhan mit einer so zu Herzen gehenden Stimme, dass die Anwesenden zutiefst bewegt wurden. Hazrat ʿUmar weinte so sehr, dass ihm die Worte versagten. Hazrat Abu ʿUbayda und Hazrat Muʿadh ibn Dschabal (r.a.) brachen in Tränen aus. Allen stieg damals das Bild der Zeit des Propheten vor Augen, und in ihren Herzen erwachte ein besonderes Gefühl.
Die grünen und fruchtbaren Ebenen Syriens gefielen Hazrat Bilal sehr. Er bat den zweiten Kalifen, ihm gemeinsam mit seinem islamischen Bruder Abu Ruwayha die dauerhafte Niederlassung in Syrien zu gestatten. Sein Gesuch wurde genehmigt. Die beiden ließen sich in einer kleinen Stadt namens Chawlan nieder. Noch vor ihnen hatte sich dort der Stamm des berühmten Sahabi Hazrat Abu ad-Darda al-Ansari (r.a.) angesiedelt. Hier heirateten die beiden jeweils eine Tochter dieses Stammes und gingen mit ihnen die Ehe ein.
Hazrat Bilal (r.a.) lebte lange Zeit in Syrien. Eines Tages sah er im Traum, wie der Gesandte (s.a.s.) zu ihm sagte: „Bilal, wie lange willst du noch ein solch freudloses Leben führen? Ist die Zeit für deinen Besuch bei mir noch immer nicht gekommen?“ Dieser Traum ließ die Wunde seiner Liebe und Zuneigung wieder aufbrechen. Sofort brach er nach Medina auf und begann, am heiligen Rawda Mubarak angekommen, sich wie ein geschlachteter Hahn unruhig hin und her zu winden. Er umarmte Hazrat Hasan und Hazrat Husain (r.a.), die geliebten Enkel des Gesandten Allahs (s.a.s.), und erwies ihnen seine Zuneigung. Die beiden baten Hazrat Bilal (r.a.), an jenem Morgen den Adhan zum Fajr-Gebet zu rufen. Ihre Bitte konnte er nicht zurückweisen. Zur Zeit der Morgendämmerung stand er auf dem Dach der Prophetenmoschee und rief „Allahu akbar“, und dieser Ruf hallte durch die Gassen Medinas wider. Beim Hören seines Adhan erfüllten die Bewohner von Medina die Luft und den Himmel mit Takbir-Rufen.
Als er „Aschhadu anna Muhammadan rasulullah“ sagte, liefen alle Männer und Frauen Medinas unter heftigem Weinen aus ihren Häusern und begannen, zur Moschee zu eilen. Es wird berichtet, dass man in Medina niemals zuvor einen derart bewegenden Anblick gesehen hatte.
Dieser hingebungsvolle Liebhaber des Gesandten Allahs verstarb im 20. Jahr nach der Hidschra im Alter von ungefähr sechzig Jahren. Er wurde in der Nähe des „Bab as-Saghir“ in Damaskus beigesetzt.
Seine edlen Charaktereigenschaften hatten das Ansehen und die Ehre von Bilal noch beträchtlich erhöht. Umar pflegte zu sagen: „Abu Bakr ist unser Führer, und er hat unseren Führer Bilal befreit.“
Die Gesellschaft mit dem edlen Gesandten und sein Dienst für ihn waren das wichtigste Ziel seines Lebens. Er hielt sich stets in der Nähe des Gesandten Allahs auf und begleitete ihn auf seinen Reisen. Während des Eid-Gebets und des Istisqa-Gebets ging er mit einem Speer in der Hand vor dem Gesandten Allahs zum Gebetsplatz. Auch an den Versammlungen für Ermahnungen und Unterweisungen nahm er teil. Trotz großer Bedürftigkeit und Armut schickte er dem Gesandten Allahs jedes Mal, wenn er etwas erhielt, einen Teil davon als Geschenk. Einmal brachte er dem Gesandten Allahs einige Datteln hervorragender Qualität. Er fragte: „Bilal, woher hast du diese?“ Er antwortete: „Ich hatte einige Datteln minderer Qualität. Da ich Ihnen etwas zukommen lassen wollte, habe ich dafür eine Saʿ dieser Datteln gegen zwei Saʿ eingetauscht.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Wehe, wehe, tu das nicht! Das ist eine Form von Zins. Wenn du sie unbedingt kaufen musstest, hättest du zuerst deine Datteln verkaufen und mit dem Erlös diese hier kaufen sollen.“
Die Verfolgung und die Qualen, die Bilal in Mekka erdulden musste, lassen seine Standhaftigkeit, Geduld und Festigkeit erkennen. Er war äußerst bescheiden. Wenn jemand eine seiner Tugenden erwähnte, sagte er: „Ich bin doch nur ein Abessinier, der bis gestern noch ein Sklave war.“ Aufrichtigkeit, Lauterkeit und Vertrauenswürdigkeit gehörten zu den herausragenden Merkmalen seines Charakters.
Da Bilal der besondere Gebetsrufer des Gesandten Allahs war, musste er die meiste Zeit in der Moschee verbringen. Einen großen Teil von Tag und Nacht verbrachte er im Gottesdienst. Einmal fragte ihn der Gesandte Allahs: „Für welche deiner guten Taten erhoffst du dir den größten Lohn?“ Er antwortete: „Ich habe keine besondere gute Tat vollbracht. Doch nach jeder Gebetswaschung habe ich gebetet.“
Er hatte mehrere Frauen aus angesehenen arabischen Familien geheiratet. Der Gesandte Allahs selbst hatte ihn mit der Tochter Abu Bakrs verheiratet. Er war mit den Familien der Banu Zuhra und Abu Dardas verschwägert, doch aus keiner dieser Ehen gingen ihm Kinder hervor.
Sahih Ibn Chuzaima wird berichtet, dass der Gesandte Allahs eines Tages Bilal rief und ihn fragte: „Bilal, wodurch bist du mir ins Paradies vorausgegangen? Letzte Nacht betrat ich das Paradies und hörte dort das Rascheln deiner Schritte.“ Bilal sagte: „O Gesandter Allahs, wann immer ich eine Sünde begehe, verrichte ich zwei Gebetseinheiten. Und sobald meine Gebetswaschung ungültig wird, vollziehe ich sogleich erneut die Gebetswaschung und verrichte zwei Gebetseinheiten.“
Ja’far ibn Abī Ṭālib (r.)
Sein Name war Abū ʿAbdillāh Jaʿfar, sein Vater war Abū Ṭālib und seine Mutter Fāṭima. Er stammte aus dem haschemitischen Zweig des Stammes Quraisch. Er war der Cousin des Gesandten Allahs (s.) und der leibliche Bruder von ʿAlī, möge Allah sein Angesicht ehren. Er war zehn Jahre älter als ʿAlī (r.).
Die Gesichter von fünf Männern aus Banū ʿAbd Manāf ähnelten dem Gesicht des Gesandten Allahs (s.) so sehr, dass Kurzsichtige sie häufig verwechselten, wenn sie zwischen ihnen unterscheiden wollten. Diese fünf waren: 1. Abū Sufyān ibn al-Ḥārith ibn ʿAbd al-Muṭṭalib. Er war zugleich der Cousin und der Milchbruder des Gesandten Allahs (s.). 2. Qutham ibn al-ʿAbbās ibn al-Muṭṭalib. Auch er war der Cousin des Gesandten Allahs (s.). 3. as-Sāʾib ibn ʿUbayd ibn ʿAbd Yazīd ibn Hāschim. Er war der Großvater von Imām asch-Schāfiʿī (r.). 4. al-Ḥasan ibn ʿAlī – der Enkel des Gesandten Allahs (s.). Sein Gesicht ähnelte dem Gesicht des Gesandten Allahs (s.) am meisten. Der fünfte war Jaʿfar ibn Abī Ṭālib.
Obwohl Abū Ṭālib unter den Quraisch hohes Ansehen und große Ehre genoss, war seine finanzielle Lage wegen seiner zahlreichen Kinder und Unterhaltsberechtigten äußerst bedrückend. Wie ein zusätzlicher schwerer Schlag machte jenes Jahr ohne Regen seine ohnehin schwierige Lage noch elender. In diesem verheerenden Dürrejahr verbrannten alle Ernten der Quraisch, und auch das Vieh ging zugrunde. Unter den Menschen breitete sich großes Klagen aus. Zu dieser Zeit gab es unter den Banū Hāschim niemanden, der wohlhabender war als Muḥammad ibn ʿAbdullāh und sein Onkel al-ʿAbbās.
Eines Tages sagte Muḥammad (s.) zu seinem Onkel al-ʿAbbās: „Onkel, dein Bruder Abū Ṭālib hat viele Kinder. Die Menschen leiden derzeit unter einer schweren Hungersnot und großem Mangel an Nahrung. Lass uns zu ihm gehen und einen Teil der Last seiner Kinder auf unsere Schultern nehmen. Ich werde einen seiner Söhne aufnehmen und du einen anderen.“
Al-ʿAbbās bemerkte: „Du hast wahrlich zu etwas Gutem aufgerufen und zu einer guten Tat ermutigt.“
Daraufhin gingen die beiden zu Abū Ṭālib. Sie sagten: „Wir sind gekommen, um einen Teil der Last deiner Familie zu erleichtern, damit du etwas von der Hungersnot, in die die Menschen geraten sind, entlastet wirst.“
Abū Ṭālib sagte: „Lasst mir ʿAqīl (ʿAqīl ibn Abī Ṭālib), und tut danach, was ihr wollt.“ Daraufhin nahm Muḥammad (s.) ʿAlī und al-ʿAbbās nahm Jaʿfar.
ʿAlī wurde unter der Obhut Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) aufgezogen. Danach verlieh Allah, der Erhabene, Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) das Prophetentum, und unter den Jugendlichen war ʿAlī der Erste, dem die Gnade zuteilwurde, an ihn zu glauben. Jaʿfar hingegen wurde bei seinem Onkel al-ʿAbbās aufgezogen, trat ins Jugendalter ein und wurde durch die Annahme des Islam selbstständig.
Jaʿfar ibn Abi Talib und seine Ehefrau Asma bint ʿUmais schlossen sich der Karawane des islamischen Lichts bereits unterwegs an. Beide nahmen durch Hazrat Siddiq-e-Akbar den Islam an, noch bevor der Gesandte Allahs (s.a.w.) in „Darul Arqam“ einzog. (‘Darul Arqam ist’ in Mekka ein Haus.। Es ist auch als Darul Islam bekannt.। Das Haus gehörte Arqam ibn Abd Manaf al- Makhzumi.। In Mekka pflegte der Gesandte Allahs (s.a.w.). von diesem Haus aus die Menschen zum Islam einzuladen und ihnen den Glauben zu verkünden।)Eines Tages sah Abu Talib, wie Ali neben dem Gesandten Allahs (s.a.w.) das Gebet verrichtete. Dieser Anblick gefiel Abu Talib sehr. Er blickte zu Jaʿfar, der neben ihnen stand, und sagte: „Jaʿfar, stell auch du dich auf die andere Seite deines Cousins Muhammad (s.a.w.).“ Jaʿfar stellte sich auf die linke Seite des Gesandten Allahs (s.a.w.) und verrichtete an jenem Tag das Gebet. Dieses Ereignis löste in Jaʿfars Herzen eine gewaltige Wirkung aus. Schon wenige Tage später nahm er den Islam an. Vor ihm hatten nur 31 oder 32 Menschen den Islam angenommen.
All die körperlichen und seelischen Leiden, die die Muslime der frühen Zeit ertragen mussten, ertrugen auch dieser haschemitische junge Mann und seine junge Ehefrau. Doch niemals verloren sie die Geduld. Sie wussten, dass der Weg zum Paradies beschwerlich und voller Dornen ist. Was sie jedoch ebenso bedrückte und zum Nachdenken brachte wie ihre anderen Glaubensbrüder, war das Hindernis, das die Quraisch ihnen bei der Befolgung der islamischen Gebote und bei der Anbetung des einen Allah in den Weg legten. In jeder Hinsicht lauerten die Quraisch ihnen auf und schufen eine erdrückende Atmosphäre.
In einem solchen Augenblick baten Jaʿfar ibn Abī Tālib, seine Ehefrau und einige weitere Sahāba den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, um die Erlaubnis, nach Habascha auszuwandern. Schweren Herzens erteilte er ihnen die Erlaubnis. So schmerzlich war diese Angelegenheit für ihn, weil diese rechtschaffenen und reinen Menschen gezwungen waren, ihre geliebte Heimat – den Ort ihrer Kindheit, Jugend und ihres Erwachsenwerdens – zu verlassen, nur weil sie sagten: Unser Herr ist Allah. Außer diesem hatten sie kein anderes Verbrechen begangen. Sie verließen das Land, wurden Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt, und er musste dem völlig hilflos zusehen.
Die erste Gruppe der Auswanderer erreichte unter der Führung von Jaʿfar ibn Abī Tālib Habascha. Dort fand sie Zuflucht am Hof des rechtschaffenen und gerechten Negus. Zum ersten Mal seit ihrer Annahme des Islam kosteten sie ein wenig Sicherheit und verspürten die Freude daran, ohne Furcht und frei den einen Allah anzubeten.
Die Quraisch wussten von der Auswanderung dieser Gruppe von Muslimen nach Habascha und davon, dass sie dort am Hof des Königs Zuflucht und Sicherheit gefunden hatte. Sie begannen, eine Verschwörung zu schmieden, um sie zu töten oder zurückzubringen. Umm Salama, die unmittelbar in dieses Geschehen verwickelt war, berichtet: „Als wir Habascha erreichten, fanden wir dort einen guten Nachbarn und Sicherheit hinsichtlich unserer Religion. Bei der Anbetung unseres Herrn Allah, des Erhabenen, waren wir keinerlei Unterdrückung und Verfolgung ausgesetzt, und wir hörten auch nichts, was uns missfiel. Als die Quraisch davon erfuhren, begannen sie eine Verschwörung. Sie wählten aus ihrer Mitte zwei kräftige und robuste junge Männer aus und schickten sie zum Negus. Diese beiden waren ʿAmr ibn al-ʿĀs und ʿAbdullāh ibn Abī Rabīʿa. Sie gaben ihnen zahlreiche wertvolle Geschenke für den Negus und die ihm schmeichelnden Priester an seinem Hof mit. Man wies sie an, jedem Priester das für ihn bestimmte Geschenk zu überreichen, noch bevor sie mit dem König von Habascha über unsere Angelegenheit sprachen.
Die beiden erreichten Habascha, trafen sich mit den Priestern des Negus und überreichten jedem von ihnen das für ihn bestimmte Geschenk. Dann sagten sie: „Im Reich des Königs haben einige unserer fehlgeleiteten Söhne Zuflucht gesucht. Sie haben die Religion ihrer Vorväter aufgegeben und in ihrer eigenen Gemeinschaft Spaltung und Uneinigkeit hervorgerufen. Wenn wir mit dem König über sie sprechen, bittet ihn bitte ein wenig darum, sie uns zurückzugeben, ohne sie auch nur zu ihrer Religion zu befragen. Denn ihre Stammesführer wissen über ihren Glauben und ihr Verhalten am besten Bescheid. Sie werden über sie entscheiden.“
Die Priester am Hof stimmten ihnen zu.
Umm Salama berichtet: „Für ʿAmr ibn al-ʿĀs und seinen Gefährten gab es nichts Ärgerlicheres, als dass der König einen von uns zu sich rief, um ihn anzuhören.“
Die beiden erschienen am Hof des Negus und überreichten ihm die Geschenke. Die Geschenke gefielen dem Negus sehr, und er lobte sie überschwänglich. Daraufhin sagten sie zum König: „Erlauchter König, einige übel gesinnte junge Männer von uns sind in dein Reich eingedrungen. Sie haben eine Religion erfunden, die weder wir noch du kennen. Sie haben unsere Religion aufgegeben, aber auch deine Religion nicht angenommen. Ihre Väter, Onkel väterlicherseits und die führenden Männer ihres Stammes haben uns zu dir geschickt, damit wir sie zurückholen. Die Stammesführer wissen über den von ihnen verursachten Unfrieden und das Unheil am besten Bescheid.“
Der Negus blickte zu den Priestern, die in seinem Hof anwesend waren. Sie sagten: „Erlauchter König, sie haben die Wahrheit gesagt. Denn ihre Stammesführer wissen am besten über ihre Taten Bescheid. Schickt sie zu ihren Stammesführern zurück, damit diese über sie entscheiden können.“
Über die Worte der Priester geriet der König in heftigen Zorn. Er sagte: „Bei Allah! Das kann nicht sein. Ich werde keinen von ihnen ausliefern, bevor ich sie nicht zu den gegen sie erhobenen Anschuldigungen befragt habe. Wenn sie tatsächlich so sind, wie diese beiden Männer behaupten, werde ich sie ausliefern. Andernfalls werde ich ihnen Sicherheit gewähren, solange sie unter meinem Schutz bleiben wollen.“
Umm Salama berichtet: „Danach ließ der Negus uns zu sich rufen, um uns zu empfangen. Bevor wir hingingen, versammelten wir uns alle an einem Ort. Wir vermuteten, dass der König uns gewiss über unsere Religion befragen würde. Daher beschlossen wir, offen zu sagen, woran wir glauben. Jaʿfar ibn Abi Talib sollte für uns alle sprechen. Kein anderer sollte etwas sagen.“
Umm Salama berichtet: Als wir danach zum Negus gingen, sahen wir, dass er alle seine Priester hatte rufen lassen. Sie saßen in ihren besonderen vornehmen Gewändern zu seiner Rechten und Linken, vor sich die aufgeschlagenen religiösen Schriften. Auch ʿAmr ibn al-ʿĀṣ und ʿAbdullah ibn Abi Rabīʿa sahen wir beim König. Nachdem wir uns in der Versammlung niedergelassen hatten, wandte sich der Negus uns zu und fragte: „Was ist das für eine Religion, die ihr neu erfunden habt und deretwegen ihr die Religion eurer Vorfahren verlassen habt, ohne meine Religion oder irgendeine andere Religion anzunehmen?“
Jaʿfar ibn Abi Talib sagte im Namen aller: „Erlauchter König! Wir waren ein unwissendes Volk. Wir beteten Götzen an, aßen verendete Tiere, begingen schändliche Taten, zerrissen die Bande der Verwandtschaft und behandelten unsere Nachbarn schlecht. Unsere Starken verwehrten den Schwachen ihre Rechte. In einem solchen Zustand befanden wir uns. Schließlich sandte Allah, der Erhabene, einen Gesandten zu uns. Wir wussten um seine Abstammung, seine Wahrhaftigkeit, seine Treue und seine Lauterkeit. Er rief uns zu Allah, damit wir an Seine Einheit glauben, Ihn anbeten und die Bäume, Steine und Götzen verlassen, die wir und unsere Vorfahren angebetet hatten.
Er wies uns an, die Wahrheit zu sagen, anvertrautes Gut ordnungsgemäß zurückzugeben, die Bande der Verwandtschaft zu wahren, die Nachbarn gut zu behandeln und uns von verbotenen Taten und unrechtmäßigem Blutvergießen fernzuhalten. Außerdem verbot er uns schändliche Taten, Lügen, den Verzehr des Vermögens von Waisen und die Verleumdung keuscher Frauen.
Weiterhin befahl er uns, den Einen Allah anzubeten, Ihm nichts beizugesellen, das Gebet zu verrichten, die Zakāt zu entrichten und im Monat Ramadan zu fasten.
Da wir ihn als wahrhaftig erkannt hatten, glaubten wir an ihn und folgten allem, was er von Allah gebracht hatte. Was er uns daher als erlaubt oder verboten erklärte, das hielten wir für erlaubt beziehungsweise verboten.
Erlauchter König! Danach begannen alle Angehörigen unseres Volkes, uns zu bedrängen. Sie misshandelten uns, um uns von unserer Religion wieder zum Götzendienst zurückzuführen. Als sie uns durch ihre Qualen und Misshandlungen völlig zermürbt hatten und sich zwischen uns und unsere Religion stellten, zogen wir es vor, nicht irgendwo anders hinzugehen, sondern gerade zu Euch zu kommen, in der Hoffnung, dass wir bei Euch keiner Unterdrückung ausgesetzt sein würden.“
Umm Salama berichtet: Danach blickte an-Nadschāschī eine Weile zu Jaʿfar ibn Abī Ṭālib und fragte: „Habt ihr etwas von dem bei euch, was euer Prophet von Allah gebracht hat?“ Er antwortete: „Ja.“ – „Lies mir bitte etwas davon vor.“ Da rezitierte Jaʿfar: „Kāf-Hā-Yā-ʿAyn-Ṣād. Dies ist die Erwähnung der Barmherzigkeit deines Herrn gegenüber Seinem Diener Zakariyyā, als er seinen Herrn heimlich anrief. Er sagte: ‚Mein Gebein ist schwach geworden und mein Haupt ist im Alter weiß geworden; mein Herr, niemals bin ich dadurch, dass ich Dich angerufen habe, enttäuscht worden.‘“
Auf diese Weise trug er den Anfang der edlen Sura Maryam aus dem Heiligen Qurʾān vor.
Als an-Nadschāschī die Worte Allahs hörte, weinte er so sehr, dass sein Bart von Tränen durchnässt wurde; auch die anwesenden Priester weinten und benetzten die vor ihnen aufgeschlagenen Heiligen Schriften. Nachdem er sich etwas beruhigt hatte, sagte an-Nadschāschī: „Der Ursprung dessen, was euer Prophet gebracht hat, und dessen, was ʿĪsā, Friede sei mit ihm, vor ihm gebracht hat, ist derselbe.“ Dann wandte er sich an ʿAmr und seinen Gefährten und sagte: „Geht! Bei Allah, ich werde sie euch keinesfalls ausliefern.“
Umm Salama berichtet: Als wir den Hof des an-Nadschāschī verließen, sagte ʿAmr ibn al-ʿĀṣ, so dass wir es hören konnten, zu seinem Gefährten: „Bei Allah, morgen werden wir wieder zum König kommen und ihm von solchen Dingen über sie berichten, dass in seinem Herzen das Feuer des Hasses lodernd aufflammen und sein Herz von Abscheu gegen sie erfüllt werden wird. Wir werden den König gewiss dazu anspornen, sie vollständig aus dem Land zu vertreiben.“
Als sein Gefährte ʿAbdullāh ibn Abī Rabīʿa dies hörte, sagte er: „ʿAmr, das solltest du nicht tun. Auch wenn sie uns in religiösen Fragen widersprechen, sind sie doch unsere Verwandten.“
ʿAmr sagte: „Lass diese Worte. Ich werde dem König gewiss Dinge berichten, die ihre Herzen erschüttern werden. Ich werde dem König sagen: Sie behaupten, ʿĪsā ibn Maryam sei nur ein Diener wie alle anderen.“
Am folgenden Tag erschien ʿAmr tatsächlich am Hof des an-Nadschāschī und sagte: „Erlauchter König! Diese Leute, denen du Schutz gewährt und geholfen hast, äußern eine ungeheuerliche Ansicht über ʿĪsā ibn Maryam. Schicke jemanden zu ihnen und frage sie, was sie über ihn sagen.“
Umm Salama berichtet: Als wir dies erfuhren, gerieten wir in große Sorge. Wir fragten einander: »Was werdet ihr sagen, wenn der König euch nach ʿĪsā ibn Maryam fragt?« Wir waren uns alle einig: Über ihn würden wir nichts anderes sagen als das, was Allah über ihn gesagt hat. Von dem, was unser Prophet über ihn gebracht hat, würden wir nicht einmal um die Spitze eines Fingers mehr sagen. Was uns daraus auch widerfahren mag, es soll geschehen. Auch diesmal würde Jaʿfar ibn Abī Ṭālib für uns sprechen.
Der Negus ließ uns zu sich rufen. Als wir bei ihm erschienen, sahen wir, dass die Priester in derselben Kleidung wie am vorherigen Tag dasaßen. Sobald ʿAmr ibn al-ʿĀṣ und sein Begleiter anwesend waren, fragte der König uns: »Was sagt ihr über ʿĪsā ibn Maryam?«
Jaʿfar ibn Abī Ṭālib sagte: »Wir sagen über ihn nichts anderes als das, was unser Prophet über ihn sagt.«
»Was sagt er denn?«
»Er sagt: Er ist Allahs Diener und Sein Gesandter. Er ist Sein Geist und Sein Wort, das Er in Maryam, die Jungfrau und Reine, eingegeben hat.«
Als der Negus die Worte Jaʿfars hörte, schlug er mit der Hand auf den Boden und sagte: »Bei Allah! Was euer Prophet über ʿĪsā ibn Maryam gesagt hat, ist nicht einmal um ein Haar übertrieben.« Als die Patriarchen, die um den Negus herumsaßen, dies hörten, stießen sie durch ihre Nasenlöcher Laute des Abscheus aus. Der König sagte: »Auch wenn ihr es noch so sehr verabscheut.« Dann wandte er sich uns zu und sagte: »Geht! Ihr seid frei und sicher. Wenn jemand euch beschimpft oder euch irgendein Hindernis in den Weg legt, wird dafür Vergeltung geübt. Bei Allah! Selbst wenn ich einen Berg aus Gold erhielte, wäre es mir nicht lieber, als dass auch nur das geringste Unglück einen von euch träfe.« Danach wandte er sich ʿAmr und seinem Begleiter zu und sagte: »Gebt diesen beiden Männern ihre Geschenke zurück. Ich brauche sie nicht.«
Umm Salama berichtet: Auf diese Weise scheiterte die Verschwörung von ʿAmr und seinem Begleiter, und sie verließen den Hof mit gebrochenem Herzen, besiegt und enttäuscht. Wir aber lebten beim Negus in den besten Unterkünften wie geehrte Nachbarn.
Danach verbrachten Jaʿfar ibn Abī Ṭālib und seine Ehefrau unter dem Schutz des Negus volle zehn Jahre völlig sicher und unbesorgt. Im siebten Jahr nach der Hidschra brachen die beiden zusammen mit einigen weiteren Muslimen von Habascha nach Yathrib (Medina) auf. Auch sie erreichten Medina, während der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, nach dem Abschluss der Eroberung von Chaibar nach Medina zurückkehrte. Als der Gesandte Allahs Jaʿfar sah, freute er sich so sehr, dass er ihn zwischen den Augen küsste und sagte: »Ich weiß nicht, worüber ich mich mehr freue – über die Eroberung Chaibars oder über Jaʿfars Ankunft.«
Die Freude und das Glück der gesamten muslimischen Gemeinschaft im Allgemeinen und der armen Muslime im Besonderen über Ja’fars Ankunft waren nicht geringer als die des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm. Denn Ja’far war gegenüber den Armen und Bedürftigen äußerst barmherzig und mitfühlend. Deshalb wurde er Abu al-Masākīn, also „Vater der Bedürftigen“, genannt.
Ein Jahr war vergangen, seit Ja’far ibn Abi Talib nach Medina gekommen war. Zu Beginn des achten Jahres nach der Hidschra stellte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, ein Heer auf, um die römischen Truppen in Syrien anzugreifen. Nachdem er Zaid ibn Haritha zum Heerführer ernannt hatte, sagte er: „Wenn Zaid getötet wird, soll Ja’far ibn Abi Talib der Befehlshaber sein. Wenn Ja’far getötet oder verwundet wird, soll Abdullah ibn Rawaha der Befehlshaber sein. Und wenn auch er getötet oder verwundet wird, sollen die Muslime aus ihrer Mitte einen Befehlshaber wählen.“
Als das muslimische Heer den Ort Mu’ta an der syrisch-jordanischen Grenze erreichte, stellte es fest, dass hunderttausend römische Soldaten zu seinem Kampf bereitstanden und hinter ihnen weitere hunderttausend christliche Soldaten der arabischen Stämme Lachm, Dschudham, Quda’a und anderer Stämme auf ihre Unterstützung warteten. Demgegenüber zählten die muslimischen Truppen nur dreitausend Mann. Gleich zu Beginn der Schlacht erlitt Zaid ibn Haritha den Märtyrertod wie ein Held. Daraufhin sprang Ja’far ibn Abi Talib von seinem Pferd und tötete es mit seinem Schwert, damit das feindliche Heer es nicht benutzen konnte. Dann ergriff er das Banner, drang weit in die Reihen des römischen Heeres vor und kämpfte dort gegen die Feinde. In diesem Kampf wurde ihm die rechte Hand abgetrennt. Er hielt das Banner mit der linken Hand hoch. Kurz darauf wurde auch seine linke Hand durch einen weiteren Schwerthieb vom Körper getrennt. Dennoch gab er nicht auf. Er presste das Banner mit seinen Armen an die Brust und hielt so das Banner des Islam hoch. Nach kurzer Zeit teilte ein dritter Schwerthieb seinen Körper in zwei Hälften.
Danach nahm Abdullah ibn Rawaha das Banner auf. Während auch er mit größter Tapferkeit gegen die feindlichen Soldaten kämpfte, folgte er seinen beiden Gefährten in den Märtyrertod. Danach übernahm Khalid ibn al-Walid das Banner und rettete das muslimische Heer.
Auch der ehrwürdige Abdullah ibn Umar nahm an dieser Schlacht teil. Er berichtet: Als man nach Ja’fars Leichnam suchte, stellte man fest, dass sich allein an seiner Vorderseite fünfzig Wundmale befanden. Sein ganzer Körper wies mehr als neunzig Wunden auf. Keine einzige davon befand sich jedoch an seinem Rücken.
Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, vom Märtyrertod dieser drei Heerführer hörte, war er zutiefst erschüttert. Schweren Herzens ging er zum Haus seines Cousins Ja’far. Dessen Frau Asma bereitete sich gerade darauf vor, ihren Ehemann willkommen zu heißen. Sie hatte bereits Mehl für Brot geknetet, die Kinder gebadet und eingeölt und ihnen neue Kleider angezogen.
Asma berichtet: Als ich den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, mit seinem heiligen Gesicht unter einem dünnen, sauberen Tuch bedeckt auf unser Haus zukommen sah, befielen mich allerlei Furcht und Besorgnis. Aus Angst, etwas Schlechtes hören zu müssen, wagte ich jedoch nicht, ihn nach Ja’far zu fragen. Nachdem er sich nach unserem Befinden erkundigt hatte, sagte er: „Bring mir Ja’fars Kinder.“ Ich rief sie. Überglücklich liefen sie in einem Wettlauf los, wer den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zuerst erreichen würde. Der Gesandte Allahs umarmte und küsste sie, während ihm unaufhörlich Tränen aus den Augen strömten. Ich sagte: „O Gesandter Allahs! Mögen meine Eltern für dich geopfert werden. Warum weinst du?“ Hast du etwa eine traurige Nachricht über Ja’far und seine beiden Gefährten erhalten? Er sagte: „Ja. Sie haben heute den Märtyrertod erlitten.“ In diesem Augenblick erlosch das Lächeln auf den Gesichtern der kleinen Kinder. Als sie hörten, wie ihre Mutter weinte und klagte, erstarrten sie an ihren Plätzen wie Steine, als säße ein Vogel auf ihren Köpfen. Die Nachbarinnen kamen und drängten sich um Asma. Der Gesandte Allahs ging fort und wischte sich dabei die Augen. Als er zu Hause angekommen war, sagte er zu den reinen Ehefrauen des Propheten: „Kümmert euch heute ein wenig um Ja’fars Familie. Sie sind heute wie bewusstlos.“
Nach dem Märtyrertod des ehrwürdigen Ja’far blieb der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, lange Zeit von Trauer erfüllt und niedergeschlagen. Schließlich überbrachte ihm der ehrwürdige Dschibril, Friede sei auf ihm, die frohe Botschaft, dass Allah Ja’far anstelle seiner beiden abgetrennten Hände zwei neue, blutrote Hände gegeben habe und dass er im Paradies gemeinsam mit den Engeln umherfliege. Deshalb erhielt er die Beinamen „Dhul-Dschanahain“ und „at-Tayyar“ – „der mit den zwei Flügeln“ und „der Fliegende“.
Ibn Saʿd berichtet in seinem Werk at-Tabaqāt: Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Nachricht vom Märtyrertod von Zaid ibn Haritha, Jaʿfar ibn Abi Talib und Abd Allah ibn Rawaha hörte, hielt er vor den Anwesenden eine kurze Ansprache, in der er sie vorstellte und lobte, und sprach ein Bittgebet: „O Allah, vergib Zaid! O Allah, vergib Zaid! O Allah, vergib Jaʿfar und Abd Allah ibn Rawaha!“
Imam Ahmad überliefert von Abd Allah ibn Aslam: Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte zu Jaʿfar: „In Charakter und körperlicher Gestalt bist du wie ich.“
Der verehrte Jaʿfar war gegenüber den armen Bedürftigen äußerst gütig. Abu Huraira berichtet: „Für unsere Gemeinschaft der Bedürftigen war Jaʿfar ibn Abi Talib der beste Mensch. Er nahm uns mit in sein Haus und gab uns alles zu essen, was er besaß. Wenn sein Essen aufgebraucht war, holte er seinen kleinen, leeren Butterlederbeutel hervor. Wir rissen ihn auf und leckten alles heraus, was daran noch haftete. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: ‚Den früheren Propheten wurden jeweils nur sieben besondere Freunde gegeben. Mir aber wurden vierzehn besondere Freunde gegeben, und Jaʿfar ist einer von ihnen.‘ (Bukhari, Manaqibu Ja’far)
Zaid ibn Haritha ((ra))
Sein Name war Abu Usama Zaid. Sein Beiname war Hibbu Rasulillah (der von Allahs Gesandtem Geliebte); sein Vater war Haritha und seine Mutter Suʿda bint Saʿlaba.
Suʿda bint Saʿlaba brach mit ihrem kleinen Sohn Zaid auf, um zum Stamm seines Vaters, den Banu Maʿn, zu reisen. Noch bevor sie den Stamm seines Vaters erreichten, griff in einer Nacht eine Räubergruppe der Banu Qayn ihr Zelt an, plünderte ihr Hab und Gut, ihre Kamele und anderes und nahm die Kinder gefangen. Unter diesen gefangenen Kindern befand sich auch ihr Sohn Zaid ibn Haritha.
Zaid war damals acht Jahre alt. Die Räuber brachten ihn zum Markt von ʿUkaz, um ihn zu verkaufen. Ein Quraisch-Führer namens Hakim ibn Hizam ibn Chuwailid kaufte ihn für vierhundert Dirham. Zusammen mit einigen weiteren Sklaven, die er ebenfalls gekauft hatte, kehrte er nach Mekka zurück.
Als seine Tante Khadija bint Chuwailid von Hakim ibn Hizams Rückkehr hörte, kam sie, um ihn zu besuchen. Er sagte zu seiner Tante: „Tante, ich habe in ʿUkaz mehrere Sklaven gekauft und mitgebracht. Wählen Sie unter ihnen denjenigen aus, der Ihnen gefällt. Ich schenke ihn Ihnen als Geschenk.“
Nachdem Chadidscha die Gesichter der Sklaven eingehend betrachtet hatte, wählte sie Zaid ibn Haritha aus. Denn sie hatte auf Zaids Gesicht die Zeichen scharfer Auffassungsgabe und Intelligenz erkannt. Sie nahm ihn mit nach Hause.
Einige Tage nach diesem Ereignis heiratete Chadidscha Muhammad ibn Abdullah. Sie wollte ihrem Ehemann ein Geschenk machen. Sie fand nichts Schöneres als ihren geliebten Sklaven Zaid ibn Haritha. Diesen Sklaven übergab sie ihrem Ehemann.
Dieser glückliche Sklavenjunge wurde unter der Obhut Muhammads ibn Abdullah aufgezogen. Durch seinen edlen Umgang mit ihm erhielt er die Gelegenheit, die Schönheit vortrefflichen Charakters zu erleben. Inzwischen war seine liebevolle Mutter vor Kummer über den Verlust ihres Sohnes außer sich. Ihre Tränen versiegten niemals. Nachts fand sie keinen Schlaf. Ihr größter Schmerz bestand darin, dass sie nicht wusste, ob ihr Sohn noch lebte oder in die Hände von Räubern gefallen und getötet worden war. Deshalb verfiel sie immer wieder in tiefe Verzweiflung. Sein Vater Haritha suchte an allen möglichen Orten nach seinem verlorenen Sohn. Jeden Menschen, ob bekannt oder unbekannt, fragte er nach dem Verbleib seines Sohnes. Er war ein bedeutender Dichter des damaligen Arabien. In vielen Gedichten, die er zu jener Zeit verfasste, wurde der Schmerz über den Verlust seines Sohnes lebendig. In einem solchen Gedicht sagt er:
„Ich weine um Zaid und weiß nicht, was mit ihm geschehen ist:
Lebt er noch?
Dann besteht noch Hoffnung auf seine Rückkehr; oder ist er gestorben
Bei Allah! Ich weiß es nicht, und doch frage ich unablässig danach.
Wurde er von den Bewohnern des Flachlandes entführt oder von denen des Berglandes?“
Bei Sonnenaufgang erinnert die Sonne an ihn, und wenn
sie untergeht, erinnert sie mich aufs Neue an ihn.
werde ich von Land zu Land auf deiner Suche
Kamele antreiben; niemals werde ich müde werden,
und auch mein Reittier nicht. Möge mein Leben andauern oder der Tod kommen.
Jeder Mensch ist doch sterblich – ganz gleich, wie sehr er auch den Hoffnungen nachjagt.“
In dieser Hadsch-Saison kamen einige Angehörige von Zayds Stamm zur Hadsch nach Mekka. Während sie die Kaaba umrundeten, begegneten sie Zayd. Sie erkannten einander, tauschten Grüße aus und erkundigten sich nach dem Wohlergehen des jeweils anderen. Nachdem diese Männer die Hadsch vollzogen hatten und in ihre Heimat zurückgekehrt waren, berichteten sie Zayds Vater Haritha vom Aufenthaltsort seines verlorenen Sohnes.
Nachdem Haritha vom Aufenthaltsort seines Sohnes erfahren hatte, bereitete er sich auf die Reise vor. Das Lösegeld für Zayd, den Liebling seines Herzens und seinen Augapfel, lud er ebenfalls auf das Reittier. Harithas Bruder Ka’b begleitete ihn. Nachdem sie ununterbrochen auf dem Weg nach Mekka weitergereist waren, gelangten sie zu Muhammad ibn Abdallah und sagten:
„O ihr Nachkommen von ʿAbd al-Muttalib! Ihr seid die Nachbarn des Hauses Allahs, Helfer der Bedürftigen, Speisende der Hungrigen und Beschützer der Schutzsuchenden. Wir sind wegen des Jungen gekommen, der sich bei euch befindet. Wir haben auch sein Lösegeld mitgebracht. Erweist uns eure Gunst und setzt das Lösegeld nach eurem Ermessen fest.“
Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Von welchem Jungen sprecht ihr?“
– Von eurem Sklaven Zaid ibn Haritha.
– Wollt ihr, dass ich euch etwas Besseres als das Lösegeld anbiete?
– Was wäre das?
– Ich werde ihn zu euch rufen. Er soll selbst entscheiden, ob er bei mir bleiben oder mit euch gehen will. Wenn er mit euch gehen möchte, könnt ihr ihn ohne Lösegeld mitnehmen. Wenn er jedoch bei mir bleiben möchte, kann ich nichts dagegen tun.
Sie stimmten ihm zu und sagten: „Du hast äußerst gerecht gesprochen.“
Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, rief Zaid. Er fragte: „Wer sind diese beiden Männer?“
Er sagte: „Das ist mein Vater, Haritha ibn Schurahbil, und das ist mein Onkel Kaʿb.“
Er sagte: „Wenn du möchtest, kannst du mit ihnen gehen, und wenn du möchtest, kannst du auch bei mir bleiben.“
Ohne auch nur einen Augenblick zu zögern, rief er sofort aus: „Ich bleibe bei Ihnen.“
Sein Vater sagte: „Wehe dir, Zaid! Du hast die Knechtschaft gewählt und dafür Vater und Mutter verlassen?“
Er sagte: „Ich habe an diesem Mann etwas gesehen, das mich niemals von ihm fortgehen lässt.“
Nach Zaids Entscheidung nahm Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihn an der Hand, führte ihn zur Kaaba und stellte sich neben den Schwarzen Stein. Dann verkündete er den anwesenden Quraisch: „O ihr Leute der Quraisch! Seid Zeugen: Von heute an ist Zaid mein Sohn. Er wird mein Erbe sein, und ich werde sein Erbe sein.“
Über diese Erklärung freuten sich Zaids Vater und Onkel sehr. Sie ließen ihn bei Muhammad ibn Abdillah und kehrten beruhigten Herzens in ihre Heimat zurück. Von jenem Tag an war Zaid ibn Haritha zu Zaid ibn Muhammad geworden. Alle nannten ihn Muhammads Sohn. Schließlich hob Allah, der Erhabene, durch die Offenbarung des Verses aus der Sure al-Ahzab – „Nennt sie nach ihren Vätern“ – den Brauch der Adoption von Adoptivsöhnen auf. Danach wurde er wieder unter dem Namen Zaid ibn Haritha bekannt.
Als Zaid Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) anstelle seiner eigenen Eltern erwählte, wusste er nicht, welch großen Gewinn er damit errungen hatte. Er wusste nichts davon, dass der Herr, den er anstelle seiner Familie, seiner Verwandten und seines Stammes erwählt hatte, der Sayyid al-awwalīn wa-l-ākhirīn und der von Allah zu allen Welten entsandte Gesandte war. Nicht ein einziges Mal kam ihm damals der Gedanke, dass in dieser Welt ein Staat entstehen würde, der vom Osten bis zum Westen überall von Wohlergehen und Gerechtigkeit erfüllt sein würde und dass eben dieser Mann der Gründer dieses Wohlfahrtsstaates sein würde. Nein, nichts davon kam damals in Zaids Gedanken oder Vorstellungen. Alles ist Allahs Gnade. Er gewährt reichlich, wem Er will.
Nur wenige Jahre nach diesem Ereignis erhielt Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Berufung zum Propheten. Zaid war der erste unter den männlichen Sklaven, der den Glauben annahm. Später wurde er der vertrauenswürdige Vertraute des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der Befehlshaber seiner Armee und während seiner Abwesenheit der vorübergehende Verwalter von Medina.
So wie Zaid seine Eltern verlassen und den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gewählt hatte, liebte auch der Gesandte Allahs ihn zutiefst und nahm ihn als eigenes Kind in seine Familie auf. Wenn Zaid fort war, war er besorgt; wenn er zurückkehrte, freute er sich, und er empfing ihn mit einer solchen Freude, wie man sie bei der Begegnung mit keinem anderen zu sehen bekam. Hadhrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, überlieferte, wie der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Hadhrat Zaid empfing, als dieser nach einem Feldzug nach Medina zurückkehrte.
Sie berichtet:
„Zaid ibn Haritha kehrte nach Medina zurück. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, befand sich gerade in meinem Zimmer. Zaid klopfte an die Tür. Der Gesandte Allahs stand beinahe unbekleidet auf. Er trug damals nichts außer einem Stück Stoff, das seinen Körper vom Nabel bis zu den Knien bedeckte. In diesem Zustand lief er, während er das Tuch hinter sich herzog, zur Tür. Er umarmte Zaid und küsste ihn. Bei Allah, weder zuvor noch danach sah ich den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, jemals wieder so unbekleidet.“
Die tiefe Liebe des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu Zaid wurde unter den Muslimen bekannt. Deshalb nannten die Menschen ihn „Zaid al-Hubb“, und sein Beiname wurde „Hibbu Rasulillah“, das heißt: der Liebling des Gesandten Allahs.
Als Hadhrat Hamza, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, den Islam annahm, stiftete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zwischen ihm und Zaid eine Brüderbeziehung. Zwischen den beiden entstand eine tiefe Verbundenheit. Wenn Hamza einmal auf eine Reise ging, setzte er seinen Glaubensbruder Zaid als seinen Bevollmächtigten ein.
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hatte eine Sklavin namens „Ummu Aiman“. Eines Tages sagte er zu den Gefährten: „Wenn jemand ein Mädchen aus dem Paradies heiraten möchte, soll er Ummu Aiman heiraten.“ Hadhrat Zaid heiratete sie, um den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, glücklich zu machen. Von ihr wurde in Mekka der berühmte Heerführer Hadhrat Usama ibn Zaid geboren.
Nach der Auswanderung von Mekka nach Medina war er Gast von Hadhrat Kulthum ibn Hidm. Mit Hadhrat Usaid ibn Hudair, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, wurde eine Bruderschaft begründet. Bis dahin hatte er als Mitglied der Familie des Propheten mit ihnen zusammengelebt. Nach seiner Ankunft hier wurde ihm ein eigenes Haus gegeben, und er heiratete Zaynab bint Dschahsch, die Cousine des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Da sich mit Zaynab kein eheliches Verhältnis entwickelte, ließ er sich von ihr scheiden. Danach heiratete der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Zaynab auf Allahs Anweisung.
Hazrat Zaid war einer der bedeutendsten Bogenschützen Arabiens jener Zeit. Er nahm an allen Feldzügen von Badr bis Mu’ta teil. Nur am Feldzug von Marra Yas’ konnte er nicht teilnehmen. Während dieses Feldzugs setzte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihn als seinen Stellvertreter in Medina ein.
Im achten Jahr nach der Hidschra ereignete sich ein schrecklicher Vorfall. In diesem Jahr sandte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) al-Harith ibn Umair al-Azdi mit einem Brief, der die Botschaft des Islam enthielt, zum Statthalter von Basra. Als al-Harith den Ort Mu’ta an der östlichen Grenze Jordaniens erreichte, versperrte ihm Schurahbil ibn ‘Amr, ein Statthalter des Ghassanidenkönigs, den Weg und nahm ihn gefangen. Dann ließ er ihn töten. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nahm diese Angelegenheit äußerst ernst, denn zuvor war noch kein Gesandter auf diese Weise getötet worden. Er stellte für den Feldzug nach Mu’ta ein Heer von dreitausend Soldaten auf und übertrug Hazrat Zaid ibn Haritha die Führung. Unmittelbar vor dem Aufbruch gab der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) folgende Anweisung: »Wenn Zaid den Märtyrertod erleidet, soll Ja’far ibn Abi Talib der nächste Befehlshaber des Heeres werden. Wenn Ja’far den Märtyrertod erleidet, soll Abdullah ibn Rawaha der Befehlshaber werden. Sollte auch er den Märtyrertod erleiden, sollen sie aus ihrer Mitte einen Befehlshaber wählen.«
Unter Zaids Führung marschierte das Heer von Medina ab und erreichte Ma’an an der östlichen Grenze Jordaniens. Der römische Kaiser Herakleios rückte mit einem gewaltigen Heer von hunderttausend Soldaten vor, um aufseiten der Ghassaniden Widerstand zu leisten. Weitere hunderttausend Soldaten der polytheistischen Araber schlossen sich ihm an. Dieses vereinte Heer bezog in geringer Entfernung vom muslimischen Heer Stellung. Das muslimische Heer blieb zwei Nächte in Ma’an und beriet sich über das weitere Vorgehen. Einige sagten, man solle dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in einem Schreiben die Stärke des feindlichen Heeres mitteilen und seine weiteren Anweisungen abwarten. Andere sagten: »Wir kämpfen nicht aufgrund von Zahl, Stärke oder Überlegenheit. Wir kämpfen für diese Religion. Schreitet zu dem Ziel voran, für das ihr aufgebrochen seid. Ihr werdet einen der beiden Erfolge erringen: entweder den Sieg oder das Martyrium.«
Daraufhin traten die beiden so ungleichen Heere einander im Kampf gegenüber. Als das römische Heer den Mut und die Tapferkeit von nur dreitausend Soldaten gegen zweihunderttausend Soldaten sah, war es vor Staunen völlig sprachlos. Zugleich erfüllte Furcht seine Herzen.
Zaid ibn Haritha kämpfte mit einer in der Geschichte seltenen Tapferkeit dafür, das Banner des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hochzuhalten. Sein Körper wurde von unzähligen Pfeil- und Speerstichen durchsiebt. Schließlich sank er auf dem Schlachtfeld nieder. Danach ergriffen nacheinander Ja’far ibn Abi Talib und Abdullah ibn Rawaha das Banner und erlitten tapfer den Märtyrertod. Anschließend wurde Khalid ibn al-Walid durch einen gemeinsamen Beschluss des muslimischen Heeres zum Befehlshaber gewählt. Er war ein neuer Muslim. Unter seiner Führung wurde das muslimische Heer vor einer unvermeidlichen Niederlage und Vernichtung bewahrt. So erlitt Hazrat Zaid im neunten Jahr nach der Hidschra im Alter von vierundfünfzig oder fünfundfünfzig Jahren den Märtyrertod.
Als die traurige Nachricht von Mu’ta den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erreichte, war er so tief betrübt, dass man ihn niemals zuvor derart von Trauer überwältigt gesehen hatte. Er besuchte die Häuser der gefallenen Befehlshaber und sprach ihren Familien sein Beileid aus. Als er Zaids Haus erreichte, umklammerte dessen kleines Töchterchen den Gesandten Allahs unter Tränen, woraufhin der Gesandte Allahs laut zu weinen begann. Als Sa’d ibn Ubada ihn in diesem Zustand sah, rief er aus: »O Gesandter Allahs, was ist das?
Er sagte: »Das ist ein Ausdruck der Liebe.«
Nach seiner Rückkehr von der Abschiedspilgerfahrt sandte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Usama, Zaids noch jungen Sohn, mit einem Heer aus, um den Tod seines Vaters zu rächen. Vielen gefiel es nicht, dass ein so junger Mann das Heer führte. Als der Gesandte Allahs davon erfuhr, sagte er: »Ihr habt zuvor die Führung seines Vaters kritisiert. Und jetzt könnt ihr euch mit der Führung seines Sohnes nicht zufriedengeben? Bei Allah! Zaid war der Führung würdig, und er war mir der Liebste. Danach ist sein Sohn Usama mir der Liebste.« Usama war ein würdiger Sohn seines Vaters. Nachdem er den angemessenen Ausgleich für die Tötung seines Vaters genommen hatte, kehrte er nach Medina zurück.
Die Verehrung, Liebe und Treue gegenüber dem Gesandten Allahs (s.a.w.) und das Erlangen seines Wohlgefallens waren das einzige Lebensziel von Hazrat Zaid (r.a.). Dafür finden sich in verschiedenen Ereignissen seines Lebens Belege. Hazrat Umm Ayman (r.a.) war eine hochbetagte, äußerlich wenig ansehnliche Frau. Hazrat Zaid (r.a.) heiratete sie allein, um den Gesandten Allahs (s.a.w.) glücklich zu machen. Nachdem seine Ehe mit Hazrat Zaynab (r.a.) geschieden worden war, unterbreitete er selbst Hazrat Zaynab (r.a.) erneut den Heiratsantrag des Gesandten Allahs (s.a.w.). Der einzige Grund dafür war, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) den Wunsch geäußert hatte, sie zu heiraten. Aus Respekt vor Hazrat Zaynab (r.a.) hob er deshalb nicht einmal die Augen, um sie anzusehen. Er wandte sich von ihr ab und trug lediglich den Antrag vor. (Muslim)
Als Hazrat Aischa (r.a.) die grenzenlose Liebe des Gesandten Allahs (s.a.w.) zu Hazrat Zaid und dessen Kindern bemerkte, sagte sie: „Wenn Zaid am Leben geblieben wäre, hätte der Gesandte Allahs (s.a.w.) ihn nach seinem Tod vielleicht zu seinem Nachfolger eingesetzt.“
Abdallah Ibn Abbas ((r.a.))
Sein Name war Abdallah, seine Kunya Abu l-Abbas. Sein Vater war Abbas, seine Mutter Umm al-Fadl Lubaba. Er war ein Nachkomme des haschemitischen Zweigs des Stammes Quraisch. Er war der Cousin des Gesandten Allahs (s.a.w.), und Hazrat Maymuna (r.a.), eine der Mütter der Gläubigen, war seine leibliche Tante.
Der große Gefährte Hazrat Abdallah Ibn Abbas (r.a.) besaß in vielerlei Hinsicht Ehre und Ruhm. Seiner Abstammung nach war er der Cousin des Gesandten Allahs (s.a.w.). Aufgrund seines umfassenden Wissens und seiner Gelehrsamkeit erhielt er vom arabischen Volk und von der Umma Muhammads den Beinamen „Habr und Bahr“ (frommer Gelehrter und Meer). Er war ein lebendiges Beispiel für Gottesfurcht und Frömmigkeit. Über ihn wurde gesagt, dass er tagsüber fastete, nachts dem Gottesdienst nachging und in der letzten Nachtwache Reue zeigte und Allah um Vergebung bat. Aus Furcht vor Allah weinte er so viel, dass seine Tränen zwei Spuren auf seinen Wangen hinterließen.
Dieser Abdallah Ibn Abbas ist es, der von der Umma Muhammads als Rabbani (ein Gelehrter, der Allah erkannt hat) bezeichnet wurde. Er war der kenntnisreichste über das Buch Allahs, den heiligen Koran, der kundigste in seiner Auslegung und seinen Bedeutungen und der befähigtste, seine Geheimnisse zu erfassen.
Er wurde drei Jahre vor der Auswanderung des Gesandten Allahs (s.a.w.) von Mekka nach Medina in Mekka im Schi’b Abi Talib geboren. Da die Quraisch seinen Stamm, die Banu Haschim, boykottierten, lebten sie damals im Schi’b Abi Talib. Zum Zeitpunkt des Todes des Gesandten Allahs (s.a.w.) war er lediglich ein dreizehnjähriger Junge. Trotzdem bewahrte er eintausendsechshundertsechzig Aussagen oder Hadithe des Gesandten Allahs (s.a.w.) in seinem Gedächtnis und erwies dadurch der muslimischen Gemeinschaft großen Nutzen; viele davon wurden in Sahih al- Buchari und Sahih Muslim überliefert. Hazrat Abdallahs Vater, Hazrat Abbas, nahm dem Anschein nach im achten Jahr nach der Hidschra, kurze Zeit vor der Eroberung Mekkas, den Islam an. Nach der Überlieferung Ibn Sa’ds war Umm al-Fadl nach der Mutter der Gläubigen, Hazrat Chadidscha, die erste Frau, die den Glauben annahm. Daher wuchs Hazrat Abdallah von Geburt an in einer Umgebung des Tauhid auf und trat, als er Verstand und Urteilsvermögen erlangt hatte, als Muslim mit festem Glauben hervor.
Seine Mutter, die berühmte Gefährtin Umm al-Fadl Lubaba bint al-Harith al-Hilaliyya, nahm Abdallah nach seiner Geburt auf den Arm und brachte ihn zum Gesandten Allahs (s.a.w.). Der Gesandte Allahs (s.a.w.) nahm etwas Speichel aus seinem geheiligten Mund und führte damit bei dem kleinen Abdallah die Tahnik durch. So gelangte noch vor jedem weltlichen Stoff der heilige und segensreiche Speichel des edlen Gesandten in seinen Magen. Zugleich drangen Gottesfurcht und Weisheit in ihn ein.
Sein Vater, Hadhrat al-Abbas, wanderte im achten Jahr der Hidschra, wenige Tage vor der Eroberung Mekkas, mit seiner gesamten Familie nach Medina aus. Abdullah war damals höchstens elf Jahre alt. Dennoch verbrachte er schon zu jener Zeit den größten Teil seiner Zeit in der Gesellschaft des Gesandten Allahs. Eines Tages kehrte er nach Hause zurück und berichtete: „Ich sah beim Gesandten Allahs einen Mann, den ich nicht kannte.“ Als Hadhrat al-Abbas dies dem Gesandten Allahs mitteilte, rief dieser Abdullah zu sich, setzte ihn auf seinen Schoß, strich ihm über den Kopf und sprach ein Bittgebet: „O Allah, segne ihn und verbreite durch ihn das Licht des Islam.“
Seit seinem siebten Lebensjahr widmete er sich dem Dienst und der Betreuung des Gesandten Allahs. Wenn dieser Wasser für die Gebetswaschung benötigte, sorgte er dafür; wenn er zum Gebet aufstand, stellte er sich hinter ihn und betete mit ihm; und wenn er zu einer Reise aufbrach, ritt er hinter ihm auf dessen Reittier und begleitete ihn. So folgte er ihm wie ein Schatten und trug stets in sich ein wachsames Herz, einen klaren Verstand und ein Gedächtnis, das stärker war als sämtliche Aufzeichnungsgeräte der modernen Zeit.
Obwohl Hadhrat Abdullah ibn Abbas von Natur aus ruhig, klug und gewandt war, fiel doch die Lebensphase, in der er die Gelegenheit hatte, die Gesellschaft des Gesandten Allahs zu genießen, in die Spielzeit eines Kindes. Er erinnerte sich: „Ich spielte mit den anderen Jungen in den Gassen und auf den Straßen. Eines Tages sah ich den Gesandten Allahs von hinten kommen. Schnell floh ich und versteckte mich hinter der Tür eines Hauses. Doch er holte mich ein. Er legte mir die Hand auf den Kopf und sagte: ‚Geh und rufe Muawiya.‘ Muawiya war der Schreiber beziehungsweise Sekretär des Gesandten Allahs. Ich lief zu ihm und sagte: ‚Komm, der Gesandte Allahs ruft dich.‘“
Die Mutter der Gläubigen, Hadhrat Maymuna, war die Tante mütterlicherseits von Hadhrat Abdullah und verbrachte deshalb die meiste Zeit bei ihr. Oft schlief er nachts in ihrem Zimmer. Dadurch wurde er, da er ihm sehr nahe war, mit der besonders innigen Gesellschaft des Gesandten Allahs gesegnet. Er erhielt auch die Gelegenheit, nachts mit dem Gesandten Allahs das Tahadschud-Gebet zu verrichten und ihm das Wasser für die Gebetswaschung zu reichen. Als er sich eines Nachts im Zimmer Hadhrat Maymunas beim Tahadschud-Gebet links vom Gesandten Allahs aufstellte, nahm sie Abdullah am Kopf und stellte ihn auf dessen rechte Seite.
Hadhrat Abdullah ibn Abbas schilderte das Ereignis folgendermaßen: „Eines Tages äußerte der Gesandte Allahs den Wunsch, die Gebetswaschung zu vollziehen. Ich stellte sogleich Wasser bereit. Über meine Handlung freute er sich sehr. Als er zum Gebet aufstand, gab er mir ein Zeichen, mich neben ihn zu stellen. Doch ich stellte mich hinter ihn. Nach dem Gebet wandte er sich mir zu und fragte: ‚Was hat dich davon abgehalten, neben mir zu stehen, Abdullah?‘ Ich antwortete: ‚O Gesandter Allahs, in meinen Augen sind Sie äußerst hochgeehrt und von so hohem Rang, dass ich mich nicht für würdig hielt, neben Ihnen zu stehen.‘ Sofort hob er beide Hände zum Himmel und sprach ein Bittgebet: ‚Allahumma atihi-l-hikma‘ – ‚O Allah, schenke ihm Weisheit beziehungsweise Wissen.‘ Ein anderes Mal reichte ich dem Gesandten Allahs nachts das Wasser für die Gebetswaschung, und er sprach für Abdullah folgendes Bittgebet: ‚Allahumma faqqihhu fid-din wa allimhu-t-ta’wil‘ – ‚O Allah, mache ihn zu einem Gelehrten in Religionsfragen und lehre ihn die Methode der Auslegung.‘“
Allah, der Erhabene, erhörte dieses Bittgebet Seines geliebten Propheten und verlieh dem haschemitischen Knaben ein solches Maß an Wissen, dass er zu einem Gegenstand des Neides für die größten Gelehrten wurde. In den Geschichts- und Biographiewerken werden zahlreiche Begebenheiten über sein tiefes Wissen und seine außergewöhnliche Klugheit berichtet.
Als der Gesandte Allahs verstarb, war Abdullah erst dreizehn Jahre alt. Zweieinviertel Jahre später starb der erste Kalif, Hadhrat Abu Bakr. Während der Amtszeit des zweiten Kalifen, Hadhrat Umar, trat er ins Erwachsenenalter ein. Kalif Umar nahm ihn unter seine persönliche Betreuung und ließ ihn in seiner Gesellschaft bleiben. Er gestattete ihm, in wichtigen Versammlungen neben bedeutenden Gefährten zu sitzen. Auch die Teilnahme an den Versammlungen der Gefährten von Badr wurde ihm erlaubt. Der Hadith-Gelehrte Ibn Abd al-Barr sagte: „Umar liebte Ibn Abbas und ließ ihn in seiner Gesellschaft verweilen.“
Im Zeitalter des dritten Kalifen, Hadhrat Uthman, wurde im Jahr 27 nach der Hidschra unter dem Befehl des Statthalters von Ägypten, Abdullah ibn Abi Sarh, ein Feldzug nach Afrika unternommen. Hadhrat Abdullah nahm von Medina aus mit einem Heer an diesem Feldzug teil und verhandelte als Gesandter der Muslime mit dem afrikanischen König Dschurdschir. Als der König seine scharfe Auffassungsgabe und seine Klugheit sah, bemerkte er: „Ich vermute, dass Sie einer der großen Gelehrten der Araber sind.“
Als Hazrat Uthman (möge Allah mit ihm zufrieden sein) im Jahr 35 nach der Hidschra von den Aufständischen unter Hausarrest gestellt wurde, ernannte er Abdullah zu seinem Stellvertreter als Amir al-Hajj und schickte ihn nach Mekka. In jenem Jahr wurde die Hadsch unter seiner Leitung abgehalten. Als er von der Hadsch nach Medina zurückkehrte, war Medina in Aufruhr. Der Kalif Uthman (möge Allah mit ihm zufrieden sein) war durch die Hand der Aufständischen den Märtyrertod gestorben, und Medina stand unter ihrer Kontrolle. Sie setzten Hazrat Ali unter Druck, die Verantwortung für das Kalifat zu übernehmen. Hazrat Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) beriet sich mit Abdullah über diese Angelegenheit. Nachdem Abdullah die Lage eingehend analysiert hatte, riet er Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein), die Verantwortung nicht zu übernehmen. Alle Umstände, von denen er annahm, dass sie nach Alis Übernahme der Verantwortung entstehen würden, sollten sich später tatsächlich bewahrheiten.
In der Kamelschlacht übernahm Hazrat Abdullah aufseiten Hazrat Alis die Führung der Truppen aus dem Hidschas. Hazrat Ali ernannte ihn zum Wali von Basra. Mit einem Heer aus Basra nahm er aufseiten Alis (möge Allah mit ihm zufrieden sein) an der Schlacht von Siffin teil. Es sei erwähnt, dass diese Schlacht zwischen Hazrat Ali und Hazrat Muawiya (möge Allah mit ihnen beiden zufrieden sein) ausgetragen wurde. Gemäß dem Beschluss von Siffin wollte Hazrat Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) Hazrat Abdullah zu seinem Schiedsrichter ernennen, doch wegen des Einspruchs der anderen konnte dieser Wunsch nicht verwirklicht werden.
Als sich während des Konflikts und der Auseinandersetzungen zwischen Hazrat Ali und Hazrat Muawiya (möge Allah mit ihnen beiden zufrieden sein) einige Gefährten Alis (möge Allah mit ihm zufrieden sein) von ihm abwandten, sagte Abdullah ibn Abbas zu Ali: „Amir al-Mu’minin, gestatte mir, zu ihnen zu gehen und ein wenig mit ihnen zu sprechen.“ Er sagte: „Ich befürchte, dass sie dir gegenüber irgendeine Art von Übermaß an den Tag legen könnten.“ Abdullah sagte: „So etwas wird, insha’Allah, nicht geschehen.“
Als Abdullah zu ihnen ging, stellte er fest, dass er zuvor noch nie eine Gemeinschaft gesehen hatte, die sich so hingebungsvoll und konzentriert dem Gottesdienst widmete wie sie. Sie sagten: „Ibn Abbas, herzlich willkommen! Doch weshalb bist du gekommen?“ Er sagte: „Um mit euch über etwas zu sprechen.“ Einige von ihnen sagten: „Es besteht kein Anlass, mit ihm zu sprechen.“ Andere jedoch sagten: „Gut, sprich; wir wollen dir zuhören.“ Er sagte: „Warum hegt ihr eine derart extreme Haltung gegenüber Ali, dem Cousin des Gesandten Allahs, seinem Schwiegersohn und demjenigen, der als einer der Ersten an ihn glaubte?“ Sie sagten: „Wir wollen ihm drei seiner Handlungen vergelten.“ Er sagte: „Welche drei Handlungen sind das?“ Sie sagten:
1. Indem er auf dem Schlachtfeld von Siffin Abu Musa al-Asch’ari und Amr ibn al-As zu Schiedsrichtern ernannte, setzte er Menschen als Richter in der Angelegenheit von Allahs Religion ein.
2. Er kämpfte gegen Aischa und Muawiya, nahm jedoch weder deren Vermögen als Kriegsbeute noch die Kriegsgefangenen als Sklaven und Sklavinnen an.
3. Obwohl die Muslime ihm den Treueid leisteten und ihn als ihren Amir anerkannten, legte er den Titel „Amir al-Mu’minin“ ab.
Ibn Abbas erwiderte:
„Wenn ich euch aus dem Buch Allahs und dem Hadith des Gesandten etwas vortragen kann, das ihr nicht leugnen könnt, werdet ihr dann von dem Glauben, auf dem ihr steht, Abstand nehmen?“ Als sie zustimmend antworteten, sagte er:
„Ihr erhebt den Vorwurf, dass er ein Verbrechen begangen habe, indem er in einer Angelegenheit der Religion Menschen zu Richtern gemacht hat. Allah, der Erhabene, sagt jedoch:
„O ihr, die ihr glaubt, jagt nicht, während ihr euch im Ihram-Zustand befindet. Wenn jemand von euch vorsätzlich etwas jagt, soll er als Ersatz ein gleichartiges Tier zur Kaaba bringen, entsprechend dem Urteil von zwei gerechten Richtern unter euch.“ (Al-–Māʾida: 95)
„Ich schwöre bei Allah: Ist es nicht vernünftiger, Menschen zu Richtern zu ernennen, um das Blut und Leben der Menschen zu schützen und ihre gegenseitigen Streitigkeiten zu schlichten, als wegen eines getöteten Kaninchens im Wert von vier Dirham einen Richter zu ernennen?“
Sie sagten: „Ja, die Ernennung von Richtern zum Schutz des menschlichen Blutes und zur Beilegung ihrer gegenseitigen Streitigkeiten ist vernünftiger.“ Ibn Abbas sagte: „Haben wir uns also in dieser Angelegenheit geeinigt?“ Sie sagten: „Ja.“
Ibn Abbas sagte: „Ihr sagt, Ali habe gegen Aischa und Muawiya gekämpft, sie aber nicht gefangen genommen und zu Sklaven und Sklavinnen gemacht. Wollt ihr, dass eure Mutter Aischa zu einer Sklavin gemacht wird und man mit ihr ebenso verfährt wie mit den anderen Sklavinnen? Wenn ihr darauf mit Ja antwortet, werdet ihr zu Kāfirn. (denn in der Scharia ist es erlaubt, eine Sklavin so wie eine Ehefrau zu behandeln .“।)’
Und wenn ihr sagt: „Aischa ist nicht unsere Mutter“, werdet ihr ebenfalls zu Kāfirn. Denn Allah sagt:
„Der Prophet ist den Gläubigen näher als sie sich selbst, und seine Ehefrauen sind ihre Mütter.“ (Sure Al–Ahzab: 36)
„Wählen Sie nun eine dieser beiden Antworten aus.“ Danach sagte er: „Sind wir also auch in dieser Angelegenheit zu einer Entscheidung gelangt?“ Sie antworteten: „Ja.“
Schließlich sagte er: „Ihr habt den Vorwurf erhoben, dass Ali den Titel ‚Amir al-Mu’minin‘ abgelegt habe. Als jedoch während des Friedensvertrags von Hudaibiyya das Abkommen zwischen dem Gesandten Allahs (s.a.s.) und den Götzendienern von Mekka aufgesetzt wurde und darin der Satz ‚Muhammad, der Gesandte Allahs (s.a.s.)‘ geschrieben werden sollte, sagten die Quraisch: Wenn wir wirklich geglaubt hätten, dass du der Gesandte Allahs bist, hätten wir dich nicht daran gehindert, die Kaaba zu erreichen, und hätten auch keinen Kampf gegen dich geführt. Schreibe stattdessen anstelle dieses Satzes: ‚Muhammad ibn Abdillah‘. Damals gab der Gesandte (s.a.s.) ihrer Forderung nach und sagte dabei: ‚Bei Allah, ich sage mit Gewissheit: Ich bin der Gesandte Allahs, ganz gleich, wie sehr ihr dies mir gegenüber leugnet.‘ Aus genau demselben Grund legte Ali den Titel ‚Amir al-Mu’minin‘ ab. Denn wenn Mu’awiya ihn als ‚Amir al-Mu’minin‘ anerkannt hätte, hätte es überhaupt keinen Streit gegeben.“ Danach sagte er: „Sind wir also auch in dieser Angelegenheit zu einer Entscheidung gelangt?“ Sie antworteten: „Ja.“
Die Abtrünnigen von Ali waren durch diese gelehrte Unterredung mit Abdullah ibn Abbas zufrieden und akzeptierten seine überzeugenden Argumente vorbehaltlos. Nach diesem Gespräch kehrten zwanzigtausend Menschen wieder in Alis Lager zurück, während die übrigen viertausend an ihrer voreiligen Entscheidung festhielten, Ali feindlich gegenüberzustehen.
In Nahrawan kam es zur Schlacht Hadhrat Alis (r.a.) gegen die extremistischen Charidschiten. Abdullah nahm von Basra aus mit siebentausend Soldaten an dieser Schlacht teil. Hadhrat Ali setzte Abdullah neben Basra auch als Wali über das gesamte eroberte Iran ein. Er schlug den Aufstand der Charidschiten im Iran nieder.
Einem Bericht zufolge legte Hadhrat Abdullah noch während Alis (r.a.) Kalifat sein Amt als Gouverneur von Basra nieder und ging nach Mekka. Als Grund wird angegeben, dass es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihm und dem Qadi von Basra, Abu al-Aswad ad-Du’ali, gekommen war und er deshalb zurücktrat. Nach einem anderen Bericht übte er das Amt des Wali von Basra bis zum Ende von Hadhrat Alis (r.a.) Kalifat aus und ging zu Beginn des Kalifats von Hadhrat Mu’awiya (r.a.) nach Mekka, wo er zurückgezogen lebte.
Als Hadhrat Imam Husain (r.a.) auf Einladung der Bewohner von Kufa von Medina über Mekka nach Kufa aufbrach, versuchte Hadhrat Abdullah, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, indem er ihn an den Verrat der Bewohner von Kufa erinnerte. Hadhrat Abdullah war zutiefst erschüttert, als Imam Husain von Karbala zusammen mit seiner Familie den Märtyrertod erlitt. Obwohl er sich in Mekka aufhielt, verweigerte Hadhrat Abdullah den Treueid gegenüber Ibn az-Zubair (r.a.). Er hielt ihn jedoch für den rechtmäßigen Anwärter auf das Kalifat. Buchari Scharif wird dies aufgrund eines Hadiths deutlich. Deshalb wurde sein Aufenthalt in Mekka etwas beschwerlich. Er zog nach Taif. Gegen Ende seines Lebens erkrankte er und verstarb in Taif.
Hadhrat Abdullah ibn Abbas widmete sich mit unermüdlichem Eifer und großer Anstrengung dem Erwerb von Wissen. Zu diesem Zweck beschritt er alle möglichen Wege und wandte alle möglichen Methoden an. Zu Lebzeiten des Gesandten (s.a.s.) schöpfte er zwei Hände voll aus dessen süßer Quelle, und nach dessen Tod stillte er seinen Wissensdurst bei herausragenden Gefährten. Wie bescheiden und geduldig er beim Erwerb von Wissen war, lässt sich bereits aus einem eigenen Bericht von ihm erahnen. Er sagte:
„Wann immer ich erfuhr, dass ein Gefährte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, einen Hadith von ihm bewahrte, begab ich mich zu seiner Haustür. Wenn die Zeit der Mittagsruhe gekommen war, breitete ich vor seiner Tür meinen Umhang aus und legte mich hin. Der Wind wirbelte Staub auf, sodass meine Kleidung und mein Körper vielleicht völlig davon bedeckt wurden. Sobald ich jedoch um Erlaubnis bat, ihn zu sehen, gewährte er mir die Erlaubnis. Ich tat dies einzig zu dem Zweck, ihn zu befragen. Als er aus dem Haus kam und meinen beklagenswerten Zustand sah, sagte er: ‚O Vetter des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, zu welchem Zweck bist du gekommen? Warum hast du mich nicht benachrichtigt? Ich wäre selbst zu dir gegangen.‘ Ich erwiderte: ‚Es ist angemessen, dass ich zu dir komme, denn Wissen ist etwas, zu dem man kommt, um es zu empfangen, und nicht etwas, zu dessen Übermittlung man sich auf den Weg macht.‘ Danach fragte ich ihn nach dem Hadith.“
Beim Erwerb von Wissen war Ibn Abbas bescheiden. Auch erwies er den Gelehrten die ihnen gebührende Wertschätzung. In diesem Zusammenhang ist ein Ereignis besonders erwähnenswert. Eines Tages wollte Zaid ibn Thabit, möge Allah mit ihm zufrieden sein, der Führer der Gelehrten von Medina in den Disziplinen Offenbarungsschrift, Rechtsprechung, Fiqh, Koranrezitation und Erbrecht, sein Reittier besteigen. Da trat der haschemitische junge Mann Abdullah ibn Abbas in der Haltung eines Dieners, der vor seinem Herrn steht, vor ihn und half ihm beim Aufsteigen, indem er die Zügel und den Sattel des Reittiers hielt. Zaid, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte zu ihm: ‚O Vetter des Gesandten, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, was tust du da? Lass das.‘ Ibn Abbas sagte: ‚Wir sind angewiesen, unseren Gelehrten und Wissenden gegenüber so zu handeln.‘ Zaid, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: ‚Reiche mir eine deiner Hände.‘ Als er ihm eine Hand hinhielt, beugte sich Zaid, möge Allah mit ihm zufrieden sein, zu ihr herab, küsste sie und sagte: ‚Wir sind auch angewiesen, den Angehörigen des Hauses unseres Propheten gegenüber so zu handeln.‘
Die großen Gelehrten und Denker jener Zeit waren zutiefst erstaunt über die Gewohnheiten, die Hingabe und die Arbeitsweise von Ibn Ibn Abbas bei der Suche nach Wissen. Masruq ibn al-Adschda, einer der bedeutendsten Tabi’un, sagte: „Als ich Ibn Abbas sah, sagte ich: ‚Der schönste Mensch.‘ Als er sprach, sagte ich: ‚Der redegewandteste Mensch.‘ Und als er einen Vortrag hielt, sagte ich: ‚Der gelehrteste Mensch.‘“
Als er beim Erwerb von Wissen ein gewisses Maß an Zufriedenheit erlangt hatte, nahm er sich die Aufgabe zu Herzen, die Menschen zu unterrichten. Von da an verwandelte sich sein Haus in eine islamische Universität. Es wäre nicht übertrieben, sein Haus in dem Sinne als Universität zu bezeichnen, in dem wir das Wort heute verwenden. Der Unterschied zwischen einer modernen Universität und der Universität Ibn Abbas bestand jedoch darin, dass an einer modernen Universität viele Lehrer tätig sind, während es dort nur einen Lehrer gab. Dieser war Ibn Abbas, möge Allah mit ihm zufrieden sein.
Ein Gefährte von Ibn Abbas berichtet: „Ich habe eine Versammlung Ibn Abbas’ gesehen, die für den gesamten Stamm der Quraisch ein äußerst großer Anlass zu Stolz war. Ich sah, dass die Straße vor seinem Haus von Menschen überfüllt war. Ich ging zu ihm und berichtete ihm von der gewaltigen Menschenmenge an der Haustür. Er ließ Wasser für die Gebetswaschung bringen, vollzog die Gebetswaschung und setzte sich dann hin. Er sagte: ‚Geh hinaus und sage den Wartenden: Diejenigen, die Fragen über den Koran und die Koranrezitation stellen wollen, sollen hereinkommen.‘ Ich ging hinaus und sagte es ihnen. Daraufhin drang eine so große Zahl von Menschen ein, dass der Raum, ja sogar das gesamte Haus, voll war. Er beantwortete alles, was sie wissen wollten, und sagte dann: ‚Macht Platz für eure Brüder, die warten.‘ Sie gingen hinaus.“
Danach sagte er zu mir: ‚Geh hinaus und sage: Diejenigen, die etwas über die Tafsir und Ta’wil des Korans wissen wollen, sollen hereinkommen.‘ Ich ging hinaus und sagte es ihnen. Daraufhin füllte sich das Haus mit Menschen. Er beantwortete all ihre Fragen und teilte ihnen darüber hinaus noch vieles mit. Dann sagte er: ‚Macht Platz für eure Brüder, die warten.‘ Sie gingen hinaus.
Wieder sagte er zu mir: ‚Geh hinaus und schicke diejenigen herein, die etwas über das Erlaubte, das Verbotene und Fiqh wissen wollen.‘ Ich ging hinaus und schickte sie herein. Auch ihre Zahl war so groß, dass das Haus vollständig gefüllt war. Nachdem er alle ihre Fragen beantwortet hatte, forderte er sie auf, für die Nächsten Platz zu machen. Sie gingen hinaus.
Er schickte mich erneut hinaus und ließ diejenigen hereinrufen, die etwas über das Erbrecht und die damit verbundenen Rechtsfragen wissen wollten. Wieder füllte sich das Haus. Nachdem er alle ihre Fragen zufriedenstellend beantwortet hatte, forderte er sie auf, für die Nächsten Platz zu machen. Sie gingen hinaus. Er schickte mich wieder hinaus und sagte: ‚Schicke diejenigen herein, die etwas über die arabische Sprache, die Dichtkunst und die erstaunliche Literatur der Araber erfahren möchten.‘ Ich schickte sie herein. Wieder füllte sich das Haus. Er beantwortete all ihre Fragen, stellte sie zufrieden und verabschiedete sie. Der Überlieferer kommentiert: ‚Allein diese eine Versammlung genügt als Anlass zum Ruhm und Stolz für den gesamten Stamm der Quraisch.‘
Gerade wegen dieses Andrangs legte Ibn Abbas später für jedes Thema einen bestimmten Wochentag fest. An verschiedenen Tagen hielt er Vorträge über Fiqh, Maghazi, Dichtung, die Geschichte des vorislamischen Arabien und andere Themen. Ganz gleich, wie gelehrt die Teilnehmer seiner Gesprächskreise auch waren – sie gingen stets zufrieden nach Hause.
Dank seines unermesslichen Wissens und seiner außergewöhnlichen Denkkraft wurde Ibn Abbas trotz seiner Jugend mit der ehrenvollen Mitgliedschaft im Schura-Rat des rechtgeleiteten Kalifats ausgezeichnet. Wenn Umar vor einem schwierigen Problem stand, rief er die älteren und gelehrten Gefährten zusammen. Zugleich ließ er auch Abdullah Ibn Abbas holen. Wenn dieser erschien, erwies Umar ihm große Ehre und sagte: „Wir stehen vor einer schwierigen Prüfung. Finde du und alle anderen, die dir gleichen, eine Lösung.“
Einmal schenkte Umar in einer Versammlung älterer und betagter Gefährten Abdullah Ibn Abbas etwas mehr Beachtung und Vorrang als den anderen. Damals war Abdullah noch ein junger Mann. Dafür wurde Umar von den älteren Gefährten kritisiert. Einige sagten: „Auch wir haben Söhne und Enkel in seinem Alter; wir könnten sie ebenfalls mitbringen.“ Daraufhin prüfte Umar Abdullah, indem er ihn nach der Auslegung eines Koranverses fragte. Abdullah bestand diese Prüfung. Da sagte Umar: „Abdullah ist ein junger Mann wie ein Reifer. Er besitzt eine fragende Zunge und ein wachsames Herz.“
Hischam Ibn Urwa fragte seinen Vater Urwa nach der Tiefe von Ibn Abbas’ Wissen und nach seiner Stellung. Er antwortete: „Meines Erachtens habe ich keinen Gelehrteren als Ibn Abbas gesehen.“
Amr Ibn Habaschi berichtet: „Ich fragte Ibn Umar nach einem Vers. Er sagte: Geh zu Ibn Abbas und frage auch ihn. Denn unter den noch lebenden Kennern dessen, was Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, offenbart wurde, ist er der Gelehrteste.“
Die Grundlage seiner außergewöhnlichen Gelehrsamkeit in der Tafsir-Wissenschaft und in anderen islamischen Disziplinen war erstens die Möglichkeit, dem edlen Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahe zu sein und ihm zu dienen. Zweitens das Bittgebet des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für ihn. Drittens sein unermessliches Interesse am Erwerb von Wissen sowie sein unermüdliches Bemühen und Streben.
Als Zaid Ibn Thabit starb, bemerkte Abu Huraira: „Der gelehrte Gelehrte dieser Umma ist verstorben, und ich hoffe, dass Allah, der Erhabene, Abdullah Ibn Abbas zu seinem Nachfolger machen wird.“
Neben der Unterweisung herausragender Schüler und angesehener Persönlichkeiten kümmerte sich Ibn Abbas auch um die einfachen Leute. Bisweilen hielt er bei besonderen Versammlungen Ermahnungen und religiöse Ansprachen für die breite Bevölkerung.
Ibn Abbas war keiner von denen, die anderen auftrugen zu tun, was sie selbst nicht taten. Tagsüber pflegte er zu fasten und nachts widmete er sich dem Gottesdienst. Abdallah ibn al-Mulayka berichtet: „Einmal reiste ich mit Ibn Abbas von Mekka nach Medina. Wann immer wir zur Rast irgendwo unser Zelt aufschlugen, verbrachte er einen Teil der Nacht im Stehen mit dem Gebet. Währenddessen lagen die anderen Reisegefährten von Müdigkeit und Erschöpfung überwältigt in tiefem Schlaf. Eines Nachts hörte ich ihn in voller Andacht rezitieren:
وَجَاءَتْ سَكْرَةُ الْمَوْتِ بِالْحَقِّ ۖ ذَٰلِكَ مَا كُنتَ مِنْهُ تَحِيدُ
„Und die Todesqualen kommen wahrhaftig. Das ist es, wovor du immer zu fliehen suchtest.“ (Qaf: 19)
Immer wieder wiederholte er diesen Vers und weinte. So verbrachte er die Nacht bis zum Anbruch der Morgendämmerung.“
Im Jahr 68 nach der Hidschra, entsprechend 686/688 n. Chr., verstarb er in der Stadt Taif. Zum Zeitpunkt seines Todes war er einundsiebzig Jahre alt. Muhammad ibn al-Hanafiyya leitete sein Totengebet. Die große Moschee in der Stadt Taif, die den Namen „Moschee des Ibn Abbas“ trägt, bewahrt bis heute sein Andenken. Hinter dieser Moschee, an einer Seite, befindet sich das Grab dieses großen Gefährten. Nachdem er dort beigesetzt worden war, wurde der folgende Vers aus dem Koran rezitiert:
يَا أَيَّتُهَا النَّفْسُ الْمُطْمَئِنَّةُ – ارْجِعِي إِلَىٰ رَبِّكِ رَاضِيَةً مَّرْضِيَّةً – فَادْخُلِي فِي عِبَادِي – وَادْخُلِي جَنَّتِي –
„O du beruhigte Seele! Kehre zufrieden und wohlgefällig zu deinem Herrn zurück. Tritt sodann ein unter Meine Diener und tritt ein in Mein Paradies.“ (al–Fadschr: 27–30)
Abdallah ibn Masud (r.a.)
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte über ʿAbdullah ibn Masʿud, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm: „Wer sich daran erfreuen möchte, den Qurʾan so korrekt zu rezitieren, wie er herabgesandt wurde, der soll ihn nach der Rezitation von Ibn Umm ʿAbd rezitieren.“
Es war zu jener Zeit, als er noch ein einfacher Knabe war und noch nicht die Jugend erreicht hatte. Mit einer Herde Ziegen, die dem quraischitischen Stammesoberhaupt ʿUqba ibn Abū Muʿaiṭ gehörte, zog er durch die Bergpässe von Mekka und ließ sie dort weiden. Die Leute nannten ihn „Ibn Umm ʿAbd“. Sein Name war jedoch ʿAbdullah, sein Vater hieß Masʿud, seine Kunya war Abū ʿAbdir-Raḥmān und seine Mutter hieß Umm ʿAbd.
Dieser Knabe hörte ständig verschiedene Nachrichten darüber, dass in seinem Stamm ein Prophet erschienen sei. Wegen seines jungen Alters und weil er sich die meiste Zeit fern vom gesellschaftlichen Leben Mekkas aufhielt, schenkte er dieser Angelegenheit jedoch keine große Beachtung. Jeden Morgen stand er wie gewohnt auf, zog mit der Ziegenherde ʿUqbas los und kehrte am Abend zurück.
Eines Tages sah der Knabe, wie sich aus der Ferne zwei ältere Männer auf ihn zubewegten, deren Gesichter von Würde geprägt waren. Sie waren so erschöpft und durstig, dass ihre Lippen und Kehlen völlig ausgetrocknet waren. Als sie näher kamen, grüßten sie ihn und sagten: „Junge, melke uns etwas Milch von diesen Ziegen, damit wir unseren Durst stillen und unsere trockenen Kehlen ein wenig befeuchten können.“
Der Knabe sagte: „Das kann ich nicht tun. Die Ziegen gehören mir nicht. Ich bin lediglich ihr Hirte und ihr Treuhänder.“ Die beiden Männer waren über seine Worte nicht verärgert; vielmehr zeigte sich auf ihren Gesichtern große Freude. Einer von ihnen sagte erneut: „Dann gib mir eine Ziege, die noch nicht mit einem Ziegenbock in Berührung gekommen ist.“ Der Knabe deutete auf eine kleine Ziege, die ganz in der Nähe stand. Der Mann ging zu ihr, fing sie ein und begann, nachdem er „Bismillāh ar-Raḥmān ar-Raḥīm“ gesagt hatte, ihr Euter mit der Hand zu massieren. Verwundert sah der Knabe zu und dachte bei sich: „Kann eine so junge Ziege, die noch nicht mit einem Ziegenbock in Berührung gekommen ist, Milch geben? Doch wie erstaunlich! Schon nach kurzer Zeit schwoll ihr Euter an, und reichlich Milch begann herauszufließen.“ Der zweite Mann hob einen durchlöcherten Stein auf, hielt ihn unter das Euter und füllte ihn mit Milch. Danach tranken beide Männer und ließen auch den Knaben mit ihnen trinken. Ibn Masʿud berichtet: Alles, was ich sah, erschien mir unglaublich. Als wir alle satt und zufrieden waren, wandte sich dieser gesegnete Mann dem Euter der Ziege zu und sagte: „Zieh dich zusammen.“ Augenblicklich schrumpfte es wieder wie zuvor. Daraufhin bat ich diesen gesegneten Mann: „Lehre mich die Worte, die du gesprochen hast.“ Er sagte: „Du bist doch ein gelehriger Junge.“
Dies war die erste Begegnung ʿAbdullah ibn Masʿuds mit dem Islam. Dieser überaus gesegnete Mann war niemand anderes als der Gesandte Allahs selbst, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Sein Begleiter war Abū Bakr aṣ-Ṣiddīq, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Zu jener Zeit hatten sie in den abgelegenen Bergpässen Mekkas Zuflucht gesucht, um den Verfolgungen und Misshandlungen durch die Quraisch zu entgehen. So wie der Knabe dem Gesandten Allahs und seinem Begleiter gefiel, so beeindruckten auch sein Verhalten, seine Treue und seine Klugheit die beiden. Sie erkannten in dem Knaben die Anzeichen künftigen Guten und Segens.
Kurz nach diesem Ereignis nahm ʿAbdullah ibn Masʿud den Islam an und widmete sich als Diener des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Auch der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahm ihn als Diener an. Von jenem Tag an wurde dieser glückliche Knabe vom Ziegenhirten zum Diener des besten aller Menschen.
ʿAbdullah ibn Masʿud folgte seinem Herrn wie ein Schatten. Ob auf Reisen oder im Aufenthalt, innerhalb oder außerhalb des Hauses, war er stets bei ihm. Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schlief, weckte er ihn; beim Baden hielt er ihm den Sichtschutz; wenn er hinausging, stellte er ihm seine Schuhe hin; beim Betreten des Hauses zog er ihm die Schuhe aus und trug seinen Stab und seinen Miswāk. Auch wenn er sich in seinen Gemächern aufhielt, besuchte er ihn. Der Gesandte Allahs hatte ihm erlaubt, jederzeit sein Zimmer zu betreten und ohne jede Zurückhaltung oder Scheu über alle seine Angelegenheiten Bescheid zu wissen. Deshalb wurde er „Ṣāḥib as-Sirr“ genannt, das heißt: der Vertraute, der alle Geheimnisse des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kannte.
Abdullah ibn Masʿud wuchs im Haus des Propheten auf, folgte ihm und erwarb sich Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften, die den seinen glichen. Deshalb wurde über ihn gesagt: „In Hinsicht auf Rechtleitung, Verhalten und charakterliche Eigenschaften ist er der beste Mensch in der Nähe des Gesandten Allahs.“
Ibn Masʿud erhielt seine Ausbildung in der Lehrstätte des Gesandten Allahs selbst. Daher gehörte er zu den Gefährten, die den Koran am besten rezitierten, sein Verständnis und seine Bedeutung am tiefsten erfassten und die größte Kenntnis von Allahs Gesetzen und Vorschriften besaßen.
Einmal hielt sich Umar auf der Ebene von Arafat auf. Da kam ein Mann und sagte: „O Fürst der Gläubigen! Ich komme aus Kufa. Dort habe ich gesehen, wie ein Mann die Menschen aus seinem Gedächtnis heraus den Koran lehrt.“ Als er dies hörte, wurde er so zornig, wie man ihn nur selten zornig sah. In seinem Kamelsänftenabteil begann er vor Zorn zu brodeln. Dann fragte er: „Möge dein Verderben sein! Wer ist dieser Mann?“
– „Abdullah ibn Masʿud.“
Als Umar den Namen Ibn Masʿud hörte, erging es ihm wie einem brennenden Feuer, über das man Wasser gießt. Sein Zorn legte sich, und er kehrte in seinen normalen Zustand zurück. Dann sagte er: „Möge dein Verderben sein! Bei Allah, ich weiß nicht, ob irgendjemand lebt, der für diese Aufgabe geeigneter wäre als er. Ich will dir hierzu eine Begebenheit erzählen.“ Umar fuhr fort: „Eines Nachts unterhielt sich der Gesandte Allahs mit Abu Bakr. Sie besprachen verschiedene Angelegenheiten der Muslime, und ich war bei ihnen. Nach einiger Zeit ging der Gesandte Allahs hinaus, und wir gingen mit ihm. Kaum waren wir draußen, sahen wir einen Mann im Gebet in der Moschee stehen, den wir jedoch nicht erkannten. Der Gesandte Allahs blieb stehen und hörte eine Weile seiner Koranrezitation zu. Dann wandte er sich uns zu und sagte: ‚Wer den Koran so rezitieren möchte, wie er herabgesandt wurde, der soll ihn entsprechend der Rezitation Ibn Umm Abds rezitieren.‘ Danach setzte sich Abdullah ibn Masʿud hin und begann zu bitten. Der Gesandte Allahs sagte leise, an ihn gewandt: ‚Bitte, und es wird dir gegeben; bitte, und es wird dir gegeben.‘“
Umar berichtet: Ich sagte mir im Stillen: Bei Allah, morgen früh werde ich zu Abdullah ibn Masʿud gehen und ihm die frohe Nachricht von der Äußerung des Gesandten Allahs über sein Bittgebet überbringen. Früh am Morgen ging ich zu ihm. Als ich dort ankam, stellte ich fest, dass Abu Bakr as-Siddiq bereits vor mir bei ihm eingetroffen war und ihm die frohe Nachricht schon überbracht hatte. Wahrlich, wann immer ich mit Abu Bakr bei einer guten Tat wetteiferte, war er jedes Mal der Sieger.
Eine eigene Äußerung von ihm darüber, wie umfassend sein Wissen über das Buch Allahs, den Koran, war, ist in diesem Zusammenhang besonders bemerkenswert. Er sagte: „Bei Allah, außer Dem es keinen Gott gibt! Kein einziger Vers aus dem Buch Allahs wurde herabgesandt, ohne dass ich wüsste, wo er herabgesandt wurde und worüber er herabgesandt wurde. Wenn ich von jemandem erfahren sollte, der über das Buch Allahs mehr Wissen besitzt als ich, und es mir möglich wäre, zu ihm zu gelangen, würde ich mich zu ihm begeben.“
In der Aussage, die Abdullah ibn Masʿud über sich selbst gemacht hat, liegt keine Übertreibung. Ich halte es für angebracht, den Lesern hierzu eine Begebenheit zu erzählen. Einmal traf Umar ibn al-Khattab auf einer Reise nachts auf eine unbekannte Karawane. In der tiefen Dunkelheit der Nacht war niemand aus der Karawane zu sehen. Zufällig befand sich auch Abdullah ibn Masʿud in dieser Karawane, doch Umar wusste davon nichts. Umar bat einen Mann, sie zu rufen und zu fragen, woher die Karawane komme. Abdullah ibn Masʿud antwortete aus der Karawane:
– „Aus dem Tal Amīq.“
– „Wohin geht er?“
– „Ilā l-Bayt al-ʿAtīq – zum Bayt al-ʿAtīq (das heißt zur Kaaba).“ Als Umar (ra) diese Antwort hörte, sagte er: „Gewiss befindet sich unter ihnen ein Gelehrter.“ Er ließ erneut fragen: „Welcher ist der vorzüglichste Vers des Korans?“
– „Allāhu lā ilāha illā huwa l-ḥayyul-qayyūm, lā taʾkhudhuhu sinatun wa lā nawm – Er, der immerwährende, ewig lebendige Allah; es gibt keine Gottheit außer Ihm. Weder Schlummer erfasst Ihn, noch erreicht Ihn Schlaf.“
– „Welcher Vers bringt den umfassendsten Ausdruck von Gerechtigkeit zum Ausdruck?“
– Inna Allahu yaʾmuru bil-ʿadli wal-iḥsāni wa ītāʾi dhil-qurbā – Allah gebietet, Gerechtigkeit zu etablieren, Gutes zu tun und den nächsten Verwandten zu geben. Wiederum lautet die Frage:
– „Welcher Vers hat die umfassendste Bedeutung?“
– „Fa-man yaʿmal mithqāla dharratin khayran yarahū, wa-man yaʿmal mithqāla dharratin sharran yarahū“ – „Wer auch nur das Gewicht eines Staubkorns an Gutem tut, wird es sehen, und wer auch nur das Gewicht eines Staubkorns an Bösem tut, wird es ebenfalls sehen.“
– „Welcher Vers ist der furchterregendste?“
– „Laisa bi-amāniyyikum wa lā amāniyyi ahlil-kitābi, man yaʿmal sū’an yudzā bihi wa lā yajid lahu min dūnillāhi waliyyan wa lā nasīrā.“ – „Es wird weder nach euren Wünschen noch nach den Wünschen der Leute der Schrift gehen. Wer eine schlechte Tat begeht, wird dafür vergolten werden. Und er wird außer Allah weder einen Schutzherrn noch einen Helfer finden.“
„Welcher Vers weckt die größte Hoffnung?“
– „Qul yā ʿibādiyalladzīna asrafū ʿalā anfusihim lā taqnatū mir raḥmatillāh, innallāha yaghfirudz-dhunūba jamīʿā. Innahū huwal-Ghafūrur-Raḥīm.“ – „Sprich: O Prophet, zu meinen Dienern, die gegen sich selbst maßlos gewesen sind: Verzweifelt nicht an Allahs Barmherzigkeit. Wahrlich, Allah vergibt alle Sünden. Er ist ja der Allvergebende, der Barmherzige.“
– „Ist etwa unter euch auch ʿAbdullah ibn Masʿud?“
– „Ja.“
ʿAbdullah ibn Masʿud war nicht nur ein guter Qurʾān-Rezitator, Gelehrter, frommer Diener und Asket; zugleich war er ein tatkräftiger und umsichtiger Mann sowie ein vorangehender Mudschāhid in schweren Notlagen. Für ihn genügt dieser Ruhm: Nach dem Gesandten Allahs (s) war er der erste Muslim auf Erden, der den Qurʾān öffentlich unter den Quraisch rezitierte.
Eines Tages versammelten sich die Gefährten des Gesandten Allahs (s) in Mekka. Damals waren sie nur wenige und schwach. Sie berieten sich untereinander: „Bei Allah, noch nie wurde den Quraisch der Qurʾān öffentlich vorgetragen. Wer ist da, der ihnen den Qurʾān vortragen kann?“
Abdullah ibn Masʿud sagte: „Ich werde es ihnen vortragen.“ Die anderen sagten: „Wir fürchten um dich. Wir wollen jemanden, der über eine einflussreiche Gefolgschaft verfügt, sodass sie ihn schützen können, falls die Quraisch versuchen sollten, ihm irgendein Unrecht zuzufügen.“ Ibn Masʿud sagte: „Erlaubt es mir. Allah wird mich beschützen.“ Daraufhin machte er sich zur Moschee auf und erreichte kurz vor Mittag den Maqām Ibrāhīm. Er stellte sich nahe dem Maqām Ibrāhīm auf und begann, den Qurʾān laut zu rezitieren: „Bismillāhir-Raḥmānir-Raḥīm. Ar-Raḥmān, Er hat den Qurʾān gelehrt, Er hat den Menschen erschaffen, Er hat ihn das deutliche Ausdrücken gelehrt …“
Er fuhr mit der Rezitation fort. Die Quraisch hörten es und waren einen Augenblick lang nachdenklich. Dann fragten sie einander: „Was sagt Ibn Umm ʿAbd? Zum Teufel mit ihm! Er rezitiert doch genau das, was Muhammad sagt.“ Sie erhoben sich alle, stürmten auf ihn zu und schlugen ihm erbarmungslos ins Gesicht. In diesem Zustand rezitierte er so viel, wie Allah wollte. Danach kehrte er mit blutigem Körper zu seinen Gefährten zurück. Sie sagten: „Wir hatten genau das befürchtet.“ Er sagte: „Bei Allah! Die Feinde Allahs sind in meinen Augen jetzt völlig unbedeutend, während sie es zuvor nicht waren. Wenn ihr wollt, kann ich es morgen wieder tun.“ Sie sagten: „Nein, es reicht. Du hast ihnen ihre verhassten Worte zu Gehör gebracht.“ Nachdem Hadhrat ʿAbdullah ibn Masʿud den Islam angenommen hatte, wurde er zum Opfer der Verfolgung durch die Quraisch. Gezwungen dazu, vollzog er zweimal die Hidschra nach Abessinien. Schließlich wanderte er für immer nach Medina aus. In Medina wurde er Gast des berühmten ansarischen Gefährten Hadhrat Muʿādh ibn Jabal. Nachdem der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina gekommen war, stiftete er zwischen den beiden eine religiöse Bruderschaft und schenkte ihm ein Grundstück neben der Prophetenmoschee, damit er dort wohnen konnte.
Er nahm an allen wichtigen Schlachten an der Seite des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, teil. In der Schlacht von Badr töteten zwei junge Ansar den erbitterten Feind des Islams, Abū Jahl, und ließen ihn auf dem Schlachtfeld liegen. Nach der Schlacht sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Geht jemand nachsehen, wie es Abū Jahl geht?“ ʿAbdullah ibn Masʿud eilte hin. Abū Jahls Lebenszeichen waren noch nicht erloschen. ʿAbdullah packte ihn kräftig am Bart und sagte: „Sag: Bist du Abū Jahl?“
Auch bei Uhud, dem Grabenkampf, Hudaybiyya, Khaybar und bei der Eroberung von Mekka war er ein Gefährte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. In der Schlacht von Hunayn wurde das zehntausend Mann starke muslimische Heer durch den überraschenden Angriff der Ungläubigen auseinandergetrieben. Nur achtzig Kämpfer hielten stand und setzten dabei ihr Leben aufs Spiel, indem sie den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, umringten. ʿAbdullah ibn Masʿud war einer dieser achtzig. In dieser Schlacht nahm ʿAbdullah ibn Masʿud die Handvoll Staub, die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gegen das Heer der Götzendiener schleudern wollte, und legte sie in die Hand des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hielt er sich lange Zeit von allen Tätigkeiten fern. Doch während des Kalifats von Hadhrat ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, konnte er im 15. Jahr nach der Hidschra nicht länger untätig bleiben. Er folgte dem Ruf zum Dschihad, zog in die Schlacht von Yarmūk und kämpfte tapfer.
Im 20. Jahr nach der Hidschra ernannte ihn der Kalif ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, zum Richter von Kufa. Neben den Aufgaben des Richters wurden ihm auch die Verantwortung für das Bayt al-Māl, für Bildung und Ausbildung sowie das Amt des Ministers des Statthalters von Kufa übertragen.
Zehn ganze Jahre lang erfüllte er all diese zahlreichen Aufgaben äußerst kompetent. Während dieser langen Zeit starb der Kalif ʿUmar, Hadhrat ʿUthmān übernahm das Kalifat, und der Statthalter von Kufa wurde ausgewechselt; doch ʿAbdullah ibn Masʿud blieb in seinem Amt. Gegen Ende des Kalifats von ʿUthmān wurde ʿAbdullah von seinen Aufgaben entbunden. Mit seinen Gefährten und seiner Familie machte er sich von Kufa in Richtung Hidschaz auf. Unterwegs erreichte er in der Wüste einen Ort namens Rabdha und erfuhr, dass der berühmte Gefährte Hadhrat Abū Dharr al-Ghifārī, möge Allah mit ihm zufrieden sein, dort auf dem Sterbebett lag. Kurz nach seiner Ankunft hauchte Abū Dharr seinen letzten Atemzug aus. ʿAbdullah ibn Masʿud leitete sein Totengebet und veranlasste seine Einhüllung und Beisetzung. Von dort ging er nach Mekka, vollzog die Umra und erreichte Medina. Den Rest seines Lebens verbrachte er still in Medina.
Als ʿAbdullah im 32. Jahr nach der Hidschra über sechzig Jahre alt war, kam eines Tages plötzlich ein Mann zu ihm und sagte: „Möge Allah mich nicht daran hindern, an deinem Totengebet teilzunehmen. Letzte Nacht sah ich im Traum den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auf einer Kanzel, während du vor ihm standest. Er sagte zu dir: ‚Ibn Masʿud, nach mir ist dir großes Leid zugefügt worden. Komm, geh zu mir.‘ Dieser Traum erfüllte sich. Wenige Tage später erkrankte er und starb an dieser Krankheit.
Er lebte bis zur Zeit des Kalifats von Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm). Als er auf dem Sterbebett lag, besuchte Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) ihn eines Tages. Er fragte ihn:
– „Worüber beklagen Sie sich?“
– „Über meine Sünden.“
– „Gibt es etwas, das Sie sich wünschen?“
– „Die Barmherzigkeit meines Herrn.“
– „Sie beziehen seit vielen Jahren keine Bezüge mehr. Soll ich anordnen, sie Ihnen wieder auszuzahlen?“
– „Ich habe keinerlei Bedarf.“
– „Nach Ihrem Tod werden Ihre Töchter sie benötigen.“
– „Fürchten Sie etwa, dass meine Töchter in Armut geraten? Ich habe ihnen doch aufgetragen, jede Nacht die Sure al-Waqi’a zu rezitieren. Denn ich habe den Gesandten Allahs (s.a.w.) sagen hören: ‚Wer jede Nacht die Sure al-Waqi’a rezitiert, den wird die Armut niemals berühren.‘“
Am Ende des Tages brach die Nacht herein, und Abdullah ibn Mas’ud vereinigte sich mit seinem erhabenen Gefährten, dem besten Freund. Der Kalif Uthman verrichtete das Totengebet für ihn, und er wurde neben Uthman ibn Maz’un (r.a.) beigesetzt.
Al–Arqam ibn Abil Arqam (r.a.)
Sein Name war Abu Abdillah al-Arqam. Sein Vater war Abu al-Arqam Abd Manaf, seine Mutter Umaima.
Die Familie des ehrwürdigen Arqam besaß im Arabien der vorislamischen Zeit besonderes Ansehen und besondere Macht. Sein Großvater Abu Jundub Asad ibn Abdillah war zu seiner Zeit eine führende Persönlichkeit in Mekka.
Der ehrwürdige Arqam nahm nach elf oder zwölf anderen Personen den Islam an. Al–Bidaya wird berichtet, dass Abu Bakr nach seiner Annahme des Islam Uthman ibn Affan, Talha ibn Ubaidillah, Zubair ibn al-Awwam und Sa’d ibn Abi Waqqas die Einladung zum Islam überbrachte. Sie alle nahmen diese Einladung unverzüglich an. Am folgenden Tag begab er sich mit Uthman ibn Maz’un, Abu Ubaida und al-Arqam ibn Abil Arqam zum Dienst des Gesandten Allahs (s.a.w.). Sie alle nahmen den Islam an.
Als der ehrwürdige Arqam den Islam annahm, war die Lage aller Muslime, einschließlich des Gesandten Allahs (s.a.w.), äußerst kritisch. Die polytheistischen Kräfte Mekkas wollten diese Bewegung noch vor ihrem Erstarken zum Schweigen bringen. Doch der Islam war nicht gekommen, um ausgelöscht zu werden. Nach Arqams Annahme des Islam wurde sein Haus zu einem geheimen Hauptquartier des Islam. Wann immer man die Geschichte der frühen Phase des Islam erörtert, begegnet uns immer wieder der Begriff „Dar al-Arqam“ oder das Haus Arqams. Dieses Haus spielte bei der Einladung zum Islam und seiner Etablierung eine bedeutende Rolle. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) hielt sich in diesem Haus auf und lud dort, den Blicken der Quraisch entzogen, heimlich zum Islam ein. Die wenigen Menschen, die bis dahin den Islam angenommen hatten, trafen sich hier mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.). Außerdem lud der Gesandte Allahs (s.a.w.) von hier aus durch persönliche Kontakte zum Islam ein. In diesem historischen Haus nahmen zahlreiche Menschen den Islam an. Der letzte, der in diesem Haus den Islam verkündete, war Umar ibn al-Khattab (r.a.). Im Werk „Hayat as-Sahaba“ wird berichtet, dass Abu Bakr und andere den Gesandten Allahs (s.a.w.) unter Druck setzten, als die Zahl der Muslime auf 38 angewachsen war, damit er öffentlich zum Islam einlade. Angesichts ihrer Forderung stimmte der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu. Sie verließen Arqams Haus und verteilten sich im Masjid al-Haram. Wie geplant trat der ehrwürdige Abu Bakr im Hof der Kaaba vor die dort versammelten Quraisch und erhob sich, um eine Ansprache zu halten. Sobald er ihnen die Einladung zum Islam darlegte, fielen die Schläger der Quraisch gemeinsam über Abu Bakr her und schlugen auf ihn ein. Der niederträchtige Utba zog seine Schuhe aus und schlug den ehrwürdigen Abu Bakr mit ihnen. Abu Bakrs Zustand wurde besorgniserregend. Sein Stamm, die Banu Taym, eilte herbei, um ihn zu retten. Sobald Abu Bakr das Bewusstsein wiedererlangt hatte, erkundigte er sich nach dem Zustand des Gesandten Allahs (s.a.w.). Er schickte seine Mutter Umm al-Khayr zu Umm Jamil, um von ihr Nachricht über den Gesandten Allahs (s.a.w.) zu erhalten. Umm Jamil kam und teilte ihm heimlich mit, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) sicher sei. Danach gelangten sie drei in der Dunkelheit der Nacht heimlich zum Gesandten Allahs (s.a.w.). Durch den Segen des Bittgebets des Gesandten Allahs (s.a.w.) nahm dort Abu Bakrs Mutter Umm al-Khayr den Islam an. Sie blieben dort einen Monat. In dieser Zeit stieg die Zahl der Muslime auf 40. An dem Tag, an dem Abu Bakr (r.a.) geschlagen worden war, als er zur Religion Allahs einlud, nahm zufälligerweise noch am selben Tag der ehrwürdige Hamza den Islam an.
In der vorislamischen Zeit war Arqam eines der Mitglieder des in Mekka unter der Führung des Gesandten Allahs (s.a.w.) gegründeten Wohltätigkeitsbundes namens „Hilf al-Fudul“.
Im dreizehnten Jahr der Prophetie, als der Befehl zur Hidschra erging, erreichte Hadhrat Arqam gemeinsam mit den anderen Sahaba Medina. Mit Hadhrat Abu Talha ibn Sahl wurde ein brüderliches Verhältnis begründet. Damit er sich dauerhaft niederlassen konnte, schenkte ihm der Gesandte (s.a.w.) ein Stück Land im Viertel der Banu Zuraiq in Medina.
Am ersten Zusammenstoß zwischen Wahrheit und Falschheit, der Schlacht von Badr, nahm er teil. In dieser Schlacht schenkte ihm der Gesandte (s.a.w.) ein Schwert. Auch an allen wichtigen Feldzügen, darunter Uhud, der Graben und Chaibar, nahm er teil und kämpfte tapfer und mutig. Der Gesandte (s.a.w.) ernannte ihn zum Einnehmer der Zakat.
Im Hidschri-Jahr 53/55 verstarb er im Alter von 83 Jahren in Medina. Vor seinem Tod verfügte er testamentarisch, dass Hadhrat Saʿd ibn Abi Waqqas sein Totengebet leiten solle. Hadhrat Saʿd befand sich jedoch an einem Ort namens Aqiq, etwas außerhalb von Medina. Als sich seine Ankunft etwas verzögerte, protestierte Marwan ibn al-Hakam, der damalige Statthalter von Medina, und sagte: „Wie lange soll das Totengebet auf die Ankunft eines einzigen Mannes warten?“ Er wollte selbst vortreten und das Totengebet leiten. Doch Ubaidullah ibn Arqam erlaubte es ihm nicht. Auch der Stamm der Banu Machzum trat zur Unterstützung und Verteidigung Ubaidullahs auf. Während der Wortwechsel noch andauerte, traf Hadhrat Saʿd ibn Abi Waqqas (r.a.) ein. Er leitete das Totengebet, und der Verstorbene wurde auf dem Friedhof Baqi in Medina beigesetzt.
Gottesfurcht, Frömmigkeit, Abneigung gegen weltliche Genüsse und Wahrhaftigkeit waren besondere Merkmale des Charakters von Hadhrat Arqam. Er hatte eine starke Neigung zu Gottesdiensten und nächtlicher Anbetung. Einmal beabsichtigte er, nach Bayt al-Maqdis zu reisen. Nachdem er die Reisevorbereitungen abgeschlossen hatte, kam er zum Gesandten Allahs (s.a.w.), um Abschied zu nehmen. Der Gesandte (s.a.w.) fragte: „Geht es um Handel und Geschäft oder um einen anderen Zweck?“ Arqam antwortete: „Mögen meine Eltern für dich geopfert werden, es gibt keinen anderen Zweck. Ich möchte lediglich in Bayt al-Maqdis beten.“ Darauf wurde gesagt: „Ein Gebet in meiner Moschee ist besser als tausend Gebete in jeder anderen Moschee – mit Ausnahme der al-Masdschid al-Haram.“ Sobald Hadhrat Arqam dies hörte, setzte er sich nieder und gab seinen Reiseplan auf.
Der Hauptberuf von Hadhrat Arqam war Handel. Nach der Hidschra ließ er sich dauerhaft in Medina nieder. Sein historisches Haus in Mekka stiftete er seinen Nachkommen als Waqf. Lange Zeit galt dieses Haus als Sehenswürdigkeit für Reisende.
Dieses Haus von Hadhrat Arqam lag am Fuß des Berges Safa. Wenn man zwischen Safa und Marwa den Saʿy vollzog, musste man unmittelbar vor der Tür dieses Hauses vorbeigehen. Bis zur Zeit des abbasidischen Kalifen Mansur – bis zum Jahr 140 nach der Hidschra – war das Haus unverändert erhalten. Doch in eben diesem Jahr erklärte Muhammad ibn Abdullah ibn Hasan in Medina den Aufstand gegen die abbasidische Herrschaft. Auch Hadhrat Arqams Enkel, Abdullah ibn Uthman, war einer der Unterstützer und Helfer dieses Aufstands. Deshalb schickte Kalif Mansur Shihabuddin ibn Abd al-Barr zu Abdullah und ließ ihm den Kauf dieses Hauses anbieten. Abdullah hatte sich zunächst geweigert, es zu verkaufen; doch unter der Bedingung seiner Freilassung aus der Gefangenschaft und angesichts des Anreizes eines hohen Preises stimmte er schließlich dem Verkauf zu. Mansur erwarb das Eigentum an diesem großartigen, segensreichen historischen Haus für siebzehntausend Dinar. Die anderen Miteigentümer des Hauses waren zunächst nicht einverstanden, willigten aber nach und nach ebenfalls ein.
Nach Kalif Mansur schenkte Kalif Mahdi dieses Haus seiner geliebtesten Sklavin Chaisuran. Sie ließ die alte Bausubstanz des Hauses abreißen und ein vollständig neues Gebäude errichten. So wurde das Haus im Laufe der Zeiten immer wieder renoviert, und allmählich verschwand dieses großartige Gebäude, in dem der Gesandte Allahs (s.a.w.) und die Muslime während der schweren Zeiten des Islam Zuflucht gesucht hatten und das lange Zeit ein Ort der Herabkunft der Offenbarung und der Engel gewesen war, vollständig.
Abu Huraira ad–Dausi ((r.a.))
Abu Huraira – gibt es irgendjemanden unter den Muslimen, der diesen Namen nicht kennt? In der vorislamischen Zeit der Dschahiliyya nannten die Menschen ihn „Abd Schams“. Später, als Allah, der Erhabene, ihm die Gnade erwies, ihn zum Islam zu führen, und ihn durch die Begegnung mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) auszeichnete, fragte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihn: „Wie heißt du?“ Er antwortete: „Abd Schams (Diener der Sonne).“
Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Nein, von heute an heißt du Abd ar-Rahman.“
Abu Huraira (möge Allah mit ihm zufrieden sein) sagte: „O Gesandter Allahs! Mögen mein Vater und meine Mutter für dich geopfert werden. Von heute an soll mein Name Abd ar-Rahman sein.“
„Abu Huraira“ ist seine Kunya oder sein Beiname. Als Kind spielte er ständig mit einem Kätzchen. Als seine Gefährten dies sahen, gaben sie ihm den Namen Abu Huraira (Besitzer eines Kätzchens). Allmählich wurde er unter diesem Namen allgemein bekannt, und sein eigentlicher Name geriet in Vergessenheit. Nachdem er den Islam angenommen hatte und seine Beziehung zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) enger geworden war, pflegte dieser ihn bisweilen liebevoll „Abu Hirrin“ zu nennen. Daher gab er dem Namen Abu Hirrin den Vorzug vor Abu Huraira. Er sagte: „Mein Geliebter, der Gesandte Allahs, hat mich mit diesem Namen gerufen. Außerdem ist Hirrun männlichen und Huraira weiblichen Geschlechts.“
Abu Huraira trat durch den berühmten Gefährten Tufail ibn Amr ad-Dausi zum Islam über. Nach seinem Übertritt blieb er bei seinem Stamm, den Daus. Im sechsten Jahr nach der Hidschra kam auch er mit einer Delegation seines Stammes nach Medina, um den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu treffen. Amr ibn Ghalas berichtet, dass er im Muharram des siebten Jahres nach der Hidschra, dem Jahr des Sieges von Chaibar, erstmals nach Medina kam.
Nach seiner Ankunft in Medina widmete sich dieser junge Mann aus dem Stamm der Daus ununterbrochen dem Dienst und der Gesellschaft des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Tag und Nacht hielt er sich vierundzwanzig Stunden lang in der Moschee auf. Stets empfing er vom Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Unterweisung und Erziehung und verrichtete das Gebet hinter ihm als Imam. Zu Lebzeiten des Gesandten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hatte er weder eine Ehefrau noch Kinder. Er hatte nur seine alte Mutter. Auch damals hielt sie noch am Götzendienst fest. Abu Huraira lud seine liebevolle Mutter immer wieder zum Islam ein, doch sie lehnte dies ab. Deshalb empfand er tiefen Schmerz und große Trauer. Eines Tages forderte er sie auf, an Allah und Seinen Gesandten zu glauben. Da äußerte sie sich in einer derart beleidigenden Weise über den Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), dass Abu Huraira zutiefst erschüttert wurde. Weinend begab er sich sogleich zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) fragte ihn: „Warum weinst du?“
Er sagte: „Ich lade meine Mutter ständig zum Islam ein, doch sie lehnt dies ab. Wie jeden Tag lud ich sie auch heute zum Islam ein, und sie sagte mir etwas über dich, das mich sehr verletzt hat. O Gesandter Allahs, bitte Allah darum, das Herz von Abu Hurairas Mutter dem Islam zuzuwenden.“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sprach ein Bittgebet.
Abu Huraira berichtet: „Ich kehrte vom Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nach Hause zurück. Ich sah, dass die Tür des Hauses geschlossen war, hörte jedoch, dass drinnen Wasser floss. Als ich gerade eintreten wollte, sagte meine Mutter: ‚Abu Huraira, warte einen Augenblick.‘ Damit richtete sie ihre Kleidung. Dann rief sie mich herein. Ich trat ein. Da begann sie sogleich zu sprechen: ‚Aschhadu an la ilaha illallah wa aschhadu anna Muhammadan abduhu wa rasuluhu.‘“
Ich kehrte wieder zum Gesandten Allahs zurück. Vor Freude weinte ich nun, so wie ich kurz zuvor aus Trauer geweint hatte. Ich sagte: „O Gesandter Allahs, eine frohe Botschaft! Der Erhabene Allah hat dein Bittgebet erhört. Er hat Abu Hurairas Mutter rechtgeleitet, und Abu Hurairas Mutter hat den Islam angenommen.“
Abu Huraira liebte den Gesandten Allahs. Diese Liebe war tief. Er war nicht damit zufrieden, den Gesandten Allahs nur ein- oder zweimal anzusehen. Er sagte: „Ich habe nichts Schöneres und Strahlenderes gesehen als den Gesandten Allahs. Sein Gesicht schien im Glanz der Sonnenstrahlen zu leuchten.“
Er hatte die Würde erlangt, ein Gefährte des Propheten zu sein, und die Ehre gewonnen, seiner Religion zu folgen. Deshalb dankte er dem Erhabenen Allah stets. Er sagte: „Alles Lob gebührt jenem Erhabenen Allah, der Abu Huraira zum Islam rechtgeleitet hat. Und alles Lob gebührt jenem Allah, der Abu Huraira den Koran gelehrt und ihn dadurch begünstigt hat, dass Er ihm die Gesellschaft des Propheten Muhammad, des Gesandten Allahs, gewährte.“
So wie Abu Huraira dem Gesandten Allahs ergeben war, so war er auch dem Wissen ganz und gar hingegeben. Das Erlangen und die Pflege von Wissen waren zu seiner Gewohnheit und zu seinem wichtigsten Ziel geworden. Zaid ibn Thabit sagte:
Eines Tages beteten Abu Huraira, ein Freund von uns und ich in der Moschee zu Allah. Da sahen wir den Gesandten Allahs. Er kam auf uns zu und setzte sich in unsere Mitte, worauf wir alle verstummten. Er sagte: „Beginnt eure Tätigkeit wieder.“ Mein Freund und ich beteten vor Abu Huraira zu Allah. Der Gesandte Allahs sagte unmittelbar nach unseren Bittgebeten „Amin“. Danach betete Abu Huraira:
„O Allah, ich bitte Dich um alles, worum meine beiden Freunde Dich gebeten haben. Und zugleich bitte ich Dich um Wissen, das ich niemals vergesse.“ Auch diesmal sagte der Gesandte Allahs „Amin“. Auch wir beide sagten: „Auch wir wünschen uns Wissen, das wir nicht vergessen.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Dieser Mann aus dem Stamm der Daus hat euch beide darin übertroffen.“
So wie Abu Huraira Wissen für sich selbst liebte, liebte er es auch für andere. In der Geschichte wird von einem erstaunlichen Ereignis in diesem Zusammenhang berichtet. Eines Tages ging er zum Markt von Medina. Als er sah, wie die Menschen mit Kaufen und Verkaufen, Geschäften und anderen Dingen beschäftigt waren, wunderte er sich. Er blieb stehen und sagte: „O Bewohner Medinas, ihr seid in hohem Maße benachteiligt.“ Die Leute fragten: „Abu Huraira, worin habt Ihr unsere Benachteiligung gesehen?“
Er sagte: „Das Erbe des Gesandten Allahs wird verteilt, während ihr hier sitzt? Warum geht ihr nicht dorthin und nehmt euren jeweiligen Anteil?“
Sie fragten: „Wo?“
Er sagte: „In der Moschee.“
Die Leute eilten zur Moschee. Abu Huraira blieb dort stehen und wartete auf sie. Nach einiger Zeit kehrten sie zurück und sagten: „Abu Huraira, wir sind zwar zur Moschee gegangen und auch hineingegangen, aber wir haben nicht gesehen, dass irgendetwas verteilt wurde.“
Er sagte: „Habt ihr in der Moschee niemanden gesehen?“
Sie sagten: „Natürlich haben wir welche gesehen: Einige standen im Gebet, einige waren mit der Rezitation des Korans beschäftigt, und einige erörterten miteinander, was erlaubt und was verboten ist.“
Er sagte: „Möget ihr zugrunde gehen! Das ist doch das Erbe des Gesandten Allahs.“
Abu Huraira bewahrte Tausende von Hadithen des Propheten im Gedächtnis und überlieferte sie zum Nutzen der muslimischen Umma. Sahih Bukhari überliefert einen Hadith von Abu Huraira. Er sagte: „Unter den Gefährten des Gesandten Allahs gibt es niemanden, der mehr Hadithe von mir überliefert hat, außer Abdullah ibn Umar. Das liegt daran, dass er die Hadithe niederschrieb, während ich sie nicht niederschrieb.“
Viele betrachteten die Tatsache, dass so viele Hadithe vom Gesandten Allahs überliefert wurden, mit Skepsis. Daher sagte er: „Vielleicht denkt ihr, dass ich sehr viele Hadithe überliefere. Ich war mittellos und arm, band mir einen Stein um den Bauch und verbrachte meine ganze Zeit in der Gesellschaft des Gesandten Allahs. Die Muhadschirun waren mit ihren Geschäften beschäftigt, und die Ansar kümmerten sich um die Bewahrung ihres Besitzes.“ Weiter sagte er: „Eines Tages sagte ich: ‚O Gesandter Allahs, ich höre viele deiner Worte, aber vieles davon vergesse ich.‘ Daraufhin sagte der Gesandte Allahs: ‚Breite deinen Mantel aus.‘ Ich breitete ihn aus. Dann sagte er: ‚Drücke ihn an deine Brust.‘ Ich drückte ihn an meine Brust. Seitdem habe ich kein einziges Wort mehr vergessen.“ Imam Bukhari sagte: Mehr als achthundert Gefährten und Tabiun überlieferten von ihm Hadithe. Unter den Gefährten, die von ihm Hadithe überlieferten, sind insbesondere Ibn Abbas, Ibn Umar, Jabir, Anas und Wāsila – Allahs Wohlgefallen sei mit ihnen – hervorzuheben.
Aufgrund seiner außerordentlichen Hingabe an den Erwerb von Wissen und der überragenden Bedeutung, die er der Anwesenheit in den Versammlungen des Gesandten Allahs beimaß, ertrug er in seinem Leben so viel Hunger und Armut, wie keiner seiner Zeitgenossen. Über sich selbst sagte er:
„Manchmal wurde ich so hungrig, dass ich, weil ich die Not nicht mehr ertragen konnte, einen oder anderen Gefährten des Gesandten Allahs nach einem Vers aus dem Qur’an fragte, obwohl ich ihn selbst kannte. Meine Absicht war, dass er vielleicht meinen Zustand bemerken und mich mit zu sich nach Hause nehmen würde, um mich zu bewirten.
Eines Tages bekam ich furchtbaren Hunger. Unter den Qualen des Hungers band ich mir einen Stein um den Bauch und setzte mich an den Weg, auf dem die Gefährten vorbeizugehen pflegten. Als ich Abu Bakr kommen sah, fragte ich ihn nach einem Vers. Ich dachte, er würde mich auffordern, mit ihm zu gehen. Doch er rief mich nicht zu sich.
Dann kam Umar ibn al-Khattab. Auch ihn fragte ich nach einem Vers. Doch auch er sagte nichts. Zuletzt kam der Gesandte Allahs. Er bemerkte, wie großen Hunger ich litt. Er sagte: „Abu Huraira?“ Ich antwortete: „Zu deinen Diensten, o Gesandter Allahs.“ Damit ging ich hinter ihm her und betrat sein Haus. Als der Gesandte Allahs das Haus betrat, sah er eine Schale Milch. Er fragte die Hausbewohner: „Woher ist die Milch gekommen?“
Sie sagten: „Jemand hat sie für dich geschickt.“ Der Gesandte Allahs sagte: „Abu Huraira, geh zu den Leuten von Ahl as-Suffa und versammle sie.“ Nach diesen Worten war ich sehr betrübt. Ich sagte mir: „Was soll diese eine Schale Milch für so viele Leute von Ahl as-Suffa ausrichten?“ Ich wollte zuerst selbst satt trinken und dann zu ihnen gehen. Wie dem auch sei, ich ging zu Ahl as-Suffa, rief sie und versammelte sie. Als sie sich versammelt und beim Gesandten Allahs niedergesetzt hatten, sagte er:
„Abu Huraira, nimm die Schale und reiche sie ihnen.“ Ich reichte sie jedem von ihnen nacheinander, und sie tranken alle, bis sie satt waren. Dann kehrte ich mit der Schale in der Hand zum Gesandten Allahs zurück. Er hob den Kopf, sah mich an und lächelte sanft. Dann sagte er:
„Nur du und ich sind noch übrig.“ Ich sagte: „Du hast die Wahrheit gesprochen, o Gesandter Allahs.“ Er sagte: „Trink.“ Ich trank. Er sagte: „Trink noch mehr.“ Ich trank noch mehr. Jedes Mal, wenn er mich wieder zum Trinken aufforderte, trank ich erneut. Schließlich sagte ich: „Bei Dem, der dich mit der Wahrheit gesandt hat, ich kann nicht mehr trinken.“ Darauf nahm der Gesandte Allahs die Schale und trank den Rest aus.
In dieser äußersten Armut und Not musste Abu Huraira jedoch nicht lange bleiben. Schon nach kurzer Zeit gelangten Reichtum und Wohlstand in die Hände der Muslime. Von allen Seiten strömte die Kriegsbeute zu ihnen. Abu Huraira wurde Besitzer von Geld, Häusern, Ländereien, einer Ehefrau und Kindern – von alledem. Doch dies alles konnte sein edles Herz nicht beeinflussen. Er vergaß seine vergangenen Tage keinen einzigen Tag lang. Stets sagte er:
„Ich wuchs als Waise auf und wanderte mit leeren Händen aus. Für meinen Lebensunterhalt arbeitete ich bei Busra bint Ghazwan als Tagelöhner. Wenn sie irgendwo ihr Zelt aufschlugen, erledigte ich allerlei Dienste für sie, und wenn sie ihre Reittiere bestiegen, trieb ich ihre Kamele an. Schließlich schenkte Allah, der Erhabene, mir Busra zur Ehefrau. Alles Lob gebührt Allah, der Seine Religion gestärkt und Abu Huraira zu einem Anführer dieser Religion gemacht hat.“
Der zweite Kalif, Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), ernannte Abu Huraira zum Statthalter von Bahrain. Später setzte er ihn ab. Als er ihn danach erneut ernennen wollte, lehnte Abu Huraira ab, verließ Medina und ließ sich an einem Ort namens al-Aqiq nieder.
Während der Herrschaft Muawiyas wurde Abu Huraira mehrmals zum Statthalter von Medina ernannt. Die Herrschaft jedoch vermochte an seinen natürlichen Eigenschaften wie Edelmut, Großzügigkeit und Genügsamkeit nichts zu ändern.
Abu Huraira war damals Statthalter von Medina. Er ging durch eine Straße Medinas und trug auf seinem Rücken ein Bündel Holz für seine Familie. Als er unterwegs an Tha’laba ibn Malik vorbeikam, sagte er: „Tha’laba, mach dem Statthalter ein wenig Platz.“ Tha’laba sagte: „Möge Allah sich deiner erbarmen! Kannst du nicht einmal auf dieser so breiten Straße vorbeigehen?“ Er sagte: „Mach Platz für euren Statthalter und die Last auf seinem Rücken.“
In Abu Huraira vereinten sich tiefes Wissen, grenzenlose Demut und Großzügigkeit mit einer außergewöhnlichen Verbindung von Gottesfurcht und Liebe zu Allah. Tagsüber fastete er und verbrachte das erste Drittel der Nacht im Gebet. Danach weckte er seine Frau. Sie verbrachte das zweite Drittel der Nacht im Gebet und weckte anschließend ihre Tochter. Diese verbrachte den restlichen Teil der Nacht im Gebet. So hörte die Anbetung in seinem Haus während der ganzen Nacht niemals auf.
Ikrima berichtet, dass Abu Huraira täglich zwölftausendmal Tasbih sprach. Er pflegte zu sagen: „Ich verrichte Tasbih in einer Anzahl, die der Zahl meiner täglichen Sünden entspricht.“
Abu Huraira hatte eine schwarze Sklavin. Eines Tages waren er und seine Familie über ihr Verhalten sehr erzürnt. Er wollte sie schlagen. Er hob die Peitsche, hielt dann aber inne. Er sagte: „Wenn ich am Tag der Auferstehung nicht die Furcht vor der Vergeltung dafür hätte, würde ich dich mit der Peitsche schlagen und dir ebenso Schmerz zufügen, wie du uns Schmerz zugefügt hast. Doch ich werde dich an jemanden verkaufen, der mir deinen gerechten Wert bezahlt. Und ich bin dieses Geld noch dringender bedürftig. Geh! Um Allahs willen schenke ich dir die Freiheit.“
Eines Tages sagte die Tochter Abu Hurairas: „Vater, die anderen Mädchen machen mich verlegen. Sie sagen: Warum lässt dein Vater dir keinen Goldschmuck anfertigen?“
Er sagte: „Tochter, sag ihnen, dass mein Vater die lodernden Flammen der Hölle fürchtet.“ Der Grund dafür, dass er seiner Tochter keinen Goldschmuck gab, war weder seine Gier nach Reichtum noch sein Geiz. Wenn es darum ging, auf Allahs Weg auszugeben, war er stets großzügig. Über seine Freigebigkeit berichtet die Geschichte vieles. Eines Tages schickte Marwan ibn al-Hakam Abu Huraira hundert Dinar. Doch bereits am nächsten Tag ließ Marwan ihm ausrichten: „Mein Diener hat dir die Dinar versehentlich gegeben. Ich wollte sie dir nicht geben, sondern einem anderen Mann.“ Als Abu Huraira dies hörte, sagte er beschämt und erstaunt:
„Ich habe sie bereits auf Allahs Weg ausgegeben. Bis zum Anbruch des Morgens besaß ich keinen einzigen Dinar mehr. Wenn mir künftig mein Unterhalt aus dem Bait al-Mal ausgezahlt wird, dann nimm sie davon.“ Tatsächlich hatte er dies nur getan, um ihn auf die Probe zu stellen.
Solange seine Mutter lebte, behandelte Abu Huraira sie stets gut. Wenn er das Haus verließ, ging er zur Tür des Zimmers seiner Mutter und sagte: „Mutter, as-salāmu ʿalaiki wa raḥmatullāhi wa barakātuh.“
Die Mutter antwortete: „Mein lieber Sohn, wa ʿalaika s-salāmu wa raḥmatullāhi wa barakātuh.“
Nach dem Austausch des Friedensgrußes sagte Abu Huraira: „Möge Allah dir Barmherzigkeit und Gnade erweisen, so wie du mir in meiner Kindheit Barmherzigkeit erwiesen hast.“ Die Mutter sagte: „Möge Allah dir Barmherzigkeit erweisen als Vergeltung dafür, dass du mich im Erwachsenenalter so gut behandelt hast.“ Nach seiner Rückkehr nach Hause tauschten Mutter und Sohn solche Bittgebete und Friedensgrüße aus.
So wie Abu Huraira selbst den Älteren Achtung und Respekt erwies, ermahnte er auch alle, ihre Eltern gut zu behandeln und gute Beziehungen zu ihren Verwandten zu pflegen. Eines Tages sah er zwei Männer, die nebeneinander die Straße entlanggingen. Einer von ihnen war deutlich älter als der andere. Er rief den Jüngeren zu sich und fragte ihn: „In welchem Verhältnis steht der Mann, der dich begleitet, zu dir?“
Er antwortete: „Mein Vater.“
Er sagte: „Rufe ihn niemals bei seinem Namen, gehe nicht vor ihm und setze dich nirgendwo hin, bevor er sich gesetzt hat.“
Auf seinem Totenbett weinte er bitterlich. Man fragte ihn, warum er weine. Er sagte: „Ich weine nicht um eure diesseitige Welt. Ich weine, weil ich an die lange Reise und den geringen Reiseproviant denke. Ich bin nun am Ende des Weges angelangt, der entweder ins Paradies oder in die Hölle führt. Ich weiß nicht, welchen dieser beiden Wege ich einschlagen werde.“
Er lag auf seinem Totenbett. Marwan ibn al-Hakam kam, um ihn zu besuchen, und sagte: „Abu Huraira, möge Allah dir Heilung schenken.“
Er erwiderte: „O Allah, ich liebe es, Dir zu begegnen; so mögest auch Du meine Begegnung wünschen und sie für mich beschleunigen.“
Kaum war Marwan von seinem Besuch aufgebrochen, da tat er seinen letzten Atemzug.
Der Historiker al-Waqidi berichtet: „Walid ibn Uqba leitete nach dem Asr-Gebet das Totengebet für ihn.“ Ibn Umar, Abu Sa’id al-Khudri (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) und weitere Gefährten waren bei seinem Totengebet anwesend.
Als Walid Muawiya von seinem Tod unterrichtete, schrieb dieser ihm: „Ermittle seine Erben, gib ihnen zehntausend Dirham und behandle seine Nachbarn gut. Denn während Uthman unter Hausarrest stand, hatte er ihm geholfen.“
Der Gelehrte Ibn Hadschar al-Asqalani berichtet im Werk „al-Isaba“ unter Berufung auf Abu Sulayman, dass Abu Huraira achtundsiebzig Jahre alt wurde. Zu Lebzeiten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war er etwas über dreißig Jahre alt. Nach Ansicht mancher verstarb er im Jahr 55 nach der Hidschra; al-Waqidi zufolge fiel sein Todesjahr jedoch auf 59 nach der Hidschra. Imam al-Bukhari zufolge starb er dagegen im Jahr 57 nach der Hidschra.
Abu Dharr al–Ghifari ((Allahs Wohlgefallen sei auf ihm))
Im Tal von Ad-Dan, das Mekka mit der Außenwelt verband, siedelte der Stamm Gifār. Die Handelskarawanen der Quraisch aus Mekka zogen durch dieses Tal nach Syrien und zurück. Ihren Lebensunterhalt bestritten sie mit den geringen Einnahmen, die sie im Austausch für den Schutz dieser Karawanen erhielten. Raub und Wegelagerei gehörten ebenfalls zu ihren Tätigkeiten. Wenn eine Handelskarawane ihnen nicht die von ihnen geforderten Lebensmittel oder Geld gab, plünderten sie sie.
Jundub ibn Junādah, der unter dem Namen Abū Dharr bekannt ist, war ebenfalls ein Sohn dieses Stammes. Schon seit seiner Kindheit unterschied er sich durch außergewöhnlichen Mut, scharfen Verstand und Weitblick von allen anderen. In der ersten Hälfte seines Lebens während der Dschāhilīya war auch sein Beruf die Wegelagerei. Als waghalsiger Räuber des Stammes Gifār erlangte er Berühmtheit. Doch schon nach kurzer Zeit kam es in seinem Leben zu einer Revolution. Er begann, tiefen Schmerz darüber zu empfinden, dass seine Stammesangehörigen neben dem einen Allah zahlreiche Götzen anbeteten. Er erkannte zutiefst die religiöse Verderbtheit, den blinden Glauben und den Aberglauben, die damals die gesamte arabische Welt überfluteten. Ungeduldig wartete er auf einen Propheten, der Verstand, Gewissen und Herzen der Menschen reinigen und sie aus der Finsternis ins Licht führen würde.
Er gab die Wegelagerei auf und wandte sich mit ungeteilter Hingabe der Anbetung Allahs zu, während das gesamte arabische Land in den abgründigen Tiefen der Irreleitung versunken war. Hadhrat Abū Maʿshar sagt: „Abū Dharr war bereits in der Dschāhilīya ein Muwahhid, also ein Bekenner der Einheit Allahs. Er glaubte an niemanden außer Allah als Gott und betete keine anderen Götzen oder Gottheiten an. Sein Glaube und seine Anbetung Allahs waren den Menschen bekannt. Deshalb sagte derjenige, der ihn als Erster über das Erscheinen des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, informierte:
„Abū Dharr, ein Mann in Mekka wie du sagt: ‚Lā ilāha illā llāh.‘“
Er glaubte nicht nur mit seinen Worten an den Tauhīd, sondern verrichtete bereits in jener Zeit der Dschāhilīya auch das Gebet. Darüber sagte er selbst: „Schon drei Jahre vor meiner Begegnung mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verrichtete ich das Gebet.“ Die Leute fragten: „An wen richtetest du dich dabei?“ Er antwortete: „An Allah.“ Wieder wurde er gefragt: „In welche Richtung wandtest du dein Gesicht?“ Er sagte: „In die Richtung, die Allah bestimmte.“
Seine Annahme des Islams ist ebenfalls höchst erstaunlich. Ibn Hajar hat im Werk ‘al-–Isaba’ die Geschichte seiner Annahme des Islams ausführlich geschildert. Kurz gesagt lebte er bei seinem Stamm. Eines Tages erhielt er die Nachricht, dass in Mekka ein neuer Prophet erschienen sei. Er rief seinen Bruder Anis und sagte zu ihm: „Geh bitte nach Mekka. Sammle dort einige Informationen über denjenigen, der behauptet, ein Prophet zu sein, und verkündet, dass ihm Offenbarung vom Himmel zuteilwird; höre dir einige seiner Worte an. Danach komm zurück und berichte mir davon.“
Anis ging nach Mekka. Nachdem er den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, getroffen und die aus seinem Mund hervorgegangenen Worte gehört hatte, kehrte er zu seinem Stamm zurück. Sobald Abū Dharr davon erfuhr, eilte er zu Anis. Mit größtem Interesse begann er, ihn allerlei über den neuen Propheten zu fragen. Anis sagte:
– „Bei Allah! Ich sah den Mann, wie er die Menschen zu edlem Charakter aufruft. Und er sagt Worte, die keineswegs wie Dichtung klingen.“
– „Was sagen die Leute über ihn?“
– „Manche sagen, er sei ein Zauberer, manche sagen, er sei ein Wahrsager, und wieder andere sagen, er sei ein Dichter.“
– „Bei Allah! Du hast meinen Durst nicht gestillt und mein Verlangen nicht zu erfüllen vermocht. Kannst du die Verantwortung für meine Familie übernehmen, damit ich nach Mekka gehen und mir mit eigenen Augen ansehen kann, wie es um ihn steht?“
– „Gewiss. Doch sei vorsichtig im Umgang mit den Bewohnern Mekkas.“
Am frühen Morgen des folgenden Tages machte sich Abu Dharr auf den Weg nach Mekka. Er nahm etwas Reiseproviant und einen Wasserschlauch mit. Ständig war er besorgt und voller Angst, jemand könnte seine Absicht entdecken. In diesem Zustand kam er in Mekka an. Er hielt es nicht für ratsam, irgendjemanden nach Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu fragen, denn er wusste nicht, ob derjenige, den er fragte, ein Freund oder ein Feind Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war.
Der Tag verging, und die Dunkelheit der Nacht senkte sich herab. Er war müde und völlig erschöpft. Um sich auszuruhen, legte er sich in einer Ecke der al-Masdschid al-Haram nieder. Ali ibn Abi Talib kam diesen Weg entlang. Als er ihn sah, erkannte er, dass der Mann ein Reisender war. Er rief ihm zu: „Kommen Sie mit zu mir nach Hause.“ Abu Dharr ging mit ihm und verbrachte dort die Nacht. Am Morgen kehrte er mit dem Wasserschlauch und dem Bündel mit Essen in der Hand wieder zur Moschee zurück. Doch keiner von beiden fragte den anderen irgendetwas.
Auch der nächste Tag verging, doch er lernte den Propheten nicht kennen. Wieder legte er sich in der Moschee nieder. Auch heute kam Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein) wieder diesen Weg entlang. Er sagte: „Was ist los? Hat der Mann sein Ziel auch heute noch nicht gefunden?“ Er nahm ihn wieder mit zu sich nach Hause. Auch diese Nacht verging dort. Auch an diesem Tag fragte keiner den anderen etwas. Auf dieselbe Weise brach die dritte Nacht an. Heute sagte Ali (möge Allah mit ihm zufrieden sein):
– „Sagen Sie mir, aus welchem Grund Sie nach Mekka gekommen sind?“
Er sagte: „Wenn Sie mir versprechen, mich zu dem zu führen, wonach ich suche, kann ich es Ihnen sagen.“ ʿAlī versprach es ihm.
Abū Dharr sagte:
„Ich bin aus großer Entfernung nach Mekka gekommen, um den neuen Propheten zu treffen und einige seiner Worte zu hören.“
ʿAlīs Gesicht begann vor Freude zu leuchten. Er sagte: „Bei Allah, er ist wahrlich ein echter Prophet.“ Daraufhin schilderte er ihm auf verschiedene Weise, wie der Prophet war. Er sagte weiter: „Morgen früh werden Sie mir folgen, wohin ich auch gehe. Wenn ich etwas bemerke, das für Sie gefährlich sein könnte, werde ich stehen bleiben und so tun, als müsste ich urinieren. Wenn ich dann weitergehe, folgen Sie mir weiter. Auf diese Weise werden Sie jeden Ort betreten, den auch ich betrete.“
Aufgrund seines überwältigenden Verlangens und seiner großen Aufregung, den geliebten Propheten zu sehen und die ihm offenbarte Offenbarung zu hören, konnte Abū Dharr die ganze Nacht nicht ruhig im Bett liegen. Am nächsten Morgen machte sich ʿAlī mit seinem Gast auf den Weg zum Haus des Gesandten Allahs. Abū Dharr folgte ihm dichtauf. Er achtete auf nichts in der Umgebung des Weges. So gelangten sie zum Gesandten Allahs. Abū Dharr entbot den Friedensgruß.
– „Der Friede sei mit dir, o Gesandter Allahs.“ Der Gesandte Allahs erwiderte:
– „Und mit dir sei der Friede sowie Allahs Barmherzigkeit und Sein Segen.“
Auf diese Weise erlangte Abū Dharr als Erster die Ehre, dem Gesandten Allahs den islamischen Friedensgruß zu entbieten. Danach wurde diese Art des gegenseitigen Friedensgrußes übernommen und verbreitet.
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lud Abu Dharr zum Islam ein und rezitierte ihm einige Koranverse. Noch dort sprach Abu Dharr das Glaubensbekenntnis der Einheit Allahs und erklärte damit seinen Eintritt in die neue Religion.
Abu Dharr schilderte das weitere Geschehen folgendermaßen: Nach meinem Übertritt zum Islam blieb ich gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Mekka. Er lehrte mich verschiedene Dinge des Islam und unterwies mich darin, einige Koranverse zu rezitieren. Er sagte zu mir: „Sprich in Mekka zu niemandem über deinen Übertritt zum Islam. Wenn jemand davon erfährt, fürchte ich um dein Leben.“
Ich sagte: „Bei Dem, in dessen Hand mein Leben liegt, ich werde Mekka nicht verlassen, bevor ich nicht zur Moschee gehe und unter den Quraisch öffentlich zum Weg der Wahrheit aufrufe.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schwieg.
Ich ging zur Moschee. Die Quraisch saßen dort versammelt und unterhielten sich. Ich trat in ihre Mitte, wandte mich mit lauter Stimme an sie und sagte: „O Angehörige des Stammes Quraisch! Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, der Gesandte Allahs ist.“
Kaum waren meine Worte in ihre Ohren gedrungen, da gerieten sie in Angst und Bestürzung. Allesamt sprangen sie auf und riefen: „Ergreift diesen Abtrünnigen!“ Sie liefen herbei und begannen, mich erbarmungslos zu verprügeln. Abbas ibn Abd al-Muttalib, der Onkel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erkannte mich. Um mich vor ihnen zu retten, warf er sich über mich. Dann rief er ihnen zu: „Geht zugrunde! Wollt ihr einen Mann aus dem Stamm der Ghifar und jemanden töten, der an der Route eurer Handelskarawanen lebt?“ Daraufhin ließen sie mich frei.
Nachdem ich mich etwas erholt hatte, kehrte ich zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zurück. Als er meinen Zustand sah, sagte er: „Hatte ich dir nicht verboten, deinen Übertritt zum Islam bekannt zu machen?“ Ich sagte: „O Gesandter Allahs! Ich verspürte in mir einen starken Drang; ich habe ihn lediglich zum Ausdruck gebracht.“ Er sagte: „Kehre zu deinem Volk zurück. Berichte ihnen, was du gesehen und was du gehört hast, und rufe sie zu Allah. Vielleicht wird Allah sie durch dich von Nutzen sein lassen und dich dafür belohnen. Wenn du erfährst, dass ich öffentlich zum Islam aufrufe, dann komm zu mir.“
Ich kehrte zum Aufenthaltsort meines Volkes zurück. Mein Bruder Anis kam, um mich zu besuchen. Er fragte: „Was habt Ihr getan?“ Ich antwortete: „Ich bin Muslim geworden und gläubig.“ Sofort öffnete Allah sein Herz. Er sagte: „Ich habe nicht die Absicht, eure Religion zurückzuweisen. Ich bin Muslim geworden und gläubig.“ Danach gingen wir beide gemeinsam zu unserer Mutter und riefen auch sie zum Islam auf. „Ich empfinde keine Abneigung gegen die Religion von euch beiden“, sagte sie und erklärte daraufhin ebenfalls ihren Übertritt zum Islam.
Von jenem Tag an verkündete diese gläubige Familie den Menschen des Stammes Ghifar unermüdlich den Islam. Bei dieser Aufgabe wurden sie niemals mutlos und verloren nie ihren Kampfgeist. Durch ihre aufopferungsvollen Bemühungen nahm eine große Zahl von Angehörigen dieses Stammes den Islam an, und unter ihnen wurde das gemeinschaftliche Gebet eingerichtet. Eine Gruppe jedoch sagte: „Wir werden an unserer Religion festhalten. Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina kommt, werden wir den Islam annehmen.“ Nach der Auswanderung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nach Medina nahmen auch sie den Islam an. Über den Stamm Ghifar sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Der Stamm Ghifar – Allah hat ihnen vergeben; und der Stamm Aslam – Allah hat ihnen Frieden und Sicherheit gegeben.“
Abu Dharr kehrte nach Mekka zurück und hielt sich mit den Angehörigen seines Stammes in der Wüste auf. Einer nach dem anderen gingen die Schlachten von Badr, Uhud und dem Graben zu Ende. Danach kam er nach Medina und suchte ununterbrochen die Gesellschaft des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Er bat den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), ihm die Gelegenheit zu geben, ihm zu dienen. Seine Bitte wurde gewährt. Während seines Aufenthalts in Medina verbrachte er seine gesamte Zeit im Dienst des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Dies war seine liebste Beschäftigung. Er selbst pflegte zu sagen:
„Ich diente dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), und in meiner freien Zeit kam ich in die Moschee und ruhte mich dort aus.“
Ibn Ishaq berichtet: Als Abu Dharr nach Medina auswanderte, stiftete der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) eine Bruderschaft zwischen Mundhir ibn ʿAmr und Abu Dharr. Der Historiker al-Waqidi vertritt hierzu jedoch die Ansicht, dass Abu Dharr erst nach der Offenbarung der Verse über das Erbrecht nach Medina ausgewandert sei. Daher sei die Regelung zur Stiftung solcher Bruderschaften bereits aufgehoben gewesen.
Es sind keine ausführlichen Angaben darüber bekannt, an welchen Kriegszügen er gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) teilnahm. Eine Begebenheit über seine Teilnahme am Feldzug von Tabuk hat jedoch Allāma Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī – ‘al-–Isāba’-Werk anhand der Überlieferung von ʿAbdullah ibn Masʿud berichtet: Als der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nach Tabuk aufbrach, begannen die Menschen, unter verschiedenen Vorwänden Bedenken hinsichtlich ihres Aufbruchs in den Krieg zu äußern. Wenn jemand nicht zu sehen war, sagten die Gefährten: „O Gesandter Allahs, der und der ist nicht gekommen.“ Er antwortete: „Wenn seine Absicht edel ist, wird Allah ihn bald zu euch stoßen. Andernfalls hat Allah ihn von euch ferngehalten und euch so vor ihm bewahrt.“ Eines Tages wurde Abu Dharr erwähnt, und man sagte: „Auch er ist zurückgeblieben.“ In Wirklichkeit war sein Kamel langsam. Zunächst versuchte er, es schneller anzutreiben, scheiterte jedoch daran. Daraufhin nahm er sein Gepäck ab, lud es auf seine Schultern und begann zu Fuß zu gehen, bis er den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) am vorausliegenden Rastplatz einholte. Ein Gefährte sah ihn aus der Ferne und rief: „O Gesandter Allahs, dort kommt jemand die Straße entlang.“ Er sagte: „Das wird Abu Dharr sein.“ Die Leute schauten aufmerksam hin, erkannten ihn und sagten: „O Gesandter Allahs, bei Allah, das ist tatsächlich Abu Dharr.“ Da sagte er:
„Möge Allah sich Abu Dharrs erbarmen. Er geht allein, wird allein sterben und wird am Tag der Auferstehung allein auferstehen.“ (Tārīch al- Islām: Allāma adh-Dhahabī,, 3. Band)) Die Prophezeiung des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) hat sich buchstäblich bewahrheitet.
Abu Dharr war von Natur aus schlicht, anspruchslos, weltentsagend und liebte die Einsamkeit. Deshalb gab ihm der edle Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) den Beinamen „Messias des Islam“. Nach dem Tod des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) löste er sich völlig von der Welt. Der Schmerz, der durch die Trennung von seinem geliebten Propheten in seinem Inneren begonnen hatte, ließ niemals nach. Daher wurde sein gebrochenes Herz durch den Tod Abu Bakrs noch vollends zerschmettert. In seinen Augen erschien der prachtvolle Garten Medinas nun ohne Blätter und Grün. Er verließ Medina und ließ sich in Schām (Syrien) nieder.
Bis zur Zeit des Kalifats von Abū Bakr und ʿUmar (r.a.) bestand die einfache und schlichte Lebensweise des Islam fort. Als mit den Siegen und der Ausweitung des islamischen Kalifats Reichtum und Wohlstand zunahmen, nahmen Glanz und Prunk ganz selbstverständlich ihren Platz ein. Bereits zur Zeit von ʿUthmān (r.a.) begann sich unter verschiedenen Menschen eine prunkvolle Lebensweise auszubreiten. Dies wirkte sich in gewissem Maße auf das gewöhnliche Leben der Menschen aus. An die Stelle der Schlichtheit aus der Zeit des Propheten (s.a.w.) traten bei ihnen Spuren von Genuss und Luxus. Abū Dharr erwartete von den Menschen, dass sie jener einfachen, schlichten und schmucklosen Lebensweise aus der Zeit des Propheten (s.a.w.) folgten. Er wünschte, dass alle Menschen innerlich völlig unabhängig von Reichtum und Besitz seien. Nach seinem auf Allah vertrauenden Glauben und seiner Überzeugung durfte man für den morgigen Tag nichts am heutigen Tag anhäufen. Er war überzeugt, dass kein Muslim das Recht habe, Vermögen anzuhäufen, während andere hungrig und nackt blieben. Muʿāwiya (r.a.) und die anderen Statthalter waren der Ansicht, dass jeder Muslim nach ordnungsgemäßer Entrichtung der von Allah den Wohlhabenden auferlegten Zakāt das Recht habe, überschüssiges Geld anzusparen. Diese Meinungsverschiedenheit nahm schließlich die Form von Streit und Auseinandersetzungen an. Abū Dharr begann, sich äußerst furchtlos gegen diese Menschen zu wenden. Weil sie über mehr Vermögen verfügten, als sie benötigten, betrachtete er sie als diejenigen, auf die der folgende Qurʾānvers zutreffe:
وَالَّذِينَ يَكْنِزُونَ الذَّهَبَ وَالْفِضَّةَ وَلَا يُنفِقُونَهَا فِي سَبِيلِ اللَّهِ فَبَشِّرْهُم بِعَذَابٍ أَلِيمٍ
– Und verkünde denen, die Gold und Silber anhäufen und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, eine schmerzhafte Strafe.“ (At- Tawba: 34)
Im vorangehenden Vers wird über die Juden und die Christen gesprochen. Daher vertrat Amīr Muʿāwiya die Auffassung, dass sich dieser Vers auf jene Ungläubigen beziehe. Abū Dharr dagegen war der Ansicht, dass sich der Vers an Muslime und Nichtmuslime gleichermaßen richte. Zweitens verstand Abū Dharr unter dem Nichtausgeben auf Allahs Weg, dass jemand seinen Besitz nicht vollständig auf Allahs Weg hingibt. Amīr Muʿāwiya hingegen meinte, dies stehe ausschließlich mit der Zakāt in Zusammenhang. So begann der ehrenwerte Abū Dharr, entsprechend seinem eigenen Denken, seiner Weltanschauung und seiner Auffassung, äußerst scharfe Kritik zu üben. Der ehrenwerte Muʿāwiya (r.a.) befürchtete, dass, wenn dieser Zustand anhielte, jederzeit Unordnung und Unruhe in Schām ausbrechen könnten. Er informierte den Kalifen ʿUthmān (r.a.) über die heikle Lage und bat ihn, Abū Dharr nach Medina zu rufen. Der ehrenwerte ʿUthmān ließ ihn nach Medina kommen.
Eines Tages saß Abū Dharr dort. Vor ihm fragte der Kalif ʿUthmān (r.a.) Kaʿb (r.a.): „Was denken Sie über einen Menschen, der Vermögen anhäuft, dafür Zakāt entrichtet und es außerdem auf Allahs Weg ausgibt?“ Kaʿb (r.a.) sagte: „Über einen solchen Menschen kann man gute Hoffnung hegen.“ Als Abū Dharr dies hörte, geriet er in heftigen Zorn. Er hob den Stock in seiner Hand über Kaʿbs Kopf und sagte: „Sohn einer jüdischen Frau – Kaʿb war der Sohn einer Jüdin –, was verstehst du schon von dessen Bedeutung? Am Tag der Auferstehung wird sogar das Herz eines solchen Menschen vom Skorpion gestochen werden.“ Schließlich sagte der ehrenwerte ʿUthmān zu Abū Dharr: „Bleiben Sie bei mir; jeden Morgen und jeden Abend wird eine Milch gebende Kamelstute an Ihrer Tür erscheinen.“ Er antwortete: „Ich habe keinerlei Bedürfnis nach den Gütern dieser Welt bei dir.“ Damit ging er fort. Schließlich bat ihn der ehrenwerte ʿUthmān, sich an einem Ort namens Rabdha niederzulassen, mitten in der Wüste, weit von Medina entfernt. Nach manchen Berichten begab er sich freiwillig dorthin und lebte dort. Fernab von den Siedlungen, in einer einsamen Gegend, mied er ein Leben voller Genuss und Luxus und folgte bis zu seinem Tod streng dem auf das Jenseits ausgerichteten Leben des Gesandten Allahs (s.a.w.). Auch die Geschichte vom Tod des ehrenwerten Abū Dharr ist äußerst schmerzlich und zugleich erstaunlich. Im Jahr 31, nach anderer Auffassung im Jahr 32 nach der Hidschra, starb er in der Wüste von Rabdha. Seine Ehefrau schilderte seinen Zustand in den letzten Augenblicken wie folgt:
„Als sich Abū Dharrs Zustand sehr verschlechtert hatte, begann ich zu weinen. Er fragte: ‚Warum weinst du?‘ Ich antwortete: ‚Ihr brecht in dieser einsamen Wüste zur Reise ins Jenseits auf. Außer den Kleidern, die du und ich tragen, gibt es hier kein zusätzliches Tuch, mit dem du in ein Leichentuch gehüllt werden könntest.‘ Er sagte: ‚Hör auf zu weinen. Ich verkünde dir eine frohe Botschaft. Ich hörte den Gesandten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagen: „Wenn zwei oder drei Kinder eines Muslims sterben, genügt dies, um ihn vor dem Feuer der Hölle zu bewahren.“ Er hatte vor einigen Menschen, zu denen auch ich gehörte, gesagt: „Einer von euch wird in der Wüste sterben, und zum Zeitpunkt seines Todes wird dort unvermittelt eine Gruppe von Muslimen eintreffen.“ Alle jene Menschen außer mir sind in bewohnten Gegenden gestorben. Nun bin nur noch ich am Leben. Deshalb kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich dieser Mann bin. Ich schwöre bei Allah, dass ich nicht lüge, und auch derjenige, der dies gesagt hat, hat nicht gelogen. Schau zur Straße hin und du wirst sehen, dass gewiss göttliche Hilfe unterwegs ist.‘ Ich sagte: ‚Nun ist auch die Rückkehr der Pilger beendet, und auf der Straße herrscht kein Verkehr mehr.‘ Er sagte: ‚Nein, geh und sieh nach.‘ Darauf stieg ich auf der einen Seite auf einen Hügel und hielt Ausschau in die Ferne, während ich auf der anderen Seite herbeieilte, um ihn zu pflegen. So ging das Hin- und Herlaufen und Suchen weiter. Da wurden in der Ferne einige Reiter sichtbar. Als ich ihnen zuwinkte, kamen sie schnell zu mir und hielten an. Sie fragten nach Abū Dharr: ‚Wer ist dieser Mann?‘ Ich antwortete: ‚Abū Dharr.‘ ‚Ein Gefährte des Gesandten Allahs?‘ Ich sagte: ‚Ja.‘ Sie sagten: ‚Mögen meine Eltern für ihn geopfert werden!‘ und gingen zu Abū Dharr. Zunächst erinnerte Abū Dharr sie an die Prophezeiung des Gesandten. Dann erteilte er ihnen folgende Anweisung: ‚Wenn bei mir oder bei meiner Frau ein Stück Stoff in der für ein Leichentuch erforderlichen Größe gefunden wird, dann bestattet mich damit.‘ Danach ließ er sie schwören, dass niemand, der auch nur das kleinste Amt im Staatsdienst bekleidete, ihn in das Leichentuch hüllen solle. Zufällig standen alle außer einem jungen Mann aus Medina in irgendeinem staatlichen Dienst. Abū Dharr gestattete nur diesem, ihn in das Leichentuch zu hüllen. Diese Karawane stammte aus dem Jemen und kam aus Kufa. Mit ihr befand sich auch der berühmte Gefährte ʿAbdullāh ibn Masʿūd, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm. Er war mit dieser Karawane auf dem Weg in den Irak. Er leitete das Totengebet für Abū Dharr, und gemeinsam bestatteten sie ihn in der Wüste von Rabdha.“
Von Ḥazrat Abū Dharr sind insgesamt achtundzwanzig Hadithe überliefert. Davon sind zwölf Hadithe muttafaqun ʿalayhi, das heißt, sie wurden sowohl von al-Buchārī als auch von Muslim überliefert. Zwei wurden ausschließlich von al-Buchārī und sieben ausschließlich von Muslim überliefert. Der Grund dafür, dass die Zahl der von ihm überlieferten Hadithe im Vergleich zu anderen so gering ist, liegt darin, dass er stets schweigsam war, die Einsamkeit bevorzugte und wenig Umgang mit den Menschen pflegte. Deshalb wurde sein Wissen nicht in größerem Umfang bekannt. Dennoch erwarben gelehrte Gefährten wie Ḥazrat Anas ibn Mālik und ʿAbdullāh ibn ʿAbbās Wissen von ihm. Ibn ʿAsākir behandelt dies ausführlich in seinem Werk „‘Tārīkh Dimashq’“.
ʿAlī, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, wurde nach dem Umfang von Abū Dharrs Wissen gefragt. Er sagte: „Er hatte ein Wissen erlangt, das die Menschen nicht zu erwerben vermögen. Danach wurde dieses Wissen einer Prüfung unterzogen, indem man es dem Feuer aussetzte, doch es zeigte sich darin keine Unreinheit.“ Über diesen großen Asketen und weltabgewandten Gefährten sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: „Unter dem Himmel und auf der Erde gibt es niemanden, der wahrhaftiger ist als Abū Dharr.“
Während der Kalifenzeit ʿUthmāns ging Abū Dharr einmal zur Hadsch. Ein Mann kam und sagte: „ʿUthmān hat während seines Aufenthalts in Minā das Gebet mit vier Rakʿa verrichtet (das heißt, er hat es nicht verkürzt).“ Dies missfiel ihm. Er tadelte dies mit äußerst scharfen Worten und sagte: „Ich habe hinter dem Gesandten Allahs, Abū Bakr und ʿUmar gebetet. Sie alle beteten zwei Rakʿa.“ Nachdem er dies gesagt hatte, übernahm er selbst die Leitung des Gebets und verrichtete vier Rakʿa. Die Leute sagten: „Gerade hast du den Amīr al-Muʾminīn kritisiert, und nun hast du selbst vier Rakʿa gebetet.“ Er sagte: „Uneinigkeit ist eine sehr schlechte Sache. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Beleidigt diejenigen nicht, die nach mir als Amīre eingesetzt werden. Wer beabsichtigt, sie zu beleidigen, wirft das feste Seil des Islam von seiner eigenen Schulter und verschließt für sich selbst das Tor der Reue.““ (Musnad Aḥmad, 5/165)
Wann immer nach dem Ableben des Gesandten Allahs dessen heiliger Name über seine Zunge kam, strömten ihm unaufhörlich Tränen aus den Augen. Ahnaf ibn Qays berichtet: „Einmal sah ich in Bayt al-Maqdis einen Mann, der sich immer wieder niederwarf. Dies löste in meinem Herzen eine besondere Regung aus. Als ich ein zweites Mal zu ihm ging, fragte ich: ‚Können Sie sagen, ob ich eine gerade oder ungerade Anzahl von Gebeten verrichtet habe?‘ Er sagte: ‚Auch wenn ich es nicht weiß, Allah weiß es gewiss.‘ Dann sagte er: ‚Mein Freund Abu al-Qasim hat mir gesagt …‘ Kaum hatte er dies gesagt, begann er zu weinen. Dann sagte er: ‚Mein Freund Abu al-Qasim hat mir gesagt.‘ Wieder versagte ihm vor Weinen die Stimme. Schließlich fasste er sich und sagte: ‚Mein Freund Abu al-Qasim, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hat gesagt: Wer sich einmal vor Allah niederwirft, dem erhöht Allah eine Stufe, tilgt ihm eine Sünde und schreibt ihm eine gute Tat gut.‘ Ich fragte: ‚Wer sind Sie?‘ Er sagte: ‚Abu Dharr, ein Gefährte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.‘“
Eines Tages kam ein Mann zu Abu Dharr. Er ließ seinen Blick im ganzen Haus umherschweifen. Da er keinerlei Haushaltsgegenstände sah, fragte er:
– „Abu Dharr, wo sind Ihre Habseligkeiten?“
– „Ich habe im Jenseits ein Haus. Dorthin schicke ich all meine besten Habseligkeiten.“
Einst schickte der Statthalter von Syrien ihm dreihundert Dinar und ließ ihm ausrichten: „Verwenden Sie dieses Geld für Ihre Bedürfnisse.“ Da sagte er: „Hat der Statthalter von Scham keinen noch geringeren Diener Allahs als mich gefunden?“ Mit diesen Worten schickte er die Dinar zurück.
Salman al-–Farisi ((r.a.))
Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Salman gehört zur Familie des Propheten.“
Dies ist die Lebensgeschichte eines wahrheitssuchenden Menschen, der sich danach sehnte, Allah zu finden. Er war Salman al-Farisi. Aus dem Mund Salman al-Farisis selbst stammt der erstaunliche Bericht darüber, wie er die Wahrheit fand. Er sagte:
Damals war ich ein persischer junger Mann aus der Gegend von Isfahan in Persien. Mein Dorf hieß „Jayyān“. Mein Vater war der Dahqan und Anführer des Dorfes, der reichste und angesehenste Mann dort. Seit meiner Geburt war ich für ihn das Liebste von allem, was Allah erschaffen hat. Je älter ich wurde, desto größer wurden seine Zuneigung und Liebe zu mir. Aus Angst, mir könnte etwas zustoßen, hielt er mich schließlich wie ein Mädchen im Haus eingeschlossen.
Ich begann, mich eifrig der magischen Religion meiner Eltern zu widmen, und erlangte schon bald das Amt des Hüters unseres göttlich verehrten Feuers. Mir wurde die Verantwortung übertragen, jenes Feuer der Anbetung Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden lang, brennen zu lassen.
Mein Vater besaß riesige Ländereien. Er kümmerte sich selbst um deren Verwaltung. Sie brachten uns eine reiche Ernte ein. Eines Tages war er aus irgendeinem Grund zu Hause aufgehalten worden und konnte nicht hinausgehen, um den Hof des Dorfes zu beaufsichtigen. Er rief mich zu sich und sagte:
„Mein Sohn, du siehst ja, dass ich heute aus einem besonderen Grund nicht zum Hof gehen kann. Geh du heute stattdessen dorthin und beaufsichtige in meinem Namen die dortigen Arbeiten.“
Ich machte mich auf den Weg zum Hof. Als ich unterwegs an einer Kirche der Christen vorbeikam, drangen einige ihrer Worte an mein Ohr. Sie beteten gerade. Diese Stimmen machten mich aufmerksam.
Da ich lange Zeit im Haus eingeschlossen gewesen war, wusste ich überhaupt nichts über die Christen oder die Anhänger irgendeiner anderen Religion. Als ich ihre Stimmen hörte, betrat ich das Innere der Kirche, um zu sehen, was sie taten. Ich beobachtete sie aufmerksam. Ihre Art zu beten gefiel mir sehr, und ich fühlte mich zu ihrer Religion hingezogen. Insgeheim sagte ich mir: Diese Religion ist weit besser als die, deren Anhänger wir sind. Statt zum Hof zu gehen, verbrachte ich jenen Tag bei ihnen. Ich fragte sie:
– Wo liegt der Ursprung dieser Religion?
– In Syrien.
Der Abend brach herein. Ich kehrte nach Hause zurück. Mein Vater begann, mich zu fragen, was ich den ganzen Tag getan hatte.
Ich sagte: „Vater, als ich an einigen Menschen vorbeikam, sah ich, wie sie in ihrem Gotteshaus beteten. Die religiösen Bräuche, die ich bei ihnen beobachtete, gefielen mir sehr. Bis zum Sonnenuntergang blieb ich bei ihnen.“ Als mein Vater dies hörte, wurde er besorgt. Er sagte:
„Mein Sohn, in dieser Religion liegt kein Gutes; die Religion deiner Vorfahren ist besser als sie.“ Ich sagte: „Bei Allah, keineswegs! Ihre Religion ist besser als unsere Religion.“
Als mein Vater dies hörte, bekam er Angst und befürchtete, dass ich meine Religion aufgeben könnte. Daher legte er mir Fesseln an und hielt mich im Haus gefangen.
Ich wartete auf eine Gelegenheit. Schon nach wenigen Tagen bot sich eine solche Gelegenheit. Heimlich ließ ich den Christen ausrichten: Wenn eine Karawane auf dem Weg nach Syrien bei ihnen eintreffe, sollten sie mir Bescheid geben.
Schon nach wenigen Tagen traf bei ihnen eine Karawane auf dem Weg nach Syrien ein. Sie gaben mir Bescheid. Ich floh aus meiner Gefangenschaft und zog mich heimlich mit ihnen auf den Weg. Sie brachten mich nach Syrien. Als ich in Syrien angekommen war, fragte ich:
– Wer ist der beste und gelehrteste Mann dieser Religion?
Sie sagten: „Der Bischof, der Priester der Kirche.“
Ich ging zu ihm und sagte: „Ich fühle mich zum Christentum hingezogen. Ich möchte in deiner Gesellschaft bleiben, dir dienen, von dir lernen und mit dir beten.“ Er sagte: „Komm herein.“
Ich trat ein, ging zu ihm und begann, ihm zu dienen. Schon nach wenigen Tagen erkannte ich, dass der Mann unehrlich war. Denn er forderte seine Gefährten und Anhänger zu Almosen auf und ermutigte sie, nach Lohn zu streben; doch wenn sie ihm etwas übergaben, damit es auf Allahs Weg ausgegeben werde, unterschlug er es selbst und häufte es für sich an. Den armen Bedürftigen gab er nichts. Auf diese Weise häufte er sieben Krüge Gold an.
Wegen dieses moralischen Verfalls hasste ich ihn zutiefst. Nach wenigen Tagen starb der Mann. Die Christen der Gegend versammelten sich, um ihn zu beerdigen. Ich sagte zu ihnen: „Euer Freund war ein äußerst unehrlicher Mensch. Er forderte euch zu Almosen auf und ermutigte euch dazu. Doch wenn ihr sie ihm übergabt, unterschlug er alles. Den armen Bedürftigen gab er nichts.“
Sie fragten: „Woher weißt du das?“
Ich sagte: „Ich werde euch das geheime Versteck zeigen, in dem er sein Vermögen angehäuft hat.“
Sie sagten: „Gut, dann zeig es uns.“
Als ich ihnen das geheime Versteck zeigte, holten sie daraus sieben Krüge mit Gold und Silber hervor. Als sie das sahen, sagten sie:
„Bei Allah, wir werden ihn nicht beerdigen.“
Sie hängten ihn ans Kreuz und zerschmetterten seinen Körper mit Steinen. Schon nach kurzer Zeit setzten sie einen anderen Mann an seine Stelle. Auch ich suchte seine Gesellschaft. Niemals zuvor hatte ich einen Menschen gesehen, der dieser Welt gegenüber gleichgültiger, dem Jenseits stärker zugeneigt und Tag und Nacht eifriger in der Anbetung war als dieser Mann. Ich liebte ihn sehr. Lange Zeit blieb ich bei ihm. Als seine Todesstunde näher rückte, sagte ich zu ihm:
– Mein Herr, bei wessen Gesellschaft soll ich nach Ihrem Tod bleiben?
Er sagte: Mein Sohn, hier kenne ich niemanden mehr, der an der Wahrheit festhält, an der ich festgehalten habe. Doch in Mosul gibt es einen Mann, der so und so heißt. Er hat an dieser Wahrheit nicht im Geringsten etwas verändert oder hinzugefügt. Suche seine Gesellschaft.
Nach dem Tod meines Freundes ging ich nach Mosul und machte den Mann ausfindig, den er beschrieben hatte. Ich erzählte ihm meine ganze Geschichte. Ich sagte ihm auch, dass jener Mann mir kurz vor seinem Tod empfohlen hatte, seine Gesellschaft zu suchen. Außerdem hatte er mir gesagt, dass Sie fest an derselben Wahrheit festhalten, mit der er seinen letzten Atemzug getan hatte. Nachdem er mich angehört hatte, sagte er: Bleib bei mir.
Ich blieb bei ihm. Sein Verhalten gefiel mir sehr. Schon nach kurzer Zeit starb er. Als seine Todeszeit näher rückte, sagte ich zu ihm:
– Mein Herr, Sie sehen selbst, dass Allahs Ratschluss Sie erreicht hat. Und Sie kennen meine Angelegenheit genau. Zu wem raten Sie mir nun zu gehen?
Er sagte: Mein Sohn, ich kenne niemanden, der an dem festhält, woran wir festgehalten haben. Doch in Nasibin gibt es einen Mann namens so und so; du kannst dich mit ihm treffen.
Nachdem er begraben worden war, traf ich den Mann aus Nasibin und erzählte ihm meine ganze Geschichte. Er bat mich, bei ihm zu bleiben. Also blieb ich. Auch diesen Mann fand ich, wie die beiden vorherigen Freunde, von untadeliger Charakterstärke. Allah ist groß! Schon nach kurzer Zeit starb er. In seiner letzten Stunde sagte ich zu ihm: Sie wissen im Großen und Ganzen alles über mich. Zu wem raten Sie mir nun zu gehen?
Er sagte: „In Amuria lebt ein Mann namens Amun. Du sollst dich seiner Gesellschaft anschließen. Außer ihm kenne ich niemanden mehr, der an unserer Wahrheit festhält.“ Ich begab mich zu ihm und erzählte ihm alles, was mir widerfahren war.
Nachdem er mir zugehört hatte, sagte er: „Bleib bei mir.“ Bei Allah, während ich bei ihm blieb, stellte ich fest, dass er derselben Lehre und demselben Weg folgte wie seine Vorgänger. Während ich bei ihm war, wurde ich Besitzer vieler Kühe und Ziegen.
Schon nach kurzer Zeit sah ich auch für ihn dasselbe Ende voraus, das ich bei seinen Vorgängern erlebt hatte. Als sich das Ende seines Lebens näherte, sagte ich zu ihm: „Ihr kennt meine Lage genau. Was soll ich nun tun, und zu wem soll ich gehen?“
Er sagte: „Mein Sohn! Ich weiß von niemandem, der auf der Erde noch an der Wahrheit festhält, an der wir festgehalten haben. Doch in naher Zukunft wird in Arabien ein Prophet erscheinen. Er wird die Religion Ibrahims erneuern. Er wird aus seiner Heimat vertrieben werden und in ein Land mit Dattelgärten zwischen großen schwarzen Steinen auswandern. Er wird eindeutige Zeichen haben, klar wie das Tageslicht. Er wird Geschenke annehmen, aber keine Almosen. Zwischen seinen Schultern wird sich das Siegel des Prophetentums befinden. Wenn du kannst, dann geh in dieses Land.“
Danach starb er. Ich blieb noch einige Zeit in Amuria. Eines Tages kamen einige arabische Händler aus dem Stamm Kalb dorthin. Ich sagte zu ihnen: „Wenn ihr mich mit nach Arabien nehmt, gebe ich euch dafür diese meine Kühe und Ziegen.“ Sie sagten: „Einverstanden, wir nehmen dich mit.“
Ich übergab ihnen die Kühe und Ziegen, und sie nahmen mich mit. Als wir einen Ort namens Wadi al-Qura zwischen Medina und dem Scham erreichten, verrieten sie mich und verkauften mich an einen Juden. Ich trat in seinen Dienst als Sklave. Schon nach kurzer Zeit kaufte mich ein Cousin dieses Mannes aus dem Stamm Banu Qurayza und brachte mich nach Yathrib (Medina). Dort sah ich die Dattelpalmen, von denen mir mein Freund aus Amuria erzählt hatte, und erkannte die Stadt anhand seiner Beschreibung wieder. Dort blieb ich bei meinem Herrn.
Der Prophet (s.a.s.) rief damals in Mekka zum Glauben auf. Da ich als Sklave ständig mit Arbeit beschäftigt war, erreichte mich kein Wort und kein Gespräch über ihn. Nach einiger Zeit wanderte der Gesandte Allahs (s.a.s.) von Mekka nach Yathrib aus. Ich war gerade auf eine Dattelpalme gestiegen und verrichtete dort irgendeine Arbeit, während mein Herr unter dem Baum saß. Da kam ein Neffe meines Herrn zu ihm und sagte:
„Allah möge Banu Qayla – die Stämme Aws und Khazradsch – vernichten! Bei Gott, sie versammeln sich jetzt in Quba bei einem Mann, der gerade heute aus Mekka gekommen ist und behauptet, ein Prophet zu sein.“
Kaum waren seine Worte an mein Ohr gedrungen, da befiel mich gleichsam Fieber. Ich begann heftig zu zittern. Ich fürchtete, mit einem dumpfen Aufprall auf den Nacken meines unter dem Baum sitzenden Herrn zu stürzen. Schnell stieg ich vom Baum herab und sagte zu dem Mann:
– Was hast du gesagt? Wiederhole deine Worte bitte noch einmal für mich.
Als mein Herr meine Worte hörte, geriet er in rasende Wut, versetzte mir eine kräftige Ohrfeige und sagte:
– Was geht dich dieser Mann an? Geh und mach weiter, womit du beschäftigt warst.
Am Abend jenes Tages nahm ich einige Datteln von denen, die ich gesammelt hatte, und machte mich zu dem Ort auf, an dem sich der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, aufhielt. Als ich zu ihm gelangte, sagte ich zu ihm:
– Ich habe gehört, dass Sie ein rechtschaffener Mann sind und einige mittellose Gefährten haben. Diese wenigen Dinge waren bei mir für den Zweck der Sadaqa zurückgelegt worden, doch ich sah, dass Sie ihrer würdiger sind als andere. Damit reichte ich ihm die Datteln. Er sagte zu seinen Gefährten: „Esst.“ Er selbst zog jedoch seine Hand zurück und aß nichts. Insgeheim sagte ich mir: Das ist das erste Zeichen.
An jenem Tag kehrte ich zurück. Wieder begann ich, einige Datteln zu sammeln. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kam von Quba nach Medina. Eines Tages ging ich mit den Datteln zu ihm und sagte: „Ich habe gesehen, dass Sie keine Dinge essen, die als Sadaqa gegeben werden. Deshalb habe ich diesmal ein Geschenk mitgebracht, um es Ihnen zu geben.“ Diesmal aß er selbst davon und forderte seine Gefährten auf, ebenfalls mit ihm zu essen. Insgeheim sagte ich mir: Das ist das zweite Zeichen.
Dann ging ich eines Tages zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Er war gerade auf dem Friedhof Baqi al-Gharqad dabei, einen seiner Gefährten zu bestatten. Ich sah, dass er in eine Schamla (ein weites Kleidungsstück) gehüllt dasaß. Ich grüßte ihn. Danach ließ ich meinen Blick immer wieder zu seinem Rücken wandern. Ich suchte nach dem Siegel des Prophetentums, das mir mein Freund aus Amurriya beschrieben hatte.
Der Gesandte Allahs bemerkte, dass ich immer wieder auf seinen Rücken blickte, und verstand, worauf ich hinauswollte. Er nahm das Tuch von seinem Rücken, und ich konnte das Siegel deutlich sehen. Da erkannte ich ihn zweifelsfrei, stürzte mich auf ihn, überschüttete ihn mit Küssen und ließ unter Tränen meine Brust von Tränen überströmen. Als der Gesandte Allahs meinen Zustand sah, fragte er:
– Wie geht es dir?
Ich erzählte ihm die ganze Geschichte ausführlich. Er war erstaunt und wollte, dass ich diese Geschichte selbst seinen Gefährten erzählte. Ich erzählte sie ihnen. Sie waren erstaunt und überaus erfreut.
Da Salman in den Fesseln der Sklaverei gebunden war, konnte er nicht an den Schlachten von Badr und Uhud teilnehmen. Deshalb litt er große seelische Qualen. Salman berichtet: „Eines Tages rief mich der Gesandte Allahs zu sich und sagte: »Schließe mit deinem Herrn einen Mukātaba-Vertrag (Freikaufvertrag).« Ich schloss den Vertrag: Ich würde ihm dreihundert Dattelpalmen-Setzlinge pflanzen und ihm außerdem vierzig Uqiyya Gold geben; im Gegenzug würde ich meine Freiheit erlangen. Ich informierte den Gesandten Allahs über diesen Vertrag. Er rief die Gefährten zusammen und sagte: »Helft diesem eurem Bruder.« Jeder von ihnen gab mir, was er konnte – fünf, zehn, zwanzig oder dreißig Setzlinge. So kamen die dreihundert Setzlinge zusammen. Danach grub ich auf Anweisung des Gesandten Allahs die Pflanzlöcher. Eines Tages ging er selbst mit mir dorthin. Ich reichte ihm einen Setzling nach dem anderen, und er pflanzte sie ein. Bei Allah, keiner der von ihm gepflanzten Setzlinge ging ein. (Die Historiker berichten, dass Salman nur einen einzigen Setzling pflanzte und gerade dieser einging. Alle übrigen pflanzte der Gesandte Allahs, und sie blieben sämtlich am Leben.) Auf diese Weise erfüllte ich einen Teil meines Vertrags; offen blieb noch die Zahlung.“
Eines Tages rief mich der Gesandte Allahs zu sich, legte mir etwas Goldhaltiges, das wie ein Hühnerei aussah, in die Hand und sagte: »Geh und begleiche damit gemäß deinem Vertrag die Zahlung.« Ich fragte: »Wird das dafür ausreichen?« Er sagte: »Nimm es; Allah wird damit die Zahlung begleichen.« Bei Allah, wir wogen es, und es wog tatsächlich vierzig Uqiyya.
So erfüllte Salman seinen Vertrag und erlangte seine Freiheit. Nach seiner Befreiung aus der Sklaverei lebte Salman unter den Muslimen. Damals besaß er weder ein Haus noch eine Wohnung. Der Gesandte Allahs begründete für ihn, ebenso wie für die anderen Muhādschirūn, eine Mu’ākhāt- oder Bruderschaftsbeziehung mit dem angesehenen Gefährten aus den Ansar, Abu ad-Dardā. Wegen seiner Versklavung hatte Salman nicht an den Schlachten von Badr und Uhud teilnehmen können. Nach seiner Befreiung fand die Schlacht am Graben statt. Durch seinen bedeutenden Beitrag in dieser Schlacht holte er den Verlust seiner Abwesenheit bei den beiden vorherigen Schlachten wieder auf. Die verschiedenen Stämme ganz Arabiens vereinigten sich mit den Quraisch und bereiteten den Angriff auf Medina vor. Als der Gesandte Allahs davon erfuhr, beriet er sich mit den Gefährten. Viele gaben unterschiedliche Ratschläge. Salman sagte: »In Persien schützt man die Städte, indem man Gräben aushebt. Es wäre sinnvoll, auf der ungeschützten Seite Medinas einen Graben auszuheben und die Stadt dadurch zu schützen.« Dieser Vorschlag gefiel dem Gesandten Allahs. Im Westen und Nordwesten Medinas wurde ein langer Graben ausgehoben, wodurch der Angriff des gewaltigen Quraisch-Heeres leicht abgewehrt werden konnte. Auch der Gesandte Allahs selbst beteiligte sich an den Arbeiten zum Ausheben dieses Grabens. Als das Quraisch-Heer an den Stadtrand Medinas gelangte und diese außergewöhnliche Kriegstaktik sah, war es wie gelähmt vor Staunen. Nachdem es Medina 21 beziehungsweise 22 Tage belagert hatte, war es schließlich gezwungen zu fliehen. An jeder Schlacht, die nach der Grabenschlacht stattfand, nahm Salman teil. Nach dem Tod des Gesandten Allahs blieb Salman noch einige Zeit in Medina. Wahrscheinlich ließ er sich gegen Ende des Kalifats von Abu Bakr oder zu Beginn des Kalifats von Umar im Irak nieder, während sein Glaubensbruder Abu ad-Dardā sich in Syrien niederließ. In der Zeit Umars spielte er bei der Eroberung Irans eine herausragende Rolle. Schulter an Schulter mit den muslimischen Mudschāhidūn kämpfte er an verschiedenen Fronten. Auch an der Eroberung von Dschalūlā nahm er teil. Umar ernannte ihn zum Statthalter von Mada’in. Er starb während des Kalifats Uthmans.
Nach seinem Übertritt zum Islam verbrachte Salman den größten Teil seines Lebens in der Gesellschaft des Gesandten Allahs. Deshalb erlangte er besondere Gelehrsamkeit in Ilm und Ma’rifa. Als Ali über sein Wissen befragt wurde, sagte er: »Auf dem Gebiet des Wissens und der Weisheit war Salman Luqman dem Weisen ebenbürtig.« Einer anderen Überlieferung zufolge sagte er: »Er war ein Gelehrter all des Wissens – des Wissens des Anfangs und des Wissens des Endes.« Mit dem Wissen des Endes ist das Wissen des Qurans gemeint. Da er in Arabien weder Verwandte noch einen Clan hatte, erklärte ihn der Gesandte Allahs zu einem Mitglied der Ahl al-Bait. Mu’adh ibn Dschabal, ein bedeutender Gelehrter und Mudschtahid unter den Gefährten, sagte: »Erwerbt Wissen von vier Personen. Einer dieser vier ist Salman.«
Von Salman wurden sechzig Hadithe überliefert. Drei davon sind von al-Buchari und Muslim gemeinsam überliefert, einen überlieferte Muslim allein und drei überlieferte al-Buchari allein. Bedeutende Gefährten wie Abu Sa’id al-Chudri, Abu at-Tufail, Ibn Abbas, Aus ibn Malik und Ibn Adschza waren seine Schüler.
Hazrat Salman gehörte zu jenen herausragenden Gefährten, denen das Glück zuteilwurde, eine besondere Nähe zum Gesandten Allahs (s.a.w.) zu erlangen. Hazrat Aischa (r.a.) berichtet: „An den Nächten, in denen der Gesandte Allahs (s.a.w.) sich mit Salman zu einem vertraulichen Gespräch hinsetzte, dachten wir, seine Ehefrauen, dass Salman uns heute vielleicht unseren Anteil an seiner nächtlichen Gesellschaft nehmen würde.“
Er war ein lebendiges Beispiel für Askese und Gottesfurcht. Er führte sein Leben wie ein vorübergehender Reisender. In seinem ganzen Leben baute er kein Haus. Wenn er irgendwo eine Mauer oder den Schatten eines Baumes fand, legte er sich dort nieder. Ein Mann bat ihn um die Erlaubnis, ihm ein Haus zu bauen. Er verbot es ihm. Als der Mann ihn wiederholt bedrängte, fragte er schließlich: „Wie ein Haus willst du bauen?“ Der Mann antwortete: „So klein, dass du im Stehen mit dem Kopf an die Decke stößt und im Liegen mit den Füßen die Wand berührst.“ Daraufhin stimmte er zu. Für ihn wurde eine kleine Hütte errichtet. Hazrat Hasan (r.a.) berichtet: „Selbst als Salman ein jährliches Stipendium von fünftausend Dirham erhielt und über dreißigtausend Menschen herrschte, besaß er nur einen einzigen Aba. Darin sammelte er Holz. Wenn er schlafen ging, legte er die eine Hälfte des Aba über seinen Körper und breitete die andere Hälfte als Unterlage aus.“
Als Hazrat Salman (r.a.) auf dem Sterbebett lag, besuchte ihn Hazrat Saʿd ibn Abi Waqqas (r.a.). Salman (r.a.) begann zu weinen. Saʿd fragte: „Abu Abdillah, warum weinst du? Der Gesandte Allahs (s.a.w.) ist doch in Zufriedenheit mit dir aus dieser Welt geschieden. Du wirst ihn am Becken von Kawthar wiedersehen.“ Er sagte: „Ich weine nicht aus Todesfurcht. Der Grund für mein Weinen ist, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) uns das Versprechen abgenommen hatte, dass unsere Habe nicht umfangreicher sein solle als die Habe eines Reisenden. Doch bei mir haben sich so viele Dinge angesammelt.“ Saʿd berichtet: „Diese Dinge waren nichts weiter als eine große Schale, eine Kupferplatte und ein Käsegefäß.“
Usama ibn Zaid ((r.a.))
Vor der Hidschra war in Mekka das siebte Jahr der Prophetenschaft angebrochen. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) und seine Gefährten waren damals der äußersten Schikane der Quraisch ausgesetzt. Bei der Erfüllung der schweren Aufgabe und Last des islamischen Aufrufs stieß er auf Schritt und Tritt auf verschiedenes Leid, Schmerzen und Unglück. In dieser Zeit erschien ein kleiner Lichtstrahl der Freude in seinem Leben. Ein Überbringer froher Botschaft brachte die freudige Nachricht: „Ummu Aiman hat einen Sohn geboren.“ Das heilige Antlitz des Gesandten Allahs (s.a.w.) erstrahlte vor Freude. Dieses glückselige Neugeborene, über dessen Ankunft auf Erden der Gesandte Allahs (s.a.w.) so überaus erfreut gewesen war, war Usama ibn Zaid.
Dass die Gefährten über die große Freude des Gesandten Allahs (s.a.w.) bei der Nachricht von der Geburt des Kindes nicht erstaunt waren, lag daran, dass alle über die Stellung seiner Eltern beim Gesandten Allahs (s.a.w.) Bescheid wussten. Die Mutter des Kindes war Baraka al-Habaschiyya, bekannt als Ummu Aiman. Sie war die Sklavin der Mutter des Gesandten Allahs (s.a.w.), Hazrat Amina. Sowohl zu deren Lebzeiten als auch nach ihrem Tod hatte diese Frau den Gesandten Allahs (s.a.w.) aufgezogen. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) auf diese Welt kam, lernte er durch sie, sie als seine Mutter zu verstehen. Er liebte sie auf außerordentlich tiefe und aufrichtige Weise. Oft sagte er: „Nach meiner Mutter ist sie meine Mutter und das verbliebene Mitglied meiner Familie.“ Diese ehrenwerte Frau war die ruhmvolle Mutter dieses Neugeborenen.
Der Vater des Kindes war der vom Gesandten Allahs (s.a.w.) geliebte, schon vor dem Islam als Adoptivsohn angenommene, treue Gefährte und nach dem Islam ihm am meisten geliebte Mensch – Zaid ibn Haritha (r.a.).
Gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s.a.w.) freute sich die gesamte muslimische Gemeinschaft von Mekka über die Geburt des Kindes. Wie sie dessen Vater den Beinamen „Hibbu Rasulillah“ gegeben hatten, gaben sie ihm ebenso den Beinamen „Ibn al-Hibb“, das heißt: Sohn des Lieblings des Gesandten Allahs (s.a.w.). Diese Namensgebung war durchaus treffend. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) liebte ihn so sehr, dass die Weltbevölkerung beim Anblick dessen neidisch wurde. Usama war gleichaltrig mit Hasan ibn Fatima, dem Enkelsohn des Gesandten Allahs (s.a.w.). Hasan war, wie sein Großvater, der Gesandte Allahs (s.a.w.), von außerordentlicher Schönheit. Usama dagegen war so dunkelhäutig wie seine habaschische Mutter, die habaschische Mutter, und hatte eine breite, flache Nase. Doch der Gesandte Allahs (s.a.w.) machte zwischen den beiden keinerlei Unterschied in seiner Zuneigung und Liebe. Er setzte Usama auf einen Oberschenkel und Hasan auf den anderen. Dann drückte er beide gemeinsam an seine Brust und sagte: „O Allah, ich liebe diese beiden; so liebe auch Du sie beide.“
Wie tief und stark die Zuneigung und Liebe des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu dem kleinen Usama war, lässt sich an einem Ereignis erkennen. Eines Tages stieß der kleine Usama gegen die Türschwelle und fiel hin. Seine Stirn war aufgeplatzt und begann zu bluten. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bat zunächst Hadhrat Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, das Blut abzuwischen. Doch damit war er nicht zufrieden. Er stand selbst auf, wischte das Blut ab, küsste die Wunde und beruhigte ihn mit süßen, liebevollen und von Mitgefühl erfüllten Worten.
Auch in seiner Jugend erfreute sich Usama der Liebe des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ebenso wie in seiner Kindheit. Einst kaufte Hakim ibn Hizam, einer der führenden Männer der Quraisch, im Jemen für fünfzig Dinar einen kostbaren Umhang des jemenitischen Königs Dhu Yazan. Als er den Umhang dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, schenken wollte, lehnte dieser die Annahme ab, weil Hakim damals noch ein Götzendiener war. Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, kaufte den Umhang jedoch von ihm gegen Bezahlung. An einem Freitag trug der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, diesen Umhang ein einziges Mal. Danach legte er ihn Usama an. Usama trug den Umhang und ging damit morgens und abends mit den gleichaltrigen jungen Männern der Auswanderer und der Ansar umher.
In seiner Jugend entwickelten sich in Usama solche charakterlichen Vorzüge und Eigenschaften, dass er dadurch leicht die Zuneigung und Liebe des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gewann. Scharfer Verstand, Wagemut, Umsicht, ein reiner und untadeliger Charakter sowie Gottesfurcht und Frömmigkeit waren seine besonderen Eigenschaften.
Am Tag der Schlacht von Uhud erschien Usama zusammen mit einigen anderen gleichaltrigen jungen Gefährten vor dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Sie alle wünschten, am Dschihad teilzunehmen. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, wählte einige von ihnen aus und schickte die anderen wegen ihres noch nicht erreichten Alters zurück. Usama kehrte abgewiesen nach Hause zurück. Seine Augen waren voller Tränen. Sein Schmerz bestand darin, dass ihm die Möglichkeit genommen worden war, unter dem Banner des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, am Dschihad teilzunehmen.
Die Schlacht am Graben stand bevor. Auch Usama war erschienen, zusammen mit einigen weiteren jungen Gefährten. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, musterte die Soldaten. Damit er ihn diesmal nicht wie bei Uhud wegen seiner geringen Größe zurückwies, stellte Usama sich auf die Zehenspitzen und machte sich größer. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sein eifriges Verlangen sah, wurde sein Herz weich. Er nahm ihn in die Reihen auf. Mit dem Schwert über der Schulter zog Usama zum Dschihad. Damals war er ein zwölf- oder dreizehnjähriger Junge.
In einigen Überlieferungen heißt es, dass er wegen seines noch nicht erreichten Alters an den ersten Feldzügen nicht teilnehmen durfte. Am Feldzug gegen Harqa nahm er erstmals teil. Dieser Feldzug fand im siebten oder achten Jahr nach der Hidschra statt. Damals war er vierzehn Jahre alt. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten übertrug der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihm dennoch die Führung des Feldzugs. Über seine Erfahrungen bei diesem Feldzug berichtete er selbst: „Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sandte uns nach Harqa. Die Feinde wurden besiegt und begannen zu fliehen. Gemeinsam mit einem ansarischen Soldaten nahm ich die Verfolgung eines fliehenden Kämpfers auf. Als er in unsere Reichweite kam, rief er laut: ‚Es gibt keinen Gott außer Allah.‘ Aufgrund dieses Bekenntnisses hielt der Ansari inne; ich aber schleuderte meinen Speer und durchbohrte ihn. Er starb. Nach unserer Rückkehr vom Feldzug erfuhr der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, davon. Er sagte zu mir: ‚Usama, du hast einen Menschen getötet, nachdem er das Glaubensbekenntnis gesprochen hatte.‘ Ich sagte: ‚Er hat es nur gesagt, um sein Leben zu retten.‘ Doch er schenkte meinen Worten keine Beachtung und wiederholte immer wieder dieselben Worte. Ich empfand damals so große Reue, dass ich mir sagte: ‚Ach, wäre ich doch erst nach diesem Tag Muslim geworden!‘ In einer anderen Überlieferung heißt es, dass der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihm sagte: ‚Hast du etwa in sein Herz hineingesehen?‘“
In der Schlacht von Hunain begann das muslimische Heer, nachdem es besiegt worden war, zu fliehen. Usama jedoch stand gemeinsam mit nur sechs Gefährten, darunter dem Onkel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Abbas, und Abu Sufyan ibn al-Harith, unerschütterlich gegen das feindliche Heer. Mit Hilfe dieser kleinen Gruppe tapferer Gläubiger verwandelte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, an jenem Tag eine sichere Niederlage in einen Sieg und bewahrte das fliehende muslimische Heer vor dem Zugriff des Götzenanbeterheeres.
Auch bei der Eroberung Mekkas war Usama ein Gefährte des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Er ritt mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, auf demselben Reittier nach Mekka ein. Usama, Bilal und Uthman ibn Talha waren an jenem Tag die drei Personen, denen gemeinsam mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Ehre zuteilwurde, das Innere der Kaaba zu betreten. Unmittelbar nachdem diese vier Personen eingetreten waren, wurden die Türen der Kaaba verschlossen.
Usama nahm gemeinsam mit seinem Vater, dem Heerführer Zaid ibn Haritha, am Feldzug von Muʾta teil. Damals war er noch keine achtzehn Jahre alt. In dieser Schlacht wurde er Zeuge des Märtyrertodes seines Vaters. Doch er war nicht niedergeschlagen. Nach dem Märtyrertod seines Vaters kämpfte er zunächst unter der Führung von Jaʿfar ibn Abi Talib und danach unter der von Abdullah ibn Rawaha wie ein tapferer Kämpfer weiter. Als auch diese Heerführer wie Zaid den Märtyrertod erlitten hatten, kämpfte er unter der Führung des Heerführers Khalid ibn al-Walid und rettete das muslimische Heer aus den Klauen des römischen Heeres. Nachdem er auf dem Schlachtfeld von Muʾta die sterblichen Überreste seines Vaters Zaid Allah anvertraut hatte, bestieg er das Pferd, auf dem dieser den Märtyrertod erlitten hatte, und kehrte nach Medina zurück.
Im elften Jahr nach der Hidschra ordnete der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) die Aufstellung eines Heeres für eine entscheidende Schlacht gegen das römische Heer an. Hazrat Abu Bakr, Umar, Saʿd ibn Abi Waqqas, Abu Ubaida ibn al-Dscharrāh und andere herausragende militärische Experten unter den Gefährten wurden diesem Heer zugeteilt. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ernannte Usama ibn Zaid zum Oberbefehlshaber dieses Heeres. Damals war er ungefähr zwanzig Jahre alt. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) befahl, in der Nähe des Gaza-Tals, bei Balqa und Darum al-Kilʿar, an der Grenze ein Lager aufzuschlagen.
Das Heer war zum Aufbruch bereit. Inzwischen erkrankte der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Als sich seine Krankheit verschlimmerte, unterbrach Usama gemeinsam mit dem Heer den Aufbruch und wartete an einem Ort namens Dschurf am Stadtrand von Medina. Von dort kam er täglich, um den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu besuchen. Usama berichtet: „Als sich die Krankheit des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verschlimmerte, ging ich zu ihm. Viele andere waren mit mir. Als ich das Haus betrat, sah ich, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) schweigsam war. Wegen der Heftigkeit seiner Krankheit konnte er nicht sprechen. Als er mich sah, hob er zunächst seine Hand zum Himmel und legte sie dann auf meinen Körper. Ich verstand, dass er für mich betete.“
Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verstarb. Als Usama die Nachricht erhielt, eilte er nach Medina und nahm an der Einhüllung und Beisetzung teil. Ihm wurde auch die Ehre zuteil, den heiligen Leichnam des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) in das Grab hinabzulassen.
Hazrat Abu Bakr wurde zum Kalifen gewählt. Er befahl Usama, aufzubrechen. Doch eine kleine Gruppe der Ansar meinte, der Aufbruch des Heeres solle in diesem Augenblick etwas verschoben werden. Sie baten Hazrat Umar, mit dem Kalifen darüber zu sprechen. Sie sagten Umar außerdem, dass er, falls der Kalif an seiner Entscheidung festhalte, ihn wenigstens darum bitten solle, einen älteren Mann als Usama zum Heerführer zu ernennen.
Hazrat Abu Bakr saß gerade. Als er aus dem Mund Hazrat Umars die Worte der Ansar hörte, sprang er auf, packte den Bart des großen Faruq und rief mit erregter Stimme: „O Sohn des Khattab! Möge deine Mutter dich verlieren! Weist du mich an, den vom Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ernannten Mann abzusetzen? Bei Allah, das werde ich niemals tun.“
Umar kehrte zurück. Die Leute fragten ihn: „Was ist geschehen?“ Er antwortete: „Mögen die Mütter von euch allen euch verlieren! Euretwegen musste ich vom Kalifen des Gesandten Allahs viel zu hören bekommen.“
Das Heer brach unter der Führung des jungen Befehlshabers von Medina auf. Der Kalif Abu Bakr (Allah sei mit ihm zufrieden) ging ein Stück mit, um es zu verabschieden. Usama saß auf dem Pferd, während der Kalif zu Fuß ging. Usama sagte: „O Kalif des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)! Bei Allah, entweder besteigst du das Pferd, oder ich steige ab.“ Der Kalif sagte: „Bei Allah, weder wirst du absteigen noch werde ich aufsteigen. Was schadet es, wenn meine Füße eine Weile auf Allahs Weg staubbedeckt werden?“ Dann sagte er zu Usama: „Ich vertraue deine Religion, deine Treue und den Abschluss deiner Aufgabe Allah an. Ich ermahne dich, die Anweisung des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) umzusetzen.“ Dann beugte er sich etwas zu Usama und sagte: „Wenn du es für gut hältst, dass Umar mir hilft, dann erlaube ihm, bei mir zu bleiben.“ Usama gewährte Abu Bakrs Bitte und erlaubte Umar, beim Kalifen in Medina zu bleiben.
Usama setzte den Befehl des Gesandten Allahs ﷺ buchstabengetreu um. Die muslimische Reiterei nahm die Grenzgebiete von Balqa und Kilayat ad-Darum in Palästina ein. Dadurch verschwand die Furcht der Muslime vor den Römern in dieser Region für immer, und das Tor zur Eroberung weitläufiger Gebiete bis zum Schwarzen Meer – einschließlich ganz Syrien, Ägypten und Nordafrika – wurde geöffnet.
In diesem Feldzug tötete er den Mörder seines Vaters und nahm damit Rache für dessen Ermordung. Er belud das Pferd, auf dem sein Vater den Märtyrertod erlitten hatte, mit einer großen Menge an Kriegsbeute und kehrte als Sieger nach Medina zurück. Der Kalif Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) empfing ihn gemeinsam mit einer großen Gruppe von Muhadschirun und Ansar am Stadtrand von Medina. Nach seiner Ankunft in Medina verrichtete Usama zwei Rakʿa im Prophetenmoschee und ging anschließend nach Hause. Die Historiker bemerkten über seinen Sieg: „Keine Armee wurde je gesehen, die sicherer war und mehr Kriegsbeute erlangte als die Armee Usamas.“
Weil Usama die ihm vom Gesandten Allahs ﷺ anvertrauten Aufgaben gewissenhaft erfüllte und eine ausgeprägte Persönlichkeit besaß, genoss er in der muslimischen Gemeinschaft große Liebe und Achtung. Der zweite Kalif, Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm), setzte Usamas Sold höher fest als den seines eigenen Sohnes, Abd Allah ibn Umar. Abd Allah beklagte sich verärgert: „Vater, Usamas Sold beträgt viertausend, meiner aber dreitausend. Sein Vater war doch nicht angesehener als mein Vater, und auch er ist nicht angesehener als ich.“ Umar erwiderte: „Wehe dir! Sein Vater war dem Gesandten Allahs ﷺ lieber als dein Vater, und er selbst war dem Gesandten Allahs ﷺ lieber als du.“ Abd Allah (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sagte darauf nichts mehr.
Wann immer der Kalif Umar Usama begegnete, sagte er: „Willkommen, mein Befehlshaber.“ Wenn jemand über diese Anrede erstaunt war, sagte er: „Der Gesandte Allahs ﷺ hatte ihn zu meinem Befehlshaber oder Anführer gemacht.“
Während der Kalifatszeit Uthmans (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) übernahm er aus Furcht vor Aufruhr und Unruhen kein staatliches Amt. Als aufrichtiger Muslim erteilte er dem Kalifen jedoch stets ehrlichen Rat und besprach mit ihm unter vier Augen die Unzufriedenheit des Volkes.
Als nach dem Märtyrertod Uthmans Unordnung ausbrach, bewahrte er vollkommene Neutralität. Er hielt sich vollständig aus dem Streit zwischen Ali und Muʿawiya heraus. Einmal ließ er Ali ausrichten: „Wenn du in das Maul eines Löwen hineingegangen wärst, wäre auch ich bereitwillig hineingegangen. Doch an dieser Angelegenheit habe ich nicht das geringste Interesse.“ Obwohl er sich aus Angst vor dem Blutvergießen unter den Muslimen nicht in diesen Konflikt einmischen wollte, hielt er Ali (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) für den Vertreter der Wahrheit. Deshalb bereute er gegen Ende seines Lebens, Ali nicht geholfen zu haben.
Usama war im Haus des Propheten aufgewachsen. Daher hätte er eigentlich über ein umfassendes Wissen verfügen müssen. Zum Zeitpunkt des Todes des Gesandten Allahs ﷺ war er erst achtzehn Jahre alt. Nach Erreichen der Reife hatte er keine Gelegenheit, den Gesandten Allahs ﷺ lange zu begleiten. Daher erzielte er in dieser Hinsicht nicht den erwarteten Erfolg wie die gelehrten Gefährten Abd Allah ibn Abbas, Abd Allah ibn Umar und andere. Dennoch war das, was er erlangt hatte, keineswegs gering. Er bewahrte viele Aussprüche des Propheten ﷺ in seinem Gedächtnis. Selbst bedeutende Gefährten suchten ihn gelegentlich auf, um die Vorschriften der Scharia zu erfahren. Als Saʿd ibn Abi Waqqas keine Vorschrift der Scharia über die Pest kannte, fragte er Usama: „Hast du vom Gesandten Allahs ﷺ etwas über die Pest gehört?“ Usama überlieferte Saʿd daraufhin einen Ausspruch des Gesandten Allahs ﷺ zu diesem Thema. Insgesamt überlieferte er 128 Hadithe. Fünfzehn davon wurden sowohl von Imam al-Buchari als auch von Imam Muslim überliefert. Die Gefährten und Tabiʿun al-Hasan, Muhammad ibn Abbas, Abu Huraira, Kuraib, Abu Uthman an-Nahdi, Amr ibn Uthman, Abu Wa’il, Amir ibn Saʿd, al-Hasan al-Basri (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) und andere überlieferten Hadithe von ihm.
Da er im Haus des Propheten aufgewachsen war und ungehinderten Zugang zum Gesandten Allahs ﷺ hatte, übte die Lehre des Propheten ﷺ großen Einfluss auf ihn aus. Auf den meisten Reisen hatte er das Glück, dasselbe Reittier wie der Gesandte Allahs ﷺ zu benutzen. Dadurch erhielt er auch besonders häufig Gelegenheit, dem Gesandten Allahs ﷺ zu dienen. Meistens war er es, der das Wasser für die Gebetswaschung und die rituelle Reinigung bereitstellte.
Obwohl er noch jung war, beriet der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, ihn in verschiedenen Angelegenheiten. Als sich die erfundenen und obszönen Äußerungen der Heuchler über Aischa, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr, verbreiteten, waren Ali und Usama, Allahs Wohlgefallen sei auf beiden, die beiden ihm nahestehenden Personen, mit denen der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sich darüber beriet.
Dieser große Heerführer verstarb gegen Ende der Herrschaft des Kalifen Muawiya im Jahre 54 nach der Hidschra im Alter von sechzig Jahren in Medina.
Abdullah Ibn Ummi Maktum ((r.a.))
Abdullah Ibn Ummi Maktum, der Gebetsrufer des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war jener großartige Gefährte, dessentwegen der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von oberhalb des siebten Himmels getadelt wurde und zu dessen Gunsten der Engel Dschibril, Allahs Frieden sei auf ihm, mit einer Offenbarung von Allah zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, herabkam. Er war jener ehrenvolle große Mann, über den insgesamt sechzehn Verse des edlen Korans offenbart wurden.
Die Bewohner Medinas nannten ihn Abdullah Ibn Ummi Maktum. Bei den Irakern jedoch war er unter dem Namen Umar Ibn Ummi Maktum bekannt. Er stammte aus dem Stamm der Quraisch in Mekka. Mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war er auch verwandt. Er war der Cousin mütterlicherseits der Mutter der Gläubigen, Chadidscha bint Chuwailid. Sein Vater war Qais ibn Said und seine Mutter Atika bint Abdullah. Da seine Mutter Abdullah blind zur Welt brachte, wurde sie unter dem Namen Atika Ummu Maktum bekannt. Maktum bedeutet blind, und Ummu Maktum bedeutet die Mutter des Blinden.
Er besaß keine äußeren Augen. Doch ihm war ein scharfes inneres Auge verliehen worden. Er hatte die Anfänge des Aufleuchtens des Islam in Mekka miterlebt. Allah, der Erhabene, öffnete sein inneres Auge. Er nahm den Glauben an. So wurde er zu einem der Gläubigen der ersten islamischen Epoche. Auch er hatte Anteil an den Opfern, Entbehrungen, der Geduld und der Standhaftigkeit der Muslime von Mekka. Wie die anderen wurde auch er zum Opfer der Verfolgung und Misshandlung durch die Quraisch. Unter ihren zahllosen Unrechts- und Gewalttaten ließ er sich nicht im Geringsten entmutigen, verlor nicht den geringsten Mut; vielmehr kann man sagen, dass sein Glaube niemals schwächer wurde. Je mehr ihre Gewalttaten und Unterdrückung zunahmen, desto fester hielt auch er am Din Allahs fest. Zugleich vertiefte sich seine Beziehung zum Buch Allahs, sein Verständnis der Scharia nahm zu, und seine Besuche beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu den verschiedensten Zeiten wurden häufiger.
Seine Verehrung und Liebe zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sowie sein Eifer, den edlen Koran auswendig zu lernen, waren so stark geworden, dass er jede Gelegenheit dazu als kostbar betrachtete und jeden Augenblick nutzte. Wegen seines übermäßigen Eifers nahm er mitunter sogar die Zeit in Anspruch, die der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für sich selbst oder für andere vorgesehen hatte.
Es war zu jener Zeit, als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, einer gewaltigen Herausforderung durch die führenden Männer der Quraisch in Mekka gegenüberstand. Er war sehr daran interessiert, dass sie den Islam annahmen. Eines Tages traf er sich mit Utba ibn Rabia, Schaiba ibn Rabia, Amr ibn Hischam, bekannt als Abu Dschahl, Umayya ibn Chalaf und Walid ibn al-Mughira, dem Vater von Chalid, dem Schwert Allahs. Er ging zu jedem Einzelnen, beriet sich mit ihm und lud ihn zum Islam ein. Er hoffte, dass sie seine Einladung annehmen oder zumindest davon ablassen würden, seine Gefährten zu misshandeln und zu verfolgen. Während er mit einer derart wichtigen Aufgabe beschäftigt war, erschien völlig unerwartet Abdullah Ibn Ummi Maktum und sagte: „O Gesandter Allahs, lehre mich etwas von dem, was Allah dich gelehrt hat.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, maß seinen Worten keine besondere Bedeutung bei und wandte sich weiterhin den Führern der Quraisch zu – in der Hoffnung und Überzeugung, dass sie den Islam annehmen würden, wodurch die Ehre des Din Allahs zunehmen und die Einladung zum Islam erleichtert werden würde. Kaum hatte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, das Gespräch und die Beratung mit ihnen beendet und sich auf den Weg nach Hause gemacht, da ergriff Allah, der Erhabene, ihn und offenbarte ihm tadelnd:
„Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, weil der Blinde zu ihm kam. Was lässt dich wissen, dass er sich vielleicht geläutert oder die Ermahnung angenommen hätte und die Ermahnung ihm somit genützt hätte? Was aber denjenigen betrifft, der sich nicht darum kümmert, so hast du dich ihm zugewandt, obwohl du nicht dafür verantwortlich bist, wenn er sich nicht läutert. Denjenigen jedoch, der zu dir geeilt kam und dabei gottesfürchtig war, hast du unbeachtet gelassen. Nein! Ein solches Verhalten ist nicht angebracht. Dies ist wahrlich eine Ermahnung. Wer will, möge sich daran erinnern. Sie steht in ehrwürdigen Schriften, die erhaben und rein sind, in den Händen edler, rechtschaffener Schreiber niedergeschrieben.“(ʿAbasa: 1–16)
An jenem Tag war Jibril al-Amīn mit insgesamt sechzehn Versen über diesen blinden Gefährten, Hadhrat ʿAbdullah ibn Umm Maktum, zum Herzen des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) herabgekommen. Diese Verse werden bis heute rezitiert und werden rezitiert werden, solange das menschliche Leben auf dieser Erde fortbesteht. Von jenem Tag an erwies der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) ʿAbdullah ibn Umm Maktum besondere Ehre. Wenn er kam, rief er ihn zu sich, ließ ihn neben sich sitzen, erkundigte sich nach seinem Befinden und erfüllte seine Bedürfnisse, falls er welche hatte. Hadhrat ʿAischa (r.a.) bereitete ihm ein Getränk aus Zitrone und Honig und ließ es ihn trinken. Sie sagte: „Nach der Offenbarung der Verse war dies für ihn bestimmt.“ Das ist nicht weiter verwunderlich. Denn er war ja derjenige, dessentwegen er von über dem siebten Himmel herab in strengen Worten getadelt worden war.
Als die Härte und die Verfolgung der Quraisch gegenüber dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und den Muslimen jedes Maß überschritten, erlaubte Allah der Erhabene den Muslimen die Auswanderung. Hadhrat ʿAbdullah ibn Umm Maktum gehörte zu denjenigen, die um der Religion willen sehr früh ihre Heimat verließen. Er und Hadhrat Musʿab ibn ʿUmair (r.a.) waren unter den Gefährten die Ersten, die von Mekka nach Medina gelangten. Nachdem ʿAbdullah ibn Umm Maktum Medina erreicht hatte, begann er gemeinsam mit seinem Freund Musʿab ibn ʿUmair von Haus zu Haus zu gehen und den Menschen den Qurʾān und die Religion Allahs zu lehren. Hadhrat al-Barāʾ ibn ʿĀzib (r.a.) sagte: „Unter den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) waren Musʿab ibn ʿUmair und Ibn Umm Maktum die Ersten, die ausgewandert und zu uns nach Medina gekommen sind. Kaum waren sie in Medina angekommen, begannen sie, uns den Qurʾān zu lehren.“
Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) wanderte von Mekka nach Medina aus. Er ernannte ʿAbdullah ibn Umm Maktum und Bilāl ibn Rabāh zu den Muezzinen der Muslime. Diese beiden waren die ersten Muezzine der muslimischen Umma. So erfüllten sie täglich fünfmal die Aufgabe, das Kalimat at-Tawhīd zu verkünden, die Menschen zu guten Taten aufzurufen und sie zum Guten anzuspornen. Bilāl rief den Adhān, und Ibn Umm Maktum sprach die Iqāma. Bisweilen rief Ibn Umm Maktum den Adhān, während Bilāl (r.a.) die Iqāma sprach. Im Ramadan verrichteten sie noch eine weitere Aufgabe. Die Muslime Medinas begannen, nach dem Adhān des einen von ihnen das Suhūr zu essen, und hörten nach dem Adhān des anderen auf zu essen. Beim Adhān Bilāls standen die Menschen zum Suhūr auf. ʿAbdullah ibn Umm Maktum hingegen wartete auf den Eintritt der wahren Morgendämmerung. Sobald diese anbrach, rief er den Adhān, und wenn die Menschen ihn hörten, hörten sie auf zu essen.
Nach der Auswanderung des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) begann die Zeit der Kriege und Kämpfe. Ibn Umm Maktum war jedoch aufgrund seiner Behinderung nicht in der Lage, am Dschihād teilzunehmen. Nach der Schlacht von Badr offenbarte Allah der Erhabene Seinem geliebten Propheten einige Verse. In diesen Versen wurden der hohe Rang der Mudschāhidūn sowie ihre Vorrangigkeit und Überlegenheit gegenüber denjenigen verkündet, die sich vom Dschihād abwandten und zu Hause blieben. Der Inhalt dieser Verse löste in Ibn Umm Maktum eine starke Reaktion aus. Weil ihm der Rang der Mudschāhidūn vorenthalten blieb, war er zutiefst betrübt. Als dieser Vers offenbart wurde:
„Die gläubigen, die zu Hause bleiben, und diejenigen, die auf Allahs Weg kämpfen, sind nicht gleichgestellt.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) wies den Schreiber der Offenbarung, Hadhrat Zaid ibn Thābit (r.a.), an, den Vers aufzuschreiben. In diesem Augenblick kam Ibn Umm Maktum dorthin. Er sagte: „O Gesandter Allahs, wenn ich dazu fähig wäre, könnte auch ich am Dschihād teilnehmen und den Rang der Mudschāhidūn erlangen.“
Dann sprach er in größter Demut ein Duʿāʾ zu Allah: „O Allah, offenbare eine Offenbarung über meine Unfähigkeit! O Allah, offenbare eine Offenbarung über meine Entschuldigung!“ Sein Wunsch war Allah so wohlgefällig, dass Er sogleich eine Offenbarung herabsandte und dadurch für alle unfähigen Menschen auf der Welt für alle Zeiten die Pflicht zum Dschihād aufhob.
Es wurde offenbart:
لَّا يَسْتَوِي الْقَاعِدُونَ مِنَ الْمُؤْمِنِينَ غَيْرُ أُولِي الضَّرَرِ وَالْمُجَاهِدُونَ فِي سَبِيلِ اللَّهِ بِأَمْوَالِهِمْ وَأَنفُسِهِمْ
„Diejenigen Muslime, die ohne Entschuldigung zu Hause bleiben, sind an Rang nicht denen gleich, die mit Leib und Gut auf Allahs Weg den Jihad führen.“ Hier wird durch die Formulierung [غَيْرُ أُولِي الضَّرَرِ] erklärt, dass alle unfähigen Personen vom Gebot des Jihad ausgenommen sind.
Doch anstatt dass dieser Erlass seinen Eifer, zum Jihad aufzubrechen, verringerte, nahm er noch zu. Sein edles Herz weigerte sich, zusammen mit den Unfähigen zu Hause zu bleiben. Denn ein edles Herz kann nur durch edle Taten wahrhaft zufrieden sein. Ibn Hadschar al-Asqalani sagt in seinem Werk ‘Al Isaba’: Obwohl er blind war, nahm er gelegentlich an Feldzügen teil. Er sagte zu den Menschen: „Gebt mir die Fahne in die Hand und stellt mich zwischen die beiden Reihen. Ich bin blind und brauche daher nicht zu fürchten, davonzulaufen.“
Obwohl Hadhrat Ibn Umm Maktum wegen seiner Unfähigkeit daran gehindert war, den Rang des Jihad zu erlangen, errang er eine noch größere Ehre und Auszeichnung. Wenn der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit den führenden Muhadschirun und Ansar zu einem Feldzug außerhalb Medinas aufbrach, ließ er Ibn Umm Maktum als seinen Stellvertreter zurück. In dieser Zeit versah er in der Prophetenmoschee das Imamat beim Gebet. So wurde ihm diese Ehre während insgesamt dreizehn Feldzügen zuteil, darunter bei den Feldzügen von Abwa, Bawat, Dhul-Asir, Dschuhaina, Suwaiq, Ghatafan, Hamra al-Asad, Nadschran und Dhat ar-Riqa. Während der Schlacht von Badr übte er diese Aufgabe einige Tage lang aus. Danach wurde Hadhrat Abu Lubaba mit dieser Aufgabe betraut.
Über ihn ist vom Tod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bis zum Ende der Regierungszeit des Kalifen Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, nichts Besonderes bekannt. Lediglich so viel ist bekannt, dass er an der Schlacht von Qadisiyya teilnahm und die Fahne des muslimischen Heeres hochhielt. Nach Ansicht des Historikers al-Waqidi starb er in Medina. Ibn Sa’d berichtet jedoch in seinem Werk „at-Tabaqat“ über die Überlieferung von Zubair ibn Bakkar, dass er in der Schlacht von Qadisiyya den Märtyrertod starb. Die meisten Verfasser von Sira-Werken halten diese Überlieferung für zutreffender.
Im vierzehnten Jahr nach der Hidschra beschloss der zweite Kalif, Hadhrat Umar ibn al-Chattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, eine entscheidende Schlacht gegen das persische Heer zu führen. Er schrieb den Walis der verschiedenen Provinzen:
„Haltet niemanden zurück, der eine Waffe, ein Pferd oder ein Kamel oder Verstand besitzt. Schickt jeden Einzelnen so schnell wie möglich zu mir.“
Die muslimische Bevölkerung folgte diesem Aufruf von Hadhrat al-Faruq al-A’zam in großer Zahl. Von allen Seiten strömten die Menschen wie eine Flutwelle nach Medina. Auch der blinde Abdullah ibn Umm Maktum konnte nicht zu Hause bleiben. Er schloss sich den Reihen der Mujahidin an und kam nach Medina. Der Kalif Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, ernannte Hadhrat Sa’d ibn Abi Waqqas, möge Allah mit ihm zufrieden sein, zum Befehlshaber dieses gewaltigen Heeres. Vor dem Aufbruch gab der Kalif ihm in verschiedenen Angelegenheiten Ratschläge und verabschiedete ihn.
Als die muslimische Armee Qadisiyya erreichte, trat Hadhrat Abdullah ibn Umm Maktum in Rüstung und kriegsbereit vor und bat darum, ihm die Verantwortung für das Tragen des Banners der muslimischen Armee zu übertragen. Er sagte: „Entweder werde ich dieses Banner hochhalten oder sterben.“
Der gewaltige und blutige Krieg, der auf diesem Schlachtfeld von Qadisiyya zwischen der muslimischen und der persischen Armee ausgetragen wurde, hat in der Kriegsgeschichte der Welt nur wenige seinesgleichen. Schließlich fiel am dritten Tag der entscheidenden Schlacht durch den Sieg der muslimischen Armee das damals größte Reich der Welt und der ruhmreichste Thron. Zugleich begann das Banner des Tauhid in diesem gewaltigen Land der Vielgötterei flatternd zu wehen. Dieser große Sieg wurde um den Preis des Lebens unzähliger Märtyrer errungen. Auch Hadhrat Abdullah ibn Maktum war einer dieser unzähligen Märtyrer. Nach dem Ende der Schlacht sah man ihn blutüberströmt und von Wunden übersät am Boden liegen, das Banner der Muslime umklammernd.
Ibn Umm Maktum war blind. Auch sein Haus lag etwas entfernt von der Prophetenmoschee. Auf dem Weg gab es Abwassergräben, Kanäle, Büsche und dichtes Gestrüpp. Er hatte niemanden, der ihm ständig helfen konnte. Trotz all dieser Schwierigkeiten kam er regelmäßig zur Prophetenmoschee und verrichtete dort das Gebet. Darüber berichtet er: Eines Tages sagte ich: „O Gesandter Allahs! Ich bin blind, und auch mein Haus liegt ziemlich weit von der Moschee entfernt. Zwar gibt es einen Mann, der mich auf dem Weg führen kann, aber er ist mir nicht angenehm. Würdest du mir unter diesen Umständen erlauben, das Gebet zu Hause zu verrichten?“ Er sagte: „Hörst du den Gebetsruf?“ Ich sagte: „Ja.“ Er sagte: „Dann sehe ich für dich keinen Weg, eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen.“ In einer anderen Überlieferung heißt es: Er sagte: „O Gesandter Allahs! Zwischen meinem Haus und der Moschee liegen Dattelgärten und dichtes Gestrüpp. Ich kann nicht ständig jemanden als Führer bei mir haben. Darf ich unter diesen Umständen das Gebet zu Hause verrichten?“ Er sagte: „Hörst du auch den Iqama-Ruf?“ Ich sagte: „Ja.“ Da sagte der Gesandte Allahs: „Dann komm zur Moschee und verrichte dort das Gebet.“ (Hayāt as- Sahāba, 3. Teil, 121) Der Gebetsruf und der Iqama-Ruf waren bis zu seinem Haus zu hören; deshalb erhielt er trotz seiner Blindheit keine Erlaubnis, das Gebet zu Hause zu verrichten. Während seiner Amtszeit als Kalif stellte Hadhrat Umar ihm einen Rahnuma (Wegweiser) zur Seite. Hadhrat Abdullah ibn Umm Maktum war ein Hafiz des Heiligen Qurans. Hadhrat Anas und Zar ibn Dschaisch überlieferten von ihm Hadithe. (Tahdhīb al- Kamāl, 289)
Tufail ibn ’Amr ad-–Dausi ((r.a.))
Sein Name war Tufail. Sein Beiname war „Dhu-n-Nur“. Weil er dem Stamm der „Daus“ entstammte, wurde er Dausi genannt. Der Stamm Daus war zur Zeit seines Aufenthalts im Jemen ein mächtiger Stamm. Er war der „Ra’is“ oder Anführer dieses Stammes. Sein Beruf war der Handel. Deshalb musste er von Zeit zu Zeit nach Mekka reisen.
Tufail gehörte zu den vornehmen und selbstbewussten Persönlichkeiten der Araber in der vorislamischen Zeit. Sein Herdfeuer erlosch niemals. Die Tür seines Hauses stand für Gäste stets offen.
Er besaß einen scharfen Verstand, eine ausgeprägte Intelligenz, eine angeborene dichterische Begabung und ein feines Empfindungsvermögen. Über die Süße und Bitterkeit der Sprache sowie über ihre Zauberkraft war er bestens informiert.
Einmal kam Tufail ibn Amr aus der Region Tihama, dem Wohngebiet seines Stammes, geschäftlich nach Mekka. Damals war bereits ein Konflikt zwischen dem Gesandten Allahs (s.a.s.) und den Quraisch ausgebrochen. Beide Gruppen waren eifrig bemüht, Anhänger für ihre jeweilige Auffassung zu gewinnen. Einerseits rief der Gesandte (s.a.s.) die Menschen zu ihrem Herrn. Andererseits versuchten die Ungläubigen mit allen möglichen Mitteln, die Menschen von ihm fernzuhalten. Man kann sagen, dass er völlig ungewollt in diesen Konflikt hineingezogen wurde. Denn er war nicht zu diesem Zweck nach Mekka gekommen. Zuvor war ihm der Konflikt zwischen Muhammad und den Quraisch kein einziges Mal in den Sinn gekommen. Mit diesem Konflikt ist eine außergewöhnliche Geschichte aus seinem Leben verbunden. Er berichtet: „Ich betrat Mekka. Als die Anführer der Quraisch mich sahen, kamen sie auf mich zu und begrüßten mich auf das herzlichste. Sie gewährten mir Unterkunft in ihrem angesehensten Haus. Danach kamen ihre Anführer und Gelehrten zu mir und sagten: ‚Tufail, du bist in unsere Heimat gekommen. Dieser Mann, der sich selbst für einen Propheten hält, hat in all unseren Angelegenheiten Unheil angerichtet und unsere Einheit gespalten. Wir befürchten, dass auch du dich nicht durch seine Worte irreführen lässt und dass unter deinem Einfluss in deinem Stamm dasselbe Problem wie bei uns aufkommt. Deshalb sprich unter keinen Umständen mit diesem Mann und höre nicht auf irgendein Wort von ihm. Denn seine Worte wirken wie Zauberei. Er sät Zwietracht zwischen Vater und Sohn, zwischen Brüdern sowie zwischen Ehemann und Ehefrau.‘“
Tufail berichtet: „Bei Allah, sie erzählten mir außergewöhnliche Geschichten über den Gesandten Allahs (s.a.s.) und schilderten mir seine verschiedenartigen erstaunlichen Taten, um mich und meinen Stamm vor ihm zu warnen. Daher beschloss ich, mich ihm nicht zu nähern, nicht mit ihm zu sprechen und kein Wort von ihm anzuhören. Damals pflegten wir die Kaaba zu umrunden und die dort aufgestellten Götzen anzubeten. Als ich mich zur Moschee aufmachte, um die Kaaba zu umrunden und die Götzen anzubeten, stopfte ich mir beide Ohren gründlich mit Baumwolle zu, damit auf keinen Fall ein Wort Muhammads (s.a.s.) an mein Ohr dringen konnte.
Kaum war ich in der al-Masdschid al-Haram eingetreten, sah ich ihn neben der Kaaba im Gebet stehen. Doch sein Gebet war nicht wie unser Gebet, und seine Anbetung war nicht wie unsere Anbetung. Dieser Anblick erfreute mich, und seine Anbetung bewegte mich tief. Ich bekam den Wunsch, zu ihm zu gehen. Widerwillig gelangte ich Schritt für Schritt zu ihm. Allah wollte, dass einige seiner Worte mein Ohr erreichten. So hörte ich trotz der Baumwolle in meinen Ohren einige seiner vortrefflichen Worte. Ich sagte mir: ‚Möge deine Mutter dich verlieren, Tufail! Du bist ein kluger Dichter. Du besitzt die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Was hindert dich daran, die Worte dieses Mannes anzuhören? Wenn er Gutes sagt, nimm es an; wenn es schlecht ist, weise es zurück.‘
Tufail berichtet: Ich wartete. Nachdem der Gesandte Allahs (s.a.s.) sein Gebet beendet hatte, machte er sich auf den Weg zu seinem Haus. Ich folgte ihm ebenfalls und gelangte zu seinem Haus. Ich sagte: „O Muhammad, die Leute deines Volkes haben mir diese Dinge über dich erzählt. Sie haben mir solche Angst vor dir gemacht, dass ich mir Baumwolle in die Ohren stopfte, damit kein Wort von dir an mein Ohr dringen konnte. Trotzdem ließ Allah, der Erhabene, nicht zu, dass ich nicht einige deiner Worte hörte. Was ich gehört habe, erschien mir gut. Erkläre mir bitte deine Angelegenheit etwas genauer.“ Nachdem er mir seine Botschaft klar dargelegt hatte, rezitierte er die Suren al-Ichlas und al-Falaq und ließ mich sie hören. Wahrlich, niemals zuvor hatte ich schönere Worte und erhabenere Inhalte gehört. In diesem Augenblick streckte ich ihm meine Hand entgegen und bekannte mich zum Islam, indem ich das Glaubensbekenntnis „La ilaha illallahu Muhammadur Rasulullah“ sprach.“
Nach seiner Annahme des Islam begannen die Quraisch von Mekka, ihm Angst einzujagen. Daraufhin verfasste er ein schönes Gedicht gegen sie. Die Themen dieses Gedichts waren die Verurteilung der Quraisch, die Einheit Allahs und das Lob des Gesandten Allahs (sallallahu alaihi wa sallam). Ibn Hadschar ‘al-–Isāba’ zusammengestellt.
Tufail berichtet: Danach blieb ich einige Zeit in Mekka, lernte die islamischen Vorschriften und Bestimmungen und lernte, soweit ich konnte, auch einige Teile des Korans auswendig. Ich beschloss, zu meinem Stamm zurückzukehren.
Als mein betagter Vater von meiner Rückkehr hörte, eilte er herbei. Ich sagte: Vater, halte dich von mir fern. Ich bin nicht der Deine, und du bist nicht der Meine.
Als er dies hörte, sagte er: „Warum das, mein Sohn?“ Ich antwortete: „Ich habe den Islam angenommen und bin ein Anhänger der Religion Muhammads, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, geworden.“ Er sagte: „Mein Sohn, deine Religion ist auch meine Religion.“ Ich sagte: „Geh, bade und zieh reine Kleidung an, dann komm zu mir. Ich werde dich lehren, was ich gelernt habe.“ Er ging fort. Nachdem er gebadet und reine Kleidung angezogen hatte, kehrte er zu mir zurück, und ich lud ihn zum Islam ein. Er nahm den Islam sofort an. Dann kam meine Frau. Auch sie forderte ich auf, sich von mir fernzuhalten. Sie sagte: „Mögen meine Eltern für dich geopfert werden“, und fragte nach dem Grund. Ich sagte: „Der Islam hat die Beziehung zwischen dir und mir beendet. Ich habe den Islam angenommen und bin ein Anhänger der Religion Muhammads geworden.“ Sie sagte: „Dann ist deine Religion auch meine Religion.“ Ich sagte: „Geh, bade mit dem Wasser der Quelle von Dhu-Schara und komm gereinigt zurück.“(‘Dhu–-Schara,’ Daus’ Stammes- Götzen-–statue.। Daneben befand sich eine vom Berg herabfließende Quelle.) Sie sagte: „Mögen meine Eltern für dich geopfert werden! Fürchtest du Dhu-Schara wegen des Abfalls vom Glauben nicht im Geringsten?“ Ich sagte: „Zum Teufel mit Dhu-Schara und mit dir! Geh dorthin, entferne dich ein wenig von der Menschenmenge, bade und komm zurück. Dieses taube steinerne Götzenbild kann dir keinen Schaden zufügen; dafür übernehme ich die Verantwortung.“ Sie ging fort und kehrte wenig später nach dem Bad zurück. Ich lud sie zum Islam ein, und sie nahm ihn freudig an. Danach lud ich alle Menschen des Stammes Daus zum Islam ein. Doch mit Ausnahme von Abu Huraira zögerten alle und äußerten Bedenken. Von allen Angehörigen des Stammes Daus nahm nur er den Islam sehr schnell an.
Tufail, möge Allah mit ihm zufrieden sein, berichtet: „Danach begab ich mich in den Dienst des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Mekka. Diesmal war Abu Huraira bei mir. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fragte: ‚Tufail, was gibt es hinter dir Neues?‘ Ich antwortete: ‚Ihre Herzen sind verrostet, und sie sind in schwerem Unglauben befangen. Über den Stamm der Daus haben sich Sünde und Ungehorsam gelegt.‘
Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dies von mir hörte, erhob er sich, vollzog die Gebetswaschung, verrichtete das Gebet und hob die Hände zum Himmel. Abu Huraira berichtet: Als ich den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dies tun sah, bekam ich Angst, dass er gegen meinen Stamm ein Bittgebet des Unheils sprechen und sie dadurch vernichtet werden könnten. Insgeheim sagte ich: ‚O Allah, beschütze mein Volk!‘ Doch unerwartet hörte ich den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagen: ‚O Allah, schenke dem Stamm Daus Rechtleitung!‘ Dies sagte er dreimal. Dann wandte er sich Tufail zu und sagte: ‚Kehre nun zu deinem Volk zurück. Begegne ihnen mit Sanftmut und rufe sie zum Islam auf.‘
Als der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, die Hände hob und für den Stamm Daus ein Bittgebet sprach, sagte Tufail: ‚Das wünsche ich nicht.‘ Darauf sagte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm: ‚Unter ihnen gibt es noch viele Menschen wie dich.‘ Überliefert wird, dass Jundub ibn Amr ad-Dausi bereits in der vorislamischen Zeit zu sagen pflegte: ‚Es gibt gewiss einen Schöpfer dieser Welt, doch wir wissen nicht, wer Er ist.‘ Als er von der Ankunft des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, hörte, kam er mit 75 Männern nach Medina und nahm den Islam an.
Tufail berichtet: Ich kehrte zurück und widmete mich im Stamm Daus ganz dem Ruf zum Islam und seiner Verkündigung. Inzwischen wanderte der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, von Mekka nach Medina aus. Einer nach dem anderen endeten die Schlachten von Badr, Uhud und dem Graben. Danach begab ich mich zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm; bei mir waren damals achtzig Familien aus dem Stamm Daus. Sie alle hatten den Islam angenommen. Als der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, uns sah, freute er sich sehr und gab uns auch einen Anteil an der Kriegsbeute von Chaibar. Wir sagten: ‚O Gesandter Allahs, von nun an werden wir bei jedem Feldzug, an dem du teilnimmst, die Verantwortung für den südlichen Teil übernehmen.‘ Tufail berichtet: ‚Ich blieb beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Schließlich wurde durch Allahs Willen Mekka erobert.‘
Tufail, möge Allah mit ihm zufrieden sein, verbrannte das Götzenbild seines Stammes, Dhu l-Kaffain. Sofort war auch der verbliebene Götzendienst des Stammes Daus ausgelöscht, und alle nahmen den Islam an. Inzwischen war der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zum Feldzug nach Taif aufgebrochen. Tufail, möge Allah mit ihm zufrieden sein, traf mit weiteren vierhundert bewaffneten Männern aus seinem Stamm beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in Taif ein. Tufail war der Befehlshaber seiner Gruppe. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, fragte ihn: ‚Wer wird dein Fahnenträger sein?‘ Er antwortete: ‚Da Nu’man ibn Rabi’a diese Aufgabe schon lange erfüllt, wird er sie auch diesmal übernehmen.‘ Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, billigte diese Begründung.
Von da an blieb Tufail ibn Amr dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bis zu dessen Lebensende als ständiger Begleiter zur Seite. Während des Kalifats von Abu Bakr as-Siddiq widmete er sein Leben, sein Schwert und seine Kinder vollständig dem Gehorsam gegenüber dem Kalifen. Als das Feuer der Ridda-Kriege überall lodernd aufflammte, zog er zusammen mit seinem Sohn Amr als einer der vordersten Kämpfer einer gegen den Lügenpropheten Musailima al-Kadhdhab entsandten Truppe aus. Auf dem Weg nach Yamama hatte er einen Traum. Er bat seine Gefährten, ihn zu deuten. Als sie fragten: ‚Was hast du gesehen?‘, sagte er: ‚Ich sah, dass mein Kopf rasiert wurde, ein Vogel aus meinem Mund herausflog, meine Frau mich in ihren Leib aufnahm und mein Sohn Amr mich hastig herausziehen wollte; doch zwischen ihm und mir wurde eine Mauer errichtet.‘
Sie kommentierten: ‚Der Traum ist gut.‘ Tufail berichtet: ‚Ich deutete den Traum jedoch folgendermaßen: Der rasierte Kopf bedeutet, dass mein Kopf von meinem Hals getrennt werden wird. Dass ein Vogel aus meinem Mund herausfliegt, bedeutet, dass meine Seele meinen Körper verlassen wird. Dass ich in den Leib meiner Frau eintrete, bedeutet, dass man ein Grab ausheben und mich darin bestatten wird. Mein sehnlichster Wunsch ist, den Märtyrertod zu sterben. Auch mein Sohn Amr wird wie ich das Martyrium wünschen, doch er wird es erst etwas später erlangen.‘ Diese Deutung ging in Erfüllung. Im elften Jahr nach der Hidschra kämpfte dieser große Gefährte in der Schlacht von Yamama tapfer und starb auf dem Schlachtfeld den Märtyrertod. In dieser Schlacht wurde das Handgelenk der rechten Hand seines einzigen Sohnes Amr abgetrennt, und durch den starken Blutverlust wurde er geschwächt. So kehrte er nach Medina zurück, nachdem er auf dem Schlachtfeld seine Hand und seinen Vater verloren hatte.
Während des Kalifats des zweiten Kalifen, Umar ibn al-Chattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein, kam Amr ibn Tufail einmal zu ihm. Als für den Kalifen das Essen aufgetragen wurde, lud er alle, die bei ihm saßen, zum Essen ein. Obwohl alle der Einladung folgten, antwortete Amr nicht. Der Kalif sagte zu ihm: ‚Was ist mit dir? Schämmst du dich vielleicht wegen deiner Hand?‘ Amr antwortete: ‚Ja, das ist der Grund.‘ Der Kalif sagte: ‚Bei Allah, ich werde erst essen, wenn du mit dieser abgetrennten Hand in der Speise herumgerührt hast. Bei Allah, außer dir gibt es in der muslimischen Umma niemanden, von dem ein Teil im Paradies ist – nämlich deine Hand.‘ Nach dem Tod seines Vaters träumte er ständig vom Martyrium. Schließlich wurde sein Traum in der schrecklichen Schlacht verwirklicht, die sich im 15. Jahr nach der Hidschra zwischen den Muslimen und den römischen Truppen in der Ebene von Jarmuk ereignete. So erlangten Vater und Sohn beide die Ehre des Märtyrertodes.
Als das Maß der Unterdrückung und Misshandlung des Gesandten Allahs (s.a.w.) und der Muslime in Mekka seinen Höhepunkt erreicht hatte, schlug Tufail eines Tages vor, dass der Gesandte (s.a.w.) zu ihrem Stamm auswandern und in dessen uneinnehmbarer Festung Zuflucht suchen solle. Er versicherte ihm auch, die vollständige Verantwortung für seinen Schutz zu übernehmen. Doch Allah, der Erhabene, hatte diese Ehre den Ansar von Medina bestimmt. Daher nahm er Tufails Einladung nicht an.
Da er nach seiner Annahme des Islam in seinem eigenen Stamm mit der islamischen Da’wa und ihrer Verbreitung beschäftigt war, hatte er nicht die Möglichkeit, lange Zeit in der Gesellschaft des Gesandten Allahs (s.a.w.) zu verbringen. Doch durch seine Bemühungen nahm der gesamte Stamm der Daus den Islam an.
Sa’id ibn ’Amir al–Jumahi ((r.a.))
Die Historiker sagen: Sa’id ibn Amir war ein Mensch, der das Jenseits im Tausch gegen diese Welt erwarb und Allah und Seinen Gesandten (s.a.w.) allem anderen vorzog.
Sein Vater hieß Amir und seine Mutter Arwa bint Abi Mu’ait. Er nahm den Islam vor der Eroberung von Chaibar an.
Die Quraisch von Mekka nahmen den Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.), Chubaib ibn Adi (r.a.), durch eine List gefangen, brachten ihn nach Mekka und schnitten ihm vor einer versammelten Menge öffentlich und bei lebendigem Leib auf äußerst grausame Weise die Glieder ab, bevor sie ihn kreuzigten. Um dieses herzzerreißende Schauspiel genießen zu können, wurde in Mekka durch Trommelschläge dazu aufgerufen. Unter den Menschen, die aus dem Gebiet von Tan’im in Mekka gekommen waren, um dieses Schauspiel zu sehen, befand sich auch Sa’id ibn Amir al-Jumahi.
Damals wallte in seinen Adern das heiße Blut der Jugend. Auch er drängte sich durch die Menschenmenge nach vorn. Schließlich stellte er sich neben die führenden Quraisch, die in der ersten Reihe standen – unter anderem Abu Sufyan ibn Harb und Safwan ibn Umaiyya. Er sah den Gefangenen der Quraisch in Fesseln. Männer und Frauen, Kinder und Greise drängten ihn zum Schauplatz des Todes. Ihr Ziel war es, durch seine Tötung die bei der Schlacht von Badr getöteten Quraisch zu rächen. Daher waren sie von teuflischer Freude berauscht.
Unzählige Menschen kamen mit dem Gefangenen am Hinrichtungsort an. Der hochgewachsene junge Sa’id ibn Amir blieb stehen und schaute zu. Inmitten der Schreie und des Lärms der Frauen und Kinder vernahm er die feste und ruhige Stimme Chubaibs. Er sagte: „Wenn ihr mir vor meiner Kreuzigung die Erlaubnis gebt, darf ich noch zwei Rak’a Gebet verrichten?“ Sie erteilten ihm die Erlaubnis.
Saʿīd ibn ʿĀmir sah, wie er sich der Kaaba zuwandte und zwei Rakʿa des Gebets verrichtete. Wie schön, wie wunderbar war dieses Gebet! Dann wandte er sich den Anführern der Quraisch zu und sagte: „Bei Allah! Wenn ihr nicht denken würdet, ich würde aus Todesfurcht das Gebet in die Länge ziehen, hätte ich noch länger gebetet.“
Danach sah Saʿīd ibn ʿĀmir mit eigenen Augen, wie die Männer seines Stammes Khubaibs Körper, während er noch lebte, Glied für Glied zerstückelten. Und sie fragten ihn: „Würdest du es vorziehen, dass Muhammad an deine Stelle gesetzt wird, während du freikommst?“
Blut strömte aus seinem Körper, und er sagte:
„Bei Allah! Ich möchte sicher bei meiner Familie und meinen Kindern weilen, wenn dafür auch nur ein Dorn Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, am Körper verletzen würde.“ Als sie dies hörten, erhoben die Menschen von allen Seiten ihre Hände und schrien: „Tötet ihn! Tötet ihn!“
Danach sah Saʿīd ibn ʿĀmir, wie er auf dem Richtpfahl zum Himmel emporblickte und sagte:
„O Allah, zähle sie einzeln und töte sie einen nach dem anderen; lass keinen von ihnen übrig!“ Dies war sein letztes Bittgebet. Danach wurde sein Körper von zahllosen Schlägen mit Schwertern und Speeren zerfetzt.
Schon nach wenigen Tagen waren die Quraisch mit großen Ereignissen beschäftigt und hatten Khubaib und seinen Richtpfahl vergessen. Doch aus dem Herzen des jungen Saʿīd ibn ʿĀmir al-Dschumahī wich die Erinnerung an Khubaib keinen Augenblick. Wenn er schlief, sah er ihn im Traum; wenn er wach war, sah er ihn in seiner Vorstellung. Es war ihm, als sähe er Khubaib vor dem Richtpfahl äußerst ruhig, gefasst und gelassen zwei Rakʿa des Gebets verrichten. Auch den demütigen Ton seines letzten Bittgebets gegen die Quraisch meinte er mit eigenen Ohren zu hören. Er fürchtete, dass jeden Augenblick ein Blitz auf ihn herabfahren oder Steine vom Himmel regnen könnten.
Außerdem lernte er von Khubaib Dinge, die er zuvor nicht gekannt hatte. Dazu gehörte: Der Glaube und der lebenslange Einsatz auf dem Weg des Glaubens sind das wahre Leben. Ein fester Glaube kann viele außergewöhnliche und wundersame Dinge hervorbringen. Und ein Mensch, den seine Gefährten so tief lieben können, kann niemand anderes als ein von Allah gesandter Prophet sein.
Von jener Zeit an öffnete Allah, der Erhabene, das Herz von Saʿīd ibn ʿĀmir für den Islam. Eines Tages erhob er sich vor der versammelten Menge, sagte sich von den Göttern und Götzen der Quraisch los und verkündete öffentlich seinen Übertritt zum Islam. Er nahm noch vor dem Feldzug von Chaibar den Islam an.
Saʿīd ibn ʿĀmir wanderte nach Medina aus und blieb ununterbrochen in der Gesellschaft des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Er nahm an allen folgenden Feldzügen einschließlich Chaibar teil.
Nach dem Tod des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, erfüllte Saʿīd ibn ʿĀmir während der Kalifate seiner beiden Nachfolger Abū Bakr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, und ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, deren Anweisungen mit gezücktem Schwert gewissenhaft. Während des Kalifats von ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, bat der Befehlshaber Abū ʿUbaida, möge Allah mit ihm zufrieden sein, um Verstärkung für die Schlacht von Jarmūk. Der Kalif entsandte von Medina aus unter Saʿīds Führung ein Heer. In Jarmūk leistete Saʿīd, möge Allah mit ihm zufrieden sein, einen bedeutenden Beitrag. Indem er das Jenseits im Austausch für diese Welt erwarb und Allahs Wohlgefallen allen Wünschen seines Herzens und Körpers vorzog, setzte er den Muslimen ein einzigartiges Beispiel. Die beiden ersten Kalifen nach dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, waren über die Aufrichtigkeit und Gottesfurcht von Saʿīd ibn ʿĀmir informiert. Deshalb nahmen sie stets seinen Rat an.
Damals war die erste Phase des Kalifats von Kalif ʿUmar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, im Gange. Eines Tages sagte Saʿīd ibn ʿĀmir zum Kalifen:
„O ʿUmar, ich ermahne dich, Allah in deiner Behandlung der Menschen zu fürchten. Fürchte jedoch nicht die Menschen in deiner Beziehung zu Allah. Lass deine Worte nicht deinen Taten widersprechen. Denn die besten Worte sind jene, die durch Taten bestätigt werden.
O ʿUmar, sei stets wachsam gegenüber jenen Muslimen, zu deren Herrscher über die Nahen wie die Fernen Allah dich gemacht hat. Was du für dich und deine Familie wünschst, das wünsche auch ihnen; und was du für dich und deine Familie nicht wünschst, das wünsche auch ihnen nicht. Überwinde jedes Hindernis, um zur Wahrheit zu gelangen. Fürchte angesichts der Gebote Allahs nicht den Tadel irgendeines Tadlers.“
ʿUmar fragte:
„Saʿīd, wer ist dazu fähig?“
Er sagte: „Eine Person wie Sie. Allah hat Ihnen die Herrschaft über die Umma Muhammads anvertraut, und zwischen Allah und Ihnen gibt es kein weiteres Hindernis.“
Sogleich sagte er zu Saʿīd: „Bei Allah, ich beschwöre Sie, laden Sie mir dieses Unglück nicht auf und ziehen Sie mich nicht in diese Welt hinein.“
ʿUmar sagte zornig:
„Wehe euch! Ihr wollt diese Verantwortung des Kalifats auf meine Schultern laden und euch dann von mir fernhalten? Bei Allah, ich werde Sie nicht gehen lassen.“ Damit ernannte er Saʿīd zum Statthalter von Hims. Dann fragte er: „Soll ich Ihnen ein Gehalt festsetzen?“ Saʿīd sagte: „Amīr al-Muʾminīn, was soll ich damit anfangen? Das, was ich aus der Staatskasse als Unterhalt erhalte, ist bereits mehr, als ich brauche.“ Saʿīd zog nach Hims.
Einige Zeit später kamen einige vertrauenswürdige Männer des Amīr al-Muʾminīn ʿUmar aus Hims nach Medina. ʿUmar sagte zu ihnen:
„Gebt mir eine Liste eurer armen und bedürftigen Menschen. Ich werde ihnen etwas Unterstützung zukommen lassen.“ Sie erstellten eine Liste und überreichten sie ʿUmar. Neben anderen stand darauf auch der Name Saʿīd ibn ʿĀmir. Der Kalif fragte: „Wer ist dieser Saʿīd ibn ʿĀmir?“ Sie antworteten: „Unser Statthalter.“ Er fragte: „Ist auch euer Statthalter so arm?“
Sie sagten: „Ja, bei Allah. In seinem Haus ist seit mehreren Tagen hintereinander kein Kochtopf auf den Herd gestellt worden.“
Als der Kalif ʿUmar dies hörte, weinte er so sehr, dass seine Tränen seinen Bart benetzten. Dann legte er eintausend Dinar in einen Beutel und sagte: „Überbringt ihm von mir den Friedensgruß und sagt: Der Amīr al-Muʾminīn schickt Ihnen dieses Geld, damit Sie Ihre persönlichen Bedürfnisse decken können.“
Sie kamen mit einem mit Dinar gefüllten Beutel zu Saʿīd. Kaum hatte er den Beutel geöffnet, sah er, dass sich darin Dinar befanden. Sofort schob er ihn, während er „Innā lillāhi wa innā ilaihi rādschiʿūn“ sagte, so weit von sich, als wäre ein gewaltiges Unglück über ihn hereingebrochen. Seine Frau kam voller Angst herbeigerannt und fragte:
„Saʿīd, was ist mit Ihnen geschehen? Ist der Amīr al-Muʾminīn verstorben?“
Er sagte: „Nein, vielmehr etwas noch Schlimmeres.“
„Ist ein Unglück über die Muslime hereingebrochen?“
Er sagte: „Nein, etwas noch Schlimmeres als das.“
Seine Frau fragte: „Was ist dieses noch größere Unglück?“
Er sagte: „Die Welt ist zu mir eingedrungen, um mein Jenseits zugrunde zu richten. Ein Unglück ist in mein Haus eingezogen.“
Seine Frau sagte: „Beseitigen Sie das Unglück.“ Zu diesem Zeitpunkt wusste sie noch nichts von den Dinar.
Said sagte: „Wirst du mir in dieser Angelegenheit helfen?“
Seine Frau antwortete: „Gewiss.“
Dann füllte er die Dinar in mehrere Beutel und verteilte sie unter den armen Muslimen.
Einige Tage später kam Umar ibn al-Chattab (Allahs Wohlgefallen auf ihm) nach Hims, um sich mit eigenen Augen ein Bild von der Lage in Syrien zu machen. Damals wurde Hims „Kuwaifa“ genannt, denn ebenso wie die Bewohner Kufas erhoben auch die Bewohner von Hims ständig übertriebene Beschwerden gegen ihre Statthalter. Daher sagte man, Hims sei gleichsam ein kleines Kufa. Wie dem auch sei: Als die Bewohner von Hims nach der Ankunft des Kalifen kamen, um ihn zu begrüßen, fragte er sie: „Wie habt ihr euren Statthalter vorgefunden?“
Sie erwähnten vier Dinge, die der Statthalter (Said) tat, und erhoben deswegen schwere Vorwürfe gegen ihn. Was ihre Bedeutung betraf, waren alle vier Vorwürfe gleich schwerwiegend.
Umar sagte: „Ich ließ die Bewohner von Hims und ihren Statthalter gemeinsam vor mich treten. Ich betete zu Allah, dass meine Einschätzung von ihm nicht enttäuschend sein möge, denn ich hatte großes Vertrauen in ihn.“
Als die Bewohner von Hims und ihr Statthalter zu mir kamen, fragte ich:
„Was ist eure Beschwerde gegen euren Statthalter?“
Sie sagten: „Er empfängt uns erst, wenn der Vormittag schon weit fortgeschritten ist.“
Umar fragte: „Said, was sagen Sie zu dieser Beschwerde?“
Er schwieg eine Weile und sagte dann:
„Bei Allah! Es ist mir nicht lieb, die Sache irgendjemandem offenzulegen. Doch ich muss es sagen, weil es sich nicht vermeiden lässt, also sage ich es. Für meine Familie gibt es keine Dienstboten. Morgens muss ich alle Arbeiten im Haus eigenhändig erledigen. Auch das Kneten des Mehls und das Backen des Brotes übernehme ich selbst. Danach wasche ich mir Hände und Gesicht und empfange die Menschen. Dann ist es schon etwas später am Tag.“
Umar fragte:
„Habt ihr noch weitere Beschwerden?“
Sie sagten:
„Nachts empfängt er niemanden.
Umar fragte,
„Said, was hast du zu dieser Angelegenheit zu sagen?“
Er sagte:
„Bei Allah! Auch diese Angelegenheit offenzulegen, ist mir nicht recht. Dennoch sage ich: Den Tag habe ich den Menschen und die Nacht Allah gewidmet.“
Umar fragte:
„Welche weitere Beschwerde habt ihr?“
Sie sagten:
„An einem Tag im Monat empfängt er niemanden.“
ʿUmar fragte: „Saʿīd, worum geht es?“
Er sagte: „O Fürst der Gläubigen, ich habe keinen Diener. Außer diesem Gewand, das ich trage, besitze ich kein anderes. Einmal im Monat wasche ich es selbst und warte, bis es getrocknet ist. Deshalb kann ich in der ersten Tageshälfte keine Menschen empfangen. In der zweiten Tageshälfte empfange ich sie jedoch.“
ʿUmar fragte erneut: „Gibt es noch eine andere Beschwerde gegen ihn?“
Sie sagten:
„Während er in der Versammlung mit den Menschen spricht, verliert er bisweilen plötzlich das Bewusstsein.“
ʿUmar fragte: „Was ist los, Saʿīd?“
Er sagte:
„Als ich noch ein Götzendiener war, hatte ich gesehen, wie Khubayb ibn ʿAdī gekreuzigt wurde. Ich hatte auch gesehen, wie die Quraisch seine Glieder eines nach dem anderen abtrennten. Damals fragten die Quraisch ihn:
„Würdest du es vorziehen, dass Muhammad ﷺ an deiner Stelle gebracht wird?“
Darauf sagte er: „Bei Allah, ich würde nicht einmal dann zufrieden sein, wenn ich sicher zu meiner Familie und meinen Kindern zurückkehrte, dafür aber Muhammad ﷺ ein einziger Dornenschramm am Körper zugefügt würde. Bei Allah! Jedes Mal, wenn ich mich an jenen Tag erinnere und in mir das Gefühl erwacht, warum ich ihm an jenem Tag nicht geholfen habe, verliere ich das Bewusstsein. Ich glaube, dass Allah mir dieses Vergehen nicht vergeben wird.“
Da sagte Umar: „Alles Lob gebührt Allah, der meine Vermutung nicht als falsch erwiesen hat.“ Dann schickte er ihm hunderttausend Dinar, damit Said seine Bedürfnisse decken konnte. Als seine Ehefrau die Dinar sah, rief sie aus:
„Alles Lob gebührt Allah, der uns davon befreit hat, deine Dienste in Anspruch nehmen zu müssen. Geh, kauf Lebensmittel für uns und stelle einen Diener ein.“
Als er dies hörte, sagte er zu seiner Frau:
„Möchtest du daraus nicht etwas Besseres erlangen?“ Seine Frau fragte: „Was ist dieses Bessere?“
Er sagte: „Lass uns diese Dinar Allah als ein gutes Darlehen geben. Er wird uns dafür einen besseren Lohn gewähren, und wir sind auf diesen Lohn am meisten angewiesen.“
Seine Frau sagte: „Ja, gib sie hin. Möge Allah dir den besten Lohn gewähren.“
Während er in jener Versammlung saß, füllte er die Dinar in mehrere Beutel. Dann gab er jedem Familienmitglied einen Beutel und sagte: „Verteilt sie unter dieser und jener Witwe, diesem und jenem Waisen, den Bedürftigen dieses und jenes Stammes sowie den Bedürftigen jenes Stammes.“
Said war einer jener großen Männer, die trotz ihrer eigenen Bedürfnisse anderen den Vorzug geben.
Als er Statthalter von Hims war, ließ der Kalif Hazrat Umar (r.a.) ihn einmal nach Medina kommen. Er kam nach Medina, mit einem Stock in der Hand und nur einer Schale zum Essen. Der Kalif fragte: „Ist dein gesamtes Hab und Gut etwa nur dies?“ Er antwortete: „Wozu brauche ich mehr als das? In der Schale esse ich, und an den Stock hänge ich mein Hab und Gut.“
Nach Ibn Saʿd starb er im Jahr 20 nach der Hidschra, während er Statthalter von Hims war. Nach Abu Ubaida starb er im Jahr 21 nach der Hidschra.
Suraqa ibn Malik ((r.a.))
Als sich unter den Quraisch verbreitete, dass Muhammad (s.a.w.s.) nicht in Mekka war, konnten die Führer der Quraisch einerseits diese Nachricht überhaupt nicht glauben, während andererseits in Mekka eine Atmosphäre der Angst entstand. Sofort begannen sie, jedes Haus der Banu Haschim zu durchsuchen. Während sie die Häuser der Vertrauten Muhammads (s.a.w.s.) durchsuchten, kamen sie zum Haus Abu Bakrs. Als sie dort ankamen, trat Asma, die Tochter Abu Bakrs, heraus. Der Quraisch-Führer Abu Dschahl fragte sie: „Wo ist dein Vater?“ Sie antwortete: „Ich weiß nicht, wo er jetzt ist.“
Der niederträchtige Abu Dschahl versetzte Asma eine kräftige Ohrfeige, sodass ihr Ohrring davonsprang und auch sie zu Boden stürzte.
Als die Quraisch fest davon überzeugt waren, dass Muhammad (s.a.w.s.) Mekka tatsächlich verlassen hatte, nahm ihre Unruhe noch weiter zu. Sie beauftragten eine Gruppe von Fährtensuchern damit, ihre Spur zu verfolgen und sie aufzuspüren. Als die Fährtensucher zur Höhle am Berg Saur kamen, sagten sie zu den Quraisch: „Bei Allah, euer Gefährte Muhammad (s.a.w.s.) ist noch immer nicht irgendwohin von dieser Höhle fortgegangen.“ Tatsächlich war diese Vermutung richtig. Muhammad (s.a.w.s.) und sein Gefährte Abu Bakr befanden sich noch immer in dieser Höhle, während die Quraisch über ihnen waren. Hazrat Abu Bakr Siddiq (r.a.) konnte sogar die Füße der Quraisch sehen, die sich oben über der Höhle, direkt über ihren Köpfen, bewegten. Seine beiden Augen wurden von Tränen verschleiert. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) blickte ihn mit einem von Liebe, Mitgefühl und Tadel geprägten Blick an. Flüsternd sagte Abu Bakr: „O Gesandter Allahs, bei Allah, ich weine nicht aus Angst um mein eigenes Leben, sondern aus Furcht davor, dass ich mit ansehen müsste, wie sie dir etwas antun.“ Um ihn zu beruhigen, sagte der Gesandte (s.a.w.s.): „Abu Bakr, mach dir keine Sorgen; Allah ist mit uns.“
Allah schenkte Abu Bakr innere Ruhe. Dennoch blickte er immer wieder zu den Füßen der Quraisch, die über ihnen hin und her gingen. Schließlich sagte er zum Gesandten Allahs: „O Gesandter Allahs, sobald einer von ihnen auf seine beiden Fußsohlen hinabblickt, wird er uns sehen.“ Der Gesandte Allahs erwiderte: „Glaubst du etwa, wir seien nur zu zweit? Es gibt einen Dritten, und Allah ist mit uns.“
In diesem Augenblick hörten die beiden, wie ein junger Quraisch sagte: „Kommt alle zur Höhle, wir wollen ein wenig hineinschauen.“ Umayya ibn Khalaf spottete ein wenig über ihn und sagte: „Siehst du nicht diese Spinne und ihr Netz am Eingang der Höhle? Sie sind schon seit der Geburt Muhammads hier.“ Doch Abu Dschahl sagte: „Bei al-Lāt und al-ʿUzzā, ich habe das Gefühl, dass sie sich irgendwo ganz in unserer Nähe befinden. Sie hören unsere Worte und sehen auch, was wir tun. Doch durch seine Zauberei ist unser Sehvermögen getrübt worden, sodass wir sie nicht sehen können.“
Wie dem auch sei, die Quraisch gaben die Suche nach Muhammad keineswegs auf, und an ihrem Entschluss, seine Verfolgung fortzusetzen, änderte sich nichts. Sie ließen unter den Stämmen, die zwischen Mekka und Medina lebten, bekannt geben, dass demjenigen, der Muhammad lebendig oder tot auslieferte, einhundert reinrassige Kamele als Belohnung versprochen würden.
Surāqa ibn Mālik al-Madladschī hielt sich damals an einem Versammlungsort seines Stammes namens Qudāid, nicht weit von Mekka entfernt, auf. Da erschien ein Bote der Quraisch und verkündete die von ihnen ausgesetzte Belohnung für die Ergreifung Muhammads, lebendig oder tot.
Als Surāqa von den einhundert Kamelen hörte, entbrannte in ihm ein loderndes Feuer der Habgier. Doch aus Angst, auch in den anderen dieses Verlangen zu wecken, schwieg er und beherrschte sich.
Noch bevor Surāqa sich vom Versammlungsort erhob, kam ein anderer Mann aus seinem Stamm dorthin und sagte: „Bei Allah, gerade sind drei Männer an mir vorbeigezogen. Ich vermute, dass es Muhammad, Abu Bakr und ihr Führer waren.“
Surāqa sagte: „Nein, das waren sie nicht. Es waren Leute aus dem und dem Stamm. Ihre Kamele sind davongelaufen, und deshalb suchen sie nach ihnen.“ „Das kann sein“, sagte der Mann und schwieg.
Da er den Versammlungsort nicht sofort verlassen wollte, weil dies bei den anderen Verdacht hätte erregen können, blieb er noch eine Weile sitzen. Als die Anwesenden in ein Gespräch über ein anderes Thema vertieft waren, schlich er sich bei passender Gelegenheit hinaus. Sobald er den Versammlungsort verlassen hatte, ging er nach Hause. Kaum dort angekommen, sagte er zu seiner Sklavin: „Binde mein Pferd heimlich und so an einem bestimmten Tal an, dass niemand dich dabei sieht.“ Und zu seinem Sklaven sagte er: „Nimm diese Waffen mit, verlasse das Haus auf der Rückseite so, dass dich niemand sieht, und lege sie irgendwo in der Nähe des Pferdes ab.“
Suraqa legte eine Rüstung an, bewaffnete sich, bestieg sein Pferd und trieb es rasch an, um Muhammad gefangen zu nehmen, damit niemand anders ihm zuvorkam und sich die Belohnung sicherte. Er gehörte zu den geschicktesten Reitern seines Stammes. Er war groß gewachsen, von kräftiger Statur, ein Kenner von Fußspuren und in Gefahr äußerst geduldig. Vor allem aber war er ein kluger Dichter. Sein Pferd war von edler Rasse.
Suraqa ritt weiter. Nach einer gewissen Strecke stolperte das Pferd, und er wurde weit aus dem Sattel geschleudert. Er hielt dies für ein unheilvolles Zeichen und rief: „Was soll das? Geh zugrunde, du Pferd!“ Damit bestieg er wieder den Rücken des Pferdes. Kaum war er ein Stück weitergeritten, stolperte das Pferd erneut. Nun verstärkte sich seine Vorstellung von einem unheilvollen Zeichen noch mehr. Er dachte daran umzukehren; doch die Gier nach den hundert Kamelen hielt ihn davon ab.
Kurz hinter der Stelle, an der das Pferd zum zweiten Mal gestolpert war, sah er Muhammad und seine beiden Gefährten. Sofort streckte er die Hand nach seinem Bogen aus; doch seine Hand wurde gleichsam völlig kraftlos. Er sah, wie die Beine seines Pferdes im trockenen Boden zu versinken schienen, während von vorn dichter Rauch aufstieg und das Pferd und seine Augen verhüllte. Er versuchte hastig, das Pferd anzutreiben. Doch das Pferd wurde so unbeweglich, als wären seine Beine mit eisernen Nägeln im Boden festgenagelt worden.
Darauf wandte sich Suraqa dem Gesandten Allahs und seinen beiden Gefährten zu und rief mit äußerst demütiger Stimme immer wieder: „O ihr, bittet euren Herrn darum, die Beine meines Pferdes zu befreien. Ich werde euch nichts Böses antun.“ Der Gesandte Allahs sprach ein Bittgebet. Sein Pferd wurde frei. Sofort regte sich seine Gier wieder. Er trieb sein Pferd erneut auf den Gesandten Allahs zu. Diesmal blieben die Beine seines Pferdes noch heftiger als zuvor im Boden stecken. Wieder bat er den Gesandten Allahs um Hilfe und sagte: „Nehmt diese Lebensmittel, diese Ausrüstung und diese Waffen von mir. Ich schwöre bei Allah, dass ich, sobald ich freigelassen werde, die Leute, die hinter mir herkommen, von euch weg in eine andere Richtung lenken werde.“
Sie sagten: „Wir brauchen weder deine Lebensmittel noch deine Ausrüstung. Doch du sollst die Leute von uns weglenken.“ Darauf sprach der Gesandte Allahs ein Bittgebet für ihn. Sein Pferd wurde frei. Er beschloss umzukehren, rief den Gesandten Allahs und seine beiden Gefährten und sagte: „Wartet einen Augenblick, ich möchte mit euch einige Worte sprechen. Ich schwöre bei Allah, dass ich euch nichts Böses antun werde.“
Der Gesandte Allahs und Abu Bakr riefen beide: „Was willst du von uns?“ Er sagte: „Bei Allah, o Muhammad, ich weiß mit Gewissheit, dass deine Religion schon bald siegreich sein wird. Versprich mir, dass du mich ehren wirst, wenn ich in dein Reich komme. Und schreibe mir dies bitte auf.“
Der Gesandte Allahs wies Abu Bakr an zu schreiben. Dieser schrieb die Worte auf ein Stück Knochen und übergab es Suraqa. Als Suraqa gerade im Begriff war umzukehren, sagte der Gesandte Allahs zu ihm: „Suraqa, wie wird es sein, wenn du das königliche Gewand Kisras trägst?“
Suraqa sagte erstaunt: „Kisra ibn Hurmuz?“ Der Gesandte Allahs sagte: „Ja, Kisra ibn Hurmuz.“
Suraka kehrte um. Auf dem Rückweg sah er, dass die Leute noch immer nach dem Gesandten Allahs suchten. Er sagte zu ihnen: „Kehrt um. Ich habe ihn in dieser Gegend weit und breit gesucht. Und ihr wisst doch, wie groß meine Fähigkeit ist, Spuren zu verfolgen.“ Aufgrund seiner Worte kehrten die Leute um.
Die Nachricht über Muhammad (s.a.w.) und seine beiden Gefährten verschwieg er vollständig. Als er fest davon überzeugt war, dass sie inzwischen Medina erreicht und dort Sicherheit vor der Feindschaft der Quraisch gefunden hatten, machte er sein Erlebnis bekannt. Als Abu Dschahl von Surakas Rolle und seinem Verhalten gegenüber dem Gesandten Allahs (s.a.w.) erfuhr, tadelte er ihn heftig wegen seiner Feigheit und weil er die Gelegenheit nicht genutzt hatte. Daraufhin trug er zwei von ihm selbst verfasste Verse vor:
„Bei Allah, wenn du, Abu Hakam, gesehen hättest,
was mit meinem Pferd geschah, als seine Beine einsanken, wüsstest du
und du hättest keinerlei Zweifel daran, dass Muhammad der wahre Gesandte ist –
Wer könnte ihn also aufhalten?“
Ibn Hadschar ‘al- Isaba’ erwähnt die beiden Verse in seinem Werk.
Die Zeit verging schnell. Eines Tages war Muhammad (s.a.w.), der einst bei Nacht heimlich aus Mekka geflohen war, wieder als Sieger mit Tausenden bewaffneten Gefährten in jene Stadt Mekka eingezogen. Die tyrannischen und hochmütigen Führer der Quraisch, unter deren Gewaltherrschaft Mekka stets erzittert hatte, erschienen mit von Angst und Bestürzung erfüllten Herzen vor Muhammad (s.a.w.), um ihn um Gnade zu bitten.
Der edle Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte zu ihnen: „Geht, ihr seid alle frei und unabhängig.“
Suraka ibn Malik machte sich auf den Weg zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), um seinen Übertritt zum Islam zu verkünden. Er nahm jenes Schutzversprechen mit, das ihm der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zehn Jahre zuvor gegeben hatte. Später berichtete Suraka:
„Ich kam von Dschi’rara (einem Ort in der Nähe von Mekka) zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Als ich in eine Gruppe von Soldaten der Ansar eindrang, begannen sie, mich mit den Schäften ihrer Pfeile zu schlagen, und riefen: ‚Verschwinde, verschwinde! Was willst du?‘ Dennoch drang ich in ihre Reihen ein und kam dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nahe. Er saß damals auf seiner Kamelstute. Ich hob die Hand mit jenem Schutzbrief und sagte: ‚O Gesandter Allahs, ich bin Suraka ibn Malik. Und dies ist dein Schutzbrief.‘“
Der Gesandte (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Suraka, komm zu mir. Heute ist der Tag, an dem Versprechen erfüllt und Gutes erwiesen werden.“
Ich ging nahe zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und bekannte mich vor ihm zum Islam. So wurde ich durch seine Güte und seinen Segen geehrt.“
Nach dem Tod des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) war Hazrat Suraka (Allah sei mit ihm zufrieden) zutiefst betrübt und von Trauer erfüllt. Immer wieder stieg ihm jener Tag ins Gedächtnis, an dem er aus Gier nach hundert Kamelen beschlossen hatte, den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu töten. Nun waren selbst alle Kamele der Welt nicht so viel wert wie die Spitze eines einzigen Fingernagels des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm). Immer wieder wiederholte er jene Frage des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm): „Suraka, wie wird es sein, wenn du eines Tages die Kleidung Kisras tragen wirst?“ Er hatte nicht den geringsten Zweifel daran, dass er tatsächlich die Kleidung Kisras tragen würde.
Die Zeit verging. Die Verantwortung für das islamische Kalifat wurde Hazrat Umar al-Faruq (Allah sei mit ihm zufrieden) übertragen. In seiner ruhmreichen Epoche drang das muslimische Heer mit der Geschwindigkeit eines Sturms in das Persische Reich ein. Es zerschlug dessen Festungen, besiegte seine Armeen und bemächtigte sich des persischen Thrones.
Gegen Ende der Kalifatszeit von Hazrat Umar (Allah sei mit ihm zufrieden) traf in Medina ein Bote des Heerführers Sa’d ibn Abi Waqqas mit der frohen Nachricht vom Sieg über Persien ein. Er brachte ein Fünftel der Kriegsbeute aus Persien mit. Als die Reichtümer der Beute vor Umar aufgetürmt wurden, blickte er sie voller Staunen an. Darunter befanden sich Kisras mit Edelsteinen und Perlen besetzte Krone, mit goldenen Borten verzierte Stoffe, eine Perlenkette und zwei so prachtvolle Gewänder, wie Hazrat Umar sie zuvor noch nie gesehen hatte. Außerdem gab es viele weitere unschätzbar wertvolle Gegenstände. Hazrat Umar begann, diese kostbaren Schätze mit seinem Stock umzuwenden. Dann blickte er die ringsum anwesenden Menschen an und sagte: „Diejenigen, die sich von diesen Dingen zurückgehalten und sie abgeliefert haben, sind gewiss äußerst vertrauenswürdig.
Hazrat Ali (r.a.), der damals ebenfalls dort anwesend war, sagte: „Amīr al-Muʾminīn, du hast das anvertraute Gut nicht verraten, und auch deine Untertanen haben es nicht verraten. Hättest du unrechtmäßig davon gegessen, hätten sie ebenfalls davon gegessen.“
Darauf rief Hazrat Umar (r.a.) Suraka ibn Malik zu sich und kleidete ihn eigenhändig in Kisras Gewand, Hose, Schuhe und die übrigen Kleidungsstücke. Er hängte ihm Kisras Schwert über die Schulter, legte ihm einen Gürtel um die Hüfte, setzte ihm die Krone auf den Kopf und legte ihm Armreifen an. Wie wunderbar!
Während Hazrat Umar (r.a.) Suraka in Kisras Gewänder kleidete, hallten die Luft und der Himmel über Medina von den wiederholten Takbīr-Rufen der Muslime wider.
Als Suraka vollständig in Kisras Gewänder gekleidet war, wandte sich Hazrat Umar (r.a.) ihm zu und sagte: „Bravo, bravo! Auf dem Kopf eines kleinen Beduinen aus dem Stamm Mudlij glänzt die Krone des Großkönigs Kisra, und an seinen Händen liegen Armreifen.“ Dann blickte er zum Himmel und sagte: „O Allah, dieses Vermögen hast Du dem Gesandten Allahs (s.a.w.s.) nicht gegeben, obwohl er bei Dir geehrter und mir lieber war als ich. Auch Abu Bakr hast Du dieses Vermögen nicht gegeben. Auch er war bei Dir angesehener und Dir lieber als ich. Du hast es mir jedoch gegeben, um mich zu prüfen. Ich suche Zuflucht bei Dir.“ Danach rezitierte er die folgenden zwei Verse aus der Sura al-Muʾminūn: „Meinen sie etwa, dass Ich durch den Reichtum und die Kinder, die Ich ihnen zur Unterstützung gewähre, für sie alle Arten des Guten beschleunige? Nein, sie verstehen es nicht.“(Sura al-Mu’ʾminūn: 55–56)
Er verließ diese Versammlung nicht, bevor er das gesamte Vermögen unter den Muslimen verteilt hatte.
Imam al-Buchari überlieferte diese Geschichte von Hazrat Suraka ibn Malik. Auch Imam Ahmad überlieferte sie über al-Bara ibn Azib und Abu Bakr as-Siddiq.
Abu Amr sagt, dass Suraka ibn Malik im Jahr 24 nach der Hidschra, während des Kalifats des Kalifen Uthman, verstarb. Einige sagen, dass er nach Hazrat Uthman verstarb.
Ikrima ibn Abi Jahl (r.a.)
Der Gesandte Allahs sagte über ihn: „Ikrima wird schon bald den Unglauben aufgeben und als Gläubiger zu euch kommen. Beschimpft seinen Vater (Abu Dschahl) nicht. Denn wenn man die Toten beschimpft, bereitet man den Lebenden Schmerz, und die Toten erfahren nichts davon.“
Als der Prophet Muhammad, der Gesandte Allahs, in Mekka begann, zum Islam aufzurufen, näherte sich Ikrimas drittes Lebensjahrzehnt seinem Ende. Unter den Quraisch war er seiner Abstammung nach der angesehenste und wohlhabendste Mann. Wie Saʿd ibn Abi Waqqas, Musʿab ibn Umair und andere Söhne angesehener Häuser in Mekka hätte auch er schon in der ersten Phase den Islam annehmen sollen. Doch wegen seines Vaters war ihm dies nicht möglich.
Sein Vater Abu Dschahl war Mekkas größter Gewaltherrscher, der Anführer der frühen Götzendiener und ein harter Unterdrücker. Allah, der Erhabene, prüfte durch seine Gewalttätigkeit und Unterdrückung den Glauben der Gläubigen, und sie bestanden diese Prüfung erfolgreich. Durch seine Täuschungen prüfte Er die Wahrhaftigkeit der Gläubigen, und sie waren darin erfolgreich. Durch seine Täuschungen prüfte Er die Wahrhaftigkeit der Gläubigen, und sie bestanden diese Prüfung.
Unter der Führung seines Vaters widmete sich Ikrima der Feindschaft gegenüber Muhammad, dem Gesandten Allahs. Dabei war seine Rolle äußerst hart. Durch seine Misshandlungen wurde das Leben der Gefährten des Gesandten Allahs unerträglich. Sein Vater Abu Dschahl empfand große Genugtuung angesichts dieser Grausamkeit gegenüber dem Islam und den Muslimen.
Sein Vater führte in der Schlacht von Badr die Götzendiener an. Er schwor bei al-Lat und al-ʿUzza, nicht nach Mekka zurückzukehren, bevor er Muhammad nicht gedemütigt hätte. Er schlug in Badr sein Lager auf und blieb dort drei Tage. Er ließ Kamele schlachten, betrank sich mit Wein und vergnügte sich mit Gesang und Tanz mit den Sängern und Sängerinnen. Als Abu Dschahl diese Schlacht leitete, war Ikrima sein rechter Arm und wichtigster Helfer. Doch al-Lat und al-ʿUzza erhörten Abu Dschahls Ruf in dieser Schlacht nicht; diese beiden Götzen konnten ihm keinerlei Hilfe leisten. Das war ihnen auch nicht möglich.
Auf dem Schlachtfeld von Badr lag Abu Dschahl mit dem Gesicht nach unten da. Ikrima sah mit eigenen Augen, wie die Spitzen der Pfeile der Muslime das Blut seines Vaters tranken, und hörte mit eigenen Ohren den letzten Schrei aus dem Mund seines Vaters.
Ikrima ließ die Leiche des Quraisch-Anführers Abu Dschahl in Badr zurück und kehrte nach Mekka zurück. Die schmachvolle Niederlage ließ ihm nicht einmal die Möglichkeit, die Leiche seines Vaters zu bestatten. Die Muslime warfen sie zusammen mit den Leichen der anderen in Badr getöteten götzendienerischen Soldaten in den Brunnen namens „Kalib“ und bedeckten sie mit Erde. So wurde der Hochmut dieses stolzen und grausamen Anführers der Quraisch gebrochen.
Von diesem Tag an zeigte Ikrimas Haltung gegenüber dem Islam eine neue Gestalt. Bis dahin hatte er aus Achtung vor der Ehre und dem Ansehen seines Vaters Feindschaft gegen den Islam gehegt. Nun aber schwor er, das Blut seines Vaters zu rächen. Gemeinsam mit den anderen, die in Badr ihre Väter verloren hatten, begann er, in den Herzen der Götzendiener das Feuer des Hasses gegen Muhammad zu entfachen, und spornte sie an, das Blut der in Badr Getöteten zu rächen. So kam es zur Schlacht von Uhud.
Ikrima ibn Abu Dschahl zog nach Uhud. Seine Frau Ummu Hakim zog ebenfalls mit den Frauen, die bei Badr ihre Ehemänner, Brüder und Söhne verloren hatten. Ihr Ziel war es, hinter den dort kämpfenden Soldaten Stellung zu beziehen, die Trommeln zu schlagen, die Quraisch zum Kampf anzuspornen und den zur Flucht entschlossenen Soldaten Mut und Kraft zu geben.
Die Quraisch setzten Chālid ibn al-Walīd auf der rechten und Ikrima ibn Abī Dschahl auf der linken Seite ihrer Reiter ein. An jenem Tag zeigten die beiden äußersten Mut und vollendete Kriegskunst. Sie entrissen Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seinen Gefährten den Ruhm des Sieges und übergaben ihn den Quraisch. Daher konnte Abu Sufyan, der Anführer der Quraisch an jenem Tag, sagen: „Das ist die Vergeltung für den Tag von Badr.“
Dann kam die Schlacht am Graben. Die polytheistischen Soldaten belagerten Medina bereits seit mehreren Tagen. Ikrimas Geduld neigte sich dem Ende zu, und er wurde verbittert und gereizt. Schließlich entdeckte er an einer Stelle des Grabens einen engen Durchgang. Mit großer Mühe trieb er sein Pferd hindurch und gelangte über den Graben. Einige weitere polytheistische Soldaten folgten ihm über den Graben. Die muslimischen Soldaten setzten ihnen nach. Ikrima entkam gemeinsam mit seinen Gefährten und rettete sein Leben, doch einer seiner Gefährten, Amr ibn Abd Wudd al-Amiri, fiel durch die Hand der muslimischen Soldaten.
Am Tag der Eroberung Mekkas erkannten die Quraisch, dass es keineswegs möglich sein würde, Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und seine Gefährten aufzuhalten. Sie beschlossen, den Muslimen den Weg freizugeben. Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, verkündete: Nur diejenigen unter den Bewohnern Mekkas, die sich auf einen Kampf mit den muslimischen Soldaten einlassen, werden bekämpft; alle anderen werden begnadigt.
Ikrima ibn Abī Dschahl und eine weitere Gruppe von Soldaten missachteten den Beschluss der Quraisch und leisteten den Muslimen Widerstand. Eine kleine Gruppe muslimischer Soldaten unter der Führung von Chālid ibn al-Walīd zerschlug ihre Widerstandsformation. Sie töteten viele von ihnen, während andere flohen und ihr Leben retteten. Zu diesen Flüchtenden gehörte auch Ikrima ibn Abī Dschahl.
Nach der Eroberung Mekkas durch die Muslime war Ikrima ibn Abī Dschahl völlig ratlos. Zum ersten Mal kam er aus seiner durch Macht berauschten Selbstsicherheit wieder zu Sinnen. Er erkannte, dass Mekka für ihn nicht mehr sicher war. Unterdessen vergab der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, allen Bewohnern Mekkas ihre vergangenen Taten. Doch er nannte einige Personen und erklärte sie ausdrücklich von dieser Vergebung ausgenommen. Er befahl, sie zu töten, selbst wenn man sie unter dem Tuch der Kaaba fände. An der Spitze der Liste der zum Tode Verurteilten stand Ikrimas Name. Da er keinen anderen Ausweg sah, verließ er heimlich Mekka und machte sich auf den Weg in den Jemen.
Unterdessen gingen Ikrimas Frau Ummu Hakim und Hind bint Utba zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Viele weitere Frauen begleiteten sie. Ihr Ziel war es, dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, den Treueid zu leisten. Als sie bei ihm ankamen, saßen bei ihm seine beiden Ehefrauen, seine Tochter Fatima und viele weitere Frauen aus dem Hause Abd al-Muttalib. Hind sprach mit bedecktem Kopf und Gesicht zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Hind war die Frau Abu Sufyans und die Mutter von Emir Muawiya. Sie war es, die in der Schlacht von Uhud die Leber von Hamza, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, zerkaut hatte. Daher erschien sie am Tag der Eroberung Mekkas aus Scham und Reue mit bedecktem Kopf und Gesicht vor dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm.
„O Gesandter Allahs, Lob sei Allah, der Seine erwählte Religion zum Sieg geführt hat. Aufgrund der verwandtschaftlichen Beziehung zwischen dir und mir hoffe ich auf eine gute Behandlung durch dich. Nun bin ich eine gläubige und überzeugte Frau.“ Mit diesen Worten nahm sie ihren Schleier ab und gab sich zu erkennen: „O Gesandter Allahs, ich bin Hind bint Utba.“ Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Willkommen.“ Hind sagte: „Bei Allah, o Gesandter Allahs, zuvor gab es auf der ganzen Erde kein Haus, das mir lieber war als dein Haus, um es herabzuwürdigen und zu beleidigen. Nun gibt es für mich kein geehrteres Haus als dein Haus.“
Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Noch viel mehr.“
Darauf stand Ikrimas Ehefrau Umm Hakim auf und bekundete ihren Eintritt in den Islam. Dann sagte sie: „O Gesandter Allahs, aus Angst, dass du Ikrima töten könntest, ist er in Richtung Jemen geflohen. Gewähre ihm Sicherheit; Allah wird dir Sicherheit gewähren.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Er ist in Sicherheit.“
In diesem Augenblick machte sich Umm Hakim auf, um ihren Ehemann Ikrima zu suchen. Sie nahm einen ihrer römischen Sklaven mit. Die beiden waren unterwegs. Unterwegs kam in dem Sklaven ein böses Verlangen nach seiner Herrin auf. Er wollte sich an ihr vergehen, doch sie hielt ihn mit allerlei Ausflüchten hin. So gelangten sie zu einem arabischen Stamm. Dort bat Umm Hakim um deren Hilfe. Sie versprachen, ihr zu helfen. Sie ließ ihren Sklaven in ihrer Obhut zurück und setzte allein ihren Weg fort. Schließlich traf sie Ikrima an der Küste in der Region Tihama. Dort sprach er gerade mit einem Fährmann darüber, ihn überzusetzen, während der Fährmann zu ihm sagte:
– „Sei wahrhaftig.“
Ikrima sagte zu ihm:
– „Wie soll ich wahrhaftig sein?“
Der Fährmann sagte:
– „Sag: Aschhadu an lā ilāha illā llāh wa-anna Muḥammadan rasūlu llāh.“
– »Deshalb allein bin ich geflohen.« Mitten in diesem Gespräch zwischen den beiden erschien Umm Hakīm. Sie wandte sich an ihren Ehemann und sagte:
»O mein Cousin, ich komme gerade vom besten, edelsten und reinsten aller Menschen. Ich habe ihn um deine Sicherheit gebeten, und er hat sie dir gewährt. Zerstöre dich also nicht länger selbst.«
Als ʿIkrima dies hörte, fragte er:
– »Hast du selbst mit ihm gesprochen?«
Sie sagte:
– »Ja, ich selbst habe mit ihm gesprochen, und er hat dir Sicherheit gewährt.« Immer wieder versicherte sie ihm, dass ihm Sicherheit gewährt worden sei, und sprach ihm Mut zu. Schließlich beruhigt, kehrte er mit seiner Frau zurück.
Während sie unterwegs waren, erzählte Umm Hakīm ihrem Ehemann, was ihr Sklave getan hatte. Auf dem Rückweg tötete ʿIkrima den Sklaven, noch bevor er den Islam annahm.
Unterwegs übernachteten sie in einem Haus. ʿIkrima wollte mit seiner Frau ungestört intim werden. Doch seine Frau wies dies entschieden zurück und sagte:
– „Ich bin eine muslimische Frau, und du bist noch immer ein Ungläubiger.“ Als Ikrima die Worte seiner Frau hörte, war er erstaunt.
Er sagte:
– „Die Angelegenheit, die sich unserem Zusammensein in den Weg stellt, ist wahrlich von großer Bedeutung!“
Als Ikrima sich auf diese Weise Mekka näherte, sagte der Gesandte Allahs zu seinen Gefährten: „Ikrima wird sehr bald den Unglauben aufgeben und als Gläubiger zu euch kommen. Beschimpft nicht seinen Vater, denn wenn man einen Verstorbenen beschimpft, bereitet das den Lebenden Kummer, und den Verstorbenen erreicht es nicht.“
Schon bald erschien Ikrima gemeinsam mit seiner Frau beim Gesandten Allahs. Als der Gesandte Allahs ihn erblickte, stand er voller Freude auf und ging ihm entgegen, ohne sich den Umhang um die Schultern zu legen. Danach setzte sich der Gesandte Allahs. Ikrima blieb vor ihm stehen und sagte:
– „O Muhammad, Ummu Hakim hat mir gesagt, dass du mir Sicherheit gewährt hast.“
Der Prophet sagte: „Sie hat die Wahrheit gesagt. Du bist in Sicherheit.“
Ikrima sagte: „Muhammad, wozu rufst du auf?“
Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Ich lade dich dazu ein, zu bezeugen, dass es keinen anderen Anbetungswürdigen außer Allah gibt und dass ich Allahs Diener und Sein Gesandter bin. Danach sollst du das Gebet verrichten und die Zakat entrichten.“ Auf diese Weise erläuterte er alle Grundpfeiler des Islam.
Ikrima sagte: „Bei Allah, du rufst wahrlich ausschließlich zur Wahrheit auf und gebietest das Gute.“ Dann fuhr er fort:
– „Schon vor diesem Aufruf warst du unter uns der Wahrhaftigste und der Rechtschaffenste.“ Während er dies sagte, streckte er seine Hand aus und sprach: „Aschhadu an la ilaha illallah wa aschhadu annaka abduhu wa rasuluhu.“ Danach sagte er: „O Gesandter Allahs, lehre mich einige gute Worte, die ich sprechen kann.“
Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Sprich: Aschhadu an la ilaha illallah wa anna Muhammadan abduhu wa rasuluhu.“
Der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte: „Sprich: Uschhidullaha wa uschhidu man hadara anni muslimun mudschahidun muhajirun – Allah und alle Anwesenden zu Zeugen nehmend, erkläre ich, dass ich Muslim, Mudschahid und Muhadschir bin.“
Ikrima sprach diese Worte. Daraufhin sagte der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zu ihm: „Wenn du mich heute um etwas bittest, das ich sonst jemand anderem gebe, werde ich es dir geben.“
Ikrima sagte: „Ich bitte dich, Allah für mich um Vergebung zu bitten für all die Feindschaft, die ich dir gegenüber gezeigt habe, für all die Schlachten, in denen ich dir gegenüberstand, und für alles, was ich vor dir oder hinter deinem Rücken gegen dich gesagt habe.“ Sofort sprach der Gesandte, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, für ihn folgendes Bittgebet: „O Allah, vergib ihm jede Feindschaft, die er mir gegenüber gezeigt hat, und jeden Weg, den er zurückgelegt hat, um auf dem Schlachtfeld zu erscheinen und dein Licht auszulöschen. Vergib ihm auch alle Worte, die er vor mir oder in meiner Abwesenheit zu meiner Herabwürdigung gesprochen hat.“
Vor Freude erstrahlte Ikrimas Gesicht. Er sagte: „O Gesandter Allahs, bei Allah! Was immer ich aufgewendet habe, um den Weg Allahs zu behindern, werde ich auf Allahs Weg doppelt aufwenden, und für jeden Kampf, den ich geführt habe, um den Weg Allahs zu behindern, werde ich zwei Kämpfe auf Allahs Weg führen.“
Von diesem Tag an trat er in die Reihe derer ein, die zur Botschaft aufriefen. Er war ein furchtloser Reiter auf dem Schlachtfeld, der eifrigste Anbeter in der Moschee, ein nächtlicher Beter und ein Rezitator des Buches Allahs. Während er den heiligen Qur’an vor sein Gesicht hielt, pflegte er zu sagen: „Kitābu rabbī, kalāmu rabbī – das Buch meines Herrn, das Wort meines Herrn.“ Dies sagte er und weinte dabei inbrünstig.
Ikrima erfüllte das Versprechen, das er dem Gesandten Allahs gegeben hatte, buchstabengetreu. Nach seiner Annahme des Islam nahm er an jedem Krieg teil, den die Muslime führten, und bei jedem Feldzug, zu dem sie aufbrachen, stand er an der Spitze.
In der Schlacht von Jarmuk stürzte er sich auf die Feinde, wie ein Durstiger an einem heißen Sommermittag auf kaltes Wasser zustürzt. Als die Muslime in einer Phase der Schlacht stark unter Druck gerieten, stieg er von seinem Pferd, zog sein Schwert und drang in das Innere des römischen Heeres ein. Als Chālid ibn al-Walīd sah, dass die Lage gefährlich wurde, eilte er zu ihm und sagte: „Ikrima, tu das nicht! Dein Tod wäre für die Muslime verhängnisvoll.“
Er erwiderte:
„Chālid, lass mich! Du bist mir in der Annahme des Glaubens an den Gesandten Allahs vorausgegangen. Mein Vater und ich waren die größten Feinde des Gesandten Allahs. Lass mich für meine Vergangenheit Sühne leisten. In vielen Schlachten habe ich gegen den Gesandten Allahs gekämpft. Und heute sollte ich aus Furcht vor dem römischen Heer fliehen? Das ist für mich unmöglich.“ Darauf rief er den Muslimen zu: „Wer möchte den Treueid auf den Tod leisten?“ Auf seinen Ruf antworteten sein Onkel al-Hārith ibn Hischām, Dirār ibn al-Azwar und weitere vierhundert muslimische Soldaten. Sie kämpften vom Eingang des Zeltes von Chālid ibn al-Walīd aus erbittert weiter und errangen auf dem Feld von Jarmuk einen gewaltigen Sieg und große Ehre. Auf eben diesem Schlachtfeld von Jarmuk wurden al-Hārith ibn Hischām, Ayyāsch ibn Abī Rabīʿa und Ikrima ibn Abī Dschahl schwer verwundet am Boden liegend aufgefunden. Der von Durst gequälte al-Hārith ibn Hischām bat um Wasser. Als man ihm Wasser brachte, blickte Ikrima zu ihm. Da sagte er: „Gebt es Ikrima.“ Als der Becher zu Ikrima gebracht wurde, blickte Ayyāsch zu ihm. Darauf sagte Ikrima: „Gebt es Ayyāsch.“ Als man den Becher zu Ayyāsch brachte, stellte man fest, dass er seinen letzten Atemzug getan hatte. Dann ging man mit dem Becher in der Hand nacheinander zu den beiden anderen Gefährten und stellte fest, dass auch sie den Weg ihrer Gefährten gegangen waren. Möge Allah, der Erhabene, mit ihnen allen zufrieden sein und Wohlgefallen an ihnen haben. Āmīn!“
Asmā bint Abī Bakr ((r.a.))
Historiker sagen: „Asmā (r.a.) lebte hundert Jahre. Doch in diesem langen Leben verlor sie keinen einzigen Zahn, und auch die geringste geistige Verwirrung zeigte sich bei ihr nicht.“
Diese weibliche Gefährtin besaß in jeder Hinsicht Rang und Würde. Ihr Vater, ihr Großvater, ihre Schwester, ihr Ehemann und ihr Sohn waren allesamt herausragende Gefährten. Was könnte für einen Muslim eine größere Ehre, Würde und ein größerer Ruhm sein als dies?
Ihr Vater, der ehrwürdige Abu Bakr as-Siddiq, möge Allah mit ihm zufrieden sein, war zu Lebzeiten des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dessen Gefährte und nach dessen Tod sein erster Kalif. Ihre Mutter war Qutaila bint Abd al-Uzza. Ihr Großvater war Abu Quhafa, auch Abu Atiq genannt, der Vater Abu Bakrs. Die Umm al-Mu’minin, die ehrwürdige Aischa, möge Allah mit ihr zufrieden sein, war ihre Schwester. Zubair ibn al-Awwam, möge Allah mit ihm zufrieden sein, der besondere Helfer des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, war ihr Ehemann, und der ehrwürdige Abdullah ibn az-Zubair, der auf dem Weg der Wahrheit und Gerechtigkeit den Märtyrertod erlitt, war ihr Sohn. Dies ist die kurze Vorstellung der ehrwürdigen Asma bint Abu Bakr. Sie wurde 27 Jahre vor der Hidschra geboren.
Asma, möge Allah mit ihr zufrieden sein, gehörte zu denjenigen, die bereits in der frühesten Zeit den Islam annahmen. Außer sie hatten nur siebzehn Männer und Frauen vor ihr dieses Glück erlangt. Sie wurde „Dhat an-Nitaqain“ genannt – die Besitzerin zweier Taillenbänder. Denn während der Hidschra von Mekka nach Medina bereitete sie für den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und für ihren Vater Proviant in einem Beutel und Wasser in einem Wasserschlauch vor. Doch in der Nähe fand sie kein Seil, um die Öffnung zuzubinden. Schließlich löste sie ihr eigenes Nitaq, also ihr Taillenband, und teilte es in zwei Stücke; mit dem einen band sie den Beutel und mit dem anderen die Öffnung des Wasserschlauchs zu. Als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, dies sah, sprach er für sie ein Bittgebet: Möge Allah ihr dafür im Paradies zwei Nitaq schenken. Auf diese Weise erhielt sie den Beinamen „Dhat an-Nitaqain“.
Als sie Zubair ibn al-Awwam heiratete, war Zubair äußerst arm und mittellos. Er hatte keine Diener und außer einem einzigen Pferd keinerlei Besitz, mit dem er den Bedarf seiner Familie hätte bestreiten können. Doch Zubair hatte eine tüchtige und rechtschaffene Ehefrau gewonnen. Sie kümmerte sich um ihren Mann, mahlte mit eigener Hand das Futter für sein Pferd und versorgte es. Schließlich schenkte Allah, der Erhabene, ihnen Wohlstand, und sie wurden als eine der wohlhabendsten Familien unter den Gefährten angesehen.
Hazrat Asma (r.a.) berichtete: Als Zubair (r.a.) mich heiratete, besaß er außer einem Pferd nichts. Ich ließ das Pferd grasen und fütterte es mit Kleie. Ich zermahlte Dattelkerne und machte daraus Futter. Von Zubairs Feld – dem Feld, das ihm der Gesandte Allahs (s.a.w.) geschenkt hatte – holte ich die Dattelkerne und trug sie auf dem Kopf nach Hause. Das Feld war knapp drei Viertel einer Farsach entfernt. Eines Tages kehrte ich mit den Dattelkernen auf dem Kopf nach Hause zurück, als ich unterwegs dem Gesandten Allahs (s.a.w.) begegnete. Bei ihm waren noch einige andere Männer. Er rief mich und forderte mich auf, hinter ihm auf dem Reittier Platz zu nehmen. Doch ich schämte mich und dachte an Zubair und seine Ehre und Stellung. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) ritt weiter. Als ich nach Hause kam, erzählte ich Zubair von diesem Vorfall. Danach gab mir mein Vater Abu Bakr (r.a.) einen Diener. Dieser übernahm fortan die Versorgung des Pferdes. Es war, als hätte er mich dadurch von dieser Last befreit. (Siyar aʿ’lām an- Nubalāʾ– 2/290–291, Ṭabaqāt– 8/250, Musnad Aḥmad– 6/347,352)
Die Zeit der Hidschra von Mekka nach Medina rückte näher. Sie war damals hochschwanger, und Abdullah befand sich in ihrem Leib. Dennoch fürchtete sie diese beschwerliche, lange Reise nicht, sondern brach im Namen Allahs auf. Kaum war sie in Kuba angekommen, gebar sie Abdullah. Dieser Abdullah war das erste Kind, das nach der Ankunft in Medina im Hause eines der Muhadschirun geboren wurde. Deshalb brachten die Muslime ihre Freude zum Ausdruck, indem sie, als sie von seiner Geburt hörten, den Takbir ausriefen. Seine Mutter Asma trug das neugeborene Kind auf dem Arm zum Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und legte es in seinen Schoß. Der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, nahm etwas Speichel von seiner Zunge und gab es in den Mund des Kindes und sprach ein Bittgebet für ihn. So gelangte, noch bevor irgendeine weltliche Nahrung in seinen Magen kam, als Erstes der gesegnete Speichel des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, in seinen Magen.
In Asma bint Abu Bakr vereinten sich seltene, ausgewogene Charaktereigenschaften wie Aufrichtigkeit, Freigebigkeit, Edelmut und außergewöhnliche Klugheit. Ihre Freigebigkeit war geradezu sprichwörtlich geworden. Ihr Sohn Abdullah sagte: „Ich habe keine Frau gesehen, die freigebiger gewesen wäre als meine Mutter Asma und meine Tante Aischa. Allerdings unterschied sich die Art ihrer Freigebigkeit. Meine Tante pflegte zunächst verschiedene Dinge zu sammeln. Wenn sie sah, dass sich eine ausreichende Menge angesammelt hatte, verteilte sie eines Tages plötzlich alles unter den armen Bedürftigen. Meine Mutter dagegen war anders. Sie bewahrte nichts bis zum nächsten Tag bei sich auf.“
Asma war äußerst scharfsinnig. Ihre Klugheit zeigte sich in verschiedenen Krisensituationen. Aus dem Bericht Ibn Hischams geht hervor, dass am Tag, nachdem sich in Mekka die Nachricht von der Hidschra des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und Abu Bakrs verbreitet hatte, Abu Dschahl und einige weitere Führer der Quraisch zu Abu Bakrs Haus kamen. Als sie Asma vorfanden, fragten sie sie: „Wo ist dein Vater Abu Bakr?“ Als Asma sich weigerte, es ihnen zu sagen, versetzte der niederträchtige Abu Dschahl ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht. Dadurch fielen ihre beiden Ohrringe heraus.
Während der Hidschra, als der Gesandte Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, und Abu Bakr sich in der Höhle des Berges Thur aufhielten, brachte Asma ihnen in der Dunkelheit der Nacht Nahrung und Getränke.
Ihr Vater Abu Bakr nahm während der Hidschra sämtliches Bargeld mit. Als ihr Großvater Abu Quhafa davon erfuhr, sagte er: „Er hat ihnen sowohl in Bezug auf ihr Leben als auch auf ihr Vermögen Schwierigkeiten hinterlassen.“ Asma sagte zu ihrem Großvater: „Nein, er hat viel Vermögen zurückgelassen.“ Daraufhin legte sie an die Stelle, an der Abu Bakr sein Geld und seine Wertsachen aufzubewahren pflegte, viele Steine. Dann rief sie Abu Quhafa herbei und sagte: „Sehen Sie, das hat er zurückgelassen.“ Abu Quhafa war blind. Er glaubte Asma. Asma sagte: „Ich tat dies, um Abu Quhafa zu trösten. In Wirklichkeit war dort überhaupt nichts.“
Viele Einzelheiten aus dem ereignisreichen Leben von Asma bint Abu Bakr konnte die Geschichte nicht bewahren. Doch die scharfe Klugheit, die Charakterstärke und die Festigkeit im Glauben, die sie bei ihrer letzten Begegnung mit ihrem Sohn Abdullah an den Tag legte, werden in der Geschichte für immer unvergessen bleiben. Nach dem Tod des umayyadischen Kalifen Yazid ibn Muawiya erkannten die Menschen im Hidschaz, in Ägypten, im Irak und in Chorasan sowie in den meisten Gebieten Syriens Abdullah als Kalifen an und leisteten ihm den Treueid. Doch die umayyadische Dynastie konnte dies nicht hinnehmen. Um ihn zu unterwerfen, entsandte sie unter dem Kommando von Haddschadsch ibn Yusuf ein gewaltiges, starkes Heer. Zwischen den beiden Seiten kam es zu blutigen Auseinandersetzungen, und Abdullah ibn az-Zubair zeigte dabei äußersten Heldenmut. Schließlich begannen seine Gefährten, da sie keine Aussicht auf einen Sieg sahen, sich einer nach dem anderen zu zerstreuen. Mit seinen letzten Anhängern bezog er in der Heiligen Moschee der Kaaba Stellung. Kurz vor dem entscheidenden Zusammenstoß mit dem umayyadischen Heer ging er dort zu seiner Mutter Asma, um sie ein letztes Mal zu sehen. Asma war damals von der Last des Alters gezeichnet und blind. Das letzte Gespräch zwischen Mutter und Sohn verlief folgendermaßen:
– Mutter, Friede, Barmherzigkeit und Segen Allahs seien mit dir.
– Abdullah, und mit dir sei der Friede. Die Katapulte des Heeres von Haddschadsch schleudern Steine auf dein Heer, das sich in der Heiligen Moschee aufhält, und bringen die Häuser von Mekka zum Erbeben. Was führt dich in einem solch kritischen Augenblick zu mir?
– Der Zweck ist, sich mit uns zu beraten.
– Eine Beratung! Worüber?
– Aus Furcht vor al-Haddschādsch oder von seinen Versprechungen verführt, haben die Menschen mich in der Not im Stich gelassen und sind fortgegangen; sogar meine Kinder und meine Angehörigen haben mich verlassen. Jetzt sind nur noch wenige Menschen bei mir. So groß ihre Geduld und ihr Mut auch sein mögen, länger als ein oder zwei Stunden werden sie keinesfalls standhalten können. Die Umayyaden lassen mir unterdessen das Angebot übermitteln, dass sie mir alles an weltlichem Wohlstand und Besitz geben werden, was ich wünsche, wenn ich ʿAbd al-Malik ibn Marwān als Kalifen anerkenne, die Waffen niederlege und ihm den Treueeid leiste. Was rätst du mir unter diesen Umständen? Asmāʾ, Allahs Wohlgefallen sei mit ihr, sagte mit etwas erhobener Stimme:
– Die Angelegenheit liegt ganz bei dir. Und du weißt über dich selbst am besten Bescheid. Wenn du fest davon überzeugt bist, dass du auf der Wahrheit stehst und die Menschen zur Wahrheit aufrufst, dann bleibe ebenso standhaft wie jene, die unter deinem Banner standhaft blieben und den Märtyrertod starben. Wenn du jedoch auf weltliches Wohlergehen und Besitz aus bist, dann bist du der niederträchtigste aller Menschen. Du hast dich selbst und deine Leute ins Verderben gestürzt.
– Dann werde ich heute gewiss getötet werden.
– Es ist besser, im Kampf getötet zu werden, als sich freiwillig al-Haddschādsch zu ergeben und zuzulassen, dass die Burschen der Banū Umayya mit deinem Kopf spielen.
– Ich habe keine Angst davor, getötet zu werden. Ich fürchte vielmehr, dass sie mir Hände und Füße abschneiden und meinen Körper verstümmeln werden.
– Nach dem Tod gibt es für den Menschen nichts zu fürchten. Denn empfindet eine geschlachtete Ziege etwa noch Schmerzen, wenn man ihr das Fell abzieht?
Als er dies hörte, erstrahlte das Gesicht von Hadhrat Abdullah ibn az-Zubair noch heller. Er sagte: „Meine gütige Mutter, möge eure erhabene Würde noch mehr gesegnet sein. In diesem entscheidenden Augenblick war ich nur deshalb zu euch gekommen, um diese Worte aus eurem Mund zu hören. Allah weiß, dass ich keine Angst hatte und nicht schwach geworden bin. Er ist mein Zeuge: Der Kampf, den ich führe, entspringt weder Gier und Verlangen nach weltlichem Wohlstand und Ansehen noch der Liebe dazu. Vielmehr kämpfe ich aus Abscheu und Hass dagegen, das Verbotene für erlaubt zu erklären. Ich gehe nun zu dem Werk, das ihr gutgeheißen habt. Wenn ich als Märtyrer falle, trauert nicht um mich, sondern überlasst alles Allah.“
– Wenn du jedoch für Unwahrheit und Unrecht getötet wirst, werde ich Schmerz empfinden.
– Mutter, seid gewiss: Euer Sohn hat niemals eine ungerechte oder schändliche Tat begangen, Allahs Gesetz nicht verletzt, das Vertrauen niemandes gebrochen, weder einem Muslim noch einem Dhimmi Unrecht getan, und nichts auf dieser Welt ist ihm lieber als Allahs Wohlgefallen. Ich sage dies nicht, um mich selbst für rein und sündlos zu erklären, denn Allah weiß über mich am besten Bescheid. Ich sage diese Worte nur, damit Allah in eurem Herzen Geduld und Standhaftigkeit entstehen lasse. Darauf erwiderte Asma, Allahs Wohlgefallen sei auf ihr:
– Alhamdulillahil-ladhi dsch’alaka ala ma juhibbu wa uhibbu – alles Lob gebührt Allah, der dich auf dem festgehalten hat, was Er und ich lieben. Mein Sohn, komm noch ein wenig näher zu mir, damit ich ein letztes Mal deinen Körpergeruch einatmen und dich berühren kann. Denn dies ist das letzte Mal in unserem irdischen Leben, dass wir uns begegnen.
Abdullah legte sich bäuchlings hin und bedeckte die Hände und Füße seiner Mutter mit Küssen. Die Mutter drückte ihre Nase und ihren Mund an den Kopf, das Gesicht und die Schultern ihres Sohnes, roch an ihm und küsste ihn; zugleich strich sie mit beiden Händen über seinen Körper. Nach einer Weile ließ sie ihn mit den Worten los:
– Abdullah, was trägst du da?
– Mutter, das ist doch meine Rüstung.
– Mein Sohn, das ist nicht die Kleidung derer, die sich nach dem Martyrium sehnen.
– Ich habe dieses Gewand angezogen, um Ihnen Freude zu bereiten und Ihrem Herzen Ruhe zu schenken.
– Zieh es aus. Das ist angemessener für deine Persönlichkeit, deinen Mut und deinen Angriff. Außerdem wird es deine Tätigkeit, deine Bewegungen und deine Fortbewegung erleichtern. Zieh stattdessen eine lange Pluderhose an. Selbst wenn du zu Boden geworfen wirst, bleibt deine Awra bedeckt.
Auf die Worte seiner Mutter hin legte Abdullah seine Rüstung ab, zog eine Pluderhose an und machte sich mit den Worten auf den Weg zum Heiligen Heiligtum, um am Kampf teilzunehmen: „Mutter, vergiss nicht, für mich zu beten.“
Sogleich hob seine Mutter, Hazrat Asma (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr), beide Hände zum Himmel und betete: „O Allah, erweise ihm Barmherzigkeit für seine langen nächtlichen Gebete im Wachzustand und sein lautes Weinen, während die Menschen in der Dunkelheit der Nacht tief und bewusstlos schlafen. O Allah, erweise ihm Barmherzigkeit für seinen Hunger und Durst zur Mittagszeit in Mekka und Medina, während er fastet. O Allah, schenke ihm dein Erbarmen für seine Güte gegenüber seinen Eltern. O Allah, ich habe ihn dir allein anvertraut und bin mit jeder Entscheidung zufrieden, die du für ihn triffst. Gewähre mir dafür den Lohn der Geduldigen.“
Noch vor Sonnenuntergang jenes Tages vereinigte sich Hazrat Abdullah ibn az-Zubair mit seinem erhabenen Herrn. Wenige Tage nach seinem Märtyrertod verließ auch Hazrat Asma (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) im Jahr 73 nach der Hidschra diese Welt. Sie war damals einhundert Jahre alt. Unter den weiblichen Gefährten war sie die Letzte, die starb. (Siyar a’lam an–Nubala– 2/288)
Nachdem al-Haddschadsch Hazrat Abdullah (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) getötet hatte, ließ er dessen Leichnam an einem Kreuz aufhängen. Seine Mutter Asma kam, um den Leichnam ihres Sohnes zu sehen. Sie stellte sich neben den aufgehängten Leichnam und sagte ganz ruhig: „Ist es für diesen Reiter noch immer nicht an der Zeit, vom Pferd abzusteigen?“ Um die Menschenmenge zu zerstreuen, schickte al-Haddschadsch Leute, um sie zu holen. Sie weigerte sich, mitzugehen. Darauf ließ er ihr durch Boten erneut ausrichten, dass sie, falls sie diesmal nicht komme, an ihren Haaren herbeigezogen werde. Hazrat Asma ließ sich von al-Haddschadsch nicht einschüchtern. Sie ging nicht. Nun kam al-Haddschadsch selbst. Zwischen den beiden entwickelte sich folgendes Gespräch. al-Haddschadsch sagte:
– „Sag mir, wie habe ich mich gegenüber Ibn az-Zubair, dem Feind Allahs, verhalten?“ Asma sagte: „Du hast seine diesseitige Welt zerstört, und er hat dein Jenseits zerstört. Ich habe gehört, dass du ihn spöttisch den Sohn von ‚Dhat an-Nitaqain‘ genannt hast. Bei Allah, ich bin selbst ‚Dhat an-Nitaqain‘. Mit einem Nitaq band ich die Speise für den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) zusammen. Der andere Nitaq befindet sich noch um meine Hüfte. Denke daran: Ich hörte den edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagen, dass aus dem Stamm Saqif ein lügnerischer Betrüger und ein Tyrann hervorgehen werden. Den Lügner habe ich bereits gesehen. (al–Mukhtar) und der Tyrann bist du.“ Als al-Haddschadsch diesen Hadith hörte, schwieg er. (Sahih Muslim: 2. Band)।
Von Hadhrat Asma sind 56 Hadithe überliefert worden. Dreizehn davon sind muttafaq alayh; al-Buchari überlieferte fünf und Muslim vier davon jeweils allein. Viele herausragende Gefährten überlieferten Hadithe von ihr. Einige ihrer Namen seien hier genannt: ihre beiden Söhne – Abdullah und Urwa, ihr Enkel Abdullah ibn Urwa, ihr Urenkel Ubbad ibn Abdullah, Ibn Abbas, Abu Waqid al-Laythi, Safiyya bint Schayba, Muhammad ibn al-Munkadir, Wahab ibn Kaisan, Abu Nawfal Muawiya ibn Abi Akbar, al-Muttalib ibn Abdullah ibn Hantab, Fatima bint al-Mundhir ibn az-Zubair, Ibn Abi Mulaika, Ubbad ibn Hamza ibn Abdullah und viele andere. (Siyar A’lam an–Nubala 2/288)
Musʿab ibn ’Umair (r. a.)
Sein Name war Musʿab, seine Kunya Abū Muhammad. Nach seiner Annahme des Islam erhielt er den Beinamen Musʿab al-Chair. Sein Vater war Umair und seine Mutter Khunās bint Mālik. Er war einer der stattlichsten jungen Männer Mekkas und wurde von seinen Eltern in größter Liebe und in Wohlstand aufgezogen. Da seine Mutter wohlhabend war, erzog sie ihn in großem Luxus und Überfluss. Alle Arten prachtvoller Kleidung und erlesener Düfte, die es damals in Mekka gab, pflegte er zu verwenden. Wenn in Gegenwart des Gesandten Allahs (s. a. w.) von ihm die Rede war, sagte er: „In Mekka gab es niemanden, der stattlicher gekleidet war und bessere Kleidung trug als Musʿab.“ (Ṭabaqāt) Die Historiker sagen: „Er war derjenige, der in Mekka die besten Düfte verwendete.“(Ṭabaqāt)Die Historiker sagen: „Er war derjenige, der in Mekka die besten Düfte verwendete.“
Neben Schönheit, gutem Geschmack und edlem Charakter hatte Allah, der Erhabene, sein Herz außerordentlich klar erschaffen. Schon ein einziger Lichtstrahl des Tauhīd erfüllte ihn mit Abscheu gegenüber dem Schirk, woraufhin er sich zum ehrwürdigen Gesandten Allahs begab und den Islam annahm. Dies geschah zu jener Zeit, als der Gesandte Allahs (s. a. w.) im Hause des ehrwürdigen al-Arqam weilte und den Islam verkündete, während der Boden Mekkas für die Muslime immer enger wurde.
In den Gassen Mekkas, bei den Zusammenkünften der Quraisch und in ihren Beratungsgremien gab es damals nur ein Gesprächsthema: Muhammad al-Amīn und seine neue Religion, den Islam. Dieser verwöhnte Liebling der Quraisch hörte diesen Gesprächen mit größter Aufmerksamkeit zu. Obwohl er noch jung war, zierte er jede Versammlung und jede Zusammenkunft der Quraisch und war deren Mittelpunkt. In jeder ihrer Versammlungen war seine Anwesenheit erwünscht. Scharfer Verstand, außergewöhnliche Intelligenz und eine starke Persönlichkeit waren die herausragenden Merkmale seines Charakters. Und diese Eigenschaften öffneten alle Türen und lösten alle Riegel seines Herzens.
Er hörte, dass der Gesandte Allahs (s. a. w.) und die Menschen, die an ihn glaubten, sich fern von all dem sinnlosen Treiben und den Gewalttaten der Quraisch am Fuße des Ṣafā-Berges im Hause von al-Arqam ibn Abī al-Arqam versammelten. Eines Abends erschien er, nachdem er alle Zweifel und inneren Konflikte abgelegt hatte, in Dār al-Arqam. Der Gesandte Allahs (s. a. w.) pflegte sich in jenen Tagen dort mit seinen Gefährten zu treffen, sie den Qurʾān zu lehren und mit ihnen das Gebet zu verrichten.
Kaum hatte Musʿab ibn Umair in Dār al-Arqam Platz genommen, wurden Qurʾānverse offenbart. Sie kamen aus dem Mund des Gesandten Allahs (s. a. w.) hervor und schienen in die Ohren und tief in die Herzen aller Zuhörer einzudringen. An jenem gesegneten Abend wurde auch ibn Umair zum Besitzer eines gläubigen Herzens. Vor Freude und Glück war er außer sich. Der Gesandte Allahs (s. a. w.) legte seine heilige Hand auf Musʿabs Brust. Musʿab versank in tiefer Ruhe und innerem Frieden. Augenblicklich erlangte er ein Vielfaches an Weisheit und Wissen, gemessen an seinem Alter, und gewann eine solche Standhaftigkeit, dass ihn Tausende von Gefahren und Schicksalsschlägen nie wieder auch nur im Geringsten erschüttern konnten.
Musʿabs Mutter Khunās bint Mālik war eine Frau von äußerst starkem Charakter. Musʿab fürchtete sie wie den Tod. Nach seiner Annahme des Islam fürchtete er auf der ganzen Welt niemanden außer seiner Mutter. Alle Mächte, einschließlich der Quraisch und ihrer Götzen, erschienen ihm unbedeutend. Doch die Furcht vor seiner Mutter konnte er nicht überwinden. Daher beschloss er, die Nachricht von seiner Annahme des Islam bis zu Allahs endgültiger Entscheidung geheim zu halten, und besuchte weiterhin Dār al-Arqam. Er nahm weiterhin an den Versammlungen des Gesandten Allahs (s. a. w.) teil. Doch seine Mutter erfuhr nichts davon.
Eines Tages sah ihn ʿUthmān ibn Ṭalḥa heimlich in Dār al-Arqam eintreten. An einem anderen Tag sah ʿUthmān ihn beim Gebet, wie Muhammad (s. a. w.) es verrichtete. Die Nachricht verbreitete sich schneller als der Wind in den Gassen Mekkas. Schließlich erreichte sie auch die Ohren seiner Mutter.
Musʿab wurde vor seiner Mutter, den Angehörigen seines Stammes und den Führern Mekkas vor Gericht gestellt. Mit festem Glauben und vollkommenem innerem Frieden begann er, ihnen die erhabenen Worte des Qurʾans vorzutragen, an die er glaubte. Seine Mutter versuchte, ihn durch Ohrfeigen auf die Wangen zum Schweigen zu bringen. Sie beschimpften und schlugen ihn. Danach wurde er im Haus eingesperrt.
So verbrachte er seine Zeit in Gefangenschaft. Tag und Nacht, vierundzwanzig Stunden lang, wurde er bewacht. In dieser Zeit erfuhr er, dass einige gläubige Muslime wie er nach Abessinien auswanderten. Er täuschte seine Mutter und ging mit dieser Gruppe nach Abessinien.
Eines Tages saß eine Gruppe von Muslimen beim Gesandten Allahs. Da sahen sie Musʿab vorbeigehen. Sobald sie ihn erblickten, veränderte sich die Stimmung unter allen, die dort saßen. Sie senkten den Blick, und einigen traten Tränen in die Augen. Denn Musʿab trug damals nur ein vielfach geflicktes, abgetragenes Stück Leder. Die Spuren bitterster Armut waren daran deutlich zu erkennen. In den Herzen aller erschien nun das Bild seines Lebens vor dem Islam. Damals hatte seine Kleidung der Zartheit, Schönheit und dem Duft von Gartenblumen geglichen. Als der Gesandte Allahs dies sah, lächelte er leicht und sagte: »Ich habe diesen Musʿab in Mekka gesehen. In Mekka gab es keinen jungen Mann, der von seinen Eltern mehr geliebt wurde als er. Aus Liebe zu Allah und Seinem Gesandten hat er alles aufgegeben.«
Nachdem er einige Zeit in Abessinien verbracht hatte, kehrte er nach Mekka zurück. Auf Anweisung des Gesandten Allahs ging er dann mit einer anderen Gruppe wieder nach Abessinien. Doch Musʿab hatte erkannt, dass sein Leben eine neue Gestalt angenommen hatte, ganz gleich, ob er sich in Mekka oder in Abessinien aufhielt. Sein einziges nachzuahmendes Vorbild war Muhammad, und sein einziger ersehnter Herr war die Zufriedenheit Allahs.
Nachdem seine Mutter ihn nicht vom neuen Glauben hatte abbringen können, stellte sie ihm jede Unterstützung ein. Wer ihre Götter aufgegeben und sie beschimpft hatte – selbst wenn es ihr eigener Sohn war –, dem konnte sie unter keinen Umständen mehr Essen und Kleidung geben.
Nachdem Musʿab aus Abessinien zurückgekehrt war, wollte seine Mutter ihn erneut gefangen setzen. Er schwor ihr ins Gesicht: »Wenn du das tust, werde ich dich und alle, die dir dabei helfen, töten.« Seine Mutter kannte diesen widerspenstigen Sohn. Daher verabschiedete sie ihn unter Tränen, und auch er verabschiedete sich weinend von seiner Mutter.
Im Augenblick des Abschieds blieb die Mutter ebenso am Unglauben fest wie ihr Sohn am Glauben. Während sie ihren geliebten Sohn aus dem Haus hinaustrieb, sagte sie: »Geh, wohin du willst. Nenne mich nicht mehr Mutter.« Der Sohn trat ein wenig auf sie zu und sagte: »Mutter, ich sage Ihnen ein gutes Wort; ich empfinde große Zuneigung zu Ihnen. Sagen Sie doch nur einmal: Aschhadu an lā ilāha illallāhu wa anna Muhammadan ʿabduhū wa rasūluhū.« Erregt schwor die Mutter bei den Sternen und sagte: »Ich werde deinen Glauben nicht annehmen. Wenn ich deinen Glauben annehme, wird man meinen, meine Meinung, mein Verstand und mein Urteilsvermögen seien schwach.« So wurde Musʿab, der von den Quraisch einst überaus verwöhnte und luxuriös lebende junge Mann, aus seinem Haus vertrieben und machte sich auf den Weg. Nun trug er grobe, vielfach zerrissene und geflickte Kleidung. Wenn er an einem Tag etwas zu essen bekam, verbrachte er den nächsten hungrig. Doch sein Herz war vom Licht des Glaubens erleuchtet.
Während der Hadsch kamen einige Männer aus Medina nach Mekka, trafen sich heimlich in al-ʿAqaba mit dem Gesandten Allahs, glaubten an ihn und leisteten ihm den Treueid. Sie kehrten nach Medina zurück. Um sie in der Religion zu unterweisen, den Glauben anderen zu verkünden und Medina auf die Auswanderung vorzubereiten, sandte der Gesandte Allahs Musʿab als Gesandten nach Medina. Damit wurde er der erste Gesandte in der Geschichte des Islam.
Damals gab es in Mekka viele Gefährten, die Musʿab an Alter und Ansehen übertrafen. Dennoch wählte der Gesandte ihn für diese wichtige Aufgabe aus. Mit seinem von Gott verliehenen Verstand, seiner Begabung und seinem edlen Charakter erfüllte Musʿab diese schwierige Verantwortung mit größter Vertrauenswürdigkeit. Durch beharrliche Anstrengung, Aufrichtigkeit und Edelmut sprach er zu den Herzen der Bewohner Medinas. So traten sie scharenweise in Allahs Religion ein.
Musʿab kam nach Medina. Zuvor waren lediglich zwölf Männer aus Medina nach al-ʿAqaba gekommen und hatten den Islam angenommen. Doch schon wenige Monate nach seiner Ankunft in Medina nahmen viele Menschen aufgrund seiner Einladung zum Islam diesen an. In der folgenden Wallfahrtszeit kam eine Delegation von zweiundsiebzig muslimischen Bewohnern Medinas gemeinsam mit ihrem religiösen Lehrer und dem Gesandten des Propheten, Musʿab, nach Mekka und traf sich in al-ʿAqaba erneut mit dem Gesandten Allahs.
Musʿab hatte seine Verantwortung und deren Grenzen richtig erkannt. Er verstand, dass er zu Allah rief und die frohe Botschaft von einer Religion Allahs verkündete, die die Menschheit zur Rechtleitung und auf den geraden Weg ruft. Seine einzige Aufgabe bestand darin, die Einladung zu dieser Religion zu überbringen.
Als Musʿab Medina erreichte, wurde er der Gast von Asʿad ibn Zurāra. Die beiden begannen, in den verschiedenen Stämmen Medinas, in den Häusern und bei Versammlungen die Menschen zum Glauben an den einen Allah einzuladen. Sie sahen sich auch allerlei Hindernissen gegenüber. Doch mit Verstand, Weisheit und Geduld überwanden sie alle Hindernisse.
Eines Tages lud er einige Menschen zum Islam ein. Plötzlich erschien Usayd ibn Hudayr, der Anführer der Banū ʿAbd al-Aschhal, bewaffnet und äußerst aufgebracht. Sein gewaltiger Zorn richtete sich gegen den Mann, der als Gesandter Muhammads hierhergekommen war und die Menschen dazu ermutigte, ihre angestammte Religion aufzugeben. Außerdem beschimpfte er ihre angebeteten Götter und Göttinnen. Als die neben Musʿab sitzenden Muslime Usayds kriegerische Erscheinung sahen, bekamen sie Angst. Doch Musʿab hatte keine Angst. Lächelnd begrüßte er Usayd und trat ihm ebenfalls lächelnd entgegen. Daraufhin sagte Usayd zu ihm und Asʿad ibn Zurāra: „Warum kommt ihr in unser Stammesgebiet und macht auf diese Weise unsere schwachen Leute und einfachen Menschen zu Narren? Wenn ihr keine Lust zu sterben habt, dann verschwindet aus unserem Gebiet!“
Lächelnd sagte Musʿab zu ihm: „Wollen Sie sich nicht ein wenig setzen und mir zuhören? Hören Sie mir zu. Wenn es Ihnen gefällt, können Sie es annehmen; wenn es Ihnen nicht gefällt, werden wir wieder gehen.“
Usayd war ein kluger Mann. Musʿabs Worte beeindruckten ihn. Das waren wahrhaft vernünftige Worte. Was sprach dagegen, zuzuhören? Er legte seine Waffen nieder, setzte sich auf den Boden und begann, Musʿab aufmerksam zuzuhören.
Musʿab rezitierte Verse aus dem heiligen Koran und erläuterte die Religion, mit der der Prophet Muhammad, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gekommen war. Währenddessen begann Usayds Gesicht allmählich zu strahlen. Musʿab hatte seine Ausführungen noch nicht beendet, da sagte Usayd zusammen mit seinem Begleiter: „Das sind wahrhaft wunderbare und wahre Worte. Was muss man tun, um in eure Religion einzutreten?“ Musʿab antwortete: „Man muss Körper und Kleidung reinigen und das Glaubenszeugnis ‚Lā ilāha illā-llāh‘ ablegen.“
Usaid stand auf und ging fort. Als er nach einiger Zeit zurückkehrte, tropfte Wasser aus seinem Haar. Im Stehen verkündete er: „Ich bezeuge, dass es keinen Gott außer Allah gibt und dass Muhammad Sein Diener und Sein Gesandter ist.“ Diese Nachricht verbreitete sich überall. Saʿd ibn Muʿadh und Saʿd ibn ʿUbāda eilten zu Musʿab. Beide nahmen den Islam an. Nachdem diese führenden Männer den Islam angenommen hatten, begannen die einfachen Bewohner von Medina zu sagen: „Warum sollten wir zurückbleiben? Kommt, lasst uns zu Musʿab gehen und den Islam annehmen.“
Auf diese Weise war der erste Gesandte des Gesandten Allahs so erfolgreich, dass es dafür in der Geschichte kein vergleichbares Beispiel gibt. Die Zeit verging rasch. Der Gesandte Allahs (s) und seine Gefährten waren von Mekka nach Medina ausgewandert. Die Quraisch brannten vor Hass. Sie schmiedeten sogar Pläne, die Muslime auch aus Medina vollständig zu vertreiben. In Badr erhielten sie eine solche Lektion, dass sich ihr Hass in Rachedurst verwandelte. Nun traten sie den Muslimen erneut in Uhud gegenüber. Vor Beginn der Schlacht blickte der Gesandte Allahs (s) mitten in den Reihen des muslimischen Heeres in jedes Gesicht. Er überlegte, wem heute das Banner des Islam anvertraut werden sollte. Er musterte alle aufmerksam. Dann rief er Musʿab und übergab ihm das Banner.
Ein heftiger Kampf begann. Das Heer der Quraisch stand vor der Niederlage. In diesem Augenblick vergaß das muslimische Bogenschützenheer den Befehl des Gesandten Allahs (s), verließ seine Stellung und nahm die Verfolgung der Quraisch auf. Doch dadurch machten sie den sicheren Sieg des muslimischen Heeres zunichte und führten dessen Niederlage herbei. Durch den von den muslimischen Bogenschützen verlassenen Gebirgspass drang das Heer der Quraisch plötzlich ein und griff das muslimische Heer von hinten an. Das muslimische Heer geriet in Unordnung. Diese Gelegenheit nutzte das Heer der Quraisch und setzte seine ganze Kraft ein, um den Gesandten Allahs (s) einzukreisen.
Musʿab ibn ʿUmair erkannte die Schrecklichkeit der Gefahr. Soweit es ihm möglich war, hielt er das Banner hoch, brüllte mit voller Kehle wie ein Wolf und rief laut den Takbīr. Gleichzeitig sprang er umher und gebärdete sich herausfordernd. Sein Ziel war es, die Aufmerksamkeit der Feinde vom Gesandten Allahs (s) abzulenken und auf sich zu ziehen. So machte er an jenem Tag aus seiner einzigen Person ein ganzes Heer. Mit äußerster Gewissenhaftigkeit hielt er in der einen Hand das Banner hoch und führte mit der anderen mit gewaltiger Kraft das Schwert. Die feindlichen Truppen wandten sich ihm zu und versuchten, über seinen Körper hinweg zum Gesandten Allahs (s) vorzudringen. Über das Ende Hazrat Musʿabs berichtet Ibn Saʿd: „Am Tag von Uhud trug Musʿab ibn ʿUmair das Banner. Als die Muslime zerstreut wurden, blieb Musʿab standhaft und stellte sich ihnen entgegen. Der Reiter Ibn Qāmiʿa kam auf ihn zu und trennte ihm mit einem Schwertstreich die rechte Hand ab. Da rief Musʿab: ‚Wa-mā Muḥammadun illā rasūl, qad khalat min qablihi r-rusul – Muhammad ist nur ein Gesandter; vor ihm sind bereits viele Gesandte vergangen.‘ Musʿab nahm das Banner in die linke Hand. Durch einen weiteren Schwertstreich wurde auch seine linke Hand abgetrennt. Wieder sagte er: ‚Wa-mā Muḥammadun illā rasūl‘, beugte sich über das Banner und hielt es mit beiden Armen hoch. Dann wurde ein Speer auf ihn geschleudert. Mit dem Banner fiel er zu Boden. Innā lillāhi wa innā ilayhi rājiʿūn. Der Satz, den Hazrat Musʿab vor seinem Märtyrertod immer wieder ausgesprochen hatte, war zu jener Zeit noch nicht als Koranvers offenbart worden. Erst nach diesem Ereignis von Uhud kam Hazrat Gabriel (a) mit dem Vers ‚Wa-mā Muḥammadun illā rasūl …‘.“
Nach dem Kampf wurde der Leichnam Hazrat Musʿabs gefunden. Sein Gesicht war von Blut und Staub bedeckt. Der Gesandte Allahs (s) blieb neben dem Leichnam stehen und weinte bitterlich. Hazrat Khabbāb ibn al-Aratt sagte: „Wir waren um Allahs willen und im Streben nach Allahs Wohlgefallen gemeinsam mit dem Gesandten Allahs (s) ausgewandert. Allah obliegt es, uns für diese Tat zu belohnen. Einer von uns, die diese Welt verließen, ohne ihre Belohnung für diese Tat überhaupt erhalten zu haben, ist Musʿab ibn ʿUmair.
In Uhud erlitt er den Märtyrertod. Für seine Einhüllung zum Begräbnis fand sich außer einem einzigen Tuch kein weiteres Kleidungsstück. Wenn man damit seinen Kopf bedeckte, blieben die Füße unbedeckt, und wenn man die Füße bedeckte, blieb der Kopf unbedeckt. Schließlich sagte der Gesandte Allahs (s) zu uns: „Bedeckt mit dem Tuch so viel vom Kopf her, wie ihr könnt, und legt zu seinen Füßen Iẓkhir-Gras.“ Der Gesandte Allahs (s) stand neben Musʿabs Leichnam und rezitierte: „Mina l-muʾminīna rijālun ṣadaqū mā ʿāhadū llāha ʿalayhi …“ – „Unter den Gläubigen gibt es Männer, die ihrem Bund mit Allah treu geblieben sind.“ Dann blickte er auf das Tuch, in das er eingehüllt war, und sagte: „Ich habe dich in Mekka gesehen. Dort hatte niemand ein weicheres Tuch und schönere Locken als du. Und heute liegst du hier in diesem Tuch, mit Staub bedeckt.“ Weiter sagte er: „Der Gesandte Allahs bezeugt, dass ihr am Tag der Auferstehung alle vor Allah Zeugnis ablegen werdet.“ Dann wandte er sich seinen Gefährten zu und sagte: „O Menschen, besucht sie, kommt zu ihnen und entbietet ihnen den Friedensgruß. Bei Dem, in Dessen Hand mein Leben liegt: Jeder, der ihnen bis zum Tag der Auferstehung den Friedensgruß entbietet, wird von ihnen diesen Gruß erwidert bekommen.“
Sein Bruder Abū Rūm ibn ʿUmair, ʿĀmir ibn Rabīʿa und Suwaid ibn Saʿd ließen ihn ins Grab hinab und vollendeten die Bestattung.
Hazrat Musʿab war äußerst klug, großzügig und ein redegewandter Redner mit klarer Ausdrucksweise. Die Schnelligkeit, mit der sich der Islam in Yathrib (Medina) verbreitete, ist ein Beweis für diese Eigenschaften. Er hatte den gesamten Koran auswendig gelernt, der bis zu seinem Märtyrertod offenbart worden war. Als Erster verrichtete er in Medina das Freitagsgebet. Als die Zahl der Muslime in Medina etwas angewachsen war, begann er mit der Erlaubnis des Gesandten Allahs (s) im Haus von Hazrat Saʿd ibn Khuthayma (r) mit dem Freitagsgebet. Er selbst leitete es. Nach dem Gebet wurde eine Ziege geschlachtet und den Betenden eine Mahlzeit gereicht. (Ṭabaqāt)(Ṭabaqāt)
…….. Erster Band abgeschlossen ……..
Literaturverzeichnis
1. Ibn Saʿd – at-Tabaqāt,
2. Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī – al-Isāba,
3. Ibn Hischām – as-Sīra,
4. Ibn Kathīr – al-Bidāya wa-n-Nihāya,
5. Ibn ʿAbd al-Barr – al-Istīʿāb,
6. adh-Dhahabī – Tadhkirat al-Huffāẓ,
7. at-Tabari – Tarich al-Umam wa-l-Muluk,
8. adh-Dhahabi – Tarich al-Islam
9. Ibn Asakir – Tarich Dimashq al-Kabir,
10. Yusuf Kandahlawi – Hayatus-Sahaba,
11. Khalid Muhammad Khalid – Rijalun hawla ar-Rasul,
12. Dr. Abd ar-Rahman Ra’fat al-Bascha – Suwar min hayatis-Sahaba,
13. Muhammad al-Chidrī Bek – Tarich al-Umma al-Islamiyya
14. Maulana Mu’inuddin Nadwi – Muhajirin (Urdu),
15. Dāʾirat al-Maʿārif al-Islāmiyya,
16. Verschiedene Hadith-Sammlungen.