Vorwort
Einleitung: Über die islamische Bewegung
Was meinen wir mit der islamischen Bewegung? Die islamische Bewegung ist eine von der Bevölkerung getragene Arbeit um Allahs willen
Die Unzulänglichkeit offizieller Arbeit
Die Bewegung ist eine organisierte, gemeinschaftliche Arbeit. Die Aufgabe der Bewegung besteht darin, den Islam wiederzubeleben. Wie soll die erforderliche Wiederbelebung erreicht werden? Die Vielzahl der Handlungsfelder der Bewegung und welches davon vorrangig ist. Diversifizierung der Arbeitsfelder
Es gibt Bildungsarbeit
Es gibt politische Arbeit
Es gibt soziale Arbeit
Es gibt wirtschaftliche Arbeit
Es gibt die Arbeit des Kampfes (Dschihad); es gibt Medien- und Propagandaarbeit; es gibt intellektuelle und wissenschaftliche Arbeit; Verteilung der Kräfte auf die Arbeitsbereiche; Was sollte betont und vorrangig behandelt werden?
Kapitel 1: Die islamische Bewegung auf dem Gebiet des Denkens und Wissens
Die Regierung auf dem Gebiet des Denkens und Wissens
Unser Bedarf an einem neuen Fiqh
Die Arten des Fiqh [Verständnisses], die wir benötigen
Der Fiqh der Gewichtungen
Die Notwendigkeit zweier Ebenen des Fiqh; Verbindung der beiden Fiqh-Arten bei der Prüfung von Interessen und Übeln; Die Schwierigkeit der Umsetzung im wirklichen Leben; Beleg für den Fiqh der Blicke aus dem Heiligen Koran
Die Auffassung von Scheich al-Islam Ibn Taymiyya
Wenn der Fiqh des Abwägens fehlt
Der Fiqh der Prioritäten
Der Fiqh der Prioritäten in der Sīra des Propheten (Biografie) Die Wechselbeziehung zwischen dem Fiqh der Prioritäten und dem Fiqh des Abwägens
Die Notwendigkeit, die Verhältnismäßigkeit zwischen den Scharia-Verpflichtungen [rechtlichen
Geboten oder Vorschriften] zu beachten Die Vernachlässigung des Fiqh der Prioritäten unter vielen Muslimen Imam al-Ghazali und der Fiqh der Prioritäten
Das Urteil von Imam Ibn al-Qayyim über vorzuziehende gottesdienstliche Handlungen
Kapitel 2: Die islamische Bewegung im Bereich der Propaganda und der Öffentlichkeit
Wissen
Die Islamische Bewegung im Bereich der Daʿwa: horizontale Ausbreitung
Die Bewegung und die gebildete Elite
Das Missverständnis des Islam durch viele Gebildete – wie soll die islamische Erweckung mit den Gebildeten umgehen?
Die Islamische Bewegung und die Massen
Die Wahrheit sagen, statt mit Träumen zu betäuben
Korrektur falscher Vorstellungen
Die Islamische Bewegung und die arbeitenden Klassen
Die Islamische Bewegung und Geschäftsleute sowie Finanziers
Die Islamische Bewegung und die Aktivitäten von Frauen
Das Defizit der islamischen Arbeit in Frauenkreisen – Wann wird die islamische Arbeit von Frauen erfolgreich sein?
Die Verbreitung harterlineärer Ideen in diesem Bereich
Das Problem der islamischen Arbeit im Bereich der Aktivitäten von Frauen
Ein möglicher Einwand und seine Widerlegung
Kapitel 3: Die Islamische Bewegung im Bereich der Bildung und religiösen Ausbildung
Glaubensbasierte Bildung ist das Fundament – die Notwendigkeit eines gewissen Maßes an angemessener Sufi-Bildung
Vier Schwerpunkte
Die Konzentration auf das Streben nach dem Richtigen zusätzlich zur lauteren Absicht
Die Bedeutung der ideologischen Bildung künftiger Führungskräfte
Vorbereitung von Führungskräften für die Zukunft
Ein spezielles Institut zur Vorbereitung von Führungskräften
Merkmale der erforderlichen Ideologie
Eine wissenschaftliche Ideologie
Merkmale des wissenschaftlichen Geistes, den wir brauchen
Einige Praktiken, die der wissenschaftlichen Ideologie entgegenstehen
Eine realistische Ideologie
Ambitionen mit Fähigkeiten in Einklang bringen
Alte Probleme begraben
Eine Debatte, die wir heute nicht brauchen
Eine traditionalistische Ideologie
Grundlagen der wahrhaft traditionalistischen Methodik: Die Verzeichnung des „Traditionalismus“ durch Befürworter wie Gegner
Die Übernahme der Methodik der frühen Muslime, nicht nur ihrer Rechtsurteile
Eine erneuerungsorientierte Ideologie
Erneuerungsorientierung steht nicht im Gegensatz zum Traditionalismus
Der Islam befürwortet Erneuerungsorientierung
Die Notwendigkeit der Erneuerung der Mittel Hassan al-Banna war nicht starr Starrheit ist eine schwere Krankheit Was ich für die Islamische Bewegung fürchte
Eine ausgewogene Ideologie
Die Haltung der ausgewogenen Ideologie gegenüber den großen Fragen
Der Rückgang der ausgewogenen Haltung unter einigen Islamisten zu bestimmten Zeiten
Ausgewogenheit geht Hand in Hand mit Erleichterung
Die Bewegung sollte eine Linie der Erleichterung verfolgen
Eine zukunftsorientierte Ideologie
Der Heilige Koran und die Zukunft Der Prophet und die Zukunft
Kapitel 4: Die islamische Bewegung auf politischer und weltweiter Ebene
Auf dem Weg zu einem rationalen politischen Fiqh
Nachteilige ideologische Phänomene
Ein Mangel, der im politischen Fiqh behoben werden sollte
Ein wichtiger Dialog über den politischen Fiqh Die falsche Heranziehung der Sira des Propheten zur absoluten Ableitung von Rechtsurteilen
Die Bewegung und die Befreiung muslimischer Gebiete
Die Bewegung und Befreiungsbewegungen
Die Bewegung und muslimische Minderheiten
Wichtige Fakten über muslimische Minderheiten
Was brauchen diese Minderheiten am dringendsten? Eine Nation ohne Führung [weder einen Kalifen noch einen Papst]
Der Auftrag der Bewegung in dieser Hinsicht
Die Bewegung und die im Ausland lebenden Muslime
Warum das Interesse an den im Ausland lebenden Muslimen?
Die Notwendigkeit einer islamischen Präsenz im Westen
Ein Konservatismus ohne Isolation und eine Offenheit ohne Aufgehen
Die fünf Pflichten der im Ausland lebenden Muslime
Warnung vor zwei Dingen
Die Bewegung und politische Freiheit und Demokratie
Die Islamische Bewegung und ethnische und religiöse Minderheiten
Das Problem ethnischer Minderheiten ist im Islam gelöst. Wie lässt sich das Problem religiöser Minderheiten lösen?
Die Bewegung und der Dialog mit anderen
Der Dialog mit vernünftigen Säkularisten
Der Dialog mit vernünftigen Herrschern
Der Dialog mit vernünftigen Westlern
Der religiöse (islamisch-christliche) Dialog
Der intellektuelle Dialog (mit den Orientalisten)
Der politische Dialog mit dem Westen
Die Islamische Bewegung und die offizielle religiöse Institution
Die Bewegung und die Gruppen der islamischen Erweckung
Schlussfolgerung
Die Notwendigkeit hauptamtlicher Arbeit an den Aufgaben der Bewegung durch kompetente
Personen
Die Qualifizierung von Fachleuten
Ein Zentrum für Information und Forschung
ANHÄNGE Von Scheich al-Islam Ibn Taymiyya erlassene Fatwas
Die Zulässigkeit der Übernahme eines öffentlichen Amtes in einem ungerechten Staat, wenn der Amtsinhaber
einen Teil der Ungerechtigkeit beseitigen oder Übel und Korruption eindämmen würde
Der Widerstreit von Gutem und Schlechtem (in einer Situation)
GLOSSAR
Vorwort
Von allen Verschwörungen, die in der Neuzeit gegen den Islam geschmiedet wurden, ist eine zu Beginn dieses Jahrhunderts erhobene falsche Anspruchserhebung auf das Prophetentum die gefährlichste. Dieser Anspruch war in den vergangenen sechzig Jahren die Hauptursache für die weitverbreitete geistige Verwirrung unter der Umma. Wie bei allen anderen Spaltungen liegt die eigentliche Ursache dieses Unheils darin, dass die Muslime im Allgemeinen ihre Religion nicht kennen. Wären sie wirklich von ihrem Wissen durchdrungen gewesen und hätten sie ein klares Verständnis des Glaubensartikels über die Endgültigkeit des Prophetentums entwickelt, wäre es nach der letzten Sendung des Propheten Muhammad (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) nahezu unmöglich gewesen, dass irgendein falscher Anspruchsteller auf das Prophetentum unter den Menschen des Islam Fuß fasst und gedeiht. In dieser Lage besteht das vollkommenste und wirksamste Mittel zur Beseitigung dieses Übels darin, möglichst viele Menschen auf bestmögliche Weise über den wahren Glauben an die Endgültigkeit des Prophetentums Muhammads (Friede sei auf ihm) aufzuklären und die Bedeutung und den Wert dieses Glaubensartikels in der Religion des Islam hervorzuheben. Ebenso ist es unerlässlich, dass alle Zweifel und skeptischen Vorstellungen über die letzte Sendung des Propheten Muhammad (Friede sei auf ihm) durch Vernunft und Logik ausgeräumt werden. Diese Schrift wurde genau zu diesem Zweck verfasst. Leser, die sie nützlich finden, sollten einen weiteren Schritt tun und bei der Verbreitung ihres Inhalts uneingeschränkt mitwirken. Diese Schrift sollte alle lesekundigen Menschen erreichen; nachdem sie sie selbst gelesen haben, sollten sie sie den Nichtlesekundigen vorlesen. Es ist zu hoffen, dass die Lektüre dieser Schrift nicht nur Menschen, die noch nicht von diesem Leiden angesteckt wurden, immunisieren, sondern auch den vernünftigen Menschen unter jenen, die einige seiner Keime aufgenommen haben, die Wahrheit offenbaren wird. Denjenigen jedoch, die der Falschheit zum Opfer gefallen und für jedes vernünftige Argument unempfänglich sind – für sie liegen Hoffnung und Erlösung allein bei Allah.
Abul A’la Maududi
Lahore: 12. Februar 1962.
Einleitung
Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen
“O ihr Menschen! Muhammad ist nicht der Vater eines eurer Männer, sondern wahrlich der Gesandte Allahs und das Siegel der Propheten. Und Allah weiß über alles Bescheid.” (Sure Al
Ahzab: 40)
Dieser Vers wurde im fünften Ruku’ (Para oder Abschnitt) der Sure al-Ahzab offenbart. In diesem Ruku’ hat Allah Antworten auf alle Einwände gegeben, die von den Heuchlern erhoben worden waren und die hinsichtlich der Heirat des heiligen Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit Hadrat Zainab (Allah möge mit ihr zufrieden sein) einen Sturm von Verleumdungen, übler Nachrede und Unheil ausgelöst hatten.
Diese Heuchler behaupteten, Zainab sei die Ehefrau eines Adoptivsohnes des heiligen Propheten gewesen und habe dadurch die Stellung der Schwiegertochter des Propheten eingenommen. Nachdem sie sich von Zaid hatte scheiden lassen, habe der Prophet also seine eigene Schwiegertochter geheiratet. Um diese Anschuldigung zu widerlegen, erklärte Allah in Vers 37 eindeutig, dass diese Ehe göttlich gebilligt worden war und als rechtmäßiger Präzedenzfall dienen sollte, damit muslimische Männer die Ehefrauen ihrer Adoptivsöhne heiraten konnten, nachdem diese von ihren Ehemännern geschieden worden waren. Später bekräftigte Allah in den Versen 38 und 39, dass keine Macht den Propheten daran hindern konnte, eine göttliche Verpflichtung zu erfüllen. Den Propheten ist auferlegt, Gott zu fürchten, nicht die Menschen. Es war eine unveränderliche Praxis der Gesandten, die göttliche Botschaft ohne jede fremde Rücksicht zu übermitteln und die ihnen von Allah auferlegten Pflichten ohne Furcht oder Zögern zu erfüllen. Danach wurde ein Vers offenbart, der allen Einwänden die Grundlage entzog. Zunächst hatten sie vorgeworfen: „Du hast deine Schwiegertochter geheiratet, entgegen deinem eigenen Gesetz, nach dem die Ehefrau eines Sohnes für seinen Vater verboten ist.“ Zur Widerlegung dieser Anschuldigung erklärte der Allmächtige: „Muhammad hat unter euren Männern keinen Sohn …“ Dadurch wurde unmissverständlich klargestellt, dass der Mann, dessen geschiedene Ehefrau vom Propheten geheiratet worden war, nicht sein leiblicher Sohn war; die Handlung stellte daher keine Verletzung dieses Gesetzes dar. Ihr zweiter Einwand lautete folgendermaßen: „Zugegeben, der Adoptivsohn ist nicht der leibliche Sohn, und auf dieser Grundlage darf ein Vater rechtmäßig die geschiedene Ehefrau seines Adoptivsohnes heiraten; aber wo lag die Notwendigkeit für den Propheten, dies zu tun?“ Allah antwortete auf diesen Einwand: „Aber wahrlich, er ist der Gesandte Allahs.“ Dies bedeutet, dass es Allahs Auftrag an den heiligen Propheten war, alle Vorurteile auszulöschen und alle Verbote, die der heidnische Brauch den Menschen unnötigerweise auferlegt hatte, für rechtmäßig zu erklären. In dieser Hinsicht war die Handlung des Propheten eindeutig und ließ keinen Raum für Zweifel. [An dieser Stelle verlangen diejenigen, die die Endgültigkeit der Prophetenschaft Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) leugnen, zu wissen, in welcher Überlieferung diese Anschuldigung berichtet worden sei. Diese Frage legt in Wahrheit ihre Unwissenheit offen. Der heilige Qur’an beantwortet an mehreren Stellen die Anschuldigungen der Unruhestifter, ohne die Anschuldigung ausdrücklich zu erwähnen. In jedem Fall enthält der betreffende Text jedoch unmissverständliche Hinweise darauf, auf welche Anschuldigung geantwortet wird. Auch im vorliegenden Fall enthält die Antwort den Inhalt der Frage. Die Verwendung des Bindewortes „aber“ am Ende des ersten Satzes setzt voraus, dass ein Teil der Frage noch behandelt werden musste. Der zweite Satz liefert daher die Antwort auf den verbleibenden Teil der Frage. Der erste Satz hatte den Einwendern die Antwort auf ihre Anschuldigung gegeben, dass „Muhammad seine Schwiegertochter geheiratet habe“. Der zweite Teil der Frage – „wo lag die Notwendigkeit für den Propheten, dies zu tun?“ – verlangte jedoch noch eine Antwort. Diese Antwort wurde durch den folgenden Satz des Textes gegeben: „Aber wahrlich, Muhammad ist der Gesandte Gottes und der Letzte in der Reihe der Propheten Gottes.“ Der Gedanke lässt sich durch ein Beispiel aus einem gewöhnlichen Gespräch weiter erklären. Jemand sagt: „Zaid ist nicht aufgestanden, aber Bakr ist aufgestanden.“ Dies vermittelt den Sinn, dass Zaid nicht aufgestanden ist; doch damit ist die Angelegenheit nicht beendet, denn es entsteht die Frage: „Wenn Zaid nicht aufgestanden ist, wer ist dann aufgestanden?“ Der Nebensatz „aber Bakr ist aufgestanden“ liefert die Antwort auf diese Frage. Genauso verhält es sich im obigen Fall.] Um diesen Punkt besonders zu betonen, sagt Allah: (Khatim Al-Nabbiyeen) „Und er ist der Letzte in der Reihe der Propheten“,
was bedeutet, dass kein Gesandter und nicht einmal ein Prophet, der mit dem Auftrag betraut wäre, Reformen im Bereich des Gesetzes oder der Gesellschaft durchzuführen, die – Gott bewahre – während Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Lebenszeit möglicherweise ausgelassen worden wären, ihm jemals nachfolgen wird. Da Allah das Prophetentum des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als endgültig bestimmt hatte, war es daher notwendig, dass er die Aufgabe erfüllte, diesen heidnischen Brauch auszurotten. Später wurde dieser Punkt durch die Offenbarung (Wa Kan ul-Allahi Bekulle Shai-in ‘Aleema) weiter hervorgehoben: „Gott ist über alles kundig.“ Die wahre Bedeutung dieser Offenbarung ist, dass Allah es für das Beste hielt, diesen heidnischen Brauch durch das Wirken des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu beseitigen, und dass nur Allah das Ausmaß des Schadens erkennen konnte, den die Fortdauer dieses ungläubigen Brauchs verursacht hätte. Allah wusste genau, dass die Reihe der Propheten mit Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) endete und dass die gesamte Umma seinem Vorbild folgen würde. Hätte er diesen Brauch nicht abgeschafft, wäre kein Mensch von vergleichbarem Rang wie der Prophet Muhammad aufgetreten, der diese Aufgabe hätte erfüllen können. Und selbst wenn in späterer Zeit ein Reformer aufgetreten wäre, der diesen Brauch gebrochen hätte, wäre seine Handlung kein allgemeingültiger oder dauerhafter Präzedenzfall gewesen, dem Muslime aller Zeiten und aller Länder hätten folgen können. Kein anderer Mensch, der nach ihm kommt, wird die göttliche Heiligkeit verkörpern, die der Person des Propheten Muhammad anhaftet. Daher besitzt nur das Vorbild Muhammads, nicht das irgendeines anderen Menschen, das Potenzial, die Vorstellung von allen heidnischen Bräuchen für alle kommenden Zeiten aus den Seelen der Menschen zu tilgen.
Das Urteil des Textes des Qur’an
Eine Gruppe, die in der Neuzeit die Irrlehre einer neuen Prophetenschaft erhoben hat, erklärt die Bedeutung des Gedankens der „Endgültigkeit der Prophetenschaft“ als „Siegel der Prophetenschaft“. Damit will sie sagen, dass alle Propheten, die Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nachfolgen würden, sein Siegel tragen und allein durch sein Siegel die Prophetenschaft erlangen würden. Mit anderen Worten: Niemand, der nicht das Siegel Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) trägt, würde den Rang der Prophetenschaft erlangen. Doch der Zusammenhang, in dem die Bezeichnung „der Letzte in der Reihe der Propheten“ im heiligen Qur’an offenbart wurde, lässt keinen Raum für eine solche Spekulation. Wenn die Bezeichnung „der Letzte in der Reihe der Propheten“ tatsächlich die von dieser Gruppe beabsichtigte Bedeutung hätte, wäre sie in dem Zusammenhang, in dem sie offenbart wurde, eindeutig fehl am Platz. Darüber hinaus entstellt die Belegung des Ausdrucks mit dieser Bedeutung den gesamten Zweck des offenbarten Verses. In diesem Vers widerlegt Gott die Anschuldigung und zerstreut die Zweifel, die von den Unruhestiftern hinsichtlich der Ehe des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) mit Zainab (Allah möge mit ihr zufrieden sein), der geschiedenen Ehefrau des Adoptivsohnes des Propheten, Zaid, hervorgerufen worden waren. Ist es vernünftig, in diesen Zusammenhang plötzlich den Gedanken einzufügen, dass Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) das „Siegel der Propheten“ gewesen sei und Allah ihm die Vollmacht übertragen habe, die Echtheit nachfolgender Propheten zu bestätigen? Diese Auslegung hat nicht den geringsten Zusammenhang mit dem Kontext und widerspricht dem Zweck des göttlichen Arguments gegen die Irrlehrer. Wäre diese Auslegung richtig, hätten die Ungläubigen wohl sagen können: „Es besteht jetzt keine Eile, diesen Brauch abzuschaffen. Du kannst diese Aufgabe ohne Bedenken deinen Nachfolgepropheten überlassen, die dein Siegel tragen werden.“ Nach einer zweiten Auslegung des Gedankens von der Endgültigkeit der Prophetenschaft, die von dieser Gruppe vertreten wird, soll die Bezeichnung „Letzter in der Reihe der Propheten“ den „erhabenen Propheten“ bedeuten. Weiter erklären sie, die Reihe der Gesandten werde fortbestehen, obwohl die Vorzüglichkeit der Prophetenschaft in der Person Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihren Höhepunkt erreicht habe. Diese Auslegung ist nicht weniger fehlerhaft und schädlich als die andere. Sie steht kaum in irgendeiner Beziehung zum Zusammenhang und vermittelt tatsächlich einen dem Vers widersprechenden Sinn. Den Faden dieser Argumentation aufnehmend, hätten die Ungläubigen und Heuchler plausibel sagen können: „Herr, nach dir wird es andere Propheten geben, wie sehr sie dir auch im Rang unterlegen sein mögen, um den göttlichen Auftrag zu erfüllen. Warum musst gerade du es auch auf dich nehmen, diesen Brauch zu beseitigen?“
Die Wörterbuchbedeutung des Wortes „Khatam-al-Nabiyyin“
Es ist offensichtlich, dass der Text nur eine Bedeutung zulässt, nämlich dass Khatam-al-Nabiyyin für die Endgültigkeit der Prophetenschaft steht, mit der eindeutigen Aussage, dass die Prophetenschaft in Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ihren Höhepunkt erreicht hat und abgeschlossen worden ist. Nicht nur der Zusammenhang stützt diese Auslegung, sondern auch die Lexikographie. Nach dem arabischen Lexikon und dem sprachlichen Gebrauch bedeutet Khatam: ein Siegel anbringen; schließen; zu einem Ende kommen; und etwas zu seinem äußersten Ende führen. Khatama al-‘Amala ist gleichbedeutend mit „Faragha min al-‘Amali“ und bedeutet, eine Aufgabe zu Ende zu bringen. „Khatama al-Ina“ bedeutet: „Das Gefäß ist geschlossen und versiegelt worden, sodass nichts hineingelangen und sein Inhalt nicht herauslaufen kann.“ „Khatam-al-kitab“ bedeutet: „Der Brief ist eingeschlossen und versiegelt worden, sodass er endgültig gesichert ist.“ „Khatama-‘Ala-al-Qalb“ bedeutet: „Das Herz ist versiegelt worden, sodass es nichts Neues wahrnehmen und dem, was es bereits aufgenommen hat, nicht abschwören kann.“ „Khitamu-Kulli-Mashrubin“ bezeichnet „den letzten Geschmack, der im Mund zurückbleibt, wenn das Getränk ausgetrunken ist“. „Katimatu Kulli Shaiinn ‘Aqibatuhu wa Akhiratuhu“ bedeutet: „Das Ende von allem bezeichnet seinen Untergang und seinen endgültigen Abschluss.“ „Khatm-ul-Shaii Balagha Akhirahu“ vermittelt den Sinn: „Eine Sache zu beenden bedeutet, sie bis an ihre äußerste Grenze zu führen.“ Der Ausdruck Khatam-i-Qur’an wird im gleichen Sinn verwendet, und die Schlussverse der Qur’an-Suren werden als Khawatim bezeichnet. Khatim-ul-Qaum Akhirhuum bedeutet: „Der letzte Mann im Stamm.“ (Siehe Lisan-ul-‘Arab, Qamus und Aqrab-ul-Muwarid.) [Wir haben hier auf drei Lexika verwiesen; doch die Erläuterung dieses Punktes ist nicht allein auf diese Werke beschränkt. Alle maßgeblichen Wörterbücher der arabischen Sprache deuten das Wort Khatam in dem von uns dargelegten Sinn. Die Leugner der Endgültigkeit der Prophetenschaft versuchen jedoch, die Religion Gottes heimlich anzugreifen, und argumentieren, dass wir, wenn wir jemanden als „Letzten der Dichter“, „Letzten der Rechtsgelehrten“ oder „Letzten der Kommentatoren“ bezeichnen, damit nicht notwendigerweise meinen, dass nach ihm kein Dichter, Rechtsgelehrter oder Kommentator mehr kommen werde; vielmehr wollten wir nur sagen, dass sich alle Vorzüglichkeit seines Wirkens in solchen Menschen konzentriert habe. Tatsächlich verhält es sich jedoch so: Wenn wir für jemanden solche übertriebenen Beinamen verwenden, ersetzen oder beseitigen wir dadurch nicht die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Letzter“. Es ist absurd anzunehmen, dass das Wort „Letzter“ durch seine bildliche Verwendung für die Vorzüglichkeit oder Vollkommenheit eines Menschen seine ursprüngliche oder eigentliche Bedeutung – nämlich „endgültig“ – verliert. Eine solche Annahme kann nur jemand akzeptieren, dem grundlegende Kenntnisse der Grammatik fehlen. In keiner Sprache gibt es ein grammatisches Prinzip, nach dem die bildliche Bedeutung eines Wortes als seine eigentliche oder ursprüngliche Bedeutung genommen werden dürfte. Außerdem ersetzt oder beseitigt die bildliche Bedeutung keineswegs die wirkliche und grundlegende Bedeutung des Wortes. Wenn du zu einem Araber sagst: „Ja Khatam ul-Qaum“, wird er dies gewiss nicht so verstehen, dass „der vollkommene oder vorzüglichste Mann des Stammes gekommen ist“. Er wird vielmehr verstehen, dass „der ganze Stamm, bis zum letzten Mann, gekommen ist“. Ein weiterer Punkt ist zu beachten. Ausdrücke wie „der Letzte der Dichter“, „der Letzte der Rechtsgelehrten“ oder „der Letzte der Hadith-Überlieferer“ sind Lobreden, die Menschen auf andere Menschen anwenden, die sie für vollkommen und vorzüglich halten. Diejenigen, die solche Hyperbeln für andere Menschen verwenden, können gewiss nicht sagen und wissen auch nicht, ob Menschen von solcher Vorzüglichkeit in späteren Zeiten kommen werden oder nicht. In der menschlichen Sprache sind diese Bezeichnungen also Übertreibungen. Wenn Gott jedoch von einer Person sagt, dass sich eine bestimmte Eigenschaft in ihr vollendet hat, gibt es keinen Grund, dies im übertragenen Sinn menschlicher Ausdrucksweise zu verstehen. Wenn Allah jemanden als „Letzten Dichter“ bezeichnet hätte, wäre er im wörtlichen Sinn der letzte Dichter. Wenn Allah jemanden zu Seinem „Letzten Propheten“ bestimmt, besteht absolut keine Möglichkeit, dass danach ein anderer Mensch diese Würde erlangt. Gott ist allwissend. Der Mensch besitzt nur begrenztes Wissen. Wie kann man unter diesen Umständen das menschliche Lob eines Menschen als „Letzter Dichter“ oder als Letzter der Rechtsgelehrten im gleichen Sinn verstehen wie Gottes Aussage, jemand sei der „Letzte Prophet“?] Aus diesem Grund stimmen alle Sprachgelehrten und Kommentatoren darin überein, dass Khatam-ul-Nabiyyin „der Letzte in der Reihe der Propheten“ bedeutet. Das Wort Khatam bezieht sich in seiner Wörterbuchbedeutung und seinem sprachlichen Gebrauch nicht auf den Poststempel, der auf ausgehender Post angebracht wird. Seine wörtliche Bedeutung ist das „Siegel“, das auf dem Umschlag angebracht wird, um dessen Inhalt zu sichern.
Die Aussagen des heiligen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) über die Endgültigkeit der Prophetenschaft
Die Bedeutung des Wortes Khatam, die sich aus dem Zusammenhang des heiligen Qur’an ergibt und mit der Bedeutung übereinstimmt, die in allen Lexika der arabischen Sprache angegeben wird, wird auch durch die Aussagen des heiligen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) bestätigt. Wir führen einige authentische Überlieferungen an, um den Sachverhalt zu veranschaulichen: Der heilige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Die Kinder Israels wurden von Propheten geleitet. Wenn ein Prophet starb, folgte ihm ein anderer Prophet. Aber nach mir wird kein Prophet kommen; nur Kalifen werden mir nachfolgen.“ (Bukhari, Kitab-ul-Manaqib.) Der Prophet Gottes (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erklärte: „Meine Stellung im Verhältnis zu den Propheten, die vor mir kamen, lässt sich durch folgendes Beispiel erklären: Ein Mann errichtete ein Gebäude und schmückte dieses Bauwerk mit großer Schönheit, ließ aber in einer Ecke eine leere Nische, in der nur noch ein Ziegel fehlte. Die Menschen gingen um das Gebäude herum und bewunderten seine Schönheit, fragten sich aber, warum in jener Nische ein Ziegel fehlte. Ich bin wie jener fehlende Ziegel, und ich bin der Letzte in der Reihe der Propheten.“ (Bukhari, Kitab-ul-Manaqib.) (Mit anderen Worten: Mit dem Erscheinen des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) ist das Bauwerk der Prophetenschaft vollendet, und es gibt in diesem Bauwerk keine leere Nische mehr, die einem weiteren Propheten Raum bieten könnte.) Vier Überlieferungen zu diesem Thema sind in Muslim, Kitab-ul-Fada’il, Babu Khatimin-Nabiyyin, aufgezeichnet. Die letztgenannte Überlieferung enthält den folgenden zusätzlichen Satz: „So kam ich, und in mir hat die Reihe der Propheten ihr Ende gefunden.“ Dieselbe Überlieferung ist mit ähnlichen Worten in Tirmidhi, Kitab-ul-
Manaqib, Bab-Fadlin Nabi und Kitab-Adab, Bab-ul-Amthal. In Musnad Abu Dawud
In Tayalisis Werk wurde diese Überlieferung zusammen mit anderen von Jabir bin Abdullah überlieferten Überlieferungen aufgenommen; ihr letzter Satz lautet: „In mir fand die Reihe der Propheten ihr endgültiges Ende.“ Musnad Ahmad enthält Überlieferungen von Hadrat Ubayyi bin Ka’b, Hadrat Abu Sa’id Khudri und Hadrat Abu Huraira (möge Allah mit ihnen zufrieden sein) zu demselben Thema, mit geringfügigen Abweichungen in der Wortwahl. Mir wurde die Gabe einer prägnanten und vollendeten Rede verliehen. Mir wurde aufgrund meiner Ehrfurcht gebietenden Wirkung der Sieg gewährt. Die Kriegsbeute wurde mir erlaubt. Die ganze Erde wurde für mich zu einem Ort der Anbetung gemacht und zugleich zu einem Mittel der Reinigung. Mit anderen Worten: In meiner Religion ist das Verrichten des Gebets nicht auf bestimmte Gebetsstätten beschränkt. Gebete können an jedem Ort auf der Erde verrichtet werden. Und falls kein Wasser verfügbar ist, ist es meinem Volk erlaubt, die rituelle Waschung mit Erde (Tayammum) zu vollziehen und sich mit Erde zu reinigen, wenn Wasser zum Baden knapp ist. Ich wurde von Allah gesandt, um Seine göttliche Botschaft in die ganze Welt zu tragen. Und die Reihe der Propheten fand in mir ihr endgültiges Ende. (Muslim, Tirmidhi,
Ibn Majah)
Der Heilige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Allah hat mir sechs Vorzüge verliehen, die die früheren Propheten nicht besaßen: Der Prophet Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erklärte: ‚Die Kette der Gesandten und Propheten ist zu Ende gekommen. Nach mir wird es weder einen Gesandten noch einen Propheten geben.‘ (Tirmidhi,
Kitab-ur-Rouya Babu Zahab-un-Nubuwwa, Musnad Ahmad, Marwiyat-Anas bin
Malik) Der Heilige Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte: „Ich bin Muhammad, ich bin Ahmad, ich bin der Auslöscher, und durch mich wird der Unglaube ausgelöscht; ich bin der Versammler. Die Menschen werden nach meiner Zeit am Jüngsten Tag versammelt werden. (Mit anderen Worten: Der Untergang ist mein einziger Nachfolger.) Und ich bin der Letzte in dem Sinne, dass mir kein Prophet nachfolgen wird.“
(Bukhari und Muslim, Kitab-ul-Fada’il, Bab: Asmaun-Nabi; Tirmidhi, Kitab-ul-
Adab, Bab: Asma-un-Nabi; Muatta’, Kitab-u-Asma in-Nabi, Al-Mustadrak Hakim,
Kitab-ut-Tarikh, Bab: Asma-un-Nabi.)
Der Prophet Gottes (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Allah, der Allmächtige, hat keinen Gesandten zu einer Gemeinschaft gesandt, der sein Volk nicht vor dem Erscheinen des Daddschal gewarnt hätte – doch der Daddschal erschien zu ihrer Zeit nicht. Ich bin der Letzte in der Reihe der Propheten, und ihr seid die letzte Gemeinschaft der Gläubigen. Zweifellos wird der Daddschal daher aus eurer Mitte hervorgehen.“ (Ibn Madscha, Kitab-ul-Fitan, Kapitel: Daddschal.) Abdurrahman bin Dschubair berichtete: „Ich hörte Abdullah bin Amr ibn al-As erzählen, dass der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) eines Tages aus seinem Haus kam und sich zu uns gesellte. Sein Verhalten erweckte in uns den Eindruck, als würde er von uns Abschied nehmen. Er sagte: ‚Ich bin Muhammad, der ungebildete Prophet Allahs‘, und wiederholte diese Aussage dreimal. Dann bekräftigte er: ‚Nach mir wird es keinen Propheten geben.‘“ (Musnad Ahmad, Überlieferungen von Abdullah bin Amr ibn al-As.) Der Heilige Prophet (Allahs Frieden und Segen seien auf ihm) sagte: „Allah wird nach mir keinen Gesandten senden, sondern nur Mubaschirāt.“ Man fragte: „Was ist mit al-Mubaschirāt gemeint?“ Er sagte: „Eine gute oder fromme Vision.“ (Musnad Ahmad, Überlieferungen von Abu Tufail; Nasai; Abu Dawud.) Mit anderen Worten: Künftige göttliche Offenbarung ist unmöglich. Sollte jemand von Allah eine Eingebung empfangen, so wird sie höchstens in Form eines „frommen Traumes“ zu ihm gelangen. Der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Wenn nach mir ein Gesandter hätte kommen sollen, wäre es Umar bin al-Chattab gewesen.“ (Tirmidhi, Kitab-ul-Manaqib.) Der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte zu Hadhrat Ali: „Du stehst zu mir in demselben Verhältnis wie Aaron zu Mose (Friede sei mit ihm). Doch nach mir wird kein Gesandter kommen.“ (Buchari und Muslim, Kitab Fada’il as-Sahaba.) Diese Überlieferung ist auch in Buchari und Muslim im Bericht über die Schlacht von Tabuk aufgezeichnet. Im Musnad finden sich zu diesem Thema zwei von Hadhrat Sa’d bin Abi Waqqas (möge Allah mit ihm zufrieden sein) überlieferte Traditionen. Der letzte Satz einer dieser Überlieferungen lautet: „Seht, nach mir gibt es kein Prophetentum.“ Ausführliche Berichte über die in Abu Dawud Tayalisi, Imam Ahmad und Muhammad bin Ishaq enthaltenen Überlieferungen besagen, dass der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) am Vorabend seines Aufbruchs zur Schlacht von Tabuk beschlossen hatte, Hadhrat Ali zurückzulassen, damit dieser die Verteidigung übernehme und die Angelegenheiten Medinas beaufsichtige. Daraufhin begannen die Heuchler, über Hadhrat Ali Andeutungen und Gerüchte zu verbreiten. Hadhrat Ali ging zum Propheten und sagte: „O Prophet Allahs, lässt du mich bei den Frauen und Kindern zurück?“ Um ihn zu beruhigen, sagte der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) bei dieser Gelegenheit: „Du stehst zu mir in demselben Verhältnis wie Aaron zu Mose.“ Mit anderen Worten: „Wie Hadhrat Mose auf dem Berg Tur Hadhrat Aaron zurückließ, damit er sich um den Stamm Israels kümmere, so lasse ich dich zurück, damit du die Verteidigung Medinas übernimmst.“ Da der Heilige Prophet jedoch befürchtete, dieser vergleichende Hinweis auf Hadhrat Aaron könne später zu Irrlehren führen, stellte er sofort klar: „Nach mir wird es keinen Propheten geben.“ Thauban berichtet: „Der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: In meiner Umma werden dreißig Betrüger auftreten, und jeder von ihnen wird der Welt verkünden, er sei ein Prophet; doch ich bin der Letzte in der Reihe der Propheten Allahs, und nach mir wird kein Gesandter kommen.“ (Abu Dawud, Kitab-ul-Fitan.) Abu Dawud hat in seinem Kitab-ul-Malahim eine weitere, von Abu Huraira überlieferte Tradition zum selben Thema aufgezeichnet. Auch Tirmidhi hat diese beiden Überlieferungen aufgezeichnet, die von Hadhrat Thauban und Hadhrat Abu Huraira berichtet werden. Der Wortlaut der zweiten Überlieferung lautet: „Es wird dahin kommen, dass dreißig Betrüger auftreten und jeder von ihnen den Anspruch erhebt, ein Gesandter Allahs zu sein.“ Der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Unter den Kindern Israels, die vor euch lebten, gab es tatsächlich Menschen, die mit Allah Zwiesprache hielten, obwohl sie keine Propheten waren. Sollte unter meinem Volk jemals ein solcher Mensch hervortreten, wäre es niemand anders als Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein).“ (Buchari, Kitab-ul-Manaqib.) Eine Fassung dieser Überlieferung in Muslim enthält Muhaddithuna statt Yukallimuna. Doch Mukallim und Muhaddith haben dieselbe Bedeutung: ein Mensch, dem das Vorrecht zuteilwird, unmittelbar mit Allah Zwiesprache zu halten, oder ein Mensch, den der Allmächtige aus dem Verborgenen anspricht. Daraus schließen wir, dass es unter den Anhängern Muhammads, wenn überhaupt jemand ohne Erhebung in den Rang des Prophetentums mit Allah hätte Zwiesprache halten können, Umar gewesen wäre.
Der Prophet Gottes (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Nach mir wird kein Prophet kommen; daher wird es auch keine andere Gemeinschaft von Anhängern eines neuen Propheten geben.“ (Baihaqi, Kitab-ur-Ruya; Tabarani.) Der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Ich bin der Letzte in der Reihe der Propheten Allahs, und meine Moschee ist die letzte Moschee“, womit er die heilige Moschee des Propheten meinte. [Die Leugner der Endgültigkeit des Prophetentums wenden gegen diese Überlieferung ein, der Heilige Prophet habe seine Moschee „die letzte Moschee“ genannt, obwohl sie nicht die letzte Moschee sei, da danach überall auf der Welt unzählige andere Moscheen gebaut worden seien. Ebenso habe seine Aussage „Ich bin der letzte Prophet“ nicht bedeutet, dass die Reihe der Propheten beendet sei, sondern nur, dass Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) hinsichtlich seiner Vorzüglichkeit unter den Propheten Allahs der Letzte gewesen sei; die Moschee sei im gleichen Sinne die letzte gewesen. Diese törichte Argumentation ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass diese Menschen die Fähigkeit verloren haben, die wahre Bedeutung der Worte Allahs und Seines Propheten zu erkennen. Schon ein flüchtiger Blick auf die gesamte Kette der Überlieferungen, in deren Zusammenhang diese besondere Tradition überliefert wurde, macht jedem Menschen die wahre Bedeutung der Worte des Heiligen Propheten klar. In diesem Zusammenhang berichten verschiedene von Imam Muslim auf Autorität von Hadhrat Abu Huraira, Hadhrat Abdullah bin Umar und der Mutter der Gläubigen, Hadhrat Maimuna, überlieferte Traditionen, dass es auf der Welt nur drei Moscheen gibt, denen die größte Heiligkeit zukommt und die über allen anderen Moscheen stehen. Das Gebet in diesen Moscheen wird gegenüber dem Gebet in anderen Moscheen mit tausendfacher Belohnung vergolten. Deshalb ist es erlaubt, zu diesen Moscheen zu reisen, um dort zu beten. Keine andere Moschee außer diesen drei kann eine solche Heiligkeit beanspruchen, dass ein Mensch dorthin reisen sollte, um dort Gottesdienst zu verrichten und alle anderen Moscheen zu verlassen. Von den drei heiligsten Moscheen des Islam ist die erste die Masdschid al-Haram, die von Hadhrat Abraham (Friede sei mit ihm) erbaut wurde; die zweite ist die Masdschid al-Aqsa, die von Hadhrat Sulaiman (Friede sei mit ihm) errichtet wurde; und die dritte ist die Masdschid an-Nabawi in der heiligen Stadt Medina, die vom Heiligen Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) gegründet wurde. Die Aussage des Heiligen Propheten über „die letzte Moschee“ muss in diesem Zusammenhang verstanden werden. Seine Worte bedeuteten, dass nach ihm kein Prophet kommen werde und es daher nach der letzten Masdschid an-Nabawi, der Moschee des letzten Propheten, keine vierte Moschee geben werde. Folglich darf keine andere Moschee eine solche Heiligkeit besitzen, dass der Gottesdienst in ihr mit größerer Belohnung vergolten wird als der Gottesdienst in anderen Moscheen; außerdem gibt es keine vierte Moschee, zu der eine Reise zum Gebet erlaubt oder auch nur wünschenswert wäre.] (Muslim, Kitab-ul-Hadsch, Kapitel: Der Vorzug des Gebets in der Moschee von Mekka und Medina.)
Eine große Zahl solcher Überlieferungen des Heiligen Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) wurde von den Gefährten berichtet und von zahlreichen Sammlern aus maßgeblichen Quellen aufgezeichnet. Das Studium dieser Überlieferungen zeigt, dass der Heilige Prophet bei mehreren Gelegenheiten, auf verschiedene Weise und mit unterschiedlichen Worten ausdrücklich klarmachte, dass er der letzte Prophet Allahs sei, dass ihm kein Prophet folgen werde und dass die Reihe der Propheten mit ihm beendet sei. Außerdem wären alle, die nach seiner Zeit behaupten würden, Propheten und Gesandte Allahs zu sein, Betrüger und Lügner. [Im Gegensatz zu den Aussagen des Heiligen Propheten führen die Leugner der Endgültigkeit des Prophetentums folgende Worte an, die Hadhrat Aischa zugeschrieben werden: „Sagt zwar, dass der Heilige Prophet der letzte Gesandte Allahs ist, aber sagt nicht, dass nach ihm kein Prophet kommen wird.“ Zunächst ist es eine Unverschämtheit, die Worte Hadhrat Aischas anzuführen, um dem eindeutigen Befehl des Heiligen Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) zu widersprechen. Zudem sind die Hadhrat Aischa zugeschriebenen Worte nicht authentisch. Kein maßgebliches Hadith-Werk enthält diese Aussage Hadhrat Aischas, und kein bedeutender Sammler von Überlieferungen hat sie aufgezeichnet oder auf sie verwiesen. Diese Überlieferung stammt aus einem Kommentar mit dem Titel Durr-i-Manthur und einer Hadith-Sammlung namens Takmilah Majma-ul-Bihar, doch ihre Quelle und ihre Zuverlässigkeit sind unbekannt. Es ist der Gipfel der Unverschämtheit, die Aussage einer Gefährtin anzuführen, um den eindeutigen Aussagen des Heiligen Propheten zu widersprechen, die bedeutende Hadith-Gelehrte über die zuverlässigsten Überlieferungsketten weitergegeben haben.]
Es kann keine authentischere, glaubwürdigere und schlüssigere Auslegung der Worte des Heiligen Qurans, Khatam-un-Nabiyyin, geben als diejenige, die der Heilige Prophet (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) gegeben hat; denn die Glaubwürdigkeit des Heiligen Propheten bedarf keines Beweises, und die Autorität seiner Worte ist unanfechtbar. Seine Worte sind selbst authentisch und beweiskräftig. Wenn der Prophet einen Nass des Heiligen Qurans erklärt, ist seine Erklärung die authentischste und der endgültige Beweis. Die Frage lautet: Wer außer dem Heiligen Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf ihm), dem der Quran offenbart wurde, wäre besser befähigt, seine Bedeutung zu verstehen und uns seinen Inhalt zu erklären? Und wenn jemand eine andere Auslegung vorbringt, sollen wir seine Ansprüche überhaupt als unserer Beachtung, geschweige denn unserer Zustimmung würdig ansehen?
Der Konsens der Gefährten
Nach dem Heiligen Quran und der Sunna nimmt der Konsens der Gefährten des Heiligen Propheten (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) die dritte Stelle ein. Alle authentischen historischen Überlieferungen zeigen, dass die Gefährten des Propheten nach dem Tod des Heiligen Propheten einstimmig Krieg gegen die Anspruchsteller auf das Prophetentum und deren Anhänger führten. In diesem Zusammenhang ist der Fall Musailamas besonders bedeutsam. Dieser Mann leugnete nicht, dass Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) der Prophet Allahs war; er behauptete vielmehr, Allah habe ihn gemeinsam mit Muhammad als Mitpropheten eingesetzt, um dessen Aufgabe zu teilen. Der Brief, den er kurz vor seinem Tod an den Heiligen Propheten gerichtet hatte, lautet: „Von Musailama, dem Propheten Allahs, an Muhammad, den Propheten Allahs (Friede und Segen Allahs seien auf ihm). Ich möchte dir mitteilen, dass ich als dein Partner eingesetzt worden bin, um die Last des Prophetentums mit dir zu teilen.“ Der Historiker Tabari hat eine Überlieferung aufgezeichnet, wonach der Gebetsruf, den Musailama für seine Anhänger eingeführt hatte, die Worte enthielt: „Ich bezeuge, dass Muhammad der Prophet Allahs ist.“ Trotz seiner eindeutigen Anerkennung des Prophetentums Muhammads (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) wurde Musailama zum Abtrünnigen erklärt und aus der islamischen Gesellschaft ausgeschlossen. Darüber hinaus wurde Krieg gegen ihn geführt.
Die Geschichte bezeugt auch, dass der Stamm Hunaifa (Banu Hunaif) Musailamas Anspruch auf das Prophetentum in gutem Glauben angenommen hatte. Sie waren tatsächlich zu der Überzeugung gebracht worden, Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) habe Musailama freiwillig zu seinem Partner im Prophetentum erklärt. Ein Mann, der im heiligen Medina den Quran gelernt hatte, ging zum Stamm der Banu Hunaifa und stellte die Quranverse fälschlich so dar, als seien sie Musailama offenbart worden. Obwohl Banu Hunaifa absichtlich falsch informiert worden waren, erkannten die Gefährten des Heiligen Propheten sie dennoch nicht als Muslime an und entsandten ein Heer gegen sie. Es gibt hier keinen Raum für die Auffassung, die Gefährten hätten gegen sie als Rebellen und nicht als Abtrünnige gekämpft. Das islamische Gesetz bestimmt, dass muslimische Rebellen, die im Krieg gefangen genommen werden, nicht versklavt werden dürfen. Das Gesetz verlangt ferner, dass selbst aufständische Dhimmis, wenn sie im Kampf gefangen genommen werden, nicht versklavt werden dürfen. Als jedoch militärische Maßnahmen gegen Musailama und seine Anhänger ergriffen wurden, erklärte Hadhrat Abu Bakr, die Frauen und Kinder des Feindes würden als Sklaven genommen werden; als sie im Kampf gefangen genommen wurden, wurden sie versklavt. Eines dieser Mädchen wurde Hadhrat Ali als Sklavin gegeben. Sie gebar ihm einen Sohn namens Muhammad bin Hanfiya, der in der Geschichte des Islam eine bekannte Persönlichkeit ist. (Al-Bidaya wan-Nihaya, Band VI, S. 316 und 325.) Dieses Ereignis beweist eindeutig, dass die Gefährten Musailama nicht der Rebellion beschuldigten. Der Vorwurf gegen ihn lautete, dass er nach dem Ende der Prophetenreihe mit Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) den Anspruch auf das Prophetentum erhoben und dadurch andere Menschen irregeführt hatte, an seinen Anspruch zu glauben. Die Maßnahmen gegen Musailama wurden unmittelbar nach dem Tod des Heiligen Propheten unter der Führung Hadhrat Abu Bakr Siddiques (möge Allah mit ihm zufrieden sein) ergriffen und fanden die einstimmige Unterstützung der gesamten Gemeinschaft der Gefährten. Ein besseres und deutlicheres Beispiel für den Konsens der Gefährten lässt sich nicht finden.
Der Konsens aller Ulema der Umma
Nach dem Konsens der Gefährten folgt als nächste Autorität der religiöse Konsens jener muslimischen Ulema, die nach der Zeit der Gefährten kamen (möge Allah mit ihnen zufrieden sein). Ein Blick auf die Geschichte des Islam vom ersten Jahrhundert bis in die Neuzeit zeigt, dass die Ulema aller Epochen in jedem islamischen Land der Welt darin übereinstimmen, dass nach Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) kein neuer Prophet eingesetzt werden kann. Sie sind sich alle darin einig, dass jeder, der nach Muhammad den Anspruch auf das Prophetentum erhebt, und jeder, der an einen solchen Anspruch glaubt, ein Abtrünniger und aus der Gemeinschaft des Islam ausgestoßen ist. Die folgenden Tatsachen mögen dies veranschaulichen:
Zur Zeit Imam Abu Hanifas (80–150 n. H.) erhob ein Mann Anspruch auf das Prophetentum und sagte: „Lasst mich euch die Beweise für mein Prophetentum zeigen.“ Darauf warnte der große Imam die Menschen: „Wer von diesem Mann Beweise für sein Prophetentum verlangt, wird zum Abtrünnigen, denn der Prophet Allahs (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) hat ausdrücklich erklärt: ‚Nach mir wird kein Prophet kommen.‘“ (Manaqib al-Imam al-Azam Abi Hanifa, Ibn Ahmad al-Makki, Band I, S. 161, Hyderabad, Indien, 1321 n. H.) Allama Ibn Dschrir Tabari (224–310 n. H.) gibt in seinem berühmten Kommentar zum Heiligen Quran folgende Auslegung des Verses „wa lakin Rasul Allahi wa Khatam-un-Nabiyyin“: „Er hat das Prophetentum und dessen Tür geschlossen und versiegelt; diese Tür wird sich bis zum Ende der Welt für niemanden öffnen.“ (Siehe den Kommentar Ibn Dschrirs, Band 22, S. 12.)
Imam Tahawi (239–321 n. H.) schreibt in seinem Buch Aqida-i-Salfia, dass Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) ein hochgeehrter Diener Allahs, Sein auserwählter Prophet und bevorzugter Gesandter, der Letzte der Propheten, der Führer der Frommen, das Oberhaupt der Gesandten Allahs und der Geliebte des Herrn ist. Jeder Anspruch auf das Prophetentum nach ihm sei offenkundiger Irrtum und Verehrung des eigenen bösen Selbst. (Scharch al-Tahawiya fi l-Aqidat as-Salfia, Dar-ul-Maarif, Ägypten.) Ibn Hazm al-Andalusi (384–456 n. H.) schreibt: „Gewiss ist die Kette der göttlichen Offenbarungen nach dem Tod des Heiligen Propheten zu Ende gegangen. Der Beweis dafür liegt darin, dass nur ein Prophet Empfänger göttlicher Offenbarung sein kann und Allah bestätigt hat, dass Muhammad keine Söhne unter den Männern eurer Gemeinschaft hat, dass er der Gesandte Allahs ist und dass Er das Amt des Prophetentums versiegelt hat.“ (Al-Mohalla, Band 1, S. 26.)
Imam Ghazali (450–505 n. H.) erklärt, wenn man das Recht zugestehe, die Autorität des Konsenses zu leugnen, entstünden zahlreiche Absurditäten. Sollte jemand behaupten, nach dem Gesandten Muhammad könne ein Mensch noch das Amt des Prophetentums erlangen, würde man ohne Zögern erklären, dass er ein Ungläubiger sei. Anhänger „neuer Propheten“ könnten jedoch die Aussagen „Nach mir gibt es keinen Propheten“ und „Khatam-un-Nabiyyin – der Letzte der Propheten“ auf vielerlei Weise auslegen. Sie könnten behaupten, Khatam-un-Nabiyyin bedeute „der Letzte der bedeutenden Gesandten“, oder zwischen Prophet und Gesandtem unterscheiden. Solche absurden Auslegungen könnten endlos fortgesetzt werden. Doch die gesamte Umma erkennt durch Konsens an, dass die Worte „Nach ihm wird kein Prophet kommen“ und der Zusammenhang der Überlieferungen bedeuten, dass weder ein Prophet noch ein Gesandter nach ihm kommen wird. Wer sich diesem Konsens nicht anschließt, ist lediglich ein Abweichler. (Al-Iqtisad fil-Itiqad, S. 114, Ägypten.)
Mohy-us-Sunna Baghawi (gest. 510 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Maalim at-Tanzil: „Allah hat mit ihm die Reihe der Propheten beendet. Daher ist er der letzte Prophet. Ibn Abbas bestätigt, dass Allah in diesem Vers Sein Urteil gegeben hat, dass nach dem Propheten Muhammad kein Prophet kommen wird.“ (Band 3, S. 158.) Allama Zamachschari (467–538 n. H.) schreibt in seinem Kommentar al-Kaschschaf, die Endgültigkeit des Prophetentums Muhammads bedeute, dass nach ihm niemand mit dem Prophetentum ausgezeichnet werde. Hadhrat Isa wurde vor Muhammad zum Propheten gemacht; wenn er am Ende der Welt wieder erscheine, werde er Muhammad folgen und mit dem Gesicht zur Qibla des Islam beten, als Mitglied der Gemeinschaft der Muslime. (Band 2, S. 215.) Qadi Iyad (gest. 544 n. H.) erklärt, jeder, der das Prophetentum beanspruche oder behaupte, ein Mensch könne durch Läuterung der Seele die Würde eines Propheten erlangen, ebenso jeder, der zwar nicht das Prophetentum beanspruche, aber behaupte, göttliche Offenbarung zu empfangen, sei ein Abtrünniger und Leugner des Prophetentums Muhammads. Denn Muhammad habe uns übermittelt, dass er der letzte Prophet sei und dass nach ihm kein Prophet kommen werde. Der Konsens der gesamten Umma bezeuge, dass diese Worte eindeutig seien und keine andere Auslegung zuließen. (Schifa, Band 2, S. 270–271.)
Allama Schahrastani (gest. 548 n. H.) schreibt in seinem Werk al-Milal wan-Nihal: „Wer sagt, dass nach Muhammad ein Prophet kommen wird, ist ohne jeden Zweifel ein Ungläubiger.“ (Band 3, S. 249.) Imam Razi (543–606 n. H.) erklärt in seinem Tafsir Kabir, Khatam-un-Nabiyyin bedeute, dass ein Prophet, dessen Sendung nicht endgültig sei, manche Gebote unvollständig oder unerklärt lassen könne, sodass ein nachfolgender Prophet die Aufgabe vollende. Der Prophet, der keinen Nachfolger haben werde, gebe seinen Anhängern dagegen klare Richtlinien, wie ein Vater, der weiß, dass nach ihm kein Beschützer für seinen Sohn da sein wird. (Band 6, S. 581.) Allama Baidawi (gest. 685 n. H.) schreibt, Muhammad sei der Letzte aller Propheten; in ihm ende die Reihe der Propheten und durch sein Erscheinen sei das Prophetentum versiegelt. Das spätere Erscheinen Hadhrat Isas widerspreche der Endgültigkeit des Prophetentums Muhammads nicht, weil Isa als Anhänger der Scharia Muhammads erscheinen werde. (Band 4, S. 164.)
Allama Hafizuddin an-Nasafi (gest. 710 n. H.) schreibt, Muhammad habe die Reihe der Propheten beendet und sei der Letzte aller Propheten; Allah werde nach ihm keinen weiteren Propheten einsetzen. Isa sei vor Muhammad zum Propheten eingesetzt worden und werde bei seinem erneuten Erscheinen der Scharia Muhammads folgen. (S. 471.) Allama Alauddin Baghdadi (gest. 725 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Chazin: „Allah hat in Muhammad das Prophetentum beendet. Nach ihm gibt es weder Prophetentum noch einen Partner in diesem Prophetentum.“ (S. 471–472.) Ibn Kathir (gest. 774 n. H.) erklärt, dieser Vers sei ein klarer Beweis dafür, dass nach Muhammad kein Prophet kommen werde; daraus folge selbstverständlich auch, dass kein Gesandter nach ihm kommen werde, denn jeder Gesandte sei ein Prophet, während nicht jeder Prophet ein Gesandter sei. Wer nach Muhammad das Prophetentum beanspruche, sei ein Lügner, Betrüger und Verführer, selbst wenn er erstaunliche Gaukeleien und Zauberkunststücke vorführe. (Band 3, S. 493–494.)
Allama Dschalaluddin Suyuti (gest. 911 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Dschalalain, Allah wisse, dass nach Muhammad kein Prophet folgen werde; wenn Isa wieder auf der Welt erscheine, werde er nach der Scharia Muhammads handeln. (S. 768.) Ibn Nudschaim (gest. 970 n. H.) schreibt in Al-Aschbah wan-Nazair, Kitab as-Siyar, Kapitel al-Ridda: „Wer Muhammad nicht als den letzten Propheten Allahs betrachtet, ist kein Muslim, denn die Endgültigkeit des Prophetentums Muhammads gehört zu den grundlegenden Glaubensartikeln, die ein Muslim verstehen und glauben muss.“ (S. 179.) Mulla Ali Qari (gest. 1016 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Fiqh Akbar: „Nach der Sendung unseres Propheten Muhammad das Prophetentum zu beanspruchen, ist nach dem Konsens der Umma reiner Unglaube.“ (S. 202.)
Scheich Ismail Haqqi (gest. 1137 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Ruh-ul-Bayan, dass das Wort Khatam sowohl als Siegel als auch als derjenige verstanden werde, der versiegelt. In beiden Lesarten bedeute es, dass der Heilige Prophet der Letzte aller Propheten gewesen sei und Allah durch ihn das Amt des Prophetentums versiegelt habe. Die Gelehrten der Umma Muhammads würden von ihm fortan nur geistige Vorzüglichkeit erben; das Erbe des Prophetentums sei erloschen, denn Muhammad habe das Amt des Prophetentums für alle Zeiten versiegelt. Das Erscheinen Hadhrat Isas nach Muhammad widerspreche dem nicht. Isa sei vor Muhammad zum Propheten eingesetzt worden und werde als Anhänger der Scharia Muhammads erscheinen. Er werde weder eine neue Offenbarung empfangen noch neue Gebote erlassen, sondern Muhammad folgen. Ahl as-Sunna wal-Dschama’a glaubt, dass nach dem Heiligen Propheten Muhammad kein Prophet kommen wird, weil Allah gesagt hat: „… sondern der Gesandte Allahs und das Siegel der Propheten“, und der Prophet sagte: „Nach mir gibt es keinen Propheten.“ Wer behauptet, ein Prophet werde Muhammad folgen, wird zum Abtrünnigen, weil er einen grundlegenden Glaubensartikel leugnet. Jeder Anspruch auf das Prophetentum nach Muhammad ist völlig falsch.
In der Fatawa-i-Alamgiri, die im zwölften Jahrhundert der Hidschra auf Befehl Aurangzeb Alamgirs von bedeutenden Gelehrten des indischen Subkontinents zusammengestellt wurde, heißt es: „Wer Muhammad nicht als den letzten Propheten Allahs betrachtet, ist kein Muslim; und wenn ein solcher Mensch behauptet, ein Gesandter oder Prophet Allahs zu sein, wird er zum Abtrünnigen erklärt.“ (Band 2, S. 263.) Allama Schaukani (gest. 1255 n. H.) schreibt in seinem Kommentar Fath-ul-Qadir, die Mehrheit lese Khatam mit Kasra unter dem T, während Asim es mit Fatha lese. Die erste Lesart bedeute, dass Muhammad die Reihe der Propheten beendet habe; die zweite, dass er das Siegel gewesen sei, durch das das Amt des Prophetentums endgültig geschlossen wurde. Allama Alusi (gest. 1270 n. H.) erklärt in Ruh-ul-Ma’ani, wenn der Heilige Prophet „Siegel der Propheten“ genannt werde, folge daraus notwendigerweise, dass er auch das „Siegel der Gesandten“ sei. Mit seiner Erhebung zum Prophetentum sei diese Würde fortan abgeschafft worden, und kein Mensch könne sie nun noch erlangen. (Band 22, S. 32.) Wer nach dem Erscheinen des Propheten Muhammad behauptet, göttliche Offenbarungen als Prophet zu empfangen, wird zum Ungläubigen erklärt; unter den Muslimen besteht darüber kein Meinungsunterschied. (Ebenda, Band 22, S. 38.) Die Bezeichnung Muhammads im Buch Allahs als „Letzter der Propheten“ sei eindeutig; die Sunna habe dies klar erklärt, und die Umma habe darüber Konsens erzielt. Wer einen widersprechenden Anspruch erhebe, werde als Abtrünniger erklärt. (Ebenda, Band 22, S. 39.)
Dies sind die Auslegungen führender Gelehrter, Rechtsgelehrter, Hadith-Wissenschaftler und Kommentatoren aus allen Teilen der islamischen Welt – vom indischen Subkontinent bis nach Marokko und Spanien und von der Türkei bis in den Jemen. Ihre Geburts- und Todesjahre wurden angegeben, damit der Leser auf den ersten Blick erkennt, dass diese Liste bedeutende Autoritäten jedes Jahrhunderts zwischen dem ersten und dem dreizehnten Jahrhundert der islamischen Geschichte umfasst. Wir hätten auch die Erklärungen der Gelehrten des vierzehnten Jahrhunderts hinzufügen können; wir ließen sie jedoch absichtlich aus, damit niemand behaupten könne, diese Gelehrten hätten Khatam-i-Nubuwwat als „Siegel aller Propheten“ ausgelegt, um den Anspruch der „neuen Propheten“ der Neuzeit zu widerlegen. Es kann jedoch nicht gesagt werden, dass die Gelehrten vergangener Jahrhunderte Feindschaft gegen eine spätere Persönlichkeit hegten, die den Anspruch erhob, ein Prophet zu sein. Diese Schriften machen zweifelsfrei klar, dass die gesamte muslimische Welt vom ersten Jahrhundert bis zur Gegenwart Khatam-un-Nabiyyin einstimmig als „den Letzten aller Propheten“ verstanden hat. Zu allen Zeiten waren die Muslime darin einig, dass das Prophetentum nach dem Erscheinen des Heiligen Propheten versiegelt worden ist. Es gab unter den Muslimen nie einen Meinungsunterschied darüber, dass jeder, der den Anspruch auf das Prophetentum erhebt, und diejenigen, die an einen solchen Anspruch glauben, außerhalb des Islam stehen.
Nun ist es Sache jedes vernünftigen Menschen zu beurteilen, welchen Raum für eine andere Auslegung angesichts dieser gewaltigen Beweisführung noch gibt: der klaren Wörterbuchbedeutung von Khatam-un-Nabiyyin, der richtigen Auslegung des Quranverses, der Erklärung des Heiligen Propheten selbst und des Konsenses sämtlicher Muslime auf der ganzen Welt über die Endgültigkeit des Prophetentums Muhammads – von der Zeit der Gefährten des Heiligen Propheten bis zu den heutigen Anhängern des Islam. Welche Rechtfertigung können sie dafür geben, die Tür des Prophetentums für einen neuen Anspruchsteller zu öffnen? Und wie können jene Menschen als Muslime anerkannt werden, die nicht nur ihre Meinung zugunsten der Öffnung dieser Tür geäußert, sondern tatsächlich einen Menschen in die Reihe der Propheten Allahs erhoben und sich zu Anhängern dieses Eindringlings gemacht haben?
In diesem Zusammenhang sind noch drei Punkte zu beachten.
Ist Allah der Feind unseres Glaubens?
Erstens ist das Prophetentum eine äußerst heikle Angelegenheit. Nach dem Heiligen Quran ist der Glaube an das Prophetentum ein so grundlegender Glaubensartikel, dass derjenige, der daran glaubt, ein Gläubiger ist, und derjenige, der es leugnet, ein Ungläubiger. Wenn ein Mensch nicht an einen Propheten glaubt, ist er ein Abtrünniger; ebenso wird er zum Ungläubigen, wenn er dem Anspruch eines Betrügers glaubt, ein Prophet zu sein. In einer derart wichtigen und heiklen Angelegenheit kann man vom allwissenden Allah gewiss nicht erwarten, dass Er sich geirrt habe. Wenn nach Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) ein Prophet hätte kommen sollen, hätte Allah diese Möglichkeit im Heiligen Quran klargemacht oder Seinen Gesandten Muhammad befohlen, sie eindeutig zu verkünden. Der Gesandte Allahs wäre niemals dahingeschieden, ohne sein Volk zu warnen, dass andere Gesandte ihm folgen würden und dass seine Anhänger an die nachfolgenden Propheten glauben müssten.
Hatten Allah und Sein Gesandter (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) etwa die Absicht, unseren Glauben zu untergraben, indem sie uns die Möglichkeit verschwiegen, nach dem Erscheinen Muhammads die Tür des Prophetentums zu öffnen und einen neuen Propheten kommen zu lassen, sodass wir in die Lage versetzt würden, vom Islam abzufallen, wenn wir nicht an die Sendung dieses neuen Propheten glaubten? Darüber hinaus haben Allah und Sein Gesandter uns nicht nur darüber im Dunkeln gelassen, sondern vielmehr Aussagen gemacht, die die Umma während der vergangenen dreizehn [jetzt vierzehn] Jahrhunderte so verstanden hat – und noch heute so versteht –, dass nach Muhammad kein Prophet kommen wird. Könnten Allah und Sein Gesandter wirklich mit unserem Glauben spielen?
Nehmen wir vorübergehend an, das Amt des Prophetentums stehe offen und ein neuer Prophet erscheine. Wir würden ihn furchtlos zurückweisen. Allah könnte uns dafür am Tag des Gerichts zur Rechenschaft ziehen; doch wir würden Ihm die vollständige Reihe Seiner eigenen Aussagen und Gebote vorlegen. Diese Beweise würden zeigen, dass das Buch Allahs und die Sunna Seines Gesandten uns dazu geführt hätten, den neuen Propheten zu verleugnen, und uns dadurch zu Ungläubigen gemacht hätten. Wir haben keine Angst, dass Allah der Allmächtige nach Prüfung dieser Aufzeichnungen es für angemessen halten könnte, uns wegen Gotteslästerung gegen den neuen Propheten zu bestrafen. Wenn die Tür des Prophetentums jedoch tatsächlich geschlossen ist und nach Muhammad kein Prophet auftreten wird, und ein Mensch trotzdem dem Anspruch eines neuen Propheten glaubt, sollte er sorgfältig darüber nachdenken, welche Aufzeichnungen er Allah zu seiner Verteidigung vorlegen könnte, um der Strafe für Gotteslästerung zu entgehen und Erlösung zu erlangen. Er sollte das Material seiner Verteidigung prüfen, bevor er vor das erhabene Gericht des Allmächtigen gebracht wird. Er sollte dieses Material mit der von uns vorgelegten Beweisführung vergleichen und selbst beurteilen, ob es das Vertrauen eines vernünftigen Menschen verdient und ob er mit einer solchen Verteidigung das Risiko eingehen kann, wegen Gotteslästerung angeklagt und bestraft zu werden.
Brauchen wir jetzt einen Propheten?
Der zweite zu erwägende Punkt ist, dass das Prophetentum keine Eigenschaft ist, die ein Mensch erwerben kann, indem er sich dem Gebet und rechtschaffenen Taten widmet und sich dadurch als würdig erweist. Es ist auch keine Belohnung für gute Dienste. Das Prophetentum ist ein Amt, und Allah beruft einen Menschen in dieses Amt, um ein besonderes Bedürfnis zu erfüllen. Wenn ein solches Bedürfnis entsteht, ernennt Allah einen Propheten, der es erfüllt. Allah sendet nicht in rascher Folge Propheten, wenn kein Bedürfnis besteht oder wenn das Bedürfnis bereits erfüllt ist.
Wenn wir im Quran nach den Bedingungen suchen, unter denen Allah Propheten entsandt hat, erkennen wir, dass es nur vier solche Bedingungen gibt. Erstens musste ein Prophet zu einem bestimmten Volk gesandt werden, zu dem zuvor kein Prophet gesandt worden war und das die Botschaft eines Propheten eines anderen Volkes nicht erreichen konnte. Zweitens musste ein Prophet eingesetzt werden, weil die Botschaft eines früheren Propheten von den Menschen vergessen oder seine Lehre verfälscht worden war, sodass es unmöglich geworden war, der von jenem Propheten überbrachten Botschaft zu folgen. Drittens hatten die Menschen durch einen früheren Propheten noch nicht die vollständige göttliche Weisung erhalten; deshalb wurden nachfolgende Propheten gesandt, um die Religion Allahs zu vollenden. Viertens bestand das Bedürfnis nach einem zweiten Propheten, der gemeinsam mit dem ersten die Verantwortung des Amtes trug.
Es ist offensichtlich, dass nach dem Erscheinen des Propheten Muhammad keines dieser Bedürfnisse mehr besteht. Der Heilige Quran sagt, dass Prophet Muhammad als Überbringer der Weisung für die gesamte Menschheit gesandt wurde. Die Kulturgeschichte der Welt bezeugt, dass seit dem Erscheinen des Heiligen Propheten bis zur Gegenwart stets Bedingungen bestanden haben, die die Übermittlung seiner Botschaft an alle Völker zu allen Zeiten ermöglichten. Daher benötigen die verschiedenen Völker nach der Zeit des Heiligen Propheten keine verschiedenen Propheten mehr.
Der Heilige Quran, die Hadith-Aufzeichnungen und die biografischen Berichte über das Leben Muhammads bezeugen, dass die göttliche Botschaft, die der Heilige Prophet in diese Welt brachte, in ihrer ursprünglichen und reinen Form erhalten geblieben ist. Die Botschaft des Propheten wurde weder verfälscht noch entstellt. Dem Heiligen Buch, das der Prophet von Allah dem Allmächtigen in die Welt brachte, wurde kein einziges Wort hinzugefügt und kein einziges Wort entnommen; bis zum Tag der Auferstehung kann niemand etwas hinzufügen oder daraus entfernen. Die Botschaft, die der Heilige Prophet durch Wort und Tat übermittelte, ist uns in einer so umfassenden, reinen und ursprünglichen Form überliefert worden, dass wir uns fühlen, als lebten wir in der Umgebung und Zeit des Heiligen Propheten. Damit ist auch die zweite Bedingung erfüllt, unter der Propheten in die Welt gesandt werden.
Drittens bestätigt der Heilige Quran eindeutig, dass Allah durch den Propheten Muhammad Seine göttliche Sendung endgültig vollendet hat. Daher besteht kein Raum für einen neuen Propheten, der diese göttliche Sendung vollenden müsste. Was die vierte Bedingung betrifft: Wenn tatsächlich ein Partner benötigt worden wäre, wäre er bereits zur Zeit des Propheten Muhammad eingesetzt worden, um die Last seiner Sendung zu teilen. Da kein Mitprophet eingesetzt wurde, ist auch diese Bedingung erfüllt.
Wir sollten daher nach einer fünften Bedingung suchen, unter der nach Muhammad ein neuer Prophet erforderlich sein könnte. Wenn jemand behauptet, die Menschen seien in Verderbnis geraten und deshalb brauche man einen neuen Propheten, um die verdorbenen Menschen zu reformieren, werden wir ihn fragen: Wann ist jemals ein Prophet nur gekommen, um Reformen einzuführen, sodass wir jetzt einen solchen Propheten benötigen sollten? Ein Prophet wird eingesetzt, damit er Empfänger göttlicher Offenbarung ist; göttliche Offenbarungen werden ausdrücklich dazu gegeben, eine neue Botschaft zu übermitteln oder die Fehler zu berichtigen, die sich in eine frühere Religion eingeschlichen haben. Da der Heilige Quran und die Sunna des Heiligen Propheten in ihrer ursprünglichen und umfassenden Form bewahrt wurden und die göttliche Sendung durch Muhammad vollendet worden ist, ist jedes mögliche Bedürfnis nach der Übermittlung göttlicher Offenbarung erfüllt. Es besteht nur noch Bedarf an Reformern, die die Übel der Menschheit beseitigen, nicht aber an Propheten.
Ein neues Prophetentum ist für die Umma eher ein Fluch als ein Segen
Der dritte zu erwägende Punkt ist, dass jedes Mal, wenn ein Prophet zu einem Volk gesandt wird, unter diesem Volk unvermeidlich die Frage nach Glauben und Unglauben entsteht. Die Gläubigen bilden eine Umma, während die Ungläubigen automatisch eine andere Gemeinschaft bilden. Der Unterschied, der diese beiden Gemeinschaften trennt, ist weder nebensächlich noch oberflächlich, sondern ein grundlegender Unterschied zwischen dem Glauben und dem Unglauben an einen Propheten. Diese beiden Gemeinschaften können niemals miteinander verschmelzen, solange nicht die Menschen einer Seite ihren Glauben aufgeben.
Darüber hinaus beziehen diese beiden Ummas ihre Führung und ihr Gesetz aus zwei verschiedenen Quellen. Die eine Gruppe folgt dem Gesetz, das aus der göttlichen Botschaft und der Sunna des Propheten hervorgeht, an den sie glaubt; die andere Gemeinschaft lehnt grundsätzlich die Vorstellung ab, dass dieser Prophet der Gesetzgeber sei. Deshalb ist es unmöglich, dass diese beiden Gruppen sich zu einer einheitlichen und zusammenhängenden Gesellschaft verbinden.
Wer diese Tatsachen berücksichtigt, wird klar erkennen, dass die Endgültigkeit des Prophetentums für die Menschen des Islam ein großer Segen Allahs ist. Ihr ist es zu verdanken, dass die Umma eine dauerhafte universelle Bruderschaft bilden konnte. Der Glaube an die Endgültigkeit des Prophetentums hat die muslimische Gesellschaft vor jeder grundlegenden Spaltung geschützt, die zu einer dauerhaften Zerreißung ihrer Reihen führen könnte. Jeder Mensch, der Muhammad als den von Allah eingesetzten Führer und Wegweiser annimmt und keine Unterweisung aus einer anderen Quelle als der göttlichen Botschaft des Heiligen Propheten sucht, ist Mitglied der islamischen Bruderschaft und kann ihr jederzeit beitreten.
Wäre das Amt des Prophetentums nach Muhammad nicht ein für alle Mal versiegelt worden, hätten die Muslime niemals eine zusammenhängende Gesellschaft bilden können; denn jeder neue Prophet hätte die Einheit der Umma zerschlagen. Ein vernünftiger Mensch wird nach kurzer Überlegung zu dem Schluss kommen, dass das Amt des Prophetentums nach ihm versiegelt werden musste, weil ein Prophet zur gesamten Menschheit gesandt worden war, die göttliche Botschaft durch ihn vollständig übermittelt und seine Lehre vollständig bewahrt wurde. Nur so kann sich die ganze Welt diesem Propheten anschließen und eine einzige Bruderschaft der Gläubigen bilden. Nur auf diese Weise kann die universelle Bruderschaft des Islam vor unnötigen Spaltungen geschützt werden, die beim Erscheinen jedes weiteren Propheten immer wieder ausbrechen könnten.
Ein Prophet kann ein Schatten- oder Burusi-Prophet sein oder „ein Prophet, der Gesetzgeber und Träger eines göttlichen Buches“ ist. Das Erscheinen irgendeines dieser von Allah eingesetzten Propheten hätte unweigerlich zur sozialen Folge, dass seine Anhänger eine eigene Umma bildeten und seine Gegner als Ungläubige und damit als außerhalb des Islam stehend verurteilt würden. Diese Spaltung der Menschheit ist unvermeidlich, wenn ein Prophet tatsächlich benötigt wird. In Abwesenheit eines solchen Bedürfnisses ist es jedoch völlig undenkbar, dass Allah in Seiner Weisheit und Wohltätigkeit ohne Not Streit unter Seinen Geschöpfen in der Frage von Glauben und Unglauben entstehen ließe und dadurch auf ewig verhinderte, dass Seine Geschöpfe eine einzige Umma bilden. Was also der Quran bestätigt und was die Sunna und der Konsens der Umma eindeutig als wahr bezeugen, wird auch durch die Vernunft bestätigt. Die Vernunft verlangt, dass das Amt des Prophetentums für alle kommenden Zeiten versiegelt bleibt.
Die Wirklichkeit des Masih, das heißt: „Die Inkarnation Jesu Christi“
Die Propagandisten des neuen Prophetentums erzählen den muslimischen Laien gewöhnlich, die Überlieferungen hätten das Kommen eines „inkarnierten Christus“ vorausgesagt. Sie argumentieren, Christus sei ein Prophet gewesen; daher widerspreche sein Wiedererscheinen nicht dem Begriff der Endgültigkeit des Prophetentums. Die Endgültigkeit des Prophetentums sei zwar gültig, dennoch sei auch die Vorstellung vom Kommen eines „inkarnierten Christus“ vertretbar. Danach erklären sie, der „inkarnierte Christus“ sei nicht Christus, der Sohn Marias (Friede und Segen Allahs seien auf ihm). Christus (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sei tot. Die in der Überlieferung vorausgesagte Person sei ein „Mensch wie Christus“, eine „Inkarnation Jesu“. Und er sei dieser oder jener Mensch, der bereits erschienen sei. Ihm zu folgen stehe nicht im Widerspruch zum Glauben an die Endgültigkeit des Prophetentums.
Um den Irrtum dieser Behauptung aufzudecken, geben wir hier authentische Überlieferungen zu diesem Thema mit vollständigen Verweisen auf maßgebliche Hadith-Werke wieder. Nachdem der Leser diese Sammlung von Ahadith gelesen hat, kann er selbst beurteilen, wie die Aussagen des Heiligen Propheten heute in einer Form präsentiert werden, die mit ihrer ursprünglichen Gestalt und ihrem ursprünglichen Inhalt nichts zu tun hat.
Überlieferungen über die Herabkunft Christi, des Sohnes Marias
Hadhrat Abu Huraira berichtet, dass der Prophet Allahs (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte: „Ich schwöre bei Dem, in Dessen Hand meine Seele liegt: Der Sohn Marias wird unter euch als gerechter Herrscher herabsteigen. Er wird das Kreuz zerbrechen, das Schwein töten und dem Krieg ein Ende setzen.“ [Die Bedeutung des „Zerbrechens des Kreuzes“ und des „Tötens des Schweins“ ist, dass das Christentum als Religion außer Kraft gesetzt werden wird. Das gesamte Gebäude der christlichen Religion beruht auf dem Glauben, dass Allah Seinen einzigen Sohn, nämlich Hadhrat Isa (Friede und Segen Allahs seien auf ihm), am Kreuz habe kreuzigen lassen und ihn diesen verfluchten Tod habe erleiden lassen, damit er dadurch für die Sünden der Menschen Sühne leiste. Unter den Anhängern der Propheten Allahs sind die Christen einzigartig darin, dass sie die gesamte Scharia Allahs verworfen und nur diesen Glauben bewahrt haben. Das Schwein ist von allen Propheten für verboten erklärt worden, doch die Christen gingen so weit, es für erlaubt zu erklären. Wenn Jesus (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) bei seinem Erscheinen verkünden wird: „Ich bin nicht der Sohn Gottes; ich bin nicht am Kreuz gestorben und habe für niemandes Sünden gesühnt“, wird die gesamte Grundlage des christlichen Glaubens zerstört werden. Ebenso wird das zweite unterscheidende Merkmal des Christentums verschwinden, wenn Jesus (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagen wird: „Ich habe das Schwein für meine Anhänger niemals erlaubt und sie auch nicht von den Beschränkungen des göttlichen Gesetzes befreit.“] (Buchari, Kitab Ahadith al-Anbiya, Kapitel: Nuzul Isa.)
Ibn Maryam; Muslim, Bab: Bayan Nuzul ‘Isa; Tirmidhi, Abwab al-Fitan; Bab fi
Nuzul ‘Isa; Musnad Ahmad, Marwiyat Abu Huraira)
In einer anderen Überlieferung wurde das Wort Dschizya durch Harb, „Krieg“, ersetzt; das heißt, er wird die Dschizya von den Ungläubigen abschaffen. [Mit anderen Worten bedeutet dieser Ausdruck, dass die Unterschiede zwischen den Anhängern verschiedener Religionen verschwinden und die gesamte Menschheit sich der Bruderschaft des Islam anschließen wird. Folglich wird es keinen Krieg und keinen Anlass mehr geben, irgendjemandem eine religiöse Abgabe aufzuerlegen. Diese Auslegung wird durch die später angeführten Überlieferungen Nr. 5 und 15 gestützt.] Eine weitere von Hazrat Abu Huraira überlieferte Überlieferung besagt: „Der Jüngste Tag wird nicht eintreten, bevor Jesus, der Sohn Marias, herabsteigt“, und auf diese Worte folgt der in der obigen Überlieferung wiedergegebene Text. (Bukhari, Kitab-ul-Muzalim:
Bab: Kasr-ul-Salib; Ibn Majah, Kitab-ul-Fitan al-Dajjal.)
Hazrat Abu Huraira berichtet, dass Allahs Gesandter (Friede sei mit ihm) sagte: „Wie wird es euch ergehen, wenn der Sohn Marias zu euch herabsteigt und einer aus eurer Mitte das Amt des Imam (Vorstehers beim Gebet) ausübt?“ [Damit ist gemeint, dass Jesus (Friede sei mit ihm) nicht als Vorsteher des Gebets fungieren wird. Er wird hinter dem bereits bestehenden Imam der Muslime beten.]
(Bukhari, Kitab Ahadith Anbiya, Bab: Nuzul Isa; Muslim, Nuzul Isa; Musnad
Ahmad, Marwiyat Abu Huraira)
Hazrat Abu Huraira berichtet, dass Allahs Gesandter (Friede sei mit ihm) sagte: „Christus, der Sohn Marias, wird dann die Schweine töten und das Kreuz beseitigen. Für ihn wird ein Gebet in Gemeinschaft verrichtet werden. Er wird eine derart gewaltige Menge an Gütern verteilen, dass niemand mehr etwas benötigen wird. Er wird die Steuern abschaffen. Er wird in Rauha (einem Ort in 35 Meilen Entfernung von Medina) lagern und von dort aufbrechen, um den Haddsch oder die Umra oder beides zu vollziehen.“ (Der Überlieferer ist sich nicht sicher, welche dieser beiden Handlungen vom Heiligen Propheten (Friede sei mit ihm) erwähnt wurde.) (Musnad Ahmad, Silsila
Überlieferungen von Abu Huraira; Muslim, Kitab-ul-Hajj; Kapitel: Die Zulässigkeit des Tamattuʿ bei der Pilgerfahrt und-
al-Qirʾan) Hadhrat Abu Huraira berichtet, dass der Prophet (Friede sei mit ihm) nach der Erwähnung der Verbannung des Dajjal sagte: „Die Muslime werden sich zum Kampf gegen den Dajjal rüsten und sich in Reihen aufstellen, um das Gebet zu verrichten, und der Takbir für das Gebet wird gesprochen worden sein, als inzwischen Christus (Friede sei mit ihm), der Sohn Maryams, herabsteigen und die Muslime im Gebet führen wird. Der Feind Allahs, der Dajjal, wird beim Anblick Christi anfangen zu schmelzen wie Salz im Wasser. Wenn Christus (Friede sei mit ihm) den Dajjal in Ruhe ließe, würde dieser ohnehin schmelzen und sterben; doch Allah wird veranlassen, dass der Dajjal durch die Hand Christi getötet wird, und Christus wird den Muslimen seinen mit dem Blut des Dajjal befleckten Speer zeigen.“ (Mischkat, Kitab-ul-Fitan, Kapitel: al-Malahim, nach Muslim zitiert) Hadhrat Abu Huraira berichtet, dass der Gesandte Allahs (Friede sei mit ihm) bestätigte: „Zwischen mir und Jesus (Friede sei mit ihm) wird kein Prophet kommen. Und Jesus wird herabsteigen. Erkennt ihn, wenn ihr ihn seht; er ist ein Mann von mittlerer Größe und von rötlich-hellem Teint. Er wird zwei gelbe Gewänder tragen. Das Haar auf seinem Kopf wird aussehen, als rinne Wasser daraus hervor, obwohl sein Haar nicht nass sein wird. Er wird für die Sache des Islam kämpfen. Er wird das Kreuz in Stücke brechen. Er wird die Schweine töten. Er wird die Dschizya von den Ungläubigen abschaffen. Zu seiner Zeit wird Allah allen anderen Glaubensrichtungen außer der Religion des Islam ein Ende setzen. Und Christus wird den Dajjal töten. Er wird vierzig Jahre lang auf dieser Erde leben und am Ende dieser Zeit sterben. Die Muslime werden das Totengebet für Christus verrichten
(Friede sei mit ihm). (Abu Dawud, Kitab-ul-Malahim, Kapitel: Khuruj-ul-Dajjal; Musnad Ahmad,
Überlieferungen von Abu Huraira)
Hadhrat Jabir bin Abdullah berichtet, dass er den Propheten (Friede sei mit ihm) sagen hörte: „Dann wird Christus, der Sohn Maryams, herabsteigen. Der Anführer der Muslime wird zu ihm sagen: ‚Komm, führe uns im Gebet.‘ Doch er wird erwidern: ‚Nein, ihr sollt eure eigenen Anführer im Gebet haben.‘“ [Die Bedeutung dieser Bemerkung Christi (Friede sei mit ihm) ist: „Jemand aus eurer Mitte soll euer Anführer sein.“] Er wird dies aus Achtung vor der Würde sagen, die Allah den Menschen des Islam verliehen hat.“ (Muslim, Bayan Nuzul Isa ibn Maryam; Musnad
Ahmad, Basilsila Marwiyat Jabir bin Abdullah)
Im Zusammenhang mit dem Vorfall des Ibn Sayyad berichtet Jabir bin Abdullah, dass Umar bin Khattab (möge Allah mit ihm zufrieden sein) vortrug: „O Gesandter Allahs, erlaube mir, ihn zu töten.“ Der Prophet Allahs erwiderte: „Wenn dieser Mann tatsächlich jener ist (womit der Dajjal gemeint ist), dann wird er von Christus, dem Sohn Maryams, getötet werden. Du sollst ihn nicht töten. Wenn dieser Mann aber nicht jener ist (der Dajjal), dann hast du kein Recht, einen Menschen aus der Gruppe derjenigen zu töten, denen wir Schutz zugesichert haben (Dhimmi).“ (Mischkat, Kitab-ul-Fitan, Kapitel: Qissa Ibn Sayyad, zitiert nach Shara al-Sunnah al-Baghawi). Jabir b. Abdullah berichtet, dass der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) bei der Schilderung des Vorfalls des Dajjal sagte: „Zu jener Zeit wird Christus, der Sohn Maryams, plötzlich unter den Muslimen herabsteigen. Eine Gemeinde wird sich zum Gebet versammeln, und man wird ihn auffordern: ‚O Geist Allahs, tritt vor und führe uns im Gebet.‘ Doch er wird sagen: ‚Nein, euer eigener Imam soll vortreten und die Führung übernehmen.‘ Wenn die Muslime dann das Morgengebet verrichtet haben, werden sie aufbrechen, um gegen den Dajjal zu kämpfen. Wenn jener Lügner Christus (Friede sei mit ihm) erblickt, wird er anfangen zu schmelzen wie Salz im Wasser. Christus (Friede sei mit ihm) wird auf ihn zugehen und ihn töten. Und es wird geschehen, dass jeder Stein ausrufen wird: ‚O Geist Allahs, dieser Jude versteckt sich hinter mir.‘ Kein einziger Anhänger des Dajjal wird dem Gemetzel entkommen.“ (Musnad Ahmad, Basissila
Riwayat Jabir b. Abdullah)
Hadrat an-Nawas b. Sam’an berichtet (während er die Geschichte des Dajjal erzählt): „Während der Dajjal mit derartigen Taten beschäftigt sein wird, wird Gott Christus, den Sohn Maryams, senden. Christus (Friede sei mit ihm) wird nahe dem weißen Turm im östlichen Teil von Damaskus herabsteigen; er wird zwei gelbe Gewänder tragen und seine Hände auf die Arme zweier Engel legen. Wenn er seinen Kopf senkt, wird es scheinen, als fielen Wassertropfen von seinem Kopf herab, und wenn er ihn hebt, wird es scheinen, als rieselten Perlen in Form von Tropfen herab. Jeder Ungläubige, der in die Reichweite des Hauchs seines Atems gelangt – und der Hauch seines Atems wird so weit reichen, wie sein Auge sehen kann –, wird dem Tod nicht entkommen. Danach wird der Sohn Maryams den Dajjal verfolgen, ihn am Tor von Lydda einholen [Bitte beachten Sie, dass Lod (das heutige Lydda) einige Meilen von Tel Aviv, der Hauptstadt des Staates Israel in Palästina, entfernt liegt. Die Juden haben an diesem Ort einen großen Luftwaffenstützpunkt errichtet.] und ihn töten.“ (Muslim, Dhikr Dajjal; Abu Dawud, Kitab ul-Malahim, Bab: Khuruj Dajjal; Tirmidhi, Abwab-ul-Fitan; Bab: Fi Fitna al-Dajjal; Ibn Majah, Kitab ul-Fitna, Bab: Fitna al-Dajjal)
Abdullah b. Amr b. al-As berichtet, dass der Gesandte Gottes (Friede sei mit ihm) sagte: „Der Dajjal wird in meinem Volk erscheinen und vierzig Jahre lang bestehen (hier ist der Überlieferer sich nicht sicher, ob der Prophet vierzig Tage, vierzig Monate oder vierzig Jahre genannt hat). Dann wird Gott Christus, den Sohn Maryams, zur Welt senden. Er wird im Aussehen ‘Urwa b. Masud (einem Gefährten des Propheten) gleichen. Christus wird den Dajjal verfolgen und ihn töten. Danach wird die Welt sieben Jahre lang so beschaffen sein, dass ein Streit zwischen zwei Menschen unbekannt sein wird.“ (Muslim, Dhikr-ul-Dajjal)
Hudhaifa b. Usaid al-Ghifari berichtet: „Einst besuchte uns der Heilige Prophet (Friede und Segen Gottes seien mit ihm), während wir zusammensaßen und miteinander sprachen. Der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) fragte: ‚Worüber sprecht ihr?‘ Die Leute sagten: ‚Wir sprachen über den Jüngsten Tag.‘ Der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: ‚Der Jüngste Tag wird nicht eintreten, bevor zehn Zeichen erscheinen.‘ Dann zählte er diese Zeichen auf: Rauch; Dajjal; Daabba; Aufgang der Sonne im Westen; die Herabkunft Christi, des Sohnes Maryams (Friede sei mit ihm); das Erscheinen von Yajuj und Majuj; die Entstehung von drei gewaltigen Erdsenkungen oder Einstürzen – eine im Osten, die zweite im Westen und die dritte auf den Arabischen Inseln – und schließlich ein gewaltiger Brand, der im Jemen ausbrechen und die Menschen in die Ebene des Jüngsten Gerichts treiben wird.“ (Muslim, Kitab ul-Fitan wa Ashrat-us Sa’ah; Abu Dawud, Kitab ul-Malahim, Bab: Amarat ul-Sa’ah)
Von Thauban, dem freigelassenen Sklaven des Heiligen Propheten, wird berichtet, dass der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „Gott wird zwei Gruppen aus den Menschen meiner Ummah vor dem Höllenfeuer bewahren. Die eine Gruppe wird aus jenen bestehen, die in Indien einfallen; die andere aus jenen, die sich Christus, dem Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), anschließen werden.“ (Nasa’i, Kitab ul-Jihad; Musnad Ahmad, Bisilsila Riwayat Thauban)
Mujamme b. Jaria Ansari berichtet: „Ich hörte den Heiligen Propheten (Friede sei mit ihm) sagen: Christus, der Sohn Maryams, wird den Dajjal am Tor von Lod (Lydda) töten.“ (Musnad Ahmad, Tirmidhi, Abwab-ul-Fitan)
Abu Umama al-Bahli berichtet (während er den Dajjal im Verlauf einer langen Überlieferung erwähnt): „Gerade wenn der Imam der Muslime vortritt, um das Morgengebet zu leiten, wird Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), zu ihnen herabsteigen. Der Imam wird zurücktreten, um Christus Platz zu machen und ihn das Gebet leiten zu lassen. Doch Christus wird dem Imam zwischen die Schultern klopfen und sagen: ‚Nein, du sollst der Vorbeter sein, denn diese Gemeinschaft hat sich versammelt, um dir im Gebet zu folgen.‘ Daher wird der Imam das Gebet leiten. Wenn das Gebet beendet ist, wird Christus (Friede sei mit ihm) befehlen: ‚Öffnet das Tor.‘ Das Tor wird geöffnet werden. Der Dajjal wird sich draußen mit einem Heer von siebzigtausend jüdischen Soldaten befinden. Sobald der Dajjal Christus (Friede sei mit ihm) erblickt, wird er zu ihm sagen: ‚Ich werde dich mit solcher Kraft schlagen, dass du den Schlag nicht überleben wirst.‘ Christus (Friede sei mit ihm) wird ihn verfolgen und am östlichen Tor von Lod (Lydda) einholen. Gott wird bewirken, dass die Juden besiegt werden. Die Erde wird mit Muslimen gefüllt sein, wie ein Gefäß bis zum Rand mit Wasser gefüllt ist; die ganze Welt wird dasselbe Kalima sprechen, und niemand außer Gott, dem Allmächtigen, wird angebetet werden.“ (Ibn Majah, Kitab-ul-Fitan; Bab: Fitan Dajjal)
‘Uthman b. Abi al-‘As berichtet, dass er den Propheten Gottes (Friede sei mit ihm) sagen hörte: „Und Christus, der Sohn Maryams, wird zur Zeit des Morgengebets herabsteigen. Der Anführer der Muslime wird zu ihm sagen: ‚O Geist Gottes, sei unser Vorbeter!‘ Er wird antworten: ‚Die Menschen dieser Ummah sind einander Anführer.‘ Darauf wird der Anführer der Muslime vortreten und das Gebet leiten. Wenn das Gebet beendet ist, wird Christus (Friede sei mit ihm) seine Waffe nehmen und gegen den Dajjal vorrücken. Als der Dajjal Christus erblickt, wird er zu schmelzen beginnen wie Blei. Christus (Friede sei mit ihm) wird ihn mit seiner Waffe töten. Die Gefährten des Dajjal werden besiegt werden. Sie werden fliehen, aber nirgends einen Ort zum Verstecken finden. Sogar die Bäume werden rufen: ‚O Frommer, dieser Ungläubige versteckt sich hinter mir‘, und die Steine werden sagen: ‚O Frommer, dieser Ungläubige hat hinter mir Schutz gesucht.‘“ (Musnad Ahmad, Tabarani, Hakim)
Samura b. Jundub schreibt dem Heiligen Propheten (Friede sei mit ihm) in einer langen Überlieferung folgende Worte zu: „Dann wird Christus, der Sohn Maryams, am Morgen zu den Muslimen herabsteigen. Und Allah wird den Dajjal und seine Heere eine vernichtende Niederlage erleiden lassen. Sogar die Mauern und Wurzeln der Bäume werden rufen: ‚O Frommer, dieser Ungläubige versteckt sich hinter mir. Komm und schlage ihn tot.‘“ (Musnad Ahmad, Hakim)
Eine von ‘Imarn b. Husain überlieferte Tradition berichtet, dass der Prophet Gottes (Friede sei mit ihm) sagte: „Unter meinen Anhängern wird es stets eine Gruppe von Menschen geben, die fest an das Rechte glaubt und ihre Gegner überwältigt, bis Gott einen Beschluss erlässt und Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), auf die Erde herabsteigt.“ (Musnad Ahmad)
Im Zusammenhang mit der Begebenheit des Dajjal berichtet Hadrat ‘Aisha (möge Allah mit ihr zufrieden sein): „Hadrat ‘Isa (Friede sei mit ihm) wird herabsteigen und den Dajjal töten. Danach wird Hadrat ‘Isa (Friede sei mit ihm) vierzig Jahre lang als gerechter Führer und wohlwollender Herrscher über die Erde regieren.“ (Musnad Ahmad)
Safina, der freigelassene Sklave des Gesandten Gottes (Friede sei mit ihm), berichtet im Zusammenhang mit der Begebenheit des Dajjal: „Hadrat ‘Isa (Friede sei mit ihm) wird herabsteigen, und Gott wird dem Leben des Dajjal nahe dem Abhang von Afiq ein Ende setzen.“ [Afiq, in der heutigen Zeit als Fiq bekannt, ist eine Stadt in Syrien an der Grenze zwischen Syrien und Israel. Einige Meilen westlich der Stadt liegt ein See namens Tibriya. Dieser See ist die Quelle des Jordan. Südwestlich dieses Sees gibt es zwischen den Bergen einen Weg, der zweitausend Fuß tief zu der Stelle im See Tibriya hinabführt, an der der Fluss entspringt. Dieser Bergweg wird der Abhang von Afiq genannt.] (Musnad Ahmad)
Hadrat Hudaifa b. Yama berichtet im Zusammenhang mit dem Dajjal: „Wenn die Muslime sich zum Gebet in Reihen aufstellen, wird Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), vor ihren Augen vom Himmel herabsteigen. Er wird das Gebet leiten. Wenn das Gebet beendet ist, wird er zu den Menschen sagen: ‚Macht den Weg frei zwischen mir und diesem Feind Gottes.‘ Gott wird den Muslimen den Sieg über die Heere des Dajjal geben. Die Muslime werden dem Feind eine schwere Strafe zufügen. Sogar die Bäume und Steine werden rufen: ‚O Abdullah, o Abdul Rahman, o Muslim, komm! Hinter mir ist ein Jude; töte ihn.‘ Auf diese Weise wird Gott bewirken, dass die Juden vernichtet werden, und die Muslime werden siegen. Sie werden das Kreuz zerbrechen, die Schweine schlachten und die Jizya abschaffen (die von Nichtmuslimen erhoben wird).“ (Mustadrak Hakim – Eine kurze Fassung dieser Überlieferung wurde in Muslim aufgezeichnet. Hafiz Ibn Hajar erklärt in Fath-ul-Bari, Bd. VI, S. 450, diese Überlieferung für authentisch.)
Die obigen einundzwanzig Überlieferungen sind auf die Autorität von vierzehn Gefährten des Heiligen Propheten zurückgeführt und mit korrekten Quellenangaben in den maßgeblichsten Hadith-Werken aufgezeichnet worden. Darüber hinaus gibt es zahlreiche weitere Überlieferungen zu demselben Thema, die wir jedoch der Kürze halber hier nicht wiedergegeben haben. Als Beispiele haben wir nur jene Überlieferungen ausgewählt, deren Überlieferungskette als zuverlässig und authentisch gilt.
Das Urteil dieser Überlieferungen
Wer die obigen Überlieferungen liest, wird zu dem Schluss kommen, dass sie weder die Ankunft eines verheißenen Masih noch eines ähnlichen Masih oder einer Projektion des Masih erwähnen. Die oben angeführten Texte lassen keinem Menschen, der aus menschlichem Samen im Schoß einer Frau geboren wurde, Raum zu erklären: „Ich bin jener Masih, dessen Ankunft vom Heiligen Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) vorhergesagt wurde.“ Alle diese Überlieferungen verkünden klar und eindeutig die Herabkunft jenes heiligen Christus, der vor zweitausend Jahren ohne das Zutun eines Vaters von Maryam geboren wurde.
Es ist an diesem Punkt gewiss nicht hilfreich, die Frage zu erörtern, ob der heilige Christus tot ist oder irgendwo auf der Welt lebendig existiert. Angenommen, er sei tot: Gott besitzt die Macht, ihn lebendig auferstehen zu lassen [Wer diese Möglichkeit leugnet, sollte den Vers 259 der Sure al-Baqarah lesen, in dem Gott mit klaren Worten bestätigt, dass Er eines Seiner Geschöpfe hundert Jahre lang tot liegen ließ und ihn am Ende dieser Zeit lebendig auferweckte]; und auch andernfalls liegt es nicht außerhalb der göttlichen Macht Gottes, einen Menschen Tausende von Jahren irgendwo im Kosmos am Leben zu erhalten und ihn nach Seinem Willen in die Welt zurückzubringen. Jedenfalls wird ein Gläubiger an die Wahrhaftigkeit und Heiligkeit der Überlieferungen keinen Zweifel daran haben, dass die Überlieferungen die Ankunft Christi, des Sohnes Maryams, und niemandes sonst ankündigen. Wer hingegen keinen Glauben an die Überlieferungen hat, würde auch nicht an die Herabkunft irgendeines anderen glauben, denn die Überlieferungen sind die einzige Grundlage der Lehre von der Herabkunft.
Angesichts all dessen ist es eine merkwürdig törichte Logik, die aus den Überlieferungen abgeleitete Lehre von der Herabkunft anzunehmen, den eindeutigen Hinweis auf Christus, den Sohn Maryams, herauszureißen und an die Stelle des Sohnes Maryams einen modernen „Christus inkarniert“ zu setzen.
Ein weiterer Punkt, den die Überlieferungen ebenso deutlich machen, ist, dass Christus, der Sohn Maryams, nicht in der Eigenschaft eines neu eingesetzten Gesandten Gottes herabsteigen wird. Er wird keine göttlichen Offenbarungen empfangen. Er wird weder Träger einer neuen Botschaft noch Überbringer eines neuen Auftrags Gottes sein. Er wird die Scharia Muhammads (Friede sei mit ihm) weder ändern, erweitern noch verkürzen. Christus, der Sohn Maryams, wird auch nicht in die Welt gebracht werden, um die Erneuerung des Glaubens zu vollenden. Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), wird die Menschen nicht dazu aufrufen, an seine eigene Prophetenschaft zu glauben, und er wird keine eigene Gemeinschaft von Anhängern gründen [Die Ulema des Islam haben diese Frage ausführlich erklärt. ‘Allama Taftazani (722–792 n. H.) schreibt in Shara ‘Aqaid-i-Nasafi: „Es steht fest, dass Muhammad (Friede sei mit ihm) der letzte Prophet ist … Wenn gesagt wird, dass die Herabkunft Christi (Friede sei mit ihm) dem Hadith zufolge nach dem Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) stattfinden wird, so sagen wir: Ja, diese Tatsache ist in den Überlieferungen erwähnt worden. Doch Christus (Friede sei mit ihm) wird als Anhänger Muhammads (Friede sei mit ihm) erscheinen. Die Scharia Christi ist aufgehoben. Daher wird er weder göttliche Offenbarungen empfangen noch ein Gesetz begründen. In all seinen Handlungen wird er ausschließlich Muhammad (Friede sei mit ihm) vertreten.“ Dieselbe Auffassung wurde von ‘Allama Alusi in Tafsir Ruh al-Ma’ani erneut bestätigt: Wenn Christus (Friede sei mit ihm) später erscheint, wird er seine Würde als früherer Prophet behalten. Gott wird ihn dieser Würde gewiss nicht berauben; doch wird er nicht seinem früheren Auftrag folgen, denn die Scharias aller Propheten, einschließlich der Scharia Christi, sind aufgehoben. Daher wird es für Christus (Friede sei mit ihm) eine göttliche Pflicht sein, dem Gesetz Muhammads dem Buchstaben und dem Geist nach zu folgen. Er wird keine göttliche Offenbarung empfangen und nicht mit der Aufgabe betraut werden, neue religiöse Gesetze zu geben. In allen seinen Taten wird Christus als Vertreter des Heiligen Propheten Muhammad handeln und als Stellvertreter sowie als einer unter den Herrschern der Anhänger Muhammads wirken. Imam Razi erläutert diesen Punkt ferner folgendermaßen: Die Zeit der Propheten reichte bis zum Erscheinen des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm). Als Muhammad (Friede sei mit ihm) zum Propheten berufen wurde, endete die Ära des Erscheinens neuer Propheten. Es ist durchaus verständlich, dass Christus (Friede sei mit ihm) nach seiner Herabkunft als Anhänger Muhammads (Friede sei mit ihm) handeln wird.] Er wird mit einer bestimmten Aufgabe betraut werden, nämlich das Unheil des Dajjal auszurotten.
Zu diesem Zweck wird Jesus (Friede sei mit ihm) auf eine Weise herabsteigen, dass jene Muslime, unter denen er erscheint, keinen Zweifel an seiner Identität als Jesus, dem Sohn Maryams, haben werden, dessen Ankunft zu einem äußerst passenden Zeitpunkt vom Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) vorhergesagt wurde. Jesus (Friede sei mit ihm) wird sich der Gemeinschaft der Muslime anschließen und hinter dem amtierenden Imam der Muslime beten. [Obwohl zwei Überlieferungen (Nr. 5 und 21) reichlich belegen, dass Jesus (Friede sei mit ihm) nach seiner Herabkunft beim ersten Gebet als Vorbeter handeln wird, sprechen die Mehrzahl der vergleichsweise zuverlässigeren Überlieferungen (siehe Nr. 3, 7, 9, 15, 16) davon, dass Jesus (Friede sei mit ihm) es ablehnen wird, das Gebet zu leiten. Er wird den amtierenden Imam der Muslime auffordern, vorzutreten und das Gebet zu leiten. Alle Gelehrten der Überlieferungen und Kommentatoren stimmen in diesem letzten Punkt überein.]
Er wird dem amtierenden Imam der Muslime erlauben, ihm voranzugehen, damit zweifelsfrei klar wird, dass er nicht herabgestiegen ist, um seine Stellung als Prophet zu behaupten oder das Amt des Propheten auszuüben. Es besteht kein Zweifel, dass in Anwesenheit eines Propheten innerhalb einer Gemeinschaft kein anderer das Amt eines Imams oder Anführers übernehmen kann. Wenn Jesus (Friede sei mit ihm) daher ein einzelnes Mitglied der Bruderschaft des Islam wird, wird diese Tatsache der Welt selbst verkünden, dass er nicht herabgestiegen ist, um das Amt eines Propheten zu übernehmen.
Auf dieser Grundlage ist die Frage einer Öffnung des Siegels der Prophetenschaft bei der zweiten Ankunft Christi völlig gegenstandslos. Man könnte sagen – ohne die beiden Situationen tatsächlich miteinander zu vergleichen –, dass die Ankunft Jesu der Ernennung eines früheren Staatsoberhaupts zur Ausübung eines Staatsdienstes unter der Regierung des gegenwärtigen Staatsoberhaupts gleichen wird. Für einen Menschen mit gewöhnlichem gesunden Menschenverstand ist nicht schwer zu verstehen, dass die Ernennung eines früheren Staatsoberhaupts zu einer staatlichen Aufgabe unter der Regierung des gegenwärtigen Oberhaupts keinen Verstoß gegen die Verfassung des Staates darstellt.
Zwei Fälle würden jedoch das Staatsrecht verletzen. Im ersten Fall würde ein früheres Staatsoberhaupt versuchen, dieses Amt erneut zu übernehmen. Im zweiten Fall würde jemand die Existenz der früheren Regierung eines verstorbenen Staatsoberhaupts leugnen, denn dies käme einer Anfechtung der Gültigkeit der von der früheren Regierung ausgeführten Aufgaben gleich. Solange keine dieser beiden Möglichkeiten eintritt, verändert die bloße Ernennung eines früheren Staatsoberhaupts zu einer staatlichen Aufgabe die verfassungsrechtliche Stellung nicht.
Dasselbe gilt für die zweite Ankunft Christi, des Sohnes Maryams. Das Siegel der Prophetenschaft wird durch seine zweite Ankunft nicht verletzt. Wenn er jedoch das Amt der Prophetenschaft erneut übernimmt und die Aufgaben eines Propheten ausübt oder umgekehrt ein Mensch die Heiligkeit Christi (Friede sei mit ihm) als früherem Propheten leugnet, stellen beide Fälle eine Verletzung des Gesetzes Gottes hinsichtlich der Erschaffung von Propheten dar. Die Überlieferungen haben die Existenz beider Möglichkeiten eindeutig ausgeschlossen. Einerseits bestätigen die Überlieferungen, dass nach Muhammad kein Prophet kommen wird. Zugleich kündigen sie die zweite Ankunft Christi, des Sohnes Maryams, an. Dies genügt, um klarzumachen, dass Christus während seiner zweiten Ankunft in der Welt nicht die Aufgaben eines Propheten ausüben wird.
Ebenso wird seine Ankunft unter den Anhängern des Islam keine neue Frage des Glaubens oder des Abfalls vom Glauben hervorrufen. Jeder, der die Heiligkeit Christi als früherem Propheten leugnet, ist ein Abtrünniger. Der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) selbst bestätigte die Heiligkeit Christi als früherem Propheten. Die Anhänger Muhammads haben daher von Anfang an stets an die Heiligkeit Christi als früherem Propheten geglaubt. Dieser Glaube wird auch zur Zeit der zweiten Ankunft Christi gelten. Die Muslime werden dann nicht an das Wirken eines neuen Propheten glauben. Sie werden ihren Glauben an die Heiligkeit Christi als früherem Propheten bewahren. Diese Stellung widerspricht weder heute dem Glauben an die Finalität der Prophetenschaft, noch wird sie diesem Glauben zur Zeit der zweiten Ankunft Christi in der Welt abträglich sein.
Der letzte Punkt, der durch diese und zahlreiche andere Überlieferungen klargestellt wird, betrifft die Tatsache, dass der Dajjal – zu dessen Unterdrückung schwerer Verfehlungen Gott Christus, den Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), senden wird – aus dem Volk der Juden hervorgehen und sich als „Masih“ ausgeben wird. Niemand kann die Wirklichkeit dieser Tatsache verstehen, ohne die Geschichte der Juden und ihre religiösen Überzeugungen zu studieren.
Nach dem Tod Hadrat Sulaimans (Friede sei mit ihm) [d. h. Salomos] erlitt der Stamm Israels einen fortwährenden Niedergang, bis es dazu kam, dass sie Sklaven der babylonischen und assyrischen Reiche wurden und ihre kaiserlichen Herren sie über die ganze Erde zerstreuten. In jenem Abschnitt ihrer Geschichte begannen die Propheten der Juden die frohe Botschaft von der Ankunft eines Masih von Gott zu verkünden, der sie aus der Schande erlösen werde. Auf der Grundlage solcher Prophezeiungen erwarteten die Juden seit Langem die Ankunft eines Masih, der ein König sein würde. Dieser König würde kämpfen und Gebiete erobern. Er würde Juden aus aller Welt sammeln und sie in Palästina zusammenführen. Er würde ein mächtiges jüdisches Reich errichten.
Entgegen all ihren sehnsüchtigen Erwartungen lehnten die Juden, als der von Gott gesandte Masih, Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), ohne Heer kam, um Länder zu erobern, seine Prophetenschaft ab und beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen. Seitdem erwarten die Juden überall auf der Welt das Erscheinen eines Masih Mau’ud, eines „Verheißenen Messias“, dessen Ankunft ihnen von ihren früheren Propheten verkündet worden war. Ihre Literatur ist voller Wunschträume von diesem Millennium. Seit Jahrhunderten kosten die Juden das imaginäre Vergnügen aus, das ihnen die Beschreibung dieses Millenniums im Talmud und in den Werken der Rabbiner bereitet.
Das jüdische Volk hat die Hoffnung gehegt, dieser „Verheißene Messias“ werde ein großer militärischer und politischer Führer sein. Er werde ihnen das Land zwischen den Flüssen Nil und Euphrat zurückgeben, das die Juden seit jeher als ihr Erbe begehrt haben. Er werde Juden aus allen Teilen der Welt sammeln und sie in diesem Land erneut zusammenführen.
Wenn wir heute die Angelegenheiten des Nahen Ostens im Licht der Prophezeiungen des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) betrachten, erkennen wir sofort, dass die Bühne für das Auftreten des Dajjal bereitet ist, der, wie der Heilige Prophet vorhergesagt hat, als „Verheißener Messias“ der Juden auftreten wird. Das muslimische Volk ist aus einem großen Teil Palästinas vertrieben worden, und in diesem Teil wurde ein jüdischer Staat namens „Israel“ errichtet. Juden aus aller Welt strömen an diesen Ort. Amerika, Großbritannien und Frankreich haben dazu beigetragen, diesen jüdischen Staat zu einer gewaltigen Militärmacht zu machen. Die jüdischen Wissenschaftler und Techniker entwickeln dieses Land mit massiver Unterstützung jüdischen Kapitals rasch weiter. Das militärische und technische Potenzial Israels stellt eine ernste Bedrohung für die benachbarten muslimischen Länder dar.
Die Führer Israels haben ihre Absicht, „das Land ihres Erbes“ zurückzugewinnen, niemals verborgen. Die Karte des künftigen jüdischen Staates, die sie seit Langem veröffentlichen, ist auf der folgenden Seite wiedergegeben. [Karte ausgelassen] Sie zeigt, dass sie den gesamten Raum Syriens, des Libanon und Jordaniens sowie fast das gesamte Gebiet des Irak in den jüdischen Staat einbeziehen wollen; außerdem wollen sie Askandron von der Türkei, den Sinai und das Delta-Gebiet von Ägypten sowie die Gebiete des oberen Hedschas und des Nadschd von Saudi-Arabien nehmen. Dies schließt natürlich auch die Heilige Stadt Madina ein.
In diesem Zusammenhang ist völlig klar, dass die Juden unter Ausnutzung der durch einen Weltkrieg geschaffenen kritischen Zustände gewiss versuchen werden, diese Gebiete an sich zu reißen. Und zu diesem Zeitpunkt wird der Dajjal auftreten, den die Juden als ihren „Verheißenen Messias“ betrachten werden.
Der Heilige Prophet (Friede sei mit ihm) sagte nicht nur das Erscheinen dieses Dajjal voraus, sondern warnte die Muslime auch, dass sie gewaltige Leiden erdulden würden und ein Tag wie ein Jahr voller Leid und Unglück erscheinen werde. Aus diesem Grund pflegte der Prophet Gottes (Friede sei mit ihm) um Schutz vor dem großen Übel des „Dajjal Masih“ zu beten und seine Anhänger anzuweisen, Allah anzuflehen, sie vor der Härte dieser bösen Zeiten zu bewahren.
Es ist gewiss, dass Allah keinen „Christus inkarniert“ senden wird, um gegen diesen „Dajjal Masih“ zu kämpfen. Er wird den wirklichen Christus einsetzen, den Christus, der von Maryam geboren wurde und den die Juden vor zweitausend Jahren nicht als Propheten anerkennen wollten. Er wird denselben Christus senden, von dem die Juden glaubten, sie hätten ihn beseitigt, indem sie ihn töteten.
Der Ort, an dem der wirkliche Christus herabsteigen wird, liegt nicht in Indien, Afrika oder Amerika. Er wird in Damaskus erscheinen, weil dieser Ort zu jener Zeit das eigentliche Schlachtfeld sein wird. Sehen Sie sich Karte Nr. 1 an [die Karte muss ausgelassen werden], und Sie werden feststellen, dass Damaskus kaum fünfzig bis sechzig Meilen von den Grenzen Israels entfernt liegt. Wenn Sie sich an den Wortlaut der oben angeführten Überlieferungen erinnern, wird es nicht allzu schwer sein zu verstehen, dass der Dajjal mit siebzigtausend jüdischen Soldaten in Syrien eindringen und vor Damaskus Stellung beziehen wird.
In diesem Augenblick der Krise wird Christus, der Sohn Maryams (Friede sei mit ihm), nahe einem weißen Minarett im östlichen Teil von Damaskus herabsteigen. Nach dem Morgengebet wird Christus (Friede sei mit ihm) gemeinsam mit den Muslimen gegen den Dajjal vorrücken. Der Feind wird sich vor dem mächtigen Angriff Christi, des Sohnes Maryams, zurückziehen, und der Dajjal wird über den Abhang von Afiq in Richtung Israel fliehen (Hinweis auf Überlieferung Nr. 21). Christus (Friede sei mit ihm) wird den Dajjal verfolgen und ihn auf dem Flugplatz von Lydda vernichten (Überlieferungen Nr. 10, 14 und 15). Ein großes Abschlachten der Juden wird folgen, und jeder Einzelne von ihnen wird vernichtet werden. Das Volk der Juden wird ausgerottet werden (Überlieferungen Nr. 9, 15 und 21). Durch die Verkündung der Wahrheit durch Christus wird die christliche Religion erlöschen (Überlieferungen Nr. 1, 2, 4 und 6). Und die Anhänger aller Religionen werden, nachdem sie ihre früheren Bindungen aufgegeben haben, miteinander verschmelzen und die eine und einzige Bruderschaft des Islam bilden. Die Überlieferungen enthüllen diese Tatsache zweifelsfrei.
Angesichts dessen ist das in unserem Land unter dem Namen Masih Mau’ud, „der Verheißene Messias“, errichtete Propagandanetzwerk unbestreitbar ein falsches und betrügerisches Unternehmen. Einer der lächerlichsten Aspekte dieser niederträchtigen Bewegung besteht darin, dass der Mann, der sich selbst für den Gegenstand der Prophezeiungen Muhammads (Friede sei mit ihm) hält, folgende interessante Erklärung seiner Identität als „Christus, der Sohn Maryams“ gegeben hat: „Er (Gott, der Allmächtige) nannte mich im dritten Teil der Barahin-i-Ahmadia Maryam. Später wurde ich, wie aus Barahin-i-Ahmadia ersichtlich ist, zwei Jahre lang in der Gestalt Maryams aufgezogen. Dann wurde mein Körper mit dem Geist Christi erfüllt, ebenso wie der Körper Maryams mit dem Geist Christi erfüllt worden war, und im übertragenen Sinne wurde ich mit dem Geist Christi schwanger. Schließlich wurde ich nach einer viele Monate dauernden Zeitspanne (von nicht mehr als zehn Monaten) durch eine göttliche Offenbarung von Maryam in Christus verwandelt; diese Offenbarung ist am Ende des vierten Teils der Barahin-i-Ahmadia aufgezeichnet. So wurde ich zum Sohn Maryams.“ (Kashti-e-Noah, S. 87–89)
Mit anderen Worten: Zuerst wurde er Maryam, dann wurde er schwanger, und schließlich ging er aus seinem eigenen Bauch als Christus, der Sohn Maryams, hervor.
Es blieb jedoch noch ein Hindernis. Den Überlieferungen zufolge würde Christus, der Sohn Maryams, in Damaskus erscheinen, einem seit mehreren Jahrtausenden bedeutenden und berühmten Ort in Syrien, der noch immer unter diesem Namen auf der Weltkarte existiert. Diese Schwierigkeit wurde durch eine weitere fantasievolle Erklärung beseitigt: „Es sei bekannt, dass der Allmächtige mir hinsichtlich der Auslegung des Wortes ‚Damaskus‘ in einer Offenbarung erklärt hat, dass an diesem Ort der Name Damaskus einem Dorf gegeben wurde, dessen Bewohner die Eigenschaften Yazids besitzen und den Gewohnheiten und Ansichten des unreinen Yazid folgen. Diese Stadt Qadian ist, weil die meisten ihrer Bewohner die Züge Yazids in ihrem Charakter besitzen, Damaskus ähnlich und weist gewisse Ähnlichkeit mit ihm auf.“ (Randbemerkung zu Izala-i-Auham, S. 63–73)
Doch damit war es nicht getan. Ein weiteres Problem verlangte eine Lösung: Die Überlieferungen hatten vorhergesagt, dass Christus nahe einer weißen Säule herabsteigen würde. Dieses Problem wurde schließlich gelöst, als der neue „Christus“ für sich eine weiße Säule errichten ließ. Die Überlieferungen erwähnten, dass die weiße Säule bereits vor der Herabkunft Christi dort stehen würde; in Qadian jedoch wurde die Säule erst nach dem Erscheinen des „Masih Mau’ud“ errichtet. Aber übersehen wir diese Abweichung. Jeder, der die obigen Auslegungen dieses „Masih Mau’ud“ mit offenen Augen liest, wird zu dem Schluss kommen, dass ein klarer Betrug offen von einem Hochstapler begangen worden ist.
Mitarbeiter!
Nach vier Tagen der Versammlung stehen wir kurz vor der Auflösung. Wir haben die Aufgabe vollendet, die wir in dieser Versammlung erfüllen wollten. In unserer Sondersitzung haben wir bis zu einem gewissen Grad auch unsere bisherige Arbeit überprüft. Bevor wir nun auseinandergehen, möchte ich noch einige Worte mit Ihnen allen – Mitgliedern und Mitarbeitern – sprechen und die notwendigen Anweisungen geben, damit Iqamat al-Din (die Errichtung der islamischen Lebensweise) in Zukunft richtig fortgeführt werden kann.
Ta’alluq Billah
(Verbundenheit mit Allah) Die erste und wichtigste Anweisung, die alle Propheten, die rechtgeleiteten Kalifen und die Frommen der Umma (muslimischen Gemeinschaft) ihren Gefährten stets gegeben hatten, bestand darin, Gottesfurcht zu verinnerlichen, Seine Liebe im Herzen zu verankern und die Verbundenheit mit Allah zu fördern. Daher habe auch ich, ihrem Beispiel folgend, dies als ersten Rat an die Mitarbeiter gewählt und werde dies auch künftig tun, wann immer sich mir eine Gelegenheit bietet, denn es verdient eine bevorzugte und vorrangige Behandlung. Der Glaube an Allah ist unter allen Glaubensartikeln der wichtigste. Daher sollte die Verbundenheit des Herzens mit Allah im Gebet Vorrang haben. Die Gottesfurcht sollte in der Moral Vorrang haben, und das Streben nach Allahs Wohlgefallen sollte in allen persönlichen Angelegenheiten Vorrang haben. Kurz gesagt: Die richtige Ausrichtung unseres gesamten Lebens muss auf dem Wunsch beruhen, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, und dies sollte Vorrang vor allen anderen Motiven, Anstrengungen und Bemühungen haben. Besonders unsere schwierige Aufgabe, für die wir als islamische Jama’ah (organisierte Gemeinschaft) und als Bewegung eintreten, kann nur durch die antreibende Kraft unserer Verbundenheit mit Allah gedeihen. Sie wird im Verhältnis zu unserer Verbundenheit mit Allah stark oder schwach sein. Es ist eine anerkannte Tatsache, dass hinter jeder Aufgabe, für die ein Mensch eintritt, sei sie weltlicher oder jenseitiger Art, als wichtigste Kraft der Zweck steht, für den er sich erhoben hat; und Eifer kann nur entstehen, wenn er tiefes Interesse und Begeisterung für die Verwirklichung dieses Ziels empfindet. Ein Eigennütziger kann ohne Selbstsucht keinen Erfolg haben. Die Stärke der Liebe zu sich selbst führt ihn mit derselben Kraft und demselben Eifer zum Dienst an seinem eigenen Ich. Ein Mensch, der für seine Kinder arbeitet und ihnen aus Liebe ergeben ist, opfert seine eigenen Freuden und Bequemlichkeiten für ihr Wohlergehen und setzt manchmal nicht nur seine weltlichen Gewinne, sondern sogar die Vorteile des Jenseits aufs Spiel, damit sie größtmöglichen Erfolg haben. Ein Mensch, der für seine Nation oder sein Land arbeitet, ist ein Gefangener seiner Liebe zu ihr, und aufgrund dieser Liebe erträgt er finanzielle Verluste ebenso wie die Härten von Haft und Gefängnis. Er arbeitet Tag und Nacht hart und opfert manchmal sogar sein Leben für die Freiheit, die Verteidigung und die Vorherrschaft seiner Nation oder seines Staates. Wenn wir nun darum ringen, die islamische Lebensweise zu errichten, nicht um unserer eigenen selbstsüchtigen Ziele willen, weder aus familiären Interessen noch aus nationalen oder staatlichen Interessen, sondern nur mit dem aufrichtigen Wunsch, allein unserem Schöpfer, Allah dem Allmächtigen, zu gefallen, und wenn wir uns dieser Arbeit nur deshalb gewidmet haben, weil wir überzeugt sind, dass es Seine Arbeit ist, dann könnt ihr gewiss erkennen, dass diese Arbeit nicht vorangebracht werden kann, solange unsere Verbundenheit mit Allah nicht wirklich, stark und tief ist. Der Eifer für diese Arbeit entwickelt sich erst, wenn all unsere Neigungen auf die Bemühungen zur Verbreitung des Wortes Allahs konzentriert sind. Für alle, die sich dieser Arbeit angeschlossen haben, reicht es nicht aus, dass sie auch mit „Allah“ verbunden sind; vielmehr muss ihre Verbindung mit „Allah allein“ bestehen. Mit anderen Worten: Es darf nicht irgendeine Verbindung sein, sondern die einzig wahre und wirkliche Verbindung. Wir sollten stets wachsam und bewusst darauf achten, dass unsere Verbundenheit mit Allah nicht abnimmt, sondern mit der Zeit immer weiter zunimmt und immer tiefer wird. Die Verbundenheit mit Allah ist der wichtigste leitende Geist unserer Mission. Allah sei Dank ist kein Mitglied unserer Jama’ah dieser Tatsache gegenüber achtlos oder ihrer Bedeutung unwissend. Dennoch ist vielen oft nicht klar, was der Begriff Ta’alluq Billah genau bedeutet, wie man ihn verinnerlicht und fördert und wie man feststellen kann, ob man wirklich eine Verbindung mit Allah besitzt oder nicht und, falls ja, in welchem Maße. Ich hatte oft das Gefühl, dass ein Mangel an Wissen und Verständnis in dieser Hinsicht die Menschen in der Wildnis zurücklässt, ohne zu wissen, wo sie stehen, wohin sie gehen sollen und wie viel Weg sie noch zurückzulegen haben. Folglich verlieren sich einige Mitarbeiter in vagen Idealen, während andere sich Wegen und Methoden zuwenden, die sie niemals zu ihrem Ziel führen. Manche haben Schwierigkeiten, zwischen eng verwandten und weit voneinander entfernten Dingen zu unterscheiden, und jemand ist einfach verblüfft. Ich werde mich daher nicht nur auf Ratschläge über Ta’alluq Billah beschränken, sondern auch versuchen, nach bestem Wissen klare Antworten auf die genannten Fragen zu geben.
Die Bedeutung von Ta’alluq Billah
Seine Bedeutung gemäß dem Qur’an ist, dass ein Mensch für Allah leben und sterben soll und dass auch seine Anbetung und seine Opfer nur Ihm gelten sollen. Wahrlich, mein Gebet und mein Opfer, mein Leben und mein Tod gehören allesamt Allah, dem Erhalter der Welten. (An’am: 162) Er soll Allah mit voller Hingabe anbeten und sein Leben ausschließlich einer uneingeschränkten Unterwerfung unter Allah widmen. Der Qur’an sagt: Ihnen wurde nichts anderes befohlen, als Allah in aufrichtiger Hingabe anzubeten und Ihm im Glauben treu zu sein. (Bayyinah: 5) Der Prophet Muhammad (Allahs Frieden sei auf ihm) hat diese Beziehung bei verschiedenen Gelegenheiten mit solcher Klarheit erläutert, dass hinsichtlich ihrer Bedeutung und ihres Zweckes keine Unklarheit mehr besteht. Aus seinen Aussagen geht eindeutig hervor, dass das Wesen dieser Beziehung nichts anderes ist als: Allah in allen Angelegenheiten – offen wie verborgen – zu fürchten. (Bayhaqi) Und sich eher auf die Macht Allahs als auf die eigenen Mittel zu verlassen. (Bayhaqi) Er soll bereit sein, den Zorn der Menschen auf sich zu nehmen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, und niemals umgekehrt. Und wenn diese Verbundenheit mit Allah ein solches Ausmaß erreicht, dass alle Liebe, Feindschaft, jedes Geben und jedes Vorenthalten eines Menschen allein um Allahs willen geschieht und kein anderes Motiv dahintersteht, bedeutet dies, dass er die Vollkommenheit seiner Verbundenheit mit Allah erreicht hat. Der Prophet (Allahs Frieden sei auf ihm) sagte: Wer um Allahs willen liebt, um Allahs willen hasst, um Allahs willen gibt und um Allahs willen vorenthält, der hat seinen Glauben vervollkommnet. (Bukhari) Betrachtet nun die Bedeutungen des Qunut, den ihr jede Nacht rezitiert. Jedes seiner Worte weist auf die Verbindung hin, die ihr zu Allah haben sollt. Denkt gründlich über seine Worte nach und seht selbst, welches Versprechen ihr Allah hinsichtlich der Art von Verbindung gebt, die ihr zu Ihm haben sollt. O Allah, wir suchen Deine Hilfe und flehen Dich um Vergebung an. Wir glauben voll und ganz an Dich und verlassen uns ausschließlich auf Dich; daher preisen wir Dich mit den besten Worten, wir sind Dir dankbar und nicht undankbar. Daher sagen wir uns von all denen los und weisen all jene zurück, die Deine Gebote übertreten. O Allah, wir beten nur Dich an, verrichten die Gebete um Deinetwillen, beugen uns vor Dir, und all unsere Bestrebungen und Bemühungen sollen uns zu Dir führen. Wir hoffen auf Deine Barmherzigkeit und fürchten Deine Strafe. Zweifellos wird Deine Strafe die Leugner treffen. Diese Verbundenheit mit Allah zeigt sich auch deutlich im besonderen Du’a (Bittgebet) des Propheten (Allahs Frieden sei auf ihm), das er zur Zeit des Tahajjud zu rezitieren pflegte. Er pflegte zu sagen: O Allah, ich habe mich vor Dir niedergeworfen, meinen Glauben an Dich bekundet, mein Vertrauen auf Dich gesetzt, stets bei Dir Zuflucht gesucht, für Dich gekämpft und Dir meinen Fall vorgetragen.
Wie kann man die Verbundenheit mit Allah vermehren? Das oben Gesagte ist die richtige Auslegung dieser Abhandlung, die man immer wieder studieren soll, um sie in seiner Verbundenheit zu bewahren, die ein wahrhaft Gläubiger zu Allah haben sollte. Betrachten wir nun die Methode, sie zu erwerben und zu vermehren. Die einzige Methode, sie zu erwerben, besteht darin, an Allah zu glauben und Ihn als den Einen ohne Teilhaber, als den Versorger, die Gottheit und den Herrn seiner selbst ebenso wie des gesamten Universums anzuerkennen, alle Eigenschaften, Rechte und Vorrechte der Göttlichkeit allein Allah vorzubehalten und so sein Herz von allen möglichen Auswirkungen des Polytheismus (Schirk) zu reinigen. Wenn dies erreicht ist, wird die Verbindung mit Allah ordnungsgemäß hergestellt. Die Stärkung dieser Beziehung zu Allah besteht nun darin, dass du Sein Statthalter und Verwalter bist. Dabei gibt es zwei Faktoren: Der eine betrifft das Denken und Verstehen, der andere die praktische Umsetzung. Zunächst musst du deine Beziehung zu Allah vollständig erfassen und verstehen – sowohl ihrer Natur nach als auch hinsichtlich dessen, was dir im praktischen Leben logisch obliegt – und dabei die Hilfe des Qur’an und des Hadith (der Aussagen des Propheten, Allahs Frieden sei auf ihm) in Anspruch nehmen. Die richtige Wahrnehmung, das richtige Verständnis und die richtige Würdigung dieser Beziehung sind nur durch ein tiefgehendes und intensives Studium des Qur’an und des Hadith sowie durch die wiederholte Beschäftigung mit diesem Studium möglich, damit es in deinem Gedächtnis erhalten bleibt. Sobald dir irgendwelche Aspekte deiner Beziehung zu Allah bewusst werden, denke über sie nach und prüfe dich selbst, inwieweit du den Anforderungen dieser Beziehung gerecht wirst und wo und in welchem Ausmaß du versagst. Deine Verbundenheit mit Allah wird im Verhältnis zu deiner Selbsteinschätzung und deinem Verständnis deiner erforderlichen Rolle zunehmen. So besteht beispielsweise deine erste und wichtigste Beziehung zu Allah darin, dass du der Anbetende und Er der Angebetete bist. Deine zweite Beziehung besteht darin, dass du für unzählige anvertraute Güter (Amanat) verantwortlich bist. Deine dritte Beziehung zu Allah besteht darin, dass du durch dein Bekenntnis zu deinem Glauben und deiner Überzeugung an Ihn einen Kaufvertrag geschlossen hast; durch diesen Vertrag hast du Ihm dein Leben und dein Eigentum veräußert, und Er hat es dir im Austausch gegen das Paradies abgekauft. Deine vierte Beziehung zu Allah besteht darin, dass du Ihm gegenüber verantwortlich bist. Du bist Ihm nicht nur für deine offenen und sichtbaren Taten und Handlungen rechenschaftspflichtig, sondern auch über deine Absichten und Wünsche wird Buch geführt. Kurz gesagt bestehen zwischen dir und Allah diese und viele andere Beziehungen. Daher hängt die Stärkung oder Schwächung deiner Beziehung zu Allah vom richtigen Verständnis, der Verwirklichung und der Erfüllung der Anforderungen dieser Beziehungen ab. Deine Beziehung zu Allah wird immer schwächer werden, wenn du dich nicht um die Anforderungen dieser Beziehung kümmerst; sie wird jedoch tiefer und stärker werden, wenn du dir ihrer Anforderungen bewusst bist und ihnen Aufmerksamkeit schenkst. Diese gedankliche Methode kann jedoch weder fruchtbar sein noch lange aufrechterhalten werden, wenn sie nicht durch praktische Mittel gestärkt und gefestigt wird. Diese praktische Methode besteht im uneingeschränkten Gehorsam gegenüber Allahs Gebot und in äußersten Anstrengungen, die Aufgaben zu erfüllen, die Allah gefallen. Wahrer Gehorsam gegenüber Allahs Geboten bedeutet vollständige Befolgung – offen wie verborgen –, nicht widerwillig, sondern mit voller Bereitschaft und Eifer, ohne irgendein weltliches Ziel und ausschließlich, um Allah zu gefallen. Gleichzeitig soll man sich offen wie verborgen von allen durch Allah verbotenen Tätigkeiten fernhalten, mit voller Abscheu und tiefster Verachtung und ohne Furcht vor irgendeinem weltlichen Verlust, außer der Furcht vor Allahs Zorn. Dieses Verhalten im Leben wird dich zur Stellung der Taqwa (Enthaltung vom Missfallen Allahs) erheben. Wenn du dich darüber hinaus dafür einsetzt, alles zu verbreiten, was Allah gefällt, und alles zu unterdrücken und zu beseitigen, was Ihm missfällt, zögerst du nicht, für diesen Zweck irgendetwas zu opfern, einschließlich deines Lebens, deines Geldes, deiner Zeit, deiner Anstrengungen und deines Verstandes. Außerdem prahlst du mit keinem dieser Opfer und betrachtest sie auch nicht als einen Gefallen gegenüber irgendjemandem. Stattdessen hältst du selbst dein größtes Opfer für unzureichend gegenüber dem gebührenden Recht deines Schöpfers. Das ist dann die Haltung, die dich zur Stellung des Ihsan (schönste Unterwerfung unter den Willen Allahs) erhebt.
Mittel zur Vermehrung der Verbundenheit mit Allah
In Wirklichkeit ist es nicht so leicht, eine solche Haltung zu entwickeln. Es ist eine schwierige Aufgabe, die viel Energie erfordert. Diese Energie kann mithilfe der folgenden vier Dinge erzeugt werden.
1. Salah (Gebet): Du solltest nicht nur die Pflichtgebete (Fard) verrichten, sondern auch die Sunnah-Gebete (zusätzliche Gebete), die der Prophet (s) regelmäßig verrichtete, sowie möglichst viele Nafl-Gebete (freiwillige Gebete). Achte jedoch darauf, die Nafl-Gebete zu Hause und im Verborgenen zu verrichten, damit deine persönliche Verbundenheit mit Allah zunimmt und sich in dir Aufrichtigkeit in der Absicht entwickelt. Das Zurschaustellen von Nafl- oder Tahajjud-Gebeten führt zu Heuchelei und Selbstüberschätzung und schadet dem aufrichtigen Glauben. Dasselbe gilt für andere Nafl-Taten, deren Wert durch Zurschaustellung und öffentliche Bekanntmachung gemindert wird.
2. Dhikr-Allah (Gedenken Allahs): Das Gedenken Allahs ist ein fortdauernder Vorgang während des ganzen Lebens und unter allen Umständen. Die beste und angemessenste Art, Allah zu gedenken, ist diejenige, die der Prophet (s) selbst praktizierte und seine Gefährten lehrte, nicht die Techniken, die die Sufis in späterer Zeit erfanden oder von anderen übernahmen. Versuche, möglichst viele Du’as, die der Prophet (s) lehrte, auswendig zu lernen, ihre Bedeutungen vollständig zu verstehen und sie von Zeit zu Zeit zu rezitieren, wobei du ihre Bedeutungen im Bewusstsein gegenwärtig hältst. Das ist sehr wirksam, um deine Aufmerksamkeit und Hingabe an Allah aufrechtzuerhalten.
3. Sawm (Fasten): Neben dem verpflichtenden Fasten im Monat Ramadan solltest du auch einige Nafl-Fasten einhalten. Die einfachste und praktikabelste Möglichkeit besteht darin, jeden Monat drei Tage zu fasten, mit der Entschlossenheit, während dieser drei Tage denselben Grad an Taqwa zu erlangen, der nach dem Qur’an der eigentliche Zweck des Fastens ist.
4. Infaq-fi-Sabilillah (Ausgaben auf Allahs Weg): Diese Ausgaben, sowohl Fard als auch Nafl, sollten im Rahmen der eigenen Möglichkeiten fortwährend geleistet werden. Eines muss jedoch immer bedacht werden: Nicht die Menge dessen, was du ausgibst, ist der eigentliche Wert, sondern der Geist des Opfers um Allahs willen. Ein Penny eines armen Mannes, der seine Ausgaben für Nahrung kürzt, ist Allah wertvoller als die Tausende, die ein Millionär ausgibt und die nur ein Zehntel oder ein Zwanzigstel seiner Ausgaben für Luxus ausmachen. Du solltest auch die Bedeutung der Sadaqah (Ausgaben auf Allahs Weg) erkennen, die von Allah und Seinem Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) als das beste Mittel zur Läuterung des Menschen beschrieben wird. Du kannst die Wirkungen der Sadaqah selbst erfahren. Angenommen, du begehst unbeabsichtigt etwas Falsches. Wenn du es erkennst, bereust du es (Tawbah) und bittest Ihn um Vergebung. Dann geschieht dasselbe wieder. Dieses Mal fügst du deiner Reue eine Sadaqah hinzu. Du wirst selbst den Unterschied spüren, den dies bewirkt. Du wirst feststellen, dass die von Sadaqah begleitete Reue dich reiner und stärker macht, um den schlechten Neigungen zu widerstehen. Dies ist die reine und einfache Methode, Allah näherzukommen, die uns der Qur’an und die Sunnah lehren. Wenn du dieser Methode folgst, kannst du deine Verbundenheit mit Allah verstärken, ohne die typischen sufischen Techniken und Methoden anzunehmen, und dabei zu Hause mit deiner Familie ein normales Leben führen und deine weltlichen Tätigkeiten wie gewohnt fortsetzen.
Das Maß der Ta’alluq Billah:
Nun stellt sich die Frage, wie weit und in welchem Grad die Beziehung zu Allah reicht und wie wir eine Zunahme oder Abnahme dieser Verbundenheit erkennen können. Ich sage dir: Du brauchst nicht auf irgendeine Offenbarung in Träumen, göttliche Eingebung, übernatürliche Kraft oder himmlisches Licht in dunklen, abgeschiedenen Zellen zu warten. Das Maß ist von Allah bereits in das Herz eines jeden Menschen gelegt worden. Du kannst es im Wachzustand und bei hellem Tageslicht beurteilen. Rufe dir deine lebenslangen Tätigkeiten, Bemühungen und Wünsche ins Gedächtnis. Prüfe dich selbst: Inwieweit hältst du die Verpflichtung ein, die du eingegangen bist, als du deinen Glauben und deine Überzeugung an Allah erklärt hast? Bist du Allah gegenüber treu bei der Erfüllung von anvertrauten Pflichten und Verantwortlichkeiten, oder missbrauchst du das anvertraute Gut? Welcher Anteil deiner Zeit, deiner Anstrengungen, deiner Fähigkeiten und deines Besitzes ist der Sache Allahs gewidmet, und welcher ist für andere Tätigkeiten reserviert? Vergleiche den Grad deiner Verärgerung, deines Kummers und deines Unbehagens, wenn deine eigenen persönlichen Interessen und Leidenschaften verletzt werden, mit deinen Gefühlen und deiner Reaktion, wenn Allahs Autorität und Gebote missachtet werden. So kannst du deine Verbundenheit mit Allah auf vielerlei Weise prüfen und täglich feststellen, ob sie zunimmt oder abnimmt.
Kümmere dich nicht um die sufischen Fachbegriffe Basharat (frohe Botschaft), Karamat (Vortrefflichkeit), Kashf (Eingebung) und Tajalliat (göttliche Lichter). Tatsächlich gibt es in dieser Welt der Täuschungen und Trugbilder kein größeres Bewusstsein (Kashf) als das Bewusstsein von Allahs Einzigkeit. Keine Vortrefflichkeit (Karamat) ist höher, als angesichts der von Satan und seinen Anhängern geschaffenen Befürchtungen und angebotenen Versuchungen standhaft zu bleiben. Es gibt keine bessere Wahrnehmung der Lichter Allahs, als die Wahrheit in der tastenden Dunkelheit von Unglauben (Kufr), Frevel (Fisq) und Verirrung (Dalalat) ringsum zu erkennen. Die größtmögliche Basharat, die ein Gläubiger erhalten kann, besteht in seinem festen Glauben an Allah und seiner Standhaftigkeit auf Seinem Weg. Wahrlich, denen, die sagten: „Allah ist unser Versorger“, und dann an dieser Erklärung festhielten, sendet Allah Seine Engel, die zu ihnen sagen: „Fürchtet euch nicht und seid nicht traurig, sondern freut euch über die frohe Nachricht, dass euch das Paradies verliehen wird, wie es euch versprochen wurde.“ (Ha-Mim: 30)
Vorrang der Akhirah (des Jenseits)
Mein zweiter Rat an dich nach Ta’alluq Billah lautet, dem Jenseits gegenüber dieser Welt in jeder einzelnen Angelegenheit den Vorrang zu geben. In jeder Sache dieses Lebens sollte dein Ziel darin bestehen, Erfolg und Segen im Leben des Jenseits zu erlangen. Der Qur’an sagt uns, dass unser ewiger Aufenthaltsort das Jenseits ist; wir befinden uns nur vorübergehend in dieser Welt, um geprüft zu werden, wer von uns sich dadurch als würdig erweist, das ewige Leben im Paradies zu gewinnen, dass er innerhalb der von Allah gesetzten Grenzen richtig handelt – selbstverständlich innerhalb der Grenzen unserer Mittel, unserer Befugnisse, der uns zugemessenen Zeit und der von Ihm gewährten Möglichkeiten. Wir werden hier nicht wegen unserer Leistungen in Industrie, Handel, Landwirtschaft oder Staatsführung geprüft, nicht wegen der prächtigen Gebäude und Straßen, die wir errichten, und auch nicht wegen des Ausmaßes unseres Erfolgs bei der Schaffung einer großen Kultur. Die eigentliche Prüfung betrifft vielmehr das Ausmaß unserer Fähigkeit, unsere Pflichten als Allahs Statthalter hinsichtlich der uns anvertrauten Dinge zu erfüllen, und ob wir unser Leben als Gesetzlose und Rebellen oder als gehorsame und gesetzestreue Menschen führen. Ob wir auf Allahs Erde Seinem Willen folgen oder dem Willen unseres eigenen Ichs beziehungsweise anderer, die neben Allah Göttlichkeit beanspruchen. Ob wir versuchen, Allahs Welt nach Seinem Maßstab zu schmücken und zu verwalten, oder ob wir versuchen, sie zu verderben und zu zerstören. Und ob wir um Allahs willen gegen die satanischen Kräfte kämpfen oder feige unsere Waffen niederlegen und uns diesen Kräften ergeben.
Die erste Prüfung Adams und Evas (Allahs Frieden sei auf ihnen) im Paradies war genau dieselbe. Daher müssen alle Menschen, die aus der gesamten Menschheit für den ewigen Aufenthalt im Paradies auserwählt werden, diese Prüfung bestehen. Das eigentliche Kriterium zur Bestimmung von Erfolg oder Misserfolg besteht also nicht im Rang des Einzelnen zur Zeit der Prüfung – etwa darin, ob seine Würde als König geprüft wurde oder ob man seinen Kopf auf den Richtblock des Henkers legte. Ebenso wenig ist entscheidend, ob jenem Menschen ein gewaltiges Königreich gegeben wurde oder ob er die Prüfung in seiner bescheidenen Hütte bestehen musste. Diese vorübergehenden Phasen von Erfolg oder Misserfolg im vergänglichen Leben sind kein Beweis für Erfolg oder Misserfolg im Jenseits.
Der wahre Erfolg, den wir zu unserem Ziel machen sollten, besteht darin, dass wir uns unabhängig von der Stellung, die wir in dieser Welt innehaben, und unabhängig von der Gabe, mit der wir geprüft werden, als gehorsame Diener Allahs und als Menschen erweisen, die Seinen Willen befolgen, damit wir im Jenseits jene Stellung erlangen, die den gläubigen Dienern Allahs vorbehalten ist. Das ist die Wirklichkeit. Es genügt nicht, sie nur einmal zu verstehen oder anzunehmen – große Anstrengung ist nötig, um sie immer wieder aufzufrischen. Andernfalls besteht stets die Möglichkeit, dass wir, obwohl wir keine Ungläubigen sind, in die Fußstapfen jener treten, die um weltlicher Gewinne willen arbeiten und das Jenseits vergessen.
Dies geschieht, weil das Jenseits unsichtbar ist und erst nach dem Tod offenbar wird. In dieser Welt können wir seine guten oder schlechten Folgen nur durch den Verstand wahrnehmen. Im Gegensatz dazu ist diese Welt leicht wahrnehmbar; sie bietet uns immer wieder ihre süßen und bitteren Erfahrungen, und ihre Erfolge und Misserfolge sind stets vorhanden, um uns zu täuschen. Der Verlust des Jenseits verursacht vielleicht nur einen kleinen Stich in unserem Gewissen, sofern überhaupt noch eines vorhanden ist. Der Verlust dieser Welt dagegen wird körperlich empfunden. Unsere Familie, unsere Verwandten, Bekannten, Freunde und die Menschen im Allgemeinen empfinden ihn nicht nur selbst, sondern lassen auch uns ihn empfinden. Ebenso gewährt die Erlangung des Jenseits dem Gewissen nur ein wenig Trost und Befriedigung, sofern die Achtlosigkeit es nicht abgetötet hat. Der Wohlstand in dieser Welt dagegen bereitet unserem ganzen Dasein Vergnügen. Wir empfinden ihn mit all unseren Sinnen, und jeder um uns herum teilt dieses Gefühl.
Daher ist es wirklich sehr schwierig, den Glauben an das Jenseits in die Praxis umzusetzen und die gesamte Sichtweise und Lebensführung des Alltags auf diesen Glauben zu gründen, auch wenn es nicht so schwierig erscheinen mag, ihn als Glauben und Überzeugung anzunehmen. Es mag leicht sein zu sagen, dass die Welt eine Nichtigkeit ist; sich jedoch den weltlichen Reizen zu stellen, sie zurückzuweisen und den weltlichen Wünschen nicht nachzugeben, ist keineswegs leicht. Dies ist erst nach großer Anstrengung möglich und kann nur durch beharrliche Bemühungen bewahrt werden.
Mittel zur Entwicklung der Sorge um die Akhirah
Du magst mich fragen, wie man diese Eigenschaft erwirbt und was sie voraussetzt. Ich würde wiederum sagen, dass es zwei Methoden gibt: eine nachdenkliche und eine praktische. Die nachdenkliche Methode besteht darin, dich nicht damit zufriedenzugeben, lediglich zu erklären: „Ich glaube an das Jenseits“, sondern es dir zur Gewohnheit zu machen, den Qur’an zu studieren und seinen Geist und seine Bedeutung vollständig zu erfassen. Dieses Studium des Qur’an wird allmählich eine solche Überzeugung vom Jenseits in dir entwickeln, als hättest du es mit eigenen Augen gesehen. Es gibt wohl kaum eine Seite im Qur’an, auf der das Jenseits nicht auf die eine oder andere Weise erwähnt wird. An manchen Stellen findest du das Jenseits so ausführlich dargestellt, als werde ein Augenzeugenbericht wiedergegeben. An vielen Stellen des Qur’an wird das Leben im Jenseits so eindrucksvoll geschildert, dass der Leser sich selbst als anwesenden Beobachter empfindet. Erst wenn die Tarnung dieser Welt entfernt wird, kann man mit eigenen Augen sehen, was im Qur’an berichtet wird.
Daher kann das fortwährende Studium des Qur’an mit vollem Verständnis einen Menschen allmählich an einen Punkt führen, an dem die Sorge um das Jenseits sein Denken vollständig beherrscht und er jederzeit wirklich zu empfinden beginnt, dass er sich in diesem vorübergehenden weltlichen Leben auf seinen dauerhaften Aufenthalt im Leben nach dem Tod vorbereiten muss. Diese Haltung und Sichtweise wird durch das Studium des Hadith verstärkt, in dem Einzelheiten über das Leben nach dem Tod häufig wie Augenzeugenberichte beschrieben werden. Dies erinnert uns daran, wie sehr die Überzeugung und der feste Glaube an das Jenseits das Leben des Propheten (s) und seiner Gefährten beherrschten.
Diese Überzeugung vom Jenseits wird durch Besuche auf Friedhöfen weiter gestärkt. Sie sollten ausschließlich dazu dienen, sich an das eigene Ende zu erinnern, wie der Prophet (s) empfohlen hat. Während man in dieser Welt der Wünsche und Leidenschaften lebt, sollte man daran denken, dass der Tag kommen wird, an dem auch man diese Welt wie seine Vorgänger verlassen muss. Man sollte sich jedoch davor hüten, dass jene Gräber und Schreine irgendeinen Nutzen haben, die die Irrenden als Orte darstellen, an denen jeder Wunsch erfüllt und jedes Problem gelöst wird. Stattdessen solltest du die Friedhöfe gewöhnlicher Menschen oder die großen Mausoleen von Monarchen besuchen, denen der Prunk und die Zurschaustellung von Leibwächtern und Adjutanten fehlen, die in ihrer Gegenwart die Menschen zu Förmlichkeiten zwingen.
Nun wenden wir uns der praktischen Methode zu. Während du in dieser Welt lebst und an den Angelegenheiten deiner Gemeinschaft, deiner Freunde, Bekannten, deiner Stadt, deines Landes oder deinen eigenen Bemühungen teilnimmst, findest du dich häufig an einem Scheideweg. Hilfe von außen kann nur durch Beruf oder finanzielle Mittel erlangt werden. Der Glaube an das Leben im Jenseits ruft dich in eine Richtung, während materielle Gewinne und Interessen dich in die andere drängen. Bemühe dich nach Kräften, den zuerst genannten Weg einzuschlagen. Wenn du wegen irgendeiner Schwäche oder Unkenntnis den anderen Weg gewählt hast, kehre, sobald du den Fehler erkennst, auf deine Schritte zurück, ohne darauf zu achten, wie weit du bereits auf dem falschen Weg gegangen bist.
Prüfe dich selbst und versuche festzustellen, wie oft es den weltlichen Interessen und Reizen gelungen ist, dich in ihren Bann zu ziehen, wie oft du dagegen erfolgreich vermieden hast, vom rechten Weg abzuweichen, und in welchem Maß die Rücksicht auf das Leben im Jenseits dich beherrscht hat. Diese Selbsteinschätzung wird dir genau zeigen, wie sehr deine Sorge um das Jenseits zugenommen hat und in welchem Umfang du den Mangel noch ausgleichen musst. Jeden Mangel, den du feststellst, solltest du eifrig ausgleichen, indem du die Gesellschaft der Materialisten meidest und Freundschaft mit frommen Menschen entwickelst, die die Gewinne des Jenseits dieser Welt vorziehen. Denke jedoch daran: Es ist noch kein Weg bekannt, irgendeine Eigenschaft in dir zu entwickeln oder abzulegen, ohne deine eigenen Anstrengungen und Fähigkeiten einzusetzen.
Vermeide Takabbur (Hochmut)
Mein dritter Rat an dich lautet, dass du nicht stolz auf die Verbesserungen sein solltest, die du an deiner Person und an deiner gemeinsamen Moral erreicht hast. Du solltest weder als Einzelner noch als Jama’ah und Bewegung dem Irrtum verfallen, du hättest Vollkommenheit erlangt, dein Ziel erreicht, und in deinem praktischen Leben gebe es keinen Raum für weitere Verbesserung und kein weiteres Ziel mehr, das erreicht werden müsse.
Ich und die anderen verantwortlichen Personen der Jema’ah sehen uns häufig mit einem ärgerlichen Problem konfrontiert. Manche Menschen versuchen, die Stellung der Jama’ah und tatsächlich der Islamischen Bewegung, die der eigentliche Zweck der Jama’ah ist, herabzusetzen. Sie bezeichnen sie als politische Partei, die dasselbe Ziel verfolge wie andere politische Organisationen. Frömmigkeit und Reinheit sowie Spiritualität seien in ihr nirgends zu finden. Ihr fehle jede Verbundenheit mit Allah und jede Sorge um das Jenseits; ihre Führung stehe mit keiner Schule des Sufismus in Verbindung und sei in keinem sufischen Zentrum der Frömmigkeit und geistigen Vortrefflichkeit ausgebildet worden. Daher gebe es für ihre Mitglieder keine Möglichkeit, eine solche Ausbildung zu erhalten.
Der Zweck dieser Kampagne besteht darin, unter den Arbeitern der Jama’ah Unzufriedenheit zu verbreiten, damit sie zu den alten religiösen Zentren zurückkehren, die jeden teilweisen Dienst am Islam unter der umfassenden Schirmherrschaft des Kufr (Unglaubens) als große Leistung betrachten und sich nicht einmal vorstellen können, den Islam als vollständige und umfassende Lebensordnung zu errichten. Jeden solchen Versuch haben sie mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Beredsamkeit als religionsfeindliche Bewegung bezeichnet. Sie haben stets jeden Versuch bekämpft, den Islam als eine der Ungläubigkeit und dem Frevel (Fisq) entgegengesetzte beherrschende Kraft in der Gesellschaft zu etablieren, indem sie alle derartigen Versuche als rein weltlich und durch materielle Ambitionen und weltliche Gewinne motiviert darstellten.
Unter diesen Umständen sehen wir uns gezwungen, den wirklichen Unterschied zwischen dem von der sufischen Spiritualität vertretenen Begriff der Frömmigkeit und dem Begriff der islamischen Frömmigkeit und Reinheit zu erklären. Wir müssen darlegen, was echte Taqwa (Gottesfurcht) und Ihsan (Vortrefflichkeit in der Hingabe an Allah) im Islam bedeuten und worin sie sich von der Taqwa und dem Ihsan unterscheiden, die von den sogenannten Autoritäten für Frömmigkeit und Religiosität gelehrt werden. Gleichzeitig müssen wir ausführlich die von der Islamischen Bewegung angewandten Methoden und Techniken der Reform und Ausbildung sowie ihre Folgen erklären, damit jeder, der dem Islam aufrichtig zugewandt ist und eine richtige und unverfälschte Vorstellung von der islamischen Ordnung besitzt, leicht erkennen kann, dass jemand, der von der revolutionären Botschaft des Islam überzeugt und beeindruckt ist, automatisch eine große Veränderung seiner Sichtweisen und Vorstellungen durchläuft.
Diese Überzeugung entwickelt echte Frömmigkeit, Gottesfurcht und Vortrefflichkeit in der Hingabe an Seinen Willen. Eine solche Aufrichtigkeit und Überzeugung fehlt in den stereotypen sufischen Methoden zur Ausbildung von Frömmigkeit und Vortrefflichkeit völlig – nicht nur bei den Auszubildenden, sondern auch bei ihren Lehrern und Führern. Wir müssen all dies wegen der ungerechten und unfairen Haltung unserer Kritiker erklären. Wir wollen uns damit nicht verteidigen, halten diese Erklärung aber im Interesse der Islamischen Bewegung für notwendig. Wir suchen Allahs Schutz vor jeder Eitelkeit oder jedem Stolz auf uns selbst aufgrund der vorstehenden Darlegung oder vor dem Irrtum, wir hätten uns vervollkommnet. Allah bewahre uns! Eine solche falsche Vorstellung und trügerischer Stolz könnten uns all dessen berauben, was wir bisher erreicht haben.
Um dieses Unglück zu vermeiden, möchte ich, dass du die folgenden drei Punkte vollständig verstehst und niemals vergisst:
Mein erster Punkt ist, dass die Vollkommenheit keine Grenzen kennt und ihr höchster Grad außerhalb unseres Blickfelds liegt. Steige immer weiter empor und betrachte keinen Punkt als den höchsten. In Wirklichkeit bist du niemals vollkommen. Sobald jemand sich für vollkommen hält, hört sein Streben nach Besserem und folglich seine Entwicklung auf, und der Niedergang beginnt. Vergiss niemals, dass ein fortwährender Kampf nicht nur nötig ist, um eine Höhe zu erreichen, sondern auch, um dort zu bleiben. In dem Augenblick, in dem du aufhörst, nach oben zu streben, beginnt der Abwärtszug zu wirken. Die Weisen blicken nicht nach unten, um ihre Leistungen einzuschätzen, sondern nach oben, um zu erkennen, wie viel noch unerreicht ist und wie weit ihr Ziel entfernt liegt.
Mein nächster Punkt ist, dass der von Islam gesetzte Maßstab für den Menschen so hoch ist, dass er dort beginnt, wo die anderen Ismen und Ideologien ihre Vortrefflichkeit und Vollkommenheit beenden. Er ist keineswegs ein utopisches Ideal. Er zeigt sich im praktischen Leben der Propheten ebenso wie im Leben der ergebenen Gefährten des Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und der Frommen der Ummah. Behalte diesen Maßstab stets im Bewusstsein. Er wird dich vor der falschen Annahme bewahren, Vollkommenheit erlangt zu haben. Er wird dich deine eigene Niedrigkeit erkennen lassen und dir zugleich neue Höhen vor Augen führen, die du erreichen sollst. Selbst nach einem lebenslangen Kampf wirst du empfinden, dass viele Höhen noch unerreicht sind.
Sei niemals stolz auf deine Gesundheit, während die Kranken um dich herum jeden Augenblick ihren letzten Atemzug tun. Sieh auf die Denkmäler der Moral und Frömmigkeit der Vergangenheit, deren Platz du im Kampf gegen das Böse einnimmst. Ein wahrer Gläubiger behält stets diejenigen im Blick, die an islamischem Wissen und an Taten reicher sind, damit der Durst, diesen Reichtum anzusammeln, nicht erlischt. Was materiellen Reichtum betrifft, vergleicht er sich stets mit den Ärmeren und dankt Allah für das, was Er ihm gegeben hat, indem er seinen Durst mit dem stillt, was er besitzt.
Mein dritter Punkt ist, dass die Eigenschaften, die wir bisher tatsächlich erworben haben, nur deshalb beeindruckend erscheinen, weil der Verfall uns und unsere Gesellschaft stark herabgesetzt hat. Das geringe Licht, das in tiefster Dunkelheit leuchtet, fällt auf; in Wahrheit mangelt es uns jedoch sehr in unserem persönlichen Leben, wenn wir uns am Maßstab und an den Mindestanforderungen des islamischen Glaubens messen. Daher darf das Eingeständnis unserer Mängel keine bloße Formalität sein. Es muss zu einer gründlichen Reinigung von allen Fehlern und Lastern führen, die wir in unserem eigenen persönlichen Leben entdecken und feststellen.
Kümmere dich um deine Angehörigen
Ich möchte dir außerdem raten, der Reform deiner nahen Angehörigen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Der Qur’an sagt: „Rettet euch selbst und eure Angehörigen vor dem Feuer.“ (Tahrim: 6) Du achtest sehr genau auf die Nahrung und Kleidung deiner Familienangehörigen. Noch viel genauer solltest du jedoch darauf achten, sie vor dem Brennstoff der Hölle zu bewahren. Bemühe dich nach Kräften um die Verbesserung ihres Lebens im Jenseits und führe sie auf den Weg zum Paradies. Wenn einer von ihnen trotz deiner Bemühungen irregeht, wirst du dafür nicht verantwortlich gemacht werden. Entscheidend ist, dass du in keiner Weise an seinem Scheitern im Jenseits beteiligt bist.
Ich erhalte häufig Beschwerden, dass die Arbeiter der Jama’ah der Verbesserung und Reform ihrer eigenen Familie nicht so viel Aufmerksamkeit widmen wie derjenigen anderer. Diese Beschwerden mögen in manchen Fällen zutreffen und in anderen übertrieben sein. Es ist mir nicht möglich, den Fall jedes Einzelnen zu untersuchen. Daher gebe ich einen allgemeinen Rat: Wir alle sollten nicht nur Sehnsucht und Wunsch empfinden, sondern uns aufrichtig darum bemühen, unsere Angehörigen auf den Weg des Friedens und der Erlösung zu führen, damit wir wirklichen Trost erlangen.
Ich rate allen Arbeitern der Jama’ah, sich füreinander zu interessieren und sich nicht nur um die Verbesserung ihrer eigenen Kinder, sondern auch um die Kinder ihrer Mitstreiter zu bemühen. Oft wird ein Kind von seinem Vater nicht beeinflusst, aber von den Freunden seines Vaters tief beeindruckt.
Gemeinsame Islah (Verbesserung)
Ich rate dir außerdem, dich nicht nur um die Verbesserung und Reform deiner selbst und deiner Familien zu bemühen, sondern auch um die Verbesserung deiner Mitstreiter. Diejenigen, die sich zusammengeschlossen haben, um als islamische Jama’ah um Allahs willen zu arbeiten und Seine Autorität und Oberhoheit in der Welt zu errichten, müssen miteinander kooperieren und sich abstimmen. Sie müssen wissen, dass sie ihr hohes Ideal nicht erreichen können, ohne in ihrer gemeinsamen Moral und Gruppendisziplin stark zu werden.
Diese Einsicht sollte zu gegenseitiger Hilfe und Zusammenarbeit bei ihrer moralischen Verbesserung und ihrem Vorankommen auf Allahs Weg führen. Dies ist der einzige Weg der gemeinsamen Läuterung (Tazkiyah) im Islam. Wenn du feststellst, dass ich vom Weg abkomme, beeile dich, mich zurück auf den Weg zu bringen; und wenn ich sehe, dass du ausgleitest oder schwankst, sollte ich dir eine helfende Hand reichen. Wenn Staub auf meinem Ärmel liegt, bläst du ihn weg; und wenn ich einen Fleck auf deinem Gewand sehe, reinige ich ihn. Teile mir mit, was du für gut für mich und in meinem besten Interesse hältst, und ich sollte dir mitteilen, was ich für deine Verbesserung notwendig halte.
Wir wissen, dass wir in unserem weltlichen Leben durch unsere gegenseitigen Geschäfte gedeihen. Dasselbe gilt für unser moralisches und geistiges Leben: Auch als islamische Jama’ah gedeihen und profitieren wir auf diesem Gebiet, wenn wir einander moralisch und geistig unterstützen und ergänzen.
Die richtige Methode der Reform besteht darin, abzuwarten und jede übereilte Handlung zu vermeiden, sobald du bei einem Mitstreiter etwas Falsches bemerkst oder eine Beschwerde gegen ihn aufkommt. Versuche zuerst, die Situation zu verstehen. Nimm dann vertraulich Kontakt mit der betreffenden Person auf und sprich direkt mit ihr über die Beschwerde, ohne die Angelegenheit irgendjemand anderem gegenüber oder irgendwo in Abwesenheit der betreffenden Person zu erwähnen. Letzteres ist schlicht üble Nachrede, die im Islam sehr verabscheut wird.
Gemeinsames Ihtisab (Kritik)
Gegenseitige Kritik ist ebenfalls ein fruchtbarer Weg der gemeinsamen Reform. Weise deine Mitstreiter in sehr höflicher und aufrichtiger Weise auf ihre Fehler und Mängel hin. Sei jedoch vorsichtig, denn dies kann verheerend werden, wenn die Regeln aufrichtiger Kritik nicht gebührend beachtet werden. Die Regeln fairer Kritik lauten:
1. Kritik sollte nicht jederzeit und überall geübt werden.
2. Bevor du jemanden kritisierst, prüfe zuerst dein eigenes Herz und nimm Allah zum Zeugen, ob du aus Aufrichtigkeit und zum Wohl des Betreffenden kritisierst oder ob persönliche Impulse dich dazu bewegen. Im ersten Fall ist die Kritik tatsächlich völlig gerechtfertigt; andernfalls solltest du deine Zunge zurückhalten und versuchen, diese Unreinheit aus deiner Persönlichkeit zu entfernen.
3. Deine Worte und die Art deiner Kritik sollten jedem das Gefühl geben, dass du wirklich Reform und Verbesserung wünschst.
4. Vergewissere dich vor jeder Kritik, dass deine Beschwerde auf wirklichen und harten Tatsachen beruht. Grundlose Kritik, ohne sich von den Tatsachen überzeugt zu haben, ist eine Sünde und stiftet Unordnung.
5. Die kritisierte Person sollte die Beschwerde ruhig anhören und anschließend unvoreingenommen darüber nachdenken. Sie sollte die Wahrheit offen anerkennen und das Falsche mit unaufgeregter Vernunft zurückweisen. Sich über Kritik zu ärgern, zeugt von Hochmut und Eitelkeit.
6. Die Kritik und ihre Widerlegung sollten sich nicht in die Länge ziehen und zu einem dauerhaften Streit werden. Eine Diskussion ist sinnvoll, solange beide Standpunkte angemessen erläutert werden. Wenn die Angelegenheit jedoch nicht geklärt wird, sollte die Diskussion vertagt werden, damit beide Seiten die gesamte Sache ruhig und getrennt voneinander noch einmal überdenken können.
Kritik innerhalb dieser Grenzen ist nicht nur hilfreich, sondern auch notwendig, um unser gesellschaftliches Leben in Ordnung zu bringen. Keine islamische Jama’ah kann sich ohne eine solche konstruktive Kritik auf dem richtigen Weg halten. Niemand in der Jama’ah sollte über der Kritik stehen. Ich halte sie für unerlässlich für die Stabilität der Islamischen Bewegung und bin überzeugt, dass die Bewegung an verschiedenen Übeln zugrunde gehen würde, sobald diese gesunde Kritik beendet wird.
Deshalb habe ich seit ihrer Gründung nach jeder allgemeinen Versammlung der Jama’ah stets eine besondere Sitzung einberufen, um die gesamte Arbeit der Organisation und ihre Struktur kritisch zu beurteilen. In solchen besonderen Sitzungen stelle ich mich selbst zuerst der Kritik, damit jeder Einwand oder jede Beschwerde gegen mich oder meine Leistung offen und ohne Zögern vor allen vorgebracht werden kann. Entweder wird die Kritik mich verbessern, oder meine Erklärung wird das Missverständnis des Kritikers und all jener ausräumen, die gleich denken.
Sama’a und Ta’at (Gehorsam und Disziplin)
Eine weitere Tatsache, die ich für notwendig halte, euch mitzuteilen, ist der Mangel an Disziplin und Unterordnung. Zweifellos wirken wir im Vergleich zu anderen Organisationen sehr diszipliniert. Wenn wir jedoch den von Islam gesetzten Maßstab betrachten und auch die schwierige Aufgabe bedenken, die vor uns liegt, stellen wir fest, dass unsere Disziplin weit hinter dem Erforderlichen zurückbleibt.
Ihr seid euch völlig bewusst, dass ihr zahlenmäßig sehr wenige seid und auf diesem Gebiet über noch weniger Mittel verfügt. Eure Aufgabe besteht darin, das gesamte, auf Frevel und Unwissenheit beruhende Lebenssystem in seiner Form und seinem Geist zu verändern – ein System, das tausendmal stärker und ressourcenreicher ist. Ob hinsichtlich der Zahl oder der Mittel: Ihr seid ihm nicht gewachsen. Für den Erfolg in diesem Kampf könnt ihr euch auf nichts stützen außer auf moralische Überlegenheit und strenge Disziplin.
Ihr könnt in eurer großen Mission nur dann erfolgreich sein, wenn ihr eure moralische Glaubwürdigkeit festigt und eine solche Disziplin und Organisation zeigt, dass ihr jederzeit und an jedem Ort voller Zuversicht eure Stärke erweisen könnt. In einer islamischen Jama’ah, die danach strebt, die islamische Lebensweise zu errichten, bedeutet der Gehorsam gegenüber den rechtmäßigen Befehlen der Autoritäten der Jama’ah tatsächlich die Unterwerfung unter Allah und den Propheten (s). Wer seine Zeit und Energie ausschließlich um Allahs willen dieser Mission widmet und sich, um der Sache Allahs zu dienen, der Autorität seines Jama’ah-Führers (Amir oder Nazim) unterordnet, gehorcht Allah und dem Propheten (s).
Je größer die Verbundenheit mit Allah und dem Propheten (s), desto stärker ist in ihm der Geist des Gehorsams. Ebenso ist der Geist des Gehorsams umso schwächer, je geringer diese Verbundenheit ist. Welches Opfer könnte wertvoller sein als jenes, das du bringst, wenn du einem Menschen gehorchst, der ansonsten keine Autorität über dich besitzt, den du aber nur deshalb als deinen Führer angenommen hast, um um Allahs willen zu arbeiten, und dessen Befehle du ohne Groll wie ein treuer Untergebener ausführst, selbst wenn sie manchmal deinen Wünschen und Interessen zuwiderlaufen? Da dieses Opfer der Sache Allahs gilt, ist auch sein Lohn bei Allah sehr groß.
Wenn dagegen jemand es ablehnt, eine untergeordnete Stellung einzunehmen, diese Unterordnung unter seiner Würde erachtet oder sich verletzt fühlt, wenn ihm etwas aufgetragen wird, und Unbehagen oder Zögern zeigt, Befehle auszuführen, die seinen eigenen Wünschen oder Interessen widersprechen, beweist er praktisch, dass er sich Allah noch nicht ergeben hat und sein eigenes Ich weiterhin seine Gedanken und Handlungen beherrscht.
Rat an die lokalen Leiter (Nazims)
Hier halte ich es für notwendig, den organisatorischen Leitern auf den verschiedenen Ebenen zusätzlich zu meinem obigen Rat an die Arbeiter einen Rat zu geben: Auch sie sollten die Methoden der Führung erlernen. Wer in der Jama’ah mit irgendeiner Verantwortung betraut ist und kraft dieser Verantwortung Autorität über andere ausübt, darf seine Autorität nicht unangemessen gegenüber anderen durchsetzen oder sie genießen, als sei er ihnen überlegen. Er sollte sich gegenüber seinen Mitarbeitern höflich und zuvorkommend verhalten.
Er sollte größte Sorgfalt darauf verwenden, dass ein Fehlverhalten seinerseits bei keinem Arbeiter Ungehorsam oder Streitlust hervorruft. In seinem Umgang und Verhalten muss er zwischen Jung und Alt, Schwach und Stark sowie Wohlhabend und Arm unterscheiden. Er sollte die Umstände jedes Einzelnen genau kennen und jeden entsprechend seiner Stellung und seiner Lage, mit gebührender Rücksicht und Nachsicht, behandeln.
Er sollte in seinen Arbeitern einen solchen Geist entwickeln, dass sie den Rat oder Appell ihres Führers als Befehl auffassen und mit demselben Geist umsetzen. Es wäre wirklich ein Mangel an Disziplin, wenn ein Appell des Führers keine Reaktion hervorruft und er sich gezwungen sieht, einen Befehl zu erteilen. Befehle gibt man nur Söldnern. Diejenigen, die sich freiwillig zusammengeschlossen haben, um für die Sache Allahs zu arbeiten, brauchen keine Befehle von einem Menschen, der aus eigener Wahl ihr Führer ist. Sie brauchen nur einen Hinweis, dass sie ihrer Mission irgendwo dienen können, und sie schreiten zur Tat. Sobald dieser Geist unter den Arbeitern und ihren Leitern entsteht, wird keine Spur von Verbitterung oder üblem Willen mehr zu finden sein.
Hingabe und Opfer
Mein letzter Rat lautet, dass alle, die für diese Mission und Bewegung eintreten, in sich die Bereitschaft entwickeln sollten, für die Sache Allahs auszugeben und dieser Sache gegenüber ihren eigenen materiellen Interessen und Bestrebungen den Vorrang zu geben. Bemüht euch, eine so tiefe Verbundenheit mit dieser Mission zu entwickeln, dass sie euch keine Ruhe lässt, bis ihr jeden Teil eurer Energie und eurer Mittel für diese Sache eingesetzt habt. Widmet nicht nur euch selbst, sondern auch eure Geldbörse und eure finanziellen Mittel der Sache Allahs.
Vergesst niemals, dass Allah ein Recht nicht nur auf euch und euer Wesen, sondern auch auf eure Zeit und euer Geld hat. Allah und der Prophet (s) haben ein Mindestmaß vorgeschrieben, aber für das Höchstmaß gibt es keine Grenze. Ihr müsst selbst entscheiden und abwägen, in welchem Umfang ihr auf Allahs Weg ausgeben solltet, um euch davon zu überzeugen, dass ihr das Geschuldete entrichtet habt. Niemand kann dies besser beurteilen als ihr selbst. Der beste Richter ist eure eigene Überzeugung und euer Gewissen.
Ich muss nicht mehr sagen, als dass ihr von jenen eine Lehre ziehen solltet, die weder an Allah noch an das Jenseits glauben und dennoch so große Opfer für ihre falschen Ideale bringen. Wir, die wir an Allah und das Jenseits glauben, sollten uns unserer selbst schämen. Ich stelle außerdem fest, dass es den meisten Arbeitern an dem Maß an Interesse und Hingabe fehlt, das zur Errichtung der islamischen Ordnung erforderlich ist. Zweifellos arbeiten einige von uns mit größtem Eifer; darüber sollten wir uns freuen, und ich bete von Herzen für sie. Doch den meisten Arbeitern fehlt die erforderliche Hingabe.
Nur wenige von uns empfinden als Gläubige den nötigen Schmerz angesichts der überall verbreiteten Laster, des Elends und der Hilflosigkeit jener, die sich zum Glauben an Allah, den Allmächtigen, bekennen. Dieser Zustand sollte mindestens ebenso viel Sorge und Verzweiflung hervorrufen wie die Krankheit deines Kindes oder die Gefahr, dass dein Haus in Brand gerät. Auch hier ist es für jeden sehr schwierig, eine Grenze oder ein Maß festzulegen, wie weit diese Verzweiflung und Sorge gehen und wie viel Eifer man zeigen muss. Wiederum muss jeder nach dem Ruf seines eigenen Gewissens selbst entscheiden, in welchem Umfang er sich bemühen sollte, um sich davon zu überzeugen, dass er als jemand, der an die letzte Wirklichkeit glaubt, seine Pflicht erfüllt hat.
Zum Vergleich genügt jedoch ein Blick auf die Bemühungen jener, die für die Errichtung ihrer falschen und trügerischen Ideale kämpfen und alles aufs Spiel setzen, was ihnen zur Verfügung steht.
Rat an die Frauen
Vieles von dem, was ich bereits gesagt habe, gilt gleichermaßen für Männer und Frauen. Nun möchte ich ausschließlich zu den Frauen sprechen, die in irgendeiner Weise mit der Islamischen Bewegung verbunden sind. Die erste und wichtigste Voraussetzung für euch besteht darin, so viel Wissen über den Islam wie möglich zu erwerben. Studiert nicht nur den Qur’an, sondern auch Hadith und Fiqh (islamische Rechtswissenschaft) mit vollem Verständnis. Beschränkt euch nicht nur auf die grundlegenden Kenntnisse des Islam und die Erfordernisse des Glaubens (Iman), sondern bemüht euch, die islamischen Gebote hinsichtlich eures persönlichen Lebens, eures Familienlebens und eures allgemeinen gesellschaftlichen Lebens kennenzulernen.
Eine der Hauptursachen dafür, dass unislamische Bräuche und Praktiken in muslimischen Familien verbreitet werden, ist die Unwissenheit unserer Frauen über die Lehren des Islam und die islamischen Gebote. Als Nächstes solltet ihr versuchen, euer praktisches Leben, eure Moral und euren Charakter sowie das Leben und die Atmosphäre in eurem Zuhause gemäß eurem Wissen über den Islam zu formen.
Eine muslimische Frau muss so fest und entschlossen sein, dass sie trotz des Widerstands und der Hindernisse ihrer Familie oder anderer Verwandter an dem festhält, was sie für richtig hält. Unter keinerlei Druck darf sie etwas Falschem zustimmen. Zweifellos verdienen die Eltern, der Ehemann und die anderen Ältesten der Familie Gehorsam, Respekt und Achtung, und sie dürfen niemals mit Ungehorsam oder Hochmut behandelt werden; doch die Rechte und der Wille Allahs und Seines Propheten (s) stehen über allem.
Wer immer euch dazu drängt, den Weg des Ungehorsams gegenüber Allah und Seinem Propheten (s) einzuschlagen, dem verweigert ohne Umschweife den Gehorsam – sei es euer Vater oder euer Ehemann. Beugt euch in dieser Hinsicht niemals jemandem. Vertraut auf Allah und stellt euch mutig den schlimmsten Folgen, selbst wenn dies zur Zerstörung eures weltlichen Lebens führt. Je stärker eure Entschlossenheit ist, am Islam festzuhalten, desto besser wird durch Allahs Gnade ihre Wirkung auf eure familiäre Umgebung sein. Ihr werdet dadurch eine goldene Gelegenheit erhalten, eure Häuser zu reformieren.
Wenn ihr dagegen ungerechtfertigten und antiislamischen Forderungen nachgebt, wird euer eigenes persönliches Leben des Segens des Islam beraubt, und ihr werdet den Menschen um euch herum ein schlechtes Beispiel für Schwäche im Glauben und in der Moral geben.
Eure dritte Verantwortung besteht darin, euren nahen und lieben Angehörigen bei Reform und Verbesserung der islamischen Lebensweise den Vorrang zu geben. Unsere Schwestern, denen Allah Kinder geschenkt hat, stehen tatsächlich vor einer Prüfung, bei der kein anderer Erfolg ihr Versagen ausgleichen kann, wenn sie sie nicht bestehen. Ihre eigenen Kinder verdienen ihre größte Aufmerksamkeit. Es ist ihre vorrangige Verantwortung, ihre Kinder gut im Islam und in seinen Umgangsformen zu erziehen.
Verheiratete Frauen tragen auch die Verantwortung, ihre Ehemänner auf dem rechten Weg zu halten und sie dabei zu unterstützen, auf ihrem Weg standhaft zu bleiben, wenn sie bereits den rechten Weg eingeschlagen haben. Eine Tochter kann ihren Eltern ebenfalls die Wahrheit vermitteln, während sie ihnen gebührenden Respekt und Achtung erweist. Das Mindeste, was sie tun kann, ist, ihnen islamische Bücher zum Lesen anzubieten.
Viertens solltet ihr so viel Zeit, wie ihr neben euren häuslichen Pflichten entbehren könnt, dazu verwenden, den Frauen in eurer Umgebung das Wissen über den Islam zu vermitteln. Unterrichtet junge Mädchen und ungebildete ältere Frauen. Stellt gebildeten Frauen nützliche islamische Literatur zur Verfügung. Veranstaltet Zusammenkünfte für Frauen und erklärt ihnen die Lehren des Islam. Wenn ihr nicht öffentlich sprechen könnt, lest ihnen einfach passende und nützliche Auszüge aus der Literatur vor. Kurz gesagt: Bemüht euch nach Kräften und nutzt alle möglichen Wege und Mittel, um Unwissenheit und Analphabetismus unter den Frauen in eurer Umgebung zu beseitigen.
ERSTES KAPITEL: MENSCHENRECHTE, DER WESTEN UND DER ISLAM
Bevor ich die Menschenrechte im Islam bespreche, möchte ich einige Punkte zu zwei wichtigen Ansätzen in der Menschenrechtsfrage erläutern: dem westlichen und dem islamischen. Dies wird uns ermöglichen, das Problem aus der richtigen Perspektive zu betrachten und einige der Verwirrung zu vermeiden, die eine solche Diskussion gewöhnlich trübt.
Der westliche Ansatz: Die Menschen im Westen haben die Gewohnheit, sich jede gute Sache selbst zuzuschreiben und zu beweisen zu versuchen, dass die Welt diesen Segen ihnen verdanke; andernfalls sei die Welt in Unwissenheit versunken und sich all dieser Vorteile völlig unbewusst gewesen. Betrachten wir nun die Frage der Menschenrechte. Mit großer Lautstärke und Nachdruck wird behauptet, die Welt habe das Konzept der grundlegenden Menschenrechte der britischen Magna Charta zu verdanken, obwohl die Magna Charta selbst sechshundert Jahre nach dem Aufkommen des Islam entstand. Doch die Wahrheit ist, dass bis zum siebzehnten Jahrhundert niemand wusste, dass die Magna Charta die Grundsätze des Geschworenenprozesses, des Habeas Corpus und der Kontrolle des Parlaments über das Besteuerungsrecht enthielt. Wenn die Menschen, die die Magna Charta verfasst hatten, heute lebten, wären sie sehr überrascht, wenn man ihnen sagte, dass ihr Dokument auch all diese Ideale und Grundsätze enthielt. Sie hatten keinerlei solche Absicht, und sie waren sich auch all dieser Konzepte nicht bewusst, die ihnen heute zugeschrieben werden. Soweit ich weiß, hatten die Menschen im Westen vor dem siebzehnten Jahrhundert keinerlei Vorstellung von Menschen- und Bürgerrechten. Auch nachdem die Philosophen und Rechtsdenker ab dem siebzehnten Jahrhundert diese Ideen vorgetragen hatten, findet sich der praktische Beweis und die praktische Verwirklichung dieser Konzepte erst am Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den Proklamationen und Verfassungen Amerikas und Frankreichs. Danach wurde in den Verfassungen verschiedener Länder auf die grundlegenden Menschenrechte Bezug genommen. Doch häufiger wurden die Rechte, die auf dem Papier gewährt wurden, den Menschen im wirklichen Leben tatsächlich nicht gewährt. In der Mitte des gegenwärtigen Jahrhunderts verabschiedeten die Vereinten Nationen, die man heute treffender und wahrheitsgemäßer als Geteilte Nationen bezeichnen könnte, eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, verabschiedeten eine Resolution gegen Völkermord und erließen Vorschriften zu seiner Eindämmung. Doch wie ihr alle wisst, gibt es keine einzige Resolution oder Vorschrift der Vereinten Nationen, die durchgesetzt werden kann. Sie sind lediglich Ausdruck einer frommen Hoffnung. Hinter ihnen stehen keine Sanktionen, keine physische oder moralische Kraft, um sie durchzusetzen. Trotz all der hochtrabenden und ehrgeizigen Resolutionen der Vereinten Nationen wurden die Menschenrechte an verschiedenen Orten verletzt und mit Füßen getreten, und die Vereinten Nationen waren hilflose Zuschauer. Sie sind nicht in der Lage, die Verletzung der Menschenrechte wirksam zu verhindern. Selbst das abscheuliche Verbrechen des Völkermords wird trotz aller Proklamationen der Vereinten Nationen begangen. Im benachbarten Pakistan findet seit achtundzwanzig Jahren ein Völkermord an den Muslimen statt, doch die Vereinten Nationen besitzen nicht die Macht und die Kraft, Schritte gegen Indien zu unternehmen. Gegen kein Land, das dieses schwerwiegendste und empörendste Verbrechen begangen hat, wurden überhaupt Maßnahmen ergriffen.
Der islamische Ansatz: Der zweite Punkt, den ich gleich zu Beginn klarstellen möchte, ist, dass wir, wenn wir von Menschenrechten im Islam sprechen, tatsächlich meinen, dass diese Rechte von Gott verliehen wurden; sie wurden nicht von einem König oder einer gesetzgebenden Versammlung verliehen. Die von Königen oder gesetzgebenden Versammlungen verliehenen Rechte können auf dieselbe Weise wieder entzogen werden, auf die sie gewährt wurden. Dasselbe gilt für die von Diktatoren anerkannten und gewährten Rechte. Sie können sie verleihen, wann es ihnen beliebt, sie entziehen, wann sie wollen, und sie offen verletzen, wann immer sie möchten. Da jedoch im Islam die Menschenrechte von Gott verliehen wurden, hat keine gesetzgebende Versammlung der Welt und keine Regierung auf Erden das Recht oder die Befugnis, die von Gott verliehenen Rechte zu ändern oder zu verändern. Niemand hat das Recht, sie aufzuheben oder zu entziehen. Sie sind auch nicht jene grundlegenden Menschenrechte, die zum Schein und zur Zurschaustellung auf dem Papier verliehen und im wirklichen Leben verweigert werden, sobald die Vorstellung vorbei ist. Ebenso sind sie nicht bloß philosophische Konzepte, hinter denen keine Sanktionen stehen. Die Charta, die Proklamationen und die Resolutionen der Vereinten Nationen können nicht mit den von Gott gewährleisteten Rechten verglichen werden, denn Erstere gelten für niemanden, während Letztere für jeden Gläubigen gelten. Sie sind ein wesentlicher Bestandteil des islamischen Glaubens. Jeder Muslim und jeder Verwalter, der für sich in Anspruch nimmt, Muslim zu sein, muss sie annehmen, anerkennen und durchsetzen. Wenn sie es versäumen, sie durchzusetzen, und beginnen, die von Gott garantierten Rechte zu leugnen, sie zu ändern oder zu verändern oder sie in der Praxis zu verletzen, während sie sich lediglich zu ihnen bekennen, ist das Urteil des Heiligen Koran über solche Regierungen eindeutig und unmissverständlich: Diejenigen, die nicht nach dem richten, was Gott herabgesandt hat, sind die Ungläubigen (kafirun). 5:44 Der folgende Vers verkündet ebenfalls: „Sie sind die Ungerechten (zalimun)“ (5:45), während ein dritter Vers im selben Kapitel sagt: „Sie sind die Frevler (fasiqun)“ (5:47). Mit anderen Worten bedeutet dies: Wenn die weltlichen Machthaber ihre eigenen Worte und Entscheidungen für richtig und die von Gott gegebenen für falsch halten, sind sie Ungläubige. Wenn sie andererseits Gottes Gebote für richtig halten, sie aber wissentlich zurückweisen und ihre eigenen Entscheidungen gegen Gottes Gebote durchsetzen, dann sind sie Unheilstifter und Ungerechte. Ein Fasiq, ein Gesetzesbrecher, ist jemand, der das Band der Treue missachtet, und ein zalim ist jemand, der gegen die Wahrheit handelt. Somit gehören alle weltlichen Machthaber, die für sich in Anspruch nehmen, Muslime zu sein, und dennoch die von Gott gewährleisteten Rechte verletzen, einer dieser beiden Kategorien an: Entweder sind sie Ungläubige oder Ungerechte und Unheilstifter. Die von Gott gewährleisteten Rechte sind dauerhaft, fortwährend und ewig. Sie unterliegen keinen Änderungen oder Modifikationen, und es gibt keinen Spielraum für Veränderung oder Aufhebung.
ZWEITES KAPITEL: GRUNDLEGENDE MENSCHENRECHTE
Das Erste, was wir in diesem Zusammenhang im Islam vorfinden, ist, dass er dem Menschen als menschlichem Wesen bestimmte Rechte zuspricht. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass jeder Mensch – ganz gleich, ob er diesem oder jenem Land angehört, ob er gläubig oder ungläubig ist, ob er in irgendeinem Wald lebt oder in irgendeiner Wüste anzutreffen ist –, unter allen Umständen einige grundlegende Menschenrechte besitzt, einfach weil er ein menschliches Wesen ist; diese Rechte sollte jeder Muslim anerkennen. Tatsächlich wird es seine Pflicht sein, diesen Verpflichtungen nachzukommen.
1. Das Recht auf Leben
Das erste und wichtigste Grundrecht ist das Recht zu leben und die Achtung vor dem menschlichen Leben. Der Heilige Koran legt fest: Wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder auf der Erde Verderben gestiftet hat, so ist es, als hätte er die gesamte Menschheit getötet … (5:32) Was die Frage betrifft, ein Leben als Vergeltung für einen Mord zu nehmen, oder die Frage der Bestrafung für das Verbreiten von Verderben auf dieser Erde, so kann darüber nur ein ordnungsgemäßes und zuständiges Gericht entscheiden. Falls es einen Krieg mit einer Nation oder einem Land gibt, kann darüber nur eine ordnungsgemäß eingesetzte Regierung entscheiden. In keinem Fall hat ein Mensch aus eigener Initiative das Recht, einem anderen Menschen als Vergeltung oder wegen des Stiftens von Unheil auf dieser Erde das Leben zu nehmen. Daher obliegt es jedem Menschen, unter keinen Umständen am Tod eines Menschen schuldig zu werden. Wenn jemand einen Menschen ermordet hat, so ist es, als hätte er die gesamte Menschheit getötet. Diese Anweisungen wurden im Heiligen Koran an anderer Stelle wiederholt: Tötet kein Leben, das Allah für heilig erklärt hat, außer im Rahmen des ordnungsgemäßen Rechtsverfahrens … (6:151) Auch hier wird der Tötung eines Menschen die Vernichtung eines Lebens gegenübergestellt, die im Streben nach Gerechtigkeit erfolgt. Nur ein ordnungsgemäßes und zuständiges Gericht kann entscheiden, ob ein Einzelner durch die Missachtung des Rechts auf Leben und des Friedens anderer Menschen sein Recht auf Leben verwirkt hat oder nicht. Der Prophet, Gottes Segen sei auf ihm, hat die Tötung eines Menschen als die größte Sünde unmittelbar nach dem Beigesellen von Teilhabern neben Gott bezeichnet. In der Überlieferung des Propheten heißt es: „Die größten Sünden sind, Gott etwas beizugesellen und Menschen zu töten.“ In all diesen Versen des Korans und den Überlieferungen des Propheten wird das Wort „Seele“ (nafs) in allgemeiner Form verwendet, ohne eine Unterscheidung oder Einschränkung, die zu der Erklärung Anlass geben könnte, dass die Angehörigen der eigenen Nation, die Bürger des eigenen Landes oder die Menschen einer bestimmten Rasse oder Religion nicht getötet werden dürften. Das Gebot gilt für alle Menschen, und die Vernichtung menschlichen Lebens an sich ist verboten worden. Das „Recht auf Leben“ wurde dem Menschen nur durch den Islam gegeben. Man wird feststellen, dass die Menschen, die über Menschenrechte sprechen, sofern sie diese jemals in ihren Verfassungen oder Erklärungen erwähnt haben, darin eindeutig zum Ausdruck bringen, dass diese Rechte nur für ihre Bürger gelten oder allein für die weiße Rasse geschaffen wurden. Dies lässt sich deutlich daran erkennen, dass Menschen in Australien wie Tiere gejagt und das Land für den weißen Menschen von seinen Ureinwohnern gesäubert wurde. Ebenso wurde die indigene Bevölkerung Amerikas systematisch vernichtet, und die Roten Indianer, die diesen Völkermord irgendwie überlebten, wurden in bestimmte Gebiete eingeschlossen, die Reservate genannt wurden. Sie drangen auch nach Afrika vor und jagten Menschen wie wilde Tiere. All diese Beispiele beweisen, dass sie als solche keinen Respekt vor dem menschlichen Leben haben; und wenn sie ihn haben, dann nur aufgrund der Nationalität, Hautfarbe oder Rasse. Im Gegensatz dazu erkennt der Islam dieses Recht für alle Menschen an. Gehört ein Mensch einem primitiven oder wilden Stamm an, so betrachtet ihn der Islam dennoch als Menschen.
2. Das Recht auf Schutz des Lebens Unmittelbar nach dem Vers des Heiligen Korans, der im Zusammenhang mit dem Recht auf Leben erwähnt wurde, sagt Gott: „Und wer ein Leben rettet, so ist es, als hätte er das Leben der gesamten Menschheit gerettet“ (5:32). Es gibt mehrere Formen, einen Menschen vor dem Tod zu retten. Ein Mensch kann krank oder verwundet sein, unabhängig von seiner Nationalität, Rasse oder Hautfarbe. Wenn man weiß, dass er Hilfe benötigt, dann ist es die Pflicht, seine Behandlung wegen der Krankheit oder Verletzung zu veranlassen. Stirbt er vor Hunger, dann ist es die Pflicht, ihn zu ernähren, damit er dem Tod entgehen kann. Ertrinkt er oder ist sein Leben in Gefahr, dann ist es die Pflicht, ihn zu retten. Es wird überraschen zu hören, dass der Talmud, das religiöse Buch der Juden, einen Vers ähnlicher Art enthält, ihn jedoch in einer völlig anderen Form wiedergibt. Dort heißt es: „Wer ein Leben eines Israeliten vernichtet, für den ist es nach der Schrift, als hätte er die ganze Welt vernichtet. Und wer ein Leben eines Israeliten schützt und rettet, für den ist es im Licht der Schrift, als hätte er die ganze Welt gerettet.“ Der Talmud enthält auch die Auffassung, dass man ein Sünder ist, wenn ein Nicht-Israelit ertrinkt und man versucht, ihn zu retten. Kann man dem einen anderen Namen als Rassismus geben? Wir betrachten es als unsere Pflicht, jedes menschliche Leben zu retten, weil wir hierzu im Heiligen Koran verpflichtet wurden. Wenn sie es andererseits überhaupt für notwendig halten, das Leben eines Menschen zu retten, dann soll es das Leben eines Israeliten sein. Was die anderen Menschen betrifft, so scheinen sie dieser Auffassung zufolge nicht menschlich genug zu sein, um den Schutz ihrer Person zu verdienen. In ihrer Literatur bedeutet der Begriff „Goyim“, für den das englische Wort „Gentile“ und das arabische Wort ummi (ungebildet) verwendet wird, dass sie keinerlei Menschenrechte genießen; die Menschenrechte sind allein den Kindern Israels vorbehalten. Der Koran hat diesen Glauben der Israeliten erwähnt und zitiert die Juden mit den Worten: „Uns trifft keine Schuld wegen dessen, was wir gegenüber den Ungebildeten (d. h. den ummi) tun“ (3:75).
3. Achtung vor der Keuschheit der Frauen Das Dritte, was wir in der vom Islam gewährten Charta der Menschenrechte finden, ist, dass die Keuschheit einer Frau unter allen Umständen geachtet und geschützt werden muss, unabhängig davon, ob sie unserer eigenen Nation oder der Nation eines Feindes angehört, ob wir sie im wilden Wald oder in einer eroberten Stadt antreffen, ob sie unsere Glaubensgenossin ist, einer anderen Religion angehört oder überhaupt keiner Religion angehört. Ein Muslim darf sie unter keinen Umständen schänden. Jede zügellose Beziehung ist ihm verboten, unabhängig vom Status oder der Stellung der Frau und unabhängig davon, ob die Frau freiwillige oder unfreiwillige Partnerin der Handlung ist. Die Worte des Heiligen Korans lauten hierzu: „Nähert euch nicht den Grenzen der Unzucht“ (17:32). Für dieses Verbrechen ist eine schwere Strafe vorgeschrieben, und das Gebot ist durch keinerlei Bedingungen eingeschränkt. Da die Verletzung der Keuschheit einer Frau im Islam verboten ist, kann ein Muslim, der dieses Verbrechen begeht, der Bestrafung nicht entgehen, gleich, ob sie ihn in dieser Welt oder im Jenseits trifft. Dieses Konzept der Heiligkeit der Keuschheit und des Schutzes der Frauen findet sich nirgendwo außer im Islam. Die Armeen der westlichen Mächte benötigen die Töchter ihrer eigenen Nation, um selbst in ihren eigenen Ländern ihre fleischlichen Begierden zu befriedigen; und falls sie ein anderes Land besetzen, lässt sich das Schicksal seiner Frauen besser vorstellen als beschreiben. Doch die Geschichte der Muslime ist, abgesehen von einigen Verfehlungen Einzelner hier und da, von diesem Verbrechen gegen die Weiblichkeit frei geblieben. Es ist niemals geschehen, dass die muslimische Armee nach der Eroberung eines fremden Landes die Frauen der besiegten Bevölkerung vergewaltigt hätte oder dass die Regierung in ihrem eigenen Land Prostituierte1 für sie bereitgestellt hätte. Auch dies ist ein großer Segen, den die Menschheit durch den Islam erhalten hat.2
4. Das Recht auf einen grundlegenden Lebensstandard Was die wirtschaftlichen Rechte betrifft, so verpflichtet der Heilige Koran seine Anhänger: „Und in ihrem Vermögen ist ein festgelegter Anteil für den Bedürftigen und den Mittellosen“ (51:19). Die Worte dieses Gebots zeigen, dass es sich um eine kategorische und uneingeschränkte Anordnung handelt. Außerdem wurde dieses Gebot in Makka offenbart, wo keine muslimische Gesellschaft bestand und wo die Muslime im Allgemeinen mit der Bevölkerung der Ungläubigen in Kontakt kommen mussten. Die klare Bedeutung dieses Verses ist daher, dass jeder, der um Hilfe bittet, und jeder, der unter Entbehrung leidet, einen Anspruch auf das Eigentum und Vermögen der Muslime hat, unabhängig davon, ob er dieser oder jener Nation, diesem oder jenem Land, dieser oder jener Rasse angehört. Wenn man in der Lage ist zu helfen und ein Bedürftiger um Hilfe bittet oder wenn man erfährt, dass er bedürftig ist, dann ist es die Pflicht, ihm zu helfen. Gott hat ihm einen Anspruch gegen dich eingeräumt, den du als Muslim erfüllen musst.
5. Das Recht des Einzelnen auf Freiheit
Der Islam hat die primitive Praxis, einen freien Menschen gefangen zu nehmen, ihn zu einem Sklaven zu machen oder ihn in die Sklaverei zu verkaufen, klar und kategorisch verboten. Zu diesem Punkt lauten die klaren und unmissverständlichen Worte des Propheten (S) wie folgt: „Es gibt drei Kategorien von Menschen, gegen die ich am Tag des Gerichts selbst als Kläger auftreten werde. Einer dieser drei ist derjenige, der einen freien Menschen versklavt, ihn dann verkauft und dieses Geld verzehrt“ (al-Buchari und Ibn Madschah). Die Worte dieser Überlieferung des Propheten sind ebenfalls allgemeiner Natur; sie wurden weder eingeschränkt noch auf eine bestimmte Nation, Rasse, ein bestimmtes Land oder die Anhänger einer bestimmten Religion bezogen. Die Europäer sind sehr stolz auf ihre Behauptung, sie hätten die Sklaverei aus der Welt abgeschafft, obwohl sie erst in der Mitte des letzten Jahrhunderts die Anständigkeit besaßen, dies zu tun. Zuvor hatten diese westlichen Mächte in großem Maßstab Afrika überfallen, seine freien Menschen gefangen genommen, sie in die Knechtschaft gezwungen und in ihre neuen Kolonien transportiert. Die Behandlung, die sie diesen unglücklichen Menschen zuteilwerden ließen, war schlimmer als die Behandlung von Tieren. Die von den westlichen Völkern selbst verfassten Bücher bezeugen diese Tatsache.
Der Sklavenhandel der westlichen Nationen: Nach der Besetzung Amerikas und Westindiens wurde dreihundertfünfzig Jahre lang Sklavenhandel betrieben. Die afrikanischen Küsten, an denen die gefangenen Afrikaner mit schwarzer Hautfarbe aus dem Inneren Afrikas herangebracht und auf Schiffe verladen wurden, die von diesen Häfen ausliefen, wurden als Sklavenküste bekannt. Allein in einem Jahrhundert (von 1680 bis 1786) belief sich die Gesamtzahl der freien Menschen, die allein für die britischen Kolonien gefangen genommen und versklavt wurden, nach der Schätzung britischer Autoren auf 20 Millionen Menschen. In nur einem einzigen Jahr (1790), so wird uns berichtet, wurden 75.000 Menschen gefangen genommen und zur Sklavenarbeit in die Kolonien geschickt. Die Schiffe, die zum Transport der Sklaven verwendet wurden, waren klein und schmutzig. Diese unglücklichen Afrikaner wurden wie Vieh bis ganz nach oben in die Laderäume dieser Schiffe gepfercht, und viele von ihnen wurden an hölzerne Pritschen gekettet, auf denen sie sich kaum bewegen konnten, weil diese nur achtzehn Zoll voneinander entfernt übereinander angebracht waren. Man versorgte sie nicht mit angemessener Nahrung, und wenn sie erkrankten oder verletzt wurden, wurde kein Versuch unternommen, ihnen medizinische Behandlung zukommen zu lassen. Die westlichen Schriftsteller selbst erklären, dass mindestens 20 % der Gesamtzahl der Menschen, die zur Sklaverei und Zwangsarbeit gefangen genommen wurden, während ihres Transports von der afrikanischen Küste nach Amerika umkamen. Außerdem wurde geschätzt, dass die Gesamtzahl der Menschen, die während der Blütezeit des Sklavenhandels von den verschiedenen europäischen Nationen zur Sklaverei gefangen genommen wurden, mindestens einhundert Millionen beträgt. Dies ist die Bilanz jener Menschen, die Tag und Nacht die Muslime dafür verurteilen, dass sie die Institution der Sklaverei anerkennen. Es ist, als würde ein Verbrecher mit dem Finger der Schuld auf einen unschuldigen Menschen zeigen.
Die Stellung der Sklaverei im Islam: Kurz möchte ich Ihnen die Stellung und das Wesen der Sklaverei im Islam darlegen. Der Islam versuchte, das Problem der Sklaven, die es in Arabien gab, zu lösen, indem er die Menschen auf verschiedene Weise dazu ermutigte, ihre Sklaven freizulassen. Den Muslimen wurde aufgetragen, zur Sühne für einige ihrer Sünden ihre Sklaven freizulassen. Einen Sklaven aus eigenem freien Willen freizulassen, wurde zu einer besonders verdienstvollen Tat erklärt; es wurde sogar gesagt, dass jedes Glied des Menschen, der einen Sklaven freilässt, anstelle des Gliedes des von ihm befreiten Sklaven vor dem Höllenfeuer geschützt werde. Das Ergebnis dieser Politik war, dass zu der Zeit, als die Epoche der rechtgeleiteten Kalifen erreicht war, alle alten Sklaven Arabiens befreit waren. Der Prophet allein befreite nicht weniger als 63 Sklaven. Die Zahl der von ʿAischa freigelassenen Sklaven betrug 67, ʿAbbas befreite 70, ʿAbd Allah ibn ʿUmar befreite eintausend, und ʿAbd al-Rahman kaufte dreißigtausend und ließ sie frei. Ebenso befreiten andere Gefährten des Propheten eine große Zahl von Sklaven; Einzelheiten darüber finden sich in den Überlieferungen und Geschichtsbüchern jener Zeit. So wurde das Problem der Sklaven Arabiens innerhalb eines kurzen Zeitraums von dreißig oder vierzig Jahren gelöst. Danach war die einzige Form der Sklaverei, die in der islamischen Gesellschaft noch bestand, die der Kriegsgefangenen, die auf dem Schlachtfeld gefangen genommen worden waren. Diese Kriegsgefangenen wurden von der muslimischen Regierung zurückbehalten, bis ihre Regierung sich bereit erklärte, sie im Austausch gegen von ihr gefangene muslimische Soldaten zurückzunehmen oder die Zahlung eines Lösegelds für sie zu veranlassen. Wenn die von ihnen gefangenen Soldaten nicht gegen muslimische Kriegsgefangene ausgetauscht wurden oder ihre Angehörigen kein Lösegeld zur Erlangung ihrer Freiheit zahlten, pflegte die muslimische Regierung sie unter den Soldaten der Armee aufzuteilen, die sie gefangen genommen hatte. Dies war eine menschlichere und angemessenere Art, mit ihnen zu verfahren, als sie wie Vieh in Konzentrationslagern festzuhalten, Zwangsarbeit von ihnen zu verlangen und, falls auch ihre Frauen gefangen genommen worden waren, sie der Prostitution zuzuführen. Statt einer solch grausamen und empörenden Art, mit den Kriegsgefangenen zu verfahren, zog der Islam es vor, sie unter der Bevölkerung zu verteilen und sie dadurch mit einzelnen Menschen in Kontakt zu bringen. Darüber hinaus wurde ihren Vormündern befohlen, sie gut zu behandeln. Das Ergebnis dieser humanen Politik war, dass die meisten Männer, die auf ausländischen Schlachtfeldern gefangen genommen und als Sklaven in muslimische Länder gebracht wurden, den Islam annahmen und ihre Nachkommen bedeutende Gelehrte, Imame, Rechtsgelehrte, Kommentatoren, Staatsmänner und Generäle hervorbrachten. Ja, später wurden sie zu den Herrschern der muslimischen Welt. Die Lösung dieses Problems, die in der Gegenwart vorgeschlagen worden ist, besteht darin, dass nach Einstellung der Feindseligkeiten die Kriegsgefangenen der kriegführenden Länder ausgetauscht werden sollten. Die Muslime praktizierten dies jedoch von Anfang an, und wann immer der Gegner dem Austausch der Kriegsgefangenen beider Seiten zustimmte, wurde er ohne das geringste Zögern oder die geringste Verzögerung durchgeführt. Auch in der modernen Kriegsführung stellen wir fest, dass die Kriegsgefangenen der besiegten Armee, wenn eine Regierung vollständig geschlagen ist und dadurch keinerlei Verhandlungsposition hinsichtlich der Kriegsgefangenen besitzt und die siegreiche Partei ihre Gefangenen leicht erhält, nachweislich unter Bedingungen gehalten werden, die weit schlimmer sind als die Bedingungen von Sklaven. Kann uns jemand sagen, welches Schicksal die Tausenden von Kriegsgefangenen ereilte, die Russland im Zweiten Weltkrieg aus den besiegten Armeen Deutschlands und Japans gefangen nahm? Niemand hat darüber bisher Rechenschaft abgelegt. Niemand weiß, wie viele Tausende von ihnen noch leben und wie viele Tausende infolge der Härten der russischen Konzentrations- und Arbeitslager umgekommen sind. Die von ihnen geleistete Zwangsarbeit war weitaus schlimmer als die Arbeit, die man Sklaven abverlangen kann. Selbst in der Zeit der alten Pharaonen Ägyptens wurde den Sklaven beim Bau der Pyramiden Ägyptens vielleicht keine derart harte Arbeit abverlangt, wie sie den Kriegsgefangenen in Russland bei der Erschließung Sibiriens und anderer rückständiger Gebiete Russlands oder bei der Arbeit in Kohle- und anderen Bergwerken bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt abverlangt wurde, schlecht bekleidet, schlecht ernährt und von ihren Aufsehern brutal behandelt.
6. Das Recht auf Gerechtigkeit
Dies ist ein sehr wichtiges und wertvolles Recht, das der Islam dem Menschen als menschlichem Wesen gewährt hat. Im Heiligen Koran heißt es: „Lasst nicht zu, dass euer Hass auf ein Volk euch zur Aggression verleitet“ (5:2). „Und lasst nicht zu, dass Feindseligkeit gegenüber irgendeinem Volk euch dazu verleitet, von gerechtem Handeln abzuweichen. Seid gerecht; das ist der Gottesfurcht am nächsten“ (5:8). Indem der Koran diesen Punkt betont, sagt er erneut: „O ihr, die ihr glaubt, steht fest vor Gott als Zeugen für (Wahrheit und) Gerechtigkeit“ (4:135). Damit wird deutlich, dass Muslime nicht nur gegenüber gewöhnlichen Menschen, sondern auch gegenüber ihren Feinden gerecht sein müssen. Mit anderen Worten: Die Gerechtigkeit, zu der der Islam seine Anhänger aufruft, ist nicht nur auf die Bürger ihres eigenen Landes, die Angehörigen ihres eigenen Stammes, ihrer eigenen Nation oder Rasse oder auf die muslimische Gemeinschaft als Ganzes beschränkt, sondern gilt allen Menschen auf der Welt. Muslime dürfen daher niemandem Unrecht tun. Ihre dauerhafte Gewohnheit und ihr Charakter sollten so beschaffen sein, dass kein Mensch jemals Ungerechtigkeit von ihrer Seite zu befürchten braucht und dass sie jeden Menschen überall mit Gerechtigkeit und Fairness behandeln.
7. Die Gleichheit der Menschen
Der Islam erkennt nicht nur die absolute Gleichheit der Menschen ungeachtet aller Unterschiede in Hautfarbe, Rasse oder Nationalität an, sondern macht sie zu einem wichtigen und bedeutenden Prinzip und zu einer Wirklichkeit. Der Allmächtige Gott hat im Heiligen Koran festgelegt: „O ihr Menschen, Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen.“ Mit anderen Worten: Alle Menschen sind einander Brüder. Sie alle stammen von einem Vater und einer Mutter ab. „Und Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander erkennen könnt“ (49:13). Das bedeutet, dass die Einteilung der Menschen in Völker, Rassen, Gruppen und Stämme der Unterscheidung dient, damit die Angehörigen einer Rasse oder eines Stammes die Angehörigen einer anderen Rasse oder eines anderen Stammes treffen, kennenlernen und miteinander zusammenarbeiten können. Diese Einteilung der menschlichen Rasse soll weder dazu dienen, dass eine Nation sich ihrer Überlegenheit über andere rühmt, noch dazu, dass eine Nation eine andere mit Verachtung oder Schande behandelt, sie als minderwertige und erniedrigte Rasse betrachtet und ihre Rechte an sich reißt. „Wahrlich, der Angesehenste von euch bei Gott ist der Gottesfürchtigste unter euch“ (49:13). Mit anderen Worten: Die Überlegenheit eines Menschen über einen anderen beruht allein auf Gottesbewusstsein, Lauterkeit des Charakters und hohen moralischen Eigenschaften, nicht auf Hautfarbe, Rasse, Sprache oder Nationalität; und selbst diese auf Frömmigkeit und reinem Verhalten beruhende Überlegenheit rechtfertigt nicht, dass solche Menschen sich als Herren aufspielen oder sich anderen Menschen gegenüber überlegen geben. Sich überlegen zu geben ist an sich ein verwerfliches Laster, dessen Begehung sich kein gottesfürchtiger und frommer Mensch jemals vorstellen kann. Ebenso haben die Rechtschaffenen keine bevorzugten Rechte gegenüber anderen, denn dies widerspricht der menschlichen Gleichheit, die am Anfang dieses Verses als allgemeines Prinzip festgelegt worden ist. Vom moralischen Standpunkt aus sind Güte und Tugend in jedem Fall besser als Laster und Schlechtigkeit. Der Prophet hat dies in einem seiner Aussprüche folgendermaßen veranschaulicht: „Kein Araber ist einem Nichtaraber überlegen, und kein Nichtaraber ist einem Araber überlegen. Ebenso ist kein Weißer einem Schwarzen überlegen, und kein Schwarzer einem Weißen. Ihr alle seid Kinder Adams, und Adam wurde aus Lehm erschaffen“ (al-Bayhaqi und al-Bazzaz). Auf diese Weise begründete der Islam die Gleichheit der gesamten Menschheit und traf die Wurzel aller auf Hautfarbe, Rasse, Sprache oder Nationalität beruhenden Unterscheidungen. Nach dem Islam hat Gott dem Menschen dieses Recht auf Gleichheit als Geburtsrecht gegeben. Daher darf kein Mensch wegen der Farbe seiner Haut, seines Geburtsortes, der Rasse oder der Nation, in der er geboren wurde, diskriminiert werden. Malcolm X, der berühmte Anführer der afrikanischen Schwarzen in Amerika, der einen erbitterten Kampf gegen die weißen Menschen Amerikas begonnen hatte, um für seine schwarzen Landsleute Bürgerrechte zu erringen, erkannte, als er die Pilgerfahrt vollzog und sah, wie die Muslime aus Asien, Afrika, Europa und Amerika sowie Angehörige verschiedener Rassen, Sprachen und Hautfarben ein einheitliches Gewand trugen, zum Haus Gottes – der Ka’bah – eilten und in einer Reihe stehend beteten, ohne dass irgendein Unterschied zwischen ihnen bestand, dass dies die Lösung des Problems von Hautfarbe und Rasse war und nicht das, wonach er bis dahin in Amerika zu suchen oder was er dort zu erreichen versucht hatte. Heute geben zahlreiche nichtmuslimische Denker, die frei von blindem Vorurteil sind, offen zu, dass keine andere Religion oder Lebensweise dieses Problem mit demselben Maß an Erfolg gelöst hat wie der Islam. 8. Das Recht auf Zusammenarbeit und Nichtzusammenarbeit Der Islam hat ein allgemeines Prinzip von größter Bedeutung und universeller Geltung vorgeschrieben: „Und helft einander zur Rechtschaffenheit und Gottesfurcht, aber helft einander nicht zu Sünde und Aggression“ (5:2). Das bedeutet, dass derjenige, der eine edle und rechtschaffene Arbeit verrichtet, unabhängig davon, ob er am Nordpol oder am Südpol lebt, das Recht hat, Unterstützung und aktive Zusammenarbeit von den Muslimen zu erwarten. Wer dagegen Taten des Lasters und der Aggression begeht, selbst wenn er unser nächster Verwandter oder Nachbar ist, hat nicht das Recht, unter Berufung auf Rasse, Land, Sprache oder Nationalität unsere Unterstützung und Hilfe zu gewinnen; ebenso wenig darf er erwarten, dass Muslime mit ihm zusammenarbeiten oder ihn unterstützen. Für Muslime ist es auch nicht erlaubt, mit ihm zusammenzuarbeiten. Der böse und lasterhafte Mensch mag unser eigener Bruder sein, aber er gehört nicht zu uns und kann von uns weder Hilfe noch Unterstützung erwarten, solange er nicht bereut und sein Verhalten ändert. Derjenige hingegen, der Taten der Tugend und Rechtschaffenheit vollbringt, mag keine verwandtschaftliche Beziehung zu Muslimen haben, doch die Muslime werden seine Gefährten und Unterstützer oder zumindest seine Wohlgesinnten sein.
DRITTES KAPITEL: DIE RECHTE DER BÜRGER IN EINEM ISLAMISCHEN STAAT
Wir haben die Menschenrechte im Allgemeinen erörtert. Nun möchten wir die Frage der Rechte der Bürger in einem islamischen Staat behandeln. Da diese Rechte umfassender sind als die allgemeinen Menschenrechte, die zuvor beschrieben wurden, bedürfen sie einer gesonderten Betrachtung.
1. Die Sicherheit von Leben und Eigentum In der Ansprache, die der Prophet anlässlich der Abschiedspilgerfahrt hielt, sagte er: „Euer Leben und euer Eigentum sind füreinander unantastbar, bis ihr am Tag der Auferstehung eurem Herrn begegnet.“ Gott, der Allmächtige, hat im Heiligen Koran bestimmt: „Wer einen Gläubigen vorsätzlich tötet, dessen Lohn wird eine Strafe sein: Er wird für immer in der Hölle bleiben. Gott wird zornig auf ihn sein, ihn verfluchen und eine gewaltige Strafe für ihn bereiten“ (4:93). Der Prophet sagte auch über die Dhimmis (die nichtmuslimischen Bürger des muslimischen Staates): „Wer einen vertraglich Geschützten (d. h. einen Dhimmi) tötet, wird nicht einmal den Duft des Paradieses riechen“ (al-Buchari und Abu Dawud). Der Islam verbietet die Tötung eines Menschen, lässt jedoch nur eine Ausnahme zu: dass die Tötung im ordnungsgemäßen Verfahren des Gesetzes erfolgt, was der Koran als bi al-haqq (in Wahrheit) bezeichnet. Daher darf ein Mensch nur getötet werden, wenn das Gesetz es verlangt, und es liegt auf der Hand, dass nur ein Gericht entscheiden kann, ob die Hinrichtung gerechtfertigt oder ungerechtfertigt vollzogen wird. Im Falle eines Krieges oder Aufstands kann allein eine gerechte und rechtschaffene Regierung, die der Scharia oder dem islamischen Gesetz folgt, entscheiden, ob ein Krieg gerecht oder ungerecht ist, ob die Tötung eines Menschen gerechtfertigt ist oder nicht, ob jemand ein Aufständischer ist oder nicht und wer als Strafe zum Tode verurteilt werden kann. Diese schwerwiegenden Entscheidungen dürfen nicht den Händen eines Gerichts überlassen werden, das Gott gegenüber achtlos geworden ist und unter dem Einfluss der Verwaltung steht. Eine solche Justiz kann das Recht verfehlen. Ebenso können Staatsverbrechen nicht unter Berufung auf den Heiligen Koran oder die Überlieferungen (Hadithe) gerechtfertigt werden, wenn der Staat seine Bürger offen und heimlich ohne jedes Zögern oder aus dem geringsten Vorwand ermordet, weil sie sich seinen ungerechten politischen Maßnahmen und Handlungen widersetzen oder ihn wegen seines Fehlverhaltens kritisieren, und wenn er zudem seine gedungenen Mörder schützt, die des abscheulichen Verbrechens schuldig sind, einen unschuldigen Menschen ermordet zu haben, mit der Folge, dass weder die Polizei Maßnahmen gegen solche Verbrecher ergreift noch in den Gerichten Beweise oder Zeugen gegen diese Verbrecher vorgebracht werden können. Allein die Existenz einer solchen Regierung ist ein Verbrechen, und keine der von ihr ausgeführten Tötungen kann in der Ausdrucksweise des Heiligen Korans als „Hinrichtung im Dienste der Gerechtigkeit“ bezeichnet werden. Neben der Sicherheit des Lebens hat der Islam mit gleicher Klarheit und Bestimmtheit auch das Recht auf Sicherheit des Eigentums verliehen, wie bereits zuvor im Zusammenhang mit der Ansprache anlässlich der Abschiedspilgerfahrt erwähnt. Andererseits geht der Heilige Koran so weit zu erklären, dass die Wegnahme des Besitzes oder Eigentums anderer vollständig verboten ist, sofern dieses nicht durch rechtmäßige Mittel erworben wurde, wie sie die Gesetze Gottes erlauben. Das Gesetz Gottes erklärt kategorisch: „Zehrt nicht gegenseitig euer Vermögen auf unrechtmäßige und unerlaubte Weise auf“ (2:188).
2. Der Schutz der Ehre
Das zweite wichtige Recht ist das Recht der Bürger auf den Schutz ihrer Ehre. In der Ansprache anlässlich der Abschiedspilgerfahrt, auf die ich bereits zuvor hingewiesen habe, verbot der Prophet nicht nur, dass das Leben und Eigentum der Muslime untereinander verletzt würden, sondern auch jeden Eingriff in ihre Ehre, ihre Würde und ihre Keuschheit. Der Heilige Koran legt eindeutig fest: (a) „O ihr, die ihr glaubt, lasst nicht eine Gruppe von Menschen über eine andere Gruppe spotten. (b) Verleumdet einander nicht. (c) Beleidigt einander nicht mit Schimpfnamen. (d) Und redet nicht schlecht über einander und verleumdet einander nicht im Verborgenen“ (49:11–12). Dies ist das islamische Gesetz zum Schutz der Ehre, das dem westlichen Verleumdungsrecht tatsächlich weit überlegen und besser ist. Nach dem islamischen Recht wird der Täter in jedem Fall angemessen bestraft, wenn bewiesen ist, dass jemand die Ehre eines anderen angegriffen hat, unabhängig davon, ob das Opfer in der Lage ist, sich selbst als einen angesehenen und ehrenhaften Menschen auszuweisen oder nicht. Das Interessante am westlichen Verleumdungsrecht ist jedoch, dass derjenige, der eine Verleumdungsklage einreicht, zunächst beweisen muss, dass er ein ehrenhafter und angesehener Mann ist; während der Vernehmung wird er dann den gehässigen Angriffen, Anschuldigungen und Anspielungen des Verteidigers in einem solchen Ausmaß ausgesetzt, dass er mehr Schande erleidet als durch den Angriff auf seinen Ruf, dessentwegen er vor Gericht gegangen ist. Darüber hinaus muss er solche Zeugen vorladen, die vor Gericht bezeugen, dass der Angeklagte in ihren Augen aufgrund der verleumderischen Anschuldigungen des Täters entehrt dasteht. Um Himmels willen! Was für eine feinsinnige Rechtsauffassung und welch eine Befolgung des Geistes des Gesetzes! Wie kann dieses unfaire und ungerechte Gesetz mit dem göttlichen Gesetz verglichen werden? Der Islam erklärte Gotteslästerung unabhängig davon zum Verbrechen, ob der Angeklagte ein ehrenhafter Mann ist oder nicht und ob die zur Gotteslästerung verwendeten Worte das Opfer in den Augen der Öffentlichkeit tatsächlich entehrt und seinem Ruf geschadet haben oder nicht. Nach dem islamischen Recht genügt bereits der Beweis, dass der Angeklagte Dinge gesagt hat, die nach gesundem Menschenverstand den Ruf und die Ehre des Klägers hätten schädigen können, damit der Angeklagte der Verleumdung für schuldig erklärt wird.
3. Die Unverletzlichkeit und Sicherheit des Privatlebens Der Islam erkennt das Recht jedes Bürgers seines Staates darauf an, dass es keine ungerechtfertigte Einmischung oder keinen Eingriff in sein Privatleben geben darf. Der Heilige Koran hat die Anweisung erlassen: „Spioniert einander nicht aus“ (49:12). „Betretet keine Häuser außer euren eigenen, solange ihr nicht sicher seid, dass ihre Bewohner damit einverstanden sind“ (24:27). Der Prophet ging sogar so weit, seine Anhänger anzuweisen, dass ein Mann nicht einmal sein eigenes Haus plötzlich oder heimlich betreten solle. Er solle den Bewohnern des Hauses auf irgendeine Weise mitteilen oder zu erkennen geben, dass er das Haus betritt, damit er nicht seine Mutter, Schwester oder Tochter in einem Zustand sieht, in dem sie nicht gesehen werden möchten, und auch er selbst sie nicht in diesem Zustand sehen möchte. Auch das Hineinblicken in die Häuser anderer Menschen wurde streng verboten. So heißt es in einer Überlieferung des Propheten, dass ein Mann, der eine andere Person heimlich in sein Haus blicken sieht und ihr zur Strafe ein Auge oder beide Augen verletzt, dafür weder zur Rechenschaft gezogen noch strafrechtlich verfolgt werden kann. Der Prophet verbot den Menschen sogar, die Briefe anderer zu lesen. Wenn ein Mann seinen Brief liest und ein anderer verstohlen darauf blickt und versucht, ihn zu lesen, wird sein Verhalten als verwerflich angesehen. Dies ist die Unverletzlichkeit der Privatsphäre, die der Islam den Einzelnen gewährt. Andererseits stellen wir in der modernen zivilisierten Welt fest, dass nicht nur die Briefe anderer Menschen gelesen und ihre Korrespondenz zensiert werden, sondern dass sogar Fotokopien davon für eine spätere Verwendung oder zur Erpressung aufbewahrt werden. Sogar Abhörgeräte werden heimlich in den Häusern der Menschen angebracht, sodass man aus der Ferne die Gespräche hören und aufzeichnen kann, die hinter verschlossenen Türen stattfinden. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass es so etwas wie Privatsphäre nicht gibt und das Privatleben eines Einzelnen praktisch nicht existiert. Diese Bespitzelung des Lebens des Einzelnen kann von der Regierung nicht dadurch moralisch gerechtfertigt werden, dass sie behauptet, es sei notwendig, die Geheimnisse gefährlicher Personen zu kennen. Tatsächlich beruht diese Politik jedoch auf der Angst und dem Misstrauen, mit denen moderne Regierungen ihren Bürgern begegnen, die intelligent und mit der offiziellen Politik der Regierung unzufrieden sind. Genau dies hat der Islam als die Hauptursache des Unheils in der Politik bezeichnet. Die Anweisung des Propheten lautet: „Wenn der Herrscher beginnt, nach den Ursachen der Unzufriedenheit unter seinem Volk zu suchen, verdirbt er es“ (Abu Dawud). Der Amir Mu’awiyah sagte, er selbst habe den Propheten sagen hören: „Wenn ihr versucht, die Geheimnisse der Menschen herauszufinden, werdet ihr sie gewiss verderben oder sie zumindest an den Rand des Verderbens bringen.“ Die Bedeutung des Ausdrucks „sie verderben“ besteht darin, dass die Menschen einander misstrauisch zu betrachten beginnen, wenn überall im Land Spione (C.I.D.- oder F.B.I.-Agenten) eingesetzt werden, um die Angelegenheiten der Menschen herauszufinden. Die Menschen haben dann Angst, in ihren Häusern frei zu sprechen, damit nicht irgendein Wort über die Lippen ihrer Frauen und Kinder kommt, das sie in peinliche Situationen bringen könnte. Auf diese Weise wird es einem gewöhnlichen Bürger schwer, selbst in seinem eigenen Haus frei zu sprechen, und die Gesellschaft beginnt unter einem allgemeinen Zustand des Misstrauens und Argwohns zu leiden.
4. Die Sicherheit der persönlichen Freiheit
Der Islam hat außerdem den Grundsatz festgelegt, dass kein Bürger inhaftiert werden darf, solange seine Schuld nicht vor einem öffentlichen Gericht nachgewiesen worden ist. Einen Menschen allein aufgrund eines Verdachts festzunehmen und ihn ohne ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren und ohne ihm eine angemessene Möglichkeit zu geben, seine Verteidigung vorzubringen, ist im Islam nicht zulässig. Es wird in einem Hadith berichtet, dass der Prophet einmal in der Moschee eine Ansprache hielt, als während der Ansprache ein Mann aufstand und sagte: „O Prophet Gottes, wegen welches Verbrechens sind meine Nachbarn verhaftet worden?“ Der Prophet hörte die Frage und setzte seine Ansprache fort. Der Mann stand erneut auf und wiederholte dieselbe Frage. Der Prophet antwortete wiederum nicht und fuhr mit seiner Ansprache fort. Der Mann stand ein drittes Mal auf und wiederholte dieselbe Frage. Daraufhin befahl der Prophet, die Nachbarn des Mannes freizulassen. Der Grund dafür, dass der Prophet geschwiegen hatte, als die Frage zuvor zweimal wiederholt worden war, lag darin, dass der Polizeibeamte sich in der Moschee befand und, wenn es triftige Gründe für die Verhaftung der Nachbarn dieses Mannes gegeben hätte, aufgestanden wäre, um seine Position zu erklären. Da der Polizeibeamte keine Gründe für diese Verhaftungen nannte, befahl der Prophet, die Verhafteten freizulassen. Der Polizeibeamte war mit dem islamischen Recht vertraut und stand daher nicht auf, um zu sagen: „Die Verwaltung kennt die gegen die Verhafteten erhobenen Vorwürfe, aber sie können nicht öffentlich bekannt gegeben werden. Wenn der Prophet ihre Schuld unter Ausschluss der Öffentlichkeit erfragen würde, würde ich ihn darüber aufklären.“ Hätte der Polizeibeamte eine solche Erklärung abgegeben, wäre er auf der Stelle entlassen worden. Die Tatsache, dass der Polizeibeamte im öffentlichen Gericht keine Gründe für die Verhaftungen nannte, war für den Propheten Grund genug, unverzüglich die Freilassung der Verhafteten anzuordnen. Die Anweisung des Heiligen Qurans ist in diesem Punkt sehr eindeutig: „Und wenn ihr zwischen den Menschen richtet, dann richtet in Gerechtigkeit“ (4:58). Auch der Prophet wurde von Gott angewiesen: „Mir ist befohlen worden, zwischen euch gerecht zu richten.“ Deshalb sagte der Kalif Umar: „Im Islam kann niemand inhaftiert werden, außer in Anwendung der Gerechtigkeit.“ Die hier verwendeten Worte zeigen eindeutig, dass Gerechtigkeit ein ordnungsgemäßes Gerichtsverfahren bedeutet. Verboten und verurteilt wird, dass ein Mensch ohne den Nachweis seiner Schuld vor einem öffentlichen Gericht festgenommen und inhaftiert wird und ohne dass ihm Gelegenheit gegeben wird, sich gegen diese Vorwürfe zu verteidigen. Wenn die Regierung den Verdacht hegt, dass eine bestimmte Person ein Verbrechen begangen hat oder in naher Zukunft eine Straftat begehen könnte, muss sie die Gründe für ihren Verdacht vor einem Gericht darlegen, und dem Täter oder Verdächtigen muss erlaubt werden, seine Verteidigung vor einem öffentlichen Gericht vorzubringen. So kann das Gericht entscheiden, ob der Verdacht gegen ihn auf stichhaltigen Gründen beruht oder nicht. Wenn ein berechtigter Verdacht besteht, muss ihm mitgeteilt werden, wie lange er in Untersuchungshaft bleiben wird. Diese Entscheidung muss unter allen Umständen in einem öffentlichen Gericht getroffen werden, damit die Öffentlichkeit sowohl die von der Regierung erhobenen Anklagen als auch die vom Angeklagten vorgebrachte Verteidigung hören und sehen kann, dass das ordnungsgemäße Gerichtsverfahren auf ihn angewandt wird und er nicht zum Opfer gemacht wird. Die richtige Methode für den Umgang mit solchen Fällen im Islam wird durch die berühmte Entscheidung des Propheten veranschaulicht, die sich vor der Eroberung von Mekka ereignete. Der Prophet bereitete den Angriff auf Mekka vor, als einer seiner Gefährten, Hatib ibn Abi Balta’a, durch eine Frau einen Brief an die Machthaber in Mekka sandte, in dem er sie über den bevorstehenden Angriff informierte. Der Prophet erfuhr dies durch eine göttliche Eingebung. Er befahl Ali und Zubayr: „Geht schnell auf dem Weg nach Mekka vor. An einem bestimmten Ort werdet ihr eine Frau finden, die einen Brief bei sich trägt. Nehmt ihr den Brief ab und bringt ihn mir.“ Sie gingen daraufhin los und fanden die Frau genau an dem vom Propheten genannten Ort. Sie nahmen ihr den Brief ab und brachten ihn zum Propheten. Dies war in der Tat ein eindeutiger Fall von Verrat. Den Feind über ein Geheimnis einer Armee zu informieren, und dies noch dazu während eines Krieges, ist ein sehr schweres Vergehen, das Verrat gleichkommt. Tatsächlich kann man sich während eines Krieges kaum ein schwereres Verbrechen vorstellen, als dem Feind ein militärisches Geheimnis preiszugeben. Was hätte ein geeigneterer Fall für eine geheime Verhandlung sein können? Ein militärisches Geheimnis war verraten worden, und der gesunde Menschenverstand verlangte, dass er unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor Gericht gestellt würde. Doch der Prophet ließ Hatib vor das öffentliche Gericht in der Moschee des Propheten bringen und forderte ihn in Gegenwart Hunderter Menschen auf, seine Haltung zu dem an die Führer der Quraisch gerichteten Brief zu erklären, der unterwegs abgefangen worden war. Der Angeklagte sagte: „O Gesandter Gottes, möge Gottes Segen auf dir sein, ich habe mich nicht gegen den Islam erhoben, und ich habe dies auch nicht mit der Absicht getan, ein militärisches Geheimnis zu verraten. In Wahrheit leben meine Frau und meine Kinder in Mekka, und ich habe dort keinen Stamm, der sie beschützen könnte. Ich hatte diesen Brief geschrieben, damit die Führer der Quraisch mir zu Dank verpflichtet wären und aus Dankbarkeit meine Frau und meine Kinder beschützen würden.“ Umar erhob sich und sagte ehrerbietig: „O Prophet, erlaube mir bitte, diesen Verräter mit dem Schwert zu töten.“ Der Prophet erwiderte: „Er gehört zu jenen Menschen, die an der Schlacht von Badr teilgenommen haben, und die Erklärung, die er zu seiner Verteidigung vorgebracht hat, scheint richtig zu sein.“ Betrachten wir diese Entscheidung des Propheten im richtigen Zusammenhang. Es handelte sich eindeutig um Verrat und den Verrat militärischer Geheimnisse. Doch der Prophet sprach Hatib aus zwei Gründen frei. Erstens war seine bisherige Lebensführung völlig untadelig und zeigte, dass er die Sache des Islam nicht verraten haben konnte, da er bei der Schlacht von Badr, als die Muslime einer gewaltigen Übermacht gegenüberstanden, sein Leben für sie riskiert hatte. Zweitens war seine Familie in Mekka tatsächlich in Gefahr. Wenn er daher aus menschlicher Schwäche gegenüber seinen Kindern diesen Brief geschrieben hatte, dann war es Strafe genug für ihn, dass sein geheimes Vergehen öffentlich bekannt geworden war und er in den Augen der Gläubigen bloßgestellt und gedemütigt worden war. Gott hat dieses Vergehen Hatibs im Heiligen Quran erwähnt, aber keine Strafe für ihn vorgeschlagen, außer Tadel und Ermahnung. Die Haltung und die Aktivitäten der Charidschiten zur Zeit des Kalifen Ali sind den Kennern der muslimischen Geschichte wohlbekannt. Sie beschimpften den Kalifen offen und drohten ihm mit Mord. Doch wann immer sie wegen dieser Vergehen festgenommen wurden, ließ Ali sie frei und sagte seinen Beamten: „Solange sie nicht tatsächlich Vergehen gegen den Staat begehen, sind der bloße Gebrauch beleidigender Sprache oder die Drohung mit Gewalt keine Vergehen, für die sie inhaftiert werden dürfen.“ Der Imam Abu Hanifa hat folgenden Ausspruch des Kalifen Ali (A) überliefert: „Solange sie nicht zu einem bewaffneten Aufstand aufbrechen, wird der Kalif der Gläubigen sich nicht in sie einmischen.“ Bei einer anderen Gelegenheit hielt Ali in der Moschee eine Ansprache, als die Charidschiten dort ihren besonderen Slogan riefen. Ali sagte: „Wir werden euch nicht das Recht verwehren, in die Moscheen zu kommen, um Gott anzubeten, und wir werden euch auch euren Anteil am Staatsvermögen nicht vorenthalten, solange ihr bei uns seid (und uns in unseren Kriegen gegen die Ungläubigen unterstützt); und wir werden niemals militärisch gegen euch vorgehen, solange ihr nicht gegen uns kämpft.“ Man kann sich den Widerstand vorstellen, dem Ali ausgesetzt war; einen gewalttätigeren und gehässigeren Widerstand kann man sich selbst in einem heutigen demokratischen Staat nicht vorstellen. Doch die Freiheit, die er der Opposition zugestanden hatte, war so groß, dass keine Regierung ihrer Opposition jemals eine solche Freiheit gewähren konnte. Er nahm nicht einmal jene fest, die ihm mit Mord drohten, und inhaftierte sie auch nicht.
5. Das Recht, gegen Tyrannei zu protestieren
Zu den Rechten, die der Islam den Menschen verliehen hat, gehört das Recht, gegen die Tyrannei der Regierung zu protestieren. In diesem Zusammenhang sagt der Koran: „Gott liebt es nicht, dass öffentlich böse Worte geäußert werden, außer von jemandem, dem Unrecht widerfahren ist“ (4:148). Das bedeutet, dass Gott beleidigende Sprache oder scharfe Worte der Verurteilung zutiefst missbilligt; doch demjenigen, der Opfer von Ungerechtigkeit oder Tyrannei geworden ist, gibt Gott das Recht, offen gegen das ihm zugefügte Unrecht zu protestieren. Dieses Recht ist nicht nur auf Einzelpersonen beschränkt. Die Worte des Verses sind allgemein gehalten. Wenn daher ein Einzelner, eine Gruppe von Menschen oder eine Partei die Macht an sich reißt und nach der Übernahme der Herrschaft beginnt, Einzelpersonen, Gruppen von Menschen oder die gesamte Bevölkerung des Landes zu tyrannisieren, dann ist es das von Gott verliehene Recht des Menschen, offen seine Stimme des Protestes dagegen zu erheben, und niemand hat die Befugnis, dieses Recht an sich zu reißen oder zu verweigern. Wenn jemand versucht, dieses Recht der Bürger an sich zu reißen, lehnt er sich gegen Gott auf. Der Talisman des Abschnitts 1444 mag einen solchen Tyrannen in dieser Welt schützen, doch vor dem Höllenfeuer im Jenseits kann er ihn nicht bewahren.
6. Meinungsfreiheit Der Islam gewährt allen Bürgern des Islamischen Staates das Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit, unter der Bedingung, dass dieses Recht zur Verbreitung von Tugend und Wahrheit und nicht zur Verbreitung von Übel und Schlechtigkeit genutzt wird. Dieses islamische Konzept der Meinungsfreiheit ist dem im Westen vorherrschenden Konzept weit überlegen. Unter keinen Umständen würde der Islam die Verbreitung von Übel und Schlechtigkeit zulassen. Er gibt auch niemandem das Recht, im Namen der Kritik beleidigende oder anstößige Sprache zu verwenden. Das Recht auf Meinungsfreiheit zum Zweck der Verbreitung von Tugend und Rechtschaffenheit ist im Islam nicht nur ein Recht, sondern eine Pflicht. Wer versucht, seinem Volk dieses Recht zu verweigern, befindet sich offen im Krieg mit Gott, dem Allmächtigen. Dasselbe gilt für den Versuch, Menschen vom Übel abzuhalten. Ob dieses Übel von einem Einzelnen, einer Gruppe von Menschen, der Regierung des eigenen Landes oder der Regierung eines anderen Landes verübt wird: Es ist das Recht eines Muslims und zugleich seine Pflicht, den Übeltäter zu warnen und zurechtzuweisen und zu versuchen, ihn davon abzuhalten. Darüber hinaus soll er es offen und öffentlich verurteilen und den Weg der Rechtschaffenheit aufzeigen, den jener Einzelne, jene Nation oder jene Regierung einschlagen sollte. Der Heilige Koran beschreibt diese Eigenschaft der Gläubigen mit den folgenden Worten: „Sie gebieten, was recht ist, und verbieten, was unrecht ist“ (9:71). Im Gegensatz dazu erwähnt der Koran bei der Beschreibung der Eigenschaften eines Heuchlers: „Sie gebieten, was unrecht ist, und verbieten, was recht ist“ (9:67). Der Hauptzweck einer islamischen Regierung ist von Gott im Koran wie folgt festgelegt worden: „Wenn Wir ihnen auf Erden Macht geben, verrichten sie das Gebet, entrichten die Zakat, gebieten, was recht ist, und verbieten, was unrecht ist“ (22:41). Der Prophet hat gesagt: „Wenn jemand von euch etwas Verwerfliches sieht, soll er versuchen, es mit seiner Hand zu verhindern (indem er Gewalt anwendet). Wenn er nicht in der Lage ist, es mit seiner Hand zu verhindern, soll er versuchen, es mit seiner Zunge zu verhindern (das heißt, er soll sich dagegen aussprechen). Wenn er nicht einmal seine Zunge gebrauchen kann, soll er es wenigstens in seinem Herzen verurteilen. Dies ist die schwächste Stufe des Glaubens“ (Muslim). Diese Pflicht, die Menschen zur Rechtschaffenheit einzuladen und ihnen zu verbieten, die Wege des Übels einzuschlagen, obliegt allen wahren Muslimen. Wenn eine Regierung ihren Bürgern dieses Recht entzieht und sie daran hindert, diese Pflicht zu erfüllen, steht sie in unmittelbarem Konflikt mit dem Gebot Gottes. Die Regierung steht nicht im Konflikt mit ihrem Volk, sondern mit Gott. Auf diese Weise führt sie Krieg gegen Gott und versucht, jenes Recht ihres Volkes an sich zu reißen, das Gott ihm nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht verliehen hat. Was eine Regierung betrifft, die selbst Übel, Schlechtigkeit und Obszönität verbreitet und sich in diejenigen einmischt, die die Menschen zur Tugend und Rechtschaffenheit einladen, so ist sie nach dem Heiligen Koran die Regierung der Heuchler.
7. Vereinigungsfreiheit Der Islam hat den Menschen auch das Recht auf Vereinigungsfreiheit sowie auf die Bildung von Parteien oder Organisationen gegeben. Auch dieses Recht unterliegt bestimmten allgemeinen Regeln. Es soll zur Verbreitung von Tugend und Rechtschaffenheit ausgeübt und niemals zur Verbreitung von Übel und Unheil verwendet werden. Uns wurde dieses Recht nicht nur zur Verbreitung von Rechtschaffenheit und Tugend gegeben, sondern wir wurden auch angewiesen, es auszuüben. Der Heilige Koran erklärt, indem er sich an die Muslime wendet: „Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht wurde. Ihr gebietet, was recht ist, verbietet, was unrecht ist, und glaubt an Gott …“ (3:110). Das bedeutet, dass es die Verpflichtung und Pflicht der gesamten muslimischen Gemeinschaft ist, die Menschen zur Rechtschaffenheit und Tugend einzuladen und sie davon abzuhalten, Böses zu tun. Wenn die gesamte muslimische Gemeinschaft nicht in der Lage ist, diese Pflicht zu erfüllen, dann soll es „unter euch eine Gemeinschaft geben, die zum Guten einlädt, das Rechte gebietet und das Unrechte verbietet; diese werden erfolgreich sein“ (3:104). Dies zeigt deutlich, dass es, wenn die gesamte muslimische Nation kollektiv beginnt, ihre Pflicht zu vernachlässigen, die Menschen zum Guten einzuladen und sie vom Bösen abzuhalten, unbedingt notwendig ist, dass sie wenigstens eine Gruppe von Menschen umfasst, die diese Pflicht erfüllt. Wie bereits gesagt wurde, handelt es sich hierbei nicht nur um ein Recht, sondern um eine Pflicht, von deren Erfüllung Erfolg und Wohlergehen sowohl hier als auch im Jenseits abhängen. Es ist eine Ironie gegenüber der Religion Gottes, dass in einem muslimischen Land die Vereinigung und der Zusammenschluss, die zum Zweck der Verbreitung von Übel und Unheil gebildet wurden, das Recht haben sollen, das Land zu regieren, während die Vereinigung und Partei, die zur Verbreitung von Rechtschaffenheit und Tugend gegründet wurden, in ständiger Angst vor Schikanen und davor leben sollen, für illegal erklärt zu werden. Die Verhältnisse sind hier genau das Gegenteil von dem, was Gott vorgeschrieben hat. Man behauptet, wir seien Muslime und dies sei ein Islamischer Staat5, doch die geleistete Arbeit zielt darauf ab, Übel zu verbreiten und die Menschen zu verderben, moralisch zu erniedrigen und zu entwürdigen, während die Arbeit zur Reform der Gesellschaft und zur Einladung der Menschen zur Rechtschaffenheit einer aktiven und wirksamen Einschränkung unterliegt. Darüber hinaus wird das Leben derjenigen, die sich für die Verbreitung der Rechtschaffenheit einsetzen und die Ausbreitung von Übel und Schlechtigkeit eindämmen, unerträglich und schwer erträglich gemacht.
8. Gewissens- und Überzeugungsfreiheit Der Islam gewährt seinen Bürgern in einem Islamischen Staat auch das Recht auf Gewissens- und Überzeugungsfreiheit. Der Heilige Koran hat folgende Weisung festgelegt: „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256). Obwohl es keine Wahrheit und Tugend gibt, die größer wäre als die Religion der Wahrheit – der Islam –, und obwohl die Muslime dazu aufgefordert sind, die Menschen einzuladen, den Islam anzunehmen, und Argumente zu seinen Gunsten vorzubringen, werden sie nicht aufgefordert, ihnen diesen Glauben aufzuzwingen. Es wird keinerlei Gewalt angewandt, um sie zur Annahme des Islam zu zwingen. Wer ihn annimmt, tut dies aus eigener Entscheidung. Muslime werden einen solchen Konvertiten zum Islam mit offenen Armen empfangen und ihn mit gleichen Rechten und Privilegien in ihre Gemeinschaft aufnehmen. Wenn jedoch jemand den Islam nicht annimmt, müssen die Muslime seine Entscheidung anerkennen und respektieren, und es darf kein moralischer, sozialer oder politischer Druck auf ihn ausgeübt werden, seine Meinung zu ändern.
9. Schutz religiöser Gefühle
Neben der Glaubens- und Gewissensfreiheit hat der Islam dem Einzelnen das Recht gegeben, dass seine religiösen Gefühle gebührend respektiert werden und nichts gesagt oder getan wird, was dieses Recht beeinträchtigen könnte. Im Heiligen Quran wurde von Gott angeordnet: „Beschimpft nicht diejenigen, die sie anstelle Gottes anrufen“ (6:108). Diese Anweisung beschränkt sich nicht nur auf Götzen und Gottheiten, sondern gilt auch für die Führer oder Nationalhelden eines Volkes. Wenn eine Gruppe von Menschen eine Überzeugung vertritt, die nach Ihrer Ansicht falsch ist, und bestimmte Personen hoch verehrt, obwohl diese nach Ihrer Ansicht keine solche Verehrung verdienen, dann ist es im Islam nicht gerechtfertigt, beleidigende Worte gegen sie zu gebrauchen und dadurch ihre Gefühle zu verletzen. Der Islam verbietet den Menschen nicht, über religiöse Angelegenheiten zu debattieren und zu diskutieren, verlangt jedoch, dass diese Diskussionen in angemessener und anständiger Weise geführt werden. „Und streitet mit den Leuten der Schrift nur auf die beste Art“ (29:46), sagt der Quran. Diese Anordnung beschränkt sich nicht lediglich auf die Leute der Schrift, sondern gilt in gleicher Weise auch für die Anhänger anderer Religionen.
10. Schutz vor willkürlicher Inhaftierung
Der Islam erkennt auch das Recht des Einzelnen an, nicht wegen der Vergehen anderer verhaftet oder inhaftiert zu werden. Der Heilige Quran hat dieses Prinzip klar festgelegt: „Keine lasttragende Seele soll die Last einer anderen tragen“ (6:164). Der Islam glaubt an die persönliche Verantwortung. Wir selbst sind für unsere Taten verantwortlich, und die Folgen unserer Handlungen können nicht auf jemand anderen übertragen werden. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass jeder Mensch für seine Handlungen verantwortlich ist. Wenn ein anderer Mensch an dieser Handlung nicht beteiligt war, kann er dafür weder verantwortlich gemacht noch verhaftet werden. Es ist zutiefst bedauerlich und beschämend, dass wir erleben, wie dieses gerechte und ausgewogene Prinzip, das nicht von irgendeinem Menschen, sondern vom Schöpfer und Erhalter des gesamten Universums festgelegt wurde, vor unseren Augen missachtet und verletzt wird. Es geht sogar so weit, dass ein Mann eines Verbrechens schuldig oder verdächtig ist, aber seine Frau wegen seines Verbrechens verhaftet wird. Die Dinge sind so weit gekommen, dass unschuldige Menschen für die Verbrechen anderer bestraft werden. Als jüngstes Beispiel sei ein Fall in Karachi (Pakistan) genannt: Ein Mann wurde verdächtigt, an einem Bombenanschlag beteiligt gewesen zu sein. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen wurde er schrecklich gefoltert, um ein Geständnis von ihm zu erpressen. Als er auf seiner Unschuld beharrte, verhaftete die Polizei seine Mutter, seine Frau, seine Tochter und seine Schwester und brachte sie zur Polizeiwache. Sie wurden alle in seiner Gegenwart entkleidet, und auch er wurde vor ihren Augen vollständig entkleidet, damit von ihm ein Geständnis des Verbrechens erpresst werden konnte. Es scheint, als sei es in unserem Land zum Zwecke der Verbrechensaufklärung rechtmäßig und zulässig geworden, die unschuldigen Frauen eines Haushalts zu entkleiden, um Druck auf den Verdächtigen auszuüben. Das ist wahrhaft empörend und beschämend. Es ist der Gipfel der Niedertracht und Verderbtheit. Was ich hier wiedergebe, ist kein bloßes Gerücht; ich verfüge über genaue Informationen zu diesem Fall und kann meine Anschuldigungen vor jedem Gericht beweisen. Ich möchte hier fragen, welches Recht solche Tyrannen, die diese Verbrechen gegen die Menschheit begehen, haben, uns zu sagen, dass sie Muslime seien oder dass sie die Staatsangelegenheiten gemäß den Lehren des Islam führten und ihr Staat ein Islamischer Staat sei. Sie verletzen und missachten ein klares Gesetz des Heiligen Quran. Sie entkleiden Männer und Frauen, was im Islam streng verboten ist. Sie entwürdigen und demütigen die Menschheit und behaupten dann, Muslime zu sein.
11. Das Recht auf die grundlegenden Lebensbedürfnisse Der Islam hat das Recht der Bedürftigen anerkannt, dass ihnen Hilfe und Unterstützung gewährt werden. „Und in ihrem Vermögen ist ein festgelegter Anteil für den Bedürftigen und den Mittellosen“ (51:19). In diesem Vers hat der Quran nicht nur jedem Menschen, der um Hilfe bittet, ein Recht auf das Vermögen der Muslime zugesprochen, sondern auch festgelegt, dass ein Muslim, sobald er erfährt, dass jemandem die grundlegenden Lebensbedürfnisse fehlen, verpflichtet ist, zu ihm zu gehen und ihm jede Hilfe zu leisten, die er geben kann, unabhängig davon, ob dieser Mensch um Hilfe bittet oder nicht. Zu diesem Zweck hat sich der Islam nicht allein auf freiwillig geleistete Hilfe und Almosen verlassen, sondern die verpflichtende Abgabe, die Zakat, als dritte Säule des Islam eingeführt, unmittelbar nach dem Glaubensbekenntnis und der Anbetung Gottes durch die regelmäßigen Gebete. Der Prophet hat diesbezüglich eindeutig angewiesen: „Sie wird von ihren Reichen genommen und den Bedürftigen in der Gemeinschaft gegeben“ (al-Buchari und Muslim). Darüber hinaus wurde erklärt, dass der Islamische Staat diejenigen unterstützen soll, die niemanden haben, der sie unterstützt. Der Prophet sagte: „Der Staatsoberhaupt ist der Vormund dessen, der niemanden hat, der ihn unterstützt“ (Abu Dawud, al-Tirmidhi). Das Wort wali, das vom Propheten verwendet wurde, ist ein sehr umfassendes Wort mit einer großen Bedeutungsbreite. Gibt es eine Waise oder einen alten Menschen, einen Menschen mit Behinderung oder einen Arbeitslosen, einen Kranken oder einen Armen, der niemanden hat, der ihn unterstützt oder ihm hilft, dann ist es die Pflicht und Verantwortung des Staates, ihn zu unterstützen und ihm beizustehen. Wenn ein Verstorbener keinen Vormund oder Erben hat, ist es die Pflicht des Staates, für seine ordnungsgemäße Bestattung zu sorgen. Kurz gesagt, dem Staat ist die Pflicht und Verantwortung übertragen worden, für alle zu sorgen, die Hilfe und Unterstützung benötigen. Ein wahrhaft Islamischer Staat ist daher ein wahrhaftiger Wohlfahrtsstaat, der Vormund und Beschützer aller Bedürftigen sein wird.
12. Gleichheit vor dem Gesetz
Der Islam gewährt seinen Bürgern das Recht auf absolute und vollkommene Gleichheit vor dem Gesetz. Was die Muslime betrifft, so gibt es im Heiligen Quran und im Hadith klare Anweisungen, dass sie hinsichtlich ihrer Rechte und Pflichten alle gleich sind: „Die Gläubigen sind einander Brüder“ (49:10). „Wenn sie bereuen, das Gebet verrichten und die Almosensteuer entrichten, dann sind sie eure Brüder im Glauben“ (9:11). Der Prophet sagte: „Das Leben und Blut der Muslime sind gleichermaßen kostbar“ (Abu Dawud; Ibn Majjah). In einem anderen Hadith sagte er: „Der von allen Muslimen gewährte Schutz ist gleich. Selbst ein gewöhnlicher Mann unter ihnen kann jedem Menschen Schutz gewähren“ (al-Bukhari; Muslim; Abu Dawud). In einer anderen, ausführlicheren Überlieferung des Propheten heißt es, dass diejenigen, die die Einheit Gottes annehmen, an die Prophetenschaft Seines Gesandten glauben, primitive Vorurteile aufgeben und sich der muslimischen Gemeinschaft und Bruderschaft anschließen, „dann dieselben Rechte und Pflichten haben wie die anderen Muslime“ (al-Bukhari; al-Nisa’i). Somit besteht absolute Gleichheit zwischen den neuen Konvertiten zum Islam und den alten Anhängern des Glaubens. Diese religiöse Bruderschaft und die Einheitlichkeit ihrer Rechte und Pflichten bilden die Grundlage der Gleichheit in der islamischen Gesellschaft, in der die Rechte und Pflichten eines Menschen in keiner Weise größer oder geringer sind als die Rechte und Pflichten anderer Menschen. Was die nichtmuslimischen Bürger des islamischen Staates betrifft, so wurde die islamische Scharia (das Gesetz) ihnen gegenüber vom Kalifen ‘Ali sehr treffend mit folgenden Worten zum Ausdruck gebracht: „Sie haben unseren Schutz nur deshalb angenommen, weil ihr Leben wie unser Leben und ihr Besitz wie unser Besitz sein darf“ (Abu Dawud). Mit anderen Worten: Das Leben und der Besitz der Dhimmis sind ebenso heilig wie das Leben und der Besitz der Muslime. Die Einteilung der Menschen in verschiedene Klassen war eines der größten Verbrechen, denen sich der Pharao laut Quran hinzugeben pflegte: „Er hatte sein Volk in verschiedene Klassen geteilt“ … „Und er unterdrückte eine Gruppe von ihnen (zugunsten anderer)“ (28:4).
13. Herrscher stehen nicht über dem Gesetz
Der Islam besteht ausdrücklich darauf und fordert, dass alle Amtsträger des islamischen Staates, ob es sich um das Oberhaupt oder einen gewöhnlichen Angestellten handelt, vor dem Gesetz gleich sind. Keiner von ihnen steht über dem Gesetz oder kann Immunität beanspruchen. Selbst ein gewöhnlicher Bürger hat im Islam das Recht, eine Klage vorzubringen oder eine rechtliche Beschwerde gegen den höchsten Regierungsvertreter des Landes einzureichen. Der Kalif ‘Umar sagte: „Ich selbst habe den Propheten gesehen, möge Gottes Segen auf ihm sein, wie er an sich selbst Vergeltung übte (sich für ein Versäumnis oder Fehlverhalten bestrafte).“ Anlässlich der Schlacht von Badr, als der Prophet die Reihen des muslimischen Heeres ausrichtete, schlug er einem Soldaten auf den Bauch, um ihn zurück in die Reihe zu drängen. Der Soldat beschwerte sich: „O Prophet, du hast mich mit deinem Stock verletzt.“ Der Prophet entblößte sogleich seinen Bauch und sagte: „Es tut mir sehr leid; du kannst mir dasselbe antun und so Vergeltung üben.“ Der Soldat trat vor, küsste den Bauch des Propheten und sagte, das sei alles, was er gewollt habe. Eine Frau aus einer angesehenen und edlen Familie wurde im Zusammenhang mit einem Diebstahl verhaftet. Der Fall wurde dem Propheten vorgetragen, und es wurde empfohlen, sie von der Strafe für den Diebstahl zu verschonen. Der Prophet erwiderte: „Die Völker, die vor euch lebten, wurden von Gott vernichtet, weil sie die einfachen Leute für ihre Vergehen bestraften, während sie ihre Würdenträger für deren Verbrechen unbestraft ließen; ich schwöre bei Dem, in dessen Hand mein Leben liegt, dass ich selbst dann, wenn Fatimah, die Tochter Muhammads, dieses Verbrechen begangen hätte, ihre Hand abgehackt hätte.“ Während der Kalifenzeit von ‘Umar peitschte Muhammad, der Sohn von ‘Amr ibn al-‘As, des Statthalters von Ägypten, einen Ägypter aus. Der Ägypter ging nach Medina und brachte seine Beschwerde beim rechtgeleiteten Kalifen vor, der den Statthalter und dessen Sohn unverzüglich nach Medina beorderte. Als sie vor ihm in Medina erschienen, übergab der Kalif dem ägyptischen Beschwerdeführer eine Peitsche und forderte ihn auf, den Sohn des Statthalters in seiner Gegenwart auszupeitschen. Nachdem der Ägypter seine Vergeltung geübt hatte und gerade dabei war, die Peitsche an ‘Umar zurückzugeben, sagte dieser zum Ägypter: „Gib auch dem ehrenwerten Statthalter einen Peitschenhieb. Sein Sohn hätte dich gewiss nicht geschlagen, wenn er nicht aufgrund des hohen Amtes seines Vaters von falschem Stolz erfüllt gewesen wäre.“ Der Kläger erklärte: „An demjenigen, der mich geschlagen hat, habe ich bereits Vergeltung geübt.“ ‘Umar sagte: „Bei Gott, wenn du ihn (den Statthalter) geschlagen hättest, hätte ich dich nicht daran gehindert. Du hast ihn aus eigenem freien Willen verschont.“ Dann wandte er (‘Umar) sich zornig an ‘Amr ibn al-‘As und sagte: „O ‘Amr, seit wann versklavt ihr die Menschen, obwohl ihre Mütter sie als Freie zur Welt gebracht haben?“ Als der islamische Staat in seiner ursprünglichen Herrlichkeit und Pracht erblühte, konnten die einfachen Leute gleichermaßen Beschwerden gegen den damaligen Kalifen vor Gericht vorbringen, und der Kalif musste vor dem Qadi erscheinen, um auf die Anklagen zu antworten. Und wenn der Kalif eine Beschwerde gegen einen Bürger hatte, durfte er seine Verwaltungsbefugnisse und seine Autorität nicht einsetzen, um die Angelegenheit zu regeln, sondern musste den Fall zur ordnungsgemäßen Entscheidung an das Gericht verweisen.
14. Das Recht, Sünde zu vermeiden
Der Islam gewährt außerdem jedem Bürger das Recht, dass ihm nicht befohlen wird, eine Sünde, ein Verbrechen oder eine Straftat zu begehen; und wenn eine Regierung, ein Verwaltungsbeamter oder ein Abteilungsleiter einer Person befiehlt, etwas Unrechtes zu tun, hat sie das Recht, die Befolgung des Befehls zu verweigern. Die Weigerung, ein solches Verbrechen zu begehen oder ungerechten Anweisungen Folge zu leisten, gilt nach islamischem Recht nicht als Vergehen. Im Gegenteil: Untergebenen zu befehlen, eine Sünde zu begehen oder Unrecht zu tun, ist selbst ein Vergehen, und zwar ein so schwerwiegendes, dass der Beamte, der diesen sündhaften Befehl erteilt, unabhängig von seinem Rang und seiner Stellung fristlos entlassen werden kann. Diese klaren Anweisungen des Propheten werden in folgendem Hadith zusammengefasst: „Es ist nicht erlaubt, Gott zu missachten, um den Befehlen irgendeines Menschen zu gehorchen“ (Musnad des Ibn Hanbal). Mit anderen Worten: Niemand hat das Recht, seinen Untergebenen zu befehlen, etwas gegen die Gesetze Gottes zu tun. Wird ein solcher Befehl erteilt, hat der Untergebene das Recht, ihn zu ignorieren oder die Ausführung dieser Anweisungen offen zu verweigern. Nach dieser Regel wird kein Täter seine Unschuld beweisen oder einer Bestrafung entgehen können, indem er sagt, die Straftat sei auf Anordnung der Regierung oder vorgesetzter Beamter begangen worden. Tritt eine solche Situation ein, müssen sowohl die Person, die die Straftat begeht, als auch die Person, die ihre Begehung anordnet, mit einem Strafverfahren rechnen. Und wenn ein Beamter gegen einen Untergebenen, der sich weigert, rechtswidrige Befehle auszuführen, unangemessene und ungerechte Maßnahmen ergreift, hat der Untergebene das Recht, zum Gericht zu gehen, um seine Rechte zu schützen, und zu verlangen, dass der Beamte für seine falschen oder ungerechten Anordnungen bestraft wird.
15. Das Recht, an den Staatsangelegenheiten teilzunehmen Nach dem Islam sind die Regierungen dieser Welt tatsächlich Stellvertreter (Khulafa’) des Schöpfers des Universums, und diese Verantwortung ist weder einer einzelnen Person noch einer Familie, einer bestimmten Klasse oder einer bestimmten Gruppe von Menschen anvertraut, sondern der gesamten muslimischen Gemeinschaft. Der Heilige Koran sagt: „Gott hat denen unter euch, die glauben und gute Werke tun, versprochen, sie zu seinen Stellvertretern auf Erden zu machen“ (24:55). Dies zeigt eindeutig, dass das Kalifat eine gemeinschaftliche Gabe Gottes ist, bei der das Recht jedes einzelnen Muslims weder größer noch geringer ist als das Recht irgendeines anderen Menschen. Die vom Heiligen Koran empfohlene richtige Methode zur Führung der Staatsangelegenheiten lautet: „Und ihre Angelegenheiten werden durch Beratung untereinander geregelt“ (42:38). Nach diesem Grundsatz hat jeder Muslim das Recht, entweder unmittelbar an den Staatsangelegenheiten mitzuwirken oder durch einen von ihm und den anderen Muslimen gewählten Vertreter an der Beratung über die Staatsangelegenheiten teilzunehmen. Der Islam erlaubt oder duldet unter keinen Umständen, dass eine Einzelperson, eine Gruppe oder eine Partei von Einzelpersonen die gewöhnlichen Muslime ihrer Rechte beraubt und die Macht des Staates an sich reißt. Ebenso hält es der Islam weder für richtig noch für angemessen, dass eine Einzelperson zum Schein eine gesetzgebende Versammlung einrichtet und sich selbst sowie von ihr ausgewählte Personen durch Machenschaften wie Betrug, Verfolgung, Bestechung usw. in die Versammlung wählen lässt. Dies ist nicht nur ein Verrat an den Menschen, deren Rechte durch illegale und unfaire Mittel usurpiert werden, sondern auch am Schöpfer, der die Muslime damit betraut hat, auf Seinen Befehl hin auf dieser Erde zu herrschen, und der das Verfahren einer Versammlung zur Ausübung dieser Macht vorgeschrieben hat. Die Schura oder gesetzgebende Versammlung bedeutet nichts anderes als Folgendes: 1. Das Staatsoberhaupt der Exekutive und die Mitglieder der Versammlung müssen durch die freie und unabhängige Wahl des Volkes gewählt werden. 2. Das Volk und seine Vertreter müssen das Recht haben, Kritik zu üben und ihre Meinungen frei auszudrücken. 3. Die tatsächlichen Verhältnisse des Landes müssen dem Volk vorgelegt werden, ohne irgendeine Tatsache zu unterdrücken, damit es sich ein Urteil darüber bilden kann, ob die Regierung ordnungsgemäß arbeitet oder nicht.
4. Es muss eine ausreichende Garantie dafür geben, dass nur diejenigen, die die Unterstützung der Massen besitzen, das Land regieren, und dass diejenigen, die diese Unterstützung nicht gewinnen können, aus ihrer Machtstellung entfernt werden.
VIERTES KAPITEL: DIE RECHTE DER FEINDE IM KRIEG
Nachdem ich die Rechte der Bürger eines islamischen Staates behandelt habe, möchte ich kurz die Rechte erörtern, die der Islam seinen Feinden zuerkannt hat. Als der Islam in den Blickpunkt der Welt trat, war die Welt völlig ohne Kenntnis des Konzepts humaner und anständiger Kriegsregeln. Der Westen wurde durch die Werke des Denkers Grotius aus dem siebzehnten Jahrhundert zum ersten Mal mit diesem Konzept vertraut. Die eigentliche Kodifizierung des „internationalen Rechts“ im Krieg begann jedoch erst in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Zuvor gab es im Westen kein Konzept zivilisierten Verhaltens im Krieg. Im Krieg wurden alle Formen der Barbarei und Grausamkeit verübt, und die Rechte der Kriegsparteien wurden nicht einmal anerkannt, geschweige denn respektiert. Die Gesetze, die auf diesem Gebiet im neunzehnten Jahrhundert oder in der darauffolgenden Zeit bis zum heutigen Tag geschaffen wurden, können im eigentlichen Sinne des Wortes nicht als „Gesetze“ bezeichnet werden. Sie haben lediglich den Charakter von Übereinkünften und Vereinbarungen, und sie als „internationales Recht“ zu bezeichnen, ist tatsächlich eine Art Fehlbezeichnung, denn keine Nation betrachtet sie im Krieg als bindend, es sei denn natürlich, auch die Gegner erklären sich bereit, sie einzuhalten. Mit anderen Worten: Diese zivilisierten Gesetze besagen, dass wir sie ebenfalls einhalten werden, wenn unsere Feinde sie achten; wenn sie diese menschlichen Übereinkünfte jedoch missachten und zu barbarischen und grausamen Methoden der Kriegsführung greifen, werden auch wir dieselben oder ähnliche Methoden anwenden. Es liegt auf der Hand, dass ein solches Vorgehen, das von gegenseitiger Annahme und Übereinstimmung abhängt, nicht als „Recht“ bezeichnet werden kann. Und dies ist der Grund, weshalb die Bestimmungen dieses sogenannten „internationalen Rechts“ in jeder Hinsicht übertreten und missachtet wurden und bei jeder Überarbeitung Ergänzungen oder Streichungen vorgenommen wurden.
Kriegs- und Friedensrecht im Islam: Die vom Islam aufgestellten Regeln, die den Krieg zivilisiert und menschlich gestalten sollen, haben den Charakter von Recht, weil sie die Gebote Gottes und Seines Propheten sind, denen die Muslime unter allen Umständen folgen, unabhängig vom Verhalten des Feindes. Nun ist es Aufgabe der Gelehrten herauszufinden, in welchem Maße der Westen von den vor dreizehnhundert Jahren vom Islam gegebenen Kriegsgesetzen Gebrauch gemacht hat und in welchem Maße der Westen selbst nach der Übernahme einiger islamischer Gesetze jene Höhen zivilisierter und menschlicher Methoden der Kriegsführung erreicht hat, zu denen die Muslime durch den Segen des Islam gelangten. Westliche Schriftsteller haben häufig behauptet, der Prophet habe alles in seiner Lehre von den Juden und den Christen übernommen. Statt etwas zu ihrer Widerlegung zu sagen, möchte ich den Leser lediglich auf die Bibel6 verweisen, damit er sehen kann, welche Kriegsmethoden im heiligen Buch jener westlichen Anspruchsteller auf Zivilisation und Kultur empfohlen werden. Wir haben die grundlegenden Menschenrechte, die der Islam dem Menschen zuerkannt hat, ausführlich untersucht. Finden wir nun heraus, welche Rechte und Pflichten der Islam gegenüber einem Feind anerkennt.
Die Rechte der Nichtkombattanten: Der Islam hat zunächst eine klare Grenze zwischen den Kombattanten und den Nichtkombattanten des feindlichen Landes gezogen. Was die nichtkämpfende Bevölkerung betrifft, etwa Frauen, Kinder, Alte und Gebrechliche usw., so lauten die Anweisungen des Propheten wie folgt: „Tötet keinen alten Menschen, kein Kind und keine Frau“ (Abu Dawud). „Tötet die Mönche in den Klöstern nicht“ oder „Tötet nicht die Menschen, die sich an Gebetsstätten aufhalten“ (Musnad des Ibn Hanbal). Während eines Krieges sah der Prophet die Leiche einer Frau auf dem Boden liegen und bemerkte: „Sie hat nicht gekämpft. Wie konnte sie dann getötet werden?“ Aus dieser Aussage des Propheten haben die Exegeten und Rechtsgelehrten den Grundsatz abgeleitet, dass Nichtkombattanten während oder nach dem Krieg nicht getötet werden dürfen.
Die Rechte der Kombattanten: Sehen wir nun, welche Rechte der Islam den Kombattanten zuerkannt hat.
1. Folter mit Feuer
In einem Hadith findet sich eine Aussage des Propheten: „Die Bestrafung mit Feuer steht niemandem zu außer dem Herrn des Feuers“ (Abu Dawud). Aus dieser Aussage wird die Anweisung abgeleitet, dass der Gegner nicht lebendig verbrannt werden darf.
2. Schutz der Verwundeten
„Greift keinen Verwundeten an“ – so sprach der Prophet. Das bedeutet, dass verwundete Soldaten, die nicht kampffähig sind und tatsächlich nicht kämpfen, nicht angegriffen werden dürfen.
3. Der Kriegsgefangene darf nicht getötet werden
„Kein Gefangener darf mit dem Schwert getötet werden“ – eine sehr klare und unmissverständliche Anweisung des Propheten (S).
4. Niemand darf gefesselt werden, um getötet zu werden
„Der Prophet hat die Tötung eines jeden verboten, der gefesselt ist oder sich in Gefangenschaft befindet.“
5. Keine Plünderung und Zerstörung im Feindesland
Die Muslime wurden vom Propheten außerdem angewiesen, dass sie, wenn sie in das Gebiet des Feindes eindringen, weder plündern noch die Wohngebiete zerstören und auch nicht das Eigentum irgendeines Menschen antasten dürfen, außer demjenigen, der mit ihnen kämpft. Es ist in einem Hadith überliefert: „Der Prophet hat den Gläubigen Plünderung und Raub verboten“ (al-Bukhari; Abu Dawud). Seine Anweisung lautet: „Die Beute ist nicht erlaubter als Aas“ (Abu Dawud). Abu Bakr al-Siddiq pflegte den Soldaten, wenn er sie in den Krieg entsandte, Anweisungen zu geben: „Zerstört weder Dörfer noch Städte, verwüstet weder bestellte Felder noch Gärten und schlachtet kein Vieh.“ Die Kriegsbeute, die auf dem Schlachtfeld erlangt wird, ist davon völlig verschieden. Sie besteht aus dem Vermögen, den Vorräten und der Ausrüstung, die ausschließlich aus den Lagern und militärischen Hauptquartieren der kämpfenden Heere erbeutet werden.
6. Unverletzlichkeit des Eigentums
Den Muslimen ist außerdem verboten worden, der Allgemeinheit eines eroberten Landes etwas zu nehmen, ohne dafür zu bezahlen. Wenn die muslimische Armee in einem Krieg ein Gebiet des Feindes besetzt und dort lagert, hat sie nicht das Recht, die den Menschen gehörenden Dinge ohne deren Zustimmung zu benutzen. Wenn sie etwas benötigt, soll sie es bei der örtlichen Bevölkerung kaufen oder die Erlaubnis der Eigentümer einholen. Abu Bakr al-Siddiq ging bei seinen Anweisungen an die muslimischen Heere, die an die Front entsandt wurden, so weit zu sagen, dass die muslimischen Soldaten nicht einmal die Milch der Milchtiere ohne die Erlaubnis ihrer Eigentümer benutzen dürften.
7. Unverletzlichkeit eines Leichnams
Der Islam hat seinen Anhängern ausdrücklich verboten, die Leichen ihrer Feinde zu entehren oder zu verstümmeln, wie es in Arabien vor dem Aufkommen des Islam praktiziert wurde. In einem Hadith heißt es: „Der Prophet hat uns verboten, die Leichen der Feinde zu verstümmeln“ (al-Bukhari; Abu Dawud). Der Anlass, bei dem diese Anordnung erging, ist höchst lehrreich. In der Schlacht von Uhud verstümmelten die Ungläubigen die Leichen der Muslime, die auf dem Schlachtfeld gefallen und für den Islam ihr Leben geopfert hatten, indem sie ihnen Ohren und Nasen abschnitten, diese zusammenfädelten und als Kriegstrophäen um ihre Hälse hängten. Der Bauch von Hamzah, dem Onkel des Propheten, wurde von den Quraisch aufgeschlitzt; seine Leber wurde herausgenommen und von Hind, der Frau Abu Sufyans, des Anführers der mekkanischen Armee, zerkaut. Die Muslime waren angesichts dieses schrecklichen Anblicks natürlich empört. Doch der Prophet forderte seine Anhänger auf, den Leichen der Feinde nicht dieselbe Behandlung zuteilwerden zu lassen. Dieses große Beispiel von Nachsicht und Selbstbeherrschung genügt, jeden vernünftigen Menschen, der nicht von Vorurteil oder Voreingenommenheit verblendet ist, davon zu überzeugen, dass der Islam tatsächlich die vom Schöpfer des Universums herabgesandte Religion ist; denn wenn menschliche Gefühle im Islam irgendeine Geltung gehabt hätten, dann hätte dieser schreckliche Anblick auf dem Schlachtfeld von Uhud den Propheten dazu bringen müssen, seinen Anhängern zu befehlen, die Leichen ihrer Feinde auf dieselbe Weise zu verstümmeln.
8. Rückgabe der Leichen des Feindes
In der Schlacht von Ahzab wurde ein sehr berühmter und furchterregender Krieger des Feindes getötet, und sein Leichnam fiel in den Graben, den die Muslime zur Verteidigung Medinas ausgehoben hatten. Die Ungläubigen boten dem Propheten zehntausend Dinar an und baten darum, dass ihnen die Leiche ihres gefallenen Kriegers ausgehändigt werde. Der Prophet erwiderte: „Ich verkaufe keine Leichen. Ihr könnt die Leiche eures gefallenen Gefährten mitnehmen.“
9. Verbot des Bruchs von Verträgen
Der Islam hat Verrat streng verboten. Eine der Anweisungen, die der Prophet den muslimischen Kriegern zu geben pflegte, wenn er sie an die Front entsandte, lautete: „Macht euch keines Vertragsbruchs schuldig.“ Diese Anordnung wurde im Heiligen Quran und im Hadith immer wieder wiederholt: Wenn der Feind verräterisch handelt, mag er dies tun; ihr dürft niemals euer Versprechen brechen. Es gibt einen berühmten Vorfall im Friedensvertrag von Hudaybiyyah. Nachdem die Vertragsbedingungen vereinbart worden waren, kam Abu Jandal, der Sohn des Gesandten der Ungläubigen, der diesen Vertrag mit den Muslimen ausgehandelt hatte, gefesselt und blutüberströmt in das muslimische Lager gerannt und flehte um Hilfe. Der Prophet sagte zu ihm: „Da die Bedingungen des Vertrags festgelegt worden sind, sind wir nicht in der Lage, dir zu helfen. Du musst mit deinem Vater zurückgehen. Gott wird dir eine andere Gelegenheit geben, dieser Verfolgung zu entkommen.“ Das gesamte muslimische Heer war von der traurigen Lage Abu Jandals tief berührt und betrübt, und viele von ihnen waren zu Tränen gerührt. Doch als der Prophet erklärte: „Wir können die Vereinbarung nicht brechen“, trat kein einziger vor, um dem unglücklichen Gefangenen zu helfen, sodass die Ungläubigen ihn gewaltsam nach Mekka zurückschleppten. Dies ist ein beispielloses Beispiel für die Einhaltung der Vertragsbedingungen durch die Muslime, und die islamische Geschichte kann viele Beispiele ähnlicher Art vorweisen.
10. Regeln zur Kriegserklärung
Im Heiligen Koran heißt es: „Wenn ihr von einem Volk einen Vertragsbruch befürchtet, dann kündigt ihm den Vertrag offen ins Gesicht“ (8:58). In diesem Vers wird den Muslimen untersagt, Feindseligkeiten gegen ihre Feinde zu eröffnen, ohne ihnen ordnungsgemäß den Krieg zu erklären, es sei denn natürlich, der Gegner hat bereits eine Aggression gegen sie begonnen. Andernfalls hat der Koran den Muslimen eindeutig vorgeschrieben, ihren Feinden mitzuteilen, dass zwischen ihnen kein Vertrag mehr besteht und sie sich mit ihnen im Krieg befinden. Auch das heutige „Völkerrecht“ schreibt vor, dass Feindseligkeiten nicht ohne Kriegserklärung begonnen werden dürfen; da es sich jedoch um eine von Menschen geschaffene Regel handelt, steht es ihnen frei, sie zu verletzen, wann immer es ihnen gelegen kommt. Die Gesetze für die Muslime hingegen wurden von Gott erlassen und dürfen daher nicht verletzt werden.
Schlussfolgerung:
Dies ist ein kurzer Überblick über jene Rechte, die der Islam vor vierzehnhundert Jahren dem Menschen, denjenigen, die miteinander im Krieg standen, und den Bürgern seines Staates gewährte und die jeder Gläubige als ebenso heilig wie das Gesetz betrachtet. Einerseits erneuert und stärkt es unseren Glauben an den Islam, wenn wir erkennen, dass die Welt selbst in diesem modernen Zeitalter, das so laut seine Fortschrittlichkeit und Aufgeklärtheit preist, keine gerechteren und ausgewogeneren Gesetze hervorbringen konnte als jene, die vor 1400 Jahren gegeben wurden. Andererseits verletzt es unsere Gefühle, dass die Muslime im Besitz eines solch großartigen und umfassenden Rechtssystems sind und dennoch bei jenen Führern des Westens nach Orientierung suchen, die nicht einmal davon hätten träumen können, jene Höhen der Wahrheit und Gerechtigkeit zu erreichen, die schon vor langer Zeit verwirklicht wurden. Noch schmerzhafter ist die Erkenntnis, dass überall auf der Welt die Herrscher, die vorgeben, Muslime zu sein, den Ungehorsam gegenüber ihrem Gott und dem Propheten zur Grundlage und zum Fundament ihrer Regierung gemacht haben. Möge Gott sich ihrer erbarmen und ihnen die wahre Rechtleitung geben.
Zeuge für die Menschheit
von Sayyid Abul Al’a Maududi
Übersetzt und bearbeitet von Khurram Murad Zeuge für die Wahrheit
Die Islamische Stiftung
Lobpreisungen und Segenswünsche
Unsere Botschaft
Der Zweck und die Pflicht der muslimischen Umma Verantwortlichkeiten und Pflichten
Der einzige Zweck der Existenz
Zeugnis für die Wahrheit Wesen und Bedeutung Verantwortung der Umma
Wie sollen wir Zeugnis für die Wahrheit ablegen? Zeugnis durch Worte Zeugnis durch Taten
Der islamische Staat
Wo stehen wir?
Unser Zeugnis durch Worte
Unser Zeugnis durch Taten
Und mit welchen Folgen!
Unsere Strafe
In dieser Welt
Strafe im Jenseits
Was ist unser eigentliches Problem?
Scheinprobleme
Unser eigentliches Problem
Lobpreis und Segenswünsche Alle Lobpreisung gebührt Gott, der allein der Schöpfer, Herr und Souverän des Universums ist. Er ist es, der mit vollkommener Weisheit, uneingeschränkter Macht und unendlicher Barmherzigkeit über es herrscht. Er hat den Menschen erschaffen, ihn mit Wissen und Verstand ausgestattet, ihn zu Seinem Statthalter auf Erden gemacht und Seine Bücher und Gesandten gesandt, um ihn zu führen. Möge Gott all jene rechtschaffenen und edlen Diener von Ihm segnen, die dazu bestimmt waren, den Menschen zu lehren, wie man als wahrhaft menschliche Wesen lebt, die den Menschen den eigentlichen Zweck seines Lebens erkennen ließen und ihm den richtigen Weg zu einem Leben in dieser Welt zeigten. Welches Maß an wahrer Rechtleitung, Moral, Frömmigkeit und Selbstlosigkeit die Welt heute auch besitzt, sie verdankt es den Lehren dieser Diener Gottes, Friede sei mit ihnen. Dies ist eine Schuld, die niemals hinreichend beglichen werden kann.
Unsere Botschaft
Brüder und Freunde, gewöhnlich teilen wir unsere Versammlungen in zwei Teile. In einem Teil überprüfen wir untereinander unsere Aktivitäten und besprechen Pläne zu ihrer Weiterentwicklung. Den anderen Teil widmen wir der Vermittlung unserer Botschaft an die Menschen in dem Gebiet, in dem wir unsere Versammlung abhalten. Daher haben wir euch gebeten, an dieser Versammlung teilzunehmen, damit wir euch unsere Botschaft erklären können. Einerseits richtet sich unsere Botschaft an die Muslime und andererseits an alle Menschen, die außerhalb des Islam stehen. Leider sehe ich heute jedoch hier keine Menschen, die zur zweiten Kategorie gehören. Unsere vergangenen Fehler und gegenwärtigen Irrtümer sind dafür verantwortlich, dass sich sehr viele Menschen von uns entfremdet haben. Deshalb finden wir kaum Gelegenheit, sie entweder zu uns hinzuziehen oder uns ihnen zu nähern, damit wir ihnen die Botschaft übermitteln können, die Gott, an den wir alle glauben, durch Seine Gesandten zur Rechtleitung von uns allen gesandt hat. Da unter uns keine Nichtmuslime anwesend sind, werde ich mich nur auf jenen Teil unserer Botschaft konzentrieren, der für die Muslime bestimmt ist. Der Zweck und die Pflicht der muslimischen Umma Verantwortlichkeiten und Pflichten Den Muslimen haben wir nur eine ganz einfache Sache zu sagen: Versteht die Verantwortlichkeiten und Pflichten, die euch aufgrund eures Muslimseins obliegen, und erfüllt sie. Ihr könnt euch nicht damit begnügen zu bekräftigen, dass ihr Muslime seid und Gott als euren einzigen Gott und den Islam als eure Religion angenommen habt. Vielmehr übernehmt ihr, sobald ihr Allah als euren einzigen Herrn und Seine Rechtleitung als eure Lebensweise anerkennt, bestimmte Verpflichtungen und Pflichten. Diese Verpflichtungen müsst ihr euch stets bewusst halten, und stets müsst ihr euch bemühen, diese Pflichten zu erfüllen. Wenn ihr ihnen ausweicht, werdet ihr den bösen Folgen eures Handelns weder in dieser Welt noch im Jenseits entkommen. Was sind diese Pflichten? Sie beschränken sich nicht lediglich auf das Bekenntnis zum Glauben an Allah, Seine Engel, Seine Bücher, Seine Gesandten und den Tag des Gerichts. Sie beschränken sich auch nicht auf die Verrichtung der Gebete, das Einhalten des Fastens, die Pilgerfahrt und das Entrichten der Almosen. Ebenso sind diese Pflichten nicht dadurch erschöpft, dass man die islamischen Vorschriften in Bezug auf Ehe, Scheidung und Erbschaft befolgt. Über all diese Pflichten hinaus gibt es eine, die am wichtigsten ist: dass euer Leben vor der gesamten Menschheit Zeugnis für die Wahrheit ablegt, die euch von Gott gegeben wurde, für die Wahrheit, die ihr für wahr haltet.
Der einzige Zweck der Existenz
Der Qur’an stellt klar fest, dass es der einzige Zweck ist, euch als eine eigenständige Umma (Gemeinschaft) mit dem Namen Muslime einzusetzen, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen – und zwar auf eine Weise, die der Menschheit keinen berechtigten Grund lässt, sie zu leugnen. Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr vor der gesamten Menschheit Zeugen [für die Wahrheit] seid und der Gesandte vor euch Zeuge [dafür] sei (al-Baqara 2:143). Diese Aufgabe ist das alleinige Ziel, zu dem eure Umma ins Dasein gerufen wurde; sie ist die raison d’être ihrer Existenz als menschliche Gesellschaft. Solange ihr sie nicht erfüllt, vergeudet ihr euer Leben. Denn dies ist keine gewöhnliche Pflicht, sondern eine von Gott auferlegte Pflicht. Es ist ein göttlicher Befehl und ein göttlicher Aufruf: O ihr, die ihr glaubt, steht stets fest für Gott ein und legt Zeugnis für die Gerechtigkeit ab (al-Ma’ida 5:8). Es handelt sich nicht um eine belanglose Kleinigkeit, sondern um einen nachdrücklichen und schwerwiegenden Auftrag, denn Allah sagt auch: Und wer ist ein größerer Übeltäter als jener, der ein ihm von Gott anvertrautes Zeugnis unterdrückt? (al-Baqara 2:140). Ihr seid vor den Folgen gewarnt worden, die sich aus der Umgehung dieser Pflicht ergeben. Betrachtet die Geschichte des Volkes Israel. Auch ihm war aufgetragen worden, im Zeugenstand zu stehen; doch bisweilen unterdrückte es die Wahrheit, und bisweilen legte es gegen sie Zeugnis ab. Durch sein Verhalten wurde es in Wirklichkeit zu Zeugen für die Falschheit statt zu Zeugen für die Wahrheit. Die Folge war, dass Gott es im Stich ließ und ein Fluch über es kam. So befielen es Erniedrigung und Machtlosigkeit, und es zog sich Gottes Zorn zu (al-Baqara 2:61).
Zeugnis für die Wahrheit Was beinhaltet diese Pflicht des Zeugnisablegens? Bedenkt es sorgfältig: Euch wurde göttliche Rechtleitung gegeben, euch wurde die Wahrheit gezeigt. Daher müsst ihr durch euer Bekenntnis und euer Zeugnis vor der gesamten Menschheit ihre Echtheit und Wahrhaftigkeit belegen. Dieses Zeugnis soll die Echtheit und Wahrhaftigkeit der göttlichen Rechtleitung für alle sichtbar und selbstverständlich machen, und es soll sie für alle Menschen klar und unwiderlegbar machen. Zu eben diesem Zweck wurden alle Gesandten in die Welt gesandt; dies war ihre wichtigste Pflicht. Nach ihnen wurde ihren Anhängern dieselbe Pflicht anvertraut. Und nun ist die muslimische Umma als Nachfolgerin des Letzten Propheten, Segen und Friede seien auf ihm, mit eben dieser Aufgabe betraut, so wie er während seines Lebens mit ihr betraut war.
Wesen und Bedeutung Welche Bedeutung hat dieses Zeugnis? Seine Bedeutung werdet ihr erst erkennen, wenn ihr versteht, dass der Mensch für sein Verhalten zur Rechenschaft gezogen wird und im Jenseits nach dem göttlichen Gesetz belohnt oder bestraft wird, das vollständig auf diesem Zeugnis beruht. Gott ist allweise, allbarmherzig und vollkommen gerecht. Seine Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit lassen es nicht zu, dass Er Menschen dafür bestraft, gegen Seinen Willen zu leben, obwohl sie davon keine Kenntnis hatten; dass Er Menschen für die Abweichung von dem rechten Weg zur Rechenschaft zieht, von dem sie nichts wussten; oder dass Er Menschen für Dinge verantwortlich macht, von denen sie nichts wussten. [1] Um dem vorzubeugen, war der erste Mensch, den Er erschuf, ein Gesandter, und nach ihm wurden im Laufe der Zeit viele weitere gesandt. [2] Sie alle sollten der Menschheit Zeugen sein, damit sie den Willen Gottes verstehe und sich daran erinnere. Sie alle sollten die Menschen die rechte Weise lehren, ihr Leben zu führen, den Verhaltenskodex, den sie annehmen sollten, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, die Taten, die sie vollbringen sollten, die Taten, die sie vermeiden sollten, und die Dinge, für die sie zur Rechenschaft gezogen werden würden. [3] Dieses Zeugnis wurde durch Allahs Gesandte abgelegt, damit die Menschen nicht zu Gott sagen könnten: Wie können wir für Dinge bestraft werden, vor denen wir nicht gewarnt wurden? Der Qur’an sagt: [Wir sandten] alle Gesandten als Verkünder froher Botschaft und als Warner, damit die Menschen nach dem Kommen dieser Gesandten keinen Einwand gegen Gott hätten; Gott ist wahrlich allmächtig und allweise (an-Nisa 4:165). Auf diese Weise übertrug Gott Seinen Gesandten die entscheidende Verantwortung, die Menschen in Seinem Auftrag zu leiten. So wurden sie mit einer äußerst heiklen und schwerwiegenden Verantwortung betraut: Wenn sie ordnungsgemäß für die Wahrheit Zeugnis ablegten, würden die Menschen für ihre eigenen Taten zur Rechenschaft gezogen; versagten sie jedoch in ihrer Pflicht, würden sie selbst dafür zur Rechenschaft gezogen, dass ihr Volk in die Irre gegangen war. Mit anderen Worten: Wenn die Gesandten die Menschen nicht durch ein schlüssiges und unwiderlegbares Zeugnis für die Wahrheit für ihr Verhalten verantwortlich machten, würden die Menschen die Gesandten für ihre eigenen Missetaten verantwortlich machen und sagen: ‚Das Wissen, das Gott dir gegeben hat, hast du uns nicht mitgeteilt; den Lebensweg, den Er dir gezeigt hat, hast du uns nicht gezeigt.‘ [4] Deshalb waren sich alle Gesandten stets zutiefst der Last dieser Verantwortung bewusst, und deshalb bemühten sie sich so sehr, vor den Menschen Zeugnis für die ihnen anvertraute Wahrheit abzulegen. [5]
Die Verantwortung der Umma Alle, die durch die Gesandten zur Erkenntnis der Wahrheit und der göttlichen Rechtleitung geführt worden waren, wurden zu einer Gemeinschaft, einer Umma, zusammengeschlossen. Jede Umma wurde mit derselben Aufgabe betraut wie die Gesandten: Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. Als Nachfolger der Gesandten hat jede Umma dieselbe entscheidende Rolle und Verantwortung wie sie. Wenn eine Umma also ihre Pflicht, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen, ordnungsgemäß erfüllt und die Menschen dennoch nicht darauf achten, wird sie belohnt, während die Menschen zur Rechenschaft gezogen werden. Vernachlässigt die Umma jedoch ihre Pflicht oder legt sie ein falsches Zeugnis ab, verdient sie eine härtere Strafe als die Menschen. Die Umma wird nicht nur für ihre eigenen Missetaten zur Rechenschaft gezogen, sondern auch für die Missetaten jener, die in die Irre gingen oder sich dem Irrtum und der Schlechtigkeit zuwandten, weil das von der Umma abgelegte Zeugnis sie irregeführt hatte oder falsch gewesen war. Dies, Brüder, ist das Wesen und die Logik jener schwerwiegenden und entscheidenden Pflicht, die auf mir, auf euch und auf all jenen ruht, die sich als Teil der muslimischen Umma betrachten oder die sich hinreichend mit dem Buch Gottes und der von Seinen Gesandten gebrachten Rechtleitung vertraut gemacht haben.
Anmerkungen von Khurram Murad
1. Gottes Gesetz für das Gericht: Der Qur’an hat ausführlich das Gesetz erklärt, nach dem die Rechenschaft des Menschen am Tag des Gerichts von dem Zeugnis für die Wahrheit abhängt, das ihre Träger vor ihm ablegen. Es ist wichtig zu verstehen, was der Qur’an hierzu sagt. Erstens: Warum ist der Mensch auf die Erde gesetzt worden? Damit er sein volles und gewaltiges Potential nutzt, um sich auf jene rechte Weise zu verhalten, die dem Leben seinen Sinn gibt. Und Er ist es, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschaffen hat, und Sein Thron war auf dem Wasser, damit Er euch prüfe, wer von euch sich am besten verhält (Hud 11:7). Er, der den Tod und das Leben erschaffen hat, damit Er euch prüfe, wer von euch sich am besten verhält (al-Mulk 67:2). Wir haben alles, was auf der Erde ist, zu ihrem Schmuck gemacht, damit Wir sie prüfen, wer von ihnen sich am besten verhält (al-Kahf 18:7). Zweitens: Was ist der Sinn und Zweck des menschlichen Lebens? Dass er so lebt, wie sein Schöpfer es von ihm wünscht: in Hingabe und Anbetung allein Ihm gegenüber. Nicht weil Gott in irgendeiner Weise seine Anbetung nötig hätte, sondern weil der Mensch nur seinen Schöpfer und niemand anderen anbeten muss, damit seine eigene Natur nicht entstellt und verdorben wird und er nicht im Widerspruch zu ihrem inneren Wesen lebt. Nur durch ein solches Leben wird auch sein irdisches Leben auf den rechten Weg gebracht und gedeihen, sodass es ihm Frieden und Glück bringt (alles, was der Qur’an falah nennt). Und Ich habe die Jinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen und Mich anbeten. Ich verlange von ihnen keine Versorgung, noch verlange Ich, dass sie Mich speisen (al-Dhariyat 51:56–57). Drittens muss folglich das irdische Leben des Menschen gerichtet werden. Er muss über sein Verhalten Rechenschaft ablegen und sich den Folgen seiner Lebensführung stellen. Damit er gerecht beurteilt werden kann, darf dieses Urteil offensichtlich erst gefällt werden, nachdem sein irdisches Leben zu Ende gegangen ist, und nur von Dem, der ihm dieses Leben gegeben hat, der alles weiß und allmächtig und allgerecht ist. Erst dann kann er gerecht beurteilt und für alles angemessen belohnt oder bestraft werden: von den verborgensten innersten Gedanken bis zu den weitreichenden Folgen seines Verhaltens, die über das Leben hinaus Generationen erreichen können. Der Richter muss mit anderen Worten der König und Herrscher am Tag des Gerichts sein. Meint ihr etwa, Wir hätten euch zum bloßen Zeitvertreib erschaffen und ihr würdet nicht zu Uns zurückgebracht? Erhaben ist Gott, der König, die Wahrheit! Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Herrn des edlen Thrones (al-Mu’minun 23:115–116). Und Wir haben die Himmel und die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, nicht zum bloßen Zeitvertreib erschaffen. Wir haben sie vielmehr in Wahrheit [mit Sinn und Zweck] erschaffen, doch die meisten von ihnen verstehen es nicht (al-Dukhan 44:38–39). Oder meinen jene, die böse Taten begehen, dass Wir sie denjenigen gleichstellen werden, die glauben und rechtschaffene Werke tun, in ihrem Leben und in ihrem Tod? Wie schlecht ist ihr Urteil! Gott hat die Himmel und die Erde in Wahrheit [mit Sinn und Zweck] erschaffen, damit jeder Mensch für das vergolten wird, was er erworben hat, und ihnen kein Unrecht geschieht (al-Dschathiyah 45:21–22). Jeder Mensch wird den Tod kosten; und am Tag der Auferstehung werdet ihr gewiss euren Lohn vollständig erhalten. Wer dann vor dem Feuer bewahrt und ins Paradies eingelassen wird, der hat den Erfolg errungen; das irdische Leben ist nur ein trügerischer Genuss (Al ’Imran 3:185). Und Wir werden am Tag der Auferstehung gerechte Waagen aufstellen, und keiner Seele wird in irgendeiner Weise Unrecht geschehen. Und wäre es auch das Gewicht eines Senfkorns, Wir würden es hervorbringen; und Wir genügen als Abrechner (al-Anbiya’ 21:47). Er kennt den verstohlensten Blick und was die Herzen verbergen (Ghafir 40:19). Viertens liegt daher das endgültige Schicksal des Menschen im künftigen Leben, in der Akhirah. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass die Darstellung der Akhirah im Qur’an deutlich zeigt und wiederholt betont, dass man dort in einem ordnungsgemäßen Gerichtsverfahren, gerecht und angemessen, barmherzig und gütig beurteilt werden wird. Niemandem wird auch nur im Gewicht eines Atoms Unrecht geschehen oder ungerecht begegnet werden. Und wetteifert miteinander, indem ihr zur Vergebung eures Herrn und zu einem Paradies eilt, das so weit ist wie die Himmel und die Erde und für die Gottesbewussten bereitet wurde (Al ’Imran 3:133). O mein Volk, dieses irdische Leben ist nur ein kurzer Genuss; gewiss ist das künftige Leben die bleibende Wohnstatt. Wer dort eine böse Tat begeht, dem wird nur das Gleiche vergolten; wer aber rechtschaffene Werke tut, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist, diese werden ins Paradies eintreten und dort ohne Berechnung mit Gaben versorgt werden (Ghafir 40:39–40). Gewiss tut Gott nicht einmal im Gewicht eines Atoms Unrecht (al-Nisa’ 4:40). Fünftens muss der Mensch daher in aller Gerechtigkeit darüber aufgeklärt werden, wie er sein irdisches Leben führen soll. Mit anderen Worten: Er muss seinen Schöpfer und Herrn kennen, wissen, was Er von ihm verlangt, wie Er möchte, dass er Ihn anbetet und sich Ihm ergibt. Solange der Mensch dies alles nicht weiß, kann er nicht vollständig verantwortlich gemacht und zur Rechenschaft gezogen werden, wenn er einen falschen Lebensweg verfolgt. Dieses Wissen wurde ihm in seiner eigenen Natur, im Universum um ihn herum und in den Offenbarungen gegeben, die durch Gottes Gesandte gesandt wurden. Und als dein Herr aus den Kindern Adams, aus ihren Lenden, ihre Nachkommenschaft hervorbrachte und sie gegen sich selbst Zeugnis ablegen ließ: Bin Ich nicht euer Herr? Sie sagten: Ja, wir bezeugen es, damit ihr nicht am Tag der Auferstehung sagt: Wir waren dessen unachtsam. Oder damit ihr nicht sagt: Unsere Väter haben schon zuvor Gott Teilhaber beigesellt, und wir waren nur Nachkommen nach ihnen. Willst Du uns etwa wegen dessen vernichten, was die Nichtigen getan haben? (al-A’raf 7:172–173). Wie viele Zeichen gibt es in den Himmeln und auf der Erde, an denen sie vorbeigehen, ohne darauf zu achten, und denen sie den Rücken kehren! Die meisten von ihnen glauben nicht an Gott, sondern gesellen Ihm Teilhaber bei (Yusuf 12:105–106). [Und Gott wird sagen:] O Gemeinschaft der Jinn und Menschen, sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch Meine Zeichen vorgetragen und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag gewarnt haben? … Das ist so, weil dein Herr niemals Gemeinschaften ungerecht vernichten würde, während ihre Bewohner unwissend sind (al-An’am 6:130–131). Sechstens kann aus mehreren Gründen, die hier nicht alle erörtert werden können, nur Gott und niemand sonst dem Menschen das Wissen über die rechte Rechtleitung geben. Erstens und vor allem deshalb, weil nur Er sagen kann, wie der Mensch zu Ihm in Beziehung stehen soll. Zweitens, weil nur der Schöpfer ihm sagen kann, wie er zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu allen anderen Dingen im Universum in Beziehung stehen soll. Und schließlich, weil nur Gott dem Menschen eine Rechtleitung geben kann, die überall und zu allen Zeiten gilt. Sprich: Gibt es unter jenen, die ihr [Gott] beigesellt, jemanden, der zur Wahrheit leitet? Sprich: Gott allein leitet zur Wahrheit. Ist nun Derjenige, der zur Wahrheit leitet, eher würdig, dass man Ihm folgt, oder derjenige, der nicht rechtleiten kann, es sei denn, er wird selbst rechtgeleitet? Was ist mit euch? Wie urteilt ihr? Die meisten von ihnen folgen nur Vermutungen, doch Vermutungen können niemals die Wahrheit ersetzen (Yunus 10:35–36). Sprich: Sollen wir außer Gott das anrufen, was uns weder nützt noch schadet, und sollen wir auf unseren Fersen umkehren, nachdem Gott uns rechtgeleitet hat? Wie einer, den die Satane auf der Erde in die Irre geführt haben und der Gefährten hat, die ihn zur Rechtleitung rufen: Komm zu uns! Sprich: Gottes Rechtleitung ist die alleinige [wahre] Rechtleitung; und uns wurde befohlen, uns dem Herrn der Welten zu ergeben (al-An’am 6:71). Dies ist also das göttliche Gesetz für das Gericht über den Menschen. Im Mittelpunkt dieses Gesetzes steht, dass die Wahrheit vor der Menschheit vollständig, getreu und mit allen möglichen Mitteln bezeugt wird. Denn ohne die Rechtleitung Gottes wird das irdische Leben des Menschen, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, zu Elend und Leid führen. Noch wichtiger aber ist: Ohne diese Rechtleitung wird der Mensch niemals in der Lage sein, sein endgültiges Schicksal glorreich zu machen.
2. Gottes Verheißung, zu rechtleiten: Adam ist nach dem Qur’an weder eine mythische Gestalt noch bloß ein Symbol für die Menschheit. Er wird als Gesandter zusammen mit Noah und Abraham erwähnt. Gott erwählte Adam, Noah, das Haus Abrahams und das Haus Imrans vor allen Menschen, als Nachkommenschaft, die voneinander stammt (Al ’Imran 3:33). Ihm wurden Wissen und Rechtleitung gegeben (2:31–35). Als er irrte und seine Schwächen ihm bewusst wurden, wandte sich Gott ihm in Barmherzigkeit zu, erhob ihn, leitete ihn recht und versprach ihm und seiner Nachkommenschaft fortdauernde Rechtleitung (20:115–127; 2:35–39). Adam widersetzte sich seinem Herrn und irrte daher. Danach erwählte ihn sein Herr, wandte sich ihm zu und leitete ihn recht. Er sprach: Geht beide von hier hinab; der eine von euch sei des anderen Feind. Doch gewiss wird euch von Mir eine Rechtleitung zukommen. Wer Meiner Rechtleitung folgt, wird weder irregehen noch unglücklich sein. Wer sich aber von Meinem Gedenken abwendet, für den wird es ein beengtes Leben geben, und am Tag der Auferstehung werden Wir ihn blind auferstehen lassen. Er wird sagen: O mein Herr, warum hast Du mich blind auferstehen lassen, obwohl ich doch sehen konnte? Gott wird sagen: So ist es. Unsere Zeichen kamen zu dir, doch du hast sie vergessen; so wirst du heute vergessen sein (Ta Ha 20:121–126).
3. Die Gesandten und ihre Aufgabe: Zur Erfüllung dieses Versprechens an die Menschheit sandte Gott zunächst Seine Gesandten mit Seiner Rechtleitung und der Wahrheit zu jedem Volk; einige von ihnen hat der Qur’an genannt, andere nicht. Wir haben dich mit der Wahrheit gesandt, als Verkünder froher Botschaft und als Warner; es gibt kein Volk, zu dem nicht ein Warner gekommen wäre (al-Fatir 35:24). Wir haben dir offenbart, wie Wir Noah und den Propheten nach ihm offenbart haben, und wie Wir Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und ihren Nachkommen offenbart haben, darunter Jesus, Hiob, Jona, Aaron und Salomo, und wie Wir David die Psalmen gegeben haben. Und Gesandte, von denen Wir dir zuvor berichtet haben, und Gesandte, von denen Wir dir nicht berichtet haben; und Gott sprach zu Mose unmittelbar. Gesandte als Verkünder froher Botschaft und als Warner, damit die Menschen nach dem Kommen der Gesandten keinen Einwand gegen Gott haben; und Gott ist allmächtig und allweise (al-Nisa’ 4:163–165). Zweitens übertrug Er ihnen allen diese Aufgabe und Pflicht: die Wahrheit mitzuteilen, die Menschen dazu einzuladen, allein den einen Gott anzubeten und sich Ihm als ihrem einzigen Herrn durch Wort und Beispiel zu ergeben. Mit anderen Worten: die Wahrheit vor den Männern und Frauen zu bezeugen, zu denen sie gesandt wurden, damit diese keinen Einwand vor Gott vorbringen könnten, damit sie danach gefragt werden könnten, wie sie ihr Leben geführt hatten, damit diejenigen, die nach der Wahrheit lebten, belohnt und diejenigen, die es nicht taten, bestraft würden. Und Wir haben vor dir keinen Gesandten gesandt, ohne ihm zu offenbaren: Es gibt keinen Gott außer Mir; so dient und betet nur Mich an (al-Anbiya’ 21:25). Dies war Unser Beweis, den Wir Abraham gegen sein Volk gaben. Wir erhöhen, wen Wir wollen, in Rangstufen. Dein Herr ist gewiss allweise und allwissend. Und Wir schenkten ihm Isaak und Jakob; beide leiteten Wir recht. Und Noah leiteten Wir zuvor recht, und aus seiner Nachkommenschaft David, Salomo, Hiob, Josef, Mose und Aaron. So vergelten Wir den Rechtschaffenen. Und Zacharias, Johannes, Jesus und Elija; jeder von ihnen gehörte zu den Rechtschaffenen; und Ismael, Elisa, Jona und Lot. Jeden von ihnen zeichneten Wir vor den anderen Menschen aus. Ebenso einige ihrer Vorväter, ihrer Nachkommen und ihrer Brüder. Wir erwählten sie und leiteten sie auf einen geraden Weg. Dies ist Gottes Rechtleitung; Er leitet damit von Seinen Dienern recht, wen Er will. Hätten sie [Ihm] Teilhaber beigesellt, wäre alles, was sie getan hatten, für sie nichtig gewesen. Das sind jene, denen Wir das Buch, das Urteil und das Prophetentum gaben. Wenn diese es verleugnen, haben Wir es Menschen anvertraut, die nicht daran ungläubig sind. Das sind jene, die Gott rechtgeleitet hat; so folge ihrer Rechtleitung. Sprich: Ich verlange von euch dafür keinen Lohn; es ist nur eine Ermahnung für alle Menschen (al-An’am 6:83–90). Wahrlich, Wir sandten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waage herab, damit die Menschen die Gerechtigkeit aufrechterhalten (al-Hadid 57:25). Der Prophet Muhammad war der letzte von ihnen. Er brachte keine neue Wahrheit, Botschaft oder Rechtleitung; er kam mit derselben Wahrheit und wurde mit derselben Aufgabe und Pflicht betraut wie alle Gesandten vor ihm. Diese Aufgabe und Mission wurde auf verschiedene Weise bezeichnet: Warnung (indhar), Verkündung froher Botschaft (tabshir), Einladung und Aufruf (da’wah), Übermittlung (tabligh), Ermahnung (dhikr), Lehre (ta’lim), Überbringen und Verbreiten (tilawah), das Gebieten und Fördern des Guten und Rechten sowie das Verbieten und Ausmerzen des Falschen und Schlechten (amr bi ’l-ma’ruf wa nahy ’ani ’l-munkar), die Errichtung des Din (iqamah), die Errichtung der Gerechtigkeit (qist), das Geltendmachen der göttlichen Rechtleitung und des Din (izhar) oder das Bezeugen (shahadah). Alle diese Ausdrücke beziehen sich auf dieselbe Mission, jedoch aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. O Prophet, Wir haben dich als Zeugen [für die Wahrheit], als Verkünder froher Botschaft und als Warner gesandt, als einen, der mit Seiner Erlaubnis zu Gott ruft, und als eine lichtspendende Leuchte (al-Ahzab 33:45–46). O Gesandter, übermittle, was zu dir von deinem Herrn herabgesandt wurde. Wenn du es nicht tust, hast du Seine Botschaft nicht übermittelt (al-Ma’idah 5:67). Ebenso haben Wir unter euch aus eurer Mitte einen Gesandten gesandt, der euch Unsere Zeichen vorträgt, euch läutert, euch das Buch und die Weisheit lehrt und euch lehrt, was ihr nicht wusstet (al-Baqarah 2:151). Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit gesandt hat, damit Er sie über alle anderen Lebensweisen siegen lässt; und Gott genügt als Zeuge (al-Fath 48:28; außerdem 9:33, 61:9). … und diejenigen [unter den Anhängern Mose], die dem Gesandten folgen, dem ungelehrten Propheten, den sie bei sich in der Tora und im Evangelium niedergeschrieben finden, der ihnen das Rechte gebietet und ihnen das Verwerfliche verbietet, ihnen die guten Dinge erlaubt und ihnen die schlechten Dinge verbietet und ihre Lasten und die Fesseln von ihnen nimmt, die auf ihnen lagen. Diejenigen, die an ihn glauben, ihn unterstützen und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde, das sind die Erfolgreichen (al-A’raf 7:157).
4. Die Rechenschaft des Menschen und das Zeugnis: Das Zeugnis, das die Gesandten und alle, denen dieselbe Pflicht übertragen ist, ablegen, bildet die Grundlage für die Rechenschaft des Menschen in der Akhirah und für seine daraus folgende Belohnung oder Bestrafung. Die Wahrheit wird ihnen gegenüber bezeugt, sodass sie keinen Einwand gegen Gott haben; sie werden zur Rechenschaft gezogen, weil sie sie empfangen haben. Diese Aussage wird im Qur’an an vielen Stellen und aus vielen verschiedenen Blickwinkeln dargelegt, wie wir bereits gesehen haben. Wer dem rechten Weg folgt, folgt ihm zu seinem eigenen Vorteil; und wer irregeht, geht zu seinem eigenen Schaden irre. Keine belastete Seele trägt die Last einer anderen. Wir bestrafen niemals, bevor Wir einen Gesandten entsandt haben (al-Isra’ 17:15). Dann werden Wir ganz gewiss alle zur Rechenschaft ziehen, zu denen die Botschaft gesandt wurde, und Wir werden ganz gewiss auch die Gesandten zur Rechenschaft ziehen. Dann werden Wir ihnen mit Wissen berichten, denn Wir waren niemals abwesend (al-A’raf 7:6–7). Und als Wir von allen Propheten, von dir [o Prophet], von Noah, Abraham, Mose und Jesus, dem Sohn Marias, ein Gelöbnis entgegennahmen, nahmen Wir von ihnen ein feierliches Gelöbnis, damit Er die Wahrhaftigen nach ihrer Wahrhaftigkeit frage. Und für die Ungläubigen hat Er eine schmerzhafte Strafe bereitet (al-Ahzab 33:7–8). An dem Tag, an dem Gott alle Gesandten versammelt und sagt: Welche Antwort wurde euch gegeben? Sie werden sagen: Wir haben kein Wissen; Du bist der Kenner des Verborgenen (al-Ma’idah 5:109). [Und Gott wird sagen:] O Gemeinschaft der Jinn und Menschen, sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch Meine Zeichen vorgetragen und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag gewarnt haben? Sie werden sagen: Wir bezeugen es gegen uns selbst. Das diesseitige Leben hat sie getäuscht, und sie bezeugen gegen sich selbst, dass sie ungläubig waren (al-An’am 6:130). Die Ungläubigen werden in Scharen nach Jahannam getrieben. Wenn sie dort ankommen, werden seine Tore geöffnet, und seine Wärter werden zu ihnen sagen: Sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch die Zeichen eures Herrn vorgetragen und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag gewarnt haben? Sie werden sagen: Ja, doch! Aber das Wort der Strafe ist gegen die Ungläubigen fällig geworden. Und es wird zu ihnen gesagt: Tretet durch die Tore von Jahannam ein, um ewig darin zu verweilen. Wie schlimm ist die Wohnstätte der Hochmütigen! (al-Zumar 39:71–72). Wir werden gewiss Unsere Gesandten und diejenigen, die glauben, im diesseitigen Leben und an dem Tag unterstützen, an dem die Zeugen aufstehen, an dem den Übeltätern ihre Entschuldigungen nichts nützen werden; auf ihnen liegt der Fluch, und für sie ist die üble Wohnstätte (Ghafir 40:51–52).
5. Verantwortungsbewusstsein: Der Qur’an gibt einen tief bewegenden Bericht darüber, wie Gottes Gesandte sich mit größtem Ernst ihrer Mission widmeten, wie sie hart arbeiteten, um ihre Pflicht zu erfüllen, und wie schwer sie für ihre Sache litten. Ihre Geschichte ist ein ausreichendes Zeugnis dafür. Doch hier sollen zwei Beispiele genügen: erstens das des Propheten Noah und zweitens das des Propheten Muhammad, Segen und Frieden seien auf ihnen. Wahrlich, Wir sandten Noah zu seinem Volk, und er verweilte unter ihnen tausend Jahre weniger fünfzig (al-Ankabut 29:14). Er [Noah] sagte: Mein Herr, ich habe mein Volk bei Nacht und bei Tag gerufen, doch mein Ruf hat sie nur weiter fliehen lassen. Und sooft ich sie rief, damit Du ihnen vergibst, steckten sie ihre Finger in ihre Ohren, hüllten sich in ihre Gewänder, beharrten darauf und wurden in ihrem Hochmut immer überheblicher. Dann rief ich sie öffentlich; dann sprach ich offen zu ihnen und redete mit ihnen heimlich (Nuh 71:5–9). Willst du [o Prophet] dich vielleicht zu Tode grämen, weil sie nicht glauben? (al-Schu’ara’ 26:3). Der Zweck und die Pflicht der muslimischen Ummah
Verantwortlichkeiten und Pflichten
Den Muslimen haben wir nur eine ganz einfache Sache zu sagen: Versteht und erfüllt die Verantwortlichkeiten und Pflichten, die euch aufgrund eures Muslimseins obliegen. Ihr könnt euch nicht damit begnügen zu bekräftigen, dass ihr Muslime seid und Gott als euren einzigen Gott und den Islam als eure Religion angenommen habt. Vielmehr übernehmt ihr in dem Augenblick, in dem ihr Allah als euren einzigen Herrn und Seine Rechtleitung als eure Lebensweise anerkennt, bestimmte Verpflichtungen und Pflichten. Dieser Verpflichtungen müsst ihr euch stets bewusst bleiben, und diese Pflichten müsst ihr stets zu erfüllen suchen. Wenn ihr ihnen ausweicht, werdet ihr den bösen Folgen eures Handelns weder in dieser Welt noch im Jenseits entkommen. Was sind diese Pflichten? Sie beschränken sich nicht nur auf das Glaubensbekenntnis zu Allah, Seinen Engeln, Seinen Büchern, Seinen Gesandten und dem Tag des Gerichts. Sie beschränken sich auch nicht auf das Verrichten der Gebete, das Fasten, die Pilgerfahrt und das Entrichten der Almosen. Ebenso sind diese Pflichten nicht erschöpft durch die Befolgung der islamischen Vorschriften über Ehe, Scheidung und Erbschaft. Über all diese Pflichten hinaus gibt es eine, die am wichtigsten ist: dass euer Leben vor der gesamten Menschheit Zeugnis für die Wahrheit ablegt, die euch von Gott gegeben wurde, für die Wahrheit, von deren Wahrhaftigkeit ihr überzeugt seid.
Der einzige Zweck der Existenz
Der Qur’an stellt eindeutig fest, dass das Bezeugen der Wahrheit auf eine Weise, die der Menschheit keinen gerechtfertigten Grund lässt, sie zu leugnen, der einzige Zweck dafür ist, dass ihr als eine eigenständige Umma (Gemeinschaft) eingesetzt wurdet, die Muslime genannt wird. Und so haben Wir euch zu einer Gemeinschaft der Mitte gemacht, damit ihr vor der gesamten Menschheit Zeugen [für die Wahrheit] seid und der Gesandte vor euch Zeuge [dafür] sei (al-Baqarah 2:143). Diese Mission ist das alleinige Ziel, um dessentwillen eure Umma ins Dasein gerufen wurde; sie ist der Daseinszweck ihrer Existenz als menschliche Gesellschaft. Solange ihr sie nicht erfüllt, vergeudet ihr euer Leben. Denn dies ist keine gewöhnliche Pflicht; es ist eine Pflicht, die Gott euch auferlegt hat. Es ist ein göttlicher Befehl und ein göttlicher Aufruf: O ihr Gläubigen, steht stets fest für Gott ein und bezeugt die Gerechtigkeit (al-Ma’idah 5:8). Es handelt sich nicht um eine bloße Kleinigkeit, sondern um einen nachdrücklichen und schwerwiegenden Auftrag, denn Allah sagt auch: Und wer ist ein größerer Frevler als derjenige, der ein Zeugnis unterdrückt, das Gott ihm anvertraut hat (al-Baqarah 2:140). Ihr seid vor den Folgen gewarnt worden, die sich aus der Umgehung dieser Pflicht ergeben. Betrachtet die Geschichte des Volkes Israel. Auch sie waren dazu bestimmt, im Zeugenstand zu stehen; doch manchmal unterdrückten sie die Wahrheit, und manchmal legten sie Zeugnis gegen sie ab. Durch ihr Verhalten wurden sie tatsächlich zu Zeugen der Falschheit statt zu Zeugen der Wahrheit. Die Folge war, dass Gott sie verließ und ein Fluch auf sie fiel. So befielen sie Erniedrigung und Machtlosigkeit, und sie zogen Gottes Zorn auf sich (al-Baqarah 2:61).
Zeugnis für die Wahrheit Was beinhaltet diese Pflicht des Bezeugens? Bedenkt es sorgfältig: Euch wurde göttliche Rechtleitung gegeben, euch wurde die Wahrheit gezeigt. Ihr müsst daher durch euer Zeugnis und euer Bezeugen vor der gesamten Menschheit ihre Authentizität und Wahrhaftigkeit erweisen. Dieses Zeugnis wird die Authentizität und Wahrhaftigkeit der göttlichen Rechtleitung für alle sichtbar und offensichtlich machen, und es wird sie für alle Menschen klar und unbestreitbar machen. Genau zu diesem Zweck wurden alle Gesandten in die Welt gesandt; dies war ihre wichtigste Pflicht. Nach ihnen wurde ihren Anhängern dieselbe Pflicht anvertraut. Und nun ist die muslimische Umma als Nachfolgerin des Letzten Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, mit genau dieser Mission betraut, so wie er während seines Lebens mit ihr betraut war.
Wesen und Bedeutung Welche Bedeutung hat dieses Zeugnis? Seine Bedeutung werdet ihr erst erkennen, wenn ihr versteht, dass der Mensch für sein Verhalten verantwortlich gemacht wird und im Jenseits nach dem göttlichen Gesetz, das vollständig auf diesem Zeugnis beruht, belohnt und bestraft werden wird. Gott ist allweise, allbarmherzig und vollkommen gerecht. Seine Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Weisheit sind nicht so beschaffen, dass Er Menschen dafür bestrafen sollte, gegen Seinen Willen zu leben, obwohl sie davon keine Kenntnis hatten; dass Er Menschen für die Abweichung von dem rechten Weg zur Rechenschaft ziehen sollte, von dem sie nichts wussten; oder dass Er Menschen für Dinge verantwortlich machen sollte, von denen sie nichts wussten. [1] Um dem vorzubeugen, war der erste Mensch, den Er erschuf, ein Gesandter, und nach ihm wurden von Zeit zu Zeit viele weitere gesandt. [2] Sie alle sollten der Menschheit Zeugnis geben, damit sie den Willen Gottes verstehen und sich daran erinnern konnte. Sie alle sollten die Menschen die richtige Art zu leben lehren, die Verhaltensordnung, die sie annehmen sollten, um Gottes Wohlgefallen zu erlangen, die Handlungen, die sie ausführen sollten, die Handlungen, die sie vermeiden sollten, und die Dinge, für die sie zur Rechenschaft gezogen werden würden. [3] Dieses Zeugnis wurde von Allahs Gesandten abgelegt, damit die Menschen nicht zu Gott sagen könnten: Wie können wir für Dinge bestraft werden, vor denen wir nicht gewarnt wurden? Der Qur’an sagt: [Wir sandten] alle Gesandten als Verkünder froher Botschaft und als Warner, damit die Menschen nach [dem Kommen] dieser Gesandten keinen Einwand gegen Gott hätten; Gott ist wahrlich allmächtig und allweise (al-Nisa’ 4:165). Auf diese Weise übertrug Gott Seinen Gesandten die entscheidende Verantwortung, die Menschen in Seinem Auftrag zu führen. Sie wurden damit mit einer äußerst anspruchsvollen und schwerwiegenden Verantwortung betraut: Wenn sie ordnungsgemäß für die Wahrheit Zeugnis ablegten, würden die Menschen für ihre eigenen Taten verantwortlich sein; wenn sie jedoch ihre Pflicht versäumten, würden sie selbst dafür zur Rechenschaft gezogen werden, dass ihr Volk irregegangen war. Mit anderen Worten: Solange die Gesandten die Menschen nicht durch ein schlüssiges und unbestreitbares Zeugnis für die Wahrheit für ihr Verhalten verantwortlich machten, würden die Menschen die Gesandten für ihre eigenen schlechten Taten verantwortlich machen und sagen: „Das Wissen, das Gott euch gegeben hat, habt ihr uns nicht mitgeteilt; die Lebensweise, die Er euch gezeigt hat, habt ihr UNS nicht gezeigt.“ [4] Deshalb waren sich alle Gesandten stets zutiefst der Last dieser Verantwortung bewusst, und deshalb bemühten sie sich so sehr, vor den Menschen Zeugnis für die ihnen anvertraute Wahrheit abzulegen. [5]
Verantwortung der Umma Alle, die durch die Gesandten zur Kenntnis der Wahrheit und zur göttlichen Rechtleitung geführt worden waren, wurden zu einer Gemeinschaft, einer Umma, geformt. Jede Umma wurde mit derselben Mission betraut wie die Gesandten: für die Wahrheit Zeugnis abzulegen. Als Nachfolger der Gesandten hat jede Umma dieselbe entscheidende Rolle und Verantwortung wie sie. Wenn eine Umma also ihre Pflicht, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, ordnungsgemäß erfüllt und die Menschen dennoch nicht darauf achten, wird sie belohnt und die Menschen werden zur Rechenschaft gezogen. Wenn die Umma jedoch ihre Pflicht vernachlässigt oder ein falsches Zeugnis ablegt, verdient sie eine härtere Bestrafung als die Menschen. Die Umma wird nicht nur für ihre eigenen schlechten Taten zur Rechenschaft gezogen, sondern auch für die schlechten Taten derjenigen, die irregegangen sind oder sich dem Irrtum und der Schlechtigkeit zugewandt haben, weil das von der Umma abgelegte Zeugnis sie in die Irre geführt hat oder falsch war. Dies, Brüder, ist das Wesen und die Logik jener schwerwiegenden und entscheidenden Pflicht, die auf mir, auf euch und auf allen liegt, die sich als Teil der muslimischen Umma betrachten oder die ausreichend Kenntnis vom Buch Gottes und von der durch Seine Gesandten überbrachten Rechtleitung erlangt haben.
Anmerkungen von Khurram Murad
1. Gottes Gesetz für das Gericht: Der Qur’an hat ausführlich das Gesetz erläutert, nach dem die Rechenschaft des Menschen am Tag des Gerichts von dem Zeugnis für die Wahrheit abhängt, das ihre Träger vor ihm ablegen. Es ist wichtig zu verstehen, was der Qur’an hierzu sagt. Erstens: Warum ist der Mensch auf die Erde gesetzt worden? Damit er sein volles und gewaltiges Potential nutzt, um sich auf jene rechte Weise zu verhalten, die den Sinn seines Lebens erfüllt. Und Er ist es, der die Himmel und die Erde in sechs Tagen erschuf, und Sein Thron war auf dem Wasser, damit Er euch prüfe, wer von euch sich am besten verhält (Hud 11:7). Er ist es, der den Tod und das Leben erschuf, damit Er euch prüfe, wer von euch sich am besten verhält (al-Mulk 67:2). Wir haben alles, was auf der Erde ist, zu ihrem Schmuck gemacht, damit Wir prüfen, wer von ihnen sich am besten verhält (al-Kahf 18:7). Zweitens: Was ist die Bedeutung und der Zweck des menschlichen Lebens? Dass er so lebt, wie sein Schöpfer es von ihm wünscht: in Hingabe und Anbetung allein Ihm gegenüber. Nicht weil Gott seine Anbetung in irgendeiner Weise nötig hätte, sondern weil der Mensch nur seinen Schöpfer und niemand anderen anbeten muss, damit seine eigene Natur nicht verdreht und verdorben wird und er nicht im Widerspruch zu ihrem inneren Wesen lebt. Nur durch ein solches Leben wird auch sein irdisches Leben auf den rechten Weg gebracht und gedeihen, sodass es ihm Frieden und Glück bringt, was alles der Qur’an falah nennt. Und Ich habe die Dschinn und die Menschen nur erschaffen, damit sie Mir dienen und Mich anbeten. Ich verlange von ihnen keine Versorgung, noch verlange Ich, dass sie Mich ernähren (al-Dhariyat 51:57). Drittens muss folglich das irdische Leben des Menschen gerichtet werden. Er muss über sein Verhalten Rechenschaft ablegen und den Folgen seiner Lebensführung entgegentreten. Damit gerecht über ihn gerichtet werden kann, muss dieses Urteil selbstverständlich erst gefällt werden, nachdem sein irdisches Leben zu Ende gegangen ist, und allein von Dem, der ihm dieses Leben gab, der alles weiß, allmächtig und allgerecht ist. Nur dann kann er gerecht beurteilt sowie für alles angemessen belohnt und bestraft werden: von den verborgensten innersten Gedanken bis zu den Folgen seines Handelns, die sich weit und breit und über das Leben hinaus auf kommende Generationen erstrecken. Der Richter muss mit anderen Worten der König und Herr des Tages des Gerichts sein. Habt ihr etwa geglaubt, Wir hätten euch zum bloßen Zeitvertreib erschaffen und ihr würdet nicht zu Uns zurückgebracht? Doch erhaben ist Gott, der König, die Wahrheit! Es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Herrn des edlen Thrones (al-Mu’minun 23:115–116). Und Wir haben die Himmel und die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, nicht zum bloßen Zeitvertreib erschaffen; Wir haben sie vielmehr in Wahrheit [mit Sinn und Zweck] erschaffen, doch die meisten von ihnen verstehen es nicht (al-Dukhan 44:38–39). Oder glauben diejenigen, die böse Taten begehen, Wir würden sie denjenigen gleichstellen, die glauben und rechtschaffene Werke tun, in ihrem Leben wie in ihrem Tod? Wie schlecht ist ihr Urteil! Gott hat die Himmel und die Erde in Wahrheit [mit Sinn und Zweck] erschaffen, damit jedem Menschen vergolten wird, was er erworben hat, und ihnen kein Unrecht geschieht (al-Jathiyah 45:21–22). Jeder Mensch wird den Tod kosten, und am Tag der Auferstehung werdet ihr gewiss euren Lohn vollständig erhalten. Wer dann vor dem Feuer bewahrt und ins Paradies eingelassen wird, der hat wahrlich den Erfolg errungen; das diesseitige Leben ist nichts als trügerischer Genuss (Al ‘Imran 3:185). Und am Tag der Auferstehung werden Wir gerechte Waagen aufstellen, und keinem Menschen wird das Geringste an Unrecht geschehen. Selbst wenn es das Gewicht eines Senfkorns wäre, werden Wir es hervorbringen; und Wir genügen als Abrechner (al-Anbiya’ 21:47). Er kennt den heimlichsten Blick und was die Herzen verbergen (Ghafir 40:19). Viertens liegt daher das endgültige Schicksal des Menschen im kommenden Leben, in der Akhirah. Ebenso wichtig ist die Tatsache, dass die Darstellung der Akhirah im Qur’an klar zeigt und wiederholt betont, dass man dort nach dem ordnungsgemäßen Verfahren der Gerechtigkeit, fair und gerecht, barmherzig und gütig gerichtet werden wird. Niemandem wird auch nur im Gewicht eines Atoms Unrecht geschehen oder ungerecht begegnet werden. Und wetteifert miteinander, indem ihr zur Vergebung eures Herrn und zu einem Paradies eilt, das so weit ist wie die Himmel und die Erde und für die Gottesbewussten bereitet wurde (Al ‘Imran 3:133). O mein Volk, dieses diesseitige Leben ist nur ein kurzer Genuss; wahrlich, das kommende Leben ist die bleibende Wohnstätte. Dort wird jedem, der eine böse Tat begeht, nur Gleiches vergolten; wer aber rechtschaffene Werke tut, sei es Mann oder Frau, und gläubig ist, diese werden ins Paradies eintreten und dort ohne Berechnung versorgt werden (Ghafir 40:39–40). Wahrlich, Gott tut nicht einmal im Gewicht eines Atoms Unrecht (al-Nisa’ 4:40). Fünftens muss der Mensch daher in aller Gerechtigkeit darüber aufgeklärt werden, wie er sein irdisches Leben führen soll. Mit anderen Worten muss er seinen Schöpfer und Herrn kennen, wissen, was Er von ihm wünscht und wie Er will, dass er Ihn anbetet und sich Ihm hingibt. Solange der Mensch all dies nicht weiß, kann er nicht voll verantwortlich und rechenschaftspflichtig gemacht werden, wenn er einen falschen Lebensweg einschlägt. Dieses Wissen wurde ihm in seiner eigenen Natur, im ihn umgebenden Universum und in den Offenbarungen gegeben, die durch Gottes Gesandte gesandt wurden. Und als dein Herr aus den Kindern Adams, aus ihren Lenden, ihre Nachkommenschaft hervorgehen ließ und sie gegen sich selbst bezeugen ließ: Bin Ich nicht euer Herr? Sie sagten: Ja, wir bezeugen es, damit ihr am Tag der Auferstehung nicht sagt: Wir waren dessen unachtsam. Oder damit ihr nicht sagt: Unsere Väter haben zuvor andere Gottheiten neben Gott gestellt, und wir waren nur ihre Nachkommen nach ihnen. Willst Du uns etwa wegen dessen vernichten, was die Nichtigen getan haben? (al-A’raf 7:172–173). Wie viele Zeichen gibt es in den Himmeln und auf der Erde, an denen sie achtlos vorübergehen und denen sie den Rücken kehren! Die meisten von ihnen glauben nicht an Gott, sondern stellen Ihm Partner zur Seite (Yusuf 12:105–106). [Und Gott wird sagen:] O Gemeinschaft der Dschinn und Menschen, sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch Meine Offenbarungen verkündeten und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag warnten? … Das geschieht, weil dein Herr keine Gemeinschaften zu Unrecht vernichten würde, während ihre Bewohner unwissend sind (al-An’am 6:130–131). Sechstens kann aus einer Reihe von Gründen, die hier nicht alle erörtert werden können, nur Gott und niemand sonst dem Menschen das Wissen um die rechte Rechtleitung geben. Erstens und vor allem, weil allein Er sagen kann, wie der Mensch sich zu Ihm verhalten soll. Zweitens, weil nur der Schöpfer ihm sagen kann, wie er sich zu sich selbst, zu anderen Menschen und zu allen anderen Dingen im Universum verhalten soll. Und schließlich, weil nur Gott dem Menschen eine Rechtleitung geben kann, die überall und zu allen Zeiten anwendbar ist. Sprich: Gibt es unter denen, die ihr Gott beigesellt, jemanden, der zur Wahrheit rechtleitet? Sprich: Gott allein leitet zur Wahrheit. Ist nun Derjenige, der zur Wahrheit leitet, eher wert, dass man Ihm folgt, oder derjenige, der nicht rechtleiten kann, es sei denn, er wird selbst rechtgeleitet? Was ist mit euch? Wie urteilt ihr? Die meisten von ihnen folgen nur Vermutungen, doch Vermutungen können die Wahrheit niemals ersetzen (Yunus 10:35–36). Sprich: Sollen wir außer Gott das anrufen, was uns weder nützt noch schadet, und sollen wir auf unseren Fersen umkehren, nachdem Gott uns rechtgeleitet hat? Wie einer, den die Satane auf der Erde in Verwirrung gelockt haben, während er Gefährten hat, die ihn zur Rechtleitung rufen: Komm zu uns! Sprich: Gottes Rechtleitung ist allein die wahre Rechtleitung; und uns wurde befohlen, uns dem Herrn der Welten zu ergeben (al-An’am 6:71). Dies ist also das göttliche Gesetz für das Gericht über den Menschen. Im Mittelpunkt dieses Gesetzes steht, dass die Wahrheit vor der Menschheit vollständig, getreu und mit allen möglichen Mitteln bezeugt wird. Denn ohne die Rechtleitung Gottes wird das irdische Leben des Menschen, sowohl individuell als auch gemeinschaftlich, in Elend und Leid enden. Noch wichtiger aber ist: Ohne diese Rechtleitung wird der Mensch niemals in der Lage sein, sein endgültiges Schicksal glorreich zu machen.
2. Gottes Versprechen, zu leiten: Adam ist dem Qur’an zufolge weder eine mythische Gestalt noch bloß ein Symbol der menschlichen Rasse. Er wird als Gesandter zusammen mit Noah und Abraham erwähnt. Gott erwählte Adam und Noah und das Haus Abrahams und das Haus Imrans vor allen Menschen, als Nachkommenschaft, die voneinander stammt (Al ‘Imran 3:33). Ihm wurden Wissen und Rechtleitung gegeben (2:31–35); als er sich irrte und seine Schwächen ihm bekannt wurden, wandte sich Gott ihm in Barmherzigkeit zu, erhob ihn, leitete ihn recht und versprach ihm und seiner Nachkommenschaft fortdauernde Rechtleitung (20:115–127; 2:35–39). Adam war seinem Herrn ungehorsam und irrte daher. Danach erwählte ihn sein Herr, wandte sich ihm zu und leitete ihn recht. Er sprach: Geht beide von hier hinab; jeder von euch sei dem anderen ein Feind. Doch gewiss wird eine Rechtleitung von Mir zu euch kommen. Wer Meiner Rechtleitung folgt, wird weder irregehen noch unglücklich sein. Wer sich aber von Meinem Gedenken abwendet, für den wird ein beengtes Leben sein; und am Tag der Auferstehung werden Wir ihn blind auferwecken. Er wird sagen: O mein Herr, warum hast Du mich blind auferweckt, wo ich doch sehen konnte? Gott wird sagen: So ist es. Unsere Zeichen kamen zu dir, doch du hast sie vergessen; ebenso wirst du heute vergessen sein (Ta Ha 20:121–126).
3. Die Gesandten und ihre Mission: Zur Erfüllung dieses Versprechens an die Menschheit sandte Gott zunächst Seine Gesandten mit Seiner Rechtleitung und mit der Wahrheit zu jedem Volk; einige von ihnen hat der Qur’an genannt, andere nicht. Wir haben dich mit der Wahrheit gesandt, als Verkünder froher Botschaft und als Warner; es gibt kein Volk, bei dem nicht ein Warner vergangen wäre (al-Fatir 35:24). Wir haben dir offenbart, wie Wir Noah und den Propheten nach ihm offenbart haben, und wie Wir Abraham, Ismael, Isaak, Jakob und ihren Nachkommen offenbart haben, darunter Jesus, Hiob, Jona, Aaron und Salomo; und David gaben Wir die Psalmen. Und Gesandte, die Wir dir zuvor genannt haben, sowie Gesandte, die Wir dir nicht genannt haben; und mit Moses sprach Gott unmittelbar. Gesandte als Verkünder froher Botschaft und als Warner, damit die Menschen nach dem Kommen der Gesandten keinen Einwand gegen Gott haben; und Gott ist allmächtig und allweise (al-Nisa’ 4:163–165). Zweitens betraute Er sie alle mit dieser Mission und Pflicht: die Wahrheit zu übermitteln, die Menschen dazu einzuladen, allein den Einen Gott anzubeten und sich Ihm als ihrem einzigen Herrn durch Wort und Beispiel zu ergeben. Mit anderen Worten: die Wahrheit vor den Männern und Frauen zu bezeugen, zu denen sie gesandt worden waren, damit diese keinen Einwand vor Gott vorbringen könnten, damit sie danach gefragt werden könnten, wie sie ihr Leben geführt hatten, damit diejenigen, die nach der Wahrheit lebten, belohnt und diejenigen, die es nicht taten, bestraft würden. Und Wir sandten vor dir keinen Gesandten, dem Wir nicht offenbart hätten: Es gibt keinen Gott außer Mir; so dient und betet allein Mich an (al-Anbiya’ 21:25). Dies war Unser Beweis, den Wir Abraham gegen sein Volk gaben. Wir erhöhen in Rangstufen, wen Wir wollen; dein Herr ist wahrlich allweise und allwissend. Und Wir schenkten ihm Isaak und Jakob; beide leiteten Wir recht, und zuvor auch Noah; und unter seinen Nachkommen leiteten Wir David, Salomo, Hiob, Josef, Moses und Aaron recht – so belohnen Wir die Guten –, Zacharias, Johannes, Jesus und Elias; jeder von ihnen gehörte zu den Rechtschaffenen; ebenso Ismael, Elisa, Jona und Lot. Jeden von ihnen zogen Wir den Menschen vor. Und ebenso einige ihrer Vorfahren, ihrer Nachkommen und ihrer Brüder; Wir erwählten sie und leiteten sie auf einen geraden Weg. Das ist Gottes Rechtleitung; Er leitet damit von Seinen Dienern, wen Er will. Hätten sie Gott Partner beigesellt, wäre all ihr Tun sicherlich nichtig geworden. Das sind diejenigen, denen Wir das Buch, das Urteil und das Prophetentum gaben. Wenn diese es verleugnen, haben Wir es Menschen anvertraut, die es nicht verleugnen. Das sind diejenigen, die Gott rechtgeleitet hat; so folge ihrer Rechtleitung. Sprich: Ich verlange dafür keinen Lohn von euch; es ist nur eine Ermahnung für alle Welten (al-An’am 6:83–90). Wahrlich, Wir sandten Unsere Gesandten mit klaren Beweisen und sandten mit ihnen das Buch und die Waage herab, damit die Menschen die Gerechtigkeit aufrechterhalten (al-Hadid 57:25). Der Prophet Muhammad war der letzte von ihnen. Er brachte keine neue Wahrheit, Botschaft oder Rechtleitung; er kam mit derselben Wahrheit und wurde mit derselben Mission und Pflicht betraut wie alle Gesandten vor ihm. Diese Pflicht und Mission wurde auf verschiedene Weise bezeichnet: Warnung (indhar), Verkündung froher Botschaft (tabshir), Einladung und Aufruf (da’wah), Übermittlung (tabligh), Ermahnung (dhikr), Lehren (ta’lim), Vortragen und Verbreiten (tilawah), das Gebieten und Fördern des Guten und Rechten sowie das Verbieten und Beseitigen des Falschen und Schlechten (amr bi ‘l-ma’ruf wa nahy ‘ani ‘l-munkar), die Errichtung des Din (iqamah), die Herstellung der Gerechtigkeit (qist), das Sichtbarwerden und Vorherrschen der göttlichen Rechtleitung und des Din (izhar) oder das Zeugnis (shahadah). All diese Ausdrücke beziehen sich auf dieselbe Mission, wenn auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln und mit unterschiedlichen Schwerpunkten. O Prophet, Wir haben dich als Zeugen [für die Wahrheit], als Verkünder froher Botschaft und als Warner gesandt, als einen, der mit Seiner Erlaubnis zu Gott ruft, und als eine lichtspendende Leuchte (al-Ahzab 33:45–46). O Gesandter, übermittle, was zu dir von deinem Herrn herabgesandt wurde; wenn du es nicht tust, hast du Seine Botschaft nicht übermittelt (al-Ma’idah 5:67). Ebenso haben Wir unter euch aus eurer Mitte einen Gesandten gesandt, der euch Unsere Zeichen vorträgt, euch läutert, euch das Buch und die Weisheit lehrt und euch lehrt, was ihr nicht wusstet (al-Baqarah 2:151). Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und dem Weg der Wahrheit gesandt hat, damit er ihn über alle anderen Lebensweisen siegreich mache; und Gott genügt als Zeuge (al-Fath 48:28; auch 9:33, 61:9). … und diejenigen [unter den Anhängern Mose], die dem Gesandten folgen, dem ungelehrten Propheten, den sie bei sich in der Tora und im Evangelium niedergeschrieben finden: Er wird ihnen das Rechte gebieten, ihnen das Unrechte verbieten, ihnen die guten Dinge erlauben, ihnen die schlechten Dinge verbieten und ihre Lasten und Fesseln von ihnen nehmen. Diejenigen, die an ihn glauben, ihn unterstützen und ihm helfen und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde, das sind die Erfolgreichen (al-A’raf 7:157).
4. Die Rechenschaft des Menschen und das Zeugnis: Das Zeugnis, das die Gesandten und alle, die mit derselben Pflicht betraut sind, ablegen, ist die Grundlage für die Rechenschaft des Menschen in der Akhirah und für seine daraus folgende Belohnung und Bestrafung. Die Wahrheit wird ihnen gegenüber bezeugt, sodass ihnen kein Argument gegen Gott bleibt; sie werden zur Rechenschaft gezogen, weil sie sie empfangen haben. Diese Feststellung ist im Qur’an an vielen Stellen und aus vielen verschiedenen Blickwinkeln dargelegt worden, wie wir zuvor gesehen haben. Wer dem geraden Weg folgt, folgt ihm zu seinem eigenen Nutzen; und wer irregeht, geht zu seinem eigenen Schaden irre. Kein Lastenträger trägt die Last eines anderen. Wir bestrafen niemals, bevor Wir einen Gesandten gesandt haben (al-Isra’ 17:15). So werden Wir gewiss alle zur Rechenschaft ziehen, zu denen die Botschaft gesandt wurde, und Wir werden gewiss auch die Botschaftsträger zur Rechenschaft ziehen; dann werden Wir ihnen mit Wissen berichten, denn Wir waren niemals abwesend (al-A’raf 7:6–7). Und als Wir von allen Propheten ein Versprechen entgegennahmen, auch von dir [o Prophet], von Noah, Abraham, Moses und Jesus, dem Sohn Marias, und Wir von ihnen ein feierliches Versprechen entgegennahmen, damit Er die Wahrhaftigen nach ihrer Wahrhaftigkeit frage; und für diejenigen, die die Wahrheit verleugnen, hat Er eine schmerzhafte Strafe bereitet (al-Ahzab 33:7–8). An dem Tag, an dem Gott alle Gesandten versammelt und sagt: Welche Antwort wurde euch gegeben? Sie sagen: Wir haben kein Wissen; Du bist der Kenner des Verborgenen (al-Ma’idah 5:109). [Und Gott wird sagen:] O Gemeinschaft der Dschinn und Menschen, sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch Meine Offenbarungen übermittelten und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag warnten? Sie werden sagen: Wir bezeugen es gegen uns selbst. Das diesseitige Leben hat sie getäuscht, und sie werden gegen sich selbst bezeugen, dass sie ungläubig waren (al-An’am 6:130). Dann werden die Ungläubigen in Scharen in die Jahannam getrieben. Wenn sie dort ankommen, werden ihre Tore geöffnet und ihre Wächter werden zu ihnen sagen: Sind nicht Gesandte aus eurer Mitte zu euch gekommen, die euch die Offenbarungen eures Herrn übermittelten und euch vor der Begegnung mit diesem eurem Tag warnten? Sie werden sagen: Ja, gewiss! Doch das Wort der Strafe ist gegen die Ungläubigen fällig geworden. Und es wird zu ihnen gesagt: Tretet durch die Tore der Jahannam ein, um ewig darin zu bleiben. Wie schlimm ist die Wohnstätte der Hochmütigen! (al-Zumar 39:71–72). Wir werden gewiss Unsere Gesandten und diejenigen, die glauben, im diesseitigen Leben und an dem Tag unterstützen, an dem alle Zeugen aufstehen – an dem Tag, an dem die Entschuldigungen der Übeltäter ihnen nichts nützen werden und ihnen der Fluch und die böse Wohnstätte zuteilwerden (Ghafir 40:51–52).
5. Verantwortungsbewusstsein: Der Qur’an gibt einen zutiefst bewegenden Bericht darüber, wie Gottes Gesandte sich mit größtem Ernst ihrer Mission widmeten, wie sie hart arbeiteten, um ihre Pflicht zu erfüllen, und wie schwer sie in ihrer Sache litten. Ihre Geschichte ist ein umfassendes Zeugnis dafür. Hier sollen jedoch zwei Beispiele genügen: erstens der Prophet Noah und zweitens der Prophet Muhammad – Segen und Frieden seien auf ihnen. Wahrlich, Wir sandten Noah zu seinem Volk, und er verweilte unter ihnen tausend Jahre weniger fünfzig (al-‘Ankabut 29:14). Er [Noah] sagte: Mein Herr, ich habe mein Volk bei Nacht und bei Tag gerufen, doch mein Rufen ließ sie nur noch weiter fliehen. Und sooft ich sie rief, damit Du ihnen verzeihst, steckten sie ihre Finger in ihre Ohren, hüllten sich in ihre Gewänder, verharrten in ihrem Verhalten und wurden in ihrem Hochmut immer überheblicher. Dann rief ich sie offen; dann sprach ich öffentlich zu ihnen und sprach zu ihnen auch heimlich (Nuh 71:5–9). Willst du dich [o Prophet] vielleicht zu Tode grämen, weil sie nicht glauben? (al-Shu’ara’ 26:3).
Wie sollen wir die Wahrheit bezeugen? Lasst uns nun sehen, auf welche Weise wir unsere Pflicht erfüllen sollen, die Wahrheit zu bezeugen. Das Zeugnis hat zwei Formen: erstens das Zeugnis durch Worte, also das Wortzeugnis; zweitens das Zeugnis durch Taten und Handlungen, also das Tatzeugnis.
[6] Wortzeugnis
Wie sollen unsere Worte die Wahrheit bezeugen? Durch unser Sprechen und Schreiben sollen wir der Welt die Rechtleitung verkünden und erklären, die durch Gottes Gesandte zu uns gekommen ist. Dies ist, kurz gesagt, das Wortzeugnis. Indem wir alle möglichen Methoden der Bildung einsetzen, alle möglichen Mittel der Kommunikation und Verbreitung nutzen und uns das gesamte Wissen aneignen, das die zeitgenössischen Künste und Wissenschaften bereitstellen, sollen wir die Menschheit über die von Gott für den Menschen festgelegte Lebensweise informieren. Die Rechtleitung, die der Islam der Menschheit in Denken und Glauben, in Moral und Verhalten, in Kultur und Zivilisation, in Wirtschaft und Geschäftsleben, in Rechtswissenschaft und Rechtsprechung, in Politik und ziviler Verwaltung gibt – also in allen Bereichen zwischenmenschlicher Beziehungen –, sollen wir der Menschheit klar und vollständig darlegen. Durch vernünftige Argumentation und überzeugende Beweise sollen wir ihre Wahrheit und Richtigkeit begründen. Durch sachlich begründete Kritik sollen wir alles zurückweisen, was der von Gott gegebenen Rechtleitung widerspricht. Die Aufgabe ist gewaltig. Ihr kann nur dann voll und gerecht entsprochen werden, wenn der Gedanke, den Menschen auf den rechten Weg zu führen, die gesamte Ummah ebenso vollständig ergreift, wie er jeden Gesandten persönlich ergriff. Ebenso ist es unerlässlich, dass diese Aufgabe zum zentralen Ziel all unserer gemeinsamen Bemühungen wird, dass wir all unsere Herzen und unseren Verstand sowie alle unsere Mittel dieser Sache widmen. Dieses Ziel muss bei all unseren Handlungen an erster Stelle stehen. Unter keinen Umständen dürfen wir zulassen, dass irgendeine Stimme in unserem Inneren gegen die Wahrheit und die göttliche Rechtleitung, die wir besitzen, Zeugnis ablegt.
Tatzeugnis
Wie sollen unsere Taten und Handlungen die Wahrheit bezeugen? Zu diesem Zweck müssen wir die Rechtleitung, die wir für wahr halten, in die Praxis umsetzen. Unsere Handlungen sollen die Grundsätze sichtbar machen, an die wir zu glauben bekennen. Einfach gesagt: Unser Leben soll die Wahrheit sprechen, und die Welt soll sie nicht nur von unseren Lippen, sondern auch durch unsere Taten hören; die Menschheit soll all die Segnungen sehen, die die göttliche Rechtleitung in das menschliche Leben bringt. Die Welt soll in unserem individuellen und gemeinschaftlichen Verhalten jene Süße und jenen Geschmack erfahren, die allein der Glaube an den Einen Gott dem Charakter und der Moral verleihen kann. Die Welt soll sehen, welche vorbildlichen Menschen der Islam hervorbringt, welche gerechte Gesellschaft errichtet wird, welche gesunde soziale Ordnung entsteht, welche reine und edle Zivilisation erwächst, wie Wissenschaft, Literatur und Kunst auf soliden Grundlagen aufblühen und sich entwickeln, welche gerechte, barmherzige und konfliktfreie Wirtschaft geschaffen wird. Ja, sie soll sehen, wie jeder Lebensbereich in Ordnung gebracht, entwickelt und bereichert wird. Wir werden unserer Pflicht gegenüber dieser Aufgabe nicht gerecht, solange unser individuelles und gemeinschaftliches Leben keine lebendige Verkörperung des Islam wird: solange unsere persönlichen Charaktere kein lebendiger Beweis für seine Wahrheit sind, unsere Häuser nicht von seinen Lehren durchdrungen sind, unsere Geschäfte und Fabriken nicht von seinen Regeln und Gesetzen erleuchtet werden, unsere Schulen und Einrichtungen nicht von seinen Ideen und Normen geprägt sind und unsere Literatur und Medien nicht seine Grundsätze widerspiegeln. Ja, solange nicht unsere gesamte nationale Politik und unser öffentliches Leben seine Wahrheit sichtbar und selbstverständlich machen. Kurz gesagt: Wann immer und wo immer ein Einzelner oder ein Volk mit uns in Kontakt kommt, ist es unsere Pflicht, sie durch unser Beispiel davon zu überzeugen, dass die Grundsätze und Lehren, die der Islam als wahr verkündet, tatsächlich wahr sind und dass sie die Qualität des menschlichen Lebens verbessern und es auf bessere und höhere Ebenen heben.
Der islamische Staat
Schließlich muss ich noch eine wichtige Sache erwähnen. Unser Zeugnis wäre nicht vollständig, wenn wir nicht einen Staat errichten würden, der auf den Grundsätzen und Lehren des Islam beruht. Indem ein solcher Staat dessen Ideale und Praktiken, Normen und Werte, Regeln und Gesetze in öffentliche Richtlinien und Programme überträgt, würde er zeigen, wie die göttliche Rechtleitung zu Gleichheit und Gerechtigkeit, Reform und Aufwärtsentwicklung, Fürsorge und effizienter Verwaltung, sozialer Wohlfahrt, Frieden und Ordnung, hohen moralischen Maßstäben bei den öffentlichen Bediensteten, Tugend und Rechtschaffenheit in der Innenpolitik, Ehrlichkeit in der Außenpolitik, zivilisiertem Verhalten im Krieg sowie Aufrichtigkeit und Loyalität im Frieden führt. Ein solches öffentliches Verhalten wäre für die gesamte Menschheit ein lebendiges Zeugnis dafür, dass der Islam tatsächlich der wahre Garant des menschlichen Wohlergehens ist und dass nur die Befolgung seiner Grundsätze das Wohl der Menschheit sichern kann. Erst wenn die Wahrheit auf diese Weise sowohl durch Worte als auch durch Taten bezeugt wird, wird die entscheidende Verantwortung, die der muslimischen Umma auferlegt ist, vollständig erfüllt sein. Erst dann wird der Menschheit kein Grund mehr bleiben, die göttliche Rechtleitung zu leugnen oder sich von ihr abzuwenden. Erst dann wird die muslimische Umma im Jenseits in der Lage sein, nach dem Propheten – Segen und Frieden seien auf ihm – in den Zeugenstand zu treten und zu erklären: Alles an Wahrheit und Rechtleitung, das uns dieser Prophet übermittelte, haben wir der Menschheit weitergegeben; diejenigen, die ihm nicht folgten, sind selbst dafür verantwortlich, dass sie in die Irre gingen, nicht wir. Dies ist die wahre Bedeutung und der volle Umfang des Zeugnisses, das wir als Muslime der Welt durch unsere Worte und unsere Taten hätten geben sollen. Doch wenden wir uns nun dem tatsächlichen Zustand der Dinge zu und untersuchen wir das Zeugnis, das wir tatsächlich zugunsten der göttlichen Rechtleitung ablegen.
Anmerkungen von Khurram Murad
6. Arten des Zeugnisses: Das Zeugnis durch Worte kann im Großen und Ganzen unter die koranischen Begriffe der Warnung (indhar), der Überbringung froher Botschaft (tabshir), der Einladung und des Aufrufs (da’wa), der Mitteilung (tabligh), des Lehrens und Unterweisens (ta’lim) sowie der Übermittlung und Verbreitung (tilawa) gefasst werden. Die Begriffe für das Zeugnis durch Taten umfassen die Errichtung des Islam (iqamatu ‘d-din), das Zur-Geltung-Bringen der göttlichen Rechtleitung und Lebensweise gegenüber allen anderen (izhar), die Errichtung der Gerechtigkeit (qist), das Gebieten des Rechten und das Verbieten des Unrechten sowie den Dschihad. Wo stehen wir?
Unser Wort – Zeugnis
Betrachten wir zunächst das Zeugnis, das durch unser Wortzeugnis abgelegt wird. Es gibt nur wenige unter uns, die ihre Zungen und Federn dazu gebrauchen, für die Wahrheit des Islam Zeugnis abzulegen. Noch geringer ist die Zahl derjenigen, die dies in angemessener und ausreichender Weise tun. Im Übrigen legen die Muslime insgesamt in nahezu jeder Hinsicht Zeugnis gegen den Islam ab und nicht, wie sie sollten, zu seinen Gunsten.
Was ist das Zeugnis unserer Grundbesitzer? Dass das islamische Erbrecht falsch und die aus vorislamischer Zeit überlieferten Bräuche richtig seien. Was ist das Zeugnis unserer Rechtsanwälte und Richter? Dass alle Gesetze des Islam schlechte Gesetze seien und dass ihre eigentliche Grundlage – die Herrschaft Gottes – unannehmbar sei. Sie sagen uns, dass nur die menschengemachten Gesetze, die durch die Briten zu uns gelangt sind, gute Gesetze seien. Was ist das Zeugnis unserer Lehrer und Bildungseinrichtungen? Dass in Philosophie und Naturwissenschaften, Geschichte und Soziologie, Wirtschaft und Politik, Recht und Ethik das einzig wahre und gültige Wissen und Denken jenes sei, das aus dem westlichen säkularen Weltbild hervorgegangen ist. Dass der islamische Ansatz auf all diesen Gebieten nicht einmal einer Betrachtung würdig sei. Was ist das Zeugnis unserer Schriftsteller? Dass ihre Literatur dieselbe Botschaft vermittelt wie die der gottlosen Schriftsteller des säkularen Westens. Sie zeigen, dass sie als Muslime keinen eigenen unverwechselbaren literarischen Ansatz haben. Was ist das Zeugnis unserer Presse und Medien? Dass die einzigen Themen und Debatten, die sie für wichtig halten und die sie beschäftigen, sowie die einzigen Methoden und Maßstäbe der Kommunikation, deren Anwendung sie für angemessen halten, diejenigen sind, die das Kennzeichen der nichtmuslimischen Medien tragen. Was ist das Zeugnis unserer Geschäftsleute und Industriellen? Dass die vom Islam für wirtschaftliche Transaktionen festgelegten Regeln undurchführbar seien und Geschäfte nur nach den von Kafirn entwickelten Methoden geführt werden könnten.* Was ist das Zeugnis unserer Führer und Herrscher? Dass sie dieselben Parolen des Nationalismus und des Vaterlandes verwenden, um die Menschen zu mobilisieren, dieselben Ziele auf nationaler Ebene verfolgen, dieselben Methoden zur Lösung nationaler Probleme anwenden und dieselben Grundsätze von Politik und Verfassungsgebung vertreten, wie sie von Kafirn praktiziert werden. Sie erklären, dass der Islam in dieser Hinsicht keine Anleitung zu bieten habe. Und was ist das Zeugnis unserer breiten Massen? Sie bezeugen, dass sie über nichts außer weltliche Angelegenheiten zu sprechen hätten, dass sie keinen solchen Din besäßen, der verbreitet werden wolle oder von ihnen verlange, einen Teil ihrer Zeit diesem Zweck zu widmen. Dies also ist der Zustand des Zeugnisses, das unsere gesamte Umma durch ihre Worte ablegt. Dies gilt nicht nur in diesem Land, sondern in der ganzen Welt.
Unsere Tat – Zeugnis
Wenden wir uns nun unserem Zeugnis durch Taten zu und betrachten wir das Zeugnis, das unsere Handlungen und Taten ablegen. Unser Verhalten ist hier sogar noch skandalöser als im Hinblick auf unser Zeugnis durch Worte. Zweifellos gibt es einige gute Muslime, deren Leben ein wahres Beispiel für den Islam ist. Doch betrachten wir, wie sich die überwältigende Mehrheit der Ummah, die Gesellschaft insgesamt, verhält. Welches Zeugnis legt das Leben eines typischen, gewöhnlichen Muslims ab? Dass Menschen, die durch den Islam geformt und geprägt wurden, keineswegs besser oder anders sind als jene, die durch Kufr hervorgebracht wurden. Wenn überhaupt, sind die Ersteren schlimmer als die Letzteren: So ist es beispielsweise wahrscheinlicher, dass ein Muslim eine Lüge sagt, dass er ein ihm anvertrautes Gut verrät und das ihm entgegengebrachte Vertrauen verletzt, dass er Menschen unterdrückt und ihnen Unrecht tut, dass er sein Versprechen bricht, dass er stiehlt und raubt, dass er sich ordnungswidrig und gewalttätig verhält und dass er sich allerlei unanständigen Handlungen hingibt. Tatsächlich ist das Niveau der „Leistungen“ der Muslime im Hinblick auf all diese unmoralischen Handlungen nicht geringer als das irgendeines Kafir-Volkes. Welches Zeugnis legt unser gesellschaftliches Leben ab? Betrachten wir unsere Lebensweisen, unsere Bräuche und Zeremonien, unsere Feste, unsere Jahrmärkte und religiösen Versammlungen, unsere Zusammenkünfte und Prozessionen: In keiner Hinsicht repräsentieren wir den Islam wahrhaftig. Im Gegenteil: Unser gesellschaftliches Leben ist ein erbärmliches Zeugnis dafür, dass die Anhänger des Islam die nichtislamischen Wege für besser und vorzuziehen gegenüber den islamischen halten. Dasselbe Zeugnis legen auch unsere anderen gesellschaftlichen Einrichtungen und gemeinschaftlichen Bestrebungen ab. Wenn wir Bildungseinrichtungen gründen, übernehmen wir von den Kafirn alles – unser Wissen, unser Bildungssystem, unsere Philosophie, unseren Geist und unser Ziel. Wenn wir Parteien und Vereinigungen bilden, gestalten wir alles nach den von den Kafirn vorgegebenen Mustern – unsere Ideale und Ziele, unsere Strukturen und Satzungen, unsere politischen Grundsätze und Methoden. Wenn wir als Volk einen Kampf beginnen, sind unsere Sache, unsere Parolen und Forderungen, unsere Themen und Debatten, unsere Programme und Verfahren, unsere Beschlüsse, Erklärungen und Reden allesamt getreue Nachbildungen der Praktiken der Gemeinschaften und Nationen der Kafirn. Die Dinge sind so weit gekommen, dass selbst unsere unabhängigen Staaten, wo es sie gibt, ihre Verfassungen, ihre Gesetzbücher und ihre richtungsweisenden politischen Grundsätze und Prinzipien von den Kafirn übernommen haben. In einigen Staaten wurde das islamische Recht auf ein bloßes Personenstandsrecht reduziert; in anderen wurde sogar dieses Personenstandsrecht verändert. Ein englischer Schriftsteller bemerkt höhnisch: Angesichts der zahlreichen Vorwürfe, die Inder gegen die britische Verwaltung erhoben, ist es wichtig zu erkennen, dass die Briten außerordentlich langsam darin waren, irgendwelche Neuerungen im Recht einzuführen … [Tatsächlich] bestand, soweit es den Islam betrifft, das Ergebnis der britischen Verbindung mit Indien darin, das muslimische Personenstands- und Religionsrecht auf eine festere Grundlage zu stellen … während der gesamte übrige Teil der Scharia abgeschafft wurde … Andererseits sind Albanien und die Türkei beide säkulare Staaten geworden [indem sie europäische Straf- und Zivilgesetzbücher übernahmen und sogar das muslimische Strafrecht veränderten] … [Daher kann, wie Lindsay sagt, festgestellt werden, dass] „die muslimische Lehre, wonach die Gesetzgebung nicht in die Zuständigkeit eines irdischen Herrschers fällt, tatsächlich nie mehr als eine fromme Fiktion war …“ Dies also ist das Zeugnis, das die Handlungen fast aller Muslime ablegen. Auch dieses Zeugnis richtet sich gegen den Islam. Es spricht nicht für ihn. Welche Lippenbekenntnisse zum Islam wir auch ablegen mögen: Unser öffentliches Verhalten beweist, dass es keinen Aspekt des Islam gibt, den wir gutheißen, und dass wir seine Gesetze nicht für gut und unserem Wohlergehen förderlich halten. Und welche Folgen hat das!
Unsere Bestrafung
Angesichts unseres Verhaltens sind wir schuldig, ein falsches Zeugnis abzulegen, einen Meineid zu leisten und die Wahrheit zu verbergen. Infolgedessen erleiden wir genau dieselbe Strafe, die im Gesetz Gottes für solche schweren und abscheulichen Verbrechen vorgeschrieben ist. Was ist dieses Gesetz? Wenn ein Volk Gottes Rechtleitung zurückweist und sich von ihr abwendet, wenn es des Meineids und der Untreue gegenüber seinem Schöpfer schuldig ist und wenn es Ihn verrät, dann bestraft Gott es sowohl in dieser Welt als auch in der kommenden Welt schwer. [7] Dieses Gesetz wurde auf die Kinder Israels angewandt. [8] Nun sind wir, die muslimische Ummah, diejenigen, die auf der Anklagebank sitzen. Gott hegte keine persönliche Feindschaft gegen die Juden, aufgrund derer Er nur sie hätte bestrafen sollen. Ebenso verbindet Ihn keine Verwandtschaft oder besondere Beziehung mit den Muslimen, aufgrund derer Er uns freisprechen sollte, obwohl wir nun dasselbe Verbrechen begehen wie sie damals. [9]
In dieser Welt
Die Strafe, die Muslimen für ihre Verbrechen in dieser Welt auferlegt wird, ist für alle sichtbar. Tatsächlich standen Ausmaß und Tempo unseres Niedergangs in genauem Verhältnis zu Ausmaß und Tempo unserer Nachlässigkeit und unseres Versäumnisses, unsere Pflicht zu erfüllen, für die Wahrheit Zeugnis abzulegen, sowie zu unserem „Fortschritt“ darin, für die Falschheit Zeugnis abzulegen. In den vergangenen hundert Jahren ist uns, von Marokko bis Indonesien, ein Land nach dem anderen an fremde Unterwerfung verloren gegangen; ein muslimisches Volk nach dem anderen fiel unter das Joch kolonialer Herrschaft und Vorherrschaft. Das Wort „Muslim“ steht nicht länger für Würde und gebietet keinen Respekt mehr; vielmehr ist es zu einem Zeichen der Erniedrigung, Demütigung, groben Rückständigkeit und völligen Machtlosigkeit geworden. Wie machtlos sind wir geworden? Wir haben in den Augen der Welt jede Ehre und jeden Respekt verloren. An manchen Orten ist unser Blut wie Wasser geflossen, und wir wurden groß angelegten Massakern ausgesetzt; an anderen Orten wurden wir aus unseren Häusern vertrieben; anderswo wurden wir gefoltert und verfolgt; und wieder anderswo wurden wir darauf reduziert, als Leibeigene zu leben. Wenn muslimische Staaten an manchen Orten fortbestanden, erlitten sie Niederlage um Niederlage, bis sie gegenüber fremden Mächten in eine Position der Furcht und Ohnmacht gedrängt wurden. Hätten sie nur durch ihre Worte und Taten für den Islam Zeugnis abgelegt, die säkularen Mächte hätten ehrfürchtig vor ihnen gestanden. Warum so weit ausholen? Seht euch einfach eure Lage in Indien an. + Weil ihr eurer Pflicht, für die Wahrheit des Islam Zeugnis abzulegen, ausgewichen seid, ja weil ihr noch weiter gegangen seid und durch eure Worte und Taten ein falsches Zeugnis gegen ihn abgelegt habt, wurde euch das ganze Land aus der Hand gerissen. Zuerst wurdet ihr von den Marathen und Sikhs besiegt, und später wurde die Knechtschaft unter der britischen Herrschaft euer Schicksal. Und nun blicken euch noch größere Unglücksfälle entgegen. Heute ist euer Status als Minderheit zu eurer größten Sorge geworden; ihr lebt in Furcht vor der hinduistischen Mehrheit, aus Angst, sie könnte euch unterwerfen und euch dasselbe Schicksal treffen wie die Unberührbaren. Aber um Gottes willen, sagt mir: Hätte eine Mehrheit euch bedrohen können, wenn ihr nur wahre Zeugen des Islam gewesen wärt? Wird dieses Problem von Mehrheit und Minderheit nicht innerhalb weniger Jahre verschwinden, wenn eure Worte und Taten heute ein wahres Zeugnis für den Islam ablegen? In Arabien machte sich eine äußerst feindselige und unterdrückerische Mehrheit daran, eine unbedeutende Minderheit von etwa einem Menschen unter hunderttausend auszurotten. Mit welchem Ergebnis? Innerhalb von zehn Jahren verwandelte sich diese Minderheit durch ihr wahrhaftiges und vertrauenswürdiges Zeugnis für den Islam in eine hundertprozentige Mehrheit. Später, als diese Zeugen des Islam aus Arabien hervortraten, vertrauten innerhalb von fünfundzwanzig Jahren, von Turkistan bis Marokko, Volk um Volk auf die Redlichkeit ihres Zeugnisses und schloss sich ihnen in ihrem Glauben an. Wo einst ausschließlich Zoroastrier, Christen und Heiden lebten, leben nun ausschließlich Muslime. Keine Unnachgiebigkeit, kein Chauvinismus und keine religiöse Engstirnigkeit erwiesen sich als stark genug, dem lebendigen, wahren Zeugnis der göttlichen Rechtleitung zu widerstehen, das die Muslime ablegten. Wenn ihr heute mit Füßen getreten werdet, wenn ihr morgen noch größere Katastrophen fürchtet, ist dies dann nicht die Strafe für euer falsches Zeugnis und eure Verheimlichung der Wahrheit?
Strafe im Jenseits Dies ist die Strafe, die ihr in dieser Welt erhaltet; doch im Jenseits dürfte euch eine noch schwerere Strafe auferlegt werden. Wie könnt ihr von der Schuld an jedem Übel und jedem Unrecht freigesprochen werden, dem der Mensch nur deshalb ausgesetzt war, weil ihr eure Pflicht als Zeugen der Wahrheit nicht erfüllt habt? Solange ihr eure Pflicht nicht erfüllt, gibt es keinen Grund, warum ihr nicht für jede Unterdrückung und jede Korruption, die in der Welt verübt wird, und für jede Unmoral und Schlechtigkeit, die vorherrscht, zur Rechenschaft gezogen werden solltet. Ihr mögt nicht dafür verantwortlich sein, sie selbst ins Leben gerufen zu haben, doch wegen eures falschen Zeugnisses seid ihr sehr wohl dafür verantwortlich, sie aufrechtzuerhalten und fortzuführen, dafür, dass andere sie ins Leben rufen, und dafür, dass ihr ihre Ausbreitung zulasst.
Anmerkungen von Khurram Murad
7. Folgen des Versagens und der Vernachlässigung: Die Mission, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen und die Menschheit dazu einzuladen, sich ihrem Schöpfer zu ergeben, hat den Status eines Bundes mit Gott. Diejenigen, die diese Mission aufgeben, sie nicht erfüllen oder sie vernachlässigen, machen sich des Bruchs ihres Bundes schuldig. Daher werden sie von Gott verflucht und seiner Segnungen beraubt. Auch von den Engeln werden sie verflucht, weil das von ihnen gebrachte Licht durch solche Menschen ausgelöscht wurde, während die Menschheit in der Finsternis tastet; und ebenso von der Menschheit, denn ihre Leiden und ihr Elend sind hauptsächlich auf das Verhalten derer zurückzuführen, denen dieses Licht anvertraut worden war. Diejenigen, die die klaren Botschaften und die Rechtleitung verbergen, die Wir für die Menschen im Buch herabgesandt haben, nachdem Wir sie klar gemacht hatten, werden von Gott und den Fluchenden verflucht; diejenigen aber, die bereuen, sich bessern und es bekannt machen – ihnen werde Ich Mich wieder zuwenden. Ich bin derjenige, der die Reue annimmt, der Barmherzige. Diejenigen jedoch, die im Zustand der Leugnung verharren und als Leugner sterben – auf ihnen liegt der Fluch Gottes, der Engel und aller Menschen … (al-Baqarah 2: 159–161). Und Erniedrigung und Ohnmacht befielen sie, und sie zogen sich Gottes Zorn zu; all dies, weil sie beharrlich Gottes Zeichen leugneten und die Propheten zu Unrecht töteten; all dies, weil sie sich auflehnten [gegen Gott] und beharrlich die Grenzen Gottes überschritten (al-Baqarah 2: 61). Die Pflicht wird offensichtlich um weltlicher Gewinne willen vernachlässigt oder aufgegeben. Diese Gewinne beschreibt der Qur’an als eine geringfügige Sache, die denjenigen, die ihre Pflicht versäumen, Gottes Zorn einträgt. Die Strafe für dieses Verbrechen, die der Qur’an erwähnt, ist tatsächlich einzigartig, denn eine solche Strafe wird für kein anderes Verbrechen erwähnt. Wahrlich, diejenigen, die verbergen, was Gott im Buch herabgesandt hat, und es für einen geringen Preis eintauschen, füllen ihre Bäuche mit nichts als Feuer. Und Gott wird am Tag der Auferstehung nicht zu ihnen sprechen und sie nicht läutern; für sie gibt es schmerzhafte Strafe. Sie sind es, die den Irrtum um den Preis der Rechtleitung und die Strafe um den Preis der Vergebung erkauft haben. Wie geduldig haben sie das Feuer angenommen! All dies, weil Gott das Buch mit der Wahrheit herabgesandt hat; diejenigen, die über das Buch streiten, befinden sich in tiefstem Irrtum (al-Baqarah 2: 174–176; auch 3: 77–78).
8. Das jüdische Beispiel: Die Geschichte des Volkes Israel wird im Qur’an ausführlich erzählt. Sie liefert das lehrreichste Beispiel eines Volkes, das von einigen der größten Gesandten Gottes rechtgeleitet wurde. Sie schlossen mit Gott einen Bund, dass sie nur seine Diener sein, nur Ihm gehorchen und seine Zeugen sein würden. Indem sie ihren Bund erfüllten, stiegen sie zu großer Höhe auf und trugen viel zum Wohl der Menschheit bei. Doch schließlich brachen sie ihren Bund, litten schwer und wurden so zu einem warnenden Beispiel dafür, wie Menschen, die von Gott dazu auserwählt wurden, Zeugen seiner Rechtleitung zu sein, vom rechten Weg abirren und sich Gottes Zorn zuziehen können. Der Zweck, ihre Geschichte zu erzählen, besteht weder darin, Hass gegen eine bestimmte Religion und ein bestimmtes Volk zu erzeugen, noch darin, Freude und Trost aus ihrem Leiden und ihrer Erniedrigung zu ziehen. Das wird daraus deutlich, dass trotz der sehr scharfen Verweise des Qur’an gegen das Volk Israel die friedlichsten und ruhmreichsten Zeiten der jüdischen Geschichte in den letzten zweitausend Jahren unter islamischer Herrschaft erlebt wurden. Ihre Geschichte soll vielmehr wie ein Spiegel wirken, den der Qur’an den Muslimen vorhält, damit sie sich selbst erkennen, wenn sie vom Weg abirren, und sich der schmerzlichen Folgen eines solchen Verhaltens bewusst bleiben. Ein weiterer Zweck bestand selbstverständlich darin, die Juden zur Zeit des Propheten, Segen und Frieden seien auf ihm, aufzurütteln und sie einzuladen, an den letzten Propheten zu glauben und ihn zu unterstützen, wie es ihre eigene Mission verlangte. Der Bericht des Qur’an ähnelt dem biblischen Bericht; wenn überhaupt, ist er in Ton und Sprache wesentlich milder. Erstens zeigt der Qur’an, dass Gott dem Volk Israel große Segnungen verliehen hatte, wobei die größte von ihnen das Buch und die Rechtleitung von Ihm waren, und dass sie auserwählt worden waren, seine besonderen Diener zu sein. Kinder Israels, gedenkt meiner Gnade, mit der Ich euch begnadet habe, und dass Ich euch vor allen anderen Menschen bevorzugt habe (al-Baqarah 2: 47). Und als Moses zu seinem Volk sagte: O mein Volk, gedenkt der Gnade Gottes gegen euch, als Er unter euch Propheten einsetzte, euch zu Königen machte und euch gab, was Er keinem anderen Wesen gegeben hatte (al-Ma’idah 5: 20). Und als Wir mit den Kindern Israels einen Bund schlossen: Ihr sollt keinem außer Gott dienen und ihn anbeten; seid gut zu den Eltern, zu den nächsten Verwandten, zu den Waisen und den Bedürftigen; sprecht gute Worte zu den Menschen, verrichtet das Gebet und entrichtet die Almosen (al-Baqarah 2: 83). Und als Wir mit euch [o Kinder Israels] einen Bund schlossen und den Berg über euch erhoben: Haltet mit all eurer Kraft an dem fest, was Wir euch gegeben haben, und gedenkt dessen, was darin steht, damit ihr euch Gottes bewusst bleibt. Dann habt ihr euch danach abgewandt … (al-Baqarah 2: 63–64). Wahrlich, Wir haben die Tora herabgesandt, in der Rechtleitung und Licht sind; durch sie fällten die Propheten, die sich [Gott] ergeben hatten, für die Juden das Urteil, ebenso die Gottesmenschen und die Rabbiner, indem sie dem Teil von Gottes Buch folgten, dessen Bewahrung ihnen anvertraut war; und sie legten Zeugnis für seine Wahrheit ab (al-Ma’idah 5: 44).
Die Bibel gibt einen ähnlichen Bericht: Tut dies, weil ihr dem Herrn, eurem Gott, gehört. Aus allen Völkern der Erde hat Er euch als sein besonderes Volk erwählt. Der Herr hat euch nicht geliebt und erwählt, weil ihr zahlreicher wart als andere Völker; ihr wart das kleinste Volk der Erde (Deut. 7: 6–7). Am Berg Sinai schloss der Herr, unser Gott, einen Bund nicht nur mit unseren Vätern, sondern mit uns allen, die heute leben. Dort auf dem Berg sprach der Herr von Angesicht zu Angesicht aus dem Feuer zu euch … Der Herr sagte: „Ich bin der Herr, euer Gott, der euch aus Ägypten befreit hat, wo ihr Sklaven wart. Betet keinen anderen Gott an als mich“ (Deut. 5: 2–7). Israel, vergiss dies nicht! Der Herr allein ist unser Gott. Liebe den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft. Vergiss niemals diese Gebote, die ich dir heute gebe. Lehre sie deine Kinder. Wiederhole sie, wenn du zu Hause und wenn du unterwegs bist, wenn du dich ausruhst und wenn du arbeitest. Binde sie an deine Arme und trage sie auf deiner Stirn als Erinnerung. Schreibe sie an die Türpfosten deiner Häuser und an deine Tore (Deut. 6: 4–9). [Dies ist eine sehr gute Auslegung der qur’anischen Worte „und gedenkt“.] Vergiss niemals den Herrn, deinen Gott, und wende dich nicht anderen Göttern zu, um sie anzubeten und ihnen zu dienen. Wenn du dies tust, warne ich dich heute: Du wirst gewiss vernichtet werden (Deut. 8: 19). Volk Israel, ihr seid meine Zeugen; ich habe euch zu meinem Diener erwählt, damit ihr mich erkennt, an mich glaubt und versteht, dass ich der einzige Gott bin. Neben mir gibt es keinen anderen Gott; es gab nie einen und wird nie einen geben (Jes. 43: 10).
Zweitens ermahnt und lädt der Qur’an das Volk Israel, ebenso wie die Bibel, dazu ein, seinen Bund mit Gott zu erfüllen, an seine letzte Botschaft zu glauben und für ihre Wahrheit Zeugnis abzulegen, wobei er es an die ihm gegebene Verheißung und Drohung erinnert. Kinder Israels, gedenkt meiner Gnade, mit der Ich euch begnadet habe, und erfüllt euren Bund mit Mir, so erfülle Ich meinen Bund mit euch; und vor Mir allein sollt ihr Ehrfurcht haben! (al-Baqarah 2: 40). Denkt daran, dass der Herr, euer Gott, der einzige Gott ist und dass Er treu ist. Er wird seinen Bund halten und seine beständige Liebe tausend Generationen lang denen erweisen, die Ihn lieben und seine Gebote befolgen; doch wird Er nicht zögern, diejenigen zu bestrafen, die Ihn hassen (Deut. 7: 9–10). Wenn ihr dem Herrn, eurem Gott, gehorcht und alles tut, was Er befiehlt, wird Er euch zu seinem eigenen Volk machen, wie Er es versprochen hat … Der Herr, euer Gott, wird euch zum Führer unter den Völkern und nicht zum Nachfolger machen; ihr werdet immer Erfolg haben und niemals scheitern … Wenn ihr jedoch dem Herrn, eurem Gott, nicht gehorcht und nicht alle seine Gebote und Gesetze, die ich euch heute gebe, treu befolgt, werden all diese bösen Dinge über euch kommen … Der Herr wird alles verfluchen, was ihr tut … (Deut. 28: 9–19). Ich werde euer Gott sein, und ihr werdet mein Volk sein (Lev. 26: 12).
Drittens klagt der Qur’an das Volk Israel an, seinen Bund gebrochen und seine Pflicht vernachlässigt zu haben, nur Gott anzubeten, Ihm zu gehorchen und seine Zeugen zu sein. Sie selbst wandten sich nicht nur von der Botschaft ihres Herrn ab, sondern hinderten auch andere daran, sie anzunehmen und ihr zu folgen. Volk der Schrift, warum leugnet ihr Gottes Zeichen, obwohl ihr selbst ihre Wahrheit bezeugt? Volk der Schrift, warum bekleidet ihr die Wahrheit mit Falschheit und verbergt die Wahrheit, obwohl ihr es wisst? (Al ‘Imran 3: 70–71). Sprich: Volk der Schrift, warum haltet ihr diejenigen, die glauben, vom Weg Gottes ab und versucht, ihn krumm erscheinen zu lassen, obwohl ihr selbst seine Wahrheit bezeugt? (Al ‘Imran 3: 99). Wahrlich, Gott schloss mit den Kindern Israels einen Bund, als Wir zwölf ihrer Anführer aus ihrer Mitte erhoben, und Gott sagte: Ich bin mit euch. Wenn ihr das Gebet verrichtet, die Almosen entrichtet, an meine Gesandten glaubt, ihnen beisteht und Gott ein gutes Darlehen gebt, werde Ich gewiss eure schlechten Taten tilgen und euch in Gärten eintreten lassen, unter denen Bäche fließen. Wer von euch danach aber ungläubig wird, ist gewiss vom geraden Weg abgeirrt. Und wegen ihres Brechens des Bundes verfluchten Wir sie und verhärteten ihre Herzen … (al-Ma’idah 5: 12–13). Wahrlich, Wir schlossen mit den Kindern Israels einen Bund und sandten ihnen Gesandte; sooft ein Gesandter mit etwas zu ihnen kam, was ihnen nicht gefiel, lehnten sie sich auf: Einige bezichtigten sie der Lüge, andere töteten sie (al-Ma’idah 5: 70). Die Leute der Schrift werden dich auffordern, ein Buch vom Himmel auf sie herabzusenden; und sie verlangten von Moses noch Größeres, als sie sagten: Lass uns Gott offen sehen! Da ergriff sie der Donnerschlag wegen ihres Unrechts. Danach nahmen sie das Kalb [zur Anbetung], und dies, nachdem die klare Wahrheit zu ihnen gekommen war; dennoch vergaben Wir ihnen dies und gaben Moses eine klare Vollmacht [für die Wahrheit]. Und Wir erhoben den Berg über ihnen, als Wir mit ihnen einen Bund schlossen, und Wir sagten zu ihnen: Tretet durch das Tor ein und werft euch nieder; und Wir sagten zu ihnen: Übertretet nicht den Sabbat; und Wir schlossen mit ihnen einen festen Bund. So [verfluchten Wir sie] wegen ihres Brechens des Bundes, ihres Leugnens der Zeichen Gottes, ihres ungerechten Tötens der Propheten und ihrer Aussage: „Unsere Herzen sind verschlossen [gegenüber falscher Rechtleitung].“ Nein, vielmehr hat Gott sie wegen ihres Unglaubens versiegelt, sodass sie nur wenigen glauben; und wegen ihres Unglaubens und ihrer ungeheuren Verleumdung gegen Maria und wegen ihrer Aussage: „Wir haben den Messias, Jesus, den Sohn Marias, den Gesandten Gottes, getötet“ (al-Nisa’ 4: 153–157). Verflucht wurden die Ungläubigen unter den Kindern Israels durch die Zunge Davids und Jesu, des Sohnes Marias; dies, weil sie sich auflehnten [gegen Gott] und beharrlich Übertretungen begingen. Sie hinderten einander nicht an den Missetaten, die sie begingen. Schlimm war, was sie zu tun pflegten (al-Ma’idah 5: 78–79).
Die Bibel spricht im gleichen Sinn. Ihre Anklage unterscheidet sich nicht von dem, was der Qur’an sagt, obwohl sie schärfer und mit strengeren Vorwürfen formuliert ist. Außerdem folgten die Führer Judas, die Priester und das Volk dem sündhaften Beispiel der Völker um sie herum, indem sie Götzen anbeteten, und so entweihten sie den Tempel, den der Herr selbst geheiligt hatte. Der Herr, der Gott ihrer Vorfahren, hatte weiterhin Propheten gesandt, um sein Volk zu warnen, weil Er es und den Tempel verschonen wollte. Doch sie verspotteten Gottes Gesandte, missachteten seine Worte und lachten über seine Propheten, bis schließlich der Zorn des Herrn über sein Volk so groß war, dass es kein Entrinnen mehr gab (2 Chr. 36: 14–16).
Gott sagte mir, ich solle in einem Buch aufschreiben, wie das Volk beschaffen ist, damit es eine dauerhafte Aufzeichnung seiner Bosheit gäbe. Sie lehnen sich ständig gegen Gott auf, lügen ständig und weigern sich ständig, auf die Lehren des Herrn zu hören. Sie sagen den Propheten, sie sollen schweigen. Sie sagen: „Sprich nicht mit uns darüber, was richtig ist. Sag uns, was wir hören wollen. Lass uns unsere Illusionen behalten. Geh uns aus dem Weg und hör auf, unseren Pfad zu versperren. Wir wollen nichts von eurem heiligen Gott Israels hören“ (Jes. 30: 8–11). Doch dein Volk lehnte sich gegen dich auf und gehorchte dir nicht; es kehrte deinem Gesetz den Rücken. Sie töteten die Propheten, die sie warnten und ihnen sagten, sie sollten zu dir umkehren. Immer wieder beleidigten sie dich, sodass du ihre Feinde siegen und über sie herrschen ließest (Neh. 9: 26–27). Die Kinder, die ich großgezogen habe, haben sich gegen mich aufgelehnt. Rinder wissen, wem sie gehören, und Esel wissen, wo ihr Herr sie füttert. Doch mein Volk Israel weiß noch weniger. Es versteht überhaupt nichts … Die Stadt, die einst treu war, verhält sich wie eine Hure! Einst war sie voller gerechter Menschen, doch nun sind nur noch Mörder übrig. Jerusalem, einst warst du wie Silber, doch nun bist du wertlos … Deine Führer sind Rebellen und Freunde von Dieben; sie nehmen ständig Geschenke und Bestechungsgelder an. Sie verteidigen Waisen niemals vor Gericht und hören nicht zu, wenn Witwen ihren Fall vortragen (Jes. 1: 2–23). Und so weist Jesus das Volk Israel zurecht: Jerusalem, Jerusalem! Du tötest die Propheten und steinigst die Gesandten, die Gott zu dir gesandt hat! … Und so wird euer Tempel verlassen und leer sein (Mt. 23: 37–38). Sie binden den Menschen Lasten auf den Rücken, die schwer und kaum zu tragen sind, doch selbst wollen sie nicht einmal einen Finger rühren, um ihnen beim Tragen dieser Lasten zu helfen. Alles tun sie, damit die Menschen sie sehen. Seht die Riemen mit den Schriftversen, die sie auf ihrer Stirn und an ihren Armen tragen, und beachtet, wie groß sie sind! Beachtet auch, wie lang die Quasten an ihren Mänteln sind! Sie lieben die besten Plätze bei den Festmählern und die Ehrensitze in den Synagogen; sie lieben es, auf den Marktplätzen ehrerbietig begrüßt und „Lehrer“ genannt zu werden … Ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Tor zum Himmelreich; ihr selbst geht nicht hinein und hindert auch diejenigen daran, hineinzugehen, die hineinzukommen versuchen! … Ihr reinigt die Außenseite eures Bechers und Tellers, während das Innere voll ist von dem, was ihr durch Gewalt und Selbstsucht erworben habt … Ihr seid wie weiß getünchte Gräber, die von außen schön aussehen, innen aber voller Knochen und verwesender Leichen sind … Damit gebt ihr tatsächlich zu, Nachkommen derer zu sein, die die Propheten ermordet haben! Geht nur und vollendet, was eure Vorfahren begonnen haben! Ihr Schlangen und Schlangenbrut! Wie wollt ihr dem Gericht der Hölle entkommen? Darum sage ich euch: Ich werde euch Propheten, Weise und Lehrer senden; einige von ihnen werdet ihr töten, andere kreuzigen, andere in euren Synagogen auspeitschen und sie von Stadt zu Stadt verfolgen (Mt. 23: 4–34).
Vielleicht findet sich die ergreifendste Darstellung des Schicksals Israels in den Klagen des Propheten Jesaja, Friede sei auf ihm. Nachdem er Israel als einen von Gott gepflanzten Weinberg beschrieben hat, schildert er zunächst, wie Er ihn mit jeder Gabe segnete, und dann, wie er saure Früchte hervorbrachte und wie Gott ihn bestrafte – etwas, das dem sehr ähnlich ist, was Sayyid Mawdudi über die Muslime gesagt hat. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einem sehr fruchtbaren Hügel. Er grub den Boden um und entfernte die Steine; er pflanzte die edelsten Reben. Er baute einen Turm, um ihn zu bewachen, und grub eine Keltergrube. Er wartete, dass die Trauben reif würden, doch jede Traube war sauer. Nun sagt mein Freund: „Ihr Menschen, die ihr in Jerusalem und Juda lebt, richtet zwischen meinem Weinberg und mir. Gibt es etwas, das ich für ihn nicht getan hätte? Warum brachte er dann saure Trauben hervor und nicht die guten Trauben, die ich erwartete? Dies werde ich mit meinem Weinberg tun: Ich werde die Hecke um ihn wegnehmen, die Mauer, die ihn schützt, niederreißen und ihn wilden Tieren überlassen, damit sie ihn fressen und zertreten. Ich werde zulassen, dass er von Unkraut überwuchert wird. Ich werde die Reben nicht beschneiden und den Boden nicht umhacken; stattdessen werde ich ihn von Dornen und Disteln überwuchern lassen. Ich werde sogar den Wolken verbieten, Regen auf ihn fallen zu lassen“ (Jes. 5: 1–4).
Schließlich macht der Qur’an auch deutlich, dass nach Israel die Muslime dazu bestimmt worden sind, dieselbe Mission zu erfüllen, die Israel übertragen worden war. Wahrlich, Wir gaben den Kindern Israels das Buch, das Urteil und das Prophetentum; Wir versorgten sie mit guten Dingen und bevorzugten sie vor allen anderen Menschen. Und Wir gaben ihnen klare Zeichen in der Angelegenheit [ihrer Religion]; doch sie gingen nicht auseinander, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war, außer aus gegenseitiger Übertretung … Dann setzten Wir dich [o Muhammad] auf einen Weg [Scharia] in der Angelegenheit [deiner Religion]; folge ihm daher und folge nicht den Neigungen derer, die nicht wissen (al-Jathiyah 45: 16–18).
9. Illusionen und Ausreden: Wenn ein Glaube, der so umfassend, allgegenwärtig, tief und dynamisch ist wie der Islam – das Leben in Ergebung an den einen Gott, das eine Berufung und eine Verpflichtung darstellt –, in eine erbliche und sektiererische Religion verwandelt wird, erfinden seine Anhänger bestimmte volkstümliche Glaubensvorstellungen, um ihr Gewissen zu beruhigen und zum Schweigen zu bringen. Auf der Grundlage solcher Illusionen und Ausreden können sie friedlich leben, während sie ihrer umfassenden Verpflichtung gegenüber Gott nicht nachkommen. Sie vernachlässigen die Mission, die Er ihnen anvertraut hat, und weigern sich zugleich, jeden Aufruf anzunehmen, ihren Glauben zu erneuern und ihre Pflicht wieder aufzunehmen. Der Qur’an erwähnt einige solcher verbreiteten Vorstellungen, die Teil des jüdischen Glaubens geworden waren, und weist sie entschieden zurück. Auch hier besteht das Ziel weder darin, einen bestimmten Glauben und ein bestimmtes Volk für alle Zeiten zu verurteilen, noch darin, Hass gegen sie zu nähren, sondern sie dazu zu bewegen, ihre falschen Vorstellungen zu korrigieren, und vor allem die Muslime zu warnen, sich vor solchen Vorstellungen zu hüten. Es ist ironisch, dass man heute all diese verbreiteten Glaubensvorstellungen auch als Teil des Glaubens der Muslime findet; zum Beispiel, dass unsere Umma Gottes Liebling sei, dass Muslime unabhängig vom Zustand ihres Glaubens und ihres Handelns ein Monopol auf das Paradies hätten, dass Gottes Barmherzigkeit und Belohnungen ausschließlich ihnen vorbehalten seien und dass ihre Strafe, selbst wenn sie bestraft würden, nur wenige Tage dauern werde. Und die Juden und Christen sagen: Wir sind Gottes Kinder und seine Lieblinge. Sprich: Warum bestraft Er euch dann für eure Sünden? Nein, ihr seid nur Menschen aus seiner Schöpfung. Er vergibt, wem Er will, und Er bestraft, wen Er will (al-Ma’idah 5: 18). Und sie sagen: Niemand wird ins Paradies eingehen, außer er sei Jude oder Christ. Dies sind ihre Wunschvorstellungen! Sprich: Bringt euren Beweis vor, wenn das, was ihr sagt, wahr ist! Nein, vielmehr wird derjenige, der sich ganz Gott hingibt und Gutes tut, seinen Lohn bei seinem Herrn erhalten; keine Furcht soll über sie kommen, und sie sollen nicht traurig sein (al-Baqarah 2: 111–112).
Und sie sagen: Das Feuer wird uns nur einige Tage berühren. Sprich: Habt ihr mit Gott einen Bund geschlossen? Gott wird seinen Bund gewiss nicht brechen. Oder schreibt ihr Gott etwas zu, wovon ihr kein Wissen habt? Keineswegs! Wer Böses tut und von seinen Verfehlungen umschlossen wird – das sind die Bewohner des Feuers … (al-Baqarah 2: 81). Und wenn ihnen gesagt wird: Glaubt an das, was Gott herabgesandt hat, sagen sie: Wir glauben an das, was auf uns herabgesandt wurde; doch sie verleugnen, was darüber hinausgeht, obwohl es die Wahrheit ist, die das bestätigt, was ihnen vorliegt. Sprich: Warum habt ihr dann früher Gottes Propheten getötet, wenn ihr gläubig wart? (al-Baqarah 2: 91). Sprich: Wenn die Wohnstätte des Jenseits nur euch gehören soll, unter Ausschluss aller anderen Menschen, dann wünscht euch den Tod, wenn das, was ihr sagt, wahr ist! Doch niemals werden sie ihn wünschen wegen dessen, was ihre Hände vorausgeschickt haben; Gott kennt die Ungerechten … (al-Baqarah 2: 95).
Was ist unser eigentliches Problem?
Scheinprobleme
Brüder, inzwischen müsst ihr verstanden haben, wie wir als Muslime hätten leben und uns hätten verhalten sollen und wie wir tatsächlich leben und uns tatsächlich verhalten. Ihr müsst auch erkannt haben, welch schwerwiegende Folgen wir wegen unseres Verhaltens erleiden. Daher dürfte es euch nicht schwerfallen einzusehen, dass die Probleme, die Muslime für entscheidend für ihre Gesellschaften halten und die sie mit allen möglichen Mitteln zu lösen versuchen – einige davon haben sie selbst entwickelt, die meisten jedoch von anderen übernommen –, nicht ihr eigentliches Problem sind. Die Zeit, Energie und Mittel, die sie für die Lösung dieser Probleme aufwenden, werden schlicht verschwendet. Beispielsweise betrachten wir uns als eine Minderheit, die von einer übermächtigen fremden Mehrheit eingeschlossen ist, oder als eine Mehrheit, der innerhalb ihres eigenen Gebietes ihre Souveränität genommen wurde, oder als eine Nation, die von einer fremden Macht unterjocht und ausgebeutet wird, oder als ein Volk, das unter Rückständigkeit und Armut leidet. Dann setzen wir all unsere Anstrengungen dafür ein, Ziele zu erreichen, die sich aus diesen Vorstellungen und Bildern von uns selbst ergeben. Zum Beispiel Ziele wie den Schutz und die Sicherung unseres Status in einem Land als Minderheit, die Erlangung der Souveränität innerhalb unserer territorialen Grenzen, die Befreiung von fremder Herrschaft oder das Erreichen desselben wirtschaftlichen Fortschritts und Entwicklungsstandes wie die fortgeschrittenen Nationen. Diese und ähnliche Fragen mögen für diejenigen, die keine Muslime sind und Gott nicht als ihren Herrn und Führer anerkennen, die vorrangigen Anliegen sein und den Mittelpunkt ihrer Bemühungen bilden. Für uns Muslime aber sind sie nicht die grundlegenden Probleme; wir sehen uns mit ihnen nur deshalb konfrontiert, weil wir unsere Pflicht vernachlässigt haben und weiterhin vernachlässigen. Wären wir wahre Zeugen des Islam gewesen, hätten wir uns nicht in einem derart dichten Dschungel komplizierter und unentwirrbarer Probleme verloren. Wenn wir nun all unsere Aufmerksamkeit und unsere Bemühungen darauf richten, unsere Pflicht zu erfüllen, statt unsere Kräfte darauf zu vergeuden, das Dickicht zu lichten, wird es sich in kürzester Zeit lichten – nicht nur für uns, sondern für die gesamte Menschheit. Denn es liegt in unserer Verantwortung, die Welt sauber zu halten und zu verbessern; da wir unsere uns auferlegte Pflicht aufgegeben haben, ist die Welt von dornigem Dickicht überwuchert worden. Und es ist kein Wunder, dass der dornigste Teil uns zugefallen ist. Leider versuchen unsere religiösen und politischen Führer nicht, diese einfache, aber entscheidende Tatsache zu verstehen. Überall überzeugen sie die Muslime weiterhin davon, dass ihre Probleme die Probleme einer Minderheit gegenüber einer Mehrheit seien, des materiellen Fortschritts, der nationalen Sicherheit, der Erlangung von Freiheit und Unabhängigkeit als Nationalstaat. Darüber hinaus wurden sogar die von ihnen empfohlenen Lösungen von Nichtmuslimen übernommen. Doch so gewiss ich an Gott glaube, so gewiss glaube ich auch, dass ihr irregeführt werdet und dass ihr durch das Beschreiten solcher Wege niemals euer Wohlergehen und eure Bestimmung erreichen werdet.
Unser eigentliches Problem
Was ist also unser eigentliches Problem? Wenn ich euch das nicht klar und ohne jeden Vorbehalt sage, würde ich euch einen großen schlechten Dienst erweisen. Meiner Ansicht nach hängt euer Schicksal jetzt und für alle Zeiten von einer einzigen Frage ab: Wie verhaltet ihr euch gegenüber der Rechtleitung Gottes, die durch Seinen Gesandten zu euch gekommen ist – Segen und Frieden seien auf ihm? Aufgrund dieser Rechtleitung seid ihr Muslime. Aufgrund dieser Rechtleitung habt ihr, ob es euch gefällt oder nicht, zugestimmt, Botschafter des Islam für die ganze Welt zu werden. Deshalb werdet ihr euch in dieser Welt nur dann von Ruhm zu Ruhm erheben und in der kommenden Welt die höchsten Ehren empfangen, wenn ihr dem Islam vollständig und hingebungsvoll folgt, wenn eure Worte und Taten wahrhaftig von seinen Lehren Zeugnis ablegen und wenn euer gesellschaftliches und öffentliches Verhalten jeden Aspekt des Islam getreu verkörpert. Dann werden sich in kürzester Zeit die dunklen Wolken der Angst und Sorge, der Schande und Erniedrigung, der Unterwerfung und Sklaverei zerstreuen. Dann werden die Wahrheit eurer Botschaft und die Tugend eures Charakters einen Geist nach dem anderen und ein Herz nach dem anderen erobern. Dann werden euer Ansehen und euer Ruf, euer Einfluss und eure Autorität die Welt beherrschen. Die Hoffnung auf die Verwirklichung der Gerechtigkeit wird auf euch gesetzt werden, man wird auf eure Lauterkeit und Ehrlichkeit vertrauen, euch werden die Aussichten auf Tugend anvertraut werden, und eurer Welt wird Autorität verliehen werden. Im Gegensatz dazu werden die Führer des Säkularismus jede Glaubwürdigkeit und Autorität verlieren. Ihre Philosophie und ihr Weltbild, ihre wirtschaftlichen und politischen Ideologien, werden sich angesichts eurer Wahrheit und eures rechtschaffenen Verhaltens als falsch und nichtig erweisen. Die Kräfte, die heute dem säkularen Lager angehören, werden sich eine nach der anderen abwenden und dem Lager des Islam anschließen. Dann wird eine Zeit kommen, in der der Kommunismus in Moskau selbst um sein bloßes Überleben fürchten wird, in der die kapitalistische Demokratie beim Gedanken daran erschauern wird, sich auch nur in Washington und New York verteidigen zu müssen, in der der materialistische Säkularismus nicht einmal in den Universitäten Londons und Paris’ einen Platz finden wird, in der Rassismus und Nationalismus nicht einmal unter Brahmanen und Deutschen einen einzigen Anhänger gewinnen werden. Die gegenwärtige Epoche völliger Erniedrigung wird dann den Seiten der Geschichte übergeben sein. Sie wird uns nur an jene Tage erinnern, in denen die Anhänger eines ebenso universalen wie mächtigen Glaubens wie des Islam zu einer solchen Dummheit herabgesunken waren, dass sie angesichts von Stöcken und Seilen zitterten, während sie den Stab des Moses unter ihrem Arm trugen. Diese Zukunft gehört euch! Aber nur, wenn ihr dem Islam aufrichtig und ausschließlich folgt und als seine treuen Zeugen dient. Euer gegenwärtiges Verhalten ist jedoch das genaue Gegenteil davon. Ihr seid mit der göttlichen Rechtleitung gesegnet worden, doch ihr gleicht einer Schlange, die einen Schatz bewacht: Ihr zieht selbst keinen Nutzen aus ihr und erlaubt auch anderen nicht, Nutzen aus ihr zu ziehen. Indem ihr euch Muslime nennt, habt ihr für euch die Stellung von Vertretern des Islam beansprucht; doch das gemeinsame Zeugnis eurer Worte und Taten wird größtenteils zugunsten der Unwissenheit (Jahiliyyah), des Götzendienstes, des Materialismus und der Unsittlichkeit abgelegt. Ihr habt das Buch Gottes bei euch, aber ihr habt es ins Regal gestellt, und um Rechtleitung zu suchen, wendet ihr euch an alle möglichen Personen, die zum Kufr führen, sowie an Quellen, die euch in die Irre führen. Ihr behauptet, Diener des Einen Gottes zu sein, doch in Wirklichkeit dient ihr jedem falschen Gott, jedem Satan und jeder Macht, die gegen Gott rebelliert. Ihr habt Freunde und Feinde, doch stets sind es eure persönlichen, selbstsüchtigen Interessen, die eure Freundschaft und Feindschaft bestimmen. In beiden Fällen benutzt ihr den Islam als Partei für eure Sache. So hat euer Verhalten einerseits euer Leben der Segnungen beraubt, die der Islam euch zu bieten hat, und andererseits entfremdet ihr die Menschheit, anstatt sie zum Islam hinzuziehen. Wenn ihr euch weiterhin auf diese Weise verhaltet, könnt ihr weder in dieser Welt noch in der kommenden Welt etwas Gutes erlangen. Nach dem Gesetz Gottes ist das Ergebnis jene elende Lage, in der ihr euch befindet. Was die Zukunft für euch bereithält, könnte noch viel schlimmer sein. Um die Wahrheit zu sagen: Wenn ihr das Etikett des Islam von euch entfernt und offen und aufrichtig dem Kufr folgt, könntet ihr zumindest den gleichen weltlichen Fortschritt machen wie Amerika, Russland und Großbritannien. Doch zu behaupten, Muslime zu sein, und sich dennoch wie Nichtmuslime zu verhalten, der Menschheit durch eine falsche Darstellung des Islam vor ihr die Tür der göttlichen Rechtleitung zu verschließen – das ist ein so ungeheuerliches Verbrechen, dass es euch niemals erlauben wird, in dieser Welt Erfolg zu haben. Es gibt keinen Weg, wie ihr der im Qur’an für dieses Verbrechen vorgeschriebenen Strafe entgehen könnt. Die jüdische Geschichte liefert einen lebendigen Beweis für diese Wirklichkeit. Ihr mögt euch dem säkularen Nationalismus als dem geringeren Übel zuwenden, ihr mögt euch als eigenständige Nation anerkennen lassen und alles erreichen, was der muslimische Nationalismus zu erreichen sucht. Doch nichts davon wird euch helfen. Es gibt nur einen Weg, die Strafe Gottes abzuwehren: Kehrt von eurer Sünde um und bereut.