EINLEITUNG

Er hat mein Leben in hohem Maße beeinflusst. Ich kenne ihn, seit ich sehr jung war, obwohl er vor 1400 Jahren lebte. Meine Eltern lehrten mich, ihn zu lieben, als wäre er das Licht, das unsere Familie führte. Meine Grundschullehrer nährten diese Liebe weiter, und in meinem ersten Jahr an der weiterführenden Schule schenkte mir mein Lehrer ein Buch über sein Leben als Preis dafür, dass ich in Arabisch Klassenbester war. In meiner ersten beruflichen Tätigkeit dramatisierte ich einen großen Abschnitt seines Lebens für das Radio. Später schrieb ich ein Buch über die Ereignisse seines Lebens, und dieses Buch wurde mehrmals neu aufgelegt. Einunddreißig Jahre lang, von 1981 bis 2012, redigierte ich für die saudische Zeitung Arab News eine wöchentliche Kolumne mit dem Titel „Islam aus neuer Sicht“, und jedes Mal schrieb ich einen Artikel über ihn oder über das, was er lehrte. Noch immer habe ich das Gefühl, dass all dies bei Weitem nicht dem gerecht wird, was er verdient. Wie kann ich – oder überhaupt irgendjemand – darstellen, was er der Menschheit gegeben hat, wenn er doch das Licht bleibt, das Millionen Menschen auf der ganzen Welt reines Glück in ihr Leben bringt? Muhammad ibn [Abdullah, geboren 570 n. Chr. in Mekka als Sohn eines Vaters, dessen Gesicht er nie zu sehen bekam, war der Mann, dem Gott die Aufgabe anvertraute, der Menschheit Seine endgültige Botschaft zu übermitteln. Gott übernahm es, diese Botschaft für die verbleibende Dauer des menschlichen Lebens zu bewahren. Die Muhammad übertragene Aufgabe war gewaltig. Seine Botschaft sollte nicht bloß überbracht und quittiert werden; vielmehr sollte er den gegenwärtigen und künftigen Generationen Anleitung zu ihrer Umsetzung geben. Seine Anleitung ist das Licht, das jede Gemeinschaft durchdringt, die sich danach richtet, wie Gott die Menschheit leben lassen will. Eine Anleitung, die für jeden Einzelnen und jede Gemeinschaft so lange gelten wird, wie das menschliche Leben fortbesteht. Das war das Wunder des Propheten. Er sagte den Menschen nicht, dass er für sie Wunder vollbringen, oder zeigte ihnen spektakuläre Kunststücke, die sie vor Staunen sprachlos machten. Stattdessen bot er ein Lebenssystem an, das für alle Bedürfnisse von Körper, Seele und Gefühlen sorgte. Außerdem erhob er ihre Bestrebungen zu einem erhabenen Ideal. Durch seine Taten zeigte er ihnen auf sehr einfache, direkte und ehrliche Weise den Weg, dies alles zu erreichen. Was sie zu erreichen streben mussten, lag in jedermanns Reichweite. Es gab weder Komplikationen noch willkürliche Auferlegungen. Hunderte Bücher wurden über den Propheten und die Ereignisse seines Lebens geschrieben. Die Mehrheit davon stammt von Muslimen, die ihn geliebt und ihm gefolgt sind; einige jedoch von Gegnern, deren Haltung darin besteht, ihn und seine Botschaft abzulehnen. Gewöhnlich bewundert ein Mensch den Propheten umso mehr, je mehr er über sein Leben und seine Botschaft erfährt. In seinen ersten vierzig Jahren, vor dem Beginn seiner Botschaft, lebte Muhammad unter seinem Volk: Er teilte dessen Sorgen, hielt sich aber von allem fern, was falsch oder unschicklich war. Er erwarb sich den Ruf eines ehrlichen und wahrhaftigen Menschen. Später, auf der Flucht vor Attentätern, wurde er mit einem hohen Kopfgeld auf ihn in die Wüste gejagt; dennoch blieb sein Vertrauen auf Gott und auf die Wahrheit seiner Botschaft so fest wie ein Berg. Einmal war die Gefahr ganz nahe, und Suraqah, sein Verfolger, war bereit zuzuschlagen; dennoch versprach er Suraqah, dass dieser die Armreifen des persischen Kaisers Chusrau tragen werde. Dieses Versprechen sollte sich erfüllen, nachdem Muhammad gestorben war. Innerhalb von weniger als zehn Jahren veränderte sich das Leben des Propheten grundlegend. Aus jenem Reiter, der mit zwei Männern und einem Führer 500 Kilometer über unbekannte Wege durch die arabische Wüste reiste, um seinen Verfolgern zu entkommen, wurde der unbestrittene Herrscher ganz Arabiens. Er errichtete einen Staat, der der Wahrheit und der Gerechtigkeit sowie der Befreiung des Menschen in der ganzen Welt gewidmet war. Er schrieb Kaisern, Königen und Herrschern und rief sie auf, an Gott zu glauben und Seiner Botschaft zu folgen; zugleich führte er ein Leben in Armut. Er verschmähte es nicht, eine Einladung eines armen Menschen anzunehmen, und teilte bereitwillig ein bescheidenes Mahl aus Brot mit Fett, das bereits zu verderben begonnen hatte. Eines Tages kam er nach Hause, um zu essen, doch das einzige in seinem Haus verfügbare Essen war ein kleines Stück Brot und etwas Essig. Dazu bemerkte er: „Essig ist eine gute Beilage zu Brot.“ Das sagte er in einer Zeit, in der ihm die größten Reichtümer, die die Welt bieten konnte, offenstanden. Ich habe gesagt, dass sein Vertrauen auf Gott so fest wie ein Berg war. Ja, Berge könnten einstürzen, und dennoch würde der Glaube des Propheten unerschüttert bleiben. In Augenblicken äußerster Gefahr war er voller Zuversicht, dass die Wahrheit, die er verkündete, siegen würde. Im Augenblick seines größten Sieges zeigte er Demut und dankte dem Allmächtigen gebührend. Die gestrigen Feinde – eben jene, die seine Ermordung geplant und beschlossen hatten, seine Gemeinschaft auszurotten – waren seiner Gnade ausgeliefert, und dennoch erwies er sich als außerordentlich großzügig. Der Anblick, der ihm am Ende seines gesegneten Lebens die größte Freude bereitete, war der seiner Anhänger, die in seiner Moschee das Gemeinschaftsgebet verrichteten. Damals empfand er, dass er Gottes Botschaft überbracht und seine Aufgabe erfüllt hatte. Heute wird der Prophet von Schriftstellern, Karikaturisten, Bloggern und verschiedenen anderen Gegnern schwer verleumdet, deren Informationen über ihn sowohl dürftig als auch falsch sind. Besonders wird er in drei Punkten angegriffen: wegen seiner zahlreichen Ehen, wegen seiner Ehe mit [A’ischah (von der behauptet wird, sie sei damals ein Kind gewesen) und wegen seines Umgangs mit den Juden, insbesondere mit dem Stamm der Qurayzah. Eine eingehende Untersuchung all dieser Fragen zeigt, dass es nichts zu kritisieren gibt. Dennoch hält der Angriff an. Leider kennen die meisten Muslime heute den Propheten nicht gut genug, um sein Leben in seinen wahren Farben darzustellen. Stattdessen wächst in der gesamten muslimischen Welt der Zorn, wenn diese Angriffe erfolgen. Dies vertieft den Graben zwischen Muslimen und Nichtmuslimen, insbesondere zwischen der muslimischen Welt und dem Westen. Das widerspricht dem, was die meisten Menschen auf der ganzen Welt wollen. Auf beiden Seiten dieser Trennlinie ist ein besseres Verständnis nötig. Mein erstes Buch über den Propheten, Muhammad: Mensch und Prophet, sollte die wichtigsten Ereignisse seines Lebens mit Analysen und Kommentaren festhalten. In diesem Buch ist es mein Ziel, seinen wahren Charakter zu zeigen. Während ich jedoch schreibe, habe ich das Gefühl, meinem Ziel weit hinterherzubleiben. Meine Unzulänglichkeit kann ich nur mit den Worten von John Dryden zum Ausdruck bringen: Wie kann das Kleinere das Größere begreifen? Oder endlicher Verstand die Unendlichkeit erreichen?1 Wie kann ich die beiden entgegengesetzten Extreme darstellen: das Leben in seiner alltäglichsten Form und das Leben in seiner höchsten Vollkommenheit? Der Prophet vereinte beides auf ganz natürliche Weise. Wenn ich meinem Leser einen flüchtigen Eindruck davon vermitteln kann, dann war meine Mühe nicht vergeblich. Meine Leser werden erkennen, dass ich nicht versuche, irgendwelche gegen den Propheten erhobenen Vorwürfe zu widerlegen. Ich versuche lediglich, seinen Charakter darzustellen. Dabei habe ich mich von dem leiten lassen, was der Qur’an – Gottes eigenes Wort – über ihn sagt, von seinen eigenen Aussagen und Lehren sowie von dem, was seine Gefährten uns von dem überliefert haben, was er sagte und tat. Ich habe mich ausschließlich auf authentische Quellen gestützt. Allerdings habe ich eine Reihe von Berichten und Aussagen ausgelassen, die ein Argument hätten stärken oder einen Punkt hätten veranschaulichen können, wenn ich das Gefühl hatte, dass sie einen Satz oder ein Wort enthielten, das Zweifel an ihnen aufkommen lassen könnte – oft trotz ihrer Aufnahme in eine der authentischen Sammlungen der Hadithe des Propheten (Überlieferungen). 1 John Dryden, Religio Laici, 39–40.
Ich habe dem Fall der Juden von Qurayzah und ihrem Schicksal ein Kapitel gewidmet, und in dieser Erörterung vertrete ich eine völlig andere Auffassung als den traditionellen Ansatz. Die Leser können selbst beurteilen, ob mein Argument stichhaltig ist. Weder in diesem Fall noch bei irgendeiner kontroversen Frage versuche ich, den Propheten zu verteidigen oder seine Handlungen zu rechtfertigen. Nichts an seinen Handlungen oder Lehren bedarf einer Rechtfertigung; erforderlich ist vielmehr, die Situation zu verstehen, indem man alle Aspekte, Umstände und verfügbaren Möglichkeiten betrachtet. Abschließend bleibt zu sagen, dass kein Bild vom Charakter des Propheten ihm gerecht werden wird. Er war allem überlegen, was wir uns vorstellen können. Vielleicht kommt die Beschreibung, die der Wahrheit am nächsten kommt, der Bezeichnung „Lehrer vollkommener Güte“ am nächsten. Möge Gott ihn reich belohnen dafür, dass er die Menschheit diese vollkommene Güte gelehrt hat. Adil Salahi
London, August 2012

KAPITEL 1

die prägenden Jahre Muhammad, der Prophet des Islam, war ein gewöhnlicher Mensch. Muslime auf der ganzen Welt erkennen diese Tatsache an. Keine islamische Denkschule weist ihm einen anderen Status zu. Niemand schreibt ihm eine göttliche Natur zu. Auch der Koran betont diese Tatsache: Er stellt sie wiederholt fest und macht zugleich deutlich, dass Muhammad mit Gottes letzter Botschaft an die Menschheit betraut wurde. Seine Aufgabe bestand darin, diese Botschaft vollständig zu übermitteln. Die Botschaft ist im Koran enthalten, dem eigenen Wort Gottes. Gott hat garantiert, dass der Koran für alle Zeiten in seiner ursprünglichen Form bewahrt wird. Daher ist der Koran, den wir heute besitzen, genau derselbe, den Muhammad seiner Gemeinschaft vor über 1400 Jahren vortrug, denn kein einziges Wort hat sich je verändert. Als Gottes Gesandter erklärte Muhammad den Koran auch. Er erläuterte Aspekte, die allgemein formuliert waren, lieferte Einzelheiten, wo sie nötig waren, und korrigierte Missverständnisse, wenn solche entstanden. Außerdem gab er durch sein eigenes Leben ein praktisches Beispiel dafür, wie Gläubige ihr Leben führen sollten. Das, was Muhammad uns zusätzlich zum Koran übermittelt hat, wird Sunna genannt. Die Sunna ist ein wesentlicher Bestandteil des islamischen Glaubens, da sie dem Koran als erläuternde Ergänzung dient. Muslime betrachten die Sunna als Ergänzung zum Koran, doch sie besitzt nicht denselben Status. Tatsächlich ist sie ein Teil der Offenbarung, die der Prophet empfing, doch sie ist in seinen eigenen Worten ausgedrückt. Da sie das Wort eines Menschen ist, kann sie im Gebet nicht rezitiert werden.

Muhammad wurde im Alter von vierzig Jahren zum Propheten. Zuvor war nicht bekannt, dass er über Religion, Gott, den Status des Menschen oder auch nur über moralische Werte und Verhaltensweisen sprach. Wenn er über solche Dinge nachdachte, blieben seine Gedanken privat, denn er sprach mit niemandem darüber, nicht einmal mit seiner Frau oder seinen engsten Freunden. Kein Freund und kein Feind sagte je etwas zu ihm wie: „Ich erinnere mich an die Zeit, als du uns über Religion oder moralische Werte zu erzählen pflegtest.“ Niemand hat behauptet, der Islam sei eine Weiterentwicklung früherer Gedanken gewesen, die Muhammad in irgendeiner Form geäußert hätte.

Propheten sind eine besondere Art von Menschen, da sie die Aufgabe übernehmen, den Menschen zu predigen und zugleich ein praktisches Beispiel zu geben. Es gibt jedoch eine Untergruppe von Propheten, die einen höheren Rang erreichen: Gottes Gesandte, denen Botschaften gegeben werden, die sie den Menschen übermitteln sollen. Noah, Abraham, Mose und Jesus waren die höchsten und edelsten von Gottes Gesandten. Es gab auch andere Gesandte: Einige werden im Koran namentlich genannt, während andere nicht erwähnt werden. Alle diese Propheten und Gesandten verkündeten denselben göttlichen Glauben, der auf der Einheit Gottes beruhte. Sie lehrten, dass jede Unterwerfung allein Ihm gilt und jede Anbetung ausschließlich an Ihn zu richten ist. Schließlich wurde die göttliche Botschaft in ihre endgültige und vollständige Form gebracht und an die gesamte Menschheit aller Generationen gerichtet. Dies ist die Botschaft Muhammads, wie sie im Koran und in der Sunna verkörpert ist.

In diesem Buch beginnen wir, Muhammad als Menschen zu untersuchen. Ich werde seine Botschaft und seine Lehren nur durch eine Betrachtung seiner Persönlichkeit berühren. Ich beabsichtige nicht, den islamischen Glauben darzustellen oder seine Hauptgrundsätze zu erläutern. Stattdessen werde ich zunächst seinen Hintergrund betrachten, das soziale Umfeld, in dem er geboren wurde und aufwuchs, sowie die kulturellen Aspekte der Gesellschaft, in der er als Jugendlicher und Erwachsener lebte. Danach werde ich betrachten, wie sich seine Persönlichkeit entwickelte, während er die ihm als Gottes Gesandtem übertragene Aufgabe erfüllte.

Muhammad wurde im Jahr 570 n. Chr. in Mekka geboren, der damals wichtigsten Stadt Arabiens. Die Araber lebten in dem Gebiet, das heute die gesamte Arabische Halbinsel sowie Palästina, Jordanien, Südsyrien und den Südirak bildet. Ihre Gesellschaft war eine Stammesgesellschaft, die die Zugehörigkeit zum Stamm als stärkstes Band zwischen den Menschen betrachtete. Die Einzelnen verstanden sich als Mitglieder eines Stammes, und der Stamm schützte und verteidigte seine einzelnen Mitglieder. Ein Stamm konnte wegen eines Streits, an dem nur ein oder zwei seiner Mitglieder beteiligt waren, leicht gegen andere Stämme in den Krieg ziehen. In solchen Fällen waren Recht und Unrecht von zweitrangiger Bedeutung, da die Stammesloyalität über allem stand.

Diese Stämme konnten groß oder klein sein. Ein großer Stamm konnte sich in mehrere Clans aufteilen. Die einzelnen Clans betrachteten sich als Vettern, wetteiferten aber dennoch um Ehre und Ansehen. Clans besaßen Eigenständigkeit, und die Loyalität galt immer dem engsten Bindeglied. Daher schuldete ein Einzelner zuerst seiner Familie, dann seinem Clan und danach seinem Stamm Loyalität. Stämme genossen aufgrund ihrer Geschichte, Abstammung und Stärke Ansehen. Selbst bedeutende Stämme waren stolz darauf, noch größeren Stämmen anzugehören. Tatsächlich gehörten alle Araber einer von zwei großen Gruppen an: Adnan und Qahtan.

Zur Zeit von Muhammads Geburt wurde Mekka vom Stamm der Quraisch bewohnt, der von allen Arabern als der führende Stamm anerkannt wurde. Vor den Quraisch hatte der Stamm der Khuza[ah Mekka innegehabt, der seinerseits den Stamm Jurhum abgelöst hatte. Muhammad gehörte dem Clan der Haschim an, der seit mehreren Generationen die Herrschaft in Mekka ausgeübt hatte. Sein Großvater [Abd al-Muttalib war sogar das Oberhaupt von Mekka, mit einer Autorität, die von allen Clans der Quraisch anerkannt wurde.

Der Status der Quraisch als führender Stamm wurde durch die Stellung der Ka[bah in Mekka noch gestärkt. Die Ka[bah wurde vom Propheten Abraham und seinem Sohn Ismael errichtet, der ebenfalls ein Prophet war. Seit ihrer Errichtung wurde sie von Menschen besucht und verehrt.

In diesem sozialen Umfeld wurde Muhammad geboren. Damals wurden Kinder aus angesehenen Familien dieser Gesellschaft gewöhnlich von beduinischen Ammen betreut, die nach Mekka kamen, um Säuglinge mit nach Hause zu nehmen. Die Familien aus Mekka glaubten, dass es für ihre Kinder am besten sei, die ersten ein oder zwei Jahre in der Wüste zu verbringen, wo die reine Luft und die Umgebung ihnen einen gesunden Start ermöglichen würden. Die Beduinenfamilien erhielten im Gegenzug für die Betreuung der Stadtkinder finanzielle Unterstützung. So wurde Muhammad wenige Tage nach seiner Geburt der Beduinin Halimah anvertraut, die ihn stillen und betreuen sollte. Halimah stammte aus dem Stamm Sa[d ibn Bakr, einem Zweig der Hawazin.

Zwei Faktoren müssen Muhammad während seiner frühen Jahre tiefgreifend beeinflusst haben. Der erste war der Verlust seiner engsten Angehörigen. Die Ehe seiner Eltern dauerte nur wenige Wochen. Danach reiste sein Vater [Abdullah mit der traditionellen Handelskarawane nach Syrien, die jedes Jahr dorthin zog. Auf der Rückreise erkrankte er. Die Leute der Karawane ließen ihn in Medina zurück, damit seine mütterlichen Verwandten ihn pflegten, doch er erholte sich nicht und starb bald darauf. Muhammads Mutter Aminah starb einige Jahre später, als er erst sechs Jahre alt war. Der Tod einer Mutter wird von einem Kind schmerzlich empfunden, vielleicht in Muhammads Fall sogar noch stärker, da er mit ihr auf einer Reise nach Medina war, wo sie das Grab seines Vaters besuchten. Die Entfernung von Mekka nach Medina beträgt über 450 Kilometer. Als sie al-Abwa’ erreichten, ein Dorf, das etwas näher bei Mekka als bei Medina liegt, erkrankte Aminah und starb. Das Kind wurde der Obhut seiner Amme Umm Ayman überlassen, die es nach Hause zurückbrachte. Dann kümmerte sich Muhammads Großvater [Abd al-Muttalib um ihn, doch auch er starb, als Muhammad erst acht Jahre alt war.

Eine solche Abfolge des Verlusts naher und geliebter Angehöriger musste einen tiefen Einfluss auf einen jungen Menschen haben. Muhammad erinnerte sich bis zu seinen letzten Tagen an seine Mutter. Mehr als fünfzig Jahre später besuchte er ihr Grab in al-Abwa’, und als er an ihrem Grab stand, weinte er vor Trauer. Er sagte seinen Gefährten, er habe Gott um Erlaubnis gebeten, ihr Grab zu besuchen, und seine Bitte sei gewährt worden.1 1 Muslim, Sahih (Buch der Bestattungen).

Auf eine Frage einiger seiner Gefährten erklärte der Prophet, dass er sich lebhaft an den Tod seines Großvaters erinnere. Ebenso berichtete seine Amme Umm Ayman, dass er damals sehr geweint habe.2 Daraus erkennen wir, dass die Trauer des jungen Muhammad über seine Verluste tatsächlich sehr stark war. Der Tod dieser nahen Angehörigen muss Muhammad zu der Einsicht gebracht haben, dass das Leben einem alles Mögliche bringt, ohne irgendjemandem Garantien zu geben: Niemand hat einen rechtmäßigen Anspruch auf etwas anderes als auf das, was ihm gegeben wird. Später verband er dies mit Gottes Willen und betonte, dass niemand etwas anderes erwarten könne als das, was Gott gewährt.

Der zweite Faktor, der Muhammad in seinen frühen prägenden Jahren beeinflusst haben muss, war die Liebe, die er von den Menschen in seiner Umgebung erhielt. Halimah, seine Amme, und ihre Familie liebten ihn innig, nicht zuletzt, weil sie bald erkannten, dass er ein gesegnetes Kind war. Auch empfand sie es nicht als große Belastung, ihn zusammen mit ihrem eigenen Sohn zu stillen. Nach zwei Jahren des Stillens brachte Halimah ihn pflichtgemäß zu seiner Mutter Aminah zurück. Halimah bat jedoch darum, dass das Kind bei ihr bleiben dürfe, da das Wüstengebiet, in dem sie lebte, eine wesentlich gesündere Umgebung als Mekka war. Aminah stimmte zu, und Muhammad blieb bis zu seinem vierten Lebensjahr bei Halimah.

Zurück in Mekka wurde das vierjährige Kind von seiner Mutter unter den wachsamen Augen seines Großvaters [Abd al-Muttalib betreut. Beide empfanden, dass mit dem Kind etwas Besonderes verbunden war. Der Großvater behandelte ihn besonders und machte ihm Zugeständnisse, die in der strengen Stammesgesellschaft Mekkas keinem Kind gewöhnlich gewährt worden wären. Vielleicht gaben dem alten Weisen die Umstände seiner Geburt, obwohl wahrscheinlich eher die Natur des Kindes, das Gefühl, dass der Junge eine glänzende Zukunft haben würde. In Arabien, wo stets ein erbitterter Wettstreit um Ehre herrschte, könnte [Abd al-Muttalib, das etwa hundertjährige Oberhaupt von Mekka, gehofft haben, dass der Junge heranwachsen und die Ehre seines haschimitischen Clans mehren würde.

Wie oben erwähnt, verlor Muhammad jedoch innerhalb von vier Jahren nach seiner Rückkehr nach Mekka sowohl seine Mutter als auch seinen Großvater. So musste Muhammad im Alter von acht Jahren erneut umziehen und bei seinem Onkel Abu Talib leben, der bald eine äußerst angesehene Ehrenstellung in Mekka einnehmen sollte, da er das Oberhaupt des haschimitischen Clans war. Abu Talib verfügte allerdings nur über begrenzte Mittel und hatte eine große Familie, war aber ein vorbildliches arabisches Oberhaupt. Der Rang seiner Familie, seines Clans und seines Stammes stand für ihn an erster Stelle. Für ihn war Muhammad nicht bloß ein verwaister Neffe: Er sollte bald ein junger Mann mit vorzüglichen Eigenschaften werden. Abu Talib erkannte in Muhammad ein kluges Kind mit großen Hoffnungen. Sein sanftes und liebevolles Wesen ließ Gutes für seine Zukunft erwarten, und Abu Talib dachte, Muhammad könne die Tradition seiner edlen Vorfahren fortsetzen, die das Ansehen ihres Clans in Arabien gemehrt hatten.

Abu Talib liebte Muhammad wie seine eigenen Kinder, vielleicht mit einer gewissen Bevorzugung, wenn man die besondere Lage des Kindes und den Segen bedenkt, der von ihm auszugehen schien. Im Haus seines Onkels wurde Muhammad von zwei Frauen betreut: Fatimah bint Asad, der Frau Abu Talibs, und Umm Ayman, seiner Amme. Beide überschütteten ihn mit mütterlicher Liebe. Als Fatimah etwa fünfzig Jahre später starb, kümmerte sich der Prophet, der Herrscher Arabiens war, persönlich um ihre Vorbereitung zur Bestattung. In seinem Schmerz über ihren Verlust sagte er: „Möge Gott Seine Barmherzigkeit über dich ausgießen, Mutter. Du warst mir eine Mutter, nachdem ich meine Mutter verloren hatte: Du bist hungrig geblieben, damit ich genug zu essen hatte; du gabst mir Kleidung, die du selbst nötiger brauchtest; du versagtest dir die guten Dinge des Lebens, damit ich sie genießen konnte; und für all das suchtest du nur Gottes Lohn.“3

Umm Ayman war eine Sklavin aus Abessinien, die seinem Vater [Abdullah gehört hatte. Nach den damaligen Bräuchen gehörte sie ihm nach dem Tod seines Vaters. In der islamischen Überlieferung wird sie jedoch niemals als Sklavin bezeichnet, sondern stets als seine Amme beschrieben. Sie war eine gütige Frau, die seine Kindheit von seiner Geburt an miterlebte. Sie war sein einziger Begleiter, als seine Mutter auf der Rückreise von Medina starb, als er erst sechs Jahre alt war. Sie brachte ihn zu seinem Großvater zurück, der sie anwies, Muhammad zu betreuen und ihn nie aus den Augen zu lassen. Dazu brauchte sie keinen Ansporn, denn das Kind lag ihr am Herzen. Als er erwachsen war, erkannte Muhammad ihre Rolle an und erwiderte ihre Güte. Als er im Alter von fünfundzwanzig Jahren Khadijah heiratete, schenkte Muhammad ihr die Freiheit. Später verheiratete er sie mit Zayd ibn Harithah, dem ihm liebsten Mann. Sie gebar Zayd einen Sohn namens Usamah, den der Prophet wie sein eigenes Kind liebte. Als Muhammad Gottes Gesandter wurde, gehörten Umm Ayman und ihre Familie zu den frühen Konvertiten zum Islam. Bis zu seinen letzten Tagen erwies er ihr weiterhin seine Güte. Über sie pflegte er zu sagen: „Umm Ayman ist das letzte Mitglied meiner Familie, und sie war mir eine Mutter, nachdem meine Mutter verstorben war.“4

In seiner Erziehung erlitt Muhammad also den Verlust seiner engsten Angehörigen, die sich am meisten um ihn gekümmert hatten: seiner Eltern und seines Großvaters. Dennoch war er nie ohne ein Familienheim, in dem er Liebe, Güte und mütterliche Fürsorge erhielt. Viele Frauen liebten Muhammad und kümmerten sich um ihn, denn er hatte sechs väterliche Tanten, die allesamt gütig und liebevoll waren.

Wenn wir Muhammads Kindheit und Erziehung betrachten, können wir nicht umhin zu bemerken, dass die leitende Hand Gottes stets dafür sorgte, dass ihm nichts fehlte, was für einen guten Start ins Leben nötig war. Er verlor seine Lieben, doch es mangelte ihm nicht an zärtlicher Liebe. Die Frage lautet: Wie beeinflusste seine besondere Lage seinen Charakter? Zum einen musste ihn die Erfahrung des Todes in so frühem Alter gewiss dazu gebracht haben, nach der Bedeutung des Lebens zu fragen. Zum anderen hätte das Leben im Haus eines Onkels voller Cousins ihm das Gefühl geben können, der Familie hinzugefügt worden zu sein, aber nicht wirklich zu ihr zu gehören. Er hätte gegenüber allem, was die Familie betraf, eine distanziertere Haltung eingenommen. Während er heranwuchs, machte ihn dies unabhängiger in seinem Denken und erweiterte seinen Horizont, da er zwischen Abu Talib und seinen anderen Onkeln unterschied. Außerdem verlieh es ihm ein bewussteres Verständnis seines Platzes in der Familie und in seinem Stamm.

So sehen wir ihn an seinem Onkel Abu Talib festhalten, als dieser zu einer Geschäftsreise nach Syrien aufbrach. Muhammad bat darum, mit seinem Onkel reisen zu dürfen, obwohl es ungewöhnlich war, dass ein Junge in diesem Alter an einer solchen Reise teilnahm. Zunächst wollte Abu Talib davon nichts hören, doch es bedurfte nicht viel Überredung, und der zwölfjährige Junge unternahm seine erste lange Reise.

Halimah, seine Amme, berichtete, dass sie von dem Augenblick an, in dem sie Muhammad von seiner Mutter übernommen hatte, den Einzug eines Segens in ihre Familie gespürt habe. Dieser Segen zeigte sich in den Lebensmitteln der Familie. Beduinen lebten von den Erzeugnissen ihrer Schafe, Kamele und Kühe. Selbst in schwierigen Zeiten, wenn das Weiden eine schwere Aufgabe war, schienen ihre Tiere reichlich Milch für die Familie zu geben. Sie führte dies darauf zurück, dass sie dieses wunderbare Baby aufgenommen hatte. Deshalb wollte sie ihn über die übliche Zeit hinaus behalten.

Abu Talib empfand dasselbe. Er bemerkte, dass beim gemeinsamen Abendessen alle satt wurden und gewöhnlich sogar etwas übrig blieb, wenn Muhammad anwesend war. Wenn Muhammad fehlte, reichte das Essen kaum aus. Wenn Muhammad sich daher verspätete, wurde mit der Mahlzeit gewartet, bis er eingetroffen war. Dies war lediglich eine feine Beobachtung, denn es gab dafür keinen greifbaren Beweis, und Muhammad erhielt deshalb keinen besonderen Status. Das Leben im Haus seines Onkels ging einfach wie gewöhnlich weiter.

Es gibt zahlreiche Berichte, die darauf hindeuten, dass die Menschen in Muhammads Umgebung erkannten, dass ihm eine bedeutende Rolle bestimmt war. Ein Bericht besagt beispielsweise, dass er auf seiner Reise nach Syrien von einem christlichen Mönch erkannt wurde, der ihn eingehend befragte. Der Mönch riet Muhammads Onkel, besonders auf ihn zu achten, und warnte ihn davor, dass Muhammad von Juden erkannt werden müsse. Wir haben jedoch keine Möglichkeit, die Echtheit solcher Berichte zu bestätigen. Der Prophet erwähnte diese Ereignisse gewiss nicht, als er schließlich seine Aufgabe als Gottes Gesandter übernahm. Daher sollten diese Geschichten nach ihrem tatsächlichen Wert beurteilt werden und keinen Anteil an der Entwicklung unseres Verständnisses von Muhammads Charakter haben.

Andererseits beeinflussten die Frauen, die sich in seinen frühen Jahren um Muhammad kümmerten, seinen Horizont gewiss. Aminah, Halimah, Umm Ayman und Fatimah bint Asad schenkten ihm uneingeschränkte Liebe. Dies ermöglichte ihm, die Rolle der Frauen im Leben zu verstehen. Seine Gesellschaft behandelte Frauen schlecht und wies ihnen einen niedrigeren Status als den Männern zu. In der Hierarchie dieser Gesellschaft hatte eine Sklavin einen besonders niedrigen Status. Eine Amme stand nur wenig höher, außer dass sie eine freie Frau war. Tatsächlich galten alle Frauen als minderwertig.

In seinen frühen Jahren wurde Muhammad von zwei Frauen mit niedrigem Status betreut: Halimah und Umm Ayman. Er erkannte, dass er ihnen viel Liebe schuldete. Daher fiel es ihm später als Gottes Gesandtem nicht schwer, auf den gleichen Status der Frauen zu pochen. Bis zu seinem letzten Tag setzte er sich in jeder Hinsicht für die Rechte der Frauen ein. Immer wieder warnte er davor, Waisen und Frauen ihre Rechte zu verweigern, da diese zwei der schwächsten Gruppen der menschlichen Gesellschaft darstellten.

Muhammad lebte bei seinem Onkel, bis er erwachsen wurde. Trotz seiner ehrenvollen Stellung in Mekka verfügte Abu Talib nur über begrenzte Mittel. Die Zeiten waren schwierig, und offenbar war er im Geschäftsleben nicht sehr erfolgreich. Außerdem hatte er eine große Familie. Als Muhammad daher nach der Geschäftsreise mit seinem Onkel aus Syrien nach Mekka zurückkehrte, empfand er, dass er etwas tun müsse, um die Last seines Onkels zu erleichtern. Er wollte arbeiten, doch in Mekka gab es damals wenig zu tun. Mekka besaß keine Landwirtschaft, da die Stadt von Bergen umgeben war und zu keiner Zeit viel Regen fiel. Auch galt es nicht als ehrenvoll, dass ein freier Araber – erst recht keiner aus einer angesehenen Familie – körperliche Arbeit verrichtete, da solche Arbeiten Sklaven und Dienern vorbehalten waren.

Mekka gedieh aufgrund zweier Faktoren: des Handels und der Stellung der Ka[bah in seinem Zentrum. Die Ka[bah zog das ganze Jahr über Besucher an, doch zur Zeit der jährlichen Pilgerfahrt kamen die Menschen zu Tausenden. Was konnte ein Jugendlicher also tun? Die einzige Beschäftigung, die ein Teenager damals in Mekka ausüben konnte, ohne sein Ansehen zu beflecken, war die eines Hirten. So arbeitete Muhammad als Hirte und verdiente einen kleinen Lohn, der die Finanzen der Familie seines Onkels unterstützte.

Der Beruf des Hirten lässt viel Zeit für Betrachtung und Nachdenken. Wenn Muhammad seine Schafe zum Weiden führte, bestand seine einzige Aufgabe darin, sie zu beobachten und dafür zu sorgen, dass keines davonlief oder von einem vorbeiziehenden Beduinen gestohlen wurde. Eine solche Arbeit passte sehr gut zu Muhammads sanftem Temperament und seiner Stellung in einem Familienhaus, in dem er gewissermaßen abseits stand. Er sprach nicht über jene Jahre und sagte uns nicht, in welche Richtungen seine Gedanken gingen. Er teilte uns jedoch etwas sehr Bedeutendes mit: dass alle früheren Propheten in ihrer Jugend eine Zeit lang Hirten gewesen waren.

Ist diese Arbeit besonders geeignet, um auf die Aufgabe eines Propheten vorzubereiten? Kamelhirten sprechen von ihrer Herde als einer Gemeinschaft, in der jedes einzelne Kamel seinen eigenen, unverwechselbaren Charakter besitzt. Gilt dies auch für Schafe? Ein mit Einsicht und Verstand begabter Hirte wäre fähig, seine Herde als aus einzelnen Individuen bestehend zu betrachten und sie anhand ihrer besonderen Merkmale zu unterscheiden. Betrachtung und Nachdenken würden einem solchen Hirten ermöglichen, dies auf die größere Gemeinschaft zu übertragen und darüber nachzudenken, was menschliche Charaktere unterscheidet und beeinflusst. Vielleicht ist es diese Möglichkeit, über den Menschen, das Leben, die Ziele und das Schicksal nachzudenken, die den Beruf des Hirten besonders geeignet macht, auf die künftige Aufgabe eines Propheten vorzubereiten.

Die Aufgabe eines Propheten ist eine ganz besondere. Keine menschliche Erfahrung kann einen Menschen darauf vorbereiten, sie zu übernehmen. Kein Lehrer und keine Einrichtung kann dafür eine Ausbildung anbieten. Da Gott die Menschen auswählt, die diese Aufgabe übernehmen, gewährt Er ihnen die notwendige Vorbereitung. Ohne eine solche Hilfe, Vorbereitung und Führung kann niemand die Anforderungen der Aufgabe erfüllen oder sie erfolgreich ausführen.

Muhammads Vorbereitung auf seine künftige Aufgabe begann in seinen frühen Tagen. Einmal erklärte er seine außergewöhnliche Beherrschung der arabischen Sprache und sagte, dass zwei besonders günstige Faktoren dazu beigetragen hätten: seine Zugehörigkeit zu den Quraisch und die Tatsache, dass er seine frühen Jahre beim Stamm Sa[d ibn Bakr verbracht hatte. Daher können wir seinen längeren Aufenthalt bei diesem Stamm als Teil dieser Vorbereitung verstehen, da er in die Zeit des Spracherwerbs eines Kindes fiel. Dasselbe gilt für seine Tätigkeit, insbesondere für seine Arbeit als Hirte. Wir wissen nicht, wie viele Jahre Muhammad als Hirte arbeitete, doch muss dies bis weit in seine Jugend und wahrscheinlich darüber hinaus gedauert haben.

Als junger Mann, der in einer Gesellschaft mit lockerer Sexualmoral aufwuchs, hörte Muhammad viele Geschichten über die sexuellen Abenteuer seiner Gefährten, und es war natürlich, dass er daran dachte, dies selbst zu versuchen. Er berichtet, dass er bei zwei Gelegenheiten einen anderen Hirten bat, auf seine Schafe aufzupassen, während er selbst sein Glück bei einem Vergnügen versuchen wollte. Beide Male stellte er sich neben ein Haus, in dem eine Hochzeitsfeier stattfand, wurde jedoch von tiefem Schlaf überwältigt. Beide Male wurde er von der Morgensonne geweckt. Später bemerkte er, dies sei ein Akt des göttlichen Schutzes des künftigen Propheten davor gewesen, in unmoralisches Verhalten abzugleiten.

Während dieser Zeit ereigneten sich mehrere Vorfälle. Er berichtete, dass er als junger Bursche einmal mit anderen Jungen spielte, die für ein Spiel Steine sammelten. Sie waren nackt. Gerade als er sich auszog, um sich ihnen anzuschließen, spürte er einen schmerzhaften Stoß, und eine Stimme sagte ihm, er solle sein Gewand anziehen. Dasselbe geschah viel später, als die Quraisch das Gebäude der Ka[bah erneuerten. Alle Menschen beteiligten sich an der Arbeit, und Muhammad trug Steine auf seiner Schulter. Sein Onkel al-[Abbas schlug ihm vor, sein Untergewand als Polster zu benutzen, um seine Schulter zu schützen. Wieder warnte ihn eine strenge Stimme davor.

Ein wichtigeres Beispiel für den Schutz vor unwürdigem Verhalten betrifft die religiöse Verehrung. Die Araber verehrten Götzen, die Gottheiten darstellten, von denen sie behaupteten, sie seien Gottes Partner. Muhammad empfand eine instinktive Abneigung gegen all diese Götzen, da er erkannte, dass es sich um leblose Gegenstände handelte, die weder Gutes noch Schlechtes bewirken konnten. Menschen passen sich jedoch gewöhnlich den Bräuchen ihrer Gemeinschaft an, besonders bei festlichen Gelegenheiten. Muhammad wurde davor bewahrt.

Seine Amme Umm Ayman berichtet: Die Quraisch pflegten einem Götzen namens Buwabah ihre Ehrerbietung zu erweisen. An einem bestimmten Tag jedes Jahres veranstalteten sie ihm zu Ehren ein besonderes Fest. Sie blieben den ganzen Tag in der Nähe des Götzen und rasierten ihre Köpfe. Abu Talib, der Onkel des Propheten, versäumte es nicht, an dem Fest teilzunehmen. Jedes Jahr bat er seinen verwaisten Neffen, mitzukommen, doch Muhammad lehnte ab. Abu Talib war darüber verärgert, und sogar seine Tanten sprachen mit Muhammad über seinen scheinbaren Mangel an Respekt vor den Götzen. Sie versuchten, ihn zu überzeugen, in seiner Familie nicht der Einzige zu bleiben, der sich absonderte. In ihren Worten berührten sie die Pflicht eines jungen Mannes, seiner Familie seine Loyalität zu zeigen. Sie sagten: „Du scheinst mit deinem Volk kein Fest gemeinsam feiern zu wollen und nicht zu den Ihren gezählt werden zu wollen.“

Schließlich gab Muhammad dem Drängen seiner Tanten nach und ging zu dem Fest. Er kehrte voller Angst zurück. Er sagte seinen Tanten, er fürchte, von einem bösen Geist besessen worden zu sein. Sie versicherten ihm, dass Gott ihm so etwas niemals widerfahren lassen werde, wenn man seine zahlreichen guten Eigenschaften bedenke. Als er ihnen von seiner Erfahrung erzählte, sagte er: „Jedes Mal, wenn ich mich einem Götzen näherte, sah ich einen großen weißen Mann, der mir sagte, ich solle zurückbleiben und den Götzen nicht berühren.“ Umm Ayman betont, dass dies das erste und letzte Götzenfest war, an dem Muhammad teilnahm, bis er begann, seine koranischen Offenbarungen zu empfangen.5 5 Ibn Sa[d, Al-Tabaqat al-Kubra, Beirut, Dar Sadir, Bd. 1, S. 158.

Dennoch nahm Muhammad an jedem guten Aspekt des Lebens seiner Gemeinschaft teil. Als er erst fünfzehn war, half er seinen Onkeln in dem Kampf, der als Fidschar-Krieg bekannt wurde. Dieser vierjährige Krieg begann in den heiligen Monaten, in denen die arabische Tradition jeden Kampf verbot. Daher sein Name, der auf eine Verletzung der Heiligkeit hindeutet. Die Kämpfenden waren die beiden großen arabischen Stämme der Quraisch und der Qays [Aylan.

Kurz nach dem Ende dieses Krieges, als Muhammad fast zwanzig war, beteiligte er sich an der Bildung des edlen Bündnisses al-Fudul. Dieses verpflichtete die Clans der Quraisch, geschlossen jeden zu unterstützen, der in Mekka irgendeinem Unrecht ausgesetzt war, gleichgültig, ob er aus Mekka stammte oder Besucher war.

Um diese Zeit suchte Muhammad eine neue Arbeit, und der Handel war die Säule der mekkanischen Wirtschaft. Muhammad begann als Bevollmächtigter für eine berühmte Geschäftsfrau namens Khadijah zu arbeiten. Sie war eine wohlhabende Witwe, die auf den berühmten arabischen Märkten Handel trieb. Berichten zufolge arbeitete Muhammad für sie auf dem Markt von Hubashah. Er hatte einen Partner, der mit ihm arbeitete. Offenbar erhielt er einen bescheidenen Lohn.

Die beste Gelegenheit, die ein junger Mann seines Alters haben konnte, bestand jedoch darin, als Bevollmächtigter eines mekkanischen Kaufmanns einer Handelskarawane beizutreten. Khadijah benötigte einen solchen Bevollmächtigten, und ihre Erfahrungen mit Muhammad ermutigten sie, ihn als ihren Vertreter mit der traditionellen Sommerhandelskarawane nach Syrien zu schicken. Das Unternehmen war äußerst erfolgreich, da Muhammad Khadijah auf beiden Etappen der Reise beträchtliche Gewinne sicherte. Es ist nicht klar, ob er mehrere solcher Geschäftsreisen unternahm, doch seine Leistung war höchst beeindruckend. Khadijah hatte einen ihrer Diener namens Maysarah mit ihm geschickt, der ihr über Muhammads Ehrlichkeit, Rechtschaffenheit und Geschäftssinn berichtete.

Als wohlhabende Witwe hatte Khadijah keinen Mangel an Bewerbern, darunter auch einige mit vorteilhafter gesellschaftlicher Stellung, doch sie hatte sie alle abgewiesen. Nun erkannte sie, dass sie ihren geeigneten Junggesellen gefunden hatte. Khadijah machte Muhammad diskret einen Heiratsantrag, und die Ehe wurde bald geschlossen. Es wird angenommen, dass Muhammad damals fünfundzwanzig und Khadijah vierzig Jahre alt war, doch dies ist höchst zweifelhaft. Innerhalb von zehn Jahren gebar sie ihm zwei Söhne und vier Töchter, was darauf hindeutet, dass sie sich in der Blüte ihrer Gebärfähigkeit befand. Das bedeutet, dass sie kaum viel älter als dreißig gewesen sein kann. Ein Bericht von Ibn [Abbas, dem Cousin des Propheten, sagt sogar, dass sie achtundzwanzig war.

Es war eine sehr glückliche Ehe. Muhammad führte weiterhin Khadijahs Geschäfte, und der Familie fehlte es an nichts. Er war ein vorbildlicher Ehemann, und sie war eine sehr fürsorgliche und liebevolle Ehefrau. Sie war von ihrer Wahl nicht enttäuscht: Sie hatte einen Mann von großer Rechtschaffenheit gefunden, der von seinem Volk wegen seiner Ehrlichkeit, seines Mutes und seines freundlichen Wesens hoch geachtet wurde.

Vielleicht ist es an dieser Stelle angebracht, herauszufinden, was für ein Mensch Muhammad war. Wir besitzen ausführliche Beschreibungen seines körperlichen Erscheinungsbildes. Die zuverlässigsten stammen von al-Bukhari und Muslim. Al-Bara’ ibn [Azib berichtet: „Gottes Gesandter war ein Mann von schönstem Aussehen und vorzüglichstem Benehmen. Er war weder sehr groß noch klein.“6 Er berichtet auch: „Der Prophet war von mittlerer Größe und hatte breite Schultern. Sein Haar reichte nicht bis zum unteren Rand seiner Ohren. Einmal sah ich ihn in einem roten Gewand, und nie sah ich etwas Angenehmeres.“7 Al-Bara’ wurde gefragt, ob das Gesicht des Propheten lang gewesen sei. Er sagte: „Nein. Es war wie der Vollmond.“

Andere Berichte erwähnen, dass seine Augen tiefschwarz vor strahlendem Weiß waren, mit langen, bogenförmigen und eher dünnen Augenbrauen, die in der Mitte nicht zusammenliefen. Sein Kopf war groß, seine Stirn breit, seine Wangen gerade, seine Nase gebogen und sein Mund breit, mit wohlproportionierten Lippen. Sein Teint war hell, mit einem Hauch von Röte auf den Wangen. Sein schwarzes Haar war weder stark gelockt noch schlaff herabhängend. Am Ende seines Lebens hatte er nur wenige graue Haare. Wenn er ging, war sein Schritt sicher, als ginge er einen leicht abfallenden Gang hinunter. Er wandte seinem Gesprächspartner stets das ganze Gesicht zu und drehte, wenn er sich umwenden musste, den ganzen Körper. Immer hatte er ein bezauberndes Lächeln, das Vertrauen weckte. Insgesamt war er sehr stattlich, und der Geruch seines Körpers war äußerst angenehm.

Anas ibn Malik berichtet: „Nie berührte ich Seide oder Brokat, die glatter gewesen wären als die Handfläche des Propheten; und nie roch ich einen angenehmeren Duft als den Körpergeruch des Propheten.“8 Seine Umgangsformen und moralischen Werte machten ihn den Menschen liebenswert, die mit ihm in Kontakt kamen. Die Angehörigen seines Clans, der Haschim, empfanden, dass er gewiss jemand sein würde, der das Versprechen einer glänzenden Zukunft erfüllen würde. In der größeren Gemeinschaft der Quraisch wurde er wegen seiner Rechtschaffenheit und seines Anstands hoch geachtet. Er erhielt den Beinamen al-Amin, was „der Vertrauenswürdige“ bedeutet. Diese Eigenschaft wurde von seinen Gegnern anerkannt, und selbst diejenigen, die ihm den Tod wünschten, räumten ein, dass er seinem Wort stets treu blieb.

Ebenso stand seine Güte außer Zweifel. Die Menschen, die ihm nahestanden, spürten, dass er sich um alle Menschen kümmerte, insbesondere um diejenigen, die sich in einer schutzbedürftigen Lage befanden. Was er für Zayd ibn Harithah tat, vermittelt uns ein gutes Bild seiner Güte. Zayd war ein junger Bursche, der von Räubern seinem Stamm entrissen und anschließend als Sklave verkauft worden war. Offenbar wurde er mehr als einmal verkauft, bevor er nach Mekka gebracht wurde und zum Sklaven Khadijahs wurde, als ihr Onkel ihn ihr zum Geschenk machte. Sie schenkte ihn ihrerseits Muhammad, als sie heirateten. Zu diesem Zeitpunkt war Zayd ein Teenager.

Als sein Vater erfuhr, dass Zayd sich in Mekka befand, kam er, um seine Freilassung zu erwirken. Muhammad bot ihm jedoch nicht an, Zayd an seinen Vater zu verkaufen, sondern stellte Zayd vor die Wahl, bei ihm zu bleiben oder mit seinem Vater in die Freiheit zu gehen. Zum Erstaunen des Vaters entschied sich Zayd ohne zu zögern dafür, bei Muhammad zu bleiben. Er sagte seinem Vater, dass er sich um keinen Preis von Muhammad trennen werde. Um den Vater zu beruhigen, befreite Muhammad Zayd daraufhin und nahm ihn als Sohn an.

Als Muhammad älter wurde, wurde seine Weisheit weithin anerkannt. Die Quraisch mussten die Ka[bah erneuern, die sie für einen heiligen Ort hielten. Dieses würfelförmige, nahezu vollständig schwarze Gebäude besaß einen Stein von besonderer Bedeutung, einen schwarzen Meteoritenstein, der in einer Ecke des Gebäudes auf Schulterhöhe angebracht war. Er diente als Kennzeichen für Beginn und Ende des Tawaf-Ritus. Als der Wiederaufbau abgeschlossen war, musste dieser schwarze Stein wieder an seinen Platz gebracht werden. Jeder Clan wollte die Ehre haben, ihn einzusetzen. Der Streit wurde heftig, und die Gemüter erhitzten sich. Einige Menschen forderten sogar einen Kampf deswegen.

Ein angesehener älterer Mann schlug jedoch ein Schiedsverfahren vor, und die Clans stimmten zu, den ersten Eintretenden zum Schiedsrichter zu machen. Muhammad war derjenige, der eintrat, und alle waren froh, ihn als Schiedsrichter einzusetzen. Er erkannte, dass eine Versöhnung nur durch eine gemeinsame Teilhabe an der Ehre erreicht werden konnte. Daher ließ er ein Tuch auf dem Boden ausbreiten. Der schwarze Stein wurde in die Mitte gelegt, und aus jedem Clan wurde ein Vertreter ausgewählt. Diese Männer hielten das Tuch und hoben es gemeinsam an. Als der schwarze Stein auf Höhe seines vorgesehenen Platzes war, setzte Muhammad ihn wieder ein. Alle waren zufrieden, da kein Clan behaupten konnte, beim Wiederaufbau der Ka[bah eine größere Ehre gehabt zu haben.

Als Muhammad sich der Mitte seiner Dreißiger näherte, gab es keinen Anhaltspunkt dafür, dass ihm etwas anderes bevorstand als die Fortsetzung seines glücklichen Ehelebens bei zugleich guter gesellschaftlicher Stellung. Aus dieser Zeit sind keine Reisen überliefert. Khadijahs Handel wurde von zu Hause aus geführt. Bevollmächtigte wurden eingestellt, um mit den Handelskarawanen nach Syrien und Jemen zu reisen. Seine beiden Söhne starben im Säuglingsalter, doch seine Töchter wuchsen heran und würden voraussichtlich in die Häuser ihrer künftigen Ehemänner ziehen.

Ungefähr zu dieser Zeit begann er, die Einsamkeit zu suchen, in der er ungestört nachdenken konnte. Er ging zu einer Höhle in einem nahe gelegenen Berg und verbrachte dort mehrere Tage in Anbetung. Es ist keine besondere Form der Anbetung überliefert, doch muss es sich dabei vor allem um ein gesprochenes Gebet an Gott, den Schöpfer, gehandelt haben. Auch dies können wir nun als Teil der Vorbereitung betrachten, die Gottes Hand für ihn bereitgestellt hatte. Durch langes Nachdenken in der Einsamkeit, hoch oben im Berg, wo das Universum so weit erscheint – besonders unter dem klaren Nachthimmel mit unzähligen leuchtenden Sternen –, wird der Gedanke an Gott, den allmächtigen Schöpfer, deutlich gegenwärtig.

Ein weiterer, noch späterer Aspekt der Vorbereitung, der dem Augenblick seines ersten Empfangs göttlicher Offenbarungen sehr nahekam, waren wahre Träume. Wann immer er einen Traum sah, der seine soziale und körperliche Umgebung betraf, erfüllte er sich bald genauso, wie es im Traum geschehen war. Dies sollte ihm im Voraus die Gewissheit geben, dass er keinem üblen Spiel ausgesetzt war.

Als Muhammad sich dem Alter von vierzig Jahren näherte, war er ein fest im Leben stehender Familienvater. In seinem Stamm und in der Gemeinschaft von Mekka im Allgemeinen war er eine hoch angesehene Persönlichkeit. Seine Güte war stets gegenwärtig, und seine Bereitschaft, jedem Bedürftigen zu helfen, stand außer Frage.

Dann kam der große Augenblick. Er schlief in der Höhle von Hira’ im Berg, als der Engel zu ihm kam, ein geöffnetes Buch in der Hand, und ihn aufforderte zu lesen. Muhammad war ungebildet und erwiderte, dass er nicht lesen könne. Der Engel drückte das Buch an seine Brust, bis ihm beinahe der Atem ausging, ließ ihn dann los und forderte ihn erneut auf zu lesen. Wieder sagte er, dass er nicht lesen könne. Dies wiederholte sich zweimal. Nach dem dritten Mal sagte der Engel zu ihm: „Lies im Namen deines Herrn, der den Menschen aus einem Keim erschuf. Lies; denn dein Herr ist der Allgütigste, der den Gebrauch der Schreibfeder gelehrt hat, den Menschen lehrte, was er nicht wusste.“ (96: 1–5)

Er erwachte zitternd. Als er sich beruhigt hatte, kam der Engel noch einmal in völlig wachem Zustand zu ihm und wiederholte genau das, was im Traum gesagt und getan worden war. Sobald dies vorüber war, lief er nach Hause zu seiner Frau. Da er zitterte, bat er sie, ihn zuzudecken, was sie tat. Als er seine Fassung wiedergewonnen hatte, erzählte er ihr, was er gesehen hatte. Sie beruhigte ihn mit den Worten, dass ihm nichts Böses widerfahren könne, denn „du bist deinen anvertrauten Pflichten treu, bist gütig zu deinen Verwandten und sagst stets die Wahrheit“.

Von diesem Augenblick an war Muhammad Gottes Prophet. Bald sollte er erfahren, dass ihm eine Botschaft anvertraut werden würde, die er der Menschheit zu übermitteln hatte.

KAPITEL 2

Zusammenfassung der Ereignisse zu Lebzeiten des Propheten

Als reifer Mann von vierzig Jahren war Muhammad nun auch ein Prophet. Es dauerte einige Zeit, bis er in seiner Rolle Gewissheit fand, und dabei spielte Chadidscha eine wichtige Rolle. Sie war überzeugt, dass ihr Ehemann – offensichtlich ein Mann von moralischer Lauterkeit und Weisheit – mit der Welt des Bösen nichts zu tun haben konnte. Schließlich führte die Beruhigung zum Glauben. Muhammad glaubte nun an die Einheit Gottes und an die völlige Falschheit der Götzen, die von den Arabern verehrt wurden. Nachdem dies feststand, begann die nächste Phase: Er wurde zum Gesandten Gottes mit der Aufgabe, den Menschen den wahren Glauben bekannt zu machen, sie zum Glauben daran aufzurufen und sie anzuhalten, ihr tägliches Leben danach auszurichten. Ihm wurde gesagt: „O du, der du dich mit deinem Mantel bedeckst, steh auf und warne! Verherrliche die Größe deines Herrn, reinige deine Kleider, halte dich von allem Unrat fern, gib nicht mit dem an, was du verschenkst, indem du es für viel hältst, und übe dich deinem Herrn gegenüber in Geduld.“ (74:1–7)

In der ersten Offenbarung befahl Gott ihm zu lesen. Da Muhammad des Lesens und Schreibens unkundig war, bedeutete dies das Auswendigrezitieren – eine Handlung, die zunächst kaum andere Menschen berührte. Dann aber wurde ihm befohlen aufzustehen und zu warnen. Dies war keine passive Handlung mehr, die nur für ihn selbst und durch ihn selbst vollzogen wurde. Vielmehr erforderte sie den Umgang mit anderen, denn er sollte sie warnen, dass sie an die Einheit Gottes glauben und Seine Gebote befolgen mussten. Muhammad – fortan unter den Titeln der Prophet und der Gesandte Gottes bekannt – nahm beide Aufgaben an und erfüllte sie nach besten Kräften. Er bat Gott um Hilfe und vertraute auf Seine Unterstützung.

Unter göttlicher Führung begann er, sich den Menschen zuzuwenden, ihnen seine Aufgabe und seine Botschaft zu erklären und sie aufzurufen, den Islam anzunehmen – den neuen Glauben, dessen Name vollständige Hingabe an Gott bedeutet. Auf Gottes Anweisung begann der Prophet seine Mission zunächst im Verborgenen. Er sprach mit Menschen, die ihm nahestanden und denen er vertrauen konnte. Bald bildete sich eine muslimische Familie, zu der Zayd ibn Harithah, etwa dreißig Jahre alt, Chadidscha und Ali ibn Abi Talib gehörten, der junge Cousin des Propheten, den er in sein Haus aufgenommen hatte, um die Last seines Onkels zu erleichtern, als Makkah schwere Zeiten durchmachte. Abu Bakr, der enge Freund des Propheten, nahm den Islam ebenfalls ohne Zögern an. Bald folgten weitere: die Töchter des Propheten, Fatimah bint Asad, die Frau Abu Talibs, und Umm Ayman. Junge Männer wie Talhah ibn Ubaydillah, al-Zubayr ibn al-Awwam, Sa[d ibn Abi Waqqas und Sa[id ibn Zayd traten hervor, ebenso Ammar ibn Yasir und seine Eltern Yasir und Sumayyah. So entstand eine kleine muslimische Gemeinschaft.

Obwohl die Verkündung des neuen Glaubens geheim blieb, bemerkten die Vornehmen der Quraysh, dass etwas vor sich ging. Sie hielten es jedoch nicht für nötig, dem nachzugehen, da sie annahmen, es könne keine Gefahr für ihre bestehende Gesellschaftsordnung darstellen. Drei Jahre später wurde der Prophet angewiesen, seine Botschaft öffentlich zu verkünden und die Menschen zu ihrer Annahme aufzurufen. Wie er während seines gesamten Lebens zeigen sollte, scheute er nie davor zurück, eine Pflicht zu erfüllen. Daher wandte er sich an seinen unmittelbaren Clan, die Hashimiten, und lud sie zu einem Mahl ein. Mitfühlend forderte er sie auf, den Islam anzunehmen, denn dieser würde sie von den gesellschaftlichen Übeln ihrer materialistischen Lebensweise retten und ihnen eine hoffnungsvolle Zukunft im Jenseits eröffnen.

Er wandte sich auch an alle Clans der Quraysh, während er auf dem Hügel al-Safa nahe der Kaaba stand. Er machte ihnen klar, dass Gott ihm eine Botschaft anvertraut hatte, die für die gesamte Menschheit und alle Generationen galt. In beiden Fällen wurde er feindselig empfangen, besonders von seinem Onkel Abu Lahab. Anfangs führte die Auseinandersetzung zu keinen größeren Schwierigkeiten. Bald aber erkannten die Anführer von Makkah, dass die Botschaft des Islam unter den Angehörigen ihrer verschiedenen Clans stetig Anhänger gewann. Sie kündigte eine grundlegende Veränderung der Gesellschaftsordnung an, die den Anführern ihre Privilegien gab und Sklaven, Arme und Schwache ihrer Willkür auslieferte, während der Islam eine gerechte Verteilung des Reichtums forderte. Vor allem bedrohte sie die religiöse Autorität, die die Quraysh über die gesamte Arabische Halbinsel ausübten.

Die Ältesten der Quraysh konnten den Propheten nicht persönlich zur Rechenschaft ziehen, weil sein Clan ihn schützte; außerdem wollten sie keinen inneren Streit auslösen. Sie versuchten, Vereinbarungen auszuhandeln, die die Botschaft des Islam zum Schweigen bringen sollten. Muhammad akzeptierte jedoch keinen Kompromiss, und die Verhandlungen scheiterten wiederholt. Jedes Mal folgte darauf eine Phase der Verfolgung der schwächeren Menschen, die Muslime geworden waren. Die Lage in Makkah wurde immer angespannter. Die Gefahr einer blutigen Auseinandersetzung wuchs, da die Hardliner unter den Ungläubigen immer lauter ein entschiedenes Ende des Aufrufs zum Islam verlangten.

Im Jahr 615 n. Chr., zwei Jahre nach Beginn der öffentlichen Verkündung, riet der Prophet vielen seiner Anhänger, nach Abessinien auszuwandern, in ein Land, „das von einem gerechten König regiert wird, wo ihr Zuflucht finden könnt“. Dreiundachtzig Männer und neunzehn Frauen wanderten aus und erhielten beim Negus, dem König des Landes, Asyl. Sie machten damals etwa die Hälfte der muslimischen Gemeinschaft in Makkah aus. Muslimische und andere Historiker beschreiben diese Auswanderung häufig als Flucht vor Verfolgung. Eine genaue Betrachtung der Namen der Auswanderer und ihrer Stellung in ihren Clans zeigt jedoch, dass sie nicht die eigentlichen Ziele der quraischitischen Verfolgung waren. Sie gehörten zu den angesehensten Familien und Clans Makkahs und standen unter deren vollem Schutz. Körperlicher Schaden drohte ihnen daher kaum. Diejenigen, die die Hauptlast der Verfolgung trugen, blieben vielmehr in Makkah. Die Auswanderung war eine strategische Maßnahme, um eine neue Grundlage für den Islam zu schaffen, von der aus er unter der örtlichen Bevölkerung ohne Angst vor Schaden verkündet werden konnte.

Einige dieser Auswanderer blieben auf Anweisung des Propheten fünfzehn Jahre in Abessinien. Nach der Ansiedlung des Propheten und seiner Gefährten in Madinah im Jahr 622 hätten sie sich den Muslimen anschließen können. Einige taten dies, doch bedeutendere Persönlichkeiten, darunter der Cousin des Propheten, Ja[far ibn Abi Talib, blieben bis 629 in Abessinien, als der Prophet sie zurückrief. Bei ihrer Rückkehr brachten sie eine große Abordnung abessinischer Muslime mit, die Madinah besuchte und dem Propheten die Treue gelobte.

Die Auswanderung nach Abessinien hatte möglicherweise eine unmittelbare Gefahr abgewendet, die die gesamte muslimische Gemeinschaft in Makkah hätte verschlingen können. Die Anführer Makkahs blieben dem Islam feindlich gesinnt und behandelten seine Anhänger hart. Sie sahen in ihm jedoch nicht länger eine Bedrohung ihrer bestehenden Ordnung. Der Prophet verstand, dass seine Botschaft der gesamten Menschheit galt, nicht nur der Gesellschaft Makkahs. Deshalb musste er sie auch anderen Menschen bringen. Sein nächstes Ziel waren die übrigen arabischen Stämme. Diese waren leicht zu erreichen, weil Makkah Mittelpunkt einer jährlichen Pilgerfahrt war, zu der Abordnungen aus allen Stämmen kamen, um die Riten zu vollziehen, die großen Götzen zu verehren und an der Kaaba Gottesdienst zu feiern.

Die Pilgerfahrt hatte das Leben der Menschen in Makkah schon seit den Zeiten der Propheten Abraham und Ismael geprägt, die die Kaaba viele Jahrhunderte zuvor erbaut hatten. Die Quraysh hatten jedoch die meisten Riten verfälscht und seltsame Bräuche eingeführt, etwa den nackten Umlauf um die Kaaba. Die Anwesenheit von Menschen aus vielen Stämmen bot dem Propheten Gelegenheit, ihnen die Botschaft des Islam zu erklären. Auch andere Besucher kamen ständig nach Makkah, um das Heiligtum zu besuchen und dort zu beten. Der Prophet bemühte sich, jeden Besucher zu treffen und ihm den Islam zu erklären.

Die Vorstellung von der Einheit Gottes war den Arabern im Allgemeinen zugänglich, obwohl ihr Gottesbegriff lange verdreht und entstellt worden war. Die neben Gott verehrten Götzen hatten in ihrem Denken keinen eindeutigen Status. Man betrachtete sie als Partner oder Helfer Gottes und nahm an, sie würden die Menschen Gott näherbringen. Der Gottesbegriff selbst war in ihren Herzen verschwommen: Gott erschien ihnen fern und unbestimmt. Daher sprach die klare islamische Lehre von der Einheit Gottes und der Zurückweisung aller Teilhaber viele Menschen an. Dennoch gab es Hindernisse, die die meisten zögern oder vom Islam Abstand nehmen ließen.

Während der Pilgersaison ging der Prophet zu den Lagern der verschiedenen Stämme und erklärte ihnen seine Botschaft. Im Allgemeinen war ihre Reaktion feindselig. Die Quraysh starteten eine Gegenoffensive und schickten ihre beredtesten Redner zu den Stämmen, um sie vor Muhammad zu warnen. Sie erklärten, jede positive Reaktion auf den Islam als feindselige Handlung zu betrachten, und drohten jedem Stamm, der Muhammad unterstützte, mit militärischen Vergeltungsmaßnahmen. Ihre Redner betonten außerdem ein Argument, das in einer Stammesgesellschaft großen Eindruck machte: Da Muhammad ein Sohn der Quraysh sei und sie ihn gut kennten, hätten sie seine Idee ohne Zögern angenommen, wenn sie etwas Gutes wäre.

Im Stammeswesen Arabiens war der Stamm stets der Förderer jedes Sohnes und jeder Tochter, die etwas Gutes anzubieten hatten. Wenn ein Stamm sich geschlossen gegen jemanden stellte, waren dessen Erfolgsaussichten stark eingeschränkt. Deshalb hörten die meisten Stämme lieber auf die Redner der Quraysh als auf den Propheten. Außerdem begann die Quraysh eine wirksame Verleumdungskampagne gegen ihn. Sie bezeichneten ihn als Lügner, Dichter, Wahnsinnigen und Zauberer. Als sie merkten, dass die vielen Bezeichnungen ihre Wirkung verloren, hielten sie eine Versammlung ab, um sich auf eine gemeinsame Aussage gegenüber den Pilgerabordnungen zu einigen. Schließlich beschlossen sie zu sagen, Muhammad sei ein Zauberer, der unklare Rezitationen hervorgebracht habe, welche Zwietracht zwischen Mann und Frau sowie zwischen Brüdern derselben Familie säten.

Die meisten Stämme wollten daraufhin nichts mit dem Propheten zu tun haben. Einige waren zwar bereit, ihm zuzuhören und von der Schönheit des Qurans sowie von seinen Werten beeindruckt, wollten sich aber nicht verpflichten. Dennoch nutzte der Prophet weiterhin die Pilgersaison, um die Araber anzusprechen. Er war gewiss, dass seine Botschaft von Gott stammte und letztlich siegen würde. Einzelne Menschen nahmen weiterhin nach und nach den Islam an. Trotz aller Beschimpfungen durch die Quraysh verkündete er die Botschaft unbeirrt. Besonders schmerzlich war für ihn, dass schwächere Anhänger gefoltert und körperlich unter Druck gesetzt wurden, um sie vom Islam abzubringen. Selbst Angehörige angesehener Familien wurden von ihren eigenen Verwandten eingesperrt und gefoltert.

Die Lage verschlechterte sich weiter. Die Hardliner der Quraysh verhängten immer strengere Sanktionen gegen die muslimische Gemeinschaft. Sie brachten die gesamte Quraysh dazu, den haschimitischen Clan wirtschaftlich und gesellschaftlich vollständig zu boykottieren. Kein Quraischit sollte mit einem Haschimiten Handel treiben oder ihm auch nur Nahrung verkaufen. Keine Ehe mit ihnen sollte geschlossen werden, bis sie Muhammad auslieferten, damit er getötet werden könne. Die Haschimiten weigerten sich, eine solche Demütigung hinzunehmen, und Muslime wie Ungläubige unter ihnen ertrugen den Boykott standhaft. Nicht alle Quraischiten waren damit zufrieden, doch sie setzten ihn fort, um die Traditionen ihrer Stammesgesellschaft nicht zu verletzen. Der Boykott dauerte drei Jahre, bis fünf Männer aus verschiedenen Clans seine Aufhebung planten.

Das neunte Jahr der Sendung des Propheten neigte sich dem Ende zu, als der Boykott beendet wurde. Die Quraysh zeigte jedoch keinerlei Bereitschaft, ihren Widerstand gegen den Islam zu mäßigen. Abu Talib schützte den Propheten weiterhin, ohne selbst Muslim zu werden. Er war inzwischen alt und erkrankte wenige Monate später. Mehrere Clanführer gingen zu ihm und baten ihn, zwischen ihnen und dem Propheten eine Verständigung auszuhandeln. Der Prophet beharrte darauf, dass er Gottes Botschaft nicht ändern könne: Sie müssten an die Einheit Gottes und daran glauben, dass Muhammad Gottes Gesandter sei. Dies war der letzte Versuch einer Einigung. Kurz darauf starb Abu Talib, und wenige Wochen später starb auch Chadidscha. Damit verlor der Prophet die Fürsorge und Unterstützung, die er von seinem Onkel im öffentlichen Leben und von seiner Frau zu Hause erhalten hatte.

Die Lage wurde noch schwieriger. Der Prophet beschloss, seine Botschaft in neue Gebiete zu tragen. Er reiste nach Taif, einer etwa fünfundvierzig Meilen entfernten Bergstadt, in der der große Stamm der Thaqif lebte. Er sprach mit den Anführern und der Bevölkerung, wurde aber äußerst feindselig empfangen. Die Anführer der Thaqif ließen ihre Sklaven ihn aus der Stadt treiben und warfen Steine und andere Gegenstände nach ihm, sodass seine Füße bluteten. Schließlich fand er Zuflucht in einem Garten, der den Brüdern Utbah und Shaybah gehörte, Anführern des Clans Abd Shams der Quraysh. Diese beiden waren Ungläubige, hatten aber Mitleid mit ihrem Stammesgenossen und schickten ihm durch einen Sklaven eine Schale Trauben.

Als die Verfolgung beendet war, entfernte sich der Prophet von Taif und kehrte nach Makkah zurück. Er konnte die Stadt jedoch nicht ungeschützt betreten. Er ließ einigen Anführern Nachricht zukommen, und al-Mut[im ibn [Adiyy, ein entfernter Onkel, gewährte ihm geschützten Zutritt. Vor Makkah setzte sich der Prophet nieder, um über seine Lage nachzudenken, und bat Gott eindringlich um Unterstützung: „O mein Herr, Dir klage ich meine Schwäche, meinen Mangel an Beistand und die Demütigung, die mir widerfährt. Du bist der Barmherzigste und Gnädigste, der Herr der Schwachen und mein Herr. Wem überlässt Du mich? Einem Fernstehenden, der mich feindselig empfängt, oder einem Feind, dem Du Macht über mich gegeben hast? Wenn Du nicht über mich erzürnt bist, kümmert mich nicht, was mir widerfährt. Deine Barmherzigkeit wäre mir jedoch lieber. Ich suche Zuflucht im Licht Deines Angesichts, durch das jede Finsternis weicht und diese Welt wie die kommende auf den rechten Weg gebracht werden, davor, Deinen Zorn zu verdienen oder Deinem Missfallen ausgesetzt zu sein. Dir ergebe ich mich, bis ich Dein Wohlgefallen erlange. Ohne Deine Unterstützung ist alles kraftlos.“

Darauf kam der Engel Gabriel und teilte ihm mit, dass Gott seine Bitte erhört habe. Der Engel, der für die Berge zuständig war, begrüßte ihn und sagte, er könne, wenn der Prophet wünsche, die beiden Berge über dem Tal zusammenschlagen. Der Prophet antwortete, er hoffe vielmehr, dass unter ihren Nachkommen Menschen sein würden, die allein Gott verehrten und Ihm keine Teilhaber beigesellten. Jahre später sagte er, dieser Abschnitt der Reise nach Taif sei die schwerste Prüfung gewesen, die er je erlebt hatte.

Nach seiner Rückkehr nach Makkah fühlten sich die Quraysh berechtigt, ihn noch stärker zu misshandeln. Sie verbanden verbale Angriffe mit körperlichen Übergriffen und warfen während seines Gottesdienstes in der Großen Moschee Schmutz auf ihn. Sie stellten ihm absurde Forderungen und ließen nichts unversucht, um ihm zu schaden.

Das Jahr 620 brachte den Beginn einer Wende im Schicksal des Islam und seines Propheten. Zunächst wurde der Prophet auf eine nächtliche Reise mitgenommen. Gabriel kam zu ihm und brachte ein himmlisches Reittier, das sich mit großer Geschwindigkeit bewegte. Er führte ihn nach Jerusalem, wo er alle früheren Propheten traf, darunter Noah, Abraham, Moses und Jesus. Der Prophet leitete ein gemeinsames Gebet, an dem sie alle teilnahmen. Dies symbolisierte die Einheit der göttlichen Botschaften, die durch die Botschaft des Qurans ihre Vollendung fanden. Von Jerusalem aus brachte ihn der Engel in den Himmel. Dort wurden ihm sowohl einige Qualen der Höllenbewohner als auch die großen Belohnungen derer gezeigt, die ins Paradies aufgenommen werden. Die Gebetspflicht wurde auf fünf Gebete täglich für alle Muslime festgelegt. Danach wurde der Prophet nach Makkah zurückgebracht. Alles geschah innerhalb weniger Stunden, und er kehrte zur Zeit des Morgengebets zurück.

Einige muslimische Gelehrte vertreten die Ansicht, es habe sich um eine geistige Reise gehandelt; andere sagen, es sei ein besonders lebhafter Traum gewesen. Es besteht jedoch kein Grund zu behaupten, die Reise habe nicht wirklich stattgefunden, denn Gott kann verwirklichen, was immer Er will. Wenn Er den Propheten oder irgendjemanden sonst auf eine wundersame Reise führen will, tut Er dies. Für Gott ist dies ebenso leicht wie das Senden von Regen oder Wind, die Gestaltung der Erde als geeigneten Lebensraum oder die Verleihung von Gehör und Sprache an ein Kind. Die Menschen mögen dies Naturgesetze nennen, doch Gott hat sie geschaffen und in Gang gesetzt. Das Wunderbare erscheint uns nur deshalb so, weil es uns ungewohnt ist. Tatsächlich ist jeder Teil des Lebens ein Wunder und alles im Universum wundersam; für Gott ist all dies leicht.

Dass der Prophet angesichts seines feindseligen Publikums von seiner nächtlichen Reise berichtete, zeigte sein gestärktes und wohlbegründetes Vertrauen in die Wahrheit seiner Botschaft. Er verkündete sie mit neuem Eifer. Als die nächste Pilgersaison näher rückte, war er entschlossener denn je, seine Botschaft auch den Menschen außerhalb Makkahs zu bringen. Die Pilgersaison des Jahres 620 schenkte ihm neue Hoffnung, denn er traf sechs Pilger aus Yathrib, das später Madinah genannt wurde. Die arabische Bevölkerung Yathribs lebte überwiegend von der Landwirtschaft und neben einer großen jüdischen Gemeinschaft. Die Juden rühmten sich ihres monotheistischen Glaubens und sagten den Arabern voraus, dass bald ein neuer Prophet erscheinen werde, dem es erlaubt sein würde, gegen seine Gegner zu kämpfen und Waffen einzusetzen. Bei Streitigkeiten zwischen Arabern und Juden drohten die Juden, sie würden diesem neuen Propheten folgen und den Arabern eine vernichtende Niederlage zufügen.

Die sechs Araber aus Yathrib saßen beim Propheten, hörten seine Erklärung der Botschaft und seine Rezitation des Qurans. Sie waren tief beeindruckt und erklärten ihren Übertritt zum Islam. Die Araber Yathribs gehörten zu den beiden Hauptstämmen Aws und Khazraj, die häufig miteinander Krieg führten. Die sechs sagten zum Propheten: „Wir haben unser Volk in einem schrecklichen Zustand der Spaltung und Feindschaft zurückgelassen. Wenn Gott durch dich ihre Einheit herbeiführt, wird niemand geehrter sein als du.“ Sie versprachen, ihren Stammesgenossen den neuen Glauben zu erklären und den Propheten in der nächsten Pilgersaison wiederzutreffen. Sie hielten ihr Versprechen und brachten sechs weitere Menschen mit. Bei diesem zweiten Treffen gelobten alle zwölf, feste Gläubige des Islam zu sein: „Wir glauben an Gott und gesellen Ihm keinen Teilhaber bei. Wir werden nicht stehlen, keinen Ehebruch begehen, unsere Kinder nicht töten, keine Lüge über die Abstammung unserer Kinder vorbringen und dem Propheten in allem Vernünftigen nicht ungehorsam sein.“

Der Prophet sandte seinen gelehrten Gefährten Mus[ab ibn Umayr mit ihnen, damit er die neuen Muslime die Grundlagen des Islam und des Qurans lehrte und die Verkündung des Islam unter den Bewohnern Yathribs organisierte. Seine Mission war sehr erfolgreich. Der Islam verbreitete sich rasch, ganze Clans traten zum neuen Glauben über. Zehn Monate später berichtete Mus[ab nach seiner Rückkehr nach Makkah, die Stadt biete dem Islam eine gute Grundlage.

In der folgenden Pilgersaison des Jahres 622, der dreizehnten seit Beginn des Islam, ereignete sich in Arabien ein beispielloser Schritt. Der Prophet traf dreiundsiebzig Männer und zwei Frauen aus Yathrib, die alle Muslime waren. Nachts kamen sie heimlich aus ihrem Lager in Mina, um ihn zu treffen. Sie gelobten, ihn zu unterstützen und alle erforderlichen Opfer zu bringen. Sie erklärten, jeden zu bekämpfen, der sich ihm entgegenstellte, und alle Muslime Makkahs in Yathrib willkommen zu heißen und mit ihnen alles zu teilen, was sie besaßen. Gemeinsam wollten sie eine von anderen getrennte Gemeinschaft bilden, in der das Band des Islam sie zu einer einzigen Nation, einer Ummah, machte. Ihre einzige Bedingung war, dass das Bündnis mit der Ankunft des Propheten in Yathrib in Kraft treten sollte.

In den folgenden drei Monaten wanderten alle Muslime, denen dies möglich war, von Makkah nach Yathrib aus. Sie reisten in kleinen Gruppen und nahmen nur wenige tragbare Dinge mit. Sie ließen Häuser, Geschäfte und Clans zurück. Nur Menschen, die körperlich an der Reise gehindert waren, blieben zurück. Der Prophet blieb mit Abu Bakr und Ali, seinem Cousin, in Makkah, bis er die Anweisung zur Auswanderung erhielt. Die Quraysh erkannten inzwischen, was geschah, und fürchteten das Schlimmste. Ihre Clanführer beschlossen in einer Notsitzung, den Propheten sofort zu töten. Aus jedem Clan sollte ein tapferer junger Mann beteiligt werden, damit die Verantwortung für den Mord gemeinsam getragen würde. So sollten die Haschimiten erkennen, dass sie nicht gegen die gesamte Quraysh kämpfen konnten, und sich mit der Zahlung von Blutgeld zufriedengeben.

Der Prophet entkam den vorgesehenen Mördern und traf alle Vorsichtsmaßnahmen, um sie irrezuführen. Nach zwei Wochen erreichte er Madinah und wurde herzlich empfangen. Er begann sofort, die neue Gemeinschaft zu organisieren, die aus den Muhadschirun, den Auswanderern aus Makkah, und den Ansar, den Helfern aus Yathrib, bestand. Yathrib wurde fortan die Stadt des Gesandten Gottes, kurz Madinah, genannt.

Der Prophet ergriff mehrere wichtige Maßnahmen. Er baute eine Moschee, die zugleich Gebetsstätte, Schule, Versammlungsort und Regierungssitz war. Er schuf ein starkes Band der Bruderschaft zwischen Muhadschirun und Ansar, indem er jeweils einen Angehörigen der einen Gruppe mit einem Angehörigen der anderen verbrüderte. Diese Bruderschaft galt als so wichtig, dass sie das Stammesband übertraf. Er schloss außerdem mit den Juden und den arabischen Ungläubigen in Madinah einen Vertrag und machte sie zu Bürgern des neuen Staates. Das ausführliche Dokument legte die Pflichten und Verpflichtungen jeder Gruppe fest und begründete eine pluralistische, auf Bürgerschaft beruhende Gesellschaft.

Der Prophet entsandte bewaffnete Unternehmungen in die Umgebung Madinahs, um zu zeigen, dass der neue Staat niemanden fürchtete. Die Expeditionen bedrohten die Handelsroute der quraischitischen Karawanen, ohne tatsächlich Kämpfe zu führen, abgesehen von einem kleinen Zusammenstoß zwischen sechs Muslimen und einer kleinen Karawane. Die neue Gesellschaft in Madinah eröffnete den Menschen ungeahnte Lebensperspektiven. Die Behandlung anderer Muslime als Brüder und Schwestern im Glauben statt als bloße Blutsverwandte und Stammesangehörige gab ihrem Leben eine neue Bedeutung. Zum ersten Mal konnten sie ihr Leben ohne Angst nach islamischen Lehren führen.

Doch die Quraysh blieben eine ernsthafte Bedrohung. Außerdem lebte die muslimische Gemeinschaft in Armut, und die Ankunft der Muhadschirun belastete die Wirtschaft Madinahs. Die Quraysh hatten ihr zurückgelassenes Eigentum beschlagnahmt. Im Ramadan des zweiten Jahres nach der Ansiedlung des Propheten erhielt er Nachricht von einer großen Handelskarawane der Quraysh auf dem Weg von Syrien nach Makkah. Er rief die Muslime auf, sie abzufangen. Dreihundertdreizehn Männer, meist Ansar, zogen mit ihm aus. Abu Sufyan, der Anführer der Karawane, erfuhr davon, wich zur Küste aus und sandte Nachricht nach Makkah. Ein gut ausgerüstetes Heer von tausend Kämpfern kam der Karawane zu Hilfe. Die beiden Heere trafen bei Badr aufeinander. Trotz des Versuchs des Propheten, einen Kampf zu vermeiden, bestanden die Hardliner auf der Schlacht. Die Muslime errangen einen überwältigenden Sieg. Siebzig Quraischiten fielen, eine ähnliche Zahl geriet in Gefangenschaft, während die Muslime vierzehn Märtyrer verloren. Der Prophet ließ die Gefangenen gegen Lösegeld frei. Wer kein Geld besaß, aber lesen und schreiben konnte, erhielt seine Freiheit, wenn er zehn muslimische Kinder Lesen und Schreiben lehrte.

In den folgenden Jahren kam es zu weiteren Auseinandersetzungen. Der jüdische Stamm Qaynuqa verletzte den Vertrag mit dem Propheten und verließ Madinah nach einer Belagerung. Ein Jahr nach Badr griff ein dreitausend Mann starkes Heer der Quraysh Madinah an. Die muslimische Streitmacht zählte nur siebenhundert. Zunächst gewannen die Muslime die Oberhand, doch eine auf einem Hügel stationierte Einheit verließ ihre Stellung, weil sie den Sieg für sicher hielt. Dadurch konnten quraischitische Einheiten von hinten angreifen. Der Prophet wurde verletzt und ihm wurden Zähne ausgeschlagen, doch einige hingebungsvolle Gefährten verteidigten ihn. Die Schlacht von Uhud endete mit einer militärischen Niederlage der Muslime, die siebzig Märtyrer verloren.

Die Schlacht enthüllte auch die Heuchler in Madinah. Ihr Anführer Abd Allah ibn Ubayy hatte vor der Schlacht dreihundert Männer aus den Reihen der Muslime geführt. Sie behaupteten: „Wenn wir gewusst hätten, dass es zum Kampf kommen würde, wären wir euch gewiss gefolgt.“ Die Niederlage ermutigte weitere Stämme zu Angriffen und Täuschungen. Bei al-Raji wurden vier von sechs Gefährten getötet, die der Prophet entsandt hatte, um den Quran zu lehren; zwei weitere wurden an die Quraysh verkauft und dort aus Rache für die Gefallenen von Badr getötet. Eine andere Gruppe von vierzig bis siebzig im Quran bewanderten Muslimen wurde in Najd unter falschen Schutzversprechen gefangen und getötet.

Auch die jüdische Gruppe al-Nadir, die dem Vertrag von Madinah angehörte, plante die Ermordung des Propheten. Gabriel warnte ihn, woraufhin er sie aufforderte, die Stadt zu verlassen. Zunächst stimmten sie zu, doch Abd Allah ibn Ubayy versprach ihnen Unterstützung. Der Prophet belagerte ihre Festungen. Als kein Beistand kam, stimmten sie schließlich einer Ausreise unter härteren Bedingungen zu und mussten ihr Ackerland aufgeben.

Der Stamm al-Mustalaq plante einen Angriff auf Madinah. Der Prophet nutzte das Überraschungsmoment, ohne jemals einen ahnungslosen Angriff als solchen zu führen. Er zeigte seine Streitmacht so plötzlich, dass der Feind erkannte, Widerstand sei nutzlos. Nach einem kurzen Kampf ergab sich al-Mustalaq.

Die feindlichen Kräfte schlossen sich schließlich zu einem großen Bündnis zusammen: Quraysh, Ghatafan und die Juden stellten ein Heer von zehntausend Mann auf, um den Islam und die muslimische Gemeinschaft zu vernichten. Da Madinah vor allem vom Norden aus angreifbar war, ließ der Prophet dort einen breiten und tiefen Graben ausheben. Alle Muslime, auch der Prophet selbst, halfen dabei. Das Bündnis konnte nur belagern. Huyayy ibn Akhtab überredete zudem die Qurayzah-Juden, den Muslimen in den Rücken zu fallen. Noch bevor sie angriffen, sandte Gott einen heftigen Sturm über das Lager der Verbündeten. Nach siebenundzwanzig Tagen zog Abu Sufyan ab, und Ghatafan folgte ihm. Die Qurayzah wurden anschließend fünfundzwanzig Tage belagert und ergaben sich. Sie wählten Sa[d ibn Mu[adh als Richter, der vor dem Islam ihr Verbündeter gewesen war. Sein Urteil lautete, dass die kämpfenden Männer getötet werden sollten.

Damit stand der muslimische Staat wesentlich stärker da. Der Prophet sagte, die Muslime könnten nun in die Offensive gehen, doch er machte dies nicht zu seinem Ziel. Er war bereit, jede Bedrohung abzuwehren, suchte aber nie, einen Stamm oder eine Gemeinschaft mit Gewalt zu unterwerfen. Die Menschen sollten seine Botschaft frei prüfen und sich informiert entscheiden. Eine erzwungene Bekehrung war mit dem Wesen des Islam unvereinbar.

Nach einer Zeit relativen Friedens kündigte der Prophet an, Makkah zur Umrah und zum Gottesdienst an der Kaaba zu besuchen. Er zog mit eintausendvierhundert Gefährten und Opfertieren los, ohne andere Waffen als die Schwerter in ihren Scheiden. Die Quraysh beschlossen, ihnen den Eintritt zu verwehren. Als der Prophet al-Hudaybiyah erreichte, setzte sich seine Kamelstute nieder und wollte nicht weitergehen. Er deutete dies als Zeichen, mit den Quraysh eine friedliche Vereinbarung zu suchen. Nach mehreren Gesandtschaften sandte er Uthman ibn Affan. Als das Gerücht aufkam, Uthman sei getötet worden, nahm der Prophet von allen Gefährten den Treueeid ab, bis zum Ende zu kämpfen. Die Quraysh ließen Uthman frei und schickten Suhayl ibn Amr zur Verhandlung.

Der Vertrag von al-Hudaybiyah sah einen zehnjährigen Waffenstillstand vor. Jeder, der aus Makkah ohne Erlaubnis seines Vormunds zu Muhammad kam, sollte zurückgegeben werden; wer aus dem Lager Muhammads zu den Quraysh überlief, musste nicht zurückgegeben werden. Beide Seiten verpflichteten sich zu guten Absichten und zum Verzicht auf Diebstahl und Verrat. Stämme durften sich einem der beiden Bündnisse anschließen. Muhammad sollte in diesem Jahr nach Madinah zurückkehren und Makkah erst im folgenden Jahr drei Tage lang betreten dürfen, nur mit den Waffen eines Reisenden.

Während der Vereinbarung kam Abu Jandal, Suhayls Sohn, der Muslim war und aus dem Gefängnis entkommen war. Suhayl verlangte seine Rückgabe. Der Prophet erklärte Abu Jandal, dass die Muslime ihre Verpflichtungen in jeder Lage einhielten, und er wurde seinem Vater zurückgegeben. Die Muslime kehrten ohne Vollendung ihrer Riten nach Madinah zurück. Der Prophet beruhigte sie, dass die Folgen bald zu ihren Gunsten sein würden. Der Vertrag, 628 geschlossen, war ein Wendepunkt.

Danach zog der Prophet gegen Khaybar, eine von Juden bewohnte Stadt nordwestlich von Madinah mit zahlreichen Festungen und fruchtbarem Land. Die Juden von Khaybar hatten sich mit Ghatafan verbündet und gegen die Muslime aufgestachelt. Nach der Mobilisierung von eintausendvierhundert Gefährten überraschte der Prophet sie. Die Juden zogen sich in ihre Festungen zurück. Nach einer schwierigen Belagerung ergaben sie sich und stimmten zunächst ihrer Ausweisung zu. Später durften sie bleiben und das Land bewirtschaften, wobei sie die Hälfte der Erträge erhielten. Der Prophet schloss ähnliche friedliche Vereinbarungen mit weiteren jüdischen Gemeinschaften im Norden Arabiens.

Nun konnte er seine Hauptaufgabe ausweiten: als Gesandter Gottes an die gesamte Menschheit die göttliche Botschaft allen Völkern bekannt zu machen. Er sandte Briefe an die Herrscher Persiens, von Byzanz, Ägyptens, Syriens, Bahrains und Abessiniens. Der Statthalter Syriens ließ den Gesandten des Propheten töten, und der persische Kaiser zerriss den Brief. Der byzantinische Kaiser und der ägyptische Herrscher antworteten freundlich; der Negus von Abessinien und der Herrscher Bahrains nahmen den Islam an. Die Briefe brachten nicht sofort überall Erfolg, machten den Islam aber in großen Teilen Asiens, Europas und Afrikas bekannt.

In den beiden Jahren nach al-Hudaybiyah nahm die Zahl der Muslime stark zu. Während nur eintausendvierhundert Menschen am Vertrag und am Feldzug gegen Khaybar teilgenommen hatten, zog zwei Jahre später ein Heer von zehntausend Mann mit dem Propheten durch die Wüste. Abu Busayr, der von den Quraysh zurückgefordert worden war, floh in die Wüste und begann, quraischitische Handelskarawanen anzugreifen. Andere Flüchtlinge schlossen sich ihm an. Die Quraysh baten den Propheten schließlich, diese Gruppe aufzunehmen, und verzichteten damit auf die entsprechende Vertragsbedingung.

Im achten Jahr nach der Hidschra tötete der von Byzanz eingesetzte arabische Herrscher Syriens den Gesandten des Propheten. Der Prophet entsandte dreitausend Gefährten nach Mu’tah. Er befahl ihnen, keine Alten, Frauen, Kinder oder Mönche zu töten, keinen Baum zu fällen und kein Tier außer zur Nahrung zu töten. Das feindliche Heer war ihnen weit überlegen, und die drei vorgesehenen Befehlshaber fielen nacheinander. Khalid ibn al-Walid übernahm das Kommando. Durch einen geschickten nächtlichen Wechsel der Einheiten erweckte er den Eindruck von Verstärkungen und führte das Heer geordnet zurück. Der Prophet lobte sein Vorgehen.

Das Bündnis zwischen Bakr und den Quraysh gegen Khuza[ah führte zum Bruch des Vertrags. Bakr griff Khuza[ah nachts an und tötete zwanzig Menschen. Khuza[ah wandte sich in Madinah an den Propheten, der seinen Beistand zusagte. Abu Sufyan reiste vergeblich nach Madinah, um eine Beschwichtigung zu erreichen. Der Prophet mobilisierte daraufhin ein Heer von nahezu zehntausend Männern und marschierte verborgen bis in die Nähe Makkahs. In der Nacht ließ er zahlreiche Feuer entzünden, um die Quraysh einzuschüchtern. Abu Sufyan erklärte sich zum Muslim. Der Prophet gewährte den Bewohnern Makkahs Schutz in ihren Häusern, in der Moschee oder in Abu Sufyans Haus.

Das Heer betrat Makkah aus vier Richtungen und erhielt den Befehl, nur bei Angriff zu kämpfen. Die Stadt ergab sich mit wenig Widerstand. Der Prophet vollzog den Tawaf um die Kaaba und entfernte die dort aufgestellten Götzen. Zwei Tage später fragte er die Menschen Makkahs, was sie von ihm erwarteten. Sie antworteten, er sei ein edler Bruder und Sohn eines edlen Bruders. Er sagte: „Geht, wohin ihr wollt. Ihr seid alle frei.“ Die meisten der zuvor zur Tötung bestimmten Personen wurden begnadigt. Die Bevölkerung begann, den Islam in einem neuen Licht zu sehen, und viele Menschen nahmen ihn an.

Der Fall Makkahs bedeutete jedoch nicht das Ende der Gefahr. Hawazin sammelte mit Unterstützung der Thaqif ein Heer. Bei Hunayn gerieten die Muslime in einen Hinterhalt. Viele gerieten in Unordnung und zogen sich zurück, doch der Prophet blieb standhaft. Auf den Ruf al-Abbas’ kehrten Ansar und Muhadschirun zurück. Die Muslime sammelten sich, schlugen Hawazin zurück und erbeuteten Frauen, Kinder, Vieh und Besitz. Der Prophet belagerte anschließend Taif, brach die Belagerung aber ab, weil die Stadt lange standhalten konnte.

Die Führer Hawazins baten um die Rückgabe ihrer Frauen und Kinder. Der Prophet ließ ihnen die Wahl zwischen diesen und ihrem Besitz. Sie wählten Frauen und Kinder, die freigelassen und zurückgegeben wurden. Aus dem Staatsanteil der Beute gab der Prophet großzügige Geschenke an einige Anführer Makkahs und anderer Stämme, um sie fest in den Islam einzubinden. Die Ansar waren darüber beunruhigt. Ihr Anführer Sa[d ibn [Ubadah sprach darüber mit dem Propheten. Dieser erinnerte sie daran, dass die weltlichen Geschenke nur eine Kleinigkeit seien, während sie den Gesandten Gottes mit sich nähmen. Er sagte: „Wenn die ganze Welt einen Weg nähme und die Ansar einen anderen, würde ich den Weg der Ansar nehmen.“ Die Ansar waren zufrieden, denn ihr Lohn war ihnen bereits bei al-Aqabah zugesagt worden: das Paradies.

Der Prophet ernannte den zwanzigjährigen Attab ibn Usayd zum Statthalter von Makkah und kehrte zu Beginn des neunten Jahres nach Madinah zurück. Abordnungen aus allen Teilen Arabiens kamen, um ihre Treue zu bekunden und den Islam kennenzulernen. Die Thaqif baten um Zugeständnisse, darunter die Beibehaltung ihres Götzen al-Lat und die Aufhebung des Verbots von Ehebruch, Alkohol und Wucher. Der Prophet lehnte alle Zugeständnisse ab, erlaubte ihnen jedoch, al-Lat nicht eigenhändig zerstören zu müssen. Thaqif nahm schließlich den Islam an, und Gefährten des Propheten zerstörten den Götzen.

Am Ende des neunten Jahres ernannte der Prophet Abu Bakr zum Leiter der Pilgerfahrt. Nach dessen Aufbruch wurde die Sure 9 offenbart. Der Prophet sandte Ali, um deren Erklärung zu verkünden: Die Verträge mit denjenigen, die ihre Verpflichtungen vollständig eingehalten hatten, sollten bis zum Ende ihrer Laufzeit gelten. Andere Verträge wurden aufgekündigt, wobei eine viermonatige Frist gewährt wurde. Den Götzendienern wurde mitgeteilt, dass dies das letzte Jahr sei, in dem sie die Pilgerfahrt vollziehen dürften, und dass niemand mehr nackt die Kaaba umrunden dürfe. Die Verkündung erfolgte in Arafat, am Tag der Opfer und durch Boten in den Lagern der Stämme.

Das folgende Jahr wurde in der islamischen Geschichte das Jahr der Abordnungen genannt. Stämme aus Jemen, Oman und allen anderen Teilen der Halbinsel kamen nach Madinah. Damit nahm die gesamte Arabische Halbinsel den Islam als Glauben an. Juden in Khaybar und anderen nördlichen Städten sowie Christen in Najran waren von der Verkündung nicht betroffen; sie richtete sich nur an arabische Götzendiener. Es war wichtig, dass die Vielgötterei aus Arabien verschwand.

Am Ende des zehnten Jahres nach der Hidschra näherte sich erneut die Pilgersaison. Die Pilgerfahrt ist eine der fünf Hauptpflichten des islamischen Gottesdienstes und jedem Muslim, Mann oder Frau, vorgeschrieben, sofern er die Mittel dazu besitzt. Da die Quraysh den Muslimen früher den Zugang zum Haram verwehrt hatten, hatte der Prophet sie noch nicht vollziehen können. Nun kündigte er seine Absicht an und rief Menschen in ganz Arabien auf, sich ihm anzuschließen. Die Schätzungen der Pilger, die mit ihm von Madinah aufbrachen, liegen zwischen neunzigtausend und hundertdreißigtausend.

Die Pilgerfahrt besteht aus einer Reihe von Riten an bestimmten Orten in Makkah und seiner Umgebung. Der Prophet lehrte die Menschen, seinen Anweisungen zu folgen, wollte die Pilgerfahrt aber zugleich für alle erleichtern. Bei einer so großen Menschenmenge hätte ein starres Schema erhebliche Schwierigkeiten verursacht. Deshalb gewährte er größtmöglichen Spielraum und stellte dennoch sicher, dass die Pflichten und Riten korrekt und rechtzeitig erfüllt wurden.

In seiner Ansprache erläuterte er die wichtigsten Grundsätze des Islam. Er erklärte alle vor dem Islam vollzogenen Wuchergeschäfte für aufgehoben, beginnend mit denen seines Onkels al-Abbas. Ebenso hob er jede Vergeltung für Tötungen vor dem Islam auf, beginnend mit der Tötung eines seiner eigenen Cousins. Die ersten beiden Grundsätze betrafen den Einzelnen: Der Islam löst alle Bindungen an die Dschahiliyya, ihre Götzen, Bräuche und Geschäfte, und verlangt von jedem Muslim, sich vor jeder Sünde zu hüten. Die übrigen drei Grundsätze bilden die Grundlage der islamischen Gesellschaft: die islamische Bruderschaft, die Unterstützung der Schwachen und die Zusammenarbeit zwischen islamischer Regierung und Gesellschaft zur Umsetzung des islamischen Rechts. Der Prophet betonte wiederholt die Güte gegenüber Frauen, weil sie in der damaligen Gesellschaft das schwächere Element waren.

Der Prophet fragte die Versammelten wiederholt, ob er ihnen Gottes Botschaft übermittelt habe. Jedes Mal bestätigten sie dies, und er bat Gott, dafür Zeuge zu sein. Mit dem Abschluss der Pilgerfahrt hatte er seine Mission vollendet: Er hatte Gottes Botschaft verkündet, die Menschen zum Islam aufgerufen, ihnen die gottesdienstlichen Pflichten gezeigt und ihnen den Weg gewiesen, ihr Leben nach dem Islam zu führen, Gottes Wohlgefallen zu erlangen und im Jenseits ins Paradies aufgenommen zu werden. Während der Pilgerfahrt wurde ihm offenbart: „Heute habe Ich eure Religion für euch vollendet, Meine Gnade an euch voll gemacht und den Islam als Religion für euch erwählt.“ (5:3)

Der Prophet kehrte nach Madinah zurück und starb weniger als drei Monate später, nachdem er seine Mission erfüllt und der Menschheit einen Glauben gebracht hatte, der ihr Glück gewährleistet, wann immer er in einer Gesellschaft verwirklicht wird. Möge Gott ihm den vollen Lohn für das unschätzbare Gute gewähren, das er in das menschliche Leben gebracht hat.

KAPITEL  3

der Schlüssel zum Charakter des Propheten Jeder Mensch hat einen Schlüssel zu seinem Charakter. Wenn dieser Schlüssel erkannt ist, ist es leicht, mit der betreffenden Person umzugehen. Dieser Schlüssel erlaubt es uns, ihre Einstellungen und ihr Verhalten zu erklären und ihre Reaktion auf Ereignisse vorauszusehen. Das ist wie bei einem Hausschlüssel: Er mag klein sein, doch er öffnet den Zugang zu einem geräumigen Ort mit all seinen Inhalten. Ohne den Schlüssel bleibt das Innere des Hauses unbekannt, und wir können nur blind vermuten, was es enthält. Ebenso ermöglicht uns der Schlüssel zu einer Person, ihr Verhalten zu verstehen, selbst wenn sie auf eine Weise handelt, die andere seltsam finden. Beim Propheten können wir einen Schlüssel zu seiner Persönlichkeit nur auf der Grundlage seines Lebens vor der Prophetenschaft suchen, also bevor er begann, göttliche Offenbarungen zu empfangen. Damals handelte er aus eigener Initiative und wusste nichts von einer göttlichen Botschaft, die ihm anvertraut werden sollte. Später, als er begann, seine Botschaft zu empfangen, übernahm er eine Rolle, die mit keiner anderen vergleichbar war, und erhielt zudem Führung aus der Höhe. Seine Sendung, seine Verantwortlichkeiten und seine Handlungen profitierten von dieser Führung und gründeten auf ihr. Nichtmuslime, die über sein Leben schrieben und diese Tatsache außer Acht ließen, gelangten zu Erklärungen, die Muslime problematisch finden. Einige dieser Darstellungen sind unvoreingenommen, und manche bewundern ihn sogar. Dennoch wird ein Studium seines Lebens unter gewöhnlich menschlichen Gesichtspunkten, bei dem der göttlichen Führung, die er empfing, kein Gewicht beigemessen wird, einige seiner Handlungen fragwürdig und vielleicht nicht rechtfertigbar erscheinen lassen. Seine Haltung in den Verhandlungen mit den Quraisch, die zum Friedensabkommen von Hudaybiyah führten, erschien sogar seinen engsten Gefährten seltsam. Er beriet niemanden, was seinem bisherigen Verhaltensmuster widersprach, und akzeptierte sämtliche Bedingungen, die ihm der Feind auferlegte. Was würden Historiker, Kritiker oder Analysten in irgendeiner menschlichen Situation über einen Unterhändler sagen, der – wie der Prophet – von vornherein erklärte, er werde jedes Angebot annehmen, und der von der anderen Seite tatsächlich keinerlei Zugeständnis als Gegenleistung für die Zustimmung zu ihren Bedingungen verlangte? Wenn wir beginnen, den Schlüssel zu Muhammads Persönlichkeit in seinem Leben vor dem Beginn der Offenbarungen zu suchen, entdecken wir bald, dass wir dabei Schwierigkeiten haben werden, da die Berichte, die wir über diese Zeit besitzen, unzureichende Einzelheiten liefern und möglicherweise unzuverlässig sind. Nur jene Berichte über seine frühen Jahre, die der Prophet selbst oder seine engen Gefährten erwähnten, können hinsichtlich ihrer Echtheit überprüft werden. So berichtet beispielsweise eine Überlieferung, dass Muhammad als Säugling seine Nahrung nur aus einer der Brüste seiner Amme zu sich nahm. Muslimische Historiker vermuten: „Es war, als hätte Gott ihn dazu bestimmt, damit die andere Brust für Halimahs eigenen Sohn voll blieb.“ Wie können wir dies ohne eine spätere Bestätigung durch den Propheten oder durch Halimah überprüfen? Die Berichte, die als zuverlässig gelten können, weisen auf eine bestimmte Eigenschaft hin, die wir als Schlüssel zur Persönlichkeit des Propheten betrachten können: das Streben nach dem Rechten. Wenn wir Muhammads persönliche Geschichte untersuchen, stellen wir fest, dass diese Eigenschaft in seinem Charakter sowohl vor als auch nach der Prophetenschaft beständig war. Diese Eigenschaft wurde durch die göttliche Botschaft, die er der Menschheit überbrachte, sogar noch verstärkt. Wie in Kapitel 1 erwähnt, war Muhammad zwanzig Jahre alt, als er an der Begründung des edlen Bündnisses al-Fudul mitwirkte, das die Clans der Quraisch verpflichtete, vereint jeden zu unterstützen, dem in Mekka Unrecht widerfuhr, gleichgültig, ob diese Person aus Mekka stammte oder Besucher war. Dies war ein lichter Moment in seinem vorislamischen Leben, an den er sich auch nach der Prophetenschaft gern erinnerte. Als er sich in Medina niedergelassen hatte, sagte er, er würde seine Teilnahme an diesem Bündnis um nichts in der Welt eintauschen; er erklärte, dass er es sogar unter dem Islam ehren würde, sollte sich jemand unter Berufung auf seine Bedingungen an ihn um Hilfe wenden. Die Tatsache, dass dieses Bündnis in vorislamischer Zeit von Götzendienern geschlossen worden war, minderte nicht die Tatsache, dass es ein edles Bündnis war, das darauf zielte, jedem sein Recht zu geben. Diese Erklärung des Propheten bestätigt ein Ehrgefühl und eine Rechtschaffenheit, die nur von einem Mann entwickelt werden können, der nach dem Rechten strebt und dafür eintritt. Während seines ganzen Lebens bewahrte Muhammad bewusst einen sehr hohen Maßstab an Rechtschaffenheit. Er würde niemals wissentlich eine Lüge sagen. In vielen Gesellschaften betrachten die Menschen das Lügen nicht mit Abscheu. Natürlich sagt niemand offen, dass Lügen etwas sei, worauf man stolz sein könne, doch oft rät man einem Verwandten oder Freund, zu lügen, um sich aus einer schwierigen Lage zu befreien. In der arabischen Gesellschaft vor dem Islam war das Lügen kein Grund zu großer Besorgnis. Heute erwarten viele Gesellschaften, dass ein Mensch in formellen Situationen die Wahrheit sagt: Ein Zeuge etwa, der vor Gericht eine falsche Aussage macht, wird strafrechtlich verfolgt. In kleinen Angelegenheiten des täglichen Lebens jedoch machen sich die Menschen kaum Gedanken darüber, eine Lüge zu erzählen, wenn sie ihnen nützt. Sie geben die Lüge sogar zu und erwarten keine Rüge; andere lachen oft darüber oder bringen ihre Zustimmung zum Ausdruck. Muhammad hingegen war bei seinem Volk dafür weithin bekannt, in allen Situationen die Wahrheit zu sagen. Die Zeugnisse dafür sind zahlreich und stammen gleichermaßen von Freund und Feind. Im fünften Jahr von Muhammads Prophetenschaft riet er einer großen Zahl seiner Gefährten, nach Abessinien auszuwandern. Aus Furcht vor den Folgen dieser Auswanderung schickten die Quraisch eine Gesandtschaft zu Negus, dem Herrscher von Abessinien, und verlangten ihre Auslieferung. Die Gesandtschaft bemühte sich sehr, Negus dazu zu bewegen, die Auslieferung anzuordnen, ohne die Auswanderer zu befragen. Negus war jedoch ein gerechter Mann. Daher ließ er die Auswanderer vor sich kommen und fragte sie nach ihrer Religion. Ihr Sprecher Ja[far schilderte ihre Lage vor dem Islam. Dann fuhr er fort: „Dann sandte Gott uns einen Gesandten, von dem wir immer wussten, dass er ein Mann der Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit ist.“1 Diejenigen, die sich dem Propheten in Mekka widersetzten, hatten keinerlei Bedenken zu erklären, dass er ein wahrhaftiger Mann sei. Als Muhammad Gottes Befehl erhielt, öffentlich zum Islam aufzurufen, stellte er sich auf den Hügel al-Safa im Zentrum von Mekka und rief alle Clans zu sich. Als sie sich versammelt hatten, sagte er zu ihnen: „Wenn ich euch sagen würde, dass hinter diesem Tal bewaffnete Reiter auf euch zukommen, um Mekka anzugreifen, würdet ihr mir glauben?“ „Du bist vertrauenswürdig, und wir haben dich niemals lügen gehört“, antworteten sie. „Nun denn“, sagte er, „ich bin zu euch gesandt worden, um euch vor schwerem Leiden zu warnen.“2 Shaykh Abu al-Hasan Ali al-Hasani Nadwi sagt, dass die erste Antwort der Araber in Mekka ein Beweis für ihre realistische und praktische Haltung war. Sie antworteten einem Mann, den sie als ehrlich und wahrhaftig kannten und der stets aufrichtig beraten hatte. Er stand auf einem Hügel, von dem aus er sehen konnte, was dahinter lag. Von ihrem Standort aus konnten sie nichts sehen, was außerhalb ihres Tals lag. Sie hatten keinen Grund, ihm nicht zu glauben, ganz gleich, was er sagte. Dies war ein natürlicher Auftakt, der ein Zeugnis sicherstellte; mit anderen Worten: Er begründete Muhammads Glaubwürdigkeit, die seinem Publikum wohlbekannt war.3 Ein Zeugnis seiner Gegner ereignete sich zu der Zeit, als der Prophet und seine Gefährten nach Mekka gingen, um ihre nachzuholende [Umrah (kleine Pilgerfahrt) zu vollziehen. Wie in Kapitel 2 erwähnt, sollten der Prophet und seine Gefährten gemäß dem ein Jahr zuvor zwischen dem Propheten und den Ungläubigen in Mekka unterzeichneten Friedensabkommen Mekka betreten und sich dort drei Tage aufhalten dürfen, jedoch keine anderen Waffen als Schwerter in ihren Scheiden mitführen. Als die Muslime ihre Reise von Medina antreten wollten, ordnete der Prophet an, dass sie genügend Waffen mitnehmen sollten, damit sie bereit wären, falls die Quraisch einen verräterischen Angriff planten. Als die Muslime sich Mekka näherten, wurden dessen Bewohner von ihrer Vorhut darüber informiert, dass die Muslime ihre Waffen mit sich führten. Die Quraisch schickten daraufhin sofort Mikraz ibn Hafs mit einigen ihrer Würdenträger, um seine Absichten festzustellen. Mikraz sagte zu ihm: „Muhammad, man hat dich weder in deiner Jugend noch in deinem Alter jemals als treulos gekannt. Beabsichtigst du, bewaffnet in die heilige Stadt, in der dein eigenes Volk lebt, einzuziehen, obwohl du versprochen hattest, dass deine Gruppe nur die gewöhnlichen Waffen von Reisenden tragen werde: Schwerter in Scheiden?“ Der Prophet antwortete: „Ich bringe keine Waffen in die Stadt.“ Mikraz sagte: „Dies ist ein Mann, der ein Vorbild an Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit ist.“4 Für die Gesandtschaft der Quraisch genügte es, dass Muhammad sagte, er werde keine Waffen hineinbringen. Sie kehrten sofort zu ihrem Volk zurück, um es zu beruhigen, dass er das Abkommen einhalten würde. Diese Menschen hatten fast zwei Jahrzehnte lang gegen ihn gekämpft und ihn jeder Übeltat beschuldigt. Dennoch zögerten sie nicht, sein Wort als Ausdruck seiner wahren Absicht anzunehmen. Das Streben nach dem Rechten verlangt vom Suchenden, dafür zu sorgen, dass jedes ihm entgegengebrachte Vertrauen gut angelegt ist. Muhammad genoss sein ganzes Leben lang Vertrauen, und niemand beschuldigte ihn jemals, dieses Vertrauen nicht zu verdienen. Im Gegenteil: Lange vor dem Islam gaben ihm die Bewohner von Mekka den Beinamen al-Amin (was „der Vertrauenswürdige“ bedeutet). Wir sehen zum Beispiel, dass er erst Anfang zwanzig war, als Khadijah, eine wohlhabende Witwe, ihm die Leitung ihres Handels mit einer Karawane anvertraute, die nach Syrien reiste. Sie hätte ihm eine so wichtige Aufgabe nicht übertragen, wenn sie nicht sicher gewesen wäre, dass ihr Vertrauen nicht enttäuscht würde. Sie hatte sich ein begründetes Urteil über ihn gebildet, da sie ihn auf den örtlichen Märkten erprobt hatte. Muhammads Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit in allen Situationen waren es, die Khadijah dazu bewogen, ihm die Ehe vorzuschlagen. Sie hatte viele frühere Bewerber abgewiesen, weil sie den Eindruck hatte, sie seien nur an ihrem Vermögen interessiert. Im Fall Muhammads war sie diejenige, die den Antrag stellte, weil sie erkannt hatte, dass er ein vertrauenswürdiger Mann war. Wir haben bereits erwähnt, dass die Quraisch planten, ihn zu ermorden, um seine Auswanderung zu verhindern. Sie schritten schnell zur Ausführung ihres Plans. Muhammad waren jedoch Wertgegenstände zur Aufbewahrung anvertraut worden. Diese Einlagen gehörten nicht den Muslimen in Mekka, da fast alle mekkanischen Muslime bereits nach Medina ausgewandert waren. Vielmehr gehörten sie Ungläubigen, die sich im Lager des Feindes befanden. Trotz der Feindseligkeit der Bewohner von Mekka gegenüber Muhammad und seiner Botschaft hatten sie nicht den geringsten Zweifel an seiner Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit. Jeder, der etwas Wertvolles besaß, vertraute es Muhammad zur Aufbewahrung an, sicher, es unversehrt wiederzufinden, wann immer er es zurückhaben wollte. Nebenbei bemerkt finde ich es erstaunlich, dass sie in dieser Situation nicht erkannten, dass ein Mensch von solcher Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit Gott nicht belügen würde. Es liegt auf der Hand, dass diese Praxis, Wertgegenstände bei Muhammad zu hinterlegen, nicht erst nach seiner Ernennung zum Propheten und Gesandten Gottes begann, sondern viel früher eingesetzt haben muss. Die Menschen erkannten seine Ehrlichkeit auch weiter an, nachdem er begonnen hatte, Gottes Botschaft zu empfangen und zu verkünden; wenn überhaupt, hielten sie ihn nun für noch zuverlässiger und vertrauenswürdiger. Muhammad übertrug [Ali, seinem Vetter, die Aufgabe, die Einlagen der Menschen zurückzugeben. Indem er nach dem Entkommen aus einem Mordanschlag und nachdem er aus der Stadt vertrieben worden war, die Wertgegenstände der Menschen zurückgab, bestätigte er, dass ihr Vertrauen in ihn wohlbegründet war. Für ihn war es undenkbar, seine Gewohnheit trotz all der Probleme zu ändern, die sein Volk ihm aufbürdete. Er suchte stets nach dem Rechten und tat es; es war richtig, dass Menschen, die ihm ihre Wertgegenstände anvertraut hatten, diese zurückerhielten, als er die Stadt verließ und sie nicht länger sicher aufbewahren konnte. Die Tatsache, dass sie ihm und seiner Botschaft feindlich gegenüberstanden, änderte daran nichts. Das Streben nach dem Rechten verlangt in jeder Situation, in der Menschen miteinander im Streit liegen, nach Fairness. Der Prophet war stets darauf bedacht, Gerechtigkeit herzustellen, ganz gleich, wer die streitenden Parteien waren. Dies war sein Ziel, bevor er für seine große Rolle als Prophet auserwählt wurde, und es blieb sein Ziel, wann immer zwei Parteien ihren Streit zur Entscheidung vor ihn brachten. In Kapitel 1 haben wir beispielsweise die Situation erwähnt, in der er gebeten wurde, in dem Streit zwischen den Clans der Quraisch über die ehrenvolle Aufgabe zu schlichten, den Schwarzen Stein wieder an seinen Platz zu setzen. Es standen ihm mehrere Möglichkeiten offen. Er hätte für seinen eigenen Clan, den Clan der Haschim, argumentieren können, damit dieser die ehrenvolle Aufgabe übernahm, da die Haschimiten der angesehenste Clan waren. Er hätte zugunsten des Clans oder der Clans entscheiden können, die wenig mit der Ka[bah und der Pilgerfahrt zu tun hatten. Eine solche Entscheidung hätte ihnen etwas gegeben, womit sie ihre Stellung verbessern konnten. Er hätte eine neutrale Person auswählen oder für seine eigene Neutralität eintreten können. Nichts davon tat er. Vielmehr erkannte er, dass die Situation ein Höchstmaß an Fairness verlangte, und entschied sich für ein Urteil, bei dem alle Clans gleichberechtigt beteiligt waren. Das war ein Urteil vollkommener Gerechtigkeit: die Verwirklichung des Rechten. Nach der Prophetenschaft war Muhammad der Richter in allen Streitigkeiten innerhalb der muslimischen Gemeinschaft sowie zwischen Muslimen und Nichtmuslimen. Er erklärte allen Betroffenen, dass er nur auf der Grundlage der ihm vorgelegten Beweise urteilen könne: „Jeder von euch“, warnte er, „kann scheinbar stärkere Beweise vorbringen, und ich würde zu seinen Gunsten urteilen. Er soll bedenken: Wenn ich ihm etwas gebe, das seinem Bruder rechtmäßig gehört, gebe ich ihm damit nur ein Stück Höllenfeuer. Er kann wählen, ob er es nimmt oder lässt.“5 Für einen Gläubigen ist dies eine sehr eindringliche Warnung, da sie den Betroffenen Verantwortung auferlegt. Sie sollten wissen, ob sie einen berechtigten Anspruch haben oder nicht; wenn sie Zweifel haben, sollten sie Aufklärung suchen. Auf diese Weise setzte der Prophet einen hohen Maßstab der Verantwortung und ließ alle Menschen daran teilhaben, damit Recht und Gerechtigkeit verwirklicht werden konnten. In vorislamischer Zeit war Muhammad sehr darauf bedacht, allen gegenüber fair zu sein. Wenn er zur Schlichtung aufgefordert wurde, entschied er gerecht für alle, denn das Rechte verlangt Fairness. Als er Gesandter Gottes wurde, hob er dies auf einen noch höheren Maßstab. Ein Beispiel betrifft die jüdischen Gemeinschaften in Medina. Wie im vorigen Kapitel dargelegt, waren die Juden über den Islam sehr unglücklich und versuchten mit jeder Methode, die muslimische Gemeinschaft zu untergraben. Sie brachen ihren Vertrag mit dem Propheten und stellten sich auf die Seite seiner Feinde. Wenn es jedoch darum ging, Fälle zu beurteilen, in die Juden verwickelt waren, gab der Prophet ein klares Beispiel für die Sicherung der Gerechtigkeit. In einem Fall stahl jemand einem anderen einen Schutzpanzer. Beide gehörten zu den Ansar, doch offenbar wurde der Dieb der Heuchelei verdächtigt. Als die Beweise auf den wirklichen Dieb hinwiesen, versteckte er den gestohlenen Panzer heimlich im Haus eines jüdischen Nachbarn. Dann bat er seine Verwandten, dem Propheten zu sagen, sie hätten den gestohlenen Panzer im Haus des Juden gesehen. Das taten sie, und der Prophet wies den Ankläger zurecht. Der Prophet empfing jedoch koranische Offenbarungen, die ihm die Tatsachen mitteilten. Diese wurden in den Versen 105–113 der Sure 4 („Die Frauen“) aufgezeichnet. Was würde irgendein Herrscher in einer solchen Lage tun, in der der beschuldigte Feind unschuldig und der unverdächtigte Freund schuldig ist? Betrachten wir das Argument dafür, die Angelegenheit so zu belassen, wie sie zu sein schien, wobei die materiellen Beweise auf den Juden als Dieb deuteten, da der gestohlene Panzer in seinem Haus gefunden worden war. Sayyid Qutb schreibt: Hätten menschliche oder weltliche Maßstäbe oder Erwägungen im islamischen Gesetz und bei seiner Umsetzung den Ausschlag gegeben, hätte es mehrere Gründe gegeben, die ganze Angelegenheit zu übergehen. Man hätte eine Vertuschung inszenieren können, und die Wahrheit hätte nicht auf eine Weise ans Licht gebracht werden müssen, die einem Skandal nahekam. Der erste und deutlichste Grund war, dass der Beschuldigte selbst ein Jude war, der einer jüdischen Gemeinschaft angehörte, die mit allen ihr zur Verfügung stehenden Waffen einen erbitterten Kampf gegen den Islam führte. Die Muslime jener Zeit litten sehr unter den bösen Plänen der Juden. [Gott hat bestimmt, dass die Muslime zu allen Zeiten sehr unter den Juden leiden sollen!] Jene Juden in Medina ließen sich nicht von Erwägungen des Rechts oder der Gerechtigkeit zurückhalten. In ihrem Umgang mit der muslimischen Gemeinschaft wandten sie keinen moralischen Maßstab an. Ein weiterer Grund ergibt sich daraus, dass die Angelegenheit unmittelbar eine Gruppe der Ansar betraf, die Muslime von Medina, die dem Propheten und seinen mekkanischen Gefährten Zuflucht, Unterstützung und Schutz gewährt hatten. Ein solcher Vorfall hätte leicht große Uneinigkeit und Hass zwischen ihren verschiedenen Gruppen hervorrufen können. Die Beschuldigung eines Juden hätte jede Möglichkeit einer Spaltung unter ihnen verhindert. Ein dritter Grund für die Billigung einer Vertuschung wäre gewesen, dass man dadurch vermieden hätte, den Juden in Medina weitere Waffen zu liefern, mit denen sie die Ansar angreifen konnten. Eine Aufdeckung hätte den Juden erlaubt, die Ansar zu beschuldigen, einander zu bestehlen und dann die Juden wissentlich und fälschlich ihrer eigenen Verbrechen zu bezichtigen. Die Juden hätten eine solche Gelegenheit gewiss nicht verstreichen lassen.6 Ohne zu zögern erklärte der Prophet den Juden für unschuldig. Ihn kümmerten keine der Erwägungen, die Menschen zugunsten einer Vertuschung beeinflusst hätten. Ihm ging es um die Verwirklichung von Recht und Fairness. Er prägte allen seinen Gefährten ein, dass Ungerechtigkeit zum Untergang sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft führen würde, weil Gerechtigkeit das Recht begründet und die Gemeinschaft stärkt. Wir sehen deutlich, wie das Streben nach dem Rechten Muhammad schon lange vor dem Aufkommen des Islam dazu führte, in seinem Urteil fair zu sein, und wir sehen, wie ihn das Streben nach Rechtschaffenheit unter dem Islam dazu brachte, Gerechtigkeit auf einen überlegenen Maßstab zu heben. Das Streben nach dem Rechten scheint etwas zu sein, das Muhammad schon von frühester Kindheit an innewohnte. Dies wird in dem Bericht über seine Begegnung mit einem christlichen Mönch in Syrien deutlich, als er noch ein zwölfjähriges Kind war. Der Bericht ist in den Quellen der islamischen Geschichtsschreibung weit verbreitet, doch seine Zuverlässigkeit lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit feststellen. Mehrere Orientalisten betrachten ihn als ein wichtiges Beweisstück und als Beleg für ihre Behauptung, Muhammad habe christliche Geistliche getroffen und von ihnen gelernt. Wir müssen diese Behauptungen hier nicht erörtern, außer festzustellen, dass ihre Beweisführung schwach bleibt, wenn dies ihr Beleg ist. Der fragliche Bericht besagt, dass Muhammad im Alter von zwölf Jahren sich an seinen Onkel Abu Talib klammerte, als dieser gerade im Begriff war, mit einer Handelskarawane zu einer Geschäftsreise nach Syrien aufzubrechen. Abu Talib, ein gutherziger Onkel, nahm seinen geliebten Neffen mit. Der Weg der Karawane führte nahe an der Einsiedelei von Bahira vorbei, einem christlichen Mönch, der die Karawanenleute zum Essen einlud. Während er sie bediente, blickte er immer wieder zu Muhammad. Dann nahm er ihn beiseite und befragte ihn über sich selbst. Anschließend fragte er ihn unter Berufung auf al-Lat und al-[Uzza, zwei der wichtigsten arabischen Götzen. Muhammad unterbrach ihn und sagte: „Frag mich nicht unter Berufung auf al-Lat und al-[Uzza, denn ich hasse nichts so sehr wie sie.“ Bahira formulierte seine Frage neu und berief sich dabei auf Gott, worauf Muhammad ihm normal antwortete. Nach diesem Gespräch fragte Bahira Abu Talib, in welchem Verhältnis Muhammad zu ihm stehe. Als dieser bestätigte, dass Muhammads Vater vor seiner Geburt gestorben war, sagte Bahira zu Abu Talib, er solle besonders auf seinen Neffen achten, da insbesondere die Juden ihm schaden könnten. Der entscheidende Punkt ist hier der Hass, den ein Zwölfjähriger gegenüber den von seinem Volk verehrten Götzen zum Ausdruck brachte: Diese Haltung beruhte nicht auf irgendeinem religiösen Grundsatz. Damals hatte Muhammad keinerlei religiöse Unterweisung erhalten, abgesehen von dem, was man in Mekka kannte, einer sehr niedrigen Form des Götzendienstes. In Mekka gab es einige Menschen, die den Götzendienst ablehnten, doch keiner von ihnen zeigte eine Neigung, eine neue Religion zu verkünden. Selbst diejenigen, deren Ablehnung des Götzendienstes bekannt war und über die berichtet wurde, suchten entweder noch nach einem besseren Glauben, wie Waraqah ibn Nawfal, oder waren sehr jung, wie Zayd ibn [Amr. Dies war eine instinktive Abneigung, die vielleicht auf der persönlichen Beobachtung beruhte, dass jene Gottheiten nichts weiter als von Menschen gemachte Statuen waren. Die Ablehnung des Götzendienstes blieb Muhammad sein ganzes Leben lang erhalten. Er war erwachsen, als sich der in Kapitel 1 berichtete Vorfall mit dem Götzen Buwabah ereignete. Da er von seiner ganzen Familie geliebt wurde, gab er dem Druck seiner Tanten nach und ging zum Fest dieses Götzen, weil es seiner Familie viel bedeutete. Wann immer er sich einem Götzen näherte, wurde ihm gesagt, er solle sich von ihm fernhalten. Das ist ein Aspekt des göttlichen Schutzes vor allem, was mit heidnischer Verehrung zu tun hat. Noch wichtiger ist hier seine Weigerung, trotz des Drucks seiner Tanten, daran teilzunehmen, Jahr für Jahr nicht zu diesem Fest zu gehen. Dies zeigt uns, dass er von der Verehrung solcher Götzen völlig nicht überzeugt war, da sie seinem Maßstab dessen, was richtig war, nicht entsprach. Für ihn waren diese Götzen nutzlose Gegenstände, von Menschen gemacht, von Menschen aufgestellt und von Menschen verehrt: Für Muhammad, der stets nach dem Rechten suchte, war dies absurd. Dies sind nur zwei Beispiele aus einem Leben, in dem er sich stets vom Götzendienst fernhielt. Zu keinem Zeitpunkt seines Lebens vor der Prophetenschaft wandte sich Muhammad an eine der von seinem Volk verehrten Gottheiten. Er berührte keine von ihnen und suchte auch bei keiner ihren Segen. Er entzog sich einfach der primitiven Religion seines Volkes und lehnte sie vollständig ab. Wenn wir Muhammads Leben vor der Prophetenschaft untersuchen, sehen wir einen Mann, der seiner Familie ergeben war. Wenn er geliebte Menschen verlor, trauerte er leidenschaftlich; wenn er im Haus seines Onkels war, war sein Umgang mit der Familie von Fürsorge geprägt; als er zwölf Jahre alt war, klammerte er sich beim Aufbruch an seinen Onkel, weil er ihn nicht einmal für einige Wochen verlieren wollte; als er heiratete, war er ein vorbildlicher Ehemann und Vater. Er nahm an allem Edlen teil, was seine Familie und sein Clan taten, einschließlich des Kampfes an der Seite seiner Onkel. Er beteiligte sich an dem Bündnis zur Beseitigung von Unrecht. Wenn wir sehen, wie sehr er in seine Familie und seinen Clan eingebunden war, fragen wir uns, welchen Grund er gehabt haben könnte, sich religiösen Festen fernzuhalten, denen seine Familie große Bedeutung beimaß. Der einzige Grund dafür ist, dass diese Verehrung seinem Wahrheitsgefühl und seinem eifrigen Streben nach dem Rechten widersprach. Als Muhammad Mitte dreißig war, begann er, die Einsamkeit als Zuflucht vor den abstoßenden Seiten des Lebens in Mekka zu suchen: vor seinem Götzendienst und seiner lockeren Moral. Er ging zu einer Höhle auf dem Berg Hira’, einige Kilometer außerhalb von Mekka, und blieb dort mehrere Tage in einer Art Gottesverehrung, die keine bekannte Form oder Ordnung hatte. Die Höhle war klein und völlig abgeschieden, mit Platz für nur eine Person zum Stehen, Sitzen oder Liegen. Vom Eingang aus konnte man die Ka[bah durch eine kleine Öffnung am anderen Ende deutlich in der Ferne sehen. Vor der Höhle lag eine kleine offene Fläche, die durch zwei große Felsmassen auf zwei Seiten vor der Sonne geschützt war, während die vierte Seite völlig offen blieb und eine leichte, erfrischende Brise hereinließ. Dort blieb Muhammad mehrere Tage in völliger Hingabe. Der arabische Begriff für diese Form der Hingabe ist tahannuth, was „Selbstreinigung“ bedeutet. Der Prophet sagte uns nicht, welche Art von Gottesverehrung er in jenen Tagen praktizierte. Der Koran teilt uns jedoch mit, dass er vor dem Augenblick, in dem der Engel zu ihm mit der ersten Offenbarung kam, niemals erwartet hatte, Offenbarungen aus der Höhe zu empfangen.7 Außerdem heißt es darin, dass er niemals ein Buch gelesen hatte und auch nicht mit seiner Hand schreiben konnte.8 Während dieser Zeit hatte Muhammad keine klare Vorstellung von Gott. Wie einer jener Menschen, die einer Religion folgen wollten, die eine klare Sicht vermittelte, pflegte Zayd ibn [Amr Gott anzurufen und zu sagen: „Mein Herr, ich kenne keine richtige Art, dich zu verehren.“ Wahrscheinlich hätte Muhammad zu jener Zeit dasselbe gesagt. Einige muslimische Historiker sagen, dass Muhammad vor der Prophetenschaft nach der Religion Abrahams verehrte. In vorislamischer Zeit waren die Araber stolz darauf, durch seinen Sohn Ismael von Abraham abzustammen. Die Religion, der ihre Vorfahren, wie der Prophet Ismael sie gelehrt hatte, gefolgt waren, war jedoch so unklar geworden, dass nur einige primitive Aspekte von ihr fortbestanden, vor allem im Zusammenhang mit der Pilgerfahrt. Selbst die Riten der Pilgerfahrt waren stark entstellt worden. Sie glaubten weiterhin an Gott als den Schöpfer der Himmel und der Erde, doch für sie war Gott fern. Daher glaubten sie, sie müssten Gottheiten und Götzen verehren, die sie Gott näherbringen würden.9 Was wir daher unter der Aussage verstehen, dass Muhammad in jenen Tagen der Einsamkeit nach der Religion Abrahams verehrte, ist, dass er seine Hingabe an Gott, den Schöpfer der Himmel und der Erde, richtete. Er hatte jedoch keine klare Vorstellung von Gott oder davon, wie man Ihn verehren sollte. Seine Hingabe war lediglich der Versuch, durch Einsamkeit und Betrachtung zu einer besseren Vorstellung zu gelangen. Daher betrachten wir seine Zeiten der Einsamkeit, die in seinen späten Dreißigern häufiger wurden, als mit seinem Streben nach dem Rechten übereinstimmend. Er suchte nach einem richtigen Verständnis der Stellung des Menschen und des Lebens. Während einer dieser Zeiten der Einsamkeit kam der Engel zum ersten Mal zu ihm, wie in Kapitel 1 berichtet. Dies war seine erste Verbindung mit dem Bereich jenseits der sichtbaren Welt. Kein Mensch ist jemals auf einen solchen Kontakt vorbereitet; daher zitterte Muhammad und empfand Furcht. Er wusste weder, welcher Art der Kontakt war, noch was für ein Engel ihm begegnet war. Er konnte nichts darüber sagen. Dies erklärt seine eilige Flucht nach Hause und seine Bitte an seine Frau, ihn zu bedecken und in etwas Warmes einzuwickeln. Die Beruhigungsworte seiner Frau gaben ihm jedoch keine Gewissheit; wie hätte er gewiss sein können, da auch sie von der Sache nichts wusste? Ihre Zusicherungen gründeten dennoch auf der Tatsache, dass er von edlem Charakter war. Sie sagte zu ihm: „Du bist gütig zu deinen Verwandten; du hilfst den Schwachen; du bist großzügig zu den Armen; du empfängst Gäste.“10 Sie sagte auch, dass er stets die Wahrheit spreche. Sie fügte hinzu, dass ein Mensch mit solchen Eigenschaften von Gott niemals im Stich gelassen werden könne. Muhammad war mit der Beruhigung seiner Frau nicht zufrieden, da sie lediglich ein logisches Argument war und er mehr wollte. Daher ging er mit seiner Frau zu Waraqah ibn Nawfal, einem Vetter von ihr. Waraqah war ein alter blinder Mann, der auf der Suche nach dem richtigen Glauben weit gereist war. Er war zum Christentum übergetreten und mit der Bibel sehr vertraut. Waraqah hörte sich jedes Detail der Begegnung mit dem Engel an, bevor er sein Urteil fällte: „Du bist dem Erzengel begegnet, der zum Propheten Moses zu kommen pflegte.“ Waraqah sagte ihm auch, dass er der Gesandte sein werde, der in allen göttlichen Schriften angekündigt worden war. Er erklärte ferner, dass Muhammads Aufgabe schwierig sein werde und dass sein Volk ihn vertreiben werde: „Ich wünschte, ich wäre dann noch am Leben, denn ich würde dir gewiss unverbrüchliche Unterstützung geben.“11 Den Berichten zufolge traf Waraqah ihn in den folgenden Tagen mehr als einmal und sprach ihm Mut zu. Doch Waraqah sollte bald sterben. Hier sehen wir einen Mann, der eine einzigartige Erfahrung gemacht hatte, wie sie niemandem unter seinem Volk bekannt war. Seit Ismael gab es unter den Arabern keine Überlieferung von einem Propheten. Daher musste die Wahrheit der Angelegenheit ermittelt werden, und genau das war der Zweck jener Treffen mit Waraqah. Von ihm, einem menschlichen Gelehrten mit starkem Interesse an der Religion, hatte Muhammad einen gewissen Einblick in die Prophetenschaft erhalten. Dadurch konnte er die Zusicherungen, die der Engel bei den folgenden Besuchen gab, besser verstehen, und bald wurde die Wahrheit erkannt. Daher beruhigte die nächste Offenbarung Muhammad hinsichtlich der Zukunft, wies ihn jedoch darauf hin, dass er sich auf die ihm übertragene, schwierige Aufgabe vorbereiten müsse. Er konnte sich darauf nur durch lange Stunden der Hingabe und des Gebets während der Nacht vorbereiten: O du Verhüllter! Stehe nachts im Gebet, bis auf einen kleinen Teil davon, die Hälfte davon oder etwas weniger, oder füge etwas hinzu. Trage den Koran ruhig und deutlich vor. Wir werden dir eine gewichtige Botschaft auferlegen. Die Stunden der Nacht sind am stärksten im Schritt und am aufrichtigsten im Wort. Während des Tages hast du eine lange Reihe von Dingen zu erledigen. Darum gedenke des Namens deines Herrn und widme dich Ihm ganz und gar. Er ist der Herr des Ostens und des Westens. Es gibt keine Gottheit außer Ihm. Nimm Ihn zu deinem Beschützer (73: 1–9) Der Prophet folgte dem: Ein ganzes Jahr lang stand er jede Nacht viele Stunden im Gottesdienst. Er wusste, dass dies seine Pflicht war, und dies gab ihm weitere Beruhigung. Er erkannte, dass ihm eine schwierige Aufgabe übertragen worden war, die die Menschheit in den wichtigsten Fragen der Religion und der Verehrung auf den richtigen Weg bringen würde. Dies war die absolute Wahrheit, die ihn aus der richtigen Quelle erreichte, von Gott, dem Allmächtigen. Er musste nun nicht länger nach dem Rechten suchen, da er es für den Rest seines Lebens in jeder Situation erkennen würde.

KAPITEL 4

der Bedarf an einer göttlichen Botschaft Der Engel kam, als Muhammad sich in der Höhle des Berges Hira’ zurückgezogen hatte, und sagte ihm, er solle die ersten fünf kurzen Verse des Qur’an lesen. Muhammads Prophetentum begann in dem Augenblick, in dem er diese ersten Offenbarungen empfing. Wie andere Gelehrte definiert Imam Ibn Hazm das Prophetentum als den Erwerb von Wissen, das absolut gewiss ist und nicht durch menschliches Bemühen oder Erfahrung erlangt werden kann. Ein solches Wissen kann nur von Gott verliehen werden, und Er gibt es nur jenen Seinen Dienern, die Er zu Propheten erwählt. Einigen Propheten können göttliche Botschaften gegeben werden, die sie dann den Menschen übermitteln, an die sie gerichtet sind. Wenn einem Propheten keine eigene Botschaft gegeben wird, arbeitet er mit der Botschaft eines früheren Gesandten. Die Kinder Israels hatten zahllose Propheten, doch die Gesandten unter ihnen waren wenige. Moses und Aaron sind vielleicht die deutlichsten Beispiele dafür. Gott erwählte Moses, die in der Tora enthaltene Botschaft zu übermitteln, während Aaron ein Prophet war, der mit der Botschaft des Moses wirkte. Im Qur’an werden einige von Gottes Gesandten namentlich erwähnt, doch Gott erklärt, dass Er auch Gesandte sandte, von denen Er uns nicht erzählt hat. Den Propheten ansprechend, sagt Er im Qur’an: „Wir sandten schon vor dir Gesandte. Von einigen haben Wir dir berichtet, von anderen haben Wir dir nicht berichtet.“ (40: 78) Kurz nach dem Beginn seiner Offenbarungen wurde Muhammad zu Gottes Gesandtem, als Gott ihm die Verse offenbarte: „O du Bedeckter, steh auf und warne“ (74: 1–2).1 Dies bedeutete, dass der Prophet den göttlichen Glauben gemäß der Botschaft verkünden würde, die er empfangen sollte. Was von den früheren göttlichen Botschaften unversehrt geblieben war, also frei von 1 Der Anfang dieser Sure wurde sehr früh in der Sendung des Propheten offenbart. Es ist wohlbekannt, dass der Qur’an nicht in chronologischer Reihenfolge angeordnet ist. Tatsächlich sind die ersten ihm offenbarten Qur’anverse jene am Anfang der Sure 96. Verzerrung, würde durch die neue Botschaft bestätigt oder berichtigt werden. In allen früheren Fällen wurden Gottes Gesandte zu ihren eigenen Völkern geschickt; sie sprachen deren Sprachen und riefen sie dazu auf, an Gott zu glauben und ihr Leben gemäß den ihnen übermittelten Botschaften zu führen. Der Prophet wurde zu Gottes letztem Gesandten erklärt, und seine Botschaft war die letzte, die Gott der Menschheit geben würde. Aus diesem Grund ist seine Botschaft in einem Buch enthalten – dem Qur’an –, dessen unverfälschte Bewahrung Gott für alle Zeit garantiert hat. Dass die Menschheit immer einer göttlichen Botschaft bedarf, steht außer Zweifel, und dies hängt eng mit dem Zweck der Erschaffung des Menschen zusammen. Nach der Lehre aller Propheten und Gesandten Gottes übernimmt der Mensch die Aufgabe, ein tugendhaftes Leben auf der Erde aufzubauen. Als der Prophet Salih sein Volk aufforderte, allein Gott anzubeten, sagte er zu ihnen: „Er hat euch aus der Erde hervorgebracht und euch auf ihr angesiedelt.“ (11: 61) Mit der Ansiedlung kommen Fortschritt und die Entfaltung des Schönen und Nützlichen, wie das arabische Äquivalent ista[marakum, das in diesem Qur’anvers verwendet wird, andeutet. Wenn wir unsere Stellung im Universum betrachten, wird deutlich, dass wir uns trotz all der Entdeckungen und Fortschritte, die wir im Laufe der Jahrhunderte gemacht haben, nur innerhalb eines begrenzten Bereichs bewegen können und unsere Fähigkeiten endlich sind. Der Mensch hat stets gespürt, dass es jenseits davon eine gewaltige Welt gibt, und das Bemühen, sie zu erreichen und ihre Geheimnisse zu entdecken, hat seine Forschung, seine wissenschaftlichen Bestrebungen, philosophischen Theorien, Gedichte und Romane angeregt. Dies hat jeden vom Menschen erzielten Fortschritt hervorgebracht. Doch selbst diejenigen, die die aufregendsten Entdeckungen machen, erkennen als Erste an, dass sie nur an der Oberfläche kratzen und dass es noch sehr viel mehr gibt. Dies gilt für die menschliche Natur, die Psychologie, Gefühle und Emotionen ebenso wie für die materielle Welt um uns herum. Wenn wir mit der materiellen Welt umgehen, können wir Fehler machen. Doch wir können unsere Methoden stets überarbeiten und unsere Irrtümer korrigieren. Nicht so einfach ist die Lage, wenn wir Gefühle, Emotionen und die menschliche Natur regeln. Ein kleiner Fehler in diesen Bereichen könnte weitreichende schädliche Folgen haben. Das Bedürfnis, solche Folgen durch die Korrektur eines anfänglichen Fehlers abzuwenden, stößt oft bei einem Teil der Bevölkerung auf Widerstand, weil jede menschliche Situation positive und negative Seiten hat. Diejenigen, die von ihren positiven Seiten profitieren, werden sich – verständlicherweise – der Veränderung widersetzen. Außerdem gehen wir bei dem Versuch, solche Folgen zu korrigieren, oft zu weit in die entgegengesetzte Richtung, sodass nach einiger Zeit eine weitere Korrektur erforderlich wird. Hätte es von Anfang an eine richtige Führung gegeben, hätten viele Fehler der Gesellschaft vermieden werden können. Betrachten wir beispielsweise die sexuelle Moral in der westlichen Gesellschaft und ihre Entwicklung während der letzten zwei Jahrhunderte, so stellen wir fest, dass das neunzehnte Jahrhundert strenge Werte anwandte. Die erste Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts erlebte zwei Weltkriege, durch die fast die gesamte Strenge beseitigt wurde. Nachdem die Antibabypille als sicher eingestuft worden war, wurde die sogenannte „sexuelle Revolution“ der 1960er-Jahre als Befreiung von willkürlichen Wertvorstellungen gefeiert. Geistige Auseinandersetzungen, in denen die Werte des neunzehnten und des zwanzigsten Jahrhunderts auf diesem Gebiet verglichen wurden, neigten dazu, die früheren strengen Ansätze als heuchlerisch abzutun: Man nahm an, dass die damalige Bevölkerung nicht wirklich an strenge Werte glaubte, sondern von der Gesellschaft gezwungen wurde, den Schein zu wahren. Jedes Argument, dass die Literatur jener Zeit ein solches Urteil nicht stütze, wird gewöhnlich mit dem Hinweis beantwortet, Romanautoren und Dramatiker hätten Selbstzensur üben müssen, damit ihre Werke nicht verboten würden. Andererseits hat sich die westliche Gesellschaft so weit von den damaligen Werten entfernt, dass sich manche fragen mögen, ob das, was heute noch inakzeptabel ist, in Zukunft akzeptabel sein könnte. In den letzten Jahren hat der wissenschaftliche Fortschritt einige sehr schwierige ethische Fragen aufgeworfen, insbesondere im Hinblick auf Gentechnik sowie medizinisch unterstützte Empfängnis und Schwangerschaft. Die menschliche Gesellschaft bemüht sich intensiv um befriedigende Antworten auf Fragen wie die folgenden: Wem steht rechtmäßig das Kind zu, das von einer Leihmutter geboren wurde? Wenn eine Frau mit einem Ehepaar vereinbart, ein Baby auszutragen, das durch künstliche Befruchtung entstanden ist, sich später aber bei der Geburt entschließt, das Kind zu behalten, reicht es dann aus, wenn sie dem Paar jede Gebühr zurückerstattet, die es ihr im Voraus gezahlt haben mag? Wie bindend ist ein solcher Vertrag? Ist es richtig, mithilfe von Reagenzglastechniken einer älteren Frau bei der Empfängnis zu helfen, wie in dem jüngsten Fall, in dem eine neunundsechzigjährige Frau durch künstliche Befruchtung ein Kind gebar? In welchem Ausmaß kann Gentechnik eingesetzt werden, um Ehepaaren eine Wahl des Geschlechts und der Eigenschaften ihres künftigen Kindes zu ermöglichen? Wie steht es mit medizinisch unterstütztem Suizid: Ist es richtig, unheilbar kranken Menschen dabei zu helfen, ihr Leben zu beenden, wenn sie dies wünschen? In solchen Fragen ist es schwierig zu bestimmen, in welchem Umfang die menschliche Gesellschaft auf der Grundlage von Versuch und Irrtum vorgehen kann. Wenn die schädlichen Folgen von Versuchen in einem bestimmten Bereich schwerwiegend und nur schwer zu beheben sind, kann dies bedeuten, dass Menschen ernsthaften Problemen ausgesetzt werden, die ihnen erspart geblieben wären, wenn eine angemessene Führung verfügbar gewesen wäre. Wir brauchen Führung, um Gefahrenbereiche zu vermeiden und ein einigermaßen glückliches Leben zu führen. Da menschliche Erfahrung diese Führung nicht geben kann, ist die einzige uns verfügbare Quelle der Schöpfer: Er kennt Seine Schöpfung und kann bestimmen, was uns nützt oder schadet. Göttliche Führung ist uns gegeben worden, seit die Menschheit ins Dasein kam. Sie wird auf zwei Wegen vermittelt: Der erste ist die menschliche Natur, wenn sie gesund und nicht durch negative Einflüsse verdorben ist, und der zweite sind die Propheten. Diese beiden wirken zusammen, denn die von den Propheten verkündete Botschaft stärkt die Anlagen der menschlichen Natur und sorgt dafür, dass sie auf dem richtigen Weg bleibt. Wir müssen uns hier erneut an die Definition des Prophetentums erinnern: den Erwerb von Wissen, das absolut gewiss ist und nicht durch menschliches Bemühen oder Erfahrung erlangt werden kann. Gott ist nach dem Islam der Schöpfer des Universums und alles dessen, was existiert. Er ist absolut, fürsorglich und barmherzig. Sein Wissen ist vollkommen und umfasst alles. Um Gottes Wissen zu würdigen, können wir sagen, dass es vollkommen und unabhängig von Zeit und Ort ist. Mit anderen Worten: Durch kein Ereignis im Universum kommt etwas zu ihm hinzu. Wir können nicht sagen, dass es einen Zeitpunkt gab, an dem Gott etwas nicht wusste und es dann erlernte; das trifft auf Gott nicht zu. Somit ist Gott die einzige Quelle, die uns eine vollkommene und auf das menschliche Leben anwendbare Führung geben kann. Er hat dies durch die Botschaften getan, die Seine Gesandten übermittelt haben. Leben nach dem Tod Eine Frage, die die Menschheit ständig beschäftigt hat, ist, was nach unserem Tod mit uns geschieht. Der Standpunkt der göttlichen Religion ist, dass wir zu einem zweiten, ewigen Leben auferweckt werden, in dem wir für das, was wir in diesem Leben tun, Rechenschaft ablegen müssen und reich belohnt werden, wenn unsere guten Taten unsere schlechten überwiegen. Jene Menschen, deren schlechte Taten ihre guten bei Weitem übertreffen, werden von Gott gerichtet: Er wird entscheiden, ob Er ihnen vergibt oder sie bestraft. Dieses göttliche Urteil wird die Menschen in den Himmel oder in die Hölle führen, wie Gott in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit es als gerecht bestimmt. Er ist niemals ungerecht zu irgendjemandem, und Seine Vergebung kann vollständig sein. Er vergibt alle Sünden, auch sehr schwere, mit der einzigen Ausnahme, Ihm irgendwelche Partner zuzuschreiben. Daher werden alle, die an Gottes Einheit glauben, Seine Botschaft annehmen und in diesem gegenwärtigen Leben gute Taten tun, gewiss Gottes Vergebung ihrer Sünden erhalten und für ihre guten Taten belohnt werden. Da unser gegenwärtiges Leben begrenzt und von kurzer Dauer ist, während das zweite Leben ewig ist, liegt es nahe, dass jeder sich auf Letzteres vorbereiten sollte, indem er in diesem Leben an Gott glaubt und gute Werke tut. Wenn die Menschen diesen Ruf annehmen und sich danach richten, wirkt sich sein Nutzen stark auf das menschliche Leben auf der Erde aus. Menschen, die Gutes tun, werden von ihren Mitmenschen geliebt und geachtet, weil sie ihrer Gemeinschaft nützen. Dies bedeutet, dass der von der göttlichen Religion geförderte Weg starke und positive Auswirkungen auf unser gegenwärtiges Leben haben und zugleich das Glück im kommenden Leben sichern wird. Hier können einige Fragen aufkommen: Wie können wir sicher sein, dass es ein zweites Leben gibt? Welchen Beweis haben wir dafür? Menschen kehren nach ihrem Tod nicht zurück, um uns zu sagen, was geschieht, nachdem sie unsere Welt verlassen haben; wie können wir also mit Gewissheit über das Jenseits sprechen? Der Beweis liegt in der Tatsache, dass Gott gerecht ist und nicht zulassen wird, dass Ungerechtigkeit triumphiert. Im menschlichen Leben gibt es viel Ungerechtigkeit, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Fälle von Ungerechtigkeit finden sich überall: der Herr, der seine Diener schlecht behandelt; der Arbeitgeber, der für äußerst gewinnbringende Arbeit geringe Löhne zahlt; die multinationalen Unternehmen, die gewaltige Gewinne anhäufen, während sie ihre Arbeitskräfte in der Dritten Welt unterhalb der Armutsgrenze halten; der Ehemann, der seine Frau schlägt; die Eltern, die ihre Kinder misshandeln; und der Diktator, der die gesamte Bevölkerung eines Landes tyrannisiert. Die Zahl der Ungerechtigkeiten in einem Dorf, einer Kleinstadt, einer Stadt oder einem Land ist unermesslich. Dennoch ist Gott gerecht und lässt nicht zu, dass Ungerechtigkeit unbestraft bleibt. Ungerechte Zustände sind in der Welt um uns herum verbreitet, und wenn sich eine ungerechte Situation entwickelt, werden gewöhnlich Versuche unternommen, sie zu korrigieren. Wäre unser Leben ein Selbstzweck, wären diese Versuche erfolgreich, und alle Unrechtmäßigkeiten würden in ihm berichtigt. Der Mensch ist das kostbarste aller Geschöpfe in unserer Welt. Daher sollten Situationen, die menschliches Leid in der Gesellschaft verursachen, von vornherein verhindert und, wenn sie auftreten, berichtigt werden. Viele bleiben jedoch ungelöst, sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Es ist daher logisch zu folgern, dass weder Gottes Schöpfungsordnung noch Seine Gerechtigkeit eine solche Unvollkommenheit in einem vollkommen entworfenen Lebenssystem zulassen würden. Deshalb ist ein zweites Leben notwendig, in dem die Gerechtigkeit vollständig verwirklicht wird. Dies ist es, was die göttliche Religion seit der Erschaffung des Menschen versprochen hat. Es wird im Qur’an, der die islamische Botschaft verkörpert, in den klarsten Worten dargelegt. Wenn wir außerdem das Leben in unserer Welt betrachten, stellen wir fest, dass unzählige Gleichgewichte zusammenwirken müssen, damit das Leben fortbestehen kann. Würde eines dieser Gleichgewichte auch nur geringfügig gestört, könnten verhängnisvolle Folgen sowohl für den Menschen als auch für die Umwelt entstehen. Solche abgestimmten Gleichgewichte können nicht von selbst entstanden sein; vielmehr sind sie das Ergebnis von Gottes feinem Entwurf und der vollkommenen Abstimmung der Welt, in der wir leben. Diese Feinabstimmung und dieses Gleichgewicht gelten auch für das gesamte Universum. Es ist unwahrscheinlich, dass der Schöpfer einen derart vollkommenen Entwurf geschaffen haben sollte, nur um ihn dann aufzugeben und die Welt ohne jedes Eingreifen sich selbst regulieren zu lassen. Das wäre wie ein Maschinenbauingenieur, der eine vollkommene Maschine entwirft und sie dann laufen lässt, ohne ihre Wartung zu berücksichtigen. Vielmehr vermittelt Gottes Führung die Einsichten, die der Mensch braucht, um dieses Gleichgewicht zu erhalten. Eine solche Einsicht kann aus keiner anderen Quelle gewonnen werden. Der Mensch ist durch seinen freien Willen von allen Geschöpfen, die in der Welt leben, unterschieden worden. Uns wurde die Fähigkeit gegeben, zu bestimmen, wie wir unser Leben führen. Gewiss werden wir von den Kräften der Natur beeinflusst und haben nur wenig Einfluss auf ihre Kontrolle. Davon abgesehen können wir jedoch in praktisch allen Situationen unsere Handlungsweise wählen. Diese Fähigkeit legt uns eine klare Verantwortung auf: zu wählen, was menschliches Leben und menschlichen Fortschritt fördert und was unsere Umwelt bewahrt und weiterentwickelt. Verantwortung geht Hand in Hand mit Rechenschaftspflicht. Wir sind Gott gegenüber rechenschaftspflichtig, und diese Rechenschaft wird im kommenden Leben eingefordert. Außerdem ist es richtig, dass unsere Aufzeichnung vor Gott offenliegt, denn Er hat uns die Mittel und Werkzeuge gegeben, die Verantwortung zu erfüllen, die Er uns übertragen hat. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Verantwortung unseren eigenen Interessen dient, denn sie verlangt von uns, ein glückliches menschliches Leben auf der Erde aufzubauen und den menschlichen Fortschritt zu fördern. Die letzte Botschaft Gott hat uns Führung in Form einer Botschaft verliehen, die Er uns durch einen menschlichen Gesandten übermittelte, der ein normales Leben inmitten einer gewöhnlichen menschlichen Gesellschaft führte. Diese Botschaft wurde gesandt, um uns dabei zu helfen, unsere Verantwortung zu erfüllen und über unsere Zeit auf der Erde eine gute Rechenschaft abzulegen. Im Laufe der Jahrhunderte sandte Gott viele Gesandte mit Seiner Führung. Sie alle übermittelten dieselbe grundlegende Botschaft, obwohl es Unterschiede in Einzelheiten gab. Alle Religionen verlangten von den Menschen, an Gottes Einheit zu glauben, ihre Gebete zu verrichten und Zakat zu entrichten, also die verpflichtende Almosenabgabe. Dies sind die Säulen des göttlichen Glaubens in all seinen Formen. Sie bilden die Reinheit des Glaubens und beruhen auf der Anerkennung der Stellung des Menschen als Diener Gottes, der sich allein an Ihn im Gebet wendet und gesellschaftliche Zusammenarbeit und Sicherheit aufrechterhält. Ursprünglich wurden Gottes Gesandte jedoch zu ihren eigenen Völkern gesandt und erhielten Botschaften, die nur für ihre jeweiligen Gemeinschaften galten. Als die Menschheit ihre Reife erreicht hatte, war es notwendig, ihr eine Botschaft Gottes vorzulegen, die gleichermaßen für die gesamte Menschheit, für alle künftigen Generationen und überall auf der Welt gelten würde. Diese Botschaft ist im Qur’an verkörpert, Gottes eigenem Wort, das uns durch den Propheten übermittelt wurde, der es vom Engel Gabriel empfing. Wann immer ein Prophet sich an sein Volk wandte und es dazu aufrief, an Gott und den Tag des Jüngsten Gerichts zu glauben, verlangte es von ihm ein Wunder als Beweis für seine Botschaft. Auch die Araber von Mekka forderten vom Propheten solche Wunder. Gott gab früheren Gesandten solche Wunderzeichen: Der Prophet Moses verwandelte seinen Stab in eine schnell bewegliche Schlange, und seine Hand verfärbte sich, wenn er sie an seine Brust legte; der Prophet Jesus heilte den Blinden und erweckte einen Toten wieder zum Leben; und anderen Propheten wurden Wunder gegeben, die zu ihren Völkern und deren Zivilisationsstand passten. Dem Propheten Muhammad wurden keine dieser Wunder gegeben, weil seine Botschaft für die gesamte Menschheit in allen Generationen bestimmt war. Ein Wunder, das eine begrenzte Gruppe von Menschen – so groß sie auch sein mag – zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort sieht, passt nicht zum Rang seiner Botschaft und ihrer universalen Geltung. Der Prophet weist darauf hin, wenn er sagt: Der Bedarf an einer göttlichen Botschaft Jedem Propheten wurden solche Wunderzeichen gegeben, die die Menschen zum Glauben bringen sollten. Was mir gegeben wurde, sind Offenbarungen, die Gott mir verliehen hat. Ich hoffe, am Tag des Jüngsten Gerichts derjenige mit der größten Gefolgschaft zu sein.2 Die Botschaften, die früheren Gesandten gegeben wurden, nahmen unterschiedliche Formen an. Abraham, Moses und Jesus wurden Schriften gegeben, und David wurden die Psalmen gegeben. Der Qur’an beschreibt sowohl die Tora als auch das Evangelium als Schriften, die „Führung und Licht“ enthalten.3 Diese Botschaften erfuhren jedoch Veränderungen und Verzerrungen, die in einigen Fällen dem entgegengesetzt waren, was Gott wollte. Die Menschen fragen oft, warum Gott zugelassen habe, dass sich solche Verzerrungen in Seine Botschaften einschlichen. Der Grund ist, dass Gott diese Botschaften nicht als die letzten bestimmt hatte. Er hat versprochen, Seine letzte Botschaft unversehrt und frei von jeder Verzerrung zu bewahren. Da diese letzte Botschaft an die gesamte Menschheit in allen Generationen gerichtet ist, muss sie die Form eines Buches haben; eine andere Form wäre nicht möglich gewesen. Daher haben wir den Qur’an, Gottes Wort, das bewahrt worden ist und für alle Menschen in seiner ursprünglichen Form verfügbar bleiben wird, frei von jeder Verzerrung gemäß Gottes Garantie. Gelehrte haben gezeigt, wie der Qur’an seit den ersten Tagen der Offenbarung bewahrt wurde. Heute wird der Qur’an überall auf der Welt jeden Tag gelesen, wie es seit dem Abschluss seiner Offenbarung vor über 1400 Jahren der Fall ist. Es gibt absolut keinen Unterschied zwischen handschriftlichen Abschriften, die vor vielen Jahrhunderten angefertigt wurden, und Exemplaren, die heute irgendwo auf der Welt hergestellt werden. Manche Menschen fragen sich, wie eine vor vierzehn Jahrhunderten offenbarte Botschaft heute oder in weiteren tausend Jahren anwendbar sein könne. Es gibt bestimmte Bereiche, die für alle Menschen überall auf der Welt gelten, unabhängig von ihrem Entwicklungsstand, etwa die Beziehung zwischen Mensch und Gott. In diesem Bereich sind die Regeln flexibel festgelegt, sodass die Menschen ihre Zeit und ihren Einsatz ohne Schwierigkeiten an die Anforderungen der Religion anpassen können. Das Gebet ist ein klares Beispiel. Wir verrichten jeden Tag fünf Pflichtgebete. Der für jedes Gebet erlaubte Zeitraum macht es jedoch jedem leicht, diese Gebete zu verrichten, ohne eines zu versäumen. Außerdem gibt es in Notfällen Erleichterungen, die es den Menschen ermöglichen, ihre Pflicht zu erfüllen. In anderen Bereichen, in denen sich die gesellschaftlichen Bedingungen grundlegend verändern, legt die göttliche Botschaft klare Prinzipien und Werte fest, die angewandt werden müssen, und überlässt es den Menschen, ihre Angelegenheiten nach eigenem Ermessen zu führen. So unterscheiden sich beispielsweise die wirtschaftlichen Bedingungen in einer entwickelten Industriegesellschaft stark von denen einer mittelalterlichen Agrargesellschaft. In diesem Bereich verbieten die islamischen Prinzipien Wucher, Ausbeutung und Monopolbildung. Sie verlangen, dass für die Armen gesorgt wird, und richten das Zakat-System ein, um dieser Forderung zu entsprechen. Außerdem müssen Arbeiter und Angestellte ihren Lohn erhalten, sobald er fällig ist. Darüber hinaus legt der Qur’an klare Werte dar, die eingehalten werden müssen. Solange seine Prinzipien und Werte angewandt werden, lässt der Islam den Menschen jedes Recht, ihre Angelegenheiten so zu führen, wie sie es für richtig halten. Der Prophet gab seinen Gefährten dazu eine sehr klare Erklärung: „Ihr kennt eure weltlichen Angelegenheiten am besten.“ Ein menschlicher Gesandter Gott entschied sich nicht dafür, Sein Buch der Führung auf einmal zu offenbaren, damit die Menschen es sorgfältig studieren und dann umsetzen könnten. Stattdessen gab Er uns eine weit bessere Möglichkeit, indem Er uns einen Gesandten sandte, der Seine Botschaft übermittelte und uns lehrte, wie wir sie in die Praxis umsetzen. Der Gesandte war ein Mensch, der wie alle anderen geboren und aufgezogen worden war. Er zeichnete sich nur dadurch aus, dass er der Empfänger von Gottes Botschaft war und besondere persönliche Eigenschaften besaß. Er bewegte sich und führte sein Leben wie ein gewöhnlicher Mensch. Dass Gott einen gewöhnlichen Menschen auswählte, um Seine Botschaft zu übermitteln, ist für die Ungläubigen ein Streitpunkt. Sie fragen sich oft, warum Gott einen gewöhnlichen Menschen statt eines Engels zu Seinem Gesandten erwählte. Dies beruht auf der Vorstellung, dass die Menschen die Bedeutung der Botschaft erkennen und sie annehmen würden, wenn ein Engel sie überbrächte. Ein solches Argument beruht auf der Art und Weise, wie die Menschen ihre eigenen Angelegenheiten regeln. Wenn Staatsoberhäupter Botschaften an ihresgleichen senden, schicken sie den Ministerpräsidenten oder einen Außenminister: Die Identität oder Stellung des Überbringers soll der Botschaft größere Bedeutung verleihen. Göttliche Botschaften beziehen ihre Bedeutung jedoch aus der Tatsache, dass sie von Gott kommen. Eine göttliche Botschaft wird gesandt, damit die Menschen sie in ihrem eigenen Leben umsetzen. Wenn ein Engel damit gesandt würde und den Menschen zeigte, wie sie sie umsetzen sollen, würden die Menschen gewiss behaupten, dass sie für sie nicht anwendbar sein könne, da sie keine Engel seien. Wenn die Menschen eine Sünde begehen, würden sie sagen, dass sie sie nicht vermeiden könnten, weil sie Menschen seien; während Gottes Gesandter die Vermeidung der Sünde leicht fände, weil Engel dazu geschaffen sind, das zu tun, was Gott ihnen befiehlt. Damit eine Botschaft für die Menschen relevant ist, muss sie von einem Mitglied der Gemeinschaft übermittelt werden, an die sie gesandt ist. Eine Botschaft an die Menschheit kann also nur von einem Menschen übermittelt werden. Gott sagt im Qur’an: Nichts hinderte die Menschen daran zu glauben, als die Führung zu ihnen kam, außer dass sie sagten: „Hat Gott etwa einen Menschen als Seinen Gesandten gesandt?“ Sprich: „Wenn es auf der Erde Engel gäbe, die dort in natürlicher Weise lebten, hätten Wir ihnen gewiss einen Engel als Gesandten vom Himmel gesandt.“ (17: 94–95) Menschliche Gesandte übermitteln nicht nur die Botschaft; sie geben auch ein praktisches Beispiel für ihre Umsetzung. Die Menschen werden stets zu ihnen aufblicken, um zu sehen, wie sie Gottes Anordnungen ausführen sollen. Sie werden wissen, dass jedes gegebene Beispiel von ihnen nachgeahmt werden kann. Nichts, was der Gesandte tut, wird außerhalb ihrer Möglichkeiten liegen, denn der Gesandte unterliegt wie sie den menschlichen Begrenzungen. Andererseits steht ein menschlicher Gesandter in voller Wechselwirkung mit der Gemeinschaft und teilt ihre Gefühle, Sorgen, Freuden, Triumphe und Hoffnungen. So können sie die unendliche Gnade würdigen, die Gott ihnen erwiesen hat, indem Er einen von ihnen zu Seinem Gesandten erwählte. Die Botschaft des Islam wurde über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren offenbart, während dessen der Prophet unter seinem Volk lebte, jeden ihrer Schritte lenkte und ihre Lebensweise veränderte. Wenn sie Anleitung brauchten, gab er sie ihnen, und wenn ihnen etwas unklar erschien, beseitigte er bald ihre Ungewissheit. Wenn eine Aufgabe zu schwierig schien, half er ihnen dabei oder zeigte ihnen, wie sie sie ohne Anstrengung bewältigen konnten. Wenn die Dinge ihren Erwartungen zuwiderliefen und es ihnen schwerfiel, das zu tun, was er ihnen aufgetragen hatte, musste er es nur vor ihnen tun, und sie beeilten sich, seinem Beispiel zu folgen. Als beispielsweise der Friedensvertrag von Hudaybiyah geschlossen wurde, verpflichtete er die Muslime, nach Medina zurückzukehren, ohne ihre gottesdienstlichen Handlungen an der Ka[bah in Mekka abzuschließen. Sie hatten sich darauf eingestellt, nach Mekka zu gelangen und dort zu beten, doch der Friedensvertrag verlangte, dass sie zurückkehrten und ihren Besuch in Mekka um ein Jahr verschoben. Der Prophet sagte ihnen, sie sollten an dem Ort, an dem sie sich befanden, ihr Opfertier schlachten und den Weihezustand beenden, damit sie zurückkehren konnten. Sie waren so aufgebracht, dass niemand tat, was ihm aufgetragen worden war. Auf den Rat seiner Frau hin schlachtete der Prophet jedoch sein Opfertier und begann, sich vor ihnen den Kopf zu rasieren. Sofort folgten sie seinem Beispiel. Wann immer die Muslime in jenen gesegneten Jahren auf ein Problem stießen, gingen sie zu Gottes Gesandtem. Wenn er die Antwort wusste, teilte er sie ihnen mit; wenn nicht, wartete er auf die Führung Gottes, die gewöhnlich in Form von Qur’anoffenbarungen kam. Betrachten wir das Beispiel von Khuwaylah bint Tha[labah, die mit Tränen in den Augen zum Propheten kam. Sie beklagte sich, dass ihr Ehemann Worte gesagt hatte, durch die sie für ihn unerlaubt geworden war. Das war eine verwerfliche Gewohnheit der Araber: Wenn ein Ehemann seine Frau wegen etwas, das sie getan hatte, kränken wollte, sagte er ihr, sie sei für ihn wie seine Mutter, und er würde sie sexuell nicht mehr berühren. In dieser Situation war sie nicht geschieden, wurde aber für ihren Ehemann unerlaubt. Als ihr muslimischer Ehemann diese Worte sagte, ging Khuwaylah zum Propheten, um ihre Beschwerde gegen ihren Mann vorzubringen. Es ist nützlich, ihre Geschichte so kennenzulernen, wie sie sie selbst erzählte: Ich war mit Aws ibn al-Samit verheiratet, und er war alt geworden und hatte ein aufbrausendes Temperament. Eines Tages kam er herein, und ich hinterfragte etwas, das er gesagt hatte. Daraufhin wurde er zornig und sagte zu mir: „Du bist für mich wie der Rücken meiner Mutter.“ Dann ging er hinaus und saß einige Zeit bei seinen Leuten. Später kam er zurück und deutete an, dass er Geschlechtsverkehr haben wollte. Ich sagte: „Keineswegs! Bei Dem, in Dessen Hand Khuwaylahs Seele liegt: Du darfst dich mir nicht nähern, nachdem du gesagt hast, was du gesagt hast, bis Gott und Sein Gesandter in unserer Angelegenheit entschieden haben.“ Er versuchte, mich zu zwingen, doch ich überwältigte ihn, wie eine Frau einen schwachen alten Mann überwältigen kann. Ich verließ ihn und ging zu einer meiner Nachbarinnen, um mir ein Kleid von ihr zu leihen. Ich ging zum Propheten und setzte mich vor ihn. Ich erzählte ihm, was geschehen war, und beklagte mich nachdrücklich über das schlechte Benehmen meines Mannes. Der Prophet sagte zu mir: „Khuwaylah! Dein Vetter ist ein alter Mann; sei daher freundlich und gottesfürchtig in deinem Umgang mit ihm.“ Bevor ich ging, wurde eine Offenbarung von oben über mich herabgesandt. Der Prophet erlebte das, was er gewöhnlich erlebte, wenn ihm Offenbarungen gegeben wurden. Dann kam er zu sich und sagte: „Khuwylah! Gott hat Qur’anverse über dich und deinen Ehepartner offenbart.“ Dann las er mir die Verse vor, die mit folgenden Worten beginnen: „Gott hat die Worte der Frau gehört, die mit dir über ihren Ehemann streitet und sich bei Gott beklagt. Gott hat gehört, was ihr beide zu sagen hattet. Gott hört alles und sieht alles. Wenn jemand von euch zu seinen Frauen sagt: ‚Du bist für mich wie der Rücken meiner Mutter‘, dann sind sie nicht ihre Mütter; ihre Mütter sind nur jene, die sie geboren haben. Was sie sagen, ist wahrlich verwerflich und eine Lüge. Doch Gott ist verzeihend und vergibt. Diejenigen, die sich von ihren Frauen durch die Worte ‚Du bist für mich so unerlaubt wie meine Mutter‘ trennen und dann ihre Aussage zurücknehmen, müssen zur Sühne einen Sklaven befreien, bevor die beiden wieder vollständig ehelich verkehren dürfen. Dies ist eine Ermahnung für euch, und Gott ist über alles, was ihr tut, bestens unterrichtet. Wer aber nicht die Mittel dazu hat, soll stattdessen zwei aufeinanderfolgende Monate fasten, bevor die beiden wieder vollständig ehelich verkehren dürfen; und wer dazu nicht in der Lage ist, soll sechzig Bedürftige speisen – damit ihr euren Glauben an Gott und Seinen Gesandten beweist. Dies sind die von Gott gesetzten Grenzen. Eine schmerzhafte Strafe erwartet jene, die nicht glauben.“ (58: 1–4) Der Prophet sagte dann zu mir: „Sag ihm, er soll einen Sklaven befreien.“ Ich sagte: „Gesandter Gottes! Er hat nicht die Mittel dazu.“ Er sagte: „Dann soll er zwei aufeinanderfolgende Monate fasten.“ Ich sagte: „Er ist gewiss ein alter Mann, der nicht fasten kann.“ Er sagte: „Dann soll er sechzig arme Menschen mit einem Wasq4 Datteln speisen.“ Ich sagte: „Gesandter Gottes! Bei Gott, das kann er sich nicht leisten.“ Darauf sagte der Prophet: „Dann werden wir ihm mit einem Sack Datteln helfen.“ Ich sagte: „Gesandter Gottes! Auch ich werde ihm mit einem weiteren Sack helfen.“ Der Prophet sagte: „Das ist gut und freundlich von dir. Geh und gib dies an seiner Stelle als Almosen, und kümmere dich gut um deinen Vetter.“ Ich tat, was der Prophet mir gesagt hatte. (Überliefert von Ahmad und Abu Dawud.)5 Dieser Fall veranschaulicht, wie stark Gottes Gesandter während jener dreiundzwanzig Jahre der Offenbarung in das Leben der muslimischen Gemeinschaft eingebunden war. Es handelt sich um den Fall einer einfachen Frau und ihres alten und schwachen Ehemanns, die einen Streit hatten, der zu einer unhaltbaren Situation führte. Die Lösung kam unmittelbar von Gott, der sagte, dass Er ihre Beschwerde gehört hatte. Jene Jahre der Unterstützung, die Gottes Gesandter der ersten muslimischen Gemeinschaft gab, waren notwendig, denn sie boten eine praktische Führung, die von Gelehrten im Laufe der Jahre studiert wurde, damit die richtige Umsetzung der göttlichen Führung in verschiedenen Zeiten und Umgebungen leicht und geradlinig wird. Sie gaben Gottes Gesandtem außerdem die notwendige Zeit, aus einer ungezügelten Stammesgesellschaft, in der ungerechtfertigte Überfälle üblich waren, eine zusammenhängende Gesellschaft zu formen, die durch ihren Glauben und das Verkünden der göttlichen Botschaft geeint war. Die muslimische Gesellschaft, die der Prophet in diesem Zeitraum formte, war gut dafür gerüstet, Gottes Botschaft zur Menschheit zu tragen und die islamische Zivilisation einzuleiten, die die Menschheit viele Jahrhunderte lang führen sollte. 4 Ein Wasq ist ein Volumenmaß, dessen Gewicht auf etwa 130 Kilogramm Weizen geschätzt wird. 5 Sayyid Qutb, Im Schatten des Qur’an, Bd. 16, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2009, S. 393–394.

KAPITEL 5

Muhammad: Gottes Gesandter

Muhammad (Gottes Segen und Frieden seien auf ihm) verstand seine Rolle als Gesandter Gottes klar. Er war sich bewusst, dass dies bedeutete, Gottes Botschaft zu überbringen und sie allen Menschen bekannt zu machen. Einer seiner jungen Gefährten, Abdullah ibn Amr, erklärte, dass die Botschaft von der Einheit Gottes gegeben wird, damit sie blinde Augen öffnet, Ohren, die nicht hören konnten, und Herzen, die versiegelt waren. Gottes Botschaft öffnet somit alle menschlichen Wahrnehmungsfähigkeiten für die große Wahrheit im Universum, nämlich die Einheit Gottes. Mit anderen Worten: Der Prophet musste den Menschen verständlich machen, dass Gott der Schöpfer des Universums und alles dessen ist, was sich darin befindet, und dass sie begreifen mussten, was dies für sie bedeutete: dass sie sich allein Ihm unterwerfen und ihr Leben in einer Weise führen müssen, die mit einer solchen Unterwerfung übereinstimmt.

Als Gesandter Gottes sollte Muhammad der Menschheit klare Vorstellungen von Gott, vom Menschen und von der Beziehung zwischen beiden vermitteln und außerdem erklären, was das Ende des irdischen Lebens für jeden Menschen bedeuten würde. Muhammad, ein Mann, der vierzig Jahre unter seinem Volk gelebt und sich durch seine guten Umgangsformen und seine Aufrichtigkeit dessen Achtung erworben hatte, war verpflichtet, ihnen zu sagen, dass Gott ihn zu Seinem Gesandten erwählt hatte und dass er ihnen Gottes Botschaft überbrachte. Welche Reaktion konnte er erwarten? Wie würden die Menschen einen Mann betrachten, der ihnen sagte, er habe eine besondere Beziehung zu Gott und besitze daher Autorität über sie? Wie würden sie sich fühlen, wenn er sie aufforderte, ihre Lebensweise zu ändern, damit sie nicht Gottes Missfallen auf sich zögen? Er sagte ihnen tatsächlich, dass sie sich ohne seinen Gehorsam einer strengen Strafe Gottes aussetzten.

Angesichts der Tragweite dieser Botschaft war zu erwarten, dass die Menschen Beweise für seine Behauptungen verlangen würden. Der Prophet sah sich wiederholt Forderungen nach einem greifbaren Beweis gegenüber, der seine Stellung als Gesandter Gottes bestätigen sollte. Die Menschen wollten, dass dieser Beweis eindeutig zeigte, dass er unmittelbar von Gott selbst kam. Als er ihnen sagte, dass allein Gott, der Gesandte Muhammad, entscheidet, wann ein Wunderzeichen gezeigt wird, begegneten sie seiner Antwort mit Spott und verletzenden Anschuldigungen.

Der Qur’an berichtet von solchen Forderungen: „Sie sagen auch: Was ist das für ein Gesandter, der Speise isst und auf den Märkten umhergeht? Warum ist kein Engel zu ihm herabgesandt worden, der ihn neben ihm warnt? Oder warum ist ihm kein Schatz gegeben worden? Oder warum hat er keinen Garten, von dem er sich ernähren kann?‘ Und die Ungerechten sagen: ‚Ihr folgt gewiss einem verhexten Mann.‘“ (25:7–8)

Als sich die Lage in Mekka zwischen jenen, die sich ihm erbittert widersetzten, und jenen, die seine Botschaft annahmen, polarisierte, bemühten sich die Ersteren beharrlich, den Islam vollständig zu unterdrücken, und ihre Forderungen nach Wundern wurden so absurd, dass sie keine Antwort verdienten. Der Qur’an erwähnt diese Forderungen: „Sie sagen: Wir werden dir nicht glauben, bis du für uns aus der Erde eine Quelle hervorbrechen lässt oder einen Garten mit Palmen und Reben hast und durch ihn Bäche fließen lässt oder den Himmel, wie du behauptet hast, in Stücken auf uns herabfallen lässt oder Gott und die Engel uns gegenüberstellst oder ein Haus aus Gold hast oder zum Himmel emporsteigst. Doch werden wir deinem Aufstieg nicht glauben, bis du uns ein Buch herabbringst, das wir lesen können.‘ Sprich: ‚Gepriesen sei mein Herr! Bin ich denn etwas anderes als ein Mensch und ein Gesandter?‘“ (17:90–93)

Es versteht sich von selbst, dass die arabischen Ungläubigen die Botschaft des Propheten auch dann geleugnet hätten, wenn ihm etwas von dem gegeben worden wäre, was sie verlangten. Schätze, prächtige Felder und Gärten gehören gewöhnlichen Menschen, doch ihr großer Reichtum verleiht ihnen keinen besonderen Rang. Ebenso hätten jene Ungläubigen, wenn der Prophet etwas Wunderbares hervorgebracht hätte, etwa Quellen aus der Erde hätte hervorbrechen lassen, weiterhin behauptet, er sei ein Zauberer – so wie frühere Ungläubige dies von ihren eigenen Propheten und Gesandten behauptet hatten. Einige Ungläubige beschuldigten ihn ohnehin der Zauberei.

Der entscheidende Punkt ist, dass es nicht an wundersamen Beweisen mangelt: Überall um uns herum gibt es wunderbare Zeichen, die auf Gott als den Schöpfer von allem hinweisen. Diese Zeichen finden sich in der Geburt jedes Kindes, in jedem Samenkorn, aus dem eine Pflanze oder ein Baum wächst, in jeder Blume, die sich öffnet und ihren Duft verbreitet, und in jedem kleinen und großen Geschöpf, welcher Art auch immer. Alles, was nötig ist, ist eine angemessene Betrachtung dessen, was wir um uns herum sehen, um zu erkennen, dass hinter all dem die Hand Gottes, des Schöpfers, steht.

Wenn ein greifbares Wunder nötig wäre, damit wir glauben, würde unser Glaube bedeutungslos. Es ist keine besondere Leistung zu verstehen, dass ein Tisch von einem Tischler, ein Auto von einem Maschinenbauingenieur oder ein Computer von einem Hardwareingenieur hergestellt wird. Wir können Lehrgänge und Handbücher haben, die die Technologie erklären, durch die alles in der menschlichen Gesellschaft hergestellt wird; doch wir können nicht erfassen, wie Gott das Leben in irgendeiner seiner Formen erschafft.

Der Prophet sagte den Menschen, dass sie an die Einheit Gottes glauben müssten. Dies ist ein bewusster Schritt, den der Mensch vollzieht, und er verlangt die Bindung an das, was ein solcher Glaube beinhaltet. Damit die Menschen zu der Entscheidung gelangen konnten, diesen Schritt zu tun, sandte Gott eine Botschaft, die sowohl Rechtleitung als auch einen Beweis enthielt, der mit der menschlichen Natur übereinstimmt und logisch annehmbar ist. Dennoch blieb es jedem Einzelnen überlassen, diesen Schritt zu tun; er musste freiwillig und ohne Druck oder Behinderung durch irgendeine Seite erfolgen.

Als die Mehrheit der Mekkaner sich dem Propheten widersetzte und versuchte, seine Anhänger zum Abfall von ihrem Glauben zu zwingen, bestand die Antwort des Propheten lediglich darin, sie zu bitten, ihm zu erlauben, seine Botschaft frei zu verkünden und mit anderen Stämmen zu sprechen. Alles, was er wollte, war eine Möglichkeit, die Menschen anzusprechen, und Entscheidungsfreiheit für alle.

Schwere Verantwortung

Der Prophet war von Anfang an gewarnt worden, dass seine Aufgabe nicht leicht sein würde. In einer sehr frühen qur’anischen Offenbarung sagte Gott zu ihm: „Wir werden dir eine gewichtige Botschaft auferlegen.“ (73:5)

Der Prophet verstand, dass er eine schwere Verantwortung tragen würde. Die Schwierigkeit der Aufgabe lag nicht in der Übermittlung der Botschaft, denn für diese Aufgabe war er mit der Fähigkeit zu flüssigem Ausdruck, großer Sprachbeherrschung, wohlbegründeter Argumentation und einem edlen Charakter, den alle ihm Bekannten anerkannten, bestens ausgestattet. Vielmehr verstand er aus dieser Aussage, dass ihm und seiner Botschaft starker Widerstand entgegenschlagen würde.

Daher sagte er zu seiner Frau Chadidscha, als sie ihn eines Nachts aufforderte, sich etwas auszuruhen: „Chadidscha, die Zeit des erholsamen Schlafes ist vorbei.“ Er erkannte, dass er nicht länger Herr über seine eigene Zeit war; er musste sich jeden Augenblick des Tages und der Nacht seiner Sendung widmen, und er erwies sich dieser Aufgabe als gewachsen.

Dies wirft die Frage auf, wie viel ein Mensch ertragen kann, um seine Aufgabe als Gesandter Gottes zu erfüllen. Welche Last nahm Muhammad auf sich, als er seine Rolle annahm? In den allerersten Tagen ging Muhammad zu Waraqah ibn Nawfal, dem betagten Gelehrten der göttlichen Religionen, um hinsichtlich dessen Beruhigung zu suchen, was er bei seiner ersten Begegnung mit Gabriel gesehen hatte. Waraqah sagte Muhammad voraus, dass er auf große Feindschaft stoßen würde.

Tatsächlich ertrug Muhammad viele persönliche Kränkungen. Er wurde beleidigt, verspottet und verleumdet. Man beschuldigte ihn außerdem, ein Zauberer, ein Wahnsinniger, ein Dichter, der sich maßlosen Übertreibungen hingab, und ein Mönch zu sein, der vom Leben abgeschieden war. Die Liste der Anschuldigungen ist beinahe endlos. Körperliche Gewalt war für ihn eine ständige Bedrohung, auch wenn der Schutz, den sein Onkel ihm unter allen Umständen gewährte, dies etwas verringerte.

Wann immer die Hardliner der Quraisch meinten, sie könnten sich persönliche Übergriffe gegen den Propheten erlauben, kannten sie keine Skrupel. Sie warfen Schmutz auf ihn, während er in der Nähe der Kaaba betete, und er konnte den Kopf nicht heben, bis seine junge Tochter kam, um ihm zu helfen. Mehr als einmal versuchten sie, ihn zu ermorden. Schließlich musste er aus seiner Heimatstadt fliehen. Doch all dies war für ihn leichter zu ertragen, als mitanzusehen, wie seine Anhänger der schlimmsten Folter und körperlichen Misshandlung ausgesetzt wurden.

Vorbildliche Langmut

Der Prophet erkannte, dass er all dies und noch viel mehr ertragen musste, ohne wegen einer persönlichen Verletzung Vergeltung zu üben, selbst nicht wegen eines körperlichen Angriffs. Anas ibn Malik berichtet zum Beispiel: Ich ging mit dem Gesandten Gottes, der einen Mantel mit einem rauen Rand trug. Ein Beduine holte ihn ein und zog heftig daran. Ich sah auf den Hals des Propheten und bemerkte, wie der Rand seines Mantels wegen der groben Art des Beduinen eine deutliche Spur auf seiner Haut hinterlassen hatte. Dann sagte der Beduine zu ihm: „Muhammad, befiehl, dass mir ein Teil des Geldes gegeben wird, das Gott dir gegeben hat.“ Der Prophet sah ihn an und erteilte dann die nötige Anweisung, damit ihm sein Anteil gegeben wurde. (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Der Beduine wollte Geld und meinte, der Prophet müsse es ihm geben. Doch statt in angemessener Weise zu bitten und dem Propheten den ihm gebührenden Respekt zu erweisen, zog er grob an dessen Mantel. Trotzdem sagte der Prophet kein tadelndes Wort zu ihm, sondern ordnete vielmehr ein Geschenk für ihn an.

Die Fehler der Menschen zu übersehen – selbst wenn sie sich persönlich gegen ihn richteten – war eine unfehlbare Eigenschaft des Propheten. Er war der Ansicht, dass er für seine Sendung jede persönliche Rücksicht aufgeben müsse. Deshalb verwickelte er sich in keine persönlichen Streitigkeiten und übersah jede beleidigende Handlung oder Bemerkung, die von Muslimen oder Nichtmuslimen gegen ihn gerichtet wurde. Als er in Mekka war, wo manche Menschen stets zu Beleidigungen bereit waren, erwiderte er keine davon. Später in Medina, wo er alle Macht besaß und seine Anhänger bereit waren, alles zu tun, was er ihnen auftrug, war er noch vergebungsbereiter und entgegenkommender.

Ein Beispiel dafür ist ein Jude namens Zayd ibn Thabit, der in der Nähe stand, als der Prophet eine dringende Bitte erhielt, Hilfsgüter an eine in einiger Entfernung von Medina lebende Gemeinschaft zu schicken. Als der Prophet nachfragte, wurde ihm gesagt, dass derzeit nichts zur Verfügung stehe, was man schicken könne. Der Jude bot dem Propheten daraufhin eine beträchtliche Geldsumme an, damit dieser Hilfsgüter beschaffen konnte; das Geld sollte als Vorauszahlung für eine Menge Datteln dienen, die dem Juden zu einem bestimmten Zeitpunkt geliefert werden sollte. Er wollte die Datteln von einer bestimmten Farm, doch der Prophet stimmte dem Angebot nur unter der Bedingung zu, dass der Jude nicht auf dieser Farm bestand. Unter diesen Bedingungen wurde das Geschäft abgeschlossen.

Der Jude berichtete, dass der Prophet und einige seiner Gefährten zwei oder drei Tage vor dem vereinbarten Termin an der Beerdigung eines Mannes aus den Ansar teilnahmen. Nachdem der Prophet das Totengebet verrichtet hatte, setzte er sich neben eine Mauer. Ich trat zu ihm, packte ihn an seinem Gewand, sah ihn scharf an und sagte: „Muhammad, wirst du mir nicht bezahlen, was mir rechtmäßig zusteht? Ich weiß, dass dein Stamm seine Verpflichtungen erfüllt, und ich habe mit einigen von euch zu tun gehabt.“

Ich sah Umar an und bemerkte, wie sich seine Augen wie Kugeln bewegten. Er blickte mich streng an und sagte: „Du Feind Gottes! Wie kannst du es wagen, zum Gesandten Gottes so zu sprechen und dich so zu verhalten, wie ich es gehört und gesehen habe? Bei Dem, Der ihn mit der Botschaft der Wahrheit sandte: Wenn ich nicht Gefahr liefe, etwas zu versäumen, worauf ich großen Wert lege, hätte ich dir mit diesem Schwert den Kopf abgeschlagen.“

Der Gesandte Gottes sah Umar ruhig an und sagte zu ihm: „Wir brauchen etwas Besseres von dir, Umar. Es wäre besser gewesen, wenn du mich aufgefordert hättest, meine Verpflichtung zu erfüllen, und ihn gebeten hättest, seine Forderung in angemessener Weise vorzubringen. Nimm ihn mit und gib ihm alles, was ihm zusteht. Gib ihm außerdem zwanzig Maßeinheiten Datteln als Ausgleich dafür, dass du ihm Angst gemacht hast.“

Umar ging mit mir hinaus und gab mir, was mir zustand, sowie den zusätzlichen Betrag. Ich fragte ihn nach dem Grund für diese zusätzliche Menge. Er sagte: „Der Gesandte Gottes hat mich angewiesen, dir dies dafür zu geben, dass ich dir Angst gemacht habe.“ (Überliefert von al-Hakim, al-Bayhaqi, al-Tabarani und Ibn Hibban.)

Dies war eine ungerechtfertigte öffentliche Beleidigung, denn der Prophet hatte die Vereinbarung nicht gebrochen: Der Jude hatte seine Forderung einige Tage vor dem Fälligkeitstermin gestellt. Statt dagegen zu protestieren, gab der Prophet jedoch die Anweisung, dem Mann seinen Anspruch zusammen mit einem zusätzlichen Geschenk auszuzahlen. Derjenige, der dies tun sollte, war gerade der Mann, der bereit gewesen war, den Juden wegen der gegen den Propheten gerichteten Beleidigung zu töten. Der Prophet wollte Umar eine bessere Art zeigen, mit einer solchen Situation umzugehen, und wies zunächst auf eine bessere Vorgehensweise hin, als den Mann einzuschüchtern: „Es wäre besser gewesen, wenn du mich aufgefordert hättest, meine Verpflichtung zu erfüllen, und ihn gebeten hättest, seine Forderung in angemessener Weise vorzubringen.“

Die Geschichte klingt bis hierher merkwürdig: Warum sollte sich der Jude so verhalten, wenn der vereinbarte Zahlungstermin noch einige Tage entfernt war? Er selbst gibt die Antwort, als er mit Umar spricht, nachdem dieser ihm erklärt hatte, warum er ihm mehr gegeben hatte, als ihm zustand. Er nannte seinen Namen, Zayd ibn Thabit, und bestätigte, dass er ein weithin bekannter Rabbi sei. Erstaunt fragte Umar ihn, warum er sich so verhalten habe. Er sagte: „Als ich Muhammad sah, erkannte ich in seinem Gesicht alle Zeichen, die seine Prophetenschaft bestätigen, wie sie in unseren Schriften erwähnt werden, außer zwei Eigenschaften, die ich prüfen musste: dass seine Langmut seinen Zorn beherrscht und dass er umso nachsichtiger ist, je härter man sich ihm gegenüber verhält. Ich tat, was ich tat, als Prüfung, und habe beides bestätigt. Daher möchte ich dich, Umar, zum Zeugen nehmen, dass ich an Gott als meinen Herrn glaube und bereit bin, den Islam als meine Religion und Muhammad als den Propheten anzunehmen. Ich möchte dich auch zum Zeugen nehmen, dass ich die Hälfte meines Vermögens – und ich bin hier einer der Wohlhabendsten – als Almosen für die Gemeinschaft Muhammads bestimme.“

Umar sagte: „Oder vielmehr für einen Teil von ihr, denn du kannst sie nicht allen geben.“ Beide kehrten gemeinsam zum Propheten zurück, wo Zayd ibn Thabit sich zum Muslim bekannte. Er nahm an mehreren Feldzügen mit dem Propheten teil.

Wir können den Zeitpunkt des ersten Vorfalls nicht genau bestimmen, doch wir können sagen, dass es geschah, nachdem der Prophet sich in Medina niedergelassen hatte und Beduinen zu ihm kamen, um Hilfe zu suchen. Die Begebenheit mit dem jüdischen Rabbi ereignete sich in den frühen Jahren der Auswanderung des Propheten nach Medina, als der muslimische Staat noch arm war. Als sich die Verhältnisse besserten und die muslimische Gemeinschaft ein angenehmeres Leben führte, bewahrte der Prophet seine Haltung der Langmut und des Übersehens menschlicher Fehler.

Einige Fehler stammten von Muslimen, die wahrscheinlich erst kürzlich zum Islam gekommen waren und daher die Stellung und den Charakter des Propheten nicht verstanden. Vielleicht waren sie dem Islam beigetreten, als seine Aussichten auf Erfolg zunahmen, in der Hoffnung auf materiellen Gewinn. Der Prophet übersah ihre beleidigenden Äußerungen oder ihren Mangel an guten Manieren.

Das folgende Beispiel ereignete sich etwas mehr als zwei Jahre vor dem Ende des gesegneten Lebens des Propheten, also zu einer Zeit, als der muslimische Staat von allen Arabern gefürchtet wurde. Nach der Schlacht von Hunain machte der Prophet einigen Arabern großzügige Geschenke, von denen er hoffte, dass sie dadurch ihre uneingeschränkte Unterstützung gewinnen würden. Diese Geschenke stammten aus der Kriegsbeute. Die islamische Regelung hinsichtlich solcher Kriegsgewinne lautet, dass achtzig Prozent von der Armee geteilt werden, die die Schlacht geführt hat, aus der die Beute stammt, während zwanzig Prozent an den Staat gehen.

Zu Lebzeiten des Propheten war er das Oberhaupt des Staates, und er sorgte dafür, dass dieser letztgenannte Teil der Kriegsbeute den Armen sowie dem allgemeinen Wohl des Staates und der muslimischen Gemeinschaft zugutekam. Das bedeutete, dass seine Verwendung allein dem Ermessen des Propheten unterlag. Nach dem Propheten entscheidet ein muslimischer Herrscher, wie dieser Anteil zum Wohl der muslimischen Gemeinschaft ausgegeben wird.

Abdullah ibn Masud erwähnte, dass ein Mann, als der Prophet jenen Leuten die großzügigen Geschenke gab, sagte: „Diese Verteilung ist ungerecht. Sie erfolgt nicht, um Gott zufriedenzustellen.“ Ich meinte, ich müsse dies dem Propheten melden, und berichtete es ihm. Er sagte: „Wer wird gerecht sein, wenn Gott und Sein Gesandter ungerecht sind? Möge Gott Mose Barmherzigkeit erweisen; er musste noch mehr Kränkungen ertragen und nahm sie alle gelassen hin.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Die Übermittlung von Gottes Botschaft

Als Gesandter Gottes war Muhammad verpflichtet, Gottes Botschaft zu überbringen. Da sie an die gesamte Menschheit gerichtet war, wie sollte er sie übermitteln? Man bedenke seine Lage in Mekka, im Herzen einer ausgedehnten Wüstenhalbinsel, zu einer Zeit, in der es außer dem persönlichen Kontakt, mündlich oder schriftlich, keine Möglichkeit der Kommunikation oder des Austauschs mit den Menschen gab. Das war die gewichtige Botschaft, die ihm anvertraut worden war, und er erwies sich dieser Aufgabe als gewachsen.

Die Art, wie er den islamischen Glauben verkündete, zeigt, dass er Einzelne, Gruppen, Gemeinschaften und die Welt ansprach. Er unterschätzte weder eine kleine Aufgabe noch schreckte er vor einer großen zurück. In den frühen Jahren in Mekka sprach der Prophet mit den Menschen in Gruppen und einzeln. Er erklärte seine Botschaft jedem, der zuhören wollte. Er sagte ihnen, dass er Gottes Gesandter sei, und erklärte ihnen das Wesen des islamischen Glaubens. Eine beleidigende Bemerkung, eine Anschuldigung oder eine offene Zurückweisung konnte ihn niemals entmutigen.

Er machte jedem, mit dem er sprach, klar, dass er um nichts anderes bat als um die Gelegenheit, ihnen die Botschaft zu erklären, die er ihnen überbringen sollte: Sie waren frei, ihre Entscheidung zu treffen. Als die Feindschaft gegen ihn und seine Botschaft erbittert wurde und die Quraisch alle Ankommenden und Besucher Mekkas vor ihm warnten, suchte er weiterhin einzelne Besucher auf und ging während der Pilgerzeit zu den Lagern aller Stämme.

Er versuchte, seine Botschaft in eine andere Stadt, Taif, zu tragen, wo er auf noch feindseligeren Widerstand stieß, obwohl er sich damals nicht beklagte. Später äußerte er seine Gefühle und sagte, das Schwerste für ihn sei gewesen, morgens hinauszugehen und überall, wo er Menschen traf, mit ihnen zu sprechen, mehrere Stunden zu verbringen, ohne dass ihm jemand ein gutes Wort sagte, sondern nur harte Zurückweisungen auszusprechen.

Trotz alledem errichtete er in einem weit entfernten Land, Abessinien, eine zweite Grundlage für seine Botschaft, weil er wusste, dass dessen König, der Negus, ein gerechter Herrscher war. So brachte er selbst in Mekka, wo er nur eine kleine Anhängerschaft hatte, seine Botschaft zu Einzelnen aus seiner eigenen Stadt und zu anderen arabischen Stämmen und wandte sich außerdem auf internationaler Ebene an die Menschen.

In Medina, wo er eine weit größere Gemeinschaft hatte und Armeen gegenüberstand, die seine Botschaft ersticken und seine Gemeinschaft sogar ausrotten wollten, empfing er jeden Einzelnen und schenkte ihm seine ungeteilte Aufmerksamkeit, während er die Botschaft des Islam erklärte. Aus keinem Grund würde er die Antwort auf die Frage eines Menschen über den Islam aufschieben.

Abu Rifaah, ein Beduine, berichtet: Ich kam zur Moschee des Propheten, als dieser eine Predigt hielt. Ich sagte: „Gesandter Gottes, hier ist ein Fremder, der gekommen ist, um sich nach dem Glauben zu erkundigen, da er nichts davon weiß.“ Der Prophet kam zu mir, verließ seine Predigt und ging auf mich zu. Man brachte ihm einen Stuhl, vielleicht mit Eisenbeinen. Er setzte sich auf den Stuhl und sprach mit mir; dabei lehrte er mich etwas von dem, was Gott ihn gelehrt hatte. Danach nahm er seine Predigt wieder auf und beendete sie. (Überliefert von Muslim.)

Die Haltung des Propheten kann den strengen Gepflogenheiten gegenübergestellt werden, die gewöhnlich gelten, wenn ein Redner eine Ansprache, einen Vortrag oder eine Predigt hält. Dies soll nicht bedeuten, dass man Rednern erlauben sollte, durch Fragen unterbrochen zu werden, die möglicherweise von ihrem Thema abweichen. Es zeigt lediglich, welche Bedeutung der Prophet der Übermittlung von Gottes Botschaft an alle Menschen beimaß – vor allem an jene, die danach fragten.

Seine Haltung ähnelt hier der eines Arztes, der auf einen Notfall reagiert. Jeder, der sich nach dem Islam erkundigte, ob es um die Grundlagen oder um Einzelheiten ging, erhielt vom Propheten eine bereitwillige Antwort, und er ermutigte alle, zu lernen. Die Menschen im Glauben des Islam zu unterweisen war seine Aufgabe, und er war bestrebt, sie so gut wie möglich zu erfüllen.

Ein weiteres Beispiel ist eine Frau namens Asma bint Yazid ibn al-Sakan, die zum Propheten sagte: „Gesandter Gottes, ich spreche im Namen einer Gruppe muslimischer Frauen, die alle meine Ansicht teilen. Gott hat dich als Gesandten zu Männern und Frauen gesandt. Wir haben an dich geglaubt und sind dir gefolgt. Doch wir Frauen sind Hausfrauen und bleiben zu Hause. Wir erfüllen die Wünsche der Männer und gebären ihre Kinder. Männer haben das Vorrecht, am Freitagsgebet und an Beerdigungen teilzunehmen sowie an Feldzügen des Dschihad mitzuwirken. Wenn sie zu einem solchen Feldzug aufbrechen, kümmern wir uns um ihren Besitz und sorgen für ihre Kinder. Haben wir, Gesandter Gottes, einen Anteil an ihrem Lohn für diese Dinge?“

Der Prophet wandte sich seinen Gefährten zu und sagte: „Habt ihr jemals eine Frau gehört, die ihre Frage über ihre Religion besser gestellt hat als diese Frau?“ Sie sagten: „Das ist vollkommen richtig, Gesandter Gottes.“ Er sagte: „Geh nun, Asma, und sage allen Frauen, dass jede von euch, die sich um ihr Haus und ihren Mann kümmert und dafür sorgt, ihn zufriedenzustellen, den gleichen Lohn für all die Vorrechte erhält, die du bei den Männern erwähnt hast.“ Asma ging fort und brachte ihre Freude über das zum Ausdruck, was der Gesandte Gottes ihr gesagt hatte, indem sie Gott lobte und pries.1

Das persönliche und gemeinschaftliche Ansprechen der Menschen, einschließlich der Ansprache von Stämmen und Gemeinschaften, war mit einem fortlaufenden Prozess verbunden, in dem er seine Gefährten erzog und die „rauen Kanten“ ihrer Charaktere glättete, damit der Islam aus jenen rauen Wüstenarabern eine Nation hervorbringen konnte, die die menschliche Zivilisation zu neuen Höhen führte.

Der Prophet war jedoch Gottes Gesandter an die gesamte Menschheit und musste Gottes Botschaft über Arabien hinaus übermitteln. Daher sandte er, nachdem die unmittelbare Bedrohung des muslimischen Staates durch die Unterzeichnung des Friedensabkommens von Hudaybiyya mit den Quraisch und den Sieg über die Juden von Chaibar beseitigt worden war, Botschaften an die Herrscher aller Länder im Umfeld Arabiens, darunter an die Kaiser der beiden Supermächte seiner Zeit: Persien und Byzanz.

Er schrieb ihnen und rief sie dazu auf, an die Einheit Gottes zu glauben und seine Botschaft anzuerkennen. Andernfalls, so erklärte er, trügen sie vor Gott Verantwortung für sich selbst und für ihre Völker. Auf diese Weise sorgte er dafür, dass in einem sehr großen Teil der Welt über den Islam gesprochen wurde. Die späteren Ereignisse zeigten, dass ein großer Teil dieses Gebietes muslimisch werden sollte.2

Keine persönlichen Rücksichten

Ein wichtiger Aspekt dessen, was Muhammad als Gesandter Gottes im Zusammenhang mit der Übermittlung der Botschaft ertragen musste, zeigt sich darin, dass er alles verkünden musste, was von Gott zu ihm kam, unabhängig davon, wie es ihn betraf oder persönlich auf ihn zurückfiel.

Wir müssen bedenken, dass der Qur’an Gottes eigenes Wort ist und für alle Zeiten unverändert bleiben wird, da Gott seine Bewahrung garantiert hat. Er wird tatsächlich im Gebet und zum Gottesdienst jeden Tag im Leben jedes Muslims rezitiert. Wenn er daher etwas über den Propheten erwähnt, wird seine Aussage jederzeit als gottesdienstliche Handlung verlesen.

In diesem Licht können wir beispielsweise die folgenden Verse lesen: „Dies ist eine Offenbarung vom Herrn der Welten. Und hätte er sich gegen Uns irgendwelche Aussagen ausgedacht, hätten Wir ihn gewiss bei der Rechten gepackt und ihm dann die Herzader durchschnitten, und keiner von euch hätte ihn davor schützen können. Wahrlich, er ist eine Ermahnung für die Gottesfürchtigen.“ (69:43–48)

Die Tatsache, dass Muhammad diese Offenbarung seinen Gefährten und seinen Feinden vortrug, dass er sie immer wieder im Gebet rezitierte und dass sie Teil des Qur’an ist, stellt selbst – falls ein Beweis erforderlich ist – einen Beweis dafür dar, dass der Qur’an Gottes Wort ist und Muhammad Gottes Gesandter war.

Ein weiteres Beispiel ist der blinde Mann, der zum Propheten kam, als dieser sich noch in Mekka befand, und darum bat, etwas über den Islam zu lernen. Der Prophet war mit einer Gruppe von Würdenträgern der Quraisch beschäftigt, denen er seine Botschaft erklärte und von denen er hoffte, dass sie Muslime werden würden. Die Unterbrechung durch den blinden Mann missfiel ihm. Offenbar zeigte sich dies auf seinem Gesicht, obwohl der Blinde es nicht sehen konnte.

Der Prophet äußerte sein Missfallen weder durch Worte noch durch eine Geste; er empfand es lediglich. Jeder hätte seine Gefühle nachvollziehen können. Er war mit einer Aufgabe beschäftigt, von der er hoffte, dass sie der Sache des Islam dringend benötigte Unterstützung bringen würde. Von einem armen blinden Mann unterbrochen zu werden, den er auch zu einer anderen Zeit hätte unterrichten können, war nicht angenehm.

Dennoch tadelte Gott den Propheten wegen seiner Haltung: „Er runzelte die Stirn und wandte sich ab, als der Blinde zu ihm kam. Woher willst du wissen? Vielleicht wollte er sich läutern oder sich ermahnen lassen, und die Ermahnung hätte ihm genützt. Was aber den betrifft, der sich selbst für unentbehrlich hält, dem schenkst du deine ganze Aufmerksamkeit. Doch du bist nicht dafür verantwortlich, wenn er sich nicht läutern will. Was aber den betrifft, der eifrig zu dir kommt und in seinem Herzen Furcht trägt, den lässt du unbeachtet. Keineswegs! Dies ist eine Ermahnung. Wer will, soll sie beherzigen.“ (80:1–12)

Nach menschlichen Maßstäben war das, was der Prophet getan hatte, in keiner Weise tadelnswert. Schließlich konnte der Blinde den Gesichtsausdruck des Propheten nicht sehen. Der Prophet widmete sich einfach weiterhin dem, was er als die wichtigere und unmittelbarere Aufgabe im Dienst seiner Botschaft betrachtete.

Gott jedoch wollte etwas anderes: Er wollte Perspektiven und Wertvorstellungen verändern. Derjenige, der freiwillig kommt, um etwas über den Islam zu lernen, soll als weit wichtiger behandelt werden als Menschen, die sich von ihm abwenden, selbst wenn die Hoffnung besteht, dass sie seine Wahrheit erkennen. Dies ist ein Grundsatz, der eindeutig verkündet werden sollte, damit er von allen Verkündern des Islam bis zum Ende der Zeit umgesetzt wird. Der Qur’an erklärt ihn, und deshalb musste der Prophet ihn verkünden.

Für den Rest seines Lebens sagte der Prophet jedes Mal, wenn er den blinden Mann traf: „Herzlich willkommen demjenigen, dessentwegen mein Herr mich tadelte.“ Mehr als einmal ernannte er ihn zu seinem Stellvertreter in Medina, damit dieser während seiner Abwesenheit die Angelegenheiten der muslimischen Gemeinschaft führte.

Das deutlichste Beispiel für die Zurückstellung persönlicher Rücksichten bei der Verkündigung dessen, was mit seiner Botschaft zusammenhing, ereignete sich am Morgen nach der Nachtreise des Propheten. Wie in Kapitel 2 erwähnt, wurde der Prophet eines Nachts vom Engel Gabriel von Mekka nach Jerusalem gebracht, wo er alle früheren Gesandten Gottes traf und sie im Gebet leitete. Danach wurde er zum Himmel emporgebracht und kehrte vor Tagesanbruch nach Mekka zurück.

Würde er den Menschen in Mekka von seiner bemerkenswerten Reise erzählen? Zuerst informierte er seine Cousine, in deren Haus er in der Nacht vor und nach seiner Reise schlief. Als er sich anschickte zu gehen, warnte sie ihn, er dürfe niemandem davon erzählen, weil sie befürchtete, dass die Menschen sich aus Unglauben zurückziehen würden.

Er verließ sie und ging zur Kaaba, wo er betete. Als er seinen Gottesdienst beendet hatte, kam sein erbittertster Gegner, Abu Dschahl, zu ihm und fragte nach Neuigkeiten. Sofort erzählte er ihm, dass er auf eine Reise nach Jerusalem gebracht worden war. Anstatt ihn der Lüge zu beschuldigen, fragte Abu Dschahl, ob er bereit sei, dasselbe auch anderen Menschen zu sagen. Der Prophet bestätigte, dass er dies tun würde.

Innerhalb weniger Minuten versammelte Abu Dschahl eine große Zahl von Menschen, um die seltsame Geschichte des Propheten zu hören. Mit völliger Gewissheit sagte er ihnen, dass er nach Jerusalem gegangen und in jener Nacht zurückgekehrt sei. Sofort hagelte es von allen Seiten Anschuldigungen der Lüge. Die Menschen sagten: „Eine Handelskarawane braucht für den Hinweg einen Monat und für den Rückweg einen Monat. Wie konntest du all das in einer einzigen Nacht bewältigen?“

Bald holte man Abu Bakr herbei, damit er die seltsame Geschichte hörte. Er bestätigte, dass er alles glaubte: „Ich glaube ihm sogar bei etwas noch Ungewöhnlicherem, wenn er uns sagt, dass er Offenbarungen aus der Höhe empfängt.“

Fürsorge und Barmherzigkeit

Die höchste Priorität des Propheten bestand darin, sich um die Erfordernisse der Botschaft Gottes zu kümmern und sie den Menschen zu erklären. Er war stets bereit, alles zu tun, was zu diesem Zweck notwendig war. Er war bereit, jede damit verbundene Härte zu ertragen; sein persönlicher Komfort bedeutete ihm wenig, solange er die ihm von Gott übertragene Aufgabe erfüllte.

Seine Haltung gegenüber den Menschen von Mekka war insbesondere von Fürsorge und Barmherzigkeit geprägt. Er fürchtete ihr unausweichliches Schicksal, falls sie weiterhin Gottes Botschaft ablehnen und Götzendiener bleiben würden. Er war wie jemand, der einen Blinden auf einen Abgrund zugehen sieht und versucht, ihn davon wegzulenken. Gott erwähnt dies im Qur’an: „Willst du dich vielleicht aus Kummer darüber zu Tode grämen, dass sie nicht glauben?“ (26:3)

Er war so sehr darauf bedacht, dass die Menschen die Wahrheit des Islam verstehen und ihn annehmen sollten, dass er alles dafür getan hätte. Dennoch blieben viele Menschen über Jahre hinweg aktiv feindselig, planten mehrmals seine Ermordung und entsandten Armeen, um seine Basis anzugreifen und ihn und seine Anhänger auszurotten.

Als sein Sieg vollständig war und mit sehr wenig Kampf errungen wurde, standen seine Gegner unter seiner Gnade, doch er verzieh ihnen allen. Er hegte keinerlei Gedanken an Rache, weder für sich selbst noch für seine muslimische Gemeinschaft. Er war sich stets bewusst, dass er durch sein Beispiel lehrte. Er wusste genau, dass der Islam Rache ablehnt. Durch das eigene Beispiel zu führen ist die Aufgabe der Verkünder des Islam, indem sie dem Beispiel des Propheten folgen.

Gottes Verheißungen

Der Prophet machte daher die Übermittlung der Botschaft Gottes zu seiner höchsten Priorität und verkündete sie Einzelnen, Gemeinschaften und anderen Staaten. Es kann die Frage aufkommen, welche persönliche Haltung er gegenüber dem einnahm, was von ihm verlangt wurde.

Der Prophet empfing qur’anische Offenbarungen, die er auswendig lernte. Er ließ sie niederschreiben und überprüfte die Genauigkeit des geschriebenen Textes. Er rezitierte sie seinen Gefährten und ermutigte sie, die Offenbarungen auswendig zu lernen. Dies alles war Teil des Vorgangs der Bewahrung des Qur’an. Außerdem wurden ihm bestimmte Verheißungen und Anweisungen gegeben. Betrachten wir, wie er damit umging.

Wenn der Prophet eine Verheißung aus der Höhe empfing, hatte er absolutes Vertrauen in ihre Erfüllung. Einige dieser Verheißungen hätten von niemand anderem als Gott gegeben werden können, und kein Mensch hätte erkennen können, wie sie erfüllt werden sollten. So wurde dem Propheten beispielsweise gesagt: „Gott wird dich vor den Menschen schützen.“ (5:67)

Dies ist eine Garantie, die keine irdische Macht geben könnte. Wie reagierte der Prophet? Vor der Offenbarung dieses Verses hatten einige seiner Gefährten abwechselnd als Leibwachen bei ihm Wache gehalten. Als ihm dieser Vers offenbart wurde, befahl er ihnen, wegzugehen,4 da niemand diese Aufgabe länger übernehmen musste. Dies zeigt sein vollkommenes Vertrauen in die empfangene Verheißung.

Ebenso schlief der Prophet eines Tages unter einem Baum. Als er aufwachte, sah er einen Fremden neben sich stehen, ein Schwert in der Hand. Der Fremde hob das Schwert, bereit zuzuschlagen. Dann sagte er: „Muhammad, wer kann dich jetzt retten?“ Der Prophet antwortete: „Gott.“ Das Schwert fiel zu Boden. Der Prophet hob es auf und sagte zu dem Mann: „Wer kann dich jetzt retten?“ Der Mann sagte: „Du kannst der edelste aller Gegner sein.“ Der Prophet ließ ihn frei.

Ein weiteres Beispiel zeigt sich nach der Schlacht von Chaibar gegen die Juden, als der Prophet Safiyya bint Huyayy heiratete. Sie hatte ihren Ehemann in der Schlacht verloren, und ihr Vater war weniger als achtzehn Monate zuvor von den Muslimen hingerichtet worden. Er war einer der erbittertsten Feinde des Islam und des Propheten gewesen. Die Eheschließung wurde auf dem Rückweg des Propheten nach Medina vollzogen, nachdem sie ihre Wartezeit beendet hatte. Man hatte ihr die Wahl gelassen, freigelassen zu werden oder den Propheten zu heiraten, und sie entschied sich für die Ehe.

Als der Prophet am Morgen aus seinem Zelt kam, sah er Abu Ayyub al-Ansari in der Nähe des Zeltes Wache stehen. Er fragte ihn, warum er dort stehe. Abu Ayyub sagte: „Du hast diese Frau geheiratet, und wir haben gerade ihr Volk besiegt. Ich fürchtete, dass sie dir etwas antun könnte.“ Der Prophet dankte ihm und betete für ihn. Abu Ayyub hatte angesichts dessen, was Safiyya gegenüber dem Islam und dem Propheten empfinden könnte, zu Recht Sorge. Der Prophet jedoch hatte keinerlei Bedenken.5

Ebenso geriet die muslimische Armee in der Schlacht von Hunain bald in Verwirrung, und die Menschen bewegten sich in entgegengesetzte Richtungen. Der Prophet blieb mit nur wenigen seiner Verwandten und Gefährten zurück. Statt sich vom Schlachtfeld zu entfernen, obwohl er das wichtigste Ziel des Feindes sein musste, bewegte er sich weiter auf die feindliche Armee zu und rief laut: „Ich bin der Prophet, daran ist kein Zweifel. Ich bin der Sohn des Abd al-Muttalib.“6

All diese Ereignisse zeigen, dass der Prophet absolutes Vertrauen in die Erfüllung der Verheißung Gottes hatte.

4 Al-Tirmidhi, Sunan, Buch des qur’anischen Kommentars. Siehe auch Ibn al-Qayyim, Zad al-Maad, Bd. 1, Beirut, 1994, S. 127.
5 Ibn Hischam, Al-Sira al-Nabawiyya, Bd. 3, S. 392. Siehe auch al-Bayhaqi, Dala’il al-Nubuwwa, Bd. 4, S. 233.
6 Al-Buchari, Sahih, Kitab al-Dschihad wa-l-Siyar, Kapitel „Jemandes Reittier im Kampf führen“.

Diese Verheißung des Schutzes war im Qur’an verkündet worden und allen Menschen, Muslimen wie Nichtmuslimen, bekannt. Andere Verheißungen waren dem Propheten jedoch in verschiedener Form gegeben worden und nur ihm bekannt. Er hätte sie geheim halten können, besonders jene, die auf große Ereignisse auf der Weltbühne hinwiesen, doch er informierte andere darüber und zeigte damit erneut sein absolutes Vertrauen in ihre Erfüllung.

Im fünften Jahr des islamischen Kalenders, 627 n. Chr., war der muslimische Staat in Medina noch sehr arm und von mehreren Kräften bedroht. Ein Bündnis feindlicher arabischer Stämme und Juden schloss einen Pakt und bewegte sich rasch auf Medina zu, mit dem erklärten Ziel, den Islam und die Muslime auszurotten.

Als der Prophet von ihrem Vormarsch erfuhr, billigte er das Ausheben eines breiten, trockenen Grabens quer über den Zugang zu Medina. Er und alle Muslime arbeiteten hart, um den Graben vor dem Eintreffen des Feindes fertigzustellen.

Al-Bara ibn Azib berichtet: Während des Aushebens des Grabens stießen wir auf einen großen Felsen, den wir mit unseren Äxten nicht zerbrechen konnten. Wir meldeten dies dem Propheten, und er kam herab. Er nahm eine Axt, sagte „Im Namen Gottes“ und schlug auf den Felsen. Er zerbrach ein Drittel davon. Dann sagte er: „Alle Herrlichkeit gehört Gott. Mir sind die Schlüssel Syriens gegeben worden. Von hier aus kann ich seine roten Paläste sehen.“

Dann sagte er erneut „Im Namen Gottes“ und schlug wieder auf den Felsen, wobei er ein weiteres Drittel zerbrach. Er sagte: „Alle Herrlichkeit gehört Gott. Mir sind die Schlüssel Persiens gegeben worden, und von meinem Platz aus kann ich al-Mada’in und seinen weißen Palast sehen“ – das heißt den Palast des Kaisers. Wieder sagte er „Im Namen Gottes“ und schlug auf den Felsen, bis auch der letzte Teil beseitigt war. Er sagte: „Alle Herrlichkeit gehört Gott. Mir sind die Schlüssel Jemens gegeben worden, und von meinem Platz aus kann ich die Tore von Sanaa sehen.“ (Überliefert von Ahmad in Al-Musnad.)

Einer der Heuchler hörte, was der Prophet sagte. Er bemerkte zu seinen Gefährten: „Muhammad verspricht uns den Palast des Kaisers, obwohl wir zu verängstigt sind, um überhaupt zur Toilette zu gehen.“ Dies beschreibt eindrucksvoll das Vertrauen des Propheten in Gottes Verheißung: Er teilte seinen Gefährten mit, was ihm versprochen worden war, obwohl sie in Angst lebten, von einem Feind überwältigt zu werden, dessen Macht der Persiens sie sich nicht einmal entgegenzustellen wagten.

Innerhalb von vier Jahren unterwarf sich Jemen dem Islam, und kaum zwei Jahrzehnte vergingen, bevor Syrien und Persien unter muslimische Herrschaft gelangten und ein großer Teil ihrer Bevölkerung muslimisch wurde.

Der Prophet erhielt auch Anweisungen, die sich auf die Angelegenheiten des Staates und auf seine eigenen Angelegenheiten bezogen. In beiden Fällen führte er diese Anweisungen ohne jedes Zögern aus. Es war seine Gewohnheit, seine Gefährten in allen Situationen zu befragen und jedem zu erlauben, seine Meinung zu äußern, bevor eine Entscheidung getroffen wurde. Wenn er jedoch eine Anweisung aus der Höhe erhielt, setzte er sie um, ohne jemanden zu konsultieren.

Als Yathrib, das später Medina genannt wurde, die muslimischen Auswanderer aufnahm, blieb der Prophet zurück und wartete auf Gottes Anweisungen. Als ihm befohlen wurde auszuwandern, ging er sofort um die Mittagszeit zu Abu Bakr, als wegen der intensiven Hitze kaum jemand in Mekka unterwegs war, und forderte ihn auf, sich vorzubereiten. Sie brachen noch in jener Nacht auf, und der Prophet ließ seine Frau Sawda und seine Töchter zurück. Er erwog keinerlei Verzögerung, nicht einmal, um seine Vorbereitungen abzuschließen.

Sechs Jahre später reiste er mit seinen Gefährten nach Mekka, um die Umra, also die kleine Pilgerfahrt, zu vollziehen. Die Quraisch hielten sie auf und machten klar, dass sie ihnen den Zutritt verweigern würden, selbst wenn dies den Einsatz von Gewalt erforderte. Im Gehorsam gegenüber göttlichen Anweisungen führte der Prophet ohne Beratung mit einem seiner Gefährten Verhandlungen mit den Quraisch. Er stimmte allen Bedingungen der Quraisch zu, obwohl diese offenbar den Interessen der Muslime zuwiderliefen.

Dies verursachte unter seinen Gefährten große Unruhe, und einige waren über die Haltung des Propheten zutiefst beunruhigt. Er sagte lediglich zu ihnen: „Ich bin Gottes Diener und Gesandter. Ich werde Ihm nicht ungehorsam sein, und Er wird mich nicht verlassen.“7

Dies waren Angelegenheiten des Staates, doch der Prophet verhielt sich genauso, wenn göttliche Anweisungen sein persönliches Leben betrafen. Er zögerte nie, diese Anweisungen umzusetzen oder eine ihm gewährte besondere Ausnahme in Anspruch zu nehmen, obwohl sie anderen Muslimen nicht erlaubt war. Die deutlichsten Beispiele sind seine Eheschließungen. Allen Muslimen sind höchstens vier Ehefrauen gleichzeitig erlaubt. Dies galt nicht für den Propheten, der so viele Frauen heiraten durfte, wie er wollte, und dies ohne Zögern tat. Ebenso widersprach seine Heirat mit Zaynab dem in Arabien geltenden Brauch. Kapitel 14 dieses Buches ist seinen Eheschließungen gewidmet.

7 Ibn Hischam, Al-Sira al-Nabawiyya, Bd. 3, S. 365. Siehe auch al-Buchari, Sahih, Buch über al-Dschihad wa-l-Siyar, Kapitel über die Verletzung von Verträgen.

Gott zum Zeugen rufen

Der Prophet war sich vollständig bewusst, was seine Rolle als Gesandter Gottes beinhaltete. In seiner umfassenden Ansprache während der Abschiedspilgerfahrt legte er den Menschen die wichtigsten Grundsätze des Islam dar und hob Handlungen hervor, die einzuhalten oder zu vermeiden waren. Diejenigen, die ihn auf dieser Pilgerfahrt begleiteten, waren bis zu 250.000 Menschen, und er sorgte dafür, dass sie alle wussten, was er sagte.

Mehrmals während dieser Ansprache fragte er seine Zuhörer: „Habe ich euch meine Botschaft überbracht?“ Sie antworteten: „Ja, das hast du ganz gewiss.“ Dann sagte er: „Mein Herr, sei mein Zeuge.“8

Die Tatsache, dass seine Botschaft vierzehn Jahrhunderte lang unversehrt überdauert hat, ist der beste Beweis dafür, dass er sie vollständig überbracht hat. Diese Botschaft wird gewiss bis zum Ende der Zeit fortbestehen, denn Gott hat garantiert, den Qur’an vor jeder Verfälschung zu bewahren, solange Menschen die Erde bevölkern.

8 Muslim, Sahih, Buch über die Pilgerfahrt, Kapitel über die Pilgerfahrt des Propheten. Siehe auch Ibn Hischam, Al-Sira al-Nabawiyya, Bd. 4, S. 276.

KAPITEL 6

Beweise des Prophetentums
Imam Ibn Hazm definiert Prophetentum als „den Erwerb eines absolut sicheren Wissens, das nicht durch menschliches Bemühen oder Erfahrung erlangt werden kann“. Ein solches Wissen kann nur von Gott kommen. Dies wird im Fall mehrerer im Qur’an erwähnter Propheten deutlich. Über den jungen David und das, was Gott ihm geben würde, als Er ihn zum Propheten machte, heißt es im Qur’an: „David erschlug Goliath, und Gott verlieh ihm die Herrschaft und die Weisheit und lehrte ihn, was Er wollte.“ (2: 251) Ebenso gab Gott Joseph, als er das Erwachsenenalter erreichte, Wissen und Weisheit: „Als er seine volle Mannesreife erreicht hatte, gaben Wir ihm Weisheit und Wissen.“ (12: 22) Das Moses gegebene Wissen wird mit sehr ähnlichen Worten beschrieben: „Als er seine volle Mannesreife erreicht hatte und völlig ausgereift war, gaben Wir ihm Weisheit und Wissen.“ (28: 14) Im Qur’an wird der Prophet an das besondere Wissen erinnert, das Gott ihm gewährt hatte: „Gott ist es, der dir dieses Buch von oben herabgesandt und dir Weisheit gegeben und dich gelehrt hat, was du nicht wusstest. Gottes Gunst gegen dich ist wahrlich groß.“ (4: 113)

Allen Propheten wurde Wissen gegeben, das sie auf keinem der Menschen zugänglichen Weg hätten erwerben können. Das Kennzeichen des Prophetentums ist, dass solches Wissen wahr und frei von jedem Zweifel sein muss. Eines der deutlichsten Beispiele findet sich in den Anweisungen, die Moses’ Mutter erhielt, als sie ihn gebar. Damals tötete der Pharao jedes männliche Kind, das den Kindern Israels geboren wurde. Der Qur’an sagt: Wir gaben deiner Mutter ein: „Lege [dein Kind] in eine Truhe und wirf sie in den Fluss. Der Fluss wird ihn ans Ufer spülen, und einer, der Mir und ihm feind ist, wird ihn aufnehmen.“ (20: 38–39)

Beweise des Prophetentums
Der Qur’an nennt weitere Einzelheiten: Wir offenbarten der Mutter des Moses: „Still ihn, und wenn du um ihn zu fürchten beginnst, wirf ihn in den Fluss und fürchte dich nicht und sei nicht traurig. Wir werden ihn dir zurückbringen und ihn zu einem Unserer Gesandten machen.“ (28: 7) Die Information, die Moses’ Mutter erhielt, zeigte ihr die Schritte, durch die Moses sicher sein würde. Der erste Schritt, nachdem sie ihn gestillt hatte, bestand darin, ihn mehreren Gefahren auszusetzen: Als Säugling sollte er in eine hölzerne Truhe gelegt und in den Nil geworfen werden, damit ein Feind ihn aufnähme. In dieser gefährlichen Lage würde er nicht nur sicher sein, sondern auch mit seiner Mutter wiedervereint werden, damit sie sich um ihn kümmern konnte. Niemand hätte ihr eine solche Information geben können; im Gegenteil, der Plan, ihn in den Fluss zu werfen, hätte jedem vernünftigen Menschen absurd erscheinen müssen. Doch sie handelte danach, und jedes Detail der ihr gegebenen Information traf ein.

Dieses Wissen wird den Propheten durch Offenbarungen oder Eingebung gegeben. Muhammads Offenbarungen waren von zweierlei Art: der Qur’an, der Gottes eigenes Wort ist, und der Hadith, der seiner Bedeutung nach göttliche Offenbarung ist, die der Prophet in seinem eigenen Stil ausdrückte. Ich werde nicht auf die besonderen Merkmale der beiden eingehen; doch ist erneut festzuhalten, dass der Qur’an seit seiner Offenbarung vollständig bewahrt worden ist und es weder im Wortlaut noch in der Bedeutung Unterschiede gegeben hat. Dies erfüllt Gottes Versprechen: „Wir sind es, die diese Ermahnung von oben herabgesandt haben, und Wir sind es, die sie bewahren werden.“ (15: 9)

Diese Aussage ist einer von zahlreichen Beweisen dafür, dass der Qur’an Gottes Wort ist. Niemand könnte in solch nachdrücklicher Weise eine solche Behauptung über sein eigenes Schreiben oder überhaupt über irgendein Buch oder Dokument welcher Art auch immer aufstellen. Seit dieses Versprechen gegeben wurde, sind mehr als vierzehn Jahrhunderte vergangen. In dieser Zeit hat die muslimische Welt viele Zeiten des Leidens, des Krieges, der Besatzung, des Chaos und sogar der Rückständigkeit durchlebt, doch der Qur’an blieb während all dieser Zeit unversehrt.

Der Qur’an enthält Wissen, das der Prophet auf keinem menschlichen Weg hätte erwerben können. Der Beginn der Sure 30 beispielsweise verweist auf die Niederlage des Byzantinischen Reiches durch seinen rivalisierenden Großmachtgegner, das Persische Reich. Damals war der Prophet noch in Mekka und sah sich dem Widerstand der Ungläubigen gegenüber. Diese freuten sich über den persischen Sieg, weil sie ihren eigenen Götzendienst dem Dualismus der Perser näher sahen als dem Glauben der Byzantiner an den einen Gott. Die Sure beginnt folgendermaßen:

„Besiegt sind die Byzantiner in dem nahe gelegenen Land; doch trotz dieser ihrer Niederlage werden sie in wenigen Jahren siegen. Die Entscheidungsmacht gehört vor und nachher Gott. Und an jenem Tag werden sich die Gläubigen über Gottes Beistand freuen. Er verleiht Beistand, wem Er will. Er allein ist Allmächtig und Barmherzig.“ (30: 2–5)

Ein Muslim betrachtet diese Mitteilung über ein zukünftiges Ereignis nicht als Prophezeiung, sondern als wahre Information, die Gott gegeben hat. Tatsächlich ereigneten sich die späteren Geschehnisse genau so, wie der Qur’an es vorausgesagt hatte: In weniger als zehn Jahren errangen die Byzantiner einen bemerkenswerten Sieg über die Perser und gewannen das Land zurück, das sie an diese verloren hatten. Am selben Tag errangen die Muslime ihren großen Sieg in der Schlacht von Badr, ihrem ersten militärischen Zusammentreffen mit den Ungläubigen. Als diese Sure offenbart wurde, waren es vielleicht nicht mehr als 300 Muslime, und keiner von ihnen hätte sich vorstellen können, dass sie in eine Schlacht gegen irgendjemanden verwickelt würden. Dies wird verständlicher, wenn wir bedenken, dass das arabische Wort nasr, das in der Übersetzung mit „Beistand“ wiedergegeben wird, auch „Sieg“ bedeutet, besonders einen militärischen Sieg.

Ein weiteres Beispiel finden wir in den Ereignissen, die zur Unterzeichnung des Friedensabkommens von Hudaybiyyah zwischen den Muslimen und den Quraisch am Ende des sechsten Jahres nach der Hidschra (628 n. Chr.) führten. Wie in Kapitel 2 erklärt, reiste der Prophet mit 1400 seiner Gefährten nach Mekka, um die Kaaba zu besuchen und dort zu beten. Die Quraisch verweigerten ihnen den Zugang. Schließlich wurde zwischen den beiden Seiten ein Abkommen geschlossen, das die Muslime zur Rückkehr verpflichtete. Im folgenden Jahr sollte ihnen ein dreitägiger Besuch in Mekka gestattet werden, sofern sie keine Waffen außer ihren persönlichen Schwertern trugen. Als der Prophet und seine Gefährten ihre Rückreise antraten, offenbarte Gott die Sure 48, die diese Ereignisse kommentiert. Sie enthält einen Vers über das, was ein Jahr später geschehen würde:

„Ihr werdet ganz gewiss, so Gott will, in voller Sicherheit in die Heilige Moschee eintreten, mit geschorenen Köpfen oder gekürztem Haar und ohne Furcht. Er wusste, was ihr nicht wusstet, und außer diesem gewährte Er euch einen nahen Sieg.“ (48: 27)

Der Vers versicherte den Muslimen, dass ihr Besuch in Mekka stattfinden würde, dass sie dort sicher sein und ihre gottesdienstlichen Riten vollenden könnten; darauf weisen die Worte „mit geschorenen Köpfen oder gekürztem Haar“ hin. Niemand außer Gott konnte diese Aussage machen: Wie konnten der Prophet oder irgendjemand sonst von einem Besuch „in voller Sicherheit“ sprechen? Wie konnte irgendjemand sicher sein, wie die Quraisch sich verhalten würden, wenn die Muslime außer ihren Schwertern keine Waffen besäßen? Doch genau dies geschah. Der Vers versprach außerdem „einen nahen Sieg“ in einer anderen Situation als diesem Besuch. Damit war der Sieg gemeint, den die Muslime in der Schlacht von Khaybar errangen, die etwa drei Monate später stattfand. Als dieser Vers offenbart wurde, wusste niemand unter den Muslimen, nicht einmal der Prophet, von einem militärischen Konflikt, der in naher Zukunft stattfinden würde. Der Qur’an gab dieses Versprechen, und es wurde genau so erfüllt, wie es ausgesprochen worden war.

Die menschlichen Grenzen
Der Prophet betonte stets seinen menschlichen Status und dass er denselben Grenzen unterlag wie alle Menschen. In einem äußerst authentischen Hadith warnte er seine Gefährten: „Ich bin nur ein Mensch, und ihr bringt eure Streitigkeiten zu mir. Eine Partei mag das überzeugendere Argument haben, und ich könnte meinen, sie sage die Wahrheit. Dann könnte ich ihr nach dem urteilen, was mir vorliegt, Recht geben. Wenn ich einem Menschen etwas gebe, das rechtmäßig seinem Bruder gehört, gebe ich ihm nur ein Stück Feuer. Er kann es nehmen oder lassen.“ (Überliefert von Malik und ebenfalls in allen sechs authentischen Sammlungen.)

Er betonte auch, dass er keine Kenntnis von dem habe, was jenseits der menschlichen Wahrnehmung liegt, außer dem, was Gott ihm gibt: „Sprich: Ich sage euch nicht, dass die Schätze Gottes bei mir sind; auch weiß ich nicht, was dem Zugriff der menschlichen Wahrnehmung entzogen ist“ (6: 50), und: „Wenn ich Kenntnis von dem besäße, was dem Zugriff der menschlichen Wahrnehmung entzogen ist, hätte ich mir viel Gutes verschafft, und nichts Böses hätte mich je berührt.“ (7: 188)

Dass der Qur’an Informationen über zukünftige Ereignisse gibt und zugleich die menschlichen Grenzen des Propheten betont, der den Qur’an von oben empfing, ist ein unwiderlegbarer Beweis dafür, dass der Qur’an von Gott offenbart wurde, der allein alles Vergangene, Gegenwärtige und Zukünftige weiß.

Manchmal gab der Prophet Menschen Informationen, die er auf keinem anderen Weg als durch göttliche Offenbarung hätte erlangen können. Meist handelte es sich um Angelegenheiten, an denen sie selbst beteiligt gewesen waren, und jeder Beteiligte erkannte, dass der Prophet seine Informationen nicht aus einer menschlichen Quelle haben konnte. So saßen Umayr ibn Wahb und Safwan ibn Umayyah eines Nachts in dem halbkreisförmigen Bereich neben der Kaaba in Mekka und sprachen traurig über den Verlust, den die Quraisch durch die Muslime in der Schlacht von Badr erlitten hatten. Sie waren ganz allein. Sie vereinbarten, dass Umayr, ein sehr tapferer Kämpfer, nach Medina reisen sollte, um Muhammad zu töten. Safwan versprach, Umayrs Schulden zurückzuzahlen und sich um seine Familie wie um seine eigene zu kümmern, falls Umayr zu Schaden käme.

So ging Umayr nach Medina, und der Prophet wies seine Gefährten an, ihn einzulassen. Der Prophet fragte ihn, weshalb er nach Medina gekommen sei. Umayr antwortete, er wolle lediglich die Freilassung seines Sohnes erwirken, der in der Schlacht von Badr gefangen genommen worden war. Der Prophet drängte ihn, die Wahrheit zu sagen, doch er beharrte darauf, dass dies sein Anliegen sei. Daraufhin erzählte ihm der Prophet sein Gespräch mit Safwan Wort für Wort, einschließlich der Versprechen, die jeder dem anderen gegeben hatte. Wir sollten bedenken, dass dies vor vierzehn Jahrhunderten geschah, zu einer Zeit, in der es keine der schnellen Kommunikationsmöglichkeiten gab, die wir heute besitzen. Nachrichten konnten nur mündlich oder durch menschliche Boten übermittelt werden, die lediglich auf Pferden oder Kamelen reisen konnten. Umayr erkannte sofort, dass der Prophet nur von einer überlegenen Macht informiert worden sein konnte. Er bekannte, dass Muhammad Gottes Gesandter sei, und wurde Muslim.1

Ein weiteres Beispiel betrifft al-Harith ibn Abi Dirar, den Anführer des Stammes der Mustaliq, der gegen die Muslime in den Krieg gezogen war. Dieser Stamm erlitt eine Niederlage, und al-Hariths Tochter gehörte zu den Kriegsgefangenen. Er reiste nach Medina, um ihr Lösegeld zu zahlen, zu dem auch einige Kamele gehörten. Kurz vor seiner Ankunft in Medina betrachtete er die Kamele und bedauerte, zwei von ihnen weggeben zu müssen, da sie von hoher Qualität waren. Er versteckte sie irgendwo und ging ohne sie nach Medina. Als er dem Propheten das mitgebrachte Lösegeld anbot, fragte ihn der Prophet: „Was ist mit den beiden Kamelen, die du bei al-Aqiq an diesem und jenem Weg versteckt hast?“ Al-Harith sagte sofort: „Ich glaube voll und ganz, dass du tatsächlich Gottes Gesandter bist. Niemand außer Gott hat dies gesehen.“2

Ein drittes Beispiel betrifft al-Abbas ibn Abd al-Muttalib, den Onkel des Propheten. Als der Prophet nach Medina auswanderte, blieb al-Abbas in Mekka und erweckte den Eindruck, weiterhin der Götzenreligion seines Volkes zu folgen. Für seinen Verbleib in Mekka gab es jedoch zwei Hauptgründe: Er sollte den Propheten mit aktuellen Nachrichten über die Quraisch versorgen, die jederzeit beschließen konnten, gegen den Islam zu kämpfen, und er sollte die haschimitische Verpflichtung aufrechterhalten, den Pilgern während der Pilgerzeit Trinkwasser bereitzustellen.

Als die Quraisch ihr Heer aufstellten, das in der Schlacht von Badr kämpfte, zwangen sie al-Abbas und andere Haschimiten, sich dem Heer anzuschließen, denn sie wollten nicht, dass die Verwandten des Propheten in Mekka in Frieden blieben. Als die Muslime die Schlacht gewannen, wurde al-Abbas zusammen mit zwei seiner Neffen, Nawfal ibn al-Harith und Aqil ibn Abi Talib, sowie seinem Verbündeten Utbah ibn Amr gefangen genommen. Der Prophet wollte sie nicht anders behandeln als die übrigen Gefangenen. Al-Abbas sollte für alle vier Lösegeld zahlen, sagte jedoch, er habe kein Geld. Der Prophet sagte: „Was ist mit dem Geld, das du und deine Frau Umm al-Fadl zu Hause versteckt habt? Du hast zu ihr gesagt: Wenn ich getötet werde, soll dieses Geld an meine drei Söhne al-Fadl, Abdullah und Qutham gehen.“ Al-Abbas sagte: „Bei Gott, ich bezeuge, dass du Gottes Gesandter bist. Dies ist etwas, das nur Umm al-Fadl und ich wissen.“3

Dies sind einige der vielen Fälle, in denen der Prophet Menschen Informationen gab, die nur ihnen selbst bekannt waren und die er aus keiner Quelle hätte erhalten können, die irgendeinem Menschen zugänglich gewesen wäre. Diejenigen, die aus diesem Wissen die logische Schlussfolgerung zogen, erklärten rasch ihre Anerkennung, dass Muhammad (Friede sei mit ihm) ein Prophet und Gesandter Gottes sei. Sie konnten keine andere Möglichkeit erkennen, solche Informationen zu erlangen, als durch göttliches Wirken.

Andere sahen vielleicht solche Zeichen, weigerten sich jedoch, ihre logische Schlussfolgerung anzunehmen. Sie waren durch andere Erwägungen verblendet: durch vermeintliche Interessen, Stolz, gesellschaftliche Stellung oder sogar unlogische Vorurteile. Manche mögen gedacht haben, sie erwiesen dem göttlichen Glauben durch ihre Annahme einen Gefallen. Der Qur’an spricht häufig von jenen, die durch ihre Arroganz vom Glauben abgehalten werden.

Abu Dschahl, der Erzfeind des Propheten in Mekka, erklärte seine Haltung einmal sehr offen, als er die Frage eines Freundes zu einer Passage des Qur’an beantwortete, die sie gehört hatten. Er sagte: „Ich will dir berichten, was ich gehört habe! Wir wetteiferten mit dem Stamm Abd Manaf um die Ehre: Sie speisten die Armen, und wir taten dasselbe; sie unterstützten großzügig jene, die Hilfe benötigten, und wir taten dasselbe. Als wir gleichauf waren wie zwei Rennpferde, die Kopf an Kopf laufen, sagten sie, einer der ihren sei ein Prophet, der Offenbarung von oben empfange! Wann könnten wir eine solche Ehre erlangen? Bei Gott, wir werden niemals an ihn glauben.“4

Daher ist es wichtig, uns von den Vorurteilen zu befreien, die unseren Blick trüben oder unser Denken beeinflussen können. Der Prophet hatte keine greifbaren Wunder oder materiellen Beweise vorzuweisen, durch die die Menschen glauben sollten, dass er Gottes Gesandter sei. Stattdessen überbrachte er eine einfache Botschaft, die auf der Einheit Gottes und der Verantwortung der Menschen am Tag des Gerichts beruhte. Menschen mit offenem Geist reagierten günstig, doch die meisten folgten ihren Führern, Eltern, Freunden oder der Gemeinschaft. Um die Botschaft des Islam anzunehmen, braucht es nur etwas Verstand und geistige Offenheit; doch die eigene Lebensweise zu ändern, wie Religion im Allgemeinen und der Islam im Besonderen es verlangen, ist für die meisten Menschen schwierig.

Offenbarungen von oben
Außerdem ist die Vorstellung einer Offenbarung von oben nicht leicht zu verstehen, da diese Erfahrung alles andere als gewöhnlich ist. Dennoch nahmen jene frühen Gläubigen Muhammads Botschaft an, weil sie wussten, dass er wahrhaftig war: Für sie war völlig klar, dass jemand, der den Menschen niemals eine Lüge erzählt hatte, nichts Falsches erfinden und es Gott zuschreiben konnte.

Als sie die Offenbarungen hörten, die Muhammad gegeben worden waren, waren sie von seiner Botschaft noch stärker überzeugt, denn sie erkannten, dass alles, was er sagte, gut war. Sie beobachteten auch, wie ihm seine Offenbarungen gegeben wurden, und konnten sehen, dass Muhammad selbst keine Wahl darüber hatte, welche Offenbarungen ihm gegeben wurden. Ebenso konnten die Offenbarungen zu jedem Zeitpunkt des Tages oder der Nacht kommen, gleichgültig, wo er sich befand und ob er saß, stand, ging oder ritt. Die Menschen in seiner Nähe konnten manche Geräusche an seinem Kopf hören, aber nicht verstehen, was gesagt wurde. Muhammad war völlig in diesen Vorgang vertieft, der nur wenige Augenblicke dauerte. Der Vorgang war für ihn so schwierig, dass er sogar bei großer Kälte ins Schwitzen geriet. Wenn er vorüber war, war er jedoch voller Energie und rezitierte eine neue Passage des Qur’an mit einer äußerst klaren Botschaft.

Seine Gefährten erkannten, dass dieser Vorgang anders war als alles, was sie kannten; daher waren sie überzeugt, dass er etwas ganz Besonderes sein musste. Wie hätte es anders sein können, da es seinem Wesen nach ein Kontakt mit einem Engel war, der vom Himmel kam? Doch dies war nicht die einzige Art, wie der Prophet Offenbarungen empfing. Der Engel Gabriel kam manchmal in menschlicher Gestalt zum Propheten und manchmal in seiner eigenen Engelsgestalt.

Das Ergebnis dieses Vorgangs, der sich über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren erstreckte, war der Qur’an: das größte aller Wunder. Dieses Buch, das Gottes Botschaft an die Menschheit enthält, zeigt eine Lebensweise, die für alle Generationen und Gesellschaften geeignet ist. Es legt Grundsätze und Werte fest, die alles Gute fördern und nur das verbieten, was der Menschheit und dem menschlichen Leben schadet. Die Botschaft ist in einem unnachahmlichen Stil ausgedrückt und fordert jeden, der bezweifelt, dass sie von Gott kommt, heraus, auch nur eine kurze Passage wie diese hervorzubringen.

Der Qur’an verbindet Eigenschaften, die in menschlicher Ausdrucksweise nicht miteinander verbunden werden können: Er ist knapp und doch vollständig ausdrucksstark, richtet dieselbe Anrede an die Allgemeinheit und an Fachgruppen, erreicht sowohl logische Überzeugung als auch emotionale Befriedigung und verbindet Klarheit mit Allgemeingültigkeit. Zur Zeit seiner Offenbarung waren die Araber stolz auf ihre literarischen Fähigkeiten und hatten viele große Dichter hervorgebracht. Dennoch waren sie von der Schönheit des qur’anischen Stils überwältigt. Bis heute ist der Qur’an der höchste Maßstab literarischen Ausdrucks geblieben.

Der Qur’an war daher die beste Beruhigung, die die Gefährten des Propheten dafür haben konnten, dass ihr Glaube an den Islam und an die von Muhammad (Friede sei mit ihm) verkündete Botschaft richtig war. Jedes Mal, wenn eine Passage davon offenbart wurde, stärkte sie ihre Überzeugung, dass ihre Entscheidung die richtige war. Dies gilt bis heute, wie es in den vergangenen vierzehn Jahrhunderten gegolten hat, und wird, so Gott will, bis zum Ende der Zeit gelten.

Wenn ein Muslim in Schwierigkeiten gerät, braucht er oder sie nur eine Passage oder eine Sure des Qur’an zu rezitieren, und dies wird das Vertrauen in Gottes Fürsorge und den Glauben erneuern, dass die Bedrängnis durch Leichtigkeit und Trost ersetzt werden wird. Die Gefährten des Propheten mussten sich nur an die Art ihres Lebens vor dem Islam und an den großen Aufstieg erinnern, den der Islam ihnen ermöglicht hatte, um ihre Überzeugung von der Wahrheit ihres Glaubens zu stärken. Der Islam erhob sie aus den Tiefen, in denen sie Götzen anbeteten, die sie mit ihren eigenen Händen gemacht hatten, zu den Höhen, wo sie allein Gott anbeteten und Ihm keine Teilhaber beigesellten.

Die Geschichte, wie Amr ibn al-Dschamuh die Wahrheit des Islam erkannte, zeigt uns, wie sehr jene Gefährten des Propheten die durch den Islam bewirkte Veränderung ihres Lebens schätzten. Der arabischen Tradition ehrenhafter Männer folgend, besaß Amr einen eigenen persönlichen Götzen aus Holz. Er bewahrte ihn in seinem Zimmer auf, wo er ihn pries und anbetete. Einige junge Männer seines Stammes, der Salamah, darunter sein eigener Sohn, beschlossen, eine ungewöhnliche Methode anzuwenden, um ihm die Wahrheit nahezubringen. Sie machten Amrs Götzen zu ihrem Ziel.

Wenn Amr fest schlief, betraten sie sein Haus, nahmen den Götzen weg und warfen ihn in eine mit Schmutz gefüllte Grube. Am Morgen, wenn Amr aufwachte und den Verlust seines Götzen bemerkte, begann er, nach ihm zu suchen. Er nahm den Götzen aus der Grube, reinigte und parfümierte ihn und stellte ihn wieder an seinen Platz. Dasselbe geschah Tag für Tag, und Amr war gereizt, wusste aber nicht, was er tun sollte. Er entschuldigte sich bei dem Götzen: „Wenn ich wüsste, wer dir das angetan hat, würde ich ihn gewiss streng bestrafen.“

Nach einigen Tagen, kurz bevor Amr schlafen ging, nahm er sein Schwert, gab es dem Götzen, legte den Riemen um dessen Hals und sagte: „Ich habe keine Ahnung, wer dich nachts misshandelt. Wenn du dir selbst von Nutzen bist, dann verteidige dich gegen ihren Angriff. Jetzt hast du das Schwert.“ In jener Nacht sahen die jungen Männer der Salamah das Schwert bei dem Götzen. Sie nahmen den Götzen, banden ihn an einen toten Hund und warfen ihn in einen unbenutzten Brunnen, in den die Menschen ihren Schmutz und Abfall warfen.

Am Morgen suchte Amr nach seinem Götzen. Als er ihn nach langem Suchen fand, war er bei diesem Anblick zutiefst erschüttert. Sein Sohn und die anderen, die diese Behandlung des Götzen durchführten, sprachen mit ihm und wiesen darauf hin, dass der Götze, wenn er sich selbst nicht schützen konnte, niemandem von Nutzen sein könne. Als sie Amr die Botschaft des Islam erklärten, nahm er sie ohne Zögern an. Er verfasste ein schönes kurzes Gedicht, in dem er den Götzen und dessen Nutzlosigkeit beschrieb. Außerdem pries er Gott dafür, dass Er ihm ermöglicht hatte, die Wahrheit des Islam zu erkennen.5

Ereignisse, die Gewissheit schenkten
Keiner der Gefährten des Propheten hegte je Zweifel an der Wahrheit des Islam. Der Qur’an wurde ihnen vom Propheten im Gebet und zu anderen Zeiten rezitiert, und seine machtvolle Botschaft zeigte eine deutliche Wirkung auf ihren Verstand und ihre Herzen. Jeder von ihnen empfand die Veränderung seines Lebens zutiefst. Die Vorstellung, dass einer von ihnen als Gesandter Gottes auserwählt worden war, war für sie völlig annehmbar.

Dennoch schenkte Gott ihnen eine Fülle Seiner Gnade, um sie zu beruhigen. Der Bedarf an solcher Beruhigung wurde vom Propheten Abraham deutlich ausgesprochen, als er Gott bat, ihm zu zeigen, wie die Toten wieder zum Leben erweckt werden: Als Abraham sagte: „Mein Herr, zeige mir, wie Du die Toten lebendig machst“, antwortete Er: „Glaubst du etwa nicht?“ Er sagte: „Doch, ich glaube, aber ich möchte, dass mein Herz völlig beruhigt und vollkommen versichert wird.“ Gott sagte: „Nimm vier Vögel und ziehe sie zu dir heran; dann lege, nachdem du sie in Stücke geschnitten hast, einen Teil von ihnen auf jeden Berg. Danach rufe sie, und sie werden eilends zu dir kommen. Wisse, dass Gott Allmächtig und Allweise ist.“ (2: 260)

Solche Beruhigung kam zu den Menschen, wenn sie sie am dringendsten benötigten, und zeigte ihnen, wie Gott für sie sorgte. Es gab viele Situationen, in denen sie verzweifelt darauf angewiesen waren, dass etwas geschah, und es geschah. Eine kleine Menge Nahrung und eine riesige Schar hungriger Menschen: Wie konnten sie alle gespeist werden? Eine geringe Menge Wasser, während so viele trinken und ihre Pferde und Kamele tränken mussten: Wie konnte es verteilt werden? All dies geschah durch Gottes Gnade.

In Kapitel 2 erwähnte ich die Belagerung Medinas durch die Ungläubigen, die ein großes Heer aufgestellt hatten, um die muslimische Gemeinschaft zu vernichten. Der Prophet ordnete an, am Eingang Medinas einen trockenen Graben auszuheben, um den Vormarsch des angreifenden Heeres aufzuhalten. Der Prophet arbeitete selbst wie jedes andere Mitglied der Gemeinschaft am Graben. Während sie gruben, sangen die Muslime im Chor, und der Prophet stimmte mit ein.

Die Muslime waren damals sehr arm, und die meisten litten unter Hunger. Infolge ihrer schweren Arbeit war ihr Hunger besonders quälend. Viele legten einen Stein auf ihren Bauch und banden ihn fest, um die Hungerschmerzen zu lindern. Der Prophet selbst hatte zwei Steine an seinen Bauch gebunden. Während er arbeitete, bemerkte einer seiner Gefährten, dass er äußerst hungrig sein musste. Dieser Mann, Jabir ibn Abdullah, war von dem Anblick tief betroffen und bat darum, sich vorübergehend entfernen zu dürfen. Er ging sofort nach Hause, um festzustellen, welche Nahrung vorhanden war.

Seine Frau sagte ihm, sie habe eine kleine Menge Gerste und eine kleine Ziege. Er schlachtete die Ziege sofort und bereitete sie zum Kochen vor. Seine Frau mahlte die Gerste und begann, die Ziege in einem großen Topf zu kochen. Als Kochen und Backen fast beendet waren, ging Jabir zum Propheten und sagte: „Gesandter Gottes, ich habe zu Hause etwas Essen. Möchtest du mein Gast sein, mit einem oder zwei deiner Gefährten?“ Der Prophet fragte ihn, wie viel Nahrung er habe. Als er Jabirs Antwort hörte, sagte er: „Das ist gut und reichlich. Sag deiner Frau, sie soll den Topf nicht vom Feuer nehmen und ihr Brot nicht aus dem Ofen holen, bis ich komme.“ Dann wandte er sich an seine Gefährten und lud sie zu Jabirs Mahlzeit ein.

Alle, die unter den Muhadschirun und den Ansar am Graben arbeiteten, gingen mit ihm. In Jabirs eigener Darstellung der Geschichte heißt es, dass er äußerst verlegen war, weil seine kleine Ziege und die geringe Menge Brot für eine so große Zahl von Menschen völlig unzureichend waren. Als er an Jabirs Haus ankam, sagte der Prophet zu seinen Gefährten: „Kommt herein, aber drängt einander nicht.“ Der Prophet selbst begann, das Brot zu schneiden, es auf Teller zu legen und Fleisch darauf zu geben. Währenddessen ließ er den Topf köcheln und deckte ihn ebenso wie den Ofen ab, nachdem er etwas Brot herausgenommen hatte.

Er reichte seinen Gefährten einen Teller nach dem anderen, bis sie alle eine vollständige Mahlzeit gegessen hatten. Sowohl der Topf als auch der Ofen waren noch voller Brot und Fleisch, als alle mit dem Essen fertig waren. Der Prophet sagte dann zu Jabirs Frau: „Iss davon und schicke anderen Menschen Geschenke, denn wir haben etwas erlebt, das einer Hungersnot nahekommt.“ Sie tat dies und verschickte während des restlichen Tages große Mengen Brot und Fleisch.

Es gibt mehrere Berichte über diese Geschichte. Einige nennen 800 als Zahl derer, die an Jabirs Mahlzeit teilnahmen. Wenn jeder, der am Graben arbeitete, die Einladung des Propheten zu Jabirs Haus annahm, wäre die Zahl noch höher gewesen. Diese Ereignisse sind nicht deshalb erstaunlich, weil eine kleine – oder meinetwegen große – Ziege ausgereicht hätte, so viele Menschen zu speisen, sondern weil Gott diese Mahlzeit segnete und dem Propheten zu jener besonderen Zeit ein solches Vorrecht gewährte.6

Während des Grabenaushubs ereignete sich ein ähnlicher Vorfall. Er bestätigt, dass die Muslime in Medina damals nur sehr wenig Nahrung hatten, als die Quraisch beschlossen, sie zusammen mit anderen arabischen Stämmen und Angehörigen des jüdischen Stammes al-Nadir anzugreifen. Eine Tochter von Bashir ibn Sad berichtete, dass ihre Mutter Amrah bint Rawahah ihr eine kleine Menge Datteln gab und sie aufforderte, diese ihrem Vater und ihrem Onkel Abdullah ibn Rawahah zum Mittagessen zu bringen.

Auf ihrem Weg kam sie am Propheten vorbei, der sie fragte, was sie trage. Sie antwortete: „Einige Datteln, die meine Mutter meinem Vater Bashir ibn Sad und meinem Onkel Abdullah ibn Rawahah zum Mittagessen geschickt hat.“ Der Prophet sagte: „Gib sie mir.“ Sie legte sie in die Hände des Propheten und bemerkte, dass er noch mehr hätte halten können. Der Prophet ließ ein Tuch ausbreiten und legte die Datteln darauf. Er bat jemanden in der Nähe, alle Menschen zum Mittagessen einzuladen. Sie kamen alle und begannen zu essen. Die Datteln wurden immer mehr, bis jeder gegessen hatte, während das Tuch noch immer voller Datteln war.7

Wie konnte eine so kleine Menge Nahrung so viele Menschen speisen? Es geschah durch Gottes Segen, denn Er erhörte das aufrichtige Bittgebet Seines Gesandten.

Außerdem berichtete Imran ibn Husayn, dass sie während eines Feldzugs mit dem Propheten einen großen Teil der Nacht hindurch reisten. Nachdem er Einzelheiten darüber erwähnt hatte, dass sie das Fadschr-Gebet versäumt hatten, fuhr er fort: Der Prophet reiste weiter, doch die Menschen klagten über Durst. Er hielt an und wies Ali und einen anderen Mann an, nach Wasser zu suchen. Sie trafen eine Frau, die auf einem Kamel saß, auf dem sich zwei große lederne Wasserbehälter befanden. Sie fragten sie, wo sie Wasser finden könnten. Sie sagte: „Das letzte Mal, dass ich eine Wasserquelle sah, war um diese Zeit gestern. Unsere Leute sind auf der Suche nach weiterem Wasser.“ Sie sagten: „Dann komm mit uns.“ Sie fragte: „Wohin?“ Sie sagten: „Zum Gesandten Gottes.“ Sie sagte: „Ist er derjenige, den man Sabi nennt, also den, der seine Religion verlassen hat?“ Sie sagten: „Er ist derjenige, den du meinst. Komm mit.“

Sie brachten sie zum Propheten und berichteten ihm von ihrem Gespräch mit ihr. Sie forderten sie auf abzusteigen. Der Prophet bat um einen Eimer und goss etwas Wasser aus den oberen Öffnungen der beiden Lederbehälter hinein, bevor er deren obere Öffnungen zuband. Dann öffnete er die unteren Öffnungen. Es wurde ausgerufen, die Menschen sollten kommen, trinken und ihre Gefäße füllen. Wer trinken wollte, trank, und wer sein Gefäß füllen musste, füllte es. Zuletzt gab der Prophet einem Mann, der ihm gesagt hatte, dass er sich im Zustand der rituellen Unreinheit befand, einen mit Wasser gefüllten Eimer. Der Prophet sagte zu ihm: „Wasche dich mit diesem Wasser.“

Die Frau blieb stehen und beobachtete, was mit ihrem Wasser geschah. Bei Gott, als es vorbei war, dachten wir alle, dass die beiden Lederbehälter sogar voller waren als zu Beginn. Der Prophet sagte dann: „Sammelt etwas für sie.“ Sie brachten von dem, was sie besaßen: einige Datteln, Brot, Gebäck und anderes. Sie legten die Nahrung in ein Gewand, halfen ihr zurück auf ihr Kamel und legten das Gewand mit der Nahrung auf ihren Schoß. Der Prophet sagte zu ihr: „Du weißt, wir haben nichts von deinem Wasser genommen. Gott ist es, der uns dieses Wasser zu trinken gegeben hat.“

Sie kehrte zu ihren Leuten zurück, nachdem sie lange aufgehalten worden war. Sie fragten sie: „Was hat dich aufgehalten?“ Sie sagte: „Etwas sehr Merkwürdiges. Ich traf zwei Männer, die mich zu dem Mann brachten, den die Leute Sabi nennen“, und sie berichtete, was geschehen war. „Bei Gott, er ist entweder der größte Zauberer zwischen diesem Ort und jenem“ – dabei zeigte sie zum Himmel und zur Erde –, „oder er ist tatsächlich Gottes Gesandter.“ Die Muslime überfielen später die Ungläubigen in ihrem Gebiet, verschonten jedoch das Viertel ihrer Leute. Eines Tages sagte sie zu ihren Leuten: „Ich glaube, diese Menschen meiden uns absichtlich. Ich schlage vor, dass wir Muslime werden.“ Sie stimmten ihr zu und nahmen den Islam an. (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

Die Ereignisse in diesem Fall ähnelten in mancher Hinsicht einem Ereignis bei Umm Maʿbad. Umm Maʿbad war eine Beduinenfrau, die an einem Ort am Weg des reisenden Propheten ihr Lager aufgeschlagen hatte. Als er von Mekka nach Medina auswanderte, hatte er einen unbekannten Weg gewählt, um seinen Verfolgern zu entkommen. Sie hatte weder Milch noch Nahrung anzubieten, denn ihr Mann hatte die Schafe zum Weiden geführt; nur ein Schaf war zurückgeblieben, das zu schwach war, sich den anderen anzuschließen. In jenem Teil der Wüste herrschten sehr schwere Zeiten. Da es nur sehr wenige Weideplätze gab, gaben nur wenige Schafe Milch.

Umm Maʿbad bedauerte zutiefst, dass sie ihren Gästen praktisch nichts anbieten konnte. Nachdem der Prophet ihre Zustimmung eingeholt und erhalten hatte, strich er über die trockenen Euter des Schafes und erwähnte den Namen Gottes. Milch strömte in Hülle und Fülle hervor. Jeder in der Gruppe des Propheten trank sich satt, und Umm Maʿbad blieb eine große Menge Milch, bevor die Reisenden ihren Weg fortsetzten.8

Ein anderes Problem hatte Jabir ibn Abdullah, als sein Vater starb. Dieser hinterließ bei einem Juden eine offene Schuld von dreißig Säcken Datteln. Jabir bat darum, die Rückzahlung dieser Schuld aufzuschieben, doch der Mann stimmte nicht zu. Daraufhin ging Jabir zum Propheten und bat ihn, den Gläubiger zu überzeugen, ihm mehr Zeit zu geben. Der Prophet traf den Juden und bat ihn, Jabirs Dattelernte als vollständige Rückzahlung der Schuld anzunehmen, doch der Mann lehnte ab.

Der Prophet ging daraufhin zu Jabirs Garten und durchschritt ihn. Dann sagte er zu Jabir: „Ernte deine Datteln und zahle ihm die Schuld vollständig zurück.“ Der Prophet ging fort, und Jabir begann, seine Datteln zu ernten. Er gab dem Juden seine dreißig Säcke und hatte noch siebzehn Säcke für seine Familie übrig. Danach ging Jabir zum Propheten, um ihm davon zu berichten. Der Prophet verrichtete gerade das Asr-Gebet. Als er es beendet hatte, erzählte Jabir ihm, was geschehen war. Der Prophet sagte: „Berichte dies Umar ibn al-Khattab.“ Jabir ging und erzählte es Umar, der sagte: „Ich erkannte, dass du Gottes Segen erhalten würdest, als ich den Gesandten Gottes in deinem Garten gehen sah.“ (Überliefert von al-Bukhari.)

Segen oder Wunder
Allen diesen Geschichten ist gemeinsam, dass sich die Mittel in Situationen unglaublicherweise vermehrten, in denen Menschen aus der muslimischen Gemeinschaft wirkliche Not litten. Die Menschen suchten die Hilfe des Propheten, oder der Prophet erkannte das Problem selbst und handelte, wie bei den beiden Ereignissen während des Grabenaushubs. Es gibt viele weitere Geschichten dieser Art, die sich zu verschiedenen Zeiten ereigneten.

In all diesen Beispielen bestand der gemeinsame Faktor darin, dass der Prophet die Angelegenheit selbst in die Hand nahm und ein Bittgebet sprach, das die Umstehenden nicht hören konnten; die Zeugen erwähnen nur, dass sie ihn beten oder ein Bittgebet sprechen sahen. Wenn es nötig war, übernahm er selbst die Handlung, wie beim Austeilen der von Jabir gegebenen Nahrung oder beim Hineintauchen seiner Hand in das Wasser bei anderen Ereignissen.

Waren dies Wunder? Aus unserer menschlichen Perspektive waren es zweifellos übernatürliche Ereignisse. Doch der Prophet oder irgendjemand sonst bot sie nicht als Zeichen oder Beweise dafür an, dass Muhammad (Friede sei mit ihm) Gottes Gesandter war. Niemand wurde aufgrund eines solchen Ereignisses aufgefordert, an den Islam zu glauben. Diese Ereignisse beruhigten die Gefährten des Propheten und gaben ihnen die Gewissheit, dass sie dem richtigen Weg folgten; sie wurden jedoch nicht als Beweise für die Wahrheit des Islam vorgelegt.

Vielmehr zeigten sie zwei Dinge. Erstens zeigen sie, dass eine kleine Menge Nahrung, wenn Gottes Segen gegeben wird, ein Heer versorgen kann und dass ein Wasserbehälter wie eine Quelle werden kann. Es war Gottes Segen für Jabirs Ziege und für die Datteln des Mädchens, der während ihrer schweren Arbeit am Graben Hunderte von Menschen mit zwei Mahlzeiten versorgte, um den Islam zu verteidigen. Zweitens zeigen sie, dass es keine Grenze dafür gibt, wie viel Gott gibt, wenn Er ein Gebet erhört.

Dieser letzte Punkt wird am besten durch den folgenden Hadith veranschaulicht, den Anas ibn Malik überliefert: Die Menschen erlebten zu Lebzeiten des Propheten eine Zeit großer Not. An einem Freitag, während der Prophet seine Predigt hielt, stand ein Beduine auf und sagte: „Gesandter Gottes, die Menschen gehen zugrunde und die Kinder hungern. Bitte Gott, uns Regen zu geben.“ Der Prophet hob seine Arme und sprach ein Gebet. Kein einziges Wölkchen war am Himmel. Innerhalb weniger Minuten sammelten sich Wolkenberge. Der Prophet war kaum von der Kanzel herabgestiegen, da sah ich schon, wie der Regen seinen Bart benetzte.

Der Regen hielt den Rest des Tages, am folgenden Tag und am Tag danach bis zum nächsten Freitag an. Derselbe Beduine oder vielleicht jemand anderes stand auf und sagte: „Gesandter Gottes, Gebäude sind eingestürzt und Besitz ist überschwemmt worden. Bitte für uns.“ Der Prophet hob seine Arme und betete: „Unser Herr, lass den Regen um uns herum fallen und nicht über uns.“ Er zeigte mit der Hand zum Himmel. Wo immer er hinzeigte, erschien der Himmel wieder. Medina wurde wie eine freie Fläche im Zentrum eines riesigen Kreises. Der Qanat-Wadi, also der Wasserlauf, führte einen Monat lang Wasser. Jeder, der aus den umliegenden Gebieten kam, berichtete von reichlichem Regen. (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

Wenn wir diese und ähnliche Berichte untersuchen, müssen wir bedenken, dass der Prophet nicht den Verdienst dafür beanspruchte: Es war Gottes Werk. Außerdem besaß er dadurch kein besonderes Vorrecht. Er nahm daran wie einer der Menschen teil. Er aß mit ihnen oder trank und vollzog die Gebetswaschung, wie sie alle es taten. Manchmal nahm er selbst nichts davon, wie im Fall von Jabirs Garten, sondern bat Gott lediglich, den Menschen Seinen Segen zu gewähren.

Diese Ereignisse zeigten Gottes Macht, alles zu vollbringen, was Er will, und erinnerten alle Menschen an die große Wahrheit über Gott: „Wenn Er etwas will, sagt Er nur zu ihm: Sei!, und es ist.“ (36: 82)

Bemerkenswert ist, dass all diese Fälle dazu dienten, die Not anderer Menschen zu lindern: die eines Einzelnen, einer Gruppe oder eines großen Teils der muslimischen Gemeinschaft. Der Prophet bat niemals für sich selbst darum, obwohl er arm war. Ibn Abbas, der Cousin des Propheten, berichtet: „Der Gesandte Gottes konnte mehrere Nächte ohne Abendessen für sich oder seine Familie verbringen. Ihr Brot bestand meistens aus Gerstenbrot.“ (Überliefert von Ahmad, al-Tirmidhi und Ibn Majah.) Ebenso berichtet Aischa: „Die Angehörigen des Hauses Muhammads hatten niemals genug Gerstenbrot, um sie an zwei aufeinanderfolgenden Tagen zu ernähren, bis er starb.“ (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

Manche Menschen mögen sich fragen: Wenn einige Datteln eine große Gruppe von Menschen ernähren konnten, sobald der Prophet Gott gebeten hatte, ihre Nahrung zu segnen, warum tat er dasselbe nicht, wenn seine Familie wenig zu essen hatte? Die Antwort lautet, dass er weder für sich selbst noch für seine Familie etwas erbat, da er glaubte, was immer Gott gab, sei für ihn ausreichend. Er vertraute auf Gott, und Gott gab ihm genug, damit sie davon leben konnten.

Dies wird in diesem authentischen Hadith am besten beschrieben. Aischa sagte: „Wir konnten einen Neumond sehen, dann noch einen und dann noch einen: drei Neumonde in zwei Monaten, ohne dass in irgendeinem Haus des Propheten ein Feuer zum Kochen entzündet wurde.“ Urwah, ihr Neffe, fragte sie: „Wovon habt ihr dann gelebt, Tante?“ Sie sagte: „Von den beiden Schwarzen: Datteln und Wasser. Der Prophet hatte jedoch einige ansarische Nachbarn, die Milchvieh besaßen; sie schickten dem Propheten Milch, und er gab uns davon zu trinken.“ (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

KAPITEL 7

MUHAMMAD: GOTTES DIENER Um Muslim zu werden, muss ein Mensch zunächst folgende Erklärung abgeben: „Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt, und ich bezeuge, dass Muhammad Gottes Gesandter ist.“ Das Wort Islam bedeutet „Hingabe oder Selbstübergabe“, und ein Muslim ist jemand, der sich Gott unterwirft. Bewusst ausgesprochen, bekundet diese Erklärung die Hingabe an Gott und die Verpflichtung, Gott in allen Lebenslagen zu gehorchen. Dieser Gehorsam wird erreicht, indem man den Lehren des Propheten folgt und sie verwirklicht, denn er war es, der uns Gottes Botschaft übermittelte. Eine verbreitete Variante der obigen Erklärung, besonders im Gebet, ändert den zweiten Teil und lautet: „Ich bezeuge, dass Muhammad Gottes Diener und Gesandter ist.“ Es ist wichtig zu bedenken, was dieser Zusatz bedeutet, und sich daran zu erinnern, dass alle Geschöpfe, Menschen wie Nichtmenschen, Gottes Diener sind. Der arabische Ausdruck für Diener ist [abd; er bedeutet auch „Sklave“ oder „Anbeter“. Daher wird [abd häufig als Bestandteil eines Personennamens verwendet, gefolgt von einem der Namen oder den Eigenschaften Gottes. So gibt es Namen wie [Abd al-Hadi, [Abd al-Rahman oder [Abd al-Ghafur; sie bedeuten jeweils „Diener dessen, der den Weg weist“, „der Herr der Gnade“ und „der Vergeber“. Manche Menschen verwenden für [abd das Wort „Sklave“. Das ist jedoch falsch, weil die Vorstellungen von Sklaverei völlig anders sind als die Bindung zwischen Gott und dem Menschen. Diese Bindung entsteht durch die Unterwerfung unter Gott und die Verpflichtung, seinen Willen in jeder Hinsicht auszuführen. Gott legt jedoch niemandem etwas auf, was für ihn zu schwer wäre. Im Gegenteil: Er ist ihnen gegenüber barmherzig, stets bereit, ihnen ihre Sünden zu vergeben und ihre Fehltritte zu übersehen. Er weist ihnen den Weg, damit sie den Kurs wählen, der ihnen Glück in diesem Leben und im kommenden Leben bringt. So beruht die Beziehung zwischen Mensch und Gott auf Fürsorge und gegenseitiger Liebe. Der Mensch entscheidet sich, sich Gott zu unterwerfen, und erkennt, dass er durch diese Unterwerfung mit dem ihn umgebenden Universum in Einklang gelangt, da das Universum samt allen Geschöpfen, die in ihm leben, sich Gott unterwirft. Nur dem Menschen wurde die freie Wahl gegeben, die es ihm ermöglicht, Gott ungehorsam zu sein und sich den Naturgesetzen entgegenzustellen, die Gott in Gang gesetzt hat. Wenn der Mensch sich daher Gott unterwirft, unternimmt er eine echte Anstrengung und erklärt, dass er aus freiem Willen Gottes Führung folgen will. Gott wird darauf mit seiner Barmherzigkeit antworten und seinen Anbetern reichen Lohn geben: Er wird sie im kommenden Leben ins Paradies aufnehmen. Im Paradies wird jeder Mensch ein Leben ununterbrochener Glückseligkeit führen. Diese besondere Beziehung zwischen Mensch und Gott gibt dem Menschen ein Gefühl des Stolzes auf seine Stellung. Er wird nicht länger bereit sein, sich einer Autorität zu unterwerfen, die von ihm verlangt, Gott ungehorsam zu sein. Vielmehr möchte er Gottes Gesetze verwirklichen und seiner Führung folgen, im Wissen, dass dies Harmonie zwischen ihm und der Welt um ihn herum schafft. Er urteilt, dass die Abkehr von Gottes Botschaft ihn mit der Welt um ihn herum und mit seiner menschlichen Natur in Konflikt bringt. Ein solcher Konflikt bereitet dem Menschen in dieser Welt Elend und bringt ihn im kommenden Leben in die falsche Lage. Der Stolz auf eine solche Beziehung zu Gott führt die Gläubigen jedoch nicht zu Hochmut; vielmehr bewirkt er Bescheidenheit im Umgang mit allen Menschen. Da Gott den Menschen mit seiner Führung begünstigt hat, ist ein guter Gläubiger Gott dankbar, und diese Dankbarkeit zeigt sich in unablässiger Bescheidenheit. Nur wenn Gottes Autorität herausgefordert wird, tritt ein Gläubiger hervor, um seinen Stolz auf seinen Glauben zu behaupten. In einer solchen Lage findet ein Gläubiger Freude an der Unterwerfung unter Gott allein und wird sich niemandem außer Gott beugen. Um Gottes Diener zu sein, muss ein Mensch der Versuchung widerstehen. Menschen sind häufig Versuchungen ausgesetzt, materiellen wie anderen. Wenn jemand etwas zu gewinnen hofft, das für die menschliche Natur sehr verlockend ist, kann der Widerstand gegen die Versuchung äußerst schwerfallen, besonders wenn keine unmittelbaren nachteiligen Folgen drohen. In vielen Gesellschaften sind manche Dinge, die von der Religion verboten werden, nach den Gesetzen des Landes erlaubt, und Menschen könnten versucht sein, das religiöse Verbot zu übertreten. Kommt hinzu, dass keine unmittelbare Strafe zu erwarten ist, kann die Versuchung noch stärker werden. Nur das Gefühl des Stolzes, Gottes Diener zu sein, kann einem Menschen helfen, die Versuchung zu überwinden und einen geraden Weg einzuschlagen, auf dem er dem göttlichen Gesetz gehorsam bleibt. Wir müssen uns daran erinnern, dass das göttliche Gesetz nur das verlangt, was gut für den Menschen ist und unser Glück in diesem Leben und im nächsten sicherstellt. Wenn Menschen sich als Gottes Diener betrachten und sich Ihm unterwerfen, sollten sie wissen, dass niemand einen besonderen Rang erlangt. Der einzige Rang ist jener, den Gott aus Gnade verleiht, wie er den Propheten und Gesandten Gottes verliehen wurde. Abgesehen von ihnen erlangt niemand einen Rang, der ihn oder sie vom übrigen Menschengeschlecht unterscheidet. Ein Mensch mag sehr fromm sein und Gott mag mit ihm zufrieden sein, doch er wird dies erst am Tag des Jüngsten Gerichts wissen; obwohl Gott ihm in diesem Leben seine Gnade erweisen kann, indem Er das, was schwierig erscheint, erleichtert, seinen Weg ebnet oder ihm Kraft gibt, seine Schwächen zu überwinden. Gottes Diener werden seine Hand in all dem spüren, aber nicht annehmen, sie hätten es verdient oder es stehe ihnen von Rechts wegen zu; vielmehr werden sie stets verstehen, dass es ihnen von Gott aus Gnade gewährt wurde. Daher werden sie frommer werden und ihre Unterwerfung unter Gott wird klarer und vollkommener werden. All dies galt für den Propheten, denn er war „Gottes Diener und Gesandter“. Als Gottes Diener unterwarf er sich Gott bereitwillig und vollständig und nahm seinen Willen an, ganz gleich, was dieser ihm bringen mochte. Daher strebte er nach keinem besonderen Rang. Vor seiner ersten Begegnung mit dem Engel Gabriel wusste er nichts über die richtige Beziehung zwischen Mensch und Gott, denn vom Erbe der Propheten Abraham und Ismael war außer einem vagen Glauben an Gott und einigen entstellten Bräuchen nichts übrig geblieben. Daher konnte er keine Vorstellung davon haben, welchem Weg er folgen sollte. Einige Araber, besonders in Medina, die mit Christen oder Juden in Kontakt standen, hatten erfahren, dass die Schriften beider Religionen den letzten Gesandten angekündigt hatten, der den göttlichen Glauben zur Vollendung bringen würde. Die Araber von Mekka jedoch hatten keine solche Kenntnis. Als ihnen später gesagt wurde, Muhammad sei ein Prophet, fragten einige von ihnen: „Was ist ein Prophet?“ Gott sagt im Qur’an: „Du konntest niemals hoffen, dass dir dieses Buch verliehen würde. Doch es kam durch die Gnade deines Herrn.“ (28:86) Der Prophet erkannte die außergewöhnliche Gnade, die Gott ihm erwiesen hatte, und widmete sich der ihm übertragenen Aufgabe. Während der dreiundzwanzig Jahre seiner Sendung verlor er niemals seine grundlegende Stellung als Gottes Diener aus den Augen. Durch sein Beispiel zeigte er, dass es für jeden Menschen eine ehrenvolle Stellung ist, Gottes Diener zu sein. Wenn die Umstände schwierig waren und ein gewaltiges Opfer verlangten, sagte er: „Ich bin Gottes Diener, und ich werde Ihm niemals ungehorsam sein.“ Das Bewusstsein des Propheten um seine Stellung als Gottes Diener gab ihm selbst in den kritischsten und gefährlichsten Situationen Frieden und Ruhe. Dies war möglich, weil er das Versprechen, das Gott allen Gläubigen gegeben hat, vollkommen verstand: Jedem, der Gott fürchtet, wird Er einen Ausweg schaffen und ihn versorgen, von wo er es nicht erwartet. Gott genügt jedem, der auf Ihn vertraut. Gott setzt sein Vorhaben stets durch. Gott hat für alles ein Maß bestimmt. (65:2–3)

Der Prophet war gottesfürchtig und vertraute vollständig auf Gott; deshalb fürchtete er niemanden und keine Lage. Im Gegenteil: Wenn die Dinge am schwierigsten waren, blieb er sehr ruhig und vertraute darauf, dass alles, was geschah, gut sein würde, weil es Gottes Entscheidung war. Das zeigt sich in der Zeit, als er aus Mekka fliehen musste und der Plan zu seiner Ermordung bereits in vollem Gang war. Um seine Verfolger zu verwirren, reiste er zunächst in die entgegengesetzte Richtung. Dann suchte er mit seinem einzigen Gefährten, Abu Bakr, Zuflucht in einer Höhle. Die Verfolger kamen an der Höhle vorbei, und Abu Bakr sagte zu ihm: „Wenn einer von ihnen nur auf den Boden vor seinen Füßen schaut, wird er uns sehen.“ Doch sein Vertrauen auf Gott versagte nie. Er antwortete: „Abu Bakr, was meinst du: Was ist mit zwei Menschen, wenn Gott mit ihnen ist?“ (Überliefert von al-Bukhari.) Die Verfolger hätten sie leicht sehen können; und wenn sie es getan hätten, hätte es nur ein Ergebnis gegeben, denn die Quraisch hatten am Vortag einstimmig beschlossen, ihn zu töten, und einen hohen Preis auf seinen Kopf gesetzt. In diesem äußerst kritischen Augenblick erkannte der Prophet lediglich an, dass Gott mit ihm war, und zeigte nicht die geringste Spur von Angst. Er tat alles, was er konnte, um ihnen zu entkommen, und vertraute auf Gott.

VOLLKOMMENES VERTRAUEN AUF GOTT
Der Prophet bemühte sich nach Kräften, seinen Anhängern dieses vollkommene Vertrauen auf Gott einzuprägen. Er war überzeugt, dass Muslime als Gottes Diener all ihr Vertrauen auf Gott setzen müssen, ganz gleich, was ihnen widerfahren mag. Khabbab ibn al-Aratt war ein Muslim, dessen niedriger Rang in Mekka ihn in eine besonders schutzlose Lage brachte. Er erlitt unermessliche Folter. Er berichtet: Wir beklagten uns beim Gesandten Gottes, während er nahe der Kaaba auf einem Tuch lag. Wir sagten: „Wirst du nicht zu Gott beten, dass Er uns hilft? Wirst du nicht für uns beten?“ Er sagte: „In den Zeiten vor euch konnte ein Gläubiger fortgeführt werden; man grub ein Loch in den Boden und setzte ihn hinein. Eine Säge wurde auf seinen Kopf gesetzt, und dann wurde er in zwei Hälften zersägt. Oder er wurde mit eisernen Kämmen gefoltert, die sein Fleisch zerrissen und seine Knochen freilegten. Nichts davon konnte ihn von seinem Glauben abbringen. Bei Gott, Er wird diese unsere Angelegenheit zum vollständigen Sieg führen, sodass ein einzelner Reisender von Sanaa nach Hadramaut ziehen wird, ohne jemand anderen als Gott zu fürchten, und ein Wolf seine Schafe reißen könnte. Ihr wollt die Dinge nur beschleunigen.“ (Überliefert von al-Bukhari, Ahmad, Abu Dawud, al-Nasa’i und anderen.) Aus der Fülle der Berichte über den Propheten und seinen Charakter wissen wir, dass er mit jedem seiner Gefährten fühlte. Wann immer sie in Schwierigkeiten gerieten, teilte er ihre Gefühle. Wenn sie verfolgt wurden, war sein Schmerz nicht geringer als ihrer. Dieser Hadith berichtet jedoch, dass einige jener, die durch die Quraisch, die zu jeder Foltermethode griffen, am schwersten litten, sich beim Propheten über das erlittene Leid beklagten und ihn baten, für sie zu beten. Er nahm ihre Bitte sehr ruhig auf und sagte ihnen, dass an dem, was sie erdulden mussten, nichts Ungewöhnliches sei. Die Kräfte des Bösen werden immer versuchen, die Stimme der Wahrheit zu unterdrücken. Er wollte, dass sie auf Gott vertrauten und davon überzeugt waren, dass der Islam siegen würde. Wir irren jedoch, wenn wir meinen, durch unser Vertrauen auf Gott würden wir von jedem körperlichen oder anderen Unglück verschont. Der Prophet forderte Khabbab und diejenigen, die sich beklagten, auf, Folter und Verfolgung zu ertragen und dabei auf Gott zu vertrauen. Er bestätigte, dass zwar das endgültige Ergebnis der Sieg der Wahrheit des göttlichen Glaubens sein werde, das Ertragen von Härte und die Beharrlichkeit im Unglück jedoch stets notwendig seien. Kurz vor der ersten großen Schlacht zwischen den Muslimen und den Götzendienern aus den Reihen der Quraisch bei Badr betete der Prophet eindringlich zu Gott, Ihn den Sieg zu gewähren. In seinem Gebet sagte er: „Mein Herr, wenn Du diese Schar der Gläubigen heute untergehen lässt, wird niemand übrig bleiben, der Dich anbetet.“¹ Für ihn war eine Niederlage, die die Gläubigen vernichten würde, eine Möglichkeit, die er abzuwenden hoffte. Daher seine inständigen Bitten an Gott, sein Siegesversprechen zu erfüllen. Er kannte Gottes Plan in keiner Weise. Er behauptete niemals, etwas anderes zu wissen als die Wahrheiten, die Gott ihm jeweils mitteilen wollte. Als man den trockenen Graben zur Verteidigung Medinas gegen die angreifenden Heere aushob, half er dabei, einen harten Felsen zu zerbrechen. Er sagte seinen Gefährten, dass er bei jedem Funken, der beim Schlag gegen den Felsen sprühte, die Paläste Syriens und Persiens sowie die Tore von Sanaa sehen könne; wann und wie diese Länder jedoch zum Islam gehören würden, wusste er nicht. Er teilte seinen Gefährten alles mit, was er wusste. Wie es sich später ereignete, wurden alle diese Gebiete innerhalb von zwei Jahrzehnten Teile des muslimischen Staates, und viele derer, die seine Worte damals gehört hatten, erlebten die Erfüllung dieser Prophezeiung mit. Die Forderungen der Unterwerfung unter Gott und des Vertrauens auf Ihn bedeuten nicht, dass ein Muslim alles Gott überlässt. Im Gegenteil: Das Vertrauen auf Gott verlangt, dass ein Muslim jede mögliche Maßnahme ergreift, um sich jeder Lage zu stellen. Wenn dies getan ist, vertraut der Diener Gottes darauf, dass Gott das beste Ergebnis herbeiführen wird. Dies war im Verhalten des Propheten während seines ganzen Lebens deutlich, und hierin liegt ein Beispiel, dem wir folgen müssen. ¹ Ibn Hisham, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 2, S. 267. Siehe auch al-Bukhari, Sahih (Buch der Qur’an-Auslegung), Sure 54.

DER FRÖMMSTE ANBETER
Mit dem Vertrauen auf Gott und der Zuversicht auf Ihn ist der Aspekt der Anbetung verbunden, eine ebenso wichtige Bedeutung des Ausdrucks [abd, der „Gottes Diener“ bedeutet. Vielleicht hat die Menschheit keinen Menschen gesehen und wird keinen sehen, der Gott hingebungsvoller anbetete als Muhammad (Friede sei mit ihm). Wir müssen nur mit seinem Verhalten und seinen Lehren vertraut sein, um dies zu erkennen. Tatsächlich war die Anbetung für ihn wie die Luft, die er atmete. Hier kann ich nur einen Einblick in seine Anbetung geben, obwohl ich überzeugt bin, dass eine gründliche Untersuchung diese Aussage stets bestätigen wird. Die islamische Anbetung hat verschiedene Seiten und Formen: Das Gebet ist körperlich und sprachlich, die Zakat ist finanzieller Art, das Fasten ist eine Anbetung durch Enthaltung, und die Pilgerfahrt verbindet alle vier Aspekte. Von diesen ist das Gebet die wichtigste Form der islamischen Anbetung. Der Prophet sagt: „Eine Religion, die kein Gebet einschließt, ist nutzlos.“ Der arabische Ausdruck für Gebet ist salah; er leitet sich von einer Wurzel ab, die „Kontakt, Verbindung oder Band“ bezeichnet. Tatsächlich bietet das islamische Gebet all dies und begründet ein Band zwischen dem Gläubigen und Gott. Um Muhammad die nötige Kraft zur Erfüllung seiner Aufgabe als Sein Gesandter zu geben, befahl Gott ihm in der frühen Phase seiner Sendung, jede Nacht einen großen Teil der Nacht mit Anbetung zu verbringen: „Steh des Nachts zum Gebet auf, bis auf einen kleinen Teil davon, die Hälfte davon oder etwas weniger, oder füge etwas hinzu. Trage den Qur’an ruhig und deutlich vor. Wir werden dir eine gewichtige Botschaft auferlegen.“ (73:2–5) Ein ganzes Jahr lang verrichteten der Prophet und die wenigen Menschen, die seinem Ruf gefolgt waren und an den Islam geglaubt hatten, ihre nächtliche Anbetung, indem sie beteten und den Qur’an rezitierten. Gelehrte vertreten die Auffassung, dass die größte Nähe zu Gott, die ein Mensch erreichen kann, darin besteht, im Gebet zu stehen, den Qur’an, Gottes eigenes Wort, zu rezitieren und über seine Bedeutung nachzudenken. Später wurde diese Verpflichtung gelockert. Die nächtliche Anbetung blieb ein wichtiger Bestandteil der Erziehung des Charakters eines Muslims, wurde jedoch freiwillig; man kann nur wenige Minuten damit verbringen oder sich für eine längere Zeit entscheiden. Die Bedeutung dieser Tätigkeit liegt in dem Verständnis, das sie von der Beziehung zwischen Mensch und Gott vermittelt. Ein wichtiger Teil der islamischen Anbetung ist die Verherrlichung Gottes, indem man Ihn lobt und Ihm für all die Segnungen dankt, die Er uns schenkt. Dies trägt ebenfalls zu unserem richtigen Verständnis unserer Stellung im Universum bei und vermittelt uns den richtigen Begriff von Gott. Dieses Verständnis gründet auf dem, was der Prophet uns durch Wort und Beispiel gelehrt hat:

Kurz vor dem Islam gab es Menschen, die keine Vorstellung von Gott hatten; Muhammad aber gab ihnen inneres Licht und führte sie zu einer klaren Erkenntnis ihres Herrn. Andere hatten falsche Vorstellungen von Gott und meinten, Er habe einen Sohn oder Partner, die als Vermittler handelten. Muhammad aber gab der Menschheit die klarste Vorstellung von Gottes absoluter Einheit und zeigte deutlich, dass Gott keinen Sohn, keine Tochter, keinen Partner, kein Gegenstück und nicht seinesgleichen hat: „Haben sie sich Beschützer außer Ihm genommen? Gott allein ist der Beschützer aller; Er ist es, der die Toten lebendig macht, und Er hat Macht über alle Dinge. Worin auch immer ihr streitet, das letzte Wort gehört Gott. Das ist Gott, mein Herr. Auf Ihn vertraue ich, und zu Ihm wende ich mich stets. Er ist der Schöpfer der Himmel und der Erde. Er hat für euch aus eurer eigenen Art Gatten geschaffen, ebenso wie Er für die Tiere Gatten geschaffen hat, damit ihr euch vermehret. Nichts ist Ihm auch nur im Geringsten vergleichbar. Er allein hört alles und sieht alles. Ihm gehören die Schlüssel der Himmel und der Erde. Er gewährt reichliche Versorgung oder bemisst sie knapp, wem Er will. Er besitzt vollständige Kenntnis von allem.“ (42:9–12) Muhammads Erkenntnis Gottes ist vollkommen und von niemandem übertroffen, der je gelebt hat oder je leben wird, weil sie auf einer Schau beruht, die niemals verblassen konnte. Ein Muslim, der dem Beispiel des Propheten folgt, erkennt, dass seine Erkenntnis Gottes besondere Eigenschaften besitzt, die sich deutlich in seiner Rede widerspiegeln. Sie ist klar, wahr, warm, durchdringend, frei von Unklarheit und Künstlichkeit. Menschliche Rede muss ein gewisses Maß an Wärme besitzen, um die gewünschte Wirkung zu erzielen. Wenn Muhammad von Gott spricht, ob in Hoffnung oder Furcht, tragen die Worte selbst einen starken Impuls, strömende Empfindung und große Wärme in sich. Ob man seine Worte liest oder hört, das Herz wird tief berührt, und man wird die Größe Gottes, des Herrn aller Welten, fühlen.² Stelle dir vor, was die Erde entlang einer geraden Linie enthält, die von einem Punkt ihrer Oberfläche ausgeht und am entgegengesetzten Ende wieder erscheint. Es muss eine Vielzahl von Dingen geben, von denen wir noch keine Kenntnis haben. Gott erinnert uns: „Euch ist nur wenig Wissen gegeben.“ (17:85) Gott gibt uns ein Bild von Seinem Wissen, über das wir nachdenken sollen: ² Muhammad al-Ghazali, Fann al-Dhikr wa’l-Du[a’ [Inda Khatam al-Anbiya’ (Die Kunst der Verherrlichung Gottes und des Bittgebets durch den letzten Propheten), Kairo, 1998, S. 10–11.

„[Er ist] der Herr der Gnade, der auf dem Thron Seiner Allmacht befestigt ist. Ihm gehört alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist, ebenso alles, was zwischen ihnen und unter dem Erdboden ist. Wenn du ein Wort laut aussprichst, so weiß Er das Verborgene und auch das noch tiefer Verborgene. [Er ist] Gott; es gibt keine Gottheit außer Ihm. Ihm allein gehören alle Eigenschaften der Vollkommenheit.“ (20:5–8) Ein Geheimnis, das nur einer Person bekannt ist und von ihr sorgfältig bewahrt wird, kann den anderen als unbekannt gelten. Gott sagt uns, dass Er jedes solche Geheimnis kennt und auch das, was noch verborgener ist. Selbst das kleinste Teilchen in den Tiefen der Erde ist dem allmächtigen Gott wohlbekannt. Vielleicht reicht unsere Vorstellungskraft bis hierher; doch in diesem Universum gibt es Welten, von denen wir nichts wissen. Alles aber, was sich in diesen Welten und darüber hinaus befindet, ist Gott bekannt. Nichts ist vor Ihm verborgen. Mit dieser Vorstellung von Gott wandte sich der Prophet in seinem Gebet mit Worten an Gott, die wir gut auswendig lernen und häufig wiederholen können. Nach der Beschreibung von [Ali über das Gebet des Propheten sagte er beim Beugen: „Mein Herr, vor Dir beuge ich mich, an Dich glaube ich und Dir unterwerfe ich mich. Mein Gehör, mein Gesicht, mein Verstand, meine Knochen und meine Nerven beugen sich alle vor Dir.“ Wenn er den Kopf hob, sagte er: „Möge Gott denjenigen hören, der Ihn lobt. Mein Herr, Dir gebührt das Lob, so viel, dass es die Himmel, die Erde, alles dazwischen und alles, was Du darüber hinaus willst, füllen würde.“ Dann, wenn er sich in der Niederwerfung befand, sagte er: „Mein Herr, vor Dir werfe ich mich nieder; an Dich glaube ich, und Dir unterwerfe ich mich. Mein Gesicht liegt in Niederwerfung vor Dem, der es erschaffen und gestaltet und ihm Gehör und Gesicht gegeben hat. Alle Herrlichkeit gehört Gott, dem besten aller Schöpfer.“³ Eine solche Anrede an Gott verkörpert die Bedeutung vollkommener Gottheit und vollkommener Unterwerfung unter Ihn: In den Erzählungen des Qur’an, seinen Gesetzesbestimmungen, seinen Bildern vom Universum und seiner Beschreibung der Auferstehung am Tag des Jüngsten Gerichts finden wir Hunderte von Hinweisen auf Gottes edle Eigenschaften. Der Qur’an akzeptiert nicht, dass Gottes Lobpreisungen auf theoretische Weise dargeboten werden, sodass das Herz unberührt bleibt oder keinen Einfluss auf das Verhalten des Menschen hat. Der Prophet, der ergebenste Anbeter Gottes, setzte diese Haltung in allen Bereichen seines Lebens in die Praxis um. So wurde er ein Mann Gottes, dessen Herz und Verstand zu Gott aufblickten, der alles im Leben im Namen Gottes anging, als würde er Gott sehen und hören. Wer mit Gott zufrieden ist, gibt sich nicht den Gefühlen der Angst oder des Verlangens hin; wer seine Kraft aus Gott bezieht, lässt sich von der zahlenmäßigen Stärke des Feindes nicht beunruhigen; wer Gott vor jeder Handlung im Blick hat, verhält sich in der Öffentlichkeit und im Privaten gleich; und diejenigen, die Erfolg im kommenden Leben suchen, lassen sich durch die Ziele dieses Lebens nicht von ihrem Weg abbringen. Muhammads Herz war stets lebendig im Bewusstsein seines Herrn. Er besaß ein tiefes Gefühl für Gottes Größe, und dies war das feste Fundament seiner Beziehungen zu anderen Menschen und zum Schöpfer. Höre, wie er dieses Bittgebet an Gott richtete: „Mein Herr, ich bitte Dich bei Deinem Wissen um alles, was der menschlichen Wahrnehmung verborgen ist, und bei Deiner Allmacht, mich am Leben zu lassen, solange Du weißt, dass das Leben besser für mich ist, und mich sterben zu lassen, wenn Du weißt, dass der Tod besser für mich ist. Mein Herr, ich bitte Dich, mich in allen Lagen gottesfürchtig zu machen. Hilf mir, die Wahrheit zu sagen, wenn ich zufrieden oder zornig bin. Gewähre mir Ausgeglichenheit in Armut und Wohlstand. Ich bitte Dich um nie endende Freude und Behagen und um unaufhörliche Zufriedenheit. Gewähre mir Zufriedenheit mit allem, was Du mir gibst, und Auferstehung nach dem Tod. Ich bitte Dich um das Glück, Dein Angesicht zu schauen und mich danach zu sehnen, Dir in einem Leben zu begegnen, das frei von schmerzlichem Leid und verwirrender Zwietracht ist. Schenke uns, unser Herr, den Glanz, den der Glaube hervorbringt, und mache uns zu Führern, die dem rechten Weg folgen.“⁴ Wenn wir das Leben des Propheten studieren, finden wir, dass er in jedem Augenblick seines Lebens Gott verherrlichte und Ihn lobte. Er stand vor Tagesanbruch auf, wenn der dunkle Vorhang der Nacht noch alles bedeckte. Dann sagte er: „Lob sei Gott, der mir meine Seele zurückgegeben, mir körperliche Kraft verliehen und mir erlaubt hat, Ihn zu verherrlichen.“ Beachte, wie er voller Optimismus das Leben begrüßt: „Lob sei Gott, der mir meine Seele zurückgegeben hat.“ Das Leben ist ein Geschenk Gottes, und wir können an einem Tag viele gute Dinge tun. Der Prophet brachte seine Dankbarkeit für sein Wohlbefinden zum Ausdruck. Über den letzten Teil dieses Bittgebets, in dem Gottes Erlaubnis erwähnt wird, Ihn zu verherrlichen, können wir lange nachdenken. Das ist ein Ausdruck vollständiger Hingabe, den Worte kaum beschreiben können: ⁴ Muhammad al-Ghazali, a. a. O., S. 12.

Muhammad, Gottes stets dankbarer Diener, beginnt seinen Lobpreis mit Worten, die in jedem Buchstaben und jedem Laut die Gewissheit des Glaubens und reine Liebe vermitteln. Er sagt diese Worte morgens und abends: „Mein Herr, ich bitte Dich, mir in diesem Leben und im kommenden Leben Gesundheit zu schenken, mir zu vergeben und mir Reinheit in meinem Glauben, meinem Leben, meiner Familie und meinem Besitz zu geben. Mein Herr, bedecke meine Fehler und schenke mir Sicherheit in Zeiten der Furcht. Schütze mich vor dem, was vor mir, hinter mir, zu meiner Rechten, zu meiner Linken und über mir liegt. Ich berufe mich auf Deine Größe, um mich vor jeder Gefahr zu schützen, die unter mir liegt.“ Der Prophet forderte jeden Muslim auf, zu Beginn oder am Ende seines Tages zu sagen: „Mein Herr, Du weißt alles, was der menschlichen Wahrnehmung verborgen ist, und alles, was irgendjemand bezeugt; Du bist der Schöpfer der Himmel und der Erde; Du bist der Herr und Eigentümer von allem. Ich bezeuge, dass es keine Gottheit außer Dir gibt. Ich suche Zuflucht bei Dir vor dem Bösen, das in mir ist, und vor den Machenschaften Satans.“⁵ Dies ist nur ein Einblick, wie oft der Prophet an jedem Tag seines Lebens Gott verherrlichte und Ihn lobte. Sein Bewusstsein von Gottes Gegenwart verließ ihn keinen Augenblick, und er lobte Ihn bei jeder Gelegenheit und vor jeder Handlung. Der Prophet ist daher das vollkommene Vorbild für alle Gläubigen. Manche von uns fragen sich vielleicht, ob wir all diese Bittgebete ständig wiederholen müssen. Gelehrte stellen zu Recht klar, dass sie zwar alle empfohlen, aber keines von ihnen verpflichtend ist. Der verstorbene Scheich Muhammad al-Ghazali sagt dazu jedoch: Ich bin der Ansicht, dass es notwendig ist, lange über solche Verherrlichungen und leidenschaftlichen Bittgebete nachzudenken, wenn das Herz nachlässig wird und die Beziehung zu Gott schwächer wird. Sie sind äußerst wirksam darin, uns den richtigen Begriff von Gott zu vermitteln und uns die Bedeutung Seiner großen Eigenschaften bewusst zu machen. Der Glaube wird wirkungslos, wenn er nicht auf erhellter Erkenntnis beruht. Wenn die Überzeugung nur am Rand bleibt, kann sie weder das Verhalten lenken noch ungezügeltes Verlangen im Zaum halten. Tatsächlich konnten die Gefährten des Propheten den Gipfel des Glaubens erreichen und den Lauf der Geschichte verändern, Verfassungen und Moral durch unendlich bessere zu ersetzen, nur weil sie dem Propheten nahestanden, sein Leben beobachteten und von seinem Licht geführt wurden. So ließen sie seine beispielhafte Aufrichtigkeit und seine Liebe zu Gott ihre Herzen erfüllen, wie sie sein Herz erfüllten. So ist die menschliche Natur. Meiner Ansicht nach müssen das Hören des Propheten, wenn er sein Bittgebet an Gott richtet, und das Mitempfinden seiner Gefühle, wenn er Gott anruft, unsere Herzen und unseren Verstand erhellen und uns dazu bewegen, Gott näherzukommen.⁶ Ebenso ist es natürlich, dass wir, wenn wir bedenken, wie der Prophet bei jeder Gelegenheit Gott verherrlichte und Ihn für alles lobte, besorgt werden, dass wir trotz aller Anstrengung hinter dem Geforderten zurückbleiben. Menschen, die so denken, können sich dann übermäßig antreiben. Der Prophet war jedoch darauf bedacht zu zeigen, dass er Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten nicht verachtete. Er wollte, dass die Menschen das Leben genießen, während sie zugleich ihre Beziehung zu Gott im Gedächtnis behalten. [A’ishah berichtet, dass der Prophet, wenn er den Menschen etwas auftrug, nur Handlungen bestimmte, die in ihren Möglichkeiten lagen. Als sie zum Propheten sagten: „Wir sind nicht wie du, Gesandter Gottes. Wie könnten wir es sein, wo Gott dir doch alle deine vergangenen und künftigen Sünden vergeben hat?“ wurde er zornig, und sein Zorn war in seinem Gesicht zu erkennen. Er sagte zu ihnen: „Ich bin der Gottesfürchtigste unter euch und weiß am besten, was Gott will.“ (Überliefert von al-Bukhari.) [Abdullah ibn [Amr war ein frommer junger Gefährte des Propheten. Er berichtet, dass der Prophet ihn traf und sagte: „[Abdullah, mir wurde berichtet, dass du jeden Tag fastest und lange Stunden in der nächtlichen Anbetung verbringst.“ [Abdullah bestätigte, dass er dies tat. Der Prophet sagte: Tu das nicht. Faste an manchen Tagen und faste an anderen nicht. Verbringe manche Nächte mit nächtlicher Anbetung und schlafe gut. Dein Körper hat ein Recht auf dich; deine Augen haben ein Recht auf dich; deine Frau hat ein Recht auf dich; und dein Besucher hat ein Recht auf dich. (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.) Wenn wir die Führung des Propheten als Ganzes annehmen, können wir einen mittleren Weg einschlagen: Wir erfüllen und verfolgen, was verpflichtend ist, fügen einiges Freiwillige hinzu, widmen uns unserer Arbeit und kommen den Bedürfnissen unserer Familien nach. ⁵ Ebd., S. 17–18. ⁶ Muhammad al-Ghazali, a. a. O., S. 19.

KAPITEL 8

ein Mann, der Gottes Botschaft überbringt Der Prophet wurde im Koran wiederholt angewiesen, seinen menschlichen Rang zu betonen. In einem Vers heißt es: Sprich: Ich bin nur ein Mensch wie ihr. Mir ist offenbart worden, dass euer Gott der einzige Gott ist. Geht daher den geraden Weg zu Ihm und bittet Ihn um Vergebung. Wehe denen, die Ihm Teilhaber beigesellen. (41: 6) Hier werden, wie auch an anderen Stellen im Koran, zwei Punkte betont: Erstens ist Muhammad (Gottes Frieden sei auf ihm) ein gewöhnlicher Mensch wie alle anderen; zweitens empfängt er Offenbarungen aus der Höhe über die Art von Religion, die die Menschen gut daran tun anzunehmen. Tatsächlich empfing der Prophet über einen Zeitraum von dreiundzwanzig Jahren Offenbarungen. Als diese Offenbarungen abgeschlossen waren, war die Religion des Islam vollständig. Gott sagt in der letzten koranischen Offenbarung: „Heute habe Ich für euch eure Religion vollendet, Meine Gnade an euch vollständig gemacht und den Islam für euch als Religion erwählt.“ (5: 3) Der Prophet hatte weder Einfluss auf den Zeitpunkt irgendeiner Offenbarung des Korans noch auf deren Inhalt, denn Gott bestimmte, wann und was Er Seinem Gesandten offenbaren wollte. Dass der Koran über einen so langen Zeitraum offenbart wurde, erfüllte mehrere Zwecke. Einer davon war, dass bestimmte Regeln erst offenbart wurden, als die muslimische Gemeinschaft sie benötigte. So legen beispielsweise die Anfangsverse der Sure 24 („Das Licht“) die Strafe für Ehebruch fest. Sie enthalten auch eine Strafe für die Beschuldigung des Ehebruchs, wenn die erforderlichen Beweise nicht vorgelegt werden: „Diejenigen, die ehrbare Frauen [des Ehebruchs] beschuldigen und nicht vier Zeugen beibringen, peitscht mit achtzig Hieben aus und nehmt ihr Zeugnis niemals mehr an; sie sind wahrlich Frevler.“ (24: 4) Als der Prophet dies seinen Gefährten vorlas, fragte sich einer von ihnen, Sa’d ibn ‘Ubada, wie diese Regel anzuwenden sei, wenn ein Mann seine Frau mit einem anderen Mann im Bett vorfände. Der Prophet antwortete, dies seien Offenbarungen Gottes. Sa’d war jedoch weiterhin der Meinung, dass eine weitere Klärung nötig sei. Kurz darauf trat ein Mann vor und beschuldigte seine Frau des Ehebruchs. Der Prophet verlangte von ihm, seine Zeugen beizubringen. Der Mann erwiderte, da dies zu Hause geschehen sei, habe er keine Zeugen. Der Prophet sagte, er habe keine andere Wahl, als den geforderten Beweis zu verlangen; andernfalls müsse er den Beschuldiger gemäß dem oben genannten Vers bestrafen. Der Mann sagte: „Bei Gott, ich werde nicht dafür bestraft werden, dass ich die Wahrheit sage.“ Während diese Auseinandersetzung andauerte, empfing der Prophet die folgenden Verse der Sure: Und diejenigen, die ihre eigenen Ehefrauen [des Ehebruchs] beschuldigen, aber keine Zeugen außer sich selbst haben, sollen jeder viermal Gott zum Zeugen nehmen, dass er tatsächlich die Wahrheit sagt, und beim fünften Mal, dass Gottes Fluch auf ihm liege, wenn er lügt. Die Strafe aber wird von ihr abgewendet, wenn sie viermal Gott zum Zeugen nimmt, dass er tatsächlich lügt, und beim fünften Mal, dass Gottes Zorn auf ihr liege, wenn er die Wahrheit sagt. Und wäre nicht Gottes Huld über euch und Seine Barmherzigkeit und dass Gott die Reue annimmt, der Allweise …! (24: 6–10) Dass diese Regel erst offenbart wurde, als der Fall dem Propheten vorgelegt worden war, zeigte der muslimischen Gemeinschaft, dass Gott für sie sorgte und ihr Wohlergehen gewährleistete. Für diejenigen, die dieses Ereignis miterlebten, war dies ein großartiges Gefühl, und es war einzigartig in der Geschichte der Menschheit. Außerdem lieferte es einen weiteren Beweis dafür, dass der Prophet der Gemeinschaft nur das übermittelte, was ihm selbst gegeben worden war. Er hatte keinen Einfluss darauf, was offenbart wurde oder wann es offenbart wurde. Manchmal betraf dies ihn persönlich, wie im Fall dessen, was als ifk, „die Geschichte der Verleumdung“, bekannt ist. Gemeint ist ein von einigen Heuchlern verbreitetes Gerücht, dass Aischa, die Frau des Propheten, mit einem Mann namens Safwan Umgang gehabt habe. Das Gerücht zirkulierte einen Monat lang in Medina, während Aischa krank war und nicht befragt werden konnte. Niemand legte Beweise vor, doch die Menschen redeten. Der Prophet empfing in dieser Angelegenheit keine Offenbarung und konnte daher nichts unternehmen. Er bestrafte weder diejenigen, die das Gerücht verbreiteten, noch machte er seiner Frau Vorwürfe. Mehr tat er nicht, als einige seiner Gefährten um Rat zu fragen. Erst als der Koran offenbart wurde und Aischas Unschuld erklärte, ergriff der Prophet die angemessenen Maßnahmen. Was bedeutet dieser wiederholte Hinweis auf Muhammads menschlichen Rang? Menschen überschütten ihre Helden und historischen Gestalten häufig mit Lob. Einige Propheten wurden in den göttlichen Rang erhoben; viele behaupteten beispielsweise, Jesus sei der Sohn Gottes. Im Fall Muhammads kann nichts Derartiges behauptet werden. Gewiss gab es Menschen, die ihn in übertriebener Weise lobten. Einige Sufis behaupteten, Gott hätte ohne ihn das Universum nicht erschaffen. Das ist selbstverständlich absurd. Doch selbst diejenigen, die solche unzulässigen Behauptungen aufstellten, räumten ein, dass er ein Mensch war. Kein Muslim – aus welcher Denkschule auch immer – weicht davon ab. Unter einem anderen Gesichtspunkt bedeutete Muhammads menschlicher Rang, dass alles, was Gott von den Menschen verlangte, auch für ihn galt. Er musste sein ganzes Leben lang allein Gott anbeten und keine der von Islam vorgeschriebenen gottesdienstlichen Handlungen unterlassen. Gott sagt zu ihm im Koran: „Diene deinem Herrn, bis die Gewissheit [des Todes] zu dir kommt.“ (15: 99) Der Prophet war ein vorbildlicher Anbeter. Zu allen Stunden des Tages und der Nacht widmete er sich dem Gottesdienst. Auch alle anderen islamischen Pflichten, etwa die Zakat, das Fasten und die Pilgerfahrt, galten für ihn. Jeden Ramadan fastete er ohne Ausnahme. Er entrichtete seine Zakat und vollzog die Pilgerfahrt. In allen verschiedenen Bereichen des islamischen Gottesdienstes leistete er weit mehr, als vorgeschrieben war. Er vollzog die Pilgerfahrt nur einmal, wie es für alle Muslime vorgeschrieben ist; doch lag dies daran, dass er mehrere Jahre lang keine Pilgerfahrt durchführen konnte, weil die Ungläubigen in Mekka herrschten. Nachdem Mekka unter seiner Kontrolle stand, lebte er nicht mehr lange genug, um sie mehr als einmal zu vollziehen. Als Mensch, Prophet und Gesandter Gottes wurde Muhammad (Gottes Frieden sei auf ihm) außerdem aufgefordert: „Sei daher geduldig im Unglück; Gottes Verheißung trifft gewiss ein. Bitte um Vergebung für deine Sünden und preise morgens und abends die Herrlichkeit deines Herrn und lobe Ihn.“ (40: 55) Die Frage ist hier: Konnte der Prophet Sünden begangen haben, sodass er um Vergebung bitten musste? Sicher ist, dass der Prophet nie daran dachte, etwas zu tun, was Gott verboten hatte. Gegen Gottes Willen zu handeln, ist eine Sünde. Das bedeutet, dass der Prophet niemals bewusst beabsichtigte, Gott in irgendeiner Weise ungehorsam zu sein. Dennoch könnten ihm unter bestimmten Umständen zu einem Zeitpunkt oder einem anderen gewisse Gedanken gekommen sein. In seinem Fall konnten solche geringfügigen Dinge als Fehltritt gelten, und er wurde angewiesen, Gott dafür um Vergebung zu bitten. Dieser Vers zeigt uns: Wenn der Prophet um Gottes Vergebung bitten musste, müssen wir alle dasselbe tun, und zwar in noch größerem Maßstab.
Ein Mann, der Gottes Botschaft überbringt Wie in Kapitel 6 erwähnt, verbrachte der Prophet viel Zeit im Gottesdienst. Er konnte lange Nachtstunden im Gebet und im Bittgebet verbringen. Dennoch machte er es seinen Gefährten und Anhängern stets leicht. Er achtete darauf, ihnen keine Aufgaben aufzuerlegen, die sie als zu beschwerlich empfinden würden. Warum war er dann so darauf bedacht, so viel Zeit in Hingabe zu verbringen? Aischa, seine Frau, gab darauf die Antwort, als sie dem Propheten dieselbe Frage stellte und darauf hinwies, dass Gott ihm bereits jede mögliche Sünde vergeben habe, die er begangen hatte oder begehen könnte. Der Prophet antwortete: „Sollte ich dann nicht ein Diener Gottes sein, der Ihm dankt?“ Sein zusätzlicher Einsatz sollte seine Dankbarkeit gegenüber dem Erhabenen für all die Gunstbeweise ausdrücken, die Er ihm gewährt hatte. Zugleich wollte der Prophet sicherstellen, dass seine Gefährten und die Anhänger künftiger Generationen sich bei ihrem Bemühen um Frömmigkeit nicht überforderten; daher wies er häufig auf Erleichterungen hin. Er sorgte dafür, dass die Menschen danach handelten. Er sagt uns: „Gott liebt es, dass die von Ihm gewährten Erleichterungen ebenso in Anspruch genommen werden, wie die Pflichten erfüllt werden, die große Anstrengung erfordern.“ Die Menschen neigen jedoch dazu, sich die Dinge schwerer zu machen. Oft verharmlosen sie ihre guten Taten und meinen, sie müssten noch mehr tun. Aischa berichtet: Der Prophet tat etwas und wies darauf hin, dass es eine den Menschen gewährte Erleichterung sei. Einige unterließen es jedoch. Dies wurde dem Propheten berichtet. Er wandte sich an die Menschen, begann mit dem Lob Gottes und sagte: „Was ist mit manchen Menschen? Sie unterlassen das, was ich tue. Bei Gott, ich kenne Gott am besten und bin der Gottesfürchtigste.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) Der Prophet stellte die Dinge in das richtige Verhältnis und machte deutlich, dass selbst die größte Anstrengung im Gottesdienst und bei guten Taten niemandem genügen würde, um sicher in den Himmel zu gelangen. Der Grund dafür ist, dass Gott uns gewaltige Gnadengaben erwiesen hat. Selbst wenn wir unsere ganze Zeit im Gebet und in Hingabe verbringen würden, könnten wir Gott für das, was Er uns gegeben hat, nicht genügend danken. Vielmehr bedarf es eines Aktes göttlicher Gnade, die Er jedem gewiss gewähren wird, der aufrichtig glaubt. Aischa überliefert vom Propheten: „Tut das Richtige in angemessener Weise und freut euch. Keine Tat wird jemandem genügen, um in den Himmel zu gelangen.“ Die Menschen fragten: „Nicht einmal dir, Gesandter Gottes?“ Er sagte: „Nicht einmal mir, es sei denn, Gott gewährt mir Seine Vergebung und Gnade.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)
Liebe und Mitgefühl Als Mensch erlebte Muhammad (Gottes Frieden sei auf ihm) alle Gefühle und Empfindungen, die gewöhnliche Menschen erleben. Er war sehr empfindsam, und dadurch quollen seine Gefühle über. Doch hielt er seine Emotionen durch seinen Glauben unter Kontrolle. Der Prophet war ein liebevoller und fürsorglicher Mann, und seine Liebe galt einer großen Vielfalt von Menschen. Als Vater war er besonders liebevoll und mitfühlend. Der Prophet veränderte grundlegend die Art, wie die Araber ihre Kinder behandelten, und zeigte seine Liebe zu seinen Töchtern. Aischa berichtet: Ich habe niemanden gesehen, der in Aussehen, Benehmen und Gang der Tochter des Gesandten Gottes, Fatima, ähnlicher gewesen wäre. Wenn sie den Propheten besuchte, stand er auf, küsste sie und ließ sie auf seinem Platz sitzen. Wenn er sie besuchte, stand sie auf, küsste ihn und ließ ihn auf ihrem Platz sitzen. (Überliefert von al-Buchari, Muslim, Abu Dawud und al-Tirmidhi.) Das Verhalten des Propheten wich hier von dem ab, woran die Araber gewöhnt waren. Vor dem Islam wurden Frauen in Arabien häufig schlecht behandelt. In manchen Fällen wurde eine junge Frau, wenn sie Witwe wurde, von den nächsten Verwandten ihres verstorbenen Ehemannes als Teil des von seinem Verwandten hinterlassenen Besitzes behandelt. Er heiratete sie entweder selbst oder bestimmte, wer sie heiraten durfte. Die Geburt einer Tochter wurde von ihrem Vater mit Trübsinn aufgenommen. Junge Mädchen wurden aus Angst vor Armut lebendig begraben, weil Frauen ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienten. Der Prophet liebte alle Menschen und kümmerte sich tief um seine Gefährten, die an seine Botschaft glaubten. Wenn sie ein Unglück traf, fühlte er mit ihnen, und er war großzügig mit allem, was er besaß. In Kapitel 6 habe ich die Geschichte von Dschabir ibn Abdullah erzählt und davon, wie er den Propheten mit einigen Menschen zu einem Essen in sein Haus einlud. Der Prophet nahm alle mit, die am Ausheben des trockenen Grabens zur Befestigung Medinas arbeiteten. Außerdem sagte er Dschabirs Frau, sie solle selbst essen und ihren Nachbarn Nahrung geben. Während des Lebens des Propheten ereigneten sich viele ähnliche Vorfälle; wir werden sie in einem späteren Kapitel erörtern. Solche Ereignisse werden nicht als Wunder betrachtet, die die Wahrheit von Muhammads Botschaft beweisen sollen. Vielmehr waren sie ein Aspekt von Gottes Segen: Die Nahrung wurde vermehrt, sodass sie ausreichte, die gesamte Gruppe zu speisen. Der Vorfall zeigt jedoch, wie bewusst sich der Prophet der Bedingungen war, unter denen seine Gefährten arbeiteten. Er erkannte, dass sie arm waren und Nahrung benötigten. Sein eigener Hunger und die Aussicht auf eine gute Mahlzeit lenkten ihn nicht von der Notwendigkeit ab, sich um seine Gefährten zu kümmern. Er wollte, dass sie alle an dem Trost teilhatten, den die warme Mahlzeit bedeutete. Er vertraute darauf, dass Gott die Mahlzeit segnen und die Nahrung vermehren würde. Der Prophet war überzeugt, dass die Botschaft, die er von Gott empfangen hatte, die Wahrheit war und den Menschen in diesem Leben und im kommenden Leben Glück bringen würde. Wenn sie sie ablehnten, würden sie sich im kommenden Leben Gottes Strafe und zugleich in diesem Leben Unglück aussetzen. Daher tat er alles, was er konnte, um sie zu ihrer Annahme zu bewegen. Er wünschte ihnen Gutes, selbst wenn sie ihm und seinen Gefährten gegenüber sehr hart waren. Sobald er den geringsten Hinweis sah, dass jemand seiner Botschaft vielleicht Aufmerksamkeit schenken könnte, ging er zu ihm und zeigte ihm all seine Liebe und Fürsorge. Ihre Feindseligkeit hielt ihn nie vom Versuch ab, und beleidigende Bemerkungen und Beschimpfungen vergab er bereitwillig. Wenn ein verhärteter Gegner ihm eine positive Geste entgegenbrachte, empfing er ihn mit offenen Armen. Ein gutes Beispiel dafür ist Ikrima ibn Abi Dschahl, der dem Beispiel seines Vaters folgte und alles tat, um den Islam zu untergraben. Einundzwanzig Jahre lang befand er sich im Lager der Feinde. Schließlich überzeugte Ikrimas Frau ihn, seine Haltung gegenüber dem Islam zu ändern, die von Stolz bestimmt und durch Hass genährt war. Er begleitete sie nach Medina, um den Propheten zu treffen. Als der Prophet ihn in die Moschee kommen sah, sagte er seinen Gefährten, sie sollten nicht schlecht über seinen Vater sprechen, denn „schlechte Worte über die Toten schaden ihnen nicht, beleidigen aber ihre lebenden Angehörigen“. Er hieß Ikrima willkommen und bezeichnete ihn als den „eingewanderten Reiter“.1 Wie steht es mit Hass? Die Frage ist, wie das entgegengesetzte Gefühl zur Liebe den Propheten beeinflusste. Der Prophet äußerte niemals Hass gegenüber irgendjemandem, nicht einmal gegenüber seinen erbittertsten Gegnern. Ein Mensch konnte zwar einen niederträchtigen Plan gegen den Propheten geschmiedet haben, doch sobald er seine Haltung änderte, nahm der Prophet ihn an und hieß ihn willkommen, ohne Groll zu hegen. Als der Prophet beispielsweise nach Mekka marschierte und die Stadt mit sehr wenig Kampf dem Islam zufiel, gab es dort noch viele Menschen, die persönlichen Groll gegen den Propheten und gegen den Islam hegten. Fudala war einer von ihnen. Er ging hinter dem Propheten, während dieser die Kaaba umrundete, also den Tawaf vollzog. Fudala dachte: „Wenn ich ihn jetzt töte, wäre mir gleichgültig, was danach mit mir geschieht. Ich hätte die Quraisch an ihm gerächt.“ Als er näher kam, wandte sich der Prophet ihm zu und sagte: „Fudala?“ Er antwortete: „Ja, Gesandter Gottes.“ Der Prophet fragte: „Woran hast du gedacht?“ Er sagte: „An nichts; ich vollzog nur meinen Tawaf.“ Der Prophet lächelte und legte seine Hand auf Fudalas Brust, nahe an dessen Herz. Fudala sagte später: „Als er seine Hand wegnahm, war mir niemand lieber als Muhammad.“2 1 Al-Hakim, al-Mustadrak, Bd. 3, S. 241–242. 2 Ibn Hischam, as-Sira an-Nabawiyya, Bd. 4, S. 37.
Der Prophet äußerte jedoch manchmal starke Abneigung gegen bestimmte Menschen. Er sagte: „Zu denjenigen unter euch, die ich am meisten verabscheue, gehören die Schwätzer und Haarspalter, die ihre Beredsamkeit übermäßig hervorheben.“ Es gibt ähnliche Hadithe, die von Eigenschaften und Umgangsformen sprechen, die im Allgemeinen missbilligt werden. Der Prophet selbst brachte seine Abneigung gegen solche Eigenschaften zum Ausdruck. Dies zeigt, dass seine negativen Gefühle durch sein Verständnis seiner Aufgabe und durch seinen Glauben an Gott gemäßigt wurden. Wenn wir uns Gott hingeben und alles annehmen, was Gott für uns bestimmt, beginnen wir, die Dinge in einem anderen Licht zu betrachten, sodass unsere persönlichen Interessen weniger wichtig werden als unsere umfassenderen Interessen. Beim Propheten lag sein Augenmerk stets darauf, die Menschen die von ihm überbrachte Botschaft verstehen zu lassen, damit sie ihr gegenüber eine aufgeklärte Haltung einnehmen konnten.
Negative Gefühle In welchem Maß beeinflussten negative Gefühle wie Zorn, Angst und Furcht den Propheten? Als menschlicher Gesandter, der inmitten einer menschlichen Gemeinschaft lebte und eine göttliche Botschaft verkündete, die von den Menschen verlangte, sich an bestimmte Lehren zu halten, erlebte Muhammad (Gottes Frieden sei auf ihm) alle menschlichen Gefühle. Zu seiner Aufgabe gehörte es, der ganzen Menschheit ein Vorbild zu geben. Gott sagt uns im Koran: „Im Gesandten Gottes habt ihr ein schönes Vorbild für jeden, der auf Gott und den Letzten Tag hofft und Gottes häufig gedenkt.“ (33: 21) Ohne solche Gefühle zu erleben, hätte er kein solches Vorbild sein können. Menschen erliegen häufig der Versuchung, wenn ihnen Ansehen, Reichtum, Macht, sexuelle Beziehungen und Ähnliches angeboten werden. Dem Propheten wurde all dies mehr als einmal angeboten. So war Utba ibn Rabi’a das Oberhaupt des Clans Abd Schams innerhalb der Quraisch und bei allen Menschen in Arabien hoch angesehen. Er gehörte zum gemäßigten Flügel der Quraisch. Die zunehmende Polarisierung zwischen den neuen Muslimen und der übrigen Bevölkerung von Mekka missfiel ihm. Eines Tages sah er den Propheten an der Kaaba beten. Er sprach ihn an und hoffte, zu einer Verständigung mit ihm zu gelangen. In sehr freundlicher Weise schilderte er zunächst das Problem und unterbreitete ihm dann folgende Angebote: „Mein Neffe, wenn du diese Angelegenheit begonnen hast, um Geld zu verdienen, sind wir alle bereit, dir einen Teil unseres Vermögens zu geben, damit du der Reichste unter uns wirst. Wenn du Ehre und Stellung suchst, machen wir dich zu unserem Oberhaupt und holen in allen Angelegenheiten deinen Rat ein. Wenn du nach einem Thron strebst, machen wir dich zu unserem König. Wenn du hingegen besessen bist und nicht widerstehen kannst, was dich überwältigt, werden wir keine Kosten scheuen, um eine ärztliche Behandlung für dich zu finden.“
Ein Mann, der Gottes Botschaft überbringt Der Prophet antwortete, indem er Utba die ersten 38 Verse der Sure 41 aus dem Koran vortrug, und Utba hörte aufmerksam zu. Als der Prophet mit seiner Rezitation fertig war, warf er sich in demütiger Hingabe an Gott nieder und sagte dann zu Utba: „Du hast gehört, was ich zu sagen habe; du kannst dir selbst eine Meinung bilden.“3 Diese Rezitation erklärte Utba die Grundprinzipien des Islam und verband sie mit Gottes Warnung vor einer schweren Strafe für diejenigen, die Seinen Glauben ablehnen. Utba erkannte, dass der Prophet keinem Kompromiss zustimmen würde. Daher kehrte er zu seinem Volk zurück und schlug vor, Muhammad in Ruhe zu lassen und ihm zu gestatten, seine Botschaft zu verbreiten, wohin er wollte. Er begründete dies damit, dass sie davon profitieren würden, wenn Muhammad Ehre und Macht erlangte; und falls andere ihn töteten, wären die Quraisch der Notwendigkeit enthoben, dies selbst zu tun. Das Angebot umfasste alles, wonach Menschen begehren und dem sie häufig erliegen. Manchmal ist die Versuchung so stark, dass der Widerstand eine große Kraft erfordert, die nur durch einen starken Glauben an die eigenen Grundsätze verliehen werden kann. Der Vorgang des Zögerns zwischen Versuchung und Widerstand wird in der islamischen Terminologie oft als das Hören auf den eigenen Satan bezeichnet. Der Prophet erwähnte dies gegenüber seinen Gefährten. Zur Erklärung sagte er ihnen, dass jeder Mensch seinen eigenen Satan habe, der ihn zu verschiedenen Sünden verleite. Sie fragten ihn, ob auch er einen solchen Satan habe. Er sagte: „Ja, ich habe einen; doch Gott hat mir gegen ihn geholfen, und nun sagt er mir nur noch Gutes.“ Eine solche Hilfe wurde den Propheten und Gesandten stets zuteil. Sie sind Führer, die den Gemeinschaften durch das Leben helfen und ihnen den Weg zum wahren Glauben und zum richtigen Verständnis Gottes, des Menschen und der Verbindung zwischen ihnen weisen. Dadurch können Gottes Gesandte negative Gefühle und Empfindungen mäßigen und ihren Blickwinkel erweitern. So können sie die Verantwortung tragen, die sie übernehmen, wenn sie die ihnen zugewiesene Aufgabe annehmen. Zorn ist eine natürliche menschliche Eigenschaft, und jeder kann zornig werden, obwohl manche Menschen leicht reizbar sind und sehr schnell zornig werden. Der Prophet wollte seinen Gefährten nachdrücklich vermitteln, dass Zorn Menschen zu Dingen bringen kann, die sie schon bald bereuen. Daher riet er ihnen, nicht zuzulassen, dass der Zorn sie überwältigt. Er sagt: „Stärke besteht nicht darin, Menschen zu überwältigen; wahre Stärke besteht darin, sich selbst im Zorn zu beherrschen.“ (Überliefert von al-Buchari.) Einer der Gefährten des Propheten bat ihn um Rat. Der Prophet sagte zu ihm: „Werde nicht zornig.“ Der Mann wiederholte seine Bitte mehrmals, und jedes Mal sagte der Prophet: „Werde nicht zornig.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) Selbstverständlich meinte der Prophet nicht, dass der Mann keinen Zorn empfinden dürfe, denn Zorn entsteht aus Dingen, die kaum unserer Kontrolle unterliegen, und ist eine Reaktion auf das, was geschehen kann oder was andere sagen oder tun. Der Rat des Propheten ist so zu verstehen, dass wir im Zustand des Zorns nicht handeln sollen. Der Prophet zeigte uns sogar, wie wir unseren Zorn sehr schnell vermindern können. Sulaiman ibn Surad berichtet: Zwei Männer stritten sich in Gegenwart des Propheten, während wir bei ihm saßen. Einer von ihnen war zornig, beschimpfte den anderen, und sein Gesicht war vor Zorn gerötet. Der Prophet sagte: „Ich kenne ein Wort, das seinen Zorn verfliegen lässt, wenn er es nur spricht. Es lautet: Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem gesteinigten Satan.“ Die Menschen sagten zu dem Mann: „Hast du nicht gehört, was der Prophet gerade gesagt hat?“ Der Mann sagte: „Ich bin doch nicht verrückt.“ (Überliefert von al-Buchari.) War der Prophet jemals zornig? Gewiss empfand er bisweilen Zorn. Doch zeigte er niemals Zorn über etwas, das ihn persönlich betraf. Er zeigte und äußerte seinen Zorn, wenn die von Gott gesetzten Grenzen überschritten wurden. Abu Masud berichtet: Ein Mann sagte zum Propheten: „Ich komme wegen unseres Vorbeters oft zu spät zum Morgengebet. Er macht das Gebet zu lang.“ Nie sah ich den Propheten bei einer Ermahnung in einer solchen Wut wie in diesem Fall. Er sagte: „Ihr Menschen, achtet darauf, was ihr tut. Manche von euch bewirken, dass andere fernbleiben. Wer ein Gemeinschaftsgebet leitet, soll es kurz halten. Unter den Betenden können Kranke, Alte oder Menschen sein, die etwas Dringendes zu erledigen haben.“ (Überliefert von al-Buchari.) Die Tatsache, dass der Prophet niemals wegen einer persönlichen Angelegenheit im Zorn gesehen wurde, zeigt, wie Gott ihn befähigte, seine negativen Gefühle zu zügeln. Wenn es jedoch um die Religion oder die Verletzung göttlicher Weisung ging, war sein Zorn deutlich zu erkennen. Dennoch handelte er nicht, bevor sein Zorn abgeklungen war. Angst ist ein weiteres negatives Gefühl, das einen Menschen niederdrücken kann. Litt der Prophet jemals unter Angst? Der Prophet war ein sehr empfindsamer Mensch und liebte sein Volk. Als fester Gläubiger an Gott zeigte er niemals Angst um seine eigenen Angelegenheiten. Selbst in den gefährlichsten Situationen handelte er ohne jede Sorge darüber, was ihm geschehen könnte. Dies sehen wir in den Schlachten von Uhud und Hunain, als sich das muslimische Heer auf dem Rückzug befand und er mit nur sehr wenigen Gefährten zurückblieb. In diesen Situationen ging er furchtlos auf den Feind zu. Wenn die Lage dagegen schwierig wurde, machte er sich große Sorgen darüber, was der muslimischen Gemeinschaft zustoßen könnte. Kurz vor der Schlacht von Badr, als ein kleines und schlecht ausgerüstetes Kontingent seiner Gefährten einer weit größeren Streitmacht der Ungläubigen gegenüberstand, war seine Sorge um sie offenkundig. Er betete inständig zu Gott, sie zu verschonen und ihnen den Sieg zu schenken. In seinem Bittgebet flehte er Gott an: „Mein Herr, wenn diese Schar von Menschen untergeht, wirst Du nicht mehr angebetet werden.“ Er betonte, dass die muslimische Gemeinschaft die einzige Gemeinschaft auf Erden sei, die Gott mit völliger Aufrichtigkeit allein anbetete. Ebenso war seine Unruhe deutlich zu erkennen, wenn der Prophet Wolken über Medina sah. Seine Frau fragte ihn, was ihn beunruhige. Er sagte: „Eine frühere Gemeinschaft wurde durch Regen bestraft. Woher soll ich wissen, dass dieser Regen keine Form der Strafe bringt?“ Wenn es regnete, verschwand seine Angst. Furcht ist ein weiteres Gefühl, das gewöhnlich als negativ betrachtet wird, aber durchaus positive Seiten hat, da sie mit dem Überlebensinstinkt des Menschen verbunden ist. Die Menschen fürchten normalerweise alles, was ihr Leben bedroht oder sie Gefahr und Schaden aussetzt. Außerdem hilft ein mäßiges Maß an Furcht, Leichtsinn zu verhindern. Furchtlose Menschen könnten sich oder ihre Familien unbesonnen in Gefahr bringen. Wenn Menschen dagegen zulassen, dass die Furcht ihr Verhalten bestimmt, können sie viel von ihrem Selbstwertgefühl verlieren. Unter einer Diktatur führt die Angst der Menschen vor abweichenden Meinungen häufig dazu, dass sie Demütigung hinnehmen. Daher muss das richtige Gleichgewicht gewahrt werden. Im Koran erfahren wir, dass der Prophet Moses bei mehr als einer Gelegenheit Furcht empfand. Vor seiner Berufung zum Propheten musste er aus Angst um sein Leben aus Ägypten fliehen. Nachdem er einen Ägypter getötet hatte, ging er „ängstlich und wachsam“ durch die Stadt.4 Seine Furcht war wohlbegründet, denn bald erhielt er die Nachricht, dass Menschen planten, ihn zu töten. Später, als Gott wollte, dass er die Zeichen sah, die ihm zum Beweis seines Ranges als Gesandter Gottes gegeben worden waren, wurde ihm befohlen, seinen Stab niederzuwerfen. „Als er ihn sich bewegen sah, als wäre er eine Schlange, wandte er sich um und floh, ohne zurückzublicken. [Gott sagte]: ‚Moses! Tritt näher und fürchte dich nicht! Du bist in Sicherheit.‘“ (28: 31) Dies sind normale Gefühle: Wer würde nicht vor Furcht erschauern, wenn er sieht, dass sich sein Wanderstock in dem Augenblick, in dem er ihn niederwirft, schnell wie eine Schlange bewegt? Gottes Gesandte sind normale Menschen – abgesehen davon, dass sie Offenbarungen aus der Höhe empfangen – und sie erleben alle menschlichen Gefühle und Empfindungen. Doch gehen sie richtig mit ihnen um. Dasselbe galt für den Propheten. Wie in Kapitel 1 erwähnt, war die Erfahrung, als der Engel Gabriel zum ersten Mal zu ihm kam, zu überwältigend für ihn. Er lief aus der Höhle, in der er allein gewesen war, und hielt erst an, als er sein einige Kilometer entferntes Zuhause erreichte. Er sagte seiner Frau, sie solle ihn zudecken, denn er zitterte. Auch dies ist ein normales Gefühl: Wer würde nicht in Panik geraten, wenn er ein geflügeltes Wesen sieht, das ein Buch hält und es gegen seine Brust presst, bis er beinahe erstickt, nur weil er erklärt, dass er nicht lesen könne? Der Engel wiederholte dies dreimal, und jedes Mal glaubte Muhammad, dem Tod nahe zu sein. Erst als er fragte: „Was soll ich lesen?“, hörte dieses Pressen und Würgen auf. Später, als er wieder zu sich kam, sagte er zu seiner Frau: „Ich hatte Angst um mich selbst.“ Sie beruhigte ihn und sagte, ein Mann mit seinen edlen Eigenschaften könne von bösen Mächten nicht geschädigt werden. Seine Gefährten beschreiben ihn jedoch als den mutigsten aller Menschen. Wenn sie sich in der Schlacht in einer schwierigen Lage befanden, rückten sie zu ihm vor und schöpften Kraft aus seinem Mut. Es besteht kein Zweifel, dass er während der dreiundzwanzig Jahre seiner Sendung niemals um sein Leben fürchtete. Wir können daher schlussfolgern, dass Muhammad vor seiner Berufung zum Propheten in Situationen, die Menschen gewöhnlich erschrecken, die normale Furcht empfand. Nachdem er Gottes Gesandter geworden war, ermöglichte ihm seine völlige Hingabe an Gott, die Furcht um sich selbst oder sein Leben abzulegen. Er vertraute darauf, dass alles, was Gott für ihn bestimmte, die beste Möglichkeit war. Dies ist die Haltung eines wahren Gläubigen. Zusammenfassend war Muhammad (Gottes Frieden sei auf ihm) ein Mann von edlem Charakter. Alle edlen Eigenschaften zeigte er in vollkommener Weise. Er war ein Mensch, der alle anderen Gefühle erlebte, die Menschen erleben. Doch seine Verbindung zu dem Engel, der ihm Gottes Offenbarungen brachte, half ihm, alle positiven menschlichen Eigenschaften zu vervollkommnen und alle negativen Eigenschaften auf ein Mindestmaß zu verringern.

KAPITEL 9

Barmherzigkeit für alle

Ein kurzer Vers im Qur’an gibt eine sehr genaue Definition der Aufgabe, die dem Propheten übertragen wurde, als Gott ihn zu Seinem letzten Gesandten an die Menschheit erwählte: „Wir haben dich als eine Manifestation Unserer Gnade für alle Welten gesandt.“ (21:107) Der Stil des Qur’an verbindet mehrere Paare von Eigenschaften, die nur sehr schwer oder vielleicht sogar unmöglich miteinander zu vereinbaren sind. Eines dieser Paare ist sprachliche Kürze und umfassende Bedeutung. In dem hier zitierten Vers wurden die Worte „eine Manifestation Unserer“ in die Übersetzung eingefügt, um das Verständnis zu erleichtern. Der arabische Urtext hat einen weiteren Bedeutungsumfang und besagt auch, dass der Prophet selbst voller Mitgefühl war. Dies kommt zu der Tatsache hinzu, dass Gottes Barmherzigkeit es erforderlich machte, dass ein Prophet gesandt wurde, um Gottes letzte Botschaft an die Menschheit zu übermitteln. Der Vers spricht von Mitgefühl für „alle Welten“. Manche verstehen diese Wendung als Bezeichnung für die gesamte Menschheit; doch dadurch wird ihre Bedeutung eingeschränkt. Vielmehr umfasst Seine Barmherzigkeit alle Geschöpfe, einschließlich der Tiere und Pflanzen.

Wenn wir sein Leben studieren, sehen wir, dass Mitgefühl alle seine Handlungen durchdrang. Härte war ihm fremd. Mitgefühl beeinflusste sein Handeln in jeder Lage. Ja, es beeinflusste sogar seinen Umgang mit seinen Feinden. Er verzweifelte nie daran, dass jemand die Wahrheit der göttlichen Botschaft annehmen könnte, und freute sich über jeden, der neu zum Islam kam. Er war der Ansicht, dass ein Mensch durch die Annahme des Islam nicht nur den richtigen Weg zu einer besseren Lebensweise in dieser Welt einschlägt, sondern auch hoffen darf, am Tag des Gerichts Gottes Barmherzigkeit zu erlangen. Daher war der Prophet darauf bedacht, selbst seine erbittertsten Gegner anzusprechen, ihnen das Wesen seiner Botschaft zu erklären und sie dazu aufzurufen, an Gottes Einheit zu glauben.

Als die Lage schwierig war, die Ungläubigen heftigen Widerstand gegen seinen Aufruf leisteten, seine Anhänger verfolgten und sie Folterungen unterwarfen, hätten die Gläubigen versucht sein können, Gottes Fluch auf diejenigen herabzurufen, die die Wahrheit unterdrücken und ihre Vertreter verfolgen wollten. Es ist nur natürlich, dass die Unterdrückten Gottes Hilfe gegen ihre Unterdrücker suchen. Gewiss wurden die Muslime während der gesamten mekkanischen Zeit unterdrückt, so wie sie es heute in vielen Teilen der Welt sind. Deshalb suchten die Gefährten des Propheten, die sich unter gewaltigem Druck befanden, seine Hilfe im Umgang mit ihren Schwierigkeiten.

Abu Hurayra berichtet: „Zum Propheten wurde gesagt: ‚Gesandter Gottes! Bitte Gott gegen die Götzendiener.‘ Er erwiderte: ‚Ich bin nicht gesandt worden, um Menschen zu verfluchen; ich bin als Barmherzigkeit für die Menschheit gesandt worden.‘“ (Überliefert von Muslim und von al-Bukhari in Al-Adab al-Mufrad.)

Der Prophet betrachtete seine Mission als eine Tat der Gnade und Barmherzigkeit Gottes gegenüber der gesamten Menschheit. Daher war es mit seiner Mission unvereinbar, Gottes Fluch auf irgendeine Menschengruppe herabzurufen, selbst wenn diese Menschen dem Islam feindlich gegenüberstanden und all ihre Macht und Mittel einsetzten, um ihn zu untergraben. Auch wenn eine bestimmte Person wegen ihrer bösen Taten einen Fluch verdienen mag, rechtfertigt dies keinen allgemeinen Fluch, nicht einmal gegen Götzendiener, die anstelle Gottes Statuen verehren. Der Prophet verstand dies sehr gut und bemühte sich, seine angeborene Eigenschaft des Mitgefühls zu stärken, damit er jederzeit allen Menschen gegenüber barmherzig und mitfühlend sein konnte.

Wenn der Prophet einen Feldzug befahl, sorgte er dafür, dass die islamischen Regeln der Kriegsethik eingehalten wurden. Wenn er einen solchen Feldzug entsandte, ermahnte er seine Befehlshaber und Soldaten stets, diese Regeln zu beachten. Anas ibn Malik berichtet, dass der Prophet zu ihnen sagte: „Marschiert im Namen und mit der Hilfe Gottes und auf der Grundlage der Botschaft des Gesandten Gottes. Tötet keinen alten Menschen, kein Kind, keinen Jugendlichen und keine Frau. Hortet nichts von der Kriegsbeute, sondern sammelt sie zusammen. Bringt die Dinge in Ordnung und tut Gutes, denn Gott liebt diejenigen, die Gutes tun.“1 Dies wird durch mehrere Hadithe bestätigt; einige von ihnen fügen das Verbot hinzu, Bäume zu fällen und durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet zu marschieren.

Der Prophet war stets der Ansicht, dass die Feinde des Islam irregeleitete Menschen waren. Wenn er gegen sie kämpfen musste, dann nur, weil sie die Angreifer waren. Für ihn rechtfertigte dies jedoch nicht, jemanden zu töten, der kein Kämpfer war. Die Alten, die Jungen und die Frauen trugen keine Waffen. Daher erklärte der Prophet, dass Muslime sie nicht töten dürften.

Keine bleibende Feindschaft

Selbst wenn Muhammad selbst oder die muslimische Gemeinschaft im Allgemeinen große Not erlebte, behandelte er diejenigen freundlich, die ihnen feindlich gesinnt waren, und hoffte stets, dass sie ihre Feindseligkeit ändern würden. Ich erwähnte in Kapitel 2, dass der Prophet nach zehn Jahren, in denen er seine Botschaft in Mekka trotz großer Feindseligkeit seiner Bewohner verkündet hatte, nach Taif ging und dass dessen Bewohner und Anführer ihm gegenüber äußerst feindselig waren, bis hin zu körperlichen Misshandlungen. Gott sandte ihm Engel, die anboten, sie auf seinen Befehl zu bestrafen, einschließlich ihrer völligen Vernichtung. Er sagte: „Ich hoffe, dass Gott aus ihren Nachkommen Menschen hervorbringen wird, die Ihn allein verehren und Ihm keine Teilhaber beigesellen.“2

Ein einzelner Gegner, der seine Feindschaft auf die Spitze treibt und dann in die Hände seines Gegners fällt, kann für den Sieger eine starke Versuchung darstellen, ihn zu töten oder ihn schwer körperlich und seelisch zu bestrafen. Dem Propheten fehlte es nicht an solchen verhärteten Gegnern; einige von ihnen verbanden tätliche Feindschaft mit Beschimpfung und Spott. Dennoch nahm der Prophet jeden von ihnen ohne Zögern an, wenn er allein oder mit einem Vermittler zu ihm kam und seine Loyalität erklärte.

Die Feindseligkeit mancher Ungläubiger war für den Propheten besonders schmerzlich, weil er erwartet hatte, dass sie ihm freundlich begegnen würden. Zu ihnen gehörten al-Mughira (Abu Sufyan) ibn al-Harith ibn Abd al-Muttalib und Abdullah ibn Abi Umayya. Beide waren Vettern des Propheten, und al-Mughira war in seiner Kindheit sein Spielgefährte gewesen. Als der Prophet seine Botschaft empfing, entschied sich al-Mughira, ihm gegenüber sehr feindselig zu sein, und griff ihn in seinen Gedichten an. Abdullah ibn Abi Umayya hatte den Propheten früher schwer beleidigt, obwohl seine Mutter die Tante des Propheten war. Einmal sagte er zum Propheten, er werde niemals an ihn glauben, bis er gesehen habe, wie dieser eine Leiter bis zum Himmel hinaufsteige und mit einem schriftlichen Zeugnis zurückkehre, dass er Gottes Gesandter sei, begleitet von vier Engeln, die dies bezeugten.

Die Beschimpfung naher Verwandter ist besonders schmerzlich. Deshalb war der Prophet nicht erpicht darauf, einen dieser beiden Männer zu treffen, und als man ihm ihr Kommen meldete, weigerte er sich, sie zu empfangen. Umm Salama, eine der Frauen des Propheten, versuchte zugunsten der beiden zu vermitteln, da einer von ihnen, Abdullah, ihr Bruder war. Sie sagte zum Propheten: „Gesandter Gottes, sie sind deine eigenen Vettern und Verwandten.“ Er erwiderte: „Ich brauche sie nicht. Mein Vetter hat mich verleumdet, und der Sohn meiner Tante war derjenige, der in Mekka das sagte, was du weißt.“3

Als man ihnen die Worte des Propheten mitteilte, fühlten sie sich in einer sehr schlechten Lage und wussten nicht, was sie tun sollten. Al-Mughira, der seinen Sohn bei sich hatte, sagte: „Wenn er mich nicht empfangen will, werde ich diesen meinen Sohn an der Hand nehmen, und wir beide werden durch das Land ziehen, bis wir verhungern und verdursten.“ Dann erhielten sie einen Rat von Ali ibn Abi Talib, der sowohl mit dem Propheten als auch mit al-Mughira verwandt war. Auf diesen Rat hin gingen sie direkt zu ihm und sagten: „Wahrlich, Gott hat dir einen besseren Rang verliehen als uns, und wir haben tatsächlich Unrecht getan.“ (12:91) Dies waren die Worte, die die Brüder des Propheten Joseph gesprochen hatten, als sie ihn erkannten, wie im Qur’an berichtet wird. Daher gab der Prophet ihnen dieselbe Antwort wie der Prophet Joseph und sagte: „Heute soll kein Vorwurf gegen euch erhoben werden. Möge Gott euch vergeben. Er ist wahrlich der Barmherzigste.“ (12:92) So wurden al-Mughira und sein Verwandter wieder aufgenommen.

Der Prophet hatte zwei Männer, Ikrima ibn Abi Jahl und Kaab ibn Zuhayr, zu der Zeit, als er Mekka übernahm, zum Tode verurteilt. Ikrimas Vater war vom ersten Tag an bis zu seinem Tod in der Schlacht von Badr der erbittertste Gegner des Islam gewesen. Fünfzehn Jahre lang hatte Abu Jahl alles darangesetzt, den Islam zu unterdrücken; er hatte einige der ersten Muslime gefoltert und getötet. Mehr als einmal hatte er sogar versucht, den Propheten zu töten. Ikrima hatte dieselbe Haltung wie sein Vater. Als der Prophet in Mekka einzog, versuchte Ikrima, sich dem muslimischen Heer entgegenzustellen, wurde aber bald besiegt. Daraufhin floh er in den Jemen. Seine Frau Umm Hakim ging zum Propheten, schwor ihm als Muslimin die Treue und bat ihn anschließend um Ikrimas willen. Sie sagte, sie werde in den Jemen gehen, um ihn zu holen. Sie brachte ihn nach Medina.

Wie im vorigen Kapitel erwähnt, sagte der Prophet, als er ihn kommen sah, seinen Gefährten, sie sollten seinen Vater nicht beschimpfen. Er sagte: „Eine solche Beschimpfung verletzt die Lebenden und schadet den Toten nicht.“ Als Ikrima eintraf, begrüßte ihn der Prophet mit den Worten: „Willkommen, du eingewanderter Reiter.“4 Er wiederholte dies dreimal.

Ein ähnlicher Fall ist Kaab ibn Zuhayr, der einer Familie bedeutender Dichter entstammte; tatsächlich wird die Dichtung seines Vaters bis heute an arabischen Schulen und Universitäten studiert. Sein Bruder Bujayr war ebenfalls Dichter und ein Gefährte des Propheten. Kaab jedoch setzte seine Dichtung als Waffe im Krieg gegen den Islam ein. Damals spielte die Dichtung in Arabien eine wichtige Rolle, vergleichbar mit den heutigen Rundfunk- und Fernsehmedien. Über mehr als zwanzig Jahre griff Kaab den Islam in seinen Gedichten an. Als Mekka dem Islam zufiel und der größte Teil Arabiens muslimisch geworden war, warnte ihn sein Bruder Bujayr, er solle seine Lage bedenken und entweder den Islam annehmen oder Arabien verlassen. Kaab entschied sich für den ersten Weg, verfasste ein Gedicht zum Lob des Propheten und ging nach Medina.

Nach dem Morgengebet in der Moschee ging er direkt zum Propheten und sagte: „Gesandter Gottes, Kaab ibn Zuhayr hat alles bereut, was er in der Vergangenheit gegen den Islam getan oder gesagt hat. Würdest du ihn annehmen und ihm vergeben, wenn er zu dir käme und seine Reue erklärte?“ Der Prophet bejahte dies. Darauf sagte er: „Gesandter Gottes, ich bin Kaab ibn Zuhayr.“ In diesem Augenblick sprang ein Mann von den Ansar auf und sagte zum Propheten: „Gesandter Gottes, erlaube mir, diesen Feind Gottes zu töten.“ Der Prophet sagte zu ihm: „Lass ihn in Ruhe. Er ist als reuiger Mann hierhergekommen, angetrieben von seinem neuen Glauben.“5 So wurde Kaab in die Gemeinschaft des Islam aufgenommen.

Er trug dem Propheten sein Gedicht vor, in dem er sich für seine frühere Haltung entschuldigte, seine Angst während seines Verstecks beschrieb und erwähnte, dass viele Menschen davon ausgegangen waren, er werde unweigerlich getötet. Außerdem brachte er seine Hoffnung auf Vergebung zum Ausdruck und lobte den Propheten und seine Gefährten.

Auch gegenüber Heuchlern

Ein vielleicht noch bedeutenderes Beispiel ist der Fall von Abdullah ibn Ubayy, der vor dem Islam eine sehr wichtige Persönlichkeit in Medina gewesen war. Tatsächlich waren die Bewohner kurz davor gewesen, ihn zum König zu krönen, als der Islam begann, unter ihnen Fuß zu fassen. Vielleicht war er deshalb über die Ankunft des Propheten und seiner Gefährten in Medina unglücklich. Zunächst hielt er sich von den Muslimen Medinas fern, doch nach der Schlacht von Badr erkannte er, dass der Islam an Stärke gewann. Er erklärte sich zum Muslim, war es in Wirklichkeit aber nicht: Seine Erklärung war heuchlerisch. Tatsächlich war er der Anführer der Heuchler in Medina.

Da er beträchtliche Unterstützung besaß, konnte er eine Anzahl von Menschen um sich sammeln, die eine ähnliche Gesinnung hatten. Er unterhielt enge Beziehungen zu den Juden in Medina und ermutigte sie in ihrer Feindschaft gegenüber dem Propheten und dem Islam. Er unternahm viel, um den Islam in der Stadt zu untergraben. Kurz vor der Schlacht von Uhud zog er sich aus dem muslimischen Heer zurück und nahm etwa ein Drittel der Soldaten mit. Nach dem Feldzug gegen al-Mustaliq verbreitete er das falsche Gerücht über die Frau des Propheten, Aischa, und behauptete, sie habe mit einem jungen Mann Umgang gehabt. Das bereitete dem Propheten und seiner Familie großen Schmerz, bis Gott sie im Qur’an für unschuldig erklärte.

Abdullah ibn Ubayy drohte außerdem damit, den Propheten und seine Gefährten aus Medina zu vertreiben. Einen jüdischen Stamm nach dem anderen ermutigte er, gegen die Muslime zu kämpfen. Seine Taten zeigten, dass er tatsächlich ein Feind des Islam war, doch er gab vor, Muslim zu sein. Der Prophet behandelte Ibn Ubayy jedoch niemals anders als mit Achtung und Freundlichkeit. Als Ibn Ubayy drohte, den Propheten aus Medina zu vertreiben, schlugen einige Muslime vor, der Prophet solle seine Hinrichtung anordnen. Tatsächlich sagte Ibn Ubayys eigener Sohn, der ein wahrer Gläubiger war, zum Propheten, er selbst werde seinen Vater töten, falls der Prophet dies anordne. Der Prophet lächelte und sagte: „Wir werden freundlich zu ihm sein und ihn gut behandeln, solange er unter uns ist.“6

Die Heuchler wussten, was für ein Mensch der Prophet war, und dass seine Botschaft wahr war. Doch sie konnten sich nicht dazu durchringen, den Islam vollständig anzunehmen und wie Muslime zu leben. Gott befahl dem Propheten, das anzunehmen, was sie öffentlich bekannten, und ihr Urteil Gott zu überlassen. Dementsprechend ging der Prophet so weit, Ibn Ubayy zu Hause zu besuchen, als dieser krank war. Ibn Ubayy hielt seine Krankheit für möglicherweise tödlich und richtete einige Bitten an den Propheten: Er bat Muhammad, nach seinem Tod das Totengebet für ihn zu verrichten, sein Hemd seiner Familie zu schicken, damit es als Teil des Leichentuchs verwendet werde, wenn sein Körper für die Bestattung vorbereitet würde, und Gott um Vergebung für ihn zu bitten. Als Ibn Ubayy starb, erfüllte der Prophet all seine Bitten.

Umar erhob Einspruch, weil Ibn Ubayy absichtlich versucht hatte, den Islam zu untergraben. Der Prophet erwiderte: „Lass mich, Umar. Mir wurde die Wahl gegeben, für sie – das heißt für die Heuchler – zu beten oder nicht zu beten. Ich werde mehr als siebzigmal um seine Vergebung beten.“ Die Antwort des Propheten bezog sich auf den Qur’anvers über die Heuchler: „Bitte für sie um Vergebung oder bitte nicht für sie um Vergebung – es wird dasselbe sein. Selbst wenn du siebzigmal um Vergebung für sie bittest, wird Gott ihnen nicht vergeben, denn sie haben Gott und Seinen Gesandten verleugnet. Gott leitet die frevelnden Menschen nicht recht.“ (9:80)

Der Prophet folgte sogar dem Leichenzug Ibn Ubayys bis zu dessen Beisetzung.7 Hinzuzufügen ist, dass kurz darauf ein Vers offenbart wurde, der den Propheten anwies, für keinen der Heuchler das Totengebet zu verrichten. Hier zeigt sich Barmherzigkeit in ihrer umfassendsten Form. Ibn Ubayy war dem Propheten und seiner Botschaft äußerst feindlich gesinnt gewesen und hatte hart daran gearbeitet, die Stellung des Propheten und die muslimische Gemeinschaft zu untergraben. Als er starb, hatte er keine Bedeutung mehr. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten seiner Anhänger entweder echte Muslime geworden oder völlig wirkungslos. Weder der Prophet noch die muslimische Gemeinschaft hätten durch Freundlichkeit zu ihm etwas gewonnen. Dennoch betete der Prophet mehr als siebzigmal um seine Vergebung.

Die freundliche Behandlung seiner Feinde beschränkte der Prophet nicht auf Einzelpersonen. Als die Stammesführer der Hawazin, die in einer heftigen Schlacht gegen die Muslime gekämpft hatten, zum Propheten kamen und um seine Güte baten, befreite er Tausende ihrer Frauen und Kinder aus der Sklaverei.8 Als Mekka – abgesehen von einem kleinen Gefecht – kampflos dem Islam zufiel, wurde der Prophet zum Herrn über den Stamm, der zwanzig Jahre lang gegen ihn gekämpft, seine Anhänger verfolgt, ihn aus seiner Heimatstadt vertrieben und Heere entsandt hatte, um ihn und seine Anhänger zu unterwerfen.

Einige Gefährten Muhammads waren der Meinung, dies sei der Augenblick, die Unverletzlichkeit Mekkas aufzuheben und Vergeltung zu üben. Die Haltung des Propheten war das Gegenteil davon. Als die Menschen sich um ihn versammelten, um ihr Schicksal zu erfahren, fragte er sie: „Was glaubt ihr, was ich mit euch tun werde?“ Sie antworteten: „Nur Gutes. Du bist ein edler Bruder und der Sohn eines edlen Bruders.“ Er sagte: „Geht alle frei.“ Dies war eine gemeinschaftliche Tat des Mitgefühls. Rache zu üben lag nicht in seiner Natur; Barmherzigkeit gegenüber allen war Muhammads Weg, die Menschen zu gewinnen.

Ich habe mich hier ausführlich mit dem Umgang des Propheten mit seinen Feinden befasst, weil dies zeigt, wie Mitgefühl der starken Versuchung zur Rache entgegenwirkt. Der Prophet scheute niemals davor zurück, in den Krieg zu ziehen, wenn dies zur Verteidigung des Islam und seiner Gemeinschaft notwendig war. Sobald der Feind jedoch besiegt war, waren Freundlichkeit und Barmherzigkeit Muhammads bevorzugte Haltung.

Eine neue Wertordnung

Führer betonen häufig die Bedeutung ihrer Führung. Auf vielerlei Weise versuchen sie zu zeigen, dass das Land, die Partei oder die Gruppe, die sie führen, ohne sie in einer viel schlechteren Lage wäre. Der Prophet tat dies niemals. Vielmehr betonte er die Tatsache, dass er Gottes Gesandter war, da dies sehr wichtig war. Die Menschen mussten daran erinnert werden, dass er ihnen, wenn er etwas über den Glauben übermittelte oder erklärte, was erlaubt und was nicht erlaubt war, Gottes Anweisungen gab.

Abgesehen davon beanspruchte er nichts für sich selbst. Im Gegenteil, er betonte, dass er ein gewöhnlicher Mensch sei, mit all den Gefühlen, Empfindungen und Schwächen, die allen Menschen eigen sind. Dennoch leuchtete die Tatsache, dass seine Mission eine Tat der Gnade Gottes für alle Welten war, in seinem ganzen Leben auf.

Eine herausragende Eigenschaft der Araber jener Zeit war ihre Hartherzigkeit. Die Beschaffenheit ihrer Stammesgesellschaft, in der Stämme einander häufig überfielen und stolz auf die Beute solcher Überfälle waren, sowie die Wüstenumgebung, in der sie lebten und die aus den meisten von ihnen Nomaden machte, ließ keinen Raum für Sanftmut. Sie schätzten Eigenschaften wie Gastfreundschaft, Mut und Rechtschaffenheit, hielten Sanftmut jedoch für unmännlich. Zuhayr ibn Abi Sulma, ein berühmter Dichter jener Zeit, erklärte: „Wer seine Ehre nicht mit seinem Schwert verteidigt, wird sie dem Angriff preisgeben; und wer anderen kein Unrecht tut, wird Unrecht erleiden.“

Der Prophet gab den Arabern und der Menschheit allgemein eine völlig andere Wertordnung. Er wollte, dass Mitgefühl in ihrem Umgang miteinander die Härte ersetzt. Oft zeigte er praktisch eine Tugend, die die Menschen annehmen sollten. Er besaß einen tiefen Einblick in den Charakter der Menschen und gab daher jedem entsprechend seinen Bedürfnissen. Häufig ließ er dies ganz selbstverständlich erscheinen, damit sein Gesprächspartner es nicht als gezielte Kritik auffasste. Das Entscheidende war, dass der Prophet ihnen das gab, was ihren Charakter und ihre Beziehungen zu anderen gewiss verbessern würde.

Zum Beispiel war al-Aqra ibn Habis, der Anführer des Stammes Tamim, ein harter Mann, der meinte, keine Sanftheit zeigen zu dürfen. Bei einem Besuch in Medina wollte ihm der Prophet einen praktischen Rat geben. Abu Hurayra berichtet: Der Prophet küsste al-Hasan ibn Ali, während al-Aqra ibn Habis al-Tamimi bei ihm saß. Al-Aqra sagte zu ihm: „Ich habe zehn Kinder, aber ich habe noch keines von ihnen geküsst.“ Der Prophet sah ihn an und sagte: „Wer kein Mitgefühl zeigt, dem wird auch kein Mitgefühl gezeigt.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Abu Dawud, al-Tirmidhi und Ahmad.)

Al-Hasan, der Enkel des Propheten, war weniger als acht Jahre alt, als der Prophet starb. Er liebte al-Hasan gewiss sehr und spielte gern mit ihm. Da Gott den Propheten zu einem guten Vorbild für die Muslime gemacht und ihnen befohlen hatte, seinem Beispiel zu folgen, war er darauf bedacht, die guten Eigenschaften zu zeigen, die gegenseitige Liebe und Fürsorge in Familie und Gemeinschaft stärkten. Seinen Enkel vor einem Stammesführer und anderen Gästen zu küssen, machte solchen Männern – von denen einige für ihre Härte bekannt waren – deutlich, dass männliche Eigenschaften mit Liebe und Mitgefühl gegenüber Kindern vereinbar sind.

Al-Aqras überraschter Ausspruch war nichts, worauf man stolz sein konnte, und darin liegt der Grund für die Antwort des Propheten. Der Prophet zeigte bei zahlreichen Gelegenheiten ein ähnliches Mitgefühl, damit darüber weithin berichtet wurde und viele Menschen seinem Beispiel folgten.

Al-Bara ibn Azib berichtet: „Ich sah den Propheten, wie er al-Hasan ibn Ali auf seiner Schulter trug und sagte: ‚Mein Herr! Ich liebe diesen Jungen, so liebe auch Du ihn.‘“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad und Ibn Majah.)

Die Fürsorge des Propheten für kleine Kinder beschränkte sich nicht auf Jungen, die ihm nahestanden. Er kümmerte sich um alle Kinder, auch wenn diejenigen, die mit ihm verwandt waren, seine Liebe besonders deutlich erfuhren. Abu Qatada al-Sulami berichtet: „Der Prophet verrichtete das Gebet, während er Umama bint Zaynab, seine Enkelin, trug. Wenn er stand, trug er sie; wenn er sich niederwarf, setzte er sie auf den Boden.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad, Abu Dawud und al-Nasa’i.)

Eine andere Überlieferung dieses Hadiths zitiert Abu Qatada mit den Worten: „Ich sah den Propheten, wie er ein Gemeinschaftsgebet leitete und Umama bint Abi al-As auf seiner Schulter trug; ihre Mutter war seine Tochter Zaynab. Wenn er sich in der Verbeugung niederbeugte, setzte er sie auf den Boden, und wenn er sich aus der Niederwerfung erhob, nahm er sie wieder auf.“ (Überliefert von Muslim.) Dieser äußerst authentische Hadith zeigt, dass der Prophet sich ebenso um Mädchen wie um Jungen kümmerte. Umama war seine Enkelin; er zeigte nicht nur, dass er sie liebte, sondern trug sie auch, während er ein verpflichtendes Gemeinschaftsgebet leitete.

Dies geschah in einer Gesellschaft, in der man bis vor kurzer Zeit die Geburt eines Mädchens mit großer Niedergeschlagenheit aufgenommen und kleine Mädchen aus Angst vor Armut häufig lebendig begraben hatte. Doch der Prophet zeigte seine Liebe zu dem Mädchen auf die beste Weise, indem er sie trug, während er das Gebet leitete. Noch heute würden viele Menschen die Stirn runzeln, wenn man ihnen vorschlüge, während des Gebets ein Kind zu tragen. Noch stärker würden sie sich widersetzen, wenn es sich um ein Mädchen handelte. Manche würden sogar behaupten, das Tragen eines Jungen während des Gebets sei erlaubt, nicht aber das eines Mädchens. Tatsächlich tat der Prophet dies, um das Gegenteil zu zeigen, denn der Islam unterscheidet nicht zwischen Mädchen und Jungen. Alle Kinder haben gleiche Rechte, die von ihren Eltern, ihren Familien und der muslimischen Gemeinschaft erfüllt werden müssen.

Der Prophet ging noch weiter und zeigte, wie wichtig es ist, sich gut um kleine Kinder zu kümmern, besonders um die eigenen. Er hielt in der Moschee die Freitagspredigt, als seine beiden Enkel, al-Hasan und al-Husayn, in roten Hemden hereinkamen. Sie gingen unsicher, stolperten und richteten sich wieder auf. Der Prophet stieg von der Kanzel herab und setzte sie neben sich. Dann sagte er zur Gemeinde: „Gott und Sein Gesandter sprechen die Wahrheit: ‚Euer Besitz und eure Kinder sind nur eine Prüfung und eine Versuchung.‘ (64:15) Ich sah meine beiden Enkel und verspürte einen starken Drang, herabzusteigen und sie aufzuheben.“ Dann setzte er seine Predigt fort.9

In der arabischen Gesellschaft jener Zeit muss es ein großer Schock gewesen sein, dass jemand auf diese Weise einem Kind Aufmerksamkeit schenkte, indem er eine Predigt vor einer großen Gemeinde unterbrach. Der Prophet erzog seine Gemeinschaft mit jeder Methode. Als er zwei kleine Jungen sah, seine Enkel, die stolperten und wieder aufstanden, erkannte er darin eine Gelegenheit, durch sein Beispiel zu lehren. Er zeigte seiner Gemeinde auf praktische Weise, dass die Fürsorge für ein kleines Kind Vorrang vor der Ansprache einer erwachsenen Gemeinde hatte, selbst wenn diese Ansprache Teil des Gottesdienstes war.

Die Wirkung einer solchen praktischen Erziehung wird dadurch verstärkt, dass Gott im Qur’an klargestellt hat, der Prophet sei ein gutes Vorbild, dem wir folgen sollen.10 Seine Enkel waren dem Propheten so lieb, dass er nach ihnen suchte und sie in den Arm nahm. Abu Hurayra berichtet: Ich war mit dem Gesandten Gottes auf einem der Märkte in Medina, und als er ging, ging ich mit ihm. Als er den Hof vor dem Haus Fatimas erreichte, rief er nach al-Hasan ibn Ali: „O du Hübscher! O du Hübscher!“ Doch niemand antwortete ihm. Dann ging er fort und zu Aischas Haus. Während er dort war, kam al-Hasan zu ihm. Ich dachte, seine Mutter habe ihn zurückgehalten, damit sie ihm seine Kette um den Hals legen konnte. Als er zum Propheten kam, umarmte der Prophet ihn, und er umarmte den Propheten. Dieser sagte: „Mein Herr! Ich liebe ihn, so liebe Du ihn, und liebe jeden, der ihn liebt.“ Dies wiederholte er dreimal. (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

Hier sehen wir den Propheten als Großvater, der das Haus seiner Tochter besucht, um ihren Sohn zu sehen. Als das Kind zu ihm kam, umarmte Muhammad es. Dies ist das normale Verhalten eines Großvaters, der seinen Enkel liebevoll an sich drückt. Der Prophet fügte jedoch ein Gebet hinzu, das seine Liebe zu seinen Enkeln ausdrückte. Er bat Gott, nicht nur das Kind zu lieben, sondern auch jeden, der es liebt. Dieses Gebet kann jeden Muslim bis zum Ende des menschlichen Lebens auf der Erde einschließen, denn die Muslime lieben den Propheten und die Angehörigen seines Hauses. Besonders lieben sie diejenigen, die der Prophet am meisten liebte. Da dieser und andere ähnliche Hadithe ausdrücklich besagen, dass der Prophet al-Hasan liebte, lieben auch wir ihn gewiss und betrachten ihn mit Ehrfurcht, in der Hoffnung, einen Teil des Nutzens aus dem Gebet des Propheten zu erhalten.

Der Verlust der eigenen Kinder

Wie in Kapitel 1 erwähnt, verlor der Prophet seine beiden kleinen Söhne. Da dies jedoch lange vor seinem Prophetentum geschah, gibt es keine überlieferte Aufzeichnung darüber, wie die Familie mit dem Verlust dieser beiden kleinen Kinder umging. Es scheint allerdings, dass die Kindersterblichkeit als normal angesehen wurde, da ihre Rate hoch war. Dennoch dürfte dies das Verlustgefühl, das die Eltern beim Tod eines kleinen Kindes empfanden, nicht vermindert haben.

Dem Propheten wurde im hohen Alter ein Sohn geboren. Der Junge, der Ibrahim genannt wurde, wurde einer Frau außerhalb Medinas zum Stillen übergeben. Der Prophet besuchte diese Frau regelmäßig; ihr Mann war ein Schmied namens Abu Sayf. Anas ibn Malik berichtet: Eines Tages folgte ich dem Propheten, als er Abu Sayf besuchen wollte. Als wir ankamen, benutzte dieser gerade seinen Blasebalg, um das Feuer am Brennen zu halten, und das Haus war voller Rauch. Ich ging dem Propheten voraus und sagte Abu Sayf, er solle mit dem Feuer aufhören, da der Prophet komme. Er tat dies. Als der Prophet eintraf, bat er um seinen Sohn. Er nahm ihn, hielt ihn eng an sich, küsste und roch an ihm und sprach einige Gebete, die er sprechen wollte. Ich sah das Kind, während das Leben beinahe aus ihm wich und der Prophet es hielt. Die Augen des Propheten waren tränenvoll, und er sagte: „Das Auge weint, das Herz ist voller Trauer, doch wir sagen nur, was unserem Herrn Gott gefällt. Wir sind gewiss traurig, dass wir dich verlieren, Ibrahim.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim und Abu Dawud.)

In einer Fassung dieses Hadiths wird berichtet, dass Abd al-Rahman ibn Awf, als er den Propheten weinen sah, zu ihm sagte: „Und du weinst, Gesandter Gottes?“ Der Prophet sagte: „Ibn Awf! Dies ist ein Ausdruck des Mitgefühls.“ In dieser Situation ist der Prophet ein äußerst liebevoller und fürsorglicher Vater, der im Begriff ist, sein jüngstes Kind zu verlieren. Er ist traurig und bekümmert, vergisst aber keinen Augenblick, dass der Tod von Gott bestimmt ist und dass uns nichts anderes bleibt, als Gottes Willen anzunehmen, wie er auch sein mag. Ibrahim soll erst siebzehn oder achtzehn Monate alt gewesen sein, als er starb. Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen ist völlig normal und erlaubt, muss jedoch mit einer ergebenen Annahme des Willens Gottes verbunden sein.

Dies wird im folgenden Bericht von Usama ibn Zayd deutlich: Eine der Töchter des Propheten11 sandte ihm eine Nachricht, dass ein Sohn von ihr im Sterben liege, und bat ihn zu kommen. Er antwortete mit einer Nachricht, die mit seinem Gruß begann, und fügte hinzu: „Gott gehört, was Er nimmt, und was Er gibt. Bei Ihm geschieht alles zu seiner bestimmten Zeit. Sie soll standhaft bleiben und sich in ihren Verlust ergeben.“ Sie sandte eine neue Nachricht und bat ihn bei Gott, zu ihr zu kommen. Er erhob sich und ging zusammen mit Sad ibn Ubada, Muadh ibn Jabal, Ubayy ibn Kab, Zayd ibn Thabit und anderen. Der Junge wurde dem Propheten gereicht. Seine Brust rasselte, beinahe wie ein zu trocken gewordener Wasserschlauch. Die Augen des Propheten waren tränenvoll. Sad sagte zu ihm: „Wie kommt das, Gesandter Gottes?“ Er sagte: „Dies ist ein Ausdruck des Mitgefühls, das Gott in die Herzen Seiner Geschöpfe gelegt hat. Gott ist nur zu jenen Seinen Dienern barmherzig, die barmherzig sind.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Abu Dawud, Ahmad, al-Nasa’i und Ibn Majah.)

Die Tatsache, dass der Prophet bei beiden Gelegenheiten wegen seines Weinens über den Verlust eines Kindes befragt wurde, sagt uns etwas über die arabische Gesellschaft. Damals hielt diese Gesellschaft das Weinen selbst nach dem Verlust eines geliebten Menschen für eines Mannes unwürdig. Tatsächlich wurde der Verlust eines Kindes nicht als große Tragödie betrachtet. In beiden Fällen haben die Worte des Propheten eine erzieherische Wirkung: Sie zeigen, dass Weinen in solchen Situationen ein Ausdruck von Barmherzigkeit ist. Der Prophet weinte auch bei anderen Gelegenheiten, etwa beim Tod von Uthman ibn Mazun und während der Krankheit von Sad ibn Ubada.

Fürsorge für alle Kinder

Der Prophet kümmerte sich um alle Kinder. Junge Mütter waren stets darauf bedacht, ihre Kinder zum Propheten zu bringen, damit er für sie betete, ihnen über den Kopf strich oder auf andere Weise tat, was er wollte, um sie zu segnen. Viele Hadithe berichten davon und spiegeln deutlich die Zärtlichkeit des Propheten gegenüber Kindern wider. Aischa, die Frau des Propheten, berichtet: „Kleine Kinder wurden häufig zum Propheten gebracht, und er segnete sie und strich ihnen mit seinem Finger über den Kiefer.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, al-Nasa’i und Ibn Majah.)

Der Prophet betete zu Gott, dem Kind Seinen Segen zu geben, und betete möglicherweise auch für dessen Zukunft. Indem er seinen Finger in den Mund des Kindes legte und ihm über den Kiefer strich, beruhigte er das Kind, damit es sich glücklich und geborgen fühlte.

Ein ausführlicherer Bericht über den Umgang des Propheten mit kleinen Kindern stammt von Asma bint Abi Bakr, die mit al-Zubayr ibn al-Awwam verheiratet war, einem der frühesten Menschen, die den Islam annahmen. Die Mutter al-Zubayrs war Safiyya bint Abd al-Muttalib, eine Tante väterlicherseits des Propheten. Asma berichtet, dass sie in Mekka mit ihrem Sohn Abdullah schwanger war: „Ich brach nach Medina auf, als meine Schwangerschaft fast vollendet war. Als ich Quba erreichte, einige Meilen außerhalb Medinas, hielt ich an, um mich auszuruhen, und brachte dort mein Kind zur Welt. Ich nahm es zum Gesandten Gottes und legte es in seinen Schoß. Er bat um eine Dattel, kaute sie ein wenig und gab dann etwas von seinem Speichel in den Mund des Kindes; so war der Speichel des Propheten das Erste, was Abdullah schluckte. Danach rieb er ihm mit der Dattel über den Kiefer, betete für ihn und segnete ihn.“ (Überliefert von al-Bukhari und Ahmad.)

Dieser Hadith berichtet von der Freude, die die Geburt Abdullah ibn al-Zubayrs begleitete. Seine Mutter wollte nichts in den Mund des Kindes gelangen lassen, bevor der Prophet es gesehen und gesegnet hatte. Der Prophet mag gespürt haben, dass das Kind hungrig war, und ihm seinen eigenen Speichel gegeben haben, im Wissen, dass Gott das Kind dafür segnen würde. Dann ließ er das Kind die Dattel schmecken, während er ihm damit über den Kiefer strich. Dass eine Mutter wie Asma ihr Kind als Erstes zum Propheten brachte, war nur natürlich, denn sie wollte, dass das Leben des Kindes mit einem Gebet und einem Segen des Propheten begann, da jedes Gebet des Propheten auf die beste Weise erhört wurde.

Doch kleine Kinder können Unfälle verursachen, die diejenigen, die sie halten, beunruhigen können, da der Islam großen Wert auf Reinheit legt. Ein äußerst authentischer Hadith, der von Umm Qays ibn Mihsan überliefert wird, berichtet, dass sie ihren kleinen Jungen, der noch keine andere Nahrung als Muttermilch gegessen hatte, zum Propheten brachte. Der Prophet setzte das Kind auf seinen Schoß, doch der Junge urinierte, und sein Urin benetzte die Kleidung des Propheten. Der Prophet ließ Wasser bringen. Er spritzte das Wasser über die betroffene Stelle, wusch jedoch sein Gewand nicht. (Überliefert in allen sechs authentischen Sammlungen sowie bei Malik, Ahmad, al-Darimi und anderen.)

Dieser Hadith zeigt, dass der Prophet mit der Angelegenheit des Urins des Kindes ganz gelassen umging. Er lehrte seine Anhänger, dass man sich in einer solchen Situation weder aufregen noch ärgern müsse. So zeigte er uns, wie mit der Unreinheit umzugehen ist, und machte deutlich, dass es sich um die geringere Art der Unreinheit handelt. Daher genügt es, etwas Wasser über die verunreinigte Stelle zu spritzen, um die Kleidung zu reinigen. Dies gilt für kleine Kinder, die noch keine normale Nahrung gegessen haben.

Obwohl der Hadith nur erwähnt, dass das Kind urinierte, wird verstanden, dass der Prophet das Kind bereits gesegnet und für es gebetet hatte, da es schon auf seinem Schoß saß. Sehr wahrscheinlich war das Kind bereits einige Minuten beim Propheten, bevor dieser Unfall geschah. In dieser Zeit hatte der Prophet es vermutlich schon gesegnet und für es gebetet, da seine Mutter es genau zu diesem Zweck zu ihm gebracht hatte.

Solche Unfälle ereigneten sich mehr als einmal. Einer der Gefährten des Propheten berichtet, dass er beim Propheten war, als Muhammad einen seiner Enkel, entweder al-Hasan oder al-Husayn, auf den Schoß gesetzt hatte: „Der Junge urinierte, und ich sah, wie der Urin über die Hüfte des Propheten lief. Wir sprangen auf, um ihn davon abzuhalten, doch der Prophet sagte: ‚Lasst meinen Enkel; erschreckt ihn nicht.‘ Er ließ Wasser bringen und goss es über den Urin.“ (Überliefert von Ahmad.)

Diejenigen, die beim Propheten waren, dachten nur an ihn und waren daher besorgt, dass die Unreinheit des Urins aufgehalten und beseitigt werden müsse. Der Prophet dachte jedoch zuerst an das Kind und sagte seinen Gefährten, sie sollten es in Ruhe lassen. Angesichts der Fürsorge des Propheten für Kinder ist es nicht überraschend, dass Anas ibn Malik, der oft beim Propheten war, sagte: „Ich kannte niemanden, der kleinen Kindern gegenüber mitfühlender war als den Gesandten Gottes.“ (Überliefert von Muslim.)

Die Fürsorge des Propheten für Mutter und Kind zeigt sich vielleicht am besten in dem folgenden Hadith, der ebenfalls von Anas ibn Malik überliefert wird. Der Prophet sagte: „Ich beginne ein Gebet in der Absicht, es lang zu machen. Dann höre ich ein Kind weinen und verkürze mein Gebet, weil ich weiß, dass die Mutter des Kindes beim Hören seines Weinens sehr beunruhigt wäre.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad und Ibn Majah.)

Dies ist ein gutes Beispiel dafür, wie Mitgefühl praktisch umgesetzt werden kann. Der Prophet wusste vielleicht, dass jeder in der Gemeinde in der Lage und bereit war, ein langes Gebet zu verrichten. Zweifellos ist es an sich eine Freude, den Qur’an im Gebet vom Propheten rezitiert zu hören, und mit ihm zu beten eine große gottesdienstliche Handlung. Deshalb waren seine Gefährten stets darauf bedacht, am Gemeinschaftsgebet teilzunehmen. Ein langes Gebet bedeutet gewöhnlich, dem vollkommen rezitierten Qur’an zuzuhören.

Doch das Weinen eines Kindes veranlasste den Propheten, seine Absicht zu ändern und ein kurzes, aber vollständiges Gebet zu wählen. Obwohl er wusste, dass das Kind nicht in Gefahr war und keinen Schaden nehmen würde, wenn es ein wenig weinte, erkannte er, dass seine Mutter unweigerlich durch das Weinen abgelenkt und besorgt sein würde, das Kind könne Schaden nehmen oder in Schwierigkeiten sein. Daher verkürzte der Prophet sein Gebet, damit sie sich um ihr Kind kümmern konnte. So fand die gesamte Gemeinde ihr Gebet den Bedürfnissen eines kleinen Kindes untergeordnet, das seine Not ausgedrückt und Fürsorge verlangt hatte. Das Mitgefühl des Propheten ließ dies zu. Er war wahrhaft voller Mitgefühl: „Wahrlich, zu euch ist ein Gesandter aus eurer Mitte gekommen; schwer lastet auf ihm, was euch bedrückt; er ist um euch besorgt und gegenüber den Gläubigen gütig und barmherzig.“ (9:128)

Voller Mitgefühl für alle

Gott beschreibt den Propheten als „gütig und barmherzig gegenüber den Gläubigen“. (9:128) Das Mitgefühl strömte aus ihm hervor, und Menschen aller Art profitierten davon. Sein Mitgefühl machte ihn auf die Sorgen der Menschen in seiner Umgebung aufmerksam, selbst wenn sie diese Sorgen weder ausdrückten noch andeuteten. Er ermutigte seine Gefährten, ihre Gefühle auszudrücken, damit er ihre Probleme lösen konnte, sofern dies in seiner Macht lag. Wenn sie etwas Rechtmäßiges oder Erlaubtes wünschten, half er ihnen, es zu erlangen.

Manchmal empfing der Prophet Gesandtschaften anderer Stämme, die entweder etwas über den Islam erfahren wollten oder Muslime waren und mehr über ihren Glauben lernen wollten, um dieses Wissen ihrem Volk zu übermitteln. Malik ibn al-Huwayrith war Mitglied einer solchen Gesandtschaft und berichtet: „Wir besuchten den Propheten, und wir waren allesamt junge Männer ungefähr gleichen Alters. Wir blieben zwanzig Tage bei ihm. Dann bemerkte er, dass wir unsere Familien vermissten, und fragte uns nach unseren Leuten, die wir zurückgelassen hatten. Er war fürsorglich und mitfühlend. Er sagte zu uns: ‚Kehrt zu eurem Volk zurück, lehrt es und erklärt ihm seine Pflichten. Betet, wie ihr mich beten gesehen habt. Wenn die Zeit für ein Gebet gekommen ist, soll einer von euch den Adhan ausrufen, und der Älteste von euch soll euch im Gebet leiten.‘“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad und al-Nasa’i.)

Der Überlieferer dieses Hadiths war ein junger Mann, der den Propheten mit einigen Freunden besuchte und zwanzig Tage bei ihm blieb. Da die Mitglieder dieser Gesandtschaft alle junge Männer ungefähr gleichen Alters waren und im gleichen Zeitraum vom Propheten gelernt hatten, waren sie in ihrer Kenntnis des Islam und in der Qualität ihrer Qur’an-Rezitation gleich befähigt. Daher erwähnte der Prophet die üblichen Kriterien für die Wahl des Vorbeters nicht. Diese waren erstens der beste Qur’an-Rezitator und zweitens derjenige mit größerem Wissen über den Islam. Da diese jungen Männer gleichermaßen gelehrt waren, wies der Prophet sie an, ein weiteres Kriterium anzuwenden: das Alter.

Wir stellen in diesem Hadith fest, dass der Prophet die Sorgen der Gesandtschaft aufmerksam wahrnahm. Da er erkannte, dass die jungen Männer Menschen zurückgelassen haben mussten, die ihnen nahestanden, fragte er sie nach ihren Familien und Freunden. Während sie ihm davon erzählten, zeigte er gewiss jene Fürsorge, die die Beschreibung des Überlieferers verdient, er sei „fürsorglich und mitfühlend“ gewesen. Der Prophet wollte sie nicht länger zurückhalten, obwohl jeder junge Muslim großen Nutzen daraus gezogen hätte, in der Nähe des Propheten zu bleiben. Er ließ sie zurückkehren und wies sie an, wie sie ihr Volk unterrichten und ihm das Wissen über den Islam vermitteln sollten, das sie während ihres Aufenthalts in Medina gesammelt hatten.

Der Umgang mit Sklaven

In vorislamischer Zeit wurden Sklaven in Arabien genauso behandelt wie anderswo: Sie hatten keine Rechte und galten als Gegenstände, die ein Mensch besitzen konnte. Ihre Gefühle wurden kaum berücksichtigt, geschweige denn umsorgt. Der Prophet änderte all das. Er betonte gegenüber seinen Gefährten stets, dass Sklaven freundlich behandelt werden müssten.

Tatsächlich macht der Islam es zur Pflicht, Sklaven, die ihre Freiheit wünschen, die Möglichkeit zu geben, sich freizukaufen. Die muslimische Gemeinschaft muss ihnen dabei helfen. Sklaven gehören zu den acht Gruppen von Empfängern der Zakat, deren Mittel auch dazu verwendet werden, ihnen den Freikauf zu ermöglichen.

Eines der schlimmsten Dinge, die Sklaven gewöhnlich widerfuhr, war die Trennung ihrer Familien. Der Prophet setzte dem ein Ende und veränderte die gesamte Sichtweise auf die Sklaverei. Nach der Lehre des Propheten war ein Sklave ein Mensch mit Gefühlen, Empfindungen und Sensibilität wie alle anderen Menschen. Daher erklärte er, dass Sklaven nicht anders behandelt werden dürften und dass die Trennung ihrer Familien unzulässig sei.

Ali Zayn al-Abidin, der Urenkel des Propheten, berichtet: Abu Usayd al-Ansari brachte einige Sklaven aus Bahrain. Sie standen in einer Reihe. Der Prophet stand auf und sah sie an. Er bemerkte, dass eine Frau unter ihnen weinte. Er fragte sie: „Warum weinst du?“ Sie sagte: „Mein Sohn wurde an den Stamm Abs verkauft.“ Der Prophet sagte zu Abu Usayd: „Reite dorthin und bringe ihn nach Hause, und zwar zu demselben Preis, für den du ihn verkauft hast.“ Abu Usayd ritt dorthin und brachte ihn zurück.12

Offensichtlich war die Frau voller Kummer, weil sie befürchtete, ihren Sohn nie wiederzusehen. Der Prophet verstand ihre Gefühle und ergriff die notwendigen Maßnahmen, um sie mit ihrem Sohn zu vereinen. Er kannte weder die Frau noch ihren Hintergrund, da sie lediglich eine Sklavin war, die von einem weit entfernten Ort gebracht worden war. Dennoch akzeptierte er nicht, dass sie wegen eines Geschäfts leiden sollte. Außerdem wusste er, dass Sklaven in der muslimischen Gemeinschaft eine viel größere Aussicht hatten, ihre Freiheit wiederzuerlangen, da der Islam die Sklaverei verabscheute und einen anderen Weg zur Befreiung der Sklaven geschaffen hatte.

Freundlichkeit gegenüber Tieren

Zu Beginn dieses Kapitels wurde ein Qur’anvers zitiert, der erklärt, dass die Mission des Propheten eine Manifestation der Gnade Gottes für alle Welten ist. Daraus ergibt sich eine Frage über die Tierwelt: Welche Haltung hatte der Prophet gegenüber Tieren? Der folgende Hadith gibt einen Einblick in diese Frage.

Abu Hurayra zitiert den Propheten mit den Worten: Ein Mann ging einen Weg durch die Wüste entlang und wurde äußerst durstig. Dann fand er einen Brunnen und stieg hinab, um zu trinken. Als er wieder heraufkam, sah er einen Hund, der schwer hechelte und vor Durst den Schlamm leckte. Er dachte: „Dieser Hund ist ebenso durstig, wie ich es vor kurzer Zeit war.“ Er stieg erneut in den Brunnen hinab, zog seinen Schuh aus, füllte ihn mit Wasser und hielt ihn beim Aufsteigen mit dem Mund fest. Dann gab er dem Hund zu trinken. Gott nahm seine Tat an und vergab ihm seine vergangenen Sünden. Die Gefährten des Propheten fragten: „Werden wir für eine Wohltat gegenüber einem Tier belohnt?“ Er antwortete: „Für jede gute Tat gegenüber einem Lebewesen erhält man von Gott eine Belohnung.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Abu Dawud und Ibn Hibban.)

Die Vergebung der Sünden führt gewiss zum Eintritt ins Paradies. Der Mann, der dem Hund zu trinken gab, dachte nicht, dass seine Tat eine solche Belohnung einbringen würde. Der Prophet hob dies hervor und zeigte, dass eine kleine Freundlichkeit, selbst gegenüber einem Tier, nicht geringgeschätzt werden darf. Für Muslime ist es noch überraschender, durch eine Freundlichkeit gegenüber einem Hund Vergebung zu erlangen, da Hunde im Islam als unrein gelten. Deshalb meiden Muslime sie im Allgemeinen, außer wenn das Tier für einen bestimmten Zweck benötigt wird, etwa als Wach- oder Hütehund.

Wie seine Lehren zeigen, war das Mitgefühl des Propheten gegenüber Tieren umfassend. Er machte deutlich, dass Tiere keinesfalls schlecht behandelt werden dürfen. Muadh ibn Anas zitiert den Propheten mit den Worten: „Behandelt Tiere nicht wie Stühle, auf denen man sitzt. Ein Reittier kann Gott besser preisen als sein Reiter.“ (Überliefert von Ahmad und al-Hakim.)

Er erklärt, dass es falsch ist, einen Esel, ein Kamel oder ein anderes Tier eine Zeit lang als Stuhl zu benutzen, da die Tiere nicht zu diesem Zweck erschaffen wurden. Vielmehr ist es für ein solches Tier leichter, einen Menschen von einem Ort zum anderen zu tragen, da das Tragen von Lasten zu dem gehört, wofür es geschaffen wurde; stillzustehen, während jemand auf seinem Rücken sitzt, ist dagegen für jedes Tier unnatürlich. Der Prophet bezeichnet die Tiere als Geschöpfe, die Gott preisen. Nach islamischer Auffassung gehorchen alle Geschöpfe Gott und preisen Ihn auf Weisen, die wir nicht kennen.

Ein weiterer Hadith mit ähnlicher Bedeutung zitiert den Propheten mit den Worten: „Fürchtet Gott im Umgang mit Tieren, denn sie können nicht ausdrücken, was sie empfinden. Reitet sie, wenn sie dazu geeignet sind, und nehmt sie zur Nahrung, wenn sie dafür geeignet sind.“ (Überliefert von Abu Dawud.) Der Prophet warnte davor, Tiere schlecht zu behandeln oder sie zu ermüden, ohne ihnen ausreichend Nahrung zu geben.

Abdullah ibn Jafar berichtet, dass er beim Propheten war, als dieser einen Bauernhof betrat, der einem Mann von den Ansar gehörte. Beim Eintreten sah er ein Kamel. Das Kamel schien beim Anblick des Propheten zärtliche Regungen zu empfinden, und Tränen standen in seinen Augen. Der Prophet strich ihm über die Ohren, worauf es ruhig wurde. Der Prophet fragte: „Wem gehört dieses Kamel?“ Ein junger Mann von den Ansar sagte, es gehöre ihm. Der Prophet sagte: „Willst du nicht Gott fürchten im Umgang mit diesem Tier, das Gott deiner Hand anvertraut hat? Das Kamel hat sich bei mir darüber beklagt, dass du es hungrig hältst und überarbeitest.“ (Überliefert von Abu Dawud, al-Bayhaqi in Al-Sunan al-Kubra und al-Hakim.)

Dass der Prophet die Klage des Kamels verstand, ist nicht überraschend. Gott konnte ihn auf jede von Ihm gewünschte Weise dazu befähigt haben. Als er dies erfuhr, ergriff er die notwendigen Maßnahmen und warnte den Besitzer. Er sagte ihm, dass eine solche Behandlung seines Kamels dem Verhalten gottesfürchtiger Menschen widerspreche und daher im Jenseits zur Bestrafung führen könne.

Selbst wenn Tiere zum Verzehr geschlachtet werden, muss darauf geachtet werden, den Vorgang für das Tier so wenig schmerzhaft wie möglich zu machen. Der Prophet sagte: „Gott hat vorgeschrieben, dass jede Tat gut ausgeführt werden soll. Wenn ihr daher ein Leben nehmt, dann tut es gut. Wenn ihr ein Tier schlachtet, dann schlachtet es gut. Jeder von euch, der dies tut, soll seine Klinge gut schärfen und dem zu schlachtenden Tier eine bequeme Lage geben.“ (Überliefert von Muslim, Ahmad, al-Nasa’i und al-Tirmidhi.)

Wenn einem Tier im Augenblick seiner Schlachtung eine solche Fürsorge zuteilwerden muss, was sagt uns das dann über die Fürsorge für Tiere während ihres normalen Lebens? Mitgefühl war die Eigenschaft, durch die der Prophet gekennzeichnet war, und sein Mitgefühl umfasste alle Welten. Bemerkenswerterweise betonte der Prophet, dass Frauen stets mit Mitgefühl und Liebe behandelt werden sollen.13

1 Abu Dawud, Sunan (Buch über den Dschihad), Kapitel 90.
2 Al-Bukhari, Sahih (Buch über den Beginn der Schöpfung).
3 Ibn Hisham, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 184.
4 Al-Hakim, Al-Mustadrak, Bd. 3, S. 242.
5 Ibn Hisham, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 149.
6 Ibn Hisham, ebd., Bd. 3, S. 336.
7 Al-Bukhari, Sahih (Buch über die Auslegung des Qur’an); Ibn Hisham, ebd., Bd. 4, S. 210.
8 Ibn Hisham, ebd., Bd. 4, S. 134.
9 Al-Hakim, Al-Mustadrak, Bd. 1, S. 287.
10 Der Qur’an: 33:21.
11 In einer anderen Fassung dieses Hadiths wird sie als Zaynab, die älteste Tochter des Propheten, bezeichnet.
12 Ahmad ibn Husayn al-Bayhaqi, Al-Sunan al-Kubra, Bd. 9, S. 126.
13 Ich werde dies ausführlich in Kapitel 13 behandeln.

KAPITEL 10

Adel in seiner besten Form Anas ibn Malik berichtet, dass eine Frau, von der bekannt war, dass sie geistig verwirrt war, zum Propheten sagte: „Gesandter Gottes, ich brauche deine Hilfe in einer bestimmten Angelegenheit.“ Er sagte: „Wähle irgendeine Straße, und ich komme mit dir und kümmere mich um das, was du brauchst.“ Er blieb mit ihr an einer Straße stehen und besprach ihr Anliegen mit ihr, bis sie ihre Angelegenheit erledigt hatte. (Überliefert von Muslim, Ahmad, Abu Dawud und al-Bayhaqi in Dala’il al-Nubuwwah.) Der Prophet saß mit seinen Gefährten zusammen, als diese Frau, von der bekannt war, dass sie geistig verwirrt war, ihm sagte, dass sie seine Hilfe brauche. Seine unmittelbare Reaktion bestand darin, sie zufriedenzustellen. Er sagte ihr, dass er bereit sei, ihr zuzuhören. Zugleich respektierte er ihre Privatsphäre und bat sie nicht, ihr Problem vor anderen Menschen zu erörtern. Er wusste, dass ein geistig verwirrter Mensch Dingen, die andere gewöhnlich für belanglos halten, große Bedeutung beimessen kann, und er wollte sie nicht in Verlegenheit bringen. Er forderte sie auf, einen Ort zu wählen, an dem sie sich wohlfühlen würde, um ihm zu erklären, was sie benötigte. Offensichtlich sollte es ein offener Ort sein, an dem die Menschen sie sehen konnten. Selbstverständlich gab es damals in Medina keine Cafés oder Restaurants. Daher genügte jeder beliebige Ort auf der Straße. Der Prophet blieb bei der Frau stehen und hörte ihr zu, während sie ihm ihr Anliegen erklärte. Dann gewährte er ihr die Hilfe, die sie benötigte. Dies war typisch für den Propheten, denn er kümmerte sich stets um die Schwächsten und Schutzbedürftigsten in der Gesellschaft. Anas berichtet: „Jede junge Dienerin in Medina konnte zum Propheten kommen und ihn an der Hand nehmen. Er entzog seine Hand nicht der ihren. Sie führte ihn überallhin, wohin sie wollte.“1 (Überliefert von Ahmad und Ibn Majah.) 1 Dieser Hadith spricht davon, dass junge Dienerinnen den Propheten an der Hand nahmen. Für die meisten Muslime klingt das sehr ungewöhnlich, da sie glauben, dass der Prophet außer seinen Ehefrauen und Töchtern niemals eine Frau berührte. Sie verweisen auf die Tatsache, dass er Frauen nicht die Hand schüttelte, als diese ihm ihre Treue gelobten. Der Hadith erwähnt nicht, ob solche Dienerinnen junge Mädchen oder junge Frauen waren. Der arabische Text lässt beide Deutungen zu. Ich habe mit Gelehrten darüber gesprochen, und einige von ihnen ziehen es vor, ihn auf junge Mädchen zu beziehen. Einige wenige sehen jedoch auch dann kein Problem, wenn damit junge Frauen gemeint sind. Sie sagen, dass es die normale Praxis des Propheten gewesen sei, Frauen nicht die Hand zu schütteln, besonders nicht bei der Treueverpflichtung. Wenn jedoch ein junges weibliches Wesen die Beruhigung brauchte, seine Hand zu halten, hinderte er es nicht daran. In einer Rechtsauskunft sagt Scheich Yusuf al-Qaradawi, er habe keinen Text finden können, der das Händeschütteln mit einer Frau verbiete, doch rate er den Männern, ihre Hand nicht zuerst auszustrecken. Eine Dienerin konnte von ihren Angehörigen beauftragt worden sein, etwas zu erledigen oder zu holen, und vielleicht wusste sie nicht, wo sie es finden oder wie sie ihre Pflicht erfüllen sollte. Die beste Person, bei der sie Hilfe suchen konnte, war der Prophet, und so nahm sie ihn an der Hand. Um sie zu beruhigen, erlaubte er ihr, ihn überallhin zu führen, wohin sie wollte, bis er ihr die benötigte Hilfe geleistet hatte. Dies sind zwei von den zahlreichen Beispielen dafür, wie der Prophet die schwächsten Teile der Gesellschaft behandelte. Er wollte, dass sie spürten, dass er ihnen stets zur Verfügung stand und dass er selbst den Ärmsten oder Schwächsten bei allem helfen würde, was sie benötigten. Für ihn war jeder wichtig. Wenn ein Mädchen seine Hilfe brauchte, wurde sie ihm zuteil. Der zweite Hadith nennt keine bestimmte Dienerin. Vielmehr deutet er darauf hin, dass dies das gewöhnliche Verhalten des Propheten war, und aus dem Wortlaut dieses Hadiths scheint hervorzugehen, dass es für Dienerinnen üblich war, zu ihm zu kommen und um solche Hilfe zu bitten. Für manche Menschen ist es nicht leicht, jemandem in einer einflussreichen Stellung zu begegnen, besonders für jene, die sich ihrer gesellschaftlichen Schwäche bewusst sind. Der Prophet wollte sicherstellen, dass niemand Angst empfinden sollte, wenn er ihm begegnete. Obwohl seine Stellung als Gesandter Gottes weit bedeutender war als die eines Königs oder Staatsoberhaupts, bewahrte er eine heitere Haltung, sodass jeder, der mit ihm sprach, sein Anliegen klar vorbringen konnte. Dennoch fühlten sich manche Menschen unwohl, wenn sie mit ihm sprachen, und er bemühte sich sehr, sie zu beruhigen. Abu Masud al-Badri berichtet, dass ein Mann heftig zitterte, als er mit dem Propheten sprach. Der Prophet sagte zu ihm: „Ganz ruhig, ganz ruhig! Ich bin kein König. Ich bin der Sohn einer Frau, die getrocknetes und gesalzenes Fleisch zu essen pflegte.“ (Überliefert von Ibn Majah und al-Hakim.) Der Prophet gab dem verängstigten Mann ein anschauliches Bild von der eigenen Mutter des Propheten als einer gewöhnlichen armen Person, die für ihren Lebensunterhalt auf die einfachste Art von Nahrung angewiesen war. (Menschen, die sich nicht ständig Fleisch leisten konnten, pflegten das vorhandene Fleisch durch Trocknen und Salzen haltbar zu machen.) Wenn wir die Handlungen des Propheten in verschiedenen Situationen betrachten, müssen wir uns daran erinnern, dass Gott alle Muslime aller Generationen dazu auffordert, ihn zu ihrem Vorbild zu machen. Gott sagt im Qur’an: „Im Gesandten Gottes habt ihr ein gutes Vorbild für jeden, der auf Gott und den Jüngsten Tag hofft und Gottes häufig gedenkt.“ (33:21) Das bedeutet, dass wir dadurch, dass wir uns am Propheten orientieren und seine Haltung und seine Handlungen nachahmen, von Gott belohnt werden. Diese Belohnung wird uns aus zwei Gründen angerechnet: Die Handlung selbst ist gut, weil der Prophet nur das tat, was gut und nützlich ist; außerdem ist die Befolgung des Beispiels des Propheten ein Beweis für festen Glauben an den Islam. Der Prophet ließ alles, was er sagte oder tat, bekannt werden: Sein Leben lag offen vor aller Augen. Nichts, was er getan hatte, wurde erst nach seinem Tod bekannt, denn seine Gefährten und die Mitglieder seines Haushalts berichteten alles, was sie von ihm gesehen oder gehört hatten. Selbst sein privatestes Leben wurde in klaren Worten überliefert. Die Menschen fragten seine Ehefrauen nach seinem Verhalten zu Hause, und sie erwähnten alles. So erfahren wir beispielsweise, dass er und eine seiner Ehefrauen, wenn sie ein Bad nehmen mussten, dies gemeinsam tun konnten und dabei dasselbe Gefäß benutzten. Aischa berichtet, dass sie etwas Wasser nehmen und über ihren Körper gießen konnte, wobei sie zu ihm sagte: „Lass mir etwas übrig“, und dass er dasselbe zu ihr sagen konnte.2 Eine oder zwei seiner anderen Ehefrauen berichteten dasselbe.3 Die Überlieferung solcher privaten Angelegenheiten war notwendig, damit die Muslime wussten, was in solchen Dingen erlaubt und was nicht erlaubt ist. Wie wir bereits erwähnt haben, war der Prophet nicht nur ein Vorbild für seine eigene Generation; er bleibt ein Vorbild für alle Gläubigen im Islam, wo und wann immer sie leben. Das bedeutet, dass er die besten, allgemein anerkannten menschlichen Eigenschaften in sich vereinte. Dies konnte nur durch ein Wirken Gottes, des Schöpfers von allem, möglich sein. Bescheidenheit ist eine Tugend Ein wesentlicher Aspekt des Charakters des Propheten war seine Bescheidenheit. Sein Auftreten und sein Verhalten waren von großer Sittsamkeit geprägt. Er kritisierte Menschen nicht direkt und brachte sie nicht öffentlich in Verlegenheit. Aischa berichtet: „Wenn der Prophet hörte, dass eine bestimmte Person etwas Falsches getan oder gesagt hatte, sagte er nicht: ‚Diese Person sagt dies und jenes‘, sondern: ‚Wie kommt es, dass manche Menschen dies und jenes sagen?‘“ (Überliefert von Abu Dawud.) Nur wenn jemand öffentlich etwas tat, das dem Islam widersprach, nannte der Prophet die richtige islamische Regel. Er tat dies, damit die Menschen daraus lernten, und achtete darauf, niemanden in Verlegenheit zu bringen. Seine Bescheidenheit zeigte sich auch in seinen persönlichen Angelegenheiten. Er verrichtete seine privaten Bedürfnisse und achtete darauf, nicht gesehen zu werden. Niemand sah ihn jemals unbekleidet. Seine Schamhaftigkeit in privaten Dingen übertrug sich jedoch nicht darauf, wie er seine Botschaft verkündete: Er betonte stets ohne Zögern, dass er der Gesandte Gottes sei, und erklärte allen Menschen klar, was dies bedeutete. Ein Beispiel, das beide Eigenschaften verbindet, ist seine Heirat mit Zaynab bint Jahsch. Zaynab war seine Cousine, denn ihre Mutter war Umaymah bint Abd al-Muttalib, seine Tante väterlicherseits. Daher gehörte sie einer vornehmen Familie an. Der Prophet hatte sie zuvor mit Zayd ibn Harithah verheiratet, den er lange vor seinem Prophetentum aus der Sklaverei befreit und als Sohn angenommen hatte. Der Islam verbot jedoch die Adoption, und Zayd nahm wieder seinen alten Namen an. Sowohl Zaynab als auch Zayd waren mit ihrer Ehe unglücklich. Gott befahl dem Propheten, Zayd die Scheidung von ihr zu erlauben und sie anschließend selbst zu heiraten. Dies widersprach der Tradition der arabischen Gesellschaft wegen der früheren Adoption Zayds. Der Prophet verkündete jedoch, was Gott ihm mitgeteilt hatte, und rezitierte die Qur’anverse, die auch eine Rüge wegen seines Zögerns in dieser Angelegenheit enthielten. Die Hochzeit fand statt, und der Prophet lud mehrere hundert Menschen zu einem Festessen ein. Nach dem Essen gingen alle bis auf drei nach Hause. Die drei Verbliebenen saßen im Haus des Propheten und unterhielten sich. Sie bemerkten nicht, dass sie Unannehmlichkeiten verursachten, und er war zu schüchtern, ihnen anzudeuten, dass sie gehen sollten. Er ging selbst hinaus und besuchte seine anderen Ehefrauen; als er zurückkehrte, fand er die drei noch immer im Gespräch vor. Er ging erneut hinaus und dann ein drittes Mal. Danach wurde ihm mitgeteilt, dass sie gegangen seien, und er kehrte zu seiner Braut zurück. Wenn es also um Religion und die Änderung einer seit Langem bestehenden gesellschaftlichen Tradition ging, sprach er offen, ungeachtet dessen, welche Folgen dies für ihn haben mochte. Wenn es dagegen um seine eigene private Angelegenheit ging, war er zu schüchtern, seine Gefühle deutlich zu machen. Demut war ein augenfälliges Merkmal des Propheten. Vielleicht zeigt nichts seine Demut besser als die Wahl, die Gott ihm in einer frühen Phase seines Prophetentums gab. Abu Hurayrah berichtet: Der Prophet saß mit dem Engel Gabriel zusammen, als er zum Himmel hinaufschaute und einen anderen Engel herabsteigen sah. Gabriel sagte zum Propheten: „Dies ist das erste Mal, dass dieser Engel herabkommt, seit er erschaffen wurde.“ Der Engel sagte: „Muhammad, dein Herr hat mich zu dir gesandt, um dir eine Wahl zu geben: Soll Er dich zu einem König und Propheten machen oder zu einem Seiner Diener und einem Gesandten?“ Gabriel gab ihm ein Zeichen, vor seinem Herrn demütig zu sein. Der Prophet sagte: „Ich ziehe es vor, ein Diener Gottes und Sein Gesandter zu sein.“ (Überliefert von Ahmad.) Dieses Zeichen des Engels Gabriel gab dem Propheten mehr als nur einen Hinweis auf seine Stellung bei Gott. Es zeigte ihm, dass Gott diejenigen liebt, die sich selbst zurücknehmen. Daher war dies für den Rest seines Lebens ein Merkmal des Propheten. Umar ibn al-Khattab berichtet: „Ich hörte den Propheten zu uns sagen: ‚Übertreibt meine Stellung nicht, wie die Christen es mit Jesus, dem Sohn Marias, getan haben. Ich bin nur Gottes Diener. Nennt mich: Gottes Diener und Gesandter.‘“ (Überliefert von al-Bukhari.) Ein ähnlicher Hadith, den Anas ibn Malik überliefert, berichtet, dass ein Mann den Propheten ansprach und sagte: „Muhammad, du bist unser Herr und der Sohn unseres Herrn. Du bist der Beste unter uns und der Sohn unseres Besten.“ Der Prophet wandte sich an die Anwesenden und sagte: „Fürchtet Gott und gebt dem Satan nicht nach. Ich bin Muhammad, der Sohn Abd Allahs. Ich bin Gottes Diener und Gesandter. Bei Gott, ich möchte nicht, dass ihr mich über die Stellung erhebt, die Gott mir gegeben hat.“ (Überliefert von Ahmad und Abu Dawud.) Die menschliche Natur freut sich über Lob. Der Prophet war sich jedoch sehr bewusst, dass übertriebenes Lob ihn über seine Stellung erheben und dadurch die Rolle zunichtemachen würde, die er im menschlichen Leben spielen sollte. Diese Rolle war nicht auf seine eigene Generation beschränkt: Sie galt allen Generationen, da er allen Muslimen als Vorbild dienen sollte. Wer seine Stellung übertrieb, würde schließlich aufhören, seinem Beispiel zu folgen, weil er sich dafür zu gering einschätzen würde. Damit würde der Zweck verloren gehen, zu dem sein Leben so sorgfältig dokumentiert worden war. Er war sich dessen vollkommen bewusst und bemühte sich daher, seinen Gefährten einzuprägen, dass er ein gewöhnlicher Mensch sei, abgesehen von der göttlichen Botschaft, die er empfing und übermittelte. Er sollte sowohl in seinem privaten Leben als auch in der Öffentlichkeit ein Beispiel geben. Einer von den Menschen Die Gefährten des Propheten erkannten, wie wichtig es war, seinem Beispiel in allem zu folgen. Sie konnten jedoch nur erfahren, was er tat, wenn er bei ihnen war. Deshalb berichtete jeder, der ihn begleitete, über das, was er sagte oder tat. Sie schätzten die große Veränderung, die der Islam im öffentlichen Leben bewirkte. Sie mussten jedoch wissen, ob sich dies durch ähnliche Veränderungen in ihrem privaten Leben widerspiegeln würde. Mehrere Menschen fragten seine Ehefrauen nach seinem Verhalten zu Hause. Al-Aswad sagte: „Ich fragte Aischa, was der Prophet zu Hause tat. Sie sagte: ‚Er kümmerte sich um die Bedürfnisse seiner Familie. Wenn es Zeit zum Gebet war, ging er zum Gebet.‘“ (Überliefert von al-Bukhari, Ahmad, al-Tirmidhi und al-Bayhaqi.) Aischa erwähnte, dass sie gefragt worden sei, was der Prophet zu Hause tat. Sie antwortete: „Er pflegte seine Kleidung auszubessern, seine Schuhe zu reparieren und alles zu tun, was Männer zu Hause zu tun hatten.“ (Überliefert von Ahmad und al-Bayhaqi.) Einer anderen Person, die dieselbe Frage stellte, antwortete Aischa: „Er war ein gewöhnlicher Mann, der sich um seine Kleidung kümmerte, seine Schafe molk und sich selbst bediente.“ (Überliefert von Ahmad und al-Bayhaqi.) Wenn er mit seinen Gefährten zusammen war, behandelte er sie alle gleich. Abu Hurayrah und Abu Dharr berichten: „Der Prophet pflegte unter seinen Gefährten wie einer von ihnen zu sitzen. Ein Fremder konnte kommen und nicht wissen, wer von ihnen der Gesandte Gottes war. Er musste fragen.“ (Überliefert von al-Nasa’i.) Tatsächlich sprechen mehrere Ahadith von Menschen, die aus verschiedenen Teilen Arabiens gekommen waren: Wenn sie die Moschee betraten, fragten sie die dort Anwesenden: „Wer von euch ist Muhammad?“ Außerdem fühlte sich fast jeder dem Propheten sehr nahe. In seinem Umgang mit seinen Gefährten teilte der Prophet sie nicht in Klassen oder Gruppen ein, denn jeder galt als wichtig. Abu Hurayrah berichtet: Ein schwarzer Mann – oder vielleicht eine schwarze Frau – pflegte die Moschee zu reinigen. Dann starb diese Person, doch der Prophet wurde nicht über ihren Tod informiert. Einige Tage später erwähnte der Prophet sie und fragte, warum sie abwesend sei. Man sagte ihm, dass sie gestorben sei. Er sagte: „Warum habt ihr mich nicht informiert?“ Sie gaben ihm eine Entschuldigung und machten deutlich, dass sie dies nicht für wichtig gehalten hatten. Der Prophet sagte: „Zeigt mir ihr Grab.“ Er ging zum Friedhof und verrichtete das Totengebet. (Überliefert von al-Bukhari, Ahmad, Abu Dawud und Ibn Majah.) Der Prophet nahm die Einladung jedes Menschen an, der ihm anbot, eine Mahlzeit mit ihm zu teilen, selbst wenn das Essen sehr einfach war. Abu Hurayrah zitiert ihn mit den Worten: „Wenn ich zu einer Mahlzeit eingeladen werde, die nur aus dem Ende eines Beins besteht, werde ich annehmen; und wenn mir das Ende einer Schulter als Geschenk geschickt wird, werde ich es annehmen.“ (Überliefert von al-Bukhari.) Diese Annahme war nicht auf Muslime beschränkt, denn Anas berichtet: „Ein Jude lud den Propheten zu einer Mahlzeit aus Gerstenbrot und leicht verdorbenem Fett ein. Er nahm an.“ (Überliefert von Ibn Sa’d.) Seine Gefährten erkannten, dass der Prophet ein unkompliziertes Wesen hatte. Einer von ihnen berichtet: Der Prophet besaß Eigenschaften, die sich völlig von denen der Machthaber unterschieden. Er nahm die Einladung jedes Menschen an. Wenn er auf der Straße eine Dattel fand, konnte er sie aufheben und essen; er war nur besorgt, dass sie eine Almosengabe sein könnte. Er konnte auf einem ungesattelten Esel reiten. (Überliefert von Ibn Sa’d.) Adel in seiner besten Form Der Prophet war sehr freundlich zu den Armen. Er wollte, dass sie spürten, dass ihre Armut ihren Rang in der muslimischen Gemeinschaft nicht beeinträchtigte und sie bei Gott nicht in eine niedrigere Stellung versetzte. Großzügig zu allen Der Prophet war der großzügigste aller Menschen. Er verschenkte alles, was er besaß, selbst wenn er es dringend selbst benötigte. Alle Menschen jener Zeit wussten davon, und sie konnten jederzeit mit ihren Bitten zu ihm kommen; er wies niemanden ab. Er gab für andere aus und ließ für sich selbst nichts übrig. Jabir ibn Abd Allah fasst dies zusammen: „Der Gesandte Gottes sagte niemals ‚Nein‘ zu einer Bitte irgendeines Menschen.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim und Ahmad.) Sahl ibn Sa’d berichtet, dass eine Frau dem Propheten ein Gewand brachte, das sie bestickt hatte. Sie sagte zu ihm: „Gesandter Gottes, ich habe dieses Gewand eigenhändig verziert, um es dir zu schenken.“ Der Prophet nahm es von ihr und dankte ihr. Der Überlieferer erwähnt, dass der Prophet es benötigte. Er fährt fort: „Der Prophet kam zu uns heraus und trug es als Untergewand. Einer von uns berührte es und sagte: ‚Gesandter Gottes, gib es mir zum Anziehen.‘ Der Prophet sagte: ‚Ja.‘ Er saß noch einige Zeit bei uns, ging dann weg, faltete es zusammen und schickte es dem Mann. Einige Leute sagten zu ihm: ‚Du hast nicht gut gehandelt. Du hast ihn gebeten, es dir zu geben, obwohl du wusstest, dass er niemandem etwas verweigern würde.‘ Der Mann sagte: ‚Bei Gott, ich wollte es nur, damit es das Tuch ist, in das ich nach meinem Tod eingewickelt werde.‘ Es wurde zu diesem Zweck verwendet.“ (Überliefert von al-Bukhari, Ahmad, Ibn Majah und al-Bayhaqi.) Diese Geschichte zeigt die Tiefe ihres Glaubens. Der Mann wollte das Gewand nicht zum Anziehen, sondern als Leichentuch für seinen Körper nach seinem Tod verwenden. Es sollte als Zeugnis dienen, das Gott am Tag des Gerichts vorgelegt würde und seine Annahme des Islam und seine Befolgung des Propheten bezeugen sollte. Dies zeigt auch, dass alle Gefährten des Propheten um seine Großzügigkeit wussten, was bedeutete, dass er keine Bitte ablehnen würde. Deshalb tadelten sie den Mann, der das Gewand an sich nehmen wollte, obwohl er wusste, dass der Prophet es selbst benötigte. Tatsächlich gibt es zahlreiche Geschichten über die Großzügigkeit des Propheten. All diese Geschichten erzählen von einem Menschen, der glücklicher war, wenn er alles verschenkt hatte, was er besaß. Einem Bericht zufolge hatte er einmal zehn Dirham4 und kaufte für vier Dirham ein Hemd. Er ging darin hinaus, doch ein Mann von den Ansar bat ihn: „Gesandter Gottes, ich brauche ein Hemd. Willst du mir bitte eines geben?“ Der Prophet zog sein Hemd aus und gab es ihm. Dann ging er zum Geschäft zurück und kaufte für vier Dirham ein anderes Hemd. Als er wegging, sah er eine Dienerin auf der Straße weinen. Er fragte sie, was sie zum Weinen gebracht habe. Sie sagte, ihre Angehörigen hätten ihr zwei Dirham gegeben, um Mehl zum Backen zu kaufen, doch sie habe das Geld verloren. Der Prophet gab ihr die übrigen zwei Dirham. Sie nahm sie, weinte aber weiter, während sie wegging. Er fragte sie, warum sie weine, da sie doch das Geld habe. Sie sagte, sie fürchte, bestraft zu werden. Er nahm sie mit nach Hause. Als er an der Tür war, grüßte er die Menschen im Inneren. Sie erkannten seine Stimme, blieben aber schweigend, bis er den Gruß dreimal gesprochen hatte. Dann antworteten sie. Er fragte sie, ob sie ihn beim ersten Mal gehört hätten. Sie sagten, dass sie ihn gehört hätten, aber mehr von seinen Grüßen hätten hören wollen. Sie fragten: „Welches gute Zeichen führt dich zu uns?“ Er sagte: „Diese eure Dienerin fürchtete, dass ihr sie schlagen würdet.“ Ihr Herr sagte: „Ich gebe sie um Gottes willen frei und auch dafür, dass du sie zu uns nach Hause gebracht hast.“ Der Prophet sagte, dass sie von Gott gewiss reichen Lohn erhalten würden. Dann sagte er: „Gott hat uns mit diesen zehn Dirham gesegnet: Er hat Seinem Gesandten ein Hemd gegeben, einem Mann von den Ansar ein weiteres und einer Sklavin die Freiheit. Ich preise Gott dafür, dass Er uns durch Seine Gnade versorgt hat.“ (Überliefert von al-Haythami und al-Tabarani.) Der tapferste aller Männer Viele Gefährten des Propheten haben bestätigt, dass er der Tapferste unter ihnen war. Zu seinen Gefährten gehörten gewiss viele mutige Menschen. Die Ansar beispielsweise waren für ihre Tapferkeit bekannt. Sie mussten mutig sein, denn vor dem Islam hatten sie viele Schlachten geführt, gegeneinander und gegen äußere Kräfte. In Medina gab es mehrere jüdische Stämme, die Bündnisse mit den beiden großen arabischen Stämmen dort geschlossen hatten. Bei verschiedenen Gelegenheiten brachen Kämpfe zwischen ihnen aus. Dennoch bezeugten sie alle die Tapferkeit des Propheten. Anas ibn Malik, der zu den Ansar gehörte, berichtet: Der Prophet war der Beste und Tapferste unter den Menschen. Eines Nachts wurden die Bewohner Medinas durch ein erschreckendes Geräusch geweckt. Sie gingen in die Richtung, aus der der Lärm kam. Bald begegnete ihnen der Prophet, der zurückkehrte, nachdem er die Ursache festgestellt hatte. Er ritt ein ungesatteltes Pferd, das Abu Talhah gehörte, und trug sein Schwert um den Hals. Er sagte zu den Menschen: „Ihr müsst nichts befürchten; ihr müsst nichts befürchten.“ Dann wies er auf das Pferd und sagte: „Es ist ein schönes, schnelles Pferd.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad, al-Tirmidhi, Abu Dawud und Ibn Majah.) Adel in seiner besten Form Wie in Kapitel 2 erwähnt, erlitt die muslimische Armee in der Schlacht von Hunayn zunächst einen Rückschlag, der die Menschen in Verwirrung stürzte; viele Muslime liefen in verschiedene Richtungen. Der Prophet und einige seiner Gefährten blieben standhaft. Er beauftragte seinen Onkel al-Abbas, der eine laute Stimme hatte, die Ansar zu rufen. Sobald sie ihn hörten, strömten sie zum Propheten zurück. Sie mussten sehr hart kämpfen, um dem Ansturm der Ungläubigen zu widerstehen, bis es ihnen schließlich gelang, ihren Vormarsch zurückzudrängen. Al-Bara’, der zu den Ansar gehörte, sagte über diesen schwierigen Kampf: „Bei Gott, als die Lage für uns sehr schwer war, bot uns der Prophet Schutz. Der Tapferste unter uns war derjenige, der in seiner Reihe stand.“ (Überliefert von Muslim.) Ali, der für außergewöhnliche Tapferkeit bekannt war, bestätigt dies: „Als die Schlacht heftig tobte und die Kämpfer aufeinandertrafen, bot uns der Gesandte Gottes Schutz. Niemand von uns war dem Feind näher als er.“ (Überliefert von al-Hakim, Ahmad und al-Bayhaqi.) Mit Sinn für Humor Bei einer Aufgabe, die von ihm verlangte, Gottes Botschaft der gesamten Menschheit vollständig zu übermitteln und eine Lebensweise zu begründen, die sich völlig von allem unterschied, was in der Welt bekannt war, muss der Prophet dem Leben mit großer Ernsthaftigkeit begegnet sein. Gewiss nahm er seine Verantwortung sehr ernst. Er widmete sich ihr zu jeder Stunde des Tages und der Nacht und achtete darauf, alle Menschen mit Respekt zu behandeln. Er sorgte dafür, dass er für alle erreichbar war. Eine naheliegende Frage ist, ob der Prophet angesichts einer solchen schweren Verantwortung überhaupt Sinn für Humor hatte. Und wenn ja, wie sah dieser aus? Die Antwort wird von den frühen Gelehrten gegeben, die sagten: „Alle Menschen hatten Ehrfurcht vor dem Propheten. Daher bemühte er sich, die Menschen mit ein wenig Spaß zu entspannen.“ Er sagte jedoch niemals, weder im Ernst noch im Scherz, etwas Unwahres. In einem Beispiel bat ein Mann den Propheten um ein Reittier, da er reisen müsse. Der Prophet sagte zu ihm: „Ich werde dir das Junge eines Kamelweibchens geben.“ Der Mann protestierte, es sei dafür zu schwach. Der Prophet lächelte und sagte: „Ist ein starkes Kamel nicht das Junge eines Kamelweibchens?“ (Überliefert von al-Tirmidhi und Abu Dawud.) Ein Beduine namens Zahir pflegte nach Medina zu kommen und dem Propheten Geschenke aus der Wüstengegend zu bringen. Wenn Zahir wieder nach Hause ging, gab der Prophet ihm, was er für seine Reise benötigte. Der Prophet sagte über ihn: „Zahir ist unser Bruder aus der Wüste, und wir sind seine Leute aus der Stadt.“ Anas, der diesen Hadith überliefert, erwähnt, dass der Prophet Zahir mochte, obwohl er hässlich aussah. Einmal war Zahir in Medina und verkaufte Waren. Der Prophet kam von hinten, umarmte ihn, doch Zahir konnte ihn nicht sehen und sagte: „Wer ist das? Lass mich in Ruhe.“ Er konnte sich nach hinten umsehen und erkannte den Propheten. Dann störte es ihn nicht mehr, dass sein Rücken an der Brust des Propheten lag. Der Prophet rief laut: „Wer kauft diesen Sklaven?“ Zahir sagte: „Gesandter Gottes, deine Ware ist unverkäuflich.“ Der Prophet sagte: „Aber bei Gott bist du kostbar.“ (Überliefert von Ahmad und al-Bayhaqi.) Hier ist anzumerken, dass der Prophet Zahir zwar als „Sklaven“ bezeichnete, dafür aber das arabische Wort abd verwendete, das auch „Diener Gottes“ bedeutet. Verbunden mit einem milden Sinn für Humor, der sich darauf beschränkte, nur Wahres zu sagen, hatte der Prophet ein heiteres Gesicht, das alle Menschen willkommen hieß. Er lachte jedoch nicht laut oder ausgelassen. Aischa berichtet: „Ich sah den Gesandten Gottes niemals so lachen, dass ich das Innere seines Mundes hätte sehen können. Er lächelte nur.“ (Überliefert von al-Bukhari, Abu Dawud und al-Bayhaqi.) Diese Beschreibung entspricht seiner gesamten Art. Dennoch vermittelt ein Lächeln auf einem heiteren Gesicht Wärme und Freundlichkeit. Der Prophet schuf unter seinen Gefährten oft eine solche Atmosphäre. Abu Dharr berichtet: Ich kenne den letzten Menschen, der ins Paradies aufgenommen wird, und den letzten, der die Hölle verlässt. Es handelt sich um einen Mann, der am Tag des Gerichts vorgeführt wird. Den Engeln wird befohlen, ihm seine kleinen Sünden vorzulegen, während seine schwereren Sünden zurückgehalten werden. Ihm wird gesagt: „An jenem und jenem Tag hast du dies und jenes getan.“ Er wird dies zugeben, da er nichts leugnen kann. Er macht sich Sorgen darüber, was geschehen wird, wenn seine großen Sünden vorgebracht werden. Dann wird ihm gesagt: „Anstelle jeder dieser Sünden wird dir eine gute Tat gutgeschrieben.“ Der Mann wendet sich um und sagt: „Mein Herr, ich habe noch andere Sünden begangen, aber sie werden mir nicht vorgelegt.“ Ich sah ein breites Lächeln auf dem Gesicht des Propheten. (Überliefert von Muslim, Abu Dawud und al-Bayhaqi.) Unbedingte Treue Der Prophet war alten Freunden und Verwandten gegenüber sehr treu. Es ist wohlbekannt, dass er seine erste Ehefrau Khadijah sehr liebte. Er lebte fünfundzwanzig Jahre mit ihr zusammen. Sie unterstützte seine Bemühungen sehr, als er zum Gesandten Gottes wurde. Obwohl die Polygamie damals in Arabien – wie tatsächlich in den meisten Teilen der Welt – üblich war, heiratete er keine andere Frau, solange sie lebte. Dennoch waren seine späteren Ehefrauen auf sie eifersüchtig. Aischa berichtet: „Auf keine Frau war ich eifersüchtiger als auf Khadijah, obwohl sie starb, bevor der Prophet mich heiratete. Der Grund dafür war, dass er sie oft erwähnte und Gott ihm aufgetragen hatte, ihr die frohe Nachricht von einem schönen Haus im Paradies zu überbringen. Der Prophet pflegte ein Schaf zu schlachten und seinen Freundinnen und Freunden Teile seines Fleisches als Geschenke zu schicken.“ (Überliefert von al-Bukhari.) Aischa berichtet außerdem, dass eine ältere Frau zum Propheten kam, als er sich in meinem Haus befand. Er fragte sie, wer sie sei. Sie sagte: „Ich bin Jaththamah aus Muznah.“ Er sagte: „Nein, du bist Hassanah aus Muznah. Wie geht es dir? Geht es deinen Leuten gut? Wie ist es dir ergangen, nachdem du uns verlassen hattest?“ Sie sagte, es gehe ihr gut, und pries Gott dafür. Als sie gegangen war, fragte ich ihn, warum er eine so alte Frau so herzlich willkommen geheißen hatte. Er sagte: „Sie pflegte uns zu besuchen, als Khadijah noch lebte. Anderen treu zu bleiben gehört zum Glauben.“ (Überliefert von al-Hakim.) Die Ansprüche alter Bekannter oder Verwandter anzuerkennen war kennzeichnend für den Propheten, selbst bei Menschen, zu denen er sehr lange keinen Kontakt gehabt hatte. Die Schlacht gegen Hawazin fand gegen Ende des achten Jahres nach der Ansiedlung des Propheten in Medina statt, was bedeutet, dass er damals einundsechzig Jahre alt war. Dennoch überdauerte seine Treue zu Menschen, zu denen er eine Beziehung gehabt hatte, den Lauf der Zeit. Nach der Schlacht wurde eine Frau, die fast siebzig Jahre alt war, zum Propheten gebracht. Sie sagte zu ihm: „Gesandter Gottes, ich bin deine Schwester. Ich bin Shayma’ bint al-Harith.“ Sie begründete diese Beziehung damit, dass ihre Mutter, Halimah, die Amme des Propheten gewesen war und ihn gestillt hatte, als er noch klein war. Es ist wohlbekannt, dass der Prophet bis zu seinem vierten Lebensjahr bei Halimah blieb. Als sie dies sagte, sagte der Prophet: „Wenn das so ist, dann musst du an dir ein Zeichen tragen, das ich dir zugefügt habe. Der Lauf der Zeit wird dieses Zeichen nicht entfernen.“ Sie entblößte den oberen Teil ihres Arms und sagte: „Das stimmt, Gesandter Gottes. Ich trug dich, als du klein warst, und du hast mich in den Arm gebissen und dieses Zeichen verursacht.“ Der Prophet legte sein Obergewand auf den Boden, damit sie darauf sitzen konnte, und sagte zu ihr: „Was immer du erbittest, wird dir gewährt, und deine Fürsprache zugunsten eines jeden Menschen wird angenommen.“5 Er bot ihr tatsächlich an, bei ihm zu bleiben oder zu ihren Leuten zurückzukehren. Sie entschied sich für Letzteres, und er gab ihr großzügige Geschenke, bevor sie abreiste. Ein Leben in Armut Der Prophet zog ein Leben in Armut vor. Er hätte ein sehr angenehmes Leben und großen Reichtum haben können, doch er zog es vor, sein Leben zu führen und dabei die Gefühle der Armen zu teilen. Abu Umamah zitiert den Propheten mit den Worten: Gott hat mir angeboten, die Ebenen von Mekka für mich in Gold zu verwandeln. Ich sagte: „Nein, mein Herr. Ich ziehe es vor, an einem Tag satt zu essen und am nächsten Tag hungrig zu bleiben. Wenn ich hungrig bin, werde ich Dich preisen und Dich um Hilfe bitten; und wenn ich esse, werde ich Dich loben und Dir danken.“ (Überliefert von Ahmad und al-Tirmidhi.) Diese Vorliebe für Armut wurde während seiner Zeit in Medina noch deutlicher. Wie in Kapitel 1 besprochen, verdiente Muhammad zunächst seinen Lebensunterhalt als Hirte und dann als Beauftragter Khadijahs, indem er sich um ihre Geschäfte kümmerte. Als er Khadijah heiratete, führte er ein angenehmes Leben. Erst nach seiner Auswanderung nach Medina besaß er praktisch nichts mehr und führte ein Leben, in dem er an einem Tag gut aß und am nächsten hungerte. Doch „gut essen“ ist relativ: Eine sehr einfache Mahlzeit war für ihn bereits ein Luxus. Aischa berichtet: „Muhammads Familie hatte von dem Zeitpunkt, an dem er in Medina eintraf, bis zu seinem Tod niemals genug Brot, um drei aufeinanderfolgende Nächte davon zu essen.“ (Überliefert von al-Bukhari, Muslim, Ahmad, al-Tirmidhi und Ibn Majah.) Sie berichtet außerdem: „Wenn Muhammads Familie an einem Tag zwei Mahlzeiten hatte, musste eine davon aus Datteln bestehen.“ (Überliefert von al-Bukhari und al-Hakim.) Datteln waren das billigste Lebensmittel in Medina und bildeten die Grundnahrung dieser Menschen. Über die Vorliebe des Propheten für ein Leben in Armut ließe sich viel sagen. Es gibt zahlreiche Berichte, die zeigen, dass diese Vorliebe wohlüberlegt war. So erwähnt Umar ibn al-Khattab beispielsweise, dass er einmal einen Raum betrat, in dem der Prophet auf einer harten Matte lag. Als Umar sich setzte, bemerkte er, dass der Prophet nur ein Hemd trug und dass die Matte Spuren auf seinem Körper hinterlassen hatte: Ich blickte mich im Raum um und sah im Schrank eine Handvoll Gerste, die kaum die hohlen Hände eines Mannes füllen würde, und eine Handvoll Gerbmaterial. Ich sah auch eine ungefärbte Tierhaut. Mir traten Tränen in die Augen. Er fragte: „Warum weinst du?“ Ich sagte: „Gesandter Gottes, wie kann ich meine Tränen zurückhalten, wenn ich die Spuren sehe, die diese Matte auf deinem Körper hinterlassen hat, und deinen fast leeren Schrank, während die Kaiser Persiens und Byzanz’ in Luxus leben? Du bist derjenige, den Gott zu Seinem Gesandten erwählt hat, und du hast nichts außer dem, was sich in diesem Schrank befindet.“ Er sagte zu mir: „Umar, wirst du nicht glücklich sein, zu erfahren, dass sie vielleicht den Luxus dieser Welt haben, während wir das Glück des künftigen Lebens haben?“ Ich sagte: „Doch, gewiss.“ (Überliefert von Muslim.) Diese Ausrichtung auf das, was das zukünftige Leben bringen wird, war der Schlüssel zum Verständnis des Propheten von den Annehmlichkeiten und Luxusgütern des gegenwärtigen Lebens. Er bemühte sich nach Kräften, seinen Gefährten und Anhängern dieselbe Sichtweise einzuprägen. Abu Hurayrah zitiert den Propheten mit den Worten: Wenn ich einen Berg aus Gold besäße, würde ich mir wünschen, innerhalb von drei Nächten nichts mehr davon zu besitzen, sofern es Menschen gibt, die es nehmen, abgesehen von etwas, das ich zur Rückzahlung einer Schuld zurückbehalten könnte. (Überliefert von al-Bukhari.) Diese Haltung spiegelt sein absolutes Vertrauen auf Gott wider. Sie ist ein Beweis für die völlige Hingabe an Gott, was die eigentliche Bedeutung des Islam ist. Aus demselben Grund vermied Muhammad es, über Nacht Geld bei sich zu behalten: Wenn er am Morgen Geld erhielt, hatte er es bis zum Mittag verschenkt; und wenn er am Nachmittag Geld erhielt, gab er es vor dem Schlafengehen weg.6 Diese Haltung blieb bis zu seinem letzten Tag bestehen. Aischa berichtet, dass der Prophet kurz vor seiner letzten Krankheit sechs oder sieben Dinar bei ihr zurückließ, die sie verschenken sollte. Seine Krankheit nahm sie jedoch völlig in Anspruch. Als es ihm scheinbar besser ging, fragte er sie nach diesen Dinar. Sie sagte ihm, dass seine Krankheit sie beschäftigt habe und das Geld sich noch immer bei ihr befinde. Er bat sie, es ihm zu bringen. Als er das Geld in der Hand hielt, sagte er: „Was soll ein Prophet denken, wenn er Gott begegnet und diese bei sich hat?“ (Überliefert von Ahmad.) Wenn wir betrachten, wie der Prophet und seine Familie lebten – gekennzeichnet durch den völligen Mangel an Luxus und die heitere Annahme der Armut –, müssen wir stets daran denken, dass dies alles eine bewusste Entscheidung war. Er hätte großen Reichtum und ein Königreich besitzen können, doch seine Vorliebe war ein Zeichen seiner Hingabe. Es gab jedoch noch einen weiteren Aspekt: Der Prophet war sich des Standes seiner Gefährten sehr bewusst und wollte ihre Gefühle teilen. Wenn er etwas besaß, wollte er es mit so vielen Menschen wie möglich teilen, weil er wollte, dass jeder das hatte, was er hatte. Ebenso räumte er sich niemals einen Vorzug vor seinen Gefährten oder den Mitgliedern seiner Familie ein. So war Ali beispielsweise der Cousin und Schwiegersohn des Propheten. Er berichtet: Eines Nachts hatten wir nichts zum Abendessen und gingen hungrig zu Bett. Am Morgen ging ich hinaus. Später kehrte ich nach Hause zurück und fand Fatimah, meine Frau, traurig vor. Ich fragte sie, was sie bedrücke. Sie sagte: „Wir hatten gestern Abend kein Abendessen und heute Morgen nichts zu essen. Wir haben nichts für das Abendessen.“ Ich ging wieder hinaus und schaffte es, etwas Geld zu verdienen. Für einen Dirham kaufte ich Fleisch und andere Lebensmittel und brachte sie ihr. Sie buk und kochte. Als das Essen fertig war, sagte sie: „Möchtest du gehen und meinen Vater einladen?“ Ich ging zu ihm und fand ihn in der Moschee liegend vor. Er sagte: „Ich suche Zuflucht bei Gott vor dem Hungergefühl, während ich liege.“ Ich sagte: „Gesandter Gottes, wir haben etwas zu essen und möchten, dass du zu uns kommst.“ Er ging, sich auf mich stützend, mit mir. Er kam herein, während das Essen im Topf kochte. Er sagte zu seiner Tochter: „Schick etwas Essen zu Aischa.“ Sie füllte einen Teller und schickte ihn ihr. Er sagte: „Schick etwas zu Hafsah.“ Sie tat es. Er fuhr fort, bis sie jeder seiner neun Ehefrauen einen Teller geschickt hatte. Dann sagte er zu ihr: „Füll etwas für deinen Vater und deinen Ehemann auf.“ Sie tat es. Er sagte: „Nun füll etwas für dich selbst auf und iss.“ Sie tat es. Sie stellte den Topf hin, der noch immer voller Essen war. Wir konnten noch einige Zeit von diesem Essen zehren.7

KAPITEL 11

ein äußerst fürsorglicher Führer Anas ibn Malik war jung, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt oder sogar jünger, aber er war aufgeweckt. Anders als die meisten Kinder seines Alters in Medina zu jener Zeit konnte er lesen und schreiben. Außerdem hatte er ein gutes Gedächtnis. Sein Stiefvater brachte ihn kurz nach der Ankunft des Propheten in Medina zu ihm und sagte: „Anas ist ein guter Junge, Gesandter Gottes. Erlaube ihm, dein Diener zu sein.“ Dies war der Beginn einer engen Verbindung zwischen Anas ibn Malik und dem Propheten, die bis zum Tod des Propheten zehn Jahre später andauerte. Einige Besucher Medinas bemerkten, sie hätten gedacht, Anas und seine Mutter Umm Sulaym gehörten zur Familie des Propheten, „wegen der Häufigkeit, mit der sie die Häuser des Propheten betraten“. Die Art, wie Menschen ihre Diener behandeln, ist ein deutliches Zeichen ihrer Persönlichkeit: Im Umgang mit einem Diener neigen Menschen dazu, sich ungezwungen zu verhalten, weil sie keine Reaktion fürchten. Dies galt besonders für die arabische Gesellschaft zu Beginn des Islam. Schwächere gesellschaftliche Gruppen waren stets schlechter Behandlung und Missbrauch ausgesetzt; dies betraf Sklaven, Diener, Frauen und Schutzverbündete.1 Anas ibn Malik berichtet jedoch, dass er während seines Dienstes für den Propheten ganz anders behandelt wurde: Ich diente ihm in der Stadt und auf Reisen. Bei Gott, er fragte mich nie nach einer Sache, die ich getan hatte, warum ich sie auf diese Weise getan hatte; ebenso fragte er mich nie nach etwas, das ich unterlassen hatte, warum ich es nicht getan hatte. (Überliefert von al-Buchari, Muslim, Ahmad und al-Tirmidhi.) 1 Schutzverbündete waren Personen, die sich Stämmen durch ein Loyalitätsverhältnis anschlossen, das „Bündnis“ genannt wurde. Sie gehörten dem Stamm nicht durch Geburt an und waren aus dem einen oder anderen Grund von ihren eigenen Stämmen getrennt. Sie mussten alle Pflichten übernehmen, die auch Stammesangehörige erfüllten, hatten jedoch weniger Vorrechte. Einige Schutzverbündete waren ehemalige Sklaven, die ihre Freiheit erlangt hatten und bei ihren früheren Herren bleiben wollten.
Eine ausführlichere Fassung dieses Hadiths enthält folgende Worte von Anas: Ich hoffe aufrichtig, ihm am Tag des Gerichts zu begegnen und zu ihm zu sagen: „Ich bin dein kleiner Diener, Gesandter Gottes.“ Ich diente ihm zehn Jahre lang in Medina, als ich jung war und mein Benehmen nicht gerade für mich sprach. Er zeigte niemals auch nur die geringste Missbilligung und sagte nie zu mir: „Warum hast du dies getan oder warum hast du jenes unterlassen?“ (Überliefert von Ahmad und Abu Dawud.) Dies zeigt die ungezwungene Art des Propheten. Allerdings muss man bedenken, dass Anas ein junger Teenager war, als er seinen Dienst beim Propheten begann – ein Alter, in dem viele Jugendliche rebellisch sind oder zumindest nicht bereit, sich vorschreiben zu lassen, was sie tun sollen. Anas deutet dies in der zweiten Fassung an, wenn er sagt: „Mein Benehmen war nicht gerade das beste, um mich zu empfehlen.“ Was tat der Prophet also, wenn sein Diener nachlässig wurde? Anas berichtet: Der Gesandte Gottes war von der besten Art unter den Menschen. Eines Tages schickte er mich mit einem Auftrag. Ich dachte, ich würde nicht gehen, doch tief in meinem Inneren spürte ich, dass ich gehen sollte, um das auszuführen, was der Prophet mir aufgetragen hatte. Ich ging hinaus und schloss mich einigen Jungen an, die auf der Straße spielten. Einige Zeit später hielt mich der Prophet von hinten fest. Ich drehte mich um, um ihn anzusehen, und er lächelte. Er sagte: „Unays,2 bist du gegangen, um das zu erledigen, was ich dir aufgetragen habe?“ Ich sagte: „Ja, Gesandter Gottes; ich gehe jetzt.“ (Überliefert von Muslim und Abu Dawud.) Offenbar verstand der Prophet, dass Anas nicht in der Stimmung war, einen Auftrag auszuführen, und lieber mit den Jungen auf der Straße spielte. Er ließ ihm eine Weile seinen Willen, ohne ihn zu tadeln oder harte Worte zu gebrauchen. Er hielt ihn lediglich von hinten fest und lächelte; seine Frage diente als Erinnerung. Diese Behandlung erfolgte nicht deshalb, weil der Diener jung war; der Prophet zeigte zu allen Zeiten allen Menschen das beste Benehmen. Als [Aischa nach dem Benehmen des Propheten gefragt wurde, begann ihre Antwort mit einer Frage an ihren Gesprächspartner: „Liest du den Koran?“ Er bejahte. Sie sagte: „Das Benehmen des Propheten war der Koran in der Praxis.“ (Überliefert von Muslim, Ahmad und al-Nasa’i.) Der Koran gebietet nur das Gute. Seine Anordnungen, Empfehlungen und Verbote wirken zusammen, um das Beste im Menschen hervorzubringen. Offenbar wurde diese Frage [Aischa bei mehreren Gelegenheiten gestellt. 2 Diese Form seines Namens ist eine Koseform.
Ein äußerst fürsorglicher Führer
Manchmal gab sie weitere Einzelheiten an. Einmal trug sie die Anfangsverse der Sure 23 („Die Gläubigen“) vor, in denen es heißt: Wahrlich, erfolgreich sind die Gläubigen, die sich in ihrem Gebet demütigen, die sich von allem Nichtigen abwenden, die eifrig Werke der Wohltätigkeit verrichten, die sich des Geschlechtsverkehrs enthalten, außer mit jenen, die ihnen in der Ehe verbunden sind, oder mit denen, die sie rechtmäßig besitzen – denn dann trifft sie kein Tadel; diejenigen aber, die darüber hinausgehen, sind wahrlich Übertreter –, die ihre anvertrauten Güter und ihre Versprechen wahren und ihre Gebete gewissenhaft verrichten. Diese werden die Erben sein, die das Paradies erben; darin werden sie verweilen. (23:1–11) Dann fügte sie hinzu: „So war das Benehmen des Gesandten Gottes.“ Der Prophet gab das beste Beispiel, indem er Menschen unabhängig von ihrem gesellschaftlichen Rang mit Respekt und Zuneigung behandelte. Tatsächlich bedeutete der Rang für ihn nichts. Jeder war wichtig, und jeder wurde gleich behandelt. Wenn jemand mit ihm sprach, war er vollkommen aufmerksam. Er zeigte ihm, dass ihn alles, worüber diese Person mit ihm sprach, lebhaft interessierte. Anas berichtet: Wenn jemand den Propheten traf und ihm die Hand schüttelte, zog der Prophet seine Hand nicht zurück, bevor jener seine Hand zurückgezogen hatte. Ebenso wandte er sich nicht von ihm ab, bevor jener sich abwandte, um seines Weges zu gehen. Man sah ihn nie, wie er seine Knie jemandem entgegenschob, der bei ihm saß. (Überliefert von al-Tirmidhi und al-Bayhaqi.) Dasselbe galt, wenn jemand dem Propheten etwas zuflüstern wollte. Anas berichtet: Ich sah den Propheten nie den Kopf wegbewegen, wenn ein Mann ihm zuflüsterte, bevor jener den Kopf wegbewegte. Ebenso sah ich den Propheten seine Hand nie aus der Hand eines anderen lösen, bevor der andere seine Hand gelöst hatte. (Überliefert von Abu Dawud und al-Bayhaqi.) Diese Berichte bestätigen eine Eigenschaft des Propheten: Er schenkte jedem, der mit ihm sprach oder ihn begleitete, seine volle Aufmerksamkeit. Er gab nicht einmal den geringsten Hinweis, dass der andere aufhören sollte. Außerdem hieß er jeden, der zu ihm kam, herzlich willkommen. Jarir ibn [Abdullah berichtet: „Seit ich den Islam angenommen habe, hat der Gesandte Gottes sich nie geweigert, mich zu empfangen. Wann immer er mich sah, lächelte er.“ Jede Delegation, die nach Medina kam, wurde herzlich empfangen. Selbst Menschen, die dem Islam lange feindlich gegenübergestanden und gegen ihn gekämpft hatten, wurden willkommen geheißen, wenn sie mit aufgeschlossenem Herzen zum Propheten kamen. War der Besucher einer der frühen Muslime, war der Empfang des Propheten noch herzlicher. Abu Dharr wurde gefragt, ob der Prophet seinen Gefährten die Hand schüttelte. Er sagte: Er schüttelte mir jedes Mal die Hand, wenn ich ihn traf. Eines Tages ließ er nach mir schicken, doch ich war nicht zu Hause. Als ich zurückkam, erzählte man es mir. Darauf ging ich zu ihm; er lehnte auf seinem Bett. Er umarmte mich. Das war noch besser als ein Händedruck. (Überliefert von Abu Dawud.)
Vollkommenheit im Umgang mit den Menschen
Wenn der Prophet Menschen traf, erkundigte er sich, wie es ihnen ging. Anas berichtet: „Wenn der Prophet jemanden traf, fragte er ihn, wie es ihm ging. Wenn der Mann sagte, dass es ihm gut gehe, und Gott pries, betete der Prophet für ihn: ‚Möge Gott dich gesund erhalten.‘“ (Überliefert von Ahmad.) Ebenso erkundigte sich der Prophet nach jedem, der drei Tage abwesend war. War er verreist, betete der Prophet für ihn; war er zu Hause, besuchte er ihn; und war er krank, besuchte er ihn ebenfalls. (Überliefert von Abu Ya‘la.) Der Prophet saß gern mit seinen Gefährten zusammen und hörte ihren Gesprächen zu. Oft tat er dies nach dem Morgengebet und blieb bis nach Sonnenaufgang in der Moschee. Einen Teil dieser Zeit verbrachten sie vielleicht mit gewöhnlichen Gesprächen, erinnerten sich an ihre vorislamische Zeit und erwähnten die Veränderung, die der Islam in ihr Leben gebracht hatte. Wenn sie scherzten und lachten, stimmte er mit einem heiteren Lächeln ein.3 Der Enkel des Propheten, al-Husayn ibn [Ali, bat seinen Vater, das Benehmen und die Handlungen des Propheten ausführlich zu beschreiben. Ein Teil der ausführlichen Antwort von [Ali betraf dessen Verhalten beim Treffen mit Menschen. [Ali sagte: Der Gesandte Gottes pries Gott jedes Mal, wenn er sich setzte oder aufstand, um zu gehen. Er nahm keinen besonderen Platz für sich in Anspruch und riet sogar davon ab. Wenn er zu einer Gruppe von Menschen kam, setzte er sich an deren Ende und ermutigte die anderen, es ebenso zu tun. Er gab jedem in der Versammlung seinen Anteil an Aufmerksamkeit. Jeder, der bei ihm saß, dachte, er stehe ihm am nächsten. 3 Muslim, Sahih, Kitab al-Masajid wa Mawadi‘ al-Salat (Buch über Moscheen und Gebetsstätten).
Ein äußerst fürsorglicher Führer
Wenn jemand bei ihm saß, um eine Angelegenheit zu besprechen oder ein Anliegen vorzubringen, blieb der Prophet bei ihm, bis jener gegangen war. Wenn jemand ihn um etwas bat, gab er es ihm; andernfalls sagte er ihm zumindest freundliche Worte. Seine ungezwungene und freundliche Art erstreckte sich auf alle. Er wurde für all seine Gefährten wie ein Vater. Für ihn waren sie alle gleich und hatten dieselben Rechte. Nachsicht, Bescheidenheit, Beharrlichkeit und Wahrhaftigkeit kennzeichneten seine Zusammenkünfte. Dort wurden niemals die Stimmen erhoben und keine obszönen Worte ausgesprochen. Fehler wurden übersehen. Die Menschen zeichneten sich nur durch ihre Gottesfurcht aus. Sie waren demütig, ehrten die Alten und hatten Mitgefühl mit den Jungen. Sie halfen dem Bedürftigen und kümmerten sich um jeden Fremden. Auf eine weitere Frage zum Umgang des Propheten mit denen, die ihm Gesellschaft leisteten, antwortete [Ali: Der Gesandte Gottes war stets heiter und ungezwungen. In seinem Benehmen war er weder hart noch schroff. Er gebrauchte niemals vulgäre oder obszöne Worte und sprach über niemanden schlecht. Was ihm missfiel, ließ er unbeanstandet. Er ließ niemanden die Hoffnung verlieren oder sich zurückgesetzt fühlen. Er vermied drei Dinge: nutzlosen Streit, Übermaß und alles, was ihn nichts anging. Er griff niemanden an, beschämte niemanden und suchte bei niemandem nach Fehlern. Er sagte nur, von dem er hoffte, dass es ihm Gottes Lohn einbringen würde. Wenn er sprach, waren alle aufmerksam. Sie sprachen nur, wenn er schwieg. In seiner Gegenwart stritten sie nicht. Sie hörten jedem zu, der sprach, bis er fertig war … Er lachte über das, was sie zum Lachen brachte, und staunte über das, was sie erstaunte. Er war geduldig mit jedem Fremden und ermutigte ihn, sein Anliegen vorzubringen und seine Frage zu stellen. Ja, seine Gefährten waren darauf bedacht, solche Fremden zu ihm zu bringen. Er sagte: „Wenn ihr jemanden seht, der etwas benötigt, helft ihm.“ Er nahm kein Lob an, außer als Anerkennung für etwas, das er getan hatte. Er unterbrach niemanden, sondern hörte sich an, was dieser zu sagen hatte. Al-Husayn fragte ferner nach der Zeit, in der der Prophet still nachdenklich war. Die Antwort von [Ali wies darauf hin, dass das Schweigen des Propheten einem von vier Zwecken diente: Nachsicht, Vorsicht, Überlegung oder Betrachtung. Seine Überlegung bestand darin, zu bedenken, was er von den Menschen hörte, während er darüber nachdachte, was fortbestand und was zugrunde ging. Er verband Nachsicht mit Geduld und wurde deshalb niemals zornig oder gereizt. Seine Vorsicht zeigte sich auf verschiedene Weise: Er wählte stets das Gute und ließ das Schlechte, damit die Menschen seinem Beispiel folgten; er dachte stets darüber nach, was seiner Gemeinschaft nützen würde; und er bemühte sich stets aufzuzeigen, was in diesem Leben und im kommenden Leben zum Besten führen würde.4 Ein weiterer Aspekt der Art, wie der Prophet Menschen behandelte, war, dass er den Würdenträgern anderer Stämme und Gemeinschaften einen besonderen Empfang bereitete. Solche Würdenträger zu ehren, war eine natürliche Haltung des Propheten. Er lehrte seine Gefährten jedoch, dass dies mit gutem Glauben zusammenhing. Indem er dies vor seinen Gefährten tat, betonte er, dass solche Handlungen nicht bloß die Erfüllung guter Umgangsformen waren, sondern das natürliche Verhalten aller Gläubigen. So kam beispielsweise Jarir ibn [Abdullah, das Oberhaupt des Stammes Bajilah aus dem Jemen, einmal zum Propheten, der mit seinen Gefährten saß. Niemand rückte beiseite, um Jarir ibn [Abdullah einen Sitzplatz zu geben, da alle dem Propheten so nahe wie möglich sein wollten. Der Prophet zog sein Obergewand aus und warf es Jarir zu. Jarir nahm das Gewand des Propheten, legte es an sein Gesicht und seinen Hals, küsste es und rieb sich damit die Augen. Er sagte zum Propheten: „Möge Gott dir von Seinen Gnaden gewähren, wie du mir Gunst erwiesen hast.“ Dann legte er das Gewand auf den Rücken des Propheten. Der Prophet sagte zu seinen Gefährten: „Wer an Gott und den Jüngsten Tag glaubt, soll einen Würdenträger ehren, wenn dieser ihn besucht.“5
Keine persönliche Kränkung
Der Prophet wollte sicherstellen, dass niemand einen persönlichen Groll gegen ihn hegte. Wenn er jemanden unbeabsichtigt schlug oder anstieß, bot er ihm an, es ihm heimzuzahlen. Abu Sa‘id al-Khudri berichtet, dass der Prophet etwas schnitt, als ein Mann nahe zu ihm kam. Der Prophet traf ihn versehentlich mit einem Stock, den er in der Hand hielt, und fügte dem Mann eine Schnittwunde im Gesicht zu. Der Prophet sagte: „Komm, vergelte es mir.“ Der Mann sagte: „Ich verzichte darauf, Gesandter Gottes.“ (Überliefert von Ahmad, al-Nasa’i und Abu Dawud.) Einige Gefährten des Propheten nutzten solche Gelegenheiten, um ihre Liebe zu dem Propheten zu zeigen, der ihnen teurer war als ihre eigenen Kinder. Usayd ibn Hudayr von den Ansar war ein heiterer Mensch mit gutem Humor. Einmal sprach er mit einigen Leuten, die beim Propheten waren, und brachte sie zum Lachen. Der Prophet stieß ihn mit dem Finger in die Seite. Usayd sagte: „Du hast mir wehgetan.“ Der Prophet sagte: „Dann bist du an der Reihe und darfst mich stoßen.“ Usayd sagte: „Du trägst ein Hemd, ich aber nicht.“ Der Prophet hob sein Hemd, damit Usayd es ihm vergelten konnte, doch Usayd umarmte ihn und küsste seine Seite. Er sagte: „Genau das möchte ich.“ (Überliefert von al-Bayhaqi.) Eng damit verbunden war das Bestreben des Propheten, dass die Menschen keinen Zweifel an seinem Verhalten hegten. Wenn man ihn mit einer Frau sah, wollte er, dass die Menschen wussten, wer sie war. Safiyyah, seine Frau, berichtete, dass sie ihn während der Zeit, in der der Prophet die letzten zehn Tage des Ramadan in der Moschee verbrachte, einmal besuchte. Sie unterhielt sich einige Zeit mit ihm in der Moschee und verabschiedete sich dann. Er stand auf, um sie nach Hause zu begleiten. Als sie an der Tür der Moschee waren, kamen zwei Männer von den Ansar vorbei. Der Prophet sagte zu ihnen: „Wartet einen Augenblick. Dies ist Safiyyah bint Huyayy.“ Sie sagten: „Gepriesen sei Gott, Gesandter Gottes.“ Sie hielten es offenbar für bedeutsam, dass der Prophet sie darauf hinwies. Der Prophet beruhigte sie mit den Worten: „Der Satan kann den Menschen erreichen wie das eigene Blut. Ich fürchtete, dass euch gewisse Gedanken in den Sinn kommen könnten.“ (Überliefert von al-Buchari, Muslim, Ahmad und Abu Dawud.)
Sich um alle kümmern
Der Prophet wollte das Beste für alle seine Gefährten. Die Geschichte jener Zeit zeigt, dass viele Menschen ungewöhnliche Namen trugen und einige davon ungünstige Bedeutungen hatten. Ein großer Stamm war als Stamm Kalb bekannt, ein Name, der „Hund“ bedeutete. Abu Sufyan, das Oberhaupt von Mekka, hatte einen Sohn, den er Hanzalah nannte, was eine bittere Pflanze bezeichnete. Der Prophet machte allen Muslimen klar, dass jedes Kind das Recht auf einen guten Namen hat: Es ist die Verantwortung der Eltern, gute Namen für ihre Kinder auszuwählen. Als [Ali, der mit der Tochter des Propheten, Fatimah, verheiratet war, seinen ersten Sohn bekam, nannte er ihn Harb, was „Krieg“ bedeutete. Der Prophet änderte den Namen in Hasan, was „gut, ansprechend“ bedeutet. [Ali wollte auch seinen zweiten Sohn Harb nennen, doch der Prophet gab ihm den Namen Husayn, eine Koseform von Hasan. Der Prophet ging noch weiter und änderte jeden negativen Namen. [Umar hatte eine Tochter namens [Asiyah, was „ungehorsam“ bedeutete, doch der Prophet benannte sie in Jamilah um, was „schön“ bedeutet. Ebenso kam der Gesandte Gottes einmal an einem Dorf namens [Afrah vorbei, was „staubig“ bedeutete, und benannte es in Khadirah um, was „reich an Grün“ bedeutet. Dies war ein Aspekt der Fürsorge, die der Prophet seinen Gefährten entgegenbrachte. Ein klares Zeichen dieser Fürsorge zeigt sich in den Bemühungen des Propheten, sicherzustellen, dass keiner seiner Gefährten nach seinem Tod wegen einer unbezahlten Schuld in Erinnerung blieb. In den frühen Jahren seines Lebens in Medina war die muslimische Gemeinschaft jedoch sehr arm und der Staat hatte keine Mittel. Abu Hurayrah berichtet, dass ein Verstorbener vor seiner Beerdigung zum Gebet in die Moschee gebracht werden konnte. Der Prophet fragte, ob genug Geld vorhanden sei, um etwaige ausstehende Schulden zu begleichen. Wurde ihm gesagt, dass dafür genug vorhanden sei, leitete er das Totengebet. Wurde ihm mitgeteilt, dass dies nicht der Fall sei, sagte er seinen Leuten, sie sollten selbst für ihn beten. Später, als er über ausreichende Mittel verfügte, pflegte er zu sagen: „Ich stehe den Gläubigen näher als sie sich selbst. Wer von ihnen stirbt und eine ausstehende Schuld hinterlässt, dessen Schuld werde ich begleichen. Wer Vermögen hinterlässt, das fällt seinen Erben zu.“ (Überliefert in allen sechs authentischen Hadith-Sammlungen.) Hier stellt sich die Frage, warum der Prophet nicht das Totengebet für jemanden verrichtete, der starb, bevor er seine Schulden begleichen konnte, obwohl gerade ein solcher Mensch die Gebete des Propheten besonders nötig hätte. Der Prophet beabsichtigte damit, Verwandte und Stammesangehörige zu ermutigen, vorzutreten und die Rückzahlung der Schulden zu übernehmen. Dies wirkte, denn genau das geschah tatsächlich. Die Angehörigen des Verstorbenen wollten nicht, dass ihrem Verwandten ein solches Gebet des Propheten verweigert wurde. Daher traten sie vor und übernahmen die Rückzahlung. Dies entsprach unmittelbar seinem Hauptanliegen, das Recht durchzusetzen: Der Gläubiger hatte einen rechtmäßigen Anspruch, der nicht vernachlässigt werden durfte. Der Prophet machte deutlich, dass nahe Verwandte, so wie sie Erbanteile erhalten, wenn der Verstorbene wohlhabend ist, auch großzügig sein sollten, wenn er mittellos ist. Für den Propheten war eine Schuld etwas, das so bald wie möglich zurückgezahlt werden musste. Daher versuchte er, seinen verschuldeten Gefährten zu helfen. So wurde beispielsweise ein Mann von den Ansar, [Abdullah ibn [Amr ibn Haram, in der Schlacht von Uhud getötet. Er hatte eine ausstehende Schuld in Form einer bestimmten Menge Datteln. Sein Sohn Jabir beklagte sich beim Propheten, dass der Ertrag ihres Gartens nicht ausreichen werde und der Gläubiger, ein Jude, die Schuld nicht stunden wolle. Der Prophet sorgte dafür, dass die Schuld rechtzeitig beglichen wurde. Die Rückzahlung ausstehender Schulden einzelner Mitglieder der muslimischen Gemeinschaft war ein Aspekt der Fürsorge, die der Prophet allen seinen Gefährten entgegenbrachte, besonders jenen, die sich in einer schwachen Lage befanden. Ob diese Schwäche auf gesellschaftlichem Rang, Unwissenheit oder Fehleinschätzung beruhte – der Prophet bemühte sich, Fehler zu korrigieren, einfache Anweisungen zu geben und den Rang aller seiner Gefährten zu erhöhen. Anas ibn Malik berichtet: Wir waren mit dem Gesandten Gottes in der Moschee, als ein Beduine zu uns kam. Er stellte sich hin und begann, in der Moschee zu urinieren. Die Gefährten des Propheten forderten ihn auf, aufzuhören. Der Prophet sagte: „Lasst ihn. Haltet ihn nicht auf.“ Sie ließen ihn zu Ende urinieren. Dann rief der Prophet ihn zu sich und sagte: „Moscheen sind keine Orte, an denen Menschen urinieren oder ihren Abfall hinwerfen dürfen. Sie sind Orte, an denen Menschen Gott preisen, beten und den Koran lesen.“ Dann wies er einen Mann an, einen Eimer Wasser zu holen und über die Stelle zu gießen, an der der Beduine uriniert hatte. (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) Es versteht sich von selbst, dass ein Gotteshaus nicht als Toilette benutzt werden darf. Die Moschee des Propheten hatte jedoch kaum Matten oder Teppiche, und die Menschen beteten auf dem harten Boden. Da Beduinen meist in Zelten in der Wüste lebten, kann man jenem Beduinen nachsehen, wenn er dachte, er könne dort urinieren. Vielleicht wusste er nichts von den islamischen Maßstäben der Sauberkeit und rituellen Reinheit. Die Gefährten des Propheten waren über seine Handlung schockiert, doch der Prophet wollte zunächst verhindern, dass dem Beduinen etwas zustieß. Dann gab er ihm den richtigen Rat und erklärte ihm, warum seine Handlung falsch war. Anschließend behob er das Problem, indem er die Stelle reinigen ließ. Ein weiteres Beispiel betrifft [Abdullah ibn [Abd Nuhm, einen jungen Mann aus dem Stamm Muzaynah, der in einiger Entfernung von Medina lebte. Sein wohlhabender Onkel kümmerte sich nach dem Tod seines Vaters um ihn und wies ihm den Weg zu finanziellem Erfolg. [Abdullah erfuhr vom Islam und wollte Muslim werden, doch sein Onkel war dagegen. Deshalb zögerte er, diesen Schritt zu tun, in der Hoffnung, sein Onkel werde seine Einstellung ändern. Jahre vergingen, doch sein Onkel zeigte keine Anzeichen, seine Meinung zu ändern. So beschloss [Abdullah zu Beginn des neunten Jahres nach der Ansiedlung des Propheten in Medina, dass er nicht länger auf seinen Onkel warten konnte. [Abdullah achtete seinen Onkel und wollte deshalb diesen wichtigen Schritt nicht tun, ohne ihn zu informieren. Abdullah sagte seinem Onkel, er habe auf ihn gewartet, damit dieser sich ihm beim Übertritt zum Islam anschließe. Sein Onkel geriet in Wut und sagte [Abdullah, dass er ihm alles wegnehmen und ihn mittellos zurücklassen werde, falls er Muslim würde. [Abdullah sagte, materielle Dinge bedeuteten ihm nichts, und er werde trotzdem zum Propheten gehen. Sein Onkel tat, was er angedroht hatte, und nahm ihm alles weg, sogar seine Kleidung; nur seine Unterwäsche ließ er ihm. Die Mutter [Abdullahs gab ihm eine Matte, um sich zu bedecken. Er teilte sie in zwei Teile, wickelte einen um den Unterkörper und legte den anderen über seine Schultern. Dann ging er nach Medina, traf den Propheten und nahm den Islam an. Sein ursprünglicher Name war [Abd al-[Uzza. Der Prophet änderte ihn in [Abdullah und gab ihm den Beinamen Dhul-Bijadayn, was „der Mann mit den zwei Matten“ bedeutet. Der Prophet kümmerte sich um ihn und lehrte ihn den Koran. [Abdullah lernte einen großen Teil des Korans auswendig und las häufig laut in der Moschee. Einige Menschen beschwerten sich beim Propheten. Sie waren der Ansicht, dass eine zu laute Stimme einem ehrfürchtigen Umgang mit dem Koran widerspreche und die Konzentration anderer stören könne. Der Prophet sagte ihnen jedoch, sie sollten [Abdullah in Ruhe lassen; er fügte hinzu, dass der junge Mann um Gottes willen bereitwillig seine Heimat aufgegeben habe.
[Abdullah Dhul-Bijadayn schloss sich dem muslimischen Heer beim Feldzug nach Tabuk an. Er wollte, dass der Prophet dafür betete, er möge als Märtyrer sterben. Der Prophet betete stattdessen, dass kein Ungläubiger sein Blut vergießen möge. Er erklärte ihm, dass jemand, der an einem Dschihad-Feldzug teilnimmt, auch dann als Märtyrer gilt, wenn er während des Feldzugs an einer Krankheit stirbt. Genau das geschah: Er starb auf dem Rückweg an Fieber. [Abdullah ibn Mas‘ud berichtet, dass er bei der nächtlichen Beerdigung anwesend war. Der Prophet war in das Grab hinabgestiegen, während Abu Bakr und [Umar den Leichnam hielten und hinunterließen, um ihn dem Propheten zu übergeben, der für ihn betete: „Mein Herr, ich bin mit ihm höchst zufrieden; so sei auch Du mit ihm zufrieden.“ Ibn Mas‘ud bemerkte: „Ich wünschte, ich wäre derjenige, der in diesem Grab beigesetzt wird.“6 Dieser Feldzug fand im neunten Jahr nach der Hidschra statt, also im neunten Jahr nach der Ansiedlung des Propheten in Medina. Das bedeutet, dass Dhul-Bijadayn weniger als ein Jahr Muslim war, als er starb.
Wenn gute Menschen Fehler machen
Die Fähigkeit des Propheten, mit schweren Verfehlungen seiner Gefährten umzugehen, war ein Zeichen seines Charakters. Er erkannte, dass Menschen angesichts einer Versuchung oder angesichts einer Gefahr für sich selbst oder nahe Angehörige schwach werden können. Wenn diese Schwäche jemanden dazu bringt, in entscheidenden Augenblicken mit dem Feind Verbindung aufzunehmen, kann dies schwerwiegende Folgen haben. Dies war der Fall bei Hatib ibn Abi Balta[ah. Die Quraysh waren der führende arabische Stamm. Der Prophet gehörte ihm an, doch die meisten seiner Angehörigen stellten sich entschieden gegen den Islam und zwangen den Propheten und die Muslime, nach Medina auszuwandern. Danach versuchten sie, den Islam mit Gewalt zu unterdrücken, und führten mehrere Heere gegen die muslimische Gemeinschaft. Sie blieben damit weitgehend erfolglos. Schließlich schlossen sie mit dem Propheten ein Friedensabkommen, das zehn Jahre dauern sollte. Weniger als zwei Jahre später brachen die Quraysh dieses Abkommen offen, indem sie gegen einen Stamm kämpften, der mit dem Propheten verbündet war. Der Prophet beschloss, gegen die Quraysh vorzugehen, ordnete die Mobilmachung an und traf alle Maßnahmen, um seine Vorbereitungen und Absichten geheim zu halten. Er wollte, dass die Quraysh plötzlich der wachsenden Macht der muslimischen Gemeinschaft gegenüberstanden, damit ein friedliches Ende eines langwierigen Konflikts erreicht werden konnte. Obwohl er bereit sein musste zu kämpfen, falls die Umstände eine Schlacht erzwangen, bestand sein Ziel darin, in einem solchen Fall einen schnellen Sieg mit möglichst wenig Blutvergießen zu erringen. Hatib ibn Abi Balta[ah gehörte zu den frühen Gefährten des Propheten und war mit ihm nach Medina ausgewandert. Er hatte an jeder Schlacht teilgenommen, an der die Muslime beteiligt waren, nachdem sie ihren Stadtstaat in Medina errichtet hatten. Doch in diesem Augenblick überkam ihn eine gewisse Schwäche. Er fürchtete um seine Angehörigen in Mekka, die einem Vergeltungsschlag der Quraysh ausgesetzt sein konnten, obwohl sie keine Muslime waren. Er wollte sie schützen, indem er den Quraysh einen Gefallen tat, und schrieb ihnen daher einen Brief, in dem er sie über die Absichten des Propheten informierte. Der Brief wurde jedoch abgefangen und Hatibs Handlung aufgedeckt. Stimmen wurden laut, die seine Hinrichtung forderten, da es sich um Verrat handelte. Jedes Gericht überall auf der Welt hätte ihn des Hochverrats für schuldig befunden, weil er dem Feind wichtige militärische Geheimnisse übermittelt hatte. Der Prophet jedoch beruhigte die aufgebrachten Gemüter. Er befragte Hatib nach seinen Beweggründen, und Hatib erklärte: Ich bin gewiss ein Gläubiger an Gott und Seinen Gesandten. Ich habe mich überhaupt nicht verändert. Es ist nicht so, dass ich Zweifel in Glaubensangelegenheiten hätte. Ich habe lediglich meine Lage in Mekka betrachtet, wo ich eine Familie und Kinder habe. Ich war nur ein Schutzverbündeter der Quraysh und nicht unter ihnen geboren. Andere Menschen unter den Muhadschirun, die Familien oder Besitz in Mekka haben, haben Verwandte und Sippen, die sie schützen. Ich dachte nur, wenn ich den Quraysh einen Gefallen täte, indem ich sie warne, würden sie dies erwidern, indem sie meine Kinder und meine Familie schützten. Mehr ist es nicht. Ich würde niemals wieder ungläubig werden, nachdem Gott mich zum rechten Glauben geführt hat.7 Der Prophet nahm Hatibs Erklärung und Entschuldigung an, erinnerte seine Gefährten an Hatibs frühere Dienste für den Islam und sagte ihnen, sie sollten ihn nicht in einem negativen Licht beurteilen. Seine Vergebung von Hatibs Handlung war vollständig.8
Persönliche Fürsorge
Bei vielen Gelegenheiten zeigte der Prophet besonderes Interesse an den persönlichen Angelegenheiten seiner Gefährten. Er erkundigte sich nach ihnen und gab ihnen Rat; außerdem half er ihnen, ihre persönlichen Probleme zu lösen. Jabir ibn [Abdullah war beispielsweise ein junger Mann von etwa zwanzig Jahren, als der Prophet in Medina eintraf. Er stand dem Propheten nahe. Als das muslimische Heer von einem Feldzug zurückkehrte, ritt Jabir mit dem Propheten und antwortete auf eine Frage von ihm, dass er kurz vor dem Feldzug geheiratet habe. Der Prophet fragte ihn nach seiner Frau und ob sie eine junge Jungfrau oder eine reife Frau sei. Jabir sagte, sie sei Letzteres: Der Prophet sagte: „Wäre es nicht besser gewesen, wenn du eine junge Jungfrau geheiratet hättest, mit der du spielen und Freude haben kannst?“ Jabir sagte: „Gesandter Gottes, mein Vater wurde kürzlich bei Uhud getötet und hinterließ mir sieben Schwestern, um die ich mich kümmern muss. Deshalb heiratete ich eine Frau, die sich um sie kümmern und die Familie zusammenhalten konnte.“ Der Prophet erwiderte: „Dann hast du, so Gott will, das Richtige getan. Wenn wir in Sirar ankommen, werden wir einige Kamele schlachten und feiern. Deine Frau wird dann hören, dass wir ihre Hochzeit gefeiert haben, und sie wird ihre Polster aufstellen.“9 Jabir sagte: „Aber wir haben keine Polster, Gesandter Gottes.“ Der Prophet sagte: „Doch, ihr werdet welche haben. Wenn ihr in Medina ankommt, sollt ihr ein gutes Festmahl veranstalten.“ Als das muslimische Heer in Sirar eintraf, das nur etwa fünf Kilometer von Medina entfernt lag, ließ der Prophet mehrere Kamele schlachten und zubereiten. Das gesamte Heer nahm an der Feier der jüngsten Hochzeit eines seiner Soldaten teil.10 Zahlreiche Berichte zeigen, wie der Prophet sich für die persönlichen Angelegenheiten seiner Gefährten interessierte. Er half jedem, unabhängig von dessen Stellung oder gesellschaftlichem Rang. Einer der Diener des Propheten war Rabi[ah ibn Ka[b al-Aslami. Er war in seinem Dienst sehr eifrig, blieb bis spät in die Nacht auf und kümmerte sich um alles, was der Prophet benötigte. Der Prophet schlug ihm vor zu heiraten, doch Rabi[ah wollte ledig bleiben, damit er frei war, dem Propheten zu dienen. Als der Prophet diesen Vorschlag mehrmals wiederholte, dachte Rabi[ah, er müsse ihn nun annehmen und dürfe nicht erneut ablehnen. Allerdings hatte er kein Geld. Er erzählte dies dem Propheten, der ihn zu einem bestimmten Clan der Ansar schickte, um ihnen die Botschaft des Propheten zu überbringen, dass sie ihm die Frau, die er nannte, zur Ehe geben sollten. Sie stimmten ohne Zögern zu. Dann forderte der Prophet einige seiner Gefährten auf, eine Brautgabe für Rabi[ah zu sammeln und ihm ein Schaf zum Schlachten und Zubereiten zu besorgen. Außerdem verschaffte er ihm all die Gerste, die der Prophet zu Hause hatte, um Brot zu backen. Er lud mehrere Menschen zur Hochzeitsfeier ein.11 Rabi[ah war ein vorbildlicher Diener des Propheten. Er blieb stets in seiner Nähe, bis er sicher war, dass der Prophet eingeschlafen war. Er war bereit, alles zu tun, was der Prophet von ihm verlangte. Aus Anerkennung sagte der Prophet eines Tages zu ihm: „Ich werde dir alles geben, worum du bittest.“ Rabi[ah war begeistert, wollte jedoch einen wertvollen Lohn, da er wusste, dass der Prophet seine Versprechen stets hielt. Deshalb bat er um etwas Zeit zum Nachdenken. Später kam er zum Propheten und sagte: „Meine Bitte ist, dass ich im Paradies dein Gefährte sein darf.“ Der Prophet fragte ihn: „Wer hat dir diesen Rat gegeben?“ Rabi[ah sagte: „Bei Dem, Der dich mit der Botschaft der Wahrheit gesandt hat, niemand hat mir diesen Rat gegeben. Ich dachte nur an deine Stellung in der Nähe des allmächtigen Gottes und erinnerte mich daran, dass dieses Leben kurz ist und alles, was Gott mir bestimmt hat, gewiss eintreten wird. Daher beschloss ich, meine Bitte auf mein künftiges Leben zu richten.“ Der Prophet schwieg lange. Dann sagte er zu Rabi[ah: „Ich werde gewiss für dich beten, doch ich möchte, dass du mir gegen dich selbst hilfst, indem du dich häufig im Gebet niederwirfst.“12 Hier sehen wir nichts, was der Beziehung zwischen Herr und Diener ähnelt; stattdessen sehen wir einen Respekt, der wenig mit gesellschaftlichem Rang zu tun hat. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass ein Diener seine Hoffnungen niedriger ansetzen sollte als den höchsten Platz im Paradies. Wir sehen den Rat, der die Erfüllung der Bitte sicherstellen würde. Nichts ist kostbarer, als im Paradies der Gefährte des Gesandten Gottes zu sein. Deshalb muss man sich dafür nach Kräften einsetzen. Die Niederwerfung im Gebet ist der Inbegriff der Selbsthingabe an Gott. Wer dies stets vor Augen hat, wird gewiss auf dem rechten Weg bleiben; daher der Rat des Propheten an Rabi[ah.
Teurer als das eigene Leben
Wie erwiderten die Gefährten des Propheten seine vorzügliche Behandlung? Zu sagen, er sei ihnen teurer gewesen als alles auf Erden, ist noch untertrieben. Tatsächlich liebten sie ihn mehr, als sie sich selbst liebten. Sie erkannten, dass seine Handlungen das Kennzeichen eines wahren Gläubigen waren. Vor allem schätzten sie die Güte, die er ihnen bei jeder Gelegenheit erwies. Sie konnten keine bessere Behandlung durch irgendjemanden erwarten und erkannten, dass ihr Wohlergehen für ihn von größter Bedeutung war. Ja, er liebte die gesamte Menschheit und war überglücklich, wenn jemand die Wahrheit von Gottes Einzigkeit erkannte und an Ihn glaubte: Das war seine Hoffnung für alle Menschen. Deshalb war er besonders gütig zu jenen, die trotz des Widerstands ihrer Stammesführer und feindlicher Kräfte hervortraten und ihren Glauben erklärten. Er wollte sie schützen und zu dem führen, was am besten ist. Die Gefährten des Propheten waren sich auch der großen Veränderung sehr bewusst, die sich in ihrem Leben vollzogen hatte, nachdem sie die Wahrheit der islamischen Botschaft angenommen hatten. Sie verglichen ihr gegenwärtiges Leben mit ihrer früheren Lebensweise, als sie jene Statuen anbeteten, die sie mit eigenen Händen hergestellt hatten. Sie schämten sich ihrer Vergangenheit und waren für ihre Gegenwart dankbar. Ihre alten, tristen und willkürlichen Bräuche ergaben keinen Sinn; ihr gegenwärtiger Glaube an Gottes Einzigkeit erhob sie dagegen auf eine höhere, dem Menschen würdige Stufe. Ihr Gefühl der Dankbarkeit gegenüber Muhammad als dem Propheten, der Gottes Botschaft überbrachte, war grenzenlos. Daher waren sie stets bereit, ihr Leben zu seiner Verteidigung hinzugeben. Als die Quraysh versuchten, den Propheten zu töten, schirmten einige seiner Gefährten ihn mit ihren eigenen Körpern ab, während andere trotz mehrfacher Verletzungen erbittert kämpften, um ihn zu verteidigen. Spätere Generationen von Muslimen können solche Taten nicht vollbringen, da der Prophet nicht unter ihnen lebt. Doch sie teilen denselben Grad an Dankbarkeit gegenüber dem Mann, der Gottes letzte Botschaft überbrachte, die gewiss Glück in das menschliche Leben bringt. Die Welt ist dadurch ein weit besserer Ort, dass der Islam das Leben eines großen Teils der Menschheit leitet.

KAPITEL 12

die Umgestaltung der Gesellschaft

Der Prophet starb dreiundzwanzig Jahre nach dem Tag, an dem ihm mitgeteilt worden war, dass Gott ihn erwählt hatte, Sein letzter Gesandter an die Menschheit zu sein. Diese dreiundzwanzig Jahre waren Zeugen der schrittweisen Offenbarung des Qur’an, der die göttliche Botschaft verkörpert, auf der der islamische Glaube beruht. Während dieser Zeit vollzog sich in der arabischen Gesellschaft eine tiefgreifende Umgestaltung, und diese Veränderung wirkte sich auf die ganze Welt aus.

Die arabische Gesellschaft zur Zeit Muhammads war stammesbezogen und streng hierarchisch geordnet. Stämme waren über ganz Arabien verstreut. Einige Stämme waren klein und unbedeutend, andere groß und hoch angesehen. Der Rang beruhte jedoch nicht allein auf der Größe eines Stammes; er wurde auch durch Faktoren wie seine Geschichte und seine früheren Erfolge im Krieg oder im Frieden, seine Beziehungen zu den Nachbarn und die Menschen aus seinen Reihen beeinflusst, die berühmt geworden waren.

Die Quraisch waren der angesehenste Stamm Arabiens. Sie lebten in Makka und waren die Hüter ihrer Großen Moschee, des Haram. Im Zentrum von Makka stand die Ka[bah, das erste Gebäude, das allein der Anbetung Gottes geweiht worden war. Die Quraisch schöpften großen Stolz und große Ehre daraus, die Moschee und ihre Besucher zu betreuen. Pilger kamen aus ganz Arabien nach Makka, und sie erkannten die Bedeutung des Haram (oder „des Hauses“, wie er oft genannt wurde). Sie ehrten die Quraisch wegen ihrer Hüterschaft und waren bereit, die Autorität dieses Stammes anzuerkennen, besonders in religiösen Fragen.

Ein bedeutender Stamm wie die Quraisch bestand aus mehreren Sippen, und eine Sippe konnte groß genug werden, um selbst ein Stamm zu sein. Einige Sippen der Quraisch waren ernsthafte Anwärter auf diesen Rang, doch angesichts des Ansehens, das den Quraisch zukam, zogen sie es vor, Teil der Quraisch zu bleiben. Dennoch wetteiferten die Sippen um Ehre und Auszeichnung.

Makka besaß keine Landwirtschaft, daher waren seine Bewohner auf den Außenhandel angewiesen und organisierten jedes Jahr zwei große Handelsreisen nach Syrien und in den Jemen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da die Quraisch geschickte Geschäftsleute waren, wurde Makka zu einer wohlhabenden Stadt, und ihre Bewohner führten ein bequemes und müßiges Leben. Sie verrichteten keine körperliche Arbeit, sondern verließen sich bei solchen Aufgaben auf ihre Sklaven und Diener. Sie besaßen viele Sklaven und Schutzbefohlene. Letztere waren Menschen, die nicht zum Stamm gehörten, aber an ihn gebunden waren; ohne eine solche Bindung war jeder, der keinem Stamm angehörte, stets einem Angriff ausgeliefert.

Stolz war damals ein verbreitetes Merkmal der Araber, und sie waren stolz auf ihre Abstammung, ihren Stamm und ihre Herkunft. Die damalige Dichtung war gewöhnlich voller Lob für die Familie und den Stamm des Dichters. Die Rivalität zwischen den Stämmen entfachte einen literarischen Wettbewerb, in dem die Dichter ihr Talent voll einsetzten, um ihre Gemeinschaften zu preisen. Das Auftreten eines Dichters in einem Stamm war Anlass zu großer Feier, denn ein guter Dichter konnte den Stamm bekannt machen und möglicherweise die Stellung seiner Rivalen schwächen. Tatsächlich lässt sich die Rolle der Dichter in der Gesellschaft mit der Rolle der Massenmedien in unserer Zeit vergleichen.

Die Rivalität zwischen den Stämmen beschränkte sich jedoch nicht immer auf prahlerische Dichtung. Oft flammte sie in bewaffneten Überfällen auf, die keinen anderen Grund haben mussten, als Beute zu gewinnen, besonders in schwierigen Zeiten. Ein Überfall verlangte häufig nach einem Vergeltungsüberfall durch den angegriffenen Stamm. Dies führte zu einer Reihe von Überfällen und Kriegen, die lange andauern konnten.

Der Reichtum, den die Quraisch und andere bedeutende Stämme anhäuften, führte zu einem Leben voller Laster. Trinken und Glücksspiel waren alltäglich, ebenso sexuelle Unmoral. Auch Ungerechtigkeit war verbreitet, besonders wenn der Täter, ob Einzelperson oder Stamm, glaubte, damit davonzukommen. So war es beispielsweise nicht ungewöhnlich, dass ein wohlhabender und mächtiger Geschäftsmann sich weigerte, jemandem das ihm zustehende Geld zu zahlen, weil es keine Autorität gab, die Gerechtigkeit durchsetzte. Sklaven und die schwächeren Mitglieder der Gesellschaft waren solcher Ungerechtigkeit besonders ausgesetzt. Ein Herr konnte seinen Sklaven sogar töten, ohne befürchten zu müssen, für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Doch auch die arabische Gesellschaft besaß Tugenden. Besonders hervorzuheben waren Tapferkeit, Freigebigkeit, Gastfreundschaft und die Wahrung der Ehre. Dies waren Werte, die alle Araber achteten und schätzten. Dass solche Werte anerkannt und befolgt wurden, führte zu manchen Widersprüchen im Verhalten. So wurde Gerechtigkeit stets hoch gepriesen, während Ungerechtigkeit doch sehr häufig war. Zuhayr ibn Abi Sulma, ein berühmter arabischer Dichter jener Zeit, dessen Dichtung noch heute in Schulen und Universitäten überall in der arabischen Welt studiert wird, sagt: „Wer nicht ungerecht handelt, wird gewiss Ungerechtigkeit erleiden.“ Demgegenüber schlossen die Sippen der Quraisch einen Bund, jedem beizustehen, dem unter ihnen Unrecht widerfuhr.

Die Umgestaltung der Gesellschaft

Die Botschaft des Islam wurde in diese Gesellschaft offenbart. Sie sollte das menschliche Leben vollständig verändern, und sie begann mit der Umgestaltung der arabischen Gesellschaft. Von Anfang an erklärte der Islam, dass er eine Botschaft für die gesamte Menschheit sei. Daher behandelte der Prophet alle Menschen gleich und sorgte dafür, dass niemand bei den Bemühungen um die Verkündigung der neuen Botschaft wegen seines gesellschaftlichen Ranges, seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder seines Geschlechts unbeachtet blieb.

Außerdem machte der Prophet allen neuen Muslimen klar, dass sie Brüder und Schwestern im Glauben seien. In den frühen Jahren des Islam in Makka begründete der Prophet ein Band der Brüderlichkeit unter den Muslimen. Als er jeweils einen von ihnen zum Bruder eines anderen erklärte, achtete er nicht auf ihre Stämme oder Sippen, ihren Reichtum oder darauf, ob sie freie Menschen oder Sklaven waren. Vielmehr wurden sie als eine einzige Gemeinschaft behandelt, die durch das Band des Glaubens vereint war.

Um dieses Verständnis noch stärker zu verankern, sagte der Prophet ihnen, dass die Generationen der Gläubigen früherer göttlicher Religionen, von Adam bis zur Gegenwart, ihre Brüder seien. Er bezeichnete die früheren Propheten stets als seine eigenen Brüder und sagte etwa: „Möge Gott meinem Bruder Moses Barmherzigkeit erweisen“ (oder Noah oder dem jeweils genannten Propheten).

Als die Muslime von Makka nach Madina auswandern mussten, wurden sie dort von ihren Brüdern willkommen geheißen, die sie in ihren Häusern aufnahmen und alles mit ihnen teilten. Der Prophet ging jedoch noch weiter und sagte ihnen, dass jeder aus Madina (d. h. jeder Ansari) einen Bruder unter den Muhadschirun (d. h. den Einwanderern aus Makka) haben solle.

Das Band der Brüderlichkeit

Die Muslime nahmen dieses Band der Brüderlichkeit sehr ernst. Ein Beispiel dafür liefern Sa[d ibn al-Rabi[ und [Abd al-Rahman ibn [Awf, die durch den Gesandten Gottes zu Brüdern gemacht worden waren. Sa[d, ein Ansari, sagte zu [Abd al-Rahman, der aus Makka gekommen war: „Ich bin wohlhabend und werde dir die Hälfte meines Besitzes geben. Ich habe auch zwei Frauen. Wähle eine von ihnen, und ich werde mich von ihr scheiden lassen, damit du sie nach Ablauf ihrer Wartezeit heiraten kannst.“ [Abd al-Rahman dankte ihm und sagte: „Möge Gott dich, deine Familie und deinen Besitz segnen. Ich brauche nichts davon. Zeige mir einfach den Marktplatz, und ich werde versuchen, für mich selbst zu sorgen.“ Er war ein Mann mit einem guten Geschäftssinn. Innerhalb weniger Tage verdiente er etwas Geld. Kurze Zeit später heiratete er.1

Es versteht sich von selbst, dass beide in ihrer Haltung großzügig waren. Dies war kennzeichnend für die vom Propheten gegründete Gemeinschaft.

1 Der Hadith wird von al-Buchari an mehreren Stellen vollständig überliefert. Er findet sich auch bei al-Tirmidhi, al-Nasa’i, Ahmad und al-Hakim.

Der Prophet beseitigte das Klassensystem, das innerhalb der Stammesordnung bestanden hatte. Kurz bevor die Bewohner von Madina vom Islam erfuhren, waren sie durch einen erbitterten Krieg zwischen den beiden großen arabischen Stämmen, den Aus und den Chazradsch, geschwächt worden. Der Prophet beendete dies und ersetzte ihre Rivalität durch das Band des Glaubens. Sie begannen, einander als Brüder zu bezeichnen. Tatsächlich bildeten die Muslime von Madina – Menschen aus sowohl den Aus als auch den Chazradsch sowie die aus Makka gekommenen Muhadschirun – eine einzige Gemeinschaft.

Dies wurde im Vertrag von Madina festgehalten, der die erste schriftliche Verfassung der Menschheitsgeschichte war. Der Vertrag regelte die Beziehungen zu anderen Gemeinschaften, darunter den Juden und den Ungläubigen von Madina. In dieser neuen Gemeinschaft gab es nur eine Klasse, der alle Muslime angehörten.

Der Prophet versuchte nicht, eine neue Gesellschaftsordnung mit Gewalt zu errichten. Er erkannte, dass es nicht der richtige Weg war, sozialen Wandel durch bloße Macht zu erzwingen, um die in vielen Gesellschaften verbreitete soziale Ungerechtigkeit auszumerzen. Stattdessen bewirkte er eine Veränderung der Denkweise: Die Menschen begannen, alte Normen zu hinterfragen und sie im Licht des Qur’an zu beurteilen. Was nicht mit dem Qur’an übereinstimmte, wurde verworfen, und was mit ihm übereinstimmte, wurde gefestigt.

Er erließ kein Dekret zur Abschaffung der Sklaverei, machte aber die Befreiung eines Sklaven aus der Knechtschaft zu einer der am höchsten belohnten Taten, die ein Muslim vollbringen konnte. Der Islam bestimmt die Befreiung eines Sklaven außerdem als Sühne für viele Arten der Verletzung des islamischen Rechts. Darüber hinaus prägte der Prophet seinen Gefährten den Gedanken ein, dass Sklaven ihre Brüder im Glauben seien.

Einmal hatten zwei seiner Gefährten einen schweren Streit. Einer von ihnen, Bilal, war ein ehemaliger Sklave abyssinischer Herkunft. Im Eifer des Streits nannte ihn der andere, Abu Dharr, „Sohn einer abyssinischen Frau“. Als der Prophet davon hörte, wurde er zornig. Er sagte zu Abu Dharr: „Versuchst du, ihn wegen seiner Mutter zu erniedrigen? Du bist ein Mann, in dem noch Spuren der Dschahiliyya fortbestehen.“ (Dschahiliyya ist der islamische Begriff für eine Gesellschaftsordnung, die den Grundsätzen des göttlichen Glaubens widerspricht; er leitet sich von der Wurzel dschahila ab, die Unwissenheit bedeutet.) Abu Dharr war sehr erschüttert. Er erkannte seinen Fehler und entschuldigte sich bei Bilal, sodass die ganze Angelegenheit beendet wurde.

Abu Bakr, der engste Gefährte des Propheten, hatte Bilal gekauft und freigelassen. In diesem Zusammenhang sagte [Umar ibn al-Chattab: „Abu Bakr ist unser Herr, und er hat unseren Herrn freigelassen.“ So wurde der ehemalige Sklave vom zweiten Kalifen als „unser Herr“ bezeichnet.

Über dieses Leben hinausblicken

Die vorislamische arabische Gesellschaft hatte sich von der göttlichen Religion Abrahams und Ismaels, ihrer Vorväter, entfernt, die den göttlichen Glauben begründet hatten – den Glauben an die Umgestaltung der Gesellschaft in Arabien. Diese Abkehr von einem auf der Einheit Gottes beruhenden Glauben vollzog sich über einen langen Zeitraum. In der Jugendzeit des Propheten war der Götzendienst in Arabien alltäglich geworden. Die Araber beteten viele Gottheiten an, die durch Statuen aus Stein, Lehm, Gold oder Messing dargestellt wurden. Sie fertigten sogar Götzen aus Datteln: Sie beteten sie an, konnten sie aber essen, wenn sie hungrig waren.

Noch absurder war der Glaube mancher Araber, Gott habe die Dschinn geheiratet und durch diese Verbindung die Engel gezeugt, die Gottes Töchter seien. Diese Absurdität wird noch dadurch verschärft, dass viele arabische Männer Frauen schlecht behandelten und sie für den Männern unterlegen hielten.

Darüber hinaus hatten die Araber das zukünftige Leben völlig vergessen, sodass ihnen der Gedanke an eine Auferstehung nach dem Tod unvorstellbar geworden war. Daher dachten sie nur daran, das Leben in dieser Welt zu genießen. Dies ist allen Menschen gemeinsam, die die Auferstehung und die Unausweichlichkeit eines Tages der Abrechnung und des Gerichts leugnen: Sie sind darauf bedacht, möglichst viel von diesem Leben zu erlangen.

Daher nimmt man alles, was man im irdischen Leben gewinnen kann, selbst wenn es gegen das Gesetz oder gegen moralische Werte verstößt. Solche Menschen würden nicht zögern, um eines Vorteils willen das Gesetz zu brechen, ehrbares Verhalten zu missachten, die Rechte anderer mit Füßen zu treten oder irgendein Vergehen zu begehen, wenn sie glaubten, damit davonzukommen. Die Araber waren damit nicht allein; alle Menschen, die die Auferstehung und die Verantwortung vor Gott leugnen, neigen dazu, jeden Gewinn oder jedes Vergnügen zu suchen, selbst durch unerlaubte Mittel.

Auch wenn manche durch Erziehung, Bildung und das Zusammenleben in der Gesellschaft ein Gefühl für Rechtschaffenheit und Ehre entwickeln, wird dieses oft schwach, wenn die Versuchung stark ist. Bei der Verkündigung seiner Botschaft bemühte sich der Prophet, den Menschen nachdrücklich zu verdeutlichen, dass dieses Leben kein Selbstzweck ist, sondern ein Vorspiel zu etwas viel Größerem und Besserem für diejenigen, die dem rechten Weg folgen. Dieser Weg beginnt mit dem Glauben an die Einheit Gottes und an ein zweites Leben nach dem Tod.

Die Araber der vorislamischen Zeit behaupteten: „Es gibt nichts außer unserem Leben in dieser Welt. Wir sterben, wir leben, und nichts als die Zeit vernichtet uns.“ (45:24) Der Prophet versicherte ihnen: „Ihr werdet ganz gewiss sterben, wie ihr einschlaft, und ihr werdet ganz gewiss auferweckt, wie ihr erwacht.“

Die Auferstehung bedeutet den Tag des Gerichts, an dem jeder für das, was er in diesem Leben tut, Rechenschaft ablegen muss. Die Menschen werden entsprechend ihren Taten belohnt, und Gott wird sie mit vollkommener Gerechtigkeit richten. Niemand wird bevorzugt, und niemand wird weniger erhalten, als ihm zusteht. Gott aber ist mitfühlend und barmherzig, und Er wird denen Barmherzigkeit erweisen, die Er ihrer für würdig hält.

Dieses Verständnis beeinflusst die Sichtweise und das Verhalten der Menschen erheblich. Wenn sie erkennen, dass all ihre Handlungen aufgezeichnet und ihre Absichten bekannt sind, wollen sie auf ein besseres Ergebnis hinarbeiten. Ihnen wird gesagt, dass sie während ihres irdischen Lebens Entscheidungsfreiheit besitzen. Diese Freiheit bedeutet Verantwortung und Rechenschaftspflicht und gibt dem menschlichen Leben einen Sinn, der des Menschen würdig ist, den Gott von Seiner übrigen Schöpfung dadurch ausgezeichnet hat, dass Er ihm Entscheidungsfreiheit verlieh.

Während die Menschen zuvor nur auf dieses Leben geblickt und versucht hatten, das Beste daraus zu machen, gab ihnen die Botschaft des Propheten einen viel weiteren Horizont. Wenn sie ihren Blick auf diese Welt beschränkten, wetteiferten sie um die begrenzten Mittel, die die Erde bietet. Der Blick auf das Jenseits half ihnen, ein viel reicheres und glücklicheres, ewiges Leben anzustreben.

Es war daher nicht verwunderlich, dass diejenigen, die dem Ruf des Propheten folgten, empfanden, sie hätten einen großen Schritt vorwärts gemacht und eine vollständige Veränderung ihres Lebens erreicht. Sie hätten ihre neue Sichtweise um nichts in der Welt aufgegeben.

Viele Gegner des Propheten vertraten die enge Ansicht, andere, die bei ihrem Volk größere Autorität besaßen, seien eher geeignet, Gottes Botschaft zu empfangen als Muhammad (Gottes Frieden und Segen seien auf ihm). Damit wiederholten sie die Argumente früherer Ungläubiger, die sich früheren Propheten und Gesandten widersetzt und behauptet hatten, ihre gesellschaftliche Stellung berechtige sie nicht zu diesem Rang.

In Arabien hieß es: „Warum ist dieser Qur’an nicht einem bedeutenden Mann aus den beiden Städten offenbart worden?“ (43:31) Die beiden Städte waren Makka und Taif. Für solche Menschen bedeutete ein bedeutender Mann jemand, der über Reichtum und Autorität verfügte. Ungläubige behaupten häufig, ihr Reichtum sei ein Zeichen ihrer eigenen Vorzüglichkeit.

Als Antwort darauf führt der Qur’an einen Dialog zwischen einem Gläubigen und einem reichen Ungläubigen an. Irgendwann sagt der Ungläubige zu seinem Freund: „Und ich glaube nicht, dass die Stunde jemals kommen wird. Aber selbst wenn ich zu meinem Herrn zurückgebracht werde, werde ich dort gewiss etwas Besseres als dies zum Tausch finden.“ (18:36) Mehrere Menschen in Makka sagten dem Propheten, falls seine Aussagen über Auferstehung und Rechenschaft wahr seien, würden sie das beste Ergebnis erzielen, weil sie reich und mächtig seien. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass ihr Reichtum und ihre Macht, wie der Islam lehrt, eine Prüfung darstellten.

Gerechtigkeit für alle

So war die arabische Gesellschaft beim Aufkommen des Islam trotz der Tatsache, dass Gerechtigkeit als einer der höchsten Werte anerkannt wurde, von Ungerechtigkeit erfüllt. Der Prophet beaufsichtigte die Errichtung einer Gesellschaft, in der Gerechtigkeit einen höchsten Wert darstellt. Zahlreich sind die Aussagen des Qur’an und der Hadithe, die in allen Situationen eine gerechte Behandlung aller Menschen, einschließlich der Feinde, fordern.

Der Qur’an überliefert einen für alle Zeiten geltenden Befehl Gottes: „O ihr, die ihr glaubt! Tretet beharrlich für die Gerechtigkeit ein und seid Zeugen für Gott, auch wenn es gegen euch selbst oder gegen die Eltern und die Verwandten ist.“ (4:135)

Der Prophet machte klar, dass jeder, dem etwas zu Unrecht zugesprochen wird und der weiß, dass es ungerecht ist, für diese Ungerechtigkeit verantwortlich ist. Wenn seine Gefährten ihre Streitigkeiten zu ihm brachten, warnte er sie und erinnerte sie daran, dass er nur ein Mensch war: „Vielleicht kann einer von euch seine Sache überzeugender vortragen, und ich entscheide zu seinen Gunsten. Wenn ich jemandem etwas zuspreche, das seinem Bruder gehört, gebe ich ihm damit nur ein Stück Feuer. Er mag es nehmen oder lassen.“

Diese starke Betonung von Billigkeit und Gerechtigkeit verwurzelte sich tief in der muslimischen Gemeinschaft. Abu Bakr, der dem Propheten als Herrscher des muslimischen Staates nachfolgte, sagte deshalb in seiner Antrittsrede: „Ein Schwacher ist in meinen Augen stark, bis ich ihm das gegeben habe, was ihm rechtmäßig zusteht, und ein Mächtiger ist schwach, bis ich von ihm genommen habe, was anderen rechtmäßig zusteht.“

Der Prophet erklärte nicht nur die Botschaft des Islam und rief die Menschen dazu auf, an sie zu glauben, sondern zeigte auch, wie sie umgesetzt werden sollte. Seine obige Aussage über den ungerechtmäßigen Gewinn durch die Unterstützung eines Gerichts macht jeden Einzelnen zum letzten Richter darüber, was gerecht ist. Manche können eine starke, durch Dokumente und Beweise gestützte Sache vortragen, und der Prophet oder ein anderer Richter kann aufgrund der vorgelegten Beweise zu ihren Gunsten entscheiden. Wenn sie jedoch tief in ihrem Inneren wissen, dass ihnen das durch dieses Urteil Erlangte nicht rechtmäßig gehört, dann wurde ihnen in Wirklichkeit ein Funke Feuer in die Hand gegeben.

Der Prophet sagt, dass solche Menschen die Wahl haben, ihn zu nehmen und sich zu verbrennen oder ihn liegen zu lassen und sich zu retten. So gewinnt der Prophet das Gewissen der Menschen und ihr Glaubensgefühl für die absolute Gerechtigkeit.

Der Prophet erkannte jedoch, dass dies nicht genügte. Die Stimme des Gewissens ist möglicherweise nicht laut genug, um die Menschen dazu zu bringen, der starken Versuchung eines leichten Gewinns zu widerstehen, besonders wenn dieser durch ein rechtliches Urteil gestützt wird. Daher betonte er das islamische Prinzip, „das Rechte zu gebieten und das Verwerfliche zu verbieten“.

Dieses Prinzip gilt sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der Ebene der Gemeinschaft. Es besagt, dass die Menschen überall dort, wo etwas Falsches geschieht, dagegen ihre Stimme erheben sollen, um Billigkeit, Gerechtigkeit und Tugend zu gewährleisten. Der Prophet suchte das Glaubensgefühl aller Menschen dafür zu mobilisieren, dieses Prinzip in die Tat umzusetzen. Er sagte: „Wer von euch etwas Verwerfliches sieht, soll es mit seiner Hand ändern. Wenn er dazu nicht in der Lage ist, dann mit seiner Zunge. Wenn er auch dazu nicht in der Lage ist, dann mit seinem Herzen. Das ist die schwächste Stufe des Glaubens.“ (Überliefert von Muslim.)

Dieses Prinzip gilt in allen Schichten der Gesellschaft und in allen Verhaltensbereichen. Was immer falsch ist, soll verurteilt und geändert werden. Wenn dies nicht möglich ist – und es gibt viele Situationen, in denen das der Fall ist –, besteht das Mindeste, was ein Gläubiger tun kann, darin, die Situation stark abzulehnen und ihre Änderung zu wünschen.

Ungerechtigkeit kann durch die Staatsgewalt gestützt werden. Die Geschichte kennt zahlreiche Fälle, in denen Diktaturen großen und kleinen Gemeinschaften Unrecht zufügten. Unsere Gegenwart ist auf allen Kontinenten voll davon. Einige Historiker haben das zwanzigste Jahrhundert sogar „das Zeitalter der Diktatoren“ genannt. Die Brutalität mancher dieser Diktatoren übersteigt jede Vorstellungskraft.

Eine Diktatur kann jedoch nur gedeihen, wenn die Menschen ihr Gelegenheit geben, Wurzeln zu schlagen. Wenn Herrscher schon in den ersten Tagen ihrer Herrschaft versuchen, das Gesetz zu umgehen, und feststellen, dass sie damit davonkommen, bewegen sie sich auf die Tyrannei zu. Wenn die Menschen einem solchen Herrscher in dieser frühen Phase entgegentreten, kann dies den künftigen Diktator im Zaum halten.

Der Prophet erklärte, sich einer tyrannischen Herrschaft entgegenzustellen, zu einer der besten Taten, die ein Muslim vollbringen kann. Er sagte: „Die besten Märtyrer sind Hamzah2 und ein Mann, der sich einem Diktator entgegenstellt, ihm sagt, was er tun und lassen soll, und den der Diktator daraufhin tötet.“ Im Islam ist wohlbekannt, dass ein Märtyrer gewiss mit dem Eintritt ins Paradies belohnt wird. Sich einem Diktator entgegenzustellen, gibt einem Muslim die Möglichkeit, zur höchsten Gruppe der Märtyrer im Paradies zu gehören.

Während dies die Belohnung für den Einzelnen ist, der von einem Diktator getötet wird, ist die ganze Gemeinschaft dafür verantwortlich, eine Diktatur aufzuhalten. Der Prophet warnt: „Ihr sollt das Rechte gebieten, das Verwerfliche verbieten und die Tyrannei verhindern, sonst wird Gott eure gesamte Gemeinschaft bestrafen.“

Wenn wir die Lehren des Propheten in ihrer Gesamtheit betrachten, da sie die Frage der Gerechtigkeit auf allen Ebenen behandeln, müssen wir erkennen, dass er ein vollständiges System geschaffen hat, in dem Gerechtigkeit überall dort, wo eine muslimische Gesellschaft besteht, ein vorrangiges Ziel dieser Gesellschaft ist. Er lehrt, dass diese Gerechtigkeit allen zuteilwerden muss, die in dieser Gesellschaft leben, seien sie Muslime oder Nichtmuslime. Außerdem zeigt er, dass sie ein Leitprinzip im Umgang mit anderen Gemeinschaften und Staaten sein soll: Ungerechtigkeit darf auf keiner Ebene hingenommen werden.

So sagt Gott in einem Hadith qudsi (einer heiligen Überlieferung)3: „Meine Diener, Ich habe Mir selbst die Ungerechtigkeit verboten und sie auch euch verboten. Seid daher nicht ungerecht zueinander.“ (Überliefert von Muslim, al-Tirmidhi und Ibn Madscha.)

Gerechtigkeit wird oft durch Fürsprache zugunsten derer behindert, die Unrecht tun. Wenn der Übeltäter eine angesehene Person in der Gesellschaft ist, findet sich immer jemand, der sich nachdrücklich für ihn einsetzt. Unter einer Diktatur ist es oft leicht, die Gerechtigkeit zu vereiteln, wenn der Schuldige zur Familie, zum Kreis oder zur Partei des Diktators gehört. Selbst in freien Gesellschaften wird versucht, einflussreichen Menschen zu helfen, der Bestrafung für ihre Vergehen zu entgehen.

Der Prophet machte klar, dass die islamische Gesellschaft so etwas nicht zulässt. Zu seinen Lebzeiten wurde beispielsweise eine Frau aus der Sippe Machzum der Quraisch des Diebstahls für schuldig befunden. [A’ischa berichtet: Viele Angehörige des Stammes Quraisch waren darüber beunruhigt, dass eine so vornehme Frau bestraft werden sollte. Sie wollten jemanden zum Propheten schicken, der um ihre Begnadigung bat. Es wurde vorgeschlagen, Usama ibn Zayd, der ihm am liebsten war, solle dies tun. Usama kam dieser Bitte nach und sprach mit dem Propheten.

Der Prophet war erzürnt. Er sagte zu Usama: „Legst du Fürsprache ein, um eine von Gott vorgeschriebene Pflichtstrafe auszusetzen?“ Dann wandte er sich an die Menschen: „O Menschen, die Gemeinschaften vor euch gingen nur deshalb zugrunde, weil sie einen Vornehmen unter sich, der gestohlen hatte, unbehelligt ließen, während sie bei einem Einflusslosen, der gestohlen hatte, die Pflichtstrafe vollstreckten. Ich schwöre bei Gott, dem Allmächtigen: Wenn Fatima, meine Tochter, des Diebstahls schuldig wäre, würde ich ihr die Hand abhacken lassen.“4 (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Dieser Hadith fordert mit großem Nachdruck, dass die muslimische Gemeinschaft die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz sicherstellt. Niemand darf wegen Adel, Ehre, gesellschaftlicher Stellung oder staatlicher Position davon ausgenommen werden. Würde eine Gemeinschaft eine solche Diskriminierung zulassen, ginge sie zugrunde.

2 Hamzah war der Onkel des Propheten und ein sehr tapferer Kämpfer für die Sache des Islam. Er wurde in der Schlacht von Uhud getötet.
3 Ein Hadith qudsi ist eine von Gott stammende Aussage, die vom Propheten überliefert wurde, aber nicht Teil des Qur’an ist und nicht im Gebet rezitiert werden kann.

Eltern und Kinder

Wenn wir der vom Propheten gegründeten Gesellschaft ein Etikett geben wollten, könnten wir sie vielleicht die „Gesellschaft des Guten Tuns“ nennen. Der Islam bejaht alle universellen Werte, die die Menschheit über viele Generationen hinweg entwickelt hat. Darüber hinaus werden einige soziale Werte besonders hervorgehoben. An erster Stelle steht die Pflichterfüllung gegenüber den Eltern, selbst wenn diese Ungläubige sind.

Der Qur’an erwähnt die Güte gegenüber den Eltern häufig zusammen mit dem Glauben an die Einheit Gottes als eine der wichtigsten Pflichten, die der Mensch beachten muss. Die Qur’anverse lassen keinen Zweifel daran, dass ein Muslim seine Eltern nicht undankbar behandeln darf: „Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen und zu den Eltern gütig sein sollt. Wenn einer von ihnen oder beide bei dir das hohe Alter erreichen, dann sage nicht zu ihnen: ‚Pfui!‘ und fahre sie nicht an, sondern sprich zu ihnen ehrerbietige Worte. Und senke für sie aus Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sage: ‚Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich als kleines Kind aufgezogen haben.‘“ (17:23–24)

Sag: „Kommt her, ich will euch verlesen, was euer Herr euch verboten hat: Ihr sollt Ihm nichts beigesellen; [fügt ihnen kein Unrecht zu, sondern] seid gütig zu den Eltern …“ (6:151)

Der Prophet gab praktische Beispiele für die Bedeutung der Pflichterfüllung gegenüber den Eltern. Viele Menschen glauben, die Teilnahme an einem Feldzug des Dschihad (d. h. das Streben um Gottes willen) bringe große Belohnung von Gott. Das stimmt, muss aber richtig eingeordnet werden. Manchmal haben andere Dinge Vorrang.

[Abdullah ibn [Amr berichtet, dass ein Mann zum Propheten kam und erklärte, er wolle sich dem Propheten verpflichten und sowohl die Auswanderung als auch den Dschihad unternehmen. Er machte auch klar, dass er nur nach Gottes Lohn strebe. Der Prophet fragte ihn, ob einer seiner Eltern noch lebe. Der Mann sagte, beide lebten. Der Prophet sagte: „Du sagst also, dein Ziel sei es, Gottes Lohn zu erlangen?“ Der Mann bestätigte dies. Der Prophet sagte: „Dann kehre zu deinen Eltern zurück und kümmere dich gütig um ihre Bedürfnisse.“ (Überliefert von Muslim.) Eine andere Fassung dieses Hadith fügt hinzu, der Mann habe dem Propheten berichtet, dass seine Eltern beim Abschied beide geweint hätten, weil er auswandern wollte. Der Prophet sagte ihm, er solle zurückkehren und sie zum Lächeln bringen. (Diese Fassung wird von Abu Dawud, al-Nasa’i und Ibn Madscha überliefert.)

Wie wir gesehen haben, ist Güte gegenüber den Eltern auch dann erforderlich, wenn sie Nichtmuslime oder Ungläubige sind. Asma’ bint Abi Bakr berichtet, dass ihre Mutter noch eine Götzendienerin war, als sie sie in Madina besuchte: Ich bat den Gesandten Gottes um Rat und sagte: „Meine Mutter ist gekommen, um mich zu besuchen, und sie will den Islam nicht annehmen. Soll ich zu meiner Mutter gütig sein?“ Er sagte: „Ja, gewiss. Sei gütig zu deiner Mutter.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Der Prophet machte sogar klar, dass die Pflichterfüllung gegenüber den Eltern über ihren Tod hinausreicht. Malik ibn Rabi[ah berichtet: Ein Mann aus dem Stamm Salama fragte den Propheten, ob es nach dem Tod seiner Eltern noch etwas gebe, das er ihnen an Pflichterfüllung erweisen könne. Der Prophet sagte: „Ja: für sie zu beten; Gott um Vergebung für sie zu bitten; das zu erfüllen, was sie gelobt oder versprochen hatten; gütig zu ihren Verwandten zu sein und ihren Freunden Gutes zu tun.“ (Überliefert von [Abdullah, Ibn Madscha und Ibn Hibban.)

Es versteht sich von selbst, dass die Güte gegenüber den Verwandten und Freunden der Eltern nach deren Tod auch während ihres Lebens gilt. Die Lehren des Propheten wurden von seinen Gefährten gut verstanden. Von allen Muslimen wurde erwartet, dass sie ihre Eltern pflichtbewusst behandelten; doch dieser letzte Punkt, nämlich die Güte gegenüber deren Freunden nach ihrem Tod, ist den meisten Menschen nicht unmittelbar bewusst.

[Abdullah ibn [Umar war ein gelehrter Gefährte des Propheten. Wenn er nach Makka ging, nahm er neben seinem Kamel einen Esel mit, weil er den Esel weniger ermüdend als ein Kamel fand. Eines Tages sah er einen Beduinen. Er fragte ihn: „Bist du nicht so und so [wobei er ihn und seinen Vater nannte]?“ Der Beduine sagte: „Das bin ich.“ Er gab ihm den Esel und sagte: „Nimm ihn zum Reiten, und nimm meinen Turban, um deinen Kopf zu bedecken.“ Einige Freunde machten ihm Vorwürfe und sagten: „Möge Gott dir vergeben. Warum gibst du diesem Beduinen den Esel, wo du ihn doch für eine bequemere Reise brauchst, und den Turban, mit dem du deinen Kopf bedeckst?“ Er sagte: „Ich hörte den Gesandten Gottes sagen: ‚Zu den besten Formen der Pflichterfüllung gehört es, den Freunden des eigenen Vaters Güte zu erweisen. Der Vater dieses Beduinen war ein Freund meines Vaters.‘“ (Überliefert von Muslim.)

Die der Pflichterfüllung gegenüber den Eltern und ihrer Ausweitung auf deren Verwandte und Freunde beigemessene Bedeutung ist sehr wichtig. Wenn Eltern alt werden und Aufmerksamkeit brauchen, müssen ihre Kinder sich nach besten Kräften um sie kümmern. Die Verbindung dieser Pflichterfüllung mit dem Lohn, den wir alle von Gott im Jenseits zu erhalten hoffen, stellt sicher, dass selbst Menschen, die vielleicht nicht von sich aus gütig und pflichtbewusst sein möchten, ihr Zögern überwinden und sich dazu zwingen, das Richtige für ihre Eltern zu tun.

Eltern wiederum sind verpflichtet, für alle ihre Kinder gut zu sorgen. In der arabischen Gesellschaft waren die Menschen gewöhnlich hart. So hielt man es beispielsweise nicht für männlich, wenn ein Vater ein Kind küsste. Der Prophet betonte die Rechte der Kinder, die bereits mit der Wahl eines guten Namens für jedes Kind beginnen. Ebenso bestätigte er, wie wichtig es ist, die Bedürfnisse eines Kindes zu erfüllen, da kleine Kinder nicht für sich selbst sorgen können.

Güte ist Söhnen und Töchtern gleichermaßen zu erweisen. Wenn überhaupt, legte der Prophet größeren Nachdruck auf die Rechte der Mädchen, weil die Geburt eines Mädchens in Arabien oft mit Niedergeschlagenheit aufgenommen wurde. Viele Araber begruben ihre Töchter lebendig, weil sie Armut fürchteten, da Mädchen gewöhnlich ihren Lebensunterhalt nicht selbst verdienen konnten. Daher war der Prophet gegenüber Frauen im Allgemeinen sehr gütig, gegenüber jungen Mädchen jedoch noch gütiger, insbesondere gegenüber solchen, die sich in einer schwächeren Lage befanden.

Es versteht sich von selbst, dass der Islam die Tötung von Kindern aus jedem Grund verbietet. Der Prophet sagte: „Es genügt als Sünde für einen Menschen, diejenigen, die seiner Obhut anvertraut sind, zugrunde gehen zu lassen.“ (Überliefert von Abu Dawud.)

Al-Wadin berichtet: Ein Mann sagte zum Propheten: „Gesandter Gottes, vor dem Islam lebten wir in Unwissenheit: Wir beteten Statuen an und töteten unsere Kinder. Ich hatte eine Tochter. Sie war ein gutes Kind und antwortete mir freudig, wenn ich sie rief. Eines Tages rief ich sie zu mir, und sie folgte mir. Ich war nahe bei einem Brunnen, der nicht weit von unserem Wohngebiet entfernt war. Ich nahm sie an der Hand und warf sie in den Brunnen. Das Letzte, was ich von ihr hörte, waren ihre Rufe: ‚Vater! Vater!‘“

Die Augen des Propheten waren voller Tränen, und die Tränen liefen über sein Gesicht. Ein Mann, der beim Propheten saß, sagte zu dem Sprecher: „Du hast den Gesandten Gottes traurig gemacht.“ Der Prophet sagte zu diesem Mann: „Lass ihn. Er fragt nach etwas, das ihn beunruhigt.“ Dann sagte er zu dem ersten Mann: „Wiederhole, was du mir erzählt hast.“ Der Mann wiederholte seine Geschichte mit seiner Tochter, und der Prophet weinte erneut, bis sein Bart von Tränen nass war. Dann sagte er zu dem Mann: „Gott hat den Menschen vergeben, was sie vor der Annahme des Islam getan haben. Du darfst dein gutes Werk wieder aufnehmen.“ (Überliefert von al-Darimi.)

Dies war kein Einzelfall eines allzu harten Mannes. Aus der Tatsache, dass er den Fall dem Propheten vortrug und fragte, wie Gott ihn für seine Tat zur Rechenschaft ziehen werde, sowie daraus, dass er den Fall so lebhaft schildern und sich an seine Tochter und ihre Bitten erinnern konnte, scheint hervorzugehen, dass er nicht von Natur aus so war. Der Druck der Gesellschaft und der Traditionen bringt Menschen dazu, etwas zu tun, das nicht unbedingt ihre bevorzugte Handlungsweise ist. In diesem Fall wollte er sie vielleicht retten, doch das hätte ihm lebenslang ein schreckliches Stigma eingebracht. Eine solche Entscheidung hätte ihn und seine Familie betroffen und sie als allzu weichherzig gebrandmarkt.

Der Islam änderte all dies und begründete das Prinzip der Gleichbehandlung aller Söhne und Töchter. Ihnen müssen dieselben Rechte auf Fürsorge, gute Erziehung, Bildung und Geschenke gewährt werden.

Al-Nu[man ibn Baschir berichtet, dass sein Vater ihm einen Sklaven geschenkt hatte. Seine Mutter sagte jedoch zu ihrem Mann, sie werde dem Geschenk nicht zustimmen, solange er den Propheten nicht bitte, es zu bezeugen. Der Vater nahm seinen Sohn mit zum Propheten und erzählte ihm von dem Geschenk. Der Prophet fragte ihn, ob er jedem seiner Kinder ein gleichartiges Geschenk gemacht habe. Baschir sagte, dass er dies nicht getan habe. Der Prophet sagte ihm, er solle das Geschenk zurücknehmen, und fügte hinzu: „Fürchte Gott und wahre die Gerechtigkeit zwischen deinen Kindern.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Eine andere, von Muslim überlieferte Fassung fügt hinzu, dass der Prophet zu Baschir sagte, als dieser bestätigte, dass das Geschenk nur für eines seiner Kinder bestimmt war: „Dann bitte mich nicht, es zu bezeugen. Ich bezeuge keine Ungerechtigkeit.“

Die Gerechtigkeit des Islam zeigt sich in der Praxis, wenn wir das islamische Erbsystem und den Umgang mit den Kindern betrachten. Dieses System bestimmt die Erben für alle möglichen Situationen. Niemand darf durch ein Testament über mehr als ein Drittel seines Vermögens verfügen. Ein solches Testament wird, wenn es überhaupt errichtet wird, zugunsten von Verwandten gemacht, die keine Erben sind, oder für wohltätige Zwecke. Die Erben erhalten ihre Anteile gemäß dem System, und niemand kann einem Erben aus irgendeinem Grund das Erbe entziehen.

Kinder erben nach diesem System, das die unterschiedlichen finanziellen Verantwortlichkeiten von Söhnen und Töchtern berücksichtigt und den Söhnen mehr gibt, damit sie diese Verantwortlichkeiten erfüllen können. Sollte ein Vater sterben, während seine Frau schwanger ist, erbt das ungeborene Kind gemeinsam mit seinen Geschwistern.

Der Prophet kümmerte sich stets um die Schwachen und Schutzbedürftigen. Frauen und Waisen erhielten immer seine Unterstützung, weil sie in der damaligen Gesellschaft besonders gefährdet waren. Er sagte: „Bei Gott, es ist sündhaft, die Rechte der beiden schwachen Gruppen zu verweigern: der Frauen und der Waisen.“ (Überliefert von Ahmad, al-Nasa’i, Ibn Madscha und al-Hakim.)

Der Islam arbeitet mit den beiden Elementen, die die menschliche Natur ansprechen: Belohnung und Bestrafung. Die letzte Aussage des Propheten macht klar, dass jede Verweigerung der Rechte von Frauen oder Waisen sündhaft ist und Gottes Strafe nach sich zieht. Die Belohnung für die Fürsorge gegenüber jungen Mädchen wird allen deutlich vor Augen geführt, damit niemand bedauert, Töchter statt Söhne zu haben. Der Prophet sagte: „Gott wird gewiss jeden Vater zweier Töchter ins Paradies eintreten lassen, wenn er gütig zu ihnen ist, solange sie bei ihm sind.“ (Überliefert von Ahmad, Ibn Madscha, al-Hakim und al-Bayhaqi.)

Alle Verwandten und Nachbarn

Diese Lehren stellen sicher, dass jeder in der Familie gut behandelt wird. Es ist nicht überraschend, dass jede muslimische Gesellschaft mit eng verbundenen Familien gesegnet ist. Der Prophet betrachtete jedoch das größere Ganze und betonte, wie wichtig es ist, gute Beziehungen zu allen Verwandten zu pflegen.

Abu Huraira überliefert, dass der Prophet sagte: „Wer sich wünscht, dass seine Versorgung vermehrt und sein Leben verlängert wird, soll seine Verwandten gut behandeln.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) In diesem Hadith stellt der Prophet uns zwei Dinge vor Augen, die jeder Mensch gern besitzt: einen besseren Lebensstandard und ein längeres Leben. Dies ist die Belohnung, die Gott den Menschen gewährt, die ihre Verwandten gut behandeln.

Es ist bemerkenswert, dass der Prophet den arabischen Ausdruck rahim für Verwandte verwendet. Dieses Wort umfasst alle Verwandten, hat aber eine stärkere Bedeutung, wenn es sich auf weibliche Verwandte jeden Alters bezieht.

In einer anderen Aussage definiert der Prophet die Art der Güte, die Muslime ihren Verwandten erweisen sollen: Es geht nicht darum, das zu erwidern, was unsere Verwandten uns tun, sondern vielmehr darum, zu denen gütig zu sein, die uns nicht gütig behandeln. [Abdullah ibn [Amr berichtet: „Ich hörte den Gesandten Gottes sagen: ‚Güte gegenüber Verwandten besteht nicht darin, ihre Güte zu erwidern. Sie besteht darin, zu den Verwandten gütig zu sein, die sich abwenden.‘“ (Überliefert von al-Buchari.)

Ein anderer Hadith erläutert diese Eigenschaft, trotz ihrer unfreundlichen Haltung gütig zu den Verwandten zu bleiben. Abu Huraira berichtet: Ein Mann kam zum Propheten und sagte: „Gesandter Gottes, ich habe Verwandte, deren Verbindung zu mir ich pflege, doch sie brechen den Kontakt zu mir ab. Ich bin gütig zu ihnen, aber sie sind nicht gütig zu mir. Sie behandeln mich grob, und ich ertrage es.“ Der Prophet sagte: „Wenn das, was du sagst, wahr ist, ist es, als würdest du sie glühende Asche essen lassen. Solange du an deiner Haltung ihnen gegenüber festhältst, wirst du Gottes Unterstützung gegen sie haben.“ (Überliefert von Muslim, Ahmad und al-Buchari in Al-Adab Al-Mufrad.)

Der Prophet war darauf bedacht, dieses Verständnis unter seinen Gefährten zu verbreiten. Er brachte seine Bedeutung auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. So berichtet [Uqbah ibn [Amir, dass er den Propheten einmal traf und dieser zu ihm sagte: „Pflege die Verbindung zu denen, die den Kontakt zu dir abbrechen; sei großzügig zu denen, die dir nichts geben; und vergib denen, die dir Unrecht tun.“ (Überliefert von al-Buchari in Al-Adab Al-Mufrad.)

Der Prophet war darauf bedacht, gute Beziehungen in jeder Nachbarschaft der muslimischen Gesellschaft zu fördern. Daher hob er die Rechte der Nachbarn hervor, damit alle Muslime sie kannten. Nachbarn haben Anspruch auf freundliche und gütige Behandlung sowie darauf, dass ihre Interessen respektiert werden. Darüber hinaus ist alles, was Gott gegenüber anderen Menschen verboten hat, im Fall von Nachbarn noch strenger verboten.

Der Prophet betonte bei jeder Gelegenheit die Rechte der Nachbarn. Er verwendete auch verschiedene Formen des Nachdrucks, um seine Aussage einzuprägen. Einmal wiederholte er dreimal einen Schwur: „Bei Gott, er ist kein Gläubiger! Bei Gott, er ist kein Gläubiger! Bei Gott, er ist kein Gläubiger …“ Seine Zuhörer fragten: „Wen meinst du, Gesandter Gottes?“ Er sagte: „Denjenigen, dessen Nachbar vor seinen schädlichen Handlungen nicht sicher ist.“ (Überliefert von al-Buchari und Ahmad.)

Die Gefährten des Propheten verstanden seine Lehren zu Recht so, dass sie alle Nachbarn umfassten, unabhängig davon, ob sie Muslime waren. [Abdullah ibn [Amr war einer der gelehrten Gefährten des Propheten und überlieferte zahlreiche seiner Aussagen. Einmal ließ seine Familie ein Schaf zum Essen schlachten. Als er nach Hause kam, fragte er seine Familie wiederholt: „Habt ihr unserem jüdischen Nachbarn etwas Fleisch geschickt?“ Dann erklärte er: „Ich hörte den Gesandten Gottes sagen: ‚Gabriel [der Engel] drängte mich fortwährend, die Nachbarn gut zu behandeln, sodass ich meinte, die Nachbarn würden zu den Erben eines Menschen gehören.‘“ (Überliefert von Abu Dawud und al-Tirmidhi.)

Diese letzte Aussage des Propheten wird auch von al-Buchari und Muslim über eine andere Überlieferungskette überliefert, die bei [A’ischa, der Ehefrau des Propheten, endet.

Der Prophet wollte, dass Nachbarn eng miteinander verbunden waren. Daher empfahl er, dass sie stets Geschenke austauschen sollten, denn selbst eine kleine Freundlichkeit trägt viel zur Pflege guter Beziehungen bei. Er schlug vor, dass solche Geschenke etwa in einer Schüssel mit selbst zubereitetem Essen bestehen könnten. Er sagte: „Geringschätzt keine noch so kleine gute Tat. Wenn ihr nichts anzubieten habt, dann begegnet eurem Bruder mit einem fröhlichen Gesicht. Wenn ihr Fleisch kauft oder etwas kocht, vermehrt die Brühe und gebt eurem Nachbarn etwas davon.“ (Überliefert von al-Tirmidhi und Ibn Hibban.)

Umgekehrt betrachtete er jedes Vergehen gegen Nachbarn als schweres Unrecht. So berichtet [Abdullah ibn Mas[ud: Ich fragte den Propheten, welche Sünde vor Gott die schwerste sei. Er sagte: „Gott einen Gleichgestellten beizugesellen, obwohl Er es ist, der dich erschaffen hat.“ Ich sagte: „Das ist wahrlich schwerwiegend. Welche ist die nächstschwerste?“ Er sagte: „Dein Kind aus Angst zu töten, es ernähren zu müssen.“ Ich fragte: „Und welche kommt danach?“ Er sagte: „Mit der Frau deines Nachbarn Ehebruch zu begehen.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Ehebruch gilt im Islam als sehr schwere Sünde; ihn jedoch mit der Frau eines Nachbarn zu begehen, fügt eine besonders schwerwiegende Dimension hinzu, nämlich die Zerstörung der Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft. Daher hob der Prophet dieses und ähnliche Vergehen gegen Nachbarn besonders hervor.

Al-Miqdad ibn al-Aswad berichtet: Der Prophet fragte seine Gefährten, was sie über Ehebruch dächten. Sie antworteten: „Er ist von Gott und Seinem Gesandten verboten. Er bleibt bis zum Tag des Gerichts verboten.“ Der Prophet sagte: „Für einen Mann ist es ein geringeres Vergehen, mit zehn Frauen Ehebruch zu begehen, als mit der Frau seines Nachbarn.“ Dann fragte er sie, was sie über Diebstahl dächten. Sie sagten: „Er ist verboten, da Gott und Sein Gesandter ihn untersagt haben.“ Er sagte: „Für einen Mann ist es ein geringeres Vergehen, aus zehn Häusern zu stehlen, als von seinem Nachbarn zu stehlen.“ (Überliefert von Ahmad und al-Buchari in Al-Adab al-Mufrad.)

Der Prophet erweiterte den Kreis guter Beziehungen noch weiter, sodass er die gesamte Nachbarschaft einschloss. Die Menschen wurden ermutigt, ihre Nachbarschaft an ihren freudigen Anlässen teilhaben zu lassen; Hochzeiten und Geburten sollten von allen Nachbarn gefeiert werden. Wenn ein Mann heiratete, empfahl der Prophet nachdrücklich, dass er ein Essen veranstaltete und seine Nachbarn einlud. Ebenso wurde der Vater bei der Geburt eines Kindes aufgefordert, am siebten Tag ein Essen zu geben, ein oder zwei Schafe zu schlachten und Verwandte und Nachbarn einzuladen.

Darüber hinaus steht die gesamte muslimische Gemeinschaft als eine Einheit. Der Prophet sagte: „Die muslimische Gemeinschaft achtet die Schutzgewährung, die in ihrem Namen selbst von demjenigen ausgesprochen wird, der unter ihnen die niedrigste Stellung innehat.“ Er erwähnte dies, als seine eigene Tochter Zaynab ihrem Ehemann Abu al-[As ibn al-Rabi[, der damals noch ein Ungläubiger war, Schutz gewährt hatte. Diese Schutzgewährung war für die gesamte muslimische Gemeinschaft verbindlich.

Dies ist nur ein Aspekt des Prinzips der Gleichheit aller Menschen, das der Islam festschreibt. Der Prophet äußerte zahlreiche Warnungen davor, den Schwachen und Schutzbedürftigen ihre Rechte zu verweigern. Abu Huraira überliefert, dass der Prophet sagte: „Wer sich um eine Witwe oder einen Bedürftigen kümmert, ist wie jemand, der für Gottes Sache kämpft.“ Abu Huraira fügt hinzu: „Ich glaube, er fügte hinzu: ‚und wie jemand, der ständig freiwillige Gottesdienste verrichtet, und wie jemand, der jeden Tag fastet.‘“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

So sehen wir eine Gesellschaft, in der Verantwortung sowohl auf der Ebene des Einzelnen als auch auf der Ebene der Gemeinschaft liegt, damit jeder seine Rechte vollständig erhält. Außerdem wird gegenseitige Fürsorge geübt, sodass selbst die Schwächsten und Schutzbedürftigsten gut versorgt werden.

Der Gegensatz zwischen dieser islamischen Gesellschaft und derjenigen, die sie in Arabien ersetzte, ist äußerst deutlich. Tatsächlich steht sie im Gegensatz zu jeder menschlichen Gesellschaft, in der universelle menschliche Werte missachtet werden.

4 Die Pflichtstrafe für Diebstahl im islamischen Recht besteht im Abhacken der Hand des Diebes. Für ihre Anwendung müssen jedoch detaillierte Voraussetzungen erfüllt sein. Der Fall der Frau aus den Quraisch ereignete sich nach der Eroberung Makkas durch den Islam, zwei Jahre vor dem Tod des Propheten.

KAPITEL 13

Veränderung des Status der Frauen
Wie viele Gesellschaften – sowohl alte als auch neue – behandelte das vorislamische Arabien Frauen als Männern unterlegen. Allerdings gab es zwischen den Stämmen Unterschiede im Umgang mit Frauen. Obwohl einige Stämme Frauen respektierten, behandelten sie sie nicht als Männern gleichgestellt; insgesamt galten Frauen als minderwertig, doch das Ausmaß dieser Minderwertigkeit war unterschiedlich. Wie ich im vorherigen Kapitel erwähnt habe, wurden Mädchen manchmal aus Angst vor Armut lebendig begraben. Selbstverständlich war dies nicht das Schicksal jedes jungen Mädchens, doch galt es dennoch als eine akzeptable Praxis. Einige gutherzige Menschen versuchten, junge Mädchen vor einem solchen Schicksal zu bewahren, indem sie ihre Fürsorge übernahmen und sie aufzogen. Dennoch zeigt diese Praxis den Status der Frauen in Arabien zu Beginn der islamischen Botschaft. Frauen hatten im vorislamischen Arabien praktisch keine Rechte, es sei denn, sie waren reich. Ein Vater konnte seine Tochter verheiraten, ohne sie auch nur zu konsultieren. Sie hatten keine Erbrechte; im Gegenteil, in manchen Fällen wurde sie als Teil des Nachlasses betrachtet, den ihr verstorbener Ehemann hinterließ. In diesem Fall konnte das Oberhaupt des Haushalts sie als Ehefrau erben oder sie jedem geben, den es wollte. Auch bei Familienangelegenheiten wurden Frauen nicht konsultiert. Das vorislamische Arabien war schlechthin eine Männerwelt. Diese Auffassung von Frauen war jedoch keineswegs einzigartig für Arabien. Im Persischen Reich beispielsweise blühte der zoroastrische Glaube: In seiner späteren, als Zarvanismus bekannten Form entwickelte er das Konzept des Dualismus, wobei Ahriman der Gott des Bösen war. Frauen waren sein Mittel, um Menschen in die Irre zu führen. So wurden Frauen Teil des Reiches des Bösen … Die alten Griechen stuften Frauen als minderwertige Geschöpfe ein, deren einzige Aufgabe darin bestand, die Art fortzupflanzen und Hausarbeiten zu verrichten. Eine Frau wurde gezwungen, Geschlechtsverkehr zu haben [mit ausgewählten Männern] und Prostitution zu betreiben. Aristoteles stellte sie auf eine Stufe mit Sklaven und sagte, sie solle wie Dienstboten behandelt werden, weil sie ein minderwertiges Wesen mit schwacher Persönlichkeit und ohne eigenen Willen sei. In Platons Politeia nimmt die Frau einen sehr niedrigen Rang ein: „Der Mut des Mannes zeigt sich im Befehlen, der der Frau in der Verrichtung niedriger Pflichten …“ Das indische Gesetz des Manu sagt: „Eine Frau gehört in ihrer Kindheit ihrem Vater und in ihrer Jugend ihrem Ehemann. Stirbt ihr Ehemann, gehört sie ihren Söhnen, und wenn sie keine hat, gehört sie den männlichen Verwandten ihres Ehemanns, weil sie unter keinen Umständen sich selbst überlassen werden darf.“ Von einer Ehefrau wurde sogar erwartet, mit ihrem Ehemann zu sterben und mit seiner Leiche verbrannt zu werden. Wenn sie dem Tod entkam, war sie für alle Ewigkeit verdammt.1 Vom ersten Tag an wurde der Prophet angewiesen, dass seine Botschaft gleichermaßen an Männer und Frauen gerichtet war. Daher bemühte er sich, jedes Hindernis für die Gleichheit zu beseitigen, und sprach Männer und Frauen auf dieselbe Weise an. Tatsächlich war die erste Person, die an seine Botschaft glaubte, eine Frau: seine Ehefrau Chadidscha. Wenn wir die religiösen Pflichten betrachten, die der Islam seinen Anhängern auferlegt, stellen wir fest, dass sie gleichermaßen für Männer und Frauen gelten. Ebenso ist die Belohnung, die Gott dafür gewährt, dieselbe. Es gibt jedoch einige Unterschiede bei bestimmten Formen der Anbetung. Diese Unterschiede berücksichtigen biologische und soziale Unterschiede, beeinträchtigen aber letztlich nicht den Rang eines Menschen vor Gott. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass Frauen während ihrer Menstruation nicht verpflichtet sind, die fünf vorgeschriebenen täglichen Gebete zu verrichten, und im Ramadan nicht fasten. Sie gleichen dies aus, indem sie später im Jahr dieselbe Anzahl von Tagen fasten und dabei die Tage wählen, die ihnen passen. In allem anderen gilt der im Qur’an wiederholt dargelegte Grundsatz: „Wer rechtschaffene Werke tut, sei es ein Mann oder eine Frau, und gläubig ist, dem werden Wir ganz gewiss ein gutes Leben geben. Und Wir werden sie gewiss nach dem Besten von dem belohnen, was sie getan haben.“ (16:97) Der Islam geht davon aus, dass Männer und Frauen im menschlichen Leben unterschiedliche Rollen spielen: Frauen kümmern sich im Allgemeinen um die nächste Generation und sichern dadurch das künftige Wohlergehen der Gemeinschaft; Männer verdienen den Lebensunterhalt der Familie und kümmern sich um die Gegenwart. Da Frauen sich um ihre Kinder und Familien kümmern, sind sie nicht verpflichtet, für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Ihre Ehemänner, Eltern oder andere nahe Verwandte müssen für sie sorgen. Eine Frau, die keinen männlichen Verwandten hat, der für sie sorgt, wird vom muslimischen Staat versorgt. 1 M. H. Al-Khayyat, Al-Mar’ah al-Muslimah wa Qadaya al-Asr, Damaskus, 2008, S. 25–28.
Veränderung des Status der Frauen
Finanzielle Unabhängigkeit
Dies sind die wichtigsten Grundsätze, deren Umsetzung der Islam von seinen Anhängern verlangt. Der Prophet erläuterte die Einzelheiten und gab das beste Beispiel für ihre praktische Umsetzung. Er legte fest, dass eine Frau Geld und Eigentum verdienen und besitzen darf. Sie allein entscheidet, wie dieses Geld ausgegeben oder angelegt wird, sofern sie die Bestimmungen des islamischen Rechts einhält. Sie muss keine Ausgaben für ihre Familie tragen, denn dafür ist ihr Ehemann verantwortlich. Ihr Eigentumsrecht wird durch den Qur’an garantiert: Begehrt nicht die Vorzüge, die Gott einigen von euch reichlicher gewährt hat als anderen. Den Männern steht ein Anteil an dem zu, was sie verdienen, und den Frauen steht ein Anteil an dem zu, was sie verdienen. Bittet daher Gott um etwas von Seiner Huld. (4:32) Der Prophet machte dies seinen Gefährten durch praktische Beispiele völlig klar. Eine seiner Ehefrauen, Zaynab bint Dschahsch, „pflegte Handarbeiten anzufertigen und ihre Einnahmen für wohltätige Zwecke zu spenden“. (Überliefert von Muslim.) Der Prophet forderte Frauen auf, für wohltätige Zwecke zu spenden, „selbst wenn ihr etwas von eurem Schmuck gebt“. Nachdem eine Frau namens Zaynab dies gehört hatte, als der Prophet zu den Frauen in der Moschee sprach, ging sie später zu ihm. Sie fragte, ob sie ihre Almosen ihrem armen Ehemann und Waisen geben dürfe, um die sie sich kümmerte (diese Waisen waren ihre Verwandten). Er antwortete: „Wenn sie dies tut, erhält sie doppelten Lohn: einen dafür, dass sie Verwandten Güte erweist, und einen für ihre Spende.“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) Ebenso berichtet Dschabir ibn Abdallah, dass seine Tante mütterlicherseits geschieden worden war. Sie wollte zu ihrer Dattelplantage gehen, um die Ernte ihrer Datteln zu beaufsichtigen. Einige ihrer Angehörigen versuchten, sie daran zu hindern, weil sie sich noch in ihrer Wartezeit befand. Sie ging zum Propheten und fragte ihn, ob sie dieser Aufgabe nachgehen dürfe. Er sagte: „Ja, geh und pflücke deine Datteln. Vielleicht kannst du etwas davon für wohltätige Zwecke geben oder etwas Nützliches tun.“ (Überliefert von Muslim.) All diese Beispiele und mehrere weitere bestätigen, dass Frauen im Islam vollständige finanzielle Unabhängigkeit genießen. Die muslimische Frau hat sogar ein noch größeres Vorrecht. Ein Mann kann seine Zakat (Pflichtabgabe) nicht seiner Ehefrau geben, weil er für ihren Unterhalt verantwortlich ist; sie dagegen kann ihm ihre Zakat geben, weil sie keine solche Verantwortung trägt, selbst wenn sie wesentlich reicher ist als er.2 2 Zakat ist eine der wichtigsten Formen islamischer Anbetung und eine der fünf Säulen des Islam. Jeder Muslim, der mehr als einen bestimmten Schwellenwert besitzt (der 85 Gramm Gold entspricht), muss Zakat in Höhe von 2,5 % des Geldes entrichten, das er oder sie besitzt. Die Zakat wird an acht Gruppen von Menschen ausgezahlt, darunter die Armen, Bedürftigen und zahlungsunfähigen Schuldner. Sie ist eine jährliche Pflicht. Außerdem ist sie eine sich selbst finanzierende Einrichtung, da die mit ihrer Verwaltung Beauftragten aus ihren Einnahmen bezahlt werden. In Ermangelung einer islamischen Regierung müssen einzelne Muslime sie an ihre Berechtigten auszahlen. Da sie auf Vermögen und Einkommen erhoben wird, ist ihr Ertrag beträchtlich, und in der Geschichte gab es mehrere Beispiele dafür, dass durch sie die Armut beseitigt wurde.
In der vom Propheten geprägten Gesellschaft nahmen Frauen neben ihren männlichen Mitbürgern auch an politischen und sozialen Aktivitäten teil. Diese Beteiligung bekräftigte erneut, dass Frauen im Islam in allen Lebensbereichen Gleichheit genießen. Der Prophet legte jedoch bestimmte Werte fest, die in allen Situationen beachtet werden sollten, damit die allgemeinen islamischen Grundsätze in Kraft blieben.
Befreiung durch Gottes Anordnung
Die Befreiung der Frauen, die mit dem Aufkommen des Islam in Arabien stattfand, wurde nicht durch soziale oder wirtschaftliche Umstände notwendig. Der einzige Grund dafür war, dass Gott der Menschheit eine Botschaft geben wollte, die den Gesellschaften eine solide Grundlage bot, um das Glück des Einzelnen und der Gemeinschaft zu gewährleisten. Daher kümmerte sie sich um die Bedürfnisse von Männern und Frauen und stärkte ihre Fähigkeiten, damit jeder in einer Atmosphäre der Einheit, Ergänzung und Verbundenheit seinen Beitrag leisten konnte. Der Eckpfeiler der Beziehung zwischen den beiden Geschlechtern unter Gottes Botschaft besteht darin, dass Ehefrauen, Schwestern, Töchter und Mütter von ihren Männern in allen Situationen gut versorgt und freundlich behandelt werden müssen. Da Ehefrauen am ehesten schlecht behandelt werden, forderte der Prophet stets dazu auf, ihnen Güte entgegenzubringen. Er selbst gab allen Muslimen das beste Beispiel, dem sie folgen sollten. Er sagte: „Die Besten unter euch sind diejenigen, die am besten zu ihren Ehefrauen sind. Und ich bin der Beste von euch zu meinen Ehefrauen.“ Diese kurze Aussage enthält im ersten Satz einen Grundsatz und im zweiten ein praktisches Beispiel. Wir müssen daran denken, dass Muslime verpflichtet sind, dem vom Propheten gegebenen Beispiel in allen Angelegenheiten zu folgen. Er war niemals unfreundlich zu einer Frau. Einmal wurde er von einer Dienerin erzürnt, die etwas völlig Unzulässiges getan hatte. In der arabischen Gesellschaft hätte diese Dienerin eine harte Strafe erwarten können. Der Prophet sagte zu ihr nur: „Wenn ich nicht Gott fürchten würde, hätte ich dich mit dieser Zahnbürste bestraft.“ (Überliefert von Muslim.) Selbstverständlich kann das Schlagen eines Menschen mit einer Zahnbürste nichts weiter als leichte Schmerzen verursachen. Doch selbst dies war für den Propheten unzulässig. Trotz allem, was wir über den Status der Frauen im Islam gesagt haben, neigen die Menschen dazu zu denken, dass der Islam Frauen einen niedrigeren Status als Männern gibt. Die Kritik konzentriert sich häufig auf bestimmte Bereiche: die Erlaubnis, eine widerspenstige Ehefrau zu schlagen, Polygamie, ungleiche Erbanteile und die Zeugenaussage vor Gericht. Wir werden alle vier Bereiche im Folgenden kurz erörtern, um die wahre islamische Haltung und die Anleitung des Propheten zu verdeutlichen.
Das Schlagen der Ehefrau
Viele authentische Aussagen des Propheten machen deutlich, dass er die Vorstellung, seine Ehefrau zu schlagen, zutiefst verabscheute. Mehr als einmal hob er die äußerst abstoßende Situation hervor, zu der ein solches Schlagen führt: „Kann etwa einer von euch seine Ehefrau schlagen, wie er einen Sklaven schlagen würde, und dann am Abend mit ihr schlafen?“ (Überliefert von al-Buchari und Muslim.) Er sagte zu seinen Gefährten: „Die Guten unter euch greifen nicht darauf zurück, ihre Ehefrauen zu schlagen.“ Dies ist eine klare Aussage, die ein solches Schlagen dem guten Charakter widersprechen lässt. Da der Islam darauf hinwirkt, das Beste im Menschen hervorzubringen, versteht es sich von selbst, dass das Schlagen der eigenen Ehefrau dem widerspricht, was der Islam fördert. Dennoch wird die Erlaubnis, seine Ehefrau zu schlagen, im Qur’an erwähnt. Daher müssen wir dies in seinem Zusammenhang untersuchen und versuchen, es im Licht der Anleitung des Propheten zu verstehen. Der einzige Qur’anvers, der dies erwähnt, lautet: Die Männer sollen für die Frauen vollständig sorgen mit den Gaben, durch die Gott die einen von ihnen vor den anderen ausgezeichnet hat, und mit dem, was sie von ihrem Vermögen ausgeben. Die rechtschaffenen Frauen sind demütig ergeben und hüten die Intimität, die Gott zu hüten angeordnet hat. Was diejenigen Frauen betrifft, von denen ihr befürchtet, dass sie sich auflehnen, so ermahnt sie zuerst; dann meidet sie im Bett; dann schlagt sie. Wenn sie euch daraufhin gehorchen, sucht keinen Vorwand gegen sie. Gott ist wahrlich Erhaben und Groß. (4:34) Aus diesem Vers geht klar hervor, dass es die Pflicht der Männer ist, vollständig für die Frauen zu sorgen, indem sie für sie aufkommen und sie freundlich behandeln. Der Vers lobt außerdem rechtschaffene Frauen und ihr Verhalten. Dann behandelt er die ernste Situation der Auflehnung und nennt drei Methoden, damit umzugehen. Das Vorgehen ist schrittweise, was bedeutet, dass die erste Methode, die Ermahnung, in allen Fällen anzuwenden ist. Erst wenn sie völlig erfolglos bleibt und die Auflehnung anhält, wird die zweite Methode angewandt, nämlich die Frau im Bett zu meiden. Die dritte Methode, die körperliche Züchtigung, ist nur zulässig, wenn diese zweite Methode eindeutig gescheitert ist.
Hier stellen sich zwei Fragen: 1) Gibt es eine klare Aussage darüber, in welcher Art von Situation diese dritte Methode angewandt werden kann? 2) Welcher Grad an Härte oder Milde darf dabei ausgeübt werden? Zur Beantwortung beider Fragen können wir Asads Fußnote zu dem genannten Vers anführen: [Der Prophet] verbot das Schlagen jeder Frau mit den Worten: „Schlagt niemals die Dienerinnen Gottes.“ (Abu Dawud, al-Nasa’i, Ibn Madscha, Ibn Hibban und Hakim.) Dies ist ein klares Verbot, irgendeine Frau zu schlagen. Als der obige Qur’anvers offenbart wurde, der das Schlagen einer widerspenstigen Ehefrau erlaubte, soll der Prophet gesagt haben: „Ich wollte eine Sache, doch Gott hat eine andere gewollt – und was Gott gewollt hat, muss das Beste sein“ (siehe Manar V, 74). Dennoch legte er in seiner Predigt anlässlich der Abschiedswallfahrt, kurz vor seinem Tod, fest, dass das Schlagen nur angewandt werden dürfe, wenn die Ehefrau „offenkundig eines unmoralischen Verhaltens schuldig geworden ist“, und dass es so erfolgen müsse, „dass es keinen Schmerz verursacht (ghayr mubarrih)“; authentische Überlieferungen hierzu finden sich bei Muslim, al-Tirmidhi, Abu Dawud, al-Nasa’i und Ibn Madscha. Aufgrund dieser Überlieferungen betonen alle Autoritäten, dass dieses „Schlagen“, wenn überhaupt darauf zurückgegriffen wird, mehr oder weniger symbolisch sein sollte – „mit einer Zahnbürste oder etwas Ähnlichem“ (Tabari, der die Ansichten der Gelehrten der frühesten Zeit anführt) oder sogar mit einem zusammengefalteten Taschentuch (Razi); einige der bedeutendsten muslimischen Gelehrten (z. B. al-Schafi‘i) sind der Ansicht, dass es gerade noch zulässig sei und vorzugsweise vermieden werden sollte; sie begründen diese Ansicht mit den persönlichen Gefühlen des Propheten zu diesem Problem.3
Mehr als eine Ehefrau
Polygamie war in den meisten Gesellschaften lange Zeit erlaubt. Auch in christlichen Gesellschaften war Polygamie in ihrer frühen Zeit erlaubt, wurde jedoch später von der Kirche verboten. Der Islam erlaubt Polygamie, begrenzt einen Ehemann jedoch auf höchstens vier Ehefrauen gleichzeitig. Der Islam schreibt außerdem vor, dass ein Ehemann seine Ehefrauen in allen Situationen gleich behandeln muss: Er darf eine von ihnen in keiner Sache bevorzugen, die er den anderen vorenthält. Zudem muss er seine Nächte gleichmäßig auf seine Ehefrauen verteilen. Der Prophet besuchte jede seiner Ehefrauen jeden Nachmittag, verbrachte die Nacht jedoch bei der Ehefrau, die an der Reihe war. Der Islam betont, dass ein Mann, der befürchtet, seine Ehefrauen möglicherweise nicht gerecht behandeln zu können, nicht mehr als eine heiraten darf. Im Qur’an heißt es: „Heiratet andere Frauen, die euch gut erscheinen, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber fürchtet, sie nicht gerecht behandeln zu können, dann nur eine.“ (4:3) Somit erlaubt der Islam einem Mann, mehr als eine Ehefrau zu heiraten, stellt aber die strenge Bedingung einer gerechten Behandlung. Dies gilt für alles, einschließlich Wohnung, Lebensstandard, Geschenke und Erbschaft. Der Islam betrachtet Polygamie als die angemessene Lösung für verschiedene gesellschaftliche Situationen und errichtet zugleich einen strengen Sittenkodex. Daher regelt er die Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern und macht jeden Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe zu einer schweren Sünde. Da es unterschiedliche Fälle geben kann, in denen die häusliche Situation eine weitere Frau erfordert, die sich um die Familie kümmert, möchte der Islam, dass sie eine rechtmäßige Ehefrau ist. Dies ist sowohl für sie besser, weil es ihre Rechte garantiert, als auch für ihre Kinder, die die Geschwister der Kinder ihres Vaters aus seiner anderen Ehe oder seinen anderen Ehen sein werden. Ihre Rechte auf Bildung, Erziehung, Unterhalt und Erbschaft sind gleichermaßen garantiert. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen, dass eine Ehefrau in den meisten Fällen die beste Lösung ist. Gesellschaften, die die Ehe auf eine einzige Ehefrau beschränkt haben, konnten für mehrere Arten von Problemen, die schwerwiegende Auswirkungen auf den Fortbestand der Ehe haben könnten, keine Lösung finden. Im Allgemeinen mussten sie entweder über unerlaubte Beziehungen hinwegsehen oder – wie in den heutigen nichtmuslimischen Gesellschaften – eine freizügige Haltung einnehmen, die außereheliche sexuelle Beziehungen erlaubt. Die Auswirkungen davon sind für Familien, insbesondere für kleine Kinder, oft sehr schwerwiegend.
Das Erbrecht der Frauen
Obwohl der Islam Männer und Frauen als gleich behandelt, gibt es Unterschiede in bestimmten Bestimmungen des islamischen Rechts. Menschen führen diese häufig als Beleg für ihre Behauptung an, der Islam betrachte Frauen als minderwertig. Leider betrachten diese Kritiker nicht das vollständige Bild. Wann immer das islamische Recht besondere Bestimmungen für Frauen vorsieht, kommt der Vorteil den Frauen zugute. Die besten Beispiele dafür sind Erbschaft und Zeugenaussage vor Gericht. Das islamische Erbsystem definiert eine direkte Linie von Erben und behandelt Ehepartner, Eltern und Kinder als Erben ersten Grades. Wenn der Verstorbene diese Personen hinterlässt, erbt niemand sonst etwas. Das System legt bestimmte Anteile für Ehepartner und Eltern fest, die je nach Vorhandensein oder Fehlen anderer Erben unterschiedlich sind. Beispielsweise beträgt der Anteil der Eltern am Nachlass ihres Sohnes ein Sechstel, wenn er Kinder hat. Hat er keine Kinder, erhält der Vater zwei Drittel und die Mutter ein Drittel. Dieser Unterschied beruht darauf, dass der Vater für die Ehefrau des Verstorbenen, also seine Mutter, sorgen und all ihre Bedürfnisse erfüllen muss. Ebenso erhält die Ehefrau des Verstorbenen ein Viertel des Nachlasses, wenn er keine Kinder hatte; bei vorhandenen Kindern sinkt ihr Anteil auf ein Achtel. Der Grund für diesen Unterschied besteht darin, dass ihre Kinder für die Erfüllung all ihrer Bedürfnisse verantwortlich sind. Die Kinder erhalten, was übrig bleibt, nachdem die Ehefrau und die Eltern ihre Anteile erhalten haben. Söhne erhalten doppelt so viel wie Töchter. Dieser Unterschied veranlasst Menschen zu behaupten, der Islam diskriminiere Frauen. Auch hier beruht der Unterschied zwischen den Anteilen von Söhnen und Töchtern auf den finanziellen Verantwortlichkeiten jedes Einzelnen. Solche Unterschiede bei den Anteilen von Männern und Frauen gelten nicht in allen Erbfällen. Das islamische Erbsystem ist sehr ausgearbeitet und lässt keinen Raum für Streitigkeiten zwischen Erben und Verwandten, weil der Anteil jedes Erben von Gott festgelegt und im Qur’an genannt wird. Dieses System beruht auf Gerechtigkeit, doch diese Gerechtigkeit arbeitet nicht mit starren Zahlen; sie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der die finanziellen Verantwortlichkeiten jedes einzelnen Erben berücksichtigt. Sein leitender Grundsatz lautet, dass wir nichts von dem besitzen, was wir haben, denn alles gehört Gott, der es uns gewährt. Wenn wir sterben, kehrt es zu Gott zurück, der es nach diesem System verteilt, das eine ausgearbeitete Aufteilung mit Gerechtigkeit für alle verbindet.
Zeugenaussage vor Gericht
Was die Zeugenaussage vor Gericht betrifft, enthält der Qur’anvers über die Bestimmungen für Darlehensgeschäfte und Handelsbeziehungen folgende Aussage: Ruft zwei Männer von euch als Zeugen auf. Wenn aber zwei Männer nicht vorhanden sind, dann einen Mann und zwei Frauen, die ihr als Zeugen akzeptiert, damit die eine, falls sie sich irrt, von der anderen erinnert wird. (2:282) Dies hat zu Kritik am islamischen System geführt, die auf der Anschuldigung beruht, der Islam diskriminiere Frauen in diesem Fall. Ein solcher Aufschrei beruht jedoch auf einem Missverständnis der islamischen Bestimmung, die in Wirklichkeit den Frauen zugutekommt. Das islamische Recht wurde für die Umsetzung in einer islamischen Gesellschaft entworfen, in der ein Mann für den Unterhalt seiner weiblichen Angehörigen verantwortlich ist. Daher entscheiden sich die meisten muslimischen Frauen dafür, Hausfrauen zu sein: Sie kümmern sich um ihre Kinder und gestalten die Zukunft ihrer Gemeinschaft. Einige Frauen arbeiten weiterhin und können im Handel oder in allen möglichen anderen Bereichen tätig sein.
Die Rechtsexperten erklären, dass die praktische Anwendung dieser Bestimmung nicht bedeutet, dass zwei Frauen einem Mann gleichgestellt werden. Im Gegenteil: Die Bestimmung gewährt Frauen ein Vorrecht, das männliche Zeugen nicht genießen. In seinem Buch Die Frau im Islam schreibt Ahmad Zaki Yamani: Dr. Muhammad Salim al-Awa erwähnt die praktische Umsetzung der Bestimmung, die anstelle eines Mannes zwei weibliche Zeugen verlangt. Ihm zufolge ist die dem Propheten zugeschriebene Aussage, die Zeugenaussage einer Frau sei halb so viel wert wie die eines Mannes, bildlich gemeint. Das in islamischen Gerichten im Laufe der Geschichte des islamischen Rechts angewandte Verfahren besteht darin, dass der Richter, wenn zwei weibliche Zeugen eintreten, sie fragt, welche von ihnen die Zeugin und welche diejenige ist, die sie erinnern soll. Jede nennt ihre Rolle. Der Richter weist dann die Zeugin an, den Zeugenstand einzunehmen, und die andere Frau, hinter ihr an einer Stelle zu stehen, an der der Richter sie sehen kann, die Zeugin jedoch nicht. Außerdem weist er die Frau, die als Erinnernde fungiert, an, ihm mit der Hand ein Zeichen zu geben, wenn sie etwas sagen möchte. Der Richter hört sich dann die Aussage der Zeugin vollständig an. Wenn die andere Frau ihm ein Zeichen gegeben hat, fordert er sie auf zu sagen, was sie zu sagen hat. Sollte er feststellen, dass dies den Inhalt der Aussage betrifft, ordnet er an, dass es in das Protokoll der Gerichtsverhandlung aufgenommen wird. Dann fragt er die Zeugin, ob sie es als richtig anerkennt. Wenn sie zustimmt und die beiden Frauen sich einig sind, gibt es kein Problem. Wenn sie sich unterscheiden und die Zeugin darauf besteht, dass ihre Version richtig ist, entscheidet der Richter zwischen beiden und übernimmt, was er für richtig hält. Das bedeutet, dass wir tatsächlich eine weibliche Zeugin haben, deren Aussage so bestehen bleiben kann, wobei die erinnernde Zeugin nichts zu sagen hat; oder aber sie erinnert die andere Frau an bestimmte Dinge, und beide stimmen den Tatsachen zu. Dr. al-Awa erklärt, dass die weibliche Zeugin gegenüber dem männlichen Zeugen ein Vorrecht besitzt. Dieses Vorrecht besteht darin, dass sie jemanden mitbringen kann, der sie an Tatsachen erinnert, die sie möglicherweise übersehen hat. Das Gericht akzeptiert dann, worin die beiden Frauen übereinstimmen, und dies wird zur Grundlage der Entscheidung im betreffenden Fall. Ein männlicher Zeuge, der bestimmte Tatsachen vergisst, besitzt dieses Vorrecht nicht. Seine Aussage wird zurückgewiesen. Nach al-Awa hat das islamische Recht der weiblichen Zeugin dieses Vorrecht gewährt und seine Anwendung festgelegt. Der Qur’antext bezieht sich auf eine im Voraus vorbereitete Zeugenaussage, die sich auf durch Dokumente belegte Rechte bezieht, nicht auf eine Zeugenaussage über Ereignisse. Letztere wird durch die Aussagen von Menschen belegt, die zum Zeitpunkt und am Ort des Ereignisses anwesend waren. Wenn Gelehrte daher die Regelung für Zeugenaussagen über die Handlungen von Menschen auch auf Zeugenaussagen über Ereignisse angewandt haben, haben sie ihren wissenschaftlichen Ermessensspielraum, den Ijtihad, tatsächlich so ausgeübt, dass Frauen ein Vorrecht erhalten, das Männer nicht genießen. Dadurch wird ihre rechtliche oder soziale Stellung in keiner Weise herabgesetzt. Zu diesem Punkt wird Imam Ibn Taymiyya mit den Worten zitiert: „Der Qur’an erwähnt weder die beiden Zeugen noch den einen Mann und die zwei weiblichen Zeugen als Beweise für die Entscheidung eines Falles. Diese beiden Beweismethoden werden als Mittel zum Schutz der eigenen Rechte erwähnt. Was das eigene Recht beweist, unterscheidet sich völlig von einem Urteil, das ein Richter fällt. Die Mittel, zu einem solchen Urteil zu gelangen, sind viel umfassender als die Aussage einer bestimmten Anzahl von Zeugen.“4
Teilnahme am öffentlichen Leben
Die erste Generation der Muslime, also die Menschen, die den Islam unmittelbar vom Propheten lernten und ihn in ihrem Leben umzusetzen begannen, erkannte die große Veränderung des Status der Frauen, die der Islam herbeigeführt hatte. Sie waren froh, nach den neuen Maßstäben des Islam zu leben. Zahlreiche Berichte vermitteln ein vollständiges Bild von der Beteiligung der Frauen an allen Lebensbereichen, einschließlich militärischer Feldzüge. Der Prophet gab ihnen das praktische Beispiel: Wann immer er an der Spitze einer militärischen oder friedlichen Expedition reiste, loste er unter seinen Ehefrauen aus und nahm die Gewinnerin mit. Während viele Frauen an Unterstützungsdiensten teilnahmen, etwa an der Versorgung der Verwundeten und der Wasserversorgung der Kämpfer, beteiligten sich einige von ihnen, darunter Nasiba bint Kaab, tatsächlich an den Kämpfen. Während des Marsches kann Zeit für etwas Sport sein. Aischa berichtet: Ich begleitete den Gesandten Gottes auf einem seiner Feldzüge. Ich war noch jung und schlank. Eines Tages sagte er den Leuten, sie sollten vorausgehen. Als sie dies taten, sagte er zu mir: „Komm und lauf mit mir um die Wette.“ Wir liefen um die Wette, und ich gewann. Er schwieg. Später, nachdem ich zugenommen und das Ereignis vergessen hatte, reiste ich mit ihm auf einem anderen Feldzug. Wieder sagte er den Leuten, sie sollten vorausgehen, und sie taten es. Er sagte zu mir: „Komm, lass uns um die Wette laufen.“ Wir liefen, und er gewann. Er lachte und sagte: „Jetzt steht es unentschieden.“ (Überliefert von Ahmad, Abu Dawud, Ibn Madscha und Ibn Hibban.) Eine solche Beteiligung am öffentlichen Leben ermutigte Frauen, ihre neue Stellung voll auszuschöpfen. Sie waren bereit, öffentlich Dinge anzusprechen, die muslimische Frauen normalerweise zu schüchtern sind zu diskutieren. Asma bint Yazid berichtet: Wir waren beim Gesandten Gottes, als Männer und Frauen zusammensaßen. Er sagte zu uns: „Darf irgendeiner von euch anderen erzählen, was er mit seiner Ehefrau tut, und darf irgendeine Frau von euch erzählen, was sie mit ihrem Ehemann tut?“ Alle schwiegen. Ich sagte: „Doch, Gesandter Gottes. Bei Gott, manche Frauen tun es und manche Männer tun es.“ Er sagte: „Tut das nicht. Das ist so, als würden männliche und weibliche Teufel öffentlich miteinander verkehren.“ (Überliefert von Ahmad.) Der Prophet setzte damit Maßstäbe des Anstands. Er meinte, dass Männer mit Männern und Frauen mit anderen Frauen über ihre sexuellen Gewohnheiten und Praktiken sprechen. Er wollte, dass dieses Gespräch in privaten Räumen und nur zwischen Ehemann und Ehefrau geführt wurde; es sollte niemals Gegenstand gesellschaftlicher Unterhaltung sein. Bedeutender an diesem Hadith ist jedoch, dass eine Frau sich in gemischter Gesellschaft zu Wort meldete und bestätigte, was der Prophet vermutet hatte. Niemand machte ihr dies zum Vorwurf. Dazu gehörte ein Maß an Mut, das vielleicht keine Frau in vorislamischer Zeit hätte aufbringen können. Asma besaß diesen Mut und konnte sich gut ausdrücken. Wie in Kapitel 5 erwähnt, war sie die Sprecherin der Frauen und fragte den Propheten oft nach dem Status der Frauen im Vergleich zu Männern. Es ist nützlich, zu wiederholen, was sie bei jener Gelegenheit zum Propheten sagte: „Gesandter Gottes, ich spreche im Namen einer Gruppe muslimischer Frauen, die alle meine Ansicht teilen. Gott hat dich als Gesandten zu Männern und Frauen gesandt. Wir glaubten an dich und folgten dir. Wir Frauen bleiben jedoch zu Hause und sind Hausfrauen. Wir befriedigen die Wünsche der Männer und gebären ihre Kinder. Männer haben das Vorrecht, am Freitagsgebet und an Beerdigungen teilzunehmen sowie an Dschihad-Expeditionen mitzuwirken. Wenn sie auf eine solche Expedition gehen, kümmern wir uns um ihren Besitz und ihre Kinder. Erhalten wir dafür, Gesandter Gottes, einen Anteil an ihrer Belohnung?“ Der Prophet wandte sich seinen Gefährten zu und sagte: „Habt ihr jemals eine Frau ihre Frage über ihre Religion besser vortragen hören als diese Frau?“ Sie sagten: „Das ist völlig richtig, Gesandter Gottes.“ Er sagte: „Du kannst nun gehen, Asma, und allen Frauen mitteilen, dass jede von euch, die sich um ihr Haus und ihren Ehemann kümmert und darauf achtet, ihm Freude zu bereiten, ebenso viel Lohn erhält wie der gesamte von dir erwähnte Vorzug der Männer.“ Asma ging und brachte ihre Freude über das zum Ausdruck, was der Gesandte Gottes ihr gesagt hatte, indem sie Gott lobte und pries.5
Sorgt gut für die Frauen
Der Prophet war darauf bedacht sicherzustellen, dass Frauen gut behandelt wurden. Er wurde nie müde, den Menschen zu sagen, dass ein freundlicher Umgang mit Frauen ein Zeichen guten Charakters sei. Für ihn widersprach die schlechte Behandlung von Frauen den islamischen Umgangsformen. Er war sich jedoch bewusst, dass die Beanstandungen von Männern gegenüber Frauen manchmal berechtigt sein konnten. Frauen besitzen einen Zug der Impulsivität, den Gott in ihre Natur gelegt hat; dieser ist im Umgang mit kleinen Kindern, besonders Säuglingen, notwendig. Für eine Mutter ist es beispielsweise instinktiv, sofort auf das Weinen eines kleinen Kindes zu reagieren. Eine Mutter, die aus einem Zimmer, in dem sie ein kleines Kind zurückgelassen hat, einen Aufprall hört, wird sofort in dieses Zimmer stürzen, um zu sehen, ob es ihrem Kind gut geht. Sie wird alles andere vergessen, bis sie sich vergewissert hat, dass dem Kind kein Schaden zugefügt wurde. Wenn diese Impulsivität jedoch in die Welt der Erwachsenen übertragen wird, kann sie sehr ärgerlich werden, besonders wenn sie zu einer oberflächlichen Haltung gegenüber etwas führt, das sorgfältige Überlegung erfordert. Der Prophet behandelte dies auf verfeinerte Weise. Er bezeichnete diese impulsive Eigenschaft als eine „Krümmung“, mit der man sich arrangieren solle, und erklärte, dass sie Teil der Natur sei. Abu Huraira zitiert den Propheten mit den Worten: Kümmert euch gut um die Frauen. Sie sind aus einer Rippe erschaffen worden. Eine Rippe ist oben am krummsten. Wenn du versuchst, sie gerade zu biegen, wird sie brechen. Wenn du sie lässt, wie sie ist, bleibt sie krumm. Kümmert euch daher gut um die Frauen. (Überliefert von al-Buchari.) Dieser Hadith verkörpert die Fürsorge, die der Prophet den Frauen entgegenbrachte: Er wollte, dass jeder Muslim im Umgang mit Frauen freundlich und verständnisvoll ist. Er beginnt damit, muslimische Männer aufzufordern, gut für ihre Frauen zu sorgen. Dann erklärt er die Ursache der Reizbarkeit in ihrer Natur. Er stellt sie als etwas dar, dem sie nicht helfen können, und beschreibt dies anschaulich, indem er auf die beiden Alternativen hinweist: entweder verständnisvoll und entgegenkommend zu sein oder zu versuchen, einen Teil der Natur zu verändern. Er erklärt, dass die letztere Alternative zu einem Bruch führt, was in diesem Fall Scheidung bedeutet. Er schließt, indem er die von ihm bevorzugte Möglichkeit wiederholt: gut für die Frauen zu sorgen, weil dies ein glückliches Familienleben gewährleistet.
Gleichzeitig betonte der Prophet in Wort und Tat die Unabhängigkeit der Frauen. Da Frauen im Islam vollständige finanzielle Unabhängigkeit besitzen, kann eine Frau ihre Geschäfte führen und mit anderen nach eigenem Ermessen umgehen. Abu Said al-Chudri berichtet, dass ein Beduine zum Propheten kam und die Rückzahlung einer Schuld verlangte, die der Prophet bei ihm hatte. Er bestand so nachdrücklich darauf, dass der Prophet ihn sofort zurückzahlte, dass er ihm sogar sagte, die Dinge würden unangenehm werden, wenn die Rückzahlung nicht sogleich erfolge. Die Gefährten des Propheten tadelten den Beduinen und sagten: „Weißt du, zu wem du auf diese Weise sprichst?“ Er sagte: „Ich verlange nur mein Recht.“ Der Prophet sagte zu ihnen: „Ihr solltet euch lieber auf die Seite dessen stellen, der einen berechtigten Anspruch hat.“ Dann sandte der Prophet eine Nachricht an Chawla bint Hakim: „Wenn du genügend Datteln hast, leih uns einige davon, bis wir unsere Datteln bekommen, und dann werden wir sie dir zurückzahlen.“ Sie antwortete: „Ja, das tue ich gern.“ Sie lieh ihm die Datteln. Er zahlte dem Beduinen seine Schuld zurück und gab ihm etwas darüber hinaus. Der Beduine sagte: „Du hast vollständig zurückgezahlt. Möge Gott dir Fülle gewähren.“ Der Prophet bemerkte daraufhin: „So sind die guten Menschen. Wenn ein schwacher Mensch sein Recht nicht einfordern kann, ohne Schaden ausgesetzt zu werden, dann ist die gesamte Gemeinschaft frei von Güte.“ (Überliefert von Ibn Madscha, al-Tabarani und al-Bayhaqi.) Es sollte beachtet werden, dass dies vor vierzehn Jahrhunderten geschah. Damals genossen Frauen nirgendwo auf der Welt eine solche finanzielle Unabhängigkeit. Zu jener Zeit war der Prophet das Oberhaupt des muslimischen Staates. Er hätte anordnen können, dem Beduinen seine Schuld zu bezahlen, tat dies aber nicht. Stattdessen lieh er sich etwas von einer seiner weiblichen Gefährtinnen. Er wandte sich direkt an sie, nicht an ihren Ehemann oder Vormund. Sie war die Eigentümerin der Datteln, daher musste die Bitte direkt an sie gerichtet werden. Es ist vielleicht nicht überraschend, dass die Nachfolger des Propheten mit der Entwicklung des muslimischen Staates Frauen in verantwortungsvolle Positionen einsetzten. Beispielsweise ernannte Umar ibn al-Chattab, der zweite Kalif, al-Schifa bint Abdullah zur Marktaufseherin in Medina. Sie besaß volle Befugnis sicherzustellen, dass die Geschäfte ordnungsgemäß durchgeführt wurden und die Menschen fair miteinander umgingen. Dies zeigt, dass es sowohl Ladenbesitzerinnen als auch Kundinnen gab. Die Ernennung war sehr erfolgreich. Als Umar dieselbe Position in Mekka besetzen musste, ernannte er erneut eine Frau. Samra bint Nuhayk war dort seine Marktaufseherin. Sie war im Umgang mit allen Situationen entschlossen und trug eine Peitsche, um jeden zu bestrafen, der eine Strafe verdiente. Umar selbst äußerte sich erstaunt über die große Veränderung des Status der Frauen, die der Prophet bewirkt hatte.

KAPITEL 14

Warum neun Ehefrauen für Muhammad? Das Gerücht verbreitete sich rasch, während mehrere hundert Araber ihre nächsten Verwandten und engen Freunde aufsuchten, um ihnen die Nachricht mitzuteilen und ihre Folgen zu besprechen. Jeder erkannte, dass die Nachricht Auswirkungen auf die Ergebnisse ihres jüngsten Erfolgs hatte: Erst einen Monat zuvor hatten sie eine äußerst erfolgreiche Unternehmung abgeschlossen, nun mussten sie jedoch neu überlegen, was mit ihrer wertvollsten Beute geschehen sollte. Dies ereignete sich im fünften Jahr nach der Auswanderung des Propheten nach Madinah, wo er den ersten islamischen Staat gegründet hatte. Es waren schwierige Jahre, in denen viele Feinde den neuen Staat angriffen, weil dieser die Stammesordnung Arabiens durchbrach. Bis zum Beginn der islamischen Botschaft kannten die Araber keine andere Bindung als die Treue zu ihren Stämmen. Nun formte der islamische Staat in Madinah eine neue Gemeinschaft, die dem Glauben höchste Priorität gab – eine völlig andere soziale Bindung. Zu jener Zeit gehörten Muslime den meisten arabischen Stämmen an. Während manche Stämme nur eine Handvoll Muslime zählten, waren die beiden Stämme in Madinah, die Aws und die Khazraj, fast vollständig muslimisch und stellten den größten Teil der muslimischen Gemeinschaft. Als Oberhaupt des muslimischen Staates musste der Prophet aufmerksam darüber wachen, dass keine Verschwörungen und Pläne gegen den Islam geschmiedet wurden. Mehrere arabische Stämme erwogen Überraschungsangriffe auf den muslimischen Staat in Madinah. Der Prophet brauchte daher ein aktives Nachrichtennetz, um über die Vorgänge in den verschiedenen Gebieten Arabiens informiert zu sein. Eines Tages erfuhr er, dass der Stamm der Mustalaq unter der Führung von al-Harith ibn Abi Dirar einen Angriff auf Madinah vorbereitete. Der Prophet setzte eine Präventivstrategie um: Sie nutzte das Überraschungsmoment bestmöglich, ohne jemals einen Angriff zu beginnen, durch den der Feind unvorbereitet getroffen werden sollte.

Warum neun Ehefrauen für Muhammad? Der Prophet stellte rasch eine kleine Truppe von einigen hundert seiner Gefährten auf und marschierte schnell, sodass er plötzlich vor den Toren des Stammes der Mustalaq erscheinen konnte. Er warnte den Stamm der Mustalaq, dass sie den Muslimen nicht gewachsen seien und im Fall eines Kampfes bald besiegt würden. Dennoch entschieden sie sich zu kämpfen, und bald war ihnen klar, dass eine schmähliche Niederlage bevorstand. Nachdem sie nur zehn ihrer Männer verloren hatten, ergaben sie sich; viele ihrer Männer und Frauen wurden gefangen genommen. Nach den damals geltenden Kriegsregeln mussten sie ihre Freiheit erkaufen oder versklavt werden. Der Prophet war jedoch mit keiner dieser Möglichkeiten zufrieden, denn dies hätte die Feindschaft vertieft und den Islam sowie den muslimischen Staat auf dieselbe Stufe wie den Rest der Welt gestellt. Er wollte, dass die Menschen seine Botschaft, wenn schon nicht wohlwollend, so doch wenigstens mit neutralem Blick betrachteten. Deshalb verkündete er rasch seine Heirat mit Barrah, der Tochter von al-Harith ibn Abi Dirar, dem Anführer der Mustalaq, der gegen ihn intrigiert hatte. Die Heirat des Propheten war der Gegenstand des Gerüchts, das sich im muslimischen Lager verbreitete. Wenn der Prophet eine Frau aus dem Stamm der Mustalaq heiratete, war der gesamte Stamm mit ihm verschwägert. Wie konnten die Muslime solche Menschen dann längere Zeit gefangen halten oder überhaupt irgendeinen Gewinn aus ihnen ziehen? Alle Muslime liebten den Propheten mehr als ihre eigenen Familien und mehr als sich selbst. Konnten sie ihn dadurch in Verlegenheit bringen, dass sie seine Verwandten durch Heirat in Gefangenschaft hielten? Auf keinen Fall. Bis zum Einbruch der Nacht wurden alle Gefangenen der Mustalaq, Männer wie Frauen, zu Ehren des Propheten freigelassen. Diese Heirat des Propheten war somit eine kluge politische und gesellschaftliche Entscheidung. Sie gewann dem Islam einen ganzen Stamm, der sich andernfalls den verbündeten Streitkräften anderer großer Stämme hätte anschließen können, die kurz darauf eine lange Belagerung von Madinah beginnen sollten. Der Prophet änderte Barrah’s Namen und nannte sie Juwayriyyah. Barrah bedeutet „pflichtgetreu, jede gute Sache erwählend“. Er war der Ansicht, dass dieser Name einen Anspruch enthielt, der sich nicht belegen ließ. Mindestens in einem weiteren Fall änderte er einen Namen, als er seine Stieftochter Zaynab nannte. Juwayriyyah ist eine Koseform von Jariyah, was „junge Dame“ bedeutet.

Die Tochter des Erzfeindes
Ein ähnlicher Fall war die Heirat des Propheten mit Safiyyah bint Huyayy, einer Jüdin, die der Prophet heiratete, nachdem er ihrem Volk eine schwere Niederlage zugefügt hatte. Ihr eigener Vater war dem Propheten gegenüber äußerst feindselig gewesen, hatte Bündnisse geschmiedet und Heere gegen ihn aufgestellt. Er war sechzehn oder siebzehn Monate zuvor getötet worden. Nun war Safiyyah ebenso wie viele Angehörige ihres Volkes gefangen genommen worden. Doch der Prophet bot ihr die Ehe an und machte den Juden deutlich, dass ein friedliches Leben zwischen ihnen und den Muslimen möglich war, wenn sie nur ihre Verpflichtung zum Frieden hielten. Kurz nachdem er nach Madinah gezogen war, hatte er mit ihnen einen Vertrag geschlossen und damit die erste pluralistische Gesellschaft begründet, die die Welt je gekannt hatte. Doch ein jüdischer Stamm nach dem anderen verletzte den Vertrag und bewirkte dadurch seine eigene Evakuierung aus Madinah. Seit jener Zeit waren die jüdischen Stämme in Khaybar konzentriert und planten erneut einen Angriff auf den muslimischen Staat. Wieder rückten der Prophet und sein Heer rasch vor, und die Juden fanden sie eines Morgens vor ihren Toren. Sie zogen sich sofort in ihre Festungen zurück, und der Prophet belagerte sie. Nach einer schweren Schlacht ergaben sie sich, und zwischen beiden Seiten wurde ein großzügiger Vertrag geschlossen, der den Juden erlaubte, in Khaybar zu bleiben und dessen Landwirtschaft gegen die Hälfte des Ertrags zu betreuen. Die Heirat des Propheten mit Safiyyah war eine äußerst bedeutungsvolle Botschaft an die Juden und an alle Menschen: Die Muslime hegen keine dauerhafte Feindschaft gegen irgendein Volk. Somit bestimmte die Haltung der anderen Menschen das Verhältnis: Wer in Frieden mit dem Islam leben wollte, war willkommen. Safiyyah brauchte Zeit, um ihre Trauer über ihren im Kampf getöteten Ehemann und über ihren zuvor getöteten Vater zu überwinden. Bald erkannte sie jedoch, dass ihr letzter Ehemann, der Prophet, der beste Mann war, den sie oder irgendeine Frau hätte heiraten können, und sie liebte ihn sehr. Weder Juwayriyyah noch Safiyyah waren alt, aber auch nicht sehr jung; beide waren Witwen. Juwayriyyah hatte zuvor ihren Cousin [Abdullah geheiratet, und Safiyyah war vor dem Propheten zweimal verheiratet gewesen. Beide waren hübsch, doch weder Schönheit noch Alter waren ein Grund für ihre Heirat mit dem Propheten. Er betrachtete vielmehr die Wirkung, die solche Ehen auf die Völker beider Frauen und auf die muslimische Gemeinschaft haben würden.

Die Tochter eines weiteren Feindes
Auch die Heirat des Propheten mit Umm Habibah erfolgte unter besonderen Umständen. Sie gehörte einer äußerst angesehenen Familie des Stammes Quraysh an. Ihr Vater war kein anderer als Abu Sufyan Sakhr ibn Harb aus dem Clan der Umayyah. Von Anfang an war er dem Islam feindlich gesinnt und kämpfte gegen ihn. Nach der Schlacht von Badr, in der viele Anführer der Quraysh getötet worden waren, wurde er zum obersten Anführer der Quraysh. In seiner neuen Stellung führte er einen Kampf nach dem anderen gegen den Islam, bis er schließlich an dem Tag Muslim wurde, an dem Makkah dem Islam zufiel. Umm Habibah, deren Name Ramlah war, nahm in der frühen Zeit den Islam an und schloss sich ihrem Ehemann [Ubaydullah ibn Jahsh an. Beide gehörten zu den Auswanderern, die im fünften Jahr seit Beginn des Islam nach Abessinien gingen. Die muslimischen Auswanderer lebten mehrere Jahre in Abessinien. Doch [Ubaydullah schloss dort Freundschaft mit einigen christlichen Priestern, denen es schließlich gelang, ihn zum Christentum zu bekehren. Seine Frau befand sich nun in einer schrecklichen Lage: Sie war fest im Islam verwurzelt und in ein fremdes Land ausgewandert, um ihrem Glauben zu dienen, doch ihr Mann war nun dem Islam gegenüber feindlich eingestellt. Dennoch lebten sie weiter zusammen, bis [Ubaydullah starb. Ihre Lage verschlimmerte sich, denn nun war sie mit ihrer jungen Tochter allein, die in Abessinien geboren worden war. Einige Muslime aus den Quraysh waren noch bei ihr, und es gab viele abessinische Muslime, doch ihre persönliche Situation war unhaltbar. Sie konnte nicht zu ihrem Vater zurückkehren, der den Kampf gegen den Islam führte. Sie konnte nicht nach Madinah reisen, das nun das wichtigste Zentrum des Islam war. Sie musste bei ihrem Volk bleiben, unter dem sie nur einige entfernte Cousins hatte. Eines Tages hörte sie ein Klopfen an ihrer Tür. Als sie öffnete, fand sie eine Frau aus dem Palast des Negus, des abessinischen Königs, vor, die ihr mitteilte, dass er eine Nachricht des Propheten aus Madinah erhalten hatte, in der dieser ihn bat, ihre Heirat mit dem Propheten zu arrangieren. Sie freute sich sehr über die Nachricht. Sie ernannte Khalid ibn Sa[id, einen Cousin von ihr, zu ihrem Vormund. Die Muslime aus den Quraysh wurden noch in derselben Nacht in den Palast des Königs eingeladen, wo der Negus selbst die Eheschließung vollzog und Ramlah im Namen des Propheten ihre Brautgabe gab. Danach reiste sie mit dem Gesandten des Propheten, [Amr ibn Umayyah, nach Madinah. Als Abu Sufyan die Nachricht von ihrer Heirat mit dem Propheten erhielt, sagte er über den Propheten: „Er ist ein ehrenhafter Mann, an dem man keinen Fehler finden kann.“

Wir kennen weder das Datum ihrer Heirat mit dem Propheten noch das genaue Datum ihrer Reise nach Madinah. Die damaligen Geschichtsschreiber legten den Daten der von ihnen berichteten Ereignisse keine große Bedeutung bei, da sie sich auf das Ereignis selbst konzentrierten. Wir können jedoch sagen, dass die Heirat einige Jahre nach der Auswanderung des Propheten nach Madinah stattfand: möglicherweise im vierten Jahr, aber sicher vor dem Ende des sechsten Jahres. Im sechsten Jahr sandte der Prophet einen Gesandten zum Negus und bat um die Rückkehr der muslimischen Auswanderer aus Abessinien. Wir können nicht sagen, ob Ramlah zu dieser letzten Gruppe gehörte, da sie in keinem Bericht über diese Menschen erwähnt wird. Allerdings werden nur wenige namentlich genannt. Hätte die Heirat zu jener Zeit stattgefunden, wäre sie in den Berichten über die Rückkehr erwähnt worden; doch es findet sich keine solche Erwähnung. Dies deutet darauf hin, dass sie zu einem früheren Zeitpunkt und bei einem früheren Besuch des Gesandten des Propheten, [Amr ibn Umayyah, in Abessinien stattfand. Ramlah erwies sich als eine hingebungsvolle Ehefrau des Propheten. Sie schätzte den großen Segen, eine „Mutter der Gläubigen“ zu werden – so werden seine Ehefrauen genannt und weiterhin genannt werden – zutiefst und hätte diese Stellung um nichts in der Welt eingetauscht. Wir dürfen die Ehre, die diese Frauen empfingen, nicht unterschätzen. Alle Muslime auf der ganzen Welt und in allen Generationen betrachten sie mit Ehrfurcht, ehren sie und beten für sie. Ihre Namen werden Mädchen aller Generationen gegeben. Sie werden stets in der edlen Gesellschaft von niemand anderem als dem Gesandten Gottes erinnert.

Juwayriyyah, Safiyyah und Ramlah waren Töchter von Anführern, die entschiedene Gegner des Propheten waren. Alle diese Anführer bekämpften ihn in Schlachten, auch wenn der Kampf von Juwayriyyahs Vater nur sehr kurz dauerte. Entscheidend ist hier, dass der Prophet es für richtig hielt, ihre Töchter zu heiraten. Im Fall von Juwayriyyah und Safiyyah hätte ein anderer Sieger sie versklaven können, vielleicht in seinem eigenen Palast, oder er hätte sie niedriggestellten Soldaten geben können, damit sie in deren Häusern dienten. Nichts lag dem Propheten ferner, denn er dachte niemals an Rache oder die Erniedrigung eines Gegners; Gerechtigkeit war stets seine wichtigste Erwägung. Er zeigte, dass die Töchter nicht für die Schuld ihrer Väter bestraft werden durften, auch wenn deren Väter ihm feindlich gegenüberstanden. Darin sehen wir eine Ausprägung des Schlüssels zum Charakter des Propheten: das Streben nach dem Richtigen. Der Prophet machte deutlich, dass es nicht richtig ist, jemanden für das Verbrechen eines anderen zu bestrafen. Außerdem sah der Prophet jeden Mann und jede Frau als möglichen Muslim. Sie alle waren Adressaten der Botschaft Gottes. Er wollte diese Botschaft jedem überbringen. Ebenso wollte er das Wohlwollen der Stämme und Gemeinschaften gewinnen, denen diese Frauen angehörten. Indem er sie in seinen Haushalt aufnahm und zu Müttern der Gläubigen machte, gab er ihnen daher einen äußerst wertvollen Gewinn. Er sorgte außerdem dafür, dass Frieden die Feindschaft zwischen den Muslimen und ihren früheren Feinden ersetzte. Im Fall Ramlahs war sein Beweggrund Mitgefühl. Er verstand ihre Lage vollkommen: eine verlassene Mutter mit einer jungen Tochter in einem fremden Land, weit entfernt von allen Verwandten und von der Gemeinschaft der Gläubigen, der sie angehörte, während ihr Vater entschlossen darum kämpfte, ihre Religion zu unterdrücken. Eine Frau, die er seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen hatte, wegen ihrer schwierigen Lage in seinen Haushalt aufzunehmen, war die natürliche Reaktion des Mannes, den Gott als „Barmherzigkeit für alle Welten“ gesandt hatte. (21:107)

Göttlicher Befehl zur Heirat
Der Prophet heiratete innerhalb eines verhältnismäßig kurzen Zeitraums mehrere Frauen; als er starb, hatte er neun Ehefrauen. Das führt zu der Frage: Macht ihn das zu einem Frauenhelden? Wir können diese Frage nicht beantworten, ohne sein ganzes Leben zu betrachten und mehrere andere Fragen zu beantworten: Wie viele Frauen heiratete er insgesamt? Wie alt war er bei jeder Heirat? Gab es besondere Gründe für eine dieser Ehen? Was für Frauen waren sie und wie alt waren sie? All dies sind wichtige Fragen, wenn man ein vollständiges Bild gewinnen will, besonders angesichts der modernen Angriffe gegen den Islam und den Propheten, der ihn verkündete.

Der Prophet heiratete alle seine Frauen außer Khadijah, als er über fünfzig Jahre alt war. Alle seine Ehen hatten bestimmte Gründe und waren durch die allgemeinen Umstände notwendig geworden, in denen er und die neue muslimische Gemeinschaft sich befanden. Manche hatten soziale oder politische Gründe, andere einen gesetzgeberischen Grund, wie seine Heirat mit Zaynab bint Jahsh, deren Mutter die väterliche Tante des Propheten war. Tatsächlich erfolgte diese spätere Heirat auf ausdrücklichen Befehl Gottes, wie im Qur’an erwähnt wird: Wenn Gott und Sein Gesandter eine Angelegenheit beschlossen haben, steht es einem gläubigen Mann und einer gläubigen Frau nicht zu, in dieser Angelegenheit eigene Wahlfreiheit zu beanspruchen. Wer Gott und Seinem Gesandten nicht gehorcht, ist weit vom rechten Weg abgeirrt. Du sagtest zu dem, dem Gott Gunst erwiesen hatte und dem auch du Gunst erwiesen hattest: „Behalte deine Frau und fürchte Gott.“ Und du verbargst in deinem Innern, was Gott ans Licht bringen wollte. Du hattest Ehrfurcht vor den Menschen, während du allein vor Gott Ehrfurcht hättest haben sollen. Als Zayd dann seine Verbindung mit ihr beendet hatte, gaben Wir sie dir zur Frau, damit die Gläubigen keine Schuld trifft, wenn sie die Ehefrauen ihrer Adoptivsöhne heiraten, nachdem diese ihre Verbindung mit ihnen beendet haben. Gottes Wille muss erfüllt werden. (33:36–37)

Einige Gründe für diese Heirat reichen mehr als drei Jahrzehnte zurück, in die Zeit, als Zayd ibn Harithah noch ein junger Knabe war. Einige Leute entführten ihn, als sie die Wohnstätten seines Stammes überfielen, während die meisten Männer des Stammes abwesend waren. Die Entführer verkauften ihn als Sklaven. Er gelangte nach Makkah, wo sein Besitzer ihn seiner Nichte schenkte – niemand anderem als Khadijah. Sie gab Zayd ihrem neuen Ehemann Muhammad kurz nach ihrer Heirat, die ungefähr fünfzehn Jahre vor Beginn der Prophetenschaft stattgefunden hatte. Muhammad liebte Zayd und behandelte ihn sehr freundlich. Zayd erkannte, dass Muhammad etwas Besonderes an sich hatte, und erwiderte seine Liebe. Als Zayds Vater erfuhr, dass sein Sohn in Makkah gelandet war, kam er, um ihn zurückzuholen. Er bot Muhammad einen angemessenen Preis für ihn an, doch Muhammad machte ihm ein besseres Angebot. Er überließ Zayd die Wahl, entweder mit seinem Vater nach Hause zurückzukehren oder bei ihm zu bleiben. Der Vater dankte ihm und glaubte, Zayd werde bald zu seinem Volk zurückkehren. Doch er war zutiefst erschüttert, als Zayd sich entschied, bei Muhammad zu bleiben. Zayds Vater konnte nicht verstehen, warum. Zayd sagte zu ihm: „Ich habe an diesem Mann Dinge gesehen, die mich dazu bringen, ihn um nichts auf der Welt verlassen zu wollen.“ Um die Lage zu beruhigen und Zayds Vater zu besänftigen, nahm Muhammad beide mit zur Ka[bah, wo er vor allen Menschen verkündete, dass er Zayd als seinen Sohn adoptiert habe. Der Vater war froh und kehrte nach Hause zurück, während Zayd bei Muhammad blieb und als Zayd ibn Muhammad bekannt wurde. Zayd blieb bei Muhammad und wurde wie ein Sohn behandelt. Mehr als zehn Jahre später, als Muhammad der Gesandte Gottes wurde, war Zayd der erste Mann, der nach dem Propheten selbst den Islam annahm. Er blieb beim Propheten, auch nachdem der Prophet ihm Umm Ayman zur Frau gegeben hatte. Umm Ayman war früher eine abessinische Sklavin namens Barakah gewesen und hatte sich um Muhammad gekümmert, als seine Mutter starb. Sie gebar Zayd seinen Sohn Usamah, den der Prophet wie sein eigenes Kind liebte.

Der Prophet und die Muslime von Makkah wanderten dreizehn Jahre nach Beginn des Islam nach Madinah aus. Gott offenbarte neue Gesetze für den entstehenden islamischen Staat, die alle Lebensbereiche ordneten, darunter Ehe, Familienbeziehungen und Erbschaft. Eine bestimmte Gesetzgebung befasste sich mit der Adoption. Der Qur’an macht deutlich, dass Adoption im Sinn davon, einen Menschen zum Sohn oder zur Tochter eines Ehepaares zu machen, das nicht seine leiblichen Eltern sind, eine Unwahrheit behauptet, die der Islam nicht akzeptiert. Gott sagt: Niemals hat Gott einem Menschen zwei Herzen in seinem Innern gegeben. Ebenso macht Er eure Ehefrauen, die ihr mit euren Müttern gleichsetzt, nicht wirklich zu euren Müttern. Auch macht Er eure Adoptivsöhne nicht wirklich zu euren Söhnen. Das sind nur Worte, die ihr mit eurem Mund aussprecht; Gott aber spricht die Wahrheit und führt allein auf den rechten Weg. Nennt sie nach ihren Vätern; das ist vor Gott gerechter. Wenn ihr ihre Väter nicht kennt, dann betrachtet sie als eure Brüder im Glauben und als eure Schutzbefohlenen. Ihr seid nicht dafür verantwortlich, wenn ihr einen Fehler macht, wohl aber für das, was eure Herzen beabsichtigen. Gott ist wahrlich Allvergebend und Barmherzig. (33:4–5)

Unmittelbar nach der Offenbarung dieser Verse nahm Zayd wieder seinen ursprünglichen Namen an und wurde von da an Zayd ibn Harithah genannt. Der Prophet arrangierte eine zweite Ehe für Zayd, diesmal mit Zaynab bint Jahsh, der eigenen Cousine des Propheten, da ihre Mutter Umaymah bint [Abd al-Muttalib, seine väterliche Tante, war. Weder Zaynab noch ihre Familie waren mit dieser Ehe glücklich, weil Zayd früher ein Sklave gewesen war, während sie einer der vornehmsten Familien Makkahs angehörte. Sie erkannten jedoch, dass ihnen nichts anderes blieb, als den Befehl des Propheten zu befolgen. Daher fragte sie den Propheten, ob er wirklich wünsche, dass sie Zayd heirate. Als er dies bestätigte, fand die Heirat statt. Es war keine glückliche Ehe, denn Zayd hatte stets das Gefühl, dass seine Frau sich des Unterschieds in ihrem sozialen Rang sehr bewusst war: Sie stammte aus einer äußerst vornehmen Familie, während er ein ehemaliger Sklave war. Als er erkannte, dass die Lage nicht tragfähig war, bat Zayd den Propheten um Erlaubnis zur Scheidung. Der Prophet sagte ihm jedoch, er solle bei ihr bleiben und der Ehe eine Chance geben. Dies geschah mehr als einmal. Gott wollte ein praktisches Ende des tief in der arabischen Gesellschaft verwurzelten Adoptionssystems herbeiführen. Andere Adoptivkinder waren zu ihren ursprünglichen Namen zurückgekehrt, doch um das System in der Praxis zu beenden, war mehr nötig, als das Gesetz im Qur’an zu verkünden. Deshalb befahl Gott dem Propheten, Zayd seine Frau scheiden zu lassen und sie danach zu heiraten. Der Prophet zögerte, weil er befürchtete, man werde ihn beschuldigen, die geschiedene Frau seines Sohnes zu heiraten. Er empfand die Auswirkungen der Adoption in den Vorstellungen der Menschen weiterhin als real und hatte Zayd deshalb aufgefordert, an seiner Ehe festzuhalten, in der Hoffnung, sie könne funktionieren. Als ihm der Befehl in den oben zitierten Versen eindeutig gegeben wurde, machte Gott klar, dass diese Heirat stattfinden sollte: „Als Zayd seine Verbindung mit ihr beendet hatte, gaben Wir sie dir zur Frau.“ (33:37) Er erklärte auch den Grund dafür: „Damit die Gläubigen keine Schuld trifft, wenn sie die Ehefrauen ihrer Adoptivsöhne heiraten, nachdem diese ihre Verbindung mit ihnen beendet haben.“ (33:37) Wer außer dem Propheten hätte dies praktisch verwirklichen können? Diese Ehe diente gewiss einem gesetzgeberischen Zweck und war von Gott angeordnet.

Die erste Ehe
Nichtmuslime versuchen heute, dem Propheten seine Ehen zum Vorwurf zu machen. Sie bemühen sich, bestimmte Umstände dieser Ehen hervorzuheben, betrachten sie aus der sozialen Perspektive der Gegenwart, weisen in einem Fall auf den Altersunterschied und in einem anderen auf die soziale Stellung hin und versuchen, den Propheten wegen seiner Ehen zu verleumden. Muslimische Autoren bemühen sich dagegen oft, jede Ehe zu rechtfertigen. Keine der beiden Haltungen ist richtig. Es besteht kein Grund, sich für die Lebensweise oder die Ehen des Propheten zu entschuldigen. Die Haltung eines Mannes zu Frauen, Sexualität und Ehe zeigt sich am deutlichsten in seiner Blütezeit, wenn er die Möglichkeit hat, Umgang mit Frauen zu pflegen. Muhammad wuchs in einer Gesellschaft auf, die Beziehungen zu Frauen kaum beschränkte. Ein Mann konnte so viele Frauen heiraten, wie er wollte; und wenn er nicht heiraten wollte, war Geschlechtsverkehr möglich, ohne dass Promiskuität besonders getadelt wurde. Viele Kinder, besonders Söhne, zu haben, galt als Vorteil. Außerhalb der Ehe geborene Kinder wurden akzeptiert, und ein Vater hatte kein Problem damit, seine Vaterschaft anzuerkennen und dem Kind seinen Namen zu geben.

Muhammad missbilligte stets die götzendienerischen Aspekte der Religion und der Bräuche seines Volkes, doch bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr, als er göttliche Offenbarungen zu empfangen begann, hatte er keine Vorstellung von Religion. Dennoch berichtet er, dass er sich schon in seiner Jugend und frühen Erwachsenenzeit keinerlei lockerem Verhalten oder Ausschweifung hingegeben habe. Nur zweimal verspürte er als Jugendlicher den Wunsch nach einer „Nacht des Vergnügens“, wie andere junge Männer sie hatten. Damals arbeitete er noch als Hirte. Er bat einen Gefährten, auf seine Schafe aufzupassen, und ging aus, um Vergnügen zu suchen. Bei beiden Gelegenheiten stand er in der Nähe eines Hauses, in dem ein Fest stattfand, wurde vom Schlaf überwältigt und wachte erst nach Sonnenaufgang auf. Dies war Teil von Gottes Schutz für den Mann, der Sein Gesandter werden sollte.

Dann heiratete Muhammad Khadijah, die wohlhabende Witwe, die ihn zuvor beauftragt hatte, einige ihrer Geschäfte auf den Märkten und Basaren Arabiens zu führen. Sie hatte ihn als ihren Beauftragten mit der traditionellen Handelskarawane der Quraysh nach Syrien geschickt, wo er durch seine absolute Ehrlichkeit und sein Geschäftsgeschick ihre Bewunderung gewann. Sie bot ihm die Ehe an, und er nahm bereitwillig an. Er lebte mit ihr, bis sie fünfundzwanzig Jahre später starb, und dachte nicht an eine weitere Heirat. Polygamie war in Arabien üblich, doch er wollte nichts davon wissen, obwohl die verbreitete Annahme fortbesteht, sie sei wesentlich älter als er gewesen. Die meisten sagen, er sei fünfundzwanzig und sie vierzig gewesen, als sie heirateten, obwohl dies wahrscheinlich nicht stimmt. Die vorhandenen Berichte nennen unterschiedliche Zahlen für ihr jeweiliges Alter: Er soll einundzwanzig, fünfundzwanzig, achtundzwanzig oder dreißig gewesen sein, während für sie achtundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig, vierzig oder sogar fünfundvierzig genannt werden.

Damals gab es in Arabien kein Register von Geburten und Todesfällen; tatsächlich besaßen die Araber keinen anerkannten Kalender. Sie datierten Ereignisse im Verhältnis zu bedeutenden Ereignissen, die zu ihren Lebzeiten stattgefunden hatten. Daher wechselte das Bezugsdatum ständig. In einer Gemeinschaft, in der die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben selten war, war es sehr schwierig, Ereignisdaten und das Alter von Menschen mit einiger Genauigkeit zu bestimmen. Wenn wir all diese Angaben über Khadijahs Alter bei ihrer Heirat mit dem Propheten haben, aber kaum Informationen besitzen, die einer davon – abgesehen von der Zuverlässigkeit der jeweiligen Quelle – größere Glaubwürdigkeit verleihen, müssen wir andere Belege heranziehen, um eine realistischere Zahl zu gewinnen. Glücklicherweise verfügen wir über einen solchen Beleg: Sie gebar dem Propheten sechs Kinder. Zwar werden viele Frauen bis zum Alter von vierzig Jahren ein oder zwei Kinder geboren haben, doch ist es äußerst unwahrscheinlich, dass eine Frau in ihren Vierzigern sechs Kinder zur Welt bringt. Eine solche Fruchtbarkeit ist bei Frauen dieses Alters nirgendwo bekannt. Vielleicht wird der zuverlässigere Bericht Ibn [Abbas zugeschrieben; ihm zufolge waren beide bei ihrer Heirat achtundzwanzig Jahre alt. Andererseits können wir zu dem Schluss kommen, dass sie einige Jahre älter als Muhammad war: Er war mindestens fünfundzwanzig und sie höchstens zweiunddreißig. Ihre Ehe war sehr glücklich und treu und gab beiden, Mann und Frau, jede Zufriedenheit. Er lebte dreizehn Jahre nach ihrem Tod, erinnerte sich aber bis zum Ende seines Lebens liebevoll an sie.

Das Alter [A’ishahs
Die Altersfrage wird noch drängender, wenn die Heirat des Propheten mit [A’ishah erörtert wird, denn häufig wird behauptet, sie sei erst neun Jahre alt gewesen, als der Prophet sie heiratete. Muslimische Autoren versuchen, diese Ehe mit den damaligen örtlichen gesellschaftlichen Bräuchen zu verteidigen, als der Altersunterschied zwischen Ehepartnern keine Rolle gespielt habe. Das ist zwar richtig, doch gibt es keine wirkliche Grundlage für das andere Argument, Frauen in Arabien seien schon in sehr frühem Alter geschlechtsreif geworden. Diese Annahme wird durch die Literatur jener Zeit nicht bestätigt. Andererseits versuchen manche Orientalisten und andere Autoren, die dem Islam nicht wohlgesinnt sind, Aufsehen zu erregen, indem sie dem dreiundfünfzigjährigen Propheten vorwerfen, ein Kind geheiratet zu haben. Beide Arten von Argumenten sind zurückzuweisen. Eine objektive Untersuchung sollte leicht ergeben, dass [A’ishah bei ihrer Heirat nicht weniger als achtzehn oder zwanzig Jahre alt gewesen sein kann.

Betrachten wir die folgenden Tatsachen:
1. [A’ishah wurde dem Propheten drei Jahre vor der tatsächlichen Heirat als mögliche Ehefrau vorgeschlagen. Das würde bedeuten, dass sie sechs Jahre alt war, als man sie ihm empfahl. Die Frau, die sie vorschlug, erwähnte, dass er nach dem Tod Khadijahs, seiner ersten Frau, eine Ehefrau brauche, die ihm Gesellschaft und Trost schenke. Der Prophet hatte aus seiner ersten Ehe vier Töchter, von denen die jüngste älter als dieses Alter war. Er brauchte gewiss eine Frau, die ihm Unterstützung und Trost gab. Könnte ein sechs- oder neunjähriges Kind ihm das bieten? Wäre sie nicht eine zusätzliche Belastung für ihn gewesen? Ist es logisch, dass Khawlah bint Hakim, die ihm wegen seines Bedürfnisses nach häuslicher Unterstützung zur Heirat riet, ihm ein solches Kind vorgeschlagen hätte? Tatsächlich schlug sie zwei Frauen vor: die reife Sawdah, die bereits verheiratet gewesen war, und eine Jungfrau, [A’ishah. Wenn wir annehmen, dass [A’ishah sechs Jahre alt war, hätte der Altersunterschied zwischen beiden bedeutet, dass Sawdah [A’ishahs Großmutter hätte sein können.
2. [A’ishah war bereits mit Jubayr ibn Mut[im verlobt gewesen; diese Verlobung wurde gelöst, bevor sie sich mit dem Propheten verlobte. Konnte sie im Alter von fünf oder sechs Jahren verlobt gewesen sein? Es war eine ernsthafte Verlobung, kein beiläufiges Gespräch zwischen Familien. Abu Bakr, [A’ishahs Vater, musste diese Verbindung geschickt lösen, als er erkannte, dass der Prophet sie heiraten wollte. Außerdem deuteten ihre Eltern nicht an, dass sie zu jung für eine Heirat sei. Hätten sie ihre frühere Verlobung akzeptiert, wenn sie zu jung gewesen wäre?
3. In der zuverlässigsten und ältesten Biografie des Propheten von Ibn Ishaq wird [A’ishah unter den ersten fünfzig Menschen erwähnt, die den Islam in seiner frühen Zeit annahmen; tatsächlich steht sie an neunzehnter Stelle der Liste. Dort wird sie als jung bezeichnet, doch die Liste enthält keine Kinder. Alle in diesem Bericht Genannten nahmen mehr als acht Jahre vor [A’ishahs Heirat den Islam an. Die meisten schlossen sich im fünften Jahr nach Beginn des Islam der Auswanderung nach Abessinien an, also acht Jahre vor der Auswanderung nach Madinah. Das bedeutet, dass sie damals jung, aber alt genug war, eine neue Religion anzunehmen. Kann sie bei ihrer Annahme des Islam jünger als zehn gewesen sein? Würde ein Geschichtsschreiber ein Kind unter zehn Jahren in eine bedeutungsvolle Liste von Konvertiten aufnehmen? Wenn sie bei ihrer Annahme des Islam zehn war, war sie bei ihrer Heirat achtzehn oder älter.
4. Von al-Bukhari wird zuverlässig berichtet, dass [A’ishah beim muslimischen Heer in der Schlacht von Uhud war und die Verwundeten versorgte. Diese Schlacht fand achtzehn Monate nach ihrer Heirat statt. Wäre sie bei der Heirat neun gewesen, wäre sie zur Zeit der Schlacht elf gewesen. Vor der Schlacht musterte der Prophet seine Truppen und befahl jedem jungen Mann unter fünfzehn Jahren, nach Hause zurückzukehren. Hätte er einem elfjährigen Mädchen erlaubt, beim Heer zu bleiben?
5. [A’ishah war für ihre tiefgehenden Kenntnisse des Islam bekannt. Ihr Wissen bestand nicht in bloßem Auswendiglernen und Wiedergeben, sondern war analytischer und kritischer Art, wie ihre zahlreichen Auseinandersetzungen mit anderen Gefährten des Propheten über verschiedenste Fragen zeigen. Ihr gesamtes Wissen stammte unmittelbar vom Propheten. Ein solches Wissen konnte nicht in den Jahren der frühen Kindheit erworben werden; dies deutet darauf hin, dass sie bei ihrer Heirat mit dem Propheten reifer war.
6. Den vorhandenen Berichten zufolge heirateten ihre Eltern zehn Jahre vor Beginn des Islam. Abu Bakr war damals achtundzwanzig. Aus einer früheren Ehe hatte er zwei Kinder und aus dieser Ehe ebenfalls zwei. Da es damals keine wirksamen Methoden der Geburtenkontrolle gab, ist es vernünftig anzunehmen, dass die beiden Kinder in den ersten fünf Ehejahren geboren wurden. In diesem Fall wäre sie bei ihrer Heirat zwanzig gewesen.
7. Als Gegenargument wird stets ein Hadith angeführt, der von al-Bukhari überliefert wird und ihr Alter bei der Heirat mit neun angibt. Dieser Hadith wird jedoch Hisham ibn [Urwah zugeschrieben, der ihn von seinem Vater gelernt hatte. Hisham überlieferte ihn, als er im Irak war. Hadithgelehrte erwähnen, dass Hisham zwar ein zuverlässiger Überlieferer war, aber mit dem, was er im Irak von seinem Vater überlieferte, weniger genau war. Dies wirft ein Fragezeichen hinsichtlich der Authentizität dieses Hadiths auf.
8. Ein anderer, ebenfalls von al-Bukhari überlieferter Hadith zitiert [A’ishah mit den Worten, dass ihre Eltern bereits Muslime gewesen seien, als sie alt genug war, die Religion zu verstehen. Sie ordnet dies historisch ein, indem sie das Ereignis erwähnt, bei dem ihr Vater seine Auswanderung nach Abessinien vorbereitete. Dies geschah im fünften Jahr nach Beginn des Islam und neun Jahre vor ihrer Heirat. Wenn sie bei diesem Auswanderungsvorhaben acht Jahre alt war, wäre sie bei ihrer Heirat siebzehn gewesen.

Wenn wir diese Tatsachen betrachten und berücksichtigen, dass mehreren anderen Gefährten des Propheten ein Alter zugeschrieben wird, das keinesfalls mit den Ereignissen vereinbar ist, an denen sie maßgeblich beteiligt waren, müssen wir zu dem Schluss kommen, dass solche Zahlen unzuverlässig sind. Diese Altersangaben müssen kritisch geprüft werden, wobei weitere Faktoren einzubeziehen sind, um ein zutreffenderes Bild ihrer Bedeutung zu erhalten. Der Prophet war das vollkommene Vorbild für die Menschheit. Leider stellen Muslime ihn so dar, als habe er als junger Mann eine alte Frau und im hohen Alter ein Kind geheiratet. Das ist dem Propheten gegenüber ungerecht, denn keine dieser Annahmen hält einer sorgfältigen Analyse stand.

Die anderen Ehefrauen
Die erste Frau, die der Prophet nach Khadijah heiratete, war Sawdah bint Zam[ah. Sie war eine reife Frau und hatte aus ihrer früheren Ehe fünf Kinder. Ihr erster Ehemann war ihr Cousin al-Sakran ibn [Amr ibn [Abd Shams aus dem [Amir-Clan der Quraysh. Sie und ihr erster Ehemann gehörten zu den frühen Muslimen, die nach Abessinien auswanderten, kehrten aber früher als die anderen Auswanderer nach Makkah zurück. Al-Sakran starb kurz danach. Zwei Berichte liegen vor: Einer erwähnt, dass er vor seiner Ankunft in Makkah starb, der andere, dass er kurz nach seiner Ankunft starb. Der Prophet heiratete sie einige Monate nach dem Tod seiner Frau, und sie lebte fast zehn Jahre nach seinem Tod.

Der Prophet heiratete die meisten seiner Frauen in Madinah. Sawdah war etwa drei Jahre lang seine einzige Ehefrau. [A’ishah heiratete er ungefähr zehn Monate nach seiner Auswanderung nach Madinah, doch sie war bereits drei Jahre mit ihm verlobt gewesen. Danach heiratete er Hafsah bint [Umar ibn al-Khattab, seinen zweitengsten Gefährten. Auch sie war eine Witwe. Ihr erster Ehemann, Khunays ibn Hudhafah, gehörte ihrem eigenen Clan der Quraysh an. Vor seiner Heirat hatte sich Khunays ibn Hudhafah den muslimischen Auswanderern nach Abessinien angeschlossen und war später nach Makkah zurückgekehrt. Danach wanderte er nach Madinah aus und kämpfte in der Schlacht von Uhud, wo er eine tödliche Verwundung erlitt. Hafsah war Anfang zwanzig, als sie den Propheten im vierten Jahr des islamischen Kalenders heiratete.

Der Prophet heiratete somit die Töchter seiner beiden engsten Gefährten, Abu Bakr und [Umar, die ihm als Herrscher des muslimischen Staates nachfolgen sollten. Die beiden anderen der vier rechtgeleiteten Kalifen, [Uthman und [Ali, waren seine Schwiegersöhne: [Uthman heiratete zuerst Ruqayyah und danach Umm Kulthum, während [Ali die jüngste Tochter des Propheten, Fatimah, heiratete. Das bedeutet, dass [Uthman der einzige Mann in der Menschheitsgeschichte war, der zwei Töchter eines Propheten heiratete.

Ebenfalls im vierten Jahr heiratete der Prophet Zaynab bint Khuzaymah, die ebenfalls Witwe war. Berichten zufolge war sie vor dem Propheten zweimal verheiratet gewesen. Sie war sehr großzügig und freundlich zu den Armen und erhielt den Beinamen „Mutter der Armen“. Sie lebte jedoch nur einige Monate, vielleicht nur zwei, mit dem Propheten, bevor sie starb. Einige Berichte nennen ihr Todesalter mit dreißig Jahren, doch die Altersangaben über Menschen jener Zeit sind äußerst unzuverlässig.

Umm Salamah Hind bint Abi Umayyah, eine Qurayshitin aus dem Makhzum-Clan, war die nächste Ehefrau des Propheten. Zuvor war sie mit [Abdullah ibn [Abd al-Asad verheiratet gewesen, der in der Schlacht von Uhud verwundet worden war. Er erholte sich und war später wieder gesund genug, eine Dschihad-Expedition zu führen, starb jedoch bald darauf, als seine alte Wunde wieder aufbrach. Der Prophet schätzte diesen Gefährten sehr. Als Abdullah ibn [Abd al-Asad starb, leitete der Prophet für ihn das Totengebet. Dieses Gebet besteht aus vier Lobpreisungen Gottes, zwischen denen der Qur’an gelesen und für den Verstorbenen gebetet wird. Diesmal sprach der Prophet jedoch neun Lobpreisungen. Als man ihn fragte, ob dies auf Ablenkung oder Vergessen zurückzuführen sei, verneinte er: „Hätte ich tausend Lobpreisungen für ihn gesprochen, hätte er sie wahrlich verdient.“1

1 Ibn Hajar, Al-Isabah, Bd. 8, S. 240

Umm Salamah berichtet: Vor seinem Tod sagte mein Mann zu mir, er habe den Propheten sagen hören: „Wenn ein Gläubiger, der von einem Unglück getroffen wird, sagt: ‚Wir gehören wahrlich Gott, und zu Ihm kehren wir zurück. Mein Herr, hilf mir in meinem Unglück und gewähre mir etwas Besseres‘, wird Gott ihm gewiss einen besseren Ersatz geben.“ Als mein Mann Abu Salamah starb, sprach ich dieses Gebet. Danach dachte ich: „Wo könnte ich einen Mann finden, der besser ist als Abu Salamah? Ich hoffe dennoch, dass Gott mich für meinen Verlust belohnt und entschädigt.“ Einige Zeit später machte der Prophet mir einen Heiratsantrag. (Überliefert von Muslim.)

Umm Salamah hatte aus ihrer früheren Ehe vier Kinder. Es fehlte ihr nicht an Heiratsanträgen, darunter von führenden Persönlichkeiten unter den Gefährten des Propheten, doch sie lehnte sie ab. Als der Prophet ihr durch eine Nachricht einen Heiratsantrag machte, sandte sie ihm eine höfliche Absage und sagte, sie sei „sehr eifersüchtig, alt und Mutter mehrerer Kinder“. Der Prophet antwortete: „Möge Gott dich von deiner Eifersucht heilen. Ich bin älter als du, und deine Kinder werden von Gott und Seinem Gesandten gut versorgt werden.“2 Die Ehe fand gegen Ende des vierten Jahres statt.

Zwischen dem Beginn des fünften Jahres und den ersten Monaten des siebten Jahres nach der Hidschrah heiratete der Prophet Zaynab bint Jahsh, Juwayriyyah, Ramlah und Safiyyah. Einige Wochen vor dem Ende des siebten Jahres heiratete er seine letzte Ehefrau, Maymunah bint al-Harith. Ihr ursprünglicher Name war Barrah, doch der Prophet mochte diesen Namen nicht und änderte ihn auch in zwei anderen Fällen bei seinen Verwandten. Sie war die Halbschwester seiner verstorbenen Ehefrau Zaynab bint Khuzaymah. Nach dem Tod ihres ersten Ehemannes, Abu Ruhm ibn Abd al-[Uzza, soll sie ihre Schwester Umm al-Fadl zu ihrer Vormündin ernannt haben. Umm al-Fadl war mit al-[Abbas, dem Onkel des Propheten, verheiratet. Al-[Abbas, der damals noch in Makkah lebte, sprach mit dem Propheten über sie, als dieser mit seinen Gefährten Makkah für drei Tage besuchte, um die [Umrah zu vollziehen. Der Prophet heiratete sie; bei ihrer Heirat mit ihm soll sie sechsundzwanzig Jahre alt gewesen sein.

Die koptische Dienerin
Maria, die ägyptische Kopthin, muss hier erwähnt werden. Zu Beginn des siebten Jahres nach seiner Ansiedlung in Madinah sandte der Prophet Briefe an die Kaiser von Byzanz und Persien sowie an die Herrscher der Nachbarländer und -gebiete. In diesen Briefen teilte er ihnen seine Botschaft mit und rief sie auf, an die Einheit Gottes und an seine Botschaft zu glauben. Er warnte sie vor Gottes Strafe, falls sie sich weigerten, und sagte ihnen außerdem, dass sie im Fall ihrer Weigerung die Verantwortung für ihre Völker tragen würden.

Der Negus und der Herrscher von Bahrain antworteten wohlwollend und nahmen den Islam an; der persische Kaiser dagegen nahm eine äußerst feindselige Haltung ein. Heraklius, der byzantinische Kaiser, erkannte die Wahrheit der Botschaft des Propheten, sah jedoch, dass er einen Aufstand gegen sich riskierte, wenn er sie annehmen würde. Al-Muqawqis, der Herrscher Ägyptens und zugleich Oberhaupt der koptischen Kirche, sagte dem Gesandten des Propheten, er wisse, dass ein letzter Prophet erwartet werde und dieser Prophet Gottes letzte Botschaft verkünden werde; er habe jedoch gedacht, dieser Prophet werde kein Araber sein. Daher nahm er den Islam nicht an, sandte dem Propheten aber eine höfliche Antwort und ein Geschenk: Kleidung, ein weißes Maultier und zwei Sklavinnen, Maria und Sirin. Er teilte ihm mit, dass sie bei den Kopten hochgeschätzt würden.

Der Prophet nahm das Geschenk an und erkannte, dass al-Muqawqis um seine Stellung als Herrscher fürchtete. Der Prophet nahm Maria zu sich und gab Sirin einem seiner Gefährten. Maria gebar ihm einen Sohn, den er Ibrahim nannte; dieser Name ist die arabische Form von Abraham. Ibrahim lebte nur achtzehn Monate. Maria blieb bis zum Ende seines Lebens beim Propheten. Sie starb im sechzehnten Jahr nach der Hidschrah während der Herrschaft [Umars ibn al-Khattab, des zweiten Kalifen. Einige Gelehrte zählen sie zu den Ehefrauen des Propheten, doch die Mehrheit vertritt die Auffassung, dass sie Sklavin blieb.

Der Islam verbot die Sklaverei nicht unmittelbar, sondern führte Gesetze und Regelungen ein, die das Ende des Sklavensystems innerhalb kurzer Zeit sicherstellen sollten. Tatsächlich beseitigten diese Regelungen alle Quellen der Sklaverei mit Ausnahme der Kriegsgefangenen. Selbst unter diesen Umständen konnten Menschen nur dann versklavt werden, wenn der Herrscher dies anordnete. Der Grund dafür, diese Möglichkeit bestehen zu lassen, war, dass es sich um ein weltweites System handelte, das nicht einseitig beendet werden konnte. Da es dem muslimischen Herrscher überlassen blieb, dies anzuordnen, sollte kein Herrscher davon Gebrauch machen, wenn der Feind die Sklaverei nicht praktizierte oder eine Vereinbarung zu ihrer Beendigung bestand. Offensichtlich sollte der muslimische Staat bei einer solchen Vereinbarung an vorderster Stelle stehen.

Keine Rechtfertigung erforderlich
Dies waren die Frauen, die der Prophet heiratete. Ich habe die Umstände erklärt, die zu vier dieser Ehen führten. Drei von ihnen waren Töchter von Feinden, die ihn im Kampf bekämpft hatten; dennoch kümmerte er sich gütig um sie und machte sie zu „Müttern der Gläubigen“. Die vierte wurde ihm durch einen göttlichen Befehl gegeben, um ein falsches System, das Gott abschaffen wollte, praktisch zu beenden. Gesetzgeberische Gründe könnten bei zwei weiteren Fällen eine Rolle gespielt haben. Maymunah war die Schwester seiner verstorbenen Ehefrau Zaynab bint Khuzaymah. Während andere Religionen eine solche Ehe verbieten, erlaubt der Islam sie.

Der Fall Maria zeigt die Stellung einer Sklavin: Sie war ihrem Herrn zusätzlich zu seinen vier Ehefrauen erlaubt. Alternativ konnte sie jemand anderen heiraten und Sklavin bleiben. Ihre Ehe wurde als vollständige Ehe anerkannt, und sie wurde jedem außer ihrem Ehemann verboten. Behielt ihr Herr sie dagegen bei sich und gebar sie ihm ein Kind, wurde ihr Status der einer „Mutter eines Kindes“. In diesem Fall durfte sie weder verkauft noch verschenkt werden und blieb bei ihrem Herrn. Sobald er starb, wurde sie dadurch frei, dass sie ein Kind geboren hatte.

Man könnte sagen, solche Regeln hätten verkündet und umgesetzt werden können, ohne dass der Prophet sie selbst praktizierte. Doch dies zu sagen bedeutet, unsere eigenen Maßstäbe auf eine Situation anzuwenden, die vierzehn Jahrhunderte zurückliegt. Außerdem müssen wir bedenken, dass das Beispiel des Propheten von allen Generationen und Gemeinschaften besser verstanden wird als irgendeine gesetzliche Bestimmung in einem Gesetzbuch. Die Umstände, die zu diesen Ehen führten, können erklärt und untersucht werden; ich führe sie jedoch nicht an, um die Handlungen des Propheten bei der Heirat dieser Frauen zu rechtfertigen. Da für keine Handlung des Propheten eine Rechtfertigung erforderlich ist, ist eine entschuldigende Haltung unnötig.

In Seiner unendlichen Weisheit nahm Gott Seinen Gesandten Muhammad von der Beschränkung auf vier Ehefrauen aus und erlaubte ihm, beliebig viele Frauen zu heiraten. Die Tatsache, dass neun seiner Ehefrauen ihn überlebten und zwei zu seinen Lebzeiten starben, beschränkte ihn nicht auf diese Zahl. Zu einem bestimmten Zeitpunkt beendete Gott diese Ausnahme und sagte zu ihm: „Dir, [Muhammad], ist es nicht erlaubt, weitere Frauen zu nehmen oder sie gegen andere Frauen einzutauschen, auch wenn dich ihre Schönheit anzieht, außer denen, die deine rechte Hand besitzt. Gott wacht über alle Dinge.“ (33:52)

Dies macht deutlich, dass der Prophet Gottes Anweisungen befolgte. Er machte von der Ausnahme Gebrauch, die Gott ihm gewährt hatte, und nutzte sie, wann immer er empfand, dass die Aufnahme einer bestimmten Frau in seine Ehe dem Islam diente. Nichtmuslime mögen dies jedoch schwer verstehen, besonders in der heutigen Umgebung, in der bestimmte soziale Werte versuchen, dem Leben ihren Stempel aufzudrücken. Viele Nichtmuslime kritisieren den Islam dafür, Polygamie zu erlauben oder die Scheidung einfach zu machen. Eine objektive Betrachtung der islamischen Gesetzgebung über Ehe und Scheidung wird jedoch stets zeigen, dass sie allen Bedürfnissen und Situationen in einer Atmosphäre Rechnung trägt, die eine edle Moral fördert.

Alle Muslime glauben, dass Gott Muhammad das gewährte, was Er für den Islam als das Beste bestimmte. Dies galt für seine Ehen ebenso wie für die anderen Bereiche seines Lebens. Man bedenke etwa, dass er von seiner ersten Ehefrau sechs Kinder hatte, während keine seiner anderen Frauen ihm ein Kind gebar, obwohl mehrere von ihnen Kinder aus früheren Ehen hatten und mehrere in ihren Zwanzigern oder Dreißigern waren. Nur Maria gebar ihm ein Kind; sie war die letzte von allen. Er war über sechzig, als sein letztes Kind geboren wurde. In alledem sehen wir das Wirken des göttlichen Willens.

Den Ehefrauen des Propheten war es nicht erlaubt, nach seinem Tod jemand anderen zu heiraten. Wahrscheinlich hätten sie auch keinen anderen Mann heiraten wollen: Wer hätte den Propheten für eine von ihnen ersetzen können? Der Grund dafür liegt jedoch darin, dass eine Frau im kommenden Leben im Paradies mit ihrem letzten Ehemann vereint wird. Vor die Wahl gestellt, hätten sie niemand anderen als Muhammad, den Gesandten Gottes, bei sich haben wollen.

Das Leben im Haus des Propheten
Als der Prophet Umm Salamah seinen Heiratsantrag sandte, gehörte zu den Gründen, die sie in ihrer höflichen Absage nannte, dass sie eine eifersüchtige Frau sei. Eifersucht ist für die meisten Frauen natürlich. [A’ishah, die jung und hübsch war, berichtet, wie Eifersucht ihre Reaktion bei mehreren Gelegenheiten bestimmte. Wie also kam der Prophet mit all diesen Frauen zurecht?

Zunächst war die Vorstellung der Polygamie für sie akzeptabel. Sie wuchsen in Häusern auf, in denen die meisten Männer mehrere Frauen hatten. Selbst diejenigen, deren Väter nur eine Frau geheiratet hatten, akzeptierten Polygamie als normal, weil sie in ihrer Gesellschaft üblich war und überall praktiziert wurde. Dennoch trat gelegentlich Eifersucht auf. [A’ishah berichtet, dass sie in einer ihrer Nächte aufwachte und feststellte, dass der Prophet hinausgegangen war. Ihr erster Gedanke war, dass er vielleicht zu einer seiner anderen Ehefrauen gegangen sei. Sie ging hinaus, um ihn zu suchen. Dann sah sie ihn vom Friedhof zurückkommen, wo er für die Verstorbenen der muslimischen Gemeinschaft gebetet hatte. [A’ishah war sogar auf seine verstorbene Ehefrau Khadijah eifersüchtig, weil der Prophet oft mit offensichtlicher Zuneigung von ihr sprach.

Der Prophet hatte für jede seiner Frauen ein eigenes Haus. Es waren einfache Einzimmerhäuser neben der Moschee. In der Art, wie er sie behandelte, machte er keinen Unterschied zwischen ihnen. Für ihn waren sie alle gleich, obwohl er [A’ishah am meisten liebte. Er pflegte Gott zu bitten, ihm dies zu vergeben, da es nicht in seiner Kontrolle lag. In seinem Bittgebet sagte er: „Mein Herr, Du siehst, was ich in dem Bereich tue, den ich kontrolliere. Bitte vergib mir, was außerhalb meiner Kontrolle liegt.“

Die Nähe ihrer Wohnräume und der Wettbewerb darum, die Gunst ihres einzigartigen Ehemannes zu gewinnen, führten dazu, dass sie sich in zwei Gruppen teilten: in jene, die [A’ishah unterstützten, weil sie erkannten, dass sie nicht mit ihr konkurrieren konnten, und jene, die darauf bestanden, ihr gleichgestellt zu sein. Diese zweite Gruppe wurde von Umm Salamah angeführt. Dennoch dürfen wir in diese Rivalität nicht zu viel hineinlesen, denn letztlich waren sie alle gute Gläubige, fromm und tugendhaft. Sie erkannten, dass es durch Gottes Gnade geschah, dass sie mit dem Mann verheiratet waren, den Er zu Seinem Gesandten an die Menschheit erwählt hatte.

Das Leben im Haus des Propheten war jedoch nicht leicht, denn er kümmerte sich wenig um jede Art von Luxus. Wenn die Verhältnisse schwierig waren und die gesamte muslimische Gemeinschaft arm war, ertrugen seine Frauen ihr Los geduldig. Später, als sich die Lage der muslimischen Gemeinschaft erheblich verändert hatte, waren die Ehefrauen des Propheten der Meinung, dass sich dies auch in den Häusern des Propheten widerspiegeln sollte. Gemeinsam stellten sie die Bitte nach einem leichteren und bequemeren Leben. Dies erzürnte den Propheten offenbar. Es gibt keine Einzelheiten über den Streit, der stattfand, doch können wir annehmen, dass der Prophet erklärte, er müsse sich um die gesamte Gemeinschaft kümmern. Er war auch der Ansicht, dass die vergängliche Natur dieses gegenwärtigen Lebens kein luxuriöses Leben rechtfertige, solange es in der Gemeinschaft noch arme Menschen gab. Es scheint, dass seine Frauen beharrlich waren und er zornig wurde. Er beschloss, sie zu bestrafen, indem er sich einen Monat lang von ihnen fernhielt. Dies sorgte in der muslimischen Gemeinschaft für Aufregung, da die Menschen zunächst glaubten, der Prophet habe sich von allen seinen Frauen scheiden lassen. Doch [Umar wurde eingelassen und bestätigte, dass keine Scheidung stattgefunden hatte.

Am Ende des Monats handelte der Prophet nach Gottes Anweisung und bot jeder seiner Frauen eine Wahl an. Dies wird in den folgenden Versen des Qur’an dargelegt: Prophet! Sag zu deinen Frauen: Wenn ihr das diesseitige Leben und seinen Schmuck begehrt, dann kommt, ich werde euch eine angemessene Versorgung geben und euch auf schöne Weise freigeben. Wenn ihr aber Gott und Seinen Gesandten und die jenseitige Wohnstätte begehrt, dann hat Gott für diejenigen unter euch, die Gutes tun, einen gewaltigen Lohn bereitet. (33:28–29)

Er begann mit [A’ishah und sagte zu ihr: „Ich werde dir etwas mitteilen, über das du sorgfältig nachdenken und deine Eltern befragen sollst, bevor du dich entscheidest.“ Dann las er ihr diese beiden Verse vor. Sofort sagte sie: „Sollte ich meine Eltern fragen, ob ich bei dir bleiben soll? Ich wähle gewiss Gott und Seinen Gesandten. Ich möchte dich jedoch bitten, den anderen Ehefrauen meine Entscheidung nicht mitzuteilen.“ Er sagte zu ihr: „Gott hat mich nicht gesandt, eine harte Haltung einzunehmen, sondern Er hat mich zu einem Lehrer und Erleichterer gemacht. Wenn eine von ihnen mich nach deiner Entscheidung fragt, werde ich es ihr sagen.“ (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

Er sprach mit jeder einzelnen von ihnen und gab ihr die Wahl. Von allen erhielt er dieselbe Antwort. Sayyid Qutb kommentiert dieses Ereignis mit den Worten: Der Qur’an definiert die grundlegenden Werte im islamischen Verständnis des menschlichen Lebens. Diese Werte müssen sich praktisch im Haus des Propheten und in seinem persönlichen Leben widerspiegeln. Sein Haus bleibt für die Muslime während des gesamten menschlichen Lebens ein Leuchtfeuer. Daher muss es das beste und genaueste Beispiel islamischer Werte geben.

Die beiden Verse gaben den Ehefrauen des Propheten die Wahl: entweder weltlichen Luxus und Bequemlichkeit oder Gott, Seinen Gesandten und das kommende Leben. Ein einziges Herz kann nicht zwei verschiedene Wertesysteme aufnehmen. Die Ehefrauen des Propheten hatten bereits gesagt, dass sie den Propheten nie wieder um etwas bitten würden, das er nicht besaß. Die Qur’anverse wurden offenbart, um das zugrunde liegende Prinzip festzulegen. Es geht nicht darum, ob der Prophet solchen Luxus besitzt oder nicht; es geht darum, zwischen Gott, dem Propheten und dem kommenden Leben einerseits und den Annehmlichkeiten und dem Schmuck des gegenwärtigen Lebens andererseits zu wählen.

Die Ehefrauen des Propheten sollten wählen, ob ihnen weltliche Schätze zur Verfügung standen oder ob ihre Häuser ohne Nahrung waren. Als ihnen diese entscheidende Wahl angeboten wurde, erklärten alle klar und vorbehaltlos ihre Präferenz und wählten Gott, den Propheten und den Erfolg im kommenden Leben. Sie erwiesen sich als würdig für den erhabenen Maßstab, den ihre hohe Stellung als Ehefrauen des Propheten erforderte. Ein Bericht erwähnt außerdem, dass der Prophet über ihre Wahl erfreut war.3

2 [A’ishah [Abd al-Rahman, Tarajim Sayyidat Bayt al-Nubuwwah, Dar al-Hadith, Kairo, 2007, S. 250.
3 Sayyid Qutb, Im Schatten des Qur’an, Bd. 14, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2006, S. 63–64.

KAPITEL 15

Muhammad: der militärische Befehlshaber

Kurz vor Beginn der Schlacht von Badr, der ersten großen Schlacht in der Geschichte des Islam, sandte Muhammad (Friede sei mit ihm) den Quraisch eine Botschaft und teilte ihnen mit, dass er, wenn es um Krieg gehe, lieber nicht gegen sie kämpfen würde. Er wies darauf hin, dass sie keinen Grund hätten, gegen ihn und seine Gefährten zu kämpfen, und dass man sich daher leicht auf eine Friedensregelung einigen könne. Einer der Anführer der Quraisch, [Utbah ibn Rabi[ah, erkannte, dass eine Schlacht unnötig war, und versuchte, sein Volk dazu zu bewegen, seine feindselige Haltung aufzugeben. Abu Dschahl und andere Hardliner waren jedoch entschlossen, den Krieg zu beginnen, und konnten bald alle in eine unnötige Schlacht hineinziehen, die mit einem großen Triumph des muslimischen Heeres über eine weit größere Streitmacht der Ungläubigen endete.

Dies bringt die Haltung des Islam zum Krieg auf den Punkt: Er muss so weit wie möglich vermieden werden, kann aber nicht völlig ausgeschlossen werden, weil andere möglicherweise zum Kampf greifen. Daher muss ein muslimischer Staat, der sich in einem Konflikt mit anderen befindet, auf den Kampf vorbereitet sein und zugleich versuchen, diese Lage so weit wie möglich zu vermeiden. Nach islamischer Auffassung muss Krieg stets der Verteidigung dienen und darauf abzielen, Recht und Gerechtigkeit für alle herzustellen. Eine Schlacht darf nur geführt werden, um Ungerechtigkeit, Tyrannei und Aggression zu beseitigen.

Der Islam betrachtet das menschliche Leben jedoch aus einer umfassenden Perspektive. Die göttliche Botschaft richtet sich an die gesamte Menschheit. Die Muslime vertreten daher die Auffassung, dass es richtig ist, diese Botschaft den Menschen vorzulegen, wo immer sie leben. Heute sprechen wir viel von Menschenrechten. Der Islam begründete seine Vorstellung von den Menschenrechten bereits am Anfang seiner Botschaft, vor vierzehn Jahrhunderten. Der Islam macht das Recht auf Freiheit zum wichtigsten Recht jedes Mannes und jeder Frau. Dieses Recht hat sogar Vorrang vor dem Recht auf Leben. Selbstverständlich wird das Recht auf Leben von Gott, dem Allmächtigen, jedem Kind, ob männlich oder weiblich, gewährt. Doch Gott sagt im Qur’an: „Unterdrückung ist schlimmer als Töten“ (2:191) und: „Religiöse Verfolgung ist schlimmer als Töten“ (2:217). Das arabische Wort fitnah wird in beiden Aussagen verwendet, aber in einem Fall mit „Unterdrückung“ und im anderen mit „religiöse Verfolgung“ übersetzt, um die jeweilige Bedeutung des Zusammenhangs wiederzugeben.

Indem der Islam die Freiheit zum grundlegenden und wesentlichsten Menschenrecht macht, veredelt er den Menschen. Wird die Freiheit verweigert, können die Menschen ihre Menschlichkeit nicht ausüben und werden wie Maschinen; das heißt, sie sind sogar schlimmer als Tiere, die ihrem Instinkt folgen. Der Islam verpflichtet die muslimische Gemeinschaft, jedes Hindernis für die Ausübung des Rechts auf Freiheit zu beseitigen. Der Islam erklärt, dass das Errichten von Hindernissen für die Freiheit ungerecht ist, und verlangt die Beseitigung der Ungerechtigkeit. Dies ist Teil der umfassenden islamischen Sicht des Menschen, unseres Platzes auf der Erde und der Aufgabe, die Gott uns übertragen hat.

Freiheit ermöglicht es den Menschen, Entscheidungen zu treffen und schöpferisch zu sein, sodass jeder seine Aufgabe erfüllen kann. Wo Diktatur herrscht, verlieren die Menschen unter ihrem Joch zuerst ihre schöpferische Kraft, stagnieren anschließend und sinken schließlich in eine tiefe Erniedrigung und einen Mangel an Selbstachtung. An diesem Punkt ist ihre Menschlichkeit verloren, ihre Würde vergeudet, und das Leben, das sie führen, ist des Geschöpfes unwürdig, das Gott zum Verwalter der Erde eingesetzt hat. Deshalb ist die Beseitigung von Hindernissen für die Freiheit eine wesentliche Aufgabe der muslimischen Gemeinschaft, wenn sie für Gottes Botschaft eintritt und die Menschen dazu aufruft, sie anzunehmen und umzusetzen. Werden Hindernisse gewaltsam errichtet, müssen sie daher durch Gegenkraft beseitigt werden; führt dies zum Krieg, gilt ein solcher Krieg als Verteidigung, weil er das Recht des Menschen auf Freiheit verteidigt.

Der Prophet und seine Gefährten blieben dreizehn Jahre in Makka, verkündeten ihren Glauben und sahen sich brutaler Verfolgung und Ungerechtigkeit gegenüber. Während dieser ganzen Zeit waren sie angewiesen, keine Gewalt gegen ihre Verfolger anzuwenden. Ihnen wurde befohlen, friedlich zu bleiben und sich ihrer Anbetung zu widmen. Das bedeutete, dass sie trotz der ihnen eindeutig widerfahrenden Ungerechtigkeit jede Not ertrugen, der sie ausgesetzt waren, und dabei eine Haltung der Geduld und Ergebung bewahrten.

Wie in Kapitel 2 berichtet, kam es zu einem großen Durchbruch, als sich der Islam unter den Menschen von Madina auszubreiten begann. Dutzende der neuen Muslime trafen den Propheten während der Pilgerzeit in Mina und baten ihn, mit allen Muslimen aus Makka in ihre Stadt zu kommen. Sie versprachen ihm ihre uneingeschränkte Unterstützung, wozu auch der Kampf gegen jede angreifende Streitmacht gehörte, die seine Botschaft unterdrücken wollte. Sie schlugen sogar vor, am folgenden Tag gegen die Ungläubigen in den Kampf zu ziehen. Der Prophet sagte ihnen jedoch, dass Gott noch keinen Kampf erlaubt habe.

Kurz nach der Auswanderung des Propheten nach Madina, zu Beginn des vierzehnten Jahres seiner Botschaft, wurde im Qur’an die Erlaubnis erteilt, gegen Unterdrückung zu kämpfen:

Muhammad: Der militärische Befehlshaber

„Die Erlaubnis zu kämpfen ist denen gegeben, gegen die Krieg geführt wird, weil ihnen Unrecht getan wurde. Wahrlich, Gott hat die Macht, ihnen zum Sieg zu verhelfen. Es sind diejenigen, die zu Unrecht aus ihrer Heimat vertrieben wurden, nur weil sie sagen: ‚Unser Herr ist Gott!‘ Wenn Gott nicht die einen Menschen durch die anderen abwehren würde, wären Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen – in denen Gottes Name häufig gepriesen wird – gewiss zerstört worden. Gott wird ganz gewiss dem beistehen, der seiner Sache beisteht. Gott ist wahrlich Allmächtig und Erhaben.“ (22:39–40)

Die Gründe für diese Erlaubnis werden klar genannt. Den Opfern der Ungerechtigkeit ist der Kampf erlaubt. Da die Muslime diejenigen waren, gegen die gekämpft wurde, durften sie sich selbst und ihre Freiheit verteidigen. Da die Auswanderer nach Madina „zu Unrecht aus ihrer Heimat vertrieben“ worden waren und keinen anderen Grund als ihren Glauben hatten, durften sie Maßnahmen ergreifen, um der Ungerechtigkeit entgegenzutreten. Die Verse bekräftigen eindeutig das Recht auf Glauben als Teil der Freiheit des Menschen: Klöster, Kirchen, Synagogen und Moscheen müssen geachtet werden, und den Menschen muss die Freiheit der Anbetung gewährt werden.

Während der Zeit, in der der Prophet in Makka den Islam verkündete, erkannten die Quraisch, dass sie keinen wirklichen Grund zur Klage gegen den Propheten und seine Anhänger hatten. Als sich die Lage einmal auf eine Polarisierung zubewegte, machte einer ihrer vernünftigeren Anführer, [Utbah ibn Rabi[ah, dem Propheten verlockende Angebote, falls er seine Botschaft aufgäbe. Die einzige Antwort des Propheten bestand darin, ihm einen langen Abschnitt aus dem Qur’an vorzulesen. Daraus erkannte [Utbah klar, dass Muhammad keinerlei Reichtum oder materiellen Gewinn anstrebte und dass sein einziges Anliegen darin bestand, eine Botschaft zu übermitteln, die eindeutig aus einer nichtmenschlichen Quelle stammte. Er kehrte zu seinem Volk zurück und sagte:

„Ich habe etwas gehört, wie ich es in meinem ganzen Leben noch nie gehört habe. Es ist weder Dichtung noch Zauberei. Nehmt meinen Vorschlag an und ladet die Verantwortung für das Ergebnis bei mir ab. Lasst diesen Mann in Ruhe. Was ich von ihm gehört habe, wird gewiss große Ereignisse herbeiführen. Sollten die übrigen Araber ihn töten, wärt ihr die Mühe los. Wenn er siegt, wird euch jeder Ruhm, den er erringt, zugutekommen.“1

Dies ähnelt dem Rat, den [Utbah den Quraisch unmittelbar vor Beginn der Schlacht von Badr gab. Damals sagte er ihnen, dass sie keinen wirklichen Grund zur Klage gegen Muhammad und seine Anhänger hätten und es daher zu ihrem größeren Vorteil wäre, die Angelegenheit auf sich beruhen zu lassen:

„Nehmt meinen Rat an und kämpft nicht gegen diesen Mann [das heißt den Propheten] und seine Gefährten. Ich werde die gesamte Verantwortung tragen. Ihr könnt mir die ganze Schuld für diese Feigheit geben. Unter diesen Leuten sind viele unsere Verwandten. Sollten wir siegen, wird mancher von uns sich umsehen und den Mörder seines Vaters oder Bruders erblicken. Das wird viel Feindschaft und Hass in unseren Reihen hervorrufen. Ihr könnt sie nicht alle töten, bevor sie eine gleiche Zahl von euch getötet haben. Dann aber könnte sich das Blatt gegen euch wenden. Was wollt ihr rächen, außer einem getöteten Mann und der Karawane, die sie geplündert haben? Ich werde all das selbst tragen. Männer, wenn Muhammad ein Lügner ist, werden die Wölfe unter den Arabern euch von ihm befreien. Wenn er ein König ist, werdet ihr vom Reich eures Neffen profitieren. Wenn er hingegen tatsächlich ein Prophet ist, werdet ihr die glücklichsten aller Menschen sein, weil ihr ihn habt. Männer, weist meinen Rat nicht zurück und unterschätzt meine Ansicht nicht.“2

Vernünftiger Rat wird jedoch selten befolgt, wenn Menschen polarisiert sind. Auch heute haben Kriegstreiber und Hardliner oft das letzte Wort, wenn Krieg unmittelbar bevorzustehen scheint. Die Quraisch beschuldigten [Utbah der Feigheit und trieben ihn dadurch dazu, als Erster Feindseligkeiten zu beginnen. Der Prophet hätte es vorgezogen, dass die Quraisch zur Vernunft kämen und erkannten, dass ein Krieg sie auf einen Weg führen würde, der keinen Nutzen brachte. Kurz bevor [Utbah seine Rede hielt, erklärte der Prophet, er sei der Vernünftigste unter ihnen, und sie täten gut daran, auf seinen Rat zu hören. Wird vernünftiger Rat zurückgewiesen, ist die Alternative oft verhängnisvoll; die Schlacht von Badr war für die Quraisch tatsächlich eine Katastrophe. Die Muslime errangen einen überwältigenden Sieg, der die Quraisch gedemütigt zurückließ.

Vorsichtige Vorbereitungen

So sehr der Prophet den Krieg hasste, so wenig wich er einem Konflikt aus, wenn dieser notwendig oder unvermeidlich war. Als die Erlaubnis zum Kampf gegen die Ungläubigen erteilt worden war, erkannte er daher, dass Vorbereitungen getroffen werden mussten, damit die muslimische Gemeinschaft nicht unvorbereitet getroffen würde. Einige Monate nachdem er sich mit seinen Gefährten in Madina niedergelassen hatte, begann er, Expeditionen in alle umliegenden Gebiete zu entsenden. Diese Expeditionen bestanden ausschließlich aus seinen Gefährten aus Makka, da der Prophet die Bewohner von Madina nicht aus ihrer Stadt schicken wollte. Ihr Unterstützungsversprechen bestand darin, den Propheten gegen jeden Feind zu schützen, der Madina angriff.

Den Expeditionen wurden verschiedene Aufgaben erteilt. Einige bestanden aus dreißig, vierzig oder sechzig Reitern, andere aus Hunderten. Einmal sandte der Prophet nur einen Mann, [Abdullah ibn Unays, mit dem Auftrag, einen Beduinenführer zu töten, der eine Streitmacht für einen Überfall auf Madina sammelte. [Abdullah tötete den Mann, und der Überfall wurde dadurch verhindert.

Diese Expeditionen, die alle paar Monate ausrückten, erfüllten mehrere Zwecke. Meist waren es Aufklärungszüge, da sie keinen wirklichen Kampf einschlossen. Obwohl einige die Muslime ihren Gegnern unmittelbar gegenüberbrachten, konnten die Gefährten des Propheten gewöhnlich jede Eskalation vermeiden. Dadurch wurden die Muslime mit der Gegend um Madina und den dort lebenden Stämmen vertraut. Zugleich vermittelten sie diesen Stämmen den Eindruck, dass die muslimische Gemeinschaft in Madina auf jede Entwicklung vorbereitet war. Viele dieser Stämme waren daran gewöhnt, ihre Nachbarn zu überfallen, begannen aber zu erkennen, dass ein Überfall auf Madina sehr kostspielig werden konnte.

Außerdem konnte der muslimische Staat wichtige Friedensvereinbarungen mit mehreren Stämmen aushandeln, die zwischen Makka und Madina lebten, etwa mit den Stämmen der Damrah und der Mudlij. Diese Vereinbarungen unterstrichen, dass der Islam niemals versucht hatte, sich einem Einzelnen oder einer Gemeinschaft aufzuzwingen. Der Islam zog es stets vor, seine Botschaft vorzulegen und die Menschen aufzufordern, sie zu erwägen, ohne Druck auf sie auszuüben, sie anzunehmen. Dies beruhte auf der Überzeugung, dass die Menschen frei wählen müssen und ihre Wahl aus Überzeugung treffen sollen.

Einer der ersten Schritte des Propheten nach seiner Auswanderung nach Madina bestand tatsächlich darin, die Verfassung seines Staates auszuarbeiten, die als „Dokument von Madina“ bekannt wurde und von allen in Madina lebenden Gruppen unterzeichnet wurde: Muslimen, Juden und Götzendienern.

Diese Expeditionen boten den Muslimen eine wichtige Ausbildung. In vorislamischer Zeit hatten die Quraisch nur wenig gekämpft. Die Quraisch führten ein wohlhabendes Leben und mussten – anders als viele andere Stämme jener Zeit – keine Plünderungszüge unternehmen. Kein Stamm der Umgebung konnte die Quraisch angreifen, weil die Heiligkeit von Makka von allen Arabern anerkannt wurde. Die Muhadschirun benötigten daher eine Ausbildung für jeden bewaffneten Zusammenstoß, der sich in den kommenden Tagen entwickeln konnte. Diese Expeditionen boten eine solche Ausbildung, obwohl sie wenig oder gar keinen Kampf einschlossen. Sie lehrten die Muslime auch Disziplin, die für jede kämpfende Streitmacht von größter Bedeutung ist.

Einige Expeditionen hatten dem Anschein nach das Ziel, Handelskarawanen der Quraisch abzufangen. Obwohl dies tatsächlich nur selten geschah, entstand dadurch der Eindruck, dass die Route für solche Karawanen keineswegs sicher war. Da die Quraisch für ihren Wohlstand stark auf ihren Handel angewiesen waren, war dies eine ernste Angelegenheit.

Man darf nicht vergessen, dass die Muslime aus Makka bei ihrer Auswanderung ihre Häuser und Besitztümer dort zurückließen und die Quraisch keine Zeit verloren, sich all ihr Eigentum anzueignen. Als die Quraisch sich schließlich ergaben und Makka dem Islam zufiel, wohnte der Prophet in einem Zelt. Sein Haus, das seiner verstorbenen Frau Chadidscha gehört hatte, war von seinem Vetter [Aqil ibn Abi Talib verkauft worden. Einer seiner Gefährten fragte den Propheten, wo er wohnen werde. Er antwortete: „Hat [Aqil uns irgendwo einen Platz zum Wohnen gelassen?“ Dasselbe galt für alle Muslime, die mit dem Propheten aus Makka ausgewandert waren. Daher war es legitim, dass die Muslime versuchten, ihre Verluste durch das Abfangen des Handels der Quraisch wieder auszugleichen.

Die letzte dieser Expeditionen stand unter dem Befehl von [Abdullah ibn Dschahsch, der zu einem Aufklärungsauftrag in ein Gebiet zwischen Makka und Taif entsandt wurde. Seine acht Mann starke Expedition gelangte sehr nahe an Makka, überschritt jedoch ihren Auftrag, indem sie eine kleine Handelskarawane angriff, einen ihrer Wächter tötete, zwei Gefangene nahm und die Waren beschlagnahmte. Der Prophet war zornig, als er davon erfuhr, weil die Expedition gegen eine wohlbekannte Tradition verstoßen hatte, die Kämpfe in jedem der vier heiligen Monate verbot. Die Hardliner unter den Quraisch nutzten diesen Vorfall, um die Kämpfe in der Schlacht von Badr zu beginnen.

Die Schlacht von Badr

Die Schlacht von Badr fand im Ramadan des zweiten Jahres nach der Auswanderung des Propheten nach Madina statt. Bis dahin hatte der Prophet mehr als zehn Expeditionen entsandt und selbst an mehreren teilgenommen. Nur die von [Abdullah ibn Dschahsch geführte Expedition hatte einen Kampf umfasst. Badr war jedoch eine große Schlacht, obwohl nur vergleichsweise kleine Streitkräfte beteiligt waren: etwa 1000 Ungläubige gegenüber 313 Muslimen. Die kleinere Streitmacht errang einen überwältigenden Sieg, tötete siebzig Gegner und nahm siebzig Gefangene, während sie vierzehn Märtyrer verlor. Dies konnte nur durch die bemerkenswerte Führung des Propheten erreicht werden.

Generalleutnant Mahmood S. Khattab, ein zeitgenössischer Militärhistoriker, hält ihn für den größten militärischen Befehlshaber aller Zeiten.3 Khattab behandelt alle Schlachten und Expeditionen, die der Prophet führte oder entsandte, hebt die militärischen Eigenheiten jeder Schlacht hervor und fasst seine Untersuchung mit einer ausführlichen Erörterung der Merkmale zusammen, mit denen der Prophet seine Truppen befehligte und dadurch außerordentlich bemerkenswerte Ergebnisse erzielte.

Die militärische Strategie des Propheten beruhte in erster Linie darauf, dem Feind stets voraus zu sein, damit er jede Lage bewältigen konnte. Er musste diesen Ansatz verfolgen, weil er den Krieg ablehnte und seine schrecklichen Folgen möglichst gering halten wollte. Als der Prophet seinen Staat in Madina gründete, war dieser zunächst nur ein Stadtstaat, gleich einer kleinen Insel inmitten eines feindlichen Ozeans. Auch innerhalb Madinas herrschte weitverbreitete Feindseligkeit. Die Juden weigerten sich, die islamische Botschaft anzunehmen, obwohl sie sich nur in Madina niedergelassen hatten, während sie auf den letzten Propheten warteten. Einige Araber blieben Götzendiener; anfangs bildeten sie einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung Madinas, doch ihre Zahl nahm ab, als viele von ihnen begannen, die Wahrheit des Islam zu erkennen. Als sie schwächer wurden, griffen einige zur Heuchelei und gaben sich als Muslime aus, obwohl sie dem Islam tatsächlich feindlich gegenüberstanden. Ihre Feindseligkeit war daher stets von einem dünnen Anstrich der Freundschaft bedeckt. Ohne vorausschauendes Denken konnte der muslimische Staat daher nicht auf Überleben hoffen, geschweige denn auf Gedeihen und Ausdehnung.

Der richtige Einsatz von Aufklärung

Aufklärung ist in jeder Kriegslage von großer Bedeutung. Der Prophet war sich der Wichtigkeit zuverlässiger Informationen ebenso bewusst wie der Notwendigkeit, den Feind über seine Absichten im Unklaren zu lassen. Obwohl die vom Propheten entsandten Expeditionen viele nützliche Informationen sammeln und die Muslime mit der Gegend um sie herum vertraut machen konnten, war es auch notwendig, über die Ereignisse und Pläne in Makka informiert zu bleiben. Zu diesem Zweck stützte sich der Prophet auf seinen Onkel al-[Abbas ibn [Abd al-Muttalib.

Al-[Abbas blieb in Makka zurück und schloss sich dem Propheten bei dessen Auswanderung nicht an. Nach außen hin folgte al-[Abbas weiterhin der Religion der Quraisch, die auf Götzendienst beruhte. Er hielt jedoch Kontakt zum Propheten und unterrichtete ihn über alle Entwicklungen in Makka. Als die Quraisch beispielsweise ihr Heer aufstellten, das in der Schlacht von Uhud kämpfte, stellte al-[Abbas einen Mann aus dem Stamm Ghifar an und gab ihm einen Brief an den Propheten, der alle Einzelheiten über den Plan der Quraisch, ihre Zahl und ihre Ausrüstung enthielt. Er sorgte dafür, dass der Mann mit höchster Geschwindigkeit reiste und die Entfernung zwischen den beiden Städten in drei Tagen zurücklegte, damit der Prophet ausreichend Zeit zur Vorbereitung hatte.

Als die Quraisch und Ghatafan gegen Madina marschierten, erhielt der Prophet ebenfalls rechtzeitig Nachricht, sodass er und seine Gefährten den Graben zur Befestigung Madinas ausheben konnten. Ebenso wichtig wie die Kenntnis der Pläne und Absichten des Feindes ist wohl der Gebrauch, den ein Befehlshaber von den gesammelten Informationen macht. Wenn der Prophet Informationen erhielt, die die Moral seiner Soldaten beeinträchtigen konnten, vergewisserte er sich zunächst ihrer Richtigkeit.

Kurz vor der Schlacht von Uhud befahl der Prophet al-Hubab ibn al-Mundhir, das feindliche Heer zu umkreisen und seine Stärke einzuschätzen. Er sagte zu ihm: „Sag mir nichts, wenn jemand bei mir ist, außer wenn sie nur wenige sind.“ Al-Hubab ging durch ihre Reihen und konnte ihre Stärke einschätzen. Als er zurückkam, war der Prophet allein. Er sagte zu ihm: „Ich schätze ihre Zahl auf etwa 3000, darunter 200 Reiter. Ich schätze, dass sie 700 Rüstungen haben.“ Der Prophet fragte ihn, ob sich Frauen bei ihnen befänden. Er antwortete: „Ich sah Frauen mit Trommeln und Tamburinen.“ Der Prophet sagte: „Sie sind hier, um sie anzufeuern und sie an die Männer zu erinnern, die sie in Badr verloren haben. Deine Schätzung stimmt mit den Informationen überein, die ich erhalten habe. Sag niemandem etwas über sie. Wir setzen unser Vertrauen auf Gott.“4

Der Prophet vergewisserte sich somit, dass die zunächst empfangenen Informationen zutreffend waren. Er wollte nicht, dass einer seiner Soldaten wusste, dass sie gegen eine Streitmacht kämpfen würden, die mehr als viermal so groß war wie ihre eigene. Während der Belagerung Madinas durch die verbündeten Stämme erhielt der Prophet ebenfalls die Nachricht, dass der jüdische Stamm Qurayzah die Seiten gewechselt hatte, was einen Bruch seines Vertrags mit den Muslimen bedeutete. Er sandte mehrere seiner Gefährten aus, um festzustellen, ob dies wahr war. Er sagte zu ihnen: „Wenn sie Verrat beabsichtigen, gebt mir nur einen Hinweis, den ich erkenne. Sagt den Menschen nichts, was sie entmutigen könnte. Wenn ihr feststellt, dass sie dem Vertrag treu sind, macht dies allen bekannt.“5 In beiden Fällen war der Prophet darauf bedacht, dass die Moral der Muslime durch schlechte Nachrichten nicht beeinträchtigt wurde.

Vielleicht war der erste bekannte Fall eines versiegelten Briefes, der einem Befehlshaber einer Expedition mit der Anweisung übergeben wurde, ihn erst nach Ablauf einer bestimmten Zeit zu öffnen, ein Brief, den der Prophet [Abdullah ibn Dschahsch gab. Der Prophet wies ihn an, nach Süden zu reisen und den Brief nach zwei Tagen zu öffnen. Als [Abdullah ibn Dschahsch den Brief öffnete, lautete seine Anweisung, seinen Soldaten die freie Wahl zu lassen, ob sie mit ihm weiterziehen oder nach Madina zurückkehren wollten. [Abdullah tat, was der Prophet ihm befohlen hatte, und öffnete den Brief nach einem zweitägigen Marsch. Darin stand: „Wenn du diesen Brief liest, ziehe weiter, bis du Nakhlah zwischen Makka und Taif erreichst, und sammle Nachrichten über die Quraisch.“6

Das Überraschungsmoment und die Kriegsethik

Ein weiterer sehr wichtiger Aspekt der militärischen Strategie des Propheten war der Einsatz des Überraschungsmoments. Überraschung kann sich auf den Zeitpunkt, den Ort oder die Taktik beziehen; der Prophet nutzte alle drei Möglichkeiten zu verschiedenen Zeiten.

Als die Juden von Qurayzah entdeckten, dass die verbündeten Stämme der Quraisch und Ghatafan ihre Belagerung Madinas aufgegeben hatten und nach Hause zurückgekehrt waren, erkannten sie, dass sie sich den Folgen ihres Verrats würden stellen müssen. Sie erwarteten, dass die Muslime sich ihnen erst zuwenden würden, nachdem sie sich von der fast einen Monat dauernden schweren Belagerung erholt hatten. Der Prophet gewährte seinen Gefährten jedoch nur wenige Stunden Ruhe, bevor er befahl, dass sie alle bei Sonnenuntergang an den Festungen der Qurayzah sein sollten. Das war am selben Tag, an dem die Belagerung Madinas endete. Nichts hatten die Juden von Qurayzah weniger erwartet. Kaum hatten sie Zeit gehabt, sich in ihren Festungen einzuschließen, sahen sie bereits die ersten muslimischen Soldaten eintreffen.

Als der Prophet später an der Spitze seines Heeres gegen Makka marschierte, nachdem die Quraisch ihren Friedensvertrag mit ihm gebrochen hatten, sorgte er dafür, dass die Quraisch nichts von seinen Absichten erfuhren. Als er nur noch wenige Meilen von Makka entfernt war, schlug er sein Lager auf und befahl allen Einheiten, nachts Feuer anzuzünden. Nachdem er erreicht hatte, dass die Quraisch über seine Pläne im Unklaren waren, wollte er nun, dass sie erkannten, seinen Streitkräften nicht gewachsen und zudem völlig unvorbereitet auf einen Kampf zu sein. In beiden Fällen überraschte der Zeitpunkt den Feind. Dieser war ratlos und wusste nicht, wie er reagieren sollte.

Die Überraschung hinsichtlich des Ortes wurde sowohl in der Schlacht gegen die Mustalaq als auch in der Schlacht von Chaibar eingesetzt. Als der Prophet erfuhr, dass die Mustalaq einen Angriff auf Madina vorbereiteten, rückte er rasch vor und überraschte sie, indem er vor ihren Toren erschien, bevor sie ihre Vorbereitungen abgeschlossen hatten. Es kam zu einer kurzen Schlacht, und die Mustalaq ergaben sich, nachdem sie zehn Männer verloren hatten. Der Prophet führte keinen Überraschungsangriff aus, während sie ahnungslos waren. Er rief sie vielmehr dazu auf, ein Friedensabkommen anzunehmen; sie lehnten ab und glaubten, einen Kampf gewinnen zu können.

Der Prophet marschierte nach Chaibar, als er erfuhr, dass Schritte unternommen worden waren, ein neues Bündnis zwischen Ghatafan und den Juden von Chaibar zu schmieden, um Madina anzugreifen. Er marschierte schnell und wandte sich zunächst gegen Ghatafan, damit die Juden von Chaibar glaubten, er ziehe gegen sie. Dann änderte er die Richtung und bewegte sich rasch auf Chaibar zu, sodass Ghatafan sich in Sicherheit wähnte. Er marschierte größtenteils nachts und konnte Chaibar daher bei Tagesanbruch erreichen. Die Überraschung der Juden von Chaibar war vollkommen. Sie hatten gerade begonnen, zu ihren Feldern hinauszugehen, als sie das muslimische Heer sahen. Sofort kehrten sie in ihre Festungen zurück und schlossen sich dort ein.

Der Prophet verwendete in seinen Schlachten häufig Überraschungstaktiken. Seine Feinde wussten tatsächlich im Voraus nicht, wie das muslimische Heer kämpfen würde. Vor der Schlacht von Badr, der ersten von den Muslimen geführten Schlacht, kämpften die Araber nur nach der Art von Angriff und Rückzug. In einer größeren Schlacht griffen sie an und zogen sich zurück, um sich neu zu sammeln, bevor sie erneut angriffen. Bei Badr stellte der Prophet seine kleine Streitmacht in Einheiten auf, die jeweils aus mehreren Reihen bestanden. Die vorderste Einheit bildeten Bogenschützen und Speerträger. Sie warteten, bis die Angreifer der Quraisch nahe herangekommen waren, und überschütteten sie dann mit Pfeilen, um ihre Reihen zu verwirren. Dabei richteten sie ihr Ziel besonders auf die Anführer der Quraisch. Nachdem die vordere Einheit den Angriff der Quraisch erfolgreich abgewehrt hatte, befahl der Prophet der Haupteinheit, die den größten Teil des Heeres umfasste, vorzurücken, entschlossen zu kämpfen und das sich zurückziehende Heer der Quraisch zu verfolgen. Die Nachhut blieb bereit, jeden Notfall oder jede unvorhergesehene Entwicklung zu bewältigen. Das Heer der Quraisch wurde durch die Art, wie die Muslime kämpften, überrascht und hatte keine passende Antwort darauf.

In der Schlacht von Uhud bestand die Überraschungstaktik des Propheten darin, eine Einheit von Bogenschützen auf einem Hügel im Rücken des muslimischen Heeres zu stationieren. Sie erhielten den ausdrücklichen Befehl, ihre Stellung aus keinem Grund zu verlassen, ganz gleich, ob das muslimische Heer siegte oder verlor. Solange diese Einheit an ihrem Platz blieb, war der Sieg des muslimischen Heeres eindeutig. Die Bogenschützen missachteten jedoch ihre Befehle und öffneten dadurch einer Streitmacht der Ungläubigen den Weg, die wenigen Verbliebenen anzugreifen und zu töten und so die Kontrolle über das Schlachtfeld zu übernehmen.

Vielleicht war die Taktik, die die Ungläubigen völlig überraschte, das Ausheben des trockenen Grabens über die gesamte Breite des einzigen Zugangs zu Madina, als die verbündeten Stämme mit dem Ziel gegen die Stadt marschierten, die muslimische Gemeinschaft auszurotten. Der Graben war zu tief und zu breit, als dass ihre Pferde ihn hätten überqueren können. Daher konnten sie Madina nur belagern. Dies schwächte die Muslime kaum, die schließlich den Sieg errangen.

Die Militärgeschichte bis in die Gegenwart zeigt zahlreiche Beispiele dafür, dass Heere Angriffe starteten, während ihre Gegner völlig ahnungslos waren. Diese Heere versuchten, dem Feind größtmöglichen Schaden zuzufügen, um einen schnellen Sieg zu erringen. Diese Vorgehensweise wurde von den Muslimen weder zu Lebzeiten des Propheten noch später angewandt, als der muslimische Staat gegen das Persische und das Byzantinische Reich Krieg führte. Einen Überraschungsangriff zu starten, hätte vielmehr der islamischen Kriegsethik widersprochen. Der Prophet setzte das Überraschungsmoment ein, um dem Feind zu zeigen, dass es unklug wäre zu kämpfen. Er benutzte es nicht, um feindliche Soldaten zu töten oder zu verstümmeln.

Der Islam verpflichtet die Muslime, den Krieg im Voraus anzukündigen und den Feind nicht unvorbereitet zu überfallen. Die muslimischen Heere, die durch die beiden großen Reiche in Asien und Nordafrika zogen, gaben der gegnerischen Streitmacht stets Nachricht und boten ihr drei Möglichkeiten an: den Islam anzunehmen und sich der muslimischen Gemeinschaft als gleichberechtigte Mitglieder und Bürger anzuschließen; eine friedliche Vereinbarung zu treffen, durch die sie die Autorität des muslimischen Staates anerkannten, der im Gegenzug für die Zahlung einer Schutzsteuer, der Dschizya, für ihren Schutz verantwortlich wurde; oder – wenn beide Möglichkeiten abgelehnt wurden – den Krieg.

Wenn der Prophet eine Expedition entsandte, wies er ihre Befehlshaber stets an, niemanden zu töten, der nicht am Kampf beteiligt war. Sie sollten keine Frau, kein Kind, keinen alten Menschen und keinen Priester oder sonstigen Religionsdiener töten. Außerdem wurde ihnen befohlen, keine Tiere zu töten, keine Bäume zu fällen, keine Felder zu verbrennen und keine der Gräueltaten zu begehen, die Heere im Krieg häufig verüben. Wenn der Krieg nicht vermieden werden konnte, sollten die Muslime die hohen sittlichen Werte einhalten, die ihre Religion von ihnen verlangte.

Dem Feind zuvorkommen

Der Prophet war auch darauf bedacht, jedem Vorgehen eines feindlichen Heeres zuvorzukommen, das für die muslimische Gemeinschaft ernste Folgen hätte haben können. Als sich die Ungläubigen nach der Schlacht von Uhud zurückzogen und sich über ihren vermeintlichen Sieg freuten, war dem Propheten bewusst, dass sie es sich anders überlegen konnten. Das hätte bedeutet, dass sie umkehrten und zu einer weiteren Runde zurückkehrten. Er wollte dies verhindern. Deshalb erließ er am folgenden Tag dringende Befehle, nach denen alle, die an der Schlacht von Uhud teilgenommen hatten, einschließlich der Verwundeten, sich zum Kampf bereitmachen mussten. Niemand, der am Vortag nicht gekämpft hatte, durfte sich anschließen.

Das mag überraschend erscheinen, doch der Prophet wollte nicht, dass jemand von denen, die auf Befehl von [Abdullah ibn Ubayy, dem Anführer der Heuchler, das Heer verlassen hatten, wieder in das muslimische Heer aufgenommen wurde, weil man ihnen nicht vertrauen konnte. Er führte seine Truppen nach Hamra’ al-Asad, etwa vierzehn Kilometer von Madina entfernt, wo sie drei Tage lagerten. Außerdem bat er einen Freund, der ein Ungläubiger war, dem Heer der Quraisch zu folgen und es davon abzubringen, zu einem zweiten Angriff zurückzukehren. Nachts entzündeten die Muslime große Feuer, um ihre Anwesenheit sichtbar zu machen, damit die Quraisch von ihnen hörten und erkannten, dass sie bei einer Rückkehr auf starken Widerstand stoßen würden.

Dies war sehr wichtig, denn wie der Prophet erwartet hatte, erkannten die Anführer der Quraisch, dass ihr Sieg tatsächlich hohl war. Sie dachten über eine Umkehr nach, doch der Freund des Propheten riet ihnen, dass sie eine schwere Niederlage riskieren würden. Sie folgten seinem Rat und kehrten nach Hause zurück. So verhinderte der Prophet eine zweite Schlacht, die auf beiden Seiten viele Menschenleben hätte kosten können. Ebenso rückte der Prophet, als er nach ihrem Verrat zur Belagerung der Juden von Qurayzah aufbrach, zu einem Zeitpunkt vor, an dem sie es am wenigsten erwarteten. Dadurch verhinderte er, dass die Qurayzah Vorbereitungen treffen konnten.

Der Frieden als bevorzugte Möglichkeit

Ein zentraler Bestandteil der Strategie des Propheten bestand darin zu zeigen, dass die muslimische Gemeinschaft stets den Frieden bevorzugte. Schon in den frühen Tagen seiner Mission erklärte er, dass er nichts anderes wolle, als seine Botschaft in Frieden verkünden zu dürfen. Die Menschen waren frei, sie anzunehmen oder abzulehnen; sie mussten jedoch die Möglichkeit haben, ihre Wahl frei zu treffen. Hätten die Quraisch und andere, die gegen ihn kämpften, ihm dies gestattet, wäre es zu keinem Krieg gekommen.

Man betrachte etwa seine Haltung nach der Auseinandersetzung am Graben. Die verbündeten Stämme der Quraisch und Ghatafan hatten sich zurückgezogen, nachdem sie Madina fast einen Monat lang belagert hatten. Ihr Versuch, die Muslime zu vernichten, war gescheitert, und wahrscheinlich würden sie keine ähnliche Streitmacht für eine neue Schlacht aufstellen. Der Prophet erkannte dies sofort und sagte: „Sie werden nie wieder angreifen, aber wir können sie angreifen.“ Er dachte dabei jedoch an einen ungewöhnlichen „Angriff“.

Wie in Kapitel 2 erwähnt, marschierte er weniger als ein Jahr später an der Spitze von 1400 Männern nach Makka. Sie waren nur mit ihren Schwertern bewaffnet, der für jeden Reisenden in der Wüste notwendigen Waffe. Er erklärte, dass er nicht beabsichtige, gegen irgendjemanden zu kämpfen. Sie befanden sich auf einer friedlichen Mission und wollten nichts anderes, als in der Ka[bah in Makka anzubeten. Alle traten in den Weihezustand (Ihram) ein, der für jeden notwendig ist, der zur Pilgerfahrt oder zur [Umrah, der kleinen Pilgerfahrt, nach Makka geht. Dass sie sich im Weihezustand befanden, bedeutete, dass sie Ihram-Kleidung trugen, die aus zwei Stoffstücken bestand: eines, das sie von der Taille abwärts um den Körper wickelten, und eines, das sie über die Schultern legten. Dies war ein eindeutiger Beweis ihrer friedlichen Absichten. Niemand, der auch nur an die Möglichkeit eines Kampfes gedacht hätte, wäre in solcher Kleidung mehr als 400 Kilometer weit marschiert.

Die Quraisch bestanden jedoch darauf, den Muslimen den Zutritt zu verweigern, obwohl ihre Stellung als Hüter der Ka[bah sie dazu verpflichtete, sie jedem offenzuhalten, der dort anbeten wollte. Sie entsandten eine Vorhut, um die Muslime aufzuhalten. Als der Prophet davon erfuhr, folgten er und seine Gefährten einem unwegsamen, unbekannten Weg, um der Vorhut auszuweichen und näher an Makka heranzurücken. Dann hielten sie bei al-Hudaibiyah, etwa zwanzig Kilometer außerhalb von Makka, an.

Der Prophet empfing Abgesandte der Quraisch und versicherte ihnen, dass er nichts anderes wolle, als in der Ka[bah anzubeten. Anschließend sandte er einen Vertreter, um mit den Quraisch über einen friedlichen Zutritt zu verhandeln. Er erklärte seinen Gefährten auch, dass er jede Vereinbarung annehmen würde, die einen friedlichen Abschluss der Konfrontation ohne Verlust von Menschenleben auf einer der beiden Seiten sicherstellte.

Als die Quraisch schließlich akzeptierten, dass sie mit ihm eine Vereinbarung treffen mussten, nahm er alle ihre Bedingungen an, die scheinbar schwer zuungunsten der Muslime ausfielen. Viele seiner Gefährten empfanden das Abkommen damals tatsächlich als ungerecht gegenüber den Muslimen. Erst später erkannten sie seine strategische Bedeutung. Das Abkommen bestimmte, dass es zehn Jahre lang keinen weiteren Krieg zwischen den beiden Seiten geben sollte. Das bedeutete praktisch, dass das Bündnis zwischen den Götzendienern unter den Arabern und den Juden in Arabien, das erst ein Jahr zuvor die muslimische Gemeinschaft zu vernichten gedroht hatte, nicht erneuert werden konnte. Zwischen die beiden alten Verbündeten war somit ein Keil getrieben worden.

Zwei Monate später konnten die Muslime gegen die Juden von Chaibar vorgehen, die versuchten, ein Bündnis mit Ghatafan gegen den muslimischen Staat zu schmieden. Noch wichtiger war aus Sicht des Propheten, dass das Abkommen den Muslimen ermöglichte, sich an andere Stämme zu wenden und ihnen die Botschaft des Islam zu erklären. Nachdem der antiislamische Druck der Quraisch beseitigt war, erkannten die Menschen, dass sie die Botschaft des Islam frei erwägen konnten. Muslimische Historiker berichten, dass jeder, der keine Vorurteile gegen den Islam hatte, bereit war, ihn anzunehmen.

Als der Prophet und seine Gefährten zur [Umrah nach Makka gingen, waren sie 1400 an der Zahl. Zwei Jahre später, als die Muslime nach dem Bruch des Abkommens durch die Quraisch auf Makka marschierten, zählte ihr Heer 10 000 Mann und war das größte, das man bis dahin in Arabien gesehen hatte.

Standhaft in widrigen Lagen

Die wahre Befähigung eines militärischen Befehlshabers zeigt sich, wenn er einer schwierigen Lage gegenübersteht. In dieser Hinsicht konnte niemand den Propheten übertreffen. Während der Belagerung Madinas, als die Muslime einer ihnen sechsmal überlegenen Streitmacht gegenüberstanden, erhielt der Prophet die Nachricht, dass die Qurayzah die Seiten gewechselt und sich dem Feind angeschlossen hatten. Dadurch waren die muslimischen Verteidiger dem Angriff in die Zange ausgesetzt. In diesem Augenblick zeigte sich der Charakter des Propheten in seiner ganzen Stärke. Zunächst vergewisserte er sich, dass der Verrat der Qurayzah tatsächlich stattgefunden hatte. Als dies bestätigt war, beruhigte er seine Gefährten und machte ihnen klar, dass ihre Standhaftigkeit sie durch diese Schwierigkeit hindurchführen werde.

In der Schlacht von Hunain wurden die Muslime anfangs überrascht und mussten sich in Unordnung zurückziehen. Der Prophet blieb standhaft. Eine Zeit lang waren nur wenige Menschen bei ihm. Doch mit dieser kleinen Gruppe, die einigen Berichten zufolge aus nicht mehr als zehn Personen bestand, gelang es ihm, die Angreifer aufzuhalten, seine Anhänger aufzurufen, zu ihm zurückzukehren, anschließend die Initiative zurückzugewinnen und einen überwältigenden Sieg zu erringen.

Die großartige Führung des Propheten zeigte sich am deutlichsten in der Schlacht von Uhud. Nach ihrem anfänglichen Erfolg erlitten die Muslime eine Wende, weil ihre Nachhut entgegen dem ausdrücklichen Befehl des Propheten ihre Stellung aufgegeben hatte. Der Prophet und eine kleine Gruppe bei ihm waren Ziel eines entschlossenen Angriffs, denn der höchste Preis für die Ungläubigen wäre die Tötung Muhammads gewesen:

„In Uhud zeigte sich die großartige Führung des Propheten ganz deutlich. Er wählte das Schlachtfeld, das seinem Zweck entsprach, und zwang die Quraisch, es anzunehmen. Er bestimmte die Kampfstrategie und wählte den Punkt, an dem die Bogenschützen zum Schutz des Rückens des muslimischen Heeres aufgestellt werden sollten, wobei er sicherstellte, dass ihre Zahl für diese Aufgabe ausreichte. So wichtig all dies ist, es verblasst zur Bedeutungslosigkeit verglichen mit seiner Führung in der zweiten Phase der Schlacht von Uhud, als die zahlenmäßig weit überlegenen Streitkräfte der Götzendiener die muslimischen Kämpfer umzingeln konnten, die nach der Nachricht vom Tod des Propheten weitgehend demoralisiert waren. Sie versuchten, abseits des Schlachtfeldes in dem nahe gelegenen Berg Zuflucht zu suchen. Nur eine kleine Schar von Kämpfern blieb beim Propheten und stellte sich dem entschlossenen Angriff der Götzendiener entgegen, der an Kraft gewann, um den Sieg zu sichern.

Für die Muslime war dies eine äußerst schwierige Lage, während die Ungläubigen einen großen Vorteil besaßen. Dennoch konnte der Prophet eine verzweifelte Situation unter Kontrolle bringen. Er führte die bei ihm verbliebenen Muslime durch die feindlichen Kämpfer hindurch und stieg auf eine vergleichsweise hohe Stellung. Dann ordnete er die Truppen neu, die wieder zu ihnen gestoßen waren, stärkte ihre Moral und erneuerte ihr Selbstvertrauen. Daraufhin konnten sie die erneuten Angriffe der Quraisch zurückschlagen. So kehrte er die Lage um und verwandelte die drohende Niederlage in einen Triumph.

Die Quraisch glaubten, die Vernichtung des muslimischen Heeres sei zum Greifen nahe, doch die Führung des Propheten wendete das Blatt gegen sie, und bald gaben sie die Hoffnung auf, dieses Ziel zu erreichen. Er zwang sie anschließend, sich vom Schlachtfeld zurückzuziehen. Damit nicht genug, marschierte er am folgenden Tag mit seinen Truppen hinter den Ungläubigen her. Die Ungläubigen mussten zu einer List greifen und falsche Nachrichten verbreiten, sie würden zurückkehren, um Madina anzugreifen. Der Prophet nahm diese Drohung ernst und bereitete sich darauf vor, den Ungläubigen erneut in der Schlacht entgegenzutreten, falls sie wieder auftauchten. Dies ist ein überragender Maßstab militärischer Führung. Eine ihrer Früchte bestand darin, dass der eigentliche Sieg den Muslimen gehörte, die zunächst einen Rückschlag erlitten hatten.

Ich habe ausführlich über die Militärgeschichte der meisten Völker gelesen und bin keiner Lage begegnet, die der äußerst verzweifelten Situation der Muslime während der Schlacht von Uhud nahekam. Dennoch war der Prophet in bemerkenswert kurzer Zeit in der Lage, diese Situation zu bewältigen, seine Truppen vor der Vernichtung zu retten, ihre Moral zu stärken und ihr Selbstvertrauen zu erneuern.“7

Moral und Organisation

Der Prophet war sich vollkommen bewusst, dass die Moral stets ein sehr wichtiger Faktor für den Ausgang jeder Schlacht war. Sein Heer bestand aus Gläubigen, die ihren Glauben und ihre Glaubensfreiheit verteidigten. Ihre Motivation konnte daher nicht stärker sein. Das Konzept des Märtyrertums ist im islamischen Glauben sehr wichtig, denn Märtyrer sind Zeugen für die Wahrheit des Islam und geben ihr Leben zu ihrer Verteidigung hin. Gott nimmt die Märtyrer an und belohnt sie mit dem Eintritt ins Paradies. Die Muslime betrachten das Leben auf der Erde stets als eine erste Stufe auf dem Weg zum ewigen Leben im Jenseits und sind jederzeit bereit, alles für die Sache zu geben, da sie wissen, dass das Märtyrertum ihnen einen Platz im Paradies sichert.

Der Prophet war dennoch stets bemüht, die Moral seiner Soldaten durch große Erfolge zu heben. Eine seiner Methoden bestand darin, seine Truppen in Einheiten zu gliedern, damit sie einander kannten und als gut eingespieltes Team kämpften. Als er im achten Jahr nach Makka marschierte, war sein Heer so organisiert, dass die Kämpfer jedes Stammes in einer einzigen Einheit zusammengefasst waren. Im Nahkampf würde jeder vor seinen eigenen Stammesgenossen größten Mut zeigen.

Umgekehrt demoralisierten die Taktiken des Propheten häufig den Feind. Das Überraschungsmoment war in dieser Hinsicht sehr wirksam. Oft wurden weitere Faktoren zur Demoralisierung eingesetzt. Als Abu Sufyan, der Anführer von Makka, das muslimische Lager verlassen wollte, um sein Volk vor der Ankunft der Muslime zu warnen, bat der Prophet seinen Onkel al-[Abbas, bei Abu Sufyan am Ausgang des Ortes zu bleiben, an dem das muslimische Heer lagerte. Er wollte, dass Abu Sufyan das gesamte Heer sah, wie es gegen Makka auszog. Als Abu Sufyan dies sah, eilte er nach Makka und warnte sein Volk mit den Worten: „Muhammad steht mit Streitkräften vor eurer Tür, denen ihr nicht widerstehen könnt. Wer mein Haus betritt oder in der Moschee bleibt oder in seinem eigenen Haus bleibt und die Tür verschließt, ist sicher.“8 Dadurch fiel Makka mit sehr wenig Kampf an den Islam.

Als die Schlacht jedoch vorüber und keine Gefahr eines bewaffneten Konflikts mehr vorhanden war, wollte der Prophet, dass sein Feind den Islam nach seinen Vorzügen beurteilte. Daher war er im Sieg sehr großmütig. Dies zeigte sich besonders, als er Makka einnahm. Bemerkenswert ist, dass der Prophet nach diesem Sieg nur kurze Zeit in Makka blieb. Dennoch nahm innerhalb weniger Monate die Mehrheit der Bevölkerung den Islam an. Dies war die unmittelbare Folge der Behandlung, die der Prophet seinen Bewohnern zuteilwerden ließ, als er ihr unumschränkter Herrscher war. Er verlor niemals seine vorrangige Rolle als Gesandter Gottes und Verkünder des göttlichen Glaubens aus den Augen. Die Eroberung von Land und Stadt bedeutete ihm nichts; seine Eroberung war eine Eroberung der Herzen. Sein Sieg bestand darin, die Herzen der Menschen für seine Sache zu gewinnen.

Allgemeine Mobilmachung

Die Expedition nach Tabuk war die letzte, die der Prophet selbst führte, doch sie war aus militärischer Sicht äußerst bedeutsam. Das erklärte Ziel dieser Expedition war der Kampf gegen das Byzantinische Reich, vor dem alle Araber Ehrfurcht hatten. Bevor der muslimische Staat entstand, lag allein der Gedanke, gegen die Byzantiner zu kämpfen, ihren Vorstellungen sehr fern.

Bei dieser Expedition zeigten sich neue Dimensionen der militärischen Führung des Propheten. Für die muslimische Gemeinschaft war sie eine äußerst schwierige Unternehmung. Sie fand im Hochsommer statt, als Reisen durch die Wüste wegen der Hitze und des Geländes sehr schwierig war. Die Entfernung zwischen Madina und Tabuk betrug etwa 700 Kilometer. Außerdem konnte die Wirtschaft des muslimischen Staates kaum eine mittelgroße Expedition tragen, geschweige denn eine so große. Das Heer des Propheten war mit 30 000 Mann das größte, das man je in Arabien gesehen hatte.

Der Prophet ordnete die vollständige Mobilmachung der gesamten muslimischen Nation an. Sie umfasste alle Menschen, die reisen konnten, sowie alle Mittel, die bereitgestellt werden konnten, damit diejenigen, die kein Transportmittel besaßen, Kamele erhielten. Dies war eine völlig neue Unternehmung und eine Prüfung für die Gemeinschaft. Nur die Heuchler versagten.

Bei Tabuk kam es jedoch zu keiner Schlacht, weil das byzantinische Heer nicht dort war. Dennoch bot die Expedition der muslimischen Gemeinschaft eine äußerst intensive Ausbildung. Dies zeigte sich unter anderem darin, dass ein Einzelner, der hinter dem marschierenden Heer zurückblieb, sich selbst überlassen wurde. Der Prophet erklärte, dass solche Menschen Gottes Hilfe erhalten würden, wenn sie wahre Gläubige seien.

Der Prophet wollte sicherstellen, dass das Heer sein Ziel in guter Verfassung erreichte. Deshalb marschierten die Soldaten nachts und ruhten tagsüber, weil diese Vorgehensweise ihre Kräfte besser bewahrte. Der Prophet lagerte einige Zeit in Tabuk und gab seinen Truppen die Ruhe, die sie offensichtlich benötigten. Zugleich konnte er mit den in Nordarabien lebenden Stämmen Verbindung aufnehmen und Verträge mit ihnen schließen, durch die sie zu Verbündeten des muslimischen Staates wurden. Die Muslime erkannten, dass sie sich mit solchen Bündnissen dem Druck widersetzen konnten, den die Byzantiner möglicherweise gegen sie ausüben würden.

Als die Expedition endete und die Muslime nach Madina und in ihre übrigen Gebiete zurückgekehrt waren, waren sie überzeugt, dass sie gegen die Byzantiner kämpfen konnten, falls dies notwendig werden sollte. Außerdem besaßen sie den Vorteil, Verbündete in der Gegend nahe der byzantinischen Grenzen zu haben.

Die Expedition nach Tabuk verdeutlichte die Bedeutung der Aufklärung. Der Gedanke zu dieser Expedition war aufgrund von Informationen entstanden, die Händler aus Südsyrien übermittelt hatten. Sie hatten den Muslimen in Madina mitgeteilt, dass die Byzantiner Streitkräfte aufstellten, um Arabien anzugreifen. Der Prophet verfügte somit über Aufklärungsquellen, die ihn über die Vorgänge in den Nachbarländern informierten. Ebenso beobachteten die Byzantiner die Entwicklungen im muslimischen Staat.

Nach der Rückkehr des muslimischen Heeres brachten die zurückgebliebenen Heuchler falsche Entschuldigungen dafür vor, dass sie sich der Expedition nicht angeschlossen hatten. Es gab außerdem drei Menschen, die zurückgeblieben waren, obwohl sie wahre Gläubige waren und sich hätten anschließen können. Sie brachten keine Entschuldigung für ihr Versagen vor, und der Prophet überließ ihre Angelegenheit Gott zur Entscheidung. Bis zu Gottes Urteil wurden sie von der muslimischen Gemeinschaft boykottiert. Einer von ihnen erhielt eine Botschaft vom Statthalter Syriens unter dem byzantinischen Kaiser. Darin stand, dass sein Fall bekannt sei und er bei ihnen willkommen wäre.9

Keine dauerhafte Feindschaft

Betrachtet man den militärischen Aspekt während der Lebenszeit des Propheten insgesamt, so führte er sein Heer innerhalb eines Zeitraums von weniger als acht Jahren bei achtundzwanzig Gelegenheiten. Neunzehn dieser Gelegenheiten erforderten jedoch keinen Kampf und brachten keine Verluste, weil der Feind davonlief, sobald er von der bevorstehenden Ankunft der Muslime erfuhr.

Die neun Gelegenheiten, bei denen gekämpft wurde, waren Badr, Uhud, al-Mustalaq, der Graben, Qurayzah, Chaibar, Makka, Hunain und Taif. Sie alle endeten mit einem Sieg der Muslime, außer Uhud, obwohl einige Militärexperten trotz des schweren Rückschlags den Sieg bei Uhud den Muslimen zuschreiben. Die Gesamtzahl der Verluste in diesen Schlachten war jedoch sehr gering. Die höheren Angaben nennen insgesamt 274 muslimische Märtyrer, während die Verluste des Feindes bei etwa 300 Getöteten lagen.

Diese niedrigen Zahlen waren zu einem großen Teil der einzigartigen Führung des Propheten und seinen Taktiken zu verdanken, die einen Sieg mit möglichst geringen Verlusten auf beiden Seiten sicherstellten. Er wusste, dass die Feinde von heute die Freunde von morgen sein konnten. Er wollte keine andauernde Feindschaft, weil seine Botschaft an alle Menschen gerichtet war.

1 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 1, S. 313–314.
2 Al-Bayhaqi, Dala’il al-Nubuwwah, Bd. 3, S. 111–112.
3 Mahmood S. Khattab, Al-Rasul al-Qa’id (d. h. Der Prophet als militärischer Befehlshaber), Beirut, 2002, S. 4.
4 Al-Waqidi, Kitab al-Maghazi, Bd. 1, Beirut, 1984, S. 207–208.
5 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 3, S. 237.
6 Ibn Hischam, a. a. O., Bd. 2, S. 238.
7 Mahmood S. Khattab, Al-Rasul al-Qa’id, S. 189–191.
8 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 23.
9 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 187–189.

KAPITEL 16

das Herz des Feindes gewinnen
Die ersten vierzehn Jahre der islamischen Botschaft verliefen ohne militärische Auseinandersetzung mit irgendeinem Feind. Während des Aufenthalts des Propheten in Mekka, der dreizehn Jahre dauerte, nachdem er begonnen hatte, Gottes Botschaft zu empfangen, wurde den Muslimen ausdrücklich befohlen, keinerlei Kampfhandlungen zu unternehmen, ungeachtet des Drucks und der körperlichen Misshandlungen, denen sie ausgesetzt waren.1 Um die Zeit, als der Prophet nach Medina auswanderte, wurde den Muslimen die Erlaubnis erteilt, gegen Angreifer zu kämpfen. Der Prophet entsandte Expeditionen in das Gebiet um Medina, doch diese verliefen größtenteils friedlich. Sie dienten den Muslimen als gute Ausbildung und hielten potenzielle Plünderer davon ab, Medina anzugreifen. Die Partei der Quraisch trieb die Lage bewusst auf die erste militärische Konfrontation zu.

Die Haltung des Propheten zum Krieg stand im Einklang mit seinem Streben nach dem Rechten. Er war der Ansicht, dass die muslimische Gemeinschaft das Recht hatte, in Frieden zu leben und ihre Religion auszuüben. Ebenso glaubte er, dass jeder Einzelne das Recht hatte, seinen Glauben zu wählen und gemäß diesem Glauben zu leben. Daher war er der Ansicht, dass der Einsatz von Gewalt, um Menschen von ihrem Glauben abzubringen, dem Rechten widersprach. Er verstand sehr wohl, dass seine Sendung ein Akt der Gnade war, die Gott der Menschheit erwiesen hatte. Deshalb hielt er sich vom Krieg zurück, außer wenn der Feind ihn ihm aufzwang. Abgesehen von der Niederlage in der Schlacht von Uhud und der heimtückischen Ermordung seiner Gefährten bei al-Radschi und Bi’r Ma’una, siegte der Prophet in allen militärischen Begegnungen. Ein Einblick in die Lehre des Propheten lässt sich gewinnen, wenn man untersucht, wie er mit besiegten Feinden umging.

1 Eine ausführliche Erörterung der Gründe, aus denen die Muslime davon abgehalten wurden, gegen die Aggression der Quraisch zu kämpfen, findet sich bei Sayyid Qutb, Im Schatten des Qur’an, Bd. 3, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2001, S. 233–236.

Das Erste, was an den Siegen des Propheten zu beobachten ist, besteht darin, dass er niemals ein besiegtes Heer verfolgte, das sich zurückzuziehen begonnen hatte. Er ließ seine Feinde abziehen, ohne dass sie einen Angriff von hinten befürchten mussten. Er war niemals darauf aus, eine vernichtende Niederlage herbeizuführen; er wollte nur, dass die muslimische Gemeinschaft in Frieden leben und ihre Botschaft in Frieden verkünden konnte. Jene besiegten Feinde, wer sie auch sein mochten, waren in Wirklichkeit Adressaten der göttlichen Botschaft, die er verkündete. Daher beschloss der Prophet, ihnen Gelegenheit zu geben, nach Hause zurückzukehren und über ihre Haltung nachzudenken, denn vielleicht würden sie ihre Position überdenken und den Islam annehmen.

Als er nach der Schlacht von Badr siebzig Kriegsgefangene hatte, war das Erste, was der Prophet seinen Gefährten sagte, der Befehl, die Gefangenen gut zu behandeln. Seine Anhänger waren in ihrem Gehorsam vorbildlich. Als er seine Gefährten zu den Gefangenen und zu der Frage beriet, was mit ihnen geschehen solle, wollte ein beträchtlicher Teil der muslimischen Gemeinschaft sie alle töten lassen, um den Feind zu schwächen und die Endgültigkeit ihres Bruchs mit den Ungläubigen zu demonstrieren. Der Prophet entschied sich jedoch dafür, Lösegeld anzunehmen und sie dafür freizulassen. Diejenigen unter ihnen, die lesen und schreiben konnten, durften ihre Freiheit erkaufen, indem sie zehn muslimischen Kindern das Lesen und Schreiben beibrachten.

In Kapitel 13 habe ich den Fall des Stammes Mustalaq behandelt, der sich darauf vorbereitete, Medina anzugreifen, obwohl es dafür keinen Anlass gab. Die Auseinandersetzung führte dazu, dass viele ihrer Männer und Frauen gefangen genommen wurden, was bedeutete, dass sie entweder versklavt werden oder ihre Freiheit erkaufen mussten. Der Prophet heiratete eine ihrer Frauen, Dschuwairiyya, und machte sie zu einer „Mutter der Gläubigen“. Infolgedessen wurden alle ihre Männer und Frauen ohne Lösegeld freigelassen, da die Muslime meinten, sie könnten die Schwiegerverwandten des Propheten nicht in Gefangenschaft halten.

Die Lage in Medina war damals keineswegs einfach. Die Ressourcen waren knapp, und der Zustrom der Muslime, die aus Mekka eingewandert waren, stellte eine Belastung für die Wirtschaft des jungen muslimischen Staates dar. Außerdem war die Lage in Medina alles andere als stabil, weil sie in kurzer Zeit mehrere Schlachten hatten führen müssen. Das Lösegeld von mehr als hundert Kriegsgefangenen hätte die wirtschaftliche Not, unter der sie litten, erheblich gelindert. Doch der Prophet betrachtete die größere Perspektive. Er wollte, dass die Feindschaft der Mustalaq durch Freundschaft ersetzt wurde, damit sie den Islam unvoreingenommen betrachten konnten, ohne von den Gefühlen überlagert zu sein, die ihre Niederlage hinterlassen hatte: Das wäre für den Islam ein weit größerer Gewinn.

Tatsächlich brachte der Prophet seine Ansicht in den Worten zum Ausdruck: „Wenn Gott dich zum Mittel dafür macht, dass ein Mensch Seiner Rechtleitung folgt, ist das besser für dich als alles, was unter der Sonne ist.“ Die Art und Weise, wie der Prophet mit dem Oberhaupt der Mustalaq umging, verkörpert seine Haltung. Der Prophet sorgte dafür, dass al-Harith ibn Abi Dirar die Wahrheit des Islam erkannte. Außerdem handelte der Prophet so, dass alle Gefangenen des Krieges mit al-Mustalaq freigelassen wurden. Al-Harith traf die richtige Entscheidung und nahm den Islam an, zusammen mit einer beträchtlichen Zahl seiner Stammesangehörigen.

Alle Gefangenen freilassen

Die Schlacht von Hunain fand gegen Ende des achten Jahres des islamischen Kalenders statt, kurz nachdem Mekka mit sehr wenig Kampf dem Islam zugefallen war. Der Sieg des Propheten in Mekka veranlasste die Hawazin, einen sehr großen Stamm, der weiterhin am Götzendienst festhielt, sich mit einem anderen bedeutenden Stamm, den Thaqif, zusammenzuschließen, um in einem letzten Versuch den Islam und die Muslime zu vernichten. Der Anführer der Hawazin, Malik ibn Awf, beschloss jedoch eine vollständige Mobilmachung und nahm mit seinem Heer alle ihre Frauen und Kinder sowie ihr Vieh mit. Er dachte, seine Männer würden hart kämpfen und bis zum Ende standhaft bleiben, wenn ihnen bewusst würde, dass eine Niederlage den völligen Verlust von allem bedeuten würde, was sie besaßen, bis sie den Sieg errungen hätten. Trotz guter Ratschläge, die dagegen sprachen, zog er in den Kampf und stellte die Frauen und Kinder in den hinteren Reihen auf.

Die Schlacht endete mit einer vernichtenden Niederlage der Hawazin, während die Thaqif in ihrer befestigten Stadt Taif verblieben. Die Muslime nahmen alle Frauen und Kinder der Hawazin gefangen und erbeuteten ihr gesamtes Vieh und Vermögen. Die islamische Regel hinsichtlich der Kriegsbeute besagt, dass zwanzig Prozent an den Staat gehen und achtzig Prozent gleichmäßig unter dem Heer verteilt werden. In diesem Fall umfasste die Beute 24.000 Kamele, 40.000 Schafe und 4.000 Unzen Silber sowie 6.000 Kriegsgefangene. Dies war die größte Kriegsbeute, die die Muslime je gemacht hatten. Daher stand der Prophet unter großem Druck, diese Beute zu verteilen, da jeder seines Anteils sicher sein wollte.

Der Prophet aber wollte etwas anderes. Der eigentliche Gewinn wäre gewesen, die Feindschaft der Hawazin zu beenden und sie zu ermutigen, sich den Reihen der Muslime anzuschließen. Daher verzögerte er die Verteilung der Kriegsbeute. Seine Gedanken waren bei den Hawazin, die alles verloren hatten. Doch es lag nicht in seiner Hand, über die Kriegsbeute zu bestimmen. Er hatte die volle Verfügungsgewalt über ein Fünftel dieser Beute, doch das hätte keine zufriedenstellende Lösung ergeben, da er sich um andere Angelegenheiten kümmern musste, die einen beträchtlichen Teil dieses Fünftels erforderten.

Schließlich traten die Hawazin vor den Propheten und baten ihn um Barmherzigkeit: „Gesandter Gottes, wir sind dein Volk und dein eigener Stamm. Du weißt, welches Unglück uns widerfahren ist. Wir bitten dich, uns Barmherzigkeit zu erweisen; möge Gott dir Seine Gnade schenken.“ Ihr Sprecher sagte zum Propheten: „Gesandter Gottes, unter den Frauen, die dir als Gefangene zugefallen sind, befinden sich einige, die deine Tanten sind, und einige, die deine Ammen waren, als du noch jung warst. Wären wir in einem solchen Verhältnis zum König von Ghassan in Syrien oder zum König von al-Manadhirah im Irak gestanden und wäre uns durch ihre Hand ein solches Unglück widerfahren, hätten wir dennoch gehofft, dass sie uns Nachsicht erweisen würden. Du, Gesandter Gottes, bist am besten dazu geeignet, Güte zu erwidern.“2

Der Hinweis auf die Tanten des Propheten aus den Hawazin bezieht sich darauf, dass der Prophet als Säugling von Halima betreut worden war, einer Amme aus Sa’d, einem Clan der Hawazin. Der Prophet sagte ihnen, dass er bereits mehr als zwei Wochen auf ihr Vorbringen gewartet habe. Er erklärte, dass die Kriegsbeute größtenteils den Kämpfern gehöre. Er forderte sie auf, den Islam anzunehmen und dies den Muslimen bekannt zu geben. Er lehrte sie, was sie sagen sollten, um an die muslimische Gemeinschaft zu appellieren. Außerdem sagte er ihnen, dass sie entweder ihre Frauen und Kinder oder ihr Eigentum wählen müssten. Beides konnten sie nicht haben. Sie entschieden sich dafür, ihre Frauen und Kinder zurückzuerhalten.

Am folgenden Tag, nach dem Zuhr-Gebet, taten sie, wie der Prophet es ihnen aufgetragen hatte. Sie erhoben sich und wandten sich an den Propheten und an die Muslime im Allgemeinen. Der Prophet antwortete ihnen und forderte die Muslime auf, ihnen Güte zu erweisen. Dann sagte er, dass alles, was er und sein Clan, die Haschimiten, besaßen, den Hawazin zurückgegeben werden solle. Die Muhadschirun und die Ansar reagierten sofort und erklärten, dass sie ihre Anteile dem Gesandten Gottes überließen. Der Prophet sagte allen, dass jeder, der bereit sei, auf seinen Anteil zu verzichten, von Gott belohnt werde, dass jedoch niemand dazu gezwungen werde. Eine kleine Zahl bestand darauf, ihre Anteile zu behalten, und der Prophet entschädigte sie großzügig dafür, dass sie die Frauen und Kinder freigaben. So wurden alle Kriegsgefangenen der Hawazin freigelassen.

Ein weiterer Aspekt der Art und Weise, wie der Prophet mit den Besiegten umging, war, wie er den Anführer der Hawazin für sich gewann. Malik ibn Awf war erst dreißig Jahre alt, als er sein Volk in die verhängnisvolle Schlacht mit den Muslimen führte. Er war ein vielversprechender junger Mann mit Mut und Verstand, doch er war irregeleitet und nicht bereit, auf Ratschläge zu hören. Als sich die Lage in der Schlacht gegen ihn wandte und er die Niederlage unmittelbar vor Augen sah, floh er nach Taif, wo er sich den Thaqif anschloss, vielleicht in der Hoffnung, bei einer künftigen Begegnung erfolgreicher zu sein.

Der Prophet sagte jedoch zu den Ältesten der Hawazin: „Teilt Malik mit: Wenn er zu mir kommt und sich zum Muslim erklärt, werde ich ihm seine Familie und sein Eigentum zurückgeben und ihm zusätzlich hundert Kamele geben.“ Als Malik diese Nachricht erhielt, erkannte er, dass es für ihn am besten war, zum Propheten zu gehen und Frieden mit ihm zu schließen. Er musste Taif heimlich verlassen, weil er befürchtete, dass seine Gastgeber ihn festhalten würden, sollten sie von seiner Absicht erfahren. Er holte den Propheten ein, als dieser nach Mekka unterwegs war. Der Prophet führte ihn mit seiner Familie wieder zusammen, gab ihm alles zurück, was ihm gehört hatte, und außerdem hundert Kamele.

Wir sollten uns hier daran erinnern, dass der Reichtum der Araber damals nach der Zahl der Kamele und des Viehs bemessen wurde, die jemand besaß: Eine Kamelstute war wegen der großen Milchmenge, die sie gab, sehr wertvoll. Der Prophet ernannte Malik außerdem zum Anführer der Muslime unter seinem Volk. Er wurde zu einem aufrichtigen Kämpfer für den Islam. Dies kennzeichnete die Art und Weise, wie der Prophet mit früheren Gegnern umging: Er bemühte sich, sie für den Islam zu gewinnen. Infolgedessen folgten ihm viele und stellten fest, dass er seinem Wort treu war. Das genügte ihnen, um ihre Hinwendung zum Islam zu festigen. Je mehr sie vom Qur’an lasen und die Grundsätze und Werte des Islam kennenlernten, desto bessere Muslime wurden sie.

Liebe anstelle von Feindschaft

Das größte Beispiel dafür, wie der Prophet mit den Besiegten umging, war sein Verhalten gegenüber den Quraisch, als Mekka dem Islam zufiel. Die Quraisch waren sein Volk, doch sie waren es, die sich ihm vom ersten Tag seiner Sendung an widersetzt hatten. Er hatte ihnen die Hand der Liebe und Freundschaft entgegengestreckt, doch sie hatten stets mit Hass und Feindschaft geantwortet. Sie vertrieben ihn zusammen mit seinen Anhängern aus ihrer Heimatstadt. Als er seinen Staat in Medina gegründet hatte, zogen sie in den Krieg und versuchten immer wieder, die Muslime zu vernichten, indem sie Heere gegen sie entsandten und sich mit anderen bedeutenden Stämmen wie den Ghatafan und den Juden verbündeten.

Als die Muslime ein Friedensabkommen mit den Quraisch schlossen, brachen diese es und halfen bei einem heimtückischen Angriff, die Verbündeten des Propheten zu töten. Damit hatten sie jedes Recht auf eine großzügige Behandlung verwirkt. Für ihren Verrat mussten sie bezahlen: Welchen Preis verlangte der Prophet von ihnen?

Zunächst bewahrte der Prophet, als er die Mobilmachung anordnete, äußerste Geheimhaltung, damit die Quraisch nichts von seiner Absicht erfuhren, gegen sie zu marschieren. Er wollte das Überraschungsmoment möglichst wirkungsvoll nutzen. Als er in die Nähe von Mekka gelangte, schlug er dort sein Lager auf und änderte seine Strategie von Geheimhaltung zu größtmöglicher Öffentlichkeit, indem er jedem im Heer befahl, nachts ein Feuer anzuzünden. Das erwies sich als äußerst wirkungsvoll: Die Anführer der Quraisch, die diese Feuer sahen, erkannten, dass sie den Muslimen, ganz gleich welchen Widerstand sie leisten mochten, nicht gewachsen sein würden.

Dann erklärte er, dass jeder sicher sei, der in die Heilige Moschee der Kaaba gehe, bei Abu Sufyan, dem Anführer der Quraisch, bleibe oder sich in seinem Haus aufhalte. Alles, was jemand also tun musste, um seine Sicherheit zu gewährleisten, war, zu Hause zu bleiben. Sein Heer zog daraufhin aus allen vier Richtungen in die Stadt ein, unter der strengen Anweisung, keinen Kampf zu beginnen, sofern es nicht angegriffen werde.

Der Prophet selbst zog in Mekka ein, die Hauptstadt Arabiens, die Hochburg des Götzendienstes und die Stadt, die ihn erst acht Jahre zuvor vertrieben hatte, mit gesenktem Kopf, sodass dieser beinahe den Rücken seines Kamels berührte, als Anerkennung der Gnade Gottes. Er begann damit, an der Kaaba Gottesdienst zu verrichten.

Am folgenden Tag, als die Bewohner Mekkas zusammenkamen, um seine Ansprache zu hören, eröffnete er ihnen eine hoffnungsvolle Zukunft. Er fragte sie: „Was meint ihr, was ich mit euch tun werde?“ Sie hatten sich dieselbe Frage gestellt: Was würde dieser Heerführer, der ihre Stadt erobert und sie vollständig unterworfen hatte, mit ihnen tun? Sie wussten, was sie ihm und seinen Anhängern während einundzwanzig Jahren der Feindschaft und des Krieges angetan hatten; was konnten sie also erwarten? Ihre Antwort spiegelte wider, was sie über seinen Charakter wussten. Sie sagten: „Wir erwarten von dir nur Gutes. Du bist ein edler Bruder und der Sohn eines edlen Bruders.“ Er antwortete: „Ihr seid alle frei.“

Eine solche Vornehmheit und Großmut ist in den militärischen Eroberungen der gesamten Menschheitsgeschichte unerhört. Doch dieser Eroberer war außergewöhnlich. Seine Eroberung galt den Herzen, nicht dem Land. So wurde Mekka für den Islam gewonnen. Innerhalb weniger Tage begannen seine Bewohner, sich ihm anzuschließen und sich als Muslime zu bekennen. Niemandem gegenüber wurde Zwang oder Druck ausgeübt. Man ließ sie den Islam unvoreingenommen betrachten, ohne dass Feindschaft oder Rachegedanken wegen ihrer früheren Niederlagen ihr Urteil verzerrten.

Selbst diejenigen unter ihnen, die privilegierte oder ehrenvolle Ämter innehatten, durften diese behalten. Der Prophet hätte sie ihnen nehmen und sie seinen eigenen Leuten übertragen können, doch er tat nichts dergleichen. Stattdessen erklärte er: „Dies ist ein Tag der Aufrichtigkeit, an dem Versprechen eingehalten werden.“3

2 Ibn Hischam, Al-Sira al-Nabawiyya, Bd. 4, S. 134.
3 Ibn Hischam, a. a. O., Bd. 4, S. 32.

KAPITEL 17

die Beziehungen des Propheten zu den Juden
Die Auswanderung des Propheten von Mekka nach Yathrib, das später Medina genannt wurde,1 begründete den ersten islamischen Staat. Es handelte sich um einen Stadtstaat mit dem Potenzial zur Ausdehnung. Die Gesellschaft, die in Medina bestand, unterschied sich jedoch grundlegend von jener, die der Prophet und seine Gefährten in Mekka zurückgelassen hatten. Mekka war eine homogene Gesellschaft, da der Stamm der Quraisch den größten Teil der Bevölkerung stellte. Zu ihnen gehörten Sklaven und andere Personen, die dem Stamm angegliedert waren, ihm aber nicht angehörten (sie wurden als ihre Verbündeten bezeichnet) und handwerkliche Dienstleistungen erbrachten. Die Quraisch lebten vom Handel. Sie waren im internationalen Handel erfahren und organisierten häufig Handelsreisen nach Syrien und in den Jemen. Dieses florierende Geschäft brachte den Menschen in Mekka Wohlstand und ein angenehmes Leben. Medina hingegen war eine sehr komplexe Gesellschaft. Die arabische Bevölkerung bestand aus zwei Hauptstämmen: den Aus und den Chazradsch. Beide stammten aus dem Jemen und hatten dieselben Wurzeln, standen jedoch häufig miteinander im Konflikt; die zwischen ihnen ausgetragenen Schlachten hatten beide geschwächt. Außerdem gab es in Medina eine große jüdische Gemeinschaft. Sie bestand aus mehreren Stämmen, von denen die wichtigsten die Kainuka, die Nadir und die Qurayza waren. Jeder von ihnen konnte eine Streitmacht von 700 bis 800 Kämpfern mobilisieren. Die Juden lebten in Festungen südöstlich von Medina. Diese drei Stämme schlossen Bündnisse entweder mit den Aus oder mit den Chazradsch und schürten Streit zwischen ihnen. Wenn eine Schlacht ausbrach, konnten die Juden an der Seite ihrer arabischen Verbündeten gegen ihre jüdischen Landsleute kämpfen.

Die Wirtschaft Medinas1 beruhte auf der Landwirtschaft; Dattelplantagen erstreckten sich über ein weites Gebiet. Araber und Juden lebten hauptsächlich davon. Vor der Auswanderung des Propheten jedoch waren die Juden der Kainuka von den beiden anderen jüdischen Stämmen aus ihrem Gebiet vertrieben worden und nach Medina gezogen. Sie hatten dort einen eigenen Marktplatz, auf dem sie Handel und Handwerk betrieben. Unter ihnen gab es auch Juweliere. Als der Prophet und seine Gefährten aus Mekka, die Muhadschirun, mit ihrer Auswanderung begannen, hatte ein beträchtlicher Teil der arabischen Bevölkerung aus den Stämmen der Aus und der Chazradsch den Islam angenommen. Eine erhebliche Zahl von ihnen war jedoch noch Götzendiener. Es ist schwierig, den Anteil der Götzendiener an der arabischen Bevölkerung zu jener Zeit zu schätzen, als der Prophet in Medina eintraf; dieser Anteil nahm jedoch ständig ab. Immer mehr Araber nahmen den Islam an, als sie sahen, wie ihre Stammesangehörigen, Nachbarn und Familienmitglieder ihr Leben an die hohen Werte anpassten, die der Prophet lehrte. Das bedeutete, dass in Medina, das nach unseren heutigen Maßstäben eine kleine Stadt war, drei verschiedene Religionen nebeneinander lebten. Die Bevölkerung gehörte zudem verschiedenen ethnischen Gruppen an: Die Araber aus Mekka gehörten zum adnanitischen Zweig der Araber, während die Araber Medinas zum qahtanitischen Zweig gehörten. Die Juden waren im Handel und in geschäftlichen Angelegenheiten erfahren, während die Araber Medinas ausschließlich von der Landwirtschaft lebten. Auch die Muhadschirun aus Mekka waren daran beteiligt; viele von ihnen waren geschickte Geschäftsleute. Es war daher eine äußerst komplexe neue Situation auf einem begrenzten geografischen Gebiet.

Hinzu kam die Komplexität der äußeren Bedrohung. Die Quraisch in Mekka, eine nicht zu unterschätzende Macht, waren über die Auswanderung der Muslime nach Medina sehr unglücklich. Solange die Muslime in Mekka waren, hatten die Quraisch das Gefühl, die Lage unter Kontrolle zu haben. Nun, da der Islam eine eigene Basis besaß und sich frei entfalten konnte, erkannten die Quraisch eine Gefahr für ihre Vorrangstellung in Arabien und für ihren internationalen Handel.

Kurz nachdem er sich in Medina niedergelassen hatte, bemühte sich der Prophet, die neue Gesellschaft zu organisieren. Er ergriff vier sehr wichtige Maßnahmen. Erstens baute er die Moschee, die als Ort des Gottesdienstes, als Zentrum zur Erörterung der Angelegenheiten der muslimischen Gemeinschaft und als Ort für Beratungen über jede ernste Angelegenheit diente. Sie war auch ein Ort, an dem die Muslime in ihrem Glauben unterrichtet werden konnten. Zweitens schuf er ein Band der Brüderlichkeit zwischen den Muslimen, indem jeweils einer der Muhadschirun zum besonderen Bruder eines der Ansar, der Muslime aus Medina, wurde. Drittens entsandte er Gruppen seiner Gefährten auf militärische Unternehmungen, um zu zeigen, dass der neue Staat auf alle Eventualitäten vorbereitet war. Wie bereits erwähnt, kam es dabei zu keinen militärischen Zusammenstößen, abgesehen von einem kleinen Trupp von acht Männern, als ein Mann aus den Quraisch getötet wurde. Viertens regelte der Prophet die Beziehungen zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen Medinas. Es wurde ein Vertrag ausgearbeitet, der die Verantwortlichkeiten jeder Gruppe innerhalb der muslimischen Gemeinschaft festlegte und die Art ihrer Beziehungen zu den Juden umriss.2 Das Dokument war möglicherweise die erste schriftliche Verfassung, die irgendwo auf der Welt verfasst wurde, und sah eine pluralistische Gesellschaft vor. Hier sind einige seiner Bestimmungen, die seinen pluralistischen Charakter widerspiegeln:

Die Muhadschirun der Quraisch tragen die Verantwortung für das von ihnen zu zahlende Blutgeld.3 Sie zahlen gemäß dem, was unter den Gläubigen vernünftig und gerecht ist, für die Freilassung der unter ihnen gefangen Genommenen. Der Clan der Ausf bleibt in gleicher Weise bestehen und trägt die Verantwortung für das von ihm zu zahlende Blutgeld. Jede Gruppe zahlt gemäß dem, was unter den Gläubigen vernünftig und gerecht ist, für die Freilassung ihrer Gefangenen. Die gottesfürchtigen Gläubigen stellen sich gemeinsam gegen jeden aus ihrer Mitte, der übertritt, Unrecht begeht oder unter den Gläubigen eine Sünde, einen Angriff oder Verderbnis verübt. Sie werden gemeinsam gegen ihn vorgehen, selbst wenn er der Sohn eines von ihnen wäre … Der am wenigsten angesehene unter den Gläubigen darf ein Schutzversprechen geben, das für alle bindend ist. Die Gläubigen sind untereinander Verbündete gegenüber allen Menschen. Jeder der Juden, der sich uns anschließt, erhält unsere Unterstützung und gleiche Rechte wie wir; ihm wird kein Unrecht zugefügt, und man wird kein Bündnis gegen ihn unterstützen. Die Gläubigen haben ein einheitliches Friedensversprechen … Jede Gruppe, die sich uns auf einem Dschihad-Unternehmen anschließt, trägt ihre eigenen Kosten. Die Gläubigen sind hinsichtlich des Einsatzes ihres Lebens auf Gottes Weg gleich … Kein Ungläubiger darf Eigentum oder eine Person der Quraisch unter seinen Schutz stellen und sich zwischen sie und einen Gläubigen stellen. Wer einen Gläubigen tötet und dessen Schuld bewiesen ist, soll als Vergeltung getötet werden, es sei denn, der nächste Angehörige des Opfers verzichtet auf sein Recht. Alle Gläubigen sollen sich gegen den Mörder vereinen, und es ist ihnen nicht erlaubt, etwas anderes zu tun, als ihn der Gerechtigkeit zuzuführen.

2 Eine vollständige Übersetzung dieses Dokuments findet sich bei Adil Salahi, Muhammad: Man and Prophet, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2008, S. 239–242.
3 Diese Bestimmung gewährleistete die kollektive Verantwortung einer Familie, eines Clans oder eines Stammes, der Familie eines Menschen, der von einem ihrer Angehörigen versehentlich getötet worden war, Blutgeld zu zahlen.

Kein Gläubiger, der diesen Vertrag annimmt und an Gott und den Jüngsten Tag glaubt, darf einen Verbrecher unterstützen oder ihm Zuflucht gewähren … Bei allem, worüber ihr uneins seid, liegt das endgültige Urteil bei Gott und bei Muhammad, Friede sei mit ihm. Die Juden sollen die Kosten mit den Gläubigen teilen, solange sie sich mit anderen im Krieg befinden. Die jüdischen Verbündeten des Clans der Ausf bilden mit den Gläubigen eine Gemeinschaft. Die Juden haben ihre Religion und die Muslime haben ihre Religion. Dies gilt für sie und ihre Verbündeten. Wer Unrecht begeht oder eine Sünde verübt, bringt nur sich selbst und seine Familie ins Verderben. Die jüdischen Verbündeten der Clans al-Nadschdschār, al-Hārith, Saida, Dschuscham, al-Aus und Tha’laba haben dieselben Rechte wie die jüdischen Verbündeten des Ausf. Wer Unrecht oder eine Sünde begeht, bringt nur sich selbst und seine Familie ins Verderben … Die Juden tragen ihre Kosten und die Muslime tragen ihre. Sie müssen Unterstützung gegen jeden leisten, der eine Partei dieses Abkommens bekämpft. Sie sind einander aufrichtigen Rat schuldig … Nichts, was den Quraisch oder ihren Unterstützern gehört, darf geschützt werden. Die Parteien dieses Abkommens sollen einander gegen jeden unterstützen, der Yathrib angreift. Wenn sie aufgefordert werden, ein Friedensabkommen zu schließen, sollen sie dies tun. Wenn sie zu etwas Ähnlichem eingeladen werden, müssen die Gläubigen dies unterstützen, ausgenommen gegenüber denen, die den Glauben bekämpfen. Jede Gruppe trägt ihren Anteil an der Verantwortung in dem ihr nächstgelegenen Bereich. Die jüdischen Verbündeten des Aus, ihre eigenen Leute und ihre Verbündeten haben dieselben Rechte und Pflichten wie die Parteien dieses Abkommens, und dies soll von den Parteien dieses Abkommens aufrichtig eingehalten werden … Jeder trägt die Verantwortung für jede Handlung, die er begeht. Gott billigt das Beste und Wahrhaftigste von dem, was dieses Abkommen enthält. Dieses Abkommen gewährt niemandem Straffreiheit, der Unrecht oder eine Sünde begeht. Wer Medina verlässt, soll sicher sein, und wer bleibt, soll sicher sein, sofern er kein Unrecht oder keine Sünde begeht. Gott ist der Beschützer derer, die ihre Versprechen erfüllen und gottesfürchtig sind, ebenso Muhammad, Gottes Gesandter.

Diese pluralistische Gesellschaft hätte lange Zeit in ihrem Gebiet in Frieden leben können, doch dazu kam es nicht. Die Eigenart der verschiedenen Gruppen trug dazu bei, den Versuch zu untergraben, eine Gesellschaft zu errichten, in der alle Gruppen in Frieden und gegenseitigem Respekt lebten.

Die Geschichte Medinas, als Yathrib, vor dem Aufkommen des Islam
Die Beziehungen des Propheten zu den Juden
Sie berichtet uns, dass die Juden, als die Rivalität zwischen den arabischen und jüdischen Gemeinschaften zunahm, den Arabern drohten und ihnen vom bevorstehenden Erscheinen eines Propheten erzählten, „dem wir folgen werden und mit dessen Hilfe wir euch bis zum letzten Mann vernichten können“. Die sechs Männer aus Yathrib, die den Propheten als Erste in Mekka trafen und ihm zuhörten, als er ihnen seine Botschaft erklärte, sagten zueinander: „Das ist der Prophet, von dem die Juden euch erzählt haben. Lasst sie ihm nicht zuvorkommen und in Scharen zu ihm kommen.“ Zwischen den Arabern Medinas und den Juden hätte eine Rivalität entstehen können, da jede Gemeinschaft darum gewetteifert hätte, den Propheten auf ihre Seite zu ziehen.

Die Juden entschieden sich jedoch, sich vom Propheten fernzuhalten. Ihre Rabbiner nahmen ihm und seiner Botschaft gegenüber meist eine feindselige Haltung ein, obwohl zwei von ihnen bald die Wahrheit seiner Botschaft erkannten und ihren Übertritt zum Islam erklärten. Mehrere andere erkannten ihn kurz nach seiner Ankunft als Gesandten Gottes, weigerten sich aber dennoch öffentlich anzuerkennen, dass sie dies wussten. Andere, wie Huyayy ibn Achtab, nahmen eine äußerst feindselige Haltung ein und sagten, sie würden niemals an ihn glauben. Der Prophet setzte jedoch niemals jemanden unter Druck, seine Botschaft anzunehmen, denn er wollte, dass die Menschen sie nur dann annahmen, wenn sie von ihrer Wahrheit überzeugt waren. Er war bereit, den Juden zu überlassen, ihre Haltung nach eigenem Wunsch zu bestimmen. Er wollte lediglich, dass sie sich an den Vertrag hielten, den sie mit ihm geschlossen hatten und der jedem in Medina die Möglichkeit gab, in Frieden zu leben und seinem Glauben zu folgen.

Das Hervortreten einer verborgenen Feindseligkeit
Die Ereignisse der folgenden Jahre zeigten, dass jene Juden nie bereit waren, eine Politik nachbarschaftlichen Zusammenlebens zu verfolgen. Sie wollten ihre Stellung bewahren, erkannten jedoch, dass sich der Islam zwangsläufig ausbreiten und daher eine ernste Gefahr für sie darstellen würde. Als die Muslime in der Schlacht von Badr, ihrer ersten großen Begegnung mit den Quraisch, einen überwältigenden Sieg errangen, zeigten die Juden Medinas großes Mitgefühl für die Niederlage der Quraisch. Einige von ihnen reisten sogar nach Mekka, um den Quraisch zum Verlust mehrerer ihrer Anführer ihr Beileid auszusprechen. Manche machten den Sieg der Muslime lächerlich und erklärten ihnen, er sei bedeutungslos; sie betonten, dass die Muslime ein anderes Ergebnis erwarten müssten, wenn sie gegen die Juden kämpften. Die Juden der Kainuka gingen noch weiter: Sie beschimpften eine muslimische Frau auf ihrem Marktplatz, woraufhin es zu einem Zusammenstoß kam, bei dem ein Jude und ein Muslim getötet wurden. Letzteres war eine klare Verletzung des Vertrags, den sie mit dem Propheten geschlossen hatten. Daher belagerte er die Juden der Kainuka. Die Belagerung dauerte fünfzehn Tage, doch es kam zu keinen Kämpfen. Schließlich erklärten sie sich bereit, Medina zu verlassen und ihr Eigentum zurückzulassen. Der Prophet gab ihnen drei Tage, um sich auf die Abreise vorzubereiten. Er ernannte sogar ihren Verbündeten Ubadah ibn al-Samit zur Überwachung ihrer Abreise. Ubadah war ihnen eng befreundet, aber ein guter Muslim. Seine Ernennung sollte sicherstellen, dass ihnen bei ihrem Weggang niemand Schaden zufügte. Sie zogen in ein Gebiet, das heute im Süden Syriens liegt.4 Was den Kainuka widerfuhr, hätte den übrigen Juden in Medina als Warnung dienen sollen. Es machte deutlich, dass der Prophet und die Muslime Feindseligkeit von niemandem hinnehmen würden. Wenn die Juden die Bedingungen des Vertrags einhielten, würden sie in Frieden mit den Muslimen leben; jede Verletzung des Vertrags jedoch würde schwerwiegende Folgen haben.

Ein Attentatsversuch
An der Spitze des Stammes der Nadir stand Huyayy ibn Achtab, ihr Oberrabbiner. Berichten zufolge erkannte Huyayy ibn Achtab den Propheten, als dieser in Medina eintraf, und bestätigte, dass er der Gesandte Gottes sei. Dennoch erklärte Huyayy ibn Achtab, bis zu seinem letzten Tag ein Feind des Propheten zu bleiben.5 Er hielt sein Wort gewiss. Diese Feindschaft hatte jedoch keinen anderen Grund als die Tatsache, dass Muhammad, Friede sei mit ihm, nicht zu den Juden gehörte. Es scheint, als habe sie einen Streit mit Gott selbst darüber widergespiegelt, dass Er einen Nichtjuden zu Seinem letzten Gesandten erwählt hatte, obwohl „Gott am besten weiß, wem Er Seine Botschaft anvertraut“. (6:124)

Nach der Niederlage, die die Muslime im dritten Jahr des Hidschra-Kalenders in der Schlacht von Uhud erlitten, und nach den beiden verräterischen Angriffen auf ihre Leute bei al-Radschi und Bi’r Ma’una wurde der innere Feind, vertreten durch die Heuchler und die Juden, selbstbewusster und offener in seiner Feindseligkeit. Daher wollte der Prophet prüfen, wie fest die Juden zu dem Vertrag standen, den sie mit ihm geschlossen hatten. Er ging mit einigen seiner Gefährten in das Viertel der Nadir und bat um Hilfe bei der Aufbringung des Blutgeldes, das die Muslime für zwei Männer zahlen mussten, die versehentlich getötet worden waren. Die Anführer der Nadir sagten dem Propheten, sie würden das Geld aufbringen, planten jedoch, ihn zu ermorden, indem sie einen Stein von einem Dach auf seinen Kopf fallen ließen. Der Prophet wurde durch den Engel über den Anschlag informiert und verließ den Ort sofort.6

Der Prophet sandte ihnen eine Botschaft und teilte ihnen mit, dass sie wegen ihres Verrats Medina innerhalb von zehn Tagen verlassen müssten. Sie durften ihr Eigentum behalten und Verwalter einsetzen, die sich um ihre Höfe kümmerten. Zunächst stimmten sie dem zu. Dann aber sandte Abdallah ibn Ubayy, der Anführer der Heuchler, also jener, die vorgaben, Muslime zu sein, es in Wirklichkeit aber nicht waren, ihnen eine Nachricht und erklärte, er sei bereit, sie mit 2.000 Kämpfern zu unterstützen, wenn sie Muhammads Angebot ablehnten. Gegen den Rat einiger ihrer gelehrtesten Rabbiner sandten sie dem Propheten die Nachricht, sie würden unter keinen Umständen gehen. Daraufhin belagerte der Prophet ihr Viertel, doch die erwartete Unterstützung blieb aus. Nach einigen Tagen der Belagerung baten sie den Propheten, sie zu den ursprünglich angebotenen Bedingungen gehen zu lassen. Der Prophet sagte ihnen, sie müssten den größten Teil ihres Eigentums aufgeben; jeder dürfe nur eine Kamelladung seiner Habseligkeiten mitnehmen. Sie stimmten zu und durften gehen.

Wenn die Nadir ihrem Vertrag mit dem Propheten treu geblieben wären, hätten sie keinen Schaden erlitten. Sie hätten weiterhin in Medina in Frieden und Zusammenarbeit mit den Muslimen leben können; ihr Verrat hatte ihnen die Schwierigkeiten eingebracht. Schon zuvor, kurz nachdem der Prophet ihr Viertel verlassen hatte und sie sich auf seine Ermordung vorbereiteten, hatte ein sehr gelehrter Rabbi von ihnen, Kinanah ibn Suwayra, ihnen erklärt, er kenne den Grund für die Abreise des Propheten. Er fügte hinzu: „Täuscht euch nicht selbst. Bei Gott, er ist der letzte Prophet. Ihr habt gehofft, dass der letzte Prophet ein Nachkomme Aarons sein würde, doch Gott erwählte, wen Er wollte. Was wir in unseren Büchern und in der unverfälschten Tora lesen, sagt eindeutig, dass der letzte Gesandte in Mekka geboren werden und nach Yathrib auswandern würde. Die Beschreibung in der Tora trifft Wort für Wort auf ihn zu.“7 Er riet ihnen weiter, entweder den Islam anzunehmen oder das Angebot des Propheten anzunehmen, das ihnen erlauben würde, zu gehen und ihr Eigentum zu behalten. Er fügte hinzu, die erste Möglichkeit sei die bessere. Sie wiesen seinen Rat jedoch zurück und folgten Huyayy ibn Achtab.

Die Behandlung der Nadir durch den Propheten war nach allen Maßstäben mild. Nur wenige Staatsoberhäupter, die jene überwunden hätten, die ihre Ermordung planten, würden ihnen einfach erlauben, friedlich fortzugehen, ohne wenigstens die Hintermänner des Komplotts festzunehmen und ins Gefängnis zu werfen, wenn nicht sogar kurzerhand zu töten. Sie gehen zu lassen, sodass sie die Freiheit hatten, erneut gegen ihn vorzugehen – was tatsächlich geschah –, hätte allzu nachsichtig erscheinen können. Doch der Prophet verlor niemals die Hoffnung, dass jemand das Licht der Wahrheit seiner Botschaft erkennen würde. Dies war seine Aufgabe als „Barmherzigkeit für alle Welten“, und er erfüllte sie nach besten Kräften.

Die Nadir verließen Medina. Die meisten von ihnen ließen sich im nördlich gelegenen Chaybar nieder, einige zogen noch weiter nach Norden, nach Syrien und darüber hinaus. Der einzige größere jüdische Stamm, der in Medina verblieb, war der Stamm Qurayza. Sein Oberrabbiner, Ka’b ibn Asad, war dem mit der muslimischen Gemeinschaft geschlossenen Vertrag bis dahin treu geblieben. Dies sollte jedoch nicht lange so bleiben. Wegen der besonderen Lage der Juden der Qurayza werde ich dies im nächsten Kapitel erörtern.

Nach der Evakuierung ihrer größeren Stämme blieben einige kleine jüdische Stämme in Medina zurück. In den Büchern der muslimischen Historiker findet sich wenig über sie. Das liegt daran, dass es in diesem Bereich wenig zu berichten gab, da sich an anderen Fronten bedeutende Ereignisse abspielten. Die größte verbliebene Konzentration von Juden in Arabien befand sich in Chaybar, einer von fruchtbarem Land umgebenen Stadt. Chaybar beherbergte neben seiner eigenen jüdischen Bevölkerung einen beträchtlichen Teil der aus Medina evakuierten jüdischen Stämme.

Chaybar, Fadak und Tayma
Nach seiner Rückkehr nach Medina, nachdem er gegen Ende des sechsten Jahres das Friedensabkommen von al-Hudaybiyya geschlossen hatte, erfuhr der Prophet, dass die Juden von Chaybar ein Bündnis feindlicher Kräfte gegen die muslimische Gemeinschaft schmiedeten. In Kapitel 2 habe ich einen kurzen Bericht über die Schlacht von Chaybar und den Sieg der dort eingesetzten kleinen muslimischen Armee gegeben. Der Prophet wollte die Juden aus Chaybar evakuieren, doch nachdem sie sich zunächst bereit erklärt hatten zu gehen, änderten sie ihre Meinung. Sie hingen an ihrer Stadt und ihrem Land, erkannten aber, dass sie die Muslime nicht besiegen konnten. Daher machten sie dem Propheten ein Angebot: Er sollte ihnen erlauben zu bleiben und das Land zu bewirtschaften, im Gegenzug für die Hälfte seiner Erträge. Der Prophet stimmte zu, legte jedoch fest, dass die Muslime berechtigt sein sollten, dieses Abkommen zu einem späteren Zeitpunkt aufzuheben.

Im nördlichen Arabien gab es weitere jüdische Siedlungen, etwa Fadak, Wadi al-Qura und Tayma. Als die Bewohner von Fadak vom Sieg der Muslime in Chaybar erfuhren, sandten sie eine Delegation zum Propheten und baten ihn, mit ihnen ein Friedensabkommen zu denselben Bedingungen wie mit den Bewohnern von Chaybar zu schließen. Der Prophet stimmte zu. Nach den islamischen Regeln gehörte ihre Zahlung an den Propheten, nämlich die Hälfte der Erträge ihres Landes, jedoch allein ihm, da weder eine Mobilisierung noch Kämpfe erforderlich gewesen waren, um sie zu erlangen. Der Prophet verwendete diese Einnahmen, um den Armen in der muslimischen Gemeinschaft zu helfen.

Wadi al-Qura und Tayma waren anders gelagert. Der Prophet belagerte sie, und einige Einzelkämpfe führten zum Tod einiger ihrer besten Kämpfer. Sie erkannten, dass eine Fortsetzung des Kampfes nur zu noch mehr Opfern führen würde, und unterwarfen sich. Der Prophet gewährte ihnen dieselben Bedingungen wie den Juden von Chaybar.

Araber und Juden
Manche Menschen haben gesagt, zwischen der Behandlung der besiegten Araber und der Juden, die sich dem Propheten widersetzten, habe ein deutlicher Unterschied bestanden. In keinem Fall zwang er die arabischen Stämme, die gegen ihn kämpften, ihr Land zu verlassen; sie blieben in ihren Städten, Ortschaften oder Lagern. Als der Prophet dagegen über die Juden triumphierte, wurden diese evakuiert. Spiegelt dieser Unterschied in der Behandlung eine diskriminierende Haltung wider? Bevor wir zu einem Schluss kommen, müssen wir die folgenden Punkte berücksichtigen:

1. Die Araber, die sich dem Propheten widersetzten, etwa die Quraisch und die Ghatafan, zeigten von Anfang an offen ihre Feindseligkeit. Die Juden befanden sich bereits in Medina, als der Prophet eintraf und sich dort niederließ. Er schloss mit ihnen einen Vertrag, damit sie Seite an Seite leben konnten, wobei die Verantwortlichkeiten jeder Gruppe klar festgelegt waren. Der Vertrag betrachtete die Muslime und die Juden Medinas als eine Nation. Er begründete eine pluralistische Gesellschaft, in der alle frei waren, ihre Entscheidungen zu treffen und so zu leben, wie sie wollten. Doch die Juden verletzten den Vertrag immer wieder und nahmen eine ungerechtfertigt feindselige Haltung ein. Wie konnte unter diesen Umständen das Zusammenleben fortgesetzt werden?

2. Die drei jüdischen Stämme, die evakuiert wurden, lebten in Medina, während keiner der Araber, die gegen die Muslime kämpften, dort lebte. Als diese Stämme daher ihren Vertrag verletzten und zum Angriff übergingen, wurden sie zu einem inneren Feind. Das konnte nicht geduldet werden.

3. Der Prophet machte von Anfang an klar, dass er keinen Unsinn dulden würde: Der Vertrag war für alle bindend und musste eingehalten werden. Als der erste Stamm evakuiert wurde, hätte dies den anderen als deutliche Warnung dienen sollen, dass sie dasselbe Schicksal erleiden würden, wenn sie sich nicht an die Vertragsbedingungen hielten. Dennoch versuchte der Stamm der Nadir, den Propheten in seinem eigenen Viertel zu töten, und die Qurayza schlossen sich den Kräften an, die entschlossen waren, die muslimische Gemeinschaft zu vernichten.

4. Mit ihrer Vertragsverletzung zeigten die Juden eine nach innen gerichtete Haltung. Sie wussten genau vom bevorstehenden Erscheinen des letzten Gesandten Gottes. Tatsächlich hatten sie sich in Medina niedergelassen, weil sie wussten, dass er, wie es in der Tora steht und von einigen ihrer gelehrtesten Rabbiner bestätigt wurde, dorthin auswandern würde. Sie hofften, dieser Gesandte werde einer von ihnen sein. Als sie erkannten, dass Gott einen Araber zu Seinem letzten Gesandten erwählt hatte, missgönnten sie ihm diese Ehre. Er zwang sie nicht, ihre Religion aufzugeben; er forderte sie lediglich auf, das zu tun, was ihr heiliges Buch von ihnen verlangte.

5. Obwohl auch die Juden von Chaybar wegen ihres Versuchs, Streitkräfte zum Kampf gegen die Muslime aufzustellen, die Evakuierung verdient hätten, erlaubte der Prophet ihnen zu bleiben und schloss mit ihnen ein Friedensabkommen. Mit anderen jüdischen Ansiedlungen auf der Arabischen Halbinsel schloss er ähnliche Abkommen. Damit zeigte er, dass er einem friedlichen Zusammenleben und einer Zusammenarbeit mit ihnen nicht feindlich gegenüberstand; er wollte lediglich jede Gefahr für die muslimische Gemeinschaft verhindern.

6. Die Bedingungen der Evakuierung waren keineswegs hart. Den Evakuierten war erlaubt, jeweils eine Kamelladung ihrer Habseligkeiten mitzunehmen, Waffen ausgenommen. Diese Vergünstigung hätte ihnen ermöglicht, sich niederzulassen, wo sie wollten. Außerdem gab es keine Grenzbeschränkungen, die sie daran gehindert hätten, irgendwohin zu gehen. Ihre Anwesenheit in Medina war schließlich eine freie Entscheidung gewesen. Sie waren als Einwanderer gekommen und konnten ihren Niederlassungsort auf dieselbe Weise frei wählen.

Eine sorgfältige Betrachtung der Behandlung der Juden, die sich dem Propheten gegenüber feindselig verhalten wollten, zeigt, dass er äußerst nachsichtig mit ihnen war. Kein anderer Sieger der Geschichte ist seinen Feinden mit demselben Geist des Respekts und der Nachsicht begegnet wie Muhammad, Friede sei mit ihm.

KAPITEL 18

das Schicksal der Juden von Qurayzah Eine Reihe von Anführern des jüdischen Stammes al-Nadir ließ sich in Khaybar (im nördlichen Arabien) nieder, nachdem der Stamm aus Madinah evakuiert worden war. Diese hegten einen starken Groll gegen den Islam und seinen Propheten. Einige von ihnen gingen nach Makkah und sprachen mit den Oberhäuptern der Quraysh und anschließend mit Ghatafan, um deren Unterstützung zu gewinnen. Der von den drei Gruppen vereinbarte Plan bestand darin, die größtmögliche Streitmacht zu sammeln und nach Madinah zu marschieren, um dem Islam und den Muslimen ein Ende zu setzen. Wie ich jedoch in Kapitel 2 erwähnt habe, erhielt der Prophet Nachricht von dem großen Heer, das sich auf Madinah zubewegte. Er und seine Gefährten befestigten die Stadt, indem sie quer über ihren Zugang einen trockenen Graben ausheben ließen. Das Heer der Ungläubigen musste auf der anderen Seite des Grabens lagern, da es ihn nicht überqueren konnte. Der einzige bedeutende jüdische Stamm, der in Madinah verblieben war, war Qurayzah, der bis dahin seinen Bund mit den Muslimen eingehalten und in Frieden mit ihnen gelebt hatte. Huyayy ibn Akhtab, der jüdische Rabbi, der das Bündnis eingefädelt hatte, war jedoch der Ansicht, dass eine lange Belagerung zu keinem Ergebnis führen würde, da die Muslime in Madinah ihre Vorräte innerhalb der Stadt hatten (tatsächlich war die Belagerung für die Angreifer härter). Als Huyayy dies erkannte, ging er zu Qurayzah und überredete Ka[b ibn Asad, ihren Oberrabbi, dem Bruch des Bundes mit dem Propheten und dem Beitritt zum feindlichen Bündnis zuzustimmen. Der Plan war, von Norden und Süden Madinahs aus einen Zangenangriff zu starten und dessen muslimische Bevölkerung zu vernichten. Die Vorbereitungen für diesen Angriff waren weit fortgeschritten, als Gott eingriff und einen gewaltigen Sturm schickte, der Quraysh und Ghatafan zum Rückzug zwang. Daraufhin belagerten die Muslime Qurayzah. Nach fünfundzwanzig Tagen der Belagerung erklärten sich die Juden von Qurayzah bereit, sich dem Urteil des Propheten zu unterwerfen. Er erlaubte ihnen, ihren Richter aus den Reihen seiner Gefährten zu wählen. Sie wählten Sa[d ibn Mu[adh, da er in vorislamischer Zeit ihr Verbündeter gewesen war. .
Was danach geschah, ist umstritten. Die meisten muslimischen Historiker vertreten die von Muhammad ibn Ishaq (gestorben 151 AH / 768 n. Chr.) überlieferte Version, wonach Sa[d ibn Mu[adhs Urteil lautete, alle Männer zu töten und alle Frauen und Kinder zu versklaven.1 Diese Geschichte ist jedoch alles andere als genau: Tatsächlich ist sie grundlegend fehlerhaft und wird durch andere Ereignisse widerlegt.2 Ibn Ishaq, dessen Biografie des Propheten von Ibn Hisham bewahrt wurde, erwähnt, dass Qurayzah, als die Belagerung drückend wurde, den Propheten bat, ihnen einen seiner Gefährten, Abu Lubabah ibn [Abd al-Mundhir, zu schicken, da sie ihn zu ihrer Lage befragen wollten. Als Abu Lubabah ihre Festung betrat, erhoben sich ihre Männer, um ihn zu begrüßen, und die Frauen und Kinder empfingen ihn weinend. Er empfand großes Mitgefühl mit ihnen. Sie fragten ihn, ob sie sich dem Urteil Muhammads unterwerfen sollten. „Er sagte: ‚Ja‘, und fuhr mit der Hand über seine Kehle, womit er andeutete, dass ihre Hinrichtung bevorstand.“ Ibn Ishaq zitiert ihn: „Ich hatte kaum einen Schritt getan, als mir klar wurde, dass ich Gott und seinen Gesandten verraten hatte.“ Er verließ das Viertel von Qurayzah, ohne zu wissen, wohin er gehen sollte, kehrte jedoch nicht zum Propheten zurück. Schließlich band er sich in der Moschee an eine Säule und erklärte, er werde sie nicht verlassen, bis ihm versichert sei, dass Gott seine Reue angenommen habe.3 Ibn Ishaq erwähnt ferner, dass Abu Lubabah sechs Nächte an die Säule gebunden blieb, bis ein Koranvers offenbart wurde, der anzeigte, dass Gott seine Reue angenommen hatte. Der Vers lautet: „Und andere haben ihre Sünden bekannt, nachdem sie eine gute Tat mit einer schlechten vermischt haben. Vielleicht wird Gott ihre Reue annehmen. Gott ist ja Allvergebend und Barmherzig.“4 (9: 102) Dieser Teil der Geschichte ist in dreifacher Hinsicht fehlerhaft, was ich hier darlegen werde: Erstens baten die Qurayzah ausdrücklich um Abu Lubabah, weil sie wussten, dass er ihnen wohlgesinnt war. Das wird durch die Schilderung deutlich, wie sie ihm ihre Verzweiflung zeigten: Er war ihretwegen beinahe selbst zu Tränen gerührt. Dann wird uns erzählt, dass er ihnen riet, sich dem Urteil des Propheten zu unterwerfen, und ihnen zugleich bedeutete, das Urteil werde ihre Hinrichtung sein. Daraus folgt, dass das Urteil des Richters bereits im muslimischen Lager besprochen und festgelegt worden sein musste, als der Prophet ihnen gestattete, ihren Richter zu wählen. Sa[ds Gericht hätte dann lediglich ein bereits ergangenes Todesurteil bestätigt. Der Prophet ist mit niemandem jemals auf diese Weise verfahren, denn ein solches Vorgehen ist im Islam völlig unannehmbar. Als Qurayzah außerdem Sa[d ibn Mu[adh, ihren Verbündeten und das Oberhaupt der Aws, zu ihrem Richter wählten, sagten einige seiner Stammesangehörigen zu ihm: „Der Gesandte Gottes hat dir diese Aufgabe übertragen, damit du ihnen gegenüber freundlich bist.“ Wenn dies die Auffassung der Aws war, wie hätte dann einer von ihnen, Abu Lubabah, annehmen können, das bevorstehende Urteil werde ihren Tod bedeuten? Und wenn ihr Tod im Voraus beschlossen gewesen wäre und Abu Lubabah davon gewusst hätte, hätte der Prophet dann zugelassen, dass er sie traf, ohne ihn davor zu warnen, das Geheimnis preiszugeben? Zweitens: Ist es möglich oder logisch, dass Abu Lubabah den Qurayzah riet, sich dem Urteil des Propheten zu unterwerfen, und ihnen gleichzeitig signalisierte, dass dieses Urteil ihren Tod bedeuten werde? Da er ihr Freund war und viele Beziehungen zu ihnen hatte, hätte er ihnen nicht vielmehr zu einem anderen Ausweg geraten, statt sie davon zu überzeugen, ein vorab festgelegtes Todesurteil anzunehmen? Außerdem folgten sie schließlich seinem Rat und unterwarfen sich dem Urteil des Propheten, wie immer es ausfallen mochte. Wenn sie gewusst hätten, dass das Urteil bereits auf Hinrichtung festgelegt war, erscheint es unwahrscheinlich, dass sie diesen Weg bewusst gewählt hätten. Schließlich erwähnt ein authentischerer Bericht über Abu Lubabahs Anbinden an eine Säule in der Moschee, dass dies vier Jahre später geschah, nämlich nach dem Feldzug nach Tabuk. In diesem Bericht hatte der Prophet alle Muslime angewiesen, sich dem Feldzug anzuschließen; dennoch blieben einige Menschen zurück. Die meisten von ihnen waren Heuchler (sie gaben vor, Muslime zu sein, waren es aber nicht), doch einige wenige, weniger als zehn, waren echte Gläubige, die versäumt hatten, dem Befehl Folge zu leisten. Drei von ihnen gingen zum Propheten und gestanden ihre Schuld ein. Mit ihnen wurde in besonderer Weise verfahren.5 Die anderen banden sich in der Moschee an Säulen, als Zeichen ihres Schuldeingeständnisses und ihrer Entschuldigung beim Propheten. Sie hofften, dass der Prophet ihnen vergeben und ihre Freilassung anordnen würde. Der Prophet überließ die Angelegenheit Gott. Einige Tage später wurde ihre Vergebung in dem oben zitierten Koranvers (9: 102) offenbart.6 Diese ganze Sure nimmt auf die Haltung der Heuchler Bezug, wie sie sich während der Vorbereitungen für den Feldzug nach Tabuk und bei den späteren Ereignissen gezeigt hatte. Ibn 5 Für die vollständigen Einzelheiten der Geschichte von „den drei Zurückgelassenen“ siehe Adil Salahi, Muhammad: Man and Prophet, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2008, S. 710–717. 6 Ahmad ibn al-Husayn al-Bayhaqi, Dala’il al-Nubuwwah, Bd. 5, Beirut, 1988, S. 272.
Ishaqs Bericht zitiert diesen Vers ebenfalls als die Vergebung für Abu Lubabah. Das Ereignis von Qurayzah fand im fünften Jahr statt, vier Jahre vor der Offenbarung dieser Sure; es ist unwahrscheinlich, dass Abu Lubabah sich bei zwei Gelegenheiten im Abstand von vier Jahren an eine Säule in der Moschee band und bei der zweiten Gelegenheit durch denselben offenbarten Vers Vergebung erhielt. Als die Belagerung für sie unerträglich wurde, sandte Qurayzah eine Nachricht an den Propheten, in der es hieß, sie seien bereit, sich zu ergeben und jedes Urteil gegen sie anzunehmen, das er fällen würde. Die Muslime der Aws wandten sich an den Propheten und baten für Qurayzah, weil sie deren Verbündete waren. Der Prophet sagte zu ihnen: „Wärt ihr zufrieden, wenn ein Mann aus euren Reihen das Urteil spricht?“ Sie sagten: „Ja, das wären wir.“ Darauf übertrug der Prophet diese Aufgabe Sa[d ibn Mu[adh. Ein anderer Bericht erwähnt, dass der Prophet Qurayzah aufforderte, ihren Richter aus den Reihen seiner Gefährten zu wählen, und dass sie Sa[d wählten, weil er ihr Verbündeter war und sie hofften, er werde milde urteilen. Sa[d ibn Mu[adh war von einem verirrten Pfeil verwundet worden und wurde während der Belagerung von Qurayzah gepflegt. Man brachte ihn zum Zelt des Propheten, damit er sein Urteil verkünde. Zunächst stellte er sicher, dass sein Urteil sowohl für die Juden als auch für die Muslime bindend sein würde. Beide bestätigten dies. Dann sagte er: „Ich urteile hiermit, dass die Kämpfer von Qurayzah getötet, ihr Besitz aufgeteilt, ihre Frauen und Kinder gefangen genommen und ihr Besitz verteilt werden soll.“ (Überliefert von al-Bukhari.) Der Prophet bestätigte das Urteil und sagte, es sei Gottes Urteil. Das Urteil wurde anschließend vollstreckt. Auf Befehl des Propheten wurden die Verurteilten von Qurayzah nach Madinah gebracht: Die Männer wurden dort im Haus von Usamah ibn Zayd festgehalten, während die Frauen und Kinder im Haus einer Frau namens Kayyisah bint al-Harith festgehalten wurden.7 Ihre Waffen und beweglichen Güter wurden ebenfalls nach Madinah gebracht, ihr Vieh jedoch auf ihren Feldern zurückgelassen. Man gab ihnen Datteln zu essen. Nach Ibn Ishaqs Darstellung galt Sa[d ibn Mu[adhs Urteil jedoch für alle Angehörigen von Qurayzah, was bedeutete, dass alle ihre Männer getötet und alle ihre Frauen und Kinder versklavt wurden. Die meisten muslimischen Historiker zitieren ihn und halten seinen Bericht für zutreffend; dennoch halte ich ihn für schwerwiegend fehlerhaft. Ibn Ishaq war der Erste, der eine ausführliche Biografie des Propheten verfasste, und er gibt zahlreiche Einzelheiten zu den von ihm aufgezeichneten Ereignissen. Wie viele andere frühe muslimische Historiker konzentriert er sich jedoch auf die Schlachten, die zu Lebzeiten des Propheten stattfanden. Hadith-Gelehrte kritisieren Ibn Ishaqs Methode, weil er Berichte, die er von verschiedenen Personen gelernt hatte, miteinander verbindet, um von jedem Ereignis eine angemessene und zusammenhängende Darstellung zu geben. Daher schreibt er nicht jedes einzelne Detail dem Gelehrten zu, von dem er es gelernt hatte. Zu Ibn Ishaqs Verteidigung möchte ich anführen, dass seine Methode als Historiker angemessen war, obwohl sie eine genaue Prüfung seiner Quellen nicht zulässt. Für einen Leser der Geschichte könnte ein Bericht über bedeutende Ereignisse zu umständlich werden, wenn bei mehreren Quellen jedes kleine Detail seiner Quelle zugeschrieben wird. Würde Ibn Ishaq andererseits die Berichte all seiner Quellen einzeln wiedergeben, gäbe es in seiner Darstellung viele Wiederholungen, und die Leser hätten Schwierigkeiten, die zuverlässigeren Versionen zu erkennen. Dennoch setzt Ibn Ishaqs Methode ihn dem Vorwurf aus, falsche oder ungenaue Berichte überliefert zu haben. Um einen genaueren Bericht über das Ereignis zu erhalten, müssen wir berücksichtigen, was aus zuverlässigeren Quellen verfügbar ist. Der Koran enthält eine kurze Anmerkung zum Schicksal des Stammes Qurayzah. Er sagt, dass Gott „diejenigen von den Leuten der Schrift, die ihnen [d. h. den Götzendienern] Beistand leisteten, aus ihren Burgen herabholte und Schrecken in ihre Herzen warf: Einige habt ihr getötet, andere habt ihr gefangen genommen. Und Er gab euch ihr Land, ihre Häuser und ihren Besitz sowie ein Land, das ihr zuvor noch nicht betreten hattet. Gott hat Macht über alle Dinge.“ (33: 26–27) Der Koran kommentierte die Tatsache, dass die Muslime während der Belagerung des jüdischen Stammes al-Nadir einige Dattelpalmen fällten, und gab dafür eine Rechtfertigung. Ebenso hätte der Koran die Notwendigkeit einer solchen Behandlung erklärt, wenn alle Angehörigen von Qurayzah getötet oder gefangen genommen worden wären. Die andere zuverlässige Quelle ist al-Bukharis Sammlung authentischer Überlieferungen des Propheten. Es gibt zwei Aussagen, die von Sa[d ibn Mu[adhs Urteil in dieser Angelegenheit sprechen, und beide besagen, dass er urteilte, „ihre Kämpfer seien zu töten und ihre Nachkommen gefangen zu nehmen“.8 Der grundlegende Fehler in Ibn Ishaqs Geschichte besteht darin, dass er das Urteil auf jede einzelne Person unter den Juden von Qurayzah anwendbar macht: Damit ergibt sich ein Todesurteil für alle erwachsenen Männer und Gefangenschaft für alle Frauen und Kinder. Weder in den koranischen noch in den Hadith-Texten findet sich etwas, das dies bestätigt. Der Koran spricht davon, dass einige Menschen getötet und einige gefangen genommen wurden, und die beiden Hadith-Überlieferungen sprechen von der Hinrichtung der Kämpfer und der Gefangennahme ihrer Nachkommen. 8 Ibn Hajar, Fath al-Bari (ein ausführlicher Kommentar zu al-Bukharis Sahih-Sammlung), Bd. 7, S. 411–412.
Mehrere Punkte in Ibn Ishaqs Bericht geben Anlass, ihn infrage zu stellen. Zunächst erwähnt er, dass die Männer vor ihrer Hinrichtung im Haus von Usamah ibn Zayd untergebracht wurden, während die Frauen in das Haus von Kayyisah bint al-Harith gebracht wurden. Wie viele Menschen konnten diese beiden Häuser aufnehmen? Es ist bekannt, dass die meisten Muslime in Armut lebten, insbesondere jene, die aus Makka ausgewandert waren, und Usamah gehörte zu dieser Gruppe. Die Zahl der in diesen Berichten genannten Männer von Qurayzah liegt zwischen 600 und 900. Was für ein Haus hätte all diese Menschen aufnehmen können? Tatsächlich wäre die Zahl der Frauen und Kinder, die angeblich in Kayyisahs Haus untergebracht wurden, noch viel größer gewesen. Außerdem wird behauptet, dass auf dem Marktplatz Gräben ausgehoben wurden, um diese Menschen zu töten. Die Orte in Madinah, an denen sich in der Frühzeit des Islam wichtige Ereignisse ereigneten, sind gut bekannt und gekennzeichnet. Die Moscheen, die zu Lebzeiten des Propheten errichtet wurden, etwa die Moscheen von Quba’ und Qiblatayn, stehen noch heute. Dennoch gibt es keine Markierungen für die Gräben, die angeblich für diese Massenhinrichtung ausgehoben wurden. Außerdem ist es für Ibn Ishaq üblich, die Namen der an jedem wichtigen von ihm dokumentierten Ereignis beteiligten Menschen zu nennen. So nennt er beispielsweise die Namen aller Gefährten des Propheten, die nach Abessinien auswanderten (insgesamt 101), sowie aller, die an der Schlacht von Badr teilnahmen, einschließlich ihrer Vorfahren und Stämme (313 Personen). Bei diesem Anlass nennt er nur zwei Personen: Huyayy ibn Akhtab und al-Zubayr ibn Bata, und er berichtet Gespräche, die stattfanden, bevor sie getötet wurden. Er erwähnt, dass der Prophet dem Letzteren vergab und ihm seinen Besitz zurückgab. Dennoch zog al-Zubayr ibn Bata den Tod vor, weil die Urheber des Verrats von Qurayzah ihre gerechte Strafe erhalten hatten. Ibn Ishaq berichtet die Fälle derjenigen, denen eine besondere Begnadigung gewährt wurde, nennt ihre Namen und bezeichnet diejenigen, die für sie Fürsprache einlegten; über diejenigen, von denen angenommen wird, dass sie hingerichtet wurden, liefert er jedoch nur wenige Einzelheiten. Es wäre verständlich, wenn er nicht die Namen aller Angehörigen von Qurayzah genannt hätte, da es mehrere Hundert waren; zumindest hätte er uns jedoch die Namen der herausragenderen Persönlichkeiten nennen können. Schließlich liefert Muhammad ibn [Umar al-Waqidi (130–207 AH / 748–822 n. Chr.) weitere Einzelheiten. Al-Waqidi war ein bedeutender Historiker, der ausführlich über die Geschichte des Islam schrieb, sich häufig auf Primärquellen stützte und alle Orte besuchte, an denen wichtige Ereignisse zu Lebzeiten des Propheten stattgefunden hatten. Al-Waqidi nennt die Namen von neun Menschen, die infolge des Urteils von Sa[d ibn Mu[adh hingerichtet wurden: Ka[b ibn Asad, der Anführer von Qurayzah, der dem Verrat zugestimmt hatte; Huyayy ibn Akhtab, der sich besonders darum bemüht hatte, die angreifenden Streitkräfte aufzustellen, die den Islam zerstören und ihm ein Ende bereiten wollten; al-Zubayr ibn Bata; Ghazzal ibn Samuel; Nabbash ibn Qays; Wahb ibn Zayd; [Uqbah ibn Zayd; und zwei Personen namens [Amr.9 Er erwähnt außerdem, dass jeweils zwei Männer zu mehreren Stämmen der Ansar geschickt wurden, wo sie hingerichtet wurden. Damit beträgt die Gesamtzahl weniger als fünfundzwanzig. Wenn man diese Information mit der zuverlässigsten Fassung von Sa[d ibn Mu[adhs Urteil verbindet, wonach die Kämpfer von Qurayzah getötet werden sollten, kann man schließen, dass es sich bei ihnen um die tatsächlichen Kämpfer handelte, die aktiv an dem Verrat beteiligt waren, der darauf abzielte, den Islam und alle Muslime auszurotten. Ibn Ishaqs Darstellung des Lebens des Propheten war die wichtigste Quelle, auf die sich spätere Historiker bei ihrer Analyse der Ereignisse zu Lebzeiten des Propheten stützten. In diesem Fall jedoch halte ich diese Erörterung für stichhaltig, wenn sie seinen Bericht über das Schicksal des jüdischen Stammes Qurayzah zurückweist. Der erste Grund für die Zurückweisung dieses Berichts ist, dass die Verhängung einer solchen Kollektivstrafe den islamischen Lehren und der eigenen Praxis des Propheten widerspricht. Der Islam billigt nicht, eine Gruppe von Menschen für das Verbrechen eines Einzelnen oder viele für das Verbrechen einiger weniger zu bestrafen. Vielmehr bestraft er alle, die tatsächlich an einem Verbrechen beteiligt waren. Wenn also zehn Menschen gemeinsam einen Menschen ermorden, werden alle gleichermaßen bestraft. In einem Fall wie dem von Qurayzah treffen letztlich die Anführer des Stammes und einige ihnen nahestehende Personen eine Entscheidung und sorgen dafür, dass sie ausgeführt wird. Die Mehrheit der Stammesangehörigen folgt lediglich der getroffenen Entscheidung und hat nur wenig Einfluss darauf, was beschlossen wird. Allen dieselbe Strafe aufzuerlegen, würde daher nicht den islamischen Maßstäben der Gerechtigkeit entsprechen. Der Prophet verstand die Natur seiner Sendung von Anfang an. In den frühen Tagen seines Prophetentums wurde das Wesen seiner Mission von Gott für ihn bestimmt: „Wir haben dich nur als eine Barmherzigkeit für die Welten gesandt.“ (21: 107) Während der dreiundzwanzig Jahre seiner Sendung bekundete der Prophet diesen Aspekt der Barmherzigkeit in allem, was er tat. Mehrere Menschen versuchten bei verschiedenen Gelegenheiten, ihn zu töten, doch er vergab ihnen allen. Auf dem Höhepunkt seines Sieges vergab er den Menschen von Quraysh, die ihm gegenüber äußerst feindselig gewesen waren, darunter den meisten der neunzehn Menschen, die er wegen ihrer anhaltenden Feindschaft gegen den Islam bereits zum Tod verurteilt hatte. Den Juden gegenüber nahm er dieselbe Haltung ein, sogar gegenüber jenen, die versucht hatten, ihn zu ermorden. Der Prophet könnte die Tötung von Sallam ibn Abi al-Huqayq gebilligt haben; dies geschah jedoch nur, weil dieser am Zustandekommen des Bündnisses beteiligt gewesen war, das Madinah anzugreifen und den Islam und die Muslime auszurotten versuchte. Als der Prophet dagegen die Juden von Khaybar besiegte, sagte er den Angehörigen der Familie Abi al-Huqayq, von denen viele dem Islam aktiv feindlich gegenüberstanden, dass er sie nicht für ihre frühere Haltung bestrafen werde.9 Al-Waqidi, Kitab al-Maghazi (1966), Bd. 2, Oxford University Press, S. 496–521.
Wenn wir all diese Belege für die Barmherzigkeit gegenüber früheren Feinden betrachten, wirkt Ibn Ishaqs Darstellung sehr merkwürdig. Ansicht zur Kollektivstrafe Ein sehr wichtiger Umstand, der ebenfalls die Zurückweisung von Ibn Ishaqs Bericht stützt, ist, dass offenbar keiner der führenden Rechtsgelehrten der islamischen Geschichte dessen Bedeutung berücksichtigt hat. Es ist bekannt, dass die Aussagen und Handlungen des Propheten als Grundlage für Entscheidungen in ähnlichen Fällen dienten. Wenn eine solche Kollektivstrafe gegen die Menschen von Qurayzah verhängt worden wäre, hätten diese Rechtsgelehrten die Bedingungen geprüft, unter denen eine solche Kollektivstrafe zulässig wäre. Die Tatsache, dass kein einziger Rechtsgelehrter eine Kollektivstrafe zulässt, bei der viele für ein von wenigen begangenes Verbrechen bestraft werden, deutet darauf hin, dass sie den Bericht für unannehmbar hielten. Ein Beispiel ist Imam al-Awza[i (gest. 157 AH / 774 n. Chr.), der sich sehr entschieden gegen Kollektivstrafen wandte. Unter einer Gemeinschaft von Nichtmuslimen im Libanon brachen Unruhen aus. Als der Statthalter Salih ibn [Ali den Aufstand niedergeschlagen hatte, wollte er, dass diese Gemeinschaft ihr Land verließ und sich anderswo niederließ. Imam al-Awza[i widersprach ihm nachdrücklich und sagte zu dem Statthalter: „Soweit ich weiß, gehört es nicht zu Gottes Gesetz, dass Gott die Vielen für das Verschulden der Wenigen bestraft, sondern die Wenigen für das Verschulden der Vielen.“10 Imam al-Qasim ibn Sallam führt dieses Zitat an und zeigt mit völliger Klarheit, dass Kollektivstrafen den islamischen Werten, Grundsätzen und Rechtsnormen fremd sind. Ibn Sallam war ein Gelehrter von derselben Bedeutung wie die Begründer der vier Rechtsschulen. Man betrachtet ihn als Begründer einer eigenen Rechtsschule, obwohl diese nicht lange genug Bestand hatte, um in späteren Generationen befolgt zu werden. Professor Walid Arafats wissenschaftliche Abhandlung im Journal of the Royal Society of Great Britain and Ireland (1976) erörtert Ibn Ishaqs Bericht und die Behandlung der Juden in Madinah. Arafat untersucht Ibn Ishaqs Quellen und vermutet, dass die Geschichte Ibn Ishaq wahrscheinlich von Nachkommen einiger Juden von Qurayzah erzählt wurde, deren Vorfahren vom Propheten bestraft worden waren. Ibn Ishaq war dafür bekannt, Nachkommen und Familien der Zeitgenossen des Propheten aufzusuchen und sie nach Einzelheiten zu fragen, die ihre Familien über Ereignisse aus der Lebenszeit des Propheten überliefert hatten. Diese Haltung Ibn Ishaqs ist lobenswert, weil sie Primärquellen heranzog. Er hätte jedoch vorsichtiger sein und seine Informationen gründlich prüfen müssen, bevor er sie in seinem Buch aufzeichnete. Arafat vergleicht diesen Bericht mit dem Fall von Masada, bei dem sich 960 Juden im Jahr 73 n. Chr. angeblich das Leben nahmen, statt von den byzantinischen Truppen gefangen genommen zu werden. Selbst jüdische Autoren äußern starke Zweifel an diesem Fall.11 Dennoch wurde die Angelegenheit in der jüdischen Geschichte, besonders nach der Gründung Israels, stets mit heroischen Zügen dargestellt. Es ist erstaunlich, dass die in Berichten auf Grundlage von Ibn Ishaqs Darstellung genannten Zahlen eine ähnliche Zahl von Männern aus Qurayzah ergeben, die angeblich hingerichtet wurden. Eine weitere Ähnlichkeit zwischen den beiden Ereignissen besteht darin, dass der Anführer von Qurayzah, Ka[b ibn Asad, seinen Stammesangehörigen angeblich vorgeschlagen haben soll, ihre Frauen und Kinder zu töten, um bis zum Ende gegen die Muslime zu kämpfen. Der Natur des Propheten fremd Eine Kollektivstrafe der Art, die Qurayzah angeblich erlitten haben soll, hätte Muhammad (Friede sei mit ihm) nicht billigen können, da sie seinem Wesen widersprach. Erinnern wir uns an die Haltung des Propheten nach seiner Reise nach Taif acht Jahre zuvor. Er befand sich noch in Makkah, wo er dem Widerstand der Bewohner ausgesetzt war. Nachdem er zehn Jahre lang seine Botschaft verkündet und dabei nur geringe Fortschritte erzielt hatte, dachte er daran, seine Tätigkeit weiter auszudehnen, und ging nach Taif, wo er zehn Tage lang die Menschen von Thaqif traf, des dort ansässigen bedeutendsten Stammes. Sie hätten nicht feindseliger sein können: Schließlich hetzten sie ihre Sklaven und jungen Burschen auf ihn. Sie vertrieben ihn und bewarfen ihn mit Steinen, bis seine Füße bluteten (diese Geschichte wird in Kapitel 2 erwähnt). Wichtig ist hier, was danach geschah, als der Prophet sich leidenschaftlich an Gott wandte, seine Entschlossenheit bekundete, mit seiner Mission fortzufahren, und zugleich Gottes Beistand suchte. Der Engel der Berge kam zu ihm, begrüßte ihn und sagte: „Ich stehe dir zu Diensten. Wenn du möchtest, kann ich die beiden Berge über ihrem Tal zusammenschließen.“ Der Prophet sagte: „Nein. Ich hoffe, dass unter ihren Nachkommen Menschen sein werden, die allein Gott anbeten und Ihm keine Teilhaber beigesellen.“ (Überliefert von al-Bukhari.) Dieses Ereignis fand zu einer Zeit statt, als der Prophet sich dem Widerstand gegenüber sehr schwach fühlte und von allen Seiten bedrängt wurde. Die Menschen von Taif waren nicht mit ihm verwandt, und er hatte keinen besonderen Grund, ihnen gegenüber barmherzig zu sein. Zehn Tage lang verspotteten und misshandelten sie ihn seelisch und körperlich. Als ihm jedoch angeboten wurde, sie schwer bestrafen zu lassen, war seine unmittelbare, wenn auch wohlüberlegte Reaktion eine entschiedene Ablehnung, weil er hoffte, dass ihre Nachkommen Menschen umfassen würden, die an Gott glauben.11 Nachman Ben-Yehuda, The Masada Myth: Collective Memory and Mythmaking in Israel, The University of Wisconsin Press, 1995.
Im Gegensatz dazu erfolgte das Urteil gegen Qurayzah zu einem Zeitpunkt, als die Aussichten der muslimischen Gemeinschaft sich erheblich verbessert hatten. Das Heer der verbündeten Stämme, das Madinah beinahe einen Monat lang belagert hatte, war nach geringen Kampfhandlungen gerade schmählich abgezogen. Der Prophet kommentierte ihren Abzug mit den Worten: „Von nun an werden sie uns niemals wieder angreifen. Wir werden die Initiative behalten.“ Danach belagerte er Qurayzah, und sie ergaben sich, sodass er von ihnen nie wieder etwas zu befürchten gehabt hätte. Barmherzigkeit war stets ein hervorstechendes Merkmal des Propheten: Hätte er in einem solchen Augenblick der Stärke eine Massenhinrichtung gebilligt, die den Islam für alle Zeiten brandmarken würde? Was geschah mit Qurayzah? Ein weiterer Grund, den Bericht über die Kollektivstrafe der Juden von Qurayzah zurückzuweisen, ist das Fehlen von Berichten über spätere Ereignisse, die danach in der muslimischen Gemeinschaft stattgefunden haben könnten. Ibn Ishaqs Bericht legt nahe, dass alle Frauen und Kinder gefangen genommen wurden. Es stellt sich die Frage: Was geschah danach mit ihnen? Nach der allgemeinen Sitte jener Zeit wären sie zu Sklaven geworden und unter denjenigen verteilt worden, die an der Belagerung der Festungen von Qurayzah teilgenommen hatten. Doch der Islam hatte bereits eine Regel für Kriegsgefangene festgelegt: Muslime mussten sie entweder gegen Lösegeld oder aus Gnade freilassen. Es gibt keinen Bericht, der darauf hindeutet, dass sie als Sklaven in Madinah blieben, und nicht eine einzige Geschichte darüber, dass eine dieser Frauen mit der Familie, bei der sie untergebracht worden sein könnte, Schwierigkeiten bekam. Wir haben keinen Bericht über den Tod einer alten Frau und darüber, wie sie bestattet wurde. Die betreffenden Kinder wären als Muslime aufgezogen worden. Es gibt nicht einen einzigen Bericht darüber, dass einer von ihnen sich auf irgendeinem Lebensgebiet hervortat. Ebenso gibt es keinen Bericht über ein Gespräch unter den Gefährten des Propheten, in dem die Bestrafung der Juden von Qurayzah oder das Schicksal ihrer Familien erwähnt wird. Wie lässt sich dieses Fehlen von Berichten erklären? Ein ähnlicher Mangel an Berichten besteht hinsichtlich der beiden anderen jüdischen Stämme, die zu Lebzeiten des Propheten aus Madinah evakuiert wurden: Qaynuqa[ und al-Nadir. Dies deutet darauf hin, dass die Gefährten des Propheten und die frühen muslimischen Historiker sich nicht damit beschäftigten, das Schicksal jener evakuierten Juden zu verfolgen, nachdem sie Madinah verlassen hatten. Dasselbe muss für die Juden von Qurayzah gegolten haben. Wir kommen daher zu dem Schluss, dass dem Rest des Stammes nach der Hinrichtung der Urheber des Verrats gestattet wurde, Madinah unter ähnlichen Bedingungen zu verlassen wie die anderen jüdischen Stämme, die zuvor evakuiert worden waren.

KAPITEL 19

Muhammad: der Staatsmann

Vielleicht hasste niemand in Arabien den Gesandten Gottes so sehr wie ich. Ich war von vornehmer Herkunft, von meiner Religion her Christ, und ich setzte die Regel durch, nach der mir ein Viertel der gesamten Kriegsbeute zustand, die mein Stamm erbeutete.1 Das bedeutete, dass ich meine eigene Religion hatte und tatsächlich ein König meines Volkes war. Als ich vom Propheten hörte, hasste ich ihn.2 Dies waren die Worte von Adiyy ibn Hatim, dem Oberhaupt des Tayy-Stammes, der im Norden Arabiens lebte. Als Mekka dem Islam zufiel, gegen Ende des achten Jahres – also einundzwanzig Jahre nach Beginn der Sendung des Propheten –, erkannte Adiyy, dass der Islam sich über den übrigen Teil Arabiens ausbreiten würde, und traf Vorbereitungen für diesen Fall. Als er hörte, dass eine muslimische Expedition sich seinem Gebiet näherte, floh er. Die von Ali ibn Abi Talib, dem Cousin des Propheten, angeführte Expedition zerstörte al-Fuls, eines der wichtigsten Götzenbilder, die von den Menschen im Norden Arabiens verehrt wurden, und nahm einige Gefangene aus dem Tayy-Stamm, darunter Adiyys eigene Schwester Sufanah. Sie war über ihren Bruder sehr aufgebracht, weil er sie zurückgelassen, aber seine engste Familie mitgenommen hatte. So fand sich Sufanah, deren Vater noch heute bei allen Arabern als Vorbild für Redlichkeit und Großzügigkeit gilt, als Gefangene in Medina wieder. Bald erkannte sie die Stellung des Propheten unter den Muslimen und wandte sich an ihn, um ihm ihre Not zu schildern: „Gesandter Gottes, meine Eltern sind tot und mein Beschützer ist verschwunden. Sei großzügig zu mir, möge Gott großzügig zu dir sein.“3 Nachdem sie an drei aufeinanderfolgenden Tagen ihre Bitte wiederholt hatte, gewährte der Prophet ihr die Freiheit, sagte ihr jedoch, sie solle in Medina bleiben, bis sie vertrauenswürdige Menschen gefunden habe, die sie an ihren Heimatort geleiten konnten. Er sagte ihr, sie solle ihn vor ihrer Abreise informieren. Als sie Medina verlassen wollte, gab der Prophet ihr ein Kamel zum Reiten, einige Kleidungsstücke und etwas Geld. Sie reiste weiter als bis zu ihrem Heimatort: Stattdessen ging sie nach Syrien, um ihren Bruder zu treffen. Nachdem sie ihn wegen seines Verlassens von ihr scharf zurechtgewiesen hatte, riet sie ihm, nach Medina zu gehen und den Propheten zu treffen. Sie erklärte ihm, dass es für Adiyy nicht in seinem Interesse liege, Muhammad entgegenzutreten, ganz gleich, ob Muhammad ein Prophet oder ein König sei. Sie verschwieg ihm, dass sie den Islam angenommen hatte. Adiyy ibn Hatim folgte ihrem Rat und reiste nach Medina. Er berichtet ausführlich über seinen Besuch; uns interessieren hier jedoch seine ersten Eindrücke:

Ich ging zum Propheten in seine Moschee. Als ich ihn begrüßte, fragte er mich nach meinem Namen, und ich sagte: „Adiyy ibn Hatim.“ Dann stand er auf und nahm mich mit zu sich nach Hause. Auf dem Weg zu seinem Haus hielt ihn eine alte, schwache Frau an. Er blieb lange bei ihr stehen, während sie ihm erklärte, was sie wollte. Ich dachte bei mir: „Er ist gewiss kein König.“ Dann führte er mich in seine Räume, gab mir ein Kissen und sagte: „Setz dich darauf.“ Ich sagte: „Nein, du sollst darauf sitzen.“ Er sagte: „Es gehört dir.“ Ich setzte mich auf das Kissen, und er setzte sich auf den Boden. Wieder dachte ich bei mir: „Er ist gewiss kein König.“4

Dies war der erste Eindruck eines Mannes, der sich nach eigenem Eingeständnis unter seinem Volk wie ein König benahm. Er war gekommen, um festzustellen, ob Muhammad (Friede sei mit ihm) ein König oder ein Prophet war – und zwar zu einer Zeit, als Muhammad auf dem Höhepunkt seiner Macht stand. Einige Monate zuvor war der Prophet nach Medina zurückgekehrt, nachdem er nach Mekka marschiert und bei Hunain den Sieg errungen hatte, wodurch er seinem Volk große militärische und materielle Gewinne gesichert hatte. Obwohl der Prophet damals der unbestrittene Führer Arabiens war, verhielt er sich dennoch selbstlos. So blieb er beispielsweise auf der Straße stehen, um lange mit einer alten, schwachen Frau zu sprechen, sich um ihre Bitte zu kümmern und dafür zu sorgen, dass sie erhielt, was sie benötigte. Ebenso saß er in seinem eigenen Haus auf dem Boden und überließ seinem Gast sein Kissen zum Sitzen. Mit Recht sagt man, dass Macht korrumpiert, und es gibt unzählige Beispiele von Führern, die ihre Ideale aufgeben oder vergessen, sobald sie an der Macht sind. Der Prophet strebte niemals nach Macht für sich selbst. Als er einen großen Staat errichtet hatte, dessen Bewohner ihm uneingeschworene und vollständige Gefolgschaft gelobten, hielt er sich keinen Augenblick für einen König oder ein Staatsoberhaupt. Er fuhr fort, sich so zu verhalten wie zuvor. Doch vergaß er niemals die Aufgabe, die Gott ihm übertragen hatte: Seine Botschaft zu verkünden und die Menschen dazu aufzurufen, sie anzunehmen.

Als die Quraisch sich ihm widersetzten und seine Botschaft praktisch auf die Grenzen Mekkas beschränkten, suchte er anderswo für seine Botschaft einzutreten. Er entsandte eine große Gruppe seiner Anhänger nach Abessinien, um dort eine zweite Ausgangsbasis für seine Botschaft zu schaffen. Gleichzeitig wandte er sich an andere Stämme, wenn diese sich während der Pilgersaison in Mekka versammelten. Er erkannte, dass er eine sichere Basis benötigte, von der aus er die Menschen ansprechen konnte. Wenn er mit verschiedenen Stämmen sprach, erkundigte er sich nach ihrer Fähigkeit und Bereitschaft, ihn zu verteidigen, während er seine Botschaft anderen verkündete. Schon in den frühen Jahren seiner Botschaft erkannte er auch, dass er die Macht eines Staates benötigte, um den Verkündern des Islam einen sicheren Zufluchtsort zu bieten. Als er schließlich seine feste Basis in Medina errichtet hatte, bemühte er sich zunächst darum, die vollständige Sicherheit seiner Anhänger und der anderen Bürger Medinas zu gewährleisten. Wie in früheren Kapiteln erwähnt, schloss er einen Vertrag, dem sich alle Bevölkerungsgruppen verpflichteten. Dieses Dokument legte Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen fest und machte alle Gruppen – Muslime, Juden und Götzendiener – in Medina zu einer einzigen Gemeinschaft mit gleichen Rechten; kam es jedoch zu Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen, war der Prophet der letzte Schiedsrichter. So lebten diese Gemeinschaften friedlich nebeneinander. Jede Gemeinschaft kümmerte sich um ihre eigenen Angehörigen und trug gemeinsam Verantwortung für deren Verhalten; doch angesichts jeder Aggression durch eine fremde Macht oder Gruppe standen sie geeint. Dies war ein Modell einer pluralistischen Gesellschaft, in der keine Gruppe danach strebte, Autorität über andere Gruppen zu errichten. Dass sich die Lage später mit einigen Gruppen verschlechterte, lag nicht an einem Versagen des Islam oder der Muslime; die anderen Gruppen waren stets die Angreifer.

Die erste Verantwortung des Propheten galt seinem eigenen Volk, den Muslimen. Er formte eine Gemeinschaft, in der die Stammeszugehörigkeit nur eine sehr untergeordnete Rolle spielte, da das Band des Glaubens alle anderen Bande ersetzte. Er sorgte für sie auf eine Weise, die ihre vorbehaltlose Liebe gewann. Asma bint Umays, die zu den Auswanderern nach Abessinien gehört hatte und als Letzte zurückgekehrt war, verglich das Schicksal der Auswanderer mit dem der Muslime in Medina:

Ihr wart beim Gesandten Gottes (Friede sei mit ihm), der diejenigen von euch speiste, die hungrig waren, und die Unwissenden zurechtwies, während wir im Land feindseliger Fremder lebten und nur um Gottes und Seines Gesandten willen dort blieben … Wir wurden misshandelt und erlebten häufig Angst. (Überliefert von al-Buchari und Muslim.)

Es besteht kein Zweifel, dass der Prophet für seine Gemeinschaft sorgte. Die als Ahl al-Suffah bekannten Menschen beispielsweise, die sich den Muslimen in Medina anschlossen, stammten aus verschiedenen Stämmen und Gegenden, waren jedoch alle arm und obdachlos. Der Prophet brachte sie in einer Unterkunft nahe der Moschee unter und sorgte dafür, dass sie zu essen hatten. Die Umstände waren bisweilen sehr schwierig, doch der Prophet schaffte es immer, ihnen etwas zu geben. Der Prophet lebte in Armut, vergaß aber niemals die Bedürftigen. Oft segnete Gott eine kleine Mahlzeit, sodass sie für eine große Zahl von Menschen ausreichte. Dies geschah als Antwort auf die Gebete des Propheten, die er sprach, weil er für sein Volk sorgte und dessen Nöte lindern wollte.

Zugleich hatte der Prophet stets die Gerechtigkeit im Blick. Er nahm niemandem jemals etwas auf unfaire Weise weg, selbst wenn niemand seine Entscheidungen hätte infrage stellen können. Ehrenämter genossen in Arabien höchste Bedeutung. Traditionell lagen sie bei bestimmten Sippen, und die Sippe setzte alles daran zu beweisen, dass sie dieser Ehre würdig war. Eines dieser Ämter war das Tragen des Banners auf dem Schlachtfeld. Da das Banner während einer Schlacht der Sammelpunkt ist, war es von großer Bedeutung, es hoch erhoben zu halten. In der Schlacht von Badr fiel das Banner der Quraisch bald zu Boden, als sein Träger getötet wurde. Die Sippe Abd al-Dar hatte traditionell das Banner der Quraisch inne, und kurz vor Beginn der Schlacht von Uhud versuchte der Anführer der Quraisch, die Angehörigen von Abd al-Dar anzuspornen, indem er sie fragte, ob sie das Banner vielleicht verlieren würden. Sie versicherten ihm, sie würden es mit ihrem Leben verteidigen. Obwohl der Prophet nicht verpflichtet war, eine bestimmte Sippe mit dem Tragen seines Banners zu betrauen, erkundigte er sich vor der Schlacht, wer das Banner der Quraisch trug. Als man ihm sagte, dass es die Sippe Abd al-Dar sei, sagte er: „Es ziemt sich für uns noch mehr, die Ehre dort zu belassen, wo sie hingehört.“ Er rief Musab ibn Umayr, der zur Sippe Abd al-Dar gehörte, und übergab ihm das Banner der muslimischen Armee.

Zu den anderen Ehrenämtern, auf die die Menschen der Quraisch stolz waren, gehörten die Siqayah (die Versorgung der Pilger mit Trinkwasser während ihres Aufenthalts in Mekka und im Pilgergebiet), die Rifadah (die Versorgung der Pilger mit Nahrung) und die Sidanah (die Bewachung der Kaaba). Das Letztgenannte gehörte ebenfalls der Sippe Abd al-Dar, während die Versorgung mit Nahrung und Wasser bei der eigenen Sippe des Propheten, den Haschimiten, lag. Als Mekka dem Islam zufiel, bat der Prophet um den Schlüssel zur Tür der Kaaba, und man gab ihn ihm. Einige Tage später baten Angehörige seiner Sippe ihn, ihnen zusätzlich zu den beiden anderen Ämtern die Ehre zu gewähren, die Hüter der Kaaba zu sein. Niemand hätte dem Propheten einen Vorwurf machen können, wenn er diese Bitte erfüllt hätte, denn die Quraisch waren ihm einundzwanzig Jahre lang feindselig begegnet. Nun, da er der Herr von Mekka war, konnte er tun, was er wollte. Doch seine Antwort lautete: „Dies ist ein Tag der Redlichkeit, an dem Versprechen eingehalten werden.“5 Er ließ Uthman ibn Talhah rufen und gab ihm die Schlüssel zurück.

Eine solche Fürsorge und Redlichkeit kennzeichneten die Führung des Propheten während seines gesamten Wirkens. Sie machten ihn bei allen Mitgliedern seiner Gemeinschaft beliebt, denn jeder erkannte, dass ihm sein Recht gewährt und dass er noch mehr von der Fürsorge und Liebe des Propheten erhalten würde. Dies ist das Kennzeichen großer Führung und gehört zu seinem ständigen Streben nach dem Rechten.

Als der Prophet den muslimischen Staat in Medina errichtete, war dieser ein Stadtstaat inmitten eines Wüstengebiets, das von Stämmen bewohnt wurde, die dort lebten, wo sie Wasser und fruchtbares Land finden konnten. Die Quraisch waren der stärkste und angesehenste aller arabischen Stämme. Sie waren dem Islam sehr feindselig gesinnt, und diese Feindseligkeit nahm zu, nachdem der Prophet und seine Gefährten in Medina Unterstützung gefunden hatten und deren beiden Stämme, die Aws und die Chazradsch, sich in großer Zahl dem Islam anschlossen. Alle anderen Stämme standen dem Islam mit einer Haltung gegenüber, die von Feindseligkeit bis zu abwartendem Beobachten reichte. Nur die Chuzaa, die nahe am Meer lebten, in der Gegend bei Dschidda, waren dem muslimischen Staat freundlich gesinnt. Unter den Menschen der Chuzaa gab es einige Muslime, doch die Mehrheit verehrte weiterhin Götzen.

Da der Prophet von Feindseligkeit umgeben war, musste er seinen Staat festigen und seine Immunität gegen den Angriff jeder feindlichen Macht sicherstellen. Wie in früheren Kapiteln erwähnt, sollten die Expeditionen, die der Prophet in verschiedene Richtungen entsandte, den Arabern in der Umgebung Medinas das Gefühl vermitteln, dass der muslimische Staat stark und bereit war, jeder Lage zu begegnen. Der Prophet nahm an den ersten Expeditionen nicht teil. Zum ersten Mal zog er jedoch ein Jahr nach seiner Niederlassung in Medina an der Spitze einer Expedition aus. Er wollte eine Handelskarawane der Quraisch abfangen, doch diese entkam ihm. Er schloss einen Vertrag mit dem Stamm der Damrah. Der Vertrag bestimmte, dass die beiden Seiten keinen Angriff aufeinander unternehmen würden:

Die Damrah dürfen einen Feind des Propheten weder unterstützen noch sich ihm anschließen. Sie und ihr Besitz sind vor Angriffen sicher. Sie haben Anspruch darauf, gegen jede Aggression durch irgendjemanden unterstützt zu werden. Ebenso verpflichten sie sich, dem Propheten jederzeit zu helfen, sofern sie nicht selbst angegriffen werden. Wenn der Prophet sie um Hilfe bittet, werden sie seinem Ruf gewiss folgen.6

Diese Art von Vertrag ist heute als Verteidigungsbündnis bekannt. Der Prophet schloss mehrere solche Verträge mit verschiedenen Stämmen, insbesondere mit jenen im Gebiet zwischen Mekka und Medina, und verwehrte den Quraisch auf diese Weise die Möglichkeit, ein Bündnis mit ihnen einzugehen. Dies war in den frühen Jahren sehr wichtig, als die Quraisch eine Armee nach der anderen aufstellten, um die Muslime anzugreifen, und in einer Reihe von Versuchen den muslimischen Staat zu vernichten suchten.

Einige Jahre später, nachdem der Prophet mit den Quraisch das Friedensabkommen von Hudaybiyyah geschlossen hatte, schloss er auch Verträge mit Stämmen in den nördlichen Gebieten Arabiens. Die Bedingungen dieser Abkommen waren unterschiedlich. Der muslimische Staat in Medina hatte von diesen Stämmen nichts zu befürchten. Tatsächlich waren die Stämme auf die Hilfe der Muslime angewiesen. Dies spiegelt sich in den Bestimmungen dieser Abkommen wider.

Als der Prophet sich im neunten Jahr in Tabuk aufhielt, kam Yuhanna ibn Ruubah, ein christlicher Priester, der einen Ort namens Aylah regierte, zum Propheten. Er trug ein goldenes Kreuz. Sein Erscheinungsbild widersprach islamischen Werten, denn der Islam verbietet Männern Gold und leugnet die Kreuzigung. Dennoch empfing der Prophet ihn freundlich, schenkte ihm jemenitische Kleidung und schloss mit ihm ein schriftliches Abkommen. Darin hieß es:

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Dies ist eine von Gott und Muhammad, dem Propheten und Gesandten Gottes, gewährte Sicherheitsgarantie für Yuhanna ibn Ruubah und die Bewohner von Aylah, für ihre Boote und Karawanen, die zu Land und zu Wasser reisen. Ihnen wird dieser Bund mit Gott und mit Muhammad, dem Propheten, gewährt; er umfasst alle, die sich bei ihnen befinden, seien es Menschen aus Syrien oder aus dem Jemen oder Seeleute. Wenn jemand von ihnen ein Vergehen begeht, verhindert sein Geld nicht, dass er persönlich bestraft wird. Gut ist es für jeden, der es nimmt. Sie dürfen die Menschen nicht daran hindern, eine Quelle zu nutzen, über die sie zu Land oder zu Wasser verfügen.7

Der Prophet schloss auch Abkommen mit den Bewohnern von Adhruh im Süden Palästinas und den Bewohnern von Maqna, die beide Juden waren. Die Abkommen bestimmten, dass ihnen vonseiten der Muslime Schutz und Sicherheit zugesichert wurden. Im Gegenzug mussten sie dem muslimischen Staat jährlich einen bestimmten Betrag zahlen: im Fall der Bewohner von Maqna ein Viertel ihrer Erzeugnisse und im Fall der Bewohner von Adhruh einhundert Golddinare. In diesen Verträgen ist die Sachlage eindeutig: Diese Menschen wollten mit dem muslimischen Staat in Frieden leben. Sie erkannten, dass die Muslime an Stärke gewannen und zum dominierenden Staat in Arabien wurden. Daher mussten sie ihre Sicherheit vor Angriffen gewährleisten und sicherstellen, dass der muslimische Staat ihnen helfen würde, falls sie von anderen angegriffen würden.

Die Verträge mit diesen Menschen erlaubten ihnen, ihre eigenen Angelegenheiten nach ihrem Wunsch zu regeln. Sie waren für den muslimischen Staat von Nutzen, da sie seine nördlichen Grenzen friedlich machten. Außerdem stellten sie sicher, dass die Muslime frühzeitig gewarnt würden, falls das Byzantinische Reich irgendwelche Absichten gegen seinen südlichen Nachbarn hegte.

Der Prophet nahm alle Verträge sehr ernst. Er brach niemals ein Versprechen, das er jemandem gegeben hatte, und verletzte keinen Vertrag, der von beiden Seiten geschlossen und bezeugt worden war. So kam wenige Augenblicke nach dem Abschluss des Friedensabkommens von Hudaybiyyah mit den Quraisch ein Muslim, der in Mekka gefangen gehalten und gefoltert worden war, und suchte bei den Muslimen Zuflucht. Sein Vater war der Unterhändler der Quraisch bei diesem Abkommen. Er verlangte, dass man ihm den Muslim Abu Dschandal ausliefere. Der Prophet bat ihn, seinem Sohn zu erlauben, bei den Muslimen zu bleiben. In seiner Bitte an den Vater sagte der Prophet: „Die Tinte auf dem Vertragsdokument ist noch nicht getrocknet.“ Der Vater weigerte sich entschieden. Der Prophet tröstete Abu Dschandal und übergab ihn seinem Vater, wobei er ihm sagte: „Gemäß unserem Glauben ist es für uns nicht recht, unsere Versprechen zu brechen.“8

Die strikte Einhaltung der Verpflichtungen, die der Prophet durch Verträge eingegangen war, entsprach seiner ernsten Haltung gegenüber jedem Vertragsbruch durch die andere Seite. Jeder der drei jüdischen Stämme, die dem Vertrag von Medina angehörten, wurde aus Medina ausgewiesen, als er dessen Bedingungen verletzte und eine feindselige Haltung einnahm. Der Koran weist den Propheten an, dass er, falls er von einem Vertragspartner Verrat befürchtet, diesem die Aufhebung des Vertrags ankündigen soll, denn ein Vertrag darf nicht ohne eine solche Mitteilung aufgehoben werden: „Und wenn du von einem Volk Verrat fürchtest, so wirf ihnen ihren Vertrag in gerechter Weise zurück. Wahrlich, Gott liebt nicht die Verräter.“ (8:58)

Später, als die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Arabiens den Islam angenommen hatte, war es Gottes Entscheidung, die gesamte Arabische Halbinsel als Land des Islam zu beanspruchen. Daher wurden alle Verträge, die kein Ablaufdatum festlegten, mit einer Frist von vier Monaten für aufgehoben erklärt, damit die Betroffenen Zeit hatten zu entscheiden, was sie tun wollten. Verträge, die ein Ablaufdatum enthielten, sollten bis zum Ende ihrer Laufzeit gelten. Dies wird in den ersten vier Versen der Sure 9 klar dargelegt. Der Prophet ließ diese erforderliche Ankündigung am großen Pilgertag verkünden, damit alle Stämme gleichzeitig davon erfuhren. So war jeder über seine Aussichten und die verfügbaren Möglichkeiten im Klaren und konnte seine Entscheidung in voller Kenntnis der Folgen treffen.

Internationale Ansprache

Als der Prophet das Friedensabkommen von Hudaybiyyah mit den Quraisch geschlossen und anschließend den Sieg über die Juden von Chaibar errungen hatte, erkannte er, dass alle Bedrohungen aus den Gebieten innerhalb Arabiens beseitigt waren. Daraufhin unternahm er einen entscheidenden Schritt in seiner Sendung und richtete die Botschaft des Islam an die Herrscher der an Arabien angrenzenden Länder. Er berichtete ihnen von seiner Botschaft und rief sie dazu auf, den Islam anzunehmen. Andernfalls, so erklärte er, würden sie dafür verantwortlich sein, ihrem Volk die Möglichkeit vorenthalten zu haben, die endgültige Form der göttlichen Botschaft anzunehmen. Seine Briefe an diese Herrscher spiegeln sein vollständiges Bewusstsein für die Lage in jedem dieser Staaten wider. Wir können diese Korrespondenz in mehrere Kategorien einteilen.

Die erste war sein Brief an den Negus. Da „Negus“ der Titel des Herrschers von Abessinien ist, sind sich die Gelehrten uneinig, ob dieser Negus, an den der Prophet schrieb und den er zur Annahme des Islam aufrief, derselbe war, der vierzehn Jahre zuvor die muslimischen Auswanderer aus Mekka aufgenommen hatte, oder ob es sich um seinen Nachfolger handelte. Obwohl diese Frage nur schwer mit Gewissheit zu beantworten ist, ist es wahrscheinlich, dass der Negus, der den Auswanderern erlaubt hatte zu bleiben und den Islam zu verkünden, und der sich geweigert hatte, sie an die Quraisch auszuliefern, ein Vorgänger des Empfängers des Briefes des Propheten war, da er die Auswanderer willkommen geheißen und die Wahrheit des Islam bereits zu Beginn erkannt hatte. Da der Prophet mit den Auswanderern in Kontakt blieb, ist es wahrscheinlich, dass der Negus den Islam annahm. Außerdem verrichtete der Prophet einmal das Gebet für einen Verstorbenen in Abwesenheit für den Negus. Als der Prophet dem Negus zusammen mit anderen Herrschern schrieb, schrieb er an einen Nichtmuslim. Der Negus antwortete positiv, erklärte sich zum Muslim, schrieb dem Propheten einen sehr freundlichen Brief, in dem er ihm seine Treue versicherte, und sandte ihm Geschenke.

In die zweite Kategorie können wir seine Briefe an Herakleios, den byzantinischen Kaiser, und an al-Muqawqis, den Herrscher Ägyptens, einordnen. Die beiden Briefe waren nahezu identisch und enthielten denselben Koranvers:

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Von Muhammad, dem Gesandten Gottes, an Herakleios, den byzantinischen Herrscher. Friede sei mit denen, die der Rechtleitung folgen. Ich rufe dich auf, an den Islam zu glauben. Nimm den Islam an, und du wirst sicher sein; Gott wird dir doppelten Lohn geben. Wenn du ablehnst, trägst du die Verantwortung für die Arianer.9

9 Al-Buchari, Sahih (Buch über den Beginn der Offenbarung an den Gesandten Gottes). Die Arianer waren die Anhänger des Arius, eines Ägypters, der an die Einheit Gottes glaubte und leugnete, dass der Vater und der Sohn zwei Erscheinungsformen des Herrn seien.

Der einzige Unterschied zwischen den beiden Briefen betraf den Adressaten und seine Stellung; außerdem wurde im Brief an al-Muqawqis das Wort „Arianer“ durch „Kopten“ ersetzt. Beide waren Christen, gehörten jedoch unterschiedlichen Kirchen an. Herakleios befragte nicht Dihyah ibn Khalifah, den Gesandten des Propheten. Stattdessen befragte er Abu Sufyan eingehend über den Propheten und verlangte klare und wahrheitsgemäße Antworten. Anschließend erklärte er, die Antworten deuteten darauf hin, dass Muhammad wahrhaftig ein Prophet Gottes sei. Al-Muqawqis befragte Hatib ibn Abi Baltaah, der die Botschaft des Propheten überbrachte und bestätigte, dass er das Kommen des letzten Gesandten Gottes erwartete. Er bewahrte den Brief des Propheten sicher auf und behandelte ihn voller Wertschätzung. Dennoch waren beide der Ansicht, dass die Annahme des Islam den Verlust ihrer Stellung als Herrscher bedeuten würde. Beide sandten dem Propheten Geschenke, doch die Geschenke al-Muqawqis’ waren vielfältiger und wertvoller.

Bemerkenswert an der Ansprache des Propheten an die beiden Herrscher war die direkte Erklärung seiner Botschaft, in der der Ausgangspunkt seiner Lehre im Verhältnis zu ihren Glaubensvorstellungen dargelegt wurde. Beide waren Christen und in ihrem Glauben bewandert. Al-Muqawqis war außerdem das Oberhaupt der koptischen Kirche. Der Prophet erklärte auch ihre Verantwortung in eindeutigen Worten und sagte ihnen, dass sie, falls sie seine Botschaft ablehnten, dafür verantwortlich sein würden, ihren Völkern die Möglichkeit genommen zu haben, Gottes Botschaft zu folgen.

In diese Kategorie können wir auch den Brief des Propheten an Hawdhah ibn Ali, den Herrscher von Yamamah im Osten Arabiens, einordnen. Der Brief des Propheten war kurz: Er erklärte das Wesen des Islam und versprach, dass der Herrscher von Yamamah sein Amt behalten würde, wenn er den Islam annähme. Hawdhah empfing den Gesandten des Propheten, Salit ibn Amr, freundlich und schenkte ihm einige lokal gewebte Kleidungsstücke, doch seine Antwort an den Propheten war enttäuschend. Er schrieb, die Botschaft des Propheten sei durchaus richtig und ansprechend: „Allerdings bin ich der beste Dichter und Redner meines Volkes. Die Araber in dieser Gegend begegnen mir mit Ehrfurcht. Wenn du bereit bist, mir einen gewissen Anteil an der Herrschaft zu gewähren, werde ich dir folgen.“ Die Reaktion des Propheten war, dass er dem Mann nicht einmal ein Gebiet von der Größe einer einzigen Dattel gewähren würde. Während Herakleios und al-Muqawqis dem Islam aus Angst, ihre Königreiche zu verlieren, den Rücken kehrten, verlangte der Herrscher von Yamamah ein Bestechungsgeschenk, um ihm zu folgen. Der Prophet hatte ihm versprochen, seine Stellung behalten zu dürfen, doch er wollte mehr. Damit zeigte der Prophet deutlich, dass niemand für die Annahme des Islam irgendeine Gegenleistung verlangen konnte.

Die dritte Kategorie umfasst die Briefe des Propheten an den persischen Kaiser und an al-Harith ibn Abi Schammar, den arabischen Herrscher von Syrien. Al-Harith war lediglich ein Provinzherrscher und unterstand der höheren Autorität des byzantinischen Kaisers. Dennoch war er sehr empört, als er den Brief des Propheten las. In einem Wutanfall warf er den Brief zu Boden und sagte: „Wer kann mir mein Königreich nehmen? Ich werde gegen ihn marschieren, selbst wenn er sich im Jemen befindet.“ Er begann Maßnahmen zu ergreifen, um seine Truppen zu mobilisieren und seine Drohung in die Tat umzusetzen. Obwohl er große Streitkräfte befehligen konnte, um jeden Widerstand niederzuschlagen, benötigte er die Zustimmung des byzantinischen Kaisers zu seinem Plan, bevor er etwas unternehmen konnte. Herakleios beantwortete seinen Brief und machte seine Missbilligung der Pläne al-Har Aiths deutlich. Daher setzte al-Harith seinen Plan nicht um.

Der Brief des Propheten an Chosrau, den persischen Kaiser, lautete:

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Von Muhammad, dem Gesandten Gottes, an Chosrau, den Herrscher Persiens. Friede sei mit dem, der der Rechtleitung folgt, an Gott und Seinen Gesandten glaubt und bezeugt, dass es keine Gottheit außer Gott gibt, dem einzigen Gott, der keine Teilhaber hat, und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist. Ich möchte dir den Ruf Gottes übermitteln, denn ich bin der Gesandte Gottes an die gesamte Menschheit, gesandt mit der Aufgabe, alle Lebenden zu warnen, dass die Ungläubigen vom Unheil getroffen werden. Wenn du dich Gott unterwirfst, wirst du sicher sein. Wenn du ablehnst, trägst du die Verantwortung für die Magier.10

Dieser Brief unterscheidet sich erheblich von dem an Herakleios. Hier wird die Einheit Gottes und die Tatsache, dass der Verfasser der Gesandte Gottes ist, stark betont. Ebenso wird ausdrücklich die Stellung des Gesandten Gottes als Sein Diener hervorgehoben. Damit sollten die Stellung des Propheten und der zentrale Gedanke der Einheit Gottes klargestellt werden. Herakleios war ein Christ, der an den einen Gott glaubte, auch wenn das Konzept der Dreieinigkeit diese Einheit unklar machte. Er war sich außerdem der Stellung der Propheten und Gesandten Gottes bewusst. In Persien war das Konzept der Einheit Gottes stark verzerrt; dort hatte der Dualismus großen Einfluss gewonnen, und das heilige Feuer wurde am Brennen gehalten und verehrt. Deshalb war es notwendig, den zentralen islamischen Gedanken der Einheit Gottes zu betonen.

Als Chosrau den Brief betrachtete, wurde auch er wütend, weil der Prophet sich selbst zuerst erwähnt hatte. Er zerriss den Brief, ohne ihn zu lesen. Dann befahl er seinem Statthalter im Jemen, ein paar mutige und kräftige Männer zu entsenden, um den Propheten festzunehmen und zu ihm zu bringen. Der Statthalter des Jemen tat, wie ihm befohlen worden war. Als diese Männer in Medina eintrafen und dem Propheten das übergaben, was sie als „Befehle des Kaisers“ bezeichneten, und ihn aufforderten, sich ihnen auszuliefern, sagte der Prophet ihnen, sie sollten warten. Am folgenden Tag sagte er zu ihnen: „Mein Herr hat euren Herrn in der vergangenen Nacht getötet“, und teilte ihnen anschließend mit, dass der persische Kaiser von seinem Sohn getötet worden war. Sie waren aufgebracht und warnten ihn, dass er mit dieser Aussage sein Leben riskiere. Der Prophet forderte sie auf, dies aufzuschreiben und dem Statthalter des Jemen folgende Botschaft zu übermitteln: „Mein Glaube und meine Macht werden weiter reichen als die Macht Chosraus … Wenn du den Islam annimmst, werde ich dich in deinem Amt belassen und dir Autorität über dein Volk geben.“ Er gab den beiden Gesandten einen Gürtel mit Gold und Silber, den er als Geschenk von einem anderen König erhalten hatte. Als der Statthalter des Jemen die Wahrheit der Aussage des Propheten feststellte, nahm er den Islam an. Der Prophet ließ ihn bis zu seinem Tod als Statthalter über den gesamten Jemen im Amt.

Die letzte Kategorie umfasst die Briefe des Propheten an den Herrscher von Bahrain, die er viel später sandte. Diese Briefe wurden zu Beginn des siebten Jahres verschickt; der Brief an al-Mundhir ibn Sawa von Bahrain wurde jedoch gegen Ende des achten Jahres gesandt, nachdem Mekka dem Islam zugefallen war. Der Brief des Propheten war in denselben Worten abgefasst wie die Briefe, die er an andere Herrscher sandte. Al-Mundhir schrieb zurück: „Gesandter Gottes, ich habe deinen Brief den Bewohnern Bahrains vorgelesen. Einige von ihnen fanden Gefallen daran und nahmen den Islam an. Andere lehnten ab. Unter meiner Bevölkerung gibt es Magier und Juden, und ich erwarte deine Anweisungen.“11 Der Prophet schrieb ihm zurück:

Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen. Von Muhammad, dem Gesandten Gottes, an al-Mundhir ibn Sawa. Friede sei mit dir. Ich preise vor dir Gott, der keine Teilhaber hat, und bezeuge, dass es keine Gottheit außer Gott gibt und dass Muhammad Sein Diener und Gesandter ist. Ich erinnere dich an Gott, den Allmächtigen. Wer Gutes tut, tut es nur zu seinem eigenen Nutzen; wer meinen Gesandten gehorcht, gehorcht mir; und wer ihnen guten Rat gibt, gibt ihn mir. Meine Gesandten haben dich mir gegenüber gelobt, und ich nehme deine Fürsprache zugunsten deines Volkes an. Gestatte den Muslimen unter deinem Volk, über das zu verfügen, was sie besitzen. Ich vergebe allen, die Sünden begangen haben; so nimm ihre Verpflichtungen von ihnen an. Wir werden dich nicht aus deinem Amt entlassen, solange du deine Sache gut führst. Diejenigen, die Juden oder Magier bleiben wollen, sollen als Zeichen ihrer Loyalität eine Abgabe entrichten.12

Wenn wir die Briefe des Propheten an die verschiedenen Herrscher betrachten, darunter die beiden mächtigsten Führer der Welt, können wir mehrere Merkmale erkennen, die allen gemeinsam sind:

1. Die Ansprache des Propheten ist kraftvoll und entschlossen; sie versucht nicht, irgendjemandem zu schmeicheln oder sich einer Autorität unterzuordnen.

2. Der Prophet bringt sein Anliegen sehr klar zum Ausdruck: Er wollte eine Botschaft des allmächtigen Gottes übermitteln und erklärte die Folgen der Antwort des Adressaten, insbesondere, wenn diese negativ ausfiel. Er hob ausdrücklich hervor, dass ein Herrscher, der seinem Volk die Möglichkeit vorenthält, von Gottes Botschaft zu erfahren, für dessen fortdauernden Unglauben verantwortlich ist.

3. Der Prophet machte außerdem deutlich, dass er ein Gesandter für die gesamte Menschheit war. Er zerstreute jeden Gedanken, der beim Adressaten aufkommen könnte, dass er über das ihm zugewiesene Gebiet hinausblicken wolle.

4. Der Prophet stellte ferner klar, dass er nicht die Absicht hatte, seine Herrschaft über das Land des Adressaten auszudehnen. Er war nicht daran interessiert, seine politische Rolle zu erweitern.

5. Jeder wurde in einer Sprache angesprochen, die er verstand. Wenn der Prophet mit christlichen Herrschern sprach, berücksichtigte seine Ansprache die Tatsache, dass sie an Gott glaubten, auch wenn ihre Vorstellung von Ihm von der des Islam abwich.

6. Der Prophet erklärte ferner, dass niemand gezwungen oder unter Druck gesetzt werden würde, den Islam anzunehmen, da der koranische Grundsatz „Es gibt keinen Zwang in der Religion“ (2:256) gewahrt werden musste. Kaiser, Könige und Herrscher mögen versuchen, ihre Bevölkerungen zu zwingen, einer bestimmten Richtung zu folgen; der Prophet machte jedoch klar, dass weder Juden noch Magier gezwungen würden, den Islam anzunehmen. Sie würden lediglich eine Steuer entrichten müssen, als Gegenleistung dafür, dass der islamische Staat sie schützte.

1 Dies wurde von Stammesführern praktiziert, die unter ihrem Volk unbestrittene Autorität genossen.
2 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 246.
3 Ebd., S. 247.
4 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 246. Die vollständigen Einzelheiten der Geschichte von Adiyy ibn Hatim finden sich bei Adil Salahi, Muhammad: Man and Prophet, The Islamic Foundation, Leicestershire, 2008, S. 674–677.
5 Ibn Hischam, ebd., Bd. 4, S. 32.
6 Abd al-Rahman al-Suhayli, Al-Rawd al-Unuf, Bd. 3, S. 28.
7 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 4, S. 180.
8 Ibn Hischam, Al-Sirah al-Nabawiyyah, Bd. 3, S. 367.
9 Al-Buchari, Sahih (Buch über den Beginn der Offenbarung an den Gesandten Gottes). Die Arianer waren die Anhänger des Arius, eines Ägypters, der an die Einheit Gottes glaubte und leugnete, dass der Vater und der Sohn zwei Erscheinungsformen des Herrn seien.
10 Al-Tabari, Tarikh al-Rusul wa’l-Muluk, Bd. 2, S. 654. „Magier“ ist die arabische Bezeichnung für Zoroastrier.
11 Ibn Sad, Al-Tabaqat al-Kubra, Bd. 1, S. 263.
12 Ibn Sayyid al-Nas, Uyun al-Athar, Beirut, o. J., Bd. 2, S. 267.

KAPITEL 20

Muhammad: der Mensch

Was für ein Mensch war Muhammad? Die Antwort lautet: Er war ein gewöhnlicher Mensch, der bis zum Empfang der Botschaft Gottes ein ganz gewöhnliches Leben führte. Er durchlebte eine schwierige Kindheit: Sein Vater starb, bevor er geboren wurde, seine Mutter, als er sechs Jahre alt war, und sein Großvater zwei Jahre später. Trotz all dieser Verluste fehlte es ihm nicht an liebevollen Fürsorgern, die erkannten, dass dem Jungen eine glänzende Zukunft offenstehen konnte. Er wusste die Liebe, die ihm entgegengebracht wurde, zutiefst zu schätzen, besonders die seines Onkels Abu Talib und die von Abu Talibs Frau Fatimah bint Asad. Als Makkah während Muhammads Erwachsenenleben schwierige Zeiten durchmachte, bemühte er sich, Abu Talibs Last zu verringern, und schlug einem anderen Onkel, al-Abbas, vor, dass jeder von ihnen eines von Abu Talibs Kindern zur Betreuung aufnehmen solle. Für Muhammad war dies lediglich eine Geste der Dankbarkeit für eine Wohltat, die er nie vergessen hatte.

Schon in jungen Jahren besaß Muhammad ein ausgeprägtes Gespür für das Rechte. Im Vertrauen auf seine natürlichen Instinkte strebte er auf jede mögliche Weise nach dem Richtigen. Er sagte niemals eine Lüge und war stets gerecht. Vielleicht half ihm der Entzug der Fürsorge, die nur liebevolle Eltern geben konnten, zu erkennen, was Verlust für andere Menschen bedeutete. Dies könnte ihn dazu angespornt haben, ungerechtfertigten Verlust für irgendjemanden zu verhindern; daher sein Wunsch, das Rechte anzustreben und es mit allen gerechten Mitteln durchzusetzen. Er war ein Beispiel für Güte, und lange vor seiner Berufung zum Propheten war sein Ruf für Ehrlichkeit und Gerechtigkeit ohnegleichen. Sein Umgang mit einem Sklavenjungen, den ihm seine gute Ehefrau geschenkt hatte, war so wohlwollend, dass der Junge lieber bei ihm blieb, als zu seinen Eltern und seiner Familie zurückzukehren. Um den Schmerz für den enttäuschten Vater des Jungen zu mildern, nahm Muhammad den Jungen als Sohn an, mit vollem Erbrecht.

So war Muhammad, bevor er sich der Aufgabe bewusst wurde, die Gott ihm übertragen wollte. Dann vertraute Gott ihm Seine Botschaft an, die allen Menschen und allen Generationen eine Lebensweise weisen soll. Ihrer Bestimmung nach knüpft diese Botschaft an alles Gute im Menschen an und vermehrt es; zugleich neutralisiert oder bekämpft sie jede negative Eigenschaft. Muhammad, Gottes Segen und Frieden seien auf ihm, sollte zum Vorbild für alle künftigen Generationen der Menschheit werden. Sein Leben, nachdem er Gottes Prophet und Gesandter geworden war, zeigt, dass er diesem Anspruch gerecht wurde. Er war der Lehrer alles Guten. Er beschreibt seine Aufgabe mit diesen einfachen Worten: „Ich bin gesandt worden, um die guten Umgangsformen zur Vollkommenheit zu bringen.“ (Überliefert von Ahmad, al-Bukhari in Al-Adab al-Mufrad, al-Hakim und al-Bayhaqi.) Seine Ehefrau Aishah beschreibt sein Benehmen als eine „praktische Umsetzung des Qur’an“. (Überliefert von Ahmad und al-Bayhaqi.) Die beste Beschreibung seines Charakters stammt von Gott Selbst: „Du verfügst wahrlich über einen erhabenen Charakter.“ (68:4)

Mehrere Hadithe, die von verschiedenen Überlieferern berichtet werden, heben hervor, dass der Prophet niemals eine schmutzige Sprache gebrauchte. Anas ibn Malik berichtet: „Der Gesandte Gottes pflegte weder schmutzige Worte noch Flüche oder beleidigende Bezeichnungen zu gebrauchen. Wenn er über jemanden missgestimmt war, sagte er: ‚Was ist mit ihm los? Möge er Staub auf seiner Stirn haben.‘“1 (Überliefert von al-Bukhari.) Auf eine Frage nach dem Benehmen des Propheten sagte Aishah: „Er gebrauchte niemals eine obszöne oder anstößige Sprache. Auch war er auf dem Marktplatz nicht streitsüchtig. Eine schlechte Tat vergalt er nicht mit einer ebenso schlechten, sondern er verzieh vielmehr und übte Nachsicht.“ (Überliefert von Ahmad, al-Tirmidhi, al-Tabarani und al-Bayhaqi.)

In einem weiteren Hadith wird erwähnt, dass Ata ibn Yasar Abdullah ibn Amr nach der Beschreibung des Propheten in der Thora fragte. Er sagte: Er wird in der Thora mit ähnlichen Worten beschrieben wie im Qur’an. Dort heißt es: „O Prophet! Wir haben dich als Zeugen gesandt, als einen, der frohe Botschaft bringt und warnt. Du bist ein Beschützer der Araber. Du bist Mein Diener und Mein Gesandter. Ich habe dich al-Mutawakkil genannt, das heißt: den, der sein Vertrauen auf Gott setzt. Du gebrauchst keine schmutzige oder harte Sprache und bist auf dem Marktplatz nicht streitsüchtig. Du vergiltst Böses nicht mit Bösem, sondern verzeihst und übst Nachsicht. Dieser Gesandte wird erst zu Gott zurückgerufen werden, wenn Gott den entstellten Glauben wieder in seine richtige Gestalt gebracht hat, sodass die Menschen bezeugen werden, dass es keine Gottheit außer Gott gibt, und dadurch blinde Augen, taube Ohren und verhärtete Herzen geöffnet werden.“ (Überliefert von al-Bukhari.)

1 „Möge er Staub auf seiner Stirn haben“ war eine häufig gebrauchte bildhafte Ausdrucksweise des Missfallens. Ihre Bedeutung hat nichts mit dem wörtlichen Sinn ihrer Worte zu tun. Einige Sprachgelehrte sagen, es handle sich um ein Bittgebet darum, dass die betreffende Person fromm sein und häufig beten möge.

Muhammad: Der Mensch

Manche Menschen legen, wenn sie hinausgehen und anderen begegnen, eine bestimmte äußere Erscheinung an den Tag. Der Prophet hingegen zeigte keine andere Haltung als sein wirkliches Benehmen. So besuchten einige seiner Gefährten seine Ehefrau Umm Salamah. Sie sagten zu ihr: „Mutter der Gläubigen, erzähle uns, wie der Gesandte Gottes sich im privaten Kreis seines Hauses verhält.“ Sie sagte: „In der Öffentlichkeit und im Privaten ist er immer derselbe.“ Danach bedauerte sie, ihnen geantwortet zu haben, weil sie das Gefühl hatte, ihnen etwas mitgeteilt zu haben, das er vielleicht nicht preisgeben wollte. Sie berichtet: „Als er nach Hause kam, erzählte ich es ihm.“ Er sagte: „Du hast gut gehandelt.“ (Überliefert von Ahmad und al-Tabarani.)

Diese Hadithe vermitteln uns zusammen das Bild eines Menschen, der sich von allem Ungehörigen abwendet und dem gutes Benehmen ganz natürlich zukommt; er erkennt, dass alles, was von Gott kommt, gut ist. Er ist der Erste, der es zu Hause und in der Öffentlichkeit umsetzt. Der Prophet war in der Öffentlichkeit und im Umgang mit seiner eigenen Familie derselbe: Er gebrauchte niemals beleidigende oder verletzende Worte, fluchte nicht und ließ sich auf keinen Wortstreit ein. Er war sich seiner Aufgabe bewusst, „die guten Umgangsformen zur Vollkommenheit zu bringen“.

Er besaß ein großzügiges Wesen. Als sich sein Schicksal innerhalb weniger Jahre wandelte – von der Vertreibung aus seiner Heimatstadt, mit einem hohen Kopfgeld auf ihn, bis zum unbestrittenen Herrscher über ganz Arabien –, hätte der Prophet ein äußerst luxuriöses Leben führen können. Er zog es jedoch vor, ein einfaches Leben zu führen, frei von jedem Anschein von Macht, Größe oder materiellem Luxus. Bisweilen konnte er über reichlich Besitz verfügen, doch gab er alles innerhalb kürzester Zeit wieder weg. Jabir berichtet: „Der Gesandte Gottes sagte niemals ‚Nein‘ zu etwas, um das man ihn bat.“ Selbst wenn er und seine Familie bedürftig waren, gab er alles weg, was er besaß. Es machte ihm nichts aus, die einfachste Nahrung zu essen. Anas berichtet: Ich brachte dem Propheten Gerstenbrot und ein wenig Fett, das bereits zu verderben begonnen hatte. Er verpfändete sogar seine Rüstung bei einem jüdischen Pfandleiher, um Gerste für seine Familie zu kaufen. Ich hörte ihn sagen: „Die Familie Muhammads besitzt nicht einmal eine kleine Menge Weizen oder Getreide.“ Zu jener Zeit hatte er neun Ehefrauen. (Überliefert von al-Bukhari.)

Es scheint, dass der Prophet ein sehr einfaches Leben führen wollte, damit er sich nicht von den Armen in seiner Gemeinschaft unterschied. Dies entspricht der islamischen Sicht auf dieses gegenwärtige Leben als vergänglich: Das kommende Leben ist wichtiger, weil es ewig ist und das Los der Menschen darin durch das bestimmt wird, was sie während ihres gegenwärtigen irdischen Lebens tun. Einen weiteren Bericht, der seinen Umgang mit seiner Gemeinschaft veranschaulicht, überliefert Uthman. Er sagt: „Wir begleiteten den Gesandten Gottes auf Reisen und in der Stadt. Er besuchte die Kranken, nahm an unseren Beerdigungen teil und kämpfte mit uns. Er unterstützte uns mit allem, was er besaß.“ (Überliefert von Ahmad und al-Bazzar.)

Manche Menschen meinen, je stärker sie sich bei der Erfüllung religiöser Pflichten überfordern, desto höher werde ihre Stellung in den Augen Gottes sein. Der Islam verlangt jedoch nicht, dass die Menschen sich übermäßig anstrengen, sondern weist einen mittleren Weg. Tatsächlich wird er in einigen religiösen Texten als „der mittlere Weg“ bezeichnet. Das praktische Beispiel des Propheten zeigt, dass er dies verstand und in die Tat umsetzte. Aishah berichtet: Wenn dem Propheten eine Wahl zwischen zwei Möglichkeiten gegeben wurde, wählte er die leichtere, sofern sie nicht sündhaft war. War sie sündhaft, entfernte er sich am weitesten von ihr. Niemals suchte er für sich selbst Rache. Wenn jedoch etwas verletzt wurde, das Gott verboten hatte, übte er um Gottes willen Vergeltung. (Überliefert von al-Bukhari und Muslim.)

In einem ähnlichen Hadith heißt es: „Der Gesandte Gottes schlug niemals jemanden mit seiner Hand: Er schlug weder eine Frau noch einen Diener. Seine Hand gebrauchte er nur, wenn er sich für Gottes Sache im Dschihad befand. Niemals rächte er sich für etwas, das ihm angetan worden war. Erst wenn etwas verletzt wurde, das Gott verboten hatte, übte er um Gottes willen Vergeltung.“ (Überliefert von Muslim.)

Der Charakter des Propheten erscheint als der eines äußerst bescheidenen Mannes, der niemals versucht hatte, einen Vorteil auszunutzen. Zugleich war er seiner Botschaft eindeutig verpflichtet und tat alles in seiner Macht Stehende, damit die Menschen sie klar verstanden und erkennen konnten, wie sie sie in die Praxis umsetzen sollten. Er fühlte mit anderen und bemühte sich sehr, es ihnen leicht zu machen, Gottes Botschaft zu verstehen und das umzusetzen, was Er ihnen auferlegte. In seiner Ansprache während der Abschiedspilgerfahrt legte er beispielsweise die wichtigsten Grundsätze des Islam dar. Am Ende jedes von ihm betonten Punktes fragte er seine Zuhörer: „Habe ich Gottes Botschaft übermittelt?“ Wenn sie bestätigten, dass er dies getan hatte, rief er Gott zum Zeugen ihres Bekenntnisses an.

Die Bescheidenheit des Propheten zeigte sich in der Art, wie er seine Anhänger behandelte. Er erkannte, dass seine Gefährten von späteren Generationen der Muslime nachgeahmt werden würden. Daher sorgte er dafür, zu erklären, wie sie und alle Muslime ihn behandeln sollten. Umar ibn al-Khattab zitiert ihn mit den Worten: „Preist mich nicht übermäßig, wie die Christen Jesus, den Sohn der Maria, übermäßig preisen. Ich bin nur ein Diener Gottes. Sagt über mich: Gottes Diener und Gesandter.“ (Überliefert von al-Bukhari und Ibn Hibban.) Wie reagierten sie darauf? Anas ibn Malik sagt: „Niemand war ihnen lieber als der Gesandte Gottes. Wenn sie ihn jedoch kommen sahen, standen sie nicht auf, weil sie wussten, dass er dies missbilligte.“ (Überliefert von Ahmad und al-Tirmidhi.) Er wollte als einer von ihnen angesehen werden.

Muhammad: Der Mensch

Der Prophet schärfte seinen Gefährten außerdem ein, dass Menschen sich nur durch ihr Benehmen und ihr Verhalten voneinander unterscheiden. In seiner Ansprache während der Abschiedspilgerfahrt sagte er: Menschen! Euer Herr ist einer und euer Vater ist einer. Kein Araber hat einen Vorzug vor einem Nichtaraber, und kein Nichtaraber vor einem Araber; ebenso wenig hat ein Rothäutiger einen Vorzug vor einem Schwarzhäutigen oder ein Schwarzhäutiger vor einem Rothäutigen, außer durch Gottesfurcht. (Überliefert von Ahmad.)

Was können wir abschließend sagen? Welches Lob wir auch aussprechen mögen, es wird stets hinter dem zurückbleiben, was Muhammad, Gottes Gesandter, verdient. Er war der Mensch, der den Weg zeigte, und er lehrte die Menschheit das Gute, damit er das Ziel seiner Sendung erfülle, das er mit seinen eigenen Worten ausdrückte: „Ich bin gesandt worden, um die guten Umgangsformen zur Vollkommenheit zu bringen.“ Frieden und Gottes Segen seien auf Muhammad, Gottes Diener und Gesandtem.

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INDEX

A

Al-[Abbas, der Onkel des Propheten, 9-10, 34-5, 41, 86-7, 96, 145, 203, 207, 219, 227, 269 [Abd al-Muttalib ibn Hashim, der Großvater des Propheten, 3-4 [Abd al-Rahman ibn [Awf 129, 167 [Abdullah ibn [Abd al-Asad, Abu Salamah, 207 [Abdullah ibn [Abd Nuhm, DhulBijadayn, 159-60 [Abdullah ibn [Amr ibn al-[As 66, 107, 174, 178, 270 [Abdullah ibn [Amr ibn Haram, 158 [Abdullah ibn Ja[far 136 [Abdullah ibn Jahsh 218, 220 [Abdullah ibn Mas[ud 72, 160, 179 [Abdullah ibn Rawahah 92 [Abdullah ibn Ubayy 25, 123, 223, 243 [Abdullah ibn [Umar 175 [Abdullah ibn Unays 217 [Abdullah, der Vater des Propheten, 3 Abraham 2-3, 27, 20, 28, 40, 52, 61, 90, 99 Abu Ayyub al-Ansari 78 Abu Bakr 15, 22, 39-40, 76, 100, 160, 168, 171, 204, 206 Abu Busayr 31 Abu Dharr al-Ghifari 142, 146, 154,
Abu Hurayrah 120, 126, 128, 135, 140, 142, 149, 157, 177-8, 180, 192 Abu Jahl, [Amr ibn Hisham, 76, 87, 122, 213 Abu Jandal ibn Suhayl 29, 263 Abu Lahab, der Onkel des Propheten, 15 Abu Lubabah ibn [Abd al-Mundhir 248-50 Abu Mas[ud al-Badri 116, 138 Abu Rifa[ah 73 Abu Ruhm ibn Abd al-[Uzza 207 Abu Sa[id al-Khudri 156, 193 Abu Sayf 129 Abu Sufyan 23, 27, 34, 157, 196-7, 227, 235, 265 Abu Talhah 144 Abu Talib, der Onkel des Propheten, 5-9, 18-19, 50, 269 Abu Usayd al-Ansari 134 Al-Abwa’ 3 [Adiyy ibn Hatim 257-8 [Adnan, der wichtigste arabische Stamm, 2 Ahmad Zaki Yamani 189 [A’ishah bint Abu Bakr, die Ehefrau des Propheten, 96, 107, 109, 111-12, 139, 141-2, 146-9, 152, 173, 190, 210,

INDEX

270, 272; ihr Alter zum Zeitpunkt ihrer Heirat, xi, 203–6 [Ali ibn Abi Talib 22, 39–40, 46–7, 92, 122, 145, 149, 154–5, 157, 206, 257 [Ali Zayn al-[Abidin, der Urenkel des Propheten, 134 Aminah bint Wahb, die Mutter des Propheten, 3–4, 7 [Ammar ibn Yasir 15 [Amr ibn al-[As 32, 179 [Amr ibn al-Jamuh 89–90 [Amrah bint Rawahah 92 Anas ibn Malik 11, 69, 95, 120, 129, 132, 137, 141–2, 144–5, 151–4, 158, 270–2 Ansar 22–3, 26, 33, 35, 37, 48–9, 70, 91, 123, 136, 143–5, 156–8, 162, 179, 234, 238, 253 [Aqil ibn Abi Talib 87, 218 Al-Aqra[ ibn Habis 126 Asma’ bint Abi Bakr 130, 171 Asma’ bint Yazid 191 Asma’ bint Yazid ibn al-Sakan 73 Al-Aswad 141 [Attab ibn Usayd 37 Aws, der Stamm, 21, 64, 168, 194, 237–8, 240, 249–50, 261

B

Badr 23–5, 84–6, 101, 117, 122–3, 196, 213, 215–6, 218–22, 229, 232, 241, 252, 260 Bahira 50 Al-Bara’ ibn [Azib 10–11, 79, 125 Barrah bint al-Harith ibn Abi Dirar, vom Propheten in Juwayriyyah umbenannt, 195, 207 Bashir ibn Sa[d 92 Bilal ibn Rabah 168 Bujayr ibn Zuhayr 122 Dihyah ibn Khalifah 265

F

Al-Fadl ibn [Abbas 87 Fatimah bint Asad 5, 7, 15, 269 Fatimah bint Muhammad, die Tochter des Propheten, 112, 149, 157, 173, 206 Fudalah 113

G

Gabriel, der Engel, 19–20, 25, 60, 68, 76, 88, 99, 117, 140, 179 Ghassan, der Stamm, 33, 241 Ghatafan, der Stamm, 26–7, 30, 219–21, 224–5, 235, 245, 247 Ghazzal ibn Samuel 253

H

Hafsah bint ʿUmar, die Ehefrau des Propheten, 150, 206 Halimah, die Amme des Propheten, 3–4, 6–7, 36, 44, 147, 234 Hamraʾ al-Asad 223 Hamzah ibn ʿAbd al-Muttalib 172 al-Harith ibn Abi Dirar 86, 194–5, 232 al-Harith ibn Abi Shammar 265 al-Hasan ibn ʿAli 126–8, 132 Hatib ibn Abi Baltaʿah 160–1, 265 Hawazin, der Stamm, 3, 35–6, 124, 147, 233–4 Hawdhah ibn ʿAli 265 Herakleios, der byzantinische Kaiser, 208, 264–6 al-Hubab ibn al-Mundhir 219–20 al-Hudaybiyah 28–33, 43, 63, 74, 84, 224, 244, 262–4 Hunayn 35–6, 71, 78, 116, 145, 225, 229, 233, 258
al-Husayn ibn ʿAli 131–2, 154–5, 249 Huyayy ibn Akhtab 27, 241–3, 247
Ibn Taymiyah 190 Ibrahim, der Sohn des Propheten, 129, 208 ʿIkrimah ibn Abi Jahl 113, 122 Imam al-Awzaʿi, ʿAbd al-Rahman, ʿImran ibn Husayn 92

J

Jaʿfar ibn Abi Talib 16, 30, 45 Jabir ibn ʿAbdullah 91, 94, 112, 143, 161, 183 Jarir ibn ʿAbdullah 153, 156 Jesus 2, 20, 60–1, 110, 141, 272 Jurhum, der Stamm, 3 Juwayriyyah bint al-Harith, die Ehefrau des Propheten, 195–6, 198, 207, 232

K

Kaʿb ibn Asad 244, 247, 252, 255 Kaʿb ibn Zuhayr 122–3 Kayyisah bint al-Harith 250 Khabbab ibn al-Aratt 100 Khadijah bint Khuwaylid, die erste Ehefrau des Propheten, 5, 10, 14–15, 19, 47, 68, 146–8, 182, 199, 202–3, 205, 210, 218 Khalid ibn al-Walid 32–4 Khalid ibn Saʿid 197 Khawlah bint Hakim 193, 203 Khaybar 29–31, 40, 74, 78, 85, 208, 221, 225, 229, 244–7, 253, 264 Khazraj, der Stamm, 21, 174, 194, 237–8,
Khunays ibn Hudhafah 206 Chosrau, der persische Kaiser, x, 266–7 Khuwaylah bint Thaʿlabah 63–4 Khuzaʿah, der Stamm, 2, 29, 33, 261
al-Madaʾin 79 Medina 3, 16, 22–7, 29–31, 37–8, 40, 49, 71, 79, 86, 91, 122–3, 130, 137, 144–5, 148, 151, 159–62, 167–8, 194, 196–7, 206, 214, 216–7, 219, 221–2, 229, 231–2, 237–8, 240–2, 244–5, 247, 252, 256, 258–9, 261–3 Mahmud S. Khattab 218 Mekka 2–4, 7, 10–11, 16–17, 19, 20–3, 28–9, 31–2, 34–5, 40, 44–7, 50–1, 63, 72, 76, 80, 84, 86, 100, 110, 121–2, 125, 161, 165–7, 170, 199–200, 205, 207, 214, 217–19, 221, 224–5, 227–8, 232–3, 235–8, 259–60 Malik ibn ʿAwf 45, 233–4 Malik ibn al-Huwayrith 133 Maria, die koptische Ägypterin, 207–10 Maymunah bint al-Harith, die Ehefrau des Propheten, ursprünglich Barrah genannt, 207, 209 Maysarah 10 Mikraz ibn Hafs 46 al-Miqdad ibn al-Aswad 179 Moses 2, 20, 53, 55, 60–1, 72, 82–3, 117, 167 der Berg Hiraʾ 13 Muʿadh ibn Anas 135 Muʿadh ibn Jabal 130 al-Mughirah (Abu Sufyan) ibn al-Harith ibn ʿAbd al-Muttalib 121–2 Muhajirun 22–3, 32–3, 35, 37, 91, 161, 167–8, 218, 234, 239 Muhammad: als Gesandter Gottes, 55–118; als Diener Gottes, 97–107; als Führer, 151–64; als Mensch, 269–73; als Hirte, 7–8, 148, 202; als Staatsmann, 257–68; als militärischer Befehlshaber, 213–30; Haltung zum Krieg, 24, 30, 36–7, 71–2, 120, 125,

INHALTSVERZEICHNIS

213–36; Verhalten bei seinen Zusammenkünften, 21–2, 138, 153–6; Umgang mit dem einfachen Volk, 141–3; sein Mut, 144–5; Fürsorge für Tiere, 33, 135–6; Fürsorge für Kinder, 126–33, 151–2, 157, 173–7, 179–80; Fürsorge für Diener, 151–2, 162–3, 272; fürsorglicher Führer, 151–62; Änderung von Namen mit schlechter Bedeutung, 157, 159, 195, 207; sein Mitgefühl, 76–7, 112–4, 119–20, 124–6, 129–30, 132–6, 198; Beherrschung negativer Gefühle, 114–18; Umgang mit persönlichen Kränkungen, 156–7; sein Umgang mit den Juden, xi, 22, 24–5, 30, 48–50, 69–71, 94, 142, 168, 179, 195–6, 219, 221, 225, 237–46, 259, 263–4, 267–8, 271; Hingabe im Gottesdienst, 102–7; frühe Beteiligung an guten Anliegen, 10, 44; Ereignisse in seinem Leben, 14–42; Gerechtigkeit gegenüber allen, 47–8, 50, 72, 170–3, 177–8, 199, 260, 269; Vergebung gegenüber Feinden, 120–5; prägende Jahre, 1–13; seine Freigebigkeit, 141–3; Umgang mit den Menschen, die ihn bedienten, 154–6; seine Gerechtigkeit, 170–3; Schlüssel zu seinem Charakter, 43–54; seine liebevolle Art, 112–14; Loyalität gegenüber Freunden und Verwandten, 146–7; seine Ehen, 194–212; Barmherzigkeit gegenüber allen, 118–36; seine Bescheidenheit, 139–41; natürliche Abneigung gegen Götzen, 9, 34, 50–1, 120, 169, 202, 217; er wies niemals eine Bitte zurück, 143–4, 258; Nachtreise nach Jerusalem, 20, 76; sein Edelmut, 137–50; Übersehen der Fehler anderer, 160–1; Begleichen der Schulden verstorbener Gefährten, 157–8; seine Armut, 147–50; öffentliche Verkündung der Botschaft, 15, 45–6; sein Sinn für Humor, 145–6; Lösung der persönlichen Probleme der Menschen, 161–3; Umgang mit Nachbarn, 177–80; Umgang mit Eltern, 173–7; Umgang mit Verwandten, 177–80; Umgang mit Sklaven, 11, 64, 125, 134–5, 168, 208–9; Umgang mit Frauen, 181–93; Umgang mit den Juden von Qurayzah, xi, 220–1, 223, 247–57; Vertrauen auf Gott, 100–1; die Herzen der Feinde gewinnen, 231–6 Muhammad al-Ghazali 106 Muhammad ibn ʿUmar al-Waqidi Muhammad ibn Ishaq 204, 248, 250–2, 254 Muhammad Salim al-Awa 189 al-Muqawqis, der Herrscher von Ägypten, 208, 264–5 Musʿab ibn ʿUmayr 21, 265 al-Mustalaq, der Stamm, 26, 91, 123, 194–5, 221, 229, 232 al-Mutʿim ibn ʿAdiyy 19

N

Nabbash ibn Qays 253 Al-Nadir, der Stamm, 25–7, 92, 237, 2425, 247, 251, 256 Nadschran 40 Nasibah bint Ka[b 190 Nawfal ibn al-[Harith 87 Negus, König von Abessinien, 16, 30–1, 45, 73, 197, 208, 264 Noah 2, 20, 167 Al-Nu[man ibn Bashir 176

Q

Qahtan, der bedeutendste arabische Stamm, 2 Qaynuqa[, der Stamm, 24, 238, 241–2, Qays [Aylan, der Stamm, 10 Quraysh, der Stamm, 2–3, 8–12, 15–20, 22–9, 31–4, 40, 43–8, 69, 72, 74–5, 80–1, 85–6, 92, 100–1, 113–15, 1601, 164–6, 173, 196–7, 202, 205–6, 213, 215–26, 231, 235, 237–41, 245, 247, 253, 259–64 Qurayzah, der Stamm, xi, 26–7, 30, 2201, 223, 225, 229, 237, 244–5, 247–56 Qutham ibn [Abbas 87

R

Rabi[ah ibn Ka[b al-Aslami 162 Ruqayyah bint Muhammad, die Tochter des Propheten, 206

S

Sa[d ibn [Ubadah 37, 109, 130 Sa[d ibn Abi Waqqas 15 Sa[d ibn al-Rabi[ 167 Sa[d ibn Bakr, der Stamm, 3, 8, 36 Sa[d ibn Mu[adh 27, 247–53 Sa[id ibn Zayd 15 Safiyyah bint [Abd al-Muttalib 130 Safiyyah bint Huyayy, die Ehefrau des Propheten, 78, 157, 195–6 Safwan ibn Umayyah 85 Sahl ibn Sa[d 143 Al-Sakran ibn [Amr 205 Salih ibn [Ali 254 Salih, der Prophet, 56 Sallam ibn Abi al-Huqayq 253 Samra’ bint Nuhayk 193 Sanaa 79, 100–1 Sawdah bint Zam[ah, die Ehefrau des Propheten, 205 Sayyid Qutb 49, 212 Shaybah ibn Rabi[ah 19 Shayma’ bint al-Harith 147 Al-Shifa’ bint [Abdullah 193 Sufanah bint Hatim 257 Suhayl ibn [Amr 28 Sulayman ibn Surad 116 Sumayyah bint Khubat 15 Suraqah ibn Malik x

T

Tabuk 38, 160, 228–229, 249, 262 Taif 19–20, 35–36, 72, 121, 170, 218, 220, 229, 233–235, 255 Talhah ibn [Ubaydillah 15 Thaqif, der Stamm, 19, 35–36, 38, 233–234

U

[Ubadah ibn al-Samit 242 Ubayy ibn Ka[b 130 [Ubaydillah ibn Jahsh 196 Uhud 24–25, 116, 123, 158, 162, 204, 206, 219, 222–223, 225–227, 229, 231, 242, 260 Umamah bint Abi al-[As 127 [Umar ibn Al-Khattab 70–71, 94, 124, 141, 148, 157, 160, 168, 193, 206, 208, 211, 272 Umaymah bint [Abd al-Muttalib, die Tante des Propheten, 140, 200 [Umayr ibn Wahb 85 Umm al-Fadl, die Ehefrau von al-[Abbas, 87, 207 Umm Ayman, die Amme des Propheten, 3–5, 7, 9, 15, 200 Umm Habibah, Ramlah bint Abi Sufyan, die Ehefrau des Propheten, 196–198 Umm Kulthum bint Muhammad, die Tochter des Propheten, 206 Umm Ma[bad 93–94 Umm Qays ibn Mihsan 131 Umm Salamah Hind bint Abi Umayyah, die Ehefrau des Propheten, 121, 206–207, 210–211, 271 Umm Sulaym 151 [Uqbah ibn [Amir 178 [Uqbah ibn Zayd 253 Usamah ibn Zayd 129, 173, 250, 252 Usayd ibn Hudayr 156

INDEX

[Utbah ibn [Amr 87 [Utbah ibn Rabi[ah 114, 213 [Uthman ibn [Affan 28, 38, 206, 271 [Uthman ibn Maz[un 130 [Uthman ibn Talhah 32, 261

W

Wahb ibn Zayd 253 Walid Arafat 254 Waraqah ibn Nawfal 50, 53, 68

Y

Yathrib, später in Madinah umbenannt, 21–22, 80, 237, 240–241, 243 Yuhanna ibn Ru’bah 262

Z

Zahir 145–146 Zayd ibn [Amr 50, 52 Zayd ibn Harithah 5, 15; Adoption durch den Propheten, 11–12, 140, 199–200; Heirat mit Zaynab, 140, 199–201 Zayd ibn Sa[nah 69, 71 Zayd ibn Thabit 130 Zaynab bint Jahsh, die Ehefrau des Propheten, 140, 183, 199–200, 207 Zaynab bint Khuzaymah, die Ehefrau des Propheten, 206–207, 209 Al-Zubayr ibn al-[Awwam 15, 130 Al-Zubayr ibn Bata 252–253 Zuhayr ibn Abi Sulma 166