Vorwort

Eine große Gruppe westlicher Autoren und der von ihnen beeinflussten orientalischen Gelehrten vertritt die Auffassung, dass die islamische Kultur aus den ihr vorausgegangenen Kulturen, insbesondere der griechischen und römischen Kultur, hervorgegangen sei und dass sie nur deshalb die Gestalt einer eigenständigen Kultur angenommen habe, weil der arabische Geist diese alten Elemente auf neue Weise angeordnet und ihre äußere Form verändert habe. Aufgrund dieser Sichtweise suchen die Vertreter dieser Richtung in der persischen, babylonischen, sarmatischen, phönizischen, ägyptischen sowie in der griechischen und römischen Kultur nach den Elementen der islamischen Kultur. Anschließend suchen sie in der arabischen Natur nach den Bestandteilen jener Geisteshaltung, die aus diesen Kulturen nach eigenem Vorteil Material entnommen und es auf ihre eigene Weise angeordnet habe.

Ein Irrtum

Doch dies ist ein äußerst schwerwiegender Irrtum. Denn obwohl es wahr ist, dass die Gegenwart des Menschen stets von der Vergangenheit beeinflusst wird und daher bei jeder Neuschöpfung auf Bauelemente der vorausgegangenen Gestaltung zurückgegriffen wird, ist es dennoch unbestreitbar, dass die islamische Kultur ihrem lebendigen Wesen und ihren grundlegenden Elementen nach vollständig islamisch ist und nicht im geringsten von irgendeiner nichtislamischen Kultur beeinflusst wurde. Gewiss haben das arabische Denken, die arabische Tradition sowie frühere und spätere Kulturen auf ihre äußeren Einzelheiten einen gewissen Einfluss ausgeübt. Eine Seite eines Bauwerks besteht in seinem Entwurf, seiner Bauweise und seiner Gestaltung entsprechend seinem Zweck; dies ist seine eigentliche und wesentliche Seite. Eine andere Seite besteht in seiner Farbe, seiner Vielfalt, seinen Verzierungen und seiner Pracht und Schönheit; dies sind seine Einzelheiten und Nebensächlichkeiten. Wenn man das Kulturgebäude unter diesem Gesichtspunkt als Ganzes betrachtet, zeigt sich, dass das Gebäude der islamischen Kultur vollständig das Ergebnis der islamischen Gestaltung ist. Sein Entwurf ist sein eigener. Für diesen Bereich wurde kein anderer Entwurf herangezogen. Seine Bauweise ist von ihm selbst entwickelt; in diesem Fall wurde kein anderes Vorbild nachgeahmt. Sein Bauzweck ist völlig eigenständig und neuartig; hinsichtlich seines Zweckes ist kein anderes Bauwerk weder zuvor noch danach errichtet worden.

Entsprechend ist die islamische Kultur genau in derjenigen Gestalt ausgeformt worden, die für die zur Verwirklichung dieses Zweckes erforderliche Art von Aufbau notwendig war. Was sie zu diesem Zweck errichtet hat, kann kein äußerer Baumeister verändern oder verbessern, und ebenso wenig etwas hinzufügen. Übrig bleiben die Einzelheiten und Nebensächlichkeiten;

Auch in dieser Hinsicht hat der Islam nur sehr wenig von anderen Kulturen übernommen. Man kann sogar sagen, dass auch davon der größte Teil dem Islam selbst eigen ist. Gewiss haben die Muslime durch die Übernahme von Farben, Vielfalt, Verzierungen sowie Mitteln der Pracht und Schönheit aus anderen Kulturen den Reichtum dieser Seite in gewissem Maße vermehrt. Und gerade dies tritt den Betrachtern so deutlich vor Augen, dass sie versuchen, dem gesamten Bauwerk den Vorwurf der Nachahmung aufzuerlegen.

Die Definition der Kultur

Um diese Frage zu klären, muss zunächst die Antwort auf die Frage gefunden werden: Was ist Kultur? Die Menschen meinen, Kultur umfasse die Wissenschaften und das Wissen, Literatur und Philosophie, Kunst und Technik, die schönen Künste, gesellschaftliche Bräuche, Lebensweise, Staatsordnung und dergleichen eines Volkes. In Wirklichkeit sind dies jedoch nicht das eigentliche Lebenswesen der Kultur, sondern lediglich ihre Ergebnisse und äußeren Erscheinungsformen. Die Kultur ist weder die Wurzel noch der Stamm eines Baumes, sondern nur seine Äste, Zweige, Blätter und Blüten. Auf der Grundlage dieser äußeren Merkmale und Hüllen lässt sich der Wert einer Kultur nicht bestimmen. Daher müssen wir, von diesen Dingen absehend, bis zum Lebenswesen der Kultur vordringen und ihre Grundbasis sowie ihre grundlegenden Elemente erforschen.

Die grundlegenden Bestandteile der Kultur:

Aus dieser Perspektive ist das Erste, wonach man in einer Kultur suchen muss, ihre Auffassung vom weltlichen Leben: Welche Stellung weist sie dem Menschen in dieser Welt zu? Was ist die Welt ihrer Auffassung nach überhaupt? In welcher Beziehung steht der Mensch zu dieser Welt? Wie soll der Mensch diese Welt genießen und nutzen? Tatsächlich üben diese Dinge einen tiefen Einfluss auf sämtliche Aktivitäten des Lebens aus. Wenn sich diese Weltanschauung verändert, verändert sich das gesamte Wesen der Kultur von Grund auf.

Die zweite Frage, die eng mit der Lebensanschauung verbunden ist, betrifft das höchste Ziel des Lebens. Was ist der Zweck des menschlichen Lebens in dieser Welt? Wofür all diese Vorkehrungen, all diese Bemühungen und Anstrengungen, all diese Arbeit und Mühe, all diese Auseinandersetzungen und Kämpfe des Menschen? Auf welches erstrebte Ziel soll der Mensch zueilen? Um welche Zielstätte zu erreichen, ist es die Pflicht der Nachkommen Adams, sich zu bemühen und anzustrengen? An welches Ergebnis sollte der Mensch bei jeder seiner Handlungen, bei jeder seiner Bemühungen und Anstrengungen denken? Tatsächlich bestimmt und lenkt gerade die Frage nach diesem Ziel und diesen Bestrebungen den Verlauf des praktischen Lebens des Menschen; und die entsprechende Handlungsweise sowie der Weg zum Erfolg werden zur Grundlage seines Lebens.

Die dritte Frage lautet: Auf welcher grundlegenden Überzeugung und welchen grundlegenden Vorstellungen wird in der betreffenden Kultur der menschliche Charakter geformt? Wie wird die Psyche des Menschen in eine bestimmte Form gegossen? Welche Art von Gedanken wird in seinem Geist und Verstand hervorgerufen? Und welche wirksame Kraft ist in ihr vorhanden, die den Menschen im Hinblick auf sein Ziel und seinen Zweck dazu anspornt, eine bestimmte Auffassung vom praktischen Leben anzunehmen? Es besteht kein Raum für Streit darüber, dass die Tatkraft des Menschen dem Einfluss seiner Denkkraft unterliegt. Das Bewusstsein, das seine Hände und Füße in Bewegung setzt, geht von seinem Geist und Verstand aus. Und welche Glaubensüberzeugungen, Gedanken, Vorstellungen und Anschauungen sich in seinem Geist und Verstand festsetzen, unter deren Einfluss wird seine gesamte Tatkraft aktiv werden. Mit anderen Worten: In welcher Form auch immer seine Psyche gestaltet wird, in ihr werden ebenso seine Gefühle, Empfindungen, Wünsche und Bestrebungen entstehen, und unter ihrem Befehl werden seine Glieder tätig bleiben. Tatsächlich kann keine Kultur der Welt ohne eine grundlegende Aqida und eine grundlegende Denkweise Bestand erlangen. Um daher irgendeine Kultur zu verstehen und zu bewerten, ist es zunächst notwendig, ihre Aqida und Denkweise zu verstehen und ihre Vorzüge und Mängel zu bemessen – ebenso wie man, um die Festigkeit und Dauerhaftigkeit eines Gebäudes zu erkennen, die Tiefe und Stärke seines Fundaments kennen muss.

Die vierte Frage lautet: Zu welcher Art von Menschen formt die betreffende Kultur den Menschen als menschliches Wesen? Das heißt, mit welcher Art moralischer Schulung bereitet sie den Menschen darauf vor, gemäß ihrem eigenen Ideal ein erfülltes Leben zu führen? Welche Art von Charakter, Eigenschaften und innerer Haltung bringt sie im Menschen hervor und bemüht sie sich zu entwickeln und zu fördern? Zu welcher Art von Mensch wird er durch ihre besondere moralische Erziehung? Obwohl das eigentliche Ziel der Kultur in der Umgestaltung der Gesellschaftsordnung besteht, wird dieses gesellschaftliche Gebäude doch aus den Bausteinen der einzelnen Menschen errichtet. Seine Festigkeit und Dauerhaftigkeit hängen davon ab, dass jeder seiner Steine richtig behauen, jeder Ziegel fest und dauerhaft, jeder Balken stabil ist, nirgendwo Wurmfraß auftritt und an keiner Stelle unreifes, minderwertiges oder schwaches Material verwendet wird. Die fünfte Frage lautet: Wie werden in dieser Kultur unter verschiedenen Umständen Beziehungen zwischen den Menschen hergestellt? Welche Beziehungen werden zu seiner eigenen Familie, zu seinen Nachbarn, zu seinen Freunden, zu den mit ihm zusammenlebenden Menschen, zu seinen Untergebenen, zu seinen Vorgesetzten, zu den Anhängern seiner eigenen Kultur und zu den Menschen außerhalb seiner Kultur unterhalten? Welche Rechte werden ihm gegenüber anderen Menschen und welche Rechte anderen Menschen ihm gegenüber zuerkannt? Welchen Grenzen wird er unterworfen? Wie viel Freiheit wird ihm gewährt, wenn er frei ist, und wie weit wird er eingeschränkt, wenn er gefangen ist? Tatsächlich umfassen diese Fragen alle Bereiche des moralischen Charakters, des sozialen Lebens, der Gesetze, der Politik und der internationalen Beziehungen. Daraus lässt sich auch erkennen, welche Art von Familie, Gesellschaft und Staat die betreffende Kultur hervorbringt.

Aus dieser Erörterung ist ersichtlich geworden, dass das, was als Kultur bezeichnet wird, aus fünf grundlegenden Bestandteilen besteht:

(1) die Auffassung vom weltlichen Leben,

(2) das höchste Ziel des Lebens,

(3) Grundlegende Glaubensüberzeugungen und Denkweise

(4) Erziehung des Individuums und (5) Gesellschaftsordnung.

Jede Kultur der Welt ist aus diesen fünf grundlegenden Elementen aufgebaut. Es versteht sich von selbst, dass auch die islamische Kultur mithilfe dieser Elemente entstanden ist. Im vorliegenden Werk habe ich drei Elemente der islamischen Kultur untersucht und dargelegt, auf welcher besonderen Auffassung vom Leben, welchem besonderen Lebensziel sowie welchen grundlegenden Überzeugungen und Denkweisen diese Kultur errichtet ist und wie diese ihr gegenüber den anderen Kulturen der Welt die Gestalt einer eigenständigen, besonderen Kultur verliehen haben. Die beiden verbleibenden Elemente werden in diesem Werk nicht erörtert. Hinsichtlich der Organisation des Individuums werden meine beiden Schriften „Ein forschender Blick auf die islamische Anbetung“ und „Khutbat“ *1 (Predigten Nr. 20 bis 28) von Nutzen sein. Über die Gesellschaftsordnung findet sich in meinen unter dem Titel „Islamka Nezame Hayat“ (Die islamische Lebensordnung) veröffentlichten Rundfunkvorträgen ein ungefähres Bild.

Quelle:

1: Dies ist eine Sammlung von neun Vorträgen des Autors. Sie wurde in verschiedenen Broschüren veröffentlicht, nämlich: Die Wahrheit des Islam, die Wahrheit des Glaubens, die Wahrheit des Dschihad, die Wahrheit des Haddsch, die Wahrheit der Zakat sowie die Wahrheit des Gebets und des Fastens.

 

Eins

Islams Auffassung vom weltlichen Leben:

Der Mensch hegt von Anfang an eine gewaltige falsche Vorstellung von sich selbst, und bis heute besteht diese falsche Vorstellung fort. Bisweilen schlägt er den Weg der Maßlosigkeit ein und hält sich selbst für das höchstentwickelte Wesen der Welt. Sein Herz und sein Verstand füllen sich mit Hochmut, Überheblichkeit und Auflehnung. Er ist nicht bereit, irgendeine Macht als seiner eigenen überlegen, ja nicht einmal als ihr gleichgestellt anzuerkennen. Vielmehr ruft er die Worte *********** (Wer ist mächtiger als ich?) und ************ (Ich bin euer höchster Herr) aus, hält sich für völlig unverantwortlich und tritt als Gott der Gewalt und Unterdrückung sowie als leibhaftige Verkörperung von Unrecht, Ungerechtigkeit, Zerstörung und Verderben auf. Bisweilen verfällt er auch der Krankheit der Unterwürfigkeit und hält sich selbst für das niedrigste Wesen der Welt. Vor jedem Baum, Stein, Meer, Berg, Tier, Wind, Feuer, jeder Wolke, jedem Blitz, Mond, jeder Sonne und jedem Stern – kurz, vor jedem Ding, in dem er irgendeine Macht oder die Fähigkeit zu Nutzen oder Schaden zu erkennen meint – beugt er sein Haupt. Selbst wenn er in einem Menschen wie ihm selbst irgendeine Macht wahrnimmt, zögert er nicht im Geringsten, ihn als Gott und als verehrungswürdiges Wesen anzuerkennen.

Die grundlegende Identität des Menschen:

Der Islam hat diese beiden extremen Auffassungen verworfen und dem Menschen seine wahre Identität vor Augen geführt. Er sagt: *************

„Der Mensch sollte darauf achten, aus welchem Stoff er erschaffen wurde. Er wurde aus einer mit Macht hervorgebrachten Flüssigkeit erschaffen, die zwischen Rücken und Brustknochen hervortritt.“ – (Sure At-Tariq: 5–7)

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„Beachtet der Mensch etwa nicht, dass Wir ihn aus einem Tropfen Flüssigkeit erschaffen haben? Nun wird er zu einem offenkundigen Widersacher und führt Uns Beispiele an, während er seine eigene Herkunft vergessen hat.“

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„Er begann die Erschaffung des Menschen aus Lehm; danach ließ Er seine Nachkommenschaft aus dem Extrakt des Lehms hervorgehen, einer unreinen Flüssigkeit. Dann vollendete Er seine Gestaltung und hauchte ihm von Seinem Geist ein.“ [Sure As-Sajda: 7–9]

( ****************)

„Wir haben euch aus Erde erschaffen, dann aus einem Tropfen Flüssigkeit, danach aus einem geronnenen Blutklumpen und anschließend aus einem vollständigen oder unvollständigen Fleischklumpen, damit Wir euch Unsere Macht zeigen können. Und Wir lassen den Samenerguss, den Wir wollen, bis zu einer bestimmten Zeit im Mutterleib verweilen; danach bringen Wir euch als Kind hervor. Dann lassen Wir euch heranwachsen, bis ihr das Erwachsenenalter erreicht. Einige von euch sterben, andere gelangen in das hinfälligste Alter, sodass sie, nachdem sie Verstand besaßen, wieder unwissend werden.“ [Sure al-Hadsch: 5]

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„O Mensch! Was hat dich hinsichtlich deines barmherzigen Herrn getäuscht? Er hat dich erschaffen, deine Glieder wohlgebildet, in deinen Kräften und Fähigkeiten Gleichgewicht geschaffen und deine Bestandteile in der Gestalt zusammengefügt, die Er wollte.“ [Sure al-Infitar: 6–8]

„Und Allah hat euch aus den Leibern eurer Mütter hervorgebracht; als ihr herauskamt, wusstet ihr noch nichts. Er gab euch Ohren, Augen und Herzen, damit ihr dankbar seid.“

( *************)

„Habt ihr über den Samenerguss nachgedacht, den ihr in die Schöße der Frauen ergießt? Erschafft ihr daraus das Kind, oder sind Wir es, die es erschaffen? Und Wir sind durchaus imstande, eure körperliche Gestalt zu verändern und euch in einer anderen Gestalt zu erschaffen, die ihr nicht kennt. Ihr kennt doch eure erste Erschaffung; warum zieht ihr daraus keine Lehre? Habt ihr ferner betrachtet, was ihr an Saaten anbaut? Bringt ihr sie hervor, oder sind Wir es, die hervorbringen? Wenn Wir wollen, können Wir sie zu dürrem Stroh machen, und ihr würdet nur sagen: ‚Wir sind wahrlich geschädigt, ja völlig beraubt.‘ Habt ihr danach das Wasser betrachtet, das ihr trinkt? Lasst ihr es aus den Wolken herabregnen, oder sind Wir es, die den Regen herabkommen lassen? Wenn Wir wollen, können Wir es bitter machen. Warum also seid ihr nicht dankbar? Habt ihr dann das Feuer betrachtet, das ihr entzündet? Habt ihr den Brennstoff dafür erschaffen, oder sind Wir es, die erschaffen? Wir haben es als Mahnung und als Lebensunterhalt für die Reisenden erschaffen. So preise, o Mensch, die Heiligkeit deines erhabenen Herrn.“ – (Sure al-Waqi’a: 58–74)

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„Als euch auf dem Meer die Gefahr eines Sturms befiel, da vergaßt ihr alle eure falschen Götzen, und nur Allah fiel euch ein. Als Er euch dann rettete und euch ans Land brachte, wandtet ihr euch wieder dem Aufbegehren zu; der Mensch ist wahrlich höchst undankbar. Seid ihr etwa davor sicher, dass Allah euch in der Erde versenkt oder einen Sturmwind gegen euch entfesselt, sodass ihr keinen Helfer für euch findet? Oder seid ihr davor sicher, dass Allah euch abermals auf das Meer zurückbringt und gegen euch einen gewaltigen Sturmwind schickt, der euch wegen eures Ungehorsams ertränkt, woraufhin ihr keinen Helfer findet, der Uns dafür zur Rechenschaft zieht?“ – (Sure Bani Isra’il: 67–69)

In diesen Versen wird der Stolz und Hochmut des Menschen völlig zerschmettert. Seine Aufmerksamkeit wird darauf gelenkt, dass er die Wahrheit über sein eigenes Wesen einmal genauer betrachten soll. Ein Tropfen unreinen und wertlosen Wassers gelangt in den Mutterleib, wächst durch verschiedene Formen der Unreinheit heran und wird zu einem Fleischklumpen. Wenn Allah wollte, könnte Er diesem Fleischklumpen das Leben versagen, sodass er in diesem unvollständigen Zustand ausgestoßen würde. Doch Allah schenkt diesem Fleischklumpen aus Seiner eigenen Macht Leben, erschafft in ihm Empfindung und Bewusstsein und stattet ihn mit den Kräften und Werkzeugen aus, die der Mensch für das Leben auf dieser Welt benötigt. So kommst du auf die Welt. Dein ursprünglicher Zustand ist jedoch der eines hilflosen Kindes; du besitzt in dir nicht die Fähigkeit, auch nur eines deiner eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Allah sorgt allein durch Seine eigene Allmacht dafür, dass du aufgezogen wirst und heranwächst, ins Jugendalter eintrittst, stark und mächtig wirst; danach beginnt deine Kraft und Leistungsfähigkeit wieder abzunehmen, du schreitest vom Jugendalter ins Greisenalter fort, bis dich schließlich ein Zustand der Hilflosigkeit überkommt, der dem deiner Kindheit gleicht. Deine geistigen Kräfte verlassen dich; deine körperliche Kraft und Leistungsfähigkeit schwinden, dein Wissen und deine Vernunft gehen verloren; schließlich erlischt das Licht deines Lebens für immer. Du musst Reichtum und Besitz, Kinder und Nachkommen, Freunde und Gefährten, Verwandte und Angehörige zurücklassen und im Grab Zuflucht suchen. Während dieser kurzen Lebenszeit vermagst du dich nicht einmal einen Augenblick lang aus eigener Kraft am Leben zu erhalten. Vielmehr hält dich eine höhere Macht am Leben als du selbst, und wenn Sie will, zwingt Sie dich, diese Welt zu verlassen. Solange du jedoch lebst, musst du dich an die Naturgesetze klammern. Diese Luft, dieses Wasser, dieses Licht, diese Wärme, die Erträge dieser Erde, diese natürlichen Hilfsmittel, von denen dein Leben abhängt – nichts davon untersteht deiner Verfügungsgewalt. Du erschaffst sie nicht, und sie gehorchen auch nicht deinem Befehl. Wenn sich eben diese Dinge gegen dich wenden, wirst du ihnen gegenüber völlig hilflos. Ein Sturmwind verwüstet eure Siedlungen. Eine Flutkatastrophe ertränkt euch. Ein Erdbeben macht euch dem Staub gleich. Ganz gleich, wie sehr du dich mit Waffen rüstest, wie viele Mittel du mithilfe deines eigenen Verstandes – den du nicht selbst erschaffen hast – ersinnst und wie viele Hilfsmittel du mithilfe deines eigenen Gewissens – das du nicht selbst erworben hast – zusammenträgst: Vor den Naturgewalten wird all dies nutzlos. Und doch prahlst du mit einer solchen Kraft, gerätst in ausgelassene Freude, nimmst auf niemanden Rücksicht, legst den Gipfel pharaonischer und nimrodhafter Anmaßung an den Tag, wirst ein grausamer Tyrann, ein maßloser Unterdrücker oder ein äußerster Hochmütiger, lehnst dich gegen Allah auf, setzt dich als Gottheit (Maʿbūd) der Diener Allahs ein und stiftest in Allahs Welt Unruhe und Verderben.

Die Stellung des Menschen in der Weltordnung:

So viel zur Beseitigung des Hochmuts. Andererseits hat der Islam dem Menschen erklärt, dass er nicht so gering ist, wie er sich selbst gemacht hat. Er sagt:

„Wir haben den Kindern Adams Würde verliehen, ihnen zu Lande und zu Wasser Transportmittel bereitgestellt und ihnen vor vielen der Dinge, die Wir erschaffen haben, einen deutlichen Vorrang gegeben.“ – (Sure al-Isrāʾ: 70)

(****************)

„O Mensch! Siehst du denn nicht, dass Allah euch alles, was sich auf der Erde befindet, dienstbar gemacht hat?“ – (Sure al-Ḥaddsch: 65)

( ****************)

(***********)

„Und Er hat das Vieh erschaffen, in dem für euch Schutz vor der Kälte und allerlei Nutzen liegt; und von ihm esst ihr. In ihm liegt für euch eine gewisse Schönheit, wenn ihr es morgens hinaustreibt und abends zurückbringt. Es trägt eure Lasten an Orte, die ihr nur unter großer Mühsal erreichen könntet. Wahrlich, euer Herr ist überaus gütig und barmherzig. Er hat Pferde, Maultiere und Esel erschaffen, damit ihr auf ihnen reitet und sie als Schmuck des Lebens dienen. Und Allah erschafft noch vieles, von dem ihr bisher nichts wisst. Er ist es, der Wasser vom Himmel herabsendet: Einen Teil davon trinkt ihr, und ein anderer Teil dient der Bewässerung von Pflanzen, von denen ihr euer Vieh ernährt. Durch dieses Wasser lässt Allah für euch Getreide, Oliven, Datteln, Trauben und allerlei Früchte wachsen. Darin liegt wahrlich ein Zeichen für Menschen, die nachdenken und bedacht handeln. Er hat für euch die Nacht und den Tag sowie die Sonne und den Mond dienstbar gemacht. Und auch die Sterne sind durch Allahs Befehl dienstbar gemacht. Darin liegen wahrlich Zeichen für Menschen, die ihren Verstand gebrauchen. Und Er hat für euch auf der Erde Dinge in vielerlei Farben erschaffen. Darin liegt ein großes Zeichen für diejenigen, die daraus eine Lehre ziehen. Und Er ist es, der euch das Meer dienstbar gemacht hat, damit ihr daraus frisches Fleisch (Fisch) esst und Schmuck (Perlen und dergleichen) gewinnt, den ihr tragt. Und du siehst, wie die Schiffe das Wasser durchschneiden und durch das Meer dahingleiten. So wurde euch das Meer dienstbar gemacht, damit ihr nach Allahs Gunst strebt (das heißt, Handel treibt); vielleicht werdet ihr dankbar sein. Und Er hat auf der Erde feste Berge gesetzt, damit sie nicht mit euch wankt, und Flüsse und Wege geschaffen, damit ihr den Weg zu eurem Ziel findet. Und Er hat noch viele andere Zeichen geschaffen; sogar an den Sternen erkennen die Menschen die Wege. Und wenn ihr Allahs Gnaden aufzählen wolltet, würdet ihr sie nicht erfassen können.“

– (Sure an-Nahl: 5–18)

In den oben genannten Versen wird dem Menschen gesagt, dass alles, was es auf der Erde gibt, euch dienstbar gemacht wurde und eurem Nutzen dient; dasselbe gilt in gleicher Weise für die Dinge des Himmels. Diese Bäume und Pflanzen, diese Flüsse, dieses Meer, diese Berge, diese Tiere, diese Nacht und dieser Tag, dieses Licht und diese Dunkelheit, diese Sonne und dieser Mond, diese Sterne – kurz gesagt: Alles, was du siehst, ist dein Diener, zu deinem Nutzen eingesetzt und so geschaffen, dass es dir nützlich ist. Du hast Vorrang vor ihnen erlangt; dir wurde mehr Ehre verliehen als ihnen, und du wurdest dazu geschaffen, ihnen zu dienen. Warum also beugst du dein Haupt vor jenen deinen Dienern? Warum hältst du sie für diejenigen, die deine Bedürfnisse erfüllen? Warum streckst du ihnen bittend die Hand entgegen? Warum bittest du sie um Hilfe? Warum fürchtest und scheust du sie? Warum rühmst du ihre Vorzüglichkeit und Erhabenheit? Damit erniedrigst und entehrst du dich selbst, verletzt deine eigene Würde und machst dich selbst zum Diener deiner eigenen Diener und zum Sklaven deiner eigenen Sklaven!“

Der Mensch ist Allahs Stellvertreter

Daraus wurde klar, dass der Mensch weder so hoch angesehen ist, wie er sich aus Hochmut selbst einschätzt, noch so gering und verächtlich, wie er sich selbst gemacht hat. Nun stellt sich die Frage: Welchen richtigen Rang hat der Mensch auf der Erde? Darauf antwortet der Islam: (******************)

„Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich will auf der Erde einen Stellvertreter einsetzen, da sagten sie: Willst Du dort jemanden einsetzen, der auf ihr Unheil stiftet und Blut vergießt, während wir Deine Herrlichkeit preisen und Deine Heiligkeit rühmen? Allah sagte: Ich weiß, was ihr nicht wisst. Und Er lehrte Adam alle Namen. Dann stellte Er ihn den Engeln vor und sagte: Nennt Mir die Namen dieser Dinge, wenn ihr wahrhaftig seid. Sie sagten: Gepriesen seist Du! Wir wissen nur, was Du uns gelehrt hast. Wahrlich, Du bist der Allwissende, der Allweise. Allah sagte: O Adam, nenne ihnen die Namen dieser Dinge. Als Adam ihnen die Namen dieser Dinge genannt hatte, sagte Allah: Habe Ich euch nicht gesagt, dass Ich das Verborgene der Himmel und der Erde kenne und weiß, was ihr offenlegt und was ihr verbergt? Und als Ich den Engeln befahl: Werft euch vor Adam nieder!, da warfen sie sich alle nieder, außer Iblis. Er weigerte sich, zeigte Hochmut und wurde einer der Ungläubigen. Und Wir sagten zu Adam: O Adam, du und deine Frau, weilt im Paradies und esst dort nach Herzenslust, aber nähert euch nicht jenem Baum, sonst gehört ihr zu den Ungerechten. Doch Satan brachte sie zu Fall und vertrieb sie aus dem Glück und Wohlstand, in dem sie sich befanden.“ (Sure al-Baqara: 30–36)

„…………………Arabischer Text……………“

„Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich will einen Menschen aus trockenem, dunklem Lehm erschaffen. Wenn Ich ihn dann vollkommen gestaltet und ihm von Meinem Geist eingehaucht habe, dann werft euch vor ihm nieder. Da warfen sich alle Engel nieder, außer Iblis; er weigerte sich, zu denjenigen zu gehören, die sich niederwerfen. Allah sagte: O Iblis! Was ist mit dir, dass du dich weigerst, zu denjenigen zu gehören, die sich niederwerfen? Iblis sagte: Es steht mir nicht zu, mich vor einem Menschen niederzuwerfen, den Du aus trockenem, dunklem Lehm erschaffen hast. Allah sagte: Geh von hier fort; du bist verstoßen. Und bis zum Tag der Vergeltung liegt der Fluch auf dir.“ (Sure al-Hidschr: 28–35)

Dieses Thema wird im Heiligen Koran an verschiedenen Stellen in unterschiedlicher Weise dargelegt. Kurz zusammengefasst lautet es so: Allah erschuf den Menschen auf der Erde als Seinen Stellvertreter (Naib), gab ihm mehr Wissen als den Engeln, stellte sein Wissen über das Lobpreisen und die Verherrlichung der Engel und befahl den Engeln, sich vor diesem Seinem Stellvertreter niederzuwerfen. Die Engel warfen sich vor ihm nieder, und so beugten sich alle Engel vor ihm; Iblis jedoch verweigerte dies, und auf diese Weise beugte sich die satanische Macht nicht vor ihm. Zwar war er damals noch lediglich eine unbedeutende Puppe aus Lehm; doch Allah hauchte ihm den Geist ein und gab ihm Wissen, wodurch Er ihn würdig machte, Allahs Stellvertreter zu sein. Die Engel erkannten seine Überlegenheit an und beugten sich vor ihm. Satan aber erkannte ihn nicht an. Wegen dieses Verbrechens wurde Satan verflucht. Er erbat sich jedoch bis zum Tag der Auferstehung Aufschub, um den Menschen einzuflüstern. Daher flüsterte er dem Menschen Böses ein, ließ ihn aus dem Paradies vertreiben, und von da an begann der Konflikt zwischen dem Menschen und Satan. Allah sagte zum Menschen: Wenn du der Rechtleitung folgst, die Ich dir senden werde, kannst du ins Paradies gelangen; wenn du aber den Befehlen deines ursprünglichen Feindes Satan gehorchst, wird die Hölle dein Aufenthaltsort sein.

Die Bedeutung des Stellvertreteramtes:

Aus dieser Erörterung wurden die folgenden Dinge bekannt:

Die Stellung des Menschen in dieser Welt besteht darin, dass er Allahs Khalifa ist. Khalifa nennt man einen Naib oder Stellvertreter. Die Aufgabe eines Stellvertreters ist es, demjenigen, dessen Stellvertreter er ist, gehorsam zu sein. Er darf niemand anderem gehorchen; ebenso wenig darf er die Untertanen, Diener, Helfer und Sklaven seines Herrn zu seinen eigenen Untertanen, Dienern, Helfern und Sklaven machen. Wenn er dies tut, wird er vielmehr als Aufständischer angeklagt und in beiden Fällen bestraft. Dort, wo er zum Stellvertreter eingesetzt ist, darf er den Besitz seines Herrn nutzen, über dessen Untertanen herrschen, ihre Dienste in Anspruch nehmen und sie beaufsichtigen; jedoch nicht in dem Sinne, dass er selbst der Herr wäre, und auch nicht in dem Sinne, dass er außer jenem Herrn jemand anderem untergeordnet wäre, sondern in dem Sinne, dass er der Stellvertreter seines Herrn ist und über alle Dinge, die seiner Verfügung unterstehen, vonseiten seines Herrn als Treuhänder eingesetzt wurde. Deshalb kann er nur dann ein wahrhaftiger, wohlgefälliger und belohnungswürdiger Stellvertreter sein, wenn er das anvertraute Gut seines Herrn nicht veruntreut, der von Ihm gegebenen Rechtleitung folgt und Seine Vorschriften nicht verletzt; wenn er bei der Verwaltung des Vermögens seines Herrn, seiner Untertanen, Diener, Helfer und Sklaven, bei der Inanspruchnahme ihrer Dienste, im Umgang mit ihnen und bei ihrer Beaufsichtigung die von Ihm erlassenen Gesetze und Regeln befolgt. Tut er dies nicht, ist er kein Stellvertreter, sondern ein Aufständischer; nicht wohlgefällig, sondern verstoßen; nicht belohnungswürdig, sondern strafwürdig. Allah sagt:

„…………………Arabischer Text……………“

„Für diejenigen, die meiner Rechtleitung folgen, gibt es weder Furcht vor irgendeiner Strafe noch irgendeinen Grund zur Sorge. Für diejenigen aber, die sich Mir widersetzen und Meine Worte und Zeichen für Lüge erklären wollen, gibt es das Feuer der Hölle; dort werden sie ewig bleiben.“ (Sure al-Baqara: 38–39)

Ein Stellvertreter oder Treuhänder ist niemals so frei, dass er nach eigenem Belieben tun kann, was er will; dass er mit dem Vermögen seines Herrn und dessen Untertanen verfahren kann, wie er möchte, ohne dass irgendjemand ihn dafür zur Rechenschaft zieht. Vielmehr muss er sich vor seinem Herrn verantworten, über jede Kleinigkeit Rechenschaft ablegen; sein Herr kann ihn zu jeder seiner Handlungen befragen und ihn für alles, was er mit dem ihm anvertrauten Gut, seinem Besitz und seinen Untertanen getan hat, zur Verantwortung ziehen sowie ihn dafür bestrafen oder belohnen.

Die allererste Pflicht eines Stellvertreters besteht darin, demjenigen, dessen Stellvertreter er ist, zu gehorchen und dessen Herrschaft und höchste Macht anzuerkennen. Wenn er dazu nicht bereit ist, wird er weder die Bedeutung seines Stellvertreteramtes verstehen können, noch wird in ihm eine richtige Vorstellung davon entstehen, dass er in das Amt eines Treuhänders eingesetzt wurde; weder wird ein Bewusstsein für seine Verantwortung und Rechenschaftspflicht in ihm erwachen, noch wird er die Fähigkeit erlangen, seine Verantwortung und Pflichten hinsichtlich des ihm anvertrauten Gutes richtig zu erfüllen. Es ist keineswegs möglich, dass der Mensch zunächst auf Grundlage dieser Vorstellung von Treuhandschaft und Stellvertretung eine Handlungsweise annimmt, auf Grundlage einer anderen Vorstellung aber genau ebenso handelt. Und selbst wenn man annähme, dass das Unmögliche für ihn möglich würde, hätte dies keinen Wert. Denn dadurch, dass er den Gehorsam gegenüber seinem Herrn verweigert hat, ist er bereits zuvor zum Aufständischen geworden. Wenn er nun, aus Gehorsam gegenüber seinen eigenen Wünschen und Neigungen oder gegenüber jemand anderem, dennoch gute Taten vollbringt, sollte er seine Belohnung von demjenigen verlangen, dem er gehorcht hat. Für seinen Herrn ist diese gute Tat völlig bedeutungslos.

Der Mensch ist seinem eigentlichen Wesen nach lediglich ein unbedeutendes Geschöpf. Doch alles an Ehre, was er erlangt hat, verdankt er allein dem Geist, der ihm eingehaucht wurde, und der Tatsache, dass ihm auf der Erde die Stellvertretung Allahs übertragen wurde. Die Bewahrung dieser Ehre hängt nun davon ab, dass er seinen Geist nicht durch den Gehorsam gegenüber Satan verderben lässt und sich nicht dadurch, dass er von der Würde der Stellvertretung abweicht, auf die Stufe der Auflehnung erniedrigt. Wenn er diese Verantwortung vernachlässigt, wird er bei jenem unbedeutenden Geschöpf bleiben müssen.

Die malakutischen Kräfte (die Kräfte der unsichtbaren Welt) haben die Stellvertretung des Menschen durch Allah anerkannt und sich als vor Allahs Stellvertreter vor ihm verneigt; die satanischen Kräfte hingegen erkennen seine Stellvertretung nicht an, sondern wollen ihn zu ihrem Gefolgsmann machen. Wenn der Mensch auf dieser Erde die Pflichten der Stellvertretung erfüllt und dem von Allah gewiesenen Weg folgt, werden die malakutischen Kräfte ihm beistehen. Für ihn werden Heere der Engel herabkommen. Die Welt des Malakut wird sich niemals von ihm abwenden. Mit der Hilfe all dieser Kräfte wird er Satan und seine Gefolgsleute besiegen. Wenn er jedoch zögert, das Recht der Stellvertretung zu erfüllen, und nicht dem von Allah gewiesenen Weg folgt, werden die malakutischen Kräfte seine Nähe verlassen; denn dadurch wird er selbst von der Würde seiner Stellvertretung abweichen. Und wenn keine Kraft mehr vorhanden ist, die ihm helfen könnte, und er zu einer bloßen tönernen Puppe geworden ist, werden die satanischen Kräfte die Oberhand über ihn gewinnen. Dann werden Satan und seine Gefolgsleute seine einzigen Beistände und Helfer sein; ihren Regeln und Vorschriften wird er gehorchen, und sein Ende wird dem ihren gleichen.

Aufgrund seiner Stellung als Stellvertreter Allahs ist die Würde des Menschen höher und edler als die aller Dinge auf der Erde. Jedes Ding auf der Erde steht unter seiner Verfügung, ist zu seinem Gebrauch bestimmt, und er ist berechtigt, daraus auf die von Allah gewiesene Weise Nutzen zu ziehen. Sich vor all diesen untergeordneten Dingen zu verneigen, wäre für ihn zutiefst entehrend. Wenn er sich vor ihnen verneigt, fügt er sich selbst Unrecht zu und weicht von der Würde der Stellvertretung Allahs ab. Doch es gibt ein Wesen, vor dem er sich zu verneigen und dem er zu gehorchen verpflichtet ist (fard); in der Niederwerfung vor ihm liegt für ihn Ehre und Würde. Wer ist dieses Wesen? Allah ist sein Herr, der den Menschen zu seinem Stellvertreter bestimmt hat.

Nicht irgendein Einzelner oder eine bestimmte Klasse der Menschheit ist Allahs Stellvertreter; vielmehr ist die gesamte Menschheit mit der Würde der Stellvertretung ausgezeichnet, und als Stellvertreter oder Khalifa ist jeder Mensch dem anderen gleich. Deshalb sollte sich kein Mensch vor einem anderen verneigen, und niemand ist berechtigt, einen anderen Menschen vor sich zu erniedrigen. Ein Mensch kann von einem anderen lediglich verlangen, dem Befehl des Herrn und Seiner Rechtleitung zu gehorchen. In dieser Hinsicht wird der Gehorsame zum „Amir“ (Befehlenden) und der Ungehorsame zum „Ma’mur“ (demjenigen, dem befohlen wird). Denn wer das Recht der Stellvertretung erfüllt, ist höhergestellt als derjenige, der es nicht erfüllt. Diese Höherstellung bedeutet jedoch nicht, dass er selbst sein Herr wäre.

Jeder Mensch hat persönlich die anvertraute Verantwortung und die Würde der Stellvertretung erhalten. Daher wird jeder Einzelne an seinem eigenen Platz über seine Verantwortung für diese Stellung befragt werden. Weder wird einem die Rechenschaft für die Taten anderer auferlegt, noch kann einer Nutzen aus den Taten eines anderen ziehen. Ebenso kann niemand einen anderen von dieser Verantwortung entbinden, und niemandem wird die Last der schlechten Taten eines anderen auferlegt.

Solange der Mensch auf der Erde lebt und die Verbindung zwischen der tönernen Puppe (dem menschlichen Körper) und dem von Allah eingehauchten Geist fortbesteht, bleibt er Stellvertreter. Sobald diese Verbindung abbricht, verliert er die Würde der Stellvertretung auf der Erde. Die Taten während seiner Zeit als Stellvertreter müssen überprüft und bewertet, über die ihm anvertraute Verantwortung muss Rechenschaft abgelegt und untersucht werden, wie er die ihm als Stellvertreter übertragene Pflicht erfüllt hat. Wenn er sich durch Verrat, Treuebruch, Ungehorsam, Auflehnung und Verantwortungslosigkeit ausgezeichnet hat, muss er bestraft werden. Wenn er dagegen seine Pflicht mit Aufrichtigkeit, Treue, Verantwortungsbewusstsein und Gehorsam erfüllt hat, muss er auch seinen Lohn erhalten.

Die islamische Vorstellung vom Leben

Aus den oben genannten beiden Begriffen „Khilafa“ und „Stellvertretung“ lässt sich noch auf einen wichtigen Sachverhalt schließen. Die eigentliche Pflicht eines Stellvertreters besteht darin, sich darum zu bemühen, das „Recht“ seiner Stellvertretung über den Besitz seines Herrn vollständig zu erfüllen, und den Besitz so zu nutzen, wie es der eigentliche Eigentümer tut, soweit dies möglich ist. Wenn ein König jemanden über seine Untertanen zum Stellvertreter (Naib) einsetzt, besteht die beste Art, die Befugnisse dieser Stellvertretung auszuüben, darin, dass er gegenüber den Untertanen in Bezug auf Fürsorge, Zuneigung, Barmherzigkeit, Sicherheit, Gerechtigkeit und gegebenenfalls Strenge genau die Haltung einnimmt, die der König selbst einnimmt, und den Besitz und das Vermögen des Königs mit derselben Klugheit (Hikma), Weisheit, Umsicht und Vorsicht nutzt wie dieser.

Die Bedeutung der Bezeichnung des Menschen als Allahs Statthalter und Stellvertreter besteht also darin, dass er die Aufgabe der Stellvertretung und des Kalifats nur dann vollständig erfüllen kann, wenn das von ihm im Umgang mit Allahs Schöpfung befolgte Prinzip demjenigen Allahs selbst entspricht. Das heißt: Mit derselben fürsorglichen Erhabenheit, mit der Allah Seine Schöpfung bewahrt, betreut und versorgt, wird der Mensch in seinem begrenzten Wirkungsbereich die von Allah seiner Verfügungsgewalt unterstellten Dinge bewahren und pflegen. Ebenso wird der Mensch gegenüber der Schöpfung Allahs, über die ihm Herrschaft verliehen und die ihm untergeordnet wurde, wenn auch in geringerem Maße, genau entsprechend handeln: mit derselben Art barmherziger Erhabenheit, mit der Allah Seine Reichtümer verwendet, mit derselben Gerechtigkeit und Unparteilichkeit, mit der Er Ordnung unter Seiner Schöpfung aufrechterhält, und mit derselben Barmherzigkeit und Gnade, mit der Er die Eigenschaften Seines „Jabr“ und „Qahr“ (das heißt, Eigenschaften, die auf Barmherzigkeitslosigkeit hindeuten) zum Ausdruck bringt.

****** In diesem weisen Ausspruch ist genau diese Bedeutung enthalten. Doch erst wenn der Mensch die Wahrheit richtig begreift, dass er in dieser Welt kein unabhängiger Herrscher, sondern lediglich der Stellvertreter des eigentlichen Herrschers ist, kann er diese hohe sittliche Würde erlangen. Dies ist die eigentliche Verantwortung des Stellvertreteramtes. Sie bestimmt Wesen und Umfang seiner Beziehung zu jedem Ding dieser Welt, ja sogar zu seinem Körper sowie zu seinen körperlichen und geistigen Kräften.

Alles, was bisher im Zusammenhang mit der Analyse der Stellvertretung gesagt wurde, findet im Heiligen Koran eine ausführliche Darlegung. Dadurch wird jeder Aspekt der wechselseitigen Beziehung zwischen der Welt und dem Menschen klar und deutlich.

Der Mensch ist Stellvertreter, nicht Eigentümer

Im Koran heißt es:

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„Er ist es, der euch zu Stellvertretern auf der Erde gemacht und einige von euch über andere im Rang erhöht hat, damit Er euch mit dem prüfe, was Er euch gegeben hat.“ – (Sure al-Anʿām: 165)

قَالُوا أُوذِينَا مِن قَبْلِ أَن تَأْتِيَنَا وَمِن بَعْدِ مَا جِئْتَنَا ۚ قَالَ عَسَىٰ رَبُّكُمْ أَن يُهْلِكَ عَدُوَّكُمْ وَيَسْتَخْلِفَكُمْ فِي الْأَرْضِ فَيَنظُرَ كَيْفَ تَعْمَلُونَ

„(Musa sagte zu den Kindern Israels:) Sehr bald wird Allah eure Feinde vernichten und euch zu Statthaltern auf der Erde machen, damit Er sehen kann, wie ihr handelt.“ – (Sure al-A’raf: 129)

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„O Dawud! Wir haben dich zu einem Statthalter auf der Erde gemacht. So richte zwischen den Menschen in Wahrheit und folge nicht deiner eigenen Neigung, denn sie wird dich vom Weg Allahs abbringen. Für diejenigen, die vom Weg Allahs abweichen, gibt es deshalb eine harte Strafe, weil sie den Tag der Abrechnung vergessen haben.“ – (Sure Sad: 26)

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„Ist Allah nicht der Herrscher über alle Herrscher?“ – (Sure at-Tin: 8)

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„Die Herrschaft steht allein Allah zu.“ – (Sure al-An’am: 57)

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“Sprich: O Allah, Herrscher über alle Königreiche! Du verleihst das Königtum, wem Du willst, und Du entreißt das Königtum, wem Du willst. Du ehrst, wen Du willst, und Du erniedrigst, wen Du willst.”

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“Befolgt nur das, was euch von eurem Herrn herabgesandt wurde, und folgt keinen anderen Schutzherren außer Ihm.” – (Sure al-A’raf: 3)

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“Sprich: Mein Gebet, mein Gottesdienst, mein Leben und mein Tod – alles gehört Allah, dem Herrn der Welten.” – (Sure al-An’am: 162)

Aus diesen Versen wird eindeutig ersichtlich, dass nichts von all den Dingen, die den Menschen auf der Welt zum Gebrauch, zur Nutzung und zur Verfügung stehen, ihm gehört – nicht einmal seine eigene Person. Der wahre Eigentümer, Herrscher und Lenker all dieser Dinge ist Allah. Der Mensch hat kein Recht, diese Dinge nach eigenem Belieben wie ihr wahrer Eigentümer zu nutzen und zu gebrauchen. Sein Rang auf der Welt besteht lediglich darin, ein Stellvertreter zu sein, und seine Befugnis ist darauf beschränkt, dem von Allah gewiesenen Weg zu folgen und diese Dinge in der von Ihm gezeigten Weise zu nutzen und zu gebrauchen. Die festgelegten Grenzen zu überschreiten, den eigenen Neigungen zu folgen oder den Anweisungen eines anderen Herrschers statt des wahren Herrschers zu gehorchen, ist nichts anderes als Auflehnung und Irregehen.

Die grundlegende Voraussetzung für Erfolg im Leben dieser Welt:

Im Koran heißt es:

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„Diejenigen, die an das Falsche geglaubt und Allah verleugnet haben, gehören wahrlich zu den Verlierern.“ – (Sure al-Ankabut: 52)

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„Wer von euch sich von seiner Religion (das heißt vom Gehorsam gegenüber Allah) abwendet und als Ungläubiger stirbt, dessen Werke werden im Diesseits und im Jenseits zunichtegemacht.“

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„Wer sich weigert, den Glauben anzunehmen, dessen sämtliche Werke werden zunichtegemacht, und im Jenseits wird er zu den Verlierern gehören.“ – (Sure al-Ma’ida: 5)

Aus diesen Versen geht hervor, dass der Erfolg des Menschen als Stellvertreter Allahs im diesseitigen Leben davon abhängt, dass er die Herrschaft und Autorität seines eigenen Herrn anerkennt und alle seine Aufgaben in dem Bewusstsein erfüllt, dessen Stellvertreter und Treuhänder zu sein. Ohne diese Anerkennung wäre alles, was er von Allahs Reichtümern und Gütern genießt und nutzt, lediglich eine aufrührerische Nutzung. Es ist allgemein bekannt, dass selbst wenn ein Rebell ein Land erobert und ein hervorragendes Beispiel für den Dienst am Land gibt, der eigentliche König dieses Landes seine „guten Taten“ keineswegs anerkennen wird. Für den König bleibt ein Rebell ein Rebell. Ob sein persönlicher Charakter gut oder schlecht ist und ob er das Land nach seinem Aufstand ordnungsgemäß regiert oder nicht, spielt dabei keine Rolle.

Die Welt ist ausschließlich zum Genuss und zur Nutzung da

Im Koran heißt es:

„O ihr Menschen! Esst von den erlaubten und reinen Dingen, die es auf der Erde gibt, und folgt Satan in keiner Angelegenheit; wahrlich, er ist euer offenkundiger Feind. Er befiehlt euch Sünde, Schamlosigkeit und über Allah Dinge zu sagen, von denen ihr kein Wissen habt.“ – (Sure al-Baqara: 168–169)

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„O ihr, die ihr glaubt! Erklärt die reinen Dinge, die Allah euch erlaubt hat, nicht für euch selbst als verboten und überschreitet nicht die Grenzen; wahrlich, Allah liebt die nicht, die die Grenzen überschreiten. Und esst von dem erlaubten und reinen Lebensunterhalt, mit dem Allah euch versorgt hat, und hütet euch vor dem Ungehorsam gegenüber Allah, an den ihr glaubt.“ – (Sure al-Ma’ida: 87–88)

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„(O Prophet! Sprich: Wer hat den Schmuck (Zīnat), den Allah für Seine Diener hervorgebracht hat,

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„(Unser Prophet) befiehlt ihnen gute Taten und hält sie von Unrecht und Sündhaftigkeit ab, erklärt ihnen die reinen Dinge für erlaubt und die unreinen Dinge für verboten und nimmt ihnen ihre Lasten und Fesseln ab.“

– (Sure al-Aʿrāf: 157)

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„Sucht die Gunst eures Herrn (das heißt, euren Lebensunterhalt durch Handel); darin liegt für euch keinerlei Sünde.“

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„Die Anhänger des Messias erfanden die Askese selbst, nur in der Hoffnung, Allahs Wohlgefallen zu erlangen; Wir hatten sie ihnen nicht vorgeschrieben.“

– (Sure al-Ḥadīd: 27)

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„Wir haben viele Dschinn und Menschen für die Hölle erschaffen. Sie haben Herzen, aber sie denken damit nicht nach; sie haben Augen, aber sie sehen damit nicht; sie haben Ohren, aber sie hören damit nicht. Sie sind wie Vieh, ja, noch weiter abgeirrt. Sie sind es, die in Achtlosigkeit versunken sind.“ – (Sure al-Aʿrāf: 179)

Aus diesen Versen wird deutlich, dass es nicht Aufgabe des Menschen ist, der Welt zu entsagen. Diese Welt ist nichts, was man verwerfen, von dem man sich fernhalten und dessen Geschäfte, Angelegenheiten, Genussmittel sowie Schönheit und Schmuck man sich selbst als verboten auferlegen müsste. Diese Welt ist eigens für den Menschen geschaffen worden; daher besteht seine Aufgabe darin, sie zu genießen und zu nutzen, ja, sie ausgiebig zu genießen und zu nutzen. Er soll dies jedoch unter Beachtung des Unterschieds zwischen Gut und Böse, Rein und Unrein sowie Angemessen und Unangemessen tun. Allah hat ihm Augen gegeben, damit er sehen kann. Wenn der Mensch seine körperlichen Glieder, seine gesamten Sinneskräfte und seine geistigen Fähigkeiten nicht gebraucht oder sie auf falsche Weise einsetzt, besteht zwischen ihm und einem Tier keinerlei Unterschied.

Das Geheimnis des diesseitigen Lebens:

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„Allahs Verheißung (hinsichtlich des Jenseits) ist gewiss wahr; lasst euch daher nicht durch das diesseitige Leben täuschen, und der Betrüger (Satan) soll euch nicht über Allah in Sicherheit wiegen.“ – (Sure Fatir: 5)

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„Diejenigen, die sich selbst Unrecht getan haben, ließen die ihnen gewährten weltlichen Freuden und Genüsse hinter sich; sie waren die Übeltäter.“ – (Sure Hud: 116)

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„Stelle ihnen das Gleichnis des diesseitigen Lebens vor: Es ist wie Wasser, das Wir vom Himmel herabsenden, woraufhin die Pflanzen der Erde üppig gedeihen. Doch schließlich werden diese Pflanzen zu dürrem Stroh, das der Windstoß hierhin und dorthin verweht. Allah hat Macht über alle Dinge. Vermögen und Kinder sind lediglich der Schmuck des diesseitigen Lebens; doch in den Augen deines Herrn sind die bleibenden guten Werke hinsichtlich des Lohns und der Hoffnung auf die Zukunft besser.“

– (Sure al-Kahf: 45–46)

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„O ihr, die ihr glaubt! Euer Besitz und eure Kinder sollen euch nicht vom Gedenken an Allah ablenken. Diejenigen, die so handeln, sind wahrlich die Verlierer.“ – (Sure al-Munāfiqūn: 9)

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„Euer Vermögen und eure Kinder sind nichts, was euch Uns näherbringen könnte. Uns nahe sind nur diejenigen, die den Glauben angenommen und rechtschaffene Werke getan haben.“

„Wisst, dass das Leben dieser Welt nur ein Spiel, ein Zeitvertreib, äußerer Prunk, euer gegenseitiges Prahlen und euer gegenseitiges Streben nach größerem Reichtum und mehr Kindern ist. Das Gleichnis dafür ist, dass Regen fällt und der Bauer sich über die daraus hervorgebrachte Ernte sehr freut. Dann reift die Ernte heran, und du siehst, dass sie verwelkt ist. Schließlich wird sie zu Spreu.“

– (Sure al-Hadīd: 20)

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„Errichtet ihr an jedem erhöhten Ort nutzlose Denkmäler und große Bauwerke? Vielleicht in der Annahme, dass ihr hier ewig bleiben werdet.“

– (Sure asch-Schuʿarā: 128–129)

„Wird man euch denn sicher inmitten dieser Dinge hier belassen: diesen Gärten, diesen Quellen, diesen Getreidefeldern und den Dattelgärten mit ihren anmutigen Blütenhüllen? Und ihr haut Häuser aus den Bergen und seid voller Freude.“

– (Sure asch-Schuʿarā: 146–149)

„Wo immer ihr auch seid, der Tod wird euch ereilen – selbst wenn ihr euch in festgefügten Burgen befändet.“

– (Sure an-Nisāʾ: 78)

„Jeder wird den Tod kosten; danach werdet ihr alle zu Uns zurückgebracht werden.“ – (Sure al-ʿAnkabūt: 57)

„Habt ihr etwa angenommen, dass Wir euch zwecklos erschaffen haben und dass ihr nicht zu Uns zurückgebracht werdet?“

Zuvor wurde gesagt, dass die Welt für euch erschaffen worden ist; genießt und nutzt sie auf beste Weise. Nun wird die andere Seite der Angelegenheit dargelegt. Es wird gesagt: Auch wenn die Welt für euch bestimmt ist, seid ihr nicht für die Welt bestimmt. Ebenso wenig wurde sie dazu erschaffen, dass die Welt euch ausnutzt und ihr in ihr aufgeht. Lasst euch niemals durch das Leben in dieser Welt täuschen und hegt nicht den Gedanken, dass ihr für immer hier bleiben müsst. Wisst sehr wohl, dass all dieser Besitz, Reichtum, Glanz und Pracht sowie alle Güter vergängliche Dinge sind. Alles ist nur eine Täuschung der Zeit. Das Ende von alledem ist der Untergang. Wie ihr selbst wird jeder einzelne dieser Gegenstände zu Erde zerfallen. In dieser vergänglichen Welt ist das Einzige, was Bestand haben kann, die Güte des Menschen: die Güte seines Herzens und seiner Seele, die Güte seiner Taten und seines Verhaltens.

Verantwortung und Rechenschaft für die eigenen Taten

Danach heißt es:

„Die Stunde des Gerichts, die Wir verborgen halten wollen, wird gewiss eintreten, damit jeder entsprechend seinem Bemühen seinen Lohn erhält.“ (Sure Tā-Hā 15)

„Wird euch etwa etwas anderes als eure Taten vergolten?“ (Sure an-Naml 90)

„Und der Mensch wird nur entsprechend dem erhalten, worum er sich bemüht hat; sein Bemühen wird bald gesehen werden. Danach wird er seinen Lohn vollständig erhalten. Und schließlich müsst ihr alle zu eurem Herrn gelangen.“

(Sure an-Nadschm 39–42)

„Wer in dieser Welt blind ist, wird auch im Jenseits blind sein. Und er ist vom rechten Weg abgeirrt.“ (Sure Banī Isrāʾīl 72)

„Was auch immer ihr an guten Taten für euch aus dieser Welt vorausschickt, werdet ihr bei Allah genau so vorfinden. Und was immer ihr tut, Allah sieht alles.“

(Sure al-Baqara: 110)

„Fürchtet den Tag, an dem ihr zu Allah zurückgebracht werdet. Danach wird jeder den Lohn für seine Taten erhalten, und ihnen wird niemals Unrecht getan werden.“ (Sure al-Baqara: 281)

„An jenem Tag wird jeder seine guten und seine schlechten Taten vor sich vorfinden.“ (Sure Āl ʿImrān: 30)

„An jenem Tag ist das Abwiegen aller Taten eine unbestreitbare Wahrheit. Diejenigen, deren Waagschale der Taten schwer ist, werden allein Erfolg haben; diejenigen aber, deren Waagschale leicht ist, werden sich selbst zugrunde richten, weil sie unseren Zeichen Unrecht zufügten.“

„Wer auch nur das Gewicht eines Stäubchens Gutes tut, wird dessen Vergeltung sehen, und wer auch nur das Gewicht eines Stäubchens Böses tut, wird ebenfalls dessen Vergeltung sehen.“ (Sure az-Zilzāl: 7–8)

„Allah hat ihr Gebet erhört und gesagt: Ich werde keine Tat irgendeines von euch Handelnden verloren gehen lassen, sei es ein Mann oder eine Frau.“ (Sure Āl ʿImrān: 195)

„Spendet von dem, was Wir euch gegeben haben, bevor der Tod einen von euch ereilt. Dann wird er sagen: O mein Herr! Wenn Du mir nur noch etwas Aufschub gewähren würdest, würde ich auf Deinem Weg spenden und zu den Rechtschaffenen gehören. Doch Allah gewährt niemandem Aufschub, wenn seine festgesetzte Frist gekommen ist.“ (Sure al-Munāfiqūn: 10–11)

(Arabisch************)

„Ach!“ Wenn du doch jene Zeit sehen könntest, in der der Übeltäter mit gesenktem Haupt vor seinem Herrn stehen und sagen wird: O unser Herr! Nun haben wir gesehen und auch gehört; lass uns jetzt zurückkehren, damit wir gute Werke tun. Nun sind wir überzeugt. Doch es wird gesagt werden: Kostet nun den Geschmack jener Achtlosigkeit, aufgrund derer ihr vergessen habt, dass ihr an diesem Tag vor Uns erscheinen würdet. Heute vergessen auch Wir euch. Kostet daher heute als Vergeltung für eure Taten die immerwährende Qual.“ – (Sure as-Sadschda: 12–14

Hier wird gesagt, dass diese Welt das Feld des Handelns und der Ort des Strebens und Bemühens ist. Das Leben im Jenseits hingegen ist das Feld, in dem man die Vergeltung erhält; es ist der Ort, an dem man die Früchte des Guten und Bösen sowie die Vergeltung für seine Taten empfängt. Der Mensch hat bis zu seinem Tod die Möglichkeit, in dieser Welt zu handeln. Danach wird er niemals wieder Gelegenheit zum Handeln erhalten. Deshalb muss er in diesem Leben, eingedenk dessen, handeln, dass jede seiner Taten, jedes seiner Verhaltensweisen und jedes seiner guten oder schlechten Werke eine eigene Wirkung und Bedeutung besitzt und dass er im Hinblick auf diese Wirkung und Bedeutung im jenseitigen Leben eine gute oder schlechte Vergeltung erhalten wird. Was immer ich erhalte, werde ich als Vergeltung für mein Streben und Bemühen in diesem Leben und für meine gegenwärtigen Taten erhalten; keine meiner guten Taten wird verloren gehen, und keine Sünde wird übergangen werden.

Persönliche Verantwortung

Um dieses Verantwortungsbewusstsein noch stärker zu festigen, wurde auch erklärt, dass jeder Einzelne für seine eigenen Taten verantwortlich ist. Was diese Verantwortung betrifft, ist niemand sonst daran beteiligt, und niemand kann irgendjemanden vor den Folgen seiner Taten bewahren.

(Arabisch**********)„Euch obliegt die Verantwortung für euch selbst. Wenn ihr rechtgeleitet seid, kann euch ein anderer, der irregeht, keinen Schaden zufügen.“ – (Sure al-Māʾida: 105

(Arabisch***********)

„Jeder Mensch trägt die Last dessen, was er erworben hat; niemand trägt die Last eines anderen.“ – (Sure al-Anʿām: 164

(Arabisch**********)

„Am Tag der Auferstehung werden euch eure Verwandten und eure Kinder keinerlei Nutzen bringen. An jenem Tag wird Allah zwischen euch richten, und Sein Blick ist auf eure Taten gerichtet.“ – (Sure al-Mumtahina: 3)

(Arabisch*************)

„Wenn ihr gute Taten tut, tut ihr sie für euch selbst, und wenn ihr böse Taten tut, so ebenfalls für euch selbst.“ – (Sure Bani Isra’il: 7)

(Arabisch***************)

„Niemand wird die Last der Sünde eines anderen tragen; und wenn jemand unter einer schweren Sündenlast leidet und jemanden zu Hilfe ruft, der ihm seine helfende Hand reicht, wird dieser nichts von seiner Last auf sich nehmen – und sei er auch ein naher Verwandter.“ – (Sure al-Fatir: 18)

(Arabisch***************)

„O ihr Menschen! Fürchtet euren Herrn und fürchtet den Tag, an dem weder ein Vater seinem Sohn irgendwie von Nutzen sein wird noch ein Sohn seinem Vater im Geringsten von Nutzen sein wird.“ – (Sure Luqman: 33)

(Arabisch*************)

„Wer Kufr begangen hat, dessen Last des Kufr liegt auf ihm selbst; und diejenigen, die gute Werke tun, bereiten für ihr eigenes Wohl den Weg.“ – (Sure ar-Rūm: 44)

Hier ist jeder einzelne Mensch persönlich für seine guten und schlechten Taten verantwortlich gemacht worden. Es gibt darin weder Raum für die Hoffnung, dass jemand unsere Fehler und unsere Nachlässigkeit sühnen werde, noch die Möglichkeit zu erwarten, dass wir aufgrund irgendeiner Verwandtschaft oder Beziehung von der Verantwortung für unsere Vergehen befreit würden. Ebenso besteht kein Anlass zu der Befürchtung, dass die schlechten Taten eines anderen unsere guten Werke beeinflussen könnten oder dass die Zufriedenheit irgendeines anderen außer Allah Einfluss darauf haben könnte, ob unsere Taten angenommen oder zurückgewiesen werden. Wenn jemand seine Hand ins Feuer hält, kann ihn nichts vor der natürlichen Verbrennung bewahren. Wenn jemand dagegen Honig trinkt, kann ihn nichts daran hindern, seine Süße wahrzunehmen. Weder kann jemand an den Schmerzen der Verbrennung eines anderen teilhaben, noch kann jemand einem anderen den Genuss des süßen Geschmacks vorenthalten. Ebenso steht jeder Einzelne hinsichtlich der schlimmen Folgen der Sünde und des Nutzens guter Taten allein und unabhängig da. Daher ist es unerlässlich, dass jeder Mensch beim Genuss und Gebrauch der Welt ein vollkommenes Verantwortungsbewusstsein besitzt. Er sollte seinen Blick von der Welt und den Dingen in ihr abwenden und sein Leben in dem Bewusstsein führen, dass er selbst für jede seiner Taten verantwortlich ist; die Last der Sünde liegt allein auf ihm, und den Nutzen seiner guten Taten wird er ebenfalls allein genießen.

In der oben gegebenen Erläuterung der islamischen Auffassung vom irdischen Leben wurde auf ihre verschiedenen Teile und Bestandteile eingegangen. Nun wollen wir ihre Struktur und ihren Aufbau betrachten und untersuchen, inwieweit die vollständige Vorstellung, die sich aus der Verbindung der verstreuten Teile ergibt, mit der Natur und der Wirklichkeit übereinstimmt, welchen Rang sie im Vergleich zu den Vorstellungen anderer Kulturen vom irdischen Leben einnehmen kann und in welche besondere Form die Kultur, die auf dieser Lebensanschauung gründet, das Denken und Handeln des Menschen prägt.

Die natürliche Auffassung vom Leben

Die natürliche Auffassung vom Leben: Entfernen Sie für einen Augenblick aus Ihrem Denken die Vorstellungen, die andere Religionen von der Welt und vom irdischen Leben dargelegt haben. Betrachten Sie danach als aufmerksamer Beobachter die Welt um Sie herum und achten Sie sorgfältig darauf, welchen Rang Sie in dieser gesamten Umgebung einnehmen. Bei dieser Beobachtung werden Ihnen einige Dinge äußerst deutlich ins Auge fallen.

Sie werden feststellen, dass der Umfang sämtlicher Kräfte, über die Sie verfügen, äußerst begrenzt ist. Die Sinneskräfte, auf denen Ihre Erkenntnis beruht, können die Grenzen Ihrer engsten Umgebung nicht überschreiten. Die Gliedmaßen, von denen Ihr gesamtes Handeln abhängt, können nur einige wenige Dinge beherrschen. Unzählige Dinge in Ihrer Umgebung sind im Vergleich zu Ihrem Körper und Ihren Kräften gewaltig, und ihnen gegenüber erscheint Ihr eigenes Ich äußerst unbedeutend und schwach. Keine der gewaltigen Kräfte, die in dieser riesigen Werkstatt der Welt wirken, steht unter Ihrer Kontrolle; vielmehr fühlen Sie sich ihnen gegenüber äußerst hilflos. Körperlich sind Sie ein Lebewesen mittlerer Größe. Über Dinge, die kleiner sind als Sie, siegen Sie; doch größeren Dingen sind Sie unterlegen.

Doch eine weitere Kraft in Ihrem Inneren hat Ihnen gegenüber all diesen Dingen Überlegenheit verliehen. Dank dieser Kraft üben Sie Herrschaft über alle Lebewesen Ihrer eigenen Art aus und machen sie sich untertan, obwohl ihre körperliche Kraft weit größer ist als Ihre. Eben diese Kraft ermöglicht es Ihnen, die Dinge in Ihrer Umgebung zu nutzen und von ihnen nach Ihrem Willen Dienste zu erhalten. Dank dieser Kraft entdecken Sie immer neue Quellen der Energie, erschließen sie und nutzen sie auf immer neue Weise. Eben dieser Kraft verdanken Sie auch die Erweiterung der Mittel und Wege zur Erlangung von Wissen, wodurch Sie sogar zu Dingen vordringen, die außerhalb des Bereichs Ihrer natürlichen Kräfte liegen. Kurz gesagt: Dank dieser besonderen Kraft werden alle Dinge der Welt zu Ihren Dienern, und Sie erlangen das Glück, ihre Dienste in Anspruch nehmen zu können.

Auch die höheren Kräfte der Weltmaschine, die nicht Ihrer Kontrolle unterstehen, wirken auf eine solche Weise, dass man sie im Allgemeinen nicht als Ihre Feinde oder Gegner bezeichnen kann; vielmehr sind sie Ihre Helfer und Ihrem Wohlergehen sowie Ihren Vorteilen und Annehmlichkeiten zuträglich. Die Luft, das Wasser, das Licht, die Wärme und all die anderen Kräfte dieser Art, von denen Ihr Leben abhängt, wirken sämtlich gemäß einer besonderen Ordnung, deren Zweck darin besteht, Ihnen zu helfen. In diesem Sinne können Sie sagen, dass die genannten Dinge Ihnen untergeordnet sind.

Wenn Sie diese gesamte Umgebung eingehend betrachten, sehen Sie ein überaus mächtiges Gesetz am Werk. Vom kleinsten Teilchen bis zu den größten Dingen sind alle gleichermaßen den Fesseln dieses machtvollen Gesetzes unterworfen. Dennoch hängt der Fortbestand der gesamten Welt ganz und gar von seiner Ordnung und Kontrolle ab. Auch Sie selbst unterstehen diesem Gesetz. Doch zwischen Ihnen und den übrigen Dingen der Welt besteht ein gewaltiger Unterschied. Die anderen Dinge besitzen nicht einmal das geringste Vermögen, sich diesem Gesetz zu widersetzen. Sie aber besitzen die Fähigkeit, sich ihm zu widersetzen. Mehr noch: Wenn Sie sich ihm widersetzen wollen, unterstützt es Sie sogar dabei. Allerdings hinterlässt jeder solche Widerstand unmittelbar eine gewisse Reaktion, und auch Sie können den schlechten Folgen dieses Widerstands nicht entkommen.

Unter diesem weltumspannenden und unveränderlichen Gesetz sehen Sie verschiedene Szenen von Entstehung und Zerstörung. Überall im Universum setzt sich ein unendlicher Prozess des Zerbrechens und Aufbauens fort. Nach demselben Gesetz, nach dem etwas erschaffen und erhalten wird, wird es auch zerstört und ausgelöscht. Kein Ding auf der Welt ist von den Fesseln dieses Gesetzes frei. Selbst bei den Dingen, die äußerlich frei davon zu sein scheinen und die man für unbeweglich und unveränderlich halten könnte, lässt sich bei eingehender Betrachtung erkennen, dass auch in ihnen der Prozess von Kreislauf und Veränderung unablässig fortschreitet und auch sie der Entstehung und der Zerstörung nicht entrinnen. Da die übrigen Dinge der Welt entweder kein Bewusstsein und keine Erkenntnisfähigkeit besitzen oder wir zumindest keinerlei Kenntnis davon haben, nehmen wir in ihnen infolge dieser Entstehung und Zerstörung keine Anzeichen von Freude oder Trauer wahr. Der Mensch jedoch ist ein bewusstes und wahrnehmungsfähiges Lebewesen; daher empfindet er angesichts dieser Veränderungen um sich herum eine heftige Reaktion von Freude und Trauer. Manchmal erlebt er beim Anblick des Hervortretens günstiger Dinge eine so überwältigende Freude, dass er völlig vergisst, dass es auf dieser Welt auch Zerstörung geben kann. Ein anderes Mal wird seine Trauer beim Anblick widriger Dinge so stark, dass er auf dieser Welt nur noch Zerstörung und Zerstörung sieht und die Tatsache vergisst, dass weiterhin die Möglichkeit der Entstehung besteht.

Doch wie viele einander entgegengesetzte Gefühle von Freude und Trauer auch in Ihnen vorhanden sein mögen und wie strenge oder extreme Auffassungen Sie unter ihrem Einfluss auch immer über das Leben in dieser Welt vertreten mögen, so sind Sie aufgrund Ihrer eigenen Natur gezwungen, diese Welt tatsächlich zu nutzen und Ihre inneren Kräfte einzusetzen. Ihrer Natur ist der Wunsch zu leben inne, und um diesen Wunsch zu erfüllen, wurde in Sie eine gewaltige Kraft namens Hunger gelegt, die Sie ständig zur Tätigkeit antreibt. Die Natur will Sie damit betrauen, Ihre Abstammungslinie zu erhalten; deshalb hat sie in Ihnen eine unbezwingbare Kraft namens Sexualtrieb eingepflanzt, die Sie dazu anspornt, ihren Zweck durch Sie zu erfüllen. Ebenso wurden Ihrer Wesensnatur noch einige weitere Kräfte für andere Zwecke beigegeben, und jede dieser Kräfte versucht, durch Sie ihr jeweiliges Ziel zu erreichen. Ob Sie diese vielfältigen Ziele der Natur auf hervorragende oder schlechte Weise erfüllen, ob Sie sie bereitwillig oder unter dem Druck von Zwang ausführen, hängt gänzlich von Ihrer Erkenntnis und Ihrem Verstand ab. Darüber hinaus hat die Natur selbst Ihnen sogar eine besondere Fähigkeit verliehen, diese Ziele zu erfüllen oder ihre Erfüllung zu unterlassen. Zugleich hat die Natur jedoch auch bestimmt, dass es zu Ihrem eigenen Nutzen ist, ihre Ziele bereitwillig und gut zu erfüllen, während es gerade für Sie selbst schädlich ist, sich ihrer Erfüllung abzuwenden oder sie, selbst wenn Sie sie erfüllen, auf schlechte Weise auszuführen.

Vorstellungen verschiedener Religionen und Weltanschauungen:

Wenn ein Mensch mit gesunder Natur und Weitblick die Welt betrachtet und diese Welt

im Hinblick darauf seinen eigenen Zustand beobachtet, wird jeder der oben beschriebenen Aspekte vor seinen Augen erscheinen. Doch die verschiedenen Gruppen der Menschheit haben dieses gesamte Bild von unterschiedlichen Seiten aus betrachtet, und oft geschah es, dass sie ausgehend von dem Aspekt, der sich ihren Augen besonders eindrucksvoll zeigte, eine Weltanschauung über ihr irdisches Leben entwickelten und nicht einmal den Versuch unternahmen, die anderen Aspekte zu betrachten.

Als Beispiel lässt sich anführen, dass eine Gruppe angesichts der Schwäche und Hilflosigkeit des Menschen und der Macht und Stärke der großen Naturkräfte ihm gegenüber zu dem Schluss gelangte, dass der Mensch auf der Welt eine völlig unbedeutende Sache sei und dass diese wohltätigen und schädlichen Kräfte der Welt keinem weltumspannenden Gesetz unterlägen, sondern unabhängig oder halb unabhängig seien. Dieser Gedanke nahm in ihrem Bewusstsein einen solchen Vorrang ein, dass alles andere ihrem Blickfeld entschwand. Sie vergaßen die erhabene Seite ihres eigenen Daseins und opferten durch die aus ihrer übermäßigen Anerkennung der eigenen Schwäche und Unfähigkeit hervorgegangene Haltung ihr Gefühl von Würde und Ehre. Der Götzendienst, die Verehrung von Bäumen, die Verehrung der Sterne und die Anbetung anderer Naturkräfte sind unmittelbare Folgen eben dieser Weltanschauung.

Eine andere Gruppe war der Ansicht, dass die Welt lediglich ein Schauplatz des Unheils sei. Das gesamte Weltall werde nur dazu betrieben, dem Menschen Leid, Mühsal und Unterdrückung aufzuerlegen. Alle Beziehungen und Verbindungen in der Welt seien nichts anderes als Fallen, in denen der Mensch in Netze der Unruhe und Gefahr verstrickt werde. Warum sollte man dabei nur vom Menschen sprechen? Die ganze Welt sei dem Leid und der Zerstörung ausgeliefert. Alles, was hier entsteht, entsteht nur, um zerstört zu werden. Der Frühling kommt, damit der Winter kommt und sein Grün raubt. Der Baum des Lebens schmückt sich mit Blättern, damit der Tod in Gestalt des Satans kommt und seine Pracht plündert. Die Schönheit der Beständigkeit entfaltet sich in solcher Vollkommenheit, damit der Gott der Zerstörung reichlich Gelegenheit erhält, mit ihr zu spielen. Diese Weltanschauung ließ für jene Menschen keinerlei Anziehungskraft in der Welt und ihrem Leben übrig. In der Entsagung von der Welt, in Selbstkasteiung und Askese sowie in der Auslöschung aller inneren Empfindungen sahen sie den Weg zur Befreiung; ebenso darin, das Gesetz der Natur zu durchbrechen, das den Menschen zu einem Werkzeug gemacht hat, damit es lediglich seine eigene Werkstatt betreiben könne.

Eine andere Gruppe sah, dass es in der Welt reichlich Mittel zu Freude und Vergnügen für den Menschen gibt und dass ihm nur für kurze Zeit Gelegenheit gegeben ist, davon zu kosten. Das Gefühl von Leid und Trauer macht diesen Genuss bitter. Wenn der Mensch dieses Gefühl also auslöscht und nichts zu einem Anlass für Leid und Trauer werden lässt, wird man hier nur Freude und Vergnügen finden. Alles, was dem Menschen bestimmt ist, befindet sich in dieser Welt; all seinen Genuss muss er in diesem irdischen Leben auskosten. Nach dem Tod wird es weder den Menschen noch die Welt oder ihre Freuden geben; alles wird in den Tiefen der Vergessenheit versinken.

Im völligen Gegensatz dazu steht eine andere Gruppe, die die Freuden und Vergnügungen der Welt, ja das gesamte weltliche Leben, für durch und durch sündhaft hält. Ihrer Auffassung nach sind die materiellen Mittel der Welt für die menschliche Seele eine Art Unreinheit und Befleckung. In der Nutzung dieser Welt, in der Teilnahme an ihren Geschäften und im Genuss ihrer Freuden und Vergnügungen liegen für den Menschen weder Reinheit noch Wohlergehen. Wer durch das himmlische Königreich glücklich werden will, sollte sich von der Welt fernhalten. Wer dagegen den Reichtum und die Herrschaft der Welt sowie den Genuss des irdischen Lebens begehrt, sollte gewiss wissen, dass es für ihn im himmlischen Königreich keinen Platz gibt. Diese Gruppe hat auch erkannt, dass der Mensch aufgrund seiner eigenen Natur und Veranlagung dazu gezwungen ist, die Welt zu nutzen und sich an ihren Geschäften zu beteiligen. Wie anziehend auch immer die Vorstellung sein mag, in das himmlische Königreich einzugehen, sie kann keineswegs so stark sein, dass der Mensch sich auf sie stützen und seiner eigenen Natur entgegentreten könnte. Daher haben sie einen kurzen Weg gefunden, um das himmlische Königreich zu erreichen: Wer an ein bestimmtes Wesen glaubt, dessen Sühne soll ihn von der Verantwortung für seine eigenen Taten entbinden.

Eine weitere Gruppe hat angesichts der umfassenden Geltung des Naturgesetzes den Menschen für ein bloß unfähiges und schwaches Wesen gehalten. Sie sah, dass der Mensch keineswegs ein freies und einzigartiges Wesen sei; die Zeugnisse der Psychologie, der Physiologie, der Biologie und der Vererbungslehre hätten diese Wahrheit bestätigt. Das Naturgesetz hält ihn fest umschlungen. Gegen dieses Gesetz kann er weder etwas denken noch den Wunsch nach irgendetwas hegen, und ebenso wenig ist er fähig, irgendeine Handlung auszuführen. Daher könne ihm für keine seiner Handlungen Verantwortung auferlegt werden.

Nach der völlig entgegengesetzten Auffassung einer anderen Gruppe ist der Mensch nicht nur ein Wesen mit Willenskraft, sondern auch keiner höheren Willenskraft unterworfen oder gehorsam. Für seine eigenen Taten müsse er sich niemandem außer seinem Gewissen oder den Gesetzen des menschlichen Gemeinwesens verantworten. Er ist der Herr dieser Welt. Alles in der Welt ist ihm unterworfen. Er besitzt die Befugnis, all dies frei zu nutzen. Um sein Leben schön zu gestalten und in seinen Taten und seinem Verhalten eine angemessene Ordnung und Disziplin zu wahren, hat er in seinem persönlichen Leben selbst Regeln und Beschränkungen aufgestellt. Im Großen und Ganzen jedoch ist er völlig frei, und die Vorstellung, sich in dieser Hinsicht vor einem höheren Wesen verantworten zu müssen, ist völlig gegenstandslos.

Dies sind die unterschiedlichen Vorstellungen verschiedener Religionen und Ideologien vom irdischen Leben. Auf den meisten dieser Vorstellungen sind die Gebäude verschiedener Kulturen errichtet worden. Der eigentliche Grund dafür, dass die verschiedenen Kulturen, die uns in ihren unterschiedlichen Formen und Eigenarten begegnen, eine jeweils besondere und eigenständige Gestalt angenommen haben, liegt darin, dass ihnen eine besondere Vorstellung vom irdischen Leben zugrunde liegt. Diese Vorstellung fordert geradezu die Annahme dieser besonderen Gestalt. Wenn wir jede dieser Vorstellungen ausführlich untersuchten und erforschten, wie sie eine bestimmte Art von Kultur hervorgebracht hat, wäre das zweifellos eine höchst interessante Erörterung. Mit unserem eigentlichen Thema hat eine solche Untersuchung jedoch nichts zu tun. Denn wir wollen lediglich die Merkmale der islamischen Kultur deutlich herausarbeiten. Unsere Aussage lautet: Alle bisher dargelegten Vorstellungen vom Leben sind lediglich das Ergebnis davon, dass man die Welt jeweils aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet. Keine dieser Lehren ist entstanden, nachdem man das gesamte Weltall umfassend betrachtet und jedem Ding in dieser Welt seinen richtigen Rang zugewiesen hätte. Deshalb erscheint eine Lehre, die auf einem bestimmten Blickwinkel beruht, als falsch und irrig, sobald wir diesen Blickwinkel aufgeben und die Welt von einem anderen aus betrachten. Wenn man die Welt jedoch als Ganzes betrachtet, tritt die Irrigkeit aller Lehren deutlich zutage.

Die Merkmale der islamischen Auffassung:

Nun lässt sich sehr klar erkennen, dass in Wirklichkeit von allen Lehren allein die islamische Lehre mit der Natur und der Wirklichkeit übereinstimmt. Nur in dieser Lehre ist ein zutreffendes Verhältnis zwischen der Welt und dem Menschen hergestellt worden. In ihr erkennen wir: Die Welt ist weder etwas Verabscheuungswürdiges oder Zurückzuweisendes, noch ist sie etwas, woran der Mensch sich hingeben und in dessen Genussmitteln er aufgehen soll. Hier findet weder ausschließlich ein Aufbauprozess statt, noch herrscht einseitig das Unheil. Sie zu meiden ist ebenso wenig angemessen, wie es richtig wäre, völlig in ihr aufzugehen. Sie ist weder durch und durch schmutzig und unrein, noch ist sie gänzlich rein und frei von jeder Unreinheit. Das Verhältnis des Menschen zu dieser Welt gleicht auch nicht dem Verhältnis eines Königs zu seinem eigenen Königreich. Ebenso wenig gleicht es dem Verhältnis eines Gefangenen zu einem Gefängnis. Der Mensch ist nicht so gering, dass irgendeine Kraft der Welt seiner Niederwerfung würdig wäre; zugleich ist er aber auch nicht so mächtig und einflussreich, dass jedes Ding der Welt sich vor ihm niederwerfen würde. Er ist weder so unfähig und hilflos, dass sein persönlicher Wille und seine Absichten keinerlei Wert hätten, noch ist er so mächtig, dass sein eigener Wille und seine Neigung über allem stünden. Er ist weder der uneingeschränkte Herrscher über die Natur des Weltalls noch der hilflose Sklave von Millionen Herren. Sein eigentlicher Platz liegt in einer Stellung zwischen diesen äußersten Gegensätzen.

Bis hierher weisen uns die Natur und das gesunde Gewissen den Weg. Doch der Islam geht noch weiter und bestimmt unmissverständlich, worin die wahre Würde des Menschen besteht. Er erklärt: Welche Art von Beziehung besteht zwischen dem Menschen und der Welt? Mit welchem Gedanken soll der Mensch die Welt nutzen und genießen? Er öffnet dem Menschen die Augen, indem er ihm sagt: Du bist nicht wie die übrigen Geschöpfe. Vielmehr bist du auf Erden der verantwortliche Stellvertreter Allahs, des Herrn der Welten (Vizekönig). Die Welt und ihre Kräfte sind dir unterstellt worden. Du bist der Herrscher über alle, doch einem Einzigen unterworfen; du bist allen gegenüber gehorsam, doch nur einem Einzigen folgsam. Du besitzt Vorrang vor der gesamten Schöpfung. Doch diese Würde kannst du nur dann beanspruchen, wenn du demjenigen untergeordnet und gehorsam bist, der dich mit der Würde der Stellvertretung bekleidet und dir dadurch diese Ehre auf Erden verliehen hat, und wenn du den von Ihm gegebenen Geboten und Vorschriften folgst. Du bist auf die Erde gesandt worden, damit du sie nutzt und genießt. Was immer du dann im irdischen Leben an Gutem oder Bösem, an Richtigem oder Falschem tust – auf dieser Grundlage wirst du im jenseitigen Leben Gutes oder Böses erfahren. Deshalb sollte in dir während dieses vergänglichen Lebens auf Erden stets das Bewusstsein persönlicher Verantwortung und Rechenschaftspflicht wach sein, und du solltest keinen Augenblick vergessen, dass über jeden einzelnen Gegenstand, den Allah, der Herr der Welten, dir als Seinem Stellvertreter anvertraut hat, eine genaue Rechenschaft abgelegt werden muss.

Es besteht kein Zweifel daran, dass diese Vorstellung nicht in umfassender und detaillierter Form im Bewusstsein jedes Muslims lebendig ist. Ja, abgesehen von einem bestimmten Teil der gebildeten Schichten besitzt niemand eine klare Vorstellung davon. Doch weil diese Vorstellung im innersten Kern der islamischen Kultur verankert ist, sind die Muslime, selbst wenn ihr Charakter weit von seiner wahren Würde und seinen eigentlichen Eigenschaften abgewichen ist, bis heute keineswegs völlig ihrem Einfluss entkommen. Wie niedrig auch immer das Verhalten und die Handlungen eines Muslims, der im Einflussbereich der islamischen Kultur aufgewachsen ist, durch äußere Einflüsse geworden sein mögen: Das Gefühl der Selbstachtung und Selbstwürde, sich vor niemandem außer Allah zu verbeugen, niemanden außer Allah zu fürchten, außer Allah niemanden als Eigentümer und Herrn anzusehen, sich auf Erden persönlich verantwortlich zu fühlen, daran zu glauben, dass die Welt das Feld des Handelns und das Jenseits das Feld der Vergeltung ist, die Vorstellung, dass Erfolg und Misserfolg im Jenseits allein von der Güte oder Schlechtigkeit der persönlichen Werke abhängen, sowie die Überzeugung, dass die Welt, ihr Reichtum und ihre Genussmittel vergänglich, allein die persönlichen Werke aber und ihre Folgen ewig sind – all diese Dinge werden unweigerlich in jede seiner Adern eindringen. Und ein scharfsichtiger Mensch wird den Einfluss dieses im Innersten seiner Seele und seines Herzens fest verwurzelten Glaubens und dieser Überzeugung – wie schwach er auch sein mag – in seinen Worten und seinem Handeln wahrnehmen.

Wer die Geschichte der islamischen Kultur untersucht, kann deutlich erkennen, dass sie, solange in ihr der wahre Islam im umfassenden Sinne gegenwärtig war, eine durch und durch praktische Kultur war. Für ihre Anhänger war die Welt gleichsam das Feld des Jenseits. Sie bemühten sich, jeden Augenblick ihres irdischen Lebens für die Bestellung dieses Feldes, für die Aussaat und ähnliche Tätigkeiten aufzuwenden, damit sie im jenseitigen Leben eine größere Ernte einbringen könnten. Sie nutzten die Welt in einem ausgewogenen Zustand zwischen Askese und Hedonismus – einen solchen harmonischen Ausgleich findet unser Blick in keiner anderen Kultur auch nur annähernd. Die Vorstellung vom Kalifat Allahs ermutigte sie, sich vollständig in das irdische Leben einzubringen und seine Angelegenheiten mit größtem Einsatz zu erledigen; zugleich ließ das Bewusstsein der Verantwortung und der Rechenschaftspflicht sie niemals die Grenzen überschreiten. Als Stellvertreter Allahs besaßen sie ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Gerade diese Vorstellung hielt sie jedoch auch davon ab, hochmütig und arrogant zu werden. Sie waren jedem weltlichen Gut zugeneigt, das für die ordnungsgemäße Erfüllung der Pflichten des Kalifats erforderlich war. Zugleich empfanden sie keinerlei Zuneigung zu den Dingen, die den Menschen in weltlichen Prunk versinken lassen und ihn seine Verantwortung und seine Pflichten vergessen machen. Kurz gesagt: Sie führten die Angelegenheiten der Welt so, als würden sie nicht für immer hier bleiben; zugleich hielten sie sich von der Hingabe an ihren Prunk fern, weil sie diese Welt als eine Herberge für Reisende betrachteten, in der sie sich nur vorübergehend für einige Tage niedergelassen hatten.

Später, als der Einfluss des Islam nachließ und die Muslime von anderen Kulturen beeinflusst wurden, blieben die vollständigen islamischen Eigenschaften in ihrem Charakter nicht mehr erhalten. Infolgedessen taten sie alles, was den islamischen Vorstellungen vom irdischen Leben widersprach. Sie gaben sich Luxus und Ausschweifungen hin. Sie errichteten gewaltige Bauwerke. Sie fühlten sich zur Musik, zur Malerei, zur Bildhauerei und zu den schönen Künsten hingezogen. In ihrer Gesellschaft und ihren Bräuchen gewöhnten sie sich an Verschwendung und Prunk, die dem islamischen Geschmack völlig entgegengesetzt waren. Bei der Staatsführung, in der Politik und in anderen weltlichen Angelegenheiten folgten sie vollständig unislamischen Methoden. Trotzdem zeigte sich irgendwo immer wieder deutlich der Einfluss der islamischen Vorstellung vom irdischen Leben, die sich in ihren Herzen fest verwurzelt hatte. Und gerade dieser Einfluss verlieh ihnen im Vergleich zu anderen eine besondere Würde. Ein muslimischer König errichtete am Ufer der Yamuna ein gewaltiges Bauwerk und stattete es mit allerlei Einrichtungen für Vergnügen, Unterhaltung und Prunk aus, die zu jener Zeit unvorstellbar waren. Doch an der Rückseite des erfreulichsten Vergnügungsortes dieses Bauwerks, also auf der Seite der Qibla, wurde dieses Gedicht eingemeißelt:

„Deine Füße sind gefesselt, dein Herz ist verschlossen,

deine Augen vom Feuer versengt und deine Füße von Dornen verwundet;

du wünschst, nach Westen zu reisen,

doch du gehst mit dem Gesicht nach Osten gewandt,“

Wer bist du, der du das Ziel hinter dir lässt und weitergehst?

Sei noch wachsam.”

Dieser Palast war hinsichtlich seiner eigenen Merkmale keineswegs unübertroffen. Prächtigere Paläste findet man bei anderen Völkern der Welt. Doch unter keinem anderen Volk der Welt findet sich ein Beispiel für eine solche Denkweise, die jene, die auf Erden das Paradies erbauen, mit den Worten warnt: „Wer bist du, der du das Ziel hinter dir lässt und ins Ungewisse weitergehst? Sei wachsam.“¹

¹. Dies bezieht sich auf das Rote Fort in Delhi.

In der islamischen Geschichte finden sich unzählige Beispiele dafür, dass selbst Herrscher von Reichen nach der Art eines Kaisar oder Kisra, statt durch die Niederwerfung eines Feindes ihren Machtstolz zur Schau zu stellen, sich vor dem allmächtigen Allah in der Niederwerfung zu Boden geworfen haben. Wenn große tyrannische und hochmütige Herrscher dem islamischen Scharia-Recht zuwiderhandeln wollten, trat irgendein Diener Allahs ihnen offen entgegen; daraufhin erzitterten sie aus Furcht vor Allah. Selbst ausgesprochen übeltätige und sittenlose Menschen wurden durch ein ganz gewöhnliches Wort zur Besinnung gebracht, und sogleich veränderte sich die Ausrichtung ihres Lebens. Menschen, die von der Fülle irdischen Reichtums bezaubert waren, fassten den Gedanken an die Vergänglichkeit der Welt und an die Befragung im Jenseits, und sogleich verteilten sie alles unter den Dienern Allahs und nahmen ein gemäßigtes, vorbildliches Leben an. Kurz gesagt: Wie stark auch immer unislamische Einflüsse im Leben der Muslime Fuß gefasst haben mögen, in jedem Bereich ihres nationalen Lebens wird Ihnen das Leuchten der islamischen Lehre in irgendeiner Form unweigerlich sichtbar werden. Und beim Anblick dessen wird es Ihnen vorkommen, als sei plötzlich Licht in der Finsternis erschienen.

 

।।Zwei।।

Das Ziel des Lebens

Nach der Lebensanschauung lautet die zweite besonders wichtige Frage zur Bestimmung des Aufstiegs oder Niedergangs einer Kultur: Welches Ziel stellt sie dem Menschen vor Augen? Diese Frage ist deshalb wichtig, weil alle Wünsche und Bestrebungen sowie alle praktischen Bemühungen des Menschen dem Ziel folgen, das er sich als Ziel und Zweck gesetzt hat. Von der Reinheit oder Unreinheit dieses Ziels hängen die Güte oder Verderbtheit seiner geistigen Haltung sowie die Lauterkeit oder Unlauterkeit seiner Lebensweise ab. Von seinem Aufstieg oder Niedergang hängen der Aufstieg oder Niedergang seines Denkens und seiner geistigen Strömungen, die Vortrefflichkeit oder Minderwertigkeit seines sittlichen Charakters sowie der Fortschritt oder Rückschritt von Wirtschaft und Gesellschaft ab. Von seiner Klarheit und Bestimmtheit hängen die Geschlossenheit oder Zerstreutheit der Wünsche und Gedanken des Menschen, die Ordnung oder Unordnung all seiner Lebensbetätigungen sowie die Bündelung oder Zersplitterung seiner Kräfte, Fähigkeiten und Begabungen auf einen Mittelpunkt ab. Mit einem Wort: Dank dieses Lebensziels wählt der Mensch aus den verschiedenen Wegen des Denkens und Handelns einen einzigen Weg aus und setzt seine körperlichen und geistigen Kräfte sowie seine materiellen und geistigen Mittel auf diesem Weg ein. Um daher eine Kultur nach einem unfehlbaren Maßstab zu beurteilen, ist es für uns unbedingt erforderlich, ihr grundlegendes Ziel zu ergründen.

Die wesentlichen Merkmale eines richtigen Gesamtziels:

Bevor wir jedoch die Erörterung und Untersuchung aufnehmen, sollten wir zunächst bestimmen, was unter dem Ziel einer Kultur zu verstehen ist. Es ist offensichtlich, dass wir mit dem Wort „Kultur“ nicht unsere persönliche Kultur meinen, sondern unsere Gesamtkultur. Deshalb kann das Ziel des persönlichen Lebens jedes Einzelnen nicht das Ziel der Kultur sein. Umgekehrt ist es jedoch unbedingt erforderlich, dass das Ziel einer Kultur zum Ziel des persönlichen Lebens eines jeden ihrer Anhänger wird, unabhängig davon, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Aus dieser Sicht ist das Ziel, das bewusst oder unbewusst dem gemeinsamen Gesamtleben einer großen Gruppe von Menschen zugrunde liegt, das Ziel der Kultur. Dieses Ziel muss gegenüber den persönlichen Lebenszielen der Menschen einen solchen Vorrang besitzen, dass jeder Einzelne dieses gemeinsame Lebensziel als sein eigenes Lebensziel annimmt.

Eine unerlässliche Bedingung für ein solches gemeinsames Lebensziel besteht darin, dass es mit den persönlichen Lebenszielen der Menschen vollkommen übereinstimmt und in sich die Eignung besitzt, zugleich persönliches und gemeinsames Lebensziel zu sein. Denn wenn das gemeinsame Lebensziel den persönlichen Lebenszielen der Menschen entgegensteht, wird es schon grundsätzlich schwierig sein, dass es überhaupt zu einem gemeinsamen Lebensziel wird. Eine Denkweise, die die Menschen persönlich nicht annehmen, kann niemals den Rang einer gemeinsamen Denkweise erlangen. Sollte sie unter dem Einfluss eines übermächtigen Feindes dennoch zu einem gemeinsamen Lebensziel werden, wird zwischen dem Lebensziel des Einzelnen und dem Lebensziel der Gesellschaft unbewusst fortwährend ein Konflikt bestehen. Sobald dann der Einfluss jener siegreichen Macht nachlässt, werden sich die Menschen wieder ihren eigenen Lebenszielen zuwenden. Damit wird auch das Lebensziel der Gesellschaft verschwinden. Die Anziehungskraft und verbindende Kraft der Gesellschaft werden erlöschen, und schließlich wird von der Kultur nicht einmal mehr eine Spur bleiben. Deshalb kann das natürliche Lebensziel des Menschen in Wirklichkeit genau das richtige Ziel der Kultur sein. Das eigentliche Merkmal jeder Kultur besteht darin, dass sie ein gemeinsames Lebensziel vorlegen muss, das zugleich genau das persönliche Lebensziel sein kann.

Aus dieser Sicht stellen sich uns zwei Fragen, und ohne ihre Klärung können wir nicht weitergehen:

Erstens: Was ist unter natürlichen Bedingungen das persönliche Lebensziel des Menschen?

Zweitens: Inwieweit stimmen die Ziele, welche die anderen Kulturen der Welt vorgelegt haben, mit diesem natürlichen Lebensziel des Menschen überein?

Das natürliche Lebensziel des Menschen

Die Frage nach dem natürlichen Lebensziel des Menschen lautet: Zu welchem Zweck strebt und bemüht sich der Mensch von Natur aus in dieser Welt, und wonach verlangt sein Wesen? Wenn Sie jeden Einzelnen fragen, was sein Ziel im Leben sei, werden Sie von verschiedenen Menschen unterschiedliche Antworten erhalten. Und vermutlich werden Sie nicht einmal zwei Menschen finden, deren Ziel, Wünsche und Hoffnungen völlig gleich und identisch sind. Wenn Sie jedoch alle Antworten analysieren, werden Sie feststellen, dass die Dinge, die die Menschen als ihre Ziele bezeichnen, überhaupt keine eigentlichen Ziele, sondern lediglich Mittel zum Erreichen eines bestimmten Ziels sind; und dieses besondere Ziel ist Behaglichkeit und seelische Ruhe. Ganz gleich, wie hoch entwickelt der einzelne Mensch in seinem Denken und Verstand ist, wie kultiviert er auch sein mag und auf welchem Gebiet des Lebens er tätig ist – all seinen Anstrengungen liegt ein einziges Ziel zugrunde: Er möchte Frieden, Sicherheit, Freude und Sorgenfreiheit erlangen. Daher können wir dies als das natürliche Lebensziel des einzelnen Menschen bezeichnen.

Zwei populäre übergeordnete Lebensziele und ihre Untersuchung

Bei einer eingehenden Prüfung der übergeordneten Ziele, die die verschiedenen Kulturen der Welt vorgelegt haben, wird man feststellen, dass zwischen ihnen große Unterschiede bestehen. Es ist weder unser Ziel noch überhaupt möglich, diese hier im Einzelnen festzustellen. Vom Standpunkt der Grundprinzipien aus können wir sie jedoch in zwei Gruppen einteilen:

Erstens: Die Kulturen, deren Grundlage nicht auf einer religiösen oder geistigen Weltanschauung beruht, haben ihren Anhängern das Ziel vorgegeben, Überlegenheit und Vorrang zu erlangen. Dieses Ziel setzt sich aus einigen grundlegenden Elementen zusammen. Seine besonderen und wichtigen Elemente sind folgende:

* Das Streben nach politischem Vorrang und politischer Vorherrschaft.

* Das Streben, beim Reichtum alle anderen zu übertreffen, sei es durch die Eroberung von Ländern oder durch die Ausweitung der Vorherrschaft auf dem Gebiet von Industrie und Handel.

* Der Wunsch, beim gesellschaftlichen Fortschritt allen anderen voraus zu sein, sei es auf dem Gebiet von Wissen, Wissenschaft und Kunst oder hinsichtlich von Glanz und Pracht im Bereich von Kultur und Zivilisation.

Auf den ersten Blick scheint dieses übergeordnete Lebensziel dem zuvor genannten persönlichen Lebensziel nicht entgegenzustehen. Denn ohne das geringste Nachdenken kann man sagen, dass mit der Festlegung dieses Ziels für die Gesellschaft zugleich auch das Lebensziel des Einzelnen bestimmt ist. Gerade wegen dieses äußeren Anscheins dieses Ziels lösen Millionen und Abermillionen Menschen einer Nation ihr persönliches Lebensziel darin auf. Doch Weitblick und praktische Erfahrung haben erwiesen, dass dieses übergeordnete Ziel in Wirklichkeit dem natürlichen Lebensziel des Einzelnen völlig widerspricht. Es ist offenkundig, dass es auf der Welt nicht nur eine Nation gibt, die nach Vorrang und Überlegenheit strebt; vielmehr verfolgen mehrere Nationen in derselben Epoche dieses Ziel und bemühen sich alle, es zu erreichen. Die unvermeidliche Folge davon ist, dass zwischen ihnen heftige politische, wirtschaftliche und zivilisatorische Konflikte entstehen, ein gewaltiger Tumult aus Widerstand, Wettbewerb und Rivalität ausbricht und es in diesem Lärm und dieser Unordnung nahezu unmöglich wird, dass der Einzelne Frieden, Ruhe, Behaglichkeit und seelische Ausgeglichenheit erlangt. Genau dieser Zustand herrscht heute vor unseren Augen in den westlichen Ländern. Selbst wenn man annimmt, dass in irgendeiner Epoche nur eine einzige Nation nach der Verwirklichung dieses Ziels streben und keine andere Nation ihr dabei im Wege stehen würde, wäre es dennoch nicht möglich, dass mit seinem Erfolg die persönlichen Lebensziele der Menschen verwirklicht würden. Denn es liegt in der Natur eines solchen übergeordneten Ziels, dass es nicht nur internationale Rivalität hervorruft, sondern auch unter den Angehörigen einer Nation den Geist gegenseitiger Konkurrenz weckt. Infolgedessen wird das Streben, die Angehörigen anderer Nationen zu beherrschen, bei Reichtum, Herrschaft, Macht, Pracht und Luxus alle anderen zu übertreffen, die Schlüssel zu deren Lebensunterhalt in der eigenen Hand zu halten, ein eigenes Monopol über alle möglichen Mittel und Wege des Gelderwerbs zu errichten, den Gewinn und den eigenen Vorteil für sich selbst zu beanspruchen und Verlust und Misserfolg anderen aufzubürden sowie sich selbst zum Herrscher und die anderen zu Untergebenen und gehorsamen Dienern zu machen, zum Lebensziel jedes Einzelnen dieser Nation. Erstens finden die Wünsche und Begierden solcher Menschen nirgends Befriedigung; deshalb bleiben sie ständig unruhig und unsicher. Zweitens wird jedes Haus und jeder Markt zu einem Schlachtfeld, sobald diese Art von Rivalität unter den Angehörigen einer Nation entsteht. Daher werden, ganz gleich, wie große Mengen an Reichtum, Herrschaft und Luxus auch angehäuft werden mögen, Frieden und Ruhe, Sicherheit und Unbesorgtheit, Freude und Behaglichkeit äußerst selten.

Außerdem ist es eine natürliche Tatsache, dass rein materieller Fortschritt – in dem die Spiritualität keinen Platz hat – dem Menschen niemals Ruhe schenken kann; denn bloß sinnliche Freude zu erlangen ist lediglich ein biologisches Ziel. Und wenn es wahr ist, dass der Mensch nicht nur ein gewöhnliches Lebewesen ist, sondern eine höhere Stellung einnimmt, dann muss ebenso gewiss wahr sein, dass der Mensch nicht allein dadurch zufrieden sein kann, dass er lediglich jene Dinge erlangt, deren Genuss zur Befriedigung rein biologischer Wünsche ausreicht.

Zweitens haben die Kulturen, deren Grundlage auf religiösen und spirituellen Vorstellungen beruht, im Allgemeinen die Erlösung oder das Heil zu ihrem Ziel erklärt. Zweifellos ist in diesem Ziel jenes spirituelle Element enthalten, das dem Menschen Trost und seelische Ruhe schenkt. Und es stimmt, dass die Erlösung durchaus das Ziel einer Nation sein kann. Doch schon eine etwas eingehendere Prüfung zeigt, dass auch sie im Grunde kein vollkommen richtiges Lebensziel sein kann. Dafür gibt es einige Gründe.

Erstens liegt im Ziel der Erlösung eine gewisse Selbstbezogenheit verborgen. Ihr Wesen besteht darin, das Ganze zu schwächen und die Individualität zu stärken. Wenn der einzelne Mensch durch die Verrichtung einiger besonderer Handlungen Erlösung erlangen kann, bleibt in diesem Ziel nichts, was ihn dazu anleiten könnte, statt der Selbstbezogenheit dem Ganzen den gebührenden Wert beizumessen, es zu ordnen und den Einzelnen dazu zu bewegen, gemeinsam mit der Gesellschaft dieselben Handlungsgrundsätze zu verfolgen. Daher steht diese Vorstellung der Selbstbezogenheit dem eigentlichen Ziel der Kultur völlig entgegen.

Zweitens ist die Frage der Erlösung in Wirklichkeit eng mit dem Weg zu ihrer Erlangung verbunden. Ob dieses Ziel rein oder unrein ist, hängt daher in hohem Maße von der Reinheit oder Unreinheit des zu seiner Verwirklichung entwickelten Weges ab. So können beispielsweise in den Religionen, die den Verzicht auf die Welt und die Askese als Weg zur Erlösung vorschreiben, weder das persönliche Leben noch das gesellschaftliche Ganze die Erlösung zum Ziel haben. Die Anhänger solcher Religionen sahen sich schließlich gezwungen, den Din von der Welt zu trennen und für die Erlösung der weltlich gesinnten Menschen mittelbare Wege zu entwickeln, etwa den Dienst an religiösen Menschen, Buße und Ähnliches. Das Ergebnis war, dass dieses Ziel nicht länger ein gemeinsames Ziel von Einzelperson und Gesellschaft war. Zweitens blieb für die gesamte Gesellschaft – mit Ausnahme einer unbedeutenden Zahl religiöser Menschen – in diesem Ziel keine solche Erhabenheit, Bedeutung und Anziehungskraft, die es hätte bewahren können. Deshalb gaben alle weltlich gesinnten Menschen es auf und wandten sich dem zuvor erwähnten materiellen Ziel zu. Andererseits bleibt unter den Religionen, die die Erlösung von der Zufriedenheit verschiedener Götter und verehrter Wesen abhängig machen, keine Einheit bestehen. Verschiedene Gruppen wenden sich verschiedenen verehrten Wesen zu, und die eigentliche Einheit, die innerhalb des Ziels hergestellt werden sollte und durch deren verbindendes Band alle Anhänger miteinander verknüpft werden sollten – gerade diese eigentliche Aufgabe der Kultur bleibt unerfüllt. Daher müssen auch die Anhänger solcher Religionen, wenn sie den Weg des weltlichen Fortschritts beschreiten und ihre Gesellschaft fest zusammenfügen wollen, ein anderes Ziel annehmen.

Es gibt noch eine andere Art von Religion, deren Ruf sich nicht an die gesamte Menschheit richtet, sondern an ein bestimmtes Geschlecht oder einen bestimmten Stamm beziehungsweise an ein Volk, das in einem bestimmten geografischen Gebiet lebt. Dementsprechend ist die Erlösung nach ihrer Auffassung ausschließlich für diesen besonderen Stamm oder dieses besondere Volk bestimmt. Dieses Ziel kann zweifellos in der frühen Entwicklungsphase von Kultur und Zivilisation zu einem sinnvollen gemeinsamen Ziel werden. Doch vor dem Maßstab einer fehlerfreien Urteilskraft besteht auch dieses Ziel die Prüfung nicht vollständig. Insbesondere widerspricht es dem menschlichen Gewissen und Verstand, anzunehmen, dass die Erlösung ausschließlich für einen bestimmten Stamm bestimmt sei. Deshalb lehnen sich die Anhänger solcher Religionen, sobald sie auf dem Weg der intellektuellen Entwicklung einige Schritte vorangekommen sind, selbst gegen dieses Ziel auf, löschen es aus ihrem Herzen und nehmen ein anderes Ziel an.

Drittens: So heilig das Ziel der Erlösung auch aus religiöser und spiritueller Sicht erscheinen mag, aus weltlicher Sicht findet sich in ihm nichts, was eine Nation inspirieren oder das für den nationalen Fortschritt notwendige Bewusstsein, den Antrieb, die Kraft und die Tatkraft hervorbringen könnte. Deshalb hat bis heute keine fortschrittsorientierte Nation es zu ihrem gemeinsamen Ziel gemacht; vielmehr hat es unter jenen Völkern, deren Religion ausschließlich dieses eine Ziel vorgab, stets den Rang eines persönlichen Ziels behalten.

Aus all diesen Gründen bestehen weder das materielle noch das spirituelle Ziel vor dem Maßstab einer fehlerfreien Beurteilung vollständig. Nun werden wir betrachten, was die islamische Kultur zu ihrem Ziel erklärt hat und welche Eigenschaften es als ein vollkommen richtiges Ziel begründet haben.

Das Ziel der islamischen Kultur und seine Merkmale:

Gleich zu Beginn dieser Erörterung muss man sich gut vor Augen halten, dass die Frage nach dem Lebensziel in Wirklichkeit eng mit der Frage nach der Lebensanschauung verbunden ist. Die Vorstellung, die wir vom irdischen Leben haben, und die Lehre, an die wir hinsichtlich unseres eigenen Ranges in der Welt und des Ranges der Welt für uns glauben, bestimmen ganz natürlich ein Ziel des Lebens und setzen all unsere Kräfte und Fähigkeiten für die Erreichung dieses Ziels ein. Wenn wir die Welt als eine Weide betrachten und das Leben als eine Gelegenheit, die lediglich der Befriedigung durch Essen und Trinken sowie durch weltliche Genüsse dient, wird diese biologische Vorstellung zweifellos in uns ein biologisches Lebensziel wecken, und wir werden unser ganzes Leben lang nur danach streben, Mittel zur Befriedigung der Sinne zu sammeln. Wenn wir uns dagegen als von Geburt an Schuldige und unserem Wesen nach Sünder betrachten und aufgrund dieser angeborenen Schuld diese Welt als unser Gefängnis und unseren Kerker ansehen, wird in uns die Sehnsucht erwachen, aus diesem Gefangenendasein befreit zu werden, und deshalb werden wir die Erlösung zu unserem Lebensziel erklären. Wenn unsere Vorstellung von der Welt jedoch über die einer Weide und eines Gefängnisses hinausgeht und wir uns als Menschen für höherstehend halten als gewöhnliche Lebewesen und Verbrecher, dann werden wir gewiss nach einem Ziel suchen, das höher ist als die beiden Ziele – die Suche nach materiellen Genussmitteln und die Erlösung –, und unser Blick wird sich nicht auf etwas Unbedeutendes oder Wertloses richten.

Wenn Sie diese Regel vor Augen haben und sehen, dass der Islam den Menschen zum Statthalter Allahs und zu Seinem Stellvertreter auf Erden erklärt hat, werden Sie von Ihrem Verstand und Ihrer Vernunft ganz von selbst zu dem Ziel gelangen, das sich aus dieser Lebensanschauung natürlicherweise ergeben kann und ergeben sollte. Welches andere Ziel kann ein Stellvertreter haben, als die Zufriedenheit und das Wohlgefallen seines Herrn zu erlangen und in dessen Augen als ein guter, gehorsamer, treuer und pflichtbewusster Diener zu gelten? Wenn er wahrhaftig und von guten Absichten erfüllt ist, kann dann etwas anderes sein Ziel sein, als durch den Gehorsam gegenüber seinem Herrn dessen Wohlgefallen zu erlangen? Wird er seine Pflichten erfüllen, weil er sich von der Aussicht auf eine Erhöhung seines Lohns, auf persönlichen Vorteil, Beförderung oder eine Belohnung oder auf die Steigerung von Ruhm, Ansehen und Rang verführen lässt? Wenn der Herr ihm diese Dinge aus eigenem Wohlwollen gewährt, ist das etwas anderes. Der Herr kann ihm auch zusichern, sie ihm als Gegenleistung für gute Dienste zu geben; ja, der Diener kann sogar wissen, dass sein Herr ihn bei gewissenhafter Pflichterfüllung erfreuen und ihm diese oder jene Belohnung gewähren wird. Wenn er jedoch die Belohnung zu seinem eigenen Ziel macht und seine Pflichten lediglich zum Zweck des persönlichen Vorteils erfüllt, würde dann irgendein vernünftiger Mensch einen solchen Diener als pflichtbewusst bezeichnen? Anhand dieses Beispiels können Sie auch das Verhältnis zwischen Allah und Seinem Stellvertreter verstehen. Wenn der Mensch auf Erden Allahs Stellvertreter ist, welches andere Lebensziel kann er dann haben, als Allahs Wohlgefallen und Zufriedenheit zu erlangen?

„Ja, wer sich Allah ergeben hat und rechtschaffen handelt, dessen Lohn ist bei seinem Herrn. Für solche Menschen gibt es keine Furcht, und sie werden auch nicht traurig sein.“ – (Sure al-Baqara: 112)

„Wisset: Nur im Gedenken an Allah finden die Herzen Ruhe und Gewissheit.“ – (Sure ar-Raʿd: 28)

Das Zweite, was der Mensch im diesseitigen Leben erlangen möchte, ist Bequemlichkeit, das heißt ein von Sorgen und Ängsten freies Leben. Der Koran sagt, dass auch dies ganz natürlich erlangt wird, wenn man an Allah glaubt, sich vor Seinem Zorn hütet und um Seinetwillen Gottesfurcht und Rechtschaffenheit übt.

„Wenn die Bewohner dieser Städte geglaubt und Gottesfurcht geübt hätten, hätten Wir ihnen gewiss die Tore des Segens vom Himmel und von der Erde geöffnet.“ – (Sure al-Aʿraf: 96)

„Wer rechtschaffen handelt und gläubig ist – sei es ein Mann oder eine Frau –, dem werden Wir gewiss ein angenehmes Leben gewähren. Und solchen Menschen werden Wir gewiss einen weit besseren Lohn geben, als es ihren Taten entspricht.“ – (Sure an-Nahl: 97)

Das Dritte, wonach der Mensch am meisten verlangt und was er am sehnlichsten begehrt, sind staatliche Macht und Herrschaft sowie Einfluss und hoher Rang. Der Koran sagt: Erweist euch Allah ganz ergeben, dann wird dieser Reichtum von selbst zu euren Füßen gelangen.

„Wer Allah, Seinen Gesandten und die Gläubigen zum Freund nimmt, (hat sich Allahs Partei angeschlossen); und Allahs Partei wird gewiss siegreich sein.“ – (Sure al-Maʾida: 56)

„Wir haben nach der Ermahnung und Belehrung im Zabur niedergeschrieben, dass Unsere rechtschaffenen Diener die Erben der Erde sein werden.“

„Allah hat denen unter euch, die gläubig sind und gute Werke tun, versprochen, dass Er ihnen gewiss die Statthalterschaft auf der Erde verleihen wird, so wie Er die Menschen vor ihnen zu Statthaltern gemacht hat. Und Er wird gewiss die Religion, die Er für sie erwählt hat, festigen und ihnen nach ihrer Angst Sicherheit gewähren.“ – (Sure an-Nur: 55)

Ebenso ist die Erlösung im jenseitigen Leben der sehnlichste Wunsch des Menschen. Auch darüber sagt der Koran, dass sie allein die Folge der Erlangung von Allahs Wohlgefallen ist:

„O du beruhigte Seele, kehre zu deinem Herrn zurück, während du mit Ihm zufrieden bist und Er mit dir zufrieden ist; tritt dann in die Schar Meiner Diener ein und gehe in Mein Paradies ein.“ – (Sure al-Fadschr: 27–30)

Daraus wurde ersichtlich, dass der Islam all jene Dinge, die andere als begehrenswert und erstrebenswert erklärt haben, nicht einmal in Betracht gezogen hat. Vielmehr hat er gerade das zu seinem Ziel gemacht, durch dessen Erlangung all diese Dinge von selbst erreicht werden. Der Muslim wird sein Herz nicht einmal für einen Augenblick mit der Suche nach den Dingen beschäftigen, die andere als ihre Ziele bezeichnen; in seinen Augen ist dies nicht im Geringsten sinnvoll. Vor ihm steht vielmehr ein großes, erhabenes Ziel, das höher und edler ist als all jene Ziele und als jedes Ding in der Schöpfung. Er weiß sehr wohl, dass er, sobald er dieses höchste Ziel erreicht, alles, was ihm untergeordnet ist, von selbst erlangen wird. So wie beim Aufstieg in das oberste Stockwerk eines Gebäudes die dazwischenliegenden Stockwerke unter den Füßen des Aufsteigenden liegen, sieht der Muslim, sobald er sein Ziel erreicht, genau diesen Zustand vor sich.

Sechstens: Taqwa als beste Motivation zu rechtschaffenem Handeln – Ein weiteres Merkmal dieses Ziels besteht darin, dass gerade dieses Ziel die einzige edle und reine Zielsetzung sein kann, durch die der Mensch dazu angespornt wird, den hohen Maßstab an Gottesfurcht und Rechtschaffenheit einzuhalten, den der Islam aufgestellt hat, sowie die von ihm dafür vorgelegten Bestimmungen über Recht und Unrecht zu befolgen.

Es gibt viele Menschen, die sagen, gute Taten in dieser Welt sollten allein deshalb getan werden, weil sie gute Taten sind, und schlechte Taten sollten allein deshalb gemieden werden, weil sie schlechte Taten sind. Doch diejenigen, die so sprechen, kennen nicht einmal die eigentliche Bedeutung dieser Aussage. Gute Taten allein um der guten Taten willen zu tun, bedeutet, dass zwischen guten Taten und irgendeinem Wohl oder Nutzen kein Zusammenhang besteht; eine gute Tat sei eben eine gute Tat und könne gerade deshalb ein Ziel des Menschen sein. Ebenso bedeutet es, sich nur um des Schlechten willen vom Schlechten fernzuhalten, dass das Schlechte, losgelöst von jedem Schaden und Übel, schon seinem eigenen Wesen nach schlecht sei, als könne allein sein Charakter für den Menschen ein Grund sein, es zu meiden. In Wirklichkeit gibt es für die Menschen dieser Welt jedoch keine völlig reinen guten Taten, die frei wären von einem Nutzen oder Wohl, das der menschlichen Person zugutekommen kann. Ebenso gibt es keine völlig reinen schlechten Taten, die frei wären von einer Schädlichkeit, durch die die menschliche Person beeinträchtigt wird. Vielmehr ist es eine Tatsache, dass die Vorstellungen von Gut und Schlecht im Menschen aus der Erfahrung von Gewinn und Verlust beziehungsweise von Nutzen und Schaden entstanden sind. Eine Handlung, durch die der Mensch tatsächlich irgendeinen Nutzen erfährt, bezeichnet er als gute Tat, selbst wenn sie äußerlich auch etwas Schädliches enthält. Und eine Handlung, durch die ihm tatsächlich irgendein Schaden zugefügt wird, bezeichnet er als schlechte Tat, selbst wenn sie äußerlich auch etwas Nützliches an sich hat. Wenn man eine Handlung von den Eigenschaften des Nutzens und des Schadens loslöst und sie nur als Handlung bestehen bleibt, können wir sie weder als gute noch als schlechte Tat bezeichnen. Zweifellos kann der Mensch, nachdem sich die Gewohnheit zu guten Taten gefestigt und er eine höhere geistige Entwicklungsstufe erreicht hat, trotz der Loslösung von der Vorstellung von Gewinn und Verlust gute Taten allein um der guten Taten willen tun und sich allein um des Schlechten willen vom Schlechten fernhalten. Doch erstens bedeutet dies lediglich ein Vergessen der Quelle von Wohl und Übel, nicht deren Beseitigung; zweitens ist es nur ein Aufstieg in den Himmel der Vorstellung, den die Philosophen erdacht haben – in Wirklichkeit ist es selbst den größten Wissenschaftlern bisher nicht vergönnt gewesen, diese Stufe zu erreichen. Wie können also gewöhnliche Menschen die bloße Ausübung guter Taten und die Vermeidung schlechter Taten zu ihrem eigenen Ziel machen?

Damit ist deutlich geworden, dass die Vorstellung von guten und schlechten Taten nicht von der Vorstellung von Gewinn und Verlust getrennt werden kann. Solange in einer guten Tat kein Nutzen verborgen liegt, kann sie für den Menschen nicht zum Guten sein. Ebenso kann eine schlechte Tat nicht als etwas bezeichnet werden, das gemieden werden muss, wenn in ihr keine Schädlichkeit verborgen liegt. Wenn wir nun Gottesfurcht und Rechtschaffenheit von der niedrigen Stufe des Eigennutzes auf die höhere Stufe der Uneigennützigkeit und Aufrichtigkeit erheben und sie als Grundlage eines unterschiedslosen und allgemeinen moralischen Gesetzes bezeichnen wollen, besteht der beste Weg darin, einen Maßstab für Gewinn und Verlust aufzustellen, der höher ist als Materialismus und Eigennutz. Auf dieser Grundlage soll eine gute Tat, selbst wenn sie von jeder Art weltlichen und menschlichen Schadens begleitet ist, in den Augen des Menschen allein deshalb als gut erscheinen, weil sie wohltätig ist; und eine sündhafte Tat soll, selbst wenn sie in jeder Hinsicht vorteilhaft ist, allein deshalb als schädlich gelten. Diesen Weg hat der Islam eingeschlagen. Er hat die Erlangung oder Nichterlangung von Allahs Wohlgefallen zum einzigen Maßstab für Gewinn und Verlust erklärt. Dieser Maßstab ist völlig frei von der Befleckung durch materiellen Eigennutz. Nach diesem Maßstab glaubt ein rechtschaffener Mensch, der um Allahs Wohlgefallen zu erlangen sein Leben, sein Vermögen, seine Kinder, seinen guten Ruf, seine Anerkennung und dergleichen opfert, dennoch, dass er Gewinn gemacht hat. Ein schlechter Mensch hingegen, der Allahs Zorn auf sich zieht und zugleich alle weltlichen und eigennützigen Vorteile erlangt, fürchtet dennoch, dass er sich im Verlust befindet. Gerade dies spornt den Menschen dazu an, gegenüber weltlichem Gewinn und Verlust gleichgültig zu werden und uneigennützig Gottesfurcht und Rechtschaffenheit anzunehmen.

Bislang wurden zwei Punkte erläutert. Erstens: Was hat der Islam zum Ziel des Lebens erklärt? Zweitens: Aus welchen Gründen wurde dies als ein vorzügliches Ziel betrachtet? Nun müssen wir uns dem dritten Aspekt dieser Frage zuwenden. Es geht darum, welche Rolle dieses Ziel dabei spielt, der islamischen Kultur die Gestalt einer eigenständigen Kultur zu verleihen, und welchen besonderen Rang es dieser Kultur gegeben hat.

Der Einfluss der Zielbestimmung auf die Festlegung der Methoden

Bereits zuvor wurde darauf hingewiesen, dass es in allen Angelegenheiten des Lebens ebenso notwendig ist, ein Ziel festzulegen, wie die Mittel zu bestimmen, durch die dieses Ziel erreicht werden soll. Eine Methode kann niemals auf einer anderen Grundlage als ihrer Beziehung zum Ziel festgelegt werden. Wenn jemand vor sich kein bestimmtes Ziel hat, außer ziellos umherzugehen, und lediglich den Staub von Straßen, Wegen und Gassen fegt, nennen wir ihn verrückt oder einen Landstreicher. Wenn er zwar ein Ziel verfolgt, unter den verschiedenen Wegen zu dessen Erreichung jedoch keinem bestimmten Weg folgt, sondern bereit ist, jeweils den Weg einzuschlagen, der ihm zielgerichtet erscheint, nennen wir auch ihn töricht. Denn wer versucht, einen bestimmten Ort auf zehn verschiedenen Wegen zu erreichen, kann nach vernünftigem Urteil niemals an sein Ziel gelangen. Ebenso halten wir jemanden nicht für klug, der eine bestimmte Sache als sein Ziel verkündet, zu ihrer Erlangung aber einen in die entgegengesetzte Richtung führenden Weg einschlägt. Denn er gleicht einem Beduinen, der auf dem Weg nach Turkestan aufbricht, um zur Kaaba zu gelangen. Für den praktischen Erfolg des Menschen ist es daher notwendig, zunächst ein Ziel für seinen Weg festzulegen, dann alle seine Wünsche und Bestrebungen auf dieses Ziel auszurichten, unter den verschiedenen Wegen zu diesem Ziel den besten einzuschlagen und alle übrigen Wege zu verwerfen.

Diese Auswahl und Verwerfung ist vollkommen vernünftig. Die Festlegung eines Ziels bedeutet, dass man den Weg einschlagen muss, der diesem Ziel besonders entspricht, und alle übrigen Wege meiden muss. Wenn ein kluger Mensch sich auf eine Reise begibt, schreitet er auf dem besten Weg zu seinem Ziel voran. Findet er während seiner Reise noch zehn oder zwanzig andere Wege, schenkt er ihnen nicht einmal Beachtung. Auf dem Weg zum Ziel eines klugen Schülers ist derjenige Wissenszweig, der am meisten dazu beiträgt, dieses Ziel zu erreichen, der Zweig, dem er sich widmet. Für andere Zweige, die damit nichts zu tun haben, möchte er seine Zeit nicht aufwenden. Ein kluger und vorausschauender Geschäftsmann wählt für sich die Geschäftsweise, die als das beste Mittel zum Erfolg gilt. Kapital in irgendeine beliebige Tätigkeit zu investieren und seine Arbeitskraft in irgendeinem beliebigen Beruf einzusetzen, hält er für töricht. Ein Kritiker kann bei dieser Auswahl und Verwerfung lediglich beurteilen, ob der eingeschlagene Weg der beste zur Erreichung des Ziels ist. Gegen die Auswahl und Verwerfung als solche kann jedoch kein Einwand erhoben werden.

Diese Wahrheit gilt ebenso für die Einzelheiten des Lebens wie für das gesamte Leben als Ganzes. Wenn ein Mensch kein Ziel für sein Leben verfolgt oder sein Ziel lediglich darin besteht, um des bloßen Weiterlebens willen zu leben, kann er zur Gestaltung seines Lebens jeden beliebigen Weg wählen. Für ihn ist es völlig bedeutungslos, zwischen den verschiedenen Wegen nach gut und schlecht, richtig und falsch oder vorzüglich und minderwertig zu unterscheiden; seine Wünsche und Bedürfnisse kann er nach Belieben befriedigen. Auch wenn die äußeren Ursachen und Wirkungen ihn bis zu einem gewissen Grad dazu zwingen, einem bestimmten Weg zu folgen, können sie ihn doch nicht dazu bringen, sein gesamtes Leben einer Ordnung, Disziplin und festen Regeln zu unterwerfen. Denn in ihm wird jeder grundlegende Antrieb zu Ordnung und Disziplin fehlen. Wenn er dagegen ein Ziel für sein Leben verfolgt oder, deutlicher gesagt, sich in seinem Geist ein vernünftiges menschliches Ziel fest eingeprägt hat, das über das dem Leben innewohnende biologische Ziel hinausgeht, wird er zwischen den verschiedenen Wegen selbstverständlich unterscheiden. Und wenn er tatsächlich ein vernünftiger Mensch ist, muss er unter den verschiedenen Wegen der Lebensführung denjenigen wählen, der zur Erreichung seines Ziels am geeignetsten ist. Nachdem er ein Ziel festgelegt hat, kann es für ihn keineswegs angemessen sein, bei der Wahl seiner Wege dieselbe Freiheit zu genießen wie ein Mensch ohne Ziel.

Erweitern wir dieses Prinzip nun ein wenig. Betrachten wir anstelle des Einzelnen die Gesellschaft: Auf eine Vielzahl von Menschen findet genau dasselbe Prinzip gleichermaßen Anwendung. Solange sich eine Gesellschaft noch auf der ursprünglichen Stufe der Zivilisation befindet und vor ihr kein hohes oder höheres Ziel steht, das über das dem Leben innewohnende biologische Ziel hinausgeht, bleibt sie in ihren Sitten und ihrer Lebensweise ebenso frei wie ein Mensch ohne Ziel. Wenn jedoch mit der fortschreitenden Entwicklung des Verstandes und dem Erreichen einer höheren Stufe der Zivilisation in ihr eine Kultur entsteht und diese Kultur ein vernünftiges Ziel für ihr gesamtes Leben festlegt, wird es im Hinblick auf dieses Ziel unbedingt notwendig, für Glaubensüberzeugungen, Denkweisen, geschäftliche Beziehungen, moralischen Charakter, gesellschaftliches Leben, Wirtschaft und dergleichen ein besonderes System zu entwickeln, die Anhänger dieser Kultur dazu zu bringen, diesem System zu folgen, und niemandem, der sich innerhalb seines Geltungsbereichs befindet, die Freiheit zu lassen, irgendeine außerhalb dieses Systems stehende Glaubensüberzeugung oder Handlungsweise anzunehmen.

Eine äußerst strenge Bewahrung der eigenen Ordnung und Regeln entspricht dem Wesen einer Kultur selbst. Eine Kultur, deren Bindungen in dieser Hinsicht gelockert werden und deren Ordnung und Regeln Schwäche und Nachlässigkeit aufweisen, kann niemals fortbestehen. Denn ihre Existenz hängt davon ab, dass ihre Anhänger die Glaubensüberzeugungen und Handlungsweisen befolgen, die sie hervorgebracht hat. Wenn die Anhänger ihren Glaubensüberzeugungen und Handlungsweisen nicht folgen und Denkweisen, Sitten, Bräuche und Verhaltensweisen, die außerhalb dieses Systems stehen, ihr praktisches Leben überwuchern, bleibt der Kultur faktisch keine Existenz mehr. Daher ist es für eine Kultur vollkommen gerechtfertigt, von ihren Anhängern die Befolgung des von ihr selbst entwickelten Systems zu verlangen und Druck auszuüben, damit sie den Kontakt zu anderen, außerhalb dieses Systems stehenden Systemen abbrechen. Ein Kritiker kann höchstens die Richtigkeit oder Unrichtigkeit ihres Ziels erörtern, beurteilen, ob dieses besondere Mittel für die Verwirklichung des Ziels geeignet ist, oder seine Meinung dazu äußern, ob die Befolgung dieses Systems unter allen Umständen möglich ist. Er kann jedoch keineswegs behaupten, dass die betreffende Kultur nicht berechtigt sei, von ihren Anhängern die Befolgung des von ihr selbst entwickelten Systems zu verlangen.

Wenn ferner das Prinzip anerkannt ist, dass der besondere Weg und die besondere Methode, die für das geistige und praktische Leben festgelegt werden, in Wirklichkeit von der Art des Ziels abhängen und dass die Verschiedenheit der Ziele notwendig auch eine Verschiedenheit der Wege und Methoden voraussetzt, dann muss man auch anerkennen, dass die praktischen und weltanschaulichen Systeme von Kulturen, deren Ziele in unterschiedliche Richtungen weisen, zwangsläufig voneinander verschieden sein müssen. Zwischen einzelnen Teilen dieser Systeme kann es Ähnlichkeiten geben, und einzelne Einzelheiten des einen Systems können in das andere gelangen; doch lässt sich aus solchen geringfügigen Ähnlichkeiten weder auf eine umfassende Gleichartigkeit schließen, noch wird durch die Übernahme einzelner Kleinigkeiten zwangsläufig das gesamte System übernommen.

Aus diesem Grundprinzip ergeben sich noch zwei weitere Folgerungen:

Die erste lautet: Zur Beurteilung des praktischen Systems einer Kultur, die ein bestimmtes Ziel verfolgt, kann nicht das System einer Kultur mit einem anderen Ziel als Maßstab herangezogen werden. Mit anderen Worten: Die Methode kann nicht dadurch als stichhaltig oder fehlerhaft beurteilt werden, ob sie einer anderen Methode ähnelt oder nicht; eine solche Kritik ist nicht sachgemäß.

Die zweite lautet: Man kann eine Kultur nicht bewahren und zugleich ihr praktisches und weltanschauliches System gegen ein anderes austauschen. Ebenso wenig können die grundlegenden Bestandteile eines Systems in ein anderes eingefügt werden. Wer eine solche Vermischung für möglich und stimmig hält, ist mit den Grundprinzipien der Kultur nicht vertraut und unfähig, ihr Wesen und ihre Eigenart zu verstehen.

Bei der Gestaltung der islamischen Kultur

Die Rolle ihres grundlegenden Ziels

Wenn man diese grundlegenden Ausführungen im Gedächtnis behält, lässt sich leicht verstehen, welche Rolle ihr grundlegendes Ziel dabei spielt, der islamischen Kultur insgesamt die Gestalt einer völlig eigenständigen und besonderen Kultur zu verleihen. In der vorangegangenen Erörterung wurde ausführlich dargelegt, dass das von Islam für das Leben festgelegte Ziel sich seinem Wesen nach grundlegend von den Zielen anderer Religionen und Kulturen unterscheidet. Zugleich wurde nachgewiesen, dass die Verschiedenheit der Ziele auch grundlegende Unterschiede in den Systemen des Glaubens und des Handelns hervorbringt. Die logische Folge daraus ist, dass das Ziel des Islam ihn zu einer besonderen Kultur gemacht hat, die sich ihrem Wesen nach von allen anderen Kulturen unterscheidet und deren Glaubens- und Lebensordnung grundlegende Unterschiede zu den anderen Ordnungen aufweist. Einzelne Bestandteile dieser Ordnung mögen auch in anderen Ordnungen zu finden sein. Doch sind sie hier nicht in derselben Weise eingefügt, in der sie in den anderen Ordnungen eingefügt sind. Sobald ein Bestandteil in ein System eingefügt ist, verliert er seine eigene Art und nimmt die Art des Ganzen an; und wenn sich die Art eines Ganzen von der eines anderen Ganzen unterscheidet, muss auch die Art jedes seiner Bestandteile zwangsläufig von der Art der Bestandteile des anderen verschieden sein – ganz gleich, wie ähnlich die äußere Gestalt einzelner Bestandteile derjenigen einzelner Bestandteile des anderen auch sein mag.

Wie bereits gesagt wurde, hat Islam den Menschen zum Statthalter Allahs auf der Erde erklärt und den Erwerb des Wohlgefallens des erhabenen Herrn, dessen Statthalter er ist, zum Ziel seines Lebens bestimmt. Da dieses Ziel das Ziel seines gesamten Lebens ist, müssen alle seine Lebenshandlungen auf dieses Ziel ausgerichtet sein; alle Kräfte seines Körpers und seiner Seele müssen auf diesem Weg eingesetzt werden, und dieses Ziel muss seine Gedanken, Vorstellungen, Betrachtungen, Überzeugungen und Bewegungen beherrschen. Sein Leben und sein Tod, sein Schlafen und Wachen, sein Essen und Trinken, seine Geschäfte, seine Beziehungen, seine Freundschaften und Feindschaften, sein Wirtschafts- und Gesellschaftsleben – kurz gesagt, alles an ihm sollte diesem einzigen Ziel geweiht sein. Außerdem muss dieses Ziel in ihm so wirksam und tatkräftig sein, dass er gerade aufgrund dieser Lebenskraft lebendig und tätig ist. Nun wird deutlich, dass ein Mensch, der ein solches Ziel für sein Leben verfolgt und nur für dieses Ziel lebt, niemals wie ein Mensch ohne Ziel oder mit einem anderen Ziel leben kann. Dieses Ziel verwandelt den Menschen seinem eigenen Wesen entsprechend in einen tüchtigen und tatkräftigen Arbeiter und Diener – in einen Arbeiter und Diener, der nur lebt, um das Ziel seines Lebens zu verwirklichen.

Nachdem der Islam dieses Ziel festgelegt hat, wählt er für die Lebensführung aus den verschiedenen Wegen einen bestimmten Weg aus und verpflichtet den Menschen, seine kostbare Zeit und wertvolle Kraft nicht dadurch zu vergeuden, dass er einem anderen Weg als diesem folgt. Entsprechend dem Wesen und der Natur dieses Ziels entwickelt er ein eigenständiges System von Glaubensüberzeugungen und Handlungen und fordert den Menschen auf, die Grenzen dieses besonderen Systems unter keinen Umständen zu überschreiten. Dieses besondere System erklärt er unmittelbar zu Gehorsam und Unterordnung und nennt es deshalb Din (*****), das heißt Gehorsam und Unterordnung. Er sagt: „(*********)“: „Bei Allah ist der Din allein der Islam.“

Auf der Grundlage dieses Din zieht der Islam eine Trennlinie zwischen seinen Anhängern und denen, die ihm nicht folgen. Diejenigen, die diesem Befolgungssystem entsprechend diesem besonderen Ziel folgen, bezeichnet er als „Muslime“ (sich Ergebende) und „Mu’min“ (Gläubige). Diejenigen hingegen, die mit jenem Ziel nicht übereinstimmen und diesem Befolgungssystem nicht folgen, erklärt er zu „Kafir“ (Ungläubigen)¹. Die Unterschiede und Trennungen aufgrund von Abstammung, Stamm, Volk, Gemeinschaft, Sprache, Land und aller Kategorien dieser Art

¹: Auch in der Verwendung des Wortes Kafir folgt man einer äußerst erhabenen Ausdrucksweise. In arabischen Wörterbüchern bedeutet „Kufr“ ursprünglich „verbergen“. Deshalb wird die Nacht Kafir genannt, weil sie die Dinge verbirgt. Auch der Landwirt wird Kafir genannt, weil er den Samen in der Erde verbirgt, und die Schale wird Kufur genannt, weil sie die Frucht im Inneren des Samens verborgen hält. In diesem übertragenen Sinn wird das Verbergen von Gnaden und das Unterlassen des Dankes als „Kufr“ oder „Kufran“ bezeichnet. Der Islam erklärt das Wort Kufr zum Gegensatz von Iman. Damit wird auf die tiefgreifende Wahrheit hingewiesen, dass diejenigen, die sich weigern, den Islam anzunehmen, in Wirklichkeit ihre eigene natürliche Veranlagung mit einer Hülle bedecken.

Er beseitigt diese Unterschiede und errichtet unter den Kindern Adams allein den Unterschied zwischen „Kufr“ und „Iman“. Wer diesem System folgt – ob er aus dem Osten oder aus dem Westen stammt –, gehört zu ihm. Wer diesem System hingegen nicht folgt – selbst wenn er unter den Mauern der Kaaba lebte und sein Fleisch und Blut aus den Datteln von Mekka und dem Wasser von Zamzam gebildet wären –, gehört nicht zu ihm.

Auf der Grundlage dieser Handlungen des Glaubens hat er, ebenso wie er unter den Menschen den Unterschied zwischen „Kufr“ und „Iman“ errichtet hat, auch in der Lebensführung und unter allen Dingen dieser Welt die Unterschiede zwischen Haram und Halal, Ja’iz und Na-Ja’iz sowie Makruh und Mustahabb festgelegt. Die Handlungen und Bräuche, die dem Erreichen jenes Ziels und der Erfüllung der Verantwortung des Kalifats dienlich sind, sind je nach ihrer Stellung Halal, Ja’iz oder Mustahabb. Diejenigen hingegen, die diesem Weg im Wege stehen und ihn behindern, sind je nach ihrer Stellung Haram, Na-Ja’iz oder Makruh. Der Mu’min, der dieses Unterscheidungsmerkmal achtet, ist ein „Muttaqi“ (Gottesfürchtiger); wer es nicht achtet, ist ein „Fasiq“ (Grenzüberschreiter). Unter den Angehörigen der Partei Allahs beruhen die Unterschiede zwischen Klein und Groß sowie Hoch und Niedrig nicht auf Reichtum, vornehmer Abstammung, gesellschaftlichem Rang oder heller und dunkler Hautfarbe, sondern werden auf der Grundlage der „Taqwa“ bestimmt.

(***********)

„Gewiss, der Angesehenste von euch bei Allah ist derjenige unter euch, der am meisten Muttaqi ist.“ – (Sure al-Hudschurat: 13)

Auf diese Weise unterscheidet sich der Weg der islamischen Kultur in allen Bereichen des menschlichen Lebens – in Vorstellungen und Denkweisen, Veranlagung und Wesen, moralischem Charakter, Wirtschaft, gesellschaftlichem Leben, Zivilisation, Politik und Staatsführung, kurz gesagt in jeder Hinsicht – vollständig vom Weg anderer Kulturen. Denn die islamische Auffassung vom Leben unterscheidet sich völlig von den Auffassungen anderer Kulturen. Das Ziel, das andere Kulturen für das Leben festgelegt haben, ist von dem Ziel des Islam verschieden. Daher unterscheiden sich auch die Verhaltens- und Handlungsgrundsätze, die der Islam seiner Auffassung entsprechend im Umgang mit der Welt und den Dingen in ihr befolgt, sowie die Lebensweise, die er zur Erreichung seines eigenen Ziels entwickelt, grundsätzlich von den von anderen Kulturen angenommenen Verhaltens- und Handlungsweisen. Es gibt viele Gedanken und Vorstellungen des Geistes, viele Wünsche, Neigungen und Tendenzen der Triebe sowie zahlreiche Wege der Lebensführung, deren Befolgung aus der Sicht anderer Kulturen nicht nur angemessen, sondern bisweilen für die Kultur sogar unerlässlich ist. Der Islam jedoch ist gezwungen, sie als Na-Ja’iz, Makruh und in manchen Fällen als Haram zu erklären. Denn sie stimmen völlig mit der Lebensphilosophie jener Kulturen überein und tragen zur Verwirklichung ihrer Lebensziele bei. Mit der islamischen Lebensphilosophie haben sie jedoch keinerlei Verbindung oder sie stellen ein Hindernis auf dem Weg zur Verwirklichung ihres Lebensziels dar. Als Beispiel lässt sich anführen, dass die schönen Künste für viele Kulturen der Welt geradezu ihr Lebensnerv sind und Personen, die in diesen Künsten besonders geschickt und versiert sind, den Rang von „Nationalhelden“ erlangen. Der Islam erklärt jedoch einige von ihnen für Haram, andere für Makruh und wieder andere in gewissem Umfang für Ja’iz. Seine Gesetze gestatten die Liebe zur Schönheit und den Genuss künstlicher Schönheit nur in dem Maße, dass der Mensch dabei Allah im Gedächtnis behält, zu Seinem Wohlgefallen handelt und die Verantwortung des Kalifats erfüllen kann. Sobald jedoch die Liebe zur Schönheit das Pflichtgefühl überwiegt, sobald übermäßiger Genuss den Menschen statt zu einem Anbeter Allahs zu einem Anbeter der Schönheit macht, sobald der Geschmack an den schönen Künsten den Menschen der Sucht nach Luxus verfallen lässt, die Ohren des Herzens für die Stimme des Gewissens taub werden und nicht mehr genügend Gehorsam und Verantwortungsbewusstsein vorhanden sind, um den Ruf der Pflicht zu hören – genau dort errichtet der Islam eine Mauer der Verachtung, der Rechtswidrigkeit und des Verbots. Denn sein Ziel ist nicht, Tansen, Bandadin, Mani, Behzad(¹), Charlie Chaplin und Mary Pickford hervorzubringen, sondern Abu Bakr Siddiq (ra), Umar Faruq (ra), Ali ibn Abu Talib (ra), Husain ibn Ali (ra) und Rabia Basri (ra).

Mithilfe dieses Beispiels lassen sich die umfassenden Zustände in der Gesellschaft, der Zivilisation und vielen anderen Bereichen ermessen. Insbesondere unterscheidet sich der von Islam vorgeschriebene Weg im Verhältnis zwischen Frauen und Männern, im Umgang mit Reichen und Bedürftigen, in der Beziehung zwischen Herrschern und Untertanen sowie im gegenseitigen Verhalten anderer menschlicher Gruppen prinzipiell von den Wegen, die von sämtlichen alten und modernen Kulturen entwickelt wurden. Es ist grundsätzlich ein Zeichen des Irrtums, die von anderen Kulturen befolgten Methoden zum Maßstab zu machen und daran den vom Islam eingeschlagenen Weg zu prüfen. Wer so verfährt, ist äußerst oberflächlich und in erschreckendem Maße unwissend über die wirkliche Wahrheit.

 

„Drei“

Grundlegende Glaubensüberzeugungen und Denkweisen

1. Bedeutung und Wichtigkeit des Glaubens

Nach der Lebensanschauung und dem Lebensziel stellt sich uns nun die dritte Frage. Sie lautet: Auf welcher Grundlage gestaltet der Islam den menschlichen Charakter neu?

Der Charakter und seine geistige Grundlage

Die Quelle aller Handlungen und Tätigkeiten des Menschen ist sein Geist. Als Quelle der Handlungen kann sich der Geist in zwei Zuständen befinden. Der erste Zustand ist der, dass sich darin keine bestimmte Denkweise festsetzt, sondern verschiedenartige, voneinander losgelöste und zerstreute Gedanken fortwährend eindringen; und der Gedanke, der unter ihnen am stärksten ist, wird zum Antrieb des Handelns. Der zweite Zustand ist der, dass der Geist kein Tummelplatz zerstreuter Gedanken bleibt, sondern sich in ihm einige bestimmte Denkweisen so fest verankern, dass das gesamte praktische Leben des Menschen dauerhaft von ihnen beherrscht wird und nicht zerstreute, sondern geordnete und zusammenhängende Handlungen von ihm ausgehen. Der erste Zustand lässt sich mit einer Landstraße vergleichen: Für jeden Reisenden ist sie frei und offen. Nichts an ihr zeichnet jemanden besonders aus. Der zweite Zustand gleicht einer Form, aus der stets Dinge von einer bestimmten Gestalt und Form gegossen hervorgehen. Wenn sich der Geist des Menschen im ersten Zustand befindet, sagen wir, dass er keinen Charakter hat. Er kann ein Teufel, aber auch ein Engel sein. Seiner Natur wohnt eine vielgestaltige Wesensart inne. Es gibt keine Gewissheit darüber, welche Art von Handlung er jeweils vollbringen wird. Gelangt er dagegen in den zweiten Zustand, sagen wir, dass er einen eigenen Charakter besitzt. Sein praktisches Leben weist eine Ordnung, eine Regelmäßigkeit und eine Kontinuität auf. Außerdem lässt sich mit Sicherheit sagen, was er unter welchen Umständen tun wird.

Die erste Voraussetzung für eine geordnete Lebensführung:

Daraus wurde ersichtlich, dass die Befolgung einer verlässlichen Ordnung im praktischen Leben des Menschen von der Herausbildung eines bestimmten Charakters abhängt. Um einen solchen Charakter zu formen, muss sein Denken von gedanklicher Verwirrung frei sein; bestimmte herausragende Gedanken müssen sich in ihm fest verankern, und in diesen Gedanken müssen so viel Beständigkeit, Festigkeit und Unbeugsamkeit entwickelt werden, dass keine anderen Gedanken eindringen und in seiner geistigen Welt Verwirrung stiften können. Je tiefer diese Gedanken verwurzelt sind, desto stärker wird der Charakter sein und desto geordneter, gefestigter und verlässlicher wird das praktische Leben des Menschen werden. Je mehr hingegen Schwäche darin vorhanden ist und je mehr Raum widersprüchlichen Gedanken gewährt wird, desto schwächer wird der Charakter sein, und ebenso ungeordnet und unzuverlässig wird das praktische Leben werden.

Die Bedeutung des Iman:

In der Sprache des Korans wird eben diese geistige Grundlage des Charakters „Iman“ genannt. Das Wort Iman ist von der Wurzel „Amn“ (*******) abgeleitet. Die eigentliche Bedeutung von „Amn“ ist, innere Ruhe und Furchtlosigkeit zu erlangen. Daraus ist auch „Amanat“ gebildet, das Gegenteil von Verrat. Das heißt: Was nicht der Gefahr des Verrats ausgesetzt ist, ist Amanat. Einen vertrauenswürdigen Menschen nennt man deshalb „Amin“, weil man hinsichtlich seines guten Verhaltens innerlich unbesorgt ist und darauf vertraut, dass er kein schlechtes Verhalten zeigen wird. Ebenso wird ein friedliches und gehorsames Kamel „Amun“ (***) genannt, weil von ihm weder Ungehorsam noch Schaden zu befürchten ist. Aus derselben Wurzel ist auch die weitere Wortform „Iman“ (****) entstanden. Ihre Bedeutung ist, dass man eine Überzeugung mit so tiefer Gewissheit und Wahrhaftigkeit im Inneren verankert, dass keine Sorge mehr besteht, etwas ihr Widersprechendes könnte einen Weg finden und eindringen. Die Schwäche des Iman bedeutet, dass der Geist von jener Überzeugung noch nicht völlig überzeugt ist, dass das Herz noch keine vollkommene Ruhe erlangt hat, sondern dass auch eine ihr widersprechende Vorstellung in den Geist eindringen kann. Dadurch ist der Charakter schwach geworden, und eben dies hat im praktischen Leben Unordnung verursacht. Die Erlangung der Stärke und Festigkeit des Iman ist das Gegenteil davon. Ein gefestigter Iman bedeutet, dass der Charakter auf einem festen und sicheren Fundament errichtet ist. Nun kann man darauf vertrauen, dass die im Inneren verankerten Gedanken und Überzeugungen, die dem Charakter seine Form gegeben haben, auch im praktischen Handeln genau entsprechend umgesetzt werden.

Die Stellung des Iman bei der Grundlegung einer Zivilisation:

Wenn verschiedene Menschen an verschiedene Arten von Glaubensvorstellungen und Gedanken festhalten und ihre Charaktere auf unterschiedlichen, einander widersprechenden Grundlagen beruhen, kann keine soziale und gemeinschaftliche Organisation entstehen. Sie gleichen vielen Steinen, die verstreut auf einem Feld liegen: Jeder Stein besitzt zwar seine eigene Festigkeit, doch zwischen ihnen besteht kein verbindendes Band. Wenn sich dagegen eine einheitliche geistige Haltung in den Herzen vieler Menschen als Iman fest verwurzelt, wird eben dieses Band der Einheit des Iman sie zu einer Nation machen – so wie aus den verstreut liegenden Steinen eine feste Mauer entsteht, wenn man sie mit Kalk, Mörtel und Zement zusammenfügt. Dann werden unter ihnen die gebotene Hilfe und Zusammenarbeit einsetzen, und infolgedessen wird sich ihr Fortschritt immer schneller vollziehen. Ein solcher Iman wird Harmonie in ihren Charakteren und Übereinstimmung in ihrem praktischen Handeln hervorbringen. Dadurch wird eine bestimmte Zivilisation den Sieg erringen, eine eigenständige Kultur zum Vorschein kommen, eine neue Nation entstehen und das Gebäude der Kultur nach einer neuen Methode errichtet werden.

Aus dieser Erörterung wurde deutlich, dass die grundlegende geistige Haltung, die sich unter den Anhängern einer Kultur als Iman fest verwurzelt, für diese Kultur von äußerst weitreichender Bedeutung ist.

Der Iman ist zweifacher Art:

Nun müssen wir betrachten, wie die verschiedenen Kulturen der Welt unter dem Gesichtspunkt des Iman beschaffen sind. Das Wort Iman ist eigentlich ein religiöser Fachbegriff. Da wir es hier jedoch im Sinne einer grundlegenden geistigen Haltung verwenden, lässt es sich in diesem Sinne in zwei Kategorien einteilen. Die eine ist religiöser, die andere weltlicher Art. Iman religiöser Art kann nur die Grundlage einer religiös geprägten Kultur sein, denn in diesem Fall ist derselbe Iman sowohl im Bereich des Din als auch in dem der Welt maßgebend. In einer Kultur hingegen, die nicht religiös begründet ist, wird der weltliche Iman vom religiösen Iman getrennt, und im persönlichen wie im nationalen Leben bleibt jeder Einfluss des religiösen Iman aus.

Religiöser Īmān:

Der religiöse Īmān setzt sich gewöhnlich aus solchen Dingen zusammen, die den menschlichen Charakter auf eine geistige und moralische Grundlage stellen. Dazu gehören beispielsweise eine oder mehrere Gottheiten, die mit besonderen Eigenschaften ausgestattet sind, als göttlich anerkannte Schriften sowie die Lehren und Regeln der religiösen Führer, auf denen das Fundament von Überzeugung und Handeln errichtet wird. Wenn man die religiöse Perspektive außer Acht lässt und diese Art von Īmān rein vom weltlichen Standpunkt aus betrachtet, hängt sein Erfolg von zwei Dingen ab. Erstens müssen die Dinge, die die Religion als wahr anerkennt und von ihren Anhängern zu glauben verlangt, nach Maßgabe von Vernunft und Verstand der Wahrheit entsprechen. Zweitens müssen diese Dinge so beschaffen sein, dass auf ihrer Grundlage der menschliche Charakter in geordneter Weise neu gestaltet werden kann. Das heißt, die Spiritualität muss zur Grundlage eines höherstehenden moralischen Systems werden, und der moralische Charakter muss den Menschen neben eigener Reinheit und Lauterkeit auch dazu befähigen, im weltlichen Leben Erfolg und Erfüllung zu erlangen; zu diesem Zweck muss der Charakter entsprechend geformt werden.

Die Notwendigkeit der ersten Bedingung ist darin begründet, dass der Īmān, wenn er lediglich aus einer Ansammlung von Aberglauben besteht oder der Anteil des Aberglaubens darin größer ist als der der Vernunft, im menschlichen Denken vollständig unter dem Einfluss von Unwissenheit und Torheit stehen wird. Sobald sich menschliches Wissen und menschliche Vernunft auf eine höhere Stufe ihrer Entwicklung zubewegen, beginnt die Verblendung durch den Irrglauben zu schwinden, das Fundament des Īmān gerät ins Wanken, und damit zerfällt das gesamte System, auf dem der individuelle und nationale Charakter durch Spiritualität und Moral aufgebaut worden war. Als Beispiel können wir die Vorstellungen und Glaubenssätze anführen, die verschiedene auf Schirk gegründete Religionen über Götter und Göttinnen, Gottheiten, Allah und religiöse Führer vertreten. Die Eigenschaften, mit denen diese ausgestattet wurden, die Handlungen, die ihnen zugeschrieben werden, und die Geschichten, die über sie erfunden wurden – ein unvoreingenommener Verstand weigert sich, all dies als wahr anzuerkennen und daran Īmān zu haben. Häufig zeigt sich zudem, dass Völker, die an solche Dinge glauben, gar nicht fähig sind, in der Welt Fortschritt und Entwicklung zu erlangen. Der Irrglaube übt einen so schlechten Einfluss auf ihren Geist aus, dass selbst die besten schöpferischen Kräfte völlig gelähmt werden. Durch ihn entsteht weder Größe in ihren Motiven noch Festigkeit in ihren Entschlüssen. Ihr Blickfeld erweitert sich nicht, in ihrem Verstand entzündet sich kein Licht und in ihrem Herzen entsteht kein aufrechter Mut. Schließlich wird eben dies für jenes Volk zur Ursache dauerhafter Armut, Erniedrigung, Unfähigkeit und Knechtschaft. Dagegen verlieren jene Völker, denen sich aus diesem Grund der Weg des Fortschritts eröffnet, im gleichen Maß ihren Glauben an ihren eigenen Rabb, ihre Gottheiten und ihre religiösen Führer, wie sie sich in Wissen und Vernunft weiterentwickeln. Anfangs versucht man allerdings allein um der Sicherheit der gesellschaftlichen Ordnung willen, diesen irrigen Īmān trotz erheblicher Schwierigkeiten aufrechtzuerhalten. Doch allmählich rebellieren Geist und Verstand so heftig gegen diese Dinge, dass im Herzen des Volkes schließlich jede Bindung an sie erlischt. Man überlässt sie lediglich einer kleinen geistlichen Gruppe für einen echten oder formalen Glauben an sie. Im Herzen und Denken des gesamten übrigen Volkes setzt sich eine andere Art von Īmān durch – das, was wir als weltlichen Īmān bezeichnet haben.

Die Notwendigkeit der zweiten Bedingung ist völlig offensichtlich. Ein Īmān, der den Menschen nicht darauf vorbereitet, im weltlichen Leben Erfolg zu erlangen, bleibt in seiner Wirkung auf das moralische und geistige Leben beschränkt und kann das materielle Leben nicht erreichen. Hinsichtlich der Folgen gibt es auch hier zwei Möglichkeiten. Entweder wird das Volk, das an diese Dinge glaubt, keinerlei Fortschritt machen; oder es wird sich, selbst wenn es Fortschritte macht, sehr bald von ihren Fesseln befreien. Der religiöse Īmān wird dem kulturellen Īmān Platz machen; und wenn die Aktivität des Volkes in den Bemühungen des materiellen Lebens zunimmt, wird es sich vom Einfluss der Moral, der Spiritualität und des religiösen Īmān lösen.

Ich möchte nicht absichtlich die Schwächen irgendeiner Religion aufdecken. Deshalb werde ich hier keine ausführliche Erörterung der Glaubensvorstellungen verschiedener Religionen geben. Wenn ihr die Religionen der Welt aufmerksam untersucht, werdet ihr gewiss erkennen, wie der Īmān verschiedener Religionen ihre Anhänger daran gehindert hat, im weltlichen Leben Fortschritte zu machen, und wie diese Religionen mit der Entwicklung von Wissen und Vernunft nicht Schritt halten konnten. Außerdem werdet ihr feststellen, dass andere Völker in Zeiten ihres Niedergangs an ihren religiösen Dingen festgehalten und sie in Zeiten ihres Aufstiegs aufgegeben haben. Der Muslim hingegen war in seinem Īmān gerade dann am stärksten, als er in der Welt am weitesten entwickelt und fortgeschritten war. Als er in Wissen, Vernunft und weltlicher Entwicklung zurückblieb und andere Völker über ihn siegten, begann auch sein Īmān schwach zu werden. Heute befinden sich die Muslime in einem Zustand äußersten Niedergangs und sind zugleich schwer von der Krankheit der Īmān-Schwäche befallen. Doch vor etwa tausend bis zwölfhundert Jahren standen sie auf dem höchsten Gipfel des Fortschritts und waren zugleich in ihrem Īmān außerordentlich fest. Die Christen Europas und die Buddhisten Japans dagegen waren, als sie tatsächlich Christen und Buddhisten waren, auf dem Höhepunkt ihres Niedergangs. Als sie jedoch Fortschritt und Entwicklung erlangten, besaßen sie keinen Īmān mehr an das Christentum und den Buddhismus. Dies ist in der Tat ein so deutlicher Unterschied zwischen dem Īmān des Islam und dem Īmān anderer Religionen, dass jeder vernünftige und verständige Mensch ihn ohne Mühe erkennen kann.

Weltlicher Īmān

Betrachten wir nun die Dinge, die wir als weltlichen Īmān bezeichnet haben. Dieser Īmān enthält keinerlei religiöses Element. Hier gibt es weder einen Gott noch einen religiösen Führer; weder eine göttliche Schrift noch eine Lehre, die geeignet wäre, den menschlichen Charakter auf einer moralischen und geistigen Grundlage zu formen. Dies ist eine rein weltliche Angelegenheit.

Das Wichtigste darin ist die „Qaum“ oder Nation. Menschen, die innerhalb eines geografisch begrenzten Gebietes leben, machen sie zu ihrer Maʿbūd (Gottheit) und verehren sie mit voller Hingabe und Konzentration. In diesem Sinne glauben alle „Nationalverehrer“, dass die Nation Herrin über ihr Vermögen und ihr Leben ist, dass es ihre unbedingte Pflicht ist, ihr zu dienen, und dass es ein höchstes Glück bedeutet, ihr Körper und Geist sowie Besitz und Leben zu opfern. Doch damit nicht genug: Sie glauben auch, dass allein ihre Nation auf der Wahrheit beruht, dass nur sie die Erben und rechtmäßigen Anspruchsberechtigten des Landes sind, dass alle Länder der Welt für sie Kriegsbeute und sämtliche Völker Kriegsgefangenen gleich sind. Daher ist es die Pflicht jedes Einzelnen, überall auf der Welt das Banner seiner eigenen Nation zu hissen.

Die zweite Gottheit ist das „Gesetz“ des Landes. Sie schaffen es selbst und beten es dann auch selbst an. Diese Anbetung gewährleistet ihre sozialen und allgemeinen Regeln und ihre Ordnung.

Die dritte Gottheit ist ihr eigenes „Nafs“ oder ihre eigene Neigung. Sie achten stets auf dessen Pflege, die Erfüllung seiner Wünsche und Bedürfnisse sowie die Befriedigung seiner Forderungen und Begierden.

Die vierte Gottheit sind „Wissen“ und „Weisheit“ (Ilm und Hikmat). An sie glauben sie; in ihrem Licht und unter ihrer Führung schreiten sie auf dem Weg des Fortschritts und der Entwicklung voran.

Dieser Glaube ist für das diesseitige Leben zweifellos in gewissem Maße nützlich. Selbst wenn man die Frage beiseitelässt, welchen Rang er im Hinblick auf Wahrheit und Aufrichtigkeit besitzt, kann man doch allein aus diesseitiger Sicht sagen, dass sein Nutzen weder wirklich noch dauerhaft ist. Sein größter Mangel besteht darin, dass er keinerlei geistige oder sittliche Elemente enthält; sobald die religiösen Bindungen schwächer werden, öffnet sich daher die Tür zur sittlichen Entartung. Außerdem ist es nicht die Aufgabe des Gesetzes, im Herzen der Menschen ein sittliches Bewusstsein zu schaffen oder überhaupt einen Maßstab für Moral zu setzen. Es besitzt nicht einmal eine Kraft, die die Moral im persönlichen und gesellschaftlichen Leben bewahren könnte. Sein Einfluss und sein Wirkungsbereich sind äußerst begrenzt. Besonders deutlich zeigt sich seine Hilflosigkeit in dieser Hinsicht bei Gesetzen, die von den Menschen selbst geschaffen wurden. Deshalb hängt es vollständig vom Willen der Menschen ab, solche gesetzlichen Bindungen zu lockern und einzuengen; je stärker in ihnen das Verlangen nach Handlungsfreiheit wächst, desto enger und unerträglicher erscheinen ihnen die alten sittlichen Bindungen. Wenn dieses Gefühl gegenüber den sittlichen Bindungen immer weiter um sich greift, ist das Gesetz unter dem Druck der öffentlichen Meinung gezwungen, seine eigenen Bindungen von selbst zu lockern. So lösen sich nach und nach sämtliche sittlichen Bindungen, und ein umfassender sittlicher Niedergang setzt ein. Der sittliche Niedergang aber ist etwas, dessen zerstörerische Wirkung weder der Überfluss an Reichtum noch die Staatsmacht, die materiellen Mittel oder Wissen und Verstand aufzuhalten vermögen. Dieser Wurm beginnt das Innere zu zerfressen und bringt selbst das festeste Gebäude mitsamt seinem Schmuck zum Einsturz.

Darüber hinaus sind auch die anderen schädlichen Folgen der Verehrung der Nation und der Selbstverehrung so offenkundig, dass eine ausführliche und detaillierte Darstellung unnötig ist. Heute bedarf es keines Gesprächs und keiner eingehenden Überlegung mehr, um diese Dinge zu verstehen. Denn sie haben die Ebene bloßer Theorien überschritten und sind in den Bereich der unmittelbaren Wahrnehmung und Beobachtung gelangt. Wir können heute mit eigenen Augen sehen, dass ihretwegen eine gewaltige Kultur an den Rand der Zerstörung und des Untergangs gelangt ist. Dies ist die unvermeidliche Folge all jener Dinge, deren sichere Selbstoffenbarung heute die ganze Welt in Angst und Schrecken versetzt.

Einige allgemeine Grundsätze

Aus der gesamten Erörterung ergeben sich einige allgemeine Grundsätze. Bevor wir zur weiteren Erörterung übergehen, müssen wir sie in der richtigen Reihenfolge fest in unserem Herzen verankern.

Erstens: Die Ordnung und Geschlossenheit aller menschlichen Handlungen hängen von der Herausbildung eines gefestigten und klar bestimmten Charakters ab. Ohne einen gefestigten Charakter bleibt das praktische Leben des Menschen ungeordnet, wechselhaft und unzuverlässig.

Zweitens: Auf denjenigen Vorstellungen, die sich mit voller Kraft im menschlichen Geist fest verwurzeln und eine solche Vorrangstellung erlangen, dass sie die gesamte Tatkraft des Menschen ihrem Einfluss unterordnen und zum Wirken bringen, wird der Charakter aufgebaut. In der islamischen Terminologie wird dieses feste Verwurzeltsein Īmān genannt, und alle derart fest verwurzelten Vorstellungen bezeichnen wir als Īmāniyāt.

Drittens: Das Gute und Schlechte, das Richtige und Falsche sowie die Stärke und Schwäche des Charakters hängen vollständig von der Richtigkeit und Festigkeit jener Īmāniyāt, also der Inhalte des Īmān, ab. Sind diese fehlerlos, wird auch der Charakter fehlerlos sein; sind sie stark, wird auch der Charakter stark sein. Andernfalls wird die Sache genau umgekehrt liegen. Wenn man daher im Leben des Menschen eine fehlerlose und hochwertige Ordnung errichten will, ist es unerlässlich, seinen Charakter auf einem unfehlbaren und festen Īmān aufzubauen.

Viertens: So wie der Īmān notwendig ist, um die Handlungen im individuellen Leben eines Menschen aus der Herrschaft der Zerstreuung zu befreien und sie zu einem einheitlichen und geordneten Ganzen zu machen, so ist es ebenso unerlässlich, diesen ungeteilten Īmān in den Herzen aller Menschen fest zu verwurzeln, wenn man viele Menschen aus Uneinigkeit und Isolierung erretten und eine geordnete und eng verbundene Gesellschaft bilden will. Gesellschaft und Zivilisation verlangen genau dies.

Fünftens: Wenn sich unter dem Einfluss eines ungeteilten Īmān unter vielen Menschen ein einheitlicher nationaler Charakter herausbildet und der Einfluss dieses Charakters eine gewisse Gleichförmigkeit in ihren Lebenshandlungen hervorbringt, entsteht eine Kultur von besonderer Art und Prägung. In dieser Hinsicht sind bei der Gestaltung und Begründung jeder Kultur die Inhalte des Īmān, die den nationalen Charakter bestimmen und festigen, von außerordentlich großem Einfluss.

Sechstens: Bei einem Volk, dessen Īmān geistliche Inhalte umfasst, sind seine Religion und seine Kultur ein und dasselbe. Bei einem Volk hingegen, dessen Īmān weltliche Inhalte umfasst, ist die Kultur von seiner Religion getrennt. In diesem letzteren Fall bleibt das persönliche und nationale Leben von jedem besonderen Einfluss der Religion unberührt.

Siebtens: Die Trennung der Kultur von der Religion wird letztlich zur Ursache des moralischen Verfalls und des Untergangs.

Achtens: Damit die Kultur unter dem Einfluss der Religion bleibt, müssen die Īmāniyāt der Religion geistliche Inhalte umfassen, die geeignet sind, die Entwicklung des menschlichen Verstandes von der gewöhnlichen bis zur höchsten Stufe zu fördern. Zugleich muss der Charakter des Menschen durch Inhalte so gestaltet werden, dass er gleichzeitig ein Mensch von hoher Religiosität und hoher Weltzugewandtheit sein kann. Vielmehr wird seine Weltzugewandtheit genau zu seiner Religiosität und seine Religiosität genau zu seiner Weltzugewandtheit werden.

Neuntens: Bei einem Volk, dessen Religion und Kultur ein und dasselbe sind, ist sein Īmān nicht nur religiöser Īmān, sondern zugleich auch weltlicher Īmān. Wenn sein Īmān daher ins Wanken gerät, ist dies sowohl für seine Religion als auch für seine Kultur verhängnisvoll und für sein Dīn wie auch für seine Dunyā zerstörerisch.

Vor dem Hintergrund dieser allgemeinen Grundsätze müssen wir die Rolle des Islam hinsichtlich des Īmān einer kritischen Prüfung unterziehen.

Nachdem wir die Bedeutung des Īmān, seine grundlegende Bedeutung für den individuellen Charakter und seine fundamentale Rolle in der sozialen und umfassenden Kultur betrachtet haben, wollen wir nun sehen, zu welchen Dingen der Islam zum Glauben aufruft. Inwieweit bestehen seine Īmāniyāt vor dem Maßstab der rationalen Kritik? Welche Rolle spielt der Īmān in seiner Lebensordnung? Und wie stark wirkt er sich auf den individuellen Charakter des Menschen und auf den Gesamtcharakter aus?

 

2. Die Glaubensinhalte im Islam

Im Heiligen Qurʾān werden die Glaubensinhalte so umfassend erörtert, dass darin kein Raum für Meinungsverschiedenheiten bleibt. Doch unter jenen, die die Ausdrucksweise des Qurʾān nicht verstanden oder nicht vermocht haben, seiner Darlegung zu folgen, sind einige irrige Vorstellungen entstanden. Die Ausdrucksweise des Qurʾān ist folgende: An manchen Stellen legt er die gesamte Glaubensüberzeugung zugleich dar, während er an anderen Stellen je nach Zeit und Anlass einzelne ihrer Teile darlegt und gerade auf diese den Schwerpunkt legt. Daraus haben manche Menschen die Vorstellung entwickelt, die Glaubensüberzeugung des Islam könne in einzelne Teile aufgespalten und getrennt betrachtet werden. Das heißt, es genüge, an einen oder mehrere ihrer Bestandteile zu glauben, während der Mensch sogar durch die Leugnung anderer Bestandteile Wohl erlangen könne. Das endgültige Urteil des Qurʾān lautet jedoch, dass alles, was er als Bestandteil der Glaubensüberzeugung vorgelegt hat, anerkannt werden muss. Keines davon kann vom anderen getrennt werden. Alle zusammen bilden eine unteilbare und ungetrennte Einheit, und es ist Pflicht, sie als Ganzes anzunehmen. Wenn auch nur eines davon geleugnet wird, wird diese Leugnung die Anerkennung aller übrigen zunichtemachen.

An einer Stelle des Qurʾān heißt es:

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„Gewiss, auf diejenigen, die sagen: Unser Herr ist Allah, und danach standhaft bleiben, kommen die Engel herab.“ (Sure Hā-Mīm as-Sadschda: 30)

In diesem Vers wird lediglich der Glaube an Allah erwähnt und klargestellt, dass vom Glauben an Ihn der Erfolg im Diesseits und im Jenseits abhängt.

An einer weiteren Stelle wird neben Allah auch der Letzte Tag erwähnt:

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„Für diejenigen, die an Allah und den Letzten Tag glauben und gute Werke tun, gibt es bei ihrem Herrn einen Lohn.“ (Sure al-Baqara: 62)

Derselbe Inhalt findet sich auch in Al Imran (12), al-Ma’ida (10) und ar-Ra’d (4).

An einer dritten Stelle wird dazu aufgerufen, an Allah und den Gesandten zu glauben:

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„So glaubt an Allah und Seine Gesandten. Wenn ihr glaubt und Gottesfurcht übt, dann ist für euch ein großer Lohn bestimmt.“ (Sure Al Imran: 179)

Eine entsprechende Aussage findet sich auch in al-Hadid (4).

An einer anderen Stelle wird derjenige, der an Allah und Muhammad (s.a.w.) glaubt, als gläubig bezeichnet:

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„Wahrlich, gläubig sind diejenigen, die an Allah und Seinen Gesandten glauben.“ (Sure an-Nur: 62)

In Muhammad (4), al-Dschinn (2) und al-Fath (2) wird genau diese Aussage wiederholt.

An einer Stelle wird befohlen, an diese drei Dinge zu glauben: Allah, Muhammad (s.a.w.) und den Koran:

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„So glaubt an Allah, Seinen Gesandten und an das Licht (den Koran), das Wir hinabgesandt haben.“ (Sure at-Taghabun: 8)

An einer Stelle werden diese vier Dinge erwähnt: Allah, Allahs Buch, der Koran und der Jüngste Tag:

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„Und die Gläubigen glauben an das, was zu dir herabgesandt wurde, und an das, was vor dir herabgesandt wurde, … und sie glauben an Allah und den Jüngsten Tag.“ (Sure an-Nisa: 162)

An einer anderen Stelle wird der Unglaube an Allah, die Engel, die Propheten und den Koran als Kufr und Fisq erklärt:

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„Diejenigen, die Allah, seinen Engeln, den Gesandten, Gabriel und Michael Feindschaft entgegenbringen – wahrlich, Allah ist der Feind der Ungläubigen. Und wahrlich, Wir haben dir deutliche Verse herabgesandt; niemand außer einem Fasiq wird sie verleugnen.“ (Sure al-Baqara: 98–99)

An einer Stelle wird derjenige, der an Allah, die Engel, Allahs Buch, die Propheten und den Koran glaubt, als Mu’min bezeichnet:

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„Der Gesandte glaubt an das, was von seinem Herrn zu ihm herabgesandt wurde, und auch die Gläubigen. Alle glauben an Allah, Seine Engel, Seine Bücher und Seine Gesandten.“ (Sure al-Baqara: 285)

An anderer Stelle werden fünf Bestandteile des Glaubens genannt: der Glaube an Allah, an den Jüngsten Tag, an die Engel, an Allahs Buch und an die Propheten.

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„Vielmehr besteht wahre Frömmigkeit darin, dass der Mensch Allah, den Jüngsten Tag und die Engel sowie Allahs herabgesandtes Buch und Seine Propheten aufrichtig und mit ganzem Herzen anerkennt. Wahrlich, diese sind die Wahrhaftigen, diese sind die Gottesfürchtigen.“ (Sure al-Baqara: 177)

Zusammen mit den fünf in der Sure genannten Dingen wurde auch der Glaube an Muhammad (s.a.w.) und den Koran nachdrücklich geboten; wer diese Dinge verleugnet, wurde als Ungläubiger und Irregeleiteter bezeichnet.

An einer Stelle wird allein die Anerkennung des Jüngsten Tages betont und die Leugnung desselben als Ursache des Scheiterns bezeichnet.

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Dies wird in al-A’raf (17), Yunus (1), al-Furqan (2), an-Naml (1) und as-Saffat (1) wiederholt.

An einer anderen Stelle wird neben dem Jüngsten Tag auch die Leugnung von Allahs Buch als Ursache der härtesten Strafe bezeichnet:

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„Sie erwarteten keinerlei Abrechnung und leugneten Unsere Zeichen, indem sie sie für völlig falsch hielten.“

(Sure an-Nabaʾ: 27)

An einer dritten Stelle werden neben dem Letzten Tag und dem Buch Allahs auch der Quran in die Glaubensinhalte eingeschlossen.

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„Sie glauben an dieses Buch, das dir offenbart wurde (das heißt, den Quran), an die Schriften, die vor dir offenbart wurden, und sie hegen festen Glauben an das Jenseits. Wahrlich, solche Menschen folgen der von Allah herabgesandten Lebensordnung, und sie sind es, die Anspruch auf Wohlergehen haben.“

(Sure al-Baqara: 4–5)

An einer vierten Stelle wird gesagt, dass durch den Unglauben an den Letzten Tag, an die Bücher Allahs und an die Propheten alle Taten zunichtewerden. Ein solcher Ungläubiger ist ein Bewohner der Hölle, und seine „Taten“ haben keinerlei Wert.

Oben wurde wiederholt auf den Glauben an Allahs Bücher hingewiesen, und darin wurden ausdrücklich die Tora, das Evangelium, der Psalter und die Schriften Abrahams erwähnt. Doch an zwanzig Stellen im Koran wird ebenso ausdrücklich klargestellt, dass es nicht genügt, nur an jene Bücher zu glauben; ebenso ist es notwendig, an den Koran zu glauben. Wenn jemand an alle Bücher glaubt, aber den Koran leugnet, ist er ebenso ein Ungläubiger wie jemand, der alle Bücher leugnet.

[Siehe: Bakara (11, 12, 14, 16), Nisa (7), Maida (2–10), Raʿd (3), Ankabut (5) und Zumar (4)]

Nicht nur das: Es ist notwendig, an jedes von Allah gesandte Buch zu glauben.

„Wenn jemand an einen Teil davon glaubt und einen anderen Teil nicht annimmt, ist auch er ein Ungläubiger.“

(Sure Bakara – 10)

Ebenso wird in Bezug auf die Propheten ausdrücklich gesagt, dass es notwendig ist, an sie alle zu glauben. An diejenigen, deren Namen genannt wurden, muss man einzeln glauben, und an diejenigen, deren Namen nicht genannt wurden, im Allgemeinen. Wenn jedoch jemand an alle Propheten glaubt, aber nur die Prophetenschaft Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) leugnet, ist er gewiss ein Ungläubiger. Im Koran wird dies nicht nur an einer, sondern an zwanzig Stellen gesagt, und die Anerkennung der Prophetenschaft Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zusammen mit der aller anderen Propheten wird als notwendige Bedingung des Glaubens erklärt.

[Siehe: Bakara (14), Nisa (23), Maida (3–11), Anʿam (19), Aʿraf (19–20), Anfal (3), Muʾminun (4), Schura (5), Muhammad (1) und Talaq (2)] In den meisten der darin enthaltenen Verse werden die Anhänger von Hazrat Musa und Hazrat Isa (Friede sei mit ihm) dazu aufgerufen, an den edlen Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) zu glauben, und es wird gesagt: Solange ihr nicht an den Koran und an Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) glaubt, werdet ihr keine Rechtleitung erlangen.

Aus dieser Erörterung wurde ersichtlich, dass die Glaubensinhalte des Islam fünf sind: (1) Allah, (2) die Engel, (3) Allahs Bücher (darunter auch der Koran), (4) die Propheten [einschließlich Hazrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm)] und (5) der Letzte Tag, das heißt die Auferstehung.

Dies ist eine grobe Darstellung des Glaubens. Was die ausführliche Glaubenslehre zu jedem einzelnen seiner Bestandteile ist, in welcher Wechselbeziehung diese zueinander stehen, aus welchem Grund sie nicht voneinander getrennt werden können und weshalb die Leugnung eines von ihnen zwangsläufig die Leugnung aller übrigen nach sich zieht – ferner, welchen Nutzen es hat, jeden einzelnen von ihnen in die Glaubensinhalte einzubeziehen –, all dies wird im Folgenden dargelegt werden.

Rationalistische Kritik

Alle diese fünf Überzeugungen gehören zum Bereich des Unsichtbaren und liegen vollständig außerhalb der materiellen Welt. Nach unserer Einteilung handelt es sich daher um religiöse und spirituelle Überzeugungen. Ihre Besonderheit besteht jedoch darin, dass der Islam auf ihnen nicht nur sein spirituelles System, sondern auch sein moralisches, politisches und kulturelles System aufgebaut hat. Er hat durch die Verbindung von Religion und Welt eine Ordnung geschaffen, unter der jeder Bereich und jede Seite des menschlichen Lebens tätig ist. Alle Kräfte, die für die Begründung, Stabilität und praktische Anwendung dieser Ordnung erforderlich sind, werden aus diesen fünf Überzeugungen gewonnen. Für sie sind sie eine unerschöpfliche Kraftquelle, deren Hervorquellen niemals versiegt. Nun werden wir sehen, welchen Anspruch auf Anerkennung diese Glaubensinhalte, durch die eine derart große Aufgabe erfüllt worden ist, aus der Sicht von Vernunft und Urteilsvermögen haben und in welchem Maß sie dazu geeignet sind, Grundlage und Kraftquelle für eine so umfassende und fortschrittliche Ordnung zu sein.

Bevor wir die Antwort auf diese Frage suchen, müssen wir uns fest einprägen, dass der Islam die Grundlage für eine Kultur legen will, die wahrhaft eine menschliche Kultur ist. Das heißt, sie steht weder mit den Angehörigen eines bestimmten Landes oder Stammes in besonderer Beziehung, noch ist sie mit einem Volk einer bestimmten Rasse oder Sprache verbunden; vielmehr ist das Wohlergehen der gesamten Menschheit ihr Ziel. Darüber hinaus beabsichtigt er, unter seinem Einfluss eine Gesellschaftsordnung zu errichten, in der alles, was den Menschen Nutzen und Wohlergehen bringt, gepflegt und alles, was ihm Schaden und Unheil zufügt, vollständig beseitigt wird. Die Grundlage einer solchen rein menschlichen Kultur kann keinesfalls auf Glaubensinhalten errichtet werden, die mit der materiellen Welt verbunden sind. Denn bei den materiellen Dingen und den sinnlich wahrnehmbaren Gegenständen gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ist das Verhältnis aller Menschen zu ihnen gleich – wie bei Sonne, Mond, Erde, Luft, Licht usw. … oder aber das Verhältnis aller Menschen zu ihnen ist nicht gleich – wie bei Land, Stamm, Rasse und Sprache usw. Unter den Dingen der ersten Kategorie sind diese überhaupt nicht geeignet, Gegenstand des Glaubens zu sein, denn an ihre Existenz zu glauben, wäre völlig sinnlos; und zu glauben, dass sie im Hinblick auf das Wohlergehen des Menschen irgendeinen absichtlichen Einfluss ausüben, ist schon nach Maßgabe von Wissen und Urteilsvermögen irrig. Außerdem zeigt sich in keiner Hinsicht irgendein Nutzen des Glaubens an sie im moralischen, spirituellen und praktischen Leben des Menschen. Es bleibt nun die zweite Kategorie von Dingen. Offensichtlich können diese nicht die Grundlage einer umfassenderen menschlichen Kultur bilden. Denn sie sind aus Ungleichheit und Trennungsdenken hervorgegangen, nicht aus Einheit und Einigkeit. Daher ist es unbedingt erforderlich, die Grundlage einer solchen Kultur auf Glaubensinhalte zu stellen, die von den materiellen und sinnlich wahrnehmbaren Dingen verschieden sind.

Doch es genügt nicht, dass sie lediglich von den materiellen und sinnlich wahrnehmbaren Dingen verschieden sind; zugleich müssen sie noch einige weitere Eigenschaften besitzen.

Erstens: Sie dürfen weder Aberglaube noch unvernünftige Vorstellungen sein; vielmehr wird ein gesunder Verstand bestrebt sein, ihre Wahrheit anzuerkennen.

Zweitens: Sie dürfen keine fernen Dinge sein, sondern müssen in einem engen Zusammenhang mit unserem Leben stehen.

Drittens: In ihnen muss eine verborgene Kraft liegen, sodass die kulturelle Ordnung von ihnen beim Bemühen, die Gedanken- und Tatkraft der Menschen zu beherrschen, vollständige Unterstützung erhalten kann.

Unter diesem Gesichtspunkt können wir, wenn wir die Glaubensinhalte des Islam betrachten, erkennen, dass er diese drei Prüfungen vollständig besteht.

Erstens ist in der Vorstellung, die der Islam von Allah, den Engeln, der Offenbarung, dem Prophetentum und dem Jenseits vermittelt, nichts Unvernünftiges enthalten. Nichts davon ist an sich unmöglich oder kann nicht wahr sein. Und die gesunde Urteilskraft verweigert sich niemals der Annahme irgendeiner dieser Aussagen. Gewiss kann der Verstand für diese Dinge keine Grenzen festlegen, nicht bis zu ihren äußersten Enden vordringen und ihre tiefere Bedeutung nicht vollständig erfassen – daran besteht kein Zweifel. Doch genau in derselben Lage befinden sich alle Dinge, deren Existenz unsere gelehrten Wissenschaftler bis heute nachgewiesen haben. Die Existenz von Energie, Leben, Anziehung, Evolution und ähnlichen Dingen haben wir nicht deshalb anerkannt, weil wir ihre tiefere Bedeutung vollständig erfassen konnten. Vielmehr haben wir sie deshalb anerkannt, weil nach unserer Auffassung ihr Vorhandensein erforderlich ist, um die grundlegenden Ursachen und Gründe für die verschiedenen besonderen Ziele zu erklären, die wir beobachtet haben. Und die Theorien, die wir über die unsichtbare Ordnung der sichtbaren Dinge entwickelt haben, setzen eben das Vorhandensein dieser Dinge voraus. Daher ist es für die Anerkennung der Wahrheit jener unsichtbaren Dinge, an die der Islam zu glauben verlangt, nicht notwendig, dass wir ihre tiefere Bedeutung mit unserem Verstand vollständig erfassen und ihre Grenzen bestimmen. Als Begründung genügt vielmehr schon die Einsicht, dass die Welt und

die vom Islam vorgelegte Weltanschauung vom Menschen keineswegs unvernünftig ist, dass ihre Richtigkeit eindeutig ist und dass sie die Existenz aller fünf Dinge voraussetzt, an die der Islam zu glauben verlangt.

Die Weltanschauung des Islam lautet: Erstens: Die gesamte Ordnung des Weltalls ist von einer souveränen Macht errichtet worden, und sie allein lenkt sie. Zweitens: Unter der Herrschaft dieser souveränen Macht überwacht eine andere Klasse unzähliger Kräfte dieses Weltall gemäß ihrem Befehl. Drittens: Der Schöpfer des Menschen hat in seine Natur zwei Neigungen gelegt, die zum Guten und die zum Bösen; sowohl Verstand als auch Unverstand, Wissen als auch Unwissenheit sind in ihm vereint. Er kann sowohl dem rechten als auch dem falschen Weg folgen. Unter diesen einander entgegengesetzten Kräften und verschiedenartigen Neigungen beginnt der Mensch derjenigen zu folgen, die die Oberhand gewinnt. Viertens: Um im Kampf zwischen Gut und Böse die guten Neigungen zu unterstützen und den Menschen den geraden Weg zu weisen, erwählt der Schöpfer aus der Menschheit selbst einen vortrefflichen Menschen und beauftragt ihn, die Menschen mit sicherem Wissen auf den guten Weg zu führen. Fünftens: Der Mensch ist kein verantwortungsloses und keiner Rechenschaft unterworfenes Wesen. Für alle seine freiwilligen Handlungen muss er vor seinem Schöpfer Rechenschaft ablegen. Eines Tages wird er über jedes Atom Rechenschaft geben und die guten oder schlechten Folgen seiner eigenen Taten erfahren müssen.

Diese Weltanschauung setzt die Existenz aller fünf Dinge voraus: Allah, der Engel, der Offenbarung, des Prophetentums und des Tages des Jüngsten Gerichts. Keine ihrer Aussagen ist vom Standpunkt der Vernunft aus unrealistisch. Keines dieser Dinge kann als Aberglaube oder als unvernünftiger Glaube bezeichnet werden. Und je mehr wir darüber nachdenken, desto größer wird unser Interesse an ihrer Wahrheit.

Die Bedeutung Allahs mag unserem Verständnis unzugänglich sein, doch wir kommen nicht umhin, Seine Existenz anzuerkennen. Dies ist eine solche Notwendigkeit, dass es ohne sie auf keine Weise möglich ist, die komplizierte Struktur des Weltalls zu erklären.

Wir können keine Anzeichen für die Existenz der Engel feststellen, doch an ihrer Existenz besteht kein Raum für Zweifel. Alle Gelehrten und Wissenschaftler der Welt haben sie auf die eine oder andere Weise anerkannt. Allerdings haben sie sie nicht mit dem Namen bezeichnet, mit dem der Koran sie benennt.

Das Eintreten des Jüngsten Tages und die Tatsache, dass eines Tages die gesamte Ordnung der Erde zusammenbrechen wird, ist vom Standpunkt intellektueller Schlussfolgerungen nicht nur äußerst wahrscheinlich, sondern nahezu gewiss.

Zwar lässt sich die Verantwortlichkeit des Menschen vor seinem Gott und seine Würdigkeit, für seine eigenen Taten belohnt oder bestraft zu werden, nicht durch eindeutige Beweise und Argumente feststellen; doch unter all den Lehren, die über das Leben nach dem Tod und den Zustand des Menschen nach seinem Tod entwickelt worden sind, ist die vom Islam dargelegte Lehre zweifellos die beste, fruchtbarste und der Wahrscheinlichkeit am nächsten kommende – und zumindest dies muss der gesunde Menschenverstand anerkennen.

Es bleibt die Frage der Offenbarung und des Prophetentums; offensichtlich kann dafür kein wissenschaftlicher Beweis erbracht werden. Doch wenn wir die Bedeutung der als Offenbarung Allahs vorgelegten Schriften sowie das Leben und den Charakter der Menschen, die als Gesandte Allahs bezeichnet werden, eingehend betrachten, können wir zu dem Schluss gelangen, dass kein anderes Buch und kein anderer Führer einen ebenso tiefgreifenden, umfassenden, starken und wohltätigen Einfluss auf das Denken und Handeln der Menschheit ausüben konnte wie sie. Dies genügt, um zu glauben, dass in ihnen unbedingt etwas Außergewöhnliches vorhanden gewesen sein muss, dessen Gunst von den von Menschen verfassten Schriften und den gewöhnlichen menschlichen Führern nicht zuteilgeworden ist.

Aus dieser Erörterung wird ganz deutlich, dass die Glaubensinhalte im Islam der Vernunft nicht widersprechen. Für die Vernunft gibt es keinerlei Grundlage, sie zu leugnen. In ihnen ist nichts enthalten, was den Menschen auf irgendeiner Stufe der wissenschaftlichen und geistigen Entwicklung dazu zwingen müsste, sie zurückzuweisen. Im Gegenteil: Die geistige Vernunft bezeugt gerade ihre Gewissheit. Es bleibt die Frage des Glaubens und der Überzeugung. Diese steht nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Herzen und dem Gewissen in Beziehung. Die Existenz all der unsichtbaren und unkörperlichen Dinge, an die wir glauben, hängt in Wirklichkeit von unserem Gewissen ab. Wenn wir ein unsichtbares Ding nicht anerkennen wollen oder unser Herz davon nicht überzeugt ist, kann uns kein intellektueller Beweis dazu zwingen, es als wahr zu erkennen. Als Beispiel lässt sich anführen, dass keiner der für die Existenz des „Äthers“ (Ether) vorgebrachten Beweise ihn mit Gewissheit feststellen und vollständig von Zweifel und Unsicherheit befreien kann. Denn einige Philosophen glauben aufgrund eben dieser Beweise an ihn, während andere Philosophen sie für unzureichend halten und sich weigern, daran zu glauben. Folglich beruht die Frage des Glaubens und der Erkenntnis der Wahrheit im Wesentlichen auf der inneren Gewissheit und dem Zeugnis des Gewissens. Gewiss hat die geistige Vernunft darauf insofern einen Einfluss, als bei Dingen, deren Wahrheit als der Vernunft widersprechend erwiesen wird, ein Konflikt zwischen Gewissen und geistiger Vernunft entsteht und dadurch der Glaube geschwächt wird. Bei Dingen hingegen, deren Wahrheit den vernünftigen Schlussfolgerungen nicht entgegensteht oder bei deren Erkenntnis die geistige Vernunft zumindest teilweise unterstützend wirkt, wächst die innere Gewissheit, und dadurch gewinnt der Glaube an Stärke.

Zweitens handelt es sich bei den meisten Gegenständen des Unsichtbaren um theoretische Dinge; das heißt, sie haben keinen Bezug zu unserem praktischen Leben. So gibt es beispielsweise den Äther (Ether), die ursprüngliche und die allgemeine Form der Materie, die Materie, die Natur und die Naturgesetze, das Gesetz der Kausalität sowie zahlreiche andere theoretische Dinge oder Annahmen, deren Anerkennung oder Ablehnung keinerlei Einfluss auf unser Leben hat. Doch die unsichtbaren Dinge, zu deren Glauben der Islam aufruft, sind keine solchen theoretischen Gegenstände. Vielmehr stehen sie in enger Beziehung zu unserem sittlichen und praktischen Leben. Der Grund dafür, dass ihre Anerkennung als Quelle der Grundsätze bezeichnet wird, liegt darin, dass sie nicht nur theoretische Wahrheiten sind; vielmehr wirken sich die genaue Erkenntnis über sie und der vollständige Glaube an sie tiefgreifend auf unsere eigenen Eigenschaften und unsere Wesensart, unsere persönlichen Handlungen sowie unsere sozialen und allgemeinen Angelegenheiten aus.

Drittens kann die Kraft, die erforderlich ist, um in einer riesigen menschlichen Gesellschaft mit unterschiedlichsten geistigen und bildungsmäßigen Niveaus die Herrschaft der islamischen Kultur und der islamischen Lebensordnung bis in die verborgensten und kleinsten Bereiche ihres Lebens hinein zu errichten und ihre Bindungen fest zu verankern, nur durch eben jene von Islam vorgelegte Glaubensüberzeugung erlangt werden. In der Überzeugung, dass ein allwissender und allsehender, mächtiger und majestätischer, barmherziger und gnädiger Allah über uns herrscht, dass seine unzähligen Heerscharen überall und unter allen Umständen gegenwärtig sind, dass Er allein den Menschen Propheten gesandt hat, dass die Vorschriften, die uns dieser Prophet übermittelt hat, nicht von ihm selbst verfasst, sondern vollständig von Allah empfangen worden sind und dass wir zwangsläufig die guten oder schlechten Folgen unseres Gehorsams oder Ungehorsams tragen müssen, liegt eine derart gewaltige und umfassende Kraft, wie sie auf keinem anderen Weg erlangt werden kann. Materielle Macht kann lediglich den Körper umgeben; die sittliche Wirkung von Bildung und Ausbildung kann nur bis zu den höheren Schichten der menschlichen Gesellschaft vordringen. Das Gesetz kann nur dort wirksam sein, wohin seine Hüter zu gelangen vermögen. Doch die Kraft dieser Überzeugung nimmt gerade vom Geist und vom Herzen des Menschen Besitz. Sie umfasst alle in sich: die Gewöhnlichen und die Außergewöhnlichen, die Unwissenden und die Gebildeten, die Klugen und die Toren. In der Einsamkeit des Waldes und in der Dunkelheit der Nacht verrichtet sie ihr Werk. Wo niemand da ist, der einen davon abhalten könnte, Unrecht und Sündhaftigkeit zu begehen, ihn dafür zu tadeln und zu rügen oder ihn auch nur dabei zu beobachten, bewirken die Überzeugung von Allahs allgegenwärtiger Gegenwart, der Glaube an die Wahrheit der vom Propheten übermittelten Lehren und die Gewissheit über die Befragung am Tag der Auferstehung etwas, wozu weder ein Polizeikonstabler noch ein Richter eines Gerichts noch die Lehre eines Professors auch nur annähernd imstande wäre. Darüber hinaus findet sich nirgends ein Beispiel dafür, wie diese Überzeugung die unzähligen, über die Welt verstreuten, verschieden ausgerichteten und einander widerstreitenden Menschen zusammengeführt, aus ihnen eine große Nation gebildet, in ihrem Denken, Handeln und ihren Bräuchen eine äußerste Einheitlichkeit geschaffen, trotz ihrer unterschiedlichen Lebensumstände und geistigen Voraussetzungen die Verbreitung einer gemeinsamen Kultur bewirkt und in ihnen den Antrieb zur Selbstaufopferung für ein höchstes Ziel geweckt hat.

Was bisher festgestellt wurde, ist Folgendes: Im islamischen Sprachgebrauch bedeutet Glaube, an Allah, die Engel, die Schriften, die Gesandten und den Tag des Jüngsten Gerichts zu glauben. Diese fünf Glaubensinhalte bilden eine einzige, unteilbare Einheit. Das heißt, zwischen ihnen besteht ein so unauflösliches Verhältnis, dass die Leugnung auch nur eines Teils zwangsläufig die Leugnung der gesamten Glaubensüberzeugung nach sich zieht. Darüber hinaus wurde durch eine vernunftgemäße Prüfung nachgewiesen, dass für die Kultur, die der Islam errichten will, nur diese Inhalte den Rang von Glaubensinhalten besitzen können und dass eine solche Glaubensüberzeugung für sie erforderlich ist. Zudem enthält sie nichts, was unfähig wäre, mit wissenschaftlichem und geistigem Fortschritt zusammenzuwirken.

Nun müssen wir unsere Aufmerksamkeit der dritten Frage zuwenden. Sie lautet: Welchen Rang hat der Glaube, und warum hat er gerade diesen Rang? Beim Verständnis dieser Frage haben die Menschen sich vielfach geirrt, und sogar manche namhafte Gelehrte sind dabei ins Straucheln geraten. Deshalb muss die Angelegenheit etwas ausführlicher dargelegt werden.

Die Bedeutung des Glaubens im Islam

Wenn gefragt wird, was der wesentliche Inhalt der Botschaft des edlen Korans sei, kann die Antwort in einem einzigen Wort gegeben werden: „Glaube“. Das Ziel der Herabsendung des edlen Korans und des Kommens des Propheten (s) besteht darin, die Menschen zum Glauben aufzurufen. Der Koran sagt über seinen Träger und Überbringer mit klaren Worten, dass er derjenige ist, der zum Glauben aufruft.

Vers

„Unser Herr, gewiss, wir haben auf den Ruf eines Rufers geantwortet, der zum Glauben aufruft.“

Und über sich selbst erklärt er, dass er nur jenen Menschen den rechten Weg (die Rechtleitung) weisen wird, die bereit sind, an die unsichtbaren Dinge (das heißt, an die oben genannten Glaubensinhalte) zu glauben.

[Vers]

„(Der Koran) ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Verborgene glauben.“ (Sure al-Baqara: 2–3)

Durch Ermahnungen und Belehrungen, gute Ratschläge, Versprechen und Zusagen, Argumente und Beweise sowie Geschichten ruft er die Menschen genau dorthin. Als Erstes fordert er die Menschen auf, den Glauben anzunehmen. Danach schreitet er zur Läuterung der Seele, zur moralischen Verbesserung sowie zu sozialen und staatlichen Gesetzen fort. Für ihn sind Glaube Wahrheit, Aufrichtigkeit, Wissen, Rechtleitung und Licht. Das Fehlen des Glaubens, also der Unglaube, dagegen steht für Unwissenheit, Unrecht, Falschheit, Lüge und Irreleitung.

Der weise Koran zieht eine klare Grenze und teilt die gesamte Menschheit in zwei Gruppen. Die eine Gruppe besteht aus den Gläubigen, die zweite aus den Ungläubigen. Die erste Gruppe ist aus seiner Sicht der Wahrheit verpflichtet und mit den Schätzen des Wissens und des Lichts reich beschenkt; für sie ist der Weg der Rechtleitung offen, ebenso die Tore der Gottesfurcht und Frömmigkeit; allein sie ist des Wohlergehens würdig. Die zweite Gruppe besteht aus seiner Sicht aus Ungläubigen, Ungerechten, Toren und Menschen, die von Finsternis umhüllt sind; der Weg der Rechtleitung ist für sie versperrt. Sie hat keinen Anteil an Gottesfurcht und Frömmigkeit. Für sie sind Verlust, Verderben und Scheitern bestimmt. Er führt das Beispiel dieser beiden Gruppen so an: Die eine ist blind und taub, die andere besitzt Seh- und Hörvermögen. Er sagt, dass der Weg des Glaubens der „Ṣirāṭ al-mustaqīm“ – der gerade Weg – ist. Außerdem müssen alle anderen Wege verworfen werden. Ohne jede Umschweife hat er klar gesagt, dass derjenige, der an Allah, Seinen Gesandten und Sein Buch glaubt, eine leuchtende Lampe besitzt, mit deren Hilfe er auf dem geraden Weg gehen kann. Solange diese Lampe vorhanden ist, besteht für ihn keinerlei Gefahr, irrezugehen. Er wird den geraden Weg völlig vom krummen Weg unterscheiden können und sicher und ungehindert das Ziel des Wohlergehens erreichen. Wer dagegen keine Lampe des Glaubens besitzt, hat überhaupt kein Licht. Für ihn ist es äußerst schwierig, zwischen dem geraden und dem krummen Weg zu unterscheiden. Wie ein Blinder wird er sich in der Dunkelheit tastend und nach Vermutungen vorwärtsbewegen. Vielleicht setzt er zufällig einmal einen Schritt auf den geraden Weg; doch dies ist kein sicherer Weg, auf dem geraden Weg zu bleiben. Vielmehr ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass er vom geraden Weg abweicht. Manchmal wird er vielleicht in eine Grube fallen, ein anderes Mal in Dornen stecken bleiben.

Über die erste Gruppe lautet die Aussage des Korans:

{Arabisch}

„Daher sind diejenigen, die an den Gesandten glauben, ihm helfen und beistehen und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde, in Wahrheit diejenigen, die Anspruch auf das Gute haben.“ – (Sure al-Aʿrāf: 150)

An anderer Stelle heißt es:

{Arabisch}

„O ihr Menschen, fürchtet Allah und glaubt an Seinen Gesandten. Allah wird euch einen doppelten Anteil Seiner Barmherzigkeit geben und euch ein Licht bereiten, in dessen Schein ihr gehen könnt, und Er wird euch vergeben.“

– (Sure al-Ḥadīd: 28)

Über die zweite Gruppe heißt es hingegen:

{Arabisch}

„Wisst ihr, wem diejenigen folgen, die außer Allah andere Teilhaber anrufen? Sie folgen lediglich Vermutungen und gehen nur auf der Grundlage von Mutmaßungen ihren Weg.“ – (Sure Yunus 66)

{Arabisch}

„Sie folgen lediglich Vermutungen; und die Vermutung ist derart, dass sie der Wahrheit in keiner Weise genügt.“ – (Sure an-Nadschm 28)

{Arabisch}

„Wer ist irrender als derjenige, der statt der von Allah gegebenen Rechtleitung seinen eigenen Neigungen folgt? Allah weist solche Frevler niemals auf den geraden Weg.“ – (Sure al-Qasas 50)

{Arabisch}

„Für denjenigen, dem Allah kein Licht gegeben hat, gibt es kein anderes Licht.“ – (Sure an-Nur 40)

Die Erläuterung dieses gesamten Sachverhalts findet sich in der Sure al-Baqara. Daraus wird deutlich, welch großer Unterschied infolge dieses Unterschieds zwischen Iman und Kufr zwischen diesen beiden Gruppen der Menschheit entsteht.

{Arabisch}

„Im Din gibt es keinen Zwang; der Weg der Rechtleitung ist deutlich vom Irrweg unterschieden worden. Wer daher den Taghut (die satanische Macht) verwirft und an Allah glaubt, hat sich an ein unauflösliches, starkes Seil festgehalten. Und Allah hört und weiß alles. Allah ist der Beschützer der Gläubigen; Er führt sie aus den Finsternissen ins Licht. Die Beschützer der Ungläubigen aber sind die Satane; sie führen sie aus dem Licht in die Finsternisse. Sie sind die Bewohner des Höllenfeuers; dort werden sie ewig bleiben.“

Der Vorrang des Iman vor den Taten

Darüber hinaus hat der Unterschied zwischen Iman und Kufr auch einen Unterschied in den menschlichen Handlungen bewirkt. Nach dem Koran kann nur ein Gläubiger gottesfürchtig und rechtschaffen sein. Keiner Handlung kann ohne Iman die Eigenschaft der Taqwa und Aufrichtigkeit zugeschrieben werden – ganz gleich, wie sehr die Menschen diese Handlung auch als gute Tat betrachten mögen. Der Koran sagt:

{Arabisch}

„Nur diejenigen sind gottesfürchtig, die die Wahrheit gebracht und sie als wahr anerkannt haben.“ – (Sure az-Zumar: 33)

{Arabisch}

„Der Koran ist eine Rechtleitung für die Gottesfürchtigen, die an das Verborgene glauben, das Gebet verrichten und von dem ausgeben, womit Wir sie versorgt haben, und die an das glauben, was dir herabgesandt wurde, sowie an die Schriften, die vor dir herabgesandt wurden, und die vom Jenseits überzeugt sind.“ – (Sure al-Baqara: 2–4)

Dem Koran zufolge ist der Glaube daher die Grundlage von Gottesfurcht und Frömmigkeit. Die guten Werke eines Menschen, der den Glauben besitzt, erblühen und tragen auf genau diese Weise Früchte, wie die in einem Garten auf gutem Boden und bei gutem Klima gepflanzten Bäume frisch und voller Früchte und Blüten werden. Wer dagegen ohne Glauben gute Werke verrichtet, gleicht jemandem, der in unfruchtbarem, steinigem Boden und unter schlechtem Klima einen Garten anlegt.¹ [1. Dieses Thema wird im Edlen Koran mit einer beinahe gleichen Metapher dargelegt. Siehe Sure al-Baqara, Abschnitt 36.] Aus diesem Grund wird im Edlen Koran überall dem Glauben Vorrang vor den guten Werken gegeben. Nirgendwo wird erklärt, dass gute Werke ohne Glauben ein Mittel zur Erlösung und zum Wohlergehen seien.² [2. Siehe beispielsweise al-Baqara (3–9, 38), an-Nisāʾ (24), al-Māʾida (2), Hūd (2), an-Nahl (13), Tā-Hā (3–6), at-Tīn und al-ʿAsr.] Vielmehr werdet ihr bei aufmerksamer Lektüre des Korans erkennen, dass all das, was der Edle Koran an moralischen Anweisungen und rechtlichen Bestimmungen vorgelegt hat, an die Gläubigen gerichtet ist. Diese Art von Versen beginnt entweder mit **********, oder durch die Darstellungsweise wird in irgendeiner Form gesagt, dass sich der Aufruf ausschließlich an die Gläubigen richtet. Was die Ungläubigen betrifft, so werden sie nicht zu guten Werken, sondern zum Glauben aufgerufen, und es wird ausdrücklich erklärt, dass die Werke derjenigen, die keine Gläubigen sind, keinerlei Wert besitzen: Sie sind nichtig, bedeutungslos und dem völligen Untergang preisgegeben.

***********

„Das Gleichnis der Werke derjenigen, die ungläubig sind, ist wie eine Luftspiegelung in einer Wüste. Der Durstige hält sie aus der Ferne für Wasser; doch wenn er dorthin gelangt, findet er nichts vor.“ – (Sure an-Nūr: 39)

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„Sag: Sollen Wir euch mitteilen, welche Menschen hinsichtlich ihrer Taten am meisten verloren haben? Es sind diejenigen, deren Bemühungen im diesseitigen Leben vergeblich zunichtegegangen sind, während sie meinten, sie würden sehr gute Werke tun. Diese sind es, die die Zeichen ihres Herrn verleugnet und nicht einmal die Wahrheit anerkannt haben, dass sie vor Ihm erscheinen müssen. Deshalb sind ihre Werke hinfällig geworden. Am Tag der Auferstehung werden Wir ihren Werken keinerlei Wert beimessen, und sie werden in die Hölle eingehen. Das ist die Vergeltung dafür, dass sie ungläubig waren und über Meine Zeichen und Meine Gesandten spotteten.“ – (Sure al-Kahf: 103–106)

Dasselbe Thema wird in den Suren al-Māʾida (Abschnitt 1), al-Anʿām (10), al-Aʿrāf (17), at-Tauba (3), Hūd (2), az-Zumar (7) und Muhammad (1) dargelegt. In der Sure at-Tauba wird außerdem ausdrücklich erklärt, dass ein Ungläubiger, selbst wenn er äußerlich gute Werke tut, niemals einem Gläubigen gleich sein kann:

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„Habt ihr etwa diejenigen, die den Pilgern Wasser zu trinken geben und die Heilige Moschee instand halten, demjenigen gleichgestellt, der an Allah und den Letzten Tag glaubt und auf Allahs Weg kämpft? Diese beiden können bei Allah niemals gleich sein. Und Allah leitet die Ungerechten nicht recht. Diejenigen, die glauben, auswandern und mit ihrem Leben und ihrem Besitz auf Allahs Weg kämpfen, sind bei Allah von höherem Rang. Und sie sind es, die Erfolg haben.“ – (Sure At-Tauba: 19–20)

Zusammenfassung

Aus dieser Darlegung und den zu ihrer Unterstützung angeführten Versen des Edlen Korans ergeben sich zweifellos mehrere Dinge:

Erstens: Der Iman ist der Grundstein der islamischen Lebensordnung. Auf ihm ist das gesamte Gebäude dieser Ordnung errichtet. Und der Unterschied zwischen Kufr und Islam beruht allein auf dem grundlegenden Unterschied zwischen Iman und Nicht-Iman.

Zweitens: Die erste Forderung des Islam an den Menschen besteht darin, den Iman anzunehmen. Erst nachdem ein Mensch diese Forderung angenommen hat, tritt er in den Bereich des Islam ein. Und ihretwegen gelten alle moralischen Vorschriften sowie gesellschaftlichen Gesetze und Regelungen des Islam. Wer diese Forderung hingegen zurückweist, befindet sich außerhalb des festgelegten Bereichs des Islam; auf ihn ist weder eine moralische Vorschrift noch ein gesellschaftliches Gesetz anwendbar.

Drittens: Aus islamischer Sicht ist der Iman die Grundlage aller Taten. Nur die Tat, die auf der Grundlage des Iman vollbracht wird, ist in seinen Augen wertvoll und bedeutsam. Wo diese Grundlage jedoch überhaupt nicht vorhanden ist, sind alle Taten vergeblich und bedeutungslos.

Eine Frage:

Manche Menschen können die Bedeutung des Iman nicht erkennen. Sie sagen, in der Annahme einiger intellektueller Lehrsätze liege kein Geheimnis, aufgrund dessen man die gesamte Menschheit in zwei Gruppen einteilen könne; aus unserer Sicht komme es in Wahrheit auf Moral und Charakter an, und von ihnen hingen die Unterschiede zwischen Gut und Böse, Wahrheit und Lüge sowie Richtig und Falsch ab. Einen Menschen, der eine hohe Moral, ein reines Wesen und einen guten Charakter besitzt, würden wir als einen guten Menschen bezeichnen und in die Reihen der rechtschaffenen Menschen aufnehmen, ganz gleich, ob er jene Lehrsätze, also die Glaubensinhalte des Islam, anerkennt oder nicht. Für jemanden, dem diese Eigenschaften fehlen, sei der glaubensmäßige Unterschied zwischen Iman und Kufr völlig bedeutungslos. Ganz gleich, welchen Glauben und welche Überzeugung er vertrete, würden wir ihn als schlecht bezeichnen. Ihrer Ansicht nach bleibt danach noch eine weitere Sache übrig. Nämlich, dass die Bedeutung und der Wert der Taten vom Iman abhängen und ohne Iman keine Tat als gute Tat gelten könne. In Wahrheit sei dies ein Zeichen von Engstirnigkeit. Ohne jeden vernünftigen Beweis könne man nicht anerkennen, dass die moralische Überlegenheit und die guten Taten eines Menschen, der lediglich in Bezug auf Allah, den Gesandten, das Buch oder die Auferstehung eine vom Islam abweichende Auffassung vertritt, zunichtewerden. Wenn der Islam eine Glaubensüberzeugung für wahr hält, kann er sie zweifellos verkünden, die Menschen zu ihr aufrufen und sie dazu einladen, an sie zu glauben; doch inwieweit kann es gerechtfertigt sein, die Frage des Glaubens bis in den Bereich der Moral und der Taten auszudehnen und moralische Überlegenheit, Reinheit des Charakters sowie die Vorzüglichkeit der Taten vom Iman abhängig zu machen?

Offenkundig ist diese Frage von solcher Bedeutung, dass sogar einige Muslime sich von ihr beeinflussen ließen und bereit waren, die Grundprinzipien des Islam zu ändern. Doch sobald man die Bedeutung des Glaubens und seine Beziehung zu Wesen und Charakter erkannt hat, erledigt sich dieser Einwand von selbst.

Die Wahrheit oder Unwahrheit der Frage feststellen

Zunächst muss man sich darüber im Klaren sein, dass der Unterschied zwischen Gut und Böse bei den Menschen im Wesentlichen auf zwei verschiedenen Grundlagen beruht. Die erste ist die angeborene Natur und Veranlagung des Menschen; ihre Vorzüglichkeit oder Minderwertigkeit unterliegt nicht der eigenen Willenskraft des Menschen. Die zweite ist das Erworbene; ob es gut oder schlecht ist, hängt in Wirklichkeit vom richtigen oder schlechten Gebrauch des Verstandes und der Denkfähigkeit sowie des Willens und der Macht ab. Diese beiden Dinge sind im menschlichen Leben hinsichtlich ihrer jeweiligen Wirkung so miteinander verflochten, dass wir weder sie selbst noch die Grenzen ihrer jeweiligen Wirkung voneinander trennen können. Als Lehrsatz wissen wir jedoch mit Sicherheit, dass diese beiden Grundlagen von Vorzüglichkeit und Minderwertigkeit im Denken und Handeln des Menschen getrennt voneinander vorhanden sind. Die Vorzüglichkeit oder Minderwertigkeit, die auf der natürlichen Veranlagung beruht, kann aufgrund ihrer eigenen Ursprünglichkeit als Maßstab des Urteils keine Bedeutung erlangen. Bedeutung kann allein jene Vorzüglichkeit oder Minderwertigkeit erlangen, die auf dem Erworbenen beruht.¹ [1. Genau dies wird im Koran dargelegt. ************ Das heißt, Allah macht niemanden für eine Handlung verantwortlich, die seine Fähigkeit übersteigt. Er wird den Nutzen dessen erhalten, was er erworben hat. Für das, was er erworben hat, wird er verantwortlich sein. Die angeborene Natur und Veranlagung aber hat Allah jedem so verliehen, wie Er wollte. *********** Und Allah weiß sehr wohl, welcher Anteil im Leben des Menschen auf seine natürliche Veranlagung und welcher auf das Erworbene entfällt. ***********] Keine der Anstrengungen, die für Bildung, gute Ermahnung, Kultur und dergleichen unternommen werden, steht mit der ersten Grundlage (das heißt der angeborenen Natur und Veranlagung) in Verbindung, denn es ist unmöglich, ihre Vorzüglichkeit durch Minderwertigkeit oder ihre Minderwertigkeit durch Vorzüglichkeit zu verändern. Vielmehr stehen sie mit der zweiten Grundlage (dem Erworbenen) in Verbindung. Durch richtige Bildung und angemessenes Training kann man in Richtung Minderwertigkeit gelenkt werden, und durch fehlerhafte Bildung und falsches Training ebenfalls in Richtung Minderwertigkeit.

Welches wäre nach diesem Grundsatz die richtige Vorgehensweise für jemanden, der die erworbenen Kräfte des Menschen zur Vorzüglichkeit führen und auf diesem Weg entfalten möchte? Er muss eine zutreffende Erkenntnis des Menschen erlangen und auf Grundlage dieser Erkenntnis für ihn eine Trainingsmethode entwickeln, die seine Moral und seinen Charakter (soweit sie mit dem Erworbenen verbunden sind) in eine gute Form zu gießen vermag. In dieser Angelegenheit ist es unbedingt erforderlich, der Erkenntnis Vorrang vor dem Training zu geben. Kein vernünftiger Mensch kann diese Vorrangigkeit leugnen. Denn Erkenntnis oder Ilm ist die Grundlage des Handelns; ohne zutreffende Erkenntnis kann kein Handeln fehlerlos sein.

Nehmen wir nun die Erkenntnis. Eine Art von Erkenntnis steht mit den Einzelheiten unseres praktischen Lebens in Verbindung. Wir lernen oder lehren sie in Schulen und Hochschulen, und sie setzt sich aus zahllosen Wissenschaften und Künsten zusammen. Die zweite Art ist die eigentliche Erkenntnis; in der Terminologie des Korans wird sie als (******) oder als die einzige Erkenntnis bezeichnet. Sie steht nicht mit unseren praktischen Geschäften und Tätigkeiten, sondern vielmehr mit „uns“ in Verbindung. Ihr Gegenstand ist: Wer sind wir? Welchen Rang haben wir in dieser Welt, in der wir leben? Wer hat uns und diese Welt erschaffen? In welcher Beziehung stehen wir zu diesem Schöpfer? Was kann für uns der richtige Weg des Lebens (Rechtleitung und Sirat al-Mustaqim) sein, und wie können wir ihn erkennen? Was ist das Ziel unserer Lebensreise? Tatsächlich kann unter diesen beiden Arten der Erkenntnis nur die zweite den Anspruch auf Ursprünglichkeit erheben. All unser Detailwissen ist lediglich ein Zweigwerk davon, und von der Fehlerlosigkeit oder Irrigkeit dieser Erkenntnis hängen die Richtigkeit oder Unrichtigkeit unseres gesamten Denkens und Handelns ab. Daher wird jede Ordnung, die für die Bildung und Kultur des Menschen geschaffen wird, auf dieser eigentlichen Erkenntnis beruhen. Wenn die grundlegende Erkenntnis richtig und fehlerlos ist, wird auch das Bildungs- und Kultursystem richtig sein. Wenn diese Erkenntnis jedoch irgendeine Verfälschung enthält, wird dadurch das gesamte Bildungs- und Kultursystem verfälscht werden.

Die im Edlen Koran erwähnten Glaubensvorstellungen über Allah, die Engel, die Schriften, die Gesandten und den Tag des Jüngsten Gerichts stehen mit eben dieser grundlegenden Erkenntnis in Verbindung. Der Grund dafür, dass mit so nachdrücklichen Worten dazu aufgefordert wird, an diese Glaubensvorstellungen zu glauben, liegt darin, dass das gesamte Kultur- und Bildungssystem des Islam vollständig auf dieser grundlegenden Erkenntnis beruht. Aus islamischer Sicht ist allein jene Ordnung eine richtige Ordnung zur Läuterung der erworbenen Kräfte des Menschen und zur Gestaltung der Kultur, die ausschließlich auf fehlerloser Erkenntnis beruht. Eine Ordnung, die ohne die eigentliche Erkenntnis errichtet wurde oder nicht auf fehlerloser Erkenntnis beruht, ist ihrem Wesen nach irrig. Durch sie werden die erworbenen Kräfte des Menschen auf einen falschen Weg gelenkt. Wie richtig die Anstrengungen und Mühen, die der Mensch auf diesen Wegen aufwendet, auch dem Anschein nach sein mögen, tatsächlich ist ihr Einsatz irrig. Ihre Bewegung ist nicht auf das richtige Ziel ausgerichtet. Sie kann niemals die Stufe des Erfolgs erreichen. Deshalb wird sie zugrunde gehen, und der Mensch kann daraus keinerlei Nutzen ziehen. Aus diesem Grund hat der Islam seinen eigenen Weg als

„Sirat al-Mustaqim“ oder den leichten und geraden Weg bezeichnet und dazu aufgefordert, alle Wege zu verwerfen, die auf Unwissenheit oder falscher Erkenntnis beruhen:

********************************************* Und aus diesem Grund erklärt der Islam, dass alle von einem Menschen vollbrachten Werke, dessen Glaube nicht geläutert ist, nichtig sind und er am Ende erfolglos bleiben wird. *************

Die Überzeugungen, die der Islam vorlegt, sind für ihn das einzige Wissen, die einzige Wahrheit, die einzige Rechtleitung und das einzige Licht. Wenn dies ihr Wesen ist, dann müssen die ihnen entgegengesetzten Überzeugungen notwendigerweise die einzige Unwissenheit, die einzige Lüge, das einzige Irregehen und die einzige Finsternis sein. Wenn der Islam nicht mit solcher Entschiedenheit ihre Zurückweisung forderte und den Anhängern jener irrigen Überzeugungen denselben Wert beimäße wie denjenigen, die den richtigen Iman besitzen, würde er indirekt anerkennen, dass seine Überzeugungen nicht die einzige Wahrheit sind und dass er selbst nicht vollkommen davon überzeugt ist, dass sie Wahrheit, Rechtleitung und Licht darstellen. Unter diesen Umständen wäre es für ihn völlig sinnlos, jene Überzeugungen vorzulegen, auf ihrer Grundlage ein Bildungs- und Kultursystem zu entwickeln und die Menschen dazu aufzurufen, sich diesem System anzuschließen. Denn wenn er anerkennt, dass anderes Wissen, das diesem absoluten Wissen widerspricht, ebenso rein und richtig sei wie sein eigenes, oder dass es keinen Schaden verursache, wenn es überhaupt kein absolutes Wissen gebe, dann würde es völlig sinnlos, dieses absolute Wissen vorzulegen und zum Iman an dieses Wissen aufzurufen. Wenn er ferner zugäbe, dass die Menschen auch durch ein Bildungs- und Kultursystem, das auf anderem, diesem absoluten Wissen widersprechendem Wissen beruht, oder ohne jedes absolute Wissen entwickelt wurde, Wohlergehen erlangen könnten, dann würde auch der Aufruf, dem islamischen System zu folgen, jede Bedeutung verlieren.

Wenn man sich außerdem an die vorangegangene Erörterung über die Bedeutung des Iman erinnert, wird leicht verständlich, warum der Islam dem Iman eine so große Bedeutung beimisst. Die Bewohner der Welt der Einbildung können Paläste auf Sand, auf Wasser und sogar auf Luft errichten. Der Islam aber ist eine vernunftgemäße Religion. Er kann den Palast seiner Lehre und Kultur nicht auf ein schwaches Fundament bauen. Vielmehr legt er zuerst in der Seele des Menschen und in der Tiefe seiner Denkkraft ein festes Fundament.

Darauf errichtet er ein Gebäude, das nicht ins Wanken gerät, wenn jemand es zu Fall zu bringen versucht. Zuerst prägt er dem Menschen unauslöschlich die Wahrheit ein, dass über ihm ein einziger Allah steht, der sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits sein Richter und Gesetzgeber ist und aus dessen Herrschaft und Macht über ihn er auf keine Weise entkommen kann. Vor Ihm bleibt kein einziges deiner Worte verborgen. Zu deiner Rechtleitung hat Er Gesandte geschickt und dir durch die Gesandten das Buch und die Scharia gegeben. Wenn du ihnen folgst, kannst du die Zufriedenheit dieses wahren Herrschers, Richters und Gesetzgebers erlangen. Wenn du gegen Ihn handelst, wird Er dich gewiss zur Rechenschaft ziehen, wie verborgen dein Ungehorsam auch sein mag, und dich dafür ohne Nachsicht bestrafen. Nachdem er diesen Eindruck tief in das Herz des Menschen eingeprägt hat, lehrt er ihn eine gute Wesensart und einen tugendhaften Charakter. Er legt die Bestimmungen und Verbote in Bezug auf Recht und Unrecht dar, und gerade durch die Kraft jenes Iman-Eindrucks bringt er die Menschen dazu, seiner eigenen Lehre zu folgen und seine Bestimmungen und Verbote zu befolgen. Je tiefer dieser Eindruck ist, desto vollständiger wird die Befolgung durch die Menschen sein, desto stärker ihre Gehorsamkeit und desto wirkungsvoller werden auch Kultur und Erziehungssystem sein. Ist dieser Eindruck dagegen schwach und oberflächlich, fehlt er ganz, oder ist an seiner Stelle kein anderer Eindruck in das Gemüt eingeprägt, dann wird das gesamte System der sittlichen Erziehung völlig bedeutungslos; die Bestimmungen und Verbote hinsichtlich Recht und Unrecht werden vollkommen schwach und wirkungslos, und das gesamte Bildungs- und Kultursystem verwandelt sich in ein Kinderspiel. Für ihre praktische Verwirklichung oder Beständigkeit gibt es dann keinerlei Gewähr. Es mag prächtig, weitläufig und erhaben sein – doch wo ist darin Festigkeit oder Beständigkeit? Genau diese Sache hat der ruhmreiche Koran anhand eines Gleichnisses beschrieben:

**************

„Hast du nicht gesehen, wie Allah ein Gleichnis für das reine Wort (die richtige Überzeugung) geprägt hat? Es ist wie ein guter Baum: Seine Wurzel ist fest im Erdreich verankert, und seine Zweige reichen bis zum Himmel. Er bringt nach dem Willen seines Herrn zu jeder Zeit Früchte hervor. Allah legt den Menschen Gleichnisse vor, damit sie sich ermahnen lassen. Das Gleichnis des unreinen Wortes (der irrigen Überzeugung) aber ist wie ein schlechter Baum: Er kann schon von der Erdoberfläche ausgerissen werden. Er besitzt keinerlei Festigkeit und Stärke. Allah verleiht den Gläubigen durch ein festes Wort (einen gereiften Glauben) sowohl im diesseitigen als auch im jenseitigen Leben Standhaftigkeit, und die Ungerechten lässt Er in einem solchen Zustand des Irrtums zurück. Allah tut, was Er will.“ – (Sure Ibrahim: 24–27)

Bis hierher wurden die fünf Bestandteile des Iman im Großen und Ganzen betrachtet. Nun muss ausführlich untersucht werden, welche Überzeugung der Islam zu jedem einzelnen dieser Bestandteile vorlegt, worin die Notwendigkeit und Wirksamkeit jeder Überzeugung besteht, welchen Einfluss sie auf die Denkkraft des Menschen ausübt und wie sich, nachdem sie in Herz und Gemüt der Menschen fest verwurzelt ist, ein rechtschaffener und gefestigter Charakter herausbildet und gestaltet.

 

3. Der Iman an Allah

Die Bedeutung des Iman an Allah

Im Gesamtsystem der islamischen Glaubensvorstellungen und Handlungen ist der Glaube an Allah die erste und grundlegende Sache. Alle weiteren Aspekte und Bereiche des Glaubens sind lediglich Äste und Zweige dieses einen grundlegenden Stammes. Alle moralischen Vorschriften und gesellschaftlichen Gesetze des Islam beziehen ihre Kraft aus diesem Mittelpunkt. Der Ursprung und der Ort der Rückkehr für alles in diesem System ist Allahs Wesen. Der Grund für den Glauben an die Engel ist, dass sie Allahs Engel sind. Der Grund für den Glauben an die Propheten ist, dass sie von Allah Gesandte sind. Der Grund für den Glauben an den Tag der Auferstehung ist, dass er der von Allah bestimmte Tag des Gerichts und der Abrechnung ist. Die Pflichten sind deshalb zu Pflichten geworden, weil Allah sie festgelegt hat. Die gegenseitigen Rechte werden deshalb als Rechte bezeichnet, weil sie auf Allahs Geboten beruhen. Die Förderung des Guten und die Abwehr des Bösen sind deshalb notwendig, weil Allah sie angeordnet hat. Kurz gesagt: Alles im Islam, sei es eine Glaubensvorstellung oder eine Handlung, gründet auf diesem Glauben an Allah. Wird diese eine Sache herausgelöst, verlieren die Engel und der Tag der Auferstehung jede Bedeutung. Die Propheten, Gesandten und die von ihnen überbrachten Schriften werden unfähig, Gehorsam zu beanspruchen. Pflichten, Verbindlichkeiten, Gehorsam, Rechte und Ähnliches verlieren ihre Bedeutung. Gebote, Verbote und Vorschriften besitzen dann keinerlei Verbindlichkeit mehr. Kurz gesagt: Sobald dieser eine Mittelpunkt beseitigt wird, zerfällt das gesamte islamische System in Stücke; vielmehr bleibt nichts bestehen, was man Islam nennen könnte.

Die umfassende Vorstellung vom Glauben an Allah

Die Glaubensvorstellung, die in diesem gewaltigen ideellen und praktischen System als Mittelpunkt und Kraftquelle wirkt, besteht nicht nur in der Aussage: „Allah, der Erhabene, existiert.“ Vielmehr umfasst sie auch eine vollständige und richtige Vorstellung von den Eigenschaften Allahs, soweit der Mensch sich eine Vorstellung von Ihm machen kann. Aus dieser Vorstellung von Seinen Eigenschaften erwächst eine solche Kraft, dass sie das gesamte ideelle und praktische Kräftegefüge des Menschen durchdringt und beherrscht. Die bloße Anerkennung der Existenz des Schöpfers ist nichts, was als ein hervorstechendes Merkmal des Islam bezeichnet werden könnte. Auch andere Völker haben die Existenz eines Schöpfers in irgendeiner Form anerkannt. Was dem Islam tatsächlich Vorrang vor allen Religionen und Glaubenswegen verliehen hat, ist, dass er eine richtige, vollständige und umfassende Vorstellung von den Eigenschaften des Schöpfers vermittelt hat. Darüber hinaus wurde dieses Wissen zum Glauben, ja zur Grundlage des Glaubens gemacht, und mit seiner Hilfe wurden bei der Läuterung der Seele, der moralischen Besserung, der Gestaltung des Handelns, der Förderung des Guten, der Abwehr des Bösen und der Grundlegung der Zivilisation so große Leistungen vollbracht, wie keine Religion und kein Volk der Welt sie vollbringen konnte.

Die Kurzform des Glaubens an Allah ist das Bekenntnis „La ilaha illallahu“, dessen mündliche Anerkennung und aufrichtiger Glaube im Islam zur ersten und notwendigen Voraussetzung für den Eintritt erklärt worden sind. Das bedeutet, mit dem Mund anzuerkennen und im Herzen zu glauben, dass es außer dem erhabenen Wesen, das unter dem Namen Allah bekannt ist, keine andere „Ilah“ (Gottheit) gibt. Mit anderen Worten bedeutet dies, die Göttlichkeit von allen Dingen der Welt loszulösen und sie ausschließlich einem einzigen Wesen zuzuschreiben; ebenso müssen alle für die Göttlichkeit bestimmten Gefühle und Empfindungen, Vorstellungen, Gedanken, Überzeugungen sowie Anbetung und Gehorsam auf dieses eine Wesen ausgerichtet werden. Dieses kurze Bekenntnis besteht aus drei grundlegenden Elementen:

Erstens: die Vorstellung von der Herrschaft.

Zweitens: ihre Verneinung in Bezug auf alle geschaffenen Dinge.

Drittens: ihre Anerkennung ausschließlich für Allah.

Alles, was im Heiligen Koran über Allahs Wesen und Seine Eigenschaften gesagt wird, ist in Wahrheit lediglich eine ausführliche Erläuterung dieser drei Punkte.

Erstens hat er hinsichtlich der „Gottheit“ (*****) eine so umfassende und fehlerlose Vorstellung dargelegt, wie wir sie in keinem Buch und keiner Religion der Welt finden. Zweifellos ist diese Vorstellung bei allen Völkern und Gemeinschaften in irgendeiner Form vorhanden. Doch überall ist sie irrig oder unvollständig. Mancherorts wurde unter „Gottheit“ (*****) der Anfang verstanden, andernorts wurde sie lediglich im Sinne eines Ursprungs aufgefasst. Mancherorts gilt sie als Quelle von Kraft und Macht, andernorts ist sie lediglich ein Gegenstand von Furcht und Schrecken. Mancherorts ist sie nur das Zentrum der Liebe, andernorts bedeutet sie lediglich die Erfüllung von Bedürfnissen und die Erhörung von Bitten. Mancherorts wurde sie durch Götzen und Bildnisse entstellt. Mancherorts befindet sie sich im Himmel, während sie andernorts menschliche Gestalt annimmt und auf die Erde herabsteigt. All diese irrtümlichen und unvollständigen Vorstellungen hat einzig das erhabene Buch, der Koran, gereinigt und vervollkommnet. Dieses heilige Buch hat der Gottheit (******) Heiligkeit und Erhabenheit verliehen. Es hat uns erklärt, dass nur ein Wesen „Ilah“ oder Herr sein kann, das unabhängig und auf niemanden angewiesen, selbstgenügsam und ewig lebendig ist, das seit jeher besteht und für immer bestehen wird, das uneingeschränkt herrscht und die höchste Macht besitzt, dessen Wissen alles umfasst, dessen Barmherzigkeit und Gunst sich auf alle erstrecken, dessen Macht über alle siegt, in dessen Weisheit und Verstand es keinen Mangel und keine Abweichung gibt, in dessen Gerechtigkeit und Billigkeit nicht einmal eine Spur von Unrecht zu finden ist, das Leben schenkt und die für den Lebensunterhalt notwendigen Mittel bereitstellt. Es ist der Besitzer aller Kräfte des Guten und Bösen sowie des Nutzens und Schadens; alle sind auf seine Gunst und seinen Schutz angewiesen; zu ihm kehren alle Geschöpfe zurück; er nimmt von allen Rechenschaft; und er allein besitzt das Recht, Strafe und Belohnung zu verhängen. Darüber hinaus sind diese Eigenschaften der Gottheit weder teilbar noch aufspaltbar, sodass gleichzeitig mehrere Götter (*****) existieren und sie mit den genannten Eigenschaften oder einem Teil davon ausgestattet wären. Sie sind auch keine zeitweilige und zeitgebundene Angelegenheit, sodass ein Gott zuweilen mit diesen Eigenschaften ausgestattet wäre und zuweilen nicht; ebenso wenig sind sie etwas Übertragbares, sodass man heute ihr Vorhandensein in einem Gott und morgen in einem anderen feststellen könnte.

Nachdem der Koran diese umfassende und reine Vorstellung von der Gottheit dargelegt hat, beweist er in seiner einzigartigen Ausdrucksweise, dass diese Bedeutung auf keines der Dinge und keine der Kräfte in der Weltordnung angewandt werden kann. Denn alle erschaffenen Dinge der Welt sind von anderem abhängig, unterworfen und dem Untergang und der Vernichtung ausgesetzt. Sie sind nicht nur außerstande, anderen zu nützen oder zu schaden, sondern vermögen nicht einmal, den Schaden von sich selbst abzuwenden. Die Quelle ihrer Tätigkeiten sowie ihrer Wirkungen und Gegenwirkungen liegt nicht in ihrem eigenen Wesen; vielmehr beziehen sie alle ihre Lebenskraft, Tatkraft und Wirkungskraft von anderswoher. Daher gibt es in der Weltordnung kein einziges Ding, das auch nur die geringste Befähigung zur Herrschaft besäße und das berechtigt wäre, auch nur einen Teil unserer Knechtschaft und unseres Gehorsams zu erhalten.

Nach dieser Zurückweisung bestimmt er die Gottheit für ein einziges Wesen, dessen Name „Allah“ ist. Zugleich fordert er die Menschen auf: Glaubt unter Ausschluss aller anderen nur an ihn, verneigt euch allein vor ihm, ehrt ihn allein, liebt ihn allein, fürchtet ihn allein, erwartet nur von ihm, bittet nur ihn, vertraut unter allen Umständen allein auf ihn, behaltet stets im Gedächtnis, dass ihr eines Tages zu ihm zurückkehren und ihm Rechenschaft ablegen müsst und dass euer gutes oder schlechtes Schicksal von seinem Urteil abhängt.

Die ethischen Vorteile des Glaubens an Allah

Der Glaube an Allah, der sich zusammen mit dieser umfassenden Vorstellung von den Eigenschaften der Gottheit im menschlichen Herzen festigt, birgt außergewöhnliche Vorzüge, die durch keinen anderen Glauben oder keine andere Überzeugung erlangt werden können.

Die Weite des Blicks

Der erste Nutzen des Glaubens an Allah besteht darin, dass er den Blickwinkel des Menschen so weit macht, wie das grenzenlose Reich Allahs. Solange der Mensch die Welt im Hinblick auf seine eigenen Interessen betrachtet, bleibt sein Blick innerhalb eines engen Rahmens eingeschlossen, in dem seine Kraft und Macht, sein Wissen und Verstand sowie seine Wünsche und Neigungen begrenzt sind; innerhalb dieses Rahmens sucht er nach jemandem, der seine Bedürfnisse erfüllt. Vor den Mächtigen innerhalb dieses Rahmens wird er aus Furcht ängstlich und eingeschüchtert, während er über die Schwachen und Kraftlosen darin seine Herrschaft ausübt. Innerhalb dieses Rahmens bleiben auch seine Freundschaft und Feindschaft, seine Zuneigung und sein Hass, seine Achtung und Geringschätzung begrenzt; außer seinen persönlichen Interessen besitzt er dafür keinen Maßstab. Doch nach dem Glauben an Allah überschreitet sein Blick die Grenzen seiner eigenen Umgebung und weitet sich auf die gesamte Weltordnung aus. Danach betrachtet er die Weltordnung nicht unter dem Gesichtspunkt seiner eigenen Interessen, sondern im Verhältnis zum erhabenen, edlen Herrn. Nun entsteht zwischen ihm und jedem Ding dieser gewaltigen Welt eine andersartige Beziehung. Nun sieht er in ihr niemanden, der Bedürfnisse erfüllt, mächtig, schädlich oder nützlich ist. Nun findet er niemanden, der Achtung oder Geringschätzung, Furcht oder Erwartung verdient. Seine Freundschaft oder Feindschaft, seine Zuneigung oder sein Hass gelten nun nicht mehr ihm selbst, sondern werden um Allahs willen bestimmt. Er erkennt, dass der Allah, an den ich glaube, nicht nur der Schöpfer und Erhalter meiner selbst, meiner Familie oder meiner Landsleute ist, sondern der Schöpfer der gesamten Himmel und der Erde und der Herr des gesamten Universums. Seine Herrschaft und sein Königtum sind nicht nur auf mein Land beschränkt; vielmehr ist er der König der Himmel und der Erde und der Erhalter der gesamten Schöpfung. Nicht ich allein diene und verehre ihn, sondern die gesamte Schöpfung der Himmel und der Erde hat sich vor ihm ergeben. ************* (**********)********** Alle sind damit beschäftigt, ihn allein zu lobpreisen, seine Heiligkeit zu verkünden und seine Erhabenheit zu rühmen. **********************(********)******* Wenn er unter diesem Gesichtspunkt die Weltordnung betrachtet, bleibt niemand seinem Blick verborgen; alle treten von selbst vor seinen Blick und werden sichtbar. Sein Mitgefühl, seine Liebe und sein Dienst sind nicht auf einen Bereich beschränkt, dessen Grenzen im Rahmen seiner persönlichen Beziehungen festgelegt sind.

Daher kann jemand, der an Allah glaubt, niemals einen engen Blick haben. Sein Blick ist so weit, dass selbst der Ausdruck „Internationalismus“ (Internationalism) auf ihn bezogen zu eng ist. Man sollte ihn vielmehr als „allumfassend“ und „schöpfungsbezogen“ bezeichnen.

Selbstachtung

Darüber hinaus ist es gerade dieser Glaube an Allah, der den Menschen aus der Erniedrigung befreit und ihn auf die höchste Stufe der Selbstachtung und Selbstwürde erhebt. Solange er Allah nicht kannte, neigte er sein Haupt vor jedem mächtigen Wesen, vor jeder nützlichen oder schädlichen Sache und vor jedem prächtigen, gewaltigen Gegenstand der Welt. Aus Furcht vor ihnen war er verängstigt. Vor ihnen streckte er die Hände aus. Von ihnen erhoffte und erbat er Hilfe. Doch als er Allah erkannt hatte, erfuhr er, dass diejenigen, vor denen er die Hände ausgestreckt hatte, selbst von anderen abhängig und auf andere angewiesen waren(************)-**************; diejenigen, denen er gedient und gehorcht hatte, waren selbst nur ebenso armselige Sklaven wie er. :***********

Diejenigen, von denen er Hilfe erwartet hatte, waren ganz abgesehen davon, ihm zu helfen, nicht einmal fähig, sich selbst zu helfen. *************(*********)-*********** Denn der wahre Besitzer der Macht ist Allah. (************)-*************** Er allein ist der Herrscher, Gesetzgeber und Befehlshaber. (*************)-************** Außer Ihm gibt es keinen Helfer, Beschützer oder Beistand. *********** Hilfe kommt allein von Ihm.

****(************)-************ Er allein ist der Versorger. (**************)-**************** Die Schlüssel der Himmel und der Erde liegen in Seiner Hand. *************(*********)-***** Er allein gibt den Tod und schenkt das Leben; ohne Seine Erlaubnis kann niemand jemanden töten und niemanden am Leben erhalten. *************

Die eigentliche Macht, Nutzen oder Schaden zuzufügen, liegt allein in Seiner Hand. *************

Nachdem er diese Erkenntnis erlangt hat, wird er gegenüber allen Mächten der Welt unabhängig, unerschrocken und furchtlos. Vor keiner Macht außer Allah beugt er sein Haupt. Vor niemandem außer Allah streckt er die Hände aus. Die Erhabenheit und Größe niemandes außer Allah findet in seinem Herzen Raum. Bei niemandem außer Allah bittet und hofft er.

Demut und Bescheidenheit

Doch diese Selbstachtung ist keine falsche Selbstachtung, die er durch seine Stärke, seinen Besitz, seine Fähigkeiten oder seine Begabung erworben hätte. Diese Selbstwürde ist auch nicht jene Selbstwürde, die selbst bei einem vom rechten Weg abgekommenen Menschen durch Stolz und Hochmut entstehen kann. Vielmehr ist sie das Ergebnis eines angemessenen Verständnisses der Beziehung zwischen ihm selbst, Allah und der gesamten Schöpfung. Deshalb entsteht unter den Gläubigen eine untrennbare Verbindung zwischen Selbstachtung und Demut sowie zwischen Selbstwürde und Bescheidenheit und Sanftmut. Er weiß: Vor Allahs Macht und Gewalt bin ich völlig hilflos. *********** Weder ich noch irgendein anderes Wesen vermag Allahs Herrschaft zu entkommen. ************** Was bin ich schon? Das gesamte Universum ist auf Allah angewiesen, während Allah unabhängig und auf niemanden angewiesen ist. *********** Alles, was sich in den Himmeln und auf der Erde befindet, gehört Allah. *********** Und auch alles an Gunst und Besitz, das ich erhalten habe, habe ich von Allah erhalten. Wie könnte nach einem solchen Glauben noch Raum für Stolz und Hochmut sein? Der unausweichliche Ertrag des Glaubens an Allah besteht gerade darin, dass er den Menschen von Kopf bis Fuß demütig macht.

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„Die besonderen Diener des Allerbarmers sind jene, die demütig auf Erden wandeln und, wenn die Unwissenden sie mit Worten der Unwissenheit anreden, mit einem Friedensgruß weitergehen.“ – (Sure al-Furqan: 63)

Das Ende trügerischer Hoffnungen

Ein weiterer Nutzen der richtigen Erkenntnis über die Beziehung zwischen dem Schöpfer und der Schöpfung besteht darin, dass dadurch alle aus Unkenntnis entstandenen trügerischen Hoffnungen und falschen Zuversichten ein Ende finden. Zugleich erkennt der Mensch in bester Weise, dass es für ihn außer dem richtigen Glauben und rechtschaffenen Taten keinen Weg zu Rettung und Wohlergehen gibt. Wer hingegen dieser Erkenntnis beraubt ist, glaubt mitunter, dass es in Allahs Wirken noch viele kleine Götter als Teilhaber gibt; wir werden ihnen schmeicheln und sie dazu bringen, Fürsprache für uns einzulegen. ************ Manche glauben, Allah habe einen Sohn, und dieser Sohn habe durch Sühne für uns unser Anrecht auf Erlösung gesichert. Manche meinen, wir selbst seien Allahs Söhne und Seine Lieblinge. ************ Was immer wir auch tun, wir könnten nicht bestraft werden.

Viele derartige irrige Hoffnungen halten die Menschen ständig in Sünde und einem Kreislauf von Verfehlungen gefangen. Denn im Vertrauen darauf werden sie gegenüber der Läuterung ihrer Seele und der Verbesserung ihrer Taten nachlässig. Doch in dem Glauben an Allah, den der Koran lehrt, gibt es keinen Raum für trügerische Hoffnungen. Er lehrt, dass keine Nation und keine Gemeinschaft eine besondere Beziehung zu Allah hat. Alle sind Seine Geschöpfe, und Er ist der Schöpfer aller***********. Alles, was an Größe und Besonderheit vorhanden ist, hängt von der „Taqwa“ ab. **************** Allah hat weder ein Kind noch einen Teilhaber oder Helfer. ***************** Jene, die ihr für Seine Kinder oder Teilhaber haltet, sind allesamt Seine Diener und Sklaven. (Arabisch*****)Niemand besitzt die Kühnheit, ohne Seine Erlaubnis Fürsprache einzulegen. (Arabisch*****)Wenn ihr Ihm ungehorsam seid, kann kein Fürsprecher und kein Helfer euch Seinem Zugriff entreißen. (Arabisch*****)

Hoffnung und seelischer Frieden

Zugleich schafft der Glaube an Allah im Menschen eine hoffnungsvolle Haltung, die unter keinen Umständen von Verzweiflung und Mutlosigkeit überwältigt wird. Für den Mu’min ist der Glaube in Wahrheit ein unerschöpflicher Schatz der Hoffnung und der Wünsche, aus dem er fortwährend dauerhafte und ununterbrochene Quellen innerer Kraft und geistiger Ruhe schöpft. Selbst wenn ihm alle Türen der Welt verschlossen, ihm sämtliche Mittel und Ausrüstungen genommen werden und die verfügbaren Wege und Mittel einer nach dem anderen von seiner Seite weichen, verlässt ihn doch niemals die Zuflucht zu dem Einen Allah. Im Vertrauen auf Ihn bleibt er stets von Hoffnung und Zuversicht erfüllt. Denn Allah, an den er geglaubt hat, sagt: Ich bin euch sehr nahe und höre euren Ruf. (Arabisch*****)Fürchtet von Mir kein Unrecht, denn Ich bin kein Ungerechter. (Arabisch*****)Hofft vielmehr auf Meine Barmherzigkeit, denn Meine Barmherzigkeit umfasst jedes Ding. (Arabisch*****)Nur derjenige verzweifelt an Meiner Barmherzigkeit, der nicht an Mich glaubt. (Arabisch*****)Für den Mu’min gibt es hingegen keinerlei Raum für Verzweiflung. Wenn er eine Sünde begeht, soll er Mich um Vergebung bitten, und Ich werde ihm vergeben. (Arabisch*****)An anderer Stelle (Arabisch*****)Wenn die weltlichen Mittel ihm nicht beistehen, soll er sich von seinem Vertrauen auf sie abwenden und sich an Mich klammern; dann werden Furcht, Angst und Schrecken sich ihm nicht nähern. Meine Erwähnung ist (Arabisch*****)etwas, wodurch das menschliche Herz Festigkeit und Ruhe erlangt. (Arabisch*****)

Geduld, Standhaftigkeit und Vertrauen (Arabisch*****)

Doch diese Hoffnung entwickelt sich weiter und erhebt sich zu den höchsten Gipfeln der Geduld, Standhaftigkeit und des Vertrauens auf Allah. Dort wird das Herz des Mu’min so fest und unerschütterlich wie ein hartes Felsplateau. Selbst wenn sich alle Gefahren, Feindschaften, Leiden, Verluste und widerstrebenden Kräfte der ganzen Welt vereinigten, könnten sie ihn nicht von seinem Platz verdrängen. Diese Kraft kann der Mensch auf keinem anderen Weg als durch den Glauben an Allah erlangen. Denn wer nicht an Allah glaubt, verlässt sich auf materielle oder eingebildete Mittel und Hilfsmittel, die in Wirklichkeit keinerlei Macht besitzen. Wer auf diese Dinge vertraut, stützt sich im Grunde auf ein Spinnennetz.(Arabisch*****)Wessen Leben auf einer solch schwachen Stütze beruht, der muss zwangsläufig schwach werden.(Arabisch*****)Wer jedoch auf Allah vertraut und sich an Allah festhält, dessen Stütze ist so stark, dass sie niemals zerbrechen kann.(Arabisch*****)Bei ihm ist die unbesiegbare Macht des Rabb al-ʿĀlamīn; welche Macht könnte sich über sie erheben? Selbst wenn sich alle Leiden und Heimsuchungen der gesamten Welt vereinigten, könnten sie ihn nicht von seiner Geduld, Standhaftigkeit, Entschlossenheit und Festigkeit abbringen. Denn seiner Überzeugung nach kommt alles Gute und Schlechte von Allah.(Arabisch*****)Was immer an Unglück und Heimsuchung kommt, geschieht nach Allahs Bestimmung, und niemand außer Allah kann es aufhalten oder verzögern.(Arabisch*****)

Die übermenschliche Kraft, mit der die Propheten (a.s.) auf der Welt schrecklichen Gefahren begegnet sind, allein gegen große Reiche und mächtige Völker gekämpft haben, ohne weltliche Ausrüstung mit dem Entschluss vorangeschritten sind, die Welt zu erobern, und ihre Mission selbst im Angesicht der gewaltigsten Stürme des Unglücks fortgesetzt haben, war die Kraft von Sabr und Tawakkul, also von Geduld, Standhaftigkeit und Vertrauen auf Allah. Betrachten wir beispielsweise die Lebensgeschichte von Ḥaḍrat Ibrāhīm (a.s.). Er stritt mit dem tyrannischen Herrscher seines Landes, sprang furchtlos ins Feuer und verließ schließlich(Arabisch******)das Land ohne irgendein Mittel oder eine Stütze. Betrachten wir ebenso die Lebensgeschichte von Ḥaḍrat Hūd (a.s.). Seht, wie er die gewaltige Macht des Volkes ʿĀd herausforderte:

(Arabisch*****************************)

„Schmiedet alle gemeinsam eure Ränke gegen mich und gewährt mir keinerlei Aufschub. Ich vertraue auf Allah, meinen und euren Herrn. Es gibt kein Lebewesen, dessen Schopf nicht in Seiner Hand läge.“ – (Sure Hūd: 55–56)

Betrachten wir ebenso die Lebensgeschichte von Ḥaḍrat Mūsā (a.s.). Im alleinigen Vertrauen auf Allah trat er der gewaltigen Macht des Pharaos entgegen. Als der Pharao ihm mit dem Tod drohte, antwortete er: Ich suche Zuflucht bei Ihm gegen jeden Hochmütigen, denn Er ist der Herr von mir und von dir.(Arabisch******)Als er Ägypten verließ, verfolgte ihn der Pharao mit seinem gesamten Heer. Sein furchtsames Volk sagte voller Angst: Die Feinde haben uns eingekreist.(Arabisch*****)Doch er antwortete mit größter innerer Ruhe: Keineswegs! Allah ist mit mir; Er wird mich auf den Weg des Friedens und der Sicherheit führen.(Arabisch*******)Betrachten wir zuletzt den Propheten (s.a.w.). Während der Hidschra nahm er Zuflucht in einer Berghöhle. Bei ihm war nur ein einziger Gefährte. Die blutdürstigen Ungläubigen waren bereits bis zum Eingang der Höhle vorgedrungen. Doch auch da zeigte sich in ihm keine Unruhe. Vielmehr sagte er zu seinem Gefährten:(Arabisch******)Hab überhaupt keine Angst, Allah ist mit uns. Wie könnten eine solche unbesiegbare Kraft, eine solche stählerne Entschlossenheit und eine solche berggleiche Standhaftigkeit anders als durch den Glauben an Allah erlangt werden?

Tapferkeit

Eine weitere entsprechende Eigenschaft, die durch den Glauben an Allah in außergewöhnlichem Maß entsteht, ist Mut, Furchtlosigkeit, Kühnheit und Tapferkeit. Zwei Dinge machen den Menschen ängstlich und feige. Das erste ist die Liebe zum eigenen Leben, zur Familie und zum Besitz. Das zweite ist die Angst, die aus dem Irrglauben entsteht, die als Waffen eingesetzten Dinge besäßen in sich die eigentliche Macht, Schaden zuzufügen und zu zerstören. Der Glaube an Allah entfernt beide Dinge aus dem Herzen des Menschen. In den Adern des Mu’min strömt die Überzeugung, dass Allah mehr als alles andere Anspruch auf Liebe hat.(Arabisch********)In seinem Herzen wird die Gewissheit fest verankert, dass Besitz und Kinder nur der Schmuck des diesseitigen Lebens sind und unausweichlich eines Tages vergehen werden. Unvergänglich und unzerstörbar ist allein das, was man von Allah erhält.(Arabisch*******)Das diesseitige Leben dauert nur wenige Tage; selbst wenn wir uns mit hunderttausend Anstrengungen um seinen Erhalt bemühen, wird der Tod eines Tages gewiss kommen.(Arabisch********)

Warum sollten wir also dieses vergängliche Leben nicht dem freudigen und glückseligen Leben opfern, das wir von Allah erhalten werden?(Arabisch******)

Werden wir nicht die vergänglichen Freuden und vorübergehenden Interessen dieser Welt dem Wohlgefallen Allahs widmen, der der wahre Eigentümer unseres Lebens und unseres Besitzes ist und der dafür ein besseres Leben und noch größeren Segen zu gewähren vermag?

(Arabisch******************)

Nun zum Thema Furcht. Dem Gläubigen wird gelehrt, dass die eigentliche Macht, Schaden zuzufügen und zu vernichten, weder in Menschen, Tieren, Munition, Schwertern, Holz noch Steinen liegt, sondern in der Hand der uneingeschränkten Macht Allahs. Selbst wenn sich alle Kräfte der Welt vereinigten, um jemandem zu schaden, könnte ihm nicht einmal ein Haar gekrümmt werden, wenn Allah es nicht erlaubt.(Arabisch*****)Niemand kann vor dem Zeitpunkt sterben, den Allah für seinen Tod bestimmt hat. Und wenn die festgesetzte Todeszeit gekommen ist, kann sie durch keine Ausrede aufgeschoben werden.(Arabisch*****)Wenn die Sache sich also so verhält, sollte man Allah mehr fürchten, als man Menschen fürchtet.(Arabisch****)In Wahrheit ist Er allein das Wesen, das zu fürchten geboten ist.(Arabisch****)Beim Kampf auf Allahs Weg zu zögern, ist die Haltung jener, deren Herzen keinen Glauben kennen, denn sie fürchten die Menschen mehr als Allah.(Arabisch***)Der wahrhaft Gläubige dagegen wird beim Anblick des Feindes nicht ängstlich, sondern noch mutiger und unerschrockener, denn er verlässt sich nicht auf irgendeine weltliche Macht, sondern auf Allah. In der Sure Āl ʿImrān heißt es:(Arabisch****)

Genügsamkeit und innere Zufriedenheit

Dieser Glaube an Allah beseitigt aus dem Herzen des Menschen die verabscheuungswürdigen Neigungen zu Gier, Begehrlichkeit, Neid und Feindschaft, die ihn dazu verleiten, zur Durchsetzung seiner Interessen niederträchtige und unrechtmäßige Mittel zu ergreifen und dadurch Unheil in der menschlichen Gesellschaft zu verursachen. Mit dem Glauben entstehen im Menschen Genügsamkeit und innere Zufriedenheit. Er tritt nicht in Wettbewerb oder Rivalität mit anderen Menschen. Bei der Abwehr von Unterdrückung und Unrecht handelt er niemals überstürzt. Stets sucht er auf ehrenvolle Weise nach den Gaben und den Gütern seines Herrn; und was immer er erhält, sei es viel oder wenig, nimmt er als eine Gabe Allahs an und empfängt es dankbar. Dem Gläubigen wird gelehrt, dass Vorzüglichkeit und Vorrang in Allahs Hand liegen; Er verleiht sie, wem Er will.(Arabisch************************)Die Versorgung liegt in Allahs Hand; Er gewährt sie, wem und in welchem Maß Er will.(Arabisch************)Staatsgewalt und Herrschaftsmacht liegen in Allahs Hand; Er macht zum Herrscher, wen Er will.(Arabisch***********)Reichtum und Ehre liegen in Seiner Hand; Er ehrt, wen Er will, und erniedrigt, wen Er will.(Arabisch************)Dass manche Menschen mehr und andere weniger von der Ehre, dem Reichtum, der Macht, der Schönheit, dem Ruhm und den sonstigen Gnadengaben dieser Welt erhalten, ist von Allah bestimmt. Allah selbst weiß am besten, worin die Angemessenheit und Richtigkeit Seines Handelns liegt. Es ist für den Menschen weder angemessen, zu versuchen, Seine festgelegte Ordnung zu verändern, noch besteht dabei Aussicht auf Erfolg.(Arabisch*************)

Läuterung der Moral und Ordnung des Handelns

Vom Glauben an Allah profitiert das gesellschaftliche Leben am meisten. Dadurch erwacht in den Mitgliedern der Gesellschaft das Verantwortungsbewusstsein. Ihre Seelen werden geläutert, und in ihrem Handeln entsteht Gottesfurcht. Ihr gegenseitiger Umgang wird gesund und lauter; das Bewusstsein für die Befolgung des Gesetzes erwacht; die Fähigkeit zu Gehorsam, Selbstbeherrschung und Disziplin entsteht, und durch eine gewaltige unsichtbare Kraft werden die Menschen innerlich gereinigt und dazu befähigt, eine rechtschaffene und geeinte Gesellschaft zu bilden. In Wahrheit ist dies die übernatürliche Kraft, das Wunder, des Glaubens an Allah, und gerade dafür ist er bestimmt. Keine weltliche Macht, keine Bildung und Erziehung und keine Predigt oder Ermahnung kann die Aufgabe der moralischen Läuterung und der Ordnung des Handelns derart umfassend und auf einer derart tiefen Grundlage erfüllen. Die Reichweite weltlicher Kräfte erstreckt sich nicht bis zur Seele, sondern nur bis zum Körper; und auch über den Körper haben sie nicht überall und jederzeit Kontrolle. Der Einfluss von Bildung, Erziehung, Predigt und Ermahnung beschränkt sich ebenfalls auf Verstand und Vernunft; er bleibt nicht nur selbst von deren Einfluss unberührt, sondern vermag auch Vernunft und Einsicht zu überwältigen und zu verhüllen. Der Glaube ist etwas, das mit all seinen läuternden und ordnenden Kräften bis in die tiefsten Bereiche des menschlichen Herzens und der Seele vordringt. Dort lässt er ein starkes und waches Gewissen entstehen, das den Menschen jederzeit und überall auf den einfachen und geraden Weg der Gottesfurcht und des Gehorsams weist. Selbst in den völlig verdorbenen Neigungen hinterlässt sein Tadel und seine Zurechtweisung stets eine gewisse Wirkung.

Dieser außerordentliche Nutzen wird allein durch die Überzeugung von Allahs Allmacht erlangt, die ein unverzichtbarer Bestandteil des Glaubens ist. An verschiedenen Stellen des edlen Korans wird der Mensch davor gewarnt, dass Allahs Wissen alles umfasst und nichts vor Ihm verborgen bleiben kann.

(Arabisch**************)

Osten und Westen gehören Allah; wohin immer ihr euer Gesicht wendet, dort ist Allah gegenwärtig. Wahrlich, Allah ist allumfassend und allwissend.

(Arabisch***************)

„Wo immer ihr euch befindet, Allah wird euch alle zu sich rufen; wahrlich, Allah ist aller Dinge mächtig.“

(Arabisch*************)

Wahrlich, nichts in den Himmeln und auf der Erde ist Allah verborgen. – (Sure Āl ʿImrān: 5)

(Arabisch**************)

„Bei Ihm befinden sich die Schlüssel des Verborgenen, deren Wissen niemand außer Ihm besitzt. Er weiß alles, was zu Lande und zu Wasser ist. Kein Blatt fällt, ohne dass Allah davon weiß. Und es gibt weder ein Korn in der tiefsten Finsternis der Erde noch etwas Trockenes oder Feuchtes, das nicht in einem deutlichen Buch verzeichnet wäre.“ – (Sure al-Anʿām: 59)

(Arabisch************)

„Wir haben den Menschen erschaffen, und Wir wissen auch, was seine Seele in ihrem Inneren erahnt. Wir sind ihm näher als seine Halsader.“ – (Sure Qaf: 16)

(Arabisch***********)

„Keine vertrauliche Unterhaltung findet zwischen drei Personen statt, ohne dass Allah der Vierte ist, und keine zwischen fünf Personen, ohne dass Allah der Sechste ist. Ebenso gibt es keine Versammlung von weniger oder mehr Personen, ohne dass Er mit ihnen ist – wo immer sie sich befinden.“ – (Sure al-Mudschādala: 7)

(Arabisch************)

„Sie können sich vor den Menschen verbergen, aber sie können sich nicht vor Allah verbergen. Er ist bei ihnen, wenn sie nachts Worte beraten, die Seinem Wohlgefallen zuwiderlaufen. Und Allah umfasst alles, was sie tun.“ – (Sure an-Nisāʾ: 108)

(Arabisch************)

„Wissen sie denn nicht, dass Allah Kenntnis von allem hat, was sie im Verborgenen und offen tun?“ – (Sure al-Baqara: 77)

(Arabisch***********)

„Zwei überwachende Engel sitzen zur Rechten und zur Linken eines jeden und überwachen ihn; kein Wort kommt aus seinem Mund, ohne dass ein Wächter bereitsteht, es aufzuschreiben.“ – (Sure Qāf: 17–18)

(Arabisch***********)

„Ob jemand von euch heimlich oder laut spricht, sich in der Dunkelheit der Nacht verbirgt oder sich im Licht des Tages bewegt – vor ihm und hinter ihm sind Wächter eingesetzt, die seine Bewegungen auf Allahs Geheiß beobachten.“ – (Sure ar-Raʿd: 10–11)

Zugleich wurde dem menschlichen Herzen nachdrücklich eingeprägt, dass es eines Tages gewiss vor Allah erscheinen muss(Arabisch***********) und über jede einzelne Sache Rechenschaft ablegen muss. (Arabisch*****************) Allahs Strafe und sein Zugriff sind äußerst streng. (Arabisch**************)

Diese Überzeugung, die auf vielfältige Weise im menschlichen Herzen fest verankert zu werden versucht wurde, ist in Wirklichkeit die wirksame Kraft des gesamten islamischen Rechtssystems. Die Grenzen des Erlaubten und Verbotenen, die der Islam festgelegt hat, und die Vorschriften, die er für Moral, gesellschaftliches Verhalten und den gegenseitigen Umgang erlassen hat, beruhen in ihrer Durchsetzung nicht eigentlich auf Soldaten, Polizei, Bildung oder guter Ermahnung. Vielmehr gewinnen sie ihre Wirksamkeit aus der Überzeugung, dass ihr Gesetzgeber ein allmächtiger Herrscher ist, dessen Wissen und Macht alles umfassen. Wer seine Gebote und Weisungen missachtet, kann weder sein Verbrechen verbergen noch sich vor seiner Befragung in irgendeiner Weise schützen. Deshalb wird an verschiedenen Stellen des Edlen Korans nach der Erwähnung von Geboten und Weisungen diese Warnung ausgesprochen: Dies sind die von Allah festgelegten Grenzen; hütet euch, sie zu überschreiten. (Arabisch***************)Denkt daran: Was immer ihr tut, Allah sieht alles. (Arabisch************)

 

4. Der Glaube an die Engel

Der Zweck des Glaubens an die Engel

Der Glaube an die Engel ist in Wahrheit die Vervollkommnung des Glaubens an Allah und lediglich seine notwendige Ergänzung. Sein Zweck besteht nicht nur darin, die Existenz der Engel anzuerkennen; vielmehr geht es in Wirklichkeit darum, ihren richtigen Platz in der Weltordnung zu erkennen, damit der Glaube an Allah auf reinem Tauhid gründet und von jeder Vermischung mit Schirk und der Anbetung anderer als Allahs frei bleibt.

Wie bereits gesagt wurde, findet sich bei allen Völkern und in allen Religionen in irgendeiner Form eine ungefähre Vorstellung von den Engeln. Auf dieser Vorstellung haben die verschiedenen Religionen ihre unterschiedlichen Gebäude von Überzeugungen errichtet. Nach Ansicht mancher sind die Engel Kinder der Natur und solche Kräfte der Natur, die die verschiedenen Zweige und Bereiche der Weltordnung lenken. Manche stellen sich unter ihnen Götter vor, von denen jeder einem Bereich der Weltfabrik vorsteht: Der eine ist Herr über den Wind, der andere über den Regen, der andere über das Licht, wieder ein anderer über die Wärme und ein weiterer über das Feuer. Nach dem Glauben mancher sind sie Vertreter Allahs und seine Helfer. In den Augen mancher besitzen sie die Vielfalt; andere betrachten sie als bloßes Bewusstsein, wieder andere als bloße Einbildungen Allahs. Und manche halten sie sogar für Allahs Kinder.

Manche wiederum glauben, dass sie aus stofflichen Körpern bestehen. Andere haben sie für abstrakt und körperlos erklärt. Wieder andere haben sie mit leuchtenden Sternen und sich bewegenden Himmelskörpern gleichgesetzt. Und manche haben über sie weitere erstaunliche Vorstellungen entwickelt. Kurz gesagt, unter den Religionsstiftern ist allgemein die Vorstellung verbreitet, dass die Engel in irgendeiner Weise an Allahs Göttlichkeit beteiligt seien. Deshalb wurde zu ihnen gebetet und sie wurden als Erfüller von Bedürfnissen, als Erhörer von Klagen und als Fürsprecher bezeichnet. Aus diesem Grund ist die Vorherrschaft des Schirk auf der Welt so stark.

Der Platz der Engel in der Weltordnung: Der Koran hat einerseits den reinen und vollständigen Tauhid hinsichtlich Allahs Existenz, seiner Eigenschaften und seines Wirkens begründet und andererseits, um das Tor zum Schirk für immer zu verschließen, eine richtige und reine Vorstellung von den Engeln dargelegt. Der Koran hat die Geheimnisse der Engel nicht erörtert, weil eine solche Erörterung völlig belanglos ist und keinen wirklichen Gehalt besitzt. Für den Menschen liegt darin weder irgendein Nutzen, noch ist er fähig, dies zu verstehen. Die eigentlich entscheidende Frage war vielmehr, welchen Platz die Engel in der Weltordnung einnehmen. Der Edle Koran hat darauf eine äußerst klare Antwort gegeben. Es wird gesagt, dass die Engel nicht Allahs Kinder und auch keine Teilhaber an seinem Wirken sind, sondern lediglich seine Diener und Sklaven.

(Arabisch***************)

„Die Ungläubigen sagten: ‚Der Barmherzige hat sich einen Sohn genommen.‘ Gepriesen sei Er! Sie – die Engel – sind vielmehr nur seine geehrten Diener; sie kommen Ihm mit dem Wort nicht zuvor. Sie tun nur, was Er ihnen befiehlt. Er weiß alles, was vor ihnen und was hinter ihnen liegt. Sie können nur für denjenigen Fürsprache einlegen, mit dem Er zufrieden ist.“ – (Sure al-Anbiya: 26–28)

Sie sind Verwalter oder Dienstsekretäre(Arabisch*******). Das heißt, sie verwalten nur die Aufgaben, die Allah ihnen überträgt. Von einer Beteiligung an der Göttlichkeit ganz zu schweigen, besitzen sie nicht einmal so viel Macht, dass sich etwas bewegen könnte. Ihre Aufgabe besteht ausschließlich darin, Allah zu dienen, sich Ihm zu unterwerfen und Ihm zu gehorchen. Nicht einen Augenblick lang hören sie auf, Gebete und Andachtsübungen zu verrichten; vielmehr verbringen sie jeden Augenblick damit, ihren Herrn zu preisen und seine Heiligkeit zu verkünden.

(Arabisch*************)

„Der Blitz preist Ihn und verkündet Seine Heiligkeit, und die Engel verkünden aus Ehrfurcht Seine Heiligkeit. (Sure ar-Raʿd: 13)

„Alles, was sich in den Himmeln befindet und auf der Erde umhergeht, wirft sich vor Allah nieder. Auch die Engel lehnen sich nicht auf und sind nicht ungehorsam; sie fürchten ihren erhabenen Herrn und führen jeden Befehl aus, der ihnen erteilt wird.“ – (Sure an-Nahl: 49–50)

(Arabisch*************)

„Alles, was in den Himmeln und auf der Erde ist und was sich bei Ihm befindet, gehört Ihm. Sie (die Engel) sind Ihm

in ihrem Gottesdienst nicht ungehorsam, werden nicht müde, sondern beschäftigen sich Tag und Nacht mit Seinem Lob und zeigen niemals Nachlässigkeit.“ – (Sure al-Anbiya: 19–20)

(Arabisch*************)

„Sie widersetzen sich niemals dem, was Allah ihnen befohlen hat, und führen nur das aus, was ihnen aufgetragen wird.“

In dieser Vorstellung gibt es keinerlei Raum für Schirk. Denn diejenigen, über die man sich Göttlichkeit hätte vorstellen können, haben sich als ebenso fügsame und gehorsame Diener wie wir erwiesen. Wer also außer Allah kann das Zentrum unserer Anbetung und unseres Gottesdienstes, unserer Unterwerfung und unseres Gehorsams, unseres Bittens um Hilfe und unseres Vertrauens sein?

Der vergleichende Rang von Menschen und Engeln: Damit ist es jedoch noch nicht getan. Der Heilige Qur’an geht weiter und erläutert auch den vergleichenden Rang von Menschen und Engeln, damit der Mensch seinen eigenen Rang im Vergleich zu ihnen richtig erkennen kann. Wo im Wort Allahs von der Erschaffung Adams die Rede ist, wird auch diese Angelegenheit unmissverständlich dargelegt. Als Allah, der Erhabene, den Urmenschen Adam (a.s.) mit der Würde der Statthalterschaft auszeichnete, befahl Er den Engeln, sich vor ihm niederzuwerfen, und alle außer Iblis warfen sich vor ihm nieder (al-Baqara: 4; al-A‘raf: 2; Bani Isra’il: 7; al-Kahf: 7; Ta-Ha: 7; Sad: 5). Die Engel beanspruchten aufgrund ihres Lobpreises und ihrer Verherrlichung ihrer eigenen Reinheit ihre Überlegenheit gegenüber Adam (a.s.). Daraufhin wies Allah, der Erhabene, ihren Anspruch zurück und bewies durch eine Prüfung, dass Er Adam (a.s.) mehr Wissen verliehen hatte als ihnen. Iblis bezeichnete den Stoff, aus dem er erschaffen worden war, als Maßstab der Überlegenheit und weigerte sich deshalb, den hohen Rang Adams (a.s.) anzuerkennen und sich vor ihm niederzuwerfen. Daraufhin wurde er für alle Zeiten aus der Gegenwart Allahs verstoßen und irregeführt.

Dies erweckt einerseits im Menschen das Gefühl der Selbstachtung und führt andererseits all seinen Eifer zur Anbetung zusammen, indem es ihn auf die Anbetung Allahs ausrichtet. Daraus wird deutlich, dass es im gesamten Universum außer Allah, dem Erhabenen, niemanden gibt, der dem Menschen überlegen ist. Obwohl die Engel geehrte Diener(Arabisch*******)und gegenüber allen anderen Geschöpfen vorzüglicher sind, haben auch sie sich vor dem Menschen niedergeworfen. Wer außer Allah, dem einzigen Weisen, der den Menschen hilft und seine Gebete erhört, könnte daher derjenige sein, dessen Dienerschaft und Anbetung durch Niederwerfung der Mensch würdig ist?

Wenn so der Glaube an die Engel auf richtigem göttlichem Wissen und auf Weisheit gegründet ist, wird auch der Glaube an Allah vollkommen aufrichtig, lauter und rein.

Der zweite Zweck des Glaubens an die Engel

Im Heiligen Qur’an wird noch ein weiterer Rang der Engel erwähnt. Dieser besteht darin, dass Allah, der Erhabene, durch sie Seine Botschaft und Seine Gesetzgebung zu den Propheten sendet. Durch sie sorgt Er auch dafür, dass diese Botschaft die Propheten erreicht, frei von jeder Verfälschung, jedem Zweifel und jeder Vermutung. Diese Engel sind erstens selbst vollkommen gehorsam und von guter Wesensart. Sie sind frei und rein von jeder schlechten Neigung und jedem Eigennutz. Sie fürchten Allah und gehorchen Seinem Befehl ohne jedes Zögern. Deshalb nehmen sie an der Botschaft, die durch sie übermittelt wird, selbst keinerlei Veränderung vor, weder durch Hinzufügung noch durch Weglassung. Zweitens sind sie so mächtig, dass keine satanische Kraft auch nur im geringsten in die Übermittlung und Überwachung dieser Botschaft eingreifen kann. Diese Angelegenheit wird auch an verschiedenen Stellen im Heiligen Qur’an dargelegt:

(Arabisch**************)

„Dies ist in einer geehrten, erhabenen und reinen Schrift niedergelegt, die von höchst ehrenhaften und tugendhaften Schreibern aufgezeichnet wurde.“ – (Sure al-‘Abasa: 13–16)

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„Zweifellos ist dies die Verkündigung eines ehrenvollen Engels, der sehr mächtig und auch beim Herrn des Thrones hoch angesehen ist, gehorsam und vertrauenswürdig.“

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„Er (Allah) kennt das Verborgene und teilt niemandem Seine verborgenen Angelegenheiten mit, außer einem Gesandten, den Er erwählt hat. Dann setzt Er vor und hinter diesem Wächterengel ein, damit Gewissheit darüber besteht, dass die Überbringer der Botschaft die Botschaften ihres Herrn ordnungsgemäß übermittelt haben. Und Allah umfasst sie und zählt jedes Ding.“ – (Sure al-Dschinn: 26–28)

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„Der Ruhul Qudus (der Heilige Geist) hat ihn von deinem Herrn wahrheitsgemäß herabgesandt.“ – (Sure an-Nahl: 102)

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„Zweifellos ist dies das von dem Rabb der Welten herabgesandte Buch, mit dem der Ruhul Amin (der vertrauenswürdige Geist) herabgestiegen ist.“ – (Sure asch-Schuʿara: 192–193)

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„Wahrlich, dieser ehrwürdige Koran ist in einer verborgenen Schrift niedergelegt. Niemand außer den Reinen (Engeln) darf ihn berühren. Er ist vom Herrn der Welten herabgesandt.“ – (Sure al-Wāqiʿa: 77–80)

Daraus wird deutlich, dass der Glaube an die Engel nicht nur für den Glauben an Allah, sondern auch für den Glauben an das Buch und an den Gesandten unerlässlich ist. Der Glaube an die Engel bedeutet also, dass wir das Mittel, durch das Allahs Botschaft den Gesandten erreicht, als treu und zuverlässig anerkennen müssen. Der Glaube an diese Botschaft und an die Propheten, die sie verkünden, kann nicht vollständig sein, solange wir nicht völlig an das Mittel glauben, das die Verbindung zwischen Allah und Seinen Propheten herstellt.

Dritter Zweck

Außerdem wird im erhabenen Koran noch eine weitere Würde der Engel beschrieben: Sie sind Beamte im Reich Allahs, des Erhabenen. Die Engel sind jene Beamten, durch die Allah, der Erhabene, die Ordnung der gesamten Welt verwalten lässt. Den Rang, den die Beamten (Dienste) in den Staaten dieser Welt besitzen, haben sie in Allahs Reich in genau gleicher Weise. Durch sie lässt Er über manche Menschen die Strafe kommen und über andere Barmherzigkeit. Den einen lässt Er das Leben nehmen und den anderen das Leben schenken. An einem Ort lässt Er Regen niedergehen, an einem anderen eine Hungersnot hereinbrechen. Sie zeichnen die Handlungen, Worte und sogar die Gedanken jedes Menschen fortwährend auf und überwachen jede seiner Tätigkeiten. Solange der Mensch innerhalb der von Allah gewährten Frist handelt, leisten diese Beamten ihm trotz ihrer Kenntnis all seiner guten und schlechten Angelegenheiten auf Allahs Befehl Unterstützung und führen all seine Aufgaben aus. Doch sobald seine Amtszeit endet, stellt derjenige, der die Maschinerie seines Kalifats betrieben hat, seine Tätigkeit ein. Der Wind, durch dessen Kraft der Mensch einst lebte, verwüstet plötzlich seine Siedlungen. Das Wasser, von dem der Mensch lebt, ertränkt ihn plötzlich. Die Erde, auf der der Mensch in Sicherheit wie im Schoß seiner Mutter wohnt, zerschmettert ihn plötzlich durch einen einzigen Stoß. Es bedarf nur des Aufschubs eines einzigen Befehls; sobald er eintrifft, legt der engste Diener des Herrn Kalifen ihm sogleich Handschellen an. Dieses Bild ist an verschiedenen Stellen im erhabenen Koran äußerst eindrucksvoll gezeichnet worden.

Unter diesem Gesichtspunkt ist der Glaube an die Engel ein notwendiger Bestandteil des Glaubens an Allah. Das bedeutet, dass der Mensch neben dem Weltenherrscher auch Seine Beamten anerkennen muss. Andernfalls kann der Mensch weder seine eigene Stellung (Position) in diesem gewaltigen Reich richtig begreifen noch in vollem Bewusstsein dieser Stellung handeln.

5.

Der Glaube an den Gesandten

Die Bedeutung des Prophetentums

Nach dem Tawhid ist der zweite grundlegende Glaubenssatz des Islam die „Nubuwwa“ (Risala). So wie der Tawhid im Bereich des Glaubens die wahre Religion ist, so ist die Nubuwwa im Bereich des Gehorsams die wahre Religion. Die wörtliche Bedeutung von Nubuwwa (Risala) ist Prophetentum oder Botschaft. Wer die Botschaft eines Menschen zu einem anderen überbringt, wird Nabi (Rasul) oder Botschaftsträger genannt. In der islamischen Terminologie wird jedoch derjenige Nabi genannt, der Allahs Botschaft zu Seinen Dienern überbringt und sie gemäß Allahs Anweisungen auf den rechten Weg führt. Deshalb wird im Quran für den Nabi oder Rasul auch das Wort „Wegweiser“(Arabisch******)verwendet. Das heißt, er überbringt nicht nur die Botschaft, sondern führt die Menschen auch auf den einfachen und geraden Weg.

Einen Wegweiser hat Allah im Inneren des Menschen selbst bestimmt. Im Licht der göttlichen Eingebung unterscheidet er zwischen guten und schlechten Gedanken sowie zwischen falschen und richtigen Handlungsweisen und weist dem Menschen den geraden Weg des Denkens und Handelns. So heißt es:

(Arabisch************)

„Bei der menschlichen Natur und bei Dem, der sie wohlgestaltet hat, und der ihr danach ihre Sündhaftigkeit und ihre Gottesfurcht eingegeben hat! Erfolgreich ist gewiss, wer seine Nafs läutert, und gescheitert ist, wer sie unterdrückt.“ – (Sure asch-Schams: 7–10)

Da die Weisung dieses Wegweisers jedoch nicht eindeutig ist und sich außerdem viele innere und äußere Kräfte mit ihm verbunden haben, um den Menschen zu schlechten Taten hinzuziehen, kann die alleinige Weisung dieses natürlichen Wegweisers dem Menschen nicht genügen, um aus den zahllosen krummen Wegen der Welt den geraden Weg der Wahrheit herauszufinden und ihn furchtlos zu beschreiten. Deshalb hat Allah, der Erhabene, diesen Mangel von außen ausgeglichen. Er sandte den Menschen Seine Propheten, damit sie diesen inneren Wegweiser im Licht göttlichen Wissens und göttlicher Weisheit unterstützen konnten. Und sie machten den schwachen Schein der undeutlichen natürlichen Eingebung, der unter dem Druck von Unwissenheit und irreführenden Kräften matt geworden war, mithilfe leuchtender Zeichen deutlich.

Dies ist die eigentliche Grundlage der Würde des Prophetentums. Denjenigen, die mit dieser Würde ausgezeichnet wurden, schenkte Allah, der Erhabene, ein außergewöhnliches Wissen und eine besondere Einsicht. Mithilfe dieser Einsicht erkannten sie die Bedeutung solcher Dinge, über die gewöhnliche Menschen uneins sind, nicht auf der Grundlage von Vermutungen und Einbildungen, sondern auf der Grundlage sicheren Wissens. Darüber hinaus erkannten sie mithilfe dieser Einsicht unter den krummen Wegen der Welt den geraden und klaren Weg der Wahrheit genau.

Der Unterschied zwischen Propheten und gewöhnlichen Führern

Die Notwendigkeit äußerer Führung haben die Menschen zu allen Zeiten anerkannt. Niemand hat jemals behauptet, dass für den Menschen allein die Weisung seines inneren Wegweisers ausreiche. Angesehene Personen unter den Vorfahren, in Sippe, Stamm und Volk, gelehrte Lehrer, religiöse Führer, politische Anführer, Reformer der Gesellschaft und andere Menschen dieser Art, deren Verstand als zuverlässig galt, wurden immer wieder mit der Würde eines Wegweisers versehen und ebenfalls befolgt. Doch was einen Propheten von den anderen Führern unterscheidet, ist das „göttliche Wissen“. Die anderen Führer besitzen kein göttliches Wissen. Sie bilden ihre Meinungen und treffen ihre Entscheidungen lediglich auf der Grundlage von Vermutungen und Einbildungen. In ihre Meinungen und Entscheidungen mischt sich auch das Begehren der eigenen Neigungen. Deshalb enthalten die Glaubensvorstellungen und Gesetze, die sie entwickeln, eine Mischung aus Wahrheit und Unwahrheit. In den von ihnen festgelegten Methoden findet sich niemals die Wahrheit in ihrer Vollständigkeit. Auf diese tiefe Wahrheit hat der Quran immer wieder warnend hingewiesen:

(Arabisch**********)„Das, dem sie folgen, ist nichts als bloße Vermutung und die Begierde ihrer eigenen Neigung.“ – (Sure an-Nadschm: 23)

„Sie besitzen kein wahres Wissen; sie folgen lediglich Vermutungen und Schätzungen. Und die Vermutung vermag das Erfordernis der Wahrheit nicht im Geringsten zu erfüllen.“ – (Sure an-Nadschm: 28)

(Arabisch**************)

„Doch die Ungerechten folgten ihren Begierden ohne irgendein Wissen.“ – (Sure ar-Rum: 29)

(Arabisch**************)

„Unter den Menschen gibt es jemanden, der sich hochmütig abwendet und ohne irgendein Wissen, ohne Rechtleitung und ohne ein erleuchtendes Buch über Allah streitet, um die Menschen vom Weg Allahs abirren zu lassen.“ – (Sure al-Haddsch: 8–9)

(Arabisch************)

„Wer ist weiter abgeirrt als jener, der statt der von Allah kommenden Rechtleitung seiner eigenen Neigung folgt?“

Dem Propheten oder Gesandten wird hingegen von Allah „Wissen“ verliehen. Seine Führung wird nicht durch Vermutungen und die Begierden der eigenen Neigungen bestimmt; vielmehr führt er die Menschen auf den geraden Weg, den er im Licht des von Allah verliehenen Wissens klar und deutlich vor sich sieht. Daher wird im Koran überall dort, wo erwähnt wird, dass die Propheten mit der Würde des Prophetentums (Risālat) bekleidet wurden, zugleich gesagt, dass ihnen „Wissen“ verliehen wurde. So wird beispielsweise die Verkündung des Prophetentums durch Hazrat Ibrahim (a.s.) folgendermaßen wiedergegeben:

(Arabisch*************)

„O mein lieber Vater! Glaube mir: Zu mir ist ein Wissen gekommen, das nicht zu dir gekommen ist. So folge mir, und ich werde dich auf den geraden Weg führen.“ – (Sure Maryam: 43)

Die Verleihung des Prophetentums an Hazrat Lut (a.s.) wird folgendermaßen erwähnt:

(Arabisch**************)

„Wir verliehen Lut Urteilsvermögen und Wissen.“ – (Sure al-Anbiya: 74)

Über Hazrat Musa (a.s.) wird berichtet:

(Arabisch**************)

„Als er die volle Reife erlangte und zu einem vollkommenen Menschen geworden war, gaben Wir ihm Urteilsvermögen und Wissen.“ – (Sure al-Qasas: 2)

Auch die Verleihung des Prophetentums an David (a.s.) und Salomo (a.s.) wird auf diese Weise erwähnt:

(Arabisch**************)

„Jedem von ihnen gaben Wir Weisheit und Wissen.“

Zum letzten Propheten, Muhammad (s.a.w.), wurde gesagt:

(Arabisch**************)

„Wenn du trotz des Wissens, das dir zuteilgeworden ist, ihren Neigungen folgst, wirst du vonseiten Allahs keinen Beschützer und keinen Helfer haben.“ – (Sure al-Baqara: 120)

Der Rang des Prophetentums: Nachdem wir die Überlegenheit und die besonderen Eigenschaften der Propheten gegenüber gewöhnlichen Führern beleuchtet haben, sollten wir nun unsere Aufmerksamkeit den vom Koran dargelegten grundlegenden Prinzipien in Bezug auf das Prophetentum zuwenden.

Das Verhältnis zwischen dem Glauben an Allah und dem Glauben an den Gesandten

Das Wichtigste zuerst: Da der Gesandte über eine außergewöhnliche Quelle des Wissens verfügt und ihm von Allah eine einzigartige Einsicht verliehen wurde, kann nur der von ihm dargelegte Glaube an Allah richtig sein. Wenn jemand aufgrund eigener Überlegungen oder auf der Grundlage anderer Wissenschaftler und Philosophen einen Glauben festlegt, wird seine Vorstellung von Allah nicht nur unrichtig sein; vielmehr kann er auch in Bezug auf die grundlegenden Angelegenheiten der Religion und auf übernatürliche Dinge, die außerhalb der Grenzen des gewöhnlichen menschlichen Verstandes liegen, keine wahre Erkenntnis erlangen. Folglich hängt die Richtigkeit des Glaubens und der Überzeugung vollständig vom Glauben an den Gesandten ab. Wenn diese Verbindung durchtrennt wird, ist es keineswegs möglich, das Gefäß des Denkens mit sicherem Wissen zu füllen. Deshalb wird im Edlen Koran an verschiedenen Stellen großer Nachdruck auf den Glauben an den Gesandten gelegt. Es heißt:

(Arabisch**************)

„Wie viele Städte haben Wir einer strengen Abrechnung unterzogen, weil sie den Anweisungen ihres Herrn und Seiner Gesandten nicht gehorchten. Und Wir haben ihnen große Strafen auferlegt, sodass sie die Folgen ihrer Taten kosten mussten. Letztlich war ihr Ende ein schlimmes.“ – (Sure at-Talaq: 8–9)

(Arabisch**************)

„Wer Allah und den Gesandten verleugnet, zwischen Allah und Seinen Gesandten einen Unterschied machen will und sagt: ‚Wir werden einige anerkennen und andere verleugnen‘, und einen Weg dazwischen einzuschlagen beabsichtigt, der ist gewiss ein Ungläubiger. Und für die Ungläubigen haben Wir eine entehrende Strafe vorbereitet. Diejenigen aber, die an Allah und an Seine Gesandten glauben und zwischen keinem von ihnen einen Unterschied machen – ihnen wird Allah bald ihren Lohn geben. Allah ist überaus vergebend und barmherzig.“ – (Sure an-Nisa: 150–152)

(Arabisch*************)

„Wer mit dem Gesandten streitet, nachdem die Rechtleitung deutlich geworden ist, und einen anderen Weg einschlägt als den der Gläubigen, den werden Wir den Weg einschlagen lassen, den er selbst gewählt hat, und ihn schließlich in die Hölle eintreten lassen; und das ist ein schlimmer Ort.“ – (Sure an-Nisa: 115)

In zahlreichen Versen dieser Art wird ganz eindeutig gesagt, dass der Glaube an Allah und der Glaube an den Gesandten untrennbar miteinander verbunden sind. Wer Allahs Propheten leugnet und ihre Lehren nicht annehmen will, dessen Irrweg bleibt in beiden Fällen derselbe, ob er nun an Allah glaubt oder nicht. Denn der Glaube, den man ohne wahres Wissen über Allah entwickelt, kann selbst dann, wenn es sich um einen Tauhid-Glauben handelt, nur selten richtig und rein sein.

Einheit des Glaubensbekenntnisses

Der zweite wichtige Punkt ist, dass nur der Glaube an die Propheten die gesamte Menschheit auf der Grundlage eines einzigen Glaubens vereinen kann. Die eigentliche Grundlage von Meinungsverschiedenheiten ist Unwissenheit. Wenn die Menschen die Bedeutung einer Sache nicht kennen, werden sie ihre Entscheidungen allein auf Vermutungen gründen, und dadurch entstehen unter ihnen zwangsläufig Meinungsverschiedenheiten. Denn Entscheidungen mithilfe von Vermutungen und Vorstellungen zu treffen, ist wie das Tasten im Dunkeln. Wenn es irgendwo kein Licht gibt, werden fünfzig Menschen, die eine Sache ertasten, fünfzig verschiedene Meinungen darüber äußern. Sobald jedoch Licht da ist, wird keine Meinungsverschiedenheit mehr bestehen; vielmehr werden alle Sehenden in derselben Angelegenheit zu einer übereinstimmenden Auffassung gelangen. Da die Propheten mit übernatürlichem Wissen und innerer Einsicht ausgestattet wurden, ist es daher überhaupt nicht möglich, dass in ihren Vorstellungen, Lehren und Vorgehensweisen Meinungsverschiedenheiten entstehen. Aus diesem Grund sagt der Koran, dass alle Propheten einer einzigen Gemeinschaft angehören und ihre Lehren und ihr Din im Wesentlichen gleich sind. Alle haben zum selben geraden Weg, zum Sirat al-Mustaqim, aufgerufen. Für den Mu’min ist es daher verpflichtend, an sie alle zu glauben. Wer auch nur einen einzigen Propheten unter den Propheten leugnet, wird des Verbrechens schuldig gesprochen, alle Propheten zu leugnen. In seinem Herzen wird kein noch so geringes Zeichen des Glaubens zurückbleiben. Denn die Lehre, die er leugnet, ist nicht nur die Lehre eines einzigen Propheten, sondern die Lehre aller Propheten.

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„O Propheten! Esst von den reinen Dingen und tut gute Werke. Ihr gehört im Grunde einer einzigen Gemeinschaft an, und Ich bin euer Herr. So fürchtet Mich und seid Mir gehorsam. Doch später gerieten die Menschen untereinander in Meinungsverschiedenheiten und teilten ihre Religionen in verschiedene Richtungen. Und nun ist es so, dass sich jeder über das freut, was er besitzt.“ – (Sure al-Mu’minun: 51–53)

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„O Muhammad! Wir haben dir die Offenbarung ebenso eingegeben, wie Wir sie Nuh und den Propheten nach ihm eingegeben haben. Ebenso haben Wir Ibrahim, Ismail, Ishaq, Yaqub, den Nachkommen Yaqubs, Isa, Ayyub, Yunus, Harun und Sulayman die Offenbarung gesandt, und Dawud haben Wir den Zabur gegeben. Und Wir haben bereits Propheten gesandt, von denen Wir dir zuvor berichtet haben, und auch solche Propheten, von denen Wir dir nicht berichtet haben. Und Allah sprach bereits mit Musa, bevor dies geschah.“ – (Sure an-Nisa: 163–164)

Aus zahlreichen Versen dieser Art geht hervor, dass alle Propheten gekommen sind, um die Menschen zur selben wahren Religion aufzurufen, und dass sie zu jedem Volk gesandt wurden.

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Denjenigen Propheten unter ihnen, die im Heiligen Koran ausdrücklich erwähnt werden, muss man eindeutig Glauben schenken. Was die Propheten betrifft, deren Namen uns nicht mitgeteilt wurden, so besteht die richtige Überzeugung darin, dass sie allesamt zum Islam aufgerufen haben. Doch verschiedene Völker haben ihre Lehren verändert und sich durch gegenseitige Meinungsverschiedenheiten jeweils eigene Religionen geschaffen. Wir können Buddha, Krishna, Zarathustra, Konfuzius und andere nicht deshalb als Propheten bezeichnen, weil im Koran über sie nichts ausdrücklich erwähnt wird. Unsere Überzeugung ist jedoch, dass in Indien, China, Japan, Iran, Afrika, Europa und allen anderen Ländern Propheten Allahs erschienen sind und alle, ebenso wie Hadhrat Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), zum selben Islam aufgerufen haben. Daher wollen wir die religiösen Führer irgendeines Volkes nicht als Lügner hinstellen; vielmehr lehnen wir nur jene irrigen Ansichten und Wege ab, die heute in der Welt verbreitet sind und vom geraden Weg des Islam, dem Sirat al-Mustaqim, abweichen.

Gehorsam gegenüber dem Propheten und seine Befolgung

Die unausweichliche Folge des Glaubens an das Prophetentum besteht darin, dass man nicht nur in Fragen des Glaubens und der Anbetung, sondern in allen praktischen Bereichen des Lebens dem vom Gesandten Allahs vorgelebten Weg folgen muss. Denn durch das Wissen und die Einsicht, mit denen Allah sie geehrt hatte, konnten sie mit völliger Gewissheit zwischen den irrigen und den richtigen Wegen unterscheiden. Deshalb geschah alles, was sie verwarfen oder annahmen und was sie anordneten, auf Allahs Eingebung hin. Gewöhnliche Menschen hätten selbst nach jahrelangen, ja sogar jahrzehntelangen Erfahrungen den Unterschied zwischen Irrtum und Wahrheit niemals vollkommen erkennen können. Selbst wenn sie dabei einen gewissen Erfolg erzielt hätten, wäre dieser nicht auf dem festen Fundament eines unumstößlichen Glaubens gegründet gewesen, sondern hätte lediglich auf Vermutung und Nachforschung beruht, sodass die Gefahr einer Irreführung stets bestehen geblieben wäre. Die Propheten Allahs hingegen handelten bei den Tätigkeiten des Lebens nach einem Weg und lehrten einen Weg, die auf Wissen gründeten. Deshalb besteht darin keinerlei Möglichkeit des Irrtums. Aus eben diesem Grund weist der Heilige Koran wiederholt den Gehorsam gegenüber den Propheten und ihre Befolgung an. Er bezeichnet den von ihnen befolgten Weg als Scharia, den geraden Weg und Sirat al-Mustaqim. Er fordert dazu auf, den Gehorsam gegenüber anderen Menschen abzulehnen, ausschließlich den Propheten zu gehorchen und nur ihren Fußspuren zu folgen. Denn ihr Gehorsam ist genau der Gehorsam gegenüber Allah, und ihre Befolgung ist die Befolgung des göttlichen Willens.

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„Wir haben keinen Gesandten entsandt, außer damit ihm auf Allahs Geheiß gehorcht werde.“ – (Sure an-Nisa: 64)

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„Wer dem Propheten gehorcht, der gehorcht Allah.“ – (Sure an-Nisa: 80)

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„O Muhammad! Sprich: Wenn ihr Allah liebt, dann gehorcht mir. Dann wird Allah euch lieben und euch eure Sünden vergeben. Allah ist überaus vergebend und barmherzig. Sprich: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Wenn sie sich danach abwenden, dann wisset gewiss: Allah liebt die Ungläubigen nicht.“ – (Sure Āl ʿImrān: 31–32)

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„O ihr Gläubigen! Gehorcht Allah und Seinem Gesandten und wendet euch nicht von Ihm ab, während ihr Seinen Befehl hört. Seid nicht wie jene, die sagen: ‚Wir haben gehört‘, obwohl sie nichts hören. Wahrlich, die schlimmsten Tiere vor Allah sind jene, die nichts begreifen.“ – (Sure al-Anfāl: 20–22)

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„Wenn Allah und Sein Gesandter in einer Angelegenheit eine Entscheidung getroffen haben, ist es für keinen gläubigen Mann und keine gläubige Frau zulässig, sich in ihrer eigenen Angelegenheit noch ein Entscheidungsrecht vorzubehalten. Und wer Allah und Seinem Gesandten ungehorsam ist, der ist gewiss in offenkundigen Irrtum gestürzt worden.“ – (Sure al-Aḥzāb: 36)

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„Wenn sie dir daraufhin nicht gehorchen, dann wisse, dass sie nur den Begierden ihrer eigenen Neigung folgen. Und wer ist weiter abgeirrt als jener, der Allahs Anweisung verwirft und seiner eigenen Neigung folgt?“ (Sure al-Qaṣaṣ: 50)

In vielen weiteren Versen wird ebenfalls die Bedeutung des Gehorsams gegenüber dem Propheten und seiner Befolgung betont. Darüber hinaus wird in der Sure al-Ahzab ganz deutlich gesagt, dass das Leben des Gesandten Allahs für diejenigen, die Erfolg im Jenseits und eine Belohnung von Allah erhoffen, ein nachahmenswertes Vorbild ist.

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„Wahrlich, im Leben des Gesandten Allahs gab es für jeden, der auf Allah und den Jüngsten Tag hofft und Allah häufig gedenkt, ein vortreffliches Vorbild.“ – (Sure al-Ahzab: 21)

Die Bedeutung des Glaubens an das Prophetentum

Der Glaube an das Prophetentum bildet zusammen mit den Anweisungen zum Gehorsam und zur Befolgung in Wirklichkeit die Seele der auf dem Islam gegründeten Kultur, ihre Lebenskraft, ihre Festigungskraft und die Grundlage ihres besonderen Wesens.

In jeder Kultur und jedem Gesellschaftssystem bilden drei Dinge die Grundlage. Erstens: die Denkweise; zweitens: die sittlichen Normen; und drittens: die gesellschaftlichen Regeln. In allen Kulturen der Welt werden diese drei Dinge auf drei verschiedene Weisen gewonnen. Die Denkweise wird aus den Lehren von Denkern und Wissenschaftlern gewonnen, die aus irgendeinem Grund Einfluss auf die geistige Haltung großer Menschengruppen erlangt haben. Die sittlichen Normen werden von Staatsmännern, Reformern und Religionsführern übernommen, die in verschiedenen Epochen Herrschaft über bestimmte Völker erlangt haben. Die gesellschaftlichen Regeln werden von solchen Menschen ausgearbeitet, auf deren Geschick und Können in den verschiedenen Bereichen und Abteilungen des Lebens man angewiesen ist. In dem auf diese Weise entstehenden Gesellschaftssystem sind daher unvermeidlich drei grundlegende Mängel festzustellen:

Erstens: Aus den Materialien, die aus diesen drei verschiedenen Quellen gesammelt werden, entsteht ein äußerst vielfältiges Gemisch, dessen Zusammensetzung vielleicht ein Jahrhundert zur Festigung benötigt. Dennoch bleiben in seinem Inneren zahlreiche Unverbundenheiten, Ungleichheiten und Unstimmigkeiten bestehen. In der Welt gibt es unzählige Wissenschaftler und Philosophen. Ihre Denkweisen sind jeweils verschieden und grundsätzlich voneinander abweichend. Im Allgemeinen stehen sie in keinerlei enger Beziehung zu den praktischen Problemen des menschlichen Lebens; vielmehr sind die meisten von ihnen wegen ihrer Abneigung gegenüber den Menschen bekannt. Aus solchen Quellen gewinnt die Welt ihre Denkweisen. Auch unter der Gruppe, von der der zweite Bestandteil gesammelt wird, sind hinsichtlich persönlicher Vorstellungen, Denkweisen und geistiger Haltung große Meinungsverschiedenheiten festzustellen. Falls unter den Angehörigen dieser Gruppe in irgendeiner Sache Einigkeit besteht, dann darin, dass jeder Einzelne von ihnen Bewohner der Welt der Fantasie und ein Anhänger übermäßiger Gefühlsbetontheit und Überschwänglichkeit ist. Zu den rein praktischen Problemen des Lebens haben sie nur sehr wenig Bezug. Auch die Quellen des dritten Bestandteils sind voneinander verschieden; doch in einer Sache herrscht unter ihnen Einigkeit: In ihnen gibt es nur sehr wenig feinfühliges Empfinden. Ihr übermäßiger Realismus hat sie grausam und freudlos gemacht. Offensichtlich ist es äußerst schwierig, derart verschiedenartige und einander widersprechende Bestandteile richtig und harmonisch zu vermischen, und ihre Uneinigkeit und Gegensätzlichkeit müssen zwangsläufig ihre jeweils eigenen Merkmale deutlich hervortreten lassen.

Zweitens: Den drei Bestandteilen, die aus diesen Quellen gewonnen werden, fehlt sowohl die Kraft zur Beständigkeit als auch die Fähigkeit zur Allgemeingültigkeit. Verschiedene Denker, Staatsführer und Gesetzgeber üben Einfluss auf verschiedene Völker aus, und dadurch entstehen grundsätzliche Unterschiede in deren Denkweisen, sittlichen Normen und gesellschaftlichen Regeln. Darüber hinaus bleibt selbst der Einfluss der herausragenden Denker, Staatsmänner und Gesetzgeber, die in der ersten Epoche auf ein Volk eingewirkt haben, in den späteren Epochen nicht erhalten; vielmehr verändern sich mit dem Wandel der Zeiten sowohl diese Einflussnehmenden als auch ihr Einfluss. So nehmen die Kulturen einerseits eine nationale Gestalt an, und durch ihre Gegensätze entzündet sich zwischen den Völkern ein solches Feuer der Feindschaft, das in Wirklichkeit einem Blitz gleicht, der einen Haufen Friedensstroh in Brand setzt. Andererseits bleibt die eigenständige Zivilisation und Kultur jedes Volkes dauerhaft in einem schwankenden Zustand und bewegt sich, anstatt sich auf einem bestimmten Weg zu entwickeln, bald in Richtung Evolution und bald in Richtung Revolution.

Drittens: Keine einzige der genannten Quellen der drei Elemente weist auch nur das geringste Zeichen von Heiligkeit auf. Die Denkweise, die eine Nation von ihren Denkern, die moralischen Vorschriften, die sie von ihren Wegweisern, und die gesellschaftliche Ordnung, die sie von ihren Gesetzesgelehrten erhält, sind allesamt Ergebnisse menschlicher Bemühungen, und auch ihre Anhänger sind sich dessen, dass diese Ergebnisse menschlicher Bemühungen sind, vollkommen bewusst. Die unausweichliche Folge davon ist, dass die Befolgung niemals Vollkommenheit erreicht. Selbst auf dem höchsten Stand ihrer Befolgung können die Anhänger nicht völlig von einer glaubensmäßigen Gesinnung erfüllt werden. Sie erkennen selbst, dass in den grundlegenden Elementen ihrer Kultur die Möglichkeit von Irrtümern und die Notwendigkeit von Korrekturen liegen. Überdies bringen auch praktische Erfahrungen sowie Prüfungen und Untersuchungen ihre Irrtümer weiterhin ans Licht. Dadurch entstehen ganz natürlich Zweifel, Unsicherheit und innere Konflikte. Auf diese Weise erhält weder eine Denkweise noch ein Rechtssystem jemals die Möglichkeit, vollständige Kontrolle über eine Nation auszuüben und Gesellschaft und Zivilisation zu stabilisieren.

Demgegenüber bleibt eine Kultur, die auf dem Glauben an den Propheten beruht, von den genannten drei Abweichungen und Entstellungen frei.

Erstens werden in ihr die drei Elemente der Kultur aus derselben Quelle geschöpft. Ein und dieselbe Person bestimmt die Denkweise, legt die moralischen Vorschriften fest und formuliert auch die Grundsätze der gesellschaftlichen Ordnung. Sie ist zugleich Wegweiser in der Welt des Denkens, der Moral und des Handelns. Ihr Blick ist auf die Probleme aller drei Welten gleichermaßen weit gerichtet. In ihr verbinden sich Toleranz, ein feinfühliges Empfinden und Geschick im Handeln in ausgewogener Weise, und sie fügt diese drei Elemente in angemessenem Maß so in die Zusammensetzung der Kultur ein, dass kein Teil zu wenig oder zu viel vorhanden ist. Zwischen den einzelnen Teilen ist keinerlei Zusammenhanglosigkeit oder Unausgewogenheit festzustellen. Dies liegt in Wahrheit jenseits der menschlichen Kräfte und Fähigkeiten. Ohne die Rechtleitung des Herrn ist es jedoch überhaupt nicht möglich, dies zu vollbringen.

Zweitens ist keines ihrer Elemente ethnisch oder zeitbedingt. Die Denkweise, die moralischen Vorschriften und die gesellschaftliche Ordnung, welche der Prophet Allahs festlegt, beruhen nicht auf ethnischen Neigungen oder zeitgeschichtlichen Besonderheiten, sondern auf Wahrheit und Aufrichtigkeit. Wahrheit und Aufrichtigkeit stehen über allen Grenzen zwischen Osten und Westen, Schwarz und Weiß, Nichtariern und Ariern sowie Antike und Moderne. Was wahr und der Wahrheit verpflichtet ist, bleibt in jedem Winkel der Welt, bei jedem Volk und in jedem Wechsel von Zeit und Zeitalter in gleicher Weise wahr und der Wahrheit verpflichtet. Die Sonne ist in Japan ebenso eine Sonne wie in Gibraltar. Wie sie vor tausend Jahren eine Sonne war, wird sie es auch in tausend Jahren unverändert sein. Wenn eine Kultur daher universell, menschlich und dauerhaft sein kann, dann kann es ausschließlich die vom Gesandten Allahs begründete Kultur sein. Denn nur sie besitzt die Fähigkeit, bei unveränderten eigenen Grundsätzen und Fundamenten für jedes Land, jedes Volk und jedes Zeitalter geeignet zu sein.

Drittens besitzt diese Kultur den Rang vollkommener Heiligkeit. Ihre Anhänger sind davon überzeugt und glauben, dass der Begründer dieser Kultur der Prophet Allahs ist und dass ihm von Allah gegebenes Wissen zukommt. In seinem Wissen gibt es nicht die geringste Spur von Zweifel oder Unsicherheit. (*******) In seinen Worten gibt es weder Raum für Vermutung und Spekulation noch für das Drängen der eigenen Begierde. Was immer er vorträgt, trägt er von Allah her vor. Es besteht keinerlei Möglichkeit, dass er strauchelt oder auf einen falschen Weg geleitet wird. (***************) „Euer Gefährte ist weder vom Weg abgekommen noch irregeleitet. Er spricht nicht aus eigener Neigung. Dies ist nichts anderes als eine Offenbarung, die ihm eingegeben wird. Gelehrt hat sie ihn der überaus Mächtige.“ – (Sure an-Nadschm: 2–5) Wenn ein solcher Glaube und eine solche Überzeugung in die Adern und feinsten Verzweigungen der Anhänger des Propheten eindringen, folgen sie dem Propheten mit vollkommener innerer Gewissheit. In ihrem Herzen gibt es keinen Raum für Zweifel, Unsicherheit oder innere Konflikte. In ihrem Herzen erhebt sich niemals die Befürchtung, dass dieser Weg vielleicht nicht fehlerlos sei, sondern ein anderer Weg der Wahrheit näher oder zumindest besser als dieser. Offenkundig wird eine solche Kultur die gewünschte Stärke besitzen; ihre Befolgung wird äußerst fest sein, und in ihr wird mehr Ordnung und Disziplin als in den anderen Kulturen der Welt festzustellen sein. In ihrer Denkweise, ihren moralischen Vorschriften und ihrer gesellschaftlichen Ordnung werden größere Geschlossenheit, Ausgewogenheit und Stabilität herrschen.

In Wahrheit waren die Propheten Allahs die Erbauer eben dieser Kultur. Jahrhundertelang bereiteten sie in jedem Teil der Welt den Boden für sie vor. Als der Boden vollständig bereitet war, kam der letzte Prophet, Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm), und errichtete für sie ein vollständiges Gebäude.

Die besondere Eigenart des Prophetentums Muhammads

Was bisher dargelegt wurde, stand im Zusammenhang mit den allgemeinen Bestimmungen und Regelungen des Prophetentums. Darüber hinaus gibt es jedoch einige Punkte, die speziell mit dem Prophetentum Muhammads (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) verbunden sind. Zweifellos besteht hinsichtlich des Ranges des Prophetentums grundsätzlich kein Unterschied zwischen Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) und den anderen Propheten. Denn die klare Erklärung des Edlen Qurans lautet: (***************) Zwischen den Propheten darf keinerlei Unterschied gemacht werden. Daher gilt grundsätzlich für alle Propheten, dass sie von Allah gesandt sind. Allen wurde „Weisheit“ und „Wissen“ gegeben. Alle rufen zum selben geraden Weg auf. Alle sind Wegweiser und Führer für die Menschheit. Allen zu gehorchen ist Pflicht, und das Leben jedes Einzelnen von ihnen ist ein nachahmenswertes Vorbild für die Menschheit. Tatsächlich hat Allah, der Erhabene, dem letzten Propheten, Muhammad (Allahs Segen und Friede seien auf ihm), jedoch in einigen Punkten gegenüber den anderen Propheten eine besondere Eigenständigkeit verliehen. Diese Eigenständigkeit ist keineswegs eine gewöhnliche oder geringfügige Angelegenheit, bei der es keine Folgen hätte, ob man sie berücksichtigt oder nicht; vielmehr besitzt sie im gesamten System des Islam eine grundlegende Bedeutung. Tatsächlich beruhen alle Glaubensüberzeugungen und Gesetze des Islam auf diesem besonderen Rang des Prophetentums Muhammads. Deshalb kann der Glaube eines Menschen an das Prophetentum nicht geläutert sein, solange er nicht unter Berücksichtigung dieses besonderen und einzigartigen Ranges an Muhammad, den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm), glaubt.

Der Unterschied zwischen dem früheren Prophetentum und dem Prophetentum Muhammads

Um diese Sache zu verstehen, müssen einige Punkte im Gedächtnis behalten werden.

Erstens: Aus qur’anischen Hinweisen, der alten Geschichte und intellektuellen Schlussfolgerungen geht hervor, dass die Zahl der Propheten mehrere Tausend betragen haben muss. Der Qur’an sagt: (***************) „Es gab kein Volk, zu dem nicht ein Warner gesandt worden wäre.“ Es ist offensichtlich, dass so viele menschliche Gemeinschaften auf der Welt vergangen sind, dass unsere Geschichte weder über sie Auskunft geben konnte noch geben kann. Wenn also auch nur zu jedem Volk ein Prophet gekommen wäre, müsste die Zahl der Propheten die Grenze von eintausend überschreiten. Auch einige Hadithe bestätigen dies. Darin wird die Zahl der Propheten mit bis zu einhundertvierundzwanzigtausend angegeben. Doch unter dieser gewaltigen Zahl lassen sich die Namen derjenigen Propheten, die im Heiligen Qur’an erwähnt werden, an den Fingern abzählen. Wenn wir zu ihnen noch die Namen jener Religionslehrer hinzunehmen, auf deren Prophetentum der Heilige Qur’an keinen Hinweis gibt, überschreitet diese Zahl dennoch nicht die Grenze von einigen Dutzend. Dass auf diese Weise selbst die Namen und Spuren unzähliger Propheten ausgelöscht und die Zeugnisse ihrer Lehren verschwunden sind, beweist, dass sie für bestimmte Zeiten und bestimmte Völker gekommen waren. Sie besaßen nichts, was ihren Lehren Bestand und Dauer oder weltweite Verbreitung hätte verleihen können.

Zweitens: Über das Leben und die Lehren derjenigen Propheten und Religionslehrer, deren Namen wir kennen, haben sich so viele Schichten von Legenden und Entstellungen gelegt, dass unsere Unwissenheit über sie beispiellos ist. Wenn man die heute auf der Welt vorhandenen Zeugnisse über sie ohne jede mythische Vorstellung prüft und sie ausschließlich am Maßstab der Geschichte misst, muss man zugeben, dass man sich auf keines dieser Dinge verlassen kann. Wir können nicht einmal die tatsächliche Lebenszeit dieser Personen angeben. Nicht einmal ihre wirklichen Namen sind uns bekannt. Wir können auch nicht mit Gewissheit sagen, ob sie tatsächlich auf der Welt existiert haben. Historiker haben sogar daran gezweifelt, ob berühmte Gestalten wie Buddha, Zarathustra und Jesus historische Persönlichkeiten oder bloße Geschöpfe der Vorstellungskraft waren. Zudem sind unsere Kenntnisse über ihr Leben so knapp und unklar, dass man sie in keinem einzigen Lebensbereich als nachahmenswerte Vorbilder annehmen kann. Mit den von ihnen verkündeten Lehren und Unterweisungen verhält es sich nahezu ebenso. Kein einziges der Bücher und Lehrwerke, die unter ihren Namen verbreitet sind, lässt sich mit Sicherheit auf sie zurückführen. Im Gegenteil, sowohl innerlich als auch äußerlich liegen stichhaltige Beweise dafür vor, dass diese Bücher und Lehren umfassend verändert und umgestaltet worden sind. Daraus wird tatsächlich deutlich, dass vor Muhammad (s.a.w.) alle Propheten und Religionslehrer, die vergangen sind, ihr Prophetentum und ihre religiöse Führerschaft beendet hatten.

Drittens: Über nahezu alle Propheten und Religionslehrer ist nachweislich festzustellen, dass ihre Lehren genau für die besonderen Völker bestimmt waren, unter denen sie erschienen. Einige von ihnen haben dies selbst erklärt, bei anderen wurde es durch den Verlauf der Ereignisse bewiesen. Die Lehren Hazrat Ibrahims (a.s.), Hazrat Musas (a.s.), des Konfuzius, Zarathustras und Krishnas haben die Grenzen ihrer jeweiligen Völker niemals überschritten. Dasselbe gilt für die übrigen Propheten und Religionslehrer der semitischen und arischen Völker. Zwar gelang es den Anhängern Buddhas und Jesu, ihre Lehren zu anderen Völkern zu bringen. Doch sie selbst haben sich dafür niemals eingesetzt und auch nie behauptet, dass ihre Botschaft für die ganze Welt bestimmt sei. Vielmehr wird sogar im Evangelium von Jesus (a.s.) überliefert, dass er nur zur Rechtleitung der Kinder Israels auf die Welt gekommen sei.

Viertens: Unter allen Propheten und Religionslehrern ist Muhammad (s.a.w.) der einzige Mann, über dessen Lebensführung und Lehren uns fehlerfreie, authentische und sichere Informationen vorliegen, an deren Wahrhaftigkeit keinerlei Zweifel möglich ist. Daher kann man ohne jede Furcht vor Widerspruch sagen, dass es heute über keine historische Persönlichkeit der Welt einen derart fehlerfreien und zuverlässigen Informationsschatz gibt. Wenn selbst ein zweifelnder Mensch an der Wahrhaftigkeit dieses Schatzes zweifelt, müsste er den gesamten Geschichtsschatz der Welt ins Feuer werfen. Denn nachdem er an der Wahrhaftigkeit eines so gewaltigen authentischen Schatzes gezweifelt hat, muss er zwangsläufig anerkennen, dass die gesamte Geschichtskenntnis nur ein Haufen von Lügen ist und man sich auf keinen einzigen Buchstaben davon verlassen kann.

Fünftens: So liegt unter allen Propheten und Religionslehrern allein das Leben und der Lebenslauf Muhammads (s.a.w.) in allen Einzelheiten vor uns. Nicht nur unter den Religionslehrern der Völker, sondern unter allen historischen Persönlichkeiten der Welt gibt es außer Muhammad (s.a.w.) keinen Mann, dessen Lebensgeschichte mit derart vielen Einzelheiten auf den Seiten der Geschichte bewahrt worden ist. Wenn es einen Unterschied zwischen der Zeit Hazrat Muhammads (s.a.w.) und der heutigen Zeit gibt, dann besteht er darin, dass damals seine körperliche Gestalt gegenwärtig war, heute aber nicht mehr. Wenn man jedoch die Bedingung, dass zum Leben eine körperliche Existenz gehört, nicht voraussetzt, können wir sagen, dass Hazrat (s.a.w.) noch heute lebt und so lange leben wird, wie sein Lebenslauf auf der Welt fortbesteht. In den Hadith- und Biografiewerken können die Menschen der Welt das Leben Hazrat Muhammads (s.a.w.) noch heute ebenso aus der Nähe betrachten, wie es seine Zeitgenossen betrachten konnten. Daher kann man mit vollem Recht sagen, dass unter den Propheten und anderen Religionslehrern allein Muhammad (s.a.w.) wahrhaftig und vollständig nachgeahmt werden kann.

Sechstens: Dasselbe gilt für die Lehren Hazrats (s.a.w.). Wie bereits gesagt wurde, gibt es unter den Propheten und Religionslehrern keinen einzigen, dessen von ihm überbrachtes religiöses Buch und verkündete Lehre heute noch in unverfälschter Form vorliegen und auf glaubwürdige und zuverlässige Weise mit ihrem ursprünglichen Überbringer und Verkünder verbunden werden können. Dieser Glückliche ist Hazrat Muhammad (s.a.w.). Das von ihm überbrachte Buch, der Qur’an, liegt genau in der Sprache vor, in der Hazrat (s.a.w.) ihn verkündet hat. Und außer dem Qur’an sind auch die Rechtleitungen, die er in seinen eigenen Worten gegeben hat, nahezu unverfälscht bewahrt worden. Und, so Allah will, werden sie für immer bewahrt bleiben. Daher kann unter den Propheten und Religionslehrern allein die Lehre Muhammads (s.a.w.) ohne Sorge und jeden Zweifel befolgt werden.

Siebtens: Betrachten Sie den Wissensschatz, der in der heutigen Welt über die Lehren und Lebensläufe der Propheten und religiösen Führer vergangener Zeiten vorhanden ist. Jedes heilige Beispiel für Wahrheit und Wahrhaftigkeit, Wohlergehen und Güte, edlen Charakter und gutes Verhalten, das Sie dort finden, werden Sie in den Lehren und im Lebenslauf Muhammads (s.a.) wiederfinden. Ebenso werden Sie in den Lehren und Lebensläufen der Führer, die nach ihm in der menschlichen Gesellschaft auftraten, keine Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Tugend oder Güte finden, die nicht bereits in den Lehren und im Charakter Muhammads (s.a.) vorhanden wäre. Darüber hinaus lässt sich in den Lehren und im Lebenslauf des ehrwürdigen Muhammad (s.a.) ein derart reicher Schatz an wahrem Wissen, rechtschaffenem Handeln und guter Sittlichkeit finden, wie er in den Lehren und Lebensläufen keines religiösen Führers der Vergangenheit oder Gegenwart zu finden ist. Das Wichtigste aber ist, dass der Mensch außerhalb des Islam keinen einzigen fehlerfreien Gedanken über göttliches Wissen, moralischen Charakter und weltliches Verhalten hervorbringen kann. Daher ist es eine unbestreitbare Wahrheit, dass die Lehren und der Charakter Muhammads (s.a.) die Gesamtheit allen Guten bilden. Alles, was als Wahrheit galt, hat Muhammad (s.a.) verkündet; den geraden Weg, wie man ihn nannte, hat er erhellt. Um den moralischen Charakter und das Verhalten der Menschen sowohl auf persönlicher als auch auf gemeinschaftlicher Ebene gesund zu erhalten und ein richtiges Leben in dieser Welt zu führen, hat er alle guten Grundsätze und Regeln, die dafür möglich waren, klar dargelegt. Nun besteht keinerlei Möglichkeit mehr, ihnen etwas hinzuzufügen oder sie zu erweitern.

Achtens: Unter der gesamten Gruppe der Propheten und religiösen Führer hat allein Muhammad (s.a.) den Anspruch erhoben, dass seine Botschaft der gesamten Menschheit gilt, und tatsächlich noch zu seinen Lebzeiten Einladungen an die Herrscher verschiedener Länder gesandt. Seine Botschaft erreichte jeden Winkel der Erde und jede Gruppe der Menschheit. Diese Besonderheit konnte außer dem ehrwürdigen Muhammad (s.a.) niemand erlangen. Einige erhoben überhaupt keinen Anspruch auf Universalität und erlangten auch keine weltweite Geltung. Die Religion mancher anderer erlangte zwar weltweite Geltung; doch sie selbst erhoben niemals einen solchen Anspruch und bemühten sich auch nicht darum. Tatsächlich ist der ehrwürdige Muhammad (s.a.) der einzige Mensch, der sowohl den Anspruch auf Universalität erhoben als auch sich darum bemüht und schließlich tatsächlich weltweite Geltung erlangt hat.

Neuntens: Für das Erscheinen von Propheten auf der Welt kann es nur drei Gründe geben. Erstens: Zu einem Volk war zuvor kein Prophet zur Rechtleitung gesandt worden, und gemäß ********** bestand für dieses Volk die Notwendigkeit eines oder mehrerer Propheten. Zweitens: Zwar war zuvor ein Prophet gekommen, doch die Zeichen seines Prophetentums waren verschwunden; seine Lehren und das von ihm gebrachte Buch waren verfälscht worden; die Zeugnisse seines Lebens waren ausgelöscht, und es war den Menschen unmöglich geworden, seinem vorbildlichen Beispiel zu folgen. Drittens: Weil die Lehren des früheren Propheten oder der früheren Propheten unvollständig waren, mussten sie weiter ergänzt und erweitert werden. Außer diesen drei Gründen gibt es keinen vierten Grund für das Erscheinen von Propheten, und aus der Sicht der Vernunft kann es auch keinen geben.1 Wenn zu einem Volk ein Prophet gekommen ist, seine Lehren und sein Lebenslauf unversehrt bewahrt sind und weder Ergänzung noch Erweiterung erforderlich ist, ist es keineswegs möglich, dass danach noch ein zweiter Prophet entsandt wird. Das Amt des Prophetentums ist nicht bloß eine Frage des Ranges, der als Belohnung für eine gute Tat verliehen würde. Vielmehr handelt es sich um eine besondere Art des Dienstes, der jemandem nach Bedarf zur Erfüllung einer bestimmten Aufgabe übertragen wird. Außerdem ist dieses Amt weder so gering noch so unbedeutend, dass man es jemandem lediglich übertragen würde, um die Aufmerksamkeit auf eine frühere Lehre zu lenken. Für diese Aufgabe genügen wahrheitsliebende Gelehrte und Erneuerer. Daher fordert die Vernunft mit letzter Konsequenz, dass kein Prophet erscheinen kann, solange nicht einer der genannten drei Gründe eingetreten ist. Aus unserer bisherigen Erörterung hat sich erwiesen, dass mit dem Prophetentum Muhammads (s.a.) alle drei Gründe beseitigt worden sind. Seine Botschaft gilt der gesamten Menschheit; daher besteht nun keine Notwendigkeit mehr, für die verschiedenen Völker jeweils eigene Propheten zu entsenden. Das von ihm gebrachte Buch und die Zeichen seines Prophetentums sind vollkommen unverfälscht bewahrt; ein neues Buch oder eine neue Rechtleitung ist nicht erforderlich. Seine Lehre und Rechtleitung sind vollständig und vollkommen. Auf diesem Gebiet ist weder ein Teil des wahren Wissens verborgen geblieben, noch fehlt es an einer Rechtleitung für gute Taten und an einem vorbildlichen Beispiel, das man vorlegen könnte

1. Ein Grund könnte freilich darin bestehen, dass es zur Unterstützung eines Propheten notwendig wird, gemeinsam mit ihm einen weiteren Propheten zu entsenden. Einige Beispiele dafür finden sich auch im Koran. Doch dies ist nicht Gegenstand unserer Erörterung. Denn das Prophetentum des unterstützenden Propheten ist lediglich ein Anhang zu jenem Prophetentum, zu dessen Unterstützung er als Wesir eingesetzt wird.

in dieser Hinsicht ein Mangel besteht. Daher bedarf es auch keines Ergänzers. Wenn diese drei Gründe nicht vorhanden sind – obwohl das Erscheinen eines Propheten ausschließlich von diesen drei Dingen abhängt –, muss man selbstverständlich anerkennen, dass nach dem Prophetentum Muhammads (s.a.) die Tür des Prophetentums endgültig geschlossen worden ist. Wenn diese Tür heute noch offen wäre, würde das bedeuten, dass Allah auch zwecklose Dinge tut, obwohl Allah davon frei, vollkommen und heilig ist. Von Ihm wird niemals eine zwecklose Handlung vollbracht.1

Der Koran hat die drei besonderen Vorzüge des Prophetentums Muhammads (s.a.) äußerst ausführlich und klar dargelegt.

Die allgemeine Botschaft

Der Koran sagt

„(O Muhammad!) Sprich: Ihr Menschen! Ich bin der von Allah zu euch allen gesandte Prophet, dem das Reich der Himmel und der Erde gehört, außer dem es keinen Gott gibt und der Leben gibt und den Tod bringt. So glaubt an Allah und an Seinen ungelehrten Propheten und Gesandten, der an Allah und Seine Worte glaubt. Folgt ihm, damit ihr den geraden Weg geht. – (Sure al-Aʿrāf: 158)“

„(O Muhammad!) Wir haben dich für die gesamte Menschheit als Verkünder froher Botschaft und als Warner gesandt; doch die meisten Menschen wissen nichts davon.“ – (Sure Saba: 28)

1. Die Sache besteht nicht nur darin, dass die Entsendung eines Propheten ohne Notwendigkeit eine sinnlose Handlung wäre; vielmehr widerspricht sie auch der Vernunft. Nachdem die Aufgabe des Prophetentums vollendet ist, sollte dessen Tür geschlossen werden, damit sich die Menschen auf der ganzen Welt in der Nachfolge eines einzigen Propheten vereinen können. Bliebe diese Tür hingegen offen, würde mit dem Erscheinen jedes neuen Propheten unter den Menschen aufs Neue eine Trennung zwischen Unglauben und Glauben entstehen, und die vereinten Menschen würden beginnen, sich voneinander zu entfernen.

„O ihr Menschen! Dieser Prophet ist mit der Wahrheit von eurem Herrn zu euch gekommen. So glaubt; das ist besser für euch. Wenn ihr jedoch ungläubig bleibt, dann wisst: Allah ist der Herrscher über die Himmel und die Erde.“ – (Sure an-Nisāʾ: 170)

„(O Muhammad!) Wir haben dich als Barmherzigkeit für die Welten entsandt.“ – (Sure al-Anbiyāʾ: 107)

„Gepriesen sei Er, der Seinem Diener das Buch herabgesandt hat, das zwischen Wahrheit und Falschheit unterscheidet, damit er ein Warner für alle Welten sei.“ – (Sure al-Furqān: 1)

Daraus werden einige Dinge deutlich:

Erstens ist die Daʿwa Muhammads (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) nicht auf irgendein Zeitalter, irgendeine Nation oder irgendein Land beschränkt; vielmehr ist er für alle Zeiten der Wegweiser und Führer der gesamten Menschheit.

Zweitens ist die gesamte Menschheit dazu verpflichtet, an ihn zu glauben und ihm zu folgen.

Drittens kann ohne den Glauben an ihn und ohne ihm zu folgen keine Rechtleitung erlangt werden.

Diese drei Punkte gehören allesamt zum Glaubensbekenntnis, denn die Universalität und Grenzenlosigkeit jener universalen Kultur, die Islam heißt, beruhen eben auf diesem Glauben. Wenn man tatsächlich anerkennt, dass man auch außerhalb des von dem ehrwürdigen Propheten (s.a.w.) verkündeten Dīn den rechten Weg finden könne, wird dadurch die Universalität der islamischen Einladung beseitigt und zugleich die Universalität des islamischen Ideals bedeutungslos.

Die Vollkommenheit des Dīn des Islam

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„Er ist es, der Seinen Gesandten mit der Rechtleitung und dem wahren Dīn entsandt hat, damit Er ihn über alle Religionen siegreich mache.“ – (Sure at-Tauba 33)

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„Heute habe Ich euren Dīn für euch vervollkommnet, Meine Gnade an euch vollendet und den Islam für euch als Dīn erwählt.“ Daraus geht hervor, dass das, was Rechtleitung genannt wird, und das, was mit wahrem Dīn gemeint ist, durch den arabischen Propheten (s.a.w.) vollständig und vollkommen herabgesandt worden ist. Seine Prophetenschaft erstreckt sich über alle Religionen. Durch ihn ist der Dīn vollendet worden. Der Strom der Rechtleitung, der durch die früheren Propheten nach und nach herabgekommen war, hat nun die Stufe der Vollendung erreicht. Danach gibt es in der Rechtleitung, im Dīn und in der wahren Erkenntnis nichts mehr, dessen Verkündung das Kommen eines anderen Propheten oder Gesandten erforderlich machen könnte. Die natürliche Folge der Verkündung der Vollkommenheit des Dīn und der vollständigen Gewährung der Gnade in solch klaren Worten musste sein, dass die Verbindung von Gehorsam und Befolgung zu den früheren Prophetenschaften abgebrochen und für die Zukunft die Tür der Prophetenschaft geschlossen wurde. Diese beiden Dinge – die Aufhebung der früheren Religionen und das Ende der Prophetenschaft – sind die unterscheidenden Merkmale der Gesandtschaft Muhammads (s.a.w.). Im Edlen Koran sind eben diese beiden Dinge ausdrücklich dargelegt worden.

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Die Aufhebung der früheren Religionen

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Die Bedeutung der Aufhebung der früheren Religionen besteht darin, dass nun alles aufgehoben ist, was die früheren Propheten verkündet hatten. Zwar ist es notwendig, grundsätzlich an ihre Prophetenschaft und Wahrhaftigkeit zu glauben, denn sie alle waren Verkünder der islamischen Botschaft. An sie zu glauben, bedeutet letztlich, an den Islam zu glauben. In der Praxis ist jedoch das Verhältnis des Gehorsams und der Gefolgschaft von ihnen gelöst und ausschließlich mit der Lehre und dem Lebensvorbild Muhammads (s.a.w.) verbunden worden. Denn grundsätzlich besteht nach der Vollkommenheit keinerlei Bedarf an Unvollkommenheit. Zweitens sind die Lehren und Lebensgeschichten der früheren Propheten verfälscht und verlorengegangen; daher ist es in der Praxis nicht mehr möglich, ihnen fehlerlos zu folgen. Aus diesem Grund werden überall dort im Heiligen Qur’an, wo der Gehorsam gegenüber dem Gesandten und die Befolgung seiner Anweisungen befohlen werden, die Wörter **** oder **** verwendet. Damit ist insbesondere Muhammad (s.a.w.) gemeint. So heißt es:

“Sag: Gehorcht Allah und dem Gesandten. Wenn sie jedoch eure Aufforderung nicht annehmen, kann Allah gewiss nicht jene Menschen lieben, die sich weigern, Ihm und dem Gesandten zu gehorchen.“ – (Sure Āl ʿImrān: 32)

Gehorcht Allah. Gehorcht dem Gesandten und auch denjenigen unter euch, die mit der Gesamtverantwortung betraut sind. (Sure an-Nisāʾ: 59)

“Wer dem Gesandten gehorcht, gehorcht in Wahrheit Allah.“ (

Und aus diesem Grund wurden auch jene Völker, die an einen der früheren Propheten glauben, angewiesen, an Muhammad (s.a.w.) zu glauben und ihm zu folgen. Daher heißt es:

*************

„O ihr Schriftbesitzer! Zu euch ist Unser Gesandter gekommen, der euch vieles darlegen wird, was ihr aus der Schrift verborgen habt, und der euch vieles verzeihen wird. Zu euch ist von Allah ein Licht und eine deutliche Schrift gekommen. Dadurch wird Allah diejenigen, die Seinem Wohlgefallen folgen, auf die Wege des Friedens führen, sie aus den Finsternissen ins Licht herausführen und sie auf einen geraden Weg leiten.“ (Sure al-Māʾida: 15–16)

Anderswo heißt es:

„Diejenigen unter den Schriftbesitzern, die glauben, sind jene, die diesem ummī Propheten und Gesandten folgen, dessen Erwähnung sie in ihrer eigenen Tora und ihrem eigenen Evangelium niedergeschrieben finden. Er gebietet ihnen das Gute und verbietet ihnen das Verwerfliche. Er erklärt ihnen die guten Dinge für erlaubt und die schlechten Dinge für verboten und nimmt ihnen ihre Lasten und Fesseln ab. Deshalb sind diejenigen erfolgreich, die an ihn glauben, ihm helfen und ihn unterstützen und dem Licht folgen, das mit ihm herabgesandt wurde. O Muhammad, sprich: O Menschen! Ich bin zu euch allen der Gesandte Allahs, dem die Herrschaft über die gesamten Himmel und die Erde gehört. Es gibt keinen Gott außer Ihm. Er gibt Leben und lässt sterben. So glaubt an Allah und an Seinen ummī Gesandten und Propheten, der an Allah und Seine Worte glaubt, und folgt ihm, damit ihr den geraden Weg beschreiten möget.“ (Sure al-Aʿrāf: 157–158)

In diesen klaren Versen wird die Aufhebung der früheren Religionen erläutert. Ihre Bedeutung und Tragweite werden dargelegt. Auch ihr Grund wird genannt und ihr natürliches Ergebnis mitgeteilt. Ebenso wird erklärt, dass von nun an Erlangung von Rechtleitung und Wohlergehen untrennbar mit der Befolgung des Propheten, des ummī (saw.), verbunden ist. Darüber hinaus wird verständlich gemacht, dass die von dem Propheten, dem ummī (saw.), verkündete Religion in Wirklichkeit lediglich die Erneuerung und Vollendung dessen ist, was zu den an die Tora und das Evangelium Glaubenden und zu den übrigen Völkern gesandt worden war.

Das Siegel der Prophetie

Auf diese Weise wird auch das Siegel der Prophetie, das weitere Ergebnis der Vollkommenheit der Religion, im Edlen Koran in unmissverständlichen Worten dargelegt. Es heißt:

„Muhammad ist nicht der Vater irgendeines eurer Männer, sondern Allahs Gesandter und das Siegel der Propheten. Und Allah weiß über alle Dinge Bescheid.“ (Sure al-Ahzāb: 40)

Diese Erklärung über die Schließung des Tores des Prophetentums ist so eindeutig, dass jemand, solange sein Herz nicht von Verdorbenheit und Arglist erfüllt ist, danach keinerlei Möglichkeit finden kann, innerhalb des Islam das Tor des Prophetentums wieder zu öffnen. Ob das im Vers erwähnte Wort mit einem Zabar oder mit einem Zer unter dem betreffenden Buchstaben gelesen wird, führt in beiden Fällen zum selben Ergebnis: Das Tor des Prophetentums ist für immer gemäß dem Wissen Allahs geschlossen worden – jenes Allahs, gegen dessen Wissen nichts geschehen kann.

Ein notwendiger Bestandteil des Glaubens an das Prophetentum Muhammads

Die Vollkommenheit der Dīn des Islam, die Aufhebung der früheren Religionen und der Abschluss des Prophetentums – diese drei Glaubensüberzeugungen gehören in Wirklichkeit zur Glaubenslehre des Islam, und die Grundlage des Prophetentums ist ein notwendiger Bestandteil dieses Glaubens. Die Grundlage der universellen Daʿwa des Islam besteht darin, dass der Menschheit in Gestalt der Daʿwa Muhammads eine vollkommene Religion gegeben wurde, in der die Unvollkommenheiten aller früheren Daʿwas vervollständigt worden sind. Für die Zukunft ist darin keine Unvollkommenheit zurückgelassen worden, deren Behebung jemals erforderlich sein könnte. Diese vollkommene Dīn hat für alle Zeiten einen klaren und dauerhaften Unterschied zwischen Islam und Kufr sowie zwischen Wahrheit und Falschheit errichtet. Bis zum Tag der Auferstehung wird darin keinerlei Ergänzung oder Verminderung mehr erforderlich sein. Alles, was Islam und Wahrheit ist, hat Muhammad (s. a. w.) eindeutig dargelegt. Danach kann nichts Neues dieser Art erscheinen, von dessen Anerkennung es abhängen könnte, ob jemand Muslim und auf der Wahrheit ist. Was Muhammad (s. a. w.) hingegen als Kufr und Falschheit bezeichnet hat, bleibt für immer Kufr und Falschheit. So kann nichts von dem, was er als Wahrheit und Islam bezeichnet hat, heute Kufr sein; ebenso kann auf der Grundlage von etwas anderem kein neuer Unterschied zwischen Kufr und Islam geschaffen werden. Auf einem derart festen und unveränderlichen Fundament ist das hochragende Gebäude der weltweiten, dauerhaften Millat und der islamischen Kultur errichtet worden. Es wurde auf einem solchen Fundament errichtet, damit die Menschen der Welt für alle Zeiten durch die Befolgung derselben Millat, derselben Dīn und derselben Kultur geeint sein können. Diese Millat wird eine solche sein, an deren Vollkommenheit und Beständigkeit sie keinen Zweifel haben müssen. Auf Vertrauen und Zuversicht beruht die Grundlage der universellen Daʿwa des Islam, und von ihr hängen auch Bestand und Dauerhaftigkeit des Islam ab. Wer sagt, dass nach dem Herabkommen des Islam die Befolgung früherer Religionen weiterhin zulässig sei, will dem Islam in Wirklichkeit das Recht auf eine universelle Daʿwa rauben. Denn wenn Rechtleitung auch auf anderen Wegen als dem Islam möglich wäre, würde der Aufruf der gesamten Menschheit zum Islam sinnlos werden. Wer ferner sagt, dass die Lehre Muhammads (s. a. w.) entsprechend den Erfordernissen und Umständen jedes Zeitalters verbessert, verändert und erweitert werden könne, will dem Islam in Wirklichkeit das Recht auf dauerhafte Gültigkeit nehmen. Denn wenn eine Dīn unvollkommen und Veränderungen sowie Erweiterungen unterworfen ist, ist die Behauptung, sie könne für alle Zeiten zur Rechtleitung dienen, unwahr. Wer dagegen sagt, dass auch nach Muhammad (s. a. w.) im Islam noch Raum für das Kommen eines Propheten bestehe, will in Wirklichkeit die Beständigkeit des Islam selbst angreifen. Denn das Offenhalten des Tores des Prophetentums bedeutet, dass innerhalb der Einheit und Geschlossenheit des Islam stets die Gefahr von Spaltung und Zerfall bestehen wird. Darüber hinaus würde durch das Kommen eines neuen Propheten ein neuer Unterschied zwischen Kufr und Islam entstehen, und in jedem solchen Fall würden die Menschen, die an Allah, Muhammad (s. a. w.) und den Koran glauben, scharenweise aus dem Islam austreten. Das Öffnen des Tores des Prophetentums kommt daher in Wirklichkeit dem Öffnen des Tores zu Fitna und Irreführung gleich. Unter allen möglichen Ursachen für die Ausrottung des Islam ist der Anspruch auf ein neues Prophetentum die schwerwiegendste und gefährlichste. Die Organisationsordnung der muslimischen Nation ist auf dem Grundsatz errichtet, dass alle, die an Muhammad (s. a. w.) und den Koran glauben, Muslime und Gläubige sind. Sie bilden eine Millat, eine Gemeinschaft. Untereinander sind sie Brüder. In Glück und Unglück, in Freude und Leid teilen sie miteinander. Wenn nun einige Leute auftreten und sagen, der Glaube an Muhammad (s. a. w.) und den Koran allein genüge nicht, sondern man müsse auch an mich glauben, und wer nicht an mich glaube, sei trotz seines Glaubens an Muhammad (s. a. w.) und den Koran ein Kāfir, dann schaffen sie auf dieser Grundlage unter den Muslimen eine Trennung zwischen Kufr und Islam, zerspalten die eine von Muhammad (s. a. w.) gebildete Gemeinschaft, zerreißen die brüderliche Beziehung zwischen denen, die der Koran zu Brüdern gemacht hat, trennen ihre Gebete und anderes voneinander, lösen ihre ehelichen Beziehungen auf und lassen sogar unter ihnen Beziehungen wie Krankenpflege, Beileidsbekundung und die Teilnahme an Begräbnissen nicht bestehen. Wer könnte dann ein größerer Feind des Islam, der islamischen Nationalität, der islamischen Kultur und der islamischen Gesellschaftsordnung sein als er?

Aus dieser Erörterung lässt sich ohne Weiteres erkennen, wie wichtig im Zusammenhang mit dem Prophetentum Muhammads die Vollkommenheit der Dīn des Islam, die Aufhebung der früheren Religionen und der Glaube an den Abschluss des Prophetentums sind und warum ihre Aufnahme in den Glauben für den Bestand und die Dauerhaftigkeit des Islam sowie für seine Einführung notwendig ist.

 

6

Der Glaube an die Schrift

In der islamischen Terminologie bezeichnet „Kitāb“ ein Buch, das Allah dem Gesandten zur Rechtleitung der Menschen herabgesandt hat. In diesem Sinne ist das Kitāb die offizielle Erklärung jener Botschaft oder, in islamischer Terminologie, das „göttliche Wort“, zu dessen Übermittlung an die Menschen, zu dessen Erläuterung und Auslegung sowie zu seiner praktischen Umsetzung die Propheten in die Welt gesandt werden. Hier ist nicht der Ort, die Frage zu erörtern, in welchem Sinne das Kitāb Allahs Wort ist und worin die Natur seines Allah-Wortes-Seins besteht. Das ist eine rein theologische Erörterung und steht mit dem hier behandelten Thema nicht in Zusammenhang. Wir wollen hier nur den einen Aspekt beleuchten: Welche Rolle spielt der Īmān bil-Kitāb (der Glaube an die Schrift) beim Aufbau der Grundlage der islamischen Kultur? Dazu genügt es, Folgendes zu wissen: Die Grundsätze und grundlegenden Inhalte der Lehre, die den Menschen durch den Propheten vermittelt werden soll, werden dem Herzen des Propheten von Allah eingegeben. Weder in ihrer Sprache noch in ihrer Bedeutung hat der eigene Verstand und das eigene Denken des Propheten, sein Wille oder sein Begehren auch nur den geringsten Anteil. Deshalb ist sie sowohl hinsichtlich ihrer Worte als auch ihrer Bedeutung Allahs Wort und keine eigene Abfassung des Propheten. Als vertrauenswürdiger Gesandter übermittelt der Prophet dieses Wort Allahs den Dienern Allahs. Darüber hinaus erläutert er mit der von Allah verliehenen Einsicht seine Bedeutung und seinen Sinn. Auf der Grundlage all dieser göttlichen Grundsätze errichtet er ein vollständiges Gefüge von Moral, gesellschaftlichem Leben sowie Zivilisation und Kultur. Durch Lehre, Verkündigung, gute Ermahnung und seinen eigenen reinen und lauteren Charakter bewirkt er eine grundlegende Veränderung in den Vorstellungen, Neigungen und Denkweisen der Menschen. Er lässt in ihnen die Gesinnung von Taqwā, Reinheit, Lauterkeit und gutem Verhalten entstehen. Durch Bildung und praktische Rechtleitung formt er sie so, dass mit einer neuen Gesinnung, neuen Gedanken und Vorstellungen, neuen Sitten und neuen Gesetzen eine neue Gesellschaft entsteht. Außerdem hinterlässt er unter ihnen das Buch Allahs und zugleich solche Zeugnisse seiner eigenen Lehre und seines reinen Charakters, die dieser Gesellschaft und den nachfolgenden Generationen stets als Leuchtfeuer dienen.

Das Verhältnis zwischen dem Prophetenamt und der Schrift

Sowohl das „Prophetenamt“ als auch die „Schrift“ stammen von dem einen Allah. Beide sind unverzichtbare Bestandteile derselben göttlichen Angelegenheit und Mittel zur Vollendung desselben Ziels und derselben Botschaft. Das Wissen Allahs und Seine Weisheit sind ebenso im Gesandten gegenwärtig wie auf den Seiten der Schrift. Das praktische Beispiel jener Lehre, in der die wörtliche Darlegung „Schrift“ genannt wird, ist das Leben des Gesandten.

Die menschliche Natur selbst – die Fitrah – ist in gewisser Hinsicht so beschaffen, dass der Mensch aus einer bloß schriftlichen Unterweisung keinen außergewöhnlichen Nutzen ziehen kann. Neben seinem Wissen braucht er auch einen menschlichen Lehrer und Wegweiser, der durch seine eigene Unterweisung dieses Wissen in den Herzen der Menschen fest verankert und als dessen Verkörperung durch sein eigenes Handeln unter den Menschen den dieser Lehre zugedachten Geist und das entsprechende Bewusstsein erweckt. In der gesamten Menschheitsgeschichte werden Sie kein einziges Beispiel finden, dass allein ein Buch, ohne die Anleitung und Erziehung eines menschlichen Lehrers, die Denkweise, Sichtweise und Lebensweise eines Volkes auf der Welt revolutioniert hätte. Wenn jene Wegweiser, die im Denken und Handeln verschiedener Völker gewaltige Umwälzungen hervorgerufen haben, nicht als die vollkommene praktische Verkörperung ihrer eigenen Lehre geboren worden wären und ihre Unterweisung und ihr Idealismus lediglich in Buchform zum Ausdruck gekommen wären, hätte kein wagemutiger Kenner der menschlichen Natur behaupten können, dass durch eben dieses Buch allein Umwälzungen der Art ausgelöst worden wären, wie sie durch die praktische Lehre jener Wegweiser entstanden.

Andererseits gehört es ebenfalls zur menschlichen Natur, dass sie neben einem menschlichen Wegweiser auch eine verbindliche und zuverlässige Erklärung der von ihm verkündeten Lehre erhalten möchte – unabhängig davon, ob diese auf Papier niedergeschrieben oder im Herzen bewahrt wird. Wenn die Grundsätze, auf denen ein Wegweiser das Denken, Handeln, die Moral und die Kultur eines Volkes aufbaut, nicht in ihrer ursprünglichen Form bewahrt werden, beginnt der Abdruck seiner Lehre allmählich zu verblassen. Mit dem Verschwinden dieses Abdrucks werden auch die Grundlagen der persönlichen Lebensweise sowie der gesellschaftlichen Ordnung und der Gesetze zunehmend schwächer. Schließlich bleiben einem solchen Volk nur noch Geschichten und Erzählungen. Ihm fehlt dann die Kraft, eine starke Gesellschaft und Zivilisation unversehrt zu bewahren. Deshalb gerieten die Anhänger jener Wegweiser, deren Lehren nicht bewahrt wurden, in den Strudel des Irrtums und der Irreführung. Die von ihnen organisierte Gemeinschaft verfiel in alle möglichen Entstellungen ihres Denkens, ihres Glaubens, ihrer Handlungsweise, ihrer Moral und ihrer Kultur. Nach dem Hinscheiden jener Wegweiser blieb nichts zurück, womit man die fehlerlosen und richtigen Grundsätze hätte bewahren können, auf deren Grundlage diese Gemeinschaft ursprünglich gebildet worden war.

Der Schöpfer der Welt war über diese Natur Seiner Schöpfung vollkommen informiert. Daher führte Er von Beginn an, als Er die Verantwortung für die Rechtleitung der Menschheit übernahm, für sie beide Wege zugleich ein: das Prophetenamt und die Offenbarung. Einerseits erhob Er Menschen von edelstem Charakter zur Würde der Führung, andererseits sandte Er ihnen Sein eigenes Wort herab. So konnten diese beiden Dinge die beiden Ansprüche der menschlichen Natur erfüllen. Wenn ein Prophet ohne eine Schrift gekommen wäre oder eine Schrift ohne einen Propheten gekommen wäre, wäre der Zweck der Vernunft niemals erfüllt worden.

Das koranische Gleichnis von der Leuchte und dem Wegweiser

Der Koran hat dieses Verhältnis zwischen dem Prophetenamt und der Schrift mithilfe eines Gleichnisses dargelegt. An verschiedenen Stellen wird der Prophet mit einem Wegbereiter und Wegweiser verglichen, dessen Aufgabe darin besteht, die vom Weg abgekommenen Menschen auf den richtigen Weg zu führen. So heißt es:

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Andererseits bezeichnet es das Buch mit den Bezeichnungen „Leuchten“ (***), „Lichtglanz“ (***), „strahlend“ (***), „Beweis“ (***), „Unterscheidendes“ (***), „Lichtspendendes“ (***), „Erklärendes“ und ähnlichen Attributen. So heißt es:

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Diese Gleichnisse sind keine bloße dichterische Ausschmückung, sondern weisen auf eine wichtige Wahrheit hin. Ihre eigentliche Aussage ist, dass der gewöhnliche Mensch aus seiner natürlichen Vernunft und seinem erworbenen Wissen nicht so viel Licht und Rechtleitung gewinnt, „wodurch“ er auf dem einfachen, geraden Weg der Wahrheit voranschreiten kann. Auf diesem unbekannten und dunklen Weg braucht er einen außergewöhnlichen Wegweiser, der mit den Regeln dieses Weges vollkommen vertraut ist. Dieser muss eine Fackel in der Hand halten, damit er mithilfe ihres Lichts erkennen kann, wo sich auf dem Weg Gruben befinden, wo man ausgleitet, wo Dornengestrüpp wächst und von wo aus sich krumme und falsche Wege abzweigen, und entsprechend voranschreiten kann. Auch seine Gefolgsleute können in diesem Licht die Wegzeichen sehen, die Kennzeichen des geraden Weges erkennen, die Abzweigungen und Krümmungen des krummen Weges wahrnehmen und ihm mit voller Weitsicht folgen. Tatsächlich besteht zwischen dem Wegweiser und der Fackel in der nächtlichen Dunkelheit genau dieselbe Beziehung wie zwischen dem Propheten und dem Buch. Wenn wir dem Wegweiser die Fackel aus der Hand nehmen und selbst mit ihm weitergehen, werden wir unterwegs auf Dreierkreuzungen, Vierwegkreuzungen und allerlei Wege treffen, an denen wir entweder ratlos und verwirrt stehen bleiben müssen oder im Licht dieser Fackel auf einen falschen Weg geraten. Denn allein die Existenz einer Lampe macht den Menschen nicht unabhängig von der Hilfe des Wegweisers. Ebenso müssen wir, wenn der Wegweiser keine Fackel in der Hand hält, uns wie blinde Gefolgsleute an ihn klammern und mit ihm gehen; ohne Licht wird in uns jedoch nicht das geringste Maß an Weitsicht entstehen, durch das wir den geraden Weg vom krummen unterscheiden und jene heiklen Stellen des geraden Weges erkennen können, an denen Menschen stolpern oder ausgleiten. Daher brauchen wir für den Weg durch einen unbekannten Pfad in der nächtlichen Dunkelheit sowohl einen erfahrenen und ortskundigen Wegführer als auch eine Lampe, mit deren Hilfe sich die Wegzeichen erkennen lassen, und wir können auf keinen von beiden verzichten. Genauso brauchen wir in der unbekannten Welt der übersinnlichen Wirklichkeit – wo das Licht unserer bloßen Vernunft und unseres Verstandes nichts nützt – gleichermaßen unseren Gesandten und das Buch. Wenn wir die Befolgung eines von beiden aufgeben, können wir den geraden Weg nicht finden.

Der Prophet ist ein erfahrener Wegweiser, der mithilfe der von Allah verliehenen Weitsicht den geraden Weg der Rechtleitung, den Sirat al-Mustaqim, erkannt hat. Mit den Einzelheiten dieses Weges ist er so vertraut, wie ein Wegweiser, der einen Weg unzählige Male zurückgelegt hat, über jeden einzelnen Schritt genauestens Bescheid weiß.

Eine solche Weitsicht wird „Weisheit“ (***), „Wissen“ (***), „vollständiges Verständnis“ (******), „göttliche Lehre“ (*********) und „göttliche Rechtleitung“ (**********) genannt; dass sie insbesondere den Propheten verliehen wurde, wird im Koran wiederholt erwähnt. So heißt es:

*************

Das Buch aber ist eine solche strahlende Fackel, mit deren Hilfe der Prophet seine Gefolgsleute nicht nur auf dem geraden Weg führt, sondern sie auch mit einem Glanz des Wissens, einem Licht des Denkens und einem Strahlen der Wahrheit erfüllt, die er auf einer höheren Stufe von Allah empfangen hat. Zugleich macht er sie durch Lehre und Erziehung so fähig, dass sie, wenn sie seinen Fußspuren folgen und diese Fackel in der Hand halten, nicht nur selbst den rechten Weg finden, sondern auch für andere Menschen zu Wegweisern und Führern werden.

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„Dieses Buch haben Wir zu dir herabgesandt, damit du die Menschen aus der Finsternis zum Licht führst.“ (Sure Ibrahim: 1)

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„Wir haben dir die Ermahnung (den Koran) herabgesandt, damit du den Menschen jene Rechtleitung deutlich machst, die zu ihnen herabgesandt wurde; vielleicht denken sie nach. (Sure

Darüber hinaus hat Er in einer erhabenen Weise auch dargelegt, dass der Unterschied, der in der materiellen Welt zwischen einer Lampe und einem Wegweiser besteht, in der geistigen Welt zwischen dem Propheten und dem Buch nicht besteht. Vielmehr besteht zwischen diesen beiden dort ein einigendes Band. Daher wurde an manchen Stellen das Buch mit einer bestimmten Sache verglichen, während an anderen Stellen derselbe Sache entsprechend auch der Gesandte verglichen wurde. Ebenso wurde auch der umgekehrte Vergleich angestellt:

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„O Prophet! Wir haben dich als Zeugen, als Verkünder froher Botschaft und als Warner entsandt sowie als einen zu Ihm mit Allahs Erlaubnis einladenden und als leuchtende Lampe.“ Wiederum

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„Wahrlich, dieser Koran führt zu jenem Weg, der vollkommen gerade und eben ist.“ In diesem Vers wird das Buch als Wegweiser bezeichnet.

Daraus wurde ersichtlich, dass die Beziehung zwischen der Schrift und dem Gesandten ihrem Wesen nach untrennbar ist. Für die Rechtleitung des Menschen sind beide gleichermaßen notwendig. Um die intellektuelle und praktische Ordnung sowie die Kultur und Zivilisation zu begründen, die der Islam errichten will, und ihre Begründung, Beständigkeit und Verantwortung unverfälscht und unverändert zu bewahren, ist es unerlässlich, die Verbindung mit dem Prophetentum und der Schrift stets aufrechtzuerhalten. Aufgrund dieses dringenden Bedürfnisses wurden das Prophetentum und die Schrift ausdrücklich getrennt als zwei unabdingbare Bestandteile des Glaubens erklärt, und wiederholt wurde nachdrücklich dazu aufgefordert, an jedes von beiden zu glauben. Wäre die Nachdrücklichkeit nicht beabsichtigt gewesen, hätte es dafür keinerlei Notwendigkeit gegeben; denn die Anerkennung der Wahrhaftigkeit des Gesandten beweist die Wahrhaftigkeit der von ihm gebrachten Schrift, und die Anerkennung der Wahrhaftigkeit der Schrift kommt dem Beweis der Wahrhaftigkeit ihres Überbringers gleich.

Der Glaube an alle himmlischen Schriften

In diesem Zusammenhang des Glaubens hat der Islam dazu aufgefordert, an alle Schriften zu glauben, die von Allah zu Seinen Propheten herabgesandt wurden. So wie es für den Muslim unerlässlich ist, an alle Propheten und Gesandten zu glauben, ist es ebenso notwendig, an alle Schriften zu glauben. Daher heißt es im Koran wiederholt:**************

„Die Gottesfürchtigen sind diejenigen, die an die Schrift glauben, die dir herabgesandt wurde, und auch an die Schriften, die vor dir herabgesandt wurden.“ – (Sure al-Baqara: 4)

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„Der Gesandte und alle Gläubigen glauben an Allah, an Seine Engel, an all Seine Schriften und an Seine Propheten.“ (Sure al-Baqara: 285)

***************

„Allah hat dir die Schrift in Wahrheit herabgesandt, als Bestätigung der Wahrhaftigkeit aller zuvor erschienenen Schriften.“ (Sure Al-i Imran: 3)

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„Sprich: Wir glauben an Allah, an das Buch, das zu uns herabgesandt wurde, und an die Bücher, die auf Abraham, Ismael, Isaak und Jakob sowie auf die Nachkommen Jakobs herabgesandt wurden, und an das, was Mose, Jesus und den anderen Propheten von ihrem Herrn gegeben wurde. Wir machen zwischen keinem von ihnen einen Unterschied, und wir sind Ihm ergeben.“ – (Sure Āl ʿImrān: 84)

************

„Diejenigen, die dieses Buch und die anderen Bücher, mit denen Wir die Propheten entsandt haben, verleugnet haben, werden schon bald die Folgen davon erfahren. Wenn sie Fesseln und Ketten um ihre Hälse tragen, werden sie in das kochende Wasser geschleppt und danach ins Feuer geworfen.“ – (Sure al-Muʾmin: 70–72)

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„Wahrlich, Wir entsandten Unsere Propheten mit eindeutigen Zeichen und sandten mit ihnen das Buch und die Waage herab, damit die Menschen sich auf der Wahrheit behaupten.“ – (Sure al-Ḥadīd: 25)

Zusammen mit dieser allgemeinen Darlegung wurde auch durch die namentliche Erwähnung einiger Bücher befohlen, an sie zu glauben. So wurde beispielsweise die Tora als Rechtleitung, Licht (***), Furqān, Erleuchtung (****), Wegweiser und Barmherzigkeit bezeichnet – (al-Qaṣaṣ: 5, al-Māʾida: 6, al-Anbiyāʾ: 4, al-Aḥqāf: 2) –, und auch das Evangelium wurde als Rechtleitung, Licht (***) und Ermahnung (***) bezeichnet (al-Māʾida: 4). Kurz gesagt: Es ist eines der Grundprinzipien des Islam, an die Bücher, die im Koran ausführlich erwähnt werden, im Einzelnen und an jene, die nicht erwähnt werden, allgemein zu glauben. Nach islamischer Überzeugung gibt es auf der Welt kein Volk, zu dem Allahs Prophet nicht mit einem von Ihm stammenden Buch gekommen wäre. Und alle Bücher, die in verschiedenen Teilen der Welt und zu verschiedenen Völkern gelangten, waren Bäche, die aus derselben Quelle entsprangen, und Lichtstrahlen, die von derselben Sonne ausgingen. Alle Bücher waren mit der Wahrheit, Wahrhaftigkeit, Rechtleitung und dem Licht namens „Islam“ gekommen. Deshalb glaubt jeder Muslim an sie alle. Wer auch nur eines dieser Bücher verleugnet, ist schuldig, weil er alles und die wahre Quelle verleugnet.

Die ausschließliche Befolgung des Korans

Doch nach dem Glauben beginnt hier praktisch der Bereich der Befolgung; daher ist es notwendig, die Verbindung zu den anderen Schriften abzubrechen und nur mit dem Koran verbunden zu bleiben. Dafür gibt es einige Gründe:

Erstens sind viele der himmlischen Schriften heute nicht mehr vorhanden. Und von denen, die gegenwärtig noch verfügbar sind, ist außer dem Koran kein einziges Buch sowohl in seiner ursprünglichen Sprache als auch in seiner ursprünglichen Bedeutung bewahrt geblieben. Mit dem göttlichen Wort ist darin sowohl sprachlich als auch inhaltlich menschliches Wort vermischt worden. In jenen Schriften hat sich infolge der unvermeidlichen Verehrung der eigenen Neigungen Irreleitung mit der Rechtleitung vermischt. Heute ist es äußerst schwierig geworden, zu unterscheiden, wie viel davon wahr und wie viel falsch ist. So ist der Zustand jener Schriften, auf die verschiedene Völker ihre Religion gegründet haben und bei denen der Verdacht besteht, dass sie himmlische Schriften seien. Bei manchen besteht überhaupt keine Vorstellung davon, dass sie von Allah herabgesandt worden seien. Über manche ist nicht einmal bekannt, welchem Propheten und in welcher Zeit sie, falls sie von Allah herabgesandt worden sein sollten, offenbart wurden. Bei manchen ist die Sprache derart ausgestorben, dass es heute sogar schwierig ist, ihre genaue Bedeutung zu bestimmen. Bei manchen ist eine deutliche Vermischung menschlicher Wünsche mit irrigen Lehren und Aberglauben festzustellen. Manche enthalten eine eindeutige Lehre des Schirk, der Verehrung anderer als Allahs und anderer derartiger irriger Glaubensvorstellungen und Praktiken, die keinesfalls wahr sein können. Schriften, deren Zustand so beschaffen ist, können dem Menschen niemals fehlerloses Wissen und das rechte Licht vermitteln. Und der Mensch kann sich durch ihre Befolgung nicht vor der Irreleitung schützen.

Zweitens: Von allen Schriften, die heute außer dem Koran existieren, mögen sie nun himmlisch sein oder im Verdacht stehen, himmlisch zu sein, ist ihre Lehre und ihr Regelwerk entweder deutlich vom Einfluss einer engen Stammes- oder Nationalzugehörigkeit geprägt, oder die Bedürfnisse einer bestimmten Epoche treten darin besonders stark hervor. Sie waren und können niemals für die gesamte Menschheit in allen Zeitaltern ein Mittel der Rechtleitung und Führung sein.

Drittens steht zweifellos fest, dass in jeder dieser Schriften einige wahre und richtige Lehren enthalten sind und dass sie viele gute Grundsätze und Vorschriften zur Läuterung der menschlichen Wesensart, des Charakters und des Verhaltens enthalten; doch keine dieser Schriften vereint alle Formen von Tugend und Wohlergehen in sich, und keine kann allein in allen Bereichen und Lebensaspekten des Menschen eine fehlerlose Führung geben.

Doch der edle Koran ist von diesen drei Mängeln vollständig frei:

Erstens: Der Koran ist genau in der Sprache bewahrt, in der der edle Gesandte (s.a.s.) ihn vorgetragen hat. Seit dem ersten Tag haben ihn in jeder Epoche Hunderttausende und Millionen Menschen auswendig gelernt. Millionen und Abermillionen Menschen rezitieren ihn täglich. Unablässig wurden und werden Abschriften von ihm angefertigt. Niemals ist ein Unterschied in seiner Bedeutung oder seinem Wortlaut festgestellt worden. Daher besteht in dieser Hinsicht kein Raum für Zweifel oder Bedenken, dass der Koran, den man aus dem Mund des edlen Propheten (s.a.s.) gehört hatte, heute auf der Welt vorhanden ist und für immer vorhanden bleiben wird. Niemals ist auch nur ein einziges Wort darin verändert worden, und es kann auch niemals verändert werden.

Zweitens: Der Koran wurde in arabischer Sprache herabgesandt, die bis heute eine lebendige Sprache ist. Heute gibt es auf der Welt viele hundert Millionen arabischsprachige Menschen. Die Bücher, die zur Zeit der Herabsendung des Korans die beste und vorbildliche Literatur dieser Sprache darstellten, sind bis heute erhalten geblieben. Die Schwierigkeiten, die heute beim Verständnis der Bücher toter Sprachen auftreten, bestehen beim Erfassen der Bedeutung und des Wesens dieser Literatur nicht in vergleichbarem Maß.

Drittens: Der Koran ist vollkommen wahr und unfehlbar und von Anfang bis Ende mit göttlicher Lehre erfüllt. Nirgendwo lässt sich darin auch nur die geringste Spur menschlicher Gefühle, der Begierden der eigenen Neigungen, nationaler oder stammesbezogener Selbstsucht und aus Unwissenheit entstandener Irreleitung finden. In ihm konnte sich nicht einmal im geringsten Maß menschliches Wort mit dem Wort Allahs vermischen.

Viertens: Hier wird die gesamte Menschheit eingeladen, und es werden Glaubensüberzeugungen, Grundsätze des Charakters und Verhaltensregeln dargelegt, die nicht auf ein bestimmtes Land, Volk oder Zeitalter beschränkt sind. Jede einzelne Lehre ist ebenso universell wie dauerhaft.

Fünftens: Hier ist alles aufgenommen, was in den früheren Offenbarungsschriften an Wahrheit, Ursprünglichkeit, Wohlergehen und guten Taten enthalten war. Aus keiner Religionsschrift lässt sich eine Wahrheit oder gute Tat anführen, die im Koran nicht erwähnt wäre. Angesichts einer derart umfassenden Schrift wird der Mensch naturgemäß unabhängig von anderen Schriften.

Aus all diesen Gründen hat der Islam die Bindung an die Befolgung aller anderen Schriften beendet, allein den Koran als maßgeblich für die Befolgung erklärt und die ganze Welt dazu aufgerufen, ausschließlich diese Schrift als Handlungsordnung und Verfahrensweise anzunehmen.

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إِنَّا أَنزَلْنَا إِلَيْكَ الْكِتَابَ بِالْحَقِّ لِتَحْكُمَ بَيْنَ النَّاسِ بِمَا أَرَاكَ اللّهُ وَلاَ تَكُن لِّلْخَآئِنِينَ خَصِيمًا

„Wir haben dir dieses Buch mit der Wahrheit hinabgesandt, damit du zwischen den Menschen nach dem von Allah gegebenen Wissen Recht sprechen und entscheiden kannst.“ (Sure an-Nisāʾ: 105)

„Daher sind diejenigen, die an diesen Propheten glauben, ihn unterstützen und dem Licht folgen, das mit ihm hinabgesandt wurde, diejenigen, denen Wohlergehen zuteilwird.“ – (Sure al-Aʿrāf: 157)

Und aus diesem Grund wurden auch jene Völker, bei denen bereits eine Offenbarungsschrift vorhanden ist, dazu aufgerufen, an den Koran zu glauben und ihm zu folgen. Daher wird im Koran wiederholt angeordnet:

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„O Leute, denen das Buch gegeben wurde! Glaubt an dieses von Uns herabgesandte Buch (den Koran), das die Wahrheit der bei euch bewahrten Schriften bestätigt.“ – Sure an-Nisā’: 47)

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„O Leute des Buches! Unser Gesandter ist zu euch gekommen; er legt euch vieles offen, was ihr aus dem Buch verborgen habt, und verzeiht vieles. Zu euch sind ein Licht von Allah und ein deutliches Buch gekommen. Damit leitet Allah diejenigen auf die Wege des Friedens, die Seinem Wohlgefallen folgen; und mit Seiner Erlaubnis führt Er sie aus den Finsternissen ins Licht und leitet sie auf einen geraden Weg.“ – (Sure al-Māʾida: 15–16)

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„Wir haben dir deutliche Zeichen herabgesandt, und nur die Frevler verleugnen sie.“ – (Sure al-Baqara: 99)

Umfassende Überzeugung in Bezug auf den Koran

Die Befolgung jenes Buches, das als unfehlbare Richtschnur für das Denken und den Glauben der Menschen bezeichnet und als für das praktische Leben unbedingt einzuhaltende Ordnung festgelegt worden ist, kann erst dann vollständig sein, wenn der Mensch fest davon überzeugt ist, dass es unfehlbar, wahrheitsgemäß und frei von allen Mängeln und Fehlern ist. Denn sobald irgendein Zweifel an seiner Reinheit aufkommt, wird er kein Vertrauen und keine Gewissheit in Bezug auf das Buch haben, und es wird ihm nicht möglich sein, ihm mit voller Zuversicht zu folgen. Aus diesem Grund sind die wesentlichen Bestandteile des Īmān bi-l-Qurʾān im edlen Koran selbst dargelegt worden, und zwar wie folgt:

Erstens: Die Bedeutung, in der der Koran herabgesandt wurde, ist bewahrt geblieben. Es hat keinerlei Verringerung oder Vermehrung gegeben. Die folgenden Verse bezeugen dies:

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„Es obliegt Uns, ihn zusammenzutragen und ihn vortragen zu lassen. Wenn Wir ihn daher vortragen, dann folge seinem Vortrag. Außerdem obliegt es Uns, seine Bedeutung zu erklären.“ – (Sure al-Qiyama: 17–19)

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„Wir werden dich so vortragen lassen, dass du nichts vergessen wirst – außer dem, was Allah dich vergessen lassen will; dies ist davon ausgenommen.“ – (Sure al-Aʿla: 6–7)

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„Diesen Dhikr (Koran) haben Wir herabgesandt, und gewiss, Wir sind seine Bewahrer.“ – (Sure al-Hidschr: 9)

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„Trage vor, was dir von deinem Herrn an Offenbarung herabgesandt wurde; niemand vermag Seine Worte zu verändern.“ – (Sure al-Kahf: 27)

Zweitens: Bei der Herabsendung des Korans hatte keinerlei satanische Macht auch nur den geringsten Anteil.

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„Satan hat ihn nicht herabgebracht; das steht keinem von ihnen zu, und sie sind dazu auch nicht imstande. Vielmehr sind sie vom Hören der Offenbarung ferngehalten worden.“ – (Sure asch-Schuʿarāʾ: 210–212)

Drittens: Im Koran findet auch das Begehren und die Wünsche des Propheten selbst keinen Platz.

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„Er sagt nichts aus eigenem Gutdünken, vielmehr ist dies nur die ihm herabgesandte Offenbarung.“ – (Sure an-Nadschm: 3–4)

Viertens: Im Koran ist für Lüge und Unwahrheit überhaupt kein Platz.

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„Gewiss, dies ist ein starkes und wohlgeschütztes Buch; die Lüge kann weder von vorn an es herankommen noch von hinten. Es ist von einem weisen und gepriesenen Wesen herabgesandt worden.“ – (Sure Ha-Mim as-Sadschda: 41–42)

Fünftens: Der Koran ist von Anfang bis Ende die Wahrheit; er wurde nicht auf Vermutungen und Mutmaßungen, sondern auf der Grundlage wirklichen Wissens herabgesandt. In ihm gibt es keinen Raum für Abweichung oder Krümmung; er weist den Menschen den geraden Weg.

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„Diejenigen, die über Wissen verfügen, sind überzeugt, dass dieses Buch, das von deinem Herrn zu dir herabgesandt wurde, die Wahrheit ist; es führt die Menschen zu Allah, dem Allmächtigen und Gepriesenen.“ – (Sure Saba: 6)

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„Wahrlich, dies ist gewiss die Wahrheit.“ – (Sure al-Haqqa: 51)

„Wir haben ihnen ein Buch gebracht, das Wir auf der Grundlage wirklichen Wissens für die Gläubigen zu einer umfassenden Rechtleitung und Barmherzigkeit gemacht haben.“ – (Sure al-A’raf: 52)

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„O Muhammad! Sag: Derjenige, der alle Geheimnisse der Himmel und der Erde kennt, hat dieses Buch herabgesandt.“ – (Sure al-Furqan: 6)

„In diesem Buch wurde keine Aussage auf Grundlage von Zweifel gemacht.“

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„Allah hat darin keine Krümmung zugelassen; es ist völlig gerade.“

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„Gewiss, dieser Koran weist zu einem Weg, der vollkommen gerade ist.“

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Sechstens: Niemand, nicht einmal der Prophet selbst, hat das Recht, die Bestimmungen und die Lehre des Korans zu verändern.

„(O Muhammad!) Sprich: Ich bin nicht befugt, dieses Buch aus eigener Machtvollkommenheit abzuändern. Ich folge nur der Offenbarung, die mir eingegeben wird. Wenn ich meinem Herrn ungehorsam wäre, fürchte ich den Tag der schweren Strafe.“ – (Sure Yunus: 15)

Siebtens: Was dem Koran widerspricht, darf keinesfalls befolgt werden.

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„Befolgt, was euch von eurem Herrn herabgesandt worden ist, und folgt außer Ihm keinen anderen Schutzherren.“ – (Sure al-Aʿraf: 3)

Dies ist die umfassende islamische Überzeugung hinsichtlich des Edlen Korans, und es ist unerlässlich, an jeden seiner Teile zu glauben. Wer in seiner Überzeugung auch nur einen Teil davon entbehrt, wird niemals in der Lage sein, dem Koran vollkommen und richtig zu folgen. Vielmehr wird er vom geraden Weg namens „Islam“ abweichen.

Die Grundpfeiler der islamischen Kultur

Der Glaube an ein Buch und einen Gesandten, der Gehorsam gegenüber und das Befolgen eben dieses Gesandten, die Neugestaltung der Gesinnung nach dem von ihm geprägten Muster, die Herleitung der gesamten Glaubenslehre, der gottesdienstlichen Handlungen, der Moral, der Geschäftsbeziehungen und der gesellschaftlichen Ordnung aus dieser einen Quelle sowie die Vereinigung der gesamten muslimischen Gesellschaft durch diesen Glauben, Gehorsam und dieses Befolgen machen den Islam zu einer dauerhaften Kultur und die Muslime trotz aller erblichen, sprachlichen, rassischen und geografischen Unterschiede zu einer Nation. Aufgrund von Unterschieden in Wissen und Verstand, in Erforschung und Untersuchung, in der Sichtweise sowie in Neigungen und Tendenzen können sich allerdings Unterschiede bei der Ableitung von Rechtsbestimmungen aus den Koranversen und der Sunna des Gesandten sowie beim Verständnis ihrer Bedeutung und ihrer Ziele ergeben. Doch diese Unterschiede betreffen lediglich nebensächliche und geringfügige Fragen; sie machen die verschiedenen Rechtsschulen der Fiqh- und Kalām-Wissenschaft weder zu voneinander getrennten Religionen noch ihre Anhänger zu verschiedenen Nationen. Die eigentliche Grundlage der islamischen Millat besteht darin, Muhammad (Friede sei mit ihm) als den einzigen zu Befolgenden und den Edlen Koran als das einzige Gesetzbuch anzuerkennen sowie beide Dinge als Quelle der gesamten Glaubenslehre und des gesamten Rechts zu erklären. Diejenigen, die in dieser grundlegenden Frage übereinstimmen, bilden ungeachtet noch so großer Meinungsverschiedenheiten in Einzelheiten gemeinsam eine Nation. Diejenigen hingegen, die in dieser grundlegenden Frage nicht übereinstimmen, sind aus koranischer Sicht eine andere Nation, ganz gleich, in wie viele Nationen sie untereinander zerfallen.

Tatsächlich ist der Koran eine vollständige Sammlung all dessen, worauf die Grundlagen des Islam beruhen. Wer an den Koran glaubt, glaubt auch an Allah, Seine Engel, Seine Schriften, Seine Propheten und das Jenseits. Denn die ausführliche Darstellung dieses gesamten Glaubens findet sich im Koran. Der sichere Nutzen des „Glaubens an den Koran“ (Īmān bil-Qurʾān) besteht darin, dass der Mensch einen vollkommenen Glauben erlangt. Ebenso sind im Heiligen Koran alle Grundsätze und grundlegenden Bestimmungen der islamischen Scharia erwähnt, und der Gesetzgeber der Scharia hat diese Grundsätze und Bestimmungen durch seine eigenen Worte und Taten erläutert. Wer daher mit unerschütterlichem Glauben den Koran und die Sunna des Gesandten als in allen Lebensangelegenheiten unbedingt zu befolgende Gesetze anerkennt, ist gewiss sowohl im Glauben als auch im Handeln Muslim. Die Gesamtheit eines solchen Glaubens und der Befolgung dieser Gesetze wird Islam genannt. Wo diese beiden Dinge vorhanden sind, dort gibt es auch den Islam. Und wo diese beiden fehlen, dort gibt es auch keinen Islam.

 

7.

Der Glaube an den Jüngsten Tag

Der Jüngste Tag bezeichnet das Leben nach dem Tod. Deshalb wird er auch das Leben im Jenseits oder das jenseitige Leben genannt. Im Heiligen Koran findet sich wohl kaum eine Seite, auf der das Jenseits nicht erwähnt wird. Dieses Thema wird in vielfältiger Weise und Form behandelt und im Herzen der Menschen fest verankert. Für seine Wahrheit werden Beweise und Argumente vorgebracht. Seine ausführliche Darstellung wird gegeben. Seine Bedeutung wird erläutert. Es wird dazu aufgerufen, an es zu glauben. In klaren Worten wird gesagt: Wer nicht an dieses letzte Leben glaubt, dessen gesamte Taten werden zunichtegemacht:

„Wahrlich, wer auch immer Unsere Zeichen für Lüge erklärt und das Vor-Gericht-Stehen im Jenseits leugnet, dessen Werke sind allesamt zunichtegeworden.“ – (Sure al-Aʿrāf: 147)

„Verloren sind jene, die die Nachricht von ihrer Begegnung mit Allah für eine Lüge erklärt haben.“ – (Sure al-Anʿām: 31)

Der Glaube an das Jenseits, der tatsächlich mit so großer Bedeutung dargelegt worden ist, kann als Antwort auf einige Fragen betrachtet werden, die sich im menschlichen Geist ganz natürlich ergeben.

Einige natürliche Fragen

Der Mensch empfindet mehr Leid als Glück und mehr Mühsal und Beschwerden als Behaglichkeit. Es ist ganz natürlich, dass etwas, das die Empfindungen des Menschen stärker verletzt, seine Denkkraft umso mehr in Bewegung setzt. Wenn wir etwas erlangen, denken wir in unserer Freude nicht einmal darüber nach, woher es kam, wie es kam und wie lange es bleiben wird. Wenn uns jedoch etwas verlorengeht, versetzt der Schmerz des Verlustes unserer Denkkraft einen gewaltigen Peitschenhieb, und wir beginnen zu überlegen: Wie konnte es verloren gehen? Wohin ist es gegangen? Wo befindet es sich? Wird es jemals wiedergefunden werden? Deshalb ist die Frage nach dem Leben und seinem Ursprung für uns nicht annähernd so bedeutsam wie die Frage nach dem Tod und seinem Ausgang. Zwar entsteht beim Anblick der Bühne dieser Welt und unserer eigenen Existenz auf ihr unweigerlich die Frage: Was für ein Lärm ist das? Wie ist dies entstanden? Wer hat es erschaffen? Doch all dies sind Gedanken des Augenblicks. Außer herausragenden und tiefgründig denkenden Menschen machen sich gewöhnliche Menschen über diese Dinge keine großen Gedanken. Dem Tod und seiner Bitterkeit hingegen muss sich jeder Mensch stellen. Im Leben jedes Einzelnen kommen viele Zeiten, in denen er vor seinen eigenen Augen Verwandte, Angehörige, Freunde und geliebte Menschen sterben sieht. Hilflose und schwache Menschen sterben ebenso wie mächtige und starke Menschen. Es kommt zu schmerzlichen Todesfällen, und man erlebt auch Todesfälle, aus denen Lehren gezogen werden. Wenn jeder Mensch auf diese Weise alle dahingehen sieht, gewinnt er die feste Überzeugung, dass auch er diesen Weg beschreiten muss. Es dürfte wohl kaum einen Menschen geben, in dessen Gemüt solche Szenen nicht die Frage nach dem Tod aufwühlen – was der Tod ist, wohin der Mensch geht, nachdem er diese Tür überschritten hat, was sich hinter der Tür befindet und ob es überhaupt wirklich etwas gibt.

Das ist eine allgemeine Frage, über die sowohl gewöhnliche als auch außergewöhnliche Menschen nachdenken. Vom einfachen Bauern bis zum großen Philosophen und Wissenschaftler beschäftigt sich jeder damit. In diesem Zusammenhang gibt es jedoch noch einige weitere Fragen, die fast jeden nachdenklichen Menschen bedrängen und durch viele bittere Erfahrungen im Leben noch verstärkt werden. Unsere wenigen Lebensjahre auf dieser Welt, jeder einzelne Augenblick und jede einzelne Sekunde, werden für irgendeine Tätigkeit und irgendeine Anstrengung aufgewendet. Was wir für Stillstand halten, ist ebenfalls eine Form der Bewegung. Was wir für Untätigkeit halten, ist ebenfalls eine Art Tätigkeit. Bei jeder dieser Tätigkeiten muss auf eine gute Tat eine gute Folge und auf eine schlechte Tat eine schlechte Folge kommen. Der Nutzen einer aufrichtigen Anstrengung und der Schaden einer unehrlichen Anstrengung müssen sich unbedingt zeigen. Erhalten wir jedoch in diesem irdischen Leben die Folgen all unserer Anstrengungen, die Ergebnisse all unserer Bemühungen und die Vergeltung für all unsere Taten? Ein Übeltäter hat sein ganzes Leben mit schlechten Taten verbracht. Die Folgen mancher seiner schlechten Taten hat er zweifellos schon auf dieser Welt erfahren. Wegen einer schlechten Tat ist er erkrankt; durch eine andere ist er in Leid, Not, Unglück und Unruhe geraten. Zugleich hat er jedoch die vollständigen Folgen vieler schlechter Taten in dieser Welt nicht erfahren. Viele seiner schlechten Taten sind vor den Augen der Menschen verborgen geblieben, sodass er nicht einmal Schande und Demütigung erleiden musste. Und selbst wenn er einen schlechten Ruf erlangt hat: Welche Wiedergutmachung gab es für den Schaden und Verlust des armen Menschen, dem er Unrecht getan hatte? Werden dann die Gewalttaten und Unterdrückungen dieses Übeltäters sowie die Geduld und Standhaftigkeit der hilflosen Unterdrückten vergeblich gewesen sein? Wird sich daraus niemals irgendeine Folge zeigen?

Bei guten Taten verhält es sich ebenso. Viele rechtschaffene Menschen haben ihr ganzes Leben lang Gutes getan, ohne den vollständigen Nutzen davon auf dieser Welt zu erhalten. Im Gegenteil: Wegen mancher guten Taten mussten sie Schande und Demütigung ertragen. Für manche gute Tat wurden sie verfolgt und hart bestraft. Manche guten Taten wurden vor der Welt überhaupt nicht sichtbar. Sind dann all die guten Taten dieser armen Menschen vergeblich gewesen? Haben sie nach so harter Arbeit und Anstrengung innere Ruhe erlangt – ist allein dieses Ergebnis ausreichend?

Diese Frage betrifft nur das Individuum und den Einzelnen. Danach stellt sich jedoch eine weitere Frage, die mit dem Schicksal von Völkern, Klassen, Dingen und der gesamten Welt zusammenhängt. Wir sehen, dass Menschen sterben und an ihrer Stelle andere Menschen geboren werden. Pflanzen, Tiere und Vögel verschwinden, und an ihrer Stelle entstehen wieder andere Pflanzen, Tiere und Vögel. Wird diese Abfolge von Geburt und Tod jedoch auf diese Weise immer weitergehen? Wird sie nirgendwo ein Ende finden? Wird all das, wodurch die gesamte Weltmaschine mithilfe von Luft, Wasser, Erde, Licht, Wärme und den Kräften der Natur in einer bestimmten Ordnung betrieben wird, unvergänglich sein? Ist für all dies keine Lebensdauer festgelegt? Wird in seiner Ordnung und seinem Aufbau niemals eine Veränderung einsetzen?

Der Islam hat all diese Fragen auf angemessene Weise beantwortet. Der Glaube an das Leben im Jenseits ist in Wahrheit die natürliche Antwort auf diese Fragen. Bevor wir jedoch die Lösung, ihre Wahrheit sowie ihre ethischen und zivilisatorischen Folgen erörtern, muss geprüft werden, in welchem Maß der Mensch selbst bei seinen Bemühungen erfolgreich war, diese Fragen zu lösen.

Die Leugnung des Lebens im Jenseits

Manche sagen, dass alles, was man unter Leben versteht, mit dem Leben auf dieser Welt endet. Der Tod bedeute die vollständige Vernichtung und das vollständige Verschwinden; danach gebe es weder Bewusstsein, Empfindung noch eine Vergeltung für Taten.

„Diese Leute sagen: Es gibt für uns nichts außer unserem ersten Tod. Danach werden wir nicht wieder auferweckt werden.“ – (Sure ad-Duchān: 34–35)

„Diese Leute sagen: Es gibt nur dieses unser diesseitiges Leben. Leben und Tod gibt es nur hier. Und niemand außer dem Lauf der Zeit vernichtet uns.“ – (Sure al-Dschāthiya: 24)

Dagegen wird diese Weltfabrik, so wie sie läuft, bis in alle Ewigkeit weiterlaufen. Ihre Ordnung und Gesetzmäßigkeit sind von solcher Art, dass sie niemals aus den Fugen geraten wird.

Diejenigen, die solche Aussagen machen, behaupten dies nicht auf der Grundlage irgendeiner Erkenntnisquelle, durch die sie die beweiskräftige Tatsache erfahren hätten, dass es nach dem Tod tatsächlich nichts gibt und diese Weltfabrik wirklich unvergänglich ist. Vielmehr stützen sie sich dabei lediglich auf ihre eigenen Sinneswahrnehmungen. Der Grund für ihre Schlussfolgerung ist, dass sie keinen Zustand nach dem Tod wahrgenommen haben. Auch haben sie kein Anzeichen dafür gesehen, dass die Weltordnung aus den Fugen gerät. Doch die Frage lautet: Ist es ein ausreichender Beweis für die Leugnung einer Sache, dass man sie nicht wahrnimmt? Weist dann unsere Wahrnehmung auf die Existenz eines Gegenstandes hin und die fehlende Wahrnehmung auf seine Nichtexistenz? Wenn dem so wäre, würde ich sagen: Eine Sache entsteht in Wahrheit genau dann, wenn ich sie wahrnehme, und wenn sie außerhalb meiner Wahrnehmung gerät, tritt auch ihr natürliches Verschwinden ein. Der Fluss, den ich strömen sah, entstand genau in dem Augenblick, in dem ich ihn strömen sah, und als er aus meinem Blickfeld verschwand, erlosch auch seine Existenz. Wird irgendein vernünftiger Mensch eine solche Aussage von mir als fehlerlos anerkennen? Wenn nicht, wie kann dann ein vernünftiger Mensch die Behauptung für wahr halten, dass es nach dem Tod keinen weiteren Zustand gebe, nur weil der Zustand nach dem Tod sich unserer Beobachtung und Erfahrung nicht gezeigt hat?

Wie es falsch ist, in Bezug auf Tod und Vernichtung allein auf die Sinneswahrnehmung gestützte Schlussfolgerungen zu ziehen, so entbehren auch die Schlussfolgerungen über Leben und Existenz, die ausschließlich auf der Sinneswahrnehmung beruhen, jeder Grundlage. Wenn die Schlussfolgerung, dass diese Weltordnung ewig und unvergänglich sei, allein deshalb richtig wäre, weil wir sie noch nie aus den Fugen geraten sahen, dann könnte auch ich beim Anblick eines festen Gebäudes behaupten, es werde für immer bestehen; schließlich habe ich es weder einstürzen sehen, noch ist mir ein Riss aufgefallen, der auf einen künftigen Einsturz hindeuten würde. Wird diese Argumentation vor vernünftigen Menschen Bestand haben?

Der Einfluss des Unglaubens an das Jenseits auf den Charakter:

Philosophen und Wissenschaftler sind sich heute weitgehend darin einig, dass diese Weltordnung eines Tages unweigerlich aus den Fugen geraten wird. Vermutlich gibt es heute in Gelehrtenkreisen niemanden mehr, der die alte Lehre von der Ewigkeit der Welt vertritt. Dennoch gibt es noch immer viele Menschen, die den Tod als endgültige Vernichtung bezeichnen, und die oben erwähnte irrationale Vorstellung bildet die Grundlage ihrer Lehre. Doch selbst wenn man von der Irrationalität dieser Lehre absieht, bleibt die unbestreitbare Tatsache, dass der Mensch durch sie niemals inneren Frieden erlangen kann. Vielmehr lässt diese Lehre die meisten Fragen unbeantwortet, die angesichts der Ereignisse des Lebens im menschlichen Geist entstehen. Vor allem aber wird das menschliche Leben und die Charakterbildung, wenn sie auf dieser Lehre beruhen, unweigerlich mit zwei Situationen konfrontiert. Erstens wird diese Lehre den Menschen, wenn die Umstände widrig sind, in äußerste Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Antriebslosigkeit stürzen. Denn wenn der Mensch die Folgen seiner guten Taten in dieser Welt nicht erkennen kann, werden seine Tatkraft und sein Eifer nachlassen und erlahmen. Wenn er keine Möglichkeit sieht, gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung Abhilfe zu schaffen, wird sein Kampfgeist zerbrechen. Wenn er in dieser Welt die Ausbreitung und das Wachstum von Verderbtheit, Unsittlichkeit und Unterdrückung sieht, wird er unwillkürlich denken, dass in der Schöpfung Erfolg und Wohlstand allein dem Bösen zukommen, während für das Gute und rechtschaffene Handeln nur Niedergang vorgesehen ist. Sind die Umstände dagegen günstig, wird der Mensch unter dem Einfluss dieser Lehre zu einem selbstvergötternden Tier. Er wird denken, nur ein Tag, den man in Luxus, Ausschweifungen und Genuss verbringt, sei sinnvoll. Wenn er auf irgendeinen Genuss und irdisches Wohlleben verzichten muss, wird er kein weiteres Leben zurückerhalten, in dem er dies nachholen könnte. Deshalb wird er bedenkenlos Unterdrückung und Gewalt ausüben. Er wird die Rechte anderer an sich reißen. Um sein eigenes Wohlergehen zu sichern und die Wünsche seiner Triebe zu befriedigen, wird er auch vor den niederträchtigsten Taten nicht zurückschrecken. In den Augen eines solchen Menschen werden höchstens jene guten Taten, jene Höflichkeit und Anständigkeit Bedeutung haben, durch die er Ansehen, Ruhm, Ehre oder irgendeinen anderen weltlichen Vorteil erlangen kann. Ebenso wird er nur jene Verbrechen und Sünden als solche betrachten, deren Folgen in Form einer weltlichen Strafe, körperlichen Schädigung oder eines materiellen Verlustes zutage treten können. Gute Taten, deren Nutzen in dieser Welt nicht sichtbar werden soll, zu vollbringen, wird ihm als nichts anderes als Torheit erscheinen. Und Untaten, deren Schaden in dieser Welt nicht getragen werden muss, wird er aus seiner Sicht geradezu als verdienstvolle Handlungen betrachten.

Wenn irgendwo die sittliche Ordnung der gesamten Gesellschaft auf einer solchen Lehre und Geisteshaltung beruht, wird sich ihre gesamte moralische Denkweise verändern. Ihre ganze sittliche Ordnung wird auf den Grundlagen des Egoismus und der Selbstvergötterung errichtet sein. Dort wird eine gute Tat gleichbedeutend mit weltlichem Nutzen sein, während eine Untat lediglich eine andere Bezeichnung für materiellen Schaden sein wird. Dort wird eine Lüge nur dann als Sünde gelten, wenn sie weltlichen Schaden verursacht; dient sie dagegen dem Wohlstand, wird sie geradezu als verdienstvolle Tat angesehen werden. Wenn Ehrlichkeit ein Mittel ist, in dieser Welt Nutzen zu erlangen, wird sie als gute Tat gelten; erweist sie sich als schädlich, wird es keine größere Untat als sie geben. Für Luxus und Genuss wird Ehebruch einem Segen gleichkommen; nur wenn er der Gesundheit schadet, wird er als etwas Anstößiges gelten. Kurz gesagt: Wo weder die Furcht vor einer guten oder schlechten Folge nach diesem irdischen Leben noch die Hoffnung darauf besteht, wird der Mensch nur auf die Folgen seiner Handlungen achten, die in dieser Welt sichtbar werden können. Dadurch wird sich der moralische Wertmaßstab seiner Taten und seines Handelns auf eine Weise verändern, die für keine zivilisierte Gesellschaft tauglich sein kann. Vielmehr wäre es angemessener zu sagen, dass eine Menschengruppe mit einem solchen moralischen Maßstab keine andere Möglichkeit hat, als auf eine Stufe zu sinken, die noch niedriger ist als die der Tiere.

Manche werden sagen, dass es für Strafe und Belohnung in dieser Welt nicht nur materielle und körperliche Gewinne und Verluste gibt, sondern im Menschen auch eine Kraft namens Gewissen. Sein Schmerz und sein Aufschrei seien in dieser Welt bereits eine ausreichende Strafe für Untaten. Und sein innerer Friede sei eine ausreichende Belohnung für die guten Taten des Menschen. Ich aber sage: Es gibt in dieser Welt viele Untaten, deren materieller Vorteil den Menschen dazu bringt, den Biss des Gewissens bereitwillig zu ertragen; zugleich muss der Mensch für viele gute Taten so große Opfer bringen, dass der innere Friede allein keine ausreichende Belohnung sein kann. Zweitens wird sich schon bei einer Betrachtung des Wesens des Gewissens zeigen, dass es nicht seine Aufgabe ist, eine moralische Weltanschauung zu erschaffen. Vielmehr beginnt das Gewissen die sittlichen Vorstellungen zu unterstützen, die durch eine bestimmte Art von Erziehung und Schulung in den menschlichen Geist eingedrungen sind. Deshalb empfindet das Gewissen eines Hindus bei Dingen, die ihn bedrücken, bei einem Muslim keinerlei Bedrängnis. Wenn sich also in einer Gesellschaft die moralische Weltanschauung und damit auch der Maßstab für Gut und Böse verändert, wird sich zugleich auch die Richtung des Gewissens wenden. Für Handlungen, die diese Gesellschaft ungerechterweise freistellt, wird ihr Gewissen keinerlei Bedrängnis empfinden; und für Handlungen, die nicht als gute Taten anerkannt werden, wird es auch keinen inneren Frieden empfinden.

Seelenwanderung

Die zweite Gruppe vertritt die Lehre von der Seelenwanderung. Ihr wesentlicher Inhalt lautet: Der Tod bedeutet keine endgültige Vernichtung, sondern lediglich den Wechsel des Körpers. Nachdem die Seele diesen Körper verlassen hat, nimmt sie einen anderen Körper an. Die Fähigkeiten, die der Mensch in seinem ersten Leben aufgrund seiner eigenen Taten und Neigungen erworben hat, bestimmen, welchem zweiten Körper – oder, genauer gesagt, welchem zweiten Käfig – er entspricht. Wenn seine Taten schlecht waren und dadurch in ihm minderwertige Fähigkeiten entstanden sind, wird seine Seele auf eine niedrigere biologische oder pflanzliche Stufe hinabsinken. Wenn er dagegen durch gute Taten gute Fähigkeiten entwickeln konnte, wird sich seine Seele zu einer höheren Stufe emporentwickeln. Folglich beschränkt sich nach dieser Lehre alles von Strafe und Belohnung auf diese Welt und diese körperliche Daseinswelt. Die Seelen wechseln fortwährend die Käfige dieser Welt, nur um die Folgen ihrer früheren Taten zu erfahren.

Einst war diese Lehre sehr verbreitet. Einige Jahrhunderte vor Jesus waren in Griechenland Philosophen wie Pythagoras und Empedokles ihre Vertreter. Auch in der alten Geschichte Ägyptens lassen sich gewisse Einflüsse von ihr feststellen. Durch äußere Einflüsse war die Seelenwanderung auch in den Kreis der Juden eingedrungen. Heute findet sich diese Lehre jedoch in den aus Indien stammenden Religionen – etwa im Brahmanismus, Buddhismus und Jainismus – oder unter den unzivilisierten beziehungsweise halbzivilisierten Völkern Westafrikas, Südafrikas, Zentral-Australiens, Indonesiens sowie Nord- und Südamerikas. Alle übrigen zivilisierten Völker haben sie verworfen. Denn die Erkenntnis, die der Mensch durch die Entwicklung von Wissen und Verstand bisher über die Welt und ihre Lebensordnung gewonnen hat, widerspricht allen Grundlagen der Seelenwanderung. Wenn wir nun in den aus Indien stammenden Religionen selbst die Geschichte dieser Lehre betrachten, sehen wir, dass man im alten vedischen Indien glaubte, der Mensch erhalte nach dem Tod ein anderes Leben: ein vollkommen angenehmes für die Rechtschaffenen und ein vollkommen leidvolles für die Übeltäter. Dann setzte plötzlich eine Veränderung dieser Lehre ein, und in der indischen Literatur späterer Zeiten findet sich die Seelenwanderung als philosophischer Glaube. Der Grund für diese Veränderung ist bis heute nicht erforscht worden. Einige Forscher vermuten, dass dieser Gedanke von den Draviden zu den Ariern gelangte. Andere sagen, er sei bereits unter den unteren Schichten der Arier verbreitet gewesen. Auf dieser Vermutung späterer Zeiten hat man ein gewaltiges Gebäude errichtet. Ebenso findet sich zwar in der buddhistischen Literatur eine ausführliche Darstellung der Seelenwanderung, doch am Anfang hatte sie in dieser Religion keinerlei Existenz. Aus der alten Literatur ist bekannt, dass der Buddhismus ursprünglich glaubte: Das Leben ist gleichsam ein Fluss, der sich in fortwährendem Kreislauf und Wandel dahinströmt. Dieser Gedanke entwickelte sich weiter zu der Vorstellung, dass in der gesamten Welt dieselbe Seele und dasselbe Leben gegenwärtig seien, die von Gestalt zu Gestalt und von Käfig zu Käfig wechseln. Daraus wird deutlich, dass die indischen Völker die Erkenntnis, die sie ursprünglich durch Offenbarung und Eingebung erlangt hatten, veränderten und an ihrer Stelle eine philosophische, rätselhafte Religionslehre erfanden. Diese Lehre war vollständig ihr eigenes Machwerk.

Intellektuelle Kritik

Hier ist kein Raum für eine ausführliche Erörterung der Seelenwanderung. Doch muss wenigstens so viel erläutert werden, dass die Grundlage der Seelenwanderung völlig dem Verstand widerspricht und allem menschlichen Wissen und allen Erkenntnissen über Leben und Welt entgegensteht. Die Anhänger der Seelenwanderung glauben: Jeder Mensch erhält in dieser Welt die Vergeltung für seine Taten – durch gute Taten steigt er zu einer höheren Lebensstufe empor, durch schlechte Taten sinkt er auf eine niedrigere Stufe hinab. Wenn der Mensch beispielsweise in diesem Leben schlechte Taten begeht, wird er auf die biologische oder pflanzliche Stufe hinabsinken. Wenn dagegen ein Tier in seinem Leben gute Taten vollbringt, wird es zur menschlichen Stufe emporsteigen. Das bedeutet wiederum, dass das biologische und pflanzliche Leben die Folge schlechter Taten des menschlichen Lebens ist, während das menschliche Leben die Folge guter Taten des pflanzlichen und biologischen Lebens ist. Mit anderen Worten: Die heute lebenden Menschen sind deshalb Menschen, weil sie früher im pflanzlichen und biologischen Leben gute Taten vollbracht haben. Und die Pflanzen und Tiere, die heute existieren, befinden sich deshalb in diesem Zustand, weil sie im menschlichen Leben schlechte Taten begangen haben. Wenn man diese Lehre anerkennen will, muss man noch einige weitere Dinge voraussetzen, die allesamt dem Verstand widersprechen. Zum Beispiel:

Erstens: Für diese Kette der Seelenwanderung lässt sich kein Anfang bestimmen. Denn um ein Mensch zu werden, muss man zuvor eine Pflanze oder ein Tier gewesen sein. Um wiederum eine Pflanze oder ein Tier zu werden, muss man zuvor ein Mensch gewesen sein. Eine solche anfangslose Kette erklärt der Verstand für unrealistisch.

Zweitens: Wenn die Kette der Seelenwanderung unendlich wäre, müsste man nicht nur annehmen, dass die Seelen, die sich immer wieder verwandeln, unendlich seien, sondern auch, dass die Stoffe, die den Seelen ihre Käfige bereitstellen, unendlich seien. Dann wären auch diese Erde, dieses Sonnensystem und die Gesamtheit der in ihm wirkenden Kräfte unendlich. Doch der Verstand fordert, und die wissenschaftliche Forschung bezeugt ebenfalls, dass dieses Sonnensystem weder anfangslos noch unendlich ist.

Drittens: Man müsste annehmen, dass alle Unterschiede zwischen Pflanzen, Tieren und der Menschheit lediglich ihre körperliche Gestalt betreffen, nicht aber ihr Leben. Denn dasselbe Leben, das im Käfig des Menschen Verstand und Denkfähigkeit erlangt hat, ist im Käfig des Tieres geistlos geworden. Und nachdem es in den Käfig der Pflanze gelangt ist, hat das arme Wesen sogar seinen Willen und seine Fähigkeit zum Handeln verloren.

Viertens: Nur Handlungen, die bedacht und bewusst ausgeführt werden, können als gut oder schlecht, als sittlich oder unsittlich bezeichnet werden. In dieser Hinsicht können die Handlungen des Menschen sittlich oder unsittlich sein, und er kann dafür bestraft oder belohnt werden; die Handlungen von Pflanzen und Tieren hingegen können ebenso wenig sinnvoll als sittlich oder unsittlich bezeichnet werden, wie es irgendeinen vernünftigen Grund gäbe, sie dafür zu bestrafen oder zu belohnen. Um zu einer solchen Schlussfolgerung zu gelangen, müsste man außerdem annehmen, dass auch Pflanzen und Tiere die Fähigkeit besitzen, bedacht und bewusst zu handeln.

Fünftens: Wenn das künftige Leben das Ergebnis der Taten unseres gegenwärtigen Lebens ist, dann müsste das Ergebnis schlechter Taten naturgemäß schlecht sein. Und wenn wir im zweiten Leben eben dieses schlechte Ergebnis erhalten, wie sollte es dann möglich sein, aus diesem schlechten Ergebnis gute Taten hervorzubringen? Dadurch würden naturgemäß wiederum schlechte Taten vollbracht, deren Ergebnis im dritten Leben noch schlechter wäre. Auf diese Weise würde die Seele eines Übeltäters im Kreislauf der Wiedergeburten ständig auf immer niedrigere Stufen hinabsinken. Es gäbe für sie keinerlei Hoffnung mehr, jemals wieder aufzusteigen. Daraus folgt außerdem, dass ein Mensch zwar zu einem Tier werden kann, ein Tier aber unmöglich zu einem Menschen werden kann. Nun stellt sich die Frage: Durch welche guten Taten sind die gegenwärtig lebenden Menschen zu Menschen geworden, und woher sind sie gekommen?1 [Für eine ausführlichere Kritik der Lehre von der Wiedergeburt siehe „Tafhīm al-Qurʾān“, Sure al-Aʿrāf, Anmerkung 30.]

Der Einfluss der Lehre von der Wiedergeburt auf Gesellschaft und Zivilisation

Außerdem kann ein gesunder Verstand die Lehre von der Wiedergeburt aus zahlreichen weiteren Gründen nicht akzeptieren. Eben deshalb wird die Lehre von der Wiedergeburt in dem Maße aufgegeben, in dem die Menschheit intellektuell sowie in Wissenschaft und Wissen Fortschritte macht. Gegenwärtig ist diese Lehre vor allem unter jenen Völkern verbreitet, die hinsichtlich ihrer intellektuellen und wissenschaftlichen Entwicklung besonders rückständig sind. Zugleich ist anzuerkennen, dass die Lehre von der Wiedergeburt den Mut und die Willenskraft des Menschen unterdrückt und auch den lebendigen Antrieb zum Fortschritt lähmt. Aus dieser Lehre ist das für das persönliche und nationale Leben äußerst zerstörerische Prinzip der „Gewaltlosigkeit“ hervorgegangen. Bei einem Volk, das an ein solches Prinzip glaubt, verschwindet sein kriegerischer Geist (Spirit) ganz natürlich. Seine körperliche Kraft wird gelähmt. Mehr noch: Es wird der besten Antriebe beraubt, die zur Entfaltung körperlicher Kraft führen. Die Angehörigen dieses Volkes werden nicht nur körperlich, sondern auch geistig schwach. Infolge dieser doppelten Schwäche werden sie besiegt und unterjocht; schließlich verschwinden sie entweder vom Antlitz der Erde oder gehen in anderen mächtigen Völkern auf.

Der zweite Schaden der Lehre von der Wiedergeburt besteht darin, dass sie ein ewiger Feind von Zivilisation und Kultur ist. Sie zieht den Menschen zur Weltentsagung und zum Verzicht auf das weltliche Leben. Die Anhänger der Wiedergeburt glauben, dass es die Begierde ist, die die Seele mit Sünde beschmutzt. Deshalb wird die Seele immer wieder in einen körperlichen Käfig eingeschlossen und muss die Folgen ihrer eigenen Taten erleiden. Wenn der Mensch daher die Begierden unterdrückt und sich nicht in die Welt und ihr Labyrinth verstrickt, kann die Seele dem Kreislauf der Wiedergeburten entkommen. Und dies ist der einzige Weg zur Erlösung. Denn sobald der Mensch in weltliche Angelegenheiten verwickelt ist, ist es ihm unmöglich, sich von den Begierden und ihren Forderungen zu befreien. Das unvermeidliche Ergebnis davon ist, dass diejenigen, die nach Erlösung dürsten, als Asketen in Wälder und Einöden oder in Berge und Gebirge gehen müssen; wer dazu nicht bereit ist, muss, jede Hoffnung auf Erlösung aufgebend, bereit sein, im Kreislauf der Stufen von Tieren und Pflanzen weiterzuwandern. Kann ein solcher Glaube die Entwicklung von Zivilisation und Kultur auch nur im Geringsten fördern? Und kann irgendein Volk, das einen solchen Glauben hegt, in der Welt Fortschritte machen?

Zweifellos ist die Lehre von der Wiedergeburt unter verschiedenen Gesichtspunkten zumindest insofern besser, als den Tod als endgültige Vernichtung oder ewiges Fortgehen zu betrachten. Denn im Menschen besteht ein natürliches Verlangen nach Fortdauer, und in der Lehre von der Wiedergeburt kann dieses Verlangen bis zu einem gewissen Grad befriedigt werden. Zugleich enthält diese Lehre die Vorstellungen von Strafe und Belohnung sowie von den Folgen guter und schlechter Taten; auf dieser Grundlage könnte sie eine gute und solide sittliche Ordnung unterstützen. Doch haben wir wiederholt auch auf diese unbestreitbare Tatsache hingewiesen: Eine Lehre, die der Vernunft und dem Verstand widerspricht und der Entwicklung von Zivilisation und Kultur im Wege steht, kann sich in Herz und Verstand des Menschen nicht dauerhaft behaupten – auf keiner Stufe der wissenschaftlichen und intellektuellen Entwicklung und in keiner Phase des Fortschritts von Zivilisation und Kultur mit gleicher

Stärke. Wenn ihre Bindung sich nicht aufrechterhalten lässt, kann ihre bloße Fortexistenz als philosophische Lehre auf den Seiten von Büchern für die Stabilität und Festigung der sittlichen Ordnung nicht im Geringsten nützlich sein. Erst wenn sie nicht auf den Seiten von Büchern, sondern auf den Seiten der Herzen verankert ist und die Menschen voll und ganz an sie glauben, kann sie als nützlich gelten.

Zweitens hat diese Lehre im Hinblick auf ihre letzte Konsequenz auch ihren eigenen sittlichen Wert eingebüßt. Denn sie führt den Menschen zu dem Glauben, dass der Kreislauf der Wiedergeburten einer Maschine gleicht und dass sich das für jede Handlung festgelegte Ergebnis unweigerlich verwirklichen wird – dass seine Wirkung und sein Ergebnis durch keine Reue, Vergebung oder Sühne verändert werden können. Unter diesen Umständen wird ein Mensch, sobald er einmal eine Sünde begangen hat, für immer in den Kreislauf der Sünde verstrickt bleiben; dann wird er denken: Wenn ich ohnehin ein Tier oder eine Pflanze werden muss, warum sollte ich dann nicht alle Annehmlichkeiten und Genüsse dieses menschlichen Lebens nach Herzenslust auskosten?

Der Glaube an das jenseitige Leben

Oben wurden zwei Arten von Auffassungen über das Schicksal der Welt und des Menschen dargelegt. Daraus wurde auch ersichtlich, dass diese beiden Auffassungen weder vom Standpunkt der Vernunft aus stichhaltig sind noch eine vollständige und befriedigende Antwort auf die Fragen geben, die angesichts der Zeichen des Verfalls und der Zerstörung in der Welt ganz natürlich im menschlichen Geist entstehen. Darüber hinaus fehlt ihnen auch die erforderliche Eignung, ein fehlerloses und fest begründetes sittliches System zu unterstützen. Hören wir nun die dritte Auffassung an. Sie lautet:

Erstens: Wie jedes einzelne Ding in der Welt eine eigene Lebensdauer hat, nach deren Ablauf in ihm naturgemäß Verfall und Unordnung entstehen, so hat auch dieses Universum eine bestimmte Lebensdauer. Nach deren Ablauf wird diese gesamte Weltordnung in Stücke zerfallen, und an ihre Stelle wird eine andere Welt treten, deren Naturgesetze sich völlig von den Naturgesetzen dieser Welt unterscheiden werden.

Zweitens: Nachdem dieses Universum in Stücke zerfallen ist, wird Allah, der Erhabene, ein Gericht errichten, in dem über jedes Ding Rechenschaft abgelegt werden muss. Der Mensch wird an jenem Tag ein neues körperliches Leben erhalten. Er wird vor seinem Herrn zugegen

sein. Alle Handlungen, die er in seinem früheren Leben vollbracht hat, werden genau geprüft und gewogen werden. Sein Fall wird in Wahrheit und Gerechtigkeit beurteilt werden. Für gute Taten wird er belohnt und für schlechte Taten bestraft werden.

Drittens: Das irdische Leben des Menschen ist im Grunde nur eine Vorbereitung auf sein jenseitiges Leben. Dieses Leben ist vergänglich, jenes ist ewig. Dieses ist unvollkommen, jenes vollkommen. In diesem vergänglichen Leben tritt die vollständige Wirkung aller Taten nicht zutage. Nicht jeder Keim kann in dieser unvollkommenen Welt entsprechend seiner natürlichen Entwicklung Frucht tragen. Diese Unvollkommenheit wird im zweiten Leben ihre Vollendung finden. Ebenso werden dort das wahre Ergebnis und die eigentliche Bedeutung all dessen offenbar werden, was hier fruchtlos und nutzlos geblieben ist. Daher sollte der Mensch im Leben dieser Welt nicht nur auf die unvollständigen und bisweilen täuschenden Ergebnisse seiner eigenen Handlungen achten. Vielmehr sollte er den Wert seiner Handlungen im Hinblick auf die vollständige Kette ihrer Folgen bestimmen.

In der Tat haben die Propheten Allahs eben diese Auffassung verkündet. Und der edle Koran hat die Menschheit mit Nachdruck zu ihr aufgerufen. Bevor wir jedoch die sittlichen Folgen dieser Auffassung sowie ihre Stellung und Bedeutung in der islamischen Kultur erörtern, möchten wir prüfen, welche Beweise und Argumente hinter ihr stehen und in welchem Maß die Vernunft sie annimmt.

Der richtige Weg zur Erforschung intellektueller Theorien

Tatsächlich betrifft die Frage, ob es nach dem Tod ein Leben gibt, einen Bereich außerhalb der Grenzen unserer sinnlichen Wahrnehmung und erfahrungsbasierten Erkenntnis. Wir nehmen höchstens so viel wahr, dass ein Mensch, der noch vor wenigen Augenblicken atmete und nach seinem eigenen Willen handelte, nun aller Lebenszeichen beraubt ist. Aus seinem Körper ist etwas verschwunden, das diesem leblosen, regungslosen und untätigen Stoff die Kraft verliehen hatte, sich zu entwickeln, zu denken und sich zu bewegen. Nun kann die Frage aufkommen: Wohin ist dieses Etwas gegangen? Ist es weiterhin vorhanden, obwohl es vom Körper getrennt ist, oder ist es verschwunden? Und wird seine Verbindung mit diesem Körper oder mit irgendeinem anderen ähnlichen Körper jemals wiederhergestellt werden? Mithilfe unserer sinnlichen Wahrnehmung und des aus Erfahrung gewonnenen Wissens können wir auf diese Frage weder eine verneinende noch eine bejahende Antwort geben. Denn genau dieses Etwas haben wir tatsächlich niemals wahrgenommen und nehmen es auch jetzt nicht wahr. Daher muss man sich von vornherein darüber im Klaren sein, dass die Wissenschaft, das heißt die auf praktischer Weisheit oder Erfahrung beruhende Erkenntnis, mit dieser Frage überhaupt nichts zu tun hat. Wenn die Wissenschaft in dieser Angelegenheit keine positive Schlussfolgerung ziehen kann, hat sie auch nicht das Recht, eine negative Schlussfolgerung zu ziehen. Die Wissenschaft kann lediglich sagen: Ich weiß nicht, was nach dem Tod geschieht. Wenn sie sich jedoch von Gerechtigkeit und Logik abwendet und behauptet: Weil ich nicht weiß, was nach dem Tod geschieht, weiß ich, dass nach dem Tod nichts geschieht –, dann wird sie mit Sicherheit die Grenzen des Rationalismus überschreiten.

Nach dem sinnlichen Erleben ist die zweite Quelle der Erkenntnis für uns das reflektierende Denken(Arabisch*****). Der Mensch hat sich stets geweigert, sich innerhalb der Grenzen der durch die Sinne erfassten Dinge einzuschließen. Und seine geistige Natur hat durch den Einsatz der Denkkraft danach verlangt, die verborgenen Wahrheiten zu erkennen, die außerhalb des sinnlich Wahrnehmbaren liegen. Diese intellektuelle Untersuchung wird reflektierendes Denken genannt. Es gibt dafür zwei Methoden:

Die erste Methode besteht darin, die Augen vor der Welt und den Zeichen der menschlichen Existenz selbst zu verschließen oder dabei äußerst unbekümmert vorzugehen, aufgrund rein intellektueller Erwägungen Schlussfolgerungen zu ziehen und schließlich das Wettrennen des Verstandes fortzusetzen. Dies ist das Gebiet einer rein spekulativen Philosophie, und diese dunkle Station ist die Quelle aller Verirrungen. Von hier sind jene philosophischen Lehren hervorgegangen, durch deren Befolgung sich der Mensch in die Welt der Vorstellungen begibt und verirrt. Von hier aus sind auch die verschiedenen sowie die einander widersprechenden Lehren über Allah, die Engel, die Weltordnung und das jenseitige Leben entstanden; sie sind nichts anderes als das Ergebnis eines tastenden Voranschreitens in der Dunkelheit sowie des Vorgehens mithilfe von Vermutungen, Spekulationen und Vorstellungen.

Die zweite Methode besteht darin, die Augen auf die Weltordnung und die eigene Existenz zu richten, die Zeichen zu betrachten, die gleichsam Fackelträger auf dem Weg der Wahrheit sind, und mithilfe gesunder Urteilskraft und fehlerfreier Denkkraft, unter Nutzung dieser Lichter, zu den grundlegenden Wahrheiten vorzudringen, die hinter jenen Zeichen verborgen liegen. Auf diese Weise schreiten Wissenschaft und Philosophie gemeinsam voran. Gewiss ist auch dies kein sicherer Weg, um zur eigentlichen Wahrheit zu gelangen; doch abgesehen von der himmlischen Rechtleitung ist dies für den Menschen die einzige Quelle der Wahrheitssuche. Mithilfe dieser Quelle ist es möglich, zur eigentlichen Wahrheit oder wenigstens in ihre Nähe zu gelangen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Beobachtungsgabe des Menschen scharf, seine Wahrnehmungsfähigkeit rein und feinfühlig ist und er über reichlich Fähigkeit und Begabung zum Nachdenken und Forschen verfügt. Nach philosophischer Auffassung hängen die Entwicklung und der Fortschritt des Menschen von der Verbindung dieser Beobachtung mit dem reflektierenden Denken ab. Keine der Lehren, auf denen die Philosophie heute beruht, und keines der Grundprinzipien, ohne deren Anerkennung ein Student der Naturwissenschaften auch nur einen Schritt vorankommen kann, stützt sich ausschließlich auf Erfahrung und Beobachtung. Jede Lehre und jedes Grundprinzip beruht vielmehr auf jener realen intellektuellen Vorstellung, für die Erfahrung und Beobachtung als Material verwendet werden. Die Naturgesetze, das Prinzip der Anziehung und Abstoßung, die Kausalitätskette, das Relativitätsprinzip, die Evolutionstheorie, das Prinzip vom Fortbestehen des Tüchtigsten und all die anderen Grundprinzipien und Gesetzmäßigkeiten, an die die großen Philosophen glauben, sind allesamt Ergebnisse des Nachdenkens und Forschens über äußerlich sichtbare und natürliche Zeichen sowie des Einsatzes intellektueller Schlussfolgerungen. Andernfalls hat bis heute niemand diese Gesetze und Grundprinzipien sinnlich wahrgenommen.

Außerdem gewinnt ein Philosoph durch seine eigene Beobachtung und seine Schlussfolgerungen genau so viel Überzeugung von einer Sache, wie ein gewöhnlicher Mensch durch die sinnliche Beobachtung dieser Sache gewinnt. Dennoch kann selbst ein großer Philosoph einen Ungläubigen nicht dazu zwingen, diese Schlussfolgerung anzuerkennen. Denn solange ein Mensch die äußerlich sichtbaren Dinge und äußeren Zeichen nicht aus demselben besonderen Blickwinkel wie der Philosoph beobachtet und seine Denk- und Forschungskraft nicht wie die Philosophen einsetzt, kann er den Weg der Philosophie beschreiten und darin Fortschritt und Entwicklung nur dadurch erlangen, dass er Vertrauen in die Intelligenz und Urteilskraft des Philosophen setzt und, anstatt an den aus eigener Beobachtung und eigenem Nachdenken gewonnenen Schlussfolgerungen festzuhalten, seinen Glauben stillschweigend auf die vom Philosophen angenommenen Schlussfolgerungen richtet.

Diese Vorannahme muss man sich fest im Herzen einprägen. Denn um die Darlegungen und die Argumentationsweise des Heiligen Qur’an in Bezug auf die übernatürlichen Dinge zu verstehen, ist es notwendig, diese Vorannahme zu erfassen. Gerade ihr Nichtverstehen hat zur Entstehung vieler falscher Vorstellungen geführt. Nun wollen wir unsere Aufmerksamkeit auf die Aussagen des Heiligen Qur’an über das jenseitige Leben richten.

Die Fragen der Ungläubigen zum jenseitigen Leben

Als der Heilige Qur’an die Lehre vom jenseitigen Leben vortrug, erhoben die Ungläubigen dagegen eine Frage. Ihre Frage war genau der Frage der heutigen Ungläubigen ähnlich. Tatsächlich ist in dieser Angelegenheit nur eine Frage möglich. Sie lautet: Ist die Wiederbelebung nach dem Tod nicht etwas, das völlig außerhalb von Verstand und Vorstellung liegt? Wie können wir akzeptieren, dass ein Verstorbener, der verwest und mit der Erde verschmolzen ist und dessen Körperteile in Erde, Luft und Wasser verstreut sind, wieder zum Leben erwachen wird?

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„Sie sagten: Wenn wir in der Erde vergangen sind, werden wir dann wieder neu erschaffen?“ – (Sure as-Sadschda: 10)

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„Sie sagten: Wenn das Fleisch vergangen ist, nur unsere Knochen übrig bleiben und wir zu Staub zerfallen, werden wir dann wieder neu erschaffen und auferweckt?“

– (Sure al-Isra: 49)

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„Werden wir, nachdem wir gestorben und zu Erde geworden sind, wieder auferstehen? Eine solche Rückkehr liegt doch außerhalb von Verstand und Vorstellung.“ – (Sure Qaf: 3)

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„Wer wird ihn wieder lebendig machen, nachdem die Knochen verfault und zerfallen sind?“ – (Sure Yasin: 78)

Die Argumentationsweise des edlen Korans

Zur Entkräftung dieses Zweifels hat der edle Koran eine einzigartige Argumentationsweise gewählt. Er hat die Menschen zunächst dazu aufgerufen, die Zeichen der Macht Allahs zu beobachten und darüber nachzudenken und zu forschen.

Er sagt:Arabisch****************

„Wir werden ihnen Unsere Zeichen in der Welt und in ihnen selbst zeigen, bis ihnen deutlich wird, dass dies die Wahrheit ist.“ – (Sure Ha-Mim as-Sajda: 53)

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„Denken sie etwa nicht über die Ordnung der Himmel und der Erde nach?

“ – (Sure al-A’raf: 185)

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„Im Himmel und auf der Erde gibt es zahlreiche Zeichen, an denen sie vorübergehen, ohne über sie nachzudenken.“ – (Sure Yūsuf: 105)

Mit diesem Hinweis wird gesagt, dass dem Menschen nicht die Fähigkeit verliehen wurde, Dinge, die seinen Sinnen verborgen sind, unmittelbar zu beobachten oder ihr Wesen mithilfe von Erfahrung zu bestimmen. Wenn er jedoch die ihm Tag und Nacht vor Augen geführten Zeichen mit offenen Augen betrachtet, die Ordnung von Himmel und Erde beobachtet, seine eigene Erschaffung in Augenschein nimmt und über diese sinnlich wahrnehmbaren und durch Beobachtung gewonnenen Informationen nachdenkt und forscht, um zur eigentlichen Wahrheit vorzudringen, wird er ohne Weiteres erkennen können, dass alles Gesagte richtig, wahr und vernünftig ist.

Die Möglichkeit des jenseitigen Lebens

Daraufhin führt der Qurʾān den Menschen unter den äußeren und sichtbaren Zeichen jene Dinge vor, die völlig offenkundig sind, und legt damit folgendes Argument dar: Was ihr für außerhalb eurer Vernunft und Vorstellungskraft liegend haltet, ist in Wirklichkeit keineswegs unmöglich, wie unmöglich es euch aufgrund eurer Vernunft und Vorstellungskraft auch erscheinen mag.

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„Allah ist es, der die Himmel ohne sichtbare Säulen emporgehoben hat; danach erhob Er sich über den Thron. Er hat die Sonne und den Mond dienstbar gemacht. Jeder von ihnen bewegt sich bis zu einer festgesetzten Frist. Er allein lenkt die Ordnung der gesamten Welt. Er legt Seine Zeichen ausführlich dar, damit ihr von der Begegnung mit eurem Herrn

überzeugt seid.“ – (Sure ar-Raʿd: 2)

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„Ist es etwa schwieriger, euch zu erschaffen, oder den Himmel zu erschaffen? Allah hat doch (ein so gewaltiges Wesen) erschaffen.“ – (Sure an-Nāziʿāt: 27)

Durch diese gewaltigen himmlischen Zeichen wird die Wahrheit bestätigt, dass einzig Allah dieses gewaltige Weltall erschaffen hat. Die großen Planeten und Sterne hat Er an die Fesseln eigener Gesetze gebunden. Seine Allmacht hat diese gewaltige Welt durch eine vollkommene Ordnung gelenkt. Daher kann kein Planet seine Umlaufbahn auch nur um ein Haar überschreiten; nicht einmal für einen Augenblick kann er von der ihm bestimmten Lebensdauer abweichen. Seine unendliche Macht hat die Sphären des Weltalls auf unsichtbaren, nicht wahrnehmbaren und dem menschlichen Begreifen entzogenen Grundlagen errichtet. Wie könnte man angesichts dessen annehmen, dass Allah, der über eine solche Stärke und Macht verfügt, nicht fähig sei, eine so unbedeutende Schöpfung wie den Menschen einmal zu vernichten und danach wieder zum Leben zu erwecken? Wie sehr würde eine solche Annahme von Launenhaftigkeit und Dummheit zeugen?

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„Sehen sie denn nicht, dass Allah, der die Himmel und die Erde erschaffen hat, auch fähig ist, Menschen wie sie zu erschaffen?“ – (Sure Banī Isrāʾīl: 99)

Nach dem Himmel lenkt der Koran unsere Aufmerksamkeit auf die Zeichen unserer nächstgelegenen Umwelt, nämlich auf die Zeichen der Erde:

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„Reist auf der Erde umher und seht, wie Allah die Schöpfung ins Dasein gerufen hat.

Und jener Allah schenkt den Dingen aufs Neue Leben. Wahrlich, Allah ist zu allen Dingen mächtig.“ – (Sure al-Ankabut: 20)

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„Ein Zeichen für sie ist die tote Erde: Wir haben sie belebt und aus ihr Getreide hervorgebracht, von dem sie essen.“ – (Sure Ya-Sin: 33)

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„Schaut auf die Zeichen der Barmherzigkeit Allahs, wie Er die Erde wieder belebt, nachdem sie tot war. Wahrlich, Er wird auch die Toten gewiss wieder zum Leben erwecken. Er ist zu allen Dingen mächtig.“ – (Sure ar-Rum: 50)

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„Zu Seinen Zeichen gehört dies: Du siehst die Erde trocken daliegen. Doch sobald Wir Wasser auf sie herabregnen lassen, beginnt sie zu sprießen und sich mit Blüten und Früchten zu schmücken. So wird auch derjenige, der die Erde belebt hat, die Toten wieder zum Leben erwecken.

Wahrlich, Allah ist zu allen Dingen mächtig.“ – (Sure Ha-Mim as-Sajda: 39)

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„Allah lenkt die Winde. Dann treiben sie die Wolkenmassen fort.

Danach treiben Wir diese Wolkenmassen zu wasser-, gras- und rankenlosen Siedlungen. Dann belebt Er jenes tote, darniederliegende Land durch den Regen wieder. So werdet auch ihr (am Tag der Auferstehung) auf diese Weise wieder zum Leben erweckt werden.“ – (Sure Fāṭir: 9)

Danach sagt der Koran: Schließe deine Augen vor allen anderen Dingen und denke selbst gründlich über deine eigene Existenz nach. Dann wirst du erkennen, dass der Beweis für Allahs Macht, die Toten wieder zum Leben zu erwecken, in deinem eigenen Inneren vorhanden ist.

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„Wahrlich, über den Menschen ist eine lange Zeitspanne der Ewigkeit vergangen, in der er noch kein erwähnenswertes Ding war.“ – (Sure ad-Dahr: 1)

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„Ihr wart tot, und Allah hat euch lebendig gemacht. Dann wird Er euch wieder sterben lassen und euch wieder lebendig machen. Danach müsst ihr zu Ihm zurückkehren.“ – (Sure al-Baqara: 28)

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„Wenn ihr hinsichtlich der Wiederauferstehung nach dem Tod Zweifel habt, dann wisst: Wir haben euch aus einem leblosen Stoff wie Erde erschaffen.“ (Sure al-Haddsch: 5)

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„Er sagte: Wer wird ihn wieder lebendig machen, nachdem die Knochen zerfallen sind? Sag: Er wird sie wieder lebendig machen, der ihnen das Leben zum ersten Mal gegeben hat.“ (Sure Ya-Sin: 78–79)

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„Sag ihnen: Werdet zu Steinen, zu Eisen oder zu irgendeinem anderen Ding, das nach eurer Meinung außerhalb jeder Möglichkeit liegt, lebendig zu werden. Dann fragen sie: Wer wird uns wieder lebendig machen? Sag: Er ist es,“

„der euch zum ersten Mal erschaffen hat.“ (Sure Bani Isra’il: 50–51)

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„Wir haben den Menschen aus einem Lehmklumpen erschaffen. Dann haben Wir diesen Klumpen in einen Samentropfen verwandelt und ihn an einem geschützten Ort aufbewahrt. Danach haben Wir den Samentropfen in einen Blutklumpen verwandelt. Wiederum haben Wir den Blutklumpen zu einem Fleischklumpen geformt. Danach haben Wir für den Fleischklumpen ein Knochengerüst geschaffen. Danach haben Wir die Knochen mit Fleisch bekleidet. Danach haben Wir ihn zu einem anderen Wesen gemacht und ihn aufgerichtet. So ist Allah überaus segensreich; Er ist der beste Schöpfer. Danach werdet ihr gewiss sterben. Dann werdet ihr am Tag der Auferstehung gewiss auferweckt werden. – (Sure al-Mu’minun: 12–16)

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„War der Mensch nicht zunächst nur ein Tropfen Samen, der in den Mutterleib ausgestoßen wurde? Danach wurde er zu einem Blutklumpen. Danach gab Allah ihm menschliche Gestalt und verlieh ihm eine wohlgeordnete körperliche Beschaffenheit. Danach teilte Er ihn in zwei Gruppen und schuf ein Paar aus Mann und Frau. Ist ein solcher Allah etwa nicht imstande, die Toten wieder zum Leben zu erwecken?“ – (Sure al-Qiyama: 37–40)

Nachdem der Edle Koran diese klaren, deutlichen Beweise vorgebracht hat, die unserer Beobachtung und Sinneswahrnehmung nahe liegen, führt er ein Argument an, das unmittelbar mit dem gewöhnlichen gesunden Menschenverstand (Commonsense) verbunden ist. Er sagt, dass es schwieriger ist, etwas, nachdem es zerstreut und in seine Einzelteile aufgelöst worden ist, wieder in seine frühere Gestalt zu bringen, als es aus dem völligen Nichts zu erschaffen. Wenn also die Macht, die die schwierigere Aufgabe zu vollbringen vermochte, nicht unfähig war, warum sollte sie dann unfähig sein, die leichtere Aufgabe zu vollenden? Wenn ein Mensch einen Motor erfinden und herstellen kann, ist es dann vorstellbar, dass er nicht in der Lage wäre, dessen Einzelteile nach ihrer Trennung und Zerlegung wieder zusammenzufügen? Dieses Beispiel zeigt, dass der Weltschöpfer, der euch aus dem Nichts erschaffen hat, keineswegs unfähig sein kann, euch nach dem Tod wieder zu erschaffen.

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„Sehen sie denn nicht, wie Allah die Schöpfung beginnt? Danach wird Er sie auf dieselbe Weise wiederholen. Und dies ist für Allah gewiss leichter.“ – (Sure al-Ankabut: 19)

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„Er ist es, der die Schöpfung beginnt. Danach wiederholt Er sie; diese Wiederholung ist für Ihn sehr leicht.“ – (Sure ar-Rum: 27)

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„Waren Wir etwa unfähig, die erste Schöpfung zu vollbringen? (Nein, sie leugnen die erste Schöpfung nicht,) doch an der neuen Schöpfung hegen sie Zweifel.“ – (Sure Qaf: 15)

Es bleibt der Zweifel bestehen, wie die Körperteile der Verstorbenen, die einmal zerstört und vergangen sind, wieder in ihren früheren Körper verwandelt werden sollen. Denn manche sind im Wasser ertrunken, und ihre Knochen und ihr Fleisch sind zur Nahrung von Fischen und anderen Wassertieren geworden. Manche sind im Feuer verbrannt oder nach ihrem Tod verbrannt worden, sodass der ganze Körper sich in Asche und Rauch verwandelt hat. Manche wurden in der Erde beigesetzt, und ihr Körper ist in der Erde vergangen. Wie ist es nun möglich, ihren früheren Körper wiederherzustellen und ihm dann wieder jene frühere Seele einzuhauchen? Die Menschen haben versucht, diesen Zweifel zu entkräften, indem sie sagten, dass es für die Seele nicht unerlässlich sei, ihren früheren Körper zurückzuerhalten, damit sie wieder ein körperliches Leben erlange. Vielmehr könne es so sein, dass die Seele dieselbe bleibt und ihr ein anderer Körper gegeben wird, der ihrem früheren Körper gleicht. Doch der Koran sagt, dass Allah durchaus fähig ist, den früheren Körper wiederherzustellen. Die körperlichen Bestandteile des Menschen sind nicht einfach im Nichts verschwunden; vielmehr ist jeder einzelne Teil von ihnen, verstreut, irgendwo weiterhin vorhanden. In der Luft, im Wasser, in der Erde, in den Körpern von Pflanzen oder Tieren und in mineralischen Stoffen sind ihre Bestandteile auf vielfältige Weise verteilt. Allahs Wissen ist so allumfassend, dass Er über den Aufenthaltsort jedes einzelnen Bestandteils Kenntnis besitzt. Seine Macht und Kraft sind so grenzenlos, dass Er diese verstreuten Körperteile zusammenfügen und ihnen ihre frühere Gestalt verleihen kann.

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„Wir wissen, was die Erde von ihnen verzehrt, und bei Uns befindet sich ein Buch, in dem der Bestand jedes einzelnen Dinges sicher aufgezeichnet ist.“ – (Sure Qaf: 4)

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„Bei Ihm befinden sich die Schlüssel zur verborgenen Welt; niemand kennt sie außer Ihm. Er weiß alles, was sich auf dem Land und im Meer befindet. Sogar wenn ein Blatt von einem Baum fällt, weiß Er davon. Kein Körnchen befindet sich in den Finsternissen der Erde, und nichts Feuchtes oder Trockenes existiert, ohne dass es in einem klaren Buch verzeichnet wäre.“ – (Sure al-Anʿam: 59)

Alles, was oben gesagt wurde, dient dazu, die Zweifel zu beseitigen, die der Unglaube an das Jenseits zugrunde liegen. Der eigentliche Grund für den Unglauben besteht jedoch nicht darin, dass die Ungläubigen durch irgendeine Erfahrung, Beobachtung oder eine andere sichere Quelle des Wissens eindeutig und unmissverständlich erkannt hätten, dass ein Leben nach dem Tod unmöglich sei. Die einzige Grundlage ihres Unglaubens ist, dass sie die Wiederbelebung nach dem Tod nicht begreifen können. Sie haben ein solches Geschehen niemals gesehen; vielmehr beobachten sie stets, dass jemand, der einmal stirbt, nicht zurückkehrt. Wenn ihnen daher gesagt wird, dass der Verstorbene wieder zurückkehren werde, halten sie diese dem natürlichen Ablauf widersprechende Aussage für unwirklich, unmöglich sowie außerhalb des Bereichs von Verstand und Vorstellungskraft. Doch sobald man auf dem Weg des Nachdenkens und Forschens auch nur einen Schritt weitergeht, verschwinden diese Zweifel, und das zuvor unmöglich erscheinende wird als durchaus möglich erkennbar. Dass die Menschen Dinge für möglich, ja sogar für wirklich und wahr halten, liegt lediglich daran, dass sie daran gewöhnt sind, deren Abläufe zu beobachten. Ein Same gelangt in die Erde, keimt und tritt schließlich als ein gewaltiger, ausladender Baum in Erscheinung. Ein Tropfen Samenflüssigkeit gelangt in den Mutterleib und kommt von dort als ein vollständiger Mensch hervor. Aus dem Zusammenwirken zweier Luftarten entsteht Wasser. Und nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit wird immer wieder Wasser zu Dampf und Dampf zu Wasser. Auf dem weiten Schauplatz des leeren Raumes bewegen sich Milliarden von Planeten und Sternen wie Kugeln, und ohne eine materielle Verbindung sind sie eng miteinander verknüpft. In der Bewegung, dem Umlauf und der Rotation dieser Planeten und Sterne entsteht nirgends auch nur die geringste Unstimmigkeit. Die Menschen sind es gewohnt, all diese Dinge zu sehen, und deshalb halten sie sie für gewöhnliche Erscheinungen. Wenn diese Dinge jedoch nicht vor ihren Augen in Erscheinung träten und sie stattdessen an ein anderes System gewöhnt wären, würden sie gerade sie für außerhalb von Verstand und Vorstellungskraft halten und ihre Möglichkeit entschieden leugnen. Nehmen wir als Beispiel an, dass auf dem Mars keinerlei Pflanzen wachsen. Wenn man dessen Bewohnern sagte, dass ein Samen von der Größe eines Masha, sobald man ihn in die Erde pflanze, zu einem gewaltigen Baum heranwachse und mehrere Tausend, ja sogar mehrere Hunderttausend Mal größer werde als seine ursprüngliche Gestalt, dann erschiene ihnen diese Aussage ebenso erstaunlich, wie den Erdbewohnern die Wiederbelebung nach dem Tod erstaunlich erscheint. Auch sie würden dies auf genau dieselbe Weise zurückweisen. Doch es ist offensichtlich, dass dieses Urteil über die Unmöglichkeit nicht auf Wissen und Tatsachen beruht. Es wäre nicht das Ergebnis einer von Unwissenheit und Dummheit geprägten Urteilskraft, sondern vielmehr das Ergebnis mangelnder Erkenntnisfähigkeit. Ebenso verhält es sich mit dem Unglauben an das Jenseits. Wenn die Menschen das Wesen ihres Erstaunens und ihres Unglaubens verstehen, werden sie von selbst erkennen, dass die bloße Tatsache, dass etwas außerhalb ihres Verstandes und ihrer Vorstellungskraft liegt, kein Beweis für seine Unmöglichkeit und Unwirklichkeit ist. Die Dinge, die die Menschen heute entdecken, lagen vor hundert Jahren außerhalb ihres Verstandes und ihrer Vorstellungskraft. Doch heute haben reale Ereignisse bewiesen, dass sie in Wahrheit nicht unmöglich waren. Ebenso werden Dinge, die die Menschen heute für unmöglich halten, nach hundert Jahren durch die Menschen selbst möglich werden, und reale Ereignisse werden beweisen, dass ihnen nichts Unmögliches innewohnt. Wenn also das Verhältnis zwischen dem menschlichen Verstand und den Geheimnissen, die außerhalb beziehungsweise innerhalb seines Bereichs liegen, so beschaffen ist, kann man etwas nicht deshalb für unmöglich erklären, weil es für diesen begrenzten Verstand nicht erfassbar ist.

Um die Existenz eines verborgenen und den Sinneskräften entzogenen Sachverhalts zu bestätigen, muss zunächst seine Möglichkeit nachgewiesen werden. Deshalb weist der Edle Koran mithilfe schlüssiger Argumente und Beweise alle Zweifel und Bedenken hinsichtlich des jenseitigen Lebens zurück und bestätigt dessen Möglichkeit. Als zweiten Schritt sollte man sodann seine Notwendigkeit nachweisen. Dann wird der menschliche Verstand ohne Weiteres anerkennen, dass etwas, das unbedingt eintreten muss, tatsächlich notwendig ist.

Die Weltordnung ist eine weise Ordnung

Ist diese Welt eine Schöpfung eines weisen Wesens, oder ist sie ohne jede Weisheit von selbst entstanden? Tatsächlich hängt die Notwendigkeit des jenseitigen Lebens gerade von der Klärung dieser Frage ab. Der wissenschaftsgläubige Mensch der Gegenwart sagt, dass kein weiser Handwerker diese Weltordnung erschaffen habe. Sie sei von selbst entstanden und schreite wie eine automatische Maschine mit all ihren Organen und Teilen – zu denen auch der Mensch gehört – voran. An dem Tag, an dem die Wechselwirkung zwischen Materie und Energie endet, wird diese Ordnung zerbrechen und in Stücke gehen. Es liegt auf der Hand, dass es völlig vergebliche Mühe ist, in einer von einer blinden Natur betriebenen Ordnung irgendeinen Zweck oder irgendeine Weisheit zu suchen, wenn ihr jegliches Wissen, jeder Verstand, jedes Bewusstsein, jeder Wille und jede Weisheit fehlen. Daher hat die heutige materialistische Wissenschaft die zweckgerichtete Wirksamkeit der Naturgesetze, die sogenannte teleologische Kausalität, nicht nur außerhalb ihres eigenen Zuständigkeitsbereichs verwiesen, sondern eine solche Denkweise auch als völlig gegenstandslos und sinnlos erklärt. Sie hat schließlich behauptet, dass hinter dieser Welt und hinter keinem ihrer Dinge und Vorgänge irgendein Zweck stehe. So sei beispielsweise das Auge nicht zum Sehen da; vielmehr sei das Sehen lediglich das Ergebnis der besonderen Anordnung der Materie im Inneren des Auges. Ebenso sei das Gehirn nicht das Zentrum des Denkens, Fühlens und Bewusstseins; vielmehr gingen Gedanken, Überlegungen und Vorstellungen aus dem Gehirn hervor, so wie die Galle aus der Leber abgesondert wird. In Wahrheit ist es nichts als ein Irrtum, die natürlichen und gewöhnlichen Vorgänge der materiellen Dinge als deren Zweck zu bezeichnen und in ihrer Erschaffung nach Intelligenz und Weisheit zu suchen.

Wenn man diese Lehre annimmt, gibt es keinen vernünftigen Grund anzuerkennen, dass es nach dem irdischen Leben noch ein anderes Leben geben müsse. Denn eine Welt, deren Ordnung von einer unwissenden, törichten und bewusstlosen Natur ohne irgendein Ziel oder irgendeinen Zweck gelenkt wird, kann keinen höheren Rang als den eines Spielzeugs besitzen. Eine Welt, deren jedes einzelne Ding zwecklos ist und die zerstört werden wird, sobald diese Zwecklosigkeit ihre Vollendung erreicht, kann unmöglich als gerecht gelten. Von einer solchen blinden Natur Gerechtigkeit zu erwarten oder von ihr Rechenschaft und faire Behandlung zu erhoffen, ist völlig ausgeschlossen. Selbst wenn man sie dennoch als gerecht bezeichnen wollte, wäre der Mensch, da er in ihrer Hand wie eine hilflose Puppe spielt und nicht nur aus eigener Kraft etwas tun kann, sondern in Wirklichkeit überhaupt keine Macht und keinen eigenen Willen besitzt, für keine gute oder schlechte Tat verantwortlich zu machen – ebenso wenig, wie man einem Motor die Verantwortung dafür auferlegt, ob er einen geraden oder einen krummen Weg zurücklegt. Und sobald die Frage der Verantwortung entfällt, erübrigen sich auch die Fragen nach Gericht, Gerechtigkeit, Frieden und Belohnung in dieser Welt – ganz zu schweigen davon, die Notwendigkeit eines eigenständigen Lebens für den Menschen anzuerkennen.

Doch diese Lehre widerspricht vollkommen dem gesunden Verstand. Zu ihrer Begründung ist keinerlei intellektueller Beweis oder wissenschaftlicher Nachweis vorgelegt worden. Zu ihrer Unterstützung wurde bisher im Wesentlichen Folgendes gesagt: Wir können keinen Schöpfer und Lenker der Welt erkennen, und der Zweck ihrer Erschaffung ist uns nicht verständlich. Wir sehen, dass sie ohne irgendeinen Schöpfer in Bewegung und Tätigkeit ist. Den Zweck dieser Bewegung zu erkennen, ist uns nicht möglich, und wir sehen auch keine Notwendigkeit, ihn zu erkennen. Doch die Tatsache, dass man die Wirkursache und die Zweckursache eines Dinges nicht kennt, beweist nicht, dass es keine Wirkursache und keine Zweckursache besitzt. Stellen wir uns vor: Ein Kind sieht eine Druckmaschine in Betrieb. Es versteht nicht, zu welchem Zweck diese Maschine betrieben wird. Deshalb hält es sie lediglich für ein Spielzeug, das ohne ein bestimmtes Ziel oder einen bestimmten Zweck läuft. Es sieht, dass die Maschine Geräusche erzeugt, ihre Teile sich bewegen und der Boden erzittert – ebenso wie Papier bedruckt herauskommt. Daher folgert es: So wie jene Vorgänge die Folge des Betriebs der Maschine sind, so sei auch das bedruckt herauskommende Papier ein natürliches Ergebnis ihrer Bewegung. Es vermag überhaupt nicht zu verstehen, dass unter all den Vorgängen dieser Maschine nur einer – nämlich das Bedrucken und Ausgeben des Papiers – der eigentliche Zweck ihrer gesamten Existenz ist, während alle übrigen Vorgänge natürliche Folgen ihrer Bewegung sind. Sein kindlicher, forschender Blick hat noch nicht die Fähigkeit erlangt, die Anordnung, den Aufbau und die Ordnung der Teile dieser Maschine zu erfassen. Es versteht auch nicht, dass die Form, in der jedes einzelne Teil hergestellt wurde, und der Ort, an dem es angebracht ist, gerade für dieses Teil geeignet sind und dass es sich genau in dieser Form und an diesem Ort befinden muss, um seine Aufgabe innerhalb der Maschine zu erfüllen. Deshalb nimmt das unreife Kind an, die Maschine sei durch die bloße Verbindung einiger Eisenstücke von selbst entstanden. Es besitzt nicht die geistige Reife, aus den vielfältigen Vorgängen und der Anordnung der Maschine zu erkennen, dass hinter ihr gewiss ein weiser Schöpfer steht, der sie nach einer hervorragenden Methode und einem großartigen Plan hergestellt, keinen ihrer Teile untätig, ungeeignet, unverbunden oder überflüssig gelassen hat und dass etwas, das mit solcher Intelligenz und Weisheit gestaltet wurde, nicht ohne Ursache, zwecklos und sinnlos sein kann. Wenn nun dieses törichte Kind aufgrund seiner unvollständigen Beobachtung der Druckmaschine und seiner unreifen Überlegungen die Lehre entwickelt, dass die Maschine keine Wirk- oder Zweckursache habe, dass bei ihrer Erschaffung keinerlei Intelligenz und Weisheit aufgewandt worden sei und dass ihrer Gestaltung kein erhabenes Ziel zugrunde liege – würde dann irgendein vernünftiger und reifer Erwachsener diese Auffassung des Kindes über die Maschine als richtig und zutreffend anerkennen?

Wenn dies bei einer Druckmaschine nicht zutrifft, wie könnte es dann für die Weltordnung zutreffen, deren jedes Atom Zeugnis für das Wissen, den Verstand, den Willen, die Weisheit und die Weitsicht ihres Schöpfers ablegt? Ein Kind mit unreifem Verstand und beschränktem Blick mag sagen, was es will. Doch ein vernünftiger Mensch, der mit offenen Augen die Zeichen dieser Welt betrachtet hat, kann über die Erschaffung, den Zweck und die Leitung einer so weisen, wohlgeordneten, harmonischen und vollkommen geplanten Ordnung nicht nach Belieben reden. Tatsächlich kann er nicht einmal einen Augenblick lang daran zweifeln, dass eine Ordnung, in der kein einziges Ding ohne Ursache und sinnlos ist, nichts unter dem erforderlichen Maß und nichts über das erforderliche Maß hinausgeht, jedes Teil im Hinblick auf seinen Ort und seine Funktion vollkommen geeignet ist und in deren Regelmäßigkeit nirgends eine Abweichung erkennbar ist, ohne Wissen, Verstand, Weisheit und Willen erschaffen und gelenkt worden sein könnte.

Eine weise Ordnung kann nicht ziellos und sinnlos sein

Die Argumente, die der Edle Koran zum Thema des jenseitigen Lebens vorbringt, beruhen auf diesem grundlegenden Lehrsatz. Sein Kern lautet: Der Schöpfer dieses Weltalls ist ein weises Wesen. Keine seiner Handlungen ist frei von Weitsicht, und nichts, was der Weitsicht widerspricht, kann ihm zugeschrieben werden. Nachdem dieses Fundament gelegt ist, sagt der Koran:

أَفَحَسِبْتُمْ أَنَّمَا خَلَقْنَاكُمْ عَبَثًا وَأَنَّكُمْ إِلَيْنَا لَا تُرْجَعُونَ{115}فَتَعَالَى اللَّهُ الْمَلِكُ الْحَقُّ لَا إِلَهَ إِلَّا هُوَ رَبُّ الْعَرْشِ الْكَرِيمِ{116}

„Habt ihr etwa angenommen, dass Wir euch sinnlos erschaffen haben und dass ihr nicht zu Uns zurückgebracht werdet? Erhaben ist Allah, der erhabene, wahrhaftige König, darüber (das heißt, Er tut nichts Sinnloses).“ – (Sure al-Mu’minun: 115–116)

أَيَحْسَبُ الْإِنسَانُ أَن يُتْرَكَ سُدًى{36}

„Meint der Mensch etwa, dass er einfach so und ohne Zweck sich selbst überlassen wird?“ – (Sure al-Qiyama: 36)

} وَمَا خَلَقْنَا السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَا لَاعِبِينَ{38}مَا خَلَقْنَاهُمَا إِلَّا بِالْحَقِّ وَلَكِنَّ أَكْثَرَهُمْ لَا يَعْلَمُونَ{39}إِنَّ يَوْمَ الْفَصْلِ مِيقَاتُهُمْ أَجْمَعِينَ{40}

„Wir haben den Himmel, die Erde und alles, was sich zwischen ihnen befindet, nicht als Spielzeug erschaffen. Vielmehr haben Wir dies entsprechend den Erfordernissen der Weisheit erschaffen. Doch die meisten Menschen wissen es nicht. Für sie ist gewiss eine Frist bis zum Tag des Gerichts festgesetzt.“ – (Sure ad-Duchan: 38–40)

 أَوَلَمْ يَتَفَكَّرُوا فِي أَنفُسِهِمْ مَا خَلَقَ اللَّهُ السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَا إِلَّا بِالْحَقِّ وَأَجَلٍ مُّسَمًّى وَإِنَّ كَثِيرًا مِّنَ النَّاسِ بِلِقَاء رَبِّهِمْ لَكَافِرُونَ{8}

„Haben sie nicht in ihrem Inneren darüber nachgedacht, dass Allah die Himmel, die Erde und alles, was sich zwischen ihnen befindet, in Weisheit erschaffen und ihnen eine festgesetzte Frist bestimmt hat? Doch viele Menschen leugnen die Begegnung mit ihrem Herrn.“ – (Sure ar-Rūm: 8)

In den oben genannten Versen wird darauf hingewiesen, dass diese gewaltige Werkstatt der Himmel und der Erde, wenn sie nur eine kurze Zeit bestünde und danach ohne irgendein Ergebnis oder eine Folge zerstört und ausgelöscht würde, lediglich eine grundlose und sinnlose Angelegenheit – ein bloßes Spiel und ein Zeitvertreib – wäre. Dies kann niemals das Werk eines weisen Wesens sein. Wenn die Menschen glauben, dass Allah diese Werkstatt erschaffen hat, und Allah in ihren Augen als ein weises Wesen gilt, dann sollten sie mithilfe ihres Verstandes auch begreifen, dass nichts in der Schöpfung ohne Zweck erschaffen wurde und nichts nutzlos und sinnlos vergehen wird. Vor allem ist der Mensch das vorzüglichste Geschöpf des Universums, der Ashraful Makhluqat. Sein bewusstes Wesen ist der Schlüssel zur Entwicklung dieser Welt und zu ihrem gesamten Bewegungsablauf. Er wurde mit unermesslicher Weisheit mit Wissen, Verstand, Denkfähigkeit, Weitblick und Willenskraft ausgestattet. Es kann nicht derart sinnlos sein, dass ein solcher Mensch auf dieser Welt nur einige Jahre wie eine Maschine lebt und danach zerstört wird und vergeht – dass dies der Zweck seiner Erschaffung wäre.

Welche Folge sollte die Weltordnung gemäß den Erfordernissen der Weisheit haben?

Aus der vorangegangenen Erörterung wurde deutlich, dass die Erschaffung und Lenkung dieses Universums kein sinnloses Spiel und kein Zeitvertreib ist und dass nichts darin grundlos oder zwecklos ist. Nun lautet der zweite Punkt: Welche andere Folge kann diese gewaltige Werkstatt nach den Erfordernissen der Vernunft haben, außer Zerstörung und Auslöschung? Eine ausführliche Antwort auf diese Frage findet sich im Edlen Qur’an. Nachdem man diese Antwort gehört hat, ist der gesunde Verstand vollkommen beruhigt und zufriedengestellt. Doch bevor man diese Antwort versteht, ist es unbedingt erforderlich, sich einige Dinge fest im Herzen einzuprägen.

Erstens: Alle Zeichen der Schöpfung bezeugen, dass die gesamte Bewegung von Kreislauf und Veränderung in dieser Ordnung auf eine fortschreitende Entwicklung ausgerichtet ist. Die Unvollkommenheit der Dinge zur Vollkommenheit zu führen und ihre unvollständige Gestalt vollkommen zu machen, ist das Ziel all ihrer Entwicklungsprozesse.

Zweitens: Da das Prinzip der fortschreitenden Entwicklung in Form von Veränderung wirksam wird, ist für jedes Geschöpf eine Auflösung erforderlich. Die Entstehung einer Gestalt verlangt naturgemäß die Zerstörung oder Auflösung der vorherigen Gestalt. Und das Vergehen einer unvollkommenen Gestalt leitet gerade die Entstehung der Vollkommenheit ein. Dieser Kreislauf und diese Veränderung vollziehen sich zwar in jedem Augenblick, doch erst nach vielen verborgenen Veränderungen setzt eine gewaltige, sichtbare Veränderung ein, in deren Verlauf eine gewaltige, sichtbare Auflösung stattfindet. Diese zweite Art der Auflösung nennen wir in der gewöhnlichen Sprache „Tod“ oder Untergang. Die Zeit von der Entstehung einer Gestalt bis zu ihrem Tod oder ihrer endgültigen Auflösung bezeichnen wir als „Leben“.

Drittens: Jede Gestalt verlangt eine besondere, ihrer Beschaffenheit entsprechende Zuflucht oder Grundlage. Keine Gestalt kann in einer Behausung leben, die ihrer Beschaffenheit nicht entspricht. So ist beispielsweise der Körper eines Tieres für die Gestalt einer Pflanze ungeeignet. Ebenso ist das besondere körperliche Gefüge, das für den Menschen geschaffen wurde, genau das, was das menschliche Wesen erfordert. Wenn man daher einem Ding eine höhere Gestalt geben will, ist es unbedingt erforderlich, die für die niedrigere Gestalt errichtete Behausung abzureißen und eine Behausung zu errichten, die der neuen Gestalt entspricht.

Viertens: Wer die umfassende Reichweite des Prinzips der fortschreitenden Entwicklung in Bezug auf die verschiedenen Teile des Universums richtig verstanden hat, für den kann dessen Ausdehnung auf die gesamte Weltordnung keineswegs verborgen bleiben. Wie viele Ordnungen vor dem Beginn der Entstehung der gegenwärtigen Weltordnung bereits vergangen sind, von denen jede ihre Lebensdauer vollendete, einer vollkommeneren Ordnung Platz machte und die Entwicklungsstufen nacheinander durchlief, bis der Schöpfungsprozess zu unserer Ordnung gelangte, können wir anhand dieser Ordnung nicht sagen. Ebenso ist auch diese Ordnung nicht die letzte. Wenn auch sie ihre mögliche Vollkommenheit erreicht und nicht mehr fähig sein wird, zu einer höheren Stufe der Vollkommenheit aufzusteigen, wird auch sie zerschlagen und durch eine andere Ordnung ersetzt werden. Die Gesetze und Bestimmungen jener Ordnung werden anders sein, und auch sie wird die Fähigkeit besitzen, die Schöpfung zu einer vollkommeneren Stufe emporzuheben.

Fünftens: Wenn man gründlich über die gegenwärtige Ordnung des Weltalls nachdenkt, wird deutlich, dass es sich um eine unvollkommene Ordnung handelt und dass sie einer größeren Vollkommenheit bedarf. Die den Dingen dieser Ordnung innewohnenden grundlegenden Wahrheiten (Haqīqa) sind so sehr von materieller Verunreinigung bedeckt, dass die grundlegenden Wahrheiten als belanglose Einbildungen gelten und ihre materielle Hülle sogar einen höheren Rang als die grundlegenden Wahrheiten erlangt hat. Je feiner und freier von materieller Verunreinigung ein Ding ist, desto verborgener und verhüllter ist es in dieser Weltordnung und desto weiter liegt es außerhalb der Reichweite von Verstand und Bewusstsein. Hier kommt den rein materiellen Körpern Bedeutung zu, den feinen und unverfälschten Wahrheiten jedoch nicht. Hier kann man Bäume, Steine und dergleichen wiegen, aber in dieser Weltordnung gibt es keine Möglichkeit, Urteilskraft, Denken und Vorstellung, Betrachtung und geistige Auffassung, Wünsche und Begehren, Anrufung und Empfindung oder Weitblick zu messen oder zu wiegen. Hier können Nahrungsmittel gewogen werden, aber es gibt keinen Maßstab, um Liebe und Hass zu wiegen. Hier gibt es Vorrichtungen, um Stoffe zu messen, aber keinen Maßstab, um Zorn und Neid zu bemessen. Hier kann der Wert von Geld bestimmt werden, aber der Wert der geistigen Haltung, die hinter Großzügigkeit und Geiz wirkt, lässt sich nicht feststellen. Das ist der Mangel der gegenwärtigen Weltordnung. Deshalb verlangt die Vernunft nach einer höheren Ordnung als dieser, in der die grundlegenden Wahrheiten klar zutage treten, ohne von einer materiellen Hülle abhängig zu sein, in der das Feine über das Grobe siegt und die heute verborgenen und verhüllten Dinge hell und deutlich sichtbar werden. Ebenso besteht ein weiterer Mangel dieser Welt darin, dass hier materielle Gesetzmäßigkeiten vorherrschen. Infolgedessen treten nur die Ergebnisse solcher Handlungen zutage, die mit den materiellen Gesetzmäßigkeiten übereinstimmen. Ergebnisse hingegen, die der Vernunft, dem Weitblick und der Umsicht entsprechen, treten überhaupt nicht in Erscheinung. Wenn hier Feuer ausbricht, verbrennen alle brennbaren Dinge; wenn man Wasser hineingießt, werden die Dinge, die Feuchtigkeit und Nässe aufnehmen, nass. Wenn man jedoch eine gute Tat vollbringt, tritt deren Ergebnis nicht in Gestalt von Gutem hervor – obwohl dies ihre natürliche, vernunftgemäße Folge wäre. Vielmehr tritt es gemäß den materiellen Gesetzmäßigkeiten in Erscheinung, selbst wenn es ein schlechtes Werk und damit das genaue Gegenteil des Guten ist. Angesichts dieser Unvollkommenheiten verlangt die Vernunft ganz natürlich, dass nach dieser Ordnung eine höhere Ordnung errichtet wird, in der anstelle materieller Gesetzmäßigkeiten vernunftbasierte Gesetze eingeführt werden und die natürliche Folge der Handlungen, die aufgrund des Vorrangs materieller Gesetzmäßigkeiten in der gegenwärtigen Ordnung nicht sichtbar werden kann, in ihrer wahren Gestalt hervortritt.

Das Ende der Weltordnung

Nachdem wir diese grundlegenden Ausführungen verstanden haben, wollen wir nun sehen, welche Antwort auf die zentrale Frage in dem Bild von der Auferstehung und dem jenseitigen Wiederleben zu finden ist, das der weise Koran gezeichnet hat.

Der Koran sagt:

مَا خَلَقْنَا السَّمَاوَاتِ وَالْأَرْضَ وَمَا بَيْنَهُمَا إِلَّا بِالْحَقِّ وَأَجَلٍ مُّسَمًّى

„Wir haben die Himmel, die Erde und alles, was zwischen ihnen ist, gemäß den Erfordernissen der Weisheit und für eine bestimmte Frist erschaffen.“

– Sure al-Ahqāf: 3

وَسَخَّرَ الشَّمْسَ وَالْقَمَرَ كُلٌّ يَجْرِي لأَجَلٍ مُّسَمًّى

„Er hat die Sonne und den Mond einem besonderen Gesetz unterworfen. All dies besteht für eine bestimmte Zeit.“

– (Sure ar-Raʿd: 2)

Danach beschreibt er den Zustand der Auferstehung folgendermaßen:

وَإِذَا الْقُبُورُ بُعْثِرَتْO وَإِذَا الْبِحَارُ فُجِّرَتْO وَإِذَا الْكَوَاكِبُ انتَثَرَOإِذَا السَّمَاء انفَطَرَتْO

„Wenn der Himmel zerrissen wird, die Sterne auseinanderstieben, die Meere aufgewühlt werden und die Gräber ihren Inhalt herausstoßen werden.“

– (al-Infitar: 1–4)

وَإِذَا الْجِبَالُ سُيِّرَتْ O وَإِذَا النُّجُومُ انكَدَرَتْOإِذَا الشَّمْسُ كُوِّرَتْ

„Wenn die Sonne verhüllt wird, die Sterne in Unordnung geraten und die Berge fortbewegt werden.“ – (Sure at-Takwir: 1–3)

وَإِذَا الْجِبَالُ نُسِفَتْ O وَإِذَا السَّمَاء فُرِجَتْ O فَإِذَا النُّجُومُ طُمِسَتْ

„Wenn die Sterne verblassen, der Himmel gespalten und die Berge hinweggefegt werden.“ – (Sure al-Mursalat: 8–10)

وَجُمِعَ الشَّمْسُ وَالْقَمَرُ O وَخَسَفَ الْقَمَرُOفَإِذَا بَرِقَ الْبَصَرُ

„Wenn die Augen hervorquellen, der Mond sein Licht verliert und Sonne und Mond miteinander verschmelzen.“ – (Sure al-Qiyamah: 7–9)

وَحُمِلَتِ الْأَرْضُ وَالْجِبَالُ فَدُكَّتَا دَكَّةً وَاحِدَةً

„Wenn die Erde und die Berge miteinander zum Zusammenstoß gebracht werden und durch einen einzigen Schlag zerschmettert werden.“ – (Sure al-Haqqah: 14)

يَوْمَ تُبَدَّلُ الأَرْضُ غَيْرَ الأَرْضِ وَالسَّمَاوَاتُ وَبَرَزُواْ للّهِ الْوَاحِدِ الْقَهَّارِ

„An dem Tag, an dem die Erde in eine andere Erde verwandelt wird und ebenso der Himmel. Und alle werden vor Allah, dem Einen und Allmächtigen, erscheinen.“ – (Sure Ibrahim: 48)

In diesen Versen wird darauf hingewiesen, dass die gegenwärtige Weltordnung eine bestimmte Lebensdauer hat. Sie ist keine ewige Ordnung. Wenn ihre Lebensdauer abgelaufen ist, wird die gesamte Ordnung ins Chaos gestürzt und völlig zerschmettert werden. Die Sonne, die Erde, der Mond und all die anderen Planeten und Himmelskörper, auf deren Umlauf diese Ordnung beruht, werden zerstreut und voneinander getrennt werden, miteinander zusammenstoßen, und dieser vorläufige Palast wird in Stücke zerfallen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Schöpfung vollständig ausgelöscht oder der Ablauf der Schöpfung beendet werden wird. Vielmehr bedeutet es, dass diese besondere Form der Schöpfung, die unter der gegenwärtigen Ordnung besteht, verändert und für die Schöpfung eine andere Ordnung errichtet werden wird. […………………] Auf diese Richtung wird in dem Vers hingewiesen.

Wie wird die Ordnung des jenseitigen Lebens sein?

Hier kann sich die Frage stellen: Wie wird diese Ordnung beschaffen sein? Aus der Darstellung im Edlen Koran ist eindeutig bekannt, dass sie die Vollendung der Unvollkommenheit der gegenwärtigen Ordnung, ihre entwickelte und weiterentwickelte Form sowie genau dem entsprechen wird, was Vernunft und Verstand verlangen. In jener Ordnung wird alles gewogen, gemessen und abgerechnet werden. Dies wird jedoch nicht bei materiellen Dingen geschehen; vielmehr werden dort die feinen, grundlegenden Prinzipien und Wahrheiten gewogen: Gut und Böse, Recht und Unrecht, Heil und Unheil, Glaube und Unglaube, Moral und Unmoral. Die Absichten, Gedanken, Wünsche und Bestrebungen der Menschen werden gemessen werden. Die verborgenen Vorgänge des Herzens werden gemessen und gewogen werden. Dort wird weder das Brot noch das Geld berechnet werden, das man einem Armen gegeben hat; vielmehr wird die Absicht abgerechnet werden, die hinter dieser Großzügigkeit wirksam war. Denn die Gesetze und Regeln dort werden nicht, wie in dieser Welt, materieller, sondern geistiger Art sein.

إِنَّ السَّمْعَ وَالْبَصَرَ وَالْفُؤَادَ كُلُّ أُولـئِكَ كَانَ عَنْهُ مَسْؤُولاً

„Die Augen, die Ohren und das Herz – alles wird befragt werden.“ – (Sure Banī Isrāʾīl: 36)

وَنَضَعُ الْمَوَازِينَ الْقِسْطَ لِيَوْمِ الْقِيَامَةِ فَلَا تُظْلَمُ نَفْسٌ شَيْئًا وَإِن كَانَ مِثْقَالَ حَبَّةٍ مِّنْ خَرْدَلٍ أَتَيْنَا بِهَا وَكَفَى بِنَا حَاسِبِ

„Am Tag der Auferstehung werden Wir genaue Waagen zum Abwiegen aufstellen. Keinem Menschen wird auch nur das geringste Unrecht zugefügt werden. Selbst wenn es sich um eine Tat im Gewicht eines Senfkorns handelt, werden Wir sie hervorbringen. Und zur Abrechnung genügen Wir allein.“ – (Sure al-Anbiyāʾ: 47)

O وَالْوَزْنُ يَوْمَئِذٍ الْحَقُّ فَمَن ثَقُلَتْ مَوَازِينُهُ فَأُوْلَـئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ

وَمَنْ خَفَّتْ مَوَازِينُهُ فَأُوْلَـئِكَ الَّذِينَ خَسِرُواْ أَنفُسَهُم

„An jenem Tag werden die Taten gewiss gewogen. Wessen Taten dann schwer wiegen, der wird allein Erfolg erlangen. Und diejenigen, deren Taten leicht wiegen, werden die Verlierenden sein.“ – (Sure al-Aʿrāf: 8–9)

O فَمَن يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ خَيْرًا يَرَهُ Oيَوْمَئِذٍ يَصْدُرُ النَّاسُ أَشْتَاتًا لِّيُرَوْا أَعْمَالَهُمْ

وَمَن يَعْمَلْ مِثْقَالَ ذَرَّةٍ شَرًّا يَرَهُ

„An jenem Tag werden die Menschen getrennt voneinander hervorkommen, damit sie ihre jeweiligen Taten sehen. Wer auch nur das Gewicht eines Staubkorns an Gutem tut, wird es sehen, und wer auch nur das Gewicht eines Staubkorns an Bösem tut, wird es ebenfalls sehen.“ – (Sure az-Zilzāl: 6–8)

All das, was in der gegenwärtigen materiellen Ordnung infolge der Fesseln der materiellen Gesetze heimlich und den Blicken der Menschen verborgen liegt, wird in dieser zweiten Ordnung offen zutage treten. Die verborgenen, verhüllten und feinsinnigen Wahrheiten werden dort deutlich vor Augen treten. Und der wahre und eigentliche Wert jeder Sache wird in strahlender Klarheit offenbar werden.

لَقَدْ كُنتَ فِي غَفْلَةٍ مِّنْ هَذَا فَكَشَفْنَا عَنكَ غِطَاءكَ فَبَصَرُكَ الْيَوْمَ حَدِيدٌ

„Dem Menschen wird gesagt werden: Du warst diesbezüglich in Achtlosigkeit befangen; dann habe Ich die Bedeckung von deinen Augen entfernt. Nun ist dein Blick äußerst scharf.“ – (Sure Qāf: 22)

يَوْمَئِذٍ تُعْرَضُونَ لَا تَخْفَى مِنكُمْ خَافِيَةٌ

An jenem Tag werdet ihr vorgeführt werden. Kein einziges eurer Geheimnisse wird verborgen bleiben. – (Sure al-Hāqqa: 18)

Dort wird das wahre Ergebnis der Taten gemäß Vernunft, Einsicht und Gerechtigkeit offenkundig werden. Unter dem Einfluss der materiellen Gesetze und materiellen Mittel der gegenwärtigen Ordnung können die wirklichen und vernunftgemäßen Ergebnisse der Taten nicht sichtbar werden. Diese Gesetze und Mittel werden dort keine Gültigkeit haben. Daher werden dort all jene Dinge unwirksam und einflusslos werden, die hier der Gerechtigkeit im Wege stehen und verhindern, dass die richtigen Ergebnisse sichtbar werden. Beispielsweise bewahren hier Reichtum und Vermögen, der Überfluss an materiellen Mitteln, die Stärke von Freunden und Bekannten, persönliche Bemühungen und Einflussnahme, Fürsprache, familiärer Einfluss, eigene List, Umsicht und andere derartige Dinge den Menschen vor den Folgen vieler seiner Taten. Dort jedoch wird der Einfluss all dieser Dinge vollständig enden, und es wird genau das Ergebnis jeder Sache offenkundig werden, das gemäß Gerechtigkeit und Wahrheit offenkundig werden sollte.

هُنَالِكَ تَبْلُو كُلُّ نَفْسٍ مَّا أَسْلَفَتْ

„Dort wird jeder Mensch seine zuvor vollbrachten Taten überprüfen.“ – (Sure Yūnus: 30)

وَوُفِّيَتْ كُلُّ نَفْسٍ مَّا كَسَبَتْ وَهُمْ لاَ يُظْلَمُونَ

„Jedem Menschen wird die volle Vergeltung für seine Taten zuteilwerden, und ihnen wird nicht im Geringsten Unrecht zugefügt werden.“ – (Sure Āl ʿImrān: 25)

يَوْمَ تَجِدُ كُلُّ نَفْسٍ مَّا عَمِلَتْ مِنْ خَيْرٍ مُّحْضَرًا وَمَا عَمِلَتْ مِن سُوَءٍ

„An jenem Tag wird jeder Mensch jede von ihm begangene gute und böse Tat vorfinden.“ (Sure Āl ʿImrān: 30)

وَاتَّقُواْ يَوْماً لاَّ تَجْزِي نَفْسٌ عَن نَّفْسٍ شَيْئاً وَلاَ يُقْبَلُ مِنْهَا شَفَاعَةٌ وَلاَ يُؤْخَذُ مِنْهَا عَدْلٌ وَلاَ هُمْ يُنصَرُونَ

„Fürchtet den Tag, an dem kein Mensch einem anderen von Nutzen sein wird, keine Fürsprache zugunsten irgendjemandes angenommen, von niemandem ein Lösegeld entgegengenommen und ihnen keinerlei Hilfe zuteilwerden wird.“ (Sure al-Baqara: 48)

O فَإِذَا نُفِخَ فِي الصُّورِ فَلَا أَنسَابَ بَيْنَهُمْ يَوْمَئِذٍ وَلَا يَتَسَاءلُونَ

O فَمَن ثَقُلَتْ مَوَازِينُهُ فَأُوْلَئِكَ هُمُ الْمُفْلِحُونَ

وَمَنْ خَفَّتْ مَوَازِينُهُ فَأُوْلَئِكَ الَّذِينَ خَسِرُوا أَنفُسَهُمْ فِي جَهَنَّمَ خَالِدُونَ

„Wenn dann in die Trompete geblasen wird, wird es an jenem Tag unter ihnen keine verwandtschaftlichen Beziehungen geben, und sie werden einander nicht einmal fragen. An jenem Tag werden diejenigen Erfolg haben, deren Waagschalen der Taten schwer sind. Und diejenigen, deren Waagschalen leicht sind, werden zu den Verlierern gehören.“ (Sure al-Muʾminūn: 101–103)

إِلَّا مَنْ أَتَى اللَّهَ بِقَلْبٍ سَلِيمٍ O يَوْمَ لَا يَنفَعُ مَالٌ وَلَا بَنُونَ

„An jenem Tag werden weder Reichtum noch Kinder irgendjemandem von Nutzen sein; nur derjenige wird Erlösung erlangen, der mit reinem Herzen zu Allah kommt.“ – (Sure asch-Schuʿarāʾ: 88–89)

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„Ihr seid allein zu Uns gekommen, so wie Wir euch beim ersten Mal allein erschaffen haben. Alles, womit Wir euch ausgestattet hatten, habt ihr hinter euch gelassen. Wir sehen heute eure Fürsprecher nicht bei euch, die ihr hinsichtlich eurer Versorgung und eures Lebensunterhalts als Allahs Teilhaber betrachtet habt. Alle Beziehungen zwischen euch sind abgeschnitten und zunichtegemacht.“

– (Sure al-Anʿām: 94)

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„Am Tag der Auferstehung werden eure Verwandten und eure Kinder euch in keiner Weise von Nutzen sein. Allah wird zwischen euch entscheiden. Er hat gesehen, was immer ihr tut.“

– (Sure al-Mumtaḥana: 3)

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„An jenem Tag wird der Mensch vor seinem Bruder, seiner Mutter und seinem Vater, seiner Frau und seinen Kindern fliehen. An jenem Tag wird jeder vollständig mit seiner eigenen Angelegenheit beschäftigt sein.“

– (Sure ʿAbasa: 34–37)

Ein gewaltiger Mangel des gegenwärtigen Systems besteht darin, dass die Verteilung der Gaben und der Güter Allahs hier nicht von den Taten und Verdiensten des Menschen abhängt. Vielmehr hängt sie von zahlreichen Wirkursachen ab, unter denen die persönlichen Taten sowie die eigenen Fähigkeiten und Begabungen lediglich einen Teilgrund darstellen. Die anderen mächtigen Faktoren schwächen dort den Einfluss der persönlichen Taten oder beseitigen ihn bisweilen sogar vollständig. Deshalb bleibt bei der Verteilung der Gaben und Güter der persönliche Anspruch unberücksichtigt oder nimmt, sofern er überhaupt berücksichtigt wird, nur einen äußerst geringen Raum ein. Hier kann ein Mensch trotz lebenslanger Gewalttätigkeit, Unterdrückung und Übertretung in Wohlstand, Bequemlichkeit und weltlichem Reichtum leben. Ein anderer wiederum kann trotz eines ganzen Lebens in Glaubenstreue und Gottesfurcht von Not, Leid und Armut geplagt sein. Diese Unvollkommenheit muss zur Vollkommenheit gebracht werden. Die Forderung der Vernunft und des gesunden Urteilsvermögens besteht darin, dass das gegenwärtige System verbessert und in ein System umgewandelt werden sollte, in dem Nutzen und Schaden gerecht verteilt werden und jeder aufgrund seiner persönlichen Eigenschaften genau das erhält, was ihm entspricht. Der Koran sagt, dass das System des jenseitigen Lebens genau so beschaffen sein wird. Zum Beispiel:

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„Sollen Wir etwa diejenigen, die auf Erden Unfrieden und Verderben stiften, den Gläubigen und rechtschaffenen Menschen gleichmachen? Sollen Wir etwa die Gottesfürchtigen und die Gottesleugner gleichbehandeln?“

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„Glauben die Übeltäter etwa, dass Wir sie den Gläubigen und rechtschaffenen Menschen gleichstellen werden und dass ihr Leben und ihr Tod gleich sein werden? Wie schlecht sie doch urteilen!“

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„Jeder Person wird eine Vergeltung zuteil, die genau ihrem Tun entspricht.“

– (Sure al-Anʿām: 132)

(*********)

„Das Paradies wird den Gottesfürchtigen nahegebracht und die Hölle den Irrenden vorgeführt werden.“

– (Sure asch-Schuʿarāʾ: 90–91)

Dies ist in der Tat ein kurzer Entwurf jener zweiten Welt, von der der ehrwürdige Muhammad (s) und die übrigen Propheten nach der gegenwärtigen Welt gesprochen haben. Diejenigen, die diese Welt und ihren gesamten Aufbau für ein bloßes Schauspiel, einen Spielplatz, einen sinnlosen Aufruhr und ein von Anfang bis Ende zielloses Labyrinth halten, werden in diesem Plan und seinen Beweisen gewiss nichts Glaubwürdiges finden; diejenigen jedoch, die die Weltordnung als Schöpfung Allahs betrachten und an Allah als ein weises und vernunftbegabtes Wesen glauben, werden nach eingehender Betrachtung jener Beweise unweigerlich anerkennen müssen, dass eine Weltordnung dieser Art notwendig ist. Und da die Möglichkeit eines zweiten Lebens nach dem Tod erwiesen ist, genügt der Nachweis der Notwendigkeit dieser Möglichkeit, um zu glauben, dass der weise und verständige Allah gewiss eine mögliche Welt dieser Art erschaffen wird.

Aus dieser Erörterung ist eindeutig geworden, dass die Forderung des Islam, an das jenseitige Leben zu glauben, keineswegs außerhalb der Vernunft liegt, sondern vielmehr genau den Forderungen der Vernunft und der Besonnenheit entspricht. Durch keinerlei Fortschritt in Wissen, Wissenschaft und geistiger Entwicklung kann dieser Glaube auch nur im Geringsten geschwächt werden – vorausgesetzt natürlich, dass es sich dabei nicht um einen äußerlichen und bloß zur Schau gestellten, sondern um einen wirklichen und wahrhaftigen Fortschritt handelt. (1)

Die Notwendigkeit des Glaubens an das Jenseits

Aus der bisherigen Erörterung hat sich erwiesen, dass die Existenz eines zweiten Lebens nach diesem irdischen Leben äußerst wahrscheinlich und mit den Forderungen der Vernunft vereinbar ist. Die gesunde Vernunft und die echte Wissenschaft stellen keinerlei Hindernis dafür dar, an dieses von dem Koran dargelegte zweite Leben zu glauben; vielmehr spornen sie den Menschen dazu noch stärker an. Doch die Frage ist: Warum ist es notwendig, an diese Vorstellung vom jenseitigen Leben zu glauben? Warum wurde sie zu einem Bestandteil des Glaubens und der Überzeugung gemacht? Warum wird ihr eine so große Bedeutung beigemessen? Warum wurde der Glaube daran für das Muslimsein unerlässlich und das Muslimsein ohne diesen Glauben unmöglich gemacht? Warum wird der Glaube an Allah, den Gesandten und das Buch keinen Nutzen haben, wenn man es leugnet? Warum werden dadurch alle guten Taten und rechtschaffenen Werke des Lebens zunichtegemacht?

Jemand könnte sagen, dass die Lehre vom jenseitigen Leben ebenso wie andere übernatürliche Lehren lediglich eine übernatürliche Lehre ist. Ich räume ein, dass diese Lehre durch Beweise sehr gefestigt und stark untermauert worden ist und ausreichende Gründe für den Glauben an sie vorhanden sind. Doch dass eine übernatürliche Lehre durch Beweise bestätigt wird, bedeutet nicht, dass man unbedingt an sie glauben muss und dass von ihr Glaube und Unglaube abhängig werden. Neben der Lehre vom jenseitigen Leben gibt es noch viele andere übernatürliche Lehren, für deren Unterstützung ebenfalls starke Argumente und Beweise vorliegen. Warum wurden dann auch sie nicht in den Glauben aufgenommen?

Für eine ausführlichere Erörterung des Jenseits siehe im zweiten Band von Tafhim al-Qur’an die Auslegung unter dem Stichwort „Jenseits“ sowie den im Anhang dieses Werkes enthaltenen Aufsatz „Das jenseitige Leben“.

Die Antwort lautet: Wäre die Vorstellung vom jenseitigen Leben lediglich eine übernatürliche Lehre, so wäre diese Frage gewiss eine starke Frage. In diesem Fall gäbe es keinen vernünftigen Grund, diese Lehre in den Glauben und die Überzeugung aufzunehmen. Denn wenn eine Lehre lediglich übernatürlich ist und keinen Bezug zu unserem wirklichen Leben hat, hat es keinen Einfluss auf unseren moralischen Charakter und unser Handeln, ob wir über sie nicht Bescheid wissen oder sie leugnen. Doch schon eine etwas tiefere Betrachtung der Lehre vom jenseitigen Leben zeigt, dass sie nicht lediglich eine philosophische Lehre ist; vielmehr besteht eine tiefe Beziehung zwischen ihr und dem moralischen sowie praktischen Leben des Menschen. Der Glaube an sie verändert grundlegend die Einstellung des Menschen zum irdischen Leben und zu seinem gesamten Tun. Diese Lehre anzuerkennen bedeutet, dass der Mensch sich selbst als ein rechenschaftspflichtiges und verantwortungsbewusstes Wesen betrachtet. Bei seinem gesamten Handeln wird er davon ausgehen, dass er für jede Tat und jede Handlung verantwortlich ist. Im künftigen Leben wird er für alle seine Taten Rechenschaft ablegen müssen, und sein künftiges Glück oder Unglück wird von seinen guten oder schlechten Taten abhängen.

Demgegenüber bedeutet die Nichtanerkennung dieser Lehre, dass der Mensch sich selbst als ein verantwortungsloses Wesen betrachten wird. Er wird die Planung seines irdischen Lebens unter dem Einfluss der Vorstellung gestalten, dass er für die in diesem Leben begangenen Taten in keinem anderen Leben Rechenschaft ablegen muss. Aus den Taten und Handlungen dieses Lebens werden sich künftig weder gute noch schlechte Folgen ergeben. Die unvermeidliche Folge davon, dass man diese Lehre nicht kennt oder sie leugnet, wird somit sein, dass der Blick des Menschen nur auf jene Taten gerichtet ist, deren Folgen in dieser Welt sichtbar werden. Welche Handlungen für ihn nützlich und welche schädlich sind, wird er allein anhand dieser Folgen beurteilen. Vom Trinken von Gift und dem Berühren des Feuers wird er sich selbstverständlich fernhalten, weil er weiß, dass er die schlechten Folgen dieser beiden Handlungen noch in dieser Welt erleiden muss. Da jedoch die vollständigen Folgen von Unterdrückung und Gewalttätigkeit, Ungerechtigkeit, Lüge, übler Nachrede, Vertrauensbruch, Unzucht und ähnlichen Handlungen in dieser Welt nicht sichtbar werden, wird er diese schlechten Handlungen nur in dem Maß meiden, in dem zu befürchten ist, dass ihre schlechten Folgen hier sichtbar werden. Sobald jedoch keine schlechten Folgen dieser Handlungen sichtbar zu werden drohen oder die Aussicht entsteht, daraus einen Nutzen zu ziehen, wird er nicht das geringste Zögern empfinden, sie zu begehen.

Zusammengefasst: Nach dieser Lehre besitzt in den Augen des Menschen keine moralische Handlung einen feststehenden moralischen Wert. Vielmehr wird das Gute oder Schlechte jeder seiner Handlungen allein von den in dieser Welt sichtbar werdenden guten oder schlechten Folgen abhängen. Derjenige hingegen, der an das Jenseits glaubt, wird nicht nur auf die in dieser Welt sichtbar werdenden Folgen einer moralischen Handlung achten, sondern auch auf die Folgen, die im nächsten Leben sichtbar werden; im Hinblick auf diese Folgen wird er den Nutzen oder Schaden der Handlung bestimmen. So wie er an die zerstörerische Wirkung des Giftes und die brennende Kraft des Feuers glaubt, wird er auch an die zerstörerische und brennende Wirkung von Vertrauensbruch und Lüge glauben. So wie er an die zerstörerische Wirkung des Giftes und die brennende Kraft des Feuers glaubt, wird er auch an die zerstörerische und brennende Wirkung von Vertrauensbruch und Lüge glauben. So wie er Nahrung und Getränke für nützlich hält, wird er auch Rechtschaffenheit, Treue und Reinheit für nützlich erachten. Er wird daran glauben, dass jede seiner Handlungen ein bestimmtes und sicheres Ergebnis hat, auch wenn dieses Ergebnis in diesem Leben überhaupt nicht sichtbar werden oder sogar in entgegengesetzter Form erscheinen mag. Für ihn wird es einen festgelegten moralischen Wert moralischer Handlungen geben, und dieser Wert wird sich durch den irdischen Nutzen oder Schaden nicht im Geringsten verändern. In seinem moralischen System werden Aufrichtigkeit, Rechtschaffenheit und das Einhalten von Versprechen als Tugend und gute Tat gelten, selbst wenn sie in dieser Welt nur Schaden bringen oder überhaupt keinen Nutzen haben. Lüge, Unterdrückung und Gewalttätigkeit sowie das Brechen von Versprechen werden hingegen als Sünde und schlechte Tat anerkannt, selbst wenn sie in dieser Welt nur Nutzen bringen und nicht den geringsten Schaden verursachen.

Die Gleichgültigkeit gegenüber dem jenseitigen Leben oder der Unglaube daran bedeutet daher nicht lediglich, dass der Mensch einer übernatürlichen Lehre gleichgültig gegenübersteht oder sie ablehnt. Vielmehr bedeutet es, dass er gegenüber seiner verantwortungsbewussten und rechenschaftspflichtigen Stellung gleichgültig geworden ist. Er hat sich selbst als ein freies, eigenmächtiges und verantwortungsloses Wesen betrachtet. Er hat sich mit dem äußeren Leben dieser Welt und seinen unvollständigen, ja bisweilen trügerischen Ergebnissen zufriedengegeben. Gegenüber dem endgültigen Gewinn und Verlust des Lebens gleichgültig geworden, hat er sich auf anfängliche, vorübergehende und unzuverlässige Gewinne und Verluste verlassen. Dementsprechend hat er für seine Handlungen völlig wandelbare und trügerische moralische Wertmaßstäbe festgelegt. Er ist einer unfehlbaren, festen und moralischen Ordnung beraubt worden, die nur durch Verantwortungsgefühl, einen unerschütterlichen Blick auf die endgültigen Folgen und feststehende moralische Wertmaßstäbe erlangt werden kann. So hat er, getäuscht durch das unvollständige und mangelhafte äußere Erscheinungsbild dieser Welt, sein gesamtes Leben einer schwachen und irrigen moralischen Ordnung unterworfen, in der wirklicher Schaden in Gewinn verwandelt wurde und wirklicher Schaden in Gewinn verwandelt wurde, während wirklicher Gewinn und Verlust ihre Bezeichnungen erhielten. Dort ist das wahrhaft Schöne hässlich geworden und das wahrhaft Hässliche als schön bezeichnet worden; ebenso ist die wahre Sünde zur Tugend geworden und die wahre Tugend zur Sünde.

Tatsächlich hat der Edle Koran diese Folgen des Unglaubens an das Jenseits sehr ausführlich beschrieben. Eine Betrachtung der koranischen Verse zu diesem Thema zeigt, dass die Entstellungen, die infolge der Leugnung des Jenseits im moralischen und praktischen Leben des Menschen entstehen, dort zusammenfassend erwähnt werden.

Erstens: Der Mensch betrachtet sich als ein zweckloses, willkürlich handelndes und verantwortungsloses Wesen und hält sein Leben insgesamt für vergeblich und sinnlos. In dem Glauben, dass es niemanden gibt, der seine Taten überwacht und ihn zur Rechenschaft zieht, verrichtet er alle möglichen Handlungen:

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„Habt ihr etwa geglaubt, dass Wir euch sinnlos erschaffen haben und dass ihr nicht zu Uns zurückkehren werdet?“ – (Sure al-Mu’minun 115)

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„Hat der Mensch etwa geglaubt, dass er so sich selbst überlassen wird?“

– (Sure al-Qiyama: 36)

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„Hat der Mensch etwa geglaubt, dass niemand Macht über ihn haben werde? Er sagt: ‚Ich habe reichlich Vermögen ausgegeben.‘ Meint er etwa, dass niemand ihn gesehen hat?“ – (Sure al-Balad: 5–7)

Zweitens: Der Blick eines solchen Menschen richtet sich ausschließlich auf die äußerliche Seite des Diesseits; die anfänglichen und vorübergehenden Ergebnisse hält er für die endgültigen und eigentlichen Ergebnisse, lässt sich dadurch täuschen und trifft eine falsche Entscheidung:

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„Sie besitzen nur Wissen über die äußere Seite des diesseitigen Lebens und sind gegenüber dem Jenseits völlig achtlos.“ – (Sure ar-Rum: 7)

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„die nicht auf Unsere Begegnung hoffen und mit dem diesseitigen Leben zufrieden und dessen sicher geworden sind.“ – (Sure Yunus: 7)

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„Keineswegs! Ihr zieht vielmehr die Ergebnisse vor, die ihr bald erlangen könnt, und verwerft die Ergebnisse des Jenseits.“ – (Sure al-Qiyama: 20–21)

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„Ihr zieht das diesseitige Leben vor, obwohl das Jenseits besser und dauerhafter ist.“

– (Sure al-Aʿlā: 16–17)

„Das diesseitige Leben hat sie getäuscht.“

Drittens: Die Folge dieser äußerlichen Sichtweise ist, dass sich die Wertvorstellungen der Menschen hinsichtlich der Dinge völlig umkehren. Dinge, die im Hinblick auf das endgültige Ergebnis tatsächlich schädlich sind, hält er aufgrund seines Blicks auf den vordergründigen Nutzen für nützlich. Handlungen, die im Hinblick auf das endgültige Ergebnis falsch sind, beginnt er allein wegen ihrer anfänglichen Ergebnisse für wohltätig zu halten. Deshalb weicht sein diesseitiges Streben vom richtigen Weg ab und bleibt letztlich erfolglos.

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„Diejenigen, die das Gute des diesseitigen Lebens begehrten, sagten: ‚O hätten auch wir doch das erhalten, was Qārūn gegeben worden war! Er ist wahrlich ein überaus glücklicher Mann.‘ Doch diejenigen, denen Wissen gegeben worden war, sagten: ‚Wehe euch! Der Lohn Allahs ist besser für den, der glaubt und rechtschaffene Werke tut.‘“

– (Sure al-Qaṣaṣ: 79–80)

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„Für diejenigen, die nicht an das Jenseits glauben, machen Wir ihre Taten äußerst verlockend, und so bleiben sie auf dem Irrweg.“ – (Sure an-Naml: 8)

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„Sind sie etwa in dem Wahn befangen, dass Wir für ihr Wohlergehen sorgen, weil Wir sie mit Reichtum und Kindern unterstützen? Doch sie erkennen die wahre Wirklichkeit nicht.“

– (Sure al-Muʾminun: 55–56)

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„Sollen Wir euch etwa mitteilen, wer hinsichtlich seiner Taten die größten Verlierer sind? Es sind diejenigen, deren Bemühungen im diesseitigen Leben auf den Irrweg gelenkt wurden, während sie meinten, sie würden sehr gute Werke verrichten. Diese Menschen leugnen die Zeichen ihres Herrn und die Begegnung mit Ihm. Deshalb sind ihre Werke zunichtegeworden.“ – (Sure al-Kahf: 104–105)

Viertens: Menschen dieser Art können niemals die wahre Religion annehmen. Wenn man ihnen moralische Vorbilder, das Prinzip guter Taten und guten Benehmens vorlegt, werden sie dies ablehnen; werden ihnen dagegen Glaubensvorstellungen und Handlungen angeboten, die dem allen entgegengesetzt sind, werden sie diese annehmen. Denn alle Regeln und Grundsätze der wahren Religion verlangen, dass man auf viele Wohltaten, Vorteile und angenehme Freuden des diesseitigen Lebens verzichtet. Ihr grundlegendes Prinzip und ihre Lehre lautet: Für das bessere und immerwährende Wohlergehen im Jenseits muss man auf das vergängliche und vorübergehende Wohlergehen dieser Welt verzichten. Derjenige jedoch, der nicht an das Jenseits glaubt, hält gerade das Wohlergehen dieser Welt für das endgültige Wohlergehen. Daher kann er sich weder zu einem solchen Verzicht bereitfinden, noch kann er die Regeln der Frömmigkeit annehmen, die einen solchen Verzicht verlangen. Der Unglaube an das Jenseits und die Befolgung der wahren Religion sind daher zwei einander widersprechende Dinge. Wer nicht an das Jenseits glaubt, kann niemals ein Anhänger der wahren Religion sein.

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„Diejenigen, die sich auf der Erde zu Unrecht hochmütig gebärden, werde Ich von Meinen Zeichen abwenden. Selbst wenn sie jedes Zeichen sehen, werden sie nicht daran glauben; und wenn sie den geraden Weg sehen, werden sie ihn nicht einschlagen, doch wenn sie den Weg des Irrtums sehen, werden sie ihm folgen. Der Grund dafür ist, dass sie Meine Zeichen verleugnet haben und ihnen gegenüber achtlos gewesen sind. Diejenigen, die Meine Zeichen und die Begegnung mit dem Jenseits verleugnen, deren Taten werden zunichtewerden. Werden sie etwa anders vergolten als entsprechend dem, was sie zu tun pflegten?“ – (Sure al-Aʿrāf: 146–147)

Fünftens: Durch den Unglauben an das Jenseits wird das gesamte moralische und praktische Leben des Menschen beeinflusst. Er wird hochmütig und rebellisch:

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„Die Herzen derjenigen, die nicht an das Jenseits glauben, leugnen weiterhin die Wahrheit, und sie werden hochmütig.“ – (Sure an-Naḥl: 22)

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„Pharao und seine Heerscharen gebärdeten sich auf der Erde zu Unrecht hochmütig und meinten, dass sie niemals zu Mir zurückkehren müssten. Sein Verhalten und sein Handeln wurden verderbt.“

– (Sure al-Qaṣaṣ: 39)

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„Verderben ist denjenigen unsittlichen Menschen bestimmt, die beim Abmessen dessen, was sie von anderen nehmen, volles Maß nehmen, ihnen aber beim Abmessen und Ausgeben verkürzen. Denken sie nicht daran, dass sie an einem gewaltigen Tag auferweckt werden?“ – (Sure al-Mutaffifin: 1–5)

Er wird hartherzig, engstirnig, prahlerisch und selbstsüchtig und wendet sich von Allahs Anbetung ab:

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„Hast du denjenigen gesehen, der den Tag der Vergeltung leugnet? Er ist es, der die Waise grob wegstößt und nicht dazu anspornt, den Bedürftigen zu speisen. Wehe also den Betenden, die ihrem Gebet gegenüber achtlos sind. Sie tun Gutes nur, um gesehen zu werden. Und sie verweigern den Menschen selbst kleine und gewöhnliche notwendige Dinge.“

– (Sure al-Ma’un: 1–7)

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Missachtung der Wahrheit und das Verstricktsein in sündige Taten sind die unvermeidliche Folge des Leugnens des Jenseits.

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„Nur jene Menschen, die die Wahrheit missachtet haben und in Sünde verstrickt waren, leugnen den Tag der Vergeltung.“

– (Sure al-Mutaffifin: 12)

In der Tat kann kein vernünftiger Mensch diese Folgen der Gleichgültigkeit gegenüber dem Glauben an das Jenseits oder seiner Leugnung bestreiten. Insbesondere hatten wir Gelegenheit, die Folgen jener Zivilisation zu sehen, deren Gebäude auf ausschließlich weltlichen und materiellen Zielen des Lebens errichtet wurde, nachdem sie durch den äußeren Glanz des diesseitigen Lebens geblendet worden war und der Glaube an das Jenseits in ihr vollständig verworfen wurde. Danach bleibt uns kein Raum, die Wahrheit zu bestreiten, dass es zusammen mit der Leugnung des Jenseits völlig unmöglich ist, die Verehrung Allahs, Frömmigkeit und die Verwirklichung moralischer Ideale zu begründen.

Bemerkenswert ist jedoch, dass der Islam gerade diese Dinge vollständig verwirklichen will. Er ruft die Menschen zu gutem Charakter und guten Taten auf. Dafür ist es notwendig, zahlreiche weltliche materielle Interessen und Freuden zu opfern. Er ermahnt die Menschen zur Anbetung Allahs und zur Selbstläuterung, deren Nutzen oder Wohlergehen im diesseitigen Leben nicht sichtbar ist; vielmehr müssen Körper und Geist des Menschen dadurch vielerlei Mühsal und Leiden ertragen. Bei allen Angelegenheiten des Lebens und beim Nutzen der Güter dieser Welt unterscheidet er zwischen haram und halal sowie zwischen Reinheit und Unreinheit. Um höhere geistige Ziele zu erreichen, fordert er von den Menschen, persönliche Interessen, Liebe und Zuneigung und bisweilen sogar Leben und Besitz zu opfern. Er will das menschliche Leben durch eine moralische Ordnung festigen, in der jedem Ding ein besonderer Wert zugewiesen ist, ohne auch nur die geringste Rücksicht auf weltlichen Gewinn oder Verlust zu nehmen. Hätte der Mensch bei der Errichtung einer solchen religiösen Ordnung und Scharia ohne den Glauben an das Jenseits Erfolg haben können? Wäre es dem Menschen möglich gewesen, eine solche Lehre anzunehmen, während er einer solchen Glaubensüberzeugung gegenüber gleichgültig oder ungläubig war? Wenn die Antwort darauf negativ ist – und sie wird gewiss negativ sein –, muss man anerkennen, dass es für die Begründung einer solchen religiösen Ordnung und moralischen Gesetzgebung zunächst unerlässlich ist, den Glauben an das Jenseits fest im Herzen des Menschen zu verankern. Genau aus diesem Grund hat der Islam diesen Glauben in die Grundlagen des Iman aufgenommen und ihm nach dem Glauben an Allah die größte Bedeutung beigemessen.

Betrachten wir nun, in welcher Form der Islam diese Überzeugung dargelegt hat und welchen Einfluss sie auf den Charakter und das Verhalten des Menschen ausübt.

Der Vorrang des Jenseits vor dieser Welt

Das Heilige Koran hat als Erstes versucht, den Menschen fest einzuprägen, dass diese Welt nur ein vorübergehender Aufenthaltsort des Menschen ist. Sie ist für ihn nicht das einzige Leben; vielmehr gibt es danach ein besseres und ewiges Leben. Das Gute jenes Lebens ist weitaus umfassender als das gegenwärtige Gute, und sein Übel ist weitaus strenger als das Übel dieser Welt. Wer sich vom äußeren Glanz dieser Welt täuschen lässt, sich in der Hoffnung auf ihre Freuden, ihren Genuss und den Gewinn ihrer Interessen in sie verstrickt und infolge seines Bemühens, diese zu erlangen, des Glücks, der Güter und der Interessen des Jenseits beraubt wird, der erwirbt wahrlich etwas äußerst Schlechtes. Tatsächlich ist dieses ganze Geschäft von ihm ein überaus verlustreiches Geschäft. Ebenso handelt derjenige äußerst töricht, der den Schaden dieser Welt für den endgültigen Schaden hält und sich bei seinem Bemühen, ihm zu entkommen, für den Schaden des Jenseits geeignet macht; sein Handeln kann keineswegs als klug bezeichnet werden. Dieses Thema ist im Heiligen Koran so ausführlich behandelt worden, dass es nicht möglich ist, alle diesbezüglichen Verse hier zusammenzutragen. Als Beispiele werden hier einige Verse angeführt:

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„Dieses Diesseits ist nichts anderes als Spiel und Zerstreuung. Die eigentliche Wohnstätte des Lebens ist das Jenseits.“ – (Sure al-ʿAnkabūt: 64)

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„(O Muhammad,) sag: Der Genuss und Besitz des Diesseits ist sehr gering. Für denjenigen, der in Gottesfurcht lebt, ist das Jenseits besser.“ (Sure an-Nisāʾ: 77)

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„Seid ihr etwa mit dem Leben des Diesseits anstelle des Jenseits zufrieden? Der Genuss und Besitz des diesseitigen Lebens ist im Vergleich zum Jenseits wahrlich sehr gering.“ (Sure at-Tawba: 38)

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„Ihr gebt dem diesseitigen Leben den Vorzug, obwohl das Jenseits besser und beständiger ist.“ – (Sure al-Aʿlā: 16–17)

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„Jeder Mensch muss den Tod kosten. Und am Tag der Auferstehung werdet ihr die volle Vergeltung für dieses Leben erhalten. Wer an jenem Tag vor der Strafe der Hölle bewahrt wird und ins Paradies eingeht, der ist wahrlich erfolgreich. Das diesseitige Leben ist nichts als ein Mittel der Täuschung.“ – (Sure Al-i Imran: 185)

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„Diejenigen, die sich selbst Unrecht zugefügt haben, sind damit beschäftigt, den ihnen gewährten Genüssen nachzugehen; und eben diese sind die Schuldigen.“ – (Sure Hud: 116)

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„Sag: In schwerem Verlust befinden sich diejenigen, die sich selbst und ihre eigenen Kinder am Tag der Auferstehung dem Verlust ausgesetzt haben. Das ist wahrlich der wirkliche und offenkundige Verlust.“ – (Sure az-Zumar: 15)

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„Wer sich danach auflehnt und dem diesseitigen Leben den Vorzug gibt, dessen Aufenthaltsort ist die Hölle. Wer hingegen das Auftreten vor seinem Herrn fürchtet und seine eigene Neigung vor der Begierde bewahrt, dessen Aufenthaltsort ist das Paradies.“ – (Sure an-Naziat: 37–41)

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„Wisset, dass das Leben dieser Welt nur Spiel und Zeitvertreib, Prunk und Schönheit, gegenseitiges Prahlen sowie gegenseitiges Übertreffen an Besitz und Kindern ist. Sein Beispiel ist das des Regens: Durch den Regen wachsen die Pflanzen vollständig heran, und der Bauer freut sich darüber. Dann verdorren und vertrocknen sie; du siehst sie gelblich geworden und zu Staub zerfallen. Danach kommt das Leben im Jenseits: Für manche gibt es dort eine strenge Strafe, für andere Vergebung und Wohlgefallen von Allah. Das Leben dieser Welt ist jedoch nur ein trügerisches Mittel.“ – (Sure al-Hadid: 20)

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„Den Menschen ist die Liebe zu Frauen, Kindern, aufgehäuften Mengen von Gold und Silber, gekennzeichneten Pferden, Vieh und Feldern verlockend gemacht worden. Dies sind die Güter und Mittel des Lebens dieser Welt. Doch bei Allah gibt es eine bessere Heimstatt. O Muhammad, sprich: Soll ich euch von etwas Besserem als diesen Gütern berichten? Für diejenigen, die Taqwa besitzen, gibt es bei ihrem Herrn Gärten, unter denen Bäche fließen. Dort werden sie ewig verweilen, reine Gattinnen erhalten und mit Allahs Wohlgefallen gesegnet sein.“ – (Al-i Imran: 14–15)

Diese Lehre, dem Jenseits Vorrang vor dieser Welt zu geben, für den dauerhaften Erfolg im Jenseits vorübergehende Interessen zu opfern und zur Bewahrung vor dem dauerhaften Verlust im Jenseits vorübergehende Einbußen in dieser Welt zu ertragen, wird im Islam mit großer Eindringlichkeit und in ansprechender Weise vermittelt. Ihr Zweck ist, dass ein Mensch, der an den Koran und Muhammad (s.a.w.) glaubt, nicht unter Zwang, sondern aus aufrichtigem innerem Verlangen jede Handlung ausführt, die Allah und der Gesandte (s.a.w.) als Mittel zum Erfolg im Jenseits vorgeschrieben haben. Ebenso wird er alles meiden, was sie beide als Ursache des Verlusts im Jenseits bezeichnet haben, ganz gleich, ob es im Leben dieser Welt als nützlich oder schädlich gilt.

Das Tatenbuch und Allahs Gericht

Was der Heilige Koran den Menschen außerdem nachdrücklich einzuprägen versucht, ist Folgendes: Jede Handlung, die ein Mensch in diesem irdischen Leben begeht – wie verborgen er sie auch ausführen mag –, wird in einer genauen und fehlerlosen Aufzeichnung festgehalten. Am Tag der Auferstehung wird eben diese Aufzeichnung vor Gericht vorgelegt. Jedes Atom, das mit den Handlungen des Menschen verbunden ist, wird über seine Taten Zeugnis ablegen. Ja, sogar seine eigenen Körperglieder werden vor das Gericht treten und gegen ihn aussagen. Darüber hinaus wird sein Tatenbuch oder Verzeichnis seiner Werke äußerst genau gewogen werden. Auf der einen Schale der Waage der Gerechtigkeit werden seine guten Taten liegen und auf der anderen seine schlechten Taten. Wenn die Schale der guten Taten schwerer ist, wird ihn der Erfolg im Jenseits willkommen heißen. Seine Wohnstätte wird das Paradies sein. Wenn jedoch die Schale der schlechten Taten schwerer ist, wird sein Schicksal Zerstörung und Verderben sein, und ihm wird der schlimmste Ort bestimmt: die Hölle. Vor jenem Gericht Allahs wird jeder allein mit seinem eigenen Verzeichnis der Werke erscheinen. Dort werden keine weltlichen Mittel wie Ehre und Ansehen, der Ruhm der Abstammung, Bemühungen und Einflussnahme, Reichtum und Besitz oder Kraft und Fähigkeit ihm von Nutzen sein.

Auch dieses Thema hat der Koran sehr ausführlich und in ansprechender Weise dargelegt. Als Beispiele seien hier einige Verse angeführt:

Über den Zustand des Verzeichnisses der Werke heißt es:

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„Wer von euch heimlich spricht und wer offen spricht, wer sich in der Dunkelheit der Nacht verborgen hält und wer sich im Tageslicht bewegt – ihr beider Zustand ist gleich. Wahrlich, vor ihm und hinter ihm sind Wächter eingesetzt, die auf Allahs Befehl jedes seiner Worte bewahren.“ – (Sure ar-Raʿd: 10–11)

وَوُضِعَ الْكِتَابُ فَتَرَى الْمُجْرِمِينَ مُشْفِقِينَ مِمَّا فِيهِ وَيَقُولُونَ يَا وَيْلَتَنَا مَالِ هَٰذَا الْكِتَابِ لَا يُغَادِرُ صَغِيرَةً وَلَا كَبِيرَةً إِلَّا أَحْصَاهَا ۚ وَوَجَدُوا مَا عَمِلُوا حَاضِرًا ۗ وَلَا يَظْلِمُ رَبُّكَ أَحَدًا

„Wenn das Tatenbuch vorgelegt wird, wirst du sehen, wie die Übeltäter vor dem, was darin geschrieben steht, erschrecken. Sie werden sagen: ‚Wehe uns! Was ist das für ein Buch! Es lässt weder eine kleine noch eine große Sache aus, sondern führt alles vollständig auf.‘ Und sie werden alles, was sie getan haben, vor sich vorfinden.“ – (Sure al-Kahf: 49)

Das Zeugnis der Körperteile und das Bekenntnis des Menschen:

يَوْمَ تَشْهَدُ عَلَيْهِمْ أَلْسِنَتُهُمْ وَأَيْدِيهِمْ وَأَرْجُلُهُمْ بِمَا كَانُوا يَعْمَلُونَ

„An jenem Tag werden ihre eigenen Zungen, ihre Hände und ihre Füße gegen sie Zeugnis über das ablegen, was sie getan haben.“ – (Sure an-Nur: 24)

حَتَّىٰ إِذَا مَا جَاءُوهَا شَهِدَ عَلَيْهِمْ سَمْعُهُمْ وَأَبْصَارُهُمْ وَجُلُودُهُمْ بِمَا كَانُوا يَعْمَلُونَ

وَقَالُوا لِجُلُودِهِمْ لِمَ شَهِدْتُمْ عَلَيْنَا ۖ قَالُوا أَنْطَقَنَا اللَّهُ الَّذِي أَنْطَقَ كُلَّ شَيْءٍ وَهُوَ خَلَقَكُمْ أَوَّلَ مَرَّةٍ وَإِلَيْهِ تُرْجَعُونَ

وَمَا كُنْتُمْ تَسْتَتِرُونَ أَنْ يَشْهَدَ عَلَيْكُمْ سَمْعُكُمْ وَلَا أَبْصَارُكُمْ وَلَا جُلُودُكُمْ وَلَٰكِنْ ظَنَنْتُمْ أَنَّ اللَّهَ لَا يَعْلَمُ كَثِيرًا مِمَّا تَعْمَلُونَ

„Selbst wenn sie dorthin gelangen, werden ihre Ohren, ihre Augen und ihre Haut Zeugnis über ihre Taten ablegen. Sie wird zu ihrer Haut sagen: Warum hast du gegen mich Zeugnis abgelegt? Sie wird antworten: Derjenige, der jedem Ding die Fähigkeit zu sprechen verleiht, hat auch mir die Fähigkeit zu sprechen verliehen. … Ihr habt eure Taten im Verborgenen begangen und nicht gewusst, dass eure eigenen Ohren, Augen und eure Haut über eure Taten Zeugnis ablegen würden. Vielmehr habt ihr geglaubt, dass Allah von vielen eurer Handlungen nichts wisse.“ – (Sure Ha-Mim as-Sajda: 20–22)

 وَشَهِدُوا عَلَىٰ أَنْفُسِهِمْ أَنَّهُمْ كَانُوا كَافِرِيَ

„Sie selbst werden gegen sich bezeugen, dass sie undankbare Diener waren.“ – (Sure al-An’am: 130)

Mit einem solchen Verzeichnis der Taten und diesen Zeugen wird der Mensch vor Allahs Gericht erscheinen. Wie wird dann sein Zustand bei diesem Erscheinen sein? Völlig allein und hilflos wird er vor dem Angeklagtenstand stehen.

وَلَقَدْ جِئْتُمُونَا فُرَادَىٰ كَمَا خَلَقْنَاكُمْ أَوَّلَ مَرَّةٍ وَتَرَكْتُمْ مَا خَوَّلْنَاكُمْ وَرَاءَ ظُهُورِكُمْ ۖ وَمَا نَرَىٰ مَعَكُمْ شُفَعَاءَكُمُ الَّذِينَ زَعَمْتُمْ أَنَّهُمْ فِيكُمْ شُرَكَاءُ ۚ لَقَدْ تَقَطَّعَ بَيْنَكُمْ وَضَلَّ عَنْكُمْ مَا كُنْتُمْ تَزْعُمُونَ

„So wie Wir dich beim ersten Mal erschaffen haben, bist du heute ebenso allein zu Uns gekommen. Alles, was Wir dir gegeben hatten, hast du zurückgelassen.“ – (Sure al-An’am: 94)

Dort wird jeder seine eigene Abrechnung vorlegen:

وَكُلَّ إِنْسَانٍ أَلْزَمْنَاهُ طَائِرَهُ فِي عُنُقِهِ ۖ وَنُخْرِجُ لَهُ يَوْمَ الْقِيَامَةِ كِتَابًا يَلْقَاهُ مَنْشُورًا

اقْرَأْ كِتَابَكَ كَفَىٰ بِنَفْسِكَ الْيَوْمَ عَلَيْكَ حَسِيبًا

„Wir haben jedem Menschen die Aufzeichnung seiner guten und schlechten Taten um den Hals gehängt. Am Tag der Auferstehung werden Wir für ihn ein Buch hervorbringen, das er vor sich aufgeschlagen vorfinden wird. Ihm wird gesagt werden: Lies deine Aufzeichnung! Heute genügst du selbst als Abrechner über dich.“ – (Sure Banī Isrāʾīl: 13–14)

Dort wird der Einfluss und das Ansehen der Abstammung nichts nützen:

لَنْ تَنْفَعَكُمْ أَرْحَامُكُمْ وَلَا أَوْلَادُكُمْ ۚ يَوْمَ الْقِيَامَةِ يَفْصِلُ بَيْنَكُمْ ۚ وَاللَّهُ بِمَا تَعْمَلُونَ بَصِيرٌ

„Am Tag der Auferstehung werden euch eure Stammesbeziehungen und eure Nachkommen keinerlei Nutzen bringen.“ – (Sure al-Mumtaḥana: 3)

Dort wird die Fürsprache nichts bewirken:

 مَا لِلظَّالِمِينَ مِنْ حَمِيمٍ وَلَا شَفِيعٍ يُطَاعُ

„Für die Ungerechten wird es weder einen Freund geben, noch wird die Fürsprache eines Fürsprechers angenommen werden.“ – (Sure al-Muʾmin: 18)

Dort wird es keinen Handel mit Bestechungsgeldern geben:

 يَوْمَ لَا يَنْفَعُ مَالٌ وَلَا بَنُونَ

„An jenem Tag werden weder Reichtum noch Kinder von Nutzen sein.“ – (Sure asch-Schuʿarāʾ: 88)

Die Taten der Menschen werden gewogen, und jedes Atom wird berechnet werden:

وَنَضَعُ الْمَوَازِينَ الْقِسْطَ لِيَوْمِ الْقِيَامَةِ فَلَا تُظْلَمُ نَفْسٌ شَيْئًا ۖ وَإِنْ كَانَ مِثْقَالَ حَبَّةٍ مِنْ خَرْدَلٍ أَتَيْنَا بِهَا ۗ وَكَفَىٰ بِنَا حَاسِبِينَ

„Am Tag der Auferstehung werden Wir genaue Waagen aufstellen. Niemandem wird auch nur im Geringsten Unrecht getan. Und wenn es eine Tat im Gewicht eines Senfkorns ist, werden Wir sie hervorbringen. Und für die Abrechnung sind Wir allein ausreichend.“ – (Sure al-Anbiyāʾ: 47)

Dort werden Frieden und Belohnung allesamt den Taten entsprechend sein:

 الْيَوْمَ تُجْزَوْنَ مَا كُنْتُمْ تَعْمَلُونَ

„Heute wird euch genau das vergolten, was ihr zu tun pflegtet.“ – (Sure al-Dschāthiya: 28)

 وَلِكُلٍّ دَرَجَاتٌ مِمَّا عَمِلُوا

„Jeder wird für das, was er getan hat, einen entsprechenden Rang haben.“ – (Sure al-Anʿām: 132)

Tatsächlich ist diese Furcht vor Polizei und Gericht den Menschen tief eingeprägt worden. Dies ist nicht die Polizei dieser Welt, vor deren Blick ein Mensch sich verbergen könnte. Ebenso ist dies nicht das Gericht dieser Welt, dessen Zugriff ein Mensch entkommen könnte, weil keine Beweise zusammengetragen wurden, falsche Zeugenaussagen beschafft wurden oder unrechtmäßiger Einfluss ausgeübt wurde. Vielmehr überwacht diese Polizei ihn jederzeit und unter allen Umständen. Vor dem Blick der Zeugen dieses Gerichts kann er sich unter keinen Umständen retten. Bei ihm liegt das Protokoll jedes Gedankens und jeder Handlung des Menschen vor. Sein Urteil ist so vollkommen gerecht, dass kein Übeltäter der Strafe und keine gute Tat der Belohnung entgehen kann.

Der Nutzen des Glaubens an das Jenseits

Auf diese Weise hat der Islam den Glauben an das Jenseits zu einem gewaltigen Fundament für seine moralischen Vorschriften und sein Scharia-System gemacht. Darin liegt einerseits ein verstandesmäßiger Antrieb, Tugend und Wohlergehen anzunehmen und sich vor Zerstörung und Untergang zu bewahren; andererseits sind darin die sichere Belohnung für gute Taten und die Furcht vor der sicheren Bestrafung schlechter Taten enthalten. Für ihre Festigkeit und Beständigkeit ist diese Ordnung und dieses System des Islam in keiner Weise auf materielle Macht oder administrative Autorität angewiesen. Vielmehr erweckt er mithilfe des Glaubens an das Jenseits im menschlichen Geist eine gewaltige Kraft des Gewissens. Diese Kraft spornt den Menschen ohne äußere Verlockung und ohne Furcht oder Einschüchterung aus eigenem Antrieb zu jenen guten Taten an, die der Islam im Hinblick auf ihre endgültigen Folgen als gute Taten bezeichnet hat. Ebenso gibt sie ihm den Antrieb, sich vor jenen schlechten Taten zu bewahren, die der Islam im Hinblick auf ihre endgültigen Folgen als schlechte Taten festgelegt hat.

Beim Blick in den Erhabenen Koran wird man feststellen, dass dieses Bewusstsein an verschiedenen Stellen dazu verwendet wird, moralische Ideale zu lehren. Unmittelbar nachdem den Menschen Gottesfurcht und Frömmigkeit geboten wird, heißt es: وَاتَّقُوا اللَّهَ وَاعْلَمُوا أَنَّكُمْ مُلَاقُوهُ „Fürchtet Allah und wisst, dass ihr vor Ihm erscheinen müsst.“ – (Sure al-Baqara: 223). Zugleich mit der Ermutigung zur Selbstaufopferung auf Allahs Weg wird auch die Gewissheit vermittelt, dass ihr, wenn ihr sterbt, in Wahrheit nicht sterben werdet, sondern ewiges Leben erlangen werdet. وَلَا تَقُولُوا لِمَنْ يُقْتَلُ فِي سَبِيلِ اللَّهِ أَمْوَاتٌ ۚ بَلْ أَحْيَاءٌ وَلَٰكِنْ لَا تَشْعُرُونَ – (Sure al-Baqara: 154). Im Zusammenhang mit der Ermahnung, in Not und Leid Geduld zu bewahren, wird außerdem gesagt, dass Allah für die Geduldigen unerschöpfliche Barmherzigkeit und Gnade bereithält:

أُولَٰئِكَ عَلَيْهِمْ صَلَوَاتٌ مِنْ رَبِّهِمْ وَرَحْمَةٌ

Mutlosigkeit und Tapferkeit wurden auf diese Weise geweckt:

قَالَ الَّذِينَ يَظُنُّونَ أَنَّهُمْ مُلَاقُو اللَّهِ كَمْ مِنْ فِئَةٍ قَلِيلَةٍ غَلَبَتْ فِئَةً كَثِيرَةً بِإِذْنِ اللَّهِ

„Diejenigen, die daran dachten, vor Allah erscheinen zu müssen, sagten: ‚Eine kleine Schar wird durch Allahs Erlaubnis eine große Streitmacht besiegen.‘“ – (Sure al-Baqara: 249)

Die Kraft, den schwierigsten Gefahren standhaft entgegenzutreten, wurde ihnen mit diesen Worten verliehen:

نَارُ جَهَنَّمَ أَشَدُّ حَرًّاۚ „Das Feuer der Hölle ist weitaus heißer als die Hitze dieser Welt.“ (Sure at-Tauba: 81)

Zum Ausgeben von Vermögen für gute Werke wurde mit diesen Worten angespornt:

 وَمَا تُنْفِقُوا مِنْ خَيْرٍ يُوَفَّ إِلَيْكُمْ وَأَنْتُمْ لَا تُظْلَمُونَ

„Ihr werdet die volle Vergeltung für alles erhalten, was ihr spendet, und euch wird nicht im Geringsten Unrecht getan werden.“ – (Sure al-Baqara: 172)

Um von Geiz abzuhalten, heißt es:

 وَلَا يَحْسَبَنَّ الَّذِينَ يَبْخَلُونَ بِمَا آتَاهُمُ اللَّهُ مِنْ فَضْلِهِ هُوَ خَيْرًا لَهُمْ ۖ بَلْ هُوَ شَرٌّ لَهُمْ ۖ سَيُطَوَّقُونَ مَا بَخِلُوا بِهِ يَوْمَ الْقِيَامَةِ

„Diejenigen, die geizen mit dem, womit Allah sie aus Seiner Gunst reich gemacht hat, sollen nicht meinen, dies sei gut für sie; vielmehr ist es äußerst schlecht für sie. Das Vermögen, mit dem sie geizen, wird ihnen am Tag der Auferstehung als Fessel um den Hals gelegt werden.“ – (Sure Al-i-Imran: 180)

Vom Zinsgeschäft wird mit den Worten abgehalten:تُرْجَعُونَ فِيهِ إِلَى اللَّهِ„Fürchtet den Tag, an dem ihr zu Allah zurückkehren werdet.“ – (Sure al-Baqara: 281)

Auf diese Weise wird gelehrt, sich nicht unbekümmert nach den Gütern dieser Welt zu sehnen und angesichts des Wohlstands der Übeltäter nicht neidisch zu werden:

لَا يَغُرَّنَّكَ تَقَلُّبُ الَّذِينَ كَفَرُوا فِي الْبِلَادِ مَتَاعٌ قَلِيلٌ ثُمَّ مَأْوَاهُمْ جَهَنَّمُ ۚ وَبِئْسَ الْمِهَادُ لَٰكِنِ الَّذِينَ اتَّقَوْا رَبَّهُمْ لَهُمْ جَنَّاتٌ تَجْرِي مِنْ تَحْتِهَا الْأَنْهَارُ خَالِدِينَ فِيهَا نُزُلًا مِنْ عِنْدِ اللَّهِ ۗ وَمَا عِنْدَ اللَّهِ خَيْرٌ لِلْأَبْرَارِ

„O Prophet, lass dich nicht dadurch täuschen, dass sich die Allah ungehorsamen Menschen in den Ländern der Welt bewegen. Das ist nur der Genuss eines vergänglichen Lebens. Danach werden alle in eine Hölle gehen, die die schlimmste Wohnstätte ist. Diejenigen hingegen, die in Furcht vor ihrem Herrn leben, werden Gärten haben, unter denen Flüsse strömen. In diesen Gärten werden sie ewig verweilen. Dies ist ihre Bewirtung von Allah. Und was bei Allah ist, ist für die rechtschaffenen Diener am besten.“ – (Sure Al Imran: 196–198)

 

8.

Die Bedeutung des Iman in der islamischen Kultur

Eine Gesamtbetrachtung der Glaubensinhalte

Die fünf Themen des Iman sind ausführlich erörtert worden. Dabei wurden hinsichtlich jedes einzelnen Themas dessen umfassende Auffassung im Islam, sein intellektueller Rang nach Maßgabe einwandfreier Kriterien, sein Einfluss auf den menschlichen Charakter und seine Rolle beim Aufbau der Grundlagen der Kultur deutlich aufgezeigt. Nun gilt es, den Iman als Ganzes zu betrachten.

In den ersten Kapiteln dieses Buches wurde dargelegt, dass der Grundstein der islamischen Kultur in einer besonderen Auffassung vom irdischen Leben besteht. Diese besagt, dass die Stellung des Menschen in dieser Welt nicht der eines gewöhnlichen erschaffenen Wesens gleicht; vielmehr wurde er als Stellvertreter des Herrn der Welten hierhergesandt. Vor diesem Hintergrund wird es als eine vernünftige Schlussfolgerung zum natürlichen Ziel des menschlichen Lebens, die Zufriedenheit seines Schöpfers und Herrn zu erlangen. Um dieses Ziel zu erreichen, ist Folgendes erforderlich:

Erstens: eine genaue Kenntnis Allahs zu erlangen.

Zweitens: allein Allah als denjenigen anzuerkennen, der Gebote und Verbote erlässt, Gesetze und Vorschriften gibt und als Einziger Anbetung und Gehorsam verdient, und alle eigenen Kräfte und Befugnisse vollständig der göttlichen Gesetzgebung zu unterwerfen.

Drittens: die besonderen Wege und Methoden kennen, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen.

Viertens: über den Nutzen des Erlangens von Allahs Wohlgefallen und die Folgen seines Missfallens Bescheid wissen, damit sich niemand durch die unvollständigen Ergebnisse des irdischen Lebens täuschen lässt.

Tatsächlich erfüllen die fünf zuvor ausführlich erörterten Glaubensüberzeugungen genau dieses grundlegende Bedürfnis.

Alles, was im Koran über Allahs Wesen und Eigenschaften dargelegt wird, verfolgt den Zweck, dass der Mensch ein fehlerfreies Wissen über jene erhabene Wesenheit erlangt, von der er als ihr Stellvertreter auf die Erde gesandt wurde und deren Wohlgefallen zu erlangen das höchste Ziel seines Lebens ist. Ebenso dient alles, was über die Engel gesagt wird, dem Zweck, dass der Mensch keine der wirkenden Kräfte in der Natur als Herrn ansieht und neben Allah niemanden zu seinem Teilhaber an der Herrschaft erklärt. Die Bedeutung des Glaubens an Allah nach dem Erwerb eines solchen fehlerfreien Wissens besteht darin, dass der Mensch, so wie Allahs uneingeschränkte Herrschaft über das Universum und sogar über die unbewusste Seite des menschlichen Lebens besteht, auch auf der bewussten und willentlichen Seite des Lebens allein Allahs Herrschaft anerkennt. In jeder Angelegenheit wird er Allah allein als Gesetzgeber und sich selbst als Befolger dieses Gesetzes erkennen. Seine eigene Macht und Verfügungsgewalt wird er den von Allah festgelegten Grenzen unterordnen. Tatsächlich kann nur eine solche Kraft des Īmān den Menschen dazu bewegen, sich freiwillig und bereitwillig vor Allahs Herrschaft und Autorität zu verbeugen. Dadurch entsteht im Mard-e-Mu’min eine besondere Art von Gewissen und bildet sich ein besonderer Charakter heraus – etwas, das Allahs Gesetzesordnung nicht erzwingt, aber für freiwilligen Gehorsam unerlässlich ist.

Das dritte Bedürfnis wird durch den Glauben an das Prophetentum und an das Buch erfüllt. Durch diese beiden erlangt der Mensch umfassendes Wissen über die von Allah für ihn festgelegten Gesetze, Vorschriften und Ordnungen. Durch diese beiden kann der Mensch die Grenzen erkennen, denen Allah seine Macht und Verfügungsgewalt unterworfen hat. Īmān bi-r-Risālat und Īmān bil-Kitāb bedeuten, die Lehre des Gesandten als Allahs Lehre und das von ihm vorgelegte Buch als Allahs Buch anzusehen. Erst durch die Kraft dieses Glaubens kann im Menschen die Fähigkeit entstehen, die durch Allahs Gesandten und Sein Buch aufgezeigten Ordnungen, Gesetze, Vorschriften und Gebräuche mit Festigkeit und Entschlossenheit zu befolgen.

Zur Erfüllung des vierten oder letzten Bedürfnisses dient das Wissen über das Jenseits. Dadurch wird der Blick des Menschen so geschärft, dass er hinter der äußeren Erscheinung dieses irdischen Lebens die Existenz einer eigenständigen Welt erkennt. Ihm wird deutlich, dass Wohl und Wehe sowie Nutzen und Schaden dieser Welt kein Maßstab für Allahs Wohlgefallen und Missfallen sind. Der Nutzen und Schaden der Taten, die Allah bestimmt, erschöpfen sich nicht in dieser Welt; vielmehr werden ihr endgültiges Urteil und ihre endgültigen Folgen in einer eigenständigen Welt verkündet. Und dieses Urteil wird vollkommen fehlerfrei und zuverlässig sein. Um in diesem Urteil Erfolg und Glückseligkeit zu erlangen, gibt es in dieser Welt nur einen Weg: die göttliche Gesetzesordnung fehlerfrei zu befolgen und die von Ihm festgelegten Grenzen vollständig zu wahren. Die feste Überzeugung von diesem Wissen und Glauben wird Īmān bil-Āchira oder der Glaube an das Jenseits genannt. Tatsächlich ist dies nach dem Īmān billāh die wirksamste Kraft, um den Menschen zur Befolgung der islamischen Gesetze und Vorschriften anzuspornen. Auch dafür, den Menschen geistig zu befähigen und zu stärken, die islamische Kultur anzunehmen, spielt diese Überzeugung eine außerordentlich große Rolle.

Aus dieser Erörterung ist deutlich hervorgegangen, dass die grundlegenden Glaubensüberzeugungen, um die es hier geht, die Organisation und das Fundament der Kultur genau entlang jener Linien geschaffen haben, die die zuvor dargelegte besondere Auffassung des Islams vom irdischen Leben und sein bestimmtes Ziel vorgezeichnet hatten. Die grundlegenden Überzeugungen, die eine solche Kultur in intellektueller Hinsicht benötigt, können aus diesen fünf Punkten bestehen. Keine andere Überzeugung besitzt die Eignung, das Fundament einer Kultur dieser besonderen Art zu bilden. Denn keine andere Überzeugung steht mit dieser besonderen Auffassung vom Leben und diesem Ziel in Einklang.

Die Struktur der islamischen Kultur

Wenn man die obige ausführliche Erörterung über den Iman, das heißt die Glaubenslehre des Islam, betrachtet, tritt vor uns ein vollständiges Bild der auf dieser Grundlage errichteten Kultur hervor. Ihre hervorstechenden Merkmale sind folgende:

Erstens: Die Ordnung dieser Kultur gleicht der Ordnung eines Königreichs. Allahs Stellung besteht darin nicht, wie es der allgemeinen religiösen Auffassung entspricht, lediglich in der eines „Gegenstands der Anbetung“. Vielmehr ist Er nach weltlicher Auffassung auch der höchste Herrscher. In Wahrheit ist Er der König und Kaiser dieses gewaltigen Reiches. Der Gesandte ist Sein Stellvertreter. Der Koran ist Sein Gesetzbuch. Wer Seine Königsherrschaft anerkennt, Seinem Stellvertreter gehorcht und Seinem Gesetzbuch folgt, ist ein Untertan dieses Reiches. Muslim zu sein bedeutet, dass man die von jenem König durch Seinen Stellvertreter und Sein Gesetzbuch festgelegten Gesetze anerkennen muss – unabhängig davon, ob ihre Umsetzung und ihre Weisheit verständlich sind oder nicht –, ohne Einwände zu erheben. Wer nicht bereit ist, Allahs höchste Macht und Seine Gesetzgebung über persönliche und gesellschaftliche Entscheidungen zu stellen, und sich das Recht vorbehält, Seine Gebote zu befolgen oder nicht zu befolgen, für den gibt es in diesem Reich keinen noch so kleinen Platz.

Zweitens: Das Hauptziel dieser Kultur besteht darin, den Menschen auf den endgültigen Erfolg vorzubereiten – das heißt darauf, im Jenseits durch die Erlangung der Zufriedenheit des Herrn der Welten gesegnet zu werden. Ihrer Auffassung nach hängt das Erreichen dieses Erfolgs vom einwandfreien Verhalten des Menschen im gegenwärtigen Leben ab. Welche Handlungen im Hinblick auf das endgültige Ergebnis nützlich und welche schädlich sind, vermag der Mensch jedoch nicht zu erkennen; vielmehr weiß Allah, der im Jenseits das Urteil fällt, darüber am besten Bescheid. Deshalb fordert diese Kultur den Menschen auf, in allen Lebensbereichen dem von Allah gewiesenen Weg zu folgen und seine Handlungsfreiheit durch die göttliche Scharia zu begrenzen und zu lenken. Ebenso stellt diese Kultur eine großartige Verbindung von Din und Dunya, von Religion und Welt, dar. Im herkömmlichen engen Sinn kann sie nicht einfach als „Religion“ bezeichnet werden. Sie ist vielmehr eine umfassende Lebensordnung, die sich über das Denken und Vorstellen, die Wesensart und den Charakter, das Verhalten, die familiären Tätigkeiten, die gesellschaftlichen Aktivitäten, das politische Handeln, die Zivilisation und das gesellschaftliche Leben des Menschen erstreckt. Die Gesamtheit der Methoden und Gesetze, die Allah für all diese Bereiche bestimmt hat, wird „Din al-Islam“ oder „islamische Kultur“ genannt.

Drittens: Diese Kultur ist keine nationale, im geografischen oder sprachlichen Sinn staatliche oder stammesbezogene Kultur. Im eigentlichen Sinn ist sie vielmehr eine menschliche Kultur. Sie richtet ihren Ruf an den Menschen allein als Menschen. Jeden, der an Tawhid, Risala, das Kitab und das Jenseits glaubt, nimmt sie in ihren Kreis auf. Auf diese Weise bildet diese Kultur eine weltweite, großzügige Gemeinschaft, in die alle Menschen ungeachtet ihrer Rasse, ihres Stammes oder ihrer Sprache eintreten können. Sie besitzt die einzigartige Fähigkeit, sich über die ganze Welt auszubreiten. Sie ist auch fähig, alle Kinder Adams durch ein und dasselbe gemeinschaftliche Band zu verbinden und sie alle zu Anhängern derselben Kultur zu machen. Doch ihr eigentliches Ziel bei der Begründung dieser weltweiten menschlichen Bruderschaft besteht nicht bloß darin, die Zahl ihrer eigenen Anhänger zu vermehren. Ihr vorrangiges Ziel ist vielmehr, die gesamte Menschheit an den Früchten des vollkommenen Wissens und der richtigen Lebensordnung teilhaben zu lassen, die der Herr der Menschheit zu ihrem Wohl und ihrem Nutzen gegeben hat. Deshalb stellt sie als erste Bedingung für die Aufnahme in diese Bruderschaft den Iman auf und wählt zugleich nur diejenigen für diese Gemeinschaft aus, die bereit sind, sich Allahs höchster Macht zu unterwerfen und die von Allahs Gesandtem und Seinem Kitab festgelegten Grenzen und Gesetze einzuhalten. Denn nur solche Menschen – seien es auch noch so wenige – können sich in diese kulturelle Ordnung einfügen, und nur durch sie kann eine richtige und gefestigte Lebensordnung errichtet werden. Dass Ungläubige, Heuchler oder Menschen mit schwachem Glauben in dieser Ordnung einen Platz finden, ist kein Zeichen ihrer Stärke, sondern ihrer Schwäche.

Viertens: Neben ihrer Grenzenlosigkeit und Weltumfassendheit ist ein bemerkenswertes Merkmal dieser Kultur ihre strenge Disziplin und ihr starkes Band. Dadurch macht sie ihre Anhänger sowohl in persönlicher als auch in gesellschaftlicher Hinsicht den eigenen Gesetzen gehorsam. Der Grund dafür ist, dass sie noch vor der Gesetzgebung und der Festlegung von Grenzen für die Befolgung der Gesetze und die Wahrung dieser Grenzen sorgt. Mit anderen Worten: Noch bevor sie Befehle erteilt, stellt sie sicher, dass diese Befehle ausgeführt werden. Deshalb lässt sie den Menschen zunächst Allahs Herrschaft und Autorität anerkennen. Dann versichert sie ihm, dass die durch den Gesandten und das Kitab gegebene Ordnung Allahs eigene Ordnung ist und dass ihr zu gehorchen genau Allah zu gehorchen bedeutet. Außerdem setzt sie in seinem Inneren einen wachsamen Wächter ein. Dieser spornt ihn jederzeit und unter allen Umständen zur Befolgung der göttlichen Ordnung an, tadelt ihn für ihren Ungehorsam und warnt ihn vor der Strafe im Jenseits. Wenn auf diese Weise diese wirksame Kraft im Herzen und Gewissen jedes Einzelnen fest verankert und unter den Anhängern die Fähigkeit geschaffen worden ist, freiwillig und bereitwillig die Gesetze zu befolgen, die Vorschriften und Verbote einzuhalten und sich mit guten Eigenschaften zu schmücken, legt sie ihnen erst danach ihre eigene Gesetzgebung vor, bestimmt den Rahmen ihres Handelns, gestaltet ihre Lebensweise und fordert von ihnen für die Verwirklichung ihres eigenen Ziels immer größere Opfer. In Wahrheit ist dies eine äußerst wissenschaftliche Vorgehensweise; eine umsichtigere Methode ist kaum denkbar. Durch dieses Verfahren hat die islamische Kultur einen gewaltigen Einfluss und eine große Autorität erlangt, die keine andere Kultur erreichen konnte.

Fünftens: Vom weltlichen Standpunkt aus will diese Kultur eine vollkommene Gesellschaftsordnung errichten und eine aufrichtige und reine Gemeinschaft (Gesellschaft) aufbauen. Eine solche Gesellschaft kann jedoch nicht entstehen, solange ihre Mitglieder nicht mit vorzüglichem Charakter und guten Eigenschaften geschmückt sind. Deshalb ist es unbedingt erforderlich, den persönlichen Charakter ihrer Mitglieder zu verbessern, damit sich in ihnen ein gefestigter Charakter entwickelt, durch den sie ganz selbstverständlich gute Taten einüben. Tatsächlich hat der Islam in seiner kulturellen Ordnung dieser Regel uneingeschränkt Rechnung getragen. Zur Schulung der Menschen verankert der Islam zunächst den Iman und den Glauben tief in ihnen, denn dies ist der einzige Weg, in ihnen einen starken Charakter von hohem Rang zu schaffen. Durch die Kraft dieses Imans entwickelt er in den Menschen Wahrhaftigkeit, Treue, guten Charakter, Selbstbildung, Liebe zur Wahrheit, Selbstbeherrschung, Organisationsfähigkeit, Freigebigkeit, Weitblick, Selbstachtung, Demut und Bescheidenheit, Streben nach hohen Zielen, edlen Mut, Opferbereitschaft, Pflichtbewusstsein, Geduld, Entschlossenheit, Tapferkeit, Selbstzufriedenheit, Gehorsam gegenüber den Führenden, Gesetzestreue und viele andere vorzügliche Eigenschaften. Zugleich befähigt er sie in entsprechender Weise dazu, dass aus ihrer Vereinigung als natürliche Folge eine vorzügliche Gemeinschaft entsteht.

Sechstens: Im Īmān, also im Glaubensbekenntnis dieser Kultur, liegen einerseits alle Kräfte, die geeignet sind, edle Charaktereigenschaften und gute Tugenden hervorzubringen, sie zu pflegen und zu bewahren. Andererseits sind in ihm auch Kräfte enthalten, die den Menschen dazu befähigen, die weltlichen Mittel und Möglichkeiten bestmöglich zu nutzen und die von Allah verliehenen Kräfte ausgewogen einzusetzen. Darüber hinaus ist es gerade dieses Glaubensbekenntnis, das im Menschen die hervorragenden Eigenschaften hervorbringt, die für den wirklichen Fortschritt der Welt erforderlich sind. In ihm liegt eine gewaltige Kraft, die menschliche Tatkraft zu bündeln und planvoll einzusetzen. Zugleich enthält es die Kraft, diese Tatkraft daran zu hindern, ihre Grenzen zu überschreiten und vom Weg des wahren Wohlergehens abzuweichen. Auf diese Weise sind in der islamischen Glaubenslehre all jene Eigenschaften, die in anderen religiösen und weltlichen Überzeugungen jeweils getrennt voneinander zu finden sind, vereint und in vollkommener Form vorhanden. Und von all jenen Verfälschungen, die in verschiedenen religiösen und weltlichen Überzeugungen zu beobachten sind, ist diese Glaubenslehre völlig frei.

Die Bedeutung des Īmān in der islamischen Kultur

Dies ist ein kurzer Abriss der gefestigten Kultur des Islam. Wenn wir sie beispielsweise als ein Bauwerk betrachten, müssen wir sagen: Um dieses Bauwerk zu festigen, wurde sein Fundament tief in den Boden gegraben. Danach wurden nach sorgfältiger Auswahl besonders feste Ziegel dafür beschafft und mit hochwertigem Zement vermauert. Anschließend wurde das Bauwerk so prächtig errichtet, dass es sich in der Höhe bis zum Himmel erhebt und sich in der Breite bis zum Horizont erstreckt. Doch trotz dieser gewaltigen Breite und Höhe geraten seine Mauern und Säulen nicht im Geringsten ins Wanken, sondern stehen unbeweglich wie Berge. Die Türen und Fenster dieses Bauwerks wurden so angelegt, dass Licht von außen und reine Luft ungehindert schön in sein Inneres eindringen können, Staub, Sand, Unrat und verdorbene Luft jedoch überhaupt keinen Zutritt erhalten. All diese Eigenschaften und Vorzüge des besprochenen Bauwerks sind durch eine einzige Sache entstanden, nämlich durch den Īmān. Er allein hat sein Fundament gefestigt. Er allein hat unbrauchbare und untätige Bestandteile ausgeschieden und hochwertige Bestandteile aufgenommen. Er allein hat aus roher Erde gebrannte, feste Ziegel hergestellt. Von ihm hängen die Breite, die Höhe und die Festigkeit des Bauwerks ab; er hat ihm nicht nur Breite, Höhe und Festigkeit verliehen, sondern es auch vor äußerem Schaden geschützt und allen möglichen reinen und unschuldigen Dingen den Zutritt ermöglicht. Daher ist der Īmān gleichsam die Seele dieses Bauwerks. Ohne ihn könnte es nicht nur nicht bestehen, sondern überhaupt nicht errichtet werden. Ist er hingegen schwach, so bedeutet das, dass das gesamte Fundament des Bauwerks schwach, seine Ziegel ungebrannt, sein Kalk und Zement mangelhaft, seine Säulen schwankend und seine Mauern nicht fest gefügt sind. Ihm fehlt jede Fähigkeit zu Breite und Höhe. Ihm fehlt die Kraft, äußeren Schaden abzuwehren und die eigenen reinen und unschuldigen Dinge zu schützen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Das Fehlen des Īmān kommt dem Fehlen des Islam selbst gleich. Ebenso ist seine Schwäche die Schwäche des Islam, und seine Stärke ist gleichbedeutend mit dessen Stärke. Da der Islam nicht bloß eine Religion ist, sondern eine Verbindung von Zivilisation, Kultur, Moral, gesellschaftlichem Leben, Politik und allem Übrigen, ist die Bedeutung des Īmān hier nicht lediglich die einer religiösen Ordnung; vielmehr hängen das gesamte sittliche Verhalten und die Lebensweise der Menschen vollständig von ihm ab. Er ist die wichtigste Grundlage für die Gesundheit und Lauterkeit ihres gegenseitigen Handelns. Er vereint sie und macht sie zu einer Nation. Er gewährleistet die Sicherheit ihrer Nationalität und ihrer Kultur. Er ist der eigentliche Lebensnerv ihrer Zivilisation, ihres gesellschaftlichen Lebens und ihrer Politik. Ohne ihn kann der Islam nicht nur nicht als bloße „Religion“ bestehen, sondern auch nicht als Zivilisation, Kultur und Staatsordnung begründet werden. Wenn der Īmān schwach wird, kann man dies nicht lediglich als eine Schwäche des religiösen Glaubens bezeichnen; vielmehr bedeutet es, dass das sittliche Leben der Muslime schlecht geworden ist, ihre Charaktereigenschaften schwach geworden sind, ihr gegenseitiges Handeln verdorben ist, ihre Zivilisation und ihre Gesellschaftsordnung zusammengebrochen sind, das Band ihrer Nationalität zerrissen ist und sie unfähig geworden sind, als eine freie, geachtete und starke Nation zu leben. Gerade aus diesem Grund wurde im islamischen System der Īmān zum Maßstab für die Unterscheidung zwischen Islam und Kufr gemacht. Wenn ein Mensch den Īmān annimmt, tritt er in die muslimische Gemeinschaft ein; er wird an der Zivilisation, am gesellschaftlichen Leben und an der Politik der Muslime gleichberechtigt beteiligt, und sämtliche Sitten, Bräuche und Gesetze werden für ihn verbindlich. Nimmt er den Īmān jedoch nicht an, kann er keineswegs in den Bereich des Islam eintreten. Er kann sich der Gemeinschaft des Islam unter keinen Umständen anschließen. Denn in diesem System ist es für ihn völlig unmöglich, sich einzufügen. Seine Gesetze, Regeln und Ordnungen kann er keineswegs befolgen.

Die Gefahr der Heuchelei

Der Fall derjenigen, die die Einladung zum Īmān offen zurückweisen, ist klar. Zwischen ihnen und den Muslimen besteht eine ganz deutliche und unüberwindbare Grenze zwischen Kufr und Īmān. Indem sie diese Grenze überschreiten und in den Islam eintreten, können sie niemals Schaden anrichten. Doch diejenigen, die, ohne Muʾmin zu sein, den Īmān für sich beanspruchen und sich in die Reihen der Muslime eingeschlichen haben, in deren Herzen die Krankheit des Zweifels verborgen liegt oder deren Glaube äußerst schwach ist, stellen für das islamische System eine höchst gefährliche Existenz dar. Denn obwohl sie in den Bereich des Islam eingetreten sind, haben sie den islamischen Charakter und die islamische Lebensweise nicht angenommen. Sie haben weder die islamischen Gesetze befolgt noch die Gebote Allahs bewahrt; vielmehr verderben sie durch ihren verdorbenen Charakter und ihr Verhalten auch die Zivilisation und Kultur der Muslime, reißen mit Hilfe ihrer seelischen Krankheit die Wurzeln der nationalen Einheit und der politischen Ordnung der Muslime heraus und beteiligen sich aktiv daran, innerhalb und außerhalb des Islam allerlei Fitna gegen ihn zu schüren. Im Heiligen Koran werden gerade solche Menschen als Munāfiqūn oder Heuchler bezeichnet, und auch die Fitna, die durch ihr Eindringen in die muslimische Gesellschaft entsteht, wird dort ausführlich erwähnt.

Das Kennzeichen dieser Menschengruppe ist, dass sie zwar den Īmān für sich beansprucht, in Wirklichkeit jedoch nicht gläubig ist:

———— Arabischer Text ——————-

„Sie sagen: Wir glauben an Allah und an das Jenseits, doch sie sind keine Gläubigen.“ – (Sure al-Baqara: 8)

Mit den Muslimen sprechen sie wie Muslime und mit den Ungläubigen wie Ungläubige:

———— Arabischer Text ——————-

„Wenn sie gläubige Menschen treffen, sagen sie: Wir haben geglaubt; wenn sie jedoch zu ihren Teufeln gehen, sagen sie: Wir stehen gewiss auf eurer Seite.“ – (Sure al-Baqara: 14)

Sie verspotten das göttliche Wort und führen die Menschen in die Irre, indem sie unter ihnen Zweifel verbreiten:

———— Arabischer Text ——————-

„Wenn ihr seht, dass sie die Zeichen Allahs leugnen und verspotten, dann setzt euch nicht zu ihnen.“ – (Sure an-Nisa: 140)

Sie scheuen davor zurück, religiöse Pflichten zu erfüllen, und selbst wenn sie sie erfüllen, tun sie dies nur widerwillig und um sich den Muslimen zu zeigen; im Grunde jedoch sind ihre Herzen äußerst abgeneigt, Allahs Geboten zu gehorchen:

———— Arabischer Text ——————-

„Wenn sie zum Gebet aufstehen, tun sie dies nur widerwillig und nur, um den Menschen etwas vorzuzeigen; Allah aber gedenken sie kaum. Und selbst wenn sie Seiner gedenken, dann nur sehr wenig. Sie schwanken dazwischen; sie gehören weder ganz zu dieser noch ganz zu jener Seite.“ – (Sure an-Nisāʾ: 142–143)

———— Arabischer Text ——————-

„Sie kommen nur widerwillig zum Gebet und geben nur widerwillig auf Allahs Weg aus.“ – (Sure at-Tauba: 54)

———— Arabischer Text ——————-

„Unter den Beduinen gibt es manche, die das Ausgeben eines Teils ihres Besitzes auf Allahs Weg als eine verpflichtende Geldstrafe betrachten.“ – (Sure at-Tauba: 98)

Sie behaupten zwar, dem Islam anzugehören, befolgen aber nicht das islamische Recht; vielmehr folgen sie in ihren eigenen Angelegenheiten den Gesetzen des Unglaubens:

———— Arabischer Text ——————

„Hast du nicht jene Menschen gesehen, die behaupten, an dich und an das vor dir herabgesandte Buch zu glauben, aber ihre Angelegenheiten vor satanische Richter bringen wollen, obwohl ihnen befohlen wurde, seinem Befehl (dem der satanischen Macht) nicht zu gehorchen?“ – (Sure an-Nisa: 60)

Sie verderben nicht nur ihr eigenes Verhalten und ihre eigenen Taten, sondern bemühen sich auch, die Glaubensüberzeugungen und Handlungen der Muslime zu verderben:

————- Arabische Schrift —————–

„Sie gebieten (den Menschen) das Schlechte, halten sie vom Guten ab und halten ihre Hände vom Guten zurück. Sie haben Allah vergessen, und deshalb hat auch Allah sie vergessen.“ – (Sure at-Tauba: 67)

————– Arabische Schrift ——————-

„Sie wünschen, dass auch ihr ungläubig werdet, so wie sie ungläubig geworden sind, damit ihr und sie gleich wäret.“ – (Sure an-Nisa: 89)

Sie bleiben nur so lange bei den Muslimen, wie sie eigene Interessen haben. Wo keine oder nur geringe eigene Interessen vorhanden sind, verlassen sie die Gemeinschaft der Muslime.

————– Arabische Schrift —————

„Manche von ihnen verspotten dich wegen der Verteilung der Almosen; wenn ihnen ein Anteil davon gegeben wird, sind sie zufrieden, und wenn ihnen nichts gegeben wird, werden sie ungehalten.“ – (Sure at-Tauba: 58)

Wenn auf diese Weise Gefahr über den Islam und die Muslime hereinbricht, weigern sie sich, zu kämpfen; da sie keinerlei wirkliche Liebe zum Islam empfinden, sind sie nicht bereit, für ihn irgendein Opfer zu bringen, und sie erwarten auch keine Belohnung für ein solches Opfer. Sie glauben nicht einmal an die Wahrheit des Islam; deshalb sind sie nicht bereit, für seine Sache ihr Leben einzusetzen. Auf vielerlei Weise versuchen sie, dem Kampf fernzubleiben und ihr eigenes Leben zu retten. Und selbst wenn sie gelegentlich am Kampf teilnehmen, tun sie dies nur äußerst widerwillig. Dadurch wird ihre Teilnahme für die Muslime eher zu einer Ursache der Schwäche als der Stärke. Dieser ihr Zustand wird in Sure Al-i Imran (Ruku: 12–17), Sure an-Nisa (Ruku: 10, 11, 12, 20), Sure at-Tauba (Ruku: 7, 11, 12) und Sure al-Ahzab (Ruku: 2) ausführlich beschrieben.

Ihr verhängnisvollstes Kennzeichen ist, dass sie sich, wenn großes Unheil über die Muslime hereinbricht, auf die Seite der Ungläubigen schlagen. Sie versorgen sie mit Informationen über das Innere der muslimischen Gemeinschaft. Sie bekunden ihnen ihr Mitgefühl. Über das Unglück der Muslime freuen sie sich. Sie verraten ihr eigenes Volk und erlangen von den Ungläubigen Vorteile und Ansehen. Bei jeder gegen den Islam gerichteten Fitna treten sie vor und nehmen daran teil. Und sie schmieden fortwährend Pläne, um Uneinigkeit und Unordnung in den Reihen der Muslime zu stiften. Auch dieses Kennzeichen wird in Al-i Imran, an-Nisa, at-Tauba, al-Ahzab und al-Munafiqun ausführlich beschrieben.

Daraus lässt sich sehr wohl erkennen, dass ein reiner, unfehlbarer und wahrer Glaube für die Errichtung, den Fortbestand und die Festigung der islamischen Lebensordnung unerlässlich ist. Die Schwäche des Glaubens macht diese gesamte Ordnung von ihren tiefsten Wurzeln bis zu ihren Zweigen inhaltsleer. Vor ihren verheerenden Auswirkungen kann sich nichts schützen: weder Zivilisation noch Kultur, Moral, gesellschaftliches Leben oder Politik.

 

9

Das Leben im Jenseits

Gibt es nach dem Tod ein Leben? Und wenn ja, was für ein Leben ist es? Diese Frage liegt grundsätzlich außerhalb der Grenzen unseres Wissens und Verstandes. Denn wir besitzen keine Augen, mit denen wir einen Blick darauf werfen könnten, was jenseits der Grenze des Todes ist oder nicht ist. Wir haben keine Ohren, mit denen wir irgendeine Stimme von dort drüben hören könnten. Ja, wir verfügen nicht einmal über ein Instrument, mit dem wir mit Gewissheit feststellen könnten, ob es dort überhaupt etwas gibt. Vom Standpunkt der Wissenschaft aus betrachtet liegt diese Frage daher vollständig außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. Wer unter Berufung auf die Wissenschaft das Leben nach dem Tod leugnet, äußert zweifellos etwas Unwissenschaftliches. Aus wissenschaftlicher Sicht kann man ebenso wenig sagen, dass es dort ein Leben gibt, wie man sagen kann, dass es dort kein Leben gibt. Solange wir daher keine sichere Erkenntnisquelle darüber gefunden haben, könnte die wirklich wissenschaftliche Haltung darin bestehen, das jenseitige Leben weder anzuerkennen noch zu leugnen.

Aber kann man diese wissenschaftliche Haltung im praktischen Leben einnehmen? Keineswegs. Aus intellektueller Sicht mag es möglich sein, über eine Sache weder ein negatives noch ein positives Urteil zu fällen, solange die Mittel und Möglichkeiten, sie zu erkennen, nicht vollständig in unserer Verfügung stehen. Wenn unser praktisches Leben jedoch mit dieser Sache verbunden wird, bleibt uns keine andere Möglichkeit, als unsere Handlungsweise auf der Grundlage ihrer Anerkennung oder Ablehnung festzulegen. Beispielsweise wissen Sie nichts über einen bestimmten Menschen. Wenn Sie mit ihm ein Geschäft abschließen müssen, sind Sie gezwungen, entweder in der Annahme zu handeln, dass er vertrauenswürdig, oder dass er unzuverlässig ist. Sie können sich innerlich zwar sagen: „Bis sich erweist, ob der Mann vertrauenswürdig oder unzuverlässig ist, werde ich mit Vorbehalt handeln.“ Doch wenn Sie handeln, indem Sie seine Vertrauenswürdigkeit für zweifelhaft halten, wird die Art Ihres Handelns tatsächlich derjenigen entsprechen, als hielten Sie ihn für unzuverlässig. In der Praxis kann der Zustand des Zweifels zwischen Anerkennung und Ablehnung daher nur im Inneren bestehen; eine praktische Handlungsweise kann niemals auf einem Zustand des Zweifels beruhen. Dafür ist entweder Anerkennung oder Ablehnung unbedingt erforderlich.

Schon bei ein wenig tieferem Nachdenken lässt sich verstehen, dass die Frage nach dem jenseitigen Leben keineswegs eine rein philosophische Frage ist, sondern in einem tieferen Zusammenhang mit unserem wirklichen Leben steht. Tatsächlich hängt unsere gesamte moralische Sichtweise von dieser Frage ab. Wenn ich davon ausgehe, dass alles im diesseitigen Leben endet und es danach kein weiteres Leben gibt, wird mein moralisches Verhalten von einer bestimmten Art sein. Wenn ich dagegen davon ausgehe, dass es danach ein weiteres Leben gibt, in dem ich über alle Handlungen meines gegenwärtigen Lebens Rechenschaft ablegen muss und dort auf der Grundlage meiner Taten in diesem Leben ein gutes oder schlechtes Ergebnis erfahren werde, dann wird mein moralisches Verhalten gewiss völlig anders sein. Lassen Sie uns dies anhand eines Beispiels verdeutlichen. Stellen Sie sich vor, ein Mensch reist in der Annahme, dass er von hier aus nur nach Karatschi gelangen müsse. Nach seiner Ankunft in Karatschi werde seine Reise nicht nur für immer beendet sein, sondern er werde dort auch völlig außerhalb der Reichweite der Polizei, der Gerichte und aller ermittelnden Kräfte sein.

Ein anderer Mensch hingegen ist der Ansicht, dass seine Reise von hier bis Karatschi lediglich eine Etappe darstellt. Danach müsse er in ein weiteres Land jenseits des Meeres reisen, dessen König zugleich der König dieses Landes sei. In den Archiven dieses Königs befinde sich eine geheime Aufzeichnung sämtlicher Handlungen, die er während seines Aufenthalts in Pakistan begangen habe. Dort werde anhand dieser Aufzeichnung durch Prüfung und Auswertung festgestellt, welchen Rang er aufgrund seiner Taten zu verdienen habe. Nun können Sie leicht ermessen, wie gegensätzlich die Handlungsweise dieser beiden Menschen sein wird. Der erste wird sich von hier aus nur auf die Reise bis Karatschi vorbereiten, während der zweite seine Vorbereitungen auch für die langen späteren Etappen treffen wird. Der erste wird meinen, dass Gewinn und Verlust nur bis zur Ankunft in Karatschi von Bedeutung seien und es danach nichts mehr gebe. Der zweite dagegen wird annehmen, dass der eigentliche Gewinn und Verlust nicht in der ersten Phase der Reise, sondern in ihrer letzten Phase liegen. Der erste wird bei seinen Handlungen nur auf jene Folgen achten, die während der Reise bis Karatschi sichtbar werden können. Der zweite wird seinen Blick auf jene Folgen richten, die sich in jenem Land jenseits des Meeres zeigen werden. Offensichtlich ist der Unterschied zwischen der Handlungsweise dieser beiden Menschen die unmittelbare Folge ihrer unterschiedlichen Auffassung von der Reise. Ebenso beeinflusst der Glaube an ein Leben nach dem Tod unser moralisches Leben zutiefst und bestimmt seine Richtung endgültig. Wenn wir im praktischen Handeln eine Entscheidung treffen müssen, hängt die Richtung dieser Entscheidung davon ab, ob wir dieses Leben für das erste und letzte Leben halten oder ob wir ein weiteres Leben und dessen Folgen im Blick haben. Im ersten Fall wird unser Handeln von einer Art sein, im zweiten Fall dagegen von einer völlig anderen.

Daraus wird ersichtlich, dass die Frage nach dem jenseitigen Leben keine rein philosophische und intellektuelle Frage ist, sondern eine Frage des wirklichen Lebens. Unter diesen Umständen gibt es keinen Raum, diesbezüglich in Zweifel und Unentschlossenheit zu verharren. Welche Sichtweise wir auch in einem Zustand des Zweifels oder im Leben annehmen mögen, letztlich wird es die Sichtweise eines Ungläubigen sein. Daher sind wir, gleich von welcher Seite wir die Sache beurteilen, verpflichtet, die Frage, ob es nach dem Tod ein Leben gibt, endgültig zu klären. Wenn die Wissenschaft uns dabei nicht hilft, müssen wir die Hilfe intellektueller Argumente und Beweise in Anspruch nehmen.

Betrachten wir nun ein wenig, welche Mittel uns für intellektuelle Argumente und Beweise zur Verfügung stehen. Das erste Mittel vor uns ist der Mensch, das zweite diese Weltordnung. Wir werden den Menschen vor dem Hintergrund dieser Weltordnung prüfen und feststellen, ob in dieser Ordnung all seine Bedürfnisse und Ansprüche als Mensch erfüllt werden oder ob etwas unerfüllt bleibt und deshalb eine andere Art von Ordnung für ihn erforderlich ist. Betrachten Sie nur den menschlichen Körper: Er ist eine Verbindung vieler Mineralstoffe, Salze, des Wassers und von Gasen. Daneben gibt es auch im Universum Erde, Steine, Metalle, Salze, Gase, Flüsse und andere Dinge dieser Art. Für das Wirken dieser Dinge in ihren jeweiligen Bereichen bedarf es einer Ordnung. Diese ist überall im Universum wirksam. Diese Ordnung ermöglicht es in der äußeren Umwelt etwa Bergen, Flüssen und der Luft, ihre jeweiligen Aufgaben zu erfüllen; ebenso kann auch der menschliche Körper unter ihrer Herrschaft wirken.

Zweitens nimmt der menschliche Körper Nahrung aus den ihn umgebenden Dingen auf und entwickelt und vergrößert sich dadurch. Eine solche Gesetzmäßigkeit findet sich auch im Reich der Schöpfung, etwa bei Bäumen, Schlingpflanzen, Sträuchern und Gräsern; auch hier lässt sich das Vorhandensein der für wachsende Lebewesen erforderlichen Ordnung erkennen.

Drittens ist der menschliche Körper ein lebendiges Wesen, das sich aus eigenem Willen bewegt, seine Nahrung selbst beschafft, selbst für seine Sicherheit sorgt und selbst für die Erhaltung seiner Nachkommenschaft Vorkehrungen trifft. Im Reich der Schöpfung gibt es noch viele weitere Arten von Lebewesen. In den Gewässern, auf dem Land und in der Luft sind zahllose Lebewesen zu beobachten, für deren gesamtes Leben geeignete, es umfassende Gesetze und Ordnungen hier ebenfalls vollständig wirksam sind.

Darüber hinaus besitzt der Mensch noch eine weitere Wesensdimension, die wir als sein moralisches Wesen bezeichnen. In ihm gibt es ein Empfinden für gute und schlechte Taten. Er besitzt die Fähigkeit, zwischen guten und schlechten Taten zu unterscheiden. Er besitzt die Kraft, gute und schlechte Taten zu vollbringen. Seiner Natur entspricht die Erwartung guter Folgen guter Taten und schlechter Folgen schlechter Taten. Zwischen verschiedenen moralischen Eigenschaften wie Unterdrückung und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und Lüge, Recht und Unrecht, Barmherzigkeit und Grausamkeit, Dankbarkeit und Großzügigkeit, Geiz und dem Verrat an einem anvertrauten Gut unterscheidet er von Natur aus. Diese Eigenschaften lassen sich tatsächlich in seinem Leben beobachten. Sie sind keine eingebildeten Dinge, sondern üben im wirklichen menschlichen gesellschaftlichen Leben und in der Zivilisation ihren Einfluss aus. Daher erwartet der Mensch seiner Natur nach mit Nachdruck moralische Folgen seiner Handlungen, ebenso wie deren natürliche Folgen.

Doch betrachten Sie die gegenwärtige Weltordnung aufmerksam: Können in diesem System die moralischen Folgen menschlichen Handelns vollständig zum Ausdruck kommen? Ich kann mit Sicherheit sagen, dass dies hier überhaupt nicht möglich ist. Denn soweit ich weiß, gibt es hier kein anderes Wesen, das mit moralischer Verantwortung ausgestattet ist. Außerdem wird das gesamte Universum nach Naturgesetzen regiert. Nirgends ist ein moralisches Gesetz wirksam. Hier haben Silber sowohl Gewicht als auch Wert, doch die Wahrheit besitzt weder Gewicht noch Wert. Aus einem Mangokern wächst hier stets ein Mangobaum; doch auf diejenigen, die den Samen der Wahrheit aussäen, regnet es zuweilen Blumen, zuweilen – ja, meistens – werden jedoch Schuhe nach ihnen geworfen. Für die materiellen Elemente gibt es bestimmte Gesetze, und nach diesen Gesetzen treten stets bestimmte Ergebnisse ein. Für die moralischen Elemente gibt es jedoch kein bestimmtes Gesetz, und ihr Wirken bringt nicht stets bestimmte Ergebnisse hervor. Aufgrund der Herrschaft und Vorrangstellung der Naturgesetze können moralische Ergebnisse hier niemals vollständig zum Ausdruck kommen; selbst wenn sie zum Ausdruck kommen, geschieht dies nur in dem Maße, wie die Naturgesetze es zulassen. Vielmehr zeigt sich in vielen Fällen, dass ein bestimmtes Ergebnis einer Handlung aus moralischer Sicht zwar möglich wäre, das Ergebnis durch das Eingreifen der Naturgesetze jedoch völlig entgegengesetzt ausfällt. Auch der Mensch hat durch seine sozialen, kulturellen und politischen Einrichtungen einen gewissen Versuch unternommen, die moralischen Folgen seines Handelns nach festen Regeln eintreten zu lassen. Doch dieser Versuch hat sich als äußerst begrenzt und mangelhaft erwiesen. Einerseits halten die Naturgesetze ihn begrenzt und fehlerhaft, andererseits haben die eigenen Schwächen des Menschen diese Mängel noch verstärkt.

Ich möchte meine Aussage anhand einiger Beispiele verdeutlichen. Nehmen wir an, ein Mensch sei der Feind eines anderen und setze dessen Haus in Brand; dann wird das Haus niederbrennen. Das ist die natürliche oder physische Folge seiner Tat. Als moralische Folge müsste dieser Mensch in dem Maße bestraft werden, in dem er einer Familie Schaden zugefügt hat. Ob diese Folge eintritt, hängt jedoch von mehreren Dingen ab – etwa davon, dass der Brandstifter ausfindig gemacht, der Polizei übergeben, seine Schuld nachgewiesen, der genaue Schaden der verbrannten Familie und ihrer künftigen Nachkommen durch das Gericht festgestellt und der Täter in gerechter Weise genau in diesem Maße bestraft wird. Wenn eine dieser Bedingungen nicht erfüllt ist, wird die moralische Folge entweder überhaupt nicht oder nur zu einem sehr geringen Teil sichtbar. Es kann sogar geschehen, dass dieser Mensch, nachdem er seinen Feind vollständig zugrunde gerichtet hat, sein Leben auf Erden in höchstem Glück verbringt.

Nehmen wir ein noch größeres Beispiel. Einige Menschen gewinnen gewaltigen Einfluss über ihre eigene Nation, und die ganze Nation folgt ihrem Wink. Diese Lage nutzen sie aus, um unter den Menschen eine extreme Haltung der Nationenverehrung und imperialistischen Wahn zu verbreiten. Auf diese Weise beginnen sie Kriege mit den benachbarten Völkern, töten Millionen unschuldiger Menschen, zerstören Land um Land und zwingen Millionen und Aber

millionen Menschen zu einem Leben in Erniedrigung und Schande. Ihr Wirken wird naturgemäß eine gewaltige Reaktion in der Menschheitsgeschichte hervorrufen, und diese Reaktion wird sich über Generationen und Jahrhunderte hinweg fortsetzen. Glauben Sie, dass diese wenigen Menschen für das große Verbrechen, das sie begangen haben, jemals in diesem irdischen Leben die angemessene gerechte Strafe erhalten können? Offensichtlich gilt: Selbst wenn man das gesamte Fleisch von ihren Körpern schneiden, sie bei lebendigem Leib verbrennen oder ihnen irgendeine andere schwere Strafe zufügen würde, die in menschlicher Macht steht, könnten sie niemals eine Strafe erhalten, die dem Schaden entspricht, den sie Millionen und Abermillionen Menschen und deren künftigen Nachkommen zugefügt haben. Denn nach den Naturgesetzen, von denen die gegenwärtige Weltordnung gelenkt wird, ist es keineswegs möglich, eine dem Verbrechen entsprechende Strafe zu erhalten.

In gleicher Weise kann man von den großen vorbildlichen Menschen der Welt sprechen. Sie haben die Menschheit Ehrlichkeit und Gerechtigkeit gelehrt und ihr einen lichtvollen Weg für das Leben gewiesen. Durch ihre uneigennützige Gabe haben unzählige Menschen über Generationen und Jahrhunderte hinweg Nutzen daraus gezogen und werden dies noch unabsehbar lange in der Zukunft tun. Können diese großen Menschen auf Erden die vollständige Vergeltung für ihre Taten erhalten? Können Sie sich vorstellen, dass ein Mensch nach den gegenwärtigen Naturgesetzen auch für eine Tat die Vergeltung erhalten kann, deren Wirkung sich möglicherweise noch nach seinem Tod über Tausende von Jahren auf unzählige Menschen erstreckt?

Ich habe bereits gesagt, dass erstens in der gegenwärtigen Weltordnung, die von den bestehenden Gesetzen gelenkt wird, keinerlei Möglichkeit besteht, die vollständigen moralischen Folgen menschlichen Handelns zu erhalten. Zweitens sind die Auswirkungen der Taten, die der Mensch in diesem vergänglichen Leben vollbringt, so weitreichend und lang anhaltend, dass man ein Leben von Tausenden, ja vielmehr von Millionen Jahren benötigte, um ihre vollständigen Folgen zu erfahren. Nach den gegenwärtigen Naturgesetzen ist es dem Menschen jedoch nicht möglich, ein so langes Leben zu erlangen. Daraus wird klar, dass die gegenwärtige physische Welt und ihre Naturgesetze für die materiellen, körperlichen und biologischen Bestandteile des Menschen ausreichen. Für seinen moralischen Bestandteil ist diese Welt jedoch völlig unzureichend. Dafür bedarf es einer anderen Weltordnung, in der das moralische Gesetz das herrschende Gesetz ist und das Naturgesetz ihm untergeordnet lediglich als Hilfsmittel wirkt. Dort wird das Leben nicht begrenzt, sondern unendlich sein, und alle moralischen Folgen, die hier verborgen bleiben oder in anderer Form zum Ausdruck kommen, werden dort richtig und vollständig sichtbar werden. Dort werden nicht Gold und Silber, sondern gute Taten und Wahrhaftigkeit Gewicht und Wert besitzen. Dort wird das Feuer nur denjenigen verbrennen, der aus moralischen Gründen dafür geeignet ist, verbrannt zu werden. Dort werden die Guten Glück und Frieden finden, während die Übeltäter Leid erfahren. Vernunft und Natur verlangen ganz selbstverständlich eine solche Weltordnung.

In dieser Frage führt uns der menschliche Verstand lediglich bis zu der Einsicht, was sein sollte, und beendet damit seine Aufgabe. Ob es eine solche Welt tatsächlich gibt, darüber sind weder unser Verstand noch unser Wissen in der Lage, eine endgültige Entscheidung zu treffen. In dieser Angelegenheit hilft uns allein der Koran. Seine Verkündigung lautet: Was euer Verstand und eure Natur fordern, wird im Grunde auch genau so sein. Die auf den gegenwärtigen Naturgesetzen beruhende Weltordnung wird eines Tages zerschmettert werden, und danach wird eine neue Ordnung errichtet. Dort werden Himmel, Erde und alles, was sich dazwischen befindet, eine andere Gestalt annehmen. Danach wird Allah, der Erhabene, alle Menschen wieder zum Leben erwecken, die von Anbeginn der Schöpfung bis zum Tag der Auferstehung auf der Erde gelebt haben, und alle werden gemeinsam vor Ihm erscheinen. Dort werden die Taten jedes Einzelnen, jeder Nation und der gesamten Menschheit in vollkommen fehlerlosem und lückenlosem Zustand bewahrt sein. Dort wird eine vollständige Darstellung aller Auswirkungen vorhanden sein, die jede einzelne Tat jedes Menschen in dieser Welt gehabt hat. Jede mit diesen Auswirkungen verbundene menschliche Gemeinschaft wird auf dem Zeugenstand erscheinen. Auch die Atome und kleinsten Teilchen, deren Spuren von den Worten und Taten der Menschen geprägt wurden, werden ihre eigene Geschichte vortragen. Die Hände und Füße, Augen und Ohren, die Zunge und die übrigen Körperteile des Menschen selbst werden bezeugen, wofür sie verwendet worden sind. Daraufhin wird der höchste Richter auf Grundlage dieser Berichte in vollkommener Gerechtigkeit verkünden, wer in welchem Maß Belohnung oder Strafe verdient. Das Ausmaß dieser Belohnung oder Strafe wird so umfassend sein, dass es anhand der begrenzten Maßstäbe der gegenwärtigen Welt nicht einmal verstanden werden kann. Dort werden Zeit und Raum anderen Maßstäben unterliegen, und auch die Naturgesetze werden anders sein. Dort wird der Mensch die vollständige Vergeltung für die guten Taten erhalten, deren Auswirkungen in dieser Welt seit Tausenden von Jahren fortbestehen. Tod, Krankheit und Alter werden sein Glück und seinen Frieden nicht im Geringsten beeinträchtigen können. Ebenso wird er die vollständige Strafe für seine Übeltaten erleiden müssen, deren Auswirkungen sich in dieser Welt über Tausende von Jahren auf unzählige Menschen erstreckt haben. Weder der Tod noch die Bewusstlosigkeit werden ihn vor dieser Strafe bewahren können.

Für die geistige Engstirnigkeit derjenigen, die ein solches Leben und eine solche Welt für unmöglich halten, empfinde ich Mitleid. Wenn unsere gegenwärtige Weltordnung zusammen mit den gegenwärtigen Naturgesetzen bestehen kann, warum sollte dann nicht auch eine andere Weltordnung zusammen mit anderen Naturgesetzen bestehen können? Freilich lässt sich die Möglichkeit einer solchen Welt nicht anhand empirischer Zeugnisse und Beweise feststellen. Dafür ist der Glaube an das Verborgene, der Īmān bil-ghayb, unbedingt erforderlich.

— Ende —