Die erste Veröffentlichung der bengalischen Übersetzung des berühmten Urduwerks „Islam aur Jadid Maʿashi Nazariyat“ des größten islamischen Denkers des gegenwärtigen Jahrhunderts, Maulana Sayyid Abul Aʿla Maududi (r.), erfolgte 1961 unter dem Titel „Islam und moderne Wirtschaftslehren“.
In diesem Werk legt der Autor eine äußerst tiefgründige und feinsinnige grundlegende Erörterung sämtlicher Wirtschaftslehren vor, die in der heutigen Welt verbreitet sind. Durch den vergleichenden Hinweis auf die islamischen Wirtschaftssysteme hat er überzeugend nachgewiesen, dass die modernen Wirtschaftslehren inhaltsleer sind und dass eine richtige und ausgewogene Lösung der tatsächlichen wirtschaftlichen Probleme des Menschen nur auf der Grundlage des islamischen Wirtschaftssystems möglich ist.
Wir sind fest davon überzeugt, dass die gebildete Gesellschaft durch die Lektüre dieses Buches dazu angeregt wird, auf der Grundlage des islamischen Wirtschaftssystems zu praktischen Lösungen für all ihre wirtschaftlichen Probleme zu gelangen. Möge Allah uns beistehen.
–Der Herausgeber

Kapitalismus, Kommunismus und Islam

Bis zur heutigen Zeit lassen sich alle auf der Welt entwickelten Wirtschaftssysteme ihrem Grundsatz nach in drei Gruppen einteilen:
Erstens: das kapitalistische System.
Zweitens: der Kommunismus.
Drittens: das vom Islam dargelegte Wirtschaftssystem.

Das kapitalistische System

Einfach ausgedrückt besteht der Kern des kapitalistischen Wirtschaftssystems darin, dass jeder Einzelne Eigentümer des von ihm erworbenen Vermögens ist; niemand sonst hat irgendeinen Anteil an seinem erworbenen Vermögen, und kein Recht eines anderen daran wird anerkannt. Er kann sein erworbenes Vermögen nach Belieben ausgeben und nutzen. Die Menge an Vermögen und Produktionsmitteln, die sich in seinen Händen befindet, kann er horten und sich weigern, sie für irgendeinen anderen Zweck als seinen persönlichen Vorteil einzusetzen. In dieser Hinsicht besitzt er vollkommene Freiheit. Tatsächlich ist das kapitalistische Wirtschaftssystem aus dem Egoismus hervorgegangen, der jedem Menschen von Natur aus innewohnt. In seiner voll entwickelten Form nimmt es ein derart verhängnisvolles Ausmaß an, dass alle menschlichen Eigenschaften und Vorzüge, die dem Wohlergehen und Fortschritt der menschlichen Gesellschaft dienen, in seinen Augen verblassen. Selbst wenn man die Sache nicht unter moralischem, sondern lediglich unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt betrachtet, wird ganz deutlich, dass die Vermögensverteilung zwangsläufig aus dem Gleichgewicht gerät, sobald diese Lehre irgendwo verwirklicht wird. Vermögen und Produktionsmittel werden zunehmend begrenzt und fallen in die Hände einer glücklichen oder besonders vorsichtigen Menschengruppe, woraufhin sich die Gesellschaft faktisch in zwei Klassen spaltet. Die eine wird aus den Glücklichen bestehen – den Besitzern eines gewaltigen Vermögens; die andere aus den unglücklichen Armen, die nicht einmal genug Nahrung für ihren täglichen Lebensunterhalt erhalten. Die Angehörigen der ersten Klasse werden das gesamte Vermögen und alle Produktionsmittel an sich bringen und sie ausschließlich für ihren eigenen Komfort, Luxus und Genuss verwenden; um ihren Umfang noch weiter zu vergrößern, werden sie nicht davor zurückschrecken, die umfassenderen Interessen der Gesellschaft und der Nation zu opfern. Die armen Unglücklichen hingegen werden für immer von jeder Art von Anteil am Vermögen und von allen Möglichkeiten ausgeschlossen sein. Außer durch grenzenlose Dienste für die Reichen ihren Lebensunterhalt zu erwerben, bleibt ihnen kein anderer Ausweg. Ein solches Wirtschaftssystem bringt auf der einen Seite Wucherer, Geldverleiher, Ausbeuter, Fabrikbesitzer und tyrannische Großgrund- und Lehnsherren hervor. Auf der anderen Seite erzeugt es eine Klasse von Arbeitern und Bauern, die mittellos und ausgehungert ist. In einer Gesellschaft, in der ein solches Wirtschaftssystem verwirklicht werden kann, wird es naturgemäß nicht das geringste Maß an menschlichen Empfindungen wie Mitgefühl, Herzensgüte, Barmherzigkeit, Zuneigung oder gegenseitiger Hilfe geben. Jeder Einzelne wird gezwungen sein, sein Leben selbstständig zu führen; niemand wird Freund oder Helfer eines anderen sein. Das Leben der Bedürftigen und Hungernden wird immer beengter werden. Folglich wird jeder Einzelne in der Gesellschaft gezwungen sein, um sein Leben zu erhalten, gegenüber den anderen eine äußerst egoistische und rachsüchtige Haltung einzunehmen. Jeder wird sich nach Kräften bemühen, seinen Lebensunterhalt und die erforderlichen Mittel zu erlangen, diese um seines persönlichen Vorteils willen an sich bringen und sie gerade dafür einsetzen, ihren Umfang zu vergrößern. Denjenigen aber, die bei diesem Feldzug zur Vermögensanhäufung scheitern oder sich daran nicht vollständig beteiligen können, wird es auf der Welt nicht den geringsten Ort geben, an dem sie Zuflucht finden. Wenn sie betteln wollen, wird dies nicht leicht möglich sein; in niemandes Herzen wird auch nur das geringste Mitgefühl für sie erwachen, und keine Hand wird sich zu ihrer Unterstützung ausstrecken. Schließlich werden sie entweder Selbstmord begehen, um sich von den Qualen dieses Lebens zu befreien, oder gezwungen sein, sich in den schmutzigen Strudel verschiedenster Verbrechen und menschenfeindlicher Handlungen zu stürzen, um ihren Hunger zu stillen.

In der kapitalistischen Gesellschaftsordnung wird es zwangsläufig zur natürlichen Neigung und Tendenz des Menschen, Geld anzusammeln und es für gewinnbringende Zwecke einzusetzen. Infolgedessen entstehen dort Aktiengesellschaften, Banken werden gegründet, die Vorsorgekasse wird eingeführt, Versicherungsgesellschaften nehmen ihre Tätigkeit auf und Genossenschaften werden gebildet. Hinter all diesen Mitteln und Wegen der Geldvermehrung wirkt nur ein einziger Grundgedanke: „Noch mehr Geld erwirtschaften und Vermögen ansammeln.“ Die Ansammlung dieses Geldes kann nun sowohl durch geschäftliche Transaktionen als auch durch Zinsgeschäfte erfolgen. Aus kapitalistischer Sicht besteht zwischen Zinsen und geschäftlichen Transaktionen grundsätzlich kein Unterschied. Deshalb sind diese beiden Dinge in der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur miteinander vermischt, sondern werden bei allen Arten von Tätigkeiten und im Geschäfts- und Handelsverkehr voneinander abhängig. Dort werden Zinsen für das Geschäft und Geschäfte für Zinsgeschäfte unverzichtbar. Keines von beiden kann ohne das andere gedeihen. Tatsächlich würde das gesamte kapitalistische System zusammenbrechen, wenn es keine Möglichkeit zu Zinsgeschäften gäbe.

Das kommunistische Wirtschaftssystem

Das Wirtschaftssystem, das dem kapitalistischen Wirtschaftssystem völlig entgegengesetzt ist, ist das kommunistische System. Der Kern dieser Ideologie besteht darin, dass sämtliche Mittel und Faktoren des Vermögens dem gemeinschaftlichen Eigentum der Mitglieder der Gesellschaft gehören. Der Einzelne hat kein Recht, sie persönlich in Besitz zu nehmen, nach eigenem Willen in sie einzugreifen oder persönlich ihren Gewinn einzustreichen. Die Einzelnen werden vielmehr jede Arbeit im gemeinsamen Interesse der Gesellschaft verrichten und dafür lediglich ihren Lohn erhalten. Die Gesellschaft wird für die zur Sicherung ihres Lebensunterhalts erforderlichen Mittel sorgen, und die Einzelnen werden im Gegenzug gemäß den Anweisungen der Gesellschaft arbeiten.

Diese Ideologie errichtet eine Wirtschaftsordnung, die völlig unabhängig von der kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist. In dieser Ordnung gibt es nicht den geringsten Raum für Privateigentum; daher ist es niemandem möglich, Vermögen anzusammeln und es persönlich für die Produktion einzusetzen. Da hier hinsichtlich der Ideale und Grundsätze ein gewaltiger Unterschied entstanden ist, hat sich auch die Vorgehensweise verändert. Eine kapitalistische Wirtschaftsordnung kann ohne Institutionen und Organisationen wie Banken, Lebensversicherungen, Aktiengesellschaften und dergleichen überhaupt nicht bestehen. In der kommunistischen Wirtschaftsordnung gibt es für solche Einrichtungen im Bereich ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit jedoch nicht nur keinen Raum, sondern auch keinen Bedarf. Zwischen dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und dem Zinsgeschäft sowie den Zinstransaktionen besteht ein enger Zusammenhang. Mit der kommunistischen Wirtschaftsordnung hingegen besteht ein ebenso ausgeprägtes feindseliges Verhältnis. Die kommunistische Wirtschaftsordnung beseitigt gerade die Ursache, aufgrund deren ein Mitglied der Gesellschaft Zinsen nimmt und ein anderes sie zahlt. Sie kann Zinsen unter keinen Umständen und in keiner Form als legitim anerkennen. Tatsächlich ist es unmöglich, dass jemand, der an die kommunistische Ökonomie glaubt, zugleich Zinstransaktionen betreibt und Kommunist ist.

Es muss daran erinnert werden, dass der Kommunismus hier ausschließlich aus der Perspektive eines unverfälschten Idealismus analysiert worden ist. In der Praxis hat die kommunistische Ordnung in Russland hingegen eine gewaltige Kehrtwende vollzogen und ist, nachdem sie bei dem Versuch, ihre extremistische Ideologie in die Wirklichkeit umzusetzen, gescheitert war, zur kapitalistischen Ordnung zurückgekehrt. Heute gibt es dort keinerlei Hindernis mehr dafür, dass Menschen mit übermäßig hohen Gehältern ihr überschüssiges Geld ansammeln, es bei einer Bank hinterlegen und dafür Zinsen beziehen.

In Wirklichkeit sind Kapitalismus und Kommunismus zwei entgegengesetzte, an den äußersten Grenzen liegende Ideale. Der Kapitalismus gewährt den Einzelnen in der Gesellschaft zwar ihre natürlichen Rechte; doch gibt es in ihm keinen Grundsatz und kein Ideal, das sie dazu anspornen oder entsprechend den Erfordernissen dazu verpflichten würde, dem gemeinsamen Interesse der Gesellschaft zu dienen. Vielmehr erzeugt er unter den Einzelnen im Allgemeinen eine Haltung des Eigennutzes. Dadurch wird jeder Einzelne faktisch dazu angespornt, im eigenen persönlichen Interesse gegen die Gesellschaft und die Gemeinschaft zu kämpfen. Infolge eines solchen, auf dem persönlichen Interesse beruhenden Kampfes wird das Gleichgewicht bei der Verteilung des Vermögens zerstört. Einerseits reißen dann einige wenige Menschen den gesamten Reichtum sowie sämtliche Mittel und Ressourcen der Gesellschaft und der Nation an sich, werden zu Millionären und Multimillionären und beginnen, durch die Investition dieses Geldes noch größeren Reichtum in umfassender und alles verschlingender Weise auszubeuten. Andererseits beginnt sich die wirtschaftliche Lage der Abermillionen Menschen des Landes zunehmend zu verschlechtern, und ihr Anteil an der Vermögensverteilung sinkt allmählich bis auf null. Es trifft zwar zu, dass der gewaltige Reichtum des Kapitalismus in seiner Anfangsphase durch eine glanzvolle Entfaltung in Gesellschaft und Zivilisation einen blendenden äußeren Glanz hervorbringt; doch als letzte Folge der ungleichen Verteilung des Reichtums kommt der Blutkreislauf im Körper der wirtschaftlichen Welt völlig zum Stillstand. Fast alle Teile des Körpers beginnen wegen Blutmangels auszutrocknen und zugrunde zu gehen, während die wichtigsten Körperorgane durch den unnatürlichen Blutdruck ruiniert werden.

Der Kommunismus will diesen Mangel beheben, nimmt jedoch für ein richtiges Ziel eine äußerst falsche Vorgehensweise an. Er will eine ausgewogene Verteilung des Vermögens herstellen, und das ist zweifellos ein sehr gutes Vorhaben. Doch durch die dafür gewählte Vorgehensweise wird in Wirklichkeit der menschlichen Natur der Krieg erklärt. Die gewöhnlichen Mitglieder der Gesellschaft des Privateigentums zu berauben und alle Menschen lediglich zu Sklaven der Gesellschaft und der Gemeinschaft zu machen, ist nicht nur für die Wirtschaftsordnung verhängnisvoll, sondern in noch umfassenderem Maße auch für die gesamte Zivilisation des Menschen äußerst schädlich. Denn dadurch muss der Lebensimpuls der wirtschaftlichen Tätigkeit und der zivilisatorischen Institutionen zum Erliegen kommen, und ihre eigentliche Triebkraft wird ausgelöscht. Tatsächlich spornt das persönliche Interesse den Menschen im Bereich der Zivilisation und der Wirtschaft dazu an, seine äußersten Kräfte einzusetzen, sich anzustrengen und zu kämpfen. In der ersten Phase hatte der Kommunismus dies auf dem Gebiet des Denkens und des Idealismus bestritten. Sein extremistischer Philosoph ging so weit zu behaupten, dass es keine angeborenen Neigungen des Menschen gebe; alles sei ein Produkt der Umwelt, und durch Erziehung und Organisation könnten wir eine Haltung der Geselligkeit und Gemeinschaftlichkeit schaffen, die frei von persönlichem Interesse sei. Doch die praktische Erfahrung hat diese falsche Vorstellung der Kommunisten beseitigt. Heute wird in Russland versucht, das persönliche Interesse zu fördern, um in den Kommunisten den Antrieb zur Arbeit zu wecken. Tatsächlich handelt es sich dabei um den dem Menschen angeborenen Eigennutz; keine Argumentation und keine Wissenschaft kann dieses Element aus den Fasern seines Geistes und Gehirns entfernen. Von außergewöhnlichen Menschen abgesehen, kann ein Mensch der mittleren Schicht die gesamte Kraft seines Geistes, seines Verstandes, seiner Hände, Füße und Arme nur für eine Arbeit einsetzen, an der er aus der Sicht seines eigenen Interesses Interesse und Aussicht hat. Wenn diese Aussicht auf persönlichen Vorteil überhaupt nicht besteht und man ihm mitteilt, dass seine persönliche Anstrengung über die festgelegte Grenze seines Gewinns und Interesses hinaus nicht den geringsten Nutzen bringen könne, werden seine Denk- und Schaffenskraft völlig abgestumpft. Danach bleibt ihm nichts anderes übrig, als ein gewöhnlicher Lohn- oder Fabrikarbeiter zu sein und sein Leben mit dem Bezug eines festgelegten Lohns zu verbringen. Genau so ist im Wesentlichen der innere Zustand der kommunistischen Gesellschaft. Ihre äußere und tatsächliche Seite ist noch erschreckender. Der Kommunismus beseitigt alle Kapitalisten und schafft einen alles verschlingenden und größten Kapitalisten, nämlich die kommunistische Regierung. Die feinen menschlichen Empfindungen und menschenwürdigen zarten Regungen, die unter den kapitalistischen Personen einer nichtkommunistischen Regierung zu beobachten sind, lassen sich bei einer kapitalistischen kommunistischen Regierung nicht einmal zu einem Hundertstel finden. Im Grunde lässt sie die Menschen wie leblose Maschinen arbeiten und verteilt ihren Lebensunterhalt wie eine Maschine unter vollständiger Willkürherrschaft. Bei ihr gibt es keinen Raum für Mitgefühl und keinerlei Ausdruck von Gnade oder Güte. Sie lässt den „Maschinenmenschen“ nicht wie einen Menschen oder in dem Bewusstsein arbeiten, ein Mensch zu sein, sondern benutzt ihn vielmehr als einen der verschiedenen Teile einer Maschine. Deshalb wird der Bevölkerung dort jede Freiheit des Denkens, der Meinung und des Handelns genommen. Ohne eine solche brutale Willkürherrschaft kann der kommunistische Staat weder errichtet werden noch auch nur einen Augenblick nach seiner Errichtung bestehen. Denn die menschliche Natur ist jederzeit bereit, sich gegen eine ebenso umfassende und alles verschlingende Herrschaft aufzulehnen. Wenn man sie daher nicht im eisernen Käfig einer ewigen Diktatur gefangen hält, muss die kommunistische Staatsordnung augenblicklich zerfallen. Genau deshalb ist die sowjetische Regierung Russlands unter allen Regierungen der Welt die grausamste, despotischste und rücksichtsloseste. Ihre gesamte Bevölkerung wird so in einem eisernen Käfig gefangen gehalten, dass es dafür in keinem monarchischen oder demokratischen Staat der Welt ein vergleichbares Beispiel gibt. Ihre Barbarei und Willkürherrschaft bestehen nicht nur deshalb, weil bedauerlicherweise ein Diktator wie Stalin geboren wurde. Vielmehr bringt die kommunistische Herrschaft ihrem Wesen nach zwangsläufig grausame, despotische und diktatorische Herrscher hervor; von diesem Zustand kann sie sich niemals befreien.

Das islamische Ideal

Der Islam legt zwischen den beiden genannten gegensätzlichen und einander widersprechenden Wirtschaftssystemen ein ausgewogenes und gerechtes System vor. Sein Grundprinzip besteht darin, jedem Menschen seine persönlichen und natürlichen Rechte vollständig zu gewähren. Zugleich muss das Gleichgewicht der Vermögensverteilung angemessen gewahrt werden. Einerseits gewährt der Islam dem Einzelnen das Recht auf Privateigentum und das Recht, über sein eigenes Vermögen zu verfügen; andererseits unterwirft er diese Rechte innerlich bestimmten moralischen Beschränkungen und errichtet äußerlich bestimmte gesetzliche Regelungen. Dadurch können Vermögen und wirtschaftliche Mittel an keinem Ort angehäuft werden und stagnieren. Sie bleiben ständig im Umlauf, sodass jeder Mensch in der Gesellschaft die Möglichkeit erhält, seinen notwendigen Anteil daran zu bekommen. Gerade deshalb hat der Islam das gesamte Wirtschaftssystem nach einer völlig neuen Art und auf eine neuartige Weise gestaltet. Hinsichtlich seiner inneren Grundhaltung, seiner Sitten und seiner Handlungsweise ist es von den Wirtschaftssystemen des Kapitalismus und des Kommunismus gleichermaßen völlig verschieden.

Eine kurze Darstellung der islamischen Wirtschaftsauffassung lautet: Nach islamischer Auffassung sind im Wirtschaftsleben das persönliche Interesse jedes Einzelnen und das Gesamtinteresse aller Menschen tief miteinander verflochten. Daher ist es unbedingt wünschenswert, dass zwischen beiden statt Konflikt, Konkurrenz und Behinderung vollkommene Harmonie und Zusammenarbeit bestehen. Wenn ein Einzelner entgegen den Interessen der Gesellschaft handelt, das Volksvermögen an sich bringt und bei dessen Ansammlung oder Ausgabe ausschließlich sein persönliches Interesse zum Maßstab nimmt, wird dadurch nicht nur die Gesellschaft und die Gemeinschaft geschädigt, sondern letztlich wirkt sich dieser Schaden auch auf ihn selbst aus. Ebenso wird, wenn die Gesellschaft unter Berufung auf den Schutz des Gesamtinteresses die persönlichen Interessen ihrer Mitglieder missachtet, nicht nur der Einzelne geschädigt, sondern die gesamte Gesellschaft zwangsläufig schwer getroffen. Daher kommt das Wohl des Einzelnen dem Wohl der Gemeinschaft zugute; umgekehrt ist es für das Wohl der Gemeinschaft unerlässlich, dass die einzelnen Menschen, aus denen sie besteht, in unabhängigen und behaglichen Verhältnissen leben. Das Wohl sowohl des Einzelnen als auch der Gemeinschaft hängt davon ab, dass zwischen Eigennutz und Gemeinsinn beziehungsweise Mitgefühl und Herzensgüte unter den Menschen der Gesellschaft ein vollkommenes Gleichgewicht gewahrt wird. Jeder Einzelne soll um seines persönlichen Interesses willen arbeiten, jedoch so, dass dadurch anderen nicht der geringste Schaden zugefügt wird. Jeder soll ungehindert so viel verdienen, wie es ihm möglich ist; doch muss auch das Recht anderer Menschen an seinem erworbenen Vermögen anerkannt werden. Jeder soll von anderen Menschen Gewinn erzielen und zugleich auch anderen Menschen Gewinn verschaffen. Damit diese Verteilung des Gewinns und dieser Umlauf des Vermögens wirksam aufrechterhalten werden können, reichen einige moralische Eigenschaften der Einzelnen allein nicht aus. Vielmehr müssen die Gesetze der Gesellschaft so beschaffen sein, dass sie Erwerb und Ausgaben in vollständige Harmonie bringen, organisieren, lenken und ausgleichen können. Niemand sollte das Recht haben, durch schädliche Wege und Mittel Vermögen zu erwerben, und das auf rechtmäßige Weise erworbene Vermögen darf sich nicht an einem bestimmten Ort konzentrieren. Vielmehr muss auch für seine Ausgabe und Verteilung ein geordneter Umlauf wirksam gewährleistet werden.

Das auf dieser Weltanschauung beruhende Wirtschaftssystem kann niemals den Zweck haben, dass einige wenige Personen Eigentümer von Milliarden werden, während die übrige Bevölkerung hungrig oder halbverhungert bleibt und mittellos alles verliert. Ebenso wenig kann sein Zweck darin bestehen, dass niemand Millionär werden darf und die natürlichen Unterschiede zwischen den Menschen gewaltsam bis ins kleinste Detail „gleichgemacht“ werden. Vielmehr besteht seine eigentliche Aufgabe darin, zwischen diesen beiden extremen Grundsätzen einen vollkommen gemäßigten Weg einzuschlagen. Dieses Wirtschaftssystem übernimmt einerseits die Verantwortung dafür, die persönlichen Bedürfnisse jedes Einzelnen in der Gesellschaft zu erfüllen, und eröffnet andererseits ununterbrochene Möglichkeiten, die gemeinsamen Pflichten gegenüber der Gesellschaft zu erfüllen. Wenn jeder Einzelne in dieser Gesellschaft, ohne anderen zu schaden, innerhalb seiner natürlichen Grenzen nach Erwerb strebt und bei der Verwendung des erworbenen Vermögens die Grundsätze der Sparsamkeit und gegenseitigen Hilfe befolgt, können in dieser Gesellschaft niemals wirtschaftliche Ungleichheit und himmelhohe finanzielle Unterschiede wie in der kapitalistischen Gesellschaft entstehen. Denn ein solches Wirtschaftssystem hindert zwar niemanden daran, Millionär zu werden, doch kann in dieser Gesellschaft auch ein Millionär nicht zur Ursache dafür werden, dass Tausende und Hunderttausende Menschen hungern oder halbverhungern. Im Gegenteil: Dieses Wirtschaftssystem gibt jedem Menschen in der Gesellschaft die Möglichkeit, an Allahs unzähligen Gnaden teilzuhaben; künstliche Hindernisse für den Erwerb entsprechend der eigenen natürlichen Begabung und Arbeitsfähigkeit aufzuerlegen, steht jedoch völlig im Widerspruch zu seinen Grundsätzen.

Der historische Hintergrund der gegenwärtigen zivilisatorischen Probleme

Es ist allgemein bekannt, dass in der jüngeren Vergangenheit die Führung und die Autorität auf dem Gebiet des weltweiten Denkens und der Ideologien sowie der praktischen Verwaltung ausschließlich in den Händen der westlichen Völker lagen. Gerade deshalb sind als natürliche Folge der Probleme, die in der westlichen Welt und im westlichen Leben auftraten, und der Verwicklungen, die aus diesen Problemen entstanden, in unseren politischen, zivilisatorischen und wirtschaftlichen Bereichen unzählige ähnliche Probleme und Verwicklungen aufgetaucht. Ebenso muss es als ein ganz natürliches Ergebnis angesehen werden, dass die meisten unserer nachdenklichen und verständigen Menschen begierig darauf sind, zur Lösung dieser Probleme Anleitung aus den von den denkenden und erfahrenen westlichen Leitern vorgeschlagenen Methoden zu erhalten. Deshalb ist es unbedingt erforderlich geworden, den historischen Hintergrund der gegenwärtigen sozialen und zivilisatorischen Probleme zu beleuchten. Zugleich werden wir versuchen, die Entstehungsgeschichte jener Methoden zu untersuchen, die allgemein zur Lösung der modernen Probleme vorgeschlagen oder angewandt werden. Im Licht dieser historischen Betrachtung, so meine ich, wird es sehr leicht sein, unsere eigentliche Aussage zu verstehen.

Die lehnsherrlich-feudale Gesellschaftsordnung

Als im fünften Jahrhundert n. Chr. das römische Reichssystem im Westen zerfiel, wurde die zivilisatorische, politische und wirtschaftliche Einheit Europas zerschlagen. Das grundlegende Band, das die verschiedenen Völker und Staaten miteinander verband, riss. Auch die Umstände, durch die diese Beziehungen und Verbindungen aufrechterhalten werden konnten, verschwanden. Zwar war den westlichen Völkern ein Bild des römischen Rechts, des alles verschlingenden römischen Imperialismus und des politischen Denkens der Römer in Herz und Verstand eingeprägt; doch infolge der Zerstörung des eigentlichen Reiches zerfiel ganz Europa in kleine Teile. Jedes einzelne geografische Gebiet wurde in unzählige Stücke zersplittert; nirgends konnten sich selbst Menschen derselben Abstammung und derselben Sprache geschlossen zusammenhalten. Das gesamte Reich wurde derart auseinandergerissen und aufgespalten, dass die Verwaltung und Herrschaft jedes einzelnen Teils praktisch nur noch auf lokaler Grundlage durch einen Häuptling oder Feudalherrn ausgeübt werden konnte. In dieser Gesellschaftsordnung traten allmählich bestimmte Merkmale hervor, die in der folgenden Zeit außerordentlich gefestigt wurden und hier der Reihe nach angeführt werden:

Erstens: Der Besitz von Land war die Grundlage für den Erwerb von Herrschaftsmacht. Sämtliche Ehre, Vorrangstellung und Vorherrschaft blieben als ein dauerhaftes Lehensrecht ausschließlich den Grundeigentümern vorbehalten. Sie erhielten die Befugnis, in ihren jeweiligen Gebieten für Frieden und Ordnung zu sorgen. Nur zu ihnen wurden direkte Beziehungen zum Oberhaupt der Gesellschaft, zum Jagirdar oder zum König hergestellt. Die landlosen Bauern, Handwerker und Händler dieser Gebiete waren dagegen gezwungen, unter ihrer Schutzherrschaft als völlig rechtlose Untertanen zu leben. Unter diesen Untertanen bildeten sich wiederum verschiedene Klassen: Einige waren Untertanen höheren Ranges, andere gehörten den unteren Klassen an. Im Laufe der Zeit schlugen diese Klassenteilung sowie die merkwürdigen Unterschiede bei Ehre, Ansehen und Rechten in den Tiefen der damaligen Gesellschaft feste Wurzeln. Auf diese Weise erlangte die jagirdarische Feudalgesellschaft die Gestalt einer Leiter. Jeder, der auf einer höheren Stufe saß, war der Herr und Gott jedes Menschen auf der jeweils darunterliegenden Stufe, während die Menschen der unteren Stufen zu Sklaven derer auf den höheren Stufen wurden. An ihrer Spitze standen die Feudalfamilien der jeweiligen Gebiete; ganz unten befanden sich jene armen Menschen des Landes, die niemals die Möglichkeit erhalten hatten, Einfluss und Herrschaft über andere zu errichten.

Zweitens: Die Kirche der Christen war damals gerade erst gegründet worden. Die kirchlichen Autoritäten sprachen im Namen Allahs zu den Menschen, obwohl sie über keinerlei göttliches Gesetz und keinerlei Grundsätze göttlicher Rechtleitung verfügten. Diese etablierten Kirchen unterstützten das sich entwickelnde jagirdarische Feudalsystem vollständig und erteilten zugleich all jenen überlieferten Einrichtungen, die als Bestandteil dieses Systems in Form von Rechten, Unterschieden und Einschränkungen in der damaligen Gesellschaft feste Wurzeln geschlagen hatten, eine religiöse Bestätigung. Jede alte Überzeugung erlangte den Rang eines Glaubenssatzes der Kirche, und jeder Gedanke, der ihr widersprach, wurde als Kufr bezeichnet. Jede einmal eingeführte Sitte wurde zur Scharia, und man begann zu glauben, dass ein Verstoß gegen sie einem Verstoß gegen Allah, den Gesandten und Seine Religion gleichkomme. Die Gestalt, die Literatur, Philosophie, Gesellschaft, Politik und Wirtschaft unter dem jagirdarischen Feudalsystem angenommen hatten, erklärte die Kirche zur gottgegebenen Gestalt; deshalb wurde bereits der geringste Versuch einer Veränderung nicht nur als Verbrechen, sondern als offenkundig haram betrachtet.

Drittens: Damals gab es keine zentrale Herrschaftsmacht, die große Fernstraßen hätte bauen, sie in gutem Zustand halten und auf ihnen Frieden oder Sicherheit hätte gewährleisten können. Daher kamen alle Tätigkeiten dieser Art zum Erliegen: lange Reisen zu unternehmen, Handel in großem und umfassendem Maßstab zu treiben sowie große Mengen lebensnotwendiger Güter herzustellen und zu verteilen. Auch Handel, Gewerbe und die Denkweise der Menschen verengten sich auf die kleinen geografischen Gebiete innerhalb der Herrschaftsbereiche der Jagirdare.

Viertens: Jeder einzelne Bereich von Gewerbe und Handel verwandelte sich in eine geschlossene Domäne einer jeweiligen Gruppe von Händlern und Berufsleuten. Niemand aus einer solchen Gruppe durfte seinen bisherigen Beruf aufgeben, und Außenstehenden war es ebenso wenig möglich, in diese Gruppe einzutreten. Jede Gruppe bemühte sich mit aller Kraft, ihre jeweilige Tätigkeit auf den eigenen kleinen und engen Wirkungskreis zu beschränken. Waren wurden ausschließlich zur unmittelbaren Deckung des örtlichen Bedarfs hergestellt. Sie wurden jedoch auch in den umliegenden Gebieten verkauft und gegen andere Waren eingetauscht. Aus all diesen Gründen waren die Wege zu Fortschritt, Ausweitung, Erfindungen und Neuerungen, technischen Verbesserungen und zur Ansammlung von Kapital versperrt.

Die Mängel und Missstände, die infolge des Untergangs des Römischen Reiches aufgetreten waren, konnten durch die Errichtung des großen Römischen Reiches nicht im Geringsten beseitigt werden. Papst und Kaiser hatten Europa zwar in geistiger, moralischer und zu einem gewissen Grad auch in politischer Hinsicht durch ein gemeinsames Band geeint; doch die Notlage, in welche Gesellschaft, Zivilisation und Wirtschaft unter dem jagirdarischen Feudalsystem geraten waren, wurde nicht nur nicht verändert, sondern auf ein derart festes Fundament gestellt, dass man sich nicht einmal vorstellen konnte, es könne neben ihm irgendeine andere Lebensordnung geben.

Die europäische Renaissance

Wie diese allumfassende Erstarrung zerbrach, aus welchen Gründen dies geschah und wie die umfassende Renaissancebewegung Europas aufkam, gehört nicht zu unserem gegenwärtigen Thema. Kurz gesagt: Einerseits hatte die muslimische Herrschaft über Spanien und Andalusien und andererseits die Kreuzzüge die Menschen des Westens mit den damals führenden Völkern der Welt in Zivilisation und Kultur konfrontiert. Der Einfluss der christlichen Kirche hatte einen Schleier über die Augen der Menschen des Westens gelegt, der sie zwar daran hinderte, sich unmittelbar dem Islam zuzuwenden; durch ihre Kontakte mit den Muslimen konnten sie jedoch einen gewaltigen Schatz an Denkweisen, Wissenschaften und fortschrittlichen Arbeitsmethoden erwerben, und eben dies leitete schließlich ein neues Kapitel ein.

Der Zeitraum vom vierten bis zum sechzehnten Jahrhundert ist in der europäischen Geschichte als eine Übergangsperiode bekannt, in der man sich vom Mittelalter zur Neuzeit bewegte. In dieser Zeit wurde jeder Bereich des Lebens der Menschen des Westens durch den Einfluss der Außenwelt belebt.

In den Agrarwissenschaften, der Medizin, der Mathematik, dem Ingenieurwesen und anderen Bereichen nahm das Wissen der Menschen im Westen weiter zu. Die Erfindung der Druckerpresse beschleunigte die Ausbreitung des Denkens und die Verbreitung des Wissens außerordentlich. Mit dem großartigen Erwachen auf dem Gebiet von Wissen und Wissenschaft begann zwangsläufig in jeder Gesellschaft und in jedem Lebensbereich eine anhaltende Tätigkeit der Kritik und Reform. Der ununterbrochene Zustrom neuen Wissens und neuer Informationen sowie die Entwicklung von Industrie, Landwirtschaft und Handel belebten die gesamte Zivilisation allgemein mit neuem Leben. Darüber hinaus erweiterten die Entdeckung neuer geografischer Gebiete den Horizont des Denkens und den Blick. Gleichzeitig entstanden in fernen Ländern für die Menschen im Westen immer neue Märkte, auf denen sie ihre eigenen Waren und Rohstoffe verkaufen und Industrieerzeugnisse sowie Rohstoffe anderer Länder kaufen konnten. Dank dieser außerordentlich großen Chance begannen jahrhundertealte, zum Stillstand gekommene Handelsgeschäfte wieder in Gang zu kommen. Trotz zahlloser Hindernisse setzte überall innerhalb und außerhalb Europas ein reger Verkehr internationaler Händler ein. An den großen Verkehrswegen und an zentralen Orten entstanden neue Märkte sowie Städte und Ortschaften. Zentren des Reichtums, der Macht, des Intellekts, der Zivilisation und der Kultur verlagerten sich allmählich aus den von Lehnsherren und kleinen Feudalstaaten beherrschten Vorstädten in die großen Städte. Denn diese begannen sich zu Zentren des Handels, der Industrie sowie der neuen Wissenschaften und der Literatur zu entwickeln.

Die Vorreiter dieses neuen Erwachens waren die Angehörigen der „Bourgeoisie“. Kaufleute und Geldverleiher, Handwerker und Seehändler bildeten dabei die wichtigsten Gruppen. Alle Möglichkeiten dieses neuartigen Fortschritts kamen ausschließlich ihnen zugute. In den Städten waren sie die etablierten Kräfte. Sie unterhielten Verbindungen und Verkehr mit der Außenwelt; zumindest waren sie die Ersten, die den Einfluss von außen unmittelbar zu spüren bekamen, und in ihnen erwachte das leidenschaftliche Verlangen nach einer Veränderung und Weiterentwicklung der Gesellschaftsordnung. Doch die Hindernisse und Hemmnisse, die durch das Zusammenspiel von Kirche und Feudalherren auf den Gebieten des Denkens, der Moral, der Religion, der Gesellschaft, der Politik und der Wirtschaft geschaffen worden waren, hinderten sie von allen Seiten daran, voranzuschreiten und Fortschritte zu machen. Sobald sie in irgendeinem Lebensbereich über die seit Jahrhunderten festgelegten Grenzen hinausgingen, versperrten ihnen Geistliche und Lehnsherren gemeinsam den Weg. Deshalb begann gerade gegen diese Kräfte ein umfassender Konflikt, und dieser Kampf an allen Fronten setzte in jedem Lebensbereich ein. Auf dem Gebiet des Wissens und der Literatur wurde die von der Kirche errichtete „geistige“ Autokratie herausgefordert, und der Freiheit des Denkens sowie der Notwendigkeit der Forschung wurde größere Bedeutung beigemessen. In Wirtschaft, Gesellschaft und Politik formierte sich Widerstand gegen den Einfluss und die Vorherrschaft der Lehnsherren, und gegen die im feudalen Gesellschaftssystem verankerten Unterschiede und Diskriminierungen wurde energisch Einspruch erhoben. Infolgedessen begann die alte Gesellschaftsordnung zurückzuweichen, während die neuen aufstrebenden Kräfte voranschritten. Noch bevor das sechzehnte Jahrhundert anbrach, zerfielen die kleinen Lehnsherrschaften in verschiedenen Ländern Europas und begannen, sich in große Nationalstaaten zu verwandeln. Das Rätsel des geistlichen Einflusses und der geistlichen Vorherrschaft Europas war gelöst, und die areligiösen Herrscher der neuen Nationalstaaten begannen, die im Eigentum der Kirche befindlichen Vermögenswerte zu beschlagnahmen. Die einzelnen Völker gaben eine weltumspannende Religionsordnung auf und widmeten sich der Errichtung eigener Nationalkirchen. So wurde die Bourgeoisie mit dem Zerreißen der Fesseln der gemeinsamen Herrschaft von Kirche und Lehnsherren vollständig von den sozialen und traditionellen Bindungen befreit, die die alte Gesellschaftsordnung geschaffen hatte.

Der Liberalismus des Mittelalters

Die Gesamtheit der Lehren, auf deren Grundlage der Kampf gegen die Kirche und das feudale System geführt wurde, trug die gemeinsame Bezeichnung „Liberalismus“ – mit anderen Worten: grenzenlose Liberalität. Die Vorreiter des neuen Zeitalters predigten in jedem Lebensbereich und auf jedem Gebiet des Denkens und Handelns Ausweitung, uneingeschränkte Freigebigkeit, freien Gebrauch und ungehinderte Liberalität. In allen Bereichen – Religion, Philosophie, Wissen und Wissenschaft, Gesellschaft, Zivilisation, Politik und Wirtschaft – wurde eine liberale Politik verfolgt. Sie bemühten sich, alle Arten von Fesseln, Hindernissen, Beschränkungen, Engstirnigkeit und Härte aus dem Weg der Fortschrittsbefürworter zu räumen.

In diesem Konflikt und Kampf erreichte einerseits die Engstirnigkeit der Kirchenleitung und der Feudalherren ihren äußersten Höhepunkt, während andererseits die grenzenlose, unbekümmerte Liberalität der Bourgeoisie eine andere extreme Grenze erreichte. Auf beiden Seiten nahm der extreme Eigennutz scharfe Formen an. Mit Aufrichtigkeit, Gerechtigkeit, fehlerlosem Wissen und gesunder, unvoreingenommener Denkweise hatte keine der beiden Seiten auch nur das Geringste zu tun. Während die eine Seite im Bemühen, auf haltlosen Vorstellungen und Überzeugungen, ungerechten Ungleichheiten und Unterschieden sowie durch unmenschliche Gewalt und Unterdrückung erworbenen Rechten zu beharren, die Namen Allahs, der Religion und der Moral gebrauchte, begann die andere Seite, allein von bloßer Sturheit getrieben, im Namen des freien Denkens und der Liberalität das Fundament der seit jeher anerkannten Wahrheiten von Religion und Moral zu lockern. Genau zu dieser Zeit wurde die seit jeher befürwortete Verbindung zwischen Politik und Moral zerrissen. Machiavelli trat offen für diese Lehre ein und begann zu verkünden, dass es bei der Durchsetzung politischer Interessen sowie beim Erlangen von Vorteilen und Vergünstigungen keinerlei Notwendigkeit geben könne, moralische Regeln und Grundsätze einzuhalten. In dieser Epoche wurde gegenüber Kirche und Feudalismus das Gebilde des Nationalstaats geschaffen, und die giftigen Dämpfe des verheerenden Vulkans aus Streit und internationaler Feindschaft, der in der heutigen Welt entstanden ist, begannen sich von jenem Tag an anzusammeln. Von dieser Zeit an begann man erstmals, Zins als zulässig zu betrachten. Dabei bestand seit jeher unter den gläubigen, moralisch empfindenden Menschen und Rechtsgelehrten der ganzen Welt vollständige Übereinstimmung darüber, dass Zins verboten sei. Nicht nur die Tora und der Heilige Koran erklärten Zins für verboten; auch Aristoteles und Platon hielten ihn für verboten. Auch nach griechischem und römischem Recht war er untersagt. Als jedoch in der Renaissance die Bourgeoisie gegen die christliche Kirche die Fahne des Aufstands erhob, begann man, Zins als eine „unvermeidliche Sünde“ zu bezeichnen. Sogar die christlichen Reformer (Reformists) begannen, unter dem Einfluss einer mächtigen Propaganda, ihn als eine menschliche Schwäche für zulässig zu halten. Danach konzentrierten sich allmählich sämtliche moralischen Erörterungen der bedeutenden Denker auf die Frage, wie hoch der Zinssatz sein sollte. Sie legten das gesamte Gewicht auf die Debatte, ob der Zinssatz „vernünftig“ sein müsse. Schließlich setzte sich in ihren Köpfen die Vorstellung fest, dass es im Handels- und Geschäftsverkehr überhaupt keine Frage von Religion und Moral geben könne. Aus wirtschaftlicher Sicht sei Zins etwas ganz Natürliches und Vernünftiges. So wie man nichts gegen das Vermieten und Mieten eines Hauses sagen könne, könne man auch gegen Zins kein schlagendes Argument vorbringen.

Besonders bemerkenswert ist, dass die in der Renaissance entstandene Bourgeoisie, nachdem sie mit dem Ruf ihrer uneingeschränkten und vorbehaltlosen Liberalität die Geistlichen, Feudalherren und Grundeigentümer in dem Maße vom Schauplatz verdrängt hatte, selbst genau diesen freigewordenen Platz einnahm. Der Rausch ihrer äußersten Liberalität hatte sie vergessen lassen, dass auch unter ihnen eine gewaltige Klasse des Volkes existierte und dass gerade diese durch den erdrückenden Stein des Feudalsystems am stärksten ausgebeutet worden war. Daher hatte auch sie das Recht, einen großen Teil der gewaltigen Vorteile der gegenwärtigen liberalen Gesellschaftsordnung zu genießen. Als in England die parlamentarische Regierungsform ihren Anfang nahm und die tatsächliche Macht des Parlaments aus den Händen der Lords in die Hände des Volkes (der Commons) überging, rissen die liberalen Bourgeois all diese Machtbefugnisse an sich. Die Argumente, mit deren Hilfe sie selbst ihr Wahlrecht durchgesetzt hatten, vergaßen sie völlig, als sie der Bevölkerung der unteren Klassen das Wahlrecht verweigerten.

Die industrielle Revolution

Die Revolution, die in der Renaissance begonnen hatte, vervielfachte sich im achtzehnten Jahrhundert durch die Erfindung der Maschinen um das Hundertfache. Neuartige wissenschaftliche Theorien, Erkenntnisse und Erfindungen wurden zur Entwicklung von Industrie, Landwirtschaft und Verkehrswesen angewandt. In jener Zeit wurden die Produktion von Waren, die Beschaffung von Rohstoffen und der Verkauf der hergestellten Waren in allen Winkeln der Welt in ungewöhnlichem Maße leistungsfähig.

Alle Vorzüge und Möglichkeiten hinsichtlich Wohlstand, Kraft und Macht, die diese gewaltige Revolution eröffnete, konnte allein die in der Renaissance entstandene Bourgeoisie an sich reißen. Denn Industrie und Handel lagen in ihren Händen. Auch über Wissenschaft, Wissen und Literatur erstreckte sich ausschließlich ihre uneingeschränkte Vorherrschaft. Durch die Verbindung von Kapital, Tatkraft und organisatorischer Fähigkeit schuf sie ein neuartiges System von Industrie und Handel, das den Namen „moderner Kapitalismus“ erhielt. Unter diesem System wurden in Städten und Ortschaften große Fabriken und Handelsunternehmen errichtet. Der Zunftzwang der Gewerbetreibenden zerfiel vollständig. Der Wirkungsbereich kleiner Fabriken, privater Geschäfte und der Läden von Kleinhändlern mit wenig Kapital wurde immer enger. Die Arbeiter auf dem Land und in den Dörfern strömten in die Städte und waren gezwungen, vor den Toren der großen Fabrikbesitzer als Arbeiter und Tagelöhner Stellung zu beziehen. Für Kleinhändler und kleine Geschäftsleute blieb kein anderer Ausweg, als eine Anstellung oder Agentur bei großen Industriellen und Großhändlern anzunehmen. So bemächtigte sich allein die Bourgeoisie der gesamten durch neue wissenschaftliche Entdeckungen gewonnenen Kraft, und ihr Einflussbereich begann sich noch weiter auszudehnen.

Allerdings erwiesen sich die durch die Renaissancebewegung geschaffenen Nationalstaaten als das größte Hindernis auf diesem Weg der Ausweitung ihres Einflussbereichs. Die despotischen Könige dieser Staaten beanspruchten, mit einem „von Gott verliehenen Recht“ ausgestattet zu sein. Die führenden Vertreter des früheren Feudalsystems wurden zu Schmeichlern dieser Könige, und die Nationalkirchen gewährten ihnen religiöse und geistliche Unterstützung. Die Herrschaft dieses Dreierbündnisses begann auf dem Weg der Bourgeoisie Hindernisse und Widerstände verschiedenster Art zu schaffen. Diese Hindernisse hemmten ihren Fortschritt nicht nur in Industrie und Handel; auch im Bereich von Zivilisation und Gesellschaft waren zahlreiche Dinge aus der feudalen Epoche erhalten geblieben, die für diese aufstrebende Klasse eine unerträgliche Ordnung darstellten.

Der moderne Liberalismus

In dieser Epoche erhob sich der frühere Sieger im Kampf, der „Liberalismus“, mit neuen Waffen ausgerüstet erneut. In der Politik begann er die Losung der Religionslosigkeit zu verkünden, in den Bereichen Zivilisation, Gesellschaft und Literatur die der uneingeschränkten individuellen Freiheit und in der Wirtschaft die der freien und offenen Politik (Laissez-faire-Politik). Er erklärte, dass weder die Kirche noch der Staat oder die Gesellschaft irgendein Recht haben dürfe, dem Streben des Einzelnen nach Entfaltung und den Tätigkeiten, die seinem Gewinn dienen, Hindernisse in den Weg zu legen. Es sei unbedingt erforderlich, dass jeder Einzelne die freie Möglichkeit erhalte, seine Kräfte, Fähigkeiten und Fertigkeiten nach seinen eigenen Neigungen einzusetzen und nach Kräften Fortschritt und Entwicklung zu erlangen. Und tatsächlich würde, wenn jeder Einzelne grenzenlose Freiheit erlangen und in jedem Bereich und auf jedem Gebiet des Lebens sowie bei jeder Tätigkeit uneingeschränkte Freiheit genießen könnte, dadurch im Grunde der Gesellschaft insgesamt großer Nutzen erwachsen. Jeder Einzelne in der Gesellschaft sollte in allen Angelegenheiten frei sein von äußeren Einflüssen und Hindernissen, Regeln und Vorschriften, den Bindungen von Bräuchen, religiösen und moralischen Beschränkungen sowie vom Eingreifen des Gesetzes und der Gesellschaft.

Auf diese Weise setzten die Anhänger und Bannerträger der neuen Lehre ihre ganze Kraft dafür ein, überall die Losungen der Liberalität, der Ungebundenheit, der Vernünftigkeit aller Dinge und des Individualismus – in ihrer Terminologie: des Vernünftigen und Logischen – wirksam zu machen.

Auf politischem Gebiet glaubten sie an das Ideal, dass die Macht der Regierung möglichst gering und die Freiheit des Einzelnen umfassend und grenzenlos sein müsse. Ihrer Ansicht nach sollte die Regierung lediglich eine unparteiische Rechtsprechungsinstanz sein. Sie sollte das gegenseitige Eindringen der Individuen in die Sphären der jeweils anderen verhindern und die persönliche Freiheit schützen. Alle Tätigkeiten des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens müssten vollständig auf der freien, uneingeschränkten Initiative sowie den Überlegungen und Forschungen der Einzelnen beruhen. In dieser Hinsicht dürfe die Regierung weder als wirkende Kraft noch als Wegweiser auch nur im Geringsten eingreifen. Auf politischem Gebiet forderten sie ferner, dass die Herrschaftsgewalt und die Souveränität weder Eigentum einer königlichen Familie noch Besitz einer Grundbesitzergruppe sein dürften, sondern in die Verfügungsgewalt der einfachen Bevölkerung des Landes fallen müssten. Da sämtliche Tätigkeiten der Regierung durch die von ihnen entrichteten Steuern finanziert würden, müssten Auflösung, Neuordnung und Veränderung der Regierung ausschließlich ihrem Urteil entsprechend erfolgen; auch bei der Gesetzgebung sowie bei Regierung und Aufrechterhaltung der Ordnung dürfe allein der Einfluss ihrer Stimme anerkannt werden. Die neue Demokratie, die sich in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts in der Welt etabliert hat, gründet auf den oben genannten Lehren und Überzeugungen.

Auf wirtschaftlichem Gebiet begannen sie nachdrücklich den Grundsatz zu verkünden, dass bei einer Wirkung der natürlichen wirtschaftlichen Gesetze und Regeln ohne äußere Einflüsse, Behinderungen oder Eingriffe durch die persönlichen Anstrengungen der Einzelnen spontan gewaltige Werke zum Wohl der Gesellschaft vollbracht werden könnten. Die Produktion werde zunehmen und ihre Verteilung könne auf bessere Weise erfolgen. Dazu sei es allerdings erforderlich, den Menschen vollkommene Freiheit bei ihren Anstrengungen und ihrer Arbeit zu gewähren und den Staat daran zu hindern, in diesen natürlichen Prozess künstlich einzugreifen. Dieses Grundprinzip der uneingeschränkten Wirtschaftsordnung – Free Enterprise – ist die grundlegende Formel der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung. Wie in der uneingeschränkten Liberalität des Renaissancezeitalters sind auch in der grenzenlosen Liberalität des Zeitalters der industriellen Revolution Wahrhaftigkeit und Redlichkeit in beträchtlichem Maße vorhanden; daran, dass dies letztlich den Grund für den Beginn des Sieges bildete, besteht kein Zweifel. Doch mit dieser Redlichkeit sind Eigennutz und eine extremistische Gesinnung untrennbar verbunden – zwei gewaltige Schwächen der westlichen Mentalität –, und sie sind bereits seit dem Zeitalter des Papsttums und des Feudalismus wirksam.

Der äußerste Höhepunkt des Eigennutzes bestand darin, dass es den Forderungen der meisten von ihnen nach Rechten und Gerechtigkeit in erschreckendem Maße an Aufrichtigkeit und Uneigennützigkeit mangelte. Sie stellten die richtigen Grundsätze nicht deshalb auf, weil sie Anhänger von Wahrheit und Gerechtigkeit gewesen wären, sondern ausschließlich deshalb, weil dies der Durchsetzung und Förderung ihrer eigenen Interessen diente. Der Beweis dafür war, dass sie keineswegs bereit waren, ihren Arbeitern und der mittellosen Bevölkerung die Rechte zuzuerkennen, die sie für sich selbst einforderten.

Ihre extremistische Gesinnung trat in den Äußerungen ihrer gebildeten Gelehrten und Schriftsteller immer wieder deutlich zutage. Sie nahmen einige wahre Ideale an und erweiterten deren Grenzen in ungewöhnlichem Maße. Andere wahre Grundsätze lehnten sie dagegen vollständig ab. In ihrem praktischen Leben setzten sie die von ihnen ausgewählten wahren Grundsätze dort durch, wo diese für sie einen Platz oder eine Bedeutung hatten. Doch es ist allgemein bekannt, dass ein wahrer Grundsatz, sobald er seine eigenen Grenzen überschreitet, kein wahrer Grundsatz mehr bleiben kann; dann wird er zu einem völlig falschen Grundsatz, und seine gegenteiligen Folgen beginnen sichtbar zu werden. Tatsächlich ist ein solches Ungleichgewicht in jedem Bereich der Lebensordnung, die unter dem Einfluss dieser Auffassungen von Ungebundenheit, Individualismus und Demokratie geschaffen wurde, in ausgeprägter Weise vorhanden. Da diese Erörterung jedoch auf die wirtschaftliche Seite beschränkt ist, werden die übrigen Seiten überhaupt nicht behandelt. Wir wollen allein durch die Erörterung dieses Aspekts zeigen, welch unausgewogene Wirtschaftsordnung sie dadurch geschaffen haben, dass sie Eigennutz und eine extremistische Gesinnung mit einer natürlichen Wirtschaftsordnung verbanden, und wie schwerwiegend deren Folgen gewesen sind.

Die moderne kapitalistische Wirtschaft

Im vorigen Aufsatz habe ich kurz dargelegt, dass die Wirtschaftsordnung, deren Grundlage eine Politik der ungehemmten und liberalen wirtschaftlichen Ausbeutung bildet, fachsprachlich als moderner Kapitalismus (Modern Capitalism) bezeichnet wird.

Die Grundprinzipien der uneingeschränkten Wirtschaftsordnung

Der Kapitalismus und die unregulierte Wirtschaftsordnung beruhen auf sieben Grundprinzipien, die im Folgenden der Reihe nach genannt werden:

Erstens: Das Recht auf Privateigentum

In einer unregulierten kapitalistischen Wirtschaftsordnung wird das Privateigentum nicht nur an gewöhnlichen, alltäglich gebrauchten Dingen wie Kleidung, Haushaltsgegenständen, Möbeln, Häusern, Fahrzeugen und Haustieren anerkannt; vielmehr wird auch das Recht auf Privateigentum an Produktionsgütern wie Maschinen, Waffen, Grundstücken und Rohstoffen begründet. Das Privateigentum an Gütern der ersten Art wird von jeder Wirtschaftsordnung ohne Widerspruch anerkannt; doch darüber, ob Produktionsmittel und dergleichen in Privateigentum stehen können und stehen sollten, ist zwischen den verschiedenen Wirtschaftsordnungen eine tiefgreifende Meinungsverschiedenheit entstanden. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung hat das Privateigentum selbstverständlich auch in diesem Bereich vollständig anerkannt. Mehr noch: Dies ist das Fundament der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und eines ihrer wesentlichen Merkmale.

Zweitens: Die Freiheit des Erwerbsrechts

Die Bewohner der kapitalistischen Gesellschaft genießen die uneingeschränkte Freiheit, entweder individuell oder in kleinen Gruppen organisiert ihr Kapital sowie ihre Mittel und Ressourcen für die Produktion einzusetzen. Ob daraus Gewinn oder Verlust entsteht, müssen sie vollständig selbst tragen; ebenso müssen sie das Verlustrisiko selbst übernehmen, während es keinerlei Hindernis oder Beschränkung gibt, Berge von Profiten anzuhäufen. Auch hinsichtlich der Steigerung oder Verringerung der Produktionsmenge genießen sie völlige Freiheit. Die Festsetzung der Preise der erzeugten Waren liegt ebenfalls ausschließlich in ihrem Ermessen. Sie sind völlig frei, Menschen gegen einen festgelegten Lohn oder ein festgelegtes Gehalt zu beschäftigen, in ihren Geschäften beliebige Bedingungen oder Verpflichtungen zu übernehmen und dafür Regeln und Vorschriften aufzustellen. Kurz gesagt: Alle Angelegenheiten zwischen Käufern und Verkäufern, Arbeitern und Eigentümern, Herren und Dienern müssen in völliger Freiheit geregelt werden, und es muss uneingeschränkte Freiheit bestehen, jede gegenseitige Vereinbarung, auf welche Bedingungen auch immer man sich einigt, umzusetzen.

Drittens: Der persönliche Profit als Quelle des Arbeitsantriebs

Die kapitalistische Wirtschaft stützt sich bei der Förderung der Produktion notwendiger Güter ausschließlich auf die Gier nach persönlichem Vorteil und die Raublust. Diese Eigennützigkeit und Profitgier ist von Natur aus in jedem Menschen vorhanden; sie veranlasst den Menschen zum Handeln und spornt ihn an, sich in die produktive Arbeit zu stürzen. Nach Ansicht der Anhänger des Kapitalismus kann nichts Besseres – ja überhaupt nichts anderes – im Menschen Arbeitsantrieb und Begeisterung hervorrufen. Wird die Höhe des Profits begrenzt, werden der Erwerbsdrang sowie das Maß an Arbeit, Anstrengung und Mühe der Menschen erheblich zurückgehen. Bleibt jedoch das Tor zum Profit frei und offen und erhält jeder Mensch die uneingeschränkte Möglichkeit, entsprechend seiner eigenen Arbeit, Mühe und Befähigung so viel wie möglich zu verdienen, wird jeder Einzelne versuchen, Arbeit von höchstem Umfang und bester Qualität zu leisten. Dadurch wird die Produktionsmenge ganz von selbst steigen und ihre Qualität sich allmählich weiter verbessern. Alle verfügbaren Mittel und Ressourcen werden in höchstmöglichem Maße genutzt werden, und der Versorgungsbereich mit notwendigen Gütern wird sich erweitern. Auf diese Weise wird die Gier nach persönlichem Profit im Einklang mit dem Gesamtinteresse einen so wunderbaren Dienst leisten, dass es keinerlei Möglichkeit gibt, einen solchen Dienst auf irgendeine andere Weise zu erbringen.

Viertens: Wettbewerb und Konkurrenz

Die Anhänger der kapitalistischen Wirtschaft sagen bei ihrer Verteidigung des Kapitalismus und der ungezügelten Ausbeutung, dass der Wettbewerb und die Konkurrenz in einer solchen Wirtschaftsordnung das Äußerste der Individuen und das einzige Mittel seien, Harmonie und Gleichgewicht unter ihnen zu bewahren. Auch diese Ordnung sei natürlich und naturgemäß. Gibt es auf einem offenen Markt zahlreiche Produzenten, viele Händler und Käufer derselben Ware, so stellt sich unter dem Druck von Wettbewerb und Konkurrenz allmählich ein Gleichgewicht und eine Ausgewogenheit der Warenpreise ein. Dadurch kann die Profitgier nicht dauerhaft jedes Maß überschreiten. Die Profitrate kann jedoch auch nicht völlig sinken; von den plötzlichen Schwankungen und Auf- und Abwärtsbewegungen der Warenpreise ist dies natürlich zu unterscheiden. Ebenso bestimmen Arbeiter und Eigentümer, indem sie jeweils an ihrem Platz stehen, infolge von Wettbewerb und Konkurrenz allmählich einen für beide Seiten akzeptablen Lohnsatz. Dieser Wettbewerb und diese Konkurrenz müssen jedoch offen und völlig frei stattfinden und dürfen durch keinerlei Monopol (ausschließliches Recht) eingeengt werden.

Fünftens: Der Unterschied zwischen den Rechten des Eigentümers und denen des Arbeiters

Im kapitalistischen Wirtschaftssystem sind die Beschäftigten jedes mit einem Unternehmen verbundenen Betriebs in zwei Gruppen geteilt. Zur ersten Gruppe gehören die Eigentümer des Unternehmens. Sie beginnen und führen das Geschäft oder die industrielle Tätigkeit auf eigene Verantwortung und sind letztlich für deren Gewinn oder Verlust verantwortlich. Zur zweiten Gruppe gehören Lohnarbeiter und angestellte Beschäftigte. Mit Gewinn oder Verlust des eigentlichen Unternehmens haben sie nichts zu tun. Sie setzen in diesem Geschäft lediglich ihre Zeit, ihre Arbeitskraft und ihre Fähigkeiten beziehungsweise beruflichen Fertigkeiten ein. Häufig entstehen im Geschäft Verluste. Die Lohnarbeiter sind jedoch nur mit ihrem eigenen Lohn zufrieden. Mitunter geht sogar das gesamte Geschäft zugrunde, sodass die Eigentümerseite völlig mittellos wird. Keine dieser Folgen trifft jedoch die Arbeiter. Für sie besteht der einzige Unterschied darin, dass sie, nachdem der Betrieb, in dem sie heute Lohnarbeit leisten, zugrunde gegangen ist, lediglich gezwungen sind, anderswo eine Beschäftigung zu suchen.

Die Befürworter des Kapitalismus sagen, gerade diese Sachlage beweise, dass der Anteil am Gewinn gerechterweise demjenigen zufallen sollte, auf dessen Schultern die Last des Verlustes liegt und der das Geschäftsrisiko trägt. Lohnarbeiter hätten lediglich Anspruch auf einen angemessenen Lohn, und dieser müsse demjenigen entsprechen, der nach Art, Wesen und Umfang ihrer Arbeit gemäß dem Marktlohn als gerecht betrachtet werde. Wenn das Geschäft Gewinn abwirft, gebe es keinen Grund, diesen Lohn unter Berufung auf den Gewinn zu erhöhen; umgekehrt könne auch ein Geschäftsverlust kein Anlass sein, den Lohn zu senken. Die Pflicht des Arbeiters bestehe darin, gegen einen festgelegten Lohn zu arbeiten; eben dies mache ihn zum Berechtigten auf den Lohn. Jede Erhöhung oder Senkung in dieser Hinsicht erfolge nach den natürlichen Regeln, die auch für die Preissteigerungen und -senkungen anderer Güter gelten. Wenn die Zahl derjenigen, die Arbeit annehmen, sinkt und die Zahl der Arbeitssuchenden steigt, werde der Lohn spontan sinken; im umgekehrten Fall werde er steigen. Ebenso werde die Arbeit eines geschickten und umsichtig handelnden Beschäftigten naturgemäß einen höheren Lohn einbringen. Die Eigentümerseite des Unternehmens werde ihn im eigenen Interesse und zum eigenen Gewinn durch Belohnungen und Beförderungen zufriedenzustellen suchen. Je mehr Lohn der Beschäftigte selbst erhalte, desto entschlossener werde er für die Verbesserung und erfolgreiche Gestaltung des Unternehmens arbeiten. Die Eigentümerseite werde naturgemäß danach streben, bei geringeren Kosten einen höheren Gewinn zu erzielen; daher werde sie sich bemühen, den Lohn möglichst niedrig zu halten. Die arbeitenden Menschen hingegen würden naturgemäß danach streben, ihre Bedürfnisse mit möglichst größerem Komfort und Wohlstand zu befriedigen und ihren Lebensstandard wenigstens etwas zu verbessern. Deshalb sei es natürlich, dass sie sich ernsthaft um eine Lohnerhöhung bemühten. Aus diesem Gegensatz werde naturgemäß ein Konflikt entstehen; dennoch werde sich auch diese Angelegenheit, wie die übrigen vielfältigen Vorgänge der Welt, durch zahlreiche Senkungen, Steigerungen sowie Auf- und Abschwünge hindurchentwickeln, und der Lohn werde weiterhin nach einem für beide Seiten annehmbaren Satz festgelegt werden.

Sechstens: Die Abhängigkeit vom natürlichen Wirksamwerden der fortschreitenden Entwicklung

Die Befürworter des Kapitalismus pflegen zu sagen: Wenn im Geschäftsleben der gesamte Gewinn davon abhängt, mit geringeren Kosten mehr zu produzieren, muss der Geschäftsmann schon in seinem eigenen Interesse bestrebt sein, in möglichst großem Umfang wissenschaftliche Methoden anzuwenden, Maschinen und Anlagen in einem möglichst guten Zustand zu halten, große Mengen an Rohstoffen zu niedrigen Preisen zu erwerben und sämtliche Methoden und die gesamte Organisation seines Geschäfts weiterzuentwickeln. In einem freien und uneingeschränkten Wirtschaftssystem vollbringe die innere Organisation diese Aufgabe von selbst, ohne irgendeinen äußeren Einfluss oder künstliche Steuerung. Durch die persönlichen Anstrengungen einer großen Zahl voneinander getrennter und zerstreuter Einzelpersonen und Gruppen würden solche Aufgaben zur Anwendung der Naturgesetze sowie zur Förderung und zum Wohlstand der Gesellschaft erfüllt, die selbst mithilfe eines Gesamtplans nicht so geordnet verwirklicht werden könnten. Tatsächlich handle es sich dabei um einen besonderen Plan der Natur, der unbemerkt wirksam sei.

Siebtens: Die Untätigkeit von Staat und Regierung

Die Befürworter des kapitalistischen Wirtschaftssystems vertreten die Ansicht, dass die Natur gemäß den oben genannten Grundsätzen eine solche Harmonie geschaffen habe, dass letztlich das Wohl aller verwirklicht werde, wenn die Menschen gemeinsam und gleichzeitig arbeiteten, obwohl in der Praxis jeder von ihnen für sein persönliches Interesse tätig sei, sofern die Einzelnen die Möglichkeit erhielten, völlig frei und ohne irgendwelche Hindernisse zu arbeiten. Wie bereits oben gesagt, würden die Menschen, sobald sie durch ihre eigenen Anstrengungen als Gegenleistung einen unermesslichen Gewinn erzielen könnten, ihre gesamte Kraft, Fähigkeit und Befähigung einsetzen, um eine gewaltige und übermäßige Menge an Reichtum zu erzeugen. Dadurch würden zwangsläufig für alle bessere Waren in großen Mengen produziert. Sobald auf dem offenen Markt Wettbewerb und Konkurrenz zwischen Geschäftsleuten, Industriellen und Rohstofflieferanten einsetzten, stelle sich bei den Warenpreisen ein natürliches Gleichgewicht ein, die Qualität der Erzeugnisse verbessere sich von selbst, und man erkenne von allein, welches Erzeugnis die Gesellschaft in welcher Menge benötige. Der Staat und die Regierung dürften keinesfalls in den natürlichen Ablauf der Reichtumserzeugung unnötig eingreifen und dieses natürliche Gleichgewicht zerstören. Ihre Aufgabe bestehe vielmehr darin, die günstigsten Bedingungen für die Wahrung der persönlichen Freiheit der wirtschaftlichen Tätigkeit zu schaffen. Sie müssten im ganzen Land Frieden und Sicherheit gewährleisten. Den persönlichen Besitz der Bürger müssten sie schützen. Zur Wahrung gegenseitiger Verträge und Versprechen müssten sie Gesetze anwenden und für deren Durchsetzung sorgen. Die Aufgabe des Staates bestehe darin, das Land sowie den Handel und Wandel und das Vermögen des Landes vor äußeren Angriffen, Feindseligkeiten und allen Gefahren zu schützen. Seine Pflicht bestehe darin, die Aufgaben eines gerechten Richters, eines Beschützers und eines Regulators zu erfüllen. Es könne niemals wünschenswert sein, dass er selbst zum Geschäftsmann, Industriellen oder Großgrundbesitzer werde oder durch wiederholte Behinderungen die Tätigkeit von Geschäftsmännern, Industriellen und Grundbesitzern beeinträchtige.

Die Ursachen des Zusammenbruchs

Seit der Entstehung der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung sind die genannten Grundsätze der Weltöffentlichkeit vorgelegt worden. Obwohl sie Übertreibungen enthielten, wurden sie in der ganzen Welt im Allgemeinen unterstützt, da ihnen vom Standpunkt der Wirklichkeit aus betrachtet ein beträchtlicher Wahrheitsgehalt innewohnt. In Wahrheit enthalten sie nichts Neues. Seit jeher sind die Angelegenheiten der menschlichen Wirtschaft auf der Grundlage dieser Grundsätze geregelt worden. Das einzig Neue war in diesem Zusammenhang die übertriebene Strenge, mit der die Bourgeoisie während der industriellen Revolution bei der Anwendung einiger dieser Grundsätze vorging. Darüber hinaus ist die bürgerliche Wirtschaftsordnung nicht auf der Grundlage der oben erwähnten natürlichen Grundsätze aufgebaut worden; vielmehr wurden ihr zahlreiche falsche Grundsätze hinzugefügt. Außerdem verwarfen sie einige falsche Grundsätze, die für eine natürliche Wirtschaftsordnung unerlässlich waren. Tatsächlich sind diese ebenso wichtig wie die oben erwähnten Grundsätze einer freien und uneingeschränkten Wirtschaftsordnung. Aus bloßem Eigennutz leugneten sie viele der von ihnen selbst aufgestellten Grundsätze. Durch das Zusammenwirken dieser vier Dinge konnten sämtliche in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung entstandenen Katastrophen hervorgerufen werden; und dies nahm derart erschreckende Ausmaße an, dass die ganze Welt dagegen aufschrie.

Hier wird eine kurze Prüfung und Betrachtung der Mängel und Fehler der kapitalistischen Wirtschaftsordnung vorgelegt:

Erstens: Die natürlichen Regeln und Gesetze, auf die man sich zur Unterstützung einer freien und uneingeschränkten Wirtschaftsordnung immer wieder beruft, sind im Verhältnis zu den eigenen Aussagen und der eigenen Vorgehensweise keineswegs wahr. Lord Keynes hat zu Recht gesagt, dass es in der Welt keine so starke Herrschaft sittlicher und natürlicher Regeln und Gesetze gibt, durch die sich zwischen den Interessen des Einzelnen und denen der Gesellschaft spontan ein Ausgleich herstellen würde. Es ist keineswegs richtig, aus den Grundsätzen der Wirtschaftswissenschaft abzuleiten, dass der moderne Eigennutz stets nach dem sozialen Wohlergehen strebe. Ebenso wenig kann man behaupten, dass Eigennutz immer großzügig sei. Denn häufig zeigt sich, dass ein Mensch, der sich um die Durchsetzung seiner persönlichen Interessen bemüht, so unwissend und schwach ist, dass er nicht nur dauerhaft irgendein allgemeines oder nationales Interesse verwirklichen kann, sondern sogar bei der Durchsetzung seiner eigenen Interessen scheitert.

Tatsächlich waren die übertriebenen Behauptungen nicht nur vom Standpunkt der Logik aus keineswegs stichhaltig; die bürgerlichen Kapitalisten haben vielmehr durch ihr eigenes Handeln bewiesen, dass ihr Eigennutz nicht im Geringsten großzügig war. Sie bildeten gegen die gewöhnlichen Käufer, die arbeitende Bevölkerung und die Regierungen, die Frieden und Sicherheit gewährleisteten – gegen alle drei zugleich – ein geschlossenes Bündnis und verschworen sich gemeinsam, um den eigentlichen Nutzen der industriellen Revolution vollständig an sich zu reißen. Ihre gegenseitige Absprache hat gerade das größte Argument zunichtegemacht, das sie zur Unterstützung der freien und uneingeschränkten Wirtschaftsordnung vorgebracht hatten. Das heißt, es hat sich erwiesen, dass die Behauptung, durch das natürliche Spiel von Auf- und Abbau stelle sich unter allen von selbst ein Gleichgewicht der Gewinne her, völlig falsch ist. Deshalb sah sich Adam Smith, der größte Befürworter der freien und uneingeschränkten Wirtschaftsordnung, schließlich zu folgender Aussage gezwungen:
„Es kommt äußerst selten vor, dass Geschäftsleute irgendwo zusammenkommen und ihre Zusammenkunft beenden, ohne irgendeine Verschwörung gegen die Öffentlichkeit zu schmieden oder einen Beschluss zugunsten einer Erhöhung der Warenpreise zu fassen. Selbst die Gelegenheit, sich bei verschiedenen Festen und Veranstaltungen zusammenzusetzen, lassen sie nicht ungenutzt, um dieses Verbrechen zu begehen.“

In ähnlicher Weise ist auch die Behauptung der Befürworter des Kapitalismus, dass die Menschen durch Privateigentum und die Möglichkeit zu freier Initiative und Arbeit bestimmte Rechte erlangten, die unter keinen Umständen eingeschränkt werden dürften, äußerst übertrieben und maßlos. Wenn ein Mensch im Rahmen seines Eigentums Tätigkeiten ausübt, durch die der Lebensunterhalt tausender Menschen geschädigt wird, oder wenn er zur Durchsetzung seiner persönlichen Interessen eine Art des Vorgehens und Handelns wählt, durch die die Gesundheit, die Moral und die Sicherheit der gesamten Gesellschaft beeinträchtigt werden, welche Berechtigung kann es dann dafür geben, ihm für solche Handlungen uneingeschränkte Freiheit zu gewähren und auf die Anwendung des Gesetzes zu verzichten, das ihn daran hindern soll, durch seine persönlichen Rechte die Interessen der Gesellschaft zu schädigen? Auch den Gedanken der staatlichen Neutralität haben sie so weit über seine angemessenen Grenzen hinaus ausgedehnt, dass schädliche Folgen unvermeidlich sind. Wenn mächtige Personen beginnen, durch ein Bündnis eine große Zahl von Menschen auszubeuten, und die Regierung dann als stummer Zuschauer untätig zusieht oder gar beginnt, die Interessen eben dieser Mächtigen zu schützen, ist eine heftige Gegenreaktion als unvermeidliche Folge völlig natürlich. Wenn eine solche Gegenreaktion eintritt, bedeutet das keineswegs, dass sie stets den angemessenen rechtsstaatlichen und verfassungsmäßigen Weg verfolgen wird.

Zweitens: Es besteht kein Zweifel, dass die Grundsätze der freien und uneingeschränkten Wirtschaftsordnung insbesondere im Zeitalter der industriellen Revolution in einem derart maßlosen und übertriebenen Umfang vertreten wurden, dass dies äußerst falsch war. Die industrielle Revolution leitete eine grundlegende Veränderung der Produktionsweise ein. Während zuvor menschliche und tierische Arbeitskraft eingesetzt worden war, begann man im Zeitalter der industriellen Revolution Maschinen einzusetzen. Durch die Aufstellung einer „Maschine“ konnten zehn Menschen die Arbeit von tausend verrichten. Eine solche Produktionsweise beschäftigt naturgemäß nur wenige Menschen und lässt Tausende mit dem Problem der Arbeitslosigkeit konfrontiert zurück. Unter den Bedingungen einer solchen Produktionsweise ist die Forderung nach Privateigentum, dem Recht auf freie und uneingeschränkte Initiative und Anstrengung sowie einer neutralen Politik der Regierung bereits prinzipiell ungerecht. Ein Einzelner oder eine Gruppe eröffnet plötzlich aufgrund der eigenen Mittel und Ressourcen eine riesige Fabrik; dass dies für die kleinen und individuell arbeitenden Produzenten sowie für das Leben tausender Erwerbstätiger ein großes Unglück heraufbeschwört, kümmert sie jedoch nicht im Geringsten. Wie kann das gerechtfertigt sein? Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass hier die Berechtigung des Einsatzes von Maschinenkraft in der industriellen Produktion geleugnet wird. Die eigentliche Aussage ist vielmehr, dass Maschinenkraft keineswegs blind und völlig unterschiedslos hätte eingesetzt werden dürfen und dass es die Pflicht der Regierung gewesen wäre, vom ersten Tag an über Beschäftigungsmöglichkeiten für diejenigen nachzudenken und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, die durch diese industrielle Kraft arbeitslos gemacht wurden. Da jedoch keinerlei solche Maßnahmen getroffen wurden, trat mit dem Beginn der mechanisierten Produktionsweise in der menschlichen Gesellschaft das Problem der Arbeitslosigkeit als ein derart großes und dauerhaftes Problem hervor, dass die frühere Geschichte mit einer solchen Lage auch nicht im Geringsten vertraut war. Es ist allgemein bekannt, dass Arbeitslosigkeit nicht die Bezeichnung für eine einzelne Sache ist, sondern der Ursprung unzähliger Arten komplizierter Probleme im biologischen, geistigen, moralischen und kulturellen Leben des Menschen. Doch die Frage ist: Welches Recht kann ein Einzelner oder eine Handvoll Menschen im Rahmen ihres Eigentums dazu haben, Tätigkeiten aufzunehmen, durch die im gesellschaftlichen Leben eine derart große und gefährliche Komplikation entsteht? Und welcher vernünftige Mensch könnte es wagen, einen solchen Schritt als Wahrung des Gesamtinteresses sowie als großzügigen und unschädlichen Eigennutz auf individueller Ebene zu bezeichnen? Darüber hinaus ist es eine derart verhängnisvolle Dummheit, dass sie sich nicht vollständig schildern lässt: Die nationale Regierung gewährt einer solchen persönlichen Willkür freie und offene Möglichkeiten, bleibt untätig und denkt nicht einmal darüber nach, welch furchtbare Katastrophe die Tätigkeit einiger weniger Menschen über das Leben der gesamten Nation bringen kann.

Drittens: Als Mechanisierung und Produktion auf diese Weise Millionen von Menschen arbeitslos machten und diese ihre Dörfer, ländlichen Siedlungen, Stadtviertel und Elendsviertel verließen, um bei den Besitzern großer Fabriken und den Geschäftsleuten verzweifelt nach einer Beschäftigung und einer Möglichkeit zu suchen, Lohnarbeit zu verrichten, waren diese dem Untergang geweihten Menschen gezwungen, für ihren Lebensunterhalt Tag und Nacht unter härtester körperlicher Anstrengung zu arbeiten, nachdem sie von den Kapitalisten nur den festgelegten niedrigsten Lohn erhalten hatten. Dennoch fanden nicht alle Arbeitslosen Arbeit; ein großer Teil blieb weiterhin dauerhaft arbeitslos, und selbst diejenigen, die Arbeit fanden, waren nicht in der Lage, mit den Kapitalisten zu verhandeln und einen Vertrag zu angemessenen Bedingungen abzuschließen. Denn sie selbst waren hilflos auf der Suche nach ihrem Lebensunterhalt aufgebrochen. Wenn sie die Bedingungen der Kapitalisten nicht akzeptierten, gab es für den Abend nicht einmal ein Stück Brot. Trotzdem warteten Tausende anderer hungernder Arbeiter begierig darauf, ihnen bei jedem Versuch, auch nur ein wenig zu verhandeln, diese Gelegenheit zu entreißen. Auf diese Weise wurde öffentlich bewiesen, wie substanzlos das Argument der Befürworter des Kapitalismus ist, wonach sich unter Bedingungen des freien Wettbewerbs durch das Spiel von Angebot und Nachfrage von selbst ein angemessener und gerechter Lohn zwischen Arbeitern und Arbeitgebern herausbilde. Denn die Möglichkeit des Wettbewerbs, die hier tatsächlich besteht, ist keineswegs frei und offen. Hier hat ein Einzelner bereits im Voraus die uneingeschränkte Verfügung über sämtliche Mittel und Möglichkeiten zur Sicherung des Lebensunterhalts Tausender Menschen an sich gerissen. Als Tausende von Arbeitern, von Hunger gequält und verzweifelt, an seinem Tor erschienen, gab er nicht allen Arbeit, sondern nur einem Zehntel oder höchstens doppelt so vielen Arbeitsuchenden. Unter solchen Umständen liegt die gesamte Macht zur Festsetzung der Löhne in den Händen einer einzigen Seite, und keiner der Tausenden von Arbeitssuchenden ist in der Lage, die Arbeitgeberseite dazu zu bewegen, Bedingungen nach seinem eigenen Willen zu akzeptieren. Deshalb nahmen in der Epoche der industriellen Revolution mit der Ausbreitung des modernen Kapitalismus neben der Arbeitslosigkeit auch Armut, Not und Mangel in der Gesellschaft erschreckende Ausmaße an. Diejenigen, die sich in den großen Industrie- und Handelszentren versammelt hatten, um Lohnarbeit und Beschäftigung zu erhalten, wurden gezwungen, für einen äußerst geringen Lohn übermäßig viel Arbeit zu leisten und Zeit aufzuwenden. Tatsächlich begannen sie wie bloße Tiere zu arbeiten. Sie lebten in den engen und finsteren, taubenschlagartigen Häusern der Städte, wodurch ihre Gesundheit zu zerfallen begann. Zugleich sanken ihre Gesinnung und ihre inneren Haltungen in unbeschreiblichem Maße herab. Überall entstand eine schmutzige Atmosphäre der Ichbezogenheit und äußersten Selbstsucht. Selbst zwischen Vater und Sohn blieben keinerlei Achtung, Zuneigung und Mitgefühl mehr bestehen. Für die Eltern wurden die Kinder und für die Ehemänner die Ehefrauen zu einer unerträglichen Last. Kurz gesagt: Die giftige Wirkung dieses irrigen, einseitigen, freien und uneingeschränkten Wirtschaftssystems hat jeden Lebensbereich schwer heimgesucht und ins Verderben gestürzt.

Viertens: Darüber hinaus ist es bemerkenswert, dass diese Verfechter grenzenloser Liberalität und Demokratie, die sich durch Kämpfe und Auseinandersetzungen gegen die Grundbesitzer das Wahlrecht erkämpft und anerkennen lassen hatten und zu den alleinigen Herren und Verfügungsberechtigten über den Lebensunterhalt von Millionen von Menschen geworden waren, nicht einmal bereit waren, eben diesen Millionen Menschen ein geringes Maß an Wahlrecht zu gewähren. Sie nehmen für sich das Recht uneingeschränkt in Anspruch, dass Geschäftsinhaber desselben Gewerbes eigene Verbände bilden sowie die Preise der Waren, die Gehälter der Angestellten und die Löhne der Arbeiter festsetzen; den Angestellten und Arbeitern hingegen sind sie keineswegs bereit, das Recht zu gewähren, sich zu organisieren und gemeinsam auf die Festsetzung der Lohn- und Gehaltssätze hinzuwirken. Ja, sie beharrten sogar wiederholt darauf, dass sie das uneingeschränkte Recht hätten, Fabriken nach eigenem Belieben zu schließen, Tausende von Angestellten und Arbeitern gleichzeitig mit Arbeitslosigkeit zu konfrontieren, sie auf diese Weise dem Hunger auszusetzen und sie zu zwingen, für einen niedrigen Lohn zu arbeiten; doch das geringste Recht, durch Streiks eine Erhöhung ihrer Löhne zu verlangen, waren sie den Dienstboten und Lohnarbeitern keineswegs bereit zuzugestehen. Wenn ein Arbeiter, der in ihrem Unternehmen arbeitete, alt, krank oder arbeitsunfähig wurde, wollten die Verantwortlichen uneingeschränkt berechtigt sein, ihn unverzüglich zu entlassen. Auf die klagenden Worte des entlassenen Arbeiters jedoch hatten sie keinerlei Antwort: „Für die Entwicklung gerade Ihres Unternehmens habe ich Gesundheit, Kraft und Jugend aufgewendet. Wohin soll ich nun in meiner Hilflosigkeit gehen, und wie soll ich meinen quälenden Hunger stillen?“ Die Bourgeoisie, die den persönlichen Vorteil als einzige Quelle der Arbeitsmotivation bezeichnete, vergaß unter den genannten Umständen völlig ihr eigenes, immer wieder vorgebrachtes Argument. Hinsichtlich ihrer selbst konnten sie jedoch keinen Augenblick vergessen, dass ihnen nur bei unbegrenzten Möglichkeiten zur Gewinnerzielung ein unbezwingbarer Arbeitseifer zur Verfügung stehen werde und dass auf diese Weise allgemeiner Fortschritt und Wohlstand möglich würden. Bei den Dienstboten und Arbeitern vergaßen sie jedoch völlig, dass deren Gewinnmöglichkeiten nicht nur begrenzt, sondern äußerst eng bemessen waren. Warum sollten Menschen, deren Gegenwart zerrüttet und deren Zukunft dunkel war, mit ganzer Kraft arbeiten?

Fünftens: Darüber hinaus gaben die bürgerlichen Kapitalisten die natürlichen und angemessenen Wege des Geschäftslebens auf und ergriffen zur Durchsetzung ihrer persönlichen Interessen Methoden, die den Interessen der Gesellschaft völlig zuwiderliefen. Dadurch wurden die Warenpreise künstlich in die Höhe getrieben, und abgesehen von der Vermehrung des Reichtums verlangsamten sich Entwicklung und Fortschritt. Hier seien beispielhaft einige Aspekte genannt:

Zu diesem Zweck wird so vorgegangen, dass man mithilfe der Kapitalmacht lebensnotwendige Güter kauft und in Lagerhäusern einlagert; dadurch steigen die Warenpreise, weil das Angebot im Verhältnis zum Bedarf geringer wird und die Nachfrage zunimmt.

Auch folgende Methode ist in Gebrauch: Zwischen den eigentlichen Produzenten und den eigentlichen Käufern sitzen zahlreiche Menschen, die lediglich Bankgeld und das Telefon benutzen, um auf unsichtbare Weise Waren zu kaufen und zu verkaufen, wodurch die Warenpreise übermäßig steigen. Dabei haben diese Zwischenhändler keinerlei Verbindung zur Herstellung, zum Import und Export oder zur Nutzbarmachung der Waren. Daher können sie auch kein rechtmäßiges Recht haben, daraus Gewinne herauszuschlagen. Mitunter werden die erzeugten Waren aus Angst vor einem Preisverfall allein deshalb verbrannt oder ins Meer geworfen, weil ihre Menge zu groß ist.

Man investiert große Mengen an Kapital in die Herstellung von Luxusgütern und ergreift die Methode, durch Werbung, kostenlose Verteilung, allerlei sinnlose Behauptungen und das Wecken von Begierden die Nachfrage danach zu steigern; Menschen aus den hilflosen armen und mittleren Schichten, die nicht einmal in der Lage sind, ihre Pflichten im Leben vollständig zu erfüllen, werden diese Güter gewaltsam als alltägliche Notwendigkeiten aufgebürdet.

Es hat sich auch gezeigt, dass Kapital und Arbeit nicht für die Herstellung und Verteilung derjenigen Güter eingesetzt werden, die für die Allgemeinheit notwendig und äußerst dringend gebraucht werden, sondern nach dem liberalen Prinzip der freien Verfügung für die Beschaffung völlig unnötiger Güter aufgewendet werden. Und zwar allein deshalb, weil bei der zweiten Art von Tätigkeit größere Möglichkeiten bestehen, Gewinne herauszuschlagen als bei der ersten.

In der kapitalistischen Gesellschaft macht ein Einzelner oder eine Gruppe ein für Gesundheit, Charakter sowie Zivilisation und Kultur äußerst schädliches Produkt allein durch die Macht des Kapitals attraktiv und glanzvoll. Öffentlich wird die Lust der unteren Schichten der Bevölkerung angeregt, und sie werden dazu gebracht, diesen Gegenstand zu kaufen; schließlich werden sie dadurch gezwungen, sich völlig in das Register der Bankrotteure eintragen zu lassen. Ja, am Ende sind sie nicht einmal mehr in der Lage, sich selbst und ihre Familienangehörigen ausreichend mit Nahrung zu versorgen.
Die gefährlichste und zerstörerischste Methode besteht darin, dass zum Nutzen der eigenen geschäftlichen und finanziellen Interessen die natürlichen Rechte verschiedener schwacher Völker geraubt werden. Die Welt wird in verschiedene Regionen aufgeteilt, und durch die großen Reichen, Händler, Geldverleiher, Industriellen und Geschäftsleute jeder Nation werden die jeweiligen Völker unnatürlich und grenzenlos eigennützig gemacht und in einen dauerhaften Konflikt und Kampf gegeneinander verstrickt. Folglich lässt sich diese Lage weder durch Krieg noch durch Friedensverträge unter Kontrolle bringen.

Im Lichte der vorangegangenen Erörterung kann man fragen: Kann man hoffen, dass das Handeln im Gesamtinteresse von selbst erfolgt, wenn man Einzelnen gestattet, frei und uneingeschränkt im eigenen Interesse zu handeln? Vielmehr haben sie dadurch selbst der Welt den Beweis geliefert, dass das Prinzip der uneingeschränkten und schrankenlosen wirtschaftlichen Ausbeutung niemals großzügig und selbstlos sein kann. Insbesondere wenn auch die wirtschaftliche und politische Macht zentralisiert ist und sie selbst zugleich Gesetzgeber sind, wird der größte Teil der Bestrebungen der Einzelnen nicht in den Dienst des gesellschaftlichen Interesses gestellt werden; vielmehr werden die Interessen der Nation und der Gemeinschaft gezwungen sein, sich auf dem Opferaltar des Eigeninteresses hinzugeben.

Sechstens: Auf diesen zerstörerischen Handlungen haben die Kapitalisten noch ein weiteres gefährliches Prinzip eingeführt. Sie haben den Einzelnen in der Gesellschaft das uneingeschränkte Recht gewährt, Kapital anzusammeln und es auf Zinsbasis zu investieren. Als verabscheuungswürdige sündhafte Praxis ist das Zinswesen in nahezu allen Gesellschaften der Welt seit jeher verbreitet. Auch die Gesetze der Welt haben es häufig mit Abscheu geduldet.

Doch nach der alten arabischen Unwissenheit waren es die bürgerlichen Denker der modernen westlichen Unwissenheit, die dieser Praxis den Rang der einzig vernünftigen Methode des Geschäfts und der einzig soliden Grundlage des gesamten Wirtschaftssystems verliehen und ein günstiges Umfeld für den Erlass solcher Gesetze im Land schufen, dass nicht die Interessen der Kreditnehmer, sondern die der Zinsnehmer geschützt wurden. Dieser gewaltige Fehler und seine Folgen können an anderer Stelle ausführlich erörtert werden; im vorliegenden Zusammenhang genügt jedoch der kurze Hinweis, dass die Gewährung und Aufnahme von Darlehen gegen Zins sowie die Annahme des Zinses als finanzielle Grundlage dazu geführt haben, dass infolge der uneingeschränkten industriellen Revolution die Ströme von Macht, Reichtum, Einfluss, sämtlichen Interessen und Gewinnen noch heftiger als zuvor zu fließen begannen und infolgedessen das Ungleichgewicht im gesellschaftlichen Leben seinen äußersten Punkt erreichte.

Danach wurden diejenigen, die auf irgendeine Weise etwas Vermögen erwerben konnten, in der Gesellschaft zu den Glücklichen. Im Vergleich zu demjenigen, der in der zinsbasierten Geschäftstätigkeit Kapital anlegen konnte und sorglos zu Hause saß, wurden die geschickteren, hart arbeitenden Händler, die Pläne entwarfen und Organisationen gründeten, sowie diejenigen, die unter allen Umständen unter größter Anstrengung Geschäfte führten und alle notwendigen Tätigkeiten zur Produktion und Versorgung mit benötigten Gütern verrichteten, völlig herabgesetzt und verachtet. Denn der Gewinn aus all diesen Tätigkeiten ist völlig unsicher und unbestimmt; der Gewinn aus dem Zinsgeschäft dagegen ist festgelegt und in jeder Hinsicht garantiert. Bei den genannten Tätigkeiten besteht die Möglichkeit eines Verlustes; bei der erstgenannten Tätigkeit hingegen ist ein bestimmter und reiner Gewinn völlig sicher. Jene Menschen müssen sich mit dem Wohl und Wehe sowie dem Aufstieg und Niedergang ihrer Geschäfte befassen; der Zinsgeschäftsmann dagegen interessiert sich ausschließlich für den Zins. Wenn sich eine geschäftliche Verbesserung zeigt, investiert er weiterhin unbeschwert Kapital darin. Selbst wenn schließlich jede Möglichkeit eines Gewinns verschwindet und das Geschäft in eine Flaute gerät, streckt er nicht helfend die Hand aus, sondern beginnt, das zuvor investierte Kapital zurückzufordern. Dadurch entsteht in den Geschäften der ganzen Welt eine schwere Depression. Unter allen Umständen müssen andere Menschen sämtliche Verluste, Schwierigkeiten und Gefahren ertragen; im Zinsgeschäft muss man lediglich Schwankungen und Zu- oder Abnahmen des Gewinns hinnehmen. Nicht nur Händler, Industrielle und Grundbesitzer, sondern sogar die Regierungen der Länder werden zu seinen Sklaven. Die Regierung führt mit dem von ihm bereitgestellten Geld Straßen- und Brückenbau, Kanalbau und andere Entwicklungsarbeiten durch, und nicht nur einige Jahre, sondern mehrere Jahrhunderte lang werden von Einzelnen Steuern eingezogen und bis zu seinem Haus gebracht. Selbst wenn eine Nation in einen Krieg gerät, war die Staatskasse keineswegs bereit, Verantwortung für diejenigen zu übernehmen, die dabei getötet, deren Häuser zerstört oder die ihrer Väter, Söhne oder Ehemänner beraubt würden. Doch damit das Geld der wenigen Angehörigen der Nation, die für den Krieg Geld geliehen haben, über hundert oder zweihundert Jahre hinweg eingetrieben werden kann, müssen gerade die in diesem Krieg Gefallenen dafür aufkommen. Auf diese Weise fügt das zinsbasierte Wirtschaftssystem den grundlegenden Trägern der Vermögensproduktion in der Gesellschaft in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten die größtmögliche Ungerechtigkeit zu. Dieses Wirtschaftssystem hat die Herrschaft über die gesamte Volkswirtschaft in die Hände einiger weniger Kapitalisten gelegt. Sie haben keinerlei Interesse am geringsten Wohlergehen und Fortschritt der Gesellschaft; entsprechend vollbringen sie auch keine der Gesellschaft und Gemeinschaft nützliche Handlung. Da jedoch das Lebenszentrum des gesamten Wirtschaftslebens, nämlich das Kapital, in ihrer Gewalt ist und ihnen das Landesrecht das volle Recht verliehen hat, es anzusammeln und gegen Zins zu investieren, sind sie nicht nur zu den Hauptteilhabern am durch die gemeinsame Arbeit der Gesellschaft erzeugten Reichtum geworden, sondern besitzen auch die Macht, die gesamte Gesellschaft zu Sklaven ihrer eigenen Interessen zu machen und ein verhängnisvolles Spiel mit dem Schicksal verschiedener Völker und Länder zu treiben.

Siebtens: In der neuen Gesellschaft, die auf den genannten Grundlagen der modernen kapitalistischen Wirtschaft errichtet wurde, gibt es keinen Platz für Mitgefühl, Zusammenarbeit, Barmherzigkeit, Gnade oder ähnliche Tugenden und Eigenschaften. In einer solchen Gesellschaftsordnung ist nicht einmal das Recht des eigenen leiblichen Bruders anerkannt, von seinem Bruder Hilfe zu erhalten, geschweige denn das Recht anderer Menschen. Einerseits macht die Erfindung jeder neuen Maschine Hunderttausende Menschen augenblicklich arbeitslos. Andererseits blieb weder bei der Regierung und der Gesellschaft noch bei den Fabrikbesitzern irgendeine Verantwortung für diese arbeitslosen, erwerbslosen, unfähigen und behinderten Menschen bestehen. Damit ist es noch nicht getan: Diese neue Ordnung brachte Zustände hervor und schuf unter der Bevölkerung eine solche Moral, dass in niemandem das Pflichtgefühl übrig blieb, dem Gefallenen die Hand zu reichen und ihm wieder aufzuhelfen. Alle Vorkehrungen, die diese Gesellschaft gegen Unfälle, Krankheiten, Tod, Alter und alle anderen widrigen Umstände getroffen hat, sind für Erwerbstätige und für solche Menschen bestimmt, die mehr verdienen, als sie benötigen, sodass sie etwas zurücklegen können. Doch woher sollen diejenigen, die überhaupt nichts verdienen können oder nur so viel verdienen, dass sie gerade ihr Leben fristen, in ihrer schweren Not Hilfe erhalten? Die einzige Antwort der modernen Kapitalisten lautet, dass ein solcher hilfloser Mensch beim Geldverleiher seine Kleidung, Haushaltsgegenstände oder den Schmuck seiner Frau verpfänden und dafür ein Darlehen gegen Zinsen von drei Taka pro Hundert im Jahr aufnehmen soll. Und wenn er schließlich das Darlehen einschließlich der Zinsen nicht zurückzahlen kann, soll er beim selben Geldverleiher erneut ein Darlehen auf Zinsbasis aufnehmen, um es zurückzuzahlen.

Wenn tatsächlich Millionen Menschen in der Gesellschaft ohne Lebensunterhalt und Erwerbsmöglichkeit sind und zig Millionen so wenig verdienen, dass sie nicht in der Lage sind, lebensnotwendige Güter zu kaufen, obwohl die Geschäfte voll davon sind, wie kann dann ein Aufschwung von Industrie und Handel einsetzen? Deshalb sehen wir diesen erstaunlichen Zustand: In der Welt gibt es gewaltige Mengen an nutzbaren Mitteln und Ressourcen, zig Millionen arbeitsfähige Menschen ziehen beschäftigungslos umher, und trotz des Mangels an notwendigen Gütern gibt es ebenfalls zig Millionen Menschen, die bereit sind, Luxusgüter zu kaufen; dennoch produzieren die Fabriken der Welt weniger Waren, als es ihrer Leistungsfähigkeit entspricht. Auch diese Waren bleiben auf dem Markt angehäuft liegen, und zwar nur deshalb, weil den Menschen die nötigen Geldmittel fehlen, um sie zu kaufen. Milliarden Menschen können deshalb nicht beschäftigt werden, weil selbst die geringe Menge an Waren, die produziert wird, wiederum unverkauft auf dem Markt liegen bleibt. Andererseits können auch Kapital und natürliche Ressourcen nicht in ausreichendem Maße genutzt werden. Denn schon die geringe Menge, in der sie eingesetzt werden, rentabel zu machen, ist schwierig; von dem Wagnis, zusätzliches Kapital und weitere natürliche Ressourcen einzusetzen, ganz zu schweigen. Eine solche Lage beweist von selbst, dass das von bürgerlichen Denkern zugunsten des Kapitalismus vorgebrachte Argument, im freien und uneingeschränkten Wirtschaftssystem sorge das Streben nach persönlichem Gewinn automatisch für die Entwicklung der Mittel und Ressourcen sowie für eine Steigerung der Produktionsmenge, völlig haltlos ist. Tatsächlich hat die Erfahrung bewiesen, dass unter solchen Umständen von Fortschritt und einer Steigerung der Produktionsmenge nicht nur keine Rede sein kann, sondern dass sie aus eigener Unwissenheit sogar dem Weg zu ihrem eigenen tatsächlichen Gewinn Hindernisse in den Weg gelegt haben.

Sozialismus und Kommunismus

Gerade aus den im vorigen Kapitel analysierten Gründen sind in der durch die industrielle Revolution hervorgebrachten Gesellschaft und Wirtschaftsordnung verschiedene Mängel, Fehler und Missstände entstanden. Wenn man gründlich über die Erklärung und Analyse nachdenkt, die wir auf den vorangegangenen Seiten dazu gegeben haben, wird sich ganz eindeutig erweisen, dass die besprochenen Mängel und Missstände nicht deshalb entstanden sind, weil die Angehörigen der bürgerlichen Klasse zur Unterstützung der freien Wirtschaft bestimmte natürliche Grundprinzipien vorgelegt hatten; vielmehr lag ihre eigentliche Grundursache in den weiteren Fehlern, die sie mit diesen richtigen Prinzipien vermischt hatten.

Wenn es daher möglich gewesen wäre, sich rechtzeitig dieser Fehler bewusst zu werden, und wenn die Menschen im Westen in dieser neuen revolutionären Phase eine ausgewogene und gerechte Wirtschaftsordnung hätten errichten können, dann hätte sich die industrielle Revolution für sie und für die gesamte Menschheit als eine außerordentliche Gunst und als gewaltiger Segen erwiesen. Doch leider hat der westliche Geist und Charakter auch in dieser Phase dieselbe Schwäche gezeigt, die er schon mehrfach zuvor offenbart hatte. So wie sie früher in die Irre gegangen waren, setzte auch die spätere Geschichte ihren Lauf auf dem Weg dieser Unstimmigkeit und dieses Ungleichgewichts fort. Die Grundbesitzer, die Leiter und Herren der Kirchen sowie die Dynastien, die einst von ihren jeweiligen Positionen aus Engstirnigkeit, Unterdrückung und unerwünschte Übertreibungen praktizierten, sind heute von der bürgerlichen Klasse abgelöst worden; und den Platz, an dem früher die Bürgerlichen als Verkörperung von Forderungen nach Rechten, Klagen, Zorn und Protest standen, hat heute die arbeitende Bevölkerung eingenommen. Früher hatte die zufriedene und begünstigte Klasse in der feudalen Gesellschaftsordnung einige Wahrheiten aus Religion, Moral und dem Naturrecht in verfälschter Weise benutzt, um im Namen ihrer unerwünschten Unterschiede und Abstufungen sowie ihrer unrechtmäßigen Rechte und unterdrückenden Fesseln das entrechtete Volk zum Schweigen zu bringen; heute haben die zufriedenen Angehörigen der kapitalistischen Ordnung genau damit begonnen. Früher wandten die Bürgerlichen im Zorn, in Starrsinn und Verdruss ihre größte Kraft nicht darauf, den eigentlichen Fehler der Feudalherren und Priester zu erkennen und richtig dagegen vorzugehen, sondern gegen die grundlegenden Wahrheiten, auf die sich ihre Gegner stützten. Heute verlieren die arbeitende Bevölkerung und ihre Führer unter dem unaufhaltsamen Druck von Zorn und Hass in ganz ähnlicher Weise jedes Maß und jedes Gleichgewicht; statt die tatsächlichen Fehler und Irrtümer der bürgerlichen Gesellschaft und Zivilisation anzugreifen, richten sie ihren Angriff gegen jene echten und natürlichen Grundprinzipien, auf denen sich seit dem Beginn der Schöpfung der Wiederaufbau der menschlichen Gesellschaft, der Zivilisation und der Wirtschaft vollzogen hat.

Die Angehörigen der Mittelschicht waren trotz ihrer tausend Schwächen und Fehler immerhin teilweise begabt und gebildet. Deshalb vermochten sie trotz der Heftigkeit ihrer Klagen und ihrer Unnachgiebigkeit ein gewisses Maß an geistigem Gleichgewicht zu bewahren. Doch als die jahrhundertelang ausgebeuteten und unterdrückten Menschen – denen es offenkundig an Wissen, Begabung, Nachdenklichkeit, Erfahrung und all diesen Dingen mangelte – durch Leid und Not unruhig und verzweifelt wurden und ihr Herz von Klagen über ihre Entbehrungen überquoll, wurden sie geradezu gewalttätig und aufgebracht. Da kam für sie überhaupt nicht die Frage auf, eine Aussage, bevor sie sie annahmen, am Maßstab von Vernunft und Logik zu prüfen. Zu dieser Zeit vermochte gerade diejenige Lehre oder Methode ihren Geist am stärksten anzuziehen, die ihnen mit größter Heftigkeit und Wucht geeignet erschien, ihre Ansprüche auf Hass, Zorn und Rachedurst zu erfüllen.

Das Kind, das in der Welt der Ideologien aus den Äußerungen, dem Zorn und dem Groll der armen Klasse hervorgegangen ist, wird begrifflich als „Sozialismus“ bezeichnet. (Anmerkung: Die ursprüngliche Bedeutung von „Sozialismus“ ist das Gesellschaftliche. Dieser Begriff wurde geprägt, um den Gegensatz zum Individualismus auszudrücken, der die Grundlage der kapitalistischen Gesellschaftsordnung bildet. Schon vor Karl Marx begann man, unter diesem Namen zahlreiche und verschiedene Ideologien sowie gedankliche Entwürfe vorzulegen; ihr gemeinsames Ziel war die Schaffung einer Lebensordnung, in der das Wohl der gesamten Gesellschaft auf umfassende und gemeinschaftliche Weise verwirklicht werden konnte. Tatsächlich blieben sie jedoch allesamt auf dem Papier stehen. Als Antwort auf diese allgemeine Forderung legte Marx eine besondere Art des Sozialismus vor, die als „wissenschaftlicher Sozialismus“, „Marxismus“ und „Kommunismus“ bezeichnet wird. Darum geht es hier, denn diese Richtung hat auf der Erde Wurzeln geschlagen. Wir haben bewusst auf terminologische Feinheiten verzichtet und verwenden hier die im allgemeinen Sprachgebrauch üblichen, den gewöhnlichen Lesern vertrauten und leicht verständlichen Ausdrücke.) Er entstand innerhalb eines halben Jahrhunderts nach der Entstehung des modernen Kapitalismus, und noch bevor seit seiner Entstehung ein weiteres halbes Jahrhundert vergangen war, war die Welt bereits von seinen alles verschlingenden Umwälzungen und zerstörerischen Aktivitäten erfüllt.

Der Sozialismus und seine Grundprinzipien

Die Verfasser dieser neuen Lehre griffen als Allererstes das „Eigentumsrecht“ an. Sie erklärten, dies sei die eigentliche Ursache aller Arten von Unheil. Wenn Kleidung, alltägliche Gebrauchsgegenstände, Möbel und ähnliche Dinge in persönlichem Eigentum stünden, sei das keineswegs schädlich. Doch an Land, Feldern, Textilfabriken, Werkzeugen und sonstigen produktiven Kräften und Gütern dürfe niemals persönliches Eigentum bestehen. Denn sobald jemand Eigentümer eines dieser Dinge werde, werde er damit Reichtum erzeugen; und sobald er Reichtum erzeuge, werde er ihn gewiss sammeln und anhäufen. Dann werde er weiteres Land, weitere Felder oder Textilfabriken erwerben und dadurch seine Mittel zur Reichtumserzeugung noch weiter ausbauen. Habe er sie auf diese Weise erweitert, werde er andere Menschen gegen einen bestimmten Lohn, eine bestimmte Vergütung oder auf Vertragsbasis beschäftigen; und sobald er dies tue, werde er genau so handeln wie der bürgerliche Kapitalismus. Deshalb müsse man die Wurzel, aus der eine solche Gefahr erwachse, vollständig beseitigen. „Wo kein Bambus ist, kann keine Flöte erklingen.“

Es erhob sich die Frage, ob das persönliche Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln – ebenso wie an den Gebrauchsgütern – in der menschlichen Gesellschaft wirklich etwas völlig Neues sei; ja, ob es nicht lediglich eine von den bürgerlichen Kapitalisten selbst erdachte und willkürlich konstruierte Angelegenheit sei. In Wahrheit bilde es die Grundlage des gesellschaftlichen Lebens; seit den ältesten Zeiten seien die menschliche Gesellschaft und die Wirtschaft auf dieser Grundlage errichtet worden. War es wirklich so einfach, den Beschluss zu fassen, ein solches grundlegendes System zu beseitigen?

Daraufhin wurde sogleich eine vollständige Geschichte verfasst und vorgelegt, und man erklärte, dass vom ersten Tag der menschlichen Gesellschaft an keinerlei Recht auf persönliches Eigentum an den Produktionsmitteln anerkannt worden sei; erst später hätten mächtige Klassen aus eigenem Interesse dieses Eigentum in der Gesellschaft eingeführt.

Man erklärte, dass dieses Recht auf persönliches Eigentum in allen Religionen der Welt, in allen moralischen Vorschriften und in sämtlichen Gesetzen der Welt seit jeher anerkannt worden sei; keine einzige von ihnen habe jemals eine auf persönlichem Eigentum an den Produktionsmitteln beruhende Gesellschaft und Wirtschaftsordnung für falsch gehalten. Darauf wurde ohne den geringsten Augenblick des Nachdenkens erwidert, Religion, Moral und Recht seien in jeder Epoche als Werkzeuge der jeweils einflussreichen Menschen benutzt worden. Einst hätten einzelne Menschen ein Monopol über die Produktionsmittel errichtet; um dieses eigene Monopoleigentum zu schützen und zu festigen, seien bestimmte Lehren, Bräuche und Rechtsvorschriften notwendig geworden. Jene, die diese nach ihren eigenen Absichten verfasst und vorgelegt hätten, seien in der Gesellschaft zu Propheten, Gesandten, Weisen und Rishis, Lehrern der Moral sowie Schari’a-Gesetzgebern und Gesetzgebern erhoben worden. Die arbeitenden Menschen seien lange Zeit in diesem Labyrinth versunken gewesen, doch nun würden sie es endgültig zerschlagen.

Man erklärte, zur Beseitigung dieser Rechte müsse ein harter und umfassender Konflikt sowie ein endloser Kampf entfacht werden; dabei müssten die Menschen mit unterschiedlichen Ansichten jeder Nation in gegenseitige Kämpfe verwickelt werden, und in Dörfern und Stadtvierteln werde das Feuer des Klassenkampfes lichterloh brennen. Als Antwort darauf wurde unverzüglich eine neuartige Geschichtsphilosophie ausgearbeitet und vorgelegt. Darin wurde behauptet, die gesamte Entwicklung der menschlichen Zivilisation habe sich durch den Klassenkampf vollzogen. Einen anderen Weg zur Weiterentwicklung könne es überhaupt nicht geben.

Dennoch erhob sich die Frage, ob es nicht ein grundlegender, im Wesen jedes Menschen verankerter Antrieb sei, für den eigenen persönlichen Gewinn und Vorteil zu arbeiten, und ob nicht jedes menschliche Kind mit dieser Neigung aus dem Schoß seiner Mutter zur Welt komme. Wenn man den Einzelnen das Eigentumsrecht an den Produktionsmitteln nehme und ihnen keine Möglichkeit gebe, im Verhältnis zu ihren eigenen Anstrengungen Gewinn zu erzielen, werde der angeborene Antrieb zu Arbeit und persönlichem Bemühen vollständig erlöschen. Und dies werde sich letztlich als äußerst verhängnisvoll für die menschliche Zivilisation und Kultur erweisen.

Sofort wurde darauf erwidert: Die angeblich naturgegebene Gesinnung und die als Erbe übernommene Neigung – all das seien von den Bourgeois erfundene Behauptungen. Im Menschen gebe es dergleichen überhaupt nicht. Alle seine Neigungen und Gesinnungen seien ausschließlich das Ergebnis seiner sozialen Umwelt. Verändere man eine Umwelt und versetze den Menschen in eine andersartige, werde sein Denken und Fühlen sogleich eine völlig andere Gestalt annehmen. Sein Herz werde von einer anderen Gesinnung bewegt werden. Sein Geist werde eine neuartige Sichtweise gewinnen. Solange das System des persönlichen Eigentums bestehe, werde eine „individualistische Gesinnung“ vorherrschen. Sobald jedoch das System des gesellschaftlichen Eigentums errichtet werde, würden alle Menschen eine „gesellschaftliche Gesinnung“ entwickeln.

Es wurde gefragt, wie nach der Abschaffung des Privateigentums die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit geleitet werden könne. Darauf wurde geantwortet, sämtliche Produktionsmittel – Land, Felder, Fabriken sowie alle Arten von Handels- und Industrieunternehmen – würden dem Zugriff des Einzelnen entzogen und in nationales Eigentum überführt. Der Gewinn dieser Einrichtungen werde unter denjenigen verteilt, die dort arbeiteten. Das gesamte Wirtschaftssystem werde von den Managern geleitet, die durch die Stimmen dieser Beschäftigten gewählt würden.

Es stellte sich die Frage: Wie soll man das Eigentum derjenigen abschaffen, die gegenwärtig Land, Fabriken und andere Produktionsmittel besitzen, und gesellschaftliches beziehungsweise staatliches Eigentum errichten? Als Antwort auf diese Frage wurden zwei unterschiedliche Auffassungen vorgetragen:

1. Die Anhänger der einen Auffassung erklärten, dass man zur Erreichung dieses Ziels den demokratischen Weg einschlagen werde. Man müsse die öffentliche Meinung verändern, die Staatsmacht in seine Gewalt bringen und mithilfe entsprechender Gesetze Landwirtschaft, Eigentum, Industrie und Handel nach und nach in nationales und gemeinschaftliches Eigentum überführen – teils gegen Entschädigung, teils ohne Entschädigung. Die Anhänger dieser Auffassung werden im Besonderen Sozialisten oder Anhänger des Sozialismus genannt. Mitunter wird diese Auffassung als „evolutionärer Sozialismus“ bezeichnet.

2. Die Anhänger der anderen Auffassung meinen, dass demokratische Aktivitäten keine grundlegende Veränderung herbeiführen können. Deshalb sei ein revolutionäres Programm notwendig und unerlässlich. Die besitzlosen arbeitenden Massen würden organisiert, und gegen die besitzende Klasse würde mit allen möglichen Mitteln und Methoden Krieg geführt und gekämpft. Das Fundament der bürgerlichen Regierung würde beseitigt und die Diktatur der Arbeiter und Werktätigen errichtet. Danach würden den Landbesitzern ihr Land, den Fabrikbesitzern ihre Fabriken und den Geschäftsleuten ihre Handelsunternehmen gewaltsam weggenommen; wer sich diesem Ziel in den Weg stelle, werde dem tödlichen Rachen der Vernichtung überantwortet. Jede Art von Klassenunterschied würde beseitigt und die gesamte Bevölkerung des Landes in eine einzige Klasse verwandelt – die Klasse derer, die durch Arbeit mit den eigenen Händen ihren Lebensunterhalt verdienen. Zugleich würde es gesetzlich verboten, jemanden auf individueller Grundlage gegen Lohn zu beschäftigen und seinen Gewinn aus dessen Arbeit zu ziehen. Es ist zu beachten, dass es aus der Sicht der kommunistischen Lehre zulässig wäre, wenn ein Schneider oder Koch persönlich Kleidung näht oder Brot zubereitet und es einem anderen überlässt. Wenn er jedoch jemanden gegen Lohn oder Gehalt beschäftigt und dessen Hilfe bei dieser Arbeit in Anspruch nimmt, wird er dadurch zum „Bourgeois“. Sein gesamtes Handeln würde sich in ein so schweres Verbrechen verwandeln, dass die geringste Strafe dafür die Beschlagnahmung seines Eigentums wäre.

Wenn die Revolution auf diese Weise vollendet sein wird und für die kapitalistische Klasse keine Gefahr einer Wiederauferstehung mehr besteht, wird dieses diktatorische Regierungssystem von selbst – wie, das weiß allein Allah – wie ein trockenes Blatt abfallen. Danach wird von selbst – aber wie? – ein solches Staatswesen seinen Platz einnehmen, in dem sich alle Bereiche des Lebens ohne Regierungsapparat und Zwang auf der Grundlage des gegenseitigen Willens, der Zufriedenheit, der Beratung und der Zusammenarbeit der Menschen auf schöne Weise weiterentwickeln werden. Diese Methode und Auffassung der gesellschaftlichen Veränderung wird „revolutionärer Sozialismus“ genannt. Sie wird auch als „Bolschewismus“ bezeichnet. Ihr philosophischer Name ist „Marxismus“, doch heutzutage ist sie unter den Menschen der Welt unter dem Namen „Kommunismus“ bekannt und berühmt.

Siebzig oder achtzig Jahre lang wurde diese neue Auffassung des Sozialismus mit ihren zahlreichen Verzweigungen und unterschiedlichen Denkweisen in Europa und den von Europa beeinflussten Ländern verbreitet. In ihrer Anfangszeit war sie lediglich der Wahnsinn einiger verwirrter Menschen. Ihre Argumente, Methoden, Beweise und Ergebnisse waren allesamt nichts als sinnloses Geschwätz. Popularität gewann sie zunächst ausschließlich unter den erzürnten und aufgebrachten Lohnarbeitern – nicht aufgrund irgendeiner geistigen oder wissenschaftlichen Grundlage, sondern nur auf der Grundlage rasender und aufgewühlter Gefühlsausbrüche. Doch eine bemerkenswerte und eigentümliche Schwäche unter den zahlreichen Schwächen der Westler besteht darin, dass sie von jeder Art von Extremismus und revolutionärem Auftreten fasziniert und angezogen werden. Besonders dann, wenn es sich um eine völlig wertlose Sache oder um sinnlosen Wahnsinn handelt, wenn sie unter schamloser Leugnung und Missachtung aller allgemein anerkannten Wahrheiten mit erhobener Stimme und unerschrocken vorgetragen wird und wenn man die eigenen Ansprüche einigermaßen wissenschaftlich ordnet und verfeinert, sodass daraus ein System entsteht, gibt es für sie nichts Weiteres zu sagen. In dem hier behandelten wissenschaftlichen Sozialismus waren diese Eigenschaften in vollem Maße vorhanden. Deshalb fühlten sich zahlreiche begabte Menschen aus der unteren Mittelschicht sowie manche Verrückte oder gerissene Personen aus der Bourgeoisie zu dieser Lehre hingezogen. Zur Erklärung und Analyse dieser Auffassung sowie zu ihrer Verbreitung und Propaganda begann man, Berge von Büchern und Zeitschriften zu schaffen. In verschiedenen Teilen der Welt schlossen sich zahlreiche Parteien und Gruppen zur Unterstützung der sozialistischen Auffassung zusammen, und schließlich begannen unzählige Menschen mit besonderem Nachdruck zu glauben, dass auf der Grundlage dieser Lehre eine gesellschaftliche, zivilisatorische und wirtschaftliche Ordnung errichtet werden könne. In diesem Zusammenhang liegt der Aussage keinerlei geografische Feindschaft oder Abneigung zugrunde. Der Zustand der Menschen im Osten, die eine westlich orientierte Mentalität besitzen, ist im Vergleich zu ihnen noch viel schlechter. Die geistige Verfassung der Westler ist dagegen einigermaßen besser. Sie fühlen sich von kraftvollen Worten angezogen und schätzen ein System oder eine wissenschaftliche Methode und Vorgehensweise. Die Menschen dieses Landes mit ihrer sklavischen Mentalität hingegen folgen blind den Worten jedes beliebigen westlichen Führers und lassen sich gerade davon faszinieren und beeinflussen.

Der Kommunismus und seine Vor- und Nachteile

Bis heute ist keine Leistung oder kein Beitrag des regelgebundenen beziehungsweise evolutionären Kommunismus vor der Weltöffentlichkeit vorgelegt worden. Daher ist es uns nicht möglich, uns ein Bild vom praktischen Verfahren zur Umwandlung des privaten Kapitalismus in ein sozialistisches System und von dessen Ergebnissen zu machen. Deshalb werden wir stattdessen die Taten des revolutionären Kommunismus prüfen und beurteilen. Dieser nutzte den Ersten Weltkrieg von 1914 bis 1918 aus, löste in Russland tatsächlich eine Revolution aus und war imstande, entsprechend seinen dauerhaften Idealen, Lehren und Anschauungen ein vollständiges Gesellschafts- und Staatssystem zu errichten. Es ist unbedingt zu beachten, dass der Unterschied zwischen Sozialismus und Kommunismus in der Handlungsweise liegt. Hinsichtlich der Verstaatlichung sämtlicher Produktionsmittel stimmen beide vollständig überein. In dieser Hinsicht besteht zwischen ihnen nicht der geringste Meinungsunterschied. Daher gilt alles, was über die Verstaatlichung des Eigentums und der Produktionsmittel sowie deren Folgen geschrieben wird, abgesehen von der Handlungsweise, für beide Lehren.

Der russische Kommunismus war bis vor einigen Jahren Gegenstand heftiger kontroverser Diskussionen. Daher wurde die Prüfung seiner Vor- und Nachteile sowohl von seinen Anhängern als auch von seinen Gegnern mit erheblichen Auseinandersetzungen und einem starken Hin und Her betrieben.

Seine Anhänger haben seiner Habenseite viele Dinge zugerechnet, die in Wirklichkeit nicht dem Kommunismus eigen sind. Vielmehr sind sie lediglich das Ergebnis davon, dass die Regierungsgewalt in die Hände qualifizierter und fähiger Menschen gelangt ist. Umgekehrt versuchen seine Gegner, ihm einige Mängel und Fehler zuzuschreiben, die im Grunde keine Fehler des Kommunismus sind. Vielmehr sind sie dadurch entstanden, dass tyrannische und engstirnige Menschen an die Macht gelangt sind.

Ein Grundsatz der russischen Befürworter besteht darin, dass sie den wissenschaftlichen, geistigen, künstlerischen und zivilisatorischen Zustand Russlands in der Zeit der Zaren mit dem späteren Zustand vergleichen und den gesamten als Differenz festgestellten Fortschritt auf der Habenseite des Kommunismus verbuchen. Doch zweifellos ist dies bereits grundsätzlich ein gewaltiger Irrtum. Vergleicht man alles, was Russland in dreißig oder zweiunddreißig Jahren an Fortschritten erzielt hat, mit den Entwicklungsleistungen Amerikas, Japans oder Deutschlands während eines entsprechenden Zeitraums, so wird sich wahrscheinlich zeigen, dass die Fortschrittsrate der letztgenannten Länder höher war. Beispielsweise hatte Japan im Jahre 1818 auf den Gebieten der Bildung, der Industrie und des Handels, der Nutzung der natürlichen Ressourcen und der Schaffung von Wohlstand bestimmte Fortschritte gemacht; als Japan 1904 Russland besiegte, war seine Entwicklung auf all diesen Gebieten jedoch in weit höherem Maße vorangeschritten. Wie weit war Deutschland bis zum Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts von dem Zustand des Jahres 1870 ausgehend gelangt, was die wissenschaftliche und geistige Lage seiner Bewohner sowie die Produktion seiner wirtschaftlichen Mittel und Ressourcen betrifft? Wenn man die Entwicklung Russlands über einen entsprechenden Zeitraum mit diesen Entwicklungsleistungen vergleicht, wie viel Ruhm bleibt dann noch für Russland übrig? Muss man dann den Grundsatz anerkennen, dass, wenn ein Land in einem bestimmten Zeitraum außergewöhnliche Fortschritte erzielt, sämtliches Lob, das ihm gebührt, auch seiner Lebensordnung, seiner Wirtschaft und seiner Regierungsform gebührt? Oft können jedoch selbst dann, wenn sämtliche Tätigkeiten des gesellschaftlichen Lebens auf falschen Grundsätzen beruhen, die persönlichen Fähigkeiten und die Tatkraft der führenden Persönlichkeiten sowie die Aufrichtigkeit ihrer Helfer derartige gewaltige Ergebnisse hervorbringen. Ebenso gibt es unter den Mängeln und Fehlern, gegen die im kommunistischen Russland Propaganda betrieben wird, zahlreiche, die auch unter der Herrschaft der mächtigen kommunistischen Machthaber in vollem Umfang anzutreffen sind. Aus welchem Grund sollte man diese Mängel und Fehler also nicht den schlechten Menschen, sondern der Gesellschaftsordnung und der Wirtschaft dieses Landes zuschreiben?

Vorteile

Wenn wir die Leistungen des ursprünglichen Kommunismus prüfen, die uns dank der praktischen Erfahrungen des russischen Kommunismus unter Auslassung der nicht einschlägigen Dinge vor Augen getreten sind, so finden wir auf der Habenseite die folgenden Punkte:

Erstens: Dadurch, dass Ackerland, Fabriken und der gesamte Handel den Händen von Privatpersonen entzogen wurden, ergab sich, dass der Gewinn zwischen dem Preis der Waren, ihren Kosten und ihrem Marktpreis, der zunächst unter Grundbesitzern, Fabrikbesitzern und Geschäftsleuten verteilt worden war, anschließend direkt in der Staatskasse angesammelt wurde. Dadurch wurde es sehr leicht, dieses Geld für das allgemeine Wohl einzusetzen.

Zweitens: Da sich die Produktionsmittel des gesamten Landes in einem einheitlichen System befanden, bestand einerseits die Möglichkeit, sie nach einem gut ausgearbeiteten Plan für eine weitergehende Entwicklung und vergleichsweise stärker dem Gemeinwohl dienende Zwecke einzusetzen. Andererseits konnte eine geordnete Verwaltung zur Befriedigung der Bedürfnisse des gesamten Landes verwirklicht werden.

Drittens: Als die Regierung, nachdem sie sich die gesamten Produktionsmittel angeeignet hatte, begann, sie nach einem umfassenden Plan zu verwalten, wurde es möglich, alle arbeitsfähigen und geeigneten Menschen des Landes zu beschäftigen. Darüber hinaus wurde es durch Bildung und Ausbildung nach einem gut ausgearbeiteten Plan wesentlich leichter, eine ausreichende Zahl von Arbeitskräften für die notwendigen Aufgaben und Stellen des gesamten Wirtschaftssystems auszubilden.

Viertens: Da die unter Nummer eins erwähnten Gewinne aus Landwirtschaft, Industrie und Handel in den Besitz der Regierung gelangten, wurde ein Teil davon für die „Sozialversicherung“ verwendet. Das bedeutet, Menschen im ganzen Land aus einem gemeinsamen nationalen Fonds Unterstützung zu gewähren, wenn sie nicht in der Lage sind, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, vorübergehend oder dauerhaft arbeitsunfähig werden oder aufgrund von Krankheit, Geburt und zahlreichen anderen Umständen Unterstützung benötigen.

Schaden

Tatsächlich lässt sich nicht leugnen, dass die Krankheiten, die infolge der freien Wirtschaft im gesellschaftlichen Leben aufgetreten waren, durch diese Operation des Kommunismus wirksam behandelt werden. Doch sobald man prüft, welchen Preis Russland dafür zahlen musste und welche neuartige Krankheit an die Stelle der früheren trat, nachdem diese beseitigt worden war, tritt seine Substanzlosigkeit deutlich zutage:

Erstens: Die Wegnahme von Land und Feldern, Fabriken und anderen Produktionsmitteln aus dem Besitz und der Verfügungsgewalt von Einzelpersonen und die Erklärung all dessen zum Staatseigentum konnte keinesfalls im Rahmen eines Kinderspiels oder einer bloßen Scherzaktion vollzogen werden. In Wirklichkeit war dies eine äußerst schwierige und mühsame Aufgabe. Sie wurde durch mehrere Jahre andauernde, ununterbrochene und schwere Unterdrückung und Ausbeutung vollbracht. Es ist leicht zu verstehen, dass Millionen von Menschen sich nicht ohne Weiteres bereit zeigen würden, sich zu beugen, wenn man beschließt, ihnen ihr kleines und großes Eigentum gewaltsam aus den Händen zu reißen. Wo und wann immer dies geschehen soll, muss es zu umfassendem Blutvergießen und einem wütenden Massaker kommen. Bei der Durchführung dieses Vorhabens in Russland mussten die Revolutionäre etwa 1,9 Millionen Menschen dem Tod ausliefern. Zwei Millionen Menschen wurden mit verschiedenen Strafen belegt. Und vier bis fünf Millionen Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben, verbannt und zerstreut; sie mussten an verschiedenen Orten der Welt unter Entbehrungen sterben. Weil mehrere Hunderttausend Grundbesitzer der unteren und mittleren Schichten (Kulaken) allein zur Umsetzung der staatlichen Agrarverwaltungspolitik so grausam vernichtet wurden, erhoben selbst viele Befürworter lautstark Einspruch.

Zweitens: Wenn man diejenigen, die nach den von der ganzen Welt anerkannten religiösen, moralischen und rechtlichen Regeln rechtmäßige Eigentümer ihres jeweiligen Vermögens und Besitzes sind, gewaltsam dieses Eigentums berauben und von ihm vertreiben will, um den eigenmächtigen und neuartigen Plan einer bestimmten Person oder einer Gruppe von Personen umzusetzen, dann muss man diese religiösen, moralischen und zivilisatorischen Vorschriften, die der eigenen Lehre widersprechen, ausdrücklich verleugnen. Mehr noch: Gleichzeitig mit der Zerstörung des Eigentums muss man seine gesamte Kraft darauf verwenden, auch jene religiösen und moralischen Vorschriften vollständig auszurotten. Darüber hinaus muss man eine neuartige Philosophie der Grundsätze entwickeln, um den eigenen Plan mithilfe jeder Art von Rücksichtslosigkeit, Grausamkeit, Unterdrückung, Lüge und Betrug umzusetzen. Auf ihrer Grundlage soll jede Form von Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Gewalt, Ausbeutung, Rücksichtslosigkeit und Härte als vollkommen rechtmäßig gelten. Genau aus diesem Grund waren die kommunistischen Führer und Funktionäre gezwungen, zur Vollendung ihrer geplanten Revolution umfassende Propaganda gegen Allah und die Religion zu betreiben; zugleich rotteten sie die Bourgeoisie sowie die religiösen Menschen in der muslimischen und christlichen Gesellschaft rücksichtslos aus, und sie mussten eine neue Ideologie über Charakter und Moral entwickeln. In Lenins Worten lautet diese Ideologie folgendermaßen:

„Wir lehnen jede Art von Moralphilosophie ab, die auf dem Glauben an eine höhere Welt beruht oder aus einem Gedanken hervorgeht, der den Vorstellungen widerspricht, die sich aus den Klassenunterschieden ergeben. Nach unserer Auffassung ist die Moral vollständig und ausschließlich dem Klassenkampf untergeordnet. Was auch immer zur Ausrottung der alten profitorientierten Gesellschaftsordnung und zur Organisierung der arbeitenden Menschen notwendig erscheint, ist vom moralischen Standpunkt aus alles stimmig und rechtmäßig. Unter Moral verstehen wir nur so viel, dass wir sehr stark und fest organisiert sein und mit vollem Bewusstsein gegen die Profiteurklasse kämpfen müssen. Einen Moralgrundsatz, der ursprünglich und ewig wäre, erkennen wir überhaupt nicht an. Wir werden uns nicht eher zufriedengeben, als bis wir den Schleier dieser Täuschung zerrissen haben. Außer für den Kampf zur festen Errichtung der uneingeschränkten Herrschaft der Arbeiter zu kämpfen, kann kommunistische Moral nichts anderes sein.“

„Um dies zu tun, ist es unbedingt erforderlich, jede Art von List, Täuschung, Verschlagenheit, gesetzeswidrigem Vorgehen, Ausflüchten und Lügen anzuwenden.“

Tatsächlich musste Russland in der zweiten Phase für die Errichtung der kommunistischen Gesellschaft diesen gewaltigen Preis zahlen. Das heißt: Nicht nur das Leben von zehn Millionen Menschen, sondern auch Religion, Glaube, moralischer Charakter, Menschlichkeit und Humanität sowie Ehre und Ansehen stellten sich der Umsetzung einer solchen „unerprobten“ Lehre und eines solchen Plans als gewaltige Hindernisse entgegen.

Drittens: Wir haben in unserem eigenen Land selbst erlebt, dass eine Flut von Bestechung, Unterschlagung, Plünderung und Betrug die gesamte Gesellschaft überrollt, wenn einerseits die moralischen Bindungen gelockert werden und andererseits verschiedene lebensnotwendige Güter staatlicher Kontrolle unterstellt werden. Sobald irgendein lebensnotwendiger Gegenstand vom Erhalt einer Genehmigung, einer Lizenz, einer Lebensmittelkarte oder einer Quote abhängig ist, werden die Menschen bei der Beschaffung dieses Gegenstands mit allerlei Schwierigkeiten konfrontiert. Sie müssen bei hochrangigen Regierungsbeamten vorsprechen. Unter solchen Umständen kann man leicht ermessen, dass dort, wo einerseits die Grundlagen aller allgemein anerkannten moralischen Regeln beseitigt werden und den Menschen fest eingeprägt wird, alles, was zur Erreichung des Ziels erforderlich ist, sei wahr und müsse getan werden, während die Führer des Landes selbst mithilfe unmenschlicher Unterdrückung und Ausbeutung den Gipfel einer solchen neuartigen Moral vorführen, und andererseits nicht nur einige wenige lebensnotwendige Güter, sondern der gesamte Reichtum des Landes und sämtliche Lebensgrundlagen staatlicher Kontrolle unterstehen, eine gewaltige Flut von Bestechung, Verrat, Plünderung und Schikanierung der Menschen entstehen muss; daran kann kein Zweifel bestehen. Dies wird nicht bloß vermutet; unter den Nachrichten, die trotz Aussortierung und Zensur aus dem Inneren der eisernen Mauer Russlands in der Außenwelt bekannt werden, befindet sich die ernste Nachricht, dass die dortigen Regierungsangestellten und die Leiter verschiedener Einrichtungen des Finanzwesens ein gewaltiges Korruptionsproblem geschaffen haben. Dass ein solches Problem in einem Land wie Russland aufkommt, ist weder erstaunlich noch beispiellos. Vielmehr wäre es erstaunlich gewesen, wenn es nicht dazu gekommen wäre. Es ist sehr leicht, eine bestehende Ordnung durch den Schlag der Charakterlosigkeit zu zerschmettern; eine neue Ordnung jedoch auf dem Fundament der Charakterlosigkeit ordnungsgemäß weiterzuführen, ist äußerst schwierig. Tatsächlich braucht man zur ordnungsgemäßen Leitung einer solchen Ordnung Menschen mit gutem und gefestigtem Charakter. Doch dieser Charakter wurde dort bereits zuvor vollständig ausgerottet.

Viertens: Um das Wirtschaftsleben des Landes nach Abschaffung des Privateigentums auf der Grundlage des gesellschaftlichen und nationalen Eigentums ordentlich und erfolgreich zu führen, müssen zunächst einige Maßnahmen ergriffen werden. Deshalb müssen Eigennutz und die Gier nach persönlichem Gewinn aus dem Denken der Menschen beseitigt werden. An die Stelle dieser Vorstellungen muss in ihrem Denken die Neigung gesetzt werden, für das allgemeine Wohl zu arbeiten, und zwar so stark, dass sie zur wichtigsten Quelle ihrer Arbeitsmotivation wird. Die Kommunisten behaupteten, die menschliche Natur, der Charakter und die ererbten Neigungen seien lediglich eine Täuschung der bürgerlichen Philosophie und Wissenschaft. In Wirklichkeit gebe es nichts, was diesen Namen verdiene. Wir werden den persönlichen Gewinn und die eigennützigen Gewinnvorstellungen aus den Menschen vertreiben und durch eine Veränderung der Umwelt eine allgemeine und nationale Gesinnung hervorbringen. Bei der Verwirklichung dieser haltlosen Behauptung sind die Kommunisten jedoch tragisch gescheitert. In keinem Land konnten sie bei der Bevölkerung sowie bei den wirtschaftlichen und sozialen Beamten und Angestellten auch nur um ein Quäntchen mehr eine allgemeine Haltung und Sichtweise hervorbringen, als sie bei den Völkern jedes Landes von Natur aus vorhanden ist. Ganz zu schweigen davon, dass sie Eigennutz und Gewinnsucht aus der Bevölkerung und unter den Beschäftigten beseitigt hätten: Sie konnten deren Ausmaß nicht einmal um ein Quäntchen vermindern. Vielmehr sahen sie sich schließlich, nachdem sie ermüdet waren, gezwungen, sie offen anzuerkennen und den Eigennutz der Menschen anzuspornen, um ihnen Arbeit abzuringen. Bis hierhin stehen sie also auf derselben Stufe wie die bürgerliche Gesellschaft. Was sie jedoch in ein noch größeres Unheil als die bürgerliche Gesellschaft gestürzt hat, ist Folgendes: Als sie den natürlichen Weg zur Befriedigung des persönlichen Gewinnstrebens der Bevölkerung in Landwirtschaft, Industrie, Handel und anderen gewinnbringenden Geschäften versperrten und durch künstliche Propaganda den einfachen und vernünftigen Ausdruck dieses Gewinnstrebens grundlos und gewaltsam als verwerflich erklärten, sank diese Vorstellung in die Tiefen des Gemüts. Wie andere im Menschen angesammelte Vorstellungen wurde auch sie verderbt (Pervert) und nahm zur Verwirklichung ihres äußeren Ausdrucks einen derart falschen Weg, dass sie das Fundament der Gesellschaft von innen her zersetzte und es seines Inhalts beraubte. Der gewaltige Einfluss dieser Sache liegt der Zunahme und Vorherrschaft von Bestechung und Schmiergeld, Verrat, Diebstahl, Entführung, Plünderung und vielen weiteren schweren Übeln dieser Art in der kommunistischen Gesellschaft zugrunde. In der kommunistischen Gesellschaft ist nur eine einzige Sache verboten, nämlich dass jemand sein selbst erworbenes Vermögen zur Erlangung größeren Reichtums oder für irgendeine produktive Tätigkeit einsetzen darf. Abgesehen davon steht dort, wie in den übrigen Gesellschaften der Welt, jede andere Art der Verwendung von Vermögen uneingeschränkt offen. Jeder kann nach Belieben Geld für den Kauf eigener Kleidung, Nahrung, Wohnungen, Verkehrsmittel, Möbel und aller Arten von Luxusgütern ausgeben. Er kann seinen Lebensstandard nach Belieben erhöhen. Ja, alle Mittel, die in der westlichen Gesellschaft zur Befriedigung von Luxus, Bequemlichkeit, Wohlleben und Vergnügungssucht eingesetzt werden können, können auch in der kommunistischen Gesellschaft ohne Einschränkung genutzt werden. Alles Geld, das danach als Überschuss verbleibt, können sie sparen. Dieses angesammelte Geld können sie, auch wenn nicht unmittelbar selbst, durch staatliche Einrichtungen in gewinnbringende Unternehmungen investieren und daraus jährlich bis zu acht oder zehn Prozent Zinsen beziehen. Und sie können sterben, nachdem sie dieses angesparte Vermögen ihren Erben hinterlassen haben.

Fünftens: Das Blutvergießen, die Zerstörung sowie die schreckliche Vernichtung und Verwüstung von Religion, Charakter und Menschlichkeit in einem derart gewaltigen Ausmaß wurden nur zu einem einzigen Zweck ertragen. Dieser bestand darin, dass der zwischen der Herstellung einer Ware und ihrem Verkaufspreis liegende Gewinn (Surplas value), den ausschließlich Grundbesitzer, Fabrikbesitzer und Angehörige der Händlerklasse an sich rissen, nicht in die Taschen einiger weniger gelangen, sondern im allgemeinen Schatz der Gesellschaft angesammelt werden sollte. Und von dort sollte er unter vollständiger Gleichheit und Gerechtigkeit unter allen verteilt werden können. Auch der Zweck der Abschaffung des Privateigentums war genau dies. Wenn dies tatsächlich hätte erreicht werden können, hätte man darin einen großen Vorteil des allgemeinen und nationalen Eigentums sehen können. Aber ist dieses Ziel tatsächlich erfolgreich verwirklicht worden? Prüfen Sie doch einmal, wie der Gewinn aus Landwirtschaft, Industrie und Handel, der nach der Abschaffung des Privateigentums im nationalen Schatz angesammelt wird, verteilt wird.

In sämtlichen Abteilungen der russischen Regierung und in den wirtschaftlichen Tätigkeiten besteht zwischen den Gehältern der unteren Angestellten und denen der hochrangigen Beamten aller Einrichtungen ein ebenso himmelweiter Unterschied wie in jeder bürgerlichen Gesellschaft. Einerseits liegen die Gehälter und der Lebensstandard der einfachen Angestellten im Vergleich zu den Lohnarbeitern und Arbeitern Amerikas und Englands in unerwünscht niedrigem Bereich. Zwar ist ihre Lage etwas besser als die der Arbeiter in Indien und Pakistan, doch zweifellos ist sie nicht sehr viel höher. Andererseits sind die Einkommen von Direktoren, Managern, Regierungsbeamten, Militäroffizieren, Schauspielern und Schauspielerinnen sowie Verfassern und Herausgebern von Büchern gestiegen und haben jährlich bis zu mehreren Hunderttausend „Rubel“ erreicht. Folglich wird der Gewinn aus Handel und Industrie, wenn auch nicht vollständig, äußerst ungleich zwischen den oberen und unteren Klassen verteilt. Und zwar genau so, wie er in der vorrevolutionären Zeit zwischen den arbeitenden Menschen und der Bourgeoisie verteilt wurde.

Außerdem hat das Feuer des Hasses, der Feindschaft und der umfassenden, von Rache bestimmten Wut, das zur Hervorbringung der kommunistischen Revolution zwischen der arbeitenden Bevölkerung und der Bourgeoisie entzündet wurde, die nichtkommunistischen Gesellschaften und Völker der ganzen Welt zu Gegnern Russlands gemacht. Aus diesem Grund war Russland gezwungen, nach der Abschaffung des Privateigentums den Gewinn aus Handel und industrieller Produktion nicht unter der Bourgeoisie zu verteilen, sondern ihn in der Staatskasse anzusammeln und einen großen Teil davon für militärische Vorbereitungen einzusetzen.

Nachdem diese beiden großen Bereiche finanziert worden sind, kann lediglich der Teil des nationalen Gewinns, der auf die arbeitenden Menschen entfällt, für die „Sozialversicherung“ verwendet werden. Doch wie hoch ist sein Anteil im Verhältnis zum Gesamtgewinn? Selbst wenn man ihn stark übertreibt, wird er keinesfalls mehr als ein oder zwei Prozent betragen.[Anmerkung: In Russland werden zur Bildung des Fonds der „Sozialversicherung“ nach einem besonderen Verfahren zehn bis zwanzig Prozent des Geldes, das in jeder Abteilung insgesamt für die Gehälter der Beschäftigten ausgegeben wird, als Beitrag zur „Sozialversicherungs“-Planung eingezahlt. Auf diese Weise werden vierzehn Prozent der gesamten Lohn- und Gehaltssumme des Landes für das allgemeine Wohl der Beschäftigten ausgegeben. Das entspricht jedoch nur ein oder zwei Prozent des gesamten finanziellen Gewinns.]

Doch die Frage ist: Wenn ein ebenso großer oder sogar weitaus größerer Geldbetrag auf einem anderen Weg für das allgemeine Wohl aufgebracht und ausgegeben werden kann, welche Notwendigkeit und welche Rechtfertigung kann es dann überhaupt geben, der unschuldigen Bevölkerung unter dem Vorwand der nationalen Eigentumsordnung ein künstliches Gesellschaftssystem aufzuzwingen, dafür wie in der russischen Revolution umfassende Tyrannei, Gewalt, Verfolgung und Unterdrückung zu entfesseln und zugleich Privateigentum, Religion und Moral abzuschaffen?

Sechstens: Das Toben der Zerstörung von Leben und Besitz, Religion und Moral, ja der Menschlichkeit, das in Russland zur Einführung des nationalen Eigentums, der militärischen Herrschaft und Disziplin sowie der nationalen Planung veranstaltet wurde, war nur der anfängliche Preis für dieses Experiment. Nun aber, da es verwirklicht worden ist, muss auch eine vergleichende Untersuchung darüber vorgelegt werden, welchen Nutzen es im täglichen Leben des Volkes gebracht hat und welchen Preis man ihm dafür abverlangt hat.

Bei einer Prüfung dessen, was das gegenwärtige Gesamtsystem Russlands dem Volk gibt, ergeben sich die folgenden Punkte:

Für jeden Einzelnen ist zumindest eine solche Erwerbsmöglichkeit geschaffen worden, durch die er Nahrung für zwei Mahlzeiten am Tag, Kleidung zur Bedeckung des Körpers und einigermaßen eine Unterkunft erhalten kann. Auch der soziale Vorteil, dass dem Einzelnen in schwierigen Zeiten eine Unterkunft gewährt wird, ist erreicht worden. Im Wesentlichen hat dieses neue System Russlands der Bevölkerung nur diese beiden Dinge gegeben, nichts darüber hinaus.

Nun muss untersucht werden, wie viel und was Russland dafür von der Bevölkerung genommen hat.

Um anstelle des Privateigentums das System des Nationaleigentums wirksam einzuführen, musste zwangsläufig die gesamte Macht des Landes in die Hände der Kommunistischen Partei, der Trägerin dieses Ideals, gelegt werden. Aufgrund der Ideologie dieser Partei und dieser zwingenden Forderung wurde über das Land eine diktatorische Herrschaft eines obersten Führers errichtet. Unter Einsatz ihrer gesamten Macht musste diese Partei das System des Privateigentums zerschlagen und mit dem eisernen Druck einer unfehlbaren Hand das neue System einführen. Diese diktatorische Herrschaft wurde als Diktatur des Proletariats bezeichnet; doch es ist allgemein bekannt, dass nicht alle Arbeiter, Bauern und Beschäftigten in den verschiedenen Bereichen und Abteilungen der Gesellschaft in Russland Mitglieder der Kommunistischen Partei sind. Vermutlich gehören höchstens fünf Prozent der russischen Bevölkerung der Partei an. Daher ist sie äußerlich zwar als „Diktatur der Arbeiter“ bezeichnet worden, in Wirklichkeit aber lediglich die Diktatur der Kommunistischen Partei, die den Arbeitern und Lohnarbeitern auferlegt wurde.

Und diese diktatorische Herrschaft ist keineswegs etwas Harmloses. Die Errichtung des Nationaleigentums bedeutet, dass dort alle Grundbesitzer beseitigt worden sind und die Regierung als alleiniger und ungeteilter Grundbesitzer zum ausschließlichen Eigentümer sämtlicher Ländereien und Felder des Landes geworden ist. Als Fabrikbesitzer und Handelskapitalisten gibt es dort nun keine Privatpersonen mehr; nachdem sie alle beseitigt worden sind, hat ein solcher Kapitalist ihren Platz eingenommen, in dessen uneingeschränktem Monopol nun alle Seiten und Formen der Produktionsmittel liegen. Zugleich ist auch die gesamte Staatsmacht des Landes in seiner Alleinherrschaft konzentriert worden. Das ist die tatsächliche Gestalt der Kommunistischen Partei Russlands.

Wenn sich nun herausstellt, dass diejenigen, die die gesamte wirtschaftliche, kulturelle und politische Macht Russlands ausüben, durch die Stimmen des einfachen Volkes des Landes gewählt worden sind, kann man dies dann wirklich als Demokratie bezeichnen? Selbst wenn er den Mut aufbrächte, mit der Kommunistischen Partei zu konkurrieren, gäbe es für ihn in einem so riesigen Land wie Russland irgendeine Möglichkeit, Nahrung und Unterkunft zu erhalten? Könnte er irgendeine Presse benutzen, um gegen die Regierung gerichtete Äußerungen zu verbreiten? … Um seine eigenen Worte zum Volk zu bringen, mit irgendeinem Verkehrsmittel durch das Land zu reisen und die Entfernung zwischen Leben und Tod zu überwinden – wie viel Zeit würde er dafür benötigen?

Die eigentliche Tatsache ist, dass sich im System des Nationaleigentums in den Händen der Regierung eine derart gewaltige Macht konzentriert, wie sie in keinem Abschnitt der Menschheitsgeschichte je jemandem zur Verfügung gestanden hat. Nicht einmal in den Händen eines Dschingis Khan, eines Hulagu Khan, eines Zaren oder eines Kaisers war jemals eine solche Macht vereint. Tatsächlich werden selbst die zig Millionen Menschen eines Landes gegenüber jeder Partei, die einmal eine solche Macht an sich reißen kann, völlig hilflos. Keine noch so schlechte Regierung der Welt lässt sich so schwer und mühsam ersetzen, wie es schwierig oder unmöglich wird, eine kommunistische Regierung zu ersetzen.

In einem solchen Regierungssystem verwendet die regierende Partei die Presse, das Radio, das Kino, die Bildungseinrichtungen, ja den gesamten Verwaltungsapparat, sowie die wirtschaftlichen Tätigkeiten des ganzen Landes nach einer besonderen Methode, um den Plan und das Programm, die sie für das gesamte Leben des Landes angenommen hat, ordnungsgemäß zu lenken und wirksam umzusetzen. Damit ein solcher Plan erfolgreich durchgeführt werden kann, muss das ausschließliche Recht, im ganzen Land zu denken, Urteile zu fällen und Entscheidungen zu treffen, in den Händen jener wenigen Personen liegen, die an der Spitze des zentralen Regierungsapparats sitzen und den Plan ausarbeiten. Ohne sie werden die Millionen und Abermillionen gewöhnlicher Menschen des Landes lediglich zu Händen und Füßen, die nach ihren Anweisungen arbeiten und nicht den geringsten Fehler beim Befolgen ihrer Befehle machen dürfen. Für Menschen, die Kritik üben, Fehler aufzeigen und gegenteilige Urteile äußern, kann es in einem solchen System außer Gefängnis und Galgen keinen anderen Platz geben. Wird ein solcher Kritiker ins Exil geschickt, so muss man verstehen, dass ihm damit eine große Gunst erwiesen wurde. Genau aus diesem Grund wurden sogar bedeutende führende Funktionäre und Amtsträger der Kommunistischen Partei Russlands zum Tode oder zu lebenslanger Haft verurteilt. Dabei war es gerade das Ergebnis ihrer aufrichtigen Bemühungen, ihrer Fähigkeiten und Arbeitskraft sowie ihrer Selbstaufopferung, durch das dieses kommunistische Experiment eines Tages auf dem Weg zum Erfolg voranschritt. Trotzdem mussten sie allein wegen des Wagemuts, eine abweichende Meinung gegenüber der regierenden Partei zu vertreten, einem solchen Schicksal entgegensehen.

Nicht nur das: Gegen jeden, der wegen des Verbrechens festgenommen wurde, eine abweichende Meinung geäußert zu haben, wurden schwere und geradezu ungeheuerliche Anschuldigungen erhoben. Vor dem kommunistischen Gericht war jeder Angeklagte aufgrund der von der regierenden Partei vorgebrachten Anschuldigungen gezwungen, das Verzeichnis seiner eigenen Verbrechen selbst in einem fort vorzutragen; und er trug dieses Verzeichnis nicht mit undeutlichen Worten vor, sondern gestand in klarer Sprache, dass er ein gewaltiger Landesverräter, ein Agent der Kapitalisten und eine in Russland aufgezogene und gehegte giftige Schlange sei. Dieses ganze Geschehen zeigt einerseits die hässliche und abscheuliche Gestalt der kommunistischen Moral; andererseits kann die Weltbevölkerung angesichts der erstaunlichen Kunststücke der kommunistischen Gerichte nicht anders, als fassungslos zu sein.

Zweitens: Das kommunistische System wurde erst errichtet, nachdem das Privateigentum abgeschafft und die religiösen Gruppen mit äußerster Gewalt unterdrückt worden waren. Noch immer sind jene Menschen nicht vollständig von der Welt und insbesondere aus Russland getilgt, auf deren Gefühlen, ihrem Glauben sowie ihren Hoffnungen und Wünschen dieser kommunistische Palast errichtet wurde. Daher ist die kommunistische Diktaturregierung in jedem Augenblick von der Gefahr einer Gegenrevolution bedroht und in Angst versetzt; außerdem wissen und verstehen die kommunistischen Funktionäre sehr wohl, dass es trotz all ihrer Leugnungen so etwas wie die menschliche Natur und Veranlagung gibt und dass diese einen deutlichen Anspruch auf persönlichen Gewinn erhebt. Sie ist mit aller Kraft bemüht, die Gesellschaftsordnung auf der Grundlage des Privateigentums wiederherzustellen. Aus diesen Gründen ist die Kommunistische Partei selbst einerseits ständig damit beschäftigt, ihr eigenes System zu „reinigen“, und unterzieht andererseits alle, bei denen auch nur ein Körnchen Zuneigung zum früheren System oder der Hauch einer reformerischen Gesinnung festgestellt wird, fortwährend einer Säuberung. Anmerkung A: Die Säuberungsaktion ist bisher an mehreren hunderttausend Mitgliedern der Kommunistischen Partei durchgeführt worden. In Russland bedeutet diese Maßnahme nicht lediglich, dass eine für die Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei ungeeignete Person aus der Partei ausgeschlossen und damit verschont wird; vielmehr haben nach ihrer Durchführung nur sehr wenige Glückliche dem Leid entgehen können, in die Folterkammern der russischen Geheimpolizei gebracht zu werden. Der Weg aus diesen Folterkammern führte entweder zum Friedhof oder in die Zwangsarbeitslager. Dort waren die Menschen gezwungen, bereits zu Lebzeiten die Qualen der Hölle zu erleiden. Andererseits ist die Parteiregierung im ganzen Land unablässig damit beschäftigt, auch die geringste Möglichkeit, den geringsten Verdacht und die fernste Spur einer Gefahr der Gegenrevolution für immer auszurotten. Diese Regierung hat im ganzen Land ein umfassendes und gewaltiges Netz aus Soldaten und Geheimpolizei ausgebreitet. Ihre zahllosen Bediensteten suchen in jeder Institution, in jedem Haus und jeder Familie sowie bei jeder Versammlung nach Anzeichen von Fortschrittsgegnern. Dieses unsichtbare und geheimnisvolle Netz der Geheimpolizei hat selbst zwischen Eheleuten eine Mauer des Misstrauens und Zweifels errichtet. Sogar die eigenen Kinder scheuen sich nicht, gegenüber ihren Eltern die Aufgaben der Geheimpolizei zu übernehmen. Die wohlüberlegte und vernünftige (?) Ansicht der Polizei und der Kriminalpolizei Russlands lautet, dass es besser sei, wenn infolge von Irrtümern einige Hundert oder sogar einige Tausend Unschuldige festgenommen und getötet würden, als dass einige schuldige Verbrecher davonkämen und ihnen der Weg zur Schaffung einer Gegenrevolution erleichtert würde. Deshalb durchsuchen sie Fabriken, jedes Büro und jede Einrichtung: Wenn ein Arbeiter oder Angestellter die Leitung des Landes oder die Verwaltung seiner eigenen Abteilung nicht mag oder irgendeine Unzufriedenheit und Unbehagen äußert, wird er ganz selbstverständlich festgenommen, sobald auch nur der Verdacht besteht, dass er dergleichen nicht nur tatsächlich getan, sondern bereits darüber nachgedacht hat. Da solche Vorfälle alltäglich sind, versteht die Ehefrau ganz selbstverständlich, dass ihr Mann verhaftet worden ist, wenn ein Arbeiter nachts nicht in sein eigenes Haus zurückkehrt. Am nächsten Tag beginnt sie, seine notwendigen Sachen selbst zum Polizeibüro zu bringen, und die Entgegennahme dieser Gegenstände bedeutet, dass ihre Vermutung richtig war. Fragt sie etwas, erhält sie vonseiten des Büros selbstverständlich keinerlei Antwort. Manchmal geschieht es sogar, dass die von ihr gesandten Sachen zurückkommen; und sobald dies geschieht, muss man verstehen, dass ihr Mann „dem großen Lenin“ geopfert worden ist. Wenn diese Frau selbst nicht einem ähnlichen Schicksal entgegensehen will, besteht ihre Pflicht darin, wie eine zuverlässige Genossin völlig schweigend ihre Tage zu verbringen und in dieser Angelegenheit kein einziges Wort zu sagen; außerdem sollte sie sich einen Ehemann suchen, bei dem keinerlei Verdacht besteht, er sei „reaktionär“.

Tatsächlich mussten die Millionen Einwohner des kommunistischen Russlands für zwei Mahlzeiten am Tag und ein Mindestmaß an Sicherheit in Notzeiten diesen gewaltigen Preis zahlen. Doch die Frage lautet: Kann dieses Geschäft im Austausch für einen solchen Preis wirklich als besonders billig bezeichnet werden? Es ist wahr, dass ein hungriger Mensch manchmal durch die heftigen Schläge des Hungers so überwältigt wird – er ergibt sich und akzeptiert die Niederlage –, dass er ein Leben im Gefängnis seiner von Leid bedrückten Freiheit vorzieht. Nur deshalb, weil er dort wenigstens zwei Mahlzeiten am Tag, Kleidung und eine Unterkunft erhalten wird. Aber steht die gesamte Menschheit heute etwa vor einem solchen Problem, dass sie Nahrung und Freiheit nicht zugleich erlangen kann? Ist es gegenwärtig der einzige und letzte Weg, Nahrung zu erhalten, die ganze Erdoberfläche in ein Gefängnis zu verwandeln und einige Genossen zu seinen Gefängniswärtern und Torwächtern zu ernennen?

Reaktion

Der Kommunismus hat, um auf der Grundlage seiner eigenen Ideale ein Staatssystem zu errichten, in einem derart gewaltigen Ausmaß Gewalttaten und Unterdrückung verübt, und sein Erfolg hat das lodernde Feuer des Klassenkampfes in jedem Land der Welt derart mit Öl übergossen, dass die Denker aller nichtkommunistischen Länder gezwungen waren, sich neuen Überlegungen zuzuwenden. Sie widmeten sich der Aufgabe, durch eine Reform der Regeln und Grundsätze der freien Wirtschaftsordnung die Not und Beschwerden der arbeitenden Menschen zu beseitigen und Wege zu finden, ihre Länder von der Gefahr einer kommunistischen Revolution zu befreien. Obwohl sämtliche inneren Mängel und Fehler der freien Wirtschaftsordnung aufgezeigt wurden, waren ihre Kritik und die Aufweisung ihrer Mängel und Fehler immer schon zu der Zeit, als das moderne kapitalistische System errichtet wurde, deutlich und offenkundig; stets wurden auch gewisse äußere, oberflächliche und teilweise Reformen vorgenommen; doch der Bedarf an Veränderung und Reform wurde in Wirklichkeit erst empfunden, nachdem man die Tätigkeit, den Einfluss und die Ergebnisse des russischen Kommunismus unmittelbar gesehen hatte. Diese Reaktion nahm in zwei großen Bereichen des kapitalistischen Systems zwei einander entgegengesetzte Formen an.

In den Ländern, deren gesamtes Lebensgefüge durch den verheerenden Schlag des Ersten Weltkriegs zerschmettert worden war, in denen sich unter dem kurzen Klassenkampf des Kommunismus die Gefahr ihrer endgültigen Vernichtung verdichtet hatte und in denen die Demokratie keine festen Wurzeln hatte schlagen können, entstanden Faschismus und Nationalsozialismus.

Die Völker hingegen, bei denen die Demokratie auf einer festen Grundlage errichtet war und deren Lebensordnung durch den Krieg keine besondere Katastrophe erfahren hatte, versuchten, ihren alten liberalen, offenen und demokratischen Kapitalismus auf seiner ideologischen Grundlage zu bewahren und lediglich an seiner Schrankenlosigkeit und Bedingungslosigkeit einige Änderungen vorzunehmen, durch die die Möglichkeit seiner schädlichen Auswirkungen beseitigt wurde.

Faschismus und Nationalsozialismus

Die Kommunisten versuchen gewöhnlich, die italienische faschistische und die deutsche nationalsozialistische Bewegung als eine Reaktion der Kapitalisten zu verurteilen. Sie haben den Vorwurf erhoben, die bürgerlichen Kapitalisten hätten aus Angst vor einer Niederlage im Kampf Hitler und Mussolini aufgestellt. In Wirklichkeit waren diese jedoch keine Agenten mit böswilligen Absichten im Interesse irgendeiner bestimmten Klasse. Auch sie vertraten, ebenso wie Marx und Lenin, ein bestimmtes Ideal. Sie waren ebenso hingebungsvoll und begabt und ebenso verschlagen wie jene. Sie sahen, dass einerseits der grausame und alles verschlingende Schlag des Krieges ihre Nation so weit niedergeworfen hatte, dass der gesamte Ruhm und die gesamte Würde mehrerer Jahrhunderte im Staub lagen. Andererseits drohten die inneren Mängel der freien Wirtschaftsordnung und der äußere Glanz des Kommunismus die Menschen mit unterschiedlichen Ansichten innerhalb der Nation in einen erbitterten, blutigen Krieg und tödliche Auseinandersetzungen zu stürzen. Deshalb widmeten sie sich der Aufgabe, wirksame Wege zu finden, den verborgenen Konflikt der Klasseninteressen zu beenden und ihre nationale Einheit vor der Zerstörung zu bewahren. Zugleich machten sie sich daran, die wirtschaftliche, kulturelle und politische Stärke ihrer jeweiligen Nationen zu festigen und deren Überlegenheit und Vorrang aufs Neue zu begründen. Doch sie und alle ihre Unterstützer und Anhänger waren Erben der historischen Fehler und Schwächen des westlichen Denkens. Wie die Denker und Führer vor ihnen nahmen auch sie einige wahre und ewige Grundsätze an und vermischten sie mit übermäßig radikalen Gedanken und Grundsätzen. Sie verwarfen einige wahre Grundsätze und setzten an ihre Stelle einige irrige Torheiten. Auf diese Weise legten sie durch eine solche Mischung die Grundlage für eine Lebensordnung ohne Gleichgewicht.

Man kann prüfen, in welchem Verhältnis und nach welchen Regeln sich in der von ihnen durch eine solche Mischung geschaffenen Lebensordnung gute und schlechte, falsche und richtige Grundsätze vermengten und welches Ergebnis sich aus der Bilanz ihrer Vorteile und Nachteile ergab. Obwohl diese beiden „Zwillingsbrüder“ nach ihrer Niederlage im Zweiten Weltkrieg äußerlich den Anschein der Unterwerfung erweckt haben, sind sie in verschiedenen Ländern noch immer vorhanden, indem sie die von ihnen verbreiteten neuen Ideen unter veränderten Namen und in veränderter Gestalt annehmen. Auch unser eigenes Land steht über diesen Gefahren nicht und ist von ihnen nicht frei. Daher ist es äußerst wichtig geworden, die guten Seiten und die schlechten Bestandteile des Faschismus und des Nationalsozialismus zu bestimmen. Dieses Erfordernis ist auch heute genauso dringend wie vor dem Krieg.

Gute und wohltätige Werke

Die Kommunisten behaupten, dass gegenseitiger Hass, Feindschaft und Krieg zwischen der Klasse der Grundbesitzer und Kapitalbesitzer einerseits und der Klasse der arbeitenden Menschen andererseits die wirkliche und naturgemäße Beziehung seien. Die Faschisten und Nationalsozialisten widersprechen dem. Dieser Widerspruch ist durchaus richtig. Ihrer Auffassung nach ist nicht die „Klasse“ das Eigentliche, sondern die Gesellschaft und die Nation sind das Wirkliche und Grundlegende. Ihre verschiedenen Teile und Glieder erfüllen für das Ganze und für einander verschiedene Arten wohltätiger Aufgaben. Die Richtigkeit dieser Auffassung der Faschisten und Nationalsozialisten ist unbestreitbar. Tatsächlich besteht zwischen der Gesellschaft und der Nation einerseits und den arbeitenden Menschen andererseits nicht das Verhältnis von Feindschaft, Krieg und Konflikt, sondern ein Verhältnis der Förderung, Zusammenarbeit und gegenseitigen Tätigkeit. Ihre Aufgabe besteht darin, die für alle notwendigen Güter zu produzieren und durch eine Steigerung der Produktion auf gesamtgesellschaftlicher und nationaler Ebene die nationale Stärke und den nationalen Reichtum zu vermehren. Wenn sich ein Mangel, eine Unvollständigkeit oder eine Abweichung in dieser Förderung sowie in der gegenseitigen Hilfe und Zusammenarbeit zeigt, ist es wünschenswert, sie zu beseitigen. Wenn Konflikte und Meinungsverschiedenheiten auftreten, müssen sie beseitigt werden. Es ist keineswegs wünschenswert, ihnen Gelegenheit zur Ausweitung zu geben und die verschiedenen Teile derselben Gesellschaft dazu kommen zu lassen, einander zu zerstören und die Produktion zu untergraben.

Die Kommunisten behaupten, dass Privateigentum und das Streben nach persönlichem Gewinn im Grunde schädlich seien und im Interesse des Gesamtwohls verschwinden sollten. Die Faschisten und Nationalsozialisten haben auch diese Ansicht als unhaltbar erwiesen. Ihre Auffassung, dass diese beiden Dinge dem Gesamtinteresse selbst zuträglich und unbedingt notwendig seien, ist durchaus richtig. Die Bedingung dafür ist jedoch, dass sie – ebenso wie in einer „freien Wirtschaftsordnung“ – nicht grenzenlos sein dürfen, sondern gewissen Beschränkungen unterliegen müssen. Sie sagten, jeder Einzelne habe das Recht, sich um den eigenen Gewinn und Vorteil zu bemühen; dieses Recht müsse jedoch dem Gesamtinteresse untergeordnet und zu dessen Förderung ausgeübt werden – nicht etwa im Gegensatz dazu. Die zentrale Finanzwirtschaft (High Finance), der Abbau von Bodenschätzen, der Schiffbau und die Schifffahrt, die Rüstungsindustrie, die Industrie sowie andere große Unternehmen dieser Art (Big Business) sollten nicht in Privateigentum stehen. Pachtverhältnisse und Monopolgeschäfte, bei denen das Gesamtinteresse dem persönlichen Interesse geopfert wird, müssen unverzüglich beseitigt werden. Spekulation muss aus dem Geschäftsleben mit aller Gewissheit verbannt werden. Die Zinsen im Kreditvergabe- und Kreditrückzahlungssystem müssen vollständig abgeschafft werden. [Anmerkung: Obwohl sie die Zinsen tatsächlich nicht abschaffen konnten, nahm der Staat selbst Kredite auf und zahlte dafür Zinsen. Einige Nationalsozialisten und Faschisten hielten Zinsen gleichermaßen für ungerecht und befürworteten ihre Abschaffung.]

Handel und Geschäftsverkehr müssen durch bestimmte Regeln und Vorschriften so geordnet werden, dass sie mit den Interessen aller daran Beteiligten vereinbar sind. Sie dürfen nicht lediglich den Interessen einer einzigen Klasse dienen. Wenn nun ein Fabrikbesitzer die Preise seiner Waren richtig festsetzt, gute Produkte herstellt, die Lohnarbeiter und Beschäftigten wohlhabend und zufrieden hält, sich um die Weiterentwicklung seines Industriebetriebs bemüht und für all diese Leistungen innerhalb angemessener Grenzen Gewinn erzielt – welches Verbrechen begeht er dann, dass man ihn völlig grundlos als Feind der Nation und der Gesellschaft betrachten müsste?

Auch ihre liberale und neutrale Auffassung, dass der Staat lediglich die Aufgaben von Polizei und Gerichten wahrnehmen und den umfangreichen wirtschaftlichen Tätigkeiten und Geschäften des Lebens keinerlei Aufmerksamkeit oder Beachtung schenken solle, haben sie mit gutem Grund aufgegeben. Sie sagten, es gehöre zu den vordringlichen Pflichten des Nationalstaates, innerhalb der Volkswirtschaft ein Gleichgewicht zwischen ihren verschiedenen Teilen herzustellen, Wohlwollen und Zusammenarbeit zu fördern und die Ursachen von Konflikten und Kämpfen zu beseitigen. Sie versuchten einerseits, Streiks zu beseitigen, und andererseits, die Produktionsmittel, -methoden und -kräfte nutzbar zu machen. [Anmerkung: Als die nationalsozialistische Partei 1933 in Deutschland an die Macht kam, waren dort etwa acht Millionen Menschen arbeitslos und ohne Beschäftigung; innerhalb weniger Jahre änderte sich die Lage jedoch, und es zeigte sich ein Mangel an Arbeitskräften.] Die gesetzliche Ausrufung einer Fabrik-„Aussperrung“ wurde verboten. Sie bildeten gemeinsame Räte von Eigentümern und Beschäftigten. Sie bemühten sich, die Rechte und Pflichten beider Seiten gerecht festzulegen, und errichteten ein wohlgeordnetes System zur Beilegung von Streitigkeiten: durch gegenseitige Verhandlungen, die Einsetzung von Schiedsgerichten und schließlich durch eine gerichtliche Entscheidung.

Im kapitalistischen System wird für Arbeitslose, Krüppel und arbeitsunfähige Menschen keinerlei Verantwortung übernommen. Im Faschismus und Nationalsozialismus wurde jedoch versucht, diesen Mangel des Kapitalismus zu beseitigen. Die Nationalsozialisten und Faschisten erkannten, welchen schweren Schaden es anrichten kann, wenn Menschen ohne Mittel und Einkommen schutzlos sich selbst überlassen werden, und führten auf breiter Grundlage eine „Sozialversicherung“ – eine soziale Sicherung – ein. Dadurch konnte den Beschäftigten im Falle von Krankheit, Alter, Arbeitslosigkeit und Unfällen Unterstützung gewährt werden. Darüber hinaus errichteten sie umfangreiche Einrichtungen für Mutterschaft, die Betreuung von Kindern, Kinderfürsorge, die Versorgung von Krüppeln und Arbeitsunfähigen, die Unterstützung von Kriegsversehrten, die Betreuung kinderloser alter Menschen sowie für andere derartige Wohlfahrtsaufgaben. Vor dem Krieg sorgten solche Einrichtungen in Deutschland für die Sicherung und Versorgung von etwa fünf Millionen Menschen.

Im Kapitalismus laufen sämtliche wirtschaftlichen Tätigkeiten ohne Planung, Überlegung und Abstimmung ab. Daher können die wirtschaftlichen Mittel und Ressourcen nicht vollständig genutzt werden. Bei dem, was und wie viel genutzt wird, bleibt das Gleichgewicht gewahrt. Die Faschisten und Nationalsozialisten richteten ihre ganze Aufmerksamkeit darauf, diesen Mangel der freien Wirtschaft zu beseitigen. Zu diesem Zweck übernahmen sie die nationale Wirtschaftsplanung sowie die Organisation und Koordinierung (Co-ordination) durch den Staat (die Regierung). Sie bildeten für sämtliche Bereiche des Wirtschaftslebens besondere Räte und steigerten auf diese Weise durch ein gut organisiertes, geschlossenes System von Regeln und Verfahren die Produktionsmenge in erstaunlichem Maße; zugleich wurde ein abgestimmter Fortschritt zwischen den verschiedenen Bereichen eingeleitet.

Torheit und Schaden

Die wohltätigen Seiten des Faschismus und Nationalsozialismus sind oben ausführlich erörtert worden. Doch muss ebenfalls geprüft werden, welchen hohen Preis Italien und Deutschland für diesen Wohlfahrtsgewinn entrichtet haben.

Die nationalsozialistischen und faschistischen Parteien versuchten, dem verhängnisvollen Einfluss des Klassenhasses entgegenzuwirken, indem sie den berauschenden Wein der nationalen Vergötzung, den Rausch von Ahnenstolz und Hochmut, die Aufstachelung zu Hass, Neid, Zorn und Feindseligkeit gegenüber anderen Völkern sowie Begeisterung und Überschwang für die Eroberung der Welt und die Besetzung fremder Staaten entfachten. Doch derartige Maßnahmen haben sich für kein Volk jemals als heilsam erwiesen. Der richtige Aufstieg und die gedeihliche Entwicklung einer Nation können allein auf dem Fundament einer aufbauenden Moral und eines reinen, heiligen Lebensziels beruhen. Ein Führer, der statt dieses Weges die Erzeugung von Hass, das Eingehen von Gefahren und die Aufstachelung als Mittel zum Aufbau, zur Entwicklung und zur Stärkung der Nation wählt, zerstört dadurch den Charakter und die natürliche Veranlagung seines eigenen Volkes. Und eine Nation, die auf diese Weise emporgehoben und geformt wird, muss eines Tages einen umfassenden Schlag erleiden; daran kann nicht der geringste Zweifel bestehen.

Statt das Programm wirtschaftlicher und zivilisatorischer Reformen, das sie zum Wohle ihrer jeweiligen Nationen ausgearbeitet hatten, auf einfache, klare und vernünftige Weise umzusetzen, entwickelten sie eine völlig sinn- und substanzlose Gesellschafts- und Staatsphilosophie. In ihr häuften sich zahllose Übertreibungen, Verschlagenheit sowie praktische Dummheit und Torheit. Daher stellten sie zunächst den Grundsatz auf: Die Person hat sich der Gesellschaftsordnung unterzuordnen; andernfalls besitzt das Individuum keinerlei Wert. Dann gingen sie weiter und sagten: Wer nicht in die Gesellschaftsordnung eingefügt ist oder durch sie die Festigung und Wirksamkeit dieser Ordnung behindert, sollte am besten überhaupt nicht existieren und nichts bewirken. Anschließend errichteten sie ein Gebäude der Logik und erklärten: Die eigentliche Wirksamkeit und Verwirklichung der Gesellschaftsordnung ist nur durch den Nationalstaat möglich, und die Leitung und Festigung der Organisation des Nationalstaates hängt ausschließlich von jener Partei ab, die ein Programm zur nationalen Einheit und zum Fortschritt zu ihrem eigenen Programm gemacht hat. So wurden Nation und Staat sowie Regierung und herrschende Partei in jeder Hinsicht zu ein und derselben Sache gemacht: „Sei Deutscher, dann tritt der Nazipartei bei“ und „Sei Italiener, dann sei Faschist“. Jeder, der es wagte, in irgendeiner Angelegenheit von der regierenden Partei abzuweichen, wurde zum Feind der Nation und des Nationalstaates erklärt. Kritik, Auseinandersetzung und die freie Äußerung von Meinungen wurden zu etwas Furchterregendem gemacht. Im ganzen Land durfte neben der einen Partei keine andere Partei weiterbestehen. Wahlen wurden in eine Farce, in ein sinnloses Spiel verwandelt. Um den Geist und Verstand der Nation vollständig und umfassend zu beherrschen, brachte die Regierung Polizei, Rundfunk, Bildungseinrichtungen, bildende Künste, Literatur und Theater vollständig unter ihre Kontrolle, damit an das Ohr der Nation neben einer einzigen Stimme überhaupt keine zweite Stimme gelangen konnte. Damit nicht genug: Es wurden umfassende Vorkehrungen getroffen, damit in den Köpfen der Menschen keine andere Meinung als die der regierenden Partei erwachen konnte; und falls in einem aufsässigen Kopf ein Gedanke erwachte, der den Gedanken und Ansichten der „Gottheiten“ der Nation widersprach, sollte er entweder bereits in seinem Gehirn ausgelöscht bleiben, oder aber der gesamte Kopf mitsamt seinem Gehirn sollte in der Erde begraben werden. Äußerlich hatten sie eine durchaus vernünftig erscheinende Ideologie entwickelt. Diese Ideologie lautete: Wenn im gesellschaftlichen und nationalen Leben kein zentraler Plan ausgearbeitet wird, entstehen Unordnung, Uneinheitlichkeit und gegenseitige Konflikte, und im Großen und Ganzen werden Kräfte, Fähigkeiten und Mittel in großem Umfang verschwendet. Daher müsse das gesamte nationale Leben geordnet werden, und unter einer zentralistischen Regierung müsse die gesamte Bevölkerung nach dem von einer zentralen Kraft festgelegten Plan und Programm regelgerecht wie die verschiedenen Teile einer Maschine arbeiten. Ihrer Ansicht nach war dies der Weg, die Tätigkeiten zur Förderung von Produktion, Entwicklung und Wohlstand mit größter Geschwindigkeit voranzutreiben. Entsprechend dieser Ideologie banden sie das Leben der gesamten Bevölkerung des Landes – alle Bereiche und Seiten des wirtschaftlichen, zivilisatorischen, religiösen, kulturellen und politischen Lebens – in die unauflösliche Fessel eines einzigen Systems. Sie begannen, alles und jeden nach einer festgelegten Ordnung zu lenken. In ihrer Lebensweise war alles festgelegt und organisiert. Die Aufgaben jeder Einrichtung waren festgelegt, die Löhne festgelegt; Preise, Rechte und Pflichten waren festgelegt, ebenso die Art und Weise, Kräfte und Fähigkeiten einzusetzen, und der Bereich, in dem Kapital und Mittel verwendet werden durften. Selbst Denken und Vorstellungskraft, Forschung sowie der Weg zur Äußerung innerer Gesinnungen und Neigungen waren dort festgelegt. Für all dies war sogar ein detailliertes Programm für mehrere Jahre festgelegt. Wie konnten nun diejenigen, die allein um der Nation willen so viele Mühen auf sich genommen und so viel Verstand darauf verwendet hatten, einen derart großen Plan für das gesamte nationale Leben zu entwerfen, es dulden, dass jemand sie kritisierte und durch Kritik den Geist und Verstand der einfachen Leute verdarb? Wie konnte man es ertragen, die Beamten, die sich ihren festgelegten Aufgaben widmen sollten, stattdessen in Auseinandersetzungen zu verwickeln und dadurch das Vertrauen und die Zuversicht des Volkes in den unter unermesslicher Arbeit geschaffenen Plan zu zerstören? Daher waren sie schon aufgrund der inneren Tendenz dieses „geplanten“ Lebens nicht im Geringsten bereit, eine uneingeschränkte Möglichkeit zur Kritik und Meinungsäußerung zu dulden. Vielmehr forderten sie mit Nachdruck, dass jeder, der seine Meinung äußern wolle, dies im Einklang mit dem von den Machthabern festgelegten Programm und zu dessen Unterstützung tun müsse. Andernfalls müsse jeder den Mund halten; das heißt: Sobald geplant worden war, musste man schweigen und zugleich auch das Denken und Vorstellen einstellen. Der Weg zum Widerspruch war versperrt, die Debatte beendet, die Kritik beendet, Fragen und Überprüfung beendet; mit einem Wort: Außer den Gehirnen einiger weniger Menschen musste auch das Denken der gesamten Nation endgültig stillstehen und untätig bleiben.

Hier erhebt sich wieder dieselbe Frage wie am Anfang. Ist all das, was die nationalsozialistische und faschistische Ideologie bietet, den Preis von solch außerordentlicher Höhe wert? Von der gesamten Nation sollen nur einige wenige Menschen Menschen sein, während alle übrigen Tieren gleichkommen, ja lediglich Teile einer leblosen Maschine sein sollen. Zahlt man diesen Preis, mag dort die Sicherheit der Versorgung mit den notwendigen Lebensmitteln gewährleistet sein – andernfalls nicht.

Innere Reform und Korrektur des kapitalistischen Systems

Nun wollen wir erörtern, welche Arten von Korrekturen und Reformen die Menschen in den Ländern vorgenommen haben, in denen die Wurzeln der liberalen Demokratie fest verankert waren, während sie das kapitalistische System auf seinen Grundfesten stehen ließen, und welche Ergebnisse dies gehabt hat.

Wie bereits angedeutet, propagierte die Bourgeoisie im 18. Jahrhundert einerseits im Interesse ihrer eigenen wirtschaftlichen Vorteile die „freie Wirtschaft“, während eben diese Bourgeoisie andererseits im Streben nach ihren politischen Interessen Himmel und Erde mit den Parolen von Demokratie, Gleichheit, gleichen Rechten und der Volkssouveränität erfüllte. Sie forderte das Recht auf Freiheit der Meinungsäußerung, auf Freiheit des Denkens und Forschens, auf Freiheit des Schreibens, Sprechens und Redens sowie auf Freiheit der Versammlung und Vereinigung. Ja, sie verkündete sogar mit größtem Nachdruck, dass das Volk als Antwort auf unerträgliche Unterdrückung, Ausbeutung und Gewalt gegen die Regierung den Aufstand erklären könne. Als sie diese Ansichten zunächst äußerte, richtete sie ihre Worte jedoch nur gegen die Königshäuser, die Grundbesitzer und die Priester der Kirche. Nur diese sah sie vor Augen, und ihnen gegenüber sah sie nur sich selbst. Deshalb konnte sie weder erkennen noch sich vorstellen, dass die Wirtschaftsordnung des freien Individualismus, auf der sie ihre Ordnung errichten wollte, und die Staatsordnung der Demokratie und zivilisatorischen Gleichheit, die sie ebenfalls begründen wollte, irgendwann einander widersprechen und in einen erbitterten Konflikt miteinander geraten würden.

Infolge ihrer Bemühungen begann sich in verschiedenen Ländern eine neue Demokratie zu verwirklichen, und als sich das Wahlrecht von den Grundbesitzern über die Geschäftsleute, Fabrikbesitzer und Geldverleiher bis hin zu den Arbeitern, Lohnarbeitern und Bauern ausweitete, war es mit keinem Argument mehr möglich, die Arbeiter und die Bauern davon auszuschließen. Dennoch versuchte die bürgerliche Gruppierung weiterhin, sie auszuschließen. Dadurch begannen ihre eigenen Machenschaften gegen sie selbst zu wirken. Schließlich waren sie gezwungen, nach und nach das Wahlrecht der gesamten Bevölkerung anzuerkennen, ebenso wie einige Zeit zuvor die Grundbesitzer selbst gezwungen gewesen waren, deren Wahlrecht anzuerkennen. Danach ließ sich kein Argument mehr finden, auf dessen Grundlage man es als vernünftig hätte betrachten können, dass die Eigentümer sich selbst organisieren durften, den Arbeitern eine Organisation jedoch nicht zustehen sollte. Ebenso erwies sich alles als widersinnig und unbegründet: Die Eigentümer sollten mit Hilfe ihrer gemeinsamen Macht ihre Bedingungen und Regeln den Lohnarbeitern auferlegen dürfen, während die Werktätigen nicht das Recht erhalten sollten, mit Hilfe ihrer gemeinsamen Kraft die Anerkennung ihrer eigenen Bedingungen und Forderungen zu verlangen. So wurde nach und nach anerkannt, dass Lohnarbeiter und Angestellte das volle Recht haben, eigene Vereinigungen zu bilden, gemeinsam statt allein über Löhne, Gehälter und andere Bedingungen zu verhandeln, das Mittel des Streiks einzusetzen, um ihre Bedürfnisse und Beschwerden zu beheben, und Widerstand zu organisieren, um den Streik erfolgreich zu machen.

Die alte politische Auffassung, die Aufgabe des Staates bestehe lediglich im Schutz der individuellen Freiheit und der Nationalstaat habe keinerlei positive Pflichten und Verantwortungen, verschwand mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts. An ihre Stelle trat allmählich eine neue Auffassung von Volksrechten und Demokratie. Ein demokratischer Staat ist der äußere Ausdruck der gemeinsamen Meinung der Landesbewohner; das Volk gestaltet seine eigene politische Macht in der Form des Staates und konzentriert und organisiert sie innerhalb des Staatswesens. Warum sollte man dann weiterhin versuchen, den Zuständigkeitsbereich der demokratischen Regierung ebenso zu beschränken wie den der früheren monarchischen Regierungen? Die Pflichten einer demokratischen Regierung sollten nicht nur negativer Art sein; vielmehr sollte es ihre Verantwortung sein, positiv für das Gesamtinteresse zu handeln. Wenn in der Gesellschaft irgendeine Form von Unterdrückung, Ungerechtigkeit oder Unrecht fortbesteht, sollte es zu den Pflichten der demokratischen Regierung gehören, ihr sowohl durch Gesetzgebung als auch durch administrative Eingriffe entgegenzuwirken.

Gerade unter solchen Umständen ertönte das Kriegssignal des Ersten Weltkriegs. Danach fand in Russland die kommunistische Revolution statt. Diese Revolution spannte die Frauen und Kinder der Bourgeoisie wie Ochsen am Göpel vor die Produktionsmittel. Anschließend zeigte sich ihre Reaktion in Deutschland und Italien in Gestalt des Faschismus beziehungsweise des Nazismus. Dadurch gerieten sowohl die Bourgeoisie als auch die werktätigen Massen in den Würgegriff eines strengen, tyrannischen Herrschaftssystems. Diese Ereignisse machten das kapitalistische System in gewissem Maße „liberaler“ und leiteten teils unter dem Druck der zunehmenden Macht des Volkes, teils aus eigenem Willen, die folgenden Veränderungen in der alten freien Wirtschaftsordnung ein:

Erstens: Das Recht der repräsentativen Organisationen von Lohnarbeitern und Angestellten wurde in jedem Bereich des Wirtschaftslebens ordnungsgemäß anerkannt. Zugleich wurde in gewissem Umfang auch die Möglichkeit anerkannt, durch Gewohnheitsrecht und gesetzliche Regelungen bestimmte praktische Maßnahmen zu ergreifen, die die Gewerkschaften der Lohnarbeiter und Angestellten nutzen konnten, um ihre Forderungen durchzusetzen und zu diesem Zweck möglichst großen Druck auszuüben. Auf diese Weise waren der gegenseitige Konflikt und das Tauziehen zwischen Kapital und Arbeit zwar noch nicht endgültig beendet; doch waren Arbeit und Arbeitsleistung zu dieser Zeit dem Kapital der freien Wirtschaftsordnung nicht mehr völlig schutzlos ausgeliefert.

Zweitens: Lohnerhöhungen, eine Verkürzung der Arbeitszeit, eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen, Beschränkungen und Verbote der Beschäftigung von Frauen und Kindern als Arbeitskräfte, eine vergleichsweise größere Aufmerksamkeit für das Leben und die Gesundheit der Arbeiter, Bemühungen, ihre Wohnungen und ihre Umgebung besser als zuvor zu gestalten, Entschädigungen bei körperlichen Schäden, Verstümmelungen und dergleichen sowie die Einführung bestimmter Systeme der sozialen Sicherheit – all dies entsprach zwar nicht in jeder Hinsicht dem Erwünschten; dennoch war die Lage der Arbeiter und der Angestellten in den unteren Schichten nicht mehr so schlecht wie zuvor.

Drittens: Die Regierung wurde im gegenseitigen Konflikt zwischen Arbeit und Kapital als Richter und „Schlichter“ anerkannt. Um diesen Konflikt zu beseitigen und Streitigkeiten beizulegen, wurden verschiedene gesetzmäßige Verfahren und Mittel festgelegt. Dies wurde zwar nicht in umfassendem Maße verwirklicht; auch war es auf dieser Grundlage nicht möglich, in jedem Wirtschaftsbereich die Rechte und Pflichten zwischen Arbeitern und Eigentümern vollständig und gerecht festzulegen, und die Regierung hatte die gerichtliche Beilegung wirtschaftlicher Streitigkeiten bis dahin noch nicht selbst übernommen. Dennoch wurden grundsätzlich ihr entsprechendes Recht und ihre entsprechende Pflicht anerkannt.

Viertens: Als Grundsatz wurde ebenfalls anerkannt, dass die persönliche Gewinnsucht solchen Beschränkungen unterworfen werden muss, dass sie nicht den sozialen und allgemeinen Interessen zuwiderlaufen kann. Die Auferlegung solcher Beschränkungen ist die Pflicht der Regierung.

Fünftens: Viele Regierungen übernahmen die Verantwortung für die Durchführung solcher wirtschaftlicher Aufgaben, die auf privater Ebene überhaupt nicht zu bewältigen sind oder bei deren Übertragung an Einzelpersonen das Gesamtinteresse Schaden nehmen könnte. Dazu gehören etwa das Post- und Telegrafenwesen, das Verkehrswesen, der Bau und die Instandhaltung von Straßen, die Pflege und Bewirtschaftung von Wäldern, die Wasserversorgung und Bewässerung, die Erzeugung und Verteilung von Wasser- und Elektrizitätsenergie sowie Verteilung und Finanzverwaltung. Darüber hinaus übernahm die Regierung auch die Bodenschätze in eigene Verwaltung. Sie begann ebenfalls, große Industrien unter eigener Leitung zu betreiben.

Sechstens: Für Arbeiter und Angestellte mit geringem Einkommen wurden Einrichtungen geschaffen, durch die sie nach und nach sparen und Anteile mit geringem Nennwert an Handelsunternehmen sowie Industrie- und Fabrikgesellschaften erwerben können. An vielen Orten erhalten Angestellte und Arbeiter nach besonderen Regelungen einen Teil ihres Lohns in bar, während ein weiterer Teil in ihrem Namen dem Kapital der Gesellschaft zugerechnet wird. Auf diese Weise sind zahlreiche arbeitende Angestellte zugleich Miteigentümer ihrer Unternehmen oder Konzerne geworden. In vielen bedeutenden Fabriken sind 80 bis 90 Prozent der Arbeiter und Angestellten am Eigentum beteiligt; da der Erwerb von Anteilen auf Raten erleichtert wurde, steigt ihr Anteil an der Eigentümerschaft der Industrieunternehmen stetig.

Die verbliebenen Mängel der kapitalistischen Gesellschaft

Doch trotz all dieser Veränderungen, Korrekturen und Reformen bestehen die grundlegenden Mängel der kapitalistischen Gesellschaft bis heute im Wesentlichen unverändert fort; sie sind keineswegs beseitigt worden.

Bis heute ist es nicht gelungen, das Problem der Arbeitslosigkeit aus der kapitalistischen Gesellschaft auszurotten. Vielmehr ist sie – außer in Kriegszeiten – unter allen Umständen und zu allen Zeiten zu einer dauerhaften Krankheit der kapitalistischen Gesellschaft geworden. Selbst in einem Land wie Amerika, das in Industrie, Handel und Reichtumsproduktion ungeahnte Höhen erreicht hat, werden, sobald die kriegsbedingte Aktivität nachlässt, mehr als 3,2 Millionen Menschen arbeitslos. Zwischen April und Mai des Jahres 1149 stieg ihre Zahl auf mehr als 3,5 Millionen und erreichte im Juni bis zu 4 Millionen. Tatsächlich bleibt die Arbeitslosigkeit sowohl bei einer Hochkonjunktur als auch bei einer Depression des Marktes für Handel, Industrie und Gewerbe ein unvermeidlicher Bestandteil der kapitalistischen Gesellschaft.

Das erstaunliche Rätsel, auf das wir zuvor hingewiesen haben, ist noch immer unverständlich und ungelöst. Auf der einen Seite leiden Milliarden Menschen unter dem Mangel an Lebensunterhalt und sind begierig darauf, auch Luxusgüter zu erhalten; unermessliche Mengen natürlicher Güter und Rohstoffe liegen angehäuft da, die zur Herstellung noch größerer Mengen von Gütern verwendet werden könnten, und es gibt Millionen von Menschen, die beschäftigt werden könnten. Auf der anderen Seite bleiben selbst die Waren, die das kapitalistische System weit unter dem Bedarf der Welt und ihrer möglichen Verbrauchskapazität produziert, auf dem Markt unverkauft liegen. Denn den Menschen fehlt das nötige Geld, um sie zu kaufen. Wenn schon diese geringe Warenmenge nicht verkauft wird, wagt man es nicht, noch mehr Menschen zu beschäftigen und die natürlichen Mittel und Ressourcen zu nutzen. Und wenn Menschen nicht beschäftigt werden können, gibt es auch keine Möglichkeit, in ihnen Kaufkraft zu schaffen.

Das ist nicht der einzige Mangel; im kapitalistischen System besteht noch ein weiterer. Jedes Jahr werden große Mengen erzeugter Waren, Feldfrüchte, Früchte und anderer Güter absichtlich vernichtet, anstatt sie auf den Markt zu bringen. Dabei leiden Milliarden Menschen Mangel an diesen Gütern. Der Kapitalist ist bereit, diese Güter zu zerstören und für ihre Vernichtung Millionen auszugeben; doch er ist keineswegs bereit, sie auf den Markt zu bringen, ihren Preis zu senken und sie den Bedürftigen zu einem vergleichsweise niedrigen Preis zugänglich zu machen.

Ein weiterer Mangel des kapitalistischen Systems ist äußerst gravierend. Der Staat, die Gesellschaft, die wohlhabende Klasse – kurz gesagt: niemand – hält sich für verantwortlich, für den Unterhalt und die Behebung der Not von Milliarden bedürftiger Menschen zu sorgen. Unter ihnen gibt es viele, die trotz ihrer Arbeitsfähigkeit arbeitslos sind oder bisher nicht arbeitsfähig geworden sind oder vorübergehend beziehungsweise dauerhaft arbeitsunfähig und verkrüppelt wurden. In der kapitalistischen Gesellschaft haben noch immer nur jene Kranken Anspruch auf ärztliche Behandlung, die Geld in der Tasche haben; Bildung erhält nur jener Waisenjunge, dessen Vater gestorben ist und eine Lebensversicherungspolice hinterlassen hat. Nach einem Unfall kann noch immer nur derjenige wieder aufstehen, dessen frühere gute Zeit vergangen ist und der selbst für Zuflucht in schlechten Zeiten vorgesorgt hat. Kurz gesagt: Bis heute ist die Verantwortung für notleidende, arme und hilflose Menschen niemandem übertragen worden; dass jemand ausnahmsweise irgendeine Hilfe erhält, ist selbstverständlich eine andere Sache.

In der kapitalistischen Gesellschaft werden die Preise bis heute künstlich erhöht; durch regelrechte Planungen wird für manche Güter ein Mangel geschaffen. Und das ist keineswegs ein geringfügiger Mangel. Die verschiedenen Regeln und Praktiken des undurchsichtigen Handels und des kaufmännischen Glücksspiels zerschlagen weiterhin Tag und Nacht den Charakter der Gesamtwirtschaft. Noch immer kann jemand, der auf irgendeine Weise genügend Kapital angesammelt hat, aus Gier nach persönlichem Gewinn von jeder beliebigen Ware so viel herstellen, wie er will, und versuchen, sie den Menschen in der Gesellschaft auf irgendeine Weise aufzuzwingen. Ob sie in der Gesellschaft benötigt wird oder nicht, spielt dabei keine Rolle; selbst wenn eine solche Sache der Gesellschaft schadet, kann sie dennoch produziert und verkauft werden. Noch immer werden dort dringend notwendige Arbeiten für die Gesellschaft und die Nation eingestellt, während Arbeit und Kapital in gewaltigem Umfang dafür aufgewendet werden, Luxusgüter zur Unterhaltung und zum Vergnügen herzustellen, Mittel zur Befriedigung tierischer Begierden zu beschaffen und Berge von Glück und Bequemlichkeit, Genuss und Ausschweifung zu schaffen. Ist das etwa keine erstaunliche Angelegenheit? Noch immer wenden die Könige von Industrie und Handel sowie die Kaiser der Finanzwelt im Verborgenen und offen allerlei Kunstgriffe und Intrigen zur Durchsetzung ihrer eigenen Interessen an, wodurch das Feuer internationaler Konflikte, Feindschaft, Hass und Kriege lodernd entfacht wird.

Im kapitalistischen System beherrschen noch immer die reichen Kapitalisten sowie Bankbesitzer und Geldverleiher die Gesellschaft und den Staat. Den gesamten nationalen Wertmaßstab prüfen sie am Maßstab des Zinssatzes und lassen ihn um dessen Zentrum kreisen. Noch immer sind es diese Kapitalisten, die darüber entscheiden, für welche Zwecke Kapital ausgegeben werden soll und für welche nicht. Bei diesen Entscheidungen schenken sie den Bedürfnissen und dem Wohl der Gesellschaft und der Nation nicht die geringste Beachtung. Vielmehr achten sie nur darauf, bei welchen Vorhaben sich ein Gewinn erzielen lässt, der dem marktüblichen Zins entspricht oder ihn übersteigt. Wenn sich infolge dieser Bewertungsgrundsätze mit dem Export von Alkohol größere Gewinne erzielen lassen als mit der Versorgung der Menschen mit Wasser oder der Bewässerung, werden sie nicht im Geringsten zögern oder sich schämen, die Bevölkerung trotz ihres Durstes aus Mangel an Wasser sich selbst zu überlassen und sich mit der Suche nach Möglichkeiten zu beschäftigen, den Genussmenschen Alkohol zur Verfügung zu stellen.

Der kapitalistischen Gesellschaft haftet noch immer die Krankheit des Handelszyklus (Trade Cycle) an. Daher entsteht in der Weltwirtschaft nach jeweils einigen Jahren eines Hochmarktes ein Kreislauf der Depression. Die Welt des Handels und Geschäfts läuft mit großer Intensität und Tatkraft frei und ungehindert weiter, bis die Händler plötzlich und unvermittelt feststellen, dass die Waren, die sich in ihren Lagern ansammeln, nicht mehr in angemessenem Tempo abgesetzt und verkauft werden. Dann stellen sie für einige Zeit die Bestellung neuer Waren ein. Die industriellen Produzenten ziehen sich angesichts dieser Lage teilweise aus der Produktion zurück. Sobald der Kapitalgeber dieses Zeichen der Gefahr wahrnimmt, stellt er die Kreditvergabe ein und versucht auch, die zuvor gewährten Darlehen zurückzufordern. Dadurch beginnen Fabriken zu schließen, das Arbeitslosenproblem nimmt zu und die Warenpreise sinken immer weiter. Händler und Käufer stellen in der Hoffnung auf einen weiteren Preisrückgang vorübergehend ihre Bestellungen und Käufe ein. Die Fabriken, die noch weiterarbeiten, verringern ihre Produktionsrate. Dadurch tritt die Arbeitslosigkeit noch schärfer hervor. Die Regierungen kürzen angesichts sinkender Einnahmen ihre Ausgabenposten, und die Depression wird noch tiefer. So wird jeder Schritt zurück zur Ursache eines noch weiteren Rückschritts. Wenn man schließlich dem Rand eines vollständigen und allgemeinen Bankrotts nahekommt, ändert sich die Entwicklung plötzlich. Allmählich beginnen die Warenpreise zu steigen, und dadurch setzt erneut ein Hochmarkt ein. Dieser Kreislauf ist zu einer dauerhaften Krankheit der kapitalistischen Gesellschaft geworden. Bis heute ist weder eine Behandlung noch ein Gegenmittel dagegen eingeleitet worden.

Zahlreiche Mängel und Fehler dieser Art bestehen im bis heute kontrollierten und reformierten kapitalistischen System noch immer fort, ebenso wie im ungezügelten und gewalttätigen kapitalistischen System des neunzehnten Jahrhunderts. Dadurch wird eindeutig bewiesen, dass die Demokratie nicht im Geringsten versucht hat, die grundlegenden Ursachen der immanenten Mängel dieses Wirtschaftssystems zu erkennen und sie mit Umsicht und Vernunft zu beseitigen, und dass sie keine wirksame Methode ergriffen hat. Vielmehr ist lediglich Folgendes geschehen: Als der Druck der arbeitenden und mühsamen Bevölkerung zunahm oder der wachsende Schrecken des Kommunismus immer stärker wurde, leitete die Bourgeoisie in ihren Regeln, Grundsätzen und Vorgehensweisen zahlreiche Korrekturen und Veränderungen ein. Dadurch sind die Beschwerden der Bevölkerung so weit zurückgegangen, dass die kommunistischen Betrüger daraus keinen allzu großen Vorteil mehr ziehen können.

Die Lehren der Geschichte

Wenn man die zuvor dargelegte historische Erörterung der Wirtschaftssysteme im Ganzen betrachtet, werden jedem einige wichtige Sachverhalte klar und deutlich vor Augen treten.

Aus dieser Erörterung lässt sich zunächst klar erkennen, welche gemeinsamen Probleme und Verwicklungen sich aus der Wirtschaftsgeschichte der westlichen Länder und unserem gegenwärtigen kollektiven Leben ergeben. Es zeigt sich, dass auch das Jagirdar-System hier mit zahlreichen besonderen Ausprägungen leibhaftig und in voller Stärke fortbesteht. Zugleich hat sich der moderne Kapitalismus mit vielerlei Mängeln erhoben. Einige Krankheiten haben wir von unserer Niedergangszeit als Erbe übernommen. Andere sind dank der industriellen Revolution und des kapitalistischen Systems des Westens bis zu uns gelangt. Der einzige Unterschied besteht jedoch darin, dass hier weder ein Papsttum noch ein kirchliches Herrschaftssystem existiert. Auch gibt es hier keine Priesterklasse (Priest Class), die sich mit den Reichen verbünden und unter Berufung auf Allah und die Religion ungerechte Vorrechte, Privilegien und Zwangsrechte unterstützen und rechtfertigen könnte.

Woher die sogenannten großen Herren unseres Landes die immer wieder vorgebrachten amüsanten Vorschläge zur Lösung der Probleme und Verwicklungen von Land und Gesellschaft beziehen, kann jeder Leser aus der obigen historischen Erörterung erfahren. Wir hören, dass der eine die Bedeutung des sozialen Planungswesens beschreibt, der andere eine „revolutionäre“ Veränderung im Wirtschaftssystem des Landes anstrebt, ein weiterer sagt, die Äcker und Ländereien müssten vom Privateigentum befreit und in Staatseigentum überführt werden, während von anderer Seite die Verstaatlichung der gesamten Schwerindustrie gefordert wird; irgendein unerfahrener „Arzt“ legt nun nach gründlichem Nachdenken und Forschen ein wunderbares Rezept zur Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden vor. All dies ist lediglich aus den „Kladdeheften“ der ungeschickten Denker westlicher Länder gestohlen worden. Jetzt versucht man hier, genau jene experimentellen Pläne umzusetzen, die zuvor in Russland, Deutschland, Italien, Amerika und England durchgeführt worden sind. Doch auch in dieser Hinsicht besteht bei aller Ähnlichkeit ein Unterschied zwischen ihnen und uns. Selbst die ungeschickten Leute jener Länder denken unabhängig. Die großen Herren unseres Landes dagegen haben sich lediglich hingesetzt und eine Apotheke eröffnet. Sie sind nicht nur selbst unerfahren, sondern folgen und ahmen auch blind ihresgleichen nach. Wenn die ungeschickten Leute der westlichen Länder einen Schaden feststellen, ändern sie die ursprüngliche Liste. Hier wäre es selbstverständlich etwas anderes, wenn aus jenem Land eine Nachricht über eine Änderung einträfe; andernfalls werden die Ärzte dem Patienten bis zu seinem letzten, todesnahen Zustand nach derselben Liste Medikamente verabreichen. Sie werden nicht das geringste Bedürfnis verspüren, daran auch nur eine Kleinigkeit zu ändern.

In der Geschichte der westlichen Gesellschaft, ihrer Zivilisation und Kultur sowie ihres Denkens, Forschens und Handelns ist eine weitere Tatsache sehr deutlich hervorgetreten. Kurz gesagt, ist diese Geschichte eine Geschichte unablässiger Auseinandersetzungen und Kämpfe, des Hin und Her, von Streitigkeiten und Kriegen. Eine Gruppe erlangt die Vorherrschaft über das Lebensfeld und beginnt, Moral, Religion, Recht, Sitten und Gebräuche sowie die gesamte Ordnung von Gesellschaft und Zivilisation in eine bestimmte Richtung zu ziehen. Dadurch wird der anderen Gruppe äußerstes Unrecht und die höchste Form der Ungerechtigkeit zugefügt. Später erhebt sich jemand aus diesen unterdrückten Gruppen und beginnt einen Konflikt und Zusammenstoß mit den Unterdrückern. Zugleich mit der ausdrücklichen Ablehnung ihrer schlechten Taten leugnet er auch die Bedeutung ihrer guten Taten und führt die gesamte Ordnung des Denkens, Forschens und Handelns vom ersten Extrem zum anderen Ende. So entsteht eine äußerste Lage von Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Danach kommt es, nachdem die Phase der Beschwerde und des Angriffs überschritten ist, zu einem dritten Aufstand. Der Strom von Hass, Feindschaft und Starrsinn reißt zusammen mit der Lüge auch die Wahrheit mit sich fort. Schließlich wird eine Ordnung errichtet, die noch extremer ist als die der Vorangegangenen. Angesichts der Heftigkeit und zerstörerischen Gewalt dieser Strömung und Überschwemmung entsteht in entgegengesetzter Richtung ein weiterer Gegensturm. Auch diese Menschen sind keineswegs weniger extrem als ihre Vorgänger. Aufgrund dieses Hin und Her scheint sich die Geschichte des Westens so zu bewegen, als würde ein Betrunkener mit schwankenden Schritten auf krummen, verschlungenen Wegen voranschreiten; sie schreitet nicht wie ein bewusster Mensch mit gesundem Gewissen festen und geraden Schrittes voran. Hegel und Marx sahen dieses Schauspiel und meinten, dies sei wohl die natürliche Art der fortschreitenden Entwicklung der menschlichen Zivilisation und Kultur. In Wirklichkeit ist all dies jedoch nur die Folge einer einzigen Sache: Die Menschen des Westens leben seit langer Zeit ohne Allahs Gesetz und Allahs Licht. Die christliche Lehre, die sie durch den heiligen Paulus erhalten hatten, war schon zuvor von der ursprünglichen Scharia getrennt worden. Außer einigen wertvollen ermahnenden Worten des Propheten Jesus, Allahs Friede sei auf ihm, war bei ihnen überhaupt kein Teil von Allahs Rechtleitung mehr vorhanden. Daher besaßen sie für die Errichtung des gewaltigen Gebäudes ihrer Zivilisation, Wirtschaft und Politik kein Fundament von Allah. Im Alten Testament der Bibel waren zwei Prozent von Allahs Gesetz mit achtundneunzig Prozent menschlicher Erfindungen vermischt. Wenn sie sich deshalb später auch mit halbem Glauben und halbem Unglauben diesem zugewandt haben mögen, waren sie dennoch nicht in der Lage, daraus eine besondere Rechtleitung zu gewinnen. Unmittelbar nach dem Zerfall des Römischen Reiches und zu Beginn des mittelalterlichen Dunkels wurde Europa der Islam vorgelegt. Doch für jenes Europa, das bereit gewesen war, das Christentum unter der Bedingung anzunehmen, von den Fesseln der Scharia befreit zu sein, war es nicht möglich, sich zur Erlangung der Rechtleitung auch nur im Geringsten dem Islam zuzuwenden und sich ihm anzunähern. Denn der Islam ist keineswegs bereit, nur Din und Iman anzubieten und die Scharia beiseitezulassen. Aus diesem Grund und teilweise auch wegen des von christlichen Priestern verbreiteten Hasses und der Feindschaft war Europa nicht in der Lage, das überflutende Licht des Islam aufzunehmen. Danach blieb den Europäern kein anderer Weg, als allein aus ihrem eigenen Verstand und ihrer eigenen Vernunft eine Lebensweise und Ordnung für sich zu schaffen. Genau das haben sie tatsächlich getan. Doch der Mensch ist keineswegs fähig, eine Entscheidung rein auf verstandesmäßiger Grundlage zu treffen. Es ist offenkundig und allgemein bekannt, dass neben seinem Verstand auch der irreführende Satan der Begierden unablässig an ihm haftet. Ebenso ist niemandem unbekannt, dass nicht die gesamte Menschheit gemeinsam eine Lebensordnung entwirft. Nur einige begabte und wache Menschen schaffen eine Lebensweise. Deshalb kann eine solche Lebensweise gerade bei Menschen mit einer ihrer eigenen ähnlichen, feindseligen Gesinnung Gefallen finden und annehmbar erscheinen. Genau aus diesem Grund waren alle Lebensordnungen und Systeme, die von Zeit zu Zeit in Europa geschaffen wurden, unausgewogen. Als unvermeidliche Folge dieser Unausgewogenheit dauern in diesem Land die Auseinandersetzungen, Kämpfe und das Hin und Her unaufhörlich und mit großer Heftigkeit an.

Doch in Wirklichkeit ist uns in dieser Welt überhaupt kein Buch gegeben worden, das uns in irgendeiner Weise hinsichtlich Rechtleitung und Überzeugungen, echter Kenntnis und Wissenschaft sowie der Lebensweise führen und den dichten Nebel der Unwissenheit zerstreuen könnte. Müssen auch wir zur Lösung der schwierigen Probleme, denen uns die Verbindung und Vermischung der Unwissenheit der alten Hindus, des hegelschen Herrschaftssystems des Mittelalters sowie der westlichen Zivilisation und Kultur der Neuzeit ausgesetzt hat, jene Mittel und Wege übernehmen, die auch die westlichen Länder – Kommunismus, Nazismus, Faschismus und Kapitalismus – angewandt haben? Gibt es für uns darüber hinaus wirklich keinen anderen Ausweg? Haben wir tatsächlich keine solche Fackel des Lichts, mit deren Hilfe wir eine ausgewogene Lebensordnung schaffen können?

Wer auch nur die geringste Vorstellung und Kenntnis vom Islam besitzt, kann auf die Antwort auf diese Frage niemals mit Ja antworten.

Das eigentliche Problem – die eigentliche Schwierigkeit

Wie können wir diese Probleme auf der Grundlage der islamischen Ideale und Grundsätze angemessen lösen? Um dies zu verstehen, müssen wir zunächst eindeutig begreifen, welchem Problem und welcher Schwierigkeit wir als Menschen der heutigen Welt und als Bewohner dieser Welt tatsächlich gegenüberstehen. Kurz gesagt, besteht das Wesen dieser Schwierigkeit, dieses Problems, darin:

Wenn wir ebenfalls eine Wirtschaftsordnung übernehmen, in deren Augen jeder Einzelne die Produktionsmittel nach seinem eigenen Willen und seinen eigenen Wünschen frei in Besitz nehmen, nach Belieben danach streben und sich bemühen kann, seine Gewinnvorräte bis zum Rand zu füllen, und in der man sich zur Herstellung von Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit in der Gesellschaft ausschließlich auf den Wettbewerb, auf Einreißen und Aufbauen sowie auf die bereits geschaffenen Gesetze und Vorschriften verlassen muss, dann ist es unausweichlich, dass infolgedessen alle möglichen der kapitalistischen Ordnung angelasteten Mängel und Fehler entstehen; und in unserer Gesellschaft werden zwangsläufig sämtliche zuvor erwähnten Mängel und Fehler des Feudalsystems wieder ihr Haupt erheben. Eine ausführliche Erörterung dieses Themas findet sich im Aufsatz „Der moderne Kapitalismus“.

Wenn wir andererseits das Prinzip des Privateigentums abschaffen und stattdessen sämtliche Produktionsmittel der Herrschaft des Nationaleigentums unterstellen, werden die meisten dieser Übel zweifellos beseitigt; doch zunächst ist festzuhalten, dass diese grundlegende Veränderung ohne eine unermessliche Verschwendung und Zerstörung von Leben und Besitz sowie ohne eine offene Rebellion gegen Religion und Moral – genau wie in Russland – keineswegs möglich ist. Zweitens: Selbst wenn man annimmt, dass dies auf sehr friedliche und verfassungsmäßige Weise möglich wäre, kann doch kein Zweifel daran bestehen, dass das Nationaleigentum und das totalitäre Prinzip (der Sozialismus) die Freiheit des Einzelnen vollständig beseitigen. Den Sozialismus auf verfassungsmäßigem und demokratischem Wege zu errichten, kommt in Wirklichkeit der endgültigen Abschaffung der Demokratie mit Hilfe der Demokratie gleich. Denn damit die Demokratie ordnungsgemäß funktionieren kann, ist es unbedingt erforderlich, dass eine große Zahl von Menschen in Gesellschaft und Nation ihren Lebensunterhalt unabhängig verdient. Im Sozialismus entsteht jedoch genau das Gegenteil: Alle Menschen, die unabhängige Berufe ausüben und über eine eigene Lebensgrundlage verfügen, werden dessen auf Dauer beraubt. Tatsächlich werden alle Beschäftigten desjenigen Bereichs der Wirtschaft, der dem Nationaleigentum unterstellt wird, genau wie staatliche Bedienstete sein. Niemandem ist unbekannt, wie viel Freiheit die Staatsbediensteten eines jeden Landes bei der Äußerung ihrer Meinung und in ihrem Handeln genießen. Je mehr diese Wirtschaftspolitik verändert und ausgeweitet wird, desto mehr wird sich der Spielraum für Freiheit des Denkens, des Redens, des Versammlens, des Organisierens, des Schreibens und Veröffentlichens sowie des Handelns zweifellos verengen und weiter einschränken. Sobald schließlich die gesamte Wirtschaftsordnung vollständig verstaatlicht ist, werden am selben Tag sämtliche Bewohner des Landes zu Staatsbediensteten. Und das Wesen und die Natur eines solchen umfassenden Systems sind derart, dass jede Gruppe, die einmal die Macht übernommen hat, niemals wieder von ihr verdrängt werden kann.

Wenn wir die Wirtschaftsordnung mit Privateigentum nicht abschaffen, sondern eine strenge staatliche Kontrolle über sie errichten und die gesamte Volkswirtschaft nach einem zentralen Plan führen, wie dies im Faschismus und im Nazismus der Fall ist, werden viele Mängel und Fehler des kapitalistischen Systems behoben; doch selbst ein solches Maß an Kontrolle kann sich für die persönliche Freiheit als verhängnisvoll erweisen. Seine Folgen werden in der Praxis zweifellos denen des Sozialismus gleichen.

Wenn wir jedoch die kapitalistische Wirtschaftsordnung auf ihren grundlegenden Fundamenten bestehen lassen und einige Änderungen an ihr vornehmen – wie es bislang etwa in Amerika und England geschieht –, bleiben Demokratie und Privateigentum vielleicht erhalten; doch keine einzige der großen Ursachen, aus denen die kapitalistische Wirtschaftsordnung für die Welt zu einer schweren Gefahr, zu einem großen Fluch geworden ist, wird dadurch beseitigt.

Mit anderen Worten: Wenn auf der einen Seite ein gewaltiger Abgrund gähnt, befindet sich genau auf der anderen Seite eine gewaltige Kluft. Wird eine Ordnung des allgemeinen Wohlergehens eingeführt, geht die Freiheit des Einzelnen zugrunde. Wird dagegen die Freiheit des Einzelnen bewahrt, wird das allgemeine Wohlergehen beeinträchtigt und zerschlagen. Die Welt hat keine Lebensordnung gefunden, unter der die industrielle Revolution mit all ihren Beiträgen und guten Folgen angemessen weiterwirken und sich weiterentwickeln könnte und unter der zugleich sowohl die persönliche Freiheit als auch das allgemeine gesellschaftliche Wohlergehen zur selben Zeit in vollkommenem Gleichgewicht verwirklicht würden. Tatsächlich hängt die Zukunft der Welt davon ab, eine solche Lebensordnung zu finden. Sollte es wirklich nicht möglich sein, sie zu verwirklichen, werden die Menschen der Welt sich mit der Pistole der industriellen Revolution selbst töten. Sollte sie jedoch tatsächlich gefunden werden, wird der Staat, der der Welt eine gelungene Ausgestaltung davon präsentieren kann, der unbestrittene Führer der Welt von morgen sein.

Grundprinzipien der islamischen Wirtschaftsordnung

Der Islam hat eine Wirtschaftsordnung angenommen, die zwischen Kommunismus und Kapitalismus liegt. Nach diesem Plan legt er zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft bestimmte moralische und praktische Grundlagen für die Errichtung eines gesellschaftlichen Gebäudes, damit diese Grundlagen das Gebäude der islamischen Wirtschaft auf ihrem eigenen Fundament fest tragen können. Zu diesem Zweck formt er den Geist und Verstand jedes Einzelnen in der Gesellschaft auf angemessene Weise und bemüht sich, darin eine solche richtige Denkhaltung zu schaffen, wie sie bei denjenigen, die diese ausgewogene Wirtschaftsordnung verwalten, unbedingt erforderlich ist. Der Islam legt dem Einzelnen bestimmte Grenzen und Pflichten auf, damit er dem Gesamtinteresse nicht schadet, sondern ihm in positiver Weise nützt und dient. Auch für die Gesellschaft bestimmt der Islam bestimmte Regeln und Grundsätze, durch die die Ursachen beseitigt werden, welche das wirtschaftliche Leben zugrunde richten.

Um die von Islam angebotene Lösung zur Beseitigung der modernen wirtschaftlichen Verwicklungen richtig zu verstehen, ist es tatsächlich unerlässlich, die oben genannten grundlegenden Prinzipien der islamischen Wirtschaftsordnung zu erfassen.

Erstens: Die Unterscheidung zwischen erlaubten und unerlaubten Wegen des Gelderwerbs

Das Wichtigste zuerst: Der Islam hat seinen Anhängern keine uneingeschränkte und völlig freie Möglichkeit eingeräumt, Vermögen zu erwerben. Vielmehr hat er bei den Mitteln und Wegen des Erwerbs im Hinblick auf das nationale und allgemeine Interesse zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem, zwischen Rechtmäßigem und Unrechtmäßigem unterschieden. Dieser Unterscheidung liegt ein besonderer Grundsatz zugrunde: Alle Wege und Methoden des Gelderwerbs, bei denen der Gewinn einer Person den Schaden einer anderen Person oder anderer Personen verursacht, sind für unzulässig erklärt worden. Dagegen ist alles rechtmäßig und angemessen, bei dem Gewinn und Wohlergehen unter den Beteiligten gerecht verteilt werden. Im Heiligen Koran wird dieser Grundsatz folgendermaßen dargelegt:

بأَيُّهَا الَّذِينَ آمَنُوا لَا تَأْكُلُوا أَمْوَالَكُم بَيْنَكُم بِالْبَاطِلِ إِلا أَنْ تَكُونَ تِجَارَةًعن تراض مِنْكُمْ قد وَلَا تَقْتُلُوا أَنْفُسَكُمْ ، إِنَّ اللَّهَ كَانَ بِكُمْ رَحِيْمَانَ وَمَنْ يفعل ذلك عنوانًا وظُلْمًا فسوف تصليه نارا – – النساء : ٢٩-٣٠

„O ihr, die ihr glaubt! Verzehrt nicht untereinander euer Vermögen auf unrechtmäßige Weise. Alle Geschäfte müssen auf gegenseitigem Einverständnis und gegenseitiger Zustimmung beruhen. Und tötet euch nicht selbst. Wahrlich, Allah ist euch gegenüber barmherzig. Wer aber in Übertretung und Unrecht dies tut, den werden Wir ins Höllenfeuer werfen.“ – Sure an-Nisāʾ: 29–30

In diesem Vers wird erklärt, dass gegenseitige Geschäfte nur unter zwei Bedingungen zulässig sein können. Die erste ist, dass sämtliche Geschäfte auf der Grundlage gegenseitiger Zufriedenheit und Zustimmung abgeschlossen werden müssen. Die zweite ist, dass ein solches Geschäft nicht den Vorteil und das Interesse des einen schützt, während es dem anderen Schaden und Nachteile zufügt. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Satz „Tötet euch nicht selbst“ von großer Bedeutung und erheblicher Tiefe. Er kann zwei Bedeutungen haben, und beide sind hier gemeint: Erstens, dass ihr einander nicht töten sollt. Zweitens, dass ihr euch nicht selbst zugrunde richten sollt. Das heißt: Wer um seines eigenen Vorteils willen einem anderen Schaden zufügt, trinkt gleichsam dessen Blut und eröffnet letztlich den Weg zu seinem eigenen endgültigen Verderben. Beim Diebstahl, bei Bestechung, beim Glücksspiel, bei Täuschung und Betrug, beim Zins und bei allen im Islam verbotenen Arten des Handels sind diese beiden Gründe für ihre Unzulässigkeit in vollem Umfang vorhanden. Zwar mag es in manchen Fällen einen gewissen Spielraum für gegenseitige Zustimmung geben, doch die anderen im Vers genannten Bedingungen des Satzes „Tötet euch nicht selbst“ sind dort nicht erfüllt; vielmehr entsteht dadurch der Grund zur Selbstzerstörung.

Zweitens: Das Verbot der Anhäufung von Vermögen

Das zweite wichtige Gebot lautet, dass Vermögen, das auf rechtmäßige Weise erworben wurde, nicht gehortet und zu Kapital angehäuft werden darf. Denn dadurch wird der Umlauf des Vermögens blockiert, und ein Gleichgewicht bei der Verteilung und Verbreitung des Vermögens kann nicht gewahrt werden. Wer Vermögen anhäuft und zu Kapital macht, wird dadurch nicht nur selbst in schwerwiegender Weise von einer moralischen Krankheit befallen; vielmehr begeht er in Wirklichkeit ein schweres Verbrechen gegen die gesamte menschliche Gesellschaft. Dies führt schließlich zu seinem eigenen äußersten Unglück. Deshalb wendet sich der Koran entschieden gegen Geiz und das Qarun-Prinzip. Der Koran sagt:

ولا يَحْسَبَنَّ الَّذِينَ يَبْخَلُونَ بِمَا أَنَّهُمُ اللَّهُ مِنْ فَضْلِهِ هُوَ خَيْرًا لَّهُمْ بَلْهوَ شَرٌّ لَّهُمْ – – ال عمران : ۱۸۰

„Diejenigen, die mit der Gunst, die Allah ihnen gewährt hat, geizen, sollen nicht meinen, dies sei gut für sie. Nein, es ist in Wirklichkeit schlecht für sie.“ – Sure Āl ʿImrān: 180

وَالَّذِينَ يَكْذِرُونَ الذَّهَبَ وَالْفِضَّةَ وَلَا يُنْفِقُونَهَا فِي سَبِيلِ اللَّهِفيشر هم بعذاب اليمن – التوبة : ٣٤

„Verkünde denen, die Gold und Silber (Geld) horten und es nicht auf Allahs Weg ausgeben, eine schmerzhafte Strafe.“ – Sure at-Tauba: 34

Dies versetzt dem Fundament des Kapitalismus einen harten Schlag. Überschüssiges Geld anzusammeln und das angehäufte Vermögen nicht zur Erzeugung noch größeren Reichtums zu investieren, ist das Grunddogma des Kapitalismus. Doch der Islam billigt keineswegs, Vermögen, das über den eigenen Bedarf hinausgeht, als Kapital anzuhäufen und zu horten.

Drittens: Die Anweisung zu Ausgaben und Investitionen

Statt Vermögen anzuhäufen, weist der Islam an, es auszugeben und zu investieren. Die Anweisung zu Ausgaben bedeutet jedoch keineswegs, dass der Mensch diese Gelegenheit nutzen darf, Geld für persönlichen Komfort, Luxus und Ausschweifungen oder zur Befriedigung seiner Begierden zu verschwenden. Die Anweisung zu Ausgaben steht unter der Bedingung, dass sie „auf Allahs Weg“ erfolgen. Das heißt: Wer über das hinaus, was er für seinen eigenen Bedarf benötigt, einen Überschuss besitzt, soll diesen vollständig für das Wohl der Nation und der Gemeinschaft ausgeben und investieren. Denn dies ist der Weg Allahs.

ويَسْئَلُونَكَ مَاذَا يُنْفِقُونَه قُل العقود – البقرة : ۲۱۹

„Die Menschen fragen dich, was sie ausgeben sollen. Sag: Was über den Bedarf hinaus übrig ist.“ – Sure al-Baqara: 219

وبالوالدين إحسانًا وبذي القربى واليتمى والمسكين والجاردي القربى والجَارِ الْجُنُبِ َالصَّاحِبِ بِالْجَنبِ وَابْنِ السَّبِيلِ ، وَمَا مَلَكَتَْيْمَانُكُمْ – – النساء : ٣٦

„Geht gut mit euren Eltern um, mit den nahen Verwandten, den Waisen und den Bedürftigen, mit dem nahen und dem nicht verwandten Nachbarn, mit dem Gefährten an eurer Seite, dem Reisenden und den Sklaven und Sklavinnen.“ – Sure an-Nisa: 36

وَفِي أَمْوَالِهِمْ حَقٌّ لِلسَّائِلِ وَالْمَحْرُومِ . – الذاريات : ١٩

„In ihrem Vermögen gibt es ein Anrecht für den Bittenden und den Bedürftigen.“ – Sure adh-Dhariyat: 19

In diesem Punkt ist die islamische Sichtweise von der kapitalistischen Sichtweise völlig unabhängig und vollkommen anders.

Der Kapitalist glaubt, dass Armut unvermeidlich ist, wenn man Vermögen ausgibt. Nur durch dessen Ansammlung könne man wohlhabend werden. Der Islam aber verkündet, dass Ausgeben Segen bringt und den Wohlstand vermehrt; das Vermögen wird nicht aufgezehrt oder vermindert, sondern nimmt stetig zu.

الشيطنُ يَعِدُكُمُ الْفَقْرَ وَيَأْمُرُكُمْ بِالْفَحْشَاءِ وَاللَّهُ يَعِدُكُمْ مَّغْفِرَةً مِّنْهُوفضلاً – – البقرة : ٢٦٨

„Satan macht dir Angst vor Armut und Bedürftigkeit und verleitet dich zu schändlichen Taten wie Geiz. Allah aber verspricht euch Vergebung und zusätzliche Gaben.“ – Sure al-Baqara: 268

Der Islam lehrt, dass das, was ausgegeben wird, nicht verloren geht; sein bester Nutzen kehrt zu dir zurück.

ومَا تُنْفِقُوا مِنْ خَيْرٍ يوف اليكم وانتم لا تُظْلَمُونَ – البقرة : ۲۷۲

„Was immer ihr für gute Werke ausgebt, wird euch vollständig zurückerstattet; euch wird keineswegs Unrecht getan.“ – Sure al-Baqara: 272

وَانْفَقُوا مِمَّا رَزَقْتُهم سراً وعلانية يُرْجُونَ تِجَارَةً أَنْ تَبُورَ ، لِيُوفِّيهمأجورهم ويزيدهم من فَضْلِهِ – – فاطر : ۲۹-۳۰

„Diejenigen, die von dem Vermögen, das Ich ihnen gegeben habe, offen und heimlich ausgeben und auf ein Geschäft hoffen, bei dem niemals ein Verlust möglich ist. Allah wird ihnen dafür ihren Lohn in vollem Maß gewähren.“ – Sure al-Fatir: 29–30

Die Kapitalisten sind der Auffassung, dass die Ansammlung und Kapitalisierung von Vermögen und seine Anlage in Zinsgeschäften beträchtlichen Gewinn bringen und das Vermögen vermehren werde. Der Islam sagt, dass dies nicht richtig ist; bei Zinsgeschäften nimmt das Vermögen vielmehr ab. Der richtige Weg zur Vermehrung des Vermögens besteht darin, es für gute Werke auszugeben.

يَمْحَقُ الله الربوا وَيُربي الصدقت – – البقرة : ٢٧٦

„Allah lässt den Zins zugrunde gehen und lässt Spenden und Sadaqa anwachsen.“ – Sure al-Baqara: 276

ومَا أَتَيْتُمْ مِنْ رِبًا لِيَرْبُوا فِي أَمْوَالِ النَّاسِ فَلَا يَرْبُوا عِنْدَ اللَّهِ ، وَمَاَتَيْتُمْ مِنْ زَكَاةٍ تُرِيدُونَ وَجْهَ اللَّهِ فَأُولَئِكَ هُمُ الْمُضْعِفُونَ

„Was ihr an Zins gebt, in der Hoffnung, dass dadurch der Besitz der Menschen zunimmt, das nimmt bei Allah niemals zu. Zunahme findet nur bei dem Vermögen statt, das ihr in der Absicht, Allahs Wohlgefallen zu erlangen, als Zakat gebt.“ – Sure ar-Rum: 39

In der Tat ist dies eine eigenartige Lehre des Islam und steht in völligem Gegensatz zur kapitalistischen Lehre. Dass der Besitz durch Ausgaben zunimmt, dass das ausgegebene Geld nicht zugrunde geht, sondern in vollem Umfang mitsamt zusätzlichem Gewinn und Segen zurückerlangt wird; dass dagegen der Besitz durch Zinsgeschäfte nicht zunimmt, sondern dahinschwindet, während der Besitz durch Zakat und Sadaqa nicht abnimmt, sondern zunimmt – eine solche Lehre erscheint dem äußeren Anschein nach äußerst erstaunlich. Der Zuhörer gewinnt daraus den Eindruck, dass sich diese Aussagen vielleicht ausschließlich auf den Lohn im Jenseits beziehen. Dass sie auch mit dem Lohn im Jenseits zusammenhängen, steht ohne den geringsten Zweifel fest. Ebenso unzweifelhaft ist, dass ihr wahrer Wert und ihre Bedeutung gerade aus islamischer Sicht darin liegen. Doch schon bei etwas tieferem Nachdenken wird verständlich, dass eine Lehre dieser Art auch vom weltwirtschaftlichen Standpunkt aus auf äußerst starken und soliden Grundlagen beruht. Die Anhäufung von Vermögen und seine Verwendung in Zinsgeschäften führen zwangsläufig dazu, dass sich der Besitz allmählich bei wenigen Personen konzentriert, die Kaufkraft (Purchasing Power) der Mehrheit der Bevölkerung ständig abnimmt, in Industrie, Handel und Landwirtschaft eine Flaute eintritt, das Wirtschaftsleben der Nation dem Untergang entgegengeht und schließlich dem Kapitalismus keine Möglichkeit mehr bleibt, sein angesammeltes Vermögen in produktive Tätigkeiten zu investieren.
[Anmerkung – Hier wird auf einen Hadith hingewiesen, in dem der edle Prophet, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, sagte.

ان الربا وان كثير فان عاقبته تصير إلى اقل

„Wie hoch der Zins auch sein mag, letztlich muss seine Menge abnehmen.“ – Ibn Madscha, Baihaqi, Ahmad]

Die Folge der islamischen Wirtschaftsordnung ist das Gegenteil davon. In dieser Ordnung führt das Ausgeben von Vermögen und das Entrichten von Zakat und Sadaqa dazu, dass dieses Vermögen unter alle Angehörigen der Nation verteilt und weit verbreitet wird und jeder Einzelne ausreichende Kaufkraft erlangen kann. Die industrielle Produktion nimmt zu, Felder und Landwirtschaft erblühen, und Handel und Gewerbe entwickeln sich auf hervorragende Weise. Es schadet dieser Gesellschaft nicht, wenn nicht jeder ein Millionär ist; denn alle werden dort wohlhabend und sorgenfrei sein und ein glückliches, unbeschwertes Leben führen. Um die Wahrheit dieser von einem guten Ergebnis gekrönten Wirtschaftsauffassung zu erkennen, kann man die gegenwärtige wirtschaftliche Lage unter dem kapitalistischen System betrachten; denn dort ist allein durch das Zinswesen das Gleichgewicht der Vermögensverteilung zerstört worden. Die Flaute in Industrie und Handel hat das wirtschaftliche Leben der Bevölkerung an den Rand des Untergangs gebracht. Betrachten wir dagegen den Zustand der islamischen Gesellschaft in ihrer frühen Zeit. Als die islamische Wirtschaftsordnung dort vollständig eingeführt war, hatte sich der finanzielle Wohlstand der Bevölkerung schon innerhalb weniger Jahre auf ein außerordentlich hohes Niveau entwickelt. Die Menschen suchten dort nach Personen, die zum Empfang der Zakat berechtigt waren. Dennoch waren nur sehr wenige zu finden, die nicht zur Entrichtung, sondern zum Empfang der Zakat berechtigt waren. Erst ein vergleichender Blick auf diese beiden einander entgegengesetzten Zustände macht ganz deutlich, wie Allah „den Zins zugrunde richtet und Zakat und Sadaqa Wachstum und Entfaltung verleiht“.

Die Haltung, die der Islam unter den Menschen hervorruft, steht in völligem Gegensatz zur kapitalistischen Mentalität. Ein Kapitalist kann sich nicht einmal vorstellen, einem anderen sein eigenes Geld ohne Zinsen zu geben. Als Gegenleistung für die Kreditvergabe nimmt er nicht nur Zinsen, sondern scheut sich auch nicht, zur Einziehung von Kapital und Zinsen sogar die Kleidung und das Hab und Gut des Kreditnehmers zu pfänden. Die Lehre des Islam steht dem völlig entgegen. Der Islam lehrt den Menschen, einem Bedürftigen und Notleidenden nicht nur ein Darlehen zu geben, sondern, wenn dieser tatsächlich in bedrängte Verhältnisse gerät, bei der Rückforderung des Darlehens keinerlei Härte zu zeigen. Wenn er sogar nicht in der Lage ist, es zurückzuzahlen, dann soll man es ihm erlassen.

وَإِنْ كَانَ نُو عُسرة فنظرة إلى ميسرة ، وَأَنْ تَصَدِّقُوا خَيْرٌ لَّكُمْ إِنْ كُنتُمْ تَعْلَمُونَ – البقرة : ٢٨٠

„Wenn ein Schuldner in bedrängten Verhältnissen ist, dann gewährt ihm Aufschub, bis es ihm besser geht. Wenn ihr ihm aber die Schuld erlasst, so ist das für euch noch besser. Wenn ihr nur wüsstet, würdet ihr diesen Segen verstehen.“ – Sure al-Baqara: 280

In der kapitalistischen Gesellschaft gibt es ein System gegenseitiger Hilfe; doch besteht dessen Verfahren darin, dass man zunächst selbst Geld an eine Genossenschaft zahlen und Mitglied werden muss. Wenn es danach erforderlich wird, leiht diese Organisation einem Mitglied Geld zu einem Zinssatz, der unter dem üblichen Zinssatz liegt. Wer selbst kein Geld besitzt, kann von einer solchen Genossenschaft keinerlei Hilfe erhalten. Die islamische Vorstellung von „gegenseitiger Hilfe“ ist das genaue Gegenteil davon. Wohlhabende und leistungsfähige Menschen sollen denjenigen, deren Möglichkeiten geringer sind als ihre eigenen, in Zeiten der Not nicht nur Darlehen gewähren, sondern ihnen um Allahs willen auch dabei helfen, das Darlehen zurückzuzahlen. Deshalb gehört zu den festgelegten Verwendungszwecken der Zakat auch „al-Gharimun“ – die Begleichung der Schulden der Verschuldeten.

Selbst wenn ein Kapitalist Geld für eine gute Sache ausgibt, liegt dahinter als starkes Motiv die Zurschaustellung und der Erwerb von Ruhm und Ansehen. Denn für einen kurzsichtigen Menschen ist es unerlässlich und äußerst wichtig, als Gegenleistung für die Ausgabe von Geld zumindest Ruhm, Ansehen, Popularität, Einfluss und gesellschaftliches Gewicht zu erlangen. Der Islam weist jedoch an, dass bei der Ausgabe von Geld keinerlei Haltung der Zurschaustellung vorhanden sein darf. Was immer du offen oder heimlich ausgibst, darf nicht darauf abzielen, sogleich in irgendeiner Form eine Gegenleistung dafür zu erhalten. Vielmehr müsst ihr euren Blick auf die Folgen der Tat richten. So weit euer Blick vom Diesseits bis zum Jenseits reicht, werdet ihr sehen, wie eure Ausgaben Früchte und Blüten tragen und immer mehr „Gewinn“ hervorbringen. Wahrlich: „Das Gleichnis dessen, der sein Vermögen nur zur Zurschaustellung ausgibt, ist das eines steinigen Bodens, auf dem sich Erde befindet und auf dem Samen gesät worden ist. Doch ein Wasserstrom kommt und spült die gesamte Erdschicht hinweg. Das Gleichnis dessen aber, der mit aufrichtiger Absicht um Allahs Wohlgefallen willen Geld ausgibt, ist das eines Gartens auf einem guten, fruchtbaren Boden. Wenn Regen fällt, bringt er den doppelten Ertrag; und wenn kein Regen fällt, genügt ihm schon ein feiner Nieselregen.“

إِنْ تُبْدُوا الصَّدَقْتِ فَنِعِمَّا هِيَ ، وَإِنْ تُخْفُوهَا وَتُؤْتُوهَا الْفُقَرَاء فَهُوَخَيْرٌ لَّكُمْ – – البقرة : ٢٧١

„Wenn ihr Almosen offen gebt, so ist auch das gut; wenn ihr sie jedoch heimlich gebt und sie die Armen erreicht, dann ist das für euch besser.“ – Sure al-Baqara: 271

Selbst wenn ein Kapitalist eine gute Tat vollbringt, tut er dies nur äußerst widerwillig und versucht, sich mit dem minderwertigsten Besitz davon freizukaufen. Und demjenigen, dem er etwas gibt, nimmt er durch seine bittere Zunge halb die Lebensfreude, indem er ihn mit seinen verletzenden Worten quält. Der Islam billigt dies nicht im Geringsten. Der Islam fordert den Menschen auf, Allah das Beste und Wertvollste zu widmen, und verbietet ihm, nachdem er jemandem etwas gegeben hat, sich auf seine eigene Wohltat gegenüber diesem Menschen zu berufen. Es ist sogar völlig unangebracht, im Herzen den Wunsch zu hegen, dass jemand, der durch deine Spende begünstigt wurde, dir seine Dankbarkeit bekundet.

انْفِقُوا مِنْ طَيِّبَتِ مَا كَسَبْتُمْ وَمِمَّا أَخْرَجْنَا لَكُمْ مِّنَ الْأَرْضِ مَن وَلَا تَيَمَّمُواالخبيث مِنْهُ تُنْفِقُونَ – البقرة : ٢٦٧

„Gebt auf Allahs Weg von den besten Dingen aus, die ihr erworben habt und die Wir für euch aus der Erde hervorgebracht haben. Wählt nicht absichtlich die minderwertigsten Dinge zum Ausgeben aus.“ – Sure al-Baqara: 267

لا تُبْطِلُوا صَدَقَتِكُمْ بِالْمَنِّ وَالأذى ٧ – البقرة : ٢٦٤

„Macht eure Spenden und Almosen nicht dadurch zunichte und wirkungslos, dass ihr euch auf eure Wohltat beruft und die begünstigte Person verletzt.“ – Sure al-Baqara: 264

يُطْعِمُونَ الطَّعَامَ عَلَى حُبِّهِ مِسْكِينًا وَيَتِيمًا وَأَسِيرَانِ إِنَّمَا نُطْعِمُكُمْ لوَجْهِ اللَّهِ لَا نُرِيدُ مِنْكُمْ جَزَاءً وَلَا شُكُورًا – الدهر : ۸-۹

„Sie geben den Bedürftigen, den Waisen und den Gefangenen aus Liebe zu Allah zu essen. Und sie sagen zu ihnen: ‚Wir geben euch nur um Allahs (Wohlgefallens) willen zu essen. Wir erwarten von euch weder eine Vergeltung noch eine Belohnung oder Dankbarkeit.‘“ – Sure ad-Dahr: 8–9

Von dem Unterschied zwischen diesen beiden Arten der Gesinnung unter moralischem Gesichtspunkt will ich gar nicht erst sprechen; schon unter rein wirtschaftlichem Gesichtspunkt kann man prüfen, welche Weltanschauung unter diesen verschiedenen Auffassungen von Gewinn und Verlust fester und weitreichender sowie hinsichtlich ihrer Folgen sachgerechter und zuverlässiger ist. Wenn aber die islamische Auffassung von Gewinn und Verlust sowie von Schaden und Nutzen eben die oben dargelegte ist, wie kann der Islam dann das Zinsgeschäft auch nur in irgendeiner Form dulden? Wie könnte dies überhaupt möglich sein?

Vier: Zakat

Wie ich bereits gesagt habe, besteht das Ziel des Islam darin, dass Reichtum und Vermögen sich in keinem Bereich anhäufen und konzentrieren. Diejenigen Angehörigen der Gemeinschaft, die aufgrund ihrer verhältnismäßig größeren Fähigkeiten oder ihres Glücks mehr Vermögen erworben haben, als sie benötigen, sollen es nach islamischer Anweisung nicht bei sich selbst als Kapital anhäufen und zurückhalten. Vielmehr ist es ihre Pflicht, es auszugeben. Es muss für solche Bereiche und Zwecke ausgegeben werden, in denen durch den Umlauf des Vermögens die weniger vom Glück begünstigten Menschen der Gesellschaft einen ausreichenden Anteil an Wohlstand erlangen können. Zu diesem Zweck will der Islam einerseits durch wirksame Mittel der moralischen Unterweisung, Ermutigung und Warnung eine aufrichtige Gesinnung der Freigebigkeit und echter gegenseitiger Hilfe schaffen. Die Menschen sollen infolge ihrer natürlichen Neigungen das Ansammeln und Zurückhalten von Reichtum von Herzen verabscheuen und vielmehr dazu neigen und eifrig danach streben, ihn auszugeben. Andererseits hat der Islam auch einige gesetzliche Bestimmungen erlassen. Trotz dieser wunderbaren Lehre und Ermahnung zur Freigebigkeit werden manche unter dem Einfluss ihrer verderbten Natur immer mehr daran gewöhnt sein, Vermögen zu raffen und anzuhäufen; oder bei manchen wird sich auf irgendeine Weise Reichtum ansammeln. Aus deren Vermögen muss daher zumindest ein bestimmter Teil unbedingt für das Wohl der Bevölkerung ausgegeben werden. Dies ist das eigentliche Ziel der genannten gesetzlichen Bestimmungen. Und genau das ist die Zakat. In der islamischen Wirtschaftsordnung ist die Zakat so wichtig, dass sie als eine Säule, ein Grundpfeiler des Islam, gilt. Unmittelbar nach dem Salat wird ihr die größte Bedeutung beigemessen. Unmissverständlich ist erklärt worden, dass der Reichtum, den jemand anhäuft und sammelt, keinesfalls halal sein kann, wenn daraus nicht ordnungsgemäß die Zakat entrichtet wird.

خُذْ مِنْ أَمْوَالِهِمْ صدقة تطهر هم وتزكيهم بها – التوبة : ١٠٣

„Erhebe von ihrem Vermögen die Zakat und mache es dadurch rein und halal.“ – Sure at-Tauba: 103

Schon das Wort Zakat macht deutlich, dass der in den Händen eines Wohlhabenden angesammelte Besitz für ihn niemals halal sein kann, wenn der Eigentümer nicht jedes Jahr mindestens zweieinhalb Prozent davon auf Allahs Weg ausgibt.

Was bedeutet der Ausdruck „auf Allahs Weg“? Allah ist über alle Bedürfnisse erhaben und von ihnen unabhängig. Kein Besitz gelangt zu Ihm, noch ist Er in irgendeiner Weise auf ihn angewiesen. Sein Weg besteht darin, dass der Wohlhabende mithilfe seiner eigenen Ausgaben selbst versucht, die Armen und Bedürftigen wohlhabend zu machen, und dass er ihn für die Förderung solcher gemeinnütziger Vorhaben ausgibt und investiert, von deren Nutzen die gesamte Nation ohne Ausnahme profitieren kann.

انما الصدقات للفقراء والمسكين والعملينَ عَلَيْهَا وَالْمُؤَلَّفَةِ قُلُوبُهُمْوفِي الرِّقَابِ وَالْغَارِمِينَ وَفِي سَبِيلِ الله وابن السبيل – التوبة : ٦٠

„Sadaqa und Zakat sind grundsätzlich für die Armen und Bedürftigen bestimmt, für die mit der Erhebung von Sadaqa und Zakat beauftragten Bediensteten, für diejenigen, deren Herzen gewonnen werden sollen, zur Befreiung von Menschen aus der Gefangenschaft, für die Verschuldeten, für Ausgaben auf Allahs Weg und für Reisende und in Not geratene Wanderer.“

In Wahrheit ist dies die genossenschaftliche, auf gegenseitiger Hilfe beruhende Einrichtung der Muslime. Und sie ist ihre „Lebensversicherung“. Sie erfüllt auch die Funktion eines Pensionsfonds. Sie ist der angesparte Hilfsfonds für ihre arbeitslosen und einkommenslosen Menschen, das Mittel zur Versorgung ihrer Unfähigen, Behinderten, Lahmen, Kranken, Waisen und Witwen. Vor allem ist Zakat eine Einrichtung, die einen Muslim von der Sorge um die Zukunft vollständig befreit. Ihre einfache Regel lautet: Ihr, die ihr jetzt wohlhabend seid, helft den anderen Menschen. Wenn ihr künftig selbst arm werdet, werden die anderen Menschen euch helfen. Niemand braucht sich darüber Sorgen zu machen und sich mit Gedanken zu belasten, was geschehen wird, wenn er arm wird, wie es seiner Frau und seinen Kindern nach seinem Tod ergehen wird, was geschehen wird, wenn plötzlich ein Unglück hereinbricht, er krank wird, sein Haus durch einen Brand niederbrennt, er von einer Überschwemmung fortgerissen wird oder bankrottgeht, wie er diesen schweren Unglücken begegnen soll, was ihm widerfahren wird, wenn er im Ausland ohne Reiseunterhalt dasteht und wie er seinen Lebensunterhalt bestreiten soll. Denn allein Zakat kann den Menschen von all diesen Sorgen und Gedanken befreien und ihm innere Sicherheit geben. Die einzige Aufgabe des Menschen besteht darin, zweieinhalb Prozent seines angesammelten Vermögens zu geben und sich bei Allahs Lebensversicherungsgesellschaft selbst zu versichern. Denn jetzt kannst du vielleicht auch ohne dieses Geld auskommen. Jetzt wird es zum Wohl der übrigen Bedürftigen ausgegeben. Wenn du aber künftig selbst bedürftig wirst oder deine Kinder und Nachkommen in große Not geraten, wird dir nicht nur das von dir Gegebene zurückgegeben, sondern sehr viel mehr als das.

Hier zeigt sich erneut der grundsätzliche Gegensatz und Unterschied zwischen den Grundsätzen und der Vorgehensweise des Kapitalismus und des Islam. Das Ziel des Kapitalismus besteht darin, Vermögen zu sammeln und anzuhäufen und zur weiteren Vermehrung Zinsen zu nehmen, sodass das Vermögen, das sich bei diesen Menschen getrennt voneinander befindet, zusammengeführt und an einem Ort angehäuft wird.

Das Ziel des Islam ist genau in die entgegengesetzte Richtung ausgerichtet. Das Ziel des Islam besteht zunächst darin, dass Vermögen weder in einer Hand konzentriert noch angehäuft wird. Sollte es dennoch angehäuft werden, muss aus seinem See der Quellstrom der Zakat fließen, damit die trockenen und dürren Felder ringsum bewässert werden können und das gesamte Land ringsum fruchtbar, grün und voller Blüten und Früchte wird. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der Austausch von Vermögen versperrt und sein Bereich begrenzt; im Islam dagegen ist er frei, ungehemmt und unbeschränkt. Um in der kapitalistischen Gesellschaft Wasser aus dem Teich des Vermögens zu schöpfen, muss man dort zuvor eigenes „Wasser“ hinterlegt haben. Andernfalls kann niemand auch nur einen Tropfen daraus erhalten; die Regeln und Bestimmungen des islamischen Wasserzentrums sind jedoch genau entgegengesetzt. Wer dort überschüssiges Wasser besitzt, muss es in den Teich gießen. Und wer es benötigt, nimmt daraus Wasser. Es ist offensichtlich, dass diese beiden Systeme und Methoden ihrem Wesen und ihrer Natur nach einander widersprechen und dass diese beiden Dinge niemals innerhalb ein und derselben Wirtschaftsordnung miteinander vereinigt werden können.

Fünftens: Erbrecht

Nachdem der Islam den eigenen Bedarf gedeckt, auf Allahs Weg ausgegeben und die Zakāt entrichtet hat, hat er eine besondere Methode eingeführt, um das Vermögen, das sich dennoch irgendwo angesammelt hat, zu zerstreuen und aufzuteilen. Diese besondere Methode ist das „Erbrecht“. Ziel dieses Gesetzes ist es, den hinterlassenen Besitz – mag er gering oder groß sein – in einzelne Teile zu zerlegen, ihn unter nahen und entfernten Verwandten zu verteilen und nach den jeweiligen Klassen aufzuteilen. Hat jemand keinen Erben oder lässt sich kein Erbe ausfindig machen, darf ihm dennoch nicht das Recht eingeräumt werden, den Besitz durch die Einsetzung eines Adoptivsohns zu zentralisieren; sein Besitz wird vielmehr in den Bayt al-Māl der Muslime eingebracht, damit die gesamte Gemeinschaft daraus Nutzen ziehen kann. Ein Gesetz zur Verteilung des Erbes, wie es im Islam besteht, findet sich in keinem anderen Wirtschaftssystem. Das Ziel der anderen in der Welt verbreiteten Wirtschaftssysteme bleibt auf eine oder mehrere Personen beschränkt [Anmerkung: Auch das Gesetz der Primogenitur (Law of Primogeniture) und das System der gemeinsamen Familie (Joint Family System) verfolgen dieses Ziel]. Der Islam billigt jedoch nicht, Vermögen zu zentralisieren und anzuhäufen. Sein Ziel ist vielmehr, es zu zerstreuen, es unter vielen Menschen zu verteilen und dadurch den Umlauf des Vermögens zu erleichtern.

Sechstens: Die Verteilung der Beute beziehungsweise des eroberten Vermögens

Auch bei der Verteilung der Beute und des eroberten Vermögens kommt dieses Ziel des Islam vollständig zur Geltung. Über das Vermögen, das die Soldaten in einem islamischen Krieg erlangen, wurde bestimmt, dass es in fünf Teile geteilt wird. Vier Teile werden unter den Soldaten verteilt, ein Teil wird für allgemeine Angelegenheiten des Wohls der Nation im Bayt al-Māl hinterlegt.

وَاعْلَمُوا أَنَّمَا غَنِمْتُمْ مِّنْ شَيْءٍ فَإِنَّ لِلَّهِ خُمُسَهُ وَلِرَّسُولِ وَلِذِي الْقُرْبي واليتمى والمسكين وابن السبيل – – الانفال : ٤١

„Wisset: Ein Fünftel dessen, was ihr als Beute erlangt habt, ist für Allah, Seinen Gesandten, die nahen Verwandten, die Waisen, die Bedürftigen und die hilflosen Reisenden bestimmt.“ – Sure al-Anfāl: 41

Mit dem Anteil Allahs und Seines Gesandten ist der für soziale Zwecke und das allgemeine Wohl bestimmte Anteil gemeint. Er wird gemäß den Bestimmungen Allahs und des Gesandten der islamischen Regierung anvertraut.

Der besondere Grund dafür, den nahen Verwandten des Gesandten einen Anteil an der Beute zu gewähren, besteht darin, dass ihnen kein Anteil aus der Zakāt gegeben wurde.
Außerdem sind innerhalb dieses einen Fünftels ausdrücklich Anteile für drei weitere Gruppen vorgesehen:

a. Die Waisenkinder der Nation; aus diesem Anteil wird für ihre Erziehung und Ausbildung gesorgt. Er wird dafür verwendet, sie dazu zu befähigen, am Streben und Ringen des Lebens teilzunehmen.

b. Bedürftige, Witwen, Gelähmte, Erwerbsunfähige, Kranke und Notleidende – alle Arten von Menschen sind darin eingeschlossen.

c. Reisende und Fremde. Durch seine ethischen Lehren schafft der Islam unter den Menschen eine besondere Haltung der Gastfreundschaft. Darüber hinaus wird Reisenden und Wegziehenden auch an der Zakat, der Sadaqa und der im Krieg erbeuteten Beute ein Anspruch zuerkannt. Tatsächlich handelt es sich im Islam um eine äußerst wichtige Einrichtung. In den muslimischen Ländern wird der Verkehr der Menschen zum Zweck des Handels, des Tourismus, der Bildung, des Studiums sowie der Besichtigung von Denkmälern und historischen Stätten dadurch erleichtert.

Für alle Grundstücke und Güter, die infolge eines Krieges in die Gewalt des islamischen Staates gelangen, wurde ein besonderes Gesetz erlassen, durch das sie vollständig im Eigentum des Staates verbleiben.

ما أَفَاءَ اللَّهُ عَلَى رَسُولِهِ مِنْ أَهْلِ الْقُرَى فَلِلَّهِ وَلِرَّسُولِ وَلِذِي الْقُرْبي واليتمى والمسكين وابن السبيل ( كى لا يَكُونَ دُولَةً بَيْنَ أَغْنِيَاء مِنْكُمْ . الفُقَرَاءِ الْمُهَاجِرِينَ الَّذِينَ أُخْرِجُوا مِنْ دِيَارِهِمْ … وَالَّذِينَ تَبَوَّهُ الدَّارَ والإِيمَانَ مِنْ قَبْلِهِمْ …. وَالَّذِينَ جَاءُوا مِنْ بَعْدِهِمْ – الحشر : ٧-١٠

„Was Allah Seinem Gesandten von den Bewohnern der Siedlungen als Fai zukommen ließ, ist für Allah, Seinen Gesandten, die nahen Verwandten des Gesandten, die Waisen, die Bedürftigen und die Reisenden bestimmt. ……… Dies dient dazu, dass dieses Vermögen nicht nur unter den Reichen unter euch umläuft. ……… Darin ist auch ein Anteil für die bedürftigen Auswanderer, die aus ihren Häusern und ihrem Besitz vertrieben und ins Exil geschickt wurden. ……… Auch für diejenigen ist darin ein Anteil, die bereits vor der Ankunft der Auswanderer in Medina den Glauben angenommen hatten. Auch für die künftigen Generationen ist darin ein Anteil, die später kommen werden.“ – Sure al-Haschr: 7–10

Im oben angeführten Vers wird der Verwendungsbereich des durch Fai erworbenen Vermögens eindeutig dargelegt. Darüber hinaus wird in klaren Worten auch der Zweck zum Ausdruck gebracht, der nicht nur bei der Verteilung des Fai-Vermögens, sondern im gesamten islamischen Wirtschaftssystem vorgegeben ist. Dieser lautet:

كي لا يَكُونَ دُولَةً بَيْنَ الْأَغْنِيَاء مِنْكُمْ.

„Damit das gesamte Vermögen nicht nur unter euren Reichen zirkuliert.“ – Sure al-Haschr: 7

Im Heiligen Koran wird dies zwar in einer sehr kurzen Wendung gesagt; dennoch ist es der Grundstein des Gebäudes des islamischen Wirtschaftssystems.

Sieben: Die Aufforderung, das rechte Maß zu wahren

Einerseits hat der Islam Vorkehrungen getroffen, damit der Reichtum unter den Angehörigen der Nation zirkuliert und die Armen an dem Wohlstand der Reichen beteiligt werden (dies ist zuvor ausführlich dargelegt worden); andererseits hat der Islam jeden Einzelnen angewiesen, bei seinen Ausgaben das rechte Maß und Sparsamkeit zu wahren. Der Zweck ist, dass die Menschen durch die Befolgung des rechten Maßes bei Sparsamkeit und Ausgaben nicht durch Engherzigkeit, Übertreibung und Geiz oder durch Verschwendung das Gleichgewicht der Vermögensverteilung stören, wenn sie ihre finanziellen Mittel einsetzen. Die umfassende Lehre des Heiligen Korans hierzu wird im folgenden Vers dargelegt:

ولا تجعل يدك مغلولة الى عنقك ولا تبسطها كُلَّ الْبَسْطِ فَتَقْعُدَملوما محسورا – بنى اسرائي : ٢٩

„Halte deine Hand nicht an deinen Hals gefesselt (als würde sie sich niemals öffnen); ebenso strecke sie nicht völlig aus. Denn dann wirst du später gezwungen sein, reuevoll und verzweifelt sitzen zu bleiben.“ – Sure Bani Israil: 29

وَالَّذِينَ إِذَا أَنْفَقُوا لَمْ يُسْرِفُوا وَلَمْ يَقْتُرُوا وَكَانَ بين ذلك قومًا .

„Die rechtschaffenen Diener Allahs sind jene, die bei ihren Ausgaben weder verschwenderisch und sinnlos Geld ausgeben noch irgendeinen Geiz zeigen. Vielmehr halten sie fest die Mitte zwischen diesen beiden Extremen.“ – Sure al-Furqan: 67

Der Zweck dieser Lehre des Korans ist, dass jeder Einzelne seine Ausgaben innerhalb der Grenzen seiner eigenen Mittel und seines Einkommens hält. Er soll weder jemals die Grenzen überschreiten noch mehr ausgeben, als er einnimmt. Andernfalls könnte er schließlich wegen seiner unnötigen Ausgaben gezwungen sein, anderen die Hand entgegenzustrecken, anderen ihren Lebensunterhalt und ihre Erwerbsmöglichkeiten wegzunehmen und ohne wirkliche Not bei Menschen Schulden aufzunehmen. Oder er könnte geliehenes Geld von anderen nicht zurückzahlen oder sich derart verschulden, dass er zur Tilgung und Begleichung seiner Schulden alle seine finanziellen Mittel aufwenden und sich dadurch als Folge seines eigenen Handelns selbst den armen Bedürftigen zurechnen müsste. Dies ist zweifellos ein äußerst schmerzhafter Zustand.

Andererseits darf man auch nicht übermäßig geizig sein. Es ist völlig unangebracht, nicht einmal so viel auszugeben, wie es die finanziellen Mittel eines Menschen erlauben. Innerhalb der Grenzen des eigenen Einkommens zu leben bedeutet außerdem nicht, dass man, sobald man gut verdient, sein gesamtes Einkommen für den eigenen Luxus, Komfort und Prunk ausgeben darf. Denn die eigenen nahen Verwandten, Freunde und Nachbarn würden dann in äußerster Not leben, während man selbst in einem solchen Luxus schwelgt. Auch ein derart eigennütziges Ausgabeverhalten gilt aus islamischer Sicht als äußerste Verschwendung.

وات ذا القربي حقه والمسكين وابن السبِيلِ وَلا تُبَذِّرْ تَبْنيران انالمُبَذِّرِينَ كَانُوا إِخْوَانَ الشَّيطين ، وَكَانَ الشَّيْطَنُ لِرَبِّهِ كَفُورًا.

„Gib deinem nahen Verwandten sein Recht, ebenso dem Bedürftigen und dem Reisenden. Verschwende nicht. Die Verschwender sind Brüder des Satans. Und der Satan ist seinem Herrn gegenüber ungehorsam und undankbar.“ – Sure Bani Isra’il: 26–27

Der Islam hat sich in dieser Angelegenheit nicht damit begnügt, lediglich moralische Unterweisung zu erteilen; er hielt es nicht für ausreichend, nur dies zu sagen. Er hat auch die notwendigen Gesetze erlassen, um die abscheulichen Formen und Erscheinungen von Geiz und Verschwendung zu bekämpfen. Zudem hat er sich bemüht, sämtliche Regeln und Bräuche zu unterbinden, die das Gleichgewicht der Vermögensverteilung beeinträchtigen. Der Islam hat das Glücksspiel für haram erklärt. Er hat den Genuss von Alkohol sowie viele ausschweifende schlechte Gewohnheiten – etwa Ausgaben für Spiel, Unterhaltung und Vergnügen – vollständig verboten. Denn ihre unausweichliche Folge ist die Verschwendung von Zeit und Vermögen. Der Islam lässt die natürliche Anziehungskraft von Musik und Gesang nicht so weit reichen, dass sie neben der Entstehung vielfältiger moralischer und geistiger Mängel auch im wirtschaftlichen Leben zu einem Grund für Verderben wird. Auch die Vorliebe für äußere Erscheinung und Schönheit wird innerhalb bestimmter Grenzen geregelt. In den vom Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, überlieferten Vorschriften zu kostbarer Kleidung, mit Diamanten und Edelsteinen besetztem Schmuck, Gefäßen aus Gold und Silber sowie Bildern und Statuen liegen besondere Wohltat und tiefe Weisheit. Ein gewichtiges und grundlegendes Prinzip in dieser Angelegenheit besteht darin, dass es wahrlich kein Zeichen guten Geschmacks ist, Vermögen, das zur Deckung der geringsten Bedürfnisse eurer zahllosen armen Brüder und zur Versorgung mit den für ihr Leben notwendigen Gütern und Gegenständen verwendet werden könnte, lediglich für den eigenen Körper und die Ausstattung des eigenen Hauses auszugeben. Vielmehr zeugt dies von äußerster Hartherzigkeit und abscheulichem Egoismus. Zusammenfassend ermutigt der Islam den Menschen sowohl durch moralische Unterweisung als auch durch Strafbestimmungen zu einer einfachen und schlichten Lebensweise. Die einfache und schlichte Lebensweise, zu der der Islam den Menschen anhält, kann den Bereich menschlicher Bedürfnisse und der Befriedigung von Begierden nicht so weit ausdehnen, dass ein Mensch nicht in der Lage wäre, mit seinem Einkommen einen angemessenen Lebensstandard zu führen und deshalb die Notwendigkeit entstünde, die natürliche Grenze zu überschreiten und am Lebensunterhalt und den Erwerbsmöglichkeiten anderer Menschen teilzuhaben. Ebenso kann die Lage nicht entstehen, dass jemand, der mehr als den mittleren Lebensunterhalt verdienen kann, sein gesamtes Vermögen für sich selbst ausgeben müsste und nichts davon für diejenigen aufwenden könnte, deren Einkommen unter dem mittleren Niveau liegt.

Die islamische Lösung der modernen Wirtschaftsprobleme

Im Zusammenhang mit der Erörterung von „den Lehren der Geschichte“ haben wir auf bestimmte wirtschaftliche Probleme hingewiesen. Nun wollen wir darlegen, wie diese auf der Grundlage der vom Islam vorgelegten Grundprinzipien gelöst werden können. In diesem Zusammenhang halten wir es zunächst für notwendig, einige grundlegende theoretische Wahrheiten im Gedächtnis zu behalten.

Einige grundlegende theoretische Wahrheiten

Um das islamische Gesellschaftssystem richtig zu verstehen, muss man zunächst wissen, dass aus islamischer Sicht nicht die Gesellschaft, die Nation oder das Kollektiv, sondern das Individuum die eigentliche Bedeutung besitzt. In Wahrheit ist die Gesellschaft oder die Nation nicht für das Individuum da; vielmehr ist die Gesellschaft oder Nation für das Individuum da. Vor Allah wird nicht eine Gesellschaft, Nation oder Gemeinschaft als Ganzes zur Rechenschaft gezogen werden, sondern jeder Einzelne wird als eigenständige Person mit seiner vollkommen individuellen Würde verantwortlich sein und zur Rechenschaft gezogen werden. Auf dieser persönlichen Verantwortung und Rechenschaftspflicht beruhen der gesamte moralische Wert und die Würde des Menschen. Das Hauptziel des gesellschaftlichen Lebens ist nicht lediglich das allgemeine Wohlergehen; eigentlich ist das Wohlergehen des eigenständigen Individuums das Erstrebenswerte. Der wahre Maßstab dafür, ob eine Gesellschaftsordnung gut oder schlecht, wohltätig oder verderblich ist, besteht in der Antwort auf die Frage, inwieweit sie die Entfaltung und Weiterentwicklung der eigenständigen Persönlichkeit der Individuen sowie den Ausdruck ihrer persönlichen Fähigkeiten und Tatkraft fördert und begünstigt oder hemmt. Daher kann der Islam keinesfalls eine Form der gesellschaftlichen Organisation oder eine Ordnung im Namen des allgemeinen Wohls als angemessen anerkennen, durch die die Individuen gezwungen werden könnten, ihre Eigenständigkeit zu verlieren und eine große Menschenmenge in den Händen einer kleinen Zahl von Herrschern wie Teile einer Maschine gefangen zu sein.

Ohne uneingeschränkte Freiheit des Denkens und Handelns kann sich die Individualität des Menschen nicht richtig entfalten, und auch eine angemessene Verwirklichung seiner Persönlichkeit ist nicht möglich. Zu diesem Zweck genügt nicht allein die Freiheit der Meinungsäußerung, des Schreibens und Redens, des Strebens und Bemühens sowie der Bildung von Versammlungen, Konferenzen und Organisationen; ebenso notwendig ist die Freiheit des Erwerbs und der Lebensgrundlage. Dies ist eine so natürliche und selbstverständliche Wahrheit, dass es zu ihrem Beweis keiner langen und ausführlichen Erörterung bedarf. Um ihre Notwendigkeit und Unentbehrlichkeit zu empfinden und zu begreifen, genügt der gesunde Menschenverstand. Selbst ein einfacher Wanderer weiß sehr wohl, dass ein Mensch, dem die Freiheit seiner Lebens- und Erwerbsgrundlage fehlt, keinerlei Freiheit besitzen kann. Er kann weder die Freiheit der Meinungsäußerung noch die Freiheit zu sprechen oder zu schreiben noch irgendeine Freiheit des Strebens und Bemühens besitzen. Folglich kann nur jene Gesellschaft dem Wohl der Menschheit dienen, in der ein Diener Allahs durch eigenes Streben imstande ist, ohne sich selbst zu verkaufen, seinen Lebensunterhalt für zwei Mahlzeiten am Tag zu erwerben. Im Zeitalter der industriellen Revolution ist diese Möglichkeit äußerst gering. Schwerindustrie und Handelsunternehmen sowie die großflächige Landwirtschaft haben das Leben der privaten Handwerker, Gewerbetreibenden, kleinen Händler und Bauern so sehr eingeengt, dass sie ihre unabhängigen Geschäfte und Berufe im Wettbewerb mit den Großen nicht erfolgreich fortführen können. Dennoch können in einer Gesellschaft, in der das Prinzip des Privateigentums anerkannt ist, wohlhabende und arbeitsfähige Menschen die Möglichkeit erhalten, eigene unabhängige industrielle, gewerbliche oder landwirtschaftliche Betriebe zu gründen. Andererseits bleibt auch den mittellosen Arbeitern zumindest so viel Spielraum, dass ein Mensch, wenn er nicht in einem bestimmten Betrieb arbeiten oder gegen Lohn tätig sein möchte, an jede andere Tür gehen kann. Doch in einer Gesellschaft, in der sämtliche oder die meisten Produktionsmittel in nationales Eigentum überführt werden, oder in der trotz des Fortbestehens des Privateigentums sämtliche wirtschaftlichen Tätigkeiten nach nationalsozialistischer oder faschistischer Art der uneingeschränkten staatlichen Kontrolle unterstellt und auf der Grundlage einer allumfassenden Gesamtplanung geführt werden, kann die persönliche wirtschaftliche Freiheit der Bevölkerung keineswegs bewahrt werden. Mit ihrem Ende müssen zugleich auch die geistige, gesellschaftliche und politische Freiheit vollständig ausgelöscht werden. Daher bleibt einer Lebensordnung, die die persönliche Individualität des Menschen liebt und der Entfaltung und Vervollkommnung der menschlichen Persönlichkeit eine zielgerichtete Bedeutung beimisst, nichts anderes übrig, als alle sozialwohlfahrtlichen Grundsätze, Ideale und Lehren zurückzuweisen, die zur Verstaatlichung von Grund und Boden, Fabriken und Handelsunternehmen oder zur Steuerung der gesamten Wirtschaftsmaschine nach einem zentralen Plan unter der uneingeschränkten Herrschaft des Staates geschaffen wurden.

In dieser Hinsicht hat der Islam genau diese Haltung eingenommen. Der Grund für den Gegensatz des Islam zum Kommunismus liegt jedoch nicht nur darin. Die Kommunisten üben Gewalt und unmenschliche Unterdrückung aus, um die Produktionsmittel dem Privateigentum zu entreißen und sie in den Rang des Nationaleigentums zu überführen. Selbst wenn zur Verwirklichung dieses Plans nicht der Weg einer solchen auf Unterdrückung und Raub beruhenden Gewalttat beschritten würde, sondern stattdessen das Prinzip eines sich schrittweise entwickelnden Sozialismus verfolgt würde, durch das Land und industrielle sowie gewerbliche Betriebe mithilfe des Gesetzes allmählich in nationales Eigentum überführt werden, könnte das Wesen des Islam dies keineswegs akzeptieren. Denn eine solche Gesellschaftsordnung ist ihrem Wesen nach für die Menschheit verderblich und zerstörerisch. Auch die Reglementierung und die Planungsmethode der nationalsozialistischen und faschistischen Systeme stehen dem Wesen des Islam völlig entgegen. Denn ganz gleich, welche allgemeinen Interessen diese Grundsätze und Ideale auch verfolgen mögen, sie stehen der fortschreitenden Entwicklung und Vervollkommnung der menschlichen Persönlichkeit eindeutig entgegen.

Ein weiterer Aspekt ist zu bedenken. Die Grundlage der geistigen Haltung und moralischen Perspektive, die der Islam im Menschen hervorbringen möchte, sind die Gottesfurcht und das ausgeprägte Empfinden der eigenen Verantwortung hinsichtlich der Rechenschaft vor Allah. Wenn diese beiden Eigenschaften in den Menschen eines Individuums oder einer Gesellschaft vorhanden sind und ihnen die Verantwortung für die gesamten nationalen Angelegenheiten übertragen wird, können sie selbst nicht bereit sein, ein System zu errichten und zu verwalten, in dem sie neben ihrer persönlichen Verantwortung auch die persönliche Verantwortung von Millionen und Abermillionen Menschen auf ihre eigenen Schultern laden. Der edle Prophet (Friede sei mit ihm) sagte dies einst während einer Hungersnot in Medina. Man trug ihm vor, dass die Preise für Waren rasch stiegen, und bat ihn, selbst die Preise festzusetzen. Der edle Prophet (Friede sei mit ihm) lehnte dies mit klaren Worten ab. Im Zusammenhang damit legte er seine Unfähigkeit dar und sagte:

إِنِّي أُرِيدُ أَنَّ الْقَى اللَّهَ وَلَيْسَ لِأَحَدٍ عِنْدِي مَظْلَمَةٌ يَطْلُبْنِي بِهَا .

„Ich möchte Allah in einem Zustand begegnen, in dem es gegen mich nicht einmal die geringste Anschuldigung gibt, irgendjemandem Unrecht getan zu haben, und in dem niemand dies von mir fordert.“

[Anmerkung: Dies bedeutet nicht, dass der edle Prophet (Friede sei mit ihm) dafür war, die Teuerung uneingeschränkt fortbestehen zu lassen, oder dass er keinerlei Aufmerksamkeit auf ihre Verhinderung und Bekämpfung richtete. Was er tatsächlich ablehnte, war, durch künstliches Eingreifen der Regierung das komplizierte System der Warenpreise zu zerstören. Statt diesen Weg einzuschlagen, widmete er seine Kraft der moralischen Besserung der Händler. Durch fortgesetzte und ununterbrochene Unterweisung und Belehrung brachte er ihnen die Vorstellung nahe, dass eine absichtliche übermäßige Erhöhung der Warenpreise eine gewaltige Sünde sei. Diese Unterweisung und Belehrung des Propheten blieb nicht ohne Erfolg; ihre bemerkenswerten guten Folgen wurden sichtbar. Innerhalb kurzer Zeit begannen die Preise aller Waren auf ein normales Niveau zurückzusinken.]

Außerdem möchte der Islam den Menschen in jeder Hinsicht nahe an seinem natürlichen Zustand halten. Künstlichkeit billigt der Islam in keinem Bereich des Lebens. Tatsächlich kann der natürliche Zustand in der menschlichen Wirtschaft nur darin bestehen, dass die Menschen die Mittel und Ressourcen, die Allah auf dieser Erde für das Leben und den Lebensunterhalt geschaffen hat, in ihre Verfügung bringen, sie individuell oder gemeinschaftlich nutzen und daraus Nutzen ziehen. Sie sollen Waren sowie Arbeit und Dienstleistungen frei miteinander austauschen. Seit Menschengedenken ist das Werk des menschlichen Lebensunterhalts genau nach dieser Methode betrieben worden. Nur eine solche natürliche Ordnung kann dem Menschen, während er in der Gesellschaft lebt, hinsichtlich seines Lebensunterhalts Freiheit sowie Stabilität und Selbstständigkeit im Leben gewähren. Die zahlreichen kleinen und großen Ideologien (Ismen), die von unerfahrenen und nur unvollkommen erfahrenen Menschen entwickelt wurden, bieten jeweils irgendeine künstliche Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung an; gemäß einer solchen Ordnung erhält der Mensch nicht die Möglichkeit, als eigenständige, beseelte, bewusste Persönlichkeit und als ein Wesen von zielgerichteter Bedeutung zu leben. Er ist dort gezwungen, ein lebloser Teil einer gesellschaftlichen Maschine zu bleiben.

Eine revolutionäre Handlungsweise ebenso wie künstliche Mittel unterstützt der Islam nicht. Viele der Methoden, mit denen die Araber im Zeitalter der Dschāhilīya ihren Lebensunterhalt erwarben, erklärte der Islam später für harām und zutiefst verabscheuungswürdig. Hinsichtlich des Vermögens und Besitzes, der sich bereits zuvor im Besitz der Menschen befunden hatte, stellte der Islam jedoch keinerlei Fragen auf; ebenso verkündete er keine Erklärung zur Beschlagnahmung des Vermögens, das zuvor auf harāmem Wege erworben worden war. Ja, selbst die früheren Taten und Handlungen von Wucherern, Prostituierten sowie Dieben und Räubern hielt er keiner Befragung für bedürftig. Was auch immer sich im Besitz eines Menschen befand, dessen Eigentumsrecht daran erkannte das Zivilrecht des Islam an. Für die Zukunft unterband er allerdings alle Arten harāmer Erwerbswege, und durch das islamische Erbrecht ließ er die früheren Eigentumsbestände allmählich verteilen und in immer kleinere Anteile aufteilen.

Diagnose der Krankheit

Nachdem man die oben dargelegten Theorien erfasst hat, muss man sich zunächst noch einmal an die einleitenden Erörterungen des Buches erinnern. Gleich zu Beginn dieses Buches haben wir gesagt, dass das kapitalistische Gesellschaftssystem im Zeitalter der industriellen Revolution zwar auf wirtschaftlichen Gepflogenheiten beruhte, die sich seit undenklichen Zeiten erhalten hatten, dass aber von Anfang an vier grundlegende Ursachen für sein schweres Scheitern vorhanden waren und dass eben dies schließlich den Anlass für eine heftige Gegenreaktion bildete. Diese vier Ursachen sind:

Erstens: Die Begründer und Leiter dieses Systems übertrieben in Bezug auf jene ewigen Grundsätze in hohem Maße, obwohl dies für ein anderes Industriezeitalter keineswegs angemessen war.

Zweitens: Sie fügten jenen ewigen natürlichen Grundsätzen noch einige weitere falsche Grundsätze hinzu.

Drittens: Sie missachteten einige Grundsätze der naturgemäßen Wirtschaftsordnung, obwohl diese ebenso außerordentlich wichtig waren wie die sieben Grundsätze der kapitalistischen Gesellschaft.

Anschließend haben wir in diesen Kapiteln ausführlich dargelegt, dass alle Bemühungen einerseits des Sozialismus, Kommunismus, Faschismus und Nationalsozialismus und andererseits zur Behandlung der von der kapitalistischen Ordnung hervorgebrachten Fehler, Abweichungen und Krankheiten nur deshalb gescheitert sind, weil keiner von ihnen in der Lage war, die wahre und grundlegende Ursache der Krankheit zu erkennen. Die eine Gruppe begann, gerade die seit alters her angewandten Gepflogenheiten für die eigentliche Ursache der Krankheit zu halten, und beseitigte zusammen mit ihnen auch die Individualität des Einzelnen. Die andere Gruppe richtete ihr gesamtes Augenmerk nur auf die Widerlegung der Vorwürfe und ließ die grundlegenden Ursachen der Fehler und des Zusammenbruchs weiterhin in der bestehenden Weise bestehen. In der von ihr errichteten Gesellschaftsordnung blieb zwar die persönliche Freiheit erhalten, doch erwies sie sich in praktischer Hinsicht aus der Sicht des Gesamtinteresses als ebenso schädlich, wie sie in der finsteren Phase des Kapitalismus verheerend gewesen war.

Wenn man über diese Methode zur Diagnose der Krankheit ein wenig nachdenkt, muss man leicht anerkennen, dass die wahre Menschheit eine wissenschaftliche, harmonische und ausgewogene Wirtschaftsordnung benötigt, die

Erstens: Sie wird die natürlichen Grundprinzipien der Wirtschaft bewahren – denn sie sind für die persönliche Freiheit unerlässlich –, jedoch statt ihre Anwendung maßlos zu übertreiben, die Freiheit der persönlichen Bestrebungen und Anstrengungen so lenken, dass die Menschen nicht zu Feinden des gesellschaftlichen und allgemeinen Interesses und Wohls werden. Mehr noch: Tatsächlich werden sie zu dessen Dienern werden.

Zweitens: Sie wird jede Art der Vermischung der genannten natürlichen Prinzipien mit falschen Prinzipien aus dem gesamten Wirtschaftssystem fernhalten.

Drittens: Zusammen mit diesen Prinzipien wird sie auch die übrigen grundlegenden Prinzipien einer naturgemäßen Wirtschaftsordnung verwirklichen.

Viertens: Sie wird den Einzelnen nicht gestatten, sich diesen natürlichen Grundprinzipien zu widersetzen und ihre eigentlichen Forderungen weiterhin zu verleugnen.

Islams Abhilfe

Der Islam hat genau diesen Weg eingeschlagen. Er verwandelt die „ungezügelte Wirtschaftsordnung“ in eine „freie Wirtschaftsordnung“ und bindet sie ebenso an bestimmte Vorschriften, Verbote und Grenzen, wie er die menschliche Freiheit in allen übrigen Bereichen von Gesellschaft und Zivilisation beschränkt. Zugleich verschließt er in der freien Wirtschaftsordnung vollständig alle Wege, auf denen die besonderen Einflüsse und schädlichen Folgen der zerstörerischen kapitalistischen Wirtschaftsordnung entstehen könnten. Welche Wirtschaftsordnung sich auf der Grundlage der islamischen Prinzipien herausbildet, werden wir im Folgenden nach Möglichkeit ausführlich darlegen.

1. Das Eigentum an Grund und Boden

Im Islam ist das Privateigentum an Grund und Boden ebenso anerkannt und befürwortet wie an anderen Dingen. Ebenso wie andere Dinge kann auch Grund und Boden in all jenen rechtlichen Formen in das Eigentum einer Person übergehen, die für die Begründung und Wirksamkeit des Eigentums an irgendeiner Sache festgelegt sind. Dafür ist keine bestimmte Obergrenze festgelegt: Ganz gleich, ob es sich um ein Quadratjoch oder mehrere tausend Acres handelt – wird ein Stück Land auf rechtmäßige Weise und nach den gesetzlichen Regeln jemandem als Eigentum übertragen, so ist er zweifellos sein rechtmäßiger Eigentümer, und es gilt als sein rechtmäßiges Eigentum. Es ist auch keine Bedingung für die Gültigkeit dieses Eigentums, dass der Eigentümer sein Land selbst bebauen muss. Wie Häuser und Hausrat vermietet werden können, kann auch Land verpachtet werden. Die Landwirtschaft kann auch nach dem Prinzip der Erntebeteiligung betrieben werden. Überlässt man jemandem Land ohne Pachtzins oder gestattet man jemandem, das eigene Land zu bebauen, ohne einen Anteil an der Ernte zu nehmen, so gilt dies als Sadaqa oder Schenkung. Dagegen sind Geschäfte, die auf Pacht, jährlichem Pachtzins und der Aufteilung der Ernte beruhen, ebenso rechtmäßig zulässig wie eine Beteiligung an einem Unternehmen oder die Vermietung irgendeiner Sache. Die Mängel und Übel des feudalen Systems, die in unserer Gesellschaft bestehen, sind jedoch weder bloß eine Folge des Zamindari-Systems, noch kann ihre Heilung oder Behebung in der Abschaffung des Privateigentums an Grund und Boden liegen. Ebenso wenig wird dadurch Abhilfe geschaffen, dass man künstliche Zwangsmaßnahmen auferlegt, wie sie von den Halbgelehrten unserer Zeit in Form einer Agrarreform vorgeschlagen werden. Vielmehr kann ihre richtige Behandlung auf der Grundlage der Prinzipien des islamischen Ideals folgendermaßen aussehen:

Erstens: Sämtliche auf dem Weg des Kaufs und Verkaufs von Land eingeführten Hindernisse und Einschränkungen müssen beseitigt und sein Handel ebenso erleichtert werden wie der Handel mit allen anderen gewöhnlichen Gütern der Welt.

Zweitens: Die dauerhafte Unterscheidung zwischen landwirtschaftlich und nichtlandwirtschaftlich tätigen Klassen muss in jeder Hinsicht und auf jede Weise für immer abgeschafft werden.

Drittens: Alle besonderen Rechte, die in unserem Leben und unserer Gesellschaft für Landbesitzer vorgesehen sind, sollten gesetzlich aufgehoben werden.

Viertens: Die gegenseitigen Rechte, Pflichten und Verantwortlichkeiten von Landbesitzern und Bauern sollten aus rechtlicher Sicht festgelegt werden. Außer den ausdrücklich festgelegten Rechten darf den Landbesitzern gegenüber den Bauern keinerlei weiteres Recht zugestanden werden.

Fünftens: Großgrundbesitz im einfachen Sinne des Landbesitzes soll nur in einer besonderen Form bestehen bleiben dürfen; zwischen dem Besitzer und dem Bauern soll lediglich ein Verhältnis bestehen dürfen, das dem Verhältnis zwischen gleichberechtigten Teilhabern an dem verbleibenden Geschäft entspricht. Davon abgesehen gilt: Großgrundbesitz, der als Werkzeug von Unterdrückung, Tyrannei und Ausbeutung wirkt und dadurch die Möglichkeit erhält, ein „Staat im Staate“ zu werden, oder der ungerechterweise zum Mittel für den Erwerb politischer „Macht“ gemacht wird, liegt außerhalb des Bereichs eines rechtmäßigen und vernünftigen Großgrundbesitzes. Daher kann er nicht den gleichen Schutz wie ein vernünftiger Großgrundbesitz und eine zulässige Eigentumsform genießen.

Sechstens: Alle gegen den Islam gerichteten Bräuche und Gepflogenheiten bei der Verteilung des Erbes müssen abgeschafft werden. Das gegenwärtige Vermögen der Landbesitzer muss gemäß den Bestimmungen der Scharia unter ihren lebenden Erben verteilt werden, und auch künftig muss das islamische Erbrecht im Bereich des landwirtschaftlichen Eigentums ordnungsgemäß angewandt werden.

Siebtens: Das Brachliegenlassen landwirtschaftlicher Flächen muss kontrolliert werden. Wenn beispielsweise vom Staat jemandem kostenlos zugeteiltes Land länger als drei Jahre unbebaut bleibt, muss diese „Schenkung“ widerrufen werden. Ebenso muss auf gekauftes Land, das ungenutzt liegen gelassen wird, nach Ablauf einer bestimmten Frist eine Steuer erhoben werden.

Achtens: Von den Erträgen der Landbesitzer und Bauern muss ein bestimmter Anteil erhoben werden, um ihn für die durch die Zakat festgelegten Zwecke auszugeben.

Neun: Für die Durchführung einer großflächigen Landwirtschaft nach modernen wissenschaftlichen Methoden müssen Organisationen gegenseitiger Hilfe eingerichtet werden, durch die Kleinlandbesitzer ihre persönlichen Eigentumsrechte bewahren und zugleich auf der Grundlage gegenseitiger Zustimmung und Zufriedenheit ihre Besitztümer in großflächige landwirtschaftliche Betriebe umwandeln und deren Arbeit gemeinsam als eine Organisation verrichten können.

Wenn diese Reformmaßnahmen wirksam umgesetzt werden, kann kein vernünftigerweise vorzubringender Mangel des Zamindari-Systems und des großflächigen Landbesitzes bestehen bleiben.

2. Andere Produktionsmittel

Aus islamischer Sicht wird keinerlei Unterschied zwischen Gebrauchsgütern und Produktionsmitteln anerkannt; daher ist es keineswegs akzeptabel, dass persönliches Eigentum im einen Fall zulässig, im anderen jedoch nicht rechtmäßig sein soll. Wenn ein Mensch für andere Menschen einen Gegenstand ihres täglichen Bedarfs herstellt oder beschafft und ihn ihnen verkauft, betrachtet der Islam dies als eine rechtmäßige Tätigkeit. Er kann diese Arbeit selbst verrichten oder sie gegen Lohn von anderen ausführen lassen. An sämtlichen Rohstoffen, Maschinen und Arbeitsstätten, die er zur Herstellung oder Beschaffung solcher Güter verwendet, kann er Eigentum erwerben. Das war vor der industriellen Revolution ebenso rechtmäßig wie in der darauffolgenden Epoche. Ein freies Industrie- und Handelswesen hingegen war weder früher jemals rechtmäßig, noch kann es heute in irgendeiner Hinsicht angemessen sein. Nach den islamischen Vorschriften war und ist es daher notwendig, es zur Einhaltung der folgenden Regeln und Bestimmungen zu verpflichten:

Eins: Bevor eine technische Erfindung, die den Einsatz von Maschinenkraft anstelle menschlicher Kraft, Arbeit und Mühe ermöglicht, in Industrie, Landwirtschaft und Handel angewandt wird, muss unbedingt sorgfältig untersucht und abgewogen werden, wie vielen Menschen sie den Lebensunterhalt entziehen und wie für den Lebensunterhalt dieser Arbeitslosen gesorgt werden soll. Ohne eine solche Prüfung darf die Nutzung der betreffenden Erfindung unter keinen Umständen gestattet werden.

Zwei: Die ausführliche Festlegung der gegenseitigen Rechte und Pflichten von Arbeitnehmern und Arbeitgebern sowie der Arbeitsbedingungen und dergleichen muss unbedingt dem gegenseitigen Einvernehmen der beiden Parteien überlassen werden. Die Regierung muss jedoch von sich aus einige grundlegende Regeln der Gerechtigkeit festlegen, etwa den Mindestlohn eines Arbeiters, die höchstzulässige Arbeitszeit, die Behandlung von Krankheiten, die Entschädigung für körperliche Verletzungen sowie den Mindestanspruch auf eine Pension im Fall vollständiger Arbeitsunfähigkeit und ähnliche Angelegenheiten.

Drei: Die Regierung muss die Verantwortung für die Beilegung gegenseitiger Streitigkeiten zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern selbst übernehmen und zu diesem Zweck ein Verfahren für gegenseitige Einigung, Schiedsverfahren und Gerichte festlegen, durch das keine Situation entstehen kann, in der die Ausrufung eines Streiks oder einer Aussperrung (Lock-out) erforderlich wird.

Vier: Das Horten (Hoarding) [Anmerkung: Im islamischen Fachausdruck wird es Ihtikār genannt, wenn lebensnotwendige Waren mit dem Ziel einer Preissteigerung nach und nach aufgekauft, zurückgehalten und nicht verkauft werden.] sowie Spekulation (Speculation), geschäftliches Glücksspiel und unsichtbare Kauf- und Verkaufsgeschäfte müssen endgültig unterbunden werden. Ebenso müssen alle Methoden, durch die künstlicher Einfluss auf die Warenpreise ausgeübt wird, durch das Gesetz unterbunden werden.
[Anmerkung: Das islamische Schariarecht über den Handel ist grundsätzlich ein wichtiges Mittel zur Verbesserung des wirtschaftlichen Lebens. Doch die Menschen auf der Welt haben nicht versucht, es anzuwenden und daraus Nutzen zu ziehen. Vielmehr hat gerade die muslimische Gesellschaft ihm gegenüber eine äußerst schuldhafte Geringschätzung an den Tag gelegt. Hier ist kein Raum, die Einzelheiten dieses Rechts darzustellen. Darüber wird, so Gott will, ein eigenständiges Buch verfasst und veröffentlicht werden. An dieser Stelle soll im Zusammenhang lediglich gesagt werden, dass alle Handelsregeln und -methoden, die den Gesamtinteressen gegenüber schädlich und gefährlich sind, rechtlich unterbunden werden müssen.]

Fünftens: Die vorsätzliche Vernichtung erzeugter Waren und Ernten ist als Straftat zu betrachten.

Sechstens: Alle Bereiche von Industrie und Handel müssen nach Möglichkeit für den Wettbewerb offen und frei sein. Keiner Person oder Gruppe dürfen durch die Gewährung der Möglichkeit, ein Handelsmonopol zu betreiben, besondere diskriminierende Rechte eingeräumt werden, während andere davon ausgeschlossen werden.

Siebtens: Industrien und Geschäfte, die dem sittlichen Charakter oder der Gesundheit der Bevölkerung schaden, dürfen nicht betrieben werden. Wird irgendeine Sache dieser Art in irgendeiner Hinsicht als unerlässlich erachtet, so müssen ihrer Herstellung und ihrem Handel die erforderlichen Beschränkungen und Kontrollen auferlegt werden.

Achtens: Der Staat wird keineswegs nach nationalsozialistischer Ordnung die vollständige Kontrolle über sämtliche Industrien und Geschäfte übernehmen; er muss jedoch unbedingt für Anleitung und Koordinierung sorgen, damit Industrie und Handel der Welt nicht auf einen falschen Weg geraten und in allen Bereichen des Wirtschaftslebens vollständige Harmonie hergestellt wird.

Neuntens: Mithilfe des islamischen Erbrechts müssen auch die angesammelten und gehorteten Geldvermögen von Industriellen und Geschäftsleuten fortwährend verteilt werden, ebenso wie der Besitz der Grundeigentümer, damit keine dauerhaft wohlhabende Klasse entstehen kann.

Zehntens: Wie von den Landwirten muss auch von Händlern, Industriellen und Geschäftsleuten ein Teil ihrer Einkünfte unbedingt eingezogen werden, um ihn für die in Betracht kommenden Zwecke der Zakāt-Ausgaben aufzuwenden.

Die wirtschaftlichen Bestimmungen des Islam

Im Bereich der Wirtschaft befürwortet der Islam die Rechte des Einzelnen. Ein Mensch darf den Teil seines Einkommens, der über seinen Bedarf hinausgeht, entweder sparen oder einem anderen als Darlehen geben, ihn in einem eigenen Geschäft einsetzen oder durch die Einlage seines Kapitals in einem Industrie- oder Handelsunternehmen an dessen Gewinn und Verlust beteiligt sein. Der Islam setzt dem keine Schranken. Zwar ist es nach islamischer Auffassung die bessere Handlung, überschüssige Geldmittel für das Gemeinwohl einzusetzen; dennoch erklärt er auch die genannten vier Arten von Tätigkeiten für rechtmäßig. Deshalb ist es jedoch unbedingt erforderlich, die folgenden Regeln und Bestimmungen ordnungsgemäß einzuhalten.

Erstens: Wenn Geldvermögen angesammelt und zurückgelegt wird, müssen daraus jährlich 2,50 Prozent als Zakat entrichtet und für die vorgesehenen Zwecke der Zakat ausgegeben werden. Wenn der Betreffende im Sterben liegt, muss sein gesamtes Vermögen gemäß dem islamischen Erbrecht unter seinen Erben aufgeteilt werden.

Zweitens: Wenn jemandem ein Darlehen gewährt wird, darf er nur den von ihm selbst ausgezahlten Kapitalbetrag zurücknehmen. Unter keinen Umständen ist er berechtigt, Zinsen zu verlangen. Ob der Darlehensnehmer das Darlehen zur Bestreitung seiner eigenen Ausgaben aufnimmt oder zu dem Zweck, es in einem Gewerbe oder Handel einzusetzen, macht keinen Unterschied. Ebenso darf der Darlehensgeber, wenn ihm zur Sicherung der Rückzahlung des gewährten Darlehens ein Grundstück oder sonstiges Eigentum des Darlehensnehmers als Pfand überlassen wurde, daraus keinerlei Nutzen ziehen. Jeder Vorteil, der im Austausch für ein Darlehen angenommen wird, ist Zins. Daher darf er unter keinen Umständen angenommen werden. Ausgehend von dieser Rechtsfrage lässt sich ohne Weiteres durch Qiyās schlussfolgern, dass es ebenfalls nicht zulässig ist, beim Barkauf einen bestimmten Preis für eine Ware und beim Kauf auf Kredit einen anderen Preis festzulegen.

Drittens: Werden in Gewerbe, Handel oder Landwirtschaft unmittelbar Kapitalinvestitionen getätigt, müssen die im Hinblick auf Land und andere Produktionsmittel dargelegten Regeln und Verfahren unbedingt eingehalten werden.

Viertens: Bei einem partnerschaftlichen Geschäft müssen beide Parteien Gewinn und Verlust zu gleichen Teilen teilen. Beide müssen zu einem festgelegten Anteil beteiligt sein. Alle Geschäfte, bei denen der Kapitalgeber nur am Gewinn beteiligt ist und ihm gemäß einem festgelegten Satz unbedingt ein Gewinn zusteht – ohne dass er irgendeinen Verlust tragen muss –, sind rechtlich unzulässig und ungültig.

Zakat

Der Islam hat der Gesellschaft und dem Staat nicht die Verantwortung auferlegt, für die Bürger Arbeit und Beschäftigung zu beschaffen. Denn ohne die Verstaatlichung sämtlicher Produktionsmittel – oder zumindest ohne die Errichtung einer Herrschaft nach nationalsozialistischer Art – kann die Verantwortung, Arbeit zu beschaffen, niemals erfüllt werden. Doch die Irrtümer und schwerwiegenden Schäden dessen sind bereits zuvor dargelegt worden. Trotzdem kann der Islam nicht gutheißen, dass die Einzelnen im gesellschaftlichen Leben vollständig ihren eigenen Mitteln, Möglichkeiten und ihrer eigenen Lage überlassen werden und keinerlei Verantwortung für die Betreuung von Menschen in Not übernommen wird. Einerseits legt der Islam jedem Menschen persönlich die moralische Pflicht auf, jedem Menschen, ob nahestehend oder fremd, den er hilfsbedürftig vorfindet, nach seinen Möglichkeiten zu helfen. Andererseits fordert der Islam von Industriellen, Händlern und Grundbesitzern, dass sie denjenigen, die sie in ihren Betrieben und Tätigkeiten beschäftigen, ihre Rechte ordnungsgemäß gewähren. Darüber hinaus hat er der gesamten Gesellschaft und dem gesamten Staatswesen die Verantwortung auferlegt, dafür zu sorgen, dass innerhalb seines Herrschaftsbereichs niemandem die grundlegendsten Bedürfnisse vorenthalten bleiben darf. Es ist die Aufgabe des Staatswesens, allen Arbeitslosen und Erwerbslosen in der Gesellschaft sowie allen, die aus einem vorübergehenden Grund arbeitsunfähig, dauerhaft arbeitsunfähig oder von einem plötzlichen Unglück oder Unfall betroffen sind, die notwendige Hilfe und Unterkunft zu gewähren. Für die Versorgung und Erziehung hilfloser Kinder zu sorgen, ist die Pflicht des Staates. Selbst dafür zu sorgen, dass verschuldete und zur Rückzahlung unfähige Personen von ihren Schulden befreit werden, gehört zu den Pflichten der Regierung. In Wirklichkeit handelt es sich hierbei um ein umfassendes besonderes Konzept der sozialen Sicherheit (Social Insurance), das unmittelbar unter staatlicher Verwaltung umgesetzt werden muss. Zur Beschaffung der finanziellen Mittel für diese Aufgabe hat der Islam die folgenden Wege vorgeschlagen:

Erstens: Jeder, der Kapital in einer Höhe angesammelt und zurückgelegt hat, die ein bestimmtes Maß an Geldvermögen übersteigt, muss jährlich 2,50 Prozent seines Kapitals als Zakat entrichten.

Zweitens: Jeder Grundbesitzer und Landwirt muss für diesen Zweck unbedingt zehn Prozent der Erträge seines auf natürliche Weise bewässerten Landes und fünf Prozent der Erträge seines künstlich bewässerten Landes abgeben.

Drittens: Jeder Industrielle und jeder Geschäftsmann soll am Ende eines jeden Jahres 2,50 Prozent des Wertes seiner Handelswaren abgeben.

Viertens: Jeder Viehhalter, der mehr als eine bestimmte Anzahl von Tieren hält, soll jedes Jahr nach einem festgelegten Satz und einer festgelegten Berechnung einen Teil seines Viehvermögens in die staatliche Bayt al-Mal-Kasse einzahlen.

Fünftens: Ein Fünftel der Mineralien und der vergrabenen Schätze ist für diesen Zweck einzuziehen.

Sechstens: Im Falle eines Krieges sollen 20 Prozent der Beute für diesen Zweck eingezogen werden.

Das auf diese Weise angesammelte Vermögen wird als „Reserve“ zurückgelegt, um für die im Koran genannten Ausgabenkategorien der Zakat und des Khums verwendet zu werden. Ein bedeutender Teil dieser Kategorien besteht in der zuvor erwähnten Durchführung der sozialen Sicherheit.

Begrenzte staatliche Intervention

Der Islam billigt es grundsätzlich nicht, dass der Staat selbst zum Industriellen, Geschäftsmann oder Grundbesitzer wird. Aus islamischer Sicht sollte die Aufgabe des Staates ausschließlich darin bestehen, zu verwalten, Gerechtigkeit zu verwirklichen, Unordnung, Schaden und Unfrieden zu beseitigen und für das allgemeine gesellschaftliche Wohlergehen zu sorgen. Denn die Folgen einer Verbindung von Geschäftstätigkeit mit politischer Macht und Herrschaft sind derart schlecht, dass sie um einiger äußerer Vorteile willen keinesfalls hingenommen werden können. Der Islam erlaubt dem Staat jedoch, nur solche Industrien und Geschäfte staatlich zu betreiben, die für das nationale Leben unerlässlich sind, deren Leitung Einzelpersonen aber nicht übernehmen wollen oder bei denen bei privatem Besitz grundsätzlich die Gefahr einer Schädigung des allgemeinen gesellschaftlichen Interesses besteht. Wenn der Staat außerhalb solcher Geschäfte andere Industrien und Handelsunternehmen im Interesse der Entwicklung und des Wohlergehens des Landes selbst aufnimmt, ist es dennoch seine Pflicht, sie nur bis zu einem bestimmten Maß erfolgreich zu betreiben und sie anschließend Einzelpersonen zur privaten Führung zu überlassen.

Die vier Grundprinzipien einer ausgewogenen Wirtschaftsordnung

Wenn es gelingt, die sieben vernünftigerweise möglichen Grundprinzipien der Wirtschaft, die wir zuvor bei der Erörterung des „modernen kapitalistischen Systems“ erwähnt haben, mit den oben beschriebenen Begrenzungen, Regeln, Verfahren und Reformmaßnahmen zu verbinden, könnte dadurch die Gesamtheit der Mängel und Fehler des Feudalismus und des Kapitalismus mit der Wurzel ausgerottet werden. Darüber hinaus könnte auf dieser Grundlage ein ausgewogenes Wirtschaftssystem entstehen, in dem sowohl die persönliche Eigenständigkeit und Freiheit als auch das allgemeine Wohlergehen auf angemessene Weise und in vollkommener Gerechtigkeit verwirklicht würden, ohne dass dadurch der Fortschritt der gegenwärtigen industriellen Revolution auch nur im Geringsten beeinträchtigt würde.

Hier sollen die vier Grundprinzipien dieses ausgewogenen Wirtschaftssystems genannt werden:

Erstens: ein freies und ungehemmtes Wirtschaftssystem – unter Festlegung einiger rechtlicher und verwaltungsbezogener Kontrollen und Grenzen.
Zweitens: die Verpflichtung zur Entrichtung der Zakat.
Drittens: das Erbrecht.
Viertens: das Verbot des Zinses.

Alle, denen der Zusammenbruch des ungehemmten Kapitalismus der Gegenwart sowie der Fluch des Kommunismus und des Faschismus vor Augen geführt worden ist, haben begonnen, das erste der genannten vier Grundprinzipien grundsätzlich zu unterstützen. Hinsichtlich seiner Einzelheiten bestehen in den Köpfen der Menschen allerdings noch immer gewisse Zweifel und Schwierigkeiten. Wir hoffen jedoch, dass diese Zweifel und Bedenken durch die Lektüre dessen beseitigt werden, was wir in diesem Kapitel über den Boden und die übrigen Produktionsmittel gesagt haben. Auch unser anderes Buch mit dem Titel „Das Eigentum an Grund und Boden“ wird wesentlich dazu beitragen, diese Verwirrung und Zweifel zu beseitigen.

Die Bedeutung des zweiten Grundprinzips ist der Welt heutzutage nahezu offenkundig geworden. Die drei Lehren des Kommunismus, des Faschismus und der kapitalistischen Demokratie haben weitreichende Systeme sozialer Sicherheit vorgeschlagen; im Vergleich dazu ist die Zakat jedoch in der Lage, ein noch umfassenderes System sozialer Sicherheit zu gewährleisten. Da die detaillierten Bestimmungen der Zakat unbekannt sind, entstehen auch in dieser Hinsicht im menschlichen Denken zahlreiche Schwierigkeiten. Für die Menschen ist es schwer verständlich, wie Zakat und „Khums“ mit dem Wirtschaftssystem eines modernen Staates in Einklang gebracht werden können. Die Broschüre mit dem Titel „Die Bestimmungen der Zakat“ wird in dieser Hinsicht in ihren Herzen vollkommene Beruhigung schaffen können.

Was das dritte Grundprinzip betrifft, so hat der Islam unabhängig von allen anderen Rechtsordnungen der Welt seinen eigenen Weg und seine eigene Methode gewählt. Früher waren die Menschen mit seiner Vernünftigkeit nicht vertraut und erhoben daher zahlreiche Fragen und Einwände dagegen. Doch nun beginnt sich allmählich die gesamte menschliche Gesellschaft dieser Richtung zuzuwenden. Selbst der russische Kommunismus war gezwungen, ihn nachzuahmen.

[Anmerkung—Im neuen Erbrecht Sowjetrusslands wurden Kinder, Ehefrauen, Ehemänner, Eltern, Brüder und Schwestern sowie adoptierte Kinder zu Erben gemacht. Außerdem wurde bestimmt, dass jeder Mensch sein Eigentum zugunsten bedürftiger naher Verwandter und Einrichtungen des Gemeinwohls testamentarisch vermachen darf. Die Rechte der Verwandten haben jedoch Vorrang. Zugleich wurde es verboten, ein Testament mit dem Ziel zu errichten, minderjährige Kinder oder arme Erben zu enterben. Angesichts dieses Gesetzes kann niemand umhin festzustellen, dass die „kommunistischen Fortschrittsanhänger“ im Jahr 1945 zu jenem Gesetz zurückgekehrt sind, das im Jahr 625 erlassen worden war.]

Doch die Menschen der Gegenwart haben besondere Schwierigkeiten, die Berechtigung dieses vierten Grundprinzips im Wirtschaftsplan des Islam zu erkennen. In der bürgerlichen Wirtschaftswissenschaft hat sich seit dem vergangenen Jahrhundert tief der Gedanke verwurzelt, dass die Auffassung, Zins als haram zu betrachten, lediglich ein emotionaler Überschwang sei und dass es nur eine höfliche Gefälligkeit darstelle, jemandem ein zinsloses Darlehen zu gewähren. Die Religion habe eine solche Forderung lediglich aus unangemessener Übertreibung heraus aufgestellt. Andernfalls sei der Zins vom Standpunkt der Vernunft aus vollständig verständlich und rational; wirtschaftlich sei er nicht nur keineswegs anstößig, sondern tatsächlich äußerst nützlich und notwendig. Unter dem Einfluss dieser irrigen Ideologie und ihrer intensiven Propaganda treten den Kritikern zwar alle Mängel und Fehler des modernen Kapitalismus vor Augen. Doch niemand richtet seinen Blick auf das wichtigste und grundlegendste fehlerhafte System – den Zins. Selbst die Kommunisten Russlands pflegen und fördern diese größte teuflische Methode des Kapitalismus ebenso wie Großbritannien und Amerika. Damit ist die Sache noch nicht beendet: Gerade die Muslime, die einst die größten Feinde des Zinses auf der Welt waren, sind heute durch die irreführende Propaganda der westlichen Länder auf verhängnisvolle Weise beeinflusst worden. Unter unseren niedergeschlagenen religiösen Menschen hat sich die irrige Vorstellung verbreitet, der Zins könne nur dann anstößig sein, wenn er von Darlehensnehmern erhoben werde, die das Darlehen zur Deckung ihrer persönlichen Bedürfnisse aufgenommen hätten. Bei Darlehen jedoch, die zum Einsatz in Industrie und Handel aufgenommen würden, sei der Zinsverkehr völlig vernünftig, angemessen und gerechtfertigt, ja sogar heilig und halal. Folglich könne er nach den Grundsätzen der Religion des Islam, der Moral, der Vernunft und der Wirtschaftswissenschaft in keiner Weise irgendeinen Mangel aufweisen. Darüber hinaus gibt es noch einige weitere Formen der Selbstberuhigung. Man meint, der Zins, den die Kaufleute und Wucherer der alten Zeit nahmen, und das moderne zinsbasierte Bankwesen seien nicht ein und dasselbe. Ferner meint man, die „sauberen“ Geschäfte dieser Banken seien vollkommen heilig und es sei angemessen, jede Art von Beziehung zu ihnen zu unterhalten.

Doch auch diejenigen, die von all diesen und ähnlichen Irrvorstellungen vollständig frei geworden sind, vermögen nicht zu verstehen, wie in unserer Zeit die Wirtschaftsordnung betrieben werden kann, nachdem der Zins gesetzlich verboten worden ist.

Es ist notwendig, über diese Fragen ein eigenständiges Buch zu verfassen. In diesem kleinen Werk besteht kein Raum für eine ausführliche Darstellung. Mein Buch „Zins und modernes Bankwesen“ ist eigens der Erörterung dieser Fragen gewidmet; wer daher die diesbezüglichen Fehlvorstellungen beseitigen möchte, möge das Buch „Zins und modernes Bankwesen“ lesen.

Ende