Das Anliegen des Verfassers
Vor vier Jahren schrieb ich einen fortlaufenden Aufsatz über den Purdah. Er wurde in mehreren Ausgaben des „Tarjuman-ul-Qur’an“ veröffentlicht. Damals ließ ich einige Gesichtspunkte der Erörterung absichtlich beiseite; manche Themen mussten unvollständig bleiben – denn die Abfassung eines Buches war damals nicht beabsichtigt; beabsichtigt war lediglich die Abfassung eines Aufsatzes. Unter Einbeziehung all jener Themen sowie mit den erforderlichen Ergänzungen und Analysen ist nun die vorliegende Buchfassung entstanden. Es kann noch immer nicht behauptet werden, dass die Erörterung des Gegenstands endgültig sei und das letzte Wort darstelle. Doch diejenigen, die tatsächlich daran interessiert sind, den Gegenstand zu verstehen, werden darin in beträchtlichem Maße erkenntnis- und tatsachenreiche, den Wissensdurst stillende Darlegungen sowie Argumente und Beweise finden – zumindest diese Hoffnung darf ich gewiss hegen.
Der Erfolg liegt allein in Allahs Hand; Ihn allein bitte ich um Hilfe. Amin.
22. Muharram 1351 Hidschri – Abul A’la
Die grundlegenden Probleme der menschlichen Gesellschaft
Art und Wesen des Problems
Die menschliche Zivilisation steht vor zwei ihrer bedeutendsten und schwierigsten Problemen. Das Wohlergehen und der Fortschritt der Menschheit hängen von einer sachgemäßen und ausgewogenen Lösung dieser beiden Probleme ab. Daher ist die gebildete Welt seit Menschengedenken wegen ihrer Lösung beunruhigt und nachdenklich gewesen.
Das erste Problem besteht darin, wie die Beziehung zwischen Frauen und Männern im gesellschaftlichen Leben gestaltet werden kann. Denn sie ist in Wahrheit der Grundstein der Zivilisation; wenn darin auch nur die geringste Abweichung zugelassen wird, muss auch das Gebäude, das darauf errichtet wird, schief sein.
Das zweite Problem betrifft die individuellen und kollektiven Beziehungen der Menschheit. Wenn auch bei der Herstellung ihres Gleichgewichts nur die geringste Unstimmigkeit bestehen bleibt, wird die Menschheit über Zeitalter hinweg deren bittere Folgen zu ertragen haben.
Einerseits ist die Bedeutung dieser beiden Probleme derart groß, andererseits nimmt ihre Komplexität so sehr zu, dass niemand sie zu lösen vermag, ohne sämtliche Tatsachen der menschlichen Natur bis ins kleinste Detail zu analysieren. Mit Recht ist gesagt worden, dass der Mensch eine kleine Welt ist; seine körperliche Beschaffenheit, seine Naturanlage, seine Fähigkeiten und Eignungen, seine Wünsche, Antriebe und Empfindungen sowie seine tatsächlichen Beziehungen zu zahllosen Schöpfungsbereichen außerhalb seines eigenen Wesens und vieles andere bestehen im Inneren des Menschen gleich einer ganzen Welt. Ohne jeden Bereich einer solchen Welt klar in den Blick zu nehmen, ist es unmöglich, das wahre Wesen des Menschen zu erkennen; und ohne eine vollständige und wahre Erkenntnis ist auch die Lösung seiner grundlegenden Probleme unmöglich.
Zugleich ist die Angelegenheit so komplex, dass sie seit den frühesten Zeiten bis heute ein Tummelplatz von Wissen, Wissenschaft und Forschung geblieben ist. Das Erste ist, dass bis heute nicht alle Tatsachen der Welt vor dem Menschen enthüllt worden sind. Bis heute hat kein menschliches Wissen äußerste Vollkommenheit erlangt; das heißt, kein Mensch kann behaupten, dass sich sämtliche mit dem betreffenden Wissen verbundenen Tatsachen in seiner Verfügungsgewalt befinden. Darüber hinaus sind die Reichweite und die Feinheiten der Tatsachen, die bisher beleuchtet worden sind, so umfassend, dass nicht einmal eine bestimmte Gruppe, geschweige denn ein Einzelner, sie alle zur gleichen Zeit mit wachsamer Aufmerksamkeit erfassen kann. Wenn die eine Seite davon mit dem Auge des Wissens erfasst wird, bleibt die andere in Dunkelheit gehüllt. An manchen Stellen wird der Blick eng, an anderen versperren persönliche Neigungen den Weg der Wahrnehmung. Trotz aller Bemühungen des Menschen, mit einer solchen doppelten Schwäche die vielfältigen Probleme seines eigenen Lebens zu lösen, bleibt er erfolglos, und am Ende treten nur seine Fehler und Mängel hervor. Eine angemessene Lösung des Problems ist nur dann möglich, wenn gegenüber sämtlichen damit verbundenen Tatsachen eine gleichmäßige Sicht gewonnen wird. Solange nicht alle Tatsachen – oder zumindest nicht alle Seiten der bisher entdeckten Tatsachen – zugleich im Licht der Erkenntnis erhellt sind, wird jedoch keine gleichmäßige Sicht gewonnen werden. Andererseits ist das Blickfeld von Natur aus so weit, dass nicht sein Ganzes in den Gesichtskreis fällt; zugleich sind die Wünsche, Neigungen und Abneigungen der menschlichen Natur so stark, dass der Blick selbst von dem abgewandt wird, was deutlich sichtbar ist. Kann unter solchen Umständen überhaupt die Fähigkeit zu einer gleichmäßigen Sicht erlangt werden? Die unter solchen Bedingungen angenommene Lösung wird unvermeidlich entweder zu übermäßiger Übertreibung beziehungsweise zur Überschreitung angemessener Grenzen oder aber zu Mangel und Unzulänglichkeit führen.
Von den beiden oben genannten Hauptproblemen ist hier das erste unser Gegenstand. Wenn wir die vergangene Geschichte in dieser Hinsicht betrachten, sehen wir lediglich ein erstaunliches Hin und Her zwischen übermäßiger Übertreibung und äußerstem Mangel. Einerseits sehen wir, dass die Frau als Mutter ihre Kinder ernährt und als Ehefrau dem Mann in den Höhen und Tiefen des Lebens beigestanden hat. Andererseits wurde eben diese Frau als Dienerin oder Sklavin eingesetzt. Man kaufte und verkaufte sie wie Rinder und Ziegen. Man hielt sie von Eigentum und Erbschaft fern. Man machte sie zum Sinnbild von Sünde, Schmutz und Erniedrigung. Keine Möglichkeit zur Entfaltung oder Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit wurde ihr gewährt. Und selbst wenn die Frau zuweilen erhoben und zur Entfaltung gebracht wurde, stürzte man sie zugleich in Charakterlosigkeit und Zügellosigkeit. Man machte sie zum Spielzeug animalischer Triebe. Bisweilen bezeichnete man sie auch als „Agentin des Satans“, und mit ihrer angeblichen Entfaltung und Höherentwicklung begann zugleich der Niedergang der Menschlichkeit.
Wir bezeichnen diese beiden äußersten Grenzen nicht lediglich im Hinblick auf die Sichtweise als Überschreitung angemessener Grenzen und äußersten Mangel; vielmehr nennen wir sie in ethischer Hinsicht dann eine Überschreitung angemessener Grenzen beziehungsweise äußersten Überflussmangel oder Mangel, wenn wir ihre schädlichen Folgen durch die Erfahrung erkennen. Der Hintergrund der oben erwähnten Geschichte lehrt uns, dass die Frauen eines Volkes, sobald es das Zeitalter des wilden Lebens überschreitet und sich in Richtung Zivilisation und Sesshaftigkeit bewegt, wie Dienerinnen und Sklavinnen mit den Männern zusammenleben. Zunächst führen die berüchtigten Kräfte sie schrittweise auf den Weg des Fortschritts. Wenn die zivilisatorische Entwicklung jedoch eine besondere Stufe erreicht, erkennen sie, dass sie nicht voranschreiten können, solange sie ihre Ehefrauen unentwickelt lassen. Dann betrachten sie ihren eigenen Fortschrittsweg als versperrt und machen entsprechend den Bedürfnissen die Hälfte der Nation (die Frauen) dazu fähig, gemeinsam mit der ersten Hälfte (den Männern) voranzuschreiten. Auf diese Weise bemühen sie sich um Ausgleich; und da sie sich nicht mit dem bloßen Ausgleich zufriedengeben, schreiten sie unaufhörlich weiter voran. Schließlich wird die Stammesordnung – die als Grundpfeiler der Zivilisation gilt – durch die Freiheit der Frauen zerstört und ausgelöscht. Zusammen mit dem sittlichen Niedergang tritt zwangsläufig auch der Niedergang der geistigen, körperlichen und materiellen Kräfte deutlich hervor. Was könnte ihr letztes Ergebnis anderes sein als Zerstörung?
Da eine ausführliche Darstellung von Beispielen aus der Geschichte den Umfang dieser Abhandlung vergrößern würde, halten wir es hier für angemessen, nur zwei oder vier davon zu erwähnen.
Griechenland
Unter den alten Völkern war die Zivilisation Griechenlands die ruhmreichste von allen. In der Frühzeit dieses Volkes war die Stellung der Frau in moralischer Hinsicht, hinsichtlich der gesetzlichen Rechte und der gesellschaftlichen Sitten äußerst niedrig. In der griechischen Mythologie wird die Frau „Pandora“ als Ursache des Leidens und Unglücks der Menschheit dargestellt, ebenso wie Ḥawwa (a.s.) in der jüdischen Überlieferung für diese Angelegenheit verantwortlich gemacht wird. Dass die erfundene falsche Geschichte über Ḥawwa (a.s.) die Sitten und Bräuche, Gesetze und Rechtsordnungen, den gesellschaftlichen Bereich und den sittlichen Charakter der jüdischen und christlichen Gemeinschaften stark beeinflusst hat, ist niemandem unbekannt. Auch die Vorstellung, die die Griechen von „Pandora“ hegten, beeinflusste ihre Denkweise in gleicher Weise. In ihren Augen war die Frau ein minderwertiges Wesen. Im gesellschaftlichen Bereich besaß die Frau keinerlei Ansehen, und eine ehrenvolle Stellung war ausschließlich dem Mann vorbehalten.
In der frühen Phase der fortschreitenden Entwicklung der Zivilisation blieb dieses System mit einigen Änderungen in Kraft. Der Einfluss von Zivilisation und geistiger Erleuchtung zeigte sich insofern, als die gesetzlichen Rechte der Frau unverändert blieben, ihr jedoch im gesellschaftlichen Bereich ein höherer Rang verliehen wurde. Sie wurde zur Herrin des griechischen Hauses. Ihre Pflichten und Aufgaben blieben auf das Innere des Hauses beschränkt. Innerhalb dieser Grenzen besaß sie jedoch volle Autorität. Ihre Keuschheit war von höchstem Wert und wurde geachtet. In angesehenen griechischen Familien war die Verhüllungssitte verbreitet. In ihren Häusern waren die Räume für Männer und Frauen getrennt. Ihre Frauen nahmen nicht an gemeinsamen Zusammenkünften von Männern und Frauen teil. In öffentlichen Theatern waren sie nicht zu sehen. Sie betrachteten es als ehrenvoll, durch die Ehe eine Beziehung zu einem Mann einzugehen. Ein Leben als Prostituierte galt als äußerst verächtlich und verflucht. Dies war der damalige Zustand, als das griechische Volk außerordentlich mächtig war und auf den hohen Stufen eines raschen Aufstiegs stand. Obwohl zu dieser Zeit moralische Ausschweifung vorhanden war, blieb sie begrenzt. Griechische Frauen konnten Reinheit, Schicklichkeit und Keuschheit für sich beanspruchen, während die Männer das Gegenteil verkörperten. Von ihnen wurden solche Eigenschaften nicht erwartet, und man konnte auch nicht hoffen, dass sie ein reines Leben führen würden. Die Prostituiertenschaft war ein fester Bestandteil der griechischen Gesellschaft. Für Männer galt es keineswegs als verwerflich, Beziehungen zu dieser Gruppe zu unterhalten.
Unter den Griechen begann der Einfluss der Verehrung der Triebe und der sexuellen Erregung allmählich zuzunehmen, und in dieser Zeit erlangte die Prostituiertenschaft einen derart hohen Rang, dass es dafür in der Geschichte nur wenige Beispiele gibt. Die Bordelle wurden zu Zentren und Treffpunkten der gesamten griechischen Gesellschaft. Philosophen, Dichter, Historiker, Literaten, Fachleute und andere Größen umgaben diesen Mond wie ein Sternenheer. Die Prostituierten nahmen bei Versammlungen über Wissenschaft, Wissen und Literatur nicht nur den Vorsitz ein; vielmehr wurden auch wichtige politische Beratungen in ihrer Gegenwart abgehalten. Selbst in Angelegenheiten, von denen Leben und Tod der Nation abhingen, galten die Meinungen der Prostituierten als endgültig. Dennoch wurde aufgrund ihres Urteils und ihrer Entscheidungsfähigkeit niemals jemandem Gerechtigkeit zuteil. Die Verehrung der Schönheit entzündete unter den Griechen das Feuer der Lust mit großer Heftigkeit. Jene Bildwerke oder nackten Vorbilder der Kunst, nach denen sie Schönheit begehrten, lieferten fortan den Brennstoff für ihr Lustfeuer. Schließlich wurde ihre Gesinnung so verdorben, dass sie die Verehrung des Lustfeuers vom moralischen Standpunkt aus überhaupt nicht mehr für verwerflich hielten. Ihre moralischen Maßstäbe hatten sich so sehr verändert, dass selbst große Philosophen und Moralisten Ehebruch und Obszönität nicht als hässlich und verwerflich betrachteten. Im Allgemeinen hielten die Griechen die Ehe für eine unnötige Einrichtung und betrachteten die offene Vereinigung von Männern und Frauen außerhalb der Ehe als vernünftig. Schließlich unterwarf sich auch ihre Religion ihren tierischen Trieben. Die Verehrung der Göttin der Liebe (Aphrodite) breitete sich in ganz Griechenland aus. In der griechischen Mythologie wird über diese Göttin der Liebe berichtet, dass sie als Gemahlin eines Gottes mit drei anderen Göttern und einem Menschen liebevolle körperliche Beziehungen eingegangen sei. Das Kind, das aus diesen sexuellen Verbindungen hervorging, wurde später Amor (Cupid) genannt. Dieser Amor war der von den Griechen verehrte Gott beziehungsweise ihr Ma‘bud. Es ist nicht schwer zu ermessen, wie niedrig die moralischen Maßstäbe jenes Volkes gewesen sein mussten, das einen derart abscheulichen Charakter nicht nur als sein Vorbild, sondern auch als seinen verehrten Gott angenommen hatte. Nach einem derartigen moralischen Niedergang ist eine Wiederauferstehung irgendeines Volkes nicht möglich. In dieser Zeit des moralischen Niedergangs wurden in Indien die Lehre des „Vāmamārga“ und im Iran die „Mazdakische“ Lehre verkündet. Unter solchen Umständen erlangte die Prostitution in Babylon den Rang religiöser Reinheit. In der Folge blieb Babylon später nur noch Bestandteil vergangener Erzählungen, und seine Existenz verschwand für immer aus der Welt.
Als in Griechenland die Verehrung der Göttin der Liebe begann, wurden die Bordelle in Tempel der Anbetung verwandelt. Die schamlose Prostituierte wurde zu einer Göttin beziehungsweise zu einer göttlichen Jungfrau, und der Ehebruch wurde zum Rang einer religiösen Handlung erhoben.
Die zweite eindeutige Folge dieser Verehrung der Lust bestand darin, dass sich unter dem griechischen Volk die Missetaten des Volkes Lots wie eine Seuche ausbreiteten und religiöse sowie moralische Unterstützung erhielten. Während der Herrschaft von Homer und Hesiod existierten derartige Handlungen nicht. Doch als die kulturelle Entwicklung unter dem Namen der Ästhetik (Aesthetics) die Verehrung der Nacktheit und des Geschlechtsverkehrs einführte, erreichten die lodernden Flammen des Lustfeuers einen solchen Grad, dass sie das griechische Volk vom natürlichen Weg abbrachten und auf einen naturwidrigen Weg führten. Die Kunstexperten bezeichneten dies als ein „festes Band der Freundschaft“ zwischen zwei Personen. Die Griechen Harmedias und Erastgīn hatten erstmals einen derart hohen Rang erlangt, dass in ihrer Heimat zu ihrem Gedenken ihre Bildnisse errichtet wurden. Zwischen ihnen war eine wechselseitige unerlaubte und unnatürliche Liebesbeziehung entstanden. Die Geschichte bezeugt, dass nach dieser Zeit kein neues Zeitalter mehr im nationalen Leben der Griechen anbrach.
Rom
Nach dem griechischen Volk kam in der Welt Rom die Gelegenheit zum Aufstieg. Auch hier sehen wir wie zuvor das Bild von Aufstieg und Niedergang. Als die Römer aus der Finsternis der Barbarei hervortraten und auf der glänzenden Bühne der Geschichte erschienen, zeigte sich ihre soziale Ordnung folgendermaßen: Der Mann war zum Oberhaupt seiner Familie geworden und besaß uneingeschränkte Herrschaft über Frau und Kinder. In manchen Fällen war er sogar befugt, seine Frau zu töten.
Als die Barbarei etwas zurückging und die Römer auf dem Gebiet von Zivilisation und Kultur voranschritten, blieben die alten Familienbräuche zwar erhalten, doch ihre Strenge wurde gemildert und die Verhältnisse wurden etwas gemäßigter. Während der Blütezeit der römischen Republik war im Gegensatz zu den Griechen die Verhüllungssitte nicht verbreitet. Frauen sowie junge Männer und Frauen wurden jedoch innerhalb der familiären Ordnung zu Anstand angehalten. Keuschheit und Tugend waren, insbesondere bei den Frauen, ein unschätzbarer Schatz, und eben dies galt als Prüfstein des Anstands. Auch der moralische Prüfstein war von hohem Rang. Einmal küsste ein Mitglied des römischen Senats seine Frau vor seiner Tochter. Dies wurde als schwere Beleidigung des nationalen Charakters angesehen, und im Senat wurde ein tadelndes Votum gegen ihn abgegeben. Damals war allein die Ehe der rechtmäßige und ehrenvolle Weg der Vereinigung von Frau und Mann. Die Ehre der Frau beruhte auf ihrer Mutterschaft. Obwohl es die Klasse der Prostituierten gab und Männer bis zu einer gewissen Grenze das Recht hatten, mit ihnen Umgang zu pflegen, verachtete die römische Bevölkerung dies zutiefst, und Männer, die Beziehungen zu ihnen unterhielten, wurden mit Geringschätzung betrachtet.
Mit dem Fortschritt von Zivilisation und Kultur begann sich auch die Haltung der Römerinnen und Römer gegenüber den Frauen zu verändern. Allmählich vollzogen sich im Ehe- und Scheidungsrecht sowie in den familiären Sitten und Gebräuchen derartige Veränderungen, dass sich die Lage ins Gegenteil ihres früheren Zustands verkehrte. Die Ehe wurde lediglich zu einem gesetzlichen Vertrag (Civil Contract), dessen Fortbestand und Auflösung vom Ehemann und der Ehefrau abhingen. Die Verantwortung für die eheliche Beziehung verlor an Bedeutung. Der Frau wurden uneingeschränkte Rechte auf Erbschaft sowie auf den Besitz von Vermögen und Eigentum gewährt. Das römische Recht befreite sie von der Autorität ihres Vaters und ihres Ehemannes. Die römischen Frauen erlangten nicht nur im gesellschaftlichen Bereich Freiheit; nach und nach geriet auch ein großer Teil des nationalen Reichtums unter ihre Verfügungsgewalt. Sie begannen, ihren Ehemännern Geld zu hohen Zinssätzen zu leihen. Dadurch wurden die Ehemänner zu Sklaven ihrer wohlhabenden Frauen. Die Scheidung wurde zu einer so einfachen Angelegenheit, dass die eheliche Beziehung bei jeder Gelegenheit aufgelöst wurde. Der berühmte römische Philosoph und Gelehrte Seneca (56 v. Chr. – 4 v. Chr.) beklagte die Häufigkeit der Scheidungen und sagte: „Heutzutage ist die Scheidung in Rom keine Schande mehr. Eine Frau zählt ihr Alter nach der Zahl ihrer Ehemänner.“
In dieser Zeit begannen Frauen, nacheinander viele Ehemänner zu nehmen. Martial (43–104 n. Chr.) erwähnte eine Frau und sagte, sie habe zehn Ehemänner genommen. Judniel (60–140 n. Chr.) bemerkte über eine Frau, sie habe innerhalb von fünf Jahren acht Ehemänner genommen. Der heilige Hieronymus (340–420 n. Chr.) schilderte eine Frau, die in ihrem Leben zweiunddreißig Ehemänner genommen hatte und die einundzwanzigste Ehefrau ihres Ehemannes gewesen war.
Auch die Vorstellung, dass der Geschlechtsverkehr zwischen Frau und Mann außerhalb der Ehe verwerflich sei, begann in dieser Zeit aus dem menschlichen Denken zu schwinden. Selbst bedeutende Moralisten hielten Ehebruch für eine gewöhnliche Handlung. Im Jahr 184 v. Chr. wurde Cato (Cato) in Rom zum Zensor und Sittenaufseher ernannt. Auch er erklärte sexuelle Zügellosigkeit für gerechtfertigt. Cicero empfahl, die moralischen Fesseln für junge Frauen zu lockern. Epiktet (Epictetus), ein überzeugter Anhänger der philosophischen Grundsätze der Stoiker (Stoics) – Selbstbeherrschung, Gleichgültigkeit, Gelassenheit, Geduld und Einsamkeit –, pflegte seinen Schülern folgenden Rat zu geben:
Haltet euch vor der Ehe so weit wie möglich vom Umgang mit Frauen fern. Wenn jedoch jemand in dieser Hinsicht nicht maßvoll sein kann, tadelt ihn nicht.
Schließlich waren die Fesseln von moralischem Charakter und gesellschaftlicher Ordnung so locker geworden, dass das Römische Reich in einer Flut von Triebhaftigkeit, Nacktheit und Obszönität versank. In den Theatern begannen schamlose und nackte Darstellungen. Es wurde als notwendig erachtet, die Häuser mit nackten, aufreizenden und obszönen Bildern zu schmücken. Die Prostitution breitete sich so stark aus, dass während der Herrschaft des römischen Kaisers Tiberius (14–37 n. Chr.) ein Gesetz erlassen werden musste, um die Töchter angesehener Familien davon abzuhalten, als Prostituierte und Tänzerinnen tätig zu sein. Ein Spiel namens Flora (Flora) wurde damals sehr beliebt, weil dabei Wettläufe nackter Frauen stattfanden. Es war üblich, dass alle, Männer wie Frauen, gemeinsam badeten. In der römischen Literatur wurden Abhandlungen mit obszönen Nacktdarstellungen unbefangen veröffentlicht, und gerade diese Literatur war beim ganzen Volk beliebt und gern gelesen. Das Niveau der Literatur war so niedrig, dass man es beim Verfassen dieser anstößigen und widerwärtigen Abhandlungen nicht einmal für nötig hielt, bildhafte oder doppeldeutige Formulierungen zu verwenden.
Nachdem das Römische Reich den tierischen Trieben unterworfen worden war, wurde sein ruhmreicher Bau so vollständig zu Staub gemacht, dass nicht einmal der letzte seiner Ziegelsteine erhalten blieb.
Das christliche Europa
Zur Bekämpfung dieses moralischen Verfalls der westlichen Welt trat das Christentum auf. Zunächst waren darin recht günstige Wirkungen zu erkennen. Die Tore der Obszönität wurden verschlossen, die Nacktheit aus allen Lebensbereichen entfernt und Maßnahmen zur Abschaffung der Prostitution ergriffen; Prostituierte, Sängerinnen und Tänzerinnen wurden von sündhaftem Verhalten abgehalten, und den Menschen wurde die Vorstellung eines reinen und tugendhaften Charakters eingeprägt. Doch die Vorstellungen der christlichen Geistlichen von Frauen und sexuellen Beziehungen überschritten jedes Maß. Dadurch wurde ein Kampf gegen die menschliche Natur erklärt.
Ihre ursprüngliche und grundlegende Auffassung war, dass die Frau die Hauptquelle der Sünde sei. Für den Mann sei die Frau die Quelle der Verführung zur Sünde und gleichsam das Tor zur Hölle. Alles Leid und Unglück der Menschheit sei durch die Frau verursacht worden. Als Frau geboren zu werden, sei eine beschämende Angelegenheit. Wegen ihrer äußeren Schönheit solle sie sich schämen. Denn eben diese sei Satans tödliches Werkzeug. Da sie Fluch über die Welt und ihre Bewohner gebracht habe, müsse sie für immer Buße tun.
Der christliche Geistliche Tertullian aus der frühen Zeit der christlichen Gemeinschaft äußerte sich über die Frau folgendermaßen:
Sie ist das Tor, durch das Satan kommt, sie ist es, die zum verbotenen Baum verführt, die Gottes Gesetz bricht und den Mann zugrunde richtet.
Der christliche Asketenmeister (Chrysostum) sagte über die Frau Folgendes:
– eine unvermeidliche Sünde, eine angeborene böse Versuchung, eine erfreuliche Gefahr, eine Bedrohung für die Familie, eine zerstörerische Liebende, ein geschmücktes Hindernis.
Seine Auffassung war, dass die sexuelle Beziehung zwischen Frau und Mann, selbst wenn sie durch die Ehe zustande komme, im Grunde eine unreine Handlung sei und man sich ihrer enthalten solle. Eine derartige asketische Auffassung vom sittlichen Charakter breitete sich zunächst unter dem Einfluss der geruchlosen Philosophie (Neo-Platonismus) im Westen aus. Die christliche Lehre führte sie bis zum Äußersten. Nun wurden Keuschheit und Jungfräulichkeit zum Prüfstein des sittlichen Charakters. Das Eheleben wurde unter dem Gesichtspunkt des sittlichen Charakters als verabscheuungswürdig und verderbt angesehen. Die Menschen begannen, den Verzicht auf die Ehe als verdienstvolle Tat und als Zeichen eines erhabenen Charakters zu betrachten. Der Weg zu einem heiligen Leben bestand nun darin, entweder überhaupt nicht zu heiraten oder, wenn man heiratete, die eheliche Beziehung zwischen Frau und Mann abzubrechen. In verschiedenen religiösen Versammlungen und Gremien wurden Gesetze erlassen, nach denen die Bediensteten der Kirche nicht allein mit ihren Frauen zusammen sein durften; selbst wenn sie sich trafen, musste dies an einem offenen Ort in Gegenwart von mindestens zwei Männern geschehen. Die Auffassung, dass die eheliche Beziehung unrein sei, begann sich unter den verschiedenen Arten von Christen zu verfestigen. Ein Beispiel für einen damals verbreiteten Brauch mag hier angeführt werden. An dem Tag, an dem in der Kirche eine religiöse Zeremonie stattfand, durften Eheleute, die in der vorangegangenen Nacht zusammengelebt hatten, nicht daran teilnehmen. Denn durch den Geschlechtsverkehr seien sie zu Sündern geworden, und in einem solchen Zustand könne ihnen der Besuch eines heiligen Ortes nicht gestattet werden. Eine derartige asketische Haltung verschärfte die gesamten familiären Beziehungen, sogar die Beziehung zwischen Mutter und Sohn, und die durch die Ehe entstehenden Beziehungen wurden als unrein und sündhaft betrachtet.
Die beiden oben genannten Auffassungen setzten die Stellung der Frau nicht nur unter moralischen und sozialen Gesichtspunkten in übermäßigem Maße herab, sondern beeinflussten auch die kulturellen Gesetze und Vorschriften so stark, dass einerseits das Eheleben für Frau und Mann gefährlich geworden war und andererseits die Stellung der Frau in der Gesellschaft in jeder Hinsicht herabgesetzt und verachtet wurde. Die verschiedenen Gesetze, die gemäß den christlichen Vorschriften in der westlichen Welt in Kraft waren, zeichneten sich durch Folgendes aus:
1. Im Bereich des Erwerbs von Lebensunterhalt wurde die Frau völlig hilflos gemacht und dem Mann untergeordnet. Ihre Rechte in Erbschaftsangelegenheiten waren äußerst begrenzt, und ihre Rechte an Vermögen und Eigentum waren noch stärker eingeschränkt. Sie hatte nicht einmal die Verfügungsgewalt über ihr selbst erworbenes Geld. Die vollständige Autorität in allen Angelegenheiten lag beim Ehemann.
2. Die Erlaubnis zu „Talaq“ und „Khulʿ“ wurde nicht erteilt. Mochte auch immer wieder Zwist zwischen Ehemann und Ehefrau herrschen und mochte das Familienleben aufgrund ihrer gegenseitigen Verbitterung auch einem Inferno gleichen, so zwangen doch sowohl die Religion als auch das Gesetz Ehemann und Ehefrau, in unauflöslicher Verbindung zu bleiben. Wenn die Lage äußerst unerträglich wurde, gestattete man beiden die Scheidung unter der Bedingung, dass keiner von ihnen ein zweites Mal anderswo heiraten durfte. Dies war strenger als das zuvor genannte Prinzip. Denn unter solchen Umständen blieb den getrennten Frauen und Männern kein anderer Weg, als ihr ganzes Leben lang Enthaltsamkeit zu üben oder sich sexueller Ausschweifung hinzugeben.
3. Nach dem Tod des Ehemannes war es der Ehefrau und nach dem Tod der Ehefrau dem Ehemann vollständig verboten und sündhaft, erneut zu heiraten. Die christlichen Priester sagten, dies sei nichts anderes als die Knechtschaft unter tierischen Trieben und der Lust nach Genuss. Sie bezeichneten es als „verfeinerten Ehebruch“. Für die Bediensteten der Kirche war eine zweite Ehe ein Verbrechen. Nach dem allgemeinen Gesetz des Landes wurde sie an manchen Orten überhaupt nicht gestattet. Anderswo betrachtete die religiös gesinnte Bevölkerung sie trotz fehlender rechtlicher Hindernisse nicht als zulässig.
Das moderne Europa
Als im 18. Jahrhundert der christlichen Ära die Philosophen und Literaten Europas begannen, sich gegen die Gesellschaft für die persönlichen Rechte und die individuelle Freiheit einzusetzen, stand ihnen jene irrige kulturelle Ordnung vor Augen, die aus einer schändlichen Verbindung christlicher Sittenherrschaft, christlicher Lebensanschauung und des Feudalismus entstanden war. Sie hatte die menschliche Seele in unnatürliche Fesseln gelegt und alle Wege des Fortschritts versperrt. Um diese überlieferte Ordnung zu zerschlagen und an ihre Stelle eine neue Ordnung und Disziplin zu setzen, brachten die Begründer des neuen Europa eine Sichtweise vor, aus der die Französische Revolution hervorging. Danach wurde die Entwicklung der westlichen Kultur und Zivilisation auf einen Weg gelenkt, dessen letztliches Ergebnis auf der gegenwärtigen Stufe angekommen ist.
Was zu Beginn des neuen Zeitalters zur Hebung der Frauen aus ihrem Niedergang unternommen worden war, zeigte seine guten Folgen im gesellschaftlichen Leben. Die früheren Einschränkungen von Ehe und Scheidung wurden gelockert. Das Recht der Frauen, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, wurde wiederhergestellt. Die moralische Sichtweise, auf deren Grundlage die Frau herabgesetzt und vernachlässigt worden war, wurde korrigiert. Auch jene gesellschaftlichen Grundsätze, aufgrund derer die Frau wie eine Sklavin lebte, wurden geändert. Wie den Männern wurde auch den Frauen der Weg zu höherer Bildung geöffnet. Die durch den Druck fehlerhafter gesellschaftlicher Bräuche und der moralischen Vorstellungen des finsteren Zeitalters unterdrückten Fähigkeiten und Talente der Frauen begannen infolge dieser vielfältigen guten Einrichtungen allmählich hervorzutreten. Sie führten den Haushalt, brachten Reinheit in die Gesellschaft und wirkten zum Wohl der Menschen. Die Fähigkeiten, die sich mit der neuen Zivilisation in den Frauen entfaltet hatten – die Förderung der Gesundheit, die Erziehung der Kinder, die Pflege der Kranken sowie die Entwicklung des Haushaltswesens und der Wissenschaft –, waren erste Folgen jener Bewegung. Doch in den Sichtweisen, aus deren Schoß diese Bewegung hervorgegangen war, lag von Anfang an das Streben nach einer Überschreitung der angemessenen Grenzen. Im 19. Jahrhundert waren die dieser Bestrebung entsprechenden Aktivitäten weit fortgeschritten, und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts hatte die europäische Gesellschaft das zweite äußerste Grenzmaß an Zügellosigkeit und Maßlosigkeit erreicht.
Die Sichtweisen, auf denen die neue westliche Gesellschaftsordnung errichtet wurde, lassen sich unter den folgenden drei Überschriften zusammenfassen:
a) die Herstellung der Gleichheit zwischen Frau und Mann,
b) die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau und
c) Ungehinderter Umgang zwischen Frauen und Männern.
Die möglichen Folgen, die sich aus der Errichtung der Gesellschaftsordnung auf diesen drei grundlegenden Fundamenten ergeben konnten, traten schließlich offen zutage.
Erstens wurde Gleichheit derart definiert, dass Frauen und Männer nicht nur hinsichtlich ihrer sittlichen Würde und ihrer Menschenrechte gleich seien, sondern dass Frauen im zivilisatorischen Leben auch alle Tätigkeiten ausüben sollten, die Männer verrichteten, und dass die sittlichen Bindungen für Frauen in gleicher Weise gelockert würden, wie sie für Männer gelockert worden waren. Aufgrund dieser irrigen Auffassung von Gleichheit wurde die Frau gegenüber ihren alltäglichen Pflichten gleichgültig und aufsässig. Tatsächlich hängt die Beständigkeit der Zivilisation und der Menschheit von der Erfüllung all dieser natürlichen täglichen Pflichten ab. Wirtschaftliche, politische und parteiliche Tendenzen machten ihre Persönlichkeit egozentrisch. Die Teilnahme an Wahlkämpfen, die Annahme von Beschäftigungen in Büros und Fabriken, der Wettbewerb mit Männern in selbstständigen Gewerben und industriellen Unternehmen, Sport, Spiele, Gymnastik und andere der Unterhaltung der Gesellschaft dienende Tätigkeiten, der Zeitvertreib in Klubs, auf Bühnen sowie bei Tanz- und Gesangsveranstaltungen und viele andere unnötige und unsagbare Betätigungen beeinflussten ihren Geist und ihr Denken derart, dass die großen Pflichten des Ehelebens, die Erziehung der Kinder, die familiäre Pflege und Fürsorge, die ordentliche Führung des Haushalts und alle anderen notwendigen Aufgaben aus ihrem Tätigkeitsplan herausfielen. Darüber hinaus entwickelten sie einen aufrichtigen Hass gegen ihre natürlichen Tätigkeiten. Hier begann sich die westliche Familienordnung, die als Grundstein der Zivilisation bezeichnet wird, auf hässliche Weise auszubreiten. Das häusliche Leben, von dessen Glück und Frieden die Entfaltung der menschlichen Leistungsfähigkeit abhängt, begann tatsächlich zu zerfallen. Die eheliche Beziehung, der gesunde Weg des gegenseitigen Umgangs von Frau und Mann in der zivilisatorischen Ordnung, wurde nun schwächer als ein Spinnennetz. Durch Geburtenkontrolle, Abtreibung und Kindstötung begann der Weg zur Vermehrung der Nachkommenschaft versperrt zu werden. Die irrige Vorstellung von sittlicher Gleichheit brachte zwischen Frauen und Männern eine Gleichheit in der Charakterlosigkeit hervor. Was selbst für Männer schamlos gewesen war, galt nun für Frauen nicht mehr als beschämend.
Zweitens machte die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Frau sie gegenüber dem Mann unbekümmert. Nach den früheren Sitten verdiente der Mann den Lebensunterhalt, während die Frau den Haushalt führte. Nun änderte sich dies. Es wurde beschlossen, dass künftig sowohl Frauen als auch Männer verdienen und die Verantwortung für die Haushaltsordnung einer außenstehenden dritten Person übertragen werden sollten. Nun blieb zwischen Frau und Mann, abgesehen von der sexuellen Beziehung, keine Beziehung mehr bestehen, aufgrund deren sie gezwungen gewesen wären, miteinander verbunden zu bleiben. Müssen Frauen und Männer etwa zur Befriedigung des Geschlechtstriebs unbedingt in einem Band dauerhafter gegenseitiger Verbundenheit gefesselt bleiben und ein gemeinsames Leben in einem Haushalt führen – ist das notwendig? Wenn eine Frau ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen, alle ihre Bedürfnisse befriedigen kann und nicht auf die Sicherheit und Hilfe eines anderen angewiesen ist, warum sollte sie dann nur zum sexuellen Genuss die Abhängigkeit von einem Mann anerkennen? Warum sollte sie sich moralische und gesetzliche Einschränkungen auferlegen? Und warum sollte sie die große Verantwortung einer Familie tragen? Besonders wenn die Vorstellung von sittlicher Gleichheit ihr den Weg zum sexuellen Genuss frei gemacht hat: Warum sollte sie eine so einfache, schöne und geschmackvolle Möglichkeit zur Befriedigung ihrer Wünsche aufgeben und den alten, opfer- und verantwortungsvollen Weg einschlagen? Mit der Religion ist auch die Furcht vor der Sünde verschwunden. Da die Gesellschaft sie nicht mehr wegen Unzüchtigkeit tadeln würde, war auch die gesellschaftliche Furcht aus ihrem Inneren gewichen. Ihre einzige Furcht war das uneheliche Kind. Doch um sich davon zu befreien, gibt es auch Mittel zur Empfängnisverhütung. Sollte es dennoch zu einer Schwangerschaft kommen, gibt es keinen Grund, vor einer Abtreibung zurückzuschrecken. Sollte auch dies den Wunsch nicht erfüllen, kann das Neugeborene heimlich getötet werden. Wenn aber der Wunsch nach Mutterschaft der Unglückseligen – der bedauerlicherweise noch nicht verschwunden ist – sie unbedingt daran hindert, das Neugeborene zu töten, was schadet das dann? Denn gegenwärtig werden so viele Bewegungen zugunsten der „unverheirateten Mutter“ und des unehelichen Kindes ins Leben gerufen, dass jeder, der den Mut hätte, sie mit Verachtung anzusehen, als abergläubisch beschuldigt würde.
Dies hat die westliche Gesellschaftsordnung entwurzelt. Heutzutage führen in jedem Land Millionen junger Frauen, die sich zur lebenslangen Ehelosigkeit entschlossen haben, ein lustsüchtiges Leben. Wiederum gerät eine große Zahl von Frauen in die Falle einer plötzlichen Liebesbeziehung und geht eine Ehe ein. Doch abgesehen von der sexuellen Beziehung besteht zwischen Ehemann und Ehefrau keine andere notwendige Verbindung, die sie durch ein Band ewiger Gemeinschaft zusammenhalten könnte. Deshalb gibt es in den heutigen ehelichen Beziehungen keinen Raum für Beständigkeit und Festigkeit. Da weder der Ehemann auf die Ehefrau noch die Ehefrau auf den Ehemann Rücksicht nimmt, sind sie auch zu keinerlei Überlegung oder Verständigung hinsichtlich ihrer ehelichen Beziehung bereit. Die bloße sexuelle Zuneigung erkaltet sehr bald; infolgedessen führt eine geringfügige Meinungsverschiedenheit, ja meistens sogar bloße Gleichgültigkeit, zu ihrer Trennung. Aus eben diesem Grund enden die meisten Ehen in einer Scheidung oder einer gesetzlich anerkannten Trennung. Empfängnisverhütung, Abtreibung, die Tötung von Föten und Neugeborenen, die sinkende Geburtenrate und die zunehmende Zahl unehelicher Kinder sind größtenteils die letzten Folgen der oben genannten Ursachen. Auch die Ausbreitung von Laster, Schamlosigkeit und geschlechtlich bedingten Krankheiten ist auf eben diese Ursachen zurückzuführen.
Drittens hat der ungehinderte Umgang zwischen Frauen und Männern unter den Frauen das Verlangen nach Zurschaustellung ihrer Schönheit, nach Nacktheit und Unzüchtigkeit übermäßig gesteigert. Von Natur aus ist die sexuelle Anziehung zwischen Männern und Frauen stark ausgeprägt, und durch ihren ungehemmten Umgang miteinander wird diese sexuelle Anziehung noch übermäßig verstärkt. In einer solchen gemischten Gesellschaft entsteht bei Männern wie Frauen ganz natürlich das unbezähmbare Verlangen, sich für Angehörige des anderen Geschlechts anziehend zu kleiden. Da solche Handlungen infolge des Wandels der sittlichen Anschauungen nicht als tadelnswert gelten, sondern gerade deren öffentliche Zurschaustellung als eine lobenswerte Liebeserklärung angesehen wird, überschreitet der Prunk mit körperlicher Schönheit allmählich jede Grenze. Schließlich erreicht er das äußerste Maß der Nacktheit. Dies ist die gegenwärtige Lage der westlichen Zivilisation. Heutzutage ist das Verlangen der Frauen, für das andere Geschlecht magnetisch anziehend zu wirken, so stark, dass ihr Herz selbst durch glänzende, bezaubernde Kleidung und eine schmückende Gesichtskosmetik mit Lippenstift, Rouge und ähnlichen Schönheitsmitteln nicht zufrieden gestellt wird. Schließlich entkleiden sich die Unglückseligen vollständig. Vonseiten der Männer wird inzwischen eine noch größere Nacktheit gefordert. Denn die lodernde Flamme der Begierde wird durch nackte Schönheit nicht gelöscht, sondern flammt noch heftiger auf und verlangt nach noch größerer Nacktheit. Wie ein von der Wüsten-Simun ausgedörrter, durstiger Wanderer durch einen Schluck Wasser nur noch durstiger wird, so ist der sexuelle Durst dieser Unglückseligen zu einem maßlosen Verlangen geworden. Unersättlich in ihrem grenzenlosen sexuellen Durst liefern diese Gruppen von Lustsüchtigen ständig mit allen möglichen Mitteln das Material zur gegenseitigen sexuellen Befriedigung. Wozu dienen Nacktbilder, sexuell erregende Schriften, Liebesgeschichten, nackte Balltänze und von sexueller Leidenschaft erfüllte Filme? Alles dient dazu, jenes Feuer zu löschen – in Wahrheit dazu, es noch stärker zu entfachen –, als Beispiele dessen, was diese irrige Gesellschaft jedem an die Kehle geheftet hat und „Kunst“ nennt, um ihre eigene Schwäche zu verhüllen.
Nun geht die Lebenskraft der vom Verfall zerfressenen westlichen Völker ihrem Ende entgegen. Tatsächlich ist bis heute kein Volk, das vom Verfall zerfressen war, am Leben geblieben. All jene körperlichen und geistigen Kräfte, die Allah, der Erhabene, dem Menschen zur Erhaltung des Lebens und zu seinem Fortschritt verliehen hat, sind durch einen solchen Verfall zugrunde gegangen. In der Tat: Wie können diejenigen, die unter dem Druck sinnlicher Erregung von allen Seiten ein bedrängtes Leben führen, deren Gefühle und Empfindungen in jedem Augenblick neuen Anreizen und neuen Erregungen ausgesetzt werden, die von einer erregenden Umgebung ständig beeinflusst sind und deren Blutkörperchen durch nackte Bilder, obszöne Literatur, betörende Musik, sinnliche Tänze, liebes- und leidenschaftsvolle Filme, bezaubernde lebende Darstellungen sowie durch die alltäglichen Begegnungen mit dem anderen Geschlecht auf ihren Wegen fortwährend erhitzt und erregt werden, jene Sicherheit, jenen Frieden und jene heitere Gemütsruhe hervorbringen, die für schöpferische und aufbauende Arbeit unerlässlich sind? Wo gibt es inmitten einer solchen Erregung für ihre jungen Nachkommen jenes ruhige, kühle und erfrischende Feld, auf dem die Entfaltung ihrer geistigen und sittlichen Kräfte möglich wäre? Sobald sie Gesellschaft erlangen, verschlingt sie doch sogleich der Dämon ihrer tierischen Triebe. Welche Aussicht auf ihren Fortschritt bleibt ihnen, nachdem sie den Klauen eines solchen Dämons zum Opfer gefallen sind?
Schmerzhafte Verzweiflung im menschlichen Denken
Die Geschichte des Aufstiegs und Niedergangs von drei Jahrtausenden ist jeweils mit einem so gewaltigen Gebiet verbunden, das in der Vergangenheit der Nährboden zweier großer Zivilisationen war und dessen Siegesruf der Zivilisation noch heute in der Welt widerhallt. Eine solche Geschichte haben auch Ägypten, Babylon, Iran und andere Länder. Auch über den alten indischen Subkontinent ist seit Jahrhunderten der Fluch der Überschreitung des rechten Maßes und äußerster Erniedrigung herabgekommen. Einerseits wurde die Frau als Sklavin betrachtet; der Mann wurde ihr Ehemann, Gemahl und verehrtes Götzenbild, und sie musste in ihrer Kindheit dem Vater, in ihrer Jugend dem Ehemann und als Witwe dem Sohn unterworfen bleiben. Auf dem Scheiterhaufen ihres Ehemannes nahm sie den Tod auf sich. Man hielt sie von Herrschaft und Erbrecht fern. In Eheangelegenheiten wurde ein so grausames Gesetz gegen sie angewandt, dass sie gegen ihren Willen einem Mann übergeben wurde und sich bis zum letzten Augenblick ihres Lebens nicht aus den Fesseln seiner Herrschaft und Unterwerfung befreien konnte. Wie bei den Juden und Griechen wurde sie als Verkörperung der Sünde sowie des sittlichen und geistigen Verfalls angesehen. Man weigerte sich, ihre ewige Persönlichkeit anzuerkennen.
Andererseits wurde sie, wenn man ihr Mitleid erwies, zum Spielzeug tierischer Triebe gemacht. Sie wurde derart eng zur körperlichen Gefährtin des Mannes, dass sie schließlich gemeinsam mit ihrem Volk zugrunde ging. Woran erinnern denn all dies – der Lingam- und Yoni-Kult, die nackten Paarfiguren in den Tempeln, die religiösen Prostituierten, Holis Liebesspiel und das halbnackte Baden in Flüssen und Bächen? Nach der linksgerichteten Bewegung des alten Indien blieb Ausschweifung und Unzucht das letzte Ergebnis; sie breiteten sich nach dem fortschreitenden Aufstieg der Zivilisation Irans, Babylons, Griechenlands und Roms ebenso wie Indiens gleich einer ansteckenden Krankheit aus und stürzten das hinduistische Volk für mehrere Jahrhunderte in den abgrundtiefen Schlund von Schande und Niedergang.
Wer diesen geschichtlichen Verlauf mit tiefer Einsicht betrachtet, erkennt, wie schwierig es sich für den Menschen erwiesen hat, hinsichtlich der Frau Kenntnis von Gleichheit und Gerechtigkeit zu erlangen, sie zu verstehen und unbeirrt an ihnen festzuhalten. Gleichheit und Gerechtigkeit können bedeuten, der Frau einerseits so viel Gelegenheit zu geben, ihre Persönlichkeit und ihre Fähigkeiten zu zeigen, dass sie mit hoher Tüchtigkeit am Aufstieg der menschlichen Zivilisation teilnehmen kann. Andererseits muss jedoch so wachsam darauf geachtet werden, dass sie nicht zur Ursache sittlichen Verfalls und der Zerstörung der Menschlichkeit wird. Darüber hinaus muss für ihre Unterstützung und Mitwirkung an den Tätigkeiten des Mannes ein Weg bestimmt werden, auf dem das gemeinsame Wirken beider der Zivilisation zum Wohl gereicht. Seit Hunderttausenden von Jahren zählt die Welt die Tage in Erwartung dieser Gleichheit und Gerechtigkeit, doch bis heute ist sie nicht verwirklicht worden. Bisweilen gelangt sie an ein äußerstes Ende und hält einen Teil der Menschheit untätig. Bisweilen gelangt sie an das andere äußerste Ende, vereint beide Teile der Menschheit miteinander und stürzt sie in den abgrundtiefen Schlund des Untergangs.
Dennoch sind Gleichheit und Gerechtigkeit nicht abwesend; sie bestehen. Doch infolge der Entwicklung des Menschen über Hunderttausende von Jahren hinweg zwischen der Überschreitung des rechten Maßes und äußerster Leere ist seine Urteilskraft derart verwirrt worden, dass er selbst beim Anblick mit eigenen Augen nicht erkennt, dass dies eben das ist, was er seit jeher ersehnt und über Zeitalter hinweg gesucht hat. Beim Anblick dieses seit jeher Ersehnten rümpft er aus Verblendung die Nase und verspottet es. Wer es in sich erkennen lässt, den versucht man lächerlich zu machen. Das gleicht einem Kind, das im Schoß eines Kohlebergwerks geboren und dort aufgezogen und groß geworden ist. Dass ihm die kohlegefüllte Luft und der in Dunkelheit gehüllte Ort als natürlich erscheinen, daran besteht kein Zweifel. Wenn man es anschließend aus dem Inneren des dunklen Kohlebergwerks an die Erdoberfläche bringt, wird es beim Anblick jedes Gegenstands in den sonnenhellen, reinen Weiten der natürlichen Welt zunächst gewiss die Nase rümpfen. In Wirklichkeit ist es doch ein Mensch. Wie viel Zeit wird es brauchen, den Unterschied zwischen dem Dach aus Kohle und dem sternenbesetzten Himmel zu erkennen? Wie viele Tage wird es damit verbringen, den Unterschied zwischen verschmutzter und reiner Luft zu erkennen?
Der Muslim im neuen Zeitalter
Nur der Muslim war fähig, der Welt, die im Labyrinth zweier entgegengesetzter äußerster Irrwege verwirrt war, den richtigen Weg zu weisen. Denn nur er besaß die richtige Lösung für sämtliche komplizierten Probleme des gesellschaftlichen Lebens. Doch es ist eine erstaunliche und schmerzhafte Ironie im Schicksal der Welt, dass gerade der Unglückselige, der in dieser stockfinsteren Nacht die Fackel des Lichts in der Hand hielt, selbst nachtblind geworden ist. Weit davon entfernt, anderen den Weg zu weisen, verirrte er sich vielmehr selbst wie ein Blinder und folgte einem Verirrten nach dem anderen.
Die Gesamtheit jener schariatischen Anweisungen, deren zusammengefasste Form durch das Wort Parda bezeichnet wird, gehört in Wirklichkeit zu den besonders wichtigen Bestandteilen der islamischen Gesellschaftsordnung. Wenn man diese Anweisungen nach dem Maßstab dieser Gesellschaftsordnung an der ihnen gebührenden Stelle einordnet, kann kein Mensch mit natürlicher Einsicht umhin, anzuerkennen, dass es in der Gesellschaftsordnung außer ihnen keine andere Möglichkeit für Mäßigung und einen mittleren Weg geben kann. Wenn diese Vorschriften wirklich im praktischen Leben verwirklicht werden könnten, würde die von Leid und Schmerz geplagte Welt sich ohne Widerstand rasch dieser Quelle des Friedens zuwenden und dadurch zweifellos ein wirksames Heilmittel gegen ihre sozialen Krankheiten erlangen. Doch von wem soll diese Aufgabe erfüllt werden? Derjenige, der die Fähigkeit besaß, sie zu erfüllen, leidet selbst schon seit langer Zeit an einer Krankheit. Daher ist es notwendig, vor dem weiteren Vorgehen auch seine Krankheit ein wenig zu untersuchen.
Historischer Hintergrund
Gegen Ende des achtzehnten und zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts versenkte die Flut der Eroberungen westlicher Nationen muslimische Länder mit gewaltiger Sturmgewalt. Zu dieser Zeit befanden sich die Muslime in einem halb schlafenden und halb wachen Zustand, und ehe sie es merkten, hatte diese Sturmflut, im Osten beginnend, die gesamte muslimische Welt des Westens verschlungen. Noch bevor die zweite Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erreicht war, waren die meisten muslimischen Staaten zu Sklaven Europas geworden, während die übrigen Länder, auch wenn sie nicht versklavt wurden, besiegt und beeinflusst waren. Nachdem diese alles zerstörende Revolution ihre volle Gestalt angenommen hatte, begannen sich die Augen der Muslime zu öffnen. Der nationale Stolz, den die aufstrebenden Muslime durch ihre Welteroberungen und die Ausdehnung ihrer Herrschaft erworben hatten, wurde unerwartet zu Staub. Danach begannen sie, unter den wiederholten Schlägen des mächtigen Feindes, wie ein ernüchterter Trinker, die Ursachen ihrer eigenen Niederlage und des Sieges der Europäer zu erforschen. Doch ihr Verstand war noch nicht wieder zur Besinnung gekommen. Die Trunkenheit war zwar gewichen, aber ihr seelisches Gleichgewicht war noch immer gestört. Einerseits drängte sie das heftige Gefühl von Erniedrigung und Schande dazu, ihren derart niedrigen Zustand zu verändern; andererseits suchte ihre seit vielen Jahrhunderten von Bequemlichkeit und Arbeitsunlust geprägte Lebensweise nach dem einfachsten und nächstliegenden Weg, die Lage zu verändern. Außerdem waren sie unfähig geworden, ihre erschöpften Kräfte des Wissens, der Vernunft sowie des Denkens und Überlegens praktisch einzusetzen. Darüber hinaus hatte sich auch jene Bestürzung und angstvolle Verwirrung, die in einem besiegten und versklavten Volk unerwartet entsteht, unter ihnen verbreitet. Durch das Zusammenwirken all dieser verschiedenen Ursachen verfielen die reformfreudigen Muslime allerlei eingebildeten und praktischen Sünden. Die meisten von ihnen vermochten weder die eigentlichen Ursachen ihrer eigenen Erniedrigung und Verderbtheit noch die Gründe für Europas Fortschritt zu erkennen. Und diejenigen, die sie erkannten, besaßen nicht den geringsten Mut, die nötige Ausdauer und den kämpferischen Geist, um den beschwerlichen Weg des Fortschritts zu durchschreiten. In beiden Gruppen waren Schwäche und angstvolle Verwirrung gleichermaßen vorhanden. In dieser verwirrten geistigen Verfassung bestand ihr einfacherer Weg zum Fortschritt darin, die äußeren Erscheinungen der westlichen Zivilisation in ihrem eigenen Leben widerzuspiegeln und selbst zu einem solchen Spiegel zu werden, in dessen Innerem sich das liebliche Bild prächtiger Gärten und des Frühlingsglanzes widerspiegelte, während es in Wirklichkeit weder den Garten noch irgendeine seiner schönen Erscheinungen gab.
Geistige Sklaverei
Auf diesem Höhepunkt der Krankheit begann man westliche Kleidung, Gesellschaftsordnung, Literatur und Kunst, Sitten und Gebräuche, Umgangsformen und Lebensweise nachzuahmen. Selbst in der Ausdrucksweise trat die Nachahmung des Westens deutlich hervor. Man bemühte sich, die muslimische Gesellschaft nach westlichen Vorbildern zu formen und zu gestalten. Auflehnung gegen Gott, Atheismus und Materialismus wurden blindlings als „Mode“ übernommen. Blinder Glaube an die aus dem Westen eingeführten, offenkundigen oder verborgenen Denkrichtungen und Lehren sowie deren Darstellung als Gesprächsthema bei Zusammenkünften galten als Zeichen einer klaren Denkweise. Auch Alkohol, Glücksspiel, Lotterien, Pferderennen, Theater, Tanz und Gesang sowie andere Erzeugnisse der westlichen Kultur wurden übernommen. Alle Auffassungen und Handlungsweisen in Bezug auf Sittsamkeit, Moral, gesellschaftlichen Umgang, Broterwerb, Politik, Gesetze und Rechtsvorschriften, ja sogar religiöse Überzeugungen und Bräuche, wurden ohne jeden Widerspruch und ohne Nachdenken oder Untersuchung gleichsam wie eine vom Himmel herabgesandte Offenbarung nach dem Grundsatz „Wir hören und gehorchen“ angenommen. So wie die Islamfeinde der Vergangenheit gegenüber historischen Ereignissen, den Anweisungen der islamischen Scharia und den Überlieferungen des Korans und der Hadithe Abscheu empfunden und dagegen protestiert hatten, begannen auch die Muslime dieser Zeit sich ihrer zu schämen und sich darum zu bemühen, dieses Schandmal zu tilgen.
Die weißen Herren des Westens übten scharfe Kritik am islamischen Dschihad. Und diese Muslime verneigten sich tief vor den Füßen ihrer Herren und sagten: „Herr! Wo sind wir und wo ist der Dschihad!“ Sie kritisierten die Sklaverei. Darauf sagten diese: „Das ist doch im Islam völlig verboten.“ Als sie die Polygamie kritisierten, schafften diese unverzüglich einen Koranvers oder eine Anweisung ab. Sie sagten: „Zwischen Frauen und Männern muss vollständige Gleichheit hergestellt werden.“ Und diese sagten: „Das ist doch der Kern unserer Religion.“ Als sie Ehe und Scheidung kritisierten, machten diese sich sofort daran, sie zu reformieren. Sie sagten: „Der Islam ist doch ein Feind der Künste.“ Darauf erwiderten diese: „Herr! Der Islam hat doch seit jeher Tanz und Gesang, Malerei und Bildhauerei gefördert.“
Einleitung zum Thema Parda
Dies ist die tadelnswerteste und beschämendste Epoche in der nationalen Geschichte der Muslime, denn gerade in dieser Zeit begann die Auseinandersetzung über die Purdah. Wäre der Gegenstand der Debatte die Frage gewesen, welche Grenzen der Islam der Freiheit der Frau gesetzt hat, so wäre die Antwort keineswegs schwierig gewesen. Denn die einzige erkennbare Meinungsverschiedenheit in dieser Angelegenheit besteht darin, ob die Frau ihr Gesicht und ihre Hände unbedeckt lassen darf; dies ist keine bedeutende Meinungsverschiedenheit. Doch in Wahrheit verhält sich die Sache hier anders. Diese Frage ist unter den Muslimen deshalb aufgekommen, weil Europa die „Harem“-Purdah und die äußere Bedeckung der Frauen mit Abscheu betrachtet hat. Die Europäer haben in ihrer Literatur ein abstoßendes und spöttisches Bild davon gezeichnet und der „Absonderung“ der Frauen (Purdah) in der Liste der Mängel des Islam einen besonderen Platz eingeräumt. Als Europa die Purdah als verabscheuungswürdig verworfen hatte, wie konnte es da für die Muslime, die eben dessen geistige Sklaven und Knechte waren, möglich sein, sich ihretwegen nicht ganz selbstverständlich zu schämen? Was sie in Bezug auf den Dschihad, die Sklaverei, die Polygamie und ähnliche andere Angelegenheiten getan hatten, taten sie auch in dieser Frage. Sie begannen, die Seiten des Korans, der Hadithe und der tiefgründig erforschten Werke der Imame und Fiqh-Gelehrten durchzublättern. Ihr Ziel war, darin irgendein Mittel zu finden, mit dem sich dieser hässliche Makel und Schandfleck beseitigen ließ. Man stellte fest, dass einige Imame erlaubt hatten, Hände und Gesicht unbedeckt zu lassen. Man erfuhr auch, dass die Frau für notwendige Angelegenheiten das Haus verlassen durfte. Darüber hinaus stellte man fest, dass die Frau auf dem Schlachtfeld den Soldaten Wasser reichen und die Verwundeten versorgen durfte. Sie durfte zum Gebet in die Moschee und zum Lernen und Lehren an andere Orte gehen. Das genügte ihnen vollständig. Daraufhin verkündeten sie: „Der Islam hat der Frau vollständige Freiheit gewährt. Die Purdah ist lediglich ein alter Brauch aus dem finsteren, barbarischen Zeitalter. Lange nach der Frühzeit des Islam (dem Kalifat der rechtgeleiteten Kalifen) wurde sie von engstirnigen und abergläubischen Muslimen eingeführt. Im Koran und in den Hadithen gibt es keine Anweisung zur Purdah. Darin wird lediglich eine sittliche Lehre über Schamhaftigkeit und Ehrgefühl vermittelt. Es ist kein Grundsatz festgelegt worden, durch den die Bewegungsfreiheit der Frauen eingeschränkt werden könnte.“
Die grundlegende Frage
Es ist eine natürliche Schwäche des Menschen, dass er sich im praktischen Leben, wenn er einen Weg einschlägt, bei dessen Wahl gewöhnlich nicht von einem ruhigen und besonnenen Verstand sowie von Vernunft und Urteilsvermögen leiten lässt, sondern von einer Gefühlsregung bestimmen lässt. Danach nimmt er die Hilfe von Argumenten und Beweisen in Anspruch, um die aus dieser Gefühlsregung hervorgegangene Entscheidung als fehlerlos zu erweisen. Auch in der Frage der Purdah ist genau diese Situation entstanden. Für die Debatte, die sich diesbezüglich entwickelte, bestand weder eine vernünftige noch eine schariatrechtliche Notwendigkeit. Sie entstand allein aufgrund der Sympathie, der Gefühle und der emotionalen Erregung, die dadurch hervorgerufen worden waren, dass man von der äußerlich glänzenden Kultur der siegreichen Nation beeinflusst und durch deren heftige Propaganda gegen die islamische Zivilisation verstört worden war.
Als unsere reformfreudige gebildete Gesellschaft mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen die Schönheit, den Luxus und die prächtige Kleidung der europäischen Frauen, ihre überall freie und ungezügelte Bewegungsfreiheit sowie ihre Tätigkeit in der eigenen Gesellschaft wahrnahm, entstand in ihr zwangsläufig der Wunsch, dass auch ihre eigenen Frauen auf diese Weise leben und ihre Zivilisation der europäischen Kultur ebenbürtig werden möge. Als die neuen Vorstellungen von Frauenfreiheit, weiblicher Bildung und Gleichheit zwischen Frauen und Männern in der glänzenden Druckschrift einer kraftvollen, maßgeblichen Sprache wie ein unaufhörlicher Regen auf sie niederströmten, fühlten sie sich davon angezogen. Unter dem starken Einfluss dieser Literatur war ihre Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse geschwunden. In ihrem Denken hatte sich die Vorstellung festgesetzt, dass man, um wahrhaft fortschrittlich zu werden und sich vom Makel des Althergebrachten und Überlebten zu befreien, blind an all diese Ideen und Sichtweisen glauben, sie durch Schreiben und Reden verbreiten und sie mutig im praktischen Leben verwirklichen müsse. Wenn diese selbstbetrogenen Unglücklichen Frauen sahen, die mit Schleiern und weißen Gewändern bedeckt waren und wie bewegliche Zelte oder in ein Leichentuch gehüllte Totenbahren gekleidet erschienen, wurden sie von Scham getroffen und sanken zu Boden. Wie lange konnte man dies noch ertragen? Schließlich waren sie, ob gezwungen oder wie verzaubert, bereit, diesen Makel der Schande zu beseitigen.
Die Bewegung für die Freiheit der Frauen, die gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts unter den Muslimen aufkam, wurzelte in den zuvor genannten Gefühlen, Empfindungen und emotionalen Regungen. Diese Gefühle und Empfindungen waren bei manchen zudem hinter einer feinen inneren Einsicht verborgen. Sie selbst waren sich nicht bewusst, wohin diese Bewegung sie führte. Sie waren selbstbetrogen. Andere wiederum waren sich dieser Gefühle und Empfindungen durchaus bewusst. Doch sie scheuten sich, ihre wirkliche Gefühlsregung vor anderen zu offenbaren. Obwohl diese Menschen nicht selbstbetrogen waren, versuchten sie, die Außenwelt durch die Erzeugung eines Nebels der Verwirrung zu täuschen. Wie dem auch sei, beide Gruppen zielten mit ihren Pfeilen auf dasselbe Ziel: Sie verbargen den ursprünglichen Antrieb ihrer Bewegung und bemühten sich, anstelle einer von Gefühlen geleiteten eine vernünftige Bewegung zu führen. Die Gesundheit der Frauen, ihre Förderung im Erwerb von Wissen und in praktischen Bereichen, die Bewahrung ihrer natürlichen und angeborenen Rechte, vollständige Freiheit zum Erwerb des Lebensunterhalts, die Befreiung von der Unterdrückung und Willkür der Männer, die Abhängigkeit des zivilisatorischen Fortschritts von ihrer Entwicklung als der Hälfte der Nation sowie andere unmittelbar aus Europa importierte Methoden und Kunstgriffe wurden bei der Führung dieser Bewegung so eingesetzt, dass die muslimische Bevölkerung getäuscht wurde. Bei der Führung dieser Bewegung wurde außerdem eine solche Strategie verfolgt, dass das tiefere Geheimnis ihres Hauptziels – die muslimischen Frauen dazu zu bewegen, das Verhalten europäischer Frauen und die europäische Gesellschaftsordnung zu übernehmen – der muslimischen Bevölkerung nicht enthüllt werden sollte.
Die gewaltige Täuschung
Die folgenschwerste Täuschung in dieser Angelegenheit bestand darin, dass man unter Heranziehung von Argumenten aus Koran und Hadith bemüht war, diese Bewegung als mit dem Islam vereinbar zu erweisen. Dabei besteht zwischen den Zielen der islamischen und der westlichen Zivilisation sowie den grundlegenden Prinzipien ihrer Gesellschaftsordnungen ein Unterschied wie zwischen Himmel und Erde. Das der islamischen Zivilisation innewohnende Ziel besteht darin, die sexuelle Kraft des Menschen (Sex Energy) durch moralisch geordnete Regeln so zu lenken, dass sie nicht unter der Herrschaft von Ausschweifung und sexueller Erregung erschöpft wird, sondern zum Aufbau einer reinen, heiligen und sittlichen Zivilisation eingesetzt wird. Demgegenüber besteht das Ziel der westlichen Zivilisation und Kultur darin, Frauen und Männer gleichermaßen in den Tätigkeiten des Lebens und in der Erfüllung ihrer Pflichten einzusetzen und dadurch den Strom des materiellen Fortschritts zu beschleunigen. Zugleich nutzt sie die sexuelle Erregung für Tätigkeiten, durch die die Bitterkeit des Lebenskampfes in süßen Genuss und Wohlbehagen verwandelt wird. Dieser Unterschied der Ziele verlangt zwangsläufig, dass auch in der Lebensweise ein grundlegender Unterschied zwischen dem Islam und der westlichen Kultur besteht. Der Islam fordert eine Gesellschaftsordnung, in der die Tätigkeitsbereiche von Frauen und Männern getrennt sind. Die freie Vermischung beider ist verboten worden, und alle Mittel und Wege, die dieser Ordnung und Kontrolle entgegenstehen, sind an der Wurzel beseitigt worden. Demgegenüber besteht das Ziel und die Forderung der westlichen Kultur darin, beide Geschlechter in dasselbe Lebensfeld hineinzuziehen und alle Hindernisse und Schranken auf dem Weg ihrer ungezügelten, zügellosen gegenseitigen Vermischung und gemeinsamen Tätigkeit zu beseitigen. Darüber hinaus werden ihnen grenzenlose Möglichkeiten geboten, einander ihre Schönheit zu zeigen und gegenseitigen sexuellen Genuss zu erlangen.
Nun kann jeder gewissenhafte Mensch ermessen, in welchem Maß diejenigen sich selbst und andere täuschen, die einerseits der westlichen Kultur folgen wollen und andererseits die Regeln und Grundsätze der islamischen Gesellschaftsordnung als Beweis für ihre eigene Position anführen. In der islamischen Gesellschaftsordnung ist die äußerste Grenze der Freiheit der Frau so festgelegt, dass sie ihre Hände und ihr Gesicht unbedeckt lassen und, wenn es notwendig ist, auch das Haus verlassen darf. Doch diese Menschen, die Anhänger des Westens, haben gerade die von Islam festgelegte äußerste Grenze als ersten Schritt auf ihrem Weg angenommen. Dort, wo der Weg des Islam endet, beginnen sie und gelangen schließlich an einen Punkt, an dem sie Scham, Ehrbarkeit und Sittsamkeit ablegen. Nicht nur Hände und Gesicht, sondern auch der nackte, von üppigem Haar umrahmte Kopf, die Schultern mit kurzen Ärmeln, die Zöpfe und die halb entblößte, hervortretende Brust werden den Blicken des Betrachters dargeboten. Was von der anmutigen Schönheit des Körpers noch übrig bleibt, wird mit einem so feinen Stoff bedeckt, dass daraus solche Körperteile sichtbar werden, durch die der sexuelle Durst des Mannes gestillt werden kann. Danach werden Ehefrauen, Töchter und Schwestern in einer solchen Kleidung und Aufmachung nicht vor Männern, die ihnen als Mahram gelten (Männern, die nach islamischem Recht nicht geheiratet werden dürfen), sondern vor Freunden vorgeführt; außerdem wird ihnen die Freiheit gewährt, mit fremden Männern auf eine Weise zu scherzen, zu sprechen und zu spielen, wie sie keine muslimische Frau nicht einmal mit ihrem Halbbruder väterlicher- oder mütterlicherseits haben kann. Die Freiheit, das Haus nur zur Erledigung notwendiger Angelegenheiten in vollständiger, der Scharia entsprechender Bedeckung zu verlassen, wird dazu genutzt, in anziehenden Saris, halb entblößten Blusen und mit ungezügelten Blicken auf öffentlichen Straßen umherzugehen, Vergnügungsparks zu besuchen, sich in Clubs und Hotels zu unterhalten und Filme anzusehen. Die Freiheit zu anderen Tätigkeiten, die der Islam der Frau unter besonderen Bedingungen neben den häuslichen Arbeiten gewährt hat, wird als Begründung dafür angeführt, dass auch die muslimische Frau wie die europäische Frau ihr häusliches Leben und ihre familiären Pflichten aufgeben, sich aus politischen und wirtschaftlichen Gründen überall herumtreiben und am Arbeitsplatz Schulter an Schulter mit Männern hart arbeiten solle.
Die Lage auf dem indischen Subkontinent ist ungefähr an diesem Punkt angelangt. Die geistig versklavten Menschen in Ägypten, der Türkei und Iran, die politische Unabhängigkeit erlangt haben, sind zehn Schritte weiter gegangen. Die muslimischen Frauen dieser Länder tragen Kleidung nach dem Vorbild europäischer Frauen. Dadurch wollen sie den Unterschied zwischen Original und Nachahmung beseitigen. Die Türkei ist in dieser Hinsicht so weit gegangen, dass türkische Frauen auf Fotografien am Meeresstrand in Badekleidung zu sehen sind. Bei Frauen in einer solchen Kleidung bleibt drei Viertel des Körpers unbedeckt. Der übrige Teil des Körpers ist so mit dünnem Stoff bedeckt, dass die hervorstehenden und weniger entwickelten Körperteile sich auf dem dazugehörigen Stoff deutlich abzeichnen und hervortreten.
Findet sich etwa irgendwo im Koran und im Hadith ein Anhaltspunkt zur Befürwortung einer solchen Lebensweise? Wenn jemand diesen Weg einschlagen will, sollte er ausdrücklich erklären, dass er ein offener Gegner des Islam und des islamischen Rechts ist. Die Gesellschaftsordnung und Lebensweise, deren grundlegende Prinzipien, Ziele und Handlungsweisen der Koran in jeder Hinsicht für verboten erklärt hat, wird nicht nur offen und bewusst übernommen; vielmehr wird der erste Schritt auf diesem Weg im Namen des Korans getan. Das Ziel besteht darin, die Welt irrezuführen und zu täuschen und dann im Namen des Korans auf eben diesem Weg weiterzugehen. Welch große Heuchelei, Niedertracht und Hinterlist!
Unser gegenwärtiger Untersuchungsgegenstand
Der Zustand der Muslime des neuen Zeitalters wurde oben beschrieben. Nun liegen zwei Gesichtspunkte der Erörterung vor uns. In diesem Buch müssen wir unsere Aufmerksamkeit der Behandlung beider Gesichtspunkte widmen.
Erstens muss der gesamten Menschheit, Muslimen wie Nichtmuslimen, die islamische Gesellschaftsordnung erklärt werden, und es muss dargelegt werden, warum in dieser Ordnung die Vorschriften zur Verschleierung erlassen worden sind.
Zweitens müssen den Muslimen des neuen Zeitalters einerseits die Vorschriften von Koran und Hadith und andererseits die Auffassung der westlichen Kultur und Gesellschaft sowie deren Folgen vergleichend dargelegt werden, damit ihre doppelgleisige Handlungsweise ein Ende findet und sie einen der beiden Wege wählen können. Wenn sie als wirkliche Muslime leben wollen, müssen sie den islamischen Vorschriften vollständig gehorchen; andernfalls müssen sie, unter Aufgabe jeder Verbindung mit dem Islam, eben jene westliche Gesellschaftsordnung übernehmen, die sie zu einer schändlichen und furchtbaren Zukunft hinzieht.
Theoretische Erörterung
Die Gründe, aus denen die Schleierpraxis bekämpft wird, sind keineswegs bloß negativer Natur. Tatsächlich beruht diese Bekämpfung auf einer wohlbegründeten positiven Grundlage. Die Grundlage des Widerstands der gegnerischen Partei besteht nicht nur darin, dass die Menschen es für eine ungerechte Einschränkung halten, Frauen im Haus einzuschließen und sie das Haus nur in verhülltem Zustand verlassen zu lassen, und dass deshalb die Schleierpraxis abgeschafft werden müsse; vielmehr liegt der eigentliche Sachverhalt darin, dass ihnen ein eigenständiges Bild vom Leben der Frau vor Augen steht. In Bezug auf den Umgang zwischen Frauen und Männern vertreten sie eine feste, eigene Auffassung. Sie wollen, dass die Frau statt dessen etwas anderes tut. Sie wenden sich deshalb gegen den Schleier, weil die Frau, solange sie im Haus eingeschlossen und verschleiert lebt, jenes gewünschte Bild vom Leben nicht zum Ausdruck bringen kann. Oder auch jenes „Andere“ nicht tun kann.
Nun müssen wir prüfen, worin jenes „Andere“ besteht, das Frauen tun sollen. Welche Auffassung und welche Grundsätze liegen ihm zugrunde, inwieweit ist es gerecht und vernünftig, und welche Folgen hat es in der Praxis tatsächlich gehabt? Es ist offensichtlich: Wenn wir ihre Auffassung und ihre Grundsätze unmittelbar übernehmen, werden sich die Schleierpraxis und jene Gesellschaftsordnung, deren untrennbarer Bestandteil der Schleier ist, in Wahrheit als völlig irrig erweisen. Aber warum sollten wir ihre Auffassung ohne Prüfung und vernünftige Untersuchung annehmen? Sollen wir etwa etwas allein wegen seiner Neuartigkeit und seiner weiten Verbreitung in der Allgemeinheit ungeprüft als maßgeblich anerkennen?
Die Vorstellung von der Freiheit im achtzehnten Jahrhundert
Wie bereits gesagt wurde, sahen sich die Philosophen, Naturforscher und Schriftsteller, die im achtzehnten Jahrhundert Reformbemühungen in der Gesellschaft unternahmen, in Wirklichkeit einem kulturellen System gegenüber, in dem vielerlei Komplikationen herrschten und von Anmut nicht die geringste Spur zu finden war. Es war von unvernünftigen, herkömmlichen Bräuchen und Ritualen sowie von Widersprüchen erfüllt, die Wissen und menschlichem Wesen zuwiderliefen. Sein jahrhundertelanger fortschreitender Niedergang hatte ihm den Weg zur Entwicklung versperrt. Einerseits wallte in der bürgerlichen Mittelschicht eine geistige Wiedergeburt auf, die dazu anspornte, die Grenzen persönlicher Anstrengungen und Bemühungen zu überschreiten; andererseits waren die gesellschaftlichen Führer und religiösen Anführer damit beschäftigt, die Fesseln der überlieferten Sprichwörter und Legenden noch fester zu ziehen. Von der Kirche bis zum Militär und zu den Gerichten, vom Königspalast bis zur Landwirtschaft und zum wirtschaftlichen Austausch wirkte jeder Lebensbereich und jede Institution der Organisation auf eine Weise, dass einige untergegangene Klassen aufgrund ihrer früher erworbenen Rechte sämtliche Früchte der Arbeit und Fähigkeiten der mit dem Bürgertum verbundenen, neu erwachten Kräfte an sich rissen. Unter solchen Umständen begannen alle Arten von Reform- und Erneuerungsbemühungen angesichts des Eigennutzes und der Unwissenheit der herrschenden Partei zu scheitern. Aus all diesen Gründen erwachte unter den Reformern und Veränderern Tag für Tag ein blinder Antrieb zur Revolution. Schließlich entbrannte ein Flächenbrand des Aufstands gegen die gesamte damalige Gesellschaftsordnung und gegen jeden ihrer Bereiche und Bestandteile. Danach fand eine extreme Lehre von der persönlichen Freiheit allgemeine Anerkennung, deren Ziel es war, dem Einzelnen gegenüber der Gesellschaft vollkommene Freiheit und uneingeschränkte Befreiung zu gewähren. Es wurde eine Lehre verbreitet, wonach man dem Einzelnen ebenso das Recht gewähren müsse, in vollkommener Freiheit nach seinem eigenen Willen die von ihm gewünschten Handlungen auszuführen, wie ihm auch die Freiheit zustehen müsse, sich von den Handlungen fernzuhalten, die er nicht wünsche. Die Gesellschaft sollte keinerlei Recht haben, irgendjemandes persönliche Freiheit zu rauben. Die einzige Pflicht der Regierung sollte darin bestehen, die Handlungsfreiheit der Einzelnen unangetastet zu lassen. Die öffentlichen Institutionen sollten den Einzelnen lediglich auf dem Weg zur Verwirklichung seiner Ziele unterstützen.
In der übersteigerten extremen Lehre von der Freiheit, die aus dem natürlichen Protest und Zorn gegen die grausame Gesellschaftsordnung hervorgegangen war, lag der Keim eines noch größeren Unheils und einer noch größeren Zerstörung. Auch diejenigen, die diese Lehre zuerst vorgetragen hatten, waren sich ihrer unvermeidlichen Folgen keineswegs vollständig bewusst. Wenn die Folgen einer solchen zügellosen Freiheit und Willkür bereits zu ihren Lebzeiten sichtbar geworden wären, wären vermutlich auch sie erschrocken. Sie hatten eine solche Lehre lediglich als Waffe zur Ausrottung all der unangemessenen Übertreibungen und unvernünftigen Fesseln einführen wollen, die es zu ihrer Zeit in der Gesellschaft gab. Doch schließlich verwurzelte sie sich im Denken und Bewusstsein der Bewohner des Westens und begann sich weiterzuentwickeln.
{Aus dieser Vorstellung von der persönlichen Freiheit sind die gegenwärtige demokratische Gesellschaftsordnung, das demokratische Kultursystem und die moralische Zügellosigkeit (Licentiousness) hervorgegangen. Die Flut von Unmoral und Unterdrückung, die diese Lehre während beinahe anderthalb Jahrhunderten über Europa und Amerika ergossen hat, zwang die Menschheit, sich gegen sie aufzulehnen. Denn diese Gesellschaftsordnung gewährte der Willkür ein uneingeschränktes Recht gegenüber den Interessen des Volkes, trat dadurch das öffentliche Interesse mit Füßen und zerstörte die Gesellschaft. Allmählich traten aus diesem Aufstand der Sozialismus und der Faschismus hervor. Doch bereits im Ursprung der neu entstandenen Ismen blieb der Keim eines Unrechts und Unheils verborgen. In Wirklichkeit wurde zur Lösung einer extremen Lehre eine andere extreme Lehre aufgestellt. Der Fehler der Bewegung für persönliche Freiheit im achtzehnten Jahrhundert besteht darin, dass sie um des Einzelnen willen die Gemeinschaft geopfert hat.}
Dagegen besteht der Fehler der gegenwärtigen demokratischen Lehre des zwanzigsten Jahrhunderts darin, dass sie den Einzelnen am Opferpfahl der Gemeinschaft geopfert hat. Zum Wohl der Menschheit besteht auch heute, ebenso wie im achtzehnten Jahrhundert, eine ausgewogene Lehre.
Der Wandel des neunzehnten Jahrhunderts
Die Französische Revolution war im Schoße dieser Freiheit herangewachsen. Durch diese Revolution wurden viele frühere moralische Anschauungen sowie zivilisatorische und religiöse Bräuche abgeschafft. Als sich infolge dieser Abschaffungen Fortschritt zeigte, begannen die revolutionär gesinnten Menschen zu behaupten, die seit undenklichen Zeiten bestehenden, überholten Verhaltensregeln seien zu einem Hindernis auf dem Weg des Fortschritts geworden. Ohne ihre Änderung sei kein Voranschreiten möglich. Nachdem die irrigen Grundprinzipien der christlichen Moral abgeschafft worden waren, richteten sie die Waffen ihrer Kritik mit großer Geschwindigkeit gegen die grundlegenden Anschauungen der menschlichen Moral. Wozu noch Anstand und Keuschheit? Warum wurde der Jugend überhaupt die Last der Gottesfurcht auferlegt? Wenn jemand ohne Ehe in Liebe mit jemandem verbunden ist, worin liegt dann überhaupt ein Vergehen? Wird der Mensch nach der Eheschließung etwa so herzlos, dass man ihn dann des Rechts berauben darf, einem anderen seine Liebe zu schenken? Fragen dieser Art erfüllten die gesamte neue revolutionäre Gesellschaft; besonders durch die Schriften der Romanciers wurden diese Fragen mit lauter Stimme gestellt. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war (George Sand) die Anführerin dieser Gruppe. Die Frau selbst zerschmetterte jene moralischen Grundsätze, auf denen die menschliche Zivilisation, insbesondere die Keuschheit und der Anstand der Frau, beruhen. Obwohl sie mit einem Mann verheiratet war, verletzte sie das Eheband und ging eine unerlaubte Beziehung mit einem anderen ein. Schließlich wurde die Verbindung zu ihrem Ehemann gelöst. Danach begann der Wechsel ihrer Liebhaber, und es war ihr nicht möglich, länger als zwei Jahre mit irgendjemandem zusammenzuleben. Aus ihrer Biografie erfährt man von sechs Männern, mit denen sie offen Liebesbeziehungen unterhielt. Einer ihrer Liebhaber äußerte sich zu ihrem Lob folgendermaßen:
– Zuerst fängt George Sand einen Schmetterling und sperrt ihn in einen Blumenkäfig ein – das ist die Zeit, in der sie ihm ihre Liebe bekundet. Dann sticht sie ihn mit der Nadelspitze ihres Rüssels, woraufhin er zu flattern beginnt, und daran findet sie höchste Freude. – Eines Tages lässt ihre Liebe zu ihm nach. – Danach reißt sie ihm die Flügel aus und reiht ihn in jene Klasse von Insekten ein, die sie als Hauptfiguren für ihre Romane ausgewählt hat.
Auch der französische Dichter „Alfred Musse“ war einer ihrer Liebhaber. Schließlich war er durch ihren Verrat so tief verletzt, dass er auf seinem Sterbebett verfügte, George Sand dürfe nicht an seiner Beerdigung teilnehmen. Das war der persönliche moralische Charakter dieser Frau. Dreißig Jahre lang beeinflusste sie durch ihre Literatur den Charakter der französischen Jugend. In ihrem selbst verfassten Roman Lelia (Lelia) schrieb sie aus Lelias Sicht an Steno:
– Nach allem, was ich von der Welt zu sehen Gelegenheit hatte, empfinde ich, wie irrig die Vorstellungen unserer jungen Männer und Frauen von der Liebe sind. Die Vorstellung, die Liebe dürfe nur einem einzigen Menschen gelten oder man müsse sein Herz gewinnen – und zwar für immer –, ist völlig falsch. Allen anderen Vorstellungen muss man zweifellos ebenfalls Raum im Herzen geben. Ich bin bereit anzuerkennen, dass einige Menschen das Recht haben, in ihrem Eheleben Treue zu beweisen. Die meisten Menschen jedoch empfinden ein anderes Bedürfnis und besitzen auch die Fähigkeit, es zu verwirklichen. Dazu ist erforderlich, dass Mann und Frau einander vollkommene Freiheit gewähren, gegenseitige Großzügigkeit zeigen und alles, was in der Liebe Eifersucht und Wettbewerb hervorruft, aus ihrem Inneren beseitigen; jede Liebe ist richtig, sei sie leidenschaftlich oder ruhig, sinnlich oder keusch, beständig oder wechselhaft, selbstzerstörerisch oder beglückend –
In einem anderen Roman mit dem Titel Jacus schilderte sie einen Ehemann, den sie der Gesellschaft als idealen Ehemann vorstellte. Die Ehefrau des Protagonisten Jacus umarmt heimlich einen fremden Mann, doch der aufgeschlossene Ehemann erhebt dagegen keinerlei Einwand. Als Begründung sagt der Ehemann:
Welches Recht habe ich, eine Blume niederzutreten, die ihren Duft auch einem anderen schenken möchte und nicht nur mir?
An anderer Stelle lässt die Schriftstellerin Jacus Folgendes sagen:
Ich habe meine Ansichten nicht geändert und auch keinen Kompromiss mit der Gesellschaft geschlossen. Meiner Ansicht nach ist die Ehe unter allen gesellschaftlichen Einrichtungen eine äußerst tierische Einrichtung. Ich glaube, wenn die Menschen danach streben, sich an Verstand und Erkenntnis zu vervollkommnen, werden sie diese Einrichtung gewiss abschaffen. An ihre Stelle werden sie dann eine heilige menschliche Einrichtung setzen. Dann werden die Kinder der Menschheit weiter fortgeschritten sein als diese Männer und Frauen und einander keinerlei Hindernis in der Freiheit des jeweils anderen bereiten. Gegenwärtig sind die Männer so selbstsüchtig und die Frauen so furchtsam, dass sie anstelle der gegenwärtig geltenden Sitten und Bräuche keine besseren und vornehmeren Sitten fordern. Ja, diejenigen, denen Gewissen und Tugend fehlen, müssen freilich in harten Fesseln gehalten werden.
All diese Lehrmeinungen und Vorstellungen wurden im Jahr 1833 n. Chr. und in der damaligen Zeit verbreitet. George Sand war nur bis zu diesem Punkt vorgedrungen. Sie wagte es nicht, ihre Lehrmeinungen und Vorstellungen bis zu deren unvermeidlichem Endergebnis zu führen. Dennoch waren in ihrem Geist und Verstand gewisse Spuren von Freigeistigkeit und Fortschrittlichkeit sowie von der Dunkelheit der alten herkömmlichen Moral vorhanden. Dreißig bis fünfunddreißig Jahre später trat in Frankreich eine zweite Schar von Dramatikern, Schriftstellern, Moralphilosophen und anderen auf. Alexander Dumas und Alfred Naquet waren einige ihrer führenden Köpfe. Ihre ganze Kraft setzten sie dafür ein, die Lehre zu verbreiten, dass der Mensch ein angeborenes Recht auf Freiheit und die Genüsse des Lebens habe. Der Gesellschaft besondere Unterdrückung des Einzelnen vorzuwerfen, wenn sie diesem Recht moralische Regeln und gesellschaftliche Bindungen auferlege. Zuvor war die Forderung nach Handlungsfreiheit des Einzelnen lediglich im Namen der Liebe erhoben worden. Ihren Nachfolgern erschien eine solche rein gefühlsmäßige Grundlage schwach. Daher versuchten sie, persönliche Überheblichkeit, Ausschweifung und zügellose Freiheit auf einem festen Fundament von Vernunft, Philosophie und Wissenschaft zu errichten. Ihr Ziel war, dass junge Männer und Frauen, was immer sie auch tun mochten, es mit vollständiger Befriedigung ihres Geistes und Gewissens tun könnten und dass die Gesellschaft über die zügellose Ausgelassenheit ihrer Jugend nicht erzürnt sein, sondern sie auch unter moralischen Gesichtspunkten als gerechtfertigt und angemessen betrachten sollte.
Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts setzten Schriftsteller wie Paul Adam, Henry Betaille, Pierrelouis und andere durch die Literatur ihre ganze Kraft dafür ein, jungen Männern und Frauen Mut zur Zügellosigkeit zu machen. Infolgedessen schwand nun auch jenes Gefühl des Zögerns und der Hemmung, das die Vorstellung von der alten Moral in der menschlichen Natur am Leben erhalten hatte. Tatsächlich tadelte Poul Adam in „La-Morale-De-La Amour“ junge Männer und Frauen wegen ihrer Torheit, dass sie beim Liebesspiel unnötigerweise versicherten, sie würden für ihre Geliebte ihr Leben hingeben, sie aufrichtig lieben, ihr für immer gehören und dergleichen. Paul Adam sagt:
All dies wird deshalb gesagt, weil das Verlangen nach körperlichem Verkehr – das von Natur aus in jedem Menschen vorhanden ist und an sich keine Sünde enthält – nach der alten Auffassung als verwerflich gilt. Deshalb versucht der Mensch, es unnötigerweise mit dem Schleier der Lüge zu verhüllen. Die verhängnisvolle Schwäche dieser Nation besteht darin, dass ihre Liebenden sich scheuen, offen zu sagen, dass der Zweck ihrer Begegnungen lediglich darin besteht, körperliches Verlangen zu befriedigen, Genuss und höchste Wonne zu erlangen.
Danach erteilte er den jungen Männern und Frauen folgenden Rat:
Seid freundliche und vernünftige Menschen. Macht nicht den Diener eurer eigenen Triebe und eures Vergnügens zu eurem Gott. (Niemand möge sich irren, was die Bedeutung dessen betrifft. Gemeint sind jene Männer und Frauen, die einander dazu benutzen können, ihre eigenen Triebe zu befriedigen.) Wer den Tempel der Liebe errichtet und dann zum Anbeter desselben Götzen wird, ist wahrhaft ein Dummkopf. Er sollte in jedem Augenblick des Vergnügens einen neuen Gast wählen.
Pierre Louis ging einige Schritte weiter als die anderen und verkündete freimütig, dass moralische Bindungen in Wirklichkeit die Entfaltung menschlicher Begabung und geistiger Kräfte behinderten. Solange man den Menschen nicht in völliger Freiheit die Möglichkeit gewähre, körperliche Lust zu genießen und alle diese Bindungen zu zerreißen, seien keinerlei Entfaltung des Verstandes oder materieller und geistiger Fortschritt möglich. In seinem Werk Afrodite versuchte er mit Nachdruck zu beweisen, dass Babylon, Alexandria, Athen, Rom, Venedig und andere Zentren von Kultur und Zivilisation gerade dann ihren höchsten Aufstieg erlebt hätten, als dort Charakterlosigkeit, Ausschweifung und die Knechtschaft der Triebe in vollem Umfang geherrscht hätten. Sobald dort jedoch moralische und gesetzliche Fesseln den menschlichen Begierden auferlegt worden seien, sei zugleich mit den Trieben und Begierden auch die menschliche Seele in eben diese Fesseln geraten.
Im damaligen Frankreich war Pierre Louis ein berühmter Schriftsteller und verfasste Aufsätze nach seiner eigenen Methode. Dieser Mann war außerdem Leiter einer angesehenen literarischen Institution. Unter seiner Leitung war eine Gruppe von Erzählern, Dramatikern, Moralphilosophen und anderen damit beschäftigt, seine Lehrmeinungen und Ansichten zu verbreiten. Mit seiner gesamten schriftstellerischen Kraft verbreitete er ausgiebig die Nacktheit und den ungehemmten Umgang zwischen Männern und Frauen. In seinem Werk Afrodite rühmt er begeistert eine bestimmte Epoche Griechenlands:
Wenn die nackte Menschheit das vollkommene Abbild einer unvorstellbaren Schönheit war, von der die Gläubigen versichert hatten, Gott habe sie nach seinem eigenen Bild erschaffen – wenn sie in Gestalt einer heiligen Dirne, mit allerlei Prunk und anmutigen Gebärden, vor zwanzigtausend Zuschauern ihren Körper zur Schau stellte, dann war die Liebeserklärung an sie mit vollkommener Sinneslust jene reine, heilige, himmlische Liebe, durch die wir alle erschaffen worden sind –
keine Sünde, nichts Schändliches oder Unreines wurde als solche betrachtet.
Kurz gesagt, er legte alle dichterischen Verschleierungen ab und erklärte ganz offen Folgendes:
Durch eine kraftvolle sittliche Erziehung müssen wir diese verwerfliche Vorstellung mit der Wurzel ausrotten, dass es für eine Frau unter keinen Umständen beschämend, ungerecht oder ehrlos sei, Mutter zu werden.
Der Fortschritt des zwanzigsten Jahrhunderts
Im neunzehnten Jahrhundert waren die Denkweisen und Auffassungen bis zu diesem Punkt gelangt. Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erschien am Firmament ein neuer Raubvogel, der versuchte, höher zu fliegen als seine Vorgänger. Im Jahr 1908 wurde ein Theaterstück von Peorr Wolff und Caston Leronx mit dem Titel Lelys veröffentlicht. In diesem Stück diskutieren zwei Mädchen vor ihrem jungen Bruder mit ihrem Vater darüber, dass sie das Recht hätten, nach ihrem eigenen Willen frei ihre Liebe zu bekunden. Sie sagen auch, wie qualvoll das Leben einer jungen Frau ohne Liebe sein könne! Ein alter Vater tadelt seine Tochter dafür, dass sie mit einem jungen Mann eine unerlaubte Liebesbeziehung eingegangen ist. Darauf erwidert die Tochter:
Wie soll ich es dir erklären? Niemand hat das Recht, irgendeinem Mädchen zu sagen, es solle unverheiratet alt werden, ohne zu lieben – ganz gleich, ob es seine Schwester oder seine Tochter ist. Das hast du überhaupt nicht verstanden.
Der Erste Weltkrieg hat diese Bewegung für die Freiheit nicht nur verstärkt, sondern sie bis zu einem äußersten Punkt geführt. Die Bewegung zur Empfängnisverhütung hatte auf Frankreich einen besonders starken Einfluss. Vierzig Jahre lang war die Geburtenrate Frankreichs unaufhörlich gesunken. Von seinen siebenundzwanzig Departements hatten nur zwanzig eine höhere Geburten- als Sterberate. In manchen Regionen des Landes war die Lage derart, dass auf hundert Geburten zwischen 130 und 160 Todesfälle kamen. Als der große Krieg begann, der über Leben und Tod der französischen Nation entscheiden sollte, erkannten die nachdenklichen Männer des Landes, dass sich im Schoß der Nation nur verschwindend wenige wehrfähige junge Männer befanden. Man konnte das nationale Leben vielleicht dadurch sichern, dass man diese geringe Zahl junger Männer opferte, doch wäre es schwierig gewesen, den nächsten Angriff des Feindes abzuwehren. Diese Erkenntnis weckte in ganz Frankreich einen starken Antrieb, die Geburtenrate zu erhöhen. Von allen Seiten begannen Schriftsteller, Journalisten, Redner, Gelehrte und Politiker mit vereinter Stimme zu verkünden: „Zeugt Kinder. Fürchtet nicht die herkömmlichen Bande der Ehe. Alle unverheirateten Frauen und Witwen, die bereit sind, zum Wohl des Vaterlandes ein Kind zu empfangen, werden nicht der Verachtung der Gesellschaft anheimfallen, sondern Anspruch auf Achtung haben.“
Zu dieser Zeit bot sich den Herren, die für die Freiheit eintraten, ganz selbstverständlich eine goldene Gelegenheit. Sie machten von dieser Gelegenheit guten Gebrauch und begannen, alle noch im Beutel des Satans verbliebenen Lehren und Denkweisen zu verbreiten.
Ein damals bekannter Schriftsteller und Herausgeber des Lo-Lyon Republican äußerte sich in einem Aufsatz unter dem Titel „Warum ist gewaltsame Unzucht strafbar?“ folgendermaßen:
Wenn ein armer, völlig mittelloser Mensch, von Hunger gequält, sich dem Stehlen und Plündern zuwendet, sagt man, man solle für seine Nahrung und Kleidung sorgen, dann würden Diebstahl und Plünderung von selbst aufhören. Doch erstaunlicherweise wird die Hilfe und Anteilnahme, die man zur Befriedigung eines natürlichen Bedürfnisses des Körpers gewährt, bei der Befriedigung eines ebenso natürlichen und wichtigen zweiten Bedürfnisses, nämlich der Stillung des Sexualhungers, nicht gewährt. Ebenso wie die heftige Not des Hungers den Menschen zum Diebstahl treibt, sind auch Vergewaltigung und in den meisten Fällen sogar Tötung die Folgen eines ähnlich heftigen Triebes des Sexualhungers – eines Triebes, der nicht weniger natürlich ist als Hunger und Durst. Ein gesunder, kräftiger junger Mann kann seinen Geschlechtstrieb nicht gewaltsam bezwingen, ebenso wenig, wie er seinen Hunger mit dem Versprechen stillen kann, in der kommenden Woche werde er Nahrung erhalten. In unseren Städten herrscht Überfluss an allem. Doch ebenso schmerzlich wie der Mangel an Nahrung für den Bauch eines Mittellosen ist auch sein Mangel an sexuellem Genuss. So wie man den Hungrigen kostenlos Nahrung austeilt, ist es auch unsere Pflicht, für jene, die von der zweiten Art des Hungers gequält werden, etwas zu unternehmen.
Es muss festgehalten werden, dass dies kein satirischer Aufsatz ist. Er wurde ebenso mit größter Verantwortungs- und Ernsthaftigkeit verfasst, wie er auch in Frankreich mit größtem Ernst verbreitet wurde.
Zu dieser Zeit verlieh die Pariser Fakultät für Medizin einem erfahrenen Arzt für einen seiner Aufsätze den Doktorgrad. Der Aufsatz wurde auch im staatlichen Amtsblatt veröffentlicht. An einer Stelle des genannten Aufsatzes hieß es folgendermaßen:
Heute erklären wir ohne zu zögern, dass ich wegen des Absonderns von Blutauswurf (Sputum) auf einen Berggipfel geschickt worden war. Wir glauben, dass ein Tag kommen wird, an dem wir ohne künstlichen Stolz und ohne Scham sagen können: Mit zwanzig Jahren hatte ich Syphilis. Diese Krankheiten sind eben ein besonderer Preis für die Freuden des Lebens. Wer sein Leben so verbringt, dass durch ihn keine Krankheit ausgelöst wird, dessen Leben ist unvollständig. Aus Feigheit, sanftmütigem Wesen oder religiöser Verwirrung enthält er sich der Befriedigung seiner natürlichen körperlichen Bedürfnisse, obwohl dies nur ein unbedeutendes unter seinen natürlichen Bedürfnissen ist.
Neomalthusianische Literatur
Bevor wir fortfahren, halte ich es für notwendig, einmal die in Bezug auf die Bewegung zur Geburtenkontrolle oder Empfängnisverhütung erörterten Lehren und Denkweisen zu betrachten. Als Malthus, der bedeutendste englische Wirtschaftswissenschaftler, gegen Ende des achtzehnten Jahrhunderts zur Kontrolle der wachsenden Bevölkerung die Geburtenkontrolle vorschlug, hätte er sich nicht einmal im Traum vorstellen können, dass sein Rat ein Jahrhundert später zur Förderung von Unzucht und Obszönität beitragen würde. Malthus hatte zur Eindämmung des Bevölkerungswachstums Selbstbeherrschung, eine Heirat in höherem Alter und Ähnliches empfohlen. Als jedoch gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die neomalthusianische Bewegung (New Multhusian Movement) begann, bestand ihr Grundprinzip darin, den Geschlechtstrieb frei zu befriedigen und als dessen natürliche Folge die Geburt von Kindern mit wissenschaftlichen Methoden zu verhindern. Dadurch wurde auch das letzte noch verbliebene Hindernis für die Aufnahme unerlaubter sexueller Beziehungen beseitigt und der Weg zum Sündendienst frei gemacht. Denn nun konnte eine Frau ihren Körper frei einem anderen Mann zur Verfügung stellen. Danach bestand keinerlei Sorge mehr wegen einer Schwangerschaft oder der Verantwortung für die Versorgung des Kindes. Es ist hier nicht der Raum, die schrecklichen Folgen all dessen zu schildern; ich werde jedoch einige Beispiele für die Lehren anführen, die in der Literatur zur Geburtenkontrolle verbreitet wurden.
Eine kurze Darstellung der Argumente und Beweise, auf denen in dieser Literatur die neomalthusianische Einleitung beruht, lautet wie folgt:
Jeder Mensch ist von Natur aus mit drei gewaltigen und drängenden Bedürfnissen konfrontiert. Das erste ist Nahrung, das zweite Ruhe und das dritte die Befriedigung des Geschlechtstriebs. Die Natur hat diese drei Dinge im Menschen mit voller Kraft verankert. Zugleich hat sie die Befriedigung dieser Bedürfnisse mit besonderer Freude verbunden. Deshalb sehnt sich der Mensch von Natur aus danach, all diese Bedürfnisse zu befriedigen. Vernunft und Überlegung zwingen ihn, mit Pfeilgeschwindigkeit danach zu streben. In den ersten beiden Angelegenheiten ist sein Verhalten gleichartig. Merkwürdigerweise ist sein Verhalten bei der dritten jedoch anders. Die gesellschaftlichen Sittengesetze haben ihm die Verpflichtung auferlegt, dass das sexuelle Verlangen nicht außerhalb der Ehe befriedigt werden dürfe. Innerhalb der ehelichen Grenzen wurden Treue sowie Keuschheit und Ehrbarkeit für Frau und Mann verbindlich gemacht. Darüber hinaus wurde zur Bedingung gemacht, dass die Geburt von Kindern nicht verhindert werden dürfe. Vorschriften dieser Art sind völlig irrig und zeugen von Torheit. Sie widersprechen dem Wissen und der Natur. Auch aus moralischer Sicht sind sie irrig und für die Menschheit von verhängnisvollen Folgen.
Betrachten Sie nun auch einmal die Lehrgebäude, die auf einer solchen Grundlage errichtet werden. Der Führer der deutschen Sozialdemokratischen Partei, Babel, schreibt unmissverständlich:
- Frau und Mann sind doch bloß Tiere. Wird unter einem Tierpaar jemals die Frage einer Ehe – einer dauerhaften Ehe – aufgeworfen?
Dr. Drysdale sagt:
Auch die Liebe ist unter all unseren Wünschen ein veränderliches Ding. Sie auf eine einzige Weise festzulegen bedeutet, die Naturgesetze zu ändern. Junge Männer und junge Frauen hegen in besonderem Maße den Wunsch nach dieser Veränderung. Gemäß der großen und gerechten Ordnung der Natur besteht unser Wunsch darin, dass ihre Erfahrungen in dieser Hinsicht vielfältig seien. Freie Beziehungen sind Ausdruck eines vorzüglichen Charakters, weil sie den Naturgesetzen und -regeln stärker entsprechen. Außerdem gehen sie unmittelbar aus Gefühlsbetontheit, Empfindung und selbstloser Liebe hervor. Die Antriebskräfte und Wünsche, aus denen diese Beziehungen entstehen, besitzen einen gewaltigen sittlichen Wert. Wie könnte ein solches Glück durch jenen geschäftsmäßigen Austausch möglich sein, der die Ehe in Wirklichkeit zu einem Beruf macht?
Beachten Sie, Leser, wie sich der Blickwinkel verändert und wie nach und nach eine entgegengesetzte Ideologie angenommen wird. Zunächst wurde versucht, den Ehebruch in moralischer Hinsicht als unschuldig anzusehen und Ehe und Ehebruch auf dieselbe Stufe zu stellen. Nun aber geht man weiter und betrachtet gerade die Ehe als verwerflich, während dem Ehebruch ein höherer Rang verliehen wird.
Der genannte Doktor sagt an einer anderen Stelle:
Es ist notwendig, eine Ordnung einzuführen, durch die es als ehrenvoll angesehen werden kann, ohne Eheschließung zu lieben. Es ist erfreulich, dass mit der Lockerung der Scheidungsmöglichkeiten auch der Weg zur Ehe allmählich versperrt wird. Denn inzwischen ist die Ehe ein Vertrag zwischen zwei Personen zum gemeinsamen Leben, und beide Seiten können diesen Vertrag jederzeit beenden, wann immer sie wollen. Dies ist die einzig vernünftige Form des Geschlechtsverkehrs.
Der berühmte neomalthusianische Führer Frankreichs, Paul Robin, schreibt:
In den vergangenen fünfundzwanzig Jahren haben wir so große Erfolge erzielt, dass wir das uneheliche Kind beinahe auf die Stufe des ehelichen Kindes gehoben haben. Nun bleibt nur noch zu bewirken, dass ausschließlich Bastarde oder uneheliche Kinder geboren werden können. Denn dann würde sich die Frage des Wettbewerbs überhaupt nicht mehr stellen.
Der berühmte englische Philosoph „Mill“ erklärt in seinem Werk On Liberty mit Nachdruck, dass jemand, der keine ausreichenden Mittel für seinen Lebensunterhalt nachweisen kann, durch das Gesetz von der Eheschließung abgehalten werden soll. Als jedoch in England die Frage aufkam, die Prostitution zu verbieten, widersetzte sich gerade dieser gelehrte Philosoph heftig dagegen. Sein Argument lautete, dass dadurch in die persönliche Freiheit eingegriffen und die Arbeiter herabgewürdigt werde. Denn dadurch habe man sie wie Kinder behandelt.
Bedenken Sie: Die persönliche Freiheit muss deshalb gewürdigt werden, weil man unter ihrem Schutz Ehebruch begehen wird. Wenn jedoch irgendein Narr kraft seiner persönlichen Freiheit heiraten möchte, soll er nicht das Recht haben, diese Freiheit zu schützen. Ein Eingriff des Gesetzes in seine Freiheit ist nicht nur zulässig, sondern das Gewissen des freiheitsliebenden Philosophen hält ihn sogar für notwendig. Hier erreicht die Revolution der moralischen Sichtweise ihren äußersten Punkt. Was verwerflich war, ist nun unschuldig geworden, und was unschuldig war, ist nun verwerflich.
Folgen
Die Literatur geht voran, die öffentliche Meinung folgt ihr. Schließlich ergeben sich ihr der gesellschaftliche Charakter, die Regeln und Normen sowie die Gesetze des Staates. Wo über anderthalb Jahrhunderte hinweg Philosophie, Geschichte, Moral, Wissenschaft, Romane, Dramen, bildende Künste und andere Mittel und Stoffe, die geistige Revolutionen hervorbringen, durch ihre vereinte Kraft fortwährend dieselbe Sichtweise und Denkweise in die Herzen und Köpfe der Menschen eindringen lassen, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass die Gesellschaft nicht von einer solchen Denkweise beeinflusst wird. Wo ferner die Regierung und die gesamte gesellschaftliche Ordnung auf demokratischen Grundsätzen beruhen, ist es ebenfalls unmöglich, dass sich die Gesetze nicht zugleich mit der Veränderung der öffentlichen Meinung ändern.
Die industrielle Revolution und ihre Reaktion
Auch die übrigen kulturellen Voraussetzungen waren inzwischen ganz von selbst zeitgemäß geworden. Zu dieser Zeit hatte die Industrielle Revolution (Industrial Revolution) stattgefunden. Die Veränderungen, die sie im wirtschaftlichen Leben bewirkt hatte, und die Auswirkungen, die in der Kultur sichtbar geworden waren, lenkten den Gang der Ereignisse gerade in jene Richtung, in die ihn die revolutionären Schriften hatten lenken wollen. Die Möglichkeit mechanischer Erfindungen und der Massenproduktion (Mass Production) verlieh der Vorstellung von individueller Freiheit, auf der das kapitalistische System gegründet war, eine außerordentliche Kraft. Die kapitalistische Klasse errichtete große Industrie- und Handelsunternehmen. Die neuen Zentren von Industrie und Handel verwandelten sich in riesige Städte. Millionen von Männern und Frauen wurden aus den ländlichen Gebieten in die Städte gezogen. Der Lebensunterhalt wurde unerschwinglich teuer. Wohnungen, Nahrung, Kleidung und die täglichen Notwendigkeiten für die Bestreitung des Lebensunterhalts wurden horrend teuer. Teils aufgrund des kulturellen Fortschritts und teils durch die Bemühungen der Kapitalisten fanden unzählige Luxusgüter unter den notwendigen Gütern des Lebens ihren Platz. Doch im kapitalistischen System wurde das Vermögen nicht in einem solchen Maße verteilt, dass alle gleichermaßen die Mittel hätten nutzen können, um die Annehmlichkeiten, Freuden und den Luxus zu erlangen, die die Kapitalisten im täglichen Leben geschaffen hatten. Nachdem die Kapitalisten die Bevölkerung aus den ländlichen Gebieten in die Städte gezogen hatten, hätten die lebensnotwendigen Güter, Wohnungen, Nahrung, Kleidung und dergleichen für deren Lebensführung leicht bereitgestellt werden können. Die Folge war, dass die Ehefrau ihrem Ehemann und die Kinder ihrem Vater zur Last fielen. Ganz zu schweigen davon, die Last der Verwandten und Angehörigen zu tragen – es wurde äußerst schwierig, überhaupt für sich selbst aufzukommen. Die wirtschaftliche Lage zwang jeden Einzelnen, einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Unverheiratete Frauen, verheiratete Frauen, Witwen und Frauen aller anderen Klassen mussten zur Sicherung ihres Lebensunterhalts das Haus verlassen. Als daraufhin die Gelegenheiten zur Begegnung von Frauen und Männern zunahmen und deren unvermeidliche Folgen sichtbar wurden, trösteten die Vorstellung von Freiheit und die neue Moralphilosophie Väter und Töchter, Brüder und Schwestern sowie Ehemänner und Ehefrauen mit den Worten: „Seid nicht ungeduldig, was geschieht, geschieht zum Guten! Das ist kein Niedergang, sondern in Wahrheit Fortschritt und Emanzipation (Emancipation). Der Abgrund, in den die Kapitalisten euch stürzen, ist keine Hölle, sondern der Himmel – der höchste Himmel.“
Kapitalistisches persönliches Interesse
Die übrigen Angelegenheiten blieben nicht auf diesen Bereich beschränkt. Das kapitalistische System, das auf einer bestimmten Vorstellung von individueller Freiheit gegründet wurde, verlieh dem Einzelnen ein bedingungsloses und uneingeschränktes Recht, auf jede mögliche Weise Reichtum zu erwerben. Ganz gleich, auf welche Weise der Reichtum erworben wurde, selbst wenn dadurch infolge des Reichtumserwerbs eines Einzelnen beliebig viele Menschen zugrunde gingen – die neue Moralphilosophie hielt dies für rechtmäßig und heilig. Auf diese Weise wurde die gesamte kulturelle Ordnung so gestaltet, dass der Einzelne in jeder Hinsicht gegen die Gemeinschaft unterstützt wurde. Umgekehrt blieb kein Mittel bestehen, die Rechte der Gemeinschaft gegen die persönlichen Interessen des Einzelnen zu schützen. Für eigennützige Menschen wurden alle Wege geöffnet, die Gesellschaft zu zerstören. Sie begannen, unter Ausnutzung aller menschlichen Schwächen immer neue Wege zu beschreiten, um ihre eigenen Interessen durchzusetzen. Da tritt ein Mensch auf, der, um seine eigene Tasche zu füllen, einen anderen zum lasterhaften Trinken verleitet. Niemand tritt vor, um die Gesellschaft vor dieser Pest und ihren Ratten zu schützen. Da tritt ein anderer Mensch auf, der die Netze des Zinses ausbreitet. Es gibt niemanden, der die Menschen vor den Klauen dieses blutsaugenden Blutegels schützt. Mehr noch: Alle Gesetze schützen die Interessen dieses Blutsaugers, damit niemand auch nur einen Tropfen Blut sicher vor seinem Zugriff bewahren kann. Ein dritter Mensch tritt auf und erfindet eine eigenartige Form des Glücksspiels. Ihre Verbreitung nimmt derart zu, dass kein Bereich von Industrie und Handel von ihrem Einfluss frei bleibt. Niemand ist da, der das wirtschaftliche Leben der Menschen vor diesem verzehrenden Feuer schützt. In einem Zeitalter, in dem es möglich war, die äußerst gefährliche menschliche Schwäche durch die Entfachung sexueller Raserei auszunutzen und große eigene Vorteile zu erlangen, wäre es in jener unreinen Epoche persönlichen Hochmuts, Aufbegehrens und der Feindschaft unmöglich gewesen, dass eigennützige Menschen nicht auf derartige menschliche Schwächen aufmerksam wurden. Tatsächlich wurde durch diese sexuelle Zügellosigkeit so viel Nutzen wie möglich gezogen. Auf Bühnen, in Tanzsälen und in den Produktionszentren des Films drehten sich sämtliche Tätigkeiten um schöne Frauen. Die Beteiligung von Frauen an diesen Tätigkeiten war unabdingbar. Frauen wurden der Öffentlichkeit in immer entblößterer Gestalt und in aufreizenden Posen präsentiert. Dadurch wurde der sexuelle Durst der Menschen gesteigert und ihr Geld ausgeplündert. Einige Menschen begannen, Frauen zu vermieten, und entwickelten die Prostitution weiter, bis sie sie in ein gut organisiertes internationales Geschäft verwandelten. Andere erfanden immer neue Mittel der Schönheit und des Luxus, steigerten dadurch das angeborene Verlangen der Frauen, ihre Schönheit zur Schau zu stellen, und verfeinerten es; die eigennützigen Geschäftsleute begannen damit große Summen zu verdienen. Wieder andere erfanden immer neue sexuell stimulierende Kleidungsstücke und Moden der Nacktheit, ließen schöne Frauen diese tragen und ermunterten sie, damit in der Gesellschaft umherzugehen; die Scharen neuartiger junger Männer drängten sich mit gierigen Augen und Herzen um sie. Die jungen Frauen wurden von den neu erfundenen, freizügig-prunkvollen Kleidern angezogen, und der Markt für neue Kleidung kam ebenfalls in Schwung. Einige Menschen begannen, die Gelegenheit nutzend, Nacktbilder und obszöne Literatur zu verbreiten, und verdienten auf diese Weise ein paar Groschen, indem sie die Allgemeinheit mit dieser Lepra ansteckten. Allmählich entwickelte sich die Lage so weit, dass kein Bereich von Handel und Gewerbe mehr frei von Mitteln und Möglichkeiten zur sexuellen Raserei blieb. Betrachten Sie die Werbung irgendeines Geschäftsbetriebs: Sie werden sehen, dass jede Anzeige ohne die nackte oder halbnackte Darstellung einer Frau völlig wertlos ist. In Hotels, Restaurants, den Ausstellungsräumen von Geschäften und dergleichen wurden Frauendarstellungen so aufgestellt, dass Männer gerade dorthin angezogen werden sollten. Unter diesen Umständen bestand die einzige Möglichkeit, die Interessen der hilflosen und unglücklichen Allgemeinheit zu schützen, darin, dass sie durch ihre moralische Standhaftigkeit all diese Angriffe abwehrte und sich vor der sexuellen Raserei bewahrte. Doch das kapitalistische System war auf einem so schwachen Fundament errichtet, dass seine Angriffe nicht abgewehrt werden konnten. Es verfügte über eine vollständige Lebensphilosophie und eine mächtige satanische Streitmacht beziehungsweise Literatur, die den moralischen Standpunkt sofort besiegte und überwältigte. Das Geschick des Mörders besteht darin, dass er das Opfertier freiwillig und zufriedenen Herzens zur Opferung vorbereitet.
demokratisches politisches System
Hier endete die Gefahr jedoch nicht. Darüber hinaus brachte diese Vorstellung von Freiheit die westliche demokratische Regierungsordnung hervor, und sie wurde zu einer mächtigen Waffe, um eine solche moralische Revolution zu ihrer Vollendung zu führen.
Das Grundprinzip der neuen Demokratie bestand darin, dass der Mensch selbst sein eigener Herrscher sein und für sich selbst Verfassung und Gesetze schaffen sollte. Sie würden Gesetze nach ihrem Belieben erlassen und nach Wunsch jedes Gesetz aufheben oder ändern. Über ihnen gab es keine höhere, von menschlichen Schwächen freie Macht oder Autorität, deren Weisungen der Mensch demütig befolgen und durch die er sich vor dem Irrweg bewahren konnte. Für sie gab es keine unveränderlichen grundlegenden Gesetze außerhalb der ewigen menschlichen Macht. Sie besaßen keinen festen und unerschütterlichen Prüfstein, der sich nicht unter dem Einfluss menschlicher böser Triebe veränderte und anhand dessen sie Wahrheit und Unwahrheit hätten unterscheiden können. Auf diese Weise machte die neue Sichtweise der Demokratie den Menschen vollständig autonom und verantwortungslos. Sie wurden selbst ihre eigenen Herrscher und nahmen die öffentliche Meinung als Quelle jedes Gesetzes an.
Es ist offenkundig, dass dort, wo im gesellschaftlichen Leben alle Gesetze der öffentlichen Meinung unterworfen sind und die Regierungsgewalt zur Dienerin dieses neuen Demokratiegottes wird, Gesetze und Staatsgewalt die Gesellschaft nicht vor moralischer Unordnung bewahren können, sondern schließlich zu deren Zerstörung beitragen. Mit der Veränderung der öffentlichen Meinung verändern sich auch die Gesetze. In dem Maß, in dem sich die Sichtweise der Allgemeinheit verändert, werden auch die Grundsätze und Bindungen der Gesetze entsprechend gestaltet. Die Richtung, in der die Mehrheit der Stimmen liegt, wird zum Prüfstein für die Bestimmung von Wahrheit und Wohl. Wenn ein Vorschlag, sei er noch so schädlich und widersinnig, die Unterstützung von einundfünfzig Prozent erlangen kann, wird es kein Hindernis geben, ihn in ein Gesetz zu verwandeln. Ein äußerst abscheuliches und widerwärtiges Beispiel dafür findet sich in der Zeit vor dem Nationalsozialismus in Deutschland. Ein deutscher Philosoph namens Dr. Magnus Herschfield war Präsident der Weltliga für sexuelle Reform. Sechs Jahre lang betrieb er eine machtvolle Kampagne zur Unterstützung des schändlichen Tuns des Volkes Lots. Schließlich erklärte sich der Demokratiegott bereit, diese verbotene Handlung als „halal“ oder rechtmäßig anzuerkennen, und das deutsche Parlament beschloss mit überwältigender Stimmenmehrheit, dass diese Handlung, wenn sie im Einvernehmen beider Parteien vollzogen werde, nicht länger unrechtmäßig sein solle. Es wurde festgelegt, dass, wenn die Person, an der diese Handlung vollzogen wurde, minderjährig war, ihr Vormund an ihrer Stelle abstimmen sollte.
Bei der Erfüllung des Dienstes für diesen Demokratiegott scheint das Gesetz etwas langsam zu sein; seine Befehle werden zwar befolgt, aber mit Trägheit und Gleichgültigkeit. Die Mängel und Abweichungen, die bei der vollständigen Erfüllung dieses Dienstes verbleiben, werden durch das Zusammenwirken aller Bereiche der Staatsverwaltung vervollständigt. Diejenigen, die diese demokratischen Regierungssysteme führen, unterwerfen sich bereits vor der Ausarbeitung der Gesetze dem Einfluss der sie umgebenden Literatur, der Moralphilosophie und der Stimmung der Allgemeinheit. Jede moralische Zügellosigkeit, die sich in der Öffentlichkeit verbreitet, wird durch die Gunst der Regierenden auf jeder amtlichen Ebene anerkannt und angenommen. Bei Angelegenheiten, die bis dahin verboten sind, verzichten Polizei und Gerichte darauf, das Gesetz durchzusetzen. Auch solche verbotenen Handlungen gelten dann als rechtmäßig. Nehmen wir als Beispiel die Abtreibung. Sie ist im westlichen Recht bis heute verboten. Doch es gibt kein Land, in dem sie nicht öffentlich und in großem Umfang vorgenommen wird. In England werden jährlich schätzungsweise neunzigtausend Abtreibungen vorgenommen. Unter den verheirateten Frauen gibt es sogar fünfundzwanzig Prozent, die entweder selbst eine Abtreibung vornehmen oder in dieser Angelegenheit die Hilfe eines Fachmanns in Anspruch nehmen. An manchen Orten gibt es regelrechte Abtreibungsklubs. Vornehme Damen zahlen dort wöchentliche Beiträge und erhalten bei Bedarf die Behandlung eines Abtreibungsspezialisten. In London gibt es viele derartige Pflegeheime, in denen Patientinnen nach Abtreibungen behandelt werden. (Professor Judd hat in seinem Werk Guide to Modern weekedness eine ausführliche Darstellung dieses Themas niedergelegt. Das Buch ist bereits vor einigen Jahren erschienen.) Dennoch ist die Abtreibung in den Gesetzbüchern Englands weiterhin als strafbare Handlung verzeichnet.
Grundprinzipien und Beweise
Nun möchte ich ausführlich darlegen, in welchem Maß der gesellschaftliche Charakter und die sexuellen Beziehungen zwischen Frauen und Männern durch das Zusammenwirken dieser drei Elemente beeinflusst und geprägt werden: der modernen moralischen Sichtweise, der kapitalistischen Kulturordnung und der demokratischen politischen Herrschaft. Da ich bisher vor allem Frankreich erwähnt habe – von wo diese Bewegung ihren Ausgang nahm –, werde ich zunächst Frankreich als Beweis anführen. (Siehe das Werk Towards Moral bankruptcy des französischen Soziologen Paul Bureau. Es erschien 1925.)
Die Beseitigung des moralischen Empfindens
Das erste Ergebnis der Verbreitung jener im vorherigen Kapitel beschriebenen Sichtweisen bestand darin, dass das moralische Empfinden der Menschen in Bezug auf sexuelles Verhalten verkümmerte. Scham, Sittsamkeit, Abscheu und Verachtung begannen von Tag zu Tag zu schwinden. Das Bewusstsein für den Unterschied zwischen Ehe und Unzucht wurde aus den Herzen getilgt. Schließlich wurde die Unzucht zu einer derart unschuldigen Sache, dass man es nicht mehr für nötig hielt, sie aus Abscheu geheim zu halten.
Bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die moralische Sichtweise der französischen Bevölkerung nur insofern verändert, als man den Ehebruch bei Männern für etwas Außergewöhnliches und Natürliches hielt. Wenn die jungen erwachsenen Söhne nicht an einer Geschlechtskrankheit erkrankten oder keine Gefahr bestand, dass sie vor Gericht gestellt würden, gewährten die Eltern ihrer sexuellen Zügellosigkeit zufrieden ihre Nachsicht. Umso zufriedener waren sie, wenn daraus auch materieller Gewinn entstand. Sie waren der Ansicht, dass sexuelle Beziehungen zwischen Frauen und Männern außerhalb der Ehe nicht verwerflich seien. Es finden sich sogar Beispiele dafür, dass Eltern ihre jungen erwachsenen Söhne dazu ermutigten, Beziehungen zu einflussreichen oder wohlhabenden Frauen aufzunehmen, um ihre Zukunft zu sichern. Ihre Haltung gegenüber Männern war damals jedoch eine andere als in späterer Zeit. Die Keuschheit der Frau galt als wertvoll. Dieselben Eltern, die die sexuelle Zügellosigkeit ihrer Söhne als jugendlichen Überschwang betrachteten und darüber hinwegsahen, konnten hingegen keinerlei Makel oder Befleckung im Charakter ihrer eigenen Töchter dulden. Auch wenn man einen unsittlichen Mann für unschuldig hielt, galt eine unsittliche Frau nicht als unschuldig. Beim Aussprechen des Namens einer gewerbsmäßigen Prostituierten runzelte man zwar voller Abscheu die Stirn, doch gegenüber dem Mann, der ihr Bett teilte, zeigte man keinen Abscheu. Ebenso waren im ehelichen Leben die sittlichen Pflichten von Frau und Mann nicht dieselben. Die Charakterlosigkeit des Ehemannes wurde zwar hingenommen, die der Ehefrau jedoch als schwerwiegend verwerflich betrachtet.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts änderte sich diese Lage. Die Frauenemanzipationsbewegung ließ die Trompete der sittlichen Gleichheit von Mann und Frau erschallen; infolgedessen wurde das Fehlverhalten der Frau ebenso als unschuldig angesehen wie das des Mannes. Auch die Vorstellung änderte sich, dass die Würde oder Ehre einer Frau verletzt werden könne, wenn sie mit einem Mann ohne Eheschließung sexuelle Beziehungen einginge. Paul Bureau sagt:
Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den kleinen Städten und auf dem Land Frankreichs haben die Gruppen junger Männer den Grundsatz angenommen, dass sie, da sie selbst nicht enthaltsam sind, kein Recht haben, vom Heiratsvermittler eine keusche oder jungfräuliche Frau zu verlangen. In Burgund, Beaune und anderen Gegenden ist es eine ganz gewöhnliche Sache, dass ein Mädchen vor der Eheschließung die Gesellschaft vieler Freunde genießt und bei der Heirat keinen Anlass sieht, dem Heiratsvermittler die Ereignisse ihres vergangenen Lebens zu verheimlichen. Sie sprechen freimütig über ihre unerlaubten Beziehungen zu anderen Männern, ebenso wie über Sport oder den Lebensunterhalt. Bei der Heirat wird der Bräutigam nicht nur über das vergangene Leben der Braut unterrichtet, sondern erfährt auch, welche Freunde bis dahin ihren Körper genossen haben. Unter diesen Umständen ist der vornehme Bräutigam besonders darauf bedacht, dass niemand vermuten kann, er habe gegen ein solches Verhalten der Braut irgendeinen Einwand. – Aus dem genannten Werk, S. 94
Er sagt ferner:
Gebildete Mädchen aus der gebildeten Mittelschicht Frankreichs sieht man in großer Zahl in Büros oder Geschäftsbetrieben arbeiten. Sie verkehren ungezwungen in der guten Gesellschaft, und all dies wird keineswegs als unsittlich betrachtet. Wenn nun eines dieser Mädchen sich zu einem jungen Mann hingezogen fühlt und mit ihm zusammenlebt, wird eine Heirat zwischen ihnen als völlig unnötig angesehen. Sie halten es für besser, ohne Eheschließung zusammenzuleben. Selbstverständlich steht es beiden, nachdem ihre gegenseitigen Wünsche erfüllt sind, völlig frei, sich voneinander zu trennen und anderswo einem anderen ihre Liebe zu bekunden. Ihre derartige Beziehung bleibt der Gesellschaft nicht unbekannt. Beide verkehren gemeinsam in guter Gesellschaft. Sie verheimlichen diese gegenseitige Beziehung nicht, und niemand sonst sieht etwas Schlechtes in dieser Lebensweise. Zuerst zeigte sich dieses Verhalten unter denjenigen, die in Fabriken arbeiteten. Später wurde es als äußerst verwerflich angesehen. Doch inzwischen ist es in vornehmen Familien zu einer gewöhnlichen alltäglichen Angelegenheit geworden. Diese Lebensweise hat nun in der Gesellschaft denselben Rang erlangt, den die Ehe einst besaß. – Aus dem genannten Werk, S. 94–96
Auf diese Weise ist inzwischen auch die Konkubine ordnungsgemäß anerkannt worden. Monsieur Berthelemy (M. Berthelemy) war Professor für Rechtswissenschaft an der Universität Paris. Er sagt: „Allmählich erlangt die Konkubine, ebenso wie die verheiratete Ehefrau, rechtliche Anerkennung. Im Parlament hat man begonnen, über sie zu beraten. Nun hat die Regierung begonnen, ihre Interessen zu schützen. Die Konkubine eines Soldaten bezieht auch nach dem Tod des Soldaten eine der Unterstützung für seine Ehefrau entsprechende Rente, wie sie seiner Ehefrau gewährt wird.“
Der Grund dafür, dass man gemäß der französischen Morallehre den Ehebruch als unschuldig betrachtet, lässt sich aus dem folgenden Vorfall erkennen:
Im Jahr 1918 wurde eine Lehrerin an einer Bildungseinrichtung schwanger, obwohl sie unverheiratet war. In der Bildungsverwaltung gab es einige altmodische Leute, die deswegen einiges Aufsehen zu erregen begannen. Daraufhin begab sich eine Abordnung angesehener Personen zum Bildungsminister und legte die folgenden Argumente und Beweise in einer solchen Weise dar, dass die Angelegenheit der betreffenden Lehrerin vertuscht wurde.
1. Welches Recht hat jemand, sich in das Privatleben eines anderen einzumischen?
2. Welches Verbrechen hat sie denn überhaupt begangen?
3. Ist es etwa demokratischer, ohne Eheschließung Mutter eines Kindes zu werden?
Zur Ausbildung, die den Soldaten in der französischen Armee erteilt wird, gehören auch Unterweisungen darüber, wie sie sich vor Geschlechtskrankheiten schützen und eine Empfängnis verhüten können; denn es ist eine unabänderliche Tatsache, dass die Soldaten mit Sicherheit Ehebruch begehen werden. Am 3. Mai 1919 ließ der Flügelkommandeur der französischen 127. Division folgende Erklärung an die Soldaten verbreiten:
Es wurde bekannt, dass darüber Beschwerde geführt worden war, dass sich im Militärbordell bewaffnete Soldaten drängten. Ihre Beschwerde lautete, die bewaffneten Soldaten hätten diesen Ort vollständig für sich in Beschlag genommen, sodass niemand anderem irgendeine Gelegenheit gegeben werde. Wegen der zunehmenden Zahl der Soldaten bemüht sich das Oberkommando darum, die Zahl der Prostituierten zu erhöhen. Doch solange dies noch nicht geregelt ist, wird den bewaffneten Soldaten hiermit mitgeteilt, dass sie sich nicht allzu lange im Inneren aufhalten sollen. Sie sollen sich etwas beeilen, ihr Lustverlangen zu befriedigen.
Denken Sie darüber nach: Diese Bekanntmachung wird von der Militärabteilung einer zivilisierten Regierung der Welt ordnungsgemäß und offiziell verbreitet. Das bedeutet, dass aus ihren Herzen und ihrem Verstand sogar die Vorstellung verschwunden war, Ehebruch könne unter einem moralischen Gesichtspunkt verwerflich sein. Aus der Gesellschaft, aus den Gesetzen des Landes und aus den Herzen aller war diese Auffassung verschwunden. (Wenn Soldaten sich in einem solchen moralischen Zustand befinden und als Sieger in ein Land einmarschieren, lässt sich leicht ermessen, welche schrecklichen Folgen dies für die Ehre und Keuschheit der Frauen dieses Landes haben kann. Dies ist eine Art moralischer Maßstab des Militärs. Eine andere Art moralischen Maßstabs legt der Koran vor: „Wenn die Muslime auf der Welt die Herrschaft erlangen, verrichten sie dort das Gebet, entrichten die Zakat, gebieten das Gute und verwehren das Verwerfliche.“ Die Soldaten der einen Art streifen wie Stiere umher. Die Soldaten der anderen Art ergreifen die Macht gerade deshalb, um die menschliche moralische Würde zu bewahren und die Menschen Reinheit zu lehren. Sind die Menschen etwa so blind geworden, dass sie den Unterschied zwischen diesen beiden nicht erkennen?)
Eine geraume Zeit vor dem Ersten Weltkrieg war in Frankreich eine Agentur gegründet worden. Ihre Aufgabe bestand darin, eine Frau, ganz gleich, wie ihre Lebensumstände und ihr sittliches Verhalten beschaffen waren, unter allen Umständen zu einem neuen Versuch zu bewegen. Wenn ein Mann mit einer Frau eine sexuelle Beziehung eingehen wollte, brauchte er nur die Anschrift dieser Frau anzugeben. Außerdem musste er bei dieser Agentur eine anfängliche Gebühr von fünfundzwanzig Francs hinterlegen. Danach fiel es der Agentur zu, die Frau zu dieser Handlung zu bewegen.
Aus dem Register dieser Agentur ist bekannt geworden, dass es keine gesellschaftliche Schicht in Frankreich gab, aus der nicht zahlreiche Personen durch diese Agentur Geschäfte gemacht hatten. All diese Vorgänge waren der französischen Regierung nicht verborgen. – Paul Bureau, S. 16
Über das Ausmaß, bis zu dem ihre sittliche Verderbtheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, sagt Paul Bureau:
In einigen Bezirken Frankreichs und in den dicht bevölkerten Gegenden der großen Städte waren sexuelle Beziehungen unter nächsten Verwandten, ja sogar zwischen Vater und Tochter sowie zwischen Bruder und Schwester, keine Seltenheit.
Das Übermaß an Unsittlichkeit
Vor dem Ersten Weltkrieg teilte der französische Generalstaatsanwalt Monsieur Bulot (M. Bulot) in einem seiner Berichte mit, dass die Zahl der Frauen, die ihren Lebensunterhalt damit verdienten, ihren Körper zu vermieten, fünfhunderttausend betrage. Doch kann man die dortigen Prostituierten nicht mit den Dirnen des indischen Subkontinents vergleichen. Frankreich ist ein hochzivilisiertes und entwickeltes Land. Dort werden alle Tätigkeiten in großem Umfang mit Anstand und guter Organisation ausgeführt. Durch Zeitungen, Bilder, Postkarten, das Telefon, persönliche Einladungsschreiben und alle möglichen anderen anständigen Methoden wird die Aufmerksamkeit der Kunden erregt. Das Gewissen der Menschen tadelt diese Tätigkeiten niemals; vielmehr können jene Frauen, die in diesem Geschäft die Möglichkeit haben, größeren Wohlstand zu erlangen, meist einen beträchtlichen Einfluss auf die Politik und Wirtschaft des Landes sowie auf die vornehme Gesellschaft ausüben. Was diese Art von Frauen im Zeitalter der griechischen Zivilisation gewesen war, das sind auch sie geworden.
Ein Mitglied des französischen Senats, Monsieur Ferdinand Dreyfus (M. Ferdinand Dreyfus), sagte, dass die Prostitution nun keine private Angelegenheit mehr sei. Durch den finanziellen Gewinn, den ihre Agenturen abwürfen, sei sie zu einem Geschäft und zu einer gut organisierten Industrie geworden. Von den Agenten, die deren Rohmaterial liefern, werden selbstständige und noch sehr junge Mädchen als Waren dieses Geschäfts ein- und ausgeführt. Hier besteht eine äußerst große Nachfrage nach Mädchen unter zehn Jahren.
Paul Bureau sagt:
Es ist eine mächtige Institution. Sie wird auf gut organisierte Weise von besoldeten leitenden Angestellten und Arbeitern geführt. Werber, Schriftsteller, Redner, Ärzte, Hebammen, Geschäftsleute und Reisende arbeiten hier. Man bedient sich dabei der Werbung und wendet immer neue Methoden der Zurschaustellung an.
Auch abgesehen von diesen Stätten der Unsittlichkeit wird in Hotels, Teehäusern, Tanzsälen und dergleichen offen Prostitution betrieben. Mitunter kommt es auch zu bestialischen Übergriffen und äußerster Grausamkeit. Im Jahre 1914 musste einmal in Frankreich der Bürgermeister einer Stadt (Mayor) eingreifen, um das Leben eines Mädchens zu retten. Das betreffende Mädchen hatte den Wünschen von siebenundzwanzig Kunden an einem einzigen Tag genügen müssen, und dennoch warteten noch viele weitere Kunden.
Im Ersten Weltkrieg hatte man sich neben den kommerziellen Bordellen auch den Ruhm erworben, eine Art wohltätiges Bordell einzurichten. Jene patriotischen Frauen, die während des Krieges den Helden, die die Sicherheit Frankreichs verteidigten, große Dienste erwiesen und dadurch uneheliche vaterlose Kinder bekommen hatten, wurden mit diesem Ehrentitel ausgezeichnet. Eine derart niederträchtige Vorstellung lässt sich nicht in Worte fassen. Diese Frauen betrieben in organisierter Weise Prostitution, und es wurde zur moralischen Pflicht der Angehörigen der verbrecherischen Schicht, ihnen zu helfen. Die weithin verbreiteten Zeitschriften Frantasio (Frantasio) und Lavie Parisiemme (Lavie Parisiemme) zeigten äußerste Geschicklichkeit darin, die Aufmerksamkeit geschäftstüchtiger Personen auf diese Frauen zu lenken. In einer Ausgabe der letztgenannten Zeitschrift wurden zu Beginn des Jahres 1917 199 Anzeigen dieser Frauen veröffentlicht.
Die ansteckende Seuche sexueller Raserei und Obszönität
Sexuelle Krankheit
Die Schamlosigkeit und der Ehebruch, die als natürliche Folge des entzündeten Feuers sexueller Neigungen in großem Umfang gesellschaftliche Anerkennung erlangt hatten, waren in ihrem Kern auf jene Literatur, Werbung, Lichtbilder, Theateraufführungen, Tanz und Gesang, Nacktheit und Obszönität zurückzuführen.
Ein Heer eigennütziger Kapitalisten ist auf jede erdenkliche Weise damit beschäftigt, die sexuelle Gier anzufachen, und erweitert dadurch seine eigenen Geschäfte. Tages-, Wochen-, Halbmonats- und Monatszeitschriften veröffentlichen äußerst obszöne Artikel und Bilder. Denn dies ist für die weite Verbreitung ihrer Zeitschriften eine besonders wirksame Waffe. Dabei werden hochentwickelte Begabung, Raffinesse und psychologisches Geschick eingesetzt, damit das Opfer sich unter keinen Umständen selbst schützen kann. Darüber hinaus werden äußerst schmutzige, sexuelle Literatur und Schriften über sexuelle Probleme in Buchform veröffentlicht. All dies wird in so großen Mengen verbreitet, dass von jeder Ausgabe bis zu fünfundzwanzig- oder dreißigtausend Exemplare gedruckt werden. Bisweilen sind von dieser Literatur sogar die sechzigsten Auflagen erschienen. Manche Verlage widmen sich ausschließlich dieser Tätigkeit. Es gibt viele Schriftsteller und Literaten, die gerade durch solche Arbeiten Ruhm und Ansehen erlangen. Ein obszönes Buch zu verfassen gilt keineswegs mehr als schändlich; wird es vielmehr von der Öffentlichkeit angenommen, so ist sein Verfasser der Mitgliedschaft in der Französischen Akademie oder zumindest des Croix d’honneur würdig.
Die Regierung ignoriert all diese Schamlosigkeit und sexuelle Aufreizung stillschweigend. Wenn jemals etwas äußerst Anstößiges veröffentlicht wird, führt die Polizei den Schuldigen widerwillig der Justiz zu. Darüber hinaus gibt es nachsichtige Gerichte. Von den dortigen Richtersitzen aus wird der Täter lediglich gewarnt und freigelassen. Denn auch diejenigen, die diese Richtersitze innehaben, genießen solche Literatur. Die Feder mancher Richter ist sogar mit der Verfassung obszöner sexueller Literatur beschäftigt. Sollte sich zufällig ein Richter als altmodisch erweisen und die Gefahr bestehen, dass er ein unangemessenes Urteil fällt, greifen große Literaten und berühmte Schriftsteller gemeinsam in diese Angelegenheit ein, und in den Zeitungen wird dies scharf kritisiert mit der Begründung, dass die Entwicklung von Literatur und Kunst ein freies Feld erfordere. Moralische Fesseln mit der Gesinnung eines finsteren Zeitalters anzulegen, bedeute, der Genusslehre die Kehle zuzudrücken. Auf welche Weise wird diese Genusslehre weiterentwickelt? Nacktbilder und Filme sind dabei besonders wirksam. Millionen von Alben davon werden hergestellt und nicht nur auf Märkten, in Hotels und Teehäusern ausgelegt. In dem Bericht, den Emil Puresi auf der zweiten Versammlung des Verbands gegen die Obszönität vorlegte, sagte er:
All diese schmutzigen, vulgären Ölgemälde erregen die menschlichen Sinne und wecken ein höchstes Verlangen. Sie treiben die unglücklichen Käufer zu solchen sündhaften Taten, dass der Körper schon bei dem Gedanken daran erschauert. Ihr verderblicher Einfluss auf Jungen und Mädchen ist unbeschreiblich. Viele Schulen und Hochschulen sind ihretwegen in moralischer und körperlicher Hinsicht zugrunde gegangen; besonders für Mädchen kann es nichts Schädlicheres geben.
In Theatern, Kinos, Musiklokalen und Kaffeehäusern wird diese Genusslehre durch Zerstreuung gepflegt. Jede der Theateraufführungen, die die vornehme Schicht der französischen Gesellschaft mit Vergnügen besucht, und jede der Aufführungen der Dramatiker und gefeierten Schauspielerinnen, die mit anerkennendem Beifall und Blumen überschüttet werden, ist sexuell aufreizend. Das Bemerkenswerte ist, dass eine Figur, die moralisch äußerst verachtenswert ist, als höchstes und erhabenes Ideal dargestellt wird. In den Worten Paul Bureaus:
Wenn jemand anhand des Lebensbildes, das unsere Dramatiker seit dreißig oder vierzig Jahren zeichnen, eine Vorstellung von unserem kulturellen Leben gewinnen wollte, könnte er daraus lediglich erkennen, dass in unserer Gesellschaft alle verheirateten Paare undankbar und im Eheleben einander gegenüber misstrauisch sind. Vielleicht ist der Ehemann ein Dummkopf oder seine Frau eine erbitterte Feindin. Wenn die Ehefrau irgendeine edle Eigenschaft besitzt, dann besteht diese darin, dass sie ihrem Mann stets feindselig gegenübersteht und bereit ist, anderswo ihre Liebe anzubieten.
Wenn dies der Zustand der Theateraufführungen der vornehmen Kreise ist, so lässt sich leicht ermessen, welcher Art die Volkstheater und die Vergnügungsstätten des einfachen Volkes sein mögen! Die Sprache, die anmutigen Gesten und die Freuden der Nacktheit, welche die Liebhaber sexueller Vergnügungen genießen, werden dort schamlos auf der Bühne aufgeführt. Schon im Voraus wird der Öffentlichkeit mitgeteilt, dass dort alles zu finden sei, was ihren sexuellen Durst stillen könne. Weiter heißt es: Unsere Bühne ist frei von Prüderie und naturgetreu (Realistic).
Emil Puresi hat in seinem Bericht zahlreiche Beispiele aufgezeichnet. Er besuchte verschiedene Vergnügungsstätten, sammelte diese Beispiele und verwendete zu ihrer Erläuterung anstelle von Namen Buchstaben.
B. „Hier waren die gesungenen Monologe und die Körperbewegungen der Schauspielerinnen von äußerster Obszönität. Die auf der Bühne enthüllte Szene blieb stehen, während sie sich dem letzten Stadium des Geschlechtsverkehrs näherte. Mehr als tausend Zuschauer hatten sich dort versammelt. Unter ihnen befanden sich auch viele angesehene Personen. Alle waren völlig versunken und stießen anerkennende Rufe aus.“
N. „Hier erreichten die kurzen Lieder und die dazwischen gesprochenen kurzen Texte, die Körperbewegungen und das Schweigen den äußersten Grad der Schamlosigkeit. Auch Kinder und minderjährige Jugendliche saßen mit ihren Eltern da und genossen diese Unterhaltung, und jeder Junge klatschte mit voller Kraft angesichts der obszönen Darbietung.“
L. „Hier lärmte das Publikum fünfmal und zwang die Schauspielerin wiederholt zu einer solchen Darbietung, dass sie ihre Aufführung mit einem äußerst obszönen Lied beenden musste.“
R. „Hier drängte das Publikum eine Schauspielerin wiederholt zu einer überaus obszönen Darbietung.“
Schließlich rief die Schauspielerin verärgert: „Seid ihr denn so schamlos? Seht ihr nicht, dass hier auch einige Kinder sind?“ Damit ging sie fort, ohne die Aufführung zu Ende zu bringen. Sie war so obszön, dass selbst eine äußerst lasterhafte Frau ihre Wiederholung nicht hätte ertragen können.
J. „Nach der Aufführung wurde eine Lotterie unter den Schauspielerinnen veranstaltet. Sie begannen, jedes Los zum Preis von zehn Santim zu verkaufen (ein Santim entsprach ungefähr zwei Annas). Wem der Name welcher Schauspielerin zufiel, dem gehörte sie für die Nacht.“
Paul Bureau sagt: „Meistens wird eine Frau auf die Bühne gebracht, an deren Körper sich nicht die geringste Spur von Kleidung befindet. Adolphe Biason (Adlophe Biason) schrieb einmal in der berühmten französischen Zeitung ‚Tamps‘ (Tamps) aus Protest gegen all diese Dinge: Jetzt bleibt auf der Bühne nur noch die Ausführung des Geschlechtsverkehrs übrig. Tatsächlich würde dann die Kunst ihre Vollkommenheit erlangen.“
Die Bewegung zur Empfängnisverhütung und die sogenannte wissensreiche, mit der Medizin verbundene Literatur über Sexualwissenschaft haben bei der Verbreitung der Schamlosigkeit und der Zerstörung des sittlichen Charakters der Menschen eine herausragende Rolle gespielt. In Vorträgen auf Volksversammlungen, in obszönen Lichtbildern und in Büchern werden durch Abbildungen und deren Erläuterungen die Schwangerschaft, damit zusammenhängende Angelegenheiten sowie die Anwendung von Verhütungsmitteln so ausführlich behandelt, dass danach nichts mehr offenzulegen bleibt. In solchen Büchern über Sexualwissenschaft wird, angefangen bei der Anatomie des Körpers, kein Aspekt des Geschlechtsverkehrs unerwähnt gelassen. Äußerlich wurde all diesen Dingen der Mantel von Wissenschaft und Erkenntnis umgelegt, damit kein Anlass zu ihrem Widerspruch bestehen könne. Darüber hinaus hat dies einen solchen Grad der Entwicklung erreicht, dass es als Sozialarbeit bezeichnet wird. Als Begründung wird angeführt, man wolle andere davor bewahren, sich hinsichtlich des Geschlechtsverkehrs zu irren. Doch in Wirklichkeit wird durch die Verbreitung dieser gesamten Literatur und Aufklärung unter Frauen und Männern sowie unter heranwachsenden Jungen und Mädchen eine abscheuliche Schamlosigkeit erzeugt. Dank all dessen ist eine Lage entstanden, in der ein minderjähriges kleines Mädchen, das zum Lernen in die Bibliothek kommt, sexuelles Wissen erlangt, zu dem selbst verheiratete Frauen nicht gelangen können. Bei den kleinen Jungen ist es genauso. Ihre sexuellen Neigungen erwachen vorzeitig. Dadurch entsteht in ihnen das Verlangen, die sexuelle Selbstbefriedigung auszuprobieren. Noch bevor sie die volle Reife erreicht haben, geraten sie in die Klauen des Geschlechtstriebs. Für die Ehe gibt es zwar eine Altersgrenze, doch für das Ausprobieren des Geschlechtsverkehrs ist keine Altersgrenze festgelegt. Daher beginnen all diese Handlungen bereits im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren.
Vorzeichen des nationalen Niedergangs
Wo die Gottlosigkeit, die Vergötzung der Triebe und die Knechtschaft unter körperlichem Genuss und sinnlicher Befriedigung ihren Höhepunkt erreichen, wo alle, Männer und Frauen, Junge und Alte ohne Unterschied, dem Genussleben ergeben sind und wo das lodernde Feuer des Wahnsinns den Menschen über seine Kontrolle hinausführt, dort ist es ganz natürlich, dass alle Ursachen des nationalen Niedergangs zutage treten. Wenn man eine derartige, dem Untergang geweihte Nation auf dem Gipfel ihrer Macht sieht, kommt man zu dem Schluss, ihr Genussleben sei kein Hindernis auf dem Weg des Fortschritts, sondern vielmehr eine Hilfe. Sie behaupten sogar, dass eine Nation ihre höchste Entwicklung nur dann erreicht, wenn sie den Höhepunkt des Genusslebens erreicht hat. Doch ein solcher Schluss ist völlig falsch. Wo die Kräfte des Aufbaus und der Zerstörung gemeinsam wirken und insgesamt die aufbauenden Tätigkeiten deutlich sichtbar sind, kann nur jemand, dessen Verstand und Urteilskraft versagt haben, auch die zerstörerischen Kräfte zu den Ursachen der Schöpfung zählen.
Wenn beispielsweise ein vorsichtiger Geschäftsmann durch Verstand, Arbeit und Erfahrung ein großes Vermögen erwirbt und sich zugleich dem Trinken, dem Glücksspiel und dem Genussleben hingibt, was könnte dann wohl größere Dummheit sein, als beide Seiten seines Lebens als Ursachen von Wohlstand und Fortschritt zu betrachten? In Wirklichkeit arbeiten die Ursachen seines Fortschritts und die Gesamtheit jener letztgenannten Laster an seiner Zerstörung. Dass er dank der Kraft der erstgenannten Eigenschaften in einem prächtigen Gebäude fest verankert ist, bedeutet nicht, dass die zerstörerischen Kräfte keinen Einfluss auf ihn ausüben. Bei genauer Betrachtung wird deutlich, dass diese zerstörerischen Kräfte die Kraft seines Verstandes und seines Körpers unaufhörlich aufzehren. Sie plündern das durch seine Arbeit erworbene Vermögen. Während diese Kräfte ihn zugrunde richten, warten sie ständig auf eine Gelegenheit, bei einem entscheidenden Angriff ihn mit dem ersten Schlag zu vernichten. Der Dämon des Glücksspiels kann in einem unheilvollen Augenblick das in seinem ganzen Leben erworbene Vermögen im Nu vernichten, und er sitzt gerade in Erwartung dieses Augenblicks da. Der Dämon des Alkohols kann im passenden Moment seine Bewusstlosigkeit ausnutzen und ihn zu einem folgenschweren Fehler verleiten, durch den er innerhalb eines Augenblicks bankrottgehen kann. Auch er hält Ausschau nach dieser Gelegenheit. Der Dämon des Lasters wartet ebenfalls auf den Augenblick, in dem er ihn zu Mord, Selbstmord oder plötzlichem Untergang verleiten kann. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie es um seinen Aufstieg bestellt gewesen wäre, wenn dieser Mann nicht in die Gewalt dieser Dämonen geraten wäre!
Bei einer Nation ist es genauso. Durch aufbauende Kräfte macht sie Fortschritte. Doch aus Mangel an einer richtigen Führung beginnt sie, nachdem sie auf dem Weg des Fortschritts einige Schritte vorangekommen ist, die Ursachen ihrer eigenen Zerstörung hervorzubringen. Eine Zeit lang führen die schöpferischen Kräfte sie vorwärts. Gleichzeitig verzehren die zerstörerischen Kräfte jedoch ihre Lebenskraft wie ein Holzwurm von innen. Schließlich machen sie sie so hohl, dass ein einziger plötzlicher Schlag ihr ruhmreiches Gebäude zu Staub zerfallen lässt. Die deutlichen und gewaltigen Ursachen der Zerstörung, welche die irrige Gesellschaftsordnung der französischen Nation über sie gebracht hat, werde ich hier kurz darlegen.
Vernichtung der körperlichen Kräfte
Die erste schädliche Folge der uneingeschränkten Herrschaft des Geschlechtstriebs bestand darin, dass die körperliche Kraft der französischen Bevölkerung allmählich schwand. Die Knechtschaft unter der Begierde hatte ihre Selbstbeherrschung und ihre Geduld völlig ausgelöscht. Die Häufigkeit venerischer Krankheiten hatte verheerende Auswirkungen auf ihre Gesundheit. Seit Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war eine Lage entstanden, in der die Militärbehörden gezwungen waren, die Anforderungen an die körperliche Tauglichkeit für die in Abständen von einigen Jahren neu durchgeführte Rekrutierung (New Reqruits) immer weiter herabzusetzen. Denn später fand man nur noch sehr wenige junge Männer, die dem ursprünglich festgelegten Tauglichkeitsmaßstab entsprachen. Dies ist ein zuverlässiges Messinstrument, das fast ebenso sicher wie ein Thermometer (Thermometre) anzeigt, wie schnell die körperliche Kraft der französischen Nation allmählich abnahm. Unter den Ursachen dieses Niedergangs war die venerische Krankheit eine besondere. In den ersten beiden Jahren des Ersten Weltkriegs wurden fünfundsiebzigtausend Soldaten wegen Syphilis in Krankenhäuser eingewiesen. Allein in einem mittelgroßen Militärlager erkrankten gleichzeitig 242 Soldaten an dieser Krankheit. Betrachten Sie einerseits jene krisenhafte Lage, als die französische Nation am Scheideweg zwischen Leben und Tod schwankte, als für die Existenz der gesamten Nation der äußerste Einsatz jedes einzelnen Soldaten erforderlich war und ein Franc äußerst wertvoll war. Zeit, Kraft, sämtliche Mittel und jeder Gegenstand mussten in übermäßigem Maß für die Verteidigung des Landes eingesetzt werden; betrachten Sie andererseits die jungen Männer dieser Nation: Tausende von ihnen wurden durch sexuelle Ausschweifung nicht nur für lange Zeit arbeitsunfähig, sondern verschwendeten in diesem kritischen Augenblick auch die finanziellen Mittel und Ressourcen der Nation für ihre Behandlung.
Der französische Facharzt Dr. Laredde (Dr. Laredde) sagt, dass in Frankreich jedes Jahr allein an Syphilis und den dadurch verursachten Krankheiten dreißigtausend Menschen sterben. Nach dem Fieber ist dies die häufigste Todesursache. Das ist der Zustand einer einzigen Geschlechtskrankheit! Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Krankheiten dieser Art.
Die Beseitigung der familiären Ordnung
Die allgemeine Verbreitung dieser zügellosen sexuellen Raserei und Lüsternheit hatte die zweite große Plage der französischen Zivilisation heraufbeschworen: die Beseitigung der familiären Ordnung. Die dauerhafte und feste Beziehung zwischen Mann und Frau, durch die die familiäre Ordnung begründet wird, heißt Ehe. Durch diese Beziehung werden Frieden, Eintracht, Ruhe und Beständigkeit im menschlichen Leben geschaffen. Eben sie verwandelt das persönliche Leben des Menschen in ein gesellschaftliches Leben. Eben sie macht die Menschen zu Dienern der Zivilisation, damit sie den Fluch der Unordnung niederhalten. Innerhalb der Grenzen dieser Ordnung entsteht eine so friedvolle und erhabene Atmosphäre der Liebe, des Friedens und der Aufopferung, dass die neue Generation mit richtigem Charakter, einwandfreier Erziehung und der Bildung eines lauteren Wesens aufgezogen und entwickelt werden kann. Doch dort, wo die Vorstellung von der Ehe und ihrem erhabenen Zweck aus den Herzen von Mann und Frau gänzlich verschwunden ist, wo außer der Befriedigung des Geschlechtstriebs kein anderer Zweck sexueller Beziehungen im Denken Raum findet und wo Scharen lüstern nach Männern und Frauen wie Hummeln von Blüte zu Blüte fliegen und Honig trinken, dort kann diese Ordnung weder geschaffen werden noch bestehen bleiben. Wo Mann und Frau nicht die Fähigkeit besitzen, die schwere Verantwortung des ehelichen Lebens sowie die Last seiner Rechte, Pflichten und sittlichen Regeln zu tragen, führt ihre geistige und moralische Verfassung dazu, dass die Erziehung jeder nachfolgenden Generation schlechter ausfällt als die der vorhergehenden. Die Selbstsucht und Willkür unter den Menschen nehmen derart zu, dass die Bande der Zivilisation sich zu lösen beginnen. Das Schwanken bei Veränderungen und beim Fassen von Entscheidungen nimmt unter den Menschen derart zu, dass weder in der nationalen noch in der internationalen Politik Beständigkeit besteht. Wegen des Mangels an familiärem Frieden wird ihr Leben immer bitterer, und eine ewige Sorge vermag ihnen auch nur für einen Augenblick Frieden zu gewähren. Dies ist die irdische Hölle, die die Menschen im Rausch einer törichten Gier nach Genuss käuflich erwerben.
In Frankreich schließen jedes Jahr von tausend Menschen sieben oder acht Männer und Frauen den Ehebund. Dieses Verhältnis ist so gering, dass man daraus leicht ermessen kann, welch ein großer Teil der französischen Bevölkerung unverheiratet bleibt.
Auch unter der geringen Zahl der Menschen, die den Ehebund eingehen, finden sich nur sehr wenige, die heiraten, um ein ehrbares und keusches Leben zu führen. Neben diesem einen Zweck haben sie ja auch andere Absichten. Ja, es war in der Gesellschaft sogar ein verbreiteter und erwünschter Brauch, eine Frau zu heiraten, die ein uneheliches Kind geboren hatte, damit ihr Kind für ehelich erklärt wurde. Paul Bureau sagt:
Unter der französischen Arbeiterschaft war es allgemein üblich, dass eine heiratswillige Frau vor der Eheschließung von ihrem künftigen Ehemann das Versprechen verlangte, ihr uneheliches Kind als sein eigenes eheliches Kind anzuerkennen.
Im Jahr 1917 machte eine Frau vor dem Zivilgericht des Seine-Départements (Saine) folgende Aussage:
Noch vor der Eheschließung hatte ich meinen Ehemann in dieser Sache gewarnt: Der einzige Zweck meiner Heirat sei, dass das Kind, das ich als Unverheiratete geboren hatte, für ehelich erklärt werden müsse. Nun stellt sich die Frage, ob ich weiterhin mit ihm als Ehemann und Ehefrau zusammenleben werde. Eine solche Absicht hatte ich damals nicht, und ich habe sie auch jetzt nicht. Deshalb ließ ich mich noch am Tag unserer Eheschließung um halb sechs Uhr von meinem Ehemann scheiden. Bis heute habe ich nicht mit ihm zusammengelebt. Denn ich hatte keinerlei Absicht, die Pflichten des ehelichen Lebens zu erfüllen.
– Paul Bureaus bereits erwähntes Werk, S. 55
Der Direktor eines angesehenen Colleges in Paris bemerkte gegenüber Paul Bureau, dass der einzige Zweck der Heirat junger Männer gewöhnlich darin bestehe, auch im eigenen Haus die Dienste einer Geliebten in Anspruch nehmen zu können. Zehn oder zwölf Jahre lang ziehen sie frei umher und kosten überall die Freuden des Lebens aus. Dann kommt eine Zeit, in der sie, des ausschweifenden Lebens und der Unzucht müde und erschöpft, eine Frau heiraten, damit sie wenigstens etwas häuslichen Frieden genießen und zugleich weiterhin wie ein freier Genussmensch Freude und Vergnügen erleben können. – Ebenda
In Frankreich gilt der Ehebruch verheirateter Menschen keineswegs als anstößig oder tadelnswert. Wenn jemand neben seiner Ehefrau eine Geliebte im Haus hält, braucht er dies nicht geheim zu halten. Auch die Gesellschaft betrachtet dies als eine ganz gewöhnliche und mögliche Angelegenheit.
– Ebenda, S. 76–77
Unter solchen Umständen ist die eheliche Beziehung so schwach geworden, dass sie bei jeder Kleinigkeit zerbricht. Oft dauert das Eheleben dieser Unglücklichen nicht länger als einige Stunden. Beispielsweise ließ sich ein angesehener Mann in Frankreich, der mehrmals das Amt eines Ministers bekleidet hatte, bereits fünf Stunden nach der Hochzeit von seiner Frau scheiden. Die Scheidung erfolgt aus derart geringfügigen Anlässen, dass man lachen muss, wenn man davon hört. Wenn etwa der Ehemann oder die Ehefrau im Schlaf schnarcht oder einer den Hund des anderen nicht leiden kann, wird die Scheidung unausweichlich. Einmal wurden beim Zivilgericht der Seine an ein und demselben Tag zweihundertvierundneunzig Ehen geschieden. Als 1844 das neue Ehegesetz verabschiedet wurde, wurden viertausend Scheidungen vollzogen. Im Jahr 1900 stieg diese Zahl auf siebentausendfünfhundert, 1913 auf sechzehntausend und 1931 auf einundzwanzigtausend.
Ausrottung der Nachkommenschaft
Die Erziehung von Kindern ist eine sittliche Tätigkeit von hohem Rang. Sie erfordert die Beherrschung der Triebe, den Verzicht auf Begierden und Wünsche, die Bereitschaft, Leid, Mühsal und Arbeit auf sich zu nehmen, sowie die Opferung von Vermögen und Leben. Diejenigen, die selbstsüchtig und Sklaven ihrer Triebe sind, sind für diese große Aufgabe überhaupt nicht vorbereitet. Denn Einsamkeit beziehungsweise der Mangel an Gemeinschaft und die Bestialität ergreifen von ihnen Besitz.
Seit beinahe einem Jahrhundert ist in Frankreich eine Bewegung zur Empfängnisverhütung im Gange. Infolge dieser Bewegung hat jeder Mann und jede Frau in Frankreich Methoden erlernt, durch die sie, obwohl sie sinnliche Freuden genießen, deren natürliche Folgen – Empfängnis, Geburt von Kindern und Vermehrung der Nachkommenschaft – vermeiden können. Es gibt keine Stadt, keinen Vorort und kein Dorf, in denen Mittel und Geräte zur Empfängnisverhütung nicht offen verkauft werden. Daher beschränkt sich deren Gebrauch nicht nur auf ausschweifende Sexualgenießer; auch verheiratete Männer und Frauen verwenden sie in großem Umfang und wünschen, dass die Geburt eines Kindes ihre Freuden und ihr Wohlleben in keiner Weise beeinträchtigt. Angesichts des Ausmaßes, in dem die Geburtenrate in Frankreich sinkt, haben Fachleute geschätzt, dass diese weitverbreitete Epidemie der Empfängnisverhütung jedes Jahr die Geburt von mindestens sechshunderttausend Kindern verhindert. Die Empfängnisse, die trotz all dieser Methoden zustande kommen, werden durch Abtreibung vernichtet. Auf diese Weise wird weiteren drei- bis vierhunderttausend Menschenkindern die Ankunft auf der Erde verwehrt. Abtreibung wird nicht nur von unverheirateten Frauen vorgenommen; auch verheiratete Frauen stehen ihnen in dieser Hinsicht gleich. Unter moralischen Gesichtspunkten gilt diese Handlung als über jeden Tadel erhaben und als ein Recht der Frau. Es scheint, als verschließe das Gesetz des Landes in dieser Angelegenheit die Augen. Obwohl sie im Gesetzbuch noch immer als strafbare Handlung verzeichnet ist, verhält es sich doch so, dass von dreihundert Personen kaum eine wegen dieses Verbrechens vor Gericht gebracht wird. Von denen, die vor Gericht gebracht werden, werden zudem fünfundsiebzig Prozent freigesprochen. Die medizinische Technik der Abtreibung ist so einfach und allgemein bekannt, dass die meisten Frauen selbst eine Abtreibung vornehmen können. Diejenigen, die dazu nicht in der Lage sind, haben keine Mühe, die Hilfe eines Arztes zu erhalten. Die Tötung des Embryos oder des ungeborenen Kindes ist für sie zu einer gewöhnlichen Angelegenheit geworden, vergleichbar mit dem schmerzhaften Ziehen eines Zahnes.
Eine solche Gesinnung hat das mütterliche Wesen dahin gebracht, dass die Mutter, die Liebe und Zärtlichkeit seit jeher als das Höchste und Letzte in der Welt anerkannt hat, ihren eigenen Kindern gegenüber nicht nur Abneigung und Traurigkeit empfindet, sondern zu deren Feindin geworden ist. Denjenigen Kindern, die trotz der vergeblichen Versuche zur Empfängnisverhütung und Abtreibung geboren werden, wird grausam begegnet. Paul Bureau bringt diese schmerzliche Tatsache mit folgenden Worten zum Ausdruck:
Tag für Tag wird in den Zeitungen vom Elend jener Kinder berichtet, deren Eltern sich ihnen gegenüber grausam und unmenschlich verhalten haben. Auch in den Zeitungen werden nur außergewöhnliche Fälle erwähnt; doch die Menschen wissen sehr wohl, wie grausam die Eltern gewöhnlich mit diesen unglücklichen, unerwünschten Gästen umgehen. Die Eltern sind ihren Kindern gegenüber deshalb traurig und gleichgültig, weil diese Unglücklichen das Glück und die Freuden ihres Lebens völlig zunichtegemacht haben. In vielen Fällen verhindert ein Mangel an Mut die Abtreibung, und so betritt ein unschuldiges Kind die Welt. Doch unmittelbar nach seiner Ankunft muss es die vollständige Strafe erleiden. – Ebenda, S. 74
Die Abscheu und der Hass gegenüber den Kindern haben einen solchen Höhepunkt erreicht, dass einst, als das sechs Monate alte Kind einer Frau starb, diese vor dem Leichnam ihres toten Kindes eine Tanz- und Gesangsveranstaltung abhielt und zu ihren Nachbarn sagte:
Jetzt werden wir kein zweites Kind mehr bekommen. Durch den Tod dieses Kindes haben mein Mann und ich den größten Frieden erlangt. Überlege doch: Was ist ein Kind? Es weint ständig quengelnd, verursacht Unrat – und gibt es etwa eine Möglichkeit, dem zu entkommen? – Ebenda, S. 75
Noch schmerzlicher ist, dass der Kindsmord sich wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet. Die französische Regierung und die dortigen Gerichte gehen an diesem schweren Verbrechen ebenso achtlos vorbei wie an der Abtreibung. Beispielsweise wurden im Jahre 1918 vor dem Gericht von „Loir“ zwei Frauen wegen Kindsmordes vorgeführt, und beide wurden später freigesprochen. Eine von ihnen hatte ihr kleines Kind ertränkt. Ihr erstes Kind wurde von einem Verwandten aufgezogen, und sie hatte auch ihre Bereitschaft bekundet, das zweite Kind aufzuziehen. Doch die Mutter beschloss, einen solchen Feind unbedingt zu beseitigen. Ihr Verbrechen wurde vom Gericht als entschuldbar angesehen. Die zweite Frau würgte ihr Kind zunächst am Hals. Da sie meinte, sein Lebensodem sei dadurch noch nicht vollständig erloschen, schleuderte sie es gegen eine Wand und zerschmetterte seinen Kopf. Nach Ansicht der Richter und Geschworenen war sie der Todesstrafe nicht würdig. Noch im selben Jahr wurde vor dem Gericht der Seine eine Tänzerin wegen eines ähnlichen Verbrechens vorgeführt. Sie versuchte, die Zunge ihres Kindes herauszuziehen, zerschmetterte anschließend seinen Kopf und tötete es, indem sie ihm die Kehle durchschnitt. Auch diese Frau erklärten Richter und Geschworene für unschuldig.
Ein Volk, das in der Feindschaft gegen seine eigenen Nachkommen einen solchen Höhepunkt erreichen kann, kann durch keine noch so gute Ordnung der Welt vor dem Untergang bewahrt werden. Die Geburt einer neuen Generation ist unerlässlich, damit die Kontinuität eines Volkes erhalten bleibt. Ein Volk, das zum Feind seiner eigenen Nachkommen wird, wird in Wirklichkeit zu seinem eigenen Feind. Es begeht fortwährend Selbstmord und vernichtet seine eigene Existenz, auch wenn es keinen äußeren Feind hat. Wie bereits erwähnt, ist die Geburtenrate der Franzosen seit sechzig Jahren stetig zurückgegangen. In manchen Jahren übersteigt die Sterberate die Geburtenrate. In manchen Jahren sind beide gleich. Bisweilen steigt die Geburtenrate im Verhältnis zur Sterberate nur äußerst mühsam um einen auf tausend. Andererseits nimmt die Zahl der fremdstämmigen Einwanderer in Frankreich von Tag zu Tag zu. Im Jahre 1931 gab es unter den insgesamt 41,8 Millionen Einwohnern Frankreichs 2,89 Millionen fremdstämmige Ausländer. Wenn dieser Zustand anhält, ist es keineswegs verwunderlich, dass die französische Nation im letzten Teil des zwanzigsten Jahrhunderts in ihrer eigenen Heimat zur Minderheit werden wird.
Dies ist das Ergebnis jener Lehren und Sichtweisen, auf deren Grundlage zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts die Bewegung für die Rechte der Frauen geführt wurde.
Noch einige weitere Beispiele
Wir haben die Lehren Frankreichs und deren Folgen lediglich beschrieben, um die historische Abfolge der Ereignisse unversehrt zu bewahren. Es wäre jedoch ungerecht, in dieser Angelegenheit ausschließlich Frankreich verantwortlich zu machen. Tatsächlich ist die Lage in all jenen Ländern weitgehend ähnlich, die die zuvor erwähnten widersprüchlichen Grundsätze der sogenannten Lehren und der gesellschaftlichen Ordnung übernommen haben. Nehmen wir beispielsweise die Vereinigten Staaten von Amerika, deren gesellschaftliche Ordnung auf höchster Stufe entwickelt ist.
Der sexuelle Einfluss des Umfelds auf die Jugend
Der berühmte George Ben Lindsey (Ben Lindsey) war einst Vorsitzender des in Denver für Jugenddelikte eingerichteten Jugendgerichts (Chairman of the Juvenile Court of Denver). Aus diesem Grund hatte er reichlich Gelegenheit, den sittlichen Zustand der amerikanischen Jugend kennenzulernen. In seinem Werk „Revolt of Modern Youth“ schreibt er, dass die amerikanischen Jungen und Mädchen bereits vor dem vorgesehenen Alter begonnen hätten, erwachsen zu werden. Schon in sehr jungen Jahren erwacht in ihnen der sexuelle Trieb. Als Beispiel untersuchte er den Zustand von dreihundertzwölf Mädchen und stellte fest, dass zweihundertfünfzig von ihnen bereits im Alter von elf bis dreizehn Jahren geschlechtsreif geworden waren und Anzeichen eines solchen sexuellen Verlangens und körperlichen Bedürfnisses zeigten, wie sie bei einem achtzehnjährigen Mädchen nicht möglich wären. – Ebenda, S. 82–86
Dr. Edith Hooker schreibt in ihrem Werk „Laws of Sex“:
In den vornehmen und wohlhabenden Kreisen ist es eine ganz gewöhnliche Erscheinung, dass sieben- oder achtjährige Mädchen Liebesbeziehungen zu gleichaltrigen Jungen eingehen und meistens auch Geschlechtsverkehr mit ihnen haben.
Sie sagt außerdem:
Ein siebenjähriges Mädchen, der strahlende Edelstein einer angesehenen Familie, schließt sich ihrem älteren Bruder und einigen Freunden an. In einem anderen Fall wurde eine Gruppe aus zwei Mädchen und drei Jungen dabei angetroffen, wie sie miteinander Geschlechtsverkehr hatten. Sie verleiteten auch andere gleichaltrige Jungen und Mädchen zu dieser Handlung. Das zehnjährige Mädchen war die Älteste in dieser Gruppe. Dennoch erlangte sie den Ruhm, Liebeserklärungen von verschiedenen Liebhabern zu erhalten. – Ebenda, S. 328
Aus dem Bericht eines Arztes aus Baltimore geht hervor, dass in dieser Stadt innerhalb eines Jahres mehr als tausend Fälle wegen des Vorwurfs registriert wurden, Geschlechtsverkehr mit Mädchen unter zwölf Jahren gehabt zu haben.
– dasselbe Werk, S. 177
Dies ist die erste Folge einer anregenden Umgebung, die mit allen Mitteln und Möglichkeiten zur Erweckung der sexuellen Begierde angefüllt ist. Ein amerikanischer Schriftsteller sagt:
Der Zustand, in dem der größere Teil unserer Einwohner seine Zeit verbringt, ist so ungewöhnlich, dass bereits im Alter von zehn oder fünfzehn Jahren unter Jungen und Mädchen die Neigung erwacht, sich ineinander zu verlieben. Es ist nur natürlich, dass eine solche vorzeitige sexuelle Begierde äußerst verhängnisvolle und schreckliche Folgen hat. Zumindest führt sie dazu, dass minderjährige junge Frauen gemeinsam mit Freunden aus dem Elternhaus fliehen oder schon in jungen Jahren verheiratet werden. Wenn sie jedoch im Liebesspiel erfolglos bleiben, begehen sie Selbstmord.
Sexuelle Betätigung in der Schule
Auf diese Weise werden die Schulen zum ersten Erprobungsfeld für jene Jungen und Mädchen, bei denen vorzeitig sexuelle Neigungen erwachen. Schulen gibt es in zwei Arten. In der einen Art werden nur Lernende desselben Geschlechts aufgenommen, während in der anderen Art eine gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen vorgesehen ist.
In Schulen der ersten Art breiten sich gleichgeschlechtlicher Geschlechtsverkehr (Homo Sexuality) und Masturbation (Masturbation) wie eine ansteckende Krankheit aus. Denn die Art von Empfindungen und Gefühlen, die bereits in der Kindheit geweckt werden und durch die allseitige Umgebung ihre volle Erregung erfahren, muss zwangsläufig auf die eine oder andere Weise befriedigt werden. Doktor Hooker sagt, dass sich in solchen Bildungsanstalten, an Hochschulen, in Ausbildungsschulen für Krankenschwestern und in religiösen Lehranstalten stets Fälle ereignen, in denen zwei Personen desselben Geschlechts miteinander sexuelle Handlungen vollziehen und keinerlei Interesse am anderen Geschlecht haben. – dasselbe Werk, S. 331
In diesem Zusammenhang führt er noch viele weitere Fälle an und sagt, dass Mädchen, die mit Mädchen, und Jungen, die mit Jungen sexuelle Handlungen vollzogen, schrecklichen Folgen entgegengesehen haben. Wie rasch sich dieser gleichgeschlechtliche Geschlechtsverkehr wie eine ansteckende Krankheit ausbreitet, lässt sich aus der Lektüre anderer Bücher erfahren. Dr. Lowry erwähnt in seinem Werk „Herselt“, dass einmal der Leiter einer Schule vierzig Familien in geheimen Briefen mitteilte, es sei nicht länger möglich, ihre Kinder an der Schule zu behalten. Denn unter ihnen sei ein schrecklicher Zustand der Sittenlosigkeit entstanden. – dasselbe Werk, S. 179
Nun wollen wir die Schulen der zweiten Art betrachten, in denen eine gemeinsame Erziehung von Jungen und Mädchen eingerichtet ist. Hier sind nicht nur die Mittel zur Erzeugung sexueller Erregung vorhanden, sondern ebenso die Möglichkeiten, diese zu befriedigen. Die sexuelle Begierde und Neigung, die in der Kindheit geweckt werden, finden nach dem Besuch einer solchen Schule Gelegenheit, sich zu erfüllen. Jungen und Mädchen gewöhnen sich daran, äußerst schändliche und obszöne Literatur zu lesen. Liebesgeschichten und -romane, Broschüren, die kaum den Namen Kunst verdienen, obszöne Schriften über sexuelle Probleme sowie Aufsätze über Wissenswertes zur Empfängnisverhütung werden für Schülerinnen und Schüler an Schulen und Hochschulen unter dem Einfluss ihrer Sexualität zu besonders anziehenden Dingen. Der bekannte amerikanische Schriftsteller Hindrich von Loewen sagt, dass die in den amerikanischen Universitäten am meisten nachgefragte Literatur lediglich eine Zusammenfassung aller Arten von Unreinheit, Schmutz, Obszönität und Freizügigkeit sei. Eine solche Literatur ist unter der Allgemeinheit niemals zuvor so frei verbreitet worden.
Aus dieser gesamten Literatur gewonnene Kenntnisse werden von den jungen Männern und Frauen frei erörtert, worauf sie sich auf den unmittelbaren Versuch vorbereiten. Jungen und Mädchen, junge Männer und Frauen gehen gemeinsam zu Petting-Partys aus und genießen dort durch den freien Konsum von Alkohol und Zigaretten sowie durch Tanz und Gesang das Leben in vollen Zügen.* Herr Lindsay schätzt, dass 45 Prozent der Schülerinnen der Highschool bereits vor dem Verlassen der Schule sittlich verdorben sind.
Auf den nächsthöheren Bildungsstufen ist dieser Anteil noch weit größer. Herr Lindsay sagt, dass die Jungen der Highschool den Mädchen hinsichtlich des sexuellen Verlangens weit hinterherhinken. Gewöhnlich sind es die Mädchen, die auf die eine oder andere Weise die Führung übernehmen, während die Jungen nach ihrer Pfeife tanzen.
Drei hauptsächliche anreizende Faktoren
In Schulen und Colleges herrscht immerhin eine gewisse Ordnung und Disziplin, durch die der Umgang zwischen den Schülern und Schülerinnen teilweise eingeschränkt wird. Wenn jedoch diese Scharen junger Männer und Frauen mit dem lodernden Feuer des sexuellen Hungers und einem zügellosen Wesen die Schule verlassen und in das Leben eintreten, überschreiten ihre Erregung und ihr Unwesen sämtliche Schranken und Fesseln. Dort ist ein vollständiges Pulvermagazin vorhanden, das ihre sexuellen Neigungen entzündet, und Mittel und Wege zur Befriedigung dieser Erregung sind ebenfalls ohne Weiteres verfügbar.
Zu den Ursachen, aus denen sich die außergewöhnliche Verbreitung der Sittenlosigkeit in Amerika erklärt, äußerte eine amerikanische Zeitschrift Folgendes:
Es gibt drei teuflische Kräfte, und ihre Dreieinigkeit hat heute durch ihren Einfluss auf dieses Land eine Hölle geschaffen. Diese drei Kräfte sind:
1. Obszöne Literatur; seit dem Ersten Weltkrieg verbreitet sie mit erstaunlicher Geschwindigkeit schamlose Inhalte in großem Umfang.
2. Das Kino; es begnügt sich nicht damit, lüsterne Liebesneigungen anzuregen, sondern erteilt darin auch praktischen Unterricht.
3. Der sittliche Verfall der Frauen; durch ihre Kleidung, ihre zumeist nackte Erscheinung, die zunehmende Gewohnheit des Zigarettenrauchens und den ungezwungenen Umgang mit Männern vertiefen sich ihre Beziehungen sogar zu Fremden.
Diese drei Dinge breiten sich bei uns in großem Umfang aus. Infolgedessen werden der Niedergang und schließlich die Beseitigung der christlichen Zivilisation und Gesellschaftsordnung unvermeidlich sein. Wenn wir ihrer Entwicklung nicht noch Einhalt gebieten können, wird unsere Geschichte in ähnlicher Weise geschrieben werden wie die Geschichte Roms und anderer Völker, die durch die Anbetung der Triebe und den sexuellen Rausch, zusammen mit ihrem Alkohol, ihren Frauen und ihren Tänzen und Gesängen, in den bodenlosen Abgrund des Verderbens gestürzt wurden.
Bei all den jungen Männern und Frauen, in deren Adern auch nur ein Tropfen warmes Blut fließt, erzeugen diese drei teuflischen Kräfte, die auf Zivilisation und Gesellschaftsordnung einwirken, eine dauerhafte Erregung ihrer Gefühle und Empfindungen. Tatsächlich ist das Übermaß an Obszönität die unvermeidliche Folge einer solchen Erregung.
*. How I can get married, S. 172
Das Übermaß an Obszönität
Die Zahl der Frauen in Amerika, die die Prostitution als dauerhaften Lebensunterhalt angenommen haben, liegt zwischen etwa vier- und fünfhunderttausend.* Doch darf man die Prostituierten Amerikas nicht mit den Prostituierten dieses Landes gleichsetzen. Sie sind keine Prostituierten aus einer Familientradition. Eine amerikanische Prostituierte ist eine Frau, die bis gestern noch einen unabhängigen Beruf ausgeübt hatte, durch schlechten Umgang sittlich verdorben wurde und Zuflucht in einem Bordell suchte. Sie wird dort einige Zeit verbringen. Danach wird sie die Prostitution aufgeben und eine Stelle in einem Büro oder einer Fabrik annehmen. Nach Untersuchungen ist bekannt geworden, dass fünfzig Prozent der amerikanischen Prostituierten aus dem Kreis der Hausangestellten (Domestic Servant) zur Prostitution gelangt sind. Die übrigen fünfzig Prozent geben ihre Stellen in Krankenhäusern, Büros und Geschäften auf und gehen in Bordelle. Im Allgemeinen beginnt man dieses Gewerbe im Alter von fünfzehn bis zwanzig Jahren und gibt das Bordell im Alter von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren wieder auf, um ein unabhängiges Gewerbe zu beginnen.**
Welche Bedeutung dem Vorhandensein von vier- bis fünfhunderttausend Prostituierten in Amerika zugrunde liegt, lässt sich aus dieser Erörterung ohne Weiteres erkennen.
Im vorhergehenden Kapitel wurde dargelegt, dass sich die Prostitution in den westlichen Ländern zu einem gut organisierten internationalen Geschäft entwickelt hat. New York in Amerika, Rio de Janeiro und Buenos Aires sind besondere Zentren dieses Geschäfts. Jedes der beiden großen Geschäftszentren New Yorks verfügt über einen eigenen Verwaltungsrat, dessen Vorsitzender und Sekretär ordnungsgemäß gewählt werden. Jedes hat außerdem einen Rechtsberater, der in seinem Namen als Anwalt auftritt. Tausende von Vermittlern sind damit beauftragt, junge Frauen durch Überredung zu entführen. Sie streifen überall umher und suchen nach Opfern. Wie geschickt diese Jäger sind, lässt sich aus folgendem Bericht ermessen: Der Vorsitzende des Einwanderervereins in Chicago zählte einmal die Ankommenden eines Zeitraums von fünfzehn Monaten. Dabei stellte sich heraus, dass er in dieser Zeit Briefe über 7.200 Mädchen erhielt, die nach Chicago reisen wollten und mitteilten, dass sie dorthin kämen. Doch nur 1.700 erreichten ihr Ziel. Von den übrigen Mädchen war keine Spur zu finden.
Neben den Bordellen gibt es dort auch zahlreiche Assignation Houses und Call Houses. Der Zweck besteht darin, dass für den Fall, dass angesehene Männer und Frauen miteinander verkehren möchten, an diesen Orten entsprechende Vorkehrungen für sie getroffen werden. Nachforschungen haben ergeben, dass es allein in einer Stadt 78 solcher Häuser gibt. In zwei weiteren Städten gibt es jeweils 43 beziehungsweise 33 ähnliche Häuser.*
Nicht nur unverheiratete Männer und Frauen besuchen diese Häuser; auch viele verheiratete Männer und Frauen gehen dorthin. Ein berühmter Sozialreformer bemerkte: „Ein Drittel der Einwohner New Yorks seinen sittlichen und
*.Prostitution in U.S.A., S. 64–69
**.Heself, S. 116
körperlichen Pflichten im Eheleben nicht nachkommt. Zwischen den Verhältnissen in New York und denen in anderen Teilen des Landes besteht kein wesentlicher Unterschied.“**
Eine Vereinigung amerikanischer Sittenreformer trägt den Namen „Committee of Fourteen“. In ihrem Auftrag werden in großem Umfang verdächtige Treffpunkte aufgespürt, die sittlichen Verhältnisse des Landes untersucht und wirksame Maßnahmen zur moralischen Reform ergriffen. In ihren Berichten heißt es, dass die zahlreichen Tanzlokale, Nachtklubs, Schönheitssalons [Beauty Saloons], Geschäfte zur Verschönerung der Hände [Manleure Shops], Massageräume [Massage Rooms] und Friseursalons [Hair Dressing saloons] Amerikas häufig zu Bordellen geworden sind. Es wäre sogar keine Übertreibung, sie als noch schlimmer zu bezeichnen. Denn die dort begangenen üblen Taten sind unaussprechlich.
Geschlechtskrankheiten
Die unvermeidliche Folge sexueller Zügellosigkeit sind Geschlechtskrankheiten. Es wird geschätzt, dass 90 Prozent der Einwohner Amerikas von diesen Krankheiten betroffen sind. Aus der Encyclopedia Britannica ist bekannt, dass in den staatlichen Krankenhäusern dort jedes Jahr durchschnittlich 200.000 Syphilis- und 160.000 Gonorrhöpatienten behandelt werden. 65 Krankenhäuser sind ausschließlich der Behandlung dieser Krankheiten gewidmet. Doch bei den Privatärzten ist der Andrang der Patienten größer als in den staatlichen Krankenhäusern. Dort werden 61 Prozent Syphilispatienten (gummiartige Geschwüre) und 89 Prozent Gonorrhöpatienten behandelt. – Ebenda, Band 23, S. 45
Jedes Jahr sterben dreißig- bis vierzigtausend Kinder an angeborener Syphilis. Unter allen Krankheiten, an denen Menschen außer an schweren Fieberkrankheiten sterben, ist die Sterblichkeitsrate infolge der Syphilis außerordentlich hoch.
Fachleute sind der Ansicht, dass sechzig Prozent der jungen Männer an jener Gonorrhö erkrankt sind. Unter ihnen befinden sich sowohl Verheiratete als auch Unverheiratete.
Gynäkologen sind sich darüber einig, dass bei fünfundsiebzig Prozent der verheirateten Frauen, an denen chirurgische Eingriffe vorgenommen werden, Syphiliserreger gefunden werden.*
*.Prostitution in U.S.A., S. 64–69
**.Heself, S. 116
Scheidung und Trennung
Wie können unter solchen Umständen die familiäre Ordnung und die eheliche Beziehung unversehrt bleiben? Jene unabhängigen Frauen, die in ihrem Leben keinen Mann benötigen, außer um ihr sexuelles Verlangen zu befriedigen, und mit denen Männer ohne Eheschließung verkehren können, betrachten die Ehe als etwas Unnötiges. Die moderne Philosophie und die materialistische Denkweise haben ihnen die Vorstellung aus dem Herzen getilgt, dass es ein Fehlverhalten oder eine Sünde sein könne, ohne Ehe eine Beziehung zu einem fremden Mann einzugehen. Diese Umgebung hat auch die Gesellschaft derart bewusstlos gemacht, dass sie eine solche Frau weder verabscheut noch für tadelnswert hält. George Lindsay brachte die Einstellung der gewöhnlichen amerikanischen Frauen mit folgenden Worten zum Ausdruck:
Warum sollte ich heiraten? Von meinen Freundinnen, die in den vergangenen zwei Jahren geheiratet haben, sind fünf von zehn Ehen mit einer Scheidung geendet. Ich denke, dass jedes Mädchen in der heutigen Zeit das natürliche Recht hat, in Liebesangelegenheiten selbstbestimmt zu handeln. Wir verfügen über ausreichende Kenntnisse der Empfängnisverhütung. Dadurch ist auch unsere Befürchtung beseitigt worden, dass ein uneheliches Kind geboren werden und unsere gegenwärtige Lage komplizieren könnte. Wir glauben, dass die Änderung der herkömmlichen Sitten und Bräuche nach modernen Grundsätzen die Aufgabe des Gewissens erfüllen wird.
Eine schamlose Frau mit einer solchen Einstellung kann einzig durch eine starke Liebesleidenschaft zur Heirat bewogen werden. Doch in den meisten Fällen ist diese Liebesleidenschaft nicht aufrichtig, sondern entsteht unter dem Einfluss einer vorübergehenden Erregung. Sobald der Rausch der Erregung verflogen ist, bleibt zwischen Ehemann und Ehefrau keine Liebe mehr bestehen. Eine geringfügige Verschiedenheit in Wesen und Lebensführung lässt zwischen beiden Hass entstehen. Schließlich suchen sie unter Einreichung eines Scheidungs- oder Trennungsantrags Zuflucht bei den Gerichten.
Lindsey sagt:
Im Jahre 1922 endete jede Ehe in Denver mit einer Trennung, und auf je zwei Eheschließungen wurde ein Scheidungsverfahren eingeleitet. Dies war nicht nur auf Denver beschränkt; in beinahe jeder Stadt Amerikas ereignete sich Ähnliches. Weiter sagt er: Scheidungen und Trennungen nehmen von Tag zu Tag zu. Wenn dieser Zustand anhält – und die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr groß –, dann werden in beinahe allen Landesteilen ebenso viele Klagen auf Scheidung bei den Gerichten eingereicht werden, wie Lizenzen für Eheschließungen erteilt werden.*
Einst erschien in einer Zeitung namens „Free Press“ in Detroit (Detroit) ein Artikel. Ein Teil davon wird im Folgenden zitiert:
*. Laws of Sex, S. 204
Die geringe Zahl der Eheschließungen, die große Zahl der Scheidungen und die weite Verbreitung dauerhafter oder vorübergehender sexueller Beziehungen außerhalb der Ehe beweisen, dass wir schnell auf die Tierhaftigkeit zueilen. Das natürliche Verlangen nach der Zeugung von Kindern schwindet; Abscheu vor Neugeborenen entsteht; das Bewusstsein, dass familiäre und häusliche Ordnung für den Fortbestand der Zivilisation und eines freien Staates unerlässlich ist, schwindet aus den Herzen der Menschen. Demgegenüber nimmt durch Zivilisation und Staatsgewalt eine schonungslose Gleichgültigkeit Gestalt an.
Als Mittel zur Beseitigung der weiten Verbreitung von Scheidung und Trennung wurde die Companionate Marriage, das heißt die Ehe auf Probe, eingeführt. Doch diese Lösung hat sich als noch schlechter erwiesen als die eigentliche Krankheit. Eine Ehe auf Probe bedeutet, dass Mann und Frau, anstatt eine „Ehe alten Stils“ einzugehen, eine gewisse Zeit zusammenleben. Wenn sie während dieses Zusammenlebens geistige Übereinstimmung finden, werden sie beide den Ehebund eingehen; andernfalls trennen sie sich voneinander und ziehen weiter, um anderswo ihr Glück zu suchen. Während der Probezeit müssen sie sich der Zeugung von Kindern enthalten. Denn sobald ein Kind gezeugt wird, wird der Ehebund zwischen ihnen zwangsläufig zu einer regulären Ehe. In Russland wird dies als Free Love, das heißt „freie Liebe“, bezeichnet.
Nationaler Selbstmord
Die Verehrung der Triebe, der Widerwille gegen die Erfüllung ehelicher Pflichten, die Abneigung gegen das Familienleben und die Instabilität der ehelichen Beziehung haben die natürliche, mütterliche Gefühls- und Zuneigungsfähigkeit der Frau vielfach zerstört. Dabei ist gerade diese in Wirklichkeit die höchste geistige Zuneigung der weiblichen Natur, und von ihrer Existenz hängt nicht nur die Existenz von Kultur und Zivilisation, sondern auch die der Menschlichkeit ab. Aus dem Mangel an dieser Zuneigung sind die teuflische Begeisterung für Empfängnisverhütung, Abtreibung und Kindstötung hervorgegangen. Trotz gesetzlicher Einschränkungen besitzt jede junge Frau in Amerika umfassende Kenntnisse über Empfängnisverhütung. Medikamente und Geräte zur Empfängnisverhütung werden frei auf dem Markt verkauft. Nicht nur gewöhnliche Frauen, sondern auch Schülerinnen und Studentinnen führen diese Mittel mit sich, damit ein süßes „abendliches Stelldichein“ nicht etwa ins Wasser fällt, weil der verliebte Freund sie plötzlich versehentlich nicht mitgebracht hat.
George Lindsey sagt:
495 Mädchen einer höheren Schule haben mir freiwillig gestanden, dass sie mit Jungen tatsächlich Geschlechtsverkehr gehabt hatten. Von ihnen wurden nur 25 schwanger. Bei den übrigen
*. Revolt of Modern Youth. S. 211–214
kamen einige glücklicherweise davon. Die meisten jedoch verfügten über ausreichende Kenntnisse der Empfängnisverhütung. Dieses Wissen war für sie zu einer derart alltäglichen Sache geworden, dass man es sich kaum vorstellen kann.
Jungfrauen benutzen jene Medikamente und Geräte, damit ihrer Freiheit kein Hindernis in den Weg gelegt wird. Verheiratete Frauen benutzen sie nicht nur deshalb, weil sie im Falle eines Kindes dessen Versorgung und Erziehung übernehmen müssten, sondern auch, weil dadurch der Weg des Ehemannes zur Scheidung versperrt würde. Um all diesen Gefahren zu entgehen, verwenden verheiratete Frauen empfängnisverhütende Medikamente. Alle Frauen scheuen sich deshalb davor, Mütter zu werden, weil es für den vollständigen Genuss des Lebens unbedingt notwendig sei, von dieser Gefahr namens Kind frei zu sein. Außerdem nimmt ihre Schönheit infolge des Gebärens ab.*
Aus welchem Grund auch immer sich solche Beziehungen zwischen Frauen und Männern entwickeln: Bei 95 Prozent von ihnen wird der Weg zum natürlichen Ausgang durch Verhütungsmittel versperrt. Sollte bei den verbleibenden 5 Prozent unglücklicherweise eine Schwangerschaft eintreten, bleibt ihnen der Weg zur Abtreibung und zur Tötung des Neugeborenen offen. George Lindsey sagt, dass in Amerika jedes Jahr eineinhalb Millionen Abtreibungen vorgenommen und Tausende neugeborene Kinder getötet werden. – Ebenda, S. 220
Die Lage in England
Wir wollen dieses Thema nicht weiter ausführen. Doch wir halten es nicht für angemessen, diesen Abschnitt zu beenden, ohne einiges aus George Raleigh Scotts Werk „Die Geschichte der Prostitution“ [A History of Prostitution] zu zitieren. Der Verfasser ist ein Engländer und hat das Bild seines Heimatlandes mit folgenden Worten gezeichnet:
Abgesehen von jenen Frauen, die das Vermieten ihres Körpers als einzigen Weg zu ihrem Lebensunterhalt angenommen haben, gibt es noch eine andere Gruppe von Frauen – und auch ihre Zahl nimmt von Tag zu Tag zu. Sie bedienen sich anderer Mittel, um die notwendigen Dinge des Lebens zu erlangen, und geben sich daneben auch der Unzucht hin, um ein paar zusätzliche Groschen zu verdienen. Zwischen ihnen und den gewerbsmäßigen Prostituierten besteht überhaupt kein Unterschied. Der einzige Unterschied ist, dass man sie nicht als Prostituierte bezeichnet. Wir können sie allerdings als „Amateur Prostitutes“, also als „nicht gewerbsmäßige Prostituierte“, bezeichnen.
Eine derartige Zahl lüsterner oder nicht gewerbsmäßiger Prostituierter, wie man sie heutzutage sieht, ist zu keiner anderen Zeit beobachtet worden. Frauen dieser Art findet man in allen Schichten der Gesellschaft, in den höheren wie in den niedrigeren. Wenn man diese vornehmen Damen auch nur andeutungsweise Prostituierte nennt, geraten sie in rasende Empörung. Doch
* Macfeddin, Männlichkeit und Ehe usw.
Ihre Unzufriedenheit und ihr Zorn ändern an der tatsächlichen Lage nichts. Die Tatsache ist, dass zwischen ihnen und den berüchtigten und schamlosen Prostituierten von Piccadilly nicht der geringste Unterschied besteht.
…….Unmoralisches Verhalten und Furchtlosigkeit in dieser Hinsicht, ja sogar ein geradezu käufliches Benehmen, sind unter den jungen Frauen dieses Ortes zu einer Mode geworden. Zigarettenrauchen, maßloses Trinken, das Rotfärben der Lippen, das Zurschaustellen von Kenntnissen über Sexualwissenschaft und Empfängnisverhütung, Gespräche und Erörterungen über obszöne Literatur und alles Derartige sind unter ihnen zu einer Mode geworden. …… Die Zahl der Mädchen und Frauen, die vor der Ehe ohne jede Zurückhaltung sexuelle Beziehungen mit anderen eingegangen sind, nimmt von Tag zu Tag zu. Wirklich schamhafte und bescheidene Jungfrauen, wie man sie einst vor dem Altar der Weihe in der Kirche den Eid ablegen sah, sind heutzutage äußerst selten geworden.
Bei der Darstellung der Gründe, aus denen sich die Lage so weit entwickelt hat, sagt der Verfasser:
Das leidenschaftliche Verlangen nach äußerem Schmuck hatte unter den Mädchen eine unbezähmbare Begierde geweckt, und diesem Verlangen folgend verfielen sie immer neuen Moden, kostbarer Kleidung und allerlei Mitteln zur Verschönerung in maßlose Schwärmerei. Dies ist einer der Hauptgründe für jene sittenwidrige Prostitution. Hunderttausende von jungen Frauen und Mädchen, in kostbarem und augenfälligem Gewand herausgeputzt, sieht man täglich auf den Straßen und Wegen. Jeder gewissenhafte Mensch wird beim Anblick dieser Frauen sagen, dass mit auf ehrliche Weise verdientem Geld die Kosten einer solchen Ausstattung nicht bestritten werden können. Daher ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass ausschließlich Männer ihre Kleidung kaufen.
Eine solche Aussage war vor fünfzig Jahren ebenso zutreffend wie heute; der einzige Unterschied besteht jedoch darin, dass die Männer, die ihnen früher ihre Kleidung und dergleichen kauften, vielleicht ihre Ehemänner, Väter oder Brüder waren. Heute aber kaufen andere Männer dies an ihrer Stelle.
Auch die Frauenemanzipation ist für einen großen Teil dieses Zustands verantwortlich. In den vergangenen Jahren haben die elterliche Aufsicht und Fürsorge gegenüber den Mädchen so sehr abgenommen, dass die Mädchen heutzutage derart unabhängig und unbekümmert geworden sind, wie selbst Jungen dies vor dreißig oder vierzig Jahren nicht sein konnten.
Ein Hauptgrund für die weitverbreitete sexuelle Zügellosigkeit in der Gesellschaft besteht darin, dass Mädchen in zunehmender Zahl in Geschäftsbetrieben, Büros und anderen Bereichen eine Beschäftigung aufnehmen. An diesen Orten erhalten sie Tag und Nacht Gelegenheit, mit Männern Umgang zu pflegen. Dies hat den sittlichen Zustand von Männern und Frauen auf ein äußerst niedriges Niveau herabgesenkt. Wenn ein Mann vorangeht und etwas unternehmen will, besitzt die Frau nicht die Kraft, ihn daran zu hindern. So entstehen sexuelle Beziehungen zwischen beiden, und diese überschreiten alle Schranken der Sittlichkeit. Im Herzen der jungen Frau findet die Vorstellung von Ehe und einem sittsamen Leben heute überhaupt keinen Platz mehr. Nach jener berauschenden Zeit, die einst nur die ausschweifenden Menschen suchten, sehnt sich heutzutage jedes junge Mädchen. Jungfräulichkeit und Keuschheit gelten heute als Bräuche vergangener Zeiten, und die Mädchen der modernen Zeit betrachten sie als ein Unglück. Ihrer Auffassung nach besteht die Freude des Lebens darin, in der Jugend den berauschenden Wein des Geschlechtsgenusses bis zur Neige zu trinken. Deshalb ziehen sie um Tanzsäle, Nachtklubs, Hotels, Bordelle und dergleichen herum. In der Hoffnung darauf sind sie bereit, mit einem völlig unbekannten Mann in einem Kraftwagen zu einem Vergnügungsausflug aufzubrechen. Kurz gesagt, sie stürzen sich freiwillig und bewusst in eine Umgebung und tun dies weiterhin, die im menschlichen Gemüt von Natur aus das Feuer der Begierde entfacht. Vor den unvermeidlichen natürlichen Folgen, die daraus entstehen, schrecken sie keineswegs zurück; vielmehr begrüßen sie diese.
Die entscheidende Frage
Denjenigen in unserem Land und in anderen Ländern, die sich gegen die Purdah-Ordnung wenden, steht in Wahrheit ein solches Bild des Lebens deutlich vor Augen. Die glänzenden Szenen dieses Lebens haben ihre gesamten Sinne überwältigt. Diese Anschauungen, diese sittlichen Grundsätze und die glänzende Seite solcher materiellen und körperlichen Freuden und Genüsse haben ihren Geist und ihr Denken beeinflusst. Ihr Hass gegen die Purdah-Ordnung rührt daher, dass die sittliche Philosophie des Westens, an die sie glauben, der sittlichen Philosophie der Purdah-Ordnung völlig entgegengesetzt ist und dass die materiellen Vorteile sowie die Freuden und Genüsse, nach denen sie verlangen, durch die Purdah-Ordnung behindert werden. Nun stellt sich die Frage, ob sie bereit sind, die dunkle Seite dieses Lebenswandels, das heißt seine giftigen Folgen, anzuerkennen. In dieser Hinsicht stimmen sie jedoch keineswegs alle überein.
Es gibt eine Gruppe, die bereit ist, all diese Folgen anzuerkennen. Tatsächlich betrachtet sie diese ihrer Auffassung nach ebenfalls als die glänzende und nicht als die dunkle Seite der westlichen Lebensphilosophie.
Die zweite Gruppe hält dies für die dunkle Seite des Bildes und ist nicht bereit, seine Folgen anzuerkennen. Doch sie ist von all den Genussmitteln, die mit einem solchen Lebenswandel verbunden sind, völlig betört worden.
Es gibt noch eine dritte Gruppe, die weder über das Wissen verfügt, diese Anschauungen zu verstehen, noch irgendein Empfinden für ihre Folgen besitzt. Sie ist auch nicht bereit, sich die Mühe zu machen, über den ursächlichen Zusammenhang zwischen diesen Anschauungen und ihren Folgen nachzudenken und ihn zu erforschen. Ihrer Ansicht nach besteht ihre Pflicht darin, sich dem Strom der Herde zu überlassen und das Zeitalter blind nachzuahmen.
Diese drei Gruppen sind derart miteinander vermischt, dass es in Gesprächen und Diskussionen schwerfällt festzustellen, welcher Gruppe die jeweils Beteiligten angehören. Infolge dieser Vermischung wird der Gegenstand der Erörterung gewöhnlich zu einem unentwirrbaren Durcheinander. Daher halte ich es für notwendig, jede Gruppe auszusondern und getrennt zu betrachten; anschließend sollte jede von ihnen entsprechend erörtert werden.
Die von der westlichen Zivilisation indoktrinierte Gruppe
Die erste Gruppe hat bewusst und in voller Kenntnis jene Anschauungen und kulturellen Grundsätze angenommen, auf denen die westliche Zivilisation und Kultur errichtet sind. Sie denkt genau so, wie die Gesellschaftsarchitekten des neuen Europa denken, und betrachtet die Probleme des Lebens aus demselben Blickwinkel. Auch das kulturelle Leben ihrer jeweiligen Länder möchte sie in diese westliche Farbe tauchen. Das höchste Ziel der Frauenbildung besteht ihrer Ansicht nach darin, dass Frauen die Fähigkeit erwerben, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und zugleich die Kunst und die Mittel beherrschen, das Herz fremder Männer zu gewinnen. Ihrer Auffassung nach soll die Frau innerhalb der Familie ebenso wie der Mann eine erwerbstätige Person sein und ihren Anteil zum gemeinsamen Haushaltseinkommen beitragen. Ihre Stellung in der Gesellschaft besteht ihrer Meinung nach darin, durch ihre Schönheit, ihren Schmuck und ihre anmutigen Bewegungen ein Element des Genusses in das gesellschaftliche Leben einzubringen. Mit ihrer Nachtigallenstimme soll sie im Herzen einen freudigen Schauder erregen. Durch ihre musikalische Kunst soll sie die Ohren erfreuen. Mit ihrem lasziven Tanz soll sie dem Gemüt einen belebenden Strom zuführen. Durch ihre Haltung „beim Gehen wogt die Hüfte, der jugendliche Körper zittert“ soll sie die Söhne Adams unterhalten. Der Zuschauer soll sich daran sattsehen, und durch seine kühlen Blutkörperchen sollen elektrische Ströme jagen. Sie soll sich der Sozialarbeit widmen, Mitglied einer Gemeindevertretung und eines Stadtrats werden und an Konferenzen sowie Versammlungen teilnehmen. Zur Lösung politischer, kultureller und gesellschaftlicher Probleme soll sie ihre Zeit und ihren Verstand einsetzen. Sie soll sich an Sport, Vergnügungen und Spielen beteiligen. Im Schwimmen, Laufen, Springen, in der Luftfahrt und dergleichen soll sie Rekorde brechen. Ihrer Ansicht nach hat die Frau im nationalen Leben keine andere Aufgabe. Kurz gesagt: Was außerhalb des Hauses liegt, soll sie tun, und was innerhalb des Hauses liegt, soll sie nicht einmal in dessen dreifache Nähe kommen. Ein solches Leben hält sie für das ideale Leben. Sie glaubt, dies sei der einzige Weg zu weltlichem Fortschritt, und alle alten moralischen Anschauungen, die diesem Weg im Hindernis stehen, seien sinnlos und irrig. Wie Europa die alten moralischen Wertmaßstäbe durch neue ersetzt hat, so hat auch sie es getan. Materieller Fortschritt und körperlicher Genuss sind für sie die einzigen wertvollen und erstrebenswerten Dinge. Schamhaftigkeit, Keuschheit und Reinheit, moralischer Charakter, die Pflichten und die Treue im Eheleben sowie die Erhaltung der Abstammung sind für sie nicht bloß wertlos, sondern lediglich barbarische und abergläubische Täuschungen. Ohne all dies an der Wurzel auszurotten, sei kein Schritt des Fortschritts möglich.
In Wirklichkeit sind sie aufrichtige Gläubige der westlichen Religion. So wie Europa seine Anschauungen und seinen Blick auf die Welt verbreitet hat, indem es sich bestimmter Methoden bediente, haben auch sie diese Anschauungen angenommen und bemühen sich, sie auf demselben Weg in den Ländern des Ostens umfassend zu verbreiten.
Die neue Literatur
Betrachten wir zunächst ihre Literatur, die bei der Bildung von Geist und Verstand eine besonders große Kraft darstellt. Durch diese sogenannte Literatur (?) [in Wahrheit schlechte Literatur] wird mit voller Kraft versucht, den künftigen Generationen ein neues Charakterideal eindrucksvoll vor Augen zu führen und die alten moralischen Wertmaßstäbe aus den kleinsten Teilchen ihres Herzens und Verstandes herauszuziehen und weit von ihnen fortzuwerfen. Ich werde hier einige Beispiele dafür aus der Urdu-Literatur anführen.
In einer angesehenen Monatszeitschrift dieses Landes, die auf dem Gebiet der Literatur einen guten Ruf genießt, war eine Geschichte unter dem Titel „Shirins Unterricht“ veröffentlicht worden. Der Verfasser der Geschichte war hochgebildet, auf dem Gebiet der Literatur berühmt und bekleidete ein hohes Amt. Die Geschichte lässt sich so zusammenfassen: Ein junges Mädchen nimmt bei ihrem Lehrer Unterricht. Während des Unterrichts legt sie ihm den Liebesbrief eines jungen Verehrers vor, um ihn mit ihm zu besprechen. Auf einer Teeparty begegnet sie diesem Freund und Verehrer zum ersten Mal. Dort stellt eine Frau die beiden einander vor. Noch an jenem Tag beginnen ihr Umgang miteinander und der Austausch von Briefen. Das Mädchen möchte, dass ihr Lehrer eine Antwort auf den Liebesbrief schreibt. Der Lehrer versucht, sie von all diesen törichten Dingen abzubringen und ihr Interesse auf den Unterricht zu lenken. Zwischen dem Mädchen und dem Lehrer entwickelte sich darüber folgendes Gespräch:
Junge Frau: Ich will ja lernen. Aber ich möchte etwas lernen, das mir hilft, die Hoffnung meiner wachen Träume zu verwirklichen. Ich möchte nicht etwas lernen, das mich schon jetzt zu einer alten Jungfer macht.
Lehrer: Nun, hast du außer diesem Herrn noch andere junge männliche Freunde?
Junge Frau: Ja, einige. Dieser junge Mann zeichnet sich jedoch dadurch aus, dass er mit sehr süßer Stimme schilt.
Lehrer: Nun, sag mir, was würde geschehen, wenn dein Vater vom Inhalt dieses Briefes erführe?
Junge Frau: Ach was! Hat mein Vater in seiner Jugend nicht solche Liebesbriefe geschrieben? Er war doch ein recht schicker Herr. Und selbst wenn er noch welche schriebe – was wäre daran verwunderlich? So alt ist er schließlich noch nicht!
Lehrer: Vor fünfzig Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass jemand einem Mädchen aus einer angesehenen Familie einen solchen Liebesbrief schrieb.
Junge Frau: Liebten die Menschen jener Zeit etwa nur Angehörige der niederen Schichten? Na, dann mussten die Angehörigen der niederen Schichten damals ja recht bequem gelebt haben, während die Angehörigen der angesehenen Schichten ziemlich lasterhaft waren.
In Shirins letzten Äußerungen erklingt der Ton der literarischen Philosophie des Geschichtenschreibers.
Shirin sagt: Junge Frauen der neuen Generation wie wir tragen eine doppelte Verantwortung. Es ist unsere Pflicht, all jene Freuden und Vergnügungen wiederzugewinnen, die unsere Älteren verloren haben, und die bestehenden Gewohnheiten des Zorns und der Lüge zu beseitigen.
Vor einigen Jahren wurde in einer weiteren namhaften literarischen Zeitschrift eine mittellange Erzählung mit dem Titel „Reue“ veröffentlicht. In einfacher, schlichter Sprache lautet ihr Inhalt folgendermaßen:
Ein junges Mädchen aus vornehmer Familie verliebt sich in einen jungen Mann. Ohne Wissen ihrer Eltern ruft sie ihn in ihr eigenes Zimmer. Infolge einer unerlaubten sexuellen Beziehung wird sie schwanger. Daraufhin murmelt sie vor sich hin, um diese ihre schändliche und unreine Tat als gerecht zu erweisen:
Warum bin ich so besorgt? Warum klopft mein Herz so heftig? … Quält mich mein Gewissen etwa? Schäme ich mich meiner Schwäche? Doch das Ereignis jener schönen mondhellen Nacht ist in das Buch meines Lebens mit goldenen Buchstaben eingeschrieben. Die Erinnerung an jene berauschten Augenblicke der Jugend betrachte ich als den kostbarsten Besitz meines Lebens. Bin ich nicht bereit, alles zu opfern, um jene Augenblicke wiederzuerlangen? …
Warum aber zittert mein Herz? Etwa wegen einer Sünde? Habe ich eine Sünde begangen? Nein, ich habe keine Sünde begangen. Gegen wen hätte ich gesündigt? Wem ist durch meine Sünde Schaden entstanden? Ich habe mich doch hingegeben. Ihm habe ich mich hingegeben. Ach, könnte ich doch noch mehr für ihn opfern! Vor der Sünde habe ich keine Angst. Aber ja, ich fürchte diese Hexe namens Gesellschaft. Welcher bedeutungsvolle, argwöhnische Blick von ihr fällt da auf mich …
Warum sollte ich ausgerechnet vor ihr Angst haben? Etwa wegen meiner eigenen Sünde? Aber was ist schon meine Sünde? Hat irgendein anderes Mädchen in der Gesellschaft nicht dasselbe getan wie ich? Ach, jene süße Nacht – die Berührung seiner Lippen mit dem Nektar seiner Lippen auf meinen! Die enge Umarmung! Und wie ich mich an seiner duftenden, honigsüßen Brust in einem unaussprechlichen Rausch der Freude verloren hatte – was ist schon dabei? Was hätte eine andere getan? Hätte eine andere Frau ihn in jenem Augenblick zurückgewiesen?
Eine Sünde? Eine Sünde habe ich niemals begangen. Ich bereue es niemals. Ich bin bereit, es wieder zu tun. … Keuschheit? Was soll Keuschheit überhaupt sein? Heilige Jungfräulichkeit oder Reinheit des Herzens? Ich bin keine Jungfrau mehr. Habe ich meine Keuschheit verloren?
Die Unfrieden liebende Hexe namens Gesellschaft soll tun, was sie will. Was kann sie mir schon anhaben? Gar nichts. Warum sollte ich ihre anmaßenden Spötteleien fürchten? Warum sollte ich wegen ihres Geflüsters Angst haben? Warum sollte mein Gesicht erblassen? Warum sollte ich wegen ihres Hohns und Spottes mein Gesicht verbergen? Mein Herz sagt mir, dass ich richtig gehandelt habe. Warum sollte ich mich also wie eine Diebin verhalten? Warum sollte ich nicht unter Trommelwirbel verkünden, dass ich es getan habe und gut daran getan habe?
Die neueren Literaten wollen jeder Frau des modernen Zeitalters – wahrscheinlich auch ihren eigenen Schwestern und Töchtern – durch das Vorbringen solcher Argumente und Beweise diese Haltung und Denkweise beibringen. Ihre Lehre lautet: Wenn es einer jungen Frau in einer mondhellen Nacht möglich ist, die Umarmung eines fremden Mannes zu erlangen, dann muss sie sich an seiner heißen Brust dahinschmelzen lassen. Denn unter solchen Umständen sei nur dies möglich. Wenn eine Frau einer solchen Lage gegenübersteht, könne sie nichts anderes tun als dies. Das sei keine sündige Tat, sondern vielmehr Opfer und Hingabe. Dadurch werde auch die Würde der Keuschheit nicht verletzt. Wenn man die Jungfräulichkeit in Reinheit des Herzens hingibt, was hat dann die Keuschheit noch zu bedeuten? Im Leben einer Frau ist dies mit goldenen Buchstaben eingeschrieben. Auch ihr Streben und ihr Verhalten sollten so beschaffen sein, dass ihr ganzes Lebensbuch mit solchen goldenen Buchstaben geschrieben wird.
Nun bleibt noch die Gesellschaft. Wenn die Gesellschaft daher eine solche keusche und tugendhafte Frau beschuldigt, muss man sie eine Unruhestifterin und Hexe nennen. Sind diejenigen schuldig, die solche sich hingebenden Mädchen beschuldigen, oder jene jungen Frauen aus vornehmen Familien, die in einer schönen mondhellen Nacht die süße Umarmung einer entblößten Brust nicht zurückweisen können? Eine tyrannische Gesellschaft, die eine solche schöne Tat als hässlich bezeichnet, kann keinerlei Recht besitzen, aufgrund dessen die Menschen sie respektvoll fürchten und wegen einer solchen schönen Tat aus Angst vor ihr ihr Gesicht verbergen müssten. Jedes Mädchen muss diese moralische Größe offen und furchtlos zeigen und, ohne selbst beschämt zu sein, vielmehr die Gesellschaft beschämen.
Eine solche Dreistigkeit und Verwegenheit haben nicht einmal die käuflichen Dirnen je besessen. Denn diese Unglücklichen verfügten über keine Moralphilosophie, die Sünde in Tugend und Tugend in Sünde verwandelt hätte. Die Dirnen jener Zeit zerstörten zwar ihre Keuschheit, hielten sich jedoch selbst für verächtlich und sündhaft. Die neue Literatur aber will nun die Tochter und die Schwiegertochter jeder Familie zwei Schritte weiter voranbringen als die Dirnen von einst. Denn sie erfindet eine neue Philosophie, um Schandtaten und Obszönität zu verhüllen.
Es gibt noch eine Zeitschrift, die in den literarischen Kreisen unseres Landes großes Ansehen genießt. In dieser Zeitschrift wurde eine Geschichte mit dem Titel „Der jüngere Schwager“ veröffentlicht. Der Vater des Verfassers hatte durch das Verfassen anspruchsvoller moralischer Literatur für Frauen großen Respekt in der Gesellschaft erworben. Für dieses große Werk wurde er auch von der Frauenwelt geschätzt. Doch sein eigener Sohn schildert in der genannten Geschichte auf eindrucksvolle Weise den Charakter eines Mädchens und führt ihn seinen Schwestern vor Augen: Noch vor ihrer Heirat empfindet sie bei der Vorstellung der vollen Jugend und sexuellen Erregung ihres erdachten jüngeren Schwagers in Körper und Seele ein unaussprechliches wonniges Schaudern. Schon als unverheiratetes Mädchen hatte sie eine solche Einstellung, dass sie dachte: „Eine Jugend, die still und ruhig vergeht, ist ein Zeichen von Nutzlosigkeit. Meiner Ansicht nach sind Unruhe und Überschwang in der Jugend unvermeidlich, und die Anziehung und Abstoßung von Schönheit und Liebe sind ihre Hingabe.“ Mit dieser Einstellung und diesen Vorstellungen sah das Mädchen bei ihrer Hochzeitsfeier das bärtige Gesicht ihres Ehemanns; da wurden ihre zarten Empfindungen von Nebel umhüllt. Darauf beschloss sie entsprechend ihrem zuvor gehegten Verlangen, sich gerade in die Liebesfesseln des leiblichen Bruders ihres Ehemanns zu schlagen. Eine Gelegenheit dazu ergab sich bald. Als ihr Ehemann zur Ausbildung nach England ging, vergnügten sich der jüngere Schwager und die Schwägerin nach Herzenslust und begingen beide einen äußersten Verrat an ihrem Bruder beziehungsweise Ehemann. Der Verfasser lässt diese Schandtat von der Hand des ehebrecherischen Mädchens selbst enthüllen. Sie schreibt ihrer unverheirateten Freundin alle ihre Handlungen in Briefform. Sie berichtet ausführlich, wie die Liebe zwischen dem jüngeren Schwager und seiner Schwägerin nach dem Durchlaufen sämtlicher Anfangsstufen ihren Höhepunkt erreichte. Nichts von der Wonne, die während inniger Umarmungen und des Geschlechtsverkehrs Körper und Geist erfüllt, bleibt in dem Brief unerwähnt. Nur die bildliche Darstellung des eigentlichen Geschlechtsakts ist ausgespart. Wahrscheinlich wurde diese kleine Lücke in der Vorstellung gelassen, dass die Leserinnen und Leser den fehlenden Teil selbst mit dem Pinsel ihrer Fantasie ergänzen würden.
Vergleicht man das zuvor geschilderte Beispiel aus Frankreich mit der neuen Literatur, wird deutlich erkennbar, dass diese letztgenannte Schar von Abenteurern denselben Weg zu demselben Ziel eingeschlagen hat. Für jene Lebensordnung werden Geist und Verstand hinsichtlich ihrer Sichtweise und Moral geformt; insbesondere ist ihr Blick auf die Frauen gerichtet, damit von Scham und Ehrgefühl nicht die geringste Spur in ihnen zurückbleibt.
Neue Kultur
In der Praxis findet man nicht nur diese Moralphilosophie und Lebensweise; zusammen mit ihnen sind auch ein kapitalistisches Kultursystem und die demokratischen Grundsätze des Westens wirksam geworden. Das Bild des westlichen Lebens, das entstanden ist, wird durch das gemeinsame Wirken dieser drei Kräfte hervorgebracht. Die obszönste Literatur über Sexualwissenschaft wird verfasst und unter den Schülerinnen und Schülern von Schulen und Hochschulen weit verbreitet. Nacktbilder und Bilder charakterloser Frauen schmücken jede Zeitung, jedes Heft, jedes Haus und jedes Ladengeschäft. In Häusern sowie auf Märkten und in Geschäften werden äußerst obszöne und geschmacklose Grammophonplatten abgespielt. Das gesamte Treiben des Kinos steigert die sexuelle Erregung. Auf der hell erleuchteten weißen Leinwand stellt es jeden Abend Obszönität und Schamlosigkeit so anziehend dar, dass jeder Junge und jedes Mädchen das Leben der Schauspieler und Schauspielerinnen als vorbildlich annimmt. Wenn junge Männer und Frauen nach dem Ansehen solcher lust- und begehrensreizender Darbietungen das Theater verlassen, suchen sie mit ungeduldiger Tatkraft überall nach Gelegenheiten, Liebesfallen auszulegen. All dies sind verschiedene Formen kapitalistischer Vergünstigungen. Dank dieser kapitalistischen Lebensordnung entsteht in den großen Städten rasch eine Lage, in der es für Frauen unerlässlich wird, selbst nach einem Lebensunterhalt zu suchen. Mithilfe dieses unterdrückerischen Systems hat die Propaganda mit Arzneimitteln und Geräten begonnen.
Der Segen der modernen demokratischen Ordnung ist vor allem durch England und Frankreich in die Länder des Ostens gelangt. Sie hat hauptsächlich den Frauen den Weg zu politischer und gesellschaftlicher Betätigung eröffnet.
Zweitens hat sie bestimmte Einrichtungen geschaffen, in denen ein ungezwungener Umgang zwischen Frauen und Männern unerlässlich wird. Drittens hat sie die Fesseln des Gesetzes so weit gelockert, dass nicht nur die Äußerung eines Wunsches nach Obszönität, sondern sogar dessen Umsetzung in die Tat in den meisten Fällen überhaupt nicht als strafbar angesehen wird.
Unter diesen Umständen hat sich bei jenen, die mit voller Selbstüberzeugung beschlossen haben, diesen Lebensweg einzuschlagen, beinahe eine vollständige Revolution ihrer Moral und ihres sozialen Verhaltens vollzogen. Nun treten ihre Frauen in einer Kleidung auf, bei deren Anblick man sie für Filmschauspielerinnen halten könnte. Ihre Unverschämtheit hat einen solchen Höhepunkt erreicht, dass die Nacktheit ihrer Kleidung, der schamlose Ausdruck ihrer körperlichen Schönheit, der übermäßige Aufwand bei Schmuck und Aufmachung sowie jede ihrer anmutigen Bewegungen deutlich erkennen lassen, dass diese Frauen kein anderes Ziel oder Anliegen haben, als zu sexuellen Magneten zu werden. Ihre Schamlosigkeit hat einen solchen Grad erreicht, dass es für keine angesehene Dame dieser Schicht als beschämend gilt, in Badebekleidung mit Männern zu baden, sich in diesem Zustand fotografieren zu lassen und die Aufnahme in einer Zeitung veröffentlichen zu lassen. Ja, dort stellt sich überhaupt keine Frage der Scham. Nach der modernen Morallehre sind alle Teile des menschlichen Körpers gleich. Wenn man die Handflächen und Fußsohlen unbedeckt lassen darf, was ist dann falsch daran, auch das Gesäß und die Schamgegend unbedeckt zu lassen? Der Genuss der Freuden des Lebens, dessen Gesamtausdruck man als Kunst oder bildende Kunst bezeichnet, steht für sie über jeder Moral. Ja, er ist sogar ihr Prüfstein des Charakters. Darauf gründet sich die Freude und der Stolz von Vätern und Brüdern, die ihre Brust schwellen lassen, wenn sie sehen, dass ihre Tochter oder Schwester vor ihren Augen auf der Bühne durch Tanz, Gesang und liebliche, von Liebe erfüllte Gesten den Beifall Hunderter erwartungsvoller Zuhörer und Zuschauer gewinnt. Materieller Erfolg – dessen anderer Name der Zweck des Lebens ist … Nach ihrer Auffassung ist all das wertvoller als jene Dinge, die man opfern muss, um dies zu erlangen: Wenn eine Frau zum begehrten Hauptgegenstand geworden ist und die Fähigkeit erworben hat, gesellschaftliche Popularität zu gewinnen, dann hat sie selbst durch den Verlust ihrer Keuschheit nichts verloren, sondern vielmehr alles gewonnen. Deshalb können sie durchaus nicht begreifen, warum es verwerflich sein sollte, wenn ein Mädchen gemeinsam mit Jungen am College studiert oder in voller Jugend allein zu Bildungszwecken nach Europa reist.
Die Sklaven und Knechte des Westens müssen eine Entscheidung treffen.
Dies sind jene Menschen, die das Purdah-System besonders stark kritisieren. Ihrer Ansicht nach ist der Purdah eine derart nichtige und offenkundig falsche Sache, dass Spott, Scherz und Hohn ausreichen, um ihn abzuschaffen. Diese Vorstellung gleicht jedoch genau der Haltung eines Menschen, der in seinem Gesicht keinerlei Notwendigkeit für eine Nase erkennt und deshalb jeden verspottet, dessen Nase er erblickt. Durch eine derart törichte Argumentation können nur Toren besiegt werden. Wenn in ihnen auch nur ein Körnchen Vernunft vorhanden wäre, hätten sie gewiss verstanden, dass zwischen ihnen und uns tatsächlich ein grundlegender Unterschied in den Wertmaßstäben besteht. Was wir für wertvoll halten, ist für sie wertlos. Daher gilt die Handlung, die wir nach unseren eigenen Wertmaßstäben für notwendig halten, in ihren Augen zwangsläufig nicht nur als unnötig, sondern auch als sinnlos. Doch angesichts eines solchen grundlegenden Meinungsunterschieds kann nur ein Mensch von beschränktem Verständnis über die einzelnen Verästelungen streiten, statt den eigentlichen Kern des Meinungsunterschieds zu erörtern. Bei der Bestimmung menschlicher Werte muss man sich ausschließlich an das Naturgesetz halten. Nach dem Naturgesetz ist nur das als Wertmaßstab anzuerkennen, was die Natur aufgrund der körperlichen Beschaffenheit des Menschen fordert und wodurch das Wohlergehen sowie Glück und Frieden des Menschen gewährleistet werden können.
Lasst uns daher anhand dieses Prüfsteins prüfen, ob wir oder ihr im Streit über die Wertmaßstäbe auf dem richtigen Weg seid. Bringt die Argumente und Beweise der Natur- und Geisteswissenschaften, über die ihr verfügt; wir werden die unsrigen vorlegen. Betrachtet dann wie unvoreingenommene, wissende Menschen, auf welcher Seite das Gewicht liegt. Wenn wir auf diese Weise den Maßstab der Werte nachweisen, könnt ihr die auf reinem Wissen und reiner Vernunft beruhenden Werte annehmen, wenn ihr wollt, oder auch den aus bloßer Neigung und Instinkt übernommenen Wertmaßstäben folgen. Doch denkt daran: Wenn ihr den zweiten Weg einschlagt, wird euer Zustand so beklagenswert werden, dass ihr, statt unsere Lebensweise zu verspotten, selbst zum Gespött werdet.
Die zweite Gruppe
Nach diesen gibt es noch eine weitere Gruppe. In der ersten Gruppe finden sich sowohl Nichtmuslime als auch nominelle Muslime. Die zweite Gruppe hingegen besteht insgesamt aus Muslimen. Unter ihnen ist heutzutage eine eigenartige Mischung aus halbherzigem Purdah und halbem Fortschritt zu beobachten. Sie gehören weder dieser noch jener Seite an, sondern gleichen einer schwankenden Gruppe. Einerseits neigen sie zum Islam, halten sich an den vom Islam vorgelegten Prüfstein für Charakter, Zivilisation, Vornehmheit und gutes Benehmen, möchten ihre Frauen mit den Zierden von Ehre und Keuschheit schmücken und ihre Häuser vor moralischer Unreinheit bewahren. Sie sind auch nicht bereit, die Folgen anzuerkennen, die sich nach den grundlegenden Prinzipien der westlichen Kultur und des westlichen sozialen Lebens ganz natürlich ergeben. Andererseits führen sie jedoch, indem sie die Grundprinzipien und Gesetze der islamischen Gesellschaftsordnung verletzen, sich teils zurückhaltend und teils zögernd, ihre Ehefrauen, Schwestern und Töchter gerade auf dem Weg der westlichen Zivilisation. Sie hegen die irrige Vorstellung, dass sie durch die Verbindung einer halb westlichen mit einer halb islamischen Lebensweise die Vorteile beider Zivilisationen genießen könnten; das heißt, dass in ihren Häusern der islamische Charakter bewahrt und zugleich die Ordnung des Familienlebens aufrechterhalten werde. Gleichzeitig würden in ihrem sozialen Leben nicht nur die schlechten Folgen der westlichen Gesellschaftsordnung, sondern auch deren Selbsttäuschung, Genusssucht und materiellen Annehmlichkeiten Eingang finden. Doch zunächst ist festzuhalten, dass es nicht rechtmäßig wäre, die Hälften zweier entgegengesetzter Zivilisationen mit verschiedenen Idealen und Zielen miteinander zu verflechten. Denn bei einer solchen Verbindung widersprüchlicher Elemente besteht größere Gefahr, dass sich statt ihrer guten Eigenschaften gerade ihre Fehler miteinander verbinden.
Zweitens ist es ebenso unvernünftig und naturwidrig zu glauben, dass es nach einer Lockerung der Bande des festen moralischen Systems des Islam und nachdem die Menschen begonnen haben, Freude am Brechen der Gesetze zu finden, möglich sein werde, sie innerhalb einer Grenze zu halten, durch die keinerlei Schaden zu befürchten wäre. Die Veränderung dieser halb nackten Kleidung, diese Begierde nach Schönheit und Schmuck, diese anfängliche Erziehung zu furchtloser Schamlosigkeit in den Zusammenkünften mit Freunden, diese zunehmende Vorliebe für Filme, nackte Bilder sowie Liebesgeschichten und -dramen und die Erziehung der Mädchen nach westlicher Art mögen vielleicht ihre volle Wirkung noch nicht entfalten; vielleicht mag auch die gegenwärtige Generation vor ihren schädlichen Folgen sicher bleiben. Doch daraus zu schließen, dass auch künftige Generationen vor ihren schädlichen Folgen sicher bleiben werden, wäre ein Zeichen von Torheit. In Kultur und Gesellschaftsordnung nimmt der Irrtum oft bei einer geringfügigen Sache seinen Anfang. Doch gerade dieser geringfügige Fehler wächst von Generation zu Generation und nimmt schließlich eine erschreckende Gestalt an. Die Folgen der irrigen Grundsätze, auf denen die moderne Gesellschaftsordnung in Europa und Amerika errichtet worden war, traten nicht sofort deutlich hervor; vielmehr haben sie sich erst in jüngster Zeit, in der dritten und vierten Generation, in ihrer ganzen Tragweite vollständig offenbart. Daher ist diese Vermischung der westlichen und der islamischen Ordnung sowie dieser halbe Fortschritt in Wirklichkeit nichts Dauerhaftes und Unerschütterliches; vielmehr ist seine natürliche Neigung der Richtung des Westlertums zugewandt. Diejenigen, die diesen Weg beschreiten, sollten wissen, dass ihre Söhne und Enkel gewiss am Ziel ankommen und dort Halt machen werden, selbst wenn sie selbst den von ihnen begonnenen Weg nicht bis zum Ziel zurücklegen können.
Die entscheidende Frage
Unter diesen Umständen müssen alle Menschen, bevor sie weiter voranschreiten, durch gründliches Nachdenken und sorgfältige Untersuchung die folgende grundlegende Frage klären. Sie lautet:
Seid ihr bereit, all jene Folgen der westlichen Gesellschaftsordnung auf euch zu nehmen, die in Europa und Amerika zutage getreten sind und die eine natürliche Folge eben dieser Gesellschaftsordnung darstellen? Wollt ihr, dass auch in eurer Gesellschaft eine ebenso aufreizende und von sexueller Raserei erfüllte Atmosphäre entsteht? Soll in eurem Volk eine solche Flut von Schamlosigkeit, Keuschheitslosigkeit und Obszönität hereinbrechen? Sollen Geschlechtskrankheiten sich epidemisch ausbreiten? Soll die Ordnung der Familie und des Hauses zerstört werden? Sollen Scheidung oder Auflösung der Ehe und Trennung weit verbreitet werden? Sollen junge Männer und junge Frauen sich an freie sexuelle Beziehungen gewöhnen? Soll durch Geburtenkontrolle, Abtreibung, Tötung des Embryos, Kindstötung und dergleichen die Vermehrung der Nachkommenschaft verhindert werden? Sollen junge Männer und junge Frauen durch maßlose sexuelle Raserei ihre größte Leistungsfähigkeit und ihre Gesundheit zugrunde richten? Soll sich sogar bei minderjährigen Jungen und Mädchen vorzeitig sexuelles Verlangen entwickeln und infolgedessen von Anfang an eine Abweichung in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung festwurzeln?
Wenn ihr bereit seid, all dies um materieller Vorteile und sinnlicher Begierden willen hinzunehmen, dann beschreitet ohne jedes Zögern den Weg der westlichen Zivilisation und nehmt danach den Namen des Islam nicht mehr in den Mund. Bevor ihr diesen Weg einschlagt, müsst ihr auch erklären, dass ihr eure Verbindung zum Islam abbrecht, damit ihr später niemanden im Namen des Islam täuscht und damit euer erniedrigter Zustand nicht zu einer Ursache von Schande oder Schuld für den Islam und die Muslime wird.
Wenn ihr jedoch nicht bereit seid, all diese Folgen hinzunehmen, wenn ihr die Notwendigkeit einer großen und heiligen Kultur erkennt, in der ein reiner Charakter und ein würdevolles Recht gewahrt werden können, in der der Mensch für seine geistige, spirituelle und materielle Entwicklung eine friedliche Umgebung finden kann, in der Mann und Frau, vor den Fehlern und Abwegen gegenseitiger Aufreizung geschützt, ihre kulturellen Pflichten gemäß ihren besten Fähigkeiten erfüllen können, in der das Fundament der Kultur, nämlich die Familie, fest errichtet werden kann, in der die Nachkommenschaft geschützt ist und keine Gefahr einer Vermischung der Völker besteht, in der das Familienleben des Menschen zu einer Wohnstätte der Freude und des Friedens wird, zu einer freundschaftlichen Bildungsstätte für die Kinder und Nachkommen und in der alle Mitglieder der Familie gemeinsam und in gegenseitigem Mitgefühl ihre Aufgaben erfüllen können, dann dürft ihr zur Verwirklichung all dieser großen Ziele nicht dem Westen zugewandt sein. Denn der Westen ist in eine völlig entgegengesetzte Richtung aufgebrochen, und auf dem Weg nach Westen nach Osten zu gelangen, ist auch logisch unmöglich. Wenn dies wirklich euer Wunsch ist, müsst ihr den Weg des Islam einschlagen.
Bevor ihr jedoch diesen Weg beschreitet, müsst ihr jene Wünsche nach materiellen Vorteilen und sinnlichen Genüssen aus eurem Herzen entfernen; ebenso müsst ihr die selbsttäuschende äußere Sichtweise und Denkart des Westens aus eurem Denken und Bewusstsein tilgen. Auch sämtliche aus der westlichen Kultur und Gesellschaftsordnung übernommenen Grundsätze müsst ihr verwerfen. Der Islam besitzt seine eigenen grundlegenden Prinzipien und Ziele. Er besitzt auch seine eigene ewige gesellschaftstheoretische Sichtweise. Entsprechend den natürlichen Erfordernissen seiner grundlegenden Prinzipien, Ziele und gesellschaftlichen Sichtweise hat er eine dazu passende Gesellschaftsordnung geschaffen. Danach sorgt er durch eine besondere Disziplin und strikte Befolgung von Regeln für die Erhaltung dieser Gesellschaftsordnung. Bei der Festlegung all dieser Regeln, Grundsätze und dieser Disziplin wurde äußerste Geschicklichkeit angewandt und der menschlichen Psychologie besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Denn ohne dies kann diese Gesellschaftsordnung nicht von Fehlern, Mängeln und Unordnung frei bleiben. Sie ist keine imaginäre Ordnung wie Platons Demokratie und auch kein erdachtes Glücksreich von Sir Thomas More – Utopia – oder Ramrajya, sondern eine Ordnung, die eine vierzehnhundertjährige Feuerprobe bestanden hat. In dieser langen Zeit hat man in keinem Land und bei keinem Volk auch nur ein Zehntel jener Übel beobachtet, die unter ihrem Einfluss zutage getreten wären und die in der westlichen Zivilisation bereits innerhalb eines Jahrhunderts offen hervorgetreten sind. Wenn ihr aus dieser festen und wohlgeplanten Gesellschaftsordnung Nutzen ziehen wollt, müsst ihr ihre Disziplin und ihre Regeln vollständig befolgen. Außerdem habt ihr keinerlei Recht, in diese Gesellschaftsordnung irgendeinen naturwidrigen, selbst erdachten oder von anderen übernommenen, überholten und verwerflichen Weg einzufügen.
Da die dritte Gruppe aus einigen törichten, gewissenlosen Menschen besteht, die nicht fähig sind, durch Abwägung zu einer vernünftigen Entscheidung zu gelangen, verdient sie keine Beachtung. Daher ist es ratsam, ohne eine Erörterung dieser Menschen weiter voranzuschreiten.
Naturgesetz
Die Natur hat den Menschen wie alle anderen Lebewesen erschaffen und in zwei Klassen geteilt – Mann und Frau –, und zwischen beiden besteht ein gegenseitiges natürliches Anziehungsgefühl. Forschungen über die übrigen Lebewesen zeigen jedoch, dass der Zweck ihrer Einteilung in Männchen und Weibchen sowie ihres natürlichen Anziehungsgefühls lediglich in der Erhaltung ihrer Art besteht. Deshalb ist ihnen das Anziehungsgefühl – mit anderen Worten: der Sexualtrieb – nur in dem Maß gegeben, wie es für ihre Fortpflanzung und damit für die Erhaltung ihrer Art erforderlich ist. In ihrer Natur gibt es eine solche kontrollierende Kraft, dass sie ihnen nicht erlaubt, in sexuellen Angelegenheiten eine bestimmte Grenze zu überschreiten. Beim Menschen dagegen ist der Sexualtrieb grenzenlos und unaufhaltsam und zudem weitaus stärker als bei den übrigen Lebewesen. Bei seiner sexuellen Betätigung gibt es keine zeitliche oder jahreszeitliche Beschränkung. In seiner Natur gibt es keine Kraft, die ihn innerhalb einer bestimmten Grenze halten könnte. Zwischen Mann und Frau besteht ein andauerndes gegenseitiges sexuelles Empfinden. In ihnen gibt es unerschöpfliche Quellen gegenseitiger Anziehung und sexuellen Empfindens. In ihrem Inneren besteht ein gewaltiges Verlangen nach Begierde und Liebe. Ihre körperliche Gestalt, ihr Körperbau, ihre Anmut, ihr Tastsinn und jedes einzelne ihrer Glieder haben ein Verlangen nach dem anderen Geschlecht entstehen lassen. In ihrer Stimme, ihrer Gangart, ihrem Körperbau, ihren anmutigen Bewegungen und Ähnlichem liegt ein Höchstmaß an Anziehungskraft. Darüber hinaus ist die sie umgebende Natur mit unzähligen Elementen erfüllt, die ihr sexuelles Verlangen erregen und sie ineinander verliebt machen. Das sanfte Wehen des Südwinds, das Murmeln der Flüsse, das liebliche Grün der Erde, der Duft der Blumen, der Gesang der Vögel, das Grollen der Wolken, die Schönheit und Pracht mondheller Nächte – kurz, jeder Anblick der Naturschönheit und jede Schönheit der Schöpfung erregt direkt oder indirekt das sexuelle Verlangen des Menschen.
Bei der Untersuchung und Betrachtung des körperlichen Aufbaus des Menschen lässt sich ferner erkennen, dass der gewaltige Kraftquell in ihm eine Vereinigung von Lebenskraft, Arbeitskraft und Sexualkraft ist. Im Körper gibt es einige endokrine Drüsen, die bestimmte Organe durch die Absonderung von Lebenssaft [Hormon] anregen und stimulieren.* Diese endokrinen Drüsen erzeugen im Menschen Arbeitsfähigkeit, Geschicklichkeit, Intelligenz und Ähnliches. Außerdem erwecken diese Drüsen in ihm das sexuelle Empfinden und bringen den Ausbruch von Gefühlen hervor, die seine sexuelle Fähigkeit anregen. Zur Entfaltung dieser Gefühle und Empfindungen stellen sie ihm Schönheit, Anmut, Pracht und verschiedene Mittel der Körperpflege und des Schmucks bereit. Danach schaffen sie auch in seinen Augen, Ohren, seinem Geruchssinn, Tastsinn und seiner Vorstellungskraft die Fähigkeit, von all diesen Schmuck- und Verschönerungsmitteln angezogen zu werden.
*Im Inneren des menschlichen Körpers gibt es einige endokrine Drüsen. Die von diesen endokrinen Drüsen abgesonderte Flüssigkeit wird Hormon genannt. Hormone regen bestimmte Organe und Körperteile an und stimulieren sie. Bei Frauen und Männern gibt es die folgenden neun endokrinen Drüsen:
Zirbeldrüse, Hypophyse, Schilddrüse und Nebenschilddrüse, Thymus, Bauchspeicheldrüse, Nebenniere, Eierstock, Plazenta.
Im weiblichen Körper sind alle oben genannten Drüsen vorhanden, im männlichen dagegen nur einige wenige. – Der Übersetzer
Eine solche Wirksamkeit der Natur zeigt sich auch im geistigen Kräftehaushalt des Menschen. Die in seinem Inneren wirkenden Antriebskräfte haben zwei gewaltige Wünsche. Der erste Wunsch treibt ihn dazu an, die Sicherheit seiner eigenen Existenz zu gewährleisten und sich selbst zu dienen. Der zweite zwingt ihn, eine Beziehung zum anderen Geschlecht einzugehen. In der Jugend, wenn sich die Arbeitsfähigkeit des Menschen vollständig entfaltet, wird dieser zweite Wunsch so stark, dass er den ersten bisweilen unterdrückt. Unter seinem Einfluss wird der Mensch derart beherrscht, dass er nicht zögert, sein eigenes Leben zu opfern und sich freiwillig und bewusst dem Verderben preiszugeben.
Der Einfluss der sexuellen Anziehung auf die Bildung der Zivilisation
Wozu all dies? Dient es etwa nur der Erhaltung der nationalen Existenz, also der Fortpflanzung? Keineswegs. Denn zur Erhaltung der Existenz der Menschheit ist nicht eine ebenso starke Vermehrung erforderlich wie bei Fischen, Ziegen und anderen Tieren. Welchen Grund kann es dann haben, dass die Natur im Menschen im Vergleich zu allen anderen Lebewesen ein stärkeres sexuelles Empfinden und eine stärkere sexuelle Anziehungskraft geschaffen und dafür anregende Elemente in größtem Maß hervorgebracht hat? Geschieht all dies etwa lediglich zum Genuss und zur Befriedigung des Menschen? Auch das ist nicht der Fall. Die Natur hat den Genuss nicht als einziges Ziel und Zweck des Lebens hingestellt. Um den Menschen und die anderen Lebewesen zur Erfüllung eines großen Zwecks anzuspornen, hat sie Genuss, das heißt den sexuellen Verkehr, als eine Quelle des Genusses dargeboten, damit sie diese Tätigkeit gleichsam aus eigenem Antrieb ausüben. Bedenken Sie nun, welcher große Zweck der Natur in dieser Angelegenheit vor Augen steht. Wie viel man auch darüber nachdenken und forschen mag, lässt sich kein anderer Grund feststellen als dieser: Die Natur will, unter Ausschluss der anderen Lebewesen, allein mit der Menschheit eine Zivilisation errichten.
Daher ist im Menschen ein solches Verlangen nach Begierde und Liebe geschaffen worden, dass es nicht lediglich körperliche Vereinigung und Fortpflanzung fordert, sondern auch das Erlangen dauerhafter Gemeinschaft, die Herstellung inniger Verbundenheit und einer geistigen Beziehung verlangt.
Daher ist dem Menschen das sexuelle Empfinden in größerem Maß gegeben worden als die Fähigkeit zum Geschlechtsverkehr. Würde auch nur ein Zehntel des Maßes, in dem sexuelles Verlangen und sexuelle Anziehungskraft in ihm vorhanden sind, zur Fortpflanzung eingesetzt, würde seine Gesundheit zugrunde gehen. Noch bevor er das natürliche Lebensalter erreicht hätte, würden seine körperlichen Kräfte erschöpft sein. Der Überschuss an sexueller Anziehungskraft, der im Menschen vorhanden ist, hat nicht den Zweck, dass der Mensch mehr sexuelle Handlungen vollzieht als alle Tiere und Vögel, sondern allein den Zweck, dass Frau und Mann miteinander verbunden werden und ihre gegenseitige Beziehung dauerhaft und fest wird.
Aus diesem Grund findet man im Wesen der Frau neben Anziehung und Verlangen auch Scham und Ehrgefühl, eine scheinbare Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr, eine Neigung zum Ausweichen und einen natürlichen Impuls zum Widerstand. Dies ist in geringerem oder größerem Maß in jeder Frau vorhanden. Diese Neigung zum Ausweichen und diese scheinbare Abneigung findet man auch bei den Weibchen der Tiere. Bei der menschlichen Frau sind ihre Stärke und ihr Ausmaß jedoch größer. Durch die Gefühle von Scham und Ehrgefühl sind sie noch strenger ausgeprägt worden. Daraus lässt sich erkennen, dass der Zweck des sexuellen Magnetismus im Menschen nichts anderes als eine dauerhafte Vereinigung ist. Es ist nicht so, dass jedes sexuelle Verlangen nur im Geschlechtsverkehr seinen Ausgang finden müsse.
Aus diesem Grund ist das menschliche Kind im Vergleich zu allen Tierkindern schwächer und hilfloser geschaffen worden. Im Gegensatz zu den Tieren ist das Menschenkind mehrere Jahre lang auf die Sicherheit und Versorgung durch seine Eltern angewiesen. Erst sehr spät erlangt es die Fähigkeit, auf eigenen Füßen zu stehen und selbstständig zu werden. Auch hierin liegt der tiefere Zweck, dass die Beziehung zwischen Frau und Mann nicht auf eine rein sexuelle Beziehung beschränkt bleibt, sondern dass sie infolge dieser Beziehung zur Verbundenheit und gegenseitigen Unterstützung verpflichtet werden.
In das Herz des Menschen ist im Vergleich zu den anderen Lebewesen ein größeres Maß an Zuneigung und Liebe zu den Kindern gelegt worden. Tiere und Vögel versorgen ihre Jungen nur für sehr kurze Zeit und verlassen sie dann. Danach bleibt zwischen ihnen keinerlei Beziehung bestehen. Ja, sie erkennen einander nicht einmal wieder. Der Mensch dagegen bleibt auch nach dem Ende der anfänglichen Versorgung seiner Kinder von Zuneigung und Liebe zu ihnen erfüllt. Diese liebevolle Zuneigung setzt sich von den Söhnen zu den Enkeln und deren Nachkommen fort. Das selbstsüchtige tierische Wesen des Menschen wird von dieser Zuneigung, Fürsorge und Liebe so stark beeinflusst, dass er für seine Kinder mehr begehrt als für sich selbst. In seinem Inneren entsteht ein solcher hoher Anspruch, dass er seinen Kindern ein möglichst wohlhabendes Leben zu ermöglichen sucht. Die Frucht seiner eigenen Arbeit und Mühe will er ihnen hinterlassen. Es kann der Zweck der Natur sein, durch die Erweckung dieser starken Liebe und Zuneigung die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau in eine dauerhafte Vereinigung zu verwandeln. Diese dauerhafte Vereinigung und Verbundenheit wird zu einer Grundlage für die Bildung der Familie gemacht. Danach verbindet die der menschlichen Gemeinschaft eigene Liebestradition viele andere Familien durch die Ehe miteinander. So entsteht durch die Verbindung von Liebe und den Geliebten unter ihnen eine Ordnung gegenseitiger Hilfe, Zusammenarbeit und gegenseitigen Austauschs. Auf diese Weise entsteht eine gesellschaftliche und zivilisatorische Beziehung.
Das grundlegende Problem der Zivilisation
Damit wurde deutlich, dass das sexuelle Verlangen, das in die Atome und Teilchen des menschlichen Körpers sowie in seine innerste Seele gelegt wurde und zu dessen angemessener Unterstützung in den verschiedenen Stufen der Schöpfung in großem Umfang anregende Elemente und Dinge gesammelt wurden, einzig den Zweck hat, den Menschen vom Einzelnen zum Kollektiv hinzuziehen. Die Natur hat dieses Verlangen als die eigentliche Antriebskraft der menschlichen Zivilisation vorgesehen. Infolge dieses sexuellen Verlangens und dieser Anziehung entsteht eine Verbindung zwischen den beiden Geschlechtern der Menschheit, und diese Verbindung bildet den Anfang des gesellschaftlichen Lebens.
Nach Prüfung und sorgfältiger Betrachtung wurde ganz von selbst deutlich, dass das Problem der Beziehung zwischen Mann und Frau in Wirklichkeit ein grundlegendes Problem der Zivilisation ist. Von seiner Lösung hängen das Wohlergehen und das Verderben, der Fortschritt und der Niedergang, die Festigkeit und die Schwäche der Zivilisation ab. Zwischen diesem animalischen Teil der menschlichen Gattung besteht eine tierische Beziehung, die mit anderen Worten als rein sexuell und unmittelbar triebhaft bezeichnet wird. Außer der Erhaltung der Existenz der Gattung oder der Fortpflanzung hat sie keinen anderen Zweck. Die zweite Beziehung ist menschlicher Art. Ihr Zweck besteht darin, dass beide einander mit ihren gemeinsamen Kräften, jeder nach seinen Möglichkeiten und natürlichen Fähigkeiten, bei der Verwirklichung eines gemeinsamen Zieles helfen und unterstützen. Zu diesem Zweck dient ihre sexuelle Liebe als Mittel der Verbindung und Zusammenarbeit. Durch diese tierischen und menschlichen Elemente werden gleichzeitig die zivilisatorischen Tätigkeiten durchgeführt und zur Aufrechterhaltung dieser Tätigkeiten zusätzliche Personen hervorgebracht. Vom Zustandekommen oder Nichtzustandekommen einer vollkommenen Harmonie und eines Gleichgewichts in der Verbindung beider Arten von Elementen hängen das Wohlergehen und das Unheil der Zivilisation ab.
Für die Bildung einer reinen und heiligen Zivilisation unerlässliche Dinge
Nun müssen wir durch die Prüfung und Betrachtung dieses Problems erkennen, wie eine harmonische und naturgemäße Verbindung der tierischen und menschlichen Beziehungen zwischen Frau und Mann für eine reine und tugendhafte Zivilisation möglich sein kann. Darüber hinaus müssen wir erkennen, durch welche Fehler und Abweichungen bei der Herstellung des Gleichgewichts in dieser Verbindung die Zivilisation in Unordnung gerät.
1. Mäßigung im sexuellen Verlangen
Die wichtigste und vorrangigste Frage ist, wie dieses sexuelle Verlangen und diese Anziehung unter Kontrolle gehalten werden können. Wie bereits dargelegt wurde, ist dieses Verlangen im Menschen stärker vorhanden als bei anderen Lebewesen. Nicht nur im Inneren des menschlichen Körpers sind die sexuellen Erregungskräfte stark, vielmehr sind auch in der weiten Außenwelt ringsum unerschöpfliche sexuelle Reize verstreut. Die Natur hat all diese Elemente selbst in so großer Menge angesammelt; wenn der Mensch nun aufmerksam seine Erfindungsgabe einsetzt, um sie zu vermehren und zu vervollkommnen, und eine solche Zivilisation annimmt, in der sein sexueller Durst ständig zunimmt und er danach fortwährend nach einfachen Wegen sucht, diesen Durst zu stillen, dann wird er unter diesen Umständen zwangsläufig die gewünschte Grenze überschreiten. Das tierische Element im Menschen wird über das menschliche Element siegen, und dieses tierische Ungeheuer wird sowohl seine Menschlichkeit als auch seine Zivilisation verschlingen.
Die Natur hat die sexuelle Beziehung, ihren Anfang und jedes ihrer erregenden Elemente, süß gestaltet. Doch bereits zuvor wurde angedeutet, dass die Natur einen solchen süßen Genuss ausschließlich für ihren eigenen Zweck, nämlich die Bildung der Zivilisation, eingesetzt hat. Wenn dieser Genuss jedes Maß überschreitet und der Mensch sich ihm hingibt, wird er nicht nur die Zivilisation zerstören, sondern kann auch zur Ursache des Untergangs des Menschen werden, wird es und ist es in der Vergangenheit vielfach gewesen.
Sehen Sie sich die Überlieferungen und die Geschichte jener Völker an, die untergegangen sind. Der sexuelle Wahn hatte bei ihnen jedes Maß überschritten. Ihre Literatur war mit Schriften dieser erregenden Art angefüllt. Ihre Denkweise, Erzählungen, Gedichte, Bilder, Statuen, Gotteshäuser, Wohnungen und alles Übrige sind dafür eindringliche Beweise. Betrachten Sie auch die Lage jener Völker, die gegenwärtig ihrem Untergang entgegengehen. Mögen sie ihren sexuellen Wahn auch Kunst, Unterhaltungsliteratur, Schönheitssinn oder mit irgendeinem anderen schönen und unschuldigen Namen nennen – durch eine veränderte Auslegung ändert sich an der eigentlichen Wahrheit nichts. Bedeutet dies etwa nicht, dass die Frauen in der Gesellschaft begierig danach sind, die Gesellschaft der Männer zu erlangen, und die Männer danach, die Gesellschaft der Frauen zu erlangen? Warum nimmt unter Frauen und Männern das Verlangen nach Schönheitspflege und Schmuck ständig zu? Was könnte der Grund dafür sein, dass der Körper der Frau in einer gemischten Gesellschaft von Frauen und Männern entblößt wird? Was ist es, um dessentwillen die Frau jeden Teil ihres Körpers enthüllt und öffentlich zur Schau stellt und vonseiten der Männer die Forderung erhoben wird: „Mehr, mehr!“? Was bedeutet es, dass nackte Bilder, nackte Statuen und nackte Tänze die größte Anerkennung finden? Ist dies nicht auch der Grund dafür, dass man im Kino keinerlei Freude empfindet, solange man nicht den Genuss von Liebe und Liebesromantik findet und darin nicht der sexuelle Zusammenhang von Worten und Handlungen einsetzt? Sind all diese und noch viele ähnliche Szenen nicht dem sexuellen Wahn geschuldet – oder wem sonst? Was kann das Ergebnis einer Zivilisation sein, in der eine derart unharmonische, sexuell anreizende Umgebung entsteht, wenn nicht der Untergang?
In einer solchen Umgebung werden die Nachkommen infolge der Stärke des sexuellen Verlangens, der wiederholten Erregung und der ständigen sexuellen Betätigung unausweichlich schwach; ihre körperlichen und geistigen Kräfte werden beeinträchtigt, ihre Denkfähigkeit wird zerstreut und zerrüttet, die Unsittlichkeit nimmt zu, Geschlechtskrankheiten breiten sich aus, und Bewegungen für Empfängnisverhütung, Abtreibung sowie die Tötung von Föten und Neugeborenen beginnen.*
Männer und Frauen geben sich weiterhin einer geschlechtlichen Vereinigung wie Tiere hin. Die Natur hat ihnen ein stärkeres sexuelles Verlangen verliehen als den übrigen Lebewesen; sie verwenden es jedoch zu Handlungen, die dem von der Natur beabsichtigten Zweck zuwiderlaufen, und ihre Tierhaftigkeit übertrifft die aller Lebewesen. Sogar Affen und männliche Ziegen müssen ihnen gegenüber den Rückzug antreten. Es besteht kein Zweifel, dass eine derart starke tierische Triebhaftigkeit die menschliche Kultur und Zivilisation, ja die gesamte Menschheit, zugrunde richten wird. Diejenigen, die sich ihr hingeben, werden durch ihren moralischen Verfall so tief sinken, dass keinerlei Hoffnung mehr auf einen Wiederaufstieg aus diesem Zustand bestehen wird.
1.Ein Arzt sagt: „Der Beginn der Geschlechtsreife bringt zahlreiche bedeutende Veränderungen mit sich. Zu jener Zeit entsteht in den Funktionen von Geist und Körper ein revolutionärer Zustand, und sie entwickeln und entfalten sich in jeder Hinsicht. In dieser Zeit sind alle Kräfte erforderlich, um diese Veränderungen zu ertragen und jene Entwicklung und Entfaltung zu erlangen. Daher ist die Widerstandskraft des Menschen gegen Krankheiten zu jener Zeit sehr gering. Die lange Zeit, die für die allgemeine körperliche Entwicklung und Entfaltung, die Entwicklung und das Wachstum der Glieder sowie die geistigen und körperlichen Veränderungen erforderlich ist und nach der der Mensch von der Kindheit in die Jugend eintritt, ermüdet den menschlichen Körper. Denn in dieser Zeit ist der menschliche Körper mit äußerster Anstrengung beschäftigt. Unter diesen Umständen wäre es nicht angemessen, ihn mit einer ungewöhnlichen Belastung zu beschweren; insbesondere Geschlechtsverkehr und sexuelle Erregung wären für ihn verhängnisvoll.“
Ein anderer berühmter deutscher Psychologe und Soziologe sagt: „Da die Geschlechtsorgane ein außergewöhnliches Gefühl höchster Lustbefriedigung und emotionaler Erregung hervorrufen, sind sie stets bereit, auch einen großen Teil unserer geistigen Kräfte zu verzehren. Wenn sie die Oberhand gewinnen, werden sie den Menschen statt dem Dienst an der Zivilisation in persönlichem Lustgenuss versunken halten. Schon eine geringe Unachtsamkeit wird das Sexualleben des Menschen aus dem Gleichgewicht bringen und es, statt segensreich, schädlich machen. Die Verhütung dieser Gefahr sollte das große Ziel der Erziehung sein.“
Ebenso wird es zu demselben Ergebnis kommen in einer Zivilisation, in der anstelle des natürlichen Bedürfnisses äußerste Entbehrung praktiziert wird. So wie es schädlich ist, bei der Befriedigung des sexuellen Verlangens die Grenzen zu überschreiten, ist es ebenso schädlich, dieses übermäßig zu unterdrücken. Eine zivilisatorische Ordnung, die den Menschen zu einem Zölibatären und Weltentsagenden machen will, kämpft gegen die Natur. Die Natur wird jedoch niemals von ihrem Gegner besiegt, sondern zermalmt ihn vielmehr. Es ist vollkommen wahr, dass keine Zivilisation auf dem Fundament einer echten Entsagungsreligion errichtet werden kann. Denn tatsächlich steht diese der Bildung von Kultur und Zivilisation entgegen. Gewiss kann man in einer zivilisatorischen Ordnung, indem man die Lehre der Entsagung im Herzen fest verankert, eine so lustlose Umgebung schaffen, dass die sexuelle Beziehung als etwas Verwerfliches, Abstoßendes und Geschmackloses angesehen wird. Sich ihrer zu enthalten, wird dann als Maßstab des Charakters gelten. Doch die Unterdrückung des sexuellen Verlangens bedeutet die Unterdrückung der Menschlichkeit. Es wird nicht allein unterdrückt werden; vielmehr werden zugleich auch alle Begabung, Tatkraft, Intelligenz, Unternehmungsgeist und Mut, Entschlossenheit und Tapferkeit des Menschen unterdrückt werden. Infolge dieser Unterdrückung wird die gesamte Kraft des Menschen gelähmt werden. Seine Blutkörperchen werden kalt und starr werden, und in ihm wird keinerlei Fähigkeit verbleiben, sie zu erregen. Denn diese sexuelle Kraft ist die stärkste antreibende Kraft des Menschen.
Daher wird es die erste Pflicht einer guten und rechtschaffenen Zivilisation sein, das sexuelle Verlangen vor Überschreitung und äußerster Entbehrung zu bewahren, es in einen ausgewogenen mittleren Zustand zu führen und es durch geeignete Regeln und Grundsätze gut zu lenken. Die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens sollte so beschaffen sein, dass einerseits alle ungewöhnlichen Erregungen und Antriebe unterbunden werden, die der Mensch durch sein Verlangen und seine Neigung zum Genuss hervorruft. Andererseits müssen alle von der Natur gewünschten Wege offenstehen, um die natürliche Erregung zu besänftigen und zu befriedigen.
2. Die Schaffung der familiären Grundlage
Nun erhebt sich ganz von selbst die Frage im Innersten des Gemüts: Was ist der Wille der Natur? Sind wir in dieser Angelegenheit in Dunkelheit versenkt worden, sodass wir mit geschlossenen Augen nach Belieben handeln und dies dann als das Verlangen der Natur bezeichnen? Oder können wir nicht durch Nachdenken und Forschen über die Zeichen der Natur ihre Absicht erkennen? Wahrscheinlich vertreten viele die zuerst genannte Ansicht. Deshalb bezeichnen sie, ohne die Zeichen der Natur zu beachten, das, was geschehen ist, nach Belieben als die Absicht der Natur. Doch wenn ein Wahrheitssucher auf der Suche nach Tatsachen aufbricht, scheint ihm schon nach wenigen Schritten, als weise die Natur mit deutlichem Finger auf ihre Absicht hin.
Es ist bekannt, dass die ursprüngliche Absicht der Natur hinter der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau, wie bei den übrigen Lebewesen, und der Einpflanzung sexueller Anziehung zwischen beiden darin besteht, die Nachkommenschaft zu vermehren. Doch beim Menschen besteht die ursprüngliche Absicht der Natur in der Vermehrung der Nachkommenschaft. Aber für den Menschen ist dies nicht die einzige Forderung der Natur; vielmehr erwartet die Natur vom Menschen darüber hinaus noch etwas. Durch ein wenig Nachdenken und Forschen können wir erkennen, worin diese Forderung besteht und welcher Art sie ist.
Als Erstes fällt uns auf, dass allein das Menschenkind – im Gegensatz zu allen anderen Lebewesen – für seine Versorgung und Aufzucht mehr Zeit, Mühe und Aufmerksamkeit beansprucht. Selbst wenn man es als ein eigenständiges Lebewesen betrachtet, stellen wir doch fest, dass mehrere Jahre vergehen, bis es seine biologischen Bedürfnisse selbst befriedigen kann, das heißt, bis es in der Lage ist, Nahrung zu beschaffen und sich selbst zu schützen. In den ersten zwei oder drei Jahren ist es so hilflos, dass es ohne die unablässige Pflege der Mutter überhaupt nicht am Leben bleiben kann.
Es ist offensichtlich, dass der Mensch, ganz gleich, auf welcher frühen Stufe der Barbarei er sich befinden mag, kein bloßes Tier ist. Eine gewisse Stufe der Zivilisation wird für sein Leben unvermeidlich. Infolge dieser Zivilisation treten zu den natürlichen Anforderungen der Versorgung der Kinder noch zwei weitere Anforderungen hinzu. Erstens muss derjenige, der für ihre Versorgung verantwortlich ist, alle zivilisatorischen Mittel und Hilfsmittel, die er erlangen kann, für die Kinderaufzucht einsetzen. Zweitens muss das Kind so erzogen werden, dass es darauf vorbereitet ist, die Aufgaben in der zivilisatorischen Umgebung, in der es geboren wurde, zu erfüllen und die Stelle der vorhergehenden Generationen einzunehmen. Je weiter sich die Zivilisation entwickelt, desto schwerer wird die Last dieser beiden Anforderungen. Einerseits wird der Bedarf an den notwendigen Mitteln und unverzichtbaren Dingen für die Kinderaufzucht zunehmen; andererseits verlangt die Zivilisation nicht nur für ihren Fortbestand entsprechend ihrer Stellung ausgebildete und erzogene, geeignete Arbeitskräfte, sondern wünscht auch zu ihrer Entwicklung und ihrem weiteren Aufstieg, dass die künftige Generation besser werde als die gegenwärtige – mit anderen Worten: Jeder, der ein Kind aufzieht, soll sich bemühen, es besser zu formen, als er selbst ist. Dies ist ein äußerstes Opfer, das den Menschen dazu bewegt, seine eigenen Interessen zu opfern.
All dies sind Forderungen der menschlichen Natur. Die erste Sprecherin dieser Forderungen ist die Frau. Der Mann kann sich nach einer kurzen Zeit des Zusammenseins mit der Frau für immer seiner Verantwortung entziehen. Doch die natürliche Folge dieses Zusammenseins muss die Frau Jahr um Jahr, ja sogar ihr ganzes Leben lang tragen. Vom Eintritt der Schwangerschaft an muss sie mindestens fünf Jahre lang die Folgen dieses Zusammenseins ertragen. Wenn man jedoch den umfassenden Anforderungen der Zivilisation gerecht werden will, bedeutet dies, dass die Frau, die durch das Zusammensein mit dem Mann nur für einen Augenblick Freude erfahren hatte, fünfzehn lange Jahre lang ihre schwere Verantwortung tragen muss. Nun stellt sich die Frage: Wie kann bei der Übernahme einer gemeinsamen Verantwortung nur eine Seite vorangehen? Solange die Frau nicht von der Furcht vor dem Verrat ihres Partners befreit ist, solange sie hinsichtlich der Versorgung ihres Kindes nicht beruhigt ist und solange man sie nicht von der Beschaffung der für ihr tägliches Leben notwendigen Dinge entlastet, wie soll sie bereit sein, eine so schwere Verantwortung zu tragen? Für eine Frau, die keinen Vormund oder Beschützer hat, ist eine Schwangerschaft nichts anderes als ein Unfall, ein Unglück – ein äußerst schreckliches Unglück. Ihr Wunsch, davon befreit zu werden, ist völlig natürlich. Wie könnte sie eine solche Schwangerschaft andernfalls willkommen heißen?
Wenn man die Notwendigkeit des Fortbestands der Menschheit sowie der Errichtung und Weiterentwicklung der Zivilisation erkennt, ist es unabdingbar, dass der Mann, wenn er der Frau eine schwere Last auferlegt, sich an ihrer Seite an der Tragung dieser Last beteiligt. Doch wie kann man den Mann dazu bewegen, sich daran zu beteiligen? Betrachtet man die unumgängliche Weisung der Natur zur Erhaltung des Fortbestands der Menschheit, so zeigt sich, dass der Mann das, was ihm in dieser Hinsicht obliegt, durch den Geschlechtsverkehr in einem Augenblick erledigt. Danach bleibt die schwere Last allein bei der Frau und trifft den Mann in keiner Weise. Auch unter dem Gesichtspunkt der sexuellen Anziehung zeigt sich, dass sie den Mann nicht dazu verpflichtet, bei dieser Frau zu bleiben. Wenn er will, kann der Mann eine Frau verlassen und eine Beziehung zu einer anderen aufnehmen. So kann er auf jedem Acker Samen ausstreuen. Wenn man ihm daher all diese Handlungen selbst überlässt, gibt es keinerlei Grund anzunehmen, dass er freiwillig bereit sein wird, die nachfolgende schwere Last zu tragen. Gibt es unter diesen Umständen etwas, das ihn dazu zwingen wird, seine Arbeit und seinen Verdienst für diese Frau und ihr ungeborenes Kind aufzuwenden? Warum sollte er statt einer anderen schönen Jungfrau dieser schwangeren Frau zugeneigt sein? Warum sollte er auf eigene Kosten einen nutzlosen Fleischklumpen versorgen? Warum sollte er sich durch das Schreien des Neugeborenen den Schlaf rauben lassen? Warum sollte er dieses kleine Teufelchen dulden, das jeden seiner Gegenstände zerbricht, das ganze Haus beschmutzt und keinerlei Verbot oder Zurechtweisung beachten will?
Einen Teil dieses Problems hat die Natur selbst gelöst. Sie hat der Frau Schönheit, Anmut, die Fähigkeit, Herzen zu bezaubern, sowie die Fähigkeit zum Opfer und zur Hingabe aus Liebe verliehen. Mit diesen Waffen kann sie die Selbstsucht und Willkür des Mannes überwinden und ihn sich unterwerfen. Darüber hinaus hat die Natur auch im Menschenkind eine so erstaunliche Fähigkeit zur Bezwingung geschaffen, dass es seine Eltern trotz seiner schmerzhaften, zerstörerischen und unartigen Wesensart in den Banden elterlicher Zuneigung und Liebe hält. Doch all dies allein reicht nicht aus, um den Menschen dazu zu zwingen, über Jahre hinweg für die Erfüllung seiner moralischen und zivilisatorischen Pflichten Verluste, Leid und Entbehrungen auf sich zu nehmen. Man muss sich daran erinnern, dass der Satan, der ewige Feind des Menschen, ihm ständig anhaftet. Er versucht unaufhörlich, den Menschen vom natürlichen Weg abzubringen. Um die Menschen jeder Nation und jedes Zeitalters vom rechten Weg abzubringen, verfügt er in seinem Täuschungsarsenal über unerschöpfliche Argumente, Beweise und Verführungen.
Es gehört zu den grundlegenden Kräften der Religion, dass sie Männer und Frauen dazu anspornt, sich für die Nation und die Zivilisation aufzuopfern und hinzugeben. Sie bereitet das selbstsüchtige, in menschlicher Gestalt erscheinende Tier auf das Opfer vor. Nur die von Allah gesandten Propheten haben, nachdem sie den Willen der Natur richtig erkannt hatten, die Ehe als den richtigen Weg für die sexuelle Beziehung zwischen Mann und Frau sowie für ihre zivilisatorische Zusammenarbeit vorgeschlagen. Durch ihre Lehre und Führung wurde die Ehe überall auf der Erde unter allen Völkern eingeführt. Auf dem von ihnen verkündeten moralischen Fundament entstand im Menschen eine solche geistige Tatkraft, dass er dafür Leid, Mühsal und Verluste ertragen kann. Andernfalls ist die eigentliche Frage: Wer könnte ein größerer Feind der Kinder sein als ihre Eltern? Durch die von den Propheten begründeten gesellschaftlichen Regeln und Gesetze wurde die Grundlage der Familie gelegt; ihre feste Faust zwingt Jungen und Mädchen zu einer solch verantwortungsvollen Beziehung und einer solchen gemeinsamen Aufgabe. Andernfalls ist das tierische Verlangen der Jugend so stark, dass allein das moralische Pflichtgefühl sie ohne jede äußere Disziplin nicht von sexueller Zügellosigkeit abhalten kann. Sexuelles Verlangen ist von Natur aus gesellschaftsfeindlich [anti-sozial]. Es erzeugt eine Neigung zu Egoismus, Willkür und Anarchie. Ihm fehlen Beständigkeit und Verantwortungsgefühl. Es weckt lediglich den Antrieb zu vorübergehendem Genuss. Dieses Ungeheuer zu bezähmen und es in den Dienst eines solchen gesellschaftlichen Lebens zu stellen, das Geduld, Duldsamkeit, Arbeit, Opferbereitschaft, Verantwortungsgefühl und Familienordnung verlangt, ist nicht leicht. Gerade die Familienordnung sperrt dieses Ungeheuer in eine kleine Flasche ein und nimmt ihm die Vermittlung von Sündhaftigkeit und Zügellosigkeit [Handlungsfreiheit]. Danach macht sie es zum Beauftragten für die unaufhörliche Zusammenarbeit und gemeinsame Tätigkeit von Mann und Frau, die für den Aufbau des Lebens unerlässlich sind. Andernfalls würde das zivilisatorische Leben der Menschen enden; der Mensch würde wie ein Tier leben, und schließlich würde die Menschheit von der Erde verschwinden.
Wenn also das sexuelle Verlangen von Willkür und Maßlosigkeit befreit werden soll und sein natürlicher Anspruch erfüllt werden soll, dann ist der Weg, den die Natur selbst eröffnet sehen will, einzig dieser: Die ewige Vereinigung von Mann und Frau durch die Ehe und durch diese Vereinigung die Begründung der Familienordnung. Die Geräte, die zum Betrieb einer gewaltigen und weitreichenden Fabrik wie der Zivilisation erforderlich sind, werden in dieser kleinen Werkstatt der Familie hergestellt. Sobald Jungen und Mädchen in die Jugend eintreten, bedenken die Leiter der Werkstatt eine möglichst gute eheliche Ordnung für sie, damit aus ihrer ehelichen Verbindung bessere Nachkommen hervorgehen können. Die Nachkommen, die danach geboren werden, wird jeder Arbeiter dieser Werkstatt mit voller Hingabe nach Kräften zu den Besten heranzubilden versuchen. Sobald das neugeborene Kind seinen ersten Augenblick im Arbeitsfeld der Welt beginnt, tritt es innerhalb der Grenzen der Familie in eine Umgebung von Liebe, Fürsorge, Schutz und Bildung ein, als empfinge es für seine eigene Entwicklung das ‚Wasser des Lebens‘ [belebenden Nektar]. Tatsächlich findet das Kind nur innerhalb der Familie die Gesellschaft zweier Menschen, die es nicht nur lieben, sondern im Innersten wünschen, dass es einen höheren Rang erlangt als den, in dem es geboren wurde. Nur die Eltern auf der Welt wünschen, ihr Kind in jeder Hinsicht besser, glücklicher und wohlhabender zu sehen. So bemühen sie sich unwillentlich und unwissentlich, die künftigen Nachkommen besser zu machen als die gegenwärtigen. In ihrem Bemühen findet sich nicht die geringste Spur von Eigennutz. Sie wünschen nichts für sich selbst, sondern nur das Wohlergehen ihrer Kinder, und darin, ihr Leben erfüllt und erfolgreich zu sehen, finden sie den Lohn ihrer eigenen Arbeit. Wo findet man in dieser Fabrik der Familie so hingebungsvolle Arbeiter und selbstlose Beschäftigte, die zum Wohl der Menschheit nicht nur unbezahlte Arbeit leisten, sondern auch ihre Zeit, ihren Frieden, ihre Kraft, ihre Fähigkeiten und alles, was sie durch ihre Arbeit erwerben, für deren Dienst aufwenden können? Wer sonst ist bereit, für diese Aufgabe jeden kostbaren Besitz von sich zu opfern, während andere die Früchte genießen? Wer findet darin, für andere hervorragende Arbeiter und Diener heranzubilden, den Lohn seiner eigenen Arbeit? Kann es eine heiligere und erhabenere Sehnsucht der Menschheit geben als diese?
Jedes Jahr braucht die Menschheit für ihre eigene Existenz sowie für die ununterbrochene Weitergabe und Weiterentwicklung der menschlichen Zivilisation viele Millionen solcher Ehepaare, die sich freiwillig und freudig der Verantwortung dieses großen Dienstes hingeben und durch die Ehe den Grundstein für ein solches Arbeitsfeld legen können. Die gewaltige Fabrik, die auf der Erde betrieben wird, kann nur auf diese Weise weiterlaufen: indem fortlaufend solche Freiwilligen gebildet werden und sie Menschen für den Betrieb dieser Fabrik hervorbringen. Wenn keine neuen Menschen aufgenommen werden und aus diesem natürlichen Grund die alten Arbeiter für die Arbeit untauglich werden, wird die Zahl der Arbeitskräfte allmählich abnehmen. Eines Tages wird dieses gestaltende Wesen stillgelegt daliegen. Diejenigen, die diese Maschine der Zivilisation betreiben, haben nicht nur die Pflicht, sie während ihres eigenen Lebens weiterlaufen zu lassen; sie haben auch die Pflicht, sich darum zu bemühen, Menschen zu gewinnen, die ihre Stelle einnehmen.
Unter diesem Gesichtspunkt ist die Ehe nicht lediglich ein erlaubter Weg, sexuelles Verlangen zu besänftigen, sondern eine gesellschaftlich unerlässliche Pflicht. Die Gesellschaft hat ein natürliches Recht gegenüber dem Einzelnen, und dem Einzelnen kann niemals das Recht eingeräumt werden, die Entscheidung, ob er heiratet oder nicht, für sich selbst vorzubehalten. Wer sich ohne vernünftigen Grund weigert zu heiraten, ist für die Gesellschaft nicht nur ein Schmarotzer, sondern auch ein Verräter und Plünderer. Jeder Mensch, der auf der Welt geboren wird, genießt von seinem ersten Atemzug bis zu seinem Eintritt in die Jugend all die unerschöpflichen Güter, die die früheren Generationen gesammelt haben. Dank der von ihnen begründeten Einrichtungen erhält er die Möglichkeit, zu leben, aufgezogen und entwickelt zu werden und die Menschheit weiterzuentwickeln. Während dieser Zeit empfängt er nur und gibt nichts. Die Gesellschaft verwendet ihre Güter und ihre Zeit darauf, seine unvollkommenen Kräfte zur Vollkommenheit zu bringen, in der Hoffnung, dass er es gewiss tun wird, sobald er selbst die Fähigkeit erlangt, etwas zu geben. Wenn er nun erwachsen geworden ist, seine persönliche Freiheit und Willkür verlangt und sagt, er werde nur seine eigenen Triebe befriedigen, aber die mit diesen Trieben verbundenen Verantwortungen und Pflichten nicht erfüllen, dann begeht er Verrat und Betrug an der Gesellschaft. Jeder Augenblick seines Lebens muss als Unrecht und Ungerechtigkeit bezeichnet werden. Wenn in der Gesellschaft auch nur ein Funken Bewusstsein vorhanden ist, wird sie diesen Schuldigen, statt ihn für einen anständigen Mann, eine anständige Frau oder eine ehrenwerte Person zu halten, als Dieb, Räuber und Betrüger betrachten. Ob freiwillig oder unfreiwillig, wir sind Erben all jener Reichtümer geworden, die unsere Vorfahren für uns hinterlassen haben. Wie könnten wir nun die Freiheit haben zu entscheiden, ob wir den Willen jener Naturordnung erfüllen, durch die wir dieses Erbe erhalten haben, oder nicht? Sollen wir Nachkommen hervorbringen, die künftige Erben dieses Reichtums der Menschheit sind, oder nicht? Sollen wir, so wie wir geschaffen wurden, eine zweite Gruppe bilden, die diese Güter verwaltet, oder nicht?
3. Die Ausrottung sexueller Zügellosigkeit
Mit der Ehe und der Errichtung der familiären Grundlage ist es ebenso notwendig, alle Wege zu versperren, auf denen sexuelle Begierden außerhalb der ehelichen Festungsmauer befriedigt werden könnten. Denn andernfalls kann der Wille der Natur nicht erfüllt werden, um dessentwillen sie die Ehe und die Errichtung der familiären Grundlage fordert.
Wie zur Zeit der alten Dschāhilīya halten auch im Zeitalter der gegenwärtigen Dschāhilīya die meisten Menschen Unzucht für eine natürliche Handlung. Ihrer Ansicht nach ist die Ehe lediglich etwas Künstliches und Überflüssiges, das von der Zivilisation erfunden wurde. Ihre Vorstellung ist folgende: So wie die Natur für jede Ziege einen Ziegenbock und für jede Hündin einen Hund geschaffen hat, so hat sie für jede Frau einen Mann geschaffen. Daher besteht das Gesetz der Natur darin, dass, sobald Verlangen und Gelegenheit vorhanden sind und Mann und Frau einander zustimmen, zwischen ihnen ebenso sexuelle Handlungen stattfinden wie unter den Tieren! Tatsächlich ist dies jedoch eine völlig falsche Auslegung der menschlichen Natur. Sie haben den Menschen schlicht für ein Tier gehalten. Wenn sie daher das Wort „Natur“ verwenden, meinen sie damit statt der menschlichen Natur die tierische Natur. Die umfassenden sexuellen Beziehungen, die sie „natürlich“ nennen, mögen für Tiere niemals unnatürlich sein, für den Menschen sind sie jedoch nicht natürlich! Sie widersprechen nicht nur der menschlichen Natur, sondern, bei Betrachtung ihrer letzten Folgen, auch der tierischen Natur, die im Menschen verborgen liegt. Der Grund dafür ist, dass Menschlichkeit und Tierhaftigkeit im Menschen keine zwei voneinander unabhängigen Dinge sind. Tatsächlich bilden sie durch ihr Zusammenwirken innerhalb ein und desselben Wesens eine einheitliche Persönlichkeit, und ihre jeweiligen Bedürfnisse sind so eng miteinander verflochten, dass, wenn eines von ihnen vernachlässigt wird, das andere von selbst zugrunde geht.
Äußerlich könnte man meinen, dass durch Unzucht die Bedürfnisse der tierischen Natur erfüllt würden. Denn auch der Zweck der Fortpflanzung und der Erhaltung der menschlichen Existenz wird ausschließlich durch den Geschlechtsverkehr erfüllt, sei es innerhalb der Ehe oder außerhalb derselben. Wenn man jedoch einmal das betrachtet, was wir zuvor dargelegt haben, wird man erkennen, dass diese Handlung ebenso den Zweck der menschlichen Natur wie den der tierischen Natur vereitelt. Die menschliche Natur verlangt, dass die sexuelle Beziehung fest und dauerhaft sei, damit die Eltern gemeinsam ihre Kinder aufziehen können und der Mann für eine angemessene Zeit nicht nur die volle Verantwortung für das Kind, sondern auch für dessen Mutter übernimmt. Wenn der Mann nicht davon überzeugt ist, dass das Kind von ihm abstammt, wird er keineswegs Opfer und Mühen für dessen Erziehung auf sich nehmen; auch wird er nicht anerkennen, dass dieses Kind sein Erbe sein soll. Wenn die Frau ebenso nicht davon überzeugt ist, dass der Mann, der sie schwängert, bereit ist, die Verantwortung für ihren Unterhalt und den ihres Kindes zu übernehmen, wird auch sie nicht bereit sein, die Gefahren einer Schwangerschaft auf sich zu nehmen. Wenn die Eltern bei der Erziehung des Kindes nicht zusammenwirken, können seine Bildung, seine moralische, geistige und wirtschaftliche Entwicklung nicht einen Stand erreichen, durch den es zu einem nützlichen Glied der menschlichen Zivilisation werden kann. All dies sind Erfordernisse der menschlichen Natur. Wenn Mann und Frau diese sämtlichen Erfordernisse mit Füßen treten und lediglich eine vorübergehende Beziehung wie Tiere eingehen, vernachlässigen sie auch die Bedürfnisse oder Erfordernisse der tierischen Natur, nämlich die Zeugung von Kindern und die Fortpflanzung. Denn zu jener Zeit haben sie keinerlei Ziel hinsichtlich der Zeugung von Kindern und der Fortpflanzung, und können ein solches Ziel auch nicht haben. Zu jener Zeit geschieht der Geschlechtsverkehr ausschließlich aus dem Verlangen nach sexuellem Genuss. Dies steht völlig im Gegensatz zum Willen der Natur.
Die Wortführer des Zeitalters der modernen Dschāhilīya weisen selbst diese Schwäche auf. Deshalb bringen sie ein weiteres Argument vor und sagen: Wenn zwei Menschen aus der Gesellschaft zusammenkommen und einige Augenblicke in Vergnügen und Genuss verbringen, welchen Schaden fügt dies dann der Gesellschaft zu, dass sie sich einmischt? Wenn die eine Partei gegenüber der anderen Gewalt anwendet, sie betrügt und täuscht oder irgendeine gesellschaftliche Gefahr oder Schwierigkeit verursacht, dann hat die Gesellschaft selbstverständlich das Recht, einzugreifen. Wenn jedoch nichts davon geschieht und es lediglich um den Genuss zweier Personen geht, welches Recht hat die Gesellschaft dann, ihre Handlung zu behindern? Wenn auf diese Weise in die privaten Angelegenheiten der Menschen eingegriffen wird, verliert die persönliche Freiheit ihre Bedeutung.
Diese Vorstellung von persönlicher Freiheit ist eine besondere Unwissenheit des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts, die verschwindet, sobald der erste Strahl des Wissens und der Wahrheitssuche sichtbar wird. Schon nach kurzem Nachdenken und Forschen können die Menschen erkennen, dass die Art von Freiheit, die für den Einzelnen gefordert wird, im gesellschaftlichen Leben keinen Platz hat. Für diejenigen, die eine solche Freiheit wünschen, wäre es besser, in Wälder und Einöden zu gehen und wie Tiere zu leben. Die menschliche Gesellschaft ist in Wirklichkeit ein solches Netz aus Liebe und Beziehungen, mit dem das Leben jedes Menschen untrennbar mit dem Leben unzähliger anderer Menschen verbunden ist. Jeder beeinflusst die anderen ebenso, wie er von den anderen beeinflusst wird. Wo solche wechselseitigen Beziehungen bestehen, kann keine Handlung als völlig persönlich und alleinstehend bezeichnet werden. Es ist unmöglich, sich eine persönliche Handlung vorzustellen, die nicht in ihrer Gesamtheit irgendeinen Einfluss auf die Gesellschaft ausübt. Ganz zu schweigen von den Tätigkeiten der Glieder und Organe: Es gibt nicht einmal ein im Winkel des Herzens verborgenes Verlangen, das nicht auf unsere Existenz einwirkte und sich danach auf andere ausprägte. Die Folgen jeder einzelnen Handlung unseres Geistes und unseres Körpers verlagern sich von uns und reichen so weit in die Ferne, dass sie außerhalb unseres Wissens liegen. Wie kann man unter diesen Umständen sagen, dass die Nutzung der eigenen Kräfte durch einen bestimmten Menschen niemanden außer ihm selbst beeinflusse? Hat also niemand anderes etwas dagegen zu unternehmen, und sollte die betreffende Person in dieser Angelegenheit völlige Freiheit besitzen? Wenn ich nicht die Freiheit habe, den Holzstab in meiner Hand nach Belieben in jede Richtung zu schwingen, meine beiden Beine nach meinem Willen zu lenken und dorthin zu gehen, wohin ich will, meinen Wagen nach Belieben zu fahren und in meinem Haus nach Belieben Abfall anzuhäufen, und wenn es nicht wünschenswert ist, dass zahllose andere derartige persönliche Handlungen sozialen Regeln und Vorschriften unterliegen, welchen besonderen Rang hätte dann allein mein Geschlechtsverkehr erworben, dass er keiner sozialen Regelung unterworfen werden dürfte und mir eine solche vollständige Freiheit gewährt würde, ihn nach meinem Willen einzusetzen?
Zu behaupten, dass der Geschlechtsverkehr, den ein Mann und eine Frau an einem abgeschiedenen Ort im Verborgenen vollziehen, keinerlei Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben habe, ist nichts als kindisches Gerede (Childish talks). In Wirklichkeit wirken sich die Handlungen eines Menschen, der in unmittelbarer Beziehung zu einer Gesellschaft steht, nicht nur auf diese Gesellschaft, sondern auf die gesamte Menschheit aus. Sie wirken sich nicht nur auf die Menschen der Gegenwart aus, sondern auch die künftigen Generationen müssen ihre Folgen tragen. Kein Einzelner kann sich unter irgendwelchen Umständen den sozialen und gesellschaftswissenschaftlichen Regeln entziehen, an die die gesamte Menschheit gebunden ist, oder an einem noch so geschützten Ort völlig getrennt leben. So wie er auf freiem Feld, auf Märkten und Plätzen oder in Versammlungen mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden ist, bleibt er auch in verschlossenen Räumen und hinter Mauern, selbst wenn er dort geschützt ist, mit dem gesellschaftlichen Leben verbunden. Wenn er im Verborgenen die Möglichkeit zur Zeugung von Nachkommen durch einen vorübergehenden, kurzsichtigen Genuss zugrunde richtet, trägt er in Wahrheit dazu bei, Ausschweifung im gesellschaftlichen Leben zu verbreiten, die Rechte der Nation zu verletzen und der Gesellschaft unzählige moralische, materielle und zivilisatorische Schäden zuzufügen. In seinem eigenen Interesse greift er jene gesellschaftlichen Einrichtungen an, durch die er als Teil der Gesellschaft gefördert worden ist, und weigert sich, seine Verantwortung für deren Bestand und Fortdauer zu erfüllen. Die Gesellschaft hat Einrichtungen von der Stadtverwaltung bis zum Staatswesen, von Bildungseinrichtungen bis zum Militär, von Fabriken bis zu den Forschungsstätten der Natur- und Geisteswissenschaften geschaffen – in dem alleinigen Vertrauen darauf, dass jeder, der daraus Nutzen zieht, seinen notwendigen Anteil an ihrer Errichtung und Erhaltung leisten werde. Doch als dieser Treulose seine Sexualkraft so verbrauchte, dass ihm jeglicher Wille fehlte, Nachkommen zu zeugen, die Familie zu vergrößern und Verantwortung für die Erziehung der Kinder zu übernehmen, zerstörte er mit einem einzigen Schlag die Grundlage dieses gesamten Systems. Er brach den Gesellschaftsvertrag, mit dem er als Mensch verbunden war. Statt seine eigene Pflicht zu erfüllen, wälzte er sie auf die Schultern anderer ab. Er kann kein ehrenwerter Mensch sein – er ist ein Dieb, ein Betrüger und ein Aneigner fremden Eigentums. Ihm Gnade zu erweisen bedeutet, der gesamten Menschheit Unrecht zuzufügen.
Nachdem man die Stellung des Einzelnen im gesellschaftlichen Leben erkannt hat, kann man zweifellos sagen, dass die Kraft, die uns in Geist und Körper verliehen wurde, nicht für den Einzelnen bestimmt ist, sondern uns als anvertrautes Gut zum Nutzen der gesamten Menschheit übergeben wurde. Für jede unserer Kräfte müssen wir der gesamten Menschheit Rechenschaft ablegen. Wenn wir unser eigenes Leben oder eine unserer Kräfte vergeuden oder uns durch unser eigenes Fehlverhalten schädigen, besteht die eigentliche Folge unseres Handelns nicht bloß darin, dass wir das, was uns gehörte, verschwendet oder beschädigt haben. Vielmehr wird dies als Veruntreuung dessen betrachtet werden, was uns zum Nutzen der gesamten Menschheit anvertraut war, wodurch wir der Menschheit Schaden zugefügt haben. Unsere Existenz auf der Erde bezeugt, dass wir nur deshalb in diese Welt eintreten konnten, weil andere die Leiden und Lasten auf sich genommen und den Strom des Lebenslichts zu uns weitergeleitet haben. Danach hat die staatliche Ordnung für die Sicherheit unseres Lebens gesorgt. Das Gesundheitswesen war mit dem Schutz unserer Gesundheit beschäftigt. Durch die gemeinsamen Anstrengungen von Millionen und Abermillionen Menschen wurden die täglichen Lebensnotwendigkeiten für uns bereitgestellt. Alle Einrichtungen zusammen haben uns Kraft und Fähigkeiten verliehen, sich um unsere Bildung bemüht und uns zu unserem gegenwärtigen Rang erhoben. Soll dies nun die Gegenleistung dafür sein? Wäre es gerecht, dass wir das Leben und die Kräfte, zu deren Entstehung, Erhaltung und Entfaltung andere so viel beigetragen haben, grundlos zugrunde richten oder sie statt zum Guten zum Schaden einsetzen? Aus diesem Grund ist der Selbstmord verboten worden. Aus diesem Grund hat der größte Weise und Philosoph der Welt [der Prophet, Friede sei mit ihm] den Masturbierenden als verflucht bezeichnet. (*********) Hadith über den verfluchten Masturbierenden. Deshalb ist auch die gleichgeschlechtliche Handlung, das lasterhafte Tun des Volkes Lot, als ein verwerfliches Verbrechen bezeichnet worden. Aus diesem Grund ist Unzucht keine bloße persönliche Unterhaltung und kein kostbarer Augenblick, sondern vielmehr ein besonderes Unrecht gegenüber der gesamten Nation.
Wenn man gründlich darüber nachdenkt, wird deutlich, wie viele gesellschaftliche Missstände untrennbar mit der Unzucht verbunden sind. Zum Beispiel:
1. Zunächst besteht für den Unzüchtigen die Gefahr, von einer Geschlechtskrankheit befallen zu werden. Auf diese Weise schädigt er nicht nur seine tägliche Kraft, die dem Gemeinwohl dienen könnte, sondern auch die Gesellschaft und seine Nachkommen. Über die Gonorrhö sind sich alle Ärzte einig, dass die dadurch an der Harnröhre entstehenden Geschwüre in den meisten Fällen unheilbar sind. Ein Arzt bemerkte, dass eine einmal erworbene Gonorrhö nicht mehr geheilt werden könne. Infolgedessen werden Leber, Harnblase, Mastdarm, Harnwege und andere Organe häufig befallen. Sie wird auch zur Ursache von Gicht und anderen Krankheiten. Zudem besteht die Gefahr dauernder Unfruchtbarkeit. Sie wird auch für andere ansteckend. Denken Sie anschließend über eine weitere gefährliche Folge nach: die Syphilis oder den Tripper. Es ist allgemein bekannt, dass der gesamte körperliche Organismus dadurch vergiftet wird. Seine Giftwirkung dringt in jedes einzelne Organ vom Scheitel bis zur Sohle ein. Sie zerstört nicht nur die körperliche Kraft des Erkrankten, sondern die Keime dieser Krankheit werden auch auf verschiedenen Wegen von einem Menschen auf unzählige, ja zahllose andere Menschen übertragen. Die unschuldigen Kinder des Kranken tragen die Folgen davon über Generationen hinweg. Als natürliche Folge davon, dass der lasterhafte Vater den wenige Augenblicke dauernden Geschlechtsgenuss für das höchste Verlangen seines Lebens hielt, wird das Kind blind, stumm, taub oder wahnsinnig geboren.
2. Nicht jeder Unzüchtige muss von einer Geschlechtskrankheit befallen werden. Doch es ist ihm unmöglich, sich der moralischen Schwäche zu entziehen, die mit dieser Handlung untrennbar verbunden ist. Schamlosigkeit, Betrug, falsche Arglist, Selbstsucht, die Knechtschaft unter den Trieben, die Unfähigkeit, böse Neigungen zu beherrschen, unehrenhaftes Denken, die Neigung, den Genuss des Geschlechtsverkehrs auszukosten, Unbeständigkeit und Misstrauen sind einige der moralischen Übel der Unzucht, die sich dem Geist des Unzüchtigen tief einprägen. Die schädlichen Folgen der Schwäche eines Menschen, der diese Fehler in sich trägt, beschränken sich nicht nur auf den Geschlechtsverkehr; vielmehr breiten sie sich von ihm aus in jedem Bereich des Lebens innerhalb der Gesellschaft aus. Wenn sich diese Fehler unter der Mehrheit der Menschen einer Gesellschaft verbreiten. Wenn sich diese Fehler unter der Mehrheit der Menschen einer Gesellschaft verbreiten, werden dadurch Kunst, Literatur, Vergnügungen, Sport, Wissenschaft und Forschung, Handel und Gewerbe, das gesellschaftliche Leben, die Wirtschaft, die Politik, die Gerichte, das Militärwesen, die Staatsführung und alles Übrige gefährdet und gelähmt. Besonders in einer demokratischen Ordnung müssen sich die einzelnen moralischen Eigenschaften der Bürger im Leben der gesamten Nation widerspiegeln. Wie sollte die Politik einer Nation Stabilität erlangen, wenn die Mehrheit ihrer Menschen keinerlei Standhaftigkeit und Festigkeit besitzt und die meisten ihrer Angehörigen der Eigenschaften von Treue, Opferbereitschaft und Selbstbeherrschung beraubt sind?
3. Sobald der Unzucht ein rechtmäßiger Platz eingeräumt wird, muss zugleich auch die Prostitution in der Gesellschaft aufrechterhalten werden. Wer sagt, dass ein junger Mann ein Recht auf Vergnügen habe, erkennt damit zugleich an, dass die Gesellschaft eine beträchtliche Zahl von Frauen benötige, die in jeder Hinsicht ein äußerst niedriges und verachtenswertes Leben führen. Nun stellt sich die Frage: Woher sollen all diese Frauen kommen? Sie werden selbstverständlich Mitglieder eben dieser Gesellschaft sein. Sie werden die Töchter oder Schwestern irgendeines ihrer Mitglieder sein. Millionen von Frauen, die jeweils die Schauspielerin eines Hauses, die Begründerin einer Familie und die Erzieherin vieler Kinder hätten werden können, müssten aus der Gesellschaft ausgestoßen und auf den Märkten und in den Basaren angesiedelt werden, damit diese Orte gleich den öffentlichen Bedürfnisanstalten einer Stadtverwaltung zu Stätten für die Ausscheidungen liederlicher Männer würden. Dadurch sollen ihnen sämtliche ehrenhaften Eigenschaften der Frau genommen und sie darin unterwiesen werden, ihre Schönheit und Jugend zu verkaufen. Darüber hinaus sollen sie so zugerichtet werden, dass sie ihre Liebe, ihren Körper und Geist, ihre eigene Schönheit und ihre anmutigen Bewegungen jeden Augenblick an immer neue Käufer verkaufen können und statt eines nützlichen Dienstes lebenslang zu einem Spielzeug für die Befriedigung der Begierden anderer werden.
4. Wird die Unzucht als rechtmäßig anerkannt, so werden die zivilisatorischen Bräuche und Regeln der Ehe zerstört. Schließlich bleibt anstelle der Ehe überall in der Gesellschaft nur noch Unzucht bestehen. Das Erste, was hierzu zu sagen ist, lautet: Unter Frauen und Männern, die der Unzucht zugeneigt sind, findet sich nur sehr selten die Fähigkeit, ein geordnetes Eheleben zu führen. Denn durch dieses Verfahren werden Arglist, Minderwertigkeitsgefühle, Genussgier und ein zügelloses Wesen hervorgebracht; in solchen Menschen entstehen Unbeständigkeit der Wünsche und Begierden sowie eine Schwäche bei der Unterdrückung schlechter Triebe. Dadurch werden jene Eigenschaften von Grund auf zerstört, die für ein erfolgreiches Eheleben erforderlich sind. Selbst wenn sie eine Ehe eingehen, werden sich zwischen ihnen niemals jene liebevolle Umgangsweise, Verbundenheit, gegenseitiges Vertrauen sowie jene von Zuneigung und Herzlichkeit geprägte Beziehung festigen, durch die gute Kinder hervorgebracht und eine freudige Familie aufgebaut werden kann. Wo ferner der Weg zur Unzucht leicht gemacht wird, ist es praktisch überhaupt nicht möglich, dass die zivilisatorischen Grundsätze der Ehe in Kraft bleiben. Denn welchen Grund sollten diejenigen, denen sich die Möglichkeit bietet, ihre schlechten Triebe statt durch die Übernahme von Verantwortung zu befriedigen, noch haben, eine schwere Verantwortung auf ihre Schultern zu nehmen?
5. Es ist nachgewiesen worden, dass durch die Legalisierung und Verbreitung der Unzucht nicht nur die Zivilisation an ihren Wurzeln ausgerottet, sondern auch die Grundlage der Menschheit selbst zerstört wird. Infolge ungezügelter sexueller Beziehungen entsteht bei weder Frauen noch Männern der Wunsch – und kann auch nicht entstehen –, etwas für die Beständigkeit und Festigkeit der Menschheit zu tun.
6. Wenn durch Unzucht zum Wohl der Gesellschaft und der Menschheit Kinder geboren werden, sind es uneheliche Kinder. Die Unterscheidung zwischen ehelichen und unehelichen Kindern innerhalb der Abstammung ist keineswegs bloß aus Gefühlsbetontheit entstanden – auch wenn einige Dummköpfe dies meinen –, sondern tatsächlich ist es in vielerlei Hinsicht ein grausames Unrecht sowohl gegenüber dem Kind selbst als auch gegenüber der gesamten menschlichen Zivilisation, ein uneheliches Kind zu zeugen. Erstens wird das Kind genau dann empfangen, wenn die Eltern von einem tierischen Trieb besessen sind. Das heilige menschliche Empfinden, das sich beim Geschlechtsverkehr zwischen einem verheirateten Ehepaar erhebt, ist bei einer unehelichen geschlechtlichen Vereinigung niemals möglich. Eine bloße tierische sexuelle Raserei bringt die beiden zusammen, und in diesem Augenblick sind sie von allen menschlichen Eigenschaften entfernt. Weder seine Mutter noch sein Vater sind bereit, ein solches uneheliches Kind willkommen zu heißen. Es ist kein erwünschtes Wesen, sondern für seine Eltern vielmehr eine Last oder eine unerwünschte Gefahr. Es bleibt der liebevollen Zuneigung, Fürsorge, Hilfe und Anteilnahme des Vaters beraubt. Ihm ist nur die einseitige Betreuung durch die Mutter beschieden, und auch diese erfolgt mit Unzufriedenheit und ohne aufrichtige Begeisterung und Hingabe. Der liebevollen Fürsorge und Erziehung durch Großeltern väterlicher- und mütterlicherseits, Onkel und die anderen nahen Verwandten der Familie bleibt es ebenfalls beraubt. Ein solches Kind entwickelt sich daher unter allen Umständen naturgemäß zu einem fehlerhaften und unvollständigen Menschen. Weder kann sich sein Charakter richtig bilden, noch kann sich irgendeine seiner Begabungen entfalten. Es erhält nicht die Mittel und Möglichkeiten zu Fortschritt und Leistungsfähigkeit. Es wird selbst unvollständig und mangelhaft, mittellos, freundlos, ohne Hilfe und Unterstützung und unterdrückt sein; und es wird unter diesen Umständen niemals in dem Maße zum Aufbau der Zivilisation beitragen können, wie es dies als eheliches Kind hätte tun können.
Die Befürworter unehelicher sexueller Beziehungen sagen, für die Betreuung und Erziehung der Kinder müsse eine staatliche Einrichtung geschaffen werden. Die Eltern würden das Kind durch eine ungezügelte sexuelle Beziehung zeugen und es anschließend der staatlichen Verantwortung überlassen, damit es zu einem für den Dienst an der Zivilisation geeigneten Menschen erzogen werde. Mit einem solchen Vorschlag bezwecken sie, die Freiheit und Unabhängigkeit von Frauen und Männern zu bewahren. Außerdem soll der Wunsch, der hinter dem Sexualtrieb nach der Zeugung und Erziehung eines Kindes steht, auch ohne Ehe erfüllt werden. Erstaunlich ist jedoch, dass sie für die gegenwärtige Generation eine solche staatliche Erziehungs- und Betreuungsordnung vorschlagen, durch die keinerlei Möglichkeit zur Entfaltung der Eigenständigkeit und zur Entwicklung der Persönlichkeit bestünde. Wo Millionen von Kindern zugleich nach demselben Ideal, denselben Regeln und auf dieselbe Weise geformt werden sollen, ist die Entfaltung ihrer eigenständigen Persönlichkeit niemals möglich. Dort würde man höchstens eine künstliche Gleichheit unter ihnen schaffen und sie alle gleichartig formen. Aus dieser Fabrik würden Kinder mit derselben Art von Persönlichkeit hervorgehen, so wie aus einer gewaltigen Fabrik Eisenstücke aus derselben Form kommen. Es ist bedenkenswert, wie niedrig und abscheulich die Vorstellungen dieser törichten Menschen vom Menschen sind! Sie wollen Menschenkinder wie Schuhe der Bata Company formen. Ihnen ist unbekannt, dass die Gestaltung der Persönlichkeit eines Kindes eine besonders feine Kunst ist. Diese Kunst kann nur in einer kleinen Werkstatt ausgeübt werden, in der die Aufmerksamkeit jedes Malers auf ein einziges Bild gerichtet ist. In einer Fabrik, in der Lohnarbeiter Millionen gleichartiger Bilder herstellen, würde eine so feine Kunst wie die Kindererziehung nicht entwickelt, sondern zerstört werden.
Danach würde es im Bereich der nationalen Erziehung Mitarbeiter benötigen, die im Namen der Gesellschaft die Verantwortung für die Betreuung der Kinder übernehmen. Es liegt auf der Hand, dass für diese Aufgabe nur solche Mitarbeiter geeignet sein können, die ihre eigenen Gefühle und schlechten Triebe beherrschen können und bei denen sich moralische Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit finden. Wie sollten sie sonst Selbstbeherrschung und Enthaltsamkeit in den Kindern hervorbringen? Nun stellt sich die Frage: Woher sollen solche Menschen beschafft werden? Jene wollen doch gerade deshalb ein nationales Erziehungssystem errichten, damit Frauen und Männer zur Befriedigung ihrer schlechten Triebe zügellos freigelassen werden. Wenn auf diese Weise die Neigung zur Selbstbeherrschung und die Kraft zur Unterdrückung der Triebe in der Gesellschaft schon im Keim zerstört worden sind, wo soll man dann im Dorf der Blinden einen Sehenden finden, der die neue Generation lehrt, ihren Weg sicher zu gehen?
7. Das Leben der Frau, die ein selbstsüchtiger Mann durch Unzucht zur Mutter eines Kindes macht, wird für immer zerstört. Schmach und Hass seitens der Bevölkerung sowie ein Berg von Schwierigkeiten brechen in einer Weise über sie herein, dass sie ihr ganzes Leben lang darunter zu leiden hat. Das moderne moralische Ideal schlägt folgende Lösung vor: Alle Arten der Mutterschaft müssten als gleich angesehen werden, gleichgültig, ob die Mutterschaft durch eine Ehe oder auf andere Weise zustande gekommen ist. Man sagt, dass die Mutterschaft unter allen Umständen verehrungswürdig sei. Ferner sagt man, es sei ein großes Unrecht der Gesellschaft gegenüber einer Frau, die aus Naivität oder Unachtsamkeit die Verantwortung der Mutterschaft übernommen habe, sie zu verfluchen und zu brandmarken. Das Erste, was hierzu jedoch zu sagen ist, lautet: Wie sehr dies auch der ehebrecherischen Frau zugutekommen mag, für die Gesellschaft als Ganzes ist es eine große Katastrophe. Der Abscheu und die Schande, mit denen die Gesellschaft ein uneheliches Kind von Natur aus betrachtet, sind einerseits ein gewaltiges Hindernis für die Sünde und das Fehlverhalten von Männern und Frauen und andererseits ein besonderes Zeichen dafür, dass das sittliche Empfinden in der Gesellschaft wachgehalten wird. Wenn der Mutter eines ehelichen und der Mutter eines unehelichen Kindes gleicher Rang eingeräumt wird, bedeutet dies, dass in der Gesellschaft jeder Unterschied zwischen Wohl und Wehe, Gut und Böse sowie Sünde und Tugend beseitigt worden ist. Zweitens: Selbst wenn dies der Fall wäre [das heißt, wenn der Mutter eines ehelichen und der Mutter eines unehelichen Kindes gleicher Rang verliehen würde] – würden dadurch die Schwierigkeiten gelöst, denen die Mutter eines unehelichen Kindes ausgesetzt sein wird? Auch wenn die Vertreter der neuen Auffassung beide Mütter für gleich hielten, wird die Natur sie niemals für gleich halten, und tatsächlich können beide niemals den gleichen Rang erlangen. Ihre Gleichsetzung widerspricht Vernunft, Gewissen, Logik, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wie könnte eine törichte Frau, die sich in der vorübergehenden Erregung sexueller Leidenschaft einem selbstsüchtigen Mann unterworfen hat, der keinerlei Verantwortung für ihren Unterhalt und den des Kindes übernehmen will, der vernünftigen Frau gleich sein, die ihre jugendlichen Gefühle und Leidenschaften gezügelt hat, bis sie einen ehrenhaften und verantwortungsbewussten Mann als Ehemann fand? Welches vernünftige Gewissen wird diese beiden Frauen für gleich halten? Man kann zwar eine äußerliche Gleichstellung beider zur Schau stellen; doch woher sollte diese törichte Ehebrecherin den Lebensunterhalt, den Schutz, die von Mitgefühl geprägte Behandlung, Zuneigung, liebevolle Rücksicht, gute Wünsche, Ruhe und Beständigkeit erhalten, die eine verheiratete Frau genießt? Von welchem Markt könnte man für ihr uneheliches Kind die Zuneigung des Vaters sowie die Liebe und Zuneigung der väterlichen Verwandtschaft einführen? Allenfalls kann man ihr kraft des Gesetzes finanzielle Unterstützung gewähren! Aber braucht eine Mutter und ein Kind auf dieser Welt etwa nur Geld? Daher ist es wahr, dass die Gleichstellung der Rechte ehelicher und unehelicher Mutterschaft den Sündern zwar äußerlichen Trost spenden mag, sie jedoch weder vor den bitteren Folgen ihrer Torheit noch die unehelichen Kinder vor dem natürlichen Schaden bewahren kann, den sie von Geburt an erleiden.
Aus den oben genannten Gründen ist es für die Begründung und Entfaltung des gesellschaftlichen Lebens unbedingt erforderlich, die Ausbreitung des Geschlechtsverkehrs in der Gesellschaft vollständig zu unterbinden und nur einen einzigen Weg zur Beruhigung und Befriedigung des jugendlichen Triebes offenzuhalten. Dieser Weg ist das eheliche Leben. Männern und Frauen die Freiheit zur Unzucht zu gewähren bedeutet, ihnen ungerechte Nachsicht zu gewähren; es bedeutet nicht nur, der Gesellschaft Unrecht zu tun, sondern sie zu töten. Eine Gesellschaft, die diese Angelegenheit für geringfügig hält, Unzucht als bloßes Vergnügen (Having a good time) betrachtet und sie deshalb zu übersehen wünscht und gegenüber dem zügellosen Aussäen des wilden Hafers (Sowing wild oats) Toleranz zeigen will, ist in Wahrheit eine unwissende Gesellschaft. Sie ist sich ihrer eigenen Rechte nicht bewusst. Sie handelt selbst feindselig gegen sich. Wenn sie sich ihrer Rechte bewusst wäre und begreifen könnte, welche verderbliche Wirkung die persönliche Freiheit im Bereich der sexuellen Beziehungen auf die gesellschaftlichen Interessen hat, würde sie dies ebenso beurteilen wie Diebstahl, Raub und Mord – ja, sie würde es für noch schwerwiegender halten als Diebstahl und Raub. Ein Dieb, Räuber oder Mörder schädigt höchstens eine Person oder einige wenige Personen; der Ehebrecher jedoch beraubt die gesamte Gesellschaft und die künftigen Generationen. Zugleich raubt er den Reichtum von Millionen und Abermillionen Menschen. Das Ausmaß seines Verbrechens reicht weiter und ist umfassender als das anderer Verbrechen. Wenn allgemein anerkannt ist, dass der Einsatz staatlicher Gewalt zum Schutz der Gesellschaft gegen jemanden gerechtfertigt ist, der zur Befriedigung persönlicher Interessen in die Rechte eines anderen eingreift, und wenn auf dieser Grundlage Diebstahl, Mord, Plünderung, Betrug und andere Formen der Aneignung fremden Eigentums als Verbrechen betrachtet und durch Bestrafung verhindert werden, gibt es keinen Grund, warum das Gesetz des Landes als Beschützer der Gesellschaft die Unzucht nicht zu einem strafbaren Verbrechen erklären sollte.
Auch vom Standpunkt des Prinzips aus ist klar, dass Ehe und Unzucht nicht gleichzeitig Bestandteile ein und derselben Gesellschaftsordnung sein können. Wenn es einer Person erlaubt wird, ihren Geschlechtstrieb außerhalb der Ehe zu befriedigen, dann ist es sinnlos, für eine andere Person für dieselbe Handlung weiterhin die Eheordnung vorzuschreiben. Das Beispiel dafür ist genau folgendes: Man erklärt das Fahren im Zug ohne Fahrkarte für legal und hält gleichzeitig den Verkauf von Fahrkarten aufrecht. Kein vernünftiger Mensch kann beide Ordnungen zugleich anerkennen. Vernünftig wäre es, den Fahrkartenverkauf vollständig abzuschaffen. Wenn man ihn jedoch beibehalten will, muss man das Fahren ohne Fahrkarte für strafbar erklären. Ebenso ist es hinsichtlich Ehe und Unzucht ungerecht und widersinnig, beide nebeneinander zuzulassen. Wenn die Eheordnung für die Zivilisation als notwendig erachtet wird – wie zuvor bereits durch Beweise dargelegt worden ist –, dann ist es unbedingt erforderlich, die Unzucht zu einem Verbrechen zu erklären.*
Ein deutliches Merkmal der Unwissenheit besteht darin, dass nur die Folgen solcher Dinge wahrgenommen werden, die sehr begrenzt sind und sich innerhalb kurzer Zeit zeigen. Die Folgen dessen aber, deren Wirkung weitreichend und tiefgreifend ist, gerade deshalb nicht unmittelbar empfunden werden kann und erst spät zutage tritt, werden überhaupt nicht für wichtig erachtet – man schenkt ihnen keinerlei Beachtung. Darin liegt der Grund, warum Diebstahl, Raub und Mord für bedeutend gehalten werden, der Unzucht jedoch keine Bedeutung beigemessen wird. Selbst eine barbarische Gesellschaft betrachtet einen Menschen, der in seinem Haus Ratten mit der Pest ansammelt oder ansteckende Krankheiten verbreitet, nicht als jemandem, dem man vergeben sollte, weil die Schädlichkeit seiner Handlung offen zutage tritt. Der Ehebrecher hingegen, der um seines persönlichen Vorteils willen die Grundlagen der Zivilisation zerstört, erhält bei den unwissenden Barbaren jede Nachsicht. Denn der Schaden, den er verursacht, wird trotz seiner logischen Erkennbarkeit nicht empfunden. Daher dringt es in den Verstand der Unwissenden überhaupt nicht ein, worin bei der Unzucht eine strafbare Handlung bestehen könnte. Wenn die Grundlage der Zivilisation statt auf Barbarei auf Gewissen und Naturwissenschaft beruhte, würde dieses Verfahren niemals angenommen werden.
4. Methoden zur Bekämpfung der Obszönität
Um eine für die Zivilisation schädliche Angelegenheit zu unterbinden, reicht es nicht aus, sie gesetzlich zu einem Verbrechen zu erklären und dafür eine Strafe vorzusehen; vielmehr müssen daneben vier Arten von Maßnahmen ergriffen werden. Zum Beispiel:
a) Durch Erziehung und Bildung muss die Gesinnung des Menschen so weit geläutert werden, dass er selbst diese Tat mit Abscheu betrachtet und sie für eine Sünde hält; sein moralisches Bewusstsein muss ihn von dieser sündigen Tat abhalten.
b) Der soziale Charakter und die öffentliche Meinung müssen gegenüber dieser sündigen Tat so gestaltet werden, dass die Allgemeinheit
1. Es besteht die weitverbreitete, verdrehte Vorstellung, dass einem jungen Mann vor der Ehe irgendeine Möglichkeit gegeben werden müsse, sein sexuelles Verlangen zu befriedigen. Denn es sei schwierig, das sexuelle Verlangen in der Jugend zu unterdrücken, und seine Unterdrückung schade der Gesundheit. Doch alle Quellen, aus denen diese Schlussfolgerung gezogen wurde, beruhen auf Irrtum. Ein sexuelles Verlangen, dessen Drang sich nicht unterdrücken lässt, ist ein abnormer Zustand [abnormal], und dieser abnorme Zustand entsteht beim gewöhnlichen Menschen deshalb, weil ein falsches zivilisatorisches System ihn gewaltsam erregt. Unser Kino, unsere Literatur, bildende Kunst, Tanz und Musik sowie der ungehemmte Umgang mit geschmückten und herausgeputzten Frauen in dieser gemischten Gesellschaft von Männern und Frauen sind der Grund dafür, dass ein normaler Mensch eine abnorme sexuelle Neigung entwickelt. Andernfalls kann in einer ruhigen und reinen Atmosphäre zwischen gewöhnlichen Männern und Frauen keine solche sexuelle Erregung entstehen, die sich durch geistige und moralische Bildung nicht unterdrücken ließe. Auch die Vorstellung, dass die Gesundheit Schaden nehme, wenn man in der Jugend keinen Geschlechtsverkehr habe, und dass Unzucht daher der Gesundheit zuliebe erlaubt sei, ist völlig falsch. Tatsächlich ist es zur Bewahrung sowohl der Gesundheit als auch der Moral notwendig, jene falschen gesellschaftlichen Einrichtungen und jene falschen Maßstäbe eines luxuriösen Lebens zu verändern, durch die die Ehe erschwert und Unzucht erleichtert worden ist.
sie für eine verbrecherische und schändliche Tat hält und sie mit solcher Abscheu betrachtet, dass die öffentliche Meinung auch jene Menschen von dieser sündigen Tat abhalten kann, deren Bildung unvollständig oder deren moralisches Bewusstsein schwach ist.
c) Alle Mittel und Faktoren, die den Menschen zu dieser sündigen Tat anstiften und ihn dazu verleiten, müssen aus der zivilisatorischen Ordnung entfernt werden. Ebenso müssen, soweit wie möglich, auch jene Mittel und Faktoren beseitigt werden, die den Menschen zur Begehung der sündigen Tat zwingen.
d) Im zivilisierten Leben müssen gegen diese sündige Tat so manche Hindernisse errichtet werden, dass ein Mensch sie nicht ohne Weiteres begehen kann, selbst wenn er dies beabsichtigt.
Das Gewissen bezeugt die Wahrheit und Notwendigkeit der oben genannten vier Methoden, und auch die Natur verlangt dies. Tatsächlich besteht die Vorgehensweise in der ganzen Welt darin, dass zur Verhinderung jener Dinge, die das Sozialrecht als Verbrechen betrachtet, neben Strafmaßnahmen auch diese vier Arten von Maßnahmen ergriffen werden. Wenn nun anerkannt wird, dass die Verbreitung sexueller Beziehungen die Zivilisation zerstört und ein gewaltiges, der Gesellschaft entgegenstehendes Verbrechen darstellt, dann muss zwangsläufig auch anerkannt werden, dass zur Versperrung des Weges zur Unzucht neben der Verhängung von Strafen alle oben beschriebenen reformierenden und vorbeugenden Maßnahmen ergriffen werden müssen. Dazu ist auch die Bildung der Bevölkerung erforderlich. Die Bevölkerung muss zu einer ablehnenden Haltung gebracht werden. Auch alle Dinge, die im Menschen sexuelle Erregung hervorrufen, müssen aus den Grenzen der Zivilisation entfernt werden. Ebenso müssen die Hindernisse, die der Ehe entgegenstehen, aus der gesellschaftlichen Ordnung beseitigt werden. Auch der gegenseitige Umgang zwischen Männern und Frauen muss so weit eingeschränkt werden, dass der Weg versperrt ist, wenn jemand ohne eheliche Beziehung eine Verbindung zwischen Mann und Frau herstellen will. Nachdem man Unzucht als Sünde und Verbrechen anerkannt hat, kann kein gewissenhafter Mensch auch nur ein Wort gegen all diese Maßnahmen vorbringen.
Eine Gruppe erkennt jene moralischen und gesellschaftlichen Grundsätze an, aufgrund deren Unzucht als Sünde betrachtet wird. Ihre Halsstarrigkeit besteht jedoch darin, dass man sich gegen die Unzucht nicht auf strafende und vorbeugende Maßnahmen, sondern ausschließlich auf reformierende Maßnahmen stützen solle. Sie sagen: „Erweckt durch Bildung ein solches geistiges Empfinden im Menschen und stärkt seine inneren Ansprüche und sein moralisches Bewusstsein so sehr, dass diese Sache von selbst aufhört. Andernfalls würde die Anwendung strafender und vorbeugender Maßnahmen anstelle geistiger Läuterung und Besserung bedeuten, dass ihr nicht nur kindisch mit dem Menschen umgeht, sondern vielmehr die Menschlichkeit beleidigt.“
Auch wir räumen ein, dass dies der Weg zur Läuterung und Verbesserung der Menschheit ist. Tatsächlich besteht die höchste Stufe der Zivilisation darin, dass im Inneren des Menschen eine solche Kraft entsteht, durch die er von sich aus die gesellschaftlichen Regeln und Ordnungen achtet und sein Gewissen ihn davon abhält, die moralischen Fesseln zu zerreißen. Zu diesem Zweck werden alle Kräfte für die Bildung des Menschen eingesetzt. Doch die Frage ist: Hat unsere Zivilisation diese Stufe tatsächlich erreicht? Ist die Menschheit durch allgemeine und sittliche Bildung so weit veredelt worden, dass man sich auf ihre Spiritualität verlassen kann und zum Schutz der gesellschaftlichen Ordnung keinerlei offenkundige Straf- und Vorbeugemaßnahmen erforderlich sind? Lassen wir die vergangenen Zeitalter beiseite. In ihrer Sprache war dies doch das „Zeitalter der Finsternis“. Vor uns liegt nun dieses zwanzigste Jahrhundert – dieses „lichtvolle Zeitalter“. Blicken Sie in diesem Zeitalter auf zivilisierte Länder wie Europa und Amerika. Alle ihre Bewohner sind gebildet. Die Bürger sind stolz auf ihre höhere Bildung. Doch haben dort Bildung und geistige Läuterung Verbrechen und Gesetzesübertretungen beendet? Gibt es dort keinen Diebstahl und Raub? Kommt es dort nicht zu Betrug, Täuschung, Unterdrückung und Ausschreitungen? Sind dort Polizei, Gerichte, Gefängnisse, kulturelle Aufzeichnungen und Rechnungswesen nicht erforderlich? Ist unter der Bevölkerung ein solches Gefühl moralischer Verantwortung entstanden, dass man sie nun nicht mehr „wie Kinder“ behandelt? Wenn es sich nicht so verhält, wenn man selbst in diesem zivilisierten Zeitalter die Gesetzes- und Ordnungsgewalt der Gesellschaft nicht einfach dem moralischen Bewusstsein der Bevölkerung überlassen kann, wenn man noch immer überall zur Verhinderung von Verbrechen sowohl strafende als auch vorbeugende Maßnahmen ergreifen und dadurch die „Erniedrigung der Menschheit“ auf sich nehmen muss – welchen Grund kann es dann dafür geben, dass die „Erniedrigung der Menschheit“ nur im Bereich der sexuellen Beziehungen unerträglich geworden ist? Warum ist die „Erniedrigung der Menschheit“ gerade in dieser einen Angelegenheit unerträglich geworden? Warum wird so hartnäckig darauf bestanden, diese „Kinder“ in dieser einzigen Angelegenheit wie „Erwachsene“ zu behandeln? Denken Sie ein wenig gründlicher nach und sehen Sie, welche Art von Dieb sich in einem Winkel ihres Herzens verborgen hält.
Man sagt, die Dinge, die man für sexuell erregend hält und deshalb aus den Grenzen der Zivilisation ausschließt, seien doch das Lebenselixier der Kunst und des Schönheitsempfindens; wenn man all dies meide, werde die Quelle der Schönheit des menschlichen Lebens austrocknen. Wenn man daher etwas zum Schutz der Zivilisation und zur gesellschaftlichen Läuterung unternehmen wolle, müsse dies so geschehen, dass die schönen Künste und der Genuss der Schönheit keinerlei Beeinträchtigung erfahren. Auch wir stimmen diesen Herren insofern zu, als Kunst und der Genuss der Schönheit in der Tat wertvolle Dinge sind. Ihre Bewahrung und Förderung sind wünschenswert. Doch das gesellschaftliche Leben und das gesellschaftliche Wohlergehen sind am wertvollsten. Ihnen darf kein Opfer für irgendeine Kunst oder irgendeinen Genuss gebracht werden. Wenn sich Kunst und der Genuss der Schönheit entfalten und zur Blüte gelangen sollen, muss dafür ein Weg gefunden werden, der sich mit dem gesellschaftlichen Leben und seinem Wohlergehen vereinbaren lässt. Einer Kunst und einem Schönheitsempfinden, die anstelle des Lebens Zerstörung und anstelle des Wohlergehens Unheil bringen, darf innerhalb des gesellschaftlichen Rahmens unter keinen Umständen Gelegenheit zur Entfaltung gegeben werden. Dies ist weder eine persönliche noch eine häusliche Sichtweise von uns, sondern eine Forderung des Gewissens und der Natur. Die ganze Welt erkennt dies grundsätzlich an und setzt es überall um. Dinge, die in der Welt als zerstörerisch für das gesellschaftliche Leben und als Ursache von Unheil gelten, werden nirgendwo unter dem Namen der Kunst und des Schönheitsempfindens geduldet. Wenn ein literarisches Werk zum Zerfall, zu Streit und Auseinandersetzungen, zu Mord und Plünderung oder Ähnlichem anstiftet, wird es ebenso wenig allein um der Literatur willen geduldet; und wenn ein literarisches Werk dazu anstiftet, durch es tödliche Krankheiten wie Pest und Cholera zu verbreiten, wird auch dies nirgends hingenommen. Kein Staat der Welt erlaubt, dass Filme oder Theaterstücke, die Unruhe und Aufruhr schüren, öffentlich aufgeführt werden. Bilder, in denen die Erregung zu Unterdrückung, Streit und Ausschreitungen zum Ausdruck kommt oder durch die allgemein anerkannte sittliche Grundsätze verletzt werden, ist weder irgendein Gesetz noch das Gewissen irgendeiner Gesellschaft bereit, mit Achtung zu betrachten, wie sehr sie auch künstlerisches Können verkörpern mögen. Obwohl Taschendiebstahl eine äußerst subtile Kunst und die Geschicklichkeit der Fingerfertigkeit als höchste Kunstfertigkeit gelten mag, wünscht kein Mensch seine Weiterentwicklung. Zum Fälschen von Banknoten, Schecks und Urkunden sind außergewöhnliche Geisteskraft und Geschick erforderlich, doch niemand hält diese Kunstfertigkeit für rechtmäßig. In der Kunst des Betrugs und des Schwindels hat der menschliche Geist durch seine Erfindungskraft auf vielfältige Weise sein Können gezeigt. Doch keine zivilisierte Gesellschaft liebt es, diese Leistungen zu ehren. Es ist eine anerkannte Wahrheit, dass das gesellschaftliche Leben, sein Frieden, seine Sicherheit, sein Fortschritt und sein Wohlergehen wertvoller sind als jede schöne Kunst und jeder Genuss der Schönheit. Daher darf man sie keiner Kunst opfern. Der einzige Gegenstand des Dissenses in dieser Frage besteht freilich darin, dass andere etwas nicht als gegen das gesellschaftliche Leben und sein Wohlergehen gerichtet ansehen, was wir dafür halten. Wenn ihre Sichtweise der unseren entspräche, würden auch sie wie wir die Notwendigkeit empfinden, Kunst und den Genuss der Schönheit zu regulieren.
Man sagt auch, dass die Einrichtung der Purdah zwischen Frauen und Männern und die Einschränkung ihrer freien Bewegungen in der Gesellschaft zur Verhinderung unerlaubter sexueller Beziehungen in Wirklichkeit bedeute, dass man ihren Charakter mit Misstrauen und Verdacht betrachte. Dies erwecke den Eindruck, als halte man alle Menschen für charakterlos und habe überhaupt kein Vertrauen in den Charakter von Frauen und Männern. Das ist ein sehr vernünftiges Argument. Führen Sie diese Argumentation noch etwas weiter aus. Das an der Haustür verwendete Schloss würde demnach verkünden, dass der Hausherr alle Menschen auf der Welt für Diebe hält. Die Existenz der Polizei würde bezeugen, dass die Regierung alle Menschen im Land für unehrlich hält. Auch der Grund für die Unterzeichnung eines Vertrags beim Austausch von Geld wäre, dass die eine Partei die andere für einen Unterschlagenden hält. Durch die vorbeugenden Maßnahmen zur Verhinderung von Verbrechen würden alle, die davon betroffen sind, für mögliche Verbrecher gehalten. Nach dieser Argumentation werden auch Sie jeden Augenblick für einen Dieb, einen Taugenichts, einen Plünderer fremden Eigentums und einen Menschen mit zweifelhaftem Charakter gehalten. Doch dadurch wird Ihre Selbstachtung nicht im Geringsten verletzt. Warum ist dann Ihr Empfinden in jener einen einzigen Angelegenheit so schwach?
Die Angelegenheit ist tatsächlich genau so, wie oben angedeutet. Diejenigen, in deren Herzen der abgenutzte Einfluss alter moralischer Vorstellungen fortbesteht, halten Ehebruch und sexuelle Ausschweifung für verwerflich. Sie halten sie jedoch nicht für so verwerflich, dass sie vollständig beseitigt werden müssten. Daher unterscheidet sich ihre Sichtweise von der unseren hinsichtlich der Ergreifung von Maßnahmen zur Läuterung und Vorbeugung. Wenn ihnen die natürlichen Tatsachen offenbart werden und sie die wirkliche Lage in dieser Angelegenheit richtig begreifen können, werden sie uns darin zustimmen, dass der Mensch, solange er Mensch bleibt und solange die Elemente der Menschlichkeit in ihm vorhanden sind, die Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens höher schätzen wird als die schlechten Neigungen des zivilisierten Menschen und deren Genuss; er kann diesen vorbeugenden Maßnahmen gegenüber nicht gleichgültig bleiben.
5. Der richtige Zustand der ehelichen Beziehung
Nachdem die familiären Grundlagen geschaffen und der Weg sexueller Ausschweifung versperrt worden ist, muss für eine rechtschaffene Zivilisation unbedingt die richtige Form der Beziehung zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaftsordnung festgelegt werden. Ihre Rechte müssen gerecht bestimmt werden. Die Verantwortlichkeiten müssen angemessen zwischen ihnen aufgeteilt werden. Ihre Stellung und ihre Versorgung innerhalb der Familie müssen so festgelegt werden, dass zwischen Mäßigung und Gleichheit kein Widerspruch besteht. Unter allen Problemen der Zivilisation ist dieses Problem besonders schwierig. Doch die Menschen sind bei seiner Lösung meistens gescheitert.
Es gibt einige Völker, die der Frau Herrschaft über den Mann verliehen haben. Aber wir finden kein einziges Beispiel dafür, dass eines dieser Völker eine höhere Stufe von Bildung und Zivilisation erklommen hätte. Zumindest auf den Seiten der Geschichte findet sich nicht einmal der Name eines Volkes, das dadurch, dass es die Frau zur Herrscherin des Mannes gemacht hätte, auf der Welt Macht und Rang erlangt oder irgendeine bedeutende Leistung vollbracht hätte.
Die meisten Völker der Welt haben dem Mann Vorrang vor der Frau gegeben. Doch dieser Vorrang nahm in den meisten Fällen die Form der Unterdrückung an und machte die Frau zur Sklavin. Sie wurde gedemütigt und mit Füßen getreten. Man gewährte ihr keinerlei wirtschaftliche oder zivilisatorische Rechte. Man benutzte sie als unbedeutende Dienerin der Familie und als Spielzeug zur Befriedigung des Sexualtriebs des Mannes. Einer Gruppe von Frauen außerhalb der Familie wurde zwar ein gewisses Maß an Bildung und dem Schmuck der Zivilisation verliehen, doch nur zu dem Zweck, dass sie die sexuellen Bedürfnisse des Mannes noch stärker
ansprechen und vollständig befriedigen konnten. So konnten sie durch ihre Gesangskunst zum Genuss für das Ohr, durch Tanz und Körperbewegungen zum Genuss für das Auge und durch die höchste und äußerste sexuelle Reizwirkung zum körperlichen Genuss werden. Dies war die äußerst beschämende Art und Weise, die von den schlechten Neigungen des Mannes erfunden wurde, um die Weiblichkeit zu entehren und zu erniedrigen. Kein Volk, das diesen Weg eingeschlagen hat, ist vor dem Untergang bewahrt geblieben.
Die moderne westliche Zivilisation hat einen dritten Weg eingeschlagen. Dieser besteht darin, dass zwischen Frauen und Männern Gleichheit und gleiche Rechte herrschen müssen. Ihre Pflichten sollen einander entsprechen und nahezu gleich sein. Beide sollen auf demselben Arbeitsfeld miteinander konkurrieren, beide sollen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und selbstständig sein. Diese Methode der Gesellschaftsordnung hat noch keine Vollkommenheit erreicht. Denn noch ist die Überlegenheit des Mannes offensichtlich. In keinem Bereich des Lebens konnten Frauen und Männer bisher gleich werden. Was sie in vollkommener Gleichheit hätten erlangen sollen, haben sie noch nicht erlangt. Doch das Maß an Gleichheit, das verwirklicht worden ist, hat in der zivilisatorischen Ordnung lediglich einen Umsturz verursacht. Wir haben seine Folgen bereits ausführlich erörtert. Daher halten wir es hier nicht für nötig, dazu erneut etwas zu bemerken. Alle drei beschriebenen Formen der Zivilisation entbehren der Gerechtigkeit, der Mäßigung und der Ausgewogenheit. Denn sie haben es versäumt, die Weisung der Natur zu begreifen und ihr entsprechend den richtigen Weg einzuschlagen. Wenn man mit Vernunft und Verstand gründlich darüber nachdenkt, wird man erkennen, dass die Natur selbst für all dies eine angemessene Lösung gegeben hat. Vielmehr liegt darin auch eine gewaltige Kraft der Natur: Unter ihrem Einfluss kann die Frau weder so tief sinken, wie man sie herabzuziehen versucht hat, noch so hoch steigen, wie sie selbst aufsteigen wollte oder wie der Mann sie zu erheben versucht hat. Der Mensch hat sich, geleitet von seinem verblendeten Verstand und seiner Selbsttäuschung, für zwei entgegengesetzte Extreme entschieden. Die Natur aber strebt nach Gerechtigkeit, dem Mittelweg und Mäßigung und weist selbst den Weg hierzu.
Niemand kann leugnen, dass Frauen und Männer als Menschen gleich sind. Frauen und Männer sind zwei Teile der Menschheit. Beide sind am Aufbau der Zivilisation, an der Begründung und Gestaltung der Kultur sowie am Dienst an der Menschheit gleichermaßen beteiligt. Beide besitzen Verstand und Geist, Gewissen, Gefühle, Triebe und menschliche Bedürfnisse. Für die zivilisatorische Erneuerung und den Fortschritt sind bei beiden gleichermaßen geistige Bildung, geistige Beschäftigung sowie die Entwicklung von Gewissen und Denkvermögen erforderlich, damit jeder seinen eigenen Beitrag zum Dienst an der Zivilisation vollständig leisten kann. In dieser Hinsicht ist die Forderung nach Gleichheit völlig berechtigt. Es ist ein unabdingbares Erfordernis einer rechtschaffenen Zivilisation, auch der Frau ebenso wie dem Mann nach Maßgabe ihrer natürlichen Kräfte und Fähigkeiten möglichst weitgehende Möglichkeiten zur Entwicklung zu geben. Man muss ihr die Möglichkeit zum Erwerb von Wissen und höherer Bildung gewähren. Ebenso wie dem Mann muss man ihr zivilisatorische und wirtschaftliche Rechte geben. Man muss ihr in der Gesellschaft eine solche Stellung einräumen, dass in ihr das Gefühl der Selbstachtung entsteht und jene menschlichen Eigenschaften entwickelt werden, die nur durch das Gefühl der Selbstachtung hervorgebracht werden können. Die Völker, die diese Art von Gleichheit verleugnet und ihre Frauen unwissend, ungebildet und gedemütigt gehalten sowie ihrer gesellschaftlichen Rechte beraubt haben, sind selbst in den Abgrund des Niedergangs gestürzt. Denn die Erniedrigung der Hälfte der Menschheit bedeutet die Erniedrigung der Menschheit. Es ist vergeblich, aus dem Schoß einer erniedrigten und gedemütigten Mutter einen ehrenhaften Menschen, aus dem Schoß einer ungebildeten Mutter einen gebildeten Menschen und aus der Obhut einer herabgewürdigten Mutter einen Menschen mit fortschrittlichem Denken zu erwarten.
Doch die Gleichheit hat eine zweite Seite. Sie besteht darin, dass Frauen und Männer dasselbe Arbeitsfeld haben, dass beide dieselbe Art von Arbeit verrichten. Beide sollen in gleichem Maße die schweren Verantwortlichkeiten aller Lebensbereiche tragen, und beide sollen in der zivilisatorischen Ordnung dieselbe Stellung einnehmen. Zur Unterstützung dessen werden Beweise aus wissenschaftlichen Untersuchungen und Beobachtungen vorgelegt, und es wird behauptet, Frauen und Männer seien hinsichtlich körperlicher Kraft und Leistungsfähigkeit gleich (Equipotential). Eine solche Gleichheit lässt sich zwischen ihnen beobachten. Um eine solche Schlussfolgerung zu ziehen, genügt es jedoch keineswegs zu sagen, dass die Natur auch beabsichtige, beiden dieselbe Art von Arbeit zu übertragen. Eine solche Schlussfolgerung wäre niemals vernünftig, solange nicht bewiesen ist, dass ihre körperliche Beschaffenheit ebenfalls gleich ist, dass die Natur beiden dieselbe Art von Verantwortung auferlegt hat und dass ihre seelische Verfassung identisch ist. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse, die der Mensch bisher gewonnen hat, liefern darauf eine gegenteilige Antwort.
Die Gestaltung der weiblichen Natur in der Biologie
Die biologischen Untersuchungen haben erwiesen, dass die Frau hinsichtlich ihrer Gestalt, ihres Körperbaus und sogar der Proteinmoleküle ihrer Gewebezellen in jeder Hinsicht vom Mann verschieden ist. Sobald sich im Mutterleib beim Kind die Geschlechtsbildung [Aufbau-Gestalt] vollzieht, beginnt sich der Körperbau der beiden Geschlechter in jeweils unterschiedlicher Weise zu entwickeln. Der Körperbau der Frau ist so gestaltet, dass sie zur Zeugung und Aufzucht von Kindern befähigt sein kann. Von der anfänglichen Gebärmutterbildung bis zur Volljährigkeit vollzieht sich die vollständige Entwicklung ihres Körpers gerade zur Vervollkommnung dieser Befähigung, und eben dies bestimmt den Weg ihres künftigen Lebens.
Nach Erreichen der Volljährigkeit beginnt die Menstruation. Dadurch wird die Funktionsfähigkeit all ihrer Körperorgane beeinflusst. Durch die Beobachtungen der Physiologen lässt sich erkennen, dass während der Menstruation bei Frauen folgende Veränderungen auftreten:
1. Die Fähigkeit des Körpers, Wärme zu speichern, nimmt ab. Infolgedessen wird in größerem Maße Körperwärme abgegeben, und die Temperatur sinkt.
2. Der Puls wird schwächer, der Blutdruck sinkt, und bei der Atmung treten Veränderungen auf.
3. In den endokrinen Drüsen, den Mandeln und den Lymphdrüsen treten Veränderungen auf.
4. Der Proteinstoffwechsel nimmt ab.
5. Phosphate und Chloride werden in geringerer Menge ausgeschieden, und der Gasstoffwechsel verschlechtert sich.
6. Die Verdauung wird beeinträchtigt. Der Anteil an Proteinen und Fetten in der Nahrung reicht für den Aufbau des Körpers nicht aus.
7. Die Fähigkeit zur Atmung nimmt ab, und in den Sprechorganen setzen Veränderungen ein.
8. Das Nervensystem wird erschöpft, und die Empfindungsfähigkeit lässt nach.
9. Das Gedächtnis nimmt ab, und es besteht keine Konzentration auf irgendeine Sache.
All diese Veränderungen bringen eine gesunde Frau einem krankhaften Zustand so nahe, dass es schwierig wird, zwischen Gesundheit und Krankheit zu unterscheiden. Es ist sogar schwierig, dreißig Prozent Frauen zu finden, die während ihrer Menstruation keinerlei Schmerzen oder Beschwerden haben. Einmal wurden 1.060 Frauen untersucht, und es wurde festgestellt, dass 84 Prozent von ihnen während der Menstruation irgendeine Art von Schmerzen oder Beschwerden erlitten hatten. Der Facharzt für Körperphysiologie, Dr. Elim Nudik, sagt:
Die Veränderungen, die bei menstruierenden Frauen gewöhnlich beobachtet werden, sind folgende:
Kopfschmerzen, Erschöpfung, Schmerzen in den Gliedmaßen, nervöse Schwäche, Gereiztheit, Schmerzen in den Harnwegen, nachlassende Verdauungskraft, in manchen Fällen Verstopfung, gelegentlich Übelkeit und Erbrechen. Bei einer beträchtlichen Zahl von Frauen treten leichte Schmerzen in der Brust auf, die bisweilen übermäßig stark werden. Bei manchen Frauen wird die Stimme in dieser Zeit schwerer. Bisweilen versagt auch die Verdauung, und das Atmen fällt schwer.
Von den Frauen, die Dr. Krager untersucht hat, litt die Hälfte während der Menstruation unter Verdauungsstörungen und gegen Ende unter Verstopfung.
Dr. Gieb Hard sagt:
Nur sehr wenige Frauen hat man gefunden, die während ihrer monatlichen Regel keinerlei Beschwerden hatten. Bei den meisten traten Kopfschmerzen, Schmerzen im Unterbauch und ein trockener Hals auf. In dieser Zeit werden sie reizbar und verspüren den Drang zu weinen.
Unter diesen Umständen ist es keineswegs übertrieben zu sagen, dass eine Frau während ihrer monatlichen Regel tatsächlich erkrankt. Es handelt sich um eine Art Krankheit, die jeden Monat eine Frau befällt.1
All diese körperlichen Veränderungen wirken zwangsläufig auf die geistigen Kräfte und die Gliedmaßen der Frau ein. Im Jahre 1909 bemerkte Dr. Voicechevsky nach eingehender Beobachtung, dass in dieser Zeit die Konzentrationsfähigkeit und die geistige Arbeitskraft der Frau abnehmen. Professor Krschi Skevsky gelangte aufgrund psychologischer Beobachtungen zu dem Schluss, dass das Nervensystem der Frauen in dieser Zeit erregt wird. Die Empfindungsfähigkeit wird geschwächt und unausgeglichen. Die Fähigkeit, aufgrund geordneter Überlegungen Entscheidungen zu treffen, nimmt ab und geht vielfach völlig verloren. Selbst bereits zuvor im Innersten des Geistes gefasste feste Entschlüsse werden erschüttert. Infolgedessen verrichtet sie in dieser Zeit auch die Tätigkeiten ihres täglichen Lebens, an die sie gewöhnt ist, nicht mehr ordnungsgemäß. Die Schaffnerin einer Straßenbahn wird in dieser Zeit beim Ausgeben der Fahrkarten und beim Zählen des Fahrgeldes Fehler machen. Eine Autofahrerin wird ängstlich und langsam fahren und an jeder Kreuzung ratlos werden. Eine Schreibmaschinenschreiberin wird falsch tippen, sich beim Tippen verspäten, trotz ihrer Bemühungen Wörter auslassen, falsche Sätze tippen und beim Anschlagen eines Buchstabens mit dem Finger auf eine andere Taste geraten. Eine Rechtsanwältin wird einen Fall nicht richtig beweisen können. Auch bei der Vertretung eines Falls wird sie in ihrer Argumentation Fehler machen. Das Urteilsvermögen einer Richterin wird nachlassen, und sie wird bei ihren Entscheidungen Fehler machen. Eine Zahnärztin wird die Instrumente zur Zahnextraktion während der Arbeit nicht ohne Weiteres zur Hand haben. Eine Sängerin wird ihre Tonhöhe und ihr Taktgefühl verlieren. Ja, ein Gesangssachverständiger wird allein am Klang der Stimme erkennen können, dass die Sängerin menstruiert. Kurz gesagt: Während der Regel werden Geist, Gehirn und Nervensystem der Frau schwach und ungeordnet. Ihre Gliedmaßen können nicht nach ihrem Willen handeln; vielmehr überschattet eine innere, beherrschende Kraft ihren Willen und ihr Urteilsvermögen. Durch sie geschehen unwillkürliche Handlungen. Unter diesen Umständen besitzt sie keine Handlungsfreiheit mehr und verliert die Fähigkeit, verantwortungsvolle Aufgaben auszuführen.
Professor Lapinsky bemerkt in seinem Buch The Development of Personality in Women, dass die Handlungsfreiheit der Frauen während der monatlichen Regel verloren geht. Eine beherrschende Kraft macht sie gefügig. Die Fähigkeit, aus eigenem Willen etwas zu tun oder nicht zu tun, geht nahezu verloren.
All diese Veränderungen treten bei einer gesunden Frau auf und entwickeln sich allmählich zu einer Krankheit. Es sind zahlreiche Fälle dokumentiert, in denen eine Frau in diesem Zustand gleichsam wahnsinnig wird. Schon bei geringster Erregung kann sie übermäßig zornig werden, etwas wie ein Tier oder ein Unzurechnungsfähiger tun und sogar Selbstmord begehen. Dr. Kraft Ebing sagt, dass sich bei den Frauen, die wir im täglichen Leben höflich, freundlich und fröhlich sehen, während der monatlichen Regel plötzlich eine Veränderung vollzieht. Diese Zeit kommt über sie wie ein „Sturm“, und sie werden rau, streitsüchtig und intolerant. Die Hausangestellten, Kinder und sogar der Ehemann wenden sich gegen sie. Selbst Fremde behandeln sie nicht gut. Einige Fachleute sind nach eingehender Untersuchung zu dem Schluss gelangt, dass die meisten kriminellen Handlungen von Frauen während der Regel begangen werden. Denn in dieser Zeit können sie sich nicht beherrschen. Zu einer solchen Zeit kann sogar eine äußerst ehrbare Frau einen Diebstahl begehen und es später bereuen. Weinberg bemerkte nach eingehender Beobachtung:
Fünfzig Prozent der Frauen, die Selbstmord begehen, tun dies gerade während ihrer Regel. Aufgrund dessen bemerkte Dr. Kraft Ebing, dass die Behörden während eines Gerichtsverfahrens gegen eine volljährige Straftäterin untersuchen sollten, ob das Verbrechen während ihrer Regel begangen wurde.
Die Schwangerschaft ist noch beschwerlicher als die monatliche Regel. Dr. Reprev sagt, dass die überschüssigen körperlichen Stoffe der Frau während der Schwangerschaft in größerer Menge ausgeschieden werden als während des Hungers. Die körperliche und geistige Arbeitsfähigkeit, über die die Frau in ihrem normalen Zustand verfügt, gerät während der Schwangerschaft in Unordnung. Das Gleichgewicht des Gehirns wird gestört. All ihre geistigen Fähigkeiten verfallen in eine fortwährende Unordnung. Sie schwankt zwischen Krankheit und Gesundheit. Schließlich erreicht sie wegen geringfügiger Ursachen den Zustand der Krankheit. Dr. Fischer sagt, dass eine gesunde Frau während der Schwangerschaft unter schwerer geistiger Unruhe leidet. In ihr treten Unruhe und Angst auf. Das Gedächtnis wird beeinträchtigt, und Empfindungsfähigkeit, Denken und Urteilsvermögen nehmen ab. Hülak, Ilias, Albert Moll und andere Fachleute sind sich völlig einig, dass der letzte Monat der Schwangerschaft in einem solchen Zustand vergeht, dass die Frau in dieser Zeit zu keinerlei körperlicher oder geistiger Arbeit fähig ist.
Nach der Entbindung besteht die Gefahr, an verschiedenen Krankheiten zu erkranken. Auch besteht die Gefahr, dass die Wöchnerin an einer septischen Erkrankung leidet. Um in den Zustand vor der Schwangerschaft zurückzukehren, kommt es in den Gliedmaßen zu einer Erschütterung und Umwälzung, wodurch das gesamte körperliche System in Unordnung gerät. Selbst wenn keinerlei Gefahr besteht, dauert es mehrere Wochen, bis sie in ihren normalen Zustand zurückkehrt. So bleibt die Frau vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ablauf eines ganzen Jahres tatsächlich krank oder halbkrank. Daher sinkt ihre Arbeitskraft im Vergleich zum normalen Zustand auf die Hälfte oder noch darunter.
Danach ist die Zeit des Stillens eine solche, dass sie in dieser Zeit nicht für sich selbst lebt; vielmehr lebt sie nur, um das ihr von der Natur anvertraute Gut zu erfüllen. In dieser Zeit werden die wertvollen Stoffe in ihrem Körper für ihr Kind in Muttermilch verwandelt. Von der Nahrung wird in ihrem Körper nur so viel aufgenommen, wie für ihren Lebensunterhalt erforderlich ist, und der Rest wird in Muttermilch verwandelt. Danach muss sie lange Zeit ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Pflege, den Schutz und die Erziehung des Kindes richten.
In der heutigen Zeit hat man das Problem des Stillens so gelöst, dass man den Kindern Nahrung von außen zuführen müsse. Doch dies ist keine angemessene Lösung. Denn für das, was die Natur in der Muttermilch zur Ernährung des Kindes bewahrt hat, kann es keinen geeigneten Ersatz geben. Das Kind dessen zu berauben, ist nichts anderes als großes Unrecht und Selbstsucht. Alle Fachleute sind sich in dieser Hinsicht einig, dass es für die wahre Entwicklung des Kindes keine bessere Nahrung als Muttermilch gibt.
Damit die Mutter in Bezug auf ihr Kind unbesorgt sein und sich mit ruhigem Herzen ihrer Arbeit außerhalb des Hauses widmen kann, ist im Bereich der Erziehung und Ausbildung der Kinder der Vorschlag eines „Pflegeheims“ oder „Kinderheims“ gemacht worden. Doch in einem „Pflegeheim“ oder „Kinderheim“ ist es nicht möglich, echte mütterliche Liebe zu vermitteln. Woher sollen im Herzen einer angestellten Pflegerin die Zuneigung und Liebe, das Mitgefühl und das Wohlwollen kommen, die in der ersten Lebensphase eines Kindes erforderlich sind? Diese neue Methode der Kinderbetreuung ist noch nicht erprobt worden. Diese neue Methode der Kinderbetreuung ist noch nicht erprobt worden. Die Nachkommen, die in der neuen Fabrik des Kinderheims hergestellt werden, haben noch keine Früchte getragen. Bis jetzt sind ihre Charaktereigenschaften, ihre Sitten und ihr Verhalten sowie ihre Taten noch nicht sichtbar geworden. Daher wäre es nicht angemessen, schon im Voraus über Erfolg oder Misserfolg dieses Experiments zu urteilen und zu behaupten, die Welt habe einen geeigneten Ersatz für den Schoß der Mutter entdeckt. Dass der Mutterschoß die natürliche Pflegestätte und Bildungsstätte des Kindes ist, wird noch immer allgemein anerkannt.
Nun ist selbst einem Menschen mit nur wenig Verstand klar, dass die Natur Mann und Frau, selbst wenn ihre körperlichen und geistigen Kräfte und Fähigkeiten gleich wären, nicht die gleichen Verantwortungen auferlegt hat. Außer dem Säen des Samens zur Erhaltung der Abstammung wurde dem Mann keine Aufgabe auferlegt. Danach ist er völlig frei. Er kann jede andere Aufgabe des Lebens übernehmen. Demgegenüber wurde der Frau die gesamte Verantwortung für die Erhaltung der Abstammung auferlegt. Seit sie sich im Mutterleib, in einer Art Embryonenstätte, befand, wurde sie dazu verändert und umgestaltet, diese Verantwortung zu tragen. Alle Organe ihres Körpers wurden dafür geformt. Deshalb kommt es während ihrer gesamten Jugend zu den monatlichen Menstruationszyklen. Während dieser Zeit ist sie jeden Monat drei bis zehn Tage lang unfähig, die Verantwortung für eine besonders wichtige Aufgabe zu übernehmen oder irgendeine schwere körperliche und geistige Arbeit zu verrichten. Deshalb muss sie während der Schwangerschaft und des gesamten Jahres nach der Geburt schwere Leiden ertragen. In dieser Zeit befindet sie sich tatsächlich in einem halb lebendigen Zustand. Deshalb verbringt sie die zwei Jahre des Stillens auf eine Weise, dass sie mit ihrem eigenen Blut das Feld der Menschheit bewässert und es durch die Ströme ihrer Brust fruchtbar und wasserreich macht. Deshalb vergehen die ersten Jahre der Pflege und Betreuung des Kindes für sie unter solcher Arbeit und solchen Mühen, dass in dieser Zeit der Schlaf der Nacht und die Ruhe des Tages ihr verwehrt sind. Auf diese Weise opfert sie ihr eigenes Glück und ihren Frieden, ihre Freude und ihre Genüsse sowie alle natürlichen Wünsche für die künftige Nachkommenschaft.
Wenn dies tatsächlich so ist, dann denken Sie nach und sehen Sie, worin Gerechtigkeit besteht. Ist es etwa gerecht, dass die Frau alle von der Natur auferlegten Verantwortungen allein erfüllt und ihr darüber hinaus auch die Last aller gesellschaftlichen Verantwortungen aufgebürdet wird, während der Mann zur Erfüllung dieser Aufgaben von allen ihm von der Natur auferlegten Verantwortungen freigestellt worden ist? Soll man zu ihr sagen: „O Frau! Trage auch die Last all der Sorgen und Mühen, die die Natur dir auferlegt hat, und arbeite darüber hinaus gemeinsam mit uns für deinen Lebensunterhalt. Beteilige dich an der Regierung des Landes, an Rechtsprechung, Industrie, Handel, Landwirtschaft, der Herstellung des Friedens im Land, der Landesverteidigung und all diesen Aufgaben ebenso wie wir. Tritt in unsere Gesellschaft ein und unterhalte uns. Beschaffe die Mittel für unseren Luxus, unsere Freuden, Vergnügungen und unser Wohlleben.“
Das ist keine Gerechtigkeit, sondern Ungerechtigkeit; keine Gleichheit, sondern offenkundige Ungleichheit. Gerechtigkeit sollte vielmehr darin bestehen, dass man demjenigen, dem die Natur eine weit größere Verantwortung auferlegt hat, die leichten und einfachen Arbeiten der Gesellschaft überlässt. Demgegenüber sollte gerade derjenige, dem die Natur keinerlei Verantwortung auferlegt hat, die wichtigen und arbeitsintensiveren Aufgaben der Gesellschaft übernehmen. Außerdem muss er die Verantwortung für den Unterhalt und den Schutz der Familie übernehmen.
Der Frau Arbeiten außerhalb des Hauses aufzubürden, ist nicht nur ungerecht; tatsächlich besitzt sie auch nicht die volle Fähigkeit, die oben genannten, dem Mann entsprechenden Aufgaben zu erfüllen. Nur derjenige kann für all diese Tätigkeiten geeignet sein, dessen Arbeitskraft unerschütterlich ist, der seine Pflichten kontinuierlich und jederzeit mit entsprechender Befähigung erfüllen kann und auf dessen körperliche und geistige Kräfte man sich verlassen kann. Wie aber sollen diejenigen Arbeitskräfte diese Last all dieser Verantwortungen tragen, die jeden Monat längere Zeit arbeitsunfähig oder nur eingeschränkt leistungsfähig werden und deren Arbeitskraft wiederholt unter das gewünschte Niveau sinkt? Stellen Sie sich eine aus Frauen bestehende Armee oder Marine vor, in der sich gerade zur Zeit des Krieges einige in Entbindungsanstalten befinden und eine beträchtliche Gruppe durch Schwangerschaft arbeitsunfähig geworden ist. Wenn man das Beispiel der Armee anführt, werden Sie sagen, dass dies eine sehr schwierige Aufgabe sei. Aber sprechen wir von Polizei, Justiz, diplomatischem Dienst, Eisenbahn sowie Industrie und Handel. Gibt es darunter irgendeinen Bereich, für den keine jederzeit verlässliche und geeignete Arbeitskraft erforderlich ist? Dann besteht das Ziel derer, die Frauen die Arbeit der Männer übertragen wollen, vermutlich darin, entweder die gesamte weibliche Bevölkerung zu Männern zu machen und dadurch das Menschengeschlecht zu vernichten, oder einen bestimmten Prozentsatz der Frauen zwangsweise zu Männern zu machen und sie zur Strafe auszuwählen, oder den Maßstab der Eignung für alle Arten gesellschaftlicher Arbeit herabzusetzen.
Doch ganz gleich, welchen der oben genannten Wege Sie einschlagen, die Frau für die Arbeit des Mannes auszubilden, steht völlig im Widerspruch zu den Forderungen und der Ordnung der Natur! Dies ist für niemanden und auch für die Frauengesellschaft nicht von Vorteil. Da die Frau nach den Erkenntnissen der Körperwissenschaft für das Gebären und die Aufzucht von Kindern geschaffen wurde, sind ihr auch aus psychologischer Sicht Eigenschaften wie Liebe, Mitgefühl, Zärtlichkeit und mütterliche Fürsorge, Herzenssanftheit, scharfe Empfindsamkeit sowie biegsame Gefühle und Regungen verliehen worden – Eigenschaften, die für die ihr von der Natur zugewiesenen täglichen Aufgaben vollkommen geeignet sind.
Im ehelichen Leben ist dem Mann durch sein Tätigsein und der Frau durch ihr Beeinflusstwerden Würde verliehen worden. Deshalb sind der Frau Eigenschaften gegeben worden, die sie darauf vorbereiten, nur in der Rolle der Beeinflussten zu handeln. Anstelle von Härte besitzt sie Sanftmut, Zartheit und Geschmeidigkeit. Statt Einfluss auszuüben, besitzt sie die Fähigkeit, Einfluss aufzunehmen. Statt zu handeln, besitzt sie die Fähigkeit, Handlungen entgegenzunehmen. Anstelle von Entschlossenheit und Unnachgiebigkeit neigt sie zur Unterwerfung, Bescheidenheit und Sanftmut. Statt Überheblichkeit und Kühnheit besitzt sie Ablehnung, eine Neigung zur Flucht und Widerstand. Wie kann eine Frau in jenen Aufgaben und Lebensbereichen Erfolg haben, in denen Härte, Herrschaft, Autorität, Widerstand sowie Geringschätzung und Vernachlässigung erforderlich sind und in denen anstelle schwacher Gefühlsregungen ein fester Entschluss und eine entschiedene Meinung notwendig sind? Eine Frau in diese Bereiche der Gesellschaft hineinzuziehen bedeutet, die Weiblichkeit und zugleich alle diese Bereiche zu zerstören.
Dadurch wird die Frau nicht fortschrittlicher, sondern vielmehr rückständiger. Es ist kein Fortschritt, das natürliche Talent eines Menschen zu unterdrücken und in ihm eine der Natur widersprechende, künstliche Befähigung zu schaffen; wahrer Fortschritt besteht vielmehr darin, den Mann stark und tatkräftig zu machen und ihm Gelegenheit zur Ausübung seiner Tätigkeit zu geben.
Darin liegt kein Erfolg der Weiblichkeit, sondern vielmehr ihr Misserfolg. In manchen Lebensbereichen ist die Frau schwach und der Mann stark und fortschrittlich; in anderen Bereichen ist der Mann schwach und die Frau überlegen. Die unglückliche Frau wird in einem Wettstreit mit dem Mann gerade auf jenen Lebensgebieten aufgestellt, auf denen sie schwach ist. Die unvermeidliche Folge davon wird sein, dass die Frau sich dem Mann stets als unterlegen erweisen wird. Welche Wege man auch einschlagen mag: Selbst wenn sich die gesamte männliche Welt mit äußerster Anstrengung darum bemühen würde, könnte sie aus dem weiblichen Geschlecht weder Aristoteles, Avicenna, Kant, Hegel, Omar Chayyām, Shakespeare, Alexander, Napoleon, Saladin, Nizam al-Mulk Tusi oder Bismarck noch auch nur eine Mutter gewöhnlicher Art hervorbringen.
Dies bringt der Zivilisation keinen Nutzen, sondern nur Schaden. Für das menschliche Leben und die Zivilisation sind Härte und Unnachgiebigkeit ebenso notwendig wie Sanftheit und Geschmeidigkeit. So notwendig wie ein fähiger Feldherr, ein kluger Berater und ein hervorragender Herrscher sind, sind auch eine vortreffliche Mutter, eine vortreffliche Ehefrau und Angehörige. Welche der beiden Gruppen auch ausgeschlossen wird, die Zivilisation wird unweigerlich Schaden nehmen.
Dies ist eine solche Arbeitsteilung, die die Natur zwischen den beiden Geschlechtern vorgenommen hat. Sämtliche Wissenschaften, darunter Biologie, Psychologie und Soziologie, weisen auf diese Arbeitsteilung hin. Dass der Frau die Verantwortung für Geburt und Aufzucht der Kinder übertragen ist, ist eine entscheidende Tatsache. Sie zieht für sie in der menschlichen Zivilisation eine Grenze. Keine künstliche Ordnung kann diese Tatsache ändern. Eine rechtschaffene Zivilisation kann nur darin bestehen, diese Tatsache genau anzuerkennen. Danach wird sie die Frau an ihren richtigen Platz stellen und ihr gesellschaftliche Achtung erweisen. Sie wird ihre gerechten zivilisatorischen und wirtschaftlichen Rechte anerkennen. Sie wird ihr ausschließlich die Verantwortung für das Haus übertragen und die Verantwortung für die Außenwelt sowie die Vormundschaft über die Familie dem Mann übertragen. Eine Zivilisation, die versucht, diese Arbeitsteilung abzuschaffen, mag vorübergehend materiellen Fortschritt und eine Zurschaustellung von Prunk vorführen; letztlich ist ihr Untergang jedoch sicher. Denn wenn der Frau wirtschaftliche und zivilisatorische Pflichten übertragen werden, die denen des Mannes gleichkommen, wird sie die Last der ihr auferlegten natürlichen Pflichten von sich werfen. Dadurch wird nicht nur die Zivilisation zerstört, sondern auch die Menschheit. Wenn die Frau etwas versucht, das ihrer Natur und ihrer natürlichen Beschaffenheit widerspricht, wird sie zwar bis zu einem gewissen Grad die Arbeit des Mannes übernehmen können; der Mann aber wird niemals in der Lage sein, Kinder zu gebären und aufzuziehen.
Die unvermeidlichen Bedingungen der familiären Ordnung, die unter Berücksichtigung dieser natürlichen Arbeitsteilung gestaltet werden soll, sowie der Aufgabenverteilung zwischen Mann und Frau werden im Folgenden dargelegt:
1. Für den Unterhalt der Familie aufzukommen, sie zu unterstützen und zu versorgen sowie in der Zivilisation die mit Arbeit verbundenen Aufgaben zu übernehmen, soll die Aufgabe des Mannes sein. Seine Erziehung und Ausbildung soll so gestaltet werden, dass er für die Erfüllung all dieser Zwecke in höchstem Maße geeignet ist.
2. Die Kinder aufzuziehen, die Arbeiten im Inneren des Hauses zu verrichten und das Familienleben himmlisch schön und harmonisch zu gestalten, soll die Aufgabe der Frau sein. Sie soll durch eine angemessene Erziehung für diesen Zweck vorbereitet werden.
3. Um die Ordnung der Familie unversehrt zu erhalten und sie davor zu bewahren, in die Hände ebenso vieler Leiter zu geraten, wie es Köpfe gibt, muss einer Person rechtmäßige Autorität verliehen werden, damit die Familie nicht zu einer kopflosen Armee wird. Man muss sich vor Augen halten, dass eine solche Person nur ein Mann sein kann. Denn das Familienmitglied, dessen geistige Verfassung sich während der wiederkehrenden Menstruation und der Schwangerschaft verschlechtert, kann unter keinen Umständen dazu geeignet sein, diese Autorität auszuüben.
In der zivilisatorischen Ordnung müssen die notwendigen vorbeugenden Maßnahmen ergriffen werden, um diese Aufteilung der Arbeit, die Bildung und die Verwaltung unversehrt zu erhalten, damit nicht irgendein törichter Mensch oder eine Gruppe törichter Menschen aus Dummheit die Tätigkeitsbereiche von Frauen und Männern vereinigt und dadurch diese zivilisatorische Ordnung zunichtemacht.
Menschliche Fehler und Verfehlungen
Wenn unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der menschlichen Natur, ihrer menschlichen Neigungen und sämtlicher Merkmale ihrer körperlichen Beschaffenheit eine gesunde zivilisatorische Ordnung geschaffen werden soll, wurde bereits durch gründliche, kenntnisreiche Erörterungen sowie wissenschaftliche Untersuchungen der Versuch unternommen nachzuweisen, welche Grundsätze und Bedingungen im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Mann und Frau, insbesondere im Hinblick auf die sexuelle Beziehung, wünschenswert sind. Alles, was in den diesbezüglichen Erörterungen gesagt wurde, wurde in eindeutiger Sprache dargelegt, sodass keinerlei Anlass zu Wiederholungen besteht. Die behandelten Fragen sind unter dem Gesichtspunkt von Wissen und Wissenschaft äußerst klar, und im Allgemeinen sind alle Gebildeten darüber vollständig unterrichtet. Doch der äußerste Gipfel menschlicher Schwäche besteht darin, dass in keine der zahlreichen zivilisatorischen Ordnungen, die der Mensch durch seine Bemühungen geschaffen hat, diese klaren und gerechten Weisungen der Natur vollständig und harmonisch aufgenommen worden sind. Es ist ebenfalls offenkundig, dass der Mensch seine natürlichen Bedürfnisse nicht etwa nicht kennt. Sein eigener seelischer Zustand und seine körperlichen Eigenschaften sind ihm nicht unbekannt. Dennoch ist auch völlig klar, dass er bisher keine einzige harmonische zivilisatorische Ordnung zu schaffen vermocht hat, in deren Grundsätzen all diese Forderungen, Eigenschaften, Bedeutungen und Ziele in stimmiger Weise berücksichtigt worden wären.
Die eigentliche Ursache der Verzweiflung
Der einzige Grund für die Verzweiflung ist eben jener, auf den bereits am Anfang dieses Buches hingewiesen wurde. Es ist eine natürliche Schwäche des Menschen, dass sein Blick nicht alle Seiten einer Sache in ihrer Gesamtheit erfasst. Stets zieht ihn irgendeine einzelne Seite an. Wenn er sich danach einer Richtung zuneigt, gerät die andere Richtung außerhalb seines Blickfeldes, oder er ignoriert die übrigen Seiten absichtlich und geht an ihnen vorbei; in den kleinen und persönlichen Angelegenheiten des Lebens tritt diese menschliche Schwäche besonders deutlich zutage.
Die Probleme von Kultur und Zivilisation sind zahlreich und weitreichend. Diese Probleme haben wiederum unzählige klare und verborgene Seiten. Wie wäre es da möglich, dass all diese Probleme vom Einfluss menschlicher Schwäche frei blieben?
Dem Menschen sind gewiss Wissen und Gewissen verliehen worden. Doch gewöhnlich ist das Gewissen allein bei der Lösung der Probleme des Lebens kein ausreichender Beistand für ihn. Zuneigung und Neigung machen ihn einseitig, und wenn er sich in eine bestimmte Richtung bewegt, nimmt er zur Unterstützung dieser Richtung die Hilfe von Wissen und Gewissen in Anspruch. Wenn sein Wissen ihn unter solchen Umständen in eine andere Richtung führen will und sein Gewissen gegen seine einseitige Haltung Einspruch erhebt, gesteht er dennoch seine Schuld nicht ein; vielmehr zwingt er Wissen und Gewissen dazu, Argumente und Beweisführungen zugunsten seiner Wünsche und Neigungen hervorzubringen.
Einige deutliche Beispiele
Unter den gesellschaftlichen Problemen, die gegenwärtig Gegenstand unserer Erörterung sind, tritt diese menschliche Sturheit durch extreme Übertreibung und Mangelhaftigkeit zutage.
Eine Gruppe von Menschen neigte sich übermäßig der Moral und Spiritualität zu und betrachtete die sexuellen Beziehungen zwischen Mann und Frau als etwas geradezu Abscheuliches. Diese Unausgewogenheit sehen wir in den Lehren des Buddhismus, des Christentums und des Hinduismus. Wir sehen, dass unter ihrem Einfluss in einem großen Teil der Welt sexuelle Beziehungen, ob innerhalb oder außerhalb der Familie, als verwerflich gelten. Was war die Folge davon? Das unnatürliche und der Zivilisation zuwiderlaufende Leben des Mönchtums wurde zum Ziel der Moral und der Läuterung der Seele gemacht. Viele Männer und Frauen der Menschheit vergeudeten ihre geistigen und körperlichen Kräfte auf einem der Natur entgegengesetzten Weg, ja im Kampf gegen die Natur. Diejenigen, die sich entsprechend den Forderungen der Natur miteinander vereinigten, taten dies in einer solchen Gesinnung, als erfüllten sie gezwungenermaßen eine abscheuliche Notwendigkeit. Es sei ausdrücklich festgestellt, dass eine solche Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau weder Liebe und Zuneigung noch gegenseitige Hilfe und Anteilnahme hervorzubringen vermag. Dadurch kann nicht nur keine sittliche und fortschrittliche Zivilisation entstehen, vielmehr wird gerade durch die angeblich moralischen Vorstellungen die Würde der Frau verletzt. Die blinden Anhänger des Mönchtums bezeichneten die sexuelle Anziehung als eine teuflische Versuchung und die Frau als „Abgesandte des Satans“. Sie betrachteten die Frau als ein derart unreines Wesen, dass jeder, der nach Reinheit des Herzens strebt, sie notwendig hassen müsse. In der christlichen, buddhistischen und hinduistischen Literatur werden solche Vorstellungen über die Frau vermittelt; und leicht lässt sich ermessen, welchen Rang die Frau in einer Gesellschaftsordnung besitzen kann, die auf diesen Vorstellungen und Lehren errichtet wird.
Ganz entgegengesetzt dazu gibt es eine andere Gruppe, die den körperlichen Bedürfnissen zugeneigt ist und in dieser Hinsicht so weit gegangen ist, dass sie, von der menschlichen Natur ganz zu schweigen, sogar die Bedürfnisse der tierischen Natur überschritten hat. In der westlichen Zivilisation ist dies so deutlich zutage getreten, dass es nicht mehr verborgen werden kann. Nach den dortigen Gesetzen ist Ehebruch kein Verbrechen. Gewaltanwendung oder der Eingriff in die gesetzmäßigen Rechte eines anderen gelten als Verbrechen. Wenn keines dieser beiden Verbrechen begangen wird, ist Ehebruch nicht nur kein strafbares Vergehen, sondern wird darüber hinaus auch nicht als schändliches Verbrechen betrachtet. Bis zu diesem Punkt bewegten sie sich noch innerhalb der Grenzen der tierischen Natur. Doch danach gingen sie noch weiter. Sie missachteten sogar die Fortpflanzung, den Zweck der sexuellen Beziehungen bei den Tieren. Sie machten die sexuelle Beziehung zu einem bloßen Mittel körperlichen Genussvergnügens. Der Mensch, der als das edelste Lebewesen erschaffen wurde, wurde an diesem Punkt zum niedrigsten aller Lebewesen. Zunächst wich er von der menschlichen Natur ab und ging wie ein Tier so zügellose sexuelle Beziehungen ein, auf deren Grundlage keine Zivilisation entstehen kann. Danach wich er sogar von der tierischen Natur ab und unterband auch die natürliche Folge sexueller Beziehungen – die Geburt von Kindern. Sein Ziel ist, dass keine künftigen Nachkommen geboren werden können, durch die die Menschheit fortbestehen könnte.
Eine Gruppe erkannte zwar die Bedeutung der Familie, doch wurde diese durch eine derart strenge Ordnung verwaltet, dass dem Einzelnen Fesseln angelegt wurden und zwischen Rechten und Pflichten kein Gleichgewicht gewahrt blieb. Das Familiensystem der Hindus ist hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Hier besitzt die Frau keinerlei Freiheit in ihren Wünschen und ihrem Handeln. Sie hat weder an der Zivilisation noch am Erwerb des Lebensunterhalts irgendeinen Anteil; als Ehefrau ist sie eine Sklavin und als Mutter ebenfalls eine Sklavin. In der Witwenschaft ist ihr Leben schlimmer als das einer Sklavin; sie ist zu Lebzeiten wie eine Tote. Ihr Los besteht nur in der Erfüllung von Pflichten; Rechte besitzt sie überhaupt nicht. Unter dieser Gesellschaftsordnung wird von Anfang an versucht, die Frau zu einem sprachlosen Lebewesen zu machen, damit in ihr keinerlei Empfinden für ihre eigene Persönlichkeit entsteht. Zweifellos wird auf diese Weise das Fundament der Familie gefestigt, und in der betreffenden Familie besteht keinerlei Gefahr, dass die Frau rebelliert. Doch dadurch, dass diese Gesellschaftsordnung die Hälfte der Nation erniedrigte und herabsetzte, hat sie in ihrer tatsächlichen Gestaltungsweise ein so furchtbares Unrecht begangen, dessen Folgen die hinduistische Gesellschaft nun zu tragen hat.
Die zweite Gruppe bemühte sich, die Stellung der Frau zu verbessern, und gewährte ihr in ihrem Wollen und Handeln völlige Freiheit. In dieser Hinsicht wurde die Grenze so weit überschritten, dass die familiäre Ordnung völlig zerstört wurde. Die Ehefrau ist frei, die Tochter ist frei, der Sohn ist frei! Tatsächlich gibt es innerhalb der Familie niemanden, der als Oberhaupt oder Ältester gelten könnte. Niemand besitzt irgendeine Autorität. Der Ehemann kann seine Frau nicht fragen: „Wo hast du die Nacht verbracht?“ Der Vater kann zu seiner Tochter nicht sagen: „Mit wem verkehrst du und wohin gehst du?“ Ehemann und Ehefrau sind lediglich zwei gleichberechtigte Freunde, und sie führen den Haushalt unter gleichen Bedingungen. Das Kind ist ein minderjähriges Mitglied dieses „Familienbundes“. Die Mittel zur Erzeugung von Gehorsam, die wegen geringfügiger Unterschiede in Temperament und Wesen unerlässlich sind, finden sich in dieser Gruppe nicht. Dies ist die westliche Gesellschaftsordnung. Es ist jene westliche Gesellschaftsordnung, deren Bannerträger behaupten, sie hätten in der Zivilisation und der Gesellschaftsordnung eine Revolution herbeigeführt. Um das wahre Wesen ihrer Revolution zu erkennen, muss man die Berichte eines Ehe- und Scheidungsgerichts oder eines Juvenile Court1 lesen, die aus Europa oder Amerika stammen. Aus den kürzlich vom britischen Innenministerium veröffentlichten Kriminalitätszahlen lässt sich erkennen, dass die Zahl der Straftaten unter minderjährigen Jungen und Mädchen rasch zunimmt. Als eigentliche Ursache dafür wurde ebenfalls angegeben, dass die familiäre Ordnung äußerst schwach geworden ist.2
Keine menschliche Zivilisation hat es vermocht, das Element der Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit, das in der menschlichen Natur, insbesondere in der weiblichen Natur, bewahrt worden ist, richtig zu verstehen und es in Kleidung und gesellschaftlichen Ordnungen praktisch zu verwirklichen! Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit gelten als eine herausragende Tugend des Menschen – insbesondere der Frau. Doch durch keine vernünftige Vorgehensweise und innerhalb geeigneter Bräuche ist diese Tugend in Kleidung und gesellschaftlichem Umgang zum Ausdruck gebracht worden. Niemand hat versucht, die richtigen Grenzen des „Sitr-e Aurat“ festzulegen und es gleichermaßen zu bewahren. Auf welcher Grundlage die Schamhaftigkeit in Kleidung und Verhalten von Männern und Frauen gestaltet werden soll, ist durch kein Prinzip bestimmt worden. Für das Zusammensein und die Begegnungen unter Männern, unter Frauen sowie zwischen Männern und Frauen ist keine richtige und vernünftige Grenze dafür festgelegt worden, welche Körperteile bedeckt und welche unbedeckt bleiben sollen. Obwohl diese Angelegenheit unter dem Gesichtspunkt der Zivilisation, der guten Sitten und der allgemeinen Moral von großer Bedeutung war, wurde sie ebenso sehr vernachlässigt. Man überließ sie bis zu einem gewissen Grad den Bräuchen des jeweiligen Landes, da sich die überlieferten Sitten mit den allgemeinen Verhältnissen verändern. Den Einzelnen fehlt es jedoch an eigenem Willen, eigener Vorliebe und Urteilsfähigkeit, um nach eigenem Wunsch einen richtigen Weg einzuschlagen. Infolgedessen findet sich in der Kleidung und im gesellschaftlichen Umgang verschiedener Gruppen eine merkwürdige Mischung aus Schamhaftigkeit und Schamlosigkeit. Darin ist keinerlei vernünftiger Zusammenhang, keinerlei Einheit, keinerlei Harmonie und keinerlei Spur eines Prinzips zu erkennen. In den Ländern des Ostens blieb dies lediglich widersprüchlich. Doch in der Kleidung und im gesellschaftlichen Umgang der westlichen Völker überschritt die Obszönität derart alle Grenzen, dass sie Schamhaftigkeit und Ehrbarkeit vollständig ausrotteten. Ihre neue Auffassung lautete, dass Scham und Sittsamkeit kein natürliches Gefühl seien, sondern erst durch die Gewohnheit des Tragens von Kleidung entstanden seien. Zwischen Moral und guten Sitten einerseits und „Satr-e Aurat“ sowie Schamhaftigkeit andererseits bestehe keinerlei Zusammenhang; vielmehr sei dies ein besonderes Mittel, um das sexuelle Verlangen des Menschen zu erregen.1Die praktische Verwirklichung dieser Philosophie der Schamlosigkeit besteht in halbnackter Kleidung, Schönheitswettbewerben des Körpers, Nackttänzen, Nacktbildern, obszönen Darbietungen auf der Bühne, der immer stärker werdenden Bewegung des Nudismus und der Rückkehr des Menschen zur tierischen Natur anstelle der keuschen und tugendhaften Frau.
Auch auf der anderen Seite dieses Problems findet sich dieses maßlose Verhalten. Jene, die der Moral und der Reinheit Bedeutung beimaßen, sorgten für die Sicherheit der Frau – nicht indem sie sie als ein lebendiges, mit Gewissen begabtes Wesen betrachteten, sondern indem sie sie wie einen leblosen Schmuck, wie ein kostbares Juwel behandelten. Auch der Frage ihrer Bildung und Erziehung gingen sie aus dem Weg. Dabei ist diese Frage für das Wohlergehen von Zivilisation und Gesellschaft beim Mann ebenso wichtig wie bei der Frau. Diejenigen hingegen, die später die Bedeutung der Bildung und Erziehung der Frau erkannten, missachteten die Bedeutung von Moral und Reinheit und säten dadurch von einer anderen Seite aus den Keim zur Zerstörung von Zivilisation und Gesellschaft.
Jene, die das System der natürlichen Arbeitsteilung (Division of Labour) berücksichtigten, übertrugen der Frau im Dienst an Zivilisation und Gesellschaft lediglich die Hausarbeit und die Aufzucht der Kinder. Die Verantwortung für den Lebensunterhalt wurde dem Mann übertragen. Doch bei dieser Arbeitsteilung vermochten sie das Gleichgewicht nicht zu wahren. Sie nahmen der Frau sämtliche wirtschaftlichen Rechte. Im Erbrecht wurde ihr keinerlei Recht eingeräumt. Das Eigentum an Besitz und Vermögen wurde vollständig dem Mann gegeben. Auf diese Weise machten sie die Frau wirtschaftlich unfähig und errichteten tatsächlich ein Verhältnis von Herr und Sklavin zwischen Mann und Frau. Zu dem Zweck, diesem abzuhelfen, trat eine andere Gruppe auf. Sie wollte der Frau wirtschaftliche und zivilisatorische Rechte gewähren. Doch auch sie beging einen anderen Irrtum. Der Materialismus hatte ihren Verstand verdunkelt. Deshalb verstanden sie unter der Befreiung der Frau von wirtschaftlicher und zivilisatorischer Knechtschaft, dass auch die Frau wie der Mann eine erwerbstätige Person der Familie werden müsse. Um sämtliche Aufgaben der Zivilisation zu tragen, müsse auch sie den gleichen Anteil wie der Mann übernehmen. Aus materialistischer Sicht besaß dieses System eine große Anziehungskraft. Denn dadurch wurde nicht nur die schwere Last des Mannes erleichtert, sondern infolge der Beteiligung der Frau am Erwerbsleben begannen Geld und Mittel des Luxus in nahezu doppeltem Umfang erworben zu werden.
Darüber hinaus standen zur Leitung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ordnung der Nation doppelt so viele Hände und Köpfe wie zuvor zur Verfügung. Infolgedessen begann der zivilisatorische Fortschritt plötzlich schneller voranzuschreiten. Durch die übermäßige Hinwendung zu den materiellen und wirtschaftlichen Aspekten nahm die Familie ein solches Ausmaß an, dass andere Bereiche des zivilisatorischen Lebens vernachlässigt und aufgegeben wurden, obwohl ihre Bedeutung unter wirtschaftlichen und materiellen Gesichtspunkten keineswegs geringer war. Auf diese Weise setzten sie die natürlichen Gesetze freiwillig weiter außer Kraft, obwohl sie sie kannten. Ihre eigenen wissenschaftlichen Untersuchungen bezeugen dies. Sie hatten Gerechtigkeit gegenüber der Frau gefordert; doch ihre Untersuchungen und Beobachtungen bewiesen, welches Unrecht sie ihr tatsächlich zufügten. Sie wollten der Frau gleiche Rechte gewähren, errichteten in der Praxis jedoch gerade eine Ungleichheit zwischen Frau und Mann. Ihre Industrie und Wissenschaft liefern dafür den Beweis. Sie wollten Zivilisation und Gesellschaft reformieren, schufen in Wirklichkeit jedoch verhängnisvolle Mittel zu deren Zerstörung. Eine ausführliche Darstellung dessen können wir ihren geschilderten Ereignissen und Zahlen entnehmen. Es sei bemerkt, dass sie sich dieser Tatsachen nicht bewusst sind; doch wie bereits zuvor dargelegt wurde, liegt darin eine menschliche Schwäche: Bei der Aufstellung der Gesetze des Lebens ist der Mensch nicht in der Lage, alle Tatsachen in gleichem Maß zu berücksichtigen und angemessene Vorkehrungen zu treffen. Seine Natur treibt ihn zu einem Extrem, und wenn er in diese Richtung getrieben wird, entziehen sich viele Dinge seinem Blick. Obwohl ihm wiederum viele Tatsachen bekannt werden, missachtet er sie und verschließt trotz seines Sehens die Augen. Hier wird das Zeugnis eines solchen Blinden beschrieben. Was könnte in der Tat ein besserer Beweis für vorsätzliche Blindheit sein?
Der russische Wissenschaftler Anton Nemilov ist ein überzeugter Kommunist. Um durch wissenschaftliche Untersuchungen die natürliche Ungleichheit von Frau und Mann zu beweisen, widmete er seinem Werk The Biological Tragedy of Woman¹ nahezu zweihundert Seiten. Dennoch schreibt er selbst, nachdem er sämtliche wissenschaftlichen Tatsachen aufgezeichnet hat:
Wenn heute gefordert wird, der Frau in der zivilisatorischen Ordnung begrenzte Rechte zu gewähren, werden die Menschen dies zumindest unterstützen. Wir jedoch lehnen diesen Vorschlag entschieden ab. Wir sollten uns nicht selbst täuschen, indem wir die Herstellung der Gleichheit von Frau und Mann im wirklichen Leben für eine einfache Aufgabe halten. Nirgends auf der Welt wurden zur Gleichstellung von Frau und Mann so große Anstrengungen unternommen wie in Sowjetrussland. Dennoch hat sich die Stellung der Frau innerhalb der Familie kaum verändert. – S. 76
Nicht nur in der Familie, sondern auch in der Gesellschaft ist keine Veränderung eingetreten. Die feste Überzeugung, dass Frauen und Männer nicht gleich sein können, ist nicht nur in den einfachen Schichten, sondern auch unter den hochgebildeten Menschen des Sowjetstaates tief verwurzelt. Unter den Frauen hat sich die Vorstellung stark verbreitet, dass sie, wenn man sie den Männern gleichstellt,
1. Die englische Übersetzung dieses Werkes wurde 1932 in London veröffentlicht
die Männer als ihrer eigenen Würde beraubt betrachten werden. Außerdem werden sie dies als Schwäche und Unmännlichkeit der Männer bezeichnen. Wenn wir versuchen, die Auffassung irgendeines Wissenschaftlers, Schriftstellers, Studenten, Geschäftsmannes und von hundert Prozent der Kommunisten in dieser Frage kennenzulernen, werden wir feststellen, dass sie Frauen niemals als ihresgleichen betrachten. Wenn wir einen Roman der Gegenwart lesen, und mag er auch von einem noch so freidenkerischen Schriftsteller stammen, werden wir irgendwo darin eine Darstellung finden, die die oben genannte Vorstellung [die Gleichheit von Frau und Mann] widerlegen wird.
– S. 95–194
Was ist der Grund dafür?
Der Grund dafür ist, dass hier ein äußerst wichtiger Grundsatz mit den revolutionären Prinzipien in Konflikt gerät. „Dieser Grundsatz lautet, dass Gleichheit zwischen Frauen und Männern vom physiologischen Standpunkt aus nicht möglich ist und beiden keine gleichen Verantwortungen übertragen worden sind. – S. 77
Durch ein weiteres Zitat wird die Sache noch klarer: Im Wesentlichen ist festzustellen, dass unter allen Arbeitern sexuelle Zügellosigkeit offen zutage getreten ist. Dadurch ist eine schreckliche Lage entstanden, die mit der Zerstörung des sozialistischen Systems droht. Sie muss mit allen möglichen Mitteln bekämpft werden. Denn der Kampf gegen diese Front ist äußerst schwierig. Ich könnte Hunderttausende von Fällen anführen, durch die bewiesen würde, dass sich sexuelle Zügellosigkeit nicht nur unter unwissenden Menschen verbreitet hat, sondern auch unter hochgebildeten und intelligenten höheren Beamten.
– S. 202–203
Wie klar und überzeugend sind die obigen Ausführungen! Einerseits wird ausdrücklich anerkannt, dass die Natur zwischen Frau und Mann keine Gleichheit geschaffen hat. Der Versuch, im praktischen Leben Gleichheit herzustellen, ist gescheitert. In dem Maße, in dem durch den Kampf gegen die Natur eine bestimmte Form der Gleichheit eingeführt wurde, strömte in demselben Maße eine Welle der Obszönität dahin, und die gesamte Ordnung der Gesellschaft drohte zusammenzubrechen. Andererseits wird gefordert, dass die Rechte der Frau in der gesellschaftlichen Ordnung nicht eingeschränkt werden dürften und dass wir uns widersetzen würden, falls dies doch geschähe. Welcher bessere Beweis könnte es in dieser Angelegenheit geben als die Tatsache, dass der Mensch nicht unwissend, sondern wissend und bewusst ist? Und dennoch: Wie sehr ist er Sklave der Natur! Er hält die von ihm selbst aufgedeckten Grundsätze und Wahrheiten für falsch und leugnet seine eigenen Prüfungen und Beobachtungen. Indem er von allen Seiten die Augen verschließt und einseitig seinen Trieben folgt, gelangt er an deren irrige Grenze. Ganz gleich, wie viele unumstößliche und gewichtige Argumente und Beweise sein eigenes Wissen, sein Verstand und sein Gewissen gegen das Erreichen eines solchen äußersten Randes vorbringen mögen, und ganz gleich, wie sehr seine Augen die schlechten und verderblichen Folgen erkennen mögen – alles ist vergeblich.
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Hast du denjenigen betrachtet, der seine eigenen Wünsche zu seinem Ilah gemacht hat? Allah hat ihn wissentlich in die Irre gehen lassen, sein Gehör und sein Herz versiegelt und über seine Augen eine Decke gelegt. Wer könnte ihn also rechtleiten? Wollt ihr dennoch keine Ermahnung annehmen?
– Sure al-Dschathiya: 23
Das Prinzip des Gleichgewichts im islamischen Recht
In dieser Welt des unausgewogenen Übermaßes und Mangels gibt es nur ein einziges zivilisatorisches System, in dem vollkommene Gerechtigkeit und Ausgewogenheit zu finden sind und in dem jeder einzelne Aspekt der menschlichen Natur, ja sogar ihre verborgenen Seiten, berücksichtigt wird. Es beruht auf einer vollständigen und besonderen Kenntnis des körperlichen Aufbaus des Menschen, einschließlich seiner tierischen Triebe, seiner seelischen Natur, seiner geistigen Eigenheiten und seiner natürlichen Bedürfnisse. Der Zweck, den die Natur hinter der Erschaffung eines jeden dieser Dinge verfolgt, ist in einer Weise vollständig verwirklicht worden, dass kein anderer Zweck – sei er auch noch so geringfügig – behindert oder beeinträchtigt wird. Schließlich trägt die Verbindung aller Zwecke zur Verwirklichung eines großen Zweckes bei, nämlich des Zweckes des menschlichen Lebens. Diese Gerechtigkeit, dieses Gleichgewicht und diese harmonische Ordnung sind so vollkommen, dass kein Mensch sie durch sein eigenes Wissen und seine eigenen Anstrengungen und Bemühungen erschaffen kann. Dass ein von Menschen gemachtes Gesetz keinerlei Einseitigkeit aufweist, ist völlig unmöglich. Ganz zu schweigen davon, ein Gesetz selbst zu schaffen: Die eigentliche Tatsache ist, dass ein gewöhnlicher Mensch die Bedeutung dieser gerechten, ausgewogenen und höchst wissenschaftlich begründeten Ordnung nicht vollständig erfassen kann, solange er nicht über außergewöhnliche Gelehrsamkeit verfügt und sich nicht jahrelang mit ihrer Erforschung sowie mit Untersuchungen und Experimenten befasst. Ich lobe dieses Gesetz nicht deshalb, weil ich an den Islam glaube; vielmehr glaube ich an den Islam deshalb, weil ich in ihm vollkommene Ausgewogenheit und Harmonie sowie eine vollkommene Übereinstimmung mit den Naturgesetzen erkenne. Wenn ich all dies betrachte, bezeugt mein Herz, dass der Urheber all dieser Gesetze und Bestimmungen gewiss nur Er sein kann, der Himmel und Erde erschaffen hat und der über das Wissen der Gegenwart und der Zukunft verfügt. Wahrlich, nur Er kann den irregeleiteten Kindern Adams, die in verschiedene Richtungen abschweifen, den rechten Weg zu Gerechtigkeit und einem vernünftigen Mittelweg weisen.
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Islamische Gesellschaftsordnung
।।Eins।।
Grundlegende Betrachtungsweise
Es ist eine Besonderheit des Islam, dass er selbst die Geheimnisse seiner Gesetze und Vorschriften beleuchtet. Hinsichtlich der islamischen Regelung zur Steuerung der Beziehungen zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft hat der Islam uns selbst mitgeteilt, auf welchen grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften und welchen Naturgeheimnissen diese Regelung beruht.
Das eigentliche Wesen der ehelichen Beziehung
Das erste Geheimnis, das in dieser Hinsicht enthüllt worden ist, lautet:
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Ich habe jedes Ding paarweise erschaffen. – Sure adh-Dhariyat: 49
In diesem Vers wird auf eine umfassende Bedeutung des ehelichen Prinzips (Gesetz der Sexualität) hingewiesen. Der Ingenieur der Welt-Natur enthüllt seine eigene Ingenieurskunst auf folgende Weise: Er hat alle Maschinen dieser Welt-Natur gemäß dem ehelichen Prinzip (Gesetz der Sexualität) gebaut, das heißt, er hat sämtliche Teile dieser Maschine paarweise geschaffen; und alles, was sich an kunstvoller Einrichtung in dieser Schöpfung zeigt, ist ein erstaunliches Ergebnis eben dieser paarweisen Regel und Ordnung!
Betrachten wir nun, worin das eheliche Prinzip (Gesetz der Sexualität) besteht. Der wesentliche Inhalt des ehelichen Prinzips ist, dass das eine Glied Tätigkeit und das andere die Neigung zur Aufnahme der Tätigkeit besitzt. Das eine besitzt Einfluss, das andere die Anerkennung dieses Einflusses. Das eine besitzt die Fähigkeit, eine Verbindung herzustellen, das andere die Neigung, in eine Verbindung einbezogen zu werden. Die Herstellung dieser Verbindung und die Gewährung ihrer Möglichkeit, diese Tätigkeit und die Neigung, sie aufzunehmen, dieser Einfluss und seine Anerkennung sowie diese Herrschaft und die Annahme der Herrschaft – die Beziehung all dieser Dinge zueinander ist die eheliche Beziehung zwischen zwei Dingen. Aus dieser Beziehung geht das gesamte Aufbauwerk hervor, und durch dieses Aufbauwerk wird die Werkstatt der gesamten Schöpfung betrieben. Alles, was es in der Schöpfung gibt, ist in seinen jeweiligen Klassen paarweise erschaffen worden. Die eheliche Beziehung, die sich im Wesentlichen in jedem Paar erkennen lässt, besteht darin, dass das eine Glied handelnd und das andere aufnehmend ist. Allerdings ist die Gestalt dieser Beziehung in den einzelnen Klassen der Schöpfung jeweils verschieden: Eine Art der Paarbindung findet sich in der Materie, eine andere in den wachsenden grobstofflichen Körpern. Wiederum findet sich eine Art der Paarbindung oder des ehelichen Prinzips bei den Lebewesen. All diese ehelichen Prinzipien unterscheiden sich voneinander je nach ihren jeweiligen Zuständen und natürlichen Bestimmungen. Doch der wesentliche Inhalt des ehelichen Prinzips ist bei allen derselbe und einheitlich, ganz gleich, welcher Art oder Klasse sie angehören. Für das eigentliche Ziel der Natur, nämlich den Aufbau und die Erlangung einer Gestalt, ist es unerlässlich, dass in einem Paar das eine die Kraft zur Tätigkeit und das andere die Kraft zur Aufnahme der Tätigkeit besitzt.
Nachdem wir die Bedeutung des oben angeführten Verses erfasst haben, lassen sich daraus drei Grundprinzipien des ehelichen Prinzips ableiten:
1. Die Formel, nach der Allah, der Erhabene, das gesamte Universum erschaffen hat, und die Methode, die Er zur Grundlage des Betriebs Seiner eigenen Werkstatt bestimmt hat, können niemals unrein oder niedrig sein; ihrem Wesen nach sind sie vielmehr rein und ehrenhaft. Daher ist es wünschenswert, dass sie verwirklicht werden. Die Gegner der Werkstatt mögen sie für unrein und verabscheuungswürdig halten und sich von ihr fernhalten. Doch der Schöpfer und Eigentümer der Werkstatt wird niemals den Wunsch hegen, dass Seine Werkstatt stillgelegt werde. Auch Er wird vielmehr wünschen, dass die Bestandteile der Maschinen Seiner Werkstatt in Betrieb bleiben und ihre Aufgaben erfüllen.
2. Tätigkeit und Aufnahme der Tätigkeit sind für den Betrieb dieser Werkstatt gleichermaßen notwendig. Die Existenz des Handelnden und die desjenigen, der seine Tätigkeit aufnimmt, sind in dieser Werkstatt gleich wichtig. Weder besitzt die Tätigkeit des Handelnden eine besondere Ehre, noch liegt in der Aufnahme der Tätigkeit durch den anderen irgendeine Schande. Die Vollkommenheit des Handelnden besteht darin, dass er Arbeitskraft und die Eigenschaften eines Handelnden besitzt, sodass er die tätige Seite der ehelichen Beziehung ordnungsgemäß erfüllen kann. Wenn jemand die Teile einer gewöhnlichen Maschine nicht für ihre eigentliche Aufgabe verwendet, sondern für eine Arbeit, für die sie nicht hergestellt wurden, würde man ihn als töricht und unerfahren bezeichnen. Zunächst würde dieser Versuch erfolglos bleiben, und wollte er die Teile gewaltsam dazu zwingen, würde die Maschine beschädigt werden. Dasselbe gilt für die gewaltige Maschine dieser Schöpfung. Nur ein törichter und unerfahrener Mensch kann auf den Gedanken kommen, den handelnden Teil an die Stelle des aufnehmenden und den aufnehmenden Teil an die Stelle des handelnden zu setzen. Danach kann er durch den Versuch selbst und durch die Hoffnung auf dessen Erfolg noch größere Torheit beweisen. Der Schöpfer dieser gewaltigen Maschine wird dies jedoch niemals tun. Er wird den handelnden Teil an seinem Platz der Tätigkeit belassen und ihn entsprechend ausbilden; den aufnehmenden Teil wird Er mit der Aufnahme betrauen und dafür sorgen, dass in ihm die Fähigkeit zur Aufnahme der Tätigkeit entwickelt wird.
3. Die Tätigkeit besitzt gegenüber der Aufnahme der Tätigkeit eine gewisse Vorrangigkeit. Vorrangigkeit bedeutet hier nicht, dass die Tätigkeit ehrenhaft und die Aufnahme der Tätigkeit dagegen unehrenhaft wäre. Vielmehr bedeutet es, dass in der Tätigkeit tatsächlich Überlegenheit, Kraft und Einfluss liegen. Wenn ein Ding auf ein anderes einwirkt, so liegt der Grund darin, dass das erste dem zweiten gegenüber überlegen und stärker ist und die Kraft besitzt, Einfluss auszuüben. Das Ding, das die Tätigkeit aufnimmt und von ihr beeinflusst wird, nimmt sie deshalb auf und wird von ihr beeinflusst, weil es unterlegen und schwach ist und die Fähigkeit besitzt, beeinflusst zu werden. So wie für das Zustandekommen einer Tätigkeit die Existenz sowohl des Handelnden als auch des Aufnehmenden gleichermaßen notwendig ist, müssen ebenso im Handelnden Überlegenheit und die Fähigkeit zur Einflussnahme sowie im Aufnehmenden die Fähigkeit vorhanden sein, Vorrang anzuerkennen und Einfluss aufzunehmen. Denn wenn beide hinsichtlich ihrer Kraft gleichartig wären und keiner Vorrang vor dem anderen hätte, würde keiner von ihnen den Einfluss des anderen anerkennen, und es würde überhaupt keine Tätigkeit zustande kommen. Wenn die Nadel dieselbe Härte besäße wie der Stoff, könnte kein Nähvorgang vollzogen werden. Wenn der Erde die nötige Weichheit fehlte, um den Vorrang von Spaten und Pflug anzuerkennen, würden Landwirtschaft und Aufbauarbeit unmöglich. Kurz gesagt: Keine einzige Arbeit auf der Welt könnte verrichtet werden, wenn es für einen Handelnden nicht einen Aufnehmenden gäbe und diesem die Fähigkeit fehlte, vom Handelnden beeinflusst zu werden. Daher verlangt es die Natur desjenigen, der in einem Paar die handelnde Rolle einnimmt, dass er Überlegenheit, Festigkeit und Herrschaftskraft besitzt – das, was man Männlichkeit nennt. Denn als wirksamer Teil muss er so beschaffen sein, um seine Aufgabe erfüllen zu können. Demgegenüber verlangt es die Natur des Aufnehmenden, dass er Sanftheit und die Neigung zur Aufnahme von Einfluss besitzt – das, was man Weiblichkeit nennt. Denn gerade diese Eigenschaften können ihn bei der aufnehmenden Tätigkeit innerhalb der ehelichen Ordnung erfolgreich machen. Diejenigen, die dieses tiefgründige Geheimnis nicht kennen, deuten die persönliche Überlegenheit des Handelnden im Sinne von Ehre und Würde und betrachten den Aufnehmenden als minderwertig und entehrt; oder sie leugnen die Überlegenheit gänzlich und versuchen, im aufnehmenden Teil all jene Eigenschaften hervorzubringen, die im handelnden Teil vorhanden sein sollten. Doch der Ingenieur, der diese beiden Teile erschaffen hat, fügt sie so in die Maschine ein, dass sie hinsichtlich der Ehre gleich sind und hinsichtlich Ausbildung, Erziehung und des Empfangs von Gunst gleich behandelt werden. Was jedoch die Natur von Tätigkeit und Aufnahme der Tätigkeit an Herrschaft und Unterordnung verlangt, muss zwischen ihnen geschaffen werden, damit der Zweck der ehelichen Ordnung erfüllt werden kann. Andernfalls würden beide zu harten Steinen werden, was lediglich zu Zusammenstößen zwischen ihnen führen könnte, ohne dass sie eine gemeinsame Handlungsweise oder irgendeine gemeinsame Methode annehmen könnten.
Dies sind jene Grundprinzipien, die sich bereits aus der ursprünglichen Bedeutung der ehelichen Ordnung ergeben. Schon die Paarbildung von Mann und Frau als bloßes körperliches Dasein macht es erforderlich, dass diese Grundprinzipien in ihrer Beziehung zueinander vorhanden sind. Wenn man weiter voranschreitet, wird man erkennen, dass in der sozialen Ordnung, die der Schöpfer von Himmel und Erde geschaffen hat, den drei oben beschriebenen Dingen besondere Beachtung geschenkt worden ist.
Die tierische Natur des Menschen und ihre Gefahren
Gehen Sie nun einen Schritt weiter. Das Dasein von Frau und Mann ist nicht nur ein körperliches Dasein, sondern zugleich auch ein tierisches Dasein. Welches Bedürfnis liegt unter diesem Gesichtspunkt hinter dem Entstehen einer ehelichen Beziehung zwischen ihnen?
Der Koran sagt:
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Allah, der Erhabene, hat für euch aus eurer eigenen Mitte Paare geschaffen. Auch unter den Tieren hat Er Paare geschaffen. Auf diese Weise breitet Er euch auf der Erde aus. – Sure asch-Schura: 11
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Eure Frauen sind für euch einem Ackerfeld gleich.
-Sure al-Baqara: 223
Im ersten Vers wird zugleich davon gesprochen, dass Menschen und Tiere paarweise erschaffen wurden. Als gemeinsamer Zweck wird genannt, dass durch ihre eheliche Verbindung die Nachkommenschaft vermehrt werden soll.
Im zweiten Vers wird der Mensch von der gewöhnlichen Tierklasse unterschieden und zum Ausdruck gebracht, dass innerhalb dieser besonderen ehelichen Verbindung der Tierklasse ein Verhältnis zwischen Ackerland und Landwirt besteht. Dies ist eine biologisch begründete Tatsache. Aus biologischer Sicht ist dies der treffendste Vergleich, der sich für Frau und Mann anführen lässt.
Aus diesen beiden Versen lassen sich noch drei weitere Grundsätze ableiten. Sie lauten wie folgt:
- Allah, der Erhabene, hat ebenso wie bei den anderen Lebewesen auch die Paare der Menschen zu dem Zweck erschaffen, dass durch ihre sexuelle Beziehung die Nachkommenschaft fortbesteht. Dies ist eine Forderung der tierischen Natur des Menschen, und es muss ihm die Möglichkeit gegeben werden, sie zu erfüllen. Er hat den Menschen nicht etwa dazu erschaffen, dass einige von ihnen auf der Erde lediglich sich selbst erhalten und die Menschheit fortbestehen lassen; vielmehr hat Er in die tierische Natur des Menschen eine solche sexuelle Anziehungskraft gelegt, dass die Ehepartner miteinander verkehren und zur Weiterführung der Welt Allahs ihre Nachkommenschaft vermehren können. Daher kann die von Allah stammende Ordnung die sexuelle Anziehung niemals unterdrücken oder beseitigen; vielmehr muss sie unbedingt Möglichkeiten enthalten, durch die der Mensch diese natürliche Forderung erfüllen kann.
2. Nachdem Frau und Mann mit einem Landwirt und einem Ackerland verglichen worden sind, wird gesagt, dass sich die Beziehung menschlicher Ehepaare von der ehelichen Beziehung anderer Lebewesen unterscheidet. Selbst wenn man nicht als Mensch, sondern als Tier urteilt, lässt sich erkennen, dass die körperliche Beschaffenheit dieser beiden [von Mann und Frau] so gestaltet ist, dass auch zwischen ihnen eine ebenso feste und unerschütterliche Beziehung bestehen muss wie zwischen einem Landwirt und seinem Ackerland. Die Aufgabe des Landwirts besteht nicht nur darin, Samen in seinen Boden zu säen; auch die Bewässerung, die Beaufsichtigung von Saat und Ernte sowie deren Pflege und Erhaltung obliegen ihm. Ebenso ist die Frau keineswegs ein Ackerland, in das irgendein Lebewesen im Vorübergehen einen Samen legt und aus dem danach von selbst ein Baum wächst. Vielmehr ist es so, dass die Frau, sobald sie schwanger wird, tatsächlich auf den Landwirt angewiesen ist, damit er für ihre Versorgung und Pflege sorgt und die volle Verantwortung übernimmt.
3. Die sexuelle Anziehung, die zwischen menschlichen Ehepartnern besteht, ist nach biologischer Auffassung genau von derselben Art wie diejenige, die auch bei anderen Lebewesen besteht. Jedes Lebewesen einer Klasse empfindet gegenüber jedem Lebewesen des anderen Geschlechts derselben Klasse eine tierische sexuelle Anziehung. Das gewaltige Verlangen nach Fortpflanzung, das in ihnen hinterlegt ist, zieht diejenigen Angehörigen beider Geschlechter zueinander, bei denen die Fähigkeit zur Fortpflanzung tatsächlich vorhanden ist. Daher kann die vom Schöpfer des Weltalls erlassene Ordnung diese schwache Seite der tierischen Natur des Menschen nicht außer Acht lassen. Denn in ihr ist eine gewaltige Neigung zur sexuellen Anarchie [Sexual anarchy] verborgen, die ohne besondere Methoden zu ihrer Bewahrung nicht gebändigt werden kann. Wenn sie einmal außer Kontrolle gerät, wird der Mensch niedriger als ein Tier.
(Arabisch******************************)
Wahrlich, Wir haben den Menschen in der schönsten Gestalt erschaffen; danach machen Wir ihn zum Niedrigsten der Niedrigen – außer jenen, die gläubig sind und rechtschaffene Werke tun. – Sure at-Tin: 4–6
Die menschliche Natur und ihre Wünsche
Es wurde bereits dargelegt, dass die animalische Natur den Boden und die Grundlage der menschlichen Schöpfung bildet. Auf diesem Boden ist das Gebäude des Menschseins errichtet worden. Von all den Dingen, die zur Erhaltung der persönlichen und gemeinschaftlichen Existenz des Menschen erforderlich sind, hat Allah jedem Menschen in seinem animalischen Bereich sowohl seine jeweiligen Wünsche als auch die Fähigkeit, diese zu erfüllen, verliehen. Es entspricht daher keineswegs Allahs Willen, irgendeinen dieser Wünsche unerfüllt zu lassen oder irgendeine dieser Fähigkeiten zu zerstören. Denn all diese Gegebenheiten sind notwendig; ohne sie können weder der Mensch noch die Menschheit fortbestehen. Die Natur verlangt jedoch, dass der Mensch bei der Erfüllung seiner Wünsche und beim Gebrauch all seiner Fähigkeiten nicht bloß eine animalische Methode anwendet. Vielmehr ist es wünschenswert, dass seine Vorgehensweise in Bezug auf die Dinge, die er in seinem menschlichen Bereich begehrt, und auf die höheren, über das Animalische hinausgehenden Bedürfnisse in ihm menschlich bleibt. Zu diesem Zweck hat Allah die Grenzen der Scharia festgelegt, damit die Handlungen des Menschen einer Ordnung und Disziplin unterliegen. Zugleich wurde eindringlich gewarnt, dass der Untergang unvermeidlich ist, wenn man die Grenzen überschreitet oder eine minderwertige Methode anwendet.
(Arabisch********************************)
Wer Allahs Gebote verletzt, fügt sich selbst Unrecht zu. – Sure at-Talaq: 1
Achten Sie nun darauf, auf welche Eigenschaften der menschlichen Natur und auf welche Wünsche und Begierden der Koran in Bezug auf die Ehe hinweist.
Die Erklärung der Art von Beziehung, die zwischen den beiden Geschlechtern – Männern und Frauen – in der menschlichen Natur verankert ist, lautet wie folgt:
(Arabisch**************************)
Dies gehört zu Seinen Zeichen: Er [Allah, der Erhabene] hat für euch aus eurer eigenen Mitte Gattinnen erschaffen, damit ihr bei ihnen Ruhe findet, und Er hat zwischen euch Liebe und Barmherzigkeit gesetzt. – Sure ar-Rum: 21
(Arabisch**********************)
Sie sind euch ein Gewand, und ihr seid ihnen ein Gewand. – Sure al-Baqara: 187
In dem zuvor erwähnten Vers, in dem die Erschaffung von Paaren sowohl beim Menschen als auch beim Tier erwähnt wird, wird als Zweck der Paarbildung lediglich die Erhaltung der Nachkommenschaft genannt. Hier wird dagegen ein Merkmal des Menschen beschrieben, das ihn vom Tier unterscheidet: Die Erschaffung von Paaren hat einen höheren Zweck. Ihre Beziehung ist nicht bloß sexueller Natur, sondern eine Beziehung der Liebe und Zuneigung. Sie nehmen an der Freude und am Leid des jeweils anderen teil. Zwischen ihnen besteht eine solche Gemeinschaft, Verbindung und Nähe, wie sie zwischen dem Körper und der Kleidung besteht. Eine solche Beziehung zwischen beiden ist der Grundstein der menschlichen Zivilisation – dies wurde bereits zuvor gesagt. Durch die beiden hier verwendeten Begriffe wird angedeutet, dass die Frau für den Mann eine Quelle der Ruhe und des Glücks ist und dass es ihrer natürlichen Bestimmung entspricht, dieser von Mühen und Arbeit erfüllten Welt Ruhe und Glück zu vermitteln. Das ist das Familienleben des Menschen. Die westlichen Völker haben jedoch im Streben nach materieller und weltlicher Bequemlichkeit die Bedeutung dieses Familienlebens vernachlässigt. Tatsächlich kommt diesem familiären Bereich dieselbe Bedeutung zu wie den übrigen Bereichen des zivilisierten und gesellschaftlichen Lebens; auch er ist für das zivilisierte Leben ebenso notwendig wie die anderen Bereiche.
2. Diese sexuelle Beziehung strebt nicht nur nach gegenseitiger Liebe zwischen Ehemann und Ehefrau, sondern zugleich auch danach, dass zu den Kindern, die aus dieser Beziehung hervorgehen, eine tiefe, innige Beziehung entsteht. Zu diesem Zweck hat der Schöpfer der Welt in der körperlichen Beschaffenheit des Menschen, insbesondere der Frau, sowie in den natürlichen Vorgängen von Schwangerschaft und Stillen eine solche Einrichtung getroffen, dass die Zuneigung und Liebe zum Kind in ihr Blut, ihr Fleisch und jedes kleinste Teilchen ihres Wesens eingewoben wird. Der Heilige Koran sagt:(Arabisch******************)
Seine Mutter trug ihn unter großen Mühen in ihrem Leib. Danach entwöhnte sie ihn nach zwei Jahren vom Stillen.
– Sure Luqman: 14
(Arabisch********************************)
Seine Mutter trug ihn unter großen Mühen in ihrem Leib, brachte ihn unter großen Mühen zur Welt, und von der Empfängnis bis zum Abstillen vergingen dreißig Monate. – Sure al-Ahqaf: 15
Das gilt auch für den Mann – obwohl er hinsichtlich der Liebe zum Kind etwas hinter der Frau zurücksteht.
(Arabisch****************************)
Die Liebe zu angenehmen Dingen begründet unter den Menschen verwandtschaftliche und eheliche Beziehungen. Aus diesen Beziehungen entstehen die Familie, aus der Familie der Stamm und aus dem Stamm das Volk. Danach bildet sich aus all diesen Beziehungen die Zivilisation.
(Arabisch*******************************)
Und Er ist Allah, der den Menschen aus Wasser erschaffen und danach zwischen ihnen verwandtschaftliche und eheliche Beziehungen geschaffen hat. – Sure al-Furqan: 54
(Arabisch***************************)
O ihr Menschen! Wir haben euch aus einem Mann und einer Frau erschaffen und euch danach in Völker und Stämme eingeteilt, damit ihr einander erkennen könnt. – Sure al-Hudschurat
Daher bilden leibliche, stammesmäßige und eheliche Beziehungen in Wirklichkeit die ursprüngliche und natürliche Grundlage der menschlichen Zivilisation. Die genannte zivilisatorische Ordnung beruht auf einem Zustand, in dem die Abstammung der Nachkommen von ihren Eltern bekannt ist und ihre Herkunft gesichert bleibt.
3. Es liegt im menschlichen natürlichen Verlangen, dass jemand, wenn er etwas von der Frucht seiner Lebensarbeit für irgendjemanden hinterlassen möchte, es seinen Nachkommen und seinen geliebten Angehörigen hinterlassen möchte; er wird es also seinen Nachkommen und seinen geliebten Angehörigen hinterlassen, mit denen er sein ganzes Leben lang durch Blutsverwandtschaft verbunden war.
(Arabisch******************************)
Nach der Bestimmung des Korans Allahs ist unter den Verwandten der eine gegenüber dem anderen hinsichtlich des Erbrechts stärker berechtigt. –Anfal
(Arabisch*******************************)
Diejenigen, die ihr zu Adoptivsöhnen gemacht habt, hat Allah nicht zu euren Söhnen gemacht. –Sure Ahzab
Daher ist auch für die Verteilung des Erbes die Wahrung der Abstammung erforderlich.
4. Die Neigung zur Schamhaftigkeit ist in der menschlichen Natur eine äußerst natürliche Neigung. Es gibt bestimmte Teile seines Körpers, bei denen Allah den Wunsch, sie bedeckt zu halten, in seine körperliche Beschaffenheit gelegt hat. Dieser in der körperlichen Organisation begründete Wunsch hat den Menschen seit Anbeginn dazu gezwungen, irgendeine Art von Kleidung zu tragen. In diesem Kapitel hat der Koran die modernen Theorien in unmissverständlicher Sprache widerlegt. Der Koran sagt, dass es ein natürliches Bedürfnis der menschlichen Natur ist, sich zu schämen, die Körperteile, die bei Frauen und Männern sexuelle Anziehung hervorrufen, zu zeigen, und zu versuchen, sie bedeckt zu halten. Satan hingegen will, dass die Menschen diese offen zur Schau stellen.
(Arabisch*******************************)
Als sie beide daraufhin von den Früchten jenes Baumes aßen, wurden die bedeckten Stellen ihrer Körper sichtbar, und sie begannen, sie mit den Blättern und Zweigen des Paradieses zu bedecken.
– Sure al-Aʿrāf:
Der Koran sagt ferner, dass Allah der Erhabene die Kleidung deshalb eingeführt hat, weil sie einerseits die Scham bedeckt und andererseits die Schönheit steigert. Es genügt jedoch nicht, lediglich die Scham zu bedecken; dazu muss auch die Furcht vor Allah im Herzen vorhanden sein.
(Arabisch*********************)
Ich habe euch Kleidung gegeben, um eure Scham zu bedecken und als Schmuck; doch das Gewand der Gottesfurcht ist das beste. – Sure al-Aʿrāf: 26
Dies ist die grundlegende Vorstellung der islamischen Gesellschaftsordnung. Nachdem Sie diese Vorstellung im Herzen bewahrt haben, studieren Sie die ausführliche Gestalt dieser Gesellschaftsordnung, die auf dieser Vorstellung aufgebaut wurde. Während Sie sie studieren, sollten Sie mit scharfem Blick prüfen, in welchem Maß bei der buchstabengetreuen Umsetzung der Lehren, die der Islam als Grundlage seiner Gesetzgebung angenommen hat, Aufrichtigkeit, Zweckmäßigkeit, Folgerichtigkeit und Vernünftigkeit gewahrt worden sind. Bei allen Arten menschlicher Rechtsordnungen, die wir kennengelernt haben, ist uns diese deutliche Schwäche aufgefallen: Zwischen ihren grundlegenden Lehren und den unmittelbar daraus hervorgehenden Einzelheiten besteht keine vollständige Übereinstimmung und Folgerichtigkeit. Zwischen dem Grundprinzip und seinen Verzweigungen zeigt sich ein gewaltiger Unterschied. Das Grundprinzip wird in einer bestimmten Gestalt dargestellt, während die kleinen Einzelheiten, die zu seiner praktischen Umsetzung festgelegt werden, eine ganz andere Gestalt annehmen. Indem man sich in den Himmel des Denkens, der Forschung und der Vernunft erhebt, wird eine bestimmte Lehre vorgelegt. Doch wenn der Mensch aus der oberen Welt in den praktischen Bereich hinabsteigt und dort mit den Problemen konfrontiert wird, verliert er all das derart, dass er sich nicht einmal mehr an seine eigene Lehre erinnert. Betrachten Sie die von Menschen geschaffenen Gesetze mit einem Fernrohr und aus der Perspektive einer eingehenden Kritik, und prüfen Sie, ob in der Ordnung, die ein Knabe aus der arabischen Wüste der Welt vorgelegt hat und zu deren Ausarbeitung weder ein gesetzgebender Rat noch ein ausgewählter Ausschuss konsultiert wurde, irgendwo Raum für irgendeine Art von Widerspruch, Fehler oder Abweichung besteht.
Islamische Gesellschaftsordnung
Zwei
Grundprinzipien und verbindliche Bestimmungen
Das wichtigste Problem beim Aufbau der Gesellschaft besteht, wie an anderer Stelle dargelegt wurde, darin, die sexuelle Neigung vor Zügellosigkeit zu bewahren und sie einer Ordnung und Disziplin zu unterwerfen. Denn ohne dies kann die Ordnung der Zivilisation nicht aufrechterhalten werden. Sollte hiervon jemals abgewichen werden, gibt es keine Möglichkeit, den Menschen vor einem furchtbaren moralischen und geistigen Niedergang zu bewahren. Zu diesem Zweck hat der Islam die Beziehungen zwischen Frauen und Männern voneinander abgegrenzten Grenzen unterworfen und sie an einen einzigen Mittelpunkt gebunden.
Verbotene Frauen und Männer
Als Erstes hat die islamische Gesetzgebung jene Männer und Frauen füreinander haram gemacht, die gezwungen sind, miteinander oder in sehr enger Beziehung zueinander zu leben. Dazu gehören: Mutter und Sohn, Vater und Tochter, Bruder und Schwester, Tante väterlicherseits und Neffe, Onkel väterlicherseits und Nichte, Tante mütterlicherseits und Neffe, Onkel mütterlicherseits und Nichte, Stiefvater und Tochter, Stiefmutter und Sohn, Schwiegermutter und Schwiegersohn, Schwiegervater und Schwiegertochter, Schwägerin und Schwager [zwei Schwestern zugleich] sowie Frauen und Männer, die durch Milchverwandtschaft miteinander verbunden sind. Dadurch, dass die eheliche Verbindung zwischen all diesen Frauen und Männern für haram erklärt wurde, sind sie so weit von sexuellem Verlangen gereinigt, dass sie sich keinerlei sexuelle Anziehung vorstellen können. [Wenn es sich allerdings um Menschen mit tierischen Trieben handelt, die keiner moralischen Bindung unterliegen, ist das eine andere Sache.]
Das Verbot des Ehebruchs
Nachdem diese Grenze festgelegt worden war, bestand das zweite auferlegte Hindernis und Verbot darin, dass alle Frauen, die mit einem anderen in einem Eheband verbunden sind, haram sind. Mit den Frauen, die darüber hinaus übrigbleiben, wurden außereheliche sexuelle Beziehungen für haram erklärt.
(Arabisch*********************************)
Und nähert euch nicht der Unzucht. Denn sie ist einerseits eine Schändlichkeit und andererseits ein falscher Weg.
– Sure Bani Isra’il: 32
Die Ehe
Auf diese Weise sind durch die Anwendung von Einschränkungen und Verboten alle Wege zur sexuellen Zügellosigkeit versperrt worden. Doch für die Befriedigung der Bedürfnisse und Wünsche der animalischen Natur des Menschen und damit die von der Naturwerkstatt festgelegten Regeln und Ordnungen weiterbestehen können, ist ein Weg offengehalten worden. Es ist gesagt worden: „Befriedige dieses Bedürfnis und diese Notwendigkeit, aber nicht durch voneinander losgelöste und gesetzlose Beziehungen. Auch nicht heimlich und nicht auf dem Weg offener Obszönität, sondern durch eine regelgemäße öffentliche Bekanntgabe, damit in deiner Gesellschaft allen bekannt und offenbar werde, dass dieser Mann und diese Frau einander zugehörig geworden sind.
(Arabisch************************)
Alle anderen Frauen außer diesen sind euch erlaubt gemacht worden, damit ihr mit ihnen im Austausch gegen euer Eigentum [die Brautgabe] ein rechtmäßiges Verhältnis eingehen könnt, nicht ein freies sexuelles Verhältnis. ………… Heiratet sie daher mit der Erlaubnis ihrer Vormünder. ……… Sie sollen auf diese Weise in der Ehe gebunden werden, nicht um öffentlich oder heimlich Geliebte zu spielen. – Sure an-Nisa: 24–25
Beachtet hier das Gleichgewicht des Islam. Die sexuelle Beziehung, die außerhalb des Ehebundes verboten und verabscheuungswürdig war, ist innerhalb der Ehe nicht nur zulässig geworden, sondern hat sich in eine vorzügliche gute Tat verwandelt. Es wird dazu aufgefordert, sie anzunehmen, und es wird missbilligt, sich ihrer zu enthalten. Eine solche Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau wird zu einer gottesdienstlichen Handlung. Wenn die Ehefrau sogar freiwillig fastet oder sich dem Gebet und der Rezitation widmet, um sich der Erfüllung des berechtigten Verlangens ihres Ehemannes zu entziehen, wird sie sündig. Hört in diesem Zusammenhang einige erhabene Aussprüche des edlen Propheten (s.):
(Arabisch******************************)
Ihr solltet heiraten. Denn die Ehe ist ein hervorragendes Mittel, die Augen vor sündhaften Blicken zu bewahren und die Schamteile zu schützen. Wer von euch nicht heiraten kann, der soll fasten. Denn das Fasten unterdrückt das sexuelle Verlangen. – Tirmidhi
(Arabisch***************************************)
Bei Allah, was die Gottesfurcht und das Bewahren vor Seinem Missfallen betrifft, bin ich von euch allen derjenige, der Ihn am meisten fürchtet. Dennoch faste ich, breche das Fasten, verrichte das Gebet, schlafe nachts und heirate. Dies ist meine Sunna; wer sich von meiner Sunna abwendet, mit dem habe ich nichts zu tun. – Buchari
(Arabisch*********************************)
Eine Ehefrau soll ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes kein freiwilliges Fasten einhalten. – Buchari
(Arabisch*****************************)
Wenn eine Frau getrennt von ihrem Ehemann die Nacht verbringt, verfluchen die Engel sie, bis sie zu ihrem Ehemann zurückkehrt. – Buchari
(Arabisch*************************************)
Wenn jemand von euch eine Frau sieht und von ihrer Schönheit angezogen wird, soll er zu seiner Ehefrau gehen. Denn alles, was jene Frau besitzt, besitzt auch seine Ehefrau. – Tirmidhi
Das Ziel der Scharia hinter all diesen Anweisungen besteht darin, alle Wege zu sexueller Ausschweifung zu verschließen. Die sexuellen Beziehungen sollen auf den Rahmen der Ehe beschränkt werden. Außerhalb dieses Rahmens soll es so weit wie möglich keinerlei sexuelle Erregung geben. Wenn entsprechend den Bedürfnissen der Natur oder aufgrund eines Ereignisses sexuelle Erregung entsteht, soll zu ihrer Befriedigung ein Zentrum bestimmt werden. Dieses Zentrum ist für den Ehemann die Ehefrau und für die Ehefrau der Ehemann. All diese Vorkehrungen wurden getroffen, damit der Mensch sich vor jeder unnatürlichen und selbst hervorgerufenen Erregung sowie vor ungeordnetem Verhalten bewahren und seine gebündelte Kraft der zivilisatorischen Ordnung widmen kann. Die gesamte sexuelle Liebe und Anziehung, die Allah, der Erhabene, in jeden Mann und jede Frau gelegt hat, soll für die Gründung und den Fortbestand der Familie eingesetzt werden. Die eheliche Beziehung ist in jeder Hinsicht wünschenswert, weil sie den Bedürfnissen der menschlichen und der tierischen Natur sowie dem Ziel der göttlichen Gesetzgebung entspricht. Dagegen ist die Vermeidung der Ehe in jeder Hinsicht unerwünscht, weil dadurch zwangsläufig eines von zwei verwerflichen Dingen geschehen muss: Entweder erfüllt der Mensch die Forderung des Naturgesetzes überhaupt nicht und verwendet seine Kraft darauf, gegen die Natur anzukämpfen, oder er wird durch die Bedürfnisse der Natur gezwungen, sein Verlangen auf einem irrigen und unerlaubten Weg zu befriedigen.
Die Organisation der Familie
Nachdem der Islam die sexuelle Lust zu einem Mittel zur Gründung und zum Fortbestand der Familie bestimmt hat, organisiert er die Familie. Auch hier berücksichtigt er mit vollkommenem Gleichgewicht all jene Seiten des Naturgesetzes, die zuvor erörtert wurden. In meinem unter dem Titel „Haqquz-Zaujain“ [Die Rechte von Ehemann und Ehefrau] erschienenen Buch habe ich ausführlich dargelegt, in welchem Maß bei der Festlegung der Rechte von Frauen und Männern auf Gerechtigkeit geachtet wurde. Wenn Sie es lesen, werden Sie erkennen, dass der Islam zwischen beiden Gruppen das größtmögliche Maß an Gleichheit hergestellt hat. Eine Gleichheit jedoch, die dem Naturgesetz widerspricht, unterstützt der Islam nicht. Als Menschen besitzt die Frau genau ebenso viele Rechte wie der Mann.
(Arabisch**********************************)
Doch aufgrund seiner Stellung als Oberhaupt wurde ihm persönliche Würde verliehen – nicht im Sinne der Ehre des Ehemannes, sondern im Sinne von Einfluss und Autorität. Dies wurde dem Mann in gerechter Weise gewährt.
(Arabisch********************************)
Nachdem der Islam auf diese Weise zwischen Frau und Mann die natürliche Beziehung von „Giyānī“ und „Giyān-Pradatte“ hergestellt hat, organisiert er die Familie nach folgendem Verfahren:
Männliche Autorität und Vorherrschaft
In der Familie hat der Mann den Rang des Oberhaupts und Leiters inne, das heißt, er ist der Herrscher, Beschützer sowie der Verantwortliche für die moralischen und sämtlichen sonstigen Angelegenheiten der Familie. Ihm zu gehorchen ist für seine Frau und seine Kinder Pflicht [es sei denn, er befiehlt etwas, das Allah oder dem Gesandten zuwiderläuft]. Es ist die Pflicht des Ehemannes, den Lebensunterhalt für die Familie zu verdienen und die für das tägliche Leben notwendigen Dinge zu beschaffen.
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Die Männer haben aufgrund dessen, dass Allah den einen von beiden einen höheren Rang als den anderen gegeben hat, die Herrschaft über die Frauen. Auch deshalb, weil der Mann sein Vermögen für die Brautgabe und den Unterhalt ausgibt. – Sure an-Nisāʾ: 34
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Der Mann ist der Herrscher über seine Frau, seine Kinder und seine Angehörigen, und dafür wird er im Jenseits vor Allah Rechenschaft ablegen müssen. – Buchārī
(Arabisch*********************************)
Die rechtschaffene Frau ist ihrem Ehemann gehorsam und bewahrt dank Allahs Gnade in seiner Abwesenheit seine Ehre. – Sure an-Nisāʾ: 34
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Der Prophet (s) sagte: Wenn eine Frau ohne die Erlaubnis ihres Ehemannes das Haus verlässt, verflucht sie jeder Engel des Himmels, und solange sie nicht zurückkehrt, verfluchen sie alle, an denen sie vorbeikommt, mit Ausnahme der Dschinn und der Menschen.
(Arabisch***********************************)
Ermahnt diejenigen eurer Frauen, von denen ihr Ungehorsam befürchtet. Wenn sie davon nicht ablassen, trennt sie im Bett von euch. Wenn sie sich auch dadurch nicht bessern, schlagt sie. Wenn sie euch danach gehorchen, sucht keinen Vorwand, gegen sie übermäßig vorzugehen. – Sure an-Nisāʾ: 34
(Arabisch********************************)
Wir haben dem Menschen aufgetragen, zu seinen Eltern gütig zu sein. Wenn sie dich jedoch dazu drängen, Mir etwas beizugesellen, worüber du kein Wissen hast, dann gehorche ihnen nicht. – Sure al-ʿAnkabūt: 8
(Arabisch************************************)
Die Familie ist so organisiert, dass einer von ihnen ihr Oberhaupt und Herrscher sein soll. Über diejenigen, die versuchen, diese Ordnung und Disziplin zu zerstören, sprach der Prophet (s) die folgende Warnung aus:
(Arabisch************************************)
Zu demjenigen, der versucht, das Verhältnis einer Frau zu ihrem Ehemann zu verderben, habe ich keinerlei Beziehung.
Das Tätigkeitsfeld der Frau
In dieser Ordnung ist die Frau zur Königin des Hauses gemacht worden. Die Verantwortung für den Lebensunterhalt liegt beim Ehemann, und die Verwaltung des Haushalts mit dem erworbenen Geld ist die Aufgabe der Frau.
(Arabisch********************************)
Die Frau ist die Verwalterin des Hauses ihres Ehemannes und wird für die Führung dieser Verwaltung zur Rechenschaft gezogen werden. – Buchari
Sie ist von den Pflichten außerhalb des Hauses entbunden worden; so ist beispielsweise das Freitagsgebet für sie nicht verpflichtend. Auch der Dschihad ist für sie keine Pflicht; bei Bedarf darf sie jedoch zum Dienst an den Mudschahedin gehen. Dies wird später ausführlich erörtert werden. An einem Totengebet teilzunehmen ist für sie nicht erforderlich; vielmehr ist sie davon abgehalten worden. – Buchari
Ihr ist weder das Verrichten des Gemeinschaftsgebets noch das Erscheinen in der Moschee zur Pflicht gemacht worden. Zwar ist ihr unter gewissen Einschränkungen erlaubt worden, in die Moschee zu gehen, doch wurde dies nicht bevorzugt.
Ihr wurde nicht gestattet, ohne einen mahramfähigen Mann zu reisen. – Tirmidhi
Kurz gesagt: Für die Frau ist das Verlassen des Hauses in jeder Hinsicht missbilligt worden, und nach den islamischen Vorschriften besteht ihre wünschenswerte Aufgabe darin, im Haus zu bleiben.(Arabisch******************) – [Das bedeutet: Bleibt im Inneren des Hauses wohnen. Manche sagen, dass dieser Befehl ausdrücklich für die Ehefrauen des Propheten (s) erlassen worden sei, weil der Vers mit den Worten „O Ehefrauen des Propheten“ beginnt. Doch welche der in diesem gesamten Vers erteilten Anweisungen ist ausschließlich für die Ehefrauen des Propheten bestimmt? Es heißt: „Wenn ihr gottesfürchtig seid, dann sprecht nicht in schmeichelnder Weise mit jemandem, denn sonst könnte derjenige, in dessen Herzen eine schlechte Absicht ist, eine falsche Hoffnung in Bezug auf euch hegen. Sprecht vielmehr in gerader und sachlicher Weise. Bleibt in euren Häusern. Geht nicht heraus, indem ihr euch zur Schau stellt und schmückt wie die Frauen der Zeit der Dschahiliya. Verrichtet das Gebet, entrichtet die Zakat und gehorcht Allah und dem Gesandten. Allah will, dass Er euch von jeder Unreinheit fernhält.“
Denkt über diese Anweisungen nach. Welche dieser Anweisungen gilt nicht für gewöhnliche Frauen? Soll die Gesamtheit der gewöhnlichen Frauen etwa nicht gottesfürchtig sein? Sollen sie mit fremden Männern in schmeichelnder Weise sprechen? Sollen sie sich vom Gebet, von der Zakat und vom Gehorsam gegenüber Allah und dem Gesandten fernhalten? Will Allah sie etwa in Unreinheit belassen? Wenn all diese Anweisungen für die gewöhnlichen Frauen gelten, warum sollte dann nur der Satz „Bleibt in euren Häusern“ ausschließlich für die Ehefrauen des Propheten gelten?
Tatsächlich ist dieses Missverständnis deshalb entstanden, weil man am Anfang des Verses die Worte liest: „O Ehefrauen des Propheten! Ihr seid nicht wie die gewöhnlichen Frauen.“ Doch die Ausdrucksweise ist genau dieselbe, wie wenn man zu einem Kind aus angesehener Familie sagt: „Ihr seid doch nicht wie die Kinder gewöhnlicher Leute, die auf den Straßen und in den Gassen des Marktes umherstreifen und schlechte Taten begehen?“
Ihr müsst euch etwas vorsichtiger bewegen und verhalten. Damit ist nicht gemeint, dass es wünschenswert und gut sei, wenn andere Jungen und Mädchen sich ungezogen auf den Märkten und in den Basaren herumtreiben, und dass es für sie nicht erstrebenswert sei, sich gut zu benehmen. Vielmehr soll durch eine solche Aussage ein Maßstab für guten Charakter festgelegt werden, damit jedes Kind, das den Kindern angesehener Familien gleichen möchte, sich bemühen kann, diesen Maßstab zu erreichen. Im Koran wurde diese Art der Ermahnung an die Frauen deshalb gewählt, weil unter den Frauen in der Zeit der arabischen Dschahiliya eine solche Freiheit herrschte, wie sie heute in Europa besteht. Durch den heiligen Propheten (s) wurden sie allmählich zu Anhängerinnen der islamischen Zivilisation gemacht, und für sie wurden die Grenzen der Moral sowie die Bindungen gesellschaftlicher Ordnung und Disziplin festgelegt. Unter diesen Umständen wurde das Leben der Ummahat al-Mu’minin in besonderer Weise geregelt, damit sie anderen Frauen als Vorbild dienen könnten und ihre Lebensweise in den Häusern der gewöhnlichen Muslime befolgt werden könnte. Eine genau entsprechende Auffassung hat auch Allama Abu Bakr Hissam in seinem Werk mit dem Titel Ahkam al-Qur’an dargelegt. Er sagt, dass diese Anweisung zwar für den Propheten (s) und seine Ehefrauen herabgesandt worden sei, ihre Anwendung jedoch in gleicher Weise für den universellen Propheten und die gewöhnlichen Muslime gelte. Denn uns ist aufgetragen, dem Propheten zu folgen, und alle Anordnungen, die auf den Propheten herabgesandt wurden, gelten auch für uns. Nur bei einigen besonderen Anordnungen wurde ausdrücklich klargestellt, dass sie ausschließlich für den Propheten bestimmt sind. Aus dem genannten Werk, Band 3]
Dies ist die klare Bedeutung des Verses. Doch in dieser Angelegenheit wurde keine übermäßige Strenge angewandt, weil es Situationen gibt, in denen Frauen das Haus verlassen müssen. Es kann sein, dass eine Frau keinen Vormund hat. Es kann auch sein, dass die finanzielle Notlage, Arbeitslosigkeit, Krankheit, Unfähigkeit des Familienoberhaupts oder viele ähnliche Gründe dazu führen, dass eine Frau außerhalb des Hauses arbeiten muss. Für solche Situationen wurde im Gesetz ausreichend Spielraum gelassen.
In einem Hadith heißt es:
(Arabisch*****************************)
Allah, der Erhabene, hat euch erlaubt, je nach Bedarf das Haus zu verlassen.
– al-Buchari
Doch das Tätigkeitsfeld der Frau ist ihr Haus. In dieser Ordnung und Regelung der islamischen Gesellschaftsordnung stellt eine solche Erlaubnis aus Gründen der Umstände und der Notwendigkeit keine Änderung dar. Sie ist lediglich eine Erlaubnis für einen besonderen Ausnahmefall und sollte auch auf diesen beschränkt bleiben.
Notwendige Einschränkungen
Der erwachsenen Frau ist in ihren eigenen Angelegenheiten ein beträchtliches Maß an Freiheit gewährt worden. Doch ist ihr nicht ebenso viel Freiheit gewährt worden wie einem erwachsenen Mann. Zum Beispiel:
Der Mann kann nach eigenem Willen überall hingehen. Die Frau jedoch – ob sie unverheiratet, verheiratet oder verwitwet sei – muss in jedem Fall auf Reisen von einem Mahram-Mann begleitet werden.
(Arabisch************)
Für eine Frau, die an Allah und das Jenseits glaubt, ist es nicht erlaubt, drei Tage oder länger zu reisen, ohne dass ihr Vater, ihr Bruder, ihr Ehemann, ihr Sohn oder irgendein Mahram-Mann bei ihr ist.
(Arabisch****************)
Überliefert von Hazrat Abu Huraira (ra): Der Prophet (s) sagte: Eine Frau soll keine Reise von einem Tag und einer Nacht unternehmen, solange sich kein Mahram-Mann bei ihr befindet.
(Arabisch*****************)
Von Hazrat Abu Huraira (ra) wird ferner überliefert, dass der Prophet (s) sagte: Für eine muslimische Frau ist es nicht halal, auch nur eine Nacht ohne einen Mahram-Mann zu reisen. – Abu Dawud
Bei der in diesen Überlieferungen bestehenden Meinungsverschiedenheit über die Dauer der Reise ist es nicht von so großer Bedeutung, ob es sich um einen oder zwei Tage handelt. Wichtig ist vielmehr, dass der Frau nicht die Freiheit gewährt wurde, allein zu reisen. Denn dies ist äußerst schädlich. Deshalb legte der Prophet (s) bei der Festlegung der Reisedauer keinen so großen Wert darauf. Im Hinblick auf unterschiedliche Zustände, Zeiten und Umstände erwähnte er unterschiedliche Zeitspannen.
Dem Mann ist in Bezug auf seine eigene Eheschließung volle Freiheit gewährt worden. Er kann jede Frau heiraten, sei sie Muslimin oder eine Angehörige der Schrift, und er kann auch eine Sklavin halten. Die Frau ist in dieser Hinsicht jedoch nicht völlig frei. Sie kann keinen Nichtmuslim heiraten.
(Arabisch************)
Sie ist für jene nicht halal, und auch jene sind für sie nicht halal. – Sure al-Mumtahana: 10
Sie darf auch mit einem männlichen Sklaven keinen Geschlechtsverkehr haben. So wie dem Mann im Koran der Geschlechtsverkehr mit einer Sklavin gestattet wurde, wurde er der Frau nicht gestattet. Zur Zeit von Hazrat Umar (ra) hatte eine Frau den Koran falsch ausgelegt und mit ihrem Sklaven Geschlechtsverkehr. Als Hazrat Umar (ra) davon erfuhr, legte er die Angelegenheit zur Beratung in der Schura-Versammlung der Gefährten vor. Nach der Beratung wurde einstimmig folgende Entscheidung getroffen:
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Sie hat das Buch Allahs falsch ausgelegt.
Als eine andere Frau Hazrat Umar (ra) um die Erlaubnis für eine solche Handlung bat, bestrafte er sie schwer und sagte:
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Solange die arabischen Frauen vor verwerflichen Handlungen sicher bleiben, liegt darin ihr Wohl.
Eine Frau kann unter den freien muslimischen Männern, ausgenommen Sklaven und Kafir, jeden beliebigen Mann zum Ehemann wählen. Doch auch in dieser Angelegenheit ist es erforderlich, die Zustimmung ihres Vaters, Großvaters, Bruders und der übrigen Vormünder einzuholen. Der Vormund hat jedoch nicht das Recht, eine Frau gegen ihren Willen irgendwo zu verheiraten. Denn diesbezüglich gibt es eine Anweisung des Propheten:
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Bei der Entscheidung über die Wahl des Ehemanns hat das Mädchen ein größeres Recht als der Vormund.
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Ein jungfräuliches Mädchen darf nicht ohne ihre Zustimmung verheiratet werden.
Doch auch für eine Frau ist es nicht angemessen, gegen die Meinung der verantwortlichen Männer ihrer Familie denjenigen zu heiraten, den sie will. Deshalb wird im Edlen Koran überall dort, wo die Heirat eines Mannes erwähnt wird, gesagt, dass er selbst heiraten soll. Zum Beispiel:
(Arabisch***********)
Heiratet keine Götzendienerin.
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Sie heiraten sie mit der Erlaubnis der Angehörigen ihrer Familie.
Doch wo von der Verheiratung von Frauen die Rede ist, wird gesagt, dass sie verheiratet werden sollen. Zum Beispiel:
(Arabisch**********)
Verheiratet die verwitweten Frauen.
(Arabisch**************)
Verheiratet eure Frauen nicht mit polytheistischen Männern, bevor diese gläubig geworden sind.
Das alles bedeutet, dass die verheiratete Frau ihrem Ehemann untersteht, ebenso wie die unverheiratete Frau der für die Familie verantwortlichen Person untersteht. Diese Unterordnung bedeutet jedoch nicht, dass sie keine Freiheit in ihrem Wollen und Handeln oder überhaupt keine Entscheidungsfreiheit in ihren eigenen Angelegenheiten besitzt. Ihr eigentlicher Sinn ist vielmehr, dass der Mann dafür verantwortlich ist, die gesellschaftliche Ordnung vor Spaltung und Unordnung zu bewahren und den Charakter und das Handeln der Familie vor Gefahren von innen und außen zu schützen. Zur Wahrung dieser Ordnung ist es die unerlässliche Pflicht der Frau, demjenigen zu gehorchen, der für ihre Wahrung verantwortlich ist, sei es ihr Ehemann, ihr Vater oder ihr Bruder.
Die Rechte der Frau
Auf diese Weise hat der Islam –(Arabisch*************) – zugleich, indem er als natürliche Tatsache anerkennt, dass Allah einige von ihnen über andere gestellt hat, (Arabisch*********)– dass Männern gegenüber Frauen ein gewisser Vorrang zukommt – richtig festgelegt. Er erkennt auch den Unterschied zwischen Frau und Mann in biologischer und psychologischer Hinsicht richtig an. Er hält den bestehenden Unterschied genau aufrecht und legt ihren jeweiligen Rang und ihre jeweiligen Unterhaltsansprüche entsprechend diesem Unterschied fest. Danach stellt sich die wichtige Frage nach den Rechten der Frau. Bei der Festlegung dieser Rechte hat der Islam drei Dinge berücksichtigt.
Erstens wurde dem Mann die Autorität ausschließlich zur Aufrechterhaltung der Ordnung in der Familie verliehen, damit er diese nicht ausnutze, um Unrecht zu begehen, und damit das Verhältnis zwischen Herrscher und Untertan nicht in ein Verhältnis zwischen Herr und Sklavin verwandelt werde.
Zweitens müssen der Frau alle Möglichkeiten gewährt werden, durch die sie innerhalb der Grenzen der gesellschaftlichen Ordnung ihre natürlichen Fähigkeiten entfalten und sich möglichst gut am Aufbau der Zivilisation beteiligen kann.
Drittens soll es der Frau möglich sein, die höchsten Gipfel der Entwicklung und des Erfolgs zu erklimmen. Doch alles, was sie in ihrer Entwicklung und ihrem Erfolg erreicht, soll sie als Frau erreichen. Sie hat kein Recht, sich als Mann zu verkleiden, und sie zu einem männlichen Lebensstil zu formen, ist weder für sie noch für die Zivilisation förderlich. Auch kann sie in einer männlichen Lebensweise keinen Erfolg erlangen.
Wenn man die drei oben genannten Punkte vollständig berücksichtigt, lässt sich in keiner alten oder modernen Gesellschaftsordnung der Welt ein Beispiel dafür finden, dass der Islam der Frau derart umfassende kulturelle und wirtschaftliche Rechte verliehen, sie mit so hoher Ehre und Würde ausgezeichnet und zum Schutz all dieser Rechte und dieser Würde innerhalb moralischer und rechtlicher Vorschriften eine derartige dauerhafte Garantie gewährt hat.
Wirtschaftliche Rechte
Das wichtigste und notwendigste, wodurch die Würde des Menschen in der Gesellschaft begründet wird und wodurch er diese Würde bewahren kann, ist seine wirtschaftliche Stellung. Mit Ausnahme des Islam haben alle anderen Gesetze die Frau in wirtschaftlicher Hinsicht schwach gehalten, und der Hauptgrund für die Versklavung der Frau in der Gesellschaft ist gerade ihre wirtschaftliche Notlage. Europa wollte diesen Zustand beenden und machte die Frau deshalb erwerbstätig. Dadurch brachte es jedoch ein weiteres großes Übel herbei. Der Islam nahm einen mittleren Weg zwischen diesen beiden. Er verlieh der Frau umfangreiche Erbrechte. Sie erhält einen Anteil am Erbe ihres Vaters, ihres Ehemannes, ihrer Kinder und anderer naher Verwandter [Im Erbrecht wurde der Frau die Hälfte des Anteils des Mannes zugesprochen. Der Grund dafür ist, dass die Frau von ihrem Ehemann die Morgengabe und ihren Unterhalt erhält. Der Mann ist davon ausgeschlossen. Der Unterhalt der Frau ist nicht nur für den Ehemann wajib, sondern wenn kein Ehemann vorhanden ist, sind auch der Vater, der Bruder, die Kinder oder andere Verwandte und ältere Familienangehörige verpflichtet, für ihren Unterhalt aufzukommen. Da also der Frau nicht die schwere Verantwortung auferlegt wurde, die der Mann trägt, wurde ihr auch nicht der Anteil am Erbe gewährt, der dem Mann zugesprochen wurde.] Darüber hinaus erhält sie von ihrem Ehemann die Morgengabe. Das Vermögen, das sie auf all diesen Wegen erwirbt, steht vollständig in ihrem Eigentum und Besitz, und weder ihr Vater, ihr Ehemann noch irgendjemand anderes hat das Recht, darüber zu verfügen. Wenn sie außerdem Kapital in ein Geschäft investiert oder durch ihre eigene Arbeit Geld verdient, gehört auch dieses ihr. Trotzdem liegt die vollständige Verantwortung für ihren Unterhalt beim Ehemann. Wie wohlhabend die Ehefrau auch sein mag, der Ehemann kann sich nicht von der Pflicht zu ihrem Unterhalt befreien. Auf diese Weise wurde die wirtschaftliche Stellung der Frau im Islam so stark gefestigt, dass sie sich oft in einer besseren Lage befindet als der Mann.
Kulturelle Rechte
Der Frau wurde das uneingeschränkte Recht eingeräumt, ihren Ehemann zu wählen. Niemand darf sie gegen ihren Willen irgendwo verheiraten, und niemand kann sie daran hindern. Wenn sie allerdings einen Mann zum Ehemann wählt, der ihrem Rang nach ihrer Herkunft unterlegen ist, haben ihre Vormünder das Recht, dagegen Einspruch zu erheben.
Der Frau ist das volle Recht auf Scheidung von einem lieblosen, tyrannischen oder untüchtigen Ehemann gewährt worden. Der Islam weist den Ehemann an, die ihm gegenüber seiner Ehefrau eingeräumten Rechte mit gutem und barmherzigem Verhalten auszuüben. Der Koran sagt:
(Arabisch**************************)
Behandelt die Frauen gut
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Vergesst nicht, eure gegenseitigen Beziehungen von Barmherzigkeit und Zuneigung prägen zu lassen.
Der ehrwürdige Prophet (s) sagte:
(Arabisch**************************)
Die Besten unter euch sind diejenigen, die zu ihren Ehefrauen am besten sind und ihre eigene Familie liebevoll behandeln.
Dies ist nicht bloß eine moralische Ermahnung. Wenn der Ehemann bei der Ausübung seiner Rechte gegenüber der Ehefrau Unrecht und Unterdrückung begeht, hat die Ehefrau das Recht, rechtliche Schritte einzuleiten.
4. Witwen und geschiedenen Frauen sowie jenen Frauen, deren Ehe gesetzlich aufgelöst oder die von ihrem Ehemann getrennt worden sind, ist das uneingeschränkte Recht auf eine zweite Eheschließung gewährt worden. In dieser Angelegenheit ist ausdrücklich erklärt worden, dass der frühere Ehemann oder irgendeiner seiner Verwandten keinerlei Rechte über diese Frauen besitzt. Ein solches Recht ist den Frauen in den meisten Staaten Europas und Amerikas nicht gewährt worden.
5. Im Zivil- und Strafrecht ist die vollständige Gleichheit zwischen Frauen und Männern hergestellt worden. Hinsichtlich des Schutzes von Eigentum, Leben, Ehre und Ansehen macht der Islam keinerlei Unterschied zwischen Frauen und Männern.
Bildung der Frauen
Den Frauen ist nicht nur erlaubt worden, religiöse und weltliche Bildung zu erwerben; vielmehr ist ihre Bildung ebenso als notwendig erachtet worden wie die Bildung der Männer. So wie die Männer vom ehrwürdigen Propheten (S) religiöse und ethische Unterweisung erhielten, taten dies auch die Frauen. Für die Frauen wurden bestimmte Zeiten festgelegt, und zu diesen Zeiten erschienen sie beim ehrwürdigen Propheten (S), um von ihm Unterricht zu erhalten. Die Ehefrauen des Propheten, insbesondere ʿĀʾischa aṣ-Ṣiddīqa (R), waren nicht nur Lehrerinnen der Frauen, sondern auch der Männer; bedeutende Gefährten und Tābiʿūn lernten bei ihr Hadith, Tafsir und Fiqh. Von vornehmen Menschen ganz zu schweigen, befahl der ehrwürdige Prophet (S) sogar, Sklavinnen zu unterrichten. Er sagte:
(Arabisch********************************)
Wer eine Sklavin besitzt, sie gut unterrichtet, sie in Anstand und Schicklichkeit unterweist, sie anschließend freilässt und heiratet, erhält dafür doppelten Lohn.
Buchārī
Daher gibt es hinsichtlich der grundlegenden Bildung und Erziehung aus islamischer Sicht keinen Unterschied zwischen Frau und Mann. Hinsichtlich der Art der Bildung ist ein Unterschied allerdings notwendig. Die eigentliche Bildung der Frau besteht aus islamischer Sicht darin, sie zu einer vortrefflichen Ehefrau, einer vortrefflichen Mutter und einer vortrefflichen Hausfrau zu formen. Da ihr Tätigkeitsbereich das Haus ist, muss ihr eine solche Bildung vermittelt werden, die sie für diesen Bereich besser geeignet macht. Darüber hinaus benötigt sie auch jene Kenntnisse und Wissenschaften, die den Menschen zu einem wahrhaft menschlichen Wesen formen, seinen Charakter bilden und seinen Horizont erweitern können. Eine solche Bildung und Erziehung ist für jede Frau unerlässlich. Wenn jedoch eine Frau über außergewöhnliche Weisheit und geistige Fähigkeiten verfügt und auch nach dieser Bildung und Erziehung eine höhere Ausbildung in anderen Wissens- und Wissenschaftsbereichen erlangen möchte, wird der Islam ihr dabei kein Hindernis in den Weg legen. Die Bedingung ist jedoch, dass sie die von der Scharia festgelegten Grenzen nicht überschreitet.
Die wahre Befreiung der Frau [Emanzipation]
Dies alles betrifft nur die Frage der Rechte. Doch die gewaltige Gunst, die der Islam der Frau erwiesen hat, lässt sich dadurch noch nicht ermessen. Die gesamte Geschichte der menschlichen Zivilisation bezeugt, dass die Frau auf der Erde als Verkörperung von Erniedrigung, Schande und Sünde betrachtet wurde. Für den Vater war die Geburt einer Tochter ein gewaltiges Verbrechen und eine Schande. Um der Erniedrigung durch das Verhältnis zu Schwiegervater und Schwiegermutter zu entgehen, war es üblich geworden, Töchter zu töten. [Der Koran beschreibt die Mentalität dieses Zeitalters der Unwissenheit mit folgenden Worten:
(Arabisch********************************)
Wenn einem von ihnen die Nachricht von der Geburt einer Tochter überbracht wurde, verdüsterte sich sein Gesicht, als hätte er Gift getrunken. Über diese Nachricht war er so beschämt, dass er sein Gesicht nicht zeigen konnte. Nicht zeigen konnte. Er dachte: „Soll ich die Tochter trotz der Erniedrigung aufnehmen oder sie in der Erde begraben?“]
Nicht nur die Unwissenden und Ungebildeten, auch die religiösen Führer der gebildeten Gesellschaft waren lange Zeit mit der Frage konfrontiert, ob die Frau überhaupt ein Mensch sei, ob Allah ihnen eine Seele gegeben habe und Ähnlichem. Nach hinduistischer Auffassung sind die Veden für Frauen verboten. Nach buddhistischer Auffassung gibt es für denjenigen, der Beziehungen zu Frauen unterhält, keinen Weg zum Nirwana. Nach christlicher und jüdischer Auffassung ist allein die Frau für die menschliche Sünde verantwortlich. In Griechenland hatten Hausfrauen weder Bildung und Erziehung noch Anteil an Zivilisation, Kultur und gesellschaftlichen Rechten. In Rom, Iran, Ägypten, China und anderen Zentren der Zivilisation war die Lage der Frau nahezu ebenso. Infolge jahrhundertelanger Sklaverei, Unterwerfung sowie weltweiter Verachtung und Erniedrigung war das Gefühl der Selbstachtung aus dem Herzen der Frau getilgt worden. Sie hatte vergessen, mit welchen Rechten sie auf der Welt geboren worden war und dass ihr ein ehrenvoller Platz zustand. Der Mann betrachtete es als sein Recht, ihr Unrecht und Gewalt anzutun, und die Frau hielt es für ihre Pflicht, all diese Misshandlungen zu ertragen. In ihr war die Haltung der Sklaverei so fest verankert worden, dass sie sogar so sehr in ihr verankert war, dass sie stolz darauf war, sich als Sklavin ihres eigenen Ehemanns zu bezeichnen, und die Verehrung des Ehemanns war ihre Religion.
In einer solchen Lage war es der Islam, der nicht nur rechtlich, sondern auch auf geistiger Ebene eine gewaltige Revolution herbeiführte. Nur der Islam hat bei Frauen und Männern eine Veränderung der oben genannten Denkweise bewirkt. Die Parolen über Frauenrechte, Frauenbildung und die Erweckung der Frauen, die Sie heutzutage hören, sind das Echo jener revolutionären Botschaft, die aus dem Mund von Hazrat Muhammad (S.) verkündet wurde. Er veränderte die Richtung des menschlichen Denkens, und nur er ließ die gesamte Welt wissen, dass die Frau genau ebenso ein Mensch ist wie der Mann.
(Arabisch***************************)
Allah, der Erhabene, hat euch alle aus einem einzigen Menschen erschaffen und aus ihm ein Paar erschaffen. In den Augen Allahs gibt es keinerlei Unterschied zwischen Frau und Mann.
Sure an-Nisā: 1
(Arabisch***************************)
Wie der Mann handelt, so wird er den entsprechenden Lohn erhalten, und wie die Frau handelt, genau den entsprechenden Lohn wird sie erhalten.
Sure an-Nisā: 32
Der Weg zu dem Rang, den ein Mann durch den Glauben und gute Taten zur spirituellen Vervollkommnung erlangen kann, steht auch der Frau offen. Wenn ein Mann zu Ibrāhīm ibn Adham werden kann, so kann niemand der Frau den Weg versperren, Rabia al-Basri zu werden.
(Arabisch***************************)
Ihr Herr antwortete auf ihr Bittgebet: „Ich werde die Tat keines einzigen unter euch verlorengehen lassen – sei es ein Mann oder eine Frau; ihr seid voneinander.“
– Āl-i ʿImrān: 195
(Arabisch***************************)
Und wer auch immer Gutes tut – sei es eine Frau oder ein Mann –, wenn er gläubig ist, wird ein solcher Mensch ins Paradies eintreten, und ihnen wird nicht das geringste Unrecht widerfahren.
_an-Nisāʾ: 124
Wiederum war Muhammad (s.) der Einzige, der die Männer darauf hingewiesen hat, dass die Männer zwar Rechte gegenüber den Frauen haben, die Frauen aber ebenso Rechte gegenüber den Männern haben.
(Arabisch***************************)
So wie die Frau Pflichten und Verantwortungen hat, hat sie ebenso ihre Rechte.
Darüber hinaus hat Hadhrat Muhammad (s.) die Frau von Scham, Erniedrigung und Demütigung befreit und sie mit Würde und Ansehen bekleidet. Er hat dem Vater erklärt, dass die Tochter für ihn keine Schande ist, sondern dass er durch ihre Erziehung und die Erfüllung ihrer Rechte das Paradies erlangen kann.
(Arabisch***************************)
Wenn jemand seine beiden Töchter bis zum Erwachsenenalter aufzieht, werden er und ich am Tag der Auferstehung so gemeinsam erscheinen, wie meine beiden Finger beieinander sind.
Muslim
(Arabisch***************************)
Wenn jemand Töchter bekommt und sie aufzieht, werden sie für ihn ein Schutz vor der Hölle sein.
– an-Nasa’i
Der edle Prophet (s) hat dem Ehemann gesagt, dass eine gute Ehefrau für ihn die größte Gunst auf Erden ist.
(Arabisch***************************)
Die beste der weltlichen Gnadengaben ist eine gute Ehefrau.
An-Nasa’i
(Arabisch***************************)
Von den Dingen dieser Welt sind mir Frauen und Duft am liebsten, und das Gebet ist das Labsal meiner Augen.
An-Nasa’i
(Arabisch***************************)
Unter den Gnadengaben der Welt gibt es nichts Besseres als eine vortreffliche Ehefrau.
Ibn Madscha
Nur der Prophet des Islam, Hazrat Muhammad (s), hat gesagt, dass nach Allah und dem Gesandten die Mutter am meisten Anspruch auf Ehre, Ansehen und gute Behandlung hat.
(Arabisch***************************)
Ein Mann fragte: „O Gesandter Allahs, wer hat den größten Anspruch darauf, von mir gut behandelt zu werden?“ Der Gesandte sagte: „Deine Mutter.“ Er fragte: „Und wer danach?“ Er sagte: „Deine Mutter.“ Er fragte: „Und wer danach?“ Er sagte: „Deine Mutter.“ Er fragte: „Und wer danach?“ Er sagte: „Dein Vater.“
Bukhari.
(Arabisch***************************)
Ungehorsam gegenüber der Mutter und die Verweigerung ihrer Rechte hat Allah für dich verboten. – Bukhari
Der edle Prophet (s) hat den Menschen auch diese Wahrheit mitgeteilt: Eine ausgeprägte Gefühlsbetontheit, die Feinfühligkeit des Sinnesempfindens und die Neigung zu Extremen gehören zur Natur der Frau. Allah hat sie auf dieser Wesensart erschaffen, und sie ist für die Weiblichkeit kein Makel, sondern gerade ihre Schönheit. So viel Nutzen der Mensch daraus ziehen kann, kann er nur ziehen, indem er sie in dieser Wesensart bewahrt. Wenn man versucht, sie wie einen Mann geradlinig und hart zu machen, wird sie zerbrechen.
So ist der edle Prophet (s) der Erste und der Letzte, der in Bezug auf die Frau nicht nur die Einstellung der Männer, sondern auch die der Frauen verändert und anstelle der Einstellung des Zeitalters der Unwissenheit eine richtige Haltung geschaffen hat, die nicht auf Gefühlsbetontheit, sondern auf Vernunft und Verstand beruht. Danach begnügte er sich nicht mit der geistigen Reform und Verbesserung allein, sondern sorgte auch dafür, dass durch das Gesetz die Rechte der Frauen geschützt und die Ungerechtigkeit und Unterdrückung der Männer verhindert wurden. Darüber hinaus weckte er in den Frauen ein solches Bewusstsein, dass sie ihre rechtmäßigen Ansprüche erkennen und zu deren Wahrung den Schutz des Gesetzes in Anspruch nehmen konnten.
Der Prophet (s) empfand gegenüber den Frauen so viel Barmherzigkeit, Zuneigung und Liebe und war ein so großer Beschützer von ihnen, dass sie sich sofort an den Propheten wandten und sich bei ihm beklagten, sobald ihnen auch nur das geringste Unrecht oder irgendeine Ungerechtigkeit widerfuhr. Auch die Männer lebten in Furcht und Sorge, weil sie dachten, dass die Frauen sich vielleicht jederzeit beim Propheten über sie beschweren könnten.
Hadhrat Abdullah ibn Umar (ra) sagte:
Solange der Prophet (s) lebte, verhielten wir uns im Umgang mit unseren Ehefrauen sehr vorsichtig, aus Furcht, dass plötzlich eine strafende Anordnung gegen uns offenbart werden könnte. Nach dem Tod des Propheten (s) begannen wir, offen und ungezwungen mit ihnen zu sprechen. – Buchari
Aus einer Überlieferung von Ibn Madscha ist bekannt, dass der Prophet (s) verboten hat, die Ehefrau zu schlagen. Einmal beklagte sich Hadhrat Umar (ra), dass die Frauen sehr aufsässig geworden seien. Um sie gehorsam zu machen, sollte man die Erlaubnis haben, sie zu schlagen. Der Prophet (s) erteilte diese Erlaubnis. Die Menschen schienen schon seit Langem darauf gewartet zu haben. Noch am selben Tag wurden, nachdem die Erlaubnis erteilt worden war, siebzig Frauen von ihren Ehemännern geschlagen. Am folgenden Tag füllte sich das Haus des Propheten mit Frauen, die sich beschwerten. Der Prophet (s) versammelte die Menschen und sagte:
(Arabisch************************************************)
Heute haben siebzig Frauen die Angehörigen des Propheten Muhammad (s) umringt. Jede von ihnen hatte sich über ihren Ehemann beschwert. Diejenigen, die so gehandelt haben, sind nicht die Besten unter euch.
Das Ergebnis solcher moralischen und rechtlichen Reformen ist, dass der Frau in der islamischen Gesellschaft eine so hohe Stellung verliehen wurde, dass sich in keiner anderen Gesellschaft der Welt ein Beispiel dafür finden lässt. Eine muslimische Frau kann im weltlichen Leben und in religiösen Angelegenheiten, in materieller, geistiger und verstandesmäßiger Hinsicht, zu einem so hohen Gipfel von Ehre und Aufstieg gelangen, zu dem nur Männer aufsteigen können. Ihr Frausein ist auf diesem Weg in keiner Weise ein Hindernis. In diesem zwanzigsten Jahrhundert liegt die Welt weit hinter dem Islam zurück. Die menschliche Entwicklung des Denkens hat den Gipfel, den der Islam erreicht hat, noch nicht erreicht. Was die westlichen Länder der Frau gegeben haben, haben sie ihr nicht als Frau gegeben, sondern indem sie die Frau zum Mann gemacht haben. In Wahrheit gilt die Frau in ihren Augen noch heute als minderwertig, so wie sie im Zeitalter der Unwissenheit galt. Eine Königin des Hauses, die Ehefrau ihres Mannes, die Mutter ihrer Kinder – kurz gesagt: Für eine wirkliche Frau gibt es noch immer keine Würde. Wenn es Ehre und Ansehen gibt, dann nur für jene „männliche Frau“ oder die männlich gewordene Frau, die körperlich eine Frau, ihrer Denkweise nach jedoch ein Mann ist und in Zivilisation und Gesellschaft wie ein Mann handelt. Das heißt: Dies ist nicht die Würde der Weiblichkeit, sondern die Würde der Männlichkeit! Ein deutlicher Beweis für den Minderwertigkeitskomplex [Inferiority Complex] und die seelische Störung ist ferner, dass die westliche Frau stolz Männerkleidung trägt, während kein Mann es wagen kann, Frauenkleidung zu tragen und damit in der Öffentlichkeit aufzutreten. Ehefrau zu sein, gilt den westlichen Frauen als erniedrigend. Ehemann zu sein, gilt dagegen keinem Mann als erniedrigend. Die Frau empfindet Ehre darin, männliche Tätigkeiten auszuüben. Doch kein Mann hat Tätigkeiten wie Hausfrau zu sein und Kinder zu erziehen als ehrenvoll anerkannt. Diese Leistung hat allein der Islam vollbracht: Er hat die Frau an ihrem natürlichen Platz belassen und ihr in Zivilisation und Gesellschaft eine hohe Stellung verliehen. Tatsächlich hat allein der Islam die Würde der Weiblichkeit hochgehalten. Die islamische Zivilisation lässt die Frau Frau und den Mann Mann sein und nimmt von beiden jeweils die Tätigkeiten an, für die die Natur sie geschaffen hat. Danach hat sie jedem, indem sie ihn an seinem eigenen Platz beließ, gleiche Möglichkeiten zu Ehre, Aufstieg und Erfolg gegeben. In ihren Augen sind Weiblichkeit und Männlichkeit gleichermaßen notwendige Bestandteile der Menschheit. Für den Aufbau der Zivilisation ist die Bedeutung beider gleich. Der Dienst, den beide innerhalb ihrer jeweiligen Grenzen leisten, ist gleichermaßen segensreich und gleichermaßen ehrenvoll. Weder liegt in der Männlichkeit irgendeine Vornehmheit, noch in der Weiblichkeit irgendeine Erniedrigung. So wie der Mann, wenn er als Mann männliche Tätigkeiten ausübt, dadurch Ehre, Aufstieg und Erfolg erlangt, so wird auch die Frau, wenn sie Frau bleibt und weibliche Tätigkeiten ausübt, dadurch Ehre, Aufstieg und Erfolg erlangen. Die Aufgabe einer guten Zivilisation besteht darin, der Frau in ihrem natürlichen Tätigkeitsbereich vollständige Menschenrechte zu gewähren, sie mit Ehre und Achtung zu schmücken, durch Bildung und Erziehung ihre verborgenen Talente zur Entfaltung zu bringen und ihr innerhalb dieses Tätigkeitsbereichs und dieser Grenzen den Weg zu Aufstieg und Erfolg zu öffnen.
Die islamische Gesellschaftsordnung
।।Drei।।
Schutz
Dies war die vollständige Struktur der islamischen Gesellschaftsordnung. Bevor wir nun weiter voranschreiten, wollen wir noch einmal ihre wichtigen Merkmale betrachten.
1. Ziel dieser Ordnung ist es, das gesellschaftliche Umfeld so weit wie möglich von sexueller Erregung und sexueller Unruhe frei zu halten, damit die körperlichen und geistigen Kräfte des Menschen sich in einer reinen und friedvollen Umgebung entfalten können und er mit seinen bewahrten und gebündelten Kräften am Aufbau der Zivilisation teilnehmen kann.
2. Die sexuellen Beziehungen müssen vollständig auf den ehelichen Rahmen beschränkt werden; außerhalb dieses Rahmens sollen nicht nur alle Formen des Handelns verhindert werden, die Unordnung hervorrufen, sondern auch alle Wege geistiger Unordnung so weit wie möglich versperrt werden.
3. Der Arbeitsbereich der Frau soll vom Arbeitsbereich des Mannes getrennt sein. Unter Berücksichtigung ihrer jeweiligen Wesensart sowie ihrer geistigen und körperlichen Fähigkeiten sollen ihnen unterschiedliche Aufgaben beim Aufbau der Zivilisation übertragen werden. Ihre Beziehungen sollen so gestaltet werden, dass sie einander innerhalb der rechtmäßigen Grenzen unterstützen. Doch niemand soll die Arbeit des anderen überschreiten und sich in sie einmischen.
4. Innerhalb der Ordnung und Disziplin der Familie soll der Mann den Rang eines Dienenden einnehmen, und alle Mitglieder des Hauses sollen dem Hausherrn gehorsam sein.
5. Frauen und Männer sollen gleichermaßen Menschenrechte besitzen, und beiden soll die Möglichkeit zur Weiterentwicklung gegeben werden. Doch sie dürfen die für sie in der Gesellschaft festgelegten Grenzen nicht überschreiten.
Für die Gesellschaftsordnung, auf deren Grundlage dieses Bild errichtet worden ist, bedarf es bestimmter Schutzmaßnahmen, durch die ihre Ordnung mit all ihren Merkmalen unversehrt bewahrt werden kann. Diese Schutzmaßnahmen des Islam sind dreierlei:
a) spirituelle Reform,
b) Strafgesetze,
c) vorbeugende Maßnahmen.
Diese drei Arten von Schutzmaßnahmen wurden unter Berücksichtigung der Beschaffenheit der Gesellschaftsordnung und der Zweckmäßigkeit ihrer Zielsetzung vorgeschlagen und erfüllen gemeinsam die Aufgabe ihrer Aufrechterhaltung.
Durch die spirituelle Reform wird der Mensch so erzogen, dass er aus eigenem Antrieb zur Befolgung dieser Gesellschaftsordnung bereit ist, unabhängig davon, ob es außerhalb eine Kraft gibt, die ihn zu dieser Befolgung zwingt, oder nicht.
Durch das Strafrecht wird in dieser Ordnung jeder Art von Verbrechen, die sie zerstören, der Weg versperrt.
Durch vorbeugende Maßnahmen wurden im gesellschaftlichen Leben solche Methoden eingeführt, die das gesellschaftliche Umfeld von ungewöhnlicher Erregung und künstlicher Betriebsamkeit reinigen und die Gefahr sexueller Zügellosigkeit ganz erheblich verringern. Diese Methoden schaffen denjenigen, deren spirituelle Reform durch moralische Erziehung nicht erreicht worden ist und die auch keine Angst vor dem Strafrecht haben, solche Hindernisse in den Weg, dass es ihnen trotz ihres Interesses und Verlangens nach sexueller Zügellosigkeit schwerfällt, wirksame Schritte zu unternehmen. Darüber hinaus trennen diese Methoden die Lebensbereiche von Frauen und Männern, errichten die Ordnung der Familie auf wahrhaft islamische Weise und bewahren jene Grenzen, die der Islam festgelegt hat, um den Unterschied zwischen dem Leben von Frauen und Männern aufrechtzuerhalten.
Geistige Reform
Im Islam ist die Grundlage des Gehorsams vollständig auf dem Glauben errichtet worden. Für denjenigen, der an Allah, Sein Buch und Seinen Gesandten glaubt, gelten die Gebote und Verbote der Scharia. Um die Gebote zu befolgen und sich von den Verboten fernzuhalten, genügt ihm das Wissen, dass Allah diese oder jene Sache geboten und diese oder jene Sache verboten hat. Wenn daher ein Gläubiger aus dem Buch Allahs erfahren kann, dass Allah Unzucht und üble Taten verboten hat, verlangt sein Glaube von ihm, sich von solchen Taten fernzuhalten und auch sein eigenes Herz davor zu bewahren, sich zu ihnen hingezogen zu fühlen. Ebenso gilt für eine Frau, sobald sie erfährt, welchen Rang Allah und Sein Gesandter ihr innerhalb der Gesellschaft zugewiesen haben, dass ihr Glaube verlangt, diesen Rang mit zufriedener Gesinnung und bereitwillig anzunehmen und ihre Grenzen nicht zu überschreiten. So beruht auch innerhalb der Grenzen von Moral und gesellschaftlichem Verhalten, ebenso wie in den übrigen Lebensbereichen, der richtige und vollständige Gehorsam gegenüber dem Islam auf dem Glauben. Aus diesem Grund wird im Islam vor jeder Anweisung in Fragen der Moral und des gesellschaftlichen Verhaltens zuerst zum Glauben aufgerufen und versucht, ihn fest im Herzen zu verankern.
Dies ist ein grundlegendes Mittel der geistigen Reform, dessen Bedeutung nicht nur mit der Moral, sondern mit der gesamten islamischen Ordnung verbunden ist. Danach hat der Islam gerade auf dem Gebiet des Charakters eine wissenschaftliche Methode der Erziehung und Bildung angewandt, deren kurze Darstellung im Folgenden gegeben wird:
Scham:
Wie bereits gesagt wurde, begeht der Mensch, von seiner tierischen Natur beeinflusst und gelenkt, Ehebruch, Diebstahl, Lüge und andere Verbrechen; all dies widerspricht der menschlichen Natur. Diese Handlungen werden in der Sprache des Korans „Munkar“ genannt. Das Wort „Munkar“ bedeutet „unwissend“ oder „unbekannt“. Wenn diese Handlungen „Munkar“ genannt werden, bedeutet dies, dass es sich um solche Taten handelt, mit denen die menschliche Natur nicht vertraut ist und die sie mit Abscheu betrachtet, während seine tierische Natur ihn dazu zwingt, all diese Taten zu begehen. Der weise Gesetzgeber der Scharia hat auf diesen Gegenstand beziehungsweise dieses Element hingewiesen, und es ist die „Scham“.
Die Scham, die ein Mensch angesichts seiner eigenen Natur und vor Allah empfindet, wenn er sich zu „Munkar“-Taten hingezogen fühlt, wird in der islamischen Terminologie „Haya“ genannt. Haya bedeutet Scham. Diese Scham ist eine Kraft, die den Menschen von Unzucht und anderen Munkar- oder verwerflichen Taten abhält. Wenn er einmal von seiner tierischen Natur beeinflusst und gelenkt wird und eine schlechte Tat begeht, ist es eben dieses Ding [die Scham], das sein Innerstes quält. Die kurze Zusammenfassung der islamischen sittlichen Erziehung und Bildung besteht darin, dass sie dieses verborgene Element der Scham aus den Tiefen der menschlichen Natur hervorholt, es auf dem Weg von Wissen, Verständnis und Bewusstsein nährt und dieses Element aus den Tiefen der menschlichen Natur hervorholt, es auf dem Weg von Wissen, Verständnis und Bewusstsein nährt, dadurch ein starkes sittliches Empfinden schafft und es als Wächter im menschlichen Herzen einsetzt. Dies ist die Erklärung des folgenden Hadiths:
(Arabisch************************************************************************)
Jede Religion hat ihren eigenen Charakter, und der Charakter des Islam ist die Scham.
Auch ein anderer Hadith wirft Licht darauf:
(Arabisch**********************************************)
Wenn du keine Scham hast, dann tu, was du willst.
Denn sobald die Scham verschwunden ist, siegt der Beginn des tierischen Triebes über den Menschen, und dann bleibt für ihn das „Munkar“ nicht länger „Munkar“.
Die dem Menschen von Natur aus innewohnende Scham ist wie ein formloses Element, das keine bestimmte Gestalt annimmt. Gegenüber allen verwerflichen Handlungen empfindet sie einen natürlichen Ekel, doch besitzt sie kein bewusstes Verständnis. Deshalb weiß der Mensch nicht, warum er eine bestimmte Handlung verabscheut – diese Unwissenheit schwächt allmählich sein Schamgefühl. Unter dem Druck der tierischen Triebe beginnt er daraufhin, verwerfliche Handlungen zu begehen, und nachdem er dies wiederholt getan hat, geht sein Schamgefühl schließlich verloren. Das Ziel der islamischen ethischen Erziehung besteht darin, diese Unwissenheit zu beseitigen. Sie macht ihn nicht nur mit den offen zutage tretenden „Munkar“-Handlungen vertraut, sondern lässt sie auch in den verborgenen Winkeln seines Herzens klar hervortreten. Sie warnt ihn vor der Schädlichkeit jeder einzelnen verwerflichen Handlung, damit er sie mit innerer Einsicht verabscheut. Danach macht die ethische Erziehung diese erworbene Scham so empfindsam, dass selbst die geringste Neigung zu einer verwerflichen Handlung ihm nicht verborgen bleibt und er selbst bei der geringsten Abweichung von seinen Wünschen und Begierden nicht darauf verzichtet, eine Warnung auszusprechen.
In der islamischen Ethik ist der Bereich der Scham so umfassend, dass kein Lebensbereich außerhalb davon liegt. So hat der Islam auch in jenem Bereich von Zivilisation und Gesellschaft, der mit dem Sexualleben des Menschen verbunden ist, ihre Hilfe zur sittlichen Läuterung in Anspruch genommen. Indem er die zarten, süßen und verborgenen Regungen des menschlichen Herzens in sexuellen Angelegenheiten offenlegt, warnt er die Scham davor und stellt sie unter ihre Aufsicht. Eine ausführliche Erörterung ist hier nicht möglich. Ich will mich mit einigen wenigen Beispielen begnügen.
Der Dieb des Herzens
Aus der Sicht des Gesetzes wird Ehebruch durch körperlichen Verkehr und körperliche Vereinigung begangen. Aus moralischer Sicht jedoch ist bereits die Zuneigung zum anderen Geschlecht außerhalb der ehelichen Grenzen, was Verlangen und Begierde betrifft, Ehebruch. Sich am Anblick der Schönheit einer fremden Person zu erfreuen, dem Klang ihrer Stimme im Ohr Vergnügen abzugewinnen, im Gespräch eine schmeichelnde Ausdrucksweise zu verwenden und immer wieder Schritte in Richtung ihrer Wohnung zu lenken – all dies sind Vorstufen des Ehebruchs und insofern Ehebruch. Das Gesetz kann einen solchen Ehebruch nicht erfassen. Er ist der Dieb des Herzens, und nur die Polizei des Herzens kann ihn festnehmen. In diesem Zusammenhang wird im Hadith folgende Warnung ausgesprochen:
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Die beiden Augen begehen Unzucht, und ihr Blick ist ihre Unzucht; die beiden Hände begehen Unzucht, und ihre Berührung ist ihre Unzucht; die beiden Füße begehen Unzucht, und ihr Gehen auf diesem Weg ist ihre Unzucht; das Gespräch ist die Unzucht der Zunge; Wünsche und Begierden sind die Unzucht des Herzens; schließlich bestätigt oder widerlegt das Geschlechtsorgan die Wahrhaftigkeit all dessen.
Das Übel des Blicks
Der Blick ist der größte Dieb des Herzens. Deshalb weisen der edle Koran und die ehrwürdigen Hadithe als Erstes darauf hin. Der Koran sagt:
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O Prophet! Sage den gläubigen Männern, dass sie ihren Blick von fremden Frauen abwenden und ihre Scham bewahren sollen. Das ist für sie der reinste Weg. Allah weiß genau, was sie tun. Und o Prophet! Sage den gläubigen Frauen, dass sie ihren Blick von fremden Männern abwenden und ihre Scham bewahren sollen. – Sure an-Nur: 30–31
In einem Hadith heißt es:
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O ihr Menschenkinder! Euer erster Blick sei euch verziehen. Doch hütet euch davor, ein zweites Mal hinzusehen. – al-Dschassās
Zu Hadhrat Ali (r.a.) wurde gesagt:(Arabisch*************************************************)
O Ali! Wirf nach dem ersten Blick keinen zweiten Blick. Der erste sei dir verziehen, der zweite jedoch nicht.
Hadhrat Dschābir fragte: „Was soll ich tun, wenn mein Blick plötzlich auf etwas fällt?“ Der Prophet sagte: „Wende deinen Blick sofort ab.“ – Abu Dawud
Die Neigung, Schönheit zur Schau zu stellen
Auch der Wunsch einer Frau, ihre Schönheit zur Schau zu stellen, ist eine Ursache für die schädlichen Folgen des Blicks. Dieser Wunsch tritt nicht immer offen zutage. Hinter dem Vorhang des Herzens verbirgt sich irgendwo der Wunsch, die eigene Schönheit zur Schau zu stellen, und eben dieser Wunsch kommt in der Schönheit der Kleidung, der sorgfältigen Gestaltung des Haars, der Wahl feiner und kostbarer Stoffe sowie in ähnlichen Dingen zum Ausdruck. Der Koran verwendet für all dies den umfassenden Begriff „Tabarrudsch al-Dschāhilīya“. Jede Zurschaustellung von Schönheit und jede Kleidung, die mit dem Ziel getragen wird, außer dem Ehemann die Augen anderer zu erfreuen, wird „Tabarrudsch al-Dschāhilīya“ genannt. Wenn irgendeine Verschönerung zu diesem Zweck vorgenommen wird, fällt auch sie unter „Tabarrudsch al-Dschāhilīya“. Dafür kann kein Gesetz erlassen werden. Es hängt vom Gewissen der Frau ab. Sie muss selbst über ihr Inneres Rechenschaft ablegen und prüfen, ob sich darin irgendein unreiner Wunsch verbirgt. Wenn dies der Fall ist, lautet Allahs Anweisung an sie:(Arabisch********************************)
Treibt nicht in solcher Zurschaustellung und Pracht einher, wie ihr es in der Zeit der Dschāhilīya zu tun pflegtet. – al-Ahzāb: 33
Eine Kleidung und Ausstattung, hinter der kein unreiner Wunsch steht, ist islamische Kleidung und Ausstattung. Wo auch nur die geringste schlechte Absicht vorhanden ist, handelt es sich um die Kleidung und Ausstattung der Dschāhilīya.
Die Schädlichkeit der Zunge
Die Zunge ist ein weiterer Handlanger des inneren Satans. Unermesslich ist das Unheil, das durch die Zunge unaufhörlich angerichtet wird und sich ausbreitet. Männer und Frauen unterhalten sich miteinander. Keine schlechte Absicht wird offen bekundet, doch der verborgene Dieb des Herzens erzeugt in der Stimme eine Süße, in der Art zu sprechen eine Anziehungskraft und im Gespräch eine betörende Atmosphäre. Der Koran entlarvt diesen Dieb des Herzens:
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Wenn ihr Allah fürchtet, sprecht nicht in schmeichelnder Weise [mit anderen]. Sonst wird derjenige, dessen Herz von [schlechter Begierde] befallen ist, Hoffnung in Bezug auf euch hegen. Wenn ihr sprecht, dann sprecht auf einfache und natürliche Weise [wie einer gewöhnlich mit einem anderen spricht]. – Al-Ahzab: 32
Dieser Dieb des Herzens erfreut sich daran, die Einzelheiten der ehelichen oder unehelichen sexuellen Beziehungen anderer zu schildern und anzuhören. Um diesen Genuss auszukosten, werden Liebeslieder gesungen, wahre und erfundene Liebesgeschichten erzählt, und all dies wird in der Gesellschaft verbreitet wie die sanfte Wärme eines schwelenden Feuers.
Der Koran sagt:(Arabisch***********************************************************************)
Für diejenigen, die wünschen, dass sich Schamlosigkeit unter den Muslimen verbreitet, gibt es sowohl im Diesseits eine schmerzhafte Strafe als auch im Jenseits. – An-Nur: 19
Die schädlichen Auswirkungen der Zunge haben noch viele weitere Bereiche, und in jedem Bereich ist ein Dieb des Herzens eingesetzt. Der Islam hat all dies untersucht und davor gewarnt. Einer Frau ist es nicht gestattet, ihrem Ehemann die Einzelheiten über eine andere Frau zu schildern. In einem Hadith heißt es:(Arabisch*********************************************************)
Männern und Frauen ist verboten worden, ihre ehelichen Geheimnisse anderen gegenüber zu schildern. Denn auch dadurch wird die Unsittlichkeit verbreitet und im Herzen leidenschaftliche Liebe geweckt. – Abu Dawud
Wenn der Imam beim Gebet in der Gemeinschaft einen Fehler macht oder es nötig wird, ihn in einer Angelegenheit zu warnen, ist es den Männern erlaubt, ihn durch den Ausruf „Subhanallah“ zu warnen. Den Frauen jedoch ist gesagt worden, dass sie nichts mit dem Mund sagen, sondern mit der einen Hand auf die andere schlagen sollen. – Abu Dawud, Buchari
Der Schaden der Worte
Oft bleibt die Zunge schweigsam. Doch durch andere Bewegungen wird das Gehör angezogen. Auch dies steht mit einer schlechten Absicht in Verbindung, und der Islam hat diesbezüglich eine Warnung ausgesprochen:(Arabisch******************************************************)
Sie sollen nicht mit den Füßen auf den Boden stampfend gehen, damit nicht bekannt wird, was für eine Schönheit, nämlich Schmuck und dergleichen, sie verborgen halten. – Sure an-Nur: 31
Der Schaden des Duftes
Unter all den Übermittlern, die eine Nachricht von einem schlechten Herzen zu einem anderen schlechten Herzen tragen, ist der Duft einer. Er ist ein äußerst feines Mittel zur Übermittlung einer Nachricht, das die Menschen geradezu für fein halten. Doch die islamische Schamhaftigkeit ist so empfindsam, dass selbst diese feine Bewegung ihrem zarten Wesen gegenüber schwerwiegend ist. Die islamische Schamhaftigkeit erlaubt keiner muslimischen Frau, in duftgetränkter Kleidung geschmückt auf der Straße zu gehen oder zu einer Versammlung zu gehen. Denn welchen Nutzen hätte es, wenn ihre Schönheit und ihr Schmuck verborgen blieben? Ihr Wohlgeruch würde sich in der Luft verbreiten und Erregung hervorrufen.
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Der Prophet (s) sagte: Eine Frau, die Parfüm oder andere Duftstoffe benutzt und sich unter die Menschen begibt, ist eine abgeirrte Frau.
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Wenn eine Frau unter euch in die Moschee geht, soll sie keine Duftstoffe verwenden.
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Für Männer ist farbloses, wohlriechendes Parfüm geeignet, für Frauen dagegen farbenprächtiges, geruchloses Parfüm.
Die Nachteile der Nacktheit
Im Kapitel über den Satr – [Nach der islamischen Scharia werden die Körperteile von Frauen und Männern, die bedeckt gehalten werden müssen, als Satr bezeichnet. – Übersetzer] – hat der Islam die richtige Bedeutung menschlicher Scham und Ehre dargelegt, und keine Zivilisation der Welt konnte diese widerlegen. Heutzutage macht es selbst den hochzivilisierten Völkern der Welt nichts aus, irgendeinen Teil des Körpers unbedeckt zu lassen, weder ihren Frauen noch ihren Männern. Für sie dient Kleidung der Schönheit, nicht dem Satr. Aus islamischer Sicht ist jedoch die Bedeutung des Satr größer als die der Schönheit; der Islam gebietet Frauen und Männern, jene Körperteile zu bedecken, durch die zwischen ihnen sexuelle Anziehung entstehen kann. Nacktheit ist eine solche Obszönität, dass die islamische Scham und Ehre sie keineswegs dulden kann. Von einem fremden Mann ganz zu schweigen, billigt der Islam auch nicht, dass Ehemann und Ehefrau sich voreinander nackt zeigen. – Ibn Madscha
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Wenn jemand von euch zu seiner Frau geht, soll er auf die Bedeckung der Schamteile achten. Beide sollen nicht wie Esel nackt daliegen. – Ibn Madscha
(Arabisch*******************************************************************)
Hazrat Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) sagte, dass sie den Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) niemals nackt gesehen habe.
Noch größere Schamhaftigkeit und Zurückhaltung zeigt sich darin, dass der Islam es nicht gutheißt, sich selbst in der Einsamkeit nackt aufzuhalten. Der Grund dafür ist, dass man vor Allah besonders schamhaft sein sollte.
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Hütet euch! Haltet euch niemals nackt auf. Denn die Engel Allahs sind bei euch; sie trennen sich nicht von euch, außer wenn ihr eure Notdurft verrichtet oder zu euren Frauen geht. Schämt euch daher vor ihnen und achtet auf ihre Würde.
Kleidungsstücke, durch die Körperteile sichtbar werden und die Awra entblößt wird, sind aus islamischer Sicht überhaupt keine Kleidung.
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Allahs Gesandter (s) sagte: Frauen, die trotz ihrer Kleidung nackt sind, andere erfreuen und sich von anderen erfreuen lassen und mit gekrümmtem Hals und stolz einherschreiten wie baktrische Kamele, werden niemals ins Paradies eintreten, ja nicht einmal seinen Duft wahrnehmen.
Einige Beispiele wurden hier angeführt, damit man daraus das Niveau des islamischen Charakters und seine charakterbildende Lebenskraft (Geist) ermessen kann. Der Islam möchte das soziale Umfeld und seine Atmosphäre von allen Dingen, die Obszönität und verwerfliche Handlungen fördern, frei und rein halten. Die Quelle all dieser Anreize liegt im Inneren des Menschen. Dort werden die Keime der Obszönheit und der verwerflichen Handlungen gehegt, und von dort gehen kleine Regungen oder Anreize aus, die später zu Unruhe und Verwirrung führen. Der Unwissende hält dies für belanglos und geht darüber hinweg; in den Augen des Verständigen jedoch ist es in Wahrheit der Ursprung jener verderblichen Krankheit, die Charakter, Zivilisation und Gesellschaft zerstört. Daher möchte die sittliche Unterweisung des Islam im Inneren des Menschen ein so starkes Schamgefühl schaffen, dass er sich selbst ständig zur Rechenschaft zieht und, sobald er auch nur die geringste Neigung zu einer schlechten Handlung verspürt, diese durch seine eigene Willenskraft bereits im Keim vernichten kann.
Strafrecht
Der tiefste Grundsatz des islamischen Strafrechts ist, dass ein Mensch, solange er kein Verbrechen begeht, das geeignet ist, die zivilisatorische Ordnung zu zerstören, nicht in die Fänge der Politik geraten soll. Hat er jedoch ein solches Verbrechen begangen, darf man ihn nicht durch eine milde Strafe daran gewöhnen, Sünde zu begehen und Strafe zu erleiden. Die Bedingungen für den Beweis eines Verbrechens müssen streng sein. – [Im islamischen Beweisrecht sind die Bedingungen für den Nachweis eines Verbrechens im Allgemeinen sehr streng gestaltet. Für den Nachweis des Ehebruchs sind sie am strengsten gestaltet worden. Im Allgemeinen hält das islamische Recht in allen Angelegenheiten zwei Zeugen für ausreichend. Für den Nachweis des Ehebruchs sind jedoch mindestens vier Zeugen vorgeschrieben.] Soweit wie möglich muss man die Menschen davor bewahren, unter die Anwendung des Gesetzes zu fallen. – [Der Prophet (s) sagte: „(Arabisch*********************)Bewahrt die Muslime so weit wie möglich vor der Strafe. Wenn es für den Schuldigen irgendeinen Weg zur Entlastung gibt, dann lasst ihn frei. Denn für den Imam ist es besser, sich beim Freisprechen zu irren, als sich bei der Verhängung einer Strafe zu irren.“ – Tirmidhi] Wenn jedoch jemand unter die Anwendung des Gesetzes fällt, soll man ihm eine so schwere Strafe auferlegen, dass er nicht nur von der Wiederholung der Sünde abgehalten wird, sondern auch die Hunderttausende anderer Menschen, die dieser Sünde zugeneigt sind, beim Anblick dieser schweren Strafe von Furcht und Schrecken ergriffen werden. Denn der Zweck des Gesetzes besteht darin, die Gesellschaft von Verbrechen zu befreien. Er besteht nicht darin, dass die Menschen wiederholt Verbrechen begehen und wiederholt Strafe erleiden.
Zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ordnung hat das islamische Strafsystem zwei Handlungen als strafbare Verbrechen festgelegt: die eine ist Ehebruch, die zweite eine falsche Anschuldigung.
Die Strafe für Ehebruch
Über den Ehebruch wurde bereits gesagt, dass diese Handlung unter moralischem Gesichtspunkt das Ergebnis des äußersten menschlichen Verfalls ist.
Wer diese Tat begeht, beweist in Wirklichkeit, dass seine Menschlichkeit vor der Tierhaftigkeit kapituliert hat. Danach kann er kein rechtschaffenes Mitglied der menschlichen Gesellschaft bleiben. Unter den Verbrechen, die der menschlichen Zivilisation einen Axthieb an ihrer Wurzel versetzen, ist dies aus Sicht der Gesellschaft eines der schwerwiegendsten. Aus all diesen Gründen hat der Islam sie als eine strafbare Sünde festgelegt, unabhängig davon, ob zusammen mit ihr ein anderes Verbrechen begangen wird oder nicht – gleichviel, ob sie unter Zwang geschieht oder mit der Verletzung der Rechte eines anderen verbunden ist.
Die Anweisung des Koran lautet:(Arabisch*************************************************************)
Gebt jeder Ehebrecherin und jedem Ehebrecher hundert Peitschenhiebe und lasst euch hinsichtlich des Gesetzes Allahs niemals von Mitleid mit ihnen bewegen, wenn ihr an Allah und den Jüngsten Tag glaubt. Und wenn sie bestraft werden, soll eine Gruppe von Muslimen bei ihrer Bestrafung anwesend sein. – Sure an-Nur: 2
In dieser Hinsicht besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem islamischen und dem westlichen Recht. Nach westlicher Rechtsauffassung ist Ehebruch an sich kein Verbrechen. In ihren Augen gilt Ehebruch nur dann als Verbrechen, wenn er unter Zwang begangen wird oder mit einer Frau, die verheiratet ist. Mit anderen Worten: Nach ihrem Recht ist der Ehebruch selbst ein Verbrechen, während die Anwendung von Gewalt und die Verletzung fremder Rechte zusätzliche Verbrechen darstellen. Aufgrund dieses grundlegenden Unterschieds wird auch bei der Bestrafung zwischen beiden unterschieden. Das westliche Recht hält bei erzwungenem Ehebruch eine Gefängnisstrafe für ausreichend; bei Ehebruch mit einer verheirateten Frau gewährt es ihrem Ehemann das Recht auf Schadensersatz. Diese Strafe wirkt der Kriminalität nicht entgegen, sondern macht die Menschen noch furchtloser. Deshalb nimmt in jenen Ländern, in denen dieses Recht gilt, das Ausmaß des Ehebruchs weiter zu. Im Gegensatz dazu hält das islamische Recht die Gesellschaft vom Ehebruch und von solchen Straftätern frei. In den Ländern, in denen eine solche Strafe für Ehebruch verhängt wird, wird dieses Verbrechen niemals allgemein verbreitet. Sobald die Strafe nach den Bestimmungen der Scharia vollzogen worden ist, entsteht unter der gesamten Bevölkerung des Landes eine solche Furcht, dass jahrelang niemand den Mut hat, ein solches Verbrechen zu begehen. Für Menschen, die zu solchen Verbrechen neigen, ist dies eine Art psychologische Operation, durch die sich in ihrem Inneren von selbst eine Umwandlung vollzieht.
Der Westen betrachtet hundert Peitschenhiebe mit Abscheu. Der Grund dafür ist nicht, dass er körperliche Bestrafung von Menschen nicht gutheißt; vielmehr liegt der eigentliche Grund darin, dass sich sein moralisches Empfinden noch nicht entwickelt hat. Früher hielt er Ehebruch für ein Fehlverhalten. Heute betrachtet er ihn als ein bloßes Spiel, eine Unterhaltung, durch die zwei Menschen sich für kurze Zeit Vergnügen bereiten können. Deshalb möchte er, dass das Gesetz in dieser Angelegenheit Großzügigkeit zeigt und keine wirksame Maßnahme ergriffen wird, solange der Ehebrecher nicht in die Freiheit oder die gesetzlich geschützten Rechte eines anderen eingreift. Sobald jedoch in die Freiheit oder die Rechte eines anderen eingegriffen wird, gilt dies als ein Verbrechen, durch das lediglich das Recht eines Einzelnen verletzt wird. Daher hält er eine gewöhnliche Strafe oder Schadensersatz für eine ausreichende Bestrafung dieses Verbrechens.
Es sei darauf hingewiesen, dass jemand, der eine solche Auffassung vom Ehebruch hat, hundert Peitschenhiebe für eine grausame Strafe halten wird. Wenn sich jedoch sein moralisches und soziales Empfinden weiterentwickelt und er erkennt, dass Ehebruch, ob freiwillig oder unter Zwang begangen, unter allen Umständen ein gesellschaftliches Verbrechen ist und die gesamte Gesellschaft dadurch geschädigt wird, wird sich auch seine Einstellung zur Bestrafung von selbst verändern. Er wird anerkennen müssen, dass die Gesellschaft vor diesem Unheil geschützt werden muss. Da die Faktoren, die zum Ehebruch anreizen, tief in der tierischen Natur des Menschen verwurzelt sind und ihre Ausrottung durch bloße Gefängnisstrafen und Schadensersatz nicht möglich ist, bleibt nichts anderes übrig, als strenge Maßnahmen zu ergreifen, wenn alle Wege dazu versperrt werden sollen. Es ist besser, ein oder zwei Menschen einer harten körperlichen Strafe zu unterziehen und dadurch Millionen von Menschen vor zahllosem moralischem und gesellschaftlichem Unheil zu bewahren, als den gesamten Staat und seine künftig unschuldigen Nachkommen zu schädigen, indem man den Straftäter von den Schmerzen der Strafe verschont.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum man hundert Peitschenhiebe für tyrannisch hält. Wenn man über die Grundlagen der westlichen Zivilisation nachdenkt, wird dies leicht verständlich. Ich habe bereits dargelegt, dass diese Zivilisation mit der Neigung begonnen hat, das Individuum gegen die Gemeinschaft zu unterstützen, und dass ihre gesamte Grundlage auf einer übersteigerten Vorstellung von individuellen Interessen und Rechten errichtet worden ist. Deshalb erscheint es dem Westler nicht besonders unerträglich, wie großes Unrecht ein Einzelner auch immer der Gemeinschaft zufügen mag; vielmehr nehmen sie dies in den meisten Fällen sogar freudig an. Wenn jedoch zum Schutz der Rechte der Gemeinschaft gegen den Einzelnen vorgegangen wird, läuft ihnen ein Schauder über den Körper, und all ihr Mitgefühl gilt dem Einzelnen statt der Gemeinschaft. Darüber hinaus besteht ein besonderes Merkmal jener Anhänger der westlichen Dschāhilīya, wie bei den Bewohnern des gesamten Zeitalters der Unwissenheit, darin, dass sie Gefühlsregungen größere Bedeutung beimessen als der Vernunft. Da das einem Einzelnen zugefügte Unheil in begrenztem Umfang empfunden wird, halten sie es für ein gewaltiges Gift. Dagegen können sie die Bedeutung des umfassenden Unheils, das der gesamten Gesellschaft und ihren künftigen Nachkommen zugefügt wird, nicht ermessen.
Schariarechtliche Bestimmung über haltlose Anschuldigungen des Ehebruchs
Das durch Ehebruch verursachte Unheil findet sich nahezu ebenso auch in der falschen Beschuldigung des Ehebruchs. Eine ehrenhafte Frau fälschlich des Ehebruchs zu beschuldigen, bringt nicht nur Schande über sie allein; vielmehr nimmt dadurch die Feindschaft zwischen verschiedenen Familien zu, die Abstammungslinien werden fragwürdig, eheliche Beziehungen werden zerstört, und ein einziger Mensch kann dadurch, dass er nur einmal einige Worte ausspricht, viele Menschen viele Jahre lang ins Unglück stürzen. Für dieses Verbrechen hat der Koran eine strenge Strafe vorgesehen.
Der Koran sagt:(Arabisch****************************************)
Diejenigen, die keuschen Frauen Ehebruch vorwerfen und danach nicht vier Zeugen dafür beibringen können, sollt ihr mit achtzig Peitschenhieben bestrafen und ihr Zeugnis künftig niemals annehmen. Solche Menschen sind selbst Übeltäter. – Sure an-Nur: 4
Vorbeugende Maßnahmen
Auf diese Weise beseitigt das Strafrecht des Islam durch seine politische Macht einerseits Unrecht mit Gewalt und schützt andererseits die angesehenen Mitglieder der Gesellschaft vor der Verleumdung durch intrigante Menschen. Die moralische Erziehung des Islam läutert den Menschen innerlich so, dass, wenn wegen Mängeln in der moralischen Erziehung böse Begierden im Herzen entstehen und gewaltsam in die Tat umgesetzt werden, dies durch das Gesetz verhindert wird. Zwischen diesen beiden Methoden wurde aus dem Grund eine zusätzliche Methode eingeführt, dass sie bei der geistigen Läuterung eine Hilfe für die moralische Erziehung sein soll. Durch all diese Methoden wurde die gesellschaftliche Ordnung so verbessert, dass die Schwächen, die aufgrund von Mängeln in der moralischen Erziehung bei den Einzelnen verbleiben, nicht zunehmen und nicht wirksam werden; dass in der Gesellschaft eine solche Umgebung entsteht, in der böse Begierden keine Gelegenheit haben, sich zu entfalten, und dass alle möglichen Wege versperrt werden, durch die die Zivilisationsordnung zerstört werden könnte.
Nun beschreiben wir zur ausführlichen Erörterung jede einzelne dieser Methoden.
Die Anordnung zu Kleidung und Bedeckung der Scham
Im Bereich der sozialen Anweisungen bestand die erste Maßnahme des Islam darin, die Nacktheit an der Wurzel auszurotten und für Frauen und Männer die Grenzen der zu bedeckenden Körperteile festzulegen. In dieser Hinsicht unterschied sich der Zustand der arabischen Dschāhilīya nicht davon. Sie entblößten sich voreinander ohne jedes Zögern. – [In einem Hadith heißt es: Hadhrat Miswar bin Makhrama (Allah sei mit ihm zufrieden) trug einen Stein herbei. Unterwegs löste sich sein Hüfttuch, und er trug den Stein in diesem Zustand weiter. Als der Prophet (Friede sei mit ihm) dies sah, sagte er: „Bedecke deinen Körper und gehe nicht nackt umher.“ – Muslim] Beim Baden und bei der Verrichtung der Notdurft hielten sie es für unnötig, sich zu bedecken. Die Umrundung der Kaaba wurde vollständig nackt vollzogen, und dies galt als besonders vorzügliche Anbetung. – [Ibn Abbas (Allah sei mit ihm zufrieden), Mujahid, Tawus und Zuhri (Allah erbarme sich ihrer) haben übereinstimmend gesagt, dass die Umrundung der Kaaba nackt vollzogen wurde.] Auch die Frauen entblößten sich während der Umrundung. – [Muslim hat im „Kitab at-Tafsir“ diesen Brauch der Araber überliefert: Eine Frau vollzog nackt die Umrundung und sagte zu den versammelten Menschen: „Wer schenkt mir ein Kleidungsstück, mit dem ich meinen Körper bedecken kann?“ Auf diese Weise galt es als eine außerordentlich verdienstvolle Tat, der genannten nackten Frau ein Kleidungsstück zu schenken.] Die Kleidung ihrer Frauen war so beschaffen, dass ein Teil der Brust unbedeckt blieb und Teile der Arme, der Taille und unterhalb der Knie unbedeckt blieben. Genau dieser Zustand ist heute in Europa, Amerika und Japan zu sehen. In keinem der östlichen Länder gibt es eine gesellschaftliche Ordnung, die festlegt, welche Körperteile unbedeckt und welche bedeckt sein sollen.
Der Islam hat den Menschen in dieser Hinsicht die erste Lektion der Zivilisation erteilt.
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O Menschenkinder! Allah, der Erhabene, hat Kleidung herabgesandt, um euren Körper zu bedecken, und sie ist euer Schmuck. – Sure al-Aʿrāf: 26
Dem Sinn dieses Verses zufolge ist das Bedecken des Körpers für jede Frau und jeden Mann zur Pflicht gemacht worden. Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) erteilte die strikte Anweisung, dass niemand sich vor einem anderen entblößen solle.
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Wer den ʿAwra-Bereich seines Bruders betrachtet, ist verflucht.
– al-Dschassās: Ahkām al-Qurʾān
(Arabisch***********************************************)
Kein Mann soll einen anderen Mann und keine Frau eine andere Frau nackt sehen. – Muslim
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Bei Allah, es wäre mir lieber, vom Himmel hinabgestürzt und in Stücke zerrissen zu werden, als in eine Lage zu geraten, in der ich die Schamteile eines anderen sehe oder jemand meine Schamteile sieht. – Mabsut
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Hütet euch davor, jemals nackt zu sein. Denn diejenigen, die bei euch sind, verlassen euch niemals – außer beim Stuhlgang und beim Geschlechtsverkehr. – Tirmidhi
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Wenn jemand von euch zu seiner Frau geht, soll er dennoch seine Scham bedeckt halten und sich nicht völlig nackt wie ein Esel entblößen. – Ibn Madscha
Einmal ging der Prophet zu der Weide der Zakat-Kamele und sah, dass der Kameltreiber nackt dalag. Daraufhin entließ er ihn unverzüglich aus seinem Dienst und sagte:
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Wer schamlos ist, taugt für keine unserer Angelegenheiten.
Die Grenze der Bedeckung für Männer
Neben diesen Vorschriften wurden auch die Grenzen der Bedeckung des Körpers von Frauen und Männern jeweils gesondert festgelegt. Der Körperteil, dessen Bedeckung verpflichtend vorgeschrieben ist, wird in der Terminologie der Scharia Satr genannt. Der Bereich zwischen dem Nabel und den Knien des Mannes wird als Satr bezeichnet, und es wurde angeordnet, dass er vor anderen nicht entblößt werden darf und dass andere ihn nicht ansehen dürfen.
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Von Abu Ayyub Ansari wird überliefert, dass der Prophet (s.a.w.) sagte: „Was oberhalb der Knie und unterhalb des Nabels liegt, gehört zu den zu bedeckenden Körperteilen.“ – Dar al-Qutni
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Für Männer ist der Bereich vom Nabel bis zu den Knien zu bedecken. – Mabsut
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Überliefert von Ali (Allah möge mit ihm zufrieden sein): Der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: »Zeige niemandem deinen Oberschenkel und blicke nicht auf den Oberschenkel eines Lebenden oder eines Verstorbenen.« – Tafsir-e Kabir
Dies ist eine allgemeingültige Anweisung. Niemand außer der Ehefrau ist davon ausgenommen.
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Bewahrt eure Schamgrenze vor allen außer euren Ehefrauen und Sklavinnen. – Ahkam al-Qur’an
Die Schamgrenze der Frau
Die Schamgrenze ist für Frauen weiter gefasst worden. Ihnen wurde befohlen, den gesamten Körper außer Gesicht und Händen bedeckt zu halten. Väter, Brüder und alle nahen Verwandten sind in diese Anweisung eingeschlossen, und gegenüber keinem Mann außer dem Ehemann darf eine Ausnahme gemacht werden.
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Der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: »Für eine Frau, die an Allah und den Jüngsten Tag glaubt, ist es nicht erlaubt, mehr als dies von ihrer Hand unbedeckt zu lassen.« Darauf legte er seine Hand auf die Mitte ihres Handgelenks. – Ibn Dscharir
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Wenn ein Mädchen die Pubertät erreicht, sollte kein Teil ihres Körpers sichtbar sein. Nur das Gesicht und die Hände bis zu den Handgelenken dürfen gesehen werden. – Abu Dawud
Hazrat Aischa (r.a.) berichtet: „Einmal trat ich in festlicher Kleidung vor meinen Neffen Abdullah ibn Tufayl, worüber der Prophet (s.a.w.) sein Missfallen äußerte. Ich sagte: ‚O Gesandter Allahs! Er ist doch mein Neffe.‘ Darauf sagte der Prophet (s.a.w.):
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Wenn ein Mädchen die Pubertät erreicht, ist es ihr nicht erlaubt, irgendeinen Teil ihres Körpers außer dem Gesicht und den Händen zu zeigen.“ Dabei legte er seine Hand so über ihr Handgelenk, dass zwischen der Mitte des Handgelenks und der Stelle, an der er seine Hand aufgelegt hatte, nur ein Maß von einer Faust verblieb. – Ibn Dschারir
Hazrat Asma bint Abu Bakr (r.a.), die Schwägerin des edlen Propheten (s.a.w.), trat einmal in einem dünnen Gewand vor ihn. Durch das Gewand waren ihre Körperglieder sichtbar. Sofort wandte der Prophet (s.a.w.) seinen Blick ab und sagte:
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‚O Asma! Nach Erreichen der Pubertät ist es für eine Frau nicht erlaubt, einem anderen irgendeinen Teil ihres Körpers außer diesem und jenem zu zeigen.‘ Dabei deutete der Prophet (s.a.w.) auf ihr Gesicht und die Handgelenke ihrer Hände. – Fath al-Qadir
Hafsa bint Abd ar-Rahman erschien eines Tages mit einem dünnen Dupatta bekleidet im Haus von Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein). Da zerriss sie es und bedeckte Hafsa mit einem dicken Tuch. – Imam Malik: al-Muwatta
Der Prophet (Friede und Segen seien auf ihm) sagte:
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Allahs Fluch komme über jene Frauen, die zwar bekleidet, aber dennoch nackt sind.
Lasst Frauen keine so eng anliegenden Kleider tragen, dass ihre Körperformen deutlich sichtbar werden.
Aus all diesen Überlieferungen lässt sich erkennen, dass der gesamte Körper einer Frau mit Ausnahme des Gesichts und der Hände bis zu den Handgelenken zum Satr gehört. Auch vor den engsten Angehörigen im eigenen Haus muss dieser Satr bedeckt gehalten werden. Außer vor dem Ehemann darf eine Frau diesen Satr vor keiner anderen Person entblößen, ganz gleich, ob es sich um den Vater, den Bruder oder den Neffen handelt. Auch Kleidungsstücke, durch die Körperteile sichtbar werden, dürfen nicht getragen werden.
Alle in diesem Kapitel erteilten Anweisungen gelten für junge Frauen. Die Anweisungen zur Bedeckung des Satr treten in Kraft, sobald ein Mädchen die Pubertät erreicht, und bleiben so lange gültig, wie sexuelle Anziehung in ihr vorhanden ist. Nach Überschreiten dieses Alters wurden sie etwas gelockert.
Der Heilige Koran sagt:
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Für sehr alte Frauen, die keine Hoffnung mehr auf eine Heirat hegen, ist es kein Vergehen, wenn sie ihr Dupatta ablegen. Voraussetzung ist jedoch, dass es nicht ihre Absicht ist, ihre Zierde zur Schau zu stellen. Für sie ist es besser, in dieser Angelegenheit Vorsicht walten zu lassen. – Sure an-Nur: 60
Hier wird der Grund für die Lockerung der Strenge ausdrücklich dargelegt. Der Sinn der Worte „die keine Hoffnung auf eine Heirat hegen“ ist, dass kein sexuelles Verlangen und keine sexuelle Anziehung vorhanden sind. Außerdem wurde vorsichtshalber die Bedingung auferlegt, dass es nicht ihre Absicht sein darf, ihre Zierde zur Schau zu stellen; das heißt, wenn auch nur der kleinste Funke sexuellen Verlangens in ihrem Herzen zurückgeblieben ist, ist es ihnen nicht erlaubt, ihr Dupatta abzulegen. Diese Regel wurde nur für jene alten Frauen gelockert, die aufgrund ihres hohen Alters von den kleidungsbezogenen Einschränkungen befreit sind und bei denen außer einem respektvollen Blick kein anzüglicher Blick zu befürchten ist. Solche Frauen dürfen sich zu Hause ohne Dupatta oder Überwurf aufhalten.
Einholung der Erlaubnis
Die zweite Einschränkung, die danach auferlegt wurde, besteht darin, dass das Betreten eines Hauses ohne die Erlaubnis seiner Bewohner verboten ist, damit niemand die Frauen des Hauses in einem Zustand erblickt, in dem es für Männer nicht angemessen ist, sie zu sehen.
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Wenn eure Söhne die Geschlechtsreife erreicht haben, sollen sie das Haus nur mit Erlaubnis betreten, so wie ihre Vorgänger es mit Erlaubnis zu betreten pflegten. – Sure an-Nur: 59
Auch hier wird der Grund klar dargelegt. Das Gebot, um Erlaubnis zu bitten, gilt nur für diejenigen, bei denen sexuelles Empfinden erwacht ist. Bevor dieses Empfinden erwacht, ist das Einholen der Erlaubnis nicht erforderlich.
Außerdem wurde auch den übrigen Menschen befohlen, niemandes Haus ohne Erlaubnis zu betreten.
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O ihr Gläubigen! Betretet niemandes Haus ohne die Erlaubnis des Hausherrn, und wenn ihr eintretet, entbietet den Bewohnern des Hauses den Friedensgruß. – Sure an-Nur: 27
Hier besteht der eigentliche Zweck darin, zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Hauses eine Schranke und Einschränkung zu errichten, damit die Frau im Familienleben vor den Blicken fremder Männer geschützt bleibt. Die Araber konnten zunächst keinen Grund für diese Anweisungen erkennen. Deshalb blickten sie oft von außerhalb des Hauses hinein. Ein solcher Vorfall ereignete sich einmal auch mit dem ehrwürdigen Propheten (s.a.w.). Eines Tages hielt er sich in seiner Kammer auf. Da blickte ein Mann durch das Fenster hinein. Er sagte:
Wenn ich gewusst hätte, dass du hineinblicken würdest, hätte ich dir etwas in dein Auge gestochen. Das Gebot, um Erlaubnis zu bitten, wurde doch gerade erlassen, um die Blicke zu schützen. – Buchari
Danach verkündete er:
Wenn jemand ohne Erlaubnis in das Haus eines anderen hineinschaut, hat der Bewohner des Hauses das Recht, ihm das Auge auszureißen. – Muslim
Danach wurde dem Fremden befohlen: Wenn es notwendig ist, etwas aus dem Haus eines anderen zu erbitten, soll er, ohne das Haus zu betreten, draußen hinter dem Vorhang darum bitten.
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Wenn ihr von den Frauen etwas verlangt, so verlangt es hinter einem Vorhang. Darin liegt größere Reinheit für eure und ihre Herzen. – Sure al-Ahzab: 53
Auch hier wird der Zweck der Verbote vollständig beleuchtet. Der eigentliche Zweck besteht darin, Männer und Frauen vor sexuellem Verlangen und sexueller Erregung zu schützen; durch diese Anweisung wird der freie Umgang zwischen Männern und Frauen unterbunden.
Diese Anweisungen gelten nicht nur für Fremde, sondern auch für die Hausdiener. Es wird überliefert, dass einst Hazrat Bilal (r.a.) oder Hazrat Anas (r.a.) eines der Kinder von Hazrat Fatima (r.a.) von ihr holen wollten. Da reichte sie ihm das Kind hinter dem Vorhang. – Fath al-Qadir
Dabei waren beide besondere Diener des Propheten (s.a.w.) und ihm wie Angehörige nahestehend.
Vertrauliches Zusammentreffen und körperliche Berührung
Das dritte Verbot besteht darin, dass außer dem Ehemann niemand mit einer Frau allein sein und ihren Körper berühren darf, ganz gleich, wie enger Freund oder Verwandter er auch sein mag.
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Von ʿUqba bin ʿĀmir wird überliefert, dass der Prophet (s.a.w.) sagte: „Hütet euch davor, allein zu Frauen zu gehen.“ Ein Ansārī fragte: „O Gesandter Allahs, was ist deine Anweisung hinsichtlich des Schwagers?“ Der Prophet (s.a.w.) sagte: „Er ist der Tod!“ – Buchārī, Muslim, Tirmiḏī
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Geht in Abwesenheit ihres Ehemannes nicht zu einer Frau. Denn der Satan fließt in jedem von euch wie Blut. – Tirmiḏī
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ʿAmr bin al-ʿĀṣ sagt: „Der Prophet (s.a.w.) hat uns verboten, in Abwesenheit des Ehemannes zu einer Frau zu gehen.“ Tirmiḏī
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Von heute an soll niemand in Abwesenheit des Ehemannes zu einer Frau gehen, solange sich nicht ein oder zwei Männer bei ihr befinden. – Muslim
Auch gegen das Berühren gibt es eine entsprechende Anweisung:
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Der Prophet (s.) sagte: „Wenn jemand die Hand einer Frau berührt, zu der er in keiner rechtmäßigen Beziehung steht, wird ihm im Jenseits ein loderndes Feuer auf die Hand gelegt werden.“
Hazrat Aischa (r.a.) sagte, dass der Prophet (s.) von den Frauen nur mündlich den Treueid entgegennahm. Er nahm ihre Hände nicht in seine Hände. Außer seiner Ehefrau berührte er niemals die Hand einer Frau. –Buchari
Usaima bint Ruqaiqa sagte: „Ich ging mit einigen Frauen zum Propheten (s.), um ihm den Treueid zu leisten. Er nahm von uns das Versprechen entgegen, uns von Götzendienst, Diebstahl, Unzucht, falscher Beschuldigung und Ungehorsam gegenüber dem Propheten fernzuhalten.“ Nachdem der Treueid geleistet worden war, sagten wir: „Komm, lass uns dir durch unsere Hände den Treueid leisten.“ Der Prophet sagte: „Ich berühre die Hände von Frauen nicht; ich nehme nur einen mündlichen Treueid entgegen.“ –Nasai und Ibn Madschah
Auch diese Anweisungen gelten nur für ältere Frauen. Es ist erlaubt, sich mit einer alten Frau unter vier Augen zusammenzusetzen und ihren Körper zu berühren. Hazrat Abu Bakr (r.a.) besuchte einen Stamm, bei dem er gestillt worden war. Den alten Frauen dieses Stammes gab er die Hand (Musafaha). Es wird berichtet, dass Hazrat Abdullah ibn az-Zubair sich von einer alten Frau Hände und Füße massieren ließ.
Der Unterschied, der zwischen jungen und alten Frauen gemacht wird, beweist, dass der ungehemmte Umgang zwischen Frauen und Männern unterbunden werden muss. Denn dadurch könnte der Weg zu Unheil eröffnet werden.
Der Unterschied zwischen Mahram und Nicht-Mahram
Mit Ausnahme des Ehemannes unterliegen alle Männer, unabhängig davon, ob sie Mahram oder Nicht-Mahram sind, den oben genannten Anweisungen. Vor keinem von ihnen darf eine Frau irgendeinen Teil ihres Körpers außer dem Gesicht und den beiden Händen unbedeckt lassen, ebenso wie ein Mann vor einem anderen Mann seine Blöße [einen Körperteil zwischen Nabel und Knie] nicht entblößen darf.
Alle Männer sollen nur mit Erlaubnis ein Haus betreten, und keiner von ihnen darf sich mit einer Frau allein zurückziehen, bei ihr sitzen oder ihren Körper berühren. –[Im Hinblick auf das Berühren des Körpers oder das Auflegen der Hand besteht zwischen einem Mahram-Mann und einem Nicht-Mahram-Mann ein erheblicher Unterschied. Ein Bruder darf seine Schwester an der Hand nehmen, um ihr beim Einsteigen in ein Verkehrsmittel zu helfen oder sie daraus aussteigen zu lassen. Es sei klargestellt, dass dies einem Nicht-Mahram nicht erlaubt ist. Der edle Prophet (s.) pflegte nach seiner Rückkehr von einer Reise Hazrat Fatima (r.a.) an sich zu ziehen und ihr den Kopf zu küssen. Hazrat Abu Bakr (r.a.) und Hazrat Aischa (r.a.) küsste er ebenfalls auf den Kopf.]
Die Anweisungen zur Verhüllung
Diejenigen Verse des Heiligen Korans, in denen die Verhüllung angeordnet wird, werden im Folgenden angeführt:
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[O Prophet! Sage den gläubigen Männern, sie sollen ihre Blicke senken und ihre Keuschheit wahren. Das ist reiner für sie. Und sage den gläubigen Frauen, sie sollen ihre Blicke senken, ihre Keuschheit wahren und ihre Schönheit nicht zur Schau stellen, außer dem, was von selbst sichtbar ist. Und sie sollen ihre Tücher über ihre Brust ziehen und ihre Schönheit niemandem außer den folgenden Personen zeigen: ihren Ehemännern, ihren Vätern, ihren Schwiegervätern, ihren Söhnen, ihren Stiefsöhnen, ihren Brüdern, ihren Neffen, ihren Nichten, ihren eigenen Frauen, ihren Sklaven, den männlichen Dienern ohne sexuelles Verlangen nach Frauen und den Kindern, die noch keine Kenntnis von den verborgenen Angelegenheiten der Frauen haben. [Befiehl ihnen außerdem,] beim Gehen nicht mit den Füßen aufzustampfen, damit ihre verborgene Schönheit durch das Geräusch ihrer Schritte bekannt werde.
–Sure an-Nur: 30–31
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O Frauen des Propheten! Ihr seid nicht wie andere Frauen. Wenn ihr gottesfürchtig sein wollt, dann sprecht nicht in schmeichelnder [zweideutiger] Weise, denn dadurch könnten diejenigen, deren Herzen von schlechten Wünschen erfüllt sind, Hoffnungen in Bezug auf euch hegen. Sprecht in einfacher und geradliniger Weise. Bleibt in euren Häusern und stellt nicht, wie in der früheren Zeit der Unwissenheit, eure Schönheit und Jugend zur Schau. –Sure al-Ahzab: 32–33
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O Prophet! Sage deinen Ehefrauen, deinen Töchtern und den gläubigen Frauen, sie sollen ihren Körper und ihr Gesicht mit einem Überwurf bedecken. – Sure al-Ahzab: 59
Denkt über all diese Verse nach. Den Männern wurde lediglich eingeschärft, ihren Blick zu senken und ihren Charakter vor sexueller Unkeuschheit zu bewahren. Den Frauen wurden zwar ebenfalls die beiden oben genannten Anweisungen gegeben, darüber hinaus aber noch zusätzliche Anweisungen hinsichtlich ihres gesellschaftlichen Umgangs und Verhaltens. Dies bedeutet eindeutig, dass zur Bewahrung ihres Charakters nicht nur die Zurückhaltung des Blicks und die Wahrung der Schamteile ausreichen, sondern noch einige weitere Verhaltensregeln erforderlich sind. Nun müssen wir sehen, wie der edle Prophet (s.) und die edlen Gefährten (r.) diese Anweisungen in der islamischen Gesellschaft umgesetzt haben. Wir müssen auch untersuchen, was der eigentliche Sinn dieser Anweisungen ist, wie sie in die Praxis umgesetzt werden können und ob ihre Worte und Taten hierzu Aufschluss geben.
Die Zurückhaltung des Blicks
Als Erstes wurde Frauen und Männern befohlen: „Senkt den Blick.“ Das bedeutet, den Blick nicht auf das Gesicht eines anderen zu richten, sondern ihn nach unten zu wenden. Dies ist die wörtliche Bedeutung des koranischen Ausdrucks „Gadd-e-Basar“. Damit ist jedoch nicht die vollständige Bedeutung klargestellt. Der eigentliche Zweck des Befehls Allahs, des Erhabenen, besteht nicht darin, dass der Mensch ständig nach unten schauen und niemals nach oben blicken soll. Vielmehr besteht der eigentliche Zweck darin, dass der Mensch sich vor dem bewahrt, was in der Terminologie des Hadith als Ehebruch der Augen bezeichnet wird. Sich am Anblick der Gestalt und Schönheit einer fremden Frau zu erfreuen, führt für einen Mann ebenso zu Unheil, wie der Blick einer Frau auf einen fremden Mann zu Unheil führt. Der Beginn von Unheil und Verderben liegt seiner natürlichen und wesensgemäßen Entwicklung nach gerade hier. Deshalb wurde dieser Weg als Erstes versperrt, und genau darin liegt der eigentliche Zweck der Zurückhaltung des Blicks beziehungsweise des Senkens des Blicks.
Es stimmt, dass man, wenn man mit offenen Augen in der Welt lebt, alles Mögliche erblicken wird. Es ist ja nicht möglich, dass ein Mann niemals eine Frau und eine Frau niemals einen Mann sieht. Deshalb hat der Gesetzgeber der Scharia angeordnet, dass es verboten ist, den Blick ein zweites Mal auf jemanden zu richten, wenn der Blick plötzlich auf diese Person fällt und man eine gewisse Anziehung zu ihrer Schönheit verspürt.
Hadhrat Jarir (r.) berichtet: Ich fragte den Gesandten Allahs (s.): „Was soll ich tun, wenn mein Blick plötzlich auf jemanden fällt?“ Er antwortete: „Wende deinen Blick ab.“ – Abu Dawud
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Hazrat Bureida (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) berichtet, dass der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zu Hazrat Ali (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sagte: „O Ali! Sieh nach dem ersten Blick nicht noch ein zweites Mal hin. Der erste Blick wird vergeben; doch wenn du ein zweites Mal hinsiehst, wird dies nicht vergeben.“ – Abu Dawud
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Der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte: „Wer eine unbekannte Frau lüstern und begehrlich anblickt, dem wird am Tag der Auferstehung geschmolzenes glühendes Eisen in die Augen gegossen.“ – Fath al-Qadir
Doch es gibt viele Situationen, in denen es notwendig wird, eine unbekannte Frau anzusehen. Zum Beispiel, wenn eine Frau von einem Arzt behandelt wird, wenn sie in einem Rechtsfall vor dem Richter als Zeugin aussagt, wenn sie zu ertrinken droht oder wenn ihre Keuschheit und Ehre gefährdet sind. In einem solchen Fall darf man nicht nur ihr Gesicht ansehen; falls erforderlich, darf man auch ihren Satr sehen. Ihr Körper darf auch berührt werden. Vielmehr wird es nicht nur erlaubt, sondern sogar zur Pflicht, eine Frau, die im Feuer verbrennt oder im Wasser versinkt, auf den Armen herauszutragen. Die Anweisung des Gesetzgebers der Scharia lautet, dass man in einer solchen Situation seine Absicht so rein wie möglich halten muss. Sollte jedoch aufgrund menschlicher Bedürfnisse auch nur ein geringes Maß an Erregung entstehen, so ist dies keine Sünde. Denn dieser Blick erfolgt aus der Notwendigkeit heraus, und es ist dem Menschen nicht möglich, natürliche Bedürfnisse vollständig zu unterdrücken.
Ebenso ist es nicht nur erlaubt, eine unbekannte Frau mit dem Ziel der Eheschließung anzusehen und sie gründlich zu betrachten; vielmehr gibt es hierzu auch eine Anweisung im Hadith. Der Prophet selbst (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) hat zu diesem Zweck eine Frau angesehen.
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Von al-Mughira ibn Schuʿba wird berichtet, dass er einst einer Frau einen Heiratsantrag machte. Der Prophet (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) sagte zu ihm: „Sieh sie dir an. Denn dies ist besser geeignet, zwischen euch Liebe und Eintracht entstehen zu lassen.“ – at-Tirmidhi
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Von Sahl ibn Saʿd wird überliefert, dass eines Tages eine Frau zum edlen Propheten (s) kam und sagte: „O Gesandter Allahs! Ich biete mich dir zur Heirat an.“ Darauf betrachtete der Prophet (s) sie. – Buchārī
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Der ehrwürdige Abū Huraira berichtet: „Ich saß beim Propheten (s), als ein Mann kam und sagte: ‚Ich beabsichtige, eine Frau aus den Anṣār zu heiraten.‘ Der Prophet (s) sagte: ‚Hast du sie gesehen?‘ Der Mann sagte: ‚Nein.‘ Der Prophet (s) sagte: ‚Sieh sie dir an, denn gewöhnlich haben die Augen der Anṣār irgendeinen Makel.‘ – Muslim
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Von Jābir ibn ʿAbdullāh wird überliefert, dass der Prophet (s) sagte: „Wenn jemand von euch einer Frau einen Heiratsantrag macht, sollte er sie, soweit es ihm möglich ist, ansehen, um festzustellen, ob sie etwas besitzt, das diesen Mann zur Heirat mit ihr bewegt.“ – Abū Dāwūd
Wenn man über all diese Ausnahmen nachdenkt, wird deutlich, dass es nicht Allahs Absicht ist, den Blick auf Frauen vollständig zu verbieten; vielmehr besteht Seine Absicht darin, den Weg zu Fitna und sittenwidrigem Verhalten zu versperren. Das Betrachten, für das kein Bedarf besteht, das keinen zivilisatorischen Nutzen hat und sexuelle Erregung hervorrufen kann, ist verboten.
Diese Anweisungen wurden für Männer ebenso erlassen wie für Frauen.
In einem Hadith wird von der ehrwürdigen Umm Salama überliefert, dass sie eines Tages zusammen mit der ehrwürdigen Maymūna beim Propheten (s) saß. Da kam der blinde ehrwürdige Ibn Umm Maktūm dorthin. Der Prophet (s) sagte: „Bedeckt euch vor ihm.“ Umm Salama sagte: „Ist er nicht blind? Er kann uns doch weder sehen noch erkennen.“ Der Prophet (s) sagte: „Seid ihr etwa auch blind, sodass ihr ihn nicht sehen könnt?“
Doch besteht unter psychologischen Gesichtspunkten ein geringfügiger Unterschied zwischen dem Blick des Mannes auf die Frau und dem Blick der Frau auf den Mann. Der Natur des Mannes ist die Neigung eigen, voranzugehen und zu handeln. Sobald ihm etwas gefällt, bemüht er sich darum, es zu erlangen. In der weiblichen Natur hingegen liegen die Neigung, Widerstand zu leisten, und die Neigung zur Flucht. Solange sich ihre Natur nicht verändert hat, kann sie nicht so furchtlos und wagemutig sein, dass sie, sobald ihr jemand gefällt, auf ihn zuläuft. Der Gesetzgeber der Scharia hat diesen Unterschied berücksichtigt und für Frauen beim Blick auf Männer nicht eine ebenso große Strenge vorgeschrieben wie für Männer beim Blick auf Frauen. Denn in den Hadith-Werken ist die Überlieferung von Aischa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) bekannt, dass der Prophet (Friede sei mit ihm) ihr anlässlich des Festes die Darbietung der Abessinier gezeigt habe. – [Diese Überlieferung ist bei Buchari, Muslim, Nasai, im Musnad Ahmad und in anderen Werken in verschiedenen Fassungen aufgezeichnet. Einige haben sie dahingehend erklärt, dass sich dieses Ereignis möglicherweise zu einer Zeit zugetragen habe, als Aischa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) noch minderjährig war und die Anweisung zum Schleier noch nicht offenbart worden war. In einer ausführlichen Erörterung bei Ibn Huran wird jedoch gesagt, dass es sich um das Ereignis handelte, als eine Gesandtschaft aus Abessinien nach Medina gekommen war. Aus der Geschichte ist erwiesen, dass diese Gesandtschaft im 7. Jahr der Hidschra nach Medina kam. Unter diesem Gesichtspunkt war Aischa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) damals fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Außerdem heißt es in der Überlieferung Bucharis, dass der Prophet (Friede sei mit ihm) Aischa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) mit einem Tuch bedeckt hielt. Daraus geht hervor, dass auch die Anweisungen zum Schleier zu jener Zeit bereits offenbart waren.] Daraus ist ersichtlich, dass es Frauen nicht gänzlich verboten ist, Männer anzusehen. Verboten ist jedoch, dass beide in derselben Versammlung zusammensitzen und einander ununterbrochen anstarren. Auch ein Blick, durch den Unzucht oder Unheil entstehen kann, ist nicht erlaubt. In eben dem Haus des blinden Gefährten Ibn Umm Maktum, von dem der Prophet (Friede sei mit ihm) Umm Salama angewiesen hatte, sich zu verhüllen, befahl der Prophet wiederum Fatima bint Qais (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr), ihre Wartezeit zu verbringen. Qadi Abu Bakr Ibn al-Arabi schildert den Vorgang in seinem Ahkam al-Quran folgendermaßen:
Er sagt, dass Fatima bint Qais ihre Wartezeit im Haus von Umm Scharik verbringen wollte. Der Prophet (Friede sei mit ihm) sagte: „In diesem Haus gehen Menschen ein und aus. Bleibe im Haus von Ibn Umm Maktum. Denn er ist blind, und dort kannst du ohne Schleier bleiben.“
Daraus ist ersichtlich, dass es darum geht, die Gefahr von Unzucht und Unheil zu verringern. Dort, wo die Gefahr größer war, wurde ihr der Aufenthalt untersagt, und dort, wo die Gefahr geringer war, wurde ihr aufgetragen zu bleiben. Denn die Frau musste sich notwendigerweise irgendwo aufhalten; wo jedoch keine Notwendigkeit für ihren Aufenthalt bestand, wurde den Frauen verboten, sich mit einem fremden Mann am selben Ort zu versammeln und ihm von Angesicht zu Angesicht zu begegnen.
Wer die Fähigkeit besitzt, all diese Erwägungen würdigend, vernünftig und im Einklang mit dem Wesen der Scharia zu verstehen, kann leicht erkennen, welche vernünftigen Gründe den Anweisungen zur Blicksenkung zugrunde liegen und weshalb diese Anweisungen unter diesem Gesichtspunkt verschärft oder erleichtert werden. Das eigentliche Ziel des Gesetzgebers der Scharia besteht darin, das Spiel der Blicke zu unterbinden. Ansonsten hegt Er keine Feindschaft gegen die Augen irgendeines Menschen. Die beiden Augen sehen zunächst mit einem unschuldigen Blick. Die Neigung des Herzens zum Genuss und dessen Geschmack sind naturgegeben. Genieße auch die anderen Freuden der natürlichen Schönheit. Betrachte also einmal die menschliche Schönheit und schöpfe daraus geistige Freude. Doch im Inneren steigert Satan fortwährend das Vergnügen, den Genuss und den Geschmack. Schließlich erhebt sich der Geschmack an der Schönheit bis zum Verlangen nach Vereinigung. Kann irgendjemand leugnen, dass der Blick der Augen die erste und größte Ursache all der Ausschweifungen ist, die es auf der Welt gegeben hat und noch immer gibt? Kann jemand behaupten, dass der Gemütszustand beim Anblick so vieler Blumen genau derselbe ist wie beim Anblick eines schönen jungen Mannes oder einer schönen jungen Frau? Wenn zwischen beiden Zuständen ein Unterschied besteht und der eine im Vergleich zum anderen sexuell anziehend ist, wie kann man dann sagen, dass die Freiheit, die beim Genuss der einen Schönheit besteht, auch bei der anderen gelten soll? Der Gesetzgeber der Scharia will niemandem den Genuss von Schönheit untersagen. Er sagt vielmehr: Wähle nach deinem Wunsch ein Paar aus und stille an ihm als Mittelpunkt so viel von deinem Verlangen nach dem Genuss der Schönheit, wie du in dir trägst. Wenn du dich von diesem Mittelpunkt abwendest und umhergehst, um die Schönheit und Jugend anderer zu betrachten, wirst du in Unzucht und Obszönität verfallen. Selbst wenn du dich wegen der Selbstbeherrschung und anderer Einschränkungen nicht tatsächlich der Ausschweifung hingibst, wirst du dich nicht vor der Ausschweifung im Reich der Gedanken schützen können. Viel Kraft wird durch die Erregung deiner Augen verschwendet werden. Dein Herz wird durch viele noch nicht begangene sündige Wünsche verunreinigt werden. Du wirst immer wieder von Liebesbetrug gequält werden und viele Nächte wachend und träumend verbringen. Viele schöne Schlangen und Nattern werden dich beißen. Ist es etwa ein geringer Schaden, wenn durch das Herzklopfen und die Erregung des Blutes deine Lebenskraft schwindet? Halte all dies unter Kontrolle. Grundloses Schauen sowie ein Schauen, durch das Unzucht und Unheil entstehen können, sollte vermieden werden. Wenn ein wirklicher Grund zum Schauen besteht und dadurch ein zivilisatorischer Nutzen entsteht, dann ist es gerechtfertigt.
Einschränkungen und Grenzen beim Zeigen der Schönheit
Die Anweisungen zur Blicksenkung gelten für Frauen und Männer gleichermaßen. Einige Anweisungen richten sich jedoch speziell an Frauen. Die erste davon lautet, dass sie ihre Schönheit außerhalb einer bestimmten Grenze nicht zeigen dürfen.
Bevor wir über Zweck und Einzelheiten dieser Anweisung nachdenken, müssen wir uns noch einmal an jene Bestimmungen erinnern, die bereits im Kapitel über Kleidung und die Bedeckung der Scham erwähnt wurden. Der gesamte Körper der Frau mit Ausnahme des Gesichts und der Hände gilt als Schamzone, die selbst vor dem Vater, dem Onkel väterlicherseits, dem Bruder und dem Sohn nicht unbedeckt sein darf. Ja, es ist sogar missbilligt, die Schamzone einer Frau vor einer anderen Frau zu entblößen. – [Dass eine Frau die Körperteile einer anderen Frau zwischen Nabel und Knien betrachtet, ist ebenso verboten, wie es einem Mann verboten ist, diese Körperteile eines anderen Mannes zu betrachten. Die Betrachtung der übrigen Körperteile ist missbilligt, aber nicht verboten.] Nachdem diese Tatsache vor Augen geführt worden ist, müssen nun die Grenzen des Zeigens der Schönheit erörtert werden.
1. Einer Frau ist erlaubt, ihre Schönheit vor ihrem Ehemann, ihrem Vater, ihrem Schwiegervater, ihrem Sohn, ihrem Stiefsohn, ihrem Bruder, ihrem Neffen und ihrem Neffen mütterlicherseits zu zeigen.
2. Ihm ist auch gestattet worden, vor seinem eigenen Sklaven – nicht vor dem Sklaven irgendeines anderen – seine Schönheit zu zeigen.
3. Sie darf auch vor einem solchen Mann in ihrer Schönheit erscheinen, der ihr ergeben und untergeordnet ist und keinerlei Interesse oder Verlangen nach Frauen hat. – [Bei der Auslegung dieser Anweisung sagt Hafiz Ibn Kathir:(Arabisch******************) Damit sind jene Arbeiter, Diener und ergebenen Menschen gemeint, die nicht gerissen oder gewandt, sondern äußerst arglos sind und kein sexuelles Verlangen nach Frauen haben. Das Ausbleiben sexuellen Verlangens kann zwei Gründe haben. Erstens: Sie haben überhaupt kein sexuelles Verlangen, etwa weil sie alt, geistig unreif oder von Geburt an eunuchenhaft sind. Zweitens: Sie besitzen zwar männliche Kraft und ein natürliches Interesse und Verlangen nach Frauen, können jedoch gegenüber den Frauen des Hauses, in dessen Dienst sie als ergebene Diener stehen oder das sie als Bettler aufsuchen, um Hilfe zu erhalten, kein sexuelles Verlangen hegen. Mit den oben genannten Worten des Korans sind beide Gruppen gemeint. Doch muss man bedenken, dass die Männer, vor denen Frauen ihre Schönheit zeigen dürfen, unbedingt zwei Eigenschaften besitzen müssen. Erstens dürfen sie nicht einmal daran denken, irgendein sexuelles Verlangen nach den Frauen des Hauses zu hegen. Außerdem muss jeder Hausherr darauf achten, ob sich bei den Dienern, denen er den Zutritt zum Haus gestattet hat, die ursprüngliche Einschätzung tatsächlich bestätigt. Wenn nach der Erlaubnis irgendein Verdacht gegen sie entsteht, muss ihnen der Zutritt zum Haus verweigert werden. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist jener Eunuch, dem der Prophet (s) den Zutritt zu seinem Haus gestattet hatte.
Die Begebenheit war folgende: In Medina lebte ein Eunuch. Er ging vor den Frauen des Propheten ein und aus. Eines Tages saß er bei Umm Salama (r.a.) und unterhielt sich mit ihrem Bruder Abdullah (r.a.). Da kam der Prophet (s) dorthin und hörte beim Betreten des Hauses, wie der Eunuch zu Abdullah folgende Worte sagte:
„Wenn Taif morgen erobert wird, werde ich dir Badiya bint Ghaylan ath-Thaqafi zeigen. Ihre Besonderheit ist, dass man, wenn sie von vorn kommt, vier Falten an ihrem Bauch sieht, und wenn sie sich umdreht, acht Falten.“ Danach pries er in obszönen Worten ihre Schamteile. Als der Prophet (s) dies hörte, sagte er: „O Feind Allahs! Du hast sie ja sehr genau betrachtet.“ Dann sagte er zu seinen Ehefrauen: „Ich sehe, dass dieser Mann über die Angelegenheiten der Frauen Bescheid weiß. Deshalb darf er nicht mehr zu euch kommen.“
Damit gab sich der Prophet (s) nicht zufrieden. Er wies ihn sogar aus Medina aus. Denn aufgrund der Beschreibung, die er von den Schamteilen Bint Ghaylans gegeben hatte, schloss der Prophet (s), dass die Frauen wegen seiner weibischen Art und seines weibischen Auftretens ungezwungen mit ihm umgingen, wie sie mit Frauen ihrer eigenen Art umgehen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr dieser Mann Einzelheiten über das Innenleben der Frauen und pries sie anschließend vor Männern. Daraus konnten großes Unheil und schwere Verderbnis entstehen.]
4. Sie darf ihre Schönheit auch vor solchen Knaben zeigen, bei denen sich noch keine geschlechtlichen Empfindungen entwickelt haben. Im Koran heißt es:
(Arabisch*******************************************)
solchen Knaben, die mit den geheimen Angelegenheiten der Frauen noch nicht vertraut geworden sind.
5. Es ist erlaubt, vor Frauen, mit denen man ständig Umgang pflegt, die weibliche Schönheit und Zierde zu zeigen. Im Heiligen Koran wurde anstelle des Ausdrucks „gewöhnliche Frauen“ der Ausdruck „eure Frauen“ verwendet. Damit sind vornehme Frauen, weibliche Verwandte oder Frauen der eigenen gesellschaftlichen Gruppe gemeint. Vor unwissenden, törichten Frauen, vor Frauen, deren Lebenswandel verdächtig ist oder deren Charakter von Schande und Ausschweifung geprägt ist, ist es nicht erlaubt, die hier erörterte weibliche Schönheit zu zeigen. Denn auch sie können Anlass zu Unmoral und Unheil werden. Nachdem die Muslime nach Syrien gelangt waren und muslimische Frauen begonnen hatten, Umgang mit jüdischen und christlichen Frauen zu pflegen, schrieb Umar (ra) an den Statthalter von Syrien, Abu Ubaida ibn al-Dscharrah (ra), und wies ihn an, muslimischen Frauen zu verbieten, gemeinsam mit den Frauen der Schriftbesitzer das Hamam (Badehaus) zu betreten. – Tafsir von Ibn Dscharir
Hadhrat Ibn Abbas (ra) erklärte, dass muslimische Frauen vor ungläubigen und nichtmuslimischen Schutzbefohlenen nur so viel zeigen dürfen, wie sie vor fremden Männern zeigen dürfen. – Tafsir Kabir
Es ging dabei nicht darum, eine religiöse Eigenständigkeit zu bewahren; vielmehr sollten muslimische Frauen vor dem Einfluss solcher Frauen geschützt werden, deren Wesen, Charakter und Kultur unbekannt waren oder, soweit sie bekannt waren, aus islamischer Sicht anstößig erschienen. Unter den nichtmuslimischen Frauen sind diejenigen, die vornehm und schamhaft sind, im Koran(Arabisch********)als „eure Frauen“ eingeschlossen.
Wenn man über diese Abgrenzungen nachdenkt, lassen sich zwei Arten unterscheiden:
1. Die Schönheit, deren Zurschaustellung innerhalb dieses begrenzten Rahmens erlaubt wurde, besteht darin, Schmuck und andere Körperteile, die nicht zur Bedeckung der Awra gehören, zu zeigen, sich in schöner Kleidung zu schmücken, Surma und Parfüm zu verwenden, das Haar zu frisieren und andere Arten von Schmuck und Kleidung zu tragen, wie Frauen sie entsprechend ihren weiblichen Bedürfnissen im eigenen Haus zu tragen pflegen.
2. Diese Art von Schmuck und Kleidung darf vor solchen Männern gezeigt werden, die Frauen für immer verboten sind, oder vor solchen Männern, die kein sexuelles Verlangen haben, oder vor solchen Menschen, von denen keine Unmoral und kein Unheil zu erwarten ist. Für Frauen wurde die Bedingung „eure Frauen“ genannt, für Untergebene die Bedingung „ohne sexuelles Verlangen“ und für Knaben die Bedingung, dass sie „von den verborgenen Angelegenheiten der Frauen nichts verstehen“. Daraus wird deutlich, dass der Gesetzgeber der Scharia beabsichtigt, die Zurschaustellung weiblicher Schönheit auf einen solchen Rahmen zu beschränken, dass durch ihre Schönheit und Kleidung keinerlei unerlaubte Erregung oder Gefahr sexueller Zügellosigkeit entsteht.
Für alle Männer außerhalb dieses Rahmens wurde angeordnet, dass ihnen gegenüber Schönheit und Schmuck nicht gezeigt werden dürfen. Außerdem darf man beim Gehen nicht so auftreten, dass verborgene Schönheit und Schmuck durch die Schritte hörbar sichtbar werden. Dadurch richtet sich der Blick des Mannes auf die betreffende Frau. Die Schönheit, die nach diesem Gebot vor fremden Männern verborgen werden soll, ist genau jene, deren Zurschaustellung innerhalb des oben genannten begrenzten Rahmens erlaubt wurde. Die Absicht ist völlig klar. Wenn Frauen geschmückt vor Männer treten, die sexuelles Verlangen hegen und deren sexuelles Verlangen wegen des Fehlens einer Mahram-Beziehung nicht in eine reine und unschuldige Gesinnung umgewandelt worden ist, sagt niemand, dass durch eine solche Zurschaustellung jede Frau charakterlos und jeder Mann tatsächlich zum Sünder würde. Doch niemand kann leugnen, dass das öffentliche Auftreten von Frauen in schöner Kleidung und ihre Teilnahme an Menschenansammlungen unzählige offenkundige und verborgene, seelische und materielle Schäden verursacht. Heutzutage gibt die Frauenwelt Europas und Amerikas den größten Teil des eigenen und des Einkommens ihrer Ehemänner für Kleidung und Schmuck aus. Diese Ausgaben steigen täglich so stark, dass sie finanziell nicht mehr in der Lage sind, sie zu tragen. – [Kürzlich fand eine Ausstellung von Herstellern chemischer Erzeugnisse statt. Aus den Angaben der Fachleute ging hervor, dass die Frauen Englands jährlich zwanzig Millionen Pfund und die Frauen Amerikas jährlich einhundertfünfundzwanzig Millionen Pfund ausgeben. Fast neunzig Prozent der Frauen wünschen irgendeine Art von „Make-up“. (Anmerkung: Dies betrifft eine Zeit vierzig Jahre vor der Abfassung dieses Aufsatzes. Dass die Verschwendungssucht der Frauen heute gegenüber damals um ein Vielfaches zugenommen hat, steht außer Zweifel. – Der Übersetzer.)] Sind es nicht gerade die lüsternen Blicke, die den Frauen, die auf Märkten, in Büros und bei öffentlichen Versammlungen auftreten, willkommen heißen, die diesen Wahn hervorgerufen haben? Denken Sie noch einmal darüber nach: Welchen anderen Grund könnte es dafür geben, dass unter Frauen ein so starkes Verlangen nach Schmuck und Aufmachung entsteht und sich so rasch ausbreitet? Ist der Grund nicht eben, dass sie das Lob der Männer gewinnen und in deren Augen ansprechend erscheinen wollen? – [Der Wahn, schön erscheinen zu wollen, hat unter den Frauen derart zugenommen, dass sie dafür sogar ihr Leben opfern. Ihr größtes Bestreben besteht darin, schlank und zierlich zu bleiben und keinen einzigen Pfund Fleisch über das Notwendige hinaus am Körper zu haben. Die von Schönheitsspezialisten festgelegten Maße für Waden, Oberschenkel und Brust möchte jedes Mädchen innerhalb dieser Maße halten, als hätten diese Unglücklichen außer dem Ziel, den Augen anderer angenehm zu erscheinen, kein zweites Lebensziel. Um dieses Ziel zu erreichen, hungern sie, verzichten auf nahrhafte Lebensmittel und verbringen ihre Tage mit Zitronensaft, bitterem Kaffee und ähnlichen leichten Getränken. Ohne ärztlichen Rat, ja gegen den ärztlichen Rat, nehmen sie Medikamente ein, die sie abmagern und schwächen. Unter dem Einfluss dieses Wahns haben viele Frauen ihr Leben geopfert und opfern es noch immer. Im Jahr 1937 starb die berühmte Schauspielerin „Jusilabas“ aus Budapest plötzlich an Herzstillstand. Eine spätere Untersuchung ergab, dass sie mehrere Jahre halb verhungert gelebt und zur Gewichtsabnahme patentierte Medikamente verwendet hatte. Dann versagte ihre Lebenskraft eines Tages plötzlich. Danach ereigneten sich allein in Budapest noch drei weitere Fälle hintereinander. Die berühmte ungarische Schönheit „Magda Barsili“ opferte ihr Leben, um schlanker zu erscheinen. Danach wurde die Sängerin „Luis Zabu“ eines Nachts auf der Bühne vor Tausenden von Zuschauern plötzlich bewusstlos und starb. Ihr Kummer bestand darin, dass ihr Körper nicht dem Schönheitsmaßstab der modernen Zeit entsprach. Um diesen Kummer zu beseitigen, griff die Ärmste zu künstlichen Methoden und verlor in zwei Monaten sechzig Pfund Körpergewicht. Das Ergebnis war, dass ihr Herz äußerst schwach wurde und sie eines Tages ihr Leben für die Bewunderer der Schönheit opferte.
Danach kam die Reihe an eine Schauspielerin namens „Imula“. Sie hatte ihren Körper durch künstliche Mittel so leicht gemacht, dass sie schließlich an einer dauerhaften Gehirnerkrankung erkrankte. Danach musste sie statt auf die Bühne in die Irrenanstalt gehen. Die Ereignisse solcher berühmten Personen werden zwar in den Zeitungen veröffentlicht. Aber wer weiß, wie viel Gesundheit und wie viele Leben diese in jedem Haus um sich greifende Besessenheit, schön zu sein und sich als Liebhaberin zu schmücken, täglich zerstört? Wird jemand sagen, dies sei die Freiheit der Frau oder ihre Versklavung? Diese sogenannte Freiheit hat ihnen vielmehr die Herrschaft des männlichen Geschlechtstriebs noch stärker auferlegt. Sie hat sie zu solchen Sklavinnen gemacht, dass ihnen sogar hinsichtlich Ernährung und Gesundheitspflege die Freiheit genommen worden ist. Das Leben und der Tod dieser Unglücklichen sind nun allein für die Männer bestimmt. Wozu dient dies? Ist dies etwa ein völlig unschuldiges Verlangen? Birgt es nicht ein sexuelles Verlangen in sich, das sich über seine natürliche Grenze hinaus ausbreiten will und dessen Erfüllung auch am anderen Ende ein entsprechendes Verlangen voraussetzt? Wenn Sie dies leugnen, werden Sie vielleicht schon morgen nicht zögern zu behaupten, dass die Rauchwolke, die man im Vulkan sieht, keineswegs darauf hindeute, dass aus seinem Inneren Lava hervorzubrechen drohe.
Sie haben die Freiheit, Ihre Arbeit zu verrichten, und tun Sie, was Sie wollen. Aber leugnen Sie nicht die Wahrheit. Diese Wahrheit ist inzwischen auch kein Geheimnis mehr. Ihre Folgen sind wie bei hellem Tageslicht offenkundig geworden. Diese Folgen nehmen Sie wissentlich in Kauf. Doch Islam will sie genau an dem Ort unterbinden, an dem ihre Entstehung beginnt. Denn sein Blick richtet sich nicht auf den äußerlich scheinbar unschuldigen Beginn der Zurschaustellung von Schönheit, sondern auf das furchtbare Ende, das sich wie die Dunkelheit des Qiyama über die gesamte Gesellschaft ausbreitet.
Hadith:
(Arabisch*****************************************)
Eine Frau, die sich vor fremden Männern geschmückt bewegt, gleicht der Dunkelheit des Qiyama ohne Licht. – Tirmidhi
Im Quran gibt es an der Stelle, an der die Zurschaustellung von Schönheit vor fremden Männern verboten wird, auch eine Ausnahme, nämlich: (Arabisch***********)Darin liegt keine Sünde. Manche haben versucht, aus dieser Ausnahme einen gewissen Vorteil zu ziehen. Das Problem ist jedoch, dass diese Worte keinen Raum für einen weitergehenden Vorteil lassen. Der Gesetzgeber der Scharia sagt: Zeige deine Schönheit nicht freiwillig vor anderen. Für eine Kleidung jedoch, die von selbst sichtbar wird oder zwangsläufig sichtbar werden muss, wird niemand verantwortlich gemacht – das ist die ganz klare Bedeutung. Deine Absicht darf nicht darin bestehen, Schönheit und Kleidung zur Schau zu stellen. In dir darf keineswegs der Antrieb oder der Wunsch vorhanden sein, deine eigene Aufmachung anderen zu zeigen oder, selbst wenn es nicht mehr ist, wenigstens durch das Ertönen des verborgenen Klingelns deines Schmucks die Aufmerksamkeit anderer auf dich zu lenken. Du musst dich nach Kräften bemühen, deine eigene Schönheit zu verbergen. Wenn danach trotz deines fehlenden Willens etwas sichtbar wird, wird Allah dich dafür nicht verantwortlich machen. Das Gewand, mit dem du deine Schönheit bedeckst, wird natürlich sichtbar sein. Die Gestalt und Größe deines Körpers sowie deine körperliche Erscheinung und Form werden darin erkennbar sein. Für notwendige Tätigkeiten wirst du deine beiden Hände und einen Teil deines Gesichts freilegen müssen. Wenn es so ist, liegt darin keine Sünde. Es ist nicht dein Wunsch, dies zu zeigen; vielmehr bist du dazu gezwungen. Wenn ein schlechter Mensch daran Gefallen findet, so soll er es tun. Er wird die Strafe für sein schlechtes Verlangen tragen. Die Verantwortung, die Zivilisation und Moral dir auferlegt hatten, hast du nach deinem Vermögen erfüllt.
Dies ist die eigentliche Bedeutung des oben genannten Verses. Wenn man die verschiedenen Meinungsverschiedenheiten unter den Tafsir-Gelehrten über die Bedeutung dieses Verses eingehend untersucht, wird man erkennen, dass trotz aller unterschiedlichen Auffassungen der Kern ihrer Aussagen auf genau das hinausläuft, was oben dargelegt wurde.
Nach Ibn Masʿud, Ibrahim Nachaʿi und Hasan al-Basri bedeutet sichtbare Schönheit jene Kleidung, durch die die innere Schönheit bedeckt werden kann, etwa Burqa, Tschador und dergleichen.
Nach Ibn Abbas, Mujahid, Ata, Ibn Umar, Anas, Dahhak, Saʿid ibn Dschubair, al-Auzaʿi und den Imamen der hanafitischen Rechtsschule sind damit das Gesicht, beide Hände und die daran verwendeten Schmuckmittel gemeint, wie Henna an den Händen, Ringe, Kohl für die Augen und dergleichen.
Nach Saʿid ibn al-Musayyab besteht die einzige Ausnahme im Gesicht; einer anderen Überlieferung zufolge vertrat auch Hasan al-Basri diese Ansicht.
Hadhrat Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) war dafür, das Gesicht bedeckt zu halten. Ihrer Ansicht nach sind mit der sichtbaren Schönheit beide Hände, Armreifen, Ringe, Reifen und dergleichen gemeint.
Miswar ibn Makhrama und Qatada gestatten, die Hände einschließlich des Schmucks unbedeckt zu lassen; aus ihrer Aussage scheint hervorzugehen, dass sie statt des gesamten Gesichts nur das Offenlassen der Augen für zulässig halten. – [Ibn Dscharir und Ahkam al-Qurʾan.]
Bedenken Sie den Zweck dieser unterschiedlichen Ansichten. Diese Koranausleger(Arabisch***********) machen daraus deutlich, dass Allah Taʿala die Offenlegung einer solchen Schönheit erlaubt, die zwangsläufig sichtbar wird oder sichtbar zu machen notwendig ist. Keiner von ihnen beabsichtigt, die Hände zur Schau zu stellen oder sie zum Gegenstand fremder Blicke zu machen.
Jeder von ihnen hat entsprechend seinem eigenen Verständnis und mit Blick auf die Bedürfnisse der Frauen zu begreifen versucht, welches Körperteil im Bedarfsfall zwangsläufig entblößt werden darf oder von Natur aus sichtbar wird. Wir sagen jedoch:(Arabisch**********) – Beschränken Sie dies nicht auf eine der beiden Möglichkeiten. Eine gläubige Frau, die den Anweisungen Allahs und des Gesandten folgen möchte und nicht beabsichtigt, sich in Ungehorsam und Verderben zu verstricken, kann entsprechend ihrer eigenen Lage und Notwendigkeit selbst entscheiden, ob sie Gesicht und beide Hände unbedeckt lässt oder nicht, und, wenn sie dies tun möchte, zu welcher Zeit, in welchem Umfang sie sie entblößt und in welchem Umfang sie sie bedeckt hält. Der Gesetzgeber der Scharia hat in dieser Angelegenheit keine eindeutige Anweisung erteilt. Es entspricht auch nicht der praktischen Vernunft, angesichts der unterschiedlichen Umstände und Bedürfnisse eine eindeutige Anweisung festlegen zu müssen. Eine Frau, die aus eigener Notwendigkeit gezwungen ist, hinauszugehen und Arbeiten zu verrichten, wird zuweilen ihre Hände und zuweilen ihr Gesicht öffnen müssen. Für eine solche Frau besteht je nach Bedarf eine Erlaubnis. Eine Frau jedoch, deren Lage nicht so ist, darf ohne Grund nicht eigenmächtig Hände und Gesicht unbedeckt lassen.
Der Zweck des Gesetzgebers der Scharia ist demnach, dass es sündhaft ist, einen Körperteil oder einen Teil davon mit dem Ziel zu entblößen, die eigene Schönheit zur Schau zu stellen. Wenn etwas unbeabsichtigt und von selbst sichtbar wird, ist dies nicht sündhaft. Wenn ein tatsächlicher Bedarf dazu zwingt, es zu entblößen, ist dies zulässig. Nun stellt sich die Frage: Welche Anweisung gibt es, wenn man von den unterschiedlichen Umständen absieht und nur das Gesicht betrachtet? Wünscht der Gesetzgeber der Scharia, dass es unbedeckt bleibt, oder missbilligt er dies? Darf man es nur bei Bedarf unbedeckt lassen, oder ist es überhaupt kein Körperteil, das vor den Blicken anderer verborgen werden muss?
Die Verse der Sure al-Ahzab beleuchten diese Fragen.
Anweisung bezüglich des Gesichts
Die oben erwähnten Verse aus der Sure al-Ahzab lauten:
(Arabisch*********************************************)
O Prophet! Sage deinen Ehefrauen, deinen Töchtern und den muslimischen Frauen, sie sollen ihre Gesichtsschleier über sich ziehen. Dadurch ist zu hoffen, dass sie erkannt und danach nicht belästigt werden. – Sure al-Ahzab: 59
Der Vers wurde insbesondere zur Bedeckung des Gesichts offenbart; (Arabisch*********) die Pluralform des Wortes (Arabisch*********) bedeutet „Überwurf“. (Arabisch*********) Das Wort bedeutet „herabhängen lassen“. (Arabisch*****************) Seine wörtliche Bedeutung ist, einen Teil des Überwurfs über sich herabhängen zu lassen. Dies ist auch die Bedeutung des Gesichtsschleiers. Doch der eigentliche Zweck dieses Verses ist nicht der allgemein bekannte „Gesichtsschleier“, sondern die Bedeckung des Gesichts – sei es durch einen Gesichtsschleier, einen Vorhang oder auf irgendeine andere Weise. Als deren Nutzen wird dargelegt, dass die Menschen, wenn eine muslimische Frau auf diese Weise bedeckt das Haus verlässt, erkennen können, dass sie eine angesehene Frau und keine schamlose oder sittenlose ist. Deshalb wird niemand ihre Sittsamkeit beeinträchtigen.
Alle Kommentatoren des Heiligen Qur’an haben diesen Vers in diesem Sinne ausgelegt. Hadhrat Ibn Abbas (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sagt in seiner Auslegung:
Allah, der Erhabene, hat den muslimischen Frauen befohlen, dass sie, wenn sie aus einem bestimmten Anlass das Haus verlassen, den Zipfel des Überwurfs vom Kopf herabhängen lassen und damit ihr Gesicht bedecken sollen. – Tafsir Ibn Dschरir
Imam Muhammad ibn Sirin fragte Hadhrat Ubaida ibn Sufyan ibn al-Harith al-Hadschrami, wie dieser Befehl in die Praxis umzusetzen sei. Daraufhin zeigte er es ihm, indem er seinen Überwurf selbst hochhob. Er bedeckte Stirn, Nase und ein Auge und ließ nur ein Auge frei. – Tafsir Ibn Dschरir
Allama Ibn Dscharir at-Tabari sagt in seinem Tafsir zu diesem Vers:
O Prophet! Sage deinen Ehefrauen, deinen Töchtern und den muslimischen Frauen, dass sie, wenn sie aus irgendeinem Anlass ihre Häuser verlassen, nicht die Kleidung von Sklavinnen tragen sollen, durch die Kopf und Gesicht unbedeckt bleiben, sondern dass sie ihren Schleier über sich ziehen sollen, damit sittenlose Männer ihre Keuschheit nicht verletzen und erkennen können, dass es sich um vornehme Frauen handelt. – Tafsir von Ibn Dscharir
Allama Abu Bakr al-Dschassas sagt:
Dieser Vers belegt, dass der jungen Frau befohlen wurde, ihr Gesicht vor fremden Männern zu verhüllen, und dass sie beim Verlassen des Hauses Verschleierung und ehrbare Zurückhaltung zeigen soll, damit ein Mann mit schlechten Absichten nicht in Versuchung gerät, ihr nachzustellen. – Ahkam al-Qur’an, dritter Band
Allama an-Naisaburi sagt in seinem Tafsir „Ghara’ib al-Qur’an“:
In der Frühzeit des Islam gingen die Mädchen wie in der Zeit der Dschahiliyya in Kamisen und mit einem Tuch bekleidet hinaus. Auch die Kleidung vornehmer Frauen unterschied sich nicht von der der Frauen aus den unteren Schichten. Daraufhin erging der Befehl, dass sie ihren Schleier überwerfen und damit ihr Gesicht bedecken sollten, damit die Leute erkennen konnten, dass es vornehme Frauen und keine Unzüchtigen waren.
Imam ar-Razi sagt:
In der Zeit der Dschahiliyya gingen sowohl vornehme Frauen als auch Sklavinnen allesamt unverschleiert umher, und sittenlose Männer verfolgten sie. Allah, der Erhabene, befahl den vornehmen Frauen, sich mit einem Schleier zu bedecken.(Arabisch********************)Dies kann zweierlei bedeuten. Erstens wird man an dieser Kleidung erkennen können, dass es sich um eine vornehme Frau handelt, und man wird ihr nicht nachstellen. Zweitens wird man daraus erkennen können, dass diese Frauen nicht charakterlos sind. Denn von einer Frau, die ihr Gesicht bedeckt [wobei das Gesicht nicht zur „Awra“ zählt – also zu den Körperteilen, die nach islamischer Terminologie gegenüber allen außer den Ehepartnern bedeckt zu halten sind; auch der Bereich zwischen dem Bauchnabel und den Knien des Mannes wird in diesem Sinne als Awra bezeichnet –, sodass seine Bedeckung nicht verpflichtend wäre], kann niemand erwarten, dass sie bereit wäre, ihre Awra zu enthüllen. Somit wird diese Kleidung beweisen, dass sie eine verschleierte Frau ist, und es wäre vergeblich, von ihr eine unsittliche Handlung zu erwarten. – Tafsir Kabir
Qadi Baydawi sagt:
(Arabisch******************************************)
Das bedeutet, dass sie, wenn sie aus einem eigenen Bedürfnis hinausgehen, ihren Körper und ihr Gesicht mit einem Überwurf bedecken sollen. Hier (Arabisch********)wird das Wort (Arabisch*******)für … verwendet, das heißt, er muss über dem Überwurf drapiert werden. (Arabisch*********************)Damit wird zwischen vornehmen Frauen, Sklavinnen und Sängerinnen unterschieden. (Arabisch**********)Das heißt, verdächtige Personen werden nicht den Mut haben, ihre Keuschheit zu verletzen. – Tafsir al-Baydawi
Aus all diesen Aussagen geht hervor, dass man von der heiligen Zeit der ehrwürdigen Gefährten (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) bis zum achten Jahrhundert in jeder Epoche dieselbe Bedeutung aus diesem Vers abgeleitet hat, und dass diese Bedeutung genau derjenigen entspricht, die wir aus seinen Worten verstehen konnten. Wenn man danach die Hadithe betrachtet, wird deutlich, dass die muslimischen Frauen seit der Offenbarung dieses Verses und während der Zeit des edlen Propheten allgemein damit begonnen hatten, ihr Gesicht zu verhüllen, und dass es nicht mehr üblich war, sich mit unverhülltem Gesicht in der Öffentlichkeit zu bewegen. In den Hadith-Sammlungen von Abu Dawud, at-Tirmidhi, al-Muwatta und anderen steht, dass der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) Frauen während des Ihram-Zustands untersagte, ihr Gesicht zu verhüllen und Handschuhe zu tragen. Daraus geht hervor, dass bereits in jener heiligen Zeit der Gebrauch eines Gesichtsschleiers zur Bedeckung des Gesichts und von Handschuhen zur Bedeckung der Hände üblich geworden war. Lediglich während des Ihram-Zustands war ihre Verwendung untersagt. Damit war jedoch nicht beabsichtigt, dass das Gesicht der Frau während der Hadsch für die Allgemeinheit sichtbar sein sollte. Vielmehr bestand der Zweck darin, dass die Gesichtsverhüllung im Pilgergewand des Ihram nicht zu einem festen Bestandteil der Kleidung der Frauen werden sollte, wie es sonst allgemein der Fall war. Andere Hadithe berichten, dass auch im Ihram-Zustand die Ehefrauen des Propheten und andere muslimische Frauen ihre unverhüllten Gesichter vor den Blicken fremder Männer verbargen.
(Arabisch************************************************)
Hadhrat Aiyema (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) berichtet: „Reiter zogen an uns vorbei, während wir uns gemeinsam mit dem Propheten (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) im Ihram-Zustand befanden. Wenn jemand vor uns erschien, zogen wir unseren Überwurf vom Kopf über das Gesicht. Sobald sie vorübergegangen waren, enthüllten wir unsere Gesichter wieder.“
– Abu Dawud
(Arabisch***************************************************)
Fatima bint al-Mundhir sagt: „Während wir uns im Ihram-Zustand befanden, bedeckten wir unser Gesicht mit einem Tuch. Unter uns war auch Asma (r.a.), die Tochter von Abu Bakr. Sie verbot es uns nicht.“ – Imam Malik: al-Muwatta
In Fath al-Bari, im Buch über die Hadsch, findet sich eine Überlieferung von Aischa (r.a.):
(Arabisch**********************************************_)
Frauen sollen während des Ihram-Zustands ihre Tücher vom Kopf über das Gesicht herabhängen lassen.
Verhüllung
Wer die Worte des Heiligen Korans, ihre Anerkennung in der Öffentlichkeit, die einhellige Tafsir sowie ihre Umsetzung zur Zeit des edlen Propheten (s.a.w.) betrachtet, kann die Tatsache nicht leugnen, dass die islamische Scharia den Frauen vorschreibt, ihr Gesicht vor Fremden zu bedecken, und dass dieses Gebot zur Zeit des Propheten (s.a.w.) befolgt wurde. Auch wenn das vom Heiligen Koran vorgeschlagene Gebot nicht der Bezeichnung „Niqab“ oder „Verhüllung“ nach, so doch seinem Sinn und seiner Bedeutung nach besteht. Vor den Augen jener heiligen Persönlichkeit, auf die der Koran herabgesandt worden war, hatten die muslimischen Frauen dies als Bestandteil ihrer Kleidung für das Verlassen des Hauses angenommen, und auch damals wurde es „Niqab“ genannt, das heißt Schleier oder Verhüllung.
Bedauerlich ist, dass es sich um jenen „Niqab“ (Schleier) handelt, den Europa für äußerst unerwünscht und verabscheuungswürdig hält. Schon der bloße Gedanke daran ist für das westliche Gewissen unerträglich. Man betrachtet ihn als Kennzeichen von Unterdrückung, Engstirnigkeit und Barbarei. Es ist eine jener Angelegenheiten, die ebenfalls erwähnt werden, wenn von der Unwissenheit und Unterentwicklung der Völker des Ostens die Rede ist. Und wenn gesagt wird, dass sich ein östliches Volk in Bildung und Zivilisation weiterentwickelt, wird als Erstes besonders hervorgehoben, dass der „Niqab“ aus den Reihen dieses Volkes verschwunden sei. Nun senken Sie beschämt Ihr Haupt angesichts der Tatsache, dass dies keine Erfindung späterer Zeiten ist, sondern vom Heiligen Koran selbst eingeführt und vom edlen Propheten (s.a.w.) verbreitet wurde. Doch es genügt nicht, lediglich das Haupt zu senken. Wenn ein Strauß angesichts des Jägers seinen Kopf im Sand verbirgt, verschwindet die Existenz des Jägers dadurch nicht. Auch Sie können auf diese Weise Ihr Haupt senken, doch dadurch werden die Verse des Korans nicht ausgelöscht und die durch die Geschichte bewiesenen Tatsachen nicht beseitigt. Wenn Sie dies durch komplizierte Auslegungen verhüllen, wird dieser „Schandfleck“ nur noch deutlicher hervortreten. Nachdem Sie an die westliche „göttliche Offenbarung“ geglaubt und sie als „Schandmal“ anerkannt haben, gibt es nur einen Weg, ihn zu beseitigen. Er besteht darin, Ihre Lossagung von jenem Islam zu erklären, der „verachtete Dinge“ wie den „Niqab“, den Gesichtsschleier und die Gesichtsbedeckung vorschreibt. Sie streben nach „Fortschritt“, Sie brauchen „Zivilisation“. Wie könnte Ihnen daher eine Religion annehmbar sein, die Frauen daran hindert, die Zierde und das Licht von Versammlungen und Gesellschaften zu sein, die Schamhaftigkeit, Schleier und ehrbare Keuschheit lehrt und ihnen verbietet, für die Augen anderer als der Hausbewohner ein erfreulicher Anblick zu sein? Wo ist in einer solchen Religion der „Fortschritt“? Welche Beziehung hat eine solche Religion zur „Zivilisation“? Für „Fortschritt“ und „Zivilisation“ ist es doch notwendig, dass eine Frau – keine Frau, sondern eine gnädige Dame – sich vor dem Hinausgehen zwei Stunden lang von allen Arbeiten freimacht und sich ausschließlich der Pflege ihrer Schönheit und dem Sich-Herausputzen widmet, ihren ganzen Körper mit Duft erfüllt, sich mit nach Farbe und Schnitt äußerst ansprechenden Kleidern schmückt, ihr Gesicht und ihre beiden Arme färbt, ihre Lippen mit Lippenstift blutrot färbt und ihre Augen für den richtigen und treffsicheren Abschuss der Augenbrauenbogen auffrischt. Wenn sie so in all diesen anmutigen Posen geschmückt das Haus verlässt, wird es so sein, dass jede ihrer Bewegungen Herz und Gemüt anzieht und zu sagen scheint: „Der eigentliche Platz ist hier.“ Und wenn selbst dadurch das Verlangen nach der Zurschaustellung des eigenen Schmucks nicht befriedigt wird, werden Spiegel und Kosmetikartikel stets mitgeführt, damit jeder noch so kleine Fehler der Aufmachung in kurzen Abständen korrigiert werden kann.
Wir haben wiederholt gesagt, dass zwischen den Zielen des Islam und denen der westlichen Zivilisation ein himmelweiter Unterschied besteht und dass jemand, der die islamischen Gebote aus westlicher Sicht auslegt, einen schwerwiegenden Fehler begehen wird. Der Maßstab für Wert und Würde der Dinge im Westen unterscheidet sich vollständig vom Maßstab des Islam. Was der Westen für äußerst wichtig und im Leben erstrebenswert hält, besitzt aus islamischer Sicht keinerlei Bedeutung. Was wiederum der Islam für bedeutsam hält, ist für den Westen wertlos. Wer nun an den westlichen Maßstab glaubt, wird daher jeden einzelnen Bestandteil des Islam für verbesserungsbedürftig halten. Wenn er sich daranmacht, die islamischen Gebote auszulegen, wird er sie zwangsläufig verändern und sie auch nach der Veränderung nicht in seinem eigenen Leben verwirklichen können. Denn Schritt für Schritt wird die Auslegung von Koran und Sunna ihm Hindernisse in den Weg legen. Solch ein Mensch sollte, bevor er die Einzelheiten der Wege zur Umsetzung der Gebote Allahs betrachtet, darüber nachdenken, zu welchem Zweck diese Wege eingeschlagen wurden und inwieweit sie annehmbar sind. Wenn er mit diesen Zielen selbst nicht übereinstimmen kann, wird er dann etwa die überflüssige Mühe auf sich nehmen, über die Mittel und Methoden zu ihrer Verwirklichung zu streiten und sie zu verändern? Warum gibt er nicht einfach die Religion auf, deren Zweck und Ziele er für fehlerhaft hält? Wenn er jedoch mit ihren Zielen übereinstimmt, bleibt als Gegenstand des Streits nur die Frage, ob die zur Erreichung dieser Ziele vorgeschlagenen wirksamen Wege angemessen oder unangemessen sind. Dieser Streit kann leicht beigelegt werden. Doch nur ehrenhafte Menschen können diesen Weg einschlagen. Nun bleiben noch die Heuchler. Sie sind unter den Geschöpfen Allahs des Erhabenen die schlechtesten. Es passt zu ihnen, zu behaupten, an irgendetwas zu glauben, während ihr tatsächlicher Glaube in Wahrheit etwas anderem gilt.
Die Debatte über Niqab und Burka wird in dem Maße, wie sie geführt wird, in Wahrheit auf der Grundlage von Heuchelei geführt. Mit aller Kraft wurde versucht zu beweisen, dass diese Form der Verschleierung bei den Völkern der vorislamischen Zeit verbreitet gewesen sei und dieses Erbe der Dschahiliya erst lange nach der Zeit des Propheten unter den Muslimen verteilt worden sei. Warum diese Mühe um historische Nachforschungen gegen einen eindeutigen Koranvers, die nachgewiesene Praxis der Prophetenzeit und die klaren Erklärungen der Sahaba und Tabi’in? Der einzige Grund ist, dass jene Ziele und Bestrebungen vor ihnen standen und noch immer stehen, die in der westlichen Öffentlichkeit anerkannt sind. Jene Vorstellungen von „Fortschritt“ und „Zivilisation“, die man von den Westlern übernommen hat, sind tief in ihren Herzen verwurzelt. Da das Tragen der Burka und die Bedeckung des Gesichts diesen Zielen widersprechen und mit jenen Vorstellungen nicht vereinbar sind, hat man durch historische Nachforschungen versucht, all das aus der Welt zu schaffen, was in der islamischen Rechtswissenschaft niedergelegt ist. Dies ist eine offenkundige Heuchelei, die bei diesem Problem ebenso wie bei anderen Problemen praktiziert wurde. Ihre eigentliche Ursache ist jene Prinzipienlosigkeit, geistige Beschränktheit und jener Mangel an moralischem Mut, die oben beschrieben wurden. Wäre dies nicht der Fall, wäre trotz des Anspruchs, dem Islam zu folgen, niemals der Gedanke aufgekommen, den Koran historisch darzustellen. Entweder hätte man seine Ziele mit den Zielen des Islam in Einklang gebracht [wenn man Muslim bleiben wollte], oder man hätte sich offen von dieser Religion getrennt, die man nach seinem eigenen Maßstab des Fortschritts als ein Hindernis für den Fortschritt betrachtet.
Für jemanden, der die Ziele des islamischen Rechts verstanden hat und auch über etwas gesunden Menschenverstand verfügt, ist es nicht schwer zu begreifen, dass die Erlaubnis für Frauen, sich mit unbedecktem Gesicht draußen zu bewegen, jenen Zielen widerspricht, denen der Islam so große Bedeutung beimisst. Dasjenige am Menschen, was einen anderen am stärksten anzieht, ist sein Gesicht. Die natürliche Schönheit des Menschen, mit anderen Worten der großartigste Anblick menschlicher Schönheit, liegt in seinem Gesicht. Es zieht die Blicke am stärksten auf sich. Es bewegt die Gefühle und Empfindungen. Es ist der stärkste Auslöser sexueller Gefühle und Erregung. Um dies zu verstehen, ist keine tiefgehende psychologische Kenntnis erforderlich. Fragen Sie Ihr eigenes Herz. Holen Sie das Urteil unmittelbar vor Ihren eigenen Augen ein. Prüfen und untersuchen Sie es durch Ihre eigene seelische Erfahrung. Die Sache mit der Heuchelei ist etwas anderes. Wenn ein heuchlerischer Munafiq schon die Anerkennung der Existenz der Sonne als seinen eigenen Interessen zuwiderlaufend betrachtet, wird er die Existenz der Sonne am helllichten Tag leugnen. Wenn Sie sich an die Wahrheit halten, müssen Sie anerkennen, dass Allah, der Erhabene, den größten Teil der gesamten körperlichen Schönheit im Hinblick auf sexuelle Anziehungskraft im Gesicht verliehen hat. Wenn Sie ein Mädchen heiraten wollten, wonach würden Sie Ihre Entscheidung treffen? Eine Möglichkeit wäre, dass sie Ihnen gegenüber ihren gesamten Körper außer dem Gesicht bedeckt hielte. Eine andere Möglichkeit wäre, dass sie ihr Gesicht durch eine Fensterspalte zeigte. Sagen Sie nun: Welche dieser beiden Möglichkeiten würden Sie wählen? Sagen Sie ehrlich: Ist Ihnen die Schönheit des Gesichts im Vergleich zum gesamten Körper nicht wichtiger?
Nachdem Sie diese Wahrheit anerkannt haben, gehen Sie weiter. Wenn es nicht wünschenswert ist, die sexuelle Zügellosigkeit der Gesellschaft und die ausufernde sexuelle Erregung einzudämmen, dann sollte nicht nur das Gesicht, sondern alles – Brust, Arme, Oberschenkel, Waden und dergleichen – frei entblößt werden dürfen, wie es in der westlichen Zivilisation der Fall ist. Unter diesen Umständen wären all jene Grenzen und Verbote, die oben im Zusammenhang mit der islamischen Verschleierung beschrieben wurden, völlig unnötig. Wenn es jedoch das Ziel ist, den Ansturm sexueller Erregung abzuwehren, was könnte dann unvernünftiger und unwissenschaftlicher sein als dies: Die kleinen Türen werden mit Ketten verschlossen, während das große Tor weit offen bleibt?
Nun könnte die Frage aufkommen: Wenn die Lage so ist, warum hat der Islam dann erlaubt, das Gesicht aus einem zwingenden Grund zu enthüllen? Die Antwort lautet, dass das islamische Recht weder unausgewogen noch einseitig ist. Einerseits berücksichtigt es die moralischen Folgen, andererseits urteilt es unter Berücksichtigung der tatsächlichen Bedürfnisse des Menschen; zwischen beidem hat es ein außerordentliches Maß an Ausgewogenheit und Gleichgewicht gewahrt. Es will den Weg zu moralischem Fehlverhalten versperren und zugleich keinem Menschen solche Einschränkungen auferlegen, durch die er seine natürlichen Bedürfnisse nicht befriedigen kann. Das ist der einzige Grund, weshalb hinsichtlich der Bedeckung der Scham und der Zurschaustellung der Schönheit so klare Anweisungen gegeben wurden, hinsichtlich des Gesichts und der Hände jedoch nicht in derselben Weise. Denn das Verbergen der Scham und der Schönheit bereitet bei der Erfüllung der Bedürfnisse des Lebens keinerlei Schwierigkeiten. Wenn jedoch beide Hände und das Gesicht ständig bedeckt wären, entstünden den Frauen bei der Erfüllung ihrer Bedürfnisse große Schwierigkeiten. Daher wurde für Frauen allgemein die Regelung getroffen, dass sie ihr Gesicht mit einem Schleier und einer Bedeckung verhüllen sollen und(Arabisch**********)– gemäß dem Prinzip wurde ihnen die Erleichterung gewährt, dass das Gesicht tatsächlich enthüllt werden darf, wenn dafür ein wirklicher Bedarf besteht. Die Bedingung ist jedoch, dass nicht die Zurschaustellung der Schönheit das Ziel sein darf, sondern ausschließlich die Erfüllung eines Bedürfnisses. Der Weg zu dem von der anderen Seite drohenden Fehlverhalten und Unheil wurde ebenfalls versperrt, indem den Männern befohlen wurde, ihre Blicke zu senken. Wenn eine ehrbare Frau aus eigenem Bedürfnis ihr Gesicht enthüllt, soll der Mann seinen Blick senken und sich jeder sonstigen Nutzung davon enthalten.
Wenn man über diese Anweisungen zur Einhaltung der Verschleierung nachdenkt, erkennt man, dass die islamische Verschleierung keine dschahilische Sitte, sondern ein von Vernunft und Einsicht geprägtes Gesetz ist. Eine dschahilische Sitte ist starr und unveränderlich. Eine Sitte, die auf bestimmte Weise verbreitet ist, kann unter keinen Umständen verändert werden. Was verborgen wurde, bleibt für immer verborgen. Selbst nach dem Tod kann es nicht offengelegt werden. Ein vernunftgemäßes Gesetz hingegen ist flexibel. Je nach den Umständen lässt es Strenge und Erleichterung zu. Je nach den Umständen sieht es auch Ausnahmen von seinen Regeln und Grundsätzen vor. Ein solches Gesetz kann nicht blind befolgt werden. Dafür sind Verständnis und Urteilsvermögen erforderlich. Ein gewissenhafter Gesetzestreuer kann selbst entscheiden, wann die allgemeinen Regeln und Grundsätze einzuhalten sind und wann aus rechtlicher Sicht ein tatsächlicher Bedarf besteht, der die Inanspruchnahme einer Ausnahme erlaubt. Danach kann er selbst entscheiden, in welchem Umfang eine Erlaubnis unter bestimmten Umständen Nutzen bringen kann und wie sich dabei der Zweck des Gesetzes wahren lässt. Bei all diesen Dingen kann in Wahrheit nur eine aufrichtige heilige Absicht oder ein entsprechender Wunsch das Herz des Mu’min zu einem wahrhaftigen Mufti machen. Der Prophet (S) sagte:
(Arabisch*************************************))
Bitte dein eigenes Herz um ein Rechtsurteil, und was in deinem Herzen Unruhe oder Zweifel hervorruft, das gib auf.
Gerade deshalb ist es unmöglich, dem Islam in Unwissenheit und ohne Verständnis zu folgen. Er ist ein Gesetz, das auf Gewissen und Vernunft beruht, und wer ihm folgen will, benötigt auf Schritt und Tritt Empfindsamkeit und Verständnis.
Regeln für das Verlassen des Hauses
Nachdem die Grenzen der Kleidung und der Bedeckung der Awra festgelegt worden sind, lautet die letzte Anweisung an die Frauen:
(Arabisch**********************************)
Haltet euch in Würde in euren Häusern auf und geht nicht wie in der Zeit der Dschāhilīya mit Schmuck und herausgeputzt umher. – Sure al-Ahzāb: 33
(Arabisch***************************************************)
Sie sollen nicht auf eine Weise auf den Boden auftreten, durch die ihre verborgene Schönheit sichtbar wird. – Sure an-Nūr: 31
(Arabisch******************************************)
Sprecht nicht mit sanfter Stimme, sonst könnten diejenigen, deren Herzen krank sind, in Versuchung geraten. – Sure al-Ahzāb: 32
(Arabisch******)Über die Aussprache des Wortes bestehen unterschiedliche Meinungen. Die gewöhnlichen Bewohner Medinas und einige Kufaner (Arabisch*******)haben es [mit Fatha über dem Kaf] gelesen. Es ist vom Stamm (Arabisch********) abgeleitet. Nach dieser Lesart bedeutet es: Halte dich beständig in deinem Haus auf. Die gewöhnlichen Bewohner Basras und Kufas dagegen (Arabisch******)haben es [mit Kasra unter dem Kaf] gelesen. Es ist aus dem Wort (Arabisch********) gebildet. Seine Bedeutung wäre: „Halte dich in deinem Haus mit Würde und in Frieden auf.“
(Arabisch***********)Das Wort hat zwei Bedeutungen. Die eine ist das Zurschaustellen von Schönheit und Schmuck. Die zweite ist, beim Gehen Pracht und Eleganz zu zeigen, beim Gehen mit den Hüften zu wippen – also auf diese Weise zu gehen, mit anmutigen Bewegungen zu gehen. In dem Koranvers sind beide Bedeutungen gemeint. In der Zeit der ersten Dschāhilīya gingen die Frauen in anziehendem Schmuck und aufwendiger Kleidung hinaus, so wie die Frauen der modernen Zeit der Dschāhilīya sich draußen bewegen. Auch ihre Art zu gehen war absichtlich so, dass jeder Schritt nicht auf den Boden, sondern auf das Herz des Betrachters fiel. Der berühmte Tābiʿī und Koranausleger Qatāda sagte:
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Um diesen Zustand zu verstehen, bedarf es keiner historischen Darstellung. Begeben Sie sich in eine Gesellschaft, in der die Frauen in westlicher Kleidung und Aufmachung auftreten. Mit eigenen Augen werden Sie das Verhalten der Zeit der ersten Dschāhilīya sehen können. Der Islam fordert dazu auf, sich davon fernzuhalten. Er sagt: Erstens ist dein wahrer Aufenthaltsort dein Haus. Von den Pflichten außerhalb des Hauses bist du deshalb entbunden worden, damit du in Frieden und Würde zu Hause bleiben und die Pflichten des Familienlebens erfüllen kannst. Wenn es jedoch notwendig ist, ist es dir auch erlaubt, das Haus zu verlassen. Doch achte beim Hinausgehen vollständig auf deine Keuschheit und Ehre. Deine Kleidung und Aufmachung soll keinen solchen Prunk und Glanz aufweisen, der die Blicke anderer auf dich zieht, und du sollst nicht von einem solchen Drang zur Zurschaustellung deiner Schönheit erfüllt sein, dass du beim Gehen bald dein Gesicht aufblitzen lässt und bald deine beiden Hände zur Schau stellst. Deine Bewegungen sollen keine solche Anmut besitzen, durch die die Blicke anderer auf dich gelenkt werden. Gehe nicht mit solchem Schmuck hinaus, dessen Klingeln den Ohren anderer süßen Klang bereitet. Erzeuge nicht absichtlich eine Stimme, damit andere sie hören. Ja, wenn es notwendig ist zu sprechen, dann sprich, aber bemühe dich nicht, mit einer honigsüßen Stimme zu sprechen. Wenn du all diese Regeln und Grenzen einhältst, kannst du das Haus verlassen.
Dies ist die Lehre des Heiligen Korans. Werfen wir nun einmal einen Blick auf den Hadith. Sehen wir, welchen Weg der Prophet (s) gemäß dieser Lehre für die Frauen in der Gesellschaft festgelegt hat und wie die ehrwürdigen Gefährten (Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen) und ihre Frauen ihn umgesetzt haben.
Die Erlaubnis, aus einem Bedürfnis heraus hinauszugehen
Im Hadith heißt es, dass Hadhrat Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) schon vor der Offenbarung der Anweisungen zum Hijab gefordert hatte: „O Gesandter Allahs (s), lass die Frauen den Hijab einhalten.“ Eines Nachts ging Umm al-Mu’minīn Hadhrat Sawda bint Khāmya (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) aus dem Haus, und Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sah sie. Er rief sie und sagte: „Sawda! Wir haben dich erkannt.“ Damit wollte er erreichen, dass Frauen das Haus überhaupt nicht verlassen durften. Als danach der Befehl zum Hijab offenbart wurde, kam Umars Gelegenheit. Er begann, die Frauen streng daran zu hindern, hinauszugehen. Wiederholte sich nun der frühere Vorfall mit Hadhrat Sawda (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr). Kaum war sie aus dem Haus getreten, hinderte Hadhrat Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) sie daran. Hadhrat Sawda (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) beklagte sich darüber beim ehrwürdigen Propheten (s). Der Prophet sagte:(Arabisch******************************************)
Allah, der Erhabene, hat euch gestattet, entsprechend euren Bedürfnissen hinauszugehen. – Überliefert von Muslim, al-Buchārī und anderen.
Daraus lässt sich erkennen, dass(Arabisch******************)seine koranische Bedeutung nicht darin besteht, dass Frauen überhaupt keinen Fuß über die Grenzen des Hauses hinaussetzen dürfen; vielmehr ist es ihnen zur Erfüllung notwendiger Angelegenheiten uneingeschränkt gestattet, nach draußen zu gehen. Diese Erlaubnis ist jedoch weder bedingungslos noch grenzenlos. Für Frauen ist es nicht zulässig, sich überall frei zu bewegen und sich unter die Versammlungen von Männern zu mischen. Mit „Notwendigkeit“ ist im Sinne der Scharia gemeint, dass das Hinausgehen für Frauen unbedingt erforderlich geworden ist. Es sei darauf hingewiesen, dass es nicht möglich ist, für alle Frauen und für alle Zeiten ein einheitliches Verfahren dafür festzulegen, ob und wie sie hinausgehen sollen. Die vom Gesetzgeber der Scharia für die gewöhnlichen Lebensumstände festgelegte Art und Weise, wie Frauen nach draußen gehen sollen, sowie die Anpassungen, die innerhalb der Grenzen der Verschleierung vorgenommen wurden, lassen jedoch den Geist und die Tendenz des islamischen Rechts erkennen. Wer dies vollständig verinnerlicht, kann selbst das Prinzip erkennen, inwieweit die Grenzen der Verschleierung je nach persönlicher Lage und bei geringfügigen Angelegenheiten unter Berücksichtigung der jeweiligen Umstände erweitert oder eingeschränkt werden dürfen. Zur Erläuterung führen wir beispielhaft einige Punkte an.
Die Erlaubnis, zur Moschee zu kommen, und ihre Grenzen
Es ist allgemein bekannt, dass das Pflichtgebet das wichtigste aller Pflichtgebete ist. Dem Erscheinen in der Moschee zum Gebet und der Teilnahme am Gemeinschaftsgebet wurde besondere Bedeutung beigemessen. Im Kapitel über das Gebet in der Gemeinschaft wurden den Männern jedoch Anweisungen gegeben, die denen für Frauen völlig entgegengesetzt sind. Für Männer ist jenes Gebet am vorzüglichsten, das in größter Abgeschiedenheit zu Hause verrichtet wird. Imam Ahmad und at-Tirmidhi überlieferten von Umm Humayd as-Sa’idiyya den folgenden Hadith:
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Sie sagte: „O Gesandter Allahs! Ich möchte gern mit dir beten.“ Der Prophet sagte: „Ich weiß es. Doch für dich ist es besser, an einem abgeschiedenen Ort zu beten, als in deinem eigenen Zimmer zu beten. Und für dich ist es besser, in deinem Zimmer zu beten, als im Flur deines Hauses zu beten. Und für dich ist es besser, in der Moschee deines Viertels zu beten, als in der großen Gemeindemoschee zu beten.“ – [Der Grund, weshalb Frauen angewiesen wurden, so abgeschieden zu beten, können Frauen selbst am besten verstehen. Einige Tage im Monat müssen sie gezwungenermaßen das Gebet unterlassen. Dadurch wird etwas sichtbar, das keine schamhafte Frau nicht einmal ihren Geschwistern offenbaren möchte. Aus Scham geben viele Frauen sogar das Gebet ganz auf. Der Gesetzgeber der Scharia erkannte dies und empfahl: „Verrichtet das Gebet heimlich und abgeschieden, damit niemand weiß, wann ihr betet und wann ihr es unterlasst.“ Dies ist allerdings nur eine Empfehlung und kein Gebot. Frauen dürfen im Haus ein eigenes Gemeinschaftsgebet verrichten, und eine Frau darf dabei als Vorbeterin fungieren. Der Prophet hatte Umm Waraqa bint Nawfal erlaubt, das Gemeinschaftsgebet der Frauen zu leiten (Abu Dawud). Von ad-Daraqutni und al-Bayhaqi wird überliefert, dass Aischa die Frauen im Gebet leitete und in der Mitte der Gebetsreihe stand. Daraus lässt sich diese Rechtsfrage erkennen: Wenn eine Frau das Gebet einer Gemeinschaft von Frauen leitet, soll sie nicht wie ein Mann vorne in der Reihe stehen, sondern in ihrer Mitte.]
Zu diesem Thema wird bei Abu Dawud von Ibn Masud folgender Hadith überliefert:
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Für eine Frau ist es besser, in einem abgeschiedenen Raum zu beten, als in ihrem eigenen Zimmer zu beten.
Beachten Sie, dass die Regelung in dieser Angelegenheit genau umgekehrt gestaltet worden ist. Für den Mann gilt das allein und in Abgeschiedenheit verrichtete Gebet als das schlechteste Gebet, während für ihn das Gebet in einer immer größeren Gemeinschaft das vorzüglichere Gebet ist. Ganz im Gegensatz dazu gilt für die Frau das in Abgeschiedenheit verrichtete Gebet als besser; diesem abgeschiedenen Gebet wird nicht nur der Vorrang vor dem Gebet in der Gemeinschaft gegeben, sondern es wird sogar als besser bezeichnet als jenes Gebet, über das hinaus ein Muslim keine größere Gnade empfangen kann – nämlich das Gemeinschaftsgebet in der Prophetenmoschee, das vom Imam der Propheten selbst, dem ehrwürdigen Muhammad (S), geleitet wird. Was ist nun der Grund für diesen Unterschied und diese Ungleichbehandlung? Der einzige Grund ist, dass der Gesetzgeber den Frauen das Hinausgehen nicht erwünscht hat und die gemeinsame Zusammenkunft von Frauen und Männern im Gemeinschaftsgebet verhindern wollte. Doch das Gebet ist ein heiliger Gottesdienst, und die Moschee ist ein heiliger Ort. Der weise Gesetzgeber hat seinen Willen, die Vermischung von Frauen und Männern zu verhindern, durch die Darlegung des Vorzugs und des geringeren Vorzugs zum Ausdruck gebracht. Er hat den Frauen jedoch nicht verboten, für eine solche vollkommene Handlung an einen heiligen Ort zu gehen. Die Worte, die im Hadith verwendet wurden, um dies zu erlauben, zeugen von der unvergleichlichen Weisheit des Gesetzgebers.
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Verbietet den Dienerinnen Allahs nicht, zu den Moscheen Allahs zu kommen. Wenn eine Ehefrau von euch um Erlaubnis bittet, zur Moschee zu gehen, dann hindert sie nicht daran. – Buchari, Muslim
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Hindert eure Ehefrauen nicht daran, zur Moschee zu gehen. Doch ihre Häuser sind besser für sie. – Abu Dawud
Aus diesen Worten wird klar ersichtlich, dass der Gesetzgeber den Frauen nicht verboten hat, zur Moschee zu gehen. Denn zur Moschee zu gehen, um dort zu beten, ist keine schlechte Handlung, die man als unzulässig bezeichnen könnte. Dennoch kann daraus nicht gefolgert werden, dass sich Frauen und Männer in der Moschee gemischt versammeln sollen. Ihnen wurde zwar erlaubt, zur Moschee zu gehen. Es wurde jedoch nicht gesagt, dass man sie zur Moschee schicken oder sie dorthin mitnehmen müsse. Vielmehr wurde lediglich gesagt: Wenn sie ihr vorzüglicheres Gebet aufgeben und zur Moschee gehen wollen, um dort das geringere Gebet zu verrichten, und dafür um Erlaubnis bitten, dürfen sie nicht daran gehindert werden. Der ehrwürdige Umar (ra) war ein islamischer Rechtsgelehrter und hatte diese Bedeutung der Anordnung des Gesetzgebers verstanden. Im Muwatta wird berichtet, dass er in dieser Angelegenheit ständig mit seiner Ehefrau Atika bint Zayd Streit hatte. Der ehrwürdige Umar (ra) war nicht erfreut darüber, dass seine Frau zur Moschee ging. Doch sie bestand darauf zu gehen. Wenn sie um Erlaubnis bat, schwieg der ehrwürdige Umar (ra) und befolgte damit genau die Anweisung des Propheten (S). Das bedeutet: Er hinderte sie weder daran zu gehen, noch erteilte er ihr ausdrücklich die Erlaubnis. Seine Frau war in dieser Angelegenheit ebenfalls sehr entschlossen. Sie sagte: „Bei Allah, ich werde weiterhin hingehen, solange Sie es mir nicht ausdrücklich verbieten.“ Dies beschränkte sich nicht nur auf die Ehefrau Umars (ra). Vielmehr gingen zur Zeit des Propheten (S) zahlreiche Frauen zum Gebet in der Gemeinschaft in die Moschee. Bei Abu Dawud wird berichtet, dass sich in der Prophetenmoschee jeweils zwei Reihen von Frauen bildeten.
Bedingungen für das Kommen zur Moschee
Zusammen mit der Erlaubnis, in die Moschee zu kommen, wurden auch einige Bedingungen auferlegt. Die erste Bedingung lautet, dass man tagsüber nicht zur Moschee gehen darf. Die Gebete der Dunkelheit, nämlich das Ischa- und das Fadschr-Gebet, dürfen verrichtet werden.
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Von Hazrat Ibn Umar (r.a.) wird überliefert, dass der Prophet (s) sagte: »Erlaubt den Frauen, nachts in die Moschee zu kommen.« – Tirmidhi
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Hazrat Nafiʿ, ein herausragender Schüler Hazrat Ibn Umars, sagt: Die Nachtzeit wurde zu diesem Zweck festgelegt, damit es in der Dunkelheit der Nacht möglich ist, sich ordnungsgemäß zu verhüllen. – Tirmidhi
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Hazrat Aischa (r.a.) sagt: Der Prophet (s) verrichtete das Fadschr-Gebet zu einer Zeit, dass man die Frauen, wenn sie nach dem Gebet in ihre Häuser zurückkehrten und in ihre Tücher gehüllt waren, in der Dunkelheit nicht erkennen konnte. – Tirmidhi
Die zweite Bedingung ist, dass man nicht geschmückt und mit aufgetragenem Parfüm in die Moschee kommen darf. Hazrat Aischa (r.a.) sagt: Eines Tages saß der Prophet (s) in der Moschee. Da kam eine Frau aus dem Stamm der Muzaina dorthin, geschmückt und mit großer Pracht und Zurschaustellung. Darauf sagte der Prophet (s): »Lasst eure Frauen nicht geschmückt und mit großer Pracht und Zurschaustellung in die Moschee kommen.« – Ibn Madscha
Über Parfüm sagt der Prophet (s): »In der Nacht, in der ihr zum Gebet kommt, sollt ihr keinerlei Parfüm verwenden und kommen. Kommt in ganz schlichter Kleidung. Wenn eine Frau mit aufgetragenem Parfüm kommt, wird ihr Gebet nicht gültig sein.« – Muwatta: Imam Malik
Die dritte Bedingung lautet, dass sie nicht in derselben Reihe wie die Männer oder in der vordersten Reihe stehen dürfen. Sie müssen in der hinteren Reihe hinter den Männern stehen.
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Der Prophet (s) sagte: „Für die Männer ist der beste Platz in der vorderen Reihe und der schlechteste Platz in der hinteren Reihe. Für die Frauen ist der beste Platz in der hinteren Reihe und der schlechteste Platz in der vorderen Reihe.“
Im Kapitel über das Gemeinschaftsgebet hat der Prophet (s) festgelegt, dass Frauen und Männer nicht nebeneinanderstehend beten dürfen, gleichgültig, ob es sich um Eheleute oder um Mutter und Sohn handelt.
Hadhrat Anas (r.a.) sagte: „Eines Tages lud meine Großmutter Mulayka den Propheten (s) ein. Nach dem Essen stellte er sich zum Gebet auf; ich und Yatīn [wahrscheinlich der Bruder von Hadhrat Anas] stellten uns hinter den Ehrwürdigen, und Mulayka stellte sich hinter uns.“ – Tirmidhi
Eine zweite Überlieferung von Hadhrat Anas (r.a.) lautet: Er sagte: „Eines Tages betete der Ehrwürdige (s) in unserem Haus. Yatīm und ich stellten uns hinter ihn, und meine Mutter Umm Sulaym stellte sich hinter uns.“ – Buchari
Hadhrat Ibn Abbas (r.a.) sagte: „Eines Tages stellte sich der Prophet (s) zum Gebet auf, woraufhin ich mich neben ihn stellte und Hadhrat Aischa (r.a.) sich hinter uns stellte.“ – Nasai
Die vierte Bedingung lautet, dass die Frauen beim Gebet keine laute Stimme erheben dürfen. Es wurde festgelegt, dass ein Mann, wenn er den Imam während des Gebets auf etwas aufmerksam machen muss, „Subhanallah“ sagt, während eine Frau mit der Hand ein Geräusch macht. – Buchari
Trotz der Auferlegung all dieser Grenzen und Einschränkungen befürchtete Umar (r.a.), dass sich Frauen und Männer in der Gemeindeversammlung vermischen könnten. Daher bestimmte er in der Moschee eine eigene Tür für die Frauen und verbot den Männern, diese Tür zu benutzen. – Abu Dawud
Die für Frauen geltende Vorgehensweise bei der Haddsch
Die Haddsch ist die zweite gemeinschaftliche Pflicht im Islam. Ebenso wie für Männer ist sie auch für Frauen verpflichtend. Während des Tawaf ist es ihnen jedoch verboten, sich unter die Männer zu mischen. In Sahih al-Bukhari wird von Ata überliefert, dass Frauen zur Zeit des Propheten (s.a.w.s.) gemeinsam mit den Männern den Tawaf vollzogen. Sie vermischten sich jedoch nicht miteinander. Im Werk Fath al-Bari wird von Ibrahim an-Nakha’i überliefert, dass Umar (r.a.) während des Tawaf die Vermischung von Frauen und Männern untersagte. Einmal sah er einen Mann inmitten einer Versammlung von Frauen, ergriff ihn und schlug ihn mit einer Gerte. – Fath al-Bari, Band 3, S. 312
In der Muwatta wird überliefert, dass Abdullah ibn Umar (r.a.) seine Familienangehörigen von Muzdalifa vor allen anderen nach Mina aufbrechen ließ, damit sie ihre Gebete und das Steinigen vor dem Eintreffen der Menschen verrichten konnten. Sogar Asma (r.a.), die Tochter von Abu Bakr (r.a.), begab sich in der Morgendämmerung nach Mina. Dies war zur Zeit des Propheten (s.a.w.s.) die für Frauen geltende Regel. – Muwatta von Imam Malik
Freitags-’gebet und Teilnahme der Frauen an den Festgebeten
Die Versammlungen zum Freitagsgebet und zu den Festgebeten sind im Islam von so großer Bedeutung, dass eine ausführliche Darstellung nicht nötig ist. Im Hinblick auf ihre Bedeutung hat der Gesetzgeber der Scharia insbesondere für diese Versammlungen jene Bedingungen aufgehoben, die beim gewöhnlichen Gebet auferlegt wurden; so war es beispielsweise nicht gestattet, sich tagsüber der Gemeindeversammlung anzuschließen. Zwar wurde hinsichtlich des Freitagsgebets ausdrücklich gesagt, dass es für Frauen nicht verpflichtend ist [Abu Dawud] und dass ihre Teilnahme an den Gemeindegebeten der beiden Feste ebenfalls nicht erforderlich ist. Wenn sie jedoch wünschen, können sie unter Einhaltung der übrigen Bedingungen an diesen Gemeindegebeten teilnehmen. Aus den Hadithen geht hervor, dass der Prophet (s.a.w.s.) selbst seine Frauen zum Festgebet mitnahm.
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Von Umm Atiyya wird überliefert, dass der Prophet (s.a.w.s.) unverheiratete Mädchen, junge Frauen, Hausfrauen und menstruierende Frauen zum Festplatz mitnahm. Diejenigen Frauen, die nicht zum Gebet berechtigt waren, hielten sich von der Gemeindeversammlung getrennt und nahmen nur am Bittgebet teil. – Tirmidhi
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Ibn Abbas (r.a.) berichtet, dass der Prophet (s.a.w.s.) mit seiner Ehefrau und seiner Tochter zum Eid ging. – Ibn Madscha
Gräberbesuch und Teilnahme am Totengebet
Die Teilnahme am Totengebet eines Muslims wird in der Scharia als Fard kifāya bezeichnet. Die notwendigen Anweisungen in dieser Angelegenheit sind den gelehrten Menschen wohlbekannt. Doch all dies gilt nur für Männer; Frauen wurde die Teilnahme am Totengebet verboten. Allerdings wurde dieses Verbot nicht streng gehandhabt, vielmehr wurde es ihnen zu manchen Zeiten auch erlaubt. Aus den Anweisungen des Gesetzgebers der Scharia geht jedoch eindeutig hervor, dass die Teilnahme von Frauen am Totengebet nicht frei von Beanstandungen ist.
In Sahih al-Bukhari wird von Umm Atiyya ein Hadith überliefert:
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Uns wurde die Teilnahme am Totengebet verboten, jedoch nicht mit Strenge. – Bukhari
In Ibn Madscha und an-Nasa’i wird überliefert, dass der Prophet (s.a.w.s.) einmal an einem Totengebet teilnahm. Dort wurde eine Frau gesehen. Hazrat Umar (r.a.) tadelte sie. Der Prophet (s.a.w.s.) sagte: „Umar, lass sie in Ruhe. Es scheint, dass die Frau eine nahe Verwandte des Verstorbenen war. Von Kummer überwältigt, war sie mit dem Verstorbenen gekommen.“ Der Prophet (s.a.w.s.) berücksichtigte ihren seelischen Zustand und untersagte Hazrat Umar (r.a.), sie zu tadeln.
Auch hinsichtlich des Besuchs von Gräbern verhält es sich ebenso. Das Herz der Frau ist äußerst empfindsam. Die Erinnerung an ihre verstorbenen Angehörigen hinterlässt in ihrem Herzen einen tiefen Eindruck. Der Gesetzgeber der Scharia hielt es nicht für gut, diese starke Trauer unbeachtet zu lassen. Doch er hat ausdrücklich erklärt, dass Frauen häufige Besuche von Gräbern untersagt sind. In der Überlieferung von Tirmidhi wird von Hadhrat Abu Huraira (möge Allah mit ihm zufrieden sein) ein Hadith berichtet:(Arabisch*******************************************)
Der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) verfluchte Frauen, die häufig Gräber besuchen.
Nachdem Hadhrat Aischa (möge Allah mit ihr zufrieden sein) das Grab ihres Bruders Hadhrat Abd ar-Rahman ibn Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) besucht hatte, sagte sie: „Bei Allah, wäre ich zu der Zeit deines Todes anwesend gewesen, wäre ich nicht gekommen, um dein Grab zu besuchen.“ – Tirmidhi
Anas ibn Malik berichtet, dass der Prophet (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) einst eine Frau am Grab sitzen und weinen sah, ohne sie daran zu hindern. Er sagte lediglich: „Fürchte Allah und übe dich in Geduld.“
Denken Sie über diese Anweisungen nach. Das Gebet ist ein heiliger Gottesdienst. Die Moschee ist ein gesegneter Ort. Beim Haddsch erscheint der Mensch mit heiligen Gedanken vor Allah. Bei einem Totengebet und am Grab steigt in jedem Menschen der Gedanke an den Tod auf, und sein Herz wird von Trauer und Kummer überwältigt. In all diesen Situationen erlischt das sexuelle Verlangen völlig oder wird, sofern es noch vorhanden ist, von anderen heiligen Gefühlen beeinflusst. Dennoch hat die Scharia die Vermischung von Frauen und Männern bei all diesen Zusammenkünften nicht gebilligt. Im Hinblick auf die Heiligkeit der Situation, die Reinheit der Absicht und die Gefühle der Frauen hat sie Frauen zwar erlaubt, das Haus zu verlassen, und sie zu bestimmten Zeiten sogar selbst mitgenommen; zugleich hat sie jedoch hinsichtlich des Schleiers so viele Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen vorgeschrieben, dass selbst die geringste Gefahr von Unmoral und Unheil ausgeschlossen blieb. Danach wurde verkündet, dass es außer beim Haddsch vorzuziehen sei, wenn Frauen an solchen Angelegenheiten nicht teilnähmen.
Können Sie angesichts dieser Tendenz dieses Gesetzes erwarten, dass es gemischte Zusammenkünfte von Frauen und Männern in Schulen und Hochschulen, in Büros und Fabriken, in Parks und Vergnügungsanlagen, in Kinos und Theatern, in Kaffeehäusern und Tanzsälen gestatten würde?
Die Beteiligung von Frauen am Krieg
Sie haben die Grenzen und die Strenge des Schleiers gesehen. Sehen Sie nun, wo und aus welchem Grund diese gelockert worden sind. Die Muslime ziehen in einer allgemeinen, gefahrvollen Notlage in den Krieg. Die Situation verlangt, dass die gesamte Kraft der Nation zur Selbstverteidigung eingesetzt wird. Unter diesen Umständen erteilt der Islam den Frauen allgemein die Erlaubnis, am militärischen Dienst teilzunehmen. Zugleich wird jedoch auch die Wahrheit hervorgehoben, dass diejenige, die dazu geschaffen wurde, Mutter zu werden, nicht dazu geschaffen wurde, Menschen zu enthaupten oder Blut zu vergießen. Ihr eine Waffe in die Hand zu geben, bedeutet, ihre Natur zu töten. Deshalb hat der Islam Frauen nur erlaubt, zur Verteidigung ihres Lebens und ihrer Ehre und Keuschheit Waffen zu tragen. Im Allgemeinen widerspricht es jedoch den islamischen Grundsätzen, Frauen die Aufgaben eines Soldaten zu übertragen und sie in die Truppen aufzunehmen. Auf dem Schlachtfeld kann von ihnen lediglich ein solcher Dienst verlangt werden, dass sie verwundete Soldaten verbinden, den Durstigen Wasser geben, für die Soldaten kochen und hinter den Soldaten ihre Lager unterhalten. Für diese Tätigkeiten sind die Grenzen des Schleiers in höchstem Maße gelockert worden. Für diese Dienste wäre die Kleidung christlicher Ordensoberinnen mit geringfügigen Änderungen gemäß der Scharia zulässig.
Aus den Hadith-Werken ist überliefert, dass die Ehefrauen des Propheten und andere muslimische Frauen gemeinsam mit dem Propheten (s) auf das Schlachtfeld zogen. Sie gaben den Durstigen Wasser zu trinken und verbanden die Verwundeten. Auch nach der Offenbarung des Gebots der Verschleierung wurde diese Tätigkeit fortgesetzt. – [Buchari]
Im Hadith-Werk Tirmidhi heißt es, dass Umm Sulaym und andere Frauen der Ansar den Propheten (s) häufig in den Krieg begleiteten. In Sahih al-Buchari heißt es, dass einst eine Frau zum Propheten (s) sagte: „Bitte darum, dass ich die Krieger auf See begleiten darf.“ Der Prophet (s) betete:(Arabisch**********) „O Allah, mache sie zu einer von ihnen.“
Als die muslimischen Mudschahidun im Kampf von Uhud geschwächt wurden, trugen Hazrat Aischa (r.a.) und Umm Sulaym Wasserschläuche auf ihren Schultern und gaben den Soldaten Wasser zu trinken. Hazrat Anas (r.a.) berichtet, dass er sie, nachdem sie ihre Beinkleider hochgezogen hatten, so hin- und herlaufen sah, dass der untere Teil ihrer Waden unbedeckt sichtbar war. [Buchari, Muslim
[am Ende von Seite 265] Über eine andere Frau namens Umm Sulayt hörte Hazrat Umar (r.a.) den Propheten (s) selbst Folgendes sagen: „Im Kampf von Uhud, wohin ich mich auch nach rechts oder links wende, sehe ich Umm Sulayt für meinen Schutz im Kampf stehen.“ Im selben Kampf waren Rubai bint Muawwidh und eine Gruppe von Frauen mit ihr damit beschäftigt, die Verwundeten zu verbinden. Sie waren es, die die verwundeten Soldaten trugen und nach Medina brachten. [Buchari] Im Kampf von Hunain ging Umm Sulaym mit einem Dolch in der Hand umher. Der Gesandte (s) fragte: „Was tust du?“ Sie antwortete: „Wenn ein Götzendiener an mir vorbeikommt, werde ich ihm den Bauch aufschlitzen.“ [Muslim] Umm Atiyya nahm an sieben Kriegen teil. Ihr waren die Betreuung des Lagers, das Kochen der Mahlzeiten für die Soldaten sowie die Pflege der Verwundeten und Kranken übertragen. [Ibn Madscha] Hazrat Ibn Abbas (r.a.) berichtet, dass den Frauen, die auf dem Schlachtfeld solche Dienste leisteten, ein Anteil an der Kriegsbeute gegeben wurde. – Muslim
Daraus lässt sich schließen, dass die islamische Verschleierung nicht einer vorislamischen Sitte glich, bei der je nach Lage und Erfordernis keine Abweichung möglich gewesen wäre. Wenn es erforderlich ist, kann ihr Geltungsbereich eingeschränkt werden. Es dürfen also nicht nur Gesicht und Hände unbedeckt bleiben; vielmehr können erforderlichenfalls auch einige der Körperteile, die zum Satr al-Aura gehören, unbedeckt bleiben. Wenn die Notwendigkeit jedoch vorüber ist, muss die Verschleierung wieder innerhalb der Grenzen eingerichtet werden, die für den gewöhnlichen Zustand festgelegt worden sind. So wie diese Verschleierung keine vorislamische Sitte ist, so ist auch ihre zeitweilige Lockerung nicht mit der vorislamischen Freiheit gleichzusetzen. Aus Kriegsnotwendigkeit überschritten die europäischen Frauen ihre Grenzen. Nach dem Krieg weigerten sie sich jedoch, in diese Grenzen zurückzukehren. Die Lage der muslimischen Frauen ist nicht wie die ihre.
Anhang
Dies ist eine so gerechte Sichtweise und ein so ausgewogener Weg, dass die Welt für ihren Fortschritt, ihre Bequemlichkeit und ihre moralische Sicherheit auf sie angewiesen ist, ja dringend auf sie angewiesen ist. Wie ich bereits eingangs gesagt habe, ringt die Welt seit Hunderten und Tausenden von Jahren darum, der Frau in der Zivilisation [das heißt der Hälfte der Menschheit] ihren Platz zuzuweisen. Bald bewegte sie sich in Richtung äußerster Übertreibung, bald in Richtung äußerster Geringschätzung, und beide Extreme haben sich für sie als schädlich erwiesen; Prüfung und Beobachtung bezeugen diesen Schaden. Zwischen diesen beiden Extremen ist die gerechte und ausgewogene Mitte eben jene, die der Islam dargelegt hat. Sie entspricht der Vernunft und der Natur und ist vollständig für die menschlichen Bedürfnisse geeignet. Bedauerlich ist jedoch, dass in der modernen Zeit so viele Hindernisse entstanden sind, dass es den Menschen schwergefallen ist, den „Sirat al-Mustaqim“ zu verstehen und ihm die ihm gebührende Bedeutung beizumessen.
Unter all diesen Hindernissen ist das größte, dass der Mensch der Neuzeit an Gelbsucht erkrankt ist; und über die westlich orientierten Menschen des Ostens hat diese Gelbsucht einen weiteren verhängnisvollen Angriff ausgeübt, den man als Weißgelbsucht bezeichnen kann. Für diese offene Äußerung bitte ich meine Freunde und Brüder um Verzeihung; doch bei der Verkündung der Wahrheit darf keine Bitterkeit ein Hindernis sein. Es ist eine Tatsache, dass es keine islamische Anweisung und keine islamische Angelegenheit gibt, die den erwiesenen philosophischen Tatsachen widerspricht. Vielmehr ist die noch wahrere Aussage, dass alles, was philosophische Tatsache ist, auch Islam ist. Um dies jedoch zu erkennen, bedarf es eines farblosen Blicks, damit man jeden Gegenstand in seiner wirklichen Farbe sehen kann. Es bedarf eines offenen Geistes und einer gesunden Natur, damit man die Tatsachen in ihrer unverfälschten Gestalt annimmt und nicht sie den eigenen Neigungen unterwirft, sondern vielmehr die Neigungen der eigenen Triebnatur ihnen unterordnet. Wo dies fehlt, wird selbst vorhandenes Wissen nutzlos sein. Wer mit einem gefärbten Blick sieht, wird alles in seiner eigenen Farbe sehen. Ein eng begrenzter Blick kann von Problemen und Angelegenheiten nur bis zu jener Seite vordringen, die sich vor dem Winkel [angle] darbietet und ereignet, von dem aus er sie betrachtet. Selbst wenn trotz alledem philosophische Tatsachen in ihrem wirklichen Zustand in das Innere des Geistes gelangen, werden die Enge des Geistes und die Verzerrtheit der eigenen Natur auf sie einwirken. Dass die Tatsachen den Bedürfnissen, Gefühlen, Empfindungen und Neigungen seines Geistes entsprechen sollen – das wird seine Forderung sein. Wenn etwas nicht nach seinem Geschmack ist, wird er es selbst dann, wenn er seine Wahrheit erkannt hat, ignorieren und weiterhin nur seinen eigenen Trieben folgen. Es sei ausdrücklich gesagt: Wenn der Mensch von dieser Krankheit befallen ist, können weder Wissen noch Prüfung und Beobachtung ihm den Weg weisen. Für einen solchen Kranken ist es in keiner Weise möglich, eine islamische Anweisung richtig zu verstehen. Denn der Islam ist die „natürliche Religion“ und eben die Natur selbst. Für die westliche Welt ist es deshalb schwierig, den Islam zu verstehen, weil sie von dieser Krankheit befallen ist. Alles Wissen, das sie besitzt, ist zwar „Islam“, doch ihr Blick ist gefärbt. Danach hat diese Farbgelbsucht auch den Blick der neu gebildeten Schicht des Ostens gefärbt. Diese Krankheit hindert sie daran, aus philosophischen Tatsachen die richtigen Folgerungen zu ziehen und die Probleme des Lebens in ihrer natürlichen Farbe zu sehen. Diejenigen unter ihnen, die Muslime werden können, glauben an die Religion des Islam, erkennen ihre Wahrheit an und sind auch nicht ohne Verlangen nach der Befolgung der Religion. Doch was soll der Unglückliche gegen die Gelbsucht seiner Augen tun? Mit diesen Augen sehen sie alles, was sie sehen, entgegengesetzt zur Farbe Allahs.
Der zweite Grund, der ein richtiges Verständnis behindert, besteht darin, dass die Menschen im Allgemeinen, wenn sie über eine Angelegenheit des Islam nachdenken, das Gesamtsystem, mit dem diese Angelegenheit zusammenhängt, nicht als Ganzes betrachten, sondern die Angelegenheit aus diesem System herauslösen und gesondert darüber sprechen. Die Folge ist, dass die Angelegenheit außerhalb jeder vernünftigen Kenntnis und Überlegung zu liegen scheint und in ihr allerlei Zweifel entstehen. Genau dies ist beim Zins geschehen: Man hat ihn losgelöst von den wirtschaftlichen Grundprinzipien des Islam und der Natur sowie vom wirtschaftlichen System betrachtet. Dadurch begannen in ihm tausend Krankheiten sichtbar zu werden. Sogar große islamische Gelehrte empfanden die Notwendigkeit von Änderungen darin, die der Scharia widersprechen. In Bezug auf die Sklaverei, die Vielehe, die Rechte von Ehemann und Ehefrau und zahlreiche andere Dinge ist derselbe grundlegende Irrtum begangen worden. Auch die Frage des Purdah ist diesem Schicksal zum Opfer gefallen. Wenn Sie statt das gesamte Gebäude zu betrachten nur eine seiner Säulen sehen, wird es Ihnen ein Rätsel bleiben, weshalb sie errichtet wurde. Ihre Errichtung wird Ihnen als etwas erscheinen, das über jede Vernunft und Überlegung hinausgeht. Sie werden keineswegs erkennen können, mit welcher Schönheit und Zweckmäßigkeit der Ingenieur sie errichtet hat, um das Gebäude unerschütterlich zu machen, und wie das gesamte Gebäude beschädigt würde, wenn man sie niederreißen würde. Genau so verhält es sich mit dem Purdah. Wenn man ihn von dem Gesamtsystem trennt, in dem er als eine Säule des Gebäudes aus Notwendigkeit errichtet wurde, wird er jeder Vernunft und Überlegung widersprechen. Keineswegs wird man verstehen können, weshalb zwischen den beiden Geschlechtern der Menschheit diese diskriminierende Grenze festgelegt wurde. Um daher die Vernünftigkeit der Säule richtig zu verstehen, muss man das Gebäude, in dem sie errichtet wurde, vollständig betrachten.
Nun liegt der wahre Purdah des Islam vor Ihnen. Auch das Gesellschaftssystem, zu dessen Erhaltung die Regeln des Purdah festgelegt wurden, liegt vor Ihnen. Ebenso liegen die grundlegenden Hauptbestandteile dieses Systems vor Ihnen, mit denen die wesentlichen Aspekte des Purdah in besonderem Gleichgewicht verbunden wurden. Alle bewiesenen philosophischen Erkenntnisse, auf deren Grundlage dieses Gesellschaftssystem geschaffen wurde, liegen vor Ihnen. Nachdem Sie all dies betrachtet haben, sagen Sie: Gibt es darin irgendwo eine Schwäche? Gibt es irgendwo auch nur die geringste Spur eines Ungleichgewichts? Gibt es irgendeine Stelle, an der man, unter Verzicht auf eine bestimmte Gruppenneigung und allein auf der Grundlage von Wissen und Vernunft, einen Verbesserungsvorschlag machen könnte? Ich sage mit tiefer Einsicht, dass in diesem Gesellschaftssystem genau jene Gerechtigkeit, Ordnung, Ausgewogenheit und Schönheit vorhanden sind, auf denen Erde und Himmel gegründet sind, die vollkommene Harmonie und Ordnung, die in der Verwaltung des Weltalls sichtbar sind, und jene vollkommene Ausgewogenheit und Übereinstimmung, die Sie im Aufbau eines Atoms und in der Bindung des Sonnensystems erkennen. Äußerstes Übermaß, äußerster Mangel und Einseitigkeit sind unvermeidliche Schwächen menschlichen Handelns. Dieses System [das islamische System] ist von all diesen Schwächen vollständig frei. Eine Verbesserung oder Korrektur desselben liegt außerhalb menschlicher Fähigkeiten. Wenn der Mensch mit seinem fehlerhaften Wissen auch nur in geringem Maße etwas daran ändern will, wird er es nicht verbessern, sondern sein Gleichgewicht zerstören.
Es ist bedauerlich, dass mir keinerlei Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung stehen, mit denen ich meine Botschaft jenen Brüdern übermitteln könnte, die in Europa, Amerika, Russland und Japan leben. Weil sie kein gesundes und ausgewogenes kulturelles System gefunden haben, zerstören sie ihr eigenes Leben und werden zugleich zur Ursache der Zerstörung anderer Völker der Erde. Ach, wenn ich ihnen dieses lebensspendende Heilmittel überbringen könnte, nach dem sie in Wahrheit dürsten! Vielleicht empfinden sie diesen Durst nicht. Wie dem auch sei, die Hindus, Christen und Parsen meines Nachbarlandes liegen in meiner Reichweite. Die meisten von ihnen können meine Sprache verstehen. Ich rufe sie dazu auf, ihren Geist von der Feindseligkeit gegenüber dem Islam zu reinigen, die aufgrund historischer und politischer Konflikte mit den Muslimen in ihnen entstanden ist, und dieses islamische Gesellschaftssystem, das ich in diesem Buch beschrieben habe, als reine Wahrheitssuchende kennenzulernen und zu verstehen. Danach sollen sie es mit dem westlichen Gesellschaftssystem vergleichen und prüfen, auf das sie rasch zueilen. Schließlich sollen sie nicht um meinetwillen oder um deswillen irgendeines anderen, sondern zu ihrem eigenen Wohl entscheiden, auf welchem Weg das wahre Wohlergehen liegt.
Nun möchte ich, nachdem ich meinen Blick von den allgemeinen Lesern abgewandt habe, einigen irregeleiteten Brüdern etwas sagen, die Muslime genannt werden.
Einige unserer neugebildeten muslimischen Brüder erkennen alles an, was oben dargelegt wurde. Doch sie sagen:
Es ist unbestreitbar, dass die islamischen Gesetze und Vorschriften angesichts der Umstände und des Zeitalters genügend Spielraum für eine Milderung ihrer Strenge bieten. Daher wünschen wir nur, diese Gelegenheit zu nutzen, um gewisse Vorteile zu genießen. Die gegenwärtigen Verhältnisse verlangen eine Lockerung des Purdah. Muslimische Frauen müssen Schulen und Hochschulen besuchen, damit sie eine höhere Bildung erlangen können. Sie müssen eine Bildung erhalten, durch die sie kulturelle, soziale, wirtschaftliche und politische Probleme verstehen und die Fähigkeit erwerben, sie zu lösen. Andernfalls werden die Muslime im Lebenskampf hinter den benachbarten Völkern zurückbleiben. Für die Zukunft ist ein noch größerer Schaden zu befürchten. Wenn muslimische Frauen nicht die Fähigkeit erwerben, die Rechte und Möglichkeiten zu nutzen, die Frauen im politischen Leben des Landes gewährt werden, und wenn sie diese Möglichkeiten wegen der Beschränkungen und Hindernisse des Purdah nicht nutzen können, dann wird das Gewicht der Muslime auf der politischen Waage des Landes erheblich geringer ausfallen. Unter Berücksichtigung der Verhältnisse im islamischen Zeitalter hat man den islamischen Purdah in hohem Maße gelockert. –[Der Streit halber wird es lediglich „Lockerung“ genannt; andernfalls haben sie den Purdah nicht gelockert, sondern vielmehr aufgehoben.] Schon wenige Jahre später wurde ein beträchtlicher Fortschritt erzielt. Was ist daran falsch, wenn auch wir ihren Fußstapfen folgen?
Wie viele Bedenken auch vorgetragen werden mögen, wir erkennen sie alle an; selbst wenn diese Bedenken zehnmal so schwerwiegend wären, würde das nichts ändern. Tatsächlich kann aufgrund eines solchen Bedenkens keinerlei Änderung oder Erleichterung der islamischen Gesetze zulässig werden. In Wirklichkeit leben Sie aus solcher Torheit oder aus Zwang und wegen Ihrer eigenen Schwäche an einem schmutzigen und unhygienischen Ort. Dort ist es für Sie nicht nur schwierig geworden, die Regeln der Gesundheitsvorsorge einzuhalten, sondern in einer Siedlung voller Unsauberer sauber zu bleiben, ist für Sie geradezu schwierig geworden. Unter solchen Umständen kann von einer Änderung oder Erleichterung der Regeln der Gesundheitsvorsorge überhaupt keine Rede sein. Wenn Sie jene Regeln für richtig halten, ist es Ihre Pflicht, Ihre Umgebung durch Bemühung und Kampf sauber zu machen. Wenn Sie nicht die Kraft und den Mut zum Kampf haben und aufgrund Ihrer eigenen Schwäche von Ihrer Umgebung besiegt werden, dann tauchen Sie in den Schmutz ein, ganz gleich, wie viel Schmutz auch über Sie geschüttet wird. Warum sollten die Regeln der Gesundheitsvorsorge für Sie geändert werden? Wenn Sie jedoch tatsächlich jene Regeln für falsch halten und sich an diese Unsauberkeit gewöhnt haben, dann legen Sie für sich selbst die Grundsätze fest, die Ihnen belieben. Wer der Unsauberkeit zugeneigt ist, hat bei den Regeln der Reinheit und Sauberkeit keinerlei Raum für eigene Wünsche oder Abneigungen.
Es besteht kein Zweifel daran, dass es auch im islamischen Recht, wie in jedem anderen Recht, je nach den Umständen Raum für Strenge und Erleichterung gibt. Doch auch das islamische Recht verlangt, wie jedes andere Recht, dass man die Lage bei der Entscheidung über Strenge oder Erleichterung mit einer Sichtweise und in einem Geist betrachtet, die von der Sichtweise und dem Geist des Islam geprägt sind. Eine Lage aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten und anschließend mit der Schere der Erleichterung die Bestimmungen des Gesetzes anzugreifen, nennt man keine Erleichterung, sondern eine offenkundige Veränderung. Wenn die Lage, für deren Betrachtung aus einer nichtislamischen Perspektive eine Erleichterung des islamischen Rechts gefordert wird, aus islamischer Perspektive betrachtet wird, muss man zu dem Schluss gelangen, dass unter solchen Umständen statt einer Erleichterung eine noch größere Strenge erforderlich ist. Erleichterung darf nur dann angewandt werden, wenn der Zweck des Gesetzes auf andere Weise leicht erfüllt wird und zu seiner Aufrechterhaltung keine größere Strenge erforderlich ist. Wenn der Zweck des Gesetzes jedoch auf andere Weise nicht erfüllt wird, sondern alle anderen Kräfte sich bemühen, ihn zunichtezumachen, und seine Erfüllung allein von seiner Aufrechterhaltung abhängt, kann unter solchen Umständen nur jemand an Erleichterung denken, der den Geist des Gesetzes nicht kennt.
Oben wurde ausführlich dargelegt, dass der Zweck der Gesetze und Bestimmungen der islamischen Gesellschaftsordnung in der Wahrung der Regeln des ehelichen Lebens, der Verhinderung sexueller Zügellosigkeit und der Eindämmung übermäßiger sexueller Erregung besteht. Zu diesem Zweck hat der Gesetzgeber der Scharia drei Wege eingeschlagen. Erstens die Verbesserung des Charakters, zweitens Strafgesetze und drittens vorbeugende Maßnahmen, nämlich das Bedecken der Scham und die Purdah. Sie sind gleichsam drei Säulen, auf denen dieser Palast ruht. Seine Festigkeit hängt von ihrer Festigkeit ab, und sein Untergang von ihrem Untergang. Kommen Sie, betrachten Sie einmal die gegenwärtige Lage in Ihrem Land und sehen Sie, was aus diesen drei Säulen geworden ist.
Betrachten Sie zunächst das moralische Umfeld. Sie leben in einem Land [dem ungeteilten Indien], in dem eine nichtmuslimische Nation, die fünfundsiebzig Prozent der Bevölkerung ausmacht, über Ihr Land herrscht und eine nichtmuslimische Zivilisation es wie ein gewaltiger Sturm überrollt hat. Wie Pest- und Cholerabakterien haben die Grundsätze eines nichtislamischen Charakters und die Vorstellungen einer nichtislamischen Zivilisation das Umfeld infiziert. Die Atmosphäre ist dadurch vergiftet worden. Ihre Giftwirkung hat Sie von allen Seiten umzingelt. Die obszönen und unanständigen Worte, bei denen Ihr Körper noch vor einiger Zeit erschauderte, sind inzwischen zu etwas so Alltäglichem geworden, dass Sie sie für gewöhnliche Bestandteile des täglichen Lebens halten. Ihre Kinder sehen jeden Tag in Zeitungen, Zeitschriften und Anzeigen obszöne Bilder und gewöhnen sich an Schamlosigkeit. Die Menschen jeden Alters in Ihrer Gesellschaft besuchen Kinos, in denen es nichts Unterhaltsameres gibt als Nacktheit, Obszönität und von sexueller Raserei erfüllte Liebesszenen. Väter und Söhne, Brüder untereinander sowie Mütter und Töchter sitzen nebeneinander und betrachten öffentlich Küsse und Umarmungen, die Begegnung von Liebenden und Liebeserklärungen, ohne auch nur das geringste Schamgefühl zu empfinden. Äußerst obszöne und sexuell aufreizende Lieder werden in jedem Haus und in jedem Geschäft gesungen. Kein Ohr ist davor geschützt. Frauen aus den höheren einheimischen und englischen Schichten gehen in halbnackter Kleidung umher, und das Auge hat sich so sehr daran gewöhnt, dass niemand darin noch Schamlosigkeit empfindet. Dank der Vorstellung von Moral, die durch die westliche Bildung und Erziehung verbreitet wird, gelten die Ehe als eine abgenutzte alte Sitte, der Ehebruch als Unterhaltung, das Zusammensein von Männern und Frauen als etwas Unbedenkliches, ja sogar Lobenswertes, die Scheidung als ein Spiel, die Erfüllung ehelicher Pflichten als eine unerträgliche Fessel, die Geburt von Kindern und die Fortführung der Nachkommenschaft als eine Dummheit, der Gehorsam gegenüber dem Ehemann als eine Art Sklaverei, das Frausein als ein Unglück und das Auftreten als Liebespaar als ein eingebildetes Paradies.
Betrachten Sie nun, welche Wirkung dieses Umfeld auf Ihr Volk ausübt. Gibt es in Ihrer Gesellschaft irgendwo noch Zurückhaltung des Blicks? Findet sich unter Hunderttausenden auch nur ein Mensch, der davor zurückschreckt, die Schönheit fremder Frauen anzuschauen? Wird nicht mit den Augen und der Zunge öffentlich Ehebruch begangen? Enthalten sich auch Ihre Frauen der Prachtentfaltung und Zurschaustellung ihrer Schönheit nach der Art der Zeit der Dschāhilīya? Werden in Ihrem Haus noch immer Kleidungsstücke getragen, über die der edle Prophet (s) gesagt hat: „Verflucht seien jene Frauen, die bekleidet und doch nackt sind“? Sehen Sie Ihre Mutter, Ihre Schwester und Ihre Tochter nicht in einer Kleidung, die eine muslimische Frau vor keinem anderen als ihrem Ehemann tragen darf? Werden in Ihrer Gesellschaft nicht obszöne Geschichten und die unaussprechlichen und unanständigen Begebenheiten der Liebe ohne jede Hemmung erzählt und angehört? Empfinden die Menschen bei Versammlungen etwa keine Scham, ihre begangenen Missetaten zu schildern? Wenn die Lage so ist, dann sagen Sie: Wo ist jene erste und stärkste Säule der moralischen Reinheit geblieben, auf der das Gebäude der islamischen Gesellschaftsordnung errichtet worden ist? Das islamische Ehrgefühl ist so weit ausgelöscht, dass eine muslimische Frau nicht nur die Bettgefährtin eines Muslims, sondern auch die eines Nichtmuslims wird! Nicht nur im britischen Herrschaftsgebiet, sondern auch in muslimischen Staaten erregt es das Blut der Muslime nicht, wenn sie solche Vorfälle sehen. Es hat sogar Muslime ohne jedes Ehrgefühl gegeben, deren Schwester die Ehefrau eines Nichtmuslims geworden war und die stolz verkündeten, sie seien der Schwager dieses oder jenes reichen Kafirs. – [Dies ist ein Vorfall aus Südindien. Einer meiner Freunde hat von einem noch herzzerreißenderen Vorfall berichtet. In Ostindien unterhielt eine muslimische Frau offen eine Beziehung zu einem reichen Nichtmuslim. Dadurch gelangte sie zu großem Reichtum. Mein Freund sah, wie die örtlichen sogenannten Muslime sich dessen rühmten.] Kann nach alledem noch etwas von Schamlosigkeit und moralischem Verfall übrig geblieben sein?
Betrachten Sie nun einmal den Zustand der zweiten Säule. In ganz Indien sind die islamischen Strafgesetze aufgehoben worden. Weder in den britischen noch in den muslimischen Staaten wird irgendwo die Strafe für Ehebruch angewandt. Mehr noch: Das gegenwärtig geltende Gesetz betrachtet Ehebruch überhaupt nicht als Verbrechen. Wenn jemand ein Mädchen aus einer angesehenen Familie dazu verleiten will, sich dem Sündendienst hinzugeben, gibt es kein Gesetz, durch das ihre Keuschheit und Ehre geschützt werden könnten. Wenn jemand mit einer volljährigen Frau mit deren Einwilligung unerlaubten Geschlechtsverkehr hat, kann er nach keinem Gesetz bestraft werden. Wenn eine Frau sich öffentlich dem Ehebruch hingibt, gibt es keine Macht, durch die dies verhindert werden könnte. Das Landesgesetz betrachtet nur die Vergewaltigung als Verbrechen. Fragen Sie jedoch einen Rechtsanwalt, wie schwierig es ist, eine Vergewaltigung zu beweisen! Auch die Entführung einer verheirateten Frau ist ein Verbrechen. Fragen Sie aber die britischen Juristen, welchen Rechtsbehelf es vor den Gerichten der Obrigkeit gibt, wenn eine verheiratete Frau freiwillig in das Haus eines anderen geht und dort bleibt.
Bedenken Sie, dass diese beiden Säulen eingestürzt sind. Nun steht der gesamte Palast Ihrer Gesellschaftsordnung nur noch auf einer einzigen Säule. Wollen Sie auch diese zerstören? Prüfen und vergleichen Sie einerseits die von Ihnen geschilderten Nachteile der Purdah-Praxis und andererseits die vollständige Zerstörung des sittlichen Charakters und der Gesellschaftsordnung, wenn die Purdah abgeschafft wird. Beides ist eine Gefahr, und eine von beiden muss hingenommen werden. Fragen Sie nun Ihr eigenes Gewissen, welche Gefahr die kleinere ist.
Wenn aufgrund der Verhältnisse der Zeit eine Entscheidung getroffen werden muss, so sage ich: Die Lage Indiens spricht nicht für eine Lockerung der Purdah, sondern verlangt vielmehr eine noch größere Strenge. Denn die beiden Säulen zur Aufrechterhaltung der Gesellschaftsordnung sind eingestürzt, und nun hängt alles nur noch von einer einzigen Säule ab. Setzen Sie sich mit klarem Verstand hin und überlegen Sie, wie die kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Probleme gelöst werden können. Innerhalb der islamischen Grenzen mögen sich auch andere Wege zu ihrer Lösung finden. Aber schwächen Sie diese eine verbleibende Säule, die bereits schwach geworden ist, nicht noch weiter. Ehe Sie sie lockern, müssen Sie so viel Kraft sammeln, dass, wenn eine muslimische Frau ohne Purdah erscheint und irgendwo zwei Augen gefunden werden, die sie ansehen, fünfzig Hände bereitstehen, um diese beiden Augen auszureißen.
##Ende##
1. In ländlichen Gegenden bezeichnen Frauen die Menstruation als „monatliche Krankheit“. – Der Übersetzer
1. Es sei darauf hingewiesen, dass das ursprüngliche Werk mit dem Titel „Purdah“ vor ungefähr einundsechzig Jahren verfasst wurde; leicht lässt sich erkennen, dass mit dem Fortschritt der sogenannten Entwicklung oder Moderne auch die Neigung zu Verbrechen immer weiter zugenommen hat.
2. Blue Book of Crime Statistics for 1934, siehe
1. Wester Marck vertrat in seinem Werk „The History of Human Marriage“ genau diese Ansicht.