Worte des Herausgebers

Der Islam ist die einzige von Allah der Menschheit gegebene Lebensordnung. Die Epoche der vier Kalifen und Umar ibn Abd al-Aziz, der als fünfter Kalif bekannt ist, nach dem Hinscheiden des erhabenen Mannes unter den Geschöpfen, des letzten Propheten, Hazrat Muhammad (s.), wird als das Goldene Zeitalter des Islam bezeichnet. In diesem Werk wird die soziale und politische Lage jener Epoche bis ins kleinste Detail analysiert; ihre gesamten damaligen Aktivitäten – nämlich die Gottesfurcht des Kalifen der Muslime, der hohe moralische Standard, der Dienst am Volk, die Tatsache, dass er aus der Staatskasse keinen einzigen Pfennig über das Notwendige hinaus nahm, sowie sozialer Frieden, Ordnung, Gerechtigkeit, gegenseitige Zuneigung und Mitgefühl – sind für alle Zeiten und Epochen ein nachahmenswertes Beispiel.

In dieser gegenwärtigen Epoche der neuen Dschahiliyya wird dieses Werk, so Allah will, eine hilfreiche Rolle dabei spielen, eine grundlegende Veränderung in der muslimischen Umma herbeizuführen und jedem Muslim im persönlichen Leben ein richtiges Verständnis vom eigentlichen Anliegen des Islam zu vermitteln.

Möge Allah, der Erhabene, der Leserschaft durch die Lektüre dieses Werkes die Fähigkeit schenken, besonderen Nutzen daraus zu ziehen. Amin.

Die eigentliche Lebenskraft des Islam

Wenn wir den Blick auf die glanzvolle Geschichte des Islam richten, sehen wir, dass seine eigentliche Lebenskraft darin stets wirksam ist.

Wer sich bemüht, die wahre Religion kennenzulernen und ihr Wesen, ihren Charakter und ihre Geschichte zu studieren, wird ihre Lebenskraft zu erfassen vermögen. Er wird diese Lebenskraft in den Gesetzen und Grundsätzen des Islam mit voller Kraft wirksam sehen. Sie ist so wirkungsvoll, dass kein Mensch von ihr unberührt bleiben kann. Doch so wenig sich ein tiefes Gefühl oder ein grundlegender Gedanke in einer begrenzten Sprache beschreiben lässt, so außerordentlich schwer ist es auch, diese Lebenskraft zu schildern. Diese Lebenskraft ist zwar in Gefühlen und Begeisterung, in Zweck und Ziel sowie in Sitten und Bräuchen wirksam, doch ist es äußerst schwierig, sie in das begrenzte Gewand der Sprache zu kleiden.

Diese Lebenskraft weist die Umrisse jenes erhabenen, strahlenden Horizonts, auf den hin der Islam seine Anhänger zu wandern anspornt und ermutigt. Der Islam spornt seine Anhänger an, das höchste Ziel des Lebens zu erreichen, und bewegt sie deshalb dazu, sich nicht mit der Erfüllung bloß der unabdingbaren Pflichten und der herkömmlichen Formalitäten zu begnügen, sondern freiwillig und freudig noch größere Anstrengungen und Opfer zu erbringen. Der Weg zum erhabenen Ziel ist äußerst schwierig und beschwerlich, und nach seiner Erreichung auf ihm standhaft zu bleiben, ist noch weitaus schwerer. Die biologischen Triebe und Bedürfnisse sowie der starke Druck der täglichen Notwendigkeiten werden für die meisten Menschen zu Ketten an den Füßen und versperren ihnen den Weg zum höheren Ziel des Lebens. Und selbst wenn jemand es bisweilen durch die Heftigkeit seiner Gefühle und Begeisterung sowie die Stärke seines Entschlusses erreicht, wird es ihm dennoch unmöglich, dort lange zu verweilen, indem er die dortigen Hindernisse, Widerstände und Gefahren überwindet. Denn mit dieser erhabenen Stufe sind einige wichtige Pflichten verbunden, die das Leben und Eigentum sowie Denken und Handeln betreffen. Unter ihnen ist die Verantwortung, die jedem Einzelnen gegenüber seinem eigenen Selbst, seiner Gesellschaft, der Menschheit und vor allem seinem Schöpfer auferlegt ist, die schwerwiegendste. Eine klare Empfindung dafür wachzuhalten, dass sein Schöpfer jede seiner kleinen und großen Taten stets mit eigenen Augen beobachtet und über die in der Tiefe seines Herzens verborgenen Geheimnisse sowie über seine lautlosen Handlungen – ja, über seine lautlosen Handlungen – genau Bescheid weiß, ist seine große Verantwortung gegenüber dem Schöpfer. Um diese große Verantwortung zu erkennen, hat der Islam das Gewissen des Menschen stets wachsam und aufmerksam gemacht und sein Bewusstsein und seine Einsicht geschärft und vertieft.

Die Schwierigkeit dieses Weges zum höchsten Ziel und die außerordentliche Mühe, nach dessen Erreichen dort dauerhaft zu verbleiben, bedeuten nicht, dass der Islam eine dichterische Vorstellung oder ein übermenschliches Ideal sei, dessen Verwirklichung man zwar anstreben, das man aber nicht berühren könne. So verhält es sich nicht. Die erhabene und höchstgelegene Stufe, von der die Rede war, zu erreichen, ist nicht für alle Menschen aller Zeiten verpflichtend. Sie stellt lediglich eine Zielgrenze dar. Damit der Mensch stets danach strebt, sie zu erreichen, sind ihm ihre Umrisse vorgezeichnet worden. Dieses Streben wurde in der Vergangenheit unternommen und sollte auch heute und in Zukunft fortbestehen. Die menschliche Gesellschaft der Vergangenheit hat versucht, dieses Ziel zu erreichen – bisweilen hat sie es erreicht, bisweilen hat sie sich davon entfernt. Es handelt sich um ein Ideal, das nur durch ein tiefes Vertrauen in das menschliche Gewissen und seine inneren Kräfte verwirklicht werden kann. Dadurch wird bewiesen, dass es keinen Grund gibt, hinsichtlich des Menschen in der kommenden Zukunft zu verzweifeln. Vor diesem höchsten Ziel erstreckt sich ein weites Feld. Für die meisten Menschen ist es möglich, sich anzustrengen und die Maßstäbe des Erfolgs zu erfüllen; für diesen Maßstab ist dieses weite Feld ausreichend. Es gehört zu Allahs beständiger Gesetzmäßigkeit, dass Er niemanden zu einer Anstrengung verpflichtet, die seine Kräfte übersteigt.

„Allah erlegt keinem Menschen mehr Aufgaben auf, als er zu leisten vermag.“ (Sure al-Baqara – letzter Vers.) Das Wesen des Islam ist so gerechtigkeitsliebend und maßvoll, dass er sich damit begnügt, von den gewöhnlichen Menschen nur die unbedingt erforderlichen Pflichten zu verlangen. Denn:

„Für jeden gibt es verschiedene Stufen des Handelns.“ Tatsächlich genügen die Pflichten, die als unbedingt erforderlich auferlegt wurden, für den Erfolg im Leben. Danach steht der Weg zum Erreichen der höchsten Stufe stets offen, und der Islam ruft unablässig mit eindringlicher Stimme dazu auf, auf diesem Weg voranzuschreiten.

Die Lebenskraft, von der wir oben gesprochen haben, hat bei der Verwirklichung der islamischen Gesellschaft und Zivilisation eine umfassende Rolle gespielt. Der Islam, der zunächst nur der Name eines Glaubens war, wurde durch einzelne Menschen und historische Ereignisse greifbar. Nun ist der Islam nicht mehr nur der Name einer Lehre oder Weltanschauung – er ist auch nicht bloß eine Ansammlung von Ermahnungen, Unterweisungen und Rechtleitung oder von illusionären Vorstellungen. Er hat nun die Gestalt eines lebendigen und wachen menschlichen Charakters angenommen, sich in den Ereignissen des wirklichen Lebens offenbart und vor allem gesellschaftliche Einrichtungen und reformerische Werke geschaffen, die jeder mit eigenen Augen sehen und eigenen Ohren hören kann. Diese gesellschaftlichen Einrichtungen und reformerischen Leistungen haben das gesamte menschliche Leben und die Geschichte tiefgreifend beeinflusst. All dies ist in Wahrheit ein Beitrag jener ruhmreichen „Lebenskraft“ des Islam. Diese Lebenskraft hatte im Leben beinahe toter Menschen eine Revolution ausgelöst. Sie hatte ihnen ein neues Bewusstsein und neue Lebenskraft eingehaucht.

Dies ist in Wahrheit die richtige Erklärung für das Auftreten außergewöhnlicher Persönlichkeiten in der Frühzeit der islamischen Geschichte und in den späteren Epochen sowie für jene Menschen, deren aufwühlende und ruhmreiche Lebensgeschichten in der Geschichte des Islam bewahrt sind. Darin liegt auch das Geheimnis jener unglaublichen Ereignisse, die wie Märchen erscheinen, geschaffen von einem höheren Denken.

Die Reinheit der Seele, die Furchtlosigkeit des Gewissens, beispiellose Opferbereitschaft und Selbstaufopferung, der unerschütterliche Entschluss, Zweck und Ziel zu erreichen, die außergewöhnliche und unvorstellbare Erhabenheit des Denkens und der Seele sowie die herausragenden Leistungen in den verschiedenen Bereichen des Lebens, die selbst die Geschichtsschreibung nicht vollständig zu schildern vermag – all dies ist ein Beitrag dieser revolutionären Lebenskraft des Islam.

Wir müssen anerkennen, dass zwischen all den außergewöhnlichen Leistungen und Ereignissen, die über die Seiten der Geschichte verstreut zu finden sind, und der revolutionären Lebenskraft des Islam eine zutiefst enge Beziehung besteht. Im Grunde ist diese innere Lebenskraft die eigentliche Quelle der Kraft, deren Wirken in der Geschichte des Islam sichtbar wird.

Wenn wir versuchen, diese Leistungen getrennt und losgelöst von jener Lebenskraft zu betrachten, bleibt unsere Untersuchung unvollständig. Infolge dieser irrigen Betrachtungsweise wären wir gezwungen, in eine äußerst gefährliche Verwirrung hinsichtlich der Kräfte zu geraten, die aktiv auf das Leben und die Welt einwirken. Das Ergebnis wäre, dass wir bei der Suche nach der Quelle des Ruhms und der Ehre jeder ruhmreichen Persönlichkeit deren persönliche Größe in den Vordergrund stellen und jene „Lebenskraft“, die der erste Antrieb und die wirksamste Ursache all dessen war, außer Acht lassen würden. Dabei hatte gerade diese Lebenskraft das Gewissen und den Geist jener großen Menschen beeinflusst. Durch ihre Kraft hatten sie die Richtung der Geschichte verändert und den Strom der Ereignisse in die von ihnen gewünschte Richtung gelenkt. Danach übergaben sie die Geschichte einem stürmischen, überquellenden und kraftvoll dahinströmenden Strom des Lebens. Auf diesem Strom beruhend traten jene unvergesslichen revolutionären Leistungen hervor.

Es wäre keine Übertreibung, wenn wir das Erscheinen ruhmreicher großer Persönlichkeiten und die Entfaltung ihrer Leistungen vollständig dem Beitrag dieser revolutionären Lebenskraft zuschrieben. Tatsächlich ist diese Lebenskraft nichts anderes als eine übersinnliche Inspiration. Alles, womit sie sich in Gestalt von Leistungen und Persönlichkeiten verbunden hat, war äußerlich zwar eine kleine und vereinzelte Kraft, im Grunde jedoch insgesamt übersinnliche Kraft. Das Maß ihrer Größe besteht darin, in welchem Ausmaß jede dieser Persönlichkeiten ihre Befähigung zur Aufnahme jener übersinnlichen Inspiration unter Beweis gestellt hat. Ist es nun verwunderlich, wenn man die Prophetenschaft Muhammads, des Sohnes Abdallahs (s.a.w.), als die höchste Stufe dieser Befähigung betrachtet? Tatsächlich hatte sein Wesen die übersinnliche Inspiration vollkommen aufgenommen und während seines gesamten Lebens diese erhabene Stellung innegehabt.

Nach der Stufe der Prophetenschaft gibt es zahlreiche weitere Stufen hohen Ranges. Die Gefährten Muhammads (s.a.w.) und ihre späteren Nachfolger nahmen diese Stufen ein. Je mehr jemand die Lebenskraft dieser großen Religion in sich aufnehmen konnte, desto höheren Rang erlangte er entsprechend. Erst nach äußerst umfassendem Studium werden wir begreifen können, in welchem Maße diese Inspiration die Menschenseelen beeinflusst hat – wie sie deren schlummerndes Leben erweckt, sie tatkräftig und leistungsfähig gemacht, sie zur Verwirklichung einzigartiger und erstaunlicher Beispiele angespornt und schließlich die Richtung der gesamten Menschheitsgeschichte verändert hat.

Den Einfluss dieser Inspiration und Lebenskraft können wir sowohl in den großen Ereignissen der Geschichte als auch in den kleinen Ereignissen des täglichen Lebens erkennen. Es ist bekannt, dass sich das Ausmaß geistiger Größe nicht in Zoll oder Metern messen lässt, sondern mit der Qualität zusammenhängt. Ihr Ausmaß lässt sich nur anhand der Ereignisse bestimmen, die sich unter verschiedenen Umständen und in unterschiedlichen Umgebungen vollziehen.

Eine kleine Zahl von Menschen von der Arabischen Halbinsel hatte innerhalb kürzester Zeit zwei gewaltige Reiche wie Rom und Persien unterworfen. In der gesamten Geschichte der Menschheit lässt sich kein anderes Beispiel für einen derart großen Sieg in so kurzer Zeit anführen. Doch der Ruhm und die Größe dieses glorreichen Ereignisses werden keineswegs geschmälert, wenn wir sagen, dass dieselbe Größe auch in der Geduld zum Ausdruck kam, die der abessinische Sklave namens Bilal (r.a.) allein als Antwort auf die Unterdrückung und Verfolgung durch die Quraisch bewies. Die Qualen, die die Quraisch dem ehrwürdigen Bilal al-Habaschi (r.a.) zufügten, um ihn zum Abfall vom Islam zu zwingen, überstiegen die Geduldskraft jedes Menschen. Von unten verbrannte ihn der heiße Sand, auf Bauch und Brust lag eine Last von Steinen, seine Brust drohte vor gewaltigem Hunger und Durst zu bersten, und obendrein wurde er mit großer Härte geschlagen. Doch die Worte, die unter dieser unerträglichen Folter seinen Lippen entströmten, waren: „Ahad, Ahad.“

Wenn diese Inspiration in einen gewöhnlichen Menschen aus dem Volk eintritt, spricht er selbst vor einem despotischen Kaiser harte und klare Worte und fürchtet auf Allahs Weg weder Tadel noch Kritik von irgendjemandem. Wenn der rechtgeleitete Kalif, der Herrscher eines gewaltigen Reiches, ein Höchstmaß an Demut, Genügsamkeit und Selbstaufopferung zeigt, wirkt auch in ihm dieselbe Lebenskraft. Beide Menschen schöpften ihre Kraft aus derselben Quelle, und diese Quelle ist die unbezwingbare und revolutionäre Lebenskraft des Islam.

Im Zusammenhang mit der Eroberung Roms und Persiens muss gesagt werden, dass der Sieg des Islam hier im Grunde der Sieg einer geistigen Ideologie war. Diese Ideologie war fähig, das Innerste der Menschen zu erobern. Dieses Ereignis bestätigt die geistige Deutung der Geschichte, denn eine materielle Analyse ist hier nicht möglich. Mit einer materiellen Analyse lässt sich die Ursache dieses außergewöhnlichen Sieges nicht erklären. Durch bloße materielle Kraft hätten die Araber zwei derart große Reiche nicht unterwerfen können.

Gleichzeitig muss man bedenken, dass die geistige Revolution, die der Islam im Denken und Handeln, in den Zielen und Bestrebungen sowie in den sozialen und wirtschaftlichen Ordnungen der Araber bewirkte, an Bedeutung den Eroberungen jener Länder keineswegs nachsteht, sondern sie sogar übertrifft. Dies liefert einen noch klareren Beweis für die Überlegenheit der Lebenskraft des Islam als die Ereignisse der Gebietseroberungen. Es ist allgemein bekannt, dass sich auf der Arabischen Halbinsel zwischen der Prophetenschaft Muhammads (s.a.w.) und seinem Tod außer der von ihm herbeigeführten sittlichen und kulturellen Revolution keine eigenständige wirtschaftliche Revolution ereignete. Daher fand in den dortigen wirtschaftlichen Verhältnissen auch keine grundlegende Veränderung statt, die eine derart große Revolution im Denken und in der Sichtweise der Araber, in ihrem Handeln und in ihrer Gesellschaftsordnung hätte hervorbringen können. Tatsächlich waren all diese Leistungen das Ergebnis eben dieser geistigen Ideologie.

Es ist uns hier nicht möglich, eine ausführliche Darstellung dieser Revolution zu geben. Wir wollen nur ein einziges Beispiel anführen. Dieses Beispiel findet sich in einer Erklärung der Araber jener Zeit. Sie gaben diese Erklärung vor den Feinden des Islam ab, die jedoch keinem einzigen ihrer Worte widersprechen konnten. Es handelt sich um ein Ereignis aus der frühen Phase der Bewegung. Von der Unterdrückung und Verfolgung durch die Quraisch bedrängt, wanderten die Muslime nach Abessinien aus, um ihre Religion und ihren Glauben zu bewahren. Aus Sorge, die Muslime könnten in Abessinien an Stärke gewinnen, entsandten die Quraisch zwei Vertreter zum König Najaschi. Ihr Ziel war es, die Ausweisung der muslimischen Auswanderer von dort zu veranlassen. Diese beiden Vertreter waren Amr ibn al-As und Abdullah ibn Abi Rabia. Sie gingen hin und sagten:

„Eure Majestät! Einige unverständige junge Männer aus unserem Land sind in euer Land gekommen und haben sich hier niedergelassen. Sie haben die Religion ihres Volkes aufgegeben und auch eure Religion nicht angenommen. Sie haben aus eigener Hand eine erfundene Religion mitgebracht – eine, die sowohl für uns als auch für euch neu ist. Ihre Väter, Onkel, übrigen Verwandten und die führenden Männer unseres Volkes haben uns zu euch gesandt, damit ihr ihnen gnädigerweise befehlt, in ihre Heimat zurückzukehren. Diese führenden Männer sind weit klüger als diese jungen Männer. Die Dinge, gegen die die jungen Männer Einwände erheben und die sie für schlecht halten, verstehen unsere Anführer viel besser.“

Als der Negus dies hörte, fragte er die jungen Muslime: „Was ist das für eine Religion, der zuliebe ihr euer Volk verlassen habt, ohne meine Religion oder irgendeine andere Religion anzunehmen?“

Darauf sagte Dschaʿfar, der Sohn Abū Tālibs (r.a.):

„O König! Wir lebten in äußerster Unwissenheit und Unkenntnis, beteten Götzen an, aßen Aas und begingen Unzucht. Die Bande der Verwandtschaft zu missachten und die Rechte des Nachbarn zu verletzen, war unsere tägliche Gewohnheit. Die Starken unter uns unterdrückten und beuteten die Schwachen aus. In diesem Zustand sandte Allah einen Mann aus unserer Mitte als Propheten zu uns. Wir kennen seine edle Abstammung, seine Aufrichtigkeit und Wahrhaftigkeit, seine Vertrauenswürdigkeit und seine Reinheit. Er ruft uns zu Allah und lehrt uns, an die Einheit Allahs zu glauben und nur Ihn anzubeten, Ihm zu dienen und Ihm zu gehorchen. Er fordert uns auf, die Anbetung all jener Götzen und steinernen Abbilder aufzugeben, die wir und unsere Vorfahren neben Allah verehrten. Er gebietet uns Aufrichtigkeit, Wahrhaftigkeit und Vertrauenswürdigkeit sowie gutes Verhalten gegenüber Verwandten und Nachbarn. Er verbietet uns obszöne und schamlose Handlungen, Lügen, die Veruntreuung des Vermögens von Waisen und Verleumdungen keuscher Frauen. Er befiehlt uns, den einen Allah anzubeten, und verbietet uns, Ihm jemanden beizugesellen. Er befiehlt uns außerdem, das Gebet zu verrichten, die Zakat zu entrichten und zu fasten …“

Beide Gesandten der Quraisch waren am Hof anwesend. Einer von ihnen war ʿAmr ibn al-ʿĀs – ihm war an Beredsamkeit und diplomatischem Geschick niemand ebenbürtig. Doch keiner von beiden widersprach dem Bild, das Dschaʿfar von den Verhältnissen im vorislamischen Arabien gezeichnet hatte, oder der Darstellung der von Allahs Gesandtem gebrachten Lebensordnung. Dies bewies, dass diese Schilderung der Vergangenheit und Gegenwart Arabiens vollkommen zutreffend war.

Dies ist lediglich ein historisches Zeugnis über die Arabische Halbinsel. Ein Nichtmuslim der Neuzeit hat ein ähnliches Zeugnis über die gesamte damalige Welt abgelegt. J. H. Denison (J. H. Denison) schrieb in seinem Buch „Emotion als Grundlage der Zivilisation“ (Emotion as the basis of civilization):

„Im fünften und sechsten Jahrhundert war die zivilisierte Welt an einem äußerst gefährlichen Punkt der Anarchie angelangt. Es schien, als wolle die gewaltige Zivilisation, die durch viertausend Jahre unablässiger Bemühungen und Anstrengungen aufgebaut worden war, zerfallen und als sehne sich die Menschheit danach, in die Urzeit der Unzivilisiertheit und Barbarei zurückzukehren. Zwischen den Stämmen herrschten schreckliche Streitigkeiten und Fehden. Anstelle von Recht und Ordnung entstanden Spaltung und Chaos. Es war, als wolle ein gewaltiger Baum mit seinen weit ausladenden Ästen die ganze Erde mit seinem Schatten bedecken. Doch sein Stamm war im Inneren bis zu den Wurzeln derart vom Wurm zerfressen, dass der Baum jeden Augenblick zu Boden stürzen konnte. Die damalige Zivilisation stand genau einer solchen Lage gegenüber. Gerade als die Zeichen einer allumfassenden Zerstörung deutlich hervortraten, wurde jener Mann geboren, der die ganze Welt vereinte.“[Entnommen aus „Islam and New World order“, verfasst von Maulana Muhammad Ali und von Ustad Ahmad Dschawadutschasanuhar ins Arabische übersetzt. ]Wie dem auch sei, nun werden wir einige historische Beispiele vorführen, die mit der sozialen Gerechtigkeitsordnung des Islam zusammenhängen.

Beispiele für das wache Gewissen

Bevor ich Beispiele anführe, halte ich es für notwendig, einige Beispiele für einen noch wichtigeren Gegenstand zu nennen, nämlich für das von Islam angestrebte Gewissen. Denn auf diesem Gewissen gründet das gesamte System des Islam. Wie ich bereits gesagt habe, lehrt der Islam den Menschen, sein Gewissen stets wach zu halten und sein Bewusstsein und Empfinden äußerst scharf und intensiv zu machen. Die Geschichte des Islam hat so viele Beispiele für die Wachheit dieses Gewissens und die Stärke seiner Empfindungen bewahrt, dass es uns in diesem begrenzten Buch nicht möglich ist, sie alle darzustellen. Anstelle vieler Beispiele können hier nur einige wenige verschiedener Art angeführt werden.

Hadhrat Burayda (r.a.) berichtet:

„Magher ibn Malik (r.a.) kam zum Gesandten Allahs (s.a.w.) und sagte: ‚O Gesandter Allahs! Reinige mich.‘ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: ‚Möge Allah dir Einsicht schenken; geh und bereue vor Allah.‘ Magher ging ein Stück fort, kehrte dann aber wieder zum Gesandten Allahs (s.a.w.) zurück und sagte: ‚O Gesandter Allahs! Reinige mich.‘ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) antwortete wie zuvor. Dies geschah dreimal. Beim vierten Mal sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): ‚Wovon soll ich dich reinigen?‘ Magher sagte: ‚Vom Ehebruch.‘ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) fragte die Leute: ‚Ist dieser Mann etwa betrunken?‘ Alle bestätigten, dass er nicht betrunken sei. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) fragte: ‚Hat er Wein getrunken?‘ Ein Mann ging hin und roch an Maghers Mund. Es zeigte sich, dass er keinen Wein getrunken hatte. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) fragte ihn erneut: ‚Hast du tatsächlich Ehebruch begangen?‘ Magher sagte: ‚Ja.‘ Daraufhin ordnete er die Strafe an, und die Strafe wurde vollstreckt, indem Magher gesteinigt wurde.“

Zwei oder drei Tage nach diesem Ereignis sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Bittet um Vergebung für Magher. Seine Reue war von solcher Art, dass sie für ein ganzes Volk ausreichen würde, wenn man sie unter ihm verteilen würde.“

Danach kam eine Frau aus dem Stamm der Azd zu ihm. Sie sagte: „O Gesandter Allahs! Reinige mich.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Möge Allah dir Einsicht schenken; geh und bereue vor Allah.“ Sie sagte:

„Wollen Sie mich etwa wie Magher zurückschicken? Ich bin durch Ehebruch schwanger geworden.“ Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Bist du tatsächlich durch Ehebruch schwanger geworden?“ Sie sagte: „Ja.“ Da sagte er zu ihr: „Warte, bis du das Kind geboren hast.“ Danach schickte er die Frau bis zur Entbindung unter die Obhut eines Ansari. Einige Zeit später kam dieser Ansari und teilte dem Gesandten Allahs mit, dass die Frau ihr Kind geboren hatte. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Ich werde sie nicht hinrichten und dann niemanden haben, der das Kind stillt; so etwas werde ich nicht tun.“ Da sagte ein Ansari: „O Gesandter Allahs! Ich übernehme die Verantwortung dafür, das Kind zu stillen.“ Daraufhin ließ der Gesandte Allahs (s.a.w.) die Todesstrafe an ihr vollstrecken.

In einer anderen Überlieferung heißt es, dass der Gesandte Allahs (s.a.w.) zu der Frau sagte: „Geh und komm wieder, nachdem du das Kind geboren hast.“ Als sie nach der Geburt zu ihm kam, sagte der Gesandte Allahs (s.a.w.): „Geh und stille es. Komm wieder, wenn du es entwöhnt hast.“ Nachdem das Kind entwöhnt war, kam sie mit dem Kind auf dem Arm zum Gesandten Allahs. Das Kind hielt ein Stück Brot in der Hand. Sie sagte: „O Gesandter Allahs! Ich habe das Kind entwöhnt. Jetzt kann es Brot und anderes essen.“ Daraufhin übergab er das Kind einem Muslim und ordnete die Hinrichtung der Frau an. Nachdem eine Grube bis zu ihrer Brust ausgehoben worden war, wurde sie auf Anweisung des Gesandten Allahs von den Menschen zu Tode gesteinigt. Khalid ibn al-Walid (r.a.) trat etwas vor und warf einen Stein auf ihren Kopf. Dadurch spritzte etwas Blut auf Khalids Gesicht. Daraufhin beleidigte Khalid die Frau. Als der Gesandte Allahs (s.a.w.) dies hörte, sagte er: „Khalid! Hüte deine Zunge. Bei Allah, diese Frau hat eine solche Reue gezeigt, dass selbst ein ungerechtfertigter Eintreiber, wenn er eine solche Reue gezeigt hätte, Vergebung erlangt hätte.“ Danach wurde auf seine Anweisung das Totengebet für die Frau verrichtet und sie ordnungsgemäß beigesetzt. (Muslim, Nasa’i).

Der Charakter von Magher ibn Malik und der genannten Frau liegt klar vor uns. Keiner von beiden war die harte Strafe für Ehebruch unbekannt. Niemand hatte sie bei der Sünde gesehen, und es gab auch keine Möglichkeit, sie zu beweisen. Dennoch bedrängten beide den Gesandten Allahs (s.a.w.) immer wieder. Aus der Sanftheit seines Herzens und dem von Gerechtigkeit geprägten Wesen des Islam heraus wollte der Gesandte Allahs ihre Bestrafung aufgrund des Zweifels erlassen. Doch sie bestanden so nachdrücklich darauf, dass sich alle Wege zu ihrer Befreiung schlossen. Die Frau äußerte sogar ziemlich scharfe Worte, indem sie fragte, ob er sie wie Magher zurückschicken wolle. Es schien, als wolle sie dem Gesandten Allahs (s.a.w.) vorwerfen, bei den unumstößlichen Vorschriften des Islam Nachsicht und Großzügigkeit zu zeigen.

Warum all dies? Dass sie sagten: „O Gesandter Allahs, reinige mich!“, weist auf einen derart lebendigen und leidenschaftlichen Antrieb in ihnen hin, der stärker und lebensvoller war als selbst der Überlebenswille. Dieser Antrieb war nichts anderes als das wache Gewissen und die Intensität der Reue. Der brennende Wunsch, von einer Sünde gereinigt zu werden, von der außer Allah niemand wusste, sowie die aus dem Gefühl erwachsende gewaltige Scham, Allah in einem unreinen Zustand gegenübertreten zu müssen, ließ sie nicht zur Ruhe kommen.

Das ist der wahre Islam. Die glühende Reue im Herzen des Schuldigen und beim Propheten zunächst Barmherzigkeit und Mitgefühl, danach jedoch, sobald die Schuld bewiesen war, die Entschlossenheit und Weisheit, die Strafe zu vollstrecken, ohne die Größe der Reue und des Geständnisses des Schuldigen zu berücksichtigen – all dies war ein Ausdruck eben dieses Islam. Denn für den Schuldigen wie für den Herrscher war nichts erstrebenswerter, als dass der Islam auf seinem festen Fundament Bestand haben und sein Ruhm ungetrübt bleiben möge.

Wenn das muslimische Gewissen im Bereich des Strafrechts einen solchen Zustand erreicht hatte, lässt sich leicht ermessen, welche Rolle es bei den gesellschaftlichen Aufgaben spielen würde, für die man sogar sein Leben opfern musste.

In diesem Zusammenhang ist das Ereignis bemerkenswert, dass Khalid ibn al-Walid vom Oberbefehl über das syrische Heer abberufen und Abu Ubaida zum Befehlshaber ernannt wurde. Khalid war jener ruhmreiche Feldherr, der bis dahin in keiner Schlacht eine Niederlage erlitten hatte. Soldatische Veranlagung und Geschicklichkeit waren ihm bis ins Mark eingewachsen. Sowohl im Zeitalter der Dschahiliyya als auch nach seiner Annahme des Islam war er der einzige unbestrittene Krieger. Dennoch wurde dieser Khalid vom Befehlshaberposten abberufen, ohne dass er sich widersetzte oder Groll hegte. Scham oder Ehrgefühl bewogen ihn nicht, das Schlachtfeld zu verlassen. Von einem Gedanken an Auflehnung konnte ohnehin keine Rede sein. Allein setzte er den Kampf auf dem Schlachtfeld mit gleicher Leidenschaft und Begeisterung fort, beseelt vom Antrieb zum Sieg des Islam und vom Verlangen nach dem Märtyrertod, und kämpfte mit voller Kraft. Während dieser Zeit ließ er keinerlei böse Gedanken oder Antriebe in seinem Herzen Raum. Denn das wache muslimische Gewissen steht weit über solchen Gedanken. Für ihn hatten sie keinerlei Bedeutung.

Auch die andere Seite des Geschehens ist bedeutsam. Dass Umar Khalid abberufen ließ, entsprang demselben Bewusstsein und Antrieb. Während des Kalifats von Abu Bakr bemerkte er bei Khalid ibn al-Walid einige Fehler, die Umars Gewissen erschütterten. Einer davon bestand darin, dass Khalid bei der Tötung Malik ibn Nuwayras überstürzt vorging und unmittelbar danach dessen Frau heiratete. Danach stellte er erneut einen ähnlichen Fehler fest. Es war der folgende: An dem Tag, an dem im Kampf gegen Musailima den Lügner zwölfhundert hochrangige Gefährten als Märtyrer gefallen waren, heiratete Khalid am frühen Morgen des unmittelbar folgenden Tages die Tochter von Maja’a.

Angesichts dieser Handlungen, die meiner Auffassung nach fehlerhaft waren, maß der Kalif Khalids Tapferkeit und seinen Siegen keinerlei Bedeutung bei. Zweifellos war Khalid der größte Feldherr. Er hatte mehr Schlachten gewonnen als jeder andere. Darüber hinaus stand die muslimische Gemeinschaft in Syrien und im Irak vor den wichtigsten und entscheidenden Kämpfen. Dort war die Kriegskunst eines unbesiegbaren Feldherrn wie Khalid äußerst notwendig. Doch keine dieser Eigenschaften Khalids vermochte die Aufregung und Unruhe zu unterdrücken, die seine schwerwiegenden Fehler in Umars Gewissen ausgelöst hatten. Keine von ihnen konnte seine Ansicht ändern, Khalid zunächst vom Befehl über das Heer und später sogar aus der Armee selbst zu entfernen. Ein weiterer Grund war, dass Khalid seine Aufgaben äußerst eigenmächtig erfüllte, was der Wesensart Umars widersprach. Sein Pflichtbewusstsein veranlasste ihn, sich einzumischen und selbst auf Kleinigkeiten zu achten. (Nach dem Buch „Khalid ibn al-Walid“ von Sadiq Urjun.)

Jemand könnte fragen: Wenn Khalid einen derart großen Fehler begangen hatte, warum ließ ihn Abu Bakr frei? Der eigentliche Sachverhalt ist, dass Abu Bakrs Urteil über Khalid ibn al-Walid nicht so streng war wie das Umars. Er war der Ansicht, Khalid habe sich in seinem Urteil geirrt und keinen Fehler oder keine Sünde vorsätzlich begangen. Deshalb vergab er ihm trotz seines Zorns auf ihn. Den zweiten Vorfall betrachtete auch Abu Bakr mit äußerstem Missfallen und sandte ihm einen zornigen Brief. Trotz alledem hielt er Khalids Fehler und Verfehlungen für verzeihlich und vergab sie ihm schließlich auch.

Die obige Erklärung des Geschehens steht vollkommen im Einklang mit der hohen Entwicklungsstufe, die das kollektive muslimische Gewissen in jener Zeit erreicht hatte. Doch die Deutung, die ein Mann wie Dr. Haykal von der Haltung Abu Bakrs und Umars in der Angelegenheit Khalids gegeben hat, hat mich regelrecht erstaunt. Haykals Deutung hat keinerlei Bezug zur Lebenskraft des Islam. Allerdings steht sie in vollkommenem Einklang mit der schmutzigen Politik unserer Zeit. Auf den Seiten 150 bis 152 seines Buches „As-Siddiq Abu Bakr“ schrieb Dr. Haykal:

„Der Leser hat sicherlich erkannt, wie weit die Meinungsverschiedenheit zwischen Abu Bakr und Umar in der Angelegenheit Malik ibn Nuwayras ging. Dass beide um das Wohl des Islam und der Muslime bemüht waren, steht außer Zweifel. Die entscheidende Frage ist hier: War Khalids Fehler für den einen außerordentlich schwerwiegend und für den anderen äußerst geringfügig, oder entstand die eigentliche Meinungsverschiedenheit über die Festlegung der richtigen Politik angesichts der heiklen Lage des muslimischen Lebens auf der Arabischen Halbinsel, die von weitverbreiteten Aufständen und dem Abfall vom Glauben heimgesucht wurde?“

Meiner Ansicht nach betraf die eigentliche Meinungsverschiedenheit die Festlegung der politischen Linie. Angesichts des Unterschieds im Wesen der beiden Kalifen war diese Meinungsverschiedenheit ganz natürlich. Umar (r.a.) war das Sinnbild unnachgiebiger Gerechtigkeit. Seiner Auffassung nach hatte Khalid einem Muslim Unrecht getan. Daher musste er aus dem Heer entfernt werden, damit er künftig keine Gelegenheit mehr erhielt, eine derart schändliche und das Ansehen schädigende Tat zu begehen. Selbst wenn man ihm zugutehalten wollte, dass in der Angelegenheit Malik allein Khalids Urteil und seine Überlegung fehlerhaft gewesen seien – obwohl Umar (r.a.) dies nicht hätte akzeptieren können –, wäre es keineswegs angemessen gewesen, die unanständige Behandlung von Malikʿs Frau Layla ungestraft zu lassen.[Wenn Umars Auffassung tatsächlich so hart und extrem gewesen wäre, hätte er während seiner eigenen Kalifenzeit unbedingt die Strafe für Unzucht vollstrecken lassen – der Verfasser.]„Er ist ein unbesiegbarer Feldherr“, „er ist das Schwert Gottes“ – solche Worte hätten nicht ausgereicht, ihn von der Verantwortung freizustellen. Denn das hätte bedeutet, für Männer wie Khalid das Verbotene für erlaubt zu erklären. Dadurch wäre den Muslimen ein äußerst schlechtes Beispiel für die Missachtung der Gebote Allahs gegeben worden. Aufgrund dieser Auffassung lenkte Umar (r.a.) wiederholt Abu Bakrs (r.a.) Aufmerksamkeit darauf. Schließlich ließ Abu Bakr (r.a.) Khalid (r.a.) zu sich rufen und sprach ihm wegen seines Verhaltens eine scharfe Warnung aus.

Aus Abu Bakrs (r.a.) Sicht war die Lage hingegen so äußerst heikel, dass man solchen Angelegenheiten keine Bedeutung beimessen konnte. Damals war die Existenz des gesamten Landes bedroht, und überall in Arabien erhoben sich Aufstände. Welche Bedeutung konnte es unter solchen Umständen haben, ob ein oder mehrere Menschen versehentlich oder absichtlich getötet worden waren? Der Feldherr, dem fehlerhaftes Verhalten vorgeworfen wurde, war das wirksamste Mittel, das Land vor jener furchtbaren Gefahr zu retten. Eine Frau vor Ablauf ihrer Wartezeit zu heiraten, widersprach nicht der in Arabien üblichen Sitte, insbesondere nicht im Fall eines siegreichen Feldherrn. Denn gerade aufgrund des Krieges erlangte er das Eigentumsrecht an den gefangenen Frauen.[Eine solche Aussage kann nur jemand machen, der nicht einmal die elementarsten Kenntnisse der islamischen Scharia besitzt. Wenn Khalid tatsächlich die Frau eines Muslims vergewaltigt hätte, wäre es zwingend gewesen, an ihm die Strafe für Unzucht zu vollstrecken. Außerdem kam es überhaupt nicht infrage, die Frau Malikʿs zur Sklavin zu machen, da Malik Muslim war.]Bei einem außergewöhnlichen Menschen wie Khalid war es nicht unerlässlich, das Gesetz mit voller Strenge anzuwenden. Besonders nicht unter Umständen, in denen eine solche Maßnahme den Interessen des Staates widersprochen und seine Existenz gefährdet hätte. Zu jener Zeit war Khalids Schwert für die Muslime dringend notwendig. An dem Tag, an dem Abu Bakr (r.a.) ihn zu sich rief und warnte, brauchten die Muslime Khalid mehr als je zuvor. In Yamama, nahe Khalids (r.a.) Aufenthaltsort al-Battah, hatte sich Musaylima mit vierzigtausend jungen Männern der Banu Hanifa kampfbereit aufgestellt. Sein Aufstand gegen den Islam und die Muslime war der gefährlichste Aufstand überhaupt. Er hatte Ikrima (r.a.), einen der Heerführer der Muslime, gefangen genommen, und nun hingen alle Hoffnungen auf den Sieg ausschließlich von Khalids Schwert ab. Wie hätte es unter diesen Umständen richtig sein können, Khalid (r.a.) wegen der Tötung Malik ibn Nuwayras oder wegen Layla, der außergewöhnlich schönen Frau, die Khalid bezaubert hatte, abzusetzen und dem muslimischen Heer die Möglichkeit zu geben, in Musaylimas Hand eine schmachvolle Niederlage zu erleiden? Wäre damit Allahs Religion nicht der größten Gefahr auf Erden ausgesetzt worden? Khalid war Allahs Banner – er war Allahs Schwert. Daher hielt Abu Bakr (r.a.) es für die angemessenste Vorgehensweise, ihn zu sich zu rufen, sich auf einen Tadel zu beschränken und ihn unverzüglich anzuweisen, nach Yamama zu ziehen und Musaylima entgegenzutreten.

Dies ist meiner Ansicht nach das eigentliche Bild des Unterschieds zwischen der politischen Linie Abu Bakrs und Umars in der Angelegenheit Khalid ibn al-Walid. Als der falsche Prophet der Banu Hanifa, Musaylima, Ikrima (r.a.) gefangen nahm, entsandte Abu Bakr (r.a.) Khalid, um ihm entgegenzutreten. Wahrscheinlich wollte er damit erreichen, dass die Bewohner Medinas und die Anhänger Umars erkennen würden, dass Khalid in den Notzeiten des Islam dessen größter Freund war. Mit diesem Befehl stellte Abu Bakr (r.a.) ihn auf eine harte Probe. Seine Absicht war: Entweder würde Khalid auf dem Schlachtfeld den Märtyrertod erleiden – dann wäre dies eine bessere Strafe als das Unrecht gegenüber Malik und seiner Frau –, oder er würde siegen, und dieser Sieg würde ihn von seiner Sünde reinigen. Am Ende siegte er und kehrte mit einer gewaltigen Menge an Kriegsbeute in die Hauptstadt zurück. So befreite er die Muslime aus einer derart großen Gefahr. Angesichts jener Gefahr hatte der Fehler, den er während seines Aufenthalts in al-Battah begangen hatte, keinerlei Bedeutung.

So stellt sich die Lage aus der Sicht Dr. Heikels dar. Ich staune darüber, wie ein Mensch die Flügel seiner Fantasie ausbreitet, in die Frühzeit der islamischen Geschichte eindringt und im Schatten jener wachen und bewussten Gewissen seine Feder führt. Dabei ist sein eigenes Gewissen und Denken bei der Erklärung der Ereignisse nicht nur unfähig, sich über die moderne materialistische Sichtweise zu erheben, sondern tief von ihr beeinflusst. Seine Sichtweise hat keinerlei Verbindung zur grundlegenden Lebenskraft des Islam und zur tatsächlichen Geschichte jener besonderen Epoche. Das ist vielmehr die Politik der Gegenwart. Nach dieser politischen Auffassung ist es völlig legitim, für ein vortreffliches Ziel auf minderwertige Vorgehensweisen sowie auf Mittel und Methoden zurückzugreifen. Diese Politik macht das menschliche Gewissen und den menschlichen Verstand zu Sklaven der Umstände und der Notwendigkeit und bezeichnet dies als höhere „Diplomatie“ sowie als herausragende Tatkraft und Handlungsgeschick.

In dem Bild, das Dr. Heikel entworfen und als das einzig richtige Bild ausgegeben hat, wird die Persönlichkeit Abu Bakrs (r.a.) derart erniedrigt und entwürdigt dargestellt, dass dies jeder Sehende erkennen kann.

Zum Glück steht Abu Bakrs Persönlichkeit weit über dem Fernrohr, durch das die Menschen der heutigen niederträchtigen und verdorbenen Gesellschaft zu sehen gewohnt sind. Mit diesem Fernrohr ist es keineswegs möglich, jene hochentwickelte Stufe der Menschlichkeit zu betrachten. Besonders wenn der Beobachter auch in der islamischen Scharia unwissend ist, wird die Angelegenheit noch verworrener.

In seinem eigenen Buch „Al-Faruk Umar“ hat Dr. Haikal dieses Thema erneut erörtert. Er hat versucht, den seelischen Zustand Umar s zu untersuchen, als dieser die Entscheidung traf, Khalid abzusetzen. Auch hier hat ihn wieder die moderne, dekadente Zivilisation beeinflusst. Das Bild eines Parteiführers, für den außer dem scheinbaren Wohl und regionalen Erfordernissen nichts von Bedeutung ist und der deshalb die Lebenskraft des Islams nicht zu begreifen vermag, hat sich im Geist des Autors festgesetzt. Auf den Seiten 99 und 100 schrieb er:

„Es ist nicht verständlich, warum Umar eine so gefährliche Entscheidung wie die Absetzung Khalids traf. Immerhin stand die gesamte militärische Macht der Muslime in Syrien unter Khalids Befehl. Für die muslimische Armee war dies ein äußerst verhängnisvoller Augenblick. Sie stand den römischen Truppen gegenüber. Es fand jedoch keine offene Schlacht statt, und keine der beiden Seiten war in der Lage, die andere zu besiegen. Die Lage, die vor Khalids Ankunft aus dem Irak geherrscht hatte, bestand auch nach seiner Ankunft fort. Beide Seiten warteten auf eine geeignete Gelegenheit zum Angriff. Der Kalif hätte erkennen müssen, dass die Absetzung Khalids den Eifer und die Begeisterung der Muslime dämpfen und die Lage noch gefährlicher machen würde. Tatsächlich hätte der Kalif warten sollen, bis Khalid die Muslime durch diesen gefährlichen Augenblick hindurchgeführt hatte; danach hätte er jeden beliebigen Befehl erlassen können.“

„Im Auf und Ab des Krieges sind diese Dinge von größter Bedeutung, und es ist äußerst notwendig, ihnen Beachtung zu schenken. Abu Ubaida schenkte diesen Angelegenheiten trotz des Unmuts und der Ablehnung des Kalifen seine volle Aufmerksamkeit. Umar jedoch betrachtete die Sache von einer anderen Seite. Hätte er die Absetzung Khalids bis zum Ende des Krieges aufgeschoben, wäre sein Grundsatz verletzt worden und die Angelegenheit hätte sich verkompliziert. Es war klar, dass die Muslime den Krieg entweder gewinnen oder verlieren würden. Bei einer Niederlage hätte es keinen Nutzen gehabt, Khalid abzusetzen. Wenn die Muslime jedoch unter Khalids Führung siegreich gewesen wären, hätte Umar ihn nicht aus dem Ruhm des Sieges und Erfolgs herausnehmen und absetzen können. Ein solches Vorgehen wäre äußerst falsch gewesen.

„Umar hatte im Großen und Ganzen den endgültigen Entschluss gefasst, Khalid weder in Syrien noch anderswo als Befehlshaber im Amt zu belassen. Deshalb beeilte er sich, den Befehl zu seiner Absetzung zu erlassen. Seine Begründung für diese Entscheidung lautete, dass Khalid die Anweisungen des Kalifen Abu Bakr nicht ordnungsgemäß befolgt habe. Da die Muslime dennoch den Sieg errungen hatten, konnte jedoch niemand Einwand gegen Umar erheben. Er tat, was er für richtig hielt. Auch Khalid befand sich in einer Lage, in der man demjenigen, der ihn abgesetzt hatte, keine Ungerechtigkeit vorwerfen konnte.“

Dies ist die Denkweise des Haikal „Pascha“ des zwanzigsten Jahrhunderts – eine Denkweise, die er Umar al-Faruk aus dem ersten Jahrhundert der Hidschra zuschreiben will. Zuvor hat er dasselbe auch im Fall von Abu Bakr getan. Solch eine dreiste Äußerung kann nur jemand machen, dessen Geist nicht einmal den Geist Abu Bakrs und Umars zu berühren vermochte und der trotz einiger Zeit, in der er in der Atmosphäre des Islams atmete, keinen einzigen Augenblick lang von der Verdorbenheit und Hässlichkeit des zwanzigsten Jahrhunderts frei werden konnte. Es ist überaus deutlich, dass der Autor die schlimmsten Merkmale der modernen Zivilisation und der Opportunismus, der Gewissen, Wahrhaftigkeit und Religion allesamt missachtet, nicht losgelassen haben. Darüber hinaus sind sein Denken und sein Blick vom Anblick der Lügen und Täuschungen dieses Zeitalters völlig verdunkelt.

Die Frage ist: Für wen hielt Herr Haikal Umar al-Faruk? Wenn die Umstände anders gewesen wären und sich eine solche Gelegenheit nicht geboten hätte, hätte Umar Khalid dann verschont? Nach Haikals eigener Darstellung war Umars Gewissen in dieser Angelegenheit jedoch völlig davon überzeugt, dass Khalids Handlungen im Fall von Malik ibn Nuwayra sowie gegenüber Gott und Seiner Religion vollkommen falsch und ungerecht waren.

Wie hätte jener Umar sich den Umständen unterwerfen können – Umar, der Berge versetzen konnte, selbst aber niemals von seinen Prinzipien abwich, dessen Glaube die Wucht eines Sturmes wenden konnte, der selbst jedoch niemals ins Wanken geriet?

Solche Dinge taten die umayyadischen und abbasidischen Könige. Die Menschen bezeichneten diese Handlungen als „Diplomatie“ und „List“. Umar und Abu Bakr jedoch standen weit über all dem. Wenn nun jemand begonnen hat, auch über sie in dieser Weise zu denken, dann ist das der Einfluss der niedrigsten Gesinnung und der minderwertigen Wertvorstellungen unserer Zeit.

Ich habe mich einer einigermaßen ausführlichen Darstellung bedient, um diese Denkweise vorzustellen und ihren Irrtum deutlich zu machen. Denn anders ist es nicht möglich, Geist und Seele von der zerstörerischen Verwirrung zu befreien, die das moderne Zeitalter befallen hat. Manche wollen die Denkweise, die im Zeitalter der höchsten Entfaltung der Lebenskraft des Islam vorherrschte, im Licht der heutigen materialistischen Denkweise erklären. Doch diese heutige Denkweise ist weit von dem geistigen Bewusstsein und Erwachen entfernt, das damals vorherrschte. Ich möchte diese irreführende Fehlinterpretation widerlegen. Denn andernfalls besteht die große Gefahr, dass das menschliche Gewissen und seine ihm innewohnenden Kräfte erheblich geschädigt werden.

Natürlich möchte ich die Menschen des ersten Jahrhunderts weder in ein künstliches Gewand hüllen und darstellen noch sie als frei von allen menschlichen Schwächen zeigen. Ich möchte lediglich, dass die Menschen wieder lernen, sich auf ihr Gewissen zu verlassen. Zu diesem Zweck möchte ich ein wahrheitsgetreues Bild des Lebens der Muslime vermitteln. Dadurch werden diejenigen Gewissen, die dazu fähig sind, sich auf jene höhere Stufe zuzubewegen, dieses Bild verstehen können.

Nun werde ich erneut Beispiele dafür anführen, welch ein Bewusstsein für ihr Gewissen die Muslime des ersten Jahrhunderts in den verschiedenen Lebensbereichen gezeigt haben.

Eines Tages sah man, wie Amir al-Mu’minin Umar ibn al-Khattab (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) einen Wasserschlauch auf der Schulter herbeitrug. Sein Sohn fragte ihn aufgebracht: „Warum tun Sie so etwas?“ Er antwortete: „Mein Herz war von Hochmut und Selbstgefälligkeit erfüllt, deshalb habe ich beschlossen, es zu demütigen.“ Sehen Sie, wie ausgeprägt sein Bewusstsein war! Für einen Augenblick hatte sich in irgendeinem Winkel des Herzens dieses Mannes auch nur die geringste Spur von Selbstgefälligkeit hinsichtlich des Kalifats, der Eroberung von Reichen und der Ehre und des Ansehens kommender Zeiten geregt. Er duldete dies nicht und begann sofort, vor aller Augen seine niederen Triebe zu bezwingen. Nicht im Geringsten dachte er darüber nach, dass er der oberste Befehlshaber eines gewaltigen Reiches war, zu dem neben der Arabischen Halbinsel auch der größte Teil der römischen und persischen Reiche gehörte.

An einem anderen Tag sah man Ali ibn Talib in der grimmigen Kälte vor Kälte zittern. Er trug keine Kleidung, die ihn ausreichend vor der Kälte geschützt hätte. Das Bayt al-Mal stand ihm zur Verfügung. Doch sein waches Gewissen erlaubte ihm nicht, auch nur eine einzige Münze davon anzurühren.

Abu Ubaida (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) hatte mit seinem Heer in Amwas ein Lager errichtet. In Amwas brach eine verheerende Seuche aus. Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) befürchtete, dass Amin al-Umma (Abu Ubaida) ein Unglück widerfahren könnte. Um ihn vor der Seuche zu bewahren, schrieb er ihm einen Brief und bat ihn, zu ihm zu kommen. In dem Brief schrieb er:

„Nach dem Friedensgruß: Es ist notwendig, dass ich mit dir über eine wichtige Angelegenheit persönlich spreche. Ich betone nachdrücklich: Sobald du diesen Brief gelesen hast, brich zu mir auf, noch bevor du den Brief aus der Hand legst.“ Sobald Abu Ubaida (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) den Brief gelesen hatte, durchschaute er dessen eigentlichen Zweck. Er erkannte, dass der Kalif nur einen Weg gesucht hatte, ihn vor der Seuche zu bewahren. Sofort rief er aus: „Allah möge Amir al-Mu’minin vergeben!“ Dann schrieb er Umar die folgende Antwort und ließ sie ihm zukommen:

„Ich habe verstanden, wozu Sie mich brauchen: Gegenwärtig befindet sich das gesamte muslimische Heer bei mir. Ich möchte mich nicht von den muslimischen jungen Männern trennen. Solange Allah nicht erfüllt hat, was für mich und für sie bestimmt ist, kann ich sie nicht verlassen. Amir al-Mu’minin, aus all diesen Gründen bitte ich Sie, mich nicht zur Befolgung dieses Befehls zu zwingen. Lassen Sie mich bei meinen jungen Männern bleiben.“

Hazrat Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) begann zu weinen, nachdem er den Brief gelesen hatte. Die Anwesenden fragten: „Ist Abu Ubaida gestorben?“ Mit erstickter Stimme antwortete er: „Nein.“

Tatsächlich waren es diese beiden Ursachen – der unerschütterliche Glaube an das Schicksal und die Gleichstellung jedes Kämpfers auf Allahs Weg mit sich selbst –, die Abu Ubaida (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) angesichts des Todes standhaft bleiben ließen.

Abu Ruwayha al-Chaschʿami, der Glaubensbruder des Muezzins des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), Hazrat Bilal ibn Rabah, bat Bilal, ihn einigen Menschen aus dem Jemen vorzustellen, damit er um ihre Zustimmung zu seiner Heirat werben könne. Hazrat Bilal sagte zu diesen Leuten: „Ich bin Bilal ibn Rabah. Und dies ist mein Bruder Abu Ruwayha. Sowohl seine Religion als auch sein Charakter sind schlecht. Wenn ihr mit ihm eine verwandtschaftliche Verbindung eingehen wollt, dann tut es; wenn nicht, dann nicht.“

Er sprach ganz offen. Er täuschte sie nicht, indem er die Fehler seines eigenen Bruders verschwieg.

Das Bewusstsein, als Vermittler einer Heirat aufzutreten, ließ ihn sein Verantwortungsgefühl vor Allah nicht vergessen. Die Jemeniten waren von seiner Wahrhaftigkeit beeindruckt und stimmten der Verbindung zu. Dass ein derart wahrhaftiger Mann um die Hand ihrer Tochter anhielt, war für sie allein schon eine hinreichende Ehre.

Beachtenswert ist der Charakter Imam Abu Hanifas: Er schickte seinem Geschäftspartner Hafs ibn Abd ar-Rahman einige Stoffe zum Verkauf. Er wies ihn an, dem Käufer mitzuteilen, dass ein Stück davon einen Mangel aufwies. Hafs verkaufte den Stoff, vergaß jedoch, auf den Mangel hinzuweisen. Für den mangelhaften Stoff nahm er den vollen Preis entgegen. Der Wert dieser Lieferung betrug dreißig- bis fünfunddreißigtausend Dirham. Abu Hanifa (Allahs Barmherzigkeit sei auf ihm) bat seinen Geschäftspartner, den Käufer ausfindig zu machen, doch trotz vieler Bemühungen konnte der Käufer nicht gefunden werden. Daraufhin trennte er sich von seinem Geschäftspartner und spendete den gesamten Wert der Lieferung auf Allahs Weg. Er wollte ihn nicht einmal seinem rechtmäßig erworbenen Vermögen beimischen. [Entnommen aus dem Werk von Abd al-Halim al-Dschundi: „Abu Hanifa, der Held der Freiheit und der Toleranz im Islam“.]

Es wird berichtet, dass der berühmte Imam Yunus ibn Ubaid Stoffe verschiedener Preisklassen zum Verkauf aufbewahrte. Der Preis für ein Paar der einen Stoffart betrug vierhundert Dirham, der für ein Paar einer anderen Stoffart zweihundert Dirham. Er ließ seinen Neffen im Laden zurück und ging zum Gebet. In dieser Zeit kam ein Mann und verlangte ein Paar im Wert von vierhundert Dirham. Der Junge zeigte ihm jedoch ein Paar im Wert von zweihundert Dirham. Es gefiel ihm, und er kaufte es zufrieden. Als er mit dem Stoff auf dem Heimweg war, begegnete er Yunus. Yunus erkannte seinen Stoff und fragte ihn, für wie viel er ihn gekauft habe. Er antwortete: „Für vierhundert Dirham.“ Da sagte er: „Dieser Stoff ist doch zweihundert Dirham wert. Geh und gib ihn zurück.“ Der Mann erwiderte: „Diesen Stoff bekommt man in unserem Land für fünfhundert Dirham. Deshalb habe ich ihn völlig zufrieden gekauft.“ Yunus sagte: „Du musst ihn zurückgeben. Denn im Islam gibt es nichts Besseres als aufrichtiges Wohlwollen.“ Damit nahm er ihn mit in den Laden und gab ihm zweihundert Dirham zurück. Danach tadelte er seinen Neffen mit den Worten: „Hast du dich nicht geschämt? Ist in deinem Herzen keine Gottesfurcht entstanden? Du machst hundert Prozent Gewinn und achtest nicht auf das Wohl der Muslime?“ Der Junge schwor, dass der Käufer den Stoff gern gekauft habe. Darauf sagte er: „Warum hast du vergessen, dass du für andere das wünschen musst, was du für dich selbst wünschst?“

Es wird von Muhammad ibn al-Munkadir berichtet, dass sein Diener während seiner Abwesenheit einem Mann einen Stoff, der fünf Dirham kostete, für zehn Dirham verkaufte. Als er davon erfuhr, suchte er den ganzen Tag nach dem betreffenden Käufer. Schließlich fand er ihn und sagte: „Mein Diener hat dir irrtümlich einen Stoff, der fünf Dirham kostet, für zehn Dirham verkauft.“ Verwundert sagte der Mann: „Aber ich habe diesen Preis doch gern bezahlt.“ Er antwortete: „Du kannst noch so zufrieden sein. Was ich für mich selbst wünsche, das wünsche ich auch für dich.“ Damit gab er ihm fünf Dirham zurück. (Ar-Risalat al-Chalida: Abd ar-Rahman Azzam)

Der stärkste Schlüssel zur Aufdeckung des Geheimnisses dieser drei Begebenheiten ist die Äußerung von Yunus ibn Ubaid: „Hast du dich nicht geschämt?“ Zweifellos waren die Scham vor dem eigenen Gewissen und die Furcht vor Allah die einzige Kraft, die hinter all diesen Ereignissen wirksam war. Wenn das menschliche Gewissen, seine Natur und sein Denken die Lebenskraft des Islam aufnehmen und diese Lebenskraft sich bis in sein innerstes Mark vermischt, dann schafft der Islam mit voller Kraft einen solchen Charakter in ihm.

Neben diesen wenigen Beispielen gibt es noch zahlreiche weitere. Doch für die Läuterung des menschlichen Gewissens und als Wegweisung zu dem höchsten Ziel, das der Islam ihm vor Augen stellt, genügen uns diese wenigen Beispiele. Der Islam will das menschliche Gewissen über alle materiellen Bedürfnisse, Beziehungen und die Anziehungskraft von Leben, Besitz und Rang erheben. Er will den Menschen dazu anspornen, stets wachsam und gewissenhaft zu sein und mit tiefem Empfinden alle Pflichten des Lebens ordnungsgemäß zu erfüllen.

Beispiele der Gleichheit

Der Islam brachte der Menschheit die Botschaft vollkommener Gleichheit. Er kam, um den Menschen von den Fesseln all jener Wertvorstellungen zu befreien, die Hindernisse auf dem Weg zur Gleichheit geschaffen hatten. Nun wollen wir sehen, wie diese Lehre im wirklichen Leben verwirklicht wurde.

Zu jener Zeit existierte die Sklavenklasse überall auf der Welt als eine eigenständige, von der freien Menschheit getrennte Klasse. Auch auf der Arabischen Halbinsel herrschten dieselben Verhältnisse. Wenn wir in dieser Hinsicht das Wirken des Propheten Muhammad betrachten, sehen wir, dass er seine Cousine Zainab, die Tochter eines Haschemiten aus dem Stamm der Quraisch, mit seinem freigelassenen Sklaven Zaid verheiratete. Eine Ehe ist eine äußerst heikle Angelegenheit; in ihr wird die Gleichheit beider Seiten wichtiger als alle anderen Fragen.

Außer dem erhabenen Propheten und abgesehen vom Islam war keine Person und keine andere Kraft zu einer solch außergewöhnlichen Tat fähig – ja, auch heute ist sie außerhalb der muslimischen Welt nirgendwo möglich. Die Sklaverei ist in den Vereinigten Staaten zwar illegal, doch einem Schwarzen ist es gesetzlich verboten, eine weiße Frau zu heiraten – selbst wenn sie noch so minderwertig wäre. Nicht nur das: Bis heute ist es einem Schwarzen verboten, im Bus oder in einem anderen Verkehrsmittel, in einem Restaurant, im Theater oder an irgendeinem anderen Ort neben einem Weißen zu sitzen.

In der frühen Zeit nach der Hidschra stiftete der Gesandte Allahs ein Band der Brüderlichkeit zwischen den Ansar und den Muhadschirun. Dabei wurden sein freigelassener Sklave Zaid und sein Onkel Hamza zu Brüdern verbunden; auch Abu Bakr und Kharija ibn Zaid wurden durch ein brüderliches Band miteinander verbunden. Zwischen Khalid ibn Ruwaicha al-Chaschʿani und Bilal ibn Abi Rabah wurde ebenfalls Brüderlichkeit gestiftet. Diese Brüderlichkeit blieb nicht auf bloße Worte beschränkt, sondern nahm die Gestalt einer ebenso festen und dauerhaften Beziehung wie eine Blutsverwandtschaft an. In allen Angelegenheiten von Besitz und Leben wurde zwischen ihnen eine verwandtschaftliche Verbindung hergestellt.

Danach entsandte der Gesandte Allahs Zaid als Befehlshaber in den Krieg von Muʾta. Anschließend ernannte er dessen Sohn Usama zum Befehlshaber eines Heeres für den Krieg gegen Rom, in dem sich mehrheitlich Muhadschirun und Ansar befanden. In diesem Heer dienten auch Abu Bakr und Umar, die zu den engsten Gefährten und Ministern des Gesandten Allahs gehörten und später in vollkommenem Einvernehmen zu Kalifen gewählt wurden. Unter Usamas Führung befand sich in diesem Heer auch Saʿd ibn Abi Waqqas, ein naher Verwandter des Gesandten Allahs. Er gehörte zum Stamm Banu Zuhra, dem mütterlichen Verwandtschaftsstamm des Gesandten Allahs. Außerdem war er einer jener Quraisch, die bereits in der frühen Zeit der Prophetenschaft den Islam annahmen. Allah gewährte ihm im Alter von gerade siebzehn Jahren die Gnade, den Islam anzunehmen. Er war ein sehr wohlhabender und angesehener Mann. Zudem war er ein äußerst erfahrener Kriegshandwerker und zugleich vom Geist des Dschihad beseelt.

Nach dem Tod des Gesandten Allahs (s.a.w.) beschloss Hazrat Abu Bakr (r.a.), Usamas Heer erneut in den Krieg zu entsenden, und beließ dabei auch den vom Gesandten Allahs eingesetzten Heerführer in seinem Amt. Als er den Heerführer zur Verabschiedung vor die Stadt Medina begleitete, ritt Usama auf einem Reittier, während der Kalif der Muslime zu Fuß ging. Usama empfand dabei große Verlegenheit. Er konnte es nicht als selbstverständlich hinnehmen, selbst beritten zu sein, während der alte Kalif zu Fuß ging. Daher sagte Usama: „Kalif des Gesandten! Steigt auch Ihr auf ein Reittier, sonst werde ich absteigen.“ Der Kalif schwor und sagte: „Bei Gott! Steig nicht ab. Bei Gott! Steig nicht ab. Bei Gott! Ich werde nicht aufsteigen. Wenn ich eine Weile auf Allahs Weg zu Fuß gehe, wird mir das keinerlei Schaden zufügen.“ Danach fiel Hazrat Abu Bakr (r.a.) plötzlich ein, dass Hazrat Umar seine Hilfe benötigen könnte. Die Schwierigkeit bestand darin, dass Umar (r.a.) ein Soldat in Usamas Heer war. Da Usama der Befehlshaber dieses Heeres war, bedurfte es seiner Erlaubnis, wenn Umar (r.a.) zurückbehalten werden sollte. Der Kalif sagte: „Wenn Ihr es für gut haltet, dann lasst Umar bitte zu meiner Unterstützung hier.“

Hier kommt der Lauf der Geschichte vor Staunen zum Stillstand. „Wenn Ihr es für gut haltet, dann lasst Umar (r.a.) bitte zu meiner Unterstützung hier.“ Uns fehlen die passenden Worte, um auszudrücken, aus welch hoher Stellung heraus der Kalif dies zu seinem einfachen Heerführer sagen konnte.

Die Geschichte schreitet weiter voran. Wir sehen, dass Umar ibn al-Chattab (r.a.) Ammar ibn Yasir (r.a.) zum Statthalter von Kufa ernannte, obwohl auch dieser aus der Sklavenklasse stammte. Unser geistiges Auge öffnet sich noch weiter, wenn wir sehen, wie Hazrat Umar die beiden ehemaligen Sklaven Suhaib (r.a.) und Bilal (r.a.) zuerst zu sich rufen lässt, während Suhail, der Sohn Amr ibn Hischams, Abu Sufyan ibn Harb und andere quraischitische Anführer noch stehen. Denn sie waren Gefährten des Gesandten Allahs (s.a.w.) und Kämpfer in der Schlacht von Badr. Über diese Bevorzugung äußerte Abu Sufyan mit gedämpfter, zorniger Stimme einen Ausspruch aus der Zeit der Unwissenheit: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Man lässt uns an der Tür stehen und ruft diese Sklaven hinein.“

Eines Tages ging Hazrat Umar (r.a.) irgendwo in Mekka umher. Er sah, dass die Diener nicht mit ihren Herren zum Essen saßen, sondern abseits standen. Zornig sagte er zu den Herren: „Was soll das? Warum behandelt ihr eure Diener auf solch diskriminierende Weise?“ Danach rief er die Diener herbei und setzte sie mit Nachdruck zum Mahl zu ihren Herren.

Hazrat Umar (r.a.) ernannte Nafi ibn al-Harith zum Statthalter von Mekka. Als der Kalif ihn in Usfan traf, fragte er: „Was gibt es Neues? Wen hast du als deinen Stellvertreter zurückgelassen?“ Nafi antwortete: „Ich habe Ibn Abza als Stellvertreter zurückgelassen. Er gehört zu unseren freigelassenen Sklaven.“ Umar (r.a.) sagte: „Wie bitte? Du hast einen freigelassenen Sklaven als deinen Stellvertreter über die Bewohner von Mekka zurückgelassen?“ Die Antwort lautete: „Er ist im Koran bewandert, in der Scharia gelehrt und gerecht.“ Hazrat Umar (r.a.) sagte: „Das ist er gewiss! Unser Prophet (s.a.w.) hat gesagt: ‚Allah wird durch dieses Buch viele emporheben und viele erniedrigen.‘“

————Arabischer Text——-

Es versteht sich von selbst, dass Hazrat Umar (r.a.) nicht gefragt hatte, um Einwände zu erheben, sondern um Ibn Abzas Identität zu erfahren. Sonst hätte eben dieser Umar bei seiner Anweisung an den sechsköpfigen Rat, der seinen Nachfolger als Kalifen wählen sollte, nicht gesagt: „Wenn Salim, der Sklave Hudhaifas, noch am Leben wäre, hätte ich ihn zum Kalifen ernannt.“ Daraus wird ersichtlich, dass er ihn für besser hielt als jedes einzelne Mitglied des Rates. Diese sechs waren: Uthman, Ali, Talha, Zubair, Abdur-Rahman ibn Auf, Sa’d ibn Abi Waqqas und Abdullah ibn Umar (r.a.).

Einmal äußerte ein freigelassener Sklave gegenüber einem Angehörigen der Quraisch den Wunsch, um die Hand seiner Schwester anzuhalten, und wollte ihr ein großes Vermögen geben. Doch dieser wies den Antrag zurück. Als Umar (r.a.) davon erfuhr, fragte er ihn: „Warum wolltest du deine Schwester nicht mit ihm verheiraten? Er ist ein äußerst guter Mensch und wollte deiner Schwester zudem viel Vermögen geben.“ Der Mann sagte: „Wir gehören einer hochangesehenen Familie an. Doch er steht meiner Schwester nicht ebenbürtig gegenüber.“ Umar (r.a.) sagte: „Dieser Mann ist sowohl in dieser Welt als auch im Jenseits von edler Stellung: In dieser Welt ist er angesehen, weil er sehr wohlhabend ist, und im Jenseits, weil er gottesfürchtig und rechtschaffen ist. Wenn das Mädchen einverstanden ist, dann verheirate sie mit diesem Mann.“ Der Mann holte die Meinung seiner Schwester ein und stellte fest, dass sie einverstanden war. Daraufhin verheiratete er seine Schwester mit ihm.

Sklaven hatten in jedem Bereich, den sie sich wünschten, uneingeschränkte Möglichkeiten, in immer höhere Ränge aufzusteigen. So wurden Ikrimah, der Sklave von Abdullah ibn Umar, Nafi, der Sklave von Abdullah ibn Abbas, Ibn Sirin, der Sklave von Anas ibn Malik, und Ibn Hurmuz, der Sklave von Abu Huraira, zu untrennbaren und unvergesslichen Persönlichkeiten der Geschichte. Hasan al-Basri in Basra sowie Mujahid ibn Jubair, Ata ibn Abi Rabah und Tawus ibn Kaisan in Mekka waren berühmte Rechtsgelehrte; sie alle stammten aus einer Sklavenfamilie. Ebenso war der ägyptische Mufti zur Zeit von Umar ibn Abdul Aziz, Yazid ibn Abu Dhib, der Sklave eines Mannes namens Dinkal Aswad. (Abu Hanifa: Abdul Halim Jundi).

Auch gegenüber den arbeitenden Menschen war die Haltung der Muslime dieselbe. Menschen, die ihren Lebensunterhalt durch körperliche Arbeit verdienten, genossen im gesellschaftlichen Leben der Muslime hohes Ansehen. Die Arbeit selbst besaß einen außerordentlich hohen Stellenwert. Daher wurde jeder Arbeiter – unabhängig davon, welchem Beruf er nachging – gleichermaßen geachtet. Der Beruf eines Arbeiters konnte ihn nicht am Erwerb von Wissen hindern; nicht einmal der Weg, ein großer Gelehrter und Meister zu werden, war ihm versperrt.

Imam Abu Hanifa war Tuchhändler, und viele berühmte Gelehrte nach ihm waren Händler oder Handwerker. Imam Ahmad ibn Amr war Schuhmacher. Sein Vater war ein Gefährte Imam Abu Hanifas und ein Schüler von Muhammad und Hasan. Einerseits verdiente er seinen Lebensunterhalt mit der Herstellung von Schuhen, andererseits verfasste er für den Kalifen al-Muhtadi billah das „Kitab al-Kharaj“ oder „Die Steuerordnung des Islam“. In dieser Zeit verfasste er auch seine wertvollen Werke über die islamische Rechtswissenschaft. An den Händen al-Kaffals waren die Spuren der Herstellung von Schlössern zu sehen, Ibn Qatandubaga war Schneider, und der berühmte Imam al-Dschassas war Glaswarenhersteller. Ebenso treten auf den Seiten der Geschichte als Zeugen vor uns: der Messingwarenhändler (Saffar), der Parfümhändler (Saydalani), der Sohn eines Halwa-Verkäufers (Halwari), der Mehlhändler (Dakkaq), der Seifenhändler (Sajuni), der Schuhmacher (Nayali), der Gemüseverkäufer (Baqqali) und der Töpfehändler (Quduri) sowie andere.

Was die Muslime bereits in der Morgendämmerung der islamischen Zivilisation, nämlich im ersten Jahrhundert, verwirklichten, vermochte die westliche Welt trotz jahrhundertelanger Bemühungen nicht zu erreichen: Kein Beruf ist an sich niedrig oder vornehm; vielmehr ist es der Mensch, der höhere Tugenden besitzt oder ihrer beraubt ist. (Abu Hanifa: Jundi)

Individuelle Freiheit und Redefreiheit

Eine vollständige Darstellung dieser erhabenen Würde der menschlichen Gleichheit ist nicht möglich, solange wir nicht genau über die Haltung der islamischen Gesellschaft gegenüber hochgestellten Personen Bescheid wissen. Wahre Gleichheit kann erst dann verwirklicht werden, wenn die Großen in einer Reihe mit den Kleinen stehen und die einzige Grundlage für Vorzüglichkeit und Größe nicht Abstammung, Rang und Reichtum, sondern der Charakter ist. Die bloße Achtung und Wertschätzung der Kleinen kann keine wirkliche Gleichheit herstellen.

Imam Abu Yusuf schrieb in seinem „Kitab al-Kharaj“: „Einmal ließ Umar seine Beamten auffordern, ihn während der Hadsch aufzusuchen. Als sie zur festgesetzten Zeit erschienen waren, hielt Umar ihnen und der versammelten Menge eine Ansprache:

„Brüder! Ich habe diese Beamten nur eingesetzt, damit sie euch gewissenhaft beaufsichtigen und euch dienen. Ich habe sie nicht dazu eingesetzt, in euer Leben, euer Eigentum oder eure Ehre einzugreifen. Wenn also jemand von euch eine Beschwerde gegen einen Beamten hat, soll er aufstehen und sie vortragen.“ An jenem Tag stand nur ein Mann auf und sagte: „O Befehlshaber der Gläubigen! Dein soundso genannter Beamter hat mir zu Unrecht hundert Peitschenhiebe versetzt.“

Hazrat Umar (r.a.) fragte: „Willst auch du ihn schlagen? Komm, nimm Vergeltung.“ Daraufhin erhob sich Amr ibn al-As und sagte: „O Fürst der Gläubigen! Wenn Ihr beginnt, die Beamten auf diese Weise zu behandeln, wird das für sie eine äußerst schwere Angelegenheit werden. Es wird zu einer dauerhaften Regel werden, und auch Eure Nachfolger werden entsprechend handeln.“

Hazrat Umar (r.a.) sagte: „Soll ich diesem Mann deshalb keine Vergeltung gewähren? Dabei habe ich selbst erlebt, wie der Gesandte Allahs (s.a.w.) Vergeltung an sich üben ließ. (Zu dem Mann gewandt:) Komm, nimm Vergeltung.“ Amr ibn al-As sagte: „Gebt uns die Gelegenheit, den Mann zufriedenzustellen.“

Hazrat Umar (r.a.) gab seine Erlaubnis. Daraufhin stellten sie den Mann mit zweihundert Dinar zufrieden. Für jeden Peitschenhieb mussten zwei Dinar gezahlt werden. Zwar beseitigte Amr ibn al-As damit die Gefahr für den anderen Beamten, doch als sein eigener Sohn beschuldigt wurde, einen ägyptischen Jungen geschlagen zu haben, ließ Umar (r.a.) ihn Vergeltung üben und gestattete Amr nicht den geringsten Einwand. Während die Vergeltung vollzogen wurde, sagte Hazrat Umar (r.a.): „Schlag den Sohn dieses reichen Mannes.“ Auch Amr ibn al-As war nun unausweichlich dazu bestimmt, die Strafe zu erleiden. Doch der Ägypter verzieh ihm und verzichtete darauf, ihn zu schlagen.

Eines Tages saß Hazrat Umar (r.a.) da und verteilte unter den Muslimen Geld. Die Menge der versammelten Menschen wurde immer dichter. Sa’d ibn Abi Waqqas trat vor und gelangte, indem er die anderen Menschen beiseitedrängte, zu Hazrat Umar. Dieser Gefährte stammte aus einer angesehenen Adelsfamilie. Hazrat Umar (r.a.) versetzte ihm eine Peitsche und sagte: „Du erkennst zwar die Macht der Herrschaft Allahs auf Erden nicht an, doch ich hielt es für notwendig, dir zu zeigen, dass dein Einfluss und dein Ansehen in den Augen der Herrschaft Allahs nicht einmal einen Heller wert sind.“

Jemand könnte sagen: Er war doch ein Kalif. Wer ist mit ihm zu vergleichen? Deshalb wollen wir nun sehen, wie viel Unabhängigkeit und Furchtlosigkeit die Untertanen vor den Kalifen und Königen bei der Äußerung ihrer Meinung und bei der Kritik gezeigt haben. Die eigentliche Quelle dieser Unabhängigkeit und Furchtlosigkeit bei der Meinungsäußerung war die vom Islam verliehene Freiheit des Gewissens und der Vernunft sowie die vollkommene Gleichheit, die in Wort und Tat verwirklicht wurde.

Als Hazrat Umar (r.a.) als Kalif eine Ansprache hielt, sagte er: „Wenn ihr in mir eine Abweichung seht, dann richtet mich wieder gerade.“ Einer der versammelten Muslime rief: „Wenn wir eine Abweichung in dir sehen, werden wir dich mit einem scharf geschliffenen Schwert wieder gerade richten.“ Darauf sagte Umar (r.a.): „Tausend Dank sei Allah, dass Er in Umars Kalifat sogar einen solchen Menschen geschaffen hat, der ihn mit einem scharf geschliffenen Schwert gerade richten kann.“ Einmal erhielten die Muslime als Kriegsbeute mehrere jemenitische Umhänge. Wie alle Muslime bekam auch Hazrat Umar einen Umhang, und er gab auch seinem Sohn Abdullah einen. Da der Kalif ein Gewand benötigte, überließ Abdullah dem Kalifen seinen Anteil, damit aus beiden Umhängen ein Gewand gefertigt werden konnte. In diesem Gewand trat Hazrat Umar (r.a.) zur Ansprache hervor und sagte: „Hört auf mich und gehorcht mir.“ Sofort stand Salman auf und sagte: „Wir werden weder auf dich hören noch dir gehorchen.“ Umar (r.a.) fragte: „Warum?“ Salman sagte: „Beantworte zuerst unsere Frage: Wie hast du dieses Gewand angefertigt? Du hast doch gewiss auch nur einen Umhang erhalten, und du bist ein sehr großer Mann.“ Er sagte: „Fällt nicht vorschnell ein Urteil.“ Darauf rief er Abdullah ibn Umar und sagte: „Ich beschwöre dich bei Allah: Sag, ist der Umhang, aus dem ich dieses Gewand angefertigt habe, dein Umhang?“ Er sagte: „Ja.“ Da sagte Salman: „Nun sagt Ihr, welche Anordnung Ihr trefft. Wir werden zuhören und gehorchen.“

Jemand könnte sagen: Das war doch eine Angelegenheit Umars (r.a.). Wer ist mit ihm zu vergleichen?

Nehmen wir das Beispiel Abu Dschafar al-Mansurs. Die Grundlage der Gesetze des Staates, den er gründete, war nicht die Scharia, sondern – nach unserer Bezeichnung – gesellschaftliche Sitten, Gebräuche und Gewohnheiten. Sufyan ath-Thauri ging zu ihm und sagte: „O Fürst der Gläubigen! Du gibst das Vermögen Allahs und das Vermögen der Muslime ohne deren Willen und Zustimmung aus. Sag, welche Antwort hast du darauf?“ Hazrat Umar (r.a.) hatte einmal die Hadsch auf Staatskosten vollzogen; für ihn und seine Gefährten waren dabei insgesamt sechzehn Dinar ausgegeben worden. Dennoch sagte Umar (r.a.): „Ich glaube, wir haben dem Bayt al-Mal eine gewaltige Last auferlegt.“ Du weißt gewiss, welchen Hadith Mansur ibn Ammar uns überliefert hatte. Denn auch du warst bei jener Versammlung anwesend und hast den Hadith als Erster niedergeschrieben. Überliefert von Ibn Masud: Der Gesandte Allahs (s.a.w.) sagte: „Für denjenigen, der nach eigenem Gutdünken in das Vermögen Allahs und Seines Gesandten eingreift, ist das Höllenfeuer gewiss.“ Darauf rief der Schreiber namens Abu Ubaida, ein erfahrener Schmeichler des Königs: „Was? Ein solches Gespräch mit dem Fürsten der Gläubigen!“ Sufyan fuhr ihn an und sagte: „Schweig, Elender! Auf diese Weise haben Haman und Pharao einander durch ihre Schmeichelei zugrunde gerichtet.“ Mit diesen Worten verließ er den Hof.

Wie groß auch die Tyrannei tyrannischer Herrscher sein mag, sie vermochten keinen Menschen zu beeinflussen, dessen Herz erleuchtet war und der sich, über die materiellen Bedürfnisse erhaben, den Geboten Allahs vollkommen unterworfen hatte.

Auch al-Wāthiq war ein tyrannischer Herrscher. Einmal kam ein muslimischer Philosoph zu ihm. Er grüßte al-Wāthiq mit dem Friedensgruß, doch al-Wāthiq erwiderte: „La sallamallahu alaika“ (das heißt: „Möge Allah dir keinen Frieden gewähren“). Kaum hatte der Philosoph dies gehört, wies er al-Wāthiq zurecht und sagte: „Deine Lehrer haben dich äußerst unhöfliches Benehmen gelehrt.“ Allah, der Erhabene, hat gesagt:

„Wenn euch ein Gruß entboten wird, dann grüßt besser als dieser oder erwidert ihn zumindest in gleicher Weise.“ Du hast mir jedoch nicht einmal einen gleichwertigen Gruß erwidert, geschweige denn einen besseren. (Abu Hanifa al-Dschundi).

Der Richter Abu Yusuf sitzt in einer Gerichtssitzung. Ein Mann bringt einen Rechtsstreit vor ihn. Er liegt mit dem Abbasidenherrscher al-Hadi wegen eines Gartens im Streit. Abu Yusuf ist der Ansicht, dass der Garten diesem Mann zusteht. Die Schwierigkeit besteht jedoch darin, dass der Herrscher Zeugen hat. Er sagt: „Der Kläger verlangt, dass der Herrscher schwört, dass seine Zeugen die Wahrheit sagen.“ Al-Hadi weigert sich zu schwören, weil er dies als Demütigung seiner Person betrachtet, und gibt den Garten seinem Eigentümer zurück. In einem anderen Fall zwingt er Harun ar-Raschid, eine eidliche Erklärung abzugeben. Als Fadl ibn ar-Rabi als Zeuge für Harun ar-Raschid auftritt, weist er dessen Zeugenaussage zurück. Der Kalif fragt aufgebracht: „Aus welchem Grund wurde die Zeugenaussage Fadls zurückgewiesen?“ Abu Yusuf antwortet: „Ich habe ihn sagen hören: ‚Ich bin Ihr Sklave.‘ Wenn seine Aussage wahr ist, ist die Zeugenaussage eines Sklaven nicht zulässig; und wenn er gelogen hat, kann die Zeugenaussage eines Lügners nicht anerkannt werden.“ (Abu Hanifa al-Dschundi)

Die Leuchte der persönlichen Freiheit, die der Islam im Gewissen der Menschen entzündet hatte, blieb selbst im dunkelsten Zeitalter der Geschichte unauslöschlich. In jedem Zeitalter der Geschichte finden sich zahlreiche Beispiele für eine solche ruhmreiche Freiheit des Gewissens.

In Ägypten hegte Ahmad ibn Tulun große Achtung vor dem hanafitischen Richter Baqqar ibn Qutayba. Als Ahmad ihn bat, den Abbasidenprinzen al-Muwaffaq zu verfluchen, schwieg er einen Augenblick und sagte:

—-arabischer Text—-

„Hütet euch davor! Ein Fluch treffe die Tyrannen.“ Darauf sagte ein Mann zu Ahmad ibn Tulun, Baqqar habe damit ihn, Ahmad, verflucht. Deshalb verlangte ibn Tulun alle Geschenke zurück, die er ihm gemacht hatte. Er erhielt diese Gegenstände genau in dem Zustand zurück, in dem er sie übergeben und versiegelt hatte. Danach ließ ibn Tulun Baqqar in einem gemieteten Haus gefangen halten. Viele Menschen holten bei ibn Tulun die Erlaubnis ein, ihn zu besuchen. Baqqar sprach durch das Fenster mit ihnen. Danach wurde ibn Tulun von einer so schweren Krankheit befallen, dass keine Hoffnung auf sein Leben mehr bestand. Da ordnete er Baqqars Freilassung an. Zu dem Boten, der die Nachricht von der Freilassung überbrachte, sagte er: „Sag ibn Tulun, dass ich sehr alt geworden bin und er krank ist. Bald werden wir uns treffen. Zwischen uns steht nur Allah.“ Als ibn Tulun starb, pflegte Baqqar zu sagen: „Ach! Der Ärmste ist gestorben!“ (Abu Hanifa al-Dschundi)

Durch die Äußerung „Der arme Kerl ist tot!“ wurde sein Empfinden sichtbar, dass Ibn Tulun zwar an der Macht gewesen war, ihm jedoch unterlegen und hilflos war.

Während der Herrschaft der Ayyubiden unterstützte der ägyptische König Ismail die Engländer im Kreuzzug. Nachdem er die Zusicherung erhalten hatte, dass die Engländer ihm gegen Sultan Nadschmuddin Ayyub helfen würden, übergab er ihnen einige Gebiete, darunter Saida. Als jedoch Izzuddin ibn Abd as-Salam dies scharf verurteilte, wurde der König zornig und ließ ihn verhaften. Danach schickte er einen Gesandten, der Izzuddin einzuschüchtern und zu bestechen versuchte. Der Gesandte sagte zu ihm: „Wenn Sie sich nicht in die Handlungen des Königs einmischen, werden Sie wieder in Ihr früheres Amt eingesetzt und sogar noch befördert werden.“ Izzuddin antwortete: „Bei Gott! Selbst wenn der König käme und meine Hand küsste, würde ich das nicht dulden. In Wahrheit gehört ihr einer Welt an, ich aber einer anderen.“ (Abu Hanifa – Abd al-Halim Dschundi)

Während der Herrschaft von Zahir Baibars lebte Scheich Muhyuddin Nawawi in Damaskus. Er erteilte Zahir häufig gute Ratschläge, teils schriftlich, teils mündlich. Allama Dschalaluddin as-Suyuti hat in seinem berühmten Werk „Hunsul Mahajara“ zahlreiche seiner an den König gerichteten Briefe zitiert. In den meisten dieser Briefe wurde unter Hinweis auf die wirtschaftliche Notlage der Bevölkerung die Aufhebung der Steuern gefordert. In einem Brief schrieb er: „In diesem Jahr hat es nicht ausreichend geregnet. Wegen der Preissteigerungen, des akuten Mangels an Nahrungsmitteln, der Viehseuchen und anderer Ursachen sind die Bewohner Syriens in eine beklagenswerte Lage geraten. Unter diesen Umständen sollten Sie der armen Bevölkerung Ihre Gunst erweisen. Ich sage dies zu Ihrem und zum Wohl des Volkes. Denn das Streben nach dem Wohlergehen ist der Kern des Islam.“

Der König wies diesen Rat nicht nur zurück, sondern äußerte außerdem seinen heftigen Unmut über die mangelnde Unterstützung durch die Gelehrten und sagte: „Wo waren diese Herren, als die Tataren in das Land einfielen und es plünderten?“ Scheich Muhyuddin gab ihm auf diesen Spott eine scharfe Antwort. Er wiederholte seine eigene Auffassung und den oben erwähnten Rat und sagte: „Die Angelegenheit der nichtmuslimischen Eindringlinge und die Angelegenheit der muslimischen Herrscher des Landes können nicht gleichgesetzt werden. Als jene aufständischen Ungläubigen nicht einmal das geringste Maß an Glauben an unsere Religion besaßen – welchen Rat hätten wir ihnen geben können, und welchen Nutzen hätte das gehabt? Ich möchte unmissverständlich erklären, dass niemand mich davon abhalten kann, die Wahrheit zu sagen und guten Rat zu erteilen. Denn ich bin fest davon überzeugt, dass dies für mich und andere wie mich eine unabdingbare Pflicht ist. Welche Gefahr uns auch immer bei der Erfüllung dieser Pflicht begegnen mag, sie wird bei Allah der Grund für großes Wohlergehen und ein Anlass zur Erhöhung unseres Ranges sein. Ich unterwerfe mich Allah vollständig. Allah kennt den Zustand Seiner Diener vollkommen. Allahs Gesandter hat uns angewiesen, unter allen Umständen fortzufahren, die Wahrheit zu sagen, und hinsichtlich dessen den Tadel keines Tadlers zu beachten. Wir lieben den König unter allen Umständen und wünschen ihm Wohlergehen im Diesseits und im Jenseits.“

Von einem solchen Wunsch nach seinem Wohlergehen beseelt, fuhr der Scheich fort, Briefe zu schreiben. Zahir schenkte seinen Ratschlägen jedoch keine Beachtung und erhob unter dem Vorwand, sich auf einen bevorstehenden Krieg vorbereiten zu müssen, weiterhin Steuern. Der König hatte die Fatwas der Gelehrten gesammelt, die seine Auffassung unterstützten. Diese Gelehrten hatten die Fatwas nach seinen Anweisungen erlassen. Er ließ den Scheich zu sich rufen und forderte ihn auf, die Fatwas der anderen Gelehrten zu unterschreiben. Der Scheich nahm dazu eine äußerst entschiedene Haltung ein. Er sagte: „Ich weiß, dass du ein gefangener Sklave warst. Du warst mittellos. Danach erwies Allah dir Seine Gunst und erhob dich in den Rang eines Königs. Ich weiß, dass du tausend Sklaven in Brokatgewändern und hundert Dienerinnen besitzt, die von Kopf bis Fuß mit Goldschmuck bedeckt sind. Wenn du nun diese Brokatgewänder der Sklaven und den Schmuck der Dienerinnen ausgibst, werde ich eine Fatwa erlassen, dass es dir erlaubt ist, von den Untertanen Steuern einzuziehen.“

Als Zahir dies hörte, brach er in gewaltigen Zorn aus und verwies ihn unverzüglich aus Damaskus. Der Scheich ließ sich in einem Ort namens Nawa in Syrien nieder. Später sagten alle Gelehrten und Faqihs zum König: „Er ist unser allseits anerkannter und bedeutendster Gelehrter. Holen Sie ihn nach Damaskus zurück.“ Daraufhin gestattete der König ihm die Rückkehr nach Damaskus, doch der Scheich lehnte ab und sagte: „Solange Zahir dort bleibt, werde ich nicht kommen.“ Einen Monat später starb Zahir. (Nach „Ibn Taimiyya“ von Professor Abu Zuhra)

Auch in der Geschichte der jüngeren Zeit sind Beispiele für solche edlen Charaktere nicht selten. Ich werde nur zwei Ereignisse erwähnen.

Während Ismails Herrschaft kam Sultan Abd al-Aziz einmal nach Ägypten. Ismail zählte die Tage bis zu seiner Ankunft, denn sein Kommen war für die Erlangung des Titels Khedive äußerst wichtig. Außerdem bestanden infolge des Besuchs des Sultans große Aussichten auf zahlreiche politische Vorteile für Ägypten. Zu dieser Zeit wurde für den Empfang der Gelehrten durch den Sultan ein Programm erstellt

So wurde es getan. Bei dieser Audienzzeremonie wurden zahlreiche islamwidrige Bräuche und Sitten gepflegt. Einer davon bestand darin, dass der Ankommende sich auf die Knie niederwerfen, mit dem Kopf den Boden berühren und nach türkischer Art eine Verbeugung machen musste. Die Verwalter des Königspalastes waren dafür verantwortlich, die ankommenden Gelehrten diese Bräuche und Sitten einüben zu lassen, damit sie vor dem Sultan keinen Fehler machten.

Dann rückte der Zeitpunkt der Audienz näher. Die Gelehrten begannen, einer nach dem anderen einzutreten, und verbeugten sich aus bloßer Gier nach weltlichen Vorteilen vor einem Geschöpf wie ihnen selbst. Danach gingen sie nach der ihnen beigebrachten Methode rückwärts hinaus, dem Sultan zugewandt. Nur ein einziger Gelehrter blieb von dieser abscheulichen Handlung verschont: Scheich Hasan al-Adadi. Er verachtete die geringfügigen weltlichen Vorteile und hielt sich das Bewusstsein wach, dass alle Macht in Allahs Hand liegt. Mit erhobenem Haupt trat er wie ein freier Mensch ein und grüßte den Sultan nach islamischer Sitte mit „Assalamu alaikum“. Danach ermahnte er ihn, wie es sich für einen Gelehrten bei einer Begegnung mit einem Herrscher gehört, Allah zu fürchten und die Menschen gerecht und freundlich zu behandeln. Dann beendete er seine Worte, grüßte erneut und verließ den Raum wiederum mit erhobenem Haupt wie ein furchtloser, freier Mensch.

Als die Hofverwalter und der Khedive selbst dies sahen, drohten sie das Bewusstsein zu verlieren. Sie dachten, die Lage sei außer Kontrolle geraten und der Zorn des Sultans werde wohl keine Grenzen kennen. Weil ihre sorgfältigen Vorbereitungen gescheitert waren, brachen sie verzweifelt zusammen.

Doch die Wirkung wahrer Worte kann niemals ausbleiben. Mit derselben Kraft und Autorität, mit der sie aus dem Herzen hervorgehen, pflanzen sie sich in die Herzen anderer ein. Auch hier geschah es so. Der Sultan sagte unwillkürlich: „Bei euch gibt es offenbar nur diesen einen Gelehrten.“ Der Sultan belohnte nur ihn und ließ alle anderen leer ausgehen.

Das zweite Ereignis ereignete sich zwischen dem Khedive Tawfiq Pascha und Scheich Hasanuweil im Dar al-Ulum.

Scheich Hasanuweil war Dozent am Dar al-Ulum. Er trug ein einfaches, preisgünstiges Gewand (Dschalbab). Eines Tages erfuhr der Direktor des Dar al-Ulum, dass der Khedive bald zu einem Besuch der Madrasa kommen würde. Sofort begann er, die Madrasa zu reinigen und festlich herzurichten. Scheich Hasanuweil wurde aufgefordert, seine Kleidung zu wechseln und in einem Kaftan und einer Dschubba (einer vergleichsweise vornehmeren Kleidung) zu erscheinen. Der Scheich kam dieser Bitte stillschweigend nach.

Am festgesetzten Tag kam der Scheich jedoch in seiner alten Kleidung. In seiner Hand trug er allerdings ein in ein Taschentuch eingeschlagenes, bündelartiges Paket. Als der Direktor ihn in der alten Kleidung sah, wurde sein Gesicht bleich. Mit etwas zorniger Stimme fragte er: „Scheich! Wo sind die Dschubba und der Kaftan?“ Der Scheich deutete auf das Taschentuch und zeigte damit, dass sie sich darin befanden. Der Direktor dachte, der Scheich werde sich wohl umziehen, sobald der Ehrengast unmittelbar bevorstand.

Nach einiger Zeit traf der erwartete Ehrengast ein. Eine Welle der Freude ging durch die gesamte Madrasa. Gleich darauf ereignete sich etwas Außergewöhnliches. Scheich Hasanuweil trat mit dem Bündel in der Hand vor den Khedive und sagte völlig gelassen: „Die Leute haben mir gesagt, dass ich unbedingt in einer Dschubba und einem Kaftan kommen müsse. Wenn Sie die Dschubba und den Kaftan wollen, dann sind hier die Dschubba und der Kaftan; wenn Sie aber Hasanuweil wollen, dann steht hier Hasanuweil vor Ihnen.“

Natürlich antwortete Khadev, dass er seinen Hasanunowil haben wolle.

Dies ist der wahre Zustand der Gläubigen. Sie verlangen nach keiner anderen Ehre als der Ehre des Islam. Ihr Denken, ihr Gemüt und ihr Gewissen messen geringfügigen und nichtigen Wertvorstellungen sowie vorübergehenden Interessen keinerlei Bedeutung bei. Sie erkennen das wahre Wesen des Islam und setzen es vollständig in ihrem Leben um. Nachdem sie die unbezwingbare Lebenskraft des Islam erlangt haben, sehen sie keine Notwendigkeit mehr, irgendeinen Menschen zufriedenzustellen. Wahrhaftig, dies ist der wahre Islam.

Der Umgang mit den eroberten Ländern

Nun wollen wir betrachten, wie mit den Bewohnern der eroberten Länder und den nichtmuslimischen Völkern in den muslimischen Ländern umgegangen wurde. Denn dies steht in engstem Zusammenhang mit Gleichheit, Gerechtigkeit und der Freiheit des Gewissens. Diese von Islam eingeführte Gleichheit und Gerechtigkeit hat den Rahmen des Individuums, der Gruppe und des Islam überschritten und ist mit der gesamten Menschheit verbunden worden.

Wenn man die eroberten Länder erörtert, kommt naturgemäß auch die Frage nach dem eigentlichen Zweck, Ziel und den Beweggründen des Islam bei der Eroberung von Ländern zur Sprache. Dies ist ein umfangreiches Thema. Wir werden hierzu nur so weit Stellung nehmen, wie es unerlässlich ist und mit der weltumspannenden sozialen Gerechtigkeit des Islam zusammenhängt.

Die islamische Botschaft richtet sich an das Gewissen und den Verstand des Menschen. In ihr gibt es keinen Raum für Zwang oder Nötigung. Selbst die psychologische Einflussnahme, die in früheren Religionen in Form von Wundern üblich war, hat der Islam nicht zugelassen. Der Islam ist die einzige Ordnung, die dem Verstand, der Vernunft sowie dem Bewusstsein und Empfinden des Menschen vollkommenen Respekt erwiesen hat. Statt ihn durch Wunder oder Mirakel zu hypnotisieren und ihn auf psychologische Weise zu verführen, hat er sich darauf beschränkt, ihn in schlichter Sprache anzusprechen. Niemals hat er dazu gegriffen, Menschen durch die Macht des Schwertes zum Glauben zu zwingen.

————Arabischer Text——

„Bei der Lebensordnung gibt es keinen Raum für Zwang.“

————Arabischer Text——

„Rufe auf dem Weg deines Herrn mit Weisheit und guter Ermahnung, und streite mit ihnen auf die beste Weise.“

Doch die Quraisch errichteten bereits vom ersten Tag an durch materielle Gewalt Hindernisse auf dem Weg dieser neuen Lebensordnung. Jeden, dem Allah die Möglichkeit gab, den Islam anzunehmen, unterzogen sie unmenschlicher Folter. Einige Muslime trennten sie von ihren Häusern, Ehefrauen, Kindern und Angehörigen und vertrieben sie aus dem Land. Sie verschworen sich, sie in Berghöhlen festzuhalten, sie sozial zu „boykottieren“ und sie verhungern zu lassen. Kurz gesagt: Um die Menschen vom Islam fernzuhalten, ließen sie keine Möglichkeit aus, materielle Gewalt einzusetzen.

Unter diesen Umständen blieb den Anhängern des Islam nichts anderes übrig, als sie vor der Unterdrückung zu schützen –

————Arabischer Text——

„Denjenigen, gegen die Krieg geführt wird, wurde die Erlaubnis erteilt, zu den Waffen zu greifen, denn ihnen wurde Unrecht getan. Wahrlich, Allah ist fähig, ihnen zu helfen.“

————Arabischer Text——

„Und kämpft auf Allahs Weg gegen diejenigen, die gegen euch kämpfen. Doch begeht keine Übertretung. Denn Allah liebt die Übertreter nicht.“

Danach geriet zu einem Zeitpunkt die gesamte Arabische Halbinsel unter den Schutz des Islam. Die Folge der Eroberungen überschritt die Grenzen Arabiens. Da stellt sich die Frage: Was war der Zweck und das Ziel dieser Eroberungen?

Wie ich bereits sagte, hat der Islam Ihnen eine internationale Ideologie und eine universelle Lebensordnung vorgelegt. Er kann sich nicht auf die Grenzen irgendeines besonderen Antriebs beschränken. Er möchte seine Wohltaten in jeden Winkel der Welt und zur gesamten Menschheit tragen. Doch die beiden gewaltigen Reiche Rom und Persien stellten sich ihm in den Weg. Sie lauerten darauf, ihn zu vernichten. Diese Mächte waren nicht bereit, den Bannerträgern der islamischen Bewegung die Möglichkeit zu geben, in der Welt umherzuziehen und den Menschen die Botschaft des Islam zu übermitteln. Unter diesen Umständen blieb dem Islam nichts anderes übrig, als die staatliche Macht zu beseitigen, die sich zwischen die göttliche Ordnung und die einfachen Menschen gestellt hatte. Nach der Beseitigung dieses Hindernisses gab er den Menschen die Möglichkeit, allein Allah zu gehorchen und sich von der Unterwerfung und Knechtschaft unter Menschen zu befreien. Darin liegt die Bedeutung der Errichtung der islamischen Ordnung anstelle der nichtigen Ordnung. Dadurch erlangten die Menschen uneingeschränkte Meinungsfreiheit. Nach der Beseitigung des Hindernisses durch die staatliche Macht und dem Sieg der Ordnung Allahs wurde der Gehorsam ausschließlich Allah vorbehalten, und die Menschen wurden von der Knechtschaft unter Menschen befreit. Danach würde jeder, der wollte, aus freien Stücken, mit Freude und in voller Freiheit den Islam annehmen; wer nicht wollte, würde ihn nicht annehmen. Denn jeder Mensch hat das volle Recht, seine eigenen Grundsätze selbst zu bestimmen. Das ist die Bedeutung der folgenden Erklärung des Koran, dass Religion beziehungsweise Gehorsam ausschließlich Allah vorbehalten ist:

————Arabischer Text——

„Kämpft gegen diese Ungläubigen, bis der Gehorsam vollständig ausschließlich Allah vorbehalten ist.“ Hier bedeutet das Wort Din Gehorsam. Gemeint ist, dass die Menschen sich von der Herrschaft und Souveränität anderer Menschen befreien und der Herrschaft und Souveränität Allahs unterstehen werden. Danach werden sie ihren Glauben und ihre Überzeugungen selbst wählen, ohne irgendwelche Hindernisse oder Zwang.

Im Licht dieser Erklärung wird deutlich, dass die Eroberungen des Islam völlig anderer Art waren als die expansionistischen und imperialistischen Kriege, die von machtbesessenen Völkern zur Ausbeutung und Unterdrückung fremder Völker geführt wurden. Die Bedeutung dieser Kriege bestand einzig darin, dass sie ein Kampf zur Beseitigung der staatlichen Mächte waren, die sich zwischen die neue, vom Islam gebrachte Glaubenslehre und Ideologie und die anderen Völker stellten. Für die Völker war dies ein moralischer und geistiger Kampf, für die staatlichen Mächte jedoch, die sich mithilfe materieller Gewalt gleichsam als Götter auf ihnen erhoben hatten, ein materieller und bewaffneter Kampf.

Der Islam betrachtet sich als die Ordnung für die gesamte Menschheit und setzt bei seiner Verkündung und Verbreitung keine materielle Gewalt ein. Gemäß diesem Grundsatz stellte er allen Völkern der Welt drei Wege offen. Jedes Volk musste einen von ihnen wählen: den Islam annehmen, durch die Zahlung der Dschizya seine Kooperation und Unterwerfung bekunden oder Krieg führen.

Sein Aufruf an die Menschen der Welt, „den Islam anzunehmen“, ist zweifellos gerechtfertigt. Denn dies ist der einzige Weg zur Rechtleitung. Er ist die modernste und vollkommenste Lehre über Gott, den Menschen, das Leben und die Welt. Er ist das große Tor, durch das ein Nichtmuslim ein Bruder aller Muslime wird und ihm dieselben Rechte und Pflichten wie den Muslimen zukommen. Kein anderer Muslim kann aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Abstammung, seines Vermögens oder seines Ansehens irgendeinen Vorrang vor diesem neuen Muslim beanspruchen.

Der Aufruf zur Zahlung der Dschizya ist ähnlich. Zur Verteidigung des Landes müssen Muslime sogar ihr Leben opfern. Zum Schutz der Interessen der Gesellschaft entrichten sie außerdem die Zakat. Auch ein Nichtmuslim genießt unter der Herrschaft des islamischen Staates vollständigen Frieden und Sicherheit. Bei der Wahrnehmung innerer, äußerer und aller sonstigen Vorteile ist er den übrigen Menschen im islamischen Staat gleichgestellt. Im Alter oder bei Erwerbsunfähigkeit kann auch er die Leistungen der sozialen Sicherung in Anspruch nehmen. Unter diesen Umständen verlangt es die Gerechtigkeit und die Grundsätze der Fairness, dass auch er sich an all diesen Aufgaben aus eigenen Mitteln beteiligt. Da bei der Zakat der Charakter des Gottesdienstes stärker hervortritt als der einer finanziellen Steuer, zwingt der Islam sie nicht zur Verrichtung dieses Gottesdienstes. Denn der Islam begegnet auch den Gefühlen und Empfindungen derjenigen, die ihn nicht angenommen haben, mit Achtung. Deshalb erhebt er von ihnen anstelle der Zakat eine Steuer in Form der Dschizya. Bei der Festsetzung der Dschizya wurde berücksichtigt, dass im Falle der Notwendigkeit, das Leben für das Land zu opfern, dies nur die Muslime tun. Darüber hinaus ist die Dschizya auch ein Zeichen des Gehorsams und der Unterwerfung. Daraus wird ersichtlich, dass diejenigen, die die Dschizya entrichten, dem Weg des Islam nicht mit Gewalt Hindernisse in den Weg legen und niemand die Übermittlung des Islam an die Menschen behindern wird. Das war das Ziel des Islam.

Der letzte Weg ist der Krieg. Die Ablehnung sowohl des Islam als auch der Dschizya bedeutet, dass der Betreffende, also der Nichtmuslim, entschlossen ist, ein Hindernis zwischen dem Islam und der Allgemeinheit zu bleiben. Unter diesen Umständen wird es unumgänglich, diese durch ihre Macht gestützte Auflehnung zu brechen und zu beseitigen. Denn außer diesem gibt es kein anderes Heilmittel.

In den eroberten Ländern hat der Islam sein humanitäres und internationales Programm in angemessener Weise verwirklicht. Wenn die Bewohner den Islam annahmen, gewährte er ihnen in allen Belangen die gleichen Rechte wie den Muslimen. Auch wenn sie die Dschizya entrichteten, stattete er sie mit allen höheren Menschenrechten aus. Selbst unter den Bedingungen des Krieges setzte er durch seinen Umgang mit ihnen ein leuchtendes Beispiel für Gerechtigkeit und Menschlichkeit.

Nachdem der Herrscher eines eroberten Landes den Islam angenommen hatte, ließ der Islam ihn gewöhnlich als Herrscher dieses Landes im Amt. Hazrat Abu Bakr (r.a.) beließ den persischer Abstammung nachkommenden Bazan als Statthalter des Jemen im Amt. Ebenso ließ er den persischen Firoz, den Statthalter von Sana’a, auf seinem Posten. Als Qais ibn Abd Yaghus arabischer Abstammung Firoz von dort vertrieb, unterstützte Abu Bakr (r.a.) den persischen Muslim gegen den arabischen Muslim, brachte ihn dorthin zurück und setzte ihn wieder in sein früheres Amt ein. Ebenso beließen die Muslime untergeordnete Beamte sowie nichtmuslimische Amtsträger unterhalb des Amirs in ihren Ämtern.

Nach islamischem Recht ist es vollkommen zulässig, dass der Eroberer den gesamten Besitz jener Aufständischen beschlagnahmt, die weder den Islam annehmen noch der Zahlung der Dschizya zustimmen, sondern den Weg des Krieges wählen. Dennoch führte Hazrat Umar (r.a.) zur Zeit der Eroberung Persiens im Sinne der ethischen und humanitären Werte des Islam eine andere Regelung ein. Er erkannte den Grundeigentümern weiterhin ihre Eigentumsrechte am Land zu, erhob darauf jedoch eine Grundsteuer. Dabei berücksichtigte er zugleich zwei Interessen. Das eine war das Interesse der eroberten Länder selbst: Obwohl sie gegen die Muslime gekämpft hatten, wollte er ihnen doch nicht ihre Lebensgrundlage entziehen. Das zweite Interesse galt den künftigen Nachkommen der Muslime. Wenn das gesamte Land den damaligen Eroberern überlassen worden wäre, wären die künftigen Generationen von seinen Erträgen ausgeschlossen gewesen. Daher hielt er es für besser, eine Grundsteuer aus dem Land zu erheben. Auf diese Weise konnten die daraus gewonnenen Mittel stets für das Gemeinwohl verwendet werden, und auch die künftigen Generationen würden weiterhin einen angemessenen Anteil daran erhalten.

Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass der Islam gegenüber den eroberten Ländern stets ein äußerst hohes Maß an Menschlichkeit gezeigt hat. Er gab den Menschen uneingeschränkte und bedingungslose Möglichkeiten, von seiner Schönheit, seinen Besonderheiten und seinen nützlichen Eigenschaften zu profitieren. Darüber hinaus lud er alle Menschen, unabhängig von Rasse, Abstammung, Sprache sowie Volks- und Religionszugehörigkeit, dazu ein, daraus Nutzen zu ziehen. Er gab jedem die Möglichkeit, alles ihm Mögliche zum Wohl der Gesellschaft zu tun. In einem besonderen Bereich des Islam, nämlich in den Rechtswissenschaften und im Fiqh, erlangten die Bewohner der eroberten Länder und Angehörige der Sklavenklasse besondere Gelehrsamkeit. In keinem bedeutenden Bereich des öffentlichen Lebens besaßen die Araber ein Monopol. Selbst in die Ämter von Amiren und Statthaltern wurden Menschen eingesetzt, die die zusätzlichen Einnahmen des jeweiligen Landes zunächst für dessen Wohlergehen ausgaben und nur den verbleibenden Rest in die zentrale Bayt al-Mal-Kasse einzahlten. Die eroberten Länder waren keine Kolonien, und den Eroberern war es nicht gestattet, Leben und Besitz der Landesbewohner für ihren eigenen Komfort und Luxus zu verwenden. Ebenso gewährte der Islam den Bewohnern der eroberten Länder eine beispiellose Freiheit bei der Ausübung ihrer religiösen Riten. Den Schutz ihrer Gebetsstätten, Khanqahs, Kirchen sowie ihrer Gelehrten und Geistlichen übernahm der Islam selbst. Die mit ihnen geschlossenen Verträge und gegebenen Versprechen hielt er mit einer solchen Aufrichtigkeit und Treue ein, dass es in der Geschichte der internationalen Beziehungen schwer ist, ein vergleichbares Beispiel zu finden. Auch heute gilt in dieser Hinsicht noch die vom Islam eingeführte Ordnung.

Wenn wir den Umgang der modernen westlichen Zivilisation mit den unglücklichen Kolonien mit dem Islam vergleichen, sehen wir den Islam in jeder Epoche seiner Geschichte als das strahlendste und leuchtendste Beispiel des großzügigsten, edelsten und reinsten Ideals. Heute beobachten wir, dass die Kolonialländer planmäßig von den Vorzügen der westlichen Zivilisation auf dem Gebiet der Pflege von Wissenschaft und Bildung sowie des wirtschaftlichen Aufschwungs und Fortschritts ferngehalten werden, damit man sie möglichst lange wie Milchkühe melken kann. Darüber hinaus sind die Missachtung der menschlichen Würde und zivilisierten Umgangsformen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene, die absichtliche Verbreitung moralischer Anarchie, die Schaffung und Ausweitung von Feindschaft zwischen Gruppen und Parteien sowie die wirtschaftliche Ausbeutung und Unterdrückung zu schlechten Gewohnheiten der imperialistischen Mächte geworden.

Die Westler führen heute zwar große Reden über Religionsfreiheit, doch ihre frühere Geschichte ist durch die unmenschlichen Strafen der sogenannten Gerichte in Spanien und die Grausamkeiten der Kreuzzüge im Osten befleckt. Auch heute ist Religionsfreiheit lediglich eine Schauveranstaltung. So ist beispielsweise in Südsudan christlichen Missionaren jede Möglichkeit und Vergünstigung gegeben, während Muslimen der Zutritt verboten ist. Als der englische General Allenby im vergangenen Weltkrieg in Bait al-Muqaddas einzog, brachte er die Haltung jedes Menschen in Europa mit den Worten zum Ausdruck: „In Wirklichkeit ist der ‚Kreuzzug‘ heute zu Ende gegangen.“ Der französische General Catroux sagte nach der Niederschlagung des Aufstands in Damaskus im Jahr 1940 dort stehend: „Wir sind die Nachkommen der Kreuzritter. Wer unserer Regierung nicht gefällt, kann von hier fortgehen.“ Genau dasselbe sagte 1945 ein gleichgesinnter Gesinnungsgenosse von ihm in Algerien.

Die Lage in der sozialistischen Welt ist noch erschreckender. Dort läuft eine Kampagne, um die Muslime nach und nach auszulöschen. Innerhalb von nur einem Vierteljahrhundert ist die Zahl der Muslime in Russland von 40,2 Millionen auf 20,6 Millionen gesunken. Heute werden die Muslime sogar von den Rationierungskarten ausgeschlossen, ohne die dort keine Mittel zum Lebensunterhalt erhältlich sind. Man sagt zu ihnen: „Ihr habt die Erlaubnis, zu beten, wann immer ihr wollt. Aber die Regierung kann euch keine Nahrung geben. Bittet euren Gott um Nahrung.“ Ebenso werden sie in Jugoslawien und anderen Ländern behandelt.

Der Islam hat seit jeher ein so herausragendes Beispiel umfassender und universeller sozialer Gerechtigkeit gegeben, an das die europäische Zivilisation nicht einmal annähernd heranreichen konnte und auch niemals heranreichen wird, denn sie ist eine rein säkular-materialistische Zivilisation. Ihre Grundlage bilden Menschenmord, Plünderung, Blutvergießen, Gewalt und Grausamkeit.[Für eine ausführliche Untersuchung dieses Themas siehe das Werk des Verfassers „As-Salam al-Alami al-Islam“ (Weltfrieden und Islam) sowie das Kapitel „Wesen und Bedeutung der islamischen Eroberung von Ländern“ in „Dirasatun Islamia“.]

Gegenseitige Hilfe und soziale Sicherung

Ich werde anhand einiger konkreter Beispiele aus der Geschichte darlegen, welche Eigenschaften der Barmherzigkeit, des Mitgefühls, des Wohlwollens und der gegenseitigen Hilfe der Islam unter den Starken und Schwachen, den Reichen und Armen, dem Einzelnen und der Gesellschaft, den Herrschern und den Beherrschten sowie überhaupt unter allen Menschen anstrebt. Die Geschichte des Islam ist reich an solchen Beispielen.

Als Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) den Islam annahm, besaß er vierzigtausend Dirham, die er durch seine Geschäftstätigkeit erworben hatte. Auch nach seinem Übertritt zum Islam betrieb er Handel und verdiente große Summen. Doch an dem Tag, an dem er mit seinem großen Freund, dem Propheten Muhammad (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm), nach Medina auswanderte, waren von diesem Kapital nur noch fünftausend Dirham übrig. Sein gesamtes verbliebenes Kapital gab er dafür aus, die misshandelten und unterdrückten muslimischen Sklaven freizukaufen; aus diesem Vermögen unterstützte er die armen Besitzlosen.

Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) war äußerst arm. In Chaibar erhielt er ein Stück Land. Er kam zum Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) und sagte: „Ich habe in Chaibar ein Stück Land erhalten. Nie zuvor habe ich ein so wertvolles Vermögen besessen. Was ist Ihre Anweisung dazu?“ Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Frieden seien auf ihm) sagte zu ihm: „Wenn du möchtest, behalte das Land selbst und spende seine Erträge.“

Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) stiftete es für die Armen und Bedürftigen, für bedürftige Verwandte, zur Befreiung von Sklaven, zur Unterstützung schwacher und hilfloser Menschen sowie für gemeinnützige Zwecke. Auf diese Weise spendete er sein kostbarstes Vermögen auf Allahs Weg und bewies damit die Wahrheit der folgenden Aussage des Korans:

————Arabischer Text——

„Ihr werdet keine wahre Wohlfahrt erlangen, solange ihr nicht von eurem kostbarsten Besitz auf Allahs Weg ausgebt.“

Vor dem Kalifat traf aus Syrien eine Handelskarawane bei Hadhrat Uthman ein. Diese Karawane bestand aus tausend Kamelen, die Weizen, Olivenöl und Rosinen trugen. Zu dieser Zeit waren die Muslime infolge der Hungersnot in eine beklagenswerte Notlage geraten. Viele Händler kamen zu ihm und sagten: „Sie wissen sehr wohl, wie groß der Bedarf an Lebensmitteln im Land ist. Verkaufen Sie uns bitte diesen Warenvorrat.“ Hadhrat Uthman (möge Allah mit ihm zufrieden sein) sagte: „Ich kann ihn gern verkaufen, aber sagt mir, welchen Gewinn ihr mir geben werdet.“ Die Händler sagten: „Wir geben den doppelten Preis.“ Hadhrat Uthman sagte: „Mir ist jedoch ein weit höherer Gewinn angeboten worden.“ Erstaunt fragten sie: „Ihre Handelskarawane ist gerade erst eingetroffen, und sobald sie angekommen war, sind wir, alle Händler von Medina, hier erschienen. Niemand sonst hat Sie vor uns aufgesucht. Wer also hat Ihnen einen so hohen Gewinn angeboten?“ Hadhrat Uthman sagte: „Allah der Erhabene hat mir einen zehnfachen Gewinn versprochen. Könnt ihr mir mehr als das geben?“ Sie sagten: „Nein.“ Daraufhin erklärte Hadhrat Uthman Allah zum Zeugen und verkündete: „Ich spende den gesamten Besitz dieser Handelskarawane um Allahs willen für die Armen und Bedürftigen.“

Eines Tages gab es in der Familie Hadhrat Alis (möge Allah mit ihm zufrieden sein) nur drei Gerstenbrote. Diese wenigen Brote schenkte er einem Waisen, einem Bedürftigen und einem Gefangenen. Nachdem er sie satt gemacht hatte, ging er selbst mit seiner ganzen Familie hungrig zu Bett.

Die Schuldenlast Hadhrat Husseins war immer größer geworden. Die Quelle von Abi Naisar stand in seinem Besitz; wenn er gewollt hätte, hätte er sie verkaufen und seine Schulden begleichen können. Doch arme Muslime bewässerten damit ihre Felder, weshalb er sie nicht verkaufte. Obwohl er ein Angehöriger der vornehmsten Familie der Banu Haschim war, trug er weiterhin die Last der Schulden.

In Medina machten die Ansar die Muhadschirun zu Teilhabern an ihrem jeweiligen Besitz, ihren Häusern und all ihren Gütern. Sie nahmen sie als ihre Brüder an. Für sie zahlten sie die Diya (finanzielle Entschädigung für unbeabsichtigte Tötung oder Verletzung) und lösten ihre Gefangenen durch Lösegeld frei. Mit einem Wort: Sie nahmen sie vollständig als die Ihren an. In den Worten des Korans:

————arabischer Text——

„Sie empfinden in ihren Herzen keine Bedrängnis oder Zurückhaltung wegen dessen, was sie den Muhadschirun geben. Sie ziehen die Interessen anderer ihren eigenen Interessen vor, selbst wenn sie dafür hungrig bleiben müssen.“

Tatsächlich bleibt diese Lebenskraft im gesellschaftlichen Leben der muslimischen Länder so lange wirksam, wie sie vom Einfluss der westlichen Zivilisation frei bleiben. Herr Abdur Rahman Azzam schrieb in seinem Werk „Ar-Risalat al-Chalide“:

„Ich habe den Tawarek-Stamm in Nordafrika auf der Grundlage gegenseitiger Zusammenarbeit und Sicherheit leben sehen. In ihrem Stamm lebt niemand nur für sich selbst, sondern für die gesamte Gemeinschaft. Auf die Arbeit, die sie für die Gemeinschaft leisten, sind sie am meisten stolz. Durch ein außergewöhnliches Ereignis wurde meine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt. Ein Stadtbewohner wanderte aus dem Gebiet der Franzosen aus, ließ sich bei den Tawarek in Fasan nieder und lebte von ihrer Gunst. Danach machte er sich auf die Suche nach einem Lebensunterhalt. Er war auch entschlossen, ihre Wohltätigkeit zu erwidern. Seine Familie ließ er unter der Obhut dieses muslimischen Stammes zurück. Doch leider fand er keine Arbeit. Er kam hilfesuchend zu uns an einen Ort namens Misrata. Wir halfen ihm in dem Maß, dass er zu seiner Familie zurückkehren konnte. Doch nach beinahe einem Jahr kam er wieder zu uns. Wir dachten, er kehre von seiner Familie zurück. Aber er widerlegte unsere Annahme und sagte, dass er nun in der Lage sei, zu seiner eigenen Familie zu gehen. Wir fragten: „Wie das?“ Er sagte: „Mit dem Geld, das ich bei unserem letzten Treffen erhalten hatte, trieb ich Handel. Nun kann ich mit dem Geld, das ich angespart habe, zu den Tawarek gehen.“ Wir fragten: „Wirst du zu deiner eigenen Familie oder zu den Tawarek gehen?“ Er sagte: „Ich werde zuerst zu den Tawarek gehen, denn während meiner Abwesenheit haben sie sich um meine Familie gekümmert. Nun werde ich hingehen und den Lebensunterhalt der Familien jener unter ihnen bestreiten, die von ihren eigenen Familien abwesend sind, und meinen selbst erworbenen Verdienst unter meinen eigenen Kindern und den Kindern meiner Nachbarn aufteilen.“ Wir fragten: „Sind die Beziehungen zwischen den Nachbarn in eurer Gesellschaft tatsächlich so?“ Er sagte: „Ja, wir alle teilen Freud und Leid miteinander. Wir schämen uns sehr, mit leeren Händen aus dem Ausland nach Hause zurückzukehren, denn auch unsere Nachbarn warten, genau wie unsere Familien, auf unsere Rückkehr.“

Nachdem der Verfasser diese Erfahrung geschildert hat, gibt er bei seiner Betrachtung derselben eine äußerst genaue Erklärung des Geschehens:

„Diese ungewöhnliche Form des gesellschaftlichen Lebens ist nicht nur auf den Stamm der Tuareg oder auf die nomadischen Beduinen beschränkt. Sie ist auch nicht das Ergebnis ihres Stammeswesens. Dies ist die eigentliche islamische Ordnung. Eine äußerst weitverbreitete Anwendung dieser Gesellschaftsordnung lässt sich gerade bei jenen Stämmen beobachten, die weit von der modernen materialistischen und weltlich orientierten Zivilisation entfernt sind. Ich habe viele Städte und Häfen im Westen und im Osten gesehen, die islamisch geprägt waren, und unter ihren Bewohnern – ohne Unterschied zwischen Weißen und Schwarzen, Arabern und Nichtarabern – die Verbreitung einer solchen Gesellschaftsordnung beobachtet. An vielen Orten habe ich auch heute noch gesehen, wie Muslime auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe und Zusammenarbeit ein äußerst glückliches Leben führen. Sie sind zweifellos glücklicher und wohlhabender als die Millionen Menschen, die die westliche materialistische Zivilisation verehren. Noch heute stehen sie der von Hadhrat Muhammad (s.a.w.) errichteten Gesellschaftsordnung sehr nahe. Die Verehrer des Westens glauben an den Vorrang ihrer persönlichen Interessen, selbst wenn dies mit großem Schaden und Unheil für die Gesellschaft verbunden ist. Um ihre persönlichen Launen und die Wünsche ihrer Triebe und Begierden zu befriedigen, scheuen sie sich, wenn nötig, nicht davor, sogar die Interessen ihrer eigenen Familie zu beeinträchtigen; von einem guten Umgang im Interesse des Nachbarn ganz zu schweigen.“

In Wirklichkeit ist dieses System gegenseitiger Absicherung eine Schöpfung der Lebenskraft des Islam. Es wurde jedoch nicht einfach dem Gewissen oder dem Mitgefühl des Einzelnen und der Gesellschaft überlassen. Auch die Regierung sorgte für seine Umsetzung. Ein herausragendes Beispiel dafür ist, dass Hadhrat Umar (r.a.) aus dem Bait al-Mal monatliche Beihilfen für entwöhnte Säuglinge, alte und kranke Menschen festsetzte. Bemerkenswert ist hierbei, dass diese Ausgabenkategorien völlig von den bekannten Ausgabenkategorien der Zakat getrennt waren. Ihrem Wesen und ihren Eigenschaften nach kann diese Kategorie als „soziales Sicherungssystem“ (Social Security) bezeichnet werden. Während einer Hungersnot setzte er die Strafe für Diebstahl aus, denn möglicherweise hatte großer Hunger jemanden zum Stehlen getrieben. Im Islam wird eine Strafe aus Gründen des Zweifels erlassen. Der folgende Vorfall liefert das eindrucksvollste Beispiel für die Verwirklichung des sozialen Sicherungssystems und macht zugleich das Wesen und die Grenzen des Privateigentums deutlich.

Es wird berichtet, dass einige Sklaven von Abd ar-Rahman ibn Hatib al-Baltaya ein Kamel des Stammes Muzaina stahlen. Als man sie festnahm und vor Hadhrat Umar (r.a.) brachte, gestanden sie den Diebstahl. Hadhrat Umar (r.a.) befahl Katschir ibn Utschalt, ihnen die Hände abzuschlagen. Als dieser sich anschickte, den Befehl auszuführen, hielt Umar (r.a.) ihn auf und sagte: „Hört! Ich habe erfahren, dass ihr diese Sklaven schwer arbeiten lasst und sie dennoch hungern lasst. Ihr Hunger ist sogar so groß, dass es ihnen erlaubt wäre, Verbotenes zu essen. Ich schwöre bei Gott: Wenn ich das nicht erfahren hätte, hätte ich ihnen die Hände abgeschlagen.“ Danach sagte er zu Abd ar-Rahman ibn Abi Hatib ibn Abi Baltaya: „Es stimmt, dass ich ihnen die Hände nicht abgeschlagen habe; doch werde ich dir eine solche Geldstrafe auferlegen, dass du ihre Wirkung spüren wirst.“ Er fragte den Mann aus dem Stamm Muzaina: „Wie viel ist dein Kamel wert?“ Dieser antwortete: „Vierhundert Dirham.“ Umar (r.a.) sagte zu Ibn Hatib: „Geh und gib ihm achthundert Dirham.“ Er erließ den Sklaven die Strafe für den Diebstahl, denn ihr Herr hatte sie hungern lassen und sie dadurch zum Stehlen gezwungen.

In der Geschichte des Islam kommt dem sozialen und wirtschaftlichen Sicherungssystem auch unter einem anderen Gesichtspunkt besondere Bedeutung zu. Dieser Gesichtspunkt ist seine Allgemeingültigkeit. Denn dieses System bleibt auch über die Grenzen des Islam hinaus bestehen.

Einmal sah Hadhrat Umar (r.a.) einen blinden alten Mann, der von Tür zu Tür bettelte. Auf seine Frage erfuhr er, dass der Mann Jude war. Er fragte ihn: „Warum bettelst du?“ Dieser antwortete: „Dschizya, Bedürftigkeit und Alter – diese drei Dinge haben mich zum Betteln gezwungen.“ Hadhrat Umar (r.a.) nahm ihn an der Hand mit nach Hause und gab ihm so viel Geld, wie zur Deckung seiner unmittelbaren Bedürfnisse erforderlich war. Danach ließ er dem Verwalter des Bait al-Mal ausrichten, er solle nach diesem Mann und nach anderen Menschen wie ihm suchen. „Bei Gott, es ist keineswegs gerecht, dass wir in seiner Jugend die Früchte seiner Arbeit genießen und ihn in seinem Alter verächtlich fortjagen. Die Zakat steht den Armen und Besitzlosen zu. Und dieser Mann gehört als Angehöriger der Leute der Schrift zu den Besitzlosen.“ Er erließ ihm und anderen Menschen wie ihm die Dschizya.

Auf seiner Reise nach Damaskus kam er an einem Dorf vorbei. Er erfuhr, dass dort einige christliche Leprakranke lebten. Er ordnete an, ihnen aus den Zakat-Mitteln Unterstützung zu gewähren und sie mit Rationen an Lebensmitteln zu versorgen.

Mehr als dreizehnhundert Jahre sind vergangen. Die Lebenskraft des Islam hatte Umar auf jene erhabene Stufe der Menschlichkeit erhoben, von der aus er der sozialen Sicherheit den Rang eines universellen Menschenrechts verlieh. Für den Erwerb dieses Rechts war weder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion oder Gemeinschaft Voraussetzung, noch musste geprüft werden, welcher Scharia oder welcher Aqida jemand folgte.

Dies ist jene erhabene Stufe, bis zu der die Füße der Menschheit beim Erreichen ermüdet sind und von der sie noch immer weit entfernt ist.

Das politische System

Die Geschichte bezeugt, dass im Hinblick auf ein gut gefestigtes politisches und wirtschaftliches System eine seltene und vorbildliche Epoche des Islam vergangen ist. Es ist zutiefst bedauerlich, dass diese Epoche des Islam nicht lange andauern konnte. Im Folgenden werden wir versuchen, die eigentliche Ursache dafür zu verstehen. Manche sind der Auffassung, diese Ursache liege bereits im Wesen des politischen und wirtschaftlichen Systems des Islam selbst. Ob sie jedoch tatsächlich in seinem Inneren oder außerhalb liegt, werden wir später erörtern. Zunächst werden wir das politische System behandeln, denn das wirtschaftliche System ist stets dem politischen System untergeordnet und richtet sich nach dessen Wesen.

Als der Tod des edlen Propheten (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) näher rückte, wies er eines Tages Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) an, das Gebet zu leiten. Darauf erhob Aischa (Allahs Wohlgefallen sei auf ihr) Einwände mit der Begründung, Abu Bakrs Herz sei äußerst weich. Wenn er daher das Gebet leite, würden die Menschen seine Stimme nicht hören können; sie bat ihn, seine Anweisung noch einmal zu überdenken. Darauf wurde der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) zornig und bestand darauf, Abu Bakr holen zu lassen, damit er das Gebet leite.

Die Frage ist nun: Bedeutete dies, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) ihn zum Kalifen eingesetzt hatte? Hatten die Muslime dies eindeutig so verstanden?

Unserer Ansicht nach sind beide Aussagen völlig unhaltbar. Wenn der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) beschlossen hätte, einen Kalifen einzusetzen, und wenn es im Islam eine Vorschrift zur Ernennung eines Kalifen gegeben hätte, dann hätte er dies ebenso klar verkündet, wie er die übrigen Vorschriften und Grundsätze des Islam in eindeutiger Sprache verkündet hatte. Und wenn die Muslime eindeutig verstanden hätten, dass der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) Abu Bakr zum Kalifen eingesetzt hatte, dann hätte es überhaupt keinen Anlass zu der Auseinandersetzung zwischen den Muhadschirun und den Ansar über das Kalifat in Saqifa gegeben. Denn die Ansar waren keineswegs Leute, die dem Beschluss des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) widersprochen hätten.

Tatsächlich wurde die gesamte Angelegenheit des Kalifats der gegenseitigen Beratung der Muslime überlassen. Die Absicht war, dass die Menschen in völliger Freiheit und mit Zustimmung den geeignetsten Mann für das Kalifat auswählen sollten. Falls nach der in Saqifa abgehaltenen Beratung beschlossen worden war, dass der Kalif aus den Reihen der Muhadschirun kommen sollte, so war dies keine bestimmte Vorschrift des Islam, sondern eine Entscheidung, die nach gegenseitiger Beratung der Muslime im Konsens getroffen worden war. Wenn die Ansar dieser Entscheidung widersprochen hätten, hätte niemand daran Anstoß nehmen können. Tatsächlich aber stimmten die Ansar dem Kalifat Abu Bakrs zu, weil er der geeignetste Mann von allen war. Zwar versuchten die Stämme Aws und Chazradsch in Medina, durch das Schüren stammesbezogener Feindschaft die Angelegenheit zu verwirren, doch die Ansar vereitelten diese Verschwörung.

Die Entscheidung, dass der Kalif in diesem Fall aus den Reihen der Muhadschirun kommen sollte, bedeutete nicht, dass er unbedingt aus dem Stamm der Quraisch stammen musste. Wäre es so gewesen, hätte Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) bei der Einsetzung des Beratungsgremiums nicht gesagt: „Wenn Salim, der Freigelassene Hudhaifas, noch am Leben wäre, hätte ich ihn zum Kalifen eingesetzt.“ Es ist bekannt, dass Salim (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) nicht aus dem Stamm der Quraisch stammte. Außerdem kann nach den Grundsätzen des Islam kein Quraischi allein deshalb, weil er Quraischi ist und von dem Gesandten Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) abstammt, gegenüber anderen Muslimen als vorzüglicher bezeichnet werden. Der Gesandte Allahs (Allahs Segen und Friede seien auf ihm) selbst sagte:

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„Wessen Taten ihn zurückfallen lassen, den kann seine Abstammung nicht voranbringen.“

Hadhrat Abu Bakr hatte Hadhrat Umar zu seinem Nachfolger als Kalif bestimmt. Das bedeutet jedoch nicht, dass er die Muslime dazu verpflichtet hätte. Sie hatten das volle Recht, diese Ernennung abzulehnen. Hadhrat Umar wurde nicht aufgrund der Ernennung durch Abu Bakr, sondern durch die Wahl des Volkes zum Kalifen. Ebenso bildete Hadhrat Umar einen aus sechs Mitgliedern bestehenden Beratungsrat. Er beauftragte diesen Rat, aus seiner Mitte einen Kalifen zu wählen. Die Muslime waren jedoch nicht verpflichtet, einen dieser sechs Männer als Kalifen anzuerkennen. Vielmehr wählten sie völlig frei und aus eigenem Antrieb einen von ihnen. Denn tatsächlich waren diese sechs Männer unter der damaligen muslimischen Umma die geeignetsten Personen.

Bei der Wahl Hadhrat Alis kam es zu Meinungsverschiedenheiten. Aufgrund dieser Meinungsverschiedenheiten kam es zum ersten Mal zu einem Krieg unter den Muslimen. In der Folge ereigneten sich nacheinander derart herzzerreißende Geschehnisse, dass die Lebenskraft des Islam, seine politischen und wirtschaftlichen Grundsätze sowie sein in anderen Lebensbereichen eingeführtes Gedankengut schwer geschädigt wurden.

Aus dieser kurzen Darstellung wird uns die eigentliche Auffassung des Islam über das Regierungssystem deutlich. Sie besteht darin, dass nur auf der Grundlage einer freien und unparteiischen Wahl durch die Muslime jemand die Stellung eines Herrschers einnehmen kann. Hadhrat Ali war der Cousin, Schwiegersohn und enge Verwandte des Gesandten Allahs. Obwohl die Muslime dies wussten, setzten sie ihn erst nach langer Verzögerung auf den Sitz des Kalifats. Vielleicht bedeutete die Verzögerung bei der Einsetzung Hadhrat Alis, insbesondere nach Hadhrat Umar, eine Beeinträchtigung seines Rechts. Unbestreitbar ist jedoch, dass gerade diese Verzögerung die vollkommenste Bewertung des islamischen Regierungssystems ermöglichte. Dadurch wurde der größere Nutzen erreicht, dass der Gedanke der Erbfolge nicht einmal in die Nähe des Sitzes des Kalifats gelangen konnte. Denn dieser Gedanke steht dem Wesen des Islam und seinen Grundsätzen am fernsten. Auch wenn Hadhrat Ali persönlich dadurch ein gewisses Unrecht widerfuhr, besteht kein Zweifel daran, dass die praktische Verwirklichung dieses Ideals weitaus bedeutender war als dies.

Danach kam die Zeit der Banu Umayya. Sie beschränkten das islamische Kalifat nicht nur auf das Geschlecht der Banu Umayya, sondern verwandelten es in ein despotisches monarchisches System. Dies war nicht das Ergebnis der Lehren des Islam, sondern der Einfluss der „Jahiliyyah“. Dieser Einfluss der Jahiliyyah brachte die Lebenskraft des Islam zum Verstummen.

Hier wird die Angelegenheit deutlich werden, sobald einige Überlieferungen darüber angeführt werden, wie Yazids Ernennung und die Baiʿa zu seiner Anerkennung zustande kamen.

Nachdem in Syrien die Baiʿa für Yazid entgegengenommen worden war – als Baiʿa bezeichnet man die Loyalität, Unterstützung und Zustimmung des Volkes gegenüber einem vorgeschlagenen oder nominierten Kalifen –, beauftragte Muʿawiya Saʿid ibn al-ʿAs damit, auf jede erdenkliche Weise die Unterstützung der Bewohner des Hidschas zu gewinnen. Doch Saʿid scheiterte. Daraufhin begab sich Muʿawiya selbst mit einem großen Heer nach Mekka, versammelte die führenden Muslime und sagte zu ihnen:

„Seht, ihr wisst sehr wohl, wie ich euch behandelt und welche Achtung ich eurer Verwandtschaft und euren Beziehungen entgegengebracht habe. Yazid ist euer eigener Bruder – der Sohn eures Onkels. Mein Wunsch ist, dass ihr Yazid lediglich dem Namen nach als Kalifen anerkennt. Alle Angelegenheiten wie Ernennungen und Absetzungen sowie die Erhebung und Verteilung der Steuern werdet ihr selbst erledigen.“

Abdullah ibn az-Zubair antwortete: „Ihr solltet einen von zwei Wegen beschreiten: Entweder tut ihr, was der Gesandte Allahs getan hat, als er einen Mann außerhalb seiner eigenen Abstammung als Nachfolger bestimmte, oder ihr bildet, wie Umar, ein unabhängiges Gremium aus sechs Personen, die nicht zu seinen nahen Verwandten gehören.“

Muawiya (möge Allah mit ihm zufrieden sein) entflammte vor Zorn. Er fragte: „Kennst du keinen dritten Weg?“ Ibn az-Zubair sagte: „Nein.“ Muawiya wandte sich an die anderen Leute und fragte: „Wie lautet eure Meinung?“ Alle sagten einstimmig: „Unsere Auffassung ist dieselbe wie die von Ibn az-Zubair.“ Darauf bedrohte Muawiya (möge Allah mit ihm zufrieden sein) sie und sagte: „Wenn man vor dem Ergreifen einer extremen Maßnahme ein Warnzeichen gibt, bleibt danach kein Raum mehr für Einwände. Ich hielt vor euch eine Ansprache, und sofort erhob sich einer von euch und widersprach mir vor allen. Ich habe dies ertragen und ihm vergeben.“

„Doch jetzt bin ich aufgestanden, um eine endgültige Erklärung abzugeben. Ich warne euch: Sollte jemand von euch darauf auch nur ein einziges Wort erwidern, wird das Schwert ihm den Kopf vom Körper trennen, noch bevor ein zweites Wort zu hören ist. Jetzt sollte jeder daran denken, sein eigenes Leben zu retten.“

Danach ließ Muawiya durch den Befehlshaber seiner Leibwache je zwei Männer mit gezückten Schwertern über den Häuptern der führenden Persönlichkeiten des Hedschas aufstellen, die gegen die Ernennung Yazids waren. Er wies den Befehlshaber an, dass die beiden gleichzeitig mit ihren Schwertern zuschlagen sollten, falls einer von ihnen zur Unterstützung oder zum Widerspruch gegen seine Erklärung auch nur ein einziges Wort äußerte.

Nachdem diese Vorkehrungen getroffen worden waren, bestieg Muawiya die Kanzel und sagte: „Diese Männer sind die Führer der Muslime und die Besten unter ihnen; ohne ihre Meinung sollte nichts beschlossen werden. Sie haben, indem sie Yazids Kalifat zustimmten, den Treueeid geleistet. So leistet auch ihr im Namen Allahs den Treueeid.“ Sofort leisteten die Menschen den Treueeid. [Ibnul Amir, Hawadith, H. 56. Wir möchten nicht allzu nachdrücklich darauf bestehen, dass wir diese Überlieferung als wahr annehmen. Doch zum Schutz der islamischen Grundsätze vor Verfälschung wollen wir mit Sicherheit sagen, dass eine solche Handlung, falls diese Überlieferung wahr ist,, völlig dem eigentlichen Wesen des Islam widersprach. Kein Argument und keine Entschuldigung kann diese Handlung als richtig erweisen. – Der Verfasser]

Dies ist das Fundament der Regierung Yazids. Der Islam kann dieses Fundament niemals anerkennen. Und was für ein Mensch war Yazid selbst? Bemerkenswert ist der Bericht von Abdullah ibn Hanzala (möge Allah mit ihm zufrieden sein) über ihn.

„Bei Gott! Wir begannen damals eine Bewegung gegen Yazid, als wir befürchteten, dass ein Steinhagel vom Himmel auf uns herabregnen würde. Dieser Mann heiratet gleichzeitig seine Mutter, seine Tochter und mehrere Schwestern, trinkt Wein und gibt das Gebet auf. Bei Gott! Selbst wenn kein anderer mein Gefährte gewesen wäre, hätte ich allein auf Allahs Weg mein Leben geopfert.“

Vielleicht handelt es sich dabei um die übertriebene Darstellung eines Feindes Yazids. Doch die abscheulichen Taten, die Yazid später beging – etwa die äußerst grausame Ermordung von Hussein (r.a.), die Belagerung der Kaaba und der Beschuss derselben mit Steinen –, bezeugen, dass Yazids Feinde keineswegs übertrieben berichtet hatten. Wie die tatsächlichen Umstände auch gewesen sein mögen: Niemand kann es wagen zu behaupten, dass Yazid trotz der Anwesenheit der ehrwürdigen Gefährten (r.a.) und der Tabi’un unter den Muslimen der am besten geeignete Mann für das Kalifat gewesen sei. Im Grunde zielte all dies darauf ab, die Regierung auf das Geschlecht der Umayyaden zu beschränken und sie in ein monarchisches System umzuwandeln. Diese Entwicklung war einem Dolchstoß in das Herz des Islam und der islamischen Rechtsordnung gleich.

Der eigentliche Zweck, aus dem wir diese Informationen vorlegen, besteht nicht darin, irgendeine Person zu tadeln, sondern deutlich zu machen, dass das im Islam ohne irgendeine schariagemäße Legitimation eingeführte monarchische System keinerlei Verbindung zur Lebenskraft und den Grundprinzipien des Islam hat. Wir führen diese Erörterung, um den Islam und das politische System des Islam von Verunreinigungen zu befreien und ihr eigentliches Wesen sichtbar zu machen.

Einige Beispiele für Regierungsformen

Um zu einem richtigen Verständnis dieser Wahrheit beizutragen, werden wir versuchen, einige konkrete Beispiele für Regierungsformen aus verschiedenen Epochen des rechtgeleiteten Kalifats vorzulegen, nämlich aus der Zeit von Abu Bakr und Umar (r.a.), aus der Zeit von Uthman und Marwan, anschließend aus der Zeit von Ali und ebenso aus der abbasidischen und der umayyadischen Epoche.

Als die Muslime Abu Bakr (r.a.) auf den Sitz des Kalifats erhoben, sah er seine einzige Aufgabe darin, Allahs Religion und die Scharia unter den Muslimen zu verwirklichen. Der Gedanke, dass etwas, was ihm zuvor als gewöhnlichem Bürger verboten gewesen war, aufgrund dieses Amtes nun erlaubt sein könnte, war ihm völlig fern. Ebenso dachte er nicht, dass er irgendwelche neuen Rechte erhalte, die er zuvor nicht besessen hatte, oder dass er von den Verantwortungen und Pflichten entbunden werde, die er bis dahin getragen hatte.

Als seine Einsetzung in Saqifa vollzogen war, hielt er folgende Ansprache: „Wenn ich meine Pflichten gewissenhaft erfülle, dann werdet ihr mich unterstützen und mir Beistand leisten. Wenn ich jedoch beginne, einen krummen Weg einzuschlagen, dann werdet ihr mich wieder aufrichten. Wahrhaftigkeit ist Vertrauenswürdigkeit, und Lüge ist Verrat. Derjenige unter euch, der am schwächsten ist, ist in meinen Augen der stärkste, solange ich ihm sein Recht verschaffe. Und derjenige, der am stärksten ist, ist in meinen Augen der schwächste, solange ich von ihm das Recht des Staates einfordere. Bedenkt: Sobald ein Volk vor dem Dschihad zurückweicht, erniedrigt und entwürdigt Allah es. Sobald ein Volk von Unzucht und Schamlosigkeit erfüllt ist, lässt Allah, der Erhabene, eine allgemeine Strafe auf alle herabkommen. Solange ich Allah und Seinem Gesandten gehorche, werdet ihr meinem Befehl gehorchen. Wenn ich jedoch vom Gehorsam gegenüber Allah und Seinem Gesandten abweiche, seid ihr nicht verpflichtet, meinem Befehl Folge zu leisten.“

Das Haus von Abu Bakr (r.a.) befand sich im nahe bei Medina gelegenen Sanh. Es war ein kleines, schlichtes Haus. Auch nach seiner Ernennung zum Kalifen ließ er es nicht einmal ausbessern. Von diesem Haus nach Medina und zurück ging er jeden Morgen und jeden Nachmittag zu Fuß. Manchmal benutzte er ein Pferd, doch dieses gehörte nicht dem Bait al-Mal, sondern war sein persönliches Eigentum. Als die Arbeitsbelastung später zunahm, zog er nach Medina.

Seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Handel. Am Tag nach seiner Wahl zum Kalifen machte er sich zu geschäftlichen Zwecken auf den Weg, doch die Muslime hielten ihn an und sagten: „Die Pflichten des Kalifats können nicht gleichzeitig mit Handel und Geschäft erfüllt werden.“ Er fragte: „Wie soll ich meinen Lebensunterhalt bestreiten, wenn ich keine andere Möglichkeit kenne, ihn zu verdienen?“ Alle berücksichtigten seine Lage und setzten ihm als Gegenleistung dafür, dass er nicht mehr handeln konnte und die ständigen Pflichten des Kalifats erfüllte, aus dem Bait al-Mal ein ausreichendes Gehalt für den Unterhalt seiner Familie fest.

Dennoch verfügte er auf seinem Sterbebett, dass alles, was er aus dem „Bait-ul-Mal“ entnommen hatte, berechnet und aus seinen Ländereien und sonstigem Besitz genommen und dem Bait-ul-Mal wieder zugeführt werden solle.

Unter dem Einfluss des Bewusstseins und Verantwortungsgefühls, das der Islam im Gewissen und Denken von Herrschern und Beherrschten weckt, fühlte sich Hazrat Abu Bakr persönlich dafür verantwortlich, die Not und Beschwerden jedes einzelnen Untertanen zu beseitigen. Während seines Aufenthalts in Sanh molk er täglich die Ziegen seiner schwachen und hilflosen Nachbarn. Als er das Amt des Kalifen übernahm, sagte ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft zu ihm: „Jetzt werden Sie unsere Ziegen wohl nicht mehr melken, nicht wahr?“ Abu Bakr (möge Allah mit ihm zufrieden sein) erwiderte: „Warum sollte ich das nicht tun? Natürlich werde ich sie melken.“ Und tatsächlich setzte er das Melken ihrer Ziegen fort. Manchmal fragte er das Mädchen, dem die Ziegen gehörten: „Soll ich nur die Milch melken oder auch Butter daraus machen?“ Bisweilen sagte sie: „Mach Butter daraus.“ Ein anderes Mal sagte sie: „Lass nur die Milch.“ Kurz gesagt: Er tat stets, was sie sagte.

Während der Kalifatszeit von Hazrat Abu Bakr kümmerte sich Hazrat Umar in Medina um eine blinde Frau. Nach einigen Tagen stellte er fest, dass jemand bereits vor ihm kam und die Arbeiten der Frau erledigte. Dies geschah täglich. Eines Tages versteckte er sich heimlich und wartete. Da sah er, wie Hazrat Abu Bakr kam und alle Arbeiten der Frau verrichtete. Weder das Kalifat noch seine große Verantwortung hatten ihn davon abhalten können. Als Hazrat Umar ihn erblickte, rief er aus: „Sie sind es gewiss! Bei Gott, Sie sind es, der dies jeden Tag tut.“

Dies sind einige gewöhnliche Beispiele für die Regierungspolitik Hazrat Abu Bakrs! Als Hazrat Umar seine Stelle einnahm, blieb diese Politik ebenfalls unverändert. Umar (möge Allah mit ihm zufrieden sein) betrachtete das Kalifat niemals als ein zusätzliches Recht, das ihm selbst zustand. Wohl aber sah er darin eine zusätzliche Verantwortung. Selbstverständlich bestand diese Verantwortung in nichts anderem als der Durchsetzung des Gesetzes Allahs.

In der Ansprache, die er bei der Bay’a hielt, sagte er: „Brüder! Ich bin einer von euch und nichts weiter als ihr. Wenn es angemessen gewesen wäre, die Bitte des Khalīfat ar-Rasūl (Hazrat Abu Bakr) zurückzuweisen, hätte ich diese Verantwortung euch gegenüber keinesfalls übernommen.“

In einer anderen Ansprache sagte er: „Ich möchte einige Verantwortungen nennen, die mir euch gegenüber übertragen wurden. Über sie sollt ihr jederzeit von mir Rechenschaft verlangen. Es ist meine Verantwortung, eure Abgaben und Steuern einzuziehen. Ich werde das Vermögen unter euch gerecht verteilen, euch nicht in Gefahr stürzen, euch nicht übermäßig lange an der Front festhalten und während eurer Abwesenheit im Ausland zum Zweck des Krieges für eure Familien sorgen.“

Er pflegte zu sagen: „Das Eigentum Allahs betrachte ich für mich als dem Eigentum eines Waisenkindes gleichgestellt. Wenn ich es nicht benötige, werde ich es nicht anrühren; wenn ich es benötige, werde ich nur ehrlich davon nehmen.“

Einmal wurde er gefragt: „Wie viel vom Eigentum Allahs halten Sie für sich selbst für rechtmäßig anzunehmen?“ Er antwortete: „Für meine Familie zwei Kleidungsstücke für den Winter und den Sommer, ein Reittier für die Hadsch und die Umra sowie Nahrung in dem Umfang, wie sie einer durchschnittlichen quraischitischen Familie entspricht. Danach bin ich ein Muslim wie jeder gewöhnliche Muslim. Was sie erhalten, werde auch ich erhalten.“

Gewöhnlich führte er sein Leben auf diese Weise. Doch bisweilen übte er außergewöhnliche Strenge sogar in Bezug auf das, was er für sich selbst als erlaubt erklärt hatte. Eines Tages wurde er krank. Man riet ihm, zur Behandlung Honig zu verwenden.

Im Bayt al-Mal gab es reichlich Honig. Er bestieg die Kanzel und sagte: „Wenn ihr es erlaubt, kann ich Honig verwenden; andernfalls ist er für mich haram.“ Sofort erteilten alle Anwesenden ihre Erlaubnis.

Als die Muslime diese Strenge von Umar sahen, gingen sie zu seiner Tochter, der Mutter der Gläubigen Hafsa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr), und sagten: „Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) ist sich selbst gegenüber über die Grenzen der Bedürfnislosigkeit hinausgegangen. In der heutigen Zeit hat Allah, der Erhabene, Wohlstand gewährt. Er sollte aus der Kriegsbeute nach seinem Wunsch und entsprechend seinem Bedarf nehmen. Seitens der Muslime besitzt er dazu die volle Erlaubnis.“ Als Hafsa (Allahs Wohlgefallen sei mit ihr) Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) dies sagte, antwortete er: „Hafsa, du hast deine Sippe begünstigt und dich gegenüber deinem eigenen Vater wie eine Übelwollende verhalten. Die Angehörigen meiner Familie haben ein Anrecht auf mein Leben und mein Vermögen, aber kein Anrecht auf meine Religion und meine Vertrauenswürdigkeit.“

Er legte größten Wert auf Gleichheit zwischen sich und seinen Untertanen. Als die berühmte Hungersnot des Am ar-Ramada ausbrach, schwor Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), dass er, solange nicht wieder normale Verhältnisse eingekehrt seien, weder Butterschmalz noch Fleisch anrühren werde. Dieses Versprechen hielt er buchstäblich ein. Infolgedessen trocknete seine Haut aus und wurde vom fortwährenden Verzehr von Öl schwarz. Einige Zeit später sah man auf dem Markt zwei Gefäße mit Milch und Butterschmalz zum Verkauf. Einer von Umars Dienern kaufte sie für vierzig Dirham und brachte sie ihm. Er sagte zu ihm: „Nun hat Allah dein Versprechen erfüllt. Auf dem Markt sind Milch und Butterschmalz zum Verkauf angeboten worden, und ich habe sie gekauft und hergebracht.“ Als Umar jedoch ihren Preis erfuhr, sagte er: „Du hast beides zu einem sehr hohen Preis gekauft. Gib beides als Sadaqa weg. Ich esse nicht gern verschwenderisch.“ Er senkte den Kopf und dachte eine Weile nach. Dann sagte er: „Wenn mich das Elend des Volkes nicht ebenfalls träfe, wie könnte ich die Bedeutung seiner Probleme verstehen?“

Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) war der Ansicht, dass er selbst auf das verzichten müsse, worauf seine Untertanen verzichten mussten. Wie er selbst sagte, gab es keinen Winkel seines Herzens, in dem der Gedanke vorhanden gewesen wäre, dass er durch seine Einsetzung in das Amt des Kalifen irgendeinen besonderen Vorzug oder Anspruch auf besondere Vergünstigungen erlangt habe. Er war der Auffassung, dass er kein Recht auf den Gehorsam des Volkes habe, wenn er in dieser Hinsicht nicht auf Gleichheit und Gerechtigkeit gegründet sei. Daraus lässt sich ein wichtiges Grundprinzip der islamischen Politik und Staatsordnung erkennen. Es lautet: Selbst wenn ein Herrscher Allahs Gesetz durchsetzt und Allahs Souveränität anerkennt, kann er den Gehorsam nicht beanspruchen, wenn er in seinen eigenen Urteilen und Entscheidungen nicht für Gerechtigkeit und Rechtmäßigkeit sorgt. Dieses Grundprinzip des Islam war im Herzen Umars (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) tief verankert, und sein Bewusstsein dafür blieb stets wach.

Einmal verhandelte er mit einem Mann über den Kauf eines Pferdes. Danach ritt er zu Prüf- und Testzwecken auf ihm umher. Währenddessen stolperte das Pferd, stürzte und wurde verletzt. Er wollte das Pferd zurückgeben, doch der Besitzer weigerte sich, es zurückzunehmen. Schließlich erschienen beide mit ihrem Rechtsstreit vor dem Gericht des Richters Schuraih. Nachdem Schuraih die Aussagen beider Parteien angehört hatte, sagte er: „Amir al-Mu’minin! Behalten Sie die Sache, die Sie gekauft haben. Andernfalls geben Sie sie in dem Zustand zurück, in dem Sie sie übernommen haben.“ Umar rief unwillkürlich aus: „Das ist wahre Gerechtigkeit.“ Danach ernannte er Schuraih, zufrieden mit dessen gerechtem Urteil, zum Richter von Kufa.

Wenn Umars Grundsatz ihm selbst gegenüber schon so streng war, konnte von einer unterschiedlichen Behandlung der Verwandten des Kalifen und der übrigen Bürger erst recht keine Rede sein. Als beispielsweise sein Sohn Abd ar-Rahman Wein trank, musste an ihm die islamische Strafe vollstreckt werden. Dieser Fall ist allgemein bekannt. Ebenso wurde der Sohn von Amr ibn al-As bestraft, als er einen ägyptischen Jungen misshandelte, und zwar gemäß dem Strafrecht der Scharia.

Sein Grundsatz im Umgang mit Beamten war, dass sie über das zusätzliche Vermögen Rechenschaft ablegen mussten, das sich nach ihrem Amtsantritt bei ihnen fand. Es wurde eingehend untersucht, ob dieses Vermögen durch Schädigung der Muslime oder durch Missbrauch der Amtsgewalt angehäuft worden war. „Wie wurde das Vermögen erworben?“ – Das war eine grundlegende Frage, und sobald er bei einem Beamten einen Verdacht auf Korruption hegte, forderte er von ihm eine Erklärung. Die Hälfte des Vermögens von Amr ibn al-As, dem Statthalter von Ägypten, wurde dementsprechend beschlagnahmt und dem Bayt al-Mal zugeführt. Dasselbe Verfahren wandte er gegenüber Sa’d ibn Abi Waqqas, seinem Statthalter in Kufa, an. Ebenso beschlagnahmte er das Vermögen von Abu Huraira, dem Statthalter von Bahrain.

Die Zusammenfassung der politischen Ordnung von Hazrat Umar lautet: Die Untertanen sollen innerhalb der Grenzen des Islam der Regierung Gehorsam und Wohlwollen entgegenbringen, während die Regierung für Gerechtigkeit und umfassendes Wohlergehen des Volkes sorgen soll. Deshalb akzeptierte er die Aussage eines einfachen Untertanen: „Wenn wir bei dir eine Abweichung vom rechten Weg sehen, werden wir dich mit dem Schwert zurechtweisen.“ Damit erkannte er an, dass die Untertanen das Recht haben, den Herrscher zu kritisieren und zu korrigieren. Eines Tages sagte er in einer Ansprache: „Ich habe die Beamten nicht eingesetzt, damit sie sich ungerechtfertigt in euer Leben, euer Eigentum und eure Ehre einmischen. Ich habe sie eingesetzt, damit sie euch die praktische Lehre des Korans und der Sunna vermitteln. Wenn ein Beamter jemandem Unrecht oder Gewalt zufügt, werde ich das keinesfalls dulden. Der Betroffene soll bei mir Beschwerde über ihn einreichen.“ Auf diese Weise legte er die Grenzen der Befugnisse der Beamten fest und untersagte ihnen, diese zu überschreiten.

Gerade angesichts dieser schweren Verantwortung des Herrschers wollte er nicht, dass ein zweiter Kalif aus den Nachkommen von al-Chattab gewählt würde. Er untersagte ausdrücklich, Abdullah zum Kalifen zu wählen. Allerdings nahm er ihn in den Beratungsrat auf. Die Aussage, die er zu jener Zeit machte, bringt seine Auffassung vom Kalifat zutreffend zum Ausdruck. Er sagte:

„Wir hegen keinerlei Wunsch, über euch zu herrschen. Auch ich selbst war nicht glücklich damit, dies zu tun. Deshalb möchte ich nicht, dass noch jemand aus meiner Nachkommenschaft diese Verantwortung übernimmt. Wenn diese Aufgabe wirklich gut erfüllt wurde, haben wir alle unseren gerechten Anteil daran erhalten. Andernfalls genügt es, wenn Umar allein innerhalb der gesamten Familie dafür zur Rechenschaft gezogen wird.“

Die Regierungsweise von Hazrat Uthman

Es besteht kein Zweifel, dass sich diese Auffassung von der Regierungsweise während der Amtszeit von Hazrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) teilweise veränderte. Trotz dieser Veränderung blieb sie insgesamt innerhalb des Rahmens des Islam.

Als Hazrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) bereits über achtzig Jahre alt war, wurde ihm die Verantwortung für das Kalifat übertragen. Marwan nutzte sein hohes Alter aus und verfolgte in vielen Angelegenheiten eine Politik, die dem Islam widersprach. Andererseits wurden aufgrund von Hazrat Uthmans Milde sowie seiner ungewöhnlichen Liebe und Zuneigung zu seinen Verwandten einige Maßnahmen ergriffen, die den Gefährten besonders anstößig erschienen. Diese Maßnahmen lösten äußerst negative Reaktionen aus. Die daraus entstehenden schrecklichen Unruhen und die Verwirrung fügten dem Islam schweren Schaden zu.

Hazrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) schenkte seinem Schwiegersohn Harith ibn Hakam am Tag dessen Hochzeit zweihunderttausend Dirham aus dem Bayt al-Mal. Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister des Bayt al-Mal, Zayd ibn Arqam (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm), mit betrübter Miene und tränengefüllten Augen zum Kalifen und bat ihn, ihn von seinem Amt zu entbinden. Auf seine Frage nach dem Grund erfuhr Hazrat Uthman, dass er gerade deshalb zurücktreten wollte, weil der Schwiegersohn aus der Schatzkammer der Muslime beschenkt worden war. Hazrat Uthman sagte verwundert: „Ibn Arqam, weinst du, weil ich meinen Verwandten wohlwollend behandelt habe?“ Der Mann, der ein tiefes Empfinden für die Lebenskraft des Islam besaß, antwortete auf diese Frage: „Nein, Emir der Gläubigen! Darum geht es nicht. Ich weine aus Sorge, dass Sie dieses Geld vielleicht als Gegenleistung für die großen Summen angenommen haben, die Sie zu Lebzeiten des Gesandten Allahs (Allahs Segen und Frieden seien mit ihm) für die Muslime zu spenden pflegten. Bei Gott, selbst wenn Sie ihm hundert Dirham gegeben hätten, wäre das noch zu viel gewesen.“ Hazrat Uthman wurde zornig auf den Mann, dessen Gewissen selbst die Ausgabe von hundert Dirham für die Verwandten des Kalifen nicht für vertretbar hielt, und sagte: „Ibn Arqam! Lass die Schlüssel hier. Ich werde gewiss jemand anderen finden.“

Solche Beispiele finden sich bei Hazrat Uthman zahlreich. Einmal gab er Zubair sechshunderttausend, Talha zweihunderttausend und Marwan ibn Hakam ein Fünftel Afrikas. Als eine Gruppe von Gefährten unter der Führung von Hazrat Ali heftig dagegen protestierte, antwortete der Kalif: „Ich habe viele Verwandte, und ich sollte ihnen gegenüber wohlwollend sein.“ Die Leute bezeichneten diese Antwort als noch anstößiger und fragten: „Hatten Hazrat Abu Bakr und Umar etwa keine Verwandten?“ Hazrat Uthman (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) antwortete: „Abu Bakr (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) und Umar (Allahs Wohlgefallen sei mit ihm) hofften auf eine bessere Belohnung bei Allah, indem sie ihre Verwandten benachteiligten, während ich durch Schenkungen an sie Verdienst erwerben möchte.“ Darauf wurden sie zornig, gingen fort und sagten: „Bei Gott! Wenn es sich so verhält, ist uns die Politik jener beiden lieber als Ihre Politik.“

Was Ämter und Anstellungen – abgesehen von Vermögen und Besitz – betrifft, so wurden sie unter den Verwandten Uthmans (r.a.) wie Regen ausgeschüttet. Einer der bedeutendsten unter ihnen war Hadhrat Muawiya. Uthman (r.a.) erweiterte Muawiyas Herrschaftsgebiet und gliederte auch Palästina und Hims darin ein. Er machte ihn zum Oberbefehlshaber des gesamten Heeres und ebnete ihm den Weg, damit er durch seine gesamte finanzielle und militärische Macht gestärkt den Anspruch auf das Kalifat erheben und Hadhrat Ali entgegentreten konnte. Zu diesen Verwandten, die von den Vorteilen der Ämter profitierten, gehörten unter anderem al-Hakam ibn Abi al-As, der vom Gesandten Allahs (s.a.w.) zurückgewiesen worden war, dessen Sohn Marwan ibn al-Hakam sowie sein Milchbruder Abdullah ibn Sa’d ibn Abi Sarh. Marwan setzte er in das Amt seines obersten Wesirs ein.

Die Gefährten eilten, im Bewusstsein der zwangsläufig schrecklichen Folgen all dieser Handlungen, wiederholt nach Medina und bemühten sich, die islamischen Grundsätze vor Verfälschung und den Kalifen der Muslime vor Gefahr zu bewahren. Doch der Kalif hatte wegen seines hohen Alters und seiner Schwäche keinerlei Kontrolle über Marwan. Es besteht kein Anlass, an der islamischen Gesinnung Hadhrat Uthmans (r.a.) zu zweifeln oder ihm diesbezüglich Vorwürfe zu machen. Zugleich ist es jedoch schwierig, ihn als völlig fehlerlos zu betrachten. Die Ursache seiner Fehler und Irrtümer liegt unserer Ansicht nach in Marwans Wesirat und in der altersbedingten geistigen Beeinträchtigung Hadhrat Uthmans – und in nichts anderem.

Einmal versammelte sich das Volk und entsandte Hadhrat Ali, um mit Hadhrat Uthman zu sprechen. Er ging zu ihm und sagte:

„Ich bin als Vertreter des Volkes gekommen. Sie haben mir vieles über dich gesagt. Doch ich weiß nicht, was ich dir sagen soll. Was ich weiß, ist dir nicht unbekannt. Ich bin auch nicht in der Lage, dir etwas zu erklären. Denn du selbst kannst alles verstehen. Keiner von uns besitzt mehr Wissen als du. Bevor du da warst, haben wir über den Islam kein Wissen erworben. Es gibt keine Erkenntnis, die nur uns bekannt wäre und die wir dir jetzt mitteilen müssten. Nichts wurde uns gelehrt, was man vor dir verborgen hätte. Du hast den Gesandten (s.a.w.) gesehen, seine Worte gehört, in seiner Gesellschaft geweilt und mit ihm verwandtschaftliche Beziehungen geknüpft. Abu Bakr (r.a.) und Umar (r.a.) standen dem Guten nicht näher als du. Sowohl hinsichtlich der Blutsverwandtschaft als auch hinsichtlich des Verhältnisses als Schwiegervater und Schwiegersohn warst du dem Gesandten Allahs näher als sie beide. Keiner von ihnen war dir in dieser Hinsicht voraus. Fürchte daher Allah in Bezug auf dich selbst. Es besteht überhaupt keine Notwendigkeit, dich aus der Finsternis ins Licht oder aus der Unwissenheit zum Wissen zu führen. Der rechte Weg ist völlig hell und klar. Die Zeichen des Islam sind noch immer unversehrt. Uthman! Wisse: Der gerechte Herrscher, der selbst auf dem rechten Weg bleibt, auch andere führt, die Sunna festigt und die Neuerung beseitigt – er ist der beste Mensch bei Allah. Bei Allah, alles ist klar. Allahs Ordnung besteht noch immer, und sein Banner weht noch immer. Der niedrigste Mensch bei Allah ist derjenige, der die Sunna beseitigt und die Neuerung einführt. Ich hörte den Gesandten Allahs (s.a.w.) sagen, dass der ungerechte Herrscher am Tag der Auferstehung in äußerst hilfloser Lage vorgeführt werden wird. Seine Entschuldigungen werden nicht angehört, und er wird in die Hölle geworfen werden.“ (Tabari)

Hadhrat Uthman (r.a.) erwiderte: „Ich weiß, dass die Leute dasselbe sagen wie du. Höre! Ich schwöre bei Allah: Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich dich weder tadeln noch kritisieren und dich nicht angesichts der Kritik hilflos zurücklassen. Ich würde nicht beanstanden: Warum hast du deinen Verwandten Gefälligkeiten erwiesen? Warum hast du den Armen und Bedürftigen geholfen? Warum hast du diejenigen zu Statthaltern ernannt, die Umar (r.a.) zu Statthaltern ernannte? Ali! Ich frage dich bei Allah: Weißt du nicht, dass al-Mughira ibn Shu’ba dieses Amt innehat?“

Er sagte: „Ja, ich weiß es.“

Uthman: „Weißt du, dass Hadhrat Umar (r.a.) ihn zum Statthalter ernannt hatte?“

Ali: „Ja.“

Uthman: Wenn ich also Ibn Amir aus verwandtschaftlichen Gründen zum Statthalter ernannt habe, warum kritisiert ihr mich deswegen?

Ali: Ich sage Ihnen die Sache, wie sie wirklich ist. Wen Umar (r.a.) auch zum Statthalter ernannte, über dessen Kopf schwebte Umars Schuh. Sobald er auch nur ein Wort gegen ihn hörte, ließ er ihn unverzüglich vor sich erscheinen und gab sich erst zufrieden, nachdem er die Angelegenheit endgültig geregelt hatte. Genau das tun Sie nicht. Sie selbst sind schwach geworden und haben begonnen, sich gegenüber Ihren Verwandten nachsichtig zu verhalten.

Uthman: Das tue ich doch auch mit deinen Verwandten.

Ali: Es besteht kein Zweifel, dass ich mit ihnen eng verwandt bin; doch andere Menschen sind ihnen überlegen.

Uthman: Du weißt sicherlich, dass Umar (r.a.) Muawiya während der gesamten Zeit seines Kalifats als Statthalter im Amt beließ. Auch ich habe ihn als Statthalter im Amt belassen.

Ali: Ich frage Sie bei Gott: Wissen Sie etwa nicht, dass Muawiya Umar noch mehr fürchtete, als der Sklave Yarfa Umar fürchtete?

Uthman: Ja.

Ali: Doch nun ist es so, dass Muawiya Entscheidungen trifft, ohne Ihre Meinung einzuholen, während Sie nicht einmal davon Kenntnis haben. Er gibt seine eigenen Befehle unter den Menschen als Befehle Uthmans aus. All diese Dinge erreichen Sie, aber Sie widersprechen Muawiyas Aussagen nicht.

Schließlich begann ein furchtbarer Aufstand gegen den ehrwürdigen Uthman – in ihm vermischten sich Ursachen und Beweggründe sowohl der Wahrheit als auch der Unwahrheit, sowohl des Guten als auch des Bösen. Betrachtet man die Angelegenheit jedoch insgesamt aus islamischer Sicht, so lässt sich nicht leugnen, dass dieser Aufstand im Großen und Ganzen eine massenhafte Explosion islamischer Gesinnung war. Mit dieser Einschätzung übersehen wir allerdings nicht die Tatsache, dass hinter dieser Explosion auch die geheime Hand des verfluchten jüdischen Terroristenführers Ibn Saba aktiv war.

Zu Uthmans Entschuldigung möchten wir anführen, dass ihm die Verantwortung für das Kalifat erst in seinem hohen Alter übertragen wurde. Er war ein über achtzigjähriger Greis, und Angehörige des Umayyadenstammes hatten ihn umgeben. Ali hatte seinen Zustand am treffendsten beschrieben. Er sagte: „Wenn ich zu Hause bleibe, wird er (Uthman) sagen: ›Du hast mich vergessen und mein Recht sowie unsere verwandtschaftliche Beziehung missachtet.‹ Wenn ich aber mit ihm spreche und berate, handelt er dennoch nach seinen eigenen Launen. Marwan bringt ihn dazu, alles zu tun, was er will. Obwohl er die Gesellschaft des Gesandten Allahs genossen hatte, war er im Alter völlig in ihre Fänge geraten. Sie lenken ihn dorthin, wohin sie wollen.“

Tatsächlich erlitt dieses dynamische Lebenssystem dadurch einen unersetzlichen Schaden, dass es im hohen Alter des dritten Kalifen in die Faust des umayyadischen Kreises geriet. Denn es war nicht mehr möglich, die Zeit zu verlängern, in der seine praktischen Methoden auf ihrer ideologischen Grundlage hätten verankert bleiben können.

Während seiner langen Kalifatszeit wurden Einfluss, Ansehen und Macht des umayyadischen Kreises außerordentlich stark und fest. Sie erhielten die Gelegenheit, ihre Herrschaft in Syrien und anderen Ländern zu festigen. Darüber hinaus nahm als natürliche Folge der von Uthman verfolgten Politik die Konzentration des Vermögens übermäßig zu. So schwächte der Volksaufstand gegen ihn bereits in der frühen Zeit des Islam das Fundament der muslimischen Umma.

Die Geschichte dieser Epoche trägt einerseits das Zeugnis einiger seltener Vorzüge der wahren Religion. Andererseits bezeugt sie zugleich eine gewaltige geistige Revolution hinsichtlich der Gesellschaft, des Staates sowie der Rechte von Herrschern und Beherrschten. Die entstandenen Unruhen und ihre gefährlichen, weitreichenden Auswirkungen waren freilich nicht weniger gravierend.

 

Nach Uthmans Tod

Als Uthman starb, war die umayyadische Herrschaft faktisch bereits etabliert. Der Kalif selbst verschaffte ihnen diese Gelegenheit. Im ganzen Land, insbesondere in Syrien, gelang es ihnen, ihre Macht zu festigen. Die im Krieg erbeuteten Güter und alle sonstigen Vermögenswerte brachten sie an sich. Sie begannen, Brüderlichkeit, die Bevorzugung der Interessen anderer sowie die Gewährleistung sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit und ähnliche Pflichten zu vernachlässigen. All dies wurde unter dem Schutz von Uthmans Kalifat gehegt und gefördert. Dadurch wurden die Lebenskraft und die islamische Gesinnung im muslimischen Volk äußerst schwach und verblassten.

Als Reaktion auf einige Maßnahmen des Kalifen entstand in den Herzen der Menschen bald auf natürliche, bald auf unvernünftige Weise eine heftige und bittere Erregung. Die Muslime erhoben lautstarke Beschwerden und behaupteten, der Kalif behandle seine Verwandten bevorzugt und schenke ihnen Millionen von Dirham. Er setzte seine geliebten Gefährten ab, um Feinde des Gesandten Allahs zu Statthaltern zu ernennen, und ließ einen Gefährten von so vorbildlichem Charakter wie Abu Dharr allein deshalb verfolgen, weil dieser sich gegen die Konzentration des Vermögens und gegen die maßlose Verschwendung und das ausschweifende Vergnügen der Oberschicht ausgesprochen hatte. Abu Dharr hatte dazu aufgerufen, Freigebigkeit und Ausgaben auf dem rechten Weg zu fördern und eine Atmosphäre von Anstand und Reinheit zu schaffen.

All diese Handlungen versetzten die Muslime in Schmerz und Unruhe. Als solche Tendenzen sich in großem Umfang ausbreiteten, erhob sich bei einigen Menschen der Kopf der Rebellion, während bei anderen ein Minderwertigkeitsgefühl entstand. Diejenigen, in deren Herzen das islamische Ideal fest verankert war, begannen angesichts dieser Handlungen zu glauben, dass es eine Sünde sei, zu schweigen. Diese in ihnen entstandene Haltung trieb sie dazu an, ihren Widerstand zum Ausdruck zu bringen. Jene hingegen, die den Islam lediglich als Etikett benutzen, werden durch ihre weltliche Gier und Begehrlichkeit selbstbezogen; diejenigen, die ihr Ziel stets mit der wechselnden Windrichtung ändern, entwickeln einen zügellosen und korrupten Charakter. Diese Situation führte schließlich zum Ende des Kalifats von Hazrat Uthman.

Als Hazrat Ali (r.a.) den Thron des Kalifats bestieg, war es nicht leicht, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Diejenigen, die sich während der Zeit von Uthman (r.a.) am illegalen Profitstreben beteiligt hatten, insbesondere die Banu Umayya, verstanden sehr wohl, dass Hazrat Ali (r.a.) in dieser Angelegenheit nicht schweigen würde. In Anbetracht all dessen wandten sie sich im Interesse ihres eigenen Wohlergehens Muawiya zu.

Hazrat Ali (r.a.) war mit dem Ziel an die Macht gekommen, das Volk und die Regierung wieder auf dem ursprünglichen politischen Ideal des Islam zu errichten. Seine Frau mahlte das Getreide eigenhändig, und davon ernährte er sich. Einmal versiegelte er einen Sack seines eigenen Weizens mit dem staatlichen Siegel, um ihn dem Bait al-Mal zu übergeben. Er sagte: „Ich möchte meinem Magen nur das zuführen, von dessen Halal-Sein ich überzeugt bin.“ Bisweilen war er sogar gezwungen, sein eigenes Schwert zu verkaufen, um Nahrung und Kleidung zu kaufen. In Kufa wohnte er im Weißen Palast. Über seine Lebensweise ist die Schilderung von Ibn Mansur besonders bemerkenswert. Er berichtet:

„Ich ging zu Hazrat Ali und sah vor ihm übelriechende saure Milch und trockenes Brot. Ich fragte: ‚Amir al-Mu’minin, essen Sie solche Dinge?‘ Er antwortete: ‚Der Gesandte Allahs (s.a.w.) aß noch trockeneres Brot und trug grobe Kleidung. Wenn ich nicht seinem Weg folge, fürchte ich, dass ich vielleicht nicht zu den Gefährten des Gesandten Allahs gehören kann.‘“

Ebenso berichtete Harun ibn Antara: Ich besuchte Hazrat Ali an einem Ort namens Khawarnak. Es war Winter. Hazrat Ali (r.a.) trug einen zerrissenen alten Umhang und zitterte am ganzen Leib. Ich sagte: „Amir al-Mu’minin, Allah hat in diesem Vermögen einen bestimmten Anteil für Sie und Ihre Familie festgelegt. Trotzdem behandeln Sie sich selbst so streng.“ Ali (r.a.) sagte: „Bei Gott! Ich werde euch euer Recht nicht vorenthalten. Dies ist derselbe Umhang, den ich aus Medina mitgebracht habe.“

Allerdings wusste Hazrat Ali (r.a.), als er gegenüber sich selbst und seiner Familie eine solche Lebensweise befolgte, sehr wohl, dass der Islam ihm gestattete, weit mehr anzunehmen. Der Islam zwingt niemanden, sich aller Annehmlichkeiten zu berauben und wie ein völliger Weltentsager zu leben. Er wusste, dass er als gewöhnlicher Bürger bereits weit weniger aus dem Vermögen des Bait al-Mal bezog, als ihm zustand. Darüber hinaus stand ihm als Herrscher, der ständig mit den Angelegenheiten des Volkes beschäftigt war, noch mehr zu. Er hätte zumindest ein Gehalt in der Höhe beziehen können, wie Hazrat Umar (r.a.) es für die Statthalter verschiedener Länder festgesetzt hatte. Hazrat Umar (r.a.) hatte für Ammar ibn Yasir, den Statthalter von Kufa, und dessen Helfer ein monatliches Gehalt von sechshundert Dirham festgesetzt. Die Anteile an den Zuwendungen, die sie wie gewöhnliche Menschen erhielten, waren davon getrennt. Außerdem erhielten sie täglich eine halbe Ziege und einen halben Sack Mehl. Ebenso ernannte er Abdullah ibn Mas’ud (r.a.) dazu, die Bevölkerung von Kufa in den Lehren des Islam zu unterrichten und den Bait al-Mal zu beaufsichtigen, und setzte für ihn monatlich einhundert Dirham sowie täglich ein Viertel einer Ziege fest. Für Uthman ibn Hunayf setzte er ein jährliches Stipendium von fünftausend Dirham, täglich ein Viertel einer Ziege und ein monatliches Gehalt von einhundertfünfzig Dirham fest.

Hazrat Ali (r.a.) wählte diesen harten Weg für sich nicht, ohne sich all dieser Dinge bewusst zu sein. Die Sichtweise, aus der heraus er diese Haltung einnahm, war folgende: Der Herrscher ist stets ein Vorbild für die Allgemeinheit, und bei ihm besteht reichlich Anlass zu Verdacht. Da sich die Staatskasse unter seiner Obhut befindet, kann auch der Verdacht der Veruntreuung entstehen. Sein Verhalten sollte für das Volk und die ihm unterstellten Staatsbeamten ein Vorbild an Ehrlichkeit und Enthaltsamkeit sein. Deshalb machte er sich die Grundsätze der Enthaltsamkeit von Hazrat Abu Bakr und Hazrat Umar (r.a.) zu eigen. Für jene, die im Din Allahs die Nachfolger des Gesandten Allahs geworden waren, war gerade dieser hohe Maßstab am angemessensten.

Hazrat Ali (r.a.) bemühte sich mit aller Kraft darum, das gesamte Staatswesen nach dem Vorbild des Propheten (s.a.w.) und seiner beiden nachfolgenden Kalifen auszurichten.

Einmal fand er seine Rüstung bei einem Christen, nahm ihn mit und begab sich zu dem Richter Schuraih, vor dem er wie ein gewöhnlicher Bürger Klage gegen ihn erhob. Er behauptete, die Rüstung gehöre ihm. Schuraih fragte den Christen, was er zu dem Anspruch des Amir al-Mu’minin zu sagen habe. Der Christ erwiderte: „Die Rüstung gehört gewiss mir, aber ich möchte den Amir al-Mu’minin auch nicht einen Lügner nennen.“ Schuraih sagte: „Amir al-Mu’minin! Haben Sie irgendeinen Beweis?“ Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen auf ihm, lächelte und sagte: „Ich habe keinen Beweis.“ Schuraih fällte das Urteil, dass die Rüstung dem Christen zu geben sei. Dieser machte sich mit der Rüstung auf den Weg, während der Amir al-Mu’minin hilflos hinter ihm hersah. Nach einigen Schritten kehrte er um und sagte: „Ich bezeuge: Die Religion, deren Kalif mich selbst vor den Richter bringt und deren Richter gegen ihn urteilt, ist zweifellos die wahre Religion.“ Daraufhin sprach er das Glaubensbekenntnis und erklärte seinen Übertritt zum Islam. Anschließend sagte er: „Amir al-Mu’minin! Ich schwöre bei Gott, diese Rüstung gehört Ihnen. Als Sie in Richtung Siffin aufbrachen, ging ich hinter dem Heer her. Diese Rüstung ist von Ihrem braunen Kamel gefallen.“ Hadhrat Ali, Allahs Wohlgefallen auf ihm, sagte: „Da du den Glauben angenommen hast, schenke ich sie dir.“ (Abqariya Imam– Ustadh Abbas Mahmud al Aqqad)

Die Grundzüge der Regierungsweise, der er folgen wollte, legte er bereits in seiner Antrittsrede dar:

„Brüder! Ich bin ein Mensch wie ihr. Was für Rechte ihr habt, habe auch ich. Welche Pflichten euch auferlegt sind, sind auch mir auferlegt. Ich werde euch nach der Lebensweise eures Propheten führen und sein Gesetz in Kraft setzen. Hört! Alles, was Osman, Allahs Wohlgefallen auf ihm, irgendjemandem an Landbesitz oder aus dem Vermögen Allahs gegeben hat, wird dem Bayt al-mal zurückerstattet. Denn die Wirklichkeit lässt sich durch nichts verändern. Selbst wenn ich sehe, dass dieses staatliche Vermögen für eine Heirat, den Kauf von Sklavinnen oder im Ausland ausgegeben worden ist, werde ich es dennoch zurückholen. Denn wem Gerechtigkeit unerträglich ist, dem ist Unterdrückung und Tyrannei noch viel unerträglicher.“

„Brüder! Seid gewarnt! Wenn ich diejenigen, über die vor einiger Zeit die Interessen dieser Welt die Oberhand gewonnen hatten und die große Paläste, Kamele und Pferde, Sklaven und Sklavinnen sowie Diener und Gefolgsleute besaßen, all dessen beraube und sie in den Rahmen ihrer tatsächlichen Rechte zurückführe, dann sollen sie nicht anfangen zu behaupten, der Sohn Abu Talibs habe sie ihrer Rechte beraubt. Wisset: Wenn jemand unter den Gefährten des Gesandten Allahs, den Auswanderern und den Ansar meint, er habe aufgrund seiner Nähe und seines Umgangs mit dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, Vorrang und Vorzüglichkeit vor den anderen, so soll er wissen, dass die Anerkennung dieser Vorzüglichkeit und dieses Vorrangs allein bei Allah zu finden ist und dass auch dort die angemessene Belohnung dafür gewährt wird. Wisset: Wer dem Ruf Gottes und des Gesandten folgt, unsere Gemeinschaft annimmt, in unsere wahre Religion eintritt und sich unserer Gebetsrichtung zuwendet, wird sämtliche von Islam gewährten Rechte erhalten und verpflichtet sein, seine festgelegten Pflichten und Aufgaben zu erfüllen. Ihr alle seid Diener Allahs, und dieser Besitz ist Allahs Besitz. Er wird unter euch gleichmäßig verteilt werden. Dabei wird niemandem Vorrang vor einem anderen eingeräumt. Für die Gottesfürchtigen gibt es bei Allah die beste Belohnung.“

Die Gewinnsüchtigen, die Ungleichheit Bevorzugenden, Eigennützigen und Opportunisten konnten sich über Hadhrat Alis Politik der Gleichverteilung nicht freuen; und dass sie es nicht konnten, war ganz natürlich. Daher schlossen sich diese Kreise schließlich dem aufständischen Lager der Umayyaden an. Dort bemühten sie sich, unter Verzicht auf Gerechtigkeit und Recht ihre geringfügigen Eigeninteressen zu retten.

Wer in Muawiya mehr List, Umsicht, Vorsicht und Fähigkeit als in Hazrat Ali erkennt und deshalb meint, Muawiya sei am Ende siegreich gewesen, beurteilt die Situation falsch und vermag weder den wahren Wert Hazrat Alis richtig einzuschätzen noch ein zutreffendes Urteil über die Erfüllung seiner eigentlichen Pflicht zu fällen. Hazrat Alis erste und letzte Pflicht bestand darin, die islamische Tradition in ihrer eigentlichen Stärke wiederherzustellen und dem beinahe leblosen Körper der wahren Religion erneut Lebenskraft einzuhauchen. Eine seiner wichtigsten Aufgaben war es, den Islam von der Trübung und Hässlichkeit zu befreien, mit der die Ränkeschmiede aus dem Umayyaden-Geschlecht unter Ausnutzung der Schwäche und des Alters von Hazrat Uthman seine Lebenskraft verunreinigt hatten.

Wenn er im Kampf um den Erfolg dieser Mission dieselbe Vorgehensweise wie Muawiya angenommen hätte, wäre gerade seine Mission gescheitert. Das hätte bedeutet, dass er den Kampf um das Kalifat nur aus persönlichem Interesse geführt hätte. In diesem Fall wäre sein Kampf völlig wertlos gewesen. Ali musste „Ali“ bleiben; andernfalls war er bereit, das Kalifat und zugleich sein Leben von sich nehmen zu lassen, ohne dagegen Einspruch zu erheben – das war Hazrat Alis Entschlossenheit. Diese Entschlossenheit wich nicht einen Augenblick aus seinem Herzen. Einer Überlieferung zufolge – sofern sie überhaupt wahr ist – soll Hazrat Ali gesagt haben: „Bei Gott, Muawiya ist nicht listiger als ich, aber er ist ein Betrüger. Er begeht offen Ungehorsam. Wenn ich Täuschung und Betrug schätzen würde, wäre ich der Listigste von allen.“

Nach Hazrat Alis Tod begann die Zeit der Banu Umayya. Für die Umayyaden waren Hazrat Uthmans Glaube, seine Gottesfurcht und die Sanftheit seines Herzens ein Hindernis. Doch dieses war bereits zuvor beseitigt worden. Mit Hazrat Alis Tod war nun auch das letzte Hindernis aus dem Weg geräumt, und der Weg zur Zügellosigkeit stand offen.

Dennoch breitete sich der Islam weiter auf der Erde aus. Doch es besteht kein Zweifel daran, dass die Lebenskraft des Islam in verhängnisvoller Weise geschwächt worden war. Wenn in der Natur des Islam selbst keine gewaltige Kraft verborgen gewesen wäre und seine geistige Kraft nicht die Fähigkeit zur Dynamik besessen hätte, wäre die Zeit der Umayyaden ausreichend gewesen, ihn von seinem eigentlichen Weg abzubringen. Doch seine Lebenskraft setzte den unablässigen Kampf fort und gewann weiter an Stärke. Auch heute liegt in ihm eine verborgene Kraft des Kampfes und des Sieges.

Seit der Zeit der Umayyaden wurde die Schatzkammer der Muslime übermäßig freigiebig und verwandelte sich in Beute für die Padischahs, ihre Schmeichler und ihre Speichellecker. Das Fundament der islamischen Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit stürzte ein. Die Herrscher wurden zu Nutznießern besonderer Privilegien und ihre Schmeichler zu Empfängern von Geschenken. Kurz gesagt, das Kalifat verwandelte sich in eine Monarchie, und zwar in die schlimmste Form einer despotischen Monarchie. Von dieser Despotie hatte der Gesandte Allahs, Friede sei mit ihm, prophezeit. So mussten wir zahlreiche Geschichten darüber anhören, wie unsere Sänger, Dichter und Schmeichler belohnt wurden. Ein umayyadischer Padischah belohnte den Dichter namens Maʿbad mit zwölftausend Dinar, und der abbasidische Kalif Harun ar-Raschid schenkte dem Sänger Ismail ibn Dschami allein für ein Lied viertausend Dinar sowie ein schönes, kunstvoll verziertes, anmutiges Haus. So strömt der Strom der Zeit weiter. Bisweilen wird er für kurze Zeit unterbrochen, dann eilt er wieder mit voller Geschwindigkeit dahin.

Umar ibn Abd al- Aziz

Nun ist es notwendig, die Zeit von Umar ibn Abd al-Aziz zu erwähnen. Diese Zeit war eine Fortsetzung des rechtgeleiteten Kalifats. Sie war ein strahlender Lichtschein, der den gesamten Weg erhellte. Er eröffnete seine Kalifatszeit, indem er die unrechtmäßig usurpierte Herrschaft dem rechtmäßigen Eigentümer, der muslimischen Gemeinschaft, zurückgab. Denn nach islamischer Auffassung besteht der einzig rechtmäßige Weg zur Bildung einer Regierung darin, dass die muslimische Gemeinschaft aus freiem Willen einen Herrscher wählt – nicht durch militärische Gewalt und nicht aufgrund erblicher Nachfolge. Er stand auf der Kanzel und sagte:

„Brüder! Diese schwierige Verantwortung ist mir übertragen worden, ohne meine eigene Zustimmung und ohne die Zustimmung der Gemeinschaft. Die Last meiner Gehorsamspflicht, die auf euch liegt, werfe ich selbst von mir. Wählt ihr selbst jemanden.“

Die Menge rief laut: „Amīr al-Muʾminīn! Wir wählen Sie selbst. Wir haben volles Vertrauen in Ihre Führung.“

Auf diese Weise belebte er das eigentliche Verfahren zur Wahl eines Herrschers wieder. Denn niemand darf ohne die Zustimmung und Beratung der Gemeinschaft zum Herrscher eingesetzt werden.

Daraufhin wandte er sich an die Menschen und sagte:

„Freunde! Vor mir sind einige Herrscher vergangen. Sie waren Unterdrücker. Ihr habt sie nur unterstützt, um euch vor ihrer Tyrannei zu schützen. Denkt daran: Man kann der Schöpfung nicht gehorchen, indem man dem Schöpfer den Gehorsam verweigert. Wem selbst der Gehorsam gegenüber Allah anerkennt, dem muss man ebenfalls gehorchen. Doch wem Allah den Gehorsam verweigert, dem sollte man nicht gehorchen. Solange ich euch gegenüber Allah gehorsam bin, werdet auch ihr meinen Anweisungen folgen. Wenn ich Allah jedoch ungehorsam bin, seid ihr nicht verpflichtet, meinen Anweisungen Folge zu leisten.“

Nach seinem Amtsantritt begann er als Erstes, unrechtmäßig veruntreutes und beschlagnahmtes Vermögen zurückzugeben. Diese Arbeit begann er mit seinem eigenen Vermögen. Als er die Herkunft der Einkünfte aus all seinem unbeweglichen Besitz untersuchte, stellte er fest, dass alles unrechtmäßig erworben worden war. Sofort gab er dieses gesamte Vermögen zurück. Sogar an seiner Hand trug er einen Ring. Nachdem er ihn einmal betrachtet hatte, sagte er: „Walīd hat ihn mir unrechtmäßig aus den im Westen eingetriebenen Geldmitteln gegeben.“ Sofort übergab er ihn dem Bayt al-Māl. Alle Lehen, die sich in seinem Besitz befanden, gab er zurück. Einige Lehen in Imāma sowie Muqaddis in Jemen, Jabal al-ʿUrs und Fadak gehörten ihm; er gab sie allesamt auf und übergab sie den Muslimen zurück. Nur eine Quelle an einem Ort namens Suwaida behielt er in seinem Besitz. Er hatte sie mit seinem eigenen Geld anlegen lassen. Ihre Erträge flossen ihm jedes Jahr zu und beliefen sich auf etwa einhundertfünfzig Dinar.

Als er beschloss, den Muslimen alles zurückzugeben, was sich in seinem Besitz befand, ordnete er an, die Menschen dazu aufzurufen, ebenfalls alle Rechte zurückzugeben, die sie sich unrechtmäßig angeeignet hatten. Vor der versammelten Menge bestieg er die Kanzel und hielt eine Ansprache:

„Bürger hatten uns viele Dinge gegeben. Wir hätten sie weder annehmen noch jemandem schenken dürfen. All dieses Vermögen war in meine Hände gelangt. Außer Allah konnte niemand von mir Rechenschaft fordern. Hört nun: Ich habe beschlossen, sämtliches Vermögen dieser Art zurückzugeben. Ich beginne damit jedoch bei meinem persönlichen Vermögen.

Muhādschim! Beginne mit dem Vorlesen.“

Zuvor waren die betreffenden Dokumente in einem Beutel gebracht worden. Muhajem begann, die Dokumente eines nach dem anderen zu lesen. Sobald er eines zu Ende gelesen hatte, nahm Umar es an sich. In seiner Hand hielt er eine Schere, mit der er die Dokumente zerschnitt und beiseitelegte. Am Ende entging kein einziges Dokument seiner Schere. Danach nahm er den Fall seiner Ehefrau Fatima bint Abd al-Malik an. Er sagte zu ihr: „Gib deinen Schmuck dem Bayt al-Mal, oder erlaube mir, mich von dir zu trennen. Wähle eines von beidem. Ich kann mit diesen Dingen nicht in einem Haus leben.“ Fatima sagte: „Amir al-Mu’minin! Ich werde dich wählen. Was ist schon der Wert eines einzigen Diamanten? Selbst wenn es etwas wäre, das tausendmal wertvoller ist als dieser, würde ich dir dennoch den Vorzug geben.“ Daraufhin wurde er auf seine Anweisung hin dem Bayt al-Mal übergeben. Als Umar ibn Abd al-Aziz starb und Yazid ibn Abd al-Malik den Thron bestieg, sagte er zu seiner Schwester Fatima, dass man ihr, wenn sie es wünsche, ihren Diamanten zurückgeben könne. Sie erwiderte: „Ich habe ihn zu Umars Lebzeiten mit größter Freude hergegeben; nach seinem Tod werde ich ihn keinesfalls annehmen.“

Umar ibn Abd al-Aziz begnügte sich nicht damit, nur unrechtmäßig erworbenes Vermögen zurückzugeben; vielmehr nahm er, wie die Historiker berichten, auch aus dem Bayt al-Mal nichts für sich selbst. Von der Kriegsbeute gab er keinen einzigen Pfennig für persönliche Zwecke aus. Der ehrenwerte Umar al-Faruq hingegen hatte sich aus den Einkünften des Fai’ täglich zwei Dirham für sich selbst festgesetzt. Als man den ehrenwerten Umar ibn Abd al-Aziz aufforderte, sich Umar al-Faruq gleichzustellen, antwortete er: „Umar ibn al-Khattab besaß überhaupt kein persönliches Vermögen; ich hingegen komme mit dem persönlichen Vermögen, das ich besitze, gut aus.“

Er bewegte die Nachkommen Marwans dazu, die Hälfte ihres Vermögens an die ursprünglichen Eigentümer zurückzugeben. Es wird berichtet, dass ein Nichtmuslim aus Hims zu ihm kam und sagte: „Amir al-Mu’minin! Ich bitte dich, meine Angelegenheit nach dem Gebot Allahs zu entscheiden.“ Er fragte: „Worum geht es?“ Der Mann antwortete: „Abbas ibn al-Walid ibn Abd al-Malik hat mir mein Land weggenommen.“ Abbas saß gerade dort. Er fragte ihn: „Abbas, was hast du dazu zu sagen?“ Abbas erwiderte: „Mein Vater, al-Walid ibn Abd al-Malik, hat es mir geschenkt. Er hat mir darüber auch eine schriftliche Urkunde gegeben.“ Er sagte zu dem Besucher: „Was ist nun deine Aussage?“ Dieser antwortete: „Amir al-Mu’minin! Entscheide zwischen uns nach dem Buch Allahs.“ Umar sagte: „Ja, Allahs Gebot ist wichtiger als die Urkunde al-Walid ibn Abd al-Maliks. Gib ihm sein Land zurück.“ Sofort gab er ihm sein Land zurück.

Al-Walid hatte einen Sohn namens Rawh. Da er seit seiner frühesten Kindheit auf dem Land aufgewachsen war, wirkte er völlig bäuerlich. Einige Personen reichten bei Umar Klage wegen mehrerer in Hims gelegener Geschäfte ein. Tatsächlich gehörten diese Geschäfte den Klägern, doch al-Walid ließ sie auf Rawhs Namen eintragen. Umar ließ Rawh zu sich rufen und wies ihn an, ihnen die Geschäfte zurückzugeben. Rawh erwiderte, dass die Geschäfte laut einer von al-Walid ausgestellten Urkunde ihm gehörten. Umar antwortete: „Mit al-Walids Urkunde kannst du nichts anfangen. Es liegen Zeugenaussagen und Beweise dafür vor, dass die Geschäfte ihnen gehören. Gib sie zurück.“ Daraufhin erhoben sich Rawh und ein Mann aus Hims und begaben sich aus dem Audienzsaal zurück. Unterwegs bedrohte Rawh den Mann aus Hims. Dieser kehrte um, erschien erneut bei Umar und berichtete ihm von Rawhs Drohung. Umar befahl Ka’b ibn Hamed, dem Befehlshaber seiner Leibwache: „Geh zu Rawh und sag ihm, er solle die Geschäfte ihren Eigentümern zurückgeben. Wenn er sie zurückgibt, ist es gut; andernfalls schlag ihm den Kopf ab und bring ihn mir.“ Als Rawhs Freund diese Worte hörte, kam er aus dem Audienzsaal und teilte ihm den Befehl des Amir al-Mu’minin mit. Als Rawh dies hörte, wäre er beinahe ohnmächtig geworden. Ka’b trat mit halb gezogenem Schwert an ihn heran. Ka’b musste es nur sagen, und Rawh ging sogleich hin und räumte die Geschäfte.

Das Volk erschien unablässig in seinem Audienzsaal und brachte Beschwerden über Unterdrückung, Gewalt und Schikanen vor. Ihm wurden sämtliche Fälle von unrechtmäßig weggenommenem Eigentum vorgetragen, und er übergab alles den rechtmäßigen Eigentümern, unabhängig davon, ob es sich in seinem Besitz oder im Besitz eines anderen befand. Auch von den Banu Marwan ließ er gewaltsam entwendetes Eigentum zurückholen und den ursprünglichen Eigentümern zurückgeben. Er schaffte solche Ungerechtigkeiten auch ohne unwiderlegbare Beweise ab und hielt in dieser Angelegenheit selbst geringfügige Belege für ausreichend. Sobald ihm der Verdacht kam, dass jemandem Eigentum zu Unrecht weggenommen worden war, beschloss er unverzüglich, dieses Eigentum seinem Besitzer zurückzugeben. Denn er wusste, dass die früheren Herrscher das Volk ungerecht behandelt hatten. Es wird berichtet, dass er das irakische „Bait al-Mal“ leerte, während er den durch Unterdrückung erworbenen Reichtum zurückerstattete. Daher wurde es notwendig, Vermögen aus Syrien dorthin zu überführen.

Sulayman ibn Abd al-Malik schenkte dem aus dem Umayyaden-Geschlecht stammenden Ambasa ibn Sa’id ibn al-As 20.000 Dinar. Nachdem die Anweisung verschiedene staatliche Behörden durchlaufen hatte, gelangte sie zum Siegelamt; gerade als nur noch die Auszahlung des Geldes ausstand, starb Sulayman. Ambasa war ein Freund von Umar ibn Abd al-Aziz. Bei Tagesanbruch machte er sich auf den Weg zu Umar, um mit ihm über dieses Geschenk zu sprechen. Als er dort ankam, sah er Angehörige der Banu Umayya vor dessen Tür stehen. Auch sie warteten darauf, in ihren jeweiligen Angelegenheiten vorgelassen zu werden. Als sie Ambasa sahen, dachten sie: „Schauen wir zunächst, wie mit ihm verfahren wird, bevor wir selbst mit ihm sprechen.“ Ambasa trat vor ihn und sagte: „O Anführer der Gläubigen! Sulayman hatte angeordnet, mir 20.000 Dinar zu geben. Diese Anweisung war beim Siegelamt eingegangen, und es stand nur noch die Auszahlung aus. Da starb er. Ich bin überzeugt, dass Ihr diese großzügige Tat vollenden werdet, denn meine Beziehung zu Euch ist enger als die zu Sulayman.“ Umar fragte: „Wie viel Geld?“ Er antwortete: „20.000 Dinar.“ Umar ibn Abd al-Aziz sagte: „20.000 Dinar würden für die Familien von viertausend Muslimen ausreichen. Wie könnte ich einem einzigen Menschen eine solche Summe geben? Das kann ich keinesfalls tun.“ Ambasa berichtet: Als ich dies hörte, warf ich das Dokument, auf dem die Geldsumme vermerkt war, weit von mir. Umar sagte: „Du kannst das Dokument auch bei dir behalten. Denn nach mir könnte jemand an die Macht kommen, der in Bezug auf dieses Staatsgeld waghalsiger ist als ich und dir vielleicht die in diesem Dokument vermerkte Summe auszahlt.“ Daraufhin hob ich das Dokument wieder auf, ging hinaus und erzählte den Angehörigen der Banu Umayya ausführlich, wie der Kalif mich behandelt hatte. Sie riefen: „Danach haben wir keine Hoffnung mehr. Geh zum Kalifen und bitte ihn, uns zu erlauben, in einer anderen Gegend zu leben.“ Ich ging erneut zu ihm und sagte: „O Anführer der Gläubigen! Die Angehörigen Eures Geschlechts stehen vor Eurer Tür und bitten darum, die Zuwendungen, die ihnen früher gewährt wurden, weiterhin auszuzahlen.“ Umar erwiderte: „Bei Gott! Dieses Geld gehört nicht mir, und ich sehe auch keine Möglichkeit, solche Schenkungen zu machen.“ Ich sagte: „O Anführer der Gläubigen! Dann bitten sie um die Erlaubnis, in eine andere Gegend zu gehen und dort ihr Glück zu versuchen.“ Er sagte: „Von meiner Seite haben sie die Erlaubnis zu tun, was sie wollen.“ Ich sagte ebenfalls: „Auch ich möchte gehen.“ Er sagte: „Ja, auch dir erteile ich die Erlaubnis. Doch meiner Ansicht nach wäre es besser, wenn du hierbliebst. Du verfügst über genügend Kapital. Ich werde inzwischen Sulaymans hinterlassenes Vermögen verkaufen. Vielleicht kannst du daraus etwas kaufen, dessen Gewinn dir diesen Verlust ersetzen könnte.“ Ambasa berichtet: „Ich wartete dort und kaufte aus Sulaymans hinterlassenem Besitz Waren im Wert von einhunderttausend Dinar. Ich brachte sie in den Irak und verkaufte sie dort für zweihunderttausend Dinar. Auch dieses Dokument bewahrte ich auf. Nach Umars Tod ging ich mit dem genannten Dokument zu Yazid ibn Abd al-Malik, und er zahlte mir die 20.000 Dinar aus.“

Der ehrenwerte Umar ibn Abd al-Aziz ließ einen Nachkommen Marwans zu sich rufen und sagte: „Allah hat euch großen Reichtum und Wohlstand gegeben. Meiner Einschätzung nach befindet sich die Hälfte oder sogar zwei Drittel des gesamten Vermögens der Umma in eurem Besitz. Gebt daher dem Volk zurück, was ihm von dem gehört, was sich bei euch befindet. Zwingt mich nicht, Gewalt anzuwenden.“ Doch niemand antwortete darauf. Er sagte: „Antwortet auf meine Worte!“ Da erhob sich einer von ihnen und sagte: „Wir können unser väterliches Erbe nicht aufgeben. Wir können unsere Kinder und Nachkommen nicht auf diese Weise mittellos machen und unseren Vorfahren gegenüber undankbar sein, selbst wenn dies unsere Enthauptung bedeuten sollte.“ Umar sagte: „Bei Gott! Wenn ich nicht befürchten müsste, dass ihr gerade diejenigen, für deren Rechte ich mich bemühe, auf eure Seite ziehen würdet, hätte ich euch binnen kurzer Zeit bezwungen. Doch ich fürchte Unruhen. Wenn Allah mich noch einige Tage am Leben lässt, werde ich nicht eher ruhen, als bis ich jedem Bürger sein rechtmäßiges Recht gegeben habe.“(Umar ibn Abd al-Aziz, Ahmad, Zaki, Safwat)।

Doch er lebte nicht lange genug, um nach seinem eigenen Wunsch allen ihr Recht zurückzugeben. Seine Nachfolger folgten statt dem von ihm aufgezeigten Weg dem Weg der Umayyaden. Danach kamen auch die Abbasiden und wurden Könige. Als sie an die Macht kamen, hatten sich im Land Unheil und Verwirrung ausgebreitet, und die Bewohner des Landes waren vom Islam abgewichen. Denn die umayyadischen Herrscher hatten sie lange Zeit von der islamischen Lebensweise ferngehalten. Tatsächlich war die Herrschaft der Abbasiden nicht besser als die Herrschaft der Umayyaden. Auch sie war eine ebenso autokratische monarchische Herrschaft.

 

Monarchie

Da wir hier nicht den islamischen Staat und das islamische Regierungssystem, sondern die Geschichte der islamischen Lebenskraft im Bereich des Regierungssystems erörtern wollen, werden wir uns darauf beschränken, drei Reden aus der Zeit der monarchischen Herrschaft vorzutragen, um die verschiedenen Stufen der Entstellung dieser Lebenskraft und der Verunreinigung, die sie berührt hat, zu analysieren. Vergleicht man diese drei Reden mit den drei Reden, die zuvor aus der Zeit des rechtgeleiteten Kalifats erwähnt wurden, wird der gewaltige Unterschied zwischen ihnen ohne Weiteres deutlich.

Nach dem Friedensschluss hielt Muawiya in Kufa eine Ansprache an die Bevölkerung und sagte: „Ihr Leute von Kufa! Habt ihr etwa geglaubt, dass ich wegen des Gebets, der Zakat und der Pilgerfahrt gegen euch gekämpft habe? Ich weiß sehr wohl, dass ihr das Gebet, die Zakat und die Pilgerfahrt ordnungsgemäß verrichtet. In Wirklichkeit habe ich gekämpft, um meine Herrschaft über euch auszuüben. Allah hat mein Verlangen erfüllt, trotz eurer Ablehnung. Wisst, dass für den Verlust an Menschenleben und Eigentum, der in diesem Aufruhr entstanden ist, keinerlei Entschädigung geleistet werden wird. Und alle Versprechen, die ich gegeben habe – seht, ich habe sie unter meinen Füßen zertreten.“ Ebenso hielt er eine Ansprache an die Bewohner von Medina und sagte:

„Bei Gott! Soweit ich weiß, habe ich die Herrschaft nicht als Ergebnis eurer Zuneigung und Liebe erlangt. Ich weiß auch, dass ihr darüber nicht erfreut seid. Ich habe mit diesem Schwert gekämpft. In eurer Angelegenheit wollte ich dem Vorgehen Abu Bakrs und Umars folgen. Doch ich konnte mein Herz nicht dazu bringen. Daher habe ich beschlossen, mich auf einen Weg zu führen, der sowohl mir als auch euch zum Wohl gereichen wird. Alle müssen in vollkommener Eintracht miteinander essen und trinken. Auch wenn ihr mich nicht für den besten Herrscher haltet, bin ich für euch dennoch der bessere Herrscher.“

Al-Mansur, der Abbaside, führte die Herrschaftstradition der Umayyaden auf den Weg äußerster Entstellung und ließ in der öffentlichen Vorstellung den Eindruck entstehen, Königtum und Monarchie seien etwas Göttliches, von Gott verliehen und rechtmäßig. Dabei ist diese Vorstellung dem Islam völlig fremd. Nach dieser schändlichen Tat hielt al-Mansur folgende Ansprache:

„Ihr Menschen! Ich bin Allahs Statthalter auf Seiner Erde. Mit Seiner Hilfe und Unterstützung werde ich über euch herrschen. Ich bin von Ihm mit der Bewachung Seines Vermögens betraut. Nach Seinem Willen und Seiner Erlaubnis gebe ich davon aus oder schenke es jemandem. Allah hat mich zum Schlüssel des Staatsschatzes gemacht. Wenn Er mich öffnen lassen will, öffnet Er mich, damit ich unter euch Nahrung verteile oder Almosen gebe; und wenn Er ihn schließen will, schließt Er ihn.“

Danach wurde das Regierungssystem vollständig aus dem Geltungsbereich des Islam und seiner Grundsätze hinausgedrängt.

Wirtschaftliches System

Im Goldenen Zeitalter war das Wirtschaftssystem dem politischen System untergeordnet. Die Wirtschaft entsprach der Auffassung, welche die Herrscher von der Regierungsweise hatten, und ihren Vorstellungen von den Rechten der Herrschenden und der Beherrschten. In der Zeit von Hazrat Muhammad (s.a.w.), Hazrat Abu Bakr (r.a.), Hazrat Umar (r.a.) und Hazrat Ali (r.a.) war das islamische Ideal lebendig; das heißt, es galt der Grundsatz, dass alle staatlichen Gelder und Vermögenswerte Eigentum der Nation und der Bevölkerung sind. Der Herrscher durfte daraus nur dann etwas nehmen, wenn er sein eigenes Recht oder das seiner Angehörigen darauf nachwies. Ebenso war der Herrscher verpflichtet, jedem Menschen nur das zu geben, was ihm tatsächlich zustand. Denn in dieser Hinsicht waren der Herrscher und alle anderen gleich. In der Zeit von Hazrat Uthman (r.a.) zeigte sich in diesem Grundsatz eine geringfügige Entstellung; dennoch erlangte die Bevölkerung weiterhin ihre vollen Rechte. Wegen des Überflusses an Vermögen blieb jedoch vermutlich selbst nach der Auszahlung der festgelegten Bezüge und dergleichen an die Menschen noch eine große Menge Geld übrig. Der Kalif war der Auffassung, dass er das volle Recht habe, seinen Angehörigen und anderen Menschen nach seinem eigenen Willen Geschenke zu machen. Als die Herrschaft danach in die Hände despotischer Herrscher überging, wurden alle Einschränkungen beseitigt, und die Herrscher begannen, die Bevölkerung nach Belieben zu beschenken oder ihr etwas vorzuenthalten. Für die Herrscher, ihre Kinder und Nachkommen, ihre Lakaien und Schmeichler wurde der freie Zugriff auf das Vermögen der Muslime eröffnet. In dieser Hinsicht überschritten sie weiterhin alle Grenzen des Islam.

Dies ist eine grobe Darstellung der Lage. Nun werden wir anhand einiger historischer Beispiele eine ausführliche Darstellung davon geben.

Die Einnahmequellen des Bayt al-Māl, die seit der Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.) bestanden, waren folgende:

Erstens: Zakat– – sie wird auf verschiedene Arten von Vermögen der Muslime erhoben, wie Gold, Silber, landwirtschaftliche Erzeugnisse, Früchte, Vieh, Handelswaren, Mineralien, vergrabene Schätze und dergleichen. Der durchschnittliche Zakatsatz beträgt im Allgemeinen ein Vierzigstel. Sie wird für acht bekannte Bereiche ausgegeben.

Zweitens: Dschizya– – dies ist eine besondere Steuer, die die Nichtmuslime eines islamischen Staates für ihr dortiges Aufenthaltsrecht an den Staat entrichten. Sie entspricht der Zakat und den körperlichen Opfern und Anstrengungen der Muslime.

Drittens: ‘Fay’- – dies sind Geld und Vermögen, die von den Götzendienern ohne Krieg und ohne irgendeinen Aufwand erlangt werden. Nach der eindeutigen Bestimmung des Heiligen Korans steht das gesamte Vermögen Allah, Seinem Gesandten, den Verwandten, den Waisen, den Bedürftigen und den Reisenden zu.

Viertens:Kriegsbeute oder im Krieg erlangtes Vermögen– – vier Fünftel davon stehen den Kämpfern zu, während der verbleibende Teil entsprechend dem Fay behandelt und für dieselben Bereiche ausgegeben wird.

Oder anstelle der Kriegsbeute der Chārādsch: eine besondere Steuer, die auf jene Ländereien der Götzendiener erhoben wird, die infolge des Krieges in den Besitz der Muslime gelangt sind – so, wie Hadhrat Umar (r.a.) es mit den Ländereien Persiens tat.

Zur Zeit des Gesandten Allahs (s.a.w.) waren die Einnahmen des Bayt al-Māl nicht ausreichend. Die Muhādschirūn waren unter Aufgabe ihrer Häuser und ihres Besitzes nach Medina gekommen, und die Ansār hießen sie willkommen, machten sie zu Teilhabern an ihrem eigenen Vermögen und nahmen sie als Brüder auf. Zu dieser Zeit war die Zahl der Muslime begrenzt. Vor den Kriegen war die einzige Einnahmequelle der Muslime freiwillige Spenden.

Als die Folge der Feldzüge begann und die Zakat im zweiten Jahr nach der Hidschra zur Pflicht wurde, kam neben der eigentlichen Einnahmequelle, der Zakat, eine weitere Quelle hinzu: die Kriegsbeute. Ein Fünftel davon wurde den Kämpfern gegeben. Der Gesandte Allahs (s.a.w.) gab dem Fußsoldaten einen Anteil und dem Reiter zwei Anteile; einer anderen Überlieferung zufolge gab er ihm drei Anteile. Auf diese Weise legte er den Grundsatz fest: „Der Anteil eines jeden richtet sich nach seinem Opfer und seiner Hingabe.“ Dem Unverheirateten gab er einen Anteil und dem Verheirateten zwei Anteile. Ebenso bestimmte er als zweiten Grundsatz: „Der Anteil eines jeden richtet sich nach seinem Bedarf.“ Die Ausgabebereiche für das verbleibende Fünftel der Kriegsbeute wurden bereits zuvor erwähnt.

Danach ereignete sich etwas Neues. Beim Feldzug gegen die Banu Nadir wurde zum ersten Mal Fai erlangt. Der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) bestimmte es für die Muhadschirun. Nur zwei bedürftige Männer unter den Ansar erhielten daraus einen Anteil. Danach wurde in einem Koranvers dieser Grundsatz verkündet:

„Damit es nicht nur unter den Reichen unter euch im Umlauf bleibt.“

Mit den unaufhaltsamen Eroberungen von Ländern und der Ausdehnung des islamischen Reiches wuchsen die Einnahmen des Bait al-Mal weiter an. Durch Wohlstand und Überfluss wurden die Muslime allmählich selbstständig. Denn entsprechend dem von Islam festgelegten Anteil waren sie alle gleichberechtigte Teilhaber an den Mitteln des Bait al-Mal.

Als der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) starb und einige Menschen vom Islam abfielen und sich weigerten, die Zakat zu entrichten, wurde die Rolle, die Abu Bakr (r.a.) übernahm, zu einem unvergesslichen Ereignis der Geschichte. Mit donnernder Stimme verkündete er:

„Bei Gott! Wenn sie sich auch nur weigern, ein einziges Stück Seil herauszugeben, mit dem die Kamele und das sonstige Vieh der Zakat angebunden werden, werde ich gegen sie kämpfen.“ In dieser Angelegenheit fasste er eine Entscheidung gegen die Auffassung von Umar ibn al-Khattab (r.a.). Später unterstützte Umar ebenfalls Abu Bakrs Auffassung und nahm sie beruhigt an. Anfangs war er jedoch der Meinung gewesen, dass es nicht richtig sei, gegen sie zu kämpfen, da sie „La ilaha illa-llah“ („Es gibt keine Gottheit außer Allah“) bekannten. Sein Widerspruch war so heftig, dass er mit etwas erhobener Stimme ausrief: „Wie können wir gegen sie zu den Waffen greifen?“, obwohl der Gesandte Allahs (s.a.w.s.) gesagt hatte:

„Mir wurde befohlen, gegen die Menschen zu kämpfen, bis sie bezeugen, dass es keine Gottheit außer Allah gibt und dass Muhammad (s.a.w.s.) der Gesandte Allahs ist. Wer dies bezeugt, dessen Besitz und Leben werden vor mir sicher sein. Davon ausgenommen ist, wenn nach den islamischen Vorschriften ein Eingreifen erforderlich ist. In diesem Fall liegt die Entscheidung über ihre Absichten vollständig bei Allah.“ Darauf antwortete Abu Bakr (r.a.) mit voller Entschlossenheit: „Bei Gott! Ich werde gegen jeden kämpfen, der zwischen dem Gebet und der Zakat unterscheidet. Denn die Zakat ist ein festgelegtes Recht am Vermögen.“ Sofort rief Umar (r.a.) aus: „Bei Gott! Ich habe erkannt, dass Allah Abu Bakrs Brust für den Kampf geöffnet hat. Nun habe auch ich erkannt, dass dies der richtige Weg ist.“

Mit diesem großartigen, wegweisenden Beschluss setzte er in der Geschichte einen Grundsatz des Islam in die Tat um. Er bewies, dass es rechtmäßig ist, sogar Krieg zu führen, um die Rechte für die Gesellschaft einzufordern, die Allah am Vermögen in dem von Ihm bestimmten Maß und nach der von Ihm festgelegten Ordnung festgesetzt hat.

Abu Bakr (r.a.) folgte dem Vorgehen des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) bei der Verwendung der Mittel aus Zakat, Beute, Fai und Ähnlichem für die festgelegten Zwecke. Für sich selbst nahm er die für die muslimische Allgemeinheit festgesetzte gewöhnliche Besoldung an, die lediglich zwei Dirham täglich betrug. Danach zahlte er dem Volk die festgesetzten Besoldungen aus. Anschließend verwendete er die verbleibenden Mittel für militärische Zwecke.

In der Zeit von Hazrat Abu Bakr kam es in einer weiteren Angelegenheit zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen ihm und Hazrat Umar. Hazrat Abu Bakr war der Ansicht, dass bei der Verteilung des Vermögens allen – sowohl denjenigen, die den Islam zuerst angenommen hatten, als auch denjenigen, die ihn später angenommen hatten, sowohl Freien als auch Sklaven, sowohl Männern als auch Frauen – ein gleicher Anteil gegeben werden sollte. Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, und eine Gruppe der Sahaba waren dagegen dafür, denjenigen, die sich zuerst dem Islam zugewandt hatten, entsprechend ihrer Rangfolge den Vorrang zuzuerkennen. Hazrat Abu Bakr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte zu ihnen: „Über die Vorzüglichkeit und den Vorrang, von denen ihr sprecht, bin ich sehr wohl informiert. Doch in Wirklichkeit handelt es sich um eine Angelegenheit, deren Lohn Allah, der Erhabene, im Jenseits gewähren wird. Hier dagegen geht es um eine wirtschaftliche Angelegenheit. Dabei ist das Prinzip der Gleichheit dem Prinzip des Vorrangs vorzuziehen.“

Tatsächlich wurde die Befolgung dieses Prinzips der Gleichheit fortgesetzt, und je mehr die Einnahmen allmählich zunahmen, desto mehr führte sie die Muslime in gleichem Maße auf den Weg des Wohlstands und der Blüte. Schließlich kam die Zeit von Umar ibn al-Chattab, möge Allah mit ihm zufrieden sein. Auch damals vertrat er noch dieselbe Ansicht. Er sagte: „Ich kann jemandem, der gegen den Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gekämpft hat, nicht denselben Rang geben wie jemandem, der an der Seite des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, gekämpft hat.“

Eines Tages kam Abu Huraira, möge Allah mit ihm zufrieden sein, der Statthalter von Bahrain, mit großen Geldsummen und Vermögenswerten zum Kalifen. Seinen eigenen Worten zufolge: „Am Abend traf ich Umar mit fünfhunderttausend Dirham. Ich sagte: ‚Amir al-Mu’minin! Hier ist das Geld.‘ Er fragte: ‚Wie viel Geld?‘ Ich sagte: ‚Fünfhunderttausend Dirham.‘ Er sagte: ‚Weißt du überhaupt, wie viel fünfhunderttausend sind?‘ Ich sagte: ‚Ja, fünfhunderttausend.‘ Doch er wollte es nicht glauben. Er sagte: ‚Es scheint, als sei dein Verstand nicht ganz gesund. Geh und ruh dich heute Nacht aus. Komm morgen früh wieder.‘ Ich ruhte mich die ganze Nacht aus, kam am Morgen wieder und sagte: ‚Amir al-Mu’minin! Nehmen Sie das Geld.‘ Er fragte erneut: ‚Ist dieses Geld auf rechtmäßige Weise erworben worden?‘ Ich sagte: ‚Soweit ich weiß, wurde es auf rechtmäßige Weise erworben.‘ Darauf wandte sich Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, an die Anwesenden und sagte: ‚Brüder! Zu uns ist viel Geld gelangt. Teilt es unter euch auf, wie ihr wollt – indem ihr es messt und zählt oder indem ihr es wiegt.‘ Da stand ein Mann auf und sagte: ‚Amir al-Mu’minin, legen Sie wie üblich ein Verzeichnis an und verteilen Sie es entsprechend den Angaben dieses Verzeichnisses unter den Menschen.‘ Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, gefiel dieser Vorschlag. Er setzte für jeden Muhadschir fünftausend, für jeden Ansar dreitausend und für jede Ehefrau des Propheten, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, zwölftausend Dirham fest.“

Wir haben diese Überlieferung hier angeführt, damit Hazrat Umars, möge Allah mit ihm zufrieden sein, Grundsatz hinsichtlich der Gewährung von Vorrang deutlich wird. Außerdem vermittelt sie eine zutreffende Vorstellung vom damaligen Überfluss. Eine halbe Million Dirham erschien damals wie ein Traum, sodass es schien, als könne kein vernünftiger Mensch von einer solchen Summe sprechen. In der späteren Zeit änderte sich die Lage infolge großer Eroberungen jedoch vollständig.

Im Kitab al-Charadsch schreibt Imam Abu Yusuf, möge Allah ihm barmherzig sein: „Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, sagte: ‚Bei Allah! Jeder Bürger hat Anspruch auf diesen Reichtum – auf den Reichtum des Bayt al-Mal. Niemand hat darin mehr Anspruch als ein anderer. In dieser Angelegenheit bin ich ebenso wie ihr. Der Unterschied in unserem Rang wird jedoch im Licht des Buches Allahs und entsprechend dem Maß unserer Begleitung des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, bestimmt. Es muss berücksichtigt werden, wie viel Leid, Mühsal und Opfer jeder für den Islam auf sich genommen hat und wie früh er den Islam angenommen hat; auch Wohlstand oder Armut während seines Lebens als Muslim werden berücksichtigt. Bei Allah! Wenn ich am Leben bleibe, wird selbst der Schafhirte in den Bergen von Sana seinen ihm zustehenden Anteil am Reichtum erhalten können, ohne Mühe und ohne seinen Platz verlassen zu müssen.‘“

„Für jeden Teilnehmer an der Schlacht von Badr setzte er eine jährliche Zuwendung von fünftausend Dirham fest, für jeden Teilnehmer an der Schlacht von Uhud und jeden Auswanderer nach Abessinien eine jährliche Zuwendung von viertausend Dirham und für jedes Kind eines Badr-Kämpfers zweitausend Dirham. Für Hazrat Hasan, möge Allah mit ihm zufrieden sein, und Hazrat Husain, möge Allah mit ihm zufrieden sein, setzte er eine jährliche Zuwendung von fünftausend Dirham fest. Für jeden, der vor der Eroberung Mekkas ausgewandert war, setzte er jährlich dreitausend Dirham fest, für diejenigen, die nach der Eroberung Mekkas den Glauben angenommen hatten, zweitausend Dirham pro Person, und für die jungen Söhne der Ansar und der Muhadschirun ebenfalls entsprechende Zuwendungen. Bei der Festsetzung der Zuwendungen für die gewöhnlichen Muslime nahm er deren gesellschaftlichen Rang, ihre Kenntnis des Korans und ihren Dschihad auf dem Weg des Islam als Maßstab. Alle übrigen stellte er in eine Reihe. Jedem Muslim, der nach Medina kam und sich dort niederließ, wurde eine Zuwendung von fünfundzwanzig Dinar festgesetzt. Für die Bewohner des Jemen waren ebenso wie für die Bewohner Syriens und des Irak Zuwendungen von zweitausend, eintausend, neunhundert, fünfhundert und dreihundert Dirham festgesetzt. Niemand erhielt weniger als dreihundert. Er sagte: ‚Wenn der Reichtum noch weiter zunimmt, werde ich für jeden viertausend Dirham festsetzen: eintausend für seine Reise, eintausend für Waffen, eintausend, die er für den Unterhalt seiner Familie zurücklässt, und eintausend für sein Pferd und sein Maultier.‘“ (Al-Faruq Umar, Band zwei; Dr. Muhammad Husain Haikal)

Den Grundsatz, den Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, bei der Festsetzung der Zuwendungen aufstellte, hielt er bei einigen Personen für nicht anwendbar. Diesen Personen gewährte er höhere Zuwendungen als anderen Menschen gleichen Ranges.

Für Umar ibn Abi Salama setzte er viertausend Dirham fest. Er war der Sohn von Umm al-Mu’minin Umm Salama. Muhammad ibn Abdullah ibn Dschahsch erhob dagegen Einwand und sagte zum Amir al-Mu’minin: „Auf welcher Grundlage geben Sie Umar den Vorrang vor uns? Ebenso wie sein Vater hatten auch unsere Väter die Hidschra vollzogen und an der Schlacht von Badr teilgenommen.“ Der Amir al-Mu’minin antwortete ihm: „Ich gebe ihm den Vorrang aufgrund seines Ranges beim Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm. Wer in dieser Angelegenheit bei mir Einwand erhebt, soll eine Mutter wie Umm Salama vorweisen; dann werde ich seine Forderung anerkennen.“ Für Usama ibn Zaid setzte er viertausend Dirham fest. Darauf sagte Abdullah ibn Umar: „Sie haben für mich dreitausend festgesetzt, für Usama aber viertausend. Dabei habe ich an vielen Schlachten teilgenommen, an denen Usama nicht teilgenommen hat.“ Hazrat Umar, möge Allah mit ihm zufrieden sein, antwortete ihm: „Ich habe ihm mehr gegeben, weil er dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lieber war als du. Auch sein Vater war dem Gesandten Allahs, Allahs Segen und Frieden seien auf ihm, lieber als dein Vater.“ Für Asma bint Umais, die Ehefrau von Hazrat Abu Bakr, möge Allah mit ihm zufrieden sein, setzte er eintausend Dirham fest, ebenso für Umm Kulthum bint Uqba eintausend Dirham und für die Mutter von Abdullah ibn Mas’ud eintausend Dirham. Diesen Frauen gab er mehr als anderen Frauen gleichen Ranges, weil die Männer, deren Ehefrauen oder Mütter sie waren, gegenüber anderen Männern einen Vorrang besaßen.“(Al-Faruq Umar, Band zwei, Haikal)

Hier zeigen sich hinsichtlich der Verteilung des Vermögens zwei unterschiedliche Auffassungen von Abu Bakr und Umar. Umars Auffassung beruhte auf folgendem Grundsatz: „Diejenigen, die gegen den Gesandten Allahs Waffen erhoben haben, kann ich nicht denjenigen gleichstellen, die an seiner Seite kämpften.“ Außerdem gibt es im Islam eine Grundlage dafür, das Ertragen von Leid, Mühsal und Opfern auf dem Weg des Islam als Maßstab anzuerkennen. Diese Grundlage ist das Prinzip der Gleichheit zwischen Arbeit und Arbeitslohn. Ebenso beruhte auch Abu Bakrs Auffassung auf folgendem Grundsatz: „Die Menschen haben den Islam um Allahs willen angenommen, und ihre Belohnung liegt bei Ihm. Er wird ihnen am Tag der Auferstehung ihre volle Belohnung geben. In dieser Welt hat niemand Anspruch auf mehr als die Befriedigung seiner grundlegenden Bedürfnisse.“

Doch ohne jedes Zögern werden wir der Auffassung von Abu Bakr den Vorzug geben, denn sie trägt am meisten dazu bei, die Gleichheit unter den Muslimen zu verwirklichen. Es ist wohlbekannt, dass die Gleichheit zu den wichtigsten Grundprinzipien des Islam gehört. Dieses Prinzip trägt auch am meisten dazu bei, vor den schrecklichen Folgen bewahrt zu bleiben, die aus der Annahme des Prinzips der Ungleichheit entstanden waren. Der Reichtum einer bestimmten Gruppe hatte sich vermehrt und nahm durch Gewinne Jahr für Jahr immer weiter zu. Aus wirtschaftlicher Sicht ist allgemein bekannt, dass der durch Gewinne wachsende Reichtum im Verhältnis zum Wachstum des Kapitals weit stärker zunimmt. Als Umar die schrecklichen Folgen der von ihm befolgten Politik sah, gelobte er gegen Ende seines Lebens, dass er, falls er bis zum nächsten Jahr leben sollte, die Bezüge aller gleichmachen würde. Zu dieser Zeit wurde seine folgende Äußerung sehr bekannt:

„Wenn ich die Möglichkeit hätte, einige der Entscheidungen, die ich früher getroffen habe, rückgängig zu machen, würde ich den Wohlhabenden den Überschuss ihres Vermögens nehmen und ihn unter den Armen verteilen.“

Doch bedauerlicherweise verging die Zeit, und die Situation geriet außerhalb seiner Kontrolle. Die Übel, die aus der diskriminierenden Verteilungspolitik hervorgingen, beeinträchtigten das Gleichgewicht der gesamten islamischen Gesellschaft. Als danach Marwans willkürliche Handlungen begannen und Uthman sie weiterhin duldete, geriet die Gesellschaft in eine schwere Katastrophe.

Als Umar die Nachteile der Verteilung des Vermögens nach Rang und Ansehen sah, gab er seine eigene Auffassung auf und übernahm die Auffassung Abu Bakrs. Auch Ali vertrat dieselbe Auffassung wie der erste Kalif.

Hier ist anzumerken, dass wir das Kalifat Alis als die natürliche Fortsetzung des Kalifats der ersten beiden Kalifen betrachten. Die Zeit Uthmans hingegen betrachten wir als eine Lücke, die eine Trennmauer zwischen Ali und den beiden vorherigen Kalifen errichtete. Denn zu jener Zeit war Marwan der eigentliche Leiter der Regierung. Daher werden wir nun über Ali sprechen und anschließend über die Zeit Uthmans.

Ali übernahm bei der Verteilung der Bezüge das Prinzip der Gleichheit. In seiner ersten Ansprache erklärte er unmissverständlich:

„Hört zu! Jeder unter den Ansar oder den Muhadschirun, den Gefährten des Gesandten Allahs, der meint, aufgrund seiner Gemeinschaft mit dem Gesandten Allahs Vorrang und Vorzug vor den anderen zu besitzen, soll wissen, dass er diesen Vorrang am Tag der Auferstehung bei Allah erhalten und dort auch seine Belohnung dafür bekommen wird. Versteht dies gut! Wer dem Ruf Allahs und Seines Gesandten folgt, unsere nationale Eigenständigkeit anerkennt, unsere Lebensordnung annimmt und sich unserer Gebetsrichtung zuwendet, auf dem ruhen alle Rechte und Pflichten des Islam. Ihr alle seid Diener Allahs, und all dieser Besitz gehört Allah. Er wird unter allen gleichmäßig verteilt werden. In dieser Angelegenheit wird niemand vor einem anderen bevorzugt. Für die Gottesfürchtigen jedoch hält Allah eine bessere Belohnung bereit.“

Das ist die wahrhaft islamische Ordnung; sie stimmt vollkommen mit dem Ideal der Gleichheit im Islam überein. Sie gewährleistet die Wahrung des Gleichgewichts in der islamischen Gesellschaft, und nach ihr kann Vermögen nur durch harte Arbeit und ernsthafte Anstrengung vermehrt werden. Dieses Prinzip lässt keinen Raum dafür, jemandem für gewinnbringende Tätigkeiten durch die Bereitstellung größerer Geldmittel mehr Möglichkeiten und Vorteile als anderen zu verschaffen.

Hazrat Umar wollte gegen Ende seines Lebens nach diesem Prinzip handeln, doch er bekam keine Zeit dazu. Durch sein plötzliches Märtyrertum konnte er seine beiden Vorhaben nicht verwirklichen. Das eine war, den Reichen ihren überschüssigen Besitz zu nehmen und ihn unter den Armen zu verteilen. Denn dieser überschüssige Besitz hatte sich ausschließlich infolge der ungerechten Verteilung öffentlicher Gelder angehäuft. Sein zweites Vorhaben war, bei der Verteilung des Vermögens das Prinzip der Gleichberechtigung einzuführen.

Als Hazrat Uthman Kalif wurde, sah er keine Notwendigkeit, auch nur eine dieser beiden Entscheidungen umzusetzen. Er beließ das überschüssige Geld in den Händen seiner Besitzer und hielt auch bei der Verteilung der Zuwendungen an der Ungleichheit fest. Darüber hinaus machte er ihnen weiterhin großzügige Geschenke. Das Ergebnis war, dass die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer wurden. Zwar gelangten auch die Armen bisweilen zu Wohlstand. Er gewährte sogar Menschen, denen es keineswegs an Reichtum mangelte, große finanzielle Unterstützung. Den Quraisch gewährte er uneingeschränkte Möglichkeiten, überall auf der Welt Handel zu treiben. Er gestattete den großen Reichen außerdem, in der Region Sawad oder im Ausland Gebäude und Grundstücke zu erwerben. Infolgedessen entstand gegen Ende seines Kalifats in der gesamten muslimischen Gesellschaft eine gewaltige Ungleichheit bei der Verteilung des Vermögens. Möge Allah ihm Barmherzigkeit erweisen.

Hazrat Abu Bakr und nach ihm Hazrat Umar setzten den Grundsatz äußerst streng um, dass sie eine beträchtliche Gruppe der führenden Quraisch dazu zwangen, dauerhaft in Medina zu wohnen. Daher erlaubten Hazrat Abu Bakr und Hazrat Umar ihnen nicht, sich in den eroberten Gebieten frei zu bewegen. Denn aufgrund ihrer Nähe zum Gesandten Allahs, ihrer Opfer und Aufopferung für den Islam sowie ihres Vorrangs im Dschihad könnten die Menschen ihnen besondere Verehrung und Zuneigung entgegenbringen, woraufhin in diesen Personen das Verlangen nach Reichtum, Einfluss und hohen Ämtern entstehen könnte. Dies kann jedoch nicht als Verstoß gegen das islamische Prinzip der individuellen Freiheit bezeichnet werden. Denn im Islam ist die individuelle Freiheit an die Bedingung des größeren Wohls der Gesellschaft gebunden. Als die Zeit Hazrat Uthmans anbrach, gewährte er ihnen überall uneingeschränkte Bewegungsfreiheit. Darüber hinaus ermutigte er sie, in den eroberten Ländern Häuser und Grundstücke zu erwerben. Und dies tat er, nachdem er ihnen bereits Hunderttausende von Dirham gegeben hatte.

Zweifellos geschah all dies als Ausdruck eines großzügigen und freundlichen Umgangs mit den Muslimen, insbesondere mit den muslimischen Führern. Doch diese Politik hatte äußerst verhängnisvolle Folgen. Diese Folgen waren Abu Bakr und Umar nicht verborgen geblieben. Dadurch entstand in der muslimischen Gesellschaft eine gewaltige wirtschaftliche und soziale Ungleichheit. In der Gesellschaft bildete sich eine träge und untätige Klasse heraus. Trotz ihrer äußersten Untätigkeit war ihr Reichtum grenzenlos. Ohne jede Anstrengung führten sie im Sitzen ein äußerst behagliches Leben.

Auf diese Weise erhob sich der Luxus erneut. Dabei hatte der Islam diesem Luxus durch seine Gesetze und seine Grundsätze unablässig den Kampf angesagt. Auch die beiden Kalifen vor Hazrat Uthman kämpften dagegen und bemühten sich, ihn unter allen Umständen daran zu hindern, wieder aufzuleben. Als die Lage diesen Punkt erreicht hatte, brach bei einigen Menschen die islamische Lebenskraft hervor. Die bedeutendste Gestalt unter ihnen war Hazrat Abu Dharr. Er war der freimütigste und revolutionärste von ihnen.

Bedauerlicherweise hat Dar al-Ifta in Ägypten vor Kurzem eine Fatwa erlassen, in der es versuchte, durch die Bezeichnung von Hazrat Abu Dharrs Grundsätzen als irrig den Anspruch zu erheben, den Islam besser zu verstehen als Abu Dharr. Die Religion Gottes scheint ihnen zu einem Handelsgut geworden zu sein.

Abu Dharr stellte sich mit voller Kraft gegen den Luxus der Oberschicht der muslimischen Gesellschaft. Denn dieser war dem Islam völlig entgegengesetzt. Wegen ihrer Unterstützung dieses Luxus kritisierte er die Banu Umayya und Hazrat Muawiya. Denn infolge dieser Politik nahm ausschließlich der Reichtum der Reichen und der Luxus der Wohlhabenden weiter zu.

Abu Dharr (r.a.) erfuhr, dass Hazrat Uthman (r.a.) Marwan ein Fünftel der Einnahmen aus Afrika, al-Harith zweihunderttausend Dirham und Zaid ibn Thabit einhunderttausend Dirham geschenkt hatte. Dies war für sein Gewissen unerträglich. Er protestierte heftig dagegen und hielt auf einer öffentlichen Versammlung folgende Rede:

„Heutzutage werden Dinge getan, die mein Verstand nicht begreifen kann. Bei Gott! Für all diese Dinge gibt es weder im Koran Allahs noch in den Hadithen des Gesandten irgendwo eine Grundlage. Bei Gott! Ich sehe ganz deutlich, dass die Wahrheit mit Füßen getreten, das Falsche wiederbelebt, wahrhaftige Menschen zu Lügnern erklärt und Menschen ohne Gottesfurcht und Taqwa bevorzugt werden. O ihr Wohlhabenden! Behandelt die Armen freundlich. Verkündet denen, die Geld und Besitz anhäufen und ihn nicht auf Allahs Weg ausgeben, dass ihre Stirn, ihr Rücken und ihre Seiten mit Feuer gebrandmarkt werden. O ihr Kapitalbesitzer! Wisst, dass am Vermögen drei Teilhaber beteiligt sind: Erstens: das Schicksal.। Es kann euch jederzeit durch Zerstörung oder Tod ohne eure Erlaubnis euer Vermögen entreißen. Zweitens: der Erbe.। Er wartet ständig darauf, dass sich deine Augen schließen, um dein Vermögen an sich zu nehmen. Drittens: dein Anspruch.। Wenn du nicht der schwächste Teilhaber unter diesen dreien sein willst, dann musst du dich unbedingt darum bemühen. Allah, der Erhabene, sagt:

„Ihr werdet niemals das wahre Wohl erlangen, solange ihr nicht das Liebste von eurem Besitz auf Allahs Weg ausgebt.“ Freunde! Ihr habt nun angefangen, seidene Vorhänge und Samtkissen zu benutzen. Heutzutage ist es für euch beschwerlich geworden, auf Matratzen aus Aserbaidschan zu schlafen. Dabei schlief der Gesandte Allahs (s.a.w.) nur auf einer Matte. Ihr esst heute verschiedenartige Speisen, während der Gesandte Allahs (s.a.w.) nicht einmal genug Gerstenbrot bekam, um sich satt zu essen.“

Malik ibn Abdullah ibn Ziyad berichtet, dass Abu Dharr (r.a.) einmal den Wunsch äußerte, Hazrat Uthman (r.a.) zu treffen. Als dieser ihn zu einem Treffen rief, erschien Abu Dharr (r.a.) mit einem Stock in der Hand am Hof. Zu dieser Zeit fragte Hazrat Uthman (r.a.) den Gefährten namens Ka’b: „Ka’b, Abd ar-Rahman ist verstorben. Er hat viel Geld hinterlassen. Was ist deine Meinung dazu?“ Ka’b sagte: „Wenn er daraus Allahs Recht entrichtet hat, darf man darin nicht weiter eingreifen.“ Kaum hatte Abu Dharr (r.a.) dies gehört, hob er seinen Stock und versetzte Ka’b einen Schlag. Er sagte: „Ich hörte den Gesandten Allahs (s.a.w.) sagen:

„Wenn ich Gold im Umfang dieses Berges besäße, es auf Allahs Weg ausgäbe und Allah es fortwährend annähme, dann würde ich nicht einmal vorziehen, daraus sechs Uqiyya Gold zurückzubehalten.“ Nachdem er diesen Hadith überliefert hatte, beschwor er Hazrat Uthman (r.a.) dreimal bei Gott und fragte ihn: „Haben Sie diesen Hadith gehört?“ Er sagte: „Ja!“ (Hadith Nr. 453 – Musnad Ahmad)

Marwan und Muawiya (r.a.) konnten solche eindringlichen Appelle nicht ertragen. Daher stachelten sie Hazrat Uthman unablässig gegen ihn auf. Schließlich musste Abu Dharr ohne ein angemessenes, schariagemäßes Vergehen ins Exil gehen und nach Rabdha übersiedeln.

Dieser erhabene Appell ging von einem wachen Gewissen aus, das sich trotz des grenzenlosen Reichtums im Land nicht von der Geldgier überwältigen ließ. Damals war die Konzentration des Vermögens so offenkundig geworden, dass die islamische Gesellschaft in verschiedene Klassen zerfiel und die wichtigsten Grundsätze des Islam kurz vor ihrer Aufhebung standen. Wir führen einige von Mas’udi überlieferte Beispiele für den damaligen finanziellen Überfluss an. Er berichtet:

„Während der Amtszeit Uthmans (r.a.) erwarben die Gefährten ein gewaltiges Vermögen. An dem Tag, an dem Uthman (r.a.) den Märtyrertod erlitt, befanden sich beim Schatzmeister eineinhalb Millionen Dinar und zehn Millionen Dirham in bar. Der Wert seiner Ländereien in Wadi al-Qura, Hunain und anderen Orten betrug eine Million Dinar. Darüber hinaus hinterließ er eine große Anzahl von Pferden und Kamelen. Nach dem Tod von Zubair (r.a.) belief sich allein der Wert eines seiner hinterlassenen Landgüter auf fünfzigtausend Dinar. Außerdem hinterließ er eintausend Pferde und eintausend Sklavinnen. Talha (r.a.) erzielte aus dem Irak täglich eintausend Dinar und aus Sarat noch höhere Einkünfte. Im Stall von Abd ar-Rahman ibn Awf standen eintausend Pferde; außerdem besaß er eintausend Kamele und zehntausend Ziegen und Schafe. Nach seinem Tod belief sich der Wert eines Viertels seines Vermögens auf vierundachtzigtausend Dirham. Zayd ibn Thabit hinterließ so viel Gold und Silber, dass man es mit einer Axt zerschlagen musste. Die von ihm hinterlassenen beweglichen und unbeweglichen Besitztümer sind darin noch nicht mitgerechnet. Zubair errichtete je einen Palast in Basra, Ägypten, Kufa und Alexandria. Ebenso errichtete Talha (r.a.) in Kufa einen gewaltigen Palast. Auch in Medina baute er aus Teakholz sowie Kalk und Mörtel ein großes Haus. Sa’d ibn Abi Waqqas errichtete in al-Aqiq einen hohen Palast mit einer geräumigen, von einer Kuppel überdachten Anlage. Miqdad baute innerhalb und außerhalb Medinas einen prächtigen, kunstvoll verzierten Palast. Ya’la ibn Munabbih hinterließ fünfzigtausend Dinar in bar sowie Ländereien im Wert von dreihunderttausend Dirham.“(Uthman – Ustadh Sadiq Urjun)

Während der Amtszeit Umars (r.a.) entstand dieser unausgewogene Überfluss an Reichtum als unvermeidliche Folge der unterschiedlichen Rangstufen bei der Verteilung des Vermögens. Umar (r.a.) war entschlossen, diese Politik und ihre Folgen zu beenden. Er hätte sie gewiss beendet, wenn ihm nicht ein Dolch in die Brust gestoßen worden wäre. Nach seinem Märtyrertod nahm dieser Überfluss allmählich weiter zu. Uthman (r.a.) setzte diese Politik fort, wodurch sich die Lage noch weiter verkomplizierte. Neben der ungleichen Verteilung trugen auch die Geschenke, Zuwendungen, Lehen und dergleichen, die Uthman (r.a.) vergab, dazu bei, die kapitalistischen Tendenzen in der muslimischen Gesellschaft zu verstärken. Danach traten mehrere Faktoren in Erscheinung, durch die der unausgewogene Überfluss an Reichtum ein unnatürliches Ausmaß annahm. Insbesondere die Zusammenlegung verschiedener verstreuter beweglicher und unbeweglicher Besitztümer sowie die Konzentration der Mittel und Möglichkeiten gewinnbringender Geschäfte in den Händen einer kleinen Gruppe führten zu einer umfassenden Ausbreitung kapitalistischer Tendenzen in der muslimischen Gesellschaft. Auch der Widerstand gegen und die Missachtung des tiefen und aufrichtigen Appells, der aus Abu Dharrs Herzen hervorgegangen war, ließen die Lage außer Kontrolle geraten. Wäre sein Appell erfolgreich gewesen und hätte er das Staatsoberhaupt für seine Auffassung gewinnen können, so hätte er die Fähigkeit besessen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Dadurch wäre Umars letzter Entschluss verwirklicht worden, den Reichen ihren überschüssigen Reichtum zu nehmen und ihn unter den Armen zu verteilen. Um die Nation vor dem Fluch des Kapitalismus zu bewahren, wäre ein solches Vorgehen des Staatsoberhaupts nicht nur völlig rechtmäßig, sondern im Interesse des größeren sozialen Wohls sogar zwingend geboten gewesen.

Auf der einen Seite konzentrierte sich der Reichtum. Im Leben der Angehörigen einiger weniger vornehmer Familien schwoll eine Flut des Wohlstands an. Auf der anderen Seite trafen Hunger, Armut und Verzweiflung mit gleicher Heftigkeit und Wucht das Leben der einfachen Menschen. Dadurch erhoben sich zwangsläufig Hass und Zorn. All diese Ursachen häuften sich ununterbrochen an und führten schließlich zum Beginn eines schrecklichen gewaltsamen Aufstands. Dieser Aufstand kam ausschließlich den Feinden des Islam zugute und kostete Uthman (r.a.) das Leben. Zugleich wurden der Frieden und die Sicherheit der muslimischen Umma schwer beeinträchtigt und sie in den tiefsten Strudel von Unordnung und Erregung gestürzt. Das Feuer dieser Unordnung erlosch erst, als die Lebenskraft des Islam selbst in diesem Feuer zu rauchen begann und die Umma von den grausamen Klauen einer despotischen Herrschaft erfasst wurde.

Als Ali (r.a.) nach Uthman (r.a.) die Politik der Gleichheit und der Gerechtigkeit übernahm, gerieten die kapitalistischen Kreise und diejenigen, die von der ungleichen Verteilung des Vermögens in großem Umfang profitiert hatten, in Wut; das war keineswegs unerwartet. Sie rieten Ali (r.a.), diese Politik aufzugeben, und äußerten die Befürchtung, dass sich andernfalls eine Rebellion gegen ihn erheben könnte. Angesichts des Lichtes der islamischen Lehre, das in seinem wachen Gewissen brannte, war seine Antwort ganz selbstverständlich: „Wollt ihr mir etwa raten, mein eigenes Volk zu unterdrücken und die Unterstützung eines anderen zu suchen? Selbst wenn dieses Vermögen mir gehörte, würde ich es gleichmäßig verteilen. Da es aber Allahs Vermögen ist, wie könnte ich darin ungerecht sein? Wisst, dass die ungerechte Vergabe von Vermögen unter Verschwendung fällt. Gewiss kann derjenige, der es vergibt, dadurch in dieser Welt ein gewisses Ansehen erlangen; im Jenseits wird ihn eine solche Politik jedoch unweigerlich erniedrigen.“

Die Banu Umayya verfolgten in Fragen der Finanzverwaltung eine andere Politik. Als schließlich die Zeit Umar ibn Abd al-Aziz’ anbrach, verfolgte er eine strenge Politik der Rückgabe unrechtmäßig erworbenen Vermögens und der Verhinderung von Verschwendung. Darüber haben wir bereits zuvor gesprochen. In dieser Zeit erhielten die Angehörigen der Banu Umayya bei den Geldern und Vermögenswerten des Bayt al-Mal die gleichen Rechte wie die übrigen Untertanen. Schmeichler, lobpreisende Dichter und Sänger hatten daran nun keinen Anteil mehr. Er brach alle Beziehungen zu den Dichtern ab und schaffte die Praxis ab, sie aus dem Bayt al-Mal zu belohnen.

Einmal trug der Dichter Jarir ein Gedicht zu seinem Lob vor. Umar ibn Abd al-Aziz sagte zu ihm: „Jarir! Bist du etwa ein Nachkomme der Muhajirun, sodass ich dir geben sollte, was ich ihnen gebe? Bist du ein Nachkomme der Ansar, sodass ich dir geben sollte, was ich ihnen gebe? Oder bist du ein armer Mensch, sodass ich anordnen sollte, dir etwas aus dem Fonds für die Sadaqa und Zakat deines Volkes zu geben?“

Er antwortete: „Amir al-Mu’minin! Ich bin keines von alledem. Vielmehr stamme ich aus der wohlhabendsten Familie. Die früheren Herrscher gaben mir als Belohnung viertausend Dirham sowie kostbare Kleidung und Reittiere. Ich habe mich daran gewöhnt, diese Dinge anzunehmen; deshalb bitte ich Euch um diese Belohnung.“

ʿUmar antwortete: „Jeder wird bei Allah den Lohn für seine eigenen Taten erhalten. Doch soweit ich weiß, hast du keinen Anspruch auf Allahs Vermögen (auf die Staatskasse). Warte jedoch, bis ich meine persönliche Zuwendung erhalte. Ich werde berechnen, wie viel der Lebensunterhalt meiner Familie im ganzen Jahr kostet. Ich werde so viel zurückbehalten, wie benötigt wird, und dir den Rest geben, falls etwas übrig bleibt.“ Jarīr sagte: „Nein, ich brauche nichts. Ich wünsche, dass Allah dem amīr al-muʾminīn noch mehr gebe und ihn noch mehr preise. Ich verabschiede mich völlig zufrieden.“ Er sagte: „Das ist für mich der angenehmste Weg.“ Als Jarīr von dort fortging, dachte ʿUmar: Vielleicht wird er mich doch noch tadeln. Dagegen sollte etwas unternommen werden. Daher befahl er, ihn erneut zurückzurufen. Als Jarīr kam, sagte er zu ihm: „Ich besitze vierzig Dinar und zwei Paar Kleidungsstücke. Während ich das eine Paar wasche, trage ich das andere. Die Hälfte dieser Dinge kann ich dir geben. Allah ist jedoch Zeuge, dass ʿUmar diese Dinge nötiger hat als du.“ Jarīr sagte: „Amīr al-muʾminīn! Möge Allah Ihnen noch mehr geben. Bei Gott, ich gehe frohen Herzens. Ich brauche diese Dinge nicht.“ Er sagte: „Gut! Da du nun bei deinem Schwur geblieben bist, möchte ich dir sagen: Dass du uns von der Not befreit hast, indem du dieses Gesuch und diese Belohnung nicht angenommen hast, hat mich mehr beeindruckt als deine Gedichte und dein Lob. Von nun an sei mein Freund.“

das Vermögen der Muslime wurde auf diese Weise bewahrt und seinen rechtmäßigen Anspruchsberechtigten zugeführt, so besteht kein Anlass, an dem Bericht der Überlieferer zu zweifeln, dass die Menschen im Zeitalter von ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz so wohlhabend geworden waren, dass niemand mehr zu finden war, der Zakat entgegennahm, denn sie hatten ihren ungerechten und gerechten Anspruch erhalten und waren hinsichtlich der Zakat frei von Bedürftigkeit geworden.।

Yaḥyā ibn Saʿd berichtet: „ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz entsandte mich nach Afrika, um Zakat und Ṣadaqa einzusammeln. Ich sammelte dort Zakat und Ṣadaqa ein und suchte nach armen Menschen, um sie zu verteilen. Doch ich fand dort keinen einzigen Armen. Niemand war bereit, Geld anzunehmen, denn ʿUmar ibn ʿAbd al-ʿAzīz hatte sie alle wohlhabend gemacht. Schließlich kaufte ich von diesem Geld Sklaven und schenkte ihnen die Freiheit.“

Tatsächlich entstehen Armut und Not ausschließlich durch die Konzentration des Reichtums. In jedem Zeitalter werden die Armen Opfer der Tyrannei, Unterdrückung und Ausbeutung durch die großen Kapitalbesitzer; diese großen Kapitalbesitzer treten durch umfangreiche Schenkungen, Zuwendungen, Belohnungen, Lehen, Ausbeutung, Unterdrückung und Profitgier in Erscheinung.

Unter der Herrschaft der Umayyaden und der ihnen folgenden Abbasiden war die Staatskasse für die Könige ebenso „halal“ geworden wie ihr eigenes Vermögen. In dieser Zeit wurden zwei getrennte Kassen eingerichtet: eine allgemeine Kasse und eine besondere Kasse. Über die Letztere war die Auffassung verbreitet, dass ihre Einnahmen und Ausgaben dem König vorbehalten seien. Häufig kam es jedoch vor, dass Mittel aus einem allgemeinen Haushaltsposten in die besondere Kasse eingezahlt wurden, während besondere Ausgaben aus der allgemeinen Kasse bestritten wurden.

Professor Adam Mez (Adam Mez) schreibt in seinem Buch „Die Renaissance des Islams“:

Für die Zuteilung von Zuwendungen und Ausgaben im Zusammenhang mit der Hauptstadt wurden Mittel aus der allgemeinen Kasse entnommen. Uns liegt ein historisches Dokument aus der Frühzeit des vierten Jahrhunderts vor, in dem die Einnahmeposten der besonderen Kasse ausführlich beschrieben werden:

1. Vom Vater für seine Kinder und Nachkommen hinterlassenes Vermögen: Es heißt, dass Hārūn ar-Raschīd mit 40,8 Millionen Dinar das größte Vermögen hinterließ. Al-Muʿtaḍid (279–289 n. H.) sparte während seiner Herrschaft jedes Jahr nach allen Ausgaben und Zuweisungen eine Million Dinar aus den besonderen Einnahmen. Auf diese Weise sammelten sich bei ihm neun Millionen Dinar an. Er hoffte, bei zehn Millionen Dinar daraus durch Einschmelzen einen großen Barren herzustellen. Um den Eindruck zu erwecken, dass er, da er zehn Millionen Dirham besaß, keine weitere Geldgier habe, beschloss er außerdem, diesen Barren in öffentlicher Audienz aufzuhängen. Er gelobte, bei einer Ersparnis von zehn Millionen Dirham der Bevölkerung für ein Jahr ein Drittel der Steuer zu erlassen. Doch noch bevor dieser Wunsch in Erfüllung ging, ereilte ihn der Tod.

Nach al-Muʿtaḍid kam die Zeit al-Muktafīs (289–295). Er steigerte die Einnahmen der Staatskasse auf vierzehn Millionen.

2. Die durchschnittlich jährlichen Einnahmen aus Persien und Kirman (nach Abzug der Ausgaben) beliefen sich von 299 bis 320 n. H. auf 23 Millionen Dinar aus Steuern und Einnahmen aus staatlichem Eigentum. Davon wurden vier Millionen in die allgemeine Staatskasse und die übrigen 19 Millionen in die Sonderkasse eingezahlt. Allerdings hielt man es für notwendig, davon die für dringende Bedürfnisse dieser Länder aufgewendeten Beträge abzuziehen. So gab er beispielsweise im Jahr 303 n. H. (915 n. Chr.) mehr als sieben Millionen aus, um diese Länder zu erobern.

3. Einnahmen aus Ägypten und Syrien: So wurde beispielsweise die von den Nichtmuslimen erhobene Dschizya in die Kasse des Kalifen eingezahlt, statt sie in die öffentliche Staatskasse einzuzahlen. Denn als Amīr al-Muʾminīn hatte er grundsätzlich einen rechtmäßigen Anspruch darauf.

4. Die Einkünfte abgesetzter Wesire, Sekretäre und Staatsbediensteter sowie deren beschlagnahmtes Eigentum: Außerdem wurde der Kalif Eigentümer der Einkünfte seiner kinderlosen Bediensteten und der kinderlosen Sklaven der königlichen Familie. Da sie gewöhnlich hochrangige und hochbezahlte Beamte waren, floss auf diese Weise eine gewaltige Summe in die Kasse des Kalifen.

5. Einnahmen aus Sawād, Ahwāz und anderen östlichen und westlichen Gebieten sowie Einnahmen aus staatlichem Eigentum: Auch diese wurden in die Sonderkasse eingezahlt.

6. Die von den Kalifen angesparten Gelder: So sparten die beiden letzten Kalifen des dritten Jahrhunderts n. H., al-Muʿtaḍid und al-Muktafī, jährlich eine Million Dinar. Auch al-Muqtadir sparte in ähnlicher Weise. Auf diese Weise belief sich der in fünfzehn Jahren angesparte Betrag auf 15 Millionen, also ungefähr die Hälfte des Vermögens des Kalifen Hārūn ar-Raschīd.

Aus dieser Darstellung wird deutlich, wie diese als „Kalifen“ bezeichneten Könige in das Vermögen der muslimischen Bevölkerung eingegriffen hatten und wie sehr sich die Struktur des Finanzwesens von den islamischen Grundsätzen entfernt hatte.

Einerseits hatten der Reichtum, die Vorliebe für Bequemlichkeit und der Luxus ihren Höhepunkt erreicht, andererseits waren die Szenen von Entbehrung, Hunger und Armut zugleich äußerst erschreckend. Da sich die islamische Gesellschaft von den islamischen Sitten und Regeln entfernt und von den islamischen Grundsätzen abgewandt hatte, war sie auf die unterste Stufe des Niedergangs gesunken.

Einige Grundprinzipien

Doch trotz alledem hat die praktische Handlungsweise des Islam auf dem Gebiet des Wirtschaftssystems zahlreiche Grundprinzipien festgelegt. Es ist das größte Unglück der Menschheit, dass der Islam bereits in seiner Frühzeit durch die umayyadischen Herrscher Entstellung und Verfall ausgesetzt wurde. Dennoch hat die islamische Geschichte gezeigt, wie viele islamische Ideale in die Praxis umgesetzt werden können.

Die tatsächliche Geschichte hat endgültig festgestellt, dass:

1. Im Islam sind die Armen eher als die in islamischen Angelegenheiten Vorangegangenen berechtigt, Mittel aus dem Bayt al-Mal zu erhalten। Im Musnad Ahmad wird überliefert: „Adi ibn Hatim berichtet: Ich begab mich mit einigen Angehörigen meines Stammes zu Umar ibn al-Khattab. Er war gerade dabei, einigen Männern aus diesem Stamm jeweils zweitausend als Unterhalt festzusetzen. Adi sagt: Ich trat erneut vor ihn. Dennoch schenkte er mir keine Beachtung. Ich trat wieder vor ihn, doch noch immer beachtete er mich nicht. Ich sagte: ‚Amir al-Mu’minin! Erkennst du mich nicht?‘ Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, brach in herzliches Lachen aus. Dann sagte er: ‚Bei Gott! Ich kenne dich sehr wohl. Als alle am Unglauben festhielten, nahmst du den Glauben an. Während andere zurückwichen, schrittest du voran. Während viele treulos handelten, zeigtest du aufrichtige Loyalität. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass das erste Zakat-Geld, bei dessen Anblick die Gesichter des Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, und der Gefährten vor Freude erstrahlten, das Zakat-Geld dieses Stammes war. Ich selbst hatte dieses Geld zum Gesandten Allahs gebracht.‘ Danach begann Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, sich damit zu rechtfertigen, dass er aus diesem Geld nur für jene Menschen einen Unterhalt festgesetzt habe, die darunter litten, dass sie ihre Angehörigen nicht ernähren konnten und deshalb Hunger erduldeten. Denn sie waren die führenden Männer des Stammes.“

Dass diese Aussage von Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, stammt, der die Vorangegangenen in den Angelegenheiten des Islam bevorzugte, ist äußerst bedeutungsvoll und beweist vieles. Tatsächlich ist in der islamischen Gesellschaft das „Bedürfnis“ die allererste Grundlage des Anspruchs. Aus diesem Grundprinzip wird ersichtlich, wie großer Feind der Islam von Armut und Bedürftigkeit ist und welch höhere Bedeutung er den Bemühungen zu ihrer Beseitigung gegenüber allen anderen Anstrengungen beimisst.

2. Der Islam ist keinesfalls bereit hinzunehmen, dass eine Gesellschaftsschicht sich dem wilden Strom grenzenlosen Überflusses hingibt, während eine andere Schicht benachteiligt, mittellos und völlig entrechtet bleibt। In einer solchen Lage erteilt der Islam der Regierung die uneingeschränkte Befugnis, zur Korrektur der Verhältnisse entsprechend der jeweiligen Situation Maßnahmen zu ergreifen. Dies ist ein Grundprinzip, das historisch vom Gesandten Allahs, Allahs Segen und Friede seien auf ihm, belegt ist. Er verteilte die gesamten aus den Banu Nadir eingezogenen Fai-Mittel ausschließlich unter den armen Muhajirun, damit bereits bei der ersten Gelegenheit ein gewisses Gleichgewicht in der islamischen Gesellschaft hergestellt würde. Nur zwei arme Ansar schloss er ihnen an. Danach trat der Koran hervor, um dieses historische Beispiel zu bekräftigen:

„Damit der Reichtum nicht nur unter den Wohlhabenden unter euch im Umlauf sei.“

Dieses Beispiel ist äußerst bedeutungsvoll und wichtig. In seinem Licht hat eine muslimische Regierung, die gemäß den Anordnungen Allahs regiert, stets die Befugnis, Bedürftige und Arme aus dem Bayt al-Mal in angemessenem Umfang zu unterstützen, um ein wirtschaftliches Gleichgewicht in der muslimischen Gesellschaft herzustellen. Es ist die unabdingbare Pflicht der Regierung, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, damit zwischen den verschiedenen Gesellschaftsschichten keine Ungleichheit fortbesteht, die das allgemeine Gleichgewicht beeinträchtigt.

3. Eine Differenzierung der Steuersätze entsprechend der Leistungsfähigkeit und Bedürftigkeit ist unerlässlich। Bei der Erhebung der Jizya von Nichtmuslimen wurden für die Angehörigen ihrer verschiedenen Schichten folgende Steuersätze festgelegt:

a. Wohlhabende: jährlich 48 Dirham pro Kopf.

b. Mittlere Schicht: jährlich 24 Dirham pro Kopf.

c. Arme Arbeiter: jährlich 12 Dirham pro Kopf.

Vollkommen Mittellosen, Bankrotten, Arbeitsunfähigen sowie körperlich oder geistig behinderten Personen wurde die Jizya erlassen. Nur freie, geistig gesunde Männer mussten Jizya zahlen. Frauen und Kinder mussten keine Jizya zahlen.

In einem Dürrejahr entsandte Umar (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) keine Beamten, um die Zakat einzuziehen; vielmehr setzte er die Erhebung der Zakat bis zum Ende der Dürre aus. Nach dem Ende der Dürre entsandte er Einnehmer und verlangte von den leistungsfähigen Menschen die doppelte Zakat. Der eine Teil bezog sich auf das Dürrejahr, der zweite auf das laufende Jahr. Die Unfähigen erließ er. Danach wies er an, dass der Einnehmer den einen Teil der von ihm eingezogenen doppelten Summe den genannten Unfähigen zukommen lassen und den anderen Teil in die Hauptstadt bringen solle.

4. Es war verboten, Steuern unter Anwendung von Gewalt oder dadurch einzuziehen, dass man jemanden der für seinen Lebensunterhalt notwendigen Mittel beraubte। Ali (Allahs Wohlgefallen sei auf ihm) wies einen seiner Beamten an: „Wenn du zu ihnen gehst, darfst du zur Einziehung der Steuern weder ihre Sommer- oder Winterkleidung, ihre Lebensmittel oder ihre Reittiere verkaufen, noch jemanden auch nur einmal mit der Peitsche schlagen oder jemanden auch nur auf einem Bein stehen lassen, ganz gleich, wie viel an Grundsteuer oder sonstigen Steuern noch aussteht. Denn uns wurde nur befohlen, von der Allgemeinheit das einzuziehen, was über ihren Bedarf hinausgeht.

5. Neben dem Grundsatz „jedem nach Maßgabe seines Opfers“ ist auch der Grundsatz „jedem nach Maßgabe seines Bedarfs“ unbedingt anzuwenden। Der edle Prophet (s.a.w.) bestimmte aus der Kriegsbeute einen Anteil für Unverheiratete und zwei Anteile für Verheiratete. Daraus geht hervor, dass bei der Festsetzung von Bezügen neben der Anstrengung auch der Bedarf berücksichtigt werden muss. Denn andernfalls ist klar, dass Verheiratete und Unverheiratete beim Dschihad die gleiche Anstrengung leisten müssen. Nur weil der Bedarf eines Verheirateten doppelt so groß ist, wurde ihm ein doppelter Bezug gewährt. Daraus geht ferner hervor, dass allein der „Bedarf“ im Islam ein eigenständiges Mittel zum Erwerb von Eigentum sein kann. Dieses Grundprinzip ist für die „soziale Sicherheit“ äußerst wichtig.

6. Bestimmung sozialer Sicherung für jede arbeitsunfähige und bedürftige Person। Hazrat Umar (r. a.) setzte für jedes neugeborene Kind ein Stipendium von einhundert Dirham fest. Sobald das Kind etwas älter war, erhielt es zweihundert Dirham, und nach Erreichen der Volljährigkeit wurde ihm noch mehr gegeben. Für ein aufgefundenes Kind wurden einhundert Dirham und für die Person, die es aufzog, eine zusätzliche Beihilfe gewährt. Die Kosten für das Stillen des Kindes und dessen sonstigen Unterhalt wurden aus dem „Bayt al-Mal“ getragen; sobald es erwachsen war, erhielt es dieselbe Beihilfe wie die anderen Kinder.

Diese Freigebigkeit Hazrat Umars war in Wirklichkeit eine unmittelbare Folge der Freigebigkeit des Islam, denn ein auf der Straße aufgefundenes Kind ist seinerseits völlig unschuldig. Es trägt nicht das geringste Maß an Verantwortung für die Sünden seiner schuldigen Eltern. Wir haben bereits erwähnt, dass Hazrat Umar (r. a.) blinden jüdischen und christlichen Aussätzigen Unterstützung aus dem „Bayt al-Mal“ zugewiesen hatte. Auch in Umars (r. a.) Wesen galt die Freigebigkeit allen Menschen, nicht nur den Muslimen. Dies ist eine Maßnahme sozialer Sicherung gegen Bedürftigkeit, Arbeitsunfähigkeit und Entbehrung.

7. Die Klärung der grundlegenden Frage „Woher wurde das Vermögen erworben?“ ist äußerst wichtig। Denn die muslimische Gesellschaft hat das Recht zu fragen, ob das Vermögen, über das ein Herrscher verfügt, tatsächlich das Vermögen der Nation oder sein eigenes ist; in dieser Angelegenheit gibt es für ihn keine Möglichkeit, sich der Rechenschaftspflicht gegenüber dem Volk zu entziehen. Durch die Festlegung dieses Prinzips der Rechenschaftspflicht wurde die Staatskasse weitgehend vor Eingriffen der Verwaltungsbeamten geschützt. Bevor ein Herrscher etwas derartiges tut, muss er mehr als einmal darüber nachdenken. Hazrat Umar (r. a.) verfuhr mit all seinen Gouverneuren auf diese Weise. Auch Hazrat Ali wandte in manchen Fällen ein solches Prinzip an.

8. Das Zakat-System wurde selbst in jener dunkelsten Epoche der Geschichte nicht ausgesetzt obwohl jene Epoche weit von der Lebenskraft des Islam entfernt war. Nach dem Krieg gegen die Abtrünnigen zu Beginn der Zeit Hazrat Abu Bakrs (r. a.) hat bis heute kein einziger Mensch die Zakat weder mündlich noch praktisch geleugnet. Erst in unserer Zeit, als die westliche Zivilisation den Siegesplatz einnahm, verschwand infolgedessen auch die Zakat, der letzte der islamischen Grundsätze, aus dem praktischen Leben der muslimischen Gesellschaft.

9. Allgemeines System sozialer Sicherung: Nach diesem System werden die Bewohner jeder Ortschaft für jeden Menschen verantwortlich gemacht, der dort verhungert. Nach dem Strafrecht fällt diese Verantwortung auf sie. Für einen auf diese Weise verstorbenen Menschen müssen alle Angehörigen der betreffenden Ortschaft kollektiv eine Geldstrafe, also „Diyat“, entrichten. Denn die gesamte Gesellschaft wird als Mörder jenes Menschen angesehen, der in ihrer Mitte langsam verhungert ist.

Diese Bestimmung wird auch durch eine andere Bestimmung der Scharia bestätigt. Sie besagt, dass einer von Hunger und Durst geplagten Person, die befürchtet, an Hunger und Durst zu sterben, als letztes Mittel erlaubt ist, gegen eine Person zu kämpfen, die Nahrung oder Getränke besitzt. Wenn sie eine solche Person tötet, wird sie dafür weder in dieser Welt bestraft oder mit einer Geldstrafe belegt, noch muss sie im Jenseits eine Strafe erleiden.

10. Grundsatz der Abschaffung des Zinses und der Verlängerung der Frist zur Rückzahlung von Schulden in Armut: Bis die moderne Zivilisation den Zins für halal erklärte, war der Zins in der muslimischen Gesellschaft ordnungsgemäß verboten. Das französische Gesetz bürdete uns diesen Fluch auf und machte ihn zu einer der Säulen unseres täglichen Wirtschaftslebens. Dabei bestand dafür keinerlei Notwendigkeit. Er wurde nur deshalb eingeführt, weil der Einfluss moralischer Werte aus unserem praktischen Leben verschwunden und der Sinn für Ehrlichkeit und gegenseitige Zusammenarbeit aus den Herzen der Menschen gewichen war. Der Islam hingegen nimmt diese Haltung als Grundlage der Gesellschaft und des gegenseitigen Geschäftsverkehrs an.

Neben diesen Dingen gibt es zahlreiche Grundsätze und Werte gegenseitiger Anteilnahme und sozialer Sicherheit, die nicht durch die Macht des Gesetzes durchgesetzt werden können. Schon unsere jüngste Vergangenheit legt Zeugnis davon ab, ebenso wie die Existenz des Einflusses islamischer Werte auf die muslimische Gesellschaft. Diese Epoche haben nicht unsere Großväter, sondern unsere Väter mit eigenen Augen in den von Muslimen bewohnten ländlichen Gebieten erlebt. Trotz der umfassenden Vorherrschaft der materialistischen Zivilisation des Westens über die muslimische Welt ist dieser Einfluss bis heute weitgehend unversehrt geblieben. Dort war es zur Verwirklichung dieser Werte überhaupt nicht nötig, auf Gesetze oder Zwang zurückzugreifen. Die Waqf-Abteilungen, die man heute in den Regierungen vorfindet – und die heute entgegen ihrem eigentlichen Zweck eingesetzt werden und von verschiedenen ausbeuterischen Klassen unter unterschiedlichen Bezeichnungen und in verschiedenen Lagern an sich gerissen worden sind –, bezeugen in Wahrheit die heilige Gesinnung der Barmherzigkeit, des Mitgefühls, der guten Werke, der sozialen Sicherheit und der gegenseitigen Zusammenarbeit, die in den Herzen der Muslime der nahen und fernen Vergangenheit lebte. Die Grausamkeit des Westens, sein abgestorbenes Bewusstsein und seine erstarrte materialistische Zivilisation waren nicht in der Lage, ihre inneren Seelen zu verderben.

In unserem Goldenen Zeitalter war die Haltung, den Schwachen soziale Sicherheit zu gewähren, so stark ausgeprägt, dass nicht nur Menschen, sondern auch Tiere davon profitierten. An vielen Orten wurden bestimmte Flächen als Waqf gestiftet, um Schutzstätten für schwache Tiere zu errichten, damit sie dorthin kommen und von Hunger und Not befreit werden konnten.

Trotz des weitreichenden Schadens, der dadurch entstanden ist, dass es in der frühen Phase gewisse Verzerrungen in der Regierungsweise und den wirtschaftlichen Abläufen gab, ist dies der wahre Islam.

Dies ist die Rolle des Islam auf der wirklichen Bühne der Geschichte, die durch verschiedene Ereignisse deutlich geworden ist. Über seine allgemeinen Grundprinzipien lässt sich sagen, dass er in vollem Umfang fähig ist, den Anforderungen neuer Situationen zu entsprechen und neue Probleme zu lösen; dazu war und wird er bis in alle Ewigkeit fähig sein. In der kommenden Zeit wird der Islam in einer Gesellschaft, die auf den Grundlagen des Islam errichtet ist und in der die islamische Scharia den Rang staatlichen Rechts erhält, in der Lage sein, sämtliche Anforderungen und Bedürfnisse dieser Gesellschaft mit größter Weite und Ausgewogenheit zu erfüllen. Während die heutige menschliche Gesellschaft durch Ideologien und menschliche Experimente in unaufhörlichen Zusammenstößen fortwährend von einem Extrem zum anderen geschleudert wird und die Menschheit in diesen Auseinandersetzungen zahlreiche ihrer wertvollsten Güter opfert, wird der Islam sie für immer vor diesem unwiederbringlichen Verlust und Schaden bewahren und schützen.Siehe das Kapitel „Ujterab wa Intemar“ (Unruhe und Verwirrung) im Werk des Verfassers „Al-Islam wa Muschkilat al-Hadara“ (Islam und die Krise der modernen Zivilisation).

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